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+<title>Die sechs Mündungen</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Die sechs Mündungen
+ Novellen
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+Author: Kasimir Edschmid
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+Release Date: February 23, 2010 [EBook #31376]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Transcriber's Note:
+The table of contents has been moved to the front of the book.
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+Die sechs Mündungen<br />
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+Zehntes bis zwanzigstes Tausend<br/>
+Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig<br/>
+<br /><br /><br /><br />
+Hof- Buch- und -Steindruckerei Dietsch &amp; Brückner, Weimar<br/>
+</p>
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+<p class="center" style="page-break-before: always">
+Diese Novellen, die die sechs Mündungen<br/>
+heißen, weil sie von verschiedenen Seiten<br/>
+einströmen in den unendlichen Dreiklang<br/>
+unsrer endlichsten Sensationen: &mdash; des Verzichts<br/>
+&mdash; der tiefen Trauer &mdash; und des grenzenlosen<br/>
+Todes &mdash; sind geschrieben zur einen<br/>
+Hälfte im Herbst Neunzehnhundertdreizehn<br/>
+und im folgenden März zum anderen Teil.
+</p>
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+<p>&nbsp;</p>
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+<p class="center">Sie sind gewidmet dem<br/>
+Doktor Heinrich Simon
+</p>
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+
+<h2 class="chapter">Inhalt</h2>
+
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+<tr><td style='text-align: left'>
+Der Lazo
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+</td></tr>
+
+<tr><td style='text-align: left'>
+Der aussätzige Wald
+</td><td style='text-align: right'>
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+</td></tr>
+
+<tr><td style='text-align: left'>
+Maintonis Hochzeit
+</td><td style='text-align: right'>
+<a href='#page_69'>69</a>
+</td></tr>
+
+<tr><td style='text-align: left'>
+Fifis herbstliche Passion
+</td><td style='text-align: right'>
+<a href='#page_99'>99</a>
+</td></tr>
+
+<tr><td style='text-align: left'>
+Yousouf
+</td><td style='text-align: right'>
+<a href='#page_129'>129</a>
+</td></tr>
+
+<tr><td style='text-align: left'>
+Yup Scottens
+</td><td style='text-align: right'>
+<a href='#page_201'>201</a>
+</td></tr>
+
+</table>
+
+<p>
+
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_1" name="page_1">Der Lazo</a></h2><p>
+
+
+</p><p class="first">Raoul Perten verließ das Haus.
+
+</p><p>Seine Füße stiegen die Treppe herunter, er
+fühlte es und die Bewußtheit des mechanischen
+Vorgangs erfüllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl
+keine Erregung in diesen Tagen vorangegangen
+war, und dies erstaunte ihn ein wenig.
+
+</p><p>Es hatte ausgeregnet, die Erde strömte nach
+den Umwälzungen des Gewitters aus aufgerissenen
+Ventilen dankbaren Geruch in die Höhe. Zwischen
+den gelben Kieswegen lagen kleine schrägsteigende
+Dampfwolken, und die wassergefüllten ungeheuren
+Dolden der weißen Fliederbüsche betteten sich schwer,
+geneigt und getrunken in das Feuchte der Blätter,
+und als einziges Geräusch klang das Rieseln seiner
+ablaufenden Tropfen in der Luft.
+
+</p><p>&bdquo;Das ist alles so einerlei wie ungerecht,&ldquo; sagte
+Raoul. &bdquo;Wenn ich dies so durch die Nase ziehe,
+überjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines
+maßlosen Flugs. In fünf Minuten aber ist das
+vorüber und ich weiß nur noch, daß wir den Abend
+zu sechs Gängen soupieren, daß Onkel den Louis
+Schütz mitbringen wird, daß Blumenthal morgen
+(was macht es mir?) seinen zweiten Rekord feiern
+wird, übermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella
+mit dem Russen verschwindet. Und was geht das
+Wissen da all mich im Grunde an .&nbsp;. .? Onkel
+hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, daß
+man ihn den Abend drum feiert. Der Präsident
+wird gegen zwölf wie gewohnt seinen Witz erzählen.
+Rosenheim lacht durch die Nase. Mella wird im
+Orpheum meinen leeren Platz sehen, sich ärgern
+oder freuen oder auch nur erschrocken sein.
+
+</p><p>Fiele ich dort an der Straßenecke in einen gewaltigen
+und (oh!) varietègrünen See oder sauste
+ich in einen grandiosen Backofen &mdash; &mdash; &mdash; es wäre
+objektiv ganz gleich, ich würde mich in dem einen
+Falle nicht mehr erstaunen als in dem zweiten oder
+andere Bewegungen machen, man würde die Tatsache
+als eine kleine zwischenakthafte Sensation
+anständig, vielleicht graziös aufarbeiten &mdash; &mdash; &mdash; ohne
+viel Verwunderung .&nbsp;. . nur Onkels bedauernswerte
+schwarze Glacès würden einige Tage lang
+steigen und sinken, monoton und heftig wie Pumpenschwengel
+.&nbsp;. . &mdash; Doch dieses Möglichkeitsausdenken
+ist sehr langweilig. Monologe sind literarisch. Die
+Geste ist verwundert &mdash; alt und blasiert. Bin ich
+blasiert? Bestimmt? Ehrlich? Nein! Wenn ich
+am Sonntag reite, den Dreß spüre, das leichte
+Keuchen höre aus der Gurgel des Gauls und von
+seinem Mundschweiß beschneit dahänge zwischen
+Zügeln, Rücken, Gegnern und Welt &mdash; &mdash; &mdash; weiß ich,
+daß dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist.
+Auch wenn wir im Auto den Rhein hinunterrasen
+und dann quer über Holland und die mitteldeutsche
+Hypothenuse zurück .&nbsp;. . dann sitze ich nicht, Beine
+ausgeklemmt, weit voraus, das Rad zwischen zwei
+Händen hebelnd und von Zeit zu Zeit das kratzende
+Geräusch des bewegten Vergasers über das Gehämmer
+des Motors setzend .&nbsp;. . sitze ich nicht,
+braun, die Nase wie ein Akzent über dem eingummierten
+Gesicht mit dicken hellbraunen Lederhandschuhen
+auf dem Apparat &mdash; &mdash; &mdash; vielmehr irgendwo
+bin ich darüber, in der Höhe, fliegend (doch keineswegs
+so wie im Aero: göttlich und doch gebunden!),
+sondern aus einer großen Ruhe heraus gewaltig
+herunterlugend und das Gefühl ruckweise wie Bissen
+genießend: Das weiße Netz der Landstraßen, hell,
+weiß, flimmernd vor Staub, sei eine Befriedigung,
+eine stolze Sache .&nbsp;. . die hellen Schläuche führten
+alle in eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden
+Horizont, dessen unermeßliche Offenheit anzuschauen
+so etwas sei wie ein Ziel.
+
+</p><p>Allein wenn ich nach außen fasse, nach rechts
+außen, und den Hebel zurückschmeiße und &mdash; der
+Wagen steht, so weiß ich: Alle Chausseen seien doch
+nur ineinanderfließend und auf das erste zurücklaufend
+nicht mehr als ein stumpf machender Kreislauf
+und eine Schlange, die sich in den Schwanz
+beißt. Mein Rücken sofort dann krümmt sich ein wenig
+wie im gutsitzenden Cutaway, mein Bizeps erlahmt
+in dem Ärmel, der wieder korrekt darüberfällt,
+sich erst an der Manschette von neuem erweiternd. &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel
+straßenweit und haben den Vorzug, in abenteuerliche
+Stimmung zu versetzen und den Weg aufs angenehmste
+zu verkürzen, da man sich hierbei des Gehens
+als physischer Erscheinung nicht bewußt wird. Daher
+war Raoul Perten schon tief in die Stadt hineingekommen.
+Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz
+vorüber. Der Wagen leerte sich beinahe
+völlig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen Herren
+schwebte plötzlich über Raouls Gesicht und sammelte
+seine ganze Aufmerksamkeit langsam auf sich.
+Raoul sah eine Hakennase, von der viele parallele
+kleine Adern nach den Augensäcken liefen und sich dort
+in einem Chaos von disharmonierenden Linien austobten.
+Die Ohren waren oval, steif, fast gespitzt
+und ganz hell.
+
+</p><p>&bdquo;Mein Junge,&ldquo; sagte dieser Mann. Es war
+sein Onkel. Sie reichten sich die Hand.
+
+</p><p>In diesem Augenblick, während dieses Vorgangs,
+der sich täglich in unzähligen Variationen,
+der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fünfzehn
+Jahre hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion
+(denn teils durch Zufall, einigerseits auch aus
+einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie
+in dieser Zeit kaum einen Tag getrennt gewesen),
+in der schamlosen Selbstverständlichkeit und Verbrauchtheit
+dieser Gebärde vollzog sich, die gewaltigste
+Umwälzung in Raouls Leben.
+
+</p><p>Er stand da, den Stock auf der Spitze seines
+Schuhs, ihn oben leicht drehend, die andere Hand
+im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde
+daran gedacht hatte, sagte wie in einem Trance:
+&bdquo;Ich werde ein paar Tage verreisen, Onkel&ldquo; und
+diese Worte erstaunten ihn selbst nicht .&nbsp;. . und wie
+er ruhig die Scheine einsteckte, nein, wie er sie ergriff
+mit drei gespitzten Fingern, als der Onkel sie
+ihm reichte und ihn bat, doch jedenfalls den Abend
+da zu sein und daß er sich überlegen wolle, ob er
+auch mitkomme ohne die Frage, wohin überhaupt .&nbsp;. .
+da spürte Raoul in einer großen Erregung schon,
+wie sich neue Dinge in ihm von diesem seitherigen
+Leben schon wieder lösten und andere nachbrachen
+und in der angegrabenen Rinne der neuen Erkenntnis
+weiterrannen &mdash; denn er begriff plötzlich, daß diese
+gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur
+irgendwie seinem Bizeps korrespondiere, und Mißverhältnis
+zwischen seiner Situation und seiner Anlage
+und Natur klafften ihm klar auseinander.
+
+</p><p>Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol
+zusammen (&bdquo;Ja! wie Stanniol&ldquo; lachte er) und steckte
+sie in die Tasche. Er wartete, bis des Onkels Gang,
+der selbstbewußt und sehr nach außen war, nicht
+mehr sichtbar blieb.
+
+</p><p>Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege
+nach Hause. Wie er die Treppen hinaufsauste,
+empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens.
+Wie sollte er die Existenz seiner Beine im Bewußtsein
+haben, wo er lief! Er kam bis unter das
+Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den
+Scheinen und legte sie ganz sachte in ein großes
+Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und setzte
+mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand
+kam, trotzdem er seit der Kommunion nie so
+hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte
+Spinne darauf. Worauf er lachte, ein Stück die
+Treppe hinabstieg, plötzlich niederkniete auf beide
+Knie und vor Entzücken einige Male in die Hände
+klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach
+Geld, die im ersten Stock lagen, packte, was er
+fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen
+herunter.
+
+</p><p>Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen
+Zweig von der alten Vogelbeere und behielt ihn,
+leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging
+er. Ging ohne Erregung, Posse, Sentimentalität.
+Ging wie ein Passant, der eine stille Gewißheit hat
+oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch
+nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von
+einer Stelle, die einem so vertraut und dadurch so
+entfernt geworden ist, daß es selbst eine fabelhafte
+seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die
+Komödie einer Traurigkeit einzureden. Es war
+ihm, er sehe seines Onkels Schatten über eine
+Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein.
+Er kam auf die Straße. Da stand eine Laterne,
+die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen
+hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter.
+Aus einer Abendschule strömten Kinder, und wie
+er sah, daß sie begehrlich vor einem kleinen Bäckerladen
+standen, kaufte er einen Arm voll klebrige
+Sachen und warf es über sie.
+
+</p><p>Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn
+er eilte übermäßig, weil ihm keineswegs klar war,
+wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er,
+und das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat
+aus und nahm ihn über den Arm. Es war dunkel.
+Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male
+einen ganz hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt
+war, eine saloppe und originelle
+Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und
+er nahm seinen hellen Mantel, nannte den Menschen
+seinen Freund und schenkte ihn dem, der überrascht
+sich oft verbeugte und vielemals &bdquo;Sehr geneigt&ldquo;
+sagte. (Er hieß Keybbell und war das an Willkürlichkeiten
+der Stunde nicht ungewohnte abonnierte
+Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf
+rannte er weiter und kam an eine Litfaßsäule, die
+grell erleuchtet war.
+
+</p><p>An ihr entschied sich sein Schicksal.
+
+</p><p>Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben
+sogen seinen Blick auf. Seine Haltung ward mit
+einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine
+auseinander und warf mit einer eigentümlichen Bewegung
+die rechte Schulter zurück und ging von dunklen
+und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden
+Regen einer schmalen Wolke hinein, die den
+silbernen Himmel rasch und scheu noch überschwamm.
+
+</p><p>Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox
+das Negative des Mantelverlusts gewissermaßen
+zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer neu
+übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte
+es nicht, weil ihm schien, die Zeit der zynischen und
+geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er dachte
+kurz an eine Zigarette. Aber er zündete keine an.
+
+</p><p>Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener
+Brust auf seinen großen Horizont zu. &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck.
+Zehn russische Polen lagen im selben Raum
+mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein
+feuchtes Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch
+zu entschieden war. Denn es war ihm klar: daß
+es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten
+in irgendwelche Strudel hineinzuwerfen.
+Daß es vielmehr nötig sei, statt von einer Mittellage
+aus unsicher nach zwei Richtungen hin und
+her zu schwanken, von ganz unten her und ohne
+jede Voraussetzung die Welt zu durchstoßen nach
+oben hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun
+und an sich töten müsse. Das nasse Tuch aber
+lehrte ihn, daß viel schwieriger wie die Überwindung
+größter Leidenschaften der Verzicht sei auf
+gewohnte Zivilisierung. Aber er verzagte nicht.
+Drei Tage darauf nahm er an einem schmierigen
+Fest der Polen als Solosänger teil. Sein Bariton
+ward so zu etwas nutz, und seine Methode erwies
+sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen spielte
+er täglich Karten mit Hamburger Sträflingen,
+die noch den transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes
+hatten. Er fühlte schon, daß er steige.
+Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen
+hatte.
+
+</p><p>Allein seine Haltung viel auf und seine Hände
+noch mehr. Er beobachtete den Gang der Matrosen
+und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel
+dann die Unsitte eines Freundes ein, der den rechten
+Fuß grundlos in einer kleinen Kurve bei jedem
+Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit
+dem Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf.
+Seine Hände aber schienen sofort demokratisch, als
+er sie einen Mittag lang zum Putzen einer verschmergelten
+Maschine großmütig auslieh. Längere Zeit
+umschlich ihn ein bärtiger Kerl aus Sachsen und
+erzählte ihm lange Elendgeschichten in der Art wie
+sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei Mark und
+hörte kaum auf ihn. Aber er sah gleich ein, daß
+diese Handlung töricht war, denn sogleich kamen
+andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte
+er auch dies: nahm den Hund und warf ihn die fettglänzende
+Treppe herunter. Und hatte nun Respekt.
+
+</p><p>Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse
+zu vollenden, in diesen Tagen die erste
+Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte
+Tiere.
+
+</p><p>Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New
+York. Es enttäuschte ihn nicht, aber es drückte
+auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt
+gegenüber völlig indifferent. Denn warum sollte
+ihm das eine größere Begeisterung oder eine Erweiterung
+seiner Seele verschaffen, daß hier die
+Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren
+wie sonst.
+
+</p><p>Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er
+bescheidene Straßen sah. Dort mietete er und
+dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck.
+Es gab zuerst für ihn noch die Schwierigkeit der
+Sprache, denn von der Schule aus wußte er wohl,
+wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht
+glücklich mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen
+erlaubten ihm seine Kenntnisse noch nicht. Jedoch
+fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und
+Bewußtsein mehr wiege wie planloses Wissen. Er
+schien Chance zu haben. Da sah er eines Abends
+im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht
+zu fragen, warum. Er schenkte ihm nur sein Abendbrot,
+das er in der Hand hielt, und fuhr am folgenden
+Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt
+war ihm zuwider geworden.
+
+</p><p>Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen:
+als Lehrer, Kindergärtner, Feuerversicherungsagent
+.&nbsp;. . doch ohne Erfolg. Er begriff,
+daß diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie
+zu bekannt seien, schlug sich an den Kopf, kaufte
+einen blauen Leinenanzug und von einem Nigger
+eine ölige Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter
+Schlosser, Chauffeur und Monteur. Ein
+Fabrikant fragte einmal: &bdquo;Kannst du Milchseparators
+machen?&ldquo; Er antwortete, es sei seine Spezialität.
+Am nächsten Tag erfuhr er, daß es Blechkonstruktionen
+seien mit einer einfachen Mechanik,
+so daß auf der einen Seite die Buttermilch, auf
+der anderen die Butter herausspritze. Er machte
+am ersten Tag so viel, als die Mindestzahl der Einlieferung
+betragen mußte, und bekam für das Stück
+fünf Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen
+weiter fertig. Jeden Tag hatte er einen Dollar.
+Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit
+sei zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen
+und deshalb weniger. Man kontrollierte ihn
+und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem
+Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei
+Dollars hatte.
+
+</p><p>Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er
+stand auf und fragte. &bdquo;Auf! rasch .&nbsp;. .&ldquo; sagten
+sie ihm.
+
+</p><p>Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt.
+
+</p><p>Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er
+es auch. Ein riesiges Häuserquadrat stand in
+Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit
+roten Sternen um den Arm, und sie holten überall
+die Gegenstände des Wertes: Kassenschränke
+und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der
+Inspiration von Rippenstößen. Man gab ihm
+fünfzig Dollars dafür.
+
+</p><p>Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß
+auf einer Papierkugel, die zehnmal so viel wert war.
+Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die
+Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und
+Umstand seines Lebens von damals. Er steckte
+die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche.
+
+</p><p>Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen,
+fünf Tage spannte sich Land an ihm vorbei, heulte
+das Dunkel an die breiten Fenster.
+
+</p><p>Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er
+rasierte sich, sprach mit den Menschen und las.
+In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den
+Linden oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete
+eine sichere Ruhe aus; doch er fühlte, daß er,
+obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden
+Sausen sich befinde, das überall um ihn war. Die
+Bekanntschaften dieser Tage erschienen ihm interessant
+wie kaum andere (obwohl er viele kannte,
+die faszinierender und berühmt oder bedeutend vor
+allem waren wie Blumenthal etwa, der Verse
+schrieb, Bucheinbände machte und eine Nacht mit
+einer ganzen Barbesatzung über Westdeutschland
+flog). Er empfand eine erstmalige Anteilnahme an
+den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten,
+es zuckte ihm in den Fingern, von dem
+zu wissen, was sie ausspie, wohin sie rannten, was
+Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff
+nicht zu. Es war nicht seine Zeit. Er schnitt alles
+durch. Stieg aus.
+
+</p><p>Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher
+Haufe Hütten (wie im geduckten Bewußtsein,
+nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum.
+Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel
+mit Muscheln besetzt.
+
+</p><p>Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen
+den fuhr er los, drei Tage lang, im Büffelwagen.
+
+</p><p>Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung,
+und da sie ihm gefiel, nahm er Stellung
+als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die
+Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau
+nickte ihm kurz, freundlich zu. Die Tochter sah
+ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so
+dicht, daß ihr Ärmel den Staub von seiner Schulter
+fegte. Raoul fand, daß dies seiner Lage entsprechend
+sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden
+gelächelt hatte, biß er die Zähne zusammen
+und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte und ihren
+Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug.
+
+</p><p>Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt:
+Revolver, Lazo, seidenes Halstuch. Im übrigen
+erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über
+das Leder- zum Seidenlazo zu kommen, ist die
+Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt noch
+etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich
+Köstlicheres. Das ist der Lazo aus geflochtenen
+Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in seinen
+Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins
+ist, weil er zuviel säuft und schießt. Denn ein oder
+zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu verzichten,
+um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen
+dafür, ist eine Sache, die komplizierter ist als die
+letzte Wissenschaft oder mit Größe in den Tod gehn.
+Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen
+war stolz auf ihn, und siehe: breite Silberringe
+unterbrachen seinen Lauf.
+
+</p><p>Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten
+und nickten ihm zu. Einige gaben ihm die
+Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte
+mit einem knappen Einknicken der Hüften: &bdquo;Heinz
+Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings selten
+mit vollem Titel angeredet.&ldquo; Die übrigen schauten
+dumm, weil er es deutsch sagte. Doch Raoul liebte
+ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das Originelle
+der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische
+stilisierte Form des äußerlich Verkrachtseins
+nicht zu. Dagegen schloß er sich zusammen
+mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß
+er im Augenblick ungefähr im Steigen auf der
+Höhe angekommen sei, die dieser Bursche hatte.
+Nämlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit
+des Auges, die den Dingen und besonders dem
+glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer
+bereit und sicher war.
+
+</p><p>Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn.
+
+</p><p>Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu
+reiten. Da nahm der Freiherr die Kugel aus einer
+Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und
+schoß ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein
+angedrehter Springbrunnen flog das Tier in die
+Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der
+Erde. Wut stieg ihm in die Fäuste, aber er entkrallte
+die Hände wieder, faltete sein Gesicht in
+Ruhe. Er wußte, er würde in einigen Tagen besser
+reiten als der Freiherr und empfand auch dies als
+Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen.
+Aber da die anderen gelacht hatten und das
+bös war, bat er den Freiherrn, eine Flasche mit
+der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt
+von ihm. Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe
+an und hielt sie, und Raoul bluffte sich
+damit in alle Achtung und Bewunderung zurück,
+daß er seelenruhig zum Hals hinein und den Boden
+heraus schoß. Und keiner lachte mehr.
+
+</p><p>Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst
+von der Farm ein Buch. Er hob es auf. Longfellow:
+Hiawatha .&nbsp;. . Helen stand vor dem Hause
+und knotete ihre Zöpfe auf. Und er vergaß sich
+und redete das erstemal zu ihr, und gegen seinen
+Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene
+Formen wieder in ihm auf, und er sprach,
+daß er das Buch gefunden hätte und daß er wisse
+aus seiner frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und
+daß er es ihr bringe; denn er glaube, daß es nur
+ihr gehören könne und fürchte, sie hätte diesen Verlust
+als einen besonderen Schmerz empfunden.
+Und hier sei es nun.
+
+</p><p>Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen
+und ihrem schwer beherrschten Erstaunen, daß er
+in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr
+sich selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen
+habe. Er merkte, daß es in ihm wüte, sah, wie
+sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem
+Körper, grausam und langsam wie Quecksilber sich
+hebt, bis er die Richtung seiner Augen traf. Da
+sagte sie: &bdquo;Danke.&ldquo;
+
+</p><p>Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus
+Zorn gegen sich. Er schlief nachts schlimmer als
+die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte
+und betrank sich hin und wieder.
+
+</p><p>Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin,
+das tat ihm wohl. Sie kam freundlich, und er
+wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber
+sie nahm ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts,
+während er von Europa sprach und sie Washington
+dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in
+einem Pensionat interniert war, und sie sprach französisch
+und er entgegnete ebenso, doch sie fragte ihn
+nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch leichte
+Aufträge, halb Wünsche mehr mit ausgeprägtem
+Akzent. Einmal sah er den Freiherrn sich wo beschäftigt
+machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob
+kaum die Schultern. Wie konnte der sie etwas
+angehn. Und Raoul liebte das Grenzlose dieser
+Verachtung und haßte sie darum gleich. Denn sie
+war über ihm und der Geist seiner Kaste saß in ihm.
+
+</p><p>Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse
+des Verhältnisses, das zwischen geschenktem
+Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte
+(und der Teufel lasse sich von oben her unverdiente
+Sentiments schenken!), und der Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens
+hin und her vibrierte. Da
+gab es einen Tag, wo sie die Sache klärte, indem
+sie ihm mit ihrem Stolz wie mit einer Gerte über
+das Gesicht schlug.
+
+</p><p>Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt
+mit ausgesprochen weichen und feinen Formen
+und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur.
+Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie
+erfreut, klopfte dem zitternden Tier den samtenen
+Hals und schien dankbar, bis sich im Weiterreiten
+eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer
+hochmütigen Bewegung ihren Lazo ihm hinüberschnickte
+und mit geschärfter Stimme sagte (und
+verzogenen Lippen): &bdquo;Sie können ihn haben. Da!
+Er taugt mir doch nicht mehr.&ldquo;
+
+</p><p>Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal
+wieder rote Wallungen sein Gesicht zudeckten,
+er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte,
+ritt davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß
+es ein Ziel sei, sie zu besitzen, sie zu gewinnen. Gott,
+wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie
+er sich freute, daß er heruntergeschmissen war von
+ihrem achtungsvollen Interesse, in dem alle Handlung
+ihm gebunden war. Nun lag alles an der
+Gewalt seiner Hände.
+
+</p><p>In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers
+aus England auf die Farm. Er hatte in
+New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen
+sehen. Er hatte vor, zwei, drei Wochen zu bleiben,
+ward aber nach ein paar Tagen schwer krank. Die
+gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim
+rissen eine Stange aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig
+Stunden hindurch. Dann waren sie
+wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie
+den Arzt, an der Stange zwischen sich die Apotheke.
+Die Krankheit war jedoch nicht schlimm.
+
+</p><p>Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall.
+Vielleicht hatte sie auf ihn gewartet. Sie war
+ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen.
+Dann blieb sie doch stehen und sagte mit einer
+Stimme, die so beherrscht war, daß die Verzweiflung
+aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten
+pfiff und mit einer Kälte, die kaum die
+Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies zugestoßen
+sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen
+.&nbsp;. . Sie stockte, denn sie empfand, daß
+sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle. Und stotterte,
+daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen
+würde .&nbsp;. . aber .&nbsp;. . nein .&nbsp;. . das .&nbsp;. . sie könne es
+ihm nicht sagen. Raoul begriff, daß es Zorn von
+ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu kommen,
+denn sie hielt ihren Stolz allein durch die
+Möglichkeit einer solchen Sache beschämt, aber er
+wunderte sich nicht und fragte nicht: warum sie das
+ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel,
+warf dem Freiherrn die Schlinge über und
+schleifte ihn ein Stück.
+
+</p><p>Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte
+er einen Schuß und die Kugel. Zwei Tage darauf
+ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die
+Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne
+gekommen und hatte ihm den Schenkel gestreift.
+Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab,
+fand aber nichts.
+
+</p><p>Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht,
+ehe er nach den Weideplätzen des Freiherrn ritt,
+nahm er Blei und Papier und schrieb seinem Onkel,
+er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst
+dazu komme, ihm zu schreiben, er sei jedoch sehr
+beschäftigt gewesen und habe die unmaßgebliche
+Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen.
+Er sei übrigens in Amerika, momentan wenigstens,
+für den Fall, daß der Präriestempel unleserlich sei.
+Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort ebenfalls
+unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche
+des Onkels, etwas für ihn zu tun, womit er ihn
+das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe,
+gar nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne
+Bedürfnisse sei. Vielleicht nehme er aber ihm zuliebe
+die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach
+zu kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem
+Haus befinde, dort am dritten Dachfenster aus
+dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu
+töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei
+präzisierten Wert an seinen Freund Jim zu schicken.
+Jim sei nämlich ein entzückender Mensch, Gourmand,
+und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun.
+Woraufhin sich der Onkel vielleicht entschlösse,
+die Gegend einmal zu besehen. Leider werde
+er voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!)
+nicht mehr dort antreffen seinen Neffen Raoul.
+
+</p><p>Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden.
+Wieder traf er Helen. Er hatte wegen seinem
+Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich,
+daß es ihr aufgefallen war. Sie war entschieden
+verlegen und hatte Ringe im braunen Gesicht.
+&bdquo;Wohin .&nbsp;. .?&ldquo;
+
+</p><p>Raoul machte eine undefinierbare Bewegung.
+Ganz ziellos und groß ins Weite.
+
+</p><p>&bdquo;Vielleicht &mdash; das wollte ich sagen &mdash; reiten Sie
+für diesmal mein Pferd. Ich kann heute nicht
+reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen
+.&nbsp;. . und dann (ihre Hand erschien hinter dem
+Rücken) .&nbsp;. . dann .&nbsp;. . nehmen Sie etwa auch
+meinen Lazo mit &mdash; ?&ldquo;
+
+</p><p>Raoul zögerte.
+
+</p><p>Sie: &bdquo;Ich &mdash; bitte.&ldquo;
+
+</p><p>Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war
+das beste Pferd im Umkreis. Wie leicht ihr Lazo war!
+
+</p><p>Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten
+sie, einander jagend, einen großen Pferdetroß.
+Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken
+Keilen zwischen sie. Sie konnten nicht schießen.
+Die Lazos peitschten die Luft. Plötzlich riß zwischen
+den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch.
+Raoul spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in
+die Beine strömte unter dem Druck der entsetzlich
+pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust
+einschnürte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde.
+Die Arme waren angeschnürt, er konnte sie von
+den Ellenbogen ab erst bewegen.
+
+</p><p>Es genügte. Eh&rsquo; der Gegner anzog, ihn zu
+schleifen, zielte er, stemmte das Knie hoch, schrie
+etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel
+mitten durch den Kopf.
+
+</p><p>Dann setzte er sich auf das Gras und schlug
+die Beine zusammen. Das da war ein Duell im
+Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte,
+was das sagen wolle, daß Helen ihm Pferd und
+Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr reich
+werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten,
+wenn er nach Süden ritte. Und sie war schön, war
+stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie liebe. Aber
+es schien ihm, daß er dann wieder da angelangt
+sei, wo er ausgegangen. Kein Himmel werde seine
+nächtliche Lockung über ihn wölben. Der Himmel
+würde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut.
+Das Leben würde nichts mehr zum Steigern für
+ihn haben. Er begriff in einer qualvollen Sekunde,
+daß er für dieses Leben und seine Ansprüche verdorben
+sei, weil er mit einem satten Punkt eingesetzt
+und mit einem Ende begonnen habe, und daß
+nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich
+selbst höher zu werfen und weiter zu steigern, und er
+begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so weiter ungebunden
+und von unten weiterstoßend möglich sei.
+
+</p><p>Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen,
+daß er über Helen hinausmüsse und ihre
+Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre
+Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem,
+das ihren Trotz und ihre Erschütterung färbte .&nbsp;. .
+Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die Lider
+lange darüber. Dann erhob er sich.
+
+</p><p>Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe,
+daß sie schnaubend allein nach Hause lief.
+
+</p><p>Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein,
+daß er nun, wo diese Schmerzlichkeit weiter über
+sein Leben hinaushänge, das Alte und Schwermachende
+nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich
+kamen Zweifel, ob alles dies, was so qualvoll
+an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht
+doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen
+bestehe, die sich ineinanderfließend wiederholten
+im Hochhinaufgerissenwerden und in der Müdigkeit.
+Aber er schüttelte sie ab.
+
+</p><p>Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein
+wildes Pferd, bändigte es und sprang darauf. Der
+Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen
+geflochten und mit Silberringen breit geschmückt.
+Raoul Perten ritt nach Norden zu. Und ritt und
+warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt
+aufwärts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in
+den Schwung eines maßlosen Trapezes und ließ
+den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen um
+seine Hände fahren &mdash; &mdash; .&nbsp;. . und ritt auf ein Stück
+Himmel zu, das sich wie ein blaues Dreieck zwischen
+zwei Hügel hineinbohrte und über dem ein Horizont
+aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden
+Rotunden kreisend wie ein von Rätseln
+durchstochener Schild.
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_33" name="page_33">Der aussätzige Wald</a></h2><p>
+
+</p><p class="lyrics">
+Benoit de St. More:<br />
+Ceste historie n&rsquo;est pas usée
+
+
+
+</p><p class="first">Jehan Bodel, Sire d&rsquo;Arras ritt durch den
+Wald.
+
+</p><p>Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung
+keine Waffen außer dem kleinen damaskenischen
+Messer im Gürtel. Seine Arme hingen
+laß auf beiden Seiten des Sattels herunter.
+
+</p><p>Nach zwei Stunden pfiff es scharf.
+
+</p><p>Aus einem Gebüsch sauste ein Knäuel Menschen
+den Abhang herunter in die grelle Sonne. Einige
+hielten Keulen aus Holz in den Fäusten. Der vorderste
+tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig
+hochschnellend. In seiner linken Hand drehte
+sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere,
+deren Finger aus dem Fleisch herausgekrochen
+waren und die am Knöchel zu einem dicken roten
+Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges
+Schwert. Alle waren von furchtbaren Fetzen
+schmutzigen Tuchs umhängt. Geschwülste und Narben
+fraßen sich durch die Gesichter der meisten.
+Langsam rollte etwas die Böschung auf allen Vieren
+ihnen nach herunter, hob sich mit langen weißen
+Haaren, stand ehrfürchtig zögernd, die Hände in
+Bewunderung und Tasten hebend und streckte
+zwei rote leere Augenhöhlen mitten in das stechende
+Licht.
+
+</p><p>Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war
+zu klein. Sein Blick fuhr herum. Nichts war
+im Bereich seiner Hände. Er trat einen Schritt
+zurück und spie aus vor Wut.
+
+</p><p>Die Männer krochen wie Spinnen auf ihn zu.
+Ihr Anführer umtanzte ihn lautlos mit gierigen
+Sprüngen.
+
+</p><p>Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde,
+hieb drei Kerbschnitte in den Oberschenkel, drehte
+das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar
+der Angreifer, ging zurück, streichelte rasch das
+schreiende Tier über Maul und Hals, tötete es
+und schritt lässig, hochmütig den freien beschienenen
+Waldweg weiter.
+
+</p><p>Es bewegte ihn ein Gefühl: Zorn, daß er keine
+Zeit hatte, das Maultier zu töten, eh&rsquo; er es verwundete.
+Er dachte nicht daran, daß er auf ihm
+hätte fliehen können. Jehan floh nicht.
+
+</p><p>Kam am Mittag nach Erigny, wo großer Markt
+war. Viele Auslagen färbten den Platz bunt, und
+ein erschütternder Tumult bewegte sich über die
+Straßen. Jehan stellte sich auf eine Tribüne mitten
+im Platz, und als Ruhe war und Kopf an
+Kopf gesät sich gegen ihn schoben, verhieß er, vor
+Ekel geschüttelt, jedem, der im Wald einen Aussätzigen
+erschlüge, zwanzig Denare.
+
+</p><p>Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug,
+einen schneeweißen Hühnerhund und eine
+Stute, deren Schweif den Boden peitschte.
+
+</p><p>Er ließ alles an seinen Gasthof bringen, bestellte
+Spielleute und aß. Als er seinen Lieblingsfisch
+auseinanderlegte, schob sich ein Mönch durch die
+Tür und suchte zu Jehan zu kommen. Doch der
+Wirt spreizte die Arme und drückte ihn zurück.
+Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der
+Mönch bestand darauf und schwur lang und laut
+bei St. Vinzenz, bis Jehan aufmerksam ihn herbeiwinkte.
+Bis auf zwei Meter, denn er wünschte
+nicht, von seinem Atem belästigt zu werden. Der
+Mönch schlug ein Geschäft vor. Jehan aber machte
+eine so abweisende Geste, daß er zu winseln begann
+und schwur bei den runden Blutstropfen von St.
+Morant, Jehan werde nächtelang aus Reue seine
+Brust schlagen. Und wie er von dem gesättigten
+und zufriedeneren Mund des Gegenübers die herbe
+Strenge abfallen sah, stieß er hastig einen Schritt
+vor und sagte leis etwas.
+
+</p><p>Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mönchs
+Fratze bedeckte sich aber mit einer fetten Vertraulichkeit
+und sagte und schwor bei dem Leibe der
+heiligen Afflise, die Ware sei gut.
+
+</p><p>Jehan lachte ungläubig und edelmännisch und
+folgte ein wenig zurückgestoßen, mehr aber neugierig.
+Sie überquerten den Hof, schoben einen
+Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall
+.&nbsp;. . dann riß der Mönch eine verborgene
+Tür auf.
+
+</p><p>Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein
+schräg in die Mauer gerammtes Bett enthielt,
+auf dem ein Mädchen kauerte in südlicher Haltung,
+von vielleicht siebzehn Jahren, die sich nun zu einer
+adligen und beschämten Haltung erhob und eine
+rührend große Schönheit entfaltete. Der Mönch
+wollte ihr die Tunika abziehen, allein Jehan wies
+ihn zurück, verbeugte sich und fragte, wie sie heiße.
+
+</p><p>Sie sagte: &bdquo;Beautrix&ldquo; und sagte es in limusinischem
+Dialekt, dessen dunkle Schwingung Jehans
+Ohr entzückte. Sie hatte eine so schmelzend
+weiße Haut, daß sie unmöglich aus der Provence
+sein konnte. Der Mönch sagte: Aus Byzanz.
+
+</p><p>Da kaufte Jehan sie ohne Prüfung um zweitausend
+Denare.
+
+</p><p>Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen
+aus der Stadt. Jehan sprach nichts zu
+einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein
+wenig hinter ihm. Plötzlich kam ihnen Gebrüll
+entgegen, schäumende Rufe spritzten durch die leere
+und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag
+vom Huf der Tiere durch den mahlenden Sand.
+
+</p><p>An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession
+an ihnen vorüber, Männer, die Fahnen trugen,
+schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit
+Säuglingen an den strotzenden Brüsten, Greise,
+die ihre müden Glieder vorwärts schnellten, und
+alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den
+Arm um die Weiber geschlungen und sich in sie
+verkrampft, Mädchen liefen mit gelösten Haaren
+und ließen sie vom Wind hinter sich aufbäumen,
+in die Männer wieder ihre Gesichter tauchten .&nbsp;. .
+und alle sausten singend und schreiend mit stampfenden
+Sprüngen vorbei.
+
+</p><p>Beautrix errötete und wandte den Kopf, als
+der Zug vorbeischoß.
+
+</p><p>Da wußte Jehan, daß er einen guten Kauf getan.
+Er schnallte seine Bügel hoher und hob sie
+herüber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier
+mit Gelächter, lachte, küßte sie und rannte mit ihr
+durch den Wald. Die Hunde jagten vor ihm.
+
+</p><p>Er dachte nicht an die Aussätzigen. Denn er
+fühlte, wie die Glieder von Beautrix heiß wurden.
+Noch einmal küßte er sie. Da war es schon dämmerig
+geworden. Der Hühnerhund sprang vor
+ihnen hin wie ein weißer Strich.
+
+</p><p>Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen
+Bogen gleich einer Augenbraue. Dumpf rauschend
+wie zwei Fledermausflügel zogen sich die
+Tore von Arras im Abend hinter ihnen zusammen.
+
+</p><p>Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise
+und sagte es so zu Beautrix. Denn Jehan Bodel
+war (ohne daß er die kleine und falsche Schäbigkeit
+beging, es in seinem Leben auszudrücken und
+ohne daß es aus seinem Tun bewußt nur in einem
+Funken erhellte) der größte Dichter der Pikardie.
+
+</p><p>Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen
+auf seinen linken Arm, und indem er sie mit
+dem andern an der Schulter stützte, trug er sie in ein
+großes getäfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures
+Bett stand, und sagte ihr, daß dies ihr Eigentum sei.
+
+</p><p>Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer
+Dame im Westen der Stadt, der er dort ein Haus
+unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame
+sei in der Kirche, und er kam gerade recht, als sie
+die Abendmesse verließ. Er nahm sie und ein paar
+Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trübe
+Schenke in der Ecke des Platzes.
+
+</p><p>Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das
+sie allein hatten. Holzpritschen mit Teppichen belegt
+umliefen die Wand und schlossen einen Kreis
+um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der
+Boden war mit leuchtend gelben und weißen Platten
+belegt. Es roch nach Wein und Rosen. Jehan
+ließ gemischten Wein kommen und nahm seine
+Dame neben sich. Eine Stunde später kamen noch
+einige Männer. Die Weiber lagen auf den Bänken
+und sangen.
+
+</p><p>Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten.
+Eine Rote erzählte, die Zähne fletschend, was ihr
+ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie möge
+die Haare kürzer schneiden und als Mönch bei
+ihrem Orden eintreten. Und ob sie sich dann auch
+die Haare blond färben und den Namen &bdquo;Innozenz&ldquo;
+annehmen würde, fragte ein junger Mann .&nbsp;. .
+worauf sie beleidigt tat und ihm ihr Glas zwischen
+die Busenkrause goß. Ihm aber dann sich auf die
+Knie warf und ihn reuig in den Ohrlappen biß.
+
+</p><p>Jehan ließ Gewürze in den Wein kochen. Sie
+tranken stark und lachten. Die Weiber schaukelten
+auf den Pritschen und lallten Gesänge und Lieder
+durcheinander.
+
+</p><p>Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen,
+die ihm Stellung und Temperament zur sonstig
+mittelmäßigen Erfreuung &mdash; mehr geduldet in der
+vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen &mdash;
+machten, ließen ihn grenzenlos öd.
+
+</p><p>War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm
+des Zimmers ein fremder Duft wie von Frauenhaaren,
+die er kaum kannte, an seinen Händen
+schwebe?
+
+</p><p>Er begriff die Wandlung, faßte das Unbehagen
+nicht ganz in seinem bewußten Grund, aber ergriff
+es in brutalem Wohlgefühl wie die Lösung dieser
+Spannung, als er im Lauf des Abends von einer
+der anderen erfuhr, wie seine Dame ihn betrog.
+Und da (siehe) es wiederum ein Mönch war, dessen
+Schatten hier seinen Weg kreuzte (nur daß er
+nahm dieses Mal und nicht darreichte), lachte alles
+in ihm über den Ausgleich. Er stellte die Kanne,
+die seine Hand gerade umfing, nicht einmal weg,
+griff seiner Dame mit der Linken ins Haar und
+warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch
+die Tür. Erhob sich lächelnd und frisch und schenkte
+das Haus im Westen der Stadt jener, die zuerst
+fünf Glas Mischwein trank und ging aufatmend,
+den Kopf schräg nach dem Himmel hinaufgelegt,
+die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht.
+
+</p><p>In einer Nebenstraße fiel es ihm ein: er klopfte
+noch an ein Tor und befahl einem Händler, dessen
+Kopf am Fenster erschien, daß er am nächsten Mittag
+mit seinen besten Sachen zu ihm komme.
+
+</p><p>Die Dämmerung schlug sich durch die Straßen,
+und mit einem Anheben fingen alle Glocken an zu
+schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch
+sich die Hände und das Gesicht, stieg in den anderen
+Stock und öffnete in einem schmalen Ritz
+eine Tür. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix
+und wie ihre lichten Glieder im Morgen blitzten.
+
+</p><p>Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei
+hinüber, Beautrix zum Essen zu holen. Es tat ihm
+leid, wie sie in dem weißen und groben und unreinen
+Kleid, das sie am vorigen Tage getragen, erschien.
+Allein ihre Bewegungen waren so, als ob sie nichts
+trüge oder so; als ob sie persische Stoffe über den
+Gliedern hätte und wie es Jehan in einer raschen
+Erkenntnis schien so in einem; als ob dies gar
+nichts bedeute für den Adel ihres Wesens.
+
+</p><p>Während sie aßen, geschah etwas Seltsames;
+Jehan, der spürte, wie etwas, je näher er kam,
+etwas wie unbewußte und ungekannte Achtung sich
+zwischen ihn und die Sklavin schob, sah sie plötzlich
+in Tränen ausbrechen. Er fragte. Da wies sie
+halb lächelnd wieder auf ihren Teller und sagte,
+daß sie dieses Gemüse nicht essen könne. Es war
+Kohl. Jehan lachte sehr. Dann überließ er sie dem
+Händler mit den Stoffen.
+
+</p><p>Am nächsten Morgen brachte er ihr ans Bett
+rote Blumen und Steine aus Alamanda. Den
+Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa:
+
+</p><p class="lyrics">
+Amic, s&rsquo;eu vos tenia<br />
+Dinz ma chambra garnia,<br />
+De ioi vos baisaria,<br />
+Qar n&rsquo;audi<br />
+Ben dir l&rsquo;autre di.<br />
+Qant lo gilos er fora,<br />
+Bels ami,<br />
+Vene-vos a mi.
+
+
+</p><p class="noindent">Sie schürzte sich ein wenig und tanzte. Die
+Flammen zuckten auf dem Leuchter.
+
+</p><p>Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar,
+das in Brunst war, und nannte sie: Silberne
+Drossel &mdash; und blieb und küßte sie. Sie nahm
+keine Scham vor ihm und zog sich an, während
+die ersten Lichtstreifen den Boden kräuselten. Sie
+bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete
+sie. Vor drei Altären betete sie. Die aneinandergelegten
+Hände hob sie vor jedem hoch auf im
+Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsägliches
+ausstreuenden Gebärde. Als sie das Münster
+verließen, war der Ausgang versperrt. Eine Frau
+lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch
+und Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze
+standen um sie und neben jedem Kreuz eine armlange
+Kerze mit zuckendem rötlichen Licht. Einige
+Leute standen um die Büßende, die nicht aufsah.
+Beautrix zögerte.
+
+</p><p>Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte
+die Frau. Er nahm Beautrix auf die Arme wie
+am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch
+den dunkel aufgewölbten Mund der Kirche hinaus
+ins Licht. Und setzte sie nicht nieder; trug sie so
+über den Markt. Als er in die Straße einbog,
+setzte ihm schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte
+er den Kopf: Schwarz, schäumend stand mit wehenden
+Armen die Dame vor dem Portal und nannte
+Beautrix eine Dirne.
+
+</p><p>Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus.
+
+</p><p>Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte
+keine Geschenke.
+
+</p><p>Aber wie die Dämmerung die Schatten vom
+aufgewühlten Gesicht der Beautrix abpflückte,
+nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war
+die ganze Nacht mit ihr.
+
+</p><p>Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix
+in jeder Frühe seinen Falken. Manchmal auch: silberne
+Drossel. Doch dies geschah selten und nur
+bei Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen
+das Fenster äderten und in eine überhitzte Glut anschwollen.
+Sie blieben einen kurzen Atem lang
+zitternd und wie ein Segel und zum Sprung gespannt
+in der Öffnung hängen mit gelbgrünen
+Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm
+und bebte ein wenig. Denn das bedrückte ihr Herz
+und war ähnlich wie das im höchsten Entsetzen zerbogene
+maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer.
+Das haßte Beautrix.
+
+</p><p>Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy
+nach Rouen. Als er zurückkam, erwartete sie ihn
+lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn
+die weite Plaine heraufkommen. Er winkte ihr
+zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte ihr aus
+Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe
+schnurrte den ganzen Tag in seinem Bauer aus
+Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch.
+Da warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr
+eine weiße Blumennische bauen. Kaufte ihr einen
+ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und
+ließ ihr einen Hengst in den Stall stellen, der weiß
+war wie seine Stute. Denn ihm kam es vor, alles
+müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen,
+der ihm einen Falken brachte, der nicht so weiß
+war, wie er ihn verlangt hatte. Beautrix&rsquo; Haut war
+das strahlende Licht und die ewige Lampe von Arras.
+
+</p><p>Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem
+Schlaf und holte sie aus ihm hervor, und Jehan
+legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße
+und zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand
+bis übers Knie. Beautrix warf ein kurzes Kleid
+drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei
+Sternen. Dann nahm sie zwei Falken und Jehan
+nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und
+als einer der Vögel mit einem maßlos trunkenen
+Aufstieg abbog und in den kühneren Kampf aufstieß
+und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg
+und Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit
+einem Gesicht, das dies spiegelnd und das Übermäßige
+des Tages und dieses sich in das Heroische
+des Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, .&nbsp;. .
+da riß Jehan ihr den weißen, weiten Handschuh über
+Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den
+Unterarm aus unerträglich geschwellter Liebe. Sie
+ritten lang durch eine Ebene mit Weidengestrüpp.
+Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen.
+
+</p><p>Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in
+einiger Entfernung später an den Pailletten erkannte,
+die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem Augenblick
+hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen
+Handschuh überreichte, indem er ihn lang
+küßte, während seine Augen nach ihr langten.
+
+</p><p>Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll
+waren von Jagd und satt und behängt mit Glanz
+und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse,
+die glänzend und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen
+vom Gelächter einer der Frauen. Jehan
+ritt mit dem Ritter, der Girard hieß.
+
+</p><p>Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von
+Schreien. Aufbäumende, in wüste lange Schnörkel
+sich ausgießende Laute röhrten aus der Ecke. Ein
+Mann in dicke Tücher vermummt, vor dem Gesicht
+die Larve, war an einen Pfahl gebunden, die Arme
+verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken
+hin und her in den fanatischen Konvulsionen eines
+Berauschten. Sein Kopf stand, am Hals in einer
+Klammer gefaßt unbeweglich darüber wie eine
+Plastik aus Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten
+und die Augen, groß, rund und aufgesperrt
+sich verdrehten. Über ihm hing eine Röhre, die ein
+Mann bediente. Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein
+Tropfen dampfendes Öl auf den Schädel des
+Gemarterten.
+
+</p><p>Sie riefen und man antwortete aus einem Haus:
+es sei Thibaut de Nesle, den ein Aussatz überfallen
+habe und den man so strafe dafür, daß er es verheimlichte
+und nicht beim ersten Zeichen die Stadt
+verließ. Da schwoll Jehans Gesicht vor Zorn. Er
+erinnerte sich des Todes seines gelben Saumtieres,
+das ein Preis war von Toulouse, und er verdoppelte
+den Einsatz für den, der einen Aussätzigen im Wald
+erschlüge und setzte ihn auf vierzig Denare. Dann
+warf er den Kopf zurück. Er ritt genau vor den
+Ritter Girard und befahl ihm, dem Henker zu
+sagen, daß er dem an den Piroli Gebundenen fünfzig
+Tropfen heißes Öl mehr geben solle auf seinen
+Befehl. Er sagte es laut vor den anderen Reitern.
+Er sagte es laut vor allen Köpfen, die in den Fenstern
+liegend, in Kreisen den Platz umschnürten.
+
+</p><p>Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge.
+Jehans Blicke stachen lange in die des Ritters,
+bis dieser langsam zusammensank und die Schande
+auf sich nahm und zu dem Henker sprach. Als er
+zurückkam, war er bleich und Tränen liefen aus
+seinen Augen.
+
+</p><p>Der Aussätzige warf einen Schrei aus der Kehle
+der aufschwirrte und hinüberzischte wie ein Pfeil.
+
+</p><p>Auch in Beautrix&rsquo; Gesicht schwebte ein Weinen
+und ging nieder, als sie zu Hause waren. Sie
+fragte, warum er den Hohn über den jungen Mann
+getan hätte und zitterte, denn sie empfand, daß er
+grausam sei.
+
+</p><p>Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh
+aus weichem weißen Leder und malte mit dem
+Finger die Stelle, die Girard geküßt hatte und
+sagte: &bdquo;Ich hatte ihn sonst töten müssen.&ldquo;
+
+</p><p>Da empfand Beautrix in einer maßlosen Erhebung,
+wie sehr er sie liebte, und sie wusch sich
+viele Male den Leib mit Moro-Öl und byzantinischen
+Wassern am Abend, um ihn beflügelt und festlich
+zu empfangen und verzehnfachte sich in den sieben
+Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff
+und klar waren und deren Nächte überstrahlt über
+sie gingen, heller und furchtbarer als tausend Gewitter.
+
+</p><p>Eines Tages erschien ein provencalischer Sänger
+und übernachtete in Jehans Haus.
+
+</p><p>In dieser Nacht träumte Jehan Bodel, Sire
+d&rsquo;Arras, er gehe durch einen Wald, dessen Bäume
+gebogen seien und tönten und sängen. Es war ein
+Lied, das ihn schmerzte. Er sah eine gläserne Tonne
+und floh in sie; sie bewegte sich, stürzte ab und über
+ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund
+eines Meers. Einige Zeit hörte er nur die klingende
+Musik des Wassers, das an dem Glas rieb. Dann
+kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar
+nichts als Meer, und die Endlosigkeit überfiel ihn
+und eine weite Leere umringte seine Gedanken, und
+wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine
+Blumenspritze seine Sinne zerstäubte und ihn
+machte, als schwebe er.
+
+</p><p>Mittags ging der Provencale.
+
+</p><p>Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der
+Normandie und wallfahrte nach San Jago de
+Compostella.
+
+</p><p>Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare
+schwarz.
+
+</p><p>Er reichte Jehan dankend die Hand.
+
+</p><p>Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte
+er. Er nahm den Spiegel .&nbsp;. . und in die
+Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen
+zu einer Tiefe gehöhlt hatte, ergoß sich abstürzend,
+ihm neu und ihn zum erstenmal mit Maßlosem
+belastend, eine brandende Erkenntnis.
+
+</p><p>Jehan legte die Hände auf den Rücken. Ging
+durch das Zimmer. Stunde um Stunde. Beautrix
+klopfte. Er hörte nicht. Sie rief, es sei Nacht.
+Die ganze Nacht lag Beautrix allein in dem großen
+Bett. Der Mond spielte um sie. Das war ihr
+neu. Sie griff nach ihm. Sie schloß ihn in die
+Arme und weinte.
+
+</p><p>Jehan Bodel saß einen Tag reglos in einem
+Erker und sah durch das Fenster in die Stadt.
+Er saß auf einer schmalen Ottomane. Reglos
+standen zwei Säulen auf beiden Seiten neben ihm.
+Dann stand er auf, und Schaum lief von seinem
+Mund. Er zerriß die schwarzzurückgeschlagene Portiere,
+schlug mit einem Damaskener Fetzen aus
+seinen besten Schwertern und zerbröckelte sie dann
+in Stücke, daß seine Hände von Röte brannten.
+Darauf saß er wieder und starrte auf die Stadt.
+Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf
+der Erde und rieb sich den Körper mit ascalonischen
+Zwiebeln. Dann saß er und schrieb
+fiebernd.
+
+</p><p>Beautrix wartete und klopfte.
+
+</p><p>Er gab ihr kein Wort.
+
+</p><p>Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, überströmend.
+Jehan biß die Lippen zusammen vor Schmerz
+und damit er nicht weine und sandte ihr lachend
+einen Kohlkopf, damit er ihre Liebe tötete.
+
+</p><p>Aber er tötete ihre Liebe damit nicht.
+
+</p><p>Nach einer Woche schwirrte das Gerücht durch
+die Stadt und die Umgebung, Jehan lese am Tage
+darauf sein neues Chanson.
+
+</p><p>Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix
+ein. Sie lag, bleich, da sie nicht mehr aß, auf
+einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem
+Bett.
+
+</p><p>Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn
+und mit ihm kommen. Sein Mund war streng.
+Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wies sie
+zurück. Da faltete sich ein Zug Trotz quer über
+ihr Gesicht, sie spielte mit dem Knauf des Bettes
+und regte sich nicht, wie er ging.
+
+</p><p>Dann aber lief sie hinüber und schaute durch
+das maurische Gitter. Er saß auf der Ottomane
+wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen
+Augen geschmolzen war und wie sie glanzlos starrten
+.&nbsp;. . Da zögerte sie nicht mehr.
+
+</p><p>Sie schlang den blauen und gelben Turban um
+die Haare und steckte sieben Dolche hinein und
+band an den ersten einen weißen Schleier, führte ihn
+unter das Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder
+an dem siebenten ein. Dann schloß sie um ihre
+kleinen Brüste ein weißes Mieder, das dünne gerötete
+Zwicken hatte an den Achseln, welche in die
+Arme liefen mit engen Ärmeln aus reinem Goldbrokat
+und zwischen denen die weiße Seide des Rockes
+hinunterströmte zu den gekreuzten Schnüren aus
+Hermelin und dem Passepoil mit roten und lila
+Augen.
+
+</p><p>Sie gingen zusammen zum Markt. Eine große
+Masse bedeckte ihn und schob sich in Reihen durcheinander.
+Neue Ströme rauschten durch die Tore
+von außen. Vereine mit Talaren und ein Priester,
+der in rotbekleideten Händen eine Fahne hielt.
+Einige Partien sangen. Eine Schar Mädchen
+sang dann Sommerlieder, und der Rhythmus der
+Kommenden hakte in sie hinein wie das abgerissen
+Zanken von Papageien.
+
+</p><p>Jehan ging auf das Gerüst. Hinter ihm stand
+der figurenvolle, schlündige Eingang des Münsters,
+aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grüßte
+lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel
+hing über dem Platz. Lachend gaben sie ihm den
+Gruß zurück. Dann wandelte sich sein Gesicht in
+eine undurchsichtige Strenge, und er las Li congie
+de Jehan Bodel d&rsquo;Arras, das heißt, er sagte den
+Bürgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter
+unter ihm strafften sich. Sie spannten sich in eine
+atemlose Erregung. Einer hob die Hand. Alle
+hoben die Hand. Ein Sturm von Händen hob
+an und warf seinen Willen gegen die Brüstung,
+daß er bleibe. Und die Gesichter entstarrten sich und
+flammten auf in Ekstase und sie schrieen es. Sie
+tobten und stürmten vor.
+
+</p><p>Da hob Jehan beide Hände zum Hals, hakte
+sie ein und riß nach zwei Seiten das Kleid auseinander
+und stemmte ihrem Schreien seine nackte
+Brust entgegen. Er breitete die Arme aus. Auf
+seiner Haut tanzten blaue Flecken, und ein rotes Geschwulst
+durchbrach die Brust.
+
+</p><p>Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das
+Ungeheure.
+
+</p><p>Die Arme sanken zurück Das Schreien ward
+Geheul. Männer rissen Weiber zurück von dem
+Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben
+verknirschte der Aufruhr und duckte sich. Eins gab
+es nur: Flucht! &mdash;.
+
+</p><p>Einer wagte es noch, stieß die Faust in die Luft
+und brüllte &bdquo;Pilori&ldquo;.
+
+</p><p>Doch er blieb allein.
+
+</p><p>Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter
+wie im Wasser werde, kam etwas von ihm her und
+preßte die Menge vom Platz und warf sie in die Häuser
+und Straßen. Zwei trugen Beautrix ohnmächtig.
+
+</p><p>Dann ward es still.
+
+</p><p>Kein Ton. &mdash;
+
+</p><p>Jehan lächelte: Wie in der Tonne.
+
+</p><p>Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt
+nach dem einen. Es war ein Tor in einem Turm,
+der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen
+denen eine große Glocke hängt. In seiner Mitte
+quoll ein Auswuchs heraus, formlos gewölbt, wie
+ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan
+sah die Straße hinunter. Er sah niemand. Darauf
+schritt er zurück über den Platz nach der anderen
+Seite. Kein Auge stand an den Fenstern,
+die ihn anklafften. Er trug den Aussatz auf seiner
+Brust gerade wie ein Schild. &mdash; Hier lief eine dunkle
+Passage durch kleine wüste Gassen.
+
+</p><p>Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine
+Ärmel waren eng und trugen an den Gelenken
+Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn
+die Brust offen lassend, ein dunkelrotes Kostüm um
+seinen Oberkörper und rann dann unter dem Gürtel
+(aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander
+zu den Füßen, wo eine breite Pelzsäumung
+es aufhielt und ein Streifen aus Gold. Grün
+waren seine Schuhe.
+
+</p><p>So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und
+hoffte, daß ihn einer erschlüge.
+
+</p><p>Doch es erschlug ihn keiner.
+
+</p><p>Sein Haus hatte eine breite Front. In den
+oberen Teilen lagen große Fenster mit Säulen.
+Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den
+Tag und die Nacht. Niemand kam. Jehan wartete.
+
+</p><p>Niemand kam.
+
+</p><p>Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und
+Reihen von Menschen zogen mit Kerzen durch die
+Stadt und zur Kirche.
+
+</p><p>Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner
+Ottomane. Das Zimmer war verschlossen. Beautrix
+klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag.
+Sie rief weinend Jehans Namen. Sie warf
+ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte auf den
+Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte.
+Er hörte sie nicht. Die Tür knirschte kaum.
+
+</p><p>Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand
+das Tor offen an Jehan Bodels Haus. Niemand
+kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend
+schaute Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor
+die Tür gestreckt wie ein feines helles Tier. Später
+zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die
+Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten.
+
+</p><p>Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme
+aus dem Dunkel hervorklingend unter Jehans Zimmer
+die Geschichte von Amis und Amile:
+
+</p><p>Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich
+und liebten sich. Da verführte Amis die Tochter
+des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen,
+aber Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man
+erkannte ihn nicht und gab ihm die Prinzessin als
+Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf
+sie, ließ er sie ihm zum Ehebett und ward aussätzig
+zur Strafe. Aber Amis tötete seine beiden
+Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund.
+&mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie
+auf, und am Morgen bot ein Mönch zwei Knaben
+an zum Verkauf.
+
+</p><p>Jehan lehnte ab.
+
+</p><p>An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür
+mit einem Messer und schälte Span auf Span
+heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus
+Eisen. Die Klinge brach ab.
+
+</p><p>Da legte sie sich stumpf über die Schwelle.
+
+</p><p>Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen
+die Tür, bis sie das Gefühl ihrer Hände verloren
+hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es
+schien, er schaue auf seine Hände. Da biß sie in das
+Metall der Klinke und sank blutend auf den Boden.
+
+</p><p>Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die
+Tür auf in Jehans Haus. Sie spreizte sich auf, so
+offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein.
+Nacht. Die Nacht war so still, daß das Dunkel
+brauste.
+
+</p><p>Wie .&nbsp;. . ?
+
+</p><p>Stille, kein Ton kam durch die Straße.
+
+</p><p>Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der
+Tür, eine Rinne Blut über dem Kinn. Er sah es.
+Allein .&nbsp;. . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane
+zwischen den Säulen.
+
+</p><p>Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er
+sich. Er ging gerade auf die Tür und öffnete sie,
+Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der
+ersten Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände
+mit ascalonischen Zwiebeln, die die erste Ansteckung
+verhinderten. Langsam ging er darauf in das
+Zimmer von Beautrix. Er roch an den weißen
+Blumen in der Nische .&nbsp;. . der Kamin .&nbsp;. . das
+Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht
+aus Dijon. Er empfand wie der Papagei sich
+regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts mit derselben
+Drehung und die Täfelung und die Teppiche
+aus Palästina darüber. Er zündete Lichter an an
+der Wand, und sie blitzten auf. Sie spiegelten
+flackernd in runden Metallplaketten und bestäubten
+das Zimmer mit einer dünnen Schicht Licht,
+in der er es mit einem Blick noch einmal aufnahm.
+
+</p><p>Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in
+die neue entsagensschwere Tiefe seiner Seele einzuschneiden,
+und er fühlte es nur als ein Wehtun
+auf der Oberfläche und ließ den Raum wie in
+Bedauern zurück. Dann öffnete er das Zimmer,
+in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib
+von Beautrix gelegen hatte. Er öffnete es in einem
+Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah die schmerzende
+Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den
+Geruch ein und sagte vor sich hin: Silberne
+Drossel .&nbsp;. . Scharf hoben in diesem Augenblick
+zwei Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an.
+
+</p><p>Es wurde heller.
+
+</p><p>Silberne Drossel .&nbsp;. .
+
+</p><p>Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner
+Stute über den Hals. Sie sah ihn an. Da
+erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines
+Hirns noch einmal Bewußtsein von dem, was
+nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück. Ein
+Weinen riß sich in ihm los. Er legte seine Hand
+in das Maul der Stute. Die breiten Schultern
+zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen
+Lippen. Dann wandte er sich.
+
+</p><p>An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück
+und als sei die Last zu schwer und damit er auch
+dieses tilge, ging er zurück auf das Tier und
+tötete es.
+
+</p><p>Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens
+über die Straßen. Er ging vorüber, verächtlich
+an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen.
+Alle Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit
+der Prim. Es war hell, wie er über den Markt
+schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem
+Platz, sang laut und betete. Menschen kamen zur
+Kirche. Jehan ging durch sie hin und sie traten
+zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an
+diesem Tage noch seine Macht.
+
+</p><p>Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er
+ging weiter, drehte sich einmal um. Die Tore
+waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer
+knieten die acht Türme auf dem Nacken des Bollwerks
+um das Tor. Er sah es sinnend. Dann
+schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen
+lag vor ihm. Wie eine Braue .&nbsp;. . schien es ihm.
+
+</p><p>Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen
+Arm. Etwas Weißes trennte sich von dem Busch.
+Beautrix warf sich ihm entgegen:
+
+</p><p>&bdquo;Wo willst du hin?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nach dem Wald.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Du nimmst mich mit!!&ldquo;
+
+</p><p>Er öffnete die Brust. Sie stampfte mit dem
+Fuß: &bdquo;Es ist mir gleich.&ldquo;
+
+</p><p>Jehan sagte ruhig: &bdquo;Nein.&ldquo; Sie hielt ihn am
+Arm: &bdquo;Ich will auch aussätzig sein. Was geht
+es dich an?&ldquo; Jehan wandte sich von ihr. Sie
+trat schäumend in den Weg:
+
+</p><p>&bdquo;Du, der du mich küßtest .&nbsp;. . dort .&nbsp;. . das
+erstemal .&nbsp;. . schliefst du in meinem Bett Nacht
+auf Nacht .&nbsp;. . Weißt du, daß du mich hießest:
+Falke .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Jehan wußte es noch. Er sagte: &bdquo;Ja&ldquo; und
+nickte. &bdquo;Silberne Drossel .&nbsp;. .&ldquo; sagte er.
+
+</p><p>Aber sie &mdash; (die nicht begriff) wie alles in ihm getötet
+sei und daß alles Weibliche in allen Beziehungen
+zu tief für ihn liege und kaum die äußersten
+Ränder seines Horizonts noch streife, da sein Geist
+schon ganz eingerichtet war auf den neuen Sinn
+seines Lebens, der ihr entrückt auf einem fremden
+Schwerpunkt lag) &mdash; warf sich auf seine Füße und
+weinte, daß er sie mitnehme. Doch er befahl ihr
+zurückzugehen. Sie wälzte sich und tat es nicht.
+Da schrie er sie an: &bdquo;Sklavin!&ldquo; und als sie erstarrt
+sich aufreckte:
+
+</p><p>&bdquo;Sklavin um zweitausend Denare.&ldquo;
+
+</p><p>Sie klammerte sich an ihn.
+
+</p><p>Da stieß er sie zurück und schlug sie.
+
+</p><p>Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein
+großes Stück helles Fleisch, durchrast und geschwellt
+von maßlosem Schmerz, auf der staubigen
+besonnten Straße. Wie waren die Blumen farbig
+auf den Wiesen! Wie legte der Morgen sich licht
+um die Welt!
+
+</p><p>Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete
+Wallfahrern, die in Jericho Zweige gepflückt hatten.
+Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er
+ging auf die Seite, verbeugte sich.
+
+</p><p>Einmal noch mußte er wenden. Der weiße
+Hühnerhund lief ihm nach. Er trug ihn in den
+Graben und tötete ihn.
+
+</p><p>Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire
+d&rsquo;Arras, trug das dunkelrote Gewand mit der
+Bordüre aus Pelz. Er trug den Turban aus
+Pelz. Seine Füße gingen in grünen Schuhen.
+
+</p><p>So schritt er hinunter. Dann bewegten sich
+seine Lippen. Er sann. Sang ein Lied, das er
+wo gehört hatte. Es kam ihm wie durch einen
+Spalt: Von einem Freund .&nbsp;. . An einem Kamin
+in der Bretagne .&nbsp;. . Gasse Brullè? &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Er wußte es nicht mehr. Seine Gedanken
+waren davon abgeschwommen. Er verstand den
+Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf,
+laut. Es war ein Liebeslied. Er sah auf
+seine Hände, die in Blut trieften:
+
+</p><p class="lyrics">
+Hé blanche, clere et vermeille,<br />
+De vos sont tuit mi desir;<br />
+Car faites en tel merveille<br />
+Droiture et raison faillir.<br />
+Quant je vos vueill a amie,<br />
+Droiz nel poroit otriier;<br />
+Se vostre grant cortoise,<br />
+De gentil dousor garnie,<br />
+Ne me deigne conseillier;<br />
+Mar vos oi tant prisier.
+
+
+</p><p class="noindent">Seine Haltung war stark und königlich.
+
+</p><p>Mit einer ungeheuer schlichten Gebärde ging er
+auf den Wald zu, der ihm entgegenkam.
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_69" name="page_69">Maintonis Hochzeit</a></h2><p>
+
+
+</p><p class="first">Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf.
+Ganz steil stand sie tief am Horizont auf der
+weißen glühenden Straße.
+
+</p><p>&bdquo;Es sind noch fünf Minuten&ldquo;, murmelte Antoine.
+
+</p><p>Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen;
+da nahm Antoine meinen Arm und zog mich unter
+die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen.
+Das Gras war am Rand der Chaussee leicht gelb.
+Im Schatten stand es satt und buschig. Wasser
+lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß.
+Nun sagte Antoine: &bdquo;Fahren sie mit nach Paris!&ldquo;
+Nach einer Pause wiederholte er mit eigentümlich
+gedehnter Betonung: &bdquo;Paris.&ldquo; Dann wandte er
+sich um und sprach ganz laut und anders:
+
+</p><p>&bdquo;Sie müssen nicht daran denken!&ldquo;
+
+</p><p>Ich machte eine Bewegung mit der Achsel.
+Antoine kniff die Augen fest zusammen: &bdquo;Er hat
+doch sein Ehrenwort gegeben .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Kurz! Ich sah ihn&ldquo;, erwiderte ich ungeduldig.
+Es klang vielleicht schroff. Antoine beugte sich ein
+wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter.
+Die Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen
+Hügelzug verloren. Durch die ganze stille Luft hörte
+man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm
+Antoine beim Arm:
+
+</p><p>&bdquo;Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß
+ich mich nicht täusche. Ich weiß Ihnen gewiß
+Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie
+müssen doch einsehen, daß Ihre Argumente wertlos
+sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er sein Ehrenwort
+brach und doch wieder in einem Spielbad
+auftauchte, auf Grund der damaligen Verhältnisse
+verhaften lassen wollte, hätte ich durchaus keine
+Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium
+sind. In einer Stunde erst erreichen Sie
+die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon ab! Ich
+will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach,
+auf unangenehme Ideengänge zu kommen. Umsonst
+vergrabe ich mich doch nicht in die Pyrenäen.&ldquo;
+
+</p><p>Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten
+Baumganges ein und fachte sich mit dem Hut Luft
+ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte
+ihn in die Schulter: &bdquo;Der arme Perdican .&nbsp;. .&ldquo;,
+flüsterte er.
+
+</p><p>Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward,
+legte er die Hand auf meine Schulter. Er sah
+mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an.
+Darauf flog eine rasche Spannung über seine
+Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf einen Stein.
+Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem
+Knie hastig ein paar Worte. Ich nahm, etwas
+verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir eine
+Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen
+Straße die Post herbei. Antoine rief mir rasch
+zu: &bdquo;Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen
+mit meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten
+Miseren!&ldquo;
+
+</p><p>Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und
+zogen die Ohren trotzig an. Antoine winkte. Sein
+Bart und sein schräges Profil traten bedeutend
+aus der Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor.
+Die Diligence rollte um eine Ecke, und die
+Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen
+die Häuser.
+
+</p><p>Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs
+las ich die Zeilen Antoines. Es mußte ein Dialekt
+sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte
+ich wieder an den Grafen Perdican denken. Er
+war ein lieber Freund. Sein Tod hatte ungemeine
+Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung
+sah man, daß sein Partner, dessen Wechsel
+er nicht einlösen konnte, Karten aus einer doppelten
+Manschette schüttelte. Man verband damals noch
+andere seltsame Themen mit seinem Namen. Es
+war eigentlich lächerlich, daß wir uns damit begnügten,
+ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu
+widersinnig. Damals hatte niemand hieran gedacht.
+
+</p><p>Ich frug mittags in Tarragona nach meiner
+Adresse. Es seien höchstens drei Stunden zu gehen .&nbsp;. .
+Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel.
+Ich sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar
+Minuten. Dann kam ein schmutziger Hausknecht.
+Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der
+Hand hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben
+mein Gesicht neigte. Da er nichts sagte und keine
+Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm
+Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen.
+Nun las ich sie laut vor.
+
+</p><p>Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück
+und streckte den Span mit gespanntem Arm
+noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich
+einen Augenblick scharf. Darauf verschwand er:
+ich hörte verhandeln. Ein Mann mit einem starken
+Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen
+erweckte, prüfte mich, während das brennende Holz
+mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich fremd
+sei. Ich sagte: nein .&nbsp;. . Zugleich kam mir meine
+Antwort dumm vor. Ich zeigte Antoines Zeilen.
+Er rief sofort ein paar Worte in das Haus.
+Dann forderte er mich ganz verändert auf einzutreten.
+Währenddem sagte er, es seien bis zu meinem
+Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als
+ich meine Auskunft über den Weg von Tarragona
+erzählte. Drinnen saßen noch drei Männer. Sie
+tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht
+hatten, stand eine harte Luft in dem Raum. Eine
+Lampe hing an Eisendrähten über einem Tisch.
+
+</p><p>Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer
+nahm mich bei der Hand, verbeugte sich und sagte:
+&bdquo;Der Sennor will zu Joaquin Pelayo .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas,
+das ich wieder nicht verstand, worauf jeder mir
+die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank
+aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann
+ward ich müd. Auf einem Strohsack in einer
+Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich
+niemand mehr. Ich durchsuchte das ganze Haus.
+Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und
+ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung
+sein, als das hölzerne Geklapper eines Maultiers
+mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das
+Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin
+Pelayo.
+
+</p><p>Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er
+stand vor seinem Haus und wusch sich den Oberkörper
+mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte
+sich zuerst, durchaus keine Notiz von mir
+zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann wiederholte
+ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen.
+Darauf stellte ich mich aufgerichtet vor ihn hin
+und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß.
+Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über
+seinen Arm laufen. Die Muskeln brachen wie
+Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig
+krümmte.
+
+</p><p>Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt
+konnte mich betrogen haben. Nun nahm ich
+meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit
+der Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum
+wuchs etwas vor mir in die Höhe. Ich
+hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen
+Lage wie eine Kinderfahne.
+
+</p><p>Ich erstaunte über die Würde des Mannes und
+seine unnatürliche Größe.
+
+</p><p>Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir
+die Hand. Er fragte nach seinem Freunde Antoine.
+Antoine war doch ältester französischer
+Adel. Ich ließ nicht merken, daß ich verblüfft war.
+Ich redete rasch und abgerissen. Er schloß sein
+Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn
+noch größer machte. Dann rief er zweimal : &bdquo;Maintoni
+.&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen
+der Lider meine rechte Hand und zog mich
+ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang
+und traten in ein hohes Zimmer. Maintoni drehte
+sich um und rief hinaus: &bdquo;Rodriguez!&ldquo; Eine alte
+Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich
+hin. Maintoni küßte ihr die Hand und ging hinaus.
+
+</p><p>Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen
+aus. Sein Körper war schlank und von
+wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das
+Gesicht wirkte in der Nähe kantig gegen die Harmonie
+des Wuchses. Die Nase war ein wenig
+zu lang.
+
+</p><p>Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme
+hatte eine knarrende Biegungslosigkeit. Einige
+Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch
+vor ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte.
+Sie dankte, sprach aber weiter. Dann sagte er
+mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur
+noch in ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung
+kannte sie nicht mehr. Eine dichte Luftschicht,
+von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie
+körperlich und schloß hermetisch alle Berührungen
+mit der Welt ab.
+
+</p><p>Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll
+die Hand, als er eintrat. Maintoni
+brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte
+der Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm
+seiner Tochter. Er trug einen Ring mit einem
+riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf,
+blendete er. Ich sah sofort, daß er echt war. Pelayo
+sagte zu Rodriguez, als Maintoni hinausgegangen
+war:
+
+</p><p>&bdquo;Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr
+Zimmer abtreten! Sie werden unten schlafen bis
+zur Hochzeit.&ldquo; Ich wollte Einwendungen machen.
+Aber man schlug mich mit Freundlichkeit nieder.
+Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez erzählte
+mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde.
+Maintoni sei dann gerade siebzehn Jahre alt.
+
+</p><p>Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf
+zusammen, daß das Gelenk knackte, und der bronzene
+Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er
+dehnte sich weit zurück, schlug rasch auf seine
+Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und an
+der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf.
+Dann erst konnte er wieder reden, so nahm ihn
+die Freude mit.
+
+</p><p>Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als
+wir die Treppe hinaufstiegen, öffnete sich neben dem
+Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine
+eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus.
+Pelayo schloß rasch wieder. Ich fühlte, daß
+mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein
+wenig und wollte Maintoni fragen. Aber sie ging
+so ruhig vor mir, daß ich es ließ.
+
+</p><p>Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde
+Hitze auf die Landschaft. Die Nerven lösten sich
+und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer
+aus hatte ich weite Schau und staunte über die
+Seltsamkeit der Gegend, die mit einer Welle von
+Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen
+das Haus prallte und sich hinunter nach Valencia
+zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus der, zäh
+und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet
+hinaufwuchs.
+
+</p><p>Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin
+Pelayo von mir. Er ließ Maintoni allein mit uns
+beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging.
+Morgens liefen wir zwei Stunden südlich, wo der
+Postdampfer anlegte, und fragten, ob etwas für
+mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien
+ihnen fremd und eigenartig zu sein. Rodriguez
+tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das seine
+Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch
+nehme. Allmählich hatte er sich so in die Rolle
+hineingelebt, daß er meinte, seine Anwesenheit sei
+nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der
+die Post ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn
+herüberwarf und mit affenhaften Verrenkungen
+eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte
+er mich mit einer kleinen Gebärde von Ungeduld
+auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal allein
+gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als
+hätte ich ihm das Wertvollste anvertraut. Maintoni
+hatte eine stumme Verwunderung dafür. Sie
+strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief
+hin, beschaute ihn von allen Seiten und blieb mit
+einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens
+an den vielen bunten Marken hängen.
+
+</p><p>&bdquo;Hätten Sie sie gerne?&ldquo; fragte ich lächelnd.
+Ich löste sie und reichte sie ihr hin. Da ging ein
+namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie
+öffnete halb den Mund. Zwischen den sanften
+Bogen ihrer Lippen traten die Zähne, die weiß und
+außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte
+sie rasch den Blick, bewegte den Arm einige Male
+wie streichelnd über den Gürtel, wandte sich langsam
+um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu
+Rodriguez hin. Er umarmte mich:
+
+</p><p>&bdquo;Hombre, si: Sennor!&ldquo; Sie sind ein guter
+Mensch&ldquo;, rief er enthusiastisch. Abends fuhren wir
+aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die
+heiße Stille des Tages zu einer bewegten Kühle,
+die einen Schauer von Ruhe und dämmerndem
+Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in
+dem Boot, dessen geschweifte Flanken in eine Spitze
+aufstiegen, die über meinem Kopfe stand. Maintonis
+Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez,
+dessen braune Rückenmuskeln im Takt des
+Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und wieder
+unter der Haut verliefen.
+
+</p><p>Wenn die Sonne verschwunden war und die
+Berge um das Castel de Balaguer wie mit violetter
+Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt
+schienen, sang Maintoni eine Romanze, deren
+Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab
+ging. Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater,
+der vor fünf Jahren in Asturien auf einer
+Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm
+den Kopf abgerissen. Das Messer des Freundes
+schon im Herz, hatte es ihn mit einer der letzten
+Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen.
+Man mußte den Leichnam ohne Kopf begraben.
+Rodriguez schien bang:
+
+</p><p>&bdquo;Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem
+.&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend.
+Er hatte die Hand fest gegen sein Knie gepreßt
+und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig:
+
+</p><p>&bdquo;Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben
+war und mit dem Kopf verschwunden
+ist .&nbsp;. .?&ldquo;
+
+</p><p>Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz
+die Brust berührt habe .&nbsp;. .
+
+</p><p>Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber
+und verteilte ihn dünn und zärtlich über das
+Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand
+lag eine breite Klippe. Dort war, wenn die Flut
+nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen Gegend.
+
+</p><p>Nachts schlug das Meer gegen den Strand.
+
+</p><p>Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher.
+Es war am heißesten Mittag. Maintoni brachte
+eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und
+später Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen,
+und ich zeigte ihm ein paar Aufnahmen
+Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte
+ihm auch von dem Eindruck des Zettels auf den
+Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht
+hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht:
+
+</p><p>&bdquo;Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!&ldquo;
+
+</p><p>Ich lachte: &bdquo;Da müßte der Diamant an Ihrem
+Finger nicht unter Brüdern zwanzigtausend
+Francs wert sein .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Es war, als hätte ich mit der Hand auf den
+Tisch gehauen. Alle wurden still. Rodriguez
+strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu
+ihrem Vater.
+
+</p><p>Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser
+Lähmung lief an uns ab, wir rauchten, und als
+es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer
+heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen
+kniete sie nieder. Wir saßen auf der Galerie des
+ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer.
+Sie blieb lange unten bei der alten Frau,
+die immer mit sich sprach. Dann trat sie bescheiden
+heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in
+sonderbarem Widerspruch mit dem heroischen Risse
+des Gesichts. Nur die Augen linderten die Stärke
+der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie
+waren weit aufgebogen und leuchteten in hellem
+Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen von
+Hospitalitet.
+
+</p><p>&bdquo;Sor Gracia, meine Schwester&ldquo;, sagte Pelayo.
+
+</p><p>Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren.
+Die Linie der Küste zischte wie in versteckter Wut.
+Draußen an der Klippe sprang manchmal eine gepeitschte
+Welle springbrunnenhaft und heftig in
+die Höhe. Der Himmel nahm eine tiefrote Glut
+mit blauen Rändern an.
+
+</p><p>Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom
+Kloster; und wie sie sich freue, am jüngsten Tage
+eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und
+Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den
+halbdunklen schlaflosen Nächten der gemeinsamen
+Zelle sprächen sie oft davon.
+
+</p><p>Am nächsten Tage kam der betäubende Duft
+wieder heftig aus dem Zimmer im Erdgeschoß.
+Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton
+durch das Haus von splitterndem Glas.
+
+</p><p>Den Tag darauf legte sich der Wind ganz.
+In den Zimmern ward alle Stunden gesprengt.
+Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute
+zum Strand über die kleine Bucht,
+wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos
+lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines
+gelbes Tuch, das schlaff an einer Stange herabfiel.
+Wir schliefen den vollen Mittag. &mdash;
+
+</p><p>Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte
+am folgenden Morgen. Sie wehte wieder am
+Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit
+ihr. Er legte sich in die Falten, drehte sich darin
+und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es
+von neuem hoch.
+
+</p><p>Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an.
+Wir gingen am Strand entlang. Dann bogen
+wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis
+Haare glänzten kupfern. Wir trugen kurzgestielte
+Netze mit feinen Maschen. In kleinen Abständen
+blieben wir stehen und hielten mit kurzem
+Ruck die Laternen dicht über das Wasser. So
+schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein.
+Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran,
+das zuckende Heranschleichen der Aale zu beobachten.
+Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das
+Netz halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing
+keine.
+
+</p><p>Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben.
+
+</p><p>Es wurde hell, als wir nach Hause kamen.
+Maintoni hatte die gleiche Ruhe wie stets. Sie
+hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der
+Haut. Ich schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte,
+hörte ich, noch schlaftrunken, Stimmen.
+Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite,
+starke, die ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher
+Ausruf &mdash; &mdash; ein Wagen, der anzog &mdash; &mdash; noch ein
+paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog
+mich weit über die Holzstäbe .&nbsp;. .&nbsp;. .&nbsp;.
+
+</p><p>Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz
+knirschte. Ich fühlte, daß mein Atem pfiff. Ich
+sah es .&nbsp;. . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd
+Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte .&nbsp;. .
+es waren dieselben Züge, es war derselbe, den ich
+zwei Tage vor dem Tod der Frau von Montbellaire
+mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben,
+mit schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen,
+aus ihrer Loge stürzen sah.
+
+</p><p>In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige
+Männer.
+
+</p><p>Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute,
+in mich auf: Die Fahne wehte nicht mehr.
+
+</p><p>Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht.
+Da drang ich in das Zimmer im Erdgeschoß. Ich
+hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz
+weit. Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht
+und nahm mir den Atem. Ich sah kurz ein
+Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich
+hinausgezogen. Er war höflich, schien aber verletzt.
+Er begriff meine Erregung nicht. &mdash; &mdash; Was
+sie gewollt hätten?
+
+</p><p>Das Haus mieten oder so etwas .&nbsp;. .
+
+</p><p>Es schien ihn gar nicht zu interessieren.
+
+</p><p>In diesem Augenblick rief draußen einer der
+Knechte. Pelayo sprang hinaus. Ich folgte. Der
+Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe
+raste etwas herunter .&nbsp;. . an uns vorbei. Wir
+stürzten nach. Maintonis Kahn schaukelte leer
+draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte.
+Wellen mit breitem dunklen Rücken
+wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte es
+und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz.
+An einem Vorsprung hielt sich Maintoni mit gekreuzten
+Armen.
+
+</p><p>Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust
+drängte sich heraus. Er bog die Hände vor die
+Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und
+aus dem qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes
+flog seine Stimme wie ein Schuß:
+
+</p><p>&bdquo;Ay!&ldquo; rief er.
+
+</p><p>&bdquo;Ay! Maintoni &mdash; &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez.
+Ich hielt das Steuer, sah sein Gesicht. Wie
+lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen
+wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe
+gehn. Maintoni hatte den Vorsprung umklammert
+und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand
+uns zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht.
+Wir wagten es nicht, zu atmen. Nein. Wir konnten
+nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge.
+
+</p><p>Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht.
+Die Flut trieb es weg, während sie die Fahne einstrich.
+
+</p><p>Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am
+Morgen sehr früh weckte mich Pelayo und fragte,
+ob ich ihn begleiten wolle.
+
+</p><p>&bdquo;Es wird zwei Tage dauern&ldquo;, sagte er. Ich war
+dabei. Wir gingen Stunden. Wir schliefen den
+Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde
+dämmerig. Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen
+rauhe Bergwände einnistete. Ein abschüssiger Pfad
+führte zum Meer.
+
+</p><p>Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die
+Fahne auf der Klippe bedeute. Ich hatte ihn gefragt,
+woher er Antoine kenne. Dann hatte ich
+gefragt, was das Geheimnis des Zimmers sei, aus
+dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch ich das
+Blitzen sah.
+
+</p><p>Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei.
+Antoines Mutter sei aus dem alten Königsgeschlecht
+und in einem Zweige mit ihm verwandt.
+
+</p><p>Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht
+mehr. Sie mußte schon lange tot sein. &bdquo;Bei
+Antoines Geburt&ldquo;, sagte Pelayo. &bdquo;Dieser Familienstamm
+ist älter als der ganze europäische Adel.
+Antoine und ich entdeckten unsere Verwandtschaft,
+als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu
+lassen.&ldquo; Das sei auch das Geheimnis des Zimmers:
+Sein Laboratorium. &mdash;
+
+</p><p>&bdquo;Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten.
+Es ist gefährlich, Sennor, wenn man
+weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden.
+Ich habe den Schmuck der Herzogin von Guise
+und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch geschliffen.
+Sie sehen, welche Werte ich manchmal
+im Hause habe. Die Fahne bedeutet je nach
+der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher
+komme. Das Schiff fährt an der Küste vorbei,
+und man läd hier aus.&ldquo; Pelayo schaute angestrengt
+durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte
+er lächelnd: &bdquo;Sie werden erstaunt sein, Sennor,
+.&nbsp;. . ein unbekannter Mann .&nbsp;. . hier in der Einöde .&nbsp;. .
+schleift den berühmtesten Schmuck. &mdash; &mdash; Ich habe
+in Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein
+System erhalten. &mdash; &mdash; &mdash; Maintoni soll glücklich
+werden&ldquo;, fügte er ohne Zusammenhang hinzu.
+
+</p><p>Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der
+dünne Ton einer Pfeife &mdash; &mdash; &mdash; Pelayo verschwand.
+Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging
+das Tal hinauf. Mohn wuchs im Gras. Wilde
+Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald
+mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe
+rauschte an mir vorbei. Leicht feucht war die Luft.
+Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen.
+
+</p><p>Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie
+die Sterne über das Meer hinauswuchsen und mich
+traurig machten.
+
+</p><p>Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem
+bettelnden Gendarmen Brot unterwegs. Maintoni
+weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht
+erwartet.
+
+</p><p>Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es
+niemand sah. Maintoni hatte goldene, glänzende
+Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte
+Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen
+waren halb blau und halb schwarz und waren lang
+und so fein wie der Schatten einer Feder.
+
+</p><p>Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus
+ausgehängt wurden, die Türen wurden geöffnet.
+Die Diener wehten mit Palmblättern Wind,
+wenn wir speisten.
+
+</p><p>Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er
+setzte sich auf die Binsenmatte. Dann stand er
+wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne
+Kohlenbecken. Er sagte: &bdquo;Sennor, Maintoni ist
+traurig.&ldquo; Ich tröstete ihn. Ich sagte ihm: &bdquo;Es
+wird die Hochzeit sein, Rodriguez.&ldquo; Doch er schüttelte
+den Kopf.
+
+</p><p>Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: &bdquo;Ich
+bin nicht traurig. Ich freue mich, Sennor.&ldquo; Aber
+Maintoni hatte rote Augen.
+
+</p><p>Da sagte ich: &bdquo;Maintoni! Rodriguez leidet
+sehr.&ldquo; &mdash;
+
+</p><p>Maintoni bekam große blendende Augen!
+&bdquo;Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich liebe ihn auch.
+Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor,
+was habe ich, um es ihm wiederzugeben? Nichts,
+Sennor.&ldquo; .&nbsp;. .
+
+</p><p>Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia.
+Sie setzte sich lang zu der Alten, die immer sprach.
+Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine
+Borte von gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines
+jeden wuchs ein Arm aus Messing. In der Hand
+hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle
+Kerzen an. Es mochten hundert sein.
+
+</p><p>Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine
+kleine Harfe spielen werde. Sor Blanca und Sor
+Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen
+schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle
+sprächen sie oft davon.
+
+</p><p>Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben
+Miedern. Frauen in Schuhen ohne Absätze, in
+Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit
+Gold, mit Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen
+Perlen bestickt. Sie tanzten Fandango. Sie
+tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez
+tanzte. Alle anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten.
+Tamburine und Flöten klangen. Die Männer
+schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen
+in die Hände. Eine Sackpfeife spielte mit hohem,
+eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni trat
+allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte.
+Die Glieder spannten sich in einen heißeren Rhythmus.
+Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie wölbten
+die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden
+heiß. Dann hielten sie in einer plastischen Pose,
+lösten sich und gingen allein in das Dunkel. Sie
+kehrten bald zurück.
+
+</p><p>Die Gäste gingen.
+
+</p><p>Ich stieg hinauf, um zu schlafen.
+
+</p><p>Es war spät in der Nacht.
+
+</p><p>Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte,
+pfiff, peitschte sich durch das Haus. Ich stürzte die
+Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles
+fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte,
+lag ich schräg auf der Treppe. Langsam stand ich
+auf und ging hinaus.
+
+</p><p>Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak
+in seinem Hals. Nur Leute, denen der Tod in die
+Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines.
+Es war Rodriguez.
+
+</p><p>Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten
+rote Räder. Flimmernde Punkte sprangen hin
+und her.
+
+</p><p>Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht
+nebeneinander. Ich ging hin. Da lag noch ein
+Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte
+mich nicht mehr. &mdash; &mdash; &mdash; Es war dasselbe
+Gesicht des, der lächelte, als er Graf Perdicans
+Wechsel in die Tasche schob .&nbsp;. . dasselbe, das grünunterlaufen
+war, wie ich es vor Frau von Montbellaires
+Loge sah.
+
+</p><p>Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif
+Schaum hing aus dem Mund. Im Gesicht waren
+blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und
+am Gurgelknopf rot wie rohes Fleisch.
+
+</p><p>Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten
+gereizt. Rodriguez war dazugekommen. Das
+Messer .&nbsp;. . der Schrei .&nbsp;. . Pelayos Faust hatte
+ihm den Kehlkopf zerdrückt. &mdash; &mdash; &mdash; Ich sah alles.
+
+</p><p>Maintoni weinte nicht.
+
+</p><p>Das Meer lag wie eine große Perle da.
+
+</p><p>Der Kopf des Fremden stand schräg über die
+Schulter in die Höhe. Der Hals wölbte sich heraus.
+Es konnte nicht mehr lange dauern.
+
+</p><p>Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den
+Star. Die Pupillen wurden grau. Sie wurden
+breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer.
+Die Nägel hatte er in die Handflächen eingeschlagen.
+Die Arme lagen still neben ihm. Alles Leben stand
+nur noch im Krampf der Pupillen.
+
+</p><p>Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom
+Hals über die Brust und spielte mit schwachen
+Erschütterungen über den Bauch.
+
+</p><p>Da tat Maintoni dies, das größer war und
+furchtbarer, wie alles, was Rodriguez gab, als er
+sie von der Klippe rettete .&nbsp;. . Maintoni tat es:
+sie trat dem Sterbenden mit dem Fuß breit ins
+Gesicht; sein Kopf rollte schwerfällig zurück.
+
+</p><p>Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie
+warf sich vor dem Meer auf die Knie, und indem
+sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne
+viele Male hineinrief: &bdquo;O Santa Maria .&nbsp;. . Santa
+Maria de la Mar .&nbsp;. .&ldquo;, schlug sie die Hände vor
+das Gesicht, weinte laut und schrie.
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_99" name="page_99">Fifis herbstliche Passion</a></h2><p>
+
+</p><p class="lyrics">
+Brigitte: Und begreifst du nun das Leben?<br />
+Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod.
+
+
+</p><p class="signature">
+Carl Sternheim
+
+</p><p class="lyrics">
+Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demütig und rein,<br />
+So voller Musik wie da .&nbsp;. .
+
+
+</p><p class="signature">
+Ernst Stadler
+
+
+</p><p class="first">Die Straßen mit den tagmüden, grauen Trottoirs
+wurden gesprengt, und die schweifhaften,
+breiten Güsse, die den säenden und starken Gesten
+der Männer entflogen, legten sich klatschend und
+eigenwillig auf den Boden. Es wurde Abend.
+Die Weiden und Eschen der Gärten schwebten
+scheu und flimmernd vor der ungeheuren Ruhe des
+opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das
+Wasser das Irisierende aus der Luft sog, schritten
+die Menschen über die Straßen wie über Bilder
+von Signac oder Croß: Eine Viertelstunde brannte
+die Stadt in einer stillen Glut von gelbem Getupf.
+
+</p><p>Brandfeuer rannen in dünnen Strähnen dann
+in die Stadt und mischten sich Glockengeläut und
+dem grausamen Drang einer fressenden Dämmerung.
+Wie Schlünde tagelang entfeuerter Kanonen
+brachen die Schloßfenster über die auslöschenden
+Häuserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit
+noch hinaus.
+
+</p><p>Dann sprangen die Laternenreihen die Straßen
+hinunter und erreichten, leichtes Geknatter der
+Zündung zurücklassend, den Platz, der mit rasender
+Wucht an tausend Ecken, Schnüren und Windungen
+von Licht geborsten und aufgerammt war
+und über den ein tiefdunkler, sterndurchlochter
+Herbsthimmel schräg und kühl heraufwuchs.
+
+</p><p>Fifi erschien auf dem Podium.
+
+</p><p>Von den Schießbuden klang schon das Hämmern
+der Treffer, die Spielorgel setzte ein. Aber
+aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein
+herkulischer Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel,
+die Orgel schwieg: Fifi setzte die Spitze des rechten
+Fußes nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel
+auf die Hüften und wartete. Der Große fing an
+zu schreien. Seine Arme ruderten durch die Luft,
+sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten
+sich gegenseitig und warfen sich in gelungenem Überschwall
+auf das Publikum, weit geöffnet, hinaus.
+Ein verknickter Hut saß ihm auf dem Kopf. An
+den Griffstellen glänzte er. Der Rock war zerdrückt
+und hing um den Körper, dessen Fleisch schwammig
+und unangenehm schien. Es ist zu betonen, daß
+die Figur herkulisch war, um die Augen zu verstehen,
+die, wenn die Brust und die Gebärde sich herausspreizten
+und mit pompösen Auftakten in die Höhe
+stiegen, klein und feig dies alles wieder leugneten
+und ängstlich wie Wassertropfen von einer öligen
+Fläche an dem angesammelten Publikum abliefen.
+Sein Mund rief heisere Worte hinunter. Er schrie.
+Er warf geifernde Reden den Leuten ins Gesicht.
+&bdquo;Seht,&ldquo; rief er, &bdquo;auf Fifis Tanz. Kommt herein,
+alle,&ldquo; und er winkte, &bdquo;nur Erwachsene dürfen kommen:
+Plastische Darstellungen .&nbsp;. . pikante Szenen
+.&nbsp;. . (es war, als zerdrücke er etwas Klebriges im
+Munde.) Der König von Griechenland haben uns
+beehrt in Wien. Höchste Herrschaften drückten ihre
+Bewunderung&ldquo; .&nbsp;. . und so sehr lief eine Welle von
+Ekel von seinen Sätzen und dem wissenden Winken
+seiner plumpen Hände aus, daß zwei forsche Unteroffiziere
+selbst sich brüsk wandten und gingen. Über
+der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief!
+
+</p><p>Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an,
+und vor dem in einem Teil aus dem Strudel wieder
+zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren
+Tanz ein.
+
+</p><p>Zwei junge Leute waren inzwischen gegenüber
+eingetreten in &bdquo;die Schönheiten des Orients.&ldquo; Vor
+der Bude standen zwei Palmen und ein dickes
+Weib, alt, voll Vergangenheit, mit bösen weißen
+Augen. Sie war die Frau des Athleten; Orient
+und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden
+Seiten der Meßstraße und bissen sich Opfer heraus.
+Doch ging der Orient besser, und Paris sank von
+Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber
+Lizzy, genannt Luise, hatte Hüften wie ein Dynamo.
+Und an ihren Zoten gingen die beiden Männer
+vorbei, schauten durch runde Gläser eine Photographie
+von Dschiseh und traten, indem sie einen
+Teppich zurückstießen, bei Lydia ein, der Dame ohne
+Unterleib, die, in grünem Samt, in einem Sesselstuhl
+saß und rote entzündete Augen hatte.
+
+</p><p>Der eine der Herren zog seine Handschuhe an,
+und nach dieser symbolischen Handlung traten sie
+rasch den Rückzug an. In Jena hätten sie Ringkämpfe
+aufgeführt mit den Studenten, rief ihnen
+Lizzy nach, genannt Luise.
+
+</p><p>Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies
+hinter sie zurück, und sie traten hinaus in das Erregte
+des Platzes, in dem die breiten, musikbeladenen
+Karusselle schwammen und sich überrasten und Geglitzer
+von Spiegeln, Lichtschnüren und bunten
+Mädchen vorüberdrehten und auf dem ein Meer
+von Menschen schiebend, erregt und drückend sich
+schaukelte, über denen Schüsse knallten, Schreie
+hin und her zuckten und laute Glocken dunkel aufzitterten.
+
+</p><p>Da wandte sich Franz plötzlich herum und zog
+den anderen mit. Sie brachen durch den Strom,
+und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz
+auf Fifi und sagte: &bdquo;Die leichten Bogen dieser
+Beine sind entzückend schön .&nbsp;. .&ldquo; Sein Gesicht
+hatte eine vollendete Güte, die das Kühne und Auffallende
+dieses Profils in einen seltsamen Adel
+steigerte.
+
+</p><p>Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig
+bewegend, fielen Fifis Blicke plötzlich auf seine Augen,
+und die Blicke hingen sich ineinander, bis die Orgel
+mit einem aufflammenden Stoß plötzlich schwieg.
+Der Herkulische trommelte rasselnd auf einem
+Schild, Fifi war zurückgetreten, er winkte zum
+Eintritt, aber nur ein Einziger folgte, die Menge
+schob weiter.
+
+</p><p>Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrückt,
+als sie sich der Strömung übergaben, vorbei
+an dem grünbemalten Gerüst, in dem Menschenfresser
+hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen,
+kokett, über die eine ganze Prärie unbändig eine
+halbe Woche lang eitel brüllendes Gelächter wäre,
+schossen zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft.
+Ein echter Mexikaner hielt eine Harpune hoch mit
+rotblänkerndem Fleisch. Überall lief der Witz, daß
+die Menschenfresser &mdash; Krokodile seien, und weil das
+Volk voraus wußte, daß es geleimt würde, zog
+man in Scharen hinein.
+
+</p><p>Dann kam die große Bude mit den &bdquo;Fliegenden
+Menschen&ldquo;, zwei Mädchen in blauen Trikots
+mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem
+Anfang der sich wölbenden Formen, die eine sonderbare
+Sinnlichkeit aussprühten, und die andere mit
+ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das
+Gesicht Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell
+(breit, gemein, verworfen) mit einem unheimlichen
+Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber.
+An der Galerie entlang stand die Familie, sechs
+Menschen, und bliesen Blechinstrumente, und die
+Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune
+der Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre
+Bude war ganz voll. Immer!
+
+</p><p>Und als Franz dem Strom entkam und wieder
+zurückeilte, sah er, wie Fifi, mit einem Stoß herausgedrückt,
+aus der leeren Baracke taumelte,
+rasch sich faßte und anfing zu tanzen, mühselig,
+müd und fein und beschwingter, als sie Franz erblickte.
+Nur kleine Truppen blieben stehen, die
+Masse strömte zu den Fliegenden Menschen.
+
+</p><p>&bdquo;.&nbsp;. . Augenstern .&nbsp;. .&ldquo; rollte es von unten herauf.
+
+</p><p>Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi
+verbeugte sich. Der Athlet rief den Beginn der
+Vorstellung aus. &bdquo;Soeben Beginn .&nbsp;. .&ldquo; rief er
+und schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie.
+Niemand. Da ging er, von der Leere beschämt,
+verlegen einmal über das Podium, verschwand ins
+Innere, lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen
+hatte und trat wieder vor. Fifi schlich wieder
+heraus. Wie eine große Spinne hing der Herkulische
+auf seinem Podium. Franz stand beiseite,
+beobachtend, den Kopf schief aufgelegt. Und wie
+eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlüpfriges
+zu reden, ein Wink, die Orgel: Fifi .&nbsp;. .
+
+</p><p>Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später,
+das Gesicht des Alten rötete sich, er suchte die Uhr.
+Immer wieder verschwand Fifi, immer begann der
+Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf
+Szene: das Greifen und Locken nach spärlichen
+Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis
+und die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezündet
+manchmal und heftiger im Erblicken von Franz.
+Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit
+Seilen vor, die Pfeife des Dampfwerkes heulte,
+die Menge lief ab.
+
+</p><p>Über den leeren Platz, durch einen schmalen
+Gang, den Schutzleute freihielten, und um den
+Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die Artisten,
+zum Teil mit Mänteln, die sie über das
+Bunte und den Flitter gehängt hatten und die so
+zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden und
+mit ihren andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend
+und doch noch von dem erregenden
+Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die Straße
+hineinströmten. Zuerst kamen großspurig und in
+der starken Lüge der hohen bespornten Lederschuhe
+sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und Garmisch.
+
+</p><p>Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand
+stak in der Revolvertasche, so daß Dienstmädchen
+erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven
+sich loslösten.
+
+</p><p>Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe
+mit dem haarlosen Bär schritt die
+Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie
+hatten alle halblange Röcke an und Kleider, welche
+schöne und zierliche kleine Blumenmuster trugen, im
+pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie
+sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten
+und schön aufrechten Mutter eingehängt, die
+Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten,
+erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer
+kleinen, bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur.
+
+</p><p>Dann: Leere .&nbsp;. . und Fifi .&nbsp;. . Schmal, doch
+köstlich in einen gelben Gummimantel gehüllt,
+fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie
+auf den Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand
+krampfte sie den Kragen über die Brust vor dem
+Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen
+waren rot und merkwürdig wie mit feinem Lack
+auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie stieß kurz
+vor der Straße mit den anderen zusammen. Die
+Alte trug einen Milcheimer. Der Herkulische
+schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu,
+Lydia &mdash; ein dickes aufgeschwollenes Tier &mdash; ging
+idiotisch, faul nebenher, ohne Umhang in grünen
+Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit
+gierigen Augen schloß sich der Mexikaner von den
+Krokodilen Fifi auf der anderen Seite an, daß
+sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner
+erschien.
+
+</p><p>Schräg auf der Holztreppe, die in den großen
+gelben Wagen hineinlief, in dem sie wohnten,
+wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt
+nach der Stelle, an der Franz stand (den sie nicht &mdash;
+dies war auffallend und seltsam zugleich &mdash; gesehen
+haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns,
+während der Mexikaner in lüsternem Scherz sie,
+mit auf ihre Hüften aufgesetzten Händen, ins
+Innere drängte.
+
+</p><p>Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der
+Achseln reagierte.
+
+</p><p>Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen.
+Eine Zigarette drehend, mit der Eleganz des Romanen
+alle Glieder bewegend, schlenderte er zur
+Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen
+umkreiste, sah Licht aus den schmalen Luken dringen
+und hörte keifende Stimmen das Innere des
+Raumes hin und her zerreißen. Dann nahten
+mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt die Patrouillen.
+
+</p><p>Es ward spät.
+
+</p><p>Er ging.
+
+</p><p>Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden.
+Ungeheuer gewölbt spannte sich der Himmel. Sinnlose
+Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah
+sich aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft
+und Dingen herausgerissen und in die Aura dieses
+Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen.
+Bei den &bdquo;Fliegenden Menschen&ldquo; stieg
+täglich der Kassensturm und die Sensation. Der
+&bdquo;Orient&ldquo; verdiente gut an reiferen Herren. &bdquo;Paris&ldquo;
+brachte es von 8&mdash;10 abends manchmal nur auf
+eine Vorstellung. In den Pausen tanzte Fifi. Der
+Alte winkte, schrie, ward gieriger, je später die Zeit
+hinlief. Verkündigte Anfang der Vorstellung, er
+öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte ins Innere.
+Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren.
+Und dann packte der Alte Fifi mit seiner Tatze an
+der Schulter und schleuderte sie hinaus. Die Orgel
+hob an, Fifi erhob die Füße, hinten der blaue Horizont
+der Draperien gab ihren Bewegungen Haltung
+und Relief, und die müden Schwingungen ihrer
+Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter
+einer Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem
+schönen Gewässer erblitzt. Langsam im Fortschreiten
+des Abends wurden ihre Gesten müder, von einer
+schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz
+hörte das Pfeifen ihres Atems. Und wenn sie,
+leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die Kühle
+des Herbstes auf ihren Schweiß.
+
+</p><p>Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des
+Zuschauens von Mitleid und schmerzlicher Bewunderung
+angefüllt. Manchmal schien es, als
+müsse der nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken
+lassen. Doch sie blieb. Ihm aber widerstrebte
+es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen,
+die unter den Augen des klebrigen Athleten
+oder mit dem Beigeschmack der gewohnten leichterotischen
+Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er
+fühlte, daß er Inhalte in sich trüge, die in ihrem
+Wesen auf dieses Kind abgestimmt seien, und die
+Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut
+zur Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und
+wieder &mdash; nicht oft &mdash; aber in einem berückenden,
+außerweltlichen Zusammenhang.
+
+</p><p>Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als
+sie ihre Stimmen noch nicht kannten.
+
+</p><p>Dann kam jener Abend. Donnerstags.
+
+</p><p>Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle,
+sternhart, der Park voll gärendem Geräusch. Er
+zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch,
+überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift,
+immer schön. Die Lichtgurte ganzer Grenzstraßen
+warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen
+Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm
+alles auf mit großer, tiefer Selbstverständlichkeit.
+Stand geborgen, bergend, unberührbar, geschlossener
+Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein
+Zentrum, um das die Stadt mit Geleucht rotierte.
+Donnerstag abends .&nbsp;. .
+
+</p><p>Es war schön.
+
+</p><p>Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr
+im Schloß hakte ein: Fünf Minuten bis halb acht
+Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr
+begann, die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit,
+in der die Artisten aßen. Seine Gedanken gingen
+langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne Tatkraft
+um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis
+Tanz sich bewegend, Erklärungen ersinnend, von
+einer leisen Sehnsucht aufgelockert und beschwingt
+gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch
+sein Geträum das Bewußtsein heftiger Schritte
+und haschender Bewegungen ins Gedächtnis stieß,
+hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei
+in ihn hinein, warf ihn herum. Er lief über ein
+Grasrondell, stolperte, stieß an ein Gitter, sprang
+darüber. Sein Hut war verloren, der Ärmel geschlitzt,
+seine Brust zitterte. Er stürmte um ein eingezäuntes
+Denkmal, mußte umkehren, lief in einen
+dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und
+schmiß ihn zurück, daß sein Körper krachend an die
+Stakete knallte und an ihnen wie eine dumpfe
+Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der
+rote Kopf einer Zigarette auf, bewegte sich her.
+Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch schräg
+aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form und
+schalenhaft, in die nun plötzlich ein beinahe bläulich
+erglänzendes Licht floß. Zwei schimmernde Kreise,
+standen die Augen in ihrem Gesicht.
+
+</p><p>Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch
+ganz sich in der Geste erfüllend, tat sie einen unnennbar
+müden und langsamen Schritt auf ihn
+zu, das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden
+Hostien. In diesem Augenblick lief das Geknatter
+rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und
+wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah:
+sah, wie Franz dem Hingesunkenen den Revolver
+aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die
+Schläfe hämmerte und ganz groß auf sie, die zitternd
+harrte, zuging.
+
+</p><p>Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette
+heraufgekommen, zwischen sie gesprungen und löste
+die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen.
+
+</p><p>Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie
+es: &bdquo;Verletzt?&ldquo; Franz zeigte den Revolver; er
+deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner
+riß sein Gesicht in Falten, fauchte, trat dem
+Klumpen in den Bauch, schnippte das Bein hoch,
+daß der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht
+neben den Liegenden und sog heftig an der
+Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde fiel,
+in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben
+und Stichwunden durchbohrtes Gesicht auftauchte.
+
+</p><p>&bdquo;Der Fakir,&ldquo; .&nbsp;. . schäumte der Mexikaner.
+&bdquo;Man sollte ihn peitschen&ldquo;, .&nbsp;. . und fing an, ihn
+mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn
+hinderte, fiel sein Blick auf Fifi.
+
+</p><p>Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie
+ein weißer Fels, über den in zuckhaft raschen Stößen
+rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten
+Hell und Rot und drohten, den Hals zu sprengen.
+
+</p><p>Und während sie wieder auf Franz zuging, als
+trüge sie alles gegen ihn, zitterte ein Klang, rauh,
+gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle
+Glieder zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen
+zurück; sie warf den Kopf zur Seite, gewaltige
+Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer
+Verurteilten ließ sie sich gegen den Mexikaner fallen,
+der sie verwirrt aufnahm, der nach Franz schaute,
+wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt schien.
+Dann plötzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung
+seinen Mund auf ihren warf und in
+langem Kusse sie wegzog.
+
+</p><p>Franz stand noch eine Weile.
+
+</p><p>Dann drehte er um.
+
+</p><p>Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen
+Revolver. Er sagte es englisch.
+
+</p><p>Nichts schien Franz selbstverständlicher, wie diese
+Folge fremder Laute. Er gab ihm den Revolver.
+
+</p><p>Der Fakir verbeugte sich, ging. &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam.
+Der Herkulische beulte auf sie los und sie erschien
+unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in
+der wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin.
+Sie gab keinen Ton. Sie tanzte den Abend,
+daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß
+ihre Beine glühten wie die wundgespielten Saiten
+einer schönen Violine, während die Kühle auf ihre
+Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen
+ihr Atem rang.
+
+</p><p>Franz kam nicht.
+
+</p><p>Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag
+rasend und aufglühend herunter wie Spulen, die
+ihre Füße abtraten. Es wurde kälter; erbarmungsloser
+drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun
+Luise, eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi
+danach fragte, schrie der Alte sie nieder. Das dicke
+Weib mit den weißen bösen Augen keifte, sie solle
+mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden
+und stolzen Gebärde auf den einträglichen Busen
+der Dame ohne Unterleib.
+
+</p><p>Sonntag tanzte sie den ganzen Tag.
+
+</p><p>Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich,
+in Keile zusammengepreßt, über den Platz, der
+staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne zusammenbrannte,
+auf die die Kühle so unmittelbar
+folgte, wie das Dunkel plötzlich und hastig vorsprang.
+
+</p><p>Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park,
+streichelte das Gitter, an dem sie damals gelehnt,
+kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz gestanden
+und berührte mit den Lippen den Boden.
+Dann lief sie weiter, kam durch ein Tor, eilte durch
+eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit
+stillen Bäumen.
+
+</p><p>Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu
+dessen Tür viele Stufen führten, über der Fahnen
+hingen und in gewaltigen Lettern das Wort erglühte:
+&bdquo;Deo&ldquo;, das sie wohl nicht begriff, das sie
+aber sänftete und hineinzog, wo sie Weihwasser
+nahm und in einer Nische unter einem in vielen
+Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele
+der Steinfliese warf und so weinend ein Vaterunser
+schluchzte, daß von zwei vorübergehenden
+Damen eine erregt und voll Neid über diese inbrünstige
+Stärke, höhnisch auflachte, wie von der
+schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im
+Klang der Stimme voraus desavouierte) Überlegenheit
+heuchelnd und darstellend.
+
+</p><p>Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen
+heraus, böhmisch, das die Leute nicht verstanden,
+aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt
+hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus
+allen Seiten der Kirche wieder auf sie zurückströmte,
+ein Gebet.
+
+</p><p>Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte
+der Störung nachgehen, die Weinende, deren
+heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen
+übermäßig und sie gering machend auftürmte,
+beruhigen, sie hinausweisen .&nbsp;. . aber er blieb wie
+gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen
+und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig
+gescheites Gesicht gestreut, wie hingewiesen und in
+diese Position gebannt von dem seltsamen Geläute
+dieser Stimme.
+
+</p><p>Aus dem klaren und in langen tönenden Linien
+verschwebenden Glanz ihrer Sätze aber lief in verströmenden
+Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet
+begann mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers
+im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt ward von
+dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen
+mußten: Sie und Lydia und Lizzy, genannt Luise.
+Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf die
+äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das
+alles sei wenig und tief im Herzen sehr gering
+gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an
+dem der Alte den Teller, voll von heißer Suppe,
+ihr auf die Brust warf, als sie beten wollte nach
+einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken
+daran sprangen alle Ventile der Angst und
+Unterdrückung weit auf, und in einem köstlichen
+und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes
+Leben heraus, wie eine lang im Tiefen der Rohre.
+gehaltene Fontäne sich in einen späten Sommerabend
+mit starker und doch resignierter Kurve erhebt.
+Und in ihren Worten glommen die Namen
+der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den
+letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war:
+Franz und der Mexikaner, den sie Partufa nannte.
+Und der Klang ihrer Stimme sank etwas zurück
+in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an
+denen jener bei ihnen eindrang, begrüßt vom entsetzlichen
+Gelächter Luises, den tierisch und röter
+aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch
+das indolente Nichtbeachten des Alten, in dessen
+schmierigen Beutel die Hälfte von dem floß, was
+die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf
+im höchsten Schmerz tiefer senkte, dachte sie an
+das Gefletsch und den Schaum um den Mund
+des Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise
+wegwandte zu ihr, die, den Kopf gegen die Wand
+gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt
+blieb und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen
+Mädchen (o über Lizzys Gelächter und schmutzige
+Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur
+anzusehen .&nbsp;. . und wie Lydia aus Wut sie eine
+ganze Nacht hindurch mit Nadeln stach. &mdash; Doch
+ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten
+Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß,
+den mit dem gütigen Gesicht und den Sonnenaugen,
+und sie dankte Gott tief und herrlich errötend
+für die Nächte, die er im Traum diese Augen über
+ihren Schlaf wie hütende Gestirne verteilte und so
+die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz
+und keine Demütigung des Tages berennen konnte.
+Und wieder und immer wieder dankte Fifi dafür,
+daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not
+sandte, damals, wie der Fakir im Park sie überfiel,
+um dann wie vor einer Mauer und endlos erregt
+vor dem Wunder stehen zu bleiben (während
+ihre Stimme fast erlöschte), wie sie damals plötzlich
+und wie von einer Macht, die aus ihr selbst heraus
+allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den
+Arm des Mexikaners warf und die kalte Übelkeit
+seiner Lippen auf den ihren fühlte und den anderen
+stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man
+verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos
+für den Ziehenden, langsam am Ufer verbrennen.
+Und sie sann mit flackernden Worten über den
+Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen,
+was einen Menschen zwingen kann, die höchste, nie
+erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu
+lassen .&nbsp;. . nein .&nbsp;. . nicht nur dieses: sie zu verschmähen
+&mdash; o vieles mehr &mdash; sie zu höhnen und zu
+begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem strengsten
+Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend,
+in Verzweiflungen wälzend um diese Fragen wand,
+erschien es ihr, als ob es eine Angst vielleicht oder
+ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen
+Glück überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun
+lassen, und sie schrie auf, wie sie dieses Entsetzliche
+&mdash; sich selbst in den Armen des Partufa &mdash; erblickte.
+Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen
+sei. Sie erkannte etwas, das einer Schuld
+ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun betend
+und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei,
+nicht Angst; daß es Aufbäumen gewesen sei aus
+der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens vor
+der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive
+jener höchsten Erfüllungen. Aus diesen hin
+und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der
+Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem
+sie in schrillen und ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen
+hatte, fiel sie wieder in ein beruhigtes
+Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung
+sie umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen
+pflegt und lag dann eine Zeitlang ausgestreckt auf
+den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten,
+im Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang
+sie auf und eilte durch Straßen und Park zur
+Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit
+dem Fuß in den Bauch.
+
+</p><p>Aber sie spürte es nicht.
+
+</p><p>Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll,
+in Tragik und Schmerz vertieft und einem
+brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie
+Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand.
+
+</p><p>Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den
+Leib ihr hinanstieg, alles löste und ihren Augen
+Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um
+den starren Blick des da unten frei und klar wieder
+zu machen, und all ihr Sinnen stand danach, die
+Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender
+Glaube überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte
+und Erstaunte nun alles begreifen müsse:
+daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie
+ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All
+dieses tanzte sie nun. Und sah in seine Pupillen
+und lauschte auf Wirkung, wie einer an Abenden
+hinter der Ebene den Mond über dem Strich der
+Wälder sucht. Sie glaubte nicht mehr, daß alles
+verloren sei, wieder überbrandete sie die absolute
+Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was,
+als alles zu ihm allein zog, sie auf die andere Seite
+warf. Sie fühlte, wie jene Schauer des Glücks,
+das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie
+wie eine Keule überfiel, nun in langsamen Zügen
+wiederum in sie einzogen.
+
+</p><p>Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen
+Glauben hinein, der sie erschimmern machte, aber
+noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah dies
+nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte)
+kalt und hart.
+
+</p><p>Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich
+Wellen stießen die Anstürme der Menschen gegen
+die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut
+eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons
+stiegen in die Höhe. Das spitze Geknatter
+von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle
+und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver
+und das Stampfen und Pfeifen der Maschinen
+
+</p><p>Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß
+und erzählten alles, was sie wußte noch von der
+dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo
+in ihrem Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu
+der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie riefen um
+Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen,
+das sie deutlich erstrahlen zu sehen glaubte, und
+dankten ihm.
+
+</p><p>Aber er verstand sie nicht.
+
+</p><p>Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten
+Bogen, ihre Hände schienen etwas zu
+glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden
+immer linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und
+kleiner, die Beine hatten ein Tempo der größten
+Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien.
+Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus,
+die Blicke strahlten überirdischer, ein leises
+Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem
+immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele
+Wunder hineinschaute .&nbsp;. . und so tanzend, geklärt
+und eine merkwürdige Leisheit erregend, die kurz
+eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch
+sie, während die Rohre der Dampfmaschine plötzlich
+lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den
+Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem
+Platz wie grundlos von einer hellen Strahlung
+mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte
+.&nbsp;. . losch sie, sich in sich selbst verströmend,
+tanzend, zusammensinkend, hin wie ein seltsames
+und gutes Licht.
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_129" name="page_129">Yousouf</a></h2><p>
+
+
+</p><p class="lyrics">
+.&nbsp;. . ich glaube indessen, daß, hier wie<br />
+überall, Liebe eine Kunst ist wie das<br />
+Reiten und Flöteblasen.
+
+
+</p><p class="signature">
+Der Marquis de Langle
+
+
+</p><p class="first">Die Herren standen in dem Vorsaal und
+klirrten leis mit den Degen. Ihre Gespräche
+liefen verhalten und erwartungsvoll.
+
+</p><p>Dann flogen die Flügeltüren auf und Las Casas
+trat aus dem Kabinett. Sie sahen sofort sein Gesicht,
+das beherrscht in der Rampe stand und dann
+an ihnen vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und
+verbeugten sich. Einer ging auf ihn zu und sagte
+ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrümmten
+Rücken. Der andere dankte mit der Höflichkeit
+einer wahnsinnigen Verachtung und ging weiter.
+
+</p><p>Im folgenden Saal standen größere Gruppen.
+Er mußte wie durch eine Gasse gehen. Alle grüßten
+ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn
+es war niederer Adel.
+
+</p><p>Darauf glitt er durch eine Flucht von Räumen,
+die in Röte brannten von Decken und Möbeln
+und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder
+von ihm über die Spiegel fuhren und Hellebardiere
+standen, die den König zum Bad begleiteten .&nbsp;. .
+und wo sonst nichts war als das einsame Hallen
+seines Schrittes.
+
+</p><p>Und dann löste sich aus einer Nische ein junger
+Mann und ging auf ihn zu mit einer sicheren und
+allgemeinen Haltung.
+
+</p><p>&bdquo;Sie haben .&nbsp;. .?&ldquo; fragte er.
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe .&nbsp;. . Luis Quijada .&nbsp;. .&ldquo;, sagte Las
+Casas und riß die Papierrolle auf, die seine linke
+Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und
+verbeugte sich kalt und so unwillkürlich, wie wenn
+er auf einem Schiff stünde. Er hatte blonde auffallende
+Haare.
+
+</p><p>&bdquo;Ich werde&ldquo;, sagte er fest und beiläufig, &bdquo;dann
+eigene Segler ausrüsten &mdash; &mdash; &mdash; auf jede Gefahr.&ldquo;
+
+</p><p>Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer.
+Der Abend hatte das Glas dunkel-silbern gemacht,
+und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament
+gemalt in der Füllung.
+
+</p><p>Las Casas lächelte leis, und seine Stimme bebte
+ein wenig in Geringschätzung, indem er erhabenen
+Erfolg wünschte und die Treppen hinunterstieg,
+aus denen die Dämmerung ihm entgegenschwoll.
+
+</p><p>Er eilte nach einem Palast, der in zwei Gärten
+lag, und ließ sich nieder und wartete, bis man ihn
+gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war
+kühler geworden.
+
+</p><p>Ein Stern blinkte über der Mauer.
+
+</p><p>Die Zofe ging vor ihm über den bläulichen
+Kies. Sie kamen über ein Boskett, und dann
+blieb sie stehen und öffnete eine Tür.
+
+</p><p>Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon
+und schritt durch ein Boudoir in ein helles
+Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein
+weißer Arm streckte sich ihm entgegen, von dem
+ein weiter Ärmel zurückfiel. Er stürzte darauf und
+küßte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen
+Kopf neben den der Frau und seine Wangen
+brannten nach ihren hinüber und machten sie rot,
+obwohl sie sich nicht berührten.
+
+</p><p>&bdquo;Sie haben die Erlaubnis .&nbsp;. .?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe sie .&nbsp;. .&ldquo; und seine Hände fuhren
+nach ihren Hüften und zuckten rasch zurück. &bdquo;Ich
+fahre heute nacht .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Sie schnellte auf: &bdquo;Nein &mdash; &mdash; &mdash; morgen!&ldquo;
+
+</p><p>Dann schloß sie den allzu heftigen Verrat der
+Augen mit den Lidern und meinte, als ob sie nun
+erst in Besinnung und klug spräche, lächelnd und
+ruhig: &bdquo;Wie könnten Sie das möglich machen,
+Marques? Sie waren gestern noch beklagt, weil
+Sie des Königs Gaben verschleuderten und portugiesische
+Kaufleute abstechen ließen. Sie erhalten
+heute den Auftrag, den Räuber zu jagen, nach dem
+jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch
+schon gerüstet sein?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe drei Schiffe.&ldquo;
+
+</p><p>Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis,
+indem sie nach ihm blickte. Seine Hände zitterten,
+und die Lippen verzerrten sich vor Stolz:
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe dem König bedeutet, daß ich die Dörfer
+nur verkauft habe, um Geld zu bekommen für
+diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich
+sagte ihm, daß ich es getan hätte, obwohl ich wußte,
+daß seine Ungnade darauf folge, weil er es nicht
+liebe, daß seine Geschenke sich zersplitterten und so
+fortfliegen und so .&nbsp;. . daß ich es aber getan hätte, weil
+mein Wunsch, ihm durch die Expedition zu nützen,
+heftiger gewesen als die Scheu vor seinem Zorn.
+
+</p><p>Darauf nahm der König sein Lieblingswiesel
+und setzte es am Fenster in die Sonne und spielte
+und sprach mit ihm.
+
+</p><p>Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht
+in dem Raume sei &mdash; &mdash; so sehr nahm diese Bewegung
+den Glauben an die eigene Wirklichkeit.
+
+</p><p>Dann aber ward ich zornig, Juana, und da
+mir Tränen in das Gesicht schwammen, drehte ich
+mich um und schrie das entsetzliche Bild seines
+Großvaters, das mich reizte und nicht hilflos machte
+wie seine Ruhe, mit heftigen Worten an, als ob
+er es sei.
+
+</p><p>Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der
+beiden Kaufleute aus Lissabon, um die ich beklagt
+bin. Denn ich ließ sie nur töten, um angeklagt zu
+werden und so unter Eure Augen zu kommen, was
+ich anders nicht konnte, da Ihr zornig auf mich wart
+der Dörfer wegen. Denn meine Petitionen werden
+nicht gelesen. Es ist schade, denn mein Wort scheint
+leer wie ein geschriebenes zu sein.
+
+</p><p>Der König sagte: Und wenn ich es nicht erlaube
+.&nbsp;. . &mdash; Ich sagte: Dann tue ich es auf die
+Möglichkeit hin, daß Sie mich als Briganten erklären.
+Ich fange Yousouf .&nbsp;. . auch dann und &mdash;
+gegen Sie, Sire.
+
+</p><p>Er sah mich an, zum erstenmal, und lächelte:
+Auch dazu hätten Sie mein Geld zum Equipieren
+nötig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen
+selbst das.
+
+</p><p>Ich sagte ihm, daß ich das Geld für die Dörfer
+hätte, aber da er wußte, wie gering es war, lächelte
+er wieder.
+
+</p><p>Da zwang mich das Weh meiner Lippen &mdash; und
+es schrie in meiner Brust wie ein Degen im Gefecht
+&mdash; daß ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief,
+daß ich wisse, daß er nach seinem Gesetz verfallen
+sei, aber daß ich es ihm doch sage: Daß ich drei
+Schiffe hätte, ausgerüstet im spanischen Viertel von
+Brügge, gebaut in Barcelona, Santa Maria,
+Coruña .&nbsp;. . daß ich die letzten Kredite auf meinen
+Namen genommen, die Kerker der Dominikaner
+nach Sklaven geplündert, daß ich den Albaycin in
+Granada nächtelang durchsucht und aus den
+Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen,
+was in meine Fäuste fiel und kräftig war .&nbsp;. .
+Zuhälter, arabische Matrosen, drei hünenhafte
+Priester .&nbsp;. . und daß ich fahren würde die Nacht
+&mdash; so oder so.
+
+</p><p>Da lächelte er wieder und sagte: Ich werde
+Sie verhaften.
+
+</p><p>Ich könnte Sie töten, Sire, rief ich; Juana,
+mein Kopf brannte, aber ich zerbrach den Degen
+nur und warf ihn gegen die Wand.
+
+</p><p>Ah, sagte der König und ließ das Tier und
+zweifelte: Haben Sie Mut .&nbsp;. .
+
+</p><p>Da nahm ich das Wiesel und zerdrückte es in
+der Hand, langsam .&nbsp;. . während das Furchtbare
+des königlichen Zornes mir entgegenquoll.
+
+</p><p>Ich ließ das Tier fallen. Aber des Königs
+Arme kamen über seine Wut auf mich zu und
+drückten die meinen, und er zerriß das Diplom,
+das auf den Grafen von Oropesa, Luis Quijada,
+gezeichnet war, und ließ die Fetzen durch das Fenster
+fliegen und klebte sein Siegel auf meines &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie machen mich stolz auf Sie, Marques!&ldquo;
+Juana warf sich zurück und gab ihre feuchten
+Blicke frei, die auf seinem trotzigen Körper weideten
+und in dem Erglühen seines Gesichts wie
+zwischen jungen und heftig aufgebrochenen Rosen
+spielten.
+
+</p><p>Dann fragte sie rasch: &bdquo;Weiß es Luis Quijada?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Er fragte mich.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Was sagten Sie ihm, Marques?
+
+</p><p>&bdquo;Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen
+sagen, daß ich nicht, wie ich könnte nach meinem
+Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn
+mir allein gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn
+er die Expedition, von der er sagte, rüstet. Das
+Meer ist ihm frei.&ldquo;
+
+</p><p>Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an
+den Händen nach ihm hin: &bdquo;Sie werden den Auftrag
+da zurücknehmen!&ldquo; Er verneinte.
+
+</p><p>Sie flehte: &bdquo;Marques, erklären Sie ihn als
+zum Töten erlaubt, als Brigant!&ldquo; Da schwoll
+Las Casas&rsquo; Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend
+stampfte er den Fuß auf den Boden und
+bat sie hochmütig und verächtlich, nicht zu scherzen
+und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu
+verlangen, daß er Luis Quijada für wert hielte,
+seine Rivalität zu fürchten. Und er bewegte die
+flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer
+Fliege schlage.
+
+</p><p>Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: &bdquo;Ich
+werde den Auftrag nicht ausrichten. Aber nur um
+des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute
+nie mehr bei mir sehe.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich
+neben ihrem Bett und zwang sie so lange, bis sie
+zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie
+früher. Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt
+gewesen, wenn sie Quijada die Beachtung des
+Hasses geschenkt hätte.
+
+</p><p>Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre
+Brust. Seine Hand fing an heftig zu schwanken
+vor Verhaltenem.
+
+</p><p>Er stand auf.
+
+</p><p>&bdquo;Ich gehe.&ldquo;
+
+</p><p>Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses
+verwirrte sie und blätterte sie auseinander
+in Begehr und Hilflosigkeit: &bdquo;Nein .&nbsp;. . morgen &mdash;!&ldquo;
+
+</p><p>Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke.
+Wie sie auffuhr, sah er nur das Innige ihrer Form,
+den Druck des Körpers in den Kissen &mdash; und dann
+roch er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang
+sich zurück und roch sie nur, sah nichts, hatte kein
+Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern.
+
+</p><p>Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt,
+war es ihm.
+
+</p><p>Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen.
+
+</p><p>&bdquo;Morgen &mdash;?&ldquo; knirschte er, denn selbst die
+Stimmbänder waren mit Blut überschwemmt.
+Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren
+und riß ihn weg, taumelnd, und legte ihn wieder
+hin und Härte und Knabenhaftes verstießen sich
+gegenseitig von seinen Mienen.
+
+</p><p>Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken
+und zog ihn von neuem herunter: &bdquo;Warum &mdash; du
+.&nbsp;. . heute?&ldquo; Sie stieß es brennend heraus und in
+Scham. Sie stand halb und war halb gekauert
+in der Ecke des Bettes. Sie faßte seinen Kopf,
+daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und
+ihre Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berührten,
+während die Handflächen kühl nach den Schläfen
+hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der
+Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf
+Auge.
+
+</p><p>Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange
+schon schrien: &bdquo;Sie sollen bleiben, Marques .&nbsp;. . hier
+&mdash; &mdash;&ldquo; und zitterte.
+
+</p><p>Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von
+einer Welle aufgejagt und gesteilt warf er sich auf
+die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und drückte
+die trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen
+den Körper hinauf nach dem Hals auf den dünnen
+Batist.
+
+</p><p>&bdquo;Corazon!&ldquo; .&nbsp;. . stammelte sie. Und wieder:
+&bdquo;Corazon!&ldquo; .&nbsp;. . mit hingebenden Lippen. Seine
+Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander
+geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung
+ineinander verkrampft.
+
+</p><p>Sein Mund spannte sich in allen Qualen und
+mit von Küssen halbzerfressenen Worten sagte er:
+&bdquo;Nein!&ldquo; und viele Male: &bdquo;Nein.&ldquo; Und als er
+ruhiger war, kam es ihm in das Bewußtsein, daß
+er sie liebe und daß sie ihn liebe und daß er es immer
+schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die
+Erkenntnis, und sein Blick stieß gegen die Wand
+und kam nicht weiter, und sein Kopf füllte sich schwer
+mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht genug
+sei. &bdquo;Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende
+und Schreiende in meinem Blut geht weit darüber.&ldquo;
+Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff ihres
+Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande
+nach dieser Tat, die endlich soweit vorbereitet war,
+und indem er davon sprach, sprühte das Aufleuchtende
+der Meere und Flotten vor seinen Augen auf
+und raste in grellroten Kreisen über ihn: &bdquo;Ich will
+den Bassa nicht nur jagen, aufhängen, schinden,
+weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fraß
+und Isabella, die eine Verwandte ist, schändete
+und seinen Leuten ließ zwei Wochen lang. Seit
+ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn
+Gedanken packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede
+Phase des Kampfes, mag er sein vor Venedig, bei
+Cadix, in Marokko .&nbsp;. . ich weiß wie eingebrannt
+im voraus die kleinste Schwankung des Gefechts.
+Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn nicht im Traum
+schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so
+umkreist, daß ich jede Narbe an ihm kenne, daß ich
+mehr von ihm weiß wie von mir. Der Name
+Bassa Yousouf macht mich blind. &mdash; &mdash; Ich fahre
+heute nacht.&ldquo;
+
+</p><p>Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem
+Haar. Sie ließ ihn, denn sie begriff das Heiße in
+ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz umschloß,
+aber sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz,
+als er sich aufriß und sie nicht nahm und sie brennend
+verließ.
+
+</p><p>Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie
+mit Gold, als käme er von einer Liebesnacht.
+
+</p><p>Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein
+wenig gepreßt schon von Jasmin, aber der Mond,
+der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine
+flaue Dämmerung hing zwischen den Masten.
+
+</p><p>Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem
+Schatten einer Mauer, nahm ihn und landete im
+Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg
+am Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch,
+jemand schoß eine Pistole in das Schweigen. Sofort
+rasten Männer über den Steg und schlugen mit
+langen Stäben die Sklaven wach, Ketten rasselten,
+am Vorderdeck sammelten sich dunkle Haufen,
+hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa
+blitzten die Offiziere.
+
+</p><p>Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu
+sechst an jedem Ruder zweihundertvierzig Sklaven.
+Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur sechsten
+Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet.
+Die letzten und die Massen Soldaten auf der Proda
+erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen und
+Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten
+die blutunterlaufenen Hunderte Augen um
+ihn. Er schrie sie an:
+
+</p><p>&bdquo;Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine!
+Dazu habe ich euch gekauft. Das wißt ihr. Ihr
+werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags.
+Dafür spritzt ihr das letzte Blut aus den Nägeln.
+So ist dies ausgemacht. &mdash; &mdash; Ihr sollt noch mehr
+haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen
+ist, sei jeder frei. Jeder kriegt tausend Maravedis.
+Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr bekommt
+Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist.
+Ich gebe euch die Offiziere zum Schinden frei,
+wenn ich falle und sie hindern euch. &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Er hob den Blick zum Himmel. Denn das
+Schweigen schwelte dumpf unter ihm. Die Augen
+der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert
+Lichter auf den Bänken.
+
+</p><p>&bdquo;Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus
+Yousouf Bassas Harem. Eine braune und eine
+helle. Am selben Abend noch .&nbsp;. . &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf.
+Grunzende Töne johlten herauf. Schreie rissen sich
+los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund.
+Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen
+zurück, glänzend wie Fische im Wasser. Viele
+knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen
+zu ihm winkend oder den Kopf auf den Steg legend,
+daß er darauf trete.
+
+</p><p>Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten
+hoch. Eine große Fanale senkte sich über die Poppa.
+Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen.
+Fünfhundert Rücken warfen sich mit vorgestreckten
+Armen zurück, zogen sie an, Ruder schäumten durchs
+Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge schnellte
+die Galeere aus dem Maul des Hafens in das
+leichte blaugelbe Band, das über dem Wasser lag
+und Horizont war. Links und rechts zwei Zungen
+stießen nach.
+
+</p><p>Von drei Vorderdecks blies man: Benedito
+sea Dioz.
+
+</p><p>Die Sonne ging auf.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie
+kamen eines Abends an. Eine Goelette legte an
+bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie
+fuhren in die Nacht zurück. Am nächsten Tage
+fingen sie ein paar holländische Segler, die in der
+Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und
+Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San
+Sebastian.
+
+</p><p>&bdquo;Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast
+setzen und ihn nachts im königlichen Garten aufpflanzen&ldquo;,
+sagte Las Casas zu seinen Offizieren,
+und sein Gesicht zuckte, während seine Hände mit
+den besten Perlen spielten, die er zu einer Kette gebunden
+hatte und indem seine Gedanken um den
+Nacken Juanas flossen.
+
+</p><p>Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf
+der Proda. Aus dem Korb rief einer und meldete
+etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte.
+
+</p><p>Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille
+mit gekappten Masten. Die Besatzung fehlte; nur
+einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und
+schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig
+geworden. Ihre Ladung war Florentiner
+Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen
+waren sie überfallen worden. &bdquo;Hui&ldquo;, rief einer,
+auf einem nackten Widder-Gallion reitend, immer:
+&mdash; &mdash; &bdquo;die Weiberchen&ldquo; und schälte mit einem Nagel
+an dem Horn. Man ließ sie weiter treiben. Man
+war auf der Spur. Mittags brannte es neben der
+Munition.
+
+</p><p>Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der
+Abend war ruhig, und es ging kein Löffel Wind.
+Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch.
+Las Casas saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige
+Stille und das maßlos blaue Meer, auf
+dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken
+davon lösen, aber es legte sich über ihn. Er befahl
+zu musizieren, die Offiziere warnten. Doch er ließ
+die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das
+Meer aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut
+war wie das Hüpfen einer kleinen Welle gegen das
+Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit
+tausend Stimmen: Juana! anschrie.
+
+</p><p>Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette
+zu senden und löste sie von seinem Gürtel und warf
+sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge.
+
+</p><p>Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den
+Zaffarin-Inseln. Sofort meldete es von oben:
+&bdquo;Zwei Gallionen.&ldquo; Las Casas kletterte selbst hoch,
+beschirmte die Augen. Es waren Mudjaren und
+Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste herunter.
+Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie
+schäumend, und die Ruder überschlugen sich. Immer
+rascher raste seine Stimme, die selbst den Takt sang.
+Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze.
+Doch trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon
+so dicht herangekommen, daß die Soldaten anfingen,
+in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken
+bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein
+Vorsprung verschluckte sie. Die hinterste hißte eine
+Fahne. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;: Schwarz, ein goldener
+Arm mit einem Säbel und ein Totenkopf &mdash; &mdash; &mdash;
+die Flagge der Hauptschiffe Yousoufs.
+
+</p><p>Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte
+einen großen Araber und ließ ihn hinrichten (er
+wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein Blut
+in einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen
+die Füße lief.
+
+</p><p>Er betrachtete sie genau während des Vorgangs.
+Doch es erschien kein Ausdruck auf ihren von
+Stumpfheit abgefeilten Gesichtern.
+
+</p><p>In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe.
+Fortwährend gingen Signale hin und her. Am
+Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften
+Biegungen durcheinander. Von der Mitte einer
+Insel schoß in Abständen ein weißliches Feuer hoch.
+Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das
+Wasser.
+
+</p><p>Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen
+auf der Poppa. In der Dunkelheit
+konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter
+von dem Bassa und konnte ihn nicht fassen. Die
+Sklaven ruderten die ganze Nacht in Schweißwolken
+gehüllt. Es roch noch nach Blut.
+
+</p><p>Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch
+dunkel war, nach verschiedenen Seiten durch. Sie
+hörten auf den Galeeren nur ein fernes Brausen,
+als streiche ein großer Vogel mit der Brust über
+das Wasser.
+
+</p><p>Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres
+Forcas zu. Die andere Galeere schwamm eine
+Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die
+Lichter löschen, Anker werfen und ruhen. Denn
+ihm schien das Tempo Las Casas&rsquo; wahnsinnig.
+
+</p><p>Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione.
+Sie hetzten den ganzen Tag, verloren sich, fanden
+sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie.
+Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß
+das Dunkel sie weg. Die Nacht kreuzten sie vor
+dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise
+treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen.
+Sie sprangen hinüber. Am Mast stand
+ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte
+mit weißer Glut. Die Planken waren gesprungen.
+Der Türke war mit nassen Stricken an den Baum
+gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der
+Hitze und ihm das Fleisch eingeschnürt, bis es geplatzt
+war.
+
+</p><p>Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen
+machten. Da sprang einer vor und deutete in sein
+Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten
+ihn an dem einen grünen Auge. Sie
+schnitten ihn los, aber seine Haltung, die ihre Wut
+durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude
+ihnen selbst verächtlich erscheinen ließ, bewahrte ihn
+davor, daß sie an ihn rührten.
+
+</p><p>Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas.
+Als sie ihn nicht fanden, brachten sie den Bassa
+nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er.
+Das Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur
+Exekution führte.
+
+</p><p>Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas&rsquo; größter
+Ehrgeiz, dem er sie opferte, von einem Subalternen
+blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie
+empfand es, als hätte man ihren Körper beschmutzt,
+und schien sich gering geworden.
+
+</p><p>Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der
+Gefangene um und sagte kalt: &bdquo;Ist es zum Tod?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja!&ldquo; .&nbsp;. . brüllten ihm zehn ins Gesicht.
+
+</p><p>Da spie er ruhig den Henker an.
+
+</p><p>Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor.
+
+</p><p>Von Las Casas keine Spur. &mdash;
+
+</p><p>Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile
+eine Fregatte in den Hafen. Ein Kapitän stand
+vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land,
+eh er nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte,
+die Silber aus Mexiko und Gold aus Peru brachte,
+ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn
+verfolgte, geschlagen habe. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Der Hingerichtete war nicht der Bassa
+gewesen .&nbsp;. .
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses,
+über dessen Bühne ein Stück von Moreto
+ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von
+Zeit zu Zeit auf sie ein. Sie folgte angestrengt den
+schwerbeladenen Szenen und bat in der Zwischenpause,
+als ein burleskes Entremes wie eine klebrige
+Kette von Küssen sich vorne erhob und sie zu sehr
+belästigte, den Grafen, sich neben sie zu setzen.
+
+</p><p>Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie
+dann, an was sie denke. Sie antwortete nicht,
+sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer.
+
+</p><p>&bdquo;Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so
+enttäuschen&ldquo;, sagte er dann und legte die Hand auf
+ihren Fächer.
+
+</p><p>Sie sprach sehr nachlässig: &bdquo;Bei Gott, was
+habe ich gehofft?&ldquo; .&nbsp;. . und wagte nicht aufzusehen.
+
+</p><p>&bdquo;Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine
+niederschlagende &mdash; &mdash; Komik ausgelaufen sind .&nbsp;. .
+wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in
+die Knutscherei des Zwischenaktes.&ldquo;
+
+</p><p>Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das
+Spöttische seiner Mundwinkel besiegte sie. Sie
+brauste auf: &bdquo;Was wollen Sie mit Las Casas?&ldquo;
+
+</p><p>Er hob die Achseln: &bdquo;Casas .&nbsp;. . toll .&nbsp;. . Aufschwung
+.&nbsp;. . ziellos ehrgeizig .&nbsp;. . jung, jung! &mdash; &mdash;&ldquo;
+Quijadas Stimme klang kühl, klang gerecht. Er
+fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie
+Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach
+ihn einmal höhnisch: &bdquo;Neid.&ldquo; Er schüttelte
+nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den
+Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr
+selbst, denn es waren Schmerzen, die ihr nicht wehe
+taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und haßte
+ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich
+in der Wirkung, aber scharf und zergliedernd
+und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über
+Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen
+auf das unerträgliche Heiß ihrer Haut legten
+und irgendwas Luft ihr einblase, die wohltuend in
+sie ströme, wo sie am Ersticken war.
+
+</p><p>Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an,
+daß er schweige, weil sie plötzlich begriff, daß seine
+Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in der
+Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der
+klare und starre Intellekt seiner Worte überschwemmte
+sie. Sie fühlte in einer wohligen Apathie,
+wie er das Heiße, das Begeisterte und das
+ungenau, aber groß Aufstrebende in ihr wie zwischen
+zwei Fingern langsam zerquetschte und Las
+Casas&rsquo; Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte
+und verschieden beleuchtete, bis seine Silhouette
+klein vor seinen Worten stand und er phantastisch
+und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam
+und beschämt in der Schwankung der Ereignisse
+und sich das Bewußtsein dahinein verstrickte,
+daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt
+einer Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen
+und Wandlungen dieser Dinge, zürnte sie Quijada
+nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust
+der Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete.
+Sie hörte ihm gern zu.
+
+</p><p>Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte
+sie, wie sehr blond er war, und sie zwang sich, daß
+es ihr gefiel. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem
+Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei gelbe Segel
+kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander
+zu und schnitten sich wie zwei Säbel.
+Dann kam eine Barchette mit singenden Sklaven
+vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter
+auf das Wasser .&nbsp;. .
+
+</p><p>Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham
+ergriff sie leicht über die Worte und Gedanken des
+Tags vorher wie über eine geheime und später sich
+mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände
+vor das Gesicht .&nbsp;. . und tat sie rasch hinweg, daß
+ihre Blicke groß gegen den ungeheueren Horizont
+schlugen .&nbsp;. . und da empfand sie deutlich wieder,
+in dieser Minute, daß dieser, daß er trotz allem
+&bdquo;O Las Casas!&ldquo; dessen Ehrgeiz an fremden Küsten
+wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne
+als alles, was an sie herankam. Sie dachte an
+Quijada, und es schien ihr jetzt, als sei er nur wie
+ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen
+Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre.
+
+</p><p>Später kam Quijada. Er sprach wieder über
+Las Casas. Er sprach nie über sich oder über sie.
+Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen
+in der Beziehung auf das eigene Ich ganz und
+allein Wesen und Eigenes der Frau ist und weil
+sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie
+das Verschmähen ihres Besitzes um einer Tat willen,
+sie bis zu den äußersten Grenzen der Idee entflammt,
+ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren
+Wort eine Nichtachtung des Bluts erscheint &mdash; und
+wie sie nur aus gekränktem Eros heraus denken
+können und tun .&nbsp;. . so empfinden sie, unbewußt vielleicht,
+vielleicht oft, immer &mdash; es ist möglich und
+einerlei &mdash; den Haß des Mannes auf den Mann
+als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über
+alles umronnen stehn von ihrem Blut!
+
+</p><p>Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas
+Grausamkeit gegen diesen lockte ihr Blut. Seine
+Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz,
+der (es schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an.
+
+</p><p>Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen
+Gärten.
+
+</p><p>Von unten herauf kam ein Offizier in Gala,
+grüßte und ging nach dem Palast.
+
+</p><p>&bdquo;Las Casas .&nbsp;. .?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Beruhigen Sie sich!&ldquo;
+
+</p><p>Sie sah ihn an.
+
+</p><p>Bleich.
+
+</p><p>Da sagte er heiser: &bdquo;Las Casas!&ldquo;
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere
+vor ihm .&nbsp;. . öffneten den Vorhang. Er
+stand vor dem König.
+
+</p><p>&bdquo;Sie?&ldquo; sagte der.
+
+</p><p>Las Casas verbeugte sich.
+
+</p><p>&bdquo;Warum kommen Sie?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Der Prinz ließ mich rufen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Duell .&nbsp;. .?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen
+den Prinzen) nannte ihn irgendwas. Ich
+schlage mich für den Prinzen.&ldquo;
+
+</p><p>Der König winkte ab.
+
+</p><p>Langsam drehte er sich um und schaute durch
+das Fenster.
+
+</p><p>&bdquo;Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König
+ihm das Gesicht zu, nahm einen verzierten Dolch,
+schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und
+sagte gütig und klar:
+
+</p><p>&bdquo;Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas lächelte verzerrt und ging.
+
+</p><p>Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis
+er in den Eckraum kam, den ihm der Prinz überlassen
+hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen,
+der die Galeere kommandiert hatte, die den falschen
+Bassa fing.
+
+</p><p>Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem
+Lächeln, verlegen und geschmeichelt auf ihn zukam,
+griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf einem
+Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen
+Armen ihm zu vor ihn. Er rief ihm gleichzeitig,
+daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme für
+seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden,
+nicht wußte, was das war, befahl er ihm, den einen
+Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr
+hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex
+von fassungsloser Enttäuschung.
+
+</p><p>&bdquo;Holländische Münzen .&nbsp;. . ge .&nbsp;. . fäl .&nbsp;. . schte .&nbsp;. .
+Molinillos &mdash;?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit
+anderem als mit einer &mdash; Imitation belohne?&ldquo;
+
+</p><p>Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht
+geschlagen war. Er stemmte sich auf, als wolle er
+den Beutel wegwerfen.
+
+</p><p>Da begann Las Casas&rsquo; Gesicht zu zittern: &bdquo;He,&ldquo;
+tief er, &bdquo;Herr!&ldquo; &mdash; und es klang wie der Ton
+eines der krummen Hörner an einer königlichen
+Barchette: im Befehl unabwendbar .&nbsp;. . und es
+knickte den Zornigen. Er ging mit hängenden
+Armen.
+
+</p><p>Las Casas promenierte noch über eine Stunde
+in der Kühle des Korridors, bis die Herren kamen,
+ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn
+umarmte. Das Rendezvous war in einem gesperrten
+Teil des Gartens zwischen einer Fontäne
+und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß
+nach wenigen Minuten seinen Gegner durch den
+Nabel mitten durch, daß der Herzog von Medina-Sidonia
+mit liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung
+nicht unterlassen konnte, daß an der Stelle,
+da ihm das Leben geworden sei, es wieder verströme.
+
+</p><p>Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die
+Löwen. Ihre Augen wurden grün vor Gier. Es
+pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen.
+Dann brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins
+in ein erschütterndes Gebrüll aus &mdash; durch
+die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper
+rasend dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen
+kitzelte.
+
+</p><p>Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum
+Palast, traf Las Casas auf Juana und Luis Quijada,
+der sich um sie bemühte. Sie war auf eine
+Bank zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand
+sie auf.
+
+</p><p>Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl.
+
+</p><p>Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten
+einen gleichen in hetzenden Takten selig geschwellten
+Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper aufeinanderdrangen
+und sich umschlossen, obwohl sie
+sich nicht bewegten .&nbsp;. . und wie wenn ihr Blut
+aus den Adern presse, heraustrete und ineinanderströme.
+
+</p><p>Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte
+von irgendwo her, von der Seite her? &mdash; &mdash; &mdash; neben
+ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die
+Stimme Quijadas:
+
+</p><p>&bdquo;Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu
+Ihrem Erfolg heute &mdash; &mdash; wie ich ihr Unglück bedaure
+&mdash; sonst.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas&rsquo; Blick fuhr an ihm vorüber wie an
+einer Wand. Drehte die Schultern, entblößte seine
+Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an
+Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die
+Hand. Sie sahen sich in das Weiße. Dann ging er.
+
+</p><p>Nach drei Schritten wieder bog er um: &bdquo;Graf
+Oropesa, .&nbsp;. . Sie sagten .&nbsp;. . vielleicht, daß Sie
+mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt,
+Ihre Segler zu rüsten.&ldquo;
+
+</p><p>Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle
+spielte, sagte scharf, den Schnurrbart kauend: &bdquo;Sie
+haben mir nicht den Gefallen getan, mich für diesen
+Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären.
+Auch im Großzügigen wie in der Verachtung
+weiche ich Ihnen nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung
+haben, jetzt .&nbsp;. . gleich .&nbsp;. . sofort &mdash; Auf
+Wiedersehen.&ldquo;
+
+</p><p>Er machte eine schwache Geste nach dem Meere
+und ging.
+
+</p><p>Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen
+nahm, brachte ein Diener ihm einen Brief von ihr.
+Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder.
+Nur dieses: &bdquo;Komm &mdash;!&ldquo;
+
+</p><p>Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd:
+&bdquo;Komm!&ldquo; Es fielen ihm ein die Abende im
+Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor
+Sehnsucht wie der Horizont und darüber erschrak,
+zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn so, daß
+er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er
+sich selbst empfindend, langsam zurückkehrte in die
+Umgebung und sich gewaltig zufammenraffte und
+toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb:
+
+</p><p>&bdquo;Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen,
+wo ich Dich aufschob bis nach dem Erfolg. Ich
+müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs.
+Du aber wärst feig, wenn Du nachher mich nicht
+verachtetest.&ldquo;
+
+</p><p>Aber in der Dämmerung fand er sie in dem
+Garten. Sie spannte die Arme nach ihm. Da
+fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte
+und die verbotene, selbstversperrte Sehnsucht
+in einem knabenhaften Weinen in ihren
+Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre
+Schenkel, und sie sagten kein Wort. Doch er warf
+ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ,
+lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein
+Mund.
+
+</p><p>Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte,
+erhielt er ein Billet. Er erbrach es am Ufer noch,
+einen Fuß in der Barchette.
+
+</p><p>Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil
+das Dunkel ihr Blut quälte, und raste nun nach
+ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl!
+auf den Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein.
+
+</p><p>Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte
+ein ganz kleiner Hucker mit unmäßig geschwellten
+Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann
+stand darin. Warf einen Brief herauf.
+
+</p><p>Sie schrieb: &bdquo;Ich liebe .&nbsp;. . Deinen Stolz .&nbsp;. .
+die Härte .&nbsp;. . warte &mdash; trotz alledem. &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die
+Augen rot &mdash; eine überreife Frucht. Die Lippen
+hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie
+eine weiße Falte lag der Mund in dem Gesicht.
+
+</p><p>Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen
+an den beiden Abenden, die folgten, ins sinnloseste
+betrinken. Er schenkte es ihnen.
+
+</p><p>Zehn Tage später liefen die drei Segler des
+Luis Quijada aus.
+
+</p><p>Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden.
+
+</p><p>Juana hielt die flachen Hände an die Brust
+und fing den Herzschlag auf darin und warf ihn
+den Galeeren nach.
+
+</p><p>Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte
+sie auch sein Fehlen doch, da sie ganz allein war.
+Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen
+sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr
+das Kühlende seines Hasses. So glaubte sie.
+Manchmal erschrak sie.
+
+</p><p>Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer
+Donner sich sammle, wie wenn ein Bergwerk
+einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus
+dem glatten Himmel sause irgendwo. Und sie
+bedauerte, daß sie nicht tiefer hören könne, und
+streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf,
+höher .&nbsp;. . und ward straff gegen jeden Anprall und
+scharf wie eine Lanze.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Bandieren und Standarten spannten sich auf
+Las Casas&rsquo; Galeeren. Morgens und abends
+bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das
+Meer wechselte blau und grün. Gegen Mallorka
+zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende
+Monde auf dem Grund. Die Sklaven ließen die
+Ruder und beugten sich über die Geländer und
+starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie
+zu prügeln, und sie krochen wie die Hunde zurück.
+
+</p><p>Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer
+Seide mit Las Casas&rsquo; Wappen in Granaten bestickt.
+Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht
+vorüber.
+
+</p><p>Bei der Insel Galita war eine Falle für den
+Bassa gelegt. Zwei kleine Segler mit Lamawolle
+und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden
+nachts, lautlos.
+
+</p><p>Las Casas kreuzte ganz Tunis ab.
+
+</p><p>In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische
+Caramuzzals ein, die völlig braun waren
+und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten.
+Sie schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus
+kleinen Kanonen. Beim Entern sprang ein Mann
+zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott
+lobend. Las Casas ließ ihn trotz dem Geplärr in
+Ketten legen. Die anderen schlug sein Henker mit
+der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten
+wurden auf die Ruderbänke geschmiedet. Die
+Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere
+stach die Sonne zusammen.
+
+</p><p>Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang
+(sein Blick hatte den gewöhnlichen Wahnsinn der
+Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn langsam
+totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder.
+Das fiel vor ihm hin und nannte sich einen Franziskaner
+aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten
+war. Er küßte die Füße Las Casas&rsquo;, und als der
+ihn nach dem Versteck des Bassa fragte, heulte er
+auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß er
+den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches
+gab er singend die Weisungen für das Schiff.
+
+</p><p>Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und
+versprach ihm straflose Freiheit, wenn sie den Bassa
+fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe seines
+Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei
+&mdash; &mdash; &mdash; für den anderen Fall. Der Renegat allein
+lobte nur Gott.
+
+</p><p>Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den
+Bassa überraschen sollten, sahen sie eine gelbe Caramuzzal
+in einem schönen Bogen eine Mauer von
+Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von
+beiden Seiten wurden sie mit Brandpfeilen und
+glühenden Eisen überschüttet.
+
+</p><p>Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert
+Soldaten aus, fing und erschlug eine Anzahl
+Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe
+Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene
+Nubier saßen vor des Bassas Kajüte.
+Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige
+Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein
+stehendes Lager und den Harem hätte.
+
+</p><p>Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten
+Morgen. Sein Herz ging hoch, als ob er ganz
+dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten.
+Die Galeeren sollten so lange kreuzen.
+
+</p><p>Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer.
+
+</p><p>Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner
+seine Hymnen, bis ihm ein Offizier mit einem Koran
+als Knebel das Maul verstopfte.
+
+</p><p>Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren
+sie, daß am Abend der Bassa in aller Flucht vorbei
+gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer
+und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu
+weisen, obwohl sie schrien und sich wehrten aus
+Furcht.
+
+</p><p>Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender
+fiebervoller Ring wälzte der Himmel sich um den
+Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in
+der Luft wie Sand. Sie mußten die Augen senken,
+und das Blut zog sich ihnen wie gefroren im Kopf
+zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos
+wurden, schrien plötzlich etwas, rannten
+ein Stück in die leichten Dünen und verbeugten
+sich .&nbsp;. . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen
+Laut. Nur das war: wie wenn der grünliche
+Schlauch am Himmel sich langsam um sie zusammenziehe.
+
+</p><p>Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte,
+zündeten Feuer an und stellten Wachen aus. Die
+Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf
+der einen Seite die Männer, auf der anderen
+Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne scharf
+in die Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen
+in die Arme. Dann spielte die Muschel
+allein. Auch sie schwieg.
+
+</p><p>Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte,
+daß es Zuversicht sei. Er wußte (ganz unstreitbar),
+daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie
+war zu zweifeln? .&nbsp;. . Juana? Er würde sie dann
+in fiebernden Händen besitzen.
+
+</p><p>Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper
+zitterte unter dem Gedanken.
+
+</p><p>Er hob den Kopf. &mdash; Ja .&nbsp;. . Bisamrosen hatten
+um die Bank gestanden und geduftet. Und Nelken.
+
+</p><p>Sehr scharfe Nelken. &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von
+Beduinen um das Lager und senkte seine Lanzen
+in die Körper, die herumlagen. Las Casas banden
+sie und einige andere, trennten ihn von ihnen und
+ritten mit ihm die Nacht durch und den ersten
+Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein
+Kamel. Sie gaben ihm Stutenmilch dieser Tiere.
+Er trank es nicht. Mittags ritten sie weiter. Rötlicher
+Nebel schoß vor die Sonne und glühte die
+Kehlen aus.
+
+</p><p>Die Wüste war flach, ein wenig gewellt. Dann
+ritten sie eine hohe Düne herunter. Ein Park von
+Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grün stand
+um ein paar Bäume und einen Brunnen. Las
+Casas trank Wasser. Abends fragte er, ob sie ihn
+zu Yousouf brächten. Sie grinsten: Nein &mdash;! Da
+wuchs alle Kraft in ihm und durchbebte ihn wieder.
+
+</p><p>Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier:
+&bdquo;Gute Stute .&nbsp;. .&ldquo; Denn seine Hände waren gebunden.
+Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er
+schritt durch Gewölbe und Gänge und stand in
+einem Zimmer, plötzlich, mit hellgelben Steinen,
+zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saßen.
+Eine Laterne stand auf dem Tisch, Wein, Brot,
+Früchte.
+
+</p><p>Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schönen
+bärtigen Türken. Sie verhandelten über sein Lösegeld.
+Während sie sprachen, senkten des Türken
+Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las
+Casas&rsquo; Hand hoch, ein wenig. Sein Dolch lag
+auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. &bdquo;Gib
+dir keine Mühe!&ldquo; lächelte der Türke. Der Marques
+hatte die Waffe schon gepackt. Er sauste mit einem
+heftigen Sprung durch die Tür. Er sauste gegen
+einen dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen
+aus Zorn und kehrte ruhig zurück. &bdquo;Ich sagte
+es dir&ldquo;, achselzuckte der Türke, ein bißchen beleidigt.
+
+</p><p>Allein er ließ ihm den Dolch.
+
+</p><p>&bdquo;Sag mir das eine!&ldquo; fragte der Marques scharf.
+&bdquo;Bin ich bei Yousouf Bassa?&ldquo;
+
+</p><p>Der andere lächelte: &bdquo;Nein.&ldquo;
+
+</p><p>Sie einigten sich über das Lösegeld und Las
+Casas blieb allein. Es ging schon gegen Morgen.
+Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann.
+
+</p><p>Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür
+war nicht verschlossen und er sah keine Wache. Er
+stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel
+eines Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog.
+Es roch modrig. Von Zeit zu Zeit merkte
+er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber
+er mied sie. Plötzlich fühlte er Schwindel, und
+die Furcht, daß er sich im Kreise bewege, zog ihm
+das Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel,
+wie er bleich ward und schlug hastig den Gang in
+einen Kreuzstollen ein, der das Gewölbe durchbrach.
+Als er ein paar Minuten sich die Wände entlang
+getastet hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab,
+eine Dämmerung schwoll auf, leichte Helle lockte,
+und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes,
+das größer wurde und ihm entgegenströmte im
+Nahen und Mond ward .&nbsp;. . und ihn hinauszog auf
+einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht.
+
+</p><p>Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt
+in der Mitte, als schwämmen sie auf dem
+Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen
+blitzende Strahlen Quecksilber.
+
+</p><p>Las Casas schlich über den taghellen Hof, an
+die Mauer geduckt und von dem schmalen Gurt
+ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen
+zwei Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah
+hinein.
+
+</p><p>Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und
+schaute müd und regungslos dem Spiel eines
+jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben
+eine Zeit so. Innen der Türke in das Betrachten
+versunken, der Marques fand nicht den Augenblick,
+sich von dem Posten geräuschlos zu lösen.
+
+</p><p>Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob
+die Augen. Die Augen mußten über das Fenster
+.&nbsp;. . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in
+die Luft, Glas splitterte, ein Dolch schlug neben
+Las Casas&rsquo; Kopf vorbei durch die Scheibe und verlor
+sich zischend und blinkend nach den Brunnen.
+
+</p><p>Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine
+Blicke faßten plötzlich eine dunkle Öffnung in dem
+hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen
+Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht
+und glatt. Während er suchte, fing ein runder
+Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er
+auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtbälle
+tauchten auf und spielten mit dem ersten. Sie
+glitten übereinander und vermehrten sich, bis die
+eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte
+Las Casas, die Wände seien Spiegel. Er
+suchte noch einmal nach einer Öffnung, aber er
+fand keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in
+die Augen. Da hieb er mit einem Aufschrei bebend
+vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles
+Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es
+einen Ruck, eine Öffnung, durch die er schritt fünf
+Schritte bis in sein Zimmer.
+
+</p><p>Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte
+herein. Sie betrachtete ihn lang und eingehend.
+Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort,
+ihn anzusehen.
+
+</p><p>Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte:
+&bdquo;Ich kann mit dir machen, was ich will.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas zuckte die Achseln.
+
+</p><p>&bdquo;Wenn du mich liebtest&ldquo;, meinte sie nach einiger
+Zeit ernst und überlegen, &bdquo;kostete es dich den Kopf.
+Zwei, drei Schnitte .&nbsp;. .&ldquo; .&nbsp;. . sie fuhr sachlich mit
+dem Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah
+ihn an, als ob sie immer mehr über ihn erstaune.
+
+</p><p>Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der
+Marques die Linien ihres Körpers nach und wandte
+sich langsam nach der Wand.
+
+</p><p>Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und
+brannten ihr Bild in die Mauer. Sie war sehr
+schön.
+
+</p><p>&bdquo;Mein Vater hat sieben Monde&ldquo;, fuhr ihre
+Stimme fort, &bdquo;ich habe den Alten schlagen lassen,
+dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und
+dich.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr.
+Da fuhr ein Lachen mit tausend süßen Spitzen in
+ihr Gesicht: &bdquo;Alle Querstollen führen in den Hof&ldquo;,
+lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie
+ihm vor das Gesicht. Dann lenkte sie ab: &bdquo;Deine
+Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht sehr
+braun .&nbsp;. .&ldquo; Sie strich mit der Handfläche neugierig
+und schauernd über seinen Hals.
+
+</p><p>Der Marques packte ihre Hand und warf sie
+mit spitzen Fingern zurück. Sie zog sie erstaunt
+an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms
+und senkte den Kopf schräg. Sie war enttäuscht
+und drohte ihrem hellbraunen Spielzeug überrascht:
+
+</p><p>&bdquo;Wenn ich will, kann ich dich an das Bein
+einer Kamelstute binden lassen, die nach Tripolis
+geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules
+Wasser zum Trinken. Oder du mußt Sand scharren
+im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem Kopf
+stehen und durch die Nase lachen.&ldquo;
+
+</p><p>Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen.
+Rasch flog ihr Fuß aus dem Pantoffel, das Bein
+schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und
+zupfte ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las
+Casas schlug mit der Hand hart auf den Fuß, der
+sich zurückzog.
+
+</p><p>Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich
+gering gemacht und wie ein Schwein oder gleich
+einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang
+auf ihn zu und drückte sich an ihn und strich ihm
+über den Arm und den Hals. Sie begriff ihn
+nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er
+warf sie, während seine Finger die ganze Schönheit
+ihres Körpers begriffen und im Gefühl bewahrten,
+ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen
+die Wand, stieß einen kleinen spitzen Ruf aus, zog
+ihr Tuch bis unter die Augen und ging.
+
+</p><p>Einmal noch floh Las Casas.
+
+</p><p>Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit
+vielen Begleiterinnen dunkelblaue Bohnen und
+Winden begoß.
+
+</p><p>Er wußte nun, daß er ganz &mdash; wie ein Tuch und
+ein Stein &mdash; in ihren Händen sei. Aber die Erniedrigung
+war nicht tief genug, daß er sich tötete.
+Er spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam
+zu. Einmal setzte sie sich auf seine Knie
+und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff
+und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr.
+Um so stärker aber stieg das Bewußtsein der Berufung
+in ihm.
+
+</p><p>Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er
+sie abschüttelte, obwohl sie sah, wie seine Lippen
+brannten.
+
+</p><p>Doch langsam sahen Las Casas&rsquo; Augen sie nicht
+mehr. Sie sahen trüb aus wie Zisternenwasser.
+Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte
+es drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren
+Finger vor die Pupille und stieß danach. Sie
+brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm
+der Stern auf dem Weiß.
+
+</p><p>Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien
+eingeritzt standen, und flüsterte an sein Ohr: &bdquo;Palast-Plan
+.&nbsp;. . Palast-Plan&ldquo;, bis er begriff und ihn
+vor ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine
+List.
+
+</p><p>Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den
+Lippen. Sie küßte ihn auf den Mund und sah
+ihn traurig an: &bdquo;Was willst du?&ldquo; Der ganze
+Körper bat.
+
+</p><p>Da floh er.
+
+</p><p>Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels,
+glitt über Terrassen und Galerien und tauchte in
+einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog.
+Seine Hände führten ihn tastend die Wand entlang.
+Er schritt minutenlang. In Abständen
+waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen
+hatten. Einige waren aus einem porösen Stein,
+andere völlig glatt. Er streichelte seine Hände
+kurz und stolz: &bdquo;Kluge Hände&ldquo;. Ein Übermaß
+von Freude stand ihm bis zum Kopf, bereit, durch
+Mund und Augen übermäßig aufzuspringen. Plötzlich
+packte er einen Auswuchs und empfand im
+gleichen Moment, daß seine Hand in einer Zahnreihe
+lag. Er half mit der anderen und erschrak,
+wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhöhlen
+verschwanden, die feucht waren und sich
+anklebten. Da faßte er fest zu, brachte die Augen
+nahe und merkte, daß es ein Ornament aus Gips
+sei. Wie er aufatmend vorwärts trat und sein
+Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas
+Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen
+die Tür, die hinausführen mußte.
+
+</p><p>Seine Hände aber erkannten die Schönheit
+wieder, die sie einmal gefühlt hatten, und packten
+sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem.
+Da gab er nach. &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die
+um sie kreisten. Er senkte die Augen. Zwei Beduinen
+empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf
+ein Tier und ritten neben ihm. Er hatte den einen
+Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie ihm einen
+Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche.
+Als sie ihn verließen, sagten sie ihm, daß es knapp
+ein Tageslauf sei.
+
+</p><p>Er hielt sie an.
+
+</p><p>Er hielt sie an und fragte: &bdquo;Wer war es, der
+mich losließ?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Die Tochter Yousouf Bassas .&nbsp;. .&ldquo; sagten sie. &mdash; &mdash;
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Er wartete, bis sie verschwunden
+waren. Dann hielt er die Hand so, daß sie den
+ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte.
+
+</p><p>Hiermit und so war er fertig mit ihm.
+
+</p><p>Durch die Hand sah er sein Blut. &bdquo;Juana .&nbsp;. .
+ja .&nbsp;. . mein Blut &mdash; &mdash; unser Blut &mdash;&ldquo; schrie er und
+stachelte den Hengst mit dem Dolch.
+
+</p><p>Moos spann sich grau über die Wüste. Kranichzüge
+rauschten über ihm. Endlos blendeten die
+weißen Kaktusfelder in der Ferne.
+
+</p><p>Ein Tuareg begegnete ihm.
+
+</p><p>Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen
+hielten sich so fest, daß ihre Hände sich nicht
+rührten.
+
+</p><p>Endlich: Bäume .&nbsp;. . Bäume! Eine Allee.
+Orangenallee .&nbsp;. . Er fiel vom Pferde, umarmte
+es, tanzte und küßte die dampfenden Flanken des
+Tiers. Am nächsten Tag fand er die Galeeren.
+Am gleichen Mittag rannte eine Patrouille von
+ihm zu Yousouf und bat ihn um eine offene
+Schlacht. Der Bassa schlug ein und bezeichnete
+den Platz.
+
+</p><p>Sie stachen sofort los. Las Casas kam in
+Streit mit den Offizieren. Er trieb die größte Eile
+an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle
+sein wollte. Denn er mußte auf jeden Fall die
+Stellung an der Küste haben, damit er den Feind
+gegen das offene Meer hatte und so Flucht eine
+Unmöglichkeit sei und auf diese oder jene Form
+dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere wollten
+erst Wasser aufnehmen in einem Hafen, der nahe
+lag. Doch Las Casas sagte, daß sie nach der
+Schlacht Wasser genug haben würden hier oder
+da, und er wies auf das Meer und in die Richtung
+des Hafens; da schwiegen sie, denn er lächelte
+dabei.
+
+</p><p>Die Sklaven hatten ausgehöhlte Gesichter und
+knirschten, als die raschen Takte des Vorsängers
+ihre Muskeln zu angespannten Zügen zwangen.
+
+</p><p>Las Casas ließ sie schlagen und stand auf dem
+Vorderdeck, unbeweglich, den Blick auf das Meer
+ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen
+in das ruhige Wasser.
+
+</p><p>Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm
+wie zwei Segel, die ihn nach der endlichen Tat
+hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er
+wenig und kaum. Nur dies eine erfüllte ihn. Ein
+Lächeln, fast spöttisch, kräuselte seinen Mund. Er
+schüttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz
+durchfuhr ihn stürmisch und sengte seine Augen.
+
+</p><p>Er drehte sich und es war ihm, daß einige
+Bänke die Ruder weniger tief streckten und so den
+Lauf hemmten, und er ließ auf einer erhöhten Bühne
+mitten auf dem Steg zwischen den Bänken mit
+Sklaven zwei Neger hinrichten. Die nächsten
+schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern
+stand Wut.
+
+</p><p>&bdquo;Wasser .&nbsp;. . !&ldquo; brüllte ein langer Portugiese und
+drohte. Las Casas lächelte ruhig und sehr gefaßt
+und ließ ihm das Halsblut der Neger reichen.
+
+</p><p>Er fühlte einen starken Sturm in sich, der ihn
+hob, schwellte und maßlos mit sich selbst erfüllte,
+daß sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und
+seine endlos beschwingten Gefühle über alle Schicksale
+hinausstiegen und der Tod ihm nur ein geringschätziges
+Spiel (wie mit Masken) erschien.
+
+</p><p>Am Abend stellten sie sich auf für den folgenden
+Tag.
+
+</p><p>Früh riß die Sonne den Himmel tiefrot auf
+und färbte das Wasser so. Und als bedrücke das
+Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner
+Seele, horchte er in sich hinein und fand wie ein
+Pizzicato in der Ruhe seines höchsten Geschwelltseins
+den Gedanken an Juana und riß ihn heraus
+und maß ihn mit den letzten Erlebnissen und der
+Idee seiner Tat. Die Kartaunen des Vorderdecks
+lösten sich schon. Die türkischen Caramuzzals umsprühten
+die Galeeren mit glühenden Kugeln. Eine
+zischte zwischen die Ruderer und verbrannte sie. Es
+roch nach versengtem Fleisch. Die nächsten heulten
+auf und ließen die Ruder.
+
+</p><p>Da ließ Las Casas die Hörner blasen.
+
+</p><p>Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine
+Schlinge fiel vom Hauptmast. Sie legte sich um
+den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und
+schwang ihn, der sich verrenkte und mit den Armen,
+die Hände zu Fäusten gekrallt und die Zeigefinger
+nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen über
+das Schiff.
+
+</p><p>Pfiffe rasten über die Decke. Alle Ruder hoben
+sich und schäumten auf die Caramuzzals ein.
+
+</p><p>Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana
+ganz aus sich. Nur die Tat sollte sein. Er stand
+auf der Poppa und suchte die größte Caramuzzal.
+Eine Flagge deckte sie: Rot mit sieben schwarzen
+Monden.
+
+</p><p>Endlich: Yousouf! &mdash;
+
+</p><p>Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so
+war es von der Sonne durchtränkt.
+
+</p><p>Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung,
+in der durchbebtesten Ekstase seines Lebens
+den Gedanken an Juana zu töten. Eine wahnsinnige
+Freude durchschwang ihn. Er hatte den
+Dolch durch den Mund gezogen. Seine Hände
+hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle
+Kanonen entluden sich und schrien gegeneinander.
+
+</p><p>Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und
+brüllte etwas mit leuchtenden Augen zurück, was
+das Getöse verschluckte. Las Casas sah ihn an.
+Und als hätten die nicht gehörten Worte etwas
+gelockert, als hätten sie ihn das gefragt, um was
+er rang, brüllte er dem Jungen zu (der ihn nicht
+verstehen konnte) die Arme um das Rad, mit Lippen,
+die sich zerrissen an dem Dolch im Mund:
+
+</p><p>&bdquo;O alles .&nbsp;. . hätte ich auf den Bauch geschmissen
+Dreck gefressen, drei Monate oder vier .&nbsp;. . wären
+meine Gedärme zerfetzt daran .&nbsp;. . hätte ich den
+Bart säubern müssen des Bassa jeden Tag von
+Eiern und Speisen und schlechten Küssen, wäre
+ich stinkend geworden und nach Übelem riechend
+und hätte ich keine Zähne mehr im Mund und wäre
+ich gewesen wochenlang beschämt bei alten Weibern,
+die hängende Brüste hatten und Riemen von Adern
+aus den Gliedern quellend .&nbsp;. . o, alles nichts,
+klein, sehr klein, &mdash; &mdash; &mdash; kein Lachen .&nbsp;. . keinen
+Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen
+Moment, gegen dieses Steigen &mdash; &mdash; &mdash; und was
+Juana ist &mdash; &mdash; &mdash; was ihr Andenken ist .&nbsp;. . es
+wiegt nicht so viel, daß ich es nur so sage, nicht
+einmal mein Brüllen ist es wert .&nbsp;. .&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Nun hatte Las Casas Ruhe für seine Tat.
+
+</p><p>Seine Lippen zuckten zerrissen.
+
+</p><p>Ehrgeiz füllte seine Augen, daß sie grün blitzten.
+
+</p><p>Die Offiziere standen um ihn.
+
+</p><p>Blut rann über sein Gesicht.
+
+</p><p>Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer
+nach rechts. Geknarr und Erschütterung knirschte
+auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal
+Yousoufs, deren Geländer sie weggerissen hatte.
+Dunkle Massen strömten hinüber.
+
+</p><p>Mit einem Lächeln (dies war sein Tag), ganz
+ruhig stand Las Casas auf der Poppa. Sein Gesicht
+war hell und stet wie eine Fahne.
+
+</p><p>Aber dann: &mdash; &mdash; als er hinübersprang und sah,
+wie Bassa Yousouf mit vielen Kugeln durch den
+Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben
+und vorbeitrugen dicht an ihm .&nbsp;. . kniete er, wo
+er stand, nieder, warf sich auf den ersten Toten,
+der aus der Brust blutete, küßte die Brust &mdash; &mdash; &mdash;
+und stammelte: &bdquo;Juana&ldquo;. Stammelte: &bdquo;Juana&ldquo;.
+Nichts weiter. Nur dies.
+
+</p><p>Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas
+betrachtete ihn genau. Er sah seiner Tochter ähnlich
+.&nbsp;. . die Wolke über der Stirn .&nbsp;. . die Braue
+und der Nasenflügel .&nbsp;. . Las Casas erstaunte über
+die Leiche. Er wußte nichts damit anzufangen. Er
+roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen,
+fiel ihm ein, waren auch dabei. Er fuhr
+mit den Fingern in die Wunden des Bassa und
+untersuchte sie.
+
+</p><p>Dann zuckte er die Achseln und trat zurück.
+
+</p><p>Der junge Offizier kam und küßte ihm die Hand.
+
+</p><p>Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren
+traten auf ihn zu: Sie seien stolz .&nbsp;. . unter ihm .&nbsp;. .
+dieser Sieg &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa .&nbsp;. .
+Er strich die Stirn: Ja. Er lag da. Auf der
+Poppa .&nbsp;. . tot? .&nbsp;. . Tot!
+
+</p><p>Stolz hob seine Schultern. Freude überflammte
+ihn. Es war die erste Tat im Reich. Gewiß. Er
+hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios.
+
+</p><p>Die Sonne ward schon gelb und stieg.
+
+</p><p>Dann sprang er zurück auf dem Hinterdeck und
+gab das Signal zur Abfahrt.
+
+</p><p>Ein Schrei der Wut peitschte über das Verdeck.
+
+</p><p>Offiziere hoben die Hände, bestürmten ihn:
+&bdquo;Teilung der Beute .&nbsp;. . Ruhe .&nbsp;. . Soldaten .&nbsp;. .
+die Sklaven seien ausgelaugt.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas stemmte sich hoch: &bdquo;Wir fahren!&ldquo;
+
+</p><p>Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen.
+
+</p><p>Niemand sprach.
+
+</p><p>Sieben türkische Caramuzzals waren erobert
+worden, auf die Soldaten verteilt wurden. Die
+Gefangenen mußten rudern. Ein Schiff trug den
+Harem.
+
+</p><p>Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten,
+sprangen den Leuten Arme und Lippen auf. Die
+Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten
+kaum.
+
+</p><p>Weißglühende Wut schwelte in den Augen der
+Soldaten.
+
+</p><p>Las Casas saß auf dem Vorderdeck, wo der
+Wind ihn zuerst kühlte. Die Leiche Yousouf Bassas
+lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal
+auf ihr, dann sogen sie sich wieder glühend, brennend
+in den Horizont fest. Er freute sich über die Tat.
+Aber er begriff nicht mehr, daß er über Juana weggesprungen
+sei wegen ihr. Er fühlte sie so um sich,
+als könne er ihre Umrisse mit den Händen fassen.
+Es war unmöglich &mdash; wie konnte es sein, lachhaft
+und kindisch? &mdash; daß er sie dreimal verschmäht hatte.
+Er blickte auf den Toten. Es war doch so. Doch
+er verstand die Wichtigkeit dieser Tötung nicht
+mehr.
+
+</p><p>Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns
+zu mäßigen. &bdquo;Die Leute verrecken vor Durst. Die
+Zungen kriechen ihnen wie böse Tiere aus den
+Mäulern,&ldquo; sagte heftig der junge Offizier.
+
+</p><p>Las Casas ließ ihnen die letzten Rationen austeilen.
+Das Tempo blieb das gleiche. Es ward
+Nachmittag.
+
+</p><p>Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. &mdash;
+
+</p><p>Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserfläche
+einen Garten voll Lauben und Gerüchen und
+eine Nacht darüber, mit Sternen dicht verschnürt,
+in der er sie besitzen wollte. Es nahm ihm den
+Atem. Es preßte alles beiseite. Er mußte ohne
+einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er
+schob den Toten mit dem Fuß zur Seite, da er ihn
+plötzlich haßte, weil er in ihn die Ursache verlegte
+(die in seiner eigenen Brust saß), daß er Juana
+verschmäht hatte.
+
+</p><p>Da brüllte es hinter ihm plötzlich wie aus einem
+Ventil: &bdquo;Wasser!&ldquo; Es war ein gellender, trockener
+Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner
+Nähe. Aber dort brach es aus: &bdquo;Wasser!&ldquo; .&nbsp;. .
+und schlug hinüber und zündete und an hundert
+Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mündern.
+Die Augen waren ihnen stier geworden, und die
+weißschweißigen Gesichter brannten.
+
+</p><p>Las Casas&rsquo; Hirn schob blitzschnell den Gedanken
+vor: Gefahr! Sein Bewußtsein packte zu und begriff
+dumpf, daß ihm ein Hindernis entgegentrete.
+Rote Wut schüttelte ihn. Er sprang vor:
+
+</p><p>&bdquo;Schmeiß,&ldquo; schrie er, &bdquo;Geschmeiß,&ldquo; und wieder:
+&bdquo;Vieh .&nbsp;. . Ihr wollt weniger tun, Hunde, wo ich
+mehr Eile habe. &mdash; Sklavenführer, aufs Vorderdeck!
+.&nbsp;. . Die Riemen in die Peitschen gezogen .&nbsp;. .
+Zehn Takte rascher gefahren im Viertel der Stunde.
+&mdash; Den Bankersten die Bastonade!&ldquo; .&nbsp;. . Seine
+Stimme war wieder beherrscht geworden. Die
+Riemen klatschten über die Rücken.
+
+</p><p>Die ganze Nacht ließ er sie mit Wasser begießen,
+das sie kühlte und ihren Schweiß wegschwemmte.
+Allein das Meerwasser biß scharf in ihre Wunden,
+daß sie schrien über das Geschenk.
+
+</p><p>Am Morgen stand einer auf als Deputat: &bdquo;Wir
+können nicht mehr.&ldquo; Niemand hörte auf ihn.
+
+</p><p>&bdquo;Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns
+auf den Bauch diese Zeit. Dann streifen wir das
+Schiff wie einen flachen Stein übers Wasser.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Einen halben Tag .&nbsp;. .&ldquo; johlten die anderen.
+
+</p><p>Der Deputat drohte: &bdquo;Wir brechen die
+Ruder .&nbsp;. .&ldquo; Da gab Las Casas Befehl, ihm,
+dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge
+aus dem Munde zu nehmen und ging hinunter, die
+Zähne in den Lippen und bleich. Denn es schmerzte
+ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten
+nur ein Wollen, das wie ein ungeheueres Zittern
+daran hing und auf alles niederfiel, was es sperrte:
+&bdquo;Juana!&ldquo;
+
+</p><p>Er ließ den Sklaven Wein geben. Das
+Geringe berauschte sie. Die Galeeren zogen
+rascher.
+
+</p><p>Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Mäuler
+aufgesperrt, aber noch entfeuert.
+
+</p><p>Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender,
+bis einer schrie:
+
+</p><p>&bdquo;Weiber &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Langgedehnt zog der Laut über das Schiff. Eine
+Stille schob sich nach, die alles preßte.
+
+</p><p>Dann rasten alle in die Höhe und hämmerten
+ihre Ketten gegen die Bänke:
+
+</p><p>&bdquo;Dein Ver&mdash;spr&mdash;e&mdash;e&mdash;e&mdash;chen .&nbsp;. . am selben
+Abend .&nbsp;. . zwei .&nbsp;. .
+
+</p><p>Schuft! &mdash; &mdash; &mdash; Du .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen.
+Die Aufseher peitschten sie mühsam wieder
+an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich ineinander
+verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem
+Fleisch.
+
+</p><p>&bdquo;Ihr werdet sie haben, eh&rsquo; der Tag &rsquo;runter ist.
+Wenn ihr euch eilt, Bande! Dann sind wir in
+Cartagena.&ldquo; Las Casas&rsquo; Stimme klang knapp,
+unendlich beherrscht.
+
+</p><p>&bdquo;Es ist gelogen, ist erlogen .&nbsp;. . Hund!&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas ließ sie.
+
+</p><p>Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden,
+erschrak er. Es blitzte ihm durch den Kopf &mdash; er
+müsse den Abend in Cartagena sein &mdash; &mdash; um alles.
+
+</p><p>Er ging auf dem Deck herum und zerbog die
+Hände ineinander, bis er den letzten Entschluß sich
+abgepreßt hatte.
+
+</p><p>Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem
+Harem herüberzuschaffen. Er wußte (in brennendster
+Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems
+beim Umladen nach der Schlacht gesehen
+hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste waren
+kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte
+rund mit Gold gemalt. Sie sollten vor ihnen
+tanzen, daß sie rascher führen.
+
+</p><p>Alle mußten hinuntersteigen.
+
+</p><p>Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und
+Las Casas.
+
+</p><p>Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven
+die Gesichter weiß wie die Planken, die Augen
+rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las
+Casas&rsquo; Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze.
+
+</p><p>Dann fingen die Boote an hinüberzufahren
+zur Caramuzzal, die den Harem trug. Die Wächter
+hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend
+vor Scham und Schmerz, wie irgendwo
+einem Geifer aus dem Maul rann, während er
+blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in
+Strömen aus dem Gesicht. Sie sahen aus wie
+Pilze, auf die plötzlich Tau fällt.
+
+</p><p>Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel
+auf die Schiffe. Die Gesichter waren ins Unkenntlichste
+verzerrt. Wo manches Nase oder Mund
+sonst war, saß nun eine Falte der grausamsten
+Qual.
+
+</p><p>Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er
+tat, empörte seine Seele. Er schlug die Arme übereinander,
+daß sie ihm die Brust einbogen, biß die
+Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte
+vor Zorn über sich. Er flüsterte: &bdquo;Juana&ldquo; und
+empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte
+den Abend in Cartagena sein (er kam den Abend
+nach Cartagena) oder wahnsinnig werden oder
+zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen
+diesen Willen.
+
+</p><p>Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der
+Männer. Dabei empfand er, wie die Galeere mit
+erstaunlicher Geschwindigkeit flog.
+
+</p><p>In der drückenden Stille hinter seinem Rücken
+bohrten die achthundert Augen sich auf die Caramuzzal,
+an der die Boote gerade anlegten. Ein
+silbernes Horn (wie rein es scholl zwischen den
+Masten und gelben Segeln!) hob sich mit zartem
+Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief
+einmal (wie klang sie jung und nach Andalusien!):
+&bdquo;Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas wandte sich nicht um.
+
+</p><p>Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen
+von einem Gedanken und hob den Arm mit einem
+raschen Mal streng und senkrecht .&nbsp;. . niemand
+wußte, wollte er Einhalt rufen oder winken.
+
+</p><p>Doch die Geste wirkte unsächlich.
+
+</p><p>Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus
+allen Brüsten lösender Schrei über die Galeere hin.
+Es war zu viel.
+
+</p><p>Einer der Sklaven hatte Las Casas&rsquo; Bein gepackt.
+Las Casas verschwand unter der gebeugten
+Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos,
+und flog wie ein Ball auf die andere Seite. Sie
+warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links. Vierzig
+auf der anderen Seite. Einer senkte seinen
+Mund auf seinen Hals. Ein anderer schlug seinen
+Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann
+blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf,
+Gefangene, erschlugen die Offiziere, befreiten sich
+und vergaßen ihn über ihrem Gelage.
+
+</p><p>Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte
+im Horizont auf.
+
+</p><p>Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind
+herauf. Drei Schiffe mit roten aufgebauschten
+Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven
+wurden überwältigt. Luis Quijada kam herüber
+von seinem Segler. Denn er war es.
+
+</p><p>Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert
+um die Reeling hängen. Die Leiche Las Casas&rsquo; ließ
+er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner Fanale.
+
+</p><p>Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen
+und bestieg die Caramuzzal, die des Bassas Harem
+trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig
+Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein.
+Die anderen schenkte er seinen Soldaten. Darauf
+stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen
+Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajüte mit
+lackiertem Mahagoni und Zitronenholz. Sie hatten
+sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit
+ihnen und sie tranken gemächlich mit ihm, der
+lächelnd und zärtlich scherzend mit ihnen sprach,
+zutraulich Kakao und Orangenwasser.
+
+</p><p>Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward
+Abend, als sie in Cartagena einliefen. Große
+Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte
+kommen. Das Banner Las Casas&rsquo;, Quijadas,
+das von Kastilien und die rote Fahne mit sieben
+Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana
+stand am Steg.
+
+</p><p>Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht
+und ans Land gestellt. Quijada folgte.
+Las Casas&rsquo; Kopf erschien, wie einer das Tuch hob,
+unter der weißen Fanale, auf der sein Wappen
+stand. Um seine Stirn saß festgebissen mit einem
+dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie
+ein schlechter Heiligenschein.
+
+</p><p>Juana taumelte.
+
+</p><p>Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung
+wieder in sich selber ein. Und da sie nicht
+allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern
+das Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie
+um den Liegenden herum und raffte ihr Gesicht
+auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer
+über einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz
+auf Luis Quijada zu und legte ihren Kopf an seine
+Brust.
+
+</p><p>Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche
+ihrer Entschlossenheit, aber er tat doch den
+Arm um sie, denn er hielt sie nicht für schlechter
+als die drei Besten aus seinem Harem.
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_201" name="page_201">Yup Scottens</a></h2><p>
+
+
+</p><p class="first">Yup Scottens wette niemals. Sie wüßten es
+alle.
+
+</p><p>Das Blut steige ihm noch röter unter das breit
+und tot herabfallende Haar. Er schlage auf den
+Tisch. Jedesmal würde er auf den Tisch schlagen,
+wenn wieder einer vom Wetten spreche.
+
+</p><p>Also schweige man davon.
+
+</p><p>Ob Yup verheiratet sei?
+
+</p><p>Nein.
+
+</p><p>Und es würde besser sein, auch danach nicht zu
+fragen.
+
+</p><p>Leise höchstens, ganz leise könne man davon erzählen.
+
+</p><p>Tim Porker müßte dann die Beine vom Tische
+nehmen. Denn ihr Ledergeruch würde stören. Und
+dann hätte er heute morgen den einzigen Kartoffelacker
+hinter der Farm gedüngt. Kinder, man sei
+ja nicht so, aber Tim müsse diese Lederranzen von
+den Füßen nehmen und sie vor die Tür stellen.
+Noch weiter, zwanzig Meter vom Haus weg .&nbsp;. .
+so .&nbsp;. . und auch dann stänken sie noch. Aber
+weniger, Gott sei Dank, und auch weil Ralf den
+algerischen Tabak rauche, wegen dem man allein
+fünf Jahre in der Fremdenlegion sein könnte.
+Selbst wenn man kommandiert würde .&nbsp;. . Oder
+doch nicht, nein .&nbsp;. . nicht .&nbsp;. . Aber komisch, wo
+er den Tabak herbekomme, Ralf brauche nicht wegzusehen,
+warum denn auch. Yup Scottens wüßte
+manches davon, und wenn er wieder da sei, in drei
+Tagen wohl ungefähr &mdash; denn schließlich sei er doch
+der beste Reiter &mdash;, er würde möglicherweise davon
+erzählen. Ralf sollte doch schweigen. Es sei ein
+Irrtum. Yup hätte an manchen Abenden beim
+einsamen Feuer am Rande der Kordilleren mehr
+erzählt, als sie wüßten und dächten. Alle miteinander.
+
+</p><p>Tim Porker müsse auch die Strümpfe ausziehen.
+Es ginge nicht anders. Frischgedüngte
+Äcker brächten auf so verfluchte Gedanken, röchen
+einem an mit Erinnerungen. Boys! wer hörte die
+gern! Nach den Sternen speien nachts durch die
+blanke Kühle, hundertmal denselben Büffel anschießen,
+eh man ihm die Kugel ins Ohr brennt,
+Mestizen an den Beinen aufhängen, daß die Köpfe
+wie Früchte platzten, Kinder, ja, alles, gern &mdash; aber
+nicht an frischgedüngte Äcker denken!
+
+</p><p>Tizzy solle nach den Koppelungen sehen. Ob die
+Pferde fräßen. Büffelmist solle hereingekehrt werden
+und sparsam auf das schwelende Feuer gelegt
+werden. Morgen werde es schneien, es werde tagelang
+schneien.
+
+</p><p>Ralf solle seinen Schnurrbart kauen und ihm
+die Pfeife geben. Wie? Yup werde länger brauchen?
+Yup wisse, daß nur für vier Tage zu essen da sei.
+In vier Tagen werde Yup den Transport herbringen.
+Heiho! Yup.
+
+</p><p>Ganz andere Fahrten hätte Yup gemacht.
+
+</p><p>Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott.
+Und wenn sie morgen früh einen Tunnel nach seinen
+Stiefeln machen müßten durch den Schnee, die
+Stiefel blieben draus.
+
+</p><p>Ein glühender Tag sei es gewesen, hinten am
+Gebirg, der plötzlich wie ein Signal an der Eisenbahnstrecke,
+die Yup drei Tage von hier kreuzen
+müsse &mdash; also der wie ein Signal umgeklappt sei
+in eine stechend kühle Nacht. Sie hatten auf dem
+heißen Felsen gelegen. Die Knochen hätten gebrannt,
+das Hirn geglüht, aber sie hätten gefroren.
+Der Schein des Feuers wäre die Felswand hinaufgeklettert,
+aus der sternüberhängten Nacht hätte ein
+Fuchs gebellt, spitz und lang auslaufend. Manchmal.
+Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm erzählt,
+warum er nichts hören könne vom Wetten. Manches
+habe er schon früher geahnt, denn Yup habe dies
+schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm aber
+auch erzählt, warum er nicht verheiratet sei trotz
+dem Ring an seinem Finger. Yup habe ihm alles
+erzählt. So:
+
+</p><p>&bdquo;Er war fünfundzwanzig Jahre, Yup Scottens,
+und hatte ein schönes Geschäft. Es war seine Erfindung,
+auf Emailleschilder eine grüne Schrift
+anzubringen, die abends leuchtete. Die Fabrik lief
+famos. Yup bastelte an neuen Erfindungen, ritt,
+spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren
+Leute, ähnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte
+Schuhe an den Füßen &mdash; ich sehe dich nicht an,
+Tim Porker &mdash;, aber sonst waren sie wie wir, hatten
+knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell
+säuberlich in eine Ecke hin, fuhren sechs Tage,
+immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau
+durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich,
+und keiner wußte anders, als daß sie zusammengehörten,
+einer zum nächsten, jeder zum
+andern, sich herausbeißen würden und ginge der
+letzte Zahn zum Teufel, immerfort, daß sie beisammen
+bleiben müßten. Stets.
+
+</p><p>Nun lernte Yup eine Miß kennen, die Laura
+hieß. Ein komischer Name &mdash; aber er verliebte sich
+in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst
+ging er Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei
+Abenteuern; trotzdem er den Weibern gefiel &mdash; er
+sagte es nicht &mdash;, aber er besaß früher eine volle
+Brust, ich sah es, und schöne Beine. Jetzt allerdings,
+ja, jetzt sind sie nach innen gebogen und
+haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht,
+Kinder, Yup hatte gerade Beine, jetzt aber sind
+sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist.
+
+</p><p>Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist
+auch egal. Hat ein wenig gestottert und mit einem
+glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe weggeschaut,
+denn er hat sich, glaub ich, geschämt. Ihr
+begreift das nicht, kann euch auch einerlei sein.
+Ich habe einen Stein nach einem Fuchs geschmissen,
+der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt.
+
+</p><p>Yup Scottens verlobte sich nun mit Miß Laura
+und ging alle freie Zeit zu ihr. Die anderen begriffen
+das nicht. Sie hatten das Gefühl, als sei
+etwas aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup
+Scottens. Sie versuchten ihn wieder zu bekommen.
+Aber er erschien nur noch selten. Dann erzählte er
+von den Haaren der Miß Laura. Das war ihnen
+langweilig, begreiflicherweise.
+
+</p><p>Da sprach eines Abends, wie Yup da war, einer
+von dem neuen Postzug, der über tausend Meilen
+laufe von Morgen bis Sonnenuntergang. Man
+hatte die eigenartigsten Sicherungen angebracht,
+um Anschläge und Überfälle zu vermeiden. Patentschlösser
+wie Signalschellen nach den verschiedenen
+Waggons und gleichzeitig zu den Stationen rückwärts
+und voraus schnitten Diebstähle ab. Das
+Personal kontrollierte sich selbst mit Stechuhren
+.&nbsp;. . Jeder kannte andere Schwierigkeiten. Einige
+widersprachen und sagten, Eingriffe seien doch möglich.
+Nun stand einer auf und erklärte, daß es unmöglich
+sei, überhaupt an den Zug heranzukommen,
+da er die ganze Strecke laufe ohne Anhalt. Von
+früh morgens bis abends ohne Station. Blinde
+Passagiere seien bei dieser Kontrolle ausgeschlossen.
+Nun standen sofort zwei Parteien gegenüber. Yup
+schrie natürlich mit denen, die behaupteten, man
+könne blind fahren. Man drängte zum Austrag,
+einige schlugen Wetten vor. Plötzlich ward es stiller.
+Nur Yup schrie noch. Innerlich dachte er nicht
+daran, es zu tun, was er in der Möglichkeit der
+Ausführung verteidigte. Einige versuchten, ihn auf
+seine Behauptungen festzunageln. Yup lacht noch
+scherzend. Da fiel wo das Wort &bdquo;verlobt&ldquo;. Und
+mit einem Male stand wie eine Fahnenstange aufgerichtet
+die Tatsache da, daß Yup fahren würde. Daß
+er die tausend Meilen fahren werde als blinder Passagier
+gegen den simplen Einsatz von hundert Dollars.
+Mehr als dreihundert war die Strafe, wenn man
+ihn erwischte, und einige Tage Gefängnis dazu.
+
+</p><p>Yup Scottens ging den Abend zu Miß Laura,
+küßte sie auf das Haar und dann auf die Augen
+und sagte ihr, daß er am Morgen mit dem Zug
+verreisen müsse für ein paar Tage. Dann schlief
+er auf seinem Sofa ein wenig, bis die anderen kamen.
+Sie machten aus, daß einer in dem Expreß, der
+dem Postzug in kurzem Abstand folgte, nachfahren
+solle. Hatte Yup die Endstation erreicht, ohne gesehen
+zu sein, und den Zug ebenso verlassen, hatte
+er gewonnen.
+
+</p><p>In der Dämmerung gingen sie an sechzig Meter
+von der Station am Gleise entlang und legten
+sich hin. Yup kauerte sich etwas weiter an den
+Damm und legte das Ohr auf die Erde. Ganz
+langsam wickelte der Zug, der sehr groß war und
+den drei Lokomotiven zogen, sich aus der Halle und
+setzte gerade bei Yup die erste Geschwindigkeit ein.
+Yup hatte seinen Rock ausgezogen, um freie Arme
+zu haben. Yup trug damals noch einen Rock, aus
+dem ein Stück blitzendes Hemd herausschaute mit
+Knöpfen drin, wie ihr es bei den Herren seht, wenn
+wir im September zur Kommission hinunterreiten.
+Er warf ihn dem Partner zu, der ihn im Expreß
+verfolgte, und griff fest nach dem Ende eines Wagentrittbretts.
+Dann machte er eine Drehung und saß
+darauf. Der Zug raste bald, Yup hing am Brett,
+dann legte er sich längs auf den Bauch, aber trotzdem
+blies ihn der Wind fast herunter. Er sah,
+daß er so nicht bleiben könnte. Später würde der
+Zug noch rascher fahren, in einer halben Stunde
+würde es hell sein und von jeder Station würde
+er signalisiert werden. Stöhnend und ohne Atem
+vor Wind schob er sich vor. Er preßte sich fest auf
+das Holz. Keine Muskel durfte nachlassen. Das
+Gesicht strich, während er vorwärts kroch, den
+Schmutz von dem Trittbrett, ein Splitter stach ihn
+in die Wange. Plötzlich wurde der Zug in eine
+Kurve hineingerissen, und Yup flog nach vorn, die
+Beine fielen seitlings herunter, blieben aber auf
+einem Reifrahmen stehen. Den Augenblick benutzte
+er, einen der Bügel am Ende des Waggons zu
+fassen und sich anzuklammern. Die Beine ließ er
+los und schwebte sekundenlang an den Armen
+zwischen zwei Wagen, den Körper mühsam angezogen.
+Er schnellte einige Male mit den Füßen
+nach den Puffern, bis er sie erreichte, griff mit den
+Händen nach und stand nun auf der Kuppelung
+zwischen zwei der langgestreckten Waggons. Der
+Wind belästigte ihn nicht mehr.
+
+</p><p>Rechts und links waren an den Wagenseiten
+ovale Haken, die dazu dienten, die Züge heranzuziehen.
+Er steckte die Arme hindurch, daß
+die Ringe, ihn haltend, in den Achseln saßen,
+mit den Füßen stand er auf den Puffern. Der
+Zug lief hundertzwanzig Kilometer die Stunde.
+Yup dachte, es die zwölf Stunden schon auszuhalten.
+
+</p><p>Yup hatte sehr viel Kautabak mitgenommen
+und kaute stundenlang. Mählich fühlte er aber,
+wie das Blut ihm in den Armen stockte und ein
+Schmerz ihn in den Rücken stach. Doch er kaute
+weiter. In der Nähe der Stationen zog er den
+einen Arm aus dem Ring und bückte sich ein wenig,
+als schaue er nach der Federung des Wagens.
+Dann sah er jedesmal, wie längs dem Wagen
+hinter ihm eine große Gabel vorschoß und die Postsäcke,
+die wie an Galgen hingen, packte und einzog.
+Nie hielt der Zug.
+
+</p><p>Gegen Mittag merkte Yup, wie ihm die Augen
+zuklappten. Er trat von einem Fuß auf den anderen,
+er stampfte auf, bog sich in den Kniekehlen &mdash; langsam
+fielen die Augen zu. Nun stieg Wut in ihm
+auf. Aber der Schlaf war stärker als er, Yup fühlte
+es genau. Wenn er einschlief, fiel er herunter, das
+wußte er. Ganz zuletzt, schon halb bewußtlos, fiel
+ihm ein Ausweg ein. Er löste seinen Gürtel und
+knotete damit mühselig eine Fessel um die Hände,
+nachdem er die Arme durch die Ringe gesteckt hatte,
+Jetzt konnte er unmöglich mehr abstürzen und schlief
+ein.
+
+</p><p>Manchmal wurde er wach, dann schlief er wieder.
+Es wurde kühler. Ein Druck, als hätte er blutige
+Ränder um die Schultern, zwang ihn endgültig
+aufzusehen. Auch im Genick fühlte er nun Schmerzen.
+Sofort fing er an, mit den Beinen aufzutreten.
+Er atmete auf, als es ging, wenn auch schwer.
+Doch die Bewegungsmöglichkeit der Arme schien
+ganz gehemmt. Eine Stunde, noch länger, wippte
+er mit den Achseln auf und ab, hob sich auf die
+Zehenspitzen aus der Spannung der Ringe heraus
+und wieder zurück. Endlich merkte er, daß Blut
+wieder sickernd und schwach den Oberarm hinunterfloß.
+Es war höchste Zeit. Mühselig löste er den
+Riemen von den Handgelenken, als er die Finger
+einigermaßen wieder bewegen konnte.
+
+</p><p>Es war wirklich höchste Zeit, Boys! Denn es
+war Abend. Denkt an den Indianer, der den
+Büffel, auf dessen Rücken geschnürt er hinausgetrieben
+war, qualvoll geblendet und, die Finger
+in seine Nüstern vergraben, tagelang erdrosselt hatte
+&mdash; und den wir schier verhungert an den Hügeln
+fanden .&nbsp;. . so ähnlich ging es Yup. Der Zug
+raste. Die Lokomotiven wurden im Fahren gewechselt.
+
+</p><p>Endlich, endlich pfiff die vorderste Lokomotive.
+Die beiden anderen folgten. Der Zug lief langsam.
+Er stand. Endlich stand er.
+
+</p><p>Yup ließ sich herunterfallen. Voll Öl und
+Schmutz, schwarz, blutend im Gesicht, schien er
+ein Heizer. Er sah schon lange nichts mehr, die
+Augen brannten scharf, er fühlte nur ein heftiges
+Zucken im Kopf. Trotzdem ging er mechanisch in
+das Restaurant, setzte sich auf eine Bank und spie
+seinen Kautabak aus. Dann erst fiel er um.
+
+</p><p>Drei Tage schlief er im Lazarett. Am vierten
+ließ er nach dem Partner aus dem Expreß fragen.
+Er hatte ihn noch nicht besucht. Ärgerlich, daß er
+nicht zu finden war, telegraphierte Yup nach Geld
+und fuhr am fünften zurück &mdash; mit einem Elektrisierapparat,
+den er jede halbe Stunde an seine Schultern
+setzte.
+
+</p><p>Er schellte am Hause seiner Braut, der er telegraphiert
+hatte. Die Verwandten prallten zurück.
+Das Mädchen lief fort und schrie. Man war verlegen.
+Plötzlich brach die Mutter der Braut in
+wildes Weinen aus. Nun sprach sie leis, aber es
+schlug grausam auf Yup herunter.
+
+</p><p>Der Expreß war entgleist. Eine Weiche war
+herumgeworfen worden, aber sie hatte zu spät funktioniert.
+Der Postzug, dem natürlich der Anschlag
+galt, war schon vorbei, der folgende Expreß
+sauste die Böschung hinunter. Unter den halbverbrannten
+Leichen ward eine als die von Yup
+Scottens nach einer aufgefundenen Brieftasche
+legitimiert. Es war Yups Partner, der Yups
+Rock trug. Der Telegraph brauste, die Namen
+der Toten standen an allen Mauern. Währenddem
+schlief Yup, mit gefesselten Händen zwischen
+den Wagen, hängend wie ein Sack. Miß Laura
+war nicht ohnmächtig geworden, als sie hörte, Yup
+sei tot. Aber sie sprach nichts mehr. Sie erkannte
+niemand mehr. Auch Yup nicht, als er zu ihr sprach.
+
+</p><p>Yup streichelte sie und sagte zu ihr, daß er Yup
+sei. Vielemal erzählte er ihr alles. Er erklärte
+ihr den Irrtum. Dann ging er tagelang weg,
+als sie sich nicht rührte, und brütete und wollte sich
+töten. Denn Yup spürte, daß er schuld sei. Hätte
+er ihr erzählt, wie es wahr war, von der Wette
+(Laura hätte ihn lächelnd gewähren lassen, so bitter
+sie nach seiner Abfahrt geweint hätte, aber er wollte
+ihr keinen Kummer machen), hätte Laura gewußt,
+daß die Nachricht von seinem Tod irgendwie ein
+Irrtum sein müsse. So hatte durch seine Unaufrichtigkeit
+sie das überganglose Begreifen des Verlustes
+wie eine Faust mitten in ihr Gesicht getroffen.
+Yup dachte aber auch, daß er nicht hätte
+zu wetten brauchen, daß er es wegen Laura vielleicht
+nicht hätte tun dürfen (darüber war er sich
+allerdings nicht ganz klar, denn Laura hatte ihn
+immer angehalten, den Instinkten seiner Kraft
+nachzugehen, wohl weil sie fühlte, daß ein Versagen
+ihn dumpf auf die Dauer und ungleichmäßig
+ihr gegenüber machen würde), und er fühlte, indem
+er überlegte, daß er nur gewettet hatte, weil
+einer wegen seiner Verlobung seinen Mut bezweifelt
+hatte. &bdquo;Verlobt&ldquo;, hatte einer gerufen, und
+Yup sann so lange über den Klang der Stimme,
+bis er wußte, daß es Gerd Robinson war, der so
+gerufen hatte, aber als er mit dem Revolver zu
+ihm ging, erfuhr er, daß Gerd verschollen sei seit
+dem Unglück. Später fand man ihn.
+
+</p><p>Yup ging nun wieder zu seiner Braut, legte
+ihre Hände zusammen und sagte ihr wieder alles.
+Boys! ich hoffe, daß keiner lacht, denn es wird
+dunkler und ich kann eure Gesichter nur undeutlich
+noch sehen, Boys, &mdash; Yup Scottens setzte sich
+in die Knie und beugte sich nach dem Ohr seiner
+Braut und flüsterte weinend, sie solle ihm verzeihen.
+Laura! stammelte er, ich bin Yup, ich lebe.
+
+</p><p>Aber sie sah starr gerade aus.
+
+</p><p>Tagelang saß Yup bei ihr. Manchmal sprach
+er lange kein Wort. Dann rief er ihren Namen.
+Stundenlang rief er: Laura! Wie ein grüner
+Papagei schreit, rief ers. Da nahm man sie weg
+von ihm; eines Nachts, ohne daß, er es merkte.
+Nach ein paar Tagen verschwand auch Yup. Er
+schlug sich in unsere Gegenden.
+
+</p><p>Einmal vor zwei Jahren war er einige Wochen
+verschwunden. Mitten in der Biberzeit geschah
+es, und Yup verlor die Hälfte seiner Jahreslöhnung.
+Damals war Yup noch einmal bei ihr.
+Niemand wußte es. Es war damals, als er nachts
+oft lachte und den Mestizen durch das Fenster erschoß.&ldquo;
+&mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Man solle nicht zu viel an dem Feuer schüren.
+Es brenne von selbst. Ralf solle mehr algerischen
+Tabak geben. Die Pfeife sei aus. Er brauche
+das Bowie-Knife da drüben. Danke.
+
+</p><p>Es sei ganz dunkel geworden und doch noch so
+früh. Morgen werde man wund und schweißig
+vor Arbeit in der Kälte. Gut, daß die Pferde
+nicht so eng gepflockt seien. Tim Porker solle, verdammt
+und zum letztenmal, das Maul halten.
+So wahr er ihn kenne, er setze ihn zu seinen Stiefeln
+hinaus, bei Gott, in den Schnee.
+
+</p><p>Ob einer wette, daß Yup nicht in vier Tagen
+da sei &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Keiner?
+
+</p><p>Man solle die Tür aufmachen!
+
+</p><p>Weiter!
+
+</p><p>Man solle die Tür ganz weit aufmachen!
+
+</p><p>Maßlos flockte der Himmel auf das bleierne
+Land.
+
+</p><p class="center">Ende
+
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN ***
+
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+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/1/3/7/31376/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
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