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+The Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die sechs Mündungen
+ Novellen
+
+Author: Kasimir Edschmid
+
+Release Date: February 23, 2010 [EBook #31376]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN ***
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+
+Produced by Jens Sadowski
+
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+Transcriber's Note:
+Double quotation marks have been encoded as » and «. The Table of
+contents has been moved to the front of the book.
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+Die sechs Mündungen
+
+
+
+Novellen
+
+von
+
+Kasimir Edschmid
+
+
+
+
+Kurt Wolff Verlag
+
+Leipzig
+
+
+
+
+Zehntes bis zwanzigstes Tausend
+
+Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+
+
+
+Hof- Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar
+
+
+
+Diese Novellen, die die sechs Mündungen
+heißen, weil sie von verschiedenen Seiten
+einströmen in den unendlichen Dreiklang
+unsrer endlichsten Sensationen: -- des Verzichts
+-- der tiefen Trauer -- und des grenzenlosen
+Todes -- sind geschrieben zur einen
+Hälfte im Herbst Neunzehnhundertdreizehn
+und im folgenden März zum anderen Teil.
+
+Sie sind gewidmet dem
+
+Doktor Heinrich Simon
+
+
+
+ Inhalt
+
+ Der Lazo . . . . . . . . . . 1
+ Der aussätzige Wald . . . . . 33
+ Maintonis Hochzeit . . . . . 69
+ Fifis herbstliche Passion . . 99
+ Yousouf . . . . . . . . . . . 129
+ Yup Scottens . . . . . . . . 201
+
+
+
+
+Der Lazo
+
+Raoul Perten verließ das Haus.
+
+Seine Füße stiegen die Treppe herunter, er fühlte es und die Bewußtheit des
+mechanischen Vorgangs erfüllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl keine
+Erregung in diesen Tagen vorangegangen war, und dies erstaunte ihn ein
+wenig.
+
+Es hatte ausgeregnet, die Erde strömte nach den Umwälzungen des Gewitters
+aus aufgerissenen Ventilen dankbaren Geruch in die Höhe. Zwischen den
+gelben Kieswegen lagen kleine schrägsteigende Dampfwolken, und die
+wassergefüllten ungeheuren Dolden der weißen Fliederbüsche betteten sich
+schwer, geneigt und getrunken in das Feuchte der Blätter, und als einziges
+Geräusch klang das Rieseln seiner ablaufenden Tropfen in der Luft.
+
+»Das ist alles so einerlei wie ungerecht,« sagte Raoul. »Wenn ich dies so
+durch die Nase ziehe, überjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines
+maßlosen Flugs. In fünf Minuten aber ist das vorüber und ich weiß nur noch,
+daß wir den Abend zu sechs Gängen soupieren, daß Onkel den Louis Schütz
+mitbringen wird, daß Blumenthal morgen (was macht es mir?) seinen zweiten
+Rekord feiern wird, übermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella mit dem
+Russen verschwindet. Und was geht das Wissen da all mich im Grunde an
+. . .? Onkel hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, daß man ihn den
+Abend drum feiert. Der Präsident wird gegen zwölf wie gewohnt seinen Witz
+erzählen. Rosenheim lacht durch die Nase. Mella wird im Orpheum meinen
+leeren Platz sehen, sich ärgern oder freuen oder auch nur erschrocken sein.
+
+Fiele ich dort an der Straßenecke in einen gewaltigen und (oh!)
+varietègrünen See oder sauste ich in einen grandiosen Backofen -- -- -- es
+wäre objektiv ganz gleich, ich würde mich in dem einen Falle nicht mehr
+erstaunen als in dem zweiten oder andere Bewegungen machen, man würde die
+Tatsache als eine kleine zwischenakthafte Sensation anständig, vielleicht
+graziös aufarbeiten -- -- -- ohne viel Verwunderung . . . nur Onkels
+bedauernswerte schwarze Glacès würden einige Tage lang steigen und sinken,
+monoton und heftig wie Pumpenschwengel . . . -- Doch dieses
+Möglichkeitsausdenken ist sehr langweilig. Monologe sind literarisch. Die
+Geste ist verwundert -- alt und blasiert. Bin ich blasiert? Bestimmt?
+Ehrlich? Nein! Wenn ich am Sonntag reite, den Dreß spüre, das leichte
+Keuchen höre aus der Gurgel des Gauls und von seinem Mundschweiß beschneit
+dahänge zwischen Zügeln, Rücken, Gegnern und Welt -- -- -- weiß ich, daß
+dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist. Auch wenn wir im Auto den Rhein
+hinunterrasen und dann quer über Holland und die mitteldeutsche Hypothenuse
+zurück . . . dann sitze ich nicht, Beine ausgeklemmt, weit voraus, das Rad
+zwischen zwei Händen hebelnd und von Zeit zu Zeit das kratzende Geräusch
+des bewegten Vergasers über das Gehämmer des Motors setzend . . . sitze ich
+nicht, braun, die Nase wie ein Akzent über dem eingummierten Gesicht mit
+dicken hellbraunen Lederhandschuhen auf dem Apparat -- -- -- vielmehr
+irgendwo bin ich darüber, in der Höhe, fliegend (doch keineswegs so wie im
+Aero: göttlich und doch gebunden!), sondern aus einer großen Ruhe heraus
+gewaltig herunterlugend und das Gefühl ruckweise wie Bissen genießend: Das
+weiße Netz der Landstraßen, hell, weiß, flimmernd vor Staub, sei eine
+Befriedigung, eine stolze Sache . . . die hellen Schläuche führten alle in
+eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden Horizont, dessen unermeßliche
+Offenheit anzuschauen so etwas sei wie ein Ziel.
+
+Allein wenn ich nach außen fasse, nach rechts außen, und den Hebel
+zurückschmeiße und -- der Wagen steht, so weiß ich: Alle Chausseen seien
+doch nur ineinanderfließend und auf das erste zurücklaufend nicht mehr als
+ein stumpf machender Kreislauf und eine Schlange, die sich in den Schwanz
+beißt. Mein Rücken sofort dann krümmt sich ein wenig wie im gutsitzenden
+Cutaway, mein Bizeps erlahmt in dem Ärmel, der wieder korrekt darüberfällt,
+sich erst an der Manschette von neuem erweiternd. --«
+
+Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel straßenweit und haben den
+Vorzug, in abenteuerliche Stimmung zu versetzen und den Weg aufs
+angenehmste zu verkürzen, da man sich hierbei des Gehens als physischer
+Erscheinung nicht bewußt wird. Daher war Raoul Perten schon tief in die
+Stadt hineingekommen. Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz vorüber.
+Der Wagen leerte sich beinahe völlig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen
+Herren schwebte plötzlich über Raouls Gesicht und sammelte seine ganze
+Aufmerksamkeit langsam auf sich. Raoul sah eine Hakennase, von der viele
+parallele kleine Adern nach den Augensäcken liefen und sich dort in einem
+Chaos von disharmonierenden Linien austobten. Die Ohren waren oval, steif,
+fast gespitzt und ganz hell.
+
+»Mein Junge,« sagte dieser Mann. Es war sein Onkel. Sie reichten sich die
+Hand.
+
+In diesem Augenblick, während dieses Vorgangs, der sich täglich in
+unzähligen Variationen, der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fünfzehn
+Jahre hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion (denn teils durch Zufall,
+einigerseits auch aus einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie in
+dieser Zeit kaum einen Tag getrennt gewesen), in der schamlosen
+Selbstverständlichkeit und Verbrauchtheit dieser Gebärde vollzog sich, die
+gewaltigste Umwälzung in Raouls Leben.
+
+Er stand da, den Stock auf der Spitze seines Schuhs, ihn oben leicht
+drehend, die andere Hand im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde
+daran gedacht hatte, sagte wie in einem Trance: »Ich werde ein paar Tage
+verreisen, Onkel« und diese Worte erstaunten ihn selbst nicht . . . und wie
+er ruhig die Scheine einsteckte, nein, wie er sie ergriff mit drei
+gespitzten Fingern, als der Onkel sie ihm reichte und ihn bat, doch
+jedenfalls den Abend da zu sein und daß er sich überlegen wolle, ob er auch
+mitkomme ohne die Frage, wohin überhaupt . . . da spürte Raoul in einer
+großen Erregung schon, wie sich neue Dinge in ihm von diesem seitherigen
+Leben schon wieder lösten und andere nachbrachen und in der angegrabenen
+Rinne der neuen Erkenntnis weiterrannen -- denn er begriff plötzlich, daß
+diese gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur irgendwie seinem
+Bizeps korrespondiere, und Mißverhältnis zwischen seiner Situation und
+seiner Anlage und Natur klafften ihm klar auseinander.
+
+Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol zusammen (»Ja! wie
+Stanniol« lachte er) und steckte sie in die Tasche. Er wartete, bis des
+Onkels Gang, der selbstbewußt und sehr nach außen war, nicht mehr sichtbar
+blieb.
+
+Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege nach Hause. Wie er die Treppen
+hinaufsauste, empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens. Wie sollte
+er die Existenz seiner Beine im Bewußtsein haben, wo er lief! Er kam bis
+unter das Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den Scheinen und legte
+sie ganz sachte in ein großes Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und
+setzte mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand kam, trotzdem er seit
+der Kommunion nie so hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte Spinne
+darauf. Worauf er lachte, ein Stück die Treppe hinabstieg, plötzlich
+niederkniete auf beide Knie und vor Entzücken einige Male in die Hände
+klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach Geld, die im ersten Stock
+lagen, packte, was er fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen herunter.
+
+Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen Zweig von der alten Vogelbeere
+und behielt ihn, leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging er. Ging
+ohne Erregung, Posse, Sentimentalität. Ging wie ein Passant, der eine
+stille Gewißheit hat oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch
+nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von einer Stelle, die einem so
+vertraut und dadurch so entfernt geworden ist, daß es selbst eine
+fabelhafte seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die Komödie einer
+Traurigkeit einzureden. Es war ihm, er sehe seines Onkels Schatten über
+eine Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein. Er kam auf die
+Straße. Da stand eine Laterne, die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen
+hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter. Aus einer Abendschule
+strömten Kinder, und wie er sah, daß sie begehrlich vor einem kleinen
+Bäckerladen standen, kaufte er einen Arm voll klebrige Sachen und warf es
+über sie.
+
+Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn er eilte übermäßig, weil ihm
+keineswegs klar war, wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er, und
+das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat aus und nahm ihn über den Arm. Es
+war dunkel. Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male einen ganz
+hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt war, eine saloppe
+und originelle Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und er nahm
+seinen hellen Mantel, nannte den Menschen seinen Freund und schenkte ihn
+dem, der überrascht sich oft verbeugte und vielemals »Sehr geneigt« sagte.
+(Er hieß Keybbell und war das an Willkürlichkeiten der Stunde nicht
+ungewohnte abonnierte Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf rannte
+er weiter und kam an eine Litfaßsäule, die grell erleuchtet war.
+
+An ihr entschied sich sein Schicksal.
+
+Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben sogen seinen Blick auf. Seine
+Haltung ward mit einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine auseinander
+und warf mit einer eigentümlichen Bewegung die rechte Schulter zurück und
+ging von dunklen und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden Regen
+einer schmalen Wolke hinein, die den silbernen Himmel rasch und scheu noch
+überschwamm.
+
+Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox das Negative des
+Mantelverlusts gewissermaßen zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer
+neu übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte es nicht, weil ihm
+schien, die Zeit der zynischen und geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er
+dachte kurz an eine Zigarette. Aber er zündete keine an.
+
+Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener Brust auf seinen großen
+Horizont zu. -- -- --
+
+Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck. Zehn russische Polen lagen
+im selben Raum mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein feuchtes
+Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch zu entschieden war. Denn es war
+ihm klar: daß es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten in
+irgendwelche Strudel hineinzuwerfen. Daß es vielmehr nötig sei, statt von
+einer Mittellage aus unsicher nach zwei Richtungen hin und her zu
+schwanken, von ganz unten her und ohne jede Voraussetzung die Welt zu
+durchstoßen nach oben hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun und an
+sich töten müsse. Das nasse Tuch aber lehrte ihn, daß viel schwieriger wie
+die Überwindung größter Leidenschaften der Verzicht sei auf gewohnte
+Zivilisierung. Aber er verzagte nicht. Drei Tage darauf nahm er an einem
+schmierigen Fest der Polen als Solosänger teil. Sein Bariton ward so zu
+etwas nutz, und seine Methode erwies sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen
+spielte er täglich Karten mit Hamburger Sträflingen, die noch den
+transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes hatten. Er fühlte schon,
+daß er steige. Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen hatte.
+
+Allein seine Haltung viel auf und seine Hände noch mehr. Er beobachtete den
+Gang der Matrosen und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel dann die
+Unsitte eines Freundes ein, der den rechten Fuß grundlos in einer kleinen
+Kurve bei jedem Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit dem
+Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf. Seine Hände aber schienen
+sofort demokratisch, als er sie einen Mittag lang zum Putzen einer
+verschmergelten Maschine großmütig auslieh. Längere Zeit umschlich ihn ein
+bärtiger Kerl aus Sachsen und erzählte ihm lange Elendgeschichten in der
+Art wie sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei Mark und hörte kaum auf ihn.
+Aber er sah gleich ein, daß diese Handlung töricht war, denn sogleich kamen
+andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte er auch dies: nahm den Hund
+und warf ihn die fettglänzende Treppe herunter. Und hatte nun Respekt.
+
+Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse zu vollenden, in
+diesen Tagen die erste Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte Tiere.
+
+Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New York. Es enttäuschte ihn nicht,
+aber es drückte auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt
+gegenüber völlig indifferent. Denn warum sollte ihm das eine größere
+Begeisterung oder eine Erweiterung seiner Seele verschaffen, daß hier die
+Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren wie sonst.
+
+Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er bescheidene Straßen sah.
+Dort mietete er und dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck. Es gab
+zuerst für ihn noch die Schwierigkeit der Sprache, denn von der Schule aus
+wußte er wohl, wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht glücklich
+mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen erlaubten ihm seine Kenntnisse
+noch nicht. Jedoch fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und Bewußtsein
+mehr wiege wie planloses Wissen. Er schien Chance zu haben. Da sah er eines
+Abends im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht zu fragen, warum.
+Er schenkte ihm nur sein Abendbrot, das er in der Hand hielt, und fuhr am
+folgenden Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt war ihm zuwider geworden.
+
+Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen: als Lehrer,
+Kindergärtner, Feuerversicherungsagent . . . doch ohne Erfolg. Er begriff,
+daß diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie zu bekannt seien,
+schlug sich an den Kopf, kaufte einen blauen Leinenanzug und von einem
+Nigger eine ölige Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter Schlosser,
+Chauffeur und Monteur. Ein Fabrikant fragte einmal: »Kannst du
+Milchseparators machen?« Er antwortete, es sei seine Spezialität. Am
+nächsten Tag erfuhr er, daß es Blechkonstruktionen seien mit einer
+einfachen Mechanik, so daß auf der einen Seite die Buttermilch, auf der
+anderen die Butter herausspritze. Er machte am ersten Tag so viel, als die
+Mindestzahl der Einlieferung betragen mußte, und bekam für das Stück fünf
+Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen weiter fertig. Jeden Tag
+hatte er einen Dollar. Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit sei
+zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen und deshalb weniger.
+Man kontrollierte ihn und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem
+Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei Dollars hatte.
+
+Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er stand auf und fragte. »Auf!
+rasch . . .« sagten sie ihm.
+
+Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt.
+
+Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er es auch. Ein riesiges
+Häuserquadrat stand in Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit roten
+Sternen um den Arm, und sie holten überall die Gegenstände des Wertes:
+Kassenschränke und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der Inspiration von
+Rippenstößen. Man gab ihm fünfzig Dollars dafür.
+
+Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß auf einer Papierkugel, die
+zehnmal so viel wert war. Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die
+Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und Umstand seines Lebens von
+damals. Er steckte die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche.
+
+Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen, fünf Tage spannte sich Land an
+ihm vorbei, heulte das Dunkel an die breiten Fenster.
+
+Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er rasierte sich, sprach mit den
+Menschen und las. In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den Linden
+oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete eine sichere Ruhe aus; doch er
+fühlte, daß er, obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden Sausen
+sich befinde, das überall um ihn war. Die Bekanntschaften dieser Tage
+erschienen ihm interessant wie kaum andere (obwohl er viele kannte, die
+faszinierender und berühmt oder bedeutend vor allem waren wie Blumenthal
+etwa, der Verse schrieb, Bucheinbände machte und eine Nacht mit einer
+ganzen Barbesatzung über Westdeutschland flog). Er empfand eine erstmalige
+Anteilnahme an den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten, es
+zuckte ihm in den Fingern, von dem zu wissen, was sie ausspie, wohin sie
+rannten, was Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff nicht zu. Es
+war nicht seine Zeit. Er schnitt alles durch. Stieg aus.
+
+Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher Haufe Hütten (wie im
+geduckten Bewußtsein, nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum.
+Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel mit Muscheln besetzt.
+
+Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen den fuhr er los, drei
+Tage lang, im Büffelwagen.
+
+Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung, und da sie ihm
+gefiel, nahm er Stellung als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die
+Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau nickte ihm kurz, freundlich
+zu. Die Tochter sah ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so dicht, daß
+ihr Ärmel den Staub von seiner Schulter fegte. Raoul fand, daß dies seiner
+Lage entsprechend sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden gelächelt
+hatte, biß er die Zähne zusammen und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte
+und ihren Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug.
+
+Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt: Revolver, Lazo, seidenes
+Halstuch. Im übrigen erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über das Leder-
+zum Seidenlazo zu kommen, ist die Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt
+noch etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich Köstlicheres.
+Das ist der Lazo aus geflochtenen Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in
+seinen Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins ist, weil er zuviel
+säuft und schießt. Denn ein oder zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu
+verzichten, um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen dafür, ist eine
+Sache, die komplizierter ist als die letzte Wissenschaft oder mit Größe in
+den Tod gehn. Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen war stolz
+auf ihn, und siehe: breite Silberringe unterbrachen seinen Lauf.
+
+Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten und nickten ihm zu. Einige
+gaben ihm die Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte mit einem knappen
+Einknicken der Hüften: »Heinz Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings
+selten mit vollem Titel angeredet.« Die übrigen schauten dumm, weil er es
+deutsch sagte. Doch Raoul liebte ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das
+Originelle der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische
+stilisierte Form des äußerlich Verkrachtseins nicht zu. Dagegen schloß er
+sich zusammen mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß er im
+Augenblick ungefähr im Steigen auf der Höhe angekommen sei, die dieser
+Bursche hatte. Nämlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit des Auges, die
+den Dingen und besonders dem glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer
+bereit und sicher war.
+
+Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn.
+
+Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu reiten. Da nahm der Freiherr
+die Kugel aus einer Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und schoß
+ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein angedrehter Springbrunnen flog das Tier
+in die Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der Erde. Wut stieg ihm in
+die Fäuste, aber er entkrallte die Hände wieder, faltete sein Gesicht in
+Ruhe. Er wußte, er würde in einigen Tagen besser reiten als der Freiherr
+und empfand auch dies als Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen.
+Aber da die anderen gelacht hatten und das bös war, bat er den Freiherrn,
+eine Flasche mit der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt von ihm.
+Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe an und hielt sie, und Raoul
+bluffte sich damit in alle Achtung und Bewunderung zurück, daß er
+seelenruhig zum Hals hinein und den Boden heraus schoß. Und keiner lachte
+mehr.
+
+Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst von der Farm ein Buch. Er hob es
+auf. Longfellow: Hiawatha . . . Helen stand vor dem Hause und knotete ihre
+Zöpfe auf. Und er vergaß sich und redete das erstemal zu ihr, und gegen
+seinen Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene Formen
+wieder in ihm auf, und er sprach, daß er das Buch gefunden hätte und daß er
+wisse aus seiner frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und daß er es ihr
+bringe; denn er glaube, daß es nur ihr gehören könne und fürchte, sie hätte
+diesen Verlust als einen besonderen Schmerz empfunden. Und hier sei es nun.
+
+Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen und ihrem schwer beherrschten
+Erstaunen, daß er in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr
+sich selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen habe. Er merkte, daß
+es in ihm wüte, sah, wie sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem
+Körper, grausam und langsam wie Quecksilber sich hebt, bis er die Richtung
+seiner Augen traf. Da sagte sie: »Danke.«
+
+Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus Zorn gegen sich. Er schlief
+nachts schlimmer als die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte und
+betrank sich hin und wieder.
+
+Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin, das tat ihm wohl. Sie kam
+freundlich, und er wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber sie
+nahm ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts, während er von Europa
+sprach und sie Washington dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in einem
+Pensionat interniert war, und sie sprach französisch und er entgegnete
+ebenso, doch sie fragte ihn nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch
+leichte Aufträge, halb Wünsche mehr mit ausgeprägtem Akzent. Einmal sah er
+den Freiherrn sich wo beschäftigt machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob kaum
+die Schultern. Wie konnte der sie etwas angehn. Und Raoul liebte das
+Grenzlose dieser Verachtung und haßte sie darum gleich. Denn sie war über
+ihm und der Geist seiner Kaste saß in ihm.
+
+Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse des Verhältnisses, das
+zwischen geschenktem Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte (und der
+Teufel lasse sich von oben her unverdiente Sentiments schenken!), und der
+Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens hin und her vibrierte. Da gab es
+einen Tag, wo sie die Sache klärte, indem sie ihm mit ihrem Stolz wie mit
+einer Gerte über das Gesicht schlug.
+
+Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt mit ausgesprochen
+weichen und feinen Formen und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur.
+Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie erfreut, klopfte dem
+zitternden Tier den samtenen Hals und schien dankbar, bis sich im
+Weiterreiten eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer hochmütigen
+Bewegung ihren Lazo ihm hinüberschnickte und mit geschärfter Stimme sagte
+(und verzogenen Lippen): »Sie können ihn haben. Da! Er taugt mir doch nicht
+mehr.«
+
+Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal wieder rote Wallungen
+sein Gesicht zudeckten, er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte, ritt
+davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß es ein Ziel sei, sie zu besitzen,
+sie zu gewinnen. Gott, wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie
+er sich freute, daß er heruntergeschmissen war von ihrem achtungsvollen
+Interesse, in dem alle Handlung ihm gebunden war. Nun lag alles an der
+Gewalt seiner Hände.
+
+In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers aus England auf die Farm.
+Er hatte in New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen sehen. Er hatte
+vor, zwei, drei Wochen zu bleiben, ward aber nach ein paar Tagen schwer
+krank. Die gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim rissen eine Stange
+aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig Stunden hindurch. Dann waren sie
+wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie den Arzt, an der Stange
+zwischen sich die Apotheke. Die Krankheit war jedoch nicht schlimm.
+
+Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. Vielleicht hatte sie auf ihn
+gewartet. Sie war ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen. Dann blieb
+sie doch stehen und sagte mit einer Stimme, die so beherrscht war, daß die
+Verzweiflung aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten pfiff und mit
+einer Kälte, die kaum die Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies
+zugestoßen sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen . . . Sie
+stockte, denn sie empfand, daß sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle.
+Und stotterte, daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen würde
+. . . aber . . . nein . . . das . . . sie könne es ihm nicht sagen. Raoul
+begriff, daß es Zorn von ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu
+kommen, denn sie hielt ihren Stolz allein durch die Möglichkeit einer
+solchen Sache beschämt, aber er wunderte sich nicht und fragte nicht: warum
+sie das ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel, warf dem
+Freiherrn die Schlinge über und schleifte ihn ein Stück.
+
+Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte er einen Schuß und die
+Kugel. Zwei Tage darauf ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die
+Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne gekommen und hatte ihm den
+Schenkel gestreift. Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab, fand
+aber nichts.
+
+Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht, ehe er nach den
+Weideplätzen des Freiherrn ritt, nahm er Blei und Papier und schrieb seinem
+Onkel, er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst dazu komme, ihm zu
+schreiben, er sei jedoch sehr beschäftigt gewesen und habe die
+unmaßgebliche Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen. Er sei
+übrigens in Amerika, momentan wenigstens, für den Fall, daß der
+Präriestempel unleserlich sei. Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort
+ebenfalls unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche des Onkels, etwas für ihn
+zu tun, womit er ihn das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe, gar
+nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne Bedürfnisse sei. Vielleicht
+nehme er aber ihm zuliebe die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach zu
+kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem Haus befinde, dort am
+dritten Dachfenster aus dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu
+töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei präzisierten Wert an
+seinen Freund Jim zu schicken. Jim sei nämlich ein entzückender Mensch,
+Gourmand, und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun. Woraufhin sich der
+Onkel vielleicht entschlösse, die Gegend einmal zu besehen. Leider werde er
+voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!) nicht mehr dort antreffen
+seinen Neffen Raoul.
+
+Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. Wieder traf er Helen. Er
+hatte wegen seinem Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich, daß es ihr
+aufgefallen war. Sie war entschieden verlegen und hatte Ringe im braunen
+Gesicht. »Wohin . . .?«
+
+Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. Ganz ziellos und groß ins Weite.
+
+»Vielleicht -- das wollte ich sagen -- reiten Sie für diesmal mein Pferd.
+Ich kann heute nicht reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen
+. . . und dann (ihre Hand erschien hinter dem Rücken) . . . dann . . .
+nehmen Sie etwa auch meinen Lazo mit -- ?«
+
+Raoul zögerte.
+
+Sie: »Ich -- bitte.«
+
+Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war das beste Pferd im Umkreis. Wie
+leicht ihr Lazo war!
+
+Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten sie, einander jagend,
+einen großen Pferdetroß. Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken Keilen
+zwischen sie. Sie konnten nicht schießen. Die Lazos peitschten die Luft.
+Plötzlich riß zwischen den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch.
+Raoul spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in die Beine strömte unter dem
+Druck der entsetzlich pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust
+einschnürte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde. Die Arme waren
+angeschnürt, er konnte sie von den Ellenbogen ab erst bewegen.
+
+Es genügte. Eh' der Gegner anzog, ihn zu schleifen, zielte er, stemmte das
+Knie hoch, schrie etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel
+mitten durch den Kopf.
+
+Dann setzte er sich auf das Gras und schlug die Beine zusammen. Das da war
+ein Duell im Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte, was das sagen
+wolle, daß Helen ihm Pferd und Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr
+reich werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten, wenn er nach Süden
+ritte. Und sie war schön, war stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie
+liebe. Aber es schien ihm, daß er dann wieder da angelangt sei, wo er
+ausgegangen. Kein Himmel werde seine nächtliche Lockung über ihn wölben.
+Der Himmel würde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut. Das Leben würde
+nichts mehr zum Steigern für ihn haben. Er begriff in einer qualvollen
+Sekunde, daß er für dieses Leben und seine Ansprüche verdorben sei, weil er
+mit einem satten Punkt eingesetzt und mit einem Ende begonnen habe, und daß
+nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich selbst höher zu werfen und
+weiter zu steigern, und er begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so
+weiter ungebunden und von unten weiterstoßend möglich sei.
+
+Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen, daß er über Helen
+hinausmüsse und ihre Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre
+Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem, das ihren Trotz und ihre
+Erschütterung färbte . . . Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die
+Lider lange darüber. Dann erhob er sich.
+
+Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe, daß sie schnaubend allein
+nach Hause lief.
+
+Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein, daß er nun, wo diese
+Schmerzlichkeit weiter über sein Leben hinaushänge, das Alte und
+Schwermachende nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich kamen Zweifel, ob
+alles dies, was so qualvoll an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht
+doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen bestehe, die sich
+ineinanderfließend wiederholten im Hochhinaufgerissenwerden und in der
+Müdigkeit. Aber er schüttelte sie ab.
+
+Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein wildes Pferd, bändigte es und
+sprang darauf. Der Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen
+geflochten und mit Silberringen breit geschmückt. Raoul Perten ritt nach
+Norden zu. Und ritt und warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt
+aufwärts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in den Schwung eines
+maßlosen Trapezes und ließ den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen
+um seine Hände fahren -- -- . . . und ritt auf ein Stück Himmel zu, das
+sich wie ein blaues Dreieck zwischen zwei Hügel hineinbohrte und über dem
+ein Horizont aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden Rotunden
+kreisend wie ein von Rätseln durchstochener Schild.
+
+Der aussätzige Wald
+
+ Benoit de St. More:
+ Ceste historie n'est pas usée
+
+
+Jehan Bodel, Sire d'Arras ritt durch den Wald.
+
+Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung keine Waffen außer dem
+kleinen damaskenischen Messer im Gürtel. Seine Arme hingen laß auf beiden
+Seiten des Sattels herunter.
+
+Nach zwei Stunden pfiff es scharf.
+
+Aus einem Gebüsch sauste ein Knäuel Menschen den Abhang herunter in die
+grelle Sonne. Einige hielten Keulen aus Holz in den Fäusten. Der vorderste
+tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig hochschnellend. In seiner
+linken Hand drehte sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere,
+deren Finger aus dem Fleisch herausgekrochen waren und die am Knöchel zu
+einem dicken roten Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges Schwert.
+Alle waren von furchtbaren Fetzen schmutzigen Tuchs umhängt. Geschwülste
+und Narben fraßen sich durch die Gesichter der meisten. Langsam rollte
+etwas die Böschung auf allen Vieren ihnen nach herunter, hob sich mit
+langen weißen Haaren, stand ehrfürchtig zögernd, die Hände in Bewunderung
+und Tasten hebend und streckte zwei rote leere Augenhöhlen mitten in das
+stechende Licht.
+
+Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war zu klein. Sein Blick fuhr
+herum. Nichts war im Bereich seiner Hände. Er trat einen Schritt zurück und
+spie aus vor Wut.
+
+Die Männer krochen wie Spinnen auf ihn zu. Ihr Anführer umtanzte ihn
+lautlos mit gierigen Sprüngen.
+
+Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde, hieb drei Kerbschnitte in den
+Oberschenkel, drehte das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar der
+Angreifer, ging zurück, streichelte rasch das schreiende Tier über Maul und
+Hals, tötete es und schritt lässig, hochmütig den freien beschienenen
+Waldweg weiter.
+
+Es bewegte ihn ein Gefühl: Zorn, daß er keine Zeit hatte, das Maultier zu
+töten, eh' er es verwundete. Er dachte nicht daran, daß er auf ihm hätte
+fliehen können. Jehan floh nicht.
+
+Kam am Mittag nach Erigny, wo großer Markt war. Viele Auslagen färbten den
+Platz bunt, und ein erschütternder Tumult bewegte sich über die Straßen.
+Jehan stellte sich auf eine Tribüne mitten im Platz, und als Ruhe war und
+Kopf an Kopf gesät sich gegen ihn schoben, verhieß er, vor Ekel
+geschüttelt, jedem, der im Wald einen Aussätzigen erschlüge, zwanzig
+Denare.
+
+Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug, einen schneeweißen
+Hühnerhund und eine Stute, deren Schweif den Boden peitschte.
+
+Er ließ alles an seinen Gasthof bringen, bestellte Spielleute und aß. Als
+er seinen Lieblingsfisch auseinanderlegte, schob sich ein Mönch durch die
+Tür und suchte zu Jehan zu kommen. Doch der Wirt spreizte die Arme und
+drückte ihn zurück. Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der Mönch
+bestand darauf und schwur lang und laut bei St. Vinzenz, bis Jehan
+aufmerksam ihn herbeiwinkte. Bis auf zwei Meter, denn er wünschte nicht,
+von seinem Atem belästigt zu werden. Der Mönch schlug ein Geschäft vor.
+Jehan aber machte eine so abweisende Geste, daß er zu winseln begann und
+schwur bei den runden Blutstropfen von St. Morant, Jehan werde nächtelang
+aus Reue seine Brust schlagen. Und wie er von dem gesättigten und
+zufriedeneren Mund des Gegenübers die herbe Strenge abfallen sah, stieß er
+hastig einen Schritt vor und sagte leis etwas.
+
+Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mönchs Fratze bedeckte sich aber mit
+einer fetten Vertraulichkeit und sagte und schwor bei dem Leibe der
+heiligen Afflise, die Ware sei gut.
+
+Jehan lachte ungläubig und edelmännisch und folgte ein wenig
+zurückgestoßen, mehr aber neugierig. Sie überquerten den Hof, schoben einen
+Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall . . . dann riß der Mönch
+eine verborgene Tür auf.
+
+Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein schräg in die Mauer gerammtes
+Bett enthielt, auf dem ein Mädchen kauerte in südlicher Haltung, von
+vielleicht siebzehn Jahren, die sich nun zu einer adligen und beschämten
+Haltung erhob und eine rührend große Schönheit entfaltete. Der Mönch wollte
+ihr die Tunika abziehen, allein Jehan wies ihn zurück, verbeugte sich und
+fragte, wie sie heiße.
+
+Sie sagte: »Beautrix« und sagte es in limusinischem Dialekt, dessen dunkle
+Schwingung Jehans Ohr entzückte. Sie hatte eine so schmelzend weiße Haut,
+daß sie unmöglich aus der Provence sein konnte. Der Mönch sagte: Aus
+Byzanz.
+
+Da kaufte Jehan sie ohne Prüfung um zweitausend Denare.
+
+Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen aus der Stadt. Jehan
+sprach nichts zu einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein wenig hinter
+ihm. Plötzlich kam ihnen Gebrüll entgegen, schäumende Rufe spritzten durch
+die leere und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag vom Huf der
+Tiere durch den mahlenden Sand.
+
+An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession an ihnen vorüber, Männer, die
+Fahnen trugen, schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit Säuglingen
+an den strotzenden Brüsten, Greise, die ihre müden Glieder vorwärts
+schnellten, und alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den Arm um die
+Weiber geschlungen und sich in sie verkrampft, Mädchen liefen mit gelösten
+Haaren und ließen sie vom Wind hinter sich aufbäumen, in die Männer wieder
+ihre Gesichter tauchten . . . und alle sausten singend und schreiend mit
+stampfenden Sprüngen vorbei.
+
+Beautrix errötete und wandte den Kopf, als der Zug vorbeischoß.
+
+Da wußte Jehan, daß er einen guten Kauf getan. Er schnallte seine Bügel
+hoher und hob sie herüber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier mit
+Gelächter, lachte, küßte sie und rannte mit ihr durch den Wald. Die Hunde
+jagten vor ihm.
+
+Er dachte nicht an die Aussätzigen. Denn er fühlte, wie die Glieder von
+Beautrix heiß wurden. Noch einmal küßte er sie. Da war es schon dämmerig
+geworden. Der Hühnerhund sprang vor ihnen hin wie ein weißer Strich.
+
+Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen Bogen gleich einer
+Augenbraue. Dumpf rauschend wie zwei Fledermausflügel zogen sich die Tore
+von Arras im Abend hinter ihnen zusammen.
+
+Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise und sagte es so zu Beautrix.
+Denn Jehan Bodel war (ohne daß er die kleine und falsche Schäbigkeit
+beging, es in seinem Leben auszudrücken und ohne daß es aus seinem Tun
+bewußt nur in einem Funken erhellte) der größte Dichter der Pikardie.
+
+Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen auf seinen linken Arm,
+und indem er sie mit dem andern an der Schulter stützte, trug er sie in ein
+großes getäfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures Bett stand, und sagte ihr,
+daß dies ihr Eigentum sei.
+
+Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer Dame im Westen der Stadt,
+der er dort ein Haus unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame sei in
+der Kirche, und er kam gerade recht, als sie die Abendmesse verließ. Er
+nahm sie und ein paar Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trübe Schenke
+in der Ecke des Platzes.
+
+Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das sie allein hatten.
+Holzpritschen mit Teppichen belegt umliefen die Wand und schlossen einen
+Kreis um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der Boden war mit
+leuchtend gelben und weißen Platten belegt. Es roch nach Wein und Rosen.
+Jehan ließ gemischten Wein kommen und nahm seine Dame neben sich. Eine
+Stunde später kamen noch einige Männer. Die Weiber lagen auf den Bänken und
+sangen.
+
+Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten. Eine Rote erzählte, die Zähne
+fletschend, was ihr ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie möge die
+Haare kürzer schneiden und als Mönch bei ihrem Orden eintreten. Und ob sie
+sich dann auch die Haare blond färben und den Namen »Innozenz« annehmen
+würde, fragte ein junger Mann . . . worauf sie beleidigt tat und ihm ihr
+Glas zwischen die Busenkrause goß. Ihm aber dann sich auf die Knie warf und
+ihn reuig in den Ohrlappen biß.
+
+Jehan ließ Gewürze in den Wein kochen. Sie tranken stark und lachten. Die
+Weiber schaukelten auf den Pritschen und lallten Gesänge und Lieder
+durcheinander.
+
+Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen, die ihm Stellung und
+Temperament zur sonstig mittelmäßigen Erfreuung -- mehr geduldet in der
+vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen -- machten, ließen ihn grenzenlos
+öd.
+
+War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm des Zimmers ein fremder Duft
+wie von Frauenhaaren, die er kaum kannte, an seinen Händen schwebe?
+
+Er begriff die Wandlung, faßte das Unbehagen nicht ganz in seinem bewußten
+Grund, aber ergriff es in brutalem Wohlgefühl wie die Lösung dieser
+Spannung, als er im Lauf des Abends von einer der anderen erfuhr, wie seine
+Dame ihn betrog. Und da (siehe) es wiederum ein Mönch war, dessen Schatten
+hier seinen Weg kreuzte (nur daß er nahm dieses Mal und nicht darreichte),
+lachte alles in ihm über den Ausgleich. Er stellte die Kanne, die seine
+Hand gerade umfing, nicht einmal weg, griff seiner Dame mit der Linken ins
+Haar und warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch die Tür. Erhob sich
+lächelnd und frisch und schenkte das Haus im Westen der Stadt jener, die
+zuerst fünf Glas Mischwein trank und ging aufatmend, den Kopf schräg nach
+dem Himmel hinaufgelegt, die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht.
+
+In einer Nebenstraße fiel es ihm ein: er klopfte noch an ein Tor und befahl
+einem Händler, dessen Kopf am Fenster erschien, daß er am nächsten Mittag
+mit seinen besten Sachen zu ihm komme.
+
+Die Dämmerung schlug sich durch die Straßen, und mit einem Anheben fingen
+alle Glocken an zu schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch sich die
+Hände und das Gesicht, stieg in den anderen Stock und öffnete in einem
+schmalen Ritz eine Tür. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix und wie ihre
+lichten Glieder im Morgen blitzten.
+
+Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei hinüber, Beautrix zum Essen zu
+holen. Es tat ihm leid, wie sie in dem weißen und groben und unreinen
+Kleid, das sie am vorigen Tage getragen, erschien. Allein ihre Bewegungen
+waren so, als ob sie nichts trüge oder so; als ob sie persische Stoffe über
+den Gliedern hätte und wie es Jehan in einer raschen Erkenntnis schien so
+in einem; als ob dies gar nichts bedeute für den Adel ihres Wesens.
+
+Während sie aßen, geschah etwas Seltsames; Jehan, der spürte, wie etwas, je
+näher er kam, etwas wie unbewußte und ungekannte Achtung sich zwischen ihn
+und die Sklavin schob, sah sie plötzlich in Tränen ausbrechen. Er fragte.
+Da wies sie halb lächelnd wieder auf ihren Teller und sagte, daß sie dieses
+Gemüse nicht essen könne. Es war Kohl. Jehan lachte sehr. Dann überließ er
+sie dem Händler mit den Stoffen.
+
+Am nächsten Morgen brachte er ihr ans Bett rote Blumen und Steine aus
+Alamanda. Den Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa:
+
+ Amic, s'eu vos tenia
+ Dinz ma chambra garnia,
+ De ioi vos baisaria,
+ Qar n'audi
+ Ben dir l'autre di.
+ Qant lo gilos er fora,
+ Bels ami,
+ Vene-vos a mi.
+
+
+Sie schürzte sich ein wenig und tanzte. Die Flammen zuckten auf dem
+Leuchter.
+
+Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar, das in Brunst war, und
+nannte sie: Silberne Drossel -- und blieb und küßte sie. Sie nahm keine
+Scham vor ihm und zog sich an, während die ersten Lichtstreifen den Boden
+kräuselten. Sie bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete sie.
+Vor drei Altären betete sie. Die aneinandergelegten Hände hob sie vor jedem
+hoch auf im Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsägliches
+ausstreuenden Gebärde. Als sie das Münster verließen, war der Ausgang
+versperrt. Eine Frau lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch und
+Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze standen um sie und neben jedem
+Kreuz eine armlange Kerze mit zuckendem rötlichen Licht. Einige Leute
+standen um die Büßende, die nicht aufsah. Beautrix zögerte.
+
+Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte die Frau. Er nahm Beautrix
+auf die Arme wie am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch den
+dunkel aufgewölbten Mund der Kirche hinaus ins Licht. Und setzte sie nicht
+nieder; trug sie so über den Markt. Als er in die Straße einbog, setzte ihm
+schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte er den Kopf: Schwarz, schäumend
+stand mit wehenden Armen die Dame vor dem Portal und nannte Beautrix eine
+Dirne.
+
+Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus.
+
+Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte keine Geschenke.
+
+Aber wie die Dämmerung die Schatten vom aufgewühlten Gesicht der Beautrix
+abpflückte, nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war die ganze Nacht mit
+ihr.
+
+Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix in jeder Frühe seinen Falken.
+Manchmal auch: silberne Drossel. Doch dies geschah selten und nur bei
+Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen das Fenster äderten und in eine
+überhitzte Glut anschwollen. Sie blieben einen kurzen Atem lang zitternd
+und wie ein Segel und zum Sprung gespannt in der Öffnung hängen mit
+gelbgrünen Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm und bebte ein
+wenig. Denn das bedrückte ihr Herz und war ähnlich wie das im höchsten
+Entsetzen zerbogene maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer. Das haßte
+Beautrix.
+
+Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy nach Rouen. Als er zurückkam,
+erwartete sie ihn lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn die weite
+Plaine heraufkommen. Er winkte ihr zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte
+ihr aus Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe schnurrte den ganzen
+Tag in seinem Bauer aus Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch. Da
+warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr eine weiße Blumennische bauen.
+Kaufte ihr einen ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und ließ ihr
+einen Hengst in den Stall stellen, der weiß war wie seine Stute. Denn ihm
+kam es vor, alles müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen,
+der ihm einen Falken brachte, der nicht so weiß war, wie er ihn verlangt
+hatte. Beautrix' Haut war das strahlende Licht und die ewige Lampe von
+Arras.
+
+Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem Schlaf und holte sie aus ihm
+hervor, und Jehan legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße und
+zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand bis übers Knie. Beautrix warf
+ein kurzes Kleid drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei Sternen. Dann
+nahm sie zwei Falken und Jehan nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und
+als einer der Vögel mit einem maßlos trunkenen Aufstieg abbog und in den
+kühneren Kampf aufstieß und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg und
+Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit einem Gesicht, das dies
+spiegelnd und das Übermäßige des Tages und dieses sich in das Heroische des
+Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, . . . da riß Jehan ihr den weißen,
+weiten Handschuh über Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den Unterarm
+aus unerträglich geschwellter Liebe. Sie ritten lang durch eine Ebene mit
+Weidengestrüpp. Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen.
+
+Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in einiger Entfernung später an
+den Pailletten erkannte, die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem
+Augenblick hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen
+Handschuh überreichte, indem er ihn lang küßte, während seine Augen nach
+ihr langten.
+
+Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll waren von Jagd und satt und
+behängt mit Glanz und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse, die
+glänzend und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen vom Gelächter einer
+der Frauen. Jehan ritt mit dem Ritter, der Girard hieß.
+
+Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von Schreien. Aufbäumende, in
+wüste lange Schnörkel sich ausgießende Laute röhrten aus der Ecke. Ein Mann
+in dicke Tücher vermummt, vor dem Gesicht die Larve, war an einen Pfahl
+gebunden, die Arme verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken hin
+und her in den fanatischen Konvulsionen eines Berauschten. Sein Kopf stand,
+am Hals in einer Klammer gefaßt unbeweglich darüber wie eine Plastik aus
+Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten und die Augen, groß, rund und
+aufgesperrt sich verdrehten. Über ihm hing eine Röhre, die ein Mann
+bediente. Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein Tropfen dampfendes Öl auf den
+Schädel des Gemarterten.
+
+Sie riefen und man antwortete aus einem Haus: es sei Thibaut de Nesle, den
+ein Aussatz überfallen habe und den man so strafe dafür, daß er es
+verheimlichte und nicht beim ersten Zeichen die Stadt verließ. Da schwoll
+Jehans Gesicht vor Zorn. Er erinnerte sich des Todes seines gelben
+Saumtieres, das ein Preis war von Toulouse, und er verdoppelte den Einsatz
+für den, der einen Aussätzigen im Wald erschlüge und setzte ihn auf vierzig
+Denare. Dann warf er den Kopf zurück. Er ritt genau vor den Ritter Girard
+und befahl ihm, dem Henker zu sagen, daß er dem an den Piroli Gebundenen
+fünfzig Tropfen heißes Öl mehr geben solle auf seinen Befehl. Er sagte es
+laut vor den anderen Reitern. Er sagte es laut vor allen Köpfen, die in den
+Fenstern liegend, in Kreisen den Platz umschnürten.
+
+Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge. Jehans Blicke stachen lange in die
+des Ritters, bis dieser langsam zusammensank und die Schande auf sich nahm
+und zu dem Henker sprach. Als er zurückkam, war er bleich und Tränen liefen
+aus seinen Augen.
+
+Der Aussätzige warf einen Schrei aus der Kehle der aufschwirrte und
+hinüberzischte wie ein Pfeil.
+
+Auch in Beautrix' Gesicht schwebte ein Weinen und ging nieder, als sie zu
+Hause waren. Sie fragte, warum er den Hohn über den jungen Mann getan hätte
+und zitterte, denn sie empfand, daß er grausam sei.
+
+Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh aus weichem weißen Leder und
+malte mit dem Finger die Stelle, die Girard geküßt hatte und sagte: »Ich
+hatte ihn sonst töten müssen.«
+
+Da empfand Beautrix in einer maßlosen Erhebung, wie sehr er sie liebte, und
+sie wusch sich viele Male den Leib mit Moro-Öl und byzantinischen Wassern
+am Abend, um ihn beflügelt und festlich zu empfangen und verzehnfachte sich
+in den sieben Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff und klar
+waren und deren Nächte überstrahlt über sie gingen, heller und furchtbarer
+als tausend Gewitter.
+
+Eines Tages erschien ein provencalischer Sänger und übernachtete in Jehans
+Haus.
+
+In dieser Nacht träumte Jehan Bodel, Sire d'Arras, er gehe durch einen
+Wald, dessen Bäume gebogen seien und tönten und sängen. Es war ein Lied,
+das ihn schmerzte. Er sah eine gläserne Tonne und floh in sie; sie bewegte
+sich, stürzte ab und über ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund
+eines Meers. Einige Zeit hörte er nur die klingende Musik des Wassers, das
+an dem Glas rieb. Dann kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar nichts
+als Meer, und die Endlosigkeit überfiel ihn und eine weite Leere umringte
+seine Gedanken, und wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine
+Blumenspritze seine Sinne zerstäubte und ihn machte, als schwebe er.
+
+Mittags ging der Provencale.
+
+Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der Normandie und wallfahrte nach
+San Jago de Compostella.
+
+Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare schwarz.
+
+Er reichte Jehan dankend die Hand.
+
+Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte er. Er nahm den Spiegel
+. . . und in die Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen zu einer
+Tiefe gehöhlt hatte, ergoß sich abstürzend, ihm neu und ihn zum erstenmal
+mit Maßlosem belastend, eine brandende Erkenntnis.
+
+Jehan legte die Hände auf den Rücken. Ging durch das Zimmer. Stunde um
+Stunde. Beautrix klopfte. Er hörte nicht. Sie rief, es sei Nacht. Die ganze
+Nacht lag Beautrix allein in dem großen Bett. Der Mond spielte um sie. Das
+war ihr neu. Sie griff nach ihm. Sie schloß ihn in die Arme und weinte.
+
+Jehan Bodel saß einen Tag reglos in einem Erker und sah durch das Fenster
+in die Stadt. Er saß auf einer schmalen Ottomane. Reglos standen zwei
+Säulen auf beiden Seiten neben ihm. Dann stand er auf, und Schaum lief von
+seinem Mund. Er zerriß die schwarzzurückgeschlagene Portiere, schlug mit
+einem Damaskener Fetzen aus seinen besten Schwertern und zerbröckelte sie
+dann in Stücke, daß seine Hände von Röte brannten. Darauf saß er wieder und
+starrte auf die Stadt. Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf der
+Erde und rieb sich den Körper mit ascalonischen Zwiebeln. Dann saß er und
+schrieb fiebernd.
+
+Beautrix wartete und klopfte.
+
+Er gab ihr kein Wort.
+
+Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, überströmend. Jehan biß die Lippen
+zusammen vor Schmerz und damit er nicht weine und sandte ihr lachend einen
+Kohlkopf, damit er ihre Liebe tötete.
+
+Aber er tötete ihre Liebe damit nicht.
+
+Nach einer Woche schwirrte das Gerücht durch die Stadt und die Umgebung,
+Jehan lese am Tage darauf sein neues Chanson.
+
+Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix ein. Sie lag, bleich, da sie
+nicht mehr aß, auf einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem Bett.
+
+Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn und mit ihm kommen.
+Sein Mund war streng. Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wies sie
+zurück. Da faltete sich ein Zug Trotz quer über ihr Gesicht, sie spielte
+mit dem Knauf des Bettes und regte sich nicht, wie er ging.
+
+Dann aber lief sie hinüber und schaute durch das maurische Gitter. Er saß
+auf der Ottomane wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen Augen
+geschmolzen war und wie sie glanzlos starrten . . . Da zögerte sie nicht
+mehr.
+
+Sie schlang den blauen und gelben Turban um die Haare und steckte sieben
+Dolche hinein und band an den ersten einen weißen Schleier, führte ihn
+unter das Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder an dem siebenten ein.
+Dann schloß sie um ihre kleinen Brüste ein weißes Mieder, das dünne
+gerötete Zwicken hatte an den Achseln, welche in die Arme liefen mit engen
+Ärmeln aus reinem Goldbrokat und zwischen denen die weiße Seide des Rockes
+hinunterströmte zu den gekreuzten Schnüren aus Hermelin und dem Passepoil
+mit roten und lila Augen.
+
+Sie gingen zusammen zum Markt. Eine große Masse bedeckte ihn und schob sich
+in Reihen durcheinander. Neue Ströme rauschten durch die Tore von außen.
+Vereine mit Talaren und ein Priester, der in rotbekleideten Händen eine
+Fahne hielt. Einige Partien sangen. Eine Schar Mädchen sang dann
+Sommerlieder, und der Rhythmus der Kommenden hakte in sie hinein wie das
+abgerissen Zanken von Papageien.
+
+Jehan ging auf das Gerüst. Hinter ihm stand der figurenvolle, schlündige
+Eingang des Münsters, aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grüßte
+lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel hing über dem Platz. Lachend
+gaben sie ihm den Gruß zurück. Dann wandelte sich sein Gesicht in eine
+undurchsichtige Strenge, und er las Li congie de Jehan Bodel d'Arras, das
+heißt, er sagte den Bürgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter unter
+ihm strafften sich. Sie spannten sich in eine atemlose Erregung. Einer hob
+die Hand. Alle hoben die Hand. Ein Sturm von Händen hob an und warf seinen
+Willen gegen die Brüstung, daß er bleibe. Und die Gesichter entstarrten
+sich und flammten auf in Ekstase und sie schrieen es. Sie tobten und
+stürmten vor.
+
+Da hob Jehan beide Hände zum Hals, hakte sie ein und riß nach zwei Seiten
+das Kleid auseinander und stemmte ihrem Schreien seine nackte Brust
+entgegen. Er breitete die Arme aus. Auf seiner Haut tanzten blaue Flecken,
+und ein rotes Geschwulst durchbrach die Brust.
+
+Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das Ungeheure.
+
+Die Arme sanken zurück Das Schreien ward Geheul. Männer rissen Weiber
+zurück von dem Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben verknirschte
+der Aufruhr und duckte sich. Eins gab es nur: Flucht! --.
+
+Einer wagte es noch, stieß die Faust in die Luft und brüllte »Pilori«.
+
+Doch er blieb allein.
+
+Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter wie im Wasser werde, kam
+etwas von ihm her und preßte die Menge vom Platz und warf sie in die Häuser
+und Straßen. Zwei trugen Beautrix ohnmächtig.
+
+Dann ward es still.
+
+Kein Ton. --
+
+Jehan lächelte: Wie in der Tonne.
+
+Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt nach dem einen. Es war ein Tor
+in einem Turm, der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen denen eine
+große Glocke hängt. In seiner Mitte quoll ein Auswuchs heraus, formlos
+gewölbt, wie ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan sah die Straße
+hinunter. Er sah niemand. Darauf schritt er zurück über den Platz nach der
+anderen Seite. Kein Auge stand an den Fenstern, die ihn anklafften. Er trug
+den Aussatz auf seiner Brust gerade wie ein Schild. -- Hier lief eine
+dunkle Passage durch kleine wüste Gassen.
+
+Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine Ärmel waren eng und trugen an den
+Gelenken Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn die Brust offen
+lassend, ein dunkelrotes Kostüm um seinen Oberkörper und rann dann unter
+dem Gürtel (aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander zu den
+Füßen, wo eine breite Pelzsäumung es aufhielt und ein Streifen aus Gold.
+Grün waren seine Schuhe.
+
+So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und hoffte, daß ihn einer
+erschlüge.
+
+Doch es erschlug ihn keiner.
+
+Sein Haus hatte eine breite Front. In den oberen Teilen lagen große Fenster
+mit Säulen. Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den Tag und die
+Nacht. Niemand kam. Jehan wartete.
+
+Niemand kam.
+
+Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und Reihen von Menschen zogen mit
+Kerzen durch die Stadt und zur Kirche.
+
+Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner Ottomane. Das Zimmer war
+verschlossen. Beautrix klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag. Sie
+rief weinend Jehans Namen. Sie warf ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte
+auf den Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte. Er hörte sie
+nicht. Die Tür knirschte kaum.
+
+Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand das Tor offen an Jehan
+Bodels Haus. Niemand kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend schaute
+Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor die Tür gestreckt wie ein feines
+helles Tier. Später zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die
+Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten.
+
+Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme aus dem Dunkel hervorklingend
+unter Jehans Zimmer die Geschichte von Amis und Amile:
+
+Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich und liebten sich. Da verführte
+Amis die Tochter des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen, aber
+Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man erkannte ihn nicht und gab ihm
+die Prinzessin als Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf sie, ließ
+er sie ihm zum Ehebett und ward aussätzig zur Strafe. Aber Amis tötete
+seine beiden Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund. -- -- --
+
+Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie auf, und am Morgen bot ein
+Mönch zwei Knaben an zum Verkauf.
+
+Jehan lehnte ab.
+
+An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür mit einem Messer und schälte
+Span auf Span heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus Eisen. Die
+Klinge brach ab.
+
+Da legte sie sich stumpf über die Schwelle.
+
+Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen die Tür, bis sie das Gefühl
+ihrer Hände verloren hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es
+schien, er schaue auf seine Hände. Da biß sie in das Metall der Klinke und
+sank blutend auf den Boden.
+
+Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die Tür auf in Jehans Haus. Sie
+spreizte sich auf, so offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein.
+Nacht. Die Nacht war so still, daß das Dunkel brauste.
+
+Wie . . . ?
+
+Stille, kein Ton kam durch die Straße.
+
+Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der Tür, eine Rinne Blut über
+dem Kinn. Er sah es. Allein . . . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane
+zwischen den Säulen.
+
+Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er sich. Er ging gerade auf die Tür
+und öffnete sie, Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der ersten
+Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände mit ascalonischen Zwiebeln, die
+die erste Ansteckung verhinderten. Langsam ging er darauf in das Zimmer von
+Beautrix. Er roch an den weißen Blumen in der Nische . . . der Kamin
+. . . das Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht aus Dijon. Er
+empfand wie der Papagei sich regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts
+mit derselben Drehung und die Täfelung und die Teppiche aus Palästina
+darüber. Er zündete Lichter an an der Wand, und sie blitzten auf. Sie
+spiegelten flackernd in runden Metallplaketten und bestäubten das Zimmer
+mit einer dünnen Schicht Licht, in der er es mit einem Blick noch einmal
+aufnahm.
+
+Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in die neue entsagensschwere
+Tiefe seiner Seele einzuschneiden, und er fühlte es nur als ein Wehtun auf
+der Oberfläche und ließ den Raum wie in Bedauern zurück. Dann öffnete er
+das Zimmer, in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib von Beautrix
+gelegen hatte. Er öffnete es in einem Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah
+die schmerzende Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den Geruch ein und
+sagte vor sich hin: Silberne Drossel . . . Scharf hoben in diesem
+Augenblick zwei Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an.
+
+Es wurde heller.
+
+Silberne Drossel . . .
+
+Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner Stute über den Hals. Sie
+sah ihn an. Da erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines Hirns noch
+einmal Bewußtsein von dem, was nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück.
+Ein Weinen riß sich in ihm los. Er legte seine Hand in das Maul der Stute.
+Die breiten Schultern zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen
+Lippen. Dann wandte er sich.
+
+An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück und als sei die
+Last zu schwer und damit er auch dieses tilge, ging er zurück auf das Tier
+und tötete es.
+
+Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens über die Straßen. Er ging
+vorüber, verächtlich an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen. Alle
+Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit der Prim. Es war hell, wie er
+über den Markt schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem Platz, sang
+laut und betete. Menschen kamen zur Kirche. Jehan ging durch sie hin und
+sie traten zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an diesem Tage noch
+seine Macht.
+
+Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er ging weiter, drehte sich
+einmal um. Die Tore waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer knieten
+die acht Türme auf dem Nacken des Bollwerks um das Tor. Er sah es sinnend.
+Dann schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen lag vor ihm. Wie eine
+Braue . . . schien es ihm.
+
+Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen Arm. Etwas Weißes trennte sich
+von dem Busch. Beautrix warf sich ihm entgegen:
+
+»Wo willst du hin?«
+
+»Nach dem Wald.«
+
+»Du nimmst mich mit!!«
+
+Er öffnete die Brust. Sie stampfte mit dem Fuß: »Es ist mir gleich.«
+
+Jehan sagte ruhig: »Nein.« Sie hielt ihn am Arm: »Ich will auch aussätzig
+sein. Was geht es dich an?« Jehan wandte sich von ihr. Sie trat schäumend
+in den Weg:
+
+»Du, der du mich küßtest . . . dort . . . das erstemal . . . schliefst du
+in meinem Bett Nacht auf Nacht . . . Weißt du, daß du mich hießest: Falke
+. . .«
+
+Jehan wußte es noch. Er sagte: »Ja« und nickte. »Silberne Drossel . . .«
+sagte er.
+
+Aber sie -- (die nicht begriff) wie alles in ihm getötet sei und daß alles
+Weibliche in allen Beziehungen zu tief für ihn liege und kaum die äußersten
+Ränder seines Horizonts noch streife, da sein Geist schon ganz eingerichtet
+war auf den neuen Sinn seines Lebens, der ihr entrückt auf einem fremden
+Schwerpunkt lag) -- warf sich auf seine Füße und weinte, daß er sie
+mitnehme. Doch er befahl ihr zurückzugehen. Sie wälzte sich und tat es
+nicht. Da schrie er sie an: »Sklavin!« und als sie erstarrt sich aufreckte:
+
+»Sklavin um zweitausend Denare.«
+
+Sie klammerte sich an ihn.
+
+Da stieß er sie zurück und schlug sie.
+
+Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein großes Stück helles Fleisch,
+durchrast und geschwellt von maßlosem Schmerz, auf der staubigen besonnten
+Straße. Wie waren die Blumen farbig auf den Wiesen! Wie legte der Morgen
+sich licht um die Welt!
+
+Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete Wallfahrern, die in Jericho
+Zweige gepflückt hatten. Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er ging
+auf die Seite, verbeugte sich.
+
+Einmal noch mußte er wenden. Der weiße Hühnerhund lief ihm nach. Er trug
+ihn in den Graben und tötete ihn.
+
+Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire d'Arras, trug das dunkelrote
+Gewand mit der Bordüre aus Pelz. Er trug den Turban aus Pelz. Seine Füße
+gingen in grünen Schuhen.
+
+So schritt er hinunter. Dann bewegten sich seine Lippen. Er sann. Sang ein
+Lied, das er wo gehört hatte. Es kam ihm wie durch einen Spalt: Von einem
+Freund . . . An einem Kamin in der Bretagne . . . Gasse Brullè? -- -- --
+
+Er wußte es nicht mehr. Seine Gedanken waren davon abgeschwommen. Er
+verstand den Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf, laut. Es war
+ein Liebeslied. Er sah auf seine Hände, die in Blut trieften:
+
+ Hé blanche, clere et vermeille,
+ De vos sont tuit mi desir;
+ Car faites en tel merveille
+ Droiture et raison faillir.
+ Quant je vos vueill a amie,
+ Droiz nel poroit otriier;
+ Se vostre grant cortoise,
+ De gentil dousor garnie,
+ Ne me deigne conseillier;
+ Mar vos oi tant prisier.
+
+
+Seine Haltung war stark und königlich.
+
+Mit einer ungeheuer schlichten Gebärde ging er auf den Wald zu, der ihm
+entgegenkam.
+
+Maintonis Hochzeit
+
+Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf. Ganz steil stand sie tief
+am Horizont auf der weißen glühenden Straße.
+
+»Es sind noch fünf Minuten«, murmelte Antoine.
+
+Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen; da nahm Antoine meinen Arm
+und zog mich unter die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen. Das Gras
+war am Rand der Chaussee leicht gelb. Im Schatten stand es satt und
+buschig. Wasser lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß. Nun
+sagte Antoine: »Fahren sie mit nach Paris!« Nach einer Pause wiederholte er
+mit eigentümlich gedehnter Betonung: »Paris.« Dann wandte er sich um und
+sprach ganz laut und anders:
+
+»Sie müssen nicht daran denken!«
+
+Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. Antoine kniff die Augen fest
+zusammen: »Er hat doch sein Ehrenwort gegeben . . .«
+
+»Kurz! Ich sah ihn«, erwiderte ich ungeduldig. Es klang vielleicht schroff.
+Antoine beugte sich ein wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. Die
+Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen Hügelzug verloren. Durch die
+ganze stille Luft hörte man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm
+Antoine beim Arm:
+
+»Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß ich mich nicht täusche. Ich
+weiß Ihnen gewiß Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie müssen doch
+einsehen, daß Ihre Argumente wertlos sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er
+sein Ehrenwort brach und doch wieder in einem Spielbad auftauchte, auf
+Grund der damaligen Verhältnisse verhaften lassen wollte, hätte ich
+durchaus keine Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium sind.
+In einer Stunde erst erreichen Sie die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon
+ab! Ich will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach, auf unangenehme
+Ideengänge zu kommen. Umsonst vergrabe ich mich doch nicht in die
+Pyrenäen.«
+
+Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten Baumganges ein und
+fachte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte
+ihn in die Schulter: »Der arme Perdican . . .«, flüsterte er.
+
+Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, legte er die Hand auf meine
+Schulter. Er sah mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. Darauf
+flog eine rasche Spannung über seine Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf
+einen Stein. Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem Knie hastig ein
+paar Worte. Ich nahm, etwas verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir
+eine Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen Straße die Post herbei.
+Antoine rief mir rasch zu: »Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen mit
+meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten Miseren!«
+
+Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und zogen die Ohren trotzig an.
+Antoine winkte. Sein Bart und sein schräges Profil traten bedeutend aus der
+Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. Die Diligence rollte um eine
+Ecke, und die Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen die Häuser.
+
+Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs las ich die Zeilen Antoines.
+Es mußte ein Dialekt sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte ich
+wieder an den Grafen Perdican denken. Er war ein lieber Freund. Sein Tod
+hatte ungemeine Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung sah
+man, daß sein Partner, dessen Wechsel er nicht einlösen konnte, Karten aus
+einer doppelten Manschette schüttelte. Man verband damals noch andere
+seltsame Themen mit seinem Namen. Es war eigentlich lächerlich, daß wir uns
+damit begnügten, ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu widersinnig.
+Damals hatte niemand hieran gedacht.
+
+Ich frug mittags in Tarragona nach meiner Adresse. Es seien höchstens drei
+Stunden zu gehen . . . Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. Ich
+sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam ein
+schmutziger Hausknecht. Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der Hand
+hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben mein Gesicht neigte. Da er
+nichts sagte und keine Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm
+Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. Nun las ich sie
+laut vor.
+
+Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück und streckte den Span
+mit gespanntem Arm noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich einen
+Augenblick scharf. Darauf verschwand er: ich hörte verhandeln. Ein Mann mit
+einem starken Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen erweckte, prüfte
+mich, während das brennende Holz mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich
+fremd sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine Antwort dumm vor.
+Ich zeigte Antoines Zeilen. Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. Dann
+forderte er mich ganz verändert auf einzutreten. Währenddem sagte er, es
+seien bis zu meinem Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als ich
+meine Auskunft über den Weg von Tarragona erzählte. Drinnen saßen noch drei
+Männer. Sie tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht hatten, stand
+eine harte Luft in dem Raum. Eine Lampe hing an Eisendrähten über einem
+Tisch.
+
+Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer nahm mich bei der Hand,
+verbeugte sich und sagte: »Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .«
+
+Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas, das ich wieder nicht
+verstand, worauf jeder mir die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank
+aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann ward ich müd. Auf einem Strohsack
+in einer Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich niemand mehr. Ich
+durchsuchte das ganze Haus. Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und
+ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung sein, als das hölzerne
+Geklapper eines Maultiers mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das
+Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin Pelayo.
+
+Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er stand vor seinem Haus und wusch
+sich den Oberkörper mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte sich
+zuerst, durchaus keine Notiz von mir zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann
+wiederholte ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen. Darauf stellte ich
+mich aufgerichtet vor ihn hin und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß.
+Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über seinen Arm laufen. Die Muskeln
+brachen wie Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig krümmte.
+
+Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt konnte mich betrogen
+haben. Nun nahm ich meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit der
+Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum wuchs etwas vor mir in die Höhe.
+Ich hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen Lage wie
+eine Kinderfahne.
+
+Ich erstaunte über die Würde des Mannes und seine unnatürliche Größe.
+
+Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir die Hand. Er fragte nach
+seinem Freunde Antoine. Antoine war doch ältester französischer Adel. Ich
+ließ nicht merken, daß ich verblüfft war. Ich redete rasch und abgerissen.
+Er schloß sein Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn noch größer
+machte. Dann rief er zweimal : »Maintoni . . .«
+
+Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen der Lider meine rechte
+Hand und zog mich ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang und traten in
+ein hohes Zimmer. Maintoni drehte sich um und rief hinaus: »Rodriguez!«
+Eine alte Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich hin. Maintoni
+küßte ihr die Hand und ging hinaus.
+
+Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen aus. Sein Körper war
+schlank und von wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das Gesicht wirkte
+in der Nähe kantig gegen die Harmonie des Wuchses. Die Nase war ein wenig
+zu lang.
+
+Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme hatte eine knarrende
+Biegungslosigkeit. Einige Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch vor
+ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte. Sie dankte, sprach aber
+weiter. Dann sagte er mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur noch in
+ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung kannte sie nicht mehr. Eine
+dichte Luftschicht, von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie körperlich
+und schloß hermetisch alle Berührungen mit der Welt ab.
+
+Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll die Hand, als er
+eintrat. Maintoni brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte der
+Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm seiner Tochter. Er trug einen Ring
+mit einem riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf, blendete er. Ich sah
+sofort, daß er echt war. Pelayo sagte zu Rodriguez, als Maintoni
+hinausgegangen war:
+
+»Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr Zimmer abtreten! Sie werden unten
+schlafen bis zur Hochzeit.« Ich wollte Einwendungen machen. Aber man schlug
+mich mit Freundlichkeit nieder. Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez
+erzählte mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde. Maintoni sei
+dann gerade siebzehn Jahre alt.
+
+Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf zusammen, daß das Gelenk knackte,
+und der bronzene Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er dehnte sich weit
+zurück, schlug rasch auf seine Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und
+an der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf. Dann erst konnte er
+wieder reden, so nahm ihn die Freude mit.
+
+Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als wir die Treppe hinaufstiegen,
+öffnete sich neben dem Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine
+eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus. Pelayo schloß rasch
+wieder. Ich fühlte, daß mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein wenig und
+wollte Maintoni fragen. Aber sie ging so ruhig vor mir, daß ich es ließ.
+
+Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde Hitze auf die Landschaft. Die
+Nerven lösten sich und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer aus hatte ich
+weite Schau und staunte über die Seltsamkeit der Gegend, die mit einer
+Welle von Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen das Haus prallte
+und sich hinunter nach Valencia zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus
+der, zäh und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet hinaufwuchs.
+
+Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin Pelayo von mir. Er ließ
+Maintoni allein mit uns beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging. Morgens
+liefen wir zwei Stunden südlich, wo der Postdampfer anlegte, und fragten,
+ob etwas für mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien ihnen fremd und
+eigenartig zu sein. Rodriguez tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das
+seine Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch nehme. Allmählich
+hatte er sich so in die Rolle hineingelebt, daß er meinte, seine
+Anwesenheit sei nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der die Post
+ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn herüberwarf und mit affenhaften
+Verrenkungen eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte er mich mit
+einer kleinen Gebärde von Ungeduld auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal
+allein gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als hätte ich ihm
+das Wertvollste anvertraut. Maintoni hatte eine stumme Verwunderung dafür.
+Sie strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief hin, beschaute ihn von
+allen Seiten und blieb mit einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens an
+den vielen bunten Marken hängen.
+
+»Hätten Sie sie gerne?« fragte ich lächelnd. Ich löste sie und reichte sie
+ihr hin. Da ging ein namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie öffnete
+halb den Mund. Zwischen den sanften Bogen ihrer Lippen traten die Zähne,
+die weiß und außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte sie rasch den
+Blick, bewegte den Arm einige Male wie streichelnd über den Gürtel, wandte
+sich langsam um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu Rodriguez hin. Er
+umarmte mich:
+
+»Hombre, si: Sennor!« Sie sind ein guter Mensch«, rief er enthusiastisch.
+Abends fuhren wir aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die heiße
+Stille des Tages zu einer bewegten Kühle, die einen Schauer von Ruhe und
+dämmerndem Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in dem Boot,
+dessen geschweifte Flanken in eine Spitze aufstiegen, die über meinem Kopfe
+stand. Maintonis Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez, dessen
+braune Rückenmuskeln im Takt des Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und
+wieder unter der Haut verliefen.
+
+Wenn die Sonne verschwunden war und die Berge um das Castel de Balaguer wie
+mit violetter Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt schienen, sang Maintoni
+eine Romanze, deren Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab ging.
+Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater, der vor fünf Jahren in Asturien
+auf einer Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm den Kopf
+abgerissen. Das Messer des Freundes schon im Herz, hatte es ihn mit einer
+der letzten Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen. Man mußte den
+Leichnam ohne Kopf begraben. Rodriguez schien bang:
+
+»Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem . . .«
+
+Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend. Er hatte die Hand fest gegen
+sein Knie gepreßt und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig:
+
+»Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben war und mit dem Kopf
+verschwunden ist . . .?«
+
+Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz die Brust berührt habe . . .
+
+Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber und verteilte ihn dünn und
+zärtlich über das Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand lag eine breite
+Klippe. Dort war, wenn die Flut nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen
+Gegend.
+
+Nachts schlug das Meer gegen den Strand.
+
+Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher. Es war am heißesten Mittag.
+Maintoni brachte eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und später
+Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen, und ich zeigte ihm ein paar
+Aufnahmen Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte ihm auch von dem
+Eindruck des Zettels auf den Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht
+hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht:
+
+»Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!«
+
+Ich lachte: »Da müßte der Diamant an Ihrem Finger nicht unter Brüdern
+zwanzigtausend Francs wert sein . . .«
+
+Es war, als hätte ich mit der Hand auf den Tisch gehauen. Alle wurden
+still. Rodriguez strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu ihrem
+Vater.
+
+Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser Lähmung lief an uns ab, wir
+rauchten, und als es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer
+heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen kniete sie nieder. Wir saßen auf
+der Galerie des ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer. Sie
+blieb lange unten bei der alten Frau, die immer mit sich sprach. Dann trat
+sie bescheiden heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in sonderbarem
+Widerspruch mit dem heroischen Risse des Gesichts. Nur die Augen linderten
+die Stärke der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie waren weit
+aufgebogen und leuchteten in hellem Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen
+von Hospitalitet.
+
+»Sor Gracia, meine Schwester«, sagte Pelayo.
+
+Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren. Die Linie der Küste zischte
+wie in versteckter Wut. Draußen an der Klippe sprang manchmal eine
+gepeitschte Welle springbrunnenhaft und heftig in die Höhe. Der Himmel nahm
+eine tiefrote Glut mit blauen Rändern an.
+
+Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom Kloster; und wie sie sich
+freue, am jüngsten Tage eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und Sor
+Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der
+gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.
+
+Am nächsten Tage kam der betäubende Duft wieder heftig aus dem Zimmer im
+Erdgeschoß. Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton durch das Haus
+von splitterndem Glas.
+
+Den Tag darauf legte sich der Wind ganz. In den Zimmern ward alle Stunden
+gesprengt. Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute zum
+Strand über die kleine Bucht, wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos
+lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines gelbes Tuch, das schlaff
+an einer Stange herabfiel. Wir schliefen den vollen Mittag. --
+
+Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte am folgenden Morgen. Sie wehte wieder
+am Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit ihr. Er legte sich in die
+Falten, drehte sich darin und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es
+von neuem hoch.
+
+Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an. Wir gingen am Strand entlang.
+Dann bogen wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis Haare glänzten
+kupfern. Wir trugen kurzgestielte Netze mit feinen Maschen. In kleinen
+Abständen blieben wir stehen und hielten mit kurzem Ruck die Laternen dicht
+über das Wasser. So schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein.
+Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran, das zuckende Heranschleichen
+der Aale zu beobachten. Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das Netz
+halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing keine.
+
+Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben.
+
+Es wurde hell, als wir nach Hause kamen. Maintoni hatte die gleiche Ruhe
+wie stets. Sie hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der Haut. Ich
+schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte, hörte ich, noch schlaftrunken,
+Stimmen. Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite, starke, die
+ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher Ausruf -- -- ein Wagen, der anzog --
+-- noch ein paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog mich weit über die
+Holzstäbe . . . . . .
+
+Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz knirschte. Ich fühlte, daß mein
+Atem pfiff. Ich sah es . . . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd
+Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte . . . es waren dieselben
+Züge, es war derselbe, den ich zwei Tage vor dem Tod der Frau von
+Montbellaire mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben, mit
+schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen, aus ihrer Loge stürzen
+sah.
+
+In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige Männer.
+
+Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute, in mich auf: Die Fahne wehte
+nicht mehr.
+
+Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht. Da drang ich in das Zimmer
+im Erdgeschoß. Ich hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz weit.
+Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich sah
+kurz ein Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich hinausgezogen. Er war
+höflich, schien aber verletzt. Er begriff meine Erregung nicht. -- -- Was
+sie gewollt hätten?
+
+Das Haus mieten oder so etwas . . .
+
+Es schien ihn gar nicht zu interessieren.
+
+In diesem Augenblick rief draußen einer der Knechte. Pelayo sprang hinaus.
+Ich folgte. Der Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe raste
+etwas herunter . . . an uns vorbei. Wir stürzten nach. Maintonis Kahn
+schaukelte leer draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte. Wellen
+mit breitem dunklen Rücken wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte
+es und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz. An einem Vorsprung
+hielt sich Maintoni mit gekreuzten Armen.
+
+Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust drängte sich heraus. Er bog die
+Hände vor die Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und aus dem
+qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes flog seine Stimme wie ein Schuß:
+
+»Ay!« rief er.
+
+»Ay! Maintoni -- --«
+
+Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez. Ich hielt das Steuer, sah
+sein Gesicht. Wie lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen
+wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe gehn. Maintoni hatte den
+Vorsprung umklammert und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand uns
+zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht. Wir wagten es nicht, zu atmen.
+Nein. Wir konnten nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge.
+
+Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht. Die Flut trieb es weg, während
+sie die Fahne einstrich.
+
+Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am Morgen sehr früh weckte mich
+Pelayo und fragte, ob ich ihn begleiten wolle.
+
+»Es wird zwei Tage dauern«, sagte er. Ich war dabei. Wir gingen Stunden.
+Wir schliefen den Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde dämmerig.
+Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen rauhe Bergwände einnistete. Ein
+abschüssiger Pfad führte zum Meer.
+
+Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die Fahne auf der Klippe bedeute. Ich
+hatte ihn gefragt, woher er Antoine kenne. Dann hatte ich gefragt, was das
+Geheimnis des Zimmers sei, aus dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch
+ich das Blitzen sah.
+
+Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei. Antoines Mutter sei aus dem
+alten Königsgeschlecht und in einem Zweige mit ihm verwandt.
+
+Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht mehr. Sie mußte schon lange tot
+sein. »Bei Antoines Geburt«, sagte Pelayo. »Dieser Familienstamm ist älter
+als der ganze europäische Adel. Antoine und ich entdeckten unsere
+Verwandtschaft, als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu lassen.«
+Das sei auch das Geheimnis des Zimmers: Sein Laboratorium. --
+
+»Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten. Es ist gefährlich,
+Sennor, wenn man weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden. Ich habe
+den Schmuck der Herzogin von Guise und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch
+geschliffen. Sie sehen, welche Werte ich manchmal im Hause habe. Die Fahne
+bedeutet je nach der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher komme.
+Das Schiff fährt an der Küste vorbei, und man läd hier aus.« Pelayo schaute
+angestrengt durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte er lächelnd:
+»Sie werden erstaunt sein, Sennor, . . . ein unbekannter Mann . . . hier in
+der Einöde . . . schleift den berühmtesten Schmuck. -- -- Ich habe in
+Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein System erhalten. -- -- --
+Maintoni soll glücklich werden«, fügte er ohne Zusammenhang hinzu.
+
+Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der dünne Ton einer Pfeife -- -- --
+Pelayo verschwand. Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging das Tal hinauf.
+Mohn wuchs im Gras. Wilde Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald
+mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe rauschte an mir vorbei. Leicht
+feucht war die Luft. Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen.
+
+Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie die Sterne über das Meer
+hinauswuchsen und mich traurig machten.
+
+Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem bettelnden Gendarmen Brot
+unterwegs. Maintoni weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht
+erwartet.
+
+Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es niemand sah. Maintoni hatte
+goldene, glänzende Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte
+Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen waren halb blau und halb schwarz und
+waren lang und so fein wie der Schatten einer Feder.
+
+Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus ausgehängt wurden, die Türen
+wurden geöffnet. Die Diener wehten mit Palmblättern Wind, wenn wir
+speisten.
+
+Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er setzte sich auf die Binsenmatte.
+Dann stand er wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne
+Kohlenbecken. Er sagte: »Sennor, Maintoni ist traurig.« Ich tröstete ihn.
+Ich sagte ihm: »Es wird die Hochzeit sein, Rodriguez.« Doch er schüttelte
+den Kopf.
+
+Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: »Ich bin nicht traurig. Ich freue
+mich, Sennor.« Aber Maintoni hatte rote Augen.
+
+Da sagte ich: »Maintoni! Rodriguez leidet sehr.« --
+
+Maintoni bekam große blendende Augen! »Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich
+liebe ihn auch. Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor, was habe ich,
+um es ihm wiederzugeben? Nichts, Sennor.« . . .
+
+Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia. Sie setzte sich lang zu der Alten,
+die immer sprach. Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine Borte von
+gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines jeden wuchs ein Arm aus Messing. In
+der Hand hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle Kerzen an. Es
+mochten hundert sein.
+
+Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine kleine Harfe spielen werde.
+Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen
+schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.
+
+Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben Miedern. Frauen in Schuhen
+ohne Absätze, in Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit Gold, mit
+Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen Perlen bestickt. Sie tanzten
+Fandango. Sie tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez tanzte. Alle
+anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten. Tamburine und Flöten klangen.
+Die Männer schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen in die Hände. Eine
+Sackpfeife spielte mit hohem, eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni
+trat allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte. Die Glieder
+spannten sich in einen heißeren Rhythmus. Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie
+wölbten die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden heiß. Dann hielten
+sie in einer plastischen Pose, lösten sich und gingen allein in das Dunkel.
+Sie kehrten bald zurück.
+
+Die Gäste gingen.
+
+Ich stieg hinauf, um zu schlafen.
+
+Es war spät in der Nacht.
+
+Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte, pfiff, peitschte sich durch
+das Haus. Ich stürzte die Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles
+fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte, lag ich schräg auf der
+Treppe. Langsam stand ich auf und ging hinaus.
+
+Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak in seinem Hals. Nur Leute,
+denen der Tod in die Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines.
+Es war Rodriguez.
+
+Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten rote Räder. Flimmernde Punkte
+sprangen hin und her.
+
+Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht nebeneinander. Ich ging hin. Da
+lag noch ein Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte mich nicht
+mehr. -- -- -- Es war dasselbe Gesicht des, der lächelte, als er Graf
+Perdicans Wechsel in die Tasche schob . . . dasselbe, das grünunterlaufen
+war, wie ich es vor Frau von Montbellaires Loge sah.
+
+Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif Schaum hing aus dem Mund. Im
+Gesicht waren blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und am Gurgelknopf
+rot wie rohes Fleisch.
+
+Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten gereizt. Rodriguez war
+dazugekommen. Das Messer . . . der Schrei . . . Pelayos Faust hatte ihm den
+Kehlkopf zerdrückt. -- -- -- Ich sah alles.
+
+Maintoni weinte nicht.
+
+Das Meer lag wie eine große Perle da.
+
+Der Kopf des Fremden stand schräg über die Schulter in die Höhe. Der Hals
+wölbte sich heraus. Es konnte nicht mehr lange dauern.
+
+Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den Star. Die Pupillen wurden grau.
+Sie wurden breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer. Die Nägel
+hatte er in die Handflächen eingeschlagen. Die Arme lagen still neben ihm.
+Alles Leben stand nur noch im Krampf der Pupillen.
+
+Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom Hals über die Brust und spielte
+mit schwachen Erschütterungen über den Bauch.
+
+Da tat Maintoni dies, das größer war und furchtbarer, wie alles, was
+Rodriguez gab, als er sie von der Klippe rettete . . . Maintoni tat es: sie
+trat dem Sterbenden mit dem Fuß breit ins Gesicht; sein Kopf rollte
+schwerfällig zurück.
+
+Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie warf sich vor dem Meer auf die
+Knie, und indem sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne viele Male
+hineinrief: »O Santa Maria . . . Santa Maria de la Mar . . .«, schlug sie
+die Hände vor das Gesicht, weinte laut und schrie.
+
+Fifis herbstliche Passion
+
+ Brigitte: Und begreifst du nun das Leben?
+ Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod.
+
+
+ Carl Sternheim
+
+
+ Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demütig und rein,
+ So voller Musik wie da . . .
+
+
+ Ernst Stadler
+
+
+Die Straßen mit den tagmüden, grauen Trottoirs wurden gesprengt, und die
+schweifhaften, breiten Güsse, die den säenden und starken Gesten der Männer
+entflogen, legten sich klatschend und eigenwillig auf den Boden. Es wurde
+Abend. Die Weiden und Eschen der Gärten schwebten scheu und flimmernd vor
+der ungeheuren Ruhe des opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das Wasser
+das Irisierende aus der Luft sog, schritten die Menschen über die Straßen
+wie über Bilder von Signac oder Croß: Eine Viertelstunde brannte die Stadt
+in einer stillen Glut von gelbem Getupf.
+
+Brandfeuer rannen in dünnen Strähnen dann in die Stadt und mischten sich
+Glockengeläut und dem grausamen Drang einer fressenden Dämmerung. Wie
+Schlünde tagelang entfeuerter Kanonen brachen die Schloßfenster über die
+auslöschenden Häuserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit noch
+hinaus.
+
+Dann sprangen die Laternenreihen die Straßen hinunter und erreichten,
+leichtes Geknatter der Zündung zurücklassend, den Platz, der mit rasender
+Wucht an tausend Ecken, Schnüren und Windungen von Licht geborsten und
+aufgerammt war und über den ein tiefdunkler, sterndurchlochter Herbsthimmel
+schräg und kühl heraufwuchs.
+
+Fifi erschien auf dem Podium.
+
+Von den Schießbuden klang schon das Hämmern der Treffer, die Spielorgel
+setzte ein. Aber aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein herkulischer
+Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel, die Orgel schwieg: Fifi setzte die
+Spitze des rechten Fußes nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel auf
+die Hüften und wartete. Der Große fing an zu schreien. Seine Arme ruderten
+durch die Luft, sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten sich
+gegenseitig und warfen sich in gelungenem Überschwall auf das Publikum,
+weit geöffnet, hinaus. Ein verknickter Hut saß ihm auf dem Kopf. An den
+Griffstellen glänzte er. Der Rock war zerdrückt und hing um den Körper,
+dessen Fleisch schwammig und unangenehm schien. Es ist zu betonen, daß die
+Figur herkulisch war, um die Augen zu verstehen, die, wenn die Brust und
+die Gebärde sich herausspreizten und mit pompösen Auftakten in die Höhe
+stiegen, klein und feig dies alles wieder leugneten und ängstlich wie
+Wassertropfen von einer öligen Fläche an dem angesammelten Publikum
+abliefen. Sein Mund rief heisere Worte hinunter. Er schrie. Er warf
+geifernde Reden den Leuten ins Gesicht. »Seht,« rief er, »auf Fifis Tanz.
+Kommt herein, alle,« und er winkte, »nur Erwachsene dürfen kommen:
+Plastische Darstellungen . . . pikante Szenen . . . (es war, als zerdrücke
+er etwas Klebriges im Munde.) Der König von Griechenland haben uns beehrt
+in Wien. Höchste Herrschaften drückten ihre Bewunderung« . . . und so sehr
+lief eine Welle von Ekel von seinen Sätzen und dem wissenden Winken seiner
+plumpen Hände aus, daß zwei forsche Unteroffiziere selbst sich brüsk
+wandten und gingen. Über der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief!
+
+Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an, und vor dem in einem Teil aus
+dem Strudel wieder zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren Tanz
+ein.
+
+Zwei junge Leute waren inzwischen gegenüber eingetreten in »die Schönheiten
+des Orients.« Vor der Bude standen zwei Palmen und ein dickes Weib, alt,
+voll Vergangenheit, mit bösen weißen Augen. Sie war die Frau des Athleten;
+Orient und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden Seiten der
+Meßstraße und bissen sich Opfer heraus. Doch ging der Orient besser, und
+Paris sank von Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber Lizzy,
+genannt Luise, hatte Hüften wie ein Dynamo. Und an ihren Zoten gingen die
+beiden Männer vorbei, schauten durch runde Gläser eine Photographie von
+Dschiseh und traten, indem sie einen Teppich zurückstießen, bei Lydia ein,
+der Dame ohne Unterleib, die, in grünem Samt, in einem Sesselstuhl saß und
+rote entzündete Augen hatte.
+
+Der eine der Herren zog seine Handschuhe an, und nach dieser symbolischen
+Handlung traten sie rasch den Rückzug an. In Jena hätten sie Ringkämpfe
+aufgeführt mit den Studenten, rief ihnen Lizzy nach, genannt Luise.
+
+Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies hinter sie zurück, und sie
+traten hinaus in das Erregte des Platzes, in dem die breiten,
+musikbeladenen Karusselle schwammen und sich überrasten und Geglitzer von
+Spiegeln, Lichtschnüren und bunten Mädchen vorüberdrehten und auf dem ein
+Meer von Menschen schiebend, erregt und drückend sich schaukelte, über
+denen Schüsse knallten, Schreie hin und her zuckten und laute Glocken
+dunkel aufzitterten.
+
+Da wandte sich Franz plötzlich herum und zog den anderen mit. Sie brachen
+durch den Strom, und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz auf
+Fifi und sagte: »Die leichten Bogen dieser Beine sind entzückend schön
+. . .« Sein Gesicht hatte eine vollendete Güte, die das Kühne und
+Auffallende dieses Profils in einen seltsamen Adel steigerte.
+
+Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig bewegend, fielen Fifis Blicke
+plötzlich auf seine Augen, und die Blicke hingen sich ineinander, bis die
+Orgel mit einem aufflammenden Stoß plötzlich schwieg. Der Herkulische
+trommelte rasselnd auf einem Schild, Fifi war zurückgetreten, er winkte zum
+Eintritt, aber nur ein Einziger folgte, die Menge schob weiter.
+
+Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrückt, als sie sich der Strömung
+übergaben, vorbei an dem grünbemalten Gerüst, in dem Menschenfresser
+hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen, kokett, über die eine ganze Prärie
+unbändig eine halbe Woche lang eitel brüllendes Gelächter wäre, schossen
+zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft. Ein echter Mexikaner hielt eine
+Harpune hoch mit rotblänkerndem Fleisch. Überall lief der Witz, daß die
+Menschenfresser -- Krokodile seien, und weil das Volk voraus wußte, daß es
+geleimt würde, zog man in Scharen hinein.
+
+Dann kam die große Bude mit den »Fliegenden Menschen«, zwei Mädchen in
+blauen Trikots mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem Anfang der
+sich wölbenden Formen, die eine sonderbare Sinnlichkeit aussprühten, und
+die andere mit ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das Gesicht
+Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell (breit, gemein, verworfen) mit einem
+unheimlichen Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber. An der
+Galerie entlang stand die Familie, sechs Menschen, und bliesen
+Blechinstrumente, und die Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune der
+Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre Bude war ganz voll. Immer!
+
+Und als Franz dem Strom entkam und wieder zurückeilte, sah er, wie Fifi,
+mit einem Stoß herausgedrückt, aus der leeren Baracke taumelte, rasch sich
+faßte und anfing zu tanzen, mühselig, müd und fein und beschwingter, als
+sie Franz erblickte. Nur kleine Truppen blieben stehen, die Masse strömte
+zu den Fliegenden Menschen.
+
+». . . Augenstern . . .« rollte es von unten herauf.
+
+Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi verbeugte sich. Der Athlet
+rief den Beginn der Vorstellung aus. »Soeben Beginn . . .« rief er und
+schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie. Niemand. Da ging er, von der
+Leere beschämt, verlegen einmal über das Podium, verschwand ins Innere,
+lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen hatte und trat wieder vor. Fifi
+schlich wieder heraus. Wie eine große Spinne hing der Herkulische auf
+seinem Podium. Franz stand beiseite, beobachtend, den Kopf schief
+aufgelegt. Und wie eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlüpfriges zu
+reden, ein Wink, die Orgel: Fifi . . .
+
+Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später, das Gesicht des Alten
+rötete sich, er suchte die Uhr. Immer wieder verschwand Fifi, immer begann
+der Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf Szene: das Greifen und
+Locken nach spärlichen Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis und
+die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezündet manchmal und heftiger im
+Erblicken von Franz. Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit Seilen vor,
+die Pfeife des Dampfwerkes heulte, die Menge lief ab.
+
+Über den leeren Platz, durch einen schmalen Gang, den Schutzleute
+freihielten, und um den Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die
+Artisten, zum Teil mit Mänteln, die sie über das Bunte und den Flitter
+gehängt hatten und die so zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden
+und mit ihren andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend und
+doch noch von dem erregenden Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die
+Straße hineinströmten. Zuerst kamen großspurig und in der starken Lüge der
+hohen bespornten Lederschuhe sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und
+Garmisch.
+
+Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand stak in der Revolvertasche, so
+daß Dienstmädchen erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven sich
+loslösten.
+
+Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe mit dem haarlosen Bär
+schritt die Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie hatten alle
+halblange Röcke an und Kleider, welche schöne und zierliche kleine
+Blumenmuster trugen, im pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie
+sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten und schön aufrechten
+Mutter eingehängt, die Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten,
+erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer kleinen,
+bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur.
+
+Dann: Leere . . . und Fifi . . . Schmal, doch köstlich in einen gelben
+Gummimantel gehüllt, fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie auf
+den Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand krampfte sie den Kragen über die
+Brust vor dem Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen waren rot
+und merkwürdig wie mit feinem Lack auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie
+stieß kurz vor der Straße mit den anderen zusammen. Die Alte trug einen
+Milcheimer. Der Herkulische schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu,
+Lydia -- ein dickes aufgeschwollenes Tier -- ging idiotisch, faul nebenher,
+ohne Umhang in grünen Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit
+gierigen Augen schloß sich der Mexikaner von den Krokodilen Fifi auf der
+anderen Seite an, daß sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner
+erschien.
+
+Schräg auf der Holztreppe, die in den großen gelben Wagen hineinlief, in
+dem sie wohnten, wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt nach der
+Stelle, an der Franz stand (den sie nicht -- dies war auffallend und
+seltsam zugleich -- gesehen haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns,
+während der Mexikaner in lüsternem Scherz sie, mit auf ihre Hüften
+aufgesetzten Händen, ins Innere drängte.
+
+Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der Achseln reagierte.
+
+Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen. Eine Zigarette drehend, mit der
+Eleganz des Romanen alle Glieder bewegend, schlenderte er zur
+Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen umkreiste, sah Licht aus
+den schmalen Luken dringen und hörte keifende Stimmen das Innere des Raumes
+hin und her zerreißen. Dann nahten mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt
+die Patrouillen.
+
+Es ward spät.
+
+Er ging.
+
+Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden. Ungeheuer gewölbt spannte
+sich der Himmel. Sinnlose Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah sich
+aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft und Dingen herausgerissen und
+in die Aura dieses Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen.
+Bei den »Fliegenden Menschen« stieg täglich der Kassensturm und die
+Sensation. Der »Orient« verdiente gut an reiferen Herren. »Paris« brachte
+es von 8--10 abends manchmal nur auf eine Vorstellung. In den Pausen tanzte
+Fifi. Der Alte winkte, schrie, ward gieriger, je später die Zeit hinlief.
+Verkündigte Anfang der Vorstellung, er öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte
+ins Innere. Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren. Und dann packte
+der Alte Fifi mit seiner Tatze an der Schulter und schleuderte sie hinaus.
+Die Orgel hob an, Fifi erhob die Füße, hinten der blaue Horizont der
+Draperien gab ihren Bewegungen Haltung und Relief, und die müden
+Schwingungen ihrer Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter einer
+Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem schönen Gewässer erblitzt.
+Langsam im Fortschreiten des Abends wurden ihre Gesten müder, von einer
+schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz hörte das Pfeifen ihres
+Atems. Und wenn sie, leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die Kühle des
+Herbstes auf ihren Schweiß.
+
+Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des Zuschauens von Mitleid und
+schmerzlicher Bewunderung angefüllt. Manchmal schien es, als müsse der
+nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken lassen. Doch sie blieb. Ihm
+aber widerstrebte es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen, die
+unter den Augen des klebrigen Athleten oder mit dem Beigeschmack der
+gewohnten leichterotischen Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er fühlte, daß
+er Inhalte in sich trüge, die in ihrem Wesen auf dieses Kind abgestimmt
+seien, und die Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut zur
+Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und wieder -- nicht oft -- aber
+in einem berückenden, außerweltlichen Zusammenhang.
+
+Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als sie ihre Stimmen noch nicht
+kannten.
+
+Dann kam jener Abend. Donnerstags.
+
+Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle, sternhart, der Park voll
+gärendem Geräusch. Er zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch,
+überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift, immer schön. Die Lichtgurte
+ganzer Grenzstraßen warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen
+Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm alles auf mit großer,
+tiefer Selbstverständlichkeit. Stand geborgen, bergend, unberührbar,
+geschlossener Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein Zentrum, um das die
+Stadt mit Geleucht rotierte. Donnerstag abends . . .
+
+Es war schön.
+
+Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr im Schloß hakte ein: Fünf
+Minuten bis halb acht Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr
+begann, die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit, in der die Artisten
+aßen. Seine Gedanken gingen langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne
+Tatkraft um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis Tanz sich bewegend,
+Erklärungen ersinnend, von einer leisen Sehnsucht aufgelockert und
+beschwingt gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch sein Geträum
+das Bewußtsein heftiger Schritte und haschender Bewegungen ins Gedächtnis
+stieß, hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei in ihn hinein,
+warf ihn herum. Er lief über ein Grasrondell, stolperte, stieß an ein
+Gitter, sprang darüber. Sein Hut war verloren, der Ärmel geschlitzt, seine
+Brust zitterte. Er stürmte um ein eingezäuntes Denkmal, mußte umkehren,
+lief in einen dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und schmiß ihn
+zurück, daß sein Körper krachend an die Stakete knallte und an ihnen wie
+eine dumpfe Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der rote Kopf einer
+Zigarette auf, bewegte sich her. Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch
+schräg aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form und schalenhaft, in die
+nun plötzlich ein beinahe bläulich erglänzendes Licht floß. Zwei
+schimmernde Kreise, standen die Augen in ihrem Gesicht.
+
+Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch ganz sich in der Geste
+erfüllend, tat sie einen unnennbar müden und langsamen Schritt auf ihn zu,
+das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden Hostien. In diesem
+Augenblick lief das Geknatter rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und
+wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah: sah, wie Franz dem
+Hingesunkenen den Revolver aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die
+Schläfe hämmerte und ganz groß auf sie, die zitternd harrte, zuging.
+
+Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette heraufgekommen, zwischen sie
+gesprungen und löste die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen.
+
+Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie es: »Verletzt?« Franz zeigte
+den Revolver; er deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner riß sein
+Gesicht in Falten, fauchte, trat dem Klumpen in den Bauch, schnippte das
+Bein hoch, daß der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht neben den
+Liegenden und sog heftig an der Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde
+fiel, in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben und Stichwunden
+durchbohrtes Gesicht auftauchte.
+
+»Der Fakir,« . . . schäumte der Mexikaner. »Man sollte ihn peitschen«,
+. . . und fing an, ihn mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn hinderte,
+fiel sein Blick auf Fifi.
+
+Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie ein weißer Fels, über den in
+zuckhaft raschen Stößen rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten Hell
+und Rot und drohten, den Hals zu sprengen.
+
+Und während sie wieder auf Franz zuging, als trüge sie alles gegen ihn,
+zitterte ein Klang, rauh, gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle
+Glieder zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen zurück; sie warf den Kopf
+zur Seite, gewaltige Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer
+Verurteilten ließ sie sich gegen den Mexikaner fallen, der sie verwirrt
+aufnahm, der nach Franz schaute, wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt
+schien. Dann plötzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung seinen Mund
+auf ihren warf und in langem Kusse sie wegzog.
+
+Franz stand noch eine Weile.
+
+Dann drehte er um.
+
+Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen Revolver. Er sagte es
+englisch.
+
+Nichts schien Franz selbstverständlicher, wie diese Folge fremder Laute. Er
+gab ihm den Revolver.
+
+Der Fakir verbeugte sich, ging. -- --
+
+Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam. Der Herkulische beulte auf
+sie los und sie erschien unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in
+der wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin. Sie gab keinen Ton. Sie
+tanzte den Abend, daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß ihre Beine
+glühten wie die wundgespielten Saiten einer schönen Violine, während die
+Kühle auf ihre Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen ihr Atem
+rang.
+
+Franz kam nicht.
+
+Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag rasend und aufglühend
+herunter wie Spulen, die ihre Füße abtraten. Es wurde kälter;
+erbarmungsloser drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun Luise,
+eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi danach fragte, schrie der Alte
+sie nieder. Das dicke Weib mit den weißen bösen Augen keifte, sie solle
+mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden und stolzen Gebärde auf
+den einträglichen Busen der Dame ohne Unterleib.
+
+Sonntag tanzte sie den ganzen Tag.
+
+Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich, in Keile zusammengepreßt,
+über den Platz, der staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne
+zusammenbrannte, auf die die Kühle so unmittelbar folgte, wie das Dunkel
+plötzlich und hastig vorsprang.
+
+Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park, streichelte das Gitter, an dem
+sie damals gelehnt, kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz
+gestanden und berührte mit den Lippen den Boden. Dann lief sie weiter, kam
+durch ein Tor, eilte durch eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit
+stillen Bäumen.
+
+Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu dessen Tür viele Stufen
+führten, über der Fahnen hingen und in gewaltigen Lettern das Wort
+erglühte: »Deo«, das sie wohl nicht begriff, das sie aber sänftete und
+hineinzog, wo sie Weihwasser nahm und in einer Nische unter einem in vielen
+Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele der Steinfliese warf und
+so weinend ein Vaterunser schluchzte, daß von zwei vorübergehenden Damen
+eine erregt und voll Neid über diese inbrünstige Stärke, höhnisch
+auflachte, wie von der schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im
+Klang der Stimme voraus desavouierte) Überlegenheit heuchelnd und
+darstellend.
+
+Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen heraus, böhmisch, das die
+Leute nicht verstanden, aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt
+hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus allen Seiten der Kirche
+wieder auf sie zurückströmte, ein Gebet.
+
+Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte der Störung nachgehen, die
+Weinende, deren heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen
+übermäßig und sie gering machend auftürmte, beruhigen, sie hinausweisen
+. . . aber er blieb wie gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen
+und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig gescheites Gesicht
+gestreut, wie hingewiesen und in diese Position gebannt von dem seltsamen
+Geläute dieser Stimme.
+
+Aus dem klaren und in langen tönenden Linien verschwebenden Glanz ihrer
+Sätze aber lief in verströmenden Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet begann
+mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt
+ward von dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen mußten: Sie und
+Lydia und Lizzy, genannt Luise. Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf
+die äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das alles sei wenig und tief
+im Herzen sehr gering gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an dem der
+Alte den Teller, voll von heißer Suppe, ihr auf die Brust warf, als sie
+beten wollte nach einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken daran
+sprangen alle Ventile der Angst und Unterdrückung weit auf, und in einem
+köstlichen und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes Leben heraus,
+wie eine lang im Tiefen der Rohre. gehaltene Fontäne sich in einen späten
+Sommerabend mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. Und in ihren
+Worten glommen die Namen der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den
+letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war: Franz und der
+Mexikaner, den sie Partufa nannte. Und der Klang ihrer Stimme sank etwas
+zurück in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an denen jener bei ihnen
+eindrang, begrüßt vom entsetzlichen Gelächter Luises, den tierisch und
+röter aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch das indolente
+Nichtbeachten des Alten, in dessen schmierigen Beutel die Hälfte von dem
+floß, was die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf im höchsten Schmerz
+tiefer senkte, dachte sie an das Gefletsch und den Schaum um den Mund des
+Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise wegwandte zu ihr, die, den Kopf
+gegen die Wand gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt blieb
+und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen Mädchen (o über Lizzys
+Gelächter und schmutzige Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur
+anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine ganze Nacht hindurch mit
+Nadeln stach. -- Doch ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten
+Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß, den mit dem gütigen Gesicht
+und den Sonnenaugen, und sie dankte Gott tief und herrlich errötend für die
+Nächte, die er im Traum diese Augen über ihren Schlaf wie hütende Gestirne
+verteilte und so die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz und keine
+Demütigung des Tages berennen konnte. Und wieder und immer wieder dankte
+Fifi dafür, daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not sandte,
+damals, wie der Fakir im Park sie überfiel, um dann wie vor einer Mauer und
+endlos erregt vor dem Wunder stehen zu bleiben (während ihre Stimme fast
+erlöschte), wie sie damals plötzlich und wie von einer Macht, die aus ihr
+selbst heraus allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den Arm des
+Mexikaners warf und die kalte Übelkeit seiner Lippen auf den ihren fühlte
+und den anderen stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man
+verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos für den Ziehenden,
+langsam am Ufer verbrennen. Und sie sann mit flackernden Worten über den
+Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen, was einen Menschen zwingen
+kann, die höchste, nie erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu
+lassen . . . nein . . . nicht nur dieses: sie zu verschmähen -- o vieles
+mehr -- sie zu höhnen und zu begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem
+strengsten Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend, in Verzweiflungen
+wälzend um diese Fragen wand, erschien es ihr, als ob es eine Angst
+vielleicht oder ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen Glück
+überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun lassen, und sie schrie auf, wie
+sie dieses Entsetzliche -- sich selbst in den Armen des Partufa --
+erblickte. Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen sei. Sie
+erkannte etwas, das einer Schuld ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun
+betend und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei, nicht Angst; daß es
+Aufbäumen gewesen sei aus der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens
+vor der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive jener höchsten
+Erfüllungen. Aus diesen hin und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der
+Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem sie in schrillen und
+ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen hatte, fiel sie wieder in ein
+beruhigtes Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung sie
+umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen pflegt und lag dann eine
+Zeitlang ausgestreckt auf den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, im
+Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang sie auf und eilte durch Straßen
+und Park zur Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit dem Fuß in den
+Bauch.
+
+Aber sie spürte es nicht.
+
+Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll, in Tragik und
+Schmerz vertieft und einem brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie
+Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand.
+
+Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den Leib ihr hinanstieg, alles
+löste und ihren Augen Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um den starren
+Blick des da unten frei und klar wieder zu machen, und all ihr Sinnen stand
+danach, die Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender Glaube
+überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte und Erstaunte nun alles
+begreifen müsse: daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie
+ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All dieses tanzte sie
+nun. Und sah in seine Pupillen und lauschte auf Wirkung, wie einer an
+Abenden hinter der Ebene den Mond über dem Strich der Wälder sucht. Sie
+glaubte nicht mehr, daß alles verloren sei, wieder überbrandete sie die
+absolute Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was, als alles zu
+ihm allein zog, sie auf die andere Seite warf. Sie fühlte, wie jene Schauer
+des Glücks, das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie wie eine
+Keule überfiel, nun in langsamen Zügen wiederum in sie einzogen.
+
+Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen Glauben hinein, der sie
+erschimmern machte, aber noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah
+dies nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) kalt und hart.
+
+Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich Wellen stießen die
+Anstürme der Menschen gegen die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut
+eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons stiegen in die
+Höhe. Das spitze Geknatter von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle
+und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver und das Stampfen und
+Pfeifen der Maschinen
+
+Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß und erzählten alles, was sie
+wußte noch von der dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo in ihrem
+Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie
+riefen um Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, das sie deutlich
+erstrahlen zu sehen glaubte, und dankten ihm.
+
+Aber er verstand sie nicht.
+
+Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten Bogen, ihre Hände
+schienen etwas zu glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden immer
+linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und kleiner, die Beine hatten ein
+Tempo der größten Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien.
+Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus, die Blicke strahlten
+überirdischer, ein leises Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem
+immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele Wunder hineinschaute
+. . . und so tanzend, geklärt und eine merkwürdige Leisheit erregend, die
+kurz eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch sie, während die
+Rohre der Dampfmaschine plötzlich lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den
+Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem Platz wie grundlos von einer
+hellen Strahlung mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte . . .
+losch sie, sich in sich selbst verströmend, tanzend, zusammensinkend, hin
+wie ein seltsames und gutes Licht.
+
+Yousouf
+
+ . . . ich glaube indessen, daß, hier wie
+ überall, Liebe eine Kunst ist wie das
+ Reiten und Flöteblasen.
+
+
+ Der Marquis de Langle
+
+
+Die Herren standen in dem Vorsaal und klirrten leis mit den Degen. Ihre
+Gespräche liefen verhalten und erwartungsvoll.
+
+Dann flogen die Flügeltüren auf und Las Casas trat aus dem Kabinett. Sie
+sahen sofort sein Gesicht, das beherrscht in der Rampe stand und dann an
+ihnen vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und verbeugten sich. Einer ging
+auf ihn zu und sagte ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrümmten Rücken.
+Der andere dankte mit der Höflichkeit einer wahnsinnigen Verachtung und
+ging weiter.
+
+Im folgenden Saal standen größere Gruppen. Er mußte wie durch eine Gasse
+gehen. Alle grüßten ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn es war
+niederer Adel.
+
+Darauf glitt er durch eine Flucht von Räumen, die in Röte brannten von
+Decken und Möbeln und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder von ihm
+über die Spiegel fuhren und Hellebardiere standen, die den König zum Bad
+begleiteten . . . und wo sonst nichts war als das einsame Hallen seines
+Schrittes.
+
+Und dann löste sich aus einer Nische ein junger Mann und ging auf ihn zu
+mit einer sicheren und allgemeinen Haltung.
+
+»Sie haben . . .?« fragte er.
+
+»Ich habe . . . Luis Quijada . . .«, sagte Las Casas und riß die
+Papierrolle auf, die seine linke Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und
+verbeugte sich kalt und so unwillkürlich, wie wenn er auf einem Schiff
+stünde. Er hatte blonde auffallende Haare.
+
+»Ich werde«, sagte er fest und beiläufig, »dann eigene Segler ausrüsten --
+-- -- auf jede Gefahr.«
+
+Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer. Der Abend hatte das Glas
+dunkel-silbern gemacht, und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament
+gemalt in der Füllung.
+
+Las Casas lächelte leis, und seine Stimme bebte ein wenig in
+Geringschätzung, indem er erhabenen Erfolg wünschte und die Treppen
+hinunterstieg, aus denen die Dämmerung ihm entgegenschwoll.
+
+Er eilte nach einem Palast, der in zwei Gärten lag, und ließ sich nieder
+und wartete, bis man ihn gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war
+kühler geworden.
+
+Ein Stern blinkte über der Mauer.
+
+Die Zofe ging vor ihm über den bläulichen Kies. Sie kamen über ein Boskett,
+und dann blieb sie stehen und öffnete eine Tür.
+
+Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon und schritt durch ein
+Boudoir in ein helles Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein weißer
+Arm streckte sich ihm entgegen, von dem ein weiter Ärmel zurückfiel. Er
+stürzte darauf und küßte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen Kopf
+neben den der Frau und seine Wangen brannten nach ihren hinüber und machten
+sie rot, obwohl sie sich nicht berührten.
+
+»Sie haben die Erlaubnis . . .?«
+
+»Ich habe sie . . .« und seine Hände fuhren nach ihren Hüften und zuckten
+rasch zurück. »Ich fahre heute nacht . . .«
+
+Sie schnellte auf: »Nein -- -- -- morgen!«
+
+Dann schloß sie den allzu heftigen Verrat der Augen mit den Lidern und
+meinte, als ob sie nun erst in Besinnung und klug spräche, lächelnd und
+ruhig: »Wie könnten Sie das möglich machen, Marques? Sie waren gestern noch
+beklagt, weil Sie des Königs Gaben verschleuderten und portugiesische
+Kaufleute abstechen ließen. Sie erhalten heute den Auftrag, den Räuber zu
+jagen, nach dem jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch schon
+gerüstet sein?«
+
+»Ich habe drei Schiffe.«
+
+Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis, indem sie nach ihm
+blickte. Seine Hände zitterten, und die Lippen verzerrten sich vor Stolz:
+
+»Ich habe dem König bedeutet, daß ich die Dörfer nur verkauft habe, um Geld
+zu bekommen für diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich sagte
+ihm, daß ich es getan hätte, obwohl ich wußte, daß seine Ungnade darauf
+folge, weil er es nicht liebe, daß seine Geschenke sich zersplitterten und
+so fortfliegen und so . . . daß ich es aber getan hätte, weil mein Wunsch,
+ihm durch die Expedition zu nützen, heftiger gewesen als die Scheu vor
+seinem Zorn.
+
+Darauf nahm der König sein Lieblingswiesel und setzte es am Fenster in die
+Sonne und spielte und sprach mit ihm.
+
+Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht in dem Raume sei -- -- so
+sehr nahm diese Bewegung den Glauben an die eigene Wirklichkeit.
+
+Dann aber ward ich zornig, Juana, und da mir Tränen in das Gesicht
+schwammen, drehte ich mich um und schrie das entsetzliche Bild seines
+Großvaters, das mich reizte und nicht hilflos machte wie seine Ruhe, mit
+heftigen Worten an, als ob er es sei.
+
+Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der beiden Kaufleute aus
+Lissabon, um die ich beklagt bin. Denn ich ließ sie nur töten, um angeklagt
+zu werden und so unter Eure Augen zu kommen, was ich anders nicht konnte,
+da Ihr zornig auf mich wart der Dörfer wegen. Denn meine Petitionen werden
+nicht gelesen. Es ist schade, denn mein Wort scheint leer wie ein
+geschriebenes zu sein.
+
+Der König sagte: Und wenn ich es nicht erlaube . . . -- Ich sagte: Dann tue
+ich es auf die Möglichkeit hin, daß Sie mich als Briganten erklären. Ich
+fange Yousouf . . . auch dann und -- gegen Sie, Sire.
+
+Er sah mich an, zum erstenmal, und lächelte: Auch dazu hätten Sie mein Geld
+zum Equipieren nötig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen selbst das.
+
+Ich sagte ihm, daß ich das Geld für die Dörfer hätte, aber da er wußte, wie
+gering es war, lächelte er wieder.
+
+Da zwang mich das Weh meiner Lippen -- und es schrie in meiner Brust wie
+ein Degen im Gefecht -- daß ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief, daß
+ich wisse, daß er nach seinem Gesetz verfallen sei, aber daß ich es ihm
+doch sage: Daß ich drei Schiffe hätte, ausgerüstet im spanischen Viertel
+von Brügge, gebaut in Barcelona, Santa Maria, Coruña . . . daß ich die
+letzten Kredite auf meinen Namen genommen, die Kerker der Dominikaner nach
+Sklaven geplündert, daß ich den Albaycin in Granada nächtelang durchsucht
+und aus den Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen, was in
+meine Fäuste fiel und kräftig war . . . Zuhälter, arabische Matrosen, drei
+hünenhafte Priester . . . und daß ich fahren würde die Nacht -- so oder so.
+
+Da lächelte er wieder und sagte: Ich werde Sie verhaften.
+
+Ich könnte Sie töten, Sire, rief ich; Juana, mein Kopf brannte, aber ich
+zerbrach den Degen nur und warf ihn gegen die Wand.
+
+Ah, sagte der König und ließ das Tier und zweifelte: Haben Sie Mut . . .
+
+Da nahm ich das Wiesel und zerdrückte es in der Hand, langsam . . . während
+das Furchtbare des königlichen Zornes mir entgegenquoll.
+
+Ich ließ das Tier fallen. Aber des Königs Arme kamen über seine Wut auf
+mich zu und drückten die meinen, und er zerriß das Diplom, das auf den
+Grafen von Oropesa, Luis Quijada, gezeichnet war, und ließ die Fetzen durch
+das Fenster fliegen und klebte sein Siegel auf meines -- -- --«
+
+»Sie machen mich stolz auf Sie, Marques!« Juana warf sich zurück und gab
+ihre feuchten Blicke frei, die auf seinem trotzigen Körper weideten und in
+dem Erglühen seines Gesichts wie zwischen jungen und heftig aufgebrochenen
+Rosen spielten.
+
+Dann fragte sie rasch: »Weiß es Luis Quijada?«
+
+»Er fragte mich.«
+
+»Was sagten Sie ihm, Marques?
+
+»Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen sagen, daß ich nicht, wie ich
+könnte nach meinem Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn mir
+allein gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn er die Expedition, von der er
+sagte, rüstet. Das Meer ist ihm frei.«
+
+Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an den Händen nach ihm hin: »Sie
+werden den Auftrag da zurücknehmen!« Er verneinte.
+
+Sie flehte: »Marques, erklären Sie ihn als zum Töten erlaubt, als Brigant!«
+Da schwoll Las Casas' Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend
+stampfte er den Fuß auf den Boden und bat sie hochmütig und verächtlich,
+nicht zu scherzen und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu verlangen,
+daß er Luis Quijada für wert hielte, seine Rivalität zu fürchten. Und er
+bewegte die flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer Fliege
+schlage.
+
+Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: »Ich werde den Auftrag nicht
+ausrichten. Aber nur um des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute
+nie mehr bei mir sehe.«
+
+Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich neben ihrem Bett und zwang
+sie so lange, bis sie zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie
+früher. Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt gewesen, wenn sie Quijada
+die Beachtung des Hasses geschenkt hätte.
+
+Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre Brust. Seine Hand fing
+an heftig zu schwanken vor Verhaltenem.
+
+Er stand auf.
+
+»Ich gehe.«
+
+Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses verwirrte sie und
+blätterte sie auseinander in Begehr und Hilflosigkeit: »Nein . . . morgen
+--!«
+
+Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke. Wie sie auffuhr, sah er nur
+das Innige ihrer Form, den Druck des Körpers in den Kissen -- und dann roch
+er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang sich zurück und roch sie nur,
+sah nichts, hatte kein Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern.
+
+Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt, war es ihm.
+
+Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen.
+
+»Morgen --?« knirschte er, denn selbst die Stimmbänder waren mit Blut
+überschwemmt. Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren und riß ihn
+weg, taumelnd, und legte ihn wieder hin und Härte und Knabenhaftes
+verstießen sich gegenseitig von seinen Mienen.
+
+Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken und zog ihn von neuem
+herunter: »Warum -- du . . . heute?« Sie stieß es brennend heraus und in
+Scham. Sie stand halb und war halb gekauert in der Ecke des Bettes. Sie
+faßte seinen Kopf, daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und ihre
+Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berührten, während die Handflächen
+kühl nach den Schläfen hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der
+Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf Auge.
+
+Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange schon schrien: »Sie sollen
+bleiben, Marques . . . hier -- --« und zitterte.
+
+Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von einer Welle aufgejagt und
+gesteilt warf er sich auf die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und
+drückte die trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen den Körper hinauf
+nach dem Hals auf den dünnen Batist.
+
+»Corazon!« . . . stammelte sie. Und wieder: »Corazon!« . . . mit
+hingebenden Lippen. Seine Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander
+geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung ineinander verkrampft.
+
+Sein Mund spannte sich in allen Qualen und mit von Küssen halbzerfressenen
+Worten sagte er: »Nein!« und viele Male: »Nein.« Und als er ruhiger war,
+kam es ihm in das Bewußtsein, daß er sie liebe und daß sie ihn liebe und
+daß er es immer schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die
+Erkenntnis, und sein Blick stieß gegen die Wand und kam nicht weiter, und
+sein Kopf füllte sich schwer mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht
+genug sei. »Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende und Schreiende in
+meinem Blut geht weit darüber.« Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff
+ihres Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande nach dieser Tat, die
+endlich soweit vorbereitet war, und indem er davon sprach, sprühte das
+Aufleuchtende der Meere und Flotten vor seinen Augen auf und raste in
+grellroten Kreisen über ihn: »Ich will den Bassa nicht nur jagen,
+aufhängen, schinden, weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fraß und
+Isabella, die eine Verwandte ist, schändete und seinen Leuten ließ zwei
+Wochen lang. Seit ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn Gedanken
+packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede Phase des Kampfes, mag er sein vor
+Venedig, bei Cadix, in Marokko . . . ich weiß wie eingebrannt im voraus die
+kleinste Schwankung des Gefechts. Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn
+nicht im Traum schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so umkreist, daß
+ich jede Narbe an ihm kenne, daß ich mehr von ihm weiß wie von mir. Der
+Name Bassa Yousouf macht mich blind. -- -- Ich fahre heute nacht.«
+
+Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem Haar. Sie ließ ihn, denn
+sie begriff das Heiße in ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz
+umschloß, aber sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz, als er sich
+aufriß und sie nicht nahm und sie brennend verließ.
+
+Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie mit Gold, als käme er von
+einer Liebesnacht.
+
+Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein wenig gepreßt schon von
+Jasmin, aber der Mond, der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine
+flaue Dämmerung hing zwischen den Masten.
+
+Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem Schatten einer Mauer, nahm ihn
+und landete im Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg am
+Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch, jemand schoß eine Pistole in
+das Schweigen. Sofort rasten Männer über den Steg und schlugen mit langen
+Stäben die Sklaven wach, Ketten rasselten, am Vorderdeck sammelten sich
+dunkle Haufen, hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa blitzten
+die Offiziere.
+
+Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu sechst an jedem Ruder
+zweihundertvierzig Sklaven. Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur
+sechsten Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet. Die letzten und
+die Massen Soldaten auf der Proda erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen
+und Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten die
+blutunterlaufenen Hunderte Augen um ihn. Er schrie sie an:
+
+»Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine! Dazu habe ich euch gekauft. Das
+wißt ihr. Ihr werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags. Dafür spritzt
+ihr das letzte Blut aus den Nägeln. So ist dies ausgemacht. -- -- Ihr sollt
+noch mehr haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen ist, sei jeder frei.
+Jeder kriegt tausend Maravedis. Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr
+bekommt Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist. Ich gebe euch die
+Offiziere zum Schinden frei, wenn ich falle und sie hindern euch. -- -- --«
+
+Er hob den Blick zum Himmel. Denn das Schweigen schwelte dumpf unter ihm.
+Die Augen der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert Lichter auf
+den Bänken.
+
+»Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus Yousouf Bassas Harem. Eine
+braune und eine helle. Am selben Abend noch . . . --«
+
+Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf. Grunzende Töne johlten
+herauf. Schreie rissen sich los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund.
+Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen zurück, glänzend wie Fische
+im Wasser. Viele knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen zu ihm
+winkend oder den Kopf auf den Steg legend, daß er darauf trete.
+
+Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten hoch. Eine große Fanale senkte
+sich über die Poppa. Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen.
+Fünfhundert Rücken warfen sich mit vorgestreckten Armen zurück, zogen sie
+an, Ruder schäumten durchs Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge
+schnellte die Galeere aus dem Maul des Hafens in das leichte blaugelbe
+Band, das über dem Wasser lag und Horizont war. Links und rechts zwei
+Zungen stießen nach.
+
+Von drei Vorderdecks blies man: Benedito sea Dioz.
+
+Die Sonne ging auf.
+
+ * * *
+
+Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie kamen eines Abends an. Eine
+Goelette legte an bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie fuhren
+in die Nacht zurück. Am nächsten Tage fingen sie ein paar holländische
+Segler, die in der Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und
+Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San Sebastian.
+
+»Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast setzen und ihn nachts im
+königlichen Garten aufpflanzen«, sagte Las Casas zu seinen Offizieren, und
+sein Gesicht zuckte, während seine Hände mit den besten Perlen spielten,
+die er zu einer Kette gebunden hatte und indem seine Gedanken um den Nacken
+Juanas flossen.
+
+Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf der Proda. Aus dem Korb rief
+einer und meldete etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte.
+
+Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille mit gekappten Masten.
+Die Besatzung fehlte; nur einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und
+schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig geworden. Ihre Ladung
+war Florentiner Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen waren sie
+überfallen worden. »Hui«, rief einer, auf einem nackten Widder-Gallion
+reitend, immer: -- -- »die Weiberchen« und schälte mit einem Nagel an dem
+Horn. Man ließ sie weiter treiben. Man war auf der Spur. Mittags brannte es
+neben der Munition.
+
+Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der Abend war ruhig, und es ging
+kein Löffel Wind. Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch. Las
+Casas saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige Stille und das maßlos
+blaue Meer, auf dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken davon
+lösen, aber es legte sich über ihn. Er befahl zu musizieren, die Offiziere
+warnten. Doch er ließ die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das Meer
+aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut war wie das Hüpfen einer kleinen
+Welle gegen das Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit tausend
+Stimmen: Juana! anschrie.
+
+Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette zu senden und löste sie von
+seinem Gürtel und warf sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge.
+
+Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den Zaffarin-Inseln. Sofort meldete
+es von oben: »Zwei Gallionen.« Las Casas kletterte selbst hoch, beschirmte
+die Augen. Es waren Mudjaren und Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste
+herunter. Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie schäumend, und
+die Ruder überschlugen sich. Immer rascher raste seine Stimme, die selbst
+den Takt sang. Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze. Doch
+trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon so dicht herangekommen, daß die
+Soldaten anfingen, in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken
+bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein Vorsprung verschluckte
+sie. Die hinterste hißte eine Fahne. -- -- -- -- -- -- --: Schwarz, ein
+goldener Arm mit einem Säbel und ein Totenkopf -- -- -- die Flagge der
+Hauptschiffe Yousoufs.
+
+Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte einen großen Araber und
+ließ ihn hinrichten (er wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein
+Blut in einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen die Füße lief.
+
+Er betrachtete sie genau während des Vorgangs. Doch es erschien kein
+Ausdruck auf ihren von Stumpfheit abgefeilten Gesichtern.
+
+In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe. Fortwährend gingen Signale hin
+und her. Am Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften Biegungen
+durcheinander. Von der Mitte einer Insel schoß in Abständen ein weißliches
+Feuer hoch. Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das Wasser.
+
+Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen auf der Poppa. In der
+Dunkelheit konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter von dem Bassa
+und konnte ihn nicht fassen. Die Sklaven ruderten die ganze Nacht in
+Schweißwolken gehüllt. Es roch noch nach Blut.
+
+Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch dunkel war, nach
+verschiedenen Seiten durch. Sie hörten auf den Galeeren nur ein fernes
+Brausen, als streiche ein großer Vogel mit der Brust über das Wasser.
+
+Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres Forcas zu. Die andere Galeere
+schwamm eine Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die Lichter
+löschen, Anker werfen und ruhen. Denn ihm schien das Tempo Las Casas'
+wahnsinnig.
+
+Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione. Sie hetzten den ganzen Tag,
+verloren sich, fanden sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie.
+Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß das Dunkel sie weg. Die
+Nacht kreuzten sie vor dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise
+treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen. Sie sprangen hinüber.
+Am Mast stand ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte mit weißer
+Glut. Die Planken waren gesprungen. Der Türke war mit nassen Stricken an
+den Baum gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der Hitze und ihm das
+Fleisch eingeschnürt, bis es geplatzt war.
+
+Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen machten. Da sprang einer vor
+und deutete in sein Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten ihn
+an dem einen grünen Auge. Sie schnitten ihn los, aber seine Haltung, die
+ihre Wut durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude ihnen selbst
+verächtlich erscheinen ließ, bewahrte ihn davor, daß sie an ihn rührten.
+
+Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas. Als sie ihn nicht fanden,
+brachten sie den Bassa nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er. Das
+Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur Exekution führte.
+
+Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas' größter Ehrgeiz, dem er sie opferte,
+von einem Subalternen blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie empfand
+es, als hätte man ihren Körper beschmutzt, und schien sich gering geworden.
+
+Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der Gefangene um und sagte kalt:
+»Ist es zum Tod?«
+
+»Ja!« . . . brüllten ihm zehn ins Gesicht.
+
+Da spie er ruhig den Henker an.
+
+Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor.
+
+Von Las Casas keine Spur. --
+
+Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile eine Fregatte in den
+Hafen. Ein Kapitän stand vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land,
+eh er nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte, die Silber aus Mexiko und
+Gold aus Peru brachte, ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn
+verfolgte, geschlagen habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Der
+Hingerichtete war nicht der Bassa gewesen . . .
+
+ * * *
+
+Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses, über dessen Bühne ein Stück
+von Moreto ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von Zeit zu Zeit
+auf sie ein. Sie folgte angestrengt den schwerbeladenen Szenen und bat in
+der Zwischenpause, als ein burleskes Entremes wie eine klebrige Kette von
+Küssen sich vorne erhob und sie zu sehr belästigte, den Grafen, sich neben
+sie zu setzen.
+
+Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie dann, an was sie denke.
+Sie antwortete nicht, sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer.
+
+»Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so enttäuschen«, sagte er dann und
+legte die Hand auf ihren Fächer.
+
+Sie sprach sehr nachlässig: »Bei Gott, was habe ich gehofft?« . . . und
+wagte nicht aufzusehen.
+
+»Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine niederschlagende -- -- Komik
+ausgelaufen sind . . . wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in die
+Knutscherei des Zwischenaktes.«
+
+Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das Spöttische seiner Mundwinkel
+besiegte sie. Sie brauste auf: »Was wollen Sie mit Las Casas?«
+
+Er hob die Achseln: »Casas . . . toll . . . Aufschwung . . . ziellos
+ehrgeizig . . . jung, jung! -- --« Quijadas Stimme klang kühl, klang
+gerecht. Er fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie
+Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach ihn einmal höhnisch:
+»Neid.« Er schüttelte nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den
+Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr selbst, denn es waren
+Schmerzen, die ihr nicht wehe taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und
+haßte ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich in der Wirkung,
+aber scharf und zergliedernd und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über
+Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen auf das
+unerträgliche Heiß ihrer Haut legten und irgendwas Luft ihr einblase, die
+wohltuend in sie ströme, wo sie am Ersticken war.
+
+Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, daß er schweige, weil sie
+plötzlich begriff, daß seine Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in
+der Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der klare und starre
+Intellekt seiner Worte überschwemmte sie. Sie fühlte in einer wohligen
+Apathie, wie er das Heiße, das Begeisterte und das ungenau, aber groß
+Aufstrebende in ihr wie zwischen zwei Fingern langsam zerquetschte und Las
+Casas' Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte und verschieden
+beleuchtete, bis seine Silhouette klein vor seinen Worten stand und er
+phantastisch und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam und
+beschämt in der Schwankung der Ereignisse und sich das Bewußtsein dahinein
+verstrickte, daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt einer
+Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen und Wandlungen dieser Dinge,
+zürnte sie Quijada nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust der
+Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. Sie hörte ihm gern zu.
+
+Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte sie, wie sehr blond er
+war, und sie zwang sich, daß es ihr gefiel. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- --
+
+Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei
+gelbe Segel kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander zu und
+schnitten sich wie zwei Säbel. Dann kam eine Barchette mit singenden
+Sklaven vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter auf das Wasser
+. . .
+
+Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham ergriff sie leicht über die
+Worte und Gedanken des Tags vorher wie über eine geheime und später sich
+mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände vor das Gesicht . . .
+und tat sie rasch hinweg, daß ihre Blicke groß gegen den ungeheueren
+Horizont schlugen . . . und da empfand sie deutlich wieder, in dieser
+Minute, daß dieser, daß er trotz allem »O Las Casas!« dessen Ehrgeiz an
+fremden Küsten wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne als
+alles, was an sie herankam. Sie dachte an Quijada, und es schien ihr jetzt,
+als sei er nur wie ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen
+Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre.
+
+Später kam Quijada. Er sprach wieder über Las Casas. Er sprach nie über
+sich oder über sie. Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen in der
+Beziehung auf das eigene Ich ganz und allein Wesen und Eigenes der Frau ist
+und weil sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie das Verschmähen
+ihres Besitzes um einer Tat willen, sie bis zu den äußersten Grenzen der
+Idee entflammt, ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren Wort eine
+Nichtachtung des Bluts erscheint -- und wie sie nur aus gekränktem Eros
+heraus denken können und tun . . . so empfinden sie, unbewußt vielleicht,
+vielleicht oft, immer -- es ist möglich und einerlei -- den Haß des Mannes
+auf den Mann als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über alles umronnen stehn
+von ihrem Blut!
+
+Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas Grausamkeit gegen diesen lockte
+ihr Blut. Seine Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, der (es
+schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an.
+
+Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen Gärten.
+
+Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, grüßte und ging nach dem Palast.
+
+»Las Casas . . .?«
+
+»Beruhigen Sie sich!«
+
+Sie sah ihn an.
+
+Bleich.
+
+Da sagte er heiser: »Las Casas!«
+
+ * * *
+
+Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere vor ihm . . . öffneten
+den Vorhang. Er stand vor dem König.
+
+»Sie?« sagte der.
+
+Las Casas verbeugte sich.
+
+»Warum kommen Sie?«
+
+»Der Prinz ließ mich rufen.«
+
+»Duell . . .?«
+
+»Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen den Prinzen) nannte ihn
+irgendwas. Ich schlage mich für den Prinzen.«
+
+Der König winkte ab.
+
+Langsam drehte er sich um und schaute durch das Fenster.
+
+»Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.«
+
+Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König ihm das Gesicht zu, nahm
+einen verzierten Dolch, schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und sagte
+gütig und klar:
+
+»Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.«
+
+Las Casas lächelte verzerrt und ging.
+
+Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis er in den Eckraum kam, den ihm
+der Prinz überlassen hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen, der die
+Galeere kommandiert hatte, die den falschen Bassa fing.
+
+Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem Lächeln, verlegen und
+geschmeichelt auf ihn zukam, griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf
+einem Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen Armen ihm zu vor
+ihn. Er rief ihm gleichzeitig, daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme
+für seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden, nicht wußte, was das
+war, befahl er ihm, den einen Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr
+hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex von fassungsloser
+Enttäuschung.
+
+»Holländische Münzen . . . ge . . . fäl . . . schte . . . Molinillos --?«
+
+»Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit anderem als mit einer --
+Imitation belohne?«
+
+Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht geschlagen war. Er stemmte
+sich auf, als wolle er den Beutel wegwerfen.
+
+Da begann Las Casas' Gesicht zu zittern: »He,« tief er, »Herr!« -- und es
+klang wie der Ton eines der krummen Hörner an einer königlichen Barchette:
+im Befehl unabwendbar . . . und es knickte den Zornigen. Er ging mit
+hängenden Armen.
+
+Las Casas promenierte noch über eine Stunde in der Kühle des Korridors, bis
+die Herren kamen, ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn umarmte.
+Das Rendezvous war in einem gesperrten Teil des Gartens zwischen einer
+Fontäne und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß nach wenigen
+Minuten seinen Gegner durch den Nabel mitten durch, daß der Herzog von
+Medina-Sidonia mit liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung nicht unterlassen
+konnte, daß an der Stelle, da ihm das Leben geworden sei, es wieder
+verströme.
+
+Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die Löwen. Ihre Augen wurden grün
+vor Gier. Es pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen. Dann
+brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins in ein erschütterndes
+Gebrüll aus -- durch die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper rasend
+dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen kitzelte.
+
+Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum Palast, traf Las Casas auf Juana
+und Luis Quijada, der sich um sie bemühte. Sie war auf eine Bank
+zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand sie auf.
+
+Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl.
+
+Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten einen gleichen in hetzenden
+Takten selig geschwellten Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper
+aufeinanderdrangen und sich umschlossen, obwohl sie sich nicht bewegten
+. . . und wie wenn ihr Blut aus den Adern presse, heraustrete und
+ineinanderströme.
+
+Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte von irgendwo her, von der
+Seite her? -- -- -- neben ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die
+Stimme Quijadas:
+
+»Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu Ihrem Erfolg heute -- -- wie ich
+ihr Unglück bedaure -- sonst.«
+
+Las Casas' Blick fuhr an ihm vorüber wie an einer Wand. Drehte die
+Schultern, entblößte seine Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an
+Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die Hand. Sie sahen sich in
+das Weiße. Dann ging er.
+
+Nach drei Schritten wieder bog er um: »Graf Oropesa, . . . Sie sagten
+. . . vielleicht, daß Sie mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt,
+Ihre Segler zu rüsten.«
+
+Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle spielte, sagte scharf, den
+Schnurrbart kauend: »Sie haben mir nicht den Gefallen getan, mich für
+diesen Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären. Auch im
+Großzügigen wie in der Verachtung weiche ich Ihnen nicht.«
+
+»Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung haben, jetzt . . . gleich
+. . . sofort -- Auf Wiedersehen.«
+
+Er machte eine schwache Geste nach dem Meere und ging.
+
+Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen nahm, brachte ein Diener ihm
+einen Brief von ihr. Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder.
+Nur dieses: »Komm --!«
+
+Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd: »Komm!« Es fielen ihm ein die
+Abende im Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor Sehnsucht wie der
+Horizont und darüber erschrak, zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn
+so, daß er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er sich selbst
+empfindend, langsam zurückkehrte in die Umgebung und sich gewaltig
+zufammenraffte und toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb:
+
+»Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen, wo ich Dich aufschob bis nach
+dem Erfolg. Ich müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs. Du aber
+wärst feig, wenn Du nachher mich nicht verachtetest.«
+
+Aber in der Dämmerung fand er sie in dem Garten. Sie spannte die Arme nach
+ihm. Da fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte und die
+verbotene, selbstversperrte Sehnsucht in einem knabenhaften Weinen in ihren
+Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre Schenkel, und sie sagten kein
+Wort. Doch er warf ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ,
+lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein Mund.
+
+Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte, erhielt er ein Billet.
+Er erbrach es am Ufer noch, einen Fuß in der Barchette.
+
+Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil das Dunkel ihr Blut quälte,
+und raste nun nach ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl! auf
+den Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein.
+
+Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte ein ganz kleiner Hucker mit
+unmäßig geschwellten Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann stand
+darin. Warf einen Brief herauf.
+
+Sie schrieb: »Ich liebe . . . Deinen Stolz . . . die Härte . . . warte --
+trotz alledem. --«
+
+Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die Augen rot -- eine überreife
+Frucht. Die Lippen hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie eine weiße
+Falte lag der Mund in dem Gesicht.
+
+Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen an den beiden Abenden,
+die folgten, ins sinnloseste betrinken. Er schenkte es ihnen.
+
+Zehn Tage später liefen die drei Segler des Luis Quijada aus.
+
+Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden.
+
+Juana hielt die flachen Hände an die Brust und fing den Herzschlag auf
+darin und warf ihn den Galeeren nach.
+
+Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte sie auch sein Fehlen doch,
+da sie ganz allein war. Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen
+sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr das Kühlende seines
+Hasses. So glaubte sie. Manchmal erschrak sie.
+
+Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer Donner sich sammle, wie wenn
+ein Bergwerk einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus dem
+glatten Himmel sause irgendwo. Und sie bedauerte, daß sie nicht tiefer
+hören könne, und streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf, höher
+. . . und ward straff gegen jeden Anprall und scharf wie eine Lanze.
+
+ * * *
+
+Bandieren und Standarten spannten sich auf Las Casas' Galeeren. Morgens und
+abends bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das Meer wechselte blau und
+grün. Gegen Mallorka zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende Monde auf
+dem Grund. Die Sklaven ließen die Ruder und beugten sich über die Geländer
+und starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie zu prügeln, und sie
+krochen wie die Hunde zurück.
+
+Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer Seide mit Las Casas' Wappen in
+Granaten bestickt. Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht vorüber.
+
+Bei der Insel Galita war eine Falle für den Bassa gelegt. Zwei kleine
+Segler mit Lamawolle und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden nachts,
+lautlos.
+
+Las Casas kreuzte ganz Tunis ab.
+
+In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische Caramuzzals ein, die
+völlig braun waren und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten. Sie
+schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus kleinen Kanonen. Beim Entern
+sprang ein Mann zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott lobend. Las
+Casas ließ ihn trotz dem Geplärr in Ketten legen. Die anderen schlug sein
+Henker mit der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten wurden auf die
+Ruderbänke geschmiedet. Die Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere
+stach die Sonne zusammen.
+
+Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang (sein Blick hatte den
+gewöhnlichen Wahnsinn der Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn
+langsam totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder. Das fiel vor ihm hin und
+nannte sich einen Franziskaner aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten
+war. Er küßte die Füße Las Casas', und als der ihn nach dem Versteck des
+Bassa fragte, heulte er auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß
+er den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches gab er singend die
+Weisungen für das Schiff.
+
+Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und versprach ihm straflose
+Freiheit, wenn sie den Bassa fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe
+seines Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei -- -- -- für den
+anderen Fall. Der Renegat allein lobte nur Gott.
+
+Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den Bassa überraschen sollten,
+sahen sie eine gelbe Caramuzzal in einem schönen Bogen eine Mauer von
+Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von beiden Seiten wurden sie mit
+Brandpfeilen und glühenden Eisen überschüttet.
+
+Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert Soldaten aus, fing
+und erschlug eine Anzahl Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe
+Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene Nubier saßen vor
+des Bassas Kajüte. Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige
+Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein stehendes Lager und den
+Harem hätte.
+
+Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten Morgen. Sein Herz ging hoch,
+als ob er ganz dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten. Die
+Galeeren sollten so lange kreuzen.
+
+Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer.
+
+Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner seine Hymnen, bis ihm ein
+Offizier mit einem Koran als Knebel das Maul verstopfte.
+
+Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren sie, daß am Abend der
+Bassa in aller Flucht vorbei gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer
+und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu weisen, obwohl sie schrien und
+sich wehrten aus Furcht.
+
+Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender fiebervoller Ring wälzte der
+Himmel sich um den Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in der Luft
+wie Sand. Sie mußten die Augen senken, und das Blut zog sich ihnen wie
+gefroren im Kopf zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos
+wurden, schrien plötzlich etwas, rannten ein Stück in die leichten Dünen
+und verbeugten sich . . . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen Laut.
+Nur das war: wie wenn der grünliche Schlauch am Himmel sich langsam um sie
+zusammenziehe.
+
+Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte, zündeten Feuer an und stellten
+Wachen aus. Die Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf der einen Seite
+die Männer, auf der anderen Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne
+scharf in die Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen in die
+Arme. Dann spielte die Muschel allein. Auch sie schwieg.
+
+Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte, daß es Zuversicht sei. Er
+wußte (ganz unstreitbar), daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie
+war zu zweifeln? . . . Juana? Er würde sie dann in fiebernden Händen
+besitzen.
+
+Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper zitterte unter dem Gedanken.
+
+Er hob den Kopf. -- Ja . . . Bisamrosen hatten um die Bank gestanden und
+geduftet. Und Nelken.
+
+Sehr scharfe Nelken. -- -- --
+
+Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von Beduinen um das Lager und
+senkte seine Lanzen in die Körper, die herumlagen. Las Casas banden sie und
+einige andere, trennten ihn von ihnen und ritten mit ihm die Nacht durch
+und den ersten Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein Kamel. Sie
+gaben ihm Stutenmilch dieser Tiere. Er trank es nicht. Mittags ritten sie
+weiter. Rötlicher Nebel schoß vor die Sonne und glühte die Kehlen aus.
+
+Die Wüste war flach, ein wenig gewellt. Dann ritten sie eine hohe Düne
+herunter. Ein Park von Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grün stand um
+ein paar Bäume und einen Brunnen. Las Casas trank Wasser. Abends fragte er,
+ob sie ihn zu Yousouf brächten. Sie grinsten: Nein --! Da wuchs alle Kraft
+in ihm und durchbebte ihn wieder.
+
+Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier: »Gute Stute . . .« Denn seine
+Hände waren gebunden. Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er schritt durch
+Gewölbe und Gänge und stand in einem Zimmer, plötzlich, mit hellgelben
+Steinen, zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saßen. Eine Laterne stand
+auf dem Tisch, Wein, Brot, Früchte.
+
+Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schönen bärtigen Türken. Sie
+verhandelten über sein Lösegeld. Während sie sprachen, senkten des Türken
+Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las Casas' Hand hoch, ein wenig.
+Sein Dolch lag auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. »Gib dir keine
+Mühe!« lächelte der Türke. Der Marques hatte die Waffe schon gepackt. Er
+sauste mit einem heftigen Sprung durch die Tür. Er sauste gegen einen
+dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen aus Zorn und kehrte ruhig zurück.
+»Ich sagte es dir«, achselzuckte der Türke, ein bißchen beleidigt.
+
+Allein er ließ ihm den Dolch.
+
+»Sag mir das eine!« fragte der Marques scharf. »Bin ich bei Yousouf Bassa?«
+
+Der andere lächelte: »Nein.«
+
+Sie einigten sich über das Lösegeld und Las Casas blieb allein. Es ging
+schon gegen Morgen. Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann.
+
+Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür war nicht verschlossen und er
+sah keine Wache. Er stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel eines
+Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog. Es roch modrig. Von Zeit zu
+Zeit merkte er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber er mied sie.
+Plötzlich fühlte er Schwindel, und die Furcht, daß er sich im Kreise
+bewege, zog ihm das Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel, wie er
+bleich ward und schlug hastig den Gang in einen Kreuzstollen ein, der das
+Gewölbe durchbrach. Als er ein paar Minuten sich die Wände entlang getastet
+hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab, eine Dämmerung schwoll auf, leichte
+Helle lockte, und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes, das größer
+wurde und ihm entgegenströmte im Nahen und Mond ward . . . und ihn
+hinauszog auf einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht.
+
+Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt in der Mitte, als schwämmen
+sie auf dem Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen blitzende Strahlen
+Quecksilber.
+
+Las Casas schlich über den taghellen Hof, an die Mauer geduckt und von dem
+schmalen Gurt ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen zwei
+Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah hinein.
+
+Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und schaute müd und regungslos dem
+Spiel eines jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben eine Zeit
+so. Innen der Türke in das Betrachten versunken, der Marques fand nicht den
+Augenblick, sich von dem Posten geräuschlos zu lösen.
+
+Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob die Augen. Die Augen mußten über
+das Fenster . . . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in die Luft, Glas
+splitterte, ein Dolch schlug neben Las Casas' Kopf vorbei durch die Scheibe
+und verlor sich zischend und blinkend nach den Brunnen.
+
+Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine Blicke faßten plötzlich
+eine dunkle Öffnung in dem hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen
+Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht und glatt. Während er
+suchte, fing ein runder Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er
+auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtbälle tauchten auf und
+spielten mit dem ersten. Sie glitten übereinander und vermehrten sich, bis
+die eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte Las Casas, die
+Wände seien Spiegel. Er suchte noch einmal nach einer Öffnung, aber er fand
+keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in die Augen. Da hieb er mit einem
+Aufschrei bebend vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles
+Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es einen Ruck, eine Öffnung,
+durch die er schritt fünf Schritte bis in sein Zimmer.
+
+Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte herein. Sie betrachtete ihn lang
+und eingehend. Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort, ihn
+anzusehen.
+
+Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte: »Ich kann mit dir machen,
+was ich will.«
+
+Las Casas zuckte die Achseln.
+
+»Wenn du mich liebtest«, meinte sie nach einiger Zeit ernst und überlegen,
+»kostete es dich den Kopf. Zwei, drei Schnitte . . .« . . . sie fuhr
+sachlich mit dem Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah ihn an, als ob
+sie immer mehr über ihn erstaune.
+
+Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der Marques die Linien ihres Körpers
+nach und wandte sich langsam nach der Wand.
+
+Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und brannten ihr Bild in die
+Mauer. Sie war sehr schön.
+
+»Mein Vater hat sieben Monde«, fuhr ihre Stimme fort, »ich habe den Alten
+schlagen lassen, dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und dich.«
+
+Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr. Da fuhr ein Lachen mit
+tausend süßen Spitzen in ihr Gesicht: »Alle Querstollen führen in den Hof«,
+lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie ihm vor das Gesicht.
+Dann lenkte sie ab: »Deine Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht
+sehr braun . . .« Sie strich mit der Handfläche neugierig und schauernd
+über seinen Hals.
+
+Der Marques packte ihre Hand und warf sie mit spitzen Fingern zurück. Sie
+zog sie erstaunt an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms und
+senkte den Kopf schräg. Sie war enttäuscht und drohte ihrem hellbraunen
+Spielzeug überrascht:
+
+»Wenn ich will, kann ich dich an das Bein einer Kamelstute binden lassen,
+die nach Tripolis geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules Wasser zum
+Trinken. Oder du mußt Sand scharren im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem
+Kopf stehen und durch die Nase lachen.«
+
+Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen. Rasch flog ihr Fuß aus dem
+Pantoffel, das Bein schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und zupfte
+ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las Casas schlug mit der Hand hart auf
+den Fuß, der sich zurückzog.
+
+Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich gering gemacht und wie ein
+Schwein oder gleich einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang auf ihn zu
+und drückte sich an ihn und strich ihm über den Arm und den Hals. Sie
+begriff ihn nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er warf sie,
+während seine Finger die ganze Schönheit ihres Körpers begriffen und im
+Gefühl bewahrten, ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen die Wand, stieß
+einen kleinen spitzen Ruf aus, zog ihr Tuch bis unter die Augen und ging.
+
+Einmal noch floh Las Casas.
+
+Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit vielen Begleiterinnen
+dunkelblaue Bohnen und Winden begoß.
+
+Er wußte nun, daß er ganz -- wie ein Tuch und ein Stein -- in ihren Händen
+sei. Aber die Erniedrigung war nicht tief genug, daß er sich tötete. Er
+spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam zu. Einmal setzte sie
+sich auf seine Knie und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff
+und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr. Um so stärker aber stieg
+das Bewußtsein der Berufung in ihm.
+
+Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er sie abschüttelte, obwohl
+sie sah, wie seine Lippen brannten.
+
+Doch langsam sahen Las Casas' Augen sie nicht mehr. Sie sahen trüb aus wie
+Zisternenwasser. Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte es
+drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren Finger vor die Pupille und stieß
+danach. Sie brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm der Stern auf dem
+Weiß.
+
+Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien eingeritzt standen, und
+flüsterte an sein Ohr: »Palast-Plan . . . Palast-Plan«, bis er begriff und
+ihn vor ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine List.
+
+Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den Lippen. Sie küßte ihn auf
+den Mund und sah ihn traurig an: »Was willst du?« Der ganze Körper bat.
+
+Da floh er.
+
+Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels, glitt über Terrassen und
+Galerien und tauchte in einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog.
+Seine Hände führten ihn tastend die Wand entlang. Er schritt minutenlang.
+In Abständen waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen hatten.
+Einige waren aus einem porösen Stein, andere völlig glatt. Er streichelte
+seine Hände kurz und stolz: »Kluge Hände«. Ein Übermaß von Freude stand ihm
+bis zum Kopf, bereit, durch Mund und Augen übermäßig aufzuspringen.
+Plötzlich packte er einen Auswuchs und empfand im gleichen Moment, daß
+seine Hand in einer Zahnreihe lag. Er half mit der anderen und erschrak,
+wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhöhlen verschwanden, die
+feucht waren und sich anklebten. Da faßte er fest zu, brachte die Augen
+nahe und merkte, daß es ein Ornament aus Gips sei. Wie er aufatmend
+vorwärts trat und sein Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas
+Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen die Tür, die hinausführen
+mußte.
+
+Seine Hände aber erkannten die Schönheit wieder, die sie einmal gefühlt
+hatten, und packten sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem. Da gab er
+nach. -- -- --
+
+Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die um sie kreisten. Er senkte die
+Augen. Zwei Beduinen empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf ein Tier und
+ritten neben ihm. Er hatte den einen Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie
+ihm einen Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche. Als sie ihn
+verließen, sagten sie ihm, daß es knapp ein Tageslauf sei.
+
+Er hielt sie an.
+
+Er hielt sie an und fragte: »Wer war es, der mich losließ?«
+
+»Die Tochter Yousouf Bassas . . .« sagten sie. -- -- -- -- -- -- -- -- Er
+wartete, bis sie verschwunden waren. Dann hielt er die Hand so, daß sie den
+ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte.
+
+Hiermit und so war er fertig mit ihm.
+
+Durch die Hand sah er sein Blut. »Juana . . . ja . . . mein Blut -- --
+unser Blut --« schrie er und stachelte den Hengst mit dem Dolch.
+
+Moos spann sich grau über die Wüste. Kranichzüge rauschten über ihm. Endlos
+blendeten die weißen Kaktusfelder in der Ferne.
+
+Ein Tuareg begegnete ihm.
+
+Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen hielten sich so fest, daß
+ihre Hände sich nicht rührten.
+
+Endlich: Bäume . . . Bäume! Eine Allee. Orangenallee . . . Er fiel vom
+Pferde, umarmte es, tanzte und küßte die dampfenden Flanken des Tiers. Am
+nächsten Tag fand er die Galeeren. Am gleichen Mittag rannte eine
+Patrouille von ihm zu Yousouf und bat ihn um eine offene Schlacht. Der
+Bassa schlug ein und bezeichnete den Platz.
+
+Sie stachen sofort los. Las Casas kam in Streit mit den Offizieren. Er
+trieb die größte Eile an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle sein
+wollte. Denn er mußte auf jeden Fall die Stellung an der Küste haben, damit
+er den Feind gegen das offene Meer hatte und so Flucht eine Unmöglichkeit
+sei und auf diese oder jene Form dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere
+wollten erst Wasser aufnehmen in einem Hafen, der nahe lag. Doch Las Casas
+sagte, daß sie nach der Schlacht Wasser genug haben würden hier oder da,
+und er wies auf das Meer und in die Richtung des Hafens; da schwiegen sie,
+denn er lächelte dabei.
+
+Die Sklaven hatten ausgehöhlte Gesichter und knirschten, als die raschen
+Takte des Vorsängers ihre Muskeln zu angespannten Zügen zwangen.
+
+Las Casas ließ sie schlagen und stand auf dem Vorderdeck, unbeweglich, den
+Blick auf das Meer ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen in
+das ruhige Wasser.
+
+Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm wie zwei Segel, die ihn nach
+der endlichen Tat hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er wenig
+und kaum. Nur dies eine erfüllte ihn. Ein Lächeln, fast spöttisch,
+kräuselte seinen Mund. Er schüttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz
+durchfuhr ihn stürmisch und sengte seine Augen.
+
+Er drehte sich und es war ihm, daß einige Bänke die Ruder weniger tief
+streckten und so den Lauf hemmten, und er ließ auf einer erhöhten Bühne
+mitten auf dem Steg zwischen den Bänken mit Sklaven zwei Neger hinrichten.
+Die nächsten schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern stand Wut.
+
+»Wasser . . . !« brüllte ein langer Portugiese und drohte. Las Casas
+lächelte ruhig und sehr gefaßt und ließ ihm das Halsblut der Neger reichen.
+
+Er fühlte einen starken Sturm in sich, der ihn hob, schwellte und maßlos
+mit sich selbst erfüllte, daß sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und
+seine endlos beschwingten Gefühle über alle Schicksale hinausstiegen und
+der Tod ihm nur ein geringschätziges Spiel (wie mit Masken) erschien.
+
+Am Abend stellten sie sich auf für den folgenden Tag.
+
+Früh riß die Sonne den Himmel tiefrot auf und färbte das Wasser so. Und als
+bedrücke das Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner Seele, horchte er
+in sich hinein und fand wie ein Pizzicato in der Ruhe seines höchsten
+Geschwelltseins den Gedanken an Juana und riß ihn heraus und maß ihn mit
+den letzten Erlebnissen und der Idee seiner Tat. Die Kartaunen des
+Vorderdecks lösten sich schon. Die türkischen Caramuzzals umsprühten die
+Galeeren mit glühenden Kugeln. Eine zischte zwischen die Ruderer und
+verbrannte sie. Es roch nach versengtem Fleisch. Die nächsten heulten auf
+und ließen die Ruder.
+
+Da ließ Las Casas die Hörner blasen.
+
+Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine Schlinge fiel vom Hauptmast.
+Sie legte sich um den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und schwang
+ihn, der sich verrenkte und mit den Armen, die Hände zu Fäusten gekrallt
+und die Zeigefinger nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen über das
+Schiff.
+
+Pfiffe rasten über die Decke. Alle Ruder hoben sich und schäumten auf die
+Caramuzzals ein.
+
+Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana ganz aus sich. Nur die Tat sollte
+sein. Er stand auf der Poppa und suchte die größte Caramuzzal. Eine Flagge
+deckte sie: Rot mit sieben schwarzen Monden.
+
+Endlich: Yousouf! --
+
+Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so war es von der Sonne durchtränkt.
+
+Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung, in der durchbebtesten
+Ekstase seines Lebens den Gedanken an Juana zu töten. Eine wahnsinnige
+Freude durchschwang ihn. Er hatte den Dolch durch den Mund gezogen. Seine
+Hände hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle Kanonen entluden sich
+und schrien gegeneinander.
+
+Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und brüllte etwas mit
+leuchtenden Augen zurück, was das Getöse verschluckte. Las Casas sah ihn
+an. Und als hätten die nicht gehörten Worte etwas gelockert, als hätten sie
+ihn das gefragt, um was er rang, brüllte er dem Jungen zu (der ihn nicht
+verstehen konnte) die Arme um das Rad, mit Lippen, die sich zerrissen an
+dem Dolch im Mund:
+
+»O alles . . . hätte ich auf den Bauch geschmissen Dreck gefressen, drei
+Monate oder vier . . . wären meine Gedärme zerfetzt daran . . . hätte ich
+den Bart säubern müssen des Bassa jeden Tag von Eiern und Speisen und
+schlechten Küssen, wäre ich stinkend geworden und nach Übelem riechend und
+hätte ich keine Zähne mehr im Mund und wäre ich gewesen wochenlang beschämt
+bei alten Weibern, die hängende Brüste hatten und Riemen von Adern aus den
+Gliedern quellend . . . o, alles nichts, klein, sehr klein, -- -- -- kein
+Lachen . . . keinen Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen Moment,
+gegen dieses Steigen -- -- -- und was Juana ist -- -- -- was ihr Andenken
+ist . . . es wiegt nicht so viel, daß ich es nur so sage, nicht einmal mein
+Brüllen ist es wert . . .« -- -- --
+
+Nun hatte Las Casas Ruhe für seine Tat.
+
+Seine Lippen zuckten zerrissen.
+
+Ehrgeiz füllte seine Augen, daß sie grün blitzten.
+
+Die Offiziere standen um ihn.
+
+Blut rann über sein Gesicht.
+
+Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer nach rechts. Geknarr und
+Erschütterung knirschte auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal
+Yousoufs, deren Geländer sie weggerissen hatte. Dunkle Massen strömten
+hinüber.
+
+Mit einem Lächeln (dies war sein Tag), ganz ruhig stand Las Casas auf der
+Poppa. Sein Gesicht war hell und stet wie eine Fahne.
+
+Aber dann: -- -- als er hinübersprang und sah, wie Bassa Yousouf mit vielen
+Kugeln durch den Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben und
+vorbeitrugen dicht an ihm . . . kniete er, wo er stand, nieder, warf sich
+auf den ersten Toten, der aus der Brust blutete, küßte die Brust -- -- --
+und stammelte: »Juana«. Stammelte: »Juana«. Nichts weiter. Nur dies.
+
+Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas betrachtete ihn genau. Er sah
+seiner Tochter ähnlich . . . die Wolke über der Stirn . . . die Braue und
+der Nasenflügel . . . Las Casas erstaunte über die Leiche. Er wußte nichts
+damit anzufangen. Er roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen,
+fiel ihm ein, waren auch dabei. Er fuhr mit den Fingern in die Wunden des
+Bassa und untersuchte sie.
+
+Dann zuckte er die Achseln und trat zurück.
+
+Der junge Offizier kam und küßte ihm die Hand.
+
+Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren traten auf ihn zu: Sie seien
+stolz . . . unter ihm . . . dieser Sieg -- -- --
+
+Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa . . . Er strich die Stirn: Ja.
+Er lag da. Auf der Poppa . . . tot? . . . Tot!
+
+Stolz hob seine Schultern. Freude überflammte ihn. Es war die erste Tat im
+Reich. Gewiß. Er hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios.
+
+Die Sonne ward schon gelb und stieg.
+
+Dann sprang er zurück auf dem Hinterdeck und gab das Signal zur Abfahrt.
+
+Ein Schrei der Wut peitschte über das Verdeck.
+
+Offiziere hoben die Hände, bestürmten ihn: »Teilung der Beute . . . Ruhe
+. . . Soldaten . . . die Sklaven seien ausgelaugt.«
+
+Las Casas stemmte sich hoch: »Wir fahren!«
+
+Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen.
+
+Niemand sprach.
+
+Sieben türkische Caramuzzals waren erobert worden, auf die Soldaten
+verteilt wurden. Die Gefangenen mußten rudern. Ein Schiff trug den Harem.
+
+Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten, sprangen den Leuten Arme und
+Lippen auf. Die Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten kaum.
+
+Weißglühende Wut schwelte in den Augen der Soldaten.
+
+Las Casas saß auf dem Vorderdeck, wo der Wind ihn zuerst kühlte. Die Leiche
+Yousouf Bassas lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal auf ihr, dann
+sogen sie sich wieder glühend, brennend in den Horizont fest. Er freute
+sich über die Tat. Aber er begriff nicht mehr, daß er über Juana
+weggesprungen sei wegen ihr. Er fühlte sie so um sich, als könne er ihre
+Umrisse mit den Händen fassen. Es war unmöglich -- wie konnte es sein,
+lachhaft und kindisch? -- daß er sie dreimal verschmäht hatte. Er blickte
+auf den Toten. Es war doch so. Doch er verstand die Wichtigkeit dieser
+Tötung nicht mehr.
+
+Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns zu mäßigen. »Die Leute verrecken
+vor Durst. Die Zungen kriechen ihnen wie böse Tiere aus den Mäulern,« sagte
+heftig der junge Offizier.
+
+Las Casas ließ ihnen die letzten Rationen austeilen. Das Tempo blieb das
+gleiche. Es ward Nachmittag.
+
+Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. --
+
+Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserfläche einen Garten voll Lauben
+und Gerüchen und eine Nacht darüber, mit Sternen dicht verschnürt, in der
+er sie besitzen wollte. Es nahm ihm den Atem. Es preßte alles beiseite. Er
+mußte ohne einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er schob den Toten mit
+dem Fuß zur Seite, da er ihn plötzlich haßte, weil er in ihn die Ursache
+verlegte (die in seiner eigenen Brust saß), daß er Juana verschmäht hatte.
+
+Da brüllte es hinter ihm plötzlich wie aus einem Ventil: »Wasser!« Es war
+ein gellender, trockener Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner
+Nähe. Aber dort brach es aus: »Wasser!« . . . und schlug hinüber und
+zündete und an hundert Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mündern.
+Die Augen waren ihnen stier geworden, und die weißschweißigen Gesichter
+brannten.
+
+Las Casas' Hirn schob blitzschnell den Gedanken vor: Gefahr! Sein
+Bewußtsein packte zu und begriff dumpf, daß ihm ein Hindernis
+entgegentrete. Rote Wut schüttelte ihn. Er sprang vor:
+
+»Schmeiß,« schrie er, »Geschmeiß,« und wieder: »Vieh . . . Ihr wollt
+weniger tun, Hunde, wo ich mehr Eile habe. -- Sklavenführer, aufs
+Vorderdeck! . . . Die Riemen in die Peitschen gezogen . . . Zehn Takte
+rascher gefahren im Viertel der Stunde. -- Den Bankersten die Bastonade!«
+. . . Seine Stimme war wieder beherrscht geworden. Die Riemen klatschten
+über die Rücken.
+
+Die ganze Nacht ließ er sie mit Wasser begießen, das sie kühlte und ihren
+Schweiß wegschwemmte. Allein das Meerwasser biß scharf in ihre Wunden, daß
+sie schrien über das Geschenk.
+
+Am Morgen stand einer auf als Deputat: »Wir können nicht mehr.« Niemand
+hörte auf ihn.
+
+»Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns auf den Bauch diese Zeit. Dann
+streifen wir das Schiff wie einen flachen Stein übers Wasser.«
+
+»Einen halben Tag . . .« johlten die anderen.
+
+Der Deputat drohte: »Wir brechen die Ruder . . .« Da gab Las Casas Befehl,
+ihm, dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge aus dem Munde zu
+nehmen und ging hinunter, die Zähne in den Lippen und bleich. Denn es
+schmerzte ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten nur ein
+Wollen, das wie ein ungeheueres Zittern daran hing und auf alles
+niederfiel, was es sperrte: »Juana!«
+
+Er ließ den Sklaven Wein geben. Das Geringe berauschte sie. Die Galeeren
+zogen rascher.
+
+Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Mäuler aufgesperrt, aber noch
+entfeuert.
+
+Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender, bis einer schrie:
+
+»Weiber -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«
+
+Langgedehnt zog der Laut über das Schiff. Eine Stille schob sich nach, die
+alles preßte.
+
+Dann rasten alle in die Höhe und hämmerten ihre Ketten gegen die Bänke:
+
+»Dein Ver--spr--e--e--e--chen . . . am selben Abend . . . zwei . . .
+
+Schuft! -- -- -- Du . . .«
+
+Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen. Die Aufseher peitschten
+sie mühsam wieder an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich ineinander
+verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem Fleisch.
+
+»Ihr werdet sie haben, eh' der Tag 'runter ist. Wenn ihr euch eilt, Bande!
+Dann sind wir in Cartagena.« Las Casas' Stimme klang knapp, unendlich
+beherrscht.
+
+»Es ist gelogen, ist erlogen . . . Hund!«
+
+Las Casas ließ sie.
+
+Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden, erschrak er. Es blitzte ihm
+durch den Kopf -- er müsse den Abend in Cartagena sein -- -- um alles.
+
+Er ging auf dem Deck herum und zerbog die Hände ineinander, bis er den
+letzten Entschluß sich abgepreßt hatte.
+
+Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem Harem herüberzuschaffen. Er
+wußte (in brennendster Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems beim
+Umladen nach der Schlacht gesehen hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste
+waren kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte rund mit Gold gemalt.
+Sie sollten vor ihnen tanzen, daß sie rascher führen.
+
+Alle mußten hinuntersteigen.
+
+Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und Las Casas.
+
+Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven die Gesichter weiß wie die
+Planken, die Augen rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las Casas'
+Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze.
+
+Dann fingen die Boote an hinüberzufahren zur Caramuzzal, die den Harem
+trug. Die Wächter hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend vor
+Scham und Schmerz, wie irgendwo einem Geifer aus dem Maul rann, während er
+blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in Strömen aus dem Gesicht. Sie
+sahen aus wie Pilze, auf die plötzlich Tau fällt.
+
+Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel auf die Schiffe. Die
+Gesichter waren ins Unkenntlichste verzerrt. Wo manches Nase oder Mund
+sonst war, saß nun eine Falte der grausamsten Qual.
+
+Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er tat, empörte seine Seele. Er
+schlug die Arme übereinander, daß sie ihm die Brust einbogen, biß die
+Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte vor Zorn über sich. Er
+flüsterte: »Juana« und empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte den
+Abend in Cartagena sein (er kam den Abend nach Cartagena) oder wahnsinnig
+werden oder zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen diesen
+Willen.
+
+Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der Männer. Dabei empfand er, wie die
+Galeere mit erstaunlicher Geschwindigkeit flog.
+
+In der drückenden Stille hinter seinem Rücken bohrten die achthundert Augen
+sich auf die Caramuzzal, an der die Boote gerade anlegten. Ein silbernes
+Horn (wie rein es scholl zwischen den Masten und gelben Segeln!) hob sich
+mit zartem Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief einmal (wie klang
+sie jung und nach Andalusien!): »Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.«
+
+Las Casas wandte sich nicht um.
+
+Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen von einem Gedanken und hob
+den Arm mit einem raschen Mal streng und senkrecht . . . niemand wußte,
+wollte er Einhalt rufen oder winken.
+
+Doch die Geste wirkte unsächlich.
+
+Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus allen Brüsten lösender Schrei
+über die Galeere hin. Es war zu viel.
+
+Einer der Sklaven hatte Las Casas' Bein gepackt. Las Casas verschwand unter
+der gebeugten Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos, und flog wie ein
+Ball auf die andere Seite. Sie warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links.
+Vierzig auf der anderen Seite. Einer senkte seinen Mund auf seinen Hals.
+Ein anderer schlug seinen Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann
+blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf, Gefangene, erschlugen die
+Offiziere, befreiten sich und vergaßen ihn über ihrem Gelage.
+
+Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte im Horizont auf.
+
+Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind herauf. Drei Schiffe mit
+roten aufgebauschten Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven
+wurden überwältigt. Luis Quijada kam herüber von seinem Segler. Denn er war
+es.
+
+Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert um die Reeling hängen. Die
+Leiche Las Casas' ließ er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner
+Fanale.
+
+Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen und bestieg die Caramuzzal,
+die des Bassas Harem trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig
+Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein. Die anderen schenkte er
+seinen Soldaten. Darauf stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen
+Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajüte mit lackiertem Mahagoni und
+Zitronenholz. Sie hatten sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit
+ihnen und sie tranken gemächlich mit ihm, der lächelnd und zärtlich
+scherzend mit ihnen sprach, zutraulich Kakao und Orangenwasser.
+
+Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward Abend, als sie in Cartagena
+einliefen. Große Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte kommen. Das
+Banner Las Casas', Quijadas, das von Kastilien und die rote Fahne mit
+sieben Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana stand am Steg.
+
+Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht und ans Land gestellt.
+Quijada folgte. Las Casas' Kopf erschien, wie einer das Tuch hob, unter der
+weißen Fanale, auf der sein Wappen stand. Um seine Stirn saß festgebissen
+mit einem dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie ein schlechter
+Heiligenschein.
+
+Juana taumelte.
+
+Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung wieder in sich selber
+ein. Und da sie nicht allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern das
+Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie um den Liegenden herum und
+raffte ihr Gesicht auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer über
+einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz auf Luis Quijada zu und legte
+ihren Kopf an seine Brust.
+
+Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche ihrer
+Entschlossenheit, aber er tat doch den Arm um sie, denn er hielt sie nicht
+für schlechter als die drei Besten aus seinem Harem.
+
+Yup Scottens
+
+Yup Scottens wette niemals. Sie wüßten es alle.
+
+Das Blut steige ihm noch röter unter das breit und tot herabfallende Haar.
+Er schlage auf den Tisch. Jedesmal würde er auf den Tisch schlagen, wenn
+wieder einer vom Wetten spreche.
+
+Also schweige man davon.
+
+Ob Yup verheiratet sei?
+
+Nein.
+
+Und es würde besser sein, auch danach nicht zu fragen.
+
+Leise höchstens, ganz leise könne man davon erzählen.
+
+Tim Porker müßte dann die Beine vom Tische nehmen. Denn ihr Ledergeruch
+würde stören. Und dann hätte er heute morgen den einzigen Kartoffelacker
+hinter der Farm gedüngt. Kinder, man sei ja nicht so, aber Tim müsse diese
+Lederranzen von den Füßen nehmen und sie vor die Tür stellen. Noch weiter,
+zwanzig Meter vom Haus weg . . . so . . . und auch dann stänken sie noch.
+Aber weniger, Gott sei Dank, und auch weil Ralf den algerischen Tabak
+rauche, wegen dem man allein fünf Jahre in der Fremdenlegion sein könnte.
+Selbst wenn man kommandiert würde . . . Oder doch nicht, nein . . . nicht
+. . . Aber komisch, wo er den Tabak herbekomme, Ralf brauche nicht
+wegzusehen, warum denn auch. Yup Scottens wüßte manches davon, und wenn er
+wieder da sei, in drei Tagen wohl ungefähr -- denn schließlich sei er doch
+der beste Reiter --, er würde möglicherweise davon erzählen. Ralf sollte
+doch schweigen. Es sei ein Irrtum. Yup hätte an manchen Abenden beim
+einsamen Feuer am Rande der Kordilleren mehr erzählt, als sie wüßten und
+dächten. Alle miteinander.
+
+Tim Porker müsse auch die Strümpfe ausziehen. Es ginge nicht anders.
+Frischgedüngte Äcker brächten auf so verfluchte Gedanken, röchen einem an
+mit Erinnerungen. Boys! wer hörte die gern! Nach den Sternen speien nachts
+durch die blanke Kühle, hundertmal denselben Büffel anschießen, eh man ihm
+die Kugel ins Ohr brennt, Mestizen an den Beinen aufhängen, daß die Köpfe
+wie Früchte platzten, Kinder, ja, alles, gern -- aber nicht an
+frischgedüngte Äcker denken!
+
+Tizzy solle nach den Koppelungen sehen. Ob die Pferde fräßen. Büffelmist
+solle hereingekehrt werden und sparsam auf das schwelende Feuer gelegt
+werden. Morgen werde es schneien, es werde tagelang schneien.
+
+Ralf solle seinen Schnurrbart kauen und ihm die Pfeife geben. Wie? Yup
+werde länger brauchen? Yup wisse, daß nur für vier Tage zu essen da sei. In
+vier Tagen werde Yup den Transport herbringen. Heiho! Yup.
+
+Ganz andere Fahrten hätte Yup gemacht.
+
+Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott. Und wenn sie morgen früh einen
+Tunnel nach seinen Stiefeln machen müßten durch den Schnee, die Stiefel
+blieben draus.
+
+Ein glühender Tag sei es gewesen, hinten am Gebirg, der plötzlich wie ein
+Signal an der Eisenbahnstrecke, die Yup drei Tage von hier kreuzen müsse --
+also der wie ein Signal umgeklappt sei in eine stechend kühle Nacht. Sie
+hatten auf dem heißen Felsen gelegen. Die Knochen hätten gebrannt, das Hirn
+geglüht, aber sie hätten gefroren. Der Schein des Feuers wäre die Felswand
+hinaufgeklettert, aus der sternüberhängten Nacht hätte ein Fuchs gebellt,
+spitz und lang auslaufend. Manchmal. Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm
+erzählt, warum er nichts hören könne vom Wetten. Manches habe er schon
+früher geahnt, denn Yup habe dies schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm
+aber auch erzählt, warum er nicht verheiratet sei trotz dem Ring an seinem
+Finger. Yup habe ihm alles erzählt. So:
+
+»Er war fünfundzwanzig Jahre, Yup Scottens, und hatte ein schönes Geschäft.
+Es war seine Erfindung, auf Emailleschilder eine grüne Schrift anzubringen,
+die abends leuchtete. Die Fabrik lief famos. Yup bastelte an neuen
+Erfindungen, ritt, spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren Leute,
+ähnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte Schuhe an den Füßen -- ich
+sehe dich nicht an, Tim Porker --, aber sonst waren sie wie wir, hatten
+knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell säuberlich in eine
+Ecke hin, fuhren sechs Tage, immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau
+durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich, und keiner wußte
+anders, als daß sie zusammengehörten, einer zum nächsten, jeder zum andern,
+sich herausbeißen würden und ginge der letzte Zahn zum Teufel, immerfort,
+daß sie beisammen bleiben müßten. Stets.
+
+Nun lernte Yup eine Miß kennen, die Laura hieß. Ein komischer Name -- aber
+er verliebte sich in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst ging er
+Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei Abenteuern; trotzdem er den Weibern
+gefiel -- er sagte es nicht --, aber er besaß früher eine volle Brust, ich
+sah es, und schöne Beine. Jetzt allerdings, ja, jetzt sind sie nach innen
+gebogen und haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht, Kinder, Yup
+hatte gerade Beine, jetzt aber sind sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist.
+
+Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist auch egal. Hat ein wenig
+gestottert und mit einem glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe
+weggeschaut, denn er hat sich, glaub ich, geschämt. Ihr begreift das nicht,
+kann euch auch einerlei sein. Ich habe einen Stein nach einem Fuchs
+geschmissen, der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt.
+
+Yup Scottens verlobte sich nun mit Miß Laura und ging alle freie Zeit zu
+ihr. Die anderen begriffen das nicht. Sie hatten das Gefühl, als sei etwas
+aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup Scottens. Sie versuchten ihn wieder
+zu bekommen. Aber er erschien nur noch selten. Dann erzählte er von den
+Haaren der Miß Laura. Das war ihnen langweilig, begreiflicherweise.
+
+Da sprach eines Abends, wie Yup da war, einer von dem neuen Postzug, der
+über tausend Meilen laufe von Morgen bis Sonnenuntergang. Man hatte die
+eigenartigsten Sicherungen angebracht, um Anschläge und Überfälle zu
+vermeiden. Patentschlösser wie Signalschellen nach den verschiedenen
+Waggons und gleichzeitig zu den Stationen rückwärts und voraus schnitten
+Diebstähle ab. Das Personal kontrollierte sich selbst mit Stechuhren
+. . . Jeder kannte andere Schwierigkeiten. Einige widersprachen und sagten,
+Eingriffe seien doch möglich. Nun stand einer auf und erklärte, daß es
+unmöglich sei, überhaupt an den Zug heranzukommen, da er die ganze Strecke
+laufe ohne Anhalt. Von früh morgens bis abends ohne Station. Blinde
+Passagiere seien bei dieser Kontrolle ausgeschlossen. Nun standen sofort
+zwei Parteien gegenüber. Yup schrie natürlich mit denen, die behaupteten,
+man könne blind fahren. Man drängte zum Austrag, einige schlugen Wetten
+vor. Plötzlich ward es stiller. Nur Yup schrie noch. Innerlich dachte er
+nicht daran, es zu tun, was er in der Möglichkeit der Ausführung
+verteidigte. Einige versuchten, ihn auf seine Behauptungen festzunageln.
+Yup lacht noch scherzend. Da fiel wo das Wort »verlobt«. Und mit einem Male
+stand wie eine Fahnenstange aufgerichtet die Tatsache da, daß Yup fahren
+würde. Daß er die tausend Meilen fahren werde als blinder Passagier gegen
+den simplen Einsatz von hundert Dollars. Mehr als dreihundert war die
+Strafe, wenn man ihn erwischte, und einige Tage Gefängnis dazu.
+
+Yup Scottens ging den Abend zu Miß Laura, küßte sie auf das Haar und dann
+auf die Augen und sagte ihr, daß er am Morgen mit dem Zug verreisen müsse
+für ein paar Tage. Dann schlief er auf seinem Sofa ein wenig, bis die
+anderen kamen. Sie machten aus, daß einer in dem Expreß, der dem Postzug in
+kurzem Abstand folgte, nachfahren solle. Hatte Yup die Endstation erreicht,
+ohne gesehen zu sein, und den Zug ebenso verlassen, hatte er gewonnen.
+
+In der Dämmerung gingen sie an sechzig Meter von der Station am Gleise
+entlang und legten sich hin. Yup kauerte sich etwas weiter an den Damm und
+legte das Ohr auf die Erde. Ganz langsam wickelte der Zug, der sehr groß
+war und den drei Lokomotiven zogen, sich aus der Halle und setzte gerade
+bei Yup die erste Geschwindigkeit ein. Yup hatte seinen Rock ausgezogen, um
+freie Arme zu haben. Yup trug damals noch einen Rock, aus dem ein Stück
+blitzendes Hemd herausschaute mit Knöpfen drin, wie ihr es bei den Herren
+seht, wenn wir im September zur Kommission hinunterreiten. Er warf ihn dem
+Partner zu, der ihn im Expreß verfolgte, und griff fest nach dem Ende eines
+Wagentrittbretts. Dann machte er eine Drehung und saß darauf. Der Zug raste
+bald, Yup hing am Brett, dann legte er sich längs auf den Bauch, aber
+trotzdem blies ihn der Wind fast herunter. Er sah, daß er so nicht bleiben
+könnte. Später würde der Zug noch rascher fahren, in einer halben Stunde
+würde es hell sein und von jeder Station würde er signalisiert werden.
+Stöhnend und ohne Atem vor Wind schob er sich vor. Er preßte sich fest auf
+das Holz. Keine Muskel durfte nachlassen. Das Gesicht strich, während er
+vorwärts kroch, den Schmutz von dem Trittbrett, ein Splitter stach ihn in
+die Wange. Plötzlich wurde der Zug in eine Kurve hineingerissen, und Yup
+flog nach vorn, die Beine fielen seitlings herunter, blieben aber auf einem
+Reifrahmen stehen. Den Augenblick benutzte er, einen der Bügel am Ende des
+Waggons zu fassen und sich anzuklammern. Die Beine ließ er los und schwebte
+sekundenlang an den Armen zwischen zwei Wagen, den Körper mühsam angezogen.
+Er schnellte einige Male mit den Füßen nach den Puffern, bis er sie
+erreichte, griff mit den Händen nach und stand nun auf der Kuppelung
+zwischen zwei der langgestreckten Waggons. Der Wind belästigte ihn nicht
+mehr.
+
+Rechts und links waren an den Wagenseiten ovale Haken, die dazu dienten,
+die Züge heranzuziehen. Er steckte die Arme hindurch, daß die Ringe, ihn
+haltend, in den Achseln saßen, mit den Füßen stand er auf den Puffern. Der
+Zug lief hundertzwanzig Kilometer die Stunde. Yup dachte, es die zwölf
+Stunden schon auszuhalten.
+
+Yup hatte sehr viel Kautabak mitgenommen und kaute stundenlang. Mählich
+fühlte er aber, wie das Blut ihm in den Armen stockte und ein Schmerz ihn
+in den Rücken stach. Doch er kaute weiter. In der Nähe der Stationen zog er
+den einen Arm aus dem Ring und bückte sich ein wenig, als schaue er nach
+der Federung des Wagens. Dann sah er jedesmal, wie längs dem Wagen hinter
+ihm eine große Gabel vorschoß und die Postsäcke, die wie an Galgen hingen,
+packte und einzog. Nie hielt der Zug.
+
+Gegen Mittag merkte Yup, wie ihm die Augen zuklappten. Er trat von einem
+Fuß auf den anderen, er stampfte auf, bog sich in den Kniekehlen -- langsam
+fielen die Augen zu. Nun stieg Wut in ihm auf. Aber der Schlaf war stärker
+als er, Yup fühlte es genau. Wenn er einschlief, fiel er herunter, das
+wußte er. Ganz zuletzt, schon halb bewußtlos, fiel ihm ein Ausweg ein. Er
+löste seinen Gürtel und knotete damit mühselig eine Fessel um die Hände,
+nachdem er die Arme durch die Ringe gesteckt hatte, Jetzt konnte er
+unmöglich mehr abstürzen und schlief ein.
+
+Manchmal wurde er wach, dann schlief er wieder. Es wurde kühler. Ein Druck,
+als hätte er blutige Ränder um die Schultern, zwang ihn endgültig
+aufzusehen. Auch im Genick fühlte er nun Schmerzen. Sofort fing er an, mit
+den Beinen aufzutreten. Er atmete auf, als es ging, wenn auch schwer. Doch
+die Bewegungsmöglichkeit der Arme schien ganz gehemmt. Eine Stunde, noch
+länger, wippte er mit den Achseln auf und ab, hob sich auf die Zehenspitzen
+aus der Spannung der Ringe heraus und wieder zurück. Endlich merkte er, daß
+Blut wieder sickernd und schwach den Oberarm hinunterfloß. Es war höchste
+Zeit. Mühselig löste er den Riemen von den Handgelenken, als er die Finger
+einigermaßen wieder bewegen konnte.
+
+Es war wirklich höchste Zeit, Boys! Denn es war Abend. Denkt an den
+Indianer, der den Büffel, auf dessen Rücken geschnürt er hinausgetrieben
+war, qualvoll geblendet und, die Finger in seine Nüstern vergraben,
+tagelang erdrosselt hatte -- und den wir schier verhungert an den Hügeln
+fanden . . . so ähnlich ging es Yup. Der Zug raste. Die Lokomotiven wurden
+im Fahren gewechselt.
+
+Endlich, endlich pfiff die vorderste Lokomotive. Die beiden anderen
+folgten. Der Zug lief langsam. Er stand. Endlich stand er.
+
+Yup ließ sich herunterfallen. Voll Öl und Schmutz, schwarz, blutend im
+Gesicht, schien er ein Heizer. Er sah schon lange nichts mehr, die Augen
+brannten scharf, er fühlte nur ein heftiges Zucken im Kopf. Trotzdem ging
+er mechanisch in das Restaurant, setzte sich auf eine Bank und spie seinen
+Kautabak aus. Dann erst fiel er um.
+
+Drei Tage schlief er im Lazarett. Am vierten ließ er nach dem Partner aus
+dem Expreß fragen. Er hatte ihn noch nicht besucht. Ärgerlich, daß er nicht
+zu finden war, telegraphierte Yup nach Geld und fuhr am fünften zurück --
+mit einem Elektrisierapparat, den er jede halbe Stunde an seine Schultern
+setzte.
+
+Er schellte am Hause seiner Braut, der er telegraphiert hatte. Die
+Verwandten prallten zurück. Das Mädchen lief fort und schrie. Man war
+verlegen. Plötzlich brach die Mutter der Braut in wildes Weinen aus. Nun
+sprach sie leis, aber es schlug grausam auf Yup herunter.
+
+Der Expreß war entgleist. Eine Weiche war herumgeworfen worden, aber sie
+hatte zu spät funktioniert. Der Postzug, dem natürlich der Anschlag galt,
+war schon vorbei, der folgende Expreß sauste die Böschung hinunter. Unter
+den halbverbrannten Leichen ward eine als die von Yup Scottens nach einer
+aufgefundenen Brieftasche legitimiert. Es war Yups Partner, der Yups Rock
+trug. Der Telegraph brauste, die Namen der Toten standen an allen Mauern.
+Währenddem schlief Yup, mit gefesselten Händen zwischen den Wagen, hängend
+wie ein Sack. Miß Laura war nicht ohnmächtig geworden, als sie hörte, Yup
+sei tot. Aber sie sprach nichts mehr. Sie erkannte niemand mehr. Auch Yup
+nicht, als er zu ihr sprach.
+
+Yup streichelte sie und sagte zu ihr, daß er Yup sei. Vielemal erzählte er
+ihr alles. Er erklärte ihr den Irrtum. Dann ging er tagelang weg, als sie
+sich nicht rührte, und brütete und wollte sich töten. Denn Yup spürte, daß
+er schuld sei. Hätte er ihr erzählt, wie es wahr war, von der Wette (Laura
+hätte ihn lächelnd gewähren lassen, so bitter sie nach seiner Abfahrt
+geweint hätte, aber er wollte ihr keinen Kummer machen), hätte Laura
+gewußt, daß die Nachricht von seinem Tod irgendwie ein Irrtum sein müsse.
+So hatte durch seine Unaufrichtigkeit sie das überganglose Begreifen des
+Verlustes wie eine Faust mitten in ihr Gesicht getroffen. Yup dachte aber
+auch, daß er nicht hätte zu wetten brauchen, daß er es wegen Laura
+vielleicht nicht hätte tun dürfen (darüber war er sich allerdings nicht
+ganz klar, denn Laura hatte ihn immer angehalten, den Instinkten seiner
+Kraft nachzugehen, wohl weil sie fühlte, daß ein Versagen ihn dumpf auf die
+Dauer und ungleichmäßig ihr gegenüber machen würde), und er fühlte, indem
+er überlegte, daß er nur gewettet hatte, weil einer wegen seiner Verlobung
+seinen Mut bezweifelt hatte. »Verlobt«, hatte einer gerufen, und Yup sann
+so lange über den Klang der Stimme, bis er wußte, daß es Gerd Robinson war,
+der so gerufen hatte, aber als er mit dem Revolver zu ihm ging, erfuhr er,
+daß Gerd verschollen sei seit dem Unglück. Später fand man ihn.
+
+Yup ging nun wieder zu seiner Braut, legte ihre Hände zusammen und sagte
+ihr wieder alles. Boys! ich hoffe, daß keiner lacht, denn es wird dunkler
+und ich kann eure Gesichter nur undeutlich noch sehen, Boys, -- Yup
+Scottens setzte sich in die Knie und beugte sich nach dem Ohr seiner Braut
+und flüsterte weinend, sie solle ihm verzeihen. Laura! stammelte er, ich
+bin Yup, ich lebe.
+
+Aber sie sah starr gerade aus.
+
+Tagelang saß Yup bei ihr. Manchmal sprach er lange kein Wort. Dann rief er
+ihren Namen. Stundenlang rief er: Laura! Wie ein grüner Papagei schreit,
+rief ers. Da nahm man sie weg von ihm; eines Nachts, ohne daß, er es
+merkte. Nach ein paar Tagen verschwand auch Yup. Er schlug sich in unsere
+Gegenden.
+
+Einmal vor zwei Jahren war er einige Wochen verschwunden. Mitten in der
+Biberzeit geschah es, und Yup verlor die Hälfte seiner Jahreslöhnung.
+Damals war Yup noch einmal bei ihr. Niemand wußte es. Es war damals, als er
+nachts oft lachte und den Mestizen durch das Fenster erschoß.« -- -- --
+
+Man solle nicht zu viel an dem Feuer schüren. Es brenne von selbst. Ralf
+solle mehr algerischen Tabak geben. Die Pfeife sei aus. Er brauche das
+Bowie-Knife da drüben. Danke.
+
+Es sei ganz dunkel geworden und doch noch so früh. Morgen werde man wund
+und schweißig vor Arbeit in der Kälte. Gut, daß die Pferde nicht so eng
+gepflockt seien. Tim Porker solle, verdammt und zum letztenmal, das Maul
+halten. So wahr er ihn kenne, er setze ihn zu seinen Stiefeln hinaus, bei
+Gott, in den Schnee.
+
+Ob einer wette, daß Yup nicht in vier Tagen da sei -- -- --
+
+Keiner?
+
+Man solle die Tür aufmachen!
+
+Weiter!
+
+Man solle die Tür ganz weit aufmachen!
+
+Maßlos flockte der Himmel auf das bleierne Land.
+
+Ende
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN ***
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
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+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
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+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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