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+The Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die sechs Mündungen
+ Novellen
+
+Author: Kasimir Edschmid
+
+Release Date: February 23, 2010 [EBook #31376]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN ***
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+
+Produced by Jens Sadowski
+
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+Transcriber's Note:
+Double quotation marks have been encoded as » and «. The Table of
+contents has been moved to the front of the book.
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+Die sechs Mündungen
+
+
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+Novellen
+
+von
+
+Kasimir Edschmid
+
+
+
+
+Kurt Wolff Verlag
+
+Leipzig
+
+
+
+
+Zehntes bis zwanzigstes Tausend
+
+Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+
+
+
+Hof- Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar
+
+
+
+Diese Novellen, die die sechs Mündungen
+heißen, weil sie von verschiedenen Seiten
+einströmen in den unendlichen Dreiklang
+unsrer endlichsten Sensationen: -- des Verzichts
+-- der tiefen Trauer -- und des grenzenlosen
+Todes -- sind geschrieben zur einen
+Hälfte im Herbst Neunzehnhundertdreizehn
+und im folgenden März zum anderen Teil.
+
+Sie sind gewidmet dem
+
+Doktor Heinrich Simon
+
+
+
+ Inhalt
+
+ Der Lazo . . . . . . . . . . 1
+ Der aussätzige Wald . . . . . 33
+ Maintonis Hochzeit . . . . . 69
+ Fifis herbstliche Passion . . 99
+ Yousouf . . . . . . . . . . . 129
+ Yup Scottens . . . . . . . . 201
+
+
+
+
+Der Lazo
+
+Raoul Perten verließ das Haus.
+
+Seine Füße stiegen die Treppe herunter, er fühlte es und die Bewußtheit des
+mechanischen Vorgangs erfüllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl keine
+Erregung in diesen Tagen vorangegangen war, und dies erstaunte ihn ein
+wenig.
+
+Es hatte ausgeregnet, die Erde strömte nach den Umwälzungen des Gewitters
+aus aufgerissenen Ventilen dankbaren Geruch in die Höhe. Zwischen den
+gelben Kieswegen lagen kleine schrägsteigende Dampfwolken, und die
+wassergefüllten ungeheuren Dolden der weißen Fliederbüsche betteten sich
+schwer, geneigt und getrunken in das Feuchte der Blätter, und als einziges
+Geräusch klang das Rieseln seiner ablaufenden Tropfen in der Luft.
+
+»Das ist alles so einerlei wie ungerecht,« sagte Raoul. »Wenn ich dies so
+durch die Nase ziehe, überjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines
+maßlosen Flugs. In fünf Minuten aber ist das vorüber und ich weiß nur noch,
+daß wir den Abend zu sechs Gängen soupieren, daß Onkel den Louis Schütz
+mitbringen wird, daß Blumenthal morgen (was macht es mir?) seinen zweiten
+Rekord feiern wird, übermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella mit dem
+Russen verschwindet. Und was geht das Wissen da all mich im Grunde an
+. . .? Onkel hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, daß man ihn den
+Abend drum feiert. Der Präsident wird gegen zwölf wie gewohnt seinen Witz
+erzählen. Rosenheim lacht durch die Nase. Mella wird im Orpheum meinen
+leeren Platz sehen, sich ärgern oder freuen oder auch nur erschrocken sein.
+
+Fiele ich dort an der Straßenecke in einen gewaltigen und (oh!)
+varietègrünen See oder sauste ich in einen grandiosen Backofen -- -- -- es
+wäre objektiv ganz gleich, ich würde mich in dem einen Falle nicht mehr
+erstaunen als in dem zweiten oder andere Bewegungen machen, man würde die
+Tatsache als eine kleine zwischenakthafte Sensation anständig, vielleicht
+graziös aufarbeiten -- -- -- ohne viel Verwunderung . . . nur Onkels
+bedauernswerte schwarze Glacès würden einige Tage lang steigen und sinken,
+monoton und heftig wie Pumpenschwengel . . . -- Doch dieses
+Möglichkeitsausdenken ist sehr langweilig. Monologe sind literarisch. Die
+Geste ist verwundert -- alt und blasiert. Bin ich blasiert? Bestimmt?
+Ehrlich? Nein! Wenn ich am Sonntag reite, den Dreß spüre, das leichte
+Keuchen höre aus der Gurgel des Gauls und von seinem Mundschweiß beschneit
+dahänge zwischen Zügeln, Rücken, Gegnern und Welt -- -- -- weiß ich, daß
+dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist. Auch wenn wir im Auto den Rhein
+hinunterrasen und dann quer über Holland und die mitteldeutsche Hypothenuse
+zurück . . . dann sitze ich nicht, Beine ausgeklemmt, weit voraus, das Rad
+zwischen zwei Händen hebelnd und von Zeit zu Zeit das kratzende Geräusch
+des bewegten Vergasers über das Gehämmer des Motors setzend . . . sitze ich
+nicht, braun, die Nase wie ein Akzent über dem eingummierten Gesicht mit
+dicken hellbraunen Lederhandschuhen auf dem Apparat -- -- -- vielmehr
+irgendwo bin ich darüber, in der Höhe, fliegend (doch keineswegs so wie im
+Aero: göttlich und doch gebunden!), sondern aus einer großen Ruhe heraus
+gewaltig herunterlugend und das Gefühl ruckweise wie Bissen genießend: Das
+weiße Netz der Landstraßen, hell, weiß, flimmernd vor Staub, sei eine
+Befriedigung, eine stolze Sache . . . die hellen Schläuche führten alle in
+eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden Horizont, dessen unermeßliche
+Offenheit anzuschauen so etwas sei wie ein Ziel.
+
+Allein wenn ich nach außen fasse, nach rechts außen, und den Hebel
+zurückschmeiße und -- der Wagen steht, so weiß ich: Alle Chausseen seien
+doch nur ineinanderfließend und auf das erste zurücklaufend nicht mehr als
+ein stumpf machender Kreislauf und eine Schlange, die sich in den Schwanz
+beißt. Mein Rücken sofort dann krümmt sich ein wenig wie im gutsitzenden
+Cutaway, mein Bizeps erlahmt in dem Ärmel, der wieder korrekt darüberfällt,
+sich erst an der Manschette von neuem erweiternd. --«
+
+Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel straßenweit und haben den
+Vorzug, in abenteuerliche Stimmung zu versetzen und den Weg aufs
+angenehmste zu verkürzen, da man sich hierbei des Gehens als physischer
+Erscheinung nicht bewußt wird. Daher war Raoul Perten schon tief in die
+Stadt hineingekommen. Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz vorüber.
+Der Wagen leerte sich beinahe völlig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen
+Herren schwebte plötzlich über Raouls Gesicht und sammelte seine ganze
+Aufmerksamkeit langsam auf sich. Raoul sah eine Hakennase, von der viele
+parallele kleine Adern nach den Augensäcken liefen und sich dort in einem
+Chaos von disharmonierenden Linien austobten. Die Ohren waren oval, steif,
+fast gespitzt und ganz hell.
+
+»Mein Junge,« sagte dieser Mann. Es war sein Onkel. Sie reichten sich die
+Hand.
+
+In diesem Augenblick, während dieses Vorgangs, der sich täglich in
+unzähligen Variationen, der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fünfzehn
+Jahre hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion (denn teils durch Zufall,
+einigerseits auch aus einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie in
+dieser Zeit kaum einen Tag getrennt gewesen), in der schamlosen
+Selbstverständlichkeit und Verbrauchtheit dieser Gebärde vollzog sich, die
+gewaltigste Umwälzung in Raouls Leben.
+
+Er stand da, den Stock auf der Spitze seines Schuhs, ihn oben leicht
+drehend, die andere Hand im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde
+daran gedacht hatte, sagte wie in einem Trance: »Ich werde ein paar Tage
+verreisen, Onkel« und diese Worte erstaunten ihn selbst nicht . . . und wie
+er ruhig die Scheine einsteckte, nein, wie er sie ergriff mit drei
+gespitzten Fingern, als der Onkel sie ihm reichte und ihn bat, doch
+jedenfalls den Abend da zu sein und daß er sich überlegen wolle, ob er auch
+mitkomme ohne die Frage, wohin überhaupt . . . da spürte Raoul in einer
+großen Erregung schon, wie sich neue Dinge in ihm von diesem seitherigen
+Leben schon wieder lösten und andere nachbrachen und in der angegrabenen
+Rinne der neuen Erkenntnis weiterrannen -- denn er begriff plötzlich, daß
+diese gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur irgendwie seinem
+Bizeps korrespondiere, und Mißverhältnis zwischen seiner Situation und
+seiner Anlage und Natur klafften ihm klar auseinander.
+
+Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol zusammen (»Ja! wie
+Stanniol« lachte er) und steckte sie in die Tasche. Er wartete, bis des
+Onkels Gang, der selbstbewußt und sehr nach außen war, nicht mehr sichtbar
+blieb.
+
+Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege nach Hause. Wie er die Treppen
+hinaufsauste, empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens. Wie sollte
+er die Existenz seiner Beine im Bewußtsein haben, wo er lief! Er kam bis
+unter das Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den Scheinen und legte
+sie ganz sachte in ein großes Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und
+setzte mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand kam, trotzdem er seit
+der Kommunion nie so hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte Spinne
+darauf. Worauf er lachte, ein Stück die Treppe hinabstieg, plötzlich
+niederkniete auf beide Knie und vor Entzücken einige Male in die Hände
+klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach Geld, die im ersten Stock
+lagen, packte, was er fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen herunter.
+
+Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen Zweig von der alten Vogelbeere
+und behielt ihn, leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging er. Ging
+ohne Erregung, Posse, Sentimentalität. Ging wie ein Passant, der eine
+stille Gewißheit hat oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch
+nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von einer Stelle, die einem so
+vertraut und dadurch so entfernt geworden ist, daß es selbst eine
+fabelhafte seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die Komödie einer
+Traurigkeit einzureden. Es war ihm, er sehe seines Onkels Schatten über
+eine Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein. Er kam auf die
+Straße. Da stand eine Laterne, die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen
+hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter. Aus einer Abendschule
+strömten Kinder, und wie er sah, daß sie begehrlich vor einem kleinen
+Bäckerladen standen, kaufte er einen Arm voll klebrige Sachen und warf es
+über sie.
+
+Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn er eilte übermäßig, weil ihm
+keineswegs klar war, wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er, und
+das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat aus und nahm ihn über den Arm. Es
+war dunkel. Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male einen ganz
+hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt war, eine saloppe
+und originelle Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und er nahm
+seinen hellen Mantel, nannte den Menschen seinen Freund und schenkte ihn
+dem, der überrascht sich oft verbeugte und vielemals »Sehr geneigt« sagte.
+(Er hieß Keybbell und war das an Willkürlichkeiten der Stunde nicht
+ungewohnte abonnierte Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf rannte
+er weiter und kam an eine Litfaßsäule, die grell erleuchtet war.
+
+An ihr entschied sich sein Schicksal.
+
+Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben sogen seinen Blick auf. Seine
+Haltung ward mit einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine auseinander
+und warf mit einer eigentümlichen Bewegung die rechte Schulter zurück und
+ging von dunklen und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden Regen
+einer schmalen Wolke hinein, die den silbernen Himmel rasch und scheu noch
+überschwamm.
+
+Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox das Negative des
+Mantelverlusts gewissermaßen zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer
+neu übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte es nicht, weil ihm
+schien, die Zeit der zynischen und geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er
+dachte kurz an eine Zigarette. Aber er zündete keine an.
+
+Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener Brust auf seinen großen
+Horizont zu. -- -- --
+
+Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck. Zehn russische Polen lagen
+im selben Raum mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein feuchtes
+Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch zu entschieden war. Denn es war
+ihm klar: daß es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten in
+irgendwelche Strudel hineinzuwerfen. Daß es vielmehr nötig sei, statt von
+einer Mittellage aus unsicher nach zwei Richtungen hin und her zu
+schwanken, von ganz unten her und ohne jede Voraussetzung die Welt zu
+durchstoßen nach oben hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun und an
+sich töten müsse. Das nasse Tuch aber lehrte ihn, daß viel schwieriger wie
+die Überwindung größter Leidenschaften der Verzicht sei auf gewohnte
+Zivilisierung. Aber er verzagte nicht. Drei Tage darauf nahm er an einem
+schmierigen Fest der Polen als Solosänger teil. Sein Bariton ward so zu
+etwas nutz, und seine Methode erwies sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen
+spielte er täglich Karten mit Hamburger Sträflingen, die noch den
+transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes hatten. Er fühlte schon,
+daß er steige. Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen hatte.
+
+Allein seine Haltung viel auf und seine Hände noch mehr. Er beobachtete den
+Gang der Matrosen und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel dann die
+Unsitte eines Freundes ein, der den rechten Fuß grundlos in einer kleinen
+Kurve bei jedem Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit dem
+Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf. Seine Hände aber schienen
+sofort demokratisch, als er sie einen Mittag lang zum Putzen einer
+verschmergelten Maschine großmütig auslieh. Längere Zeit umschlich ihn ein
+bärtiger Kerl aus Sachsen und erzählte ihm lange Elendgeschichten in der
+Art wie sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei Mark und hörte kaum auf ihn.
+Aber er sah gleich ein, daß diese Handlung töricht war, denn sogleich kamen
+andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte er auch dies: nahm den Hund
+und warf ihn die fettglänzende Treppe herunter. Und hatte nun Respekt.
+
+Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse zu vollenden, in
+diesen Tagen die erste Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte Tiere.
+
+Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New York. Es enttäuschte ihn nicht,
+aber es drückte auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt
+gegenüber völlig indifferent. Denn warum sollte ihm das eine größere
+Begeisterung oder eine Erweiterung seiner Seele verschaffen, daß hier die
+Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren wie sonst.
+
+Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er bescheidene Straßen sah.
+Dort mietete er und dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck. Es gab
+zuerst für ihn noch die Schwierigkeit der Sprache, denn von der Schule aus
+wußte er wohl, wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht glücklich
+mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen erlaubten ihm seine Kenntnisse
+noch nicht. Jedoch fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und Bewußtsein
+mehr wiege wie planloses Wissen. Er schien Chance zu haben. Da sah er eines
+Abends im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht zu fragen, warum.
+Er schenkte ihm nur sein Abendbrot, das er in der Hand hielt, und fuhr am
+folgenden Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt war ihm zuwider geworden.
+
+Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen: als Lehrer,
+Kindergärtner, Feuerversicherungsagent . . . doch ohne Erfolg. Er begriff,
+daß diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie zu bekannt seien,
+schlug sich an den Kopf, kaufte einen blauen Leinenanzug und von einem
+Nigger eine ölige Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter Schlosser,
+Chauffeur und Monteur. Ein Fabrikant fragte einmal: »Kannst du
+Milchseparators machen?« Er antwortete, es sei seine Spezialität. Am
+nächsten Tag erfuhr er, daß es Blechkonstruktionen seien mit einer
+einfachen Mechanik, so daß auf der einen Seite die Buttermilch, auf der
+anderen die Butter herausspritze. Er machte am ersten Tag so viel, als die
+Mindestzahl der Einlieferung betragen mußte, und bekam für das Stück fünf
+Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen weiter fertig. Jeden Tag
+hatte er einen Dollar. Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit sei
+zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen und deshalb weniger.
+Man kontrollierte ihn und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem
+Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei Dollars hatte.
+
+Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er stand auf und fragte. »Auf!
+rasch . . .« sagten sie ihm.
+
+Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt.
+
+Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er es auch. Ein riesiges
+Häuserquadrat stand in Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit roten
+Sternen um den Arm, und sie holten überall die Gegenstände des Wertes:
+Kassenschränke und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der Inspiration von
+Rippenstößen. Man gab ihm fünfzig Dollars dafür.
+
+Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß auf einer Papierkugel, die
+zehnmal so viel wert war. Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die
+Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und Umstand seines Lebens von
+damals. Er steckte die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche.
+
+Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen, fünf Tage spannte sich Land an
+ihm vorbei, heulte das Dunkel an die breiten Fenster.
+
+Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er rasierte sich, sprach mit den
+Menschen und las. In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den Linden
+oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete eine sichere Ruhe aus; doch er
+fühlte, daß er, obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden Sausen
+sich befinde, das überall um ihn war. Die Bekanntschaften dieser Tage
+erschienen ihm interessant wie kaum andere (obwohl er viele kannte, die
+faszinierender und berühmt oder bedeutend vor allem waren wie Blumenthal
+etwa, der Verse schrieb, Bucheinbände machte und eine Nacht mit einer
+ganzen Barbesatzung über Westdeutschland flog). Er empfand eine erstmalige
+Anteilnahme an den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten, es
+zuckte ihm in den Fingern, von dem zu wissen, was sie ausspie, wohin sie
+rannten, was Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff nicht zu. Es
+war nicht seine Zeit. Er schnitt alles durch. Stieg aus.
+
+Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher Haufe Hütten (wie im
+geduckten Bewußtsein, nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum.
+Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel mit Muscheln besetzt.
+
+Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen den fuhr er los, drei
+Tage lang, im Büffelwagen.
+
+Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung, und da sie ihm
+gefiel, nahm er Stellung als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die
+Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau nickte ihm kurz, freundlich
+zu. Die Tochter sah ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so dicht, daß
+ihr Ärmel den Staub von seiner Schulter fegte. Raoul fand, daß dies seiner
+Lage entsprechend sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden gelächelt
+hatte, biß er die Zähne zusammen und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte
+und ihren Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug.
+
+Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt: Revolver, Lazo, seidenes
+Halstuch. Im übrigen erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über das Leder-
+zum Seidenlazo zu kommen, ist die Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt
+noch etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich Köstlicheres.
+Das ist der Lazo aus geflochtenen Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in
+seinen Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins ist, weil er zuviel
+säuft und schießt. Denn ein oder zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu
+verzichten, um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen dafür, ist eine
+Sache, die komplizierter ist als die letzte Wissenschaft oder mit Größe in
+den Tod gehn. Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen war stolz
+auf ihn, und siehe: breite Silberringe unterbrachen seinen Lauf.
+
+Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten und nickten ihm zu. Einige
+gaben ihm die Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte mit einem knappen
+Einknicken der Hüften: »Heinz Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings
+selten mit vollem Titel angeredet.« Die übrigen schauten dumm, weil er es
+deutsch sagte. Doch Raoul liebte ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das
+Originelle der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische
+stilisierte Form des äußerlich Verkrachtseins nicht zu. Dagegen schloß er
+sich zusammen mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß er im
+Augenblick ungefähr im Steigen auf der Höhe angekommen sei, die dieser
+Bursche hatte. Nämlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit des Auges, die
+den Dingen und besonders dem glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer
+bereit und sicher war.
+
+Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn.
+
+Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu reiten. Da nahm der Freiherr
+die Kugel aus einer Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und schoß
+ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein angedrehter Springbrunnen flog das Tier
+in die Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der Erde. Wut stieg ihm in
+die Fäuste, aber er entkrallte die Hände wieder, faltete sein Gesicht in
+Ruhe. Er wußte, er würde in einigen Tagen besser reiten als der Freiherr
+und empfand auch dies als Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen.
+Aber da die anderen gelacht hatten und das bös war, bat er den Freiherrn,
+eine Flasche mit der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt von ihm.
+Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe an und hielt sie, und Raoul
+bluffte sich damit in alle Achtung und Bewunderung zurück, daß er
+seelenruhig zum Hals hinein und den Boden heraus schoß. Und keiner lachte
+mehr.
+
+Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst von der Farm ein Buch. Er hob es
+auf. Longfellow: Hiawatha . . . Helen stand vor dem Hause und knotete ihre
+Zöpfe auf. Und er vergaß sich und redete das erstemal zu ihr, und gegen
+seinen Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene Formen
+wieder in ihm auf, und er sprach, daß er das Buch gefunden hätte und daß er
+wisse aus seiner frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und daß er es ihr
+bringe; denn er glaube, daß es nur ihr gehören könne und fürchte, sie hätte
+diesen Verlust als einen besonderen Schmerz empfunden. Und hier sei es nun.
+
+Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen und ihrem schwer beherrschten
+Erstaunen, daß er in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr
+sich selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen habe. Er merkte, daß
+es in ihm wüte, sah, wie sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem
+Körper, grausam und langsam wie Quecksilber sich hebt, bis er die Richtung
+seiner Augen traf. Da sagte sie: »Danke.«
+
+Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus Zorn gegen sich. Er schlief
+nachts schlimmer als die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte und
+betrank sich hin und wieder.
+
+Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin, das tat ihm wohl. Sie kam
+freundlich, und er wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber sie
+nahm ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts, während er von Europa
+sprach und sie Washington dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in einem
+Pensionat interniert war, und sie sprach französisch und er entgegnete
+ebenso, doch sie fragte ihn nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch
+leichte Aufträge, halb Wünsche mehr mit ausgeprägtem Akzent. Einmal sah er
+den Freiherrn sich wo beschäftigt machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob kaum
+die Schultern. Wie konnte der sie etwas angehn. Und Raoul liebte das
+Grenzlose dieser Verachtung und haßte sie darum gleich. Denn sie war über
+ihm und der Geist seiner Kaste saß in ihm.
+
+Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse des Verhältnisses, das
+zwischen geschenktem Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte (und der
+Teufel lasse sich von oben her unverdiente Sentiments schenken!), und der
+Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens hin und her vibrierte. Da gab es
+einen Tag, wo sie die Sache klärte, indem sie ihm mit ihrem Stolz wie mit
+einer Gerte über das Gesicht schlug.
+
+Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt mit ausgesprochen
+weichen und feinen Formen und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur.
+Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie erfreut, klopfte dem
+zitternden Tier den samtenen Hals und schien dankbar, bis sich im
+Weiterreiten eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer hochmütigen
+Bewegung ihren Lazo ihm hinüberschnickte und mit geschärfter Stimme sagte
+(und verzogenen Lippen): »Sie können ihn haben. Da! Er taugt mir doch nicht
+mehr.«
+
+Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal wieder rote Wallungen
+sein Gesicht zudeckten, er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte, ritt
+davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß es ein Ziel sei, sie zu besitzen,
+sie zu gewinnen. Gott, wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie
+er sich freute, daß er heruntergeschmissen war von ihrem achtungsvollen
+Interesse, in dem alle Handlung ihm gebunden war. Nun lag alles an der
+Gewalt seiner Hände.
+
+In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers aus England auf die Farm.
+Er hatte in New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen sehen. Er hatte
+vor, zwei, drei Wochen zu bleiben, ward aber nach ein paar Tagen schwer
+krank. Die gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim rissen eine Stange
+aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig Stunden hindurch. Dann waren sie
+wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie den Arzt, an der Stange
+zwischen sich die Apotheke. Die Krankheit war jedoch nicht schlimm.
+
+Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. Vielleicht hatte sie auf ihn
+gewartet. Sie war ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen. Dann blieb
+sie doch stehen und sagte mit einer Stimme, die so beherrscht war, daß die
+Verzweiflung aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten pfiff und mit
+einer Kälte, die kaum die Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies
+zugestoßen sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen . . . Sie
+stockte, denn sie empfand, daß sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle.
+Und stotterte, daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen würde
+. . . aber . . . nein . . . das . . . sie könne es ihm nicht sagen. Raoul
+begriff, daß es Zorn von ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu
+kommen, denn sie hielt ihren Stolz allein durch die Möglichkeit einer
+solchen Sache beschämt, aber er wunderte sich nicht und fragte nicht: warum
+sie das ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel, warf dem
+Freiherrn die Schlinge über und schleifte ihn ein Stück.
+
+Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte er einen Schuß und die
+Kugel. Zwei Tage darauf ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die
+Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne gekommen und hatte ihm den
+Schenkel gestreift. Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab, fand
+aber nichts.
+
+Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht, ehe er nach den
+Weideplätzen des Freiherrn ritt, nahm er Blei und Papier und schrieb seinem
+Onkel, er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst dazu komme, ihm zu
+schreiben, er sei jedoch sehr beschäftigt gewesen und habe die
+unmaßgebliche Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen. Er sei
+übrigens in Amerika, momentan wenigstens, für den Fall, daß der
+Präriestempel unleserlich sei. Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort
+ebenfalls unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche des Onkels, etwas für ihn
+zu tun, womit er ihn das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe, gar
+nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne Bedürfnisse sei. Vielleicht
+nehme er aber ihm zuliebe die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach zu
+kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem Haus befinde, dort am
+dritten Dachfenster aus dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu
+töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei präzisierten Wert an
+seinen Freund Jim zu schicken. Jim sei nämlich ein entzückender Mensch,
+Gourmand, und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun. Woraufhin sich der
+Onkel vielleicht entschlösse, die Gegend einmal zu besehen. Leider werde er
+voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!) nicht mehr dort antreffen
+seinen Neffen Raoul.
+
+Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. Wieder traf er Helen. Er
+hatte wegen seinem Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich, daß es ihr
+aufgefallen war. Sie war entschieden verlegen und hatte Ringe im braunen
+Gesicht. »Wohin . . .?«
+
+Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. Ganz ziellos und groß ins Weite.
+
+»Vielleicht -- das wollte ich sagen -- reiten Sie für diesmal mein Pferd.
+Ich kann heute nicht reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen
+. . . und dann (ihre Hand erschien hinter dem Rücken) . . . dann . . .
+nehmen Sie etwa auch meinen Lazo mit -- ?«
+
+Raoul zögerte.
+
+Sie: »Ich -- bitte.«
+
+Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war das beste Pferd im Umkreis. Wie
+leicht ihr Lazo war!
+
+Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten sie, einander jagend,
+einen großen Pferdetroß. Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken Keilen
+zwischen sie. Sie konnten nicht schießen. Die Lazos peitschten die Luft.
+Plötzlich riß zwischen den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch.
+Raoul spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in die Beine strömte unter dem
+Druck der entsetzlich pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust
+einschnürte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde. Die Arme waren
+angeschnürt, er konnte sie von den Ellenbogen ab erst bewegen.
+
+Es genügte. Eh' der Gegner anzog, ihn zu schleifen, zielte er, stemmte das
+Knie hoch, schrie etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel
+mitten durch den Kopf.
+
+Dann setzte er sich auf das Gras und schlug die Beine zusammen. Das da war
+ein Duell im Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte, was das sagen
+wolle, daß Helen ihm Pferd und Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr
+reich werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten, wenn er nach Süden
+ritte. Und sie war schön, war stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie
+liebe. Aber es schien ihm, daß er dann wieder da angelangt sei, wo er
+ausgegangen. Kein Himmel werde seine nächtliche Lockung über ihn wölben.
+Der Himmel würde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut. Das Leben würde
+nichts mehr zum Steigern für ihn haben. Er begriff in einer qualvollen
+Sekunde, daß er für dieses Leben und seine Ansprüche verdorben sei, weil er
+mit einem satten Punkt eingesetzt und mit einem Ende begonnen habe, und daß
+nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich selbst höher zu werfen und
+weiter zu steigern, und er begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so
+weiter ungebunden und von unten weiterstoßend möglich sei.
+
+Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen, daß er über Helen
+hinausmüsse und ihre Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre
+Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem, das ihren Trotz und ihre
+Erschütterung färbte . . . Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die
+Lider lange darüber. Dann erhob er sich.
+
+Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe, daß sie schnaubend allein
+nach Hause lief.
+
+Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein, daß er nun, wo diese
+Schmerzlichkeit weiter über sein Leben hinaushänge, das Alte und
+Schwermachende nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich kamen Zweifel, ob
+alles dies, was so qualvoll an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht
+doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen bestehe, die sich
+ineinanderfließend wiederholten im Hochhinaufgerissenwerden und in der
+Müdigkeit. Aber er schüttelte sie ab.
+
+Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein wildes Pferd, bändigte es und
+sprang darauf. Der Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen
+geflochten und mit Silberringen breit geschmückt. Raoul Perten ritt nach
+Norden zu. Und ritt und warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt
+aufwärts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in den Schwung eines
+maßlosen Trapezes und ließ den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen
+um seine Hände fahren -- -- . . . und ritt auf ein Stück Himmel zu, das
+sich wie ein blaues Dreieck zwischen zwei Hügel hineinbohrte und über dem
+ein Horizont aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden Rotunden
+kreisend wie ein von Rätseln durchstochener Schild.
+
+Der aussätzige Wald
+
+ Benoit de St. More:
+ Ceste historie n'est pas usée
+
+
+Jehan Bodel, Sire d'Arras ritt durch den Wald.
+
+Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung keine Waffen außer dem
+kleinen damaskenischen Messer im Gürtel. Seine Arme hingen laß auf beiden
+Seiten des Sattels herunter.
+
+Nach zwei Stunden pfiff es scharf.
+
+Aus einem Gebüsch sauste ein Knäuel Menschen den Abhang herunter in die
+grelle Sonne. Einige hielten Keulen aus Holz in den Fäusten. Der vorderste
+tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig hochschnellend. In seiner
+linken Hand drehte sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere,
+deren Finger aus dem Fleisch herausgekrochen waren und die am Knöchel zu
+einem dicken roten Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges Schwert.
+Alle waren von furchtbaren Fetzen schmutzigen Tuchs umhängt. Geschwülste
+und Narben fraßen sich durch die Gesichter der meisten. Langsam rollte
+etwas die Böschung auf allen Vieren ihnen nach herunter, hob sich mit
+langen weißen Haaren, stand ehrfürchtig zögernd, die Hände in Bewunderung
+und Tasten hebend und streckte zwei rote leere Augenhöhlen mitten in das
+stechende Licht.
+
+Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war zu klein. Sein Blick fuhr
+herum. Nichts war im Bereich seiner Hände. Er trat einen Schritt zurück und
+spie aus vor Wut.
+
+Die Männer krochen wie Spinnen auf ihn zu. Ihr Anführer umtanzte ihn
+lautlos mit gierigen Sprüngen.
+
+Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde, hieb drei Kerbschnitte in den
+Oberschenkel, drehte das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar der
+Angreifer, ging zurück, streichelte rasch das schreiende Tier über Maul und
+Hals, tötete es und schritt lässig, hochmütig den freien beschienenen
+Waldweg weiter.
+
+Es bewegte ihn ein Gefühl: Zorn, daß er keine Zeit hatte, das Maultier zu
+töten, eh' er es verwundete. Er dachte nicht daran, daß er auf ihm hätte
+fliehen können. Jehan floh nicht.
+
+Kam am Mittag nach Erigny, wo großer Markt war. Viele Auslagen färbten den
+Platz bunt, und ein erschütternder Tumult bewegte sich über die Straßen.
+Jehan stellte sich auf eine Tribüne mitten im Platz, und als Ruhe war und
+Kopf an Kopf gesät sich gegen ihn schoben, verhieß er, vor Ekel
+geschüttelt, jedem, der im Wald einen Aussätzigen erschlüge, zwanzig
+Denare.
+
+Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug, einen schneeweißen
+Hühnerhund und eine Stute, deren Schweif den Boden peitschte.
+
+Er ließ alles an seinen Gasthof bringen, bestellte Spielleute und aß. Als
+er seinen Lieblingsfisch auseinanderlegte, schob sich ein Mönch durch die
+Tür und suchte zu Jehan zu kommen. Doch der Wirt spreizte die Arme und
+drückte ihn zurück. Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der Mönch
+bestand darauf und schwur lang und laut bei St. Vinzenz, bis Jehan
+aufmerksam ihn herbeiwinkte. Bis auf zwei Meter, denn er wünschte nicht,
+von seinem Atem belästigt zu werden. Der Mönch schlug ein Geschäft vor.
+Jehan aber machte eine so abweisende Geste, daß er zu winseln begann und
+schwur bei den runden Blutstropfen von St. Morant, Jehan werde nächtelang
+aus Reue seine Brust schlagen. Und wie er von dem gesättigten und
+zufriedeneren Mund des Gegenübers die herbe Strenge abfallen sah, stieß er
+hastig einen Schritt vor und sagte leis etwas.
+
+Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mönchs Fratze bedeckte sich aber mit
+einer fetten Vertraulichkeit und sagte und schwor bei dem Leibe der
+heiligen Afflise, die Ware sei gut.
+
+Jehan lachte ungläubig und edelmännisch und folgte ein wenig
+zurückgestoßen, mehr aber neugierig. Sie überquerten den Hof, schoben einen
+Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall . . . dann riß der Mönch
+eine verborgene Tür auf.
+
+Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein schräg in die Mauer gerammtes
+Bett enthielt, auf dem ein Mädchen kauerte in südlicher Haltung, von
+vielleicht siebzehn Jahren, die sich nun zu einer adligen und beschämten
+Haltung erhob und eine rührend große Schönheit entfaltete. Der Mönch wollte
+ihr die Tunika abziehen, allein Jehan wies ihn zurück, verbeugte sich und
+fragte, wie sie heiße.
+
+Sie sagte: »Beautrix« und sagte es in limusinischem Dialekt, dessen dunkle
+Schwingung Jehans Ohr entzückte. Sie hatte eine so schmelzend weiße Haut,
+daß sie unmöglich aus der Provence sein konnte. Der Mönch sagte: Aus
+Byzanz.
+
+Da kaufte Jehan sie ohne Prüfung um zweitausend Denare.
+
+Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen aus der Stadt. Jehan
+sprach nichts zu einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein wenig hinter
+ihm. Plötzlich kam ihnen Gebrüll entgegen, schäumende Rufe spritzten durch
+die leere und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag vom Huf der
+Tiere durch den mahlenden Sand.
+
+An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession an ihnen vorüber, Männer, die
+Fahnen trugen, schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit Säuglingen
+an den strotzenden Brüsten, Greise, die ihre müden Glieder vorwärts
+schnellten, und alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den Arm um die
+Weiber geschlungen und sich in sie verkrampft, Mädchen liefen mit gelösten
+Haaren und ließen sie vom Wind hinter sich aufbäumen, in die Männer wieder
+ihre Gesichter tauchten . . . und alle sausten singend und schreiend mit
+stampfenden Sprüngen vorbei.
+
+Beautrix errötete und wandte den Kopf, als der Zug vorbeischoß.
+
+Da wußte Jehan, daß er einen guten Kauf getan. Er schnallte seine Bügel
+hoher und hob sie herüber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier mit
+Gelächter, lachte, küßte sie und rannte mit ihr durch den Wald. Die Hunde
+jagten vor ihm.
+
+Er dachte nicht an die Aussätzigen. Denn er fühlte, wie die Glieder von
+Beautrix heiß wurden. Noch einmal küßte er sie. Da war es schon dämmerig
+geworden. Der Hühnerhund sprang vor ihnen hin wie ein weißer Strich.
+
+Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen Bogen gleich einer
+Augenbraue. Dumpf rauschend wie zwei Fledermausflügel zogen sich die Tore
+von Arras im Abend hinter ihnen zusammen.
+
+Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise und sagte es so zu Beautrix.
+Denn Jehan Bodel war (ohne daß er die kleine und falsche Schäbigkeit
+beging, es in seinem Leben auszudrücken und ohne daß es aus seinem Tun
+bewußt nur in einem Funken erhellte) der größte Dichter der Pikardie.
+
+Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen auf seinen linken Arm,
+und indem er sie mit dem andern an der Schulter stützte, trug er sie in ein
+großes getäfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures Bett stand, und sagte ihr,
+daß dies ihr Eigentum sei.
+
+Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer Dame im Westen der Stadt,
+der er dort ein Haus unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame sei in
+der Kirche, und er kam gerade recht, als sie die Abendmesse verließ. Er
+nahm sie und ein paar Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trübe Schenke
+in der Ecke des Platzes.
+
+Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das sie allein hatten.
+Holzpritschen mit Teppichen belegt umliefen die Wand und schlossen einen
+Kreis um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der Boden war mit
+leuchtend gelben und weißen Platten belegt. Es roch nach Wein und Rosen.
+Jehan ließ gemischten Wein kommen und nahm seine Dame neben sich. Eine
+Stunde später kamen noch einige Männer. Die Weiber lagen auf den Bänken und
+sangen.
+
+Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten. Eine Rote erzählte, die Zähne
+fletschend, was ihr ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie möge die
+Haare kürzer schneiden und als Mönch bei ihrem Orden eintreten. Und ob sie
+sich dann auch die Haare blond färben und den Namen »Innozenz« annehmen
+würde, fragte ein junger Mann . . . worauf sie beleidigt tat und ihm ihr
+Glas zwischen die Busenkrause goß. Ihm aber dann sich auf die Knie warf und
+ihn reuig in den Ohrlappen biß.
+
+Jehan ließ Gewürze in den Wein kochen. Sie tranken stark und lachten. Die
+Weiber schaukelten auf den Pritschen und lallten Gesänge und Lieder
+durcheinander.
+
+Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen, die ihm Stellung und
+Temperament zur sonstig mittelmäßigen Erfreuung -- mehr geduldet in der
+vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen -- machten, ließen ihn grenzenlos
+öd.
+
+War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm des Zimmers ein fremder Duft
+wie von Frauenhaaren, die er kaum kannte, an seinen Händen schwebe?
+
+Er begriff die Wandlung, faßte das Unbehagen nicht ganz in seinem bewußten
+Grund, aber ergriff es in brutalem Wohlgefühl wie die Lösung dieser
+Spannung, als er im Lauf des Abends von einer der anderen erfuhr, wie seine
+Dame ihn betrog. Und da (siehe) es wiederum ein Mönch war, dessen Schatten
+hier seinen Weg kreuzte (nur daß er nahm dieses Mal und nicht darreichte),
+lachte alles in ihm über den Ausgleich. Er stellte die Kanne, die seine
+Hand gerade umfing, nicht einmal weg, griff seiner Dame mit der Linken ins
+Haar und warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch die Tür. Erhob sich
+lächelnd und frisch und schenkte das Haus im Westen der Stadt jener, die
+zuerst fünf Glas Mischwein trank und ging aufatmend, den Kopf schräg nach
+dem Himmel hinaufgelegt, die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht.
+
+In einer Nebenstraße fiel es ihm ein: er klopfte noch an ein Tor und befahl
+einem Händler, dessen Kopf am Fenster erschien, daß er am nächsten Mittag
+mit seinen besten Sachen zu ihm komme.
+
+Die Dämmerung schlug sich durch die Straßen, und mit einem Anheben fingen
+alle Glocken an zu schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch sich die
+Hände und das Gesicht, stieg in den anderen Stock und öffnete in einem
+schmalen Ritz eine Tür. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix und wie ihre
+lichten Glieder im Morgen blitzten.
+
+Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei hinüber, Beautrix zum Essen zu
+holen. Es tat ihm leid, wie sie in dem weißen und groben und unreinen
+Kleid, das sie am vorigen Tage getragen, erschien. Allein ihre Bewegungen
+waren so, als ob sie nichts trüge oder so; als ob sie persische Stoffe über
+den Gliedern hätte und wie es Jehan in einer raschen Erkenntnis schien so
+in einem; als ob dies gar nichts bedeute für den Adel ihres Wesens.
+
+Während sie aßen, geschah etwas Seltsames; Jehan, der spürte, wie etwas, je
+näher er kam, etwas wie unbewußte und ungekannte Achtung sich zwischen ihn
+und die Sklavin schob, sah sie plötzlich in Tränen ausbrechen. Er fragte.
+Da wies sie halb lächelnd wieder auf ihren Teller und sagte, daß sie dieses
+Gemüse nicht essen könne. Es war Kohl. Jehan lachte sehr. Dann überließ er
+sie dem Händler mit den Stoffen.
+
+Am nächsten Morgen brachte er ihr ans Bett rote Blumen und Steine aus
+Alamanda. Den Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa:
+
+ Amic, s'eu vos tenia
+ Dinz ma chambra garnia,
+ De ioi vos baisaria,
+ Qar n'audi
+ Ben dir l'autre di.
+ Qant lo gilos er fora,
+ Bels ami,
+ Vene-vos a mi.
+
+
+Sie schürzte sich ein wenig und tanzte. Die Flammen zuckten auf dem
+Leuchter.
+
+Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar, das in Brunst war, und
+nannte sie: Silberne Drossel -- und blieb und küßte sie. Sie nahm keine
+Scham vor ihm und zog sich an, während die ersten Lichtstreifen den Boden
+kräuselten. Sie bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete sie.
+Vor drei Altären betete sie. Die aneinandergelegten Hände hob sie vor jedem
+hoch auf im Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsägliches
+ausstreuenden Gebärde. Als sie das Münster verließen, war der Ausgang
+versperrt. Eine Frau lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch und
+Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze standen um sie und neben jedem
+Kreuz eine armlange Kerze mit zuckendem rötlichen Licht. Einige Leute
+standen um die Büßende, die nicht aufsah. Beautrix zögerte.
+
+Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte die Frau. Er nahm Beautrix
+auf die Arme wie am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch den
+dunkel aufgewölbten Mund der Kirche hinaus ins Licht. Und setzte sie nicht
+nieder; trug sie so über den Markt. Als er in die Straße einbog, setzte ihm
+schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte er den Kopf: Schwarz, schäumend
+stand mit wehenden Armen die Dame vor dem Portal und nannte Beautrix eine
+Dirne.
+
+Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus.
+
+Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte keine Geschenke.
+
+Aber wie die Dämmerung die Schatten vom aufgewühlten Gesicht der Beautrix
+abpflückte, nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war die ganze Nacht mit
+ihr.
+
+Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix in jeder Frühe seinen Falken.
+Manchmal auch: silberne Drossel. Doch dies geschah selten und nur bei
+Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen das Fenster äderten und in eine
+überhitzte Glut anschwollen. Sie blieben einen kurzen Atem lang zitternd
+und wie ein Segel und zum Sprung gespannt in der Öffnung hängen mit
+gelbgrünen Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm und bebte ein
+wenig. Denn das bedrückte ihr Herz und war ähnlich wie das im höchsten
+Entsetzen zerbogene maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer. Das haßte
+Beautrix.
+
+Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy nach Rouen. Als er zurückkam,
+erwartete sie ihn lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn die weite
+Plaine heraufkommen. Er winkte ihr zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte
+ihr aus Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe schnurrte den ganzen
+Tag in seinem Bauer aus Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch. Da
+warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr eine weiße Blumennische bauen.
+Kaufte ihr einen ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und ließ ihr
+einen Hengst in den Stall stellen, der weiß war wie seine Stute. Denn ihm
+kam es vor, alles müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen,
+der ihm einen Falken brachte, der nicht so weiß war, wie er ihn verlangt
+hatte. Beautrix' Haut war das strahlende Licht und die ewige Lampe von
+Arras.
+
+Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem Schlaf und holte sie aus ihm
+hervor, und Jehan legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße und
+zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand bis übers Knie. Beautrix warf
+ein kurzes Kleid drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei Sternen. Dann
+nahm sie zwei Falken und Jehan nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und
+als einer der Vögel mit einem maßlos trunkenen Aufstieg abbog und in den
+kühneren Kampf aufstieß und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg und
+Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit einem Gesicht, das dies
+spiegelnd und das Übermäßige des Tages und dieses sich in das Heroische des
+Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, . . . da riß Jehan ihr den weißen,
+weiten Handschuh über Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den Unterarm
+aus unerträglich geschwellter Liebe. Sie ritten lang durch eine Ebene mit
+Weidengestrüpp. Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen.
+
+Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in einiger Entfernung später an
+den Pailletten erkannte, die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem
+Augenblick hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen
+Handschuh überreichte, indem er ihn lang küßte, während seine Augen nach
+ihr langten.
+
+Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll waren von Jagd und satt und
+behängt mit Glanz und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse, die
+glänzend und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen vom Gelächter einer
+der Frauen. Jehan ritt mit dem Ritter, der Girard hieß.
+
+Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von Schreien. Aufbäumende, in
+wüste lange Schnörkel sich ausgießende Laute röhrten aus der Ecke. Ein Mann
+in dicke Tücher vermummt, vor dem Gesicht die Larve, war an einen Pfahl
+gebunden, die Arme verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken hin
+und her in den fanatischen Konvulsionen eines Berauschten. Sein Kopf stand,
+am Hals in einer Klammer gefaßt unbeweglich darüber wie eine Plastik aus
+Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten und die Augen, groß, rund und
+aufgesperrt sich verdrehten. Über ihm hing eine Röhre, die ein Mann
+bediente. Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein Tropfen dampfendes Öl auf den
+Schädel des Gemarterten.
+
+Sie riefen und man antwortete aus einem Haus: es sei Thibaut de Nesle, den
+ein Aussatz überfallen habe und den man so strafe dafür, daß er es
+verheimlichte und nicht beim ersten Zeichen die Stadt verließ. Da schwoll
+Jehans Gesicht vor Zorn. Er erinnerte sich des Todes seines gelben
+Saumtieres, das ein Preis war von Toulouse, und er verdoppelte den Einsatz
+für den, der einen Aussätzigen im Wald erschlüge und setzte ihn auf vierzig
+Denare. Dann warf er den Kopf zurück. Er ritt genau vor den Ritter Girard
+und befahl ihm, dem Henker zu sagen, daß er dem an den Piroli Gebundenen
+fünfzig Tropfen heißes Öl mehr geben solle auf seinen Befehl. Er sagte es
+laut vor den anderen Reitern. Er sagte es laut vor allen Köpfen, die in den
+Fenstern liegend, in Kreisen den Platz umschnürten.
+
+Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge. Jehans Blicke stachen lange in die
+des Ritters, bis dieser langsam zusammensank und die Schande auf sich nahm
+und zu dem Henker sprach. Als er zurückkam, war er bleich und Tränen liefen
+aus seinen Augen.
+
+Der Aussätzige warf einen Schrei aus der Kehle der aufschwirrte und
+hinüberzischte wie ein Pfeil.
+
+Auch in Beautrix' Gesicht schwebte ein Weinen und ging nieder, als sie zu
+Hause waren. Sie fragte, warum er den Hohn über den jungen Mann getan hätte
+und zitterte, denn sie empfand, daß er grausam sei.
+
+Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh aus weichem weißen Leder und
+malte mit dem Finger die Stelle, die Girard geküßt hatte und sagte: »Ich
+hatte ihn sonst töten müssen.«
+
+Da empfand Beautrix in einer maßlosen Erhebung, wie sehr er sie liebte, und
+sie wusch sich viele Male den Leib mit Moro-Öl und byzantinischen Wassern
+am Abend, um ihn beflügelt und festlich zu empfangen und verzehnfachte sich
+in den sieben Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff und klar
+waren und deren Nächte überstrahlt über sie gingen, heller und furchtbarer
+als tausend Gewitter.
+
+Eines Tages erschien ein provencalischer Sänger und übernachtete in Jehans
+Haus.
+
+In dieser Nacht träumte Jehan Bodel, Sire d'Arras, er gehe durch einen
+Wald, dessen Bäume gebogen seien und tönten und sängen. Es war ein Lied,
+das ihn schmerzte. Er sah eine gläserne Tonne und floh in sie; sie bewegte
+sich, stürzte ab und über ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund
+eines Meers. Einige Zeit hörte er nur die klingende Musik des Wassers, das
+an dem Glas rieb. Dann kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar nichts
+als Meer, und die Endlosigkeit überfiel ihn und eine weite Leere umringte
+seine Gedanken, und wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine
+Blumenspritze seine Sinne zerstäubte und ihn machte, als schwebe er.
+
+Mittags ging der Provencale.
+
+Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der Normandie und wallfahrte nach
+San Jago de Compostella.
+
+Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare schwarz.
+
+Er reichte Jehan dankend die Hand.
+
+Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte er. Er nahm den Spiegel
+. . . und in die Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen zu einer
+Tiefe gehöhlt hatte, ergoß sich abstürzend, ihm neu und ihn zum erstenmal
+mit Maßlosem belastend, eine brandende Erkenntnis.
+
+Jehan legte die Hände auf den Rücken. Ging durch das Zimmer. Stunde um
+Stunde. Beautrix klopfte. Er hörte nicht. Sie rief, es sei Nacht. Die ganze
+Nacht lag Beautrix allein in dem großen Bett. Der Mond spielte um sie. Das
+war ihr neu. Sie griff nach ihm. Sie schloß ihn in die Arme und weinte.
+
+Jehan Bodel saß einen Tag reglos in einem Erker und sah durch das Fenster
+in die Stadt. Er saß auf einer schmalen Ottomane. Reglos standen zwei
+Säulen auf beiden Seiten neben ihm. Dann stand er auf, und Schaum lief von
+seinem Mund. Er zerriß die schwarzzurückgeschlagene Portiere, schlug mit
+einem Damaskener Fetzen aus seinen besten Schwertern und zerbröckelte sie
+dann in Stücke, daß seine Hände von Röte brannten. Darauf saß er wieder und
+starrte auf die Stadt. Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf der
+Erde und rieb sich den Körper mit ascalonischen Zwiebeln. Dann saß er und
+schrieb fiebernd.
+
+Beautrix wartete und klopfte.
+
+Er gab ihr kein Wort.
+
+Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, überströmend. Jehan biß die Lippen
+zusammen vor Schmerz und damit er nicht weine und sandte ihr lachend einen
+Kohlkopf, damit er ihre Liebe tötete.
+
+Aber er tötete ihre Liebe damit nicht.
+
+Nach einer Woche schwirrte das Gerücht durch die Stadt und die Umgebung,
+Jehan lese am Tage darauf sein neues Chanson.
+
+Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix ein. Sie lag, bleich, da sie
+nicht mehr aß, auf einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem Bett.
+
+Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn und mit ihm kommen.
+Sein Mund war streng. Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wies sie
+zurück. Da faltete sich ein Zug Trotz quer über ihr Gesicht, sie spielte
+mit dem Knauf des Bettes und regte sich nicht, wie er ging.
+
+Dann aber lief sie hinüber und schaute durch das maurische Gitter. Er saß
+auf der Ottomane wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen Augen
+geschmolzen war und wie sie glanzlos starrten . . . Da zögerte sie nicht
+mehr.
+
+Sie schlang den blauen und gelben Turban um die Haare und steckte sieben
+Dolche hinein und band an den ersten einen weißen Schleier, führte ihn
+unter das Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder an dem siebenten ein.
+Dann schloß sie um ihre kleinen Brüste ein weißes Mieder, das dünne
+gerötete Zwicken hatte an den Achseln, welche in die Arme liefen mit engen
+Ärmeln aus reinem Goldbrokat und zwischen denen die weiße Seide des Rockes
+hinunterströmte zu den gekreuzten Schnüren aus Hermelin und dem Passepoil
+mit roten und lila Augen.
+
+Sie gingen zusammen zum Markt. Eine große Masse bedeckte ihn und schob sich
+in Reihen durcheinander. Neue Ströme rauschten durch die Tore von außen.
+Vereine mit Talaren und ein Priester, der in rotbekleideten Händen eine
+Fahne hielt. Einige Partien sangen. Eine Schar Mädchen sang dann
+Sommerlieder, und der Rhythmus der Kommenden hakte in sie hinein wie das
+abgerissen Zanken von Papageien.
+
+Jehan ging auf das Gerüst. Hinter ihm stand der figurenvolle, schlündige
+Eingang des Münsters, aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grüßte
+lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel hing über dem Platz. Lachend
+gaben sie ihm den Gruß zurück. Dann wandelte sich sein Gesicht in eine
+undurchsichtige Strenge, und er las Li congie de Jehan Bodel d'Arras, das
+heißt, er sagte den Bürgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter unter
+ihm strafften sich. Sie spannten sich in eine atemlose Erregung. Einer hob
+die Hand. Alle hoben die Hand. Ein Sturm von Händen hob an und warf seinen
+Willen gegen die Brüstung, daß er bleibe. Und die Gesichter entstarrten
+sich und flammten auf in Ekstase und sie schrieen es. Sie tobten und
+stürmten vor.
+
+Da hob Jehan beide Hände zum Hals, hakte sie ein und riß nach zwei Seiten
+das Kleid auseinander und stemmte ihrem Schreien seine nackte Brust
+entgegen. Er breitete die Arme aus. Auf seiner Haut tanzten blaue Flecken,
+und ein rotes Geschwulst durchbrach die Brust.
+
+Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das Ungeheure.
+
+Die Arme sanken zurück Das Schreien ward Geheul. Männer rissen Weiber
+zurück von dem Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben verknirschte
+der Aufruhr und duckte sich. Eins gab es nur: Flucht! --.
+
+Einer wagte es noch, stieß die Faust in die Luft und brüllte »Pilori«.
+
+Doch er blieb allein.
+
+Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter wie im Wasser werde, kam
+etwas von ihm her und preßte die Menge vom Platz und warf sie in die Häuser
+und Straßen. Zwei trugen Beautrix ohnmächtig.
+
+Dann ward es still.
+
+Kein Ton. --
+
+Jehan lächelte: Wie in der Tonne.
+
+Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt nach dem einen. Es war ein Tor
+in einem Turm, der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen denen eine
+große Glocke hängt. In seiner Mitte quoll ein Auswuchs heraus, formlos
+gewölbt, wie ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan sah die Straße
+hinunter. Er sah niemand. Darauf schritt er zurück über den Platz nach der
+anderen Seite. Kein Auge stand an den Fenstern, die ihn anklafften. Er trug
+den Aussatz auf seiner Brust gerade wie ein Schild. -- Hier lief eine
+dunkle Passage durch kleine wüste Gassen.
+
+Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine Ärmel waren eng und trugen an den
+Gelenken Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn die Brust offen
+lassend, ein dunkelrotes Kostüm um seinen Oberkörper und rann dann unter
+dem Gürtel (aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander zu den
+Füßen, wo eine breite Pelzsäumung es aufhielt und ein Streifen aus Gold.
+Grün waren seine Schuhe.
+
+So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und hoffte, daß ihn einer
+erschlüge.
+
+Doch es erschlug ihn keiner.
+
+Sein Haus hatte eine breite Front. In den oberen Teilen lagen große Fenster
+mit Säulen. Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den Tag und die
+Nacht. Niemand kam. Jehan wartete.
+
+Niemand kam.
+
+Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und Reihen von Menschen zogen mit
+Kerzen durch die Stadt und zur Kirche.
+
+Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner Ottomane. Das Zimmer war
+verschlossen. Beautrix klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag. Sie
+rief weinend Jehans Namen. Sie warf ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte
+auf den Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte. Er hörte sie
+nicht. Die Tür knirschte kaum.
+
+Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand das Tor offen an Jehan
+Bodels Haus. Niemand kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend schaute
+Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor die Tür gestreckt wie ein feines
+helles Tier. Später zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die
+Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten.
+
+Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme aus dem Dunkel hervorklingend
+unter Jehans Zimmer die Geschichte von Amis und Amile:
+
+Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich und liebten sich. Da verführte
+Amis die Tochter des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen, aber
+Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man erkannte ihn nicht und gab ihm
+die Prinzessin als Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf sie, ließ
+er sie ihm zum Ehebett und ward aussätzig zur Strafe. Aber Amis tötete
+seine beiden Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund. -- -- --
+
+Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie auf, und am Morgen bot ein
+Mönch zwei Knaben an zum Verkauf.
+
+Jehan lehnte ab.
+
+An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür mit einem Messer und schälte
+Span auf Span heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus Eisen. Die
+Klinge brach ab.
+
+Da legte sie sich stumpf über die Schwelle.
+
+Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen die Tür, bis sie das Gefühl
+ihrer Hände verloren hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es
+schien, er schaue auf seine Hände. Da biß sie in das Metall der Klinke und
+sank blutend auf den Boden.
+
+Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die Tür auf in Jehans Haus. Sie
+spreizte sich auf, so offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein.
+Nacht. Die Nacht war so still, daß das Dunkel brauste.
+
+Wie . . . ?
+
+Stille, kein Ton kam durch die Straße.
+
+Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der Tür, eine Rinne Blut über
+dem Kinn. Er sah es. Allein . . . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane
+zwischen den Säulen.
+
+Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er sich. Er ging gerade auf die Tür
+und öffnete sie, Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der ersten
+Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände mit ascalonischen Zwiebeln, die
+die erste Ansteckung verhinderten. Langsam ging er darauf in das Zimmer von
+Beautrix. Er roch an den weißen Blumen in der Nische . . . der Kamin
+. . . das Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht aus Dijon. Er
+empfand wie der Papagei sich regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts
+mit derselben Drehung und die Täfelung und die Teppiche aus Palästina
+darüber. Er zündete Lichter an an der Wand, und sie blitzten auf. Sie
+spiegelten flackernd in runden Metallplaketten und bestäubten das Zimmer
+mit einer dünnen Schicht Licht, in der er es mit einem Blick noch einmal
+aufnahm.
+
+Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in die neue entsagensschwere
+Tiefe seiner Seele einzuschneiden, und er fühlte es nur als ein Wehtun auf
+der Oberfläche und ließ den Raum wie in Bedauern zurück. Dann öffnete er
+das Zimmer, in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib von Beautrix
+gelegen hatte. Er öffnete es in einem Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah
+die schmerzende Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den Geruch ein und
+sagte vor sich hin: Silberne Drossel . . . Scharf hoben in diesem
+Augenblick zwei Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an.
+
+Es wurde heller.
+
+Silberne Drossel . . .
+
+Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner Stute über den Hals. Sie
+sah ihn an. Da erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines Hirns noch
+einmal Bewußtsein von dem, was nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück.
+Ein Weinen riß sich in ihm los. Er legte seine Hand in das Maul der Stute.
+Die breiten Schultern zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen
+Lippen. Dann wandte er sich.
+
+An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück und als sei die
+Last zu schwer und damit er auch dieses tilge, ging er zurück auf das Tier
+und tötete es.
+
+Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens über die Straßen. Er ging
+vorüber, verächtlich an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen. Alle
+Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit der Prim. Es war hell, wie er
+über den Markt schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem Platz, sang
+laut und betete. Menschen kamen zur Kirche. Jehan ging durch sie hin und
+sie traten zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an diesem Tage noch
+seine Macht.
+
+Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er ging weiter, drehte sich
+einmal um. Die Tore waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer knieten
+die acht Türme auf dem Nacken des Bollwerks um das Tor. Er sah es sinnend.
+Dann schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen lag vor ihm. Wie eine
+Braue . . . schien es ihm.
+
+Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen Arm. Etwas Weißes trennte sich
+von dem Busch. Beautrix warf sich ihm entgegen:
+
+»Wo willst du hin?«
+
+»Nach dem Wald.«
+
+»Du nimmst mich mit!!«
+
+Er öffnete die Brust. Sie stampfte mit dem Fuß: »Es ist mir gleich.«
+
+Jehan sagte ruhig: »Nein.« Sie hielt ihn am Arm: »Ich will auch aussätzig
+sein. Was geht es dich an?« Jehan wandte sich von ihr. Sie trat schäumend
+in den Weg:
+
+»Du, der du mich küßtest . . . dort . . . das erstemal . . . schliefst du
+in meinem Bett Nacht auf Nacht . . . Weißt du, daß du mich hießest: Falke
+. . .«
+
+Jehan wußte es noch. Er sagte: »Ja« und nickte. »Silberne Drossel . . .«
+sagte er.
+
+Aber sie -- (die nicht begriff) wie alles in ihm getötet sei und daß alles
+Weibliche in allen Beziehungen zu tief für ihn liege und kaum die äußersten
+Ränder seines Horizonts noch streife, da sein Geist schon ganz eingerichtet
+war auf den neuen Sinn seines Lebens, der ihr entrückt auf einem fremden
+Schwerpunkt lag) -- warf sich auf seine Füße und weinte, daß er sie
+mitnehme. Doch er befahl ihr zurückzugehen. Sie wälzte sich und tat es
+nicht. Da schrie er sie an: »Sklavin!« und als sie erstarrt sich aufreckte:
+
+»Sklavin um zweitausend Denare.«
+
+Sie klammerte sich an ihn.
+
+Da stieß er sie zurück und schlug sie.
+
+Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein großes Stück helles Fleisch,
+durchrast und geschwellt von maßlosem Schmerz, auf der staubigen besonnten
+Straße. Wie waren die Blumen farbig auf den Wiesen! Wie legte der Morgen
+sich licht um die Welt!
+
+Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete Wallfahrern, die in Jericho
+Zweige gepflückt hatten. Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er ging
+auf die Seite, verbeugte sich.
+
+Einmal noch mußte er wenden. Der weiße Hühnerhund lief ihm nach. Er trug
+ihn in den Graben und tötete ihn.
+
+Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire d'Arras, trug das dunkelrote
+Gewand mit der Bordüre aus Pelz. Er trug den Turban aus Pelz. Seine Füße
+gingen in grünen Schuhen.
+
+So schritt er hinunter. Dann bewegten sich seine Lippen. Er sann. Sang ein
+Lied, das er wo gehört hatte. Es kam ihm wie durch einen Spalt: Von einem
+Freund . . . An einem Kamin in der Bretagne . . . Gasse Brullè? -- -- --
+
+Er wußte es nicht mehr. Seine Gedanken waren davon abgeschwommen. Er
+verstand den Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf, laut. Es war
+ein Liebeslied. Er sah auf seine Hände, die in Blut trieften:
+
+ Hé blanche, clere et vermeille,
+ De vos sont tuit mi desir;
+ Car faites en tel merveille
+ Droiture et raison faillir.
+ Quant je vos vueill a amie,
+ Droiz nel poroit otriier;
+ Se vostre grant cortoise,
+ De gentil dousor garnie,
+ Ne me deigne conseillier;
+ Mar vos oi tant prisier.
+
+
+Seine Haltung war stark und königlich.
+
+Mit einer ungeheuer schlichten Gebärde ging er auf den Wald zu, der ihm
+entgegenkam.
+
+Maintonis Hochzeit
+
+Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf. Ganz steil stand sie tief
+am Horizont auf der weißen glühenden Straße.
+
+»Es sind noch fünf Minuten«, murmelte Antoine.
+
+Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen; da nahm Antoine meinen Arm
+und zog mich unter die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen. Das Gras
+war am Rand der Chaussee leicht gelb. Im Schatten stand es satt und
+buschig. Wasser lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß. Nun
+sagte Antoine: »Fahren sie mit nach Paris!« Nach einer Pause wiederholte er
+mit eigentümlich gedehnter Betonung: »Paris.« Dann wandte er sich um und
+sprach ganz laut und anders:
+
+»Sie müssen nicht daran denken!«
+
+Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. Antoine kniff die Augen fest
+zusammen: »Er hat doch sein Ehrenwort gegeben . . .«
+
+»Kurz! Ich sah ihn«, erwiderte ich ungeduldig. Es klang vielleicht schroff.
+Antoine beugte sich ein wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. Die
+Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen Hügelzug verloren. Durch die
+ganze stille Luft hörte man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm
+Antoine beim Arm:
+
+»Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß ich mich nicht täusche. Ich
+weiß Ihnen gewiß Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie müssen doch
+einsehen, daß Ihre Argumente wertlos sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er
+sein Ehrenwort brach und doch wieder in einem Spielbad auftauchte, auf
+Grund der damaligen Verhältnisse verhaften lassen wollte, hätte ich
+durchaus keine Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium sind.
+In einer Stunde erst erreichen Sie die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon
+ab! Ich will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach, auf unangenehme
+Ideengänge zu kommen. Umsonst vergrabe ich mich doch nicht in die
+Pyrenäen.«
+
+Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten Baumganges ein und
+fachte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte
+ihn in die Schulter: »Der arme Perdican . . .«, flüsterte er.
+
+Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, legte er die Hand auf meine
+Schulter. Er sah mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. Darauf
+flog eine rasche Spannung über seine Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf
+einen Stein. Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem Knie hastig ein
+paar Worte. Ich nahm, etwas verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir
+eine Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen Straße die Post herbei.
+Antoine rief mir rasch zu: »Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen mit
+meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten Miseren!«
+
+Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und zogen die Ohren trotzig an.
+Antoine winkte. Sein Bart und sein schräges Profil traten bedeutend aus der
+Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. Die Diligence rollte um eine
+Ecke, und die Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen die Häuser.
+
+Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs las ich die Zeilen Antoines.
+Es mußte ein Dialekt sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte ich
+wieder an den Grafen Perdican denken. Er war ein lieber Freund. Sein Tod
+hatte ungemeine Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung sah
+man, daß sein Partner, dessen Wechsel er nicht einlösen konnte, Karten aus
+einer doppelten Manschette schüttelte. Man verband damals noch andere
+seltsame Themen mit seinem Namen. Es war eigentlich lächerlich, daß wir uns
+damit begnügten, ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu widersinnig.
+Damals hatte niemand hieran gedacht.
+
+Ich frug mittags in Tarragona nach meiner Adresse. Es seien höchstens drei
+Stunden zu gehen . . . Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. Ich
+sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam ein
+schmutziger Hausknecht. Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der Hand
+hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben mein Gesicht neigte. Da er
+nichts sagte und keine Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm
+Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. Nun las ich sie
+laut vor.
+
+Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück und streckte den Span
+mit gespanntem Arm noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich einen
+Augenblick scharf. Darauf verschwand er: ich hörte verhandeln. Ein Mann mit
+einem starken Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen erweckte, prüfte
+mich, während das brennende Holz mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich
+fremd sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine Antwort dumm vor.
+Ich zeigte Antoines Zeilen. Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. Dann
+forderte er mich ganz verändert auf einzutreten. Währenddem sagte er, es
+seien bis zu meinem Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als ich
+meine Auskunft über den Weg von Tarragona erzählte. Drinnen saßen noch drei
+Männer. Sie tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht hatten, stand
+eine harte Luft in dem Raum. Eine Lampe hing an Eisendrähten über einem
+Tisch.
+
+Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer nahm mich bei der Hand,
+verbeugte sich und sagte: »Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .«
+
+Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas, das ich wieder nicht
+verstand, worauf jeder mir die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank
+aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann ward ich müd. Auf einem Strohsack
+in einer Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich niemand mehr. Ich
+durchsuchte das ganze Haus. Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und
+ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung sein, als das hölzerne
+Geklapper eines Maultiers mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das
+Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin Pelayo.
+
+Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er stand vor seinem Haus und wusch
+sich den Oberkörper mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte sich
+zuerst, durchaus keine Notiz von mir zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann
+wiederholte ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen. Darauf stellte ich
+mich aufgerichtet vor ihn hin und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß.
+Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über seinen Arm laufen. Die Muskeln
+brachen wie Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig krümmte.
+
+Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt konnte mich betrogen
+haben. Nun nahm ich meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit der
+Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum wuchs etwas vor mir in die Höhe.
+Ich hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen Lage wie
+eine Kinderfahne.
+
+Ich erstaunte über die Würde des Mannes und seine unnatürliche Größe.
+
+Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir die Hand. Er fragte nach
+seinem Freunde Antoine. Antoine war doch ältester französischer Adel. Ich
+ließ nicht merken, daß ich verblüfft war. Ich redete rasch und abgerissen.
+Er schloß sein Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn noch größer
+machte. Dann rief er zweimal : »Maintoni . . .«
+
+Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen der Lider meine rechte
+Hand und zog mich ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang und traten in
+ein hohes Zimmer. Maintoni drehte sich um und rief hinaus: »Rodriguez!«
+Eine alte Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich hin. Maintoni
+küßte ihr die Hand und ging hinaus.
+
+Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen aus. Sein Körper war
+schlank und von wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das Gesicht wirkte
+in der Nähe kantig gegen die Harmonie des Wuchses. Die Nase war ein wenig
+zu lang.
+
+Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme hatte eine knarrende
+Biegungslosigkeit. Einige Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch vor
+ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte. Sie dankte, sprach aber
+weiter. Dann sagte er mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur noch in
+ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung kannte sie nicht mehr. Eine
+dichte Luftschicht, von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie körperlich
+und schloß hermetisch alle Berührungen mit der Welt ab.
+
+Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll die Hand, als er
+eintrat. Maintoni brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte der
+Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm seiner Tochter. Er trug einen Ring
+mit einem riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf, blendete er. Ich sah
+sofort, daß er echt war. Pelayo sagte zu Rodriguez, als Maintoni
+hinausgegangen war:
+
+»Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr Zimmer abtreten! Sie werden unten
+schlafen bis zur Hochzeit.« Ich wollte Einwendungen machen. Aber man schlug
+mich mit Freundlichkeit nieder. Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez
+erzählte mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde. Maintoni sei
+dann gerade siebzehn Jahre alt.
+
+Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf zusammen, daß das Gelenk knackte,
+und der bronzene Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er dehnte sich weit
+zurück, schlug rasch auf seine Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und
+an der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf. Dann erst konnte er
+wieder reden, so nahm ihn die Freude mit.
+
+Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als wir die Treppe hinaufstiegen,
+öffnete sich neben dem Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine
+eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus. Pelayo schloß rasch
+wieder. Ich fühlte, daß mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein wenig und
+wollte Maintoni fragen. Aber sie ging so ruhig vor mir, daß ich es ließ.
+
+Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde Hitze auf die Landschaft. Die
+Nerven lösten sich und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer aus hatte ich
+weite Schau und staunte über die Seltsamkeit der Gegend, die mit einer
+Welle von Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen das Haus prallte
+und sich hinunter nach Valencia zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus
+der, zäh und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet hinaufwuchs.
+
+Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin Pelayo von mir. Er ließ
+Maintoni allein mit uns beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging. Morgens
+liefen wir zwei Stunden südlich, wo der Postdampfer anlegte, und fragten,
+ob etwas für mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien ihnen fremd und
+eigenartig zu sein. Rodriguez tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das
+seine Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch nehme. Allmählich
+hatte er sich so in die Rolle hineingelebt, daß er meinte, seine
+Anwesenheit sei nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der die Post
+ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn herüberwarf und mit affenhaften
+Verrenkungen eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte er mich mit
+einer kleinen Gebärde von Ungeduld auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal
+allein gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als hätte ich ihm
+das Wertvollste anvertraut. Maintoni hatte eine stumme Verwunderung dafür.
+Sie strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief hin, beschaute ihn von
+allen Seiten und blieb mit einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens an
+den vielen bunten Marken hängen.
+
+»Hätten Sie sie gerne?« fragte ich lächelnd. Ich löste sie und reichte sie
+ihr hin. Da ging ein namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie öffnete
+halb den Mund. Zwischen den sanften Bogen ihrer Lippen traten die Zähne,
+die weiß und außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte sie rasch den
+Blick, bewegte den Arm einige Male wie streichelnd über den Gürtel, wandte
+sich langsam um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu Rodriguez hin. Er
+umarmte mich:
+
+»Hombre, si: Sennor!« Sie sind ein guter Mensch«, rief er enthusiastisch.
+Abends fuhren wir aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die heiße
+Stille des Tages zu einer bewegten Kühle, die einen Schauer von Ruhe und
+dämmerndem Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in dem Boot,
+dessen geschweifte Flanken in eine Spitze aufstiegen, die über meinem Kopfe
+stand. Maintonis Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez, dessen
+braune Rückenmuskeln im Takt des Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und
+wieder unter der Haut verliefen.
+
+Wenn die Sonne verschwunden war und die Berge um das Castel de Balaguer wie
+mit violetter Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt schienen, sang Maintoni
+eine Romanze, deren Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab ging.
+Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater, der vor fünf Jahren in Asturien
+auf einer Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm den Kopf
+abgerissen. Das Messer des Freundes schon im Herz, hatte es ihn mit einer
+der letzten Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen. Man mußte den
+Leichnam ohne Kopf begraben. Rodriguez schien bang:
+
+»Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem . . .«
+
+Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend. Er hatte die Hand fest gegen
+sein Knie gepreßt und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig:
+
+»Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben war und mit dem Kopf
+verschwunden ist . . .?«
+
+Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz die Brust berührt habe . . .
+
+Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber und verteilte ihn dünn und
+zärtlich über das Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand lag eine breite
+Klippe. Dort war, wenn die Flut nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen
+Gegend.
+
+Nachts schlug das Meer gegen den Strand.
+
+Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher. Es war am heißesten Mittag.
+Maintoni brachte eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und später
+Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen, und ich zeigte ihm ein paar
+Aufnahmen Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte ihm auch von dem
+Eindruck des Zettels auf den Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht
+hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht:
+
+»Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!«
+
+Ich lachte: »Da müßte der Diamant an Ihrem Finger nicht unter Brüdern
+zwanzigtausend Francs wert sein . . .«
+
+Es war, als hätte ich mit der Hand auf den Tisch gehauen. Alle wurden
+still. Rodriguez strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu ihrem
+Vater.
+
+Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser Lähmung lief an uns ab, wir
+rauchten, und als es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer
+heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen kniete sie nieder. Wir saßen auf
+der Galerie des ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer. Sie
+blieb lange unten bei der alten Frau, die immer mit sich sprach. Dann trat
+sie bescheiden heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in sonderbarem
+Widerspruch mit dem heroischen Risse des Gesichts. Nur die Augen linderten
+die Stärke der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie waren weit
+aufgebogen und leuchteten in hellem Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen
+von Hospitalitet.
+
+»Sor Gracia, meine Schwester«, sagte Pelayo.
+
+Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren. Die Linie der Küste zischte
+wie in versteckter Wut. Draußen an der Klippe sprang manchmal eine
+gepeitschte Welle springbrunnenhaft und heftig in die Höhe. Der Himmel nahm
+eine tiefrote Glut mit blauen Rändern an.
+
+Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom Kloster; und wie sie sich
+freue, am jüngsten Tage eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und Sor
+Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der
+gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.
+
+Am nächsten Tage kam der betäubende Duft wieder heftig aus dem Zimmer im
+Erdgeschoß. Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton durch das Haus
+von splitterndem Glas.
+
+Den Tag darauf legte sich der Wind ganz. In den Zimmern ward alle Stunden
+gesprengt. Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute zum
+Strand über die kleine Bucht, wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos
+lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines gelbes Tuch, das schlaff
+an einer Stange herabfiel. Wir schliefen den vollen Mittag. --
+
+Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte am folgenden Morgen. Sie wehte wieder
+am Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit ihr. Er legte sich in die
+Falten, drehte sich darin und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es
+von neuem hoch.
+
+Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an. Wir gingen am Strand entlang.
+Dann bogen wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis Haare glänzten
+kupfern. Wir trugen kurzgestielte Netze mit feinen Maschen. In kleinen
+Abständen blieben wir stehen und hielten mit kurzem Ruck die Laternen dicht
+über das Wasser. So schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein.
+Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran, das zuckende Heranschleichen
+der Aale zu beobachten. Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das Netz
+halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing keine.
+
+Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben.
+
+Es wurde hell, als wir nach Hause kamen. Maintoni hatte die gleiche Ruhe
+wie stets. Sie hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der Haut. Ich
+schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte, hörte ich, noch schlaftrunken,
+Stimmen. Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite, starke, die
+ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher Ausruf -- -- ein Wagen, der anzog --
+-- noch ein paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog mich weit über die
+Holzstäbe . . . . . .
+
+Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz knirschte. Ich fühlte, daß mein
+Atem pfiff. Ich sah es . . . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd
+Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte . . . es waren dieselben
+Züge, es war derselbe, den ich zwei Tage vor dem Tod der Frau von
+Montbellaire mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben, mit
+schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen, aus ihrer Loge stürzen
+sah.
+
+In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige Männer.
+
+Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute, in mich auf: Die Fahne wehte
+nicht mehr.
+
+Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht. Da drang ich in das Zimmer
+im Erdgeschoß. Ich hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz weit.
+Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich sah
+kurz ein Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich hinausgezogen. Er war
+höflich, schien aber verletzt. Er begriff meine Erregung nicht. -- -- Was
+sie gewollt hätten?
+
+Das Haus mieten oder so etwas . . .
+
+Es schien ihn gar nicht zu interessieren.
+
+In diesem Augenblick rief draußen einer der Knechte. Pelayo sprang hinaus.
+Ich folgte. Der Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe raste
+etwas herunter . . . an uns vorbei. Wir stürzten nach. Maintonis Kahn
+schaukelte leer draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte. Wellen
+mit breitem dunklen Rücken wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte
+es und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz. An einem Vorsprung
+hielt sich Maintoni mit gekreuzten Armen.
+
+Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust drängte sich heraus. Er bog die
+Hände vor die Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und aus dem
+qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes flog seine Stimme wie ein Schuß:
+
+»Ay!« rief er.
+
+»Ay! Maintoni -- --«
+
+Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez. Ich hielt das Steuer, sah
+sein Gesicht. Wie lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen
+wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe gehn. Maintoni hatte den
+Vorsprung umklammert und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand uns
+zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht. Wir wagten es nicht, zu atmen.
+Nein. Wir konnten nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge.
+
+Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht. Die Flut trieb es weg, während
+sie die Fahne einstrich.
+
+Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am Morgen sehr früh weckte mich
+Pelayo und fragte, ob ich ihn begleiten wolle.
+
+»Es wird zwei Tage dauern«, sagte er. Ich war dabei. Wir gingen Stunden.
+Wir schliefen den Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde dämmerig.
+Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen rauhe Bergwände einnistete. Ein
+abschüssiger Pfad führte zum Meer.
+
+Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die Fahne auf der Klippe bedeute. Ich
+hatte ihn gefragt, woher er Antoine kenne. Dann hatte ich gefragt, was das
+Geheimnis des Zimmers sei, aus dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch
+ich das Blitzen sah.
+
+Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei. Antoines Mutter sei aus dem
+alten Königsgeschlecht und in einem Zweige mit ihm verwandt.
+
+Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht mehr. Sie mußte schon lange tot
+sein. »Bei Antoines Geburt«, sagte Pelayo. »Dieser Familienstamm ist älter
+als der ganze europäische Adel. Antoine und ich entdeckten unsere
+Verwandtschaft, als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu lassen.«
+Das sei auch das Geheimnis des Zimmers: Sein Laboratorium. --
+
+»Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten. Es ist gefährlich,
+Sennor, wenn man weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden. Ich habe
+den Schmuck der Herzogin von Guise und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch
+geschliffen. Sie sehen, welche Werte ich manchmal im Hause habe. Die Fahne
+bedeutet je nach der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher komme.
+Das Schiff fährt an der Küste vorbei, und man läd hier aus.« Pelayo schaute
+angestrengt durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte er lächelnd:
+»Sie werden erstaunt sein, Sennor, . . . ein unbekannter Mann . . . hier in
+der Einöde . . . schleift den berühmtesten Schmuck. -- -- Ich habe in
+Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein System erhalten. -- -- --
+Maintoni soll glücklich werden«, fügte er ohne Zusammenhang hinzu.
+
+Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der dünne Ton einer Pfeife -- -- --
+Pelayo verschwand. Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging das Tal hinauf.
+Mohn wuchs im Gras. Wilde Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald
+mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe rauschte an mir vorbei. Leicht
+feucht war die Luft. Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen.
+
+Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie die Sterne über das Meer
+hinauswuchsen und mich traurig machten.
+
+Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem bettelnden Gendarmen Brot
+unterwegs. Maintoni weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht
+erwartet.
+
+Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es niemand sah. Maintoni hatte
+goldene, glänzende Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte
+Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen waren halb blau und halb schwarz und
+waren lang und so fein wie der Schatten einer Feder.
+
+Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus ausgehängt wurden, die Türen
+wurden geöffnet. Die Diener wehten mit Palmblättern Wind, wenn wir
+speisten.
+
+Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er setzte sich auf die Binsenmatte.
+Dann stand er wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne
+Kohlenbecken. Er sagte: »Sennor, Maintoni ist traurig.« Ich tröstete ihn.
+Ich sagte ihm: »Es wird die Hochzeit sein, Rodriguez.« Doch er schüttelte
+den Kopf.
+
+Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: »Ich bin nicht traurig. Ich freue
+mich, Sennor.« Aber Maintoni hatte rote Augen.
+
+Da sagte ich: »Maintoni! Rodriguez leidet sehr.« --
+
+Maintoni bekam große blendende Augen! »Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich
+liebe ihn auch. Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor, was habe ich,
+um es ihm wiederzugeben? Nichts, Sennor.« . . .
+
+Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia. Sie setzte sich lang zu der Alten,
+die immer sprach. Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine Borte von
+gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines jeden wuchs ein Arm aus Messing. In
+der Hand hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle Kerzen an. Es
+mochten hundert sein.
+
+Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine kleine Harfe spielen werde.
+Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen
+schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.
+
+Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben Miedern. Frauen in Schuhen
+ohne Absätze, in Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit Gold, mit
+Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen Perlen bestickt. Sie tanzten
+Fandango. Sie tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez tanzte. Alle
+anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten. Tamburine und Flöten klangen.
+Die Männer schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen in die Hände. Eine
+Sackpfeife spielte mit hohem, eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni
+trat allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte. Die Glieder
+spannten sich in einen heißeren Rhythmus. Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie
+wölbten die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden heiß. Dann hielten
+sie in einer plastischen Pose, lösten sich und gingen allein in das Dunkel.
+Sie kehrten bald zurück.
+
+Die Gäste gingen.
+
+Ich stieg hinauf, um zu schlafen.
+
+Es war spät in der Nacht.
+
+Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte, pfiff, peitschte sich durch
+das Haus. Ich stürzte die Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles
+fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte, lag ich schräg auf der
+Treppe. Langsam stand ich auf und ging hinaus.
+
+Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak in seinem Hals. Nur Leute,
+denen der Tod in die Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines.
+Es war Rodriguez.
+
+Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten rote Räder. Flimmernde Punkte
+sprangen hin und her.
+
+Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht nebeneinander. Ich ging hin. Da
+lag noch ein Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte mich nicht
+mehr. -- -- -- Es war dasselbe Gesicht des, der lächelte, als er Graf
+Perdicans Wechsel in die Tasche schob . . . dasselbe, das grünunterlaufen
+war, wie ich es vor Frau von Montbellaires Loge sah.
+
+Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif Schaum hing aus dem Mund. Im
+Gesicht waren blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und am Gurgelknopf
+rot wie rohes Fleisch.
+
+Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten gereizt. Rodriguez war
+dazugekommen. Das Messer . . . der Schrei . . . Pelayos Faust hatte ihm den
+Kehlkopf zerdrückt. -- -- -- Ich sah alles.
+
+Maintoni weinte nicht.
+
+Das Meer lag wie eine große Perle da.
+
+Der Kopf des Fremden stand schräg über die Schulter in die Höhe. Der Hals
+wölbte sich heraus. Es konnte nicht mehr lange dauern.
+
+Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den Star. Die Pupillen wurden grau.
+Sie wurden breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer. Die Nägel
+hatte er in die Handflächen eingeschlagen. Die Arme lagen still neben ihm.
+Alles Leben stand nur noch im Krampf der Pupillen.
+
+Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom Hals über die Brust und spielte
+mit schwachen Erschütterungen über den Bauch.
+
+Da tat Maintoni dies, das größer war und furchtbarer, wie alles, was
+Rodriguez gab, als er sie von der Klippe rettete . . . Maintoni tat es: sie
+trat dem Sterbenden mit dem Fuß breit ins Gesicht; sein Kopf rollte
+schwerfällig zurück.
+
+Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie warf sich vor dem Meer auf die
+Knie, und indem sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne viele Male
+hineinrief: »O Santa Maria . . . Santa Maria de la Mar . . .«, schlug sie
+die Hände vor das Gesicht, weinte laut und schrie.
+
+Fifis herbstliche Passion
+
+ Brigitte: Und begreifst du nun das Leben?
+ Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod.
+
+
+ Carl Sternheim
+
+
+ Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demütig und rein,
+ So voller Musik wie da . . .
+
+
+ Ernst Stadler
+
+
+Die Straßen mit den tagmüden, grauen Trottoirs wurden gesprengt, und die
+schweifhaften, breiten Güsse, die den säenden und starken Gesten der Männer
+entflogen, legten sich klatschend und eigenwillig auf den Boden. Es wurde
+Abend. Die Weiden und Eschen der Gärten schwebten scheu und flimmernd vor
+der ungeheuren Ruhe des opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das Wasser
+das Irisierende aus der Luft sog, schritten die Menschen über die Straßen
+wie über Bilder von Signac oder Croß: Eine Viertelstunde brannte die Stadt
+in einer stillen Glut von gelbem Getupf.
+
+Brandfeuer rannen in dünnen Strähnen dann in die Stadt und mischten sich
+Glockengeläut und dem grausamen Drang einer fressenden Dämmerung. Wie
+Schlünde tagelang entfeuerter Kanonen brachen die Schloßfenster über die
+auslöschenden Häuserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit noch
+hinaus.
+
+Dann sprangen die Laternenreihen die Straßen hinunter und erreichten,
+leichtes Geknatter der Zündung zurücklassend, den Platz, der mit rasender
+Wucht an tausend Ecken, Schnüren und Windungen von Licht geborsten und
+aufgerammt war und über den ein tiefdunkler, sterndurchlochter Herbsthimmel
+schräg und kühl heraufwuchs.
+
+Fifi erschien auf dem Podium.
+
+Von den Schießbuden klang schon das Hämmern der Treffer, die Spielorgel
+setzte ein. Aber aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein herkulischer
+Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel, die Orgel schwieg: Fifi setzte die
+Spitze des rechten Fußes nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel auf
+die Hüften und wartete. Der Große fing an zu schreien. Seine Arme ruderten
+durch die Luft, sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten sich
+gegenseitig und warfen sich in gelungenem Überschwall auf das Publikum,
+weit geöffnet, hinaus. Ein verknickter Hut saß ihm auf dem Kopf. An den
+Griffstellen glänzte er. Der Rock war zerdrückt und hing um den Körper,
+dessen Fleisch schwammig und unangenehm schien. Es ist zu betonen, daß die
+Figur herkulisch war, um die Augen zu verstehen, die, wenn die Brust und
+die Gebärde sich herausspreizten und mit pompösen Auftakten in die Höhe
+stiegen, klein und feig dies alles wieder leugneten und ängstlich wie
+Wassertropfen von einer öligen Fläche an dem angesammelten Publikum
+abliefen. Sein Mund rief heisere Worte hinunter. Er schrie. Er warf
+geifernde Reden den Leuten ins Gesicht. »Seht,« rief er, »auf Fifis Tanz.
+Kommt herein, alle,« und er winkte, »nur Erwachsene dürfen kommen:
+Plastische Darstellungen . . . pikante Szenen . . . (es war, als zerdrücke
+er etwas Klebriges im Munde.) Der König von Griechenland haben uns beehrt
+in Wien. Höchste Herrschaften drückten ihre Bewunderung« . . . und so sehr
+lief eine Welle von Ekel von seinen Sätzen und dem wissenden Winken seiner
+plumpen Hände aus, daß zwei forsche Unteroffiziere selbst sich brüsk
+wandten und gingen. Über der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief!
+
+Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an, und vor dem in einem Teil aus
+dem Strudel wieder zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren Tanz
+ein.
+
+Zwei junge Leute waren inzwischen gegenüber eingetreten in »die Schönheiten
+des Orients.« Vor der Bude standen zwei Palmen und ein dickes Weib, alt,
+voll Vergangenheit, mit bösen weißen Augen. Sie war die Frau des Athleten;
+Orient und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden Seiten der
+Meßstraße und bissen sich Opfer heraus. Doch ging der Orient besser, und
+Paris sank von Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber Lizzy,
+genannt Luise, hatte Hüften wie ein Dynamo. Und an ihren Zoten gingen die
+beiden Männer vorbei, schauten durch runde Gläser eine Photographie von
+Dschiseh und traten, indem sie einen Teppich zurückstießen, bei Lydia ein,
+der Dame ohne Unterleib, die, in grünem Samt, in einem Sesselstuhl saß und
+rote entzündete Augen hatte.
+
+Der eine der Herren zog seine Handschuhe an, und nach dieser symbolischen
+Handlung traten sie rasch den Rückzug an. In Jena hätten sie Ringkämpfe
+aufgeführt mit den Studenten, rief ihnen Lizzy nach, genannt Luise.
+
+Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies hinter sie zurück, und sie
+traten hinaus in das Erregte des Platzes, in dem die breiten,
+musikbeladenen Karusselle schwammen und sich überrasten und Geglitzer von
+Spiegeln, Lichtschnüren und bunten Mädchen vorüberdrehten und auf dem ein
+Meer von Menschen schiebend, erregt und drückend sich schaukelte, über
+denen Schüsse knallten, Schreie hin und her zuckten und laute Glocken
+dunkel aufzitterten.
+
+Da wandte sich Franz plötzlich herum und zog den anderen mit. Sie brachen
+durch den Strom, und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz auf
+Fifi und sagte: »Die leichten Bogen dieser Beine sind entzückend schön
+. . .« Sein Gesicht hatte eine vollendete Güte, die das Kühne und
+Auffallende dieses Profils in einen seltsamen Adel steigerte.
+
+Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig bewegend, fielen Fifis Blicke
+plötzlich auf seine Augen, und die Blicke hingen sich ineinander, bis die
+Orgel mit einem aufflammenden Stoß plötzlich schwieg. Der Herkulische
+trommelte rasselnd auf einem Schild, Fifi war zurückgetreten, er winkte zum
+Eintritt, aber nur ein Einziger folgte, die Menge schob weiter.
+
+Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrückt, als sie sich der Strömung
+übergaben, vorbei an dem grünbemalten Gerüst, in dem Menschenfresser
+hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen, kokett, über die eine ganze Prärie
+unbändig eine halbe Woche lang eitel brüllendes Gelächter wäre, schossen
+zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft. Ein echter Mexikaner hielt eine
+Harpune hoch mit rotblänkerndem Fleisch. Überall lief der Witz, daß die
+Menschenfresser -- Krokodile seien, und weil das Volk voraus wußte, daß es
+geleimt würde, zog man in Scharen hinein.
+
+Dann kam die große Bude mit den »Fliegenden Menschen«, zwei Mädchen in
+blauen Trikots mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem Anfang der
+sich wölbenden Formen, die eine sonderbare Sinnlichkeit aussprühten, und
+die andere mit ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das Gesicht
+Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell (breit, gemein, verworfen) mit einem
+unheimlichen Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber. An der
+Galerie entlang stand die Familie, sechs Menschen, und bliesen
+Blechinstrumente, und die Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune der
+Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre Bude war ganz voll. Immer!
+
+Und als Franz dem Strom entkam und wieder zurückeilte, sah er, wie Fifi,
+mit einem Stoß herausgedrückt, aus der leeren Baracke taumelte, rasch sich
+faßte und anfing zu tanzen, mühselig, müd und fein und beschwingter, als
+sie Franz erblickte. Nur kleine Truppen blieben stehen, die Masse strömte
+zu den Fliegenden Menschen.
+
+». . . Augenstern . . .« rollte es von unten herauf.
+
+Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi verbeugte sich. Der Athlet
+rief den Beginn der Vorstellung aus. »Soeben Beginn . . .« rief er und
+schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie. Niemand. Da ging er, von der
+Leere beschämt, verlegen einmal über das Podium, verschwand ins Innere,
+lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen hatte und trat wieder vor. Fifi
+schlich wieder heraus. Wie eine große Spinne hing der Herkulische auf
+seinem Podium. Franz stand beiseite, beobachtend, den Kopf schief
+aufgelegt. Und wie eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlüpfriges zu
+reden, ein Wink, die Orgel: Fifi . . .
+
+Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später, das Gesicht des Alten
+rötete sich, er suchte die Uhr. Immer wieder verschwand Fifi, immer begann
+der Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf Szene: das Greifen und
+Locken nach spärlichen Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis und
+die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezündet manchmal und heftiger im
+Erblicken von Franz. Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit Seilen vor,
+die Pfeife des Dampfwerkes heulte, die Menge lief ab.
+
+Über den leeren Platz, durch einen schmalen Gang, den Schutzleute
+freihielten, und um den Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die
+Artisten, zum Teil mit Mänteln, die sie über das Bunte und den Flitter
+gehängt hatten und die so zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden
+und mit ihren andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend und
+doch noch von dem erregenden Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die
+Straße hineinströmten. Zuerst kamen großspurig und in der starken Lüge der
+hohen bespornten Lederschuhe sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und
+Garmisch.
+
+Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand stak in der Revolvertasche, so
+daß Dienstmädchen erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven sich
+loslösten.
+
+Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe mit dem haarlosen Bär
+schritt die Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie hatten alle
+halblange Röcke an und Kleider, welche schöne und zierliche kleine
+Blumenmuster trugen, im pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie
+sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten und schön aufrechten
+Mutter eingehängt, die Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten,
+erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer kleinen,
+bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur.
+
+Dann: Leere . . . und Fifi . . . Schmal, doch köstlich in einen gelben
+Gummimantel gehüllt, fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie auf
+den Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand krampfte sie den Kragen über die
+Brust vor dem Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen waren rot
+und merkwürdig wie mit feinem Lack auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie
+stieß kurz vor der Straße mit den anderen zusammen. Die Alte trug einen
+Milcheimer. Der Herkulische schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu,
+Lydia -- ein dickes aufgeschwollenes Tier -- ging idiotisch, faul nebenher,
+ohne Umhang in grünen Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit
+gierigen Augen schloß sich der Mexikaner von den Krokodilen Fifi auf der
+anderen Seite an, daß sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner
+erschien.
+
+Schräg auf der Holztreppe, die in den großen gelben Wagen hineinlief, in
+dem sie wohnten, wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt nach der
+Stelle, an der Franz stand (den sie nicht -- dies war auffallend und
+seltsam zugleich -- gesehen haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns,
+während der Mexikaner in lüsternem Scherz sie, mit auf ihre Hüften
+aufgesetzten Händen, ins Innere drängte.
+
+Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der Achseln reagierte.
+
+Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen. Eine Zigarette drehend, mit der
+Eleganz des Romanen alle Glieder bewegend, schlenderte er zur
+Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen umkreiste, sah Licht aus
+den schmalen Luken dringen und hörte keifende Stimmen das Innere des Raumes
+hin und her zerreißen. Dann nahten mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt
+die Patrouillen.
+
+Es ward spät.
+
+Er ging.
+
+Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden. Ungeheuer gewölbt spannte
+sich der Himmel. Sinnlose Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah sich
+aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft und Dingen herausgerissen und
+in die Aura dieses Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen.
+Bei den »Fliegenden Menschen« stieg täglich der Kassensturm und die
+Sensation. Der »Orient« verdiente gut an reiferen Herren. »Paris« brachte
+es von 8--10 abends manchmal nur auf eine Vorstellung. In den Pausen tanzte
+Fifi. Der Alte winkte, schrie, ward gieriger, je später die Zeit hinlief.
+Verkündigte Anfang der Vorstellung, er öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte
+ins Innere. Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren. Und dann packte
+der Alte Fifi mit seiner Tatze an der Schulter und schleuderte sie hinaus.
+Die Orgel hob an, Fifi erhob die Füße, hinten der blaue Horizont der
+Draperien gab ihren Bewegungen Haltung und Relief, und die müden
+Schwingungen ihrer Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter einer
+Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem schönen Gewässer erblitzt.
+Langsam im Fortschreiten des Abends wurden ihre Gesten müder, von einer
+schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz hörte das Pfeifen ihres
+Atems. Und wenn sie, leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die Kühle des
+Herbstes auf ihren Schweiß.
+
+Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des Zuschauens von Mitleid und
+schmerzlicher Bewunderung angefüllt. Manchmal schien es, als müsse der
+nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken lassen. Doch sie blieb. Ihm
+aber widerstrebte es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen, die
+unter den Augen des klebrigen Athleten oder mit dem Beigeschmack der
+gewohnten leichterotischen Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er fühlte, daß
+er Inhalte in sich trüge, die in ihrem Wesen auf dieses Kind abgestimmt
+seien, und die Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut zur
+Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und wieder -- nicht oft -- aber
+in einem berückenden, außerweltlichen Zusammenhang.
+
+Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als sie ihre Stimmen noch nicht
+kannten.
+
+Dann kam jener Abend. Donnerstags.
+
+Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle, sternhart, der Park voll
+gärendem Geräusch. Er zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch,
+überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift, immer schön. Die Lichtgurte
+ganzer Grenzstraßen warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen
+Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm alles auf mit großer,
+tiefer Selbstverständlichkeit. Stand geborgen, bergend, unberührbar,
+geschlossener Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein Zentrum, um das die
+Stadt mit Geleucht rotierte. Donnerstag abends . . .
+
+Es war schön.
+
+Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr im Schloß hakte ein: Fünf
+Minuten bis halb acht Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr
+begann, die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit, in der die Artisten
+aßen. Seine Gedanken gingen langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne
+Tatkraft um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis Tanz sich bewegend,
+Erklärungen ersinnend, von einer leisen Sehnsucht aufgelockert und
+beschwingt gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch sein Geträum
+das Bewußtsein heftiger Schritte und haschender Bewegungen ins Gedächtnis
+stieß, hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei in ihn hinein,
+warf ihn herum. Er lief über ein Grasrondell, stolperte, stieß an ein
+Gitter, sprang darüber. Sein Hut war verloren, der Ärmel geschlitzt, seine
+Brust zitterte. Er stürmte um ein eingezäuntes Denkmal, mußte umkehren,
+lief in einen dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und schmiß ihn
+zurück, daß sein Körper krachend an die Stakete knallte und an ihnen wie
+eine dumpfe Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der rote Kopf einer
+Zigarette auf, bewegte sich her. Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch
+schräg aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form und schalenhaft, in die
+nun plötzlich ein beinahe bläulich erglänzendes Licht floß. Zwei
+schimmernde Kreise, standen die Augen in ihrem Gesicht.
+
+Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch ganz sich in der Geste
+erfüllend, tat sie einen unnennbar müden und langsamen Schritt auf ihn zu,
+das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden Hostien. In diesem
+Augenblick lief das Geknatter rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und
+wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah: sah, wie Franz dem
+Hingesunkenen den Revolver aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die
+Schläfe hämmerte und ganz groß auf sie, die zitternd harrte, zuging.
+
+Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette heraufgekommen, zwischen sie
+gesprungen und löste die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen.
+
+Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie es: »Verletzt?« Franz zeigte
+den Revolver; er deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner riß sein
+Gesicht in Falten, fauchte, trat dem Klumpen in den Bauch, schnippte das
+Bein hoch, daß der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht neben den
+Liegenden und sog heftig an der Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde
+fiel, in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben und Stichwunden
+durchbohrtes Gesicht auftauchte.
+
+»Der Fakir,« . . . schäumte der Mexikaner. »Man sollte ihn peitschen«,
+. . . und fing an, ihn mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn hinderte,
+fiel sein Blick auf Fifi.
+
+Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie ein weißer Fels, über den in
+zuckhaft raschen Stößen rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten Hell
+und Rot und drohten, den Hals zu sprengen.
+
+Und während sie wieder auf Franz zuging, als trüge sie alles gegen ihn,
+zitterte ein Klang, rauh, gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle
+Glieder zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen zurück; sie warf den Kopf
+zur Seite, gewaltige Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer
+Verurteilten ließ sie sich gegen den Mexikaner fallen, der sie verwirrt
+aufnahm, der nach Franz schaute, wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt
+schien. Dann plötzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung seinen Mund
+auf ihren warf und in langem Kusse sie wegzog.
+
+Franz stand noch eine Weile.
+
+Dann drehte er um.
+
+Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen Revolver. Er sagte es
+englisch.
+
+Nichts schien Franz selbstverständlicher, wie diese Folge fremder Laute. Er
+gab ihm den Revolver.
+
+Der Fakir verbeugte sich, ging. -- --
+
+Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam. Der Herkulische beulte auf
+sie los und sie erschien unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in
+der wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin. Sie gab keinen Ton. Sie
+tanzte den Abend, daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß ihre Beine
+glühten wie die wundgespielten Saiten einer schönen Violine, während die
+Kühle auf ihre Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen ihr Atem
+rang.
+
+Franz kam nicht.
+
+Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag rasend und aufglühend
+herunter wie Spulen, die ihre Füße abtraten. Es wurde kälter;
+erbarmungsloser drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun Luise,
+eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi danach fragte, schrie der Alte
+sie nieder. Das dicke Weib mit den weißen bösen Augen keifte, sie solle
+mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden und stolzen Gebärde auf
+den einträglichen Busen der Dame ohne Unterleib.
+
+Sonntag tanzte sie den ganzen Tag.
+
+Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich, in Keile zusammengepreßt,
+über den Platz, der staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne
+zusammenbrannte, auf die die Kühle so unmittelbar folgte, wie das Dunkel
+plötzlich und hastig vorsprang.
+
+Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park, streichelte das Gitter, an dem
+sie damals gelehnt, kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz
+gestanden und berührte mit den Lippen den Boden. Dann lief sie weiter, kam
+durch ein Tor, eilte durch eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit
+stillen Bäumen.
+
+Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu dessen Tür viele Stufen
+führten, über der Fahnen hingen und in gewaltigen Lettern das Wort
+erglühte: »Deo«, das sie wohl nicht begriff, das sie aber sänftete und
+hineinzog, wo sie Weihwasser nahm und in einer Nische unter einem in vielen
+Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele der Steinfliese warf und
+so weinend ein Vaterunser schluchzte, daß von zwei vorübergehenden Damen
+eine erregt und voll Neid über diese inbrünstige Stärke, höhnisch
+auflachte, wie von der schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im
+Klang der Stimme voraus desavouierte) Überlegenheit heuchelnd und
+darstellend.
+
+Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen heraus, böhmisch, das die
+Leute nicht verstanden, aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt
+hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus allen Seiten der Kirche
+wieder auf sie zurückströmte, ein Gebet.
+
+Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte der Störung nachgehen, die
+Weinende, deren heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen
+übermäßig und sie gering machend auftürmte, beruhigen, sie hinausweisen
+. . . aber er blieb wie gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen
+und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig gescheites Gesicht
+gestreut, wie hingewiesen und in diese Position gebannt von dem seltsamen
+Geläute dieser Stimme.
+
+Aus dem klaren und in langen tönenden Linien verschwebenden Glanz ihrer
+Sätze aber lief in verströmenden Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet begann
+mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt
+ward von dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen mußten: Sie und
+Lydia und Lizzy, genannt Luise. Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf
+die äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das alles sei wenig und tief
+im Herzen sehr gering gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an dem der
+Alte den Teller, voll von heißer Suppe, ihr auf die Brust warf, als sie
+beten wollte nach einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken daran
+sprangen alle Ventile der Angst und Unterdrückung weit auf, und in einem
+köstlichen und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes Leben heraus,
+wie eine lang im Tiefen der Rohre. gehaltene Fontäne sich in einen späten
+Sommerabend mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. Und in ihren
+Worten glommen die Namen der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den
+letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war: Franz und der
+Mexikaner, den sie Partufa nannte. Und der Klang ihrer Stimme sank etwas
+zurück in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an denen jener bei ihnen
+eindrang, begrüßt vom entsetzlichen Gelächter Luises, den tierisch und
+röter aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch das indolente
+Nichtbeachten des Alten, in dessen schmierigen Beutel die Hälfte von dem
+floß, was die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf im höchsten Schmerz
+tiefer senkte, dachte sie an das Gefletsch und den Schaum um den Mund des
+Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise wegwandte zu ihr, die, den Kopf
+gegen die Wand gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt blieb
+und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen Mädchen (o über Lizzys
+Gelächter und schmutzige Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur
+anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine ganze Nacht hindurch mit
+Nadeln stach. -- Doch ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten
+Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß, den mit dem gütigen Gesicht
+und den Sonnenaugen, und sie dankte Gott tief und herrlich errötend für die
+Nächte, die er im Traum diese Augen über ihren Schlaf wie hütende Gestirne
+verteilte und so die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz und keine
+Demütigung des Tages berennen konnte. Und wieder und immer wieder dankte
+Fifi dafür, daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not sandte,
+damals, wie der Fakir im Park sie überfiel, um dann wie vor einer Mauer und
+endlos erregt vor dem Wunder stehen zu bleiben (während ihre Stimme fast
+erlöschte), wie sie damals plötzlich und wie von einer Macht, die aus ihr
+selbst heraus allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den Arm des
+Mexikaners warf und die kalte Übelkeit seiner Lippen auf den ihren fühlte
+und den anderen stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man
+verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos für den Ziehenden,
+langsam am Ufer verbrennen. Und sie sann mit flackernden Worten über den
+Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen, was einen Menschen zwingen
+kann, die höchste, nie erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu
+lassen . . . nein . . . nicht nur dieses: sie zu verschmähen -- o vieles
+mehr -- sie zu höhnen und zu begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem
+strengsten Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend, in Verzweiflungen
+wälzend um diese Fragen wand, erschien es ihr, als ob es eine Angst
+vielleicht oder ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen Glück
+überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun lassen, und sie schrie auf, wie
+sie dieses Entsetzliche -- sich selbst in den Armen des Partufa --
+erblickte. Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen sei. Sie
+erkannte etwas, das einer Schuld ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun
+betend und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei, nicht Angst; daß es
+Aufbäumen gewesen sei aus der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens
+vor der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive jener höchsten
+Erfüllungen. Aus diesen hin und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der
+Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem sie in schrillen und
+ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen hatte, fiel sie wieder in ein
+beruhigtes Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung sie
+umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen pflegt und lag dann eine
+Zeitlang ausgestreckt auf den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, im
+Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang sie auf und eilte durch Straßen
+und Park zur Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit dem Fuß in den
+Bauch.
+
+Aber sie spürte es nicht.
+
+Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll, in Tragik und
+Schmerz vertieft und einem brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie
+Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand.
+
+Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den Leib ihr hinanstieg, alles
+löste und ihren Augen Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um den starren
+Blick des da unten frei und klar wieder zu machen, und all ihr Sinnen stand
+danach, die Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender Glaube
+überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte und Erstaunte nun alles
+begreifen müsse: daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie
+ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All dieses tanzte sie
+nun. Und sah in seine Pupillen und lauschte auf Wirkung, wie einer an
+Abenden hinter der Ebene den Mond über dem Strich der Wälder sucht. Sie
+glaubte nicht mehr, daß alles verloren sei, wieder überbrandete sie die
+absolute Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was, als alles zu
+ihm allein zog, sie auf die andere Seite warf. Sie fühlte, wie jene Schauer
+des Glücks, das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie wie eine
+Keule überfiel, nun in langsamen Zügen wiederum in sie einzogen.
+
+Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen Glauben hinein, der sie
+erschimmern machte, aber noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah
+dies nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) kalt und hart.
+
+Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich Wellen stießen die
+Anstürme der Menschen gegen die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut
+eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons stiegen in die
+Höhe. Das spitze Geknatter von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle
+und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver und das Stampfen und
+Pfeifen der Maschinen
+
+Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß und erzählten alles, was sie
+wußte noch von der dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo in ihrem
+Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie
+riefen um Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, das sie deutlich
+erstrahlen zu sehen glaubte, und dankten ihm.
+
+Aber er verstand sie nicht.
+
+Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten Bogen, ihre Hände
+schienen etwas zu glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden immer
+linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und kleiner, die Beine hatten ein
+Tempo der größten Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien.
+Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus, die Blicke strahlten
+überirdischer, ein leises Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem
+immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele Wunder hineinschaute
+. . . und so tanzend, geklärt und eine merkwürdige Leisheit erregend, die
+kurz eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch sie, während die
+Rohre der Dampfmaschine plötzlich lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den
+Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem Platz wie grundlos von einer
+hellen Strahlung mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte . . .
+losch sie, sich in sich selbst verströmend, tanzend, zusammensinkend, hin
+wie ein seltsames und gutes Licht.
+
+Yousouf
+
+ . . . ich glaube indessen, daß, hier wie
+ überall, Liebe eine Kunst ist wie das
+ Reiten und Flöteblasen.
+
+
+ Der Marquis de Langle
+
+
+Die Herren standen in dem Vorsaal und klirrten leis mit den Degen. Ihre
+Gespräche liefen verhalten und erwartungsvoll.
+
+Dann flogen die Flügeltüren auf und Las Casas trat aus dem Kabinett. Sie
+sahen sofort sein Gesicht, das beherrscht in der Rampe stand und dann an
+ihnen vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und verbeugten sich. Einer ging
+auf ihn zu und sagte ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrümmten Rücken.
+Der andere dankte mit der Höflichkeit einer wahnsinnigen Verachtung und
+ging weiter.
+
+Im folgenden Saal standen größere Gruppen. Er mußte wie durch eine Gasse
+gehen. Alle grüßten ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn es war
+niederer Adel.
+
+Darauf glitt er durch eine Flucht von Räumen, die in Röte brannten von
+Decken und Möbeln und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder von ihm
+über die Spiegel fuhren und Hellebardiere standen, die den König zum Bad
+begleiteten . . . und wo sonst nichts war als das einsame Hallen seines
+Schrittes.
+
+Und dann löste sich aus einer Nische ein junger Mann und ging auf ihn zu
+mit einer sicheren und allgemeinen Haltung.
+
+»Sie haben . . .?« fragte er.
+
+»Ich habe . . . Luis Quijada . . .«, sagte Las Casas und riß die
+Papierrolle auf, die seine linke Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und
+verbeugte sich kalt und so unwillkürlich, wie wenn er auf einem Schiff
+stünde. Er hatte blonde auffallende Haare.
+
+»Ich werde«, sagte er fest und beiläufig, »dann eigene Segler ausrüsten --
+-- -- auf jede Gefahr.«
+
+Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer. Der Abend hatte das Glas
+dunkel-silbern gemacht, und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament
+gemalt in der Füllung.
+
+Las Casas lächelte leis, und seine Stimme bebte ein wenig in
+Geringschätzung, indem er erhabenen Erfolg wünschte und die Treppen
+hinunterstieg, aus denen die Dämmerung ihm entgegenschwoll.
+
+Er eilte nach einem Palast, der in zwei Gärten lag, und ließ sich nieder
+und wartete, bis man ihn gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war
+kühler geworden.
+
+Ein Stern blinkte über der Mauer.
+
+Die Zofe ging vor ihm über den bläulichen Kies. Sie kamen über ein Boskett,
+und dann blieb sie stehen und öffnete eine Tür.
+
+Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon und schritt durch ein
+Boudoir in ein helles Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein weißer
+Arm streckte sich ihm entgegen, von dem ein weiter Ärmel zurückfiel. Er
+stürzte darauf und küßte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen Kopf
+neben den der Frau und seine Wangen brannten nach ihren hinüber und machten
+sie rot, obwohl sie sich nicht berührten.
+
+»Sie haben die Erlaubnis . . .?«
+
+»Ich habe sie . . .« und seine Hände fuhren nach ihren Hüften und zuckten
+rasch zurück. »Ich fahre heute nacht . . .«
+
+Sie schnellte auf: »Nein -- -- -- morgen!«
+
+Dann schloß sie den allzu heftigen Verrat der Augen mit den Lidern und
+meinte, als ob sie nun erst in Besinnung und klug spräche, lächelnd und
+ruhig: »Wie könnten Sie das möglich machen, Marques? Sie waren gestern noch
+beklagt, weil Sie des Königs Gaben verschleuderten und portugiesische
+Kaufleute abstechen ließen. Sie erhalten heute den Auftrag, den Räuber zu
+jagen, nach dem jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch schon
+gerüstet sein?«
+
+»Ich habe drei Schiffe.«
+
+Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis, indem sie nach ihm
+blickte. Seine Hände zitterten, und die Lippen verzerrten sich vor Stolz:
+
+»Ich habe dem König bedeutet, daß ich die Dörfer nur verkauft habe, um Geld
+zu bekommen für diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich sagte
+ihm, daß ich es getan hätte, obwohl ich wußte, daß seine Ungnade darauf
+folge, weil er es nicht liebe, daß seine Geschenke sich zersplitterten und
+so fortfliegen und so . . . daß ich es aber getan hätte, weil mein Wunsch,
+ihm durch die Expedition zu nützen, heftiger gewesen als die Scheu vor
+seinem Zorn.
+
+Darauf nahm der König sein Lieblingswiesel und setzte es am Fenster in die
+Sonne und spielte und sprach mit ihm.
+
+Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht in dem Raume sei -- -- so
+sehr nahm diese Bewegung den Glauben an die eigene Wirklichkeit.
+
+Dann aber ward ich zornig, Juana, und da mir Tränen in das Gesicht
+schwammen, drehte ich mich um und schrie das entsetzliche Bild seines
+Großvaters, das mich reizte und nicht hilflos machte wie seine Ruhe, mit
+heftigen Worten an, als ob er es sei.
+
+Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der beiden Kaufleute aus
+Lissabon, um die ich beklagt bin. Denn ich ließ sie nur töten, um angeklagt
+zu werden und so unter Eure Augen zu kommen, was ich anders nicht konnte,
+da Ihr zornig auf mich wart der Dörfer wegen. Denn meine Petitionen werden
+nicht gelesen. Es ist schade, denn mein Wort scheint leer wie ein
+geschriebenes zu sein.
+
+Der König sagte: Und wenn ich es nicht erlaube . . . -- Ich sagte: Dann tue
+ich es auf die Möglichkeit hin, daß Sie mich als Briganten erklären. Ich
+fange Yousouf . . . auch dann und -- gegen Sie, Sire.
+
+Er sah mich an, zum erstenmal, und lächelte: Auch dazu hätten Sie mein Geld
+zum Equipieren nötig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen selbst das.
+
+Ich sagte ihm, daß ich das Geld für die Dörfer hätte, aber da er wußte, wie
+gering es war, lächelte er wieder.
+
+Da zwang mich das Weh meiner Lippen -- und es schrie in meiner Brust wie
+ein Degen im Gefecht -- daß ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief, daß
+ich wisse, daß er nach seinem Gesetz verfallen sei, aber daß ich es ihm
+doch sage: Daß ich drei Schiffe hätte, ausgerüstet im spanischen Viertel
+von Brügge, gebaut in Barcelona, Santa Maria, Coruña . . . daß ich die
+letzten Kredite auf meinen Namen genommen, die Kerker der Dominikaner nach
+Sklaven geplündert, daß ich den Albaycin in Granada nächtelang durchsucht
+und aus den Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen, was in
+meine Fäuste fiel und kräftig war . . . Zuhälter, arabische Matrosen, drei
+hünenhafte Priester . . . und daß ich fahren würde die Nacht -- so oder so.
+
+Da lächelte er wieder und sagte: Ich werde Sie verhaften.
+
+Ich könnte Sie töten, Sire, rief ich; Juana, mein Kopf brannte, aber ich
+zerbrach den Degen nur und warf ihn gegen die Wand.
+
+Ah, sagte der König und ließ das Tier und zweifelte: Haben Sie Mut . . .
+
+Da nahm ich das Wiesel und zerdrückte es in der Hand, langsam . . . während
+das Furchtbare des königlichen Zornes mir entgegenquoll.
+
+Ich ließ das Tier fallen. Aber des Königs Arme kamen über seine Wut auf
+mich zu und drückten die meinen, und er zerriß das Diplom, das auf den
+Grafen von Oropesa, Luis Quijada, gezeichnet war, und ließ die Fetzen durch
+das Fenster fliegen und klebte sein Siegel auf meines -- -- --«
+
+»Sie machen mich stolz auf Sie, Marques!« Juana warf sich zurück und gab
+ihre feuchten Blicke frei, die auf seinem trotzigen Körper weideten und in
+dem Erglühen seines Gesichts wie zwischen jungen und heftig aufgebrochenen
+Rosen spielten.
+
+Dann fragte sie rasch: »Weiß es Luis Quijada?«
+
+»Er fragte mich.«
+
+»Was sagten Sie ihm, Marques?
+
+»Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen sagen, daß ich nicht, wie ich
+könnte nach meinem Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn mir
+allein gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn er die Expedition, von der er
+sagte, rüstet. Das Meer ist ihm frei.«
+
+Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an den Händen nach ihm hin: »Sie
+werden den Auftrag da zurücknehmen!« Er verneinte.
+
+Sie flehte: »Marques, erklären Sie ihn als zum Töten erlaubt, als Brigant!«
+Da schwoll Las Casas' Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend
+stampfte er den Fuß auf den Boden und bat sie hochmütig und verächtlich,
+nicht zu scherzen und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu verlangen,
+daß er Luis Quijada für wert hielte, seine Rivalität zu fürchten. Und er
+bewegte die flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer Fliege
+schlage.
+
+Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: »Ich werde den Auftrag nicht
+ausrichten. Aber nur um des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute
+nie mehr bei mir sehe.«
+
+Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich neben ihrem Bett und zwang
+sie so lange, bis sie zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie
+früher. Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt gewesen, wenn sie Quijada
+die Beachtung des Hasses geschenkt hätte.
+
+Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre Brust. Seine Hand fing
+an heftig zu schwanken vor Verhaltenem.
+
+Er stand auf.
+
+»Ich gehe.«
+
+Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses verwirrte sie und
+blätterte sie auseinander in Begehr und Hilflosigkeit: »Nein . . . morgen
+--!«
+
+Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke. Wie sie auffuhr, sah er nur
+das Innige ihrer Form, den Druck des Körpers in den Kissen -- und dann roch
+er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang sich zurück und roch sie nur,
+sah nichts, hatte kein Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern.
+
+Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt, war es ihm.
+
+Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen.
+
+»Morgen --?« knirschte er, denn selbst die Stimmbänder waren mit Blut
+überschwemmt. Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren und riß ihn
+weg, taumelnd, und legte ihn wieder hin und Härte und Knabenhaftes
+verstießen sich gegenseitig von seinen Mienen.
+
+Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken und zog ihn von neuem
+herunter: »Warum -- du . . . heute?« Sie stieß es brennend heraus und in
+Scham. Sie stand halb und war halb gekauert in der Ecke des Bettes. Sie
+faßte seinen Kopf, daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und ihre
+Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berührten, während die Handflächen
+kühl nach den Schläfen hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der
+Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf Auge.
+
+Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange schon schrien: »Sie sollen
+bleiben, Marques . . . hier -- --« und zitterte.
+
+Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von einer Welle aufgejagt und
+gesteilt warf er sich auf die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und
+drückte die trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen den Körper hinauf
+nach dem Hals auf den dünnen Batist.
+
+»Corazon!« . . . stammelte sie. Und wieder: »Corazon!« . . . mit
+hingebenden Lippen. Seine Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander
+geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung ineinander verkrampft.
+
+Sein Mund spannte sich in allen Qualen und mit von Küssen halbzerfressenen
+Worten sagte er: »Nein!« und viele Male: »Nein.« Und als er ruhiger war,
+kam es ihm in das Bewußtsein, daß er sie liebe und daß sie ihn liebe und
+daß er es immer schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die
+Erkenntnis, und sein Blick stieß gegen die Wand und kam nicht weiter, und
+sein Kopf füllte sich schwer mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht
+genug sei. »Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende und Schreiende in
+meinem Blut geht weit darüber.« Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff
+ihres Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande nach dieser Tat, die
+endlich soweit vorbereitet war, und indem er davon sprach, sprühte das
+Aufleuchtende der Meere und Flotten vor seinen Augen auf und raste in
+grellroten Kreisen über ihn: »Ich will den Bassa nicht nur jagen,
+aufhängen, schinden, weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fraß und
+Isabella, die eine Verwandte ist, schändete und seinen Leuten ließ zwei
+Wochen lang. Seit ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn Gedanken
+packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede Phase des Kampfes, mag er sein vor
+Venedig, bei Cadix, in Marokko . . . ich weiß wie eingebrannt im voraus die
+kleinste Schwankung des Gefechts. Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn
+nicht im Traum schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so umkreist, daß
+ich jede Narbe an ihm kenne, daß ich mehr von ihm weiß wie von mir. Der
+Name Bassa Yousouf macht mich blind. -- -- Ich fahre heute nacht.«
+
+Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem Haar. Sie ließ ihn, denn
+sie begriff das Heiße in ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz
+umschloß, aber sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz, als er sich
+aufriß und sie nicht nahm und sie brennend verließ.
+
+Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie mit Gold, als käme er von
+einer Liebesnacht.
+
+Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein wenig gepreßt schon von
+Jasmin, aber der Mond, der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine
+flaue Dämmerung hing zwischen den Masten.
+
+Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem Schatten einer Mauer, nahm ihn
+und landete im Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg am
+Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch, jemand schoß eine Pistole in
+das Schweigen. Sofort rasten Männer über den Steg und schlugen mit langen
+Stäben die Sklaven wach, Ketten rasselten, am Vorderdeck sammelten sich
+dunkle Haufen, hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa blitzten
+die Offiziere.
+
+Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu sechst an jedem Ruder
+zweihundertvierzig Sklaven. Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur
+sechsten Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet. Die letzten und
+die Massen Soldaten auf der Proda erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen
+und Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten die
+blutunterlaufenen Hunderte Augen um ihn. Er schrie sie an:
+
+»Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine! Dazu habe ich euch gekauft. Das
+wißt ihr. Ihr werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags. Dafür spritzt
+ihr das letzte Blut aus den Nägeln. So ist dies ausgemacht. -- -- Ihr sollt
+noch mehr haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen ist, sei jeder frei.
+Jeder kriegt tausend Maravedis. Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr
+bekommt Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist. Ich gebe euch die
+Offiziere zum Schinden frei, wenn ich falle und sie hindern euch. -- -- --«
+
+Er hob den Blick zum Himmel. Denn das Schweigen schwelte dumpf unter ihm.
+Die Augen der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert Lichter auf
+den Bänken.
+
+»Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus Yousouf Bassas Harem. Eine
+braune und eine helle. Am selben Abend noch . . . --«
+
+Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf. Grunzende Töne johlten
+herauf. Schreie rissen sich los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund.
+Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen zurück, glänzend wie Fische
+im Wasser. Viele knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen zu ihm
+winkend oder den Kopf auf den Steg legend, daß er darauf trete.
+
+Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten hoch. Eine große Fanale senkte
+sich über die Poppa. Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen.
+Fünfhundert Rücken warfen sich mit vorgestreckten Armen zurück, zogen sie
+an, Ruder schäumten durchs Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge
+schnellte die Galeere aus dem Maul des Hafens in das leichte blaugelbe
+Band, das über dem Wasser lag und Horizont war. Links und rechts zwei
+Zungen stießen nach.
+
+Von drei Vorderdecks blies man: Benedito sea Dioz.
+
+Die Sonne ging auf.
+
+ * * *
+
+Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie kamen eines Abends an. Eine
+Goelette legte an bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie fuhren
+in die Nacht zurück. Am nächsten Tage fingen sie ein paar holländische
+Segler, die in der Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und
+Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San Sebastian.
+
+»Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast setzen und ihn nachts im
+königlichen Garten aufpflanzen«, sagte Las Casas zu seinen Offizieren, und
+sein Gesicht zuckte, während seine Hände mit den besten Perlen spielten,
+die er zu einer Kette gebunden hatte und indem seine Gedanken um den Nacken
+Juanas flossen.
+
+Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf der Proda. Aus dem Korb rief
+einer und meldete etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte.
+
+Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille mit gekappten Masten.
+Die Besatzung fehlte; nur einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und
+schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig geworden. Ihre Ladung
+war Florentiner Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen waren sie
+überfallen worden. »Hui«, rief einer, auf einem nackten Widder-Gallion
+reitend, immer: -- -- »die Weiberchen« und schälte mit einem Nagel an dem
+Horn. Man ließ sie weiter treiben. Man war auf der Spur. Mittags brannte es
+neben der Munition.
+
+Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der Abend war ruhig, und es ging
+kein Löffel Wind. Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch. Las
+Casas saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige Stille und das maßlos
+blaue Meer, auf dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken davon
+lösen, aber es legte sich über ihn. Er befahl zu musizieren, die Offiziere
+warnten. Doch er ließ die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das Meer
+aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut war wie das Hüpfen einer kleinen
+Welle gegen das Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit tausend
+Stimmen: Juana! anschrie.
+
+Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette zu senden und löste sie von
+seinem Gürtel und warf sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge.
+
+Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den Zaffarin-Inseln. Sofort meldete
+es von oben: »Zwei Gallionen.« Las Casas kletterte selbst hoch, beschirmte
+die Augen. Es waren Mudjaren und Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste
+herunter. Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie schäumend, und
+die Ruder überschlugen sich. Immer rascher raste seine Stimme, die selbst
+den Takt sang. Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze. Doch
+trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon so dicht herangekommen, daß die
+Soldaten anfingen, in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken
+bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein Vorsprung verschluckte
+sie. Die hinterste hißte eine Fahne. -- -- -- -- -- -- --: Schwarz, ein
+goldener Arm mit einem Säbel und ein Totenkopf -- -- -- die Flagge der
+Hauptschiffe Yousoufs.
+
+Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte einen großen Araber und
+ließ ihn hinrichten (er wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein
+Blut in einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen die Füße lief.
+
+Er betrachtete sie genau während des Vorgangs. Doch es erschien kein
+Ausdruck auf ihren von Stumpfheit abgefeilten Gesichtern.
+
+In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe. Fortwährend gingen Signale hin
+und her. Am Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften Biegungen
+durcheinander. Von der Mitte einer Insel schoß in Abständen ein weißliches
+Feuer hoch. Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das Wasser.
+
+Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen auf der Poppa. In der
+Dunkelheit konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter von dem Bassa
+und konnte ihn nicht fassen. Die Sklaven ruderten die ganze Nacht in
+Schweißwolken gehüllt. Es roch noch nach Blut.
+
+Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch dunkel war, nach
+verschiedenen Seiten durch. Sie hörten auf den Galeeren nur ein fernes
+Brausen, als streiche ein großer Vogel mit der Brust über das Wasser.
+
+Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres Forcas zu. Die andere Galeere
+schwamm eine Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die Lichter
+löschen, Anker werfen und ruhen. Denn ihm schien das Tempo Las Casas'
+wahnsinnig.
+
+Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione. Sie hetzten den ganzen Tag,
+verloren sich, fanden sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie.
+Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß das Dunkel sie weg. Die
+Nacht kreuzten sie vor dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise
+treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen. Sie sprangen hinüber.
+Am Mast stand ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte mit weißer
+Glut. Die Planken waren gesprungen. Der Türke war mit nassen Stricken an
+den Baum gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der Hitze und ihm das
+Fleisch eingeschnürt, bis es geplatzt war.
+
+Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen machten. Da sprang einer vor
+und deutete in sein Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten ihn
+an dem einen grünen Auge. Sie schnitten ihn los, aber seine Haltung, die
+ihre Wut durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude ihnen selbst
+verächtlich erscheinen ließ, bewahrte ihn davor, daß sie an ihn rührten.
+
+Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas. Als sie ihn nicht fanden,
+brachten sie den Bassa nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er. Das
+Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur Exekution führte.
+
+Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas' größter Ehrgeiz, dem er sie opferte,
+von einem Subalternen blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie empfand
+es, als hätte man ihren Körper beschmutzt, und schien sich gering geworden.
+
+Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der Gefangene um und sagte kalt:
+»Ist es zum Tod?«
+
+»Ja!« . . . brüllten ihm zehn ins Gesicht.
+
+Da spie er ruhig den Henker an.
+
+Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor.
+
+Von Las Casas keine Spur. --
+
+Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile eine Fregatte in den
+Hafen. Ein Kapitän stand vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land,
+eh er nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte, die Silber aus Mexiko und
+Gold aus Peru brachte, ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn
+verfolgte, geschlagen habe. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Der
+Hingerichtete war nicht der Bassa gewesen . . .
+
+ * * *
+
+Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses, über dessen Bühne ein Stück
+von Moreto ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von Zeit zu Zeit
+auf sie ein. Sie folgte angestrengt den schwerbeladenen Szenen und bat in
+der Zwischenpause, als ein burleskes Entremes wie eine klebrige Kette von
+Küssen sich vorne erhob und sie zu sehr belästigte, den Grafen, sich neben
+sie zu setzen.
+
+Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie dann, an was sie denke.
+Sie antwortete nicht, sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer.
+
+»Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so enttäuschen«, sagte er dann und
+legte die Hand auf ihren Fächer.
+
+Sie sprach sehr nachlässig: »Bei Gott, was habe ich gehofft?« . . . und
+wagte nicht aufzusehen.
+
+»Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine niederschlagende -- -- Komik
+ausgelaufen sind . . . wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in die
+Knutscherei des Zwischenaktes.«
+
+Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das Spöttische seiner Mundwinkel
+besiegte sie. Sie brauste auf: »Was wollen Sie mit Las Casas?«
+
+Er hob die Achseln: »Casas . . . toll . . . Aufschwung . . . ziellos
+ehrgeizig . . . jung, jung! -- --« Quijadas Stimme klang kühl, klang
+gerecht. Er fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie
+Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach ihn einmal höhnisch:
+»Neid.« Er schüttelte nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den
+Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr selbst, denn es waren
+Schmerzen, die ihr nicht wehe taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und
+haßte ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich in der Wirkung,
+aber scharf und zergliedernd und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über
+Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen auf das
+unerträgliche Heiß ihrer Haut legten und irgendwas Luft ihr einblase, die
+wohltuend in sie ströme, wo sie am Ersticken war.
+
+Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, daß er schweige, weil sie
+plötzlich begriff, daß seine Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in
+der Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der klare und starre
+Intellekt seiner Worte überschwemmte sie. Sie fühlte in einer wohligen
+Apathie, wie er das Heiße, das Begeisterte und das ungenau, aber groß
+Aufstrebende in ihr wie zwischen zwei Fingern langsam zerquetschte und Las
+Casas' Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte und verschieden
+beleuchtete, bis seine Silhouette klein vor seinen Worten stand und er
+phantastisch und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam und
+beschämt in der Schwankung der Ereignisse und sich das Bewußtsein dahinein
+verstrickte, daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt einer
+Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen und Wandlungen dieser Dinge,
+zürnte sie Quijada nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust der
+Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. Sie hörte ihm gern zu.
+
+Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte sie, wie sehr blond er
+war, und sie zwang sich, daß es ihr gefiel. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- -- --
+
+Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei
+gelbe Segel kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander zu und
+schnitten sich wie zwei Säbel. Dann kam eine Barchette mit singenden
+Sklaven vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter auf das Wasser
+. . .
+
+Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham ergriff sie leicht über die
+Worte und Gedanken des Tags vorher wie über eine geheime und später sich
+mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände vor das Gesicht . . .
+und tat sie rasch hinweg, daß ihre Blicke groß gegen den ungeheueren
+Horizont schlugen . . . und da empfand sie deutlich wieder, in dieser
+Minute, daß dieser, daß er trotz allem »O Las Casas!« dessen Ehrgeiz an
+fremden Küsten wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne als
+alles, was an sie herankam. Sie dachte an Quijada, und es schien ihr jetzt,
+als sei er nur wie ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen
+Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre.
+
+Später kam Quijada. Er sprach wieder über Las Casas. Er sprach nie über
+sich oder über sie. Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen in der
+Beziehung auf das eigene Ich ganz und allein Wesen und Eigenes der Frau ist
+und weil sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie das Verschmähen
+ihres Besitzes um einer Tat willen, sie bis zu den äußersten Grenzen der
+Idee entflammt, ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren Wort eine
+Nichtachtung des Bluts erscheint -- und wie sie nur aus gekränktem Eros
+heraus denken können und tun . . . so empfinden sie, unbewußt vielleicht,
+vielleicht oft, immer -- es ist möglich und einerlei -- den Haß des Mannes
+auf den Mann als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über alles umronnen stehn
+von ihrem Blut!
+
+Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas Grausamkeit gegen diesen lockte
+ihr Blut. Seine Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, der (es
+schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an.
+
+Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen Gärten.
+
+Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, grüßte und ging nach dem Palast.
+
+»Las Casas . . .?«
+
+»Beruhigen Sie sich!«
+
+Sie sah ihn an.
+
+Bleich.
+
+Da sagte er heiser: »Las Casas!«
+
+ * * *
+
+Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere vor ihm . . . öffneten
+den Vorhang. Er stand vor dem König.
+
+»Sie?« sagte der.
+
+Las Casas verbeugte sich.
+
+»Warum kommen Sie?«
+
+»Der Prinz ließ mich rufen.«
+
+»Duell . . .?«
+
+»Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen den Prinzen) nannte ihn
+irgendwas. Ich schlage mich für den Prinzen.«
+
+Der König winkte ab.
+
+Langsam drehte er sich um und schaute durch das Fenster.
+
+»Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.«
+
+Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König ihm das Gesicht zu, nahm
+einen verzierten Dolch, schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und sagte
+gütig und klar:
+
+»Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.«
+
+Las Casas lächelte verzerrt und ging.
+
+Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis er in den Eckraum kam, den ihm
+der Prinz überlassen hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen, der die
+Galeere kommandiert hatte, die den falschen Bassa fing.
+
+Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem Lächeln, verlegen und
+geschmeichelt auf ihn zukam, griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf
+einem Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen Armen ihm zu vor
+ihn. Er rief ihm gleichzeitig, daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme
+für seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden, nicht wußte, was das
+war, befahl er ihm, den einen Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr
+hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex von fassungsloser
+Enttäuschung.
+
+»Holländische Münzen . . . ge . . . fäl . . . schte . . . Molinillos --?«
+
+»Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit anderem als mit einer --
+Imitation belohne?«
+
+Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht geschlagen war. Er stemmte
+sich auf, als wolle er den Beutel wegwerfen.
+
+Da begann Las Casas' Gesicht zu zittern: »He,« tief er, »Herr!« -- und es
+klang wie der Ton eines der krummen Hörner an einer königlichen Barchette:
+im Befehl unabwendbar . . . und es knickte den Zornigen. Er ging mit
+hängenden Armen.
+
+Las Casas promenierte noch über eine Stunde in der Kühle des Korridors, bis
+die Herren kamen, ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn umarmte.
+Das Rendezvous war in einem gesperrten Teil des Gartens zwischen einer
+Fontäne und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß nach wenigen
+Minuten seinen Gegner durch den Nabel mitten durch, daß der Herzog von
+Medina-Sidonia mit liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung nicht unterlassen
+konnte, daß an der Stelle, da ihm das Leben geworden sei, es wieder
+verströme.
+
+Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die Löwen. Ihre Augen wurden grün
+vor Gier. Es pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen. Dann
+brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins in ein erschütterndes
+Gebrüll aus -- durch die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper rasend
+dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen kitzelte.
+
+Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum Palast, traf Las Casas auf Juana
+und Luis Quijada, der sich um sie bemühte. Sie war auf eine Bank
+zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand sie auf.
+
+Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl.
+
+Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten einen gleichen in hetzenden
+Takten selig geschwellten Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper
+aufeinanderdrangen und sich umschlossen, obwohl sie sich nicht bewegten
+. . . und wie wenn ihr Blut aus den Adern presse, heraustrete und
+ineinanderströme.
+
+Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte von irgendwo her, von der
+Seite her? -- -- -- neben ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die
+Stimme Quijadas:
+
+»Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu Ihrem Erfolg heute -- -- wie ich
+ihr Unglück bedaure -- sonst.«
+
+Las Casas' Blick fuhr an ihm vorüber wie an einer Wand. Drehte die
+Schultern, entblößte seine Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an
+Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die Hand. Sie sahen sich in
+das Weiße. Dann ging er.
+
+Nach drei Schritten wieder bog er um: »Graf Oropesa, . . . Sie sagten
+. . . vielleicht, daß Sie mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt,
+Ihre Segler zu rüsten.«
+
+Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle spielte, sagte scharf, den
+Schnurrbart kauend: »Sie haben mir nicht den Gefallen getan, mich für
+diesen Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären. Auch im
+Großzügigen wie in der Verachtung weiche ich Ihnen nicht.«
+
+»Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung haben, jetzt . . . gleich
+. . . sofort -- Auf Wiedersehen.«
+
+Er machte eine schwache Geste nach dem Meere und ging.
+
+Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen nahm, brachte ein Diener ihm
+einen Brief von ihr. Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder.
+Nur dieses: »Komm --!«
+
+Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd: »Komm!« Es fielen ihm ein die
+Abende im Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor Sehnsucht wie der
+Horizont und darüber erschrak, zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn
+so, daß er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er sich selbst
+empfindend, langsam zurückkehrte in die Umgebung und sich gewaltig
+zufammenraffte und toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb:
+
+»Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen, wo ich Dich aufschob bis nach
+dem Erfolg. Ich müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs. Du aber
+wärst feig, wenn Du nachher mich nicht verachtetest.«
+
+Aber in der Dämmerung fand er sie in dem Garten. Sie spannte die Arme nach
+ihm. Da fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte und die
+verbotene, selbstversperrte Sehnsucht in einem knabenhaften Weinen in ihren
+Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre Schenkel, und sie sagten kein
+Wort. Doch er warf ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ,
+lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein Mund.
+
+Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte, erhielt er ein Billet.
+Er erbrach es am Ufer noch, einen Fuß in der Barchette.
+
+Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil das Dunkel ihr Blut quälte,
+und raste nun nach ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl! auf
+den Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein.
+
+Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte ein ganz kleiner Hucker mit
+unmäßig geschwellten Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann stand
+darin. Warf einen Brief herauf.
+
+Sie schrieb: »Ich liebe . . . Deinen Stolz . . . die Härte . . . warte --
+trotz alledem. --«
+
+Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die Augen rot -- eine überreife
+Frucht. Die Lippen hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie eine weiße
+Falte lag der Mund in dem Gesicht.
+
+Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen an den beiden Abenden,
+die folgten, ins sinnloseste betrinken. Er schenkte es ihnen.
+
+Zehn Tage später liefen die drei Segler des Luis Quijada aus.
+
+Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden.
+
+Juana hielt die flachen Hände an die Brust und fing den Herzschlag auf
+darin und warf ihn den Galeeren nach.
+
+Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte sie auch sein Fehlen doch,
+da sie ganz allein war. Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen
+sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr das Kühlende seines
+Hasses. So glaubte sie. Manchmal erschrak sie.
+
+Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer Donner sich sammle, wie wenn
+ein Bergwerk einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus dem
+glatten Himmel sause irgendwo. Und sie bedauerte, daß sie nicht tiefer
+hören könne, und streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf, höher
+. . . und ward straff gegen jeden Anprall und scharf wie eine Lanze.
+
+ * * *
+
+Bandieren und Standarten spannten sich auf Las Casas' Galeeren. Morgens und
+abends bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das Meer wechselte blau und
+grün. Gegen Mallorka zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende Monde auf
+dem Grund. Die Sklaven ließen die Ruder und beugten sich über die Geländer
+und starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie zu prügeln, und sie
+krochen wie die Hunde zurück.
+
+Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer Seide mit Las Casas' Wappen in
+Granaten bestickt. Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht vorüber.
+
+Bei der Insel Galita war eine Falle für den Bassa gelegt. Zwei kleine
+Segler mit Lamawolle und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden nachts,
+lautlos.
+
+Las Casas kreuzte ganz Tunis ab.
+
+In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische Caramuzzals ein, die
+völlig braun waren und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten. Sie
+schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus kleinen Kanonen. Beim Entern
+sprang ein Mann zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott lobend. Las
+Casas ließ ihn trotz dem Geplärr in Ketten legen. Die anderen schlug sein
+Henker mit der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten wurden auf die
+Ruderbänke geschmiedet. Die Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere
+stach die Sonne zusammen.
+
+Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang (sein Blick hatte den
+gewöhnlichen Wahnsinn der Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn
+langsam totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder. Das fiel vor ihm hin und
+nannte sich einen Franziskaner aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten
+war. Er küßte die Füße Las Casas', und als der ihn nach dem Versteck des
+Bassa fragte, heulte er auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß
+er den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches gab er singend die
+Weisungen für das Schiff.
+
+Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und versprach ihm straflose
+Freiheit, wenn sie den Bassa fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe
+seines Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei -- -- -- für den
+anderen Fall. Der Renegat allein lobte nur Gott.
+
+Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den Bassa überraschen sollten,
+sahen sie eine gelbe Caramuzzal in einem schönen Bogen eine Mauer von
+Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von beiden Seiten wurden sie mit
+Brandpfeilen und glühenden Eisen überschüttet.
+
+Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert Soldaten aus, fing
+und erschlug eine Anzahl Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe
+Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene Nubier saßen vor
+des Bassas Kajüte. Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige
+Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein stehendes Lager und den
+Harem hätte.
+
+Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten Morgen. Sein Herz ging hoch,
+als ob er ganz dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten. Die
+Galeeren sollten so lange kreuzen.
+
+Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer.
+
+Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner seine Hymnen, bis ihm ein
+Offizier mit einem Koran als Knebel das Maul verstopfte.
+
+Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren sie, daß am Abend der
+Bassa in aller Flucht vorbei gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer
+und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu weisen, obwohl sie schrien und
+sich wehrten aus Furcht.
+
+Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender fiebervoller Ring wälzte der
+Himmel sich um den Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in der Luft
+wie Sand. Sie mußten die Augen senken, und das Blut zog sich ihnen wie
+gefroren im Kopf zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos
+wurden, schrien plötzlich etwas, rannten ein Stück in die leichten Dünen
+und verbeugten sich . . . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen Laut.
+Nur das war: wie wenn der grünliche Schlauch am Himmel sich langsam um sie
+zusammenziehe.
+
+Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte, zündeten Feuer an und stellten
+Wachen aus. Die Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf der einen Seite
+die Männer, auf der anderen Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne
+scharf in die Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen in die
+Arme. Dann spielte die Muschel allein. Auch sie schwieg.
+
+Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte, daß es Zuversicht sei. Er
+wußte (ganz unstreitbar), daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie
+war zu zweifeln? . . . Juana? Er würde sie dann in fiebernden Händen
+besitzen.
+
+Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper zitterte unter dem Gedanken.
+
+Er hob den Kopf. -- Ja . . . Bisamrosen hatten um die Bank gestanden und
+geduftet. Und Nelken.
+
+Sehr scharfe Nelken. -- -- --
+
+Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von Beduinen um das Lager und
+senkte seine Lanzen in die Körper, die herumlagen. Las Casas banden sie und
+einige andere, trennten ihn von ihnen und ritten mit ihm die Nacht durch
+und den ersten Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein Kamel. Sie
+gaben ihm Stutenmilch dieser Tiere. Er trank es nicht. Mittags ritten sie
+weiter. Rötlicher Nebel schoß vor die Sonne und glühte die Kehlen aus.
+
+Die Wüste war flach, ein wenig gewellt. Dann ritten sie eine hohe Düne
+herunter. Ein Park von Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grün stand um
+ein paar Bäume und einen Brunnen. Las Casas trank Wasser. Abends fragte er,
+ob sie ihn zu Yousouf brächten. Sie grinsten: Nein --! Da wuchs alle Kraft
+in ihm und durchbebte ihn wieder.
+
+Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier: »Gute Stute . . .« Denn seine
+Hände waren gebunden. Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er schritt durch
+Gewölbe und Gänge und stand in einem Zimmer, plötzlich, mit hellgelben
+Steinen, zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saßen. Eine Laterne stand
+auf dem Tisch, Wein, Brot, Früchte.
+
+Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schönen bärtigen Türken. Sie
+verhandelten über sein Lösegeld. Während sie sprachen, senkten des Türken
+Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las Casas' Hand hoch, ein wenig.
+Sein Dolch lag auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. »Gib dir keine
+Mühe!« lächelte der Türke. Der Marques hatte die Waffe schon gepackt. Er
+sauste mit einem heftigen Sprung durch die Tür. Er sauste gegen einen
+dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen aus Zorn und kehrte ruhig zurück.
+»Ich sagte es dir«, achselzuckte der Türke, ein bißchen beleidigt.
+
+Allein er ließ ihm den Dolch.
+
+»Sag mir das eine!« fragte der Marques scharf. »Bin ich bei Yousouf Bassa?«
+
+Der andere lächelte: »Nein.«
+
+Sie einigten sich über das Lösegeld und Las Casas blieb allein. Es ging
+schon gegen Morgen. Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann.
+
+Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür war nicht verschlossen und er
+sah keine Wache. Er stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel eines
+Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog. Es roch modrig. Von Zeit zu
+Zeit merkte er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber er mied sie.
+Plötzlich fühlte er Schwindel, und die Furcht, daß er sich im Kreise
+bewege, zog ihm das Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel, wie er
+bleich ward und schlug hastig den Gang in einen Kreuzstollen ein, der das
+Gewölbe durchbrach. Als er ein paar Minuten sich die Wände entlang getastet
+hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab, eine Dämmerung schwoll auf, leichte
+Helle lockte, und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes, das größer
+wurde und ihm entgegenströmte im Nahen und Mond ward . . . und ihn
+hinauszog auf einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht.
+
+Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt in der Mitte, als schwämmen
+sie auf dem Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen blitzende Strahlen
+Quecksilber.
+
+Las Casas schlich über den taghellen Hof, an die Mauer geduckt und von dem
+schmalen Gurt ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen zwei
+Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah hinein.
+
+Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und schaute müd und regungslos dem
+Spiel eines jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben eine Zeit
+so. Innen der Türke in das Betrachten versunken, der Marques fand nicht den
+Augenblick, sich von dem Posten geräuschlos zu lösen.
+
+Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob die Augen. Die Augen mußten über
+das Fenster . . . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in die Luft, Glas
+splitterte, ein Dolch schlug neben Las Casas' Kopf vorbei durch die Scheibe
+und verlor sich zischend und blinkend nach den Brunnen.
+
+Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine Blicke faßten plötzlich
+eine dunkle Öffnung in dem hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen
+Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht und glatt. Während er
+suchte, fing ein runder Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er
+auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtbälle tauchten auf und
+spielten mit dem ersten. Sie glitten übereinander und vermehrten sich, bis
+die eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte Las Casas, die
+Wände seien Spiegel. Er suchte noch einmal nach einer Öffnung, aber er fand
+keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in die Augen. Da hieb er mit einem
+Aufschrei bebend vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles
+Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es einen Ruck, eine Öffnung,
+durch die er schritt fünf Schritte bis in sein Zimmer.
+
+Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte herein. Sie betrachtete ihn lang
+und eingehend. Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort, ihn
+anzusehen.
+
+Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte: »Ich kann mit dir machen,
+was ich will.«
+
+Las Casas zuckte die Achseln.
+
+»Wenn du mich liebtest«, meinte sie nach einiger Zeit ernst und überlegen,
+»kostete es dich den Kopf. Zwei, drei Schnitte . . .« . . . sie fuhr
+sachlich mit dem Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah ihn an, als ob
+sie immer mehr über ihn erstaune.
+
+Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der Marques die Linien ihres Körpers
+nach und wandte sich langsam nach der Wand.
+
+Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und brannten ihr Bild in die
+Mauer. Sie war sehr schön.
+
+»Mein Vater hat sieben Monde«, fuhr ihre Stimme fort, »ich habe den Alten
+schlagen lassen, dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und dich.«
+
+Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr. Da fuhr ein Lachen mit
+tausend süßen Spitzen in ihr Gesicht: »Alle Querstollen führen in den Hof«,
+lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie ihm vor das Gesicht.
+Dann lenkte sie ab: »Deine Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht
+sehr braun . . .« Sie strich mit der Handfläche neugierig und schauernd
+über seinen Hals.
+
+Der Marques packte ihre Hand und warf sie mit spitzen Fingern zurück. Sie
+zog sie erstaunt an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms und
+senkte den Kopf schräg. Sie war enttäuscht und drohte ihrem hellbraunen
+Spielzeug überrascht:
+
+»Wenn ich will, kann ich dich an das Bein einer Kamelstute binden lassen,
+die nach Tripolis geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules Wasser zum
+Trinken. Oder du mußt Sand scharren im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem
+Kopf stehen und durch die Nase lachen.«
+
+Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen. Rasch flog ihr Fuß aus dem
+Pantoffel, das Bein schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und zupfte
+ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las Casas schlug mit der Hand hart auf
+den Fuß, der sich zurückzog.
+
+Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich gering gemacht und wie ein
+Schwein oder gleich einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang auf ihn zu
+und drückte sich an ihn und strich ihm über den Arm und den Hals. Sie
+begriff ihn nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er warf sie,
+während seine Finger die ganze Schönheit ihres Körpers begriffen und im
+Gefühl bewahrten, ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen die Wand, stieß
+einen kleinen spitzen Ruf aus, zog ihr Tuch bis unter die Augen und ging.
+
+Einmal noch floh Las Casas.
+
+Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit vielen Begleiterinnen
+dunkelblaue Bohnen und Winden begoß.
+
+Er wußte nun, daß er ganz -- wie ein Tuch und ein Stein -- in ihren Händen
+sei. Aber die Erniedrigung war nicht tief genug, daß er sich tötete. Er
+spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam zu. Einmal setzte sie
+sich auf seine Knie und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff
+und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr. Um so stärker aber stieg
+das Bewußtsein der Berufung in ihm.
+
+Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er sie abschüttelte, obwohl
+sie sah, wie seine Lippen brannten.
+
+Doch langsam sahen Las Casas' Augen sie nicht mehr. Sie sahen trüb aus wie
+Zisternenwasser. Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte es
+drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren Finger vor die Pupille und stieß
+danach. Sie brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm der Stern auf dem
+Weiß.
+
+Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien eingeritzt standen, und
+flüsterte an sein Ohr: »Palast-Plan . . . Palast-Plan«, bis er begriff und
+ihn vor ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine List.
+
+Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den Lippen. Sie küßte ihn auf
+den Mund und sah ihn traurig an: »Was willst du?« Der ganze Körper bat.
+
+Da floh er.
+
+Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels, glitt über Terrassen und
+Galerien und tauchte in einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog.
+Seine Hände führten ihn tastend die Wand entlang. Er schritt minutenlang.
+In Abständen waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen hatten.
+Einige waren aus einem porösen Stein, andere völlig glatt. Er streichelte
+seine Hände kurz und stolz: »Kluge Hände«. Ein Übermaß von Freude stand ihm
+bis zum Kopf, bereit, durch Mund und Augen übermäßig aufzuspringen.
+Plötzlich packte er einen Auswuchs und empfand im gleichen Moment, daß
+seine Hand in einer Zahnreihe lag. Er half mit der anderen und erschrak,
+wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhöhlen verschwanden, die
+feucht waren und sich anklebten. Da faßte er fest zu, brachte die Augen
+nahe und merkte, daß es ein Ornament aus Gips sei. Wie er aufatmend
+vorwärts trat und sein Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas
+Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen die Tür, die hinausführen
+mußte.
+
+Seine Hände aber erkannten die Schönheit wieder, die sie einmal gefühlt
+hatten, und packten sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem. Da gab er
+nach. -- -- --
+
+Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die um sie kreisten. Er senkte die
+Augen. Zwei Beduinen empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf ein Tier und
+ritten neben ihm. Er hatte den einen Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie
+ihm einen Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche. Als sie ihn
+verließen, sagten sie ihm, daß es knapp ein Tageslauf sei.
+
+Er hielt sie an.
+
+Er hielt sie an und fragte: »Wer war es, der mich losließ?«
+
+»Die Tochter Yousouf Bassas . . .« sagten sie. -- -- -- -- -- -- -- -- Er
+wartete, bis sie verschwunden waren. Dann hielt er die Hand so, daß sie den
+ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte.
+
+Hiermit und so war er fertig mit ihm.
+
+Durch die Hand sah er sein Blut. »Juana . . . ja . . . mein Blut -- --
+unser Blut --« schrie er und stachelte den Hengst mit dem Dolch.
+
+Moos spann sich grau über die Wüste. Kranichzüge rauschten über ihm. Endlos
+blendeten die weißen Kaktusfelder in der Ferne.
+
+Ein Tuareg begegnete ihm.
+
+Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen hielten sich so fest, daß
+ihre Hände sich nicht rührten.
+
+Endlich: Bäume . . . Bäume! Eine Allee. Orangenallee . . . Er fiel vom
+Pferde, umarmte es, tanzte und küßte die dampfenden Flanken des Tiers. Am
+nächsten Tag fand er die Galeeren. Am gleichen Mittag rannte eine
+Patrouille von ihm zu Yousouf und bat ihn um eine offene Schlacht. Der
+Bassa schlug ein und bezeichnete den Platz.
+
+Sie stachen sofort los. Las Casas kam in Streit mit den Offizieren. Er
+trieb die größte Eile an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle sein
+wollte. Denn er mußte auf jeden Fall die Stellung an der Küste haben, damit
+er den Feind gegen das offene Meer hatte und so Flucht eine Unmöglichkeit
+sei und auf diese oder jene Form dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere
+wollten erst Wasser aufnehmen in einem Hafen, der nahe lag. Doch Las Casas
+sagte, daß sie nach der Schlacht Wasser genug haben würden hier oder da,
+und er wies auf das Meer und in die Richtung des Hafens; da schwiegen sie,
+denn er lächelte dabei.
+
+Die Sklaven hatten ausgehöhlte Gesichter und knirschten, als die raschen
+Takte des Vorsängers ihre Muskeln zu angespannten Zügen zwangen.
+
+Las Casas ließ sie schlagen und stand auf dem Vorderdeck, unbeweglich, den
+Blick auf das Meer ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen in
+das ruhige Wasser.
+
+Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm wie zwei Segel, die ihn nach
+der endlichen Tat hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er wenig
+und kaum. Nur dies eine erfüllte ihn. Ein Lächeln, fast spöttisch,
+kräuselte seinen Mund. Er schüttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz
+durchfuhr ihn stürmisch und sengte seine Augen.
+
+Er drehte sich und es war ihm, daß einige Bänke die Ruder weniger tief
+streckten und so den Lauf hemmten, und er ließ auf einer erhöhten Bühne
+mitten auf dem Steg zwischen den Bänken mit Sklaven zwei Neger hinrichten.
+Die nächsten schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern stand Wut.
+
+»Wasser . . . !« brüllte ein langer Portugiese und drohte. Las Casas
+lächelte ruhig und sehr gefaßt und ließ ihm das Halsblut der Neger reichen.
+
+Er fühlte einen starken Sturm in sich, der ihn hob, schwellte und maßlos
+mit sich selbst erfüllte, daß sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und
+seine endlos beschwingten Gefühle über alle Schicksale hinausstiegen und
+der Tod ihm nur ein geringschätziges Spiel (wie mit Masken) erschien.
+
+Am Abend stellten sie sich auf für den folgenden Tag.
+
+Früh riß die Sonne den Himmel tiefrot auf und färbte das Wasser so. Und als
+bedrücke das Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner Seele, horchte er
+in sich hinein und fand wie ein Pizzicato in der Ruhe seines höchsten
+Geschwelltseins den Gedanken an Juana und riß ihn heraus und maß ihn mit
+den letzten Erlebnissen und der Idee seiner Tat. Die Kartaunen des
+Vorderdecks lösten sich schon. Die türkischen Caramuzzals umsprühten die
+Galeeren mit glühenden Kugeln. Eine zischte zwischen die Ruderer und
+verbrannte sie. Es roch nach versengtem Fleisch. Die nächsten heulten auf
+und ließen die Ruder.
+
+Da ließ Las Casas die Hörner blasen.
+
+Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine Schlinge fiel vom Hauptmast.
+Sie legte sich um den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und schwang
+ihn, der sich verrenkte und mit den Armen, die Hände zu Fäusten gekrallt
+und die Zeigefinger nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen über das
+Schiff.
+
+Pfiffe rasten über die Decke. Alle Ruder hoben sich und schäumten auf die
+Caramuzzals ein.
+
+Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana ganz aus sich. Nur die Tat sollte
+sein. Er stand auf der Poppa und suchte die größte Caramuzzal. Eine Flagge
+deckte sie: Rot mit sieben schwarzen Monden.
+
+Endlich: Yousouf! --
+
+Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so war es von der Sonne durchtränkt.
+
+Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung, in der durchbebtesten
+Ekstase seines Lebens den Gedanken an Juana zu töten. Eine wahnsinnige
+Freude durchschwang ihn. Er hatte den Dolch durch den Mund gezogen. Seine
+Hände hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle Kanonen entluden sich
+und schrien gegeneinander.
+
+Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und brüllte etwas mit
+leuchtenden Augen zurück, was das Getöse verschluckte. Las Casas sah ihn
+an. Und als hätten die nicht gehörten Worte etwas gelockert, als hätten sie
+ihn das gefragt, um was er rang, brüllte er dem Jungen zu (der ihn nicht
+verstehen konnte) die Arme um das Rad, mit Lippen, die sich zerrissen an
+dem Dolch im Mund:
+
+»O alles . . . hätte ich auf den Bauch geschmissen Dreck gefressen, drei
+Monate oder vier . . . wären meine Gedärme zerfetzt daran . . . hätte ich
+den Bart säubern müssen des Bassa jeden Tag von Eiern und Speisen und
+schlechten Küssen, wäre ich stinkend geworden und nach Übelem riechend und
+hätte ich keine Zähne mehr im Mund und wäre ich gewesen wochenlang beschämt
+bei alten Weibern, die hängende Brüste hatten und Riemen von Adern aus den
+Gliedern quellend . . . o, alles nichts, klein, sehr klein, -- -- -- kein
+Lachen . . . keinen Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen Moment,
+gegen dieses Steigen -- -- -- und was Juana ist -- -- -- was ihr Andenken
+ist . . . es wiegt nicht so viel, daß ich es nur so sage, nicht einmal mein
+Brüllen ist es wert . . .« -- -- --
+
+Nun hatte Las Casas Ruhe für seine Tat.
+
+Seine Lippen zuckten zerrissen.
+
+Ehrgeiz füllte seine Augen, daß sie grün blitzten.
+
+Die Offiziere standen um ihn.
+
+Blut rann über sein Gesicht.
+
+Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer nach rechts. Geknarr und
+Erschütterung knirschte auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal
+Yousoufs, deren Geländer sie weggerissen hatte. Dunkle Massen strömten
+hinüber.
+
+Mit einem Lächeln (dies war sein Tag), ganz ruhig stand Las Casas auf der
+Poppa. Sein Gesicht war hell und stet wie eine Fahne.
+
+Aber dann: -- -- als er hinübersprang und sah, wie Bassa Yousouf mit vielen
+Kugeln durch den Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben und
+vorbeitrugen dicht an ihm . . . kniete er, wo er stand, nieder, warf sich
+auf den ersten Toten, der aus der Brust blutete, küßte die Brust -- -- --
+und stammelte: »Juana«. Stammelte: »Juana«. Nichts weiter. Nur dies.
+
+Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas betrachtete ihn genau. Er sah
+seiner Tochter ähnlich . . . die Wolke über der Stirn . . . die Braue und
+der Nasenflügel . . . Las Casas erstaunte über die Leiche. Er wußte nichts
+damit anzufangen. Er roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen,
+fiel ihm ein, waren auch dabei. Er fuhr mit den Fingern in die Wunden des
+Bassa und untersuchte sie.
+
+Dann zuckte er die Achseln und trat zurück.
+
+Der junge Offizier kam und küßte ihm die Hand.
+
+Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren traten auf ihn zu: Sie seien
+stolz . . . unter ihm . . . dieser Sieg -- -- --
+
+Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa . . . Er strich die Stirn: Ja.
+Er lag da. Auf der Poppa . . . tot? . . . Tot!
+
+Stolz hob seine Schultern. Freude überflammte ihn. Es war die erste Tat im
+Reich. Gewiß. Er hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios.
+
+Die Sonne ward schon gelb und stieg.
+
+Dann sprang er zurück auf dem Hinterdeck und gab das Signal zur Abfahrt.
+
+Ein Schrei der Wut peitschte über das Verdeck.
+
+Offiziere hoben die Hände, bestürmten ihn: »Teilung der Beute . . . Ruhe
+. . . Soldaten . . . die Sklaven seien ausgelaugt.«
+
+Las Casas stemmte sich hoch: »Wir fahren!«
+
+Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen.
+
+Niemand sprach.
+
+Sieben türkische Caramuzzals waren erobert worden, auf die Soldaten
+verteilt wurden. Die Gefangenen mußten rudern. Ein Schiff trug den Harem.
+
+Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten, sprangen den Leuten Arme und
+Lippen auf. Die Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten kaum.
+
+Weißglühende Wut schwelte in den Augen der Soldaten.
+
+Las Casas saß auf dem Vorderdeck, wo der Wind ihn zuerst kühlte. Die Leiche
+Yousouf Bassas lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal auf ihr, dann
+sogen sie sich wieder glühend, brennend in den Horizont fest. Er freute
+sich über die Tat. Aber er begriff nicht mehr, daß er über Juana
+weggesprungen sei wegen ihr. Er fühlte sie so um sich, als könne er ihre
+Umrisse mit den Händen fassen. Es war unmöglich -- wie konnte es sein,
+lachhaft und kindisch? -- daß er sie dreimal verschmäht hatte. Er blickte
+auf den Toten. Es war doch so. Doch er verstand die Wichtigkeit dieser
+Tötung nicht mehr.
+
+Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns zu mäßigen. »Die Leute verrecken
+vor Durst. Die Zungen kriechen ihnen wie böse Tiere aus den Mäulern,« sagte
+heftig der junge Offizier.
+
+Las Casas ließ ihnen die letzten Rationen austeilen. Das Tempo blieb das
+gleiche. Es ward Nachmittag.
+
+Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. --
+
+Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserfläche einen Garten voll Lauben
+und Gerüchen und eine Nacht darüber, mit Sternen dicht verschnürt, in der
+er sie besitzen wollte. Es nahm ihm den Atem. Es preßte alles beiseite. Er
+mußte ohne einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er schob den Toten mit
+dem Fuß zur Seite, da er ihn plötzlich haßte, weil er in ihn die Ursache
+verlegte (die in seiner eigenen Brust saß), daß er Juana verschmäht hatte.
+
+Da brüllte es hinter ihm plötzlich wie aus einem Ventil: »Wasser!« Es war
+ein gellender, trockener Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner
+Nähe. Aber dort brach es aus: »Wasser!« . . . und schlug hinüber und
+zündete und an hundert Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mündern.
+Die Augen waren ihnen stier geworden, und die weißschweißigen Gesichter
+brannten.
+
+Las Casas' Hirn schob blitzschnell den Gedanken vor: Gefahr! Sein
+Bewußtsein packte zu und begriff dumpf, daß ihm ein Hindernis
+entgegentrete. Rote Wut schüttelte ihn. Er sprang vor:
+
+»Schmeiß,« schrie er, »Geschmeiß,« und wieder: »Vieh . . . Ihr wollt
+weniger tun, Hunde, wo ich mehr Eile habe. -- Sklavenführer, aufs
+Vorderdeck! . . . Die Riemen in die Peitschen gezogen . . . Zehn Takte
+rascher gefahren im Viertel der Stunde. -- Den Bankersten die Bastonade!«
+. . . Seine Stimme war wieder beherrscht geworden. Die Riemen klatschten
+über die Rücken.
+
+Die ganze Nacht ließ er sie mit Wasser begießen, das sie kühlte und ihren
+Schweiß wegschwemmte. Allein das Meerwasser biß scharf in ihre Wunden, daß
+sie schrien über das Geschenk.
+
+Am Morgen stand einer auf als Deputat: »Wir können nicht mehr.« Niemand
+hörte auf ihn.
+
+»Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns auf den Bauch diese Zeit. Dann
+streifen wir das Schiff wie einen flachen Stein übers Wasser.«
+
+»Einen halben Tag . . .« johlten die anderen.
+
+Der Deputat drohte: »Wir brechen die Ruder . . .« Da gab Las Casas Befehl,
+ihm, dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge aus dem Munde zu
+nehmen und ging hinunter, die Zähne in den Lippen und bleich. Denn es
+schmerzte ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten nur ein
+Wollen, das wie ein ungeheueres Zittern daran hing und auf alles
+niederfiel, was es sperrte: »Juana!«
+
+Er ließ den Sklaven Wein geben. Das Geringe berauschte sie. Die Galeeren
+zogen rascher.
+
+Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Mäuler aufgesperrt, aber noch
+entfeuert.
+
+Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender, bis einer schrie:
+
+»Weiber -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --«
+
+Langgedehnt zog der Laut über das Schiff. Eine Stille schob sich nach, die
+alles preßte.
+
+Dann rasten alle in die Höhe und hämmerten ihre Ketten gegen die Bänke:
+
+»Dein Ver--spr--e--e--e--chen . . . am selben Abend . . . zwei . . .
+
+Schuft! -- -- -- Du . . .«
+
+Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen. Die Aufseher peitschten
+sie mühsam wieder an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich ineinander
+verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem Fleisch.
+
+»Ihr werdet sie haben, eh' der Tag 'runter ist. Wenn ihr euch eilt, Bande!
+Dann sind wir in Cartagena.« Las Casas' Stimme klang knapp, unendlich
+beherrscht.
+
+»Es ist gelogen, ist erlogen . . . Hund!«
+
+Las Casas ließ sie.
+
+Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden, erschrak er. Es blitzte ihm
+durch den Kopf -- er müsse den Abend in Cartagena sein -- -- um alles.
+
+Er ging auf dem Deck herum und zerbog die Hände ineinander, bis er den
+letzten Entschluß sich abgepreßt hatte.
+
+Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem Harem herüberzuschaffen. Er
+wußte (in brennendster Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems beim
+Umladen nach der Schlacht gesehen hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste
+waren kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte rund mit Gold gemalt.
+Sie sollten vor ihnen tanzen, daß sie rascher führen.
+
+Alle mußten hinuntersteigen.
+
+Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und Las Casas.
+
+Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven die Gesichter weiß wie die
+Planken, die Augen rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las Casas'
+Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze.
+
+Dann fingen die Boote an hinüberzufahren zur Caramuzzal, die den Harem
+trug. Die Wächter hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend vor
+Scham und Schmerz, wie irgendwo einem Geifer aus dem Maul rann, während er
+blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in Strömen aus dem Gesicht. Sie
+sahen aus wie Pilze, auf die plötzlich Tau fällt.
+
+Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel auf die Schiffe. Die
+Gesichter waren ins Unkenntlichste verzerrt. Wo manches Nase oder Mund
+sonst war, saß nun eine Falte der grausamsten Qual.
+
+Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er tat, empörte seine Seele. Er
+schlug die Arme übereinander, daß sie ihm die Brust einbogen, biß die
+Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte vor Zorn über sich. Er
+flüsterte: »Juana« und empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte den
+Abend in Cartagena sein (er kam den Abend nach Cartagena) oder wahnsinnig
+werden oder zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen diesen
+Willen.
+
+Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der Männer. Dabei empfand er, wie die
+Galeere mit erstaunlicher Geschwindigkeit flog.
+
+In der drückenden Stille hinter seinem Rücken bohrten die achthundert Augen
+sich auf die Caramuzzal, an der die Boote gerade anlegten. Ein silbernes
+Horn (wie rein es scholl zwischen den Masten und gelben Segeln!) hob sich
+mit zartem Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief einmal (wie klang
+sie jung und nach Andalusien!): »Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.«
+
+Las Casas wandte sich nicht um.
+
+Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen von einem Gedanken und hob
+den Arm mit einem raschen Mal streng und senkrecht . . . niemand wußte,
+wollte er Einhalt rufen oder winken.
+
+Doch die Geste wirkte unsächlich.
+
+Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus allen Brüsten lösender Schrei
+über die Galeere hin. Es war zu viel.
+
+Einer der Sklaven hatte Las Casas' Bein gepackt. Las Casas verschwand unter
+der gebeugten Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos, und flog wie ein
+Ball auf die andere Seite. Sie warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links.
+Vierzig auf der anderen Seite. Einer senkte seinen Mund auf seinen Hals.
+Ein anderer schlug seinen Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann
+blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf, Gefangene, erschlugen die
+Offiziere, befreiten sich und vergaßen ihn über ihrem Gelage.
+
+Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte im Horizont auf.
+
+Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind herauf. Drei Schiffe mit
+roten aufgebauschten Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven
+wurden überwältigt. Luis Quijada kam herüber von seinem Segler. Denn er war
+es.
+
+Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert um die Reeling hängen. Die
+Leiche Las Casas' ließ er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner
+Fanale.
+
+Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen und bestieg die Caramuzzal,
+die des Bassas Harem trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig
+Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein. Die anderen schenkte er
+seinen Soldaten. Darauf stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen
+Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajüte mit lackiertem Mahagoni und
+Zitronenholz. Sie hatten sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit
+ihnen und sie tranken gemächlich mit ihm, der lächelnd und zärtlich
+scherzend mit ihnen sprach, zutraulich Kakao und Orangenwasser.
+
+Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward Abend, als sie in Cartagena
+einliefen. Große Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte kommen. Das
+Banner Las Casas', Quijadas, das von Kastilien und die rote Fahne mit
+sieben Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana stand am Steg.
+
+Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht und ans Land gestellt.
+Quijada folgte. Las Casas' Kopf erschien, wie einer das Tuch hob, unter der
+weißen Fanale, auf der sein Wappen stand. Um seine Stirn saß festgebissen
+mit einem dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie ein schlechter
+Heiligenschein.
+
+Juana taumelte.
+
+Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung wieder in sich selber
+ein. Und da sie nicht allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern das
+Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie um den Liegenden herum und
+raffte ihr Gesicht auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer über
+einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz auf Luis Quijada zu und legte
+ihren Kopf an seine Brust.
+
+Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche ihrer
+Entschlossenheit, aber er tat doch den Arm um sie, denn er hielt sie nicht
+für schlechter als die drei Besten aus seinem Harem.
+
+Yup Scottens
+
+Yup Scottens wette niemals. Sie wüßten es alle.
+
+Das Blut steige ihm noch röter unter das breit und tot herabfallende Haar.
+Er schlage auf den Tisch. Jedesmal würde er auf den Tisch schlagen, wenn
+wieder einer vom Wetten spreche.
+
+Also schweige man davon.
+
+Ob Yup verheiratet sei?
+
+Nein.
+
+Und es würde besser sein, auch danach nicht zu fragen.
+
+Leise höchstens, ganz leise könne man davon erzählen.
+
+Tim Porker müßte dann die Beine vom Tische nehmen. Denn ihr Ledergeruch
+würde stören. Und dann hätte er heute morgen den einzigen Kartoffelacker
+hinter der Farm gedüngt. Kinder, man sei ja nicht so, aber Tim müsse diese
+Lederranzen von den Füßen nehmen und sie vor die Tür stellen. Noch weiter,
+zwanzig Meter vom Haus weg . . . so . . . und auch dann stänken sie noch.
+Aber weniger, Gott sei Dank, und auch weil Ralf den algerischen Tabak
+rauche, wegen dem man allein fünf Jahre in der Fremdenlegion sein könnte.
+Selbst wenn man kommandiert würde . . . Oder doch nicht, nein . . . nicht
+. . . Aber komisch, wo er den Tabak herbekomme, Ralf brauche nicht
+wegzusehen, warum denn auch. Yup Scottens wüßte manches davon, und wenn er
+wieder da sei, in drei Tagen wohl ungefähr -- denn schließlich sei er doch
+der beste Reiter --, er würde möglicherweise davon erzählen. Ralf sollte
+doch schweigen. Es sei ein Irrtum. Yup hätte an manchen Abenden beim
+einsamen Feuer am Rande der Kordilleren mehr erzählt, als sie wüßten und
+dächten. Alle miteinander.
+
+Tim Porker müsse auch die Strümpfe ausziehen. Es ginge nicht anders.
+Frischgedüngte Äcker brächten auf so verfluchte Gedanken, röchen einem an
+mit Erinnerungen. Boys! wer hörte die gern! Nach den Sternen speien nachts
+durch die blanke Kühle, hundertmal denselben Büffel anschießen, eh man ihm
+die Kugel ins Ohr brennt, Mestizen an den Beinen aufhängen, daß die Köpfe
+wie Früchte platzten, Kinder, ja, alles, gern -- aber nicht an
+frischgedüngte Äcker denken!
+
+Tizzy solle nach den Koppelungen sehen. Ob die Pferde fräßen. Büffelmist
+solle hereingekehrt werden und sparsam auf das schwelende Feuer gelegt
+werden. Morgen werde es schneien, es werde tagelang schneien.
+
+Ralf solle seinen Schnurrbart kauen und ihm die Pfeife geben. Wie? Yup
+werde länger brauchen? Yup wisse, daß nur für vier Tage zu essen da sei. In
+vier Tagen werde Yup den Transport herbringen. Heiho! Yup.
+
+Ganz andere Fahrten hätte Yup gemacht.
+
+Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott. Und wenn sie morgen früh einen
+Tunnel nach seinen Stiefeln machen müßten durch den Schnee, die Stiefel
+blieben draus.
+
+Ein glühender Tag sei es gewesen, hinten am Gebirg, der plötzlich wie ein
+Signal an der Eisenbahnstrecke, die Yup drei Tage von hier kreuzen müsse --
+also der wie ein Signal umgeklappt sei in eine stechend kühle Nacht. Sie
+hatten auf dem heißen Felsen gelegen. Die Knochen hätten gebrannt, das Hirn
+geglüht, aber sie hätten gefroren. Der Schein des Feuers wäre die Felswand
+hinaufgeklettert, aus der sternüberhängten Nacht hätte ein Fuchs gebellt,
+spitz und lang auslaufend. Manchmal. Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm
+erzählt, warum er nichts hören könne vom Wetten. Manches habe er schon
+früher geahnt, denn Yup habe dies schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm
+aber auch erzählt, warum er nicht verheiratet sei trotz dem Ring an seinem
+Finger. Yup habe ihm alles erzählt. So:
+
+»Er war fünfundzwanzig Jahre, Yup Scottens, und hatte ein schönes Geschäft.
+Es war seine Erfindung, auf Emailleschilder eine grüne Schrift anzubringen,
+die abends leuchtete. Die Fabrik lief famos. Yup bastelte an neuen
+Erfindungen, ritt, spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren Leute,
+ähnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte Schuhe an den Füßen -- ich
+sehe dich nicht an, Tim Porker --, aber sonst waren sie wie wir, hatten
+knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell säuberlich in eine
+Ecke hin, fuhren sechs Tage, immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau
+durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich, und keiner wußte
+anders, als daß sie zusammengehörten, einer zum nächsten, jeder zum andern,
+sich herausbeißen würden und ginge der letzte Zahn zum Teufel, immerfort,
+daß sie beisammen bleiben müßten. Stets.
+
+Nun lernte Yup eine Miß kennen, die Laura hieß. Ein komischer Name -- aber
+er verliebte sich in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst ging er
+Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei Abenteuern; trotzdem er den Weibern
+gefiel -- er sagte es nicht --, aber er besaß früher eine volle Brust, ich
+sah es, und schöne Beine. Jetzt allerdings, ja, jetzt sind sie nach innen
+gebogen und haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht, Kinder, Yup
+hatte gerade Beine, jetzt aber sind sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist.
+
+Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist auch egal. Hat ein wenig
+gestottert und mit einem glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe
+weggeschaut, denn er hat sich, glaub ich, geschämt. Ihr begreift das nicht,
+kann euch auch einerlei sein. Ich habe einen Stein nach einem Fuchs
+geschmissen, der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt.
+
+Yup Scottens verlobte sich nun mit Miß Laura und ging alle freie Zeit zu
+ihr. Die anderen begriffen das nicht. Sie hatten das Gefühl, als sei etwas
+aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup Scottens. Sie versuchten ihn wieder
+zu bekommen. Aber er erschien nur noch selten. Dann erzählte er von den
+Haaren der Miß Laura. Das war ihnen langweilig, begreiflicherweise.
+
+Da sprach eines Abends, wie Yup da war, einer von dem neuen Postzug, der
+über tausend Meilen laufe von Morgen bis Sonnenuntergang. Man hatte die
+eigenartigsten Sicherungen angebracht, um Anschläge und Überfälle zu
+vermeiden. Patentschlösser wie Signalschellen nach den verschiedenen
+Waggons und gleichzeitig zu den Stationen rückwärts und voraus schnitten
+Diebstähle ab. Das Personal kontrollierte sich selbst mit Stechuhren
+. . . Jeder kannte andere Schwierigkeiten. Einige widersprachen und sagten,
+Eingriffe seien doch möglich. Nun stand einer auf und erklärte, daß es
+unmöglich sei, überhaupt an den Zug heranzukommen, da er die ganze Strecke
+laufe ohne Anhalt. Von früh morgens bis abends ohne Station. Blinde
+Passagiere seien bei dieser Kontrolle ausgeschlossen. Nun standen sofort
+zwei Parteien gegenüber. Yup schrie natürlich mit denen, die behaupteten,
+man könne blind fahren. Man drängte zum Austrag, einige schlugen Wetten
+vor. Plötzlich ward es stiller. Nur Yup schrie noch. Innerlich dachte er
+nicht daran, es zu tun, was er in der Möglichkeit der Ausführung
+verteidigte. Einige versuchten, ihn auf seine Behauptungen festzunageln.
+Yup lacht noch scherzend. Da fiel wo das Wort »verlobt«. Und mit einem Male
+stand wie eine Fahnenstange aufgerichtet die Tatsache da, daß Yup fahren
+würde. Daß er die tausend Meilen fahren werde als blinder Passagier gegen
+den simplen Einsatz von hundert Dollars. Mehr als dreihundert war die
+Strafe, wenn man ihn erwischte, und einige Tage Gefängnis dazu.
+
+Yup Scottens ging den Abend zu Miß Laura, küßte sie auf das Haar und dann
+auf die Augen und sagte ihr, daß er am Morgen mit dem Zug verreisen müsse
+für ein paar Tage. Dann schlief er auf seinem Sofa ein wenig, bis die
+anderen kamen. Sie machten aus, daß einer in dem Expreß, der dem Postzug in
+kurzem Abstand folgte, nachfahren solle. Hatte Yup die Endstation erreicht,
+ohne gesehen zu sein, und den Zug ebenso verlassen, hatte er gewonnen.
+
+In der Dämmerung gingen sie an sechzig Meter von der Station am Gleise
+entlang und legten sich hin. Yup kauerte sich etwas weiter an den Damm und
+legte das Ohr auf die Erde. Ganz langsam wickelte der Zug, der sehr groß
+war und den drei Lokomotiven zogen, sich aus der Halle und setzte gerade
+bei Yup die erste Geschwindigkeit ein. Yup hatte seinen Rock ausgezogen, um
+freie Arme zu haben. Yup trug damals noch einen Rock, aus dem ein Stück
+blitzendes Hemd herausschaute mit Knöpfen drin, wie ihr es bei den Herren
+seht, wenn wir im September zur Kommission hinunterreiten. Er warf ihn dem
+Partner zu, der ihn im Expreß verfolgte, und griff fest nach dem Ende eines
+Wagentrittbretts. Dann machte er eine Drehung und saß darauf. Der Zug raste
+bald, Yup hing am Brett, dann legte er sich längs auf den Bauch, aber
+trotzdem blies ihn der Wind fast herunter. Er sah, daß er so nicht bleiben
+könnte. Später würde der Zug noch rascher fahren, in einer halben Stunde
+würde es hell sein und von jeder Station würde er signalisiert werden.
+Stöhnend und ohne Atem vor Wind schob er sich vor. Er preßte sich fest auf
+das Holz. Keine Muskel durfte nachlassen. Das Gesicht strich, während er
+vorwärts kroch, den Schmutz von dem Trittbrett, ein Splitter stach ihn in
+die Wange. Plötzlich wurde der Zug in eine Kurve hineingerissen, und Yup
+flog nach vorn, die Beine fielen seitlings herunter, blieben aber auf einem
+Reifrahmen stehen. Den Augenblick benutzte er, einen der Bügel am Ende des
+Waggons zu fassen und sich anzuklammern. Die Beine ließ er los und schwebte
+sekundenlang an den Armen zwischen zwei Wagen, den Körper mühsam angezogen.
+Er schnellte einige Male mit den Füßen nach den Puffern, bis er sie
+erreichte, griff mit den Händen nach und stand nun auf der Kuppelung
+zwischen zwei der langgestreckten Waggons. Der Wind belästigte ihn nicht
+mehr.
+
+Rechts und links waren an den Wagenseiten ovale Haken, die dazu dienten,
+die Züge heranzuziehen. Er steckte die Arme hindurch, daß die Ringe, ihn
+haltend, in den Achseln saßen, mit den Füßen stand er auf den Puffern. Der
+Zug lief hundertzwanzig Kilometer die Stunde. Yup dachte, es die zwölf
+Stunden schon auszuhalten.
+
+Yup hatte sehr viel Kautabak mitgenommen und kaute stundenlang. Mählich
+fühlte er aber, wie das Blut ihm in den Armen stockte und ein Schmerz ihn
+in den Rücken stach. Doch er kaute weiter. In der Nähe der Stationen zog er
+den einen Arm aus dem Ring und bückte sich ein wenig, als schaue er nach
+der Federung des Wagens. Dann sah er jedesmal, wie längs dem Wagen hinter
+ihm eine große Gabel vorschoß und die Postsäcke, die wie an Galgen hingen,
+packte und einzog. Nie hielt der Zug.
+
+Gegen Mittag merkte Yup, wie ihm die Augen zuklappten. Er trat von einem
+Fuß auf den anderen, er stampfte auf, bog sich in den Kniekehlen -- langsam
+fielen die Augen zu. Nun stieg Wut in ihm auf. Aber der Schlaf war stärker
+als er, Yup fühlte es genau. Wenn er einschlief, fiel er herunter, das
+wußte er. Ganz zuletzt, schon halb bewußtlos, fiel ihm ein Ausweg ein. Er
+löste seinen Gürtel und knotete damit mühselig eine Fessel um die Hände,
+nachdem er die Arme durch die Ringe gesteckt hatte, Jetzt konnte er
+unmöglich mehr abstürzen und schlief ein.
+
+Manchmal wurde er wach, dann schlief er wieder. Es wurde kühler. Ein Druck,
+als hätte er blutige Ränder um die Schultern, zwang ihn endgültig
+aufzusehen. Auch im Genick fühlte er nun Schmerzen. Sofort fing er an, mit
+den Beinen aufzutreten. Er atmete auf, als es ging, wenn auch schwer. Doch
+die Bewegungsmöglichkeit der Arme schien ganz gehemmt. Eine Stunde, noch
+länger, wippte er mit den Achseln auf und ab, hob sich auf die Zehenspitzen
+aus der Spannung der Ringe heraus und wieder zurück. Endlich merkte er, daß
+Blut wieder sickernd und schwach den Oberarm hinunterfloß. Es war höchste
+Zeit. Mühselig löste er den Riemen von den Handgelenken, als er die Finger
+einigermaßen wieder bewegen konnte.
+
+Es war wirklich höchste Zeit, Boys! Denn es war Abend. Denkt an den
+Indianer, der den Büffel, auf dessen Rücken geschnürt er hinausgetrieben
+war, qualvoll geblendet und, die Finger in seine Nüstern vergraben,
+tagelang erdrosselt hatte -- und den wir schier verhungert an den Hügeln
+fanden . . . so ähnlich ging es Yup. Der Zug raste. Die Lokomotiven wurden
+im Fahren gewechselt.
+
+Endlich, endlich pfiff die vorderste Lokomotive. Die beiden anderen
+folgten. Der Zug lief langsam. Er stand. Endlich stand er.
+
+Yup ließ sich herunterfallen. Voll Öl und Schmutz, schwarz, blutend im
+Gesicht, schien er ein Heizer. Er sah schon lange nichts mehr, die Augen
+brannten scharf, er fühlte nur ein heftiges Zucken im Kopf. Trotzdem ging
+er mechanisch in das Restaurant, setzte sich auf eine Bank und spie seinen
+Kautabak aus. Dann erst fiel er um.
+
+Drei Tage schlief er im Lazarett. Am vierten ließ er nach dem Partner aus
+dem Expreß fragen. Er hatte ihn noch nicht besucht. Ärgerlich, daß er nicht
+zu finden war, telegraphierte Yup nach Geld und fuhr am fünften zurück --
+mit einem Elektrisierapparat, den er jede halbe Stunde an seine Schultern
+setzte.
+
+Er schellte am Hause seiner Braut, der er telegraphiert hatte. Die
+Verwandten prallten zurück. Das Mädchen lief fort und schrie. Man war
+verlegen. Plötzlich brach die Mutter der Braut in wildes Weinen aus. Nun
+sprach sie leis, aber es schlug grausam auf Yup herunter.
+
+Der Expreß war entgleist. Eine Weiche war herumgeworfen worden, aber sie
+hatte zu spät funktioniert. Der Postzug, dem natürlich der Anschlag galt,
+war schon vorbei, der folgende Expreß sauste die Böschung hinunter. Unter
+den halbverbrannten Leichen ward eine als die von Yup Scottens nach einer
+aufgefundenen Brieftasche legitimiert. Es war Yups Partner, der Yups Rock
+trug. Der Telegraph brauste, die Namen der Toten standen an allen Mauern.
+Währenddem schlief Yup, mit gefesselten Händen zwischen den Wagen, hängend
+wie ein Sack. Miß Laura war nicht ohnmächtig geworden, als sie hörte, Yup
+sei tot. Aber sie sprach nichts mehr. Sie erkannte niemand mehr. Auch Yup
+nicht, als er zu ihr sprach.
+
+Yup streichelte sie und sagte zu ihr, daß er Yup sei. Vielemal erzählte er
+ihr alles. Er erklärte ihr den Irrtum. Dann ging er tagelang weg, als sie
+sich nicht rührte, und brütete und wollte sich töten. Denn Yup spürte, daß
+er schuld sei. Hätte er ihr erzählt, wie es wahr war, von der Wette (Laura
+hätte ihn lächelnd gewähren lassen, so bitter sie nach seiner Abfahrt
+geweint hätte, aber er wollte ihr keinen Kummer machen), hätte Laura
+gewußt, daß die Nachricht von seinem Tod irgendwie ein Irrtum sein müsse.
+So hatte durch seine Unaufrichtigkeit sie das überganglose Begreifen des
+Verlustes wie eine Faust mitten in ihr Gesicht getroffen. Yup dachte aber
+auch, daß er nicht hätte zu wetten brauchen, daß er es wegen Laura
+vielleicht nicht hätte tun dürfen (darüber war er sich allerdings nicht
+ganz klar, denn Laura hatte ihn immer angehalten, den Instinkten seiner
+Kraft nachzugehen, wohl weil sie fühlte, daß ein Versagen ihn dumpf auf die
+Dauer und ungleichmäßig ihr gegenüber machen würde), und er fühlte, indem
+er überlegte, daß er nur gewettet hatte, weil einer wegen seiner Verlobung
+seinen Mut bezweifelt hatte. »Verlobt«, hatte einer gerufen, und Yup sann
+so lange über den Klang der Stimme, bis er wußte, daß es Gerd Robinson war,
+der so gerufen hatte, aber als er mit dem Revolver zu ihm ging, erfuhr er,
+daß Gerd verschollen sei seit dem Unglück. Später fand man ihn.
+
+Yup ging nun wieder zu seiner Braut, legte ihre Hände zusammen und sagte
+ihr wieder alles. Boys! ich hoffe, daß keiner lacht, denn es wird dunkler
+und ich kann eure Gesichter nur undeutlich noch sehen, Boys, -- Yup
+Scottens setzte sich in die Knie und beugte sich nach dem Ohr seiner Braut
+und flüsterte weinend, sie solle ihm verzeihen. Laura! stammelte er, ich
+bin Yup, ich lebe.
+
+Aber sie sah starr gerade aus.
+
+Tagelang saß Yup bei ihr. Manchmal sprach er lange kein Wort. Dann rief er
+ihren Namen. Stundenlang rief er: Laura! Wie ein grüner Papagei schreit,
+rief ers. Da nahm man sie weg von ihm; eines Nachts, ohne daß, er es
+merkte. Nach ein paar Tagen verschwand auch Yup. Er schlug sich in unsere
+Gegenden.
+
+Einmal vor zwei Jahren war er einige Wochen verschwunden. Mitten in der
+Biberzeit geschah es, und Yup verlor die Hälfte seiner Jahreslöhnung.
+Damals war Yup noch einmal bei ihr. Niemand wußte es. Es war damals, als er
+nachts oft lachte und den Mestizen durch das Fenster erschoß.« -- -- --
+
+Man solle nicht zu viel an dem Feuer schüren. Es brenne von selbst. Ralf
+solle mehr algerischen Tabak geben. Die Pfeife sei aus. Er brauche das
+Bowie-Knife da drüben. Danke.
+
+Es sei ganz dunkel geworden und doch noch so früh. Morgen werde man wund
+und schweißig vor Arbeit in der Kälte. Gut, daß die Pferde nicht so eng
+gepflockt seien. Tim Porker solle, verdammt und zum letztenmal, das Maul
+halten. So wahr er ihn kenne, er setze ihn zu seinen Stiefeln hinaus, bei
+Gott, in den Schnee.
+
+Ob einer wette, daß Yup nicht in vier Tagen da sei -- -- --
+
+Keiner?
+
+Man solle die Tür aufmachen!
+
+Weiter!
+
+Man solle die Tür ganz weit aufmachen!
+
+Maßlos flockte der Himmel auf das bleierne Land.
+
+Ende
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN ***
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+Transcriber's Note:
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+<br />
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+</p>
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+<br /><br /><br /><br />
+Zehntes bis zwanzigstes Tausend<br/>
+Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig<br/>
+<br /><br /><br /><br />
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+
+<p class="center" style="page-break-before: always">
+Diese Novellen, die die sechs Mündungen<br/>
+heißen, weil sie von verschiedenen Seiten<br/>
+einströmen in den unendlichen Dreiklang<br/>
+unsrer endlichsten Sensationen: &mdash; des Verzichts<br/>
+&mdash; der tiefen Trauer &mdash; und des grenzenlosen<br/>
+Todes &mdash; sind geschrieben zur einen<br/>
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+<p>&nbsp;</p>
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+<tr><td style='text-align: left'>
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+
+<tr><td style='text-align: left'>
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+
+<tr><td style='text-align: left'>
+Yup Scottens
+</td><td style='text-align: right'>
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+
+</table>
+
+<p>
+
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_1" name="page_1">Der Lazo</a></h2><p>
+
+
+</p><p class="first">Raoul Perten verließ das Haus.
+
+</p><p>Seine Füße stiegen die Treppe herunter, er
+fühlte es und die Bewußtheit des mechanischen
+Vorgangs erfüllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl
+keine Erregung in diesen Tagen vorangegangen
+war, und dies erstaunte ihn ein wenig.
+
+</p><p>Es hatte ausgeregnet, die Erde strömte nach
+den Umwälzungen des Gewitters aus aufgerissenen
+Ventilen dankbaren Geruch in die Höhe. Zwischen
+den gelben Kieswegen lagen kleine schrägsteigende
+Dampfwolken, und die wassergefüllten ungeheuren
+Dolden der weißen Fliederbüsche betteten sich schwer,
+geneigt und getrunken in das Feuchte der Blätter,
+und als einziges Geräusch klang das Rieseln seiner
+ablaufenden Tropfen in der Luft.
+
+</p><p>&bdquo;Das ist alles so einerlei wie ungerecht,&ldquo; sagte
+Raoul. &bdquo;Wenn ich dies so durch die Nase ziehe,
+überjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines
+maßlosen Flugs. In fünf Minuten aber ist das
+vorüber und ich weiß nur noch, daß wir den Abend
+zu sechs Gängen soupieren, daß Onkel den Louis
+Schütz mitbringen wird, daß Blumenthal morgen
+(was macht es mir?) seinen zweiten Rekord feiern
+wird, übermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella
+mit dem Russen verschwindet. Und was geht das
+Wissen da all mich im Grunde an .&nbsp;. .? Onkel
+hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, daß
+man ihn den Abend drum feiert. Der Präsident
+wird gegen zwölf wie gewohnt seinen Witz erzählen.
+Rosenheim lacht durch die Nase. Mella wird im
+Orpheum meinen leeren Platz sehen, sich ärgern
+oder freuen oder auch nur erschrocken sein.
+
+</p><p>Fiele ich dort an der Straßenecke in einen gewaltigen
+und (oh!) varietègrünen See oder sauste
+ich in einen grandiosen Backofen &mdash; &mdash; &mdash; es wäre
+objektiv ganz gleich, ich würde mich in dem einen
+Falle nicht mehr erstaunen als in dem zweiten oder
+andere Bewegungen machen, man würde die Tatsache
+als eine kleine zwischenakthafte Sensation
+anständig, vielleicht graziös aufarbeiten &mdash; &mdash; &mdash; ohne
+viel Verwunderung .&nbsp;. . nur Onkels bedauernswerte
+schwarze Glacès würden einige Tage lang
+steigen und sinken, monoton und heftig wie Pumpenschwengel
+.&nbsp;. . &mdash; Doch dieses Möglichkeitsausdenken
+ist sehr langweilig. Monologe sind literarisch. Die
+Geste ist verwundert &mdash; alt und blasiert. Bin ich
+blasiert? Bestimmt? Ehrlich? Nein! Wenn ich
+am Sonntag reite, den Dreß spüre, das leichte
+Keuchen höre aus der Gurgel des Gauls und von
+seinem Mundschweiß beschneit dahänge zwischen
+Zügeln, Rücken, Gegnern und Welt &mdash; &mdash; &mdash; weiß ich,
+daß dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist.
+Auch wenn wir im Auto den Rhein hinunterrasen
+und dann quer über Holland und die mitteldeutsche
+Hypothenuse zurück .&nbsp;. . dann sitze ich nicht, Beine
+ausgeklemmt, weit voraus, das Rad zwischen zwei
+Händen hebelnd und von Zeit zu Zeit das kratzende
+Geräusch des bewegten Vergasers über das Gehämmer
+des Motors setzend .&nbsp;. . sitze ich nicht,
+braun, die Nase wie ein Akzent über dem eingummierten
+Gesicht mit dicken hellbraunen Lederhandschuhen
+auf dem Apparat &mdash; &mdash; &mdash; vielmehr irgendwo
+bin ich darüber, in der Höhe, fliegend (doch keineswegs
+so wie im Aero: göttlich und doch gebunden!),
+sondern aus einer großen Ruhe heraus gewaltig
+herunterlugend und das Gefühl ruckweise wie Bissen
+genießend: Das weiße Netz der Landstraßen, hell,
+weiß, flimmernd vor Staub, sei eine Befriedigung,
+eine stolze Sache .&nbsp;. . die hellen Schläuche führten
+alle in eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden
+Horizont, dessen unermeßliche Offenheit anzuschauen
+so etwas sei wie ein Ziel.
+
+</p><p>Allein wenn ich nach außen fasse, nach rechts
+außen, und den Hebel zurückschmeiße und &mdash; der
+Wagen steht, so weiß ich: Alle Chausseen seien doch
+nur ineinanderfließend und auf das erste zurücklaufend
+nicht mehr als ein stumpf machender Kreislauf
+und eine Schlange, die sich in den Schwanz
+beißt. Mein Rücken sofort dann krümmt sich ein wenig
+wie im gutsitzenden Cutaway, mein Bizeps erlahmt
+in dem Ärmel, der wieder korrekt darüberfällt,
+sich erst an der Manschette von neuem erweiternd. &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel
+straßenweit und haben den Vorzug, in abenteuerliche
+Stimmung zu versetzen und den Weg aufs angenehmste
+zu verkürzen, da man sich hierbei des Gehens
+als physischer Erscheinung nicht bewußt wird. Daher
+war Raoul Perten schon tief in die Stadt hineingekommen.
+Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz
+vorüber. Der Wagen leerte sich beinahe
+völlig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen Herren
+schwebte plötzlich über Raouls Gesicht und sammelte
+seine ganze Aufmerksamkeit langsam auf sich.
+Raoul sah eine Hakennase, von der viele parallele
+kleine Adern nach den Augensäcken liefen und sich dort
+in einem Chaos von disharmonierenden Linien austobten.
+Die Ohren waren oval, steif, fast gespitzt
+und ganz hell.
+
+</p><p>&bdquo;Mein Junge,&ldquo; sagte dieser Mann. Es war
+sein Onkel. Sie reichten sich die Hand.
+
+</p><p>In diesem Augenblick, während dieses Vorgangs,
+der sich täglich in unzähligen Variationen,
+der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fünfzehn
+Jahre hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion
+(denn teils durch Zufall, einigerseits auch aus
+einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie
+in dieser Zeit kaum einen Tag getrennt gewesen),
+in der schamlosen Selbstverständlichkeit und Verbrauchtheit
+dieser Gebärde vollzog sich, die gewaltigste
+Umwälzung in Raouls Leben.
+
+</p><p>Er stand da, den Stock auf der Spitze seines
+Schuhs, ihn oben leicht drehend, die andere Hand
+im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde
+daran gedacht hatte, sagte wie in einem Trance:
+&bdquo;Ich werde ein paar Tage verreisen, Onkel&ldquo; und
+diese Worte erstaunten ihn selbst nicht .&nbsp;. . und wie
+er ruhig die Scheine einsteckte, nein, wie er sie ergriff
+mit drei gespitzten Fingern, als der Onkel sie
+ihm reichte und ihn bat, doch jedenfalls den Abend
+da zu sein und daß er sich überlegen wolle, ob er
+auch mitkomme ohne die Frage, wohin überhaupt .&nbsp;. .
+da spürte Raoul in einer großen Erregung schon,
+wie sich neue Dinge in ihm von diesem seitherigen
+Leben schon wieder lösten und andere nachbrachen
+und in der angegrabenen Rinne der neuen Erkenntnis
+weiterrannen &mdash; denn er begriff plötzlich, daß diese
+gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur
+irgendwie seinem Bizeps korrespondiere, und Mißverhältnis
+zwischen seiner Situation und seiner Anlage
+und Natur klafften ihm klar auseinander.
+
+</p><p>Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol
+zusammen (&bdquo;Ja! wie Stanniol&ldquo; lachte er) und steckte
+sie in die Tasche. Er wartete, bis des Onkels Gang,
+der selbstbewußt und sehr nach außen war, nicht
+mehr sichtbar blieb.
+
+</p><p>Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege
+nach Hause. Wie er die Treppen hinaufsauste,
+empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens.
+Wie sollte er die Existenz seiner Beine im Bewußtsein
+haben, wo er lief! Er kam bis unter das
+Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den
+Scheinen und legte sie ganz sachte in ein großes
+Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und setzte
+mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand
+kam, trotzdem er seit der Kommunion nie so
+hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte
+Spinne darauf. Worauf er lachte, ein Stück die
+Treppe hinabstieg, plötzlich niederkniete auf beide
+Knie und vor Entzücken einige Male in die Hände
+klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach
+Geld, die im ersten Stock lagen, packte, was er
+fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen
+herunter.
+
+</p><p>Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen
+Zweig von der alten Vogelbeere und behielt ihn,
+leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging
+er. Ging ohne Erregung, Posse, Sentimentalität.
+Ging wie ein Passant, der eine stille Gewißheit hat
+oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch
+nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von
+einer Stelle, die einem so vertraut und dadurch so
+entfernt geworden ist, daß es selbst eine fabelhafte
+seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die
+Komödie einer Traurigkeit einzureden. Es war
+ihm, er sehe seines Onkels Schatten über eine
+Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein.
+Er kam auf die Straße. Da stand eine Laterne,
+die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen
+hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter.
+Aus einer Abendschule strömten Kinder, und wie
+er sah, daß sie begehrlich vor einem kleinen Bäckerladen
+standen, kaufte er einen Arm voll klebrige
+Sachen und warf es über sie.
+
+</p><p>Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn
+er eilte übermäßig, weil ihm keineswegs klar war,
+wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er,
+und das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat
+aus und nahm ihn über den Arm. Es war dunkel.
+Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male
+einen ganz hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt
+war, eine saloppe und originelle
+Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und
+er nahm seinen hellen Mantel, nannte den Menschen
+seinen Freund und schenkte ihn dem, der überrascht
+sich oft verbeugte und vielemals &bdquo;Sehr geneigt&ldquo;
+sagte. (Er hieß Keybbell und war das an Willkürlichkeiten
+der Stunde nicht ungewohnte abonnierte
+Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf
+rannte er weiter und kam an eine Litfaßsäule, die
+grell erleuchtet war.
+
+</p><p>An ihr entschied sich sein Schicksal.
+
+</p><p>Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben
+sogen seinen Blick auf. Seine Haltung ward mit
+einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine
+auseinander und warf mit einer eigentümlichen Bewegung
+die rechte Schulter zurück und ging von dunklen
+und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden
+Regen einer schmalen Wolke hinein, die den
+silbernen Himmel rasch und scheu noch überschwamm.
+
+</p><p>Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox
+das Negative des Mantelverlusts gewissermaßen
+zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer neu
+übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte
+es nicht, weil ihm schien, die Zeit der zynischen und
+geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er dachte
+kurz an eine Zigarette. Aber er zündete keine an.
+
+</p><p>Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener
+Brust auf seinen großen Horizont zu. &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck.
+Zehn russische Polen lagen im selben Raum
+mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein
+feuchtes Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch
+zu entschieden war. Denn es war ihm klar: daß
+es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten
+in irgendwelche Strudel hineinzuwerfen.
+Daß es vielmehr nötig sei, statt von einer Mittellage
+aus unsicher nach zwei Richtungen hin und
+her zu schwanken, von ganz unten her und ohne
+jede Voraussetzung die Welt zu durchstoßen nach
+oben hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun
+und an sich töten müsse. Das nasse Tuch aber
+lehrte ihn, daß viel schwieriger wie die Überwindung
+größter Leidenschaften der Verzicht sei auf
+gewohnte Zivilisierung. Aber er verzagte nicht.
+Drei Tage darauf nahm er an einem schmierigen
+Fest der Polen als Solosänger teil. Sein Bariton
+ward so zu etwas nutz, und seine Methode erwies
+sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen spielte
+er täglich Karten mit Hamburger Sträflingen,
+die noch den transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes
+hatten. Er fühlte schon, daß er steige.
+Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen
+hatte.
+
+</p><p>Allein seine Haltung viel auf und seine Hände
+noch mehr. Er beobachtete den Gang der Matrosen
+und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel
+dann die Unsitte eines Freundes ein, der den rechten
+Fuß grundlos in einer kleinen Kurve bei jedem
+Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit
+dem Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf.
+Seine Hände aber schienen sofort demokratisch, als
+er sie einen Mittag lang zum Putzen einer verschmergelten
+Maschine großmütig auslieh. Längere Zeit
+umschlich ihn ein bärtiger Kerl aus Sachsen und
+erzählte ihm lange Elendgeschichten in der Art wie
+sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei Mark und
+hörte kaum auf ihn. Aber er sah gleich ein, daß
+diese Handlung töricht war, denn sogleich kamen
+andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte
+er auch dies: nahm den Hund und warf ihn die fettglänzende
+Treppe herunter. Und hatte nun Respekt.
+
+</p><p>Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse
+zu vollenden, in diesen Tagen die erste
+Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte
+Tiere.
+
+</p><p>Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New
+York. Es enttäuschte ihn nicht, aber es drückte
+auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt
+gegenüber völlig indifferent. Denn warum sollte
+ihm das eine größere Begeisterung oder eine Erweiterung
+seiner Seele verschaffen, daß hier die
+Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren
+wie sonst.
+
+</p><p>Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er
+bescheidene Straßen sah. Dort mietete er und
+dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck.
+Es gab zuerst für ihn noch die Schwierigkeit der
+Sprache, denn von der Schule aus wußte er wohl,
+wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht
+glücklich mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen
+erlaubten ihm seine Kenntnisse noch nicht. Jedoch
+fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und
+Bewußtsein mehr wiege wie planloses Wissen. Er
+schien Chance zu haben. Da sah er eines Abends
+im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht
+zu fragen, warum. Er schenkte ihm nur sein Abendbrot,
+das er in der Hand hielt, und fuhr am folgenden
+Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt
+war ihm zuwider geworden.
+
+</p><p>Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen:
+als Lehrer, Kindergärtner, Feuerversicherungsagent
+.&nbsp;. . doch ohne Erfolg. Er begriff,
+daß diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie
+zu bekannt seien, schlug sich an den Kopf, kaufte
+einen blauen Leinenanzug und von einem Nigger
+eine ölige Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter
+Schlosser, Chauffeur und Monteur. Ein
+Fabrikant fragte einmal: &bdquo;Kannst du Milchseparators
+machen?&ldquo; Er antwortete, es sei seine Spezialität.
+Am nächsten Tag erfuhr er, daß es Blechkonstruktionen
+seien mit einer einfachen Mechanik,
+so daß auf der einen Seite die Buttermilch, auf
+der anderen die Butter herausspritze. Er machte
+am ersten Tag so viel, als die Mindestzahl der Einlieferung
+betragen mußte, und bekam für das Stück
+fünf Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen
+weiter fertig. Jeden Tag hatte er einen Dollar.
+Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit
+sei zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen
+und deshalb weniger. Man kontrollierte ihn
+und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem
+Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei
+Dollars hatte.
+
+</p><p>Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er
+stand auf und fragte. &bdquo;Auf! rasch .&nbsp;. .&ldquo; sagten
+sie ihm.
+
+</p><p>Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt.
+
+</p><p>Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er
+es auch. Ein riesiges Häuserquadrat stand in
+Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit
+roten Sternen um den Arm, und sie holten überall
+die Gegenstände des Wertes: Kassenschränke
+und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der
+Inspiration von Rippenstößen. Man gab ihm
+fünfzig Dollars dafür.
+
+</p><p>Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß
+auf einer Papierkugel, die zehnmal so viel wert war.
+Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die
+Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und
+Umstand seines Lebens von damals. Er steckte
+die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche.
+
+</p><p>Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen,
+fünf Tage spannte sich Land an ihm vorbei, heulte
+das Dunkel an die breiten Fenster.
+
+</p><p>Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er
+rasierte sich, sprach mit den Menschen und las.
+In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den
+Linden oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete
+eine sichere Ruhe aus; doch er fühlte, daß er,
+obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden
+Sausen sich befinde, das überall um ihn war. Die
+Bekanntschaften dieser Tage erschienen ihm interessant
+wie kaum andere (obwohl er viele kannte,
+die faszinierender und berühmt oder bedeutend vor
+allem waren wie Blumenthal etwa, der Verse
+schrieb, Bucheinbände machte und eine Nacht mit
+einer ganzen Barbesatzung über Westdeutschland
+flog). Er empfand eine erstmalige Anteilnahme an
+den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten,
+es zuckte ihm in den Fingern, von dem
+zu wissen, was sie ausspie, wohin sie rannten, was
+Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff
+nicht zu. Es war nicht seine Zeit. Er schnitt alles
+durch. Stieg aus.
+
+</p><p>Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher
+Haufe Hütten (wie im geduckten Bewußtsein,
+nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum.
+Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel
+mit Muscheln besetzt.
+
+</p><p>Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen
+den fuhr er los, drei Tage lang, im Büffelwagen.
+
+</p><p>Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung,
+und da sie ihm gefiel, nahm er Stellung
+als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die
+Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau
+nickte ihm kurz, freundlich zu. Die Tochter sah
+ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so
+dicht, daß ihr Ärmel den Staub von seiner Schulter
+fegte. Raoul fand, daß dies seiner Lage entsprechend
+sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden
+gelächelt hatte, biß er die Zähne zusammen
+und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte und ihren
+Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug.
+
+</p><p>Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt:
+Revolver, Lazo, seidenes Halstuch. Im übrigen
+erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über
+das Leder- zum Seidenlazo zu kommen, ist die
+Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt noch
+etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich
+Köstlicheres. Das ist der Lazo aus geflochtenen
+Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in seinen
+Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins
+ist, weil er zuviel säuft und schießt. Denn ein oder
+zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu verzichten,
+um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen
+dafür, ist eine Sache, die komplizierter ist als die
+letzte Wissenschaft oder mit Größe in den Tod gehn.
+Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen
+war stolz auf ihn, und siehe: breite Silberringe
+unterbrachen seinen Lauf.
+
+</p><p>Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten
+und nickten ihm zu. Einige gaben ihm die
+Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte
+mit einem knappen Einknicken der Hüften: &bdquo;Heinz
+Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings selten
+mit vollem Titel angeredet.&ldquo; Die übrigen schauten
+dumm, weil er es deutsch sagte. Doch Raoul liebte
+ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das Originelle
+der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische
+stilisierte Form des äußerlich Verkrachtseins
+nicht zu. Dagegen schloß er sich zusammen
+mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß
+er im Augenblick ungefähr im Steigen auf der
+Höhe angekommen sei, die dieser Bursche hatte.
+Nämlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit
+des Auges, die den Dingen und besonders dem
+glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer
+bereit und sicher war.
+
+</p><p>Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn.
+
+</p><p>Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu
+reiten. Da nahm der Freiherr die Kugel aus einer
+Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und
+schoß ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein
+angedrehter Springbrunnen flog das Tier in die
+Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der
+Erde. Wut stieg ihm in die Fäuste, aber er entkrallte
+die Hände wieder, faltete sein Gesicht in
+Ruhe. Er wußte, er würde in einigen Tagen besser
+reiten als der Freiherr und empfand auch dies als
+Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen.
+Aber da die anderen gelacht hatten und das
+bös war, bat er den Freiherrn, eine Flasche mit
+der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt
+von ihm. Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe
+an und hielt sie, und Raoul bluffte sich
+damit in alle Achtung und Bewunderung zurück,
+daß er seelenruhig zum Hals hinein und den Boden
+heraus schoß. Und keiner lachte mehr.
+
+</p><p>Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst
+von der Farm ein Buch. Er hob es auf. Longfellow:
+Hiawatha .&nbsp;. . Helen stand vor dem Hause
+und knotete ihre Zöpfe auf. Und er vergaß sich
+und redete das erstemal zu ihr, und gegen seinen
+Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene
+Formen wieder in ihm auf, und er sprach,
+daß er das Buch gefunden hätte und daß er wisse
+aus seiner frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und
+daß er es ihr bringe; denn er glaube, daß es nur
+ihr gehören könne und fürchte, sie hätte diesen Verlust
+als einen besonderen Schmerz empfunden.
+Und hier sei es nun.
+
+</p><p>Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen
+und ihrem schwer beherrschten Erstaunen, daß er
+in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr
+sich selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen
+habe. Er merkte, daß es in ihm wüte, sah, wie
+sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem
+Körper, grausam und langsam wie Quecksilber sich
+hebt, bis er die Richtung seiner Augen traf. Da
+sagte sie: &bdquo;Danke.&ldquo;
+
+</p><p>Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus
+Zorn gegen sich. Er schlief nachts schlimmer als
+die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte
+und betrank sich hin und wieder.
+
+</p><p>Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin,
+das tat ihm wohl. Sie kam freundlich, und er
+wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber
+sie nahm ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts,
+während er von Europa sprach und sie Washington
+dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in
+einem Pensionat interniert war, und sie sprach französisch
+und er entgegnete ebenso, doch sie fragte ihn
+nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch leichte
+Aufträge, halb Wünsche mehr mit ausgeprägtem
+Akzent. Einmal sah er den Freiherrn sich wo beschäftigt
+machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob
+kaum die Schultern. Wie konnte der sie etwas
+angehn. Und Raoul liebte das Grenzlose dieser
+Verachtung und haßte sie darum gleich. Denn sie
+war über ihm und der Geist seiner Kaste saß in ihm.
+
+</p><p>Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse
+des Verhältnisses, das zwischen geschenktem
+Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte
+(und der Teufel lasse sich von oben her unverdiente
+Sentiments schenken!), und der Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens
+hin und her vibrierte. Da
+gab es einen Tag, wo sie die Sache klärte, indem
+sie ihm mit ihrem Stolz wie mit einer Gerte über
+das Gesicht schlug.
+
+</p><p>Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt
+mit ausgesprochen weichen und feinen Formen
+und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur.
+Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie
+erfreut, klopfte dem zitternden Tier den samtenen
+Hals und schien dankbar, bis sich im Weiterreiten
+eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer
+hochmütigen Bewegung ihren Lazo ihm hinüberschnickte
+und mit geschärfter Stimme sagte (und
+verzogenen Lippen): &bdquo;Sie können ihn haben. Da!
+Er taugt mir doch nicht mehr.&ldquo;
+
+</p><p>Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal
+wieder rote Wallungen sein Gesicht zudeckten,
+er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte,
+ritt davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß
+es ein Ziel sei, sie zu besitzen, sie zu gewinnen. Gott,
+wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie
+er sich freute, daß er heruntergeschmissen war von
+ihrem achtungsvollen Interesse, in dem alle Handlung
+ihm gebunden war. Nun lag alles an der
+Gewalt seiner Hände.
+
+</p><p>In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers
+aus England auf die Farm. Er hatte in
+New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen
+sehen. Er hatte vor, zwei, drei Wochen zu bleiben,
+ward aber nach ein paar Tagen schwer krank. Die
+gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim
+rissen eine Stange aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig
+Stunden hindurch. Dann waren sie
+wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie
+den Arzt, an der Stange zwischen sich die Apotheke.
+Die Krankheit war jedoch nicht schlimm.
+
+</p><p>Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall.
+Vielleicht hatte sie auf ihn gewartet. Sie war
+ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen.
+Dann blieb sie doch stehen und sagte mit einer
+Stimme, die so beherrscht war, daß die Verzweiflung
+aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten
+pfiff und mit einer Kälte, die kaum die
+Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies zugestoßen
+sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen
+.&nbsp;. . Sie stockte, denn sie empfand, daß
+sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle. Und stotterte,
+daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen
+würde .&nbsp;. . aber .&nbsp;. . nein .&nbsp;. . das .&nbsp;. . sie könne es
+ihm nicht sagen. Raoul begriff, daß es Zorn von
+ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu kommen,
+denn sie hielt ihren Stolz allein durch die
+Möglichkeit einer solchen Sache beschämt, aber er
+wunderte sich nicht und fragte nicht: warum sie das
+ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel,
+warf dem Freiherrn die Schlinge über und
+schleifte ihn ein Stück.
+
+</p><p>Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte
+er einen Schuß und die Kugel. Zwei Tage darauf
+ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die
+Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne
+gekommen und hatte ihm den Schenkel gestreift.
+Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab,
+fand aber nichts.
+
+</p><p>Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht,
+ehe er nach den Weideplätzen des Freiherrn ritt,
+nahm er Blei und Papier und schrieb seinem Onkel,
+er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst
+dazu komme, ihm zu schreiben, er sei jedoch sehr
+beschäftigt gewesen und habe die unmaßgebliche
+Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen.
+Er sei übrigens in Amerika, momentan wenigstens,
+für den Fall, daß der Präriestempel unleserlich sei.
+Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort ebenfalls
+unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche
+des Onkels, etwas für ihn zu tun, womit er ihn
+das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe,
+gar nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne
+Bedürfnisse sei. Vielleicht nehme er aber ihm zuliebe
+die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach
+zu kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem
+Haus befinde, dort am dritten Dachfenster aus
+dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu
+töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei
+präzisierten Wert an seinen Freund Jim zu schicken.
+Jim sei nämlich ein entzückender Mensch, Gourmand,
+und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun.
+Woraufhin sich der Onkel vielleicht entschlösse,
+die Gegend einmal zu besehen. Leider werde
+er voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!)
+nicht mehr dort antreffen seinen Neffen Raoul.
+
+</p><p>Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden.
+Wieder traf er Helen. Er hatte wegen seinem
+Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich,
+daß es ihr aufgefallen war. Sie war entschieden
+verlegen und hatte Ringe im braunen Gesicht.
+&bdquo;Wohin .&nbsp;. .?&ldquo;
+
+</p><p>Raoul machte eine undefinierbare Bewegung.
+Ganz ziellos und groß ins Weite.
+
+</p><p>&bdquo;Vielleicht &mdash; das wollte ich sagen &mdash; reiten Sie
+für diesmal mein Pferd. Ich kann heute nicht
+reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen
+.&nbsp;. . und dann (ihre Hand erschien hinter dem
+Rücken) .&nbsp;. . dann .&nbsp;. . nehmen Sie etwa auch
+meinen Lazo mit &mdash; ?&ldquo;
+
+</p><p>Raoul zögerte.
+
+</p><p>Sie: &bdquo;Ich &mdash; bitte.&ldquo;
+
+</p><p>Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war
+das beste Pferd im Umkreis. Wie leicht ihr Lazo war!
+
+</p><p>Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten
+sie, einander jagend, einen großen Pferdetroß.
+Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken
+Keilen zwischen sie. Sie konnten nicht schießen.
+Die Lazos peitschten die Luft. Plötzlich riß zwischen
+den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch.
+Raoul spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in
+die Beine strömte unter dem Druck der entsetzlich
+pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust
+einschnürte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde.
+Die Arme waren angeschnürt, er konnte sie von
+den Ellenbogen ab erst bewegen.
+
+</p><p>Es genügte. Eh&rsquo; der Gegner anzog, ihn zu
+schleifen, zielte er, stemmte das Knie hoch, schrie
+etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel
+mitten durch den Kopf.
+
+</p><p>Dann setzte er sich auf das Gras und schlug
+die Beine zusammen. Das da war ein Duell im
+Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte,
+was das sagen wolle, daß Helen ihm Pferd und
+Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr reich
+werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten,
+wenn er nach Süden ritte. Und sie war schön, war
+stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie liebe. Aber
+es schien ihm, daß er dann wieder da angelangt
+sei, wo er ausgegangen. Kein Himmel werde seine
+nächtliche Lockung über ihn wölben. Der Himmel
+würde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut.
+Das Leben würde nichts mehr zum Steigern für
+ihn haben. Er begriff in einer qualvollen Sekunde,
+daß er für dieses Leben und seine Ansprüche verdorben
+sei, weil er mit einem satten Punkt eingesetzt
+und mit einem Ende begonnen habe, und daß
+nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich
+selbst höher zu werfen und weiter zu steigern, und er
+begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so weiter ungebunden
+und von unten weiterstoßend möglich sei.
+
+</p><p>Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen,
+daß er über Helen hinausmüsse und ihre
+Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre
+Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem,
+das ihren Trotz und ihre Erschütterung färbte .&nbsp;. .
+Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die Lider
+lange darüber. Dann erhob er sich.
+
+</p><p>Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe,
+daß sie schnaubend allein nach Hause lief.
+
+</p><p>Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein,
+daß er nun, wo diese Schmerzlichkeit weiter über
+sein Leben hinaushänge, das Alte und Schwermachende
+nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich
+kamen Zweifel, ob alles dies, was so qualvoll
+an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht
+doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen
+bestehe, die sich ineinanderfließend wiederholten
+im Hochhinaufgerissenwerden und in der Müdigkeit.
+Aber er schüttelte sie ab.
+
+</p><p>Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein
+wildes Pferd, bändigte es und sprang darauf. Der
+Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen
+geflochten und mit Silberringen breit geschmückt.
+Raoul Perten ritt nach Norden zu. Und ritt und
+warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt
+aufwärts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in
+den Schwung eines maßlosen Trapezes und ließ
+den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen um
+seine Hände fahren &mdash; &mdash; .&nbsp;. . und ritt auf ein Stück
+Himmel zu, das sich wie ein blaues Dreieck zwischen
+zwei Hügel hineinbohrte und über dem ein Horizont
+aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden
+Rotunden kreisend wie ein von Rätseln
+durchstochener Schild.
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_33" name="page_33">Der aussätzige Wald</a></h2><p>
+
+</p><p class="lyrics">
+Benoit de St. More:<br />
+Ceste historie n&rsquo;est pas usée
+
+
+
+</p><p class="first">Jehan Bodel, Sire d&rsquo;Arras ritt durch den
+Wald.
+
+</p><p>Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung
+keine Waffen außer dem kleinen damaskenischen
+Messer im Gürtel. Seine Arme hingen
+laß auf beiden Seiten des Sattels herunter.
+
+</p><p>Nach zwei Stunden pfiff es scharf.
+
+</p><p>Aus einem Gebüsch sauste ein Knäuel Menschen
+den Abhang herunter in die grelle Sonne. Einige
+hielten Keulen aus Holz in den Fäusten. Der vorderste
+tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig
+hochschnellend. In seiner linken Hand drehte
+sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere,
+deren Finger aus dem Fleisch herausgekrochen
+waren und die am Knöchel zu einem dicken roten
+Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges
+Schwert. Alle waren von furchtbaren Fetzen
+schmutzigen Tuchs umhängt. Geschwülste und Narben
+fraßen sich durch die Gesichter der meisten.
+Langsam rollte etwas die Böschung auf allen Vieren
+ihnen nach herunter, hob sich mit langen weißen
+Haaren, stand ehrfürchtig zögernd, die Hände in
+Bewunderung und Tasten hebend und streckte
+zwei rote leere Augenhöhlen mitten in das stechende
+Licht.
+
+</p><p>Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war
+zu klein. Sein Blick fuhr herum. Nichts war
+im Bereich seiner Hände. Er trat einen Schritt
+zurück und spie aus vor Wut.
+
+</p><p>Die Männer krochen wie Spinnen auf ihn zu.
+Ihr Anführer umtanzte ihn lautlos mit gierigen
+Sprüngen.
+
+</p><p>Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde,
+hieb drei Kerbschnitte in den Oberschenkel, drehte
+das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar
+der Angreifer, ging zurück, streichelte rasch das
+schreiende Tier über Maul und Hals, tötete es
+und schritt lässig, hochmütig den freien beschienenen
+Waldweg weiter.
+
+</p><p>Es bewegte ihn ein Gefühl: Zorn, daß er keine
+Zeit hatte, das Maultier zu töten, eh&rsquo; er es verwundete.
+Er dachte nicht daran, daß er auf ihm
+hätte fliehen können. Jehan floh nicht.
+
+</p><p>Kam am Mittag nach Erigny, wo großer Markt
+war. Viele Auslagen färbten den Platz bunt, und
+ein erschütternder Tumult bewegte sich über die
+Straßen. Jehan stellte sich auf eine Tribüne mitten
+im Platz, und als Ruhe war und Kopf an
+Kopf gesät sich gegen ihn schoben, verhieß er, vor
+Ekel geschüttelt, jedem, der im Wald einen Aussätzigen
+erschlüge, zwanzig Denare.
+
+</p><p>Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug,
+einen schneeweißen Hühnerhund und eine
+Stute, deren Schweif den Boden peitschte.
+
+</p><p>Er ließ alles an seinen Gasthof bringen, bestellte
+Spielleute und aß. Als er seinen Lieblingsfisch
+auseinanderlegte, schob sich ein Mönch durch die
+Tür und suchte zu Jehan zu kommen. Doch der
+Wirt spreizte die Arme und drückte ihn zurück.
+Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der
+Mönch bestand darauf und schwur lang und laut
+bei St. Vinzenz, bis Jehan aufmerksam ihn herbeiwinkte.
+Bis auf zwei Meter, denn er wünschte
+nicht, von seinem Atem belästigt zu werden. Der
+Mönch schlug ein Geschäft vor. Jehan aber machte
+eine so abweisende Geste, daß er zu winseln begann
+und schwur bei den runden Blutstropfen von St.
+Morant, Jehan werde nächtelang aus Reue seine
+Brust schlagen. Und wie er von dem gesättigten
+und zufriedeneren Mund des Gegenübers die herbe
+Strenge abfallen sah, stieß er hastig einen Schritt
+vor und sagte leis etwas.
+
+</p><p>Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mönchs
+Fratze bedeckte sich aber mit einer fetten Vertraulichkeit
+und sagte und schwor bei dem Leibe der
+heiligen Afflise, die Ware sei gut.
+
+</p><p>Jehan lachte ungläubig und edelmännisch und
+folgte ein wenig zurückgestoßen, mehr aber neugierig.
+Sie überquerten den Hof, schoben einen
+Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall
+.&nbsp;. . dann riß der Mönch eine verborgene
+Tür auf.
+
+</p><p>Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein
+schräg in die Mauer gerammtes Bett enthielt,
+auf dem ein Mädchen kauerte in südlicher Haltung,
+von vielleicht siebzehn Jahren, die sich nun zu einer
+adligen und beschämten Haltung erhob und eine
+rührend große Schönheit entfaltete. Der Mönch
+wollte ihr die Tunika abziehen, allein Jehan wies
+ihn zurück, verbeugte sich und fragte, wie sie heiße.
+
+</p><p>Sie sagte: &bdquo;Beautrix&ldquo; und sagte es in limusinischem
+Dialekt, dessen dunkle Schwingung Jehans
+Ohr entzückte. Sie hatte eine so schmelzend
+weiße Haut, daß sie unmöglich aus der Provence
+sein konnte. Der Mönch sagte: Aus Byzanz.
+
+</p><p>Da kaufte Jehan sie ohne Prüfung um zweitausend
+Denare.
+
+</p><p>Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen
+aus der Stadt. Jehan sprach nichts zu
+einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein
+wenig hinter ihm. Plötzlich kam ihnen Gebrüll
+entgegen, schäumende Rufe spritzten durch die leere
+und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag
+vom Huf der Tiere durch den mahlenden Sand.
+
+</p><p>An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession
+an ihnen vorüber, Männer, die Fahnen trugen,
+schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit
+Säuglingen an den strotzenden Brüsten, Greise,
+die ihre müden Glieder vorwärts schnellten, und
+alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den
+Arm um die Weiber geschlungen und sich in sie
+verkrampft, Mädchen liefen mit gelösten Haaren
+und ließen sie vom Wind hinter sich aufbäumen,
+in die Männer wieder ihre Gesichter tauchten .&nbsp;. .
+und alle sausten singend und schreiend mit stampfenden
+Sprüngen vorbei.
+
+</p><p>Beautrix errötete und wandte den Kopf, als
+der Zug vorbeischoß.
+
+</p><p>Da wußte Jehan, daß er einen guten Kauf getan.
+Er schnallte seine Bügel hoher und hob sie
+herüber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier
+mit Gelächter, lachte, küßte sie und rannte mit ihr
+durch den Wald. Die Hunde jagten vor ihm.
+
+</p><p>Er dachte nicht an die Aussätzigen. Denn er
+fühlte, wie die Glieder von Beautrix heiß wurden.
+Noch einmal küßte er sie. Da war es schon dämmerig
+geworden. Der Hühnerhund sprang vor
+ihnen hin wie ein weißer Strich.
+
+</p><p>Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen
+Bogen gleich einer Augenbraue. Dumpf rauschend
+wie zwei Fledermausflügel zogen sich die
+Tore von Arras im Abend hinter ihnen zusammen.
+
+</p><p>Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise
+und sagte es so zu Beautrix. Denn Jehan Bodel
+war (ohne daß er die kleine und falsche Schäbigkeit
+beging, es in seinem Leben auszudrücken und
+ohne daß es aus seinem Tun bewußt nur in einem
+Funken erhellte) der größte Dichter der Pikardie.
+
+</p><p>Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen
+auf seinen linken Arm, und indem er sie mit
+dem andern an der Schulter stützte, trug er sie in ein
+großes getäfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures
+Bett stand, und sagte ihr, daß dies ihr Eigentum sei.
+
+</p><p>Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer
+Dame im Westen der Stadt, der er dort ein Haus
+unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame
+sei in der Kirche, und er kam gerade recht, als sie
+die Abendmesse verließ. Er nahm sie und ein paar
+Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trübe
+Schenke in der Ecke des Platzes.
+
+</p><p>Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das
+sie allein hatten. Holzpritschen mit Teppichen belegt
+umliefen die Wand und schlossen einen Kreis
+um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der
+Boden war mit leuchtend gelben und weißen Platten
+belegt. Es roch nach Wein und Rosen. Jehan
+ließ gemischten Wein kommen und nahm seine
+Dame neben sich. Eine Stunde später kamen noch
+einige Männer. Die Weiber lagen auf den Bänken
+und sangen.
+
+</p><p>Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten.
+Eine Rote erzählte, die Zähne fletschend, was ihr
+ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie möge
+die Haare kürzer schneiden und als Mönch bei
+ihrem Orden eintreten. Und ob sie sich dann auch
+die Haare blond färben und den Namen &bdquo;Innozenz&ldquo;
+annehmen würde, fragte ein junger Mann .&nbsp;. .
+worauf sie beleidigt tat und ihm ihr Glas zwischen
+die Busenkrause goß. Ihm aber dann sich auf die
+Knie warf und ihn reuig in den Ohrlappen biß.
+
+</p><p>Jehan ließ Gewürze in den Wein kochen. Sie
+tranken stark und lachten. Die Weiber schaukelten
+auf den Pritschen und lallten Gesänge und Lieder
+durcheinander.
+
+</p><p>Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen,
+die ihm Stellung und Temperament zur sonstig
+mittelmäßigen Erfreuung &mdash; mehr geduldet in der
+vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen &mdash;
+machten, ließen ihn grenzenlos öd.
+
+</p><p>War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm
+des Zimmers ein fremder Duft wie von Frauenhaaren,
+die er kaum kannte, an seinen Händen
+schwebe?
+
+</p><p>Er begriff die Wandlung, faßte das Unbehagen
+nicht ganz in seinem bewußten Grund, aber ergriff
+es in brutalem Wohlgefühl wie die Lösung dieser
+Spannung, als er im Lauf des Abends von einer
+der anderen erfuhr, wie seine Dame ihn betrog.
+Und da (siehe) es wiederum ein Mönch war, dessen
+Schatten hier seinen Weg kreuzte (nur daß er
+nahm dieses Mal und nicht darreichte), lachte alles
+in ihm über den Ausgleich. Er stellte die Kanne,
+die seine Hand gerade umfing, nicht einmal weg,
+griff seiner Dame mit der Linken ins Haar und
+warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch
+die Tür. Erhob sich lächelnd und frisch und schenkte
+das Haus im Westen der Stadt jener, die zuerst
+fünf Glas Mischwein trank und ging aufatmend,
+den Kopf schräg nach dem Himmel hinaufgelegt,
+die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht.
+
+</p><p>In einer Nebenstraße fiel es ihm ein: er klopfte
+noch an ein Tor und befahl einem Händler, dessen
+Kopf am Fenster erschien, daß er am nächsten Mittag
+mit seinen besten Sachen zu ihm komme.
+
+</p><p>Die Dämmerung schlug sich durch die Straßen,
+und mit einem Anheben fingen alle Glocken an zu
+schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch
+sich die Hände und das Gesicht, stieg in den anderen
+Stock und öffnete in einem schmalen Ritz
+eine Tür. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix
+und wie ihre lichten Glieder im Morgen blitzten.
+
+</p><p>Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei
+hinüber, Beautrix zum Essen zu holen. Es tat ihm
+leid, wie sie in dem weißen und groben und unreinen
+Kleid, das sie am vorigen Tage getragen, erschien.
+Allein ihre Bewegungen waren so, als ob sie nichts
+trüge oder so; als ob sie persische Stoffe über den
+Gliedern hätte und wie es Jehan in einer raschen
+Erkenntnis schien so in einem; als ob dies gar
+nichts bedeute für den Adel ihres Wesens.
+
+</p><p>Während sie aßen, geschah etwas Seltsames;
+Jehan, der spürte, wie etwas, je näher er kam,
+etwas wie unbewußte und ungekannte Achtung sich
+zwischen ihn und die Sklavin schob, sah sie plötzlich
+in Tränen ausbrechen. Er fragte. Da wies sie
+halb lächelnd wieder auf ihren Teller und sagte,
+daß sie dieses Gemüse nicht essen könne. Es war
+Kohl. Jehan lachte sehr. Dann überließ er sie dem
+Händler mit den Stoffen.
+
+</p><p>Am nächsten Morgen brachte er ihr ans Bett
+rote Blumen und Steine aus Alamanda. Den
+Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa:
+
+</p><p class="lyrics">
+Amic, s&rsquo;eu vos tenia<br />
+Dinz ma chambra garnia,<br />
+De ioi vos baisaria,<br />
+Qar n&rsquo;audi<br />
+Ben dir l&rsquo;autre di.<br />
+Qant lo gilos er fora,<br />
+Bels ami,<br />
+Vene-vos a mi.
+
+
+</p><p class="noindent">Sie schürzte sich ein wenig und tanzte. Die
+Flammen zuckten auf dem Leuchter.
+
+</p><p>Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar,
+das in Brunst war, und nannte sie: Silberne
+Drossel &mdash; und blieb und küßte sie. Sie nahm
+keine Scham vor ihm und zog sich an, während
+die ersten Lichtstreifen den Boden kräuselten. Sie
+bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete
+sie. Vor drei Altären betete sie. Die aneinandergelegten
+Hände hob sie vor jedem hoch auf im
+Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsägliches
+ausstreuenden Gebärde. Als sie das Münster
+verließen, war der Ausgang versperrt. Eine Frau
+lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch
+und Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze
+standen um sie und neben jedem Kreuz eine armlange
+Kerze mit zuckendem rötlichen Licht. Einige
+Leute standen um die Büßende, die nicht aufsah.
+Beautrix zögerte.
+
+</p><p>Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte
+die Frau. Er nahm Beautrix auf die Arme wie
+am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch
+den dunkel aufgewölbten Mund der Kirche hinaus
+ins Licht. Und setzte sie nicht nieder; trug sie so
+über den Markt. Als er in die Straße einbog,
+setzte ihm schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte
+er den Kopf: Schwarz, schäumend stand mit wehenden
+Armen die Dame vor dem Portal und nannte
+Beautrix eine Dirne.
+
+</p><p>Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus.
+
+</p><p>Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte
+keine Geschenke.
+
+</p><p>Aber wie die Dämmerung die Schatten vom
+aufgewühlten Gesicht der Beautrix abpflückte,
+nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war
+die ganze Nacht mit ihr.
+
+</p><p>Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix
+in jeder Frühe seinen Falken. Manchmal auch: silberne
+Drossel. Doch dies geschah selten und nur
+bei Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen
+das Fenster äderten und in eine überhitzte Glut anschwollen.
+Sie blieben einen kurzen Atem lang
+zitternd und wie ein Segel und zum Sprung gespannt
+in der Öffnung hängen mit gelbgrünen
+Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm
+und bebte ein wenig. Denn das bedrückte ihr Herz
+und war ähnlich wie das im höchsten Entsetzen zerbogene
+maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer.
+Das haßte Beautrix.
+
+</p><p>Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy
+nach Rouen. Als er zurückkam, erwartete sie ihn
+lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn
+die weite Plaine heraufkommen. Er winkte ihr
+zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte ihr aus
+Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe
+schnurrte den ganzen Tag in seinem Bauer aus
+Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch.
+Da warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr
+eine weiße Blumennische bauen. Kaufte ihr einen
+ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und
+ließ ihr einen Hengst in den Stall stellen, der weiß
+war wie seine Stute. Denn ihm kam es vor, alles
+müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen,
+der ihm einen Falken brachte, der nicht so weiß
+war, wie er ihn verlangt hatte. Beautrix&rsquo; Haut war
+das strahlende Licht und die ewige Lampe von Arras.
+
+</p><p>Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem
+Schlaf und holte sie aus ihm hervor, und Jehan
+legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße
+und zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand
+bis übers Knie. Beautrix warf ein kurzes Kleid
+drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei
+Sternen. Dann nahm sie zwei Falken und Jehan
+nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und
+als einer der Vögel mit einem maßlos trunkenen
+Aufstieg abbog und in den kühneren Kampf aufstieß
+und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg
+und Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit
+einem Gesicht, das dies spiegelnd und das Übermäßige
+des Tages und dieses sich in das Heroische
+des Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, .&nbsp;. .
+da riß Jehan ihr den weißen, weiten Handschuh über
+Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den
+Unterarm aus unerträglich geschwellter Liebe. Sie
+ritten lang durch eine Ebene mit Weidengestrüpp.
+Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen.
+
+</p><p>Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in
+einiger Entfernung später an den Pailletten erkannte,
+die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem Augenblick
+hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen
+Handschuh überreichte, indem er ihn lang
+küßte, während seine Augen nach ihr langten.
+
+</p><p>Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll
+waren von Jagd und satt und behängt mit Glanz
+und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse,
+die glänzend und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen
+vom Gelächter einer der Frauen. Jehan
+ritt mit dem Ritter, der Girard hieß.
+
+</p><p>Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von
+Schreien. Aufbäumende, in wüste lange Schnörkel
+sich ausgießende Laute röhrten aus der Ecke. Ein
+Mann in dicke Tücher vermummt, vor dem Gesicht
+die Larve, war an einen Pfahl gebunden, die Arme
+verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken
+hin und her in den fanatischen Konvulsionen eines
+Berauschten. Sein Kopf stand, am Hals in einer
+Klammer gefaßt unbeweglich darüber wie eine
+Plastik aus Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten
+und die Augen, groß, rund und aufgesperrt
+sich verdrehten. Über ihm hing eine Röhre, die ein
+Mann bediente. Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein
+Tropfen dampfendes Öl auf den Schädel des
+Gemarterten.
+
+</p><p>Sie riefen und man antwortete aus einem Haus:
+es sei Thibaut de Nesle, den ein Aussatz überfallen
+habe und den man so strafe dafür, daß er es verheimlichte
+und nicht beim ersten Zeichen die Stadt
+verließ. Da schwoll Jehans Gesicht vor Zorn. Er
+erinnerte sich des Todes seines gelben Saumtieres,
+das ein Preis war von Toulouse, und er verdoppelte
+den Einsatz für den, der einen Aussätzigen im Wald
+erschlüge und setzte ihn auf vierzig Denare. Dann
+warf er den Kopf zurück. Er ritt genau vor den
+Ritter Girard und befahl ihm, dem Henker zu
+sagen, daß er dem an den Piroli Gebundenen fünfzig
+Tropfen heißes Öl mehr geben solle auf seinen
+Befehl. Er sagte es laut vor den anderen Reitern.
+Er sagte es laut vor allen Köpfen, die in den Fenstern
+liegend, in Kreisen den Platz umschnürten.
+
+</p><p>Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge.
+Jehans Blicke stachen lange in die des Ritters,
+bis dieser langsam zusammensank und die Schande
+auf sich nahm und zu dem Henker sprach. Als er
+zurückkam, war er bleich und Tränen liefen aus
+seinen Augen.
+
+</p><p>Der Aussätzige warf einen Schrei aus der Kehle
+der aufschwirrte und hinüberzischte wie ein Pfeil.
+
+</p><p>Auch in Beautrix&rsquo; Gesicht schwebte ein Weinen
+und ging nieder, als sie zu Hause waren. Sie
+fragte, warum er den Hohn über den jungen Mann
+getan hätte und zitterte, denn sie empfand, daß er
+grausam sei.
+
+</p><p>Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh
+aus weichem weißen Leder und malte mit dem
+Finger die Stelle, die Girard geküßt hatte und
+sagte: &bdquo;Ich hatte ihn sonst töten müssen.&ldquo;
+
+</p><p>Da empfand Beautrix in einer maßlosen Erhebung,
+wie sehr er sie liebte, und sie wusch sich
+viele Male den Leib mit Moro-Öl und byzantinischen
+Wassern am Abend, um ihn beflügelt und festlich
+zu empfangen und verzehnfachte sich in den sieben
+Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff
+und klar waren und deren Nächte überstrahlt über
+sie gingen, heller und furchtbarer als tausend Gewitter.
+
+</p><p>Eines Tages erschien ein provencalischer Sänger
+und übernachtete in Jehans Haus.
+
+</p><p>In dieser Nacht träumte Jehan Bodel, Sire
+d&rsquo;Arras, er gehe durch einen Wald, dessen Bäume
+gebogen seien und tönten und sängen. Es war ein
+Lied, das ihn schmerzte. Er sah eine gläserne Tonne
+und floh in sie; sie bewegte sich, stürzte ab und über
+ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund
+eines Meers. Einige Zeit hörte er nur die klingende
+Musik des Wassers, das an dem Glas rieb. Dann
+kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar
+nichts als Meer, und die Endlosigkeit überfiel ihn
+und eine weite Leere umringte seine Gedanken, und
+wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine
+Blumenspritze seine Sinne zerstäubte und ihn
+machte, als schwebe er.
+
+</p><p>Mittags ging der Provencale.
+
+</p><p>Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der
+Normandie und wallfahrte nach San Jago de
+Compostella.
+
+</p><p>Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare
+schwarz.
+
+</p><p>Er reichte Jehan dankend die Hand.
+
+</p><p>Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte
+er. Er nahm den Spiegel .&nbsp;. . und in die
+Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen
+zu einer Tiefe gehöhlt hatte, ergoß sich abstürzend,
+ihm neu und ihn zum erstenmal mit Maßlosem
+belastend, eine brandende Erkenntnis.
+
+</p><p>Jehan legte die Hände auf den Rücken. Ging
+durch das Zimmer. Stunde um Stunde. Beautrix
+klopfte. Er hörte nicht. Sie rief, es sei Nacht.
+Die ganze Nacht lag Beautrix allein in dem großen
+Bett. Der Mond spielte um sie. Das war ihr
+neu. Sie griff nach ihm. Sie schloß ihn in die
+Arme und weinte.
+
+</p><p>Jehan Bodel saß einen Tag reglos in einem
+Erker und sah durch das Fenster in die Stadt.
+Er saß auf einer schmalen Ottomane. Reglos
+standen zwei Säulen auf beiden Seiten neben ihm.
+Dann stand er auf, und Schaum lief von seinem
+Mund. Er zerriß die schwarzzurückgeschlagene Portiere,
+schlug mit einem Damaskener Fetzen aus
+seinen besten Schwertern und zerbröckelte sie dann
+in Stücke, daß seine Hände von Röte brannten.
+Darauf saß er wieder und starrte auf die Stadt.
+Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf
+der Erde und rieb sich den Körper mit ascalonischen
+Zwiebeln. Dann saß er und schrieb
+fiebernd.
+
+</p><p>Beautrix wartete und klopfte.
+
+</p><p>Er gab ihr kein Wort.
+
+</p><p>Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, überströmend.
+Jehan biß die Lippen zusammen vor Schmerz
+und damit er nicht weine und sandte ihr lachend
+einen Kohlkopf, damit er ihre Liebe tötete.
+
+</p><p>Aber er tötete ihre Liebe damit nicht.
+
+</p><p>Nach einer Woche schwirrte das Gerücht durch
+die Stadt und die Umgebung, Jehan lese am Tage
+darauf sein neues Chanson.
+
+</p><p>Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix
+ein. Sie lag, bleich, da sie nicht mehr aß, auf
+einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem
+Bett.
+
+</p><p>Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn
+und mit ihm kommen. Sein Mund war streng.
+Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wies sie
+zurück. Da faltete sich ein Zug Trotz quer über
+ihr Gesicht, sie spielte mit dem Knauf des Bettes
+und regte sich nicht, wie er ging.
+
+</p><p>Dann aber lief sie hinüber und schaute durch
+das maurische Gitter. Er saß auf der Ottomane
+wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen
+Augen geschmolzen war und wie sie glanzlos starrten
+.&nbsp;. . Da zögerte sie nicht mehr.
+
+</p><p>Sie schlang den blauen und gelben Turban um
+die Haare und steckte sieben Dolche hinein und
+band an den ersten einen weißen Schleier, führte ihn
+unter das Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder
+an dem siebenten ein. Dann schloß sie um ihre
+kleinen Brüste ein weißes Mieder, das dünne gerötete
+Zwicken hatte an den Achseln, welche in die
+Arme liefen mit engen Ärmeln aus reinem Goldbrokat
+und zwischen denen die weiße Seide des Rockes
+hinunterströmte zu den gekreuzten Schnüren aus
+Hermelin und dem Passepoil mit roten und lila
+Augen.
+
+</p><p>Sie gingen zusammen zum Markt. Eine große
+Masse bedeckte ihn und schob sich in Reihen durcheinander.
+Neue Ströme rauschten durch die Tore
+von außen. Vereine mit Talaren und ein Priester,
+der in rotbekleideten Händen eine Fahne hielt.
+Einige Partien sangen. Eine Schar Mädchen
+sang dann Sommerlieder, und der Rhythmus der
+Kommenden hakte in sie hinein wie das abgerissen
+Zanken von Papageien.
+
+</p><p>Jehan ging auf das Gerüst. Hinter ihm stand
+der figurenvolle, schlündige Eingang des Münsters,
+aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grüßte
+lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel
+hing über dem Platz. Lachend gaben sie ihm den
+Gruß zurück. Dann wandelte sich sein Gesicht in
+eine undurchsichtige Strenge, und er las Li congie
+de Jehan Bodel d&rsquo;Arras, das heißt, er sagte den
+Bürgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter
+unter ihm strafften sich. Sie spannten sich in eine
+atemlose Erregung. Einer hob die Hand. Alle
+hoben die Hand. Ein Sturm von Händen hob
+an und warf seinen Willen gegen die Brüstung,
+daß er bleibe. Und die Gesichter entstarrten sich und
+flammten auf in Ekstase und sie schrieen es. Sie
+tobten und stürmten vor.
+
+</p><p>Da hob Jehan beide Hände zum Hals, hakte
+sie ein und riß nach zwei Seiten das Kleid auseinander
+und stemmte ihrem Schreien seine nackte
+Brust entgegen. Er breitete die Arme aus. Auf
+seiner Haut tanzten blaue Flecken, und ein rotes Geschwulst
+durchbrach die Brust.
+
+</p><p>Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das
+Ungeheure.
+
+</p><p>Die Arme sanken zurück Das Schreien ward
+Geheul. Männer rissen Weiber zurück von dem
+Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben
+verknirschte der Aufruhr und duckte sich. Eins gab
+es nur: Flucht! &mdash;.
+
+</p><p>Einer wagte es noch, stieß die Faust in die Luft
+und brüllte &bdquo;Pilori&ldquo;.
+
+</p><p>Doch er blieb allein.
+
+</p><p>Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter
+wie im Wasser werde, kam etwas von ihm her und
+preßte die Menge vom Platz und warf sie in die Häuser
+und Straßen. Zwei trugen Beautrix ohnmächtig.
+
+</p><p>Dann ward es still.
+
+</p><p>Kein Ton. &mdash;
+
+</p><p>Jehan lächelte: Wie in der Tonne.
+
+</p><p>Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt
+nach dem einen. Es war ein Tor in einem Turm,
+der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen
+denen eine große Glocke hängt. In seiner Mitte
+quoll ein Auswuchs heraus, formlos gewölbt, wie
+ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan
+sah die Straße hinunter. Er sah niemand. Darauf
+schritt er zurück über den Platz nach der anderen
+Seite. Kein Auge stand an den Fenstern,
+die ihn anklafften. Er trug den Aussatz auf seiner
+Brust gerade wie ein Schild. &mdash; Hier lief eine dunkle
+Passage durch kleine wüste Gassen.
+
+</p><p>Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine
+Ärmel waren eng und trugen an den Gelenken
+Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn
+die Brust offen lassend, ein dunkelrotes Kostüm um
+seinen Oberkörper und rann dann unter dem Gürtel
+(aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander
+zu den Füßen, wo eine breite Pelzsäumung
+es aufhielt und ein Streifen aus Gold. Grün
+waren seine Schuhe.
+
+</p><p>So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und
+hoffte, daß ihn einer erschlüge.
+
+</p><p>Doch es erschlug ihn keiner.
+
+</p><p>Sein Haus hatte eine breite Front. In den
+oberen Teilen lagen große Fenster mit Säulen.
+Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den
+Tag und die Nacht. Niemand kam. Jehan wartete.
+
+</p><p>Niemand kam.
+
+</p><p>Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und
+Reihen von Menschen zogen mit Kerzen durch die
+Stadt und zur Kirche.
+
+</p><p>Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner
+Ottomane. Das Zimmer war verschlossen. Beautrix
+klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag.
+Sie rief weinend Jehans Namen. Sie warf
+ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte auf den
+Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte.
+Er hörte sie nicht. Die Tür knirschte kaum.
+
+</p><p>Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand
+das Tor offen an Jehan Bodels Haus. Niemand
+kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend
+schaute Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor
+die Tür gestreckt wie ein feines helles Tier. Später
+zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die
+Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten.
+
+</p><p>Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme
+aus dem Dunkel hervorklingend unter Jehans Zimmer
+die Geschichte von Amis und Amile:
+
+</p><p>Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich
+und liebten sich. Da verführte Amis die Tochter
+des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen,
+aber Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man
+erkannte ihn nicht und gab ihm die Prinzessin als
+Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf
+sie, ließ er sie ihm zum Ehebett und ward aussätzig
+zur Strafe. Aber Amis tötete seine beiden
+Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund.
+&mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie
+auf, und am Morgen bot ein Mönch zwei Knaben
+an zum Verkauf.
+
+</p><p>Jehan lehnte ab.
+
+</p><p>An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür
+mit einem Messer und schälte Span auf Span
+heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus
+Eisen. Die Klinge brach ab.
+
+</p><p>Da legte sie sich stumpf über die Schwelle.
+
+</p><p>Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen
+die Tür, bis sie das Gefühl ihrer Hände verloren
+hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es
+schien, er schaue auf seine Hände. Da biß sie in das
+Metall der Klinke und sank blutend auf den Boden.
+
+</p><p>Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die
+Tür auf in Jehans Haus. Sie spreizte sich auf, so
+offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein.
+Nacht. Die Nacht war so still, daß das Dunkel
+brauste.
+
+</p><p>Wie .&nbsp;. . ?
+
+</p><p>Stille, kein Ton kam durch die Straße.
+
+</p><p>Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der
+Tür, eine Rinne Blut über dem Kinn. Er sah es.
+Allein .&nbsp;. . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane
+zwischen den Säulen.
+
+</p><p>Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er
+sich. Er ging gerade auf die Tür und öffnete sie,
+Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der
+ersten Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände
+mit ascalonischen Zwiebeln, die die erste Ansteckung
+verhinderten. Langsam ging er darauf in das
+Zimmer von Beautrix. Er roch an den weißen
+Blumen in der Nische .&nbsp;. . der Kamin .&nbsp;. . das
+Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht
+aus Dijon. Er empfand wie der Papagei sich
+regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts mit derselben
+Drehung und die Täfelung und die Teppiche
+aus Palästina darüber. Er zündete Lichter an an
+der Wand, und sie blitzten auf. Sie spiegelten
+flackernd in runden Metallplaketten und bestäubten
+das Zimmer mit einer dünnen Schicht Licht,
+in der er es mit einem Blick noch einmal aufnahm.
+
+</p><p>Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in
+die neue entsagensschwere Tiefe seiner Seele einzuschneiden,
+und er fühlte es nur als ein Wehtun
+auf der Oberfläche und ließ den Raum wie in
+Bedauern zurück. Dann öffnete er das Zimmer,
+in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib
+von Beautrix gelegen hatte. Er öffnete es in einem
+Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah die schmerzende
+Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den
+Geruch ein und sagte vor sich hin: Silberne
+Drossel .&nbsp;. . Scharf hoben in diesem Augenblick
+zwei Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an.
+
+</p><p>Es wurde heller.
+
+</p><p>Silberne Drossel .&nbsp;. .
+
+</p><p>Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner
+Stute über den Hals. Sie sah ihn an. Da
+erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines
+Hirns noch einmal Bewußtsein von dem, was
+nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück. Ein
+Weinen riß sich in ihm los. Er legte seine Hand
+in das Maul der Stute. Die breiten Schultern
+zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen
+Lippen. Dann wandte er sich.
+
+</p><p>An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück
+und als sei die Last zu schwer und damit er auch
+dieses tilge, ging er zurück auf das Tier und
+tötete es.
+
+</p><p>Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens
+über die Straßen. Er ging vorüber, verächtlich
+an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen.
+Alle Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit
+der Prim. Es war hell, wie er über den Markt
+schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem
+Platz, sang laut und betete. Menschen kamen zur
+Kirche. Jehan ging durch sie hin und sie traten
+zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an
+diesem Tage noch seine Macht.
+
+</p><p>Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er
+ging weiter, drehte sich einmal um. Die Tore
+waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer
+knieten die acht Türme auf dem Nacken des Bollwerks
+um das Tor. Er sah es sinnend. Dann
+schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen
+lag vor ihm. Wie eine Braue .&nbsp;. . schien es ihm.
+
+</p><p>Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen
+Arm. Etwas Weißes trennte sich von dem Busch.
+Beautrix warf sich ihm entgegen:
+
+</p><p>&bdquo;Wo willst du hin?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nach dem Wald.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Du nimmst mich mit!!&ldquo;
+
+</p><p>Er öffnete die Brust. Sie stampfte mit dem
+Fuß: &bdquo;Es ist mir gleich.&ldquo;
+
+</p><p>Jehan sagte ruhig: &bdquo;Nein.&ldquo; Sie hielt ihn am
+Arm: &bdquo;Ich will auch aussätzig sein. Was geht
+es dich an?&ldquo; Jehan wandte sich von ihr. Sie
+trat schäumend in den Weg:
+
+</p><p>&bdquo;Du, der du mich küßtest .&nbsp;. . dort .&nbsp;. . das
+erstemal .&nbsp;. . schliefst du in meinem Bett Nacht
+auf Nacht .&nbsp;. . Weißt du, daß du mich hießest:
+Falke .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Jehan wußte es noch. Er sagte: &bdquo;Ja&ldquo; und
+nickte. &bdquo;Silberne Drossel .&nbsp;. .&ldquo; sagte er.
+
+</p><p>Aber sie &mdash; (die nicht begriff) wie alles in ihm getötet
+sei und daß alles Weibliche in allen Beziehungen
+zu tief für ihn liege und kaum die äußersten
+Ränder seines Horizonts noch streife, da sein Geist
+schon ganz eingerichtet war auf den neuen Sinn
+seines Lebens, der ihr entrückt auf einem fremden
+Schwerpunkt lag) &mdash; warf sich auf seine Füße und
+weinte, daß er sie mitnehme. Doch er befahl ihr
+zurückzugehen. Sie wälzte sich und tat es nicht.
+Da schrie er sie an: &bdquo;Sklavin!&ldquo; und als sie erstarrt
+sich aufreckte:
+
+</p><p>&bdquo;Sklavin um zweitausend Denare.&ldquo;
+
+</p><p>Sie klammerte sich an ihn.
+
+</p><p>Da stieß er sie zurück und schlug sie.
+
+</p><p>Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein
+großes Stück helles Fleisch, durchrast und geschwellt
+von maßlosem Schmerz, auf der staubigen
+besonnten Straße. Wie waren die Blumen farbig
+auf den Wiesen! Wie legte der Morgen sich licht
+um die Welt!
+
+</p><p>Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete
+Wallfahrern, die in Jericho Zweige gepflückt hatten.
+Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er
+ging auf die Seite, verbeugte sich.
+
+</p><p>Einmal noch mußte er wenden. Der weiße
+Hühnerhund lief ihm nach. Er trug ihn in den
+Graben und tötete ihn.
+
+</p><p>Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire
+d&rsquo;Arras, trug das dunkelrote Gewand mit der
+Bordüre aus Pelz. Er trug den Turban aus
+Pelz. Seine Füße gingen in grünen Schuhen.
+
+</p><p>So schritt er hinunter. Dann bewegten sich
+seine Lippen. Er sann. Sang ein Lied, das er
+wo gehört hatte. Es kam ihm wie durch einen
+Spalt: Von einem Freund .&nbsp;. . An einem Kamin
+in der Bretagne .&nbsp;. . Gasse Brullè? &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Er wußte es nicht mehr. Seine Gedanken
+waren davon abgeschwommen. Er verstand den
+Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf,
+laut. Es war ein Liebeslied. Er sah auf
+seine Hände, die in Blut trieften:
+
+</p><p class="lyrics">
+Hé blanche, clere et vermeille,<br />
+De vos sont tuit mi desir;<br />
+Car faites en tel merveille<br />
+Droiture et raison faillir.<br />
+Quant je vos vueill a amie,<br />
+Droiz nel poroit otriier;<br />
+Se vostre grant cortoise,<br />
+De gentil dousor garnie,<br />
+Ne me deigne conseillier;<br />
+Mar vos oi tant prisier.
+
+
+</p><p class="noindent">Seine Haltung war stark und königlich.
+
+</p><p>Mit einer ungeheuer schlichten Gebärde ging er
+auf den Wald zu, der ihm entgegenkam.
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_69" name="page_69">Maintonis Hochzeit</a></h2><p>
+
+
+</p><p class="first">Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf.
+Ganz steil stand sie tief am Horizont auf der
+weißen glühenden Straße.
+
+</p><p>&bdquo;Es sind noch fünf Minuten&ldquo;, murmelte Antoine.
+
+</p><p>Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen;
+da nahm Antoine meinen Arm und zog mich unter
+die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen.
+Das Gras war am Rand der Chaussee leicht gelb.
+Im Schatten stand es satt und buschig. Wasser
+lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß.
+Nun sagte Antoine: &bdquo;Fahren sie mit nach Paris!&ldquo;
+Nach einer Pause wiederholte er mit eigentümlich
+gedehnter Betonung: &bdquo;Paris.&ldquo; Dann wandte er
+sich um und sprach ganz laut und anders:
+
+</p><p>&bdquo;Sie müssen nicht daran denken!&ldquo;
+
+</p><p>Ich machte eine Bewegung mit der Achsel.
+Antoine kniff die Augen fest zusammen: &bdquo;Er hat
+doch sein Ehrenwort gegeben .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Kurz! Ich sah ihn&ldquo;, erwiderte ich ungeduldig.
+Es klang vielleicht schroff. Antoine beugte sich ein
+wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter.
+Die Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen
+Hügelzug verloren. Durch die ganze stille Luft hörte
+man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm
+Antoine beim Arm:
+
+</p><p>&bdquo;Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß
+ich mich nicht täusche. Ich weiß Ihnen gewiß
+Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie
+müssen doch einsehen, daß Ihre Argumente wertlos
+sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er sein Ehrenwort
+brach und doch wieder in einem Spielbad
+auftauchte, auf Grund der damaligen Verhältnisse
+verhaften lassen wollte, hätte ich durchaus keine
+Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium
+sind. In einer Stunde erst erreichen Sie
+die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon ab! Ich
+will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach,
+auf unangenehme Ideengänge zu kommen. Umsonst
+vergrabe ich mich doch nicht in die Pyrenäen.&ldquo;
+
+</p><p>Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten
+Baumganges ein und fachte sich mit dem Hut Luft
+ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte
+ihn in die Schulter: &bdquo;Der arme Perdican .&nbsp;. .&ldquo;,
+flüsterte er.
+
+</p><p>Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward,
+legte er die Hand auf meine Schulter. Er sah
+mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an.
+Darauf flog eine rasche Spannung über seine
+Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf einen Stein.
+Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem
+Knie hastig ein paar Worte. Ich nahm, etwas
+verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir eine
+Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen
+Straße die Post herbei. Antoine rief mir rasch
+zu: &bdquo;Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen
+mit meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten
+Miseren!&ldquo;
+
+</p><p>Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und
+zogen die Ohren trotzig an. Antoine winkte. Sein
+Bart und sein schräges Profil traten bedeutend
+aus der Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor.
+Die Diligence rollte um eine Ecke, und die
+Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen
+die Häuser.
+
+</p><p>Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs
+las ich die Zeilen Antoines. Es mußte ein Dialekt
+sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte
+ich wieder an den Grafen Perdican denken. Er
+war ein lieber Freund. Sein Tod hatte ungemeine
+Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung
+sah man, daß sein Partner, dessen Wechsel
+er nicht einlösen konnte, Karten aus einer doppelten
+Manschette schüttelte. Man verband damals noch
+andere seltsame Themen mit seinem Namen. Es
+war eigentlich lächerlich, daß wir uns damit begnügten,
+ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu
+widersinnig. Damals hatte niemand hieran gedacht.
+
+</p><p>Ich frug mittags in Tarragona nach meiner
+Adresse. Es seien höchstens drei Stunden zu gehen .&nbsp;. .
+Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel.
+Ich sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar
+Minuten. Dann kam ein schmutziger Hausknecht.
+Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der
+Hand hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben
+mein Gesicht neigte. Da er nichts sagte und keine
+Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm
+Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen.
+Nun las ich sie laut vor.
+
+</p><p>Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück
+und streckte den Span mit gespanntem Arm
+noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich
+einen Augenblick scharf. Darauf verschwand er:
+ich hörte verhandeln. Ein Mann mit einem starken
+Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen
+erweckte, prüfte mich, während das brennende Holz
+mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich fremd
+sei. Ich sagte: nein .&nbsp;. . Zugleich kam mir meine
+Antwort dumm vor. Ich zeigte Antoines Zeilen.
+Er rief sofort ein paar Worte in das Haus.
+Dann forderte er mich ganz verändert auf einzutreten.
+Währenddem sagte er, es seien bis zu meinem
+Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als
+ich meine Auskunft über den Weg von Tarragona
+erzählte. Drinnen saßen noch drei Männer. Sie
+tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht
+hatten, stand eine harte Luft in dem Raum. Eine
+Lampe hing an Eisendrähten über einem Tisch.
+
+</p><p>Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer
+nahm mich bei der Hand, verbeugte sich und sagte:
+&bdquo;Der Sennor will zu Joaquin Pelayo .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas,
+das ich wieder nicht verstand, worauf jeder mir
+die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank
+aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann
+ward ich müd. Auf einem Strohsack in einer
+Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich
+niemand mehr. Ich durchsuchte das ganze Haus.
+Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und
+ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung
+sein, als das hölzerne Geklapper eines Maultiers
+mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das
+Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin
+Pelayo.
+
+</p><p>Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er
+stand vor seinem Haus und wusch sich den Oberkörper
+mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte
+sich zuerst, durchaus keine Notiz von mir
+zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann wiederholte
+ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen.
+Darauf stellte ich mich aufgerichtet vor ihn hin
+und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß.
+Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über
+seinen Arm laufen. Die Muskeln brachen wie
+Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig
+krümmte.
+
+</p><p>Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt
+konnte mich betrogen haben. Nun nahm ich
+meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit
+der Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum
+wuchs etwas vor mir in die Höhe. Ich
+hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen
+Lage wie eine Kinderfahne.
+
+</p><p>Ich erstaunte über die Würde des Mannes und
+seine unnatürliche Größe.
+
+</p><p>Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir
+die Hand. Er fragte nach seinem Freunde Antoine.
+Antoine war doch ältester französischer
+Adel. Ich ließ nicht merken, daß ich verblüfft war.
+Ich redete rasch und abgerissen. Er schloß sein
+Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn
+noch größer machte. Dann rief er zweimal : &bdquo;Maintoni
+.&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen
+der Lider meine rechte Hand und zog mich
+ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang
+und traten in ein hohes Zimmer. Maintoni drehte
+sich um und rief hinaus: &bdquo;Rodriguez!&ldquo; Eine alte
+Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich
+hin. Maintoni küßte ihr die Hand und ging hinaus.
+
+</p><p>Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen
+aus. Sein Körper war schlank und von
+wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das
+Gesicht wirkte in der Nähe kantig gegen die Harmonie
+des Wuchses. Die Nase war ein wenig
+zu lang.
+
+</p><p>Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme
+hatte eine knarrende Biegungslosigkeit. Einige
+Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch
+vor ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte.
+Sie dankte, sprach aber weiter. Dann sagte er
+mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur
+noch in ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung
+kannte sie nicht mehr. Eine dichte Luftschicht,
+von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie
+körperlich und schloß hermetisch alle Berührungen
+mit der Welt ab.
+
+</p><p>Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll
+die Hand, als er eintrat. Maintoni
+brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte
+der Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm
+seiner Tochter. Er trug einen Ring mit einem
+riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf,
+blendete er. Ich sah sofort, daß er echt war. Pelayo
+sagte zu Rodriguez, als Maintoni hinausgegangen
+war:
+
+</p><p>&bdquo;Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr
+Zimmer abtreten! Sie werden unten schlafen bis
+zur Hochzeit.&ldquo; Ich wollte Einwendungen machen.
+Aber man schlug mich mit Freundlichkeit nieder.
+Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez erzählte
+mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde.
+Maintoni sei dann gerade siebzehn Jahre alt.
+
+</p><p>Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf
+zusammen, daß das Gelenk knackte, und der bronzene
+Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er
+dehnte sich weit zurück, schlug rasch auf seine
+Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und an
+der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf.
+Dann erst konnte er wieder reden, so nahm ihn
+die Freude mit.
+
+</p><p>Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als
+wir die Treppe hinaufstiegen, öffnete sich neben dem
+Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine
+eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus.
+Pelayo schloß rasch wieder. Ich fühlte, daß
+mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein
+wenig und wollte Maintoni fragen. Aber sie ging
+so ruhig vor mir, daß ich es ließ.
+
+</p><p>Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde
+Hitze auf die Landschaft. Die Nerven lösten sich
+und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer
+aus hatte ich weite Schau und staunte über die
+Seltsamkeit der Gegend, die mit einer Welle von
+Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen
+das Haus prallte und sich hinunter nach Valencia
+zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus der, zäh
+und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet
+hinaufwuchs.
+
+</p><p>Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin
+Pelayo von mir. Er ließ Maintoni allein mit uns
+beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging.
+Morgens liefen wir zwei Stunden südlich, wo der
+Postdampfer anlegte, und fragten, ob etwas für
+mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien
+ihnen fremd und eigenartig zu sein. Rodriguez
+tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das seine
+Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch
+nehme. Allmählich hatte er sich so in die Rolle
+hineingelebt, daß er meinte, seine Anwesenheit sei
+nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der
+die Post ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn
+herüberwarf und mit affenhaften Verrenkungen
+eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte
+er mich mit einer kleinen Gebärde von Ungeduld
+auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal allein
+gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als
+hätte ich ihm das Wertvollste anvertraut. Maintoni
+hatte eine stumme Verwunderung dafür. Sie
+strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief
+hin, beschaute ihn von allen Seiten und blieb mit
+einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens
+an den vielen bunten Marken hängen.
+
+</p><p>&bdquo;Hätten Sie sie gerne?&ldquo; fragte ich lächelnd.
+Ich löste sie und reichte sie ihr hin. Da ging ein
+namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie
+öffnete halb den Mund. Zwischen den sanften
+Bogen ihrer Lippen traten die Zähne, die weiß und
+außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte
+sie rasch den Blick, bewegte den Arm einige Male
+wie streichelnd über den Gürtel, wandte sich langsam
+um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu
+Rodriguez hin. Er umarmte mich:
+
+</p><p>&bdquo;Hombre, si: Sennor!&ldquo; Sie sind ein guter
+Mensch&ldquo;, rief er enthusiastisch. Abends fuhren wir
+aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die
+heiße Stille des Tages zu einer bewegten Kühle,
+die einen Schauer von Ruhe und dämmerndem
+Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in
+dem Boot, dessen geschweifte Flanken in eine Spitze
+aufstiegen, die über meinem Kopfe stand. Maintonis
+Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez,
+dessen braune Rückenmuskeln im Takt des
+Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und wieder
+unter der Haut verliefen.
+
+</p><p>Wenn die Sonne verschwunden war und die
+Berge um das Castel de Balaguer wie mit violetter
+Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt
+schienen, sang Maintoni eine Romanze, deren
+Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab
+ging. Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater,
+der vor fünf Jahren in Asturien auf einer
+Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm
+den Kopf abgerissen. Das Messer des Freundes
+schon im Herz, hatte es ihn mit einer der letzten
+Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen.
+Man mußte den Leichnam ohne Kopf begraben.
+Rodriguez schien bang:
+
+</p><p>&bdquo;Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem
+.&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend.
+Er hatte die Hand fest gegen sein Knie gepreßt
+und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig:
+
+</p><p>&bdquo;Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben
+war und mit dem Kopf verschwunden
+ist .&nbsp;. .?&ldquo;
+
+</p><p>Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz
+die Brust berührt habe .&nbsp;. .
+
+</p><p>Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber
+und verteilte ihn dünn und zärtlich über das
+Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand
+lag eine breite Klippe. Dort war, wenn die Flut
+nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen Gegend.
+
+</p><p>Nachts schlug das Meer gegen den Strand.
+
+</p><p>Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher.
+Es war am heißesten Mittag. Maintoni brachte
+eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und
+später Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen,
+und ich zeigte ihm ein paar Aufnahmen
+Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte
+ihm auch von dem Eindruck des Zettels auf den
+Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht
+hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht:
+
+</p><p>&bdquo;Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!&ldquo;
+
+</p><p>Ich lachte: &bdquo;Da müßte der Diamant an Ihrem
+Finger nicht unter Brüdern zwanzigtausend
+Francs wert sein .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Es war, als hätte ich mit der Hand auf den
+Tisch gehauen. Alle wurden still. Rodriguez
+strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu
+ihrem Vater.
+
+</p><p>Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser
+Lähmung lief an uns ab, wir rauchten, und als
+es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer
+heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen
+kniete sie nieder. Wir saßen auf der Galerie des
+ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer.
+Sie blieb lange unten bei der alten Frau,
+die immer mit sich sprach. Dann trat sie bescheiden
+heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in
+sonderbarem Widerspruch mit dem heroischen Risse
+des Gesichts. Nur die Augen linderten die Stärke
+der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie
+waren weit aufgebogen und leuchteten in hellem
+Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen von
+Hospitalitet.
+
+</p><p>&bdquo;Sor Gracia, meine Schwester&ldquo;, sagte Pelayo.
+
+</p><p>Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren.
+Die Linie der Küste zischte wie in versteckter Wut.
+Draußen an der Klippe sprang manchmal eine gepeitschte
+Welle springbrunnenhaft und heftig in
+die Höhe. Der Himmel nahm eine tiefrote Glut
+mit blauen Rändern an.
+
+</p><p>Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom
+Kloster; und wie sie sich freue, am jüngsten Tage
+eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und
+Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den
+halbdunklen schlaflosen Nächten der gemeinsamen
+Zelle sprächen sie oft davon.
+
+</p><p>Am nächsten Tage kam der betäubende Duft
+wieder heftig aus dem Zimmer im Erdgeschoß.
+Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton
+durch das Haus von splitterndem Glas.
+
+</p><p>Den Tag darauf legte sich der Wind ganz.
+In den Zimmern ward alle Stunden gesprengt.
+Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute
+zum Strand über die kleine Bucht,
+wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos
+lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines
+gelbes Tuch, das schlaff an einer Stange herabfiel.
+Wir schliefen den vollen Mittag. &mdash;
+
+</p><p>Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte
+am folgenden Morgen. Sie wehte wieder am
+Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit
+ihr. Er legte sich in die Falten, drehte sich darin
+und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es
+von neuem hoch.
+
+</p><p>Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an.
+Wir gingen am Strand entlang. Dann bogen
+wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis
+Haare glänzten kupfern. Wir trugen kurzgestielte
+Netze mit feinen Maschen. In kleinen Abständen
+blieben wir stehen und hielten mit kurzem
+Ruck die Laternen dicht über das Wasser. So
+schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein.
+Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran,
+das zuckende Heranschleichen der Aale zu beobachten.
+Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das
+Netz halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing
+keine.
+
+</p><p>Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben.
+
+</p><p>Es wurde hell, als wir nach Hause kamen.
+Maintoni hatte die gleiche Ruhe wie stets. Sie
+hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der
+Haut. Ich schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte,
+hörte ich, noch schlaftrunken, Stimmen.
+Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite,
+starke, die ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher
+Ausruf &mdash; &mdash; ein Wagen, der anzog &mdash; &mdash; noch ein
+paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog
+mich weit über die Holzstäbe .&nbsp;. .&nbsp;. .&nbsp;.
+
+</p><p>Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz
+knirschte. Ich fühlte, daß mein Atem pfiff. Ich
+sah es .&nbsp;. . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd
+Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte .&nbsp;. .
+es waren dieselben Züge, es war derselbe, den ich
+zwei Tage vor dem Tod der Frau von Montbellaire
+mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben,
+mit schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen,
+aus ihrer Loge stürzen sah.
+
+</p><p>In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige
+Männer.
+
+</p><p>Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute,
+in mich auf: Die Fahne wehte nicht mehr.
+
+</p><p>Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht.
+Da drang ich in das Zimmer im Erdgeschoß. Ich
+hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz
+weit. Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht
+und nahm mir den Atem. Ich sah kurz ein
+Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich
+hinausgezogen. Er war höflich, schien aber verletzt.
+Er begriff meine Erregung nicht. &mdash; &mdash; Was
+sie gewollt hätten?
+
+</p><p>Das Haus mieten oder so etwas .&nbsp;. .
+
+</p><p>Es schien ihn gar nicht zu interessieren.
+
+</p><p>In diesem Augenblick rief draußen einer der
+Knechte. Pelayo sprang hinaus. Ich folgte. Der
+Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe
+raste etwas herunter .&nbsp;. . an uns vorbei. Wir
+stürzten nach. Maintonis Kahn schaukelte leer
+draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte.
+Wellen mit breitem dunklen Rücken
+wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte es
+und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz.
+An einem Vorsprung hielt sich Maintoni mit gekreuzten
+Armen.
+
+</p><p>Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust
+drängte sich heraus. Er bog die Hände vor die
+Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und
+aus dem qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes
+flog seine Stimme wie ein Schuß:
+
+</p><p>&bdquo;Ay!&ldquo; rief er.
+
+</p><p>&bdquo;Ay! Maintoni &mdash; &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez.
+Ich hielt das Steuer, sah sein Gesicht. Wie
+lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen
+wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe
+gehn. Maintoni hatte den Vorsprung umklammert
+und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand
+uns zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht.
+Wir wagten es nicht, zu atmen. Nein. Wir konnten
+nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge.
+
+</p><p>Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht.
+Die Flut trieb es weg, während sie die Fahne einstrich.
+
+</p><p>Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am
+Morgen sehr früh weckte mich Pelayo und fragte,
+ob ich ihn begleiten wolle.
+
+</p><p>&bdquo;Es wird zwei Tage dauern&ldquo;, sagte er. Ich war
+dabei. Wir gingen Stunden. Wir schliefen den
+Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde
+dämmerig. Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen
+rauhe Bergwände einnistete. Ein abschüssiger Pfad
+führte zum Meer.
+
+</p><p>Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die
+Fahne auf der Klippe bedeute. Ich hatte ihn gefragt,
+woher er Antoine kenne. Dann hatte ich
+gefragt, was das Geheimnis des Zimmers sei, aus
+dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch ich das
+Blitzen sah.
+
+</p><p>Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei.
+Antoines Mutter sei aus dem alten Königsgeschlecht
+und in einem Zweige mit ihm verwandt.
+
+</p><p>Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht
+mehr. Sie mußte schon lange tot sein. &bdquo;Bei
+Antoines Geburt&ldquo;, sagte Pelayo. &bdquo;Dieser Familienstamm
+ist älter als der ganze europäische Adel.
+Antoine und ich entdeckten unsere Verwandtschaft,
+als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu
+lassen.&ldquo; Das sei auch das Geheimnis des Zimmers:
+Sein Laboratorium. &mdash;
+
+</p><p>&bdquo;Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten.
+Es ist gefährlich, Sennor, wenn man
+weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden.
+Ich habe den Schmuck der Herzogin von Guise
+und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch geschliffen.
+Sie sehen, welche Werte ich manchmal
+im Hause habe. Die Fahne bedeutet je nach
+der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher
+komme. Das Schiff fährt an der Küste vorbei,
+und man läd hier aus.&ldquo; Pelayo schaute angestrengt
+durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte
+er lächelnd: &bdquo;Sie werden erstaunt sein, Sennor,
+.&nbsp;. . ein unbekannter Mann .&nbsp;. . hier in der Einöde .&nbsp;. .
+schleift den berühmtesten Schmuck. &mdash; &mdash; Ich habe
+in Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein
+System erhalten. &mdash; &mdash; &mdash; Maintoni soll glücklich
+werden&ldquo;, fügte er ohne Zusammenhang hinzu.
+
+</p><p>Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der
+dünne Ton einer Pfeife &mdash; &mdash; &mdash; Pelayo verschwand.
+Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging
+das Tal hinauf. Mohn wuchs im Gras. Wilde
+Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald
+mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe
+rauschte an mir vorbei. Leicht feucht war die Luft.
+Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen.
+
+</p><p>Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie
+die Sterne über das Meer hinauswuchsen und mich
+traurig machten.
+
+</p><p>Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem
+bettelnden Gendarmen Brot unterwegs. Maintoni
+weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht
+erwartet.
+
+</p><p>Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es
+niemand sah. Maintoni hatte goldene, glänzende
+Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte
+Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen
+waren halb blau und halb schwarz und waren lang
+und so fein wie der Schatten einer Feder.
+
+</p><p>Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus
+ausgehängt wurden, die Türen wurden geöffnet.
+Die Diener wehten mit Palmblättern Wind,
+wenn wir speisten.
+
+</p><p>Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er
+setzte sich auf die Binsenmatte. Dann stand er
+wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne
+Kohlenbecken. Er sagte: &bdquo;Sennor, Maintoni ist
+traurig.&ldquo; Ich tröstete ihn. Ich sagte ihm: &bdquo;Es
+wird die Hochzeit sein, Rodriguez.&ldquo; Doch er schüttelte
+den Kopf.
+
+</p><p>Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: &bdquo;Ich
+bin nicht traurig. Ich freue mich, Sennor.&ldquo; Aber
+Maintoni hatte rote Augen.
+
+</p><p>Da sagte ich: &bdquo;Maintoni! Rodriguez leidet
+sehr.&ldquo; &mdash;
+
+</p><p>Maintoni bekam große blendende Augen!
+&bdquo;Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich liebe ihn auch.
+Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor,
+was habe ich, um es ihm wiederzugeben? Nichts,
+Sennor.&ldquo; .&nbsp;. .
+
+</p><p>Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia.
+Sie setzte sich lang zu der Alten, die immer sprach.
+Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine
+Borte von gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines
+jeden wuchs ein Arm aus Messing. In der Hand
+hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle
+Kerzen an. Es mochten hundert sein.
+
+</p><p>Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine
+kleine Harfe spielen werde. Sor Blanca und Sor
+Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen
+schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle
+sprächen sie oft davon.
+
+</p><p>Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben
+Miedern. Frauen in Schuhen ohne Absätze, in
+Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit
+Gold, mit Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen
+Perlen bestickt. Sie tanzten Fandango. Sie
+tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez
+tanzte. Alle anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten.
+Tamburine und Flöten klangen. Die Männer
+schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen
+in die Hände. Eine Sackpfeife spielte mit hohem,
+eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni trat
+allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte.
+Die Glieder spannten sich in einen heißeren Rhythmus.
+Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie wölbten
+die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden
+heiß. Dann hielten sie in einer plastischen Pose,
+lösten sich und gingen allein in das Dunkel. Sie
+kehrten bald zurück.
+
+</p><p>Die Gäste gingen.
+
+</p><p>Ich stieg hinauf, um zu schlafen.
+
+</p><p>Es war spät in der Nacht.
+
+</p><p>Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte,
+pfiff, peitschte sich durch das Haus. Ich stürzte die
+Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles
+fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte,
+lag ich schräg auf der Treppe. Langsam stand ich
+auf und ging hinaus.
+
+</p><p>Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak
+in seinem Hals. Nur Leute, denen der Tod in die
+Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines.
+Es war Rodriguez.
+
+</p><p>Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten
+rote Räder. Flimmernde Punkte sprangen hin
+und her.
+
+</p><p>Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht
+nebeneinander. Ich ging hin. Da lag noch ein
+Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte
+mich nicht mehr. &mdash; &mdash; &mdash; Es war dasselbe
+Gesicht des, der lächelte, als er Graf Perdicans
+Wechsel in die Tasche schob .&nbsp;. . dasselbe, das grünunterlaufen
+war, wie ich es vor Frau von Montbellaires
+Loge sah.
+
+</p><p>Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif
+Schaum hing aus dem Mund. Im Gesicht waren
+blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und
+am Gurgelknopf rot wie rohes Fleisch.
+
+</p><p>Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten
+gereizt. Rodriguez war dazugekommen. Das
+Messer .&nbsp;. . der Schrei .&nbsp;. . Pelayos Faust hatte
+ihm den Kehlkopf zerdrückt. &mdash; &mdash; &mdash; Ich sah alles.
+
+</p><p>Maintoni weinte nicht.
+
+</p><p>Das Meer lag wie eine große Perle da.
+
+</p><p>Der Kopf des Fremden stand schräg über die
+Schulter in die Höhe. Der Hals wölbte sich heraus.
+Es konnte nicht mehr lange dauern.
+
+</p><p>Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den
+Star. Die Pupillen wurden grau. Sie wurden
+breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer.
+Die Nägel hatte er in die Handflächen eingeschlagen.
+Die Arme lagen still neben ihm. Alles Leben stand
+nur noch im Krampf der Pupillen.
+
+</p><p>Dann brach der Blick. Ein Zucken lief vom
+Hals über die Brust und spielte mit schwachen
+Erschütterungen über den Bauch.
+
+</p><p>Da tat Maintoni dies, das größer war und
+furchtbarer, wie alles, was Rodriguez gab, als er
+sie von der Klippe rettete .&nbsp;. . Maintoni tat es:
+sie trat dem Sterbenden mit dem Fuß breit ins
+Gesicht; sein Kopf rollte schwerfällig zurück.
+
+</p><p>Und Maintoni lief hinunter zum Strand. Sie
+warf sich vor dem Meer auf die Knie, und indem
+sie in den ungeheuren Glanz der kommenden Sonne
+viele Male hineinrief: &bdquo;O Santa Maria .&nbsp;. . Santa
+Maria de la Mar .&nbsp;. .&ldquo;, schlug sie die Hände vor
+das Gesicht, weinte laut und schrie.
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_99" name="page_99">Fifis herbstliche Passion</a></h2><p>
+
+</p><p class="lyrics">
+Brigitte: Und begreifst du nun das Leben?<br />
+Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod.
+
+
+</p><p class="signature">
+Carl Sternheim
+
+</p><p class="lyrics">
+Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demütig und rein,<br />
+So voller Musik wie da .&nbsp;. .
+
+
+</p><p class="signature">
+Ernst Stadler
+
+
+</p><p class="first">Die Straßen mit den tagmüden, grauen Trottoirs
+wurden gesprengt, und die schweifhaften,
+breiten Güsse, die den säenden und starken Gesten
+der Männer entflogen, legten sich klatschend und
+eigenwillig auf den Boden. Es wurde Abend.
+Die Weiden und Eschen der Gärten schwebten
+scheu und flimmernd vor der ungeheuren Ruhe des
+opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das
+Wasser das Irisierende aus der Luft sog, schritten
+die Menschen über die Straßen wie über Bilder
+von Signac oder Croß: Eine Viertelstunde brannte
+die Stadt in einer stillen Glut von gelbem Getupf.
+
+</p><p>Brandfeuer rannen in dünnen Strähnen dann
+in die Stadt und mischten sich Glockengeläut und
+dem grausamen Drang einer fressenden Dämmerung.
+Wie Schlünde tagelang entfeuerter Kanonen
+brachen die Schloßfenster über die auslöschenden
+Häuserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit
+noch hinaus.
+
+</p><p>Dann sprangen die Laternenreihen die Straßen
+hinunter und erreichten, leichtes Geknatter der
+Zündung zurücklassend, den Platz, der mit rasender
+Wucht an tausend Ecken, Schnüren und Windungen
+von Licht geborsten und aufgerammt war
+und über den ein tiefdunkler, sterndurchlochter
+Herbsthimmel schräg und kühl heraufwuchs.
+
+</p><p>Fifi erschien auf dem Podium.
+
+</p><p>Von den Schießbuden klang schon das Hämmern
+der Treffer, die Spielorgel setzte ein. Aber
+aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein
+herkulischer Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel,
+die Orgel schwieg: Fifi setzte die Spitze des rechten
+Fußes nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel
+auf die Hüften und wartete. Der Große fing an
+zu schreien. Seine Arme ruderten durch die Luft,
+sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten
+sich gegenseitig und warfen sich in gelungenem Überschwall
+auf das Publikum, weit geöffnet, hinaus.
+Ein verknickter Hut saß ihm auf dem Kopf. An
+den Griffstellen glänzte er. Der Rock war zerdrückt
+und hing um den Körper, dessen Fleisch schwammig
+und unangenehm schien. Es ist zu betonen, daß
+die Figur herkulisch war, um die Augen zu verstehen,
+die, wenn die Brust und die Gebärde sich herausspreizten
+und mit pompösen Auftakten in die Höhe
+stiegen, klein und feig dies alles wieder leugneten
+und ängstlich wie Wassertropfen von einer öligen
+Fläche an dem angesammelten Publikum abliefen.
+Sein Mund rief heisere Worte hinunter. Er schrie.
+Er warf geifernde Reden den Leuten ins Gesicht.
+&bdquo;Seht,&ldquo; rief er, &bdquo;auf Fifis Tanz. Kommt herein,
+alle,&ldquo; und er winkte, &bdquo;nur Erwachsene dürfen kommen:
+Plastische Darstellungen .&nbsp;. . pikante Szenen
+.&nbsp;. . (es war, als zerdrücke er etwas Klebriges im
+Munde.) Der König von Griechenland haben uns
+beehrt in Wien. Höchste Herrschaften drückten ihre
+Bewunderung&ldquo; .&nbsp;. . und so sehr lief eine Welle von
+Ekel von seinen Sätzen und dem wissenden Winken
+seiner plumpen Hände aus, daß zwei forsche Unteroffiziere
+selbst sich brüsk wandten und gingen. Über
+der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief!
+
+</p><p>Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an,
+und vor dem in einem Teil aus dem Strudel wieder
+zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren
+Tanz ein.
+
+</p><p>Zwei junge Leute waren inzwischen gegenüber
+eingetreten in &bdquo;die Schönheiten des Orients.&ldquo; Vor
+der Bude standen zwei Palmen und ein dickes
+Weib, alt, voll Vergangenheit, mit bösen weißen
+Augen. Sie war die Frau des Athleten; Orient
+und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden
+Seiten der Meßstraße und bissen sich Opfer heraus.
+Doch ging der Orient besser, und Paris sank von
+Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber
+Lizzy, genannt Luise, hatte Hüften wie ein Dynamo.
+Und an ihren Zoten gingen die beiden Männer
+vorbei, schauten durch runde Gläser eine Photographie
+von Dschiseh und traten, indem sie einen
+Teppich zurückstießen, bei Lydia ein, der Dame ohne
+Unterleib, die, in grünem Samt, in einem Sesselstuhl
+saß und rote entzündete Augen hatte.
+
+</p><p>Der eine der Herren zog seine Handschuhe an,
+und nach dieser symbolischen Handlung traten sie
+rasch den Rückzug an. In Jena hätten sie Ringkämpfe
+aufgeführt mit den Studenten, rief ihnen
+Lizzy nach, genannt Luise.
+
+</p><p>Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies
+hinter sie zurück, und sie traten hinaus in das Erregte
+des Platzes, in dem die breiten, musikbeladenen
+Karusselle schwammen und sich überrasten und Geglitzer
+von Spiegeln, Lichtschnüren und bunten
+Mädchen vorüberdrehten und auf dem ein Meer
+von Menschen schiebend, erregt und drückend sich
+schaukelte, über denen Schüsse knallten, Schreie
+hin und her zuckten und laute Glocken dunkel aufzitterten.
+
+</p><p>Da wandte sich Franz plötzlich herum und zog
+den anderen mit. Sie brachen durch den Strom,
+und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz
+auf Fifi und sagte: &bdquo;Die leichten Bogen dieser
+Beine sind entzückend schön .&nbsp;. .&ldquo; Sein Gesicht
+hatte eine vollendete Güte, die das Kühne und Auffallende
+dieses Profils in einen seltsamen Adel
+steigerte.
+
+</p><p>Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig
+bewegend, fielen Fifis Blicke plötzlich auf seine Augen,
+und die Blicke hingen sich ineinander, bis die Orgel
+mit einem aufflammenden Stoß plötzlich schwieg.
+Der Herkulische trommelte rasselnd auf einem
+Schild, Fifi war zurückgetreten, er winkte zum
+Eintritt, aber nur ein Einziger folgte, die Menge
+schob weiter.
+
+</p><p>Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrückt,
+als sie sich der Strömung übergaben, vorbei
+an dem grünbemalten Gerüst, in dem Menschenfresser
+hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen,
+kokett, über die eine ganze Prärie unbändig eine
+halbe Woche lang eitel brüllendes Gelächter wäre,
+schossen zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft.
+Ein echter Mexikaner hielt eine Harpune hoch mit
+rotblänkerndem Fleisch. Überall lief der Witz, daß
+die Menschenfresser &mdash; Krokodile seien, und weil das
+Volk voraus wußte, daß es geleimt würde, zog
+man in Scharen hinein.
+
+</p><p>Dann kam die große Bude mit den &bdquo;Fliegenden
+Menschen&ldquo;, zwei Mädchen in blauen Trikots
+mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem
+Anfang der sich wölbenden Formen, die eine sonderbare
+Sinnlichkeit aussprühten, und die andere mit
+ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das
+Gesicht Toulouse Lautrecs Durchschnittsmodell
+(breit, gemein, verworfen) mit einem unheimlichen
+Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber.
+An der Galerie entlang stand die Familie, sechs
+Menschen, und bliesen Blechinstrumente, und die
+Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune
+der Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre
+Bude war ganz voll. Immer!
+
+</p><p>Und als Franz dem Strom entkam und wieder
+zurückeilte, sah er, wie Fifi, mit einem Stoß herausgedrückt,
+aus der leeren Baracke taumelte,
+rasch sich faßte und anfing zu tanzen, mühselig,
+müd und fein und beschwingter, als sie Franz erblickte.
+Nur kleine Truppen blieben stehen, die
+Masse strömte zu den Fliegenden Menschen.
+
+</p><p>&bdquo;.&nbsp;. . Augenstern .&nbsp;. .&ldquo; rollte es von unten herauf.
+
+</p><p>Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi
+verbeugte sich. Der Athlet rief den Beginn der
+Vorstellung aus. &bdquo;Soeben Beginn .&nbsp;. .&ldquo; rief er
+und schnalzte. Aber niemand stieg auf. Er schrie.
+Niemand. Da ging er, von der Leere beschämt,
+verlegen einmal über das Podium, verschwand ins
+Innere, lauerte bis die Gruppe sich ganz verlaufen
+hatte und trat wieder vor. Fifi schlich wieder
+heraus. Wie eine große Spinne hing der Herkulische
+auf seinem Podium. Franz stand beiseite,
+beobachtend, den Kopf schief aufgelegt. Und wie
+eine Truppe nahte, fing der oben an, Schlüpfriges
+zu reden, ein Wink, die Orgel: Fifi .&nbsp;. .
+
+</p><p>Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später,
+das Gesicht des Alten rötete sich, er suchte die Uhr.
+Immer wieder verschwand Fifi, immer begann der
+Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf
+Szene: das Greifen und Locken nach spärlichen
+Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis
+und die bleierne Schwere ihres Tanzes, angezündet
+manchmal und heftiger im Erblicken von Franz.
+Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit
+Seilen vor, die Pfeife des Dampfwerkes heulte,
+die Menge lief ab.
+
+</p><p>Über den leeren Platz, durch einen schmalen
+Gang, den Schutzleute freihielten, und um den
+Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die Artisten,
+zum Teil mit Mänteln, die sie über das
+Bunte und den Flitter gehängt hatten und die so
+zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden und
+mit ihren andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend
+und doch noch von dem erregenden
+Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die Straße
+hineinströmten. Zuerst kamen großspurig und in
+der starken Lüge der hohen bespornten Lederschuhe
+sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und Garmisch.
+
+</p><p>Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand
+stak in der Revolvertasche, so daß Dienstmädchen
+erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven
+sich loslösten.
+
+</p><p>Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe
+mit dem haarlosen Bär schritt die
+Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie
+hatten alle halblange Röcke an und Kleider, welche
+schöne und zierliche kleine Blumenmuster trugen, im
+pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie
+sie, zu zweien links und rechts der ebenso gekleideten
+und schön aufrechten Mutter eingehängt, die
+Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten,
+erschienen sie wie eine Porzellangruppe aus einer
+kleinen, bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur.
+
+</p><p>Dann: Leere .&nbsp;. . und Fifi .&nbsp;. . Schmal, doch
+köstlich in einen gelben Gummimantel gehüllt,
+fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie
+auf den Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand
+krampfte sie den Kragen über die Brust vor dem
+Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen
+waren rot und merkwürdig wie mit feinem Lack
+auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie stieß kurz
+vor der Straße mit den anderen zusammen. Die
+Alte trug einen Milcheimer. Der Herkulische
+schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu,
+Lydia &mdash; ein dickes aufgeschwollenes Tier &mdash; ging
+idiotisch, faul nebenher, ohne Umhang in grünen
+Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit
+gierigen Augen schloß sich der Mexikaner von den
+Krokodilen Fifi auf der anderen Seite an, daß
+sie zwischen ihm und dem Athleten um so reiner
+erschien.
+
+</p><p>Schräg auf der Holztreppe, die in den großen
+gelben Wagen hineinlief, in dem sie wohnten,
+wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt
+nach der Stelle, an der Franz stand (den sie nicht &mdash;
+dies war auffallend und seltsam zugleich &mdash; gesehen
+haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns,
+während der Mexikaner in lüsternem Scherz sie,
+mit auf ihre Hüften aufgesetzten Händen, ins
+Innere drängte.
+
+</p><p>Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der
+Achseln reagierte.
+
+</p><p>Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen.
+Eine Zigarette drehend, mit der Eleganz des Romanen
+alle Glieder bewegend, schlenderte er zur
+Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen
+umkreiste, sah Licht aus den schmalen Luken dringen
+und hörte keifende Stimmen das Innere des
+Raumes hin und her zerreißen. Dann nahten
+mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt die Patrouillen.
+
+</p><p>Es ward spät.
+
+</p><p>Er ging.
+
+</p><p>Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden.
+Ungeheuer gewölbt spannte sich der Himmel. Sinnlose
+Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah
+sich aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft
+und Dingen herausgerissen und in die Aura dieses
+Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen.
+Bei den &bdquo;Fliegenden Menschen&ldquo; stieg
+täglich der Kassensturm und die Sensation. Der
+&bdquo;Orient&ldquo; verdiente gut an reiferen Herren. &bdquo;Paris&ldquo;
+brachte es von 8&mdash;10 abends manchmal nur auf
+eine Vorstellung. In den Pausen tanzte Fifi. Der
+Alte winkte, schrie, ward gieriger, je später die Zeit
+hinlief. Verkündigte Anfang der Vorstellung, er
+öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte ins Innere.
+Niemand kam. Manchmal vielleicht zwei Herren.
+Und dann packte der Alte Fifi mit seiner Tatze an
+der Schulter und schleuderte sie hinaus. Die Orgel
+hob an, Fifi erhob die Füße, hinten der blaue Horizont
+der Draperien gab ihren Bewegungen Haltung
+und Relief, und die müden Schwingungen ihrer
+Arme und Beine waren wie das kurze Geflatter
+einer Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem
+schönen Gewässer erblitzt. Langsam im Fortschreiten
+des Abends wurden ihre Gesten müder, von einer
+schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz
+hörte das Pfeifen ihres Atems. Und wenn sie,
+leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die Kühle
+des Herbstes auf ihren Schweiß.
+
+</p><p>Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des
+Zuschauens von Mitleid und schmerzlicher Bewunderung
+angefüllt. Manchmal schien es, als
+müsse der nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken
+lassen. Doch sie blieb. Ihm aber widerstrebte
+es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen,
+die unter den Augen des klebrigen Athleten
+oder mit dem Beigeschmack der gewohnten leichterotischen
+Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er
+fühlte, daß er Inhalte in sich trüge, die in ihrem
+Wesen auf dieses Kind abgestimmt seien, und die
+Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut
+zur Leichtigkeit. Ihre Blicke trafen sich hin und
+wieder &mdash; nicht oft &mdash; aber in einem berückenden,
+außerweltlichen Zusammenhang.
+
+</p><p>Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als
+sie ihre Stimmen noch nicht kannten.
+
+</p><p>Dann kam jener Abend. Donnerstags.
+
+</p><p>Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle,
+sternhart, der Park voll gärendem Geräusch. Er
+zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch,
+überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift,
+immer schön. Die Lichtgurte ganzer Grenzstraßen
+warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen
+Teich, aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm
+alles auf mit großer, tiefer Selbstverständlichkeit.
+Stand geborgen, bergend, unberührbar, geschlossener
+Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein
+Zentrum, um das die Stadt mit Geleucht rotierte.
+Donnerstag abends .&nbsp;. .
+
+</p><p>Es war schön.
+
+</p><p>Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr
+im Schloß hakte ein: Fünf Minuten bis halb acht
+Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr
+begann, die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit,
+in der die Artisten aßen. Seine Gedanken gingen
+langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne Tatkraft
+um das innerlich abgespiegelte Bild von Fifis
+Tanz sich bewegend, Erklärungen ersinnend, von
+einer leisen Sehnsucht aufgelockert und beschwingt
+gemacht. Da knirschte es, und noch ehe ihm durch
+sein Geträum das Bewußtsein heftiger Schritte
+und haschender Bewegungen ins Gedächtnis stieß,
+hieb mit einem unendlich scharfen Akzent ein Schrei
+in ihn hinein, warf ihn herum. Er lief über ein
+Grasrondell, stolperte, stieß an ein Gitter, sprang
+darüber. Sein Hut war verloren, der Ärmel geschlitzt,
+seine Brust zitterte. Er stürmte um ein eingezäuntes
+Denkmal, mußte umkehren, lief in einen
+dunklen Weg, packte einen Mann am Genick und
+schmiß ihn zurück, daß sein Körper krachend an die
+Stakete knallte und an ihnen wie eine dumpfe
+Masse niedersank. Hinten im Weg leuchtete der
+rote Kopf einer Zigarette auf, bewegte sich her.
+Neben ihm selbst stand Fifi, die Arme noch schräg
+aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form und
+schalenhaft, in die nun plötzlich ein beinahe bläulich
+erglänzendes Licht floß. Zwei schimmernde Kreise,
+standen die Augen in ihrem Gesicht.
+
+</p><p>Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch
+ganz sich in der Geste erfüllend, tat sie einen unnennbar
+müden und langsamen Schritt auf ihn
+zu, das Gesicht transparent, mit zwei schimmernden
+Hostien. In diesem Augenblick lief das Geknatter
+rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und
+wie sie umschauten, war es nur noch Fifi, die sah:
+sah, wie Franz dem Hingesunkenen den Revolver
+aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die
+Schläfe hämmerte und ganz groß auf sie, die zitternd
+harrte, zuging.
+
+</p><p>Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette
+heraufgekommen, zwischen sie gesprungen und löste
+die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen.
+
+</p><p>Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie
+es: &bdquo;Verletzt?&ldquo; Franz zeigte den Revolver; er
+deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner
+riß sein Gesicht in Falten, fauchte, trat dem
+Klumpen in den Bauch, schnippte das Bein hoch,
+daß der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht
+neben den Liegenden und sog heftig an der
+Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde fiel,
+in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben
+und Stichwunden durchbohrtes Gesicht auftauchte.
+
+</p><p>&bdquo;Der Fakir,&ldquo; .&nbsp;. . schäumte der Mexikaner.
+&bdquo;Man sollte ihn peitschen&ldquo;, .&nbsp;. . und fing an, ihn
+mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn
+hinderte, fiel sein Blick auf Fifi.
+
+</p><p>Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie
+ein weißer Fels, über den in zuckhaft raschen Stößen
+rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten
+Hell und Rot und drohten, den Hals zu sprengen.
+
+</p><p>Und während sie wieder auf Franz zuging, als
+trüge sie alles gegen ihn, zitterte ein Klang, rauh,
+gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle
+Glieder zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen
+zurück; sie warf den Kopf zur Seite, gewaltige
+Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer
+Verurteilten ließ sie sich gegen den Mexikaner fallen,
+der sie verwirrt aufnahm, der nach Franz schaute,
+wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt schien.
+Dann plötzlich, aber mit unverstehender Achselbewegung
+seinen Mund auf ihren warf und in
+langem Kusse sie wegzog.
+
+</p><p>Franz stand noch eine Weile.
+
+</p><p>Dann drehte er um.
+
+</p><p>Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen
+Revolver. Er sagte es englisch.
+
+</p><p>Nichts schien Franz selbstverständlicher, wie diese
+Folge fremder Laute. Er gab ihm den Revolver.
+
+</p><p>Der Fakir verbeugte sich, ging. &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam.
+Der Herkulische beulte auf sie los und sie erschien
+unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in
+der wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin.
+Sie gab keinen Ton. Sie tanzte den Abend,
+daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß
+ihre Beine glühten wie die wundgespielten Saiten
+einer schönen Violine, während die Kühle auf ihre
+Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen
+ihr Atem rang.
+
+</p><p>Franz kam nicht.
+
+</p><p>Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag
+rasend und aufglühend herunter wie Spulen, die
+ihre Füße abtraten. Es wurde kälter; erbarmungsloser
+drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun
+Luise, eigentlich Lizzy, unter dem ihren. Als Fifi
+danach fragte, schrie der Alte sie nieder. Das dicke
+Weib mit den weißen bösen Augen keifte, sie solle
+mehr verdienen und wies mit einer vergleichenden
+und stolzen Gebärde auf den einträglichen Busen
+der Dame ohne Unterleib.
+
+</p><p>Sonntag tanzte sie den ganzen Tag.
+
+</p><p>Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich,
+in Keile zusammengepreßt, über den Platz, der
+staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne zusammenbrannte,
+auf die die Kühle so unmittelbar
+folgte, wie das Dunkel plötzlich und hastig vorsprang.
+
+</p><p>Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park,
+streichelte das Gitter, an dem sie damals gelehnt,
+kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz gestanden
+und berührte mit den Lippen den Boden.
+Dann lief sie weiter, kam durch ein Tor, eilte durch
+eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit
+stillen Bäumen.
+
+</p><p>Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu
+dessen Tür viele Stufen führten, über der Fahnen
+hingen und in gewaltigen Lettern das Wort erglühte:
+&bdquo;Deo&ldquo;, das sie wohl nicht begriff, das sie
+aber sänftete und hineinzog, wo sie Weihwasser
+nahm und in einer Nische unter einem in vielen
+Farben erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele
+der Steinfliese warf und so weinend ein Vaterunser
+schluchzte, daß von zwei vorübergehenden
+Damen eine erregt und voll Neid über diese inbrünstige
+Stärke, höhnisch auflachte, wie von der
+schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im
+Klang der Stimme voraus desavouierte) Überlegenheit
+heuchelnd und darstellend.
+
+</p><p>Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen
+heraus, böhmisch, das die Leute nicht verstanden,
+aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt
+hingen, rief mit lauter und klarer Stimme, die aus
+allen Seiten der Kirche wieder auf sie zurückströmte,
+ein Gebet.
+
+</p><p>Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte
+der Störung nachgehen, die Weinende, deren
+heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen
+übermäßig und sie gering machend auftürmte,
+beruhigen, sie hinausweisen .&nbsp;. . aber er blieb wie
+gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen
+und nicht begreifendes Wunderbare über sein wenig
+gescheites Gesicht gestreut, wie hingewiesen und in
+diese Position gebannt von dem seltsamen Geläute
+dieser Stimme.
+
+</p><p>Aus dem klaren und in langen tönenden Linien
+verschwebenden Glanz ihrer Sätze aber lief in verströmenden
+Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet
+begann mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers
+im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt ward von
+dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen
+mußten: Sie und Lydia und Lizzy, genannt Luise.
+Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf die
+äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das
+alles sei wenig und tief im Herzen sehr gering
+gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an
+dem der Alte den Teller, voll von heißer Suppe,
+ihr auf die Brust warf, als sie beten wollte nach
+einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken
+daran sprangen alle Ventile der Angst und
+Unterdrückung weit auf, und in einem köstlichen
+und befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes
+Leben heraus, wie eine lang im Tiefen der Rohre.
+gehaltene Fontäne sich in einen späten Sommerabend
+mit starker und doch resignierter Kurve erhebt.
+Und in ihren Worten glommen die Namen
+der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den
+letzten Tagen ein hin und her gerissenes Spiel war:
+Franz und der Mexikaner, den sie Partufa nannte.
+Und der Klang ihrer Stimme sank etwas zurück
+in der schmerzlichen Erinnerung der Abende, an
+denen jener bei ihnen eindrang, begrüßt vom entsetzlichen
+Gelächter Luises, den tierisch und röter
+aufblinkenden Augen Lydias und ausgezeichnet durch
+das indolente Nichtbeachten des Alten, in dessen
+schmierigen Beutel die Hälfte von dem floß, was
+die Krokodile einbrachten. Indem sie den Kopf
+im höchsten Schmerz tiefer senkte, dachte sie an
+das Gefletsch und den Schaum um den Mund
+des Partufa, wenn er sich von Lydia und Luise
+wegwandte zu ihr, die, den Kopf gegen die Wand
+gedreht, dieses nicht sehen wollte und wie sie kalt
+blieb und im Gebet sich beruhigend, wenn die anderen
+Mädchen (o über Lizzys Gelächter und schmutzige
+Reden!) sie bewegen wollten, auch diese Dinge nur
+anzusehen .&nbsp;. . und wie Lydia aus Wut sie eine
+ganze Nacht hindurch mit Nadeln stach. &mdash; Doch
+ihre Silben mäßigten sich wieder zu einem verklärten
+Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß,
+den mit dem gütigen Gesicht und den Sonnenaugen,
+und sie dankte Gott tief und herrlich errötend
+für die Nächte, die er im Traum diese Augen über
+ihren Schlaf wie hütende Gestirne verteilte und so
+die Nächte zu einem Berg erhob, den kein Schmerz
+und keine Demütigung des Tages berennen konnte.
+Und wieder und immer wieder dankte Fifi dafür,
+daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not
+sandte, damals, wie der Fakir im Park sie überfiel,
+um dann wie vor einer Mauer und endlos erregt
+vor dem Wunder stehen zu bleiben (während
+ihre Stimme fast erlöschte), wie sie damals plötzlich
+und wie von einer Macht, die aus ihr selbst heraus
+allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den
+Arm des Mexikaners warf und die kalte Übelkeit
+seiner Lippen auf den ihren fühlte und den anderen
+stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man
+verläßt für immer, und deren letzte Feuer, hoffnungslos
+für den Ziehenden, langsam am Ufer verbrennen.
+Und sie sann mit flackernden Worten über den
+Sinn dieses Ereignisses und die Ursache dessen,
+was einen Menschen zwingen kann, die höchste, nie
+erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu
+lassen .&nbsp;. . nein .&nbsp;. . nicht nur dieses: sie zu verschmähen
+&mdash; o vieles mehr &mdash; sie zu höhnen und zu
+begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem strengsten
+Schmerz. Und wie sie sich forschend, weinend,
+in Verzweiflungen wälzend um diese Fragen wand,
+erschien es ihr, als ob es eine Angst vielleicht oder
+ganz gewiß gewesen sei, die sie vor dem plötzlichen
+Glück überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun
+lassen, und sie schrie auf, wie sie dieses Entsetzliche
+&mdash; sich selbst in den Armen des Partufa &mdash; erblickte.
+Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen
+sei. Sie erkannte etwas, das einer Schuld
+ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun betend
+und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei,
+nicht Angst; daß es Aufbäumen gewesen sei aus
+der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens vor
+der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive
+jener höchsten Erfüllungen. Aus diesen hin
+und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der
+Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem
+sie in schrillen und ekstatischen Rufen ihn hervorgestoßen
+hatte, fiel sie wieder in ein beruhigtes
+Beten zurück, fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung
+sie umfaßte, welche all diesen Entladungen zu folgen
+pflegt und lag dann eine Zeitlang ausgestreckt auf
+den Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten,
+im Glauben, daß sie ohnmächtig sei. Da sprang
+sie auf und eilte durch Straßen und Park zur
+Messe. Sie kam zu spät. Der Alte trat ihr mit
+dem Fuß in den Bauch.
+
+</p><p>Aber sie spürte es nicht.
+
+</p><p>Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll,
+in Tragik und Schmerz vertieft und einem
+brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie
+Franz, der heute wieder unter dem Publikum stand.
+
+</p><p>Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den
+Leib ihr hinanstieg, alles löste und ihren Augen
+Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um
+den starren Blick des da unten frei und klar wieder
+zu machen, und all ihr Sinnen stand danach, die
+Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender
+Glaube überfiel sie, daß der noch so sehr Enttäuschte
+und Erstaunte nun alles begreifen müsse:
+daß es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie
+ängstlich, trotzig vor dem Schicksal gewesen sei. All
+dieses tanzte sie nun. Und sah in seine Pupillen
+und lauschte auf Wirkung, wie einer an Abenden
+hinter der Ebene den Mond über dem Strich der
+Wälder sucht. Sie glaubte nicht mehr, daß alles
+verloren sei, wieder überbrandete sie die absolute
+Zuversicht, jener da unten begreife allmählich, was,
+als alles zu ihm allein zog, sie auf die andere Seite
+warf. Sie fühlte, wie jene Schauer des Glücks,
+das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie
+wie eine Keule überfiel, nun in langsamen Zügen
+wiederum in sie einzogen.
+
+</p><p>Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen
+Glauben hinein, der sie erschimmern machte, aber
+noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah dies
+nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte)
+kalt und hart.
+
+</p><p>Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich
+Wellen stießen die Anstürme der Menschen gegen
+die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut
+eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons
+stiegen in die Höhe. Das spitze Geknatter
+von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle
+und das Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver
+und das Stampfen und Pfeifen der Maschinen
+
+</p><p>Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß
+und erzählten alles, was sie wußte noch von der
+dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo
+in ihrem Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu
+der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie riefen um
+Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen,
+das sie deutlich erstrahlen zu sehen glaubte, und
+dankten ihm.
+
+</p><p>Aber er verstand sie nicht.
+
+</p><p>Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten
+Bogen, ihre Hände schienen etwas zu
+glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden
+immer linder, ihr Gesicht ward durchsichtiger und
+kleiner, die Beine hatten ein Tempo der größten
+Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien.
+Dann fielen sie langsam in einen dumpferen Rhythmus,
+die Blicke strahlten überirdischer, ein leises
+Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem
+immer noch unbewegten Gesicht, in das sie viele
+Wunder hineinschaute .&nbsp;. . und so tanzend, geklärt
+und eine merkwürdige Leisheit erregend, die kurz
+eine Sekunde sich über den Platz verteilte, losch
+sie, während die Rohre der Dampfmaschine plötzlich
+lautlos Säulen weißen Dampfes gegen den
+Himmel stießen und ein großes Haus hinter dem
+Platz wie grundlos von einer hellen Strahlung
+mächtig aus dem Dunkel herausgerissen aufflammte
+.&nbsp;. . losch sie, sich in sich selbst verströmend,
+tanzend, zusammensinkend, hin wie ein seltsames
+und gutes Licht.
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_129" name="page_129">Yousouf</a></h2><p>
+
+
+</p><p class="lyrics">
+.&nbsp;. . ich glaube indessen, daß, hier wie<br />
+überall, Liebe eine Kunst ist wie das<br />
+Reiten und Flöteblasen.
+
+
+</p><p class="signature">
+Der Marquis de Langle
+
+
+</p><p class="first">Die Herren standen in dem Vorsaal und
+klirrten leis mit den Degen. Ihre Gespräche
+liefen verhalten und erwartungsvoll.
+
+</p><p>Dann flogen die Flügeltüren auf und Las Casas
+trat aus dem Kabinett. Sie sahen sofort sein Gesicht,
+das beherrscht in der Rampe stand und dann
+an ihnen vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und
+verbeugten sich. Einer ging auf ihn zu und sagte
+ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrümmten
+Rücken. Der andere dankte mit der Höflichkeit
+einer wahnsinnigen Verachtung und ging weiter.
+
+</p><p>Im folgenden Saal standen größere Gruppen.
+Er mußte wie durch eine Gasse gehen. Alle grüßten
+ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn
+es war niederer Adel.
+
+</p><p>Darauf glitt er durch eine Flucht von Räumen,
+die in Röte brannten von Decken und Möbeln
+und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder
+von ihm über die Spiegel fuhren und Hellebardiere
+standen, die den König zum Bad begleiteten .&nbsp;. .
+und wo sonst nichts war als das einsame Hallen
+seines Schrittes.
+
+</p><p>Und dann löste sich aus einer Nische ein junger
+Mann und ging auf ihn zu mit einer sicheren und
+allgemeinen Haltung.
+
+</p><p>&bdquo;Sie haben .&nbsp;. .?&ldquo; fragte er.
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe .&nbsp;. . Luis Quijada .&nbsp;. .&ldquo;, sagte Las
+Casas und riß die Papierrolle auf, die seine linke
+Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und
+verbeugte sich kalt und so unwillkürlich, wie wenn
+er auf einem Schiff stünde. Er hatte blonde auffallende
+Haare.
+
+</p><p>&bdquo;Ich werde&ldquo;, sagte er fest und beiläufig, &bdquo;dann
+eigene Segler ausrüsten &mdash; &mdash; &mdash; auf jede Gefahr.&ldquo;
+
+</p><p>Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer.
+Der Abend hatte das Glas dunkel-silbern gemacht,
+und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament
+gemalt in der Füllung.
+
+</p><p>Las Casas lächelte leis, und seine Stimme bebte
+ein wenig in Geringschätzung, indem er erhabenen
+Erfolg wünschte und die Treppen hinunterstieg,
+aus denen die Dämmerung ihm entgegenschwoll.
+
+</p><p>Er eilte nach einem Palast, der in zwei Gärten
+lag, und ließ sich nieder und wartete, bis man ihn
+gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war
+kühler geworden.
+
+</p><p>Ein Stern blinkte über der Mauer.
+
+</p><p>Die Zofe ging vor ihm über den bläulichen
+Kies. Sie kamen über ein Boskett, und dann
+blieb sie stehen und öffnete eine Tür.
+
+</p><p>Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon
+und schritt durch ein Boudoir in ein helles
+Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein
+weißer Arm streckte sich ihm entgegen, von dem
+ein weiter Ärmel zurückfiel. Er stürzte darauf und
+küßte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen
+Kopf neben den der Frau und seine Wangen
+brannten nach ihren hinüber und machten sie rot,
+obwohl sie sich nicht berührten.
+
+</p><p>&bdquo;Sie haben die Erlaubnis .&nbsp;. .?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe sie .&nbsp;. .&ldquo; und seine Hände fuhren
+nach ihren Hüften und zuckten rasch zurück. &bdquo;Ich
+fahre heute nacht .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Sie schnellte auf: &bdquo;Nein &mdash; &mdash; &mdash; morgen!&ldquo;
+
+</p><p>Dann schloß sie den allzu heftigen Verrat der
+Augen mit den Lidern und meinte, als ob sie nun
+erst in Besinnung und klug spräche, lächelnd und
+ruhig: &bdquo;Wie könnten Sie das möglich machen,
+Marques? Sie waren gestern noch beklagt, weil
+Sie des Königs Gaben verschleuderten und portugiesische
+Kaufleute abstechen ließen. Sie erhalten
+heute den Auftrag, den Räuber zu jagen, nach dem
+jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch
+schon gerüstet sein?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe drei Schiffe.&ldquo;
+
+</p><p>Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis,
+indem sie nach ihm blickte. Seine Hände zitterten,
+und die Lippen verzerrten sich vor Stolz:
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe dem König bedeutet, daß ich die Dörfer
+nur verkauft habe, um Geld zu bekommen für
+diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich
+sagte ihm, daß ich es getan hätte, obwohl ich wußte,
+daß seine Ungnade darauf folge, weil er es nicht
+liebe, daß seine Geschenke sich zersplitterten und so
+fortfliegen und so .&nbsp;. . daß ich es aber getan hätte, weil
+mein Wunsch, ihm durch die Expedition zu nützen,
+heftiger gewesen als die Scheu vor seinem Zorn.
+
+</p><p>Darauf nahm der König sein Lieblingswiesel
+und setzte es am Fenster in die Sonne und spielte
+und sprach mit ihm.
+
+</p><p>Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht
+in dem Raume sei &mdash; &mdash; so sehr nahm diese Bewegung
+den Glauben an die eigene Wirklichkeit.
+
+</p><p>Dann aber ward ich zornig, Juana, und da
+mir Tränen in das Gesicht schwammen, drehte ich
+mich um und schrie das entsetzliche Bild seines
+Großvaters, das mich reizte und nicht hilflos machte
+wie seine Ruhe, mit heftigen Worten an, als ob
+er es sei.
+
+</p><p>Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der
+beiden Kaufleute aus Lissabon, um die ich beklagt
+bin. Denn ich ließ sie nur töten, um angeklagt zu
+werden und so unter Eure Augen zu kommen, was
+ich anders nicht konnte, da Ihr zornig auf mich wart
+der Dörfer wegen. Denn meine Petitionen werden
+nicht gelesen. Es ist schade, denn mein Wort scheint
+leer wie ein geschriebenes zu sein.
+
+</p><p>Der König sagte: Und wenn ich es nicht erlaube
+.&nbsp;. . &mdash; Ich sagte: Dann tue ich es auf die
+Möglichkeit hin, daß Sie mich als Briganten erklären.
+Ich fange Yousouf .&nbsp;. . auch dann und &mdash;
+gegen Sie, Sire.
+
+</p><p>Er sah mich an, zum erstenmal, und lächelte:
+Auch dazu hätten Sie mein Geld zum Equipieren
+nötig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen
+selbst das.
+
+</p><p>Ich sagte ihm, daß ich das Geld für die Dörfer
+hätte, aber da er wußte, wie gering es war, lächelte
+er wieder.
+
+</p><p>Da zwang mich das Weh meiner Lippen &mdash; und
+es schrie in meiner Brust wie ein Degen im Gefecht
+&mdash; daß ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief,
+daß ich wisse, daß er nach seinem Gesetz verfallen
+sei, aber daß ich es ihm doch sage: Daß ich drei
+Schiffe hätte, ausgerüstet im spanischen Viertel von
+Brügge, gebaut in Barcelona, Santa Maria,
+Coruña .&nbsp;. . daß ich die letzten Kredite auf meinen
+Namen genommen, die Kerker der Dominikaner
+nach Sklaven geplündert, daß ich den Albaycin in
+Granada nächtelang durchsucht und aus den
+Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen,
+was in meine Fäuste fiel und kräftig war .&nbsp;. .
+Zuhälter, arabische Matrosen, drei hünenhafte
+Priester .&nbsp;. . und daß ich fahren würde die Nacht
+&mdash; so oder so.
+
+</p><p>Da lächelte er wieder und sagte: Ich werde
+Sie verhaften.
+
+</p><p>Ich könnte Sie töten, Sire, rief ich; Juana,
+mein Kopf brannte, aber ich zerbrach den Degen
+nur und warf ihn gegen die Wand.
+
+</p><p>Ah, sagte der König und ließ das Tier und
+zweifelte: Haben Sie Mut .&nbsp;. .
+
+</p><p>Da nahm ich das Wiesel und zerdrückte es in
+der Hand, langsam .&nbsp;. . während das Furchtbare
+des königlichen Zornes mir entgegenquoll.
+
+</p><p>Ich ließ das Tier fallen. Aber des Königs
+Arme kamen über seine Wut auf mich zu und
+drückten die meinen, und er zerriß das Diplom,
+das auf den Grafen von Oropesa, Luis Quijada,
+gezeichnet war, und ließ die Fetzen durch das Fenster
+fliegen und klebte sein Siegel auf meines &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie machen mich stolz auf Sie, Marques!&ldquo;
+Juana warf sich zurück und gab ihre feuchten
+Blicke frei, die auf seinem trotzigen Körper weideten
+und in dem Erglühen seines Gesichts wie
+zwischen jungen und heftig aufgebrochenen Rosen
+spielten.
+
+</p><p>Dann fragte sie rasch: &bdquo;Weiß es Luis Quijada?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Er fragte mich.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Was sagten Sie ihm, Marques?
+
+</p><p>&bdquo;Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen
+sagen, daß ich nicht, wie ich könnte nach meinem
+Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn
+mir allein gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn
+er die Expedition, von der er sagte, rüstet. Das
+Meer ist ihm frei.&ldquo;
+
+</p><p>Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an
+den Händen nach ihm hin: &bdquo;Sie werden den Auftrag
+da zurücknehmen!&ldquo; Er verneinte.
+
+</p><p>Sie flehte: &bdquo;Marques, erklären Sie ihn als
+zum Töten erlaubt, als Brigant!&ldquo; Da schwoll
+Las Casas&rsquo; Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend
+stampfte er den Fuß auf den Boden und
+bat sie hochmütig und verächtlich, nicht zu scherzen
+und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu
+verlangen, daß er Luis Quijada für wert hielte,
+seine Rivalität zu fürchten. Und er bewegte die
+flache Hand nach der Seite, als ob er nach einer
+Fliege schlage.
+
+</p><p>Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: &bdquo;Ich
+werde den Auftrag nicht ausrichten. Aber nur um
+des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute
+nie mehr bei mir sehe.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich
+neben ihrem Bett und zwang sie so lange, bis sie
+zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie
+früher. Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt
+gewesen, wenn sie Quijada die Beachtung des
+Hasses geschenkt hätte.
+
+</p><p>Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre
+Brust. Seine Hand fing an heftig zu schwanken
+vor Verhaltenem.
+
+</p><p>Er stand auf.
+
+</p><p>&bdquo;Ich gehe.&ldquo;
+
+</p><p>Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses
+verwirrte sie und blätterte sie auseinander
+in Begehr und Hilflosigkeit: &bdquo;Nein .&nbsp;. . morgen &mdash;!&ldquo;
+
+</p><p>Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke.
+Wie sie auffuhr, sah er nur das Innige ihrer Form,
+den Druck des Körpers in den Kissen &mdash; und dann
+roch er sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang
+sich zurück und roch sie nur, sah nichts, hatte kein
+Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern.
+
+</p><p>Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt,
+war es ihm.
+
+</p><p>Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen.
+
+</p><p>&bdquo;Morgen &mdash;?&ldquo; knirschte er, denn selbst die
+Stimmbänder waren mit Blut überschwemmt.
+Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren
+und riß ihn weg, taumelnd, und legte ihn wieder
+hin und Härte und Knabenhaftes verstießen sich
+gegenseitig von seinen Mienen.
+
+</p><p>Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken
+und zog ihn von neuem herunter: &bdquo;Warum &mdash; du
+.&nbsp;. . heute?&ldquo; Sie stieß es brennend heraus und in
+Scham. Sie stand halb und war halb gekauert
+in der Ecke des Bettes. Sie faßte seinen Kopf,
+daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und
+ihre Fingerspitzen sich unter seinem Kinn berührten,
+während die Handflächen kühl nach den Schläfen
+hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der
+Gesichter voreinander und das Liegen von Auge auf
+Auge.
+
+</p><p>Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange
+schon schrien: &bdquo;Sie sollen bleiben, Marques .&nbsp;. . hier
+&mdash; &mdash;&ldquo; und zitterte.
+
+</p><p>Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von
+einer Welle aufgejagt und gesteilt warf er sich auf
+die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und drückte
+die trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen
+den Körper hinauf nach dem Hals auf den dünnen
+Batist.
+
+</p><p>&bdquo;Corazon!&ldquo; .&nbsp;. . stammelte sie. Und wieder:
+&bdquo;Corazon!&ldquo; .&nbsp;. . mit hingebenden Lippen. Seine
+Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander
+geschlagen und mit entsetzlicher Anstrengung
+ineinander verkrampft.
+
+</p><p>Sein Mund spannte sich in allen Qualen und
+mit von Küssen halbzerfressenen Worten sagte er:
+&bdquo;Nein!&ldquo; und viele Male: &bdquo;Nein.&ldquo; Und als er
+ruhiger war, kam es ihm in das Bewußtsein, daß
+er sie liebe und daß sie ihn liebe und daß er es immer
+schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die
+Erkenntnis, und sein Blick stieß gegen die Wand
+und kam nicht weiter, und sein Kopf füllte sich schwer
+mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht genug
+sei. &bdquo;Ich habe Durst nach dir, aber das Fliegende
+und Schreiende in meinem Blut geht weit darüber.&ldquo;
+Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff ihres
+Hemdes. Er stammelte gehetzt von seinem Brande
+nach dieser Tat, die endlich soweit vorbereitet war,
+und indem er davon sprach, sprühte das Aufleuchtende
+der Meere und Flotten vor seinen Augen auf
+und raste in grellroten Kreisen über ihn: &bdquo;Ich will
+den Bassa nicht nur jagen, aufhängen, schinden,
+weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe fraß
+und Isabella, die eine Verwandte ist, schändete
+und seinen Leuten ließ zwei Wochen lang. Seit
+ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn
+Gedanken packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede
+Phase des Kampfes, mag er sein vor Venedig, bei
+Cadix, in Marokko .&nbsp;. . ich weiß wie eingebrannt
+im voraus die kleinste Schwankung des Gefechts.
+Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn nicht im Traum
+schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so
+umkreist, daß ich jede Narbe an ihm kenne, daß ich
+mehr von ihm weiß wie von mir. Der Name
+Bassa Yousouf macht mich blind. &mdash; &mdash; Ich fahre
+heute nacht.&ldquo;
+
+</p><p>Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem
+Haar. Sie ließ ihn, denn sie begriff das Heiße in
+ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz umschloß,
+aber sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz,
+als er sich aufriß und sie nicht nahm und sie brennend
+verließ.
+
+</p><p>Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie
+mit Gold, als käme er von einer Liebesnacht.
+
+</p><p>Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein
+wenig gepreßt schon von Jasmin, aber der Mond,
+der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine
+flaue Dämmerung hing zwischen den Masten.
+
+</p><p>Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem
+Schatten einer Mauer, nahm ihn und landete im
+Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg
+am Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch,
+jemand schoß eine Pistole in das Schweigen. Sofort
+rasten Männer über den Steg und schlugen mit
+langen Stäben die Sklaven wach, Ketten rasselten,
+am Vorderdeck sammelten sich dunkle Haufen,
+hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa
+blitzten die Offiziere.
+
+</p><p>Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu
+sechst an jedem Ruder zweihundertvierzig Sklaven.
+Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur sechsten
+Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet.
+Die letzten und die Massen Soldaten auf der Proda
+erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen und
+Flecken. Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten
+die blutunterlaufenen Hunderte Augen um
+ihn. Er schrie sie an:
+
+</p><p>&bdquo;Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine!
+Dazu habe ich euch gekauft. Das wißt ihr. Ihr
+werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags.
+Dafür spritzt ihr das letzte Blut aus den Nägeln.
+So ist dies ausgemacht. &mdash; &mdash; Ihr sollt noch mehr
+haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen
+ist, sei jeder frei. Jeder kriegt tausend Maravedis.
+Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr bekommt
+Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist.
+Ich gebe euch die Offiziere zum Schinden frei,
+wenn ich falle und sie hindern euch. &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Er hob den Blick zum Himmel. Denn das
+Schweigen schwelte dumpf unter ihm. Die Augen
+der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert
+Lichter auf den Bänken.
+
+</p><p>&bdquo;Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus
+Yousouf Bassas Harem. Eine braune und eine
+helle. Am selben Abend noch .&nbsp;. . &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf.
+Grunzende Töne johlten herauf. Schreie rissen sich
+los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund.
+Ganz am Ende hoben sich ganze Reihen und fielen
+zurück, glänzend wie Fische im Wasser. Viele
+knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen
+zu ihm winkend oder den Kopf auf den Steg legend,
+daß er darauf trete.
+
+</p><p>Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten
+hoch. Eine große Fanale senkte sich über die Poppa.
+Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen.
+Fünfhundert Rücken warfen sich mit vorgestreckten
+Armen zurück, zogen sie an, Ruder schäumten durchs
+Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge schnellte
+die Galeere aus dem Maul des Hafens in das
+leichte blaugelbe Band, das über dem Wasser lag
+und Horizont war. Links und rechts zwei Zungen
+stießen nach.
+
+</p><p>Von drei Vorderdecks blies man: Benedito
+sea Dioz.
+
+</p><p>Die Sonne ging auf.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie
+kamen eines Abends an. Eine Goelette legte an
+bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie
+fuhren in die Nacht zurück. Am nächsten Tage
+fingen sie ein paar holländische Segler, die in der
+Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und
+Pomeranzen. Sie verkauften die Schiffe in San
+Sebastian.
+
+</p><p>&bdquo;Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast
+setzen und ihn nachts im königlichen Garten aufpflanzen&ldquo;,
+sagte Las Casas zu seinen Offizieren,
+und sein Gesicht zuckte, während seine Hände mit
+den besten Perlen spielten, die er zu einer Kette gebunden
+hatte und indem seine Gedanken um den
+Nacken Juanas flossen.
+
+</p><p>Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf
+der Proda. Aus dem Korb rief einer und meldete
+etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte.
+
+</p><p>Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille
+mit gekappten Masten. Die Besatzung fehlte; nur
+einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und
+schnitten Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig
+geworden. Ihre Ladung war Florentiner
+Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen
+waren sie überfallen worden. &bdquo;Hui&ldquo;, rief einer,
+auf einem nackten Widder-Gallion reitend, immer:
+&mdash; &mdash; &bdquo;die Weiberchen&ldquo; und schälte mit einem Nagel
+an dem Horn. Man ließ sie weiter treiben. Man
+war auf der Spur. Mittags brannte es neben der
+Munition.
+
+</p><p>Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der
+Abend war ruhig, und es ging kein Löffel Wind.
+Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch.
+Las Casas saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige
+Stille und das maßlos blaue Meer, auf
+dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken
+davon lösen, aber es legte sich über ihn. Er befahl
+zu musizieren, die Offiziere warnten. Doch er ließ
+die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das
+Meer aufwirbeln. Aber die ganze entfesselte Wut
+war wie das Hüpfen einer kleinen Welle gegen das
+Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit
+tausend Stimmen: Juana! anschrie.
+
+</p><p>Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette
+zu senden und löste sie von seinem Gürtel und warf
+sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge.
+
+</p><p>Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den
+Zaffarin-Inseln. Sofort meldete es von oben:
+&bdquo;Zwei Gallionen.&ldquo; Las Casas kletterte selbst hoch,
+beschirmte die Augen. Es waren Mudjaren und
+Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste herunter.
+Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie
+schäumend, und die Ruder überschlugen sich. Immer
+rascher raste seine Stimme, die selbst den Takt sang.
+Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze.
+Doch trafen sie nicht. Die Galeeren waren schon
+so dicht herangekommen, daß die Soldaten anfingen,
+in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken
+bereit hielten. Da schwenkten die Gallionen, ein
+Vorsprung verschluckte sie. Die hinterste hißte eine
+Fahne. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;: Schwarz, ein goldener
+Arm mit einem Säbel und ein Totenkopf &mdash; &mdash; &mdash;
+die Flagge der Hauptschiffe Yousoufs.
+
+</p><p>Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte
+einen großen Araber und ließ ihn hinrichten (er
+wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein Blut
+in einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen
+die Füße lief.
+
+</p><p>Er betrachtete sie genau während des Vorgangs.
+Doch es erschien kein Ausdruck auf ihren von
+Stumpfheit abgefeilten Gesichtern.
+
+</p><p>In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe.
+Fortwährend gingen Signale hin und her. Am
+Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften
+Biegungen durcheinander. Von der Mitte einer
+Insel schoß in Abständen ein weißliches Feuer hoch.
+Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das
+Wasser.
+
+</p><p>Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen
+auf der Poppa. In der Dunkelheit
+konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter
+von dem Bassa und konnte ihn nicht fassen. Die
+Sklaven ruderten die ganze Nacht in Schweißwolken
+gehüllt. Es roch noch nach Blut.
+
+</p><p>Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch
+dunkel war, nach verschiedenen Seiten durch. Sie
+hörten auf den Galeeren nur ein fernes Brausen,
+als streiche ein großer Vogel mit der Brust über
+das Wasser.
+
+</p><p>Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres
+Forcas zu. Die andere Galeere schwamm eine
+Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die
+Lichter löschen, Anker werfen und ruhen. Denn
+ihm schien das Tempo Las Casas&rsquo; wahnsinnig.
+
+</p><p>Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione.
+Sie hetzten den ganzen Tag, verloren sich, fanden
+sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie.
+Am Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß
+das Dunkel sie weg. Die Nacht kreuzten sie vor
+dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise
+treibend auf dem Meere. Die Besatzung war geflohen.
+Sie sprangen hinüber. Am Mast stand
+ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte
+mit weißer Glut. Die Planken waren gesprungen.
+Der Türke war mit nassen Stricken an den Baum
+gebunden, die Seile hatten sich gestrafft in der
+Hitze und ihm das Fleisch eingeschnürt, bis es geplatzt
+war.
+
+</p><p>Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen
+machten. Da sprang einer vor und deutete in sein
+Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten
+ihn an dem einen grünen Auge. Sie
+schnitten ihn los, aber seine Haltung, die ihre Wut
+durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude
+ihnen selbst verächtlich erscheinen ließ, bewahrte ihn
+davor, daß sie an ihn rührten.
+
+</p><p>Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas.
+Als sie ihn nicht fanden, brachten sie den Bassa
+nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er.
+Das Volk schrie nach Las Casas, als man ihn zur
+Exekution führte.
+
+</p><p>Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas&rsquo; größter
+Ehrgeiz, dem er sie opferte, von einem Subalternen
+blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie
+empfand es, als hätte man ihren Körper beschmutzt,
+und schien sich gering geworden.
+
+</p><p>Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der
+Gefangene um und sagte kalt: &bdquo;Ist es zum Tod?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja!&ldquo; .&nbsp;. . brüllten ihm zehn ins Gesicht.
+
+</p><p>Da spie er ruhig den Henker an.
+
+</p><p>Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor.
+
+</p><p>Von Las Casas keine Spur. &mdash;
+
+</p><p>Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile
+eine Fregatte in den Hafen. Ein Kapitän stand
+vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land,
+eh er nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte,
+die Silber aus Mexiko und Gold aus Peru brachte,
+ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn
+verfolgte, geschlagen habe. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Der Hingerichtete war nicht der Bassa
+gewesen .&nbsp;. .
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses,
+über dessen Bühne ein Stück von Moreto
+ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von
+Zeit zu Zeit auf sie ein. Sie folgte angestrengt den
+schwerbeladenen Szenen und bat in der Zwischenpause,
+als ein burleskes Entremes wie eine klebrige
+Kette von Küssen sich vorne erhob und sie zu sehr
+belästigte, den Grafen, sich neben sie zu setzen.
+
+</p><p>Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie
+dann, an was sie denke. Sie antwortete nicht,
+sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer.
+
+</p><p>&bdquo;Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so
+enttäuschen&ldquo;, sagte er dann und legte die Hand auf
+ihren Fächer.
+
+</p><p>Sie sprach sehr nachlässig: &bdquo;Bei Gott, was
+habe ich gehofft?&ldquo; .&nbsp;. . und wagte nicht aufzusehen.
+
+</p><p>&bdquo;Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine
+niederschlagende &mdash; &mdash; Komik ausgelaufen sind .&nbsp;. .
+wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in
+die Knutscherei des Zwischenaktes.&ldquo;
+
+</p><p>Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das
+Spöttische seiner Mundwinkel besiegte sie. Sie
+brauste auf: &bdquo;Was wollen Sie mit Las Casas?&ldquo;
+
+</p><p>Er hob die Achseln: &bdquo;Casas .&nbsp;. . toll .&nbsp;. . Aufschwung
+.&nbsp;. . ziellos ehrgeizig .&nbsp;. . jung, jung! &mdash; &mdash;&ldquo;
+Quijadas Stimme klang kühl, klang gerecht. Er
+fuhr fort, in dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie
+Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie unterbrach
+ihn einmal höhnisch: &bdquo;Neid.&ldquo; Er schüttelte
+nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den
+Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr
+selbst, denn es waren Schmerzen, die ihr nicht wehe
+taten. Und sie erstaunte, was das sei. Und haßte
+ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich
+in der Wirkung, aber scharf und zergliedernd
+und langsam überlegt. Wie er Schlechtes über
+Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen
+auf das unerträgliche Heiß ihrer Haut legten
+und irgendwas Luft ihr einblase, die wohltuend in
+sie ströme, wo sie am Ersticken war.
+
+</p><p>Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an,
+daß er schweige, weil sie plötzlich begriff, daß seine
+Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in der
+Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der
+klare und starre Intellekt seiner Worte überschwemmte
+sie. Sie fühlte in einer wohligen Apathie,
+wie er das Heiße, das Begeisterte und das
+ungenau, aber groß Aufstrebende in ihr wie zwischen
+zwei Fingern langsam zerquetschte und Las
+Casas&rsquo; Wollen so lange auseinanderlegte, zeigte
+und verschieden beleuchtete, bis seine Silhouette
+klein vor seinen Worten stand und er phantastisch
+und dumm erschien. Und weil sie sich niedrig vorkam
+und beschämt in der Schwankung der Ereignisse
+und sich das Bewußtsein dahinein verstrickte,
+daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe dem Effekt
+einer Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen
+und Wandlungen dieser Dinge, zürnte sie Quijada
+nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine Wollust
+der Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete.
+Sie hörte ihm gern zu.
+
+</p><p>Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte
+sie, wie sehr blond er war, und sie zwang sich, daß
+es ihr gefiel. &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem
+Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei gelbe Segel
+kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander
+zu und schnitten sich wie zwei Säbel.
+Dann kam eine Barchette mit singenden Sklaven
+vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter
+auf das Wasser .&nbsp;. .
+
+</p><p>Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham
+ergriff sie leicht über die Worte und Gedanken des
+Tags vorher wie über eine geheime und später sich
+mit Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände
+vor das Gesicht .&nbsp;. . und tat sie rasch hinweg, daß
+ihre Blicke groß gegen den ungeheueren Horizont
+schlugen .&nbsp;. . und da empfand sie deutlich wieder,
+in dieser Minute, daß dieser, daß er trotz allem
+&bdquo;O Las Casas!&ldquo; dessen Ehrgeiz an fremden Küsten
+wie eine heiße Linie hinsause, tiefer in ihr Blut brenne
+als alles, was an sie herankam. Sie dachte an
+Quijada, und es schien ihr jetzt, als sei er nur wie
+ein Spiegel, der den Glanz eines allzu heftigen
+Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre.
+
+</p><p>Später kam Quijada. Er sprach wieder über
+Las Casas. Er sprach nie über sich oder über sie.
+Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen
+in der Beziehung auf das eigene Ich ganz und
+allein Wesen und Eigenes der Frau ist und weil
+sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie
+das Verschmähen ihres Besitzes um einer Tat willen,
+sie bis zu den äußersten Grenzen der Idee entflammt,
+ihnen beim ersten Hemmnis oder bitteren
+Wort eine Nichtachtung des Bluts erscheint &mdash; und
+wie sie nur aus gekränktem Eros heraus denken
+können und tun .&nbsp;. . so empfinden sie, unbewußt vielleicht,
+vielleicht oft, immer &mdash; es ist möglich und
+einerlei &mdash; den Haß des Mannes auf den Mann
+als Liebe zur Frau. O wie die Frauen über
+alles umronnen stehn von ihrem Blut!
+
+</p><p>Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas
+Grausamkeit gegen diesen lockte ihr Blut. Seine
+Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz,
+der (es schien ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an.
+
+</p><p>Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen
+Gärten.
+
+</p><p>Von unten herauf kam ein Offizier in Gala,
+grüßte und ging nach dem Palast.
+
+</p><p>&bdquo;Las Casas .&nbsp;. .?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Beruhigen Sie sich!&ldquo;
+
+</p><p>Sie sah ihn an.
+
+</p><p>Bleich.
+
+</p><p>Da sagte er heiser: &bdquo;Las Casas!&ldquo;
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere
+vor ihm .&nbsp;. . öffneten den Vorhang. Er
+stand vor dem König.
+
+</p><p>&bdquo;Sie?&ldquo; sagte der.
+
+</p><p>Las Casas verbeugte sich.
+
+</p><p>&bdquo;Warum kommen Sie?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Der Prinz ließ mich rufen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Duell .&nbsp;. .?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen
+den Prinzen) nannte ihn irgendwas. Ich
+schlage mich für den Prinzen.&ldquo;
+
+</p><p>Der König winkte ab.
+
+</p><p>Langsam drehte er sich um und schaute durch
+das Fenster.
+
+</p><p>&bdquo;Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König
+ihm das Gesicht zu, nahm einen verzierten Dolch,
+schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und
+sagte gütig und klar:
+
+</p><p>&bdquo;Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas lächelte verzerrt und ging.
+
+</p><p>Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis
+er in den Eckraum kam, den ihm der Prinz überlassen
+hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen,
+der die Galeere kommandiert hatte, die den falschen
+Bassa fing.
+
+</p><p>Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem
+Lächeln, verlegen und geschmeichelt auf ihn zukam,
+griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf einem
+Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen
+Armen ihm zu vor ihn. Er rief ihm gleichzeitig,
+daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme für
+seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden,
+nicht wußte, was das war, befahl er ihm, den einen
+Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr
+hinein und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex
+von fassungsloser Enttäuschung.
+
+</p><p>&bdquo;Holländische Münzen .&nbsp;. . ge .&nbsp;. . fäl .&nbsp;. . schte .&nbsp;. .
+Molinillos &mdash;?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit
+anderem als mit einer &mdash; Imitation belohne?&ldquo;
+
+</p><p>Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht
+geschlagen war. Er stemmte sich auf, als wolle er
+den Beutel wegwerfen.
+
+</p><p>Da begann Las Casas&rsquo; Gesicht zu zittern: &bdquo;He,&ldquo;
+tief er, &bdquo;Herr!&ldquo; &mdash; und es klang wie der Ton
+eines der krummen Hörner an einer königlichen
+Barchette: im Befehl unabwendbar .&nbsp;. . und es
+knickte den Zornigen. Er ging mit hängenden
+Armen.
+
+</p><p>Las Casas promenierte noch über eine Stunde
+in der Kühle des Korridors, bis die Herren kamen,
+ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn
+umarmte. Das Rendezvous war in einem gesperrten
+Teil des Gartens zwischen einer Fontäne
+und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß
+nach wenigen Minuten seinen Gegner durch den
+Nabel mitten durch, daß der Herzog von Medina-Sidonia
+mit liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung
+nicht unterlassen konnte, daß an der Stelle,
+da ihm das Leben geworden sei, es wieder verströme.
+
+</p><p>Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die
+Löwen. Ihre Augen wurden grün vor Gier. Es
+pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen.
+Dann brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins
+in ein erschütterndes Gebrüll aus &mdash; durch
+die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper
+rasend dagegen, als der Herzog sie mit seinem Degen
+kitzelte.
+
+</p><p>Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum
+Palast, traf Las Casas auf Juana und Luis Quijada,
+der sich um sie bemühte. Sie war auf eine
+Bank zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand
+sie auf.
+
+</p><p>Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl.
+
+</p><p>Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten
+einen gleichen in hetzenden Takten selig geschwellten
+Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper aufeinanderdrangen
+und sich umschlossen, obwohl sie
+sich nicht bewegten .&nbsp;. . und wie wenn ihr Blut
+aus den Adern presse, heraustrete und ineinanderströme.
+
+</p><p>Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte
+von irgendwo her, von der Seite her? &mdash; &mdash; &mdash; neben
+ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die
+Stimme Quijadas:
+
+</p><p>&bdquo;Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu
+Ihrem Erfolg heute &mdash; &mdash; wie ich ihr Unglück bedaure
+&mdash; sonst.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas&rsquo; Blick fuhr an ihm vorüber wie an
+einer Wand. Drehte die Schultern, entblößte seine
+Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an
+Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die
+Hand. Sie sahen sich in das Weiße. Dann ging er.
+
+</p><p>Nach drei Schritten wieder bog er um: &bdquo;Graf
+Oropesa, .&nbsp;. . Sie sagten .&nbsp;. . vielleicht, daß Sie
+mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt,
+Ihre Segler zu rüsten.&ldquo;
+
+</p><p>Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle
+spielte, sagte scharf, den Schnurrbart kauend: &bdquo;Sie
+haben mir nicht den Gefallen getan, mich für diesen
+Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären.
+Auch im Großzügigen wie in der Verachtung
+weiche ich Ihnen nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung
+haben, jetzt .&nbsp;. . gleich .&nbsp;. . sofort &mdash; Auf
+Wiedersehen.&ldquo;
+
+</p><p>Er machte eine schwache Geste nach dem Meere
+und ging.
+
+</p><p>Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen
+nahm, brachte ein Diener ihm einen Brief von ihr.
+Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder.
+Nur dieses: &bdquo;Komm &mdash;!&ldquo;
+
+</p><p>Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd:
+&bdquo;Komm!&ldquo; Es fielen ihm ein die Abende im
+Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor
+Sehnsucht wie der Horizont und darüber erschrak,
+zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn so, daß
+er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er
+sich selbst empfindend, langsam zurückkehrte in die
+Umgebung und sich gewaltig zufammenraffte und
+toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb:
+
+</p><p>&bdquo;Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen,
+wo ich Dich aufschob bis nach dem Erfolg. Ich
+müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs.
+Du aber wärst feig, wenn Du nachher mich nicht
+verachtetest.&ldquo;
+
+</p><p>Aber in der Dämmerung fand er sie in dem
+Garten. Sie spannte die Arme nach ihm. Da
+fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte
+und die verbotene, selbstversperrte Sehnsucht
+in einem knabenhaften Weinen in ihren
+Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre
+Schenkel, und sie sagten kein Wort. Doch er warf
+ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ,
+lechzend auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein
+Mund.
+
+</p><p>Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte,
+erhielt er ein Billet. Er erbrach es am Ufer noch,
+einen Fuß in der Barchette.
+
+</p><p>Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil
+das Dunkel ihr Blut quälte, und raste nun nach
+ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl!
+auf den Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein.
+
+</p><p>Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte
+ein ganz kleiner Hucker mit unmäßig geschwellten
+Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann
+stand darin. Warf einen Brief herauf.
+
+</p><p>Sie schrieb: &bdquo;Ich liebe .&nbsp;. . Deinen Stolz .&nbsp;. .
+die Härte .&nbsp;. . warte &mdash; trotz alledem. &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die
+Augen rot &mdash; eine überreife Frucht. Die Lippen
+hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie
+eine weiße Falte lag der Mund in dem Gesicht.
+
+</p><p>Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen
+an den beiden Abenden, die folgten, ins sinnloseste
+betrinken. Er schenkte es ihnen.
+
+</p><p>Zehn Tage später liefen die drei Segler des
+Luis Quijada aus.
+
+</p><p>Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden.
+
+</p><p>Juana hielt die flachen Hände an die Brust
+und fing den Herzschlag auf darin und warf ihn
+den Galeeren nach.
+
+</p><p>Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte
+sie auch sein Fehlen doch, da sie ganz allein war.
+Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen
+sprach, das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr
+das Kühlende seines Hasses. So glaubte sie.
+Manchmal erschrak sie.
+
+</p><p>Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer
+Donner sich sammle, wie wenn ein Bergwerk
+einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus
+dem glatten Himmel sause irgendwo. Und sie
+bedauerte, daß sie nicht tiefer hören könne, und
+streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf,
+höher .&nbsp;. . und ward straff gegen jeden Anprall und
+scharf wie eine Lanze.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Bandieren und Standarten spannten sich auf
+Las Casas&rsquo; Galeeren. Morgens und abends
+bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das
+Meer wechselte blau und grün. Gegen Mallorka
+zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende
+Monde auf dem Grund. Die Sklaven ließen die
+Ruder und beugten sich über die Geländer und
+starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie
+zu prügeln, und sie krochen wie die Hunde zurück.
+
+</p><p>Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer
+Seide mit Las Casas&rsquo; Wappen in Granaten bestickt.
+Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht
+vorüber.
+
+</p><p>Bei der Insel Galita war eine Falle für den
+Bassa gelegt. Zwei kleine Segler mit Lamawolle
+und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden
+nachts, lautlos.
+
+</p><p>Las Casas kreuzte ganz Tunis ab.
+
+</p><p>In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische
+Caramuzzals ein, die völlig braun waren
+und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten.
+Sie schossen verzweifelt mit Hagel und Ketten aus
+kleinen Kanonen. Beim Entern sprang ein Mann
+zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott
+lobend. Las Casas ließ ihn trotz dem Geplärr in
+Ketten legen. Die anderen schlug sein Henker mit
+der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten
+wurden auf die Ruderbänke geschmiedet. Die
+Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere
+stach die Sonne zusammen.
+
+</p><p>Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang
+(sein Blick hatte den gewöhnlichen Wahnsinn der
+Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn langsam
+totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder.
+Das fiel vor ihm hin und nannte sich einen Franziskaner
+aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten
+war. Er küßte die Füße Las Casas&rsquo;, und als der
+ihn nach dem Versteck des Bassa fragte, heulte er
+auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß er
+den Platz wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches
+gab er singend die Weisungen für das Schiff.
+
+</p><p>Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und
+versprach ihm straflose Freiheit, wenn sie den Bassa
+fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe seines
+Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei
+&mdash; &mdash; &mdash; für den anderen Fall. Der Renegat allein
+lobte nur Gott.
+
+</p><p>Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den
+Bassa überraschen sollten, sahen sie eine gelbe Caramuzzal
+in einem schönen Bogen eine Mauer von
+Klippen nach dem Lande zu durchschneiden. Von
+beiden Seiten wurden sie mit Brandpfeilen und
+glühenden Eisen überschüttet.
+
+</p><p>Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert
+Soldaten aus, fing und erschlug eine Anzahl
+Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe
+Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene
+Nubier saßen vor des Bassas Kajüte.
+Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige
+Tage entfernt im Innern seinen Hauptpalast, ein
+stehendes Lager und den Harem hätte.
+
+</p><p>Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten
+Morgen. Sein Herz ging hoch, als ob er ganz
+dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten.
+Die Galeeren sollten so lange kreuzen.
+
+</p><p>Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer.
+
+</p><p>Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner
+seine Hymnen, bis ihm ein Offizier mit einem Koran
+als Knebel das Maul verstopfte.
+
+</p><p>Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren
+sie, daß am Abend der Bassa in aller Flucht vorbei
+gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer
+und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu
+weisen, obwohl sie schrien und sich wehrten aus
+Furcht.
+
+</p><p>Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender
+fiebervoller Ring wälzte der Himmel sich um den
+Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in
+der Luft wie Sand. Sie mußten die Augen senken,
+und das Blut zog sich ihnen wie gefroren im Kopf
+zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos
+wurden, schrien plötzlich etwas, rannten
+ein Stück in die leichten Dünen und verbeugten
+sich .&nbsp;. . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen
+Laut. Nur das war: wie wenn der grünliche
+Schlauch am Himmel sich langsam um sie zusammenziehe.
+
+</p><p>Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte,
+zündeten Feuer an und stellten Wachen aus. Die
+Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf
+der einen Seite die Männer, auf der anderen
+Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne scharf
+in die Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen
+in die Arme. Dann spielte die Muschel
+allein. Auch sie schwieg.
+
+</p><p>Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte,
+daß es Zuversicht sei. Er wußte (ganz unstreitbar),
+daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie
+war zu zweifeln? .&nbsp;. . Juana? Er würde sie dann
+in fiebernden Händen besitzen.
+
+</p><p>Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper
+zitterte unter dem Gedanken.
+
+</p><p>Er hob den Kopf. &mdash; Ja .&nbsp;. . Bisamrosen hatten
+um die Bank gestanden und geduftet. Und Nelken.
+
+</p><p>Sehr scharfe Nelken. &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von
+Beduinen um das Lager und senkte seine Lanzen
+in die Körper, die herumlagen. Las Casas banden
+sie und einige andere, trennten ihn von ihnen und
+ritten mit ihm die Nacht durch und den ersten
+Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein
+Kamel. Sie gaben ihm Stutenmilch dieser Tiere.
+Er trank es nicht. Mittags ritten sie weiter. Rötlicher
+Nebel schoß vor die Sonne und glühte die
+Kehlen aus.
+
+</p><p>Die Wüste war flach, ein wenig gewellt. Dann
+ritten sie eine hohe Düne herunter. Ein Park von
+Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grün stand
+um ein paar Bäume und einen Brunnen. Las
+Casas trank Wasser. Abends fragte er, ob sie ihn
+zu Yousouf brächten. Sie grinsten: Nein &mdash;! Da
+wuchs alle Kraft in ihm und durchbebte ihn wieder.
+
+</p><p>Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier:
+&bdquo;Gute Stute .&nbsp;. .&ldquo; Denn seine Hände waren gebunden.
+Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er
+schritt durch Gewölbe und Gänge und stand in
+einem Zimmer, plötzlich, mit hellgelben Steinen,
+zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saßen.
+Eine Laterne stand auf dem Tisch, Wein, Brot,
+Früchte.
+
+</p><p>Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schönen
+bärtigen Türken. Sie verhandelten über sein Lösegeld.
+Während sie sprachen, senkten des Türken
+Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las
+Casas&rsquo; Hand hoch, ein wenig. Sein Dolch lag
+auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. &bdquo;Gib
+dir keine Mühe!&ldquo; lächelte der Türke. Der Marques
+hatte die Waffe schon gepackt. Er sauste mit einem
+heftigen Sprung durch die Tür. Er sauste gegen
+einen dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen
+aus Zorn und kehrte ruhig zurück. &bdquo;Ich sagte
+es dir&ldquo;, achselzuckte der Türke, ein bißchen beleidigt.
+
+</p><p>Allein er ließ ihm den Dolch.
+
+</p><p>&bdquo;Sag mir das eine!&ldquo; fragte der Marques scharf.
+&bdquo;Bin ich bei Yousouf Bassa?&ldquo;
+
+</p><p>Der andere lächelte: &bdquo;Nein.&ldquo;
+
+</p><p>Sie einigten sich über das Lösegeld und Las
+Casas blieb allein. Es ging schon gegen Morgen.
+Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann.
+
+</p><p>Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür
+war nicht verschlossen und er sah keine Wache. Er
+stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel
+eines Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog.
+Es roch modrig. Von Zeit zu Zeit merkte
+er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber
+er mied sie. Plötzlich fühlte er Schwindel, und
+die Furcht, daß er sich im Kreise bewege, zog ihm
+das Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel,
+wie er bleich ward und schlug hastig den Gang in
+einen Kreuzstollen ein, der das Gewölbe durchbrach.
+Als er ein paar Minuten sich die Wände entlang
+getastet hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab,
+eine Dämmerung schwoll auf, leichte Helle lockte,
+und er folgte der Anziehung eines blauen Lichtes,
+das größer wurde und ihm entgegenströmte im
+Nahen und Mond ward .&nbsp;. . und ihn hinauszog auf
+einen Hof, der ganz durchflutet war von dem Licht.
+
+</p><p>Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt
+in der Mitte, als schwämmen sie auf dem
+Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen
+blitzende Strahlen Quecksilber.
+
+</p><p>Las Casas schlich über den taghellen Hof, an
+die Mauer geduckt und von dem schmalen Gurt
+ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen
+zwei Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah
+hinein.
+
+</p><p>Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und
+schaute müd und regungslos dem Spiel eines
+jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben
+eine Zeit so. Innen der Türke in das Betrachten
+versunken, der Marques fand nicht den Augenblick,
+sich von dem Posten geräuschlos zu lösen.
+
+</p><p>Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob
+die Augen. Die Augen mußten über das Fenster
+.&nbsp;. . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in
+die Luft, Glas splitterte, ein Dolch schlug neben
+Las Casas&rsquo; Kopf vorbei durch die Scheibe und verlor
+sich zischend und blinkend nach den Brunnen.
+
+</p><p>Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine
+Blicke faßten plötzlich eine dunkle Öffnung in dem
+hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen
+Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht
+und glatt. Während er suchte, fing ein runder
+Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er
+auftrat und hielt, funkelte es auf. Andere Lichtbälle
+tauchten auf und spielten mit dem ersten. Sie
+glitten übereinander und vermehrten sich, bis die
+eine Seite eine strahlende Scheibe schien. Da erkannte
+Las Casas, die Wände seien Spiegel. Er
+suchte noch einmal nach einer Öffnung, aber er
+fand keine mehr. Die Lichter stachen ihm nun in
+die Augen. Da hieb er mit einem Aufschrei bebend
+vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles
+Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es
+einen Ruck, eine Öffnung, durch die er schritt fünf
+Schritte bis in sein Zimmer.
+
+</p><p>Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte
+herein. Sie betrachtete ihn lang und eingehend.
+Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort,
+ihn anzusehen.
+
+</p><p>Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte:
+&bdquo;Ich kann mit dir machen, was ich will.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas zuckte die Achseln.
+
+</p><p>&bdquo;Wenn du mich liebtest&ldquo;, meinte sie nach einiger
+Zeit ernst und überlegen, &bdquo;kostete es dich den Kopf.
+Zwei, drei Schnitte .&nbsp;. .&ldquo; .&nbsp;. . sie fuhr sachlich mit
+dem Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah
+ihn an, als ob sie immer mehr über ihn erstaune.
+
+</p><p>Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der
+Marques die Linien ihres Körpers nach und wandte
+sich langsam nach der Wand.
+
+</p><p>Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und
+brannten ihr Bild in die Mauer. Sie war sehr
+schön.
+
+</p><p>&bdquo;Mein Vater hat sieben Monde&ldquo;, fuhr ihre
+Stimme fort, &bdquo;ich habe den Alten schlagen lassen,
+dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und
+dich.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr.
+Da fuhr ein Lachen mit tausend süßen Spitzen in
+ihr Gesicht: &bdquo;Alle Querstollen führen in den Hof&ldquo;,
+lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie
+ihm vor das Gesicht. Dann lenkte sie ab: &bdquo;Deine
+Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht sehr
+braun .&nbsp;. .&ldquo; Sie strich mit der Handfläche neugierig
+und schauernd über seinen Hals.
+
+</p><p>Der Marques packte ihre Hand und warf sie
+mit spitzen Fingern zurück. Sie zog sie erstaunt
+an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms
+und senkte den Kopf schräg. Sie war enttäuscht
+und drohte ihrem hellbraunen Spielzeug überrascht:
+
+</p><p>&bdquo;Wenn ich will, kann ich dich an das Bein
+einer Kamelstute binden lassen, die nach Tripolis
+geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules
+Wasser zum Trinken. Oder du mußt Sand scharren
+im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem Kopf
+stehen und durch die Nase lachen.&ldquo;
+
+</p><p>Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen.
+Rasch flog ihr Fuß aus dem Pantoffel, das Bein
+schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und
+zupfte ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las
+Casas schlug mit der Hand hart auf den Fuß, der
+sich zurückzog.
+
+</p><p>Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich
+gering gemacht und wie ein Schwein oder gleich
+einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang
+auf ihn zu und drückte sich an ihn und strich ihm
+über den Arm und den Hals. Sie begriff ihn
+nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er
+warf sie, während seine Finger die ganze Schönheit
+ihres Körpers begriffen und im Gefühl bewahrten,
+ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen
+die Wand, stieß einen kleinen spitzen Ruf aus, zog
+ihr Tuch bis unter die Augen und ging.
+
+</p><p>Einmal noch floh Las Casas.
+
+</p><p>Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit
+vielen Begleiterinnen dunkelblaue Bohnen und
+Winden begoß.
+
+</p><p>Er wußte nun, daß er ganz &mdash; wie ein Tuch und
+ein Stein &mdash; in ihren Händen sei. Aber die Erniedrigung
+war nicht tief genug, daß er sich tötete.
+Er spielte oft mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam
+zu. Einmal setzte sie sich auf seine Knie
+und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff
+und das sie nie wiederholte. Er sank, sank mehr.
+Um so stärker aber stieg das Bewußtsein der Berufung
+in ihm.
+
+</p><p>Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er
+sie abschüttelte, obwohl sie sah, wie seine Lippen
+brannten.
+
+</p><p>Doch langsam sahen Las Casas&rsquo; Augen sie nicht
+mehr. Sie sahen trüb aus wie Zisternenwasser.
+Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte
+es drei Tage nacheinander und hielt ihm ihren
+Finger vor die Pupille und stieß danach. Sie
+brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm
+der Stern auf dem Weiß.
+
+</p><p>Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien
+eingeritzt standen, und flüsterte an sein Ohr: &bdquo;Palast-Plan
+.&nbsp;. . Palast-Plan&ldquo;, bis er begriff und ihn
+vor ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine
+List.
+
+</p><p>Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den
+Lippen. Sie küßte ihn auf den Mund und sah
+ihn traurig an: &bdquo;Was willst du?&ldquo; Der ganze
+Körper bat.
+
+</p><p>Da floh er.
+
+</p><p>Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels,
+glitt über Terrassen und Galerien und tauchte in
+einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog.
+Seine Hände führten ihn tastend die Wand entlang.
+Er schritt minutenlang. In Abständen
+waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen
+hatten. Einige waren aus einem porösen Stein,
+andere völlig glatt. Er streichelte seine Hände
+kurz und stolz: &bdquo;Kluge Hände&ldquo;. Ein Übermaß
+von Freude stand ihm bis zum Kopf, bereit, durch
+Mund und Augen übermäßig aufzuspringen. Plötzlich
+packte er einen Auswuchs und empfand im
+gleichen Moment, daß seine Hand in einer Zahnreihe
+lag. Er half mit der anderen und erschrak,
+wie die Finger der beiden in zwei hohlen Augenhöhlen
+verschwanden, die feucht waren und sich
+anklebten. Da faßte er fest zu, brachte die Augen
+nahe und merkte, daß es ein Ornament aus Gips
+sei. Wie er aufatmend vorwärts trat und sein
+Blut, das gehalten hatte, aufsauste, griff er etwas
+Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen
+die Tür, die hinausführen mußte.
+
+</p><p>Seine Hände aber erkannten die Schönheit
+wieder, die sie einmal gefühlt hatten, und packten
+sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem.
+Da gab er nach. &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die
+um sie kreisten. Er senkte die Augen. Zwei Beduinen
+empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf
+ein Tier und ritten neben ihm. Er hatte den einen
+Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie ihm einen
+Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche.
+Als sie ihn verließen, sagten sie ihm, daß es knapp
+ein Tageslauf sei.
+
+</p><p>Er hielt sie an.
+
+</p><p>Er hielt sie an und fragte: &bdquo;Wer war es, der
+mich losließ?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Die Tochter Yousouf Bassas .&nbsp;. .&ldquo; sagten sie. &mdash; &mdash;
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; Er wartete, bis sie verschwunden
+waren. Dann hielt er die Hand so, daß sie den
+ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte.
+
+</p><p>Hiermit und so war er fertig mit ihm.
+
+</p><p>Durch die Hand sah er sein Blut. &bdquo;Juana .&nbsp;. .
+ja .&nbsp;. . mein Blut &mdash; &mdash; unser Blut &mdash;&ldquo; schrie er und
+stachelte den Hengst mit dem Dolch.
+
+</p><p>Moos spann sich grau über die Wüste. Kranichzüge
+rauschten über ihm. Endlos blendeten die
+weißen Kaktusfelder in der Ferne.
+
+</p><p>Ein Tuareg begegnete ihm.
+
+</p><p>Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen
+hielten sich so fest, daß ihre Hände sich nicht
+rührten.
+
+</p><p>Endlich: Bäume .&nbsp;. . Bäume! Eine Allee.
+Orangenallee .&nbsp;. . Er fiel vom Pferde, umarmte
+es, tanzte und küßte die dampfenden Flanken des
+Tiers. Am nächsten Tag fand er die Galeeren.
+Am gleichen Mittag rannte eine Patrouille von
+ihm zu Yousouf und bat ihn um eine offene
+Schlacht. Der Bassa schlug ein und bezeichnete
+den Platz.
+
+</p><p>Sie stachen sofort los. Las Casas kam in
+Streit mit den Offizieren. Er trieb die größte Eile
+an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle
+sein wollte. Denn er mußte auf jeden Fall die
+Stellung an der Küste haben, damit er den Feind
+gegen das offene Meer hatte und so Flucht eine
+Unmöglichkeit sei und auf diese oder jene Form
+dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere wollten
+erst Wasser aufnehmen in einem Hafen, der nahe
+lag. Doch Las Casas sagte, daß sie nach der
+Schlacht Wasser genug haben würden hier oder
+da, und er wies auf das Meer und in die Richtung
+des Hafens; da schwiegen sie, denn er lächelte
+dabei.
+
+</p><p>Die Sklaven hatten ausgehöhlte Gesichter und
+knirschten, als die raschen Takte des Vorsängers
+ihre Muskeln zu angespannten Zügen zwangen.
+
+</p><p>Las Casas ließ sie schlagen und stand auf dem
+Vorderdeck, unbeweglich, den Blick auf das Meer
+ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen
+in das ruhige Wasser.
+
+</p><p>Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm
+wie zwei Segel, die ihn nach der endlichen Tat
+hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er
+wenig und kaum. Nur dies eine erfüllte ihn. Ein
+Lächeln, fast spöttisch, kräuselte seinen Mund. Er
+schüttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz
+durchfuhr ihn stürmisch und sengte seine Augen.
+
+</p><p>Er drehte sich und es war ihm, daß einige
+Bänke die Ruder weniger tief streckten und so den
+Lauf hemmten, und er ließ auf einer erhöhten Bühne
+mitten auf dem Steg zwischen den Bänken mit
+Sklaven zwei Neger hinrichten. Die nächsten
+schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern
+stand Wut.
+
+</p><p>&bdquo;Wasser .&nbsp;. . !&ldquo; brüllte ein langer Portugiese und
+drohte. Las Casas lächelte ruhig und sehr gefaßt
+und ließ ihm das Halsblut der Neger reichen.
+
+</p><p>Er fühlte einen starken Sturm in sich, der ihn
+hob, schwellte und maßlos mit sich selbst erfüllte,
+daß sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und
+seine endlos beschwingten Gefühle über alle Schicksale
+hinausstiegen und der Tod ihm nur ein geringschätziges
+Spiel (wie mit Masken) erschien.
+
+</p><p>Am Abend stellten sie sich auf für den folgenden
+Tag.
+
+</p><p>Früh riß die Sonne den Himmel tiefrot auf
+und färbte das Wasser so. Und als bedrücke das
+Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner
+Seele, horchte er in sich hinein und fand wie ein
+Pizzicato in der Ruhe seines höchsten Geschwelltseins
+den Gedanken an Juana und riß ihn heraus
+und maß ihn mit den letzten Erlebnissen und der
+Idee seiner Tat. Die Kartaunen des Vorderdecks
+lösten sich schon. Die türkischen Caramuzzals umsprühten
+die Galeeren mit glühenden Kugeln. Eine
+zischte zwischen die Ruderer und verbrannte sie. Es
+roch nach versengtem Fleisch. Die nächsten heulten
+auf und ließen die Ruder.
+
+</p><p>Da ließ Las Casas die Hörner blasen.
+
+</p><p>Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine
+Schlinge fiel vom Hauptmast. Sie legte sich um
+den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und
+schwang ihn, der sich verrenkte und mit den Armen,
+die Hände zu Fäusten gekrallt und die Zeigefinger
+nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen über
+das Schiff.
+
+</p><p>Pfiffe rasten über die Decke. Alle Ruder hoben
+sich und schäumten auf die Caramuzzals ein.
+
+</p><p>Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana
+ganz aus sich. Nur die Tat sollte sein. Er stand
+auf der Poppa und suchte die größte Caramuzzal.
+Eine Flagge deckte sie: Rot mit sieben schwarzen
+Monden.
+
+</p><p>Endlich: Yousouf! &mdash;
+
+</p><p>Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so
+war es von der Sonne durchtränkt.
+
+</p><p>Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung,
+in der durchbebtesten Ekstase seines Lebens
+den Gedanken an Juana zu töten. Eine wahnsinnige
+Freude durchschwang ihn. Er hatte den
+Dolch durch den Mund gezogen. Seine Hände
+hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle
+Kanonen entluden sich und schrien gegeneinander.
+
+</p><p>Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und
+brüllte etwas mit leuchtenden Augen zurück, was
+das Getöse verschluckte. Las Casas sah ihn an.
+Und als hätten die nicht gehörten Worte etwas
+gelockert, als hätten sie ihn das gefragt, um was
+er rang, brüllte er dem Jungen zu (der ihn nicht
+verstehen konnte) die Arme um das Rad, mit Lippen,
+die sich zerrissen an dem Dolch im Mund:
+
+</p><p>&bdquo;O alles .&nbsp;. . hätte ich auf den Bauch geschmissen
+Dreck gefressen, drei Monate oder vier .&nbsp;. . wären
+meine Gedärme zerfetzt daran .&nbsp;. . hätte ich den
+Bart säubern müssen des Bassa jeden Tag von
+Eiern und Speisen und schlechten Küssen, wäre
+ich stinkend geworden und nach Übelem riechend
+und hätte ich keine Zähne mehr im Mund und wäre
+ich gewesen wochenlang beschämt bei alten Weibern,
+die hängende Brüste hatten und Riemen von Adern
+aus den Gliedern quellend .&nbsp;. . o, alles nichts,
+klein, sehr klein, &mdash; &mdash; &mdash; kein Lachen .&nbsp;. . keinen
+Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen
+Moment, gegen dieses Steigen &mdash; &mdash; &mdash; und was
+Juana ist &mdash; &mdash; &mdash; was ihr Andenken ist .&nbsp;. . es
+wiegt nicht so viel, daß ich es nur so sage, nicht
+einmal mein Brüllen ist es wert .&nbsp;. .&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Nun hatte Las Casas Ruhe für seine Tat.
+
+</p><p>Seine Lippen zuckten zerrissen.
+
+</p><p>Ehrgeiz füllte seine Augen, daß sie grün blitzten.
+
+</p><p>Die Offiziere standen um ihn.
+
+</p><p>Blut rann über sein Gesicht.
+
+</p><p>Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer
+nach rechts. Geknarr und Erschütterung knirschte
+auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal
+Yousoufs, deren Geländer sie weggerissen hatte.
+Dunkle Massen strömten hinüber.
+
+</p><p>Mit einem Lächeln (dies war sein Tag), ganz
+ruhig stand Las Casas auf der Poppa. Sein Gesicht
+war hell und stet wie eine Fahne.
+
+</p><p>Aber dann: &mdash; &mdash; als er hinübersprang und sah,
+wie Bassa Yousouf mit vielen Kugeln durch den
+Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben
+und vorbeitrugen dicht an ihm .&nbsp;. . kniete er, wo
+er stand, nieder, warf sich auf den ersten Toten,
+der aus der Brust blutete, küßte die Brust &mdash; &mdash; &mdash;
+und stammelte: &bdquo;Juana&ldquo;. Stammelte: &bdquo;Juana&ldquo;.
+Nichts weiter. Nur dies.
+
+</p><p>Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas
+betrachtete ihn genau. Er sah seiner Tochter ähnlich
+.&nbsp;. . die Wolke über der Stirn .&nbsp;. . die Braue
+und der Nasenflügel .&nbsp;. . Las Casas erstaunte über
+die Leiche. Er wußte nichts damit anzufangen. Er
+roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen,
+fiel ihm ein, waren auch dabei. Er fuhr
+mit den Fingern in die Wunden des Bassa und
+untersuchte sie.
+
+</p><p>Dann zuckte er die Achseln und trat zurück.
+
+</p><p>Der junge Offizier kam und küßte ihm die Hand.
+
+</p><p>Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren
+traten auf ihn zu: Sie seien stolz .&nbsp;. . unter ihm .&nbsp;. .
+dieser Sieg &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa .&nbsp;. .
+Er strich die Stirn: Ja. Er lag da. Auf der
+Poppa .&nbsp;. . tot? .&nbsp;. . Tot!
+
+</p><p>Stolz hob seine Schultern. Freude überflammte
+ihn. Es war die erste Tat im Reich. Gewiß. Er
+hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios.
+
+</p><p>Die Sonne ward schon gelb und stieg.
+
+</p><p>Dann sprang er zurück auf dem Hinterdeck und
+gab das Signal zur Abfahrt.
+
+</p><p>Ein Schrei der Wut peitschte über das Verdeck.
+
+</p><p>Offiziere hoben die Hände, bestürmten ihn:
+&bdquo;Teilung der Beute .&nbsp;. . Ruhe .&nbsp;. . Soldaten .&nbsp;. .
+die Sklaven seien ausgelaugt.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas stemmte sich hoch: &bdquo;Wir fahren!&ldquo;
+
+</p><p>Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen.
+
+</p><p>Niemand sprach.
+
+</p><p>Sieben türkische Caramuzzals waren erobert
+worden, auf die Soldaten verteilt wurden. Die
+Gefangenen mußten rudern. Ein Schiff trug den
+Harem.
+
+</p><p>Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten,
+sprangen den Leuten Arme und Lippen auf. Die
+Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten
+kaum.
+
+</p><p>Weißglühende Wut schwelte in den Augen der
+Soldaten.
+
+</p><p>Las Casas saß auf dem Vorderdeck, wo der
+Wind ihn zuerst kühlte. Die Leiche Yousouf Bassas
+lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal
+auf ihr, dann sogen sie sich wieder glühend, brennend
+in den Horizont fest. Er freute sich über die Tat.
+Aber er begriff nicht mehr, daß er über Juana weggesprungen
+sei wegen ihr. Er fühlte sie so um sich,
+als könne er ihre Umrisse mit den Händen fassen.
+Es war unmöglich &mdash; wie konnte es sein, lachhaft
+und kindisch? &mdash; daß er sie dreimal verschmäht hatte.
+Er blickte auf den Toten. Es war doch so. Doch
+er verstand die Wichtigkeit dieser Tötung nicht
+mehr.
+
+</p><p>Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns
+zu mäßigen. &bdquo;Die Leute verrecken vor Durst. Die
+Zungen kriechen ihnen wie böse Tiere aus den
+Mäulern,&ldquo; sagte heftig der junge Offizier.
+
+</p><p>Las Casas ließ ihnen die letzten Rationen austeilen.
+Das Tempo blieb das gleiche. Es ward
+Nachmittag.
+
+</p><p>Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. &mdash;
+
+</p><p>Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserfläche
+einen Garten voll Lauben und Gerüchen und
+eine Nacht darüber, mit Sternen dicht verschnürt,
+in der er sie besitzen wollte. Es nahm ihm den
+Atem. Es preßte alles beiseite. Er mußte ohne
+einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er
+schob den Toten mit dem Fuß zur Seite, da er ihn
+plötzlich haßte, weil er in ihn die Ursache verlegte
+(die in seiner eigenen Brust saß), daß er Juana
+verschmäht hatte.
+
+</p><p>Da brüllte es hinter ihm plötzlich wie aus einem
+Ventil: &bdquo;Wasser!&ldquo; Es war ein gellender, trockener
+Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner
+Nähe. Aber dort brach es aus: &bdquo;Wasser!&ldquo; .&nbsp;. .
+und schlug hinüber und zündete und an hundert
+Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mündern.
+Die Augen waren ihnen stier geworden, und die
+weißschweißigen Gesichter brannten.
+
+</p><p>Las Casas&rsquo; Hirn schob blitzschnell den Gedanken
+vor: Gefahr! Sein Bewußtsein packte zu und begriff
+dumpf, daß ihm ein Hindernis entgegentrete.
+Rote Wut schüttelte ihn. Er sprang vor:
+
+</p><p>&bdquo;Schmeiß,&ldquo; schrie er, &bdquo;Geschmeiß,&ldquo; und wieder:
+&bdquo;Vieh .&nbsp;. . Ihr wollt weniger tun, Hunde, wo ich
+mehr Eile habe. &mdash; Sklavenführer, aufs Vorderdeck!
+.&nbsp;. . Die Riemen in die Peitschen gezogen .&nbsp;. .
+Zehn Takte rascher gefahren im Viertel der Stunde.
+&mdash; Den Bankersten die Bastonade!&ldquo; .&nbsp;. . Seine
+Stimme war wieder beherrscht geworden. Die
+Riemen klatschten über die Rücken.
+
+</p><p>Die ganze Nacht ließ er sie mit Wasser begießen,
+das sie kühlte und ihren Schweiß wegschwemmte.
+Allein das Meerwasser biß scharf in ihre Wunden,
+daß sie schrien über das Geschenk.
+
+</p><p>Am Morgen stand einer auf als Deputat: &bdquo;Wir
+können nicht mehr.&ldquo; Niemand hörte auf ihn.
+
+</p><p>&bdquo;Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns
+auf den Bauch diese Zeit. Dann streifen wir das
+Schiff wie einen flachen Stein übers Wasser.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Einen halben Tag .&nbsp;. .&ldquo; johlten die anderen.
+
+</p><p>Der Deputat drohte: &bdquo;Wir brechen die
+Ruder .&nbsp;. .&ldquo; Da gab Las Casas Befehl, ihm,
+dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge
+aus dem Munde zu nehmen und ging hinunter, die
+Zähne in den Lippen und bleich. Denn es schmerzte
+ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten
+nur ein Wollen, das wie ein ungeheueres Zittern
+daran hing und auf alles niederfiel, was es sperrte:
+&bdquo;Juana!&ldquo;
+
+</p><p>Er ließ den Sklaven Wein geben. Das
+Geringe berauschte sie. Die Galeeren zogen
+rascher.
+
+</p><p>Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Mäuler
+aufgesperrt, aber noch entfeuert.
+
+</p><p>Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender,
+bis einer schrie:
+
+</p><p>&bdquo;Weiber &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Langgedehnt zog der Laut über das Schiff. Eine
+Stille schob sich nach, die alles preßte.
+
+</p><p>Dann rasten alle in die Höhe und hämmerten
+ihre Ketten gegen die Bänke:
+
+</p><p>&bdquo;Dein Ver&mdash;spr&mdash;e&mdash;e&mdash;e&mdash;chen .&nbsp;. . am selben
+Abend .&nbsp;. . zwei .&nbsp;. .
+
+</p><p>Schuft! &mdash; &mdash; &mdash; Du .&nbsp;. .&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen.
+Die Aufseher peitschten sie mühsam wieder
+an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich ineinander
+verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem
+Fleisch.
+
+</p><p>&bdquo;Ihr werdet sie haben, eh&rsquo; der Tag &rsquo;runter ist.
+Wenn ihr euch eilt, Bande! Dann sind wir in
+Cartagena.&ldquo; Las Casas&rsquo; Stimme klang knapp,
+unendlich beherrscht.
+
+</p><p>&bdquo;Es ist gelogen, ist erlogen .&nbsp;. . Hund!&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas ließ sie.
+
+</p><p>Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden,
+erschrak er. Es blitzte ihm durch den Kopf &mdash; er
+müsse den Abend in Cartagena sein &mdash; &mdash; um alles.
+
+</p><p>Er ging auf dem Deck herum und zerbog die
+Hände ineinander, bis er den letzten Entschluß sich
+abgepreßt hatte.
+
+</p><p>Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem
+Harem herüberzuschaffen. Er wußte (in brennendster
+Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems
+beim Umladen nach der Schlacht gesehen
+hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste waren
+kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte
+rund mit Gold gemalt. Sie sollten vor ihnen
+tanzen, daß sie rascher führen.
+
+</p><p>Alle mußten hinuntersteigen.
+
+</p><p>Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und
+Las Casas.
+
+</p><p>Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven
+die Gesichter weiß wie die Planken, die Augen
+rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las
+Casas&rsquo; Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze.
+
+</p><p>Dann fingen die Boote an hinüberzufahren
+zur Caramuzzal, die den Harem trug. Die Wächter
+hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend
+vor Scham und Schmerz, wie irgendwo
+einem Geifer aus dem Maul rann, während er
+blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in
+Strömen aus dem Gesicht. Sie sahen aus wie
+Pilze, auf die plötzlich Tau fällt.
+
+</p><p>Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel
+auf die Schiffe. Die Gesichter waren ins Unkenntlichste
+verzerrt. Wo manches Nase oder Mund
+sonst war, saß nun eine Falte der grausamsten
+Qual.
+
+</p><p>Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er
+tat, empörte seine Seele. Er schlug die Arme übereinander,
+daß sie ihm die Brust einbogen, biß die
+Lippen zusammen und starrte ins Meer und weinte
+vor Zorn über sich. Er flüsterte: &bdquo;Juana&ldquo; und
+empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte
+den Abend in Cartagena sein (er kam den Abend
+nach Cartagena) oder wahnsinnig werden oder
+zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen
+diesen Willen.
+
+</p><p>Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der
+Männer. Dabei empfand er, wie die Galeere mit
+erstaunlicher Geschwindigkeit flog.
+
+</p><p>In der drückenden Stille hinter seinem Rücken
+bohrten die achthundert Augen sich auf die Caramuzzal,
+an der die Boote gerade anlegten. Ein
+silbernes Horn (wie rein es scholl zwischen den
+Masten und gelben Segeln!) hob sich mit zartem
+Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief
+einmal (wie klang sie jung und nach Andalusien!):
+&bdquo;Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.&ldquo;
+
+</p><p>Las Casas wandte sich nicht um.
+
+</p><p>Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen
+von einem Gedanken und hob den Arm mit einem
+raschen Mal streng und senkrecht .&nbsp;. . niemand
+wußte, wollte er Einhalt rufen oder winken.
+
+</p><p>Doch die Geste wirkte unsächlich.
+
+</p><p>Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus
+allen Brüsten lösender Schrei über die Galeere hin.
+Es war zu viel.
+
+</p><p>Einer der Sklaven hatte Las Casas&rsquo; Bein gepackt.
+Las Casas verschwand unter der gebeugten
+Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos,
+und flog wie ein Ball auf die andere Seite. Sie
+warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links. Vierzig
+auf der anderen Seite. Einer senkte seinen
+Mund auf seinen Hals. Ein anderer schlug seinen
+Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann
+blieb er irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf,
+Gefangene, erschlugen die Offiziere, befreiten sich
+und vergaßen ihn über ihrem Gelage.
+
+</p><p>Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte
+im Horizont auf.
+
+</p><p>Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind
+herauf. Drei Schiffe mit roten aufgebauschten
+Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven
+wurden überwältigt. Luis Quijada kam herüber
+von seinem Segler. Denn er war es.
+
+</p><p>Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert
+um die Reeling hängen. Die Leiche Las Casas&rsquo; ließ
+er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner Fanale.
+
+</p><p>Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen
+und bestieg die Caramuzzal, die des Bassas Harem
+trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig
+Besten aus und schiffte sie in seinen Segler ein.
+Die anderen schenkte er seinen Soldaten. Darauf
+stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen
+Yousoufs lagen. Es war eine kleine Kajüte mit
+lackiertem Mahagoni und Zitronenholz. Sie hatten
+sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit
+ihnen und sie tranken gemächlich mit ihm, der
+lächelnd und zärtlich scherzend mit ihnen sprach,
+zutraulich Kakao und Orangenwasser.
+
+</p><p>Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward
+Abend, als sie in Cartagena einliefen. Große
+Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte
+kommen. Das Banner Las Casas&rsquo;, Quijadas,
+das von Kastilien und die rote Fahne mit sieben
+Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana
+stand am Steg.
+
+</p><p>Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht
+und ans Land gestellt. Quijada folgte.
+Las Casas&rsquo; Kopf erschien, wie einer das Tuch hob,
+unter der weißen Fanale, auf der sein Wappen
+stand. Um seine Stirn saß festgebissen mit einem
+dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie
+ein schlechter Heiligenschein.
+
+</p><p>Juana taumelte.
+
+</p><p>Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung
+wieder in sich selber ein. Und da sie nicht
+allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern
+das Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie
+um den Liegenden herum und raffte ihr Gesicht
+auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer
+über einem Heer geblasenen Trompete, schritt kurz
+auf Luis Quijada zu und legte ihren Kopf an seine
+Brust.
+
+</p><p>Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche
+ihrer Entschlossenheit, aber er tat doch den
+Arm um sie, denn er hielt sie nicht für schlechter
+als die drei Besten aus seinem Harem.
+
+</p>
+<h2 class="chapter"><a id="page_201" name="page_201">Yup Scottens</a></h2><p>
+
+
+</p><p class="first">Yup Scottens wette niemals. Sie wüßten es
+alle.
+
+</p><p>Das Blut steige ihm noch röter unter das breit
+und tot herabfallende Haar. Er schlage auf den
+Tisch. Jedesmal würde er auf den Tisch schlagen,
+wenn wieder einer vom Wetten spreche.
+
+</p><p>Also schweige man davon.
+
+</p><p>Ob Yup verheiratet sei?
+
+</p><p>Nein.
+
+</p><p>Und es würde besser sein, auch danach nicht zu
+fragen.
+
+</p><p>Leise höchstens, ganz leise könne man davon erzählen.
+
+</p><p>Tim Porker müßte dann die Beine vom Tische
+nehmen. Denn ihr Ledergeruch würde stören. Und
+dann hätte er heute morgen den einzigen Kartoffelacker
+hinter der Farm gedüngt. Kinder, man sei
+ja nicht so, aber Tim müsse diese Lederranzen von
+den Füßen nehmen und sie vor die Tür stellen.
+Noch weiter, zwanzig Meter vom Haus weg .&nbsp;. .
+so .&nbsp;. . und auch dann stänken sie noch. Aber
+weniger, Gott sei Dank, und auch weil Ralf den
+algerischen Tabak rauche, wegen dem man allein
+fünf Jahre in der Fremdenlegion sein könnte.
+Selbst wenn man kommandiert würde .&nbsp;. . Oder
+doch nicht, nein .&nbsp;. . nicht .&nbsp;. . Aber komisch, wo
+er den Tabak herbekomme, Ralf brauche nicht wegzusehen,
+warum denn auch. Yup Scottens wüßte
+manches davon, und wenn er wieder da sei, in drei
+Tagen wohl ungefähr &mdash; denn schließlich sei er doch
+der beste Reiter &mdash;, er würde möglicherweise davon
+erzählen. Ralf sollte doch schweigen. Es sei ein
+Irrtum. Yup hätte an manchen Abenden beim
+einsamen Feuer am Rande der Kordilleren mehr
+erzählt, als sie wüßten und dächten. Alle miteinander.
+
+</p><p>Tim Porker müsse auch die Strümpfe ausziehen.
+Es ginge nicht anders. Frischgedüngte
+Äcker brächten auf so verfluchte Gedanken, röchen
+einem an mit Erinnerungen. Boys! wer hörte die
+gern! Nach den Sternen speien nachts durch die
+blanke Kühle, hundertmal denselben Büffel anschießen,
+eh man ihm die Kugel ins Ohr brennt,
+Mestizen an den Beinen aufhängen, daß die Köpfe
+wie Früchte platzten, Kinder, ja, alles, gern &mdash; aber
+nicht an frischgedüngte Äcker denken!
+
+</p><p>Tizzy solle nach den Koppelungen sehen. Ob die
+Pferde fräßen. Büffelmist solle hereingekehrt werden
+und sparsam auf das schwelende Feuer gelegt
+werden. Morgen werde es schneien, es werde tagelang
+schneien.
+
+</p><p>Ralf solle seinen Schnurrbart kauen und ihm
+die Pfeife geben. Wie? Yup werde länger brauchen?
+Yup wisse, daß nur für vier Tage zu essen da sei.
+In vier Tagen werde Yup den Transport herbringen.
+Heiho! Yup.
+
+</p><p>Ganz andere Fahrten hätte Yup gemacht.
+
+</p><p>Tim Porker solle das Maul halten, bei Gott.
+Und wenn sie morgen früh einen Tunnel nach seinen
+Stiefeln machen müßten durch den Schnee, die
+Stiefel blieben draus.
+
+</p><p>Ein glühender Tag sei es gewesen, hinten am
+Gebirg, der plötzlich wie ein Signal an der Eisenbahnstrecke,
+die Yup drei Tage von hier kreuzen
+müsse &mdash; also der wie ein Signal umgeklappt sei
+in eine stechend kühle Nacht. Sie hatten auf dem
+heißen Felsen gelegen. Die Knochen hätten gebrannt,
+das Hirn geglüht, aber sie hätten gefroren.
+Der Schein des Feuers wäre die Felswand hinaufgeklettert,
+aus der sternüberhängten Nacht hätte ein
+Fuchs gebellt, spitz und lang auslaufend. Manchmal.
+Da habe Yup sich aufgesetzt und ihm erzählt,
+warum er nichts hören könne vom Wetten. Manches
+habe er schon früher geahnt, denn Yup habe dies
+schon angedeutet und jenes. Yup habe ihm aber
+auch erzählt, warum er nicht verheiratet sei trotz
+dem Ring an seinem Finger. Yup habe ihm alles
+erzählt. So:
+
+</p><p>&bdquo;Er war fünfundzwanzig Jahre, Yup Scottens,
+und hatte ein schönes Geschäft. Es war seine Erfindung,
+auf Emailleschilder eine grüne Schrift
+anzubringen, die abends leuchtete. Die Fabrik lief
+famos. Yup bastelte an neuen Erfindungen, ritt,
+spielte und hatte einen Klub. In dem Klub waren
+Leute, ähnlich wie er. Seht ihr, sie hatten lackierte
+Schuhe an den Füßen &mdash; ich sehe dich nicht an,
+Tim Porker &mdash;, aber sonst waren sie wie wir, hatten
+knackende Muskeln, legten im Box einen Professionell
+säuberlich in eine Ecke hin, fuhren sechs Tage,
+immer verfolgt im Auto, mit einer fremden Frau
+durch die ganzen Staaten. Sie trafen sich allabendlich,
+und keiner wußte anders, als daß sie zusammengehörten,
+einer zum nächsten, jeder zum
+andern, sich herausbeißen würden und ginge der
+letzte Zahn zum Teufel, immerfort, daß sie beisammen
+bleiben müßten. Stets.
+
+</p><p>Nun lernte Yup eine Miß kennen, die Laura
+hieß. Ein komischer Name &mdash; aber er verliebte sich
+in sie. Niemand hatte daran gedacht, denn sonst
+ging er Frauenzimmern aus dem Wege, selbst bei
+Abenteuern; trotzdem er den Weibern gefiel &mdash; er
+sagte es nicht &mdash;, aber er besaß früher eine volle
+Brust, ich sah es, und schöne Beine. Jetzt allerdings,
+ja, jetzt sind sie nach innen gebogen und
+haben die Linien der Pferdeweichen. Verflucht,
+Kinder, Yup hatte gerade Beine, jetzt aber sind
+sie krumm, weil Yup ein Cowboy ist.
+
+</p><p>Yup sagte mir nicht, wie er sie kennen lernte, ist
+auch egal. Hat ein wenig gestottert und mit einem
+glimmenden Holz herumgestochert. Ich habe weggeschaut,
+denn er hat sich, glaub ich, geschämt. Ihr
+begreift das nicht, kann euch auch einerlei sein.
+Ich habe einen Stein nach einem Fuchs geschmissen,
+der Bogen um uns lief, und dann ein paarmal geknallt.
+
+</p><p>Yup Scottens verlobte sich nun mit Miß Laura
+und ging alle freie Zeit zu ihr. Die anderen begriffen
+das nicht. Sie hatten das Gefühl, als sei
+etwas aus ihnen herausgebrochen. Das war Yup
+Scottens. Sie versuchten ihn wieder zu bekommen.
+Aber er erschien nur noch selten. Dann erzählte er
+von den Haaren der Miß Laura. Das war ihnen
+langweilig, begreiflicherweise.
+
+</p><p>Da sprach eines Abends, wie Yup da war, einer
+von dem neuen Postzug, der über tausend Meilen
+laufe von Morgen bis Sonnenuntergang. Man
+hatte die eigenartigsten Sicherungen angebracht,
+um Anschläge und Überfälle zu vermeiden. Patentschlösser
+wie Signalschellen nach den verschiedenen
+Waggons und gleichzeitig zu den Stationen rückwärts
+und voraus schnitten Diebstähle ab. Das
+Personal kontrollierte sich selbst mit Stechuhren
+.&nbsp;. . Jeder kannte andere Schwierigkeiten. Einige
+widersprachen und sagten, Eingriffe seien doch möglich.
+Nun stand einer auf und erklärte, daß es unmöglich
+sei, überhaupt an den Zug heranzukommen,
+da er die ganze Strecke laufe ohne Anhalt. Von
+früh morgens bis abends ohne Station. Blinde
+Passagiere seien bei dieser Kontrolle ausgeschlossen.
+Nun standen sofort zwei Parteien gegenüber. Yup
+schrie natürlich mit denen, die behaupteten, man
+könne blind fahren. Man drängte zum Austrag,
+einige schlugen Wetten vor. Plötzlich ward es stiller.
+Nur Yup schrie noch. Innerlich dachte er nicht
+daran, es zu tun, was er in der Möglichkeit der
+Ausführung verteidigte. Einige versuchten, ihn auf
+seine Behauptungen festzunageln. Yup lacht noch
+scherzend. Da fiel wo das Wort &bdquo;verlobt&ldquo;. Und
+mit einem Male stand wie eine Fahnenstange aufgerichtet
+die Tatsache da, daß Yup fahren würde. Daß
+er die tausend Meilen fahren werde als blinder Passagier
+gegen den simplen Einsatz von hundert Dollars.
+Mehr als dreihundert war die Strafe, wenn man
+ihn erwischte, und einige Tage Gefängnis dazu.
+
+</p><p>Yup Scottens ging den Abend zu Miß Laura,
+küßte sie auf das Haar und dann auf die Augen
+und sagte ihr, daß er am Morgen mit dem Zug
+verreisen müsse für ein paar Tage. Dann schlief
+er auf seinem Sofa ein wenig, bis die anderen kamen.
+Sie machten aus, daß einer in dem Expreß, der
+dem Postzug in kurzem Abstand folgte, nachfahren
+solle. Hatte Yup die Endstation erreicht, ohne gesehen
+zu sein, und den Zug ebenso verlassen, hatte
+er gewonnen.
+
+</p><p>In der Dämmerung gingen sie an sechzig Meter
+von der Station am Gleise entlang und legten
+sich hin. Yup kauerte sich etwas weiter an den
+Damm und legte das Ohr auf die Erde. Ganz
+langsam wickelte der Zug, der sehr groß war und
+den drei Lokomotiven zogen, sich aus der Halle und
+setzte gerade bei Yup die erste Geschwindigkeit ein.
+Yup hatte seinen Rock ausgezogen, um freie Arme
+zu haben. Yup trug damals noch einen Rock, aus
+dem ein Stück blitzendes Hemd herausschaute mit
+Knöpfen drin, wie ihr es bei den Herren seht, wenn
+wir im September zur Kommission hinunterreiten.
+Er warf ihn dem Partner zu, der ihn im Expreß
+verfolgte, und griff fest nach dem Ende eines Wagentrittbretts.
+Dann machte er eine Drehung und saß
+darauf. Der Zug raste bald, Yup hing am Brett,
+dann legte er sich längs auf den Bauch, aber trotzdem
+blies ihn der Wind fast herunter. Er sah,
+daß er so nicht bleiben könnte. Später würde der
+Zug noch rascher fahren, in einer halben Stunde
+würde es hell sein und von jeder Station würde
+er signalisiert werden. Stöhnend und ohne Atem
+vor Wind schob er sich vor. Er preßte sich fest auf
+das Holz. Keine Muskel durfte nachlassen. Das
+Gesicht strich, während er vorwärts kroch, den
+Schmutz von dem Trittbrett, ein Splitter stach ihn
+in die Wange. Plötzlich wurde der Zug in eine
+Kurve hineingerissen, und Yup flog nach vorn, die
+Beine fielen seitlings herunter, blieben aber auf
+einem Reifrahmen stehen. Den Augenblick benutzte
+er, einen der Bügel am Ende des Waggons zu
+fassen und sich anzuklammern. Die Beine ließ er
+los und schwebte sekundenlang an den Armen
+zwischen zwei Wagen, den Körper mühsam angezogen.
+Er schnellte einige Male mit den Füßen
+nach den Puffern, bis er sie erreichte, griff mit den
+Händen nach und stand nun auf der Kuppelung
+zwischen zwei der langgestreckten Waggons. Der
+Wind belästigte ihn nicht mehr.
+
+</p><p>Rechts und links waren an den Wagenseiten
+ovale Haken, die dazu dienten, die Züge heranzuziehen.
+Er steckte die Arme hindurch, daß
+die Ringe, ihn haltend, in den Achseln saßen,
+mit den Füßen stand er auf den Puffern. Der
+Zug lief hundertzwanzig Kilometer die Stunde.
+Yup dachte, es die zwölf Stunden schon auszuhalten.
+
+</p><p>Yup hatte sehr viel Kautabak mitgenommen
+und kaute stundenlang. Mählich fühlte er aber,
+wie das Blut ihm in den Armen stockte und ein
+Schmerz ihn in den Rücken stach. Doch er kaute
+weiter. In der Nähe der Stationen zog er den
+einen Arm aus dem Ring und bückte sich ein wenig,
+als schaue er nach der Federung des Wagens.
+Dann sah er jedesmal, wie längs dem Wagen
+hinter ihm eine große Gabel vorschoß und die Postsäcke,
+die wie an Galgen hingen, packte und einzog.
+Nie hielt der Zug.
+
+</p><p>Gegen Mittag merkte Yup, wie ihm die Augen
+zuklappten. Er trat von einem Fuß auf den anderen,
+er stampfte auf, bog sich in den Kniekehlen &mdash; langsam
+fielen die Augen zu. Nun stieg Wut in ihm
+auf. Aber der Schlaf war stärker als er, Yup fühlte
+es genau. Wenn er einschlief, fiel er herunter, das
+wußte er. Ganz zuletzt, schon halb bewußtlos, fiel
+ihm ein Ausweg ein. Er löste seinen Gürtel und
+knotete damit mühselig eine Fessel um die Hände,
+nachdem er die Arme durch die Ringe gesteckt hatte,
+Jetzt konnte er unmöglich mehr abstürzen und schlief
+ein.
+
+</p><p>Manchmal wurde er wach, dann schlief er wieder.
+Es wurde kühler. Ein Druck, als hätte er blutige
+Ränder um die Schultern, zwang ihn endgültig
+aufzusehen. Auch im Genick fühlte er nun Schmerzen.
+Sofort fing er an, mit den Beinen aufzutreten.
+Er atmete auf, als es ging, wenn auch schwer.
+Doch die Bewegungsmöglichkeit der Arme schien
+ganz gehemmt. Eine Stunde, noch länger, wippte
+er mit den Achseln auf und ab, hob sich auf die
+Zehenspitzen aus der Spannung der Ringe heraus
+und wieder zurück. Endlich merkte er, daß Blut
+wieder sickernd und schwach den Oberarm hinunterfloß.
+Es war höchste Zeit. Mühselig löste er den
+Riemen von den Handgelenken, als er die Finger
+einigermaßen wieder bewegen konnte.
+
+</p><p>Es war wirklich höchste Zeit, Boys! Denn es
+war Abend. Denkt an den Indianer, der den
+Büffel, auf dessen Rücken geschnürt er hinausgetrieben
+war, qualvoll geblendet und, die Finger
+in seine Nüstern vergraben, tagelang erdrosselt hatte
+&mdash; und den wir schier verhungert an den Hügeln
+fanden .&nbsp;. . so ähnlich ging es Yup. Der Zug
+raste. Die Lokomotiven wurden im Fahren gewechselt.
+
+</p><p>Endlich, endlich pfiff die vorderste Lokomotive.
+Die beiden anderen folgten. Der Zug lief langsam.
+Er stand. Endlich stand er.
+
+</p><p>Yup ließ sich herunterfallen. Voll Öl und
+Schmutz, schwarz, blutend im Gesicht, schien er
+ein Heizer. Er sah schon lange nichts mehr, die
+Augen brannten scharf, er fühlte nur ein heftiges
+Zucken im Kopf. Trotzdem ging er mechanisch in
+das Restaurant, setzte sich auf eine Bank und spie
+seinen Kautabak aus. Dann erst fiel er um.
+
+</p><p>Drei Tage schlief er im Lazarett. Am vierten
+ließ er nach dem Partner aus dem Expreß fragen.
+Er hatte ihn noch nicht besucht. Ärgerlich, daß er
+nicht zu finden war, telegraphierte Yup nach Geld
+und fuhr am fünften zurück &mdash; mit einem Elektrisierapparat,
+den er jede halbe Stunde an seine Schultern
+setzte.
+
+</p><p>Er schellte am Hause seiner Braut, der er telegraphiert
+hatte. Die Verwandten prallten zurück.
+Das Mädchen lief fort und schrie. Man war verlegen.
+Plötzlich brach die Mutter der Braut in
+wildes Weinen aus. Nun sprach sie leis, aber es
+schlug grausam auf Yup herunter.
+
+</p><p>Der Expreß war entgleist. Eine Weiche war
+herumgeworfen worden, aber sie hatte zu spät funktioniert.
+Der Postzug, dem natürlich der Anschlag
+galt, war schon vorbei, der folgende Expreß
+sauste die Böschung hinunter. Unter den halbverbrannten
+Leichen ward eine als die von Yup
+Scottens nach einer aufgefundenen Brieftasche
+legitimiert. Es war Yups Partner, der Yups
+Rock trug. Der Telegraph brauste, die Namen
+der Toten standen an allen Mauern. Währenddem
+schlief Yup, mit gefesselten Händen zwischen
+den Wagen, hängend wie ein Sack. Miß Laura
+war nicht ohnmächtig geworden, als sie hörte, Yup
+sei tot. Aber sie sprach nichts mehr. Sie erkannte
+niemand mehr. Auch Yup nicht, als er zu ihr sprach.
+
+</p><p>Yup streichelte sie und sagte zu ihr, daß er Yup
+sei. Vielemal erzählte er ihr alles. Er erklärte
+ihr den Irrtum. Dann ging er tagelang weg,
+als sie sich nicht rührte, und brütete und wollte sich
+töten. Denn Yup spürte, daß er schuld sei. Hätte
+er ihr erzählt, wie es wahr war, von der Wette
+(Laura hätte ihn lächelnd gewähren lassen, so bitter
+sie nach seiner Abfahrt geweint hätte, aber er wollte
+ihr keinen Kummer machen), hätte Laura gewußt,
+daß die Nachricht von seinem Tod irgendwie ein
+Irrtum sein müsse. So hatte durch seine Unaufrichtigkeit
+sie das überganglose Begreifen des Verlustes
+wie eine Faust mitten in ihr Gesicht getroffen.
+Yup dachte aber auch, daß er nicht hätte
+zu wetten brauchen, daß er es wegen Laura vielleicht
+nicht hätte tun dürfen (darüber war er sich
+allerdings nicht ganz klar, denn Laura hatte ihn
+immer angehalten, den Instinkten seiner Kraft
+nachzugehen, wohl weil sie fühlte, daß ein Versagen
+ihn dumpf auf die Dauer und ungleichmäßig
+ihr gegenüber machen würde), und er fühlte, indem
+er überlegte, daß er nur gewettet hatte, weil
+einer wegen seiner Verlobung seinen Mut bezweifelt
+hatte. &bdquo;Verlobt&ldquo;, hatte einer gerufen, und
+Yup sann so lange über den Klang der Stimme,
+bis er wußte, daß es Gerd Robinson war, der so
+gerufen hatte, aber als er mit dem Revolver zu
+ihm ging, erfuhr er, daß Gerd verschollen sei seit
+dem Unglück. Später fand man ihn.
+
+</p><p>Yup ging nun wieder zu seiner Braut, legte
+ihre Hände zusammen und sagte ihr wieder alles.
+Boys! ich hoffe, daß keiner lacht, denn es wird
+dunkler und ich kann eure Gesichter nur undeutlich
+noch sehen, Boys, &mdash; Yup Scottens setzte sich
+in die Knie und beugte sich nach dem Ohr seiner
+Braut und flüsterte weinend, sie solle ihm verzeihen.
+Laura! stammelte er, ich bin Yup, ich lebe.
+
+</p><p>Aber sie sah starr gerade aus.
+
+</p><p>Tagelang saß Yup bei ihr. Manchmal sprach
+er lange kein Wort. Dann rief er ihren Namen.
+Stundenlang rief er: Laura! Wie ein grüner
+Papagei schreit, rief ers. Da nahm man sie weg
+von ihm; eines Nachts, ohne daß, er es merkte.
+Nach ein paar Tagen verschwand auch Yup. Er
+schlug sich in unsere Gegenden.
+
+</p><p>Einmal vor zwei Jahren war er einige Wochen
+verschwunden. Mitten in der Biberzeit geschah
+es, und Yup verlor die Hälfte seiner Jahreslöhnung.
+Damals war Yup noch einmal bei ihr.
+Niemand wußte es. Es war damals, als er nachts
+oft lachte und den Mestizen durch das Fenster erschoß.&ldquo;
+&mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Man solle nicht zu viel an dem Feuer schüren.
+Es brenne von selbst. Ralf solle mehr algerischen
+Tabak geben. Die Pfeife sei aus. Er brauche
+das Bowie-Knife da drüben. Danke.
+
+</p><p>Es sei ganz dunkel geworden und doch noch so
+früh. Morgen werde man wund und schweißig
+vor Arbeit in der Kälte. Gut, daß die Pferde
+nicht so eng gepflockt seien. Tim Porker solle, verdammt
+und zum letztenmal, das Maul halten.
+So wahr er ihn kenne, er setze ihn zu seinen Stiefeln
+hinaus, bei Gott, in den Schnee.
+
+</p><p>Ob einer wette, daß Yup nicht in vier Tagen
+da sei &mdash; &mdash; &mdash;
+
+</p><p>Keiner?
+
+</p><p>Man solle die Tür aufmachen!
+
+</p><p>Weiter!
+
+</p><p>Man solle die Tür ganz weit aufmachen!
+
+</p><p>Maßlos flockte der Himmel auf das bleierne
+Land.
+
+</p><p class="center">Ende
+
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die sechs Mündungen, by Kasimir Edschmid
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SECHS MÜNDUNGEN ***
+
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+
+Produced by Jens Sadowski
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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