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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/31376-8.txt b/31376-8.txt new file mode 100644 index 0000000..6a66742 --- /dev/null +++ b/31376-8.txt @@ -0,0 +1,4307 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die sechs Mündungen + Novellen + +Author: Kasimir Edschmid + +Release Date: February 23, 2010 [EBook #31376] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + +Transcriber's Note: +Double quotation marks have been encoded as » and «. The Table of +contents has been moved to the front of the book. + + + + + +Die sechs Mündungen + + + +Novellen + +von + +Kasimir Edschmid + + + + +Kurt Wolff Verlag + +Leipzig + + + + +Zehntes bis zwanzigstes Tausend + +Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig + + + + +Hof- Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar + + + +Diese Novellen, die die sechs Mündungen +heißen, weil sie von verschiedenen Seiten +einströmen in den unendlichen Dreiklang +unsrer endlichsten Sensationen: -- des Verzichts +-- der tiefen Trauer -- und des grenzenlosen +Todes -- sind geschrieben zur einen +Hälfte im Herbst Neunzehnhundertdreizehn +und im folgenden März zum anderen Teil. + +Sie sind gewidmet dem + +Doktor Heinrich Simon + + + + Inhalt + + Der Lazo . . . . . . . . . . 1 + Der aussätzige Wald . . . . . 33 + Maintonis Hochzeit . . . . . 69 + Fifis herbstliche Passion . . 99 + Yousouf . . . . . . . . . . . 129 + Yup Scottens . . . . . . . . 201 + + + + +Der Lazo + +Raoul Perten verließ das Haus. + +Seine Füße stiegen die Treppe herunter, er fühlte es und die Bewußtheit des +mechanischen Vorgangs erfüllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl keine +Erregung in diesen Tagen vorangegangen war, und dies erstaunte ihn ein +wenig. + +Es hatte ausgeregnet, die Erde strömte nach den Umwälzungen des Gewitters +aus aufgerissenen Ventilen dankbaren Geruch in die Höhe. Zwischen den +gelben Kieswegen lagen kleine schrägsteigende Dampfwolken, und die +wassergefüllten ungeheuren Dolden der weißen Fliederbüsche betteten sich +schwer, geneigt und getrunken in das Feuchte der Blätter, und als einziges +Geräusch klang das Rieseln seiner ablaufenden Tropfen in der Luft. + +»Das ist alles so einerlei wie ungerecht,« sagte Raoul. »Wenn ich dies so +durch die Nase ziehe, überjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines +maßlosen Flugs. In fünf Minuten aber ist das vorüber und ich weiß nur noch, +daß wir den Abend zu sechs Gängen soupieren, daß Onkel den Louis Schütz +mitbringen wird, daß Blumenthal morgen (was macht es mir?) seinen zweiten +Rekord feiern wird, übermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella mit dem +Russen verschwindet. Und was geht das Wissen da all mich im Grunde an +. . .? Onkel hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, daß man ihn den +Abend drum feiert. Der Präsident wird gegen zwölf wie gewohnt seinen Witz +erzählen. Rosenheim lacht durch die Nase. Mella wird im Orpheum meinen +leeren Platz sehen, sich ärgern oder freuen oder auch nur erschrocken sein. + +Fiele ich dort an der Straßenecke in einen gewaltigen und (oh!) +varietègrünen See oder sauste ich in einen grandiosen Backofen -- -- -- es +wäre objektiv ganz gleich, ich würde mich in dem einen Falle nicht mehr +erstaunen als in dem zweiten oder andere Bewegungen machen, man würde die +Tatsache als eine kleine zwischenakthafte Sensation anständig, vielleicht +graziös aufarbeiten -- -- -- ohne viel Verwunderung . . . nur Onkels +bedauernswerte schwarze Glacès würden einige Tage lang steigen und sinken, +monoton und heftig wie Pumpenschwengel . . . -- Doch dieses +Möglichkeitsausdenken ist sehr langweilig. Monologe sind literarisch. Die +Geste ist verwundert -- alt und blasiert. Bin ich blasiert? Bestimmt? +Ehrlich? Nein! Wenn ich am Sonntag reite, den Dreß spüre, das leichte +Keuchen höre aus der Gurgel des Gauls und von seinem Mundschweiß beschneit +dahänge zwischen Zügeln, Rücken, Gegnern und Welt -- -- -- weiß ich, daß +dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist. Auch wenn wir im Auto den Rhein +hinunterrasen und dann quer über Holland und die mitteldeutsche Hypothenuse +zurück . . . dann sitze ich nicht, Beine ausgeklemmt, weit voraus, das Rad +zwischen zwei Händen hebelnd und von Zeit zu Zeit das kratzende Geräusch +des bewegten Vergasers über das Gehämmer des Motors setzend . . . sitze ich +nicht, braun, die Nase wie ein Akzent über dem eingummierten Gesicht mit +dicken hellbraunen Lederhandschuhen auf dem Apparat -- -- -- vielmehr +irgendwo bin ich darüber, in der Höhe, fliegend (doch keineswegs so wie im +Aero: göttlich und doch gebunden!), sondern aus einer großen Ruhe heraus +gewaltig herunterlugend und das Gefühl ruckweise wie Bissen genießend: Das +weiße Netz der Landstraßen, hell, weiß, flimmernd vor Staub, sei eine +Befriedigung, eine stolze Sache . . . die hellen Schläuche führten alle in +eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden Horizont, dessen unermeßliche +Offenheit anzuschauen so etwas sei wie ein Ziel. + +Allein wenn ich nach außen fasse, nach rechts außen, und den Hebel +zurückschmeiße und -- der Wagen steht, so weiß ich: Alle Chausseen seien +doch nur ineinanderfließend und auf das erste zurücklaufend nicht mehr als +ein stumpf machender Kreislauf und eine Schlange, die sich in den Schwanz +beißt. Mein Rücken sofort dann krümmt sich ein wenig wie im gutsitzenden +Cutaway, mein Bizeps erlahmt in dem Ärmel, der wieder korrekt darüberfällt, +sich erst an der Manschette von neuem erweiternd. --« + +Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel straßenweit und haben den +Vorzug, in abenteuerliche Stimmung zu versetzen und den Weg aufs +angenehmste zu verkürzen, da man sich hierbei des Gehens als physischer +Erscheinung nicht bewußt wird. Daher war Raoul Perten schon tief in die +Stadt hineingekommen. Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz vorüber. +Der Wagen leerte sich beinahe völlig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen +Herren schwebte plötzlich über Raouls Gesicht und sammelte seine ganze +Aufmerksamkeit langsam auf sich. Raoul sah eine Hakennase, von der viele +parallele kleine Adern nach den Augensäcken liefen und sich dort in einem +Chaos von disharmonierenden Linien austobten. Die Ohren waren oval, steif, +fast gespitzt und ganz hell. + +»Mein Junge,« sagte dieser Mann. Es war sein Onkel. Sie reichten sich die +Hand. + +In diesem Augenblick, während dieses Vorgangs, der sich täglich in +unzähligen Variationen, der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fünfzehn +Jahre hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion (denn teils durch Zufall, +einigerseits auch aus einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie in +dieser Zeit kaum einen Tag getrennt gewesen), in der schamlosen +Selbstverständlichkeit und Verbrauchtheit dieser Gebärde vollzog sich, die +gewaltigste Umwälzung in Raouls Leben. + +Er stand da, den Stock auf der Spitze seines Schuhs, ihn oben leicht +drehend, die andere Hand im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde +daran gedacht hatte, sagte wie in einem Trance: »Ich werde ein paar Tage +verreisen, Onkel« und diese Worte erstaunten ihn selbst nicht . . . und wie +er ruhig die Scheine einsteckte, nein, wie er sie ergriff mit drei +gespitzten Fingern, als der Onkel sie ihm reichte und ihn bat, doch +jedenfalls den Abend da zu sein und daß er sich überlegen wolle, ob er auch +mitkomme ohne die Frage, wohin überhaupt . . . da spürte Raoul in einer +großen Erregung schon, wie sich neue Dinge in ihm von diesem seitherigen +Leben schon wieder lösten und andere nachbrachen und in der angegrabenen +Rinne der neuen Erkenntnis weiterrannen -- denn er begriff plötzlich, daß +diese gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur irgendwie seinem +Bizeps korrespondiere, und Mißverhältnis zwischen seiner Situation und +seiner Anlage und Natur klafften ihm klar auseinander. + +Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol zusammen (»Ja! wie +Stanniol« lachte er) und steckte sie in die Tasche. Er wartete, bis des +Onkels Gang, der selbstbewußt und sehr nach außen war, nicht mehr sichtbar +blieb. + +Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege nach Hause. Wie er die Treppen +hinaufsauste, empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens. Wie sollte +er die Existenz seiner Beine im Bewußtsein haben, wo er lief! Er kam bis +unter das Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den Scheinen und legte +sie ganz sachte in ein großes Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und +setzte mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand kam, trotzdem er seit +der Kommunion nie so hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte Spinne +darauf. Worauf er lachte, ein Stück die Treppe hinabstieg, plötzlich +niederkniete auf beide Knie und vor Entzücken einige Male in die Hände +klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach Geld, die im ersten Stock +lagen, packte, was er fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen herunter. + +Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen Zweig von der alten Vogelbeere +und behielt ihn, leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging er. Ging +ohne Erregung, Posse, Sentimentalität. Ging wie ein Passant, der eine +stille Gewißheit hat oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch +nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von einer Stelle, die einem so +vertraut und dadurch so entfernt geworden ist, daß es selbst eine +fabelhafte seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die Komödie einer +Traurigkeit einzureden. Es war ihm, er sehe seines Onkels Schatten über +eine Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein. Er kam auf die +Straße. Da stand eine Laterne, die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen +hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter. Aus einer Abendschule +strömten Kinder, und wie er sah, daß sie begehrlich vor einem kleinen +Bäckerladen standen, kaufte er einen Arm voll klebrige Sachen und warf es +über sie. + +Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn er eilte übermäßig, weil ihm +keineswegs klar war, wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er, und +das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat aus und nahm ihn über den Arm. Es +war dunkel. Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male einen ganz +hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt war, eine saloppe +und originelle Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und er nahm +seinen hellen Mantel, nannte den Menschen seinen Freund und schenkte ihn +dem, der überrascht sich oft verbeugte und vielemals »Sehr geneigt« sagte. +(Er hieß Keybbell und war das an Willkürlichkeiten der Stunde nicht +ungewohnte abonnierte Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf rannte +er weiter und kam an eine Litfaßsäule, die grell erleuchtet war. + +An ihr entschied sich sein Schicksal. + +Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben sogen seinen Blick auf. Seine +Haltung ward mit einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine auseinander +und warf mit einer eigentümlichen Bewegung die rechte Schulter zurück und +ging von dunklen und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden Regen +einer schmalen Wolke hinein, die den silbernen Himmel rasch und scheu noch +überschwamm. + +Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox das Negative des +Mantelverlusts gewissermaßen zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer +neu übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte es nicht, weil ihm +schien, die Zeit der zynischen und geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er +dachte kurz an eine Zigarette. Aber er zündete keine an. + +Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener Brust auf seinen großen +Horizont zu. -- -- -- + +Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck. Zehn russische Polen lagen +im selben Raum mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein feuchtes +Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch zu entschieden war. Denn es war +ihm klar: daß es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten in +irgendwelche Strudel hineinzuwerfen. Daß es vielmehr nötig sei, statt von +einer Mittellage aus unsicher nach zwei Richtungen hin und her zu +schwanken, von ganz unten her und ohne jede Voraussetzung die Welt zu +durchstoßen nach oben hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun und an +sich töten müsse. Das nasse Tuch aber lehrte ihn, daß viel schwieriger wie +die Überwindung größter Leidenschaften der Verzicht sei auf gewohnte +Zivilisierung. Aber er verzagte nicht. Drei Tage darauf nahm er an einem +schmierigen Fest der Polen als Solosänger teil. Sein Bariton ward so zu +etwas nutz, und seine Methode erwies sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen +spielte er täglich Karten mit Hamburger Sträflingen, die noch den +transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes hatten. Er fühlte schon, +daß er steige. Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen hatte. + +Allein seine Haltung viel auf und seine Hände noch mehr. Er beobachtete den +Gang der Matrosen und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel dann die +Unsitte eines Freundes ein, der den rechten Fuß grundlos in einer kleinen +Kurve bei jedem Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit dem +Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf. Seine Hände aber schienen +sofort demokratisch, als er sie einen Mittag lang zum Putzen einer +verschmergelten Maschine großmütig auslieh. Längere Zeit umschlich ihn ein +bärtiger Kerl aus Sachsen und erzählte ihm lange Elendgeschichten in der +Art wie sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei Mark und hörte kaum auf ihn. +Aber er sah gleich ein, daß diese Handlung töricht war, denn sogleich kamen +andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte er auch dies: nahm den Hund +und warf ihn die fettglänzende Treppe herunter. Und hatte nun Respekt. + +Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse zu vollenden, in +diesen Tagen die erste Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte Tiere. + +Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New York. Es enttäuschte ihn nicht, +aber es drückte auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt +gegenüber völlig indifferent. Denn warum sollte ihm das eine größere +Begeisterung oder eine Erweiterung seiner Seele verschaffen, daß hier die +Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren wie sonst. + +Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er bescheidene Straßen sah. +Dort mietete er und dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck. Es gab +zuerst für ihn noch die Schwierigkeit der Sprache, denn von der Schule aus +wußte er wohl, wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht glücklich +mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen erlaubten ihm seine Kenntnisse +noch nicht. Jedoch fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und Bewußtsein +mehr wiege wie planloses Wissen. Er schien Chance zu haben. Da sah er eines +Abends im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht zu fragen, warum. +Er schenkte ihm nur sein Abendbrot, das er in der Hand hielt, und fuhr am +folgenden Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt war ihm zuwider geworden. + +Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen: als Lehrer, +Kindergärtner, Feuerversicherungsagent . . . doch ohne Erfolg. Er begriff, +daß diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie zu bekannt seien, +schlug sich an den Kopf, kaufte einen blauen Leinenanzug und von einem +Nigger eine ölige Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter Schlosser, +Chauffeur und Monteur. Ein Fabrikant fragte einmal: »Kannst du +Milchseparators machen?« Er antwortete, es sei seine Spezialität. Am +nächsten Tag erfuhr er, daß es Blechkonstruktionen seien mit einer +einfachen Mechanik, so daß auf der einen Seite die Buttermilch, auf der +anderen die Butter herausspritze. Er machte am ersten Tag so viel, als die +Mindestzahl der Einlieferung betragen mußte, und bekam für das Stück fünf +Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen weiter fertig. Jeden Tag +hatte er einen Dollar. Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit sei +zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen und deshalb weniger. +Man kontrollierte ihn und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem +Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei Dollars hatte. + +Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er stand auf und fragte. »Auf! +rasch . . .« sagten sie ihm. + +Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt. + +Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er es auch. Ein riesiges +Häuserquadrat stand in Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit roten +Sternen um den Arm, und sie holten überall die Gegenstände des Wertes: +Kassenschränke und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der Inspiration von +Rippenstößen. Man gab ihm fünfzig Dollars dafür. + +Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß auf einer Papierkugel, die +zehnmal so viel wert war. Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die +Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und Umstand seines Lebens von +damals. Er steckte die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche. + +Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen, fünf Tage spannte sich Land an +ihm vorbei, heulte das Dunkel an die breiten Fenster. + +Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er rasierte sich, sprach mit den +Menschen und las. In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den Linden +oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete eine sichere Ruhe aus; doch er +fühlte, daß er, obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden Sausen +sich befinde, das überall um ihn war. Die Bekanntschaften dieser Tage +erschienen ihm interessant wie kaum andere (obwohl er viele kannte, die +faszinierender und berühmt oder bedeutend vor allem waren wie Blumenthal +etwa, der Verse schrieb, Bucheinbände machte und eine Nacht mit einer +ganzen Barbesatzung über Westdeutschland flog). Er empfand eine erstmalige +Anteilnahme an den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten, es +zuckte ihm in den Fingern, von dem zu wissen, was sie ausspie, wohin sie +rannten, was Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff nicht zu. Es +war nicht seine Zeit. Er schnitt alles durch. Stieg aus. + +Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher Haufe Hütten (wie im +geduckten Bewußtsein, nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum. +Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel mit Muscheln besetzt. + +Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen den fuhr er los, drei +Tage lang, im Büffelwagen. + +Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung, und da sie ihm +gefiel, nahm er Stellung als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die +Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau nickte ihm kurz, freundlich +zu. Die Tochter sah ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so dicht, daß +ihr Ärmel den Staub von seiner Schulter fegte. Raoul fand, daß dies seiner +Lage entsprechend sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden gelächelt +hatte, biß er die Zähne zusammen und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte +und ihren Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug. + +Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt: Revolver, Lazo, seidenes +Halstuch. Im übrigen erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über das Leder- +zum Seidenlazo zu kommen, ist die Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt +noch etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich Köstlicheres. +Das ist der Lazo aus geflochtenen Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in +seinen Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins ist, weil er zuviel +säuft und schießt. Denn ein oder zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu +verzichten, um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen dafür, ist eine +Sache, die komplizierter ist als die letzte Wissenschaft oder mit Größe in +den Tod gehn. Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen war stolz +auf ihn, und siehe: breite Silberringe unterbrachen seinen Lauf. + +Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten und nickten ihm zu. Einige +gaben ihm die Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte mit einem knappen +Einknicken der Hüften: »Heinz Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings +selten mit vollem Titel angeredet.« Die übrigen schauten dumm, weil er es +deutsch sagte. Doch Raoul liebte ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das +Originelle der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische +stilisierte Form des äußerlich Verkrachtseins nicht zu. Dagegen schloß er +sich zusammen mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß er im +Augenblick ungefähr im Steigen auf der Höhe angekommen sei, die dieser +Bursche hatte. Nämlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit des Auges, die +den Dingen und besonders dem glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer +bereit und sicher war. + +Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn. + +Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu reiten. Da nahm der Freiherr +die Kugel aus einer Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und schoß +ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein angedrehter Springbrunnen flog das Tier +in die Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der Erde. Wut stieg ihm in +die Fäuste, aber er entkrallte die Hände wieder, faltete sein Gesicht in +Ruhe. Er wußte, er würde in einigen Tagen besser reiten als der Freiherr +und empfand auch dies als Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen. +Aber da die anderen gelacht hatten und das bös war, bat er den Freiherrn, +eine Flasche mit der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt von ihm. +Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe an und hielt sie, und Raoul +bluffte sich damit in alle Achtung und Bewunderung zurück, daß er +seelenruhig zum Hals hinein und den Boden heraus schoß. Und keiner lachte +mehr. + +Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst von der Farm ein Buch. Er hob es +auf. Longfellow: Hiawatha . . . Helen stand vor dem Hause und knotete ihre +Zöpfe auf. Und er vergaß sich und redete das erstemal zu ihr, und gegen +seinen Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene Formen +wieder in ihm auf, und er sprach, daß er das Buch gefunden hätte und daß er +wisse aus seiner frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und daß er es ihr +bringe; denn er glaube, daß es nur ihr gehören könne und fürchte, sie hätte +diesen Verlust als einen besonderen Schmerz empfunden. Und hier sei es nun. + +Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen und ihrem schwer beherrschten +Erstaunen, daß er in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr +sich selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen habe. Er merkte, daß +es in ihm wüte, sah, wie sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem +Körper, grausam und langsam wie Quecksilber sich hebt, bis er die Richtung +seiner Augen traf. Da sagte sie: »Danke.« + +Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus Zorn gegen sich. Er schlief +nachts schlimmer als die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte und +betrank sich hin und wieder. + +Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin, das tat ihm wohl. Sie kam +freundlich, und er wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber sie +nahm ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts, während er von Europa +sprach und sie Washington dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in einem +Pensionat interniert war, und sie sprach französisch und er entgegnete +ebenso, doch sie fragte ihn nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch +leichte Aufträge, halb Wünsche mehr mit ausgeprägtem Akzent. Einmal sah er +den Freiherrn sich wo beschäftigt machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob kaum +die Schultern. Wie konnte der sie etwas angehn. Und Raoul liebte das +Grenzlose dieser Verachtung und haßte sie darum gleich. Denn sie war über +ihm und der Geist seiner Kaste saß in ihm. + +Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse des Verhältnisses, das +zwischen geschenktem Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte (und der +Teufel lasse sich von oben her unverdiente Sentiments schenken!), und der +Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens hin und her vibrierte. Da gab es +einen Tag, wo sie die Sache klärte, indem sie ihm mit ihrem Stolz wie mit +einer Gerte über das Gesicht schlug. + +Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt mit ausgesprochen +weichen und feinen Formen und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur. +Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie erfreut, klopfte dem +zitternden Tier den samtenen Hals und schien dankbar, bis sich im +Weiterreiten eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer hochmütigen +Bewegung ihren Lazo ihm hinüberschnickte und mit geschärfter Stimme sagte +(und verzogenen Lippen): »Sie können ihn haben. Da! Er taugt mir doch nicht +mehr.« + +Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal wieder rote Wallungen +sein Gesicht zudeckten, er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte, ritt +davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß es ein Ziel sei, sie zu besitzen, +sie zu gewinnen. Gott, wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie +er sich freute, daß er heruntergeschmissen war von ihrem achtungsvollen +Interesse, in dem alle Handlung ihm gebunden war. Nun lag alles an der +Gewalt seiner Hände. + +In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers aus England auf die Farm. +Er hatte in New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen sehen. Er hatte +vor, zwei, drei Wochen zu bleiben, ward aber nach ein paar Tagen schwer +krank. Die gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim rissen eine Stange +aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig Stunden hindurch. Dann waren sie +wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie den Arzt, an der Stange +zwischen sich die Apotheke. Die Krankheit war jedoch nicht schlimm. + +Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. Vielleicht hatte sie auf ihn +gewartet. Sie war ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen. Dann blieb +sie doch stehen und sagte mit einer Stimme, die so beherrscht war, daß die +Verzweiflung aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten pfiff und mit +einer Kälte, die kaum die Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies +zugestoßen sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen . . . Sie +stockte, denn sie empfand, daß sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle. +Und stotterte, daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen würde +. . . aber . . . nein . . . das . . . sie könne es ihm nicht sagen. Raoul +begriff, daß es Zorn von ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu +kommen, denn sie hielt ihren Stolz allein durch die Möglichkeit einer +solchen Sache beschämt, aber er wunderte sich nicht und fragte nicht: warum +sie das ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel, warf dem +Freiherrn die Schlinge über und schleifte ihn ein Stück. + +Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte er einen Schuß und die +Kugel. Zwei Tage darauf ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die +Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne gekommen und hatte ihm den +Schenkel gestreift. Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab, fand +aber nichts. + +Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht, ehe er nach den +Weideplätzen des Freiherrn ritt, nahm er Blei und Papier und schrieb seinem +Onkel, er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst dazu komme, ihm zu +schreiben, er sei jedoch sehr beschäftigt gewesen und habe die +unmaßgebliche Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen. Er sei +übrigens in Amerika, momentan wenigstens, für den Fall, daß der +Präriestempel unleserlich sei. Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort +ebenfalls unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche des Onkels, etwas für ihn +zu tun, womit er ihn das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe, gar +nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne Bedürfnisse sei. Vielleicht +nehme er aber ihm zuliebe die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach zu +kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem Haus befinde, dort am +dritten Dachfenster aus dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu +töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei präzisierten Wert an +seinen Freund Jim zu schicken. Jim sei nämlich ein entzückender Mensch, +Gourmand, und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun. Woraufhin sich der +Onkel vielleicht entschlösse, die Gegend einmal zu besehen. Leider werde er +voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!) nicht mehr dort antreffen +seinen Neffen Raoul. + +Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. Wieder traf er Helen. Er +hatte wegen seinem Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich, daß es ihr +aufgefallen war. Sie war entschieden verlegen und hatte Ringe im braunen +Gesicht. »Wohin . . .?« + +Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. Ganz ziellos und groß ins Weite. + +»Vielleicht -- das wollte ich sagen -- reiten Sie für diesmal mein Pferd. +Ich kann heute nicht reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen +. . . und dann (ihre Hand erschien hinter dem Rücken) . . . dann . . . +nehmen Sie etwa auch meinen Lazo mit -- ?« + +Raoul zögerte. + +Sie: »Ich -- bitte.« + +Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war das beste Pferd im Umkreis. Wie +leicht ihr Lazo war! + +Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten sie, einander jagend, +einen großen Pferdetroß. Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken Keilen +zwischen sie. Sie konnten nicht schießen. Die Lazos peitschten die Luft. +Plötzlich riß zwischen den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch. +Raoul spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in die Beine strömte unter dem +Druck der entsetzlich pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust +einschnürte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde. Die Arme waren +angeschnürt, er konnte sie von den Ellenbogen ab erst bewegen. + +Es genügte. Eh' der Gegner anzog, ihn zu schleifen, zielte er, stemmte das +Knie hoch, schrie etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel +mitten durch den Kopf. + +Dann setzte er sich auf das Gras und schlug die Beine zusammen. Das da war +ein Duell im Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte, was das sagen +wolle, daß Helen ihm Pferd und Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr +reich werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten, wenn er nach Süden +ritte. Und sie war schön, war stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie +liebe. Aber es schien ihm, daß er dann wieder da angelangt sei, wo er +ausgegangen. Kein Himmel werde seine nächtliche Lockung über ihn wölben. +Der Himmel würde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut. Das Leben würde +nichts mehr zum Steigern für ihn haben. Er begriff in einer qualvollen +Sekunde, daß er für dieses Leben und seine Ansprüche verdorben sei, weil er +mit einem satten Punkt eingesetzt und mit einem Ende begonnen habe, und daß +nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich selbst höher zu werfen und +weiter zu steigern, und er begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so +weiter ungebunden und von unten weiterstoßend möglich sei. + +Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen, daß er über Helen +hinausmüsse und ihre Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre +Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem, das ihren Trotz und ihre +Erschütterung färbte . . . Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die +Lider lange darüber. Dann erhob er sich. + +Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe, daß sie schnaubend allein +nach Hause lief. + +Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein, daß er nun, wo diese +Schmerzlichkeit weiter über sein Leben hinaushänge, das Alte und +Schwermachende nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich kamen Zweifel, ob +alles dies, was so qualvoll an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht +doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen bestehe, die sich +ineinanderfließend wiederholten im Hochhinaufgerissenwerden und in der +Müdigkeit. Aber er schüttelte sie ab. + +Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein wildes Pferd, bändigte es und +sprang darauf. Der Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen +geflochten und mit Silberringen breit geschmückt. Raoul Perten ritt nach +Norden zu. Und ritt und warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt +aufwärts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in den Schwung eines +maßlosen Trapezes und ließ den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen +um seine Hände fahren -- -- . . . und ritt auf ein Stück Himmel zu, das +sich wie ein blaues Dreieck zwischen zwei Hügel hineinbohrte und über dem +ein Horizont aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden Rotunden +kreisend wie ein von Rätseln durchstochener Schild. + +Der aussätzige Wald + + Benoit de St. More: + Ceste historie n'est pas usée + + +Jehan Bodel, Sire d'Arras ritt durch den Wald. + +Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung keine Waffen außer dem +kleinen damaskenischen Messer im Gürtel. Seine Arme hingen laß auf beiden +Seiten des Sattels herunter. + +Nach zwei Stunden pfiff es scharf. + +Aus einem Gebüsch sauste ein Knäuel Menschen den Abhang herunter in die +grelle Sonne. Einige hielten Keulen aus Holz in den Fäusten. Der vorderste +tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig hochschnellend. In seiner +linken Hand drehte sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere, +deren Finger aus dem Fleisch herausgekrochen waren und die am Knöchel zu +einem dicken roten Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges Schwert. +Alle waren von furchtbaren Fetzen schmutzigen Tuchs umhängt. Geschwülste +und Narben fraßen sich durch die Gesichter der meisten. Langsam rollte +etwas die Böschung auf allen Vieren ihnen nach herunter, hob sich mit +langen weißen Haaren, stand ehrfürchtig zögernd, die Hände in Bewunderung +und Tasten hebend und streckte zwei rote leere Augenhöhlen mitten in das +stechende Licht. + +Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war zu klein. Sein Blick fuhr +herum. Nichts war im Bereich seiner Hände. Er trat einen Schritt zurück und +spie aus vor Wut. + +Die Männer krochen wie Spinnen auf ihn zu. Ihr Anführer umtanzte ihn +lautlos mit gierigen Sprüngen. + +Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde, hieb drei Kerbschnitte in den +Oberschenkel, drehte das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar der +Angreifer, ging zurück, streichelte rasch das schreiende Tier über Maul und +Hals, tötete es und schritt lässig, hochmütig den freien beschienenen +Waldweg weiter. + +Es bewegte ihn ein Gefühl: Zorn, daß er keine Zeit hatte, das Maultier zu +töten, eh' er es verwundete. Er dachte nicht daran, daß er auf ihm hätte +fliehen können. Jehan floh nicht. + +Kam am Mittag nach Erigny, wo großer Markt war. Viele Auslagen färbten den +Platz bunt, und ein erschütternder Tumult bewegte sich über die Straßen. +Jehan stellte sich auf eine Tribüne mitten im Platz, und als Ruhe war und +Kopf an Kopf gesät sich gegen ihn schoben, verhieß er, vor Ekel +geschüttelt, jedem, der im Wald einen Aussätzigen erschlüge, zwanzig +Denare. + +Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug, einen schneeweißen +Hühnerhund und eine Stute, deren Schweif den Boden peitschte. + +Er ließ alles an seinen Gasthof bringen, bestellte Spielleute und aß. Als +er seinen Lieblingsfisch auseinanderlegte, schob sich ein Mönch durch die +Tür und suchte zu Jehan zu kommen. Doch der Wirt spreizte die Arme und +drückte ihn zurück. Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der Mönch +bestand darauf und schwur lang und laut bei St. Vinzenz, bis Jehan +aufmerksam ihn herbeiwinkte. Bis auf zwei Meter, denn er wünschte nicht, +von seinem Atem belästigt zu werden. Der Mönch schlug ein Geschäft vor. +Jehan aber machte eine so abweisende Geste, daß er zu winseln begann und +schwur bei den runden Blutstropfen von St. Morant, Jehan werde nächtelang +aus Reue seine Brust schlagen. Und wie er von dem gesättigten und +zufriedeneren Mund des Gegenübers die herbe Strenge abfallen sah, stieß er +hastig einen Schritt vor und sagte leis etwas. + +Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mönchs Fratze bedeckte sich aber mit +einer fetten Vertraulichkeit und sagte und schwor bei dem Leibe der +heiligen Afflise, die Ware sei gut. + +Jehan lachte ungläubig und edelmännisch und folgte ein wenig +zurückgestoßen, mehr aber neugierig. Sie überquerten den Hof, schoben einen +Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall . . . dann riß der Mönch +eine verborgene Tür auf. + +Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein schräg in die Mauer gerammtes +Bett enthielt, auf dem ein Mädchen kauerte in südlicher Haltung, von +vielleicht siebzehn Jahren, die sich nun zu einer adligen und beschämten +Haltung erhob und eine rührend große Schönheit entfaltete. Der Mönch wollte +ihr die Tunika abziehen, allein Jehan wies ihn zurück, verbeugte sich und +fragte, wie sie heiße. + +Sie sagte: »Beautrix« und sagte es in limusinischem Dialekt, dessen dunkle +Schwingung Jehans Ohr entzückte. Sie hatte eine so schmelzend weiße Haut, +daß sie unmöglich aus der Provence sein konnte. Der Mönch sagte: Aus +Byzanz. + +Da kaufte Jehan sie ohne Prüfung um zweitausend Denare. + +Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen aus der Stadt. Jehan +sprach nichts zu einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein wenig hinter +ihm. Plötzlich kam ihnen Gebrüll entgegen, schäumende Rufe spritzten durch +die leere und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag vom Huf der +Tiere durch den mahlenden Sand. + +An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession an ihnen vorüber, Männer, die +Fahnen trugen, schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit Säuglingen +an den strotzenden Brüsten, Greise, die ihre müden Glieder vorwärts +schnellten, und alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den Arm um die +Weiber geschlungen und sich in sie verkrampft, Mädchen liefen mit gelösten +Haaren und ließen sie vom Wind hinter sich aufbäumen, in die Männer wieder +ihre Gesichter tauchten . . . und alle sausten singend und schreiend mit +stampfenden Sprüngen vorbei. + +Beautrix errötete und wandte den Kopf, als der Zug vorbeischoß. + +Da wußte Jehan, daß er einen guten Kauf getan. Er schnallte seine Bügel +hoher und hob sie herüber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier mit +Gelächter, lachte, küßte sie und rannte mit ihr durch den Wald. Die Hunde +jagten vor ihm. + +Er dachte nicht an die Aussätzigen. Denn er fühlte, wie die Glieder von +Beautrix heiß wurden. Noch einmal küßte er sie. Da war es schon dämmerig +geworden. Der Hühnerhund sprang vor ihnen hin wie ein weißer Strich. + +Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen Bogen gleich einer +Augenbraue. Dumpf rauschend wie zwei Fledermausflügel zogen sich die Tore +von Arras im Abend hinter ihnen zusammen. + +Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise und sagte es so zu Beautrix. +Denn Jehan Bodel war (ohne daß er die kleine und falsche Schäbigkeit +beging, es in seinem Leben auszudrücken und ohne daß es aus seinem Tun +bewußt nur in einem Funken erhellte) der größte Dichter der Pikardie. + +Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen auf seinen linken Arm, +und indem er sie mit dem andern an der Schulter stützte, trug er sie in ein +großes getäfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures Bett stand, und sagte ihr, +daß dies ihr Eigentum sei. + +Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer Dame im Westen der Stadt, +der er dort ein Haus unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame sei in +der Kirche, und er kam gerade recht, als sie die Abendmesse verließ. Er +nahm sie und ein paar Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trübe Schenke +in der Ecke des Platzes. + +Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das sie allein hatten. +Holzpritschen mit Teppichen belegt umliefen die Wand und schlossen einen +Kreis um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der Boden war mit +leuchtend gelben und weißen Platten belegt. Es roch nach Wein und Rosen. +Jehan ließ gemischten Wein kommen und nahm seine Dame neben sich. Eine +Stunde später kamen noch einige Männer. Die Weiber lagen auf den Bänken und +sangen. + +Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten. Eine Rote erzählte, die Zähne +fletschend, was ihr ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie möge die +Haare kürzer schneiden und als Mönch bei ihrem Orden eintreten. Und ob sie +sich dann auch die Haare blond färben und den Namen »Innozenz« annehmen +würde, fragte ein junger Mann . . . worauf sie beleidigt tat und ihm ihr +Glas zwischen die Busenkrause goß. Ihm aber dann sich auf die Knie warf und +ihn reuig in den Ohrlappen biß. + +Jehan ließ Gewürze in den Wein kochen. Sie tranken stark und lachten. Die +Weiber schaukelten auf den Pritschen und lallten Gesänge und Lieder +durcheinander. + +Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen, die ihm Stellung und +Temperament zur sonstig mittelmäßigen Erfreuung -- mehr geduldet in der +vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen -- machten, ließen ihn grenzenlos +öd. + +War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm des Zimmers ein fremder Duft +wie von Frauenhaaren, die er kaum kannte, an seinen Händen schwebe? + +Er begriff die Wandlung, faßte das Unbehagen nicht ganz in seinem bewußten +Grund, aber ergriff es in brutalem Wohlgefühl wie die Lösung dieser +Spannung, als er im Lauf des Abends von einer der anderen erfuhr, wie seine +Dame ihn betrog. Und da (siehe) es wiederum ein Mönch war, dessen Schatten +hier seinen Weg kreuzte (nur daß er nahm dieses Mal und nicht darreichte), +lachte alles in ihm über den Ausgleich. Er stellte die Kanne, die seine +Hand gerade umfing, nicht einmal weg, griff seiner Dame mit der Linken ins +Haar und warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch die Tür. Erhob sich +lächelnd und frisch und schenkte das Haus im Westen der Stadt jener, die +zuerst fünf Glas Mischwein trank und ging aufatmend, den Kopf schräg nach +dem Himmel hinaufgelegt, die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht. + +In einer Nebenstraße fiel es ihm ein: er klopfte noch an ein Tor und befahl +einem Händler, dessen Kopf am Fenster erschien, daß er am nächsten Mittag +mit seinen besten Sachen zu ihm komme. + +Die Dämmerung schlug sich durch die Straßen, und mit einem Anheben fingen +alle Glocken an zu schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch sich die +Hände und das Gesicht, stieg in den anderen Stock und öffnete in einem +schmalen Ritz eine Tür. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix und wie ihre +lichten Glieder im Morgen blitzten. + +Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei hinüber, Beautrix zum Essen zu +holen. Es tat ihm leid, wie sie in dem weißen und groben und unreinen +Kleid, das sie am vorigen Tage getragen, erschien. Allein ihre Bewegungen +waren so, als ob sie nichts trüge oder so; als ob sie persische Stoffe über +den Gliedern hätte und wie es Jehan in einer raschen Erkenntnis schien so +in einem; als ob dies gar nichts bedeute für den Adel ihres Wesens. + +Während sie aßen, geschah etwas Seltsames; Jehan, der spürte, wie etwas, je +näher er kam, etwas wie unbewußte und ungekannte Achtung sich zwischen ihn +und die Sklavin schob, sah sie plötzlich in Tränen ausbrechen. Er fragte. +Da wies sie halb lächelnd wieder auf ihren Teller und sagte, daß sie dieses +Gemüse nicht essen könne. Es war Kohl. Jehan lachte sehr. Dann überließ er +sie dem Händler mit den Stoffen. + +Am nächsten Morgen brachte er ihr ans Bett rote Blumen und Steine aus +Alamanda. Den Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa: + + Amic, s'eu vos tenia + Dinz ma chambra garnia, + De ioi vos baisaria, + Qar n'audi + Ben dir l'autre di. + Qant lo gilos er fora, + Bels ami, + Vene-vos a mi. + + +Sie schürzte sich ein wenig und tanzte. Die Flammen zuckten auf dem +Leuchter. + +Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar, das in Brunst war, und +nannte sie: Silberne Drossel -- und blieb und küßte sie. Sie nahm keine +Scham vor ihm und zog sich an, während die ersten Lichtstreifen den Boden +kräuselten. Sie bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete sie. +Vor drei Altären betete sie. Die aneinandergelegten Hände hob sie vor jedem +hoch auf im Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsägliches +ausstreuenden Gebärde. Als sie das Münster verließen, war der Ausgang +versperrt. Eine Frau lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch und +Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze standen um sie und neben jedem +Kreuz eine armlange Kerze mit zuckendem rötlichen Licht. Einige Leute +standen um die Büßende, die nicht aufsah. Beautrix zögerte. + +Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte die Frau. Er nahm Beautrix +auf die Arme wie am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch den +dunkel aufgewölbten Mund der Kirche hinaus ins Licht. Und setzte sie nicht +nieder; trug sie so über den Markt. Als er in die Straße einbog, setzte ihm +schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte er den Kopf: Schwarz, schäumend +stand mit wehenden Armen die Dame vor dem Portal und nannte Beautrix eine +Dirne. + +Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus. + +Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte keine Geschenke. + +Aber wie die Dämmerung die Schatten vom aufgewühlten Gesicht der Beautrix +abpflückte, nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war die ganze Nacht mit +ihr. + +Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix in jeder Frühe seinen Falken. +Manchmal auch: silberne Drossel. Doch dies geschah selten und nur bei +Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen das Fenster äderten und in eine +überhitzte Glut anschwollen. Sie blieben einen kurzen Atem lang zitternd +und wie ein Segel und zum Sprung gespannt in der Öffnung hängen mit +gelbgrünen Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm und bebte ein +wenig. Denn das bedrückte ihr Herz und war ähnlich wie das im höchsten +Entsetzen zerbogene maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer. Das haßte +Beautrix. + +Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy nach Rouen. Als er zurückkam, +erwartete sie ihn lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn die weite +Plaine heraufkommen. Er winkte ihr zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte +ihr aus Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe schnurrte den ganzen +Tag in seinem Bauer aus Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch. Da +warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr eine weiße Blumennische bauen. +Kaufte ihr einen ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und ließ ihr +einen Hengst in den Stall stellen, der weiß war wie seine Stute. Denn ihm +kam es vor, alles müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen, +der ihm einen Falken brachte, der nicht so weiß war, wie er ihn verlangt +hatte. Beautrix' Haut war das strahlende Licht und die ewige Lampe von +Arras. + +Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem Schlaf und holte sie aus ihm +hervor, und Jehan legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße und +zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand bis übers Knie. Beautrix warf +ein kurzes Kleid drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei Sternen. Dann +nahm sie zwei Falken und Jehan nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und +als einer der Vögel mit einem maßlos trunkenen Aufstieg abbog und in den +kühneren Kampf aufstieß und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg und +Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit einem Gesicht, das dies +spiegelnd und das Übermäßige des Tages und dieses sich in das Heroische des +Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, . . . da riß Jehan ihr den weißen, +weiten Handschuh über Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den Unterarm +aus unerträglich geschwellter Liebe. Sie ritten lang durch eine Ebene mit +Weidengestrüpp. Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen. + +Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in einiger Entfernung später an +den Pailletten erkannte, die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem +Augenblick hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen +Handschuh überreichte, indem er ihn lang küßte, während seine Augen nach +ihr langten. + +Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll waren von Jagd und satt und +behängt mit Glanz und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse, die +glänzend und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen vom Gelächter einer +der Frauen. Jehan ritt mit dem Ritter, der Girard hieß. + +Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von Schreien. Aufbäumende, in +wüste lange Schnörkel sich ausgießende Laute röhrten aus der Ecke. Ein Mann +in dicke Tücher vermummt, vor dem Gesicht die Larve, war an einen Pfahl +gebunden, die Arme verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken hin +und her in den fanatischen Konvulsionen eines Berauschten. Sein Kopf stand, +am Hals in einer Klammer gefaßt unbeweglich darüber wie eine Plastik aus +Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten und die Augen, groß, rund und +aufgesperrt sich verdrehten. Über ihm hing eine Röhre, die ein Mann +bediente. Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein Tropfen dampfendes Öl auf den +Schädel des Gemarterten. + +Sie riefen und man antwortete aus einem Haus: es sei Thibaut de Nesle, den +ein Aussatz überfallen habe und den man so strafe dafür, daß er es +verheimlichte und nicht beim ersten Zeichen die Stadt verließ. Da schwoll +Jehans Gesicht vor Zorn. Er erinnerte sich des Todes seines gelben +Saumtieres, das ein Preis war von Toulouse, und er verdoppelte den Einsatz +für den, der einen Aussätzigen im Wald erschlüge und setzte ihn auf vierzig +Denare. Dann warf er den Kopf zurück. Er ritt genau vor den Ritter Girard +und befahl ihm, dem Henker zu sagen, daß er dem an den Piroli Gebundenen +fünfzig Tropfen heißes Öl mehr geben solle auf seinen Befehl. Er sagte es +laut vor den anderen Reitern. Er sagte es laut vor allen Köpfen, die in den +Fenstern liegend, in Kreisen den Platz umschnürten. + +Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge. Jehans Blicke stachen lange in die +des Ritters, bis dieser langsam zusammensank und die Schande auf sich nahm +und zu dem Henker sprach. Als er zurückkam, war er bleich und Tränen liefen +aus seinen Augen. + +Der Aussätzige warf einen Schrei aus der Kehle der aufschwirrte und +hinüberzischte wie ein Pfeil. + +Auch in Beautrix' Gesicht schwebte ein Weinen und ging nieder, als sie zu +Hause waren. Sie fragte, warum er den Hohn über den jungen Mann getan hätte +und zitterte, denn sie empfand, daß er grausam sei. + +Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh aus weichem weißen Leder und +malte mit dem Finger die Stelle, die Girard geküßt hatte und sagte: »Ich +hatte ihn sonst töten müssen.« + +Da empfand Beautrix in einer maßlosen Erhebung, wie sehr er sie liebte, und +sie wusch sich viele Male den Leib mit Moro-Öl und byzantinischen Wassern +am Abend, um ihn beflügelt und festlich zu empfangen und verzehnfachte sich +in den sieben Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff und klar +waren und deren Nächte überstrahlt über sie gingen, heller und furchtbarer +als tausend Gewitter. + +Eines Tages erschien ein provencalischer Sänger und übernachtete in Jehans +Haus. + +In dieser Nacht träumte Jehan Bodel, Sire d'Arras, er gehe durch einen +Wald, dessen Bäume gebogen seien und tönten und sängen. Es war ein Lied, +das ihn schmerzte. Er sah eine gläserne Tonne und floh in sie; sie bewegte +sich, stürzte ab und über ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund +eines Meers. Einige Zeit hörte er nur die klingende Musik des Wassers, das +an dem Glas rieb. Dann kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar nichts +als Meer, und die Endlosigkeit überfiel ihn und eine weite Leere umringte +seine Gedanken, und wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine +Blumenspritze seine Sinne zerstäubte und ihn machte, als schwebe er. + +Mittags ging der Provencale. + +Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der Normandie und wallfahrte nach +San Jago de Compostella. + +Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare schwarz. + +Er reichte Jehan dankend die Hand. + +Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte er. Er nahm den Spiegel +. . . und in die Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen zu einer +Tiefe gehöhlt hatte, ergoß sich abstürzend, ihm neu und ihn zum erstenmal +mit Maßlosem belastend, eine brandende Erkenntnis. + +Jehan legte die Hände auf den Rücken. Ging durch das Zimmer. Stunde um +Stunde. Beautrix klopfte. Er hörte nicht. Sie rief, es sei Nacht. Die ganze +Nacht lag Beautrix allein in dem großen Bett. Der Mond spielte um sie. Das +war ihr neu. Sie griff nach ihm. Sie schloß ihn in die Arme und weinte. + +Jehan Bodel saß einen Tag reglos in einem Erker und sah durch das Fenster +in die Stadt. Er saß auf einer schmalen Ottomane. Reglos standen zwei +Säulen auf beiden Seiten neben ihm. Dann stand er auf, und Schaum lief von +seinem Mund. Er zerriß die schwarzzurückgeschlagene Portiere, schlug mit +einem Damaskener Fetzen aus seinen besten Schwertern und zerbröckelte sie +dann in Stücke, daß seine Hände von Röte brannten. Darauf saß er wieder und +starrte auf die Stadt. Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf der +Erde und rieb sich den Körper mit ascalonischen Zwiebeln. Dann saß er und +schrieb fiebernd. + +Beautrix wartete und klopfte. + +Er gab ihr kein Wort. + +Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, überströmend. Jehan biß die Lippen +zusammen vor Schmerz und damit er nicht weine und sandte ihr lachend einen +Kohlkopf, damit er ihre Liebe tötete. + +Aber er tötete ihre Liebe damit nicht. + +Nach einer Woche schwirrte das Gerücht durch die Stadt und die Umgebung, +Jehan lese am Tage darauf sein neues Chanson. + +Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix ein. Sie lag, bleich, da sie +nicht mehr aß, auf einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem Bett. + +Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn und mit ihm kommen. +Sein Mund war streng. Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wies sie +zurück. Da faltete sich ein Zug Trotz quer über ihr Gesicht, sie spielte +mit dem Knauf des Bettes und regte sich nicht, wie er ging. + +Dann aber lief sie hinüber und schaute durch das maurische Gitter. Er saß +auf der Ottomane wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen Augen +geschmolzen war und wie sie glanzlos starrten . . . Da zögerte sie nicht +mehr. + +Sie schlang den blauen und gelben Turban um die Haare und steckte sieben +Dolche hinein und band an den ersten einen weißen Schleier, führte ihn +unter das Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder an dem siebenten ein. +Dann schloß sie um ihre kleinen Brüste ein weißes Mieder, das dünne +gerötete Zwicken hatte an den Achseln, welche in die Arme liefen mit engen +Ärmeln aus reinem Goldbrokat und zwischen denen die weiße Seide des Rockes +hinunterströmte zu den gekreuzten Schnüren aus Hermelin und dem Passepoil +mit roten und lila Augen. + +Sie gingen zusammen zum Markt. Eine große Masse bedeckte ihn und schob sich +in Reihen durcheinander. Neue Ströme rauschten durch die Tore von außen. +Vereine mit Talaren und ein Priester, der in rotbekleideten Händen eine +Fahne hielt. Einige Partien sangen. Eine Schar Mädchen sang dann +Sommerlieder, und der Rhythmus der Kommenden hakte in sie hinein wie das +abgerissen Zanken von Papageien. + +Jehan ging auf das Gerüst. Hinter ihm stand der figurenvolle, schlündige +Eingang des Münsters, aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grüßte +lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel hing über dem Platz. Lachend +gaben sie ihm den Gruß zurück. Dann wandelte sich sein Gesicht in eine +undurchsichtige Strenge, und er las Li congie de Jehan Bodel d'Arras, das +heißt, er sagte den Bürgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter unter +ihm strafften sich. Sie spannten sich in eine atemlose Erregung. Einer hob +die Hand. Alle hoben die Hand. Ein Sturm von Händen hob an und warf seinen +Willen gegen die Brüstung, daß er bleibe. Und die Gesichter entstarrten +sich und flammten auf in Ekstase und sie schrieen es. Sie tobten und +stürmten vor. + +Da hob Jehan beide Hände zum Hals, hakte sie ein und riß nach zwei Seiten +das Kleid auseinander und stemmte ihrem Schreien seine nackte Brust +entgegen. Er breitete die Arme aus. Auf seiner Haut tanzten blaue Flecken, +und ein rotes Geschwulst durchbrach die Brust. + +Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das Ungeheure. + +Die Arme sanken zurück Das Schreien ward Geheul. Männer rissen Weiber +zurück von dem Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben verknirschte +der Aufruhr und duckte sich. Eins gab es nur: Flucht! --. + +Einer wagte es noch, stieß die Faust in die Luft und brüllte »Pilori«. + +Doch er blieb allein. + +Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter wie im Wasser werde, kam +etwas von ihm her und preßte die Menge vom Platz und warf sie in die Häuser +und Straßen. Zwei trugen Beautrix ohnmächtig. + +Dann ward es still. + +Kein Ton. -- + +Jehan lächelte: Wie in der Tonne. + +Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt nach dem einen. Es war ein Tor +in einem Turm, der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen denen eine +große Glocke hängt. In seiner Mitte quoll ein Auswuchs heraus, formlos +gewölbt, wie ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan sah die Straße +hinunter. Er sah niemand. Darauf schritt er zurück über den Platz nach der +anderen Seite. Kein Auge stand an den Fenstern, die ihn anklafften. Er trug +den Aussatz auf seiner Brust gerade wie ein Schild. -- Hier lief eine +dunkle Passage durch kleine wüste Gassen. + +Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine Ärmel waren eng und trugen an den +Gelenken Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn die Brust offen +lassend, ein dunkelrotes Kostüm um seinen Oberkörper und rann dann unter +dem Gürtel (aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander zu den +Füßen, wo eine breite Pelzsäumung es aufhielt und ein Streifen aus Gold. +Grün waren seine Schuhe. + +So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und hoffte, daß ihn einer +erschlüge. + +Doch es erschlug ihn keiner. + +Sein Haus hatte eine breite Front. In den oberen Teilen lagen große Fenster +mit Säulen. Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den Tag und die +Nacht. Niemand kam. Jehan wartete. + +Niemand kam. + +Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und Reihen von Menschen zogen mit +Kerzen durch die Stadt und zur Kirche. + +Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner Ottomane. Das Zimmer war +verschlossen. Beautrix klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag. Sie +rief weinend Jehans Namen. Sie warf ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte +auf den Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte. Er hörte sie +nicht. Die Tür knirschte kaum. + +Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand das Tor offen an Jehan +Bodels Haus. Niemand kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend schaute +Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor die Tür gestreckt wie ein feines +helles Tier. Später zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die +Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten. + +Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme aus dem Dunkel hervorklingend +unter Jehans Zimmer die Geschichte von Amis und Amile: + +Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich und liebten sich. Da verführte +Amis die Tochter des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen, aber +Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man erkannte ihn nicht und gab ihm +die Prinzessin als Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf sie, ließ +er sie ihm zum Ehebett und ward aussätzig zur Strafe. Aber Amis tötete +seine beiden Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund. -- -- -- + +Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie auf, und am Morgen bot ein +Mönch zwei Knaben an zum Verkauf. + +Jehan lehnte ab. + +An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür mit einem Messer und schälte +Span auf Span heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus Eisen. Die +Klinge brach ab. + +Da legte sie sich stumpf über die Schwelle. + +Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen die Tür, bis sie das Gefühl +ihrer Hände verloren hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es +schien, er schaue auf seine Hände. Da biß sie in das Metall der Klinke und +sank blutend auf den Boden. + +Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die Tür auf in Jehans Haus. Sie +spreizte sich auf, so offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein. +Nacht. Die Nacht war so still, daß das Dunkel brauste. + +Wie . . . ? + +Stille, kein Ton kam durch die Straße. + +Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der Tür, eine Rinne Blut über +dem Kinn. Er sah es. Allein . . . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane +zwischen den Säulen. + +Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er sich. Er ging gerade auf die Tür +und öffnete sie, Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der ersten +Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände mit ascalonischen Zwiebeln, die +die erste Ansteckung verhinderten. Langsam ging er darauf in das Zimmer von +Beautrix. Er roch an den weißen Blumen in der Nische . . . der Kamin +. . . das Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht aus Dijon. Er +empfand wie der Papagei sich regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts +mit derselben Drehung und die Täfelung und die Teppiche aus Palästina +darüber. Er zündete Lichter an an der Wand, und sie blitzten auf. Sie +spiegelten flackernd in runden Metallplaketten und bestäubten das Zimmer +mit einer dünnen Schicht Licht, in der er es mit einem Blick noch einmal +aufnahm. + +Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in die neue entsagensschwere +Tiefe seiner Seele einzuschneiden, und er fühlte es nur als ein Wehtun auf +der Oberfläche und ließ den Raum wie in Bedauern zurück. Dann öffnete er +das Zimmer, in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib von Beautrix +gelegen hatte. Er öffnete es in einem Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah +die schmerzende Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den Geruch ein und +sagte vor sich hin: Silberne Drossel . . . Scharf hoben in diesem +Augenblick zwei Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an. + +Es wurde heller. + +Silberne Drossel . . . + +Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner Stute über den Hals. Sie +sah ihn an. Da erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines Hirns noch +einmal Bewußtsein von dem, was nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück. +Ein Weinen riß sich in ihm los. Er legte seine Hand in das Maul der Stute. +Die breiten Schultern zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen +Lippen. Dann wandte er sich. + +An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück und als sei die +Last zu schwer und damit er auch dieses tilge, ging er zurück auf das Tier +und tötete es. + +Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens über die Straßen. Er ging +vorüber, verächtlich an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen. Alle +Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit der Prim. Es war hell, wie er +über den Markt schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem Platz, sang +laut und betete. Menschen kamen zur Kirche. Jehan ging durch sie hin und +sie traten zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an diesem Tage noch +seine Macht. + +Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er ging weiter, drehte sich +einmal um. Die Tore waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer knieten +die acht Türme auf dem Nacken des Bollwerks um das Tor. Er sah es sinnend. +Dann schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen lag vor ihm. Wie eine +Braue . . . schien es ihm. + +Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen Arm. Etwas Weißes trennte sich +von dem Busch. Beautrix warf sich ihm entgegen: + +»Wo willst du hin?« + +»Nach dem Wald.« + +»Du nimmst mich mit!!« + +Er öffnete die Brust. Sie stampfte mit dem Fuß: »Es ist mir gleich.« + +Jehan sagte ruhig: »Nein.« Sie hielt ihn am Arm: »Ich will auch aussätzig +sein. Was geht es dich an?« Jehan wandte sich von ihr. Sie trat schäumend +in den Weg: + +»Du, der du mich küßtest . . . dort . . . das erstemal . . . schliefst du +in meinem Bett Nacht auf Nacht . . . Weißt du, daß du mich hießest: Falke +. . .« + +Jehan wußte es noch. Er sagte: »Ja« und nickte. »Silberne Drossel . . .« +sagte er. + +Aber sie -- (die nicht begriff) wie alles in ihm getötet sei und daß alles +Weibliche in allen Beziehungen zu tief für ihn liege und kaum die äußersten +Ränder seines Horizonts noch streife, da sein Geist schon ganz eingerichtet +war auf den neuen Sinn seines Lebens, der ihr entrückt auf einem fremden +Schwerpunkt lag) -- warf sich auf seine Füße und weinte, daß er sie +mitnehme. Doch er befahl ihr zurückzugehen. Sie wälzte sich und tat es +nicht. Da schrie er sie an: »Sklavin!« und als sie erstarrt sich aufreckte: + +»Sklavin um zweitausend Denare.« + +Sie klammerte sich an ihn. + +Da stieß er sie zurück und schlug sie. + +Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein großes Stück helles Fleisch, +durchrast und geschwellt von maßlosem Schmerz, auf der staubigen besonnten +Straße. Wie waren die Blumen farbig auf den Wiesen! Wie legte der Morgen +sich licht um die Welt! + +Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete Wallfahrern, die in Jericho +Zweige gepflückt hatten. Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er ging +auf die Seite, verbeugte sich. + +Einmal noch mußte er wenden. Der weiße Hühnerhund lief ihm nach. Er trug +ihn in den Graben und tötete ihn. + +Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire d'Arras, trug das dunkelrote +Gewand mit der Bordüre aus Pelz. Er trug den Turban aus Pelz. Seine Füße +gingen in grünen Schuhen. + +So schritt er hinunter. Dann bewegten sich seine Lippen. Er sann. Sang ein +Lied, das er wo gehört hatte. Es kam ihm wie durch einen Spalt: Von einem +Freund . . . An einem Kamin in der Bretagne . . . Gasse Brullè? -- -- -- + +Er wußte es nicht mehr. Seine Gedanken waren davon abgeschwommen. Er +verstand den Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf, laut. Es war +ein Liebeslied. Er sah auf seine Hände, die in Blut trieften: + + Hé blanche, clere et vermeille, + De vos sont tuit mi desir; + Car faites en tel merveille + Droiture et raison faillir. + Quant je vos vueill a amie, + Droiz nel poroit otriier; + Se vostre grant cortoise, + De gentil dousor garnie, + Ne me deigne conseillier; + Mar vos oi tant prisier. + + +Seine Haltung war stark und königlich. + +Mit einer ungeheuer schlichten Gebärde ging er auf den Wald zu, der ihm +entgegenkam. + +Maintonis Hochzeit + +Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf. Ganz steil stand sie tief +am Horizont auf der weißen glühenden Straße. + +»Es sind noch fünf Minuten«, murmelte Antoine. + +Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen; da nahm Antoine meinen Arm +und zog mich unter die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen. Das Gras +war am Rand der Chaussee leicht gelb. Im Schatten stand es satt und +buschig. Wasser lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß. Nun +sagte Antoine: »Fahren sie mit nach Paris!« Nach einer Pause wiederholte er +mit eigentümlich gedehnter Betonung: »Paris.« Dann wandte er sich um und +sprach ganz laut und anders: + +»Sie müssen nicht daran denken!« + +Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. Antoine kniff die Augen fest +zusammen: »Er hat doch sein Ehrenwort gegeben . . .« + +»Kurz! Ich sah ihn«, erwiderte ich ungeduldig. Es klang vielleicht schroff. +Antoine beugte sich ein wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. Die +Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen Hügelzug verloren. Durch die +ganze stille Luft hörte man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm +Antoine beim Arm: + +»Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß ich mich nicht täusche. Ich +weiß Ihnen gewiß Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie müssen doch +einsehen, daß Ihre Argumente wertlos sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er +sein Ehrenwort brach und doch wieder in einem Spielbad auftauchte, auf +Grund der damaligen Verhältnisse verhaften lassen wollte, hätte ich +durchaus keine Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium sind. +In einer Stunde erst erreichen Sie die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon +ab! Ich will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach, auf unangenehme +Ideengänge zu kommen. Umsonst vergrabe ich mich doch nicht in die +Pyrenäen.« + +Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten Baumganges ein und +fachte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte +ihn in die Schulter: »Der arme Perdican . . .«, flüsterte er. + +Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, legte er die Hand auf meine +Schulter. Er sah mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. Darauf +flog eine rasche Spannung über seine Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf +einen Stein. Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem Knie hastig ein +paar Worte. Ich nahm, etwas verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir +eine Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen Straße die Post herbei. +Antoine rief mir rasch zu: »Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen mit +meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten Miseren!« + +Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und zogen die Ohren trotzig an. +Antoine winkte. Sein Bart und sein schräges Profil traten bedeutend aus der +Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. Die Diligence rollte um eine +Ecke, und die Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen die Häuser. + +Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs las ich die Zeilen Antoines. +Es mußte ein Dialekt sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte ich +wieder an den Grafen Perdican denken. Er war ein lieber Freund. Sein Tod +hatte ungemeine Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung sah +man, daß sein Partner, dessen Wechsel er nicht einlösen konnte, Karten aus +einer doppelten Manschette schüttelte. Man verband damals noch andere +seltsame Themen mit seinem Namen. Es war eigentlich lächerlich, daß wir uns +damit begnügten, ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu widersinnig. +Damals hatte niemand hieran gedacht. + +Ich frug mittags in Tarragona nach meiner Adresse. Es seien höchstens drei +Stunden zu gehen . . . Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. Ich +sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam ein +schmutziger Hausknecht. Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der Hand +hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben mein Gesicht neigte. Da er +nichts sagte und keine Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm +Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. Nun las ich sie +laut vor. + +Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück und streckte den Span +mit gespanntem Arm noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich einen +Augenblick scharf. Darauf verschwand er: ich hörte verhandeln. Ein Mann mit +einem starken Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen erweckte, prüfte +mich, während das brennende Holz mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich +fremd sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine Antwort dumm vor. +Ich zeigte Antoines Zeilen. Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. Dann +forderte er mich ganz verändert auf einzutreten. Währenddem sagte er, es +seien bis zu meinem Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als ich +meine Auskunft über den Weg von Tarragona erzählte. Drinnen saßen noch drei +Männer. Sie tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht hatten, stand +eine harte Luft in dem Raum. Eine Lampe hing an Eisendrähten über einem +Tisch. + +Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer nahm mich bei der Hand, +verbeugte sich und sagte: »Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .« + +Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas, das ich wieder nicht +verstand, worauf jeder mir die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank +aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann ward ich müd. Auf einem Strohsack +in einer Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich niemand mehr. Ich +durchsuchte das ganze Haus. Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und +ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung sein, als das hölzerne +Geklapper eines Maultiers mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das +Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin Pelayo. + +Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er stand vor seinem Haus und wusch +sich den Oberkörper mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte sich +zuerst, durchaus keine Notiz von mir zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann +wiederholte ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen. Darauf stellte ich +mich aufgerichtet vor ihn hin und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß. +Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über seinen Arm laufen. Die Muskeln +brachen wie Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig krümmte. + +Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt konnte mich betrogen +haben. Nun nahm ich meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit der +Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum wuchs etwas vor mir in die Höhe. +Ich hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen Lage wie +eine Kinderfahne. + +Ich erstaunte über die Würde des Mannes und seine unnatürliche Größe. + +Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir die Hand. Er fragte nach +seinem Freunde Antoine. Antoine war doch ältester französischer Adel. Ich +ließ nicht merken, daß ich verblüfft war. Ich redete rasch und abgerissen. +Er schloß sein Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn noch größer +machte. Dann rief er zweimal : »Maintoni . . .« + +Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen der Lider meine rechte +Hand und zog mich ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang und traten in +ein hohes Zimmer. Maintoni drehte sich um und rief hinaus: »Rodriguez!« +Eine alte Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich hin. Maintoni +küßte ihr die Hand und ging hinaus. + +Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen aus. Sein Körper war +schlank und von wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das Gesicht wirkte +in der Nähe kantig gegen die Harmonie des Wuchses. Die Nase war ein wenig +zu lang. + +Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme hatte eine knarrende +Biegungslosigkeit. Einige Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch vor +ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte. Sie dankte, sprach aber +weiter. Dann sagte er mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur noch in +ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung kannte sie nicht mehr. Eine +dichte Luftschicht, von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie körperlich +und schloß hermetisch alle Berührungen mit der Welt ab. + +Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll die Hand, als er +eintrat. Maintoni brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte der +Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm seiner Tochter. Er trug einen Ring +mit einem riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf, blendete er. Ich sah +sofort, daß er echt war. Pelayo sagte zu Rodriguez, als Maintoni +hinausgegangen war: + +»Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr Zimmer abtreten! Sie werden unten +schlafen bis zur Hochzeit.« Ich wollte Einwendungen machen. Aber man schlug +mich mit Freundlichkeit nieder. Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez +erzählte mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde. Maintoni sei +dann gerade siebzehn Jahre alt. + +Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf zusammen, daß das Gelenk knackte, +und der bronzene Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er dehnte sich weit +zurück, schlug rasch auf seine Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und +an der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf. Dann erst konnte er +wieder reden, so nahm ihn die Freude mit. + +Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als wir die Treppe hinaufstiegen, +öffnete sich neben dem Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine +eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus. Pelayo schloß rasch +wieder. Ich fühlte, daß mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein wenig und +wollte Maintoni fragen. Aber sie ging so ruhig vor mir, daß ich es ließ. + +Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde Hitze auf die Landschaft. Die +Nerven lösten sich und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer aus hatte ich +weite Schau und staunte über die Seltsamkeit der Gegend, die mit einer +Welle von Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen das Haus prallte +und sich hinunter nach Valencia zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus +der, zäh und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet hinaufwuchs. + +Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin Pelayo von mir. Er ließ +Maintoni allein mit uns beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging. Morgens +liefen wir zwei Stunden südlich, wo der Postdampfer anlegte, und fragten, +ob etwas für mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien ihnen fremd und +eigenartig zu sein. Rodriguez tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das +seine Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch nehme. Allmählich +hatte er sich so in die Rolle hineingelebt, daß er meinte, seine +Anwesenheit sei nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der die Post +ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn herüberwarf und mit affenhaften +Verrenkungen eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte er mich mit +einer kleinen Gebärde von Ungeduld auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal +allein gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als hätte ich ihm +das Wertvollste anvertraut. Maintoni hatte eine stumme Verwunderung dafür. +Sie strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief hin, beschaute ihn von +allen Seiten und blieb mit einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens an +den vielen bunten Marken hängen. + +»Hätten Sie sie gerne?« fragte ich lächelnd. Ich löste sie und reichte sie +ihr hin. Da ging ein namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie öffnete +halb den Mund. Zwischen den sanften Bogen ihrer Lippen traten die Zähne, +die weiß und außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte sie rasch den +Blick, bewegte den Arm einige Male wie streichelnd über den Gürtel, wandte +sich langsam um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu Rodriguez hin. Er +umarmte mich: + +»Hombre, si: Sennor!« Sie sind ein guter Mensch«, rief er enthusiastisch. +Abends fuhren wir aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die heiße +Stille des Tages zu einer bewegten Kühle, die einen Schauer von Ruhe und +dämmerndem Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in dem Boot, +dessen geschweifte Flanken in eine Spitze aufstiegen, die über meinem Kopfe +stand. Maintonis Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez, dessen +braune Rückenmuskeln im Takt des Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und +wieder unter der Haut verliefen. + +Wenn die Sonne verschwunden war und die Berge um das Castel de Balaguer wie +mit violetter Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt schienen, sang Maintoni +eine Romanze, deren Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab ging. +Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater, der vor fünf Jahren in Asturien +auf einer Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm den Kopf +abgerissen. Das Messer des Freundes schon im Herz, hatte es ihn mit einer +der letzten Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen. Man mußte den +Leichnam ohne Kopf begraben. Rodriguez schien bang: + +»Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem . . .« + +Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend. Er hatte die Hand fest gegen +sein Knie gepreßt und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig: + +»Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben war und mit dem Kopf +verschwunden ist . . .?« + +Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz die Brust berührt habe . . . + +Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber und verteilte ihn dünn und +zärtlich über das Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand lag eine breite +Klippe. Dort war, wenn die Flut nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen +Gegend. + +Nachts schlug das Meer gegen den Strand. + +Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher. Es war am heißesten Mittag. +Maintoni brachte eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und später +Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen, und ich zeigte ihm ein paar +Aufnahmen Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte ihm auch von dem +Eindruck des Zettels auf den Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht +hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht: + +»Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!« + +Ich lachte: »Da müßte der Diamant an Ihrem Finger nicht unter Brüdern +zwanzigtausend Francs wert sein . . .« + +Es war, als hätte ich mit der Hand auf den Tisch gehauen. Alle wurden +still. Rodriguez strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu ihrem +Vater. + +Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser Lähmung lief an uns ab, wir +rauchten, und als es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer +heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen kniete sie nieder. Wir saßen auf +der Galerie des ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer. Sie +blieb lange unten bei der alten Frau, die immer mit sich sprach. Dann trat +sie bescheiden heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in sonderbarem +Widerspruch mit dem heroischen Risse des Gesichts. Nur die Augen linderten +die Stärke der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie waren weit +aufgebogen und leuchteten in hellem Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen +von Hospitalitet. + +»Sor Gracia, meine Schwester«, sagte Pelayo. + +Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren. Die Linie der Küste zischte +wie in versteckter Wut. Draußen an der Klippe sprang manchmal eine +gepeitschte Welle springbrunnenhaft und heftig in die Höhe. Der Himmel nahm +eine tiefrote Glut mit blauen Rändern an. + +Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom Kloster; und wie sie sich +freue, am jüngsten Tage eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und Sor +Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der +gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon. + +Am nächsten Tage kam der betäubende Duft wieder heftig aus dem Zimmer im +Erdgeschoß. Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton durch das Haus +von splitterndem Glas. + +Den Tag darauf legte sich der Wind ganz. In den Zimmern ward alle Stunden +gesprengt. Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute zum +Strand über die kleine Bucht, wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos +lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines gelbes Tuch, das schlaff +an einer Stange herabfiel. Wir schliefen den vollen Mittag. -- + +Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte am folgenden Morgen. Sie wehte wieder +am Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit ihr. Er legte sich in die +Falten, drehte sich darin und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es +von neuem hoch. + +Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an. Wir gingen am Strand entlang. +Dann bogen wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis Haare glänzten +kupfern. Wir trugen kurzgestielte Netze mit feinen Maschen. In kleinen +Abständen blieben wir stehen und hielten mit kurzem Ruck die Laternen dicht +über das Wasser. So schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein. +Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran, das zuckende Heranschleichen +der Aale zu beobachten. Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das Netz +halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing keine. + +Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben. + +Es wurde hell, als wir nach Hause kamen. Maintoni hatte die gleiche Ruhe +wie stets. Sie hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der Haut. Ich +schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte, hörte ich, noch schlaftrunken, +Stimmen. Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite, starke, die +ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher Ausruf -- -- ein Wagen, der anzog -- +-- noch ein paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog mich weit über die +Holzstäbe . . . . . . + +Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz knirschte. Ich fühlte, daß mein +Atem pfiff. Ich sah es . . . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd +Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte . . . es waren dieselben +Züge, es war derselbe, den ich zwei Tage vor dem Tod der Frau von +Montbellaire mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben, mit +schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen, aus ihrer Loge stürzen +sah. + +In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige Männer. + +Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute, in mich auf: Die Fahne wehte +nicht mehr. + +Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht. Da drang ich in das Zimmer +im Erdgeschoß. Ich hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz weit. +Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich sah +kurz ein Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich hinausgezogen. Er war +höflich, schien aber verletzt. Er begriff meine Erregung nicht. -- -- Was +sie gewollt hätten? + +Das Haus mieten oder so etwas . . . + +Es schien ihn gar nicht zu interessieren. + +In diesem Augenblick rief draußen einer der Knechte. Pelayo sprang hinaus. +Ich folgte. Der Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe raste +etwas herunter . . . an uns vorbei. Wir stürzten nach. Maintonis Kahn +schaukelte leer draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte. Wellen +mit breitem dunklen Rücken wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte +es und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz. An einem Vorsprung +hielt sich Maintoni mit gekreuzten Armen. + +Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust drängte sich heraus. Er bog die +Hände vor die Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und aus dem +qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes flog seine Stimme wie ein Schuß: + +»Ay!« rief er. + +»Ay! Maintoni -- --« + +Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez. Ich hielt das Steuer, sah +sein Gesicht. Wie lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen +wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe gehn. Maintoni hatte den +Vorsprung umklammert und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand uns +zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht. Wir wagten es nicht, zu atmen. +Nein. Wir konnten nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge. + +Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht. Die Flut trieb es weg, während +sie die Fahne einstrich. + +Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am Morgen sehr früh weckte mich +Pelayo und fragte, ob ich ihn begleiten wolle. + +»Es wird zwei Tage dauern«, sagte er. Ich war dabei. Wir gingen Stunden. +Wir schliefen den Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde dämmerig. +Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen rauhe Bergwände einnistete. Ein +abschüssiger Pfad führte zum Meer. + +Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die Fahne auf der Klippe bedeute. Ich +hatte ihn gefragt, woher er Antoine kenne. Dann hatte ich gefragt, was das +Geheimnis des Zimmers sei, aus dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch +ich das Blitzen sah. + +Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei. Antoines Mutter sei aus dem +alten Königsgeschlecht und in einem Zweige mit ihm verwandt. + +Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht mehr. Sie mußte schon lange tot +sein. »Bei Antoines Geburt«, sagte Pelayo. »Dieser Familienstamm ist älter +als der ganze europäische Adel. Antoine und ich entdeckten unsere +Verwandtschaft, als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu lassen.« +Das sei auch das Geheimnis des Zimmers: Sein Laboratorium. -- + +»Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten. Es ist gefährlich, +Sennor, wenn man weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden. Ich habe +den Schmuck der Herzogin von Guise und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch +geschliffen. Sie sehen, welche Werte ich manchmal im Hause habe. Die Fahne +bedeutet je nach der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher komme. +Das Schiff fährt an der Küste vorbei, und man läd hier aus.« Pelayo schaute +angestrengt durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte er lächelnd: +»Sie werden erstaunt sein, Sennor, . . . ein unbekannter Mann . . . hier in +der Einöde . . . schleift den berühmtesten Schmuck. -- -- Ich habe in +Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein System erhalten. -- -- -- +Maintoni soll glücklich werden«, fügte er ohne Zusammenhang hinzu. + +Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der dünne Ton einer Pfeife -- -- -- +Pelayo verschwand. Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging das Tal hinauf. +Mohn wuchs im Gras. Wilde Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald +mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe rauschte an mir vorbei. Leicht +feucht war die Luft. Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen. + +Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie die Sterne über das Meer +hinauswuchsen und mich traurig machten. + +Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem bettelnden Gendarmen Brot +unterwegs. Maintoni weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht +erwartet. + +Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es niemand sah. Maintoni hatte +goldene, glänzende Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte +Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen waren halb blau und halb schwarz und +waren lang und so fein wie der Schatten einer Feder. + +Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus ausgehängt wurden, die Türen +wurden geöffnet. Die Diener wehten mit Palmblättern Wind, wenn wir +speisten. + +Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er setzte sich auf die Binsenmatte. +Dann stand er wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne +Kohlenbecken. Er sagte: »Sennor, Maintoni ist traurig.« Ich tröstete ihn. +Ich sagte ihm: »Es wird die Hochzeit sein, Rodriguez.« Doch er schüttelte +den Kopf. + +Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: »Ich bin nicht traurig. Ich freue +mich, Sennor.« Aber Maintoni hatte rote Augen. + +Da sagte ich: »Maintoni! Rodriguez leidet sehr.« -- + +Maintoni bekam große blendende Augen! »Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich +liebe ihn auch. Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor, was habe ich, +um es ihm wiederzugeben? Nichts, Sennor.« . . . + +Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia. Sie setzte sich lang zu der Alten, +die immer sprach. Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine Borte von +gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines jeden wuchs ein Arm aus Messing. In +der Hand hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle Kerzen an. Es +mochten hundert sein. + +Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine kleine Harfe spielen werde. +Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen +schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon. + +Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben Miedern. Frauen in Schuhen +ohne Absätze, in Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit Gold, mit +Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen Perlen bestickt. Sie tanzten +Fandango. Sie tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez tanzte. Alle +anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten. Tamburine und Flöten klangen. +Die Männer schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen in die Hände. Eine +Sackpfeife spielte mit hohem, eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni +trat allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte. Die Glieder +spannten sich in einen heißeren Rhythmus. Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie +wölbten die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden heiß. Dann hielten +sie in einer plastischen Pose, lösten sich und gingen allein in das Dunkel. +Sie kehrten bald zurück. + +Die Gäste gingen. + +Ich stieg hinauf, um zu schlafen. + +Es war spät in der Nacht. + +Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte, pfiff, peitschte sich durch +das Haus. Ich stürzte die Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles +fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte, lag ich schräg auf der +Treppe. Langsam stand ich auf und ging hinaus. + +Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak in seinem Hals. Nur Leute, +denen der Tod in die Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines. +Es war Rodriguez. + +Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten rote Räder. Flimmernde Punkte +sprangen hin und her. + +Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht nebeneinander. Ich ging hin. Da +lag noch ein Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte mich nicht +mehr. -- -- -- Es war dasselbe Gesicht des, der lächelte, als er Graf +Perdicans Wechsel in die Tasche schob . . . dasselbe, das grünunterlaufen +war, wie ich es vor Frau von Montbellaires Loge sah. + +Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif Schaum hing aus dem Mund. Im +Gesicht waren blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und am Gurgelknopf +rot wie rohes Fleisch. + +Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten gereizt. Rodriguez war +dazugekommen. Das Messer . . . der Schrei . . . Pelayos Faust hatte ihm den +Kehlkopf zerdrückt. -- -- -- Ich sah alles. + +Maintoni weinte nicht. + +Das Meer lag wie eine große Perle da. + +Der Kopf des Fremden stand schräg über die Schulter in die Höhe. Der Hals +wölbte sich heraus. Es konnte nicht mehr lange dauern. + +Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den Star. Die Pupillen wurden grau. +Sie wurden breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer. Die Nägel +hatte er in die Handflächen eingeschlagen. Die Arme lagen still neben ihm. +Alles Leben stand nur noch im Krampf der Pupillen. + +Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom Hals über die Brust und spielte +mit schwachen Erschütterungen über den Bauch. + +Da tat Maintoni dies, das größer war und furchtbarer, wie alles, was +Rodriguez gab, als er sie von der Klippe rettete . . . Maintoni tat es: sie +trat dem Sterbenden mit dem Fuß breit ins Gesicht; sein Kopf rollte +schwerfällig zurück. + +Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie warf sich vor dem Meer auf die +Knie, und indem sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne viele Male +hineinrief: »O Santa Maria . . . Santa Maria de la Mar . . .«, schlug sie +die Hände vor das Gesicht, weinte laut und schrie. + +Fifis herbstliche Passion + + Brigitte: Und begreifst du nun das Leben? + Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod. + + + Carl Sternheim + + + Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demütig und rein, + So voller Musik wie da . . . + + + Ernst Stadler + + +Die Straßen mit den tagmüden, grauen Trottoirs wurden gesprengt, und die +schweifhaften, breiten Güsse, die den säenden und starken Gesten der Männer +entflogen, legten sich klatschend und eigenwillig auf den Boden. Es wurde +Abend. Die Weiden und Eschen der Gärten schwebten scheu und flimmernd vor +der ungeheuren Ruhe des opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das Wasser +das Irisierende aus der Luft sog, schritten die Menschen über die Straßen +wie über Bilder von Signac oder Croß: Eine Viertelstunde brannte die Stadt +in einer stillen Glut von gelbem Getupf. + +Brandfeuer rannen in dünnen Strähnen dann in die Stadt und mischten sich +Glockengeläut und dem grausamen Drang einer fressenden Dämmerung. Wie +Schlünde tagelang entfeuerter Kanonen brachen die Schloßfenster über die +auslöschenden Häuserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit noch +hinaus. + +Dann sprangen die Laternenreihen die Straßen hinunter und erreichten, +leichtes Geknatter der Zündung zurücklassend, den Platz, der mit rasender +Wucht an tausend Ecken, Schnüren und Windungen von Licht geborsten und +aufgerammt war und über den ein tiefdunkler, sterndurchlochter Herbsthimmel +schräg und kühl heraufwuchs. + +Fifi erschien auf dem Podium. + +Von den Schießbuden klang schon das Hämmern der Treffer, die Spielorgel +setzte ein. Aber aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein herkulischer +Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel, die Orgel schwieg: Fifi setzte die +Spitze des rechten Fußes nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel auf +die Hüften und wartete. Der Große fing an zu schreien. Seine Arme ruderten +durch die Luft, sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten sich +gegenseitig und warfen sich in gelungenem Überschwall auf das Publikum, +weit geöffnet, hinaus. Ein verknickter Hut saß ihm auf dem Kopf. An den +Griffstellen glänzte er. Der Rock war zerdrückt und hing um den Körper, +dessen Fleisch schwammig und unangenehm schien. Es ist zu betonen, daß die +Figur herkulisch war, um die Augen zu verstehen, die, wenn die Brust und +die Gebärde sich herausspreizten und mit pompösen Auftakten in die Höhe +stiegen, klein und feig dies alles wieder leugneten und ängstlich wie +Wassertropfen von einer öligen Fläche an dem angesammelten Publikum +abliefen. Sein Mund rief heisere Worte hinunter. Er schrie. Er warf +geifernde Reden den Leuten ins Gesicht. »Seht,« rief er, »auf Fifis Tanz. +Kommt herein, alle,« und er winkte, »nur Erwachsene dürfen kommen: +Plastische Darstellungen . . . pikante Szenen . . . (es war, als zerdrücke +er etwas Klebriges im Munde.) Der König von Griechenland haben uns beehrt +in Wien. Höchste Herrschaften drückten ihre Bewunderung« . . . und so sehr +lief eine Welle von Ekel von seinen Sätzen und dem wissenden Winken seiner +plumpen Hände aus, daß zwei forsche Unteroffiziere selbst sich brüsk +wandten und gingen. Über der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief! + +Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an, und vor dem in einem Teil aus +dem Strudel wieder zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren Tanz +ein. + +Zwei junge Leute waren inzwischen gegenüber eingetreten in »die Schönheiten +des Orients.« Vor der Bude standen zwei Palmen und ein dickes Weib, alt, +voll Vergangenheit, mit bösen weißen Augen. Sie war die Frau des Athleten; +Orient und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden Seiten der +Meßstraße und bissen sich Opfer heraus. Doch ging der Orient besser, und +Paris sank von Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber Lizzy, +genannt Luise, hatte Hüften wie ein Dynamo. Und an ihren Zoten gingen die +beiden Männer vorbei, schauten durch runde Gläser eine Photographie von +Dschiseh und traten, indem sie einen Teppich zurückstießen, bei Lydia ein, +der Dame ohne Unterleib, die, in grünem Samt, in einem Sesselstuhl saß und +rote entzündete Augen hatte. + +Der eine der Herren zog seine Handschuhe an, und nach dieser symbolischen +Handlung traten sie rasch den Rückzug an. In Jena hätten sie Ringkämpfe +aufgeführt mit den Studenten, rief ihnen Lizzy nach, genannt Luise. + +Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies hinter sie zurück, und sie +traten hinaus in das Erregte des Platzes, in dem die breiten, +musikbeladenen Karusselle schwammen und sich überrasten und Geglitzer von +Spiegeln, Lichtschnüren und bunten Mädchen vorüberdrehten und auf dem ein +Meer von Menschen schiebend, erregt und drückend sich schaukelte, über +denen Schüsse knallten, Schreie hin und her zuckten und laute Glocken +dunkel aufzitterten. + +Da wandte sich Franz plötzlich herum und zog den anderen mit. Sie brachen +durch den Strom, und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz auf +Fifi und sagte: »Die leichten Bogen dieser Beine sind entzückend schön +. . .« Sein Gesicht hatte eine vollendete Güte, die das Kühne und +Auffallende dieses Profils in einen seltsamen Adel steigerte. + +Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig bewegend, fielen Fifis Blicke +plötzlich auf seine Augen, und die Blicke hingen sich ineinander, bis die +Orgel mit einem aufflammenden Stoß plötzlich schwieg. Der Herkulische +trommelte rasselnd auf einem Schild, Fifi war zurückgetreten, er winkte zum +Eintritt, aber nur ein Einziger folgte, die Menge schob weiter. + +Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrückt, als sie sich der Strömung +übergaben, vorbei an dem grünbemalten Gerüst, in dem Menschenfresser +hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen, kokett, über die eine ganze Prärie +unbändig eine halbe Woche lang eitel brüllendes Gelächter wäre, schossen +zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft. Ein echter Mexikaner hielt eine +Harpune hoch mit rotblänkerndem Fleisch. Überall lief der Witz, daß die +Menschenfresser -- Krokodile seien, und weil das Volk voraus wußte, daß es +geleimt würde, zog man in Scharen hinein. + +Dann kam die große Bude mit den »Fliegenden Menschen«, zwei Mädchen in +blauen Trikots mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem Anfang der +sich wölbenden Formen, die eine sonderbare Sinnlichkeit aussprühten, und +die andere mit ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das Gesicht +Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell (breit, gemein, verworfen) mit einem +unheimlichen Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber. An der +Galerie entlang stand die Familie, sechs Menschen, und bliesen +Blechinstrumente, und die Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune der +Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre Bude war ganz voll. Immer! + +Und als Franz dem Strom entkam und wieder zurückeilte, sah er, wie Fifi, +mit einem Stoß herausgedrückt, aus der leeren Baracke taumelte, rasch sich +faßte und anfing zu tanzen, mühselig, müd und fein und beschwingter, als +sie Franz erblickte. Nur kleine Truppen blieben stehen, die Masse strömte +zu den Fliegenden Menschen. + +». . . Augenstern . . .« rollte es von unten herauf. + +Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi verbeugte sich. Der Athlet +rief den Beginn der Vorstellung aus. »Soeben Beginn . . .« rief er und +schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie. Niemand. Da ging er, von der +Leere beschämt, verlegen einmal über das Podium, verschwand ins Innere, +lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen hatte und trat wieder vor. Fifi +schlich wieder heraus. Wie eine große Spinne hing der Herkulische auf +seinem Podium. Franz stand beiseite, beobachtend, den Kopf schief +aufgelegt. Und wie eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlüpfriges zu +reden, ein Wink, die Orgel: Fifi . . . + +Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später, das Gesicht des Alten +rötete sich, er suchte die Uhr. Immer wieder verschwand Fifi, immer begann +der Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf Szene: das Greifen und +Locken nach spärlichen Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis und +die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezündet manchmal und heftiger im +Erblicken von Franz. Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit Seilen vor, +die Pfeife des Dampfwerkes heulte, die Menge lief ab. + +Über den leeren Platz, durch einen schmalen Gang, den Schutzleute +freihielten, und um den Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die +Artisten, zum Teil mit Mänteln, die sie über das Bunte und den Flitter +gehängt hatten und die so zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden +und mit ihren andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend und +doch noch von dem erregenden Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die +Straße hineinströmten. Zuerst kamen großspurig und in der starken Lüge der +hohen bespornten Lederschuhe sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und +Garmisch. + +Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand stak in der Revolvertasche, so +daß Dienstmädchen erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven sich +loslösten. + +Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe mit dem haarlosen Bär +schritt die Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie hatten alle +halblange Röcke an und Kleider, welche schöne und zierliche kleine +Blumenmuster trugen, im pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie +sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten und schön aufrechten +Mutter eingehängt, die Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten, +erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer kleinen, +bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur. + +Dann: Leere . . . und Fifi . . . Schmal, doch köstlich in einen gelben +Gummimantel gehüllt, fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie auf +den Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand krampfte sie den Kragen über die +Brust vor dem Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen waren rot +und merkwürdig wie mit feinem Lack auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie +stieß kurz vor der Straße mit den anderen zusammen. Die Alte trug einen +Milcheimer. Der Herkulische schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu, +Lydia -- ein dickes aufgeschwollenes Tier -- ging idiotisch, faul nebenher, +ohne Umhang in grünen Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit +gierigen Augen schloß sich der Mexikaner von den Krokodilen Fifi auf der +anderen Seite an, daß sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner +erschien. + +Schräg auf der Holztreppe, die in den großen gelben Wagen hineinlief, in +dem sie wohnten, wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt nach der +Stelle, an der Franz stand (den sie nicht -- dies war auffallend und +seltsam zugleich -- gesehen haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns, +während der Mexikaner in lüsternem Scherz sie, mit auf ihre Hüften +aufgesetzten Händen, ins Innere drängte. + +Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der Achseln reagierte. + +Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen. Eine Zigarette drehend, mit der +Eleganz des Romanen alle Glieder bewegend, schlenderte er zur +Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen umkreiste, sah Licht aus +den schmalen Luken dringen und hörte keifende Stimmen das Innere des Raumes +hin und her zerreißen. Dann nahten mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt +die Patrouillen. + +Es ward spät. + +Er ging. + +Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden. Ungeheuer gewölbt spannte +sich der Himmel. Sinnlose Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah sich +aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft und Dingen herausgerissen und +in die Aura dieses Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen. +Bei den »Fliegenden Menschen« stieg täglich der Kassensturm und die +Sensation. Der »Orient« verdiente gut an reiferen Herren. »Paris« brachte +es von 8--10 abends manchmal nur auf eine Vorstellung. In den Pausen tanzte +Fifi. Der Alte winkte, schrie, ward gieriger, je später die Zeit hinlief. +Verkündigte Anfang der Vorstellung, er öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte +ins Innere. Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren. Und dann packte +der Alte Fifi mit seiner Tatze an der Schulter und schleuderte sie hinaus. +Die Orgel hob an, Fifi erhob die Füße, hinten der blaue Horizont der +Draperien gab ihren Bewegungen Haltung und Relief, und die müden +Schwingungen ihrer Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter einer +Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem schönen Gewässer erblitzt. +Langsam im Fortschreiten des Abends wurden ihre Gesten müder, von einer +schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz hörte das Pfeifen ihres +Atems. Und wenn sie, leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die Kühle des +Herbstes auf ihren Schweiß. + +Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des Zuschauens von Mitleid und +schmerzlicher Bewunderung angefüllt. Manchmal schien es, als müsse der +nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken lassen. Doch sie blieb. Ihm +aber widerstrebte es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen, die +unter den Augen des klebrigen Athleten oder mit dem Beigeschmack der +gewohnten leichterotischen Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er fühlte, daß +er Inhalte in sich trüge, die in ihrem Wesen auf dieses Kind abgestimmt +seien, und die Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut zur +Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und wieder -- nicht oft -- aber +in einem berückenden, außerweltlichen Zusammenhang. + +Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als sie ihre Stimmen noch nicht +kannten. + +Dann kam jener Abend. Donnerstags. + +Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle, sternhart, der Park voll +gärendem Geräusch. Er zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch, +überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift, immer schön. Die Lichtgurte +ganzer Grenzstraßen warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen +Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm alles auf mit großer, +tiefer Selbstverständlichkeit. Stand geborgen, bergend, unberührbar, +geschlossener Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein Zentrum, um das die +Stadt mit Geleucht rotierte. Donnerstag abends . . . + +Es war schön. + +Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr im Schloß hakte ein: Fünf +Minuten bis halb acht Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr +begann, die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit, in der die Artisten +aßen. Seine Gedanken gingen langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne +Tatkraft um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis Tanz sich bewegend, +Erklärungen ersinnend, von einer leisen Sehnsucht aufgelockert und +beschwingt gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch sein Geträum +das Bewußtsein heftiger Schritte und haschender Bewegungen ins Gedächtnis +stieß, hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei in ihn hinein, +warf ihn herum. Er lief über ein Grasrondell, stolperte, stieß an ein +Gitter, sprang darüber. Sein Hut war verloren, der Ärmel geschlitzt, seine +Brust zitterte. Er stürmte um ein eingezäuntes Denkmal, mußte umkehren, +lief in einen dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und schmiß ihn +zurück, daß sein Körper krachend an die Stakete knallte und an ihnen wie +eine dumpfe Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der rote Kopf einer +Zigarette auf, bewegte sich her. Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch +schräg aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form und schalenhaft, in die +nun plötzlich ein beinahe bläulich erglänzendes Licht floß. Zwei +schimmernde Kreise, standen die Augen in ihrem Gesicht. + +Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch ganz sich in der Geste +erfüllend, tat sie einen unnennbar müden und langsamen Schritt auf ihn zu, +das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden Hostien. In diesem +Augenblick lief das Geknatter rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und +wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah: sah, wie Franz dem +Hingesunkenen den Revolver aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die +Schläfe hämmerte und ganz groß auf sie, die zitternd harrte, zuging. + +Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette heraufgekommen, zwischen sie +gesprungen und löste die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen. + +Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie es: »Verletzt?« Franz zeigte +den Revolver; er deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner riß sein +Gesicht in Falten, fauchte, trat dem Klumpen in den Bauch, schnippte das +Bein hoch, daß der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht neben den +Liegenden und sog heftig an der Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde +fiel, in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben und Stichwunden +durchbohrtes Gesicht auftauchte. + +»Der Fakir,« . . . schäumte der Mexikaner. »Man sollte ihn peitschen«, +. . . und fing an, ihn mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn hinderte, +fiel sein Blick auf Fifi. + +Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie ein weißer Fels, über den in +zuckhaft raschen Stößen rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten Hell +und Rot und drohten, den Hals zu sprengen. + +Und während sie wieder auf Franz zuging, als trüge sie alles gegen ihn, +zitterte ein Klang, rauh, gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle +Glieder zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen zurück; sie warf den Kopf +zur Seite, gewaltige Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer +Verurteilten ließ sie sich gegen den Mexikaner fallen, der sie verwirrt +aufnahm, der nach Franz schaute, wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt +schien. Dann plötzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung seinen Mund +auf ihren warf und in langem Kusse sie wegzog. + +Franz stand noch eine Weile. + +Dann drehte er um. + +Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen Revolver. Er sagte es +englisch. + +Nichts schien Franz selbstverständlicher, wie diese Folge fremder Laute. Er +gab ihm den Revolver. + +Der Fakir verbeugte sich, ging. -- -- + +Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam. Der Herkulische beulte auf +sie los und sie erschien unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in +der wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin. Sie gab keinen Ton. Sie +tanzte den Abend, daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß ihre Beine +glühten wie die wundgespielten Saiten einer schönen Violine, während die +Kühle auf ihre Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen ihr Atem +rang. + +Franz kam nicht. + +Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag rasend und aufglühend +herunter wie Spulen, die ihre Füße abtraten. Es wurde kälter; +erbarmungsloser drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun Luise, +eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi danach fragte, schrie der Alte +sie nieder. Das dicke Weib mit den weißen bösen Augen keifte, sie solle +mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden und stolzen Gebärde auf +den einträglichen Busen der Dame ohne Unterleib. + +Sonntag tanzte sie den ganzen Tag. + +Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich, in Keile zusammengepreßt, +über den Platz, der staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne +zusammenbrannte, auf die die Kühle so unmittelbar folgte, wie das Dunkel +plötzlich und hastig vorsprang. + +Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park, streichelte das Gitter, an dem +sie damals gelehnt, kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz +gestanden und berührte mit den Lippen den Boden. Dann lief sie weiter, kam +durch ein Tor, eilte durch eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit +stillen Bäumen. + +Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu dessen Tür viele Stufen +führten, über der Fahnen hingen und in gewaltigen Lettern das Wort +erglühte: »Deo«, das sie wohl nicht begriff, das sie aber sänftete und +hineinzog, wo sie Weihwasser nahm und in einer Nische unter einem in vielen +Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele der Steinfliese warf und +so weinend ein Vaterunser schluchzte, daß von zwei vorübergehenden Damen +eine erregt und voll Neid über diese inbrünstige Stärke, höhnisch +auflachte, wie von der schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im +Klang der Stimme voraus desavouierte) Überlegenheit heuchelnd und +darstellend. + +Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen heraus, böhmisch, das die +Leute nicht verstanden, aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt +hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus allen Seiten der Kirche +wieder auf sie zurückströmte, ein Gebet. + +Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte der Störung nachgehen, die +Weinende, deren heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen +übermäßig und sie gering machend auftürmte, beruhigen, sie hinausweisen +. . . aber er blieb wie gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen +und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig gescheites Gesicht +gestreut, wie hingewiesen und in diese Position gebannt von dem seltsamen +Geläute dieser Stimme. + +Aus dem klaren und in langen tönenden Linien verschwebenden Glanz ihrer +Sätze aber lief in verströmenden Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet begann +mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt +ward von dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen mußten: Sie und +Lydia und Lizzy, genannt Luise. Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf +die äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das alles sei wenig und tief +im Herzen sehr gering gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an dem der +Alte den Teller, voll von heißer Suppe, ihr auf die Brust warf, als sie +beten wollte nach einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken daran +sprangen alle Ventile der Angst und Unterdrückung weit auf, und in einem +köstlichen und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes Leben heraus, +wie eine lang im Tiefen der Rohre. gehaltene Fontäne sich in einen späten +Sommerabend mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. Und in ihren +Worten glommen die Namen der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den +letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war: Franz und der +Mexikaner, den sie Partufa nannte. Und der Klang ihrer Stimme sank etwas +zurück in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an denen jener bei ihnen +eindrang, begrüßt vom entsetzlichen Gelächter Luises, den tierisch und +röter aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch das indolente +Nichtbeachten des Alten, in dessen schmierigen Beutel die Hälfte von dem +floß, was die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf im höchsten Schmerz +tiefer senkte, dachte sie an das Gefletsch und den Schaum um den Mund des +Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise wegwandte zu ihr, die, den Kopf +gegen die Wand gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt blieb +und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen Mädchen (o über Lizzys +Gelächter und schmutzige Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur +anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine ganze Nacht hindurch mit +Nadeln stach. -- Doch ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten +Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß, den mit dem gütigen Gesicht +und den Sonnenaugen, und sie dankte Gott tief und herrlich errötend für die +Nächte, die er im Traum diese Augen über ihren Schlaf wie hütende Gestirne +verteilte und so die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz und keine +Demütigung des Tages berennen konnte. Und wieder und immer wieder dankte +Fifi dafür, daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not sandte, +damals, wie der Fakir im Park sie überfiel, um dann wie vor einer Mauer und +endlos erregt vor dem Wunder stehen zu bleiben (während ihre Stimme fast +erlöschte), wie sie damals plötzlich und wie von einer Macht, die aus ihr +selbst heraus allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den Arm des +Mexikaners warf und die kalte Übelkeit seiner Lippen auf den ihren fühlte +und den anderen stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man +verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos für den Ziehenden, +langsam am Ufer verbrennen. Und sie sann mit flackernden Worten über den +Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen, was einen Menschen zwingen +kann, die höchste, nie erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu +lassen . . . nein . . . nicht nur dieses: sie zu verschmähen -- o vieles +mehr -- sie zu höhnen und zu begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem +strengsten Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend, in Verzweiflungen +wälzend um diese Fragen wand, erschien es ihr, als ob es eine Angst +vielleicht oder ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen Glück +überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun lassen, und sie schrie auf, wie +sie dieses Entsetzliche -- sich selbst in den Armen des Partufa -- +erblickte. Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen sei. Sie +erkannte etwas, das einer Schuld ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun +betend und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei, nicht Angst; daß es +Aufbäumen gewesen sei aus der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens +vor der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive jener höchsten +Erfüllungen. Aus diesen hin und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der +Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem sie in schrillen und +ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen hatte, fiel sie wieder in ein +beruhigtes Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung sie +umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen pflegt und lag dann eine +Zeitlang ausgestreckt auf den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, im +Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang sie auf und eilte durch Straßen +und Park zur Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit dem Fuß in den +Bauch. + +Aber sie spürte es nicht. + +Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll, in Tragik und +Schmerz vertieft und einem brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie +Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand. + +Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den Leib ihr hinanstieg, alles +löste und ihren Augen Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um den starren +Blick des da unten frei und klar wieder zu machen, und all ihr Sinnen stand +danach, die Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender Glaube +überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte und Erstaunte nun alles +begreifen müsse: daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie +ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All dieses tanzte sie +nun. Und sah in seine Pupillen und lauschte auf Wirkung, wie einer an +Abenden hinter der Ebene den Mond über dem Strich der Wälder sucht. Sie +glaubte nicht mehr, daß alles verloren sei, wieder überbrandete sie die +absolute Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was, als alles zu +ihm allein zog, sie auf die andere Seite warf. Sie fühlte, wie jene Schauer +des Glücks, das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie wie eine +Keule überfiel, nun in langsamen Zügen wiederum in sie einzogen. + +Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen Glauben hinein, der sie +erschimmern machte, aber noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah +dies nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) kalt und hart. + +Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich Wellen stießen die +Anstürme der Menschen gegen die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut +eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons stiegen in die +Höhe. Das spitze Geknatter von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle +und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver und das Stampfen und +Pfeifen der Maschinen + +Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß und erzählten alles, was sie +wußte noch von der dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo in ihrem +Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie +riefen um Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, das sie deutlich +erstrahlen zu sehen glaubte, und dankten ihm. + +Aber er verstand sie nicht. + +Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten Bogen, ihre Hände +schienen etwas zu glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden immer +linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und kleiner, die Beine hatten ein +Tempo der größten Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien. +Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus, die Blicke strahlten +überirdischer, ein leises Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem +immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele Wunder hineinschaute +. . . und so tanzend, geklärt und eine merkwürdige Leisheit erregend, die +kurz eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch sie, während die +Rohre der Dampfmaschine plötzlich lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den +Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem Platz wie grundlos von einer +hellen Strahlung mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte . . . +losch sie, sich in sich selbst verströmend, tanzend, zusammensinkend, hin +wie ein seltsames und gutes Licht. + +Yousouf + + . . . ich glaube indessen, daß, hier wie + überall, Liebe eine Kunst ist wie das + Reiten und Flöteblasen. + + + Der Marquis de Langle + + +Die Herren standen in dem Vorsaal und klirrten leis mit den Degen. Ihre +Gespräche liefen verhalten und erwartungsvoll. + +Dann flogen die Flügeltüren auf und Las Casas trat aus dem Kabinett. Sie +sahen sofort sein Gesicht, das beherrscht in der Rampe stand und dann an +ihnen vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und verbeugten sich. Einer ging +auf ihn zu und sagte ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrümmten Rücken. +Der andere dankte mit der Höflichkeit einer wahnsinnigen Verachtung und +ging weiter. + +Im folgenden Saal standen größere Gruppen. Er mußte wie durch eine Gasse +gehen. Alle grüßten ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn es war +niederer Adel. + +Darauf glitt er durch eine Flucht von Räumen, die in Röte brannten von +Decken und Möbeln und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder von ihm +über die Spiegel fuhren und Hellebardiere standen, die den König zum Bad +begleiteten . . . und wo sonst nichts war als das einsame Hallen seines +Schrittes. + +Und dann löste sich aus einer Nische ein junger Mann und ging auf ihn zu +mit einer sicheren und allgemeinen Haltung. + +»Sie haben . . .?« fragte er. + +»Ich habe . . . Luis Quijada . . .«, sagte Las Casas und riß die +Papierrolle auf, die seine linke Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und +verbeugte sich kalt und so unwillkürlich, wie wenn er auf einem Schiff +stünde. Er hatte blonde auffallende Haare. + +»Ich werde«, sagte er fest und beiläufig, »dann eigene Segler ausrüsten -- +-- -- auf jede Gefahr.« + +Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer. Der Abend hatte das Glas +dunkel-silbern gemacht, und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament +gemalt in der Füllung. + +Las Casas lächelte leis, und seine Stimme bebte ein wenig in +Geringschätzung, indem er erhabenen Erfolg wünschte und die Treppen +hinunterstieg, aus denen die Dämmerung ihm entgegenschwoll. + +Er eilte nach einem Palast, der in zwei Gärten lag, und ließ sich nieder +und wartete, bis man ihn gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war +kühler geworden. + +Ein Stern blinkte über der Mauer. + +Die Zofe ging vor ihm über den bläulichen Kies. Sie kamen über ein Boskett, +und dann blieb sie stehen und öffnete eine Tür. + +Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon und schritt durch ein +Boudoir in ein helles Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein weißer +Arm streckte sich ihm entgegen, von dem ein weiter Ärmel zurückfiel. Er +stürzte darauf und küßte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen Kopf +neben den der Frau und seine Wangen brannten nach ihren hinüber und machten +sie rot, obwohl sie sich nicht berührten. + +»Sie haben die Erlaubnis . . .?« + +»Ich habe sie . . .« und seine Hände fuhren nach ihren Hüften und zuckten +rasch zurück. »Ich fahre heute nacht . . .« + +Sie schnellte auf: »Nein -- -- -- morgen!« + +Dann schloß sie den allzu heftigen Verrat der Augen mit den Lidern und +meinte, als ob sie nun erst in Besinnung und klug spräche, lächelnd und +ruhig: »Wie könnten Sie das möglich machen, Marques? Sie waren gestern noch +beklagt, weil Sie des Königs Gaben verschleuderten und portugiesische +Kaufleute abstechen ließen. Sie erhalten heute den Auftrag, den Räuber zu +jagen, nach dem jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch schon +gerüstet sein?« + +»Ich habe drei Schiffe.« + +Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis, indem sie nach ihm +blickte. Seine Hände zitterten, und die Lippen verzerrten sich vor Stolz: + +»Ich habe dem König bedeutet, daß ich die Dörfer nur verkauft habe, um Geld +zu bekommen für diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich sagte +ihm, daß ich es getan hätte, obwohl ich wußte, daß seine Ungnade darauf +folge, weil er es nicht liebe, daß seine Geschenke sich zersplitterten und +so fortfliegen und so . . . daß ich es aber getan hätte, weil mein Wunsch, +ihm durch die Expedition zu nützen, heftiger gewesen als die Scheu vor +seinem Zorn. + +Darauf nahm der König sein Lieblingswiesel und setzte es am Fenster in die +Sonne und spielte und sprach mit ihm. + +Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht in dem Raume sei -- -- so +sehr nahm diese Bewegung den Glauben an die eigene Wirklichkeit. + +Dann aber ward ich zornig, Juana, und da mir Tränen in das Gesicht +schwammen, drehte ich mich um und schrie das entsetzliche Bild seines +Großvaters, das mich reizte und nicht hilflos machte wie seine Ruhe, mit +heftigen Worten an, als ob er es sei. + +Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der beiden Kaufleute aus +Lissabon, um die ich beklagt bin. Denn ich ließ sie nur töten, um angeklagt +zu werden und so unter Eure Augen zu kommen, was ich anders nicht konnte, +da Ihr zornig auf mich wart der Dörfer wegen. Denn meine Petitionen werden +nicht gelesen. Es ist schade, denn mein Wort scheint leer wie ein +geschriebenes zu sein. + +Der König sagte: Und wenn ich es nicht erlaube . . . -- Ich sagte: Dann tue +ich es auf die Möglichkeit hin, daß Sie mich als Briganten erklären. Ich +fange Yousouf . . . auch dann und -- gegen Sie, Sire. + +Er sah mich an, zum erstenmal, und lächelte: Auch dazu hätten Sie mein Geld +zum Equipieren nötig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen selbst das. + +Ich sagte ihm, daß ich das Geld für die Dörfer hätte, aber da er wußte, wie +gering es war, lächelte er wieder. + +Da zwang mich das Weh meiner Lippen -- und es schrie in meiner Brust wie +ein Degen im Gefecht -- daß ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief, daß +ich wisse, daß er nach seinem Gesetz verfallen sei, aber daß ich es ihm +doch sage: Daß ich drei Schiffe hätte, ausgerüstet im spanischen Viertel +von Brügge, gebaut in Barcelona, Santa Maria, Coruña . . . daß ich die +letzten Kredite auf meinen Namen genommen, die Kerker der Dominikaner nach +Sklaven geplündert, daß ich den Albaycin in Granada nächtelang durchsucht +und aus den Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen, was in +meine Fäuste fiel und kräftig war . . . Zuhälter, arabische Matrosen, drei +hünenhafte Priester . . . und daß ich fahren würde die Nacht -- so oder so. + +Da lächelte er wieder und sagte: Ich werde Sie verhaften. + +Ich könnte Sie töten, Sire, rief ich; Juana, mein Kopf brannte, aber ich +zerbrach den Degen nur und warf ihn gegen die Wand. + +Ah, sagte der König und ließ das Tier und zweifelte: Haben Sie Mut . . . + +Da nahm ich das Wiesel und zerdrückte es in der Hand, langsam . . . während +das Furchtbare des königlichen Zornes mir entgegenquoll. + +Ich ließ das Tier fallen. Aber des Königs Arme kamen über seine Wut auf +mich zu und drückten die meinen, und er zerriß das Diplom, das auf den +Grafen von Oropesa, Luis Quijada, gezeichnet war, und ließ die Fetzen durch +das Fenster fliegen und klebte sein Siegel auf meines -- -- --« + +»Sie machen mich stolz auf Sie, Marques!« Juana warf sich zurück und gab +ihre feuchten Blicke frei, die auf seinem trotzigen Körper weideten und in +dem Erglühen seines Gesichts wie zwischen jungen und heftig aufgebrochenen +Rosen spielten. + +Dann fragte sie rasch: »Weiß es Luis Quijada?« + +»Er fragte mich.« + +»Was sagten Sie ihm, Marques? + +»Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen sagen, daß ich nicht, wie ich +könnte nach meinem Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn mir +allein gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn er die Expedition, von der er +sagte, rüstet. Das Meer ist ihm frei.« + +Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an den Händen nach ihm hin: »Sie +werden den Auftrag da zurücknehmen!« Er verneinte. + +Sie flehte: »Marques, erklären Sie ihn als zum Töten erlaubt, als Brigant!« +Da schwoll Las Casas' Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend +stampfte er den Fuß auf den Boden und bat sie hochmütig und verächtlich, +nicht zu scherzen und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu verlangen, +daß er Luis Quijada für wert hielte, seine Rivalität zu fürchten. Und er +bewegte die flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer Fliege +schlage. + +Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: »Ich werde den Auftrag nicht +ausrichten. Aber nur um des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute +nie mehr bei mir sehe.« + +Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich neben ihrem Bett und zwang +sie so lange, bis sie zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie +früher. Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt gewesen, wenn sie Quijada +die Beachtung des Hasses geschenkt hätte. + +Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre Brust. Seine Hand fing +an heftig zu schwanken vor Verhaltenem. + +Er stand auf. + +»Ich gehe.« + +Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses verwirrte sie und +blätterte sie auseinander in Begehr und Hilflosigkeit: »Nein . . . morgen +--!« + +Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke. Wie sie auffuhr, sah er nur +das Innige ihrer Form, den Druck des Körpers in den Kissen -- und dann roch +er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang sich zurück und roch sie nur, +sah nichts, hatte kein Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern. + +Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt, war es ihm. + +Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen. + +»Morgen --?« knirschte er, denn selbst die Stimmbänder waren mit Blut +überschwemmt. Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren und riß ihn +weg, taumelnd, und legte ihn wieder hin und Härte und Knabenhaftes +verstießen sich gegenseitig von seinen Mienen. + +Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken und zog ihn von neuem +herunter: »Warum -- du . . . heute?« Sie stieß es brennend heraus und in +Scham. Sie stand halb und war halb gekauert in der Ecke des Bettes. Sie +faßte seinen Kopf, daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und ihre +Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berührten, während die Handflächen +kühl nach den Schläfen hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der +Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf Auge. + +Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange schon schrien: »Sie sollen +bleiben, Marques . . . hier -- --« und zitterte. + +Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von einer Welle aufgejagt und +gesteilt warf er sich auf die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und +drückte die trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen den Körper hinauf +nach dem Hals auf den dünnen Batist. + +»Corazon!« . . . stammelte sie. Und wieder: »Corazon!« . . . mit +hingebenden Lippen. Seine Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander +geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung ineinander verkrampft. + +Sein Mund spannte sich in allen Qualen und mit von Küssen halbzerfressenen +Worten sagte er: »Nein!« und viele Male: »Nein.« Und als er ruhiger war, +kam es ihm in das Bewußtsein, daß er sie liebe und daß sie ihn liebe und +daß er es immer schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die +Erkenntnis, und sein Blick stieß gegen die Wand und kam nicht weiter, und +sein Kopf füllte sich schwer mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht +genug sei. »Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende und Schreiende in +meinem Blut geht weit darüber.« Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff +ihres Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande nach dieser Tat, die +endlich soweit vorbereitet war, und indem er davon sprach, sprühte das +Aufleuchtende der Meere und Flotten vor seinen Augen auf und raste in +grellroten Kreisen über ihn: »Ich will den Bassa nicht nur jagen, +aufhängen, schinden, weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fraß und +Isabella, die eine Verwandte ist, schändete und seinen Leuten ließ zwei +Wochen lang. Seit ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn Gedanken +packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede Phase des Kampfes, mag er sein vor +Venedig, bei Cadix, in Marokko . . . ich weiß wie eingebrannt im voraus die +kleinste Schwankung des Gefechts. Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn +nicht im Traum schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so umkreist, daß +ich jede Narbe an ihm kenne, daß ich mehr von ihm weiß wie von mir. Der +Name Bassa Yousouf macht mich blind. -- -- Ich fahre heute nacht.« + +Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem Haar. Sie ließ ihn, denn +sie begriff das Heiße in ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz +umschloß, aber sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz, als er sich +aufriß und sie nicht nahm und sie brennend verließ. + +Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie mit Gold, als käme er von +einer Liebesnacht. + +Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein wenig gepreßt schon von +Jasmin, aber der Mond, der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine +flaue Dämmerung hing zwischen den Masten. + +Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem Schatten einer Mauer, nahm ihn +und landete im Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg am +Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch, jemand schoß eine Pistole in +das Schweigen. Sofort rasten Männer über den Steg und schlugen mit langen +Stäben die Sklaven wach, Ketten rasselten, am Vorderdeck sammelten sich +dunkle Haufen, hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa blitzten +die Offiziere. + +Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu sechst an jedem Ruder +zweihundertvierzig Sklaven. Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur +sechsten Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet. Die letzten und +die Massen Soldaten auf der Proda erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen +und Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten die +blutunterlaufenen Hunderte Augen um ihn. Er schrie sie an: + +»Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine! Dazu habe ich euch gekauft. Das +wißt ihr. Ihr werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags. Dafür spritzt +ihr das letzte Blut aus den Nägeln. So ist dies ausgemacht. -- -- Ihr sollt +noch mehr haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen ist, sei jeder frei. +Jeder kriegt tausend Maravedis. Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr +bekommt Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist. Ich gebe euch die +Offiziere zum Schinden frei, wenn ich falle und sie hindern euch. -- -- --« + +Er hob den Blick zum Himmel. Denn das Schweigen schwelte dumpf unter ihm. +Die Augen der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert Lichter auf +den Bänken. + +»Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus Yousouf Bassas Harem. Eine +braune und eine helle. Am selben Abend noch . . . --« + +Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf. Grunzende Töne johlten +herauf. Schreie rissen sich los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund. +Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen zurück, glänzend wie Fische +im Wasser. Viele knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen zu ihm +winkend oder den Kopf auf den Steg legend, daß er darauf trete. + +Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten hoch. Eine große Fanale senkte +sich über die Poppa. Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen. +Fünfhundert Rücken warfen sich mit vorgestreckten Armen zurück, zogen sie +an, Ruder schäumten durchs Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge +schnellte die Galeere aus dem Maul des Hafens in das leichte blaugelbe +Band, das über dem Wasser lag und Horizont war. Links und rechts zwei +Zungen stießen nach. + +Von drei Vorderdecks blies man: Benedito sea Dioz. + +Die Sonne ging auf. + + * * * + +Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie kamen eines Abends an. Eine +Goelette legte an bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie fuhren +in die Nacht zurück. Am nächsten Tage fingen sie ein paar holländische +Segler, die in der Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und +Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San Sebastian. + +»Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast setzen und ihn nachts im +königlichen Garten aufpflanzen«, sagte Las Casas zu seinen Offizieren, und +sein Gesicht zuckte, während seine Hände mit den besten Perlen spielten, +die er zu einer Kette gebunden hatte und indem seine Gedanken um den Nacken +Juanas flossen. + +Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf der Proda. Aus dem Korb rief +einer und meldete etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte. + +Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille mit gekappten Masten. +Die Besatzung fehlte; nur einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und +schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig geworden. Ihre Ladung +war Florentiner Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen waren sie +überfallen worden. »Hui«, rief einer, auf einem nackten Widder-Gallion +reitend, immer: -- -- »die Weiberchen« und schälte mit einem Nagel an dem +Horn. Man ließ sie weiter treiben. Man war auf der Spur. Mittags brannte es +neben der Munition. + +Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der Abend war ruhig, und es ging +kein Löffel Wind. Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch. Las +Casas saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige Stille und das maßlos +blaue Meer, auf dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken davon +lösen, aber es legte sich über ihn. Er befahl zu musizieren, die Offiziere +warnten. Doch er ließ die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das Meer +aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut war wie das Hüpfen einer kleinen +Welle gegen das Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit tausend +Stimmen: Juana! anschrie. + +Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette zu senden und löste sie von +seinem Gürtel und warf sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge. + +Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den Zaffarin-Inseln. Sofort meldete +es von oben: »Zwei Gallionen.« Las Casas kletterte selbst hoch, beschirmte +die Augen. Es waren Mudjaren und Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste +herunter. Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie schäumend, und +die Ruder überschlugen sich. Immer rascher raste seine Stimme, die selbst +den Takt sang. Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze. Doch +trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon so dicht herangekommen, daß die +Soldaten anfingen, in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken +bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein Vorsprung verschluckte +sie. Die hinterste hißte eine Fahne. -- -- -- -- -- -- --: Schwarz, ein +goldener Arm mit einem Säbel und ein Totenkopf -- -- -- die Flagge der +Hauptschiffe Yousoufs. + +Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte einen großen Araber und +ließ ihn hinrichten (er wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein +Blut in einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen die Füße lief. + +Er betrachtete sie genau während des Vorgangs. Doch es erschien kein +Ausdruck auf ihren von Stumpfheit abgefeilten Gesichtern. + +In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe. Fortwährend gingen Signale hin +und her. Am Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften Biegungen +durcheinander. Von der Mitte einer Insel schoß in Abständen ein weißliches +Feuer hoch. Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das Wasser. + +Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen auf der Poppa. In der +Dunkelheit konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter von dem Bassa +und konnte ihn nicht fassen. Die Sklaven ruderten die ganze Nacht in +Schweißwolken gehüllt. Es roch noch nach Blut. + +Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch dunkel war, nach +verschiedenen Seiten durch. Sie hörten auf den Galeeren nur ein fernes +Brausen, als streiche ein großer Vogel mit der Brust über das Wasser. + +Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres Forcas zu. Die andere Galeere +schwamm eine Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die Lichter +löschen, Anker werfen und ruhen. Denn ihm schien das Tempo Las Casas' +wahnsinnig. + +Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione. Sie hetzten den ganzen Tag, +verloren sich, fanden sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie. +Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß das Dunkel sie weg. Die +Nacht kreuzten sie vor dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise +treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen. Sie sprangen hinüber. +Am Mast stand ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte mit weißer +Glut. Die Planken waren gesprungen. Der Türke war mit nassen Stricken an +den Baum gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der Hitze und ihm das +Fleisch eingeschnürt, bis es geplatzt war. + +Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen machten. Da sprang einer vor +und deutete in sein Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten ihn +an dem einen grünen Auge. Sie schnitten ihn los, aber seine Haltung, die +ihre Wut durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude ihnen selbst +verächtlich erscheinen ließ, bewahrte ihn davor, daß sie an ihn rührten. + +Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas. Als sie ihn nicht fanden, +brachten sie den Bassa nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er. Das +Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur Exekution führte. + +Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas' größter Ehrgeiz, dem er sie opferte, +von einem Subalternen blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie empfand +es, als hätte man ihren Körper beschmutzt, und schien sich gering geworden. + +Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der Gefangene um und sagte kalt: +»Ist es zum Tod?« + +»Ja!« . . . brüllten ihm zehn ins Gesicht. + +Da spie er ruhig den Henker an. + +Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor. + +Von Las Casas keine Spur. -- + +Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile eine Fregatte in den +Hafen. Ein Kapitän stand vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land, +eh er nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte, die Silber aus Mexiko und +Gold aus Peru brachte, ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn +verfolgte, geschlagen habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Der +Hingerichtete war nicht der Bassa gewesen . . . + + * * * + +Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses, über dessen Bühne ein Stück +von Moreto ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von Zeit zu Zeit +auf sie ein. Sie folgte angestrengt den schwerbeladenen Szenen und bat in +der Zwischenpause, als ein burleskes Entremes wie eine klebrige Kette von +Küssen sich vorne erhob und sie zu sehr belästigte, den Grafen, sich neben +sie zu setzen. + +Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie dann, an was sie denke. +Sie antwortete nicht, sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer. + +»Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so enttäuschen«, sagte er dann und +legte die Hand auf ihren Fächer. + +Sie sprach sehr nachlässig: »Bei Gott, was habe ich gehofft?« . . . und +wagte nicht aufzusehen. + +»Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine niederschlagende -- -- Komik +ausgelaufen sind . . . wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in die +Knutscherei des Zwischenaktes.« + +Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das Spöttische seiner Mundwinkel +besiegte sie. Sie brauste auf: »Was wollen Sie mit Las Casas?« + +Er hob die Achseln: »Casas . . . toll . . . Aufschwung . . . ziellos +ehrgeizig . . . jung, jung! -- --« Quijadas Stimme klang kühl, klang +gerecht. Er fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie +Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach ihn einmal höhnisch: +»Neid.« Er schüttelte nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den +Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr selbst, denn es waren +Schmerzen, die ihr nicht wehe taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und +haßte ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich in der Wirkung, +aber scharf und zergliedernd und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über +Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen auf das +unerträgliche Heiß ihrer Haut legten und irgendwas Luft ihr einblase, die +wohltuend in sie ströme, wo sie am Ersticken war. + +Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, daß er schweige, weil sie +plötzlich begriff, daß seine Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in +der Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der klare und starre +Intellekt seiner Worte überschwemmte sie. Sie fühlte in einer wohligen +Apathie, wie er das Heiße, das Begeisterte und das ungenau, aber groß +Aufstrebende in ihr wie zwischen zwei Fingern langsam zerquetschte und Las +Casas' Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte und verschieden +beleuchtete, bis seine Silhouette klein vor seinen Worten stand und er +phantastisch und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam und +beschämt in der Schwankung der Ereignisse und sich das Bewußtsein dahinein +verstrickte, daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt einer +Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen und Wandlungen dieser Dinge, +zürnte sie Quijada nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust der +Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. Sie hörte ihm gern zu. + +Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte sie, wie sehr blond er +war, und sie zwang sich, daß es ihr gefiel. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- -- + +Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei +gelbe Segel kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander zu und +schnitten sich wie zwei Säbel. Dann kam eine Barchette mit singenden +Sklaven vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter auf das Wasser +. . . + +Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham ergriff sie leicht über die +Worte und Gedanken des Tags vorher wie über eine geheime und später sich +mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände vor das Gesicht . . . +und tat sie rasch hinweg, daß ihre Blicke groß gegen den ungeheueren +Horizont schlugen . . . und da empfand sie deutlich wieder, in dieser +Minute, daß dieser, daß er trotz allem »O Las Casas!« dessen Ehrgeiz an +fremden Küsten wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne als +alles, was an sie herankam. Sie dachte an Quijada, und es schien ihr jetzt, +als sei er nur wie ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen +Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre. + +Später kam Quijada. Er sprach wieder über Las Casas. Er sprach nie über +sich oder über sie. Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen in der +Beziehung auf das eigene Ich ganz und allein Wesen und Eigenes der Frau ist +und weil sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie das Verschmähen +ihres Besitzes um einer Tat willen, sie bis zu den äußersten Grenzen der +Idee entflammt, ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren Wort eine +Nichtachtung des Bluts erscheint -- und wie sie nur aus gekränktem Eros +heraus denken können und tun . . . so empfinden sie, unbewußt vielleicht, +vielleicht oft, immer -- es ist möglich und einerlei -- den Haß des Mannes +auf den Mann als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über alles umronnen stehn +von ihrem Blut! + +Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas Grausamkeit gegen diesen lockte +ihr Blut. Seine Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, der (es +schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an. + +Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen Gärten. + +Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, grüßte und ging nach dem Palast. + +»Las Casas . . .?« + +»Beruhigen Sie sich!« + +Sie sah ihn an. + +Bleich. + +Da sagte er heiser: »Las Casas!« + + * * * + +Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere vor ihm . . . öffneten +den Vorhang. Er stand vor dem König. + +»Sie?« sagte der. + +Las Casas verbeugte sich. + +»Warum kommen Sie?« + +»Der Prinz ließ mich rufen.« + +»Duell . . .?« + +»Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen den Prinzen) nannte ihn +irgendwas. Ich schlage mich für den Prinzen.« + +Der König winkte ab. + +Langsam drehte er sich um und schaute durch das Fenster. + +»Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.« + +Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König ihm das Gesicht zu, nahm +einen verzierten Dolch, schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und sagte +gütig und klar: + +»Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.« + +Las Casas lächelte verzerrt und ging. + +Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis er in den Eckraum kam, den ihm +der Prinz überlassen hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen, der die +Galeere kommandiert hatte, die den falschen Bassa fing. + +Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem Lächeln, verlegen und +geschmeichelt auf ihn zukam, griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf +einem Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen Armen ihm zu vor +ihn. Er rief ihm gleichzeitig, daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme +für seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden, nicht wußte, was das +war, befahl er ihm, den einen Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr +hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex von fassungsloser +Enttäuschung. + +»Holländische Münzen . . . ge . . . fäl . . . schte . . . Molinillos --?« + +»Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit anderem als mit einer -- +Imitation belohne?« + +Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht geschlagen war. Er stemmte +sich auf, als wolle er den Beutel wegwerfen. + +Da begann Las Casas' Gesicht zu zittern: »He,« tief er, »Herr!« -- und es +klang wie der Ton eines der krummen Hörner an einer königlichen Barchette: +im Befehl unabwendbar . . . und es knickte den Zornigen. Er ging mit +hängenden Armen. + +Las Casas promenierte noch über eine Stunde in der Kühle des Korridors, bis +die Herren kamen, ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn umarmte. +Das Rendezvous war in einem gesperrten Teil des Gartens zwischen einer +Fontäne und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß nach wenigen +Minuten seinen Gegner durch den Nabel mitten durch, daß der Herzog von +Medina-Sidonia mit liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung nicht unterlassen +konnte, daß an der Stelle, da ihm das Leben geworden sei, es wieder +verströme. + +Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die Löwen. Ihre Augen wurden grün +vor Gier. Es pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen. Dann +brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins in ein erschütterndes +Gebrüll aus -- durch die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper rasend +dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen kitzelte. + +Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum Palast, traf Las Casas auf Juana +und Luis Quijada, der sich um sie bemühte. Sie war auf eine Bank +zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand sie auf. + +Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl. + +Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten einen gleichen in hetzenden +Takten selig geschwellten Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper +aufeinanderdrangen und sich umschlossen, obwohl sie sich nicht bewegten +. . . und wie wenn ihr Blut aus den Adern presse, heraustrete und +ineinanderströme. + +Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte von irgendwo her, von der +Seite her? -- -- -- neben ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die +Stimme Quijadas: + +»Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu Ihrem Erfolg heute -- -- wie ich +ihr Unglück bedaure -- sonst.« + +Las Casas' Blick fuhr an ihm vorüber wie an einer Wand. Drehte die +Schultern, entblößte seine Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an +Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die Hand. Sie sahen sich in +das Weiße. Dann ging er. + +Nach drei Schritten wieder bog er um: »Graf Oropesa, . . . Sie sagten +. . . vielleicht, daß Sie mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt, +Ihre Segler zu rüsten.« + +Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle spielte, sagte scharf, den +Schnurrbart kauend: »Sie haben mir nicht den Gefallen getan, mich für +diesen Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären. Auch im +Großzügigen wie in der Verachtung weiche ich Ihnen nicht.« + +»Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung haben, jetzt . . . gleich +. . . sofort -- Auf Wiedersehen.« + +Er machte eine schwache Geste nach dem Meere und ging. + +Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen nahm, brachte ein Diener ihm +einen Brief von ihr. Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder. +Nur dieses: »Komm --!« + +Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd: »Komm!« Es fielen ihm ein die +Abende im Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor Sehnsucht wie der +Horizont und darüber erschrak, zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn +so, daß er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er sich selbst +empfindend, langsam zurückkehrte in die Umgebung und sich gewaltig +zufammenraffte und toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb: + +»Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen, wo ich Dich aufschob bis nach +dem Erfolg. Ich müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs. Du aber +wärst feig, wenn Du nachher mich nicht verachtetest.« + +Aber in der Dämmerung fand er sie in dem Garten. Sie spannte die Arme nach +ihm. Da fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte und die +verbotene, selbstversperrte Sehnsucht in einem knabenhaften Weinen in ihren +Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre Schenkel, und sie sagten kein +Wort. Doch er warf ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ, +lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein Mund. + +Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte, erhielt er ein Billet. +Er erbrach es am Ufer noch, einen Fuß in der Barchette. + +Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil das Dunkel ihr Blut quälte, +und raste nun nach ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl! auf +den Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein. + +Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte ein ganz kleiner Hucker mit +unmäßig geschwellten Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann stand +darin. Warf einen Brief herauf. + +Sie schrieb: »Ich liebe . . . Deinen Stolz . . . die Härte . . . warte -- +trotz alledem. --« + +Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die Augen rot -- eine überreife +Frucht. Die Lippen hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie eine weiße +Falte lag der Mund in dem Gesicht. + +Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen an den beiden Abenden, +die folgten, ins sinnloseste betrinken. Er schenkte es ihnen. + +Zehn Tage später liefen die drei Segler des Luis Quijada aus. + +Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden. + +Juana hielt die flachen Hände an die Brust und fing den Herzschlag auf +darin und warf ihn den Galeeren nach. + +Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte sie auch sein Fehlen doch, +da sie ganz allein war. Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen +sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr das Kühlende seines +Hasses. So glaubte sie. Manchmal erschrak sie. + +Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer Donner sich sammle, wie wenn +ein Bergwerk einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus dem +glatten Himmel sause irgendwo. Und sie bedauerte, daß sie nicht tiefer +hören könne, und streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf, höher +. . . und ward straff gegen jeden Anprall und scharf wie eine Lanze. + + * * * + +Bandieren und Standarten spannten sich auf Las Casas' Galeeren. Morgens und +abends bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das Meer wechselte blau und +grün. Gegen Mallorka zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende Monde auf +dem Grund. Die Sklaven ließen die Ruder und beugten sich über die Geländer +und starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie zu prügeln, und sie +krochen wie die Hunde zurück. + +Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer Seide mit Las Casas' Wappen in +Granaten bestickt. Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht vorüber. + +Bei der Insel Galita war eine Falle für den Bassa gelegt. Zwei kleine +Segler mit Lamawolle und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden nachts, +lautlos. + +Las Casas kreuzte ganz Tunis ab. + +In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische Caramuzzals ein, die +völlig braun waren und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten. Sie +schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus kleinen Kanonen. Beim Entern +sprang ein Mann zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott lobend. Las +Casas ließ ihn trotz dem Geplärr in Ketten legen. Die anderen schlug sein +Henker mit der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten wurden auf die +Ruderbänke geschmiedet. Die Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere +stach die Sonne zusammen. + +Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang (sein Blick hatte den +gewöhnlichen Wahnsinn der Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn +langsam totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder. Das fiel vor ihm hin und +nannte sich einen Franziskaner aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten +war. Er küßte die Füße Las Casas', und als der ihn nach dem Versteck des +Bassa fragte, heulte er auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß +er den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches gab er singend die +Weisungen für das Schiff. + +Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und versprach ihm straflose +Freiheit, wenn sie den Bassa fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe +seines Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei -- -- -- für den +anderen Fall. Der Renegat allein lobte nur Gott. + +Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den Bassa überraschen sollten, +sahen sie eine gelbe Caramuzzal in einem schönen Bogen eine Mauer von +Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von beiden Seiten wurden sie mit +Brandpfeilen und glühenden Eisen überschüttet. + +Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert Soldaten aus, fing +und erschlug eine Anzahl Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe +Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene Nubier saßen vor +des Bassas Kajüte. Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige +Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein stehendes Lager und den +Harem hätte. + +Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten Morgen. Sein Herz ging hoch, +als ob er ganz dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten. Die +Galeeren sollten so lange kreuzen. + +Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer. + +Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner seine Hymnen, bis ihm ein +Offizier mit einem Koran als Knebel das Maul verstopfte. + +Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren sie, daß am Abend der +Bassa in aller Flucht vorbei gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer +und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu weisen, obwohl sie schrien und +sich wehrten aus Furcht. + +Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender fiebervoller Ring wälzte der +Himmel sich um den Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in der Luft +wie Sand. Sie mußten die Augen senken, und das Blut zog sich ihnen wie +gefroren im Kopf zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos +wurden, schrien plötzlich etwas, rannten ein Stück in die leichten Dünen +und verbeugten sich . . . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen Laut. +Nur das war: wie wenn der grünliche Schlauch am Himmel sich langsam um sie +zusammenziehe. + +Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte, zündeten Feuer an und stellten +Wachen aus. Die Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf der einen Seite +die Männer, auf der anderen Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne +scharf in die Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen in die +Arme. Dann spielte die Muschel allein. Auch sie schwieg. + +Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte, daß es Zuversicht sei. Er +wußte (ganz unstreitbar), daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie +war zu zweifeln? . . . Juana? Er würde sie dann in fiebernden Händen +besitzen. + +Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper zitterte unter dem Gedanken. + +Er hob den Kopf. -- Ja . . . Bisamrosen hatten um die Bank gestanden und +geduftet. Und Nelken. + +Sehr scharfe Nelken. -- -- -- + +Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von Beduinen um das Lager und +senkte seine Lanzen in die Körper, die herumlagen. Las Casas banden sie und +einige andere, trennten ihn von ihnen und ritten mit ihm die Nacht durch +und den ersten Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein Kamel. Sie +gaben ihm Stutenmilch dieser Tiere. Er trank es nicht. Mittags ritten sie +weiter. Rötlicher Nebel schoß vor die Sonne und glühte die Kehlen aus. + +Die Wüste war flach, ein wenig gewellt. Dann ritten sie eine hohe Düne +herunter. Ein Park von Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grün stand um +ein paar Bäume und einen Brunnen. Las Casas trank Wasser. Abends fragte er, +ob sie ihn zu Yousouf brächten. Sie grinsten: Nein --! Da wuchs alle Kraft +in ihm und durchbebte ihn wieder. + +Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier: »Gute Stute . . .« Denn seine +Hände waren gebunden. Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er schritt durch +Gewölbe und Gänge und stand in einem Zimmer, plötzlich, mit hellgelben +Steinen, zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saßen. Eine Laterne stand +auf dem Tisch, Wein, Brot, Früchte. + +Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schönen bärtigen Türken. Sie +verhandelten über sein Lösegeld. Während sie sprachen, senkten des Türken +Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las Casas' Hand hoch, ein wenig. +Sein Dolch lag auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. »Gib dir keine +Mühe!« lächelte der Türke. Der Marques hatte die Waffe schon gepackt. Er +sauste mit einem heftigen Sprung durch die Tür. Er sauste gegen einen +dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen aus Zorn und kehrte ruhig zurück. +»Ich sagte es dir«, achselzuckte der Türke, ein bißchen beleidigt. + +Allein er ließ ihm den Dolch. + +»Sag mir das eine!« fragte der Marques scharf. »Bin ich bei Yousouf Bassa?« + +Der andere lächelte: »Nein.« + +Sie einigten sich über das Lösegeld und Las Casas blieb allein. Es ging +schon gegen Morgen. Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann. + +Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür war nicht verschlossen und er +sah keine Wache. Er stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel eines +Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog. Es roch modrig. Von Zeit zu +Zeit merkte er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber er mied sie. +Plötzlich fühlte er Schwindel, und die Furcht, daß er sich im Kreise +bewege, zog ihm das Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel, wie er +bleich ward und schlug hastig den Gang in einen Kreuzstollen ein, der das +Gewölbe durchbrach. Als er ein paar Minuten sich die Wände entlang getastet +hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab, eine Dämmerung schwoll auf, leichte +Helle lockte, und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes, das größer +wurde und ihm entgegenströmte im Nahen und Mond ward . . . und ihn +hinauszog auf einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht. + +Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt in der Mitte, als schwämmen +sie auf dem Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen blitzende Strahlen +Quecksilber. + +Las Casas schlich über den taghellen Hof, an die Mauer geduckt und von dem +schmalen Gurt ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen zwei +Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah hinein. + +Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und schaute müd und regungslos dem +Spiel eines jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben eine Zeit +so. Innen der Türke in das Betrachten versunken, der Marques fand nicht den +Augenblick, sich von dem Posten geräuschlos zu lösen. + +Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob die Augen. Die Augen mußten über +das Fenster . . . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in die Luft, Glas +splitterte, ein Dolch schlug neben Las Casas' Kopf vorbei durch die Scheibe +und verlor sich zischend und blinkend nach den Brunnen. + +Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine Blicke faßten plötzlich +eine dunkle Öffnung in dem hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen +Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht und glatt. Während er +suchte, fing ein runder Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er +auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtbälle tauchten auf und +spielten mit dem ersten. Sie glitten übereinander und vermehrten sich, bis +die eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte Las Casas, die +Wände seien Spiegel. Er suchte noch einmal nach einer Öffnung, aber er fand +keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in die Augen. Da hieb er mit einem +Aufschrei bebend vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles +Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es einen Ruck, eine Öffnung, +durch die er schritt fünf Schritte bis in sein Zimmer. + +Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte herein. Sie betrachtete ihn lang +und eingehend. Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort, ihn +anzusehen. + +Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte: »Ich kann mit dir machen, +was ich will.« + +Las Casas zuckte die Achseln. + +»Wenn du mich liebtest«, meinte sie nach einiger Zeit ernst und überlegen, +»kostete es dich den Kopf. Zwei, drei Schnitte . . .« . . . sie fuhr +sachlich mit dem Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah ihn an, als ob +sie immer mehr über ihn erstaune. + +Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der Marques die Linien ihres Körpers +nach und wandte sich langsam nach der Wand. + +Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und brannten ihr Bild in die +Mauer. Sie war sehr schön. + +»Mein Vater hat sieben Monde«, fuhr ihre Stimme fort, »ich habe den Alten +schlagen lassen, dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und dich.« + +Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr. Da fuhr ein Lachen mit +tausend süßen Spitzen in ihr Gesicht: »Alle Querstollen führen in den Hof«, +lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie ihm vor das Gesicht. +Dann lenkte sie ab: »Deine Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht +sehr braun . . .« Sie strich mit der Handfläche neugierig und schauernd +über seinen Hals. + +Der Marques packte ihre Hand und warf sie mit spitzen Fingern zurück. Sie +zog sie erstaunt an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms und +senkte den Kopf schräg. Sie war enttäuscht und drohte ihrem hellbraunen +Spielzeug überrascht: + +»Wenn ich will, kann ich dich an das Bein einer Kamelstute binden lassen, +die nach Tripolis geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules Wasser zum +Trinken. Oder du mußt Sand scharren im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem +Kopf stehen und durch die Nase lachen.« + +Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen. Rasch flog ihr Fuß aus dem +Pantoffel, das Bein schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und zupfte +ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las Casas schlug mit der Hand hart auf +den Fuß, der sich zurückzog. + +Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich gering gemacht und wie ein +Schwein oder gleich einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang auf ihn zu +und drückte sich an ihn und strich ihm über den Arm und den Hals. Sie +begriff ihn nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er warf sie, +während seine Finger die ganze Schönheit ihres Körpers begriffen und im +Gefühl bewahrten, ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen die Wand, stieß +einen kleinen spitzen Ruf aus, zog ihr Tuch bis unter die Augen und ging. + +Einmal noch floh Las Casas. + +Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit vielen Begleiterinnen +dunkelblaue Bohnen und Winden begoß. + +Er wußte nun, daß er ganz -- wie ein Tuch und ein Stein -- in ihren Händen +sei. Aber die Erniedrigung war nicht tief genug, daß er sich tötete. Er +spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam zu. Einmal setzte sie +sich auf seine Knie und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff +und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr. Um so stärker aber stieg +das Bewußtsein der Berufung in ihm. + +Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er sie abschüttelte, obwohl +sie sah, wie seine Lippen brannten. + +Doch langsam sahen Las Casas' Augen sie nicht mehr. Sie sahen trüb aus wie +Zisternenwasser. Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte es +drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren Finger vor die Pupille und stieß +danach. Sie brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm der Stern auf dem +Weiß. + +Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien eingeritzt standen, und +flüsterte an sein Ohr: »Palast-Plan . . . Palast-Plan«, bis er begriff und +ihn vor ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine List. + +Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den Lippen. Sie küßte ihn auf +den Mund und sah ihn traurig an: »Was willst du?« Der ganze Körper bat. + +Da floh er. + +Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels, glitt über Terrassen und +Galerien und tauchte in einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog. +Seine Hände führten ihn tastend die Wand entlang. Er schritt minutenlang. +In Abständen waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen hatten. +Einige waren aus einem porösen Stein, andere völlig glatt. Er streichelte +seine Hände kurz und stolz: »Kluge Hände«. Ein Übermaß von Freude stand ihm +bis zum Kopf, bereit, durch Mund und Augen übermäßig aufzuspringen. +Plötzlich packte er einen Auswuchs und empfand im gleichen Moment, daß +seine Hand in einer Zahnreihe lag. Er half mit der anderen und erschrak, +wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhöhlen verschwanden, die +feucht waren und sich anklebten. Da faßte er fest zu, brachte die Augen +nahe und merkte, daß es ein Ornament aus Gips sei. Wie er aufatmend +vorwärts trat und sein Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas +Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen die Tür, die hinausführen +mußte. + +Seine Hände aber erkannten die Schönheit wieder, die sie einmal gefühlt +hatten, und packten sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem. Da gab er +nach. -- -- -- + +Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die um sie kreisten. Er senkte die +Augen. Zwei Beduinen empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf ein Tier und +ritten neben ihm. Er hatte den einen Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie +ihm einen Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche. Als sie ihn +verließen, sagten sie ihm, daß es knapp ein Tageslauf sei. + +Er hielt sie an. + +Er hielt sie an und fragte: »Wer war es, der mich losließ?« + +»Die Tochter Yousouf Bassas . . .« sagten sie. -- -- -- -- -- -- -- -- Er +wartete, bis sie verschwunden waren. Dann hielt er die Hand so, daß sie den +ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte. + +Hiermit und so war er fertig mit ihm. + +Durch die Hand sah er sein Blut. »Juana . . . ja . . . mein Blut -- -- +unser Blut --« schrie er und stachelte den Hengst mit dem Dolch. + +Moos spann sich grau über die Wüste. Kranichzüge rauschten über ihm. Endlos +blendeten die weißen Kaktusfelder in der Ferne. + +Ein Tuareg begegnete ihm. + +Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen hielten sich so fest, daß +ihre Hände sich nicht rührten. + +Endlich: Bäume . . . Bäume! Eine Allee. Orangenallee . . . Er fiel vom +Pferde, umarmte es, tanzte und küßte die dampfenden Flanken des Tiers. Am +nächsten Tag fand er die Galeeren. Am gleichen Mittag rannte eine +Patrouille von ihm zu Yousouf und bat ihn um eine offene Schlacht. Der +Bassa schlug ein und bezeichnete den Platz. + +Sie stachen sofort los. Las Casas kam in Streit mit den Offizieren. Er +trieb die größte Eile an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle sein +wollte. Denn er mußte auf jeden Fall die Stellung an der Küste haben, damit +er den Feind gegen das offene Meer hatte und so Flucht eine Unmöglichkeit +sei und auf diese oder jene Form dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere +wollten erst Wasser aufnehmen in einem Hafen, der nahe lag. Doch Las Casas +sagte, daß sie nach der Schlacht Wasser genug haben würden hier oder da, +und er wies auf das Meer und in die Richtung des Hafens; da schwiegen sie, +denn er lächelte dabei. + +Die Sklaven hatten ausgehöhlte Gesichter und knirschten, als die raschen +Takte des Vorsängers ihre Muskeln zu angespannten Zügen zwangen. + +Las Casas ließ sie schlagen und stand auf dem Vorderdeck, unbeweglich, den +Blick auf das Meer ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen in +das ruhige Wasser. + +Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm wie zwei Segel, die ihn nach +der endlichen Tat hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er wenig +und kaum. Nur dies eine erfüllte ihn. Ein Lächeln, fast spöttisch, +kräuselte seinen Mund. Er schüttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz +durchfuhr ihn stürmisch und sengte seine Augen. + +Er drehte sich und es war ihm, daß einige Bänke die Ruder weniger tief +streckten und so den Lauf hemmten, und er ließ auf einer erhöhten Bühne +mitten auf dem Steg zwischen den Bänken mit Sklaven zwei Neger hinrichten. +Die nächsten schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern stand Wut. + +»Wasser . . . !« brüllte ein langer Portugiese und drohte. Las Casas +lächelte ruhig und sehr gefaßt und ließ ihm das Halsblut der Neger reichen. + +Er fühlte einen starken Sturm in sich, der ihn hob, schwellte und maßlos +mit sich selbst erfüllte, daß sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und +seine endlos beschwingten Gefühle über alle Schicksale hinausstiegen und +der Tod ihm nur ein geringschätziges Spiel (wie mit Masken) erschien. + +Am Abend stellten sie sich auf für den folgenden Tag. + +Früh riß die Sonne den Himmel tiefrot auf und färbte das Wasser so. Und als +bedrücke das Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner Seele, horchte er +in sich hinein und fand wie ein Pizzicato in der Ruhe seines höchsten +Geschwelltseins den Gedanken an Juana und riß ihn heraus und maß ihn mit +den letzten Erlebnissen und der Idee seiner Tat. Die Kartaunen des +Vorderdecks lösten sich schon. Die türkischen Caramuzzals umsprühten die +Galeeren mit glühenden Kugeln. Eine zischte zwischen die Ruderer und +verbrannte sie. Es roch nach versengtem Fleisch. Die nächsten heulten auf +und ließen die Ruder. + +Da ließ Las Casas die Hörner blasen. + +Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine Schlinge fiel vom Hauptmast. +Sie legte sich um den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und schwang +ihn, der sich verrenkte und mit den Armen, die Hände zu Fäusten gekrallt +und die Zeigefinger nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen über das +Schiff. + +Pfiffe rasten über die Decke. Alle Ruder hoben sich und schäumten auf die +Caramuzzals ein. + +Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana ganz aus sich. Nur die Tat sollte +sein. Er stand auf der Poppa und suchte die größte Caramuzzal. Eine Flagge +deckte sie: Rot mit sieben schwarzen Monden. + +Endlich: Yousouf! -- + +Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so war es von der Sonne durchtränkt. + +Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung, in der durchbebtesten +Ekstase seines Lebens den Gedanken an Juana zu töten. Eine wahnsinnige +Freude durchschwang ihn. Er hatte den Dolch durch den Mund gezogen. Seine +Hände hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle Kanonen entluden sich +und schrien gegeneinander. + +Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und brüllte etwas mit +leuchtenden Augen zurück, was das Getöse verschluckte. Las Casas sah ihn +an. Und als hätten die nicht gehörten Worte etwas gelockert, als hätten sie +ihn das gefragt, um was er rang, brüllte er dem Jungen zu (der ihn nicht +verstehen konnte) die Arme um das Rad, mit Lippen, die sich zerrissen an +dem Dolch im Mund: + +»O alles . . . hätte ich auf den Bauch geschmissen Dreck gefressen, drei +Monate oder vier . . . wären meine Gedärme zerfetzt daran . . . hätte ich +den Bart säubern müssen des Bassa jeden Tag von Eiern und Speisen und +schlechten Küssen, wäre ich stinkend geworden und nach Übelem riechend und +hätte ich keine Zähne mehr im Mund und wäre ich gewesen wochenlang beschämt +bei alten Weibern, die hängende Brüste hatten und Riemen von Adern aus den +Gliedern quellend . . . o, alles nichts, klein, sehr klein, -- -- -- kein +Lachen . . . keinen Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen Moment, +gegen dieses Steigen -- -- -- und was Juana ist -- -- -- was ihr Andenken +ist . . . es wiegt nicht so viel, daß ich es nur so sage, nicht einmal mein +Brüllen ist es wert . . .« -- -- -- + +Nun hatte Las Casas Ruhe für seine Tat. + +Seine Lippen zuckten zerrissen. + +Ehrgeiz füllte seine Augen, daß sie grün blitzten. + +Die Offiziere standen um ihn. + +Blut rann über sein Gesicht. + +Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer nach rechts. Geknarr und +Erschütterung knirschte auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal +Yousoufs, deren Geländer sie weggerissen hatte. Dunkle Massen strömten +hinüber. + +Mit einem Lächeln (dies war sein Tag), ganz ruhig stand Las Casas auf der +Poppa. Sein Gesicht war hell und stet wie eine Fahne. + +Aber dann: -- -- als er hinübersprang und sah, wie Bassa Yousouf mit vielen +Kugeln durch den Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben und +vorbeitrugen dicht an ihm . . . kniete er, wo er stand, nieder, warf sich +auf den ersten Toten, der aus der Brust blutete, küßte die Brust -- -- -- +und stammelte: »Juana«. Stammelte: »Juana«. Nichts weiter. Nur dies. + +Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas betrachtete ihn genau. Er sah +seiner Tochter ähnlich . . . die Wolke über der Stirn . . . die Braue und +der Nasenflügel . . . Las Casas erstaunte über die Leiche. Er wußte nichts +damit anzufangen. Er roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen, +fiel ihm ein, waren auch dabei. Er fuhr mit den Fingern in die Wunden des +Bassa und untersuchte sie. + +Dann zuckte er die Achseln und trat zurück. + +Der junge Offizier kam und küßte ihm die Hand. + +Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren traten auf ihn zu: Sie seien +stolz . . . unter ihm . . . dieser Sieg -- -- -- + +Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa . . . Er strich die Stirn: Ja. +Er lag da. Auf der Poppa . . . tot? . . . Tot! + +Stolz hob seine Schultern. Freude überflammte ihn. Es war die erste Tat im +Reich. Gewiß. Er hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios. + +Die Sonne ward schon gelb und stieg. + +Dann sprang er zurück auf dem Hinterdeck und gab das Signal zur Abfahrt. + +Ein Schrei der Wut peitschte über das Verdeck. + +Offiziere hoben die Hände, bestürmten ihn: »Teilung der Beute . . . Ruhe +. . . Soldaten . . . die Sklaven seien ausgelaugt.« + +Las Casas stemmte sich hoch: »Wir fahren!« + +Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen. + +Niemand sprach. + +Sieben türkische Caramuzzals waren erobert worden, auf die Soldaten +verteilt wurden. Die Gefangenen mußten rudern. Ein Schiff trug den Harem. + +Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten, sprangen den Leuten Arme und +Lippen auf. Die Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten kaum. + +Weißglühende Wut schwelte in den Augen der Soldaten. + +Las Casas saß auf dem Vorderdeck, wo der Wind ihn zuerst kühlte. Die Leiche +Yousouf Bassas lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal auf ihr, dann +sogen sie sich wieder glühend, brennend in den Horizont fest. Er freute +sich über die Tat. Aber er begriff nicht mehr, daß er über Juana +weggesprungen sei wegen ihr. Er fühlte sie so um sich, als könne er ihre +Umrisse mit den Händen fassen. Es war unmöglich -- wie konnte es sein, +lachhaft und kindisch? -- daß er sie dreimal verschmäht hatte. Er blickte +auf den Toten. Es war doch so. Doch er verstand die Wichtigkeit dieser +Tötung nicht mehr. + +Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns zu mäßigen. »Die Leute verrecken +vor Durst. Die Zungen kriechen ihnen wie böse Tiere aus den Mäulern,« sagte +heftig der junge Offizier. + +Las Casas ließ ihnen die letzten Rationen austeilen. Das Tempo blieb das +gleiche. Es ward Nachmittag. + +Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. -- + +Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserfläche einen Garten voll Lauben +und Gerüchen und eine Nacht darüber, mit Sternen dicht verschnürt, in der +er sie besitzen wollte. Es nahm ihm den Atem. Es preßte alles beiseite. Er +mußte ohne einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er schob den Toten mit +dem Fuß zur Seite, da er ihn plötzlich haßte, weil er in ihn die Ursache +verlegte (die in seiner eigenen Brust saß), daß er Juana verschmäht hatte. + +Da brüllte es hinter ihm plötzlich wie aus einem Ventil: »Wasser!« Es war +ein gellender, trockener Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner +Nähe. Aber dort brach es aus: »Wasser!« . . . und schlug hinüber und +zündete und an hundert Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mündern. +Die Augen waren ihnen stier geworden, und die weißschweißigen Gesichter +brannten. + +Las Casas' Hirn schob blitzschnell den Gedanken vor: Gefahr! Sein +Bewußtsein packte zu und begriff dumpf, daß ihm ein Hindernis +entgegentrete. Rote Wut schüttelte ihn. Er sprang vor: + +»Schmeiß,« schrie er, »Geschmeiß,« und wieder: »Vieh . . . Ihr wollt +weniger tun, Hunde, wo ich mehr Eile habe. -- Sklavenführer, aufs +Vorderdeck! . . . Die Riemen in die Peitschen gezogen . . . Zehn Takte +rascher gefahren im Viertel der Stunde. -- Den Bankersten die Bastonade!« +. . . Seine Stimme war wieder beherrscht geworden. Die Riemen klatschten +über die Rücken. + +Die ganze Nacht ließ er sie mit Wasser begießen, das sie kühlte und ihren +Schweiß wegschwemmte. Allein das Meerwasser biß scharf in ihre Wunden, daß +sie schrien über das Geschenk. + +Am Morgen stand einer auf als Deputat: »Wir können nicht mehr.« Niemand +hörte auf ihn. + +»Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns auf den Bauch diese Zeit. Dann +streifen wir das Schiff wie einen flachen Stein übers Wasser.« + +»Einen halben Tag . . .« johlten die anderen. + +Der Deputat drohte: »Wir brechen die Ruder . . .« Da gab Las Casas Befehl, +ihm, dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge aus dem Munde zu +nehmen und ging hinunter, die Zähne in den Lippen und bleich. Denn es +schmerzte ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten nur ein +Wollen, das wie ein ungeheueres Zittern daran hing und auf alles +niederfiel, was es sperrte: »Juana!« + +Er ließ den Sklaven Wein geben. Das Geringe berauschte sie. Die Galeeren +zogen rascher. + +Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Mäuler aufgesperrt, aber noch +entfeuert. + +Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender, bis einer schrie: + +»Weiber -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --« + +Langgedehnt zog der Laut über das Schiff. Eine Stille schob sich nach, die +alles preßte. + +Dann rasten alle in die Höhe und hämmerten ihre Ketten gegen die Bänke: + +»Dein Ver--spr--e--e--e--chen . . . am selben Abend . . . zwei . . . + +Schuft! -- -- -- Du . . .« + +Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen. Die Aufseher peitschten +sie mühsam wieder an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich ineinander +verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem Fleisch. + +»Ihr werdet sie haben, eh' der Tag 'runter ist. Wenn ihr euch eilt, Bande! +Dann sind wir in Cartagena.« Las Casas' Stimme klang knapp, unendlich +beherrscht. + +»Es ist gelogen, ist erlogen . . . Hund!« + +Las Casas ließ sie. + +Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden, erschrak er. Es blitzte ihm +durch den Kopf -- er müsse den Abend in Cartagena sein -- -- um alles. + +Er ging auf dem Deck herum und zerbog die Hände ineinander, bis er den +letzten Entschluß sich abgepreßt hatte. + +Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem Harem herüberzuschaffen. Er +wußte (in brennendster Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems beim +Umladen nach der Schlacht gesehen hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste +waren kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte rund mit Gold gemalt. +Sie sollten vor ihnen tanzen, daß sie rascher führen. + +Alle mußten hinuntersteigen. + +Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und Las Casas. + +Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven die Gesichter weiß wie die +Planken, die Augen rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las Casas' +Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze. + +Dann fingen die Boote an hinüberzufahren zur Caramuzzal, die den Harem +trug. Die Wächter hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend vor +Scham und Schmerz, wie irgendwo einem Geifer aus dem Maul rann, während er +blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in Strömen aus dem Gesicht. Sie +sahen aus wie Pilze, auf die plötzlich Tau fällt. + +Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel auf die Schiffe. Die +Gesichter waren ins Unkenntlichste verzerrt. Wo manches Nase oder Mund +sonst war, saß nun eine Falte der grausamsten Qual. + +Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er tat, empörte seine Seele. Er +schlug die Arme übereinander, daß sie ihm die Brust einbogen, biß die +Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte vor Zorn über sich. Er +flüsterte: »Juana« und empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte den +Abend in Cartagena sein (er kam den Abend nach Cartagena) oder wahnsinnig +werden oder zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen diesen +Willen. + +Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der Männer. Dabei empfand er, wie die +Galeere mit erstaunlicher Geschwindigkeit flog. + +In der drückenden Stille hinter seinem Rücken bohrten die achthundert Augen +sich auf die Caramuzzal, an der die Boote gerade anlegten. Ein silbernes +Horn (wie rein es scholl zwischen den Masten und gelben Segeln!) hob sich +mit zartem Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief einmal (wie klang +sie jung und nach Andalusien!): »Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.« + +Las Casas wandte sich nicht um. + +Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen von einem Gedanken und hob +den Arm mit einem raschen Mal streng und senkrecht . . . niemand wußte, +wollte er Einhalt rufen oder winken. + +Doch die Geste wirkte unsächlich. + +Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus allen Brüsten lösender Schrei +über die Galeere hin. Es war zu viel. + +Einer der Sklaven hatte Las Casas' Bein gepackt. Las Casas verschwand unter +der gebeugten Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos, und flog wie ein +Ball auf die andere Seite. Sie warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links. +Vierzig auf der anderen Seite. Einer senkte seinen Mund auf seinen Hals. +Ein anderer schlug seinen Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann +blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf, Gefangene, erschlugen die +Offiziere, befreiten sich und vergaßen ihn über ihrem Gelage. + +Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte im Horizont auf. + +Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind herauf. Drei Schiffe mit +roten aufgebauschten Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven +wurden überwältigt. Luis Quijada kam herüber von seinem Segler. Denn er war +es. + +Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert um die Reeling hängen. Die +Leiche Las Casas' ließ er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner +Fanale. + +Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen und bestieg die Caramuzzal, +die des Bassas Harem trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig +Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein. Die anderen schenkte er +seinen Soldaten. Darauf stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen +Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajüte mit lackiertem Mahagoni und +Zitronenholz. Sie hatten sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit +ihnen und sie tranken gemächlich mit ihm, der lächelnd und zärtlich +scherzend mit ihnen sprach, zutraulich Kakao und Orangenwasser. + +Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward Abend, als sie in Cartagena +einliefen. Große Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte kommen. Das +Banner Las Casas', Quijadas, das von Kastilien und die rote Fahne mit +sieben Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana stand am Steg. + +Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht und ans Land gestellt. +Quijada folgte. Las Casas' Kopf erschien, wie einer das Tuch hob, unter der +weißen Fanale, auf der sein Wappen stand. Um seine Stirn saß festgebissen +mit einem dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie ein schlechter +Heiligenschein. + +Juana taumelte. + +Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung wieder in sich selber +ein. Und da sie nicht allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern das +Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie um den Liegenden herum und +raffte ihr Gesicht auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer über +einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz auf Luis Quijada zu und legte +ihren Kopf an seine Brust. + +Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche ihrer +Entschlossenheit, aber er tat doch den Arm um sie, denn er hielt sie nicht +für schlechter als die drei Besten aus seinem Harem. + +Yup Scottens + +Yup Scottens wette niemals. Sie wüßten es alle. + +Das Blut steige ihm noch röter unter das breit und tot herabfallende Haar. +Er schlage auf den Tisch. Jedesmal würde er auf den Tisch schlagen, wenn +wieder einer vom Wetten spreche. + +Also schweige man davon. + +Ob Yup verheiratet sei? + +Nein. + +Und es würde besser sein, auch danach nicht zu fragen. + +Leise höchstens, ganz leise könne man davon erzählen. + +Tim Porker müßte dann die Beine vom Tische nehmen. Denn ihr Ledergeruch +würde stören. Und dann hätte er heute morgen den einzigen Kartoffelacker +hinter der Farm gedüngt. Kinder, man sei ja nicht so, aber Tim müsse diese +Lederranzen von den Füßen nehmen und sie vor die Tür stellen. Noch weiter, +zwanzig Meter vom Haus weg . . . so . . . und auch dann stänken sie noch. +Aber weniger, Gott sei Dank, und auch weil Ralf den algerischen Tabak +rauche, wegen dem man allein fünf Jahre in der Fremdenlegion sein könnte. +Selbst wenn man kommandiert würde . . . Oder doch nicht, nein . . . nicht +. . . Aber komisch, wo er den Tabak herbekomme, Ralf brauche nicht +wegzusehen, warum denn auch. Yup Scottens wüßte manches davon, und wenn er +wieder da sei, in drei Tagen wohl ungefähr -- denn schließlich sei er doch +der beste Reiter --, er würde möglicherweise davon erzählen. Ralf sollte +doch schweigen. Es sei ein Irrtum. Yup hätte an manchen Abenden beim +einsamen Feuer am Rande der Kordilleren mehr erzählt, als sie wüßten und +dächten. Alle miteinander. + +Tim Porker müsse auch die Strümpfe ausziehen. Es ginge nicht anders. +Frischgedüngte Äcker brächten auf so verfluchte Gedanken, röchen einem an +mit Erinnerungen. Boys! wer hörte die gern! Nach den Sternen speien nachts +durch die blanke Kühle, hundertmal denselben Büffel anschießen, eh man ihm +die Kugel ins Ohr brennt, Mestizen an den Beinen aufhängen, daß die Köpfe +wie Früchte platzten, Kinder, ja, alles, gern -- aber nicht an +frischgedüngte Äcker denken! + +Tizzy solle nach den Koppelungen sehen. Ob die Pferde fräßen. Büffelmist +solle hereingekehrt werden und sparsam auf das schwelende Feuer gelegt +werden. Morgen werde es schneien, es werde tagelang schneien. + +Ralf solle seinen Schnurrbart kauen und ihm die Pfeife geben. Wie? Yup +werde länger brauchen? Yup wisse, daß nur für vier Tage zu essen da sei. In +vier Tagen werde Yup den Transport herbringen. Heiho! Yup. + +Ganz andere Fahrten hätte Yup gemacht. + +Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott. Und wenn sie morgen früh einen +Tunnel nach seinen Stiefeln machen müßten durch den Schnee, die Stiefel +blieben draus. + +Ein glühender Tag sei es gewesen, hinten am Gebirg, der plötzlich wie ein +Signal an der Eisenbahnstrecke, die Yup drei Tage von hier kreuzen müsse -- +also der wie ein Signal umgeklappt sei in eine stechend kühle Nacht. Sie +hatten auf dem heißen Felsen gelegen. Die Knochen hätten gebrannt, das Hirn +geglüht, aber sie hätten gefroren. Der Schein des Feuers wäre die Felswand +hinaufgeklettert, aus der sternüberhängten Nacht hätte ein Fuchs gebellt, +spitz und lang auslaufend. Manchmal. Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm +erzählt, warum er nichts hören könne vom Wetten. Manches habe er schon +früher geahnt, denn Yup habe dies schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm +aber auch erzählt, warum er nicht verheiratet sei trotz dem Ring an seinem +Finger. Yup habe ihm alles erzählt. So: + +»Er war fünfundzwanzig Jahre, Yup Scottens, und hatte ein schönes Geschäft. +Es war seine Erfindung, auf Emailleschilder eine grüne Schrift anzubringen, +die abends leuchtete. Die Fabrik lief famos. Yup bastelte an neuen +Erfindungen, ritt, spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren Leute, +ähnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte Schuhe an den Füßen -- ich +sehe dich nicht an, Tim Porker --, aber sonst waren sie wie wir, hatten +knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell säuberlich in eine +Ecke hin, fuhren sechs Tage, immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau +durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich, und keiner wußte +anders, als daß sie zusammengehörten, einer zum nächsten, jeder zum andern, +sich herausbeißen würden und ginge der letzte Zahn zum Teufel, immerfort, +daß sie beisammen bleiben müßten. Stets. + +Nun lernte Yup eine Miß kennen, die Laura hieß. Ein komischer Name -- aber +er verliebte sich in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst ging er +Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei Abenteuern; trotzdem er den Weibern +gefiel -- er sagte es nicht --, aber er besaß früher eine volle Brust, ich +sah es, und schöne Beine. Jetzt allerdings, ja, jetzt sind sie nach innen +gebogen und haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht, Kinder, Yup +hatte gerade Beine, jetzt aber sind sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist. + +Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist auch egal. Hat ein wenig +gestottert und mit einem glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe +weggeschaut, denn er hat sich, glaub ich, geschämt. Ihr begreift das nicht, +kann euch auch einerlei sein. Ich habe einen Stein nach einem Fuchs +geschmissen, der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt. + +Yup Scottens verlobte sich nun mit Miß Laura und ging alle freie Zeit zu +ihr. Die anderen begriffen das nicht. Sie hatten das Gefühl, als sei etwas +aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup Scottens. Sie versuchten ihn wieder +zu bekommen. Aber er erschien nur noch selten. Dann erzählte er von den +Haaren der Miß Laura. Das war ihnen langweilig, begreiflicherweise. + +Da sprach eines Abends, wie Yup da war, einer von dem neuen Postzug, der +über tausend Meilen laufe von Morgen bis Sonnenuntergang. Man hatte die +eigenartigsten Sicherungen angebracht, um Anschläge und Überfälle zu +vermeiden. Patentschlösser wie Signalschellen nach den verschiedenen +Waggons und gleichzeitig zu den Stationen rückwärts und voraus schnitten +Diebstähle ab. Das Personal kontrollierte sich selbst mit Stechuhren +. . . Jeder kannte andere Schwierigkeiten. Einige widersprachen und sagten, +Eingriffe seien doch möglich. Nun stand einer auf und erklärte, daß es +unmöglich sei, überhaupt an den Zug heranzukommen, da er die ganze Strecke +laufe ohne Anhalt. Von früh morgens bis abends ohne Station. Blinde +Passagiere seien bei dieser Kontrolle ausgeschlossen. Nun standen sofort +zwei Parteien gegenüber. Yup schrie natürlich mit denen, die behaupteten, +man könne blind fahren. Man drängte zum Austrag, einige schlugen Wetten +vor. Plötzlich ward es stiller. Nur Yup schrie noch. Innerlich dachte er +nicht daran, es zu tun, was er in der Möglichkeit der Ausführung +verteidigte. Einige versuchten, ihn auf seine Behauptungen festzunageln. +Yup lacht noch scherzend. Da fiel wo das Wort »verlobt«. Und mit einem Male +stand wie eine Fahnenstange aufgerichtet die Tatsache da, daß Yup fahren +würde. Daß er die tausend Meilen fahren werde als blinder Passagier gegen +den simplen Einsatz von hundert Dollars. Mehr als dreihundert war die +Strafe, wenn man ihn erwischte, und einige Tage Gefängnis dazu. + +Yup Scottens ging den Abend zu Miß Laura, küßte sie auf das Haar und dann +auf die Augen und sagte ihr, daß er am Morgen mit dem Zug verreisen müsse +für ein paar Tage. Dann schlief er auf seinem Sofa ein wenig, bis die +anderen kamen. Sie machten aus, daß einer in dem Expreß, der dem Postzug in +kurzem Abstand folgte, nachfahren solle. Hatte Yup die Endstation erreicht, +ohne gesehen zu sein, und den Zug ebenso verlassen, hatte er gewonnen. + +In der Dämmerung gingen sie an sechzig Meter von der Station am Gleise +entlang und legten sich hin. Yup kauerte sich etwas weiter an den Damm und +legte das Ohr auf die Erde. Ganz langsam wickelte der Zug, der sehr groß +war und den drei Lokomotiven zogen, sich aus der Halle und setzte gerade +bei Yup die erste Geschwindigkeit ein. Yup hatte seinen Rock ausgezogen, um +freie Arme zu haben. Yup trug damals noch einen Rock, aus dem ein Stück +blitzendes Hemd herausschaute mit Knöpfen drin, wie ihr es bei den Herren +seht, wenn wir im September zur Kommission hinunterreiten. Er warf ihn dem +Partner zu, der ihn im Expreß verfolgte, und griff fest nach dem Ende eines +Wagentrittbretts. Dann machte er eine Drehung und saß darauf. Der Zug raste +bald, Yup hing am Brett, dann legte er sich längs auf den Bauch, aber +trotzdem blies ihn der Wind fast herunter. Er sah, daß er so nicht bleiben +könnte. Später würde der Zug noch rascher fahren, in einer halben Stunde +würde es hell sein und von jeder Station würde er signalisiert werden. +Stöhnend und ohne Atem vor Wind schob er sich vor. Er preßte sich fest auf +das Holz. Keine Muskel durfte nachlassen. Das Gesicht strich, während er +vorwärts kroch, den Schmutz von dem Trittbrett, ein Splitter stach ihn in +die Wange. Plötzlich wurde der Zug in eine Kurve hineingerissen, und Yup +flog nach vorn, die Beine fielen seitlings herunter, blieben aber auf einem +Reifrahmen stehen. Den Augenblick benutzte er, einen der Bügel am Ende des +Waggons zu fassen und sich anzuklammern. Die Beine ließ er los und schwebte +sekundenlang an den Armen zwischen zwei Wagen, den Körper mühsam angezogen. +Er schnellte einige Male mit den Füßen nach den Puffern, bis er sie +erreichte, griff mit den Händen nach und stand nun auf der Kuppelung +zwischen zwei der langgestreckten Waggons. Der Wind belästigte ihn nicht +mehr. + +Rechts und links waren an den Wagenseiten ovale Haken, die dazu dienten, +die Züge heranzuziehen. Er steckte die Arme hindurch, daß die Ringe, ihn +haltend, in den Achseln saßen, mit den Füßen stand er auf den Puffern. Der +Zug lief hundertzwanzig Kilometer die Stunde. Yup dachte, es die zwölf +Stunden schon auszuhalten. + +Yup hatte sehr viel Kautabak mitgenommen und kaute stundenlang. Mählich +fühlte er aber, wie das Blut ihm in den Armen stockte und ein Schmerz ihn +in den Rücken stach. Doch er kaute weiter. In der Nähe der Stationen zog er +den einen Arm aus dem Ring und bückte sich ein wenig, als schaue er nach +der Federung des Wagens. Dann sah er jedesmal, wie längs dem Wagen hinter +ihm eine große Gabel vorschoß und die Postsäcke, die wie an Galgen hingen, +packte und einzog. Nie hielt der Zug. + +Gegen Mittag merkte Yup, wie ihm die Augen zuklappten. Er trat von einem +Fuß auf den anderen, er stampfte auf, bog sich in den Kniekehlen -- langsam +fielen die Augen zu. Nun stieg Wut in ihm auf. Aber der Schlaf war stärker +als er, Yup fühlte es genau. Wenn er einschlief, fiel er herunter, das +wußte er. Ganz zuletzt, schon halb bewußtlos, fiel ihm ein Ausweg ein. Er +löste seinen Gürtel und knotete damit mühselig eine Fessel um die Hände, +nachdem er die Arme durch die Ringe gesteckt hatte, Jetzt konnte er +unmöglich mehr abstürzen und schlief ein. + +Manchmal wurde er wach, dann schlief er wieder. Es wurde kühler. Ein Druck, +als hätte er blutige Ränder um die Schultern, zwang ihn endgültig +aufzusehen. Auch im Genick fühlte er nun Schmerzen. Sofort fing er an, mit +den Beinen aufzutreten. Er atmete auf, als es ging, wenn auch schwer. Doch +die Bewegungsmöglichkeit der Arme schien ganz gehemmt. Eine Stunde, noch +länger, wippte er mit den Achseln auf und ab, hob sich auf die Zehenspitzen +aus der Spannung der Ringe heraus und wieder zurück. Endlich merkte er, daß +Blut wieder sickernd und schwach den Oberarm hinunterfloß. Es war höchste +Zeit. Mühselig löste er den Riemen von den Handgelenken, als er die Finger +einigermaßen wieder bewegen konnte. + +Es war wirklich höchste Zeit, Boys! Denn es war Abend. Denkt an den +Indianer, der den Büffel, auf dessen Rücken geschnürt er hinausgetrieben +war, qualvoll geblendet und, die Finger in seine Nüstern vergraben, +tagelang erdrosselt hatte -- und den wir schier verhungert an den Hügeln +fanden . . . so ähnlich ging es Yup. Der Zug raste. Die Lokomotiven wurden +im Fahren gewechselt. + +Endlich, endlich pfiff die vorderste Lokomotive. Die beiden anderen +folgten. Der Zug lief langsam. Er stand. Endlich stand er. + +Yup ließ sich herunterfallen. Voll Öl und Schmutz, schwarz, blutend im +Gesicht, schien er ein Heizer. Er sah schon lange nichts mehr, die Augen +brannten scharf, er fühlte nur ein heftiges Zucken im Kopf. Trotzdem ging +er mechanisch in das Restaurant, setzte sich auf eine Bank und spie seinen +Kautabak aus. Dann erst fiel er um. + +Drei Tage schlief er im Lazarett. Am vierten ließ er nach dem Partner aus +dem Expreß fragen. Er hatte ihn noch nicht besucht. Ärgerlich, daß er nicht +zu finden war, telegraphierte Yup nach Geld und fuhr am fünften zurück -- +mit einem Elektrisierapparat, den er jede halbe Stunde an seine Schultern +setzte. + +Er schellte am Hause seiner Braut, der er telegraphiert hatte. Die +Verwandten prallten zurück. Das Mädchen lief fort und schrie. Man war +verlegen. Plötzlich brach die Mutter der Braut in wildes Weinen aus. Nun +sprach sie leis, aber es schlug grausam auf Yup herunter. + +Der Expreß war entgleist. Eine Weiche war herumgeworfen worden, aber sie +hatte zu spät funktioniert. Der Postzug, dem natürlich der Anschlag galt, +war schon vorbei, der folgende Expreß sauste die Böschung hinunter. Unter +den halbverbrannten Leichen ward eine als die von Yup Scottens nach einer +aufgefundenen Brieftasche legitimiert. Es war Yups Partner, der Yups Rock +trug. Der Telegraph brauste, die Namen der Toten standen an allen Mauern. +Währenddem schlief Yup, mit gefesselten Händen zwischen den Wagen, hängend +wie ein Sack. Miß Laura war nicht ohnmächtig geworden, als sie hörte, Yup +sei tot. Aber sie sprach nichts mehr. Sie erkannte niemand mehr. Auch Yup +nicht, als er zu ihr sprach. + +Yup streichelte sie und sagte zu ihr, daß er Yup sei. Vielemal erzählte er +ihr alles. Er erklärte ihr den Irrtum. Dann ging er tagelang weg, als sie +sich nicht rührte, und brütete und wollte sich töten. Denn Yup spürte, daß +er schuld sei. Hätte er ihr erzählt, wie es wahr war, von der Wette (Laura +hätte ihn lächelnd gewähren lassen, so bitter sie nach seiner Abfahrt +geweint hätte, aber er wollte ihr keinen Kummer machen), hätte Laura +gewußt, daß die Nachricht von seinem Tod irgendwie ein Irrtum sein müsse. +So hatte durch seine Unaufrichtigkeit sie das überganglose Begreifen des +Verlustes wie eine Faust mitten in ihr Gesicht getroffen. Yup dachte aber +auch, daß er nicht hätte zu wetten brauchen, daß er es wegen Laura +vielleicht nicht hätte tun dürfen (darüber war er sich allerdings nicht +ganz klar, denn Laura hatte ihn immer angehalten, den Instinkten seiner +Kraft nachzugehen, wohl weil sie fühlte, daß ein Versagen ihn dumpf auf die +Dauer und ungleichmäßig ihr gegenüber machen würde), und er fühlte, indem +er überlegte, daß er nur gewettet hatte, weil einer wegen seiner Verlobung +seinen Mut bezweifelt hatte. »Verlobt«, hatte einer gerufen, und Yup sann +so lange über den Klang der Stimme, bis er wußte, daß es Gerd Robinson war, +der so gerufen hatte, aber als er mit dem Revolver zu ihm ging, erfuhr er, +daß Gerd verschollen sei seit dem Unglück. Später fand man ihn. + +Yup ging nun wieder zu seiner Braut, legte ihre Hände zusammen und sagte +ihr wieder alles. Boys! ich hoffe, daß keiner lacht, denn es wird dunkler +und ich kann eure Gesichter nur undeutlich noch sehen, Boys, -- Yup +Scottens setzte sich in die Knie und beugte sich nach dem Ohr seiner Braut +und flüsterte weinend, sie solle ihm verzeihen. Laura! stammelte er, ich +bin Yup, ich lebe. + +Aber sie sah starr gerade aus. + +Tagelang saß Yup bei ihr. Manchmal sprach er lange kein Wort. Dann rief er +ihren Namen. Stundenlang rief er: Laura! Wie ein grüner Papagei schreit, +rief ers. Da nahm man sie weg von ihm; eines Nachts, ohne daß, er es +merkte. Nach ein paar Tagen verschwand auch Yup. Er schlug sich in unsere +Gegenden. + +Einmal vor zwei Jahren war er einige Wochen verschwunden. Mitten in der +Biberzeit geschah es, und Yup verlor die Hälfte seiner Jahreslöhnung. +Damals war Yup noch einmal bei ihr. Niemand wußte es. Es war damals, als er +nachts oft lachte und den Mestizen durch das Fenster erschoß.« -- -- -- + +Man solle nicht zu viel an dem Feuer schüren. Es brenne von selbst. Ralf +solle mehr algerischen Tabak geben. Die Pfeife sei aus. Er brauche das +Bowie-Knife da drüben. Danke. + +Es sei ganz dunkel geworden und doch noch so früh. Morgen werde man wund +und schweißig vor Arbeit in der Kälte. Gut, daß die Pferde nicht so eng +gepflockt seien. Tim Porker solle, verdammt und zum letztenmal, das Maul +halten. So wahr er ihn kenne, er setze ihn zu seinen Stiefeln hinaus, bei +Gott, in den Schnee. + +Ob einer wette, daß Yup nicht in vier Tagen da sei -- -- -- + +Keiner? + +Man solle die Tür aufmachen! + +Weiter! + +Man solle die Tür ganz weit aufmachen! + +Maßlos flockte der Himmel auf das bleierne Land. + +Ende + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN *** + +***** This file should be named 31376-8.txt or 31376-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/3/7/31376/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die sechs Mündungen + Novellen + +Author: Kasimir Edschmid + +Release Date: February 23, 2010 [EBook #31376] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + + +<p style="font-size:small;text-indent:0%"> +Transcriber's Note: +The table of contents has been moved to the front of the book. +</p> + + +<h1> +Die sechs Mündungen<br /> +<br /> +<span style="font-size:medium"> +Novellen<br /> +von<br /> +Kasimir Eschmid +</span> +</h1> + +<p class="center"> +<br /><br /><br /><br /> +Kurt Wolff Verlag +<br /> +Leipzig +</p> + + +<p class="center" style="page-break-before: always"> +<br /><br /><br /><br /> +Zehntes bis zwanzigstes Tausend<br/> +Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig<br/> +<br /><br /><br /><br /> +Hof- Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar<br/> +</p> + +<p class="center" style="page-break-before: always"> +Diese Novellen, die die sechs Mündungen<br/> +heißen, weil sie von verschiedenen Seiten<br/> +einströmen in den unendlichen Dreiklang<br/> +unsrer endlichsten Sensationen: — des Verzichts<br/> +— der tiefen Trauer — und des grenzenlosen<br/> +Todes — sind geschrieben zur einen<br/> +Hälfte im Herbst Neunzehnhundertdreizehn<br/> +und im folgenden März zum anderen Teil. +</p> + +<p> </p> + +<p class="center">Sie sind gewidmet dem<br/> +Doktor Heinrich Simon +</p> + + +<h2 class="chapter">Inhalt</h2> + +<table border='0' width='80%' cellpadding='2' cellspacing='0' summary='' style='margin:0em; margin-left: 10%'> +<col style='width:80%;' /> +<col style='width:20%;' /> + +<tr><td style='text-align: left'> +Der Lazo +</td><td style='text-align: right'> +<a href='#page_1'>1</a> +</td></tr> + +<tr><td style='text-align: left'> +Der aussätzige Wald +</td><td style='text-align: right'> +<a href='#page_33'>33</a> +</td></tr> + +<tr><td style='text-align: left'> +Maintonis Hochzeit +</td><td style='text-align: right'> +<a href='#page_69'>69</a> +</td></tr> + +<tr><td style='text-align: left'> +Fifis herbstliche Passion +</td><td style='text-align: right'> +<a href='#page_99'>99</a> +</td></tr> + +<tr><td style='text-align: left'> +Yousouf +</td><td style='text-align: right'> +<a href='#page_129'>129</a> +</td></tr> + +<tr><td style='text-align: left'> +Yup Scottens +</td><td style='text-align: right'> +<a href='#page_201'>201</a> +</td></tr> + +</table> + +<p> + + +</p> +<h2 class="chapter"><a id="page_1" name="page_1">Der Lazo</a></h2><p> + + +</p><p class="first">Raoul Perten verließ das Haus. + +</p><p>Seine Füße stiegen die Treppe herunter, er +fühlte es und die Bewußtheit des mechanischen +Vorgangs erfüllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl +keine Erregung in diesen Tagen vorangegangen +war, und dies erstaunte ihn ein wenig. + +</p><p>Es hatte ausgeregnet, die Erde strömte nach +den Umwälzungen des Gewitters aus aufgerissenen +Ventilen dankbaren Geruch in die Höhe. Zwischen +den gelben Kieswegen lagen kleine schrägsteigende +Dampfwolken, und die wassergefüllten ungeheuren +Dolden der weißen Fliederbüsche betteten sich schwer, +geneigt und getrunken in das Feuchte der Blätter, +und als einziges Geräusch klang das Rieseln seiner +ablaufenden Tropfen in der Luft. + +</p><p>„Das ist alles so einerlei wie ungerecht,“ sagte +Raoul. „Wenn ich dies so durch die Nase ziehe, +überjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines +maßlosen Flugs. In fünf Minuten aber ist das +vorüber und ich weiß nur noch, daß wir den Abend +zu sechs Gängen soupieren, daß Onkel den Louis +Schütz mitbringen wird, daß Blumenthal morgen +(was macht es mir?) seinen zweiten Rekord feiern +wird, übermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella +mit dem Russen verschwindet. Und was geht das +Wissen da all mich im Grunde an . . .? Onkel +hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, daß +man ihn den Abend drum feiert. Der Präsident +wird gegen zwölf wie gewohnt seinen Witz erzählen. +Rosenheim lacht durch die Nase. Mella wird im +Orpheum meinen leeren Platz sehen, sich ärgern +oder freuen oder auch nur erschrocken sein. + +</p><p>Fiele ich dort an der Straßenecke in einen gewaltigen +und (oh!) varietègrünen See oder sauste +ich in einen grandiosen Backofen — — — es wäre +objektiv ganz gleich, ich würde mich in dem einen +Falle nicht mehr erstaunen als in dem zweiten oder +andere Bewegungen machen, man würde die Tatsache +als eine kleine zwischenakthafte Sensation +anständig, vielleicht graziös aufarbeiten — — — ohne +viel Verwunderung . . . nur Onkels bedauernswerte +schwarze Glacès würden einige Tage lang +steigen und sinken, monoton und heftig wie Pumpenschwengel +. . . — Doch dieses Möglichkeitsausdenken +ist sehr langweilig. Monologe sind literarisch. Die +Geste ist verwundert — alt und blasiert. Bin ich +blasiert? Bestimmt? Ehrlich? Nein! Wenn ich +am Sonntag reite, den Dreß spüre, das leichte +Keuchen höre aus der Gurgel des Gauls und von +seinem Mundschweiß beschneit dahänge zwischen +Zügeln, Rücken, Gegnern und Welt — — — weiß ich, +daß dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist. +Auch wenn wir im Auto den Rhein hinunterrasen +und dann quer über Holland und die mitteldeutsche +Hypothenuse zurück . . . dann sitze ich nicht, Beine +ausgeklemmt, weit voraus, das Rad zwischen zwei +Händen hebelnd und von Zeit zu Zeit das kratzende +Geräusch des bewegten Vergasers über das Gehämmer +des Motors setzend . . . sitze ich nicht, +braun, die Nase wie ein Akzent über dem eingummierten +Gesicht mit dicken hellbraunen Lederhandschuhen +auf dem Apparat — — — vielmehr irgendwo +bin ich darüber, in der Höhe, fliegend (doch keineswegs +so wie im Aero: göttlich und doch gebunden!), +sondern aus einer großen Ruhe heraus gewaltig +herunterlugend und das Gefühl ruckweise wie Bissen +genießend: Das weiße Netz der Landstraßen, hell, +weiß, flimmernd vor Staub, sei eine Befriedigung, +eine stolze Sache . . . die hellen Schläuche führten +alle in eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden +Horizont, dessen unermeßliche Offenheit anzuschauen +so etwas sei wie ein Ziel. + +</p><p>Allein wenn ich nach außen fasse, nach rechts +außen, und den Hebel zurückschmeiße und — der +Wagen steht, so weiß ich: Alle Chausseen seien doch +nur ineinanderfließend und auf das erste zurücklaufend +nicht mehr als ein stumpf machender Kreislauf +und eine Schlange, die sich in den Schwanz +beißt. Mein Rücken sofort dann krümmt sich ein wenig +wie im gutsitzenden Cutaway, mein Bizeps erlahmt +in dem Ärmel, der wieder korrekt darüberfällt, +sich erst an der Manschette von neuem erweiternd. —“ + +</p><p>Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel +straßenweit und haben den Vorzug, in abenteuerliche +Stimmung zu versetzen und den Weg aufs angenehmste +zu verkürzen, da man sich hierbei des Gehens +als physischer Erscheinung nicht bewußt wird. Daher +war Raoul Perten schon tief in die Stadt hineingekommen. +Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz +vorüber. Der Wagen leerte sich beinahe +völlig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen Herren +schwebte plötzlich über Raouls Gesicht und sammelte +seine ganze Aufmerksamkeit langsam auf sich. +Raoul sah eine Hakennase, von der viele parallele +kleine Adern nach den Augensäcken liefen und sich dort +in einem Chaos von disharmonierenden Linien austobten. +Die Ohren waren oval, steif, fast gespitzt +und ganz hell. + +</p><p>„Mein Junge,“ sagte dieser Mann. Es war +sein Onkel. Sie reichten sich die Hand. + +</p><p>In diesem Augenblick, während dieses Vorgangs, +der sich täglich in unzähligen Variationen, +der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fünfzehn +Jahre hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion +(denn teils durch Zufall, einigerseits auch aus +einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie +in dieser Zeit kaum einen Tag getrennt gewesen), +in der schamlosen Selbstverständlichkeit und Verbrauchtheit +dieser Gebärde vollzog sich, die gewaltigste +Umwälzung in Raouls Leben. + +</p><p>Er stand da, den Stock auf der Spitze seines +Schuhs, ihn oben leicht drehend, die andere Hand +im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde +daran gedacht hatte, sagte wie in einem Trance: +„Ich werde ein paar Tage verreisen, Onkel“ und +diese Worte erstaunten ihn selbst nicht . . . und wie +er ruhig die Scheine einsteckte, nein, wie er sie ergriff +mit drei gespitzten Fingern, als der Onkel sie +ihm reichte und ihn bat, doch jedenfalls den Abend +da zu sein und daß er sich überlegen wolle, ob er +auch mitkomme ohne die Frage, wohin überhaupt . . . +da spürte Raoul in einer großen Erregung schon, +wie sich neue Dinge in ihm von diesem seitherigen +Leben schon wieder lösten und andere nachbrachen +und in der angegrabenen Rinne der neuen Erkenntnis +weiterrannen — denn er begriff plötzlich, daß diese +gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur +irgendwie seinem Bizeps korrespondiere, und Mißverhältnis +zwischen seiner Situation und seiner Anlage +und Natur klafften ihm klar auseinander. + +</p><p>Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol +zusammen („Ja! wie Stanniol“ lachte er) und steckte +sie in die Tasche. Er wartete, bis des Onkels Gang, +der selbstbewußt und sehr nach außen war, nicht +mehr sichtbar blieb. + +</p><p>Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege +nach Hause. Wie er die Treppen hinaufsauste, +empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens. +Wie sollte er die Existenz seiner Beine im Bewußtsein +haben, wo er lief! Er kam bis unter das +Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den +Scheinen und legte sie ganz sachte in ein großes +Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und setzte +mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand +kam, trotzdem er seit der Kommunion nie so +hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte +Spinne darauf. Worauf er lachte, ein Stück die +Treppe hinabstieg, plötzlich niederkniete auf beide +Knie und vor Entzücken einige Male in die Hände +klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach +Geld, die im ersten Stock lagen, packte, was er +fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen +herunter. + +</p><p>Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen +Zweig von der alten Vogelbeere und behielt ihn, +leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging +er. Ging ohne Erregung, Posse, Sentimentalität. +Ging wie ein Passant, der eine stille Gewißheit hat +oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch +nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von +einer Stelle, die einem so vertraut und dadurch so +entfernt geworden ist, daß es selbst eine fabelhafte +seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die +Komödie einer Traurigkeit einzureden. Es war +ihm, er sehe seines Onkels Schatten über eine +Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein. +Er kam auf die Straße. Da stand eine Laterne, +die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen +hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter. +Aus einer Abendschule strömten Kinder, und wie +er sah, daß sie begehrlich vor einem kleinen Bäckerladen +standen, kaufte er einen Arm voll klebrige +Sachen und warf es über sie. + +</p><p>Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn +er eilte übermäßig, weil ihm keineswegs klar war, +wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er, +und das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat +aus und nahm ihn über den Arm. Es war dunkel. +Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male +einen ganz hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt +war, eine saloppe und originelle +Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und +er nahm seinen hellen Mantel, nannte den Menschen +seinen Freund und schenkte ihn dem, der überrascht +sich oft verbeugte und vielemals „Sehr geneigt“ +sagte. (Er hieß Keybbell und war das an Willkürlichkeiten +der Stunde nicht ungewohnte abonnierte +Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf +rannte er weiter und kam an eine Litfaßsäule, die +grell erleuchtet war. + +</p><p>An ihr entschied sich sein Schicksal. + +</p><p>Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben +sogen seinen Blick auf. Seine Haltung ward mit +einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine +auseinander und warf mit einer eigentümlichen Bewegung +die rechte Schulter zurück und ging von dunklen +und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden +Regen einer schmalen Wolke hinein, die den +silbernen Himmel rasch und scheu noch überschwamm. + +</p><p>Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox +das Negative des Mantelverlusts gewissermaßen +zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer neu +übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte +es nicht, weil ihm schien, die Zeit der zynischen und +geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er dachte +kurz an eine Zigarette. Aber er zündete keine an. + +</p><p>Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener +Brust auf seinen großen Horizont zu. — — — + +</p><p>Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck. +Zehn russische Polen lagen im selben Raum +mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein +feuchtes Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch +zu entschieden war. Denn es war ihm klar: daß +es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten +in irgendwelche Strudel hineinzuwerfen. +Daß es vielmehr nötig sei, statt von einer Mittellage +aus unsicher nach zwei Richtungen hin und +her zu schwanken, von ganz unten her und ohne +jede Voraussetzung die Welt zu durchstoßen nach +oben hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun +und an sich töten müsse. Das nasse Tuch aber +lehrte ihn, daß viel schwieriger wie die Überwindung +größter Leidenschaften der Verzicht sei auf +gewohnte Zivilisierung. Aber er verzagte nicht. +Drei Tage darauf nahm er an einem schmierigen +Fest der Polen als Solosänger teil. Sein Bariton +ward so zu etwas nutz, und seine Methode erwies +sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen spielte +er täglich Karten mit Hamburger Sträflingen, +die noch den transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes +hatten. Er fühlte schon, daß er steige. +Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen +hatte. + +</p><p>Allein seine Haltung viel auf und seine Hände +noch mehr. Er beobachtete den Gang der Matrosen +und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel +dann die Unsitte eines Freundes ein, der den rechten +Fuß grundlos in einer kleinen Kurve bei jedem +Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit +dem Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf. +Seine Hände aber schienen sofort demokratisch, als +er sie einen Mittag lang zum Putzen einer verschmergelten +Maschine großmütig auslieh. Längere Zeit +umschlich ihn ein bärtiger Kerl aus Sachsen und +erzählte ihm lange Elendgeschichten in der Art wie +sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei Mark und +hörte kaum auf ihn. Aber er sah gleich ein, daß +diese Handlung töricht war, denn sogleich kamen +andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte +er auch dies: nahm den Hund und warf ihn die fettglänzende +Treppe herunter. Und hatte nun Respekt. + +</p><p>Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse +zu vollenden, in diesen Tagen die erste +Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte +Tiere. + +</p><p>Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New +York. Es enttäuschte ihn nicht, aber es drückte +auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt +gegenüber völlig indifferent. Denn warum sollte +ihm das eine größere Begeisterung oder eine Erweiterung +seiner Seele verschaffen, daß hier die +Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren +wie sonst. + +</p><p>Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er +bescheidene Straßen sah. Dort mietete er und +dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck. +Es gab zuerst für ihn noch die Schwierigkeit der +Sprache, denn von der Schule aus wußte er wohl, +wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht +glücklich mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen +erlaubten ihm seine Kenntnisse noch nicht. Jedoch +fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und +Bewußtsein mehr wiege wie planloses Wissen. Er +schien Chance zu haben. Da sah er eines Abends +im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht +zu fragen, warum. Er schenkte ihm nur sein Abendbrot, +das er in der Hand hielt, und fuhr am folgenden +Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt +war ihm zuwider geworden. + +</p><p>Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen: +als Lehrer, Kindergärtner, Feuerversicherungsagent +. . . doch ohne Erfolg. Er begriff, +daß diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie +zu bekannt seien, schlug sich an den Kopf, kaufte +einen blauen Leinenanzug und von einem Nigger +eine ölige Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter +Schlosser, Chauffeur und Monteur. Ein +Fabrikant fragte einmal: „Kannst du Milchseparators +machen?“ Er antwortete, es sei seine Spezialität. +Am nächsten Tag erfuhr er, daß es Blechkonstruktionen +seien mit einer einfachen Mechanik, +so daß auf der einen Seite die Buttermilch, auf +der anderen die Butter herausspritze. Er machte +am ersten Tag so viel, als die Mindestzahl der Einlieferung +betragen mußte, und bekam für das Stück +fünf Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen +weiter fertig. Jeden Tag hatte er einen Dollar. +Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit +sei zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen +und deshalb weniger. Man kontrollierte ihn +und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem +Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei +Dollars hatte. + +</p><p>Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er +stand auf und fragte. „Auf! rasch . . .“ sagten +sie ihm. + +</p><p>Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt. + +</p><p>Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er +es auch. Ein riesiges Häuserquadrat stand in +Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit +roten Sternen um den Arm, und sie holten überall +die Gegenstände des Wertes: Kassenschränke +und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der +Inspiration von Rippenstößen. Man gab ihm +fünfzig Dollars dafür. + +</p><p>Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß +auf einer Papierkugel, die zehnmal so viel wert war. +Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die +Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und +Umstand seines Lebens von damals. Er steckte +die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche. + +</p><p>Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen, +fünf Tage spannte sich Land an ihm vorbei, heulte +das Dunkel an die breiten Fenster. + +</p><p>Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er +rasierte sich, sprach mit den Menschen und las. +In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den +Linden oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete +eine sichere Ruhe aus; doch er fühlte, daß er, +obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden +Sausen sich befinde, das überall um ihn war. Die +Bekanntschaften dieser Tage erschienen ihm interessant +wie kaum andere (obwohl er viele kannte, +die faszinierender und berühmt oder bedeutend vor +allem waren wie Blumenthal etwa, der Verse +schrieb, Bucheinbände machte und eine Nacht mit +einer ganzen Barbesatzung über Westdeutschland +flog). Er empfand eine erstmalige Anteilnahme an +den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten, +es zuckte ihm in den Fingern, von dem +zu wissen, was sie ausspie, wohin sie rannten, was +Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff +nicht zu. Es war nicht seine Zeit. Er schnitt alles +durch. Stieg aus. + +</p><p>Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher +Haufe Hütten (wie im geduckten Bewußtsein, +nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum. +Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel +mit Muscheln besetzt. + +</p><p>Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen +den fuhr er los, drei Tage lang, im Büffelwagen. + +</p><p>Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung, +und da sie ihm gefiel, nahm er Stellung +als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die +Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau +nickte ihm kurz, freundlich zu. Die Tochter sah +ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so +dicht, daß ihr Ärmel den Staub von seiner Schulter +fegte. Raoul fand, daß dies seiner Lage entsprechend +sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden +gelächelt hatte, biß er die Zähne zusammen +und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte und ihren +Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug. + +</p><p>Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt: +Revolver, Lazo, seidenes Halstuch. Im übrigen +erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über +das Leder- zum Seidenlazo zu kommen, ist die +Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt noch +etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich +Köstlicheres. Das ist der Lazo aus geflochtenen +Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in seinen +Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins +ist, weil er zuviel säuft und schießt. Denn ein oder +zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu verzichten, +um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen +dafür, ist eine Sache, die komplizierter ist als die +letzte Wissenschaft oder mit Größe in den Tod gehn. +Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen +war stolz auf ihn, und siehe: breite Silberringe +unterbrachen seinen Lauf. + +</p><p>Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten +und nickten ihm zu. Einige gaben ihm die +Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte +mit einem knappen Einknicken der Hüften: „Heinz +Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings selten +mit vollem Titel angeredet.“ Die übrigen schauten +dumm, weil er es deutsch sagte. Doch Raoul liebte +ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das Originelle +der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische +stilisierte Form des äußerlich Verkrachtseins +nicht zu. Dagegen schloß er sich zusammen +mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß +er im Augenblick ungefähr im Steigen auf der +Höhe angekommen sei, die dieser Bursche hatte. +Nämlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit +des Auges, die den Dingen und besonders dem +glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer +bereit und sicher war. + +</p><p>Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn. + +</p><p>Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu +reiten. Da nahm der Freiherr die Kugel aus einer +Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und +schoß ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein +angedrehter Springbrunnen flog das Tier in die +Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der +Erde. Wut stieg ihm in die Fäuste, aber er entkrallte +die Hände wieder, faltete sein Gesicht in +Ruhe. Er wußte, er würde in einigen Tagen besser +reiten als der Freiherr und empfand auch dies als +Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen. +Aber da die anderen gelacht hatten und das +bös war, bat er den Freiherrn, eine Flasche mit +der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt +von ihm. Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe +an und hielt sie, und Raoul bluffte sich +damit in alle Achtung und Bewunderung zurück, +daß er seelenruhig zum Hals hinein und den Boden +heraus schoß. Und keiner lachte mehr. + +</p><p>Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst +von der Farm ein Buch. Er hob es auf. Longfellow: +Hiawatha . . . Helen stand vor dem Hause +und knotete ihre Zöpfe auf. Und er vergaß sich +und redete das erstemal zu ihr, und gegen seinen +Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene +Formen wieder in ihm auf, und er sprach, +daß er das Buch gefunden hätte und daß er wisse +aus seiner frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und +daß er es ihr bringe; denn er glaube, daß es nur +ihr gehören könne und fürchte, sie hätte diesen Verlust +als einen besonderen Schmerz empfunden. +Und hier sei es nun. + +</p><p>Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen +und ihrem schwer beherrschten Erstaunen, daß er +in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr +sich selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen +habe. Er merkte, daß es in ihm wüte, sah, wie +sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem +Körper, grausam und langsam wie Quecksilber sich +hebt, bis er die Richtung seiner Augen traf. Da +sagte sie: „Danke.“ + +</p><p>Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus +Zorn gegen sich. Er schlief nachts schlimmer als +die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte +und betrank sich hin und wieder. + +</p><p>Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin, +das tat ihm wohl. Sie kam freundlich, und er +wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber +sie nahm ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts, +während er von Europa sprach und sie Washington +dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in +einem Pensionat interniert war, und sie sprach französisch +und er entgegnete ebenso, doch sie fragte ihn +nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch leichte +Aufträge, halb Wünsche mehr mit ausgeprägtem +Akzent. Einmal sah er den Freiherrn sich wo beschäftigt +machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob +kaum die Schultern. Wie konnte der sie etwas +angehn. Und Raoul liebte das Grenzlose dieser +Verachtung und haßte sie darum gleich. Denn sie +war über ihm und der Geist seiner Kaste saß in ihm. + +</p><p>Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse +des Verhältnisses, das zwischen geschenktem +Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte +(und der Teufel lasse sich von oben her unverdiente +Sentiments schenken!), und der Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens +hin und her vibrierte. Da +gab es einen Tag, wo sie die Sache klärte, indem +sie ihm mit ihrem Stolz wie mit einer Gerte über +das Gesicht schlug. + +</p><p>Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt +mit ausgesprochen weichen und feinen Formen +und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur. +Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie +erfreut, klopfte dem zitternden Tier den samtenen +Hals und schien dankbar, bis sich im Weiterreiten +eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer +hochmütigen Bewegung ihren Lazo ihm hinüberschnickte +und mit geschärfter Stimme sagte (und +verzogenen Lippen): „Sie können ihn haben. Da! +Er taugt mir doch nicht mehr.“ + +</p><p>Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal +wieder rote Wallungen sein Gesicht zudeckten, +er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte, +ritt davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß +es ein Ziel sei, sie zu besitzen, sie zu gewinnen. Gott, +wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie +er sich freute, daß er heruntergeschmissen war von +ihrem achtungsvollen Interesse, in dem alle Handlung +ihm gebunden war. Nun lag alles an der +Gewalt seiner Hände. + +</p><p>In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers +aus England auf die Farm. Er hatte in +New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen +sehen. Er hatte vor, zwei, drei Wochen zu bleiben, +ward aber nach ein paar Tagen schwer krank. Die +gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim +rissen eine Stange aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig +Stunden hindurch. Dann waren sie +wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie +den Arzt, an der Stange zwischen sich die Apotheke. +Die Krankheit war jedoch nicht schlimm. + +</p><p>Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. +Vielleicht hatte sie auf ihn gewartet. Sie war +ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen. +Dann blieb sie doch stehen und sagte mit einer +Stimme, die so beherrscht war, daß die Verzweiflung +aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten +pfiff und mit einer Kälte, die kaum die +Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies zugestoßen +sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen +. . . Sie stockte, denn sie empfand, daß +sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle. Und stotterte, +daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen +würde . . . aber . . . nein . . . das . . . sie könne es +ihm nicht sagen. Raoul begriff, daß es Zorn von +ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu kommen, +denn sie hielt ihren Stolz allein durch die +Möglichkeit einer solchen Sache beschämt, aber er +wunderte sich nicht und fragte nicht: warum sie das +ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel, +warf dem Freiherrn die Schlinge über und +schleifte ihn ein Stück. + +</p><p>Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte +er einen Schuß und die Kugel. Zwei Tage darauf +ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die +Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne +gekommen und hatte ihm den Schenkel gestreift. +Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab, +fand aber nichts. + +</p><p>Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht, +ehe er nach den Weideplätzen des Freiherrn ritt, +nahm er Blei und Papier und schrieb seinem Onkel, +er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst +dazu komme, ihm zu schreiben, er sei jedoch sehr +beschäftigt gewesen und habe die unmaßgebliche +Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen. +Er sei übrigens in Amerika, momentan wenigstens, +für den Fall, daß der Präriestempel unleserlich sei. +Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort ebenfalls +unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche +des Onkels, etwas für ihn zu tun, womit er ihn +das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe, +gar nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne +Bedürfnisse sei. Vielleicht nehme er aber ihm zuliebe +die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach +zu kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem +Haus befinde, dort am dritten Dachfenster aus +dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu +töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei +präzisierten Wert an seinen Freund Jim zu schicken. +Jim sei nämlich ein entzückender Mensch, Gourmand, +und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun. +Woraufhin sich der Onkel vielleicht entschlösse, +die Gegend einmal zu besehen. Leider werde +er voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!) +nicht mehr dort antreffen seinen Neffen Raoul. + +</p><p>Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. +Wieder traf er Helen. Er hatte wegen seinem +Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich, +daß es ihr aufgefallen war. Sie war entschieden +verlegen und hatte Ringe im braunen Gesicht. +„Wohin . . .?“ + +</p><p>Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. +Ganz ziellos und groß ins Weite. + +</p><p>„Vielleicht — das wollte ich sagen — reiten Sie +für diesmal mein Pferd. Ich kann heute nicht +reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen +. . . und dann (ihre Hand erschien hinter dem +Rücken) . . . dann . . . nehmen Sie etwa auch +meinen Lazo mit — ?“ + +</p><p>Raoul zögerte. + +</p><p>Sie: „Ich — bitte.“ + +</p><p>Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war +das beste Pferd im Umkreis. Wie leicht ihr Lazo war! + +</p><p>Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten +sie, einander jagend, einen großen Pferdetroß. +Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken +Keilen zwischen sie. Sie konnten nicht schießen. +Die Lazos peitschten die Luft. Plötzlich riß zwischen +den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch. +Raoul spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in +die Beine strömte unter dem Druck der entsetzlich +pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust +einschnürte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde. +Die Arme waren angeschnürt, er konnte sie von +den Ellenbogen ab erst bewegen. + +</p><p>Es genügte. Eh’ der Gegner anzog, ihn zu +schleifen, zielte er, stemmte das Knie hoch, schrie +etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel +mitten durch den Kopf. + +</p><p>Dann setzte er sich auf das Gras und schlug +die Beine zusammen. Das da war ein Duell im +Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte, +was das sagen wolle, daß Helen ihm Pferd und +Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr reich +werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten, +wenn er nach Süden ritte. Und sie war schön, war +stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie liebe. Aber +es schien ihm, daß er dann wieder da angelangt +sei, wo er ausgegangen. Kein Himmel werde seine +nächtliche Lockung über ihn wölben. Der Himmel +würde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut. +Das Leben würde nichts mehr zum Steigern für +ihn haben. Er begriff in einer qualvollen Sekunde, +daß er für dieses Leben und seine Ansprüche verdorben +sei, weil er mit einem satten Punkt eingesetzt +und mit einem Ende begonnen habe, und daß +nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich +selbst höher zu werfen und weiter zu steigern, und er +begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so weiter ungebunden +und von unten weiterstoßend möglich sei. + +</p><p>Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen, +daß er über Helen hinausmüsse und ihre +Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre +Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem, +das ihren Trotz und ihre Erschütterung färbte . . . +Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die Lider +lange darüber. Dann erhob er sich. + +</p><p>Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe, +daß sie schnaubend allein nach Hause lief. + +</p><p>Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein, +daß er nun, wo diese Schmerzlichkeit weiter über +sein Leben hinaushänge, das Alte und Schwermachende +nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich +kamen Zweifel, ob alles dies, was so qualvoll +an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht +doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen +bestehe, die sich ineinanderfließend wiederholten +im Hochhinaufgerissenwerden und in der Müdigkeit. +Aber er schüttelte sie ab. + +</p><p>Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein +wildes Pferd, bändigte es und sprang darauf. Der +Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen +geflochten und mit Silberringen breit geschmückt. +Raoul Perten ritt nach Norden zu. Und ritt und +warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt +aufwärts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in +den Schwung eines maßlosen Trapezes und ließ +den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen um +seine Hände fahren — — . . . und ritt auf ein Stück +Himmel zu, das sich wie ein blaues Dreieck zwischen +zwei Hügel hineinbohrte und über dem ein Horizont +aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden +Rotunden kreisend wie ein von Rätseln +durchstochener Schild. + +</p> +<h2 class="chapter"><a id="page_33" name="page_33">Der aussätzige Wald</a></h2><p> + +</p><p class="lyrics"> +Benoit de St. More:<br /> +Ceste historie n’est pas usée + + + +</p><p class="first">Jehan Bodel, Sire d’Arras ritt durch den +Wald. + +</p><p>Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung +keine Waffen außer dem kleinen damaskenischen +Messer im Gürtel. Seine Arme hingen +laß auf beiden Seiten des Sattels herunter. + +</p><p>Nach zwei Stunden pfiff es scharf. + +</p><p>Aus einem Gebüsch sauste ein Knäuel Menschen +den Abhang herunter in die grelle Sonne. Einige +hielten Keulen aus Holz in den Fäusten. Der vorderste +tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig +hochschnellend. In seiner linken Hand drehte +sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere, +deren Finger aus dem Fleisch herausgekrochen +waren und die am Knöchel zu einem dicken roten +Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges +Schwert. Alle waren von furchtbaren Fetzen +schmutzigen Tuchs umhängt. Geschwülste und Narben +fraßen sich durch die Gesichter der meisten. +Langsam rollte etwas die Böschung auf allen Vieren +ihnen nach herunter, hob sich mit langen weißen +Haaren, stand ehrfürchtig zögernd, die Hände in +Bewunderung und Tasten hebend und streckte +zwei rote leere Augenhöhlen mitten in das stechende +Licht. + +</p><p>Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war +zu klein. Sein Blick fuhr herum. Nichts war +im Bereich seiner Hände. Er trat einen Schritt +zurück und spie aus vor Wut. + +</p><p>Die Männer krochen wie Spinnen auf ihn zu. +Ihr Anführer umtanzte ihn lautlos mit gierigen +Sprüngen. + +</p><p>Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde, +hieb drei Kerbschnitte in den Oberschenkel, drehte +das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar +der Angreifer, ging zurück, streichelte rasch das +schreiende Tier über Maul und Hals, tötete es +und schritt lässig, hochmütig den freien beschienenen +Waldweg weiter. + +</p><p>Es bewegte ihn ein Gefühl: Zorn, daß er keine +Zeit hatte, das Maultier zu töten, eh’ er es verwundete. +Er dachte nicht daran, daß er auf ihm +hätte fliehen können. Jehan floh nicht. + +</p><p>Kam am Mittag nach Erigny, wo großer Markt +war. Viele Auslagen färbten den Platz bunt, und +ein erschütternder Tumult bewegte sich über die +Straßen. Jehan stellte sich auf eine Tribüne mitten +im Platz, und als Ruhe war und Kopf an +Kopf gesät sich gegen ihn schoben, verhieß er, vor +Ekel geschüttelt, jedem, der im Wald einen Aussätzigen +erschlüge, zwanzig Denare. + +</p><p>Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug, +einen schneeweißen Hühnerhund und eine +Stute, deren Schweif den Boden peitschte. + +</p><p>Er ließ alles an seinen Gasthof bringen, bestellte +Spielleute und aß. Als er seinen Lieblingsfisch +auseinanderlegte, schob sich ein Mönch durch die +Tür und suchte zu Jehan zu kommen. Doch der +Wirt spreizte die Arme und drückte ihn zurück. +Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der +Mönch bestand darauf und schwur lang und laut +bei St. Vinzenz, bis Jehan aufmerksam ihn herbeiwinkte. +Bis auf zwei Meter, denn er wünschte +nicht, von seinem Atem belästigt zu werden. Der +Mönch schlug ein Geschäft vor. Jehan aber machte +eine so abweisende Geste, daß er zu winseln begann +und schwur bei den runden Blutstropfen von St. +Morant, Jehan werde nächtelang aus Reue seine +Brust schlagen. Und wie er von dem gesättigten +und zufriedeneren Mund des Gegenübers die herbe +Strenge abfallen sah, stieß er hastig einen Schritt +vor und sagte leis etwas. + +</p><p>Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mönchs +Fratze bedeckte sich aber mit einer fetten Vertraulichkeit +und sagte und schwor bei dem Leibe der +heiligen Afflise, die Ware sei gut. + +</p><p>Jehan lachte ungläubig und edelmännisch und +folgte ein wenig zurückgestoßen, mehr aber neugierig. +Sie überquerten den Hof, schoben einen +Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall +. . . dann riß der Mönch eine verborgene +Tür auf. + +</p><p>Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein +schräg in die Mauer gerammtes Bett enthielt, +auf dem ein Mädchen kauerte in südlicher Haltung, +von vielleicht siebzehn Jahren, die sich nun zu einer +adligen und beschämten Haltung erhob und eine +rührend große Schönheit entfaltete. Der Mönch +wollte ihr die Tunika abziehen, allein Jehan wies +ihn zurück, verbeugte sich und fragte, wie sie heiße. + +</p><p>Sie sagte: „Beautrix“ und sagte es in limusinischem +Dialekt, dessen dunkle Schwingung Jehans +Ohr entzückte. Sie hatte eine so schmelzend +weiße Haut, daß sie unmöglich aus der Provence +sein konnte. Der Mönch sagte: Aus Byzanz. + +</p><p>Da kaufte Jehan sie ohne Prüfung um zweitausend +Denare. + +</p><p>Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen +aus der Stadt. Jehan sprach nichts zu +einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein +wenig hinter ihm. Plötzlich kam ihnen Gebrüll +entgegen, schäumende Rufe spritzten durch die leere +und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag +vom Huf der Tiere durch den mahlenden Sand. + +</p><p>An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession +an ihnen vorüber, Männer, die Fahnen trugen, +schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit +Säuglingen an den strotzenden Brüsten, Greise, +die ihre müden Glieder vorwärts schnellten, und +alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den +Arm um die Weiber geschlungen und sich in sie +verkrampft, Mädchen liefen mit gelösten Haaren +und ließen sie vom Wind hinter sich aufbäumen, +in die Männer wieder ihre Gesichter tauchten . . . +und alle sausten singend und schreiend mit stampfenden +Sprüngen vorbei. + +</p><p>Beautrix errötete und wandte den Kopf, als +der Zug vorbeischoß. + +</p><p>Da wußte Jehan, daß er einen guten Kauf getan. +Er schnallte seine Bügel hoher und hob sie +herüber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier +mit Gelächter, lachte, küßte sie und rannte mit ihr +durch den Wald. Die Hunde jagten vor ihm. + +</p><p>Er dachte nicht an die Aussätzigen. Denn er +fühlte, wie die Glieder von Beautrix heiß wurden. +Noch einmal küßte er sie. Da war es schon dämmerig +geworden. Der Hühnerhund sprang vor +ihnen hin wie ein weißer Strich. + +</p><p>Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen +Bogen gleich einer Augenbraue. Dumpf rauschend +wie zwei Fledermausflügel zogen sich die +Tore von Arras im Abend hinter ihnen zusammen. + +</p><p>Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise +und sagte es so zu Beautrix. Denn Jehan Bodel +war (ohne daß er die kleine und falsche Schäbigkeit +beging, es in seinem Leben auszudrücken und +ohne daß es aus seinem Tun bewußt nur in einem +Funken erhellte) der größte Dichter der Pikardie. + +</p><p>Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen +auf seinen linken Arm, und indem er sie mit +dem andern an der Schulter stützte, trug er sie in ein +großes getäfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures +Bett stand, und sagte ihr, daß dies ihr Eigentum sei. + +</p><p>Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer +Dame im Westen der Stadt, der er dort ein Haus +unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame +sei in der Kirche, und er kam gerade recht, als sie +die Abendmesse verließ. Er nahm sie und ein paar +Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trübe +Schenke in der Ecke des Platzes. + +</p><p>Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das +sie allein hatten. Holzpritschen mit Teppichen belegt +umliefen die Wand und schlossen einen Kreis +um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der +Boden war mit leuchtend gelben und weißen Platten +belegt. Es roch nach Wein und Rosen. Jehan +ließ gemischten Wein kommen und nahm seine +Dame neben sich. Eine Stunde später kamen noch +einige Männer. Die Weiber lagen auf den Bänken +und sangen. + +</p><p>Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten. +Eine Rote erzählte, die Zähne fletschend, was ihr +ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie möge +die Haare kürzer schneiden und als Mönch bei +ihrem Orden eintreten. Und ob sie sich dann auch +die Haare blond färben und den Namen „Innozenz“ +annehmen würde, fragte ein junger Mann . . . +worauf sie beleidigt tat und ihm ihr Glas zwischen +die Busenkrause goß. Ihm aber dann sich auf die +Knie warf und ihn reuig in den Ohrlappen biß. + +</p><p>Jehan ließ Gewürze in den Wein kochen. Sie +tranken stark und lachten. Die Weiber schaukelten +auf den Pritschen und lallten Gesänge und Lieder +durcheinander. + +</p><p>Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen, +die ihm Stellung und Temperament zur sonstig +mittelmäßigen Erfreuung — mehr geduldet in der +vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen — +machten, ließen ihn grenzenlos öd. + +</p><p>War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm +des Zimmers ein fremder Duft wie von Frauenhaaren, +die er kaum kannte, an seinen Händen +schwebe? + +</p><p>Er begriff die Wandlung, faßte das Unbehagen +nicht ganz in seinem bewußten Grund, aber ergriff +es in brutalem Wohlgefühl wie die Lösung dieser +Spannung, als er im Lauf des Abends von einer +der anderen erfuhr, wie seine Dame ihn betrog. +Und da (siehe) es wiederum ein Mönch war, dessen +Schatten hier seinen Weg kreuzte (nur daß er +nahm dieses Mal und nicht darreichte), lachte alles +in ihm über den Ausgleich. Er stellte die Kanne, +die seine Hand gerade umfing, nicht einmal weg, +griff seiner Dame mit der Linken ins Haar und +warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch +die Tür. Erhob sich lächelnd und frisch und schenkte +das Haus im Westen der Stadt jener, die zuerst +fünf Glas Mischwein trank und ging aufatmend, +den Kopf schräg nach dem Himmel hinaufgelegt, +die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht. + +</p><p>In einer Nebenstraße fiel es ihm ein: er klopfte +noch an ein Tor und befahl einem Händler, dessen +Kopf am Fenster erschien, daß er am nächsten Mittag +mit seinen besten Sachen zu ihm komme. + +</p><p>Die Dämmerung schlug sich durch die Straßen, +und mit einem Anheben fingen alle Glocken an zu +schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch +sich die Hände und das Gesicht, stieg in den anderen +Stock und öffnete in einem schmalen Ritz +eine Tür. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix +und wie ihre lichten Glieder im Morgen blitzten. + +</p><p>Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei +hinüber, Beautrix zum Essen zu holen. Es tat ihm +leid, wie sie in dem weißen und groben und unreinen +Kleid, das sie am vorigen Tage getragen, erschien. +Allein ihre Bewegungen waren so, als ob sie nichts +trüge oder so; als ob sie persische Stoffe über den +Gliedern hätte und wie es Jehan in einer raschen +Erkenntnis schien so in einem; als ob dies gar +nichts bedeute für den Adel ihres Wesens. + +</p><p>Während sie aßen, geschah etwas Seltsames; +Jehan, der spürte, wie etwas, je näher er kam, +etwas wie unbewußte und ungekannte Achtung sich +zwischen ihn und die Sklavin schob, sah sie plötzlich +in Tränen ausbrechen. Er fragte. Da wies sie +halb lächelnd wieder auf ihren Teller und sagte, +daß sie dieses Gemüse nicht essen könne. Es war +Kohl. Jehan lachte sehr. Dann überließ er sie dem +Händler mit den Stoffen. + +</p><p>Am nächsten Morgen brachte er ihr ans Bett +rote Blumen und Steine aus Alamanda. Den +Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa: + +</p><p class="lyrics"> +Amic, s’eu vos tenia<br /> +Dinz ma chambra garnia,<br /> +De ioi vos baisaria,<br /> +Qar n’audi<br /> +Ben dir l’autre di.<br /> +Qant lo gilos er fora,<br /> +Bels ami,<br /> +Vene-vos a mi. + + +</p><p class="noindent">Sie schürzte sich ein wenig und tanzte. Die +Flammen zuckten auf dem Leuchter. + +</p><p>Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar, +das in Brunst war, und nannte sie: Silberne +Drossel — und blieb und küßte sie. Sie nahm +keine Scham vor ihm und zog sich an, während +die ersten Lichtstreifen den Boden kräuselten. Sie +bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete +sie. Vor drei Altären betete sie. Die aneinandergelegten +Hände hob sie vor jedem hoch auf im +Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsägliches +ausstreuenden Gebärde. Als sie das Münster +verließen, war der Ausgang versperrt. Eine Frau +lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch +und Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze +standen um sie und neben jedem Kreuz eine armlange +Kerze mit zuckendem rötlichen Licht. Einige +Leute standen um die Büßende, die nicht aufsah. +Beautrix zögerte. + +</p><p>Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte +die Frau. Er nahm Beautrix auf die Arme wie +am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch +den dunkel aufgewölbten Mund der Kirche hinaus +ins Licht. Und setzte sie nicht nieder; trug sie so +über den Markt. Als er in die Straße einbog, +setzte ihm schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte +er den Kopf: Schwarz, schäumend stand mit wehenden +Armen die Dame vor dem Portal und nannte +Beautrix eine Dirne. + +</p><p>Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus. + +</p><p>Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte +keine Geschenke. + +</p><p>Aber wie die Dämmerung die Schatten vom +aufgewühlten Gesicht der Beautrix abpflückte, +nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war +die ganze Nacht mit ihr. + +</p><p>Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix +in jeder Frühe seinen Falken. Manchmal auch: silberne +Drossel. Doch dies geschah selten und nur +bei Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen +das Fenster äderten und in eine überhitzte Glut anschwollen. +Sie blieben einen kurzen Atem lang +zitternd und wie ein Segel und zum Sprung gespannt +in der Öffnung hängen mit gelbgrünen +Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm +und bebte ein wenig. Denn das bedrückte ihr Herz +und war ähnlich wie das im höchsten Entsetzen zerbogene +maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer. +Das haßte Beautrix. + +</p><p>Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy +nach Rouen. Als er zurückkam, erwartete sie ihn +lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn +die weite Plaine heraufkommen. Er winkte ihr +zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte ihr aus +Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe +schnurrte den ganzen Tag in seinem Bauer aus +Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch. +Da warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr +eine weiße Blumennische bauen. Kaufte ihr einen +ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und +ließ ihr einen Hengst in den Stall stellen, der weiß +war wie seine Stute. Denn ihm kam es vor, alles +müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen, +der ihm einen Falken brachte, der nicht so weiß +war, wie er ihn verlangt hatte. Beautrix’ Haut war +das strahlende Licht und die ewige Lampe von Arras. + +</p><p>Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem +Schlaf und holte sie aus ihm hervor, und Jehan +legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße +und zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand +bis übers Knie. Beautrix warf ein kurzes Kleid +drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei +Sternen. Dann nahm sie zwei Falken und Jehan +nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und +als einer der Vögel mit einem maßlos trunkenen +Aufstieg abbog und in den kühneren Kampf aufstieß +und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg +und Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit +einem Gesicht, das dies spiegelnd und das Übermäßige +des Tages und dieses sich in das Heroische +des Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, . . . +da riß Jehan ihr den weißen, weiten Handschuh über +Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den +Unterarm aus unerträglich geschwellter Liebe. Sie +ritten lang durch eine Ebene mit Weidengestrüpp. +Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen. + +</p><p>Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in +einiger Entfernung später an den Pailletten erkannte, +die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem Augenblick +hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen +Handschuh überreichte, indem er ihn lang +küßte, während seine Augen nach ihr langten. + +</p><p>Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll +waren von Jagd und satt und behängt mit Glanz +und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse, +die glänzend und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen +vom Gelächter einer der Frauen. Jehan +ritt mit dem Ritter, der Girard hieß. + +</p><p>Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von +Schreien. Aufbäumende, in wüste lange Schnörkel +sich ausgießende Laute röhrten aus der Ecke. Ein +Mann in dicke Tücher vermummt, vor dem Gesicht +die Larve, war an einen Pfahl gebunden, die Arme +verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken +hin und her in den fanatischen Konvulsionen eines +Berauschten. Sein Kopf stand, am Hals in einer +Klammer gefaßt unbeweglich darüber wie eine +Plastik aus Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten +und die Augen, groß, rund und aufgesperrt +sich verdrehten. Über ihm hing eine Röhre, die ein +Mann bediente. Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein +Tropfen dampfendes Öl auf den Schädel des +Gemarterten. + +</p><p>Sie riefen und man antwortete aus einem Haus: +es sei Thibaut de Nesle, den ein Aussatz überfallen +habe und den man so strafe dafür, daß er es verheimlichte +und nicht beim ersten Zeichen die Stadt +verließ. Da schwoll Jehans Gesicht vor Zorn. Er +erinnerte sich des Todes seines gelben Saumtieres, +das ein Preis war von Toulouse, und er verdoppelte +den Einsatz für den, der einen Aussätzigen im Wald +erschlüge und setzte ihn auf vierzig Denare. Dann +warf er den Kopf zurück. Er ritt genau vor den +Ritter Girard und befahl ihm, dem Henker zu +sagen, daß er dem an den Piroli Gebundenen fünfzig +Tropfen heißes Öl mehr geben solle auf seinen +Befehl. Er sagte es laut vor den anderen Reitern. +Er sagte es laut vor allen Köpfen, die in den Fenstern +liegend, in Kreisen den Platz umschnürten. + +</p><p>Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge. +Jehans Blicke stachen lange in die des Ritters, +bis dieser langsam zusammensank und die Schande +auf sich nahm und zu dem Henker sprach. Als er +zurückkam, war er bleich und Tränen liefen aus +seinen Augen. + +</p><p>Der Aussätzige warf einen Schrei aus der Kehle +der aufschwirrte und hinüberzischte wie ein Pfeil. + +</p><p>Auch in Beautrix’ Gesicht schwebte ein Weinen +und ging nieder, als sie zu Hause waren. Sie +fragte, warum er den Hohn über den jungen Mann +getan hätte und zitterte, denn sie empfand, daß er +grausam sei. + +</p><p>Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh +aus weichem weißen Leder und malte mit dem +Finger die Stelle, die Girard geküßt hatte und +sagte: „Ich hatte ihn sonst töten müssen.“ + +</p><p>Da empfand Beautrix in einer maßlosen Erhebung, +wie sehr er sie liebte, und sie wusch sich +viele Male den Leib mit Moro-Öl und byzantinischen +Wassern am Abend, um ihn beflügelt und festlich +zu empfangen und verzehnfachte sich in den sieben +Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff +und klar waren und deren Nächte überstrahlt über +sie gingen, heller und furchtbarer als tausend Gewitter. + +</p><p>Eines Tages erschien ein provencalischer Sänger +und übernachtete in Jehans Haus. + +</p><p>In dieser Nacht träumte Jehan Bodel, Sire +d’Arras, er gehe durch einen Wald, dessen Bäume +gebogen seien und tönten und sängen. Es war ein +Lied, das ihn schmerzte. Er sah eine gläserne Tonne +und floh in sie; sie bewegte sich, stürzte ab und über +ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund +eines Meers. Einige Zeit hörte er nur die klingende +Musik des Wassers, das an dem Glas rieb. Dann +kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar +nichts als Meer, und die Endlosigkeit überfiel ihn +und eine weite Leere umringte seine Gedanken, und +wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine +Blumenspritze seine Sinne zerstäubte und ihn +machte, als schwebe er. + +</p><p>Mittags ging der Provencale. + +</p><p>Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der +Normandie und wallfahrte nach San Jago de +Compostella. + +</p><p>Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare +schwarz. + +</p><p>Er reichte Jehan dankend die Hand. + +</p><p>Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte +er. Er nahm den Spiegel . . . und in die +Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen +zu einer Tiefe gehöhlt hatte, ergoß sich abstürzend, +ihm neu und ihn zum erstenmal mit Maßlosem +belastend, eine brandende Erkenntnis. + +</p><p>Jehan legte die Hände auf den Rücken. Ging +durch das Zimmer. Stunde um Stunde. Beautrix +klopfte. Er hörte nicht. Sie rief, es sei Nacht. +Die ganze Nacht lag Beautrix allein in dem großen +Bett. Der Mond spielte um sie. Das war ihr +neu. Sie griff nach ihm. Sie schloß ihn in die +Arme und weinte. + +</p><p>Jehan Bodel saß einen Tag reglos in einem +Erker und sah durch das Fenster in die Stadt. +Er saß auf einer schmalen Ottomane. Reglos +standen zwei Säulen auf beiden Seiten neben ihm. +Dann stand er auf, und Schaum lief von seinem +Mund. Er zerriß die schwarzzurückgeschlagene Portiere, +schlug mit einem Damaskener Fetzen aus +seinen besten Schwertern und zerbröckelte sie dann +in Stücke, daß seine Hände von Röte brannten. +Darauf saß er wieder und starrte auf die Stadt. +Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf +der Erde und rieb sich den Körper mit ascalonischen +Zwiebeln. Dann saß er und schrieb +fiebernd. + +</p><p>Beautrix wartete und klopfte. + +</p><p>Er gab ihr kein Wort. + +</p><p>Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, überströmend. +Jehan biß die Lippen zusammen vor Schmerz +und damit er nicht weine und sandte ihr lachend +einen Kohlkopf, damit er ihre Liebe tötete. + +</p><p>Aber er tötete ihre Liebe damit nicht. + +</p><p>Nach einer Woche schwirrte das Gerücht durch +die Stadt und die Umgebung, Jehan lese am Tage +darauf sein neues Chanson. + +</p><p>Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix +ein. Sie lag, bleich, da sie nicht mehr aß, auf +einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem +Bett. + +</p><p>Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn +und mit ihm kommen. Sein Mund war streng. +Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wies sie +zurück. Da faltete sich ein Zug Trotz quer über +ihr Gesicht, sie spielte mit dem Knauf des Bettes +und regte sich nicht, wie er ging. + +</p><p>Dann aber lief sie hinüber und schaute durch +das maurische Gitter. Er saß auf der Ottomane +wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen +Augen geschmolzen war und wie sie glanzlos starrten +. . . Da zögerte sie nicht mehr. + +</p><p>Sie schlang den blauen und gelben Turban um +die Haare und steckte sieben Dolche hinein und +band an den ersten einen weißen Schleier, führte ihn +unter das Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder +an dem siebenten ein. Dann schloß sie um ihre +kleinen Brüste ein weißes Mieder, das dünne gerötete +Zwicken hatte an den Achseln, welche in die +Arme liefen mit engen Ärmeln aus reinem Goldbrokat +und zwischen denen die weiße Seide des Rockes +hinunterströmte zu den gekreuzten Schnüren aus +Hermelin und dem Passepoil mit roten und lila +Augen. + +</p><p>Sie gingen zusammen zum Markt. Eine große +Masse bedeckte ihn und schob sich in Reihen durcheinander. +Neue Ströme rauschten durch die Tore +von außen. Vereine mit Talaren und ein Priester, +der in rotbekleideten Händen eine Fahne hielt. +Einige Partien sangen. Eine Schar Mädchen +sang dann Sommerlieder, und der Rhythmus der +Kommenden hakte in sie hinein wie das abgerissen +Zanken von Papageien. + +</p><p>Jehan ging auf das Gerüst. Hinter ihm stand +der figurenvolle, schlündige Eingang des Münsters, +aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grüßte +lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel +hing über dem Platz. Lachend gaben sie ihm den +Gruß zurück. Dann wandelte sich sein Gesicht in +eine undurchsichtige Strenge, und er las Li congie +de Jehan Bodel d’Arras, das heißt, er sagte den +Bürgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter +unter ihm strafften sich. Sie spannten sich in eine +atemlose Erregung. Einer hob die Hand. Alle +hoben die Hand. Ein Sturm von Händen hob +an und warf seinen Willen gegen die Brüstung, +daß er bleibe. Und die Gesichter entstarrten sich und +flammten auf in Ekstase und sie schrieen es. Sie +tobten und stürmten vor. + +</p><p>Da hob Jehan beide Hände zum Hals, hakte +sie ein und riß nach zwei Seiten das Kleid auseinander +und stemmte ihrem Schreien seine nackte +Brust entgegen. Er breitete die Arme aus. Auf +seiner Haut tanzten blaue Flecken, und ein rotes Geschwulst +durchbrach die Brust. + +</p><p>Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das +Ungeheure. + +</p><p>Die Arme sanken zurück Das Schreien ward +Geheul. Männer rissen Weiber zurück von dem +Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben +verknirschte der Aufruhr und duckte sich. Eins gab +es nur: Flucht! —. + +</p><p>Einer wagte es noch, stieß die Faust in die Luft +und brüllte „Pilori“. + +</p><p>Doch er blieb allein. + +</p><p>Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter +wie im Wasser werde, kam etwas von ihm her und +preßte die Menge vom Platz und warf sie in die Häuser +und Straßen. Zwei trugen Beautrix ohnmächtig. + +</p><p>Dann ward es still. + +</p><p>Kein Ton. — + +</p><p>Jehan lächelte: Wie in der Tonne. + +</p><p>Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt +nach dem einen. Es war ein Tor in einem Turm, +der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen +denen eine große Glocke hängt. In seiner Mitte +quoll ein Auswuchs heraus, formlos gewölbt, wie +ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan +sah die Straße hinunter. Er sah niemand. Darauf +schritt er zurück über den Platz nach der anderen +Seite. Kein Auge stand an den Fenstern, +die ihn anklafften. Er trug den Aussatz auf seiner +Brust gerade wie ein Schild. — Hier lief eine dunkle +Passage durch kleine wüste Gassen. + +</p><p>Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine +Ärmel waren eng und trugen an den Gelenken +Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn +die Brust offen lassend, ein dunkelrotes Kostüm um +seinen Oberkörper und rann dann unter dem Gürtel +(aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander +zu den Füßen, wo eine breite Pelzsäumung +es aufhielt und ein Streifen aus Gold. Grün +waren seine Schuhe. + +</p><p>So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und +hoffte, daß ihn einer erschlüge. + +</p><p>Doch es erschlug ihn keiner. + +</p><p>Sein Haus hatte eine breite Front. In den +oberen Teilen lagen große Fenster mit Säulen. +Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den +Tag und die Nacht. Niemand kam. Jehan wartete. + +</p><p>Niemand kam. + +</p><p>Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und +Reihen von Menschen zogen mit Kerzen durch die +Stadt und zur Kirche. + +</p><p>Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner +Ottomane. Das Zimmer war verschlossen. Beautrix +klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag. +Sie rief weinend Jehans Namen. Sie warf +ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte auf den +Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte. +Er hörte sie nicht. Die Tür knirschte kaum. + +</p><p>Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand +das Tor offen an Jehan Bodels Haus. Niemand +kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend +schaute Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor +die Tür gestreckt wie ein feines helles Tier. Später +zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die +Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten. + +</p><p>Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme +aus dem Dunkel hervorklingend unter Jehans Zimmer +die Geschichte von Amis und Amile: + +</p><p>Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich +und liebten sich. Da verführte Amis die Tochter +des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen, +aber Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man +erkannte ihn nicht und gab ihm die Prinzessin als +Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf +sie, ließ er sie ihm zum Ehebett und ward aussätzig +zur Strafe. Aber Amis tötete seine beiden +Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund. +— — — + +</p><p>Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie +auf, und am Morgen bot ein Mönch zwei Knaben +an zum Verkauf. + +</p><p>Jehan lehnte ab. + +</p><p>An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür +mit einem Messer und schälte Span auf Span +heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus +Eisen. Die Klinge brach ab. + +</p><p>Da legte sie sich stumpf über die Schwelle. + +</p><p>Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen +die Tür, bis sie das Gefühl ihrer Hände verloren +hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es +schien, er schaue auf seine Hände. Da biß sie in das +Metall der Klinke und sank blutend auf den Boden. + +</p><p>Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die +Tür auf in Jehans Haus. Sie spreizte sich auf, so +offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein. +Nacht. Die Nacht war so still, daß das Dunkel +brauste. + +</p><p>Wie . . . ? + +</p><p>Stille, kein Ton kam durch die Straße. + +</p><p>Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der +Tür, eine Rinne Blut über dem Kinn. Er sah es. +Allein . . . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane +zwischen den Säulen. + +</p><p>Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er +sich. Er ging gerade auf die Tür und öffnete sie, +Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der +ersten Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände +mit ascalonischen Zwiebeln, die die erste Ansteckung +verhinderten. Langsam ging er darauf in das +Zimmer von Beautrix. Er roch an den weißen +Blumen in der Nische . . . der Kamin . . . das +Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht +aus Dijon. Er empfand wie der Papagei sich +regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts mit derselben +Drehung und die Täfelung und die Teppiche +aus Palästina darüber. Er zündete Lichter an an +der Wand, und sie blitzten auf. Sie spiegelten +flackernd in runden Metallplaketten und bestäubten +das Zimmer mit einer dünnen Schicht Licht, +in der er es mit einem Blick noch einmal aufnahm. + +</p><p>Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in +die neue entsagensschwere Tiefe seiner Seele einzuschneiden, +und er fühlte es nur als ein Wehtun +auf der Oberfläche und ließ den Raum wie in +Bedauern zurück. Dann öffnete er das Zimmer, +in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib +von Beautrix gelegen hatte. Er öffnete es in einem +Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah die schmerzende +Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den +Geruch ein und sagte vor sich hin: Silberne +Drossel . . . Scharf hoben in diesem Augenblick +zwei Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an. + +</p><p>Es wurde heller. + +</p><p>Silberne Drossel . . . + +</p><p>Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner +Stute über den Hals. Sie sah ihn an. Da +erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines +Hirns noch einmal Bewußtsein von dem, was +nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück. Ein +Weinen riß sich in ihm los. Er legte seine Hand +in das Maul der Stute. Die breiten Schultern +zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen +Lippen. Dann wandte er sich. + +</p><p>An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück +und als sei die Last zu schwer und damit er auch +dieses tilge, ging er zurück auf das Tier und +tötete es. + +</p><p>Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens +über die Straßen. Er ging vorüber, verächtlich +an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen. +Alle Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit +der Prim. Es war hell, wie er über den Markt +schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem +Platz, sang laut und betete. Menschen kamen zur +Kirche. Jehan ging durch sie hin und sie traten +zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an +diesem Tage noch seine Macht. + +</p><p>Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er +ging weiter, drehte sich einmal um. Die Tore +waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer +knieten die acht Türme auf dem Nacken des Bollwerks +um das Tor. Er sah es sinnend. Dann +schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen +lag vor ihm. Wie eine Braue . . . schien es ihm. + +</p><p>Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen +Arm. Etwas Weißes trennte sich von dem Busch. +Beautrix warf sich ihm entgegen: + +</p><p>„Wo willst du hin?“ + +</p><p>„Nach dem Wald.“ + +</p><p>„Du nimmst mich mit!!“ + +</p><p>Er öffnete die Brust. Sie stampfte mit dem +Fuß: „Es ist mir gleich.“ + +</p><p>Jehan sagte ruhig: „Nein.“ Sie hielt ihn am +Arm: „Ich will auch aussätzig sein. Was geht +es dich an?“ Jehan wandte sich von ihr. Sie +trat schäumend in den Weg: + +</p><p>„Du, der du mich küßtest . . . dort . . . das +erstemal . . . schliefst du in meinem Bett Nacht +auf Nacht . . . Weißt du, daß du mich hießest: +Falke . . .“ + +</p><p>Jehan wußte es noch. Er sagte: „Ja“ und +nickte. „Silberne Drossel . . .“ sagte er. + +</p><p>Aber sie — (die nicht begriff) wie alles in ihm getötet +sei und daß alles Weibliche in allen Beziehungen +zu tief für ihn liege und kaum die äußersten +Ränder seines Horizonts noch streife, da sein Geist +schon ganz eingerichtet war auf den neuen Sinn +seines Lebens, der ihr entrückt auf einem fremden +Schwerpunkt lag) — warf sich auf seine Füße und +weinte, daß er sie mitnehme. Doch er befahl ihr +zurückzugehen. Sie wälzte sich und tat es nicht. +Da schrie er sie an: „Sklavin!“ und als sie erstarrt +sich aufreckte: + +</p><p>„Sklavin um zweitausend Denare.“ + +</p><p>Sie klammerte sich an ihn. + +</p><p>Da stieß er sie zurück und schlug sie. + +</p><p>Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein +großes Stück helles Fleisch, durchrast und geschwellt +von maßlosem Schmerz, auf der staubigen +besonnten Straße. Wie waren die Blumen farbig +auf den Wiesen! Wie legte der Morgen sich licht +um die Welt! + +</p><p>Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete +Wallfahrern, die in Jericho Zweige gepflückt hatten. +Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er +ging auf die Seite, verbeugte sich. + +</p><p>Einmal noch mußte er wenden. Der weiße +Hühnerhund lief ihm nach. Er trug ihn in den +Graben und tötete ihn. + +</p><p>Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire +d’Arras, trug das dunkelrote Gewand mit der +Bordüre aus Pelz. Er trug den Turban aus +Pelz. Seine Füße gingen in grünen Schuhen. + +</p><p>So schritt er hinunter. Dann bewegten sich +seine Lippen. Er sann. Sang ein Lied, das er +wo gehört hatte. Es kam ihm wie durch einen +Spalt: Von einem Freund . . . An einem Kamin +in der Bretagne . . . Gasse Brullè? — — — + +</p><p>Er wußte es nicht mehr. Seine Gedanken +waren davon abgeschwommen. Er verstand den +Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf, +laut. Es war ein Liebeslied. Er sah auf +seine Hände, die in Blut trieften: + +</p><p class="lyrics"> +Hé blanche, clere et vermeille,<br /> +De vos sont tuit mi desir;<br /> +Car faites en tel merveille<br /> +Droiture et raison faillir.<br /> +Quant je vos vueill a amie,<br /> +Droiz nel poroit otriier;<br /> +Se vostre grant cortoise,<br /> +De gentil dousor garnie,<br /> +Ne me deigne conseillier;<br /> +Mar vos oi tant prisier. + + +</p><p class="noindent">Seine Haltung war stark und königlich. + +</p><p>Mit einer ungeheuer schlichten Gebärde ging er +auf den Wald zu, der ihm entgegenkam. + +</p> +<h2 class="chapter"><a id="page_69" name="page_69">Maintonis Hochzeit</a></h2><p> + + +</p><p class="first">Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf. +Ganz steil stand sie tief am Horizont auf der +weißen glühenden Straße. + +</p><p>„Es sind noch fünf Minuten“, murmelte Antoine. + +</p><p>Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen; +da nahm Antoine meinen Arm und zog mich unter +die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen. +Das Gras war am Rand der Chaussee leicht gelb. +Im Schatten stand es satt und buschig. Wasser +lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß. +Nun sagte Antoine: „Fahren sie mit nach Paris!“ +Nach einer Pause wiederholte er mit eigentümlich +gedehnter Betonung: „Paris.“ Dann wandte er +sich um und sprach ganz laut und anders: + +</p><p>„Sie müssen nicht daran denken!“ + +</p><p>Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. +Antoine kniff die Augen fest zusammen: „Er hat +doch sein Ehrenwort gegeben . . .“ + +</p><p>„Kurz! Ich sah ihn“, erwiderte ich ungeduldig. +Es klang vielleicht schroff. Antoine beugte sich ein +wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. +Die Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen +Hügelzug verloren. Durch die ganze stille Luft hörte +man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm +Antoine beim Arm: + +</p><p>„Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß +ich mich nicht täusche. Ich weiß Ihnen gewiß +Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie +müssen doch einsehen, daß Ihre Argumente wertlos +sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er sein Ehrenwort +brach und doch wieder in einem Spielbad +auftauchte, auf Grund der damaligen Verhältnisse +verhaften lassen wollte, hätte ich durchaus keine +Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium +sind. In einer Stunde erst erreichen Sie +die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon ab! Ich +will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach, +auf unangenehme Ideengänge zu kommen. Umsonst +vergrabe ich mich doch nicht in die Pyrenäen.“ + +</p><p>Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten +Baumganges ein und fachte sich mit dem Hut Luft +ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte +ihn in die Schulter: „Der arme Perdican . . .“, +flüsterte er. + +</p><p>Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, +legte er die Hand auf meine Schulter. Er sah +mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. +Darauf flog eine rasche Spannung über seine +Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf einen Stein. +Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem +Knie hastig ein paar Worte. Ich nahm, etwas +verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir eine +Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen +Straße die Post herbei. Antoine rief mir rasch +zu: „Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen +mit meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten +Miseren!“ + +</p><p>Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und +zogen die Ohren trotzig an. Antoine winkte. Sein +Bart und sein schräges Profil traten bedeutend +aus der Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. +Die Diligence rollte um eine Ecke, und die +Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen +die Häuser. + +</p><p>Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs +las ich die Zeilen Antoines. Es mußte ein Dialekt +sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte +ich wieder an den Grafen Perdican denken. Er +war ein lieber Freund. Sein Tod hatte ungemeine +Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung +sah man, daß sein Partner, dessen Wechsel +er nicht einlösen konnte, Karten aus einer doppelten +Manschette schüttelte. Man verband damals noch +andere seltsame Themen mit seinem Namen. Es +war eigentlich lächerlich, daß wir uns damit begnügten, +ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu +widersinnig. Damals hatte niemand hieran gedacht. + +</p><p>Ich frug mittags in Tarragona nach meiner +Adresse. Es seien höchstens drei Stunden zu gehen . . . +Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. +Ich sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar +Minuten. Dann kam ein schmutziger Hausknecht. +Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der +Hand hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben +mein Gesicht neigte. Da er nichts sagte und keine +Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm +Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. +Nun las ich sie laut vor. + +</p><p>Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück +und streckte den Span mit gespanntem Arm +noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich +einen Augenblick scharf. Darauf verschwand er: +ich hörte verhandeln. Ein Mann mit einem starken +Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen +erweckte, prüfte mich, während das brennende Holz +mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich fremd +sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine +Antwort dumm vor. Ich zeigte Antoines Zeilen. +Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. +Dann forderte er mich ganz verändert auf einzutreten. +Währenddem sagte er, es seien bis zu meinem +Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als +ich meine Auskunft über den Weg von Tarragona +erzählte. Drinnen saßen noch drei Männer. Sie +tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht +hatten, stand eine harte Luft in dem Raum. Eine +Lampe hing an Eisendrähten über einem Tisch. + +</p><p>Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer +nahm mich bei der Hand, verbeugte sich und sagte: +„Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .“ + +</p><p>Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas, +das ich wieder nicht verstand, worauf jeder mir +die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank +aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann +ward ich müd. Auf einem Strohsack in einer +Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich +niemand mehr. Ich durchsuchte das ganze Haus. +Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und +ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung +sein, als das hölzerne Geklapper eines Maultiers +mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das +Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin +Pelayo. + +</p><p>Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er +stand vor seinem Haus und wusch sich den Oberkörper +mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte +sich zuerst, durchaus keine Notiz von mir +zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann wiederholte +ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen. +Darauf stellte ich mich aufgerichtet vor ihn hin +und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß. +Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über +seinen Arm laufen. Die Muskeln brachen wie +Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig +krümmte. + +</p><p>Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt +konnte mich betrogen haben. Nun nahm ich +meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit +der Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum +wuchs etwas vor mir in die Höhe. Ich +hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen +Lage wie eine Kinderfahne. + +</p><p>Ich erstaunte über die Würde des Mannes und +seine unnatürliche Größe. + +</p><p>Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir +die Hand. Er fragte nach seinem Freunde Antoine. +Antoine war doch ältester französischer +Adel. Ich ließ nicht merken, daß ich verblüfft war. +Ich redete rasch und abgerissen. Er schloß sein +Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn +noch größer machte. Dann rief er zweimal : „Maintoni +. . .“ + +</p><p>Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen +der Lider meine rechte Hand und zog mich +ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang +und traten in ein hohes Zimmer. Maintoni drehte +sich um und rief hinaus: „Rodriguez!“ Eine alte +Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich +hin. Maintoni küßte ihr die Hand und ging hinaus. + +</p><p>Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen +aus. Sein Körper war schlank und von +wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das +Gesicht wirkte in der Nähe kantig gegen die Harmonie +des Wuchses. Die Nase war ein wenig +zu lang. + +</p><p>Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme +hatte eine knarrende Biegungslosigkeit. Einige +Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch +vor ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte. +Sie dankte, sprach aber weiter. Dann sagte er +mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur +noch in ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung +kannte sie nicht mehr. Eine dichte Luftschicht, +von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie +körperlich und schloß hermetisch alle Berührungen +mit der Welt ab. + +</p><p>Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll +die Hand, als er eintrat. Maintoni +brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte +der Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm +seiner Tochter. Er trug einen Ring mit einem +riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf, +blendete er. Ich sah sofort, daß er echt war. Pelayo +sagte zu Rodriguez, als Maintoni hinausgegangen +war: + +</p><p>„Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr +Zimmer abtreten! Sie werden unten schlafen bis +zur Hochzeit.“ Ich wollte Einwendungen machen. +Aber man schlug mich mit Freundlichkeit nieder. +Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez erzählte +mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde. +Maintoni sei dann gerade siebzehn Jahre alt. + +</p><p>Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf +zusammen, daß das Gelenk knackte, und der bronzene +Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er +dehnte sich weit zurück, schlug rasch auf seine +Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und an +der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf. +Dann erst konnte er wieder reden, so nahm ihn +die Freude mit. + +</p><p>Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als +wir die Treppe hinaufstiegen, öffnete sich neben dem +Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine +eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus. +Pelayo schloß rasch wieder. Ich fühlte, daß +mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein +wenig und wollte Maintoni fragen. Aber sie ging +so ruhig vor mir, daß ich es ließ. + +</p><p>Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde +Hitze auf die Landschaft. Die Nerven lösten sich +und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer +aus hatte ich weite Schau und staunte über die +Seltsamkeit der Gegend, die mit einer Welle von +Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen +das Haus prallte und sich hinunter nach Valencia +zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus der, zäh +und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet +hinaufwuchs. + +</p><p>Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin +Pelayo von mir. Er ließ Maintoni allein mit uns +beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging. +Morgens liefen wir zwei Stunden südlich, wo der +Postdampfer anlegte, und fragten, ob etwas für +mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien +ihnen fremd und eigenartig zu sein. Rodriguez +tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das seine +Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch +nehme. Allmählich hatte er sich so in die Rolle +hineingelebt, daß er meinte, seine Anwesenheit sei +nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der +die Post ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn +herüberwarf und mit affenhaften Verrenkungen +eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte +er mich mit einer kleinen Gebärde von Ungeduld +auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal allein +gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als +hätte ich ihm das Wertvollste anvertraut. Maintoni +hatte eine stumme Verwunderung dafür. Sie +strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief +hin, beschaute ihn von allen Seiten und blieb mit +einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens +an den vielen bunten Marken hängen. + +</p><p>„Hätten Sie sie gerne?“ fragte ich lächelnd. +Ich löste sie und reichte sie ihr hin. Da ging ein +namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie +öffnete halb den Mund. Zwischen den sanften +Bogen ihrer Lippen traten die Zähne, die weiß und +außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte +sie rasch den Blick, bewegte den Arm einige Male +wie streichelnd über den Gürtel, wandte sich langsam +um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu +Rodriguez hin. Er umarmte mich: + +</p><p>„Hombre, si: Sennor!“ Sie sind ein guter +Mensch“, rief er enthusiastisch. Abends fuhren wir +aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die +heiße Stille des Tages zu einer bewegten Kühle, +die einen Schauer von Ruhe und dämmerndem +Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in +dem Boot, dessen geschweifte Flanken in eine Spitze +aufstiegen, die über meinem Kopfe stand. Maintonis +Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez, +dessen braune Rückenmuskeln im Takt des +Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und wieder +unter der Haut verliefen. + +</p><p>Wenn die Sonne verschwunden war und die +Berge um das Castel de Balaguer wie mit violetter +Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt +schienen, sang Maintoni eine Romanze, deren +Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab +ging. Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater, +der vor fünf Jahren in Asturien auf einer +Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm +den Kopf abgerissen. Das Messer des Freundes +schon im Herz, hatte es ihn mit einer der letzten +Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen. +Man mußte den Leichnam ohne Kopf begraben. +Rodriguez schien bang: + +</p><p>„Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem +. . .“ + +</p><p>Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend. +Er hatte die Hand fest gegen sein Knie gepreßt +und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig: + +</p><p>„Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben +war und mit dem Kopf verschwunden +ist . . .?“ + +</p><p>Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz +die Brust berührt habe . . . + +</p><p>Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber +und verteilte ihn dünn und zärtlich über das +Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand +lag eine breite Klippe. Dort war, wenn die Flut +nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen Gegend. + +</p><p>Nachts schlug das Meer gegen den Strand. + +</p><p>Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher. +Es war am heißesten Mittag. Maintoni brachte +eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und +später Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen, +und ich zeigte ihm ein paar Aufnahmen +Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte +ihm auch von dem Eindruck des Zettels auf den +Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht +hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht: + +</p><p>„Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!“ + +</p><p>Ich lachte: „Da müßte der Diamant an Ihrem +Finger nicht unter Brüdern zwanzigtausend +Francs wert sein . . .“ + +</p><p>Es war, als hätte ich mit der Hand auf den +Tisch gehauen. Alle wurden still. Rodriguez +strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu +ihrem Vater. + +</p><p>Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser +Lähmung lief an uns ab, wir rauchten, und als +es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer +heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen +kniete sie nieder. Wir saßen auf der Galerie des +ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer. +Sie blieb lange unten bei der alten Frau, +die immer mit sich sprach. Dann trat sie bescheiden +heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in +sonderbarem Widerspruch mit dem heroischen Risse +des Gesichts. Nur die Augen linderten die Stärke +der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie +waren weit aufgebogen und leuchteten in hellem +Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen von +Hospitalitet. + +</p><p>„Sor Gracia, meine Schwester“, sagte Pelayo. + +</p><p>Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren. +Die Linie der Küste zischte wie in versteckter Wut. +Draußen an der Klippe sprang manchmal eine gepeitschte +Welle springbrunnenhaft und heftig in +die Höhe. Der Himmel nahm eine tiefrote Glut +mit blauen Rändern an. + +</p><p>Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom +Kloster; und wie sie sich freue, am jüngsten Tage +eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und +Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den +halbdunklen schlaflosen Nächten der gemeinsamen +Zelle sprächen sie oft davon. + +</p><p>Am nächsten Tage kam der betäubende Duft +wieder heftig aus dem Zimmer im Erdgeschoß. +Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton +durch das Haus von splitterndem Glas. + +</p><p>Den Tag darauf legte sich der Wind ganz. +In den Zimmern ward alle Stunden gesprengt. +Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute +zum Strand über die kleine Bucht, +wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos +lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines +gelbes Tuch, das schlaff an einer Stange herabfiel. +Wir schliefen den vollen Mittag. — + +</p><p>Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte +am folgenden Morgen. Sie wehte wieder am +Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit +ihr. Er legte sich in die Falten, drehte sich darin +und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es +von neuem hoch. + +</p><p>Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an. +Wir gingen am Strand entlang. Dann bogen +wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis +Haare glänzten kupfern. Wir trugen kurzgestielte +Netze mit feinen Maschen. In kleinen Abständen +blieben wir stehen und hielten mit kurzem +Ruck die Laternen dicht über das Wasser. So +schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein. +Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran, +das zuckende Heranschleichen der Aale zu beobachten. +Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das +Netz halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing +keine. + +</p><p>Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben. + +</p><p>Es wurde hell, als wir nach Hause kamen. +Maintoni hatte die gleiche Ruhe wie stets. Sie +hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der +Haut. Ich schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte, +hörte ich, noch schlaftrunken, Stimmen. +Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite, +starke, die ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher +Ausruf — — ein Wagen, der anzog — — noch ein +paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog +mich weit über die Holzstäbe . . . . . . + +</p><p>Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz +knirschte. Ich fühlte, daß mein Atem pfiff. Ich +sah es . . . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd +Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte . . . +es waren dieselben Züge, es war derselbe, den ich +zwei Tage vor dem Tod der Frau von Montbellaire +mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben, +mit schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen, +aus ihrer Loge stürzen sah. + +</p><p>In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige +Männer. + +</p><p>Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute, +in mich auf: Die Fahne wehte nicht mehr. + +</p><p>Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht. +Da drang ich in das Zimmer im Erdgeschoß. Ich +hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz +weit. Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht +und nahm mir den Atem. Ich sah kurz ein +Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich +hinausgezogen. Er war höflich, schien aber verletzt. +Er begriff meine Erregung nicht. — — Was +sie gewollt hätten? + +</p><p>Das Haus mieten oder so etwas . . . + +</p><p>Es schien ihn gar nicht zu interessieren. + +</p><p>In diesem Augenblick rief draußen einer der +Knechte. Pelayo sprang hinaus. Ich folgte. Der +Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe +raste etwas herunter . . . an uns vorbei. Wir +stürzten nach. Maintonis Kahn schaukelte leer +draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte. +Wellen mit breitem dunklen Rücken +wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte es +und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz. +An einem Vorsprung hielt sich Maintoni mit gekreuzten +Armen. + +</p><p>Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust +drängte sich heraus. Er bog die Hände vor die +Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und +aus dem qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes +flog seine Stimme wie ein Schuß: + +</p><p>„Ay!“ rief er. + +</p><p>„Ay! Maintoni — —“ + +</p><p>Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez. +Ich hielt das Steuer, sah sein Gesicht. Wie +lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen +wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe +gehn. Maintoni hatte den Vorsprung umklammert +und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand +uns zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht. +Wir wagten es nicht, zu atmen. Nein. Wir konnten +nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge. + +</p><p>Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht. +Die Flut trieb es weg, während sie die Fahne einstrich. + +</p><p>Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am +Morgen sehr früh weckte mich Pelayo und fragte, +ob ich ihn begleiten wolle. + +</p><p>„Es wird zwei Tage dauern“, sagte er. Ich war +dabei. Wir gingen Stunden. Wir schliefen den +Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde +dämmerig. Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen +rauhe Bergwände einnistete. Ein abschüssiger Pfad +führte zum Meer. + +</p><p>Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die +Fahne auf der Klippe bedeute. Ich hatte ihn gefragt, +woher er Antoine kenne. Dann hatte ich +gefragt, was das Geheimnis des Zimmers sei, aus +dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch ich das +Blitzen sah. + +</p><p>Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei. +Antoines Mutter sei aus dem alten Königsgeschlecht +und in einem Zweige mit ihm verwandt. + +</p><p>Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht +mehr. Sie mußte schon lange tot sein. „Bei +Antoines Geburt“, sagte Pelayo. „Dieser Familienstamm +ist älter als der ganze europäische Adel. +Antoine und ich entdeckten unsere Verwandtschaft, +als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu +lassen.“ Das sei auch das Geheimnis des Zimmers: +Sein Laboratorium. — + +</p><p>„Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten. +Es ist gefährlich, Sennor, wenn man +weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden. +Ich habe den Schmuck der Herzogin von Guise +und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch geschliffen. +Sie sehen, welche Werte ich manchmal +im Hause habe. Die Fahne bedeutet je nach +der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher +komme. Das Schiff fährt an der Küste vorbei, +und man läd hier aus.“ Pelayo schaute angestrengt +durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte +er lächelnd: „Sie werden erstaunt sein, Sennor, +. . . ein unbekannter Mann . . . hier in der Einöde . . . +schleift den berühmtesten Schmuck. — — Ich habe +in Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein +System erhalten. — — — Maintoni soll glücklich +werden“, fügte er ohne Zusammenhang hinzu. + +</p><p>Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der +dünne Ton einer Pfeife — — — Pelayo verschwand. +Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging +das Tal hinauf. Mohn wuchs im Gras. Wilde +Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald +mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe +rauschte an mir vorbei. Leicht feucht war die Luft. +Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen. + +</p><p>Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie +die Sterne über das Meer hinauswuchsen und mich +traurig machten. + +</p><p>Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem +bettelnden Gendarmen Brot unterwegs. Maintoni +weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht +erwartet. + +</p><p>Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es +niemand sah. Maintoni hatte goldene, glänzende +Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte +Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen +waren halb blau und halb schwarz und waren lang +und so fein wie der Schatten einer Feder. + +</p><p>Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus +ausgehängt wurden, die Türen wurden geöffnet. +Die Diener wehten mit Palmblättern Wind, +wenn wir speisten. + +</p><p>Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er +setzte sich auf die Binsenmatte. Dann stand er +wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne +Kohlenbecken. Er sagte: „Sennor, Maintoni ist +traurig.“ Ich tröstete ihn. Ich sagte ihm: „Es +wird die Hochzeit sein, Rodriguez.“ Doch er schüttelte +den Kopf. + +</p><p>Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: „Ich +bin nicht traurig. Ich freue mich, Sennor.“ Aber +Maintoni hatte rote Augen. + +</p><p>Da sagte ich: „Maintoni! Rodriguez leidet +sehr.“ — + +</p><p>Maintoni bekam große blendende Augen! +„Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich liebe ihn auch. +Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor, +was habe ich, um es ihm wiederzugeben? Nichts, +Sennor.“ . . . + +</p><p>Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia. +Sie setzte sich lang zu der Alten, die immer sprach. +Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine +Borte von gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines +jeden wuchs ein Arm aus Messing. In der Hand +hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle +Kerzen an. Es mochten hundert sein. + +</p><p>Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine +kleine Harfe spielen werde. Sor Blanca und Sor +Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen +schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle +sprächen sie oft davon. + +</p><p>Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben +Miedern. Frauen in Schuhen ohne Absätze, in +Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit +Gold, mit Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen +Perlen bestickt. Sie tanzten Fandango. Sie +tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez +tanzte. Alle anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten. +Tamburine und Flöten klangen. Die Männer +schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen +in die Hände. Eine Sackpfeife spielte mit hohem, +eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni trat +allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte. +Die Glieder spannten sich in einen heißeren Rhythmus. +Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie wölbten +die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden +heiß. Dann hielten sie in einer plastischen Pose, +lösten sich und gingen allein in das Dunkel. Sie +kehrten bald zurück. + +</p><p>Die Gäste gingen. + +</p><p>Ich stieg hinauf, um zu schlafen. + +</p><p>Es war spät in der Nacht. + +</p><p>Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte, +pfiff, peitschte sich durch das Haus. Ich stürzte die +Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles +fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte, +lag ich schräg auf der Treppe. Langsam stand ich +auf und ging hinaus. + +</p><p>Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak +in seinem Hals. Nur Leute, denen der Tod in die +Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines. +Es war Rodriguez. + +</p><p>Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten +rote Räder. Flimmernde Punkte sprangen hin +und her. + +</p><p>Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht +nebeneinander. Ich ging hin. Da lag noch ein +Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte +mich nicht mehr. — — — Es war dasselbe +Gesicht des, der lächelte, als er Graf Perdicans +Wechsel in die Tasche schob . . . dasselbe, das grünunterlaufen +war, wie ich es vor Frau von Montbellaires +Loge sah. + +</p><p>Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif +Schaum hing aus dem Mund. Im Gesicht waren +blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und +am Gurgelknopf rot wie rohes Fleisch. + +</p><p>Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten +gereizt. Rodriguez war dazugekommen. Das +Messer . . . der Schrei . . . Pelayos Faust hatte +ihm den Kehlkopf zerdrückt. — — — Ich sah alles. + +</p><p>Maintoni weinte nicht. + +</p><p>Das Meer lag wie eine große Perle da. + +</p><p>Der Kopf des Fremden stand schräg über die +Schulter in die Höhe. Der Hals wölbte sich heraus. +Es konnte nicht mehr lange dauern. + +</p><p>Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den +Star. Die Pupillen wurden grau. Sie wurden +breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer. +Die Nägel hatte er in die Handflächen eingeschlagen. +Die Arme lagen still neben ihm. Alles Leben stand +nur noch im Krampf der Pupillen. + +</p><p>Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom +Hals über die Brust und spielte mit schwachen +Erschütterungen über den Bauch. + +</p><p>Da tat Maintoni dies, das größer war und +furchtbarer, wie alles, was Rodriguez gab, als er +sie von der Klippe rettete . . . Maintoni tat es: +sie trat dem Sterbenden mit dem Fuß breit ins +Gesicht; sein Kopf rollte schwerfällig zurück. + +</p><p>Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie +warf sich vor dem Meer auf die Knie, und indem +sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne +viele Male hineinrief: „O Santa Maria . . . Santa +Maria de la Mar . . .“, schlug sie die Hände vor +das Gesicht, weinte laut und schrie. + +</p> +<h2 class="chapter"><a id="page_99" name="page_99">Fifis herbstliche Passion</a></h2><p> + +</p><p class="lyrics"> +Brigitte: Und begreifst du nun das Leben?<br /> +Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod. + + +</p><p class="signature"> +Carl Sternheim + +</p><p class="lyrics"> +Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demütig und rein,<br /> +So voller Musik wie da . . . + + +</p><p class="signature"> +Ernst Stadler + + +</p><p class="first">Die Straßen mit den tagmüden, grauen Trottoirs +wurden gesprengt, und die schweifhaften, +breiten Güsse, die den säenden und starken Gesten +der Männer entflogen, legten sich klatschend und +eigenwillig auf den Boden. Es wurde Abend. +Die Weiden und Eschen der Gärten schwebten +scheu und flimmernd vor der ungeheuren Ruhe des +opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das +Wasser das Irisierende aus der Luft sog, schritten +die Menschen über die Straßen wie über Bilder +von Signac oder Croß: Eine Viertelstunde brannte +die Stadt in einer stillen Glut von gelbem Getupf. + +</p><p>Brandfeuer rannen in dünnen Strähnen dann +in die Stadt und mischten sich Glockengeläut und +dem grausamen Drang einer fressenden Dämmerung. +Wie Schlünde tagelang entfeuerter Kanonen +brachen die Schloßfenster über die auslöschenden +Häuserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit +noch hinaus. + +</p><p>Dann sprangen die Laternenreihen die Straßen +hinunter und erreichten, leichtes Geknatter der +Zündung zurücklassend, den Platz, der mit rasender +Wucht an tausend Ecken, Schnüren und Windungen +von Licht geborsten und aufgerammt war +und über den ein tiefdunkler, sterndurchlochter +Herbsthimmel schräg und kühl heraufwuchs. + +</p><p>Fifi erschien auf dem Podium. + +</p><p>Von den Schießbuden klang schon das Hämmern +der Treffer, die Spielorgel setzte ein. Aber +aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein +herkulischer Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel, +die Orgel schwieg: Fifi setzte die Spitze des rechten +Fußes nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel +auf die Hüften und wartete. Der Große fing an +zu schreien. Seine Arme ruderten durch die Luft, +sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten +sich gegenseitig und warfen sich in gelungenem Überschwall +auf das Publikum, weit geöffnet, hinaus. +Ein verknickter Hut saß ihm auf dem Kopf. An +den Griffstellen glänzte er. Der Rock war zerdrückt +und hing um den Körper, dessen Fleisch schwammig +und unangenehm schien. Es ist zu betonen, daß +die Figur herkulisch war, um die Augen zu verstehen, +die, wenn die Brust und die Gebärde sich herausspreizten +und mit pompösen Auftakten in die Höhe +stiegen, klein und feig dies alles wieder leugneten +und ängstlich wie Wassertropfen von einer öligen +Fläche an dem angesammelten Publikum abliefen. +Sein Mund rief heisere Worte hinunter. Er schrie. +Er warf geifernde Reden den Leuten ins Gesicht. +„Seht,“ rief er, „auf Fifis Tanz. Kommt herein, +alle,“ und er winkte, „nur Erwachsene dürfen kommen: +Plastische Darstellungen . . . pikante Szenen +. . . (es war, als zerdrücke er etwas Klebriges im +Munde.) Der König von Griechenland haben uns +beehrt in Wien. Höchste Herrschaften drückten ihre +Bewunderung“ . . . und so sehr lief eine Welle von +Ekel von seinen Sätzen und dem wissenden Winken +seiner plumpen Hände aus, daß zwei forsche Unteroffiziere +selbst sich brüsk wandten und gingen. Über +der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief! + +</p><p>Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an, +und vor dem in einem Teil aus dem Strudel wieder +zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren +Tanz ein. + +</p><p>Zwei junge Leute waren inzwischen gegenüber +eingetreten in „die Schönheiten des Orients.“ Vor +der Bude standen zwei Palmen und ein dickes +Weib, alt, voll Vergangenheit, mit bösen weißen +Augen. Sie war die Frau des Athleten; Orient +und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden +Seiten der Meßstraße und bissen sich Opfer heraus. +Doch ging der Orient besser, und Paris sank von +Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber +Lizzy, genannt Luise, hatte Hüften wie ein Dynamo. +Und an ihren Zoten gingen die beiden Männer +vorbei, schauten durch runde Gläser eine Photographie +von Dschiseh und traten, indem sie einen +Teppich zurückstießen, bei Lydia ein, der Dame ohne +Unterleib, die, in grünem Samt, in einem Sesselstuhl +saß und rote entzündete Augen hatte. + +</p><p>Der eine der Herren zog seine Handschuhe an, +und nach dieser symbolischen Handlung traten sie +rasch den Rückzug an. In Jena hätten sie Ringkämpfe +aufgeführt mit den Studenten, rief ihnen +Lizzy nach, genannt Luise. + +</p><p>Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies +hinter sie zurück, und sie traten hinaus in das Erregte +des Platzes, in dem die breiten, musikbeladenen +Karusselle schwammen und sich überrasten und Geglitzer +von Spiegeln, Lichtschnüren und bunten +Mädchen vorüberdrehten und auf dem ein Meer +von Menschen schiebend, erregt und drückend sich +schaukelte, über denen Schüsse knallten, Schreie +hin und her zuckten und laute Glocken dunkel aufzitterten. + +</p><p>Da wandte sich Franz plötzlich herum und zog +den anderen mit. Sie brachen durch den Strom, +und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz +auf Fifi und sagte: „Die leichten Bogen dieser +Beine sind entzückend schön . . .“ Sein Gesicht +hatte eine vollendete Güte, die das Kühne und Auffallende +dieses Profils in einen seltsamen Adel +steigerte. + +</p><p>Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig +bewegend, fielen Fifis Blicke plötzlich auf seine Augen, +und die Blicke hingen sich ineinander, bis die Orgel +mit einem aufflammenden Stoß plötzlich schwieg. +Der Herkulische trommelte rasselnd auf einem +Schild, Fifi war zurückgetreten, er winkte zum +Eintritt, aber nur ein Einziger folgte, die Menge +schob weiter. + +</p><p>Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrückt, +als sie sich der Strömung übergaben, vorbei +an dem grünbemalten Gerüst, in dem Menschenfresser +hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen, +kokett, über die eine ganze Prärie unbändig eine +halbe Woche lang eitel brüllendes Gelächter wäre, +schossen zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft. +Ein echter Mexikaner hielt eine Harpune hoch mit +rotblänkerndem Fleisch. Überall lief der Witz, daß +die Menschenfresser — Krokodile seien, und weil das +Volk voraus wußte, daß es geleimt würde, zog +man in Scharen hinein. + +</p><p>Dann kam die große Bude mit den „Fliegenden +Menschen“, zwei Mädchen in blauen Trikots +mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem +Anfang der sich wölbenden Formen, die eine sonderbare +Sinnlichkeit aussprühten, und die andere mit +ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das +Gesicht Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell +(breit, gemein, verworfen) mit einem unheimlichen +Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber. +An der Galerie entlang stand die Familie, sechs +Menschen, und bliesen Blechinstrumente, und die +Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune +der Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre +Bude war ganz voll. Immer! + +</p><p>Und als Franz dem Strom entkam und wieder +zurückeilte, sah er, wie Fifi, mit einem Stoß herausgedrückt, +aus der leeren Baracke taumelte, +rasch sich faßte und anfing zu tanzen, mühselig, +müd und fein und beschwingter, als sie Franz erblickte. +Nur kleine Truppen blieben stehen, die +Masse strömte zu den Fliegenden Menschen. + +</p><p>„. . . Augenstern . . .“ rollte es von unten herauf. + +</p><p>Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi +verbeugte sich. Der Athlet rief den Beginn der +Vorstellung aus. „Soeben Beginn . . .“ rief er +und schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie. +Niemand. Da ging er, von der Leere beschämt, +verlegen einmal über das Podium, verschwand ins +Innere, lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen +hatte und trat wieder vor. Fifi schlich wieder +heraus. Wie eine große Spinne hing der Herkulische +auf seinem Podium. Franz stand beiseite, +beobachtend, den Kopf schief aufgelegt. Und wie +eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlüpfriges +zu reden, ein Wink, die Orgel: Fifi . . . + +</p><p>Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später, +das Gesicht des Alten rötete sich, er suchte die Uhr. +Immer wieder verschwand Fifi, immer begann der +Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf +Szene: das Greifen und Locken nach spärlichen +Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis +und die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezündet +manchmal und heftiger im Erblicken von Franz. +Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit +Seilen vor, die Pfeife des Dampfwerkes heulte, +die Menge lief ab. + +</p><p>Über den leeren Platz, durch einen schmalen +Gang, den Schutzleute freihielten, und um den +Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die Artisten, +zum Teil mit Mänteln, die sie über das +Bunte und den Flitter gehängt hatten und die so +zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden und +mit ihren andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend +und doch noch von dem erregenden +Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die Straße +hineinströmten. Zuerst kamen großspurig und in +der starken Lüge der hohen bespornten Lederschuhe +sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und Garmisch. + +</p><p>Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand +stak in der Revolvertasche, so daß Dienstmädchen +erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven +sich loslösten. + +</p><p>Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe +mit dem haarlosen Bär schritt die +Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie +hatten alle halblange Röcke an und Kleider, welche +schöne und zierliche kleine Blumenmuster trugen, im +pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie +sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten +und schön aufrechten Mutter eingehängt, die +Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten, +erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer +kleinen, bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur. + +</p><p>Dann: Leere . . . und Fifi . . . Schmal, doch +köstlich in einen gelben Gummimantel gehüllt, +fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie +auf den Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand +krampfte sie den Kragen über die Brust vor dem +Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen +waren rot und merkwürdig wie mit feinem Lack +auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie stieß kurz +vor der Straße mit den anderen zusammen. Die +Alte trug einen Milcheimer. Der Herkulische +schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu, +Lydia — ein dickes aufgeschwollenes Tier — ging +idiotisch, faul nebenher, ohne Umhang in grünen +Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit +gierigen Augen schloß sich der Mexikaner von den +Krokodilen Fifi auf der anderen Seite an, daß +sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner +erschien. + +</p><p>Schräg auf der Holztreppe, die in den großen +gelben Wagen hineinlief, in dem sie wohnten, +wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt +nach der Stelle, an der Franz stand (den sie nicht — +dies war auffallend und seltsam zugleich — gesehen +haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns, +während der Mexikaner in lüsternem Scherz sie, +mit auf ihre Hüften aufgesetzten Händen, ins +Innere drängte. + +</p><p>Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der +Achseln reagierte. + +</p><p>Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen. +Eine Zigarette drehend, mit der Eleganz des Romanen +alle Glieder bewegend, schlenderte er zur +Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen +umkreiste, sah Licht aus den schmalen Luken dringen +und hörte keifende Stimmen das Innere des +Raumes hin und her zerreißen. Dann nahten +mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt die Patrouillen. + +</p><p>Es ward spät. + +</p><p>Er ging. + +</p><p>Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden. +Ungeheuer gewölbt spannte sich der Himmel. Sinnlose +Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah +sich aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft +und Dingen herausgerissen und in die Aura dieses +Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen. +Bei den „Fliegenden Menschen“ stieg +täglich der Kassensturm und die Sensation. Der +„Orient“ verdiente gut an reiferen Herren. „Paris“ +brachte es von 8—10 abends manchmal nur auf +eine Vorstellung. In den Pausen tanzte Fifi. Der +Alte winkte, schrie, ward gieriger, je später die Zeit +hinlief. Verkündigte Anfang der Vorstellung, er +öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte ins Innere. +Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren. +Und dann packte der Alte Fifi mit seiner Tatze an +der Schulter und schleuderte sie hinaus. Die Orgel +hob an, Fifi erhob die Füße, hinten der blaue Horizont +der Draperien gab ihren Bewegungen Haltung +und Relief, und die müden Schwingungen ihrer +Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter +einer Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem +schönen Gewässer erblitzt. Langsam im Fortschreiten +des Abends wurden ihre Gesten müder, von einer +schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz +hörte das Pfeifen ihres Atems. Und wenn sie, +leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die Kühle +des Herbstes auf ihren Schweiß. + +</p><p>Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des +Zuschauens von Mitleid und schmerzlicher Bewunderung +angefüllt. Manchmal schien es, als +müsse der nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken +lassen. Doch sie blieb. Ihm aber widerstrebte +es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen, +die unter den Augen des klebrigen Athleten +oder mit dem Beigeschmack der gewohnten leichterotischen +Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er +fühlte, daß er Inhalte in sich trüge, die in ihrem +Wesen auf dieses Kind abgestimmt seien, und die +Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut +zur Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und +wieder — nicht oft — aber in einem berückenden, +außerweltlichen Zusammenhang. + +</p><p>Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als +sie ihre Stimmen noch nicht kannten. + +</p><p>Dann kam jener Abend. Donnerstags. + +</p><p>Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle, +sternhart, der Park voll gärendem Geräusch. Er +zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch, +überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift, +immer schön. Die Lichtgurte ganzer Grenzstraßen +warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen +Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm +alles auf mit großer, tiefer Selbstverständlichkeit. +Stand geborgen, bergend, unberührbar, geschlossener +Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein +Zentrum, um das die Stadt mit Geleucht rotierte. +Donnerstag abends . . . + +</p><p>Es war schön. + +</p><p>Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr +im Schloß hakte ein: Fünf Minuten bis halb acht +Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr +begann, die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit, +in der die Artisten aßen. Seine Gedanken gingen +langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne Tatkraft +um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis +Tanz sich bewegend, Erklärungen ersinnend, von +einer leisen Sehnsucht aufgelockert und beschwingt +gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch +sein Geträum das Bewußtsein heftiger Schritte +und haschender Bewegungen ins Gedächtnis stieß, +hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei +in ihn hinein, warf ihn herum. Er lief über ein +Grasrondell, stolperte, stieß an ein Gitter, sprang +darüber. Sein Hut war verloren, der Ärmel geschlitzt, +seine Brust zitterte. Er stürmte um ein eingezäuntes +Denkmal, mußte umkehren, lief in einen +dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und +schmiß ihn zurück, daß sein Körper krachend an die +Stakete knallte und an ihnen wie eine dumpfe +Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der +rote Kopf einer Zigarette auf, bewegte sich her. +Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch schräg +aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form und +schalenhaft, in die nun plötzlich ein beinahe bläulich +erglänzendes Licht floß. Zwei schimmernde Kreise, +standen die Augen in ihrem Gesicht. + +</p><p>Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch +ganz sich in der Geste erfüllend, tat sie einen unnennbar +müden und langsamen Schritt auf ihn +zu, das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden +Hostien. In diesem Augenblick lief das Geknatter +rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und +wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah: +sah, wie Franz dem Hingesunkenen den Revolver +aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die +Schläfe hämmerte und ganz groß auf sie, die zitternd +harrte, zuging. + +</p><p>Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette +heraufgekommen, zwischen sie gesprungen und löste +die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen. + +</p><p>Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie +es: „Verletzt?“ Franz zeigte den Revolver; er +deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner +riß sein Gesicht in Falten, fauchte, trat dem +Klumpen in den Bauch, schnippte das Bein hoch, +daß der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht +neben den Liegenden und sog heftig an der +Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde fiel, +in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben +und Stichwunden durchbohrtes Gesicht auftauchte. + +</p><p>„Der Fakir,“ . . . schäumte der Mexikaner. +„Man sollte ihn peitschen“, . . . und fing an, ihn +mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn +hinderte, fiel sein Blick auf Fifi. + +</p><p>Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie +ein weißer Fels, über den in zuckhaft raschen Stößen +rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten +Hell und Rot und drohten, den Hals zu sprengen. + +</p><p>Und während sie wieder auf Franz zuging, als +trüge sie alles gegen ihn, zitterte ein Klang, rauh, +gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle +Glieder zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen +zurück; sie warf den Kopf zur Seite, gewaltige +Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer +Verurteilten ließ sie sich gegen den Mexikaner fallen, +der sie verwirrt aufnahm, der nach Franz schaute, +wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt schien. +Dann plötzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung +seinen Mund auf ihren warf und in +langem Kusse sie wegzog. + +</p><p>Franz stand noch eine Weile. + +</p><p>Dann drehte er um. + +</p><p>Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen +Revolver. Er sagte es englisch. + +</p><p>Nichts schien Franz selbstverständlicher, wie diese +Folge fremder Laute. Er gab ihm den Revolver. + +</p><p>Der Fakir verbeugte sich, ging. — — + +</p><p>Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam. +Der Herkulische beulte auf sie los und sie erschien +unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in +der wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin. +Sie gab keinen Ton. Sie tanzte den Abend, +daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß +ihre Beine glühten wie die wundgespielten Saiten +einer schönen Violine, während die Kühle auf ihre +Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen +ihr Atem rang. + +</p><p>Franz kam nicht. + +</p><p>Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag +rasend und aufglühend herunter wie Spulen, die +ihre Füße abtraten. Es wurde kälter; erbarmungsloser +drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun +Luise, eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi +danach fragte, schrie der Alte sie nieder. Das dicke +Weib mit den weißen bösen Augen keifte, sie solle +mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden +und stolzen Gebärde auf den einträglichen Busen +der Dame ohne Unterleib. + +</p><p>Sonntag tanzte sie den ganzen Tag. + +</p><p>Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich, +in Keile zusammengepreßt, über den Platz, der +staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne zusammenbrannte, +auf die die Kühle so unmittelbar +folgte, wie das Dunkel plötzlich und hastig vorsprang. + +</p><p>Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park, +streichelte das Gitter, an dem sie damals gelehnt, +kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz gestanden +und berührte mit den Lippen den Boden. +Dann lief sie weiter, kam durch ein Tor, eilte durch +eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit +stillen Bäumen. + +</p><p>Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu +dessen Tür viele Stufen führten, über der Fahnen +hingen und in gewaltigen Lettern das Wort erglühte: +„Deo“, das sie wohl nicht begriff, das sie +aber sänftete und hineinzog, wo sie Weihwasser +nahm und in einer Nische unter einem in vielen +Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele +der Steinfliese warf und so weinend ein Vaterunser +schluchzte, daß von zwei vorübergehenden +Damen eine erregt und voll Neid über diese inbrünstige +Stärke, höhnisch auflachte, wie von der +schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im +Klang der Stimme voraus desavouierte) Überlegenheit +heuchelnd und darstellend. + +</p><p>Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen +heraus, böhmisch, das die Leute nicht verstanden, +aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt +hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus +allen Seiten der Kirche wieder auf sie zurückströmte, +ein Gebet. + +</p><p>Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte +der Störung nachgehen, die Weinende, deren +heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen +übermäßig und sie gering machend auftürmte, +beruhigen, sie hinausweisen . . . aber er blieb wie +gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen +und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig +gescheites Gesicht gestreut, wie hingewiesen und in +diese Position gebannt von dem seltsamen Geläute +dieser Stimme. + +</p><p>Aus dem klaren und in langen tönenden Linien +verschwebenden Glanz ihrer Sätze aber lief in verströmenden +Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet +begann mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers +im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt ward von +dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen +mußten: Sie und Lydia und Lizzy, genannt Luise. +Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf die +äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das +alles sei wenig und tief im Herzen sehr gering +gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an +dem der Alte den Teller, voll von heißer Suppe, +ihr auf die Brust warf, als sie beten wollte nach +einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken +daran sprangen alle Ventile der Angst und +Unterdrückung weit auf, und in einem köstlichen +und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes +Leben heraus, wie eine lang im Tiefen der Rohre. +gehaltene Fontäne sich in einen späten Sommerabend +mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. +Und in ihren Worten glommen die Namen +der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den +letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war: +Franz und der Mexikaner, den sie Partufa nannte. +Und der Klang ihrer Stimme sank etwas zurück +in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an +denen jener bei ihnen eindrang, begrüßt vom entsetzlichen +Gelächter Luises, den tierisch und röter +aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch +das indolente Nichtbeachten des Alten, in dessen +schmierigen Beutel die Hälfte von dem floß, was +die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf +im höchsten Schmerz tiefer senkte, dachte sie an +das Gefletsch und den Schaum um den Mund +des Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise +wegwandte zu ihr, die, den Kopf gegen die Wand +gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt +blieb und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen +Mädchen (o über Lizzys Gelächter und schmutzige +Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur +anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine +ganze Nacht hindurch mit Nadeln stach. — Doch +ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten +Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß, +den mit dem gütigen Gesicht und den Sonnenaugen, +und sie dankte Gott tief und herrlich errötend +für die Nächte, die er im Traum diese Augen über +ihren Schlaf wie hütende Gestirne verteilte und so +die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz +und keine Demütigung des Tages berennen konnte. +Und wieder und immer wieder dankte Fifi dafür, +daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not +sandte, damals, wie der Fakir im Park sie überfiel, +um dann wie vor einer Mauer und endlos erregt +vor dem Wunder stehen zu bleiben (während +ihre Stimme fast erlöschte), wie sie damals plötzlich +und wie von einer Macht, die aus ihr selbst heraus +allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den +Arm des Mexikaners warf und die kalte Übelkeit +seiner Lippen auf den ihren fühlte und den anderen +stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man +verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos +für den Ziehenden, langsam am Ufer verbrennen. +Und sie sann mit flackernden Worten über den +Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen, +was einen Menschen zwingen kann, die höchste, nie +erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu +lassen . . . nein . . . nicht nur dieses: sie zu verschmähen +— o vieles mehr — sie zu höhnen und zu +begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem strengsten +Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend, +in Verzweiflungen wälzend um diese Fragen wand, +erschien es ihr, als ob es eine Angst vielleicht oder +ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen +Glück überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun +lassen, und sie schrie auf, wie sie dieses Entsetzliche +— sich selbst in den Armen des Partufa — erblickte. +Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen +sei. Sie erkannte etwas, das einer Schuld +ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun betend +und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei, +nicht Angst; daß es Aufbäumen gewesen sei aus +der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens vor +der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive +jener höchsten Erfüllungen. Aus diesen hin +und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der +Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem +sie in schrillen und ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen +hatte, fiel sie wieder in ein beruhigtes +Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung +sie umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen +pflegt und lag dann eine Zeitlang ausgestreckt auf +den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, +im Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang +sie auf und eilte durch Straßen und Park zur +Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit +dem Fuß in den Bauch. + +</p><p>Aber sie spürte es nicht. + +</p><p>Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll, +in Tragik und Schmerz vertieft und einem +brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie +Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand. + +</p><p>Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den +Leib ihr hinanstieg, alles löste und ihren Augen +Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um +den starren Blick des da unten frei und klar wieder +zu machen, und all ihr Sinnen stand danach, die +Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender +Glaube überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte +und Erstaunte nun alles begreifen müsse: +daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie +ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All +dieses tanzte sie nun. Und sah in seine Pupillen +und lauschte auf Wirkung, wie einer an Abenden +hinter der Ebene den Mond über dem Strich der +Wälder sucht. Sie glaubte nicht mehr, daß alles +verloren sei, wieder überbrandete sie die absolute +Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was, +als alles zu ihm allein zog, sie auf die andere Seite +warf. Sie fühlte, wie jene Schauer des Glücks, +das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie +wie eine Keule überfiel, nun in langsamen Zügen +wiederum in sie einzogen. + +</p><p>Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen +Glauben hinein, der sie erschimmern machte, aber +noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah dies +nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) +kalt und hart. + +</p><p>Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich +Wellen stießen die Anstürme der Menschen gegen +die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut +eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons +stiegen in die Höhe. Das spitze Geknatter +von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle +und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver +und das Stampfen und Pfeifen der Maschinen + +</p><p>Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß +und erzählten alles, was sie wußte noch von der +dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo +in ihrem Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu +der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie riefen um +Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, +das sie deutlich erstrahlen zu sehen glaubte, und +dankten ihm. + +</p><p>Aber er verstand sie nicht. + +</p><p>Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten +Bogen, ihre Hände schienen etwas zu +glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden +immer linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und +kleiner, die Beine hatten ein Tempo der größten +Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien. +Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus, +die Blicke strahlten überirdischer, ein leises +Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem +immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele +Wunder hineinschaute . . . und so tanzend, geklärt +und eine merkwürdige Leisheit erregend, die kurz +eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch +sie, während die Rohre der Dampfmaschine plötzlich +lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den +Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem +Platz wie grundlos von einer hellen Strahlung +mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte +. . . losch sie, sich in sich selbst verströmend, +tanzend, zusammensinkend, hin wie ein seltsames +und gutes Licht. + +</p> +<h2 class="chapter"><a id="page_129" name="page_129">Yousouf</a></h2><p> + + +</p><p class="lyrics"> +. . . ich glaube indessen, daß, hier wie<br /> +überall, Liebe eine Kunst ist wie das<br /> +Reiten und Flöteblasen. + + +</p><p class="signature"> +Der Marquis de Langle + + +</p><p class="first">Die Herren standen in dem Vorsaal und +klirrten leis mit den Degen. Ihre Gespräche +liefen verhalten und erwartungsvoll. + +</p><p>Dann flogen die Flügeltüren auf und Las Casas +trat aus dem Kabinett. Sie sahen sofort sein Gesicht, +das beherrscht in der Rampe stand und dann +an ihnen vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und +verbeugten sich. Einer ging auf ihn zu und sagte +ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrümmten +Rücken. Der andere dankte mit der Höflichkeit +einer wahnsinnigen Verachtung und ging weiter. + +</p><p>Im folgenden Saal standen größere Gruppen. +Er mußte wie durch eine Gasse gehen. Alle grüßten +ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn +es war niederer Adel. + +</p><p>Darauf glitt er durch eine Flucht von Räumen, +die in Röte brannten von Decken und Möbeln +und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder +von ihm über die Spiegel fuhren und Hellebardiere +standen, die den König zum Bad begleiteten . . . +und wo sonst nichts war als das einsame Hallen +seines Schrittes. + +</p><p>Und dann löste sich aus einer Nische ein junger +Mann und ging auf ihn zu mit einer sicheren und +allgemeinen Haltung. + +</p><p>„Sie haben . . .?“ fragte er. + +</p><p>„Ich habe . . . Luis Quijada . . .“, sagte Las +Casas und riß die Papierrolle auf, die seine linke +Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und +verbeugte sich kalt und so unwillkürlich, wie wenn +er auf einem Schiff stünde. Er hatte blonde auffallende +Haare. + +</p><p>„Ich werde“, sagte er fest und beiläufig, „dann +eigene Segler ausrüsten — — — auf jede Gefahr.“ + +</p><p>Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer. +Der Abend hatte das Glas dunkel-silbern gemacht, +und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament +gemalt in der Füllung. + +</p><p>Las Casas lächelte leis, und seine Stimme bebte +ein wenig in Geringschätzung, indem er erhabenen +Erfolg wünschte und die Treppen hinunterstieg, +aus denen die Dämmerung ihm entgegenschwoll. + +</p><p>Er eilte nach einem Palast, der in zwei Gärten +lag, und ließ sich nieder und wartete, bis man ihn +gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war +kühler geworden. + +</p><p>Ein Stern blinkte über der Mauer. + +</p><p>Die Zofe ging vor ihm über den bläulichen +Kies. Sie kamen über ein Boskett, und dann +blieb sie stehen und öffnete eine Tür. + +</p><p>Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon +und schritt durch ein Boudoir in ein helles +Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein +weißer Arm streckte sich ihm entgegen, von dem +ein weiter Ärmel zurückfiel. Er stürzte darauf und +küßte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen +Kopf neben den der Frau und seine Wangen +brannten nach ihren hinüber und machten sie rot, +obwohl sie sich nicht berührten. + +</p><p>„Sie haben die Erlaubnis . . .?“ + +</p><p>„Ich habe sie . . .“ und seine Hände fuhren +nach ihren Hüften und zuckten rasch zurück. „Ich +fahre heute nacht . . .“ + +</p><p>Sie schnellte auf: „Nein — — — morgen!“ + +</p><p>Dann schloß sie den allzu heftigen Verrat der +Augen mit den Lidern und meinte, als ob sie nun +erst in Besinnung und klug spräche, lächelnd und +ruhig: „Wie könnten Sie das möglich machen, +Marques? Sie waren gestern noch beklagt, weil +Sie des Königs Gaben verschleuderten und portugiesische +Kaufleute abstechen ließen. Sie erhalten +heute den Auftrag, den Räuber zu jagen, nach dem +jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch +schon gerüstet sein?“ + +</p><p>„Ich habe drei Schiffe.“ + +</p><p>Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis, +indem sie nach ihm blickte. Seine Hände zitterten, +und die Lippen verzerrten sich vor Stolz: + +</p><p>„Ich habe dem König bedeutet, daß ich die Dörfer +nur verkauft habe, um Geld zu bekommen für +diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich +sagte ihm, daß ich es getan hätte, obwohl ich wußte, +daß seine Ungnade darauf folge, weil er es nicht +liebe, daß seine Geschenke sich zersplitterten und so +fortfliegen und so . . . daß ich es aber getan hätte, weil +mein Wunsch, ihm durch die Expedition zu nützen, +heftiger gewesen als die Scheu vor seinem Zorn. + +</p><p>Darauf nahm der König sein Lieblingswiesel +und setzte es am Fenster in die Sonne und spielte +und sprach mit ihm. + +</p><p>Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht +in dem Raume sei — — so sehr nahm diese Bewegung +den Glauben an die eigene Wirklichkeit. + +</p><p>Dann aber ward ich zornig, Juana, und da +mir Tränen in das Gesicht schwammen, drehte ich +mich um und schrie das entsetzliche Bild seines +Großvaters, das mich reizte und nicht hilflos machte +wie seine Ruhe, mit heftigen Worten an, als ob +er es sei. + +</p><p>Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der +beiden Kaufleute aus Lissabon, um die ich beklagt +bin. Denn ich ließ sie nur töten, um angeklagt zu +werden und so unter Eure Augen zu kommen, was +ich anders nicht konnte, da Ihr zornig auf mich wart +der Dörfer wegen. Denn meine Petitionen werden +nicht gelesen. Es ist schade, denn mein Wort scheint +leer wie ein geschriebenes zu sein. + +</p><p>Der König sagte: Und wenn ich es nicht erlaube +. . . — Ich sagte: Dann tue ich es auf die +Möglichkeit hin, daß Sie mich als Briganten erklären. +Ich fange Yousouf . . . auch dann und — +gegen Sie, Sire. + +</p><p>Er sah mich an, zum erstenmal, und lächelte: +Auch dazu hätten Sie mein Geld zum Equipieren +nötig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen +selbst das. + +</p><p>Ich sagte ihm, daß ich das Geld für die Dörfer +hätte, aber da er wußte, wie gering es war, lächelte +er wieder. + +</p><p>Da zwang mich das Weh meiner Lippen — und +es schrie in meiner Brust wie ein Degen im Gefecht +— daß ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief, +daß ich wisse, daß er nach seinem Gesetz verfallen +sei, aber daß ich es ihm doch sage: Daß ich drei +Schiffe hätte, ausgerüstet im spanischen Viertel von +Brügge, gebaut in Barcelona, Santa Maria, +Coruña . . . daß ich die letzten Kredite auf meinen +Namen genommen, die Kerker der Dominikaner +nach Sklaven geplündert, daß ich den Albaycin in +Granada nächtelang durchsucht und aus den +Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen, +was in meine Fäuste fiel und kräftig war . . . +Zuhälter, arabische Matrosen, drei hünenhafte +Priester . . . und daß ich fahren würde die Nacht +— so oder so. + +</p><p>Da lächelte er wieder und sagte: Ich werde +Sie verhaften. + +</p><p>Ich könnte Sie töten, Sire, rief ich; Juana, +mein Kopf brannte, aber ich zerbrach den Degen +nur und warf ihn gegen die Wand. + +</p><p>Ah, sagte der König und ließ das Tier und +zweifelte: Haben Sie Mut . . . + +</p><p>Da nahm ich das Wiesel und zerdrückte es in +der Hand, langsam . . . während das Furchtbare +des königlichen Zornes mir entgegenquoll. + +</p><p>Ich ließ das Tier fallen. Aber des Königs +Arme kamen über seine Wut auf mich zu und +drückten die meinen, und er zerriß das Diplom, +das auf den Grafen von Oropesa, Luis Quijada, +gezeichnet war, und ließ die Fetzen durch das Fenster +fliegen und klebte sein Siegel auf meines — — —“ + +</p><p>„Sie machen mich stolz auf Sie, Marques!“ +Juana warf sich zurück und gab ihre feuchten +Blicke frei, die auf seinem trotzigen Körper weideten +und in dem Erglühen seines Gesichts wie +zwischen jungen und heftig aufgebrochenen Rosen +spielten. + +</p><p>Dann fragte sie rasch: „Weiß es Luis Quijada?“ + +</p><p>„Er fragte mich.“ + +</p><p>„Was sagten Sie ihm, Marques? + +</p><p>„Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen +sagen, daß ich nicht, wie ich könnte nach meinem +Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn +mir allein gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn +er die Expedition, von der er sagte, rüstet. Das +Meer ist ihm frei.“ + +</p><p>Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an +den Händen nach ihm hin: „Sie werden den Auftrag +da zurücknehmen!“ Er verneinte. + +</p><p>Sie flehte: „Marques, erklären Sie ihn als +zum Töten erlaubt, als Brigant!“ Da schwoll +Las Casas’ Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend +stampfte er den Fuß auf den Boden und +bat sie hochmütig und verächtlich, nicht zu scherzen +und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu +verlangen, daß er Luis Quijada für wert hielte, +seine Rivalität zu fürchten. Und er bewegte die +flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer +Fliege schlage. + +</p><p>Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: „Ich +werde den Auftrag nicht ausrichten. Aber nur um +des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute +nie mehr bei mir sehe.“ + +</p><p>Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich +neben ihrem Bett und zwang sie so lange, bis sie +zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie +früher. Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt +gewesen, wenn sie Quijada die Beachtung des +Hasses geschenkt hätte. + +</p><p>Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre +Brust. Seine Hand fing an heftig zu schwanken +vor Verhaltenem. + +</p><p>Er stand auf. + +</p><p>„Ich gehe.“ + +</p><p>Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses +verwirrte sie und blätterte sie auseinander +in Begehr und Hilflosigkeit: „Nein . . . morgen —!“ + +</p><p>Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke. +Wie sie auffuhr, sah er nur das Innige ihrer Form, +den Druck des Körpers in den Kissen — und dann +roch er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang +sich zurück und roch sie nur, sah nichts, hatte kein +Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern. + +</p><p>Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt, +war es ihm. + +</p><p>Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen. + +</p><p>„Morgen —?“ knirschte er, denn selbst die +Stimmbänder waren mit Blut überschwemmt. +Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren +und riß ihn weg, taumelnd, und legte ihn wieder +hin und Härte und Knabenhaftes verstießen sich +gegenseitig von seinen Mienen. + +</p><p>Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken +und zog ihn von neuem herunter: „Warum — du +. . . heute?“ Sie stieß es brennend heraus und in +Scham. Sie stand halb und war halb gekauert +in der Ecke des Bettes. Sie faßte seinen Kopf, +daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und +ihre Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berührten, +während die Handflächen kühl nach den Schläfen +hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der +Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf +Auge. + +</p><p>Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange +schon schrien: „Sie sollen bleiben, Marques . . . hier +— —“ und zitterte. + +</p><p>Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von +einer Welle aufgejagt und gesteilt warf er sich auf +die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und drückte +die trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen +den Körper hinauf nach dem Hals auf den dünnen +Batist. + +</p><p>„Corazon!“ . . . stammelte sie. Und wieder: +„Corazon!“ . . . mit hingebenden Lippen. Seine +Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander +geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung +ineinander verkrampft. + +</p><p>Sein Mund spannte sich in allen Qualen und +mit von Küssen halbzerfressenen Worten sagte er: +„Nein!“ und viele Male: „Nein.“ Und als er +ruhiger war, kam es ihm in das Bewußtsein, daß +er sie liebe und daß sie ihn liebe und daß er es immer +schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die +Erkenntnis, und sein Blick stieß gegen die Wand +und kam nicht weiter, und sein Kopf füllte sich schwer +mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht genug +sei. „Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende +und Schreiende in meinem Blut geht weit darüber.“ +Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff ihres +Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande +nach dieser Tat, die endlich soweit vorbereitet war, +und indem er davon sprach, sprühte das Aufleuchtende +der Meere und Flotten vor seinen Augen auf +und raste in grellroten Kreisen über ihn: „Ich will +den Bassa nicht nur jagen, aufhängen, schinden, +weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fraß +und Isabella, die eine Verwandte ist, schändete +und seinen Leuten ließ zwei Wochen lang. Seit +ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn +Gedanken packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede +Phase des Kampfes, mag er sein vor Venedig, bei +Cadix, in Marokko . . . ich weiß wie eingebrannt +im voraus die kleinste Schwankung des Gefechts. +Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn nicht im Traum +schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so +umkreist, daß ich jede Narbe an ihm kenne, daß ich +mehr von ihm weiß wie von mir. Der Name +Bassa Yousouf macht mich blind. — — Ich fahre +heute nacht.“ + +</p><p>Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem +Haar. Sie ließ ihn, denn sie begriff das Heiße in +ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz umschloß, +aber sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz, +als er sich aufriß und sie nicht nahm und sie brennend +verließ. + +</p><p>Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie +mit Gold, als käme er von einer Liebesnacht. + +</p><p>Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein +wenig gepreßt schon von Jasmin, aber der Mond, +der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine +flaue Dämmerung hing zwischen den Masten. + +</p><p>Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem +Schatten einer Mauer, nahm ihn und landete im +Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg +am Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch, +jemand schoß eine Pistole in das Schweigen. Sofort +rasten Männer über den Steg und schlugen mit +langen Stäben die Sklaven wach, Ketten rasselten, +am Vorderdeck sammelten sich dunkle Haufen, +hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa +blitzten die Offiziere. + +</p><p>Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu +sechst an jedem Ruder zweihundertvierzig Sklaven. +Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur sechsten +Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet. +Die letzten und die Massen Soldaten auf der Proda +erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen und +Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten +die blutunterlaufenen Hunderte Augen um +ihn. Er schrie sie an: + +</p><p>„Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine! +Dazu habe ich euch gekauft. Das wißt ihr. Ihr +werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags. +Dafür spritzt ihr das letzte Blut aus den Nägeln. +So ist dies ausgemacht. — — Ihr sollt noch mehr +haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen +ist, sei jeder frei. Jeder kriegt tausend Maravedis. +Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr bekommt +Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist. +Ich gebe euch die Offiziere zum Schinden frei, +wenn ich falle und sie hindern euch. — — —“ + +</p><p>Er hob den Blick zum Himmel. Denn das +Schweigen schwelte dumpf unter ihm. Die Augen +der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert +Lichter auf den Bänken. + +</p><p>„Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus +Yousouf Bassas Harem. Eine braune und eine +helle. Am selben Abend noch . . . —“ + +</p><p>Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf. +Grunzende Töne johlten herauf. Schreie rissen sich +los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund. +Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen +zurück, glänzend wie Fische im Wasser. Viele +knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen +zu ihm winkend oder den Kopf auf den Steg legend, +daß er darauf trete. + +</p><p>Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten +hoch. Eine große Fanale senkte sich über die Poppa. +Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen. +Fünfhundert Rücken warfen sich mit vorgestreckten +Armen zurück, zogen sie an, Ruder schäumten durchs +Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge schnellte +die Galeere aus dem Maul des Hafens in das +leichte blaugelbe Band, das über dem Wasser lag +und Horizont war. Links und rechts zwei Zungen +stießen nach. + +</p><p>Von drei Vorderdecks blies man: Benedito +sea Dioz. + +</p><p>Die Sonne ging auf. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie +kamen eines Abends an. Eine Goelette legte an +bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie +fuhren in die Nacht zurück. Am nächsten Tage +fingen sie ein paar holländische Segler, die in der +Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und +Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San +Sebastian. + +</p><p>„Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast +setzen und ihn nachts im königlichen Garten aufpflanzen“, +sagte Las Casas zu seinen Offizieren, +und sein Gesicht zuckte, während seine Hände mit +den besten Perlen spielten, die er zu einer Kette gebunden +hatte und indem seine Gedanken um den +Nacken Juanas flossen. + +</p><p>Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf +der Proda. Aus dem Korb rief einer und meldete +etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte. + +</p><p>Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille +mit gekappten Masten. Die Besatzung fehlte; nur +einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und +schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig +geworden. Ihre Ladung war Florentiner +Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen +waren sie überfallen worden. „Hui“, rief einer, +auf einem nackten Widder-Gallion reitend, immer: +— — „die Weiberchen“ und schälte mit einem Nagel +an dem Horn. Man ließ sie weiter treiben. Man +war auf der Spur. Mittags brannte es neben der +Munition. + +</p><p>Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der +Abend war ruhig, und es ging kein Löffel Wind. +Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch. +Las Casas saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige +Stille und das maßlos blaue Meer, auf +dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken +davon lösen, aber es legte sich über ihn. Er befahl +zu musizieren, die Offiziere warnten. Doch er ließ +die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das +Meer aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut +war wie das Hüpfen einer kleinen Welle gegen das +Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit +tausend Stimmen: Juana! anschrie. + +</p><p>Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette +zu senden und löste sie von seinem Gürtel und warf +sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge. + +</p><p>Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den +Zaffarin-Inseln. Sofort meldete es von oben: +„Zwei Gallionen.“ Las Casas kletterte selbst hoch, +beschirmte die Augen. Es waren Mudjaren und +Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste herunter. +Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie +schäumend, und die Ruder überschlugen sich. Immer +rascher raste seine Stimme, die selbst den Takt sang. +Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze. +Doch trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon +so dicht herangekommen, daß die Soldaten anfingen, +in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken +bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein +Vorsprung verschluckte sie. Die hinterste hißte eine +Fahne. — — — — — — —: Schwarz, ein goldener +Arm mit einem Säbel und ein Totenkopf — — — +die Flagge der Hauptschiffe Yousoufs. + +</p><p>Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte +einen großen Araber und ließ ihn hinrichten (er +wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein Blut +in einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen +die Füße lief. + +</p><p>Er betrachtete sie genau während des Vorgangs. +Doch es erschien kein Ausdruck auf ihren von +Stumpfheit abgefeilten Gesichtern. + +</p><p>In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe. +Fortwährend gingen Signale hin und her. Am +Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften +Biegungen durcheinander. Von der Mitte einer +Insel schoß in Abständen ein weißliches Feuer hoch. +Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das +Wasser. + +</p><p>Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen +auf der Poppa. In der Dunkelheit +konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter +von dem Bassa und konnte ihn nicht fassen. Die +Sklaven ruderten die ganze Nacht in Schweißwolken +gehüllt. Es roch noch nach Blut. + +</p><p>Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch +dunkel war, nach verschiedenen Seiten durch. Sie +hörten auf den Galeeren nur ein fernes Brausen, +als streiche ein großer Vogel mit der Brust über +das Wasser. + +</p><p>Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres +Forcas zu. Die andere Galeere schwamm eine +Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die +Lichter löschen, Anker werfen und ruhen. Denn +ihm schien das Tempo Las Casas’ wahnsinnig. + +</p><p>Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione. +Sie hetzten den ganzen Tag, verloren sich, fanden +sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie. +Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß +das Dunkel sie weg. Die Nacht kreuzten sie vor +dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise +treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen. +Sie sprangen hinüber. Am Mast stand +ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte +mit weißer Glut. Die Planken waren gesprungen. +Der Türke war mit nassen Stricken an den Baum +gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der +Hitze und ihm das Fleisch eingeschnürt, bis es geplatzt +war. + +</p><p>Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen +machten. Da sprang einer vor und deutete in sein +Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten +ihn an dem einen grünen Auge. Sie +schnitten ihn los, aber seine Haltung, die ihre Wut +durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude +ihnen selbst verächtlich erscheinen ließ, bewahrte ihn +davor, daß sie an ihn rührten. + +</p><p>Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas. +Als sie ihn nicht fanden, brachten sie den Bassa +nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er. +Das Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur +Exekution führte. + +</p><p>Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas’ größter +Ehrgeiz, dem er sie opferte, von einem Subalternen +blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie +empfand es, als hätte man ihren Körper beschmutzt, +und schien sich gering geworden. + +</p><p>Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der +Gefangene um und sagte kalt: „Ist es zum Tod?“ + +</p><p>„Ja!“ . . . brüllten ihm zehn ins Gesicht. + +</p><p>Da spie er ruhig den Henker an. + +</p><p>Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor. + +</p><p>Von Las Casas keine Spur. — + +</p><p>Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile +eine Fregatte in den Hafen. Ein Kapitän stand +vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land, +eh er nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte, +die Silber aus Mexiko und Gold aus Peru brachte, +ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn +verfolgte, geschlagen habe. — — — — — — — — — +— — — — Der Hingerichtete war nicht der Bassa +gewesen . . . + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses, +über dessen Bühne ein Stück von Moreto +ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von +Zeit zu Zeit auf sie ein. Sie folgte angestrengt den +schwerbeladenen Szenen und bat in der Zwischenpause, +als ein burleskes Entremes wie eine klebrige +Kette von Küssen sich vorne erhob und sie zu sehr +belästigte, den Grafen, sich neben sie zu setzen. + +</p><p>Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie +dann, an was sie denke. Sie antwortete nicht, +sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer. + +</p><p>„Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so +enttäuschen“, sagte er dann und legte die Hand auf +ihren Fächer. + +</p><p>Sie sprach sehr nachlässig: „Bei Gott, was +habe ich gehofft?“ . . . und wagte nicht aufzusehen. + +</p><p>„Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine +niederschlagende — — Komik ausgelaufen sind . . . +wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in +die Knutscherei des Zwischenaktes.“ + +</p><p>Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das +Spöttische seiner Mundwinkel besiegte sie. Sie +brauste auf: „Was wollen Sie mit Las Casas?“ + +</p><p>Er hob die Achseln: „Casas . . . toll . . . Aufschwung +. . . ziellos ehrgeizig . . . jung, jung! — —“ +Quijadas Stimme klang kühl, klang gerecht. Er +fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie +Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach +ihn einmal höhnisch: „Neid.“ Er schüttelte +nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den +Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr +selbst, denn es waren Schmerzen, die ihr nicht wehe +taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und haßte +ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich +in der Wirkung, aber scharf und zergliedernd +und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über +Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen +auf das unerträgliche Heiß ihrer Haut legten +und irgendwas Luft ihr einblase, die wohltuend in +sie ströme, wo sie am Ersticken war. + +</p><p>Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, +daß er schweige, weil sie plötzlich begriff, daß seine +Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in der +Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der +klare und starre Intellekt seiner Worte überschwemmte +sie. Sie fühlte in einer wohligen Apathie, +wie er das Heiße, das Begeisterte und das +ungenau, aber groß Aufstrebende in ihr wie zwischen +zwei Fingern langsam zerquetschte und Las +Casas’ Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte +und verschieden beleuchtete, bis seine Silhouette +klein vor seinen Worten stand und er phantastisch +und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam +und beschämt in der Schwankung der Ereignisse +und sich das Bewußtsein dahinein verstrickte, +daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt +einer Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen +und Wandlungen dieser Dinge, zürnte sie Quijada +nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust +der Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. +Sie hörte ihm gern zu. + +</p><p>Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte +sie, wie sehr blond er war, und sie zwang sich, daß +es ihr gefiel. — — — — — — — — — — — — — + +</p><p>Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem +Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei gelbe Segel +kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander +zu und schnitten sich wie zwei Säbel. +Dann kam eine Barchette mit singenden Sklaven +vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter +auf das Wasser . . . + +</p><p>Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham +ergriff sie leicht über die Worte und Gedanken des +Tags vorher wie über eine geheime und später sich +mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände +vor das Gesicht . . . und tat sie rasch hinweg, daß +ihre Blicke groß gegen den ungeheueren Horizont +schlugen . . . und da empfand sie deutlich wieder, +in dieser Minute, daß dieser, daß er trotz allem +„O Las Casas!“ dessen Ehrgeiz an fremden Küsten +wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne +als alles, was an sie herankam. Sie dachte an +Quijada, und es schien ihr jetzt, als sei er nur wie +ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen +Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre. + +</p><p>Später kam Quijada. Er sprach wieder über +Las Casas. Er sprach nie über sich oder über sie. +Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen +in der Beziehung auf das eigene Ich ganz und +allein Wesen und Eigenes der Frau ist und weil +sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie +das Verschmähen ihres Besitzes um einer Tat willen, +sie bis zu den äußersten Grenzen der Idee entflammt, +ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren +Wort eine Nichtachtung des Bluts erscheint — und +wie sie nur aus gekränktem Eros heraus denken +können und tun . . . so empfinden sie, unbewußt vielleicht, +vielleicht oft, immer — es ist möglich und +einerlei — den Haß des Mannes auf den Mann +als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über +alles umronnen stehn von ihrem Blut! + +</p><p>Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas +Grausamkeit gegen diesen lockte ihr Blut. Seine +Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, +der (es schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an. + +</p><p>Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen +Gärten. + +</p><p>Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, +grüßte und ging nach dem Palast. + +</p><p>„Las Casas . . .?“ + +</p><p>„Beruhigen Sie sich!“ + +</p><p>Sie sah ihn an. + +</p><p>Bleich. + +</p><p>Da sagte er heiser: „Las Casas!“ + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere +vor ihm . . . öffneten den Vorhang. Er +stand vor dem König. + +</p><p>„Sie?“ sagte der. + +</p><p>Las Casas verbeugte sich. + +</p><p>„Warum kommen Sie?“ + +</p><p>„Der Prinz ließ mich rufen.“ + +</p><p>„Duell . . .?“ + +</p><p>„Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen +den Prinzen) nannte ihn irgendwas. Ich +schlage mich für den Prinzen.“ + +</p><p>Der König winkte ab. + +</p><p>Langsam drehte er sich um und schaute durch +das Fenster. + +</p><p>„Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.“ + +</p><p>Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König +ihm das Gesicht zu, nahm einen verzierten Dolch, +schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und +sagte gütig und klar: + +</p><p>„Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.“ + +</p><p>Las Casas lächelte verzerrt und ging. + +</p><p>Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis +er in den Eckraum kam, den ihm der Prinz überlassen +hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen, +der die Galeere kommandiert hatte, die den falschen +Bassa fing. + +</p><p>Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem +Lächeln, verlegen und geschmeichelt auf ihn zukam, +griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf einem +Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen +Armen ihm zu vor ihn. Er rief ihm gleichzeitig, +daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme für +seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden, +nicht wußte, was das war, befahl er ihm, den einen +Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr +hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex +von fassungsloser Enttäuschung. + +</p><p>„Holländische Münzen . . . ge . . . fäl . . . schte . . . +Molinillos —?“ + +</p><p>„Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit +anderem als mit einer — Imitation belohne?“ + +</p><p>Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht +geschlagen war. Er stemmte sich auf, als wolle er +den Beutel wegwerfen. + +</p><p>Da begann Las Casas’ Gesicht zu zittern: „He,“ +tief er, „Herr!“ — und es klang wie der Ton +eines der krummen Hörner an einer königlichen +Barchette: im Befehl unabwendbar . . . und es +knickte den Zornigen. Er ging mit hängenden +Armen. + +</p><p>Las Casas promenierte noch über eine Stunde +in der Kühle des Korridors, bis die Herren kamen, +ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn +umarmte. Das Rendezvous war in einem gesperrten +Teil des Gartens zwischen einer Fontäne +und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß +nach wenigen Minuten seinen Gegner durch den +Nabel mitten durch, daß der Herzog von Medina-Sidonia +mit liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung +nicht unterlassen konnte, daß an der Stelle, +da ihm das Leben geworden sei, es wieder verströme. + +</p><p>Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die +Löwen. Ihre Augen wurden grün vor Gier. Es +pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen. +Dann brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins +in ein erschütterndes Gebrüll aus — durch +die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper +rasend dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen +kitzelte. + +</p><p>Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum +Palast, traf Las Casas auf Juana und Luis Quijada, +der sich um sie bemühte. Sie war auf eine +Bank zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand +sie auf. + +</p><p>Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl. + +</p><p>Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten +einen gleichen in hetzenden Takten selig geschwellten +Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper aufeinanderdrangen +und sich umschlossen, obwohl sie +sich nicht bewegten . . . und wie wenn ihr Blut +aus den Adern presse, heraustrete und ineinanderströme. + +</p><p>Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte +von irgendwo her, von der Seite her? — — — neben +ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die +Stimme Quijadas: + +</p><p>„Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu +Ihrem Erfolg heute — — wie ich ihr Unglück bedaure +— sonst.“ + +</p><p>Las Casas’ Blick fuhr an ihm vorüber wie an +einer Wand. Drehte die Schultern, entblößte seine +Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an +Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die +Hand. Sie sahen sich in das Weiße. Dann ging er. + +</p><p>Nach drei Schritten wieder bog er um: „Graf +Oropesa, . . . Sie sagten . . . vielleicht, daß Sie +mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt, +Ihre Segler zu rüsten.“ + +</p><p>Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle +spielte, sagte scharf, den Schnurrbart kauend: „Sie +haben mir nicht den Gefallen getan, mich für diesen +Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären. +Auch im Großzügigen wie in der Verachtung +weiche ich Ihnen nicht.“ + +</p><p>„Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung +haben, jetzt . . . gleich . . . sofort — Auf +Wiedersehen.“ + +</p><p>Er machte eine schwache Geste nach dem Meere +und ging. + +</p><p>Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen +nahm, brachte ein Diener ihm einen Brief von ihr. +Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder. +Nur dieses: „Komm —!“ + +</p><p>Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd: +„Komm!“ Es fielen ihm ein die Abende im +Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor +Sehnsucht wie der Horizont und darüber erschrak, +zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn so, daß +er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er +sich selbst empfindend, langsam zurückkehrte in die +Umgebung und sich gewaltig zufammenraffte und +toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb: + +</p><p>„Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen, +wo ich Dich aufschob bis nach dem Erfolg. Ich +müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs. +Du aber wärst feig, wenn Du nachher mich nicht +verachtetest.“ + +</p><p>Aber in der Dämmerung fand er sie in dem +Garten. Sie spannte die Arme nach ihm. Da +fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte +und die verbotene, selbstversperrte Sehnsucht +in einem knabenhaften Weinen in ihren +Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre +Schenkel, und sie sagten kein Wort. Doch er warf +ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ, +lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein +Mund. + +</p><p>Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte, +erhielt er ein Billet. Er erbrach es am Ufer noch, +einen Fuß in der Barchette. + +</p><p>Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil +das Dunkel ihr Blut quälte, und raste nun nach +ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl! +auf den Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein. + +</p><p>Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte +ein ganz kleiner Hucker mit unmäßig geschwellten +Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann +stand darin. Warf einen Brief herauf. + +</p><p>Sie schrieb: „Ich liebe . . . Deinen Stolz . . . +die Härte . . . warte — trotz alledem. —“ + +</p><p>Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die +Augen rot — eine überreife Frucht. Die Lippen +hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie +eine weiße Falte lag der Mund in dem Gesicht. + +</p><p>Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen +an den beiden Abenden, die folgten, ins sinnloseste +betrinken. Er schenkte es ihnen. + +</p><p>Zehn Tage später liefen die drei Segler des +Luis Quijada aus. + +</p><p>Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden. + +</p><p>Juana hielt die flachen Hände an die Brust +und fing den Herzschlag auf darin und warf ihn +den Galeeren nach. + +</p><p>Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte +sie auch sein Fehlen doch, da sie ganz allein war. +Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen +sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr +das Kühlende seines Hasses. So glaubte sie. +Manchmal erschrak sie. + +</p><p>Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer +Donner sich sammle, wie wenn ein Bergwerk +einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus +dem glatten Himmel sause irgendwo. Und sie +bedauerte, daß sie nicht tiefer hören könne, und +streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf, +höher . . . und ward straff gegen jeden Anprall und +scharf wie eine Lanze. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Bandieren und Standarten spannten sich auf +Las Casas’ Galeeren. Morgens und abends +bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das +Meer wechselte blau und grün. Gegen Mallorka +zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende +Monde auf dem Grund. Die Sklaven ließen die +Ruder und beugten sich über die Geländer und +starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie +zu prügeln, und sie krochen wie die Hunde zurück. + +</p><p>Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer +Seide mit Las Casas’ Wappen in Granaten bestickt. +Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht +vorüber. + +</p><p>Bei der Insel Galita war eine Falle für den +Bassa gelegt. Zwei kleine Segler mit Lamawolle +und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden +nachts, lautlos. + +</p><p>Las Casas kreuzte ganz Tunis ab. + +</p><p>In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische +Caramuzzals ein, die völlig braun waren +und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten. +Sie schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus +kleinen Kanonen. Beim Entern sprang ein Mann +zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott +lobend. Las Casas ließ ihn trotz dem Geplärr in +Ketten legen. Die anderen schlug sein Henker mit +der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten +wurden auf die Ruderbänke geschmiedet. Die +Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere +stach die Sonne zusammen. + +</p><p>Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang +(sein Blick hatte den gewöhnlichen Wahnsinn der +Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn langsam +totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder. +Das fiel vor ihm hin und nannte sich einen Franziskaner +aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten +war. Er küßte die Füße Las Casas’, und als der +ihn nach dem Versteck des Bassa fragte, heulte er +auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß er +den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches +gab er singend die Weisungen für das Schiff. + +</p><p>Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und +versprach ihm straflose Freiheit, wenn sie den Bassa +fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe seines +Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei +— — — für den anderen Fall. Der Renegat allein +lobte nur Gott. + +</p><p>Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den +Bassa überraschen sollten, sahen sie eine gelbe Caramuzzal +in einem schönen Bogen eine Mauer von +Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von +beiden Seiten wurden sie mit Brandpfeilen und +glühenden Eisen überschüttet. + +</p><p>Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert +Soldaten aus, fing und erschlug eine Anzahl +Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe +Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene +Nubier saßen vor des Bassas Kajüte. +Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige +Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein +stehendes Lager und den Harem hätte. + +</p><p>Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten +Morgen. Sein Herz ging hoch, als ob er ganz +dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten. +Die Galeeren sollten so lange kreuzen. + +</p><p>Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer. + +</p><p>Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner +seine Hymnen, bis ihm ein Offizier mit einem Koran +als Knebel das Maul verstopfte. + +</p><p>Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren +sie, daß am Abend der Bassa in aller Flucht vorbei +gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer +und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu +weisen, obwohl sie schrien und sich wehrten aus +Furcht. + +</p><p>Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender +fiebervoller Ring wälzte der Himmel sich um den +Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in +der Luft wie Sand. Sie mußten die Augen senken, +und das Blut zog sich ihnen wie gefroren im Kopf +zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos +wurden, schrien plötzlich etwas, rannten +ein Stück in die leichten Dünen und verbeugten +sich . . . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen +Laut. Nur das war: wie wenn der grünliche +Schlauch am Himmel sich langsam um sie zusammenziehe. + +</p><p>Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte, +zündeten Feuer an und stellten Wachen aus. Die +Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf +der einen Seite die Männer, auf der anderen +Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne scharf +in die Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen +in die Arme. Dann spielte die Muschel +allein. Auch sie schwieg. + +</p><p>Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte, +daß es Zuversicht sei. Er wußte (ganz unstreitbar), +daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie +war zu zweifeln? . . . Juana? Er würde sie dann +in fiebernden Händen besitzen. + +</p><p>Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper +zitterte unter dem Gedanken. + +</p><p>Er hob den Kopf. — Ja . . . Bisamrosen hatten +um die Bank gestanden und geduftet. Und Nelken. + +</p><p>Sehr scharfe Nelken. — — — + +</p><p>Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von +Beduinen um das Lager und senkte seine Lanzen +in die Körper, die herumlagen. Las Casas banden +sie und einige andere, trennten ihn von ihnen und +ritten mit ihm die Nacht durch und den ersten +Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein +Kamel. Sie gaben ihm Stutenmilch dieser Tiere. +Er trank es nicht. Mittags ritten sie weiter. Rötlicher +Nebel schoß vor die Sonne und glühte die +Kehlen aus. + +</p><p>Die Wüste war flach, ein wenig gewellt. Dann +ritten sie eine hohe Düne herunter. Ein Park von +Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grün stand +um ein paar Bäume und einen Brunnen. Las +Casas trank Wasser. Abends fragte er, ob sie ihn +zu Yousouf brächten. Sie grinsten: Nein —! Da +wuchs alle Kraft in ihm und durchbebte ihn wieder. + +</p><p>Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier: +„Gute Stute . . .“ Denn seine Hände waren gebunden. +Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er +schritt durch Gewölbe und Gänge und stand in +einem Zimmer, plötzlich, mit hellgelben Steinen, +zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saßen. +Eine Laterne stand auf dem Tisch, Wein, Brot, +Früchte. + +</p><p>Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schönen +bärtigen Türken. Sie verhandelten über sein Lösegeld. +Während sie sprachen, senkten des Türken +Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las +Casas’ Hand hoch, ein wenig. Sein Dolch lag +auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. „Gib +dir keine Mühe!“ lächelte der Türke. Der Marques +hatte die Waffe schon gepackt. Er sauste mit einem +heftigen Sprung durch die Tür. Er sauste gegen +einen dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen +aus Zorn und kehrte ruhig zurück. „Ich sagte +es dir“, achselzuckte der Türke, ein bißchen beleidigt. + +</p><p>Allein er ließ ihm den Dolch. + +</p><p>„Sag mir das eine!“ fragte der Marques scharf. +„Bin ich bei Yousouf Bassa?“ + +</p><p>Der andere lächelte: „Nein.“ + +</p><p>Sie einigten sich über das Lösegeld und Las +Casas blieb allein. Es ging schon gegen Morgen. +Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann. + +</p><p>Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür +war nicht verschlossen und er sah keine Wache. Er +stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel +eines Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog. +Es roch modrig. Von Zeit zu Zeit merkte +er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber +er mied sie. Plötzlich fühlte er Schwindel, und +die Furcht, daß er sich im Kreise bewege, zog ihm +das Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel, +wie er bleich ward und schlug hastig den Gang in +einen Kreuzstollen ein, der das Gewölbe durchbrach. +Als er ein paar Minuten sich die Wände entlang +getastet hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab, +eine Dämmerung schwoll auf, leichte Helle lockte, +und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes, +das größer wurde und ihm entgegenströmte im +Nahen und Mond ward . . . und ihn hinauszog auf +einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht. + +</p><p>Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt +in der Mitte, als schwämmen sie auf dem +Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen +blitzende Strahlen Quecksilber. + +</p><p>Las Casas schlich über den taghellen Hof, an +die Mauer geduckt und von dem schmalen Gurt +ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen +zwei Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah +hinein. + +</p><p>Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und +schaute müd und regungslos dem Spiel eines +jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben +eine Zeit so. Innen der Türke in das Betrachten +versunken, der Marques fand nicht den Augenblick, +sich von dem Posten geräuschlos zu lösen. + +</p><p>Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob +die Augen. Die Augen mußten über das Fenster +. . . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in +die Luft, Glas splitterte, ein Dolch schlug neben +Las Casas’ Kopf vorbei durch die Scheibe und verlor +sich zischend und blinkend nach den Brunnen. + +</p><p>Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine +Blicke faßten plötzlich eine dunkle Öffnung in dem +hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen +Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht +und glatt. Während er suchte, fing ein runder +Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er +auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtbälle +tauchten auf und spielten mit dem ersten. Sie +glitten übereinander und vermehrten sich, bis die +eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte +Las Casas, die Wände seien Spiegel. Er +suchte noch einmal nach einer Öffnung, aber er +fand keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in +die Augen. Da hieb er mit einem Aufschrei bebend +vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles +Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es +einen Ruck, eine Öffnung, durch die er schritt fünf +Schritte bis in sein Zimmer. + +</p><p>Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte +herein. Sie betrachtete ihn lang und eingehend. +Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort, +ihn anzusehen. + +</p><p>Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte: +„Ich kann mit dir machen, was ich will.“ + +</p><p>Las Casas zuckte die Achseln. + +</p><p>„Wenn du mich liebtest“, meinte sie nach einiger +Zeit ernst und überlegen, „kostete es dich den Kopf. +Zwei, drei Schnitte . . .“ . . . sie fuhr sachlich mit +dem Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah +ihn an, als ob sie immer mehr über ihn erstaune. + +</p><p>Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der +Marques die Linien ihres Körpers nach und wandte +sich langsam nach der Wand. + +</p><p>Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und +brannten ihr Bild in die Mauer. Sie war sehr +schön. + +</p><p>„Mein Vater hat sieben Monde“, fuhr ihre +Stimme fort, „ich habe den Alten schlagen lassen, +dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und +dich.“ + +</p><p>Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr. +Da fuhr ein Lachen mit tausend süßen Spitzen in +ihr Gesicht: „Alle Querstollen führen in den Hof“, +lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie +ihm vor das Gesicht. Dann lenkte sie ab: „Deine +Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht sehr +braun . . .“ Sie strich mit der Handfläche neugierig +und schauernd über seinen Hals. + +</p><p>Der Marques packte ihre Hand und warf sie +mit spitzen Fingern zurück. Sie zog sie erstaunt +an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms +und senkte den Kopf schräg. Sie war enttäuscht +und drohte ihrem hellbraunen Spielzeug überrascht: + +</p><p>„Wenn ich will, kann ich dich an das Bein +einer Kamelstute binden lassen, die nach Tripolis +geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules +Wasser zum Trinken. Oder du mußt Sand scharren +im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem Kopf +stehen und durch die Nase lachen.“ + +</p><p>Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen. +Rasch flog ihr Fuß aus dem Pantoffel, das Bein +schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und +zupfte ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las +Casas schlug mit der Hand hart auf den Fuß, der +sich zurückzog. + +</p><p>Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich +gering gemacht und wie ein Schwein oder gleich +einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang +auf ihn zu und drückte sich an ihn und strich ihm +über den Arm und den Hals. Sie begriff ihn +nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er +warf sie, während seine Finger die ganze Schönheit +ihres Körpers begriffen und im Gefühl bewahrten, +ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen +die Wand, stieß einen kleinen spitzen Ruf aus, zog +ihr Tuch bis unter die Augen und ging. + +</p><p>Einmal noch floh Las Casas. + +</p><p>Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit +vielen Begleiterinnen dunkelblaue Bohnen und +Winden begoß. + +</p><p>Er wußte nun, daß er ganz — wie ein Tuch und +ein Stein — in ihren Händen sei. Aber die Erniedrigung +war nicht tief genug, daß er sich tötete. +Er spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam +zu. Einmal setzte sie sich auf seine Knie +und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff +und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr. +Um so stärker aber stieg das Bewußtsein der Berufung +in ihm. + +</p><p>Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er +sie abschüttelte, obwohl sie sah, wie seine Lippen +brannten. + +</p><p>Doch langsam sahen Las Casas’ Augen sie nicht +mehr. Sie sahen trüb aus wie Zisternenwasser. +Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte +es drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren +Finger vor die Pupille und stieß danach. Sie +brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm +der Stern auf dem Weiß. + +</p><p>Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien +eingeritzt standen, und flüsterte an sein Ohr: „Palast-Plan +. . . Palast-Plan“, bis er begriff und ihn +vor ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine +List. + +</p><p>Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den +Lippen. Sie küßte ihn auf den Mund und sah +ihn traurig an: „Was willst du?“ Der ganze +Körper bat. + +</p><p>Da floh er. + +</p><p>Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels, +glitt über Terrassen und Galerien und tauchte in +einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog. +Seine Hände führten ihn tastend die Wand entlang. +Er schritt minutenlang. In Abständen +waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen +hatten. Einige waren aus einem porösen Stein, +andere völlig glatt. Er streichelte seine Hände +kurz und stolz: „Kluge Hände“. Ein Übermaß +von Freude stand ihm bis zum Kopf, bereit, durch +Mund und Augen übermäßig aufzuspringen. Plötzlich +packte er einen Auswuchs und empfand im +gleichen Moment, daß seine Hand in einer Zahnreihe +lag. Er half mit der anderen und erschrak, +wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhöhlen +verschwanden, die feucht waren und sich +anklebten. Da faßte er fest zu, brachte die Augen +nahe und merkte, daß es ein Ornament aus Gips +sei. Wie er aufatmend vorwärts trat und sein +Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas +Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen +die Tür, die hinausführen mußte. + +</p><p>Seine Hände aber erkannten die Schönheit +wieder, die sie einmal gefühlt hatten, und packten +sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem. +Da gab er nach. — — — + +</p><p>Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die +um sie kreisten. Er senkte die Augen. Zwei Beduinen +empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf +ein Tier und ritten neben ihm. Er hatte den einen +Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie ihm einen +Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche. +Als sie ihn verließen, sagten sie ihm, daß es knapp +ein Tageslauf sei. + +</p><p>Er hielt sie an. + +</p><p>Er hielt sie an und fragte: „Wer war es, der +mich losließ?“ + +</p><p>„Die Tochter Yousouf Bassas . . .“ sagten sie. — — +— — — — — — Er wartete, bis sie verschwunden +waren. Dann hielt er die Hand so, daß sie den +ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte. + +</p><p>Hiermit und so war er fertig mit ihm. + +</p><p>Durch die Hand sah er sein Blut. „Juana . . . +ja . . . mein Blut — — unser Blut —“ schrie er und +stachelte den Hengst mit dem Dolch. + +</p><p>Moos spann sich grau über die Wüste. Kranichzüge +rauschten über ihm. Endlos blendeten die +weißen Kaktusfelder in der Ferne. + +</p><p>Ein Tuareg begegnete ihm. + +</p><p>Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen +hielten sich so fest, daß ihre Hände sich nicht +rührten. + +</p><p>Endlich: Bäume . . . Bäume! Eine Allee. +Orangenallee . . . Er fiel vom Pferde, umarmte +es, tanzte und küßte die dampfenden Flanken des +Tiers. Am nächsten Tag fand er die Galeeren. +Am gleichen Mittag rannte eine Patrouille von +ihm zu Yousouf und bat ihn um eine offene +Schlacht. Der Bassa schlug ein und bezeichnete +den Platz. + +</p><p>Sie stachen sofort los. Las Casas kam in +Streit mit den Offizieren. Er trieb die größte Eile +an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle +sein wollte. Denn er mußte auf jeden Fall die +Stellung an der Küste haben, damit er den Feind +gegen das offene Meer hatte und so Flucht eine +Unmöglichkeit sei und auf diese oder jene Form +dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere wollten +erst Wasser aufnehmen in einem Hafen, der nahe +lag. Doch Las Casas sagte, daß sie nach der +Schlacht Wasser genug haben würden hier oder +da, und er wies auf das Meer und in die Richtung +des Hafens; da schwiegen sie, denn er lächelte +dabei. + +</p><p>Die Sklaven hatten ausgehöhlte Gesichter und +knirschten, als die raschen Takte des Vorsängers +ihre Muskeln zu angespannten Zügen zwangen. + +</p><p>Las Casas ließ sie schlagen und stand auf dem +Vorderdeck, unbeweglich, den Blick auf das Meer +ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen +in das ruhige Wasser. + +</p><p>Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm +wie zwei Segel, die ihn nach der endlichen Tat +hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er +wenig und kaum. Nur dies eine erfüllte ihn. Ein +Lächeln, fast spöttisch, kräuselte seinen Mund. Er +schüttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz +durchfuhr ihn stürmisch und sengte seine Augen. + +</p><p>Er drehte sich und es war ihm, daß einige +Bänke die Ruder weniger tief streckten und so den +Lauf hemmten, und er ließ auf einer erhöhten Bühne +mitten auf dem Steg zwischen den Bänken mit +Sklaven zwei Neger hinrichten. Die nächsten +schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern +stand Wut. + +</p><p>„Wasser . . . !“ brüllte ein langer Portugiese und +drohte. Las Casas lächelte ruhig und sehr gefaßt +und ließ ihm das Halsblut der Neger reichen. + +</p><p>Er fühlte einen starken Sturm in sich, der ihn +hob, schwellte und maßlos mit sich selbst erfüllte, +daß sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und +seine endlos beschwingten Gefühle über alle Schicksale +hinausstiegen und der Tod ihm nur ein geringschätziges +Spiel (wie mit Masken) erschien. + +</p><p>Am Abend stellten sie sich auf für den folgenden +Tag. + +</p><p>Früh riß die Sonne den Himmel tiefrot auf +und färbte das Wasser so. Und als bedrücke das +Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner +Seele, horchte er in sich hinein und fand wie ein +Pizzicato in der Ruhe seines höchsten Geschwelltseins +den Gedanken an Juana und riß ihn heraus +und maß ihn mit den letzten Erlebnissen und der +Idee seiner Tat. Die Kartaunen des Vorderdecks +lösten sich schon. Die türkischen Caramuzzals umsprühten +die Galeeren mit glühenden Kugeln. Eine +zischte zwischen die Ruderer und verbrannte sie. Es +roch nach versengtem Fleisch. Die nächsten heulten +auf und ließen die Ruder. + +</p><p>Da ließ Las Casas die Hörner blasen. + +</p><p>Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine +Schlinge fiel vom Hauptmast. Sie legte sich um +den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und +schwang ihn, der sich verrenkte und mit den Armen, +die Hände zu Fäusten gekrallt und die Zeigefinger +nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen über +das Schiff. + +</p><p>Pfiffe rasten über die Decke. Alle Ruder hoben +sich und schäumten auf die Caramuzzals ein. + +</p><p>Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana +ganz aus sich. Nur die Tat sollte sein. Er stand +auf der Poppa und suchte die größte Caramuzzal. +Eine Flagge deckte sie: Rot mit sieben schwarzen +Monden. + +</p><p>Endlich: Yousouf! — + +</p><p>Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so +war es von der Sonne durchtränkt. + +</p><p>Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung, +in der durchbebtesten Ekstase seines Lebens +den Gedanken an Juana zu töten. Eine wahnsinnige +Freude durchschwang ihn. Er hatte den +Dolch durch den Mund gezogen. Seine Hände +hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle +Kanonen entluden sich und schrien gegeneinander. + +</p><p>Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und +brüllte etwas mit leuchtenden Augen zurück, was +das Getöse verschluckte. Las Casas sah ihn an. +Und als hätten die nicht gehörten Worte etwas +gelockert, als hätten sie ihn das gefragt, um was +er rang, brüllte er dem Jungen zu (der ihn nicht +verstehen konnte) die Arme um das Rad, mit Lippen, +die sich zerrissen an dem Dolch im Mund: + +</p><p>„O alles . . . hätte ich auf den Bauch geschmissen +Dreck gefressen, drei Monate oder vier . . . wären +meine Gedärme zerfetzt daran . . . hätte ich den +Bart säubern müssen des Bassa jeden Tag von +Eiern und Speisen und schlechten Küssen, wäre +ich stinkend geworden und nach Übelem riechend +und hätte ich keine Zähne mehr im Mund und wäre +ich gewesen wochenlang beschämt bei alten Weibern, +die hängende Brüste hatten und Riemen von Adern +aus den Gliedern quellend . . . o, alles nichts, +klein, sehr klein, — — — kein Lachen . . . keinen +Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen +Moment, gegen dieses Steigen — — — und was +Juana ist — — — was ihr Andenken ist . . . es +wiegt nicht so viel, daß ich es nur so sage, nicht +einmal mein Brüllen ist es wert . . .“ — — — + +</p><p>Nun hatte Las Casas Ruhe für seine Tat. + +</p><p>Seine Lippen zuckten zerrissen. + +</p><p>Ehrgeiz füllte seine Augen, daß sie grün blitzten. + +</p><p>Die Offiziere standen um ihn. + +</p><p>Blut rann über sein Gesicht. + +</p><p>Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer +nach rechts. Geknarr und Erschütterung knirschte +auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal +Yousoufs, deren Geländer sie weggerissen hatte. +Dunkle Massen strömten hinüber. + +</p><p>Mit einem Lächeln (dies war sein Tag), ganz +ruhig stand Las Casas auf der Poppa. Sein Gesicht +war hell und stet wie eine Fahne. + +</p><p>Aber dann: — — als er hinübersprang und sah, +wie Bassa Yousouf mit vielen Kugeln durch den +Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben +und vorbeitrugen dicht an ihm . . . kniete er, wo +er stand, nieder, warf sich auf den ersten Toten, +der aus der Brust blutete, küßte die Brust — — — +und stammelte: „Juana“. Stammelte: „Juana“. +Nichts weiter. Nur dies. + +</p><p>Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas +betrachtete ihn genau. Er sah seiner Tochter ähnlich +. . . die Wolke über der Stirn . . . die Braue +und der Nasenflügel . . . Las Casas erstaunte über +die Leiche. Er wußte nichts damit anzufangen. Er +roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen, +fiel ihm ein, waren auch dabei. Er fuhr +mit den Fingern in die Wunden des Bassa und +untersuchte sie. + +</p><p>Dann zuckte er die Achseln und trat zurück. + +</p><p>Der junge Offizier kam und küßte ihm die Hand. + +</p><p>Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren +traten auf ihn zu: Sie seien stolz . . . unter ihm . . . +dieser Sieg — — — + +</p><p>Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa . . . +Er strich die Stirn: Ja. Er lag da. Auf der +Poppa . . . tot? . . . Tot! + +</p><p>Stolz hob seine Schultern. Freude überflammte +ihn. Es war die erste Tat im Reich. Gewiß. Er +hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios. + +</p><p>Die Sonne ward schon gelb und stieg. + +</p><p>Dann sprang er zurück auf dem Hinterdeck und +gab das Signal zur Abfahrt. + +</p><p>Ein Schrei der Wut peitschte über das Verdeck. + +</p><p>Offiziere hoben die Hände, bestürmten ihn: +„Teilung der Beute . . . Ruhe . . . Soldaten . . . +die Sklaven seien ausgelaugt.“ + +</p><p>Las Casas stemmte sich hoch: „Wir fahren!“ + +</p><p>Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen. + +</p><p>Niemand sprach. + +</p><p>Sieben türkische Caramuzzals waren erobert +worden, auf die Soldaten verteilt wurden. Die +Gefangenen mußten rudern. Ein Schiff trug den +Harem. + +</p><p>Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten, +sprangen den Leuten Arme und Lippen auf. Die +Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten +kaum. + +</p><p>Weißglühende Wut schwelte in den Augen der +Soldaten. + +</p><p>Las Casas saß auf dem Vorderdeck, wo der +Wind ihn zuerst kühlte. Die Leiche Yousouf Bassas +lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal +auf ihr, dann sogen sie sich wieder glühend, brennend +in den Horizont fest. Er freute sich über die Tat. +Aber er begriff nicht mehr, daß er über Juana weggesprungen +sei wegen ihr. Er fühlte sie so um sich, +als könne er ihre Umrisse mit den Händen fassen. +Es war unmöglich — wie konnte es sein, lachhaft +und kindisch? — daß er sie dreimal verschmäht hatte. +Er blickte auf den Toten. Es war doch so. Doch +er verstand die Wichtigkeit dieser Tötung nicht +mehr. + +</p><p>Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns +zu mäßigen. „Die Leute verrecken vor Durst. Die +Zungen kriechen ihnen wie böse Tiere aus den +Mäulern,“ sagte heftig der junge Offizier. + +</p><p>Las Casas ließ ihnen die letzten Rationen austeilen. +Das Tempo blieb das gleiche. Es ward +Nachmittag. + +</p><p>Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. — + +</p><p>Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserfläche +einen Garten voll Lauben und Gerüchen und +eine Nacht darüber, mit Sternen dicht verschnürt, +in der er sie besitzen wollte. Es nahm ihm den +Atem. Es preßte alles beiseite. Er mußte ohne +einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er +schob den Toten mit dem Fuß zur Seite, da er ihn +plötzlich haßte, weil er in ihn die Ursache verlegte +(die in seiner eigenen Brust saß), daß er Juana +verschmäht hatte. + +</p><p>Da brüllte es hinter ihm plötzlich wie aus einem +Ventil: „Wasser!“ Es war ein gellender, trockener +Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner +Nähe. Aber dort brach es aus: „Wasser!“ . . . +und schlug hinüber und zündete und an hundert +Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mündern. +Die Augen waren ihnen stier geworden, und die +weißschweißigen Gesichter brannten. + +</p><p>Las Casas’ Hirn schob blitzschnell den Gedanken +vor: Gefahr! Sein Bewußtsein packte zu und begriff +dumpf, daß ihm ein Hindernis entgegentrete. +Rote Wut schüttelte ihn. Er sprang vor: + +</p><p>„Schmeiß,“ schrie er, „Geschmeiß,“ und wieder: +„Vieh . . . Ihr wollt weniger tun, Hunde, wo ich +mehr Eile habe. — Sklavenführer, aufs Vorderdeck! +. . . Die Riemen in die Peitschen gezogen . . . +Zehn Takte rascher gefahren im Viertel der Stunde. +— Den Bankersten die Bastonade!“ . . . Seine +Stimme war wieder beherrscht geworden. Die +Riemen klatschten über die Rücken. + +</p><p>Die ganze Nacht ließ er sie mit Wasser begießen, +das sie kühlte und ihren Schweiß wegschwemmte. +Allein das Meerwasser biß scharf in ihre Wunden, +daß sie schrien über das Geschenk. + +</p><p>Am Morgen stand einer auf als Deputat: „Wir +können nicht mehr.“ Niemand hörte auf ihn. + +</p><p>„Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns +auf den Bauch diese Zeit. Dann streifen wir das +Schiff wie einen flachen Stein übers Wasser.“ + +</p><p>„Einen halben Tag . . .“ johlten die anderen. + +</p><p>Der Deputat drohte: „Wir brechen die +Ruder . . .“ Da gab Las Casas Befehl, ihm, +dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge +aus dem Munde zu nehmen und ging hinunter, die +Zähne in den Lippen und bleich. Denn es schmerzte +ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten +nur ein Wollen, das wie ein ungeheueres Zittern +daran hing und auf alles niederfiel, was es sperrte: +„Juana!“ + +</p><p>Er ließ den Sklaven Wein geben. Das +Geringe berauschte sie. Die Galeeren zogen +rascher. + +</p><p>Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Mäuler +aufgesperrt, aber noch entfeuert. + +</p><p>Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender, +bis einer schrie: + +</p><p>„Weiber — — — — — — — — — — — —“ + +</p><p>Langgedehnt zog der Laut über das Schiff. Eine +Stille schob sich nach, die alles preßte. + +</p><p>Dann rasten alle in die Höhe und hämmerten +ihre Ketten gegen die Bänke: + +</p><p>„Dein Ver—spr—e—e—e—chen . . . am selben +Abend . . . zwei . . . + +</p><p>Schuft! — — — Du . . .“ + +</p><p>Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen. +Die Aufseher peitschten sie mühsam wieder +an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich ineinander +verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem +Fleisch. + +</p><p>„Ihr werdet sie haben, eh’ der Tag ’runter ist. +Wenn ihr euch eilt, Bande! Dann sind wir in +Cartagena.“ Las Casas’ Stimme klang knapp, +unendlich beherrscht. + +</p><p>„Es ist gelogen, ist erlogen . . . Hund!“ + +</p><p>Las Casas ließ sie. + +</p><p>Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden, +erschrak er. Es blitzte ihm durch den Kopf — er +müsse den Abend in Cartagena sein — — um alles. + +</p><p>Er ging auf dem Deck herum und zerbog die +Hände ineinander, bis er den letzten Entschluß sich +abgepreßt hatte. + +</p><p>Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem +Harem herüberzuschaffen. Er wußte (in brennendster +Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems +beim Umladen nach der Schlacht gesehen +hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste waren +kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte +rund mit Gold gemalt. Sie sollten vor ihnen +tanzen, daß sie rascher führen. + +</p><p>Alle mußten hinuntersteigen. + +</p><p>Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und +Las Casas. + +</p><p>Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven +die Gesichter weiß wie die Planken, die Augen +rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las +Casas’ Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze. + +</p><p>Dann fingen die Boote an hinüberzufahren +zur Caramuzzal, die den Harem trug. Die Wächter +hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend +vor Scham und Schmerz, wie irgendwo +einem Geifer aus dem Maul rann, während er +blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in +Strömen aus dem Gesicht. Sie sahen aus wie +Pilze, auf die plötzlich Tau fällt. + +</p><p>Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel +auf die Schiffe. Die Gesichter waren ins Unkenntlichste +verzerrt. Wo manches Nase oder Mund +sonst war, saß nun eine Falte der grausamsten +Qual. + +</p><p>Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er +tat, empörte seine Seele. Er schlug die Arme übereinander, +daß sie ihm die Brust einbogen, biß die +Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte +vor Zorn über sich. Er flüsterte: „Juana“ und +empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte +den Abend in Cartagena sein (er kam den Abend +nach Cartagena) oder wahnsinnig werden oder +zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen +diesen Willen. + +</p><p>Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der +Männer. Dabei empfand er, wie die Galeere mit +erstaunlicher Geschwindigkeit flog. + +</p><p>In der drückenden Stille hinter seinem Rücken +bohrten die achthundert Augen sich auf die Caramuzzal, +an der die Boote gerade anlegten. Ein +silbernes Horn (wie rein es scholl zwischen den +Masten und gelben Segeln!) hob sich mit zartem +Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief +einmal (wie klang sie jung und nach Andalusien!): +„Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.“ + +</p><p>Las Casas wandte sich nicht um. + +</p><p>Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen +von einem Gedanken und hob den Arm mit einem +raschen Mal streng und senkrecht . . . niemand +wußte, wollte er Einhalt rufen oder winken. + +</p><p>Doch die Geste wirkte unsächlich. + +</p><p>Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus +allen Brüsten lösender Schrei über die Galeere hin. +Es war zu viel. + +</p><p>Einer der Sklaven hatte Las Casas’ Bein gepackt. +Las Casas verschwand unter der gebeugten +Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos, +und flog wie ein Ball auf die andere Seite. Sie +warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links. Vierzig +auf der anderen Seite. Einer senkte seinen +Mund auf seinen Hals. Ein anderer schlug seinen +Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann +blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf, +Gefangene, erschlugen die Offiziere, befreiten sich +und vergaßen ihn über ihrem Gelage. + +</p><p>Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte +im Horizont auf. + +</p><p>Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind +herauf. Drei Schiffe mit roten aufgebauschten +Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven +wurden überwältigt. Luis Quijada kam herüber +von seinem Segler. Denn er war es. + +</p><p>Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert +um die Reeling hängen. Die Leiche Las Casas’ ließ +er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner Fanale. + +</p><p>Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen +und bestieg die Caramuzzal, die des Bassas Harem +trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig +Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein. +Die anderen schenkte er seinen Soldaten. Darauf +stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen +Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajüte mit +lackiertem Mahagoni und Zitronenholz. Sie hatten +sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit +ihnen und sie tranken gemächlich mit ihm, der +lächelnd und zärtlich scherzend mit ihnen sprach, +zutraulich Kakao und Orangenwasser. + +</p><p>Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward +Abend, als sie in Cartagena einliefen. Große +Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte +kommen. Das Banner Las Casas’, Quijadas, +das von Kastilien und die rote Fahne mit sieben +Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana +stand am Steg. + +</p><p>Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht +und ans Land gestellt. Quijada folgte. +Las Casas’ Kopf erschien, wie einer das Tuch hob, +unter der weißen Fanale, auf der sein Wappen +stand. Um seine Stirn saß festgebissen mit einem +dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie +ein schlechter Heiligenschein. + +</p><p>Juana taumelte. + +</p><p>Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung +wieder in sich selber ein. Und da sie nicht +allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern +das Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie +um den Liegenden herum und raffte ihr Gesicht +auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer +über einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz +auf Luis Quijada zu und legte ihren Kopf an seine +Brust. + +</p><p>Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche +ihrer Entschlossenheit, aber er tat doch den +Arm um sie, denn er hielt sie nicht für schlechter +als die drei Besten aus seinem Harem. + +</p> +<h2 class="chapter"><a id="page_201" name="page_201">Yup Scottens</a></h2><p> + + +</p><p class="first">Yup Scottens wette niemals. Sie wüßten es +alle. + +</p><p>Das Blut steige ihm noch röter unter das breit +und tot herabfallende Haar. Er schlage auf den +Tisch. Jedesmal würde er auf den Tisch schlagen, +wenn wieder einer vom Wetten spreche. + +</p><p>Also schweige man davon. + +</p><p>Ob Yup verheiratet sei? + +</p><p>Nein. + +</p><p>Und es würde besser sein, auch danach nicht zu +fragen. + +</p><p>Leise höchstens, ganz leise könne man davon erzählen. + +</p><p>Tim Porker müßte dann die Beine vom Tische +nehmen. Denn ihr Ledergeruch würde stören. Und +dann hätte er heute morgen den einzigen Kartoffelacker +hinter der Farm gedüngt. Kinder, man sei +ja nicht so, aber Tim müsse diese Lederranzen von +den Füßen nehmen und sie vor die Tür stellen. +Noch weiter, zwanzig Meter vom Haus weg . . . +so . . . und auch dann stänken sie noch. Aber +weniger, Gott sei Dank, und auch weil Ralf den +algerischen Tabak rauche, wegen dem man allein +fünf Jahre in der Fremdenlegion sein könnte. +Selbst wenn man kommandiert würde . . . Oder +doch nicht, nein . . . nicht . . . Aber komisch, wo +er den Tabak herbekomme, Ralf brauche nicht wegzusehen, +warum denn auch. Yup Scottens wüßte +manches davon, und wenn er wieder da sei, in drei +Tagen wohl ungefähr — denn schließlich sei er doch +der beste Reiter —, er würde möglicherweise davon +erzählen. Ralf sollte doch schweigen. Es sei ein +Irrtum. Yup hätte an manchen Abenden beim +einsamen Feuer am Rande der Kordilleren mehr +erzählt, als sie wüßten und dächten. Alle miteinander. + +</p><p>Tim Porker müsse auch die Strümpfe ausziehen. +Es ginge nicht anders. Frischgedüngte +Äcker brächten auf so verfluchte Gedanken, röchen +einem an mit Erinnerungen. Boys! wer hörte die +gern! Nach den Sternen speien nachts durch die +blanke Kühle, hundertmal denselben Büffel anschießen, +eh man ihm die Kugel ins Ohr brennt, +Mestizen an den Beinen aufhängen, daß die Köpfe +wie Früchte platzten, Kinder, ja, alles, gern — aber +nicht an frischgedüngte Äcker denken! + +</p><p>Tizzy solle nach den Koppelungen sehen. Ob die +Pferde fräßen. Büffelmist solle hereingekehrt werden +und sparsam auf das schwelende Feuer gelegt +werden. Morgen werde es schneien, es werde tagelang +schneien. + +</p><p>Ralf solle seinen Schnurrbart kauen und ihm +die Pfeife geben. Wie? Yup werde länger brauchen? +Yup wisse, daß nur für vier Tage zu essen da sei. +In vier Tagen werde Yup den Transport herbringen. +Heiho! Yup. + +</p><p>Ganz andere Fahrten hätte Yup gemacht. + +</p><p>Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott. +Und wenn sie morgen früh einen Tunnel nach seinen +Stiefeln machen müßten durch den Schnee, die +Stiefel blieben draus. + +</p><p>Ein glühender Tag sei es gewesen, hinten am +Gebirg, der plötzlich wie ein Signal an der Eisenbahnstrecke, +die Yup drei Tage von hier kreuzen +müsse — also der wie ein Signal umgeklappt sei +in eine stechend kühle Nacht. Sie hatten auf dem +heißen Felsen gelegen. Die Knochen hätten gebrannt, +das Hirn geglüht, aber sie hätten gefroren. +Der Schein des Feuers wäre die Felswand hinaufgeklettert, +aus der sternüberhängten Nacht hätte ein +Fuchs gebellt, spitz und lang auslaufend. Manchmal. +Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm erzählt, +warum er nichts hören könne vom Wetten. Manches +habe er schon früher geahnt, denn Yup habe dies +schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm aber +auch erzählt, warum er nicht verheiratet sei trotz +dem Ring an seinem Finger. Yup habe ihm alles +erzählt. So: + +</p><p>„Er war fünfundzwanzig Jahre, Yup Scottens, +und hatte ein schönes Geschäft. Es war seine Erfindung, +auf Emailleschilder eine grüne Schrift +anzubringen, die abends leuchtete. Die Fabrik lief +famos. Yup bastelte an neuen Erfindungen, ritt, +spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren +Leute, ähnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte +Schuhe an den Füßen — ich sehe dich nicht an, +Tim Porker —, aber sonst waren sie wie wir, hatten +knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell +säuberlich in eine Ecke hin, fuhren sechs Tage, +immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau +durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich, +und keiner wußte anders, als daß sie zusammengehörten, +einer zum nächsten, jeder zum +andern, sich herausbeißen würden und ginge der +letzte Zahn zum Teufel, immerfort, daß sie beisammen +bleiben müßten. Stets. + +</p><p>Nun lernte Yup eine Miß kennen, die Laura +hieß. Ein komischer Name — aber er verliebte sich +in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst +ging er Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei +Abenteuern; trotzdem er den Weibern gefiel — er +sagte es nicht —, aber er besaß früher eine volle +Brust, ich sah es, und schöne Beine. Jetzt allerdings, +ja, jetzt sind sie nach innen gebogen und +haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht, +Kinder, Yup hatte gerade Beine, jetzt aber sind +sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist. + +</p><p>Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist +auch egal. Hat ein wenig gestottert und mit einem +glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe weggeschaut, +denn er hat sich, glaub ich, geschämt. Ihr +begreift das nicht, kann euch auch einerlei sein. +Ich habe einen Stein nach einem Fuchs geschmissen, +der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt. + +</p><p>Yup Scottens verlobte sich nun mit Miß Laura +und ging alle freie Zeit zu ihr. Die anderen begriffen +das nicht. Sie hatten das Gefühl, als sei +etwas aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup +Scottens. Sie versuchten ihn wieder zu bekommen. +Aber er erschien nur noch selten. Dann erzählte er +von den Haaren der Miß Laura. Das war ihnen +langweilig, begreiflicherweise. + +</p><p>Da sprach eines Abends, wie Yup da war, einer +von dem neuen Postzug, der über tausend Meilen +laufe von Morgen bis Sonnenuntergang. Man +hatte die eigenartigsten Sicherungen angebracht, +um Anschläge und Überfälle zu vermeiden. Patentschlösser +wie Signalschellen nach den verschiedenen +Waggons und gleichzeitig zu den Stationen rückwärts +und voraus schnitten Diebstähle ab. Das +Personal kontrollierte sich selbst mit Stechuhren +. . . Jeder kannte andere Schwierigkeiten. Einige +widersprachen und sagten, Eingriffe seien doch möglich. +Nun stand einer auf und erklärte, daß es unmöglich +sei, überhaupt an den Zug heranzukommen, +da er die ganze Strecke laufe ohne Anhalt. Von +früh morgens bis abends ohne Station. Blinde +Passagiere seien bei dieser Kontrolle ausgeschlossen. +Nun standen sofort zwei Parteien gegenüber. Yup +schrie natürlich mit denen, die behaupteten, man +könne blind fahren. Man drängte zum Austrag, +einige schlugen Wetten vor. Plötzlich ward es stiller. +Nur Yup schrie noch. Innerlich dachte er nicht +daran, es zu tun, was er in der Möglichkeit der +Ausführung verteidigte. Einige versuchten, ihn auf +seine Behauptungen festzunageln. Yup lacht noch +scherzend. Da fiel wo das Wort „verlobt“. Und +mit einem Male stand wie eine Fahnenstange aufgerichtet +die Tatsache da, daß Yup fahren würde. Daß +er die tausend Meilen fahren werde als blinder Passagier +gegen den simplen Einsatz von hundert Dollars. +Mehr als dreihundert war die Strafe, wenn man +ihn erwischte, und einige Tage Gefängnis dazu. + +</p><p>Yup Scottens ging den Abend zu Miß Laura, +küßte sie auf das Haar und dann auf die Augen +und sagte ihr, daß er am Morgen mit dem Zug +verreisen müsse für ein paar Tage. Dann schlief +er auf seinem Sofa ein wenig, bis die anderen kamen. +Sie machten aus, daß einer in dem Expreß, der +dem Postzug in kurzem Abstand folgte, nachfahren +solle. Hatte Yup die Endstation erreicht, ohne gesehen +zu sein, und den Zug ebenso verlassen, hatte +er gewonnen. + +</p><p>In der Dämmerung gingen sie an sechzig Meter +von der Station am Gleise entlang und legten +sich hin. Yup kauerte sich etwas weiter an den +Damm und legte das Ohr auf die Erde. Ganz +langsam wickelte der Zug, der sehr groß war und +den drei Lokomotiven zogen, sich aus der Halle und +setzte gerade bei Yup die erste Geschwindigkeit ein. +Yup hatte seinen Rock ausgezogen, um freie Arme +zu haben. Yup trug damals noch einen Rock, aus +dem ein Stück blitzendes Hemd herausschaute mit +Knöpfen drin, wie ihr es bei den Herren seht, wenn +wir im September zur Kommission hinunterreiten. +Er warf ihn dem Partner zu, der ihn im Expreß +verfolgte, und griff fest nach dem Ende eines Wagentrittbretts. +Dann machte er eine Drehung und saß +darauf. Der Zug raste bald, Yup hing am Brett, +dann legte er sich längs auf den Bauch, aber trotzdem +blies ihn der Wind fast herunter. Er sah, +daß er so nicht bleiben könnte. Später würde der +Zug noch rascher fahren, in einer halben Stunde +würde es hell sein und von jeder Station würde +er signalisiert werden. Stöhnend und ohne Atem +vor Wind schob er sich vor. Er preßte sich fest auf +das Holz. Keine Muskel durfte nachlassen. Das +Gesicht strich, während er vorwärts kroch, den +Schmutz von dem Trittbrett, ein Splitter stach ihn +in die Wange. Plötzlich wurde der Zug in eine +Kurve hineingerissen, und Yup flog nach vorn, die +Beine fielen seitlings herunter, blieben aber auf +einem Reifrahmen stehen. Den Augenblick benutzte +er, einen der Bügel am Ende des Waggons zu +fassen und sich anzuklammern. Die Beine ließ er +los und schwebte sekundenlang an den Armen +zwischen zwei Wagen, den Körper mühsam angezogen. +Er schnellte einige Male mit den Füßen +nach den Puffern, bis er sie erreichte, griff mit den +Händen nach und stand nun auf der Kuppelung +zwischen zwei der langgestreckten Waggons. Der +Wind belästigte ihn nicht mehr. + +</p><p>Rechts und links waren an den Wagenseiten +ovale Haken, die dazu dienten, die Züge heranzuziehen. +Er steckte die Arme hindurch, daß +die Ringe, ihn haltend, in den Achseln saßen, +mit den Füßen stand er auf den Puffern. Der +Zug lief hundertzwanzig Kilometer die Stunde. +Yup dachte, es die zwölf Stunden schon auszuhalten. + +</p><p>Yup hatte sehr viel Kautabak mitgenommen +und kaute stundenlang. Mählich fühlte er aber, +wie das Blut ihm in den Armen stockte und ein +Schmerz ihn in den Rücken stach. Doch er kaute +weiter. In der Nähe der Stationen zog er den +einen Arm aus dem Ring und bückte sich ein wenig, +als schaue er nach der Federung des Wagens. +Dann sah er jedesmal, wie längs dem Wagen +hinter ihm eine große Gabel vorschoß und die Postsäcke, +die wie an Galgen hingen, packte und einzog. +Nie hielt der Zug. + +</p><p>Gegen Mittag merkte Yup, wie ihm die Augen +zuklappten. Er trat von einem Fuß auf den anderen, +er stampfte auf, bog sich in den Kniekehlen — langsam +fielen die Augen zu. Nun stieg Wut in ihm +auf. Aber der Schlaf war stärker als er, Yup fühlte +es genau. Wenn er einschlief, fiel er herunter, das +wußte er. Ganz zuletzt, schon halb bewußtlos, fiel +ihm ein Ausweg ein. Er löste seinen Gürtel und +knotete damit mühselig eine Fessel um die Hände, +nachdem er die Arme durch die Ringe gesteckt hatte, +Jetzt konnte er unmöglich mehr abstürzen und schlief +ein. + +</p><p>Manchmal wurde er wach, dann schlief er wieder. +Es wurde kühler. Ein Druck, als hätte er blutige +Ränder um die Schultern, zwang ihn endgültig +aufzusehen. Auch im Genick fühlte er nun Schmerzen. +Sofort fing er an, mit den Beinen aufzutreten. +Er atmete auf, als es ging, wenn auch schwer. +Doch die Bewegungsmöglichkeit der Arme schien +ganz gehemmt. Eine Stunde, noch länger, wippte +er mit den Achseln auf und ab, hob sich auf die +Zehenspitzen aus der Spannung der Ringe heraus +und wieder zurück. Endlich merkte er, daß Blut +wieder sickernd und schwach den Oberarm hinunterfloß. +Es war höchste Zeit. Mühselig löste er den +Riemen von den Handgelenken, als er die Finger +einigermaßen wieder bewegen konnte. + +</p><p>Es war wirklich höchste Zeit, Boys! Denn es +war Abend. Denkt an den Indianer, der den +Büffel, auf dessen Rücken geschnürt er hinausgetrieben +war, qualvoll geblendet und, die Finger +in seine Nüstern vergraben, tagelang erdrosselt hatte +— und den wir schier verhungert an den Hügeln +fanden . . . so ähnlich ging es Yup. Der Zug +raste. Die Lokomotiven wurden im Fahren gewechselt. + +</p><p>Endlich, endlich pfiff die vorderste Lokomotive. +Die beiden anderen folgten. Der Zug lief langsam. +Er stand. Endlich stand er. + +</p><p>Yup ließ sich herunterfallen. Voll Öl und +Schmutz, schwarz, blutend im Gesicht, schien er +ein Heizer. Er sah schon lange nichts mehr, die +Augen brannten scharf, er fühlte nur ein heftiges +Zucken im Kopf. Trotzdem ging er mechanisch in +das Restaurant, setzte sich auf eine Bank und spie +seinen Kautabak aus. Dann erst fiel er um. + +</p><p>Drei Tage schlief er im Lazarett. Am vierten +ließ er nach dem Partner aus dem Expreß fragen. +Er hatte ihn noch nicht besucht. Ärgerlich, daß er +nicht zu finden war, telegraphierte Yup nach Geld +und fuhr am fünften zurück — mit einem Elektrisierapparat, +den er jede halbe Stunde an seine Schultern +setzte. + +</p><p>Er schellte am Hause seiner Braut, der er telegraphiert +hatte. Die Verwandten prallten zurück. +Das Mädchen lief fort und schrie. Man war verlegen. +Plötzlich brach die Mutter der Braut in +wildes Weinen aus. Nun sprach sie leis, aber es +schlug grausam auf Yup herunter. + +</p><p>Der Expreß war entgleist. Eine Weiche war +herumgeworfen worden, aber sie hatte zu spät funktioniert. +Der Postzug, dem natürlich der Anschlag +galt, war schon vorbei, der folgende Expreß +sauste die Böschung hinunter. Unter den halbverbrannten +Leichen ward eine als die von Yup +Scottens nach einer aufgefundenen Brieftasche +legitimiert. Es war Yups Partner, der Yups +Rock trug. Der Telegraph brauste, die Namen +der Toten standen an allen Mauern. Währenddem +schlief Yup, mit gefesselten Händen zwischen +den Wagen, hängend wie ein Sack. Miß Laura +war nicht ohnmächtig geworden, als sie hörte, Yup +sei tot. Aber sie sprach nichts mehr. Sie erkannte +niemand mehr. Auch Yup nicht, als er zu ihr sprach. + +</p><p>Yup streichelte sie und sagte zu ihr, daß er Yup +sei. Vielemal erzählte er ihr alles. Er erklärte +ihr den Irrtum. Dann ging er tagelang weg, +als sie sich nicht rührte, und brütete und wollte sich +töten. Denn Yup spürte, daß er schuld sei. Hätte +er ihr erzählt, wie es wahr war, von der Wette +(Laura hätte ihn lächelnd gewähren lassen, so bitter +sie nach seiner Abfahrt geweint hätte, aber er wollte +ihr keinen Kummer machen), hätte Laura gewußt, +daß die Nachricht von seinem Tod irgendwie ein +Irrtum sein müsse. So hatte durch seine Unaufrichtigkeit +sie das überganglose Begreifen des Verlustes +wie eine Faust mitten in ihr Gesicht getroffen. +Yup dachte aber auch, daß er nicht hätte +zu wetten brauchen, daß er es wegen Laura vielleicht +nicht hätte tun dürfen (darüber war er sich +allerdings nicht ganz klar, denn Laura hatte ihn +immer angehalten, den Instinkten seiner Kraft +nachzugehen, wohl weil sie fühlte, daß ein Versagen +ihn dumpf auf die Dauer und ungleichmäßig +ihr gegenüber machen würde), und er fühlte, indem +er überlegte, daß er nur gewettet hatte, weil +einer wegen seiner Verlobung seinen Mut bezweifelt +hatte. „Verlobt“, hatte einer gerufen, und +Yup sann so lange über den Klang der Stimme, +bis er wußte, daß es Gerd Robinson war, der so +gerufen hatte, aber als er mit dem Revolver zu +ihm ging, erfuhr er, daß Gerd verschollen sei seit +dem Unglück. Später fand man ihn. + +</p><p>Yup ging nun wieder zu seiner Braut, legte +ihre Hände zusammen und sagte ihr wieder alles. +Boys! ich hoffe, daß keiner lacht, denn es wird +dunkler und ich kann eure Gesichter nur undeutlich +noch sehen, Boys, — Yup Scottens setzte sich +in die Knie und beugte sich nach dem Ohr seiner +Braut und flüsterte weinend, sie solle ihm verzeihen. +Laura! stammelte er, ich bin Yup, ich lebe. + +</p><p>Aber sie sah starr gerade aus. + +</p><p>Tagelang saß Yup bei ihr. Manchmal sprach +er lange kein Wort. Dann rief er ihren Namen. +Stundenlang rief er: Laura! Wie ein grüner +Papagei schreit, rief ers. Da nahm man sie weg +von ihm; eines Nachts, ohne daß, er es merkte. +Nach ein paar Tagen verschwand auch Yup. Er +schlug sich in unsere Gegenden. + +</p><p>Einmal vor zwei Jahren war er einige Wochen +verschwunden. Mitten in der Biberzeit geschah +es, und Yup verlor die Hälfte seiner Jahreslöhnung. +Damals war Yup noch einmal bei ihr. +Niemand wußte es. Es war damals, als er nachts +oft lachte und den Mestizen durch das Fenster erschoß.“ +— — — + +</p><p>Man solle nicht zu viel an dem Feuer schüren. +Es brenne von selbst. Ralf solle mehr algerischen +Tabak geben. Die Pfeife sei aus. Er brauche +das Bowie-Knife da drüben. Danke. + +</p><p>Es sei ganz dunkel geworden und doch noch so +früh. Morgen werde man wund und schweißig +vor Arbeit in der Kälte. Gut, daß die Pferde +nicht so eng gepflockt seien. Tim Porker solle, verdammt +und zum letztenmal, das Maul halten. +So wahr er ihn kenne, er setze ihn zu seinen Stiefeln +hinaus, bei Gott, in den Schnee. + +</p><p>Ob einer wette, daß Yup nicht in vier Tagen +da sei — — — + +</p><p>Keiner? + +</p><p>Man solle die Tür aufmachen! + +</p><p>Weiter! + +</p><p>Man solle die Tür ganz weit aufmachen! + +</p><p>Maßlos flockte der Himmel auf das bleierne +Land. + +</p><p class="center">Ende + +</p> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN *** + +***** This file should be named 31376-h.htm or 31376-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/3/7/31376/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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