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diff --git a/31376-8.txt b/31376-8.txt new file mode 100644 index 0000000..6a66742 --- /dev/null +++ b/31376-8.txt @@ -0,0 +1,4307 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die sechs Mündungen + Novellen + +Author: Kasimir Edschmid + +Release Date: February 23, 2010 [EBook #31376] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + +Transcriber's Note: +Double quotation marks have been encoded as » and «. The Table of +contents has been moved to the front of the book. + + + + + +Die sechs Mündungen + + + +Novellen + +von + +Kasimir Edschmid + + + + +Kurt Wolff Verlag + +Leipzig + + + + +Zehntes bis zwanzigstes Tausend + +Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig + + + + +Hof- Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar + + + +Diese Novellen, die die sechs Mündungen +heißen, weil sie von verschiedenen Seiten +einströmen in den unendlichen Dreiklang +unsrer endlichsten Sensationen: -- des Verzichts +-- der tiefen Trauer -- und des grenzenlosen +Todes -- sind geschrieben zur einen +Hälfte im Herbst Neunzehnhundertdreizehn +und im folgenden März zum anderen Teil. + +Sie sind gewidmet dem + +Doktor Heinrich Simon + + + + Inhalt + + Der Lazo . . . . . . . . . . 1 + Der aussätzige Wald . . . . . 33 + Maintonis Hochzeit . . . . . 69 + Fifis herbstliche Passion . . 99 + Yousouf . . . . . . . . . . . 129 + Yup Scottens . . . . . . . . 201 + + + + +Der Lazo + +Raoul Perten verließ das Haus. + +Seine Füße stiegen die Treppe herunter, er fühlte es und die Bewußtheit des +mechanischen Vorgangs erfüllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl keine +Erregung in diesen Tagen vorangegangen war, und dies erstaunte ihn ein +wenig. + +Es hatte ausgeregnet, die Erde strömte nach den Umwälzungen des Gewitters +aus aufgerissenen Ventilen dankbaren Geruch in die Höhe. Zwischen den +gelben Kieswegen lagen kleine schrägsteigende Dampfwolken, und die +wassergefüllten ungeheuren Dolden der weißen Fliederbüsche betteten sich +schwer, geneigt und getrunken in das Feuchte der Blätter, und als einziges +Geräusch klang das Rieseln seiner ablaufenden Tropfen in der Luft. + +»Das ist alles so einerlei wie ungerecht,« sagte Raoul. »Wenn ich dies so +durch die Nase ziehe, überjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines +maßlosen Flugs. In fünf Minuten aber ist das vorüber und ich weiß nur noch, +daß wir den Abend zu sechs Gängen soupieren, daß Onkel den Louis Schütz +mitbringen wird, daß Blumenthal morgen (was macht es mir?) seinen zweiten +Rekord feiern wird, übermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella mit dem +Russen verschwindet. Und was geht das Wissen da all mich im Grunde an +. . .? Onkel hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, daß man ihn den +Abend drum feiert. Der Präsident wird gegen zwölf wie gewohnt seinen Witz +erzählen. Rosenheim lacht durch die Nase. Mella wird im Orpheum meinen +leeren Platz sehen, sich ärgern oder freuen oder auch nur erschrocken sein. + +Fiele ich dort an der Straßenecke in einen gewaltigen und (oh!) +varietègrünen See oder sauste ich in einen grandiosen Backofen -- -- -- es +wäre objektiv ganz gleich, ich würde mich in dem einen Falle nicht mehr +erstaunen als in dem zweiten oder andere Bewegungen machen, man würde die +Tatsache als eine kleine zwischenakthafte Sensation anständig, vielleicht +graziös aufarbeiten -- -- -- ohne viel Verwunderung . . . nur Onkels +bedauernswerte schwarze Glacès würden einige Tage lang steigen und sinken, +monoton und heftig wie Pumpenschwengel . . . -- Doch dieses +Möglichkeitsausdenken ist sehr langweilig. Monologe sind literarisch. Die +Geste ist verwundert -- alt und blasiert. Bin ich blasiert? Bestimmt? +Ehrlich? Nein! Wenn ich am Sonntag reite, den Dreß spüre, das leichte +Keuchen höre aus der Gurgel des Gauls und von seinem Mundschweiß beschneit +dahänge zwischen Zügeln, Rücken, Gegnern und Welt -- -- -- weiß ich, daß +dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist. Auch wenn wir im Auto den Rhein +hinunterrasen und dann quer über Holland und die mitteldeutsche Hypothenuse +zurück . . . dann sitze ich nicht, Beine ausgeklemmt, weit voraus, das Rad +zwischen zwei Händen hebelnd und von Zeit zu Zeit das kratzende Geräusch +des bewegten Vergasers über das Gehämmer des Motors setzend . . . sitze ich +nicht, braun, die Nase wie ein Akzent über dem eingummierten Gesicht mit +dicken hellbraunen Lederhandschuhen auf dem Apparat -- -- -- vielmehr +irgendwo bin ich darüber, in der Höhe, fliegend (doch keineswegs so wie im +Aero: göttlich und doch gebunden!), sondern aus einer großen Ruhe heraus +gewaltig herunterlugend und das Gefühl ruckweise wie Bissen genießend: Das +weiße Netz der Landstraßen, hell, weiß, flimmernd vor Staub, sei eine +Befriedigung, eine stolze Sache . . . die hellen Schläuche führten alle in +eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden Horizont, dessen unermeßliche +Offenheit anzuschauen so etwas sei wie ein Ziel. + +Allein wenn ich nach außen fasse, nach rechts außen, und den Hebel +zurückschmeiße und -- der Wagen steht, so weiß ich: Alle Chausseen seien +doch nur ineinanderfließend und auf das erste zurücklaufend nicht mehr als +ein stumpf machender Kreislauf und eine Schlange, die sich in den Schwanz +beißt. Mein Rücken sofort dann krümmt sich ein wenig wie im gutsitzenden +Cutaway, mein Bizeps erlahmt in dem Ärmel, der wieder korrekt darüberfällt, +sich erst an der Manschette von neuem erweiternd. --« + +Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel straßenweit und haben den +Vorzug, in abenteuerliche Stimmung zu versetzen und den Weg aufs +angenehmste zu verkürzen, da man sich hierbei des Gehens als physischer +Erscheinung nicht bewußt wird. Daher war Raoul Perten schon tief in die +Stadt hineingekommen. Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz vorüber. +Der Wagen leerte sich beinahe völlig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen +Herren schwebte plötzlich über Raouls Gesicht und sammelte seine ganze +Aufmerksamkeit langsam auf sich. Raoul sah eine Hakennase, von der viele +parallele kleine Adern nach den Augensäcken liefen und sich dort in einem +Chaos von disharmonierenden Linien austobten. Die Ohren waren oval, steif, +fast gespitzt und ganz hell. + +»Mein Junge,« sagte dieser Mann. Es war sein Onkel. Sie reichten sich die +Hand. + +In diesem Augenblick, während dieses Vorgangs, der sich täglich in +unzähligen Variationen, der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fünfzehn +Jahre hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion (denn teils durch Zufall, +einigerseits auch aus einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie in +dieser Zeit kaum einen Tag getrennt gewesen), in der schamlosen +Selbstverständlichkeit und Verbrauchtheit dieser Gebärde vollzog sich, die +gewaltigste Umwälzung in Raouls Leben. + +Er stand da, den Stock auf der Spitze seines Schuhs, ihn oben leicht +drehend, die andere Hand im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde +daran gedacht hatte, sagte wie in einem Trance: »Ich werde ein paar Tage +verreisen, Onkel« und diese Worte erstaunten ihn selbst nicht . . . und wie +er ruhig die Scheine einsteckte, nein, wie er sie ergriff mit drei +gespitzten Fingern, als der Onkel sie ihm reichte und ihn bat, doch +jedenfalls den Abend da zu sein und daß er sich überlegen wolle, ob er auch +mitkomme ohne die Frage, wohin überhaupt . . . da spürte Raoul in einer +großen Erregung schon, wie sich neue Dinge in ihm von diesem seitherigen +Leben schon wieder lösten und andere nachbrachen und in der angegrabenen +Rinne der neuen Erkenntnis weiterrannen -- denn er begriff plötzlich, daß +diese gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur irgendwie seinem +Bizeps korrespondiere, und Mißverhältnis zwischen seiner Situation und +seiner Anlage und Natur klafften ihm klar auseinander. + +Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol zusammen (»Ja! wie +Stanniol« lachte er) und steckte sie in die Tasche. Er wartete, bis des +Onkels Gang, der selbstbewußt und sehr nach außen war, nicht mehr sichtbar +blieb. + +Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege nach Hause. Wie er die Treppen +hinaufsauste, empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens. Wie sollte +er die Existenz seiner Beine im Bewußtsein haben, wo er lief! Er kam bis +unter das Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den Scheinen und legte +sie ganz sachte in ein großes Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und +setzte mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand kam, trotzdem er seit +der Kommunion nie so hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte Spinne +darauf. Worauf er lachte, ein Stück die Treppe hinabstieg, plötzlich +niederkniete auf beide Knie und vor Entzücken einige Male in die Hände +klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach Geld, die im ersten Stock +lagen, packte, was er fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen herunter. + +Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen Zweig von der alten Vogelbeere +und behielt ihn, leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging er. Ging +ohne Erregung, Posse, Sentimentalität. Ging wie ein Passant, der eine +stille Gewißheit hat oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch +nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von einer Stelle, die einem so +vertraut und dadurch so entfernt geworden ist, daß es selbst eine +fabelhafte seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die Komödie einer +Traurigkeit einzureden. Es war ihm, er sehe seines Onkels Schatten über +eine Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein. Er kam auf die +Straße. Da stand eine Laterne, die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen +hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter. Aus einer Abendschule +strömten Kinder, und wie er sah, daß sie begehrlich vor einem kleinen +Bäckerladen standen, kaufte er einen Arm voll klebrige Sachen und warf es +über sie. + +Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn er eilte übermäßig, weil ihm +keineswegs klar war, wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er, und +das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat aus und nahm ihn über den Arm. Es +war dunkel. Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male einen ganz +hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt war, eine saloppe +und originelle Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und er nahm +seinen hellen Mantel, nannte den Menschen seinen Freund und schenkte ihn +dem, der überrascht sich oft verbeugte und vielemals »Sehr geneigt« sagte. +(Er hieß Keybbell und war das an Willkürlichkeiten der Stunde nicht +ungewohnte abonnierte Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf rannte +er weiter und kam an eine Litfaßsäule, die grell erleuchtet war. + +An ihr entschied sich sein Schicksal. + +Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben sogen seinen Blick auf. Seine +Haltung ward mit einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine auseinander +und warf mit einer eigentümlichen Bewegung die rechte Schulter zurück und +ging von dunklen und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden Regen +einer schmalen Wolke hinein, die den silbernen Himmel rasch und scheu noch +überschwamm. + +Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox das Negative des +Mantelverlusts gewissermaßen zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer +neu übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte es nicht, weil ihm +schien, die Zeit der zynischen und geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er +dachte kurz an eine Zigarette. Aber er zündete keine an. + +Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener Brust auf seinen großen +Horizont zu. -- -- -- + +Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck. Zehn russische Polen lagen +im selben Raum mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein feuchtes +Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch zu entschieden war. Denn es war +ihm klar: daß es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten in +irgendwelche Strudel hineinzuwerfen. Daß es vielmehr nötig sei, statt von +einer Mittellage aus unsicher nach zwei Richtungen hin und her zu +schwanken, von ganz unten her und ohne jede Voraussetzung die Welt zu +durchstoßen nach oben hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun und an +sich töten müsse. Das nasse Tuch aber lehrte ihn, daß viel schwieriger wie +die Überwindung größter Leidenschaften der Verzicht sei auf gewohnte +Zivilisierung. Aber er verzagte nicht. Drei Tage darauf nahm er an einem +schmierigen Fest der Polen als Solosänger teil. Sein Bariton ward so zu +etwas nutz, und seine Methode erwies sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen +spielte er täglich Karten mit Hamburger Sträflingen, die noch den +transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes hatten. Er fühlte schon, +daß er steige. Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen hatte. + +Allein seine Haltung viel auf und seine Hände noch mehr. Er beobachtete den +Gang der Matrosen und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel dann die +Unsitte eines Freundes ein, der den rechten Fuß grundlos in einer kleinen +Kurve bei jedem Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit dem +Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf. Seine Hände aber schienen +sofort demokratisch, als er sie einen Mittag lang zum Putzen einer +verschmergelten Maschine großmütig auslieh. Längere Zeit umschlich ihn ein +bärtiger Kerl aus Sachsen und erzählte ihm lange Elendgeschichten in der +Art wie sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei Mark und hörte kaum auf ihn. +Aber er sah gleich ein, daß diese Handlung töricht war, denn sogleich kamen +andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte er auch dies: nahm den Hund +und warf ihn die fettglänzende Treppe herunter. Und hatte nun Respekt. + +Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse zu vollenden, in +diesen Tagen die erste Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte Tiere. + +Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New York. Es enttäuschte ihn nicht, +aber es drückte auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt +gegenüber völlig indifferent. Denn warum sollte ihm das eine größere +Begeisterung oder eine Erweiterung seiner Seele verschaffen, daß hier die +Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren wie sonst. + +Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er bescheidene Straßen sah. +Dort mietete er und dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck. Es gab +zuerst für ihn noch die Schwierigkeit der Sprache, denn von der Schule aus +wußte er wohl, wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht glücklich +mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen erlaubten ihm seine Kenntnisse +noch nicht. Jedoch fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und Bewußtsein +mehr wiege wie planloses Wissen. Er schien Chance zu haben. Da sah er eines +Abends im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht zu fragen, warum. +Er schenkte ihm nur sein Abendbrot, das er in der Hand hielt, und fuhr am +folgenden Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt war ihm zuwider geworden. + +Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen: als Lehrer, +Kindergärtner, Feuerversicherungsagent . . . doch ohne Erfolg. Er begriff, +daß diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie zu bekannt seien, +schlug sich an den Kopf, kaufte einen blauen Leinenanzug und von einem +Nigger eine ölige Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter Schlosser, +Chauffeur und Monteur. Ein Fabrikant fragte einmal: »Kannst du +Milchseparators machen?« Er antwortete, es sei seine Spezialität. Am +nächsten Tag erfuhr er, daß es Blechkonstruktionen seien mit einer +einfachen Mechanik, so daß auf der einen Seite die Buttermilch, auf der +anderen die Butter herausspritze. Er machte am ersten Tag so viel, als die +Mindestzahl der Einlieferung betragen mußte, und bekam für das Stück fünf +Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen weiter fertig. Jeden Tag +hatte er einen Dollar. Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit sei +zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen und deshalb weniger. +Man kontrollierte ihn und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem +Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei Dollars hatte. + +Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er stand auf und fragte. »Auf! +rasch . . .« sagten sie ihm. + +Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt. + +Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er es auch. Ein riesiges +Häuserquadrat stand in Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit roten +Sternen um den Arm, und sie holten überall die Gegenstände des Wertes: +Kassenschränke und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der Inspiration von +Rippenstößen. Man gab ihm fünfzig Dollars dafür. + +Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß auf einer Papierkugel, die +zehnmal so viel wert war. Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die +Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und Umstand seines Lebens von +damals. Er steckte die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche. + +Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen, fünf Tage spannte sich Land an +ihm vorbei, heulte das Dunkel an die breiten Fenster. + +Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er rasierte sich, sprach mit den +Menschen und las. In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den Linden +oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete eine sichere Ruhe aus; doch er +fühlte, daß er, obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden Sausen +sich befinde, das überall um ihn war. Die Bekanntschaften dieser Tage +erschienen ihm interessant wie kaum andere (obwohl er viele kannte, die +faszinierender und berühmt oder bedeutend vor allem waren wie Blumenthal +etwa, der Verse schrieb, Bucheinbände machte und eine Nacht mit einer +ganzen Barbesatzung über Westdeutschland flog). Er empfand eine erstmalige +Anteilnahme an den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten, es +zuckte ihm in den Fingern, von dem zu wissen, was sie ausspie, wohin sie +rannten, was Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff nicht zu. Es +war nicht seine Zeit. Er schnitt alles durch. Stieg aus. + +Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher Haufe Hütten (wie im +geduckten Bewußtsein, nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum. +Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel mit Muscheln besetzt. + +Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen den fuhr er los, drei +Tage lang, im Büffelwagen. + +Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung, und da sie ihm +gefiel, nahm er Stellung als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die +Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau nickte ihm kurz, freundlich +zu. Die Tochter sah ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so dicht, daß +ihr Ärmel den Staub von seiner Schulter fegte. Raoul fand, daß dies seiner +Lage entsprechend sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden gelächelt +hatte, biß er die Zähne zusammen und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte +und ihren Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug. + +Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt: Revolver, Lazo, seidenes +Halstuch. Im übrigen erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über das Leder- +zum Seidenlazo zu kommen, ist die Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt +noch etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich Köstlicheres. +Das ist der Lazo aus geflochtenen Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in +seinen Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins ist, weil er zuviel +säuft und schießt. Denn ein oder zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu +verzichten, um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen dafür, ist eine +Sache, die komplizierter ist als die letzte Wissenschaft oder mit Größe in +den Tod gehn. Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen war stolz +auf ihn, und siehe: breite Silberringe unterbrachen seinen Lauf. + +Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten und nickten ihm zu. Einige +gaben ihm die Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte mit einem knappen +Einknicken der Hüften: »Heinz Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings +selten mit vollem Titel angeredet.« Die übrigen schauten dumm, weil er es +deutsch sagte. Doch Raoul liebte ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das +Originelle der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische +stilisierte Form des äußerlich Verkrachtseins nicht zu. Dagegen schloß er +sich zusammen mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß er im +Augenblick ungefähr im Steigen auf der Höhe angekommen sei, die dieser +Bursche hatte. Nämlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit des Auges, die +den Dingen und besonders dem glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer +bereit und sicher war. + +Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn. + +Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu reiten. Da nahm der Freiherr +die Kugel aus einer Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und schoß +ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein angedrehter Springbrunnen flog das Tier +in die Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der Erde. Wut stieg ihm in +die Fäuste, aber er entkrallte die Hände wieder, faltete sein Gesicht in +Ruhe. Er wußte, er würde in einigen Tagen besser reiten als der Freiherr +und empfand auch dies als Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen. +Aber da die anderen gelacht hatten und das bös war, bat er den Freiherrn, +eine Flasche mit der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt von ihm. +Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe an und hielt sie, und Raoul +bluffte sich damit in alle Achtung und Bewunderung zurück, daß er +seelenruhig zum Hals hinein und den Boden heraus schoß. Und keiner lachte +mehr. + +Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst von der Farm ein Buch. Er hob es +auf. Longfellow: Hiawatha . . . Helen stand vor dem Hause und knotete ihre +Zöpfe auf. Und er vergaß sich und redete das erstemal zu ihr, und gegen +seinen Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene Formen +wieder in ihm auf, und er sprach, daß er das Buch gefunden hätte und daß er +wisse aus seiner frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und daß er es ihr +bringe; denn er glaube, daß es nur ihr gehören könne und fürchte, sie hätte +diesen Verlust als einen besonderen Schmerz empfunden. Und hier sei es nun. + +Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen und ihrem schwer beherrschten +Erstaunen, daß er in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr +sich selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen habe. Er merkte, daß +es in ihm wüte, sah, wie sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem +Körper, grausam und langsam wie Quecksilber sich hebt, bis er die Richtung +seiner Augen traf. Da sagte sie: »Danke.« + +Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus Zorn gegen sich. Er schlief +nachts schlimmer als die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte und +betrank sich hin und wieder. + +Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin, das tat ihm wohl. Sie kam +freundlich, und er wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber sie +nahm ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts, während er von Europa +sprach und sie Washington dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in einem +Pensionat interniert war, und sie sprach französisch und er entgegnete +ebenso, doch sie fragte ihn nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch +leichte Aufträge, halb Wünsche mehr mit ausgeprägtem Akzent. Einmal sah er +den Freiherrn sich wo beschäftigt machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob kaum +die Schultern. Wie konnte der sie etwas angehn. Und Raoul liebte das +Grenzlose dieser Verachtung und haßte sie darum gleich. Denn sie war über +ihm und der Geist seiner Kaste saß in ihm. + +Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse des Verhältnisses, das +zwischen geschenktem Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte (und der +Teufel lasse sich von oben her unverdiente Sentiments schenken!), und der +Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens hin und her vibrierte. Da gab es +einen Tag, wo sie die Sache klärte, indem sie ihm mit ihrem Stolz wie mit +einer Gerte über das Gesicht schlug. + +Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt mit ausgesprochen +weichen und feinen Formen und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur. +Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie erfreut, klopfte dem +zitternden Tier den samtenen Hals und schien dankbar, bis sich im +Weiterreiten eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer hochmütigen +Bewegung ihren Lazo ihm hinüberschnickte und mit geschärfter Stimme sagte +(und verzogenen Lippen): »Sie können ihn haben. Da! Er taugt mir doch nicht +mehr.« + +Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal wieder rote Wallungen +sein Gesicht zudeckten, er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte, ritt +davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß es ein Ziel sei, sie zu besitzen, +sie zu gewinnen. Gott, wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie +er sich freute, daß er heruntergeschmissen war von ihrem achtungsvollen +Interesse, in dem alle Handlung ihm gebunden war. Nun lag alles an der +Gewalt seiner Hände. + +In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers aus England auf die Farm. +Er hatte in New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen sehen. Er hatte +vor, zwei, drei Wochen zu bleiben, ward aber nach ein paar Tagen schwer +krank. Die gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim rissen eine Stange +aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig Stunden hindurch. Dann waren sie +wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie den Arzt, an der Stange +zwischen sich die Apotheke. Die Krankheit war jedoch nicht schlimm. + +Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. Vielleicht hatte sie auf ihn +gewartet. Sie war ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen. Dann blieb +sie doch stehen und sagte mit einer Stimme, die so beherrscht war, daß die +Verzweiflung aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten pfiff und mit +einer Kälte, die kaum die Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies +zugestoßen sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen . . . Sie +stockte, denn sie empfand, daß sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle. +Und stotterte, daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen würde +. . . aber . . . nein . . . das . . . sie könne es ihm nicht sagen. Raoul +begriff, daß es Zorn von ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu +kommen, denn sie hielt ihren Stolz allein durch die Möglichkeit einer +solchen Sache beschämt, aber er wunderte sich nicht und fragte nicht: warum +sie das ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel, warf dem +Freiherrn die Schlinge über und schleifte ihn ein Stück. + +Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte er einen Schuß und die +Kugel. Zwei Tage darauf ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die +Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne gekommen und hatte ihm den +Schenkel gestreift. Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab, fand +aber nichts. + +Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht, ehe er nach den +Weideplätzen des Freiherrn ritt, nahm er Blei und Papier und schrieb seinem +Onkel, er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst dazu komme, ihm zu +schreiben, er sei jedoch sehr beschäftigt gewesen und habe die +unmaßgebliche Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen. Er sei +übrigens in Amerika, momentan wenigstens, für den Fall, daß der +Präriestempel unleserlich sei. Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort +ebenfalls unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche des Onkels, etwas für ihn +zu tun, womit er ihn das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe, gar +nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne Bedürfnisse sei. Vielleicht +nehme er aber ihm zuliebe die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach zu +kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem Haus befinde, dort am +dritten Dachfenster aus dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu +töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei präzisierten Wert an +seinen Freund Jim zu schicken. Jim sei nämlich ein entzückender Mensch, +Gourmand, und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun. Woraufhin sich der +Onkel vielleicht entschlösse, die Gegend einmal zu besehen. Leider werde er +voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!) nicht mehr dort antreffen +seinen Neffen Raoul. + +Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. Wieder traf er Helen. Er +hatte wegen seinem Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich, daß es ihr +aufgefallen war. Sie war entschieden verlegen und hatte Ringe im braunen +Gesicht. »Wohin . . .?« + +Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. Ganz ziellos und groß ins Weite. + +»Vielleicht -- das wollte ich sagen -- reiten Sie für diesmal mein Pferd. +Ich kann heute nicht reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen +. . . und dann (ihre Hand erschien hinter dem Rücken) . . . dann . . . +nehmen Sie etwa auch meinen Lazo mit -- ?« + +Raoul zögerte. + +Sie: »Ich -- bitte.« + +Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war das beste Pferd im Umkreis. Wie +leicht ihr Lazo war! + +Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten sie, einander jagend, +einen großen Pferdetroß. Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken Keilen +zwischen sie. Sie konnten nicht schießen. Die Lazos peitschten die Luft. +Plötzlich riß zwischen den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch. +Raoul spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in die Beine strömte unter dem +Druck der entsetzlich pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust +einschnürte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde. Die Arme waren +angeschnürt, er konnte sie von den Ellenbogen ab erst bewegen. + +Es genügte. Eh' der Gegner anzog, ihn zu schleifen, zielte er, stemmte das +Knie hoch, schrie etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel +mitten durch den Kopf. + +Dann setzte er sich auf das Gras und schlug die Beine zusammen. Das da war +ein Duell im Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte, was das sagen +wolle, daß Helen ihm Pferd und Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr +reich werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten, wenn er nach Süden +ritte. Und sie war schön, war stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie +liebe. Aber es schien ihm, daß er dann wieder da angelangt sei, wo er +ausgegangen. Kein Himmel werde seine nächtliche Lockung über ihn wölben. +Der Himmel würde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut. Das Leben würde +nichts mehr zum Steigern für ihn haben. Er begriff in einer qualvollen +Sekunde, daß er für dieses Leben und seine Ansprüche verdorben sei, weil er +mit einem satten Punkt eingesetzt und mit einem Ende begonnen habe, und daß +nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich selbst höher zu werfen und +weiter zu steigern, und er begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so +weiter ungebunden und von unten weiterstoßend möglich sei. + +Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen, daß er über Helen +hinausmüsse und ihre Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre +Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem, das ihren Trotz und ihre +Erschütterung färbte . . . Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die +Lider lange darüber. Dann erhob er sich. + +Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe, daß sie schnaubend allein +nach Hause lief. + +Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein, daß er nun, wo diese +Schmerzlichkeit weiter über sein Leben hinaushänge, das Alte und +Schwermachende nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich kamen Zweifel, ob +alles dies, was so qualvoll an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht +doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen bestehe, die sich +ineinanderfließend wiederholten im Hochhinaufgerissenwerden und in der +Müdigkeit. Aber er schüttelte sie ab. + +Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein wildes Pferd, bändigte es und +sprang darauf. Der Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen +geflochten und mit Silberringen breit geschmückt. Raoul Perten ritt nach +Norden zu. Und ritt und warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt +aufwärts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in den Schwung eines +maßlosen Trapezes und ließ den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen +um seine Hände fahren -- -- . . . und ritt auf ein Stück Himmel zu, das +sich wie ein blaues Dreieck zwischen zwei Hügel hineinbohrte und über dem +ein Horizont aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden Rotunden +kreisend wie ein von Rätseln durchstochener Schild. + +Der aussätzige Wald + + Benoit de St. More: + Ceste historie n'est pas usée + + +Jehan Bodel, Sire d'Arras ritt durch den Wald. + +Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung keine Waffen außer dem +kleinen damaskenischen Messer im Gürtel. Seine Arme hingen laß auf beiden +Seiten des Sattels herunter. + +Nach zwei Stunden pfiff es scharf. + +Aus einem Gebüsch sauste ein Knäuel Menschen den Abhang herunter in die +grelle Sonne. Einige hielten Keulen aus Holz in den Fäusten. Der vorderste +tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig hochschnellend. In seiner +linken Hand drehte sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere, +deren Finger aus dem Fleisch herausgekrochen waren und die am Knöchel zu +einem dicken roten Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges Schwert. +Alle waren von furchtbaren Fetzen schmutzigen Tuchs umhängt. Geschwülste +und Narben fraßen sich durch die Gesichter der meisten. Langsam rollte +etwas die Böschung auf allen Vieren ihnen nach herunter, hob sich mit +langen weißen Haaren, stand ehrfürchtig zögernd, die Hände in Bewunderung +und Tasten hebend und streckte zwei rote leere Augenhöhlen mitten in das +stechende Licht. + +Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war zu klein. Sein Blick fuhr +herum. Nichts war im Bereich seiner Hände. Er trat einen Schritt zurück und +spie aus vor Wut. + +Die Männer krochen wie Spinnen auf ihn zu. Ihr Anführer umtanzte ihn +lautlos mit gierigen Sprüngen. + +Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde, hieb drei Kerbschnitte in den +Oberschenkel, drehte das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar der +Angreifer, ging zurück, streichelte rasch das schreiende Tier über Maul und +Hals, tötete es und schritt lässig, hochmütig den freien beschienenen +Waldweg weiter. + +Es bewegte ihn ein Gefühl: Zorn, daß er keine Zeit hatte, das Maultier zu +töten, eh' er es verwundete. Er dachte nicht daran, daß er auf ihm hätte +fliehen können. Jehan floh nicht. + +Kam am Mittag nach Erigny, wo großer Markt war. Viele Auslagen färbten den +Platz bunt, und ein erschütternder Tumult bewegte sich über die Straßen. +Jehan stellte sich auf eine Tribüne mitten im Platz, und als Ruhe war und +Kopf an Kopf gesät sich gegen ihn schoben, verhieß er, vor Ekel +geschüttelt, jedem, der im Wald einen Aussätzigen erschlüge, zwanzig +Denare. + +Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug, einen schneeweißen +Hühnerhund und eine Stute, deren Schweif den Boden peitschte. + +Er ließ alles an seinen Gasthof bringen, bestellte Spielleute und aß. Als +er seinen Lieblingsfisch auseinanderlegte, schob sich ein Mönch durch die +Tür und suchte zu Jehan zu kommen. Doch der Wirt spreizte die Arme und +drückte ihn zurück. Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der Mönch +bestand darauf und schwur lang und laut bei St. Vinzenz, bis Jehan +aufmerksam ihn herbeiwinkte. Bis auf zwei Meter, denn er wünschte nicht, +von seinem Atem belästigt zu werden. Der Mönch schlug ein Geschäft vor. +Jehan aber machte eine so abweisende Geste, daß er zu winseln begann und +schwur bei den runden Blutstropfen von St. Morant, Jehan werde nächtelang +aus Reue seine Brust schlagen. Und wie er von dem gesättigten und +zufriedeneren Mund des Gegenübers die herbe Strenge abfallen sah, stieß er +hastig einen Schritt vor und sagte leis etwas. + +Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mönchs Fratze bedeckte sich aber mit +einer fetten Vertraulichkeit und sagte und schwor bei dem Leibe der +heiligen Afflise, die Ware sei gut. + +Jehan lachte ungläubig und edelmännisch und folgte ein wenig +zurückgestoßen, mehr aber neugierig. Sie überquerten den Hof, schoben einen +Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall . . . dann riß der Mönch +eine verborgene Tür auf. + +Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein schräg in die Mauer gerammtes +Bett enthielt, auf dem ein Mädchen kauerte in südlicher Haltung, von +vielleicht siebzehn Jahren, die sich nun zu einer adligen und beschämten +Haltung erhob und eine rührend große Schönheit entfaltete. Der Mönch wollte +ihr die Tunika abziehen, allein Jehan wies ihn zurück, verbeugte sich und +fragte, wie sie heiße. + +Sie sagte: »Beautrix« und sagte es in limusinischem Dialekt, dessen dunkle +Schwingung Jehans Ohr entzückte. Sie hatte eine so schmelzend weiße Haut, +daß sie unmöglich aus der Provence sein konnte. Der Mönch sagte: Aus +Byzanz. + +Da kaufte Jehan sie ohne Prüfung um zweitausend Denare. + +Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen aus der Stadt. Jehan +sprach nichts zu einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein wenig hinter +ihm. Plötzlich kam ihnen Gebrüll entgegen, schäumende Rufe spritzten durch +die leere und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag vom Huf der +Tiere durch den mahlenden Sand. + +An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession an ihnen vorüber, Männer, die +Fahnen trugen, schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit Säuglingen +an den strotzenden Brüsten, Greise, die ihre müden Glieder vorwärts +schnellten, und alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den Arm um die +Weiber geschlungen und sich in sie verkrampft, Mädchen liefen mit gelösten +Haaren und ließen sie vom Wind hinter sich aufbäumen, in die Männer wieder +ihre Gesichter tauchten . . . und alle sausten singend und schreiend mit +stampfenden Sprüngen vorbei. + +Beautrix errötete und wandte den Kopf, als der Zug vorbeischoß. + +Da wußte Jehan, daß er einen guten Kauf getan. Er schnallte seine Bügel +hoher und hob sie herüber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier mit +Gelächter, lachte, küßte sie und rannte mit ihr durch den Wald. Die Hunde +jagten vor ihm. + +Er dachte nicht an die Aussätzigen. Denn er fühlte, wie die Glieder von +Beautrix heiß wurden. Noch einmal küßte er sie. Da war es schon dämmerig +geworden. Der Hühnerhund sprang vor ihnen hin wie ein weißer Strich. + +Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen Bogen gleich einer +Augenbraue. Dumpf rauschend wie zwei Fledermausflügel zogen sich die Tore +von Arras im Abend hinter ihnen zusammen. + +Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise und sagte es so zu Beautrix. +Denn Jehan Bodel war (ohne daß er die kleine und falsche Schäbigkeit +beging, es in seinem Leben auszudrücken und ohne daß es aus seinem Tun +bewußt nur in einem Funken erhellte) der größte Dichter der Pikardie. + +Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen auf seinen linken Arm, +und indem er sie mit dem andern an der Schulter stützte, trug er sie in ein +großes getäfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures Bett stand, und sagte ihr, +daß dies ihr Eigentum sei. + +Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer Dame im Westen der Stadt, +der er dort ein Haus unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame sei in +der Kirche, und er kam gerade recht, als sie die Abendmesse verließ. Er +nahm sie und ein paar Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trübe Schenke +in der Ecke des Platzes. + +Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das sie allein hatten. +Holzpritschen mit Teppichen belegt umliefen die Wand und schlossen einen +Kreis um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der Boden war mit +leuchtend gelben und weißen Platten belegt. Es roch nach Wein und Rosen. +Jehan ließ gemischten Wein kommen und nahm seine Dame neben sich. Eine +Stunde später kamen noch einige Männer. Die Weiber lagen auf den Bänken und +sangen. + +Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten. Eine Rote erzählte, die Zähne +fletschend, was ihr ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie möge die +Haare kürzer schneiden und als Mönch bei ihrem Orden eintreten. Und ob sie +sich dann auch die Haare blond färben und den Namen »Innozenz« annehmen +würde, fragte ein junger Mann . . . worauf sie beleidigt tat und ihm ihr +Glas zwischen die Busenkrause goß. Ihm aber dann sich auf die Knie warf und +ihn reuig in den Ohrlappen biß. + +Jehan ließ Gewürze in den Wein kochen. Sie tranken stark und lachten. Die +Weiber schaukelten auf den Pritschen und lallten Gesänge und Lieder +durcheinander. + +Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen, die ihm Stellung und +Temperament zur sonstig mittelmäßigen Erfreuung -- mehr geduldet in der +vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen -- machten, ließen ihn grenzenlos +öd. + +War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm des Zimmers ein fremder Duft +wie von Frauenhaaren, die er kaum kannte, an seinen Händen schwebe? + +Er begriff die Wandlung, faßte das Unbehagen nicht ganz in seinem bewußten +Grund, aber ergriff es in brutalem Wohlgefühl wie die Lösung dieser +Spannung, als er im Lauf des Abends von einer der anderen erfuhr, wie seine +Dame ihn betrog. Und da (siehe) es wiederum ein Mönch war, dessen Schatten +hier seinen Weg kreuzte (nur daß er nahm dieses Mal und nicht darreichte), +lachte alles in ihm über den Ausgleich. Er stellte die Kanne, die seine +Hand gerade umfing, nicht einmal weg, griff seiner Dame mit der Linken ins +Haar und warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch die Tür. Erhob sich +lächelnd und frisch und schenkte das Haus im Westen der Stadt jener, die +zuerst fünf Glas Mischwein trank und ging aufatmend, den Kopf schräg nach +dem Himmel hinaufgelegt, die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht. + +In einer Nebenstraße fiel es ihm ein: er klopfte noch an ein Tor und befahl +einem Händler, dessen Kopf am Fenster erschien, daß er am nächsten Mittag +mit seinen besten Sachen zu ihm komme. + +Die Dämmerung schlug sich durch die Straßen, und mit einem Anheben fingen +alle Glocken an zu schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch sich die +Hände und das Gesicht, stieg in den anderen Stock und öffnete in einem +schmalen Ritz eine Tür. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix und wie ihre +lichten Glieder im Morgen blitzten. + +Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei hinüber, Beautrix zum Essen zu +holen. Es tat ihm leid, wie sie in dem weißen und groben und unreinen +Kleid, das sie am vorigen Tage getragen, erschien. Allein ihre Bewegungen +waren so, als ob sie nichts trüge oder so; als ob sie persische Stoffe über +den Gliedern hätte und wie es Jehan in einer raschen Erkenntnis schien so +in einem; als ob dies gar nichts bedeute für den Adel ihres Wesens. + +Während sie aßen, geschah etwas Seltsames; Jehan, der spürte, wie etwas, je +näher er kam, etwas wie unbewußte und ungekannte Achtung sich zwischen ihn +und die Sklavin schob, sah sie plötzlich in Tränen ausbrechen. Er fragte. +Da wies sie halb lächelnd wieder auf ihren Teller und sagte, daß sie dieses +Gemüse nicht essen könne. Es war Kohl. Jehan lachte sehr. Dann überließ er +sie dem Händler mit den Stoffen. + +Am nächsten Morgen brachte er ihr ans Bett rote Blumen und Steine aus +Alamanda. Den Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa: + + Amic, s'eu vos tenia + Dinz ma chambra garnia, + De ioi vos baisaria, + Qar n'audi + Ben dir l'autre di. + Qant lo gilos er fora, + Bels ami, + Vene-vos a mi. + + +Sie schürzte sich ein wenig und tanzte. Die Flammen zuckten auf dem +Leuchter. + +Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar, das in Brunst war, und +nannte sie: Silberne Drossel -- und blieb und küßte sie. Sie nahm keine +Scham vor ihm und zog sich an, während die ersten Lichtstreifen den Boden +kräuselten. Sie bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete sie. +Vor drei Altären betete sie. Die aneinandergelegten Hände hob sie vor jedem +hoch auf im Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsägliches +ausstreuenden Gebärde. Als sie das Münster verließen, war der Ausgang +versperrt. Eine Frau lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch und +Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze standen um sie und neben jedem +Kreuz eine armlange Kerze mit zuckendem rötlichen Licht. Einige Leute +standen um die Büßende, die nicht aufsah. Beautrix zögerte. + +Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte die Frau. Er nahm Beautrix +auf die Arme wie am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch den +dunkel aufgewölbten Mund der Kirche hinaus ins Licht. Und setzte sie nicht +nieder; trug sie so über den Markt. Als er in die Straße einbog, setzte ihm +schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte er den Kopf: Schwarz, schäumend +stand mit wehenden Armen die Dame vor dem Portal und nannte Beautrix eine +Dirne. + +Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus. + +Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte keine Geschenke. + +Aber wie die Dämmerung die Schatten vom aufgewühlten Gesicht der Beautrix +abpflückte, nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war die ganze Nacht mit +ihr. + +Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix in jeder Frühe seinen Falken. +Manchmal auch: silberne Drossel. Doch dies geschah selten und nur bei +Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen das Fenster äderten und in eine +überhitzte Glut anschwollen. Sie blieben einen kurzen Atem lang zitternd +und wie ein Segel und zum Sprung gespannt in der Öffnung hängen mit +gelbgrünen Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm und bebte ein +wenig. Denn das bedrückte ihr Herz und war ähnlich wie das im höchsten +Entsetzen zerbogene maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer. Das haßte +Beautrix. + +Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy nach Rouen. Als er zurückkam, +erwartete sie ihn lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn die weite +Plaine heraufkommen. Er winkte ihr zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte +ihr aus Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe schnurrte den ganzen +Tag in seinem Bauer aus Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch. Da +warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr eine weiße Blumennische bauen. +Kaufte ihr einen ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und ließ ihr +einen Hengst in den Stall stellen, der weiß war wie seine Stute. Denn ihm +kam es vor, alles müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen, +der ihm einen Falken brachte, der nicht so weiß war, wie er ihn verlangt +hatte. Beautrix' Haut war das strahlende Licht und die ewige Lampe von +Arras. + +Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem Schlaf und holte sie aus ihm +hervor, und Jehan legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße und +zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand bis übers Knie. Beautrix warf +ein kurzes Kleid drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei Sternen. Dann +nahm sie zwei Falken und Jehan nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und +als einer der Vögel mit einem maßlos trunkenen Aufstieg abbog und in den +kühneren Kampf aufstieß und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg und +Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit einem Gesicht, das dies +spiegelnd und das Übermäßige des Tages und dieses sich in das Heroische des +Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, . . . da riß Jehan ihr den weißen, +weiten Handschuh über Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den Unterarm +aus unerträglich geschwellter Liebe. Sie ritten lang durch eine Ebene mit +Weidengestrüpp. Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen. + +Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in einiger Entfernung später an +den Pailletten erkannte, die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem +Augenblick hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen +Handschuh überreichte, indem er ihn lang küßte, während seine Augen nach +ihr langten. + +Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll waren von Jagd und satt und +behängt mit Glanz und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse, die +glänzend und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen vom Gelächter einer +der Frauen. Jehan ritt mit dem Ritter, der Girard hieß. + +Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von Schreien. Aufbäumende, in +wüste lange Schnörkel sich ausgießende Laute röhrten aus der Ecke. Ein Mann +in dicke Tücher vermummt, vor dem Gesicht die Larve, war an einen Pfahl +gebunden, die Arme verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken hin +und her in den fanatischen Konvulsionen eines Berauschten. Sein Kopf stand, +am Hals in einer Klammer gefaßt unbeweglich darüber wie eine Plastik aus +Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten und die Augen, groß, rund und +aufgesperrt sich verdrehten. Über ihm hing eine Röhre, die ein Mann +bediente. Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein Tropfen dampfendes Öl auf den +Schädel des Gemarterten. + +Sie riefen und man antwortete aus einem Haus: es sei Thibaut de Nesle, den +ein Aussatz überfallen habe und den man so strafe dafür, daß er es +verheimlichte und nicht beim ersten Zeichen die Stadt verließ. Da schwoll +Jehans Gesicht vor Zorn. Er erinnerte sich des Todes seines gelben +Saumtieres, das ein Preis war von Toulouse, und er verdoppelte den Einsatz +für den, der einen Aussätzigen im Wald erschlüge und setzte ihn auf vierzig +Denare. Dann warf er den Kopf zurück. Er ritt genau vor den Ritter Girard +und befahl ihm, dem Henker zu sagen, daß er dem an den Piroli Gebundenen +fünfzig Tropfen heißes Öl mehr geben solle auf seinen Befehl. Er sagte es +laut vor den anderen Reitern. Er sagte es laut vor allen Köpfen, die in den +Fenstern liegend, in Kreisen den Platz umschnürten. + +Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge. Jehans Blicke stachen lange in die +des Ritters, bis dieser langsam zusammensank und die Schande auf sich nahm +und zu dem Henker sprach. Als er zurückkam, war er bleich und Tränen liefen +aus seinen Augen. + +Der Aussätzige warf einen Schrei aus der Kehle der aufschwirrte und +hinüberzischte wie ein Pfeil. + +Auch in Beautrix' Gesicht schwebte ein Weinen und ging nieder, als sie zu +Hause waren. Sie fragte, warum er den Hohn über den jungen Mann getan hätte +und zitterte, denn sie empfand, daß er grausam sei. + +Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh aus weichem weißen Leder und +malte mit dem Finger die Stelle, die Girard geküßt hatte und sagte: »Ich +hatte ihn sonst töten müssen.« + +Da empfand Beautrix in einer maßlosen Erhebung, wie sehr er sie liebte, und +sie wusch sich viele Male den Leib mit Moro-Öl und byzantinischen Wassern +am Abend, um ihn beflügelt und festlich zu empfangen und verzehnfachte sich +in den sieben Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff und klar +waren und deren Nächte überstrahlt über sie gingen, heller und furchtbarer +als tausend Gewitter. + +Eines Tages erschien ein provencalischer Sänger und übernachtete in Jehans +Haus. + +In dieser Nacht träumte Jehan Bodel, Sire d'Arras, er gehe durch einen +Wald, dessen Bäume gebogen seien und tönten und sängen. Es war ein Lied, +das ihn schmerzte. Er sah eine gläserne Tonne und floh in sie; sie bewegte +sich, stürzte ab und über ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund +eines Meers. Einige Zeit hörte er nur die klingende Musik des Wassers, das +an dem Glas rieb. Dann kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar nichts +als Meer, und die Endlosigkeit überfiel ihn und eine weite Leere umringte +seine Gedanken, und wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine +Blumenspritze seine Sinne zerstäubte und ihn machte, als schwebe er. + +Mittags ging der Provencale. + +Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der Normandie und wallfahrte nach +San Jago de Compostella. + +Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare schwarz. + +Er reichte Jehan dankend die Hand. + +Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte er. Er nahm den Spiegel +. . . und in die Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen zu einer +Tiefe gehöhlt hatte, ergoß sich abstürzend, ihm neu und ihn zum erstenmal +mit Maßlosem belastend, eine brandende Erkenntnis. + +Jehan legte die Hände auf den Rücken. Ging durch das Zimmer. Stunde um +Stunde. Beautrix klopfte. Er hörte nicht. Sie rief, es sei Nacht. Die ganze +Nacht lag Beautrix allein in dem großen Bett. Der Mond spielte um sie. Das +war ihr neu. Sie griff nach ihm. Sie schloß ihn in die Arme und weinte. + +Jehan Bodel saß einen Tag reglos in einem Erker und sah durch das Fenster +in die Stadt. Er saß auf einer schmalen Ottomane. Reglos standen zwei +Säulen auf beiden Seiten neben ihm. Dann stand er auf, und Schaum lief von +seinem Mund. Er zerriß die schwarzzurückgeschlagene Portiere, schlug mit +einem Damaskener Fetzen aus seinen besten Schwertern und zerbröckelte sie +dann in Stücke, daß seine Hände von Röte brannten. Darauf saß er wieder und +starrte auf die Stadt. Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf der +Erde und rieb sich den Körper mit ascalonischen Zwiebeln. Dann saß er und +schrieb fiebernd. + +Beautrix wartete und klopfte. + +Er gab ihr kein Wort. + +Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, überströmend. Jehan biß die Lippen +zusammen vor Schmerz und damit er nicht weine und sandte ihr lachend einen +Kohlkopf, damit er ihre Liebe tötete. + +Aber er tötete ihre Liebe damit nicht. + +Nach einer Woche schwirrte das Gerücht durch die Stadt und die Umgebung, +Jehan lese am Tage darauf sein neues Chanson. + +Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix ein. Sie lag, bleich, da sie +nicht mehr aß, auf einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem Bett. + +Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn und mit ihm kommen. +Sein Mund war streng. Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wies sie +zurück. Da faltete sich ein Zug Trotz quer über ihr Gesicht, sie spielte +mit dem Knauf des Bettes und regte sich nicht, wie er ging. + +Dann aber lief sie hinüber und schaute durch das maurische Gitter. Er saß +auf der Ottomane wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen Augen +geschmolzen war und wie sie glanzlos starrten . . . Da zögerte sie nicht +mehr. + +Sie schlang den blauen und gelben Turban um die Haare und steckte sieben +Dolche hinein und band an den ersten einen weißen Schleier, führte ihn +unter das Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder an dem siebenten ein. +Dann schloß sie um ihre kleinen Brüste ein weißes Mieder, das dünne +gerötete Zwicken hatte an den Achseln, welche in die Arme liefen mit engen +Ärmeln aus reinem Goldbrokat und zwischen denen die weiße Seide des Rockes +hinunterströmte zu den gekreuzten Schnüren aus Hermelin und dem Passepoil +mit roten und lila Augen. + +Sie gingen zusammen zum Markt. Eine große Masse bedeckte ihn und schob sich +in Reihen durcheinander. Neue Ströme rauschten durch die Tore von außen. +Vereine mit Talaren und ein Priester, der in rotbekleideten Händen eine +Fahne hielt. Einige Partien sangen. Eine Schar Mädchen sang dann +Sommerlieder, und der Rhythmus der Kommenden hakte in sie hinein wie das +abgerissen Zanken von Papageien. + +Jehan ging auf das Gerüst. Hinter ihm stand der figurenvolle, schlündige +Eingang des Münsters, aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grüßte +lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel hing über dem Platz. Lachend +gaben sie ihm den Gruß zurück. Dann wandelte sich sein Gesicht in eine +undurchsichtige Strenge, und er las Li congie de Jehan Bodel d'Arras, das +heißt, er sagte den Bürgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter unter +ihm strafften sich. Sie spannten sich in eine atemlose Erregung. Einer hob +die Hand. Alle hoben die Hand. Ein Sturm von Händen hob an und warf seinen +Willen gegen die Brüstung, daß er bleibe. Und die Gesichter entstarrten +sich und flammten auf in Ekstase und sie schrieen es. Sie tobten und +stürmten vor. + +Da hob Jehan beide Hände zum Hals, hakte sie ein und riß nach zwei Seiten +das Kleid auseinander und stemmte ihrem Schreien seine nackte Brust +entgegen. Er breitete die Arme aus. Auf seiner Haut tanzten blaue Flecken, +und ein rotes Geschwulst durchbrach die Brust. + +Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das Ungeheure. + +Die Arme sanken zurück Das Schreien ward Geheul. Männer rissen Weiber +zurück von dem Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben verknirschte +der Aufruhr und duckte sich. Eins gab es nur: Flucht! --. + +Einer wagte es noch, stieß die Faust in die Luft und brüllte »Pilori«. + +Doch er blieb allein. + +Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter wie im Wasser werde, kam +etwas von ihm her und preßte die Menge vom Platz und warf sie in die Häuser +und Straßen. Zwei trugen Beautrix ohnmächtig. + +Dann ward es still. + +Kein Ton. -- + +Jehan lächelte: Wie in der Tonne. + +Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt nach dem einen. Es war ein Tor +in einem Turm, der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen denen eine +große Glocke hängt. In seiner Mitte quoll ein Auswuchs heraus, formlos +gewölbt, wie ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan sah die Straße +hinunter. Er sah niemand. Darauf schritt er zurück über den Platz nach der +anderen Seite. Kein Auge stand an den Fenstern, die ihn anklafften. Er trug +den Aussatz auf seiner Brust gerade wie ein Schild. -- Hier lief eine +dunkle Passage durch kleine wüste Gassen. + +Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine Ärmel waren eng und trugen an den +Gelenken Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn die Brust offen +lassend, ein dunkelrotes Kostüm um seinen Oberkörper und rann dann unter +dem Gürtel (aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander zu den +Füßen, wo eine breite Pelzsäumung es aufhielt und ein Streifen aus Gold. +Grün waren seine Schuhe. + +So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und hoffte, daß ihn einer +erschlüge. + +Doch es erschlug ihn keiner. + +Sein Haus hatte eine breite Front. In den oberen Teilen lagen große Fenster +mit Säulen. Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den Tag und die +Nacht. Niemand kam. Jehan wartete. + +Niemand kam. + +Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und Reihen von Menschen zogen mit +Kerzen durch die Stadt und zur Kirche. + +Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner Ottomane. Das Zimmer war +verschlossen. Beautrix klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag. Sie +rief weinend Jehans Namen. Sie warf ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte +auf den Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte. Er hörte sie +nicht. Die Tür knirschte kaum. + +Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand das Tor offen an Jehan +Bodels Haus. Niemand kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend schaute +Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor die Tür gestreckt wie ein feines +helles Tier. Später zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die +Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten. + +Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme aus dem Dunkel hervorklingend +unter Jehans Zimmer die Geschichte von Amis und Amile: + +Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich und liebten sich. Da verführte +Amis die Tochter des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen, aber +Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man erkannte ihn nicht und gab ihm +die Prinzessin als Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf sie, ließ +er sie ihm zum Ehebett und ward aussätzig zur Strafe. Aber Amis tötete +seine beiden Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund. -- -- -- + +Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie auf, und am Morgen bot ein +Mönch zwei Knaben an zum Verkauf. + +Jehan lehnte ab. + +An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür mit einem Messer und schälte +Span auf Span heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus Eisen. Die +Klinge brach ab. + +Da legte sie sich stumpf über die Schwelle. + +Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen die Tür, bis sie das Gefühl +ihrer Hände verloren hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es +schien, er schaue auf seine Hände. Da biß sie in das Metall der Klinke und +sank blutend auf den Boden. + +Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die Tür auf in Jehans Haus. Sie +spreizte sich auf, so offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein. +Nacht. Die Nacht war so still, daß das Dunkel brauste. + +Wie . . . ? + +Stille, kein Ton kam durch die Straße. + +Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der Tür, eine Rinne Blut über +dem Kinn. Er sah es. Allein . . . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane +zwischen den Säulen. + +Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er sich. Er ging gerade auf die Tür +und öffnete sie, Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der ersten +Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände mit ascalonischen Zwiebeln, die +die erste Ansteckung verhinderten. Langsam ging er darauf in das Zimmer von +Beautrix. Er roch an den weißen Blumen in der Nische . . . der Kamin +. . . das Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht aus Dijon. Er +empfand wie der Papagei sich regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts +mit derselben Drehung und die Täfelung und die Teppiche aus Palästina +darüber. Er zündete Lichter an an der Wand, und sie blitzten auf. Sie +spiegelten flackernd in runden Metallplaketten und bestäubten das Zimmer +mit einer dünnen Schicht Licht, in der er es mit einem Blick noch einmal +aufnahm. + +Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in die neue entsagensschwere +Tiefe seiner Seele einzuschneiden, und er fühlte es nur als ein Wehtun auf +der Oberfläche und ließ den Raum wie in Bedauern zurück. Dann öffnete er +das Zimmer, in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib von Beautrix +gelegen hatte. Er öffnete es in einem Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah +die schmerzende Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den Geruch ein und +sagte vor sich hin: Silberne Drossel . . . Scharf hoben in diesem +Augenblick zwei Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an. + +Es wurde heller. + +Silberne Drossel . . . + +Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner Stute über den Hals. Sie +sah ihn an. Da erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines Hirns noch +einmal Bewußtsein von dem, was nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück. +Ein Weinen riß sich in ihm los. Er legte seine Hand in das Maul der Stute. +Die breiten Schultern zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen +Lippen. Dann wandte er sich. + +An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück und als sei die +Last zu schwer und damit er auch dieses tilge, ging er zurück auf das Tier +und tötete es. + +Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens über die Straßen. Er ging +vorüber, verächtlich an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen. Alle +Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit der Prim. Es war hell, wie er +über den Markt schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem Platz, sang +laut und betete. Menschen kamen zur Kirche. Jehan ging durch sie hin und +sie traten zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an diesem Tage noch +seine Macht. + +Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er ging weiter, drehte sich +einmal um. Die Tore waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer knieten +die acht Türme auf dem Nacken des Bollwerks um das Tor. Er sah es sinnend. +Dann schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen lag vor ihm. Wie eine +Braue . . . schien es ihm. + +Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen Arm. Etwas Weißes trennte sich +von dem Busch. Beautrix warf sich ihm entgegen: + +»Wo willst du hin?« + +»Nach dem Wald.« + +»Du nimmst mich mit!!« + +Er öffnete die Brust. Sie stampfte mit dem Fuß: »Es ist mir gleich.« + +Jehan sagte ruhig: »Nein.« Sie hielt ihn am Arm: »Ich will auch aussätzig +sein. Was geht es dich an?« Jehan wandte sich von ihr. Sie trat schäumend +in den Weg: + +»Du, der du mich küßtest . . . dort . . . das erstemal . . . schliefst du +in meinem Bett Nacht auf Nacht . . . Weißt du, daß du mich hießest: Falke +. . .« + +Jehan wußte es noch. Er sagte: »Ja« und nickte. »Silberne Drossel . . .« +sagte er. + +Aber sie -- (die nicht begriff) wie alles in ihm getötet sei und daß alles +Weibliche in allen Beziehungen zu tief für ihn liege und kaum die äußersten +Ränder seines Horizonts noch streife, da sein Geist schon ganz eingerichtet +war auf den neuen Sinn seines Lebens, der ihr entrückt auf einem fremden +Schwerpunkt lag) -- warf sich auf seine Füße und weinte, daß er sie +mitnehme. Doch er befahl ihr zurückzugehen. Sie wälzte sich und tat es +nicht. Da schrie er sie an: »Sklavin!« und als sie erstarrt sich aufreckte: + +»Sklavin um zweitausend Denare.« + +Sie klammerte sich an ihn. + +Da stieß er sie zurück und schlug sie. + +Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein großes Stück helles Fleisch, +durchrast und geschwellt von maßlosem Schmerz, auf der staubigen besonnten +Straße. Wie waren die Blumen farbig auf den Wiesen! Wie legte der Morgen +sich licht um die Welt! + +Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete Wallfahrern, die in Jericho +Zweige gepflückt hatten. Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er ging +auf die Seite, verbeugte sich. + +Einmal noch mußte er wenden. Der weiße Hühnerhund lief ihm nach. Er trug +ihn in den Graben und tötete ihn. + +Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire d'Arras, trug das dunkelrote +Gewand mit der Bordüre aus Pelz. Er trug den Turban aus Pelz. Seine Füße +gingen in grünen Schuhen. + +So schritt er hinunter. Dann bewegten sich seine Lippen. Er sann. Sang ein +Lied, das er wo gehört hatte. Es kam ihm wie durch einen Spalt: Von einem +Freund . . . An einem Kamin in der Bretagne . . . Gasse Brullè? -- -- -- + +Er wußte es nicht mehr. Seine Gedanken waren davon abgeschwommen. Er +verstand den Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf, laut. Es war +ein Liebeslied. Er sah auf seine Hände, die in Blut trieften: + + Hé blanche, clere et vermeille, + De vos sont tuit mi desir; + Car faites en tel merveille + Droiture et raison faillir. + Quant je vos vueill a amie, + Droiz nel poroit otriier; + Se vostre grant cortoise, + De gentil dousor garnie, + Ne me deigne conseillier; + Mar vos oi tant prisier. + + +Seine Haltung war stark und königlich. + +Mit einer ungeheuer schlichten Gebärde ging er auf den Wald zu, der ihm +entgegenkam. + +Maintonis Hochzeit + +Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf. Ganz steil stand sie tief +am Horizont auf der weißen glühenden Straße. + +»Es sind noch fünf Minuten«, murmelte Antoine. + +Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen; da nahm Antoine meinen Arm +und zog mich unter die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen. Das Gras +war am Rand der Chaussee leicht gelb. Im Schatten stand es satt und +buschig. Wasser lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß. Nun +sagte Antoine: »Fahren sie mit nach Paris!« Nach einer Pause wiederholte er +mit eigentümlich gedehnter Betonung: »Paris.« Dann wandte er sich um und +sprach ganz laut und anders: + +»Sie müssen nicht daran denken!« + +Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. Antoine kniff die Augen fest +zusammen: »Er hat doch sein Ehrenwort gegeben . . .« + +»Kurz! Ich sah ihn«, erwiderte ich ungeduldig. Es klang vielleicht schroff. +Antoine beugte sich ein wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. Die +Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen Hügelzug verloren. Durch die +ganze stille Luft hörte man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm +Antoine beim Arm: + +»Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß ich mich nicht täusche. Ich +weiß Ihnen gewiß Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie müssen doch +einsehen, daß Ihre Argumente wertlos sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er +sein Ehrenwort brach und doch wieder in einem Spielbad auftauchte, auf +Grund der damaligen Verhältnisse verhaften lassen wollte, hätte ich +durchaus keine Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium sind. +In einer Stunde erst erreichen Sie die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon +ab! Ich will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach, auf unangenehme +Ideengänge zu kommen. Umsonst vergrabe ich mich doch nicht in die +Pyrenäen.« + +Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten Baumganges ein und +fachte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte +ihn in die Schulter: »Der arme Perdican . . .«, flüsterte er. + +Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, legte er die Hand auf meine +Schulter. Er sah mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. Darauf +flog eine rasche Spannung über seine Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf +einen Stein. Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem Knie hastig ein +paar Worte. Ich nahm, etwas verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir +eine Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen Straße die Post herbei. +Antoine rief mir rasch zu: »Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen mit +meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten Miseren!« + +Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und zogen die Ohren trotzig an. +Antoine winkte. Sein Bart und sein schräges Profil traten bedeutend aus der +Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. Die Diligence rollte um eine +Ecke, und die Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen die Häuser. + +Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs las ich die Zeilen Antoines. +Es mußte ein Dialekt sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte ich +wieder an den Grafen Perdican denken. Er war ein lieber Freund. Sein Tod +hatte ungemeine Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung sah +man, daß sein Partner, dessen Wechsel er nicht einlösen konnte, Karten aus +einer doppelten Manschette schüttelte. Man verband damals noch andere +seltsame Themen mit seinem Namen. Es war eigentlich lächerlich, daß wir uns +damit begnügten, ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu widersinnig. +Damals hatte niemand hieran gedacht. + +Ich frug mittags in Tarragona nach meiner Adresse. Es seien höchstens drei +Stunden zu gehen . . . Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. Ich +sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam ein +schmutziger Hausknecht. Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der Hand +hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben mein Gesicht neigte. Da er +nichts sagte und keine Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm +Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. Nun las ich sie +laut vor. + +Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück und streckte den Span +mit gespanntem Arm noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich einen +Augenblick scharf. Darauf verschwand er: ich hörte verhandeln. Ein Mann mit +einem starken Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen erweckte, prüfte +mich, während das brennende Holz mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich +fremd sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine Antwort dumm vor. +Ich zeigte Antoines Zeilen. Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. Dann +forderte er mich ganz verändert auf einzutreten. Währenddem sagte er, es +seien bis zu meinem Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als ich +meine Auskunft über den Weg von Tarragona erzählte. Drinnen saßen noch drei +Männer. Sie tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht hatten, stand +eine harte Luft in dem Raum. Eine Lampe hing an Eisendrähten über einem +Tisch. + +Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer nahm mich bei der Hand, +verbeugte sich und sagte: »Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .« + +Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas, das ich wieder nicht +verstand, worauf jeder mir die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank +aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann ward ich müd. Auf einem Strohsack +in einer Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich niemand mehr. Ich +durchsuchte das ganze Haus. Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und +ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung sein, als das hölzerne +Geklapper eines Maultiers mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das +Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin Pelayo. + +Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er stand vor seinem Haus und wusch +sich den Oberkörper mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte sich +zuerst, durchaus keine Notiz von mir zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann +wiederholte ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen. Darauf stellte ich +mich aufgerichtet vor ihn hin und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß. +Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über seinen Arm laufen. Die Muskeln +brachen wie Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig krümmte. + +Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt konnte mich betrogen +haben. Nun nahm ich meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit der +Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum wuchs etwas vor mir in die Höhe. +Ich hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen Lage wie +eine Kinderfahne. + +Ich erstaunte über die Würde des Mannes und seine unnatürliche Größe. + +Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir die Hand. Er fragte nach +seinem Freunde Antoine. Antoine war doch ältester französischer Adel. Ich +ließ nicht merken, daß ich verblüfft war. Ich redete rasch und abgerissen. +Er schloß sein Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn noch größer +machte. Dann rief er zweimal : »Maintoni . . .« + +Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen der Lider meine rechte +Hand und zog mich ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang und traten in +ein hohes Zimmer. Maintoni drehte sich um und rief hinaus: »Rodriguez!« +Eine alte Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich hin. Maintoni +küßte ihr die Hand und ging hinaus. + +Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen aus. Sein Körper war +schlank und von wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das Gesicht wirkte +in der Nähe kantig gegen die Harmonie des Wuchses. Die Nase war ein wenig +zu lang. + +Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme hatte eine knarrende +Biegungslosigkeit. Einige Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch vor +ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte. Sie dankte, sprach aber +weiter. Dann sagte er mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur noch in +ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung kannte sie nicht mehr. Eine +dichte Luftschicht, von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie körperlich +und schloß hermetisch alle Berührungen mit der Welt ab. + +Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll die Hand, als er +eintrat. Maintoni brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte der +Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm seiner Tochter. Er trug einen Ring +mit einem riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf, blendete er. Ich sah +sofort, daß er echt war. Pelayo sagte zu Rodriguez, als Maintoni +hinausgegangen war: + +»Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr Zimmer abtreten! Sie werden unten +schlafen bis zur Hochzeit.« Ich wollte Einwendungen machen. Aber man schlug +mich mit Freundlichkeit nieder. Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez +erzählte mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde. Maintoni sei +dann gerade siebzehn Jahre alt. + +Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf zusammen, daß das Gelenk knackte, +und der bronzene Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er dehnte sich weit +zurück, schlug rasch auf seine Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und +an der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf. Dann erst konnte er +wieder reden, so nahm ihn die Freude mit. + +Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als wir die Treppe hinaufstiegen, +öffnete sich neben dem Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine +eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus. Pelayo schloß rasch +wieder. Ich fühlte, daß mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein wenig und +wollte Maintoni fragen. Aber sie ging so ruhig vor mir, daß ich es ließ. + +Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde Hitze auf die Landschaft. Die +Nerven lösten sich und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer aus hatte ich +weite Schau und staunte über die Seltsamkeit der Gegend, die mit einer +Welle von Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen das Haus prallte +und sich hinunter nach Valencia zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus +der, zäh und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet hinaufwuchs. + +Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin Pelayo von mir. Er ließ +Maintoni allein mit uns beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging. Morgens +liefen wir zwei Stunden südlich, wo der Postdampfer anlegte, und fragten, +ob etwas für mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien ihnen fremd und +eigenartig zu sein. Rodriguez tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das +seine Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch nehme. Allmählich +hatte er sich so in die Rolle hineingelebt, daß er meinte, seine +Anwesenheit sei nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der die Post +ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn herüberwarf und mit affenhaften +Verrenkungen eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte er mich mit +einer kleinen Gebärde von Ungeduld auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal +allein gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als hätte ich ihm +das Wertvollste anvertraut. Maintoni hatte eine stumme Verwunderung dafür. +Sie strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief hin, beschaute ihn von +allen Seiten und blieb mit einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens an +den vielen bunten Marken hängen. + +»Hätten Sie sie gerne?« fragte ich lächelnd. Ich löste sie und reichte sie +ihr hin. Da ging ein namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie öffnete +halb den Mund. Zwischen den sanften Bogen ihrer Lippen traten die Zähne, +die weiß und außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte sie rasch den +Blick, bewegte den Arm einige Male wie streichelnd über den Gürtel, wandte +sich langsam um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu Rodriguez hin. Er +umarmte mich: + +»Hombre, si: Sennor!« Sie sind ein guter Mensch«, rief er enthusiastisch. +Abends fuhren wir aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die heiße +Stille des Tages zu einer bewegten Kühle, die einen Schauer von Ruhe und +dämmerndem Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in dem Boot, +dessen geschweifte Flanken in eine Spitze aufstiegen, die über meinem Kopfe +stand. Maintonis Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez, dessen +braune Rückenmuskeln im Takt des Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und +wieder unter der Haut verliefen. + +Wenn die Sonne verschwunden war und die Berge um das Castel de Balaguer wie +mit violetter Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt schienen, sang Maintoni +eine Romanze, deren Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab ging. +Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater, der vor fünf Jahren in Asturien +auf einer Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm den Kopf +abgerissen. Das Messer des Freundes schon im Herz, hatte es ihn mit einer +der letzten Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen. Man mußte den +Leichnam ohne Kopf begraben. Rodriguez schien bang: + +»Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem . . .« + +Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend. Er hatte die Hand fest gegen +sein Knie gepreßt und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig: + +»Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben war und mit dem Kopf +verschwunden ist . . .?« + +Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz die Brust berührt habe . . . + +Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber und verteilte ihn dünn und +zärtlich über das Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand lag eine breite +Klippe. Dort war, wenn die Flut nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen +Gegend. + +Nachts schlug das Meer gegen den Strand. + +Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher. Es war am heißesten Mittag. +Maintoni brachte eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und später +Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen, und ich zeigte ihm ein paar +Aufnahmen Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte ihm auch von dem +Eindruck des Zettels auf den Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht +hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht: + +»Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!« + +Ich lachte: »Da müßte der Diamant an Ihrem Finger nicht unter Brüdern +zwanzigtausend Francs wert sein . . .« + +Es war, als hätte ich mit der Hand auf den Tisch gehauen. Alle wurden +still. Rodriguez strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu ihrem +Vater. + +Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser Lähmung lief an uns ab, wir +rauchten, und als es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer +heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen kniete sie nieder. Wir saßen auf +der Galerie des ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer. Sie +blieb lange unten bei der alten Frau, die immer mit sich sprach. Dann trat +sie bescheiden heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in sonderbarem +Widerspruch mit dem heroischen Risse des Gesichts. Nur die Augen linderten +die Stärke der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie waren weit +aufgebogen und leuchteten in hellem Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen +von Hospitalitet. + +»Sor Gracia, meine Schwester«, sagte Pelayo. + +Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren. Die Linie der Küste zischte +wie in versteckter Wut. Draußen an der Klippe sprang manchmal eine +gepeitschte Welle springbrunnenhaft und heftig in die Höhe. Der Himmel nahm +eine tiefrote Glut mit blauen Rändern an. + +Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom Kloster; und wie sie sich +freue, am jüngsten Tage eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und Sor +Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der +gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon. + +Am nächsten Tage kam der betäubende Duft wieder heftig aus dem Zimmer im +Erdgeschoß. Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton durch das Haus +von splitterndem Glas. + +Den Tag darauf legte sich der Wind ganz. In den Zimmern ward alle Stunden +gesprengt. Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute zum +Strand über die kleine Bucht, wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos +lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines gelbes Tuch, das schlaff +an einer Stange herabfiel. Wir schliefen den vollen Mittag. -- + +Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte am folgenden Morgen. Sie wehte wieder +am Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit ihr. Er legte sich in die +Falten, drehte sich darin und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es +von neuem hoch. + +Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an. Wir gingen am Strand entlang. +Dann bogen wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis Haare glänzten +kupfern. Wir trugen kurzgestielte Netze mit feinen Maschen. In kleinen +Abständen blieben wir stehen und hielten mit kurzem Ruck die Laternen dicht +über das Wasser. So schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein. +Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran, das zuckende Heranschleichen +der Aale zu beobachten. Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das Netz +halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing keine. + +Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben. + +Es wurde hell, als wir nach Hause kamen. Maintoni hatte die gleiche Ruhe +wie stets. Sie hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der Haut. Ich +schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte, hörte ich, noch schlaftrunken, +Stimmen. Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite, starke, die +ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher Ausruf -- -- ein Wagen, der anzog -- +-- noch ein paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog mich weit über die +Holzstäbe . . . . . . + +Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz knirschte. Ich fühlte, daß mein +Atem pfiff. Ich sah es . . . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd +Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte . . . es waren dieselben +Züge, es war derselbe, den ich zwei Tage vor dem Tod der Frau von +Montbellaire mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben, mit +schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen, aus ihrer Loge stürzen +sah. + +In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige Männer. + +Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute, in mich auf: Die Fahne wehte +nicht mehr. + +Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht. Da drang ich in das Zimmer +im Erdgeschoß. Ich hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz weit. +Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich sah +kurz ein Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich hinausgezogen. Er war +höflich, schien aber verletzt. Er begriff meine Erregung nicht. -- -- Was +sie gewollt hätten? + +Das Haus mieten oder so etwas . . . + +Es schien ihn gar nicht zu interessieren. + +In diesem Augenblick rief draußen einer der Knechte. Pelayo sprang hinaus. +Ich folgte. Der Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe raste +etwas herunter . . . an uns vorbei. Wir stürzten nach. Maintonis Kahn +schaukelte leer draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte. Wellen +mit breitem dunklen Rücken wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte +es und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz. An einem Vorsprung +hielt sich Maintoni mit gekreuzten Armen. + +Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust drängte sich heraus. Er bog die +Hände vor die Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und aus dem +qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes flog seine Stimme wie ein Schuß: + +»Ay!« rief er. + +»Ay! Maintoni -- --« + +Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez. Ich hielt das Steuer, sah +sein Gesicht. Wie lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen +wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe gehn. Maintoni hatte den +Vorsprung umklammert und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand uns +zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht. Wir wagten es nicht, zu atmen. +Nein. Wir konnten nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge. + +Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht. Die Flut trieb es weg, während +sie die Fahne einstrich. + +Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am Morgen sehr früh weckte mich +Pelayo und fragte, ob ich ihn begleiten wolle. + +»Es wird zwei Tage dauern«, sagte er. Ich war dabei. Wir gingen Stunden. +Wir schliefen den Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde dämmerig. +Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen rauhe Bergwände einnistete. Ein +abschüssiger Pfad führte zum Meer. + +Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die Fahne auf der Klippe bedeute. Ich +hatte ihn gefragt, woher er Antoine kenne. Dann hatte ich gefragt, was das +Geheimnis des Zimmers sei, aus dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch +ich das Blitzen sah. + +Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei. Antoines Mutter sei aus dem +alten Königsgeschlecht und in einem Zweige mit ihm verwandt. + +Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht mehr. Sie mußte schon lange tot +sein. »Bei Antoines Geburt«, sagte Pelayo. »Dieser Familienstamm ist älter +als der ganze europäische Adel. Antoine und ich entdeckten unsere +Verwandtschaft, als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu lassen.« +Das sei auch das Geheimnis des Zimmers: Sein Laboratorium. -- + +»Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten. Es ist gefährlich, +Sennor, wenn man weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden. Ich habe +den Schmuck der Herzogin von Guise und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch +geschliffen. Sie sehen, welche Werte ich manchmal im Hause habe. Die Fahne +bedeutet je nach der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher komme. +Das Schiff fährt an der Küste vorbei, und man läd hier aus.« Pelayo schaute +angestrengt durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte er lächelnd: +»Sie werden erstaunt sein, Sennor, . . . ein unbekannter Mann . . . hier in +der Einöde . . . schleift den berühmtesten Schmuck. -- -- Ich habe in +Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein System erhalten. -- -- -- +Maintoni soll glücklich werden«, fügte er ohne Zusammenhang hinzu. + +Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der dünne Ton einer Pfeife -- -- -- +Pelayo verschwand. Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging das Tal hinauf. +Mohn wuchs im Gras. Wilde Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald +mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe rauschte an mir vorbei. Leicht +feucht war die Luft. Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen. + +Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie die Sterne über das Meer +hinauswuchsen und mich traurig machten. + +Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem bettelnden Gendarmen Brot +unterwegs. Maintoni weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht +erwartet. + +Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es niemand sah. Maintoni hatte +goldene, glänzende Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte +Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen waren halb blau und halb schwarz und +waren lang und so fein wie der Schatten einer Feder. + +Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus ausgehängt wurden, die Türen +wurden geöffnet. Die Diener wehten mit Palmblättern Wind, wenn wir +speisten. + +Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er setzte sich auf die Binsenmatte. +Dann stand er wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne +Kohlenbecken. Er sagte: »Sennor, Maintoni ist traurig.« Ich tröstete ihn. +Ich sagte ihm: »Es wird die Hochzeit sein, Rodriguez.« Doch er schüttelte +den Kopf. + +Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: »Ich bin nicht traurig. Ich freue +mich, Sennor.« Aber Maintoni hatte rote Augen. + +Da sagte ich: »Maintoni! Rodriguez leidet sehr.« -- + +Maintoni bekam große blendende Augen! »Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich +liebe ihn auch. Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor, was habe ich, +um es ihm wiederzugeben? Nichts, Sennor.« . . . + +Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia. Sie setzte sich lang zu der Alten, +die immer sprach. Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine Borte von +gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines jeden wuchs ein Arm aus Messing. In +der Hand hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle Kerzen an. Es +mochten hundert sein. + +Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine kleine Harfe spielen werde. +Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen +schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon. + +Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben Miedern. Frauen in Schuhen +ohne Absätze, in Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit Gold, mit +Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen Perlen bestickt. Sie tanzten +Fandango. Sie tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez tanzte. Alle +anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten. Tamburine und Flöten klangen. +Die Männer schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen in die Hände. Eine +Sackpfeife spielte mit hohem, eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni +trat allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte. Die Glieder +spannten sich in einen heißeren Rhythmus. Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie +wölbten die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden heiß. Dann hielten +sie in einer plastischen Pose, lösten sich und gingen allein in das Dunkel. +Sie kehrten bald zurück. + +Die Gäste gingen. + +Ich stieg hinauf, um zu schlafen. + +Es war spät in der Nacht. + +Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte, pfiff, peitschte sich durch +das Haus. Ich stürzte die Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles +fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte, lag ich schräg auf der +Treppe. Langsam stand ich auf und ging hinaus. + +Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak in seinem Hals. Nur Leute, +denen der Tod in die Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines. +Es war Rodriguez. + +Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten rote Räder. Flimmernde Punkte +sprangen hin und her. + +Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht nebeneinander. Ich ging hin. Da +lag noch ein Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte mich nicht +mehr. -- -- -- Es war dasselbe Gesicht des, der lächelte, als er Graf +Perdicans Wechsel in die Tasche schob . . . dasselbe, das grünunterlaufen +war, wie ich es vor Frau von Montbellaires Loge sah. + +Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif Schaum hing aus dem Mund. Im +Gesicht waren blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und am Gurgelknopf +rot wie rohes Fleisch. + +Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten gereizt. Rodriguez war +dazugekommen. Das Messer . . . der Schrei . . . Pelayos Faust hatte ihm den +Kehlkopf zerdrückt. -- -- -- Ich sah alles. + +Maintoni weinte nicht. + +Das Meer lag wie eine große Perle da. + +Der Kopf des Fremden stand schräg über die Schulter in die Höhe. Der Hals +wölbte sich heraus. Es konnte nicht mehr lange dauern. + +Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den Star. Die Pupillen wurden grau. +Sie wurden breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer. Die Nägel +hatte er in die Handflächen eingeschlagen. Die Arme lagen still neben ihm. +Alles Leben stand nur noch im Krampf der Pupillen. + +Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom Hals über die Brust und spielte +mit schwachen Erschütterungen über den Bauch. + +Da tat Maintoni dies, das größer war und furchtbarer, wie alles, was +Rodriguez gab, als er sie von der Klippe rettete . . . Maintoni tat es: sie +trat dem Sterbenden mit dem Fuß breit ins Gesicht; sein Kopf rollte +schwerfällig zurück. + +Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie warf sich vor dem Meer auf die +Knie, und indem sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne viele Male +hineinrief: »O Santa Maria . . . Santa Maria de la Mar . . .«, schlug sie +die Hände vor das Gesicht, weinte laut und schrie. + +Fifis herbstliche Passion + + Brigitte: Und begreifst du nun das Leben? + Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod. + + + Carl Sternheim + + + Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demütig und rein, + So voller Musik wie da . . . + + + Ernst Stadler + + +Die Straßen mit den tagmüden, grauen Trottoirs wurden gesprengt, und die +schweifhaften, breiten Güsse, die den säenden und starken Gesten der Männer +entflogen, legten sich klatschend und eigenwillig auf den Boden. Es wurde +Abend. Die Weiden und Eschen der Gärten schwebten scheu und flimmernd vor +der ungeheuren Ruhe des opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das Wasser +das Irisierende aus der Luft sog, schritten die Menschen über die Straßen +wie über Bilder von Signac oder Croß: Eine Viertelstunde brannte die Stadt +in einer stillen Glut von gelbem Getupf. + +Brandfeuer rannen in dünnen Strähnen dann in die Stadt und mischten sich +Glockengeläut und dem grausamen Drang einer fressenden Dämmerung. Wie +Schlünde tagelang entfeuerter Kanonen brachen die Schloßfenster über die +auslöschenden Häuserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit noch +hinaus. + +Dann sprangen die Laternenreihen die Straßen hinunter und erreichten, +leichtes Geknatter der Zündung zurücklassend, den Platz, der mit rasender +Wucht an tausend Ecken, Schnüren und Windungen von Licht geborsten und +aufgerammt war und über den ein tiefdunkler, sterndurchlochter Herbsthimmel +schräg und kühl heraufwuchs. + +Fifi erschien auf dem Podium. + +Von den Schießbuden klang schon das Hämmern der Treffer, die Spielorgel +setzte ein. Aber aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein herkulischer +Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel, die Orgel schwieg: Fifi setzte die +Spitze des rechten Fußes nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel auf +die Hüften und wartete. Der Große fing an zu schreien. Seine Arme ruderten +durch die Luft, sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten sich +gegenseitig und warfen sich in gelungenem Überschwall auf das Publikum, +weit geöffnet, hinaus. Ein verknickter Hut saß ihm auf dem Kopf. An den +Griffstellen glänzte er. Der Rock war zerdrückt und hing um den Körper, +dessen Fleisch schwammig und unangenehm schien. Es ist zu betonen, daß die +Figur herkulisch war, um die Augen zu verstehen, die, wenn die Brust und +die Gebärde sich herausspreizten und mit pompösen Auftakten in die Höhe +stiegen, klein und feig dies alles wieder leugneten und ängstlich wie +Wassertropfen von einer öligen Fläche an dem angesammelten Publikum +abliefen. Sein Mund rief heisere Worte hinunter. Er schrie. Er warf +geifernde Reden den Leuten ins Gesicht. »Seht,« rief er, »auf Fifis Tanz. +Kommt herein, alle,« und er winkte, »nur Erwachsene dürfen kommen: +Plastische Darstellungen . . . pikante Szenen . . . (es war, als zerdrücke +er etwas Klebriges im Munde.) Der König von Griechenland haben uns beehrt +in Wien. Höchste Herrschaften drückten ihre Bewunderung« . . . und so sehr +lief eine Welle von Ekel von seinen Sätzen und dem wissenden Winken seiner +plumpen Hände aus, daß zwei forsche Unteroffiziere selbst sich brüsk +wandten und gingen. Über der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief! + +Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an, und vor dem in einem Teil aus +dem Strudel wieder zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren Tanz +ein. + +Zwei junge Leute waren inzwischen gegenüber eingetreten in »die Schönheiten +des Orients.« Vor der Bude standen zwei Palmen und ein dickes Weib, alt, +voll Vergangenheit, mit bösen weißen Augen. Sie war die Frau des Athleten; +Orient und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden Seiten der +Meßstraße und bissen sich Opfer heraus. Doch ging der Orient besser, und +Paris sank von Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber Lizzy, +genannt Luise, hatte Hüften wie ein Dynamo. Und an ihren Zoten gingen die +beiden Männer vorbei, schauten durch runde Gläser eine Photographie von +Dschiseh und traten, indem sie einen Teppich zurückstießen, bei Lydia ein, +der Dame ohne Unterleib, die, in grünem Samt, in einem Sesselstuhl saß und +rote entzündete Augen hatte. + +Der eine der Herren zog seine Handschuhe an, und nach dieser symbolischen +Handlung traten sie rasch den Rückzug an. In Jena hätten sie Ringkämpfe +aufgeführt mit den Studenten, rief ihnen Lizzy nach, genannt Luise. + +Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies hinter sie zurück, und sie +traten hinaus in das Erregte des Platzes, in dem die breiten, +musikbeladenen Karusselle schwammen und sich überrasten und Geglitzer von +Spiegeln, Lichtschnüren und bunten Mädchen vorüberdrehten und auf dem ein +Meer von Menschen schiebend, erregt und drückend sich schaukelte, über +denen Schüsse knallten, Schreie hin und her zuckten und laute Glocken +dunkel aufzitterten. + +Da wandte sich Franz plötzlich herum und zog den anderen mit. Sie brachen +durch den Strom, und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz auf +Fifi und sagte: »Die leichten Bogen dieser Beine sind entzückend schön +. . .« Sein Gesicht hatte eine vollendete Güte, die das Kühne und +Auffallende dieses Profils in einen seltsamen Adel steigerte. + +Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig bewegend, fielen Fifis Blicke +plötzlich auf seine Augen, und die Blicke hingen sich ineinander, bis die +Orgel mit einem aufflammenden Stoß plötzlich schwieg. Der Herkulische +trommelte rasselnd auf einem Schild, Fifi war zurückgetreten, er winkte zum +Eintritt, aber nur ein Einziger folgte, die Menge schob weiter. + +Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrückt, als sie sich der Strömung +übergaben, vorbei an dem grünbemalten Gerüst, in dem Menschenfresser +hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen, kokett, über die eine ganze Prärie +unbändig eine halbe Woche lang eitel brüllendes Gelächter wäre, schossen +zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft. Ein echter Mexikaner hielt eine +Harpune hoch mit rotblänkerndem Fleisch. Überall lief der Witz, daß die +Menschenfresser -- Krokodile seien, und weil das Volk voraus wußte, daß es +geleimt würde, zog man in Scharen hinein. + +Dann kam die große Bude mit den »Fliegenden Menschen«, zwei Mädchen in +blauen Trikots mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem Anfang der +sich wölbenden Formen, die eine sonderbare Sinnlichkeit aussprühten, und +die andere mit ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das Gesicht +Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell (breit, gemein, verworfen) mit einem +unheimlichen Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber. An der +Galerie entlang stand die Familie, sechs Menschen, und bliesen +Blechinstrumente, und die Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune der +Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre Bude war ganz voll. Immer! + +Und als Franz dem Strom entkam und wieder zurückeilte, sah er, wie Fifi, +mit einem Stoß herausgedrückt, aus der leeren Baracke taumelte, rasch sich +faßte und anfing zu tanzen, mühselig, müd und fein und beschwingter, als +sie Franz erblickte. Nur kleine Truppen blieben stehen, die Masse strömte +zu den Fliegenden Menschen. + +». . . Augenstern . . .« rollte es von unten herauf. + +Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi verbeugte sich. Der Athlet +rief den Beginn der Vorstellung aus. »Soeben Beginn . . .« rief er und +schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie. Niemand. Da ging er, von der +Leere beschämt, verlegen einmal über das Podium, verschwand ins Innere, +lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen hatte und trat wieder vor. Fifi +schlich wieder heraus. Wie eine große Spinne hing der Herkulische auf +seinem Podium. Franz stand beiseite, beobachtend, den Kopf schief +aufgelegt. Und wie eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlüpfriges zu +reden, ein Wink, die Orgel: Fifi . . . + +Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später, das Gesicht des Alten +rötete sich, er suchte die Uhr. Immer wieder verschwand Fifi, immer begann +der Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf Szene: das Greifen und +Locken nach spärlichen Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis und +die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezündet manchmal und heftiger im +Erblicken von Franz. Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit Seilen vor, +die Pfeife des Dampfwerkes heulte, die Menge lief ab. + +Über den leeren Platz, durch einen schmalen Gang, den Schutzleute +freihielten, und um den Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die +Artisten, zum Teil mit Mänteln, die sie über das Bunte und den Flitter +gehängt hatten und die so zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden +und mit ihren andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend und +doch noch von dem erregenden Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die +Straße hineinströmten. Zuerst kamen großspurig und in der starken Lüge der +hohen bespornten Lederschuhe sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und +Garmisch. + +Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand stak in der Revolvertasche, so +daß Dienstmädchen erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven sich +loslösten. + +Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe mit dem haarlosen Bär +schritt die Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie hatten alle +halblange Röcke an und Kleider, welche schöne und zierliche kleine +Blumenmuster trugen, im pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie +sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten und schön aufrechten +Mutter eingehängt, die Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten, +erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer kleinen, +bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur. + +Dann: Leere . . . und Fifi . . . Schmal, doch köstlich in einen gelben +Gummimantel gehüllt, fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie auf +den Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand krampfte sie den Kragen über die +Brust vor dem Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen waren rot +und merkwürdig wie mit feinem Lack auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie +stieß kurz vor der Straße mit den anderen zusammen. Die Alte trug einen +Milcheimer. Der Herkulische schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu, +Lydia -- ein dickes aufgeschwollenes Tier -- ging idiotisch, faul nebenher, +ohne Umhang in grünen Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit +gierigen Augen schloß sich der Mexikaner von den Krokodilen Fifi auf der +anderen Seite an, daß sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner +erschien. + +Schräg auf der Holztreppe, die in den großen gelben Wagen hineinlief, in +dem sie wohnten, wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt nach der +Stelle, an der Franz stand (den sie nicht -- dies war auffallend und +seltsam zugleich -- gesehen haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns, +während der Mexikaner in lüsternem Scherz sie, mit auf ihre Hüften +aufgesetzten Händen, ins Innere drängte. + +Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der Achseln reagierte. + +Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen. Eine Zigarette drehend, mit der +Eleganz des Romanen alle Glieder bewegend, schlenderte er zur +Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen umkreiste, sah Licht aus +den schmalen Luken dringen und hörte keifende Stimmen das Innere des Raumes +hin und her zerreißen. Dann nahten mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt +die Patrouillen. + +Es ward spät. + +Er ging. + +Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden. Ungeheuer gewölbt spannte +sich der Himmel. Sinnlose Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah sich +aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft und Dingen herausgerissen und +in die Aura dieses Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen. +Bei den »Fliegenden Menschen« stieg täglich der Kassensturm und die +Sensation. Der »Orient« verdiente gut an reiferen Herren. »Paris« brachte +es von 8--10 abends manchmal nur auf eine Vorstellung. In den Pausen tanzte +Fifi. Der Alte winkte, schrie, ward gieriger, je später die Zeit hinlief. +Verkündigte Anfang der Vorstellung, er öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte +ins Innere. Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren. Und dann packte +der Alte Fifi mit seiner Tatze an der Schulter und schleuderte sie hinaus. +Die Orgel hob an, Fifi erhob die Füße, hinten der blaue Horizont der +Draperien gab ihren Bewegungen Haltung und Relief, und die müden +Schwingungen ihrer Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter einer +Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem schönen Gewässer erblitzt. +Langsam im Fortschreiten des Abends wurden ihre Gesten müder, von einer +schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz hörte das Pfeifen ihres +Atems. Und wenn sie, leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die Kühle des +Herbstes auf ihren Schweiß. + +Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des Zuschauens von Mitleid und +schmerzlicher Bewunderung angefüllt. Manchmal schien es, als müsse der +nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken lassen. Doch sie blieb. Ihm +aber widerstrebte es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen, die +unter den Augen des klebrigen Athleten oder mit dem Beigeschmack der +gewohnten leichterotischen Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er fühlte, daß +er Inhalte in sich trüge, die in ihrem Wesen auf dieses Kind abgestimmt +seien, und die Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut zur +Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und wieder -- nicht oft -- aber +in einem berückenden, außerweltlichen Zusammenhang. + +Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als sie ihre Stimmen noch nicht +kannten. + +Dann kam jener Abend. Donnerstags. + +Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle, sternhart, der Park voll +gärendem Geräusch. Er zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch, +überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift, immer schön. Die Lichtgurte +ganzer Grenzstraßen warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen +Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm alles auf mit großer, +tiefer Selbstverständlichkeit. Stand geborgen, bergend, unberührbar, +geschlossener Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein Zentrum, um das die +Stadt mit Geleucht rotierte. Donnerstag abends . . . + +Es war schön. + +Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr im Schloß hakte ein: Fünf +Minuten bis halb acht Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr +begann, die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit, in der die Artisten +aßen. Seine Gedanken gingen langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne +Tatkraft um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis Tanz sich bewegend, +Erklärungen ersinnend, von einer leisen Sehnsucht aufgelockert und +beschwingt gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch sein Geträum +das Bewußtsein heftiger Schritte und haschender Bewegungen ins Gedächtnis +stieß, hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei in ihn hinein, +warf ihn herum. Er lief über ein Grasrondell, stolperte, stieß an ein +Gitter, sprang darüber. Sein Hut war verloren, der Ärmel geschlitzt, seine +Brust zitterte. Er stürmte um ein eingezäuntes Denkmal, mußte umkehren, +lief in einen dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und schmiß ihn +zurück, daß sein Körper krachend an die Stakete knallte und an ihnen wie +eine dumpfe Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der rote Kopf einer +Zigarette auf, bewegte sich her. Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch +schräg aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form und schalenhaft, in die +nun plötzlich ein beinahe bläulich erglänzendes Licht floß. Zwei +schimmernde Kreise, standen die Augen in ihrem Gesicht. + +Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch ganz sich in der Geste +erfüllend, tat sie einen unnennbar müden und langsamen Schritt auf ihn zu, +das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden Hostien. In diesem +Augenblick lief das Geknatter rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und +wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah: sah, wie Franz dem +Hingesunkenen den Revolver aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die +Schläfe hämmerte und ganz groß auf sie, die zitternd harrte, zuging. + +Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette heraufgekommen, zwischen sie +gesprungen und löste die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen. + +Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie es: »Verletzt?« Franz zeigte +den Revolver; er deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner riß sein +Gesicht in Falten, fauchte, trat dem Klumpen in den Bauch, schnippte das +Bein hoch, daß der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht neben den +Liegenden und sog heftig an der Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde +fiel, in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben und Stichwunden +durchbohrtes Gesicht auftauchte. + +»Der Fakir,« . . . schäumte der Mexikaner. »Man sollte ihn peitschen«, +. . . und fing an, ihn mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn hinderte, +fiel sein Blick auf Fifi. + +Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie ein weißer Fels, über den in +zuckhaft raschen Stößen rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten Hell +und Rot und drohten, den Hals zu sprengen. + +Und während sie wieder auf Franz zuging, als trüge sie alles gegen ihn, +zitterte ein Klang, rauh, gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle +Glieder zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen zurück; sie warf den Kopf +zur Seite, gewaltige Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer +Verurteilten ließ sie sich gegen den Mexikaner fallen, der sie verwirrt +aufnahm, der nach Franz schaute, wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt +schien. Dann plötzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung seinen Mund +auf ihren warf und in langem Kusse sie wegzog. + +Franz stand noch eine Weile. + +Dann drehte er um. + +Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen Revolver. Er sagte es +englisch. + +Nichts schien Franz selbstverständlicher, wie diese Folge fremder Laute. Er +gab ihm den Revolver. + +Der Fakir verbeugte sich, ging. -- -- + +Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam. Der Herkulische beulte auf +sie los und sie erschien unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in +der wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin. Sie gab keinen Ton. Sie +tanzte den Abend, daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß ihre Beine +glühten wie die wundgespielten Saiten einer schönen Violine, während die +Kühle auf ihre Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen ihr Atem +rang. + +Franz kam nicht. + +Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag rasend und aufglühend +herunter wie Spulen, die ihre Füße abtraten. Es wurde kälter; +erbarmungsloser drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun Luise, +eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi danach fragte, schrie der Alte +sie nieder. Das dicke Weib mit den weißen bösen Augen keifte, sie solle +mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden und stolzen Gebärde auf +den einträglichen Busen der Dame ohne Unterleib. + +Sonntag tanzte sie den ganzen Tag. + +Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich, in Keile zusammengepreßt, +über den Platz, der staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne +zusammenbrannte, auf die die Kühle so unmittelbar folgte, wie das Dunkel +plötzlich und hastig vorsprang. + +Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park, streichelte das Gitter, an dem +sie damals gelehnt, kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz +gestanden und berührte mit den Lippen den Boden. Dann lief sie weiter, kam +durch ein Tor, eilte durch eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit +stillen Bäumen. + +Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu dessen Tür viele Stufen +führten, über der Fahnen hingen und in gewaltigen Lettern das Wort +erglühte: »Deo«, das sie wohl nicht begriff, das sie aber sänftete und +hineinzog, wo sie Weihwasser nahm und in einer Nische unter einem in vielen +Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele der Steinfliese warf und +so weinend ein Vaterunser schluchzte, daß von zwei vorübergehenden Damen +eine erregt und voll Neid über diese inbrünstige Stärke, höhnisch +auflachte, wie von der schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im +Klang der Stimme voraus desavouierte) Überlegenheit heuchelnd und +darstellend. + +Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen heraus, böhmisch, das die +Leute nicht verstanden, aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt +hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus allen Seiten der Kirche +wieder auf sie zurückströmte, ein Gebet. + +Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte der Störung nachgehen, die +Weinende, deren heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen +übermäßig und sie gering machend auftürmte, beruhigen, sie hinausweisen +. . . aber er blieb wie gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen +und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig gescheites Gesicht +gestreut, wie hingewiesen und in diese Position gebannt von dem seltsamen +Geläute dieser Stimme. + +Aus dem klaren und in langen tönenden Linien verschwebenden Glanz ihrer +Sätze aber lief in verströmenden Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet begann +mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt +ward von dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen mußten: Sie und +Lydia und Lizzy, genannt Luise. Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf +die äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das alles sei wenig und tief +im Herzen sehr gering gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an dem der +Alte den Teller, voll von heißer Suppe, ihr auf die Brust warf, als sie +beten wollte nach einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken daran +sprangen alle Ventile der Angst und Unterdrückung weit auf, und in einem +köstlichen und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes Leben heraus, +wie eine lang im Tiefen der Rohre. gehaltene Fontäne sich in einen späten +Sommerabend mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. Und in ihren +Worten glommen die Namen der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den +letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war: Franz und der +Mexikaner, den sie Partufa nannte. Und der Klang ihrer Stimme sank etwas +zurück in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an denen jener bei ihnen +eindrang, begrüßt vom entsetzlichen Gelächter Luises, den tierisch und +röter aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch das indolente +Nichtbeachten des Alten, in dessen schmierigen Beutel die Hälfte von dem +floß, was die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf im höchsten Schmerz +tiefer senkte, dachte sie an das Gefletsch und den Schaum um den Mund des +Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise wegwandte zu ihr, die, den Kopf +gegen die Wand gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt blieb +und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen Mädchen (o über Lizzys +Gelächter und schmutzige Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur +anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine ganze Nacht hindurch mit +Nadeln stach. -- Doch ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten +Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß, den mit dem gütigen Gesicht +und den Sonnenaugen, und sie dankte Gott tief und herrlich errötend für die +Nächte, die er im Traum diese Augen über ihren Schlaf wie hütende Gestirne +verteilte und so die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz und keine +Demütigung des Tages berennen konnte. Und wieder und immer wieder dankte +Fifi dafür, daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not sandte, +damals, wie der Fakir im Park sie überfiel, um dann wie vor einer Mauer und +endlos erregt vor dem Wunder stehen zu bleiben (während ihre Stimme fast +erlöschte), wie sie damals plötzlich und wie von einer Macht, die aus ihr +selbst heraus allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den Arm des +Mexikaners warf und die kalte Übelkeit seiner Lippen auf den ihren fühlte +und den anderen stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man +verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos für den Ziehenden, +langsam am Ufer verbrennen. Und sie sann mit flackernden Worten über den +Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen, was einen Menschen zwingen +kann, die höchste, nie erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu +lassen . . . nein . . . nicht nur dieses: sie zu verschmähen -- o vieles +mehr -- sie zu höhnen und zu begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem +strengsten Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend, in Verzweiflungen +wälzend um diese Fragen wand, erschien es ihr, als ob es eine Angst +vielleicht oder ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen Glück +überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun lassen, und sie schrie auf, wie +sie dieses Entsetzliche -- sich selbst in den Armen des Partufa -- +erblickte. Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen sei. Sie +erkannte etwas, das einer Schuld ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun +betend und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei, nicht Angst; daß es +Aufbäumen gewesen sei aus der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens +vor der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive jener höchsten +Erfüllungen. Aus diesen hin und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der +Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem sie in schrillen und +ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen hatte, fiel sie wieder in ein +beruhigtes Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung sie +umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen pflegt und lag dann eine +Zeitlang ausgestreckt auf den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, im +Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang sie auf und eilte durch Straßen +und Park zur Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit dem Fuß in den +Bauch. + +Aber sie spürte es nicht. + +Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll, in Tragik und +Schmerz vertieft und einem brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie +Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand. + +Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den Leib ihr hinanstieg, alles +löste und ihren Augen Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um den starren +Blick des da unten frei und klar wieder zu machen, und all ihr Sinnen stand +danach, die Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender Glaube +überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte und Erstaunte nun alles +begreifen müsse: daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie +ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All dieses tanzte sie +nun. Und sah in seine Pupillen und lauschte auf Wirkung, wie einer an +Abenden hinter der Ebene den Mond über dem Strich der Wälder sucht. Sie +glaubte nicht mehr, daß alles verloren sei, wieder überbrandete sie die +absolute Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was, als alles zu +ihm allein zog, sie auf die andere Seite warf. Sie fühlte, wie jene Schauer +des Glücks, das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie wie eine +Keule überfiel, nun in langsamen Zügen wiederum in sie einzogen. + +Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen Glauben hinein, der sie +erschimmern machte, aber noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah +dies nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) kalt und hart. + +Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich Wellen stießen die +Anstürme der Menschen gegen die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut +eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons stiegen in die +Höhe. Das spitze Geknatter von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle +und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver und das Stampfen und +Pfeifen der Maschinen + +Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß und erzählten alles, was sie +wußte noch von der dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo in ihrem +Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie +riefen um Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, das sie deutlich +erstrahlen zu sehen glaubte, und dankten ihm. + +Aber er verstand sie nicht. + +Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten Bogen, ihre Hände +schienen etwas zu glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden immer +linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und kleiner, die Beine hatten ein +Tempo der größten Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien. +Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus, die Blicke strahlten +überirdischer, ein leises Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem +immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele Wunder hineinschaute +. . . und so tanzend, geklärt und eine merkwürdige Leisheit erregend, die +kurz eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch sie, während die +Rohre der Dampfmaschine plötzlich lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den +Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem Platz wie grundlos von einer +hellen Strahlung mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte . . . +losch sie, sich in sich selbst verströmend, tanzend, zusammensinkend, hin +wie ein seltsames und gutes Licht. + +Yousouf + + . . . ich glaube indessen, daß, hier wie + überall, Liebe eine Kunst ist wie das + Reiten und Flöteblasen. + + + Der Marquis de Langle + + +Die Herren standen in dem Vorsaal und klirrten leis mit den Degen. Ihre +Gespräche liefen verhalten und erwartungsvoll. + +Dann flogen die Flügeltüren auf und Las Casas trat aus dem Kabinett. Sie +sahen sofort sein Gesicht, das beherrscht in der Rampe stand und dann an +ihnen vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und verbeugten sich. Einer ging +auf ihn zu und sagte ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrümmten Rücken. +Der andere dankte mit der Höflichkeit einer wahnsinnigen Verachtung und +ging weiter. + +Im folgenden Saal standen größere Gruppen. Er mußte wie durch eine Gasse +gehen. Alle grüßten ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn es war +niederer Adel. + +Darauf glitt er durch eine Flucht von Räumen, die in Röte brannten von +Decken und Möbeln und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder von ihm +über die Spiegel fuhren und Hellebardiere standen, die den König zum Bad +begleiteten . . . und wo sonst nichts war als das einsame Hallen seines +Schrittes. + +Und dann löste sich aus einer Nische ein junger Mann und ging auf ihn zu +mit einer sicheren und allgemeinen Haltung. + +»Sie haben . . .?« fragte er. + +»Ich habe . . . Luis Quijada . . .«, sagte Las Casas und riß die +Papierrolle auf, die seine linke Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und +verbeugte sich kalt und so unwillkürlich, wie wenn er auf einem Schiff +stünde. Er hatte blonde auffallende Haare. + +»Ich werde«, sagte er fest und beiläufig, »dann eigene Segler ausrüsten -- +-- -- auf jede Gefahr.« + +Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer. Der Abend hatte das Glas +dunkel-silbern gemacht, und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament +gemalt in der Füllung. + +Las Casas lächelte leis, und seine Stimme bebte ein wenig in +Geringschätzung, indem er erhabenen Erfolg wünschte und die Treppen +hinunterstieg, aus denen die Dämmerung ihm entgegenschwoll. + +Er eilte nach einem Palast, der in zwei Gärten lag, und ließ sich nieder +und wartete, bis man ihn gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war +kühler geworden. + +Ein Stern blinkte über der Mauer. + +Die Zofe ging vor ihm über den bläulichen Kies. Sie kamen über ein Boskett, +und dann blieb sie stehen und öffnete eine Tür. + +Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon und schritt durch ein +Boudoir in ein helles Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein weißer +Arm streckte sich ihm entgegen, von dem ein weiter Ärmel zurückfiel. Er +stürzte darauf und küßte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen Kopf +neben den der Frau und seine Wangen brannten nach ihren hinüber und machten +sie rot, obwohl sie sich nicht berührten. + +»Sie haben die Erlaubnis . . .?« + +»Ich habe sie . . .« und seine Hände fuhren nach ihren Hüften und zuckten +rasch zurück. »Ich fahre heute nacht . . .« + +Sie schnellte auf: »Nein -- -- -- morgen!« + +Dann schloß sie den allzu heftigen Verrat der Augen mit den Lidern und +meinte, als ob sie nun erst in Besinnung und klug spräche, lächelnd und +ruhig: »Wie könnten Sie das möglich machen, Marques? Sie waren gestern noch +beklagt, weil Sie des Königs Gaben verschleuderten und portugiesische +Kaufleute abstechen ließen. Sie erhalten heute den Auftrag, den Räuber zu +jagen, nach dem jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch schon +gerüstet sein?« + +»Ich habe drei Schiffe.« + +Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis, indem sie nach ihm +blickte. Seine Hände zitterten, und die Lippen verzerrten sich vor Stolz: + +»Ich habe dem König bedeutet, daß ich die Dörfer nur verkauft habe, um Geld +zu bekommen für diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich sagte +ihm, daß ich es getan hätte, obwohl ich wußte, daß seine Ungnade darauf +folge, weil er es nicht liebe, daß seine Geschenke sich zersplitterten und +so fortfliegen und so . . . daß ich es aber getan hätte, weil mein Wunsch, +ihm durch die Expedition zu nützen, heftiger gewesen als die Scheu vor +seinem Zorn. + +Darauf nahm der König sein Lieblingswiesel und setzte es am Fenster in die +Sonne und spielte und sprach mit ihm. + +Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht in dem Raume sei -- -- so +sehr nahm diese Bewegung den Glauben an die eigene Wirklichkeit. + +Dann aber ward ich zornig, Juana, und da mir Tränen in das Gesicht +schwammen, drehte ich mich um und schrie das entsetzliche Bild seines +Großvaters, das mich reizte und nicht hilflos machte wie seine Ruhe, mit +heftigen Worten an, als ob er es sei. + +Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der beiden Kaufleute aus +Lissabon, um die ich beklagt bin. Denn ich ließ sie nur töten, um angeklagt +zu werden und so unter Eure Augen zu kommen, was ich anders nicht konnte, +da Ihr zornig auf mich wart der Dörfer wegen. Denn meine Petitionen werden +nicht gelesen. Es ist schade, denn mein Wort scheint leer wie ein +geschriebenes zu sein. + +Der König sagte: Und wenn ich es nicht erlaube . . . -- Ich sagte: Dann tue +ich es auf die Möglichkeit hin, daß Sie mich als Briganten erklären. Ich +fange Yousouf . . . auch dann und -- gegen Sie, Sire. + +Er sah mich an, zum erstenmal, und lächelte: Auch dazu hätten Sie mein Geld +zum Equipieren nötig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen selbst das. + +Ich sagte ihm, daß ich das Geld für die Dörfer hätte, aber da er wußte, wie +gering es war, lächelte er wieder. + +Da zwang mich das Weh meiner Lippen -- und es schrie in meiner Brust wie +ein Degen im Gefecht -- daß ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief, daß +ich wisse, daß er nach seinem Gesetz verfallen sei, aber daß ich es ihm +doch sage: Daß ich drei Schiffe hätte, ausgerüstet im spanischen Viertel +von Brügge, gebaut in Barcelona, Santa Maria, Coruña . . . daß ich die +letzten Kredite auf meinen Namen genommen, die Kerker der Dominikaner nach +Sklaven geplündert, daß ich den Albaycin in Granada nächtelang durchsucht +und aus den Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen, was in +meine Fäuste fiel und kräftig war . . . Zuhälter, arabische Matrosen, drei +hünenhafte Priester . . . und daß ich fahren würde die Nacht -- so oder so. + +Da lächelte er wieder und sagte: Ich werde Sie verhaften. + +Ich könnte Sie töten, Sire, rief ich; Juana, mein Kopf brannte, aber ich +zerbrach den Degen nur und warf ihn gegen die Wand. + +Ah, sagte der König und ließ das Tier und zweifelte: Haben Sie Mut . . . + +Da nahm ich das Wiesel und zerdrückte es in der Hand, langsam . . . während +das Furchtbare des königlichen Zornes mir entgegenquoll. + +Ich ließ das Tier fallen. Aber des Königs Arme kamen über seine Wut auf +mich zu und drückten die meinen, und er zerriß das Diplom, das auf den +Grafen von Oropesa, Luis Quijada, gezeichnet war, und ließ die Fetzen durch +das Fenster fliegen und klebte sein Siegel auf meines -- -- --« + +»Sie machen mich stolz auf Sie, Marques!« Juana warf sich zurück und gab +ihre feuchten Blicke frei, die auf seinem trotzigen Körper weideten und in +dem Erglühen seines Gesichts wie zwischen jungen und heftig aufgebrochenen +Rosen spielten. + +Dann fragte sie rasch: »Weiß es Luis Quijada?« + +»Er fragte mich.« + +»Was sagten Sie ihm, Marques? + +»Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen sagen, daß ich nicht, wie ich +könnte nach meinem Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn mir +allein gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn er die Expedition, von der er +sagte, rüstet. Das Meer ist ihm frei.« + +Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an den Händen nach ihm hin: »Sie +werden den Auftrag da zurücknehmen!« Er verneinte. + +Sie flehte: »Marques, erklären Sie ihn als zum Töten erlaubt, als Brigant!« +Da schwoll Las Casas' Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend +stampfte er den Fuß auf den Boden und bat sie hochmütig und verächtlich, +nicht zu scherzen und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu verlangen, +daß er Luis Quijada für wert hielte, seine Rivalität zu fürchten. Und er +bewegte die flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer Fliege +schlage. + +Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: »Ich werde den Auftrag nicht +ausrichten. Aber nur um des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute +nie mehr bei mir sehe.« + +Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich neben ihrem Bett und zwang +sie so lange, bis sie zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie +früher. Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt gewesen, wenn sie Quijada +die Beachtung des Hasses geschenkt hätte. + +Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre Brust. Seine Hand fing +an heftig zu schwanken vor Verhaltenem. + +Er stand auf. + +»Ich gehe.« + +Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses verwirrte sie und +blätterte sie auseinander in Begehr und Hilflosigkeit: »Nein . . . morgen +--!« + +Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke. Wie sie auffuhr, sah er nur +das Innige ihrer Form, den Druck des Körpers in den Kissen -- und dann roch +er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang sich zurück und roch sie nur, +sah nichts, hatte kein Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern. + +Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt, war es ihm. + +Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen. + +»Morgen --?« knirschte er, denn selbst die Stimmbänder waren mit Blut +überschwemmt. Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren und riß ihn +weg, taumelnd, und legte ihn wieder hin und Härte und Knabenhaftes +verstießen sich gegenseitig von seinen Mienen. + +Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken und zog ihn von neuem +herunter: »Warum -- du . . . heute?« Sie stieß es brennend heraus und in +Scham. Sie stand halb und war halb gekauert in der Ecke des Bettes. Sie +faßte seinen Kopf, daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und ihre +Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berührten, während die Handflächen +kühl nach den Schläfen hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der +Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf Auge. + +Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange schon schrien: »Sie sollen +bleiben, Marques . . . hier -- --« und zitterte. + +Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von einer Welle aufgejagt und +gesteilt warf er sich auf die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und +drückte die trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen den Körper hinauf +nach dem Hals auf den dünnen Batist. + +»Corazon!« . . . stammelte sie. Und wieder: »Corazon!« . . . mit +hingebenden Lippen. Seine Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander +geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung ineinander verkrampft. + +Sein Mund spannte sich in allen Qualen und mit von Küssen halbzerfressenen +Worten sagte er: »Nein!« und viele Male: »Nein.« Und als er ruhiger war, +kam es ihm in das Bewußtsein, daß er sie liebe und daß sie ihn liebe und +daß er es immer schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die +Erkenntnis, und sein Blick stieß gegen die Wand und kam nicht weiter, und +sein Kopf füllte sich schwer mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht +genug sei. »Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende und Schreiende in +meinem Blut geht weit darüber.« Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff +ihres Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande nach dieser Tat, die +endlich soweit vorbereitet war, und indem er davon sprach, sprühte das +Aufleuchtende der Meere und Flotten vor seinen Augen auf und raste in +grellroten Kreisen über ihn: »Ich will den Bassa nicht nur jagen, +aufhängen, schinden, weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fraß und +Isabella, die eine Verwandte ist, schändete und seinen Leuten ließ zwei +Wochen lang. Seit ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn Gedanken +packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede Phase des Kampfes, mag er sein vor +Venedig, bei Cadix, in Marokko . . . ich weiß wie eingebrannt im voraus die +kleinste Schwankung des Gefechts. Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn +nicht im Traum schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so umkreist, daß +ich jede Narbe an ihm kenne, daß ich mehr von ihm weiß wie von mir. Der +Name Bassa Yousouf macht mich blind. -- -- Ich fahre heute nacht.« + +Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem Haar. Sie ließ ihn, denn +sie begriff das Heiße in ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz +umschloß, aber sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz, als er sich +aufriß und sie nicht nahm und sie brennend verließ. + +Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie mit Gold, als käme er von +einer Liebesnacht. + +Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein wenig gepreßt schon von +Jasmin, aber der Mond, der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine +flaue Dämmerung hing zwischen den Masten. + +Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem Schatten einer Mauer, nahm ihn +und landete im Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg am +Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch, jemand schoß eine Pistole in +das Schweigen. Sofort rasten Männer über den Steg und schlugen mit langen +Stäben die Sklaven wach, Ketten rasselten, am Vorderdeck sammelten sich +dunkle Haufen, hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa blitzten +die Offiziere. + +Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu sechst an jedem Ruder +zweihundertvierzig Sklaven. Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur +sechsten Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet. Die letzten und +die Massen Soldaten auf der Proda erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen +und Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten die +blutunterlaufenen Hunderte Augen um ihn. Er schrie sie an: + +»Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine! Dazu habe ich euch gekauft. Das +wißt ihr. Ihr werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags. Dafür spritzt +ihr das letzte Blut aus den Nägeln. So ist dies ausgemacht. -- -- Ihr sollt +noch mehr haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen ist, sei jeder frei. +Jeder kriegt tausend Maravedis. Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr +bekommt Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist. Ich gebe euch die +Offiziere zum Schinden frei, wenn ich falle und sie hindern euch. -- -- --« + +Er hob den Blick zum Himmel. Denn das Schweigen schwelte dumpf unter ihm. +Die Augen der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert Lichter auf +den Bänken. + +»Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus Yousouf Bassas Harem. Eine +braune und eine helle. Am selben Abend noch . . . --« + +Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf. Grunzende Töne johlten +herauf. Schreie rissen sich los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund. +Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen zurück, glänzend wie Fische +im Wasser. Viele knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen zu ihm +winkend oder den Kopf auf den Steg legend, daß er darauf trete. + +Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten hoch. Eine große Fanale senkte +sich über die Poppa. Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen. +Fünfhundert Rücken warfen sich mit vorgestreckten Armen zurück, zogen sie +an, Ruder schäumten durchs Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge +schnellte die Galeere aus dem Maul des Hafens in das leichte blaugelbe +Band, das über dem Wasser lag und Horizont war. Links und rechts zwei +Zungen stießen nach. + +Von drei Vorderdecks blies man: Benedito sea Dioz. + +Die Sonne ging auf. + + * * * + +Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie kamen eines Abends an. Eine +Goelette legte an bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie fuhren +in die Nacht zurück. Am nächsten Tage fingen sie ein paar holländische +Segler, die in der Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und +Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San Sebastian. + +»Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast setzen und ihn nachts im +königlichen Garten aufpflanzen«, sagte Las Casas zu seinen Offizieren, und +sein Gesicht zuckte, während seine Hände mit den besten Perlen spielten, +die er zu einer Kette gebunden hatte und indem seine Gedanken um den Nacken +Juanas flossen. + +Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf der Proda. Aus dem Korb rief +einer und meldete etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte. + +Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille mit gekappten Masten. +Die Besatzung fehlte; nur einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und +schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig geworden. Ihre Ladung +war Florentiner Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen waren sie +überfallen worden. »Hui«, rief einer, auf einem nackten Widder-Gallion +reitend, immer: -- -- »die Weiberchen« und schälte mit einem Nagel an dem +Horn. Man ließ sie weiter treiben. Man war auf der Spur. Mittags brannte es +neben der Munition. + +Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der Abend war ruhig, und es ging +kein Löffel Wind. Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch. Las +Casas saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige Stille und das maßlos +blaue Meer, auf dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken davon +lösen, aber es legte sich über ihn. Er befahl zu musizieren, die Offiziere +warnten. Doch er ließ die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das Meer +aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut war wie das Hüpfen einer kleinen +Welle gegen das Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit tausend +Stimmen: Juana! anschrie. + +Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette zu senden und löste sie von +seinem Gürtel und warf sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge. + +Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den Zaffarin-Inseln. Sofort meldete +es von oben: »Zwei Gallionen.« Las Casas kletterte selbst hoch, beschirmte +die Augen. Es waren Mudjaren und Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste +herunter. Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie schäumend, und +die Ruder überschlugen sich. Immer rascher raste seine Stimme, die selbst +den Takt sang. Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze. Doch +trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon so dicht herangekommen, daß die +Soldaten anfingen, in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken +bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein Vorsprung verschluckte +sie. Die hinterste hißte eine Fahne. -- -- -- -- -- -- --: Schwarz, ein +goldener Arm mit einem Säbel und ein Totenkopf -- -- -- die Flagge der +Hauptschiffe Yousoufs. + +Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte einen großen Araber und +ließ ihn hinrichten (er wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein +Blut in einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen die Füße lief. + +Er betrachtete sie genau während des Vorgangs. Doch es erschien kein +Ausdruck auf ihren von Stumpfheit abgefeilten Gesichtern. + +In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe. Fortwährend gingen Signale hin +und her. Am Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften Biegungen +durcheinander. Von der Mitte einer Insel schoß in Abständen ein weißliches +Feuer hoch. Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das Wasser. + +Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen auf der Poppa. In der +Dunkelheit konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter von dem Bassa +und konnte ihn nicht fassen. Die Sklaven ruderten die ganze Nacht in +Schweißwolken gehüllt. Es roch noch nach Blut. + +Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch dunkel war, nach +verschiedenen Seiten durch. Sie hörten auf den Galeeren nur ein fernes +Brausen, als streiche ein großer Vogel mit der Brust über das Wasser. + +Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres Forcas zu. Die andere Galeere +schwamm eine Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die Lichter +löschen, Anker werfen und ruhen. Denn ihm schien das Tempo Las Casas' +wahnsinnig. + +Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione. Sie hetzten den ganzen Tag, +verloren sich, fanden sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie. +Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß das Dunkel sie weg. Die +Nacht kreuzten sie vor dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise +treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen. Sie sprangen hinüber. +Am Mast stand ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte mit weißer +Glut. Die Planken waren gesprungen. Der Türke war mit nassen Stricken an +den Baum gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der Hitze und ihm das +Fleisch eingeschnürt, bis es geplatzt war. + +Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen machten. Da sprang einer vor +und deutete in sein Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten ihn +an dem einen grünen Auge. Sie schnitten ihn los, aber seine Haltung, die +ihre Wut durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude ihnen selbst +verächtlich erscheinen ließ, bewahrte ihn davor, daß sie an ihn rührten. + +Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas. Als sie ihn nicht fanden, +brachten sie den Bassa nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er. Das +Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur Exekution führte. + +Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas' größter Ehrgeiz, dem er sie opferte, +von einem Subalternen blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie empfand +es, als hätte man ihren Körper beschmutzt, und schien sich gering geworden. + +Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der Gefangene um und sagte kalt: +»Ist es zum Tod?« + +»Ja!« . . . brüllten ihm zehn ins Gesicht. + +Da spie er ruhig den Henker an. + +Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor. + +Von Las Casas keine Spur. -- + +Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile eine Fregatte in den +Hafen. Ein Kapitän stand vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land, +eh er nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte, die Silber aus Mexiko und +Gold aus Peru brachte, ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn +verfolgte, geschlagen habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Der +Hingerichtete war nicht der Bassa gewesen . . . + + * * * + +Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses, über dessen Bühne ein Stück +von Moreto ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von Zeit zu Zeit +auf sie ein. Sie folgte angestrengt den schwerbeladenen Szenen und bat in +der Zwischenpause, als ein burleskes Entremes wie eine klebrige Kette von +Küssen sich vorne erhob und sie zu sehr belästigte, den Grafen, sich neben +sie zu setzen. + +Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie dann, an was sie denke. +Sie antwortete nicht, sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer. + +»Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so enttäuschen«, sagte er dann und +legte die Hand auf ihren Fächer. + +Sie sprach sehr nachlässig: »Bei Gott, was habe ich gehofft?« . . . und +wagte nicht aufzusehen. + +»Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine niederschlagende -- -- Komik +ausgelaufen sind . . . wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in die +Knutscherei des Zwischenaktes.« + +Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das Spöttische seiner Mundwinkel +besiegte sie. Sie brauste auf: »Was wollen Sie mit Las Casas?« + +Er hob die Achseln: »Casas . . . toll . . . Aufschwung . . . ziellos +ehrgeizig . . . jung, jung! -- --« Quijadas Stimme klang kühl, klang +gerecht. Er fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie +Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach ihn einmal höhnisch: +»Neid.« Er schüttelte nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den +Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr selbst, denn es waren +Schmerzen, die ihr nicht wehe taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und +haßte ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich in der Wirkung, +aber scharf und zergliedernd und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über +Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen auf das +unerträgliche Heiß ihrer Haut legten und irgendwas Luft ihr einblase, die +wohltuend in sie ströme, wo sie am Ersticken war. + +Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, daß er schweige, weil sie +plötzlich begriff, daß seine Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in +der Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der klare und starre +Intellekt seiner Worte überschwemmte sie. Sie fühlte in einer wohligen +Apathie, wie er das Heiße, das Begeisterte und das ungenau, aber groß +Aufstrebende in ihr wie zwischen zwei Fingern langsam zerquetschte und Las +Casas' Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte und verschieden +beleuchtete, bis seine Silhouette klein vor seinen Worten stand und er +phantastisch und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam und +beschämt in der Schwankung der Ereignisse und sich das Bewußtsein dahinein +verstrickte, daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt einer +Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen und Wandlungen dieser Dinge, +zürnte sie Quijada nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust der +Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. Sie hörte ihm gern zu. + +Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte sie, wie sehr blond er +war, und sie zwang sich, daß es ihr gefiel. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- + +Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei +gelbe Segel kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander zu und +schnitten sich wie zwei Säbel. Dann kam eine Barchette mit singenden +Sklaven vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter auf das Wasser +. . . + +Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham ergriff sie leicht über die +Worte und Gedanken des Tags vorher wie über eine geheime und später sich +mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände vor das Gesicht . . . +und tat sie rasch hinweg, daß ihre Blicke groß gegen den ungeheueren +Horizont schlugen . . . und da empfand sie deutlich wieder, in dieser +Minute, daß dieser, daß er trotz allem »O Las Casas!« dessen Ehrgeiz an +fremden Küsten wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne als +alles, was an sie herankam. Sie dachte an Quijada, und es schien ihr jetzt, +als sei er nur wie ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen +Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre. + +Später kam Quijada. Er sprach wieder über Las Casas. Er sprach nie über +sich oder über sie. Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen in der +Beziehung auf das eigene Ich ganz und allein Wesen und Eigenes der Frau ist +und weil sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie das Verschmähen +ihres Besitzes um einer Tat willen, sie bis zu den äußersten Grenzen der +Idee entflammt, ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren Wort eine +Nichtachtung des Bluts erscheint -- und wie sie nur aus gekränktem Eros +heraus denken können und tun . . . so empfinden sie, unbewußt vielleicht, +vielleicht oft, immer -- es ist möglich und einerlei -- den Haß des Mannes +auf den Mann als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über alles umronnen stehn +von ihrem Blut! + +Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas Grausamkeit gegen diesen lockte +ihr Blut. Seine Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, der (es +schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an. + +Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen Gärten. + +Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, grüßte und ging nach dem Palast. + +»Las Casas . . .?« + +»Beruhigen Sie sich!« + +Sie sah ihn an. + +Bleich. + +Da sagte er heiser: »Las Casas!« + + * * * + +Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere vor ihm . . . öffneten +den Vorhang. Er stand vor dem König. + +»Sie?« sagte der. + +Las Casas verbeugte sich. + +»Warum kommen Sie?« + +»Der Prinz ließ mich rufen.« + +»Duell . . .?« + +»Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen den Prinzen) nannte ihn +irgendwas. Ich schlage mich für den Prinzen.« + +Der König winkte ab. + +Langsam drehte er sich um und schaute durch das Fenster. + +»Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.« + +Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König ihm das Gesicht zu, nahm +einen verzierten Dolch, schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und sagte +gütig und klar: + +»Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.« + +Las Casas lächelte verzerrt und ging. + +Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis er in den Eckraum kam, den ihm +der Prinz überlassen hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen, der die +Galeere kommandiert hatte, die den falschen Bassa fing. + +Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem Lächeln, verlegen und +geschmeichelt auf ihn zukam, griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf +einem Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen Armen ihm zu vor +ihn. Er rief ihm gleichzeitig, daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme +für seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden, nicht wußte, was das +war, befahl er ihm, den einen Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr +hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex von fassungsloser +Enttäuschung. + +»Holländische Münzen . . . ge . . . fäl . . . schte . . . Molinillos --?« + +»Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit anderem als mit einer -- +Imitation belohne?« + +Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht geschlagen war. Er stemmte +sich auf, als wolle er den Beutel wegwerfen. + +Da begann Las Casas' Gesicht zu zittern: »He,« tief er, »Herr!« -- und es +klang wie der Ton eines der krummen Hörner an einer königlichen Barchette: +im Befehl unabwendbar . . . und es knickte den Zornigen. Er ging mit +hängenden Armen. + +Las Casas promenierte noch über eine Stunde in der Kühle des Korridors, bis +die Herren kamen, ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn umarmte. +Das Rendezvous war in einem gesperrten Teil des Gartens zwischen einer +Fontäne und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß nach wenigen +Minuten seinen Gegner durch den Nabel mitten durch, daß der Herzog von +Medina-Sidonia mit liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung nicht unterlassen +konnte, daß an der Stelle, da ihm das Leben geworden sei, es wieder +verströme. + +Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die Löwen. Ihre Augen wurden grün +vor Gier. Es pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen. Dann +brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins in ein erschütterndes +Gebrüll aus -- durch die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper rasend +dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen kitzelte. + +Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum Palast, traf Las Casas auf Juana +und Luis Quijada, der sich um sie bemühte. Sie war auf eine Bank +zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand sie auf. + +Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl. + +Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten einen gleichen in hetzenden +Takten selig geschwellten Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper +aufeinanderdrangen und sich umschlossen, obwohl sie sich nicht bewegten +. . . und wie wenn ihr Blut aus den Adern presse, heraustrete und +ineinanderströme. + +Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte von irgendwo her, von der +Seite her? -- -- -- neben ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die +Stimme Quijadas: + +»Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu Ihrem Erfolg heute -- -- wie ich +ihr Unglück bedaure -- sonst.« + +Las Casas' Blick fuhr an ihm vorüber wie an einer Wand. Drehte die +Schultern, entblößte seine Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an +Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die Hand. Sie sahen sich in +das Weiße. Dann ging er. + +Nach drei Schritten wieder bog er um: »Graf Oropesa, . . . Sie sagten +. . . vielleicht, daß Sie mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt, +Ihre Segler zu rüsten.« + +Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle spielte, sagte scharf, den +Schnurrbart kauend: »Sie haben mir nicht den Gefallen getan, mich für +diesen Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären. Auch im +Großzügigen wie in der Verachtung weiche ich Ihnen nicht.« + +»Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung haben, jetzt . . . gleich +. . . sofort -- Auf Wiedersehen.« + +Er machte eine schwache Geste nach dem Meere und ging. + +Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen nahm, brachte ein Diener ihm +einen Brief von ihr. Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder. +Nur dieses: »Komm --!« + +Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd: »Komm!« Es fielen ihm ein die +Abende im Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor Sehnsucht wie der +Horizont und darüber erschrak, zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn +so, daß er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er sich selbst +empfindend, langsam zurückkehrte in die Umgebung und sich gewaltig +zufammenraffte und toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb: + +»Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen, wo ich Dich aufschob bis nach +dem Erfolg. Ich müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs. Du aber +wärst feig, wenn Du nachher mich nicht verachtetest.« + +Aber in der Dämmerung fand er sie in dem Garten. Sie spannte die Arme nach +ihm. Da fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte und die +verbotene, selbstversperrte Sehnsucht in einem knabenhaften Weinen in ihren +Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre Schenkel, und sie sagten kein +Wort. Doch er warf ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ, +lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein Mund. + +Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte, erhielt er ein Billet. +Er erbrach es am Ufer noch, einen Fuß in der Barchette. + +Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil das Dunkel ihr Blut quälte, +und raste nun nach ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl! auf +den Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein. + +Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte ein ganz kleiner Hucker mit +unmäßig geschwellten Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann stand +darin. Warf einen Brief herauf. + +Sie schrieb: »Ich liebe . . . Deinen Stolz . . . die Härte . . . warte -- +trotz alledem. --« + +Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die Augen rot -- eine überreife +Frucht. Die Lippen hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie eine weiße +Falte lag der Mund in dem Gesicht. + +Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen an den beiden Abenden, +die folgten, ins sinnloseste betrinken. Er schenkte es ihnen. + +Zehn Tage später liefen die drei Segler des Luis Quijada aus. + +Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden. + +Juana hielt die flachen Hände an die Brust und fing den Herzschlag auf +darin und warf ihn den Galeeren nach. + +Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte sie auch sein Fehlen doch, +da sie ganz allein war. Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen +sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr das Kühlende seines +Hasses. So glaubte sie. Manchmal erschrak sie. + +Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer Donner sich sammle, wie wenn +ein Bergwerk einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus dem +glatten Himmel sause irgendwo. Und sie bedauerte, daß sie nicht tiefer +hören könne, und streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf, höher +. . . und ward straff gegen jeden Anprall und scharf wie eine Lanze. + + * * * + +Bandieren und Standarten spannten sich auf Las Casas' Galeeren. Morgens und +abends bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das Meer wechselte blau und +grün. Gegen Mallorka zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende Monde auf +dem Grund. Die Sklaven ließen die Ruder und beugten sich über die Geländer +und starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie zu prügeln, und sie +krochen wie die Hunde zurück. + +Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer Seide mit Las Casas' Wappen in +Granaten bestickt. Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht vorüber. + +Bei der Insel Galita war eine Falle für den Bassa gelegt. Zwei kleine +Segler mit Lamawolle und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden nachts, +lautlos. + +Las Casas kreuzte ganz Tunis ab. + +In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische Caramuzzals ein, die +völlig braun waren und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten. Sie +schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus kleinen Kanonen. Beim Entern +sprang ein Mann zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott lobend. Las +Casas ließ ihn trotz dem Geplärr in Ketten legen. Die anderen schlug sein +Henker mit der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten wurden auf die +Ruderbänke geschmiedet. Die Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere +stach die Sonne zusammen. + +Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang (sein Blick hatte den +gewöhnlichen Wahnsinn der Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn +langsam totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder. Das fiel vor ihm hin und +nannte sich einen Franziskaner aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten +war. Er küßte die Füße Las Casas', und als der ihn nach dem Versteck des +Bassa fragte, heulte er auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß +er den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches gab er singend die +Weisungen für das Schiff. + +Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und versprach ihm straflose +Freiheit, wenn sie den Bassa fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe +seines Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei -- -- -- für den +anderen Fall. Der Renegat allein lobte nur Gott. + +Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den Bassa überraschen sollten, +sahen sie eine gelbe Caramuzzal in einem schönen Bogen eine Mauer von +Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von beiden Seiten wurden sie mit +Brandpfeilen und glühenden Eisen überschüttet. + +Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert Soldaten aus, fing +und erschlug eine Anzahl Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe +Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene Nubier saßen vor +des Bassas Kajüte. Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige +Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein stehendes Lager und den +Harem hätte. + +Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten Morgen. Sein Herz ging hoch, +als ob er ganz dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten. Die +Galeeren sollten so lange kreuzen. + +Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer. + +Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner seine Hymnen, bis ihm ein +Offizier mit einem Koran als Knebel das Maul verstopfte. + +Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren sie, daß am Abend der +Bassa in aller Flucht vorbei gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer +und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu weisen, obwohl sie schrien und +sich wehrten aus Furcht. + +Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender fiebervoller Ring wälzte der +Himmel sich um den Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in der Luft +wie Sand. Sie mußten die Augen senken, und das Blut zog sich ihnen wie +gefroren im Kopf zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos +wurden, schrien plötzlich etwas, rannten ein Stück in die leichten Dünen +und verbeugten sich . . . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen Laut. +Nur das war: wie wenn der grünliche Schlauch am Himmel sich langsam um sie +zusammenziehe. + +Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte, zündeten Feuer an und stellten +Wachen aus. Die Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf der einen Seite +die Männer, auf der anderen Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne +scharf in die Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen in die +Arme. Dann spielte die Muschel allein. Auch sie schwieg. + +Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte, daß es Zuversicht sei. Er +wußte (ganz unstreitbar), daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie +war zu zweifeln? . . . Juana? Er würde sie dann in fiebernden Händen +besitzen. + +Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper zitterte unter dem Gedanken. + +Er hob den Kopf. -- Ja . . . Bisamrosen hatten um die Bank gestanden und +geduftet. Und Nelken. + +Sehr scharfe Nelken. -- -- -- + +Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von Beduinen um das Lager und +senkte seine Lanzen in die Körper, die herumlagen. Las Casas banden sie und +einige andere, trennten ihn von ihnen und ritten mit ihm die Nacht durch +und den ersten Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein Kamel. Sie +gaben ihm Stutenmilch dieser Tiere. Er trank es nicht. Mittags ritten sie +weiter. Rötlicher Nebel schoß vor die Sonne und glühte die Kehlen aus. + +Die Wüste war flach, ein wenig gewellt. Dann ritten sie eine hohe Düne +herunter. Ein Park von Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grün stand um +ein paar Bäume und einen Brunnen. Las Casas trank Wasser. Abends fragte er, +ob sie ihn zu Yousouf brächten. Sie grinsten: Nein --! Da wuchs alle Kraft +in ihm und durchbebte ihn wieder. + +Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier: »Gute Stute . . .« Denn seine +Hände waren gebunden. Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er schritt durch +Gewölbe und Gänge und stand in einem Zimmer, plötzlich, mit hellgelben +Steinen, zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saßen. Eine Laterne stand +auf dem Tisch, Wein, Brot, Früchte. + +Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schönen bärtigen Türken. Sie +verhandelten über sein Lösegeld. Während sie sprachen, senkten des Türken +Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las Casas' Hand hoch, ein wenig. +Sein Dolch lag auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. »Gib dir keine +Mühe!« lächelte der Türke. Der Marques hatte die Waffe schon gepackt. Er +sauste mit einem heftigen Sprung durch die Tür. Er sauste gegen einen +dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen aus Zorn und kehrte ruhig zurück. +»Ich sagte es dir«, achselzuckte der Türke, ein bißchen beleidigt. + +Allein er ließ ihm den Dolch. + +»Sag mir das eine!« fragte der Marques scharf. »Bin ich bei Yousouf Bassa?« + +Der andere lächelte: »Nein.« + +Sie einigten sich über das Lösegeld und Las Casas blieb allein. Es ging +schon gegen Morgen. Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann. + +Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür war nicht verschlossen und er +sah keine Wache. Er stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel eines +Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog. Es roch modrig. Von Zeit zu +Zeit merkte er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber er mied sie. +Plötzlich fühlte er Schwindel, und die Furcht, daß er sich im Kreise +bewege, zog ihm das Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel, wie er +bleich ward und schlug hastig den Gang in einen Kreuzstollen ein, der das +Gewölbe durchbrach. Als er ein paar Minuten sich die Wände entlang getastet +hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab, eine Dämmerung schwoll auf, leichte +Helle lockte, und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes, das größer +wurde und ihm entgegenströmte im Nahen und Mond ward . . . und ihn +hinauszog auf einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht. + +Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt in der Mitte, als schwämmen +sie auf dem Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen blitzende Strahlen +Quecksilber. + +Las Casas schlich über den taghellen Hof, an die Mauer geduckt und von dem +schmalen Gurt ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen zwei +Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah hinein. + +Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und schaute müd und regungslos dem +Spiel eines jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben eine Zeit +so. Innen der Türke in das Betrachten versunken, der Marques fand nicht den +Augenblick, sich von dem Posten geräuschlos zu lösen. + +Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob die Augen. Die Augen mußten über +das Fenster . . . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in die Luft, Glas +splitterte, ein Dolch schlug neben Las Casas' Kopf vorbei durch die Scheibe +und verlor sich zischend und blinkend nach den Brunnen. + +Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine Blicke faßten plötzlich +eine dunkle Öffnung in dem hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen +Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht und glatt. Während er +suchte, fing ein runder Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er +auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtbälle tauchten auf und +spielten mit dem ersten. Sie glitten übereinander und vermehrten sich, bis +die eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte Las Casas, die +Wände seien Spiegel. Er suchte noch einmal nach einer Öffnung, aber er fand +keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in die Augen. Da hieb er mit einem +Aufschrei bebend vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles +Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es einen Ruck, eine Öffnung, +durch die er schritt fünf Schritte bis in sein Zimmer. + +Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte herein. Sie betrachtete ihn lang +und eingehend. Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort, ihn +anzusehen. + +Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte: »Ich kann mit dir machen, +was ich will.« + +Las Casas zuckte die Achseln. + +»Wenn du mich liebtest«, meinte sie nach einiger Zeit ernst und überlegen, +»kostete es dich den Kopf. Zwei, drei Schnitte . . .« . . . sie fuhr +sachlich mit dem Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah ihn an, als ob +sie immer mehr über ihn erstaune. + +Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der Marques die Linien ihres Körpers +nach und wandte sich langsam nach der Wand. + +Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und brannten ihr Bild in die +Mauer. Sie war sehr schön. + +»Mein Vater hat sieben Monde«, fuhr ihre Stimme fort, »ich habe den Alten +schlagen lassen, dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und dich.« + +Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr. Da fuhr ein Lachen mit +tausend süßen Spitzen in ihr Gesicht: »Alle Querstollen führen in den Hof«, +lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie ihm vor das Gesicht. +Dann lenkte sie ab: »Deine Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht +sehr braun . . .« Sie strich mit der Handfläche neugierig und schauernd +über seinen Hals. + +Der Marques packte ihre Hand und warf sie mit spitzen Fingern zurück. Sie +zog sie erstaunt an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms und +senkte den Kopf schräg. Sie war enttäuscht und drohte ihrem hellbraunen +Spielzeug überrascht: + +»Wenn ich will, kann ich dich an das Bein einer Kamelstute binden lassen, +die nach Tripolis geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules Wasser zum +Trinken. Oder du mußt Sand scharren im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem +Kopf stehen und durch die Nase lachen.« + +Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen. Rasch flog ihr Fuß aus dem +Pantoffel, das Bein schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und zupfte +ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las Casas schlug mit der Hand hart auf +den Fuß, der sich zurückzog. + +Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich gering gemacht und wie ein +Schwein oder gleich einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang auf ihn zu +und drückte sich an ihn und strich ihm über den Arm und den Hals. Sie +begriff ihn nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er warf sie, +während seine Finger die ganze Schönheit ihres Körpers begriffen und im +Gefühl bewahrten, ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen die Wand, stieß +einen kleinen spitzen Ruf aus, zog ihr Tuch bis unter die Augen und ging. + +Einmal noch floh Las Casas. + +Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit vielen Begleiterinnen +dunkelblaue Bohnen und Winden begoß. + +Er wußte nun, daß er ganz -- wie ein Tuch und ein Stein -- in ihren Händen +sei. Aber die Erniedrigung war nicht tief genug, daß er sich tötete. Er +spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam zu. Einmal setzte sie +sich auf seine Knie und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff +und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr. Um so stärker aber stieg +das Bewußtsein der Berufung in ihm. + +Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er sie abschüttelte, obwohl +sie sah, wie seine Lippen brannten. + +Doch langsam sahen Las Casas' Augen sie nicht mehr. Sie sahen trüb aus wie +Zisternenwasser. Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte es +drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren Finger vor die Pupille und stieß +danach. Sie brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm der Stern auf dem +Weiß. + +Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien eingeritzt standen, und +flüsterte an sein Ohr: »Palast-Plan . . . Palast-Plan«, bis er begriff und +ihn vor ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine List. + +Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den Lippen. Sie küßte ihn auf +den Mund und sah ihn traurig an: »Was willst du?« Der ganze Körper bat. + +Da floh er. + +Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels, glitt über Terrassen und +Galerien und tauchte in einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog. +Seine Hände führten ihn tastend die Wand entlang. Er schritt minutenlang. +In Abständen waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen hatten. +Einige waren aus einem porösen Stein, andere völlig glatt. Er streichelte +seine Hände kurz und stolz: »Kluge Hände«. Ein Übermaß von Freude stand ihm +bis zum Kopf, bereit, durch Mund und Augen übermäßig aufzuspringen. +Plötzlich packte er einen Auswuchs und empfand im gleichen Moment, daß +seine Hand in einer Zahnreihe lag. Er half mit der anderen und erschrak, +wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhöhlen verschwanden, die +feucht waren und sich anklebten. Da faßte er fest zu, brachte die Augen +nahe und merkte, daß es ein Ornament aus Gips sei. Wie er aufatmend +vorwärts trat und sein Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas +Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen die Tür, die hinausführen +mußte. + +Seine Hände aber erkannten die Schönheit wieder, die sie einmal gefühlt +hatten, und packten sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem. Da gab er +nach. -- -- -- + +Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die um sie kreisten. Er senkte die +Augen. Zwei Beduinen empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf ein Tier und +ritten neben ihm. Er hatte den einen Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie +ihm einen Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche. Als sie ihn +verließen, sagten sie ihm, daß es knapp ein Tageslauf sei. + +Er hielt sie an. + +Er hielt sie an und fragte: »Wer war es, der mich losließ?« + +»Die Tochter Yousouf Bassas . . .« sagten sie. -- -- -- -- -- -- -- -- Er +wartete, bis sie verschwunden waren. Dann hielt er die Hand so, daß sie den +ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte. + +Hiermit und so war er fertig mit ihm. + +Durch die Hand sah er sein Blut. »Juana . . . ja . . . mein Blut -- -- +unser Blut --« schrie er und stachelte den Hengst mit dem Dolch. + +Moos spann sich grau über die Wüste. Kranichzüge rauschten über ihm. Endlos +blendeten die weißen Kaktusfelder in der Ferne. + +Ein Tuareg begegnete ihm. + +Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen hielten sich so fest, daß +ihre Hände sich nicht rührten. + +Endlich: Bäume . . . Bäume! Eine Allee. Orangenallee . . . Er fiel vom +Pferde, umarmte es, tanzte und küßte die dampfenden Flanken des Tiers. Am +nächsten Tag fand er die Galeeren. Am gleichen Mittag rannte eine +Patrouille von ihm zu Yousouf und bat ihn um eine offene Schlacht. Der +Bassa schlug ein und bezeichnete den Platz. + +Sie stachen sofort los. Las Casas kam in Streit mit den Offizieren. Er +trieb die größte Eile an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle sein +wollte. Denn er mußte auf jeden Fall die Stellung an der Küste haben, damit +er den Feind gegen das offene Meer hatte und so Flucht eine Unmöglichkeit +sei und auf diese oder jene Form dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere +wollten erst Wasser aufnehmen in einem Hafen, der nahe lag. Doch Las Casas +sagte, daß sie nach der Schlacht Wasser genug haben würden hier oder da, +und er wies auf das Meer und in die Richtung des Hafens; da schwiegen sie, +denn er lächelte dabei. + +Die Sklaven hatten ausgehöhlte Gesichter und knirschten, als die raschen +Takte des Vorsängers ihre Muskeln zu angespannten Zügen zwangen. + +Las Casas ließ sie schlagen und stand auf dem Vorderdeck, unbeweglich, den +Blick auf das Meer ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen in +das ruhige Wasser. + +Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm wie zwei Segel, die ihn nach +der endlichen Tat hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er wenig +und kaum. Nur dies eine erfüllte ihn. Ein Lächeln, fast spöttisch, +kräuselte seinen Mund. Er schüttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz +durchfuhr ihn stürmisch und sengte seine Augen. + +Er drehte sich und es war ihm, daß einige Bänke die Ruder weniger tief +streckten und so den Lauf hemmten, und er ließ auf einer erhöhten Bühne +mitten auf dem Steg zwischen den Bänken mit Sklaven zwei Neger hinrichten. +Die nächsten schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern stand Wut. + +»Wasser . . . !« brüllte ein langer Portugiese und drohte. Las Casas +lächelte ruhig und sehr gefaßt und ließ ihm das Halsblut der Neger reichen. + +Er fühlte einen starken Sturm in sich, der ihn hob, schwellte und maßlos +mit sich selbst erfüllte, daß sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und +seine endlos beschwingten Gefühle über alle Schicksale hinausstiegen und +der Tod ihm nur ein geringschätziges Spiel (wie mit Masken) erschien. + +Am Abend stellten sie sich auf für den folgenden Tag. + +Früh riß die Sonne den Himmel tiefrot auf und färbte das Wasser so. Und als +bedrücke das Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner Seele, horchte er +in sich hinein und fand wie ein Pizzicato in der Ruhe seines höchsten +Geschwelltseins den Gedanken an Juana und riß ihn heraus und maß ihn mit +den letzten Erlebnissen und der Idee seiner Tat. Die Kartaunen des +Vorderdecks lösten sich schon. Die türkischen Caramuzzals umsprühten die +Galeeren mit glühenden Kugeln. Eine zischte zwischen die Ruderer und +verbrannte sie. Es roch nach versengtem Fleisch. Die nächsten heulten auf +und ließen die Ruder. + +Da ließ Las Casas die Hörner blasen. + +Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine Schlinge fiel vom Hauptmast. +Sie legte sich um den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und schwang +ihn, der sich verrenkte und mit den Armen, die Hände zu Fäusten gekrallt +und die Zeigefinger nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen über das +Schiff. + +Pfiffe rasten über die Decke. Alle Ruder hoben sich und schäumten auf die +Caramuzzals ein. + +Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana ganz aus sich. Nur die Tat sollte +sein. Er stand auf der Poppa und suchte die größte Caramuzzal. Eine Flagge +deckte sie: Rot mit sieben schwarzen Monden. + +Endlich: Yousouf! -- + +Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so war es von der Sonne durchtränkt. + +Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung, in der durchbebtesten +Ekstase seines Lebens den Gedanken an Juana zu töten. Eine wahnsinnige +Freude durchschwang ihn. Er hatte den Dolch durch den Mund gezogen. Seine +Hände hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle Kanonen entluden sich +und schrien gegeneinander. + +Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und brüllte etwas mit +leuchtenden Augen zurück, was das Getöse verschluckte. Las Casas sah ihn +an. Und als hätten die nicht gehörten Worte etwas gelockert, als hätten sie +ihn das gefragt, um was er rang, brüllte er dem Jungen zu (der ihn nicht +verstehen konnte) die Arme um das Rad, mit Lippen, die sich zerrissen an +dem Dolch im Mund: + +»O alles . . . hätte ich auf den Bauch geschmissen Dreck gefressen, drei +Monate oder vier . . . wären meine Gedärme zerfetzt daran . . . hätte ich +den Bart säubern müssen des Bassa jeden Tag von Eiern und Speisen und +schlechten Küssen, wäre ich stinkend geworden und nach Übelem riechend und +hätte ich keine Zähne mehr im Mund und wäre ich gewesen wochenlang beschämt +bei alten Weibern, die hängende Brüste hatten und Riemen von Adern aus den +Gliedern quellend . . . o, alles nichts, klein, sehr klein, -- -- -- kein +Lachen . . . keinen Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen Moment, +gegen dieses Steigen -- -- -- und was Juana ist -- -- -- was ihr Andenken +ist . . . es wiegt nicht so viel, daß ich es nur so sage, nicht einmal mein +Brüllen ist es wert . . .« -- -- -- + +Nun hatte Las Casas Ruhe für seine Tat. + +Seine Lippen zuckten zerrissen. + +Ehrgeiz füllte seine Augen, daß sie grün blitzten. + +Die Offiziere standen um ihn. + +Blut rann über sein Gesicht. + +Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer nach rechts. Geknarr und +Erschütterung knirschte auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal +Yousoufs, deren Geländer sie weggerissen hatte. Dunkle Massen strömten +hinüber. + +Mit einem Lächeln (dies war sein Tag), ganz ruhig stand Las Casas auf der +Poppa. Sein Gesicht war hell und stet wie eine Fahne. + +Aber dann: -- -- als er hinübersprang und sah, wie Bassa Yousouf mit vielen +Kugeln durch den Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben und +vorbeitrugen dicht an ihm . . . kniete er, wo er stand, nieder, warf sich +auf den ersten Toten, der aus der Brust blutete, küßte die Brust -- -- -- +und stammelte: »Juana«. Stammelte: »Juana«. Nichts weiter. Nur dies. + +Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas betrachtete ihn genau. Er sah +seiner Tochter ähnlich . . . die Wolke über der Stirn . . . die Braue und +der Nasenflügel . . . Las Casas erstaunte über die Leiche. Er wußte nichts +damit anzufangen. Er roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen, +fiel ihm ein, waren auch dabei. Er fuhr mit den Fingern in die Wunden des +Bassa und untersuchte sie. + +Dann zuckte er die Achseln und trat zurück. + +Der junge Offizier kam und küßte ihm die Hand. + +Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren traten auf ihn zu: Sie seien +stolz . . . unter ihm . . . dieser Sieg -- -- -- + +Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa . . . Er strich die Stirn: Ja. +Er lag da. Auf der Poppa . . . tot? . . . Tot! + +Stolz hob seine Schultern. Freude überflammte ihn. Es war die erste Tat im +Reich. Gewiß. Er hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios. + +Die Sonne ward schon gelb und stieg. + +Dann sprang er zurück auf dem Hinterdeck und gab das Signal zur Abfahrt. + +Ein Schrei der Wut peitschte über das Verdeck. + +Offiziere hoben die Hände, bestürmten ihn: »Teilung der Beute . . . Ruhe +. . . Soldaten . . . die Sklaven seien ausgelaugt.« + +Las Casas stemmte sich hoch: »Wir fahren!« + +Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen. + +Niemand sprach. + +Sieben türkische Caramuzzals waren erobert worden, auf die Soldaten +verteilt wurden. Die Gefangenen mußten rudern. Ein Schiff trug den Harem. + +Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten, sprangen den Leuten Arme und +Lippen auf. Die Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten kaum. + +Weißglühende Wut schwelte in den Augen der Soldaten. + +Las Casas saß auf dem Vorderdeck, wo der Wind ihn zuerst kühlte. Die Leiche +Yousouf Bassas lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal auf ihr, dann +sogen sie sich wieder glühend, brennend in den Horizont fest. Er freute +sich über die Tat. Aber er begriff nicht mehr, daß er über Juana +weggesprungen sei wegen ihr. Er fühlte sie so um sich, als könne er ihre +Umrisse mit den Händen fassen. Es war unmöglich -- wie konnte es sein, +lachhaft und kindisch? -- daß er sie dreimal verschmäht hatte. Er blickte +auf den Toten. Es war doch so. Doch er verstand die Wichtigkeit dieser +Tötung nicht mehr. + +Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns zu mäßigen. »Die Leute verrecken +vor Durst. Die Zungen kriechen ihnen wie böse Tiere aus den Mäulern,« sagte +heftig der junge Offizier. + +Las Casas ließ ihnen die letzten Rationen austeilen. Das Tempo blieb das +gleiche. Es ward Nachmittag. + +Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. -- + +Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserfläche einen Garten voll Lauben +und Gerüchen und eine Nacht darüber, mit Sternen dicht verschnürt, in der +er sie besitzen wollte. Es nahm ihm den Atem. Es preßte alles beiseite. Er +mußte ohne einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er schob den Toten mit +dem Fuß zur Seite, da er ihn plötzlich haßte, weil er in ihn die Ursache +verlegte (die in seiner eigenen Brust saß), daß er Juana verschmäht hatte. + +Da brüllte es hinter ihm plötzlich wie aus einem Ventil: »Wasser!« Es war +ein gellender, trockener Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner +Nähe. Aber dort brach es aus: »Wasser!« . . . und schlug hinüber und +zündete und an hundert Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mündern. +Die Augen waren ihnen stier geworden, und die weißschweißigen Gesichter +brannten. + +Las Casas' Hirn schob blitzschnell den Gedanken vor: Gefahr! Sein +Bewußtsein packte zu und begriff dumpf, daß ihm ein Hindernis +entgegentrete. Rote Wut schüttelte ihn. Er sprang vor: + +»Schmeiß,« schrie er, »Geschmeiß,« und wieder: »Vieh . . . Ihr wollt +weniger tun, Hunde, wo ich mehr Eile habe. -- Sklavenführer, aufs +Vorderdeck! . . . Die Riemen in die Peitschen gezogen . . . Zehn Takte +rascher gefahren im Viertel der Stunde. -- Den Bankersten die Bastonade!« +. . . Seine Stimme war wieder beherrscht geworden. Die Riemen klatschten +über die Rücken. + +Die ganze Nacht ließ er sie mit Wasser begießen, das sie kühlte und ihren +Schweiß wegschwemmte. Allein das Meerwasser biß scharf in ihre Wunden, daß +sie schrien über das Geschenk. + +Am Morgen stand einer auf als Deputat: »Wir können nicht mehr.« Niemand +hörte auf ihn. + +»Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns auf den Bauch diese Zeit. Dann +streifen wir das Schiff wie einen flachen Stein übers Wasser.« + +»Einen halben Tag . . .« johlten die anderen. + +Der Deputat drohte: »Wir brechen die Ruder . . .« Da gab Las Casas Befehl, +ihm, dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge aus dem Munde zu +nehmen und ging hinunter, die Zähne in den Lippen und bleich. Denn es +schmerzte ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten nur ein +Wollen, das wie ein ungeheueres Zittern daran hing und auf alles +niederfiel, was es sperrte: »Juana!« + +Er ließ den Sklaven Wein geben. Das Geringe berauschte sie. Die Galeeren +zogen rascher. + +Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Mäuler aufgesperrt, aber noch +entfeuert. + +Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender, bis einer schrie: + +»Weiber -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --« + +Langgedehnt zog der Laut über das Schiff. Eine Stille schob sich nach, die +alles preßte. + +Dann rasten alle in die Höhe und hämmerten ihre Ketten gegen die Bänke: + +»Dein Ver--spr--e--e--e--chen . . . am selben Abend . . . zwei . . . + +Schuft! -- -- -- Du . . .« + +Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen. Die Aufseher peitschten +sie mühsam wieder an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich ineinander +verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem Fleisch. + +»Ihr werdet sie haben, eh' der Tag 'runter ist. Wenn ihr euch eilt, Bande! +Dann sind wir in Cartagena.« Las Casas' Stimme klang knapp, unendlich +beherrscht. + +»Es ist gelogen, ist erlogen . . . Hund!« + +Las Casas ließ sie. + +Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden, erschrak er. Es blitzte ihm +durch den Kopf -- er müsse den Abend in Cartagena sein -- -- um alles. + +Er ging auf dem Deck herum und zerbog die Hände ineinander, bis er den +letzten Entschluß sich abgepreßt hatte. + +Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem Harem herüberzuschaffen. Er +wußte (in brennendster Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems beim +Umladen nach der Schlacht gesehen hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste +waren kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte rund mit Gold gemalt. +Sie sollten vor ihnen tanzen, daß sie rascher führen. + +Alle mußten hinuntersteigen. + +Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und Las Casas. + +Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven die Gesichter weiß wie die +Planken, die Augen rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las Casas' +Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze. + +Dann fingen die Boote an hinüberzufahren zur Caramuzzal, die den Harem +trug. Die Wächter hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend vor +Scham und Schmerz, wie irgendwo einem Geifer aus dem Maul rann, während er +blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in Strömen aus dem Gesicht. Sie +sahen aus wie Pilze, auf die plötzlich Tau fällt. + +Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel auf die Schiffe. Die +Gesichter waren ins Unkenntlichste verzerrt. Wo manches Nase oder Mund +sonst war, saß nun eine Falte der grausamsten Qual. + +Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er tat, empörte seine Seele. Er +schlug die Arme übereinander, daß sie ihm die Brust einbogen, biß die +Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte vor Zorn über sich. Er +flüsterte: »Juana« und empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte den +Abend in Cartagena sein (er kam den Abend nach Cartagena) oder wahnsinnig +werden oder zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen diesen +Willen. + +Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der Männer. Dabei empfand er, wie die +Galeere mit erstaunlicher Geschwindigkeit flog. + +In der drückenden Stille hinter seinem Rücken bohrten die achthundert Augen +sich auf die Caramuzzal, an der die Boote gerade anlegten. Ein silbernes +Horn (wie rein es scholl zwischen den Masten und gelben Segeln!) hob sich +mit zartem Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief einmal (wie klang +sie jung und nach Andalusien!): »Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.« + +Las Casas wandte sich nicht um. + +Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen von einem Gedanken und hob +den Arm mit einem raschen Mal streng und senkrecht . . . niemand wußte, +wollte er Einhalt rufen oder winken. + +Doch die Geste wirkte unsächlich. + +Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus allen Brüsten lösender Schrei +über die Galeere hin. Es war zu viel. + +Einer der Sklaven hatte Las Casas' Bein gepackt. Las Casas verschwand unter +der gebeugten Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos, und flog wie ein +Ball auf die andere Seite. Sie warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links. +Vierzig auf der anderen Seite. Einer senkte seinen Mund auf seinen Hals. +Ein anderer schlug seinen Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann +blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf, Gefangene, erschlugen die +Offiziere, befreiten sich und vergaßen ihn über ihrem Gelage. + +Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte im Horizont auf. + +Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind herauf. Drei Schiffe mit +roten aufgebauschten Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven +wurden überwältigt. Luis Quijada kam herüber von seinem Segler. Denn er war +es. + +Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert um die Reeling hängen. Die +Leiche Las Casas' ließ er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner +Fanale. + +Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen und bestieg die Caramuzzal, +die des Bassas Harem trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig +Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein. Die anderen schenkte er +seinen Soldaten. Darauf stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen +Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajüte mit lackiertem Mahagoni und +Zitronenholz. Sie hatten sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit +ihnen und sie tranken gemächlich mit ihm, der lächelnd und zärtlich +scherzend mit ihnen sprach, zutraulich Kakao und Orangenwasser. + +Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward Abend, als sie in Cartagena +einliefen. Große Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte kommen. Das +Banner Las Casas', Quijadas, das von Kastilien und die rote Fahne mit +sieben Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana stand am Steg. + +Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht und ans Land gestellt. +Quijada folgte. Las Casas' Kopf erschien, wie einer das Tuch hob, unter der +weißen Fanale, auf der sein Wappen stand. Um seine Stirn saß festgebissen +mit einem dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie ein schlechter +Heiligenschein. + +Juana taumelte. + +Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung wieder in sich selber +ein. Und da sie nicht allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern das +Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie um den Liegenden herum und +raffte ihr Gesicht auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer über +einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz auf Luis Quijada zu und legte +ihren Kopf an seine Brust. + +Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche ihrer +Entschlossenheit, aber er tat doch den Arm um sie, denn er hielt sie nicht +für schlechter als die drei Besten aus seinem Harem. + +Yup Scottens + +Yup Scottens wette niemals. Sie wüßten es alle. + +Das Blut steige ihm noch röter unter das breit und tot herabfallende Haar. +Er schlage auf den Tisch. Jedesmal würde er auf den Tisch schlagen, wenn +wieder einer vom Wetten spreche. + +Also schweige man davon. + +Ob Yup verheiratet sei? + +Nein. + +Und es würde besser sein, auch danach nicht zu fragen. + +Leise höchstens, ganz leise könne man davon erzählen. + +Tim Porker müßte dann die Beine vom Tische nehmen. Denn ihr Ledergeruch +würde stören. Und dann hätte er heute morgen den einzigen Kartoffelacker +hinter der Farm gedüngt. Kinder, man sei ja nicht so, aber Tim müsse diese +Lederranzen von den Füßen nehmen und sie vor die Tür stellen. Noch weiter, +zwanzig Meter vom Haus weg . . . so . . . und auch dann stänken sie noch. +Aber weniger, Gott sei Dank, und auch weil Ralf den algerischen Tabak +rauche, wegen dem man allein fünf Jahre in der Fremdenlegion sein könnte. +Selbst wenn man kommandiert würde . . . Oder doch nicht, nein . . . nicht +. . . Aber komisch, wo er den Tabak herbekomme, Ralf brauche nicht +wegzusehen, warum denn auch. Yup Scottens wüßte manches davon, und wenn er +wieder da sei, in drei Tagen wohl ungefähr -- denn schließlich sei er doch +der beste Reiter --, er würde möglicherweise davon erzählen. Ralf sollte +doch schweigen. Es sei ein Irrtum. Yup hätte an manchen Abenden beim +einsamen Feuer am Rande der Kordilleren mehr erzählt, als sie wüßten und +dächten. Alle miteinander. + +Tim Porker müsse auch die Strümpfe ausziehen. Es ginge nicht anders. +Frischgedüngte Äcker brächten auf so verfluchte Gedanken, röchen einem an +mit Erinnerungen. Boys! wer hörte die gern! Nach den Sternen speien nachts +durch die blanke Kühle, hundertmal denselben Büffel anschießen, eh man ihm +die Kugel ins Ohr brennt, Mestizen an den Beinen aufhängen, daß die Köpfe +wie Früchte platzten, Kinder, ja, alles, gern -- aber nicht an +frischgedüngte Äcker denken! + +Tizzy solle nach den Koppelungen sehen. Ob die Pferde fräßen. Büffelmist +solle hereingekehrt werden und sparsam auf das schwelende Feuer gelegt +werden. Morgen werde es schneien, es werde tagelang schneien. + +Ralf solle seinen Schnurrbart kauen und ihm die Pfeife geben. Wie? Yup +werde länger brauchen? Yup wisse, daß nur für vier Tage zu essen da sei. In +vier Tagen werde Yup den Transport herbringen. Heiho! Yup. + +Ganz andere Fahrten hätte Yup gemacht. + +Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott. Und wenn sie morgen früh einen +Tunnel nach seinen Stiefeln machen müßten durch den Schnee, die Stiefel +blieben draus. + +Ein glühender Tag sei es gewesen, hinten am Gebirg, der plötzlich wie ein +Signal an der Eisenbahnstrecke, die Yup drei Tage von hier kreuzen müsse -- +also der wie ein Signal umgeklappt sei in eine stechend kühle Nacht. Sie +hatten auf dem heißen Felsen gelegen. Die Knochen hätten gebrannt, das Hirn +geglüht, aber sie hätten gefroren. Der Schein des Feuers wäre die Felswand +hinaufgeklettert, aus der sternüberhängten Nacht hätte ein Fuchs gebellt, +spitz und lang auslaufend. Manchmal. Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm +erzählt, warum er nichts hören könne vom Wetten. Manches habe er schon +früher geahnt, denn Yup habe dies schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm +aber auch erzählt, warum er nicht verheiratet sei trotz dem Ring an seinem +Finger. Yup habe ihm alles erzählt. So: + +»Er war fünfundzwanzig Jahre, Yup Scottens, und hatte ein schönes Geschäft. +Es war seine Erfindung, auf Emailleschilder eine grüne Schrift anzubringen, +die abends leuchtete. Die Fabrik lief famos. Yup bastelte an neuen +Erfindungen, ritt, spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren Leute, +ähnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte Schuhe an den Füßen -- ich +sehe dich nicht an, Tim Porker --, aber sonst waren sie wie wir, hatten +knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell säuberlich in eine +Ecke hin, fuhren sechs Tage, immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau +durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich, und keiner wußte +anders, als daß sie zusammengehörten, einer zum nächsten, jeder zum andern, +sich herausbeißen würden und ginge der letzte Zahn zum Teufel, immerfort, +daß sie beisammen bleiben müßten. Stets. + +Nun lernte Yup eine Miß kennen, die Laura hieß. Ein komischer Name -- aber +er verliebte sich in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst ging er +Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei Abenteuern; trotzdem er den Weibern +gefiel -- er sagte es nicht --, aber er besaß früher eine volle Brust, ich +sah es, und schöne Beine. Jetzt allerdings, ja, jetzt sind sie nach innen +gebogen und haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht, Kinder, Yup +hatte gerade Beine, jetzt aber sind sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist. + +Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist auch egal. Hat ein wenig +gestottert und mit einem glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe +weggeschaut, denn er hat sich, glaub ich, geschämt. Ihr begreift das nicht, +kann euch auch einerlei sein. Ich habe einen Stein nach einem Fuchs +geschmissen, der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt. + +Yup Scottens verlobte sich nun mit Miß Laura und ging alle freie Zeit zu +ihr. Die anderen begriffen das nicht. Sie hatten das Gefühl, als sei etwas +aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup Scottens. Sie versuchten ihn wieder +zu bekommen. Aber er erschien nur noch selten. Dann erzählte er von den +Haaren der Miß Laura. Das war ihnen langweilig, begreiflicherweise. + +Da sprach eines Abends, wie Yup da war, einer von dem neuen Postzug, der +über tausend Meilen laufe von Morgen bis Sonnenuntergang. Man hatte die +eigenartigsten Sicherungen angebracht, um Anschläge und Überfälle zu +vermeiden. Patentschlösser wie Signalschellen nach den verschiedenen +Waggons und gleichzeitig zu den Stationen rückwärts und voraus schnitten +Diebstähle ab. Das Personal kontrollierte sich selbst mit Stechuhren +. . . Jeder kannte andere Schwierigkeiten. Einige widersprachen und sagten, +Eingriffe seien doch möglich. Nun stand einer auf und erklärte, daß es +unmöglich sei, überhaupt an den Zug heranzukommen, da er die ganze Strecke +laufe ohne Anhalt. Von früh morgens bis abends ohne Station. Blinde +Passagiere seien bei dieser Kontrolle ausgeschlossen. Nun standen sofort +zwei Parteien gegenüber. Yup schrie natürlich mit denen, die behaupteten, +man könne blind fahren. Man drängte zum Austrag, einige schlugen Wetten +vor. Plötzlich ward es stiller. Nur Yup schrie noch. Innerlich dachte er +nicht daran, es zu tun, was er in der Möglichkeit der Ausführung +verteidigte. Einige versuchten, ihn auf seine Behauptungen festzunageln. +Yup lacht noch scherzend. Da fiel wo das Wort »verlobt«. Und mit einem Male +stand wie eine Fahnenstange aufgerichtet die Tatsache da, daß Yup fahren +würde. Daß er die tausend Meilen fahren werde als blinder Passagier gegen +den simplen Einsatz von hundert Dollars. Mehr als dreihundert war die +Strafe, wenn man ihn erwischte, und einige Tage Gefängnis dazu. + +Yup Scottens ging den Abend zu Miß Laura, küßte sie auf das Haar und dann +auf die Augen und sagte ihr, daß er am Morgen mit dem Zug verreisen müsse +für ein paar Tage. Dann schlief er auf seinem Sofa ein wenig, bis die +anderen kamen. Sie machten aus, daß einer in dem Expreß, der dem Postzug in +kurzem Abstand folgte, nachfahren solle. Hatte Yup die Endstation erreicht, +ohne gesehen zu sein, und den Zug ebenso verlassen, hatte er gewonnen. + +In der Dämmerung gingen sie an sechzig Meter von der Station am Gleise +entlang und legten sich hin. Yup kauerte sich etwas weiter an den Damm und +legte das Ohr auf die Erde. Ganz langsam wickelte der Zug, der sehr groß +war und den drei Lokomotiven zogen, sich aus der Halle und setzte gerade +bei Yup die erste Geschwindigkeit ein. Yup hatte seinen Rock ausgezogen, um +freie Arme zu haben. Yup trug damals noch einen Rock, aus dem ein Stück +blitzendes Hemd herausschaute mit Knöpfen drin, wie ihr es bei den Herren +seht, wenn wir im September zur Kommission hinunterreiten. Er warf ihn dem +Partner zu, der ihn im Expreß verfolgte, und griff fest nach dem Ende eines +Wagentrittbretts. Dann machte er eine Drehung und saß darauf. Der Zug raste +bald, Yup hing am Brett, dann legte er sich längs auf den Bauch, aber +trotzdem blies ihn der Wind fast herunter. Er sah, daß er so nicht bleiben +könnte. Später würde der Zug noch rascher fahren, in einer halben Stunde +würde es hell sein und von jeder Station würde er signalisiert werden. +Stöhnend und ohne Atem vor Wind schob er sich vor. Er preßte sich fest auf +das Holz. Keine Muskel durfte nachlassen. Das Gesicht strich, während er +vorwärts kroch, den Schmutz von dem Trittbrett, ein Splitter stach ihn in +die Wange. Plötzlich wurde der Zug in eine Kurve hineingerissen, und Yup +flog nach vorn, die Beine fielen seitlings herunter, blieben aber auf einem +Reifrahmen stehen. Den Augenblick benutzte er, einen der Bügel am Ende des +Waggons zu fassen und sich anzuklammern. Die Beine ließ er los und schwebte +sekundenlang an den Armen zwischen zwei Wagen, den Körper mühsam angezogen. +Er schnellte einige Male mit den Füßen nach den Puffern, bis er sie +erreichte, griff mit den Händen nach und stand nun auf der Kuppelung +zwischen zwei der langgestreckten Waggons. Der Wind belästigte ihn nicht +mehr. + +Rechts und links waren an den Wagenseiten ovale Haken, die dazu dienten, +die Züge heranzuziehen. Er steckte die Arme hindurch, daß die Ringe, ihn +haltend, in den Achseln saßen, mit den Füßen stand er auf den Puffern. Der +Zug lief hundertzwanzig Kilometer die Stunde. Yup dachte, es die zwölf +Stunden schon auszuhalten. + +Yup hatte sehr viel Kautabak mitgenommen und kaute stundenlang. Mählich +fühlte er aber, wie das Blut ihm in den Armen stockte und ein Schmerz ihn +in den Rücken stach. Doch er kaute weiter. In der Nähe der Stationen zog er +den einen Arm aus dem Ring und bückte sich ein wenig, als schaue er nach +der Federung des Wagens. Dann sah er jedesmal, wie längs dem Wagen hinter +ihm eine große Gabel vorschoß und die Postsäcke, die wie an Galgen hingen, +packte und einzog. Nie hielt der Zug. + +Gegen Mittag merkte Yup, wie ihm die Augen zuklappten. Er trat von einem +Fuß auf den anderen, er stampfte auf, bog sich in den Kniekehlen -- langsam +fielen die Augen zu. Nun stieg Wut in ihm auf. Aber der Schlaf war stärker +als er, Yup fühlte es genau. Wenn er einschlief, fiel er herunter, das +wußte er. Ganz zuletzt, schon halb bewußtlos, fiel ihm ein Ausweg ein. Er +löste seinen Gürtel und knotete damit mühselig eine Fessel um die Hände, +nachdem er die Arme durch die Ringe gesteckt hatte, Jetzt konnte er +unmöglich mehr abstürzen und schlief ein. + +Manchmal wurde er wach, dann schlief er wieder. Es wurde kühler. Ein Druck, +als hätte er blutige Ränder um die Schultern, zwang ihn endgültig +aufzusehen. Auch im Genick fühlte er nun Schmerzen. Sofort fing er an, mit +den Beinen aufzutreten. Er atmete auf, als es ging, wenn auch schwer. Doch +die Bewegungsmöglichkeit der Arme schien ganz gehemmt. Eine Stunde, noch +länger, wippte er mit den Achseln auf und ab, hob sich auf die Zehenspitzen +aus der Spannung der Ringe heraus und wieder zurück. Endlich merkte er, daß +Blut wieder sickernd und schwach den Oberarm hinunterfloß. Es war höchste +Zeit. Mühselig löste er den Riemen von den Handgelenken, als er die Finger +einigermaßen wieder bewegen konnte. + +Es war wirklich höchste Zeit, Boys! Denn es war Abend. Denkt an den +Indianer, der den Büffel, auf dessen Rücken geschnürt er hinausgetrieben +war, qualvoll geblendet und, die Finger in seine Nüstern vergraben, +tagelang erdrosselt hatte -- und den wir schier verhungert an den Hügeln +fanden . . . so ähnlich ging es Yup. Der Zug raste. Die Lokomotiven wurden +im Fahren gewechselt. + +Endlich, endlich pfiff die vorderste Lokomotive. Die beiden anderen +folgten. Der Zug lief langsam. Er stand. Endlich stand er. + +Yup ließ sich herunterfallen. Voll Öl und Schmutz, schwarz, blutend im +Gesicht, schien er ein Heizer. Er sah schon lange nichts mehr, die Augen +brannten scharf, er fühlte nur ein heftiges Zucken im Kopf. Trotzdem ging +er mechanisch in das Restaurant, setzte sich auf eine Bank und spie seinen +Kautabak aus. Dann erst fiel er um. + +Drei Tage schlief er im Lazarett. Am vierten ließ er nach dem Partner aus +dem Expreß fragen. Er hatte ihn noch nicht besucht. Ärgerlich, daß er nicht +zu finden war, telegraphierte Yup nach Geld und fuhr am fünften zurück -- +mit einem Elektrisierapparat, den er jede halbe Stunde an seine Schultern +setzte. + +Er schellte am Hause seiner Braut, der er telegraphiert hatte. Die +Verwandten prallten zurück. Das Mädchen lief fort und schrie. Man war +verlegen. Plötzlich brach die Mutter der Braut in wildes Weinen aus. Nun +sprach sie leis, aber es schlug grausam auf Yup herunter. + +Der Expreß war entgleist. Eine Weiche war herumgeworfen worden, aber sie +hatte zu spät funktioniert. Der Postzug, dem natürlich der Anschlag galt, +war schon vorbei, der folgende Expreß sauste die Böschung hinunter. Unter +den halbverbrannten Leichen ward eine als die von Yup Scottens nach einer +aufgefundenen Brieftasche legitimiert. Es war Yups Partner, der Yups Rock +trug. Der Telegraph brauste, die Namen der Toten standen an allen Mauern. +Währenddem schlief Yup, mit gefesselten Händen zwischen den Wagen, hängend +wie ein Sack. Miß Laura war nicht ohnmächtig geworden, als sie hörte, Yup +sei tot. Aber sie sprach nichts mehr. Sie erkannte niemand mehr. Auch Yup +nicht, als er zu ihr sprach. + +Yup streichelte sie und sagte zu ihr, daß er Yup sei. Vielemal erzählte er +ihr alles. Er erklärte ihr den Irrtum. Dann ging er tagelang weg, als sie +sich nicht rührte, und brütete und wollte sich töten. Denn Yup spürte, daß +er schuld sei. Hätte er ihr erzählt, wie es wahr war, von der Wette (Laura +hätte ihn lächelnd gewähren lassen, so bitter sie nach seiner Abfahrt +geweint hätte, aber er wollte ihr keinen Kummer machen), hätte Laura +gewußt, daß die Nachricht von seinem Tod irgendwie ein Irrtum sein müsse. +So hatte durch seine Unaufrichtigkeit sie das überganglose Begreifen des +Verlustes wie eine Faust mitten in ihr Gesicht getroffen. Yup dachte aber +auch, daß er nicht hätte zu wetten brauchen, daß er es wegen Laura +vielleicht nicht hätte tun dürfen (darüber war er sich allerdings nicht +ganz klar, denn Laura hatte ihn immer angehalten, den Instinkten seiner +Kraft nachzugehen, wohl weil sie fühlte, daß ein Versagen ihn dumpf auf die +Dauer und ungleichmäßig ihr gegenüber machen würde), und er fühlte, indem +er überlegte, daß er nur gewettet hatte, weil einer wegen seiner Verlobung +seinen Mut bezweifelt hatte. »Verlobt«, hatte einer gerufen, und Yup sann +so lange über den Klang der Stimme, bis er wußte, daß es Gerd Robinson war, +der so gerufen hatte, aber als er mit dem Revolver zu ihm ging, erfuhr er, +daß Gerd verschollen sei seit dem Unglück. Später fand man ihn. + +Yup ging nun wieder zu seiner Braut, legte ihre Hände zusammen und sagte +ihr wieder alles. Boys! ich hoffe, daß keiner lacht, denn es wird dunkler +und ich kann eure Gesichter nur undeutlich noch sehen, Boys, -- Yup +Scottens setzte sich in die Knie und beugte sich nach dem Ohr seiner Braut +und flüsterte weinend, sie solle ihm verzeihen. Laura! stammelte er, ich +bin Yup, ich lebe. + +Aber sie sah starr gerade aus. + +Tagelang saß Yup bei ihr. Manchmal sprach er lange kein Wort. Dann rief er +ihren Namen. Stundenlang rief er: Laura! Wie ein grüner Papagei schreit, +rief ers. Da nahm man sie weg von ihm; eines Nachts, ohne daß, er es +merkte. Nach ein paar Tagen verschwand auch Yup. Er schlug sich in unsere +Gegenden. + +Einmal vor zwei Jahren war er einige Wochen verschwunden. Mitten in der +Biberzeit geschah es, und Yup verlor die Hälfte seiner Jahreslöhnung. +Damals war Yup noch einmal bei ihr. Niemand wußte es. Es war damals, als er +nachts oft lachte und den Mestizen durch das Fenster erschoß.« -- -- -- + +Man solle nicht zu viel an dem Feuer schüren. Es brenne von selbst. Ralf +solle mehr algerischen Tabak geben. Die Pfeife sei aus. Er brauche das +Bowie-Knife da drüben. Danke. + +Es sei ganz dunkel geworden und doch noch so früh. Morgen werde man wund +und schweißig vor Arbeit in der Kälte. Gut, daß die Pferde nicht so eng +gepflockt seien. Tim Porker solle, verdammt und zum letztenmal, das Maul +halten. So wahr er ihn kenne, er setze ihn zu seinen Stiefeln hinaus, bei +Gott, in den Schnee. + +Ob einer wette, daß Yup nicht in vier Tagen da sei -- -- -- + +Keiner? + +Man solle die Tür aufmachen! + +Weiter! + +Man solle die Tür ganz weit aufmachen! + +Maßlos flockte der Himmel auf das bleierne Land. + +Ende + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN *** + +***** This file should be named 31376-8.txt or 31376-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/3/7/31376/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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