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+<title>The Project Gutenberg eBook of Schriften Band 8 by Ludwig Tieck</title>
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Schriften, by Ludwig Tieck
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Schriften
+ Achter Band
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+Author: Ludwig Tieck
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+Release Date: January 25, 2010 [EBook #31074]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN ***
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+Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Ludwig Tieck's</h3>
+<h1><span class="wide">Schriften.</span></h1>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><span class="wide">Achter Band.</span></h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h4><a href="#Abdallah">Abdallah.</a><br />
+<a href="#Die_Bruder">Die Br&uuml;der.</a><br />
+<a href="#Almansur">Almansur.</a><br />
+<a href="#Das_grune_Band">Das gr&uuml;ne Band.</a></h4>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+
+<h4><span class="wide">Berlin,</span><br />
+<span class="wide">bei G. Reimer,</span><br />
+1828.</h4>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="center">
+<p class="noindent">Dem<br /><br />
+<span class="wide">Prediger Kadach</span><br /><br />
+in Ziebingen,<br /><br />
+bei Frankfurt an der Oder.
+</p>
+</div>
+
+<p>Schon im Jahre 1804 machte ich in Schlesien
+Ihre Bekanntschaft. Als ich zwei Jahre sp&auml;ter
+aus Italien zur&uuml;ck kam, fand ich Sie in jener Einsamkeit
+des Landes, die damals meine Heimath
+war, und seitdem sind wir als Freunde verbunden
+geblieben. Alle sch&ouml;nen Stunden jener Zeit,
+im Genu&szlig; der Musik, der Poesie und einer edlen
+und freien Mittheilung in gebildeten Zirkeln feiner
+und geistreicher Menschen haben wir beisammen
+verlebt, Freude und Trauer, den Schmerz
+&uuml;ber manchen Verlust im Verlauf der Jahre mit
+einander getheilt. Auch in meine Studien und
+Arbeiten sind Sie gern und gr&uuml;ndlich eingegangen.
+Shakspear, G&ouml;the und Sophokles haben
+uns oft gemeinsam besch&auml;ftigt. Meine Arbeiten
+&uuml;ber den brittischen Dichter sind Ihnen mehr,
+wie irgend einem meiner Freunde, bekannt. Ihrem
+freien Sinne waren diese Studien, in denen Sie
+sich gern vertieften, erfreulich, so gr&uuml;ndlich und
+gewissenhaft Sie sich auch Ihrem Amte, vom
+wahren religi&ouml;sen Geiste des Christenthums durchdrungen,
+hingaben. Ein &auml;chter frommer Priester,
+ein freier Denker, ein Begeisterter f&uuml;r Kunst,
+ein edler, treuer Freund, &mdash; als solchen habe ich
+Sie gesehn und gekannt, und nie werden Ihnen,
+so wenig wie mir, die sch&ouml;nen Tage und Abendstunden
+aus dem Ged&auml;chtnisse entschwinden, in
+denen Solger unsre l&auml;ndliche Einsamkeit neu erfrischte,
+in welchen er uns seine Manuskripte vorlas
+und wir uns selbst, die Aufgabe des Lebens
+und alles Hohe durch die Lebensworte unseres
+Freundes inniger verstanden.</p>
+<p class="right"><span class="wide">L. Tieck.</span></p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="Abdallah" id="Abdallah"></a><span class="wide">Abdallah.</span></h2>
+
+<div class="center">
+<p class="noindent"><span class="wide">Eine Erz&auml;hlung.</span><br /><br />
+1792.</p>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Erstes Kapitel.</h3>
+
+<p>Ein Theil der Tartarei ward vom Sultan <span class="wide">Ali</span> beherrscht. &mdash;
+Dem Tirannen entgeht der Ha&szlig; nie, mit
+dem ihn seine Unterthanen verfolgen und <span class="wide">Ali</span> betrachtete
+sie bald als eben so viele Feinde, &uuml;ber die ihn nur
+seine Grausamkeit und sein Ansehn erhalten k&ouml;nnten:
+mit andern Freuden unbekannt, sollte ihm das Gef&uuml;hl
+seiner Macht jeden Mangel ersetzen.</p>
+
+<p>Ohne Begriffe, ohne zu denken, ohne nur Seelengenu&szlig;
+zu kennen, war er zum Greise geworden und in
+einer unersch&ouml;pflichen Leere schmachtete er itzt jedem
+neuen Tage entgegen. Mehrere seiner Gemalinnen starben
+und er begrub sie mit eben der Gleichmuth, mit der
+er den Untergang der Sonne sahe, die, wie er wu&szlig;te,
+jenseit des Horizonts wieder heraufstieg, &mdash; selbst sein
+einziges Kind <span class="wide">Zulma</span> liebte er nicht, nur Stolz war
+es, was ihn an diese fesselte, da das ganze Land sie f&uuml;r
+die Krone der Sch&ouml;nheit anerkannte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In der Hauptstadt des Landes lebte <span class="wide">Selim</span> in
+einer weisen Eingezogenheit, ohne eine &ouml;ffentliche Bedienung,
+ohne da&szlig; man viel von ihm sprach ward er
+von allen geliebt. Er war freigebig ohne Prahlerei,
+sparsam ohne Kargheit und sein Aufwand unterschied
+sich sehr von der Pracht des Veziers und der &uuml;brigen
+Gro&szlig;en.</p>
+
+<p>Aus seinen Leiden hatte er stets seine gro&szlig;e starke
+Seele gerettet; seinen Ha&szlig; konnte nichts auss&ouml;hnen,
+aber eben so unausl&ouml;schlich war seine Liebe. &mdash; Mit
+dieser dauernden Liebe umfing er seinen Sohn <span class="wide">Abdallah,</span>
+das Einzige, was ihm seine geliebte Gattin zur&uuml;ckgelassen
+hatte.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Zweites Kapitel.</h3>
+
+<p>Die Sonne war schon untergegangen, als <span class="wide">Abdallah</span>
+und <span class="wide">Omar</span> durch ein sch&ouml;nes Geh&ouml;lz wandelten. <span class="wide">Omar</span>
+war der Lehrer Abdallahs, ein ehrw&uuml;rdiger Greis, dessen
+flammende Augen tief in eines jeden Seele schauten,
+seine Stirn und sein Blick trugen Ehrfurcht vor ihm
+her, aber ein s&uuml;&szlig;es L&auml;cheln, das fast immer seinen
+Mund umschwebte, verj&uuml;ngte sein Gesicht durch eine
+liebensw&uuml;rdige Freundlichkeit und lockte zur Mittheilung
+aller Gef&uuml;hle und einer kindlichen Aufschlie&szlig;ung des
+Herzens.</p>
+
+<p>Sie traten itzt in einen freien Platz, wo ein stiller
+See im bleichen Licht des Mondes gl&auml;nzte. Der letzte
+Streif der Abendr&ouml;the glimmte durch die Fichtenwipfel
+und durch die zitternden Cypressen bebten ungewi&szlig; die
+Sterne. Versp&auml;tete M&uuml;cken spielten im Mondstrahle,
+K&auml;fer summten tr&auml;ge und schl&auml;frig um sie her, und
+laut erklang durch die ruhige Einsamkeit des Waldes
+das zirpende Lied des Heimchens.</p>
+
+<p>Siehe Omar, begann <span class="wide">Abdallah,</span> wie sch&ouml;n! &mdash; Ha!
+der ruhige See &uuml;ber den sich der Mondschein so
+lieblich herabsenkt, &mdash; der Abend, der noch in den
+hohen Wipfeln der B&auml;ume s&auml;uselt, das Lied der Nachtigall,
+das mit tausend abwechselnden Melodieen aus dem
+Walde heraufschallt, &mdash; o sieh Omar! wie alle Gesch&ouml;pfe
+sich freuen, wie alles lebt und im Leben gl&uuml;cklich
+ist! Sieh, wie die kleinen Fliegen von der Abendr&ouml;the
+Abschied nehmen, und der K&auml;fer der Nacht seinen
+dumpfen Willkommen entgegensummt. &mdash; O die lebendige
+Kraft, die aus der Natur so unersch&ouml;pflich quillt
+und unz&auml;hligen Wesen Athem und Dasein giebt, &mdash; dieser
+Anblick erf&uuml;llt das Herz mit lautem &uuml;berstr&ouml;menden
+Dank gegen den, der so g&uuml;tig alles aus dem Nichts
+hervorrief und zum Staube sprach: Lebe und sei gl&uuml;cklich!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Omar lehnte sich auf den Stamm eines abgehauenen
+Baums und sahe starr vor sich nieder.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du bist traurig, mein Omar, kann
+dich dieser Anblick nicht heiter machen?</p>
+
+<p>Omar blickte auf und fa&szlig;te seine Hand. &mdash; Sieh,
+sprach er, die Abendfliegen sind verschwunden, sie sangen
+der Sonne so wehm&uuml;thig nach, denn es war das letztemal,
+da&szlig; sie sich in ihrem Strahl erquickten. &mdash; Diese
+Woge wirft das Leben an den Strand, die n&auml;chste
+Welle k&ouml;mmt, verschlingt es wieder und senkt es in die
+tiefsten Abgr&uuml;nde. &mdash; Eine unendliche Sch&ouml;pfung spielt
+itzt lebendig um dich herum, &mdash; und in der folgenden
+Stunde &mdash; liegt sie todt und verwest. &mdash; Eine Lebenskraft
+fliegt durch die Natur und Millionen Wesen empfangen
+wie ein Allmosen auf einen Augenblick einen
+Funken Leben, sie sind &mdash; und geben dann ihr Leben
+wieder ab und werden todter Staub. Die Welt ist
+ein Gesang, wo ein Ton den andern verschlingt und
+vom n&auml;chsten verschlungen wird.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Diese traurige Wahrheit, Omar, wirft
+meine sch&ouml;ne Begeisterung m&auml;chtig nieder. &mdash; Ach ja,
+alles geht durch die Natur hindurch und verl&auml;uft sich
+wie ein Funken in der Asche. Alles wird nur geboren,
+um zu sterben, alles wandelt wieder dahin zur&uuml;ck, woher
+es gekommen ist. &mdash; O Omar, wenn ich dich nun
+fragte: Warum gl&auml;nzt dieser Mond? Warum funkeln
+diese Sterne und wozu haucht ein lebendiger Geist in
+meinem Innern?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wozu? &mdash; O J&uuml;ngling, la&szlig; die Erde unaufgew&uuml;hlt,
+du findest ein scheu&szlig;liches Todtengerippe!
+La&szlig; diese Geheimnisse ewig deiner Seele verschlossen
+bleiben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Verschlossen? &mdash; O nein, mein dr&auml;ngender
+Geist steht vor dieser Pforte und klopft ungest&uuml;m
+an. &mdash; Was der Mensch fassen kann, will auch ich
+begreifen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Du vertraust dich einem Meere, das dich
+nie an's Land zur&uuml;cktr&auml;gt, Zweifel w&auml;lzen <ins title="Original hat dich">sich</ins> auf
+Zweifel, Woge st&uuml;rmt auf Woge, dein Ruder ist unn&uuml;tz
+und die unendliche See dehnt sich dir furchtbar unerme&szlig;lich
+entgegen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich k&ouml;nnte nicht ruhig sein, wenn
+ich w&uuml;&szlig;te, da&szlig; etwas da sei, was in meinem Gehirne
+Raum h&auml;tte und dem ich den Eingang versagen m&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Aber unsre Weisheit findet eine Felsenmauer
+vor sich, an die sie vergebens mit allen Kr&auml;ften
+anrennt, &mdash; wir sind in einem ehernen Gew&ouml;lbe eingeschlossen,
+wir sehen nichts, was wirklich ist, die schimmernden
+Gestalten, die wir wahrzunehmen glauben, sind
+nichts, als der Widerschein von uns selbst im glatten
+Erze, &mdash; o schon viele Weisen st&uuml;rzten mit Ohnmacht
+von diesen Schranken zur&uuml;ck, &mdash; und starben. &mdash; Der
+Zweck unsers Daseins? &mdash; O wer hindurchschauen
+k&ouml;nnte durch das Geheimni&szlig; der unendlichen Nacht,
+wenn doch vom Thron der Gottheit nur <span class="wide">ein</span> Sonnenstrahl
+herniedersch&ouml;sse! &mdash; Wir tappen &auml;ngstlich umher
+&mdash; und finden nur die W&auml;nde, die uns eingeschlossen
+halten. Wir sehen nichts, als da&szlig; wir Gefangene sind,
+&mdash; <span class="wide">warum</span> wir es sind, m&uuml;ssen wir mit Geduld vom
+Ausspruch des kommenden Gerichts erwarten.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O warum verlieh uns der Sch&ouml;pfer
+nur so viel Kraft, diese Schranken zu sehn und nicht
+zu durchbrechen? &mdash; Warum ward eine Ahndung in
+unser Herz gelegt, die nie zur Gewi&szlig;heit reift? Eine
+Centnerlast liegt auf unsrer Brust, und wir k&auml;mpfen
+vergeblich sie abzusch&uuml;tteln.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Vielleicht werden alle diese R&auml;thsel einst
+gel&ouml;st. &mdash; Ein gro&szlig;er Schwung w&auml;lzt sich durch alle
+Theile der Natur, durch alle Wesen klingt ein Ton.
+Eine Kraft dr&auml;ngt sie zu einem Mittelpunkt: <span class="wide">Genu&szlig;!</span>
+&mdash; Alles sch&ouml;pft aus dem nie versiegenden Quell und
+legt sich dann zum Schlafe nieder. &mdash; Die Welt ist eine
+reiche Tafel, an der sich alles niedersetzt und ges&auml;ttigt
+aufsteht, der Sch&ouml;pfer schickte die Millionen Wesen in
+die W&uuml;ste hinaus, sie sind Staub und in sich selber
+eingekerkert, &mdash; aber er gab ihnen tausend Mittel auf
+den Weg, ihr Dasein zu empfinden, und alles freut sich,
+alle Wesen kommen, genie&szlig;en und sterben dann, ohne
+es zu wissen, so wie sie geboren wurden, &mdash; nur der
+verblendete Mensch verfehlt sein vorgestecktes Ziel.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Der Mensch? &mdash; Wie? der Preis
+der Sch&ouml;pfung? Um dessentwillen die Natur ihre reichen
+Sch&auml;tze aufthut? Um den sich die Bestimmung
+alles Erschaffenen dreht?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> O des Stolzes! &mdash; Die Bestimmung
+alles Erschaffenen? Kein Mensch wei&szlig; seine eigne Bestimmung,
+er taumelt selbst verlassen in der Finsterni&szlig;
+und ma&szlig;t sich an, den Wesen ihren Rang und ihren
+Zweck anzuweisen. &mdash; Allen Wesen ward ein gleiches
+B&uuml;rgerrecht ertheilt; der ausgeartete Mensch rei&szlig;t sich
+aus der Kette des Erschaffnen, statt zu genie&szlig;en wie
+alles genie&szlig;t, ringt er im ewigen Kampfe mit dem Tode
+und seinem Verh&auml;ngni&szlig;, alle seine Kr&auml;fte k&auml;mpfen rastlos
+von der Zeit eine Stunde und eine Minute nach
+der andern zu erbetteln, &mdash; um auch in dieser zu f&uuml;rchten,
+um auch in dieser mit Gedanken zu streiten, deren
+Aufl&ouml;sung weit au&szlig;er ihm liegt.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Wenn Genu&szlig; der h&ouml;chste letzte Zweck
+unsers Daseins ist, wodurch ist dann der Mensch vom
+Thiere unterschieden?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und wozu des Unterschiedes? Der Mensch
+w&auml;re gl&uuml;cklich, h&auml;tte er nie h&ouml;her gestrebt, die Natur
+umfinge ihn dann noch mit ihren liebevollen Armen,
+hegte ihn und spielte mit ihm als ihrem Kinde, &mdash; aber
+der Stolze hat sich von seiner Mutter losgeschworen,
+sieht die Sterne, die &uuml;ber seinem Haupte h&auml;ngen,
+erklimmt eine schroffe Klippe und schreit ihnen zu: ich
+bin euch nahe! Wehm&uuml;thig l&auml;chelnd blicken die Sterne
+auf ihn herab und er steht nun verirrt am schwindelnden
+Abschu&szlig;; zur bl&uuml;henden Wiese, die er erst verschm&auml;hte,
+hat er den R&uuml;ckweg verloren.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Und nichts als diesen ver&auml;chtlichen
+&Uuml;bermuth h&auml;tte der Mensch vor den Thieren des Waldes
+voraus?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Nichts als ihn. Mit verachtendem Fu&szlig;
+st&ouml;&szlig;t er die Erde zur&uuml;ck und will sich an die Gottheit
+dr&auml;ngen, aber seine kl&auml;gliche Natur zieht ihn allm&auml;chtig
+zur&uuml;ck. Seine Weisheit, seine Tugend, mit der er sich
+br&uuml;stet, &mdash; Wolkenschatten, die der Wind &uuml;ber die Ebne
+jagt und denen der Wahnsinnige nachtaumelt.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Tugend, Omar, nur ein Schatten? &mdash; Der
+Lasterhafte und der Edle st&auml;nden hier in einer
+Reihe? Die beiden Enden, Gr&ouml;&szlig;e und Ver&auml;chtlichkeit,
+schl&auml;ngen sich zusammen? Aus <span class="wide">einem</span> Samen spro&szlig;te
+der Schierling und die heilende Pflanze? &mdash; Unm&ouml;glich!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und warum unm&ouml;glich?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Wo ich anbetend in den Staub sinke,
+wo mein Geist in verehrender Demuth die Fl&uuml;gel zusammenschl&auml;gt,
+wo mein ganzes Wesen sich in Ehrfurcht
+aufl&ouml;st, &mdash; an diesen Stolz der Menschheit w&auml;re
+die Schaam der Welt mit unaufl&ouml;slichen Ketten geschlagen?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Derselbe Gesang auf einer andern Laute.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, Omar, nein. &mdash; Die Gerechtigkeit
+des Ewigen wird durch diesen Glauben angeklagt. &mdash; Wie
+k&ouml;nnte der G&uuml;tige dem Edlen Belohnung
+und dem B&ouml;sewicht Strafen aus jener schwarzen
+Th&uuml;r am Ende ihrer Bahn entgegenschicken?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Abdallah, wir wissen nicht, woher wir
+kommen, wir wissen nicht, wohin wir gehen. Ob uns
+ein Gedanke folgt, wenn wir hier Abschied nehmen,
+ob wir mit allen unsern Tr&auml;umen in das kalte Grab
+eingeriegelt werden &mdash; o das ist ein R&auml;thsel, vor dem
+die Weisen ewig forschend stehen werden. &mdash; Strafe,
+&mdash; Belohnung, &mdash; Tugend, &mdash; Laster. &mdash; Wenn ich
+dich fragte, wo du die Scheidewand zwischen Tugend
+und Laster gr&uuml;ndetest, du w&uuml;rdest um eine Antwort
+verlegen sein. &mdash; Die Gewohnheit lehrt uns Worte
+sprechen, bei denen wir uns oft nur wenig denken.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, du machst, da&szlig; ich mir selber
+mi&szlig;traue. &mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wir sind mit unsrem Lob und unsrer
+Verdammung so freigebig und kurzsichtig genug, um
+nicht wahrzunehmen, wie ungerecht wir oft beides vertheilen. &mdash; Wir
+ahnden nicht, da&szlig; es nur eine Kraft
+ist, die in der Tugend und im Laster lebt, beides <span class="wide">eine</span>
+Gestalt, aus demselben Spiegel zur&uuml;ckgeworfen. &mdash; Nur
+ein kalter eigensinniger Thor trat hinzu, schied und
+sagte: dies sei gut, dies nicht!</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ein Thor?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Dieses Leben, das uns geliehen ward, ist
+zu kurz <span class="wide">uns selbst</span> zu kennen, &mdash; in unsrem eignen
+Innern herrscht ein w&uuml;stes Dunkel und mit vorwitzigem
+Blick treten wir zu unserm Nachbar und wollen
+in seiner Seele lesen.</p>
+
+<p>Abdallah schwieg und sahe starr vor sich nieder.
+<span class="wide">Omar</span> fuhr fort:</p>
+
+<p>Alle meine Handlungen sind Gestalten, die aus meinem
+Innern aufsteigen, von tausend innern Kr&auml;ften
+gereift, von hundert Neigungen gepflegt, schie&szlig;t die
+Pflanze empor, &mdash; nur ich, der Sch&ouml;pfer, bin mit
+ihrer Entstehung bekannt, ich verstehe mich selbst nur,
+ich handle nur f&uuml;r mich, der ich mich selbst kenne, &mdash; alle
+&uuml;brigen Menschen sind f&uuml;r mich in einer mindern
+Abstufung fremde Wesen, wie mir der Wurm und der
+Krokodil Fremdlinge sind.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, du wirfst mich in eine f&uuml;rchterliche
+Einsamkeit, ich verliere mich selbst in der schrecklichen
+W&uuml;stni&szlig;.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ich handle, wie mein innrer Sinn es
+mir befiehlt, und ein Fremdling, der nicht in das Geb&auml;ude
+meiner Seele hineinschauen kann, der die Leiter
+nicht entdeckt, von der die Ahndung zum Gef&uuml;hl, das
+Gef&uuml;hl zum Gedanken, zum Vorsatz und dieser endlich
+zur Wirklichkeit aus dem unergr&uuml;ndeten Brunnen heraufstieg, &mdash; dieser
+tritt mit kaltem und verschlo&szlig;nem
+Sinn herbei und sagt: deine That ist ein <span class="wide">Laster!</span></p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O ich verstehe dich! weiter! weiter!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Aus derselben Quelle wird eine andre
+Schaale heraufgezogen und man nennt sie <span class="wide">Tugend.</span>
+Beide steigen aus der Tiefe <span class="wide">einer</span> Seele hervor, aus
+<span class="wide">einem</span> Stoff gewebt &mdash; und man h&auml;lt sie f&uuml;r Feinde.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> F&uuml;rchterlich sonderbar!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wo ist der B&ouml;sewicht, der nicht zum Engel
+w&uuml;rde, wenn er den Richter in die geheime Werkst&auml;tte
+seiner Seele f&uuml;hren k&ouml;nnte? &mdash; Abdallah, wir
+sind Br&uuml;der aller M&ouml;rder, die je die Geschichte mit
+Abscheu genannt hat und schwesterlich schlie&szlig;t sich unsre
+Seele an alle, die einst bewundert und angebetet wurden. &mdash; O
+ihr Thoren, la&szlig;t den nichtigen Rangstreit,
+<span class="wide">ein</span> Hauch weht in allem Leben, &mdash; freut euch dieses
+Hauches, er kehrt nicht zur&uuml;ck, wenn er entflohen ist.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du f&uuml;hrst mich durch Labirinthe,
+Omar.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Als die erste Gesellschaft zusammentrat,
+als man das erste Gesetz niederschrieb, da ver&auml;u&szlig;erte
+der Mensch selbst sein hohes, heiliges Recht. Dem
+Ganzen opferte jeder Einzelne seine Freiheit, allm&auml;chtig
+ward eine Schnur zwischen Gut und B&ouml;se gezogen
+und ungl&uuml;ckliche Vorurtheile keimten auf. Vorurtheile,
+die Menschen gegen Menschen hetzten, das Blut von
+Tausenden vergossen. &mdash; An den Gedanken <span class="wide">Verbrecher</span>
+kn&uuml;pfte man Ha&szlig; und Unvers&ouml;hnlichkeit und eine
+ewige Verfolgung w&uuml;hlt durch das ganze Menschengeschlecht. &mdash; Seit
+der Zeit ist der gro&szlig;e Spruch gesprochen;
+in einem nichtigen Taumel greift der eine
+zur Belohnung seiner <span class="wide">Tugend</span> nach der Sonne und
+tritt gewaltsam seinen Bruder unter sich, der nach dem
+&Uuml;bereinkommen ein <span class="wide">Verbrecher</span> ist.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ha! die ewigen Schranken st&uuml;rzen ein!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Strafe und Belohnung? &mdash; Hier unten
+sind sie entschieden, &mdash; aber wen soll der Richter dort
+belohnen oder strafen? &mdash; Sandte er nicht alles was
+ist, aus seiner Hand in die Sterblichkeit? Ist es nicht
+sein Athem, der den Staub belebt? &mdash; Alle Handlungen
+kommen zu ihm zur&uuml;ck und melden sich als ihm
+angeh&ouml;rig: sein Schatten wandelt in tausend Gestalten
+umher; wo er hinsieht, erblickt er sich nur selbst in dem
+Spiegel der unendlichen Naturen, soll er, <span class="wide">kann</span> er sich
+selber strafen? &mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, halt ein! immer neue Wundergestalten
+stehn aus einem Abgrund auf, mich zu
+schrecken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Von einer unbekannten Macht der Welt
+&uuml;bergeben, tritt der Mensch seine Bahn an, nicht aus
+sich selbst hervorgebracht, ohne seinen Willen in das Leben
+geworfen. &mdash; Er lebt und vereinigt tausend Pflanzen
+und Thiere mit seinem Selbst, sein erstes Wesen geht
+durchaus verloren, &mdash; alle Lagen, von Kindheit an bis
+in sein Greisenalter, pr&auml;gen sich in treuen Abdr&uuml;cken in
+seinen Geist; alles um ihn her modelt und formt ihn
+anders, er selbst geht unter, und aus seiner Nahrung,
+seinem Vergn&uuml;gen, aus den todten Gegenst&auml;nden, die
+ihn umgeben, tritt ein andres fremdes Wesen an seine
+Stelle, &mdash; das nach und nach von einem neuen wieder
+verdr&auml;ngt wird.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> So sind wir nur eine H&uuml;tte, in die
+ein Fremdling nach dem andern einkehrt und sie dem
+folgenden &uuml;berl&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wer handelt nun? &mdash; Wer ist gut, wer
+b&ouml;se? &mdash; Soll des M&ouml;rders Dolch bestraft werden, oder
+sein Arm, sein Herz, sein Blut? Oder der Gedanke,
+den er vielleicht vor zwanzig Jahren dachte? &mdash; Sein
+Blut, das er sich nicht selber gab? Der Gedanke, der
+durch tausend Formen wandelnd, von einem Sonnenstaub
+seinen Weg antrat und beim gr&auml;&szlig;lichsten Morde
+aufh&ouml;rte?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Undurchdringlich ist das Gewebe, das
+sich seit Ewigkeiten her verschlang.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Eigne Kraft ist uns versagt; was wir unsern
+Willen, unsern Vorsatz nennen, ist nur der Einflu&szlig;
+fremder Dinge, wir sind nur ein Stoff, an welchem
+fremde Kr&auml;fte sichtbar werden; ein gro&szlig;es Spiel
+von einer fremden Macht regiert, der eine steht als
+K&ouml;nig, der andre als Sklave da, &mdash; und alle sind sich
+gleich, nichts als h&ouml;lzerne Zeichen, obgleich der K&ouml;nig
+und der Ritter stolz auf das Fu&szlig;volk vor sich hinabsehn, &mdash; das
+Spiel ist zu Ende &mdash; und Laster und Tugend
+h&ouml;rt auf verschieden zu sein. &mdash; Ein Wirbel
+dreht sich durch die Welt, alles bis zum kleinsten wirkt
+in den gro&szlig;en Plan; der eine Augenblick gebiert den
+folgenden, eine Handlung st&ouml;&szlig;t die andre vor sich her,
+eine unendliche Kette, die sich rund um alle Welten
+zieht. Kein Glied kannst du herausreissen, ohne das
+vorhergehende und folgende zu zerst&ouml;ren und eine allgemeine
+Vernichtung zu bewirken.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O entsetzlich! &mdash; Omar, &mdash; ich
+schaudre, &mdash; wenn ich gerade <span class="wide">diesen</span> Schritt itzt nicht
+th&auml;te, &mdash; nicht gerade <span class="wide">diesen</span> Gedanken d&auml;chte &mdash; so
+k&ouml;nnte die Welt nicht erschaffen sein!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Nothwendig. &mdash; Eine gro&szlig;e Schwungkraft
+belebt die Unendlichkeit, alle Kr&auml;fte weben und
+wirken durch einander von Ewigkeit berechnet, die treibende
+Gewalt ermattet nie, das Leben fliegt durch alle
+Pulse der Natur und so geht das gro&szlig;e Werk den allm&auml;chtigen
+Gang. &mdash; Wie will dies kleine Wesen, der
+Mensch, sich gegen ewige Gesetze stemmen? Wie in
+seinem engen Geist den Sch&ouml;pfer mit all seinen Planen
+fassen? Eigenm&auml;chtig gegen das Weltall wirken
+und durch sein j&auml;mmerliches Dasein noch <span class="wide">Verdienst</span>
+erringen? Ohnm&auml;chtig k&auml;mpfend wird er fortgerissen,
+der eine Ton verklingt in der allgemeinen Harmonie.</p>
+
+<p>Beide schwiegen d&uuml;ster vor sich hinbr&uuml;tend. Ein
+hohes Roth flog &uuml;ber <span class="wide">Omar's</span> Wangen, ein neues
+Feuer fuhr in seinen Augen auf, er fa&szlig;te heftig Abdallah's
+Hand.</p>
+
+<p>J&uuml;ngling! rief er aus, was wir gut, was wir b&ouml;se
+nennen, verschwimmt in ein Wesen, alles ist nur <span class="wide">ein</span>
+Hauch, <span class="wide">ein</span> Geist wandelt durch die ganze Natur und
+<span class="wide">ein</span> Element wogt in der Unerme&szlig;lichkeit &mdash; und dieses
+ist <span class="wide">Gott!</span></p>
+
+<p>Abdallah fuhr zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wo sollte der Unendliche jenseit der Sch&ouml;pfung
+Raum f&uuml;r sich finden? &mdash; Er umarmt und durchdringt
+die Welt, <span class="wide">die Welt ist Gott, in einem</span> Urstoff
+steht er in Millionen Formen vor uns, wir selbst sind
+Theile seines Wesens! &mdash; Dies ist der tiefe Sinn von
+der Lehre seiner Allgegenwart. &mdash; Wirft er einst die
+Kleidung wieder von sich, dann gehn im Ruin die
+Welten und seine Himmel unter, dann steht er wieder
+da, er vor sich selbst, in der ewigen W&uuml;ste.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Eine tiefe Stille. Um Abdallah war alles rund
+umher versunken, er stand mit gesenktem Haupte und
+betrachtete in seinem Innern die gestaltlosen Bilder,
+die auf- und niederschwebten. &mdash; Omar, sagte er nach
+langer Zeit, &mdash; nun ist die Kraft meiner Seele versiegt,
+alle meine sch&ouml;nen Entw&uuml;rfe, meine wonnevollen
+Schw&auml;rmereien liegen wie Leichen um mich her, alle
+Freuden sind verwelkt, alle Hoffnungen in meiner Brust
+verwest. &mdash; Ein Kampf rastloser Zweifel w&uuml;thet da, wo
+ehedem meine Himmel standen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Du hast es so gewollt, du hast das f&uuml;rchterliche
+Todtengerippe ausgegraben, wo du einen Schatz
+zu finden hofftest. &mdash; O, wohl dem, der mit verbundnen
+Augen durch das Leben taumelt! der nie sich selbst
+anr&uuml;hrt und furchtsam fragt: Wer bin ich?</p>
+
+<p>Abdallah warf sich unter eine Cipresse nieder. Sein
+Geist war von hundert neuen Vorstellungen verwirrt,
+ohne sich festhalten zu lassen flohen tausend Gestalten
+seiner Seele mit Blitzesschnelle vor&uuml;ber.</p>
+
+<p>Der Mond stand itzt hinter den dunkeln Zweigen
+der Tannen und von zitternden Schatten getheilt, gossen
+sich goldene Streifen &uuml;ber die Wiese aus. Ein
+leiser Abendwind wiegte sich in den Wipfeln der B&auml;ume
+und spielte mit einem Blatte, das auf dem glatten See
+schwankend tanzte; ruhig betrachtete sich die Gegend
+selbstgef&auml;llig in dem Wasserspiegel und der Duft der
+Nacht stieg ernst und langsam aus dem Schoo&szlig; der
+Erde.</p>
+
+<p>Die sch&ouml;ne Landschaft, mit all den lieblichen Tr&auml;umen,
+die &uuml;ber ihr hingen, vermischte sich nach und
+nach mit den Gedanken Abdallah's; er hatte sich schon
+den Spielen seiner Einbildungskraft &uuml;berlassen, als er
+noch zu denken glaubte.</p>
+
+<p>Die Wipfel s&auml;uselten immer leiser und leiser, vom
+Winde angehaucht lief ein stilles Fl&uuml;stern durch das
+Rohr des Sees, &mdash; immer wunderbarer spielte das
+Mondlicht um die buschichten Tannenzweige, &mdash; noch
+einigemal blickte er mit mattem Auge empor und sahe
+wie vom nahen Berge ein Greis in die Arme seines
+Omar eilte, &mdash; beide hielten sich umarmt &mdash; als die
+Gegend allgemach wie hinter einem schwarzen Vorhang
+hinabsank.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aus den Cypressen stiegen Tr&auml;ume auf ihn herab,
+durch seine Augenlieder d&auml;mmerte schwach in seine
+Traumgestalten die monderhellte Gegend.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich rollt es dumpf wie ferne Donner, ein wildes
+Rauschen, wie wenn die erbo&szlig;te Fluth gegen Felsen
+hinanheult, fuhr immer lauter und lauter &uuml;ber ihn
+dahin, &mdash; Abdallah erwachte.</p>
+
+<p>Da stand er einsam in schwarzer Nacht, St&uuml;rme
+hatten den Mond hinter ferne Gebirge hinabgeschleudert,
+gro&szlig;e Wolken w&auml;lzten sich krau&szlig; durch einander,
+die hohen Wipfel der Cedern schlugen krachend zusammen. &mdash; Ein
+Schaudern springt aus dem Walde hervor
+und packt ihn an mit eiskaltem Arm. Omar! ruft er
+mit bebender Stimme, aber h&ouml;hnend st&uuml;rmt der Orkan
+durch seine T&ouml;ne und wirft sie zerrissen in die L&uuml;fte.</p>
+
+<p>Ein leuchtender Glanz flammte pl&ouml;tzlich in den
+Wolkengebirgen auf, eine Feuerkugel flog durch den
+Himmel, von einer andern verfolgt, die tausend blendende
+Funken von sich spr&uuml;hte. &mdash; Jeder Funken sprang
+mit einem Donner los, der sich furchtbar auf des
+Sturmwinds Schwingen &uuml;ber alle W&auml;lder hinabw&auml;lzte. &mdash; Mit
+lautem Gebr&uuml;ll sank die Kugel nieder und die
+stille Nacht stand wieder um Abdallah.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Eine bleiche zitternde Gestalt f&auml;hrt aus dem nahen
+Busche und ergreift kalt Abdallahs Hand, &mdash; es war
+Omar. &mdash; Krampfhaft pre&szlig;te er die Hand des J&uuml;nglings
+in die seinige und ri&szlig; ihn mit sich fort.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah folgte schaudernd.</p>
+
+<p>Sie kamen in die Stadt und eilten auf ihr Gemach,
+Omar's Gesicht war lang und verzerrt, sein Auge
+rollte wild. Abdallah wagte kaum, ihn anzusehen. &mdash; An
+Geist und K&ouml;rper m&uuml;de, legte er sich schlafen, Omar
+ging noch lange gedankenvoll umher.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Drittes Kapitel.</h3>
+
+<p>Abdallah erwachte, als Omar sich schon entfernt hatte.
+Der Tag sah tr&uuml;be durch die Fenster und eine schwerm&uuml;thige
+Erinnerung des gestrigen Abends kam ihm sogleich
+entgegen. Sein Leben trat itzt eine neue Bahn
+an; alles, was er vorher gedacht hatte, war von einem
+Strudel k&auml;mpfender Zweifel verschlungen. Alle seine
+fr&uuml;heren Gedanken schienen ihm unreif und kindisch; er
+hatte mit Leidenschaft die Lehre Omars ergriffen und
+doch that es ihm weh, seine ganze Pflanzung, die er
+so sorgf&auml;ltig aufgezogen hatte, zerst&ouml;rt zu sehn. &mdash; Wie eine
+schwarze Nacht stieg es in ihm auf, wenn sein Geist
+noch einmal &uuml;ber alle die Gedanken hinwegsahe, die er
+seit gestern dachte; er h&auml;tte es so gern nicht geglaubt,
+er h&auml;tte so gern den vorigen Sonnenschein zur&uuml;ckgerufen,
+die vorige Unschuld seiner Seele zur&uuml;ckgezaubert,
+aber sein Verstand wies mit verachtendem Ernst alle
+seine fr&uuml;heren Gedanken zur&uuml;ck, die wieder in ihm aufd&auml;mmern
+wollten.</p>
+
+<p>O heilige Tugend! rief er aus, &mdash; vor derem Bilde
+ich einst niederkniete, &mdash; dein Altar ist umgest&uuml;rzt!
+Du Sonne bist erloschen, zu der ich mit k&uuml;hnem Fittig
+emporfliegen wollte und der Pfeil des Zweifels hat
+meine Schwingkraft gel&auml;hmt. &mdash; Wer bin ich, wenn
+diese Gottheit todt ist, die mich sonst mit m&uuml;tterlichem
+L&auml;cheln zu sich lockte? &mdash; Ich mu&szlig; mich selbst verachten,
+wenn ich nicht mein eigen bin, wenn nur eine
+finstre Nothwendigkeit mich durch das Leben jagt, wenn
+ich dem Druck einer fremden Macht nachgeben mu&szlig;,
+die mich wider meinen Willen zu Gr&auml;ueln oder edeln
+Thaten dr&auml;ngt. &mdash; Doch, was schwatz' ich? &mdash; Mein
+Wille sinkt im Triebwerk des Ganzen unter und mit
+der Tugend ist das Laster zugleich gestorben, ich bin
+ein abgeri&szlig;nes Blatt, das der Wirbelwind nach seinem
+Gefallen in die L&uuml;fte wirft. &mdash; Der Unendliche, den
+ich sonst schwindelnd dachte, auf dessen Vatersorge und
+Allmacht ich so fest vertraute &mdash; er und das Schicksal
+ist mir entrissen. Im Felsen und im Gestr&auml;uch steht
+der Unfa&szlig;liche vor mir, mir n&auml;her gebracht und dadurch
+um so entfernter. Omars Lehre hat mich zu einer
+Waise, mich mir selbst ver&auml;chtlich gemacht, &mdash; und
+doch bin ich ein Strahl jener Gottheit!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen
+Tr&auml;umen; Gef&uuml;hle wollten sich itzt in seine Seele zur&uuml;ckdr&auml;ngen,
+die ihn einst so bezaubert und die Aussichten
+des Lebens so versch&ouml;nt hatten, aber kein Klang
+aus der Vorzeit schlug wie ehedem an seine verstimmte
+Seele. O! rief er aus, gieb mir meine gl&uuml;ckliche Unwissenheit
+zur&uuml;ck, Omar, la&szlig; mich wieder zum Kinde
+werden, wie ich war, mein Geist ist zu schwach f&uuml;r
+diese Last, er seufzt gekr&uuml;mmt unter der dr&uuml;ckenden
+B&uuml;rde.</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid</span> trat itzt zu ihm herein. Er war kein
+Freund Abdallah's, aber einer von den angenehmen
+Gesellschaftern, an die der J&uuml;ngling sich so leicht schlie&szlig;t
+und sie eben so leicht wieder verliert. Er war Aufseher
+&uuml;ber die G&auml;rten des Sultans und kam itzt zu Abdallah
+um Trost zu suchen, denn er war gew&ouml;hnlich
+finster und verdr&uuml;&szlig;lich. Abdallah ging ihm freundschaftlich
+entgegen. &raquo;Willkommen, sprach er, indem
+er ihm froh die Hand dr&uuml;ckte, ich habe dich lange nicht
+gesehn.&laquo; &mdash; Er freute sich, da&szlig; ihn jemand aus seinen
+Tr&auml;umereien ri&szlig;, die er gern von sich abwarf und sich
+dem Wohlwollen &uuml;berlie&szlig;. &mdash; Willkommen! rief er
+noch einmal.</p>
+
+<p>Raschid war traurig, sein Gesicht war bleich und
+sein Auge eingefallen. Ein schweres Leiden schien seine
+Seele zu dr&uuml;cken, eine tiefe unbestechliche Schwermuth
+sahe aus seinem schwarzen tiefliegenden Auge, nichts
+vermochte eine Heiterkeit &uuml;ber sein Gesicht zu werfen,
+seine Stimme war langsam und ohne Feuer.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Dein Anblick wird immer kr&auml;nker, fuhr Abdallah
+fort.</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> Kr&auml;nker? &mdash; Wirklich? &mdash; Vielleicht
+geh' ich dem Tode entgegen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Dem Tode?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> Ich hoff' es.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du <span class="wide">hoffst</span> es?</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> Mein Geist ertr&auml;gt die Leiden nicht
+mehr, die sich immer h&ouml;her th&uuml;rmen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Deine Liebe, Raschid, wird dich in
+dein Grab hinuntertragen. &mdash; Sei heitrer, verabschiede
+deinen Gram und werde wieder der bl&uuml;hende J&uuml;ngling,
+der du warst. &mdash; Die Liebe soll ja, wie man sagt, in
+Felsen Paradiese auferstehen lassen und dir&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> O gl&uuml;cklich, da&szlig; du davon wie von
+einem unbekannten Lande sprichst. &mdash; Doch nein, du
+bist ungl&uuml;cklich. &mdash; Ein Wesen ohne Liebe, &mdash; eine
+Laute ohne Saiten. &mdash; F&uuml;r die g&ouml;ttlichsten Empfindungen
+todt kriecht der Gef&uuml;hllose im Staube, wenn der Liebende
+den gl&auml;nzenden Fittig im Morgenrothe wiegt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Und dennoch nennst du dich elend.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> Ja und doch m&ouml;cht' ich meine Liebe nicht
+zur&uuml;ckgeben, &mdash; Freund, nur <span class="wide">ein</span> Blick aus ihrem Auge
+&mdash; ach! er w&uuml;rde den Fr&uuml;hling in meiner Seele wieder
+auferwecken! &mdash; Eiserne, unzerbrechliche Ketten halten
+mich zur&uuml;ck, &mdash; ich liebe und darf nicht hoffen, &mdash; ich
+w&uuml;nsche und meine W&uuml;nsche &uuml;berschreien meinen Verstand;
+wenn er zuweilen die Stimme erhebt, &mdash; o dann
+treten sie alle bleich zur&uuml;ck. &mdash; Mein Ungl&uuml;ck hat alle
+Blumen um mich her ausgerissen und in den Wind verstreut,
+die Freude hat mich in eine d&uuml;stre Nacht geworfen
+und mir ewig ihre Th&uuml;r verschlossen, &mdash; ach Abdallah,
+ich sterbe gern: denn welcher Wunsch, welche Hoffnung
+soll mich in's Leben zur&uuml;ckhalten?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Wer w&uuml;rde nicht wenigstens hoffen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> Ach! wenn ich nur hoffen d&uuml;rfte! wenn
+ich nur eine Spalte in der hohen Felsenmauer entdeckte,
+durch die ich mich hindurchwinden k&ouml;nnte!</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du hast mir aber noch nie den Gegenstand
+deiner Liebe genannt &mdash; wen liebst du?</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> La&szlig; dies noch itzt ein Geheimni&szlig; bleiben. &mdash; Ach!
+ich m&ouml;cht' es mir selber nicht gestehn, da&szlig; der
+Mensch sich seinem Gl&uuml;cke Mauern in den Weg baute,
+die seiner Ohnmacht spotten, da&szlig; &mdash; ich kam hierher
+mich zu tr&ouml;sten und ich gehe trauriger von dir als ich kam.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Wodurch kann ich dich tr&ouml;sten?</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> Nein, ich mag auch nicht getr&ouml;stet sein.
+&mdash; Lebe wohl! &mdash; dieser Schmerz ist mir lieb, denn ich
+leide ihn f&uuml;r sie, &mdash; ich will in der Einsamkeit meine
+Thr&auml;nen weinen, ich finde keinen Menschen, der mich
+versteht.</p>
+
+<p>Er ging und Abdallah sah <ins title="Original hat ihn">ihm</ins> traurig nach, dann
+versank er wieder allm&auml;hlig in sein voriges Nachdenken.
+Omar kam. &mdash; Du bist so tiefsinnig, Abdallah?</p>
+
+<p>Abdallah fuhr auf und sahe ihn bedeutend an.</p>
+
+<p>Wor&uuml;ber dachtest du? fragte Omar.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> &Uuml;ber deine gestrigen Lehren.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Sie haben dich traurig gemacht.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich irre in einer ausgestorbenen W&uuml;ste,
+alles ist hin, was einst mein war, ich selbst habe mich
+verloren. Du hast mich Verachtung meiner selbst und
+der Welt gelehrt; wohin mit meiner Liebe, mit der ich
+sonst so warm die Natur umfa&szlig;te?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und mu&szlig; denn Abdallah <span class="wide">hassen,</span> um
+<span class="wide">lieben</span> zu k&ouml;nnen? &mdash; Ich habe dir deinen Ha&szlig; genommen
+und um so gr&ouml;&szlig;er sollte deine Liebe sein; du sollst
+alles lieben, auch den, den die schm&auml;hende Welt mit
+F&uuml;&szlig;en tritt.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Alles? &mdash; Ach Omar, kann es der
+Mensch?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Er soll es wollen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Mein Geist str&auml;ubt sich gegen diesen
+freudenleeren Glauben.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Weil er deinen Stolz kr&auml;nkt. &mdash; Vieles
+ist gest&uuml;rzt, auf das du bis itzt eingebildet dich f&uuml;r
+besser als tausend andre hieltest; es ist dir genommen
+und du sinkst zu den &uuml;brigen Menschen hinab. Aus
+Eigennutz bist du unzufrieden und bildest dir ein, es
+geschehe der Tugend wegen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, du hast tief in meine Seele
+geschaut. &mdash; Kann aber die sterbliche Natur sich ganz
+vom Eigennutz losrei&szlig;en? du sagtest selber, jeder handle
+nur f&uuml;r sich, bin ich daher nicht der erste Zweck meiner
+Entw&uuml;rfe und m&uuml;ssen die &uuml;brigen Wesen nicht mir
+selber weichen?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Du sollst und kannst dich nie von dieser
+Schw&auml;che trennen, &mdash; nur der Stolz sei dieser Eigennutz
+nicht; sei eigenn&uuml;tzig im <span class="wide">Genu&szlig;,</span> ein Traum ist
+kein Genu&szlig;.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein Sklave kam und rief Abdallah zu seinem Vater
+<span class="wide">Selim.</span></p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und verschlie&szlig;e diese Lehren tief in deine
+Brust, sie taugen f&uuml;r kein ander Ohr.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> F&uuml;r mich allein hast du also diese
+Trostlosigkeit ausgelesen?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Abdallah, sei nicht undankbar. &mdash; Der
+Weisere kann mich nur verstehn.</p>
+
+<p>Abdallah ging.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Viertes Kapitel.</h3>
+
+<p>Selim sa&szlig; in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm
+hereintrat, er bemerkte seinen Sohn und stand auf.
+Ich habe dich rufen lassen, sagte er, um dir eine wichtige
+Nachricht anzuk&uuml;ndigen; hat dir Omar nichts davon
+gesagt?</p>
+
+<p>Nichts, antwortete Abdallah, &mdash; aber dieser Name
+den du genannt hast, lieber Vater, erinnert mich an
+eine Bitte, sage mir, wer ist dieser Omar?</p>
+
+<p>Und wie k&ouml;mmst du so pl&ouml;tzlich zu dieser Frage,
+fragte Selim, du kennst ihn schon so lange und noch
+nie ist es dir eingefallen, etwas n&auml;her von ihm unterrichtet
+zu sein.</p>
+
+<p>Dieser Omar, antwortete <span class="wide">Abdallah,</span> ist mein zweiter
+Vater, nach dir lieb' ich <span class="wide">ihn</span> am meisten, ja vielleicht,
+wenn ich aufrichtig sein soll, habe ich zwischen
+dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt. &mdash; So tief
+meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht,
+eben so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der
+Spielgenosse meiner Kindheit und ist der Lehrer meiner
+Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott nie anders,
+als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild
+der Weisheit. Alles, was ich denke und wei&szlig;, habe
+ich aus ihm gesch&ouml;pft, &mdash; ohne seine Liebe k&ouml;nnte ich
+nicht gl&uuml;cklich sein. &mdash; Er ist mir bekannter, als meine
+eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so vertraut,
+ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Z&uuml;ge
+hab' ich so oft betrachtet und tief in meine Seele gepr&auml;gt, &mdash; nur
+gestern am Abend, war es die magische
+Nacht, die meine Einbildung mehr als gew&ouml;hnlich hob, &mdash; oder
+war es das n&uuml;chterne leere Erwachen von einem
+Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft
+hundert verworrene Gebilde entgegentreten; als ich gestern
+durch den Wald mit Omar zur Stadt zur&uuml;ckging,
+trat mich pl&ouml;tzlich das sonderbare Gef&uuml;hl an, als wenn
+ein <span class="wide">fremder Mann</span> zu meiner Seite gehe, &mdash; ich
+war hundertmal im Begriff, meine Hand aus der seinigen
+zu ziehn, ich wagte es nicht, ihn anzusehn, der
+Schein der Nacht flatterte ungewi&szlig; um ihn her und
+verstellte alle seine bekannten Z&uuml;ge, &mdash; ich war aus
+mir selbst herausgerissen, &mdash; ich folgte ihm schaudernd.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> In den Jahren, wo die Einbildungskraft
+unsre Amme ist, spielen tausend Schw&auml;rmereien
+und tr&uuml;gende Gef&uuml;hle um uns her, die, wenn wir nach
+ihnen greifen, in Luft zerflie&szlig;en und unsern Geist zu
+einer tr&auml;gen, thatenlosen Beschaulichkeit f&uuml;hren. Der
+m&auml;nnliche J&uuml;ngling mu&szlig; alle diese kindischen Einbildungen
+mit ernstem Blick zur&uuml;ckweisen, auf seiner Bahn
+ungest&ouml;rt weiter gehn und diesen Morgend&uuml;nsten nicht
+einmal ein zur&uuml;ckgeworfenes Auge schenken.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Seit gestern aber beunruhigt mich
+der Gedanke. Sage mir, wer ist dieser Omar?</p>
+
+<p>Ich will dir alles sagen, was ich von ihm wei&szlig;,
+antwortete <span class="wide">Selim;</span> du hast ihn bis itzt als deinen
+Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun auch als
+deinen Wohlth&auml;ter ehren. &mdash; <span class="wide">Ali,</span> der wie ein verzehrender
+Brand in dem K&ouml;rper seines Landes w&uuml;thet,
+gegen den tausend Fl&uuml;che der Wittwen und Waisen rastlos
+um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch
+mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich
+und meine Sch&auml;tze lockten seine Habsucht, er entri&szlig;
+mir alles, was ich besa&szlig;, &mdash; nur deine Mutter und
+du &mdash; weiter blieb mir in dieser Welt nichts &uuml;brig.
+Du warst damals einen Sommer alt und l&auml;cheltest
+am Busen deiner Mutter unverst&auml;ndig dem Elend entgegen. &mdash; Wir
+verlie&szlig;en die Stadt und wanderten &uuml;ber
+unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer
+ging neben uns und reichte uns die &auml;rmliche Nahrung,
+alle meine Freunde verlie&szlig;en mich, als h&auml;tten sie mich
+nie gekannt, Sorge und D&uuml;rftigkeit waren unsre einzigen
+unzertrennlichen Gef&auml;hrten: so wandelten wir von
+Stadt zu Stadt und lebten k&auml;rglich von den Allmosen, die
+uns das Mitleid der Menschen zuwarf. &mdash; Ein stiller
+Gram w&uuml;hlte unsichtbar in dem Herzen deiner Mutter,
+sie reichte mir l&auml;chelnd den Abschiedsku&szlig; &mdash; und ging
+nach einigen Stunden in ihre bessere Heimath zur&uuml;ck.
+Ich blieb mit meinem Ungl&uuml;ck in der Einsamkeit.</p>
+
+<p>Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er
+fort:</p>
+
+<p>Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer
+auf sie hinab, ein Dolch schnitt durch meine Seele,
+wenn du mit kindischem L&auml;cheln nach deiner Mutter fragtest
+und an den Grabh&uuml;gel pochtest, um sie wieder heraufzulocken;
+aber dein L&auml;cheln war das letzte schwache
+Band, das mich damals an diese Welt zur&uuml;ck hielt, unverletzliche
+Pflichten sprachen mich aus deinem freundlichen
+Auge an, <span class="wide">du</span> lebtest noch und darum war mir das Leben
+noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend
+entfernen, in der <span class="wide">Zamiri</span> ruhte, ihr Geist schien
+dort zu schweben und mich in dem Wohnorte meines
+Grams zur&uuml;ck zu halten. &mdash; Ach Abdallah, es waren
+traurige Tage, &mdash; wenn das junge Morgenroth so gl&uuml;hend
+heraufstieg und zitternd auf mein schlafloses Auge
+schien, wenn der goldne Abend &uuml;ber die Berge zog und
+die traurige einsame Nacht mit hundert neuen Sorgen
+langsam aufstieg, &mdash; die Erinnerung dieser Tage, &mdash; der
+Mensch mu&szlig; viel erdulden, aber sein Muth mu&szlig; ihn nie
+verlassen.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig h&ouml;rte
+Abdallah die Erz&auml;hlung seines Vaters, dieser sprach dann
+weiter:</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Ich besuchte t&auml;glich den Kirchhof, auf dem sie ruhte,
+ich betete and&auml;chtig auf ihrem Grabe und flehte um St&auml;rke.
+Im innigsten Gef&uuml;hle meines Elends sa&szlig; ich einst auf
+dem Grabh&uuml;gel, du spieltest unbefangen vor mir im tiefen
+Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu und
+setzte sich traulich an meine Seite, unm&auml;nnliche Thr&auml;nen
+rannen hei&szlig; &uuml;ber meine Wangen und fielen auf gelbe
+Todtenblumen, die auf dem Grabe bl&uuml;hten. &mdash; Pl&ouml;tzlich
+sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem Schatten
+der B&auml;ume n&auml;herte. Er hatte mich in meinem Gl&uuml;cke
+oft besucht und in seiner Gegenwart empfand ich stets
+eine heilige Ehrfurcht, denn ein stiller Schauer hauchte
+mich an, als wenn aus ihm der Geist des Propheten
+wehte. Mein Ungl&uuml;ck schien ihn zu r&uuml;hren: Grabe,
+sprach er, hinter jenem verfallnen H&uuml;gel und ein neues
+Gl&uuml;ck wird dir entgegenbl&uuml;hen. &mdash; Ich grub und fand
+einen gro&szlig;en Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir Ali
+genommen hatte, &mdash; als ich dem Derwisch meinen hei&szlig;en
+Dank bringen wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken &mdash; und
+dieser Derwisch ist <span class="wide">Omar?</span></p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Dein Lehrer Omar. &mdash; Ihm dank' ich
+alles, was ich besitze, alles was ich habe ist nur ein Gut,
+das er mir geliehen hat. &mdash; Ich lie&szlig; mich an der fernsten
+Gr&auml;nze des Reiches nieder, ver&auml;nderte meinen Namen
+und nannte mich <span class="wide">Selim.</span> Hier war ich vor Ali's Grausamkeit
+und Habsucht sicher, bis er nun seit einem Jahre
+seinen Wohnsitz ver&auml;ndert und sich hierher begeben hat. &mdash; Ich
+war itzt so gl&uuml;cklich als ich nur werden konnte,
+als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein
+Haus besuchte. Ein hagrer ausged&ouml;rrter Greis reichte
+mir seine lange Hand, die wie ein Todtengebein klapperte,
+der Tod sahe aus seinen tiefen eingefallen Augen, kraftlos
+wankte der Sch&auml;del hin und her und seine Sprache
+war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack
+bei diesem Anblick des Jammers und erst nach langer
+Zeit erkannte ich in diesem Todtengerippe &mdash; deinen Omar.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlth&auml;ter,
+verpflegte ihn wie einen Vater, bis er von seiner
+Siechheit gena&szlig;. Als seine Gesundheit und seine Kr&auml;fte
+zur&uuml;ckgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand
+und sagte: &raquo;du bist mein Wohlth&auml;ter Selim, du hast
+mein Leben gerettet und ich will nicht undankbar sein;
+du hast einen Sohn, ihm will ich bezahlen, was ich
+dem Vater nicht bezahlen kann.&laquo; So ward unser
+Wohlth&auml;ter dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund.</p>
+
+<p>Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit
+band ihn fester an Omar und hing an seine Lehren ein
+noch gr&ouml;&szlig;eres Gewicht; seines Lehrers Tugend war unbezweifelt,
+um so zuverl&auml;&szlig;iger mu&szlig;te also seine Weisheit
+werden; der Lasterhafte, der die Tugend l&auml;ugnet,
+wird nicht geh&ouml;rt, aber wenn der Edle dem B&ouml;sewicht
+die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder nennt,
+dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr
+Innres.</p>
+
+<p>Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du
+nun nicht begierig, die Nachricht zu h&ouml;ren, die ich dir
+anzuk&uuml;ndigen hatte?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Verzeih mein Vater &mdash; ich h&ouml;re.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Du sollst dich verm&auml;hlen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Dein Gebot ist mein Wille.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Des edlen <span class="wide">Abubekers</span> Tochter.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du willst es und sie ist meine Gattin.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Diesen Gehorsam hatte ich von dir erwartet,
+mein Sohn. Abdallah wird seines Vaters Liebe
+nicht mit Undank vergelten.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, nie mein Vater.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Du liebst also nicht, mein Sohn?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich liebe nur dich und Omar.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> La&szlig; diese kindliche Liebe nie in deinem
+Busen verl&ouml;schen. &mdash; Abubekers Tochter, &mdash; oder meinen
+<span class="wide">Fluch!</span></p>
+
+<p>Selim sahe ihn mit einem durchbohrenden halberz&uuml;rnenden
+Blick an, den Abdallah nicht verstand. Es
+war ein kalter fester Blick, der sich unausl&ouml;schlich mit
+dem f&uuml;rchterlichen Worte <span class="wide">Fluch</span> in Abdallah's Ged&auml;chtni&szlig;
+grub; bei diesem Blicke kehrte pl&ouml;tzlich wie ein
+Blitzstrahl die sonderbare Unbekanntschaft mit Omar in
+seine Seele zur&uuml;ck, &mdash; als dieser hereintrat.</p>
+
+<p>Er sahe ihn an und es war ganz wieder der alte,
+freundliche, bekannte Omar; er ging froh hinweg und
+alle seine &auml;ngstlichen Besorgnisse waren verschwunden.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>F&uuml;nftes Kapitel.</h3>
+
+<p>Itzt trat auch <span class="wide">Abubeker</span> in das Zimmer und mit
+ihm mehrere von seinen und Selim's Freunden.</p>
+
+<p><span class="wide">Abubeker</span> war ein Greis von siebenzig Jahren,
+sein Gesicht war lang und hager, sein Auge sanft und
+sein silberwei&szlig;er Bart sank ehrw&uuml;rdig auf seine Brust
+herab. Schon seit langer Zeit war er der Welt abgestorben,
+ohne da&szlig; er sie, oder sie ihn vermi&szlig;te; er lebte
+mit seiner Tochter in einer h&auml;uslichen Einsamkeit, nur
+von seinen Freunden gekannt und geehrt. Er war im
+Felde erzogen und unter der R&uuml;stung ein Greis geworden,
+die Feinde hatten seine Tapferkeit gef&uuml;rchtet und
+in seinem m&auml;nnlichen Alter war Abubekers Name durch
+das ganze Land bekannt gewesen; aber mit den Diensten
+des Feldherrn verschwindet zugleich der Dank des
+Volkes, der Ruhm gleicht dem Nebel, der sich &uuml;ber das
+ganze Gefilde auseinander wickelt und am weitesten ausgestreckt,
+verschwindet. Im Lager und in Schlachten
+hatte Abubeker seinen Geist nur wenig bilden k&ouml;nnen,
+er dachte daher nur langsam und beharrte unersch&uuml;tterlich
+auf jede gefa&szlig;te Meinung, jede seiner &Uuml;berzeugungen
+lie&szlig; er sich ungern nehmen und eine neue an ihre
+Stelle setzen: denn das, wor&uuml;ber er einmal gedacht
+hatte, schien ihm die einzige und letzte Wahrheit.</p>
+
+<p>Selim bewillkommte ihn und seine Begleiter, und
+alle setzten sich.</p>
+
+<p>Eine kleine Stille weilte &uuml;ber die Versammlung,
+als Selim endlich aufstand, Abubekers Hand ergriff und
+wie von einem heiligen Feuer ergriffen, also redete:</p>
+
+<p>Abubeker, du bist mein Freund und was mehr ist,
+ein wackrer Mann; das seid Ihr alle, die Ihr zugegen
+seid, und w&auml;re einer unter uns, der dies gro&szlig;e Gef&uuml;hl
+nicht in seinem Busen tr&uuml;ge, der entferne sich, ehe ich
+weiter spreche, denn meine Worte taugen f&uuml;r kein unedles
+Ohr. &mdash; Aber nein, &mdash; die edelsten M&auml;nner des
+Staats sind hier versammelt und darum sollen ungescheut
+meine Gedanken und Worte einerlei Weg wandeln.
+Zum Biedermanne mu&szlig; der Biedermann ohne
+Umschweif sprechen, und eben dies war die Ursach meiner
+Einladung.</p>
+
+<p>Alle schwiegen; Selim stand und sahe in der Versammlung
+umher, dann fuhr er fort:</p>
+
+<p>Abubeker, du erinnerst dich vielleicht noch der goldnen
+Tage, als der Scepter des weisen <span class="wide">Alfargo</span> dieses
+Land beherrschte, als ein ewiger Friede an den Gr&auml;nzen
+des Reiches wachte, als eine unzerbrechliche Treue
+alle Unterthanen in ein sch&ouml;nes Band vereinte und die
+R&uuml;stung des F&uuml;rsten war, als das Gl&uuml;ck in unsern
+H&auml;usern wohnte, als &mdash; wozu der sch&ouml;nen Erinnerung,
+Freunde? diese Zeit <span class="wide">war</span> und <span class="wide">ist</span> nicht mehr, der Sonnenstrahl,
+der scheu an des Gef&auml;ngnisses Mauern zittert,
+macht dem Gefangenen den Kerker enger, diese
+Erinnerung ist uns das, was dem verirrten Wandrer
+in der Sturmnacht das ausgel&ouml;schte Licht. Wir <span class="wide">waren
+gl&uuml;cklich</span>, aus diesem Gedanken springt die traurige
+&Uuml;berzeugung: wir <span class="wide">sind ungl&uuml;cklich!</span> &mdash; Wie beim
+Gewitter h&auml;ngt die Luft schwer und dr&uuml;ckend &uuml;ber unserm
+Vaterlande, die Arbeiter haben furchtsam das Feld
+verlassen und verbergen sich in H&ouml;hlen, das Gras zittert
+leise dem kommenden Sturm, die ganze Natur
+athmet schwer und harrt mit banger Ungeduld dem einbrechenden
+Wetter. &mdash; Dies ist das Bild unsers Vaterlandes,
+Freunde; kein Gesicht l&auml;chelt, als das der
+unverst&auml;ndigen Kinder, kein Auge gl&auml;nzt, als das Auge
+des Sterbenden, keine Fr&ouml;hlichkeit lacht aus betr&uuml;bten
+Herzen, &mdash; traurig, mit gesenktem Haupte, in uns selbst
+versunken, von keinem heitern Gef&uuml;hl aus unsern schwarzen
+Tr&auml;umen geweckt, stehn wir verlassen auf einer
+spitzen, meerumheulten Klippe und klagen in das wilde
+Rauschen der See. &mdash; Und warum h&auml;ngen unsre
+Thr&auml;nen so schwer an den rothgeweinten Augenliedern?
+Warum schwellen unterdr&uuml;ckte Seufzer unsre Brust so
+hoch? &mdash; Sind die bl&uuml;henden Felder um uns her
+W&uuml;sten von Sand geworden? Entfaltet die Sonne
+nicht mehr ihren Mantel &uuml;ber dieses Reich? H&auml;ngt
+eine verzehrende Seuche &uuml;ber unsern H&auml;uptern? Sind
+unsre Freunde verschieden?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ach ja, unsre Freunde sind verschieden, eine Pest
+schaut wild auf uns herab, die Sonne ist uns untergegangen
+und die Bl&uuml;the unsrer Fluren ist dahin! Ein
+liebliches Morgenroth spielte im fr&ouml;hlichen Wogenger&auml;usch
+um uns her, die Fluth sinkt zur&uuml;ck und unser Nachen
+steht auf einem d&uuml;rren Felsengrund eingeklammert. &mdash; Das
+Gl&uuml;ck hat uns seine Hand zum ewigen Abschied
+gereicht und wir sehen mi&szlig;vergn&uuml;gt seinem Scheiden
+nach. &mdash; Und tr&ouml;stet uns denn kein Ersatz &uuml;ber unsern
+Verlust und sind wir auch nicht einmal begierig, die
+Ursach unsers Elends zu erfahren?</p>
+
+<p>O zum <span class="wide">Allg&uuml;tigen</span> la&szlig;t eure Klagen nicht dringen,
+denn er z&uuml;rnt uns nicht, die freigebige Natur
+h&auml;lt keine karge Hand &uuml;ber uns ausgestreckt. &mdash; Aber
+welche &uuml;bermenschliche Gewalt schn&uuml;rt unsre Brust so
+m&auml;chtig zusammen? Wer schl&auml;gt dies verfinsternde Gew&ouml;lbe
+um uns her? &mdash; O da&szlig; ich es schaamroth aussprechen
+mu&szlig;, &mdash; ein Fremder w&uuml;rde staunend unsrer
+Schwachheit spotten, &mdash; ein <span class="wide">Mensch!</span></p>
+
+<p>Ihm tragen unsre Felder, zu ihm flie&szlig;t, wie zu
+einem geizigen Meere, alle unsre Arbeit zur&uuml;ck, wir
+leben nur f&uuml;r ihn, f&uuml;r den Einzigen k&auml;mpfen im unn&uuml;tzen
+Streit alle unsre Kr&auml;fte. &mdash; Ihm hast du,
+dem Undankbaren, deine Schlachten gefochten, Abubeker,
+er ist die Pest, die das Land verzehrt, hinter seinem
+Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner f&uuml;rchterlichen
+Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. &mdash; Leben
+und Vernichtung h&auml;lt er auf der verf&auml;lschten
+Wage, an seinen Launen h&auml;ngt schwankend unser Gl&uuml;ck,
+Gewitter donnern aus seinem z&uuml;rnenden Auge, das
+L&auml;cheln seines Mundes ist unsre erquickende Fr&uuml;hlingssonne,
+seine Worte des Ewigen unver&auml;nderliche Gesetze, &mdash; wir
+stehn da, und f&uuml;hlen da&szlig; wir elend sind, und
+o der Schande! &mdash; wir begn&uuml;gen uns damit, da&szlig; wir
+es f&uuml;hlen!</p>
+
+<p>Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken,
+da&szlig; wir auch nicht einmal <span class="wide">murren?</span> Sind wir
+uns so fremd geworden, da&szlig; wir auch nicht einmal
+unser Schicksal ge&auml;ndert w&uuml;nschen? Da&szlig; wir uns mit
+dem begn&uuml;gen, was er uns aus der Verheerung zur&uuml;ckwirft
+und uns der Gnade freuen, die uns noch unter
+den Tr&uuml;mmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln
+verg&ouml;nnt? Die Schlange verwundet w&uuml;thend die Ferse
+ihres M&ouml;rders, die schuldlose Taube k&auml;mpft ohnm&auml;chtig
+gegen den Zerst&ouml;rer ihres Nestes, ja der zertretene Wurm
+kr&uuml;mmt sich z&uuml;rnend unter dem Fu&szlig;e des Wandrers &mdash; und
+<span class="wide">wir!</span> &mdash; Wer ist der Sch&auml;ndliche, der sich
+nicht der Ketten sch&auml;mte und sie gern von seinen Armen
+streifte? &mdash; O er gehe hin und erz&auml;hle Ali
+meine Rede!</p>
+
+<p>Sklave und freier B&uuml;rger sind in unsern Zeiten
+gleich, das Reich kennt nur <span class="wide">einen freien,</span> wir <span class="wide">alle</span>
+sind seine Sklaven, das Vaterland und seine B&uuml;rger
+sind in dem Einzigen untergegangen, unsre W&uuml;nsche
+knien vor seinem Willen, das hohe Recht, das jeder
+Mensch mit auf die Welt bringt, haben wir an diesen
+Betr&uuml;ger verspielt. Unser Dasein k&ouml;nnen wir nicht
+Leben nennen, wir sind todte Massen ohne eignen Willen,
+Steine, die ein muthwilliger Knabe zum Spielwerk
+am Abend in das Meer wirft. &mdash; &mdash; Und wer
+ist dieser Allgewaltige? Ein Riese mit ehernem K&ouml;rper,
+von dem zerbrochen jeder Stahl zur&uuml;ckprallt? &mdash; Nein,
+eine Sammlung Staub, wie wir, von einem
+aufgehobnen Arm auf ewig zu Boden gest&uuml;rzt.</p>
+
+<p>Wo ist der Muth, der in unsern V&auml;tern focht und
+die Feinde erzittern machte? Sind alle Dolche stumpf?
+Ist keiner mehr, der zu den Waffen greift und sich und
+seine Br&uuml;der r&auml;cht? Keiner? &mdash; O ich habe mich geirrt,
+ich verga&szlig;, da&szlig; ich jetzo lebe, itzt, wo Knechtschaft ehrt,
+wo unser h&ouml;chster Wunsch ist, der sch&auml;ndlichste seiner
+Sklaven zu werden. &mdash; Die Zeit hat ihren Kreis gemacht
+und alles Edle aus unsern Jahren hinweggenommen,
+nur mich Ungl&uuml;cklichen hat sie einsam stehen
+lassen.</p>
+
+<p>Er schwieg. &mdash; Die M&auml;nner gl&uuml;hten, die Arme der
+J&uuml;nglinge zuckten unwillk&uuml;hrlich. In vielen Augen
+stand die Thr&auml;ne der hohen Begeisterung, viele wollten
+aufspringen und ihre Dolche schwenken, als der weise
+Abubeker mit langsamer bed&auml;chtiger Stimme also sprach:</p>
+
+<p>Selim, deine Stimme ist die Stimme der Wahrheit,
+das Reich ist ungl&uuml;cklich, die Tyrannei herrscht mit
+erschlichener Gewalt von ihrem Thron herab, das Volk
+seufzt tiefgeb&uuml;ckt unter dem ehernen Joch, &mdash; aber h&ouml;re
+mich als Freund und z&uuml;rne nicht. &mdash; Ich stehe auf
+einem hohen Gipfel, von dem ich &uuml;ber so manche Jahre
+hinweg sehe, die zu meinen F&uuml;&szlig;en ausgebreitet liegen,
+das Alter und die Erfahrung tritt endlich an die Stelle
+der Weisheit. &mdash; Hast du nie, Selim, eine Fluth gesehn,
+die verheerend das Gefilde &uuml;berschwemmt, und es
+ged&uuml;ngt und fruchtbarer wieder verl&auml;&szlig;t? Einen Stamm,
+den der Blitz verbrennt und aus dessen Asche ein sch&ouml;nerer
+mit frischer Kraft hervorschie&szlig;t? &mdash; In dem gegenw&auml;rtigen
+&Uuml;bel liegt oft die Geburt eines k&uuml;nftigen
+Gl&uuml;cks, nur da&szlig; das sterbliche Auge nicht durch die
+Dunkelheit der Zukunft dringt, da&szlig; unser kleiner Blick
+nur das umfa&szlig;t, was vor uns, nicht, was oft dicht
+daneben liegt. &mdash; Schon vielen V&ouml;lkern sandte der
+Herr zur Z&uuml;chtigung einen eisernen Scepter und schon
+viele erkennten die bessernde Hand. &mdash; Ali ist vielleicht
+nur der Abgesandte einer h&ouml;hern Macht, der uns von
+dorther den Krieg ank&uuml;ndigt: k&ouml;nnen wir rebellisch gegen
+den Ewigen aufstehn und seine weisen Plane meistern
+und verwerfen? Ziemt es dem Sklaven, seinen
+Herrn zur Rechenschaft zu ziehn? &mdash; Tausend Diener
+horchen auf das Gebot des Unendlichen und vollbringen
+die Befehle seines Zorns. Er darf nur winken und
+Ali wird vom Blitz durchbohrt, vom Sturm zerrissen.
+Er vermag die Erde aus ihren Angeln zu heben, und
+im Unmuth mit dem Hauch seines Mundes gegen die
+Gr&auml;nze des Weltalls zu zerschmettern, &mdash; und er sollte
+nicht einen Staub zum Staube wieder hinabsenden,
+wenn es sein Wille w&auml;re? &mdash; Nein, wir wollen dulden,
+Selim, und im Dulden unsre gro&szlig;e Seele zeigen.
+Rache br&uuml;llt nur aus den Thieren, der Mensch dulde
+und verzeihe! &mdash;</p>
+
+<p>O Greis! rief Selim aus, das Alter, das alle unsre
+Kr&auml;fte verzehrt, spricht aus dir. Der Stunden, die
+du noch zu leben hast, sind dir zu wenige, um f&uuml;r sie
+zu handeln, &mdash; aber unsre Kinder, Abubeker!</p>
+
+<p><span class="wide">Abubeker.</span> Wacht nicht &uuml;ber sie das gro&szlig;e Auge,
+das sich niemals schlie&szlig;t? &mdash; La&szlig; sie die Tugend und
+Gott verehren und sie k&ouml;nnen nicht elend werden.</p>
+
+<p>Selim wandte sich unwillig hinweg und Omar fing
+an zu sprechen:</p>
+
+<p>Du sprachst mit tiefer Weisheit, Abubeker, die Hand
+aus den Wolken lenkt oft sichtbar die Schicksale der
+Menschen, das dunkle Verh&auml;ngni&szlig; tritt oft aus seiner
+Finsterni&szlig; hervor, und zwingt selbst den k&uuml;hnsten Zweifler
+zur schaudernden Verehrung.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Und auch du, Omar? der du meinen
+gro&szlig;en Entwurf zuerst zur Reife brachtest?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Oft aber waltet die Allmacht in ihrer
+Undurchdringlichkeit und lagert vor die frechen Augen
+Finsternisse um sich her. Oft tritt das unerbittliche
+Schicksal zur&uuml;ck, es zerrei&szlig;t den Faden, an dem es den
+Menschen lenkt und l&auml;&szlig;t ihn ohne Leitung gehn. Dann
+schaut es auf den Weg des Wandrers herab und zeichnet
+ihn mit ewigen Z&uuml;gen auf der unverg&auml;nglichen
+Tafel. Dann wird des Menschen Name unter die
+Seeligen oder Verdammten eingeschrieben, ohne fremden
+Druck stehn aus dem Herzen die Tugend oder das
+Laster auf.</p>
+
+<p><span class="wide">Abubeker.</span> Ich fasse den Sinn deiner Rede,
+Omar. Wenn das ewige unwandelbare Schicksal niemals
+den Menschen aus seiner Hand lie&szlig;e, dann trieben
+wir einen reissenden Strom hinab, der ohne unsre
+Schuld den Nachen vielleicht an einen Fels zerschellte,
+oder in die See versenkte.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Alle Widerspr&uuml;che vereinten sich dann in
+einen Mittelpunkt, die ganze Natur w&auml;re eine Fl&ouml;te,
+auf der ewig die T&ouml;ne des schaffenden K&uuml;nstlers erkl&auml;ngen,
+keine That geh&ouml;rte uns, unschuldig kehrten alle
+zum Sch&ouml;pfer zur&uuml;ck. &mdash; Nein, Abubeker, wenn der
+Ewige auch nach seiner G&uuml;te das Laster zul&auml;&szlig;t, so ist
+er es doch nicht selbst, der den Lasterhaften f&uuml;hrt, das
+hie&szlig;e ihn aus seinem Wesen hinausschelten, denn er ist
+ja das Gute selbst; blind ihn aus seinem Glanz vern&uuml;nfteln,
+mit eben der Vernunft, die er uns lieh, ihn
+zu erkennen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abubeker.</span> Ein Irrthum t&auml;uschte mich, Omar.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ein Athem seines Wesens streifte leise
+den irdischen Staub und es entstand der <span class="wide">Mensch.</span>
+Dieser g&ouml;ttliche Funke, der aus der Nacht sich ihm
+freundlich zugesellte, ist es, der ihn aus den Thieren des
+Waldes, den B&auml;umen und Felsenw&auml;nden heraushebt,
+dieses ist das gro&szlig;e Zeichen, an dem die Menschen sich
+erkennen, das untr&uuml;gliche Unterpfand, da&szlig; uns jenseit
+ein neues Leben entgegentrete, wenn die Seele hier den
+Staub wieder von sich absch&uuml;ttelt und z&uuml;rnend das
+Thal verl&auml;&szlig;t, um einen sch&ouml;nern H&uuml;gel zu ersteigen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abubeker.</span> Deine Worte wecken in meiner Seele
+eine Sonne, die das Dunkel erleuchtet.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Dieser Verstand lehrt uns die Wunder der
+Natur finden. Wie der Schnecke und dem Wurme
+F&uuml;hlh&ouml;rner gegeben sind, um ihre Nahrung zu suchen
+und ihre Feinde zu fliehen, so verlieh der G&uuml;tige dem
+Menschen den Verstand. Der Zweck des Wurmes ist
+das Leben, dem edleren Menschen ist das Leben nur ein
+Weg, aus dem er zu seinem Endzweck geht: durch seinen
+Verstand sich selbst und Gott erkennen; je n&auml;her er diesem
+Ziele gekommen ist, je mehr hat er die Krone des
+Siegers verdient. &mdash; Ohne diesen Stern, der unser
+Schiff regiert, lebten wir, wie der Maulwurf, unter
+tausend Wundern, ohne sie zu bemerken. &mdash; Die Kraft
+der Heilung liegt in tausend Pflanzen ausgegossen, aber
+der Sch&ouml;pfer tritt uns nicht unmittelbar in den Weg; die
+schwache menschliche Natur w&uuml;rde zu sehr vor ihm zusammenschaudern,
+er legt seine Furchtbarkeit ab und in
+sch&ouml;nen Bl&uuml;then findet der Verstand des Menschen die
+Kraft des G&uuml;tigen wieder, und Tod und Krankheiten
+fliehen vor dem wohlbekannten, allbelebenden Hauch, der
+ihnen aus den Kr&auml;utern entgegen duftet.</p>
+
+<p><span class="wide">Abubeker.</span> Deine Gedanken &uuml;ber den Ewigen sind
+wie der Schein des Mondes, sie leuchten auf den Pfad,
+ohne zu blenden, du verschlingst die Allmacht mit der
+Lieblichkeit und vor dem wonnevollen Bilde kann der
+Mensch anbetend in tiefer Ehrfurcht knien, und es zugleich
+<span class="wide">lieben.</span></p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Der Verstand regiert wie ein Steuermann
+unsern Willen gegen Wind und Wogen der Leidenschaften
+und des Ungl&uuml;cks. &mdash; Der Verstand formt aus dem ungestellten
+Zufall eine S&auml;ule; statt uns selbst die Hand
+zu reichen und durch das Dunkel zu f&uuml;hren, haucht der
+Ewige an diesen Funken und er leuchtet heller. &mdash; Dann
+werden gro&szlig;e und edle Thaten geboren, Tyrannenthronen
+gest&uuml;rzt, des Vaterlandes Feinde geschlagen, V&ouml;lker besiegt
+und des Propheten Glaube &uuml;ber Meere getragen. &mdash; Diesen
+Fingerzeig der Gottheit nicht achten, hei&szlig;t
+seiner G&uuml;te spotten, da er uns einen Schatz anvertraute,
+den wir nicht benutzen, dann wird er uns einst schwer
+zur Rechenschaft ziehen, da&szlig; wir ein Gut verachteten,
+das uns ihm &auml;hnlich macht. &mdash; Es waren Propheten,
+die die Zukunft weissagten von Gottes Athem angeweht:
+wenn nur der Ewige selbst in unsre Seelen diese Gedanken
+gesendet h&auml;tte, wenn er durch uns Ali strafen
+und das Reich wieder gl&uuml;cklich machen wollte und seine
+Allmacht dabei unsichtbar erhalten, wenn wir die Pflanzen
+w&auml;ren, aus denen der G&uuml;tige mittelbar Genesung
+unsern Br&uuml;dern zusendete?</p>
+
+<p>Abubeker dachte tief den Worten Omar's nach, die
+&uuml;brigen horchten aufmerksam auf seine Rede.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ist es dann nicht unsre Pflicht, seinem
+Wink zu folgen und unverzeihliche Tr&auml;gheit, wenn wir
+die Arbeit, die er uns in den Weg legt, verdrossen liegen
+lassen? &mdash; Auf dann! tretet alle Zweifel unter
+euch, beginnt das Werk und sagt der Ewige &raquo;Nein&laquo;
+zu unsrer That, &mdash; nun, dann wird das Ungl&uuml;ck unsern
+Schritten folgen und uns von seinem Zorne Nachricht
+bringen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abubeker.</span> Du hast mich &uuml;berwunden, Omar,
+ich gebe deiner Weisheit nach.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ha! wenn wir keine Leuchte h&auml;tten, die
+uns durch die Nacht begleitete! &mdash; aber wir tragen
+sie in unserm Busen. &mdash; Glaubet! ruft uns der Ewige
+selbst zu &mdash; und handelt nach eurem Glauben und Herzen!
+Daher jagt das nagende Gewissen den B&ouml;sewicht,
+dies ist der gute Engel, der den Menschen zu edeln
+Thaten winkt. &mdash; Ein jeder mu&szlig; nach seiner &Uuml;berzeugung
+handeln &mdash; und wer glaubt nicht, da&szlig; wir
+alle gl&uuml;cklicher w&auml;ren, wenn Ali von seinem Thron herunterstiege?
+Unser Recht? &mdash; o er hat unser Recht
+verletzt, er hat unsre Menschheit gekr&auml;nkt, er zwingt
+uns, unser Wort zu brechen, das wir ihm gaben, er
+ist unser <span class="wide">Feind,</span> nicht unser F&uuml;rst. Wir scheuchen
+das Ungl&uuml;ck &uuml;ber die fernen Gebirge, das itzt so dr&auml;uend
+&uuml;ber uns h&auml;ngt, wir sind die Retter unsers Vaterlandes,
+aus seinem Grabe wird das Gl&uuml;ck dann wieder
+auferstehn und uns daf&uuml;r belohnen, unsre Br&uuml;der werden
+Freudenthr&auml;nen weinen, &mdash; ha! wer steht noch
+m&uuml;ssig? Wer kann noch furchtsam zur&uuml;ckzagen? &mdash; Nein,
+Abubeker, Freunde, &mdash; wir <span class="wide">wollen</span> nicht die
+Krone von Ali's Haupte reissen, wir <span class="wide">m&uuml;ssen</span> es, &mdash; das
+Land liegt kniend zu unsern F&uuml;&szlig;en, des Ewigen
+ernstes Auge schaut anmahnend auf uns herab, die
+Nothwendigkeit reicht uns den blutigen Dolch, &mdash; wir
+<span class="wide">k&ouml;nnen</span> nicht zur&uuml;cktreten und den furchtbaren Arm
+von uns weisen.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Nein, wir k&ouml;nnen, wir <span class="wide">d&uuml;rfen</span> es nicht.
+Die Gefahr streckt uns ihren Rachen entgegen, &mdash; st&uuml;rzt
+auf sie zu, Freunde, sie verherrlicht unsern Triumph!
+Welcher Feige w&uuml;rde nicht mit dem Edlen um jeglichen
+Kampfpreis ringen, wenn die Furchtbarkeit nicht die
+gro&szlig;e nie zerfallende Scheidemauer z&ouml;ge? Da&szlig; wir
+unser Leben wagen, o das ist es, was unser Unternehmen
+zu einer gro&szlig;en That stempelt, das ist es, warum
+sie M&auml;nner und keine Knaben fordert. Das Gl&uuml;ck
+schwebt um uns her; fa&szlig;t mit starkem Arm den ehernen
+Ring und haltet ihn fest, &mdash; dreht er sich allm&auml;chtig
+weiter, &mdash; nun was k&ouml;nnen wir mehr als <span class="wide">sterben?</span>
+Und k&ouml;nnen wir in tausend Jahrhunderten einen ruhmvollern
+Tod finden, als im Kampf mit der Tyrannei
+dahinzusinken? &mdash; O wem das <span class="wide">Leben</span> das h&ouml;chste
+Gut ist, der mag zagen, ihm sei es erlaubt zu zittern,
+er mag sich hinter Ali's Thron verkriechen und sich fest
+an seine Ketten klammern und an den Pfahl, an dem
+er gefesselt ist, &mdash; wir k&auml;mpfen, siegen oder sterben f&uuml;r's
+Vaterland und unsre Br&uuml;der, &mdash; das Schild am Arm,
+den S&auml;bel in der Faust st&uuml;rzen wir vor Ali hin und
+fordern <span class="wide">uns selbst</span> von ihm zur&uuml;ck, &mdash; wir verschwinden
+in dem gro&szlig;en Ganzen, eine Woge im Meer;
+was liegt an mir, wenn ich auch untergehe? &mdash; Die
+Gefahr nicht achten, hei&szlig;t sie t&ouml;dten; sich selber mu&szlig;
+der Edle freudig seinen Br&uuml;dern opfern k&ouml;nnen. &mdash; Wer
+so denkt, der reiche mir seine Rechte!</p>
+
+<p>Alle sprangen auf, man lief eilig durcheinander,
+jeder wollte der Erste sein, der die Hand des edlen
+Selim fa&szlig;te. &mdash; Es ist kein Sch&auml;ndlicher unter uns!
+riefen alle, wie aus einem Munde, auch Abubeker trat
+hinzu und umarmte Selim und Omar. Eine gro&szlig;e
+Begeisterung wandelte durch den Saal, alle Gesichter
+gl&uuml;hten, alle Augen funkelten.</p>
+
+<p>Br&uuml;der! rief Selim aus, &mdash; das Loos ist gefallen! &mdash; Er
+kniete nieder. &mdash; Hier schw&ouml;r' ich bei dem Ewigen
+und seinem Propheten, bis auf meine letzte Lebenskraft
+gegen Ali zu k&auml;mpfen, mein Vaterland zu retten
+oder zu sterben!</p>
+
+<p>Alle knieten und schwuren ihm den gro&szlig;en Eid nach,
+dann umarmten sie sich von neuem, dr&uuml;ckten sich die
+Hand und k&uuml;&szlig;ten sich wie Br&uuml;der. <span class="wide">Ein</span> Gedanke lebte
+in allen Seelen, <span class="wide">eine</span> Entz&uuml;ckung, <span class="wide">ein</span> Geist wehte
+durch die ganze Versammlung.</p>
+
+<p>Freunde! sprach <span class="wide">Omar,</span> &mdash; und wer soll denn an
+Ali's Stelle treten und eine neue Sonne &uuml;ber unser
+Reich heraufgehn lassen.</p>
+
+<p>Alle schwiegen und <span class="wide">Omar</span> fuhr fort.</p>
+
+<p>Das unm&uuml;ndige Volk bedarf eines F&uuml;hrers, ohne
+Oberhaupt w&uuml;rde es sich selber vernichten. Ein weiser
+Mann mu&szlig; an der Spitze stehn, der alle die schweifenden
+Kr&auml;fte in einen Mittelpunkt sammelt, die sonst unn&uuml;tz
+an tausend mannichfaltigen Gegenst&auml;nden zerschellen. &mdash; Ihr
+kennt Selims Weisheit, seinen Muth, seine G&uuml;te und
+Menschenliebe. Er betrete den verwaisten Thron, er werfe
+unser Elend in das unergr&uuml;ndete Meer und wecke das
+Gl&uuml;ck aus seinem Schlummer. &mdash; Wer andrer Meinung
+ist, der spreche!</p>
+
+<p>Du thust mir Unrecht, rief <span class="wide">Selim,</span> als alle schwiegen;
+warlich Omar, deine Worte schmerzen mich tief. &mdash; Hat
+denn Ehrgeiz oder Herrschsucht meine Gedanken geleitet?
+Bin ich der einzige Edle in dieser Versammlung? &mdash; Ich
+widerspreche dir hier laut, ich widerspreche euch
+allen, wenn ihr ihm beistimmt. &mdash; Der Unbetr&uuml;gliche
+sieht mein Herz, beim Grabe seines Propheten schw&ouml;r'
+ich hier, &mdash; durch meinen Tod, ja durch meine <span class="wide">Schande</span>
+wollt' ich Euer Elend von mir kaufen, ungenannt sterben
+und vergessen werden. Ich selbst war bei diesem Entwurf
+mein letzter Gedanke. &mdash; Omar, wie konntest du
+dem weisen, tapfern, erfahrnen Abubeker vor&uuml;bergehen? &mdash; Hier
+steht unser Herrscher! Er verdient das Diadem
+zu tragen, das Ali entweiht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er warf sich vor dem Greise nieder und ber&uuml;hrte mit
+der Stirn dreimal den Boden, alle &uuml;brigen folgten seinem
+Beispiel. Der erstaunte Abubeker war ger&uuml;hrt und
+konnte ihnen nur durch Thr&auml;nen antworten.</p>
+
+<p>Du bist unser, Abubeker, sprach <span class="wide">Selim,</span> freiwillig
+zu uns her&uuml;bergetreten, von keinem &auml;u&szlig;ern Zwange gedr&uuml;ckt.
+Der Edle mu&szlig; aus eignem Willen handeln, und
+damit auch nicht der kleinste Schein von Eigennutz auf
+dich fiele, hab' ich dir noch eine Nachricht vorbehalten,
+die du itzt erfahren sollst. &mdash; Ali, nach deinen Sch&auml;tzen
+begierig, hat das Ziel deines Lebens n&auml;her r&uuml;cken wollen;
+Omar hat durch seine Weisheit diesen Anschlag vernichtet
+und dich uns gerettet.</p>
+
+<p>Der Greis <span class="wide">Abubeker</span> dr&uuml;ckte ihm schweigend die
+Hand. &mdash; Selim, sprach er dann, ich bin dir sehr viel
+schuldig, dir dank' ich meinen Reichthum, du wandest
+ihn aus den H&auml;nden ungerechter Feinde, du sch&uuml;tztest
+mein Leben gegen einen R&auml;uber, dessen S&auml;bel schon
+&uuml;ber meinen Sch&auml;del blinkte, &mdash; erinnerst du dich noch
+jener Tage, als wir uns ewige, unzerbrechliche Freundschaft
+schwuren. Wir haben unsern Eid gehalten und
+wollen ihn noch ferner halten. &mdash; Damals schwurst
+du feierlich in meine Hand, dein Sohn Abdallah sollte
+der Gatte meiner Tochter werden, ist es noch dein Wille?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Ich schwur und ich h&auml;tte keinen Willen
+mehr, wenn es nicht mein sehnlichster Wunsch, mein
+freudenvollster Gedanke w&auml;re.</p>
+
+<p><span class="wide">Abubeker.</span> Mein Kind verm&auml;hlt sich deinem
+Sohne.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Und wenn auch das Ungl&uuml;ck uns verfolgt,
+auch wenn ich tausend Sch&auml;tze bes&auml;&szlig;e und du w&auml;rst
+eben so elend, wie ich einst war, &mdash; sie wird meine
+Tochter, &mdash; nimm dies Versprechen noch einmal vor
+dieser feierlichen Versammlung.</p>
+
+<p><span class="wide">Abubeker.</span> Eben dies verspreche ich dir, wackrer
+Selim. &mdash; Dein Sohn wird der meinige, &mdash; aber
+wo ist er? Meine Augen haben ihn schon vorher
+vermi&szlig;t. Sollte er keinen Theil an diesem gro&szlig;en Schauspiel
+nehmen?</p>
+
+<p>Omar trat hervor. &mdash; Der zarte gef&uuml;hlvolle J&uuml;ngling,
+sprach er, taugt noch nicht f&uuml;r M&auml;nner Unternehmungen.
+Tausend z&auml;rtliche Besorgnisse f&uuml;r seinen
+Vater w&uuml;rden sein Innres zerreissen; sein Geist steht itzt
+noch in der Bl&uuml;the und kann noch keine Fr&uuml;chte treiben;
+diese Gedanken w&uuml;rden ihm Ruhe und Schlaf
+rauben und seine H&uuml;lfe w&uuml;rde uns unmerklich sein. &mdash;
+So tragen wir ihn schlummernd den steilen Fels hinan,
+auf dem ein Schwindel ihn wachend seiner Vernunft
+berauben w&uuml;rde. Wenn er oben steht, dann wecken
+wir ihn sanft und er wird uns unsre z&auml;rtliche Sorgfalt
+danken.</p>
+
+<p>Alle stimmten ihm bei und man beschlo&szlig; am folgenden
+Tage sich von neuem zu versammeln, um &uuml;ber
+die Mittel zur Ausf&uuml;hrung ihres Entwurfs zu berathschlagen.
+Dann ging man froh auseinander und ein
+jeder nahm gro&szlig;e Gedanken und sch&ouml;ne Entw&uuml;rfe in
+seiner Brust verschlossen mit sich.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Sechstes Kapitel.</h3>
+
+<p>So untergruben Selim und Omar den Thron Ali's;
+unbefangen ging Abdallah neben allen Gefahren hin,
+die er nicht sahe, das Gewitter zog sich in schwarzen
+krausen Wolken &uuml;ber ihn zusammen, aber er h&ouml;rte nicht
+den Sturm, der von allen Bergen her die D&auml;mpfe zusammenjagte,
+unbesorgt ging er in seiner Unwissenheit
+dreist einher, wo er, in das Geheimni&szlig; der Verschw&ouml;rung
+eingeweiht, sorgsam pr&uuml;fend den Fu&szlig; auf die
+schwankende Br&uuml;cke gesetzt h&auml;tte und zitternd sich umgesehn,
+ob nicht unter ihm die Pfeiler st&uuml;rzten.</p>
+
+<p>Der Sonnenschein hatte ihn aus seinem Hause gelockt,
+er wollte eben die Stadt verlassen, als ihm <span class="wide">Raschid</span>
+begegnete.</p>
+
+<p>Sei mir willkommen Freund! rief ihm Abdallah
+entgegen.</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid</span> war traurig wie gew&ouml;hnlich und erwiederte
+Abdallah's Gru&szlig; mit niedergeschlagenem Blicke.</p>
+
+<p>Du bist traurig, sprach <span class="wide">Abdallah,</span> komm mit
+mir in die sch&ouml;ne Natur, der Fr&uuml;hling wird dich <ins title="Original hat heitre">heitrer</ins>
+machen.</p>
+
+<p>Itzt nicht, antwortete <span class="wide">Raschid,</span> n&ouml;thige Gesch&auml;fte
+rufen mich zu Ali; aber wenn die Sonne untergeht,
+dann erwarte mich auf der steinernen Bank, dem Pallast
+gegen &uuml;ber. &mdash; Er entfernte sich schnell und Abdallah
+ging durch die Thore der Stadt.</p>
+
+<p>Der sch&ouml;nste Fr&uuml;hlingstag war aus dem Meer emporgestiegen,
+die Luft athmete lau, D&uuml;fte von tausend
+Blumen lagen auf den Schwingen des Westwindes,
+&uuml;ber die Berge war der gl&auml;nzende Himmel wie ein
+blaues Zelt ausgespannt, unter welchem lichte Wolken
+in leichter Bewegung tanzten. &mdash; Itzt hatte er einen
+H&uuml;gel erstiegen, der die sch&ouml;nste Gegend &uuml;bersahe. Ein
+Thal schmiegte sich zwischen waldbewachsnen Bergen,
+der Wald rauschte ernst und feierlich und durch sein
+zitterndes Gr&uuml;n blinkte ein Strom verstohlen hervor,
+der bald verschwand und dann wieder sch&ouml;n gekr&uuml;mmt
+wie ein weiter See im Sonnenschein gl&auml;nzte. Friedliche
+H&uuml;tten lagen traulich unter den Zweigen der
+B&auml;ume, der Sonnenschein spielte in mannichfaltigen
+Strahlen auf das frische Gr&uuml;n des Rasens, das bald
+heller bald dunkler sich den H&uuml;gel hinuntergo&szlig;, Cedern
+standen feierlich schwarz auf den Bergen, die den Horizont
+begr&auml;nzten. Alle Wesen, von der Fliege die im
+Sonnenschein summte bis zum Hirsch im Walde und
+dem Adler in den Wolken, waren froh und gl&uuml;cklich,
+von jedem Zweige des Waldes rauschte die Freude, in
+tausend Ges&auml;ngen bunter V&ouml;gel zwitscherte sie in das
+Ger&auml;usch der Waldung.</p>
+
+<p>Abdallah stand und betrachtete mit Entz&uuml;cken die
+glanzumschlungne Gegend. O der sch&ouml;nen Welt! rief er
+endlich aus. Wie freundlich es aus dem Thale zu mir
+heraufweht! Wie g&ouml;ttlich diese Wonne mich, wie ihren
+Freund, umarmt! Alle meine Sorgen liegen unbedeutend
+weit hinter mir, alle meine Sinne thun sich dem
+wohlth&auml;tigen gro&szlig;en Gef&uuml;hle auf. &mdash; Welch ein Feuer
+in meinem Busen lodert! Wie tausend flammende Empfindungen
+zum Herzen str&ouml;men! &mdash; O ungl&uuml;ckseliges
+Ged&auml;chtni&szlig;! &mdash; Nur Tod br&uuml;tete in dieser unendlichen
+Pracht? &mdash; Mein Geist nur ein leiserer Ton von dem,
+der im Walde rauscht? &mdash; Mit dieser funkenspr&uuml;henden
+Begeistrung bin ich nichts mehr, als dieser Strauch? Und
+doch dr&auml;ngt sich alles so zu mir herauf, alles
+kniet vor mir und meinen Gef&uuml;hlen nieder, in meinen
+Empfindungen schwimmt ein &auml;therischer Glanz, der von
+mir selbst Bewunderung erzwingt, ich schlage an die
+goldnen Saiten der Natur und verstehe den gro&szlig;en
+Klang, &mdash; ja, ich bin ein edler Wesen, als die todten
+stummen Massen, &mdash; hinweg mit dir du Weisheit, die
+mich verschmachten l&auml;&szlig;t, &mdash; du raubst mir den Genu&szlig;,
+und Genu&szlig; ist ja das erste und letzte Ziel dieses Erdenlebens.</p>
+
+<p>Er lagerte sich am gr&uuml;nen Abhang des H&uuml;gels und
+schaute in die unendlichen Reize hinaus, die sich nach
+und nach dem aufmerksamen Auge unaufh&ouml;rlich auseinander
+wickelten. &mdash; Eine heilige Ruhe schwebte mit
+leisem Fittig &uuml;ber die Gegend, hundert neue Sch&ouml;nheiten
+gossen sich aus, wenn sich der Schatten vor den
+Wald hin ausstreckte und die Berge h&ouml;her hinanlief,
+&uuml;ber das weite Gefilde lagen Dunkel und Sonnenschein
+freundlich zusammen und wechselten und spielten durch
+einander. Ein gelber schr&auml;ger Sonnenstrahl schimmerte
+gebrochen durch die fernen Cedern und ergl&uuml;hte durch
+die Zweige wie Flammenstreifen auf dem gr&uuml;nen Berg,
+die im Rauschen des Waldes funkelnd auf und nieder
+zuckten.</p>
+
+<p>O! da&szlig; ich mich st&uuml;rzen k&ouml;nnte in das Meer der
+unerme&szlig;nen G&ouml;ttlichkeit! rief der wonnetrunkene <span class="wide">Abdallah,</span> &mdash; diese
+tausendfachen Sch&auml;tze in meinen Busen
+saugen! K&ouml;nnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten
+in meiner Brust diese g&ouml;ttlichen Gef&uuml;hle, die
+itzt durch meine Seele zittern! Ach, da&szlig; der Gesang
+durch die Laute rauscht und nachher verstummt! &mdash; Ich
+h&ouml;re das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist
+diese unnennbare unausf&uuml;llbare Leere, die mich stets im
+Genusse so kalt und todt ergreift? Ein fremdes Streben
+ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder.
+Ich schwindle auf der Freude h&ouml;chsten Gipfel und st&uuml;rze
+in den Staub bet&auml;ubt zur&uuml;ck. &mdash; Alle meine Gef&uuml;hle
+dr&auml;ngen mich weiter hinaus zu einem unbekannten Etwas,
+zuweilen flattert unst&auml;t ein Schein durch die D&auml;mmerung
+und wie eine holdselige Erinnerung winkt es
+mir zu, &mdash; aber er verlischt pl&ouml;tzlich und die ungest&uuml;men
+Wogen w&auml;lzen sich von neuem durcheinander.</p>
+
+<p>Ein Abendwind blie&szlig; durch die Waldung, ein rother
+Duft schwebte um den Horizont, die ungewissen Widerscheine
+flossen nach und nach zusammen und ein Kranz
+von Gold, Purpur und Violet flocht sich rund um die
+Stirn des Himmels. Ein friedlicher Rauch stieg aus
+den H&uuml;tten und vermischte sich mit dem Nebel, der
+leise und langsam &uuml;ber die Fluren schritt und in tausend
+blendenden Sternen flimmerte, von einem Sonnenstrahl
+durchbrochen. Ein Sch&auml;fer zog mit seiner
+klingenden Heerde den Abhang herauf und seine einsame
+Fl&ouml;te t&ouml;nte sanft in das Thal hinab.</p>
+
+<p>Abdallah ging mit seinen Tr&auml;umen zur Stadt zur&uuml;ck,
+das Rauschen des Waldes hallte ihm noch immer
+wieder, in sein Ohr t&ouml;nte noch die Fl&ouml;te, die vom Berg
+herab ihm mit ihren Melodieen fl&uuml;sternd gefolgt war.</p>
+
+<p>Er setzte sich auf die steinerne Bank, dem Pallast
+des Sultan's gegen&uuml;ber, in tausend verworrenen Gef&uuml;hlen
+versunken. Die Leere der Stadt mit ihrem
+abendlichen Ger&auml;usch und der l&auml;rmenden Emsigkeit umgab
+ihn, die Kaufleute verschlossen ihre Th&uuml;ren, der
+Handwerker verlie&szlig; seine L&auml;den, die Ausrufer gingen
+durch die Stra&szlig;en, von den Moscheen ward die Stunde
+zum Gebet gerufen und durch das verwirrte bedeutungslose
+Get&ouml;se hallte ihm noch wehm&uuml;thig froh der Fl&ouml;tenklang,
+in das Bild der d&auml;mmernden Stra&szlig;en schwamm
+noch ein Wiederschein von der reizenden Landschaft und
+bildete eine Gestalt, die ihn mit schwerm&uuml;thigem L&auml;cheln
+ansah. Das Get&ouml;n einer Th&uuml;r ri&szlig; ihn aus seinen
+Tr&auml;umen, er schlug die Augen auf und sahe &mdash; <span class="wide">Zulma,</span>
+des Sultans Tochter.</p>
+
+<p>Schlank und mit majest&auml;tischer Anmuth trat sie herbei,
+um auf dem Altan die Blumen und jungen Citronenb&auml;ume
+zu begie&szlig;en und auf einen Augenblick die
+K&uuml;hlung des Abends einzuathmen. Ihr dunkles Haar
+flo&szlig; geringelt auf ihre Schultern, ihr schwarzes Auge
+brannte wie ein Stern durch die Wolkennacht. Um
+ihre zarten Lippen spielte eine s&uuml;&szlig;e Freundlichkeit und
+die Liebe selbst legte den Mund in das lieblichste L&auml;cheln.</p>
+
+<p>Weitge&ouml;ffnet starrte Abdallah's Auge zum Altan hinauf,
+er verschlang mit gl&uuml;hendem Blicke die reizende
+Gestalt und jede ihrer kleinsten Bewegungen, er glaubte
+ein Seeliger des Paradieses zu sein und in Zulma die
+sch&ouml;nste der Houris zu sehn, &mdash; unter ihm h&auml;tte ein
+Erdbeben unergr&uuml;ndliche Schl&uuml;nde rei&szlig;en k&ouml;nnen &mdash; er
+h&auml;tte es nicht gef&uuml;hlt, &mdash; h&auml;tten tausend Donner
+um ihn her gebr&uuml;llt, &mdash; er h&auml;tte sie nicht geh&ouml;rt, &mdash; alle
+seine Sinne waren todt, sein Geist war aus seinem
+K&ouml;rper entflohen und brannte verzehrend in seinen
+Augen. &mdash; <span class="wide">Zulma</span> ging wieder zur&uuml;ck und Abdallah
+starrte noch immer zum Altan hinauf, er glaubte noch
+immer den Schimmer des wei&szlig;en Arms durch die gr&uuml;nen
+zitternden Bl&auml;tter zu sehn, zu sehn, wie die Rosen
+von ihrem Anhauch sch&ouml;ner gl&uuml;hten und von Zulma's
+Glanz die Lilien heller leuchteten.</p>
+
+<p>Endlich erwachte er aus seiner Bet&auml;ubung, so wie
+der Wandrer in der Nacht erwacht, der m&uuml;de auf dem
+Felde einschlief und den ein Reisender mit einer Fackel
+weckt. Er steht auf und sieht ohne Besinnung umher,
+er kennt die Gegend und sich selber nicht, von allen seinen
+Erinnerungen abgerissen, taumelt er dumpf seine
+Stra&szlig;e fort, die Berge um ihn her wanken im Schein
+und die Gegend liegt dunkel wie ein R&auml;thsel vor ihm. &mdash; Aus
+diesem Gewirre kehrte <span class="wide">Abdallah</span> endlich zur&uuml;ck, &mdash; er
+sah, er h&ouml;rte wieder, seine zugeschlo&szlig;nen Sinne thaten
+sich wieder auf, &mdash; aber er erkannte sich selbst nicht wieder.
+So wie er itzt sahe, hatte er noch nie gesehen, so
+hatte noch kein Klang sein Ohr getroffen: eine neue
+Sonne schien ihm entgegen, aus jedem Ton gr&uuml;&szlig;ten ihn
+holde Melodieen. Ihm war als stiege er aus einer finstern
+feuchten Gruft heut zuerst dem Licht entgegen, hundert
+Besorgnisse sch&uuml;ttelte er von sich ab, er f&uuml;hlte sich
+frei, stark und gro&szlig;, k&uuml;hn zu jedem Unternehmen, ausdauernd
+f&uuml;r jede Arbeit, unerschrocken vor jeder Gefahr,
+feiner f&uuml;hlend f&uuml;r Sch&ouml;nheit und Edelmuth. &mdash; Rothe
+Wolken schwammen durch den Himmel und gl&auml;nzten
+vor&uuml;berfliegend an den hellen Fenstern, Schwalben zwitscherten
+um ihn her, alles war ihm theuer, alles war ihm
+neu und ein neugewonnener Freund. &mdash; Er ging &uuml;ber
+die Br&uuml;cke des Flusses, der die Stadt durchstr&ouml;mte. Eine
+flammende Gluth brannte durch den Himmel, das Abendroth
+sank hinter den Flu&szlig; nieder und warf ein bleiches
+goldnes Netz nach dem Abendsterne, der seinem Glanze
+folgte, der Strom gl&uuml;hte in Purpur, vom Ku&szlig; des Himmels
+err&ouml;thend, in sanften Kr&uuml;mmungen schlich sich das
+erhabne Ufer neben den Strom hin und spiegelte sich in
+seiner Fluth, rosenrothe Wellen pl&auml;tscherten an das gr&uuml;ne
+Gestade und lockten in der Ferne eine Heerde, die auf
+einem schmalen gr&uuml;nen Landstreif sich in den Strom
+dr&auml;ngte und aus den goldnen Wellen trank, eine Guitarre
+sprach in z&auml;rtlichen T&ouml;nen vom Flu&szlig; her&uuml;ber, &mdash; Abdallah
+sahe in jeder Sch&ouml;nheit Zulma's Gestalt, die
+jeden Reiz erh&ouml;hte, er schwamm in einem Meer von
+Wonne, er st&uuml;rzte sich und versank in die sch&ouml;nsten, erhabensten
+Gef&uuml;hle.</p>
+
+<p>Itzt sank der letzte goldne Streif des Abends nieder
+und aus Osten stiegen Schatten mit gro&szlig;en Schritten
+auf; er weinte und wu&szlig;te nicht, warum eine Thr&auml;ne
+sich so hei&szlig; aus seinem Auge dr&auml;ngte.</p>
+
+<p>Sinnend ging er auf sein Zimmer, wiegende Wogen
+trugen ihn auf dem Bache der s&uuml;&szlig;en Schw&auml;rmerei
+hinauf und hinab, erm&uuml;det schlief er ein.</p>
+
+<p>Die Zukunft str&ouml;mte ihm hell und gl&auml;nzend entgegen,
+wie ein Quell dem durstigen Wanderer, goldne
+Tr&auml;ume umfingen ihn und Zulma's Gestalt stand in
+den Tr&auml;umen. &mdash; Er war so gl&uuml;cklich, da&szlig; er nie h&auml;tte
+erwachen m&ouml;gen.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Siebentes Kapitel.</h3>
+
+<p>Die Traumbilder wickelten sich leise aus Abdallahs
+Armen und er erwachte. <span class="wide">Zulma</span> war sein erster Gedanke,
+der gestrige Abend stand vor ihm und seine Einbildung
+holte ihm jede seiner gestrigen Empfindungen
+zur&uuml;ck. Alles lag ahndungsvoll wie ein Traum vor
+seiner Seele, oder wie eine mondbegl&auml;nzte Gegend, er
+zweifelte an allen seinen Gef&uuml;hlen, durch ihre ganze
+Harmonie wand sich sein Geist hindurch und suchte die
+Quelle, aus der dieser Strom seiner umgewandelten
+Empfindungen geflossen sei.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Ein fr&uuml;her Strahl des Morgens zitterte durch sein
+Fenster, er &ouml;ffnete es und sahe sinnend in die sch&ouml;ne
+Gegend hinaus. Ein frischer, k&uuml;hlender Hauch kam ihm
+entgegen, die Sonne schimmerte auf den Wellen des
+Flusses und brannte golden an den Fenstern der hundert
+Pall&auml;ste umher, ein d&uuml;nner Nebel sank in den
+Flu&szlig; zur&uuml;ck und durch den Himmel war ein purpurnes
+Meer ausgegossen. Durch jedes Wolkengebilde blickte
+Zulma's Gestalt hindurch, sie stand in den Sonnenstrahlen,
+die sich auf den Wellen brachen und l&auml;chelte
+ihm entgegen, in den Geb&uuml;schen am gegen&uuml;berliegenden
+Berge s&auml;uselte ihr Name, die ganze Natur umher war
+nur ein Wiederhall seiner Empfindungen. &mdash; D&uuml;rftig
+und ohne Reiz schien ihm alles, was er vor dieser Umwandlung
+gef&uuml;hlt hatte, seine Phantasie war nun erst
+m&uuml;ndig geworden und verschm&auml;hte ihr voriges kindisches
+Spielwerk, seine erhabensten Gedanken reihten sich willig
+an das, vor dem er sonst kalt und ohne Empfindung
+vor&uuml;bergegangen war, ein heiliges Entz&uuml;cken fl&uuml;sterte
+im Grase und spielte in der Gluth der Wolken,
+wie ein gro&szlig;es verschlo&szlig;nes Buch hatte sich ihm die
+ganze Natur aufgeschlagen.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid</span> trat herein, als Abdallah sich noch seinen
+Schw&auml;rmereien &uuml;berlie&szlig;, er wollte seinem Freunde Vorw&uuml;rfe
+machen, da&szlig; er sein Wort gebrochen und ihn
+am Abend nicht erwartet habe, dieser aber h&ouml;rte nicht,
+was er sagte, sondern sprach mit seinen Tr&auml;umen und
+wu&szlig;te kaum, da&szlig; Raschid neben ihm stand. Dieser
+verlie&szlig; ihn endlich voll Verdru&szlig;, als ihm Abdallah nur
+durch einzelne unzusammenh&auml;ngende T&ouml;ne antwortete.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah</span> hatte sich und sein ganzes Wesen vergessen,
+er hing gl&uuml;hend an seinen Phantasieen und Omar
+und seine traurige Weisheit war von seinen neuen Gef&uuml;hlen
+verschlungen. &mdash; Vordem hatte er mit Kindlichkeit
+die Tugend und sich geliebt, alle R&auml;thsel, die
+vor ihm lagen, hatte ihm Niemand R&auml;thsel genannt und
+er stand unbefangen vor ihnen; seit jenem Abend, an
+welchem Omar ihn in seine Weisheit eingeweiht hatte,
+schien ihm alles Gl&uuml;ck der Einbildung erloschen, die
+sch&ouml;ne H&uuml;lle war von der Natur abgefallen und er sahe
+nur das nackte Gerippe; er hatte schon daran verzweifelt,
+da&szlig; ihn je wieder ein Strahl aus den gl&uuml;cklichen
+Tagen seiner Unwissenheit anfliegen k&ouml;nnte, &mdash; und itzt
+schm&uuml;ckte sich alles sch&ouml;ner als je, so zauberreich stand
+noch nie die Wirklichkeit vor ihm, so gel&auml;utert und rein
+hatte noch kein Gef&uuml;hl in ihm geklungen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar</span> trat herein, aber Abdallah bemerkte ihn
+nicht. &mdash; Wor&uuml;ber denkst du? fragte ihn dieser. &mdash; &Uuml;ber
+nichts, fuhr Abdallah erschrocken auf und Omar
+entfernte sich wieder. Abdallah war so froh, als ihn
+sein geliebter Lehrer verlie&szlig;, als wenn eine l&auml;stige Gesellschaft
+von ihm gegangen w&auml;re; er &uuml;berlie&szlig; sich ungest&ouml;rt
+seinen Schw&auml;rmereien, wie jemand, der in einem
+sch&ouml;nen Traum erwacht und wieder einzuschlafen sucht. &mdash; Was
+ist dir, mein Abdallah, sprach <span class="wide">Omar</span> nach
+einiger Zeit, indem er von neuem hereintrat.</p>
+
+<p>Abdallah schwieg. &mdash; Was hat dich so tiefsinnig
+gemacht? fragte ihn Omar mit freundschaftlicher Unruhe.</p>
+
+<p>Omar! stammelte <span class="wide">Abdallah,</span> sieh die Natur, die
+unendliche, unbegr&auml;nzte, sieh, wie tausend Sch&ouml;nheiten
+mich anl&auml;cheln und tausend schlafende Empfindungen in
+meinem Busen wecken. Sieh, wie die Herrliche ausgegossen
+von mir liegt, vom himmlischen Reiz umfangen.
+Wie des Morgens Gluth sich durch die Wolken schwingt,
+wie die bl&uuml;hende Erde sich l&auml;chelnd in die Arme des
+Himmels schlie&szlig;t, sieh, wie alles rund umher in dem
+lebendigen Glanze schwelgt, &mdash; o da&szlig; ich diese G&ouml;ttlichkeit
+an mein Herz dr&uuml;cken k&ouml;nnte und mit Seligkeit
+ges&auml;ttigt in den hohen allgemeinen Wohllaut zerflie&szlig;en!</p>
+
+<p>Es ist nicht das, sprach der ernste <span class="wide">Omar,</span> indem
+er Abdallahs Hand ergriff, du willst deinen alten Freund
+hintergehen und das solltest du nicht. Du warst mir
+noch nie verschlossen, noch nie verga&szlig;est du &uuml;ber deine
+Empfindungen mich, noch nie brannte dein Auge so
+wie itzt, &mdash; noch nie suchtest du deinen Blick meinen
+Forschungen zu verbergen, &mdash; nein Abdallah, noch nie
+strebtest du deine Hand aus der Hand deines Freundes
+zu ziehn.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah</span> sahe nieder und schwieg; <span class="wide">Omar</span> hatte
+die geheimsten Geberden seines Geistes verstanden, er
+suchte daher besch&auml;mt seine Gesinnungen zu verbergen
+und dann war er wieder im Begriff, dem Freund mit
+seinen innigsten Gef&uuml;hlen entgegen zu gehn. Sein Gesicht
+gl&uuml;hte, seine Blicke irrten ungewi&szlig; auf den Boden
+umher und suchten einen Gegenstand, der sie fesseln
+k&ouml;nnte. &mdash; Omar fuhr fort:</p>
+
+<p>Hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? &mdash; Bin
+ich nicht mehr Omar, dein Freund? Warum willst
+du dich mir verbergen? Entdecke dich mir, unsre Seelen
+sind sich ja verschwistert, la&szlig; mich dein Gl&uuml;ck oder Ungl&uuml;ck
+mit genie&szlig;en oder leiden; seit wann ist Abdallah
+so eigenn&uuml;tzig geworden?</p>
+
+<p>Er schwieg und Abdallah wollte sprechen, aber eine
+hei&szlig;e Thr&auml;ne stieg in sein Auge, ein gro&szlig;er Seufzer erstickte
+seine Worte, seine Hand zitterte in der Hand
+Omars, dieser lie&szlig; sie mit freundschaftlichem Unwillen
+fallen.</p>
+
+<p>Ich habe mich geirrt, dies ist nicht mehr mein Abdallah,
+so stehen Omar und er nicht mit einander. &mdash; Gut,
+ich mu&szlig; dein Vertrauen noch erst zu <span class="wide">verdienen</span>
+suchen. &mdash; Er wollte gehn.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nein, nein, Omar, rief ihm <span class="wide">Abdallah</span> heftig nach,
+bleib! o ich will ja zu dir sprechen. &mdash; Doch was soll
+ich dir sagen? Wie wirst du mich verstehn, da ich mich
+selbst nicht verstehe? &mdash; Es giebt keine Worte, keine
+Sprache, in der ich alles so lebendig, so lauter hingie&szlig;en
+k&ouml;nnte, wie es hier in meinem Herzen str&ouml;mt und lebt! &mdash; K&ouml;nnt'
+ich dein Herz in das meinige legen, deinen
+Geist in den meinigen schmelzen, o dann, dann w&uuml;rdest
+du mir die Worte ersparen und mich ohne Sprache verstehn!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Seelen, die sich so vertraut sind, wie die
+unsrigen, legen in die Worte jene Empfindungen hinein,
+die keine Beschreibung ausf&uuml;llt, den geistigen Hauch,
+der sich in keinen T&ouml;nen festhalten l&auml;&szlig;t, &mdash; darum werd'
+ich dich verstehen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Aber kann deine ernste Weisheit auch
+dem jungen Freunde verzeihen?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> So sehr kann <span class="wide">Abdallah</span> nicht fehlen, da&szlig;
+f&uuml;r sein Vergehn keine Verzeihung sein sollte.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung,
+das sagt mir mein Herz, die Unbefangenheit, mit der ich
+den Blick in mein Innres werfe. Es ist kein Verbrechen,
+denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar, alles
+ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und
+Leblose ist meinem Herzen n&auml;her ger&uuml;ckt, ich f&uuml;hle mich
+gr&ouml;&szlig;er, edler, geistiger, &mdash; o mein Omar, la&szlig; dir alles
+in einem Wort' entr&auml;thseln: <span class="wide">ich liebe!</span></p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Du liebst?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O du mochtest l&auml;cheln! Ach nein, es
+ist nicht das, nein, es ist nicht jenes Gef&uuml;hl, das unsre
+Dichter so oft beschreiben, &mdash; kein Mensch hat noch
+je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in seiner
+Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gef&uuml;hl
+der Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt,
+mich aus dieser Welt hinauszureissen; eine allm&auml;chtige
+Woge hat mich auf die hohe g&auml;he Spitze einer
+Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zur&uuml;ck
+und ich stehe schwindelnd &uuml;ber Wolken, von allen Menschen
+die einst waren und sind auf ewig abgerissen, die
+Unendlichkeit um mich her, &mdash; die Gottheit hat heut
+mein Leben von neuem ber&uuml;hrt und durch die leisesten
+T&ouml;ne hindurch zittert der allm&auml;chtige Sto&szlig;. &mdash; Wer
+w&uuml;rde nicht dies Verbrechen mit mir theilen und welcher
+Freund mir nicht verzeihen?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Dir verzeihen, da&szlig; du liebst? Ist Liebe
+nicht der Zweck alles Erschaffenen, das, was uns die
+&ouml;de Welt in einen Garten umwandelt?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du sprichst zu meiner Seele, wie ein
+Vater zu seinem kranken Kinde; ja, es ist die sch&ouml;nste
+Vollendung des Menschen, ich f&uuml;hl' es, Liebe ist die
+einzige Tugend; nimm mir alle, la&szlig; mir nur diese
+&uuml;brig und ich werde sie nicht vermissen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch
+deine Geliebte, &mdash; nenne mir ihren Namen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, du bist ein Gottesl&auml;sterer! &mdash; Setze
+das Paradies auf die eine und <span class="wide">Zulma</span> auf die
+andre Seite, und ich werde <span class="wide">Zulma</span> ohne Bedenken
+w&auml;hlen. &mdash; Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich
+nichts, als sie, &mdash; mir war's, als fiele ein l&auml;chelnder
+Blick ihres holden Angesichts auf mich herab, &mdash; o w&auml;r'
+es Wahrheit, ich wollte mein Leben gegen noch einen
+dieser Himmelsblicke tauschen!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Zulma? &mdash; <span class="wide">Ali's, des Sultan's
+Ali's Tochter?</span></p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah</span> schwieg, dann fuhr er langsamer fort:
+Ach Omar, warum hast du die freundliche Binde von
+meinen Augen genommen? Ich war so gl&uuml;cklich, als
+ich nicht daran dachte, warum g&ouml;nntest du mir nicht
+diesen lieblichen Betrug?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wo willst du Adlersfittige hernehmen, dich
+zu dieser Sonne empor zu schwingen?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O die Liebe, die Allm&auml;chtige wird sie
+mir reichen! &mdash; Der Verzagte verliert ewig, dem K&uuml;hnen
+geht das Gl&uuml;ck selbst entgegen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Du stehst vor einem Abgrund, der sich
+zwischen zwei Felsen rei&szlig;t, ein dichter Nebel liegt wie
+Land dazwischen und du trittst mit vertrauendem Fu&szlig; in
+die Luft, aber du wirst in die Tiefe st&uuml;rzen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ach Omar, ich habe dir mein Geheimni&szlig;
+entdeckt, kannst du nichts, als es tadeln, hast du keinen
+mitleidigen Trost, keinen Rath f&uuml;r mich?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und wenn ich ihn h&auml;tte?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O dann wollt' ich vor dir knien und
+dich meinen Erschaffer nennen. &mdash; Nur Hoffnung und
+ich bin nicht ganz elend!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Nicht elend? Wenn aber tausend Gefahren&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Die Unm&ouml;glichkeit soll unter das Joch
+den ehernen Nacken beugen, Gefahren will ich wie Blumen
+brechen und sie Zulma entgegentragen, ich will durch
+wilde Str&ouml;me schwimmen, &uuml;ber Abgr&uuml;nde springen, durch
+hundert Schauder unerschrocken gehen, mich durch Kl&uuml;fte
+dr&auml;ngen, durch die kein Leben wandelt, wenn sie nur am
+Ziel der schreckenvollen Wanderung steht. &mdash; O sprich!
+nur ein Strahl, der mir aus der Ferne leuchtet und ich
+will ihm mit Adlersflug entgegenfliegen!</p>
+
+<p>Abdallah! rief <span class="wide">Omar</span> aus, sein Gesicht war feierlich
+ernst, seine Augen durchschauten wild den J&uuml;ngling, &mdash; heut
+in der Nacht will ich dich wieder sprechen.
+Dann ging er und Abdallah sah' ihm staunend nach.</p>
+
+<p>Ungl&uuml;cklicher! rief er aus, &mdash; wo sind nun alle
+deine hohen, himmlischen Schw&auml;rmereien? Sie sind vor
+einem Worte wie Nebel niedergesunken, und eine kahle
+Felsenwand steht vor dir, wo erst ein goldner Duft im
+tausendfachen Schimmer spielte. &mdash; Welche Kette h&auml;ngt
+an dem Worte <span class="wide">Ali</span>, die mich so gewaltsam von Zulma
+zur&uuml;ckrei&szlig;t? Lieg' ich in den Staub gebunden und gl&auml;nzt
+sie ewig unerreichbar wie ein Sirius &uuml;ber mir? &mdash; Nein,
+ich will eine Leiter bis in den Himmel legen, ohne sie giebt
+es kein Gl&uuml;ck, kein Leben f&uuml;r mich, bei diesem Spiele
+kann ich nur gewinnen.</p>
+
+<p>Er schwieg und sein Blick senkte sich, als wenn ihn
+ein Gedanke pl&ouml;tzlich &uuml;berraschte.</p>
+
+<p>Nur gewinnen? fuhr er dann langsam und traurig
+fort. &mdash; Und mit deines Vaters Fluch, Elender, verlierst
+du nichts? &mdash; O eine schwarze Ahndung breitet
+sich &uuml;ber meine Seele aus. Mit diesem Tage nimmt
+vielleicht das Elend meines Lebens seinen Anfang, ich
+stehe hier vielleicht am Scheidewege, wo ich in einen
+dunkeln, unendlichen Wald hineingehe und die freie helle
+Flur auf immer verlasse. &mdash; Mein Vater selbst tritt
+mir in den Weg und h&auml;lt mich an, mein Vater liebt
+mich, um mich elend zu machen. &mdash; Alle meine Hoffnungen
+st&uuml;rzen von diesem Fels zur&uuml;ck und hinter mir
+stehn schwarze Klippen furchtbar aufgepackt, und versperren
+mir den R&uuml;ckweg. &mdash; Omar, leite deinen Freund
+aus dieser Irre!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er &uuml;berlie&szlig; sich seinen Gedanken, die bald den vorigen
+Schw&auml;rmereien weichen mu&szlig;ten, bald wieder kalt
+und verweisend ihre Stelle einnahmen. &mdash; So tr&auml;umte
+und dachte er bis zum Abend.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Achtes Kapitel.</h3>
+
+<p>Schwarz lag die Nacht auf dem Gefilde, als Omar
+und Abdallah die Stadt verlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Wolken gossen sich gedr&auml;ngt und d&uuml;ster von den
+Bergen herab, in hohen unendlichen Gebirgen aufgew&auml;lzt,
+wie eine dicke gew&ouml;lbte Mauer hing der schwarze
+Himmel mit seinen wankenden Riesenschatten &uuml;ber ihnen,
+kein Stern sah durch die H&uuml;lle, kein Strahl des Mondes
+zitterte durch die Wolkenwildni&szlig;: ein Regen rauschte
+in den nahen B&auml;umen, durch den fernen Wald wandelte
+der Sturm dumpf murrend, die W&auml;chter riefen
+aus der Stadt die Stunden der Nacht, die Natur
+schwieg mit feierlichem Ernst und ein heimliches Grauen
+stieg von den finstern Bergen. &mdash; Beide gingen schweigend
+und in tiefen Gedanken versunken. &mdash; Nach einer
+langen Stille begann <span class="wide">Omar:</span></p>
+
+<p>Sieh Abdallah, wie der hohe Himmel mit seinen
+unabsehbaren Finsternissen &uuml;ber uns schwebt, wir treten
+wie in eine unendliche W&uuml;ste hinaus. Wie f&uuml;rchterlich
+verlieren wir uns in diesem Wogensturm, der sich schwarz
+um uns her w&auml;lzt, &mdash; sieh, wie es durch einander wogt
+und flieht und sich zerrissen jagt! &mdash; Kaum ist ein ferner
+Schimmer des Mondes sichtbar, der unaufh&ouml;rlich
+mit der Finsterni&szlig; k&auml;mpft, der Regen f&auml;llt in schweren
+Tropfen auf die Flur und der Sturmwind heult durch
+den dichten Wald, wie ein verlornes Kind, das in der
+Irre winselt.</p>
+
+<p>Abdallah schlo&szlig; sich fester an den Arm seines Freundes, &mdash; Omar,
+sprach er mit beklemmter Stimme, &mdash; o
+diese Nacht ist das Bild eines ungl&uuml;cklichen Lebens!
+So schwebt der Elende am Finger der Allmacht in die
+Nacht des Jammers verlassen hinausgehalten, von keinem
+Lichtstrahl erquickt. &mdash; Horch! wie sich der Strom
+in wunderbaren T&ouml;nen an dem Ufer bricht! Wie verworren
+alles vor uns liegt, &mdash; Omar, diese Nacht ist
+f&uuml;rchterlich!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> F&uuml;rchterlich?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Noch nie hab' ich mich so einsam in
+der Natur gef&uuml;hlt, so einsam unter tausend Schaudern
+und fremden Gef&uuml;hlen, so losgesp&uuml;hlt wie ein Sandkorn
+und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies
+wunderbare Gef&uuml;hl der Einsamkeit, Omar, macht mich
+schaudern.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen
+Gedanken und Tr&auml;umen; so in der stillen Nacht umherzugehn,
+so den Flug der Wolken zu sehn, das einsame
+wimmernde Pl&auml;tschern des Ufers zu h&ouml;ren, &mdash; o
+dann ist mir, als stiege ich tief in eine Grube hinab,
+wo ich nur noch in einer weiten Ferne unvernehmlich
+ein loses Wehen dieser Welt verst&auml;nde, dann ist mir
+oft, als k&ouml;nnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder
+seiner Weltordnung stillschaffend wandeln h&ouml;ren, als
+k&ouml;nnte mein entk&ouml;rperter Blick durch das gro&szlig;e Geb&auml;ude
+dringen und die hohe Ordnung verstehn. &mdash; Ja, Abdallah,
+eine solche Nacht winkt der Schw&auml;rmerei, hier
+wohnen tausend k&uuml;hne Gedanken, die vor dem kalten
+ernsten Tageslicht zur&uuml;ckzittern, hier tritt unsre ungestammte
+Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns
+dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein
+verlachen; der Sp&ouml;tter sinkt nieder und ruft:
+Gnade! der Zweifler greift ge&auml;ngstigt nach seinen Zweifeln
+und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne
+Get&ouml;se der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen
+Naturgesetze, die Kleidung f&auml;llt von der Endlichkeit
+ab und er sieht mit anbetendem Schauder die unendlichen
+Kr&auml;fte durch einander weben und die R&auml;der im
+ewigen Schwung sich drehen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Sieh, wie hier verloren ein Gl&uuml;hwurm
+mit mattem Fluge summt und sich in das feuchte
+Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte
+Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe
+weinend betet und sie nicht ausl&ouml;schen will, um mit
+dem Strahl nicht auch das Bild eines Freundes zu verlieren. &mdash; Ach
+Omar, dieser kleine Wurm verliert sich
+so armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist
+ihm ein Wald, unser Auge mu&szlig; ihn &auml;ngstlich wiedersuchen, &mdash; und
+wie verlieren wir uns in diesem mittern&auml;chtlichen
+Gefilde, und diese unbegr&auml;nzte Flur wird
+auf der Erde kaum bemerkt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und wie versinkt diese Erde in der Unerme&szlig;lichkeit
+der <span class="wide">Welt?</span> &mdash; Abdallah, unser k&uuml;hnster
+Schwung f&auml;llt lahm von dem Gedanken zur&uuml;ck, &mdash; diese
+Welt, &mdash; o vielleicht, da&szlig; f&uuml;r Wesen jenseit unsrer
+Gedanken dieser Mond und diese Sterne nur Feuerw&uuml;rmer
+sind, die der Erde wie einem Grashalm einen
+gr&uuml;nen vor&uuml;berscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, &mdash; und
+die h&ouml;chsten Gedankenschw&uuml;nge dieser Wesen schlagen
+gewi&szlig; noch nicht an die Gr&auml;nze des Weltalls. Die
+Unendlichkeit wirbelt sich noch immer h&ouml;her und h&ouml;her,
+Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit
+und in jeder Hand h&auml;lt sie tausend Welten.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Der Gedanke st&uuml;rzt unter dieser Gewalt
+zusammen. Wo die Orionen und die Macht der
+Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin ich da
+und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht
+durch die schwachen Saiten der Laute w&auml;lzen, sie brechen
+unter seiner Last. Je eilender wir diesem Gedanken
+folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und
+um so lauter spottet ein h&ouml;hnendes Gel&auml;chter unsrer
+Schwachheit.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen,
+aber wir verstehen ihr Winken nicht.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Die Gottheit zieht an die gro&szlig;e Kette
+des Lebens und vom Elephanten bis zum Wurm, den
+unser Auge kaum bemerkt, zittern alle ihre Glieder, ein
+Faden, der alle diese Perlen sch&uuml;ttelt. &mdash; Du wirst
+Gew&uuml;rme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige
+Stunden leben, die sich freuen und ihr armseliges Geschlecht
+nicht untergehen lassen, &mdash; f&uuml;r uns sind sie
+nur Wesen eines Augenblicks, &mdash; auf uns l&auml;cheln vielleicht
+eben so mitleidig andre Geschaffene herab, denen
+unser Dasein nur ein Athemzug scheint; ihr Leben
+scheint h&ouml;hern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der
+erste Sonnenstrahl aufk&uuml;&szlig;t, und <span class="wide">diese</span> verwehen doch
+nur wie ein Staub in der Ewigkeit.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Das Leben ist nur eine Wasserblase,
+die sich aus der Fluth emportaucht und im Auftauchen
+zerspringt.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Darum sagte jener gro&szlig;e S&auml;nger: &raquo;Jahrtausende
+sind vor dir nur wie ein Augenblick.&laquo; &mdash; Und
+doch kriechen die nichtigen Gew&uuml;rme auf der Erde umher
+und nennen sich dem Ewigen &auml;hnlich, und br&uuml;sten
+sich mit Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten
+den, der nicht ihre Weisheit kennt, &mdash; o Abdallah,
+dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen zur Verzweiflung
+bringen k&ouml;nnte. &mdash; Eine alberne Mummerei,
+wo ein jeder nur darauf sinnt, seine Larve nicht L&uuml;gen
+zu strafen, &mdash; wenn wir sie nach Hause begleiten und die
+Larve abnehmen sehn &mdash; so sind sie nichts als Knochen
+und ver&auml;chtliche Verwesung. &mdash; Ha! sie wollen den
+Ewigen fassen und sind sich selber unbegreiflich, und
+brandmarken alles L&uuml;ge, und verlachen alles, was in
+ihren engen Sinn nicht geht.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Verachtung sei ihre Strafe!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ihr Verstand, eine Sammlung Staub,
+der wieder in Staub zerf&auml;llt, der nichts als Staub ist,
+in eine unkenntliche Form gemodelt, der aus W&uuml;rmern
+ward und wieder zu W&uuml;rmern wird, &mdash; o des Erbarmens!
+mit diesem verl&auml;ugnen sie den Finger, der seinen
+Namen in die Unendlichkeit hineinschreibt.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O sie sollten verehrend niederknien,
+blinde Anbetung des Ewigen sollte ihre Weisheit sein.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Die Welten sollen in ihrem Gehirn ihren
+Lauf vollenden und sie k&ouml;nnen die Lebenskraft der
+Schnecke nicht begreifen, ihre armselige Erfahrung stempeln
+sie Gesetze der Natur; da&szlig; die Sonne auf- und
+untergeht, hat ihrem dumpfen Sinn die Gewohnheit
+begreiflich gemacht, aber da&szlig; sie einst stille st&auml;nde, oder
+an den Gestirnen zertr&uuml;mmerte, &mdash; dagegen str&auml;ubt sich
+ihr Glaube und die Welt nennt sie <span class="wide">Weise.</span></p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Der bl&ouml;den Thoren!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wir stehn unter unendlichen R&auml;thseln,
+nur die Gewohnheit hat sie uns weniger fremd gemacht;
+vom Baum bis zum Grase, vom Elephanten bis zur
+M&uuml;cke, wer sind diese Fremdlinge, die an uns vor&uuml;ber
+gehn? O k&ouml;nnten wir an diese Wunder allm&auml;chtig
+schlagen und Antwort fordern; &mdash; aber es ist nur der
+Ton unsers Arms, der durch den Felsen dr&ouml;hnt, &mdash; sie
+ziehn vor&uuml;ber und bleiben stumm. &mdash; Wir selbst sind
+uns eben so unbegreiflich, als der Geist, der auf Mondstrahlen
+niederschwebend durch die Wolken flattert und
+W&auml;lder mit einem Hauch ausrottet.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O k&ouml;nnte der richtende Mensch von
+allen Wesen Rechenschaft fordern!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Empfandest du nie, Abdallah, da&szlig; wenn
+dein Verstand durch tausend Stufen auf der h&ouml;chsten
+schmalen Spitze schwindelnd taumelte, &mdash; da&szlig; er dann
+wieder zur thierischen Dumpfheit, zur Unbeh&uuml;lflichkeit
+des Steins herabst&uuml;rzte?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Oft Omar. Dann liegt die Menschheit
+am ver&auml;chtlichsten vor mir, wenn wir endlich gegen
+unsre Schw&auml;che k&auml;mpfend im Begriff sind ringend den
+Preis zu gewinnen, und ohnm&auml;chtig hinsinken, und
+nichts als verworrene Gef&uuml;hle davon tragen, dunkler
+und k&ouml;rperlicher als die unmittelbarsten, die todte Gegenst&auml;nde
+um uns unsern Sinnen reichen. &mdash; O es
+sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen
+der Schwalbe austauschen m&ouml;chte!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Auf dieser g&auml;hen Spitze gelingt es zuweilen
+dem Forscher, diesen fliegenden Augenblick zu fesseln.
+Dann weht es ihn wie mit reineren L&uuml;ften an,
+dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein
+Licht &uuml;ber die n&auml;chtliche Haide wandeln; dies ist der
+f&uuml;rchterliche Augenblick, wo der Verstand zwischen h&ouml;herer
+Weisheit und Wahnsinn ungewi&szlig; h&auml;ngt, ein Windsto&szlig;
+von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die
+eine oder auf die andre Seite. &mdash; Dem Weisen fallen
+dann der Wesen vorgehaltne Bilder nieder, er erkennt
+was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein
+Blick gr&auml;bt bis auf den Mittelpunkt der Erde. &mdash; Verstehst
+du mich, Abdallah?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich folge deinem Geiste.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Diesen ist dann die Binde von den Augen
+genommen, der Verblendete nennt sie Thoren, die
+Welt bewundert oder verachtet sie dumm, doch ihre
+Weisheit ist ihnen genug, der Gesunde bedarf keiner
+Kr&uuml;cken. Sie ergreifen die gro&szlig;en Z&uuml;gel der Natur
+und lenken sie nach ihrer Willk&uuml;hr, sie rufen Geister
+aus dem Abgrund, sie lassen die Jahreszeiten wandeln,
+das Meer sinken und anschwellen, sie fassen ein Glied
+von der gro&szlig;en Kette des Schicksals und lassen sie bis
+tief hinunter wanken. &mdash; Die Weisen der Welt sehn
+mit Verachtung auf sie herab und der Weisere klagt
+sie nicht ihrer Blindheit wegen an, er greift dreist an
+die Handhabe der Natur, er hat die verborgenen aber
+einfachen Gesetze gesehn und er ist Herr der Welt,
+durch Zuversicht hat er die Herrschaft gewonnen, nichts
+kann sie ihm entreissen; daher sagte ein weiser Prophet
+mit tiefem Sinn zu seinen Sch&uuml;lern: <span class="wide">Glaubet, und
+ihr werdet Berge versetzen!</span> und sie glaubten
+und die Natur gehorchte ihnen.</p>
+
+<p>Abdallah stand in tiefen Gedanken und Omar fragte
+ihn leise: Liebst du Zulma noch?</p>
+
+<p>Abdallah fuhr auf. &mdash; Zulma? &mdash; Du hast alles
+um mich her ausgel&ouml;scht, Omar, aber in tiefer Ferne
+winkt mir aus der dicken Nacht noch <span class="wide">ein</span> freundlicher
+Funke, &mdash; ja, Omar, ich liebe sie, ich werde sie ewig
+lieben. &mdash; Ich sto&szlig;e die Ver&auml;chtlichkeit der Welt auf
+die Seite, ich gehe unwissend ihren R&auml;thseln vor&uuml;ber,
+&mdash; diese Weisheit ist nicht f&uuml;r ein sterbliches Gehirn,
+&mdash; <span class="wide">meine</span> Weisheit sei <span class="wide">Genu&szlig;,</span> m&ouml;gen Wunder und
+Furchtbarkeiten um mich spielen, ich verh&uuml;lle mich an
+ihrem Busen und sehe sie nicht.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wenn dich aber nur dies Reich der Geister
+gl&uuml;cklich machen kann?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich gehe freudig jeden Weg, der mich
+zu dieser Krone f&uuml;hrt.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> F&uuml;hlst du dich stark genug f&uuml;r die furchtbare,
+zermalmende Vertraulichkeit?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O ich will zentnerschwere B&uuml;rden
+mit allen ihren haarstr&auml;ubenden Schaudern, mit allem
+kalten Grausen auf meinen R&uuml;cken nehmen, &mdash; denn
+Zulma steht vor mir und l&auml;chelt und sie dr&uuml;cken mich
+nicht.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar</span> ergriff schweigend die Hand des J&uuml;nglings. &mdash; Abdallah!
+rief er laut, Abdallah! so erfahre, was
+du nie erfahren solltest und la&szlig; es tief in deinem Innern
+widerhallen, Omar ist mehr als dein Freund, mir
+sind die Gesetze der Welt unterth&auml;nig!</p>
+
+<p>Abdallah fuhr zur&uuml;ck und ri&szlig; seine Hand aus der
+Hand Omars. &mdash; Wie? &mdash; Omar? &mdash; Ha! wie
+eine eiskalte Hand mich f&uuml;rchterlich von dir hinwegrei&szlig;t!
+Omar, dieser <span class="wide">bekannte</span> Omar mehr als Mensch? &mdash; Er
+tausend Stufen h&ouml;her als ich &mdash; und doch derselbe,
+mit dem der Knabe Abdallah spielte? &mdash; O f&uuml;rchterlich!
+f&uuml;rchterlich!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> So j&auml;mmerlich sinkst du unter diesem
+Grausen zusammen und sollst es nur bis zu deiner Zulma
+tragen?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, Omar, ich sinke nicht. &mdash; So
+sei denn mehr als Mensch, la&szlig; die m&auml;chtigen Riegel
+der Zukunft aufspringen, und die Welt sich unter deinen
+Spr&uuml;chen kr&uuml;mmen, la&szlig; alle deine Kraft meinen
+W&uuml;nschen nachfliegen und aus meinen Tr&auml;umen Wirklichkeit
+schaffen.</p>
+
+<p>Es sei, sprach <span class="wide">Omar</span> langsam und ernst. &mdash; Sie
+waren in ein kleines Felsenthal gekommen, in dem sich
+ein Wasserfall sch&auml;umend von einem H&uuml;gel go&szlig;. &mdash; Wo
+sind wir? rief Abdallah aus, &mdash; diese Gegend sah
+ich noch nie. &mdash; Omar schlug mit seinem Stab dreimal
+auf den Boden und ein dumpfes Dr&ouml;hnen und
+Pochen unter der Erde antwortete ihm. Man ruft
+dich, sprach <span class="wide">Omar</span> und zugleich ri&szlig; sich eine schwarze
+Kluft klingend in den Boden. &mdash; Omar fa&szlig;te die bebende
+kalte Hand Abdallah's. &mdash; Hier steige hinab und
+gehe im geraden Wege, so weit du gehen kannst, dort
+wird sich dir die Zukunft enth&uuml;llen.</p>
+
+<p>Abdallah setzte langsam den Fu&szlig; hinein und sahe
+seinen Lehrer zweifelhaft an; Eulen heulten ihm aus der
+Kluft entgegen, aus tiefer Ferne rief der W&auml;chter in
+der Stadt die Mitternachtstunde, &mdash; Omar lie&szlig; die
+Hand Abdallah's fahren und dieser taumelte hinab. &mdash; Die
+Erde verschlo&szlig; sich wieder.</p>
+
+<p>Die Wolken entflohen und der Mond und die Sterne
+sahen durch das blaue Gew&ouml;lbe, zuweilen noch rauschten
+die B&auml;ume und sch&uuml;ttelten rasselnd den Regen von
+den Bl&auml;ttern, Omar stand sinnend an eine Felsenwand
+gelehnt.</p>
+
+<p>Ein fernes Winseln zitterte unter der Erde, Omar
+schlug auf den Boden &mdash; und Abdallah trat bleich, mit
+verzerrten Z&uuml;gen und starren Augen wie ein Gespenst
+aus der Grube, seine Knie zitterten. &mdash; Er st&uuml;rzte w&uuml;thend
+nieder und betete mit einer Inbrunst, die der Raserei
+&auml;hnlich war.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Neuntes Kapitel.</h3>
+
+<p>Abdallah hatte geendigt und stand langsam auf. &mdash; Ha!
+rief er f&uuml;rchterlich, welch ein bleiches Feuer schl&auml;gt &uuml;ber
+mir zusammen und nagt an meinen Gebeinen? &mdash; Warum
+sieht das richtende Schicksal aus tausend gl&uuml;henden
+Augen so f&uuml;rchterlich auf mich herab?</p>
+
+<p>Abdallah, sprach Omar und ging ihm n&auml;her, Abdallah,
+der Mondschein umgiebt dich und die Sterne
+flimmern &uuml;ber dir.</p>
+
+<p>Der Mondschein? Die Sterne? O sie sind auf ewig
+untergegangen! &mdash; Sie werden mich nicht wieder gr&uuml;&szlig;en,
+&mdash; dann ging Abdallah zu Omar, und sagte zu
+ihm leise und langsam: Omar! bewahre mich vor
+Wahnsinn!</p>
+
+<p>Was hast du gesehen? fragte ihn <span class="wide">Omar.</span></p>
+
+<p>Abdallah stand in Gedanken und schwieg, bis sich
+das wilde Keuchen seiner Brust <ins title="Orignal hat sich">etwas</ins> bes&auml;nftigt
+hatte, dann sprach er:</p>
+
+<p>Ich stieg in die Kluft hinab wie ein Tr&auml;umender,
+der laute Donner der zusammenspringenden Felsen
+weckte mich aus meinem Taumel. &mdash; Ich tappte unendliche
+kalte, feuchte W&auml;nde hinab, eine f&uuml;rchterliche
+Stille ging vor mir her, ich h&ouml;rte in der entsetzlichsten
+Einsamkeit nichts als das Wehen meines Athems, der
+sich die Mauer hinabschleifte und das Dr&ouml;hnen meiner
+Tritte. &mdash; Meine Z&auml;hne klapperten vor kaltem Schauder,
+und ein Grausen setzte mir die H&auml;nde in den
+R&uuml;cken und trieb mich weiter. &mdash; Pl&ouml;tzlich kam es
+mir wie ein Heereszug entgegen, mit Trommeten und
+Paukenwirbeln, wie einem Sieger, der in seiner Heimath
+empfangen wird. &mdash; Donner w&auml;lzten sich durch
+die hallenden Gew&ouml;lbe, Waldstr&ouml;me st&uuml;rzten sich rauschend
+herab, und ein Hohngel&auml;chter borst mir von allen Seiten
+entgegen. O es war ein Gewirre, das jeden meiner
+Sinne bet&auml;ubte und zu neuen Schrecknissen wieder
+weckte. &mdash; Oft schwieg es und wie Fl&ouml;ten und Nachtigallenges&auml;nge
+fl&uuml;sterte es &uuml;ber mir und weckte h&auml;misch
+die Erinnerung meiner Kinderjahre in meinem innersten
+Herzen, &mdash; und pl&ouml;tzlich brachen dann wieder die
+Donner und Siegest&ouml;ne hervor, und das Hohngel&auml;chter
+schallte von neuem und jagte meine Seele zur Verzweiflung.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Itzt versank und erlosch alles wieder rund umher
+und die Einsamkeit und Stille streckten sich wieder vor
+mir aus, tausend Schrecken flogen um mich herum und
+sau&szlig;ten mit kaltem Fittig um mein Haupt. &mdash; Eine
+nasse Felsenwand stand vor mir, &mdash; ich tappe zur Seite &mdash; unerbittlich
+streckt sich mir ein Fels entgegen, &mdash; ich
+st&uuml;rze r&uuml;ckw&auml;rts, &mdash; auch dort der Weg durch eine
+Klippe verriegelt.</p>
+
+<p>Ich warf mich nieder, ich zerfleischte mein Gesicht,
+mein Gebr&uuml;ll sprang f&uuml;rchterlich von den Felsen zur&uuml;ck,
+ich verfluchte mich und dich und betete von neuem in
+noch gr&auml;&szlig;lichern Verw&uuml;nschungen. &mdash; Pl&ouml;tzlich wehte
+es wie ein Wind &uuml;ber mir hin, es fl&uuml;sterte und zischte
+und aus dem Felsen leuchteten sanfte Schimmer. &mdash; In
+mannichfaltigen Verschr&auml;nkungen webten und flutheten
+sie in tausend Farben zusammen, die Strahlen
+schossen hin und her und leckten die Felsenmauer und
+rollten sich dann in eine gro&szlig;e Flamme. Aus der Flamme
+streckte sich langsam ein wei&szlig;gebleichtes Todtengebein
+hervor und steckte kalt und klappernd an meinen Finger
+einen Ring, dann ging die Hand wieder in den Schein
+zur&uuml;ck. &mdash; Itzt fuhr das Feuer w&uuml;thend auf und ab
+und ein heller Sonnenschein sprang pl&ouml;tzlich aufrecht
+und stie&szlig; mit dem Haupte an die Felsendecke, und itzt
+sah' ich &mdash; o w&auml;ren meine Augen ewig verblindet! &mdash; H&auml;tte
+vor dieser Stunde mich der Todesengel mit seinem
+Schwert geschlagen, &mdash; ich sahe, &mdash; o verflucht,
+dreimal verflucht sei die Stunde meiner Geburt! &mdash; den
+Leichnam meines Vaters, f&uuml;rchterlich geschwollen
+und mit entstellten Z&uuml;gen und die scheu&szlig;liche Hand reckte
+sich noch einmal hervor und zeigte auf ihn hin.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Schein versank, die Felsen sprangen krachend
+auseinander und das schauderhafte Get&ouml;n k&ouml;mmt mir
+wieder schneidend entgegen, wie ein Heer von b&ouml;sen Engeln,
+die in gr&auml;&szlig;licher w&uuml;thender Schadenfreude mit den
+H&ouml;llenpauken die Verdammten begr&uuml;&szlig;en, &mdash; das Hohngel&auml;chter
+trat mir wieder frech entgegen, ach! und hinter
+mir schleppte sich das f&uuml;rchterliche Bild meines gemordeten
+Vaters, als wenn es die Hand ausstreckte, mich festzuhalten, &mdash; ich
+flohe mit kalten Schwei&szlig;tropfen auf der Stirn, bis
+mir endlich das verworrene Get&ouml;se nur wie aus tiefer ungewisser
+Ferne nacht&ouml;nte. &mdash; Ich ging durch hundert Gew&ouml;lbe,
+ich dr&auml;ngte mich durch unendliche Kl&uuml;fte, wand
+mich durch tausend Felsenspalten kalt und ohne Leben hindurch, &mdash; und
+immer weiter dehnte sich mein Weg, ich
+schrie um H&uuml;lfe, mein Geschrei erklang durch hundert
+gewundene &Ouml;ffnungen und verhallte wie der Wind in
+der Ferne, &mdash; ich st&uuml;rzte durch neue Felsengem&auml;cher und
+alle meine Klagen kamen ohne Trost zu mir zur&uuml;ck. &mdash; Schon
+verlie&szlig;en mich meine Kr&auml;fte, schon wollt' ich mich
+verzweifelnd niederwerfen und lebendig eingegraben ein
+Dasein enden, das mir nur Qualen verhie&szlig;, &mdash; als ein
+m&auml;chtiger Donner die Erde &uuml;ber mir auseinander ri&szlig;. &mdash; Dem
+gr&auml;&szlig;lichsten aller Tode entronnen st&uuml;rzte ich der
+Rettung und dem Lichte entgegen und dankte.</p>
+
+<p>Abdallah schwieg und ein neuer Schauder ergriff ihn. &mdash; Omar!
+Omar! schrie er pl&ouml;tzlich auf. &mdash; Sieh! sieh!
+da liegt das bleiche, f&uuml;rchterlich verzerrte Bild und sieht
+mich mit den todten Augen an, &mdash; o warum hast du es
+nicht in die Kluft zur&uuml;ckgeschleudert, und sie dann auf
+ewig, auf ewig verschlossen!</p>
+
+<p>Omar antwortete nicht und sah ihn wehm&uuml;thig an. &mdash; Abdallah
+stand lange und starrte auf einen Punkt,
+dann fragte er ohne sich umzusehen: &mdash; Nur meines
+Vaters Tod kann mich gl&uuml;cklich machen?</p>
+
+<p>Das Schicksal hat es ausgesprochen, das f&uuml;rchterliche
+Wort, antwortete <span class="wide">Omar.</span></p>
+
+<p>Beide gingen langsam und schweigend zur Stadt zur&uuml;ck.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Zehntes Kapitel.</h3>
+
+<p>Abdallah erwachte nur erst sp&auml;t, f&uuml;rchterliche Tr&auml;ume
+hatten ihn gequ&auml;lt und seine Kr&auml;fte ersch&ouml;pft, er fuhr
+schreiend aus dem Schlafe auf und seine Augen suchten
+Omar, aber vergeblich, denn dieser hatte schon fr&uuml;h sein
+Gemach verlassen.</p>
+
+<p>Er stand auf und br&uuml;tete mit finstrer Seele &uuml;ber sein
+Ungl&uuml;ck, er suchte umsonst nach tr&ouml;stenden Gedanken. &mdash; Wenn
+er an Zulma dachte, so stellte sich ihm der Fluch seines
+Vaters und das gr&auml;&szlig;liche unterirdische Bild entgegen, der
+<span class="wide">Freund</span> Omar war ihm entrissen und daf&uuml;r ein fremdartiges
+&uuml;bermenschliches Wesen untergeschoben, in sich
+selber konnte er nicht zur&uuml;ckfliehn, denn aus seinem Innern
+heulten ihm tausend Ungeheuer entgegen, eine trostlose
+Lehre hatte ihm die Vorsehung und Tugend genommen
+und dunkle Zauberd&auml;monen grinzten ihn in seiner schwarzen
+W&uuml;ste an; alles, was ihm je theuer gewesen, war ihm
+gestohlen, seine Begeisterung, die einst f&uuml;r das Gro&szlig;e und
+Edle so rein gebrannt hatte, war von schwarzen D&auml;mpfen
+erstickt, in denen Schreckengebilde auf- und niedertanzten.
+F&uuml;r eine Freundesseele, der er sich h&auml;tte aufschlie&szlig;en k&ouml;nnen,
+h&auml;tte er die H&auml;lfte seines Lebens dahingegeben; hundertmal
+stieg der Gedanke in ihm auf, seinen Jammer
+in den Busen seines Vaters zu sch&uuml;tten und seinem hohen
+eingebildeten Gl&uuml;ck zu entsagen, in einer beschr&auml;nkten
+Zufriedenheit zu leben, und seine goldnen Tr&auml;ume zu verabschieden,
+aber dann f&uuml;hlte er wieder lebhaft, da&szlig; er die
+Ketten, die Omar und Zulma ihm angelegt hatten, nie
+wieder von sich absch&uuml;tteln k&ouml;nnte, sein Elend hatte ihn
+so fest verstrickt, da&szlig; seine Lebenszeit zu kurz schien, die
+verwickelten F&auml;den auseinander zu l&ouml;sen. Der Strudel
+hatte ihn ergriffen, er konnte nicht r&uuml;ckw&auml;rts, sondern
+mu&szlig;te sich den Wogen &uuml;berlassen, die ihn d&uuml;rren Felsenmauern
+vor&uuml;berw&auml;lzten, Zulma war die einzige Blume,
+die in der starren Wildni&szlig; ihn mit ihren lieblichen Farben
+erquickte.</p>
+
+<p>&raquo;O ich sehe den grausen Finger, sprach er, der mich
+in das Thal des Jammers ernst hineinwinkt, unerbittlich
+jagt das Verh&auml;ngni&szlig; hinter mir her, nur das todte Opfer
+kann es vers&ouml;hnen, der Abgrund g&auml;hnt bereitwillig unter
+mir und hinter mir steht das Schicksal und l&auml;&szlig;t mich nicht
+entrinnen, ich str&auml;ube mich vergebens, mein Wille ist zu
+schwach, ich <span class="wide">mu&szlig;</span> hinunter. In der Sterblichkeit ist
+keine Rettung und Gott &mdash; o dieser Grundstein ist versunken,
+alles ist eingest&uuml;rzt und die w&uuml;sten Tr&uuml;mmern
+rufen mir wehm&uuml;thig zu: <span class="wide">es war!</span>&laquo;</p>
+
+<p>Erst mit der D&auml;mmerung kam <span class="wide">Omar</span> zur&uuml;ck. Er
+fand Abdallah in Gedanken versunken und den Ring betrachtend,
+den er in der Nacht aus der unterirdischen
+Grube gebracht hatte. Omar setzte sich neben ihn und
+Abdallah sah ihn mit starren Augen aufmerksam an und
+sagte: Omar, &mdash; ja ich erkenne noch jene Z&uuml;ge, die einst
+meinem Freunde zugeh&ouml;rten. &mdash; Er konnte sich nicht
+l&auml;nger zur&uuml;ckhalten, er fiel ihm lautweinend in die Arme,
+&mdash; ja Omar, rief er aus, &mdash; es war eine sch&ouml;ne Zeit!</p>
+
+<p>Omar umarmte ihn feurig; Abdallah, sagte er, du
+sprichst von ihr, als w&auml;re sie nicht mehr. Ich war und
+bin dein Freund, wandre durch das weite Asien und
+du wirst vergeblich ein Wesen suchen, das dich inniger
+liebte als ich.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah machte sich aus seinen Armen los. O
+gieb mir zur&uuml;ck, Omar, was du mir genommen hast,
+sagte er mit klagender Stimme, als ich mit kindlichem,
+leichtem Herzen noch durch das Leben ging. Mit frohen
+Ahndungen ging ich der verschlo&szlig;nen Welt vor&uuml;ber,
+du hast sie mir aufgethan und ver&auml;chtlich liegt die h&auml;usliche
+Armseligkeit der innern Natur vor mir. Die
+Br&uuml;cke ist hinter mir eingest&uuml;rzt, ich kann nicht wieder
+r&uuml;ckw&auml;rts. Mit sicherm Fu&szlig;e stand ich einst auf diesem
+Ufer, der Triebsand schie&szlig;t unter mir zusammen und
+versenkt mich in den Abgrund.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Deines Omars Liebe wirft dir einen Balken
+zu, ergreife ihn und rette dich.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Als ich noch auf deinen Knien ruhte,
+mit deinem Barte spielte, und mich in deinen Augen
+l&auml;chelnd sah, &mdash; o wie gl&uuml;cklich war ich damals! Rufe
+jene Jahre zur&uuml;ck, Omar, und ich gebe dir freudig alles
+wieder, was ich von dir empfangen habe. Gieb mir die
+Liebe zur&uuml;ck, mit der ich dich damals liebte, da geh&ouml;rtest
+du mir, ich dir. &mdash; Omar, ich liebe dich noch,
+aber ein geheimes Grausen h&auml;lt Wache um dich her
+und l&auml;&szlig;t meine Liebe nicht in das Innerste deines Herzens
+dringen. &mdash; Du stehst mir verloren in den Wolken
+und ich seufze zu dir hinauf, der Mensch kann nur
+den Menschen lieben, dem Gotte geb&uuml;hrt Anbetung.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Das soll nicht sein, Abdallah. Ich bin
+derselbe Freund, der ich war, bleibe auch du derselbe.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich? &mdash; O von <span class="wide">dem</span> Abdallah ist
+nichts mehr als der Name da, alles &uuml;brige geh&ouml;rt den
+b&ouml;sen Geistern.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ermanne dich Abdallah, und vergi&szlig; die
+Begebenheiten dieser Nacht.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Vergessen? &mdash; Er zeigte auf den magischen
+Ring, &mdash; o sieh den ernsten unerm&uuml;dlichen Mahner,
+nein, ich werde sie nicht vergessen.</p>
+
+<p>Er betrachtete den schwarzen Ring, auf dem wunderbare
+magische Charaktere eingegraben waren. &mdash; Sieh,
+Omar! rief er aus, &mdash; hier steht in unverst&auml;ndlichen
+Zeichen mein Ungl&uuml;ck geschrieben, dies ist der Pfandbrief
+meines Elends, meines Vaters gr&auml;&szlig;liches Todesurtheil,
+der schwarze Gr&auml;nzstein meines Lebens; &mdash; wie
+eine Blutschuld h&auml;ngt dieser Ring an meinem Finger.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Nimm Abschied von mir, Abdallah, denn
+ich werde dich heut noch verlassen. &mdash; Du f&auml;hrst zur&uuml;ck?
+Nicht auf lange, nur auf wenige Tage. &mdash; Nur
+h&ouml;re meine Bitte: liebe mich stets, la&szlig; keine Verl&auml;umder
+sich zwischen unsre Freundschaft dr&auml;ngen, ich bin
+dein auf ewig, dein Gl&uuml;ck ist der Endzweck meines Lebens.
+La&szlig; keinen Wurm der L&auml;sterung sich auf die
+Blume unsrer Liebe setzen und sie vergiften. &mdash; Versprichst
+du mir das?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ja. &mdash; Aber warum reisest du? &mdash; Und
+warum gerade itzt?</p>
+
+<p>Davon ein andermal, sagte <span class="wide">Omar</span>, und umarmte
+ihn. Abdallah hielt ihn &auml;ngstlich fest umschlossen, er
+dr&uuml;ckte ihn lange an seine Brust. &mdash; Mir ist, Omar,
+seufzte er, als w&uuml;rdest du mich lange nicht wiedersehn,
+oder noch ungl&uuml;cklicher als itzt!</p>
+
+<p>Bald und gl&uuml;cklich, sagte Omar und machte sich
+aus Abdallahs Umarmung los, &mdash; vergi&szlig; nicht meine
+Bitte. Auch abwesend will ich dich nicht verlassen,
+mein Schutz soll eine R&uuml;stung um dich legen. Verfolgen
+dich Gefahren, so nenne meinen Namen, drehe
+diesen Ring und du bist gerettet.</p>
+
+<p>Bei <span class="wide">diesem</span> Ringe soll ich an meinen Omar denken?
+fragte Abdallah mit schwerem Schmerz. Omar
+sah ihn mit einem ungewissen Blick an und wollte gehen,
+er kehrte wieder zur&uuml;ck. &mdash; Noch, sagte er, habe
+ich dir eine Botschaft zu bringen, die dein Herz bis
+oben an mit Freuden erf&uuml;llen und jeden Kummer ertr&auml;nken
+mu&szlig;, oder meine Freundschaft hat vergebens
+gehandelt. H&ouml;re!</p>
+
+<p>Abdallah erwartete ungeduldig die Nachricht.</p>
+
+<p>Zulma liebt dich! rief Omar.</p>
+
+<p>Zulma? und zugleich sprang Abdallah heftig auf, &mdash; o
+dann bin ich mit mir selber wieder ausges&ouml;hnt! &mdash; Zulma? &mdash; Unendliche
+Wonne k&ouml;mmt mir in diesem
+Ton entgegen! &mdash; Zulma? &mdash; Nicht m&ouml;glich! &mdash; So
+pl&ouml;tzlich kann die feindselige Wirklichkeit nicht auf
+die andre Seite springen! &mdash; O Himmel! wie ver&auml;chtlich
+liegen dann alle meine Klagen vor mir! &mdash; Sie liebt
+mich? &mdash; O nun &mdash; nun mag das Ungl&uuml;ck gedr&auml;ngt
+um mich wimmeln &mdash; vor diesem Worte flieht alles
+r&uuml;ckw&auml;rts. &mdash; Omar, dieser Talisman sch&uuml;tzt mehr als
+der deinige, nun bin ich dir wieder gleich, denn nun
+bin ich mehr als ein Mensch! &mdash; <span class="wide">Dein Freund
+und Zulma's Geliebter!</span> O wo ist der Sterbliche,
+der mit mir um den Rang nach der Gottheit
+stritte? &mdash; Aber nicht m&ouml;glich! &mdash; Wie kann &mdash; o du
+willst mich t&auml;uschen, Omar, um mich wieder l&auml;cheln zu
+sehn, du grausam z&auml;rtlicher! In eben so vielen Worten
+wird noch tausendfacher Elend liegen, als diese Seligkeit
+enthielten. &mdash; Omar, sprich, schweige nicht, &mdash; in
+einem Worte Seligkeit oder Verdammni&szlig;, &mdash; o auf
+Jammer bin ich nun ja schon gefa&szlig;t, sprich es aus:
+sie liebt mich nicht!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Nein, beim Schicksal! sie liebt dich, &mdash; la&szlig;
+mich sprechen. Ich sahe in die schwarze Tiefe
+deines Ungl&uuml;cks und suchte einen goldnen Sonnenstrahl
+in die Todtengruft hinabzuleiten. Schnell mu&szlig;te die
+Rettung sein, oder du warst verloren. &mdash; Ich eilte zu
+Zulma, (wie ich die hundert Schwierigkeiten &uuml;berwand,
+das sei dir itzt gleichg&uuml;ltig) ich sprach von dir, sie kannte
+dich, sie hat dich schon seit lange bemerkt, ohne von dir
+bemerkt zu werden, ich schilderte deine Liebe, sie ward
+ger&uuml;hrt. &mdash; Ja! rief sie aus, ich will ihn erhalten!
+Gehe mit dem Gest&auml;ndni&szlig; zu ihm zur&uuml;ck, da&szlig; ich keinen
+als Abdallah liebe.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Keinen als Abdallah? &mdash; O <span class="wide">nun</span>
+erst ist mir dieser Name theuer, von itzt an will ich
+stolz werden, Abdallah zu sein. &mdash; O Omar, w&auml;re diese
+Empfindung nicht so &uuml;bermenschlich, sie w&uuml;rde mich ungl&uuml;cklich
+machen, denn nun bleibt mir ja nichts zu
+w&uuml;nschen &uuml;brig.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Auch nicht sie zu sehen, sie zu sprechen?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Zu sehn? Zu sprechen? Zeige nur
+die M&ouml;glichkeit, und ich mu&szlig;, ich mu&szlig; sie sehen!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Abdallah, la&szlig; nur die Vorsicht neben deiner
+Liebe gehn und die trunkene durch die Gefahren
+sicher geleiten. &mdash; Sie selbst hat mir die M&ouml;glichkeit
+gegeben. &mdash; Dort, jenseit des Flusses siehst du die
+Mauer, die sich um den Garten des Sultans zieht,
+eine alte Cipresse steht dort am Ufer, nach jener Stelle
+fahre in der Nacht, in <span class="wide">dieser</span> Nacht, du wirst Gesang
+und die T&ouml;ne einer Guitarre h&ouml;ren, antworte mit deiner
+Laute und &uuml;bersteige dort die Mauer des Gartens &mdash; und
+du findest Zulma allein, nur von einer vertrauten
+Sklavin begleitet.</p>
+
+<p>Abdallah umarmte Omar heftig, er schluchzte vor
+Wonne, und Thr&auml;nen erstickten seine Worte. &mdash; Fort!
+rief er, ich kann nicht danken!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten
+Abdallah noch einmal an die Vorsicht zu erinnern,
+die bei seiner Liebe so unentbehrlich war. &mdash; Dann
+ging dieser allein mit gro&szlig;en Schritten auf und
+ab, er k&uuml;&szlig;te seine Laute und schlug mit brennendem
+Entz&uuml;cken in ihre Saiten. Er sahe nach dem Abend,
+ob er nicht bald heraufd&auml;mmern wollte und der Nacht
+die Z&uuml;gel der Welt &uuml;bergeben, er h&auml;tte ungeduldig den
+z&ouml;gernden Himmel herumrollen m&ouml;gen und die schwarze
+Seite mit dem Mond und ihren Sternen heraufrei&szlig;en.
+Dann sah er wieder nach der Mauer hin&uuml;ber, die ihm
+aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich, wie
+oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hin&uuml;bergeschaut,
+und wie sie itzt sein Gl&uuml;ck und alle seine
+W&uuml;nsche umfasse. Aus allen seinen Tr&auml;umen herausgerissen
+tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm
+her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und
+hinter ihm untergegangen, diese Nacht war die einzige
+Heimath seiner Tr&auml;ume, W&uuml;nsche und Gedanken.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim</span> und <span class="wide">Abubeker</span> hatten inde&szlig; schon mehrmals
+ihre Freunde versammelt, der Strom war hoch gegen
+seinen Damm angeschwollen und erwartete noch die
+letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und &uuml;ber die Flur
+seinen verderblichen Grimm auszugie&szlig;en.</p>
+
+<p>Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten
+und bewaffnet, jede Art der R&uuml;stungen in unterirdischen
+Gew&ouml;lben verwahrt, heimliche Zeichen unter
+den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide
+verbanden. Ein m&auml;chtiges Feuer loderte in allen Herzen
+und brannte zur Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt
+den geheimen Bund mit unzerbrechlichen Fesseln zusammen. &mdash; <span class="wide">Omar</span>
+trat itzt zum letztenmal in ihre Versammlung,
+dann nahm er Abschied und trat seine
+Reise an.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><span class="wide">Zweites Buch.</span></h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Erstes Kapitel.</h3>
+
+<p>Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken &uuml;ber die
+Spitze eines fernen Berges her&uuml;ber und jagte einen
+freundlichen Schein &uuml;ber den Strom; <span class="wide">Abdallah</span> bestieg
+einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer
+Zeit auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal
+den Kahn losgebunden und wieder befestigt, die Wellen
+schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen, die Winde
+ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen,
+es war fast Mitternacht, der Dampf der
+Nacht stieg in leichten Streifen dem Himmel und seinen
+Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum go&szlig;
+sich itzt der erste goldene Schimmer des s&uuml;&szlig;en zauberischen
+Lichtes &uuml;ber den Flu&szlig; aus, so sprang Abdallah
+rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder und fuhr
+in den glatten Strom hinein. &mdash; Er schwamm wie in
+einem Meere von Wonne, leicht von spielenden Wellen
+getragen, von kleinen lauen Abendwinden geneckt,
+die um ihn s&auml;uselten. Der Flu&szlig; schien ein Becher voll
+goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die
+Wellen durcheinander und h&uuml;pften hin und her, wimmelten
+funkelnd um den Nachen herum und schienen
+ihn zu k&uuml;ssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Flu&szlig;
+und kleine schie&szlig;ende Goldwellen jagten ihrem silbernen
+Saume nach, die gestirnte W&ouml;lbung lag im Wasser
+ausgebreitet und wogte sanft auf und nieder. Dem
+Liebenden t&ouml;nte das Pl&auml;tschern des Ruders und das
+Rauschen des Kahns wie Fl&ouml;tengesang in die s&uuml;&szlig;e
+Wellenmelodie.</p>
+
+<p>Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf,
+das s&auml;uselnd seine gr&uuml;nen Schwerter im Mondstrahle
+blitzen lie&szlig; und unaufh&ouml;rlich gegen Abendfliegen k&auml;mpfte,
+die summend am Ufer des Stromes schw&auml;rmten. &mdash; Die
+alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und
+streckte dem J&uuml;ngling ihre Zweige wie Arme entgegen,
+er ging in ihren Schatten und harrte mit klopfendem
+Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute
+Zulma's losrei&szlig;en w&uuml;rde, mit &auml;ngstlicher Furcht erwartete
+er diesen sch&ouml;nen Augenblick; die h&ouml;chste Sehnsucht
+erschrickt vor dem langerhofften Gegenstand. &mdash; Der
+Schall eines Fu&szlig;trittes kam l&auml;ngst dem Flu&szlig; herab, er
+schlo&szlig; sich dichter an den Baum; der Schall kam n&auml;her
+und Abdallah erkannte das Gesicht <span class="wide">Raschids,</span> der
+traurig und gedankenvoll vor&uuml;berging, ohne ihn zu
+bemerken. &mdash; Denkend und tr&auml;umend, hoffend und
+f&uuml;rchtend stand er an den schattigen Stamm des traulichen
+Baumes gelehnt und l&auml;chelte seine Tr&auml;ume an,
+alles fl&uuml;sterte so heimlich und liebevoll um ihn her, ein
+stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers
+und beschenkte die blauen Kinder des Fr&uuml;hlings mit
+hellen kristallenen Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig
+auf ihren schwimmenden gr&uuml;nen Bl&auml;ttern in dem
+Strom umher, bl&auml;uliche Wasserschmetterlinge haschten
+sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall
+schallte aus Zulma's Garten her und verhallte in immer
+leiseren Accenten und schwoll dann wieder woll&uuml;stig
+in hohe silberne T&ouml;ne hinein, die weithin durch das
+Laub der B&auml;ume zitterten. &mdash; Itzt &mdash; ein freudiger
+Schauder fiel m&auml;chtig auf Abdallah herab und zuckte
+pochend bis in die kleinsten Adern, &mdash; itzt erklang eine
+leise Guitarre &uuml;ber die Mauer des Gartens und sang:</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem">
+<tr><td align="left"><span class="ind4">Mondschein winke,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind4">Welle locke</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind4">Den Geliebten</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind4">In die Fluth. &nbsp;&mdash;</span></td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Und der Mond winkt,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Und die Welle lockt, &mdash;</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">K&ouml;mmt der Geliebte</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Durch die goldnen Fluthen?</span></td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;</td></tr>
+<tr><td align="left">Sprich aus deiner hohen Palme,</td></tr>
+<tr><td align="left">Holde S&auml;ngerin der Nacht:</td></tr>
+<tr><td align="left">K&ouml;mmt er durch Wellengelispel?</td></tr>
+<tr><td align="left">Naht er durch der spielenden Wogen Melodie?</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Steht er silbern unter goldnen Schimmern,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Die in lichten Kreisen um ihn zucken,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Um die Locken eine Strahlenkrone weben?</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Sprich ihm mit traulichem Geschw&auml;tz entgegen:</span></td></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind4">Wie ich harre,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind4">Auf ihn hoffe,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind4">Und die holde Nacht</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind4">Neben mir schlummert. &mdash;</span></td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im
+Gest&auml;ndni&szlig; der Liebenden. Abdallah horchte noch und
+die ganze Natur schwieg, als horche sie mit ihm auf
+neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der
+Himmel umarmend um die Erde. &mdash; Mit zitternder
+Hand ergriff Abdallah die Laute und sang:</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem">
+<tr><td align="left"><span class="ind1">Sonne der Nacht!</span></td></tr>
+<tr><td align="left">Himmel meiner Seele!</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind1">Reizgeschm&uuml;ckte,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind1">Sch&ouml;nheitgekr&ouml;nte,</span></td></tr>
+<tr><td align="left">Ich nahe deiner Gottheit!</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Er hing die Laute auf die Schulter und nahte sich
+der Mauer. &mdash; Selbst die leblose Natur schien ihn zu
+beg&uuml;nstigen, die Zeit hatte aus der Mauer viele Steine
+herausgenommen und so Stufen gebaut, auf denen er
+leicht bis auf die oberste Decke der Wand stieg. Mit
+einem k&uuml;hnen Sprunge stand er dann in dem Garten.</p>
+
+<p>Verworren standen hier tausend Lieblichkeiten durcheinander,
+B&auml;ume schienen in B&auml;ume verschlungen. Die
+Winde w&uuml;hlten in tausend Wohlger&uuml;chen und jagten
+und verlie&szlig;en sie wieder, und die Blumen sch&uuml;ttelten
+zutraulich ihr Haupt gegeneinander. &mdash; Abdallah eilt
+mit gro&szlig;em Schritt durch den Garten, er hat vergessen
+wo und wer er ist, er fliegt zu einer bl&uuml;henden dunkeln
+Laube von Jasmin, erkennt die reizende Zulma,
+in einer sch&ouml;nen Stellung auf einen Rasensitz hingegossen
+und st&uuml;rzt in namenlosen Entz&uuml;ckungen ohne
+Sprache, ohne Besinnung vor ihr nieder.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Zulma beugte sich sch&uuml;chtern &uuml;ber ihn. &mdash; Abdallah!
+fl&uuml;sterte sie leise, &mdash; Abdallah!</p>
+
+<p>Abdallah hob langsam sein Haupt auf und legte es
+zitternd auf ihr Knie.</p>
+
+<p>Steh auf, Abdallah, sprach sie, und setze dich hieher.</p>
+
+<p>Er gehorchte. &mdash; Und es ist wahr, rief <span class="wide">Abdallah,</span>
+was mir noch der k&uuml;hnste Traum nicht gegeben hat?
+Es ist wahr, Zulma? &mdash; O ich darf <span class="wide">dich</span> ja nicht
+fragen, denn die Traumgestalt wird von meinen W&uuml;nschen
+bestochen sein.</p>
+
+<p>Zulma fa&szlig;te seine Hand. &mdash; Es ist kein Traum,
+Abdallah, nein, so sch&ouml;n sind Tr&auml;ume nicht.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, nein Zulma, denn wenn sie
+es ja sind, so mu&szlig; uns das hohe Entz&uuml;cken aus dem
+Schlafe reissen, &mdash; dies ist mein Trost, ja es mu&szlig;
+Wahrheit sein.</p>
+
+<p>Sie hielten sich beide schweigend Hand in Hand. &mdash; Bl&auml;tter
+s&auml;uselten, die Bl&uuml;then dufteten, der Mondschein
+schlummerte s&uuml;&szlig; auf dem gr&uuml;nen Rasen, durch
+die Guitarre Zulma's klang ein leiser Hauch.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O Zulma, wie hab' ich diesem Augenblick
+entgegengesehn! &mdash; Was hatt' ich dir zu sagen, &mdash; und
+nun, &mdash; meine Zunge ist stumm, kaum bin ich
+mich meiner selbst bewu&szlig;t.</p>
+
+<p><span class="wide">Zulma.</span> Wo findet die Liebe Worte? &mdash; o Abdallah,
+wie gl&uuml;cklich machst du mich, &mdash; wie haben
+dich seit drei Monden meine Augen nun so oft vergebens
+gesucht, als ich dich an jenem Feste unter meinem
+Fenster erblickte, tausend heimliche Seufzer sind dir
+nachgeflogen, &mdash; und nun sind alle meine W&uuml;nsche
+erf&uuml;llt!</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O wie werd' ich mich von der Quaal
+dieser Wonne wieder erholen k&ouml;nnen? Wie wird mir
+nun die Welt dort draussen leer und &ouml;de sein! &mdash; O
+Zulma, k&ouml;nnt' ich hier, hier zu deinen F&uuml;&szlig;en sterben,
+da&szlig; mein Geist aus einem Paradiese in das andre
+schl&uuml;pfte!</p>
+
+<p>Er warf sich nieder und bedeckte die H&auml;nde Zulma's
+mit K&uuml;ssen. &mdash; Zulma beugte sich z&auml;rtlich auf ihn herab,
+eine Thr&auml;ne, halb von Freude, halb von Wehmuth
+gl&auml;nzend, trat in ihr schwarzes Auge. &raquo;Liebst du mich
+wirklich, Abdallah?&laquo; fragte sie mit der r&uuml;hrendsten
+Unschuld.</p>
+
+<p>O la&szlig; mich schw&ouml;ren! rief der trunkene <span class="wide">Abdallah</span>
+aus, bei dem Hauch der Liebe, der durch den Garten
+wandelt, bei der Liebe, die aus dem Himmel mit tausend
+goldenen Augen auf uns herabsieht, &mdash;</p>
+
+<p>Zulma ergriff seine Hand. &mdash; L&uuml;gner, sagte sie leise,
+und dieser Ring, &mdash; sie hielt ihm den Zaubertalisman
+an der linken Hand entgegen.</p>
+
+<p>Ein dumpfe Bangigkeit zog durch Abdallah's Brust,
+es war ihm, als w&uuml;rden furchtbare Gestalten aus den
+rauschenden Geb&uuml;schen hervortreten; er verschlo&szlig; die
+Augen und verbarg sein Haupt an Zulma's Busen.</p>
+
+<p>Nein, sagte er bet&auml;ubt, dies ist ein Geschenk der
+Freundschaft, ein heiliges Versprechen meines Gl&uuml;cks,
+ein Unterpfand, das mich deines Besitzes versichert. &mdash; O
+Zulma mein, auf ewig mein!</p>
+
+<p><span class="wide">Zulma.</span> Auf ewig?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Es soll, es wird sein! &mdash; warum
+w&uuml;rde sich alles so wunderbar f&uuml;rchterlich an einander
+reihen, wenn es nicht dazu w&auml;re? O das Schicksal
+h&auml;uft nicht Begebenheiten, um seine Menschen elend
+zu machen; ich werde gl&uuml;cklich sein!</p>
+
+<p><span class="wide">Zulma.</span> Ich verstehe dich nicht, Abdallah.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ach ja, Zulma, Zulma liebt mich!
+o Th&ouml;richter, was willst du mehr?</p>
+
+<p>Er umarmte sie und dr&uuml;ckte sich inniger an ihren
+Busen, sein Mund fiel gl&uuml;hend auf den ihrigen; eine
+Stille der Mitternacht lag um sie her. Das Herz
+sprach zum Herzen in verst&auml;ndlichen Schl&auml;gen, die Geister
+besprachen sich in der hohen Entz&uuml;ckung, &mdash; ein
+heiliger Hauch wehte wie ein Schutzgeist um sie her,
+die Sterne gl&auml;nzten goldener, die Natur l&auml;chelte m&uuml;tterlich
+auf ihre gl&uuml;cklichen Kinder hin.</p>
+
+<p>Ein H&auml;ndeklatschen aus dem nahen Busche. &mdash; Wir
+m&uuml;ssen scheiden, sagte Zulma seufzend; geh zuweilen
+dem Pallast meines Vaters vor&uuml;ber, dann sollen
+dir die Blumen Nachricht geben, ob du wieder zu
+mir k&ouml;mmst. Die blasse Lilie bedeutet Furcht, der Citronenbaum
+Unm&ouml;glichkeit, das Veilchen vergebliches
+Hoffen, die Rose bist du, &mdash; wenn diese auf der
+Mitte des Altans steht, dann k&ouml;mmst du wieder hieher,
+sobald dich meine Laute gerufen <ins title="Original: hast">hat</ins>. &mdash; Sie dr&uuml;ckte
+ihn noch einmal feurig an ihre Brust und Abdallah
+ging wie im Traume taumelnd zur&uuml;ck.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als er in den Nachen stieg, t&ouml;nte es ihm silbern
+aus dem Garten nach:</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem">
+<tr><td align="left">Walle sanft auf stillen Wellen,</td></tr>
+<tr><td align="left">Dich geleitet meine Seele</td></tr>
+<tr><td align="left">S&auml;uselnd durch die blaue Fluth.</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Er lie&szlig; das Schiff vom Strome forttreiben und
+sang leise zur&uuml;ck:</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem">
+<tr><td align="left"><span class="ind1">&nbsp;&nbsp;&nbsp;</span>Doch bei dir weilt meine Seele;</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind1">&nbsp;&nbsp;&nbsp;</span>Wie die abgeri&szlig;ne Blume</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind1">&nbsp;&nbsp;&nbsp;</span>Schwimm' ich durch die blaue Fluth.</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Die T&ouml;ne verklangen in dem leisen Wogenger&auml;usch.
+&mdash; Der Nachen landete.</p>
+
+<p>Abdallahs Brust war zu voll von hoher Begeisterung,
+alle seine Gef&uuml;hle waren zu laut angeschlagen, in seine
+stille enge Wohnung konnte er itzt nicht zur&uuml;ckkehren.
+Er eilte in's Freie, wo der Mond &uuml;ber das Gefilde
+ausgegossen lag und heimlich in den dichten Wald durch
+kleine Spalten blickte. &mdash; Er &uuml;berlie&szlig; sich allen seinen
+Empfindungen, die durcheinander str&ouml;mten. &mdash; Das
+Rauschen eines Wasserfalls weckte ihn endlich aus seinen
+Tr&auml;umen, er sahe auf und stand wieder in dem
+Felsenthal, wo Omar ihn neulich unter die Erde hinabgesandt
+hatte. Vom Berge rann im Mondschein der
+Strom wie sch&auml;umendes Blut hinunter.</p>
+
+<p>Ein Schauder verschlang alle seine s&uuml;&szlig;en Empfindungen,
+mit kalter Hand griff ein Grausen in seine
+Brust und zerri&szlig; das zarte Gewebe.</p>
+
+<p>Welche dunkle Macht hat mich hierher gef&uuml;hrt? rief
+er aus. &mdash; Der Jammer verfolgt mich ungest&uuml;m bis
+in die Wohnung der Seeligen. &mdash; Alle gr&auml;&szlig;lichen Erinnerungen
+steigen wieder von diesen Felsen herab, es
+k&ouml;mmt mir wild und z&auml;hnknirschend entgegen! &mdash; Das
+Bild meines Vaters regt sich unter meinen F&uuml;&szlig;en und
+will sich zu mir emporarbeiten. &mdash; Hinweg! hinweg!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er entflohe mit bleichem Antlitz, als es aus den
+Bergen hinter ihm &raquo;Abdallah!&laquo; rief.</p>
+
+<p>Ein neuer Schauder warf sich ihm entgegen. Er
+stand. &mdash; Ein Greis stieg von dem Berge herab und
+eilte auf Abdallah zu.</p>
+
+<p>Wer bist du? rief ihm der J&uuml;ngling entgegen.</p>
+
+<p>Dein Freund, antwortete der Greis.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Eine dunkle Erinnerung schwebte in dem Gesicht
+des Alten, Abdallah hatte ihn schon gesehn: nach langem
+Nachsinnen entdeckte er, da&szlig; es eben der Greis
+sei, der in jener f&uuml;rchterlichen Sturmnacht in die Arme
+Omars geeilt sei, ehe er unter der Cipresse einschlief.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Greis reichte ihm stumm eine Sammlung von
+Palmbl&auml;ttern.</p>
+
+<p>Was soll das? fragte Abdallah erstaunt.</p>
+
+<p>Nimm, antwortete der Greis, &mdash; lies und sei gerettet!</p>
+
+<p>Gerettet? rief Abdallah aus.</p>
+
+<p>Ein b&ouml;ser Geist, antwortete der Fremde, steht in
+der Gestalt deines Freundes Omar neben dir, nimm
+die Warnung des alten <span class="wide">Nadir</span> g&uuml;tig auf, der auch
+einst sein Freund gewesen ist, verla&szlig; diese Schlange,
+die dich mit ihren giftigen Knoten umstrickt.</p>
+
+<p>Omar? sagte Abdallah, Omar? &mdash; O nenne seinen
+Namen mit Ehrfurcht, deine L&auml;sterungen werden nicht
+an mein Herz und meine Freundschaft hinanreichen.</p>
+
+<p>Lebe wohl, antwortete Nadir, ich darf nicht zu
+lange weilen und ein heimliches Grauen, das von dir
+ausstr&ouml;mt, jagt mich zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Der Greis verschwand wieder in den Felsen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein wacher Hahn kr&auml;hte von einem Dorfe durch
+die Mondd&auml;mmerung, Hunde heulten in der Gegend
+umher, und Abdallah ging in einem tiefen Nachdenken
+langsam zur Stadt zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Er wollte noch itzt diese Bl&auml;tter lesen, aber die
+Gef&uuml;hle, die ihn durchst&uuml;rmt hatten, hatten ihn so erm&uuml;det,
+da&szlig; er nach wenigen Augenblicken in einen
+tiefen Schlaf versank.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Zweites Kapitel.</h3>
+
+<p>Die Verschwornen hatten sich in dieser Nacht wieder
+in dem Pallast Selims versammelt und man war itzt
+im Begriff, heimlich auseinander zu gehen. &mdash; Der
+morgende Tag, sprach <span class="wide">Selim,</span> ist also zur Ausf&uuml;hrung
+unsers gro&szlig;en Entwurfs bestimmt? &mdash; Ihr habt es
+selbst beschlossen, es sei. &mdash; Das Gl&uuml;ck geht uns entgegen
+und reicht uns zu unsrer Unternehmung die Hand.</p>
+
+<p>Am folgenden Tage ward im Pallast des Sultans
+ein gro&szlig;es Fest gefeiert, zu dem schon alles bereitet
+war. Der ganze Pallast war dann in Freude und
+Lust berauscht, fast jedermann hatte dann Zutritt, die
+Wachten vernachl&auml;ssigten ihr Amt und auf dieses Fest
+hatten die Verschwornen ihren Anschlag gegr&uuml;ndet. &mdash; Man
+hatte Selims Freunde und Sklaven in dieser
+Nacht ger&uuml;stet, alles stand bereit zu dem furchtbaren
+Schlage, einem jeden war zu diesem gro&szlig;en Augenblick
+sein Amt angewiesen, R&uuml;stungen und Harnische erklangen
+dumpf in den stillen Gew&ouml;lben und durch die Einsamkeit
+der Nacht, Erwartung stand auf jeglichem Gesicht,
+alle Seelen waren stark wie die Sehne eines Bogens
+angezogen, schon zitterte der Pfeil, losgeschnellt
+nach seinem Ziel zu fliegen.</p>
+
+<p>Seht! rief Selim, schon wankt die graue D&auml;mmerung
+des Tages herauf, schon dr&auml;ngt sich ein blutrother
+Streif hervor und erinnert uns an unsre Unternehmung. &mdash; Seid
+ihr es noch itzt zufrieden, da&szlig;
+heut der gro&szlig;e Wurf gewagt werde?</p>
+
+<p>Alle bejahten es einstimmig, nur Abubeker lehnte
+sich stillschweigend an die Mauer.</p>
+
+<p>Nun dann, rief Selim aus, so sind wir frei!</p>
+
+<p>Ich schwieg in eurer Versammlung, begann endlich
+<span class="wide">Abubeker,</span> denn die Menge h&auml;tte mich doch &uuml;berstimmt,
+aber itzt la&szlig;t mich sprechen und handelt dann
+nach eurem Willen. - Diese Nacht war f&uuml;rchterlich,
+ein kaltes Grausen nach dem andern ist meinen R&uuml;cken
+hinabgeschlichen; m&ouml;gt ihr mich doch einen th&ouml;richten
+Greis nennen, den das Alter wieder in die Kindheit
+zur&uuml;ckgef&uuml;hrt hat. &mdash; Als Omar von uns Abschied
+nahm und aus der Th&uuml;r ging, h&ouml;rtet ihr da nicht aus
+der Ferne ein Gel&auml;chter, das mein Blut in Eis verwandelte? &mdash; H&ouml;rtet
+ihr nicht &uuml;ber dem Pallast ein
+Gekr&auml;chz von Raben, die &uuml;ber uns, als ihre Beute hinwegflogen?
+Die Eulen winselten um das Dach und
+Hunde heulten vor der Th&uuml;r, als w&auml;re das Haus mit
+Leichen angef&uuml;llt. &mdash; Mir war, als s&auml;he ich schadenfrohe
+b&ouml;se Geister mit h&ouml;hnischen Gesichtern durch die
+Spalten der Th&uuml;r sehen und einen schwarzen Strich
+durch unsern Anschlag ziehen, der Todesengel hat uns
+in sein Buch eingezeichnet, sein Schwert liegt auf den
+Wink des Schicksals bereit.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Morgen stieg in S&auml;ulen von Dampf empor
+und ein gedr&auml;ngtes Heer von Raben flog kr&auml;chzend von
+Osten her, und flatterte von neuem &uuml;ber das Dach des
+Pallastes.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Seht! rief Abubeker, &mdash; da steigt die Ungl&uuml;cksvorbedeutung
+von neuem herauf! Diese V&ouml;gel des Todes
+kr&auml;chzen uns noch einmal unser Schicksal entgegen.
+Der heutige Tag str&auml;ubt sich unwillig unter der Last,
+die wir auf ihn legen wollen; wartet auf einen g&uuml;nstigeren,
+wo uns das Gl&uuml;ck seine holden Zeichen entgegensendet.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die ganze Versammlung sahe auf Selim, der itzt
+zu reden anfing:</p>
+
+<p>Ihr tretet alle ungewi&szlig; zur&uuml;ck, von einer schwarzen
+Ahndung hart angeredet, ihr werfet zaghaft euren Vorsatz
+von euch und entflieht, und ihr glaubt, da&szlig; auch
+ich zu euch hin&uuml;bertreten werde und dem gro&szlig;en Entwurf
+Lebewohl sage. &mdash; Abubeker, du hast das Blut
+aus allen Wangen gejagt und die Furcht sitzt auf derselben
+Stelle, aus welcher der Muth vorher thronte.
+Ha! wessen Auge darf sich anma&szlig;en, in die Geheimnisse
+der Natur zu schauen und ihre Winke zu deuten?
+Wer versteht die r&auml;thselhafte Schrift, in der der Ewige
+der dienstbaren Welt ihre Gesetze schreibt? Sie entr&auml;thseln
+<span class="wide">wollen,</span> hei&szlig;t nicht den tiefen Sinn verstehen.
+Deine &Auml;ngstlichkeit hat hier geirrt, Abubeker;
+welches k&uuml;hne und gro&szlig;e Unternehmen wird erst auf
+die Einwilligung ungewisser Vorbedeutungen warten?
+Wer k&ouml;nnte handeln, wenn Thiere erst seinen Vorsatz
+best&auml;tigen m&uuml;&szlig;ten? Ward der Mensch darum &uuml;ber diese
+Wesen gesetzt, um vor ihnen zu zittern? &mdash; Und la&szlig;
+diese Vorbedeutungen selbst Wahrheit sagen, la&szlig; die
+Hunde der Nacht um unsern Leichnam heulen, mu&szlig;
+darum unser Unternehmen nicht in Erf&uuml;llung gehen?
+Wenn wir nun zugleich mit <span class="wide">Ali</span> sterben, so sind
+wir nicht ungl&uuml;cklich, denn unser Tod macht unsre
+Freunde gl&uuml;cklich. &mdash; Was werdet ihr bei den Gefahren
+thun, wenn ihr schon vor der dunkeln Ahndung
+der Gefahr zur&uuml;ckzittert? &mdash; Kein so beg&uuml;nstigender
+Tag als der heutige wird uns wieder entgegengehn;
+unverzeihliche Tr&auml;gheit ist es, wenn wir unsre
+Arbeit stets von einem Tage zum andern uns selber
+aufbewahren, euer Muth erkaltet, der Sultan wird von
+unserm Vorhaben benachrichtigt, und dann erst haben
+diese ungl&uuml;cklichen Vorbedeutungen Wahrheit gesprochen.
+Wenn das Schicksal uns z&uuml;rnt, so ist es mir erw&uuml;nschter,
+noch heute seinen Zorn zu erfahren, als unter &auml;ngstlichen
+Erwartungen zu leben.</p>
+
+<p>Abubeker selbst stimmte ihm etwas unwillig bei und
+die &uuml;brigen folgten seinem Beispiel. &mdash; Man beschlo&szlig;
+am Abend mit gewaffneter Hand in den Pallast zu
+dringen und Ali und sein Gefolge niederzumachen. &mdash; Alle
+warteten ungeduldig auf die ersten rothen Streifen
+des Abends.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Drittes Kapitel.</h3>
+
+<p>Abdallah erwachte und tausend verworrene Gef&uuml;hle,
+traurig und froh, dr&auml;ngten sich ihm mit den ersten
+Strahlen der Sonne entgegen, Ahndungen die ihn mit
+Schaudern umgaben und doch mit hohen Entz&uuml;ckungen
+seinen Busen schwellten; in seiner Seele schwebte eine
+D&auml;mmerung, die hundert Flammen durchzuckten und
+von der kalten Finsterni&szlig; wieder ausgel&ouml;scht wurden.
+Zulma, die ihn gestern so liebevoll aufgenommen hatte,
+neben dem blutigen Strom im Felsenthal, jene woll&uuml;stigen
+Empfindungen waren ihm nachgeschwommen und
+k&auml;mpften itzt mit den Schreckenserinnerungen, seine
+Seele rang mit Freude und Verzweiflung, Quaalen und
+Seligkeiten wechselten in seinem Busen, wie eine Welle,
+die bald der Schatten &uuml;berfliegt, bald wieder ein blendender
+Sonnenstrahl vergoldet. &mdash; Die Palmbl&auml;tter
+lagen neben ihm, er nahm sie und wollte zu lesen anfangen.</p>
+
+<p>Deine Ahndung, edler Freund, sprach er, hat dich
+nicht get&auml;uscht, die Schm&auml;hsucht will das Band zerreissen,
+das meine Seele an die deine kn&uuml;pft, man will
+dich aus meinem Herzen jagen und mir auch das letzte
+Andenken meines vorigen Gl&uuml;ckes rauben, auch den
+letzten Becher will man von meinen brennenden Lippen
+nehmen. &mdash; Ob ich diese Bl&auml;tter lese? Oder sie <ins title="Original hat ungegesehn">ungesehn</ins>
+in den Strom auf ewig versenke? Kein Verdacht
+hat dann meine Freundschaft befleckt, dann kann
+ich ohne Scheu dem zur&uuml;ckkehrenden Omar entgegengehn
+und ihm den Ku&szlig; der Liebe geben. &mdash; Verdacht? &mdash; Himmel!
+was kann dem gro&szlig;en allm&auml;chtigen Omar
+an dem Wurm Abdallah liegen? &mdash; Ihm ziemt es,
+von seiner Freundschaft Rechenschaft zu fordern, nicht
+mir, &mdash; sein Sonnenglanz sieht mit milder G&uuml;te auf
+mich Verlassenen herab &mdash; und ich will ihm mi&szlig;trauen?
+Was kann er denn von mir gewinnen, das er nicht
+schon tausendfach bes&auml;&szlig;e? Was kann ich verlieren, das
+er mir nicht unendlich ersetzen k&ouml;nnte? &mdash; Nein Omar,
+dein Abdallah wird nie undankbar sein, du pflanzest f&uuml;r
+ihn einen Garten, dessen K&uuml;hlung ihn erquicken soll,
+und ich will dankbar dein Geschenk annehmen. Hast
+du mir nicht in dieser Nacht Himmelsseligkeiten zubereitet?
+Das feindselige Verh&auml;ngni&szlig; k&auml;mpft gegen deine
+G&uuml;te an, es fordert laut mein Elend, aber du h&auml;ltst
+einen Schild vor meine Brust. &mdash; Deinen Freund
+<span class="wide">Nadir</span> hast du verloren, mich sollst, mich <span class="wide">kannst</span> du
+nicht verlieren, wenn du mich nicht selbst ver&auml;chtlich
+von dir wirfst, und darum will ich ohne Scheu diese
+Bl&auml;tter lesen, ich will diese Verl&auml;umdungen erfahren,
+um desto unzertrennlicher an dir zu hangen.</p>
+
+<p>Er nahm die Bl&auml;tter und fing an zu lesen:</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Abdallah, ich beschw&ouml;re dich bei allem, was dir auf
+dieser Erde und jenseit des Grabes theuer ist, weise
+diese Worte nicht mit der K&auml;lte zur&uuml;ck, mit der man
+einen verd&auml;chtigen Fremden abzuweisen pflegt, grabe sie
+tief in die Tafel deiner Seele und la&szlig; sie dort durch
+kein Mi&szlig;trauen, durch keinen t&auml;uschenden Verdacht wieder
+ausl&ouml;schen. Zweifle in der ganzen Zukunft deines
+Lebens, nur itzt nicht, denn diese Zweifel k&ouml;nnten dich
+um alles bringen, was je ein Wunsch und eine Hoffnung
+ahndete, was je ein Geist zu erlangen strebte.
+O ich bin gl&uuml;cklich, es ist die edelste That meines Lebens,
+und der Zweck meines Daseins ist zehnfach erf&uuml;llt;
+wenn diese Bl&auml;tter nicht zu sp&auml;t in deine H&auml;nde fallen,
+der Baum ist gesegnet, aus dem sie hervorschossen, das
+Rohr ein Heiligthum, das diese Z&uuml;ge niederschrieb, dann
+kann ich dem Richter jenseit mit Vertrauen entgegentreten
+und meine Rechnung seinen H&auml;nden &uuml;berliefern,
+diese That l&ouml;scht alle meine S&uuml;nden in seinem schwarzen
+Buche aus.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber du m&ouml;chtest mich nicht verstehen und in meinen
+Worten nur Verl&auml;umdungen finden, darum will ich zu
+dir wie zu einem Verb&uuml;ndeten sprechen, der schon in
+die Geheimnisse der Nacht eingeweiht ist. Du stehst
+einmal jenseit der gl&uuml;cklichen Unwissenheit und es w&auml;re
+Frevel, von Geheimnissen zu schweigen, deren Mittheilung
+dich vielleicht noch von dem Abgrund zur&uuml;ckreissen
+kann, vor dem du schwindelnd im dumpfen Nachsinnen
+stehst.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Eine schwarze Nacht liegt um dich her und du
+kniest vor einem verdorrten Stamm, den du f&uuml;r das
+Bild eines Gottes h&auml;ltst, du verehrst in Omar die Macht,
+die &uuml;ber die Menschenkraft hinausgreift, du stehst ihn
+auf der Spitze eines Felsen, zu der du den schroffen
+Abschu&szlig; vergebens hinaufklimmst, &mdash; o d&uuml;rft' ich ganz
+die H&uuml;lle von deinen Augen nehmen und einen Stern
+in dieser Nacht erwecken! du siehst einen pr&auml;chtigen
+Nebel in der Abendsonne in hohen gewundenen S&auml;ulen
+brennend emporsteigen &mdash; und vergissest, da&szlig; es nur
+Dampf und nichtiger Rauch ist. &mdash; K&ouml;nntest du ohne
+Blendung in die wesenlose Pracht hineinblicken, du
+w&uuml;rdest da verachten, wo du itzt verehrst. &mdash; Die Mauer
+der Allmacht ist un&uuml;bersteiglich, kein Sterblicher wird
+je in das Innere des Heiligthums dringen, eine unwiderstehliche
+Hand h&auml;lt den Staub unerbittlich von dem
+zur&uuml;ck, was nur daurende Geister sehn und begreifen
+k&ouml;nnen, uns ist ein Feld angewiesen, wo wir &uuml;ber
+Blumen denken d&uuml;rfen, jene unendlichen W&auml;lder sind
+unserm Blick zu gro&szlig;, kaum h&ouml;ren wir zuweilen von
+der Mauer ihr dumpfes Rauschen her&uuml;ber, kein Auge
+wird sich je in den Garten des Ewigen wagen. &mdash; Jene
+Kraft, die der Get&auml;uschte f&uuml;r einen Theil der Allmacht
+h&auml;lt, ist nichts, als ein Blendwerk, das in seinen eignen
+Augen schwimmt, er selber bringt wider seinen Willen
+das hervor, was er glaubt vom Himmel herabsteigen
+zu sehen.</p>
+
+<p>Welcher Wurm kann sich ohne Fl&uuml;gel zum Glanz
+der Sonne aufw&auml;rts schwingen? Ein Strahl zittert
+auf ihn hernieder und er glaubt sie steige auf sein Gebot
+zu ihm herab und spiele neben ihm im Grase,
+aber es ist nichts, als ein Tropfen Thau's, in welchem
+ihm ihr Bild aus einem kleinen Spiegel entgegenl&auml;chelt.
+Die Hand des Menschen wird nie in ewige Gesetze
+greifen und ihnen Stillstand gebieten; wer w&uuml;rde noch
+zum Allm&auml;chtigen beten, wenn der Hauch des Staubes
+die Weltendonner seiner Sprache &uuml;berschrie, wenn ein
+Sonnenstaub sich seinem Willen entgegenw&uuml;rfe und das
+gro&szlig;e Gewebe sperrte? &mdash; Nein Abdallah, du <span class="wide">glaubst</span>
+zu sehen, was du nicht sehen kannst, in dir selber
+schl&auml;gst du die T&ouml;ne an, die du aus den Wolken zu
+h&ouml;ren glaubst, die Unendlichkeit steht deinem Lehrer nicht
+zu Gebot, aber deine schwachen Sinnen vermag er zu
+beherrschen, das gro&szlig;e Geheimni&szlig;, vor dem du verehrend
+zur&uuml;ckschauderst, ist nichts, als ein gemeiner
+Betrug, den du an einem armseligen K&uuml;nstler verachten
+w&uuml;rdest.</p>
+
+<p>Darum h&ouml;re mich und sei was du warst, verliere
+den Freund und gewinne dich selber der Verr&auml;therei
+wieder ab, sprich das belebende Wort &uuml;ber die Leichen
+aus und la&szlig; aus ihrem Grabe die Seligkeiten wiederkommen,
+die du selbst ermordet hast; la&szlig; das schlachtende
+Messer inne halten und binde sorgsam die letzte
+Rose auf, die schon in der Sonnenhitze verschmachten
+will.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mein Name ist <span class="wide">Nadir,</span> ich trete mit dem morgenden
+Tage in mein achtzigstes Jahr, traue meinem
+Alter, das mich bald vor den Thron des Richters bringen
+wird, wo man mir jede L&uuml;ge aufbewahrt. &mdash; Seit
+meiner Kindheit brannte in mir eine unausl&ouml;schliche
+Ungeduld, alles zu erfahren und zu wissen, was nur
+in der Seele des Menschen Raum f&auml;nde; als J&uuml;ngling
+schweifte ich bald mit meinen Gedanken &uuml;ber die Gr&auml;nze
+hinaus, die eine g&uuml;tige und grausame Hand unserm
+vorwitzigen Geiste gesetzt hat. Mein Verstand wollte
+das Unendliche umspannen und das Undurchdringliche
+durchdringen, die Schw&auml;che der Menschheit hielt ich nur
+f&uuml;r die Schw&auml;che <span class="wide">meines</span> Geistes, meine Sinne
+schweiften durch alle Regionen der k&uuml;hnsten Zweifel
+und der verwegensten Irrth&uuml;mer, ich ri&szlig; alles um mich
+her aus, und bepflanzte die leere Sch&ouml;pfung dann mit
+den Wesen meiner Einbildung, ich glaubte nichts, um
+alles zu glauben. Alle meine Kr&auml;fte bot' ich zum Kampfe
+auf und f&uuml;hlte mitten im Streit meine Schw&auml;che, ich
+hatte durch meine K&uuml;hnheit Gott und das Schicksal
+verloren und doch gen&uuml;gte ich mir nicht selbst in der
+traurigen Einsamkeit, ich hatte die Vorsehung gel&auml;ugnet
+und fing nun <ins title="Original: fing nun an, die">an, an</ins> die Macht fremder Wesen und D&auml;monen
+zu glauben; Aberglaube und Nichtglaube ber&uuml;hren
+sich unmittelbar auf der Gr&auml;nze, aus einem Feinde der
+Andacht ward ich ein Schw&auml;rmer. Von itzt lebte ich
+unter Wundern und Unbegreiflichkeiten, zu denen ich
+mich hinandr&auml;ngen wollte, die &Auml;hnlichkeit der Gottheit
+schien mir darin zu liegen, die geheimen Winke der
+Natur zu verstehn, und das Unm&ouml;gliche m&ouml;glich zu
+machen, ich taumelte auf einem schmalen gef&auml;hrlichen
+Wege durch das Gebiet des Wahnsinns, von blendenden
+Hoffnungen begleitet.</p>
+
+<p>Auf dem Gipfel des Caucasus, h&ouml;rt' ich, wohne der
+weise <span class="wide">Achmed,</span> der die gro&szlig;e Aufl&ouml;sung zu den Millionen
+R&auml;thseln gefunden habe, den Stab, mit dem er
+an die Sonne und die Sterne reichen k&ouml;nne und dem
+sich die Zukunft aufthue. Ich verlie&szlig; mein Vaterland,
+um diesen Gott zu sehen und sein Sch&uuml;ler zu werden,
+wenn er mich f&uuml;r w&uuml;rdig erkl&auml;rte. Er nahm mich auf
+und ich &uuml;berstand f&uuml;nf harte Probejahre, in denen er
+mich durch tausend M&uuml;hseligkeiten zur&uuml;ck zu schrecken
+versuchte, aber meine Wi&szlig;begierde ertrug alle Lasten
+leicht und tr&ouml;stete meine Ungeduld, die zuweilen erwachte,
+mit dem herrlichen Augenblick, in welchem
+meinen Augen der ewige Vorhang niederfallen w&uuml;rde. &mdash;
+<span class="wide">Omar</span> war wie ich ein Sch&uuml;ler Achmeds, &mdash; der erharrte
+Tag erschien endlich und ich ward in den schwarzen
+Bund aufgenommen. &mdash; Wir mu&szlig;ten beide dem
+edeln Achmed mit einem heiligen Eide schw&ouml;ren, nur
+durch unsre Macht Gl&uuml;ck und Freude zu verbreiten,
+dem Elenden beizustehn, den Sch&auml;ndlichen zu strafen
+und so dem Ewigen &auml;hnlich zu werden. &mdash; Wir schwuren
+es und Achmeds Gewalt war die unsrige.</p>
+
+<p>Nun erst sah ich ein, da&szlig; meine W&uuml;nsche jenseit
+der Schranken der Menschheit lagen, da&szlig; das, was ich
+verloren gegeben hatte, mehr werth sei, als mein Gewinnst.
+Alle meine gro&szlig;en Hoffnungen waren hintergangen,
+ich war im Begriff mich selbst zu verachten.
+Tausendmal w&uuml;nscht' ich die Vergangenheit zur&uuml;ck, in
+der ich noch nicht an die Gr&auml;nze der menschlichen Kraft
+gekommen war, wo mich eine unbarmherzige Schrift
+h&ouml;hnend zu den Thieren des Feldes zur&uuml;ckwies. Ich
+hatte gehofft, da&szlig; sich mir die Ewigkeit aufschlie&szlig;en
+w&uuml;rde, wo ich im Heiligsten die Gottheit schaute und
+den gro&szlig;en Plan der Welt s&auml;he, den sie gezeichnet hat &mdash; und
+ich ward vor einem Spiegel gef&uuml;hrt, in dem
+ich nun meine eigne Ver&auml;chtlichkeit sahe und eine Kunst
+war mir verliehen, die mir durch armseligen Betrug
+den gro&szlig;en Verlust nicht ersetzen konnte, eine Macht,
+die Niemand an dem Besitzer beneiden w&uuml;rde, wenn
+er nur <span class="wide">einen</span> Blick durch den blendenden Glanz zu
+werfen verm&ouml;chte.</p>
+
+<p>Omars Freundschaft tr&ouml;stete mich in meiner Trostlosigkeit
+und vers&ouml;hnte nach und nach mein Mi&szlig;vergn&uuml;gen,
+wir tauschten unsre Seelen gegen einander aus,
+und ein jeder gewann, wir schlossen einen heiligen Bund
+und jeder Gedanke, jedes Gef&uuml;hl flo&szlig; in das Wesen
+des Freundes hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Endlich trennte sich Omar von mir und ich blieb
+allein bei meinem Lehrer, und lebte in einer stillen Einsamkeit
+und Ruhe, von der Welt und ihren Gesch&auml;ften
+geschieden, in steten Betrachtungen der Natur und der
+Weisheit Gottes. Ich dachte oft an meinen Freund
+Omar und w&uuml;nschte ihn zu mir zur&uuml;ck. Zwanzig Jahre
+waren so verflossen, als ich von meinem Lehrer Achmed
+den Auftrag erhielt, ihn aufzusuchen, denn meine Reise
+setzte er hinzu, k&ouml;nnte wichtige Folgen haben.</p>
+
+<p>Ich durchreiste Arabien und Persien vergebens und
+fand ihn endlich hier wieder, an jenem Abend, als du
+unter einer Cipresse eingeschlafen warst und ein brausender
+Sturm dich aus deinen Tr&auml;umen weckte. &mdash; Er
+eilte in meine Arme, es war eine wonnevolle Stunde
+des Wiedersehens; wir erz&auml;hlten uns unsre Schicksale
+und Omar sprach also:</p>
+
+<p>&raquo;O! da&szlig; der Mensch in Seinem Busen einen unvers&ouml;hnlichen
+Feind mit sich herumtragen mu&szlig;, der ihn
+unabl&auml;&szlig;ig qu&auml;lt! da&szlig; dies heillose Dr&auml;ngen unsrer Seele,
+dies Streben gegen die Unm&ouml;glichkeit uns den Genu&szlig;
+unsers Daseins raubt und uns gegen uns selbst verderbliche
+Waffen in die Hand giebt!&laquo;</p>
+
+<p>Wir hatten uns weiter hinein in den Busch entfernt,
+die Nacht sah schweigend auf uns herab, die
+B&auml;ume wiegten sich leiserauschend und Omar fuhr also
+fort:</p>
+
+<p>&raquo;Wir sprachen schon damals, Nadir, als wir beide
+noch den Unterricht des weisen Achmeds genossen, von
+jenem Sturm, der unaufh&ouml;rlich in dem Baum unsers
+Geistes w&uuml;thet und ihn zu zerst&ouml;ren droht. Kaum
+hatte ich von dir Abschied genommen, so verfolgten mich
+alle meine W&uuml;nsche mit erneuerter Wuth, mein brennender
+Durst war nicht gestillt, sondern durch Achmeds
+Kenntni&szlig; nur von neuem angefacht, mein Vordr&auml;ngen
+war vergebens gewesen, denn noch in dichtem Nebel
+eingeh&uuml;llt lag der gro&szlig;e Felsen in der Ferne, hinter
+welchem die Sonne wohnte, die ich suchte. Ich f&uuml;hlte
+mich eingeengt und gepre&szlig;t und war ungl&uuml;cklicher als
+ich je gewesen war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner
+schwarzen Seele auf wie Verbrecher, die die Ketten von
+sich streifen und sich frech im d&uuml;stern Kerker erheben.
+<span class="wide">Weisheit</span> war mir der edelste, der einzige Zweck des
+Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schm&uuml;cken
+k&ouml;nnte, ein Zweifel an alle Tugend machte mir diese
+gepriesene Gottheit ver&auml;chtlich &mdash; und ich wagte endlich
+vermessen einen Schritt, von dem ich vorher wu&szlig;te,
+da&szlig; sich hinter mir ein Abgrund reissen w&uuml;rde, um mir
+den R&uuml;ckweg ewig unm&ouml;glich zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit
+horchte ich auf seine Rede. &mdash; Mein Freund fuhr fort:</p>
+
+<p>&raquo;Am Ende der Welt, in einem f&uuml;rchterlichen Schlund,
+der sich zwischen die Klippen des Atlas wirft, an einer
+Stelle, wohin noch kein Menschenfu&szlig; sich verirrte, wo
+zwischen ewig einsamen Felsenw&auml;nden das Grausen
+wohnt und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig
+gegen die hohen Steinmauern streift, dort, &mdash; so sagte
+eine alte Sage, &mdash; wohne seit Jahrtausenden ein furchtbarer
+Sterblicher, der hier im kalten Ha&szlig; der Ewigkeit
+entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen,
+ein Wesen, einzig, ohne je ein Leben zu finden, dessen
+Seele mit der seinigen gleichgestimmt sei. &mdash; Greise
+erz&auml;hlten mir unter Schaudern, da&szlig; er ein h&ouml;herer Geist
+gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in
+die leere W&uuml;ste der Strafe der Allmacht entronnen sei,
+<span class="wide">Mondal</span>, so nannten sie den Schrecklichen und sagten,
+da&szlig; der gro&szlig;e Verworfene keine Strafe bed&uuml;rfe, denn
+er selber sei seine Verdammni&szlig;. Man sprach von den
+Wundern die er ehedem gethan und denen die V&ouml;lker
+in Demuth erzittert w&auml;ren, von gr&auml;&szlig;lichen Strafen,
+mit denen er sich an seinem Feinde ger&auml;cht, sein Name
+war die Loosung zum Schrecken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Ihn</span> wollt' ich aufsuchen und mich an seine f&uuml;rchterliche
+Gr&ouml;&szlig;e dr&auml;ngen, hier die Flammen meines Busens
+k&uuml;hlen, oder ein unausbleibliches Verderben finden. &mdash; Ich
+wanderte durch die W&uuml;sten von Afrika, ich
+ging &uuml;ber die hohen unerme&szlig;lichen Gebirge und n&auml;herte
+mich endlich der langerhofften Gegend. Das Gebirge
+lag f&uuml;rchterlich aufgeth&uuml;rmt, wie die Mauer der Welt
+vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um
+den Fu&szlig; zu flattern und frech hoben sich die Spitzen
+des Klippengebirges in die unendliche Leere des &Auml;thers,
+immer h&ouml;her und h&ouml;her aufgew&auml;lzt und immer furchtbarer
+und k&uuml;hner aufgeth&uuml;rmt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur
+wie H&uuml;gel an die unbegr&auml;nzte Felsenmauer lehnten.
+Die Erde lag unter mir mit allen ihren Sch&auml;tzen und
+St&auml;dten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen,
+das Meer unerme&szlig;lich ausgegossen tief unter mir. In
+tausend Herrlichkeiten winkte mich die Sterblichkeit zur&uuml;ck,
+sie streckte die Arme liebevoll nach ihrem verlornen
+Sohne aus und rief mich m&uuml;tterlich an ihren Busen
+hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit
+so inniger Liebe gehangen hatte. &mdash; Aber ich ging vorw&auml;rts
+und lie&szlig; hier meine Menschheit zur&uuml;ck, ich warf
+alles von mir ab, was der Endlichkeit geh&ouml;rte, ich ri&szlig;
+auf ewig das gro&szlig;e Band entzwei, das mich an die
+Sch&ouml;pfung hielt, ich setzte den Fu&szlig; vorw&auml;rts, von diesem
+Augenblick ganz mein eigen, die Menschheit hinter
+mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die Unendlichkeit
+des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer
+jemals wieder angewinkt zu werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen
+hinan, immer unfreundlicher die Natur umher, die
+B&auml;ume starben aus, die Str&auml;ucher, und endlich erlosch
+auch der letzte Schimmer des gr&uuml;nen Grases unter
+meinen F&uuml;&szlig;en. &mdash; Itzt lag die Erde und das Meer in
+eins verschwommen ungewisser wie ein Nebel unter
+meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier eingewickelt;
+so weit mein schwindelnder Blick sich wagte,
+&uuml;ber mir und unter mir und neben meinem Schritte
+die unendliche gedankenlose Leere. &mdash; Bei jedem Schritte
+zog sich ein h&auml;rterer Panzer um meine Brust, keine
+meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in
+den eisernen Aufenthalt zu folgen, nur von nackten
+Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon vergessen,
+da&szlig; ich einst ein Mensch gewesen sei.&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in
+ihrer Erm&uuml;dung geschaffen zu haben schien, kein Leben,
+kein Moos, das die Felsen hinaufkroch, erinnerte mich
+an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod
+seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst
+untergegangen und dies ihre schauderhaften Ruinen zu
+sein. Ein kaltes Grauen begleitete mich, immer gr&ouml;&szlig;ere
+Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gef&uuml;hle
+gingen nach und nach in meiner Brust unter, und
+nichts als mein Vorsatz und das Bewu&szlig;tsein meines
+Daseins blieb mir &uuml;brig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein
+Thal hinabsahe, das rings von kahlen schwarzen Klippen
+eingeschlossen war, ein Schauder br&uuml;tete &uuml;ber diesem
+Schlund, in den sich tausend H&ouml;hlen rissen und ein
+verworrenes Geb&auml;ude bildeten, kein Luftzug rauschte
+durch die Felsenw&uuml;ste, kein Ton, der ein Leben verrieth,
+schlich hervor; die gespaltenen Klippen grin&szlig;ten mir aus
+dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier
+selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der
+schauderhaften Stille.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dies ist seine Behausung! rief ich unwillk&uuml;hrlich
+aus und der erste Klang warf sich zerschmettert die gewundenen
+Klippen hinab, ich selber fuhr erschrocken zur&uuml;ck
+und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten
+Schl&uuml;nden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die letzte Furcht fa&szlig;te mich zweifelhaft an. &mdash; Soll
+ich hinuntersteigen? fragte ich mich leise. &mdash; Noch,
+noch steht mir der R&uuml;ckweg offen! Noch darf ich selber
+&uuml;ber meinen Willen gebieten. &mdash; Doch was soll ich in
+der Welt? &mdash; Ein Engel darf, ein Mensch mag ich
+nicht sein, nur die H&ouml;lle bleibt den Unbefriedigten &uuml;brig, &mdash; ich
+kann nicht anders, ich w&uuml;rde nichts vom Menschen
+wieder r&uuml;ckw&auml;rts bringen: &mdash; und zugleich stieg
+ich in das f&uuml;rchterliche Thal hinab.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie mit tausend kalten Armen hielt es mich eingeklammert,
+wie in den unerbittlichen Tod schritt ich
+hinunter.</p>
+
+<p>&raquo;Pl&ouml;tzlich fuhr ich bebend zur&uuml;ck. &mdash; In einer
+halb dunkeln Grotte sa&szlig; ein Greis und l&auml;chelte mir
+mit einer Freundlichkeit entgegen, die mehr dem Z&auml;hngeknirsch
+eines Ungeheuers glich. Ein wei&szlig;er Bart
+sank bis auf seine F&uuml;&szlig;e hinab und deckte sein Gesicht.
+Ein fremdes mir unbegreifliches Wesen sahe aus seinen
+wilden Augen, er hatte blo&szlig; das Ansehn eines Menschen,
+um die Menschheit von sich zur&uuml;ckzuscheuchen. &mdash; Sein
+Anblick hatte mich bis in das Innerste meiner
+Seele ersch&uuml;ttert und ich wagte es nicht, die Augen zum
+zweitenmal auf ihn hinzuwerfen: ich hatte allen sanften
+Gef&uuml;hlen Abschied gegeben und die Schauder vertraulich
+in meinem Busen aufgenommen, &mdash; aber hier fand ich
+ein Wesen, vor dem meine Frechheit Demuth ward, alle
+meine Verwegenheit sich in banges Grauen aufl&ouml;ste.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer bist du? rief er mir in T&ouml;nen entgegen, wie
+ohne Klang und Athem; sie kamen zu mir, wie aus
+einer fernen Welt und sprachen in Accenten, von denen
+kein sterbliches Ohr eine Ahndung hat und haben kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Wesen, schrie ich ihm entgegen, das sich selber
+nicht begreift! Meine Menschheit hab' ich jenseit diesen
+Klippen ausgezogen! &mdash; Das Leben hat keinen Reiz f&uuml;r
+mich, ich will in der Wildni&szlig; meine Freude suchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mondal schwebte mir entgegen und stierte mich mit
+einem Blicke an, der meine Seele mit Riesenkr&auml;ften
+zusammendr&uuml;ckte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du bist das erste Wesen, sprach er, das mein Angesicht
+sieht, ich sitze hier und faste der Ewigkeit entgegen
+und noch kein Staubgeborner hat es gewagt, mich in
+meinem Hause zu besuchen, wo ich mit dem Grausen
+spiele und Schauder mir die Zeit verk&uuml;rzen. &mdash; Was
+suchst du hier?&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Was ich hier oder nirgends finde, antwortete ich
+zitternd, ich sch&auml;me mich ein Mensch zu sein, nimm du
+mich in deine Gesellschaft auf und verg&ouml;nne, da&szlig; ich deinen
+Geist begreife und dir &auml;hnlich werde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er sahe mich an und lachte f&uuml;rchterlich auf, da&szlig;
+die Felsen umher in ihren Wurzeln wankten. &mdash; Vermessener!
+rief er dann: &mdash; Du verl&auml;ugnest die Menschheit
+und doch zeigen deine Worte, da&szlig; du ihr noch zugeh&ouml;rst.
+<span class="wide">Ein</span> Funke, der von mir zu dir her&uuml;berleuchtete,
+w&uuml;rde dein Wesen zersprengen. Dank' es meiner
+Verachtung, da&szlig; mein Anblick dich nicht t&ouml;dtet!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun dann, sprach ich mit knirschender Verzweiflung,
+so bleibt mir keine Hoffnung &uuml;brig, als meine Vernichtung!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vernichtung? antwortete der Furchtbare und zog
+den Mund zum Grinsen, so kalt und todt wie die Felsen
+umher. Was <span class="wide">ist,</span> kann nicht vernichtet werden,
+die Ewigkeit h&auml;lt dich fest, so lange die Zeit dauert,
+dauerst du selbst. Du kannst dich t&ouml;dten und in eben
+dem Augenblick stehst du ein neues Wesen in deiner
+eignen Verdammni&szlig; wieder da, &mdash; so hat es der G&uuml;tige
+dort gewollt, der alles mit seiner Milde umf&auml;ngt.
+O! wenn <span class="wide">Vernichtung</span> m&ouml;glich w&auml;re, wenn wir
+uns selber angeh&ouml;rten und beherrschten &mdash; o dann w&auml;re
+noch Gl&uuml;ck in seiner Sch&ouml;pfung!&laquo; &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich fuhr mit Entsetzen zur&uuml;ck. &mdash; Voll Frechheit
+k&ouml;mmst du hierher, sprach Mondal weiter, und bedachtest
+nicht, da&szlig; dein Wesen sich nie dem meinigen n&auml;hern
+k&ouml;nne. &mdash; Nein, Sterblicher, ganz kannst du mich nicht
+verstehen, denn tausend Naturen stehen zwischen uns;
+die Gedanken, die die du begreifst, sind nicht meine Gedanken,
+unser Urstoff ist verschieden, wir k&ouml;nnen uns
+in keiner Empfindung begegnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo find' ich dann, rief ich mit bitterm Unwillen
+aus, ein Wesen, das mich versteht? Mir ist alles verschlossen,
+in der ganzen Sch&ouml;pfung kein Laut, der in
+mir denselben anschl&uuml;ge. Vernichte dies Streben in
+meiner Brust, das mich durch alle Welten dr&auml;ngen
+w&uuml;rde, du verwirfst mich als deinen Sch&uuml;ler, erniedrige
+mich bis zum Wurm, der sich dumpf und ohne Bewu&szlig;tsein
+zu deinen F&uuml;&szlig;en windet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verwerfe dich nicht, sagte Mondal, deine Natur
+h&auml;lt dich gefangen! Ich will dir geben, was ich
+kann, &mdash; aber du wirst meine Bedingung nicht erf&uuml;llen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles, alles, sprach ich hastig, &mdash; nur rei&szlig; mich
+aus diesem peinvollen Dasein, mach, da&szlig; ich mich nicht
+verachten mu&szlig;, sollt' ich mich auch daf&uuml;r verabscheuen!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Mondal schwieg eine Weile, dann sagte er: Ich
+stehe nicht &uuml;ber der Menschheit, ich bin nur ein fremdartiges
+Gesch&ouml;pf, dessen Gedanken und Gef&uuml;hle Strahlen
+sind, die nie mit denen der Menschen in ein Licht
+zusammenflie&szlig;en, sondern sich ewig zur&uuml;cksto&szlig;en. Die
+Menschen haben von ihrem Gotte jenen Trieb, alles zu
+ordnen und in ein Ganzes zu bringen, <span class="wide">meine</span> Freude
+ist Zerst&ouml;rung. Ihrem Triebe genug zu thun, arbeiten
+sie in einer ewigen Th&auml;tigkeit an Ordnung und Harmonie,
+Sklaven eines Herrn, dem sie dadurch schmeicheln
+wollen, Sch&ouml;nheit und Tugend nennen sie das
+Geb&auml;ude, das sie auff&uuml;hren, f&uuml;r mich giebt es keine
+Tugend als ihre Laster. &mdash; Kannst du deine angeborne
+Menschheit bis auf die letzte schw&auml;chste Ahndung ablegen
+und mir voll Vertrauen die Hand reichen, kann
+ein heiserer Mi&szlig;klang dir eben so viel Freude geben,
+als jener Wohlklang dort unten, verlierst du nichts an
+jenem Gott dort oben, so bist du mein!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich reichte ihm mit erzwungener Festigkeit die
+Hand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zerst&ouml;rung! rief er mit wilder Freude, dein Hauch
+sei Vernichtung, jeder Pulsschlag ein Verbrechen, verfolge
+ihre Tugend und sei der Freund des B&ouml;sen, kehre
+in die Welt zur&uuml;ck und zerrei&szlig; das Gewebe, mit dem
+sie sich an ihre Gottheit kn&uuml;pfen wollen, dies beschw&ouml;re
+mir mit einem gro&szlig;en Eid und unter diesen Bedingungen
+will ich zeigen, was kein Auge sieht. Fern ist
+noch der letzte Tag, wir wollen wirken, bis die Zeit
+zum Greise wird.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Omar hielt hier in seiner Erz&auml;hlung ein. &mdash; &raquo;Und
+du schwurst den Eid?&laquo; rief ich erschrocken aus.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich schwur ihn,&laquo; antwortete er langsam und sprach
+dann weiter: &raquo;Es war ein Schwur, o, mehr ein Fluch,
+unter dem sich die ge&auml;ngstigte Erde h&auml;tte b&auml;umen m&ouml;gen,
+ich wag' es kaum, ihn in Gedanken zu wiederholen.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ein Vorhang fiel es vor meiner Seele hinweg,
+alle meine Gedanken waren zu Riesen aufgewachsen,
+die gegen den Himmel anst&uuml;rmten, meine vorige
+Frechheit schien mir itzt Feigheit, alle meine Gef&uuml;hle
+waren ehern, mein Busen Diamant.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich ward in seine f&uuml;rchterlichen Geheimnisse eingeweiht,
+Fl&uuml;che segneten mich ein, Grausen stieg mir
+aus den unendlichen Labyrinthen entgegen und Schauder
+waren meine Erfrischung. Meine Gedanken dachten
+das Ungedachte, ich war &uuml;ber den fernsten Gr&auml;nzstein
+der Menschheit hinausgeschritten und wandelte nun,
+ein fremder Pilger, jenseit dem Leben auf der d&uuml;rren
+Haide. &mdash; Die Vergangenheit kam meinem Ruf zur&uuml;ck,
+die Zukunft schlo&szlig; sich meinem Blicke auf. &mdash; Mondal
+zeigte mir ein ungeheures Buch, in welchem
+auf jedem seiner Millionen Bl&auml;tter tausend Punkte
+gezeichnet waren. &mdash; Dies ist mein Almanach, sagte er
+l&auml;chelnd, so viel Punkte du ausgel&ouml;scht siehst, so viele
+Tage hab' ich durchlebt, die &uuml;brigen sind die Tage, die
+noch bis zum letzten Tage &uuml;brig sind, ihre Zahl ist unz&auml;hlbar;
+aber endlich nutzt sich nach und nach die Zeit
+ab, auch der letzte Punkt wird ausgel&ouml;scht und die neugeborne
+Ewigkeit wandelt &uuml;ber den Ruin der Welten.
+Bis dahin sieht mein Auge; was dann sein wird, ist
+ein Geheimni&szlig;, das ich schon seit Jahrtausenden zu
+enth&uuml;llen strebe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Gesch&auml;ft war nun geendigt und ich ging in
+die Welt zur&uuml;ck, nicht um zu leben und zu genie&szlig;en,
+sondern um Genu&szlig; und Leben zu zerst&ouml;ren. Alle meine
+vormaligen Freuden kamen mir wie eben so viele Feinde
+entgegen, ich zerst&ouml;rte und vernichtete, so weit nur meine
+Gewalt reichte, Jammergeschrei folgte meinen Schritten
+und Fl&uuml;che der Wittwen und Waisen, mein Weg
+war mit Thr&auml;nen benetzt und Grabh&uuml;gel waren die
+Denkmale, die von meiner Durchreise sprachen. &mdash; Der
+Ewige hatte mich in ein Leben verwiesen, das ich verachtete
+und ich s&auml;ttigte mich im Genu&szlig; der Rache, ihn
+selber konnte mein Arm nicht erreichen, aber seine Gesch&ouml;pfe
+mu&szlig;ten meinem Zorne b&uuml;&szlig;en! Das Dasein
+qu&auml;lte mich, wie eine Gewissensangst, Vernichtung war
+nicht m&ouml;glich, Fl&uuml;che nicht genug, ich mu&szlig;te ihn <span class="wide">strafen.</span>&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kam in mein Vaterland und der Sultan <span class="wide">Ali</span>
+ward mein Freund, er war im Begriff, seinen Unterthanen
+ein guter F&uuml;rst zu werden, aber ich lehrte ihn
+die Menschheit und ihre Tugend verachten und so kam
+er endlich zu jener kalten Grausamkeit, die seinen Namen
+zum Schrecken des Landes gemacht hat. Durch
+mich lie&szlig; er tausend Schlachtopfer fallen und tausend
+eine Beute des Mangels werden, unter diesen war auch
+<span class="wide">Selim</span> Ali nahm ihm seine Sch&auml;tze, Selim entflohe
+mit seiner Gattin und einem kleinen Sohne, auch die
+Gattin mu&szlig;te sterben und ihn sein Sohn nur noch gewaltsam
+in ein quaalvolles Leben zur&uuml;ckhalten. &mdash; Ich ging
+unter den Menschen in einer ewigen Einsamkeit, wie
+dienstbare Henkerknechte liefen Schrecken vor mir her
+und schlugen gewaltsam jedes Gef&uuml;hl, jeden Menschengedanken
+von mir zur&uuml;ck, &mdash; so fand ich den armen, vormals
+gl&uuml;cklichen Selim, weinend auf dem Grabe seiner
+Gattin sitzend, &mdash; da flog mir wie ein ferner Schein
+der Wunsch vor&uuml;ber, wieder in den entweihten Menschenorden
+zu treten. &mdash; In diesem unseligen Augenblick
+verga&szlig; ich meines Amts und meines Herrn und
+lie&szlig; den trauernden Selim in den Schoo&szlig; des Gl&uuml;cks
+zur&uuml;ckkehren, meine Macht lie&szlig; ihn einen Schatz finden,
+der ihm dreifach ersetzte, was er verloren hatte. &mdash; O
+wie hab' ich Jahrelang diesen einzigen Augenblick verflucht,
+wie gern h&auml;tt' ich ihn zur&uuml;ckgenommen und Selim's
+Gl&uuml;ck mit neunfachem Jammer ausgetauscht,
+wenn es dem Zauberer verg&ouml;nnt w&auml;re, sein eigen Werk
+wieder zu vernichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unaufhaltsam jagte es mich seit dieser Zeit zu
+Mondals Wohnung zur&uuml;ck, ich str&auml;ubte mich vergebens
+gegen die dr&auml;ngende Macht. &mdash; Mondal trat mir entgegen.
+Schon so fr&uuml;h k&ouml;mmst du wieder? sagte er
+mit gr&auml;&szlig;lichem Hohnl&auml;cheln, &mdash; du hast deine Menschheit
+abgeschworen, dein Vertrauen war so frech &mdash; und
+doch k&ouml;mmst du selber zur&uuml;ck, dich anzuklagen? Stumm
+ging er mit mir zu einem fernen, verzackten, einsamen
+Klippenmeer, er spaltete einen Felsen und warf mich
+bis an die H&uuml;ften in die &Ouml;ffnung, die donnernd wieder
+zusammensprang.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Mich zermalmten unaussprechliche Martern. Eine
+hei&szlig;e Gluth webte sich am Tage um mich her und
+nagte und saugte an meinen Gebeinen, Flammen bohrten
+sich gl&uuml;hend in mein Innres und in der Nacht
+jagten sich kalte Nordwinde um mich her und bliesen
+mich mit ihrem Athem an, ein Panzer von Eis umgab
+meinen K&ouml;rper und zerschmolz wieder an der Gluth
+des Morgens. Siedende Waldstr&ouml;me st&uuml;rzten brausend
+auf mich herab und schmetterten spielend mein Gebein
+gegen hervorragende Felsenspitzen. Mein Geheul erklang
+f&uuml;rchterlich den Abgrund hinab, und sprang von
+Klippe zu Klippe, eine taube stumme Einsamkeit lag
+kalt und ohne Mitleid um mich her. &mdash; So br&uuml;llte
+ich vier Jahr meine Fl&uuml;che und meine Bitten dem unerweichlichen
+Mondal entgegen, aber er h&ouml;rte mich
+nicht; zuweilen flog er auf einer braunen Wolke &uuml;ber
+mein Haupt, sahe h&ouml;hnisch auf mich herab, freute sich
+meiner Quaalen und &uuml;berlie&szlig; mich dann von neuem
+den unerbittlichen Martern. &mdash; Endlich schien er ger&uuml;hrt,
+oder der alten Erg&ouml;tzung &uuml;berdr&uuml;ssig, denn welches
+Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen? &mdash; Ich
+will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und
+neigte sich wie ein Gewitter weiter auf mich herab,
+aber nur unter einer schweren Bedingung geb' ich dich
+frei.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah wollte unter Schaudern weiter lesen, als
+sich ein lautes Get&uuml;mmel im Hofe des Pallastes erhob. &mdash; Best&uuml;rzt
+eilte er an's Fenster &mdash; und die
+furchtbaren Palmbl&auml;tter entsanken seiner Hand.&nbsp;&mdash;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Viertes Kapitel.</h3>
+
+<p>S&auml;bel gl&auml;nzten im Schein der Sonne und leuchteten
+Abdallah wie Blitze entgegen; in einem f&uuml;rchterlichen
+Get&uuml;mmel k&auml;mpften Selim's Sklaven mit der Leibwache
+Ali's, sein Vater stand in der Mitte des Gefechts, mit
+entbl&ouml;&szlig;tem S&auml;bel st&uuml;rzte er hinaus.</p>
+
+<p>Ein wildes Geschrei flog &uuml;ber den Hof des Pallastes,
+Ali's Sklaven w&uuml;theten gegen Selims bewaffnete
+Freunde, das Geklirre der S&auml;bel an die Schilder geschlagen,
+rasselte furchtbar. Abubeker lag mit seinem
+wei&szlig;en Barte vor ihm, in seinem Blute gew&auml;lzt, das
+Geschrei und der Klang der Waffen schlug gegen die
+Mauern des Pallastes, Blut flo&szlig; in Str&ouml;men, einige
+Sklaven flohen, andre st&uuml;rzten <ins title="Original hat Tod">todt</ins> nieder, &mdash; und itzt
+sahe Abdallah auch seinen Vater unter einem S&auml;belhiebe
+sinken.</p>
+
+<p>Er st&uuml;rzte sich w&uuml;thend in das Gedr&auml;nge und
+metzelte um sich her, eine blinde Wuth gab ihm Riesenkr&auml;fte,
+er f&uuml;hlte die leichten Wunden nicht, die er erhalten
+hatte und tobte wie ein Rasender in dem Gew&uuml;hle
+auf und ab, &mdash; eine bekannte Stimme rief seinen Namen
+aus, &mdash; es war sein Freund <span class="wide">Raschid.</span> &mdash; Auch
+du? rief Abdallah w&uuml;thend, &mdash; auch du bist mit meinem
+Elende einverstanden? &mdash; Nur wider meinen Willen,
+antwortete Raschid und gab ihm die Hand; rette
+nur deinen Vater, setzte er leise hinzu, sieh' er lebt noch.</p>
+
+<p>Abdallah blickte nieder, sein Vater lag zu seinen
+F&uuml;&szlig;en und sahe ihn mit einem matten Blicke an; Abdallah
+ergriff ihn stark und trug ihn aus dem Get&uuml;mmel,
+Raschid begleitete ihn und half den verwundeten
+Selim aus dem Hofe des Pallastes f&uuml;hren, alle Krieger
+machten dem bekannten Raschid Platz, weil sie den
+Verwundeten f&uuml;r einen Diener Ali's hielten; so brachte
+Abdallah seinen Vater aus dem Pallast und durch das
+Thor der Stadt.</p>
+
+<p>Selim war stumm und in sich selbst verschlossen,
+heftige Gedanken schienen ihn zu beunruhigen, nur zuweilen
+stahl sich ein Seufzer aus seiner Brust, den er
+aber seinem Sohne zu verbergen suchte.</p>
+
+<p>Ich kann nicht weiter, sagte er endlich und setzte
+sich auf einen Erdh&uuml;gel am Wege. Sein Gesicht war
+bleich, seine Wunde, die Abdallah verbunden hatte, fing
+von neuem an zu bluten. &mdash; Warum hast du mich
+nicht sterben lassen? sagte er dann, da das Schicksal
+auf mich z&uuml;rnt? &mdash; Du h&auml;ttest mich jenen Dolchen
+lassen sollen, denen du mich entrissest, denn ich geh&ouml;rte
+ihnen an, von Verr&auml;therei dem Tode verkauft.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah kam itzt erst aus seinem Staunen, seiner
+Wuth und Angst nach und nach zur&uuml;ck. Er war bis
+itzt in eine unwillk&uuml;hrliche Th&auml;tigkeit geworfen, er hatte
+nicht empfunden und nicht gedacht, &uuml;ber die Gefahr
+seines Vaters hatte er sich selbst vergessen. &mdash; Vater!
+rief er aus, &mdash; o da&szlig; ich dich habe retten k&ouml;nnen, da&szlig;
+ich dich aus dem Gemetzel herausri&szlig; und dem Leben
+wiedergab, &mdash; o das ist das erstemal, da&szlig; dein Sohn
+dir etwas mehr als Dank sagen kann, &mdash; eine Stunde,
+wo ich dir durch Thaten meine Liebe zeigen k&ouml;nnte,
+habe ich so lange gew&uuml;nscht, &mdash; ach! und sie mu&szlig;te so
+schrecklich, so unvermuthet kommen!</p>
+
+<p>Abubeker, sagte Selim, der redliche Greis ist todt,
+mein gro&szlig;er Entwurf ist dahin! &mdash; deine Ahndung,
+alter wackerer Mann, hatte Recht, warum h&ouml;rten wir
+nicht auf deine Stimme? Wozu leb' ich noch, da die
+sch&ouml;nste Hoffnung meines Lebens umgesunken ist? &mdash; Ich
+habe ein gro&szlig;es Spiel gewagt, ich setzte verwegen
+mich und Ali dem Verderben zum Pfande aus &mdash; und
+das Schicksal rief <span class="wide">Selim!</span></p>
+
+<p>Schmerzt dich deine Wunde, Vater? fragte Abdallah.</p>
+
+<p>O ich wei&szlig; kaum, da&szlig; ich verwundet bin! rief Selim
+unwillig aus, ich wei&szlig; nur, da&szlig; ich habe entfliehen
+m&uuml;ssen. &mdash; O warum kann ich nicht der ver&auml;chtliche
+Hund jenes m&uuml;den Wanderers sein, der den Berg herunterzieht?
+Er ist freier und gl&uuml;cklicher als ich!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Dann ging Abdallah mit seinem Vater langsam
+weiter. Oft lie&szlig; er ihn auf Rasenh&uuml;gel sich niedersetzen
+und wenn er erquickt war, mahnte er ihn sogleich wieder
+zur Flucht, weil er die Verfolgung seiner Feinde
+f&uuml;rchtete. &mdash; So gingen sie langsam bis zum Abend
+und wandten sich zu einem kleinen unbesuchten Nebenweg,
+der in einen Wald hineinf&uuml;hrte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die rothen Streifen des Abends wallen durch den
+Himmel, sagte der Greis, sie wollen den tr&auml;gen Selim
+zu seinem Vorhaben rufen, aber ihr kommt zu sp&auml;t
+und findet nur noch meine Schande. &mdash; O d&uuml;rft' ich
+eure verha&szlig;ten Flammen nicht erblicken, oder spiegeltet
+ihr euch in Ali's Blute! &mdash; Meine Freunde sind f&uuml;r
+mich gefallen und der feigherzige Selim flieht und rettet
+ein freudenleeres Leben. O des edeln Greises Abubeker!
+dessen Silberhaar so schrecklich auf den Steinen ausgebreitet
+lag und vom Blute triefte! &mdash; verzeih Abubeker,
+dem unvorsichtigen Freunde, der deiner &auml;lteren Weisheit
+nicht traute.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>So klagte Selim auf dem Wege und h&ouml;rte nur
+wenig auf den Trost seines Sohnes. &mdash; Das Schicksal,
+sprach er endlich, nachdem er lange bei sich gedacht
+hatte, erprobt den Mann durch tausend Gef&auml;hrlichkeiten
+und mannichfaltiges Ungl&uuml;ck, mein Muth soll vielleicht
+noch h&auml;rter gest&auml;hlt werden, um dann desto gr&ouml;&szlig;ere
+Funken zu schlagen. Der Mann mu&szlig; vor seinem Tode
+nichts verloren geben, seine Entw&uuml;rfe m&uuml;ssen ihm so
+unverletzlich sein, wie Heiligth&uuml;mer, die man ihm zum
+Aufbewahren anvertraute, der n&auml;chste Tag vers&ouml;hnt mich
+vielleicht mit dem heutigen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er ging getr&ouml;stet weiter.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>F&uuml;nftes Kapitel.</h3>
+
+<p>In einer entfernten Gegend des Waldes, wo die B&auml;ume
+am meisten verwachsen waren, wo das dichteste Dunkel
+sich unter den verschr&auml;nkten Zweigen herabsenkte und
+man kaum von der fernen Landstra&szlig;e zuweilen ein
+dumpfes Get&ouml;se h&ouml;rte; dort stand unter B&uuml;schen versteckt
+ein kleines l&auml;ndliches Haus, das Selim sich vor
+vielen Jahren hatte erbauen lassen, um hier auf der
+Jagd einen einsamen, unbekannten und stillen Ruheplatz
+zu finden. Nur Omar, Selim und sein Sohn
+kannten diesen Aufenthalt, kein Weg f&uuml;hrte zu dieser
+Wohnung, nur ein Fu&szlig;steig, der sich in hundert Kr&uuml;mmungen
+wand und den kein Fremder auffinden konnte.
+Seit vielen Jahren war diese Wohnung unbesucht geblieben,
+selbst Selim fand itzt den Weg dahin nur mit
+M&uuml;he. B&uuml;sche und hohes Gras hatten den kleinen
+Fu&szlig;steig verschlungen, sie mu&szlig;ten sich durch junge B&auml;ume
+dr&auml;ngen, die in einander gewachsen waren, sie verloren
+oft den Pfad und fanden ihn nur m&uuml;hsam wieder, erst
+mit der Finsterni&szlig; kamen sie an die H&uuml;tte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Alles war verwildert, das Dach mit Moos bedeckt
+und vom Regen durchl&ouml;chert, durch die Fenster hatten
+sich junge Gestr&auml;uche gedr&auml;ngt und Epheu schl&auml;ngelte
+sich in gr&uuml;nen Labyrinthen die W&auml;nde hinan, Heimchen
+nisteten in ihren Schlupfwinkeln und ziepten einsam
+durch die Stille der Nacht und das Rauschen des Waldes;
+Eulen hatten sich auf den benachbarten B&auml;umen
+niedergelassen und heulten nach dem Hause hin&uuml;ber.
+Der Aufenthalt begr&uuml;&szlig;te sie traurig und verfallen, wie
+ein kranker Freund, der auf dem Sterbebette Abschied
+nimmt.</p>
+
+<p>Sie traten in das Zimmer und der ermattete Selim
+lie&szlig; sich sogleich auf ein kleines Ruhebett nieder. &mdash; In
+der N&auml;he rieselte eine Quelle vom Berge herab
+und Abdallah sch&ouml;pfte aus dem frischen Wasser einen
+Trank f&uuml;r seinen entkr&auml;fteten Vater. &mdash; Ich bin erquickt,
+sprach dieser, &mdash; o da&szlig; ich dich noch &uuml;brig habe,
+da&szlig; das Schicksal dich nicht von meiner Seite genommen
+hat, das ist ein Gl&uuml;ck, dessen Gr&ouml;&szlig;e ich mit inniger
+Dankbarkeit verehre.</p>
+
+<p>Abdallah verband von neuem die Wunde Selims
+und bat dann seinen Vater, ihm zu sagen, woher dieses
+Ungl&uuml;ck so pl&ouml;tzlich auf ihn eingest&uuml;rmt sei, was es
+veranla&szlig;t habe und womit sein Vater den Zorn Ali's
+so heftig aufgereizt habe. &mdash; Diese Wunde, sagte Selim,
+die mir pl&ouml;tzlich so t&ouml;dtlich geschlagen wurde, ist
+mir selber unbegreiflich, schon seit lange w&auml;lze ich alle
+meine Gedanken umher, dieses R&auml;thsel zu verstehen,
+alle meine Freunde und Sklaven lasse ich in Gedanken vor&uuml;bergehn,
+aber auf kein einziges Gesicht steht der Name
+Verr&auml;ther. &mdash; Der Himmel selber wirft sich mir entgegen
+und dr&auml;ngt den Strom gegen seine Quelle zur&uuml;ck. &mdash; Dann
+erz&auml;hlte er ihm die Entstehung der Verschw&ouml;rung
+gegen Ali's Leben und nannte ihm alle Ursachen, die
+sie veranla&szlig;t hatten. &mdash; Ich wollte das Land gl&uuml;cklich
+machen, so schlo&szlig; er, aber der Ewige will, da&szlig; sein
+Elend noch ferner dauere, er z&uuml;rnt auf mich, da&szlig; ich
+seinen weisen Rathschl&uuml;ssen habe vorgreifen wollen und
+an seine Stelle treten. Der Sterbliche mu&szlig; nur der
+Hand folgen die ihn leitet, nicht aber mit Vorwitz den
+geheimen Plan der Gottheit zu &uuml;bersehen glauben, sein
+Frevel bestraft sich selbst. &mdash; Der Tyrann herrscht und
+ich beseufze hier verlassen mein Ungl&uuml;ck, ohne Rath und
+H&uuml;lfe, ohne Freund, &mdash; o wenn nur <span class="wide">Omar</span> zur&uuml;ckk&auml;me,
+auf ihm und seiner Weisheit ruht itzt meine letzte
+Hoffnung: aber wenn er auch zur&uuml;ckk&ouml;mmt, kann er
+das, was geschehen ist, ungeschehen machen? Er kann
+nichts als tr&ouml;sten, und Trost ohne H&uuml;lfe ist kein Trost
+f&uuml;r mich, &mdash; meinen Freunden wird endlich kein Dienst
+&uuml;brig bleiben, als mich in mein Grab zu legen.</p>
+
+<p>Es war im Zimmer dunkel geworden und Selim
+f&uuml;hlte einige Thr&auml;nen hei&szlig; &uuml;ber seine Wangen flie&szlig;en,
+er sch&auml;mte sich seiner Schw&auml;che und nur die Finsterni&szlig;,
+die die Z&auml;hren seinem Sohne verbarg, tr&ouml;stete ihn etwas
+&uuml;ber seine Unm&auml;nnlichkeit. Abdallah ergriff die Hand
+seines Vaters und dr&uuml;ckte sie ohne zu sprechen an seine
+brennenden Lippen, Selim umarmte ihn schweigend
+und eine wehm&uuml;thige Stille war um ihren Schmerz
+ausgegossen. &mdash; Durch die Fenster d&auml;mmerte ein irrer
+Schein der Sterne und eine Fledermaus schlug mit
+rauschendem Fl&uuml;gel an die &auml;u&szlig;ern W&auml;nde. Selim
+sahe mit starren Augen nach dem matten Sterngeflimmer,
+das sich durch die gr&uuml;nen Geb&uuml;sche brach, vom
+Wege und seiner Wunde m&uuml;de schlo&szlig; sich endlich das
+gespannte Auge und er versank in einen sanften Schlummer.
+Abdallah stand in tiefen Gedanken neben seinem
+Vater und schien auf das Athemholen Selims zu
+horchen.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Sechstes Kapitel.</h3>
+
+<p>Alles um Abdallah her war still wie das Grab, die
+Quelle in der N&auml;he pl&auml;tscherte immer leiser und leiser,
+das Rauschen der B&auml;ume verhallte immer dumpfer und
+Selims Athem r&ouml;chelte schwach, wie der Athem eines
+Sterbenden. Abdallah stand an die Wand gelehnt und
+sahe in einer kalten Seelentr&auml;gheit dem wunderbaren
+Spiele seiner Gedanken zu. Sein Vater hatte den
+Namen Omar genannt und mit diesem Namen waren
+die Schreckenserinnerungen reissend wie ein Waldstrom
+in seine Seele zur&uuml;ckgekommen; schon hatte er alles
+vergessen, aber dieser Ton brachte ihm mit Wucher zur&uuml;ck,
+was er so gern nicht angenommen h&auml;tte, was er
+so gern auf ewig von sich zur&uuml;ckgewiesen h&auml;tte. &mdash; Omar!
+sprach er leise zu sich selbst &mdash; Omar! wiederholte
+er mit zitternder Stimme. Sein Geist wandte
+sich scheu vor dem Gedanken zur&uuml;ck, der sich un&uuml;berwindlich
+zu ihm hinaufk&auml;mpfte. &mdash; Omar hatte die
+kindliche Liebe schon verloren, mit der er ihn ehedem geliebt
+hatte, seit jener Nacht, die ihn zum Vertrauten
+seiner &uuml;bermenschlichen Gewalt gemacht hatte, hatte sich
+seine Liebe mit Furcht und einem fremden Gef&uuml;hl,
+einer Art von Anbetung vermischt: aber er war immer
+noch der Freund Omars geblieben, seine Liebe hatte sich
+gleichsam nur ein anderes Gewand gew&auml;hlt, ohne ihr
+Wesen zu ver&auml;ndern, &mdash; aber zu <span class="wide">der</span> Empfindung, die
+itzt seine Seele durchschnitt, hatte bis dahin auch kein
+Keim, keine Ahndung in seiner Brust gelegen: es war
+nicht Mi&szlig;trauen, nicht Ha&szlig;, nicht Abscheu, nicht Entsetzen;
+ein schwarzes Gewebe aus allen diesen Gef&uuml;hlen
+gewirkt. Ein Todtengew&ouml;lbe hatte sich ihm aufgethan,
+in welchem grinsende Gerippe, Moder und scheu&szlig;liche
+Verwesung in tausend gr&auml;&szlig;lichen Vermischungen vor
+ihm lagen, das ganze Heer des Entsetzens zog mit
+schadenfrohem L&auml;cheln an ihm vor&uuml;ber und wie in
+Nebel geh&uuml;llt tobten neue Furchtbarkeiten aus der n&auml;chtlichen
+Ferne auf ihn zu, er sahe einen unendlichen
+engen Felsenweg vor sich, durch den er sich hindurch
+dr&auml;ngen sollte, um sich dann in einen Abgrund zu zerschmettern.</p>
+
+<p>Omar! sagte er leise, wie fremd klingt mir itzt dieser
+Name, der einst meinem Vater zugeh&ouml;rte? der die
+Loosung zur Freude und zur Liebe war! &mdash; Itzt ist es
+der Name eines Ungeheuers, das seine Tigerklauen nach
+mir auswirft. &mdash; Oder war alles, alles nur ein Traum?
+Es kann nicht Wahrheit sein, unm&ouml;glich! Wie k&ouml;nnte
+so die Zeit ihr Gewand umkehren? Wie k&ouml;nnte so pl&ouml;tzlich
+der Zorn aus demselben Auge sehen, in dem so eben
+noch die Freundlichkeit thronte? &mdash; Wenn Omar statt
+mir die Hand zu reichen, mir einen schuppigen Drachenhals
+entgegenreckt, &mdash; wer soll mich dann aus der
+Grube ziehen, in der ich an den feuchten W&auml;nden, ein
+verlorner Wurm, umhertappe? Was ist Wahrheit, wenn
+der Ort, wo meine Seele sonst am liebsten verweilte,
+sich so pl&ouml;tzlich in einen Kerker umwandeln kann? &mdash; Ich
+schwindle vor den tausend Gestalten zur&uuml;ck, die
+aus einem w&uuml;sten dunkeln Abgrund so drohend ihr
+Haupt emporheben und mir still und schweigend wie
+unvers&ouml;hnliche ewige Strafen zunicken! &mdash; Nein, so
+f&uuml;rchterlich sieht die Wirklichkeit nicht aus, nur Tr&auml;ume
+verweben sich in solchen verworrenen Wolkengebilden.
+Wo war mein guter Engel, als diese Phantasieen in
+meiner Seele aufstiegen und auch den letzten Strahl
+verschlangen, der noch k&auml;rglich in ihre dunkle Tiefe hinunterleuchtete?
+&mdash; Wer w&uuml;rde dann noch zaudern und
+sich bedenken, aus diesem Leben herauszugehn, wenn es
+ihn mit so entsetzlichen Speisen f&uuml;tterte? &mdash; Nein,
+nein, o Verzweiflung w&auml;re f&uuml;r ein solches Ungl&uuml;ck zu
+wenig, es kann nicht Wahrheit, es <span class="wide">soll</span> ein Traum gewesen
+sein!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er schwieg, eine dunkle Stille s&auml;uselte um ihn her,
+in der finstern Nacht und der leeren Einsamkeit sahe
+er nichts als seine Gedanken schwimmen, ein Wiederhall
+seiner Seele wiederholte unz&auml;hligemal den Namen
+<span class="wide">Omar.</span></p>
+
+<p>Und doch ist es Wahrheit, fuhr er leise fort. &mdash; Ich
+erinnere mich der Stelle, wo ich jene schrecklichen
+Worte las, o ich wei&szlig; es zu gut, wann und wie es
+war, mein boshaftes Ged&auml;chtni&szlig; wiederholt mir mit
+h&auml;mischer Freude die gestrige gl&uuml;ckselige Nacht und stellt
+mir noch einmal den alten <span class="wide">Nadir</span> hin, der mir die
+Bl&auml;tter reicht. &mdash; Nein, es ist kein Traum, wenn
+unser ganzes Leben nicht ein einziger schwarzer Traum
+ist und wir selbst ein bestandloses Traumbild, ein Dunst,
+der durch die Leere seegelt und den ein nichtiger Schein
+anfliegt, bis ihn ein Wind verweht. &mdash; Blas't mich
+Wirbelwinde gegen Felsen, das mein Wesen in tausend
+Luftblasen zerspringe und sich niemals wieder zusammen
+finde! &mdash; Wo Grausen und Ungl&uuml;ck wohnen, wo der
+letzte leuchtende Funke knisternd aus der Asche springt,
+wo eine ewige Einsamkeit auf tausend Verderben br&uuml;tet,
+&mdash; o da, da finde ich mich jederzeit wieder, dort
+ist die Heimath meiner Seele, dahin kehrt nach allen
+seinen Streifereien mein m&uuml;der Geist zur&uuml;ck, dies ist
+das Ziel, wo ich endlich ruhen soll, nach welchem mein
+schwarzer Engel mich hohnlachend peitscht; alles weicht
+aus meiner Bahn zur&uuml;ck, nur meine Ver&auml;chtlichkeit bleibt
+mir &uuml;brig und die H&ouml;lle, die hinter mir ras't.</p>
+
+<p>Omar ist mir auf ewig verloren; es ist ausgesprochen,
+das unbarmherzige Urtheil, das f&uuml;rchterliche Geheimni&szlig;
+ist wie ein Todtengerippe aus seinen verh&uuml;llenden Gew&auml;ndern
+herausgeschritten, &mdash; zur&uuml;ck, zur&uuml;ck von meinem
+Halse, Scheusal! &mdash; Es klopfte ja ein Menschenherz
+in dir, als ich dich verh&uuml;llten Fremdling an meine
+Brust dr&uuml;ckte, wo hast du Betr&uuml;ger dein Herz gelassen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Habe ich jene grausenvollen Bl&auml;tter bis zu Ende
+gelesen und ihre ganze Gr&auml;&szlig;lichkeit in meinen Busen
+gesogen? &mdash; Nein, nein, &mdash; ein freudiger Funke glimmt
+in der Nacht wieder auf, die Aufl&ouml;sung des R&auml;thsels
+ist noch &uuml;brig, &mdash; ja, du wirst mir wieder geschenkt
+werden, mein Omar! Ja, der Ort kann itzt noch keine
+Wildni&szlig; sein, auf welchem so eben noch dieser freudenreiche
+Tempel stand. &mdash; Ja, Omar hat sich von Mondals
+f&uuml;rchterlichem Bunde losgerissen und in die Arme
+der Menschheit zur&uuml;ckgeworfen, ja, er liebt, er liebt mich,
+er ist wieder ein Mensch geworden, die &uuml;brigen Bl&auml;tter
+werden, m&uuml;ssen es enth&uuml;llen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er fa&szlig;te den Entschlu&szlig; in die Stadt zur&uuml;ck zu gehn
+und jene Bl&auml;tter wieder aufzusuchen, die sein Schicksal
+enthielten, er b&uuml;ckte sich leise auf seinen Vater herab
+und h&ouml;rte, ob er noch schlummere, dann verlie&szlig; er
+schnell das Zimmer.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er dr&auml;ngte sich durch die Labyrinthe der Geb&uuml;sche
+und tappte in der w&uuml;sten Nacht mit den H&auml;nden umher,
+um den verborgenen Pfad zu entdecken. &mdash; Rauschend
+jagten sich Wolken durch die hohen Baumwipfel,
+die Sterne weinten kalten Thau herab, Sturmwinde
+spielten heulend im dichten Walde. &mdash; Abdallah st&uuml;rzte
+oft gegen B&auml;ume und fuhr durch rasselnde Gestr&auml;uche,
+flimmernde Lichter f&uuml;hrten ihn oft tr&uuml;gend tiefer in den
+Wald hinein, wo ihm die Nacht noch dumpfer entgegenkam;
+endlich trat er auf die Heerstra&szlig;e.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er ging durch das Thor und durch die stillen
+Stra&szlig;en der Stadt, auf der Br&uuml;cke hatten zwei Fischer
+ihre Netze ausgeworfen und unterredeten sich leise. &mdash; Abdallah
+stellte sich an das Ufer und dachte mit wehm&uuml;thiger
+Verzweiflung an den Abend zur&uuml;ck, an welchem
+der Untergang der Sonne sich so sch&ouml;n in dem
+Flusse spiegelte, als auf allen Wogen kleine Nachen
+schwammen, die f&uuml;r ihn mit Seligkeiten landeten, als
+jede Welle den Namen Zulma und Abdallah lispelte
+und mit dem Abendwinde stritt, wer &raquo;Zulma&laquo; am
+s&uuml;&szlig;esten s&auml;uselte, er dachte an die Himmelsnacht zur&uuml;ck,
+als sich ihm das Paradies mit allen seinen unendlichen
+Wonnen aufgethan hatte, &mdash; er sahe nach der Gartenmauer, &mdash; aber
+eine neidische Finsterni&szlig; warf sich vor
+sie, die Wogen schauerten in verschlungenen Ringen im
+kalten Winde der Nacht und wankten in einer d&uuml;stern
+D&auml;mmerung, ein Stern blickte zuweilen wehm&uuml;thig hinter
+den schwarzen Wolken hervor und warf traurig
+einen fl&uuml;chtigen Blick auf die dunkle Fluth. &mdash; Er stand
+in tiefen Gedanken und ma&szlig; sein Elend an der Gr&ouml;&szlig;e
+seines vorigen Gl&uuml;cks. Das Gespr&auml;ch der Fischer fl&uuml;sterte
+leise in das Rieseln der Wellen.</p>
+
+<p>Wie ich dir sagte, <span class="wide">Sadi,</span> sprach der eine, auch
+keine Mauer von seinem Pallaste will der Sultan stehen
+lassen, er hat den ungl&uuml;cklichen Selim mit den gr&auml;&szlig;lichsten
+Fl&uuml;chen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so
+f&uuml;rchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu
+n&auml;hern.</p>
+
+<p>Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe
+dem Sultan nach dem Leben getrachtet; wenn das ist,
+so verdient er auch die Strafe, da er seine Hand an
+den Gesalbten des Herrn hat legen wollen.</p>
+
+<p>Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von
+jeher ein wackerer Mann, er hat mich vom Hungertod
+gerettet, er mu&szlig; gewi&szlig; Ursachen gehabt haben, so zu
+handeln, denn er ist ein edler Mann.</p>
+
+<p>Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat
+Gott &uuml;ber uns gesetzt und ihn verletzen hei&szlig;t Gott
+verletzen und darum hat er den Zorn und die Strafe
+Ali's verdient.</p>
+
+<p>Sie stritten noch l&auml;nger und zogen dann ihre Netze
+aus dem Flusse, sie hatten nichts gefangen und gingen
+verdrie&szlig;lich nach Hause. Abdallah hatte ihrem Gespr&auml;che
+traurig zugeh&ouml;rt und n&auml;herte sich dem Pallast
+seines Vaters.</p>
+
+<p>Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie
+ein gro&szlig;es Todtengew&ouml;lbe. Er schlich sich durch das
+Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen Tritte
+die W&auml;nde hinabschallten, er stie&szlig; mit dem Fu&szlig; an
+die K&ouml;rper der Erschlagenen, die man mit Verachtung
+hatte liegen lassen und aus einem Winkel des Hofes
+seufzte ein Halbgestorbener und r&ouml;chelte f&uuml;rchterlich.
+Abdallah schritt bebend &uuml;ber sie hinweg und trat in die
+Gem&auml;cher des Pallastes. Alles war einsam und ver&ouml;det,
+so still, als h&auml;tten niemals Menschen zwischen
+diesen Mauern gewohnt, &mdash; itzt kam er in sein Zimmer. &mdash; Mit
+zitternden H&auml;nden suchte er auf den
+Tischen und am Boden umher und fand die f&uuml;rchterlichen
+Bl&auml;tter nirgends. &mdash; Wie? &mdash; rief er aus, &mdash; sollte
+ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden
+und auch nicht einmal meinem Elende in's Angesicht
+sehen k&ouml;nnen? Sollte das schadenfrohe Schicksal mir
+auch selbst diese f&uuml;rchterliche Freude der Gewi&szlig;heit
+rauben wollen, damit meine Verdammni&szlig; in unaufh&ouml;rlicher
+Angst bestehe?</p>
+
+<p>&Auml;ngstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: &mdash; es
+gilt deine Liebe, Omar! ob ich mich mit
+dir auss&ouml;hne, oder nicht, h&auml;ngt von diesem Augenblicke
+ab, &mdash; jetzt wei&szlig; ich nur genug, um unaufh&ouml;rliche
+Quaalen zu dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu
+sein. &mdash; Er suchte lange und unerm&uuml;det, endlich sprang
+er w&uuml;thend auf und wollte gehen, sein Fu&szlig; stie&szlig; an
+eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden w&auml;lzte, er
+streckte seine Hand darnach aus, &mdash; es waren die erw&uuml;nschten
+f&uuml;rchterlichen Palmbl&auml;tter, die ein Schreck
+ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen hatte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Siebentes Kapitel.</h3>
+
+<p>Die H&auml;nde Abdallah's zitterten, als er die Bl&auml;tter ergriff
+und mit ihnen durch die Gem&auml;cher zur&uuml;ckeilte,
+alles, was er in ihnen gelesen hatte, trat wieder vor
+seine Seele, er dr&uuml;ckte krampfhaft die Faust zusammen
+und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit
+klingenden Fl&uuml;geln hinter ihm herjagten, so entflohe er
+&uuml;ber den Hof des Hauses und durch die Stadt, nur
+vor dem Pallast des Sultans stand er still. &mdash; Nur
+ein einziges Licht wandelte noch hinter den Vorh&auml;ngen
+umher und seine Einbildung schuf Zulma's Gestalt in
+dem Zimmer hinzu, er sahe sie unruhig auf und niedergehn,
+er h&ouml;rte seinen Namen nennen und starrte lange
+mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. &mdash; Das
+einzige lebendige Licht in der gro&szlig;en todten Steinmasse
+des Pallastes, die Erinnerung Zulma's neben seiner
+Verzweiflung lie&szlig; einen wunderbaren Schein in die
+tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar
+wie eine verirrte Blume, die zu fr&uuml;h in einem sch&ouml;nen
+Wintertage aufbricht. Das Liebliche und die Gr&auml;&szlig;lichkeit
+sahen sich an und wollten sich die Hand reichen,
+aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem
+Schauder, ein dichter Nebel verfinsterte Zulma's Sonne
+in seiner Seele, sie ging in ihm auf, aber nur hinter
+einen Wolkenvorhang, es war die wehm&uuml;thige Erinnerung
+einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen
+wagte.</p>
+
+<p>Er ging langsam weiter und eine Gestalt kam ihm
+durch die schwarze Nacht entgegen, es war <span class="wide">Raschid,</span>
+sein Freund. Raschid kehrte mit ihm zur&uuml;ck und ging
+lange schweigend neben ihm hin, aber Abdallah bemerkte
+ihn kaum, in die Verworrenheit seiner Tr&auml;ume
+verloren.</p>
+
+<p>Nun bin ich ganz ungl&uuml;cklich, begann Raschid, nun
+ist mir alles genommen, ich sehe keinen Ausweg, als
+die Verzweiflung. Alles, auch der letzte fernste Abendschein
+meiner Hoffnungen ist mir auf ewig untergegangen. &mdash; Ich
+bin aus Ali's Pallast entflohen und habe
+mich vor seiner Wuth gerettet, denn er hat mir den
+Tod geschworen, &mdash; er glaubt, da&szlig; durch meine H&uuml;lfe
+dein Vater seiner Rache entronnen sei, denn er wei&szlig;,
+da&szlig; ich dein Freund war. &mdash; Ist dein Vater gesichert?</p>
+
+<p>Mein Vater? fuhr Abdallah auf,&nbsp;&mdash;&nbsp;ja!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sei wachsam, Abdallah, antwortete <span class="wide">Raschid</span>, Ali
+w&uuml;thet, wie er noch nie gew&uuml;thet hat; er hat es beim
+Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater lebend
+oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie
+ein Tiger, dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht
+seiner zertr&uuml;mmernden Wuth. Dein Vater hat gewagt,
+was noch Niemand wagte, diese blutige Verschw&ouml;rung,
+dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei f&uuml;r
+einen Menschen zu k&uuml;hn, hat seine Rache so hei&szlig;hungrig
+gemacht, da&szlig; nur sie durch Selims Tod wird ges&auml;ttigt
+werden k&ouml;nnen. &mdash; Dein Haus wird zerst&ouml;rt werden
+und ein Fluch des Himmels dar&uuml;ber ausgesprochen.
+Sch&uuml;tze Selim, denn sein Schicksal w&uuml;rde f&uuml;rchterlich
+sein, wenn sein Aufenthalt dem Sultan verrathen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Raschid ging und Abdallah verlie&szlig; die Stadt und
+eilte nach der einsamen H&uuml;tte zur&uuml;ck. &mdash; Der bleiche
+Morgen schimmerte schon durch die Wipfel der B&auml;ume
+und jagte ein n&uuml;chternes Licht durch die Schatten des
+Waldes, als Abdallah von der dunkeln Anh&ouml;he hinunterging
+und sich im Waldgrunde der einsamen Wohnung
+seines Vaters n&auml;herte. &mdash; Ich habe dich schon vermi&szlig;t,
+mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch
+du h&auml;ttest mich verlassen, denn der Elende mu&szlig; jeder
+Furcht und keiner Hoffnung trauen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte
+Abdallah.</p>
+
+<p>Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf
+hat mir meine Kr&auml;fte zur&uuml;ckgegeben. &mdash; Sieh, wie das
+Morgenroth sich durch den verwachsnen Wald zu meinem
+Fenster dr&auml;ngt, um mich zu gr&uuml;&szlig;en, wie der Himmel
+mich mit munterm feurigem Auge aus der Ferne
+ansieht, ja, ich will noch hoffen; ein Sturm hat mich
+in das Meer des Elends hineingeworfen, aber ich will
+nicht untersinken, auch dieses Ungl&uuml;ck will ich noch auf
+meine Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht
+halten; ja Abdallah, m&ouml;gen tausend Donner um mich
+schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer Stimme
+in eine H&ouml;hle verkriechen, sondern ihnen mit K&uuml;hnheit
+antworten. Du bist ja noch mein und dieser Stab
+wird nicht unter mir zusammenbrechen, noch einen Faden
+hat mir das g&uuml;tige Schicksal &uuml;brig gelassen und
+an diesen will ich das Gewebe meines Gl&uuml;ckes unverdrossen
+von neuem beginnen; wenn dieser rei&szlig;t, dann
+erst will ich die Arbeit auf ewig aus den H&auml;nden werfen.</p>
+
+<p>Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief
+Abdallah aus, ich bin noch dein und werd' es bleiben.
+La&szlig; dich von dieser Freude noch in diese Welt zur&uuml;ckhalten.</p>
+
+<p>Die Wunde Selims war minder gef&auml;hrlich als gestern,
+aber er war ermattet, selbst das Sprechen ward
+ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater, er brannte
+vor Begierde den Inhalt der Bl&auml;tter zu erfahren, aber
+es war unm&ouml;glich, den Kranken, dem seine H&uuml;lfe so
+unentbehrlich war, zu verlassen. &mdash; Am Abend stellte
+er ein kleines Ruhebett neben das Bett seines Vaters
+und z&uuml;ndete eine Lampe an, die er in einem benachbarten
+Zimmer gefunden hatte.</p>
+
+<p>Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden
+Wolken, die Nacht stieg aus ihrer schwarzen Behausung
+auf und breitete durch den Himmel ihren Mantel
+aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine
+Lampe warf durch das enge Zimmer eine matte D&auml;mmerung,
+Abdallah zog aus seinem Busen die Palmbl&auml;tter,
+sein Auge durchflog sie von neuem und alle Schreckgestalten
+traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn
+zu. &mdash; Nein, sagte er zu sich selbst, Omar kann mir
+nicht zur&uuml;ckgegeben werden, diese Warnungen hier lassen
+mich das Schrecklichste f&uuml;rchten, die grausamen
+Bl&auml;tter werden mir ihn nicht wiedergeben, &mdash; er las
+weiter:</p>
+
+<hr class="minimal" />
+
+<p>&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Endlich schien er ger&uuml;hrt, oder
+der alten Erg&ouml;tzung &uuml;berdr&uuml;ssig, denn welches Mitleid
+sollte diese steinerne Brust bewohnen. &mdash; Ich will dich
+von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie
+ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer
+schweren Bedingung geb' ich dich frei.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sprich sie aus, Gr&auml;&szlig;licher, heult ich ihm entgegen,
+o sprich, nur nimm mich wieder aus dieser H&ouml;llenpein,
+sprich es schnell und ich will das Unm&ouml;gliche
+m&ouml;glich machen!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Der Felsen bog sich auseinander und gab mich
+frei, voll von der wonnevollsten Empfindung der Freiheit
+lag ich lange ohnm&auml;chtig und ohne Bewu&szlig;tsein,
+endlich kam mein Geist zu mir zur&uuml;ck, Mondal stand
+noch neben mir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wandre zur Welt zur&uuml;ck, sagte er mit f&uuml;rchterlicher
+Stimme, und nur das gr&auml;&szlig;lichste, vor dem der
+Sterbliche beim Anh&ouml;ren zur&uuml;ckschaudert, kann dir meine
+Verzeihung erwerben. &mdash; Keine gemeine und leichte
+That s&ouml;hnt dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich
+nicht loskaufen. Itzt versuche deine Kraft; nur ein
+Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn
+umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater
+dem Tode &uuml;bergiebt. Vollendest du diese Arbeit nicht,
+so will ich Quaalen f&uuml;r dich ersinnen, die im Augenblick
+dich zermalmen und mit noch gr&auml;&szlig;lichern Schmerzen
+dich wieder in's Leben zur&uuml;ckreissen, alle meine Kunst
+will ich dann aufbieten und meinen ganzen Scharfsinn
+an dir in Th&auml;tigkeit setzen. Ungestraft soll ein Mensch
+meiner nicht spotten d&uuml;rfen. &mdash; Geh zur&uuml;ck und lies
+dir einen Sterblichen aus, der dich l&ouml;se; nach zwanzig
+Jahren erwart' ich deine Rechenschaft.&laquo;</p>
+
+<p>Ich ging. &mdash; F&uuml;r Selim, sprach ich, habe ich
+gelitten, er soll meine Quaalen bezahlen. &mdash; &raquo;Und dort
+Nadir,&laquo; rief Omar itzt mit lauter Stimme, &mdash; &raquo;dort
+liegt mein Unterpfand!&laquo;</p>
+
+<p>Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken.
+Schauder und Erstaunen hatten bis itzt meine Zunge
+gel&auml;hmt, ich f&uuml;hlte mich von Omar mit tausend Armen
+zur&uuml;ckgerissen. &mdash; Dort unter jener Palme? rief ich
+nach langem Stillschweigen aus.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; antwortete Omar, &raquo;er bezahlt die gro&szlig;e
+Schuld, auf ihn bin ich von Mondal angewiesen, er
+ist meine Speise, an der ich meine Rache s&auml;ttige.&laquo;</p>
+
+<p>Ich fuhr zur&uuml;ck und wollte auf dich zueilen, dich
+zu wecken und dir alles zu sagen. &mdash; Ungl&uuml;cklicher!
+erwache! rief ich mit lauter Stimme, du schl&auml;fst und
+siehst den Felsen nicht, der &uuml;ber deinem Haupte zusammenst&uuml;rzen
+will!</p>
+
+<p>&raquo;Nadir! mein Freund!&laquo; schrie Omar, &mdash; &raquo;o
+hab' ich mich an der Menschheit wieder geirrt? Ich
+hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern
+w&auml;re mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, &mdash; und
+du willst deinen Omar zu unendlichen Martern zur&uuml;cksenden?
+Ist dir dieser Unbekannte mehr als dein
+Freund?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder
+Stimme, fort mit deinen H&auml;nden! Du hast die Verdammni&szlig;
+angetastet, die H&ouml;lle h&auml;ngt an dir!</p>
+
+<p>Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar ri&szlig; mich
+gewaltig zur&uuml;ck, wir rangen einen hartn&auml;ckigen Kampf,
+w&uuml;thend stritten wir in hundert Gestalten, als Tiger,
+L&ouml;wen und Elephanten, unerm&uuml;det jagten wir uns durch
+viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in
+eine gro&szlig;e gl&uuml;hende Feuerkugel, um mich zu zernichten,
+ich warf mich ihm in eben der Gestalt entgegen und
+wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich mu&szlig;te
+ich der h&ouml;llischen &Uuml;bermacht Omars weichen, die Donner
+und Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe.</p>
+
+<p>Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zur&uuml;ckgehn, er
+hielt dich fest und wachte &uuml;ber dich, wie ein Tiger &uuml;ber
+seine Beute.</p>
+
+<p>Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen,
+durch die Gewalt, die Achmed mir verliehen hat, schwebte
+mein Geist unsichtbar um dich her, ich entdeckte die
+Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe allgemach
+entgegenf&uuml;hrt, er hat dir deinen Glauben an
+Gott und die Tugend genommen, die Welt ist dir ver&auml;chtlich,
+deine Leidenschaft k&auml;mpft gegen die Liebe deines
+Vaters, das Zaubergeheimni&szlig; f&uuml;hrt dich dem Wahnsinn
+entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die
+dich verschlingen wollen, dein Wesen zuckt in ewigen
+Todeskr&auml;mpfen; nur Zulma h&auml;lt deine Sterblichkeit noch
+zusammen. Liebe begl&uuml;ckt die Natur, nur dir ist sie
+eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen
+f&auml;hrst du in den unvermeidlichen Strudel hinein, &mdash; o
+Abdallah, Abdallah, rette dich! Ich habe dir die
+Zukunft aufgethan, du wei&szlig;t nun deine grausenvolle
+Bestimmung; o ich beschw&ouml;re dich, glaube meinen Worten,
+la&szlig; keine blendende Lehre dein Herz dem Ewigen
+untreu machen, vergi&szlig; nicht seine heiligsten Gebote.
+Wenn du, mir mi&szlig;trauend, zu deinem vorigen Freunde
+zur&uuml;ckkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er f&uuml;hrt
+dich gewi&szlig; endlich auf dem verderbenvollen Wege zu
+seinem gr&auml;&szlig;lichen Endzweck; ich biete dir die Hand zur
+Rettung, o ergreife sie mit k&uuml;hnem Muth; bin ich gleich
+ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube
+mir dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind
+lauter, mein Herz schl&auml;gt noch f&uuml;r die Tugend.</p>
+
+<p>Ja, J&uuml;ngling, es ist Tugend, o verachte den, den
+sie auf ewig von sich gesto&szlig;en hat und der sie aus boshafter
+Rache verl&auml;ugnen will. Suche diesen Diamant
+wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken
+unter R&auml;thseln umher, aber f&uuml;hltest du nicht ehedem
+ein Feuer in dir, das dieser Gottheit loderte? Das Gef&uuml;hl
+der Tugend ward uns mit auf die Welt gegeben,
+um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu
+arbeiten und es einst vollendet zur&uuml;ck zu bringen. Dies
+Gef&uuml;hl das in unserm Busen gl&uuml;ht, ist mit der Natur des
+Menschen verschmolzen und keine Vern&uuml;nftelei wird es
+je verbannen, nichts l&ouml;scht diesen Glanz aus, der auch
+wider des B&ouml;sewichts Willen niedergedr&uuml;ckt stets von
+neuem in ihm aufleuchtet, diese Stimme schreit immer
+wieder im Busen des Verbrechers, der innere Richter
+schl&auml;ft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverf&auml;lscht
+da. &mdash; Dieses himmlische Gef&uuml;hl ist der Fittig,
+der uns einst zum Thron der Gottheit hinaufschwingen
+wird; o l&auml;hme nicht diese Flugkraft, dieser Muthwille
+w&uuml;rde dich einst an jenem Tage allm&auml;chtig niederw&auml;rts
+halten. Kehre zur&uuml;ck und baue die wilden
+Tr&uuml;mmern wieder auf, la&szlig; dein Menschengef&uuml;hl von
+keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der Thron
+des Ewigen wird unersch&uuml;ttert stehen, wenn auch tausend
+Zweifel gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig
+ihren gro&szlig;en Gang und kein Menschenauge, kein andres
+Auge als der Blick des Sch&ouml;pfers wird in das innere
+Geheimni&szlig; dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es
+ehedem geglaubt hast, da&szlig; der Mensch h&ouml;her stehe, als
+das Thier, das unverst&auml;ndig &uuml;ber die Pracht der
+Sch&ouml;pfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein
+der Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen
+liegt das hohe Gef&uuml;hl, das ein Abglanz des Himmels
+ist; Abdallah, la&szlig; dir nicht heimt&uuml;ckisch dies Kleinod
+entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit.
+Ein gro&szlig;es Netz ist um dich her geworfen, zerbrich
+muthig das eiserne Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet,
+an dem noch kein Mensch der Verdammni&szlig;
+zueilte, durch den z&auml;rtlichsten Sohn soll der Vater sterben,
+Liebe und t&auml;uschende Lehren haben ihre ehernen
+Haken nach dir ausgeworfen, du mu&szlig;t verbluten, wenn
+du dich nicht rettest, D&auml;monen tanzen um dich her
+und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig
+untersinkst.</p>
+
+<p>Du siehst traurig auf diese Worte hin und f&uuml;hlst,
+da&szlig; du Zulma's Liebe nicht verloren geben kannst, du
+zweifelst, ob du dieses Unterpfand deines Gl&uuml;cks selbst
+gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst nicht
+zur&uuml;ckschreiten, ohne den Fu&szlig; &uuml;ber den Strom zu setzen,
+der dein Gl&uuml;ck und Ungl&uuml;ck scheidet. &mdash; Deines Vaters
+Fluch wirft sich deiner Liebe entgegen und Omar will
+dich auf der Bahn des Lasters &uuml;ber diese Unm&ouml;glichkeit
+hinwegf&uuml;hren, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen,
+aber vertraue dich mir und ich will dich gl&uuml;cklich machen.
+Die Geheimnisse des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt,
+in <span class="wide">einer</span> Nacht soll sich in diesen magischen
+Gefilden dein gro&szlig;es Gl&uuml;ck entscheiden. Ohne deine
+Menschheit zu zertr&uuml;mmern, will ich dich &uuml;ber den Fluch
+deines Vaters hinweg, in die Arme deiner Zulma f&uuml;hren,
+diesen einen Weg, nur mir bekannt, hat dir das Verh&auml;ngni&szlig;
+offen gelassen, reich' deinem Freund <span class="wide">Nadir</span>
+die Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. &mdash; O
+wie leicht, voll von Seligkeiten wird dein Herz in
+deinem Busen klopfen, wenn du am sonnbegl&auml;nzten
+Ziele die Krone des Siegers empf&auml;ngst, Zulma in deinen
+Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem
+schwarzen Verderben wieder abgek&auml;mpft. Alle Schrecken,
+die dir nachjagten, fliehen dann mit flatterndem Haar
+zur H&ouml;lle ihrer Heimath zur&uuml;ck, gl&auml;nzend steht die Gegenwart
+wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkr&auml;nzen
+entgegen. O J&uuml;ngling, betrachte dies wonnevolle
+Bild und kehre zur&uuml;ck. &mdash; Kannst du je selbst
+in Zulma's Armen gl&uuml;cklich sein, wenn der schwarze
+Wurm in deinem Busen ewig fri&szlig;t und an deiner
+Seele mit giftigem Zahne nagt? Wenn du dir selbst
+unaufh&ouml;rlich einen Spiegel vorh&auml;ltst, aus dem dir das
+todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen
+Ankl&auml;ger entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung
+dir den Becher reicht und die bleiche Reue
+dir auf jedem Schritte folgt? &mdash; Wenn selbst die
+Thr&auml;ne endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit
+banger Gewissensangst vor deinem eigenen Schatten
+zur&uuml;ckst&uuml;rzest? &mdash; Verehre den Sch&ouml;pfer und seine
+Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du
+einst Zulma nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch
+nur in ihr den gemodelten Staub und die H&uuml;lle eines
+leblosen Gerippes finden, la&szlig; den Vorhang wieder fallen,
+den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen
+hast, das Auge des Menschen kann und
+darf nicht den gro&szlig;en Weltensch&ouml;pfer meistern; ehedem
+sahst du in jeder Fliege Sch&ouml;nheit, itzt steht in jedem
+Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger
+Blick mu&szlig; ewig irren. Du verachtest die Welt, weil
+sie sich nicht in deine Launen f&uuml;gt, du klagst den Ewigen
+und seine Sch&ouml;pfung an, weil er dich beim gro&szlig;en
+Geb&auml;ude nicht um Rath befragte.</p>
+
+<p>Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der
+dir Zulma erkaufen soll, so komm in der Mitternachtsstunde
+in jenes Felsenthal, in welchem sich ein Wasserfall
+vom Berge gie&szlig;t: du mu&szlig;t mit dem Geisterreich
+vertraulich werden und durch tausend Schauder unerschrocken
+gehen. Wenn du auch nicht die M&ouml;glichkeit
+der Aufl&ouml;sung begreifen kannst, so ist sie doch da, durch
+Muth mu&szlig;t du Zulma gewinnen; um dein Gl&uuml;ck in
+Ruhe zu genie&szlig;en, um ewig von diesen schwarzen D&auml;monen
+der Nacht unangefochten zu bleiben, mu&szlig;t du
+dich k&uuml;hn hinein in ihre Mitte wagen, dann wirst du
+auf immer ihre Furchtbarkeit von dir absch&uuml;tteln. &mdash; Geh
+ihnen dreist entgegen, es sind nichts als leere
+Schreckgestalten, die vor dem Blick des Muthigen sich
+zur&uuml;ck in ihre Nichtigkeit retten. &mdash; In jenem Thal'
+erwart' ich dich.</p>
+
+<p>Den Zauberring rei&szlig; von deinem Finger, er fesselt
+dich unaufl&ouml;slich an Omar und dein Elend, er ist das
+letzte Glied der schwarzen Kette, an der der Meineidige
+dich hinter sich schleppt, wirf ihn von dir und das Band
+zwischen dir und ihm ist zerrissen und du geh&ouml;rst der
+Menschheit wieder zu.</p>
+
+<p>Ich stehe hier auf dem Felsen wie ein Leuchtthurm,
+der dich im Wogensturm in einen sichern Hafen winkt;
+s&auml;ume nicht, Abdallah, neun N&auml;chte erwart' ich dich
+hier, k&ouml;mmst du nicht, so will ich f&uuml;r dich beten.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Achtes Kapitel.</h3>
+
+<p>Abdallah hatte die f&uuml;rchterlichen Bl&auml;tter geendigt und
+sein Auge sah noch immer starr auf die letzten Worte
+hin, er verlor sich in tausend wunderbaren Gedanken
+und Gef&uuml;hlen und eine stumpfe Bet&auml;ubung hielt endlich
+alle seine Sinne gefangen. &mdash; Das schwarze Buch der
+Nacht mit der goldenen Schrift war durch den Himmel
+aufgeschlagen, die Erde ruhte ringsum in einem
+heiligen Schlummer; die Lampe im Zimmer brannte
+matt und blau und zuckte sterbend um die rothe Gluth
+des Dochtes, itzt hob sie sich zum letztenmale und verflog
+in die Finsterni&szlig;, die rothe Kohle zersprang knisternd
+und die Funken erloschen nach und nach, immer leiser
+und leiser fl&uuml;sterte es um Abdallah her.</p>
+
+<p>Nun ist es ja gel&ouml;st, sprach er endlich, das gro&szlig;e
+R&auml;thsel. O da&szlig; die H&ouml;lle Raum in so wenigen Worten
+findet! Hinweg mit dem sch&auml;ndlichen Namen Omar
+aus meinem Ged&auml;chtni&szlig;! H&auml;tt' ich ihn nie nennen h&ouml;ren!
+dieser Name &mdash; o ich kann diesem Gedanken nicht
+folgen, bei dem mein Verstand erlahmt &mdash; dieser Name
+ist das Freudengeschrei der H&ouml;lle und doch so fest
+in mein Leben verwachsen: aber ich will ihn auf ewig
+ausreissen, die Vergessenheit soll ihren Fittig &uuml;ber ihn
+schlagen und dann ist es, als w&auml;r' es nie gewesen.
+Eine neue Hoffnung tritt auf mich zu, Zulma und doch
+Mensch bleiben, meine Liebe und meinen Vater erhalten, &mdash; ja,
+Omar, fahre wohl, ich nehme diesen Weg,
+fahre wohl, wir sehn uns nie wieder. Gehe du zu deiner
+kalten Verdammni&szlig; zur&uuml;ck, ich gehe in die Wohnung
+der Seeligen und finde dort alle jene Sch&auml;tze
+wieder, die einst mein waren. M&ouml;gen die Stunden
+verflucht sein, die ich mit dir verlebte, dreimal verflucht! &mdash; Doch
+still, Unbesonnener, du verfluchst dein ganzes
+voriges Leben!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er zog den Ring vom Finger und wollte ihn eben
+durch das Fenster in ein Geb&uuml;sche werfen, aber pl&ouml;tzlich
+hielt er ein, &mdash; ein Gedanke &uuml;berraschte ihn.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Was willst du thun? fuhr er fort, &mdash; auch das
+letzte Bret fahren lassen, das dir der Schiffbruch &uuml;brig
+gelassen hat? &mdash; Hat Omar mich nicht selbst vor den
+Verl&auml;umdungen der L&auml;sterer gewarnt? Wodurch hat es
+dieser Fremdling verdient, da&szlig; ich seinem M&auml;rchen
+und seiner ungepr&uuml;ften Redlichkeit mehr glaube, als
+meinem l&auml;ngst erprobten Freunde? Ihn will ich zur&uuml;cksto&szlig;en
+und mich einem ungewissen Schicksal in die Arme
+werfen? Wie kann ich wissen, in welchem dunkeln Winkel
+ein neues, noch gr&ouml;&szlig;eres Elend f&uuml;r mich gesponnen
+wird, und diese Erfindung ist vielleicht zum Eingang in
+das Jammerthal bestimmt. Und wie kann dieser Nadir
+die Unm&ouml;glichkeit unter sich niederk&auml;mpfen? Wie meines
+Vaters Gebot mit meiner Liebe vereinigen? Auf
+welchem Wege sollen sich diese Widerspr&uuml;che begegnen? &mdash; Es
+kann nicht Wahrheit sein, es ist ein Betrug,
+ein Fremdling will auf dem Thron sitzen, den mein
+Omar bis itzt eingenommen hat. &mdash; Aber wenn es
+Wahrheit w&auml;re? O welcher Schmerz, welche Wuth ersch&ouml;pften
+dann mein Elend? Was k&ouml;nnte mir dann
+meine Seligkeit bezahlen, die ich wie ein muthwilliger
+Knabe verspielt h&auml;tte? &mdash; Ich will hinaus und das
+Unternehmen wagen, f&uuml;r Zulma ist jede Gefahr nur
+ein Spiel! Und dieser Ring hier sei mein Anker, den
+ich an das Land werfe, wenn Wogen mich zu verschlingen
+drohen.</p>
+
+<p>Mit diesem Entschlusse ging er leise aus dem Zimmer
+und suchte durch den Wald den Weg nach jenem
+furchtbaren Felsenthal. Wild lag die Nacht &uuml;ber der
+Natur ausgebreitet und tausend schreckliche Phantome
+ruhten auf ihrem schwarzen Mantel, Irrlichter schweiften
+durch den Wald und rothe Strahlen kr&auml;uselten sich
+um die Krone der schlanken Fichten, Ungewitter zogen
+am Horizont mit f&uuml;rchterlichem Schweigen auf; aber
+Abdallah dr&auml;ngte sich durch die Nacht und ihre Furchtbarkeiten
+hindurch, er fand endlich die Heerstra&szlig;e und
+das enge Thal.</p>
+
+<p>Willkommen! Willkommen! rief ihm eine Stimme
+freudig entgegen, o gl&uuml;cklich, da&szlig; du meiner Einladung
+gefolgt bist. Nadir stieg schnell von einem Felsen herab
+und eilte ihm entgegen. &mdash; Wenn ich dich retten kann,
+Abdallah, so bin ich gl&uuml;cklich, dein Geist ist edel, dein
+Herz sanft und so tief zum sch&auml;ndlichsten Verbrechen
+solltest du herabsinken? In dir flie&szlig;en tausend Quellen
+der Seligkeit und alle sollten dir mit Quaalen entgegenrauschen?</p>
+
+<p>Abdallah reichte ihm zagend die Hand. &mdash; Ich will
+mich dir vertrauen, rief er aus, ich will dir glauben,
+so gern ich dir nicht glauben m&ouml;chte. &mdash; Zeige mir
+den Weg zu meinem Gl&uuml;cke!</p>
+
+<p>Du wirst durch eine Menge von Schreckgestalten gehen,
+sagte Nadir, aber la&szlig; dich von keiner auf deinem Wege
+zur&uuml;ckhalten, es sind nur leere Gebilde, die wie ein Rauch
+um dich wehen und sich wieder in Nichts verwandeln;
+wenn du durch alle Schrecken hindurchgezogen bist, so
+bist du nur von einem schweren Traum erwacht. Um
+nie wieder vom Geisterreich und seinen Phantomen im
+Gl&uuml;cke beunruhigt zu werden, mu&szlig;t du durch das ganze
+magische Gefilde wandeln; la&szlig; dich von keiner Furcht
+&uuml;berraschen, denke unaufh&ouml;rlich daran, da&szlig; es dein Gl&uuml;ck
+oder Elend entscheidet, wenn du zitterst, oder sie muthig
+verachtest.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>O la&szlig; mich durch das Reich der Nacht hindurchdringen,
+la&szlig; mich mein Gl&uuml;ck erjagen und mich tausend
+grauenvolle Bilder verfolgen, Zulma sei mein
+Kriegsgeschrei, ich will ihr Bildni&szlig; in meiner Fahne
+tragen und mich k&uuml;hn durch alle Schrecken k&auml;mpfen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nadir ergriff seine Hand und sprach einige Worte. &mdash; Pl&ouml;tzlich
+sank unter ihren Fu&szlig;en die Erde ein und
+sie standen in einem weiten unabsehlichen Felsengew&ouml;lbe.
+Eine matte D&auml;mmerung go&szlig; sich durch das Steingemach
+aus, an tausend hervorragenden Spitzen zuckte ein
+bleicher Schimmer und fluthete in gr&uuml;nen Strahlengeweben
+durcheinander, ein bet&auml;ubender Duft w&auml;lzte
+sich in leichten Wolken empor und schimmerte wie ein
+Nebel, oben lag eine schwarze Finsterni&szlig;, eine Mauer,
+durch die kein scheuer Strahl des Sternenlichtes zitterte.
+Ein leises Brausen rauschte wie ein Gespenst
+in der Ferne dahin und aus den Steinen sprangen
+Strahlen und verflogen wie sinkende Sterne.</p>
+
+<p>Vergi&szlig; meine Worte nicht, sagte Nadir noch einmal,
+la&szlig; dich nicht t&auml;uschen, sondern gehe k&uuml;hn durch
+jene Gestalten, die sich dir mit allen Schaudern entgegenwerfen
+werden. So ungestalt und wunderbar, in
+so seltsamen Schreckgebilden sich auch die Nichtigkeit
+verkleiden mag, so vergi&szlig; nie, da&szlig; es nur D&uuml;nste sind
+und keine Wirklichkeit, da&szlig; alles ohne Gewalt um dich
+herum spielt und nicht an dich hinandringen kann, ein
+eherner Schild ist vor deiner Brust gehalten, la&szlig; die
+Wesen daran vor&uuml;berrauschen, so lange dein Muth dich
+aufrecht h&auml;lt, k&ouml;nnen sie dir nicht schaden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Und wann, fragte Abdallah, wann ist mein Gl&uuml;ck
+entschieden?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Noch in dieser Nacht antwortete der Greis, l&ouml;s't
+sich alles auf; gewinnst du das Kleinod, so ist es dein
+vor dem Aufgang der Sonne, so k&ouml;mmt dir dein Vater
+und Zulma mit der Morgenr&ouml;the entgegen und bringt
+dir deine verlorne Ruhe wieder.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber nur eine Ahndung, sagte Abdallah dringend,
+nur ein Wink meinem Geiste, wie dieses schwere R&auml;thsel
+aufzul&ouml;sen m&ouml;glich sei.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich darf nicht sprechen, antwortete Nadir mit ernstem
+Blick, denn s&auml;hest du in der Tiefe der Ungewi&szlig;heit
+den Nachen der Zukunft schwimmen, dr&auml;nge dein
+Blick bis auf den Boden des Abgrunds, in den du
+hinuntersteigen sollst, o so w&auml;re dein Unternehmen kein
+Kampf, vor dem man zur&uuml;ckzagen k&ouml;nnte, das Verdienst
+des Wagens ginge unter und Abdallah w&auml;re ein falscher
+Spieler, der dem Schicksal mit Betrug sein gro&szlig;es
+Gl&uuml;ck abgew&ouml;nne.</p>
+
+<p>Er schwieg und lie&szlig; dann unwillig die Hand Abdallahs
+fahren. &mdash; Aber du traust mir nicht, setzte er
+mit Verdrossenheit hinzu, das sagt mir dieser Ring. &mdash; O
+m&ouml;ge dich dies Mi&szlig;trauen nie gereuen! &mdash; Itzt lebe
+wohl.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er ging zur&uuml;ck und verschwand pl&ouml;tzlich in die Felsenw&auml;nde.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Neuntes Kapitel.</h3>
+
+<p>Abdallah sahe ihm lange nach, er war ungewi&szlig;, ob er
+noch itzt den Ring vom Finger reissen solle, oder nicht,
+er versuchte es, aber der Zauberring klemmte sich fest
+und gab dem Drucke nicht nach. Abdallah ging mit
+langsamen Schritten vorw&auml;rts.</p>
+
+<p>Das Gew&ouml;lbe schlo&szlig; sich immer dichter hinter ihm
+zu, als wenn es ihm den R&uuml;ckweg zur Welt versperren
+wollte, gewaltsam hielt ihn die Unterwelt in ihren Armen,
+lebendig eingegraben war ihm zum Tage durch
+tausend Klippen die R&uuml;ckkehr verriegelt, vor ihm eine
+schwarze, undurchdringliche Nacht, unter bangen R&auml;thseln
+und Erwartungen gefangen, war er oft im Begriff,
+sich umzuwenden und den R&uuml;ckweg durch die
+Klippenlabyrinthe zu suchen. Aber dann dachte er wieder
+an jene unterirdischen Gew&ouml;lbe, zu denen ihn Omar
+hinabgesandt hatte, er sahe den Leichnam seines Vaters
+vor sich liegen und ging weiter, indem er laut den
+Namen Zulma rief und sich durch die dicke Finsterni&szlig;
+dr&auml;ngte.</p>
+
+<p>Der bleiche Schimmer glitt nach und nach von den
+W&auml;nden herab und die Dunkelheit wuchs immer dichter
+zusammen, endlich versank der letzte Strahl und eine
+schwarze dichtere Nacht fuhr wie in tausend Wolken
+nieder. &mdash; Die Felsenmauern endigten sich und er trat
+in ein gro&szlig;es unendliches Gefilde, &uuml;ber das ein d&uuml;rrer
+Wind hinwehte. &mdash; Er athmete bange empor, dr&uuml;ckend
+lag die Finsterni&szlig; auf ihm gew&auml;lzt, er ging wie ein
+Schatten durch die schwarze Nacht dahin, wie ein Gespenst,
+das auf dem &ouml;den Schlachtfelde in stiller Nacht
+seinen Leichnam sucht, er wagte es kaum, Athem zu
+holen und den Fu&szlig; h&ouml;rbar aufzusetzen, eine Stille, so
+einsam und todt lag um ihn her, da&szlig; er den Wurm
+vernahm, der durch das erstorbene Gras mit knisterndem
+Fu&szlig;e ging. Bei jedem Schritt verschlang ihn eine
+dickere Dunkelheit, bei jedem Fu&szlig;tritt glaubte er in ein
+neues Grab zu treten, das &uuml;ber seinem Kopf zusammenschlug;
+wohin er auch das bange Auge warf, stand
+die kalte Nacht dicht vor ihm, kein Strahl zuckte mitleidig
+durch das schwarze Gew&ouml;lbe, kein Funke ergl&uuml;hte
+und warf sich durch das Dunkel, selbst kein Laut trat
+freundschaftlich seinem Ohre nahe, ihn zu tr&ouml;sten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>In dumpfer Bet&auml;ubung wandelte er durch die dunkle
+ausgestorbne Leere, als er pl&ouml;tzlich an der fernsten Gr&auml;nze
+der Finsterni&szlig; ein blaues Licht entdeckte, das wie eine
+kleine Sonne gr&uuml;ne Strahlen um sich warf, in hundert
+Kr&uuml;mmungen zuckte und in wechselnden Farben spielte.
+Die Nacht sog begierig den Schein in sich und zitterte
+d&auml;mmernd und ungewi&szlig; um die ferne Helle. &mdash; Abdallah
+ging mit erneutem Muthe dem Lichte n&auml;her,
+das ihn mit tausend hellen Fingern zu sich winkte. &mdash; Schon
+sah er deutlicher den Weg unter sich, schon zog
+die D&auml;mmerung immer schneller von seinen Augen hinweg, &mdash; als
+er vor einem Pallaste stand, aus welchem
+ihm das Licht entgegen gl&auml;nzte. Ein breiter Flu&szlig;
+rauschte dem Schlosse vor&uuml;ber und eine Br&uuml;cke f&uuml;hrte
+zum Eingang des Pallastes. &mdash; Der Strom flo&szlig; still
+und schwerm&uuml;thig hin, seine Wellen murmelten leise
+wie das Schluchzen eines Weinenden, das hohle Ufer
+klagte ihnen in wimmernden T&ouml;nen nach.</p>
+
+<p>Abdallah betrat die Br&uuml;cke, lehnte sich gedankenvoll
+auf das Gel&auml;nder, und betrachtete den Funken, der
+vom Pallaste her sich in tr&uuml;ben Streifen in den Wogen
+spiegelte, hundert Wellen flossen unter ihm hinweg
+und wollten den tr&ouml;stenden Schein mit sich hinwegw&auml;lzen,
+aber hartn&auml;ckig sprang er wieder von dem R&uuml;cken
+der Woge herunter und sie flo&szlig; weinend und klagend
+weiter.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er verlie&szlig; die Br&uuml;cke und sie zog sich hinter ihm
+auf; Abdallah fuhr zusammen. &mdash; Jedes Grausen stie&szlig;
+ihn vor sich her, &uuml;bergab ihn dem benachbarten Schauder
+und sprang dann von ihm zur&uuml;ck, wie ein Felsenst&uuml;ck,
+das ein Wasserfall von der h&ouml;chsten Spitze des
+Berges rei&szlig;t; eine Klippe wirft es spielend der andern
+zu, ein Abgrund dem andern, <span class="wide">zur&uuml;ck</span> f&uuml;hrt es kein
+Sturm und kein Wassersturz, die Klippen beugen sich
+nicht herab, um es wieder aufw&auml;rts zu tragen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Itzt stand er vor dem Eingang des Pallastes; &uuml;ber
+der Th&uuml;r waren diese Worte geschrieben:</p>
+
+<blockquote>
+<p class="noindent">&raquo;Wanderer, der du &uuml;ber den Thr&auml;nenstrom
+gegangen bist, sieh hinter dir, der R&uuml;ckweg ist
+unm&ouml;glich, nur durch diesen Pallast geht der Pfad
+der Rettung. &mdash; F&uuml;hlst du aber keinen Muth
+in deinem Busen, so wirf dich in den Strom, denn
+Schrecken lauern auf dich hinter der Th&uuml;r.&laquo;
+</p>
+</blockquote>
+
+<p>Abdallah trat in das gro&szlig;e Thor und sein Fu&szlig;tritt
+hallte laut in den hohen Gew&ouml;lben, wunderbare T&ouml;ne
+kamen ihm entgegen, flogen &uuml;ber ihn hinweg und streiften
+die Mauer, die Geb&auml;ude schienen den Fremdling
+staunend anzublicken, ein ungewisses Gewirre von gebrochenen
+Lauten wimmelte um ihn her. &mdash; Er ging
+&uuml;ber den gepflasterten Hof, jeder Schritt hallte dreifach
+an den unerme&szlig;lichen W&auml;nden, auf denen sich die Nacht
+zu stemmen schien. Er ging durch eine Th&uuml;r und trat
+in ein dunkles stilles Zimmer, er ging durch das Gemach
+hindurch, um eine andre Th&uuml;r zu &ouml;ffnen, die ihn auch
+in ein leeres unerleuchtetes Gemach f&uuml;hrte, das Grausen
+schien diesen Pallast zu bewohnen, alles rundumher war
+still wie ein Grab. &mdash; Er eilte mit leisen Schritten und
+verhaltnem Athem durch viele Gem&auml;cher, und alle fand
+er leer, endlich er&ouml;ffnete er eine Th&uuml;r und ein schwacher
+Schimmer brach ihm entgegen.</p>
+
+<p>Eine Lampe hing in der Mitte des Zimmers, die
+es erleuchtete wie der Mond durch schwarze Wolken das
+Gefilde, alles war still und feierlich umher, ein bet&auml;ubender
+Dunst umgab ihn, und auf einem Ruhebette lag
+ein Greis und schlief, sein silberwei&szlig;er Bart fiel ehrw&uuml;rdig
+auf seine Brust herab, seine F&uuml;&szlig;e ruhten auf
+einem kostbaren Teppich. Er glich dem Propheten Gottes
+an Majest&auml;t, Engel w&auml;ren vor ihm niedergekniet.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah stand in einer ehrerbietigen Entfernung und
+betrachtete den schlummernden Greis; der Schlaf schien
+sich mit Wohlgefallen &uuml;ber ihn zu neigen und ein Traum
+ihm den Himmel aufzuschlie&szlig;en, er l&auml;chelte im Schlaf,
+und Abdallah f&uuml;hlte, da&szlig; sich Thr&auml;nen heiliger Ehrfurcht
+und Anbetung in seine Augen dr&auml;ngten.</p>
+
+<p>Endlich trat er n&auml;her, und eine leise Musik schwebte
+wie ein Abendnebel vom Boden empor und wiegte sich
+zitternd durch die D&auml;mmrung, wie ein Duft stieg sie
+auf, und verhallte im leisen Nachklang an dem Gew&ouml;lbe
+und quoll von neuem in s&uuml;&szlig;eren Melodieen auf; Wohllaut
+ergo&szlig; sich auf Wohllaut, wo kleine Wellen sich im
+Mondschein &uuml;bereinanderjagen, von wankenden Blumen
+anger&uuml;hrt; jeder Ton schwamm so s&uuml;&szlig; hin&uuml;ber, wie der
+letzte sterbende Klang der Fl&ouml;te, jeder Ton schien den
+Wonnegesang zu schlie&szlig;en, und immer neue Accente
+gossen sich aus, wie ein stiller Quell, der sich unaufh&ouml;rlich
+aus der Wiese hervordr&auml;ngt. Heilige Wollustschauer
+zitterten durch Abdallahs Brust, seine Seele verlor
+sich in den entz&uuml;ckenden Melodieen.</p>
+
+<p>Wie eine Wasserblase langsam aus dem Meere aufsteht,
+und sich immer gr&ouml;&szlig;er und gr&ouml;&szlig;er ausdehnt, bis
+sie endlich zerspringt, so hob sich itzt der Greis von
+seinem Ruhebette langsam und nach dem Flu&szlig; des
+Gesanges auf, er stand, dehnte sich und sank von neuem
+zur&uuml;ck und erhob sich von neuem, seine weit ausgestreckten
+Arme schienen sich von dem gewundenen K&ouml;rper loszureissen,
+seine Z&uuml;ge und seine Gestalt waren nicht k&ouml;rperlich,
+er glich einem leicht gewundnen Nebel, &mdash; endlich
+&ouml;ffnete er die Augen, es war, wie wenn der erste
+Strahl des Morgens durch den n&auml;chtlichen Rauch bricht.</p>
+
+<p>Wer schl&auml;gt den heiligen Talisman an, sprach er
+leise und langsam, und erweckt mich vom Schlummer?
+Die Melodie zerrei&szlig;t das goldene Netz, das ein sch&ouml;ner
+Schlaf um mich her geflochten hat, mein Geist k&ouml;mmt
+&uuml;ber den Flu&szlig; zur&uuml;ck, der die Erde und den Himmel
+scheidet. Wer ist es, der die gro&szlig;e Glocke anzieht, die
+mich zu erscheinen zwingt?</p>
+
+<p>Abdallah schwieg. &mdash; Ha! bist du es J&uuml;ngling,
+fuhr der Greis freundlich fort, auf den ich hier schon
+so lange harrte? Gl&uuml;cklich, da&szlig; du mich gefunden hast. &mdash; Ich
+will deinem Blicke das Reich der Weisheit aufschlie&szlig;en,
+du sollst in die Tiefen der Erkenntni&szlig; dringen,
+ich will dir eine Leuchte geben, und du sollst in die
+finstern Schachten steigen, um Gold von schlechtem Erze
+zu sondern. Auf dem Pfad des Lebens will ich dich
+begleiten und in den Sonnentempel der Tugend f&uuml;hren,
+dich dem Glanzthrone der Gottheit n&auml;her bringen, du
+sollst den Blick in die flammenden Meere wagen und
+sehen, was nur der Cherub sieht.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich fuhr er mit der Hand nach der Brust, ein
+innerer Krampf schien ihn heftig zu ersch&uuml;ttern, wie
+Meereswogen sank und stieg sein Busen ungest&uuml;m, eine
+wilde Wuth schien in seinem Innern zu ringen und
+gewaltig seine Seele gegen die Mauern seines K&ouml;rpers
+zu schleudern.</p>
+
+<p>Tugend? rief er ge&auml;ngstigt, &mdash; o wo geht der Strahl
+auf, nach welchem die Menschheit so ungest&uuml;m sich
+dr&auml;ngt? &mdash; Wo ist der Grund, auf dem der Thron
+der Gottheit ruht?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Wahlspruch der Unendlichkeit, die Loosung aller
+Wesen hei&szlig;t <span class="wide">Genu&szlig;!</span> &mdash; Was kann der Staub, den
+das Ohngef&auml;hr im Spiele modelte und zum Scherz in
+die Wirklichkeit warf &mdash; wie kann er sich so trotzig aufrichten
+und nach den Sternen als seinen Br&uuml;dern die
+Hand ausstrecken? &mdash; Wie kann er vermessen den ewigen
+Richter auffordern, um sich auf der untr&uuml;glichen
+Waage abw&auml;gen zu lassen? &mdash; Er geht im Trotze zur
+Verwesung zur&uuml;ck und tr&auml;umt von Unsterblichkeit; ein
+herrschs&uuml;chtiger Sklave, der sich von der eisernen Kette
+des harten Nichtseins losgerissen hat, und ver&auml;chtlich
+den Tyrannen spielt, ein Wurm, der sich aus seiner
+engen H&ouml;hle an das Licht verirrt hat und sich f&uuml;r den
+Herrn der weiten Sch&ouml;pfung h&auml;lt. &mdash; &mdash; Ein Wesen,
+das die Tugend erfand, um sich in seiner Tyrannei noch
+mehr zu br&uuml;sten; sein Name ist Ver&auml;chtlichkeit, er geh&ouml;rt
+der Verwesung, die Elemente arbeiten an seiner
+Zerst&ouml;rung, sie senden den Stolzen zur&uuml;ck, woher er
+gekommen ist, die Erde l&auml;&szlig;t sich unerbittlich die Schuld
+wieder bezahlen, ihrer strengen Rechnung ist noch keiner
+entronnen.</p>
+
+<p>Welcher Sohn des Staubes kann in seinem engen
+Busen den Gedanken der Gottheit beherbergen? Sie
+fassen ihn nicht, den Unendlichen, und streben ihm entgegen,
+wie die M&uuml;cke, die der Sonne zufliegen will
+und sich am Schein der Lampe verbrennt: sie glauben
+und k&ouml;nnen ihn nicht begreifen, sie dr&auml;ngen sich einander
+in undurchdringlicher Nacht, ohne zu wissen wohin,
+alle Pfeile fliegen nach einem Ziele, das niemals aufgestellt
+wurde. Anbetung ohne Glaube und Glaube
+ohne &Uuml;berzeugung.</p>
+
+<p>Es ist kein Gott! rief er lauter, die Ewigkeit verspricht
+ihn vergebens, tausend Ewigkeiten sind verflossen,
+die Welten rollen sich durch die Unendlichkeit, und sehen
+ihm mit harrendem Auge entgegen, aber er k&ouml;mmt nicht.
+Wo steht er verborgen und spottet der Erwartung?</p>
+
+<p>Das Kochen seines Busens ward w&uuml;thender, er
+schlug heftig an seine Brust. Sein Kopf drehte sich
+gewaltsam hin und her, und seine Augen gl&uuml;hten und
+schwangen sich herum wie Feuerr&auml;der. &mdash; Ein Grinsen
+fletschte pl&ouml;tzlich aus seinem Munde hervor, er br&uuml;llte
+und hielt dem bebenden Abdallah ein knirschendes L&auml;cheln
+in starrer Wuth entgegen. Abdallah fuhr mit einem
+lauten Schrei zur&uuml;ck, denn in der Nebelgestalt wankte
+es hin und her wie <span class="wide">Omars</span> Gesicht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es ist kein Gott und keine Tugend! rief er noch
+einmal. Genu&szlig; ist die Tugend des Menschen, er selbst
+sein Gott, die Kette des Schicksals ist zertr&uuml;mmert, ein
+blindes Ohngef&auml;hr streckt durch die Welten die eherne
+Hand aus, &mdash; alles ist Staub und W&uuml;rmer, die Ver&auml;chtlichkeit
+thront in der Sch&ouml;pfung!</p>
+
+<p>Vaterm&ouml;rder! schrie Omar's Stimme aus der Gestalt
+heraus, dein Vater wirft sich deinem Gl&uuml;ck entgegen, &mdash; Vaterm&ouml;rder!
+Sto&szlig; ihn nieder und sei mir gegr&uuml;&szlig;t!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das wankende Bild streckte die bleiche Hand gegen
+Abdallah aus, der mit zitterndem Knie aus dem Zimmer
+entfloh. Ein kalter Schauder go&szlig; sich &uuml;ber seinen K&ouml;rper
+aus, sein Herz schlug laut, ein eisiger Schwei&szlig;
+benetzte seine Stirn.</p>
+
+<p>Er sammelte seine Kr&auml;fte und ging dann langsam
+weiter. Viele Gem&auml;cher und S&auml;le &ouml;ffnete er und ging
+hindurch, alle standen leer in w&uuml;ster Dunkelheit, von
+einem heimlichen Grauen durchs&auml;uselt. &mdash; Er kam an
+eine Th&uuml;r, durch deren Spalten sich kleine Lichtstreifen
+dr&auml;ngten. &mdash; O es ist f&uuml;rchterlich, sagte er leise, eine
+unbekannte Pforte zu &ouml;ffnen und zu wissen, da&szlig; mir
+Schrecken entgegenspringen.</p>
+
+<p>Er &ouml;ffnete die Th&uuml;r furchtsam und fuhr mit einem
+krampfhaften Schauder wieder zur&uuml;ck. &mdash; In einem
+gro&szlig;en hellerleuchteten Saal w&uuml;theten stumm und ohne
+begleitenden Gesang tausend Ungeheuer in Weibergestalten
+tanzend auf und ab. &mdash; Ein Riesenkopf mit verzerrten
+Z&uuml;gen wankte auf zwergartigen K&ouml;rpern schrecklich
+hin und her. Sie verschlangen sich in wilden
+Gruppen und st&uuml;rmten wie Meereswogen stumm durch
+den Saal, sie rauschten immer schneller und ungest&uuml;mer
+vor&uuml;ber, die Flammen der Kerzen zitterten. &mdash; Vaterm&ouml;rder!
+schrie ihm eine wilde Gestalt entgegen und ri&szlig;
+ihn in den Saal in die Mitte der schw&auml;rmenden Ungeheuer,
+man f&uuml;hrte ihn taumelnd in den f&uuml;rchterlichen
+Reigen, und eine Unholdin warf ihn der andern zu,
+im lauten Brausen wand man sich von neuem auf und
+ab, die T&auml;nzerinnen sprangen und schwebten wild durcheinander,
+mit l&auml;cherlicher Entsetzlichkeit w&auml;lzten sie sich
+um einander her und h&uuml;pften mit f&uuml;rchterlichen Geberden. &mdash; Dies
+ist deine Hochzeit, raunte ihm eine schreckliche
+Gestalt vertraulich in's Ohr und Abdallah fuhr zusammen;
+eine andre trat leise hinzu und fl&uuml;sterte: siehe
+r&uuml;ckw&auml;rts, deine <span class="wide">Zulma</span> steht hinter dir. Abdallah
+wandte sich schnell, und ein gr&auml;&szlig;liches Wesen stand hinter
+ihm und fletschte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen
+an, alle ihre Z&uuml;ge waren f&uuml;rchterlich verzerrt. &mdash; Sie
+reichte ihm eine lange d&uuml;rre Todtenhand, und
+Abdallah entflohe; sie verfolgte ihn mit lautem Gebr&uuml;ll,
+schon hielt sie sein Gewand, als Abdallah von einem
+Altan, auf den er sich gerettet hatte, hinuntersprang.&nbsp;&mdash;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Zehntes Kapitel.</h3>
+
+<p>Abdallah stand in einer weiten leeren Gegend, die
+schwache Mondstrahlen durch finstre Wolken nur mit
+einer einschleiernden D&auml;mmerung erhellten. Ein schneidender
+Regen wehte ihn an, &uuml;ber das einsame Gefilde
+wehte traurig ein lauter Wind. Wie ein versch&uuml;ttetes
+Grab fiel es hinter ihm zu.</p>
+
+<p>Unbekannte Wesen schauerten ihm vor&uuml;ber und entflohen
+eiligst, Gestalten gingen vorbei und schienen ihn
+mit mitleidigem Erstaunen zu betrachten, er war in eine
+Welt von Ungeheuern eingesperrt und ging mit wankenden
+Schritten durch ihre Einwohner, ein unbekannter
+Fremdling.</p>
+
+<p>Wohin soll ich mich retten? rief er. Welche
+Schrecken stehn noch im Hinterhalt und lauern auf ihre
+Beute? Welche Schauder sollen noch in dem Mark
+meiner Gebeine w&uuml;hlen? Meine W&uuml;nsche reichen zur
+Welt nicht zur&uuml;ck, die Gedanken, die ich von dort mitnahm,
+sind an dem <ins title="Original hat gr&auml;&szlig;lichem">gr&auml;&szlig;lichen</ins> Thor angehalten, Grausen
+umgiebt mich, alle meine Gef&uuml;hle zerschmelzen in
+Schaudern, meine Gedanken werden Wahnsinn. In
+eine ungeheure W&uuml;ste hinausgesto&szlig;en, begr&uuml;&szlig;en mich
+nur die Ungeheuer der Nacht. &mdash; &Uuml;ber welche Steppen
+soll mein Fu&szlig; itzt wandeln? Wie Gefilde der Nichterschaffung
+streckt es sich vor mir aus, wo noch das
+wilde Chaos ungeordnet liegt und die Zeit nicht in die
+Tiefe hinabsieht, wo alle tr&auml;gen Elemente im Todtenschlafe
+liegen und Leben und Verwesung sich umarmt,
+wie eine Gegend, die den schaffenden Ruf der Allmacht
+nicht h&ouml;rte, aufgespart, um eine H&ouml;lle hier aufzubauen.</p>
+
+<p>Er ging &uuml;ber eine gro&szlig;e Haide, von einer schweren
+Bangigkeit gedr&uuml;ckt, von jedem Trost feindselig zur&uuml;ckgesto&szlig;en,
+von jedem erquickenden Gedanken abgewiesen.
+Endlich h&ouml;rte er aus der Ferne einen Gesang, wie von
+Stimmen gesungen, die in krampfhaften Zuckungen und
+Todesschmerzen den letzten Schrei ausbr&uuml;llen; es glich
+dem Gerassel eines Wagens, der zerschmettert von Felsen
+st&uuml;rzt, dem Schreien des Wassersturzes, der auf
+Klippen zerspringt:</p>
+
+<div class="center">
+ <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem">
+ <tr><td align="left">Wir sind des gro&szlig;en Hauses</td></tr>
+ <tr><td align="left">Gewaltge W&auml;chter. &mdash;</td></tr>
+ <tr><td align="left">Das Thor ist Verzweiflung,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Der Eingang Wahnsinn,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Jammergeschrei,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Schaudergebr&uuml;ll</td></tr>
+ <tr><td align="left">Sind die jauchzenden</td></tr>
+ <tr><td align="left">Wonneges&auml;nge,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Die aus der Wohnung</td></tr>
+ <tr><td align="left">Dem Fremdling t&ouml;nen. &mdash;</td></tr>
+ <tr><td align="left">Ewig! Ewig!</td></tr>
+ <tr><td align="left">Sieht der Gequ&auml;lte</td></tr>
+ <tr><td align="left">Marterzermalmte</td></tr>
+ <tr><td align="left">Mit schwerem &Auml;chzen</td></tr>
+ <tr><td align="left">Nach der letzten Quaal.</td></tr>
+ <tr><td align="left">Aber sie k&ouml;mmt nicht,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Aber sie naht nicht,</td></tr>
+ <tr><td align="left">Nimmerges&auml;ttigt</td></tr>
+ <tr><td align="left">Knirscht der grausame Zahn</td></tr>
+ <tr><td align="left">An ihren Gebeinen.&nbsp;&mdash;</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Ein wilder Klang ert&ouml;nte zu der gr&auml;&szlig;lichen Melodie
+des Gesanges. Abdallah kam n&auml;her.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Zwei riesengro&szlig;e nackte Gerippe standen vor dem
+Eingang eines engen Felsenweges, der sich in geschl&auml;ngelten
+Kr&uuml;mmungen wand. Sie standen gebleicht und
+zitterten mit den wankenden H&auml;uptern; nach der Melodie
+des Gesanges schlugen sie mit Todtenbeinen klingend
+gegeneinander, ihr wei&szlig;er Sch&auml;del nickte f&uuml;rchterlich, einzelne
+dunkle Haare schweiften flatternd durch die d&auml;mmernde
+Finsterni&szlig; und seufzten in dem feuchten Nachtwind;
+mit den leeren Augenh&ouml;hlen starrten sie in die
+W&uuml;stni&szlig; hinaus und aus den grinsenden nackten Gebissen
+dr&auml;ngte sich der zerschmetterte Gesang hervor.</p>
+
+<p>Abdallah f&uuml;hlte sich von einem kalten Wahnsinn
+angefa&szlig;t und ging in einer dumpfen Gleichg&uuml;ltigkeit den
+entsetzlichen Gestalten entgegen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<div class="center">
+ <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem">
+<tr><td align="left">Vaterm&ouml;rder!</td></tr>
+<tr><td align="left">Auf des Vaters Leichnam</td></tr>
+<tr><td align="left">Tritt in das Heiligthum der Schauder!&nbsp;&mdash;</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>so br&uuml;llte es ihm aus den W&auml;chtern des Felsenwegs
+entgegen, er kam ihnen n&auml;her.</p>
+
+<p>Vor dem Eingang lag der Leichnam seines Vaters
+gew&auml;lzt, bla&szlig;, mit geschwollenem Gesicht und f&uuml;rchterlich
+aufgerissenen Augen. &mdash; Er schritt &uuml;ber den Leichnam ohne
+Besinnung hinweg und der Gesang fuhr ihm knirschend
+nach; w&uuml;thend und ge&auml;ngstigt, von tausend Foltermartern
+verfolgt, rannte er wie ein Rasender durch den
+Felsenweg: er war k&uuml;hn durch die Gestalten hindurchgeschritten,
+und fuhr itzt selbst vor dieser Erinnerung
+bleich und zitternd zur&uuml;ck. Aus der Ferne h&ouml;rte er den
+Gesang und das Klingen der Todtengebeine, er st&uuml;rzte
+mit Verzweiflungseil durch die Kr&uuml;mmungen des Pfades,
+die schrecklichen Gerippe folgten ihm, er h&ouml;rte ihren
+Vernichtungsgesang und st&uuml;rzte br&uuml;llend weiter.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich stand er still. Die Felsen verliefen sich in
+einen spitzen schroffen Winkel, er h&ouml;rte das Nahen der
+Gespenster, schon sahe er ihre Sch&auml;del &uuml;ber die Felsen
+her blinken, &mdash; stumm, ohne Gef&uuml;hle stand er da, eine
+Distel, die sich von der Felsenwand beugte, scho&szlig; in
+seinem d&auml;mmernden Auge zum Baum empor, alles
+wankte zitternd hin und her, &mdash; er sank zur Erde,
+nannte den Namen Omar und drehte den Zauberring.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><span class="wide">Drittes Buch.</span></h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Erstes Kapitel.</h3>
+
+<p>Abdallah erwachte am Morgen auf dem Ruhebette in
+der kleinen H&uuml;tte, er &ouml;ffnete langsam die Augen und
+fuhr zusammen, als er die so bekannten Gegenst&auml;nde
+wiedersahe: sein Vater schlief noch neben ihm. Er
+starrte die Decke und die W&auml;nde des Zimmers lange
+mit weit ge&ouml;ffneten Augen an, es schien ihm unm&ouml;glich,
+da&szlig; er das s&auml;he, was vor ihm stand. &mdash; Der Morgen
+s&auml;uselte in den Geb&uuml;schen vor dem Hause, ein fr&uuml;her
+Strahl schl&uuml;pfte durch das gr&uuml;ne Gewebe des Waldes
+und zitterte flimmernd durch das Fenster, &mdash; lautschreiend
+bedeckte er seine Augen mit den H&auml;nden, denn
+<span class="wide">Omar</span> sa&szlig; neben ihm. &mdash; Er stritt lange mit sich
+selbst, ob er es wagen solle, noch einmal nach dieser
+Gestalt hinzublicken, alles schien ihm nur eine neue
+Einbildung und die schrecklichste, die r&auml;thselhafteste von
+allen.</p>
+
+<p>Abdallah, du k&ouml;mmst aus einem schweren Traum
+zur&uuml;ck, sagte Omars freundliche Stimme.</p>
+
+<p>Abdallah lie&szlig; erm&uuml;det die H&auml;nde fallen, er sahe bet&auml;ubt
+vor sich nieder. &mdash; Aus einem Traum komme
+ich wieder? sprach er mit erstickter Stimme, &mdash; o wo
+f&auml;ngt die Wahrheit an? Wo steht die Gr&auml;nzs&auml;ule? La&szlig;
+mich sie finden, denn alle meine Sinne haben sich verwirrt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Omar wollte seine Hand ergreifen, Abdallah zog sie
+hastig und mit pl&ouml;tzlichem Schrecken zur&uuml;ck. &mdash; Was
+ist dir? sagte sein Lehrer; warum sieht mein Abdallah
+nicht zu mir auf? Warum erschrickt er vor meiner
+Stimme?</p>
+
+<p>Warum? rief Abdallah lauter. &mdash; Ha! bist du nicht
+Omar, der der Nacht und ihren Schrecken geh&ouml;rt, was
+suchst du auf der Oberwelt? Willst du den Fl&uuml;chtling
+einholen, der dir entlaufen ist? &mdash; Geh, wo mittern&auml;chtliche
+Schauder wandeln, wo das Verderben wohnt,
+dort ist deine Behausung, taste mich nicht an, Unhold,
+ich bin ein <span class="wide">Mensch!</span></p>
+
+<p>Ist das der erste Gru&szlig;, sagte Omar klagend, den
+mir mein Abdallah bei meiner Zur&uuml;ckkunft giebt?</p>
+
+<p>Abdallah h&ouml;rte nicht was er sagte, sein Geist stand
+vor einem gr&auml;&szlig;lichen Schlunde, in welchem tausend
+Mi&szlig;gestalten sich &uuml;bereinander w&auml;lzten und verschlungen,
+ein hundertfaches Leben wie in einem K&ouml;rper wimmelte,
+sein Blick strebte die Ungeheuer zu sondern und jedes
+einzeln mit festem Auge zu betrachten, aber ein tr&uuml;ber
+Schleier zog sich vor sein Gesicht.</p>
+
+<p>Ich habe in dieser Nacht eine gr&auml;&szlig;liche Bekanntschaft
+gemacht, sprach er, die H&ouml;lle hat sich mir aufgethan
+und in ihr Innres eingef&uuml;hrt, ein gro&szlig;es Siegel hat
+sich mir gel&ouml;st, ein b&ouml;ser Engel hat dir einen Brief gebracht
+und vorwitzig hab' ich ihn erbrochen. Ja, Omar,
+ich wei&szlig; nun alles, alles, deine Geheimnisse haben sich
+in meinen schwachen Menschenbusen gewagt, die H&ouml;lle
+wohnt in meinem Herzen; alle Schauder, die du pflanztest,
+sind m&auml;chtig emporgeschossen und ihre Frucht hat
+dich selbst vergiftet. &mdash; Fort! sei was du warst und
+dann komm zu mir zur&uuml;ck, bis dahin will ich dich verkennen,
+bis du mir ein Zeugni&szlig; bringst, das dich wieder
+unter die Menschen einschreibt.</p>
+
+<p>Abdallah! Abdallah! rief <span class="wide">Omar</span> aus, deine Tr&auml;ume
+sprechen noch aus dir; nein, so kannst du nicht zu deinem
+Freunde Omar reden, oder hat dich Zulma in der
+neulichen Nacht zum Wahnsinnigen gezaubert?</p>
+
+<p>Zulma! rief Abdallah aus, &mdash; dieser Klang ist der
+einzige in der ganzen Natur, der freundlich an die Saiten
+meines Herzens schl&auml;gt, diese Melodie ist mir in
+der gro&szlig;en Zertr&uuml;mmerung &uuml;brig geblieben, alle meine
+Seligkeiten habe ich verspielt und diese einzige daf&uuml;r
+gewonnen. &mdash; O alle meine Erinnerungen sind L&uuml;gner,
+oder du warst es, der mir diesen Diamant in der Finsterni&szlig;
+schenkte.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ich that es, &mdash; aber mein Abdallah lohnt
+mich mit Undank. Oder hat mich ein L&auml;sterer aus deinem
+Herzen gerissen? &mdash; Welche Hand hat jene Gem&auml;lde
+verl&ouml;schen k&ouml;nnen, die ich seit deiner Kindheit in
+deiner zarten Seele zeichnete? Ist denn von jener Liebe
+alles, auch die Wurzel verdorret und vermodert? Hat
+ein Sturmwind allen Bl&uuml;thensaamen in das Meer verweht,
+da&szlig; auch nicht eine gr&uuml;ne Sprosse von neuem
+aus dem Boden keimt? &mdash; o dann hab' ich meine
+sch&ouml;nsten, meine letzten Jahre wie ein Knabe verschwendet,
+alle meine Hoffnungen und W&uuml;nsche einer Morgenr&ouml;the
+anvertraut, die hinter schwarzen Gewitterwolken
+untersinkt, &mdash; dann hab' ich keine Freude mehr,
+als das Grab.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du willst in meinem Herzen F&uuml;rsprecher
+erwecken, die ich selber nicht wiederfinden kann. &mdash; Ach,
+Omar, Omar, bin ich vielleicht wahnsinnig?
+Was sprech ich? Wer bist du und was ist diese Welt? O
+allenthalben renn' ich an eine Mauer w&uuml;thend an,
+die mich unbarmherzig zur&uuml;ckwirft. &mdash; Wen soll ich
+fragen und wo nach Wahrheit forschen? Ach, vielleicht
+bin ich ein Wesen, einzig und ohne Freund und Feind
+in einer leeren W&uuml;ste, das eingeschlafen ist und von
+allen diesen irdischen Possenspielen und Furchtbarkeiten
+tr&auml;umt und beim Erwachen sich selbst verspottet.</p>
+
+<p>Er dachte diesem Gedanken weiter nach und wandte
+sich dann von neuem zu Omar. Sei es, wie es sei,
+sprach er, ich will dir Rechenschaft geben, wie lange
+ich mit dem Verm&ouml;gen ausreichte, das du mir geliehen
+hast, unbesonnen verschleudert hab' ich es nicht. Nein,
+Omar, der Kampf mit dir hat mir Arbeit gekostet, du
+lie&szlig;est dich von meinem Mi&szlig;trauen nur schwer zu Boden
+ringen.</p>
+
+<p>Er erz&auml;hlte ihm den Inhalt der Palmbl&auml;tter, die
+ihm Nadir in der Nacht gegeben hatte und die Erscheinungen
+der Unterwelt. &mdash; Siehe, schlo&szlig; er seine
+Erz&auml;hlung, dies sind die Begebenheiten dieser f&uuml;rchterlichen
+Nacht, o alle Erscheinungen weisen mit ihren
+Gr&auml;&szlig;lichkeiten nach einem Mittelpunkt, meinem Elende
+hin; der Greis, der dir glich, der mich mit t&auml;uschender
+Freundschaft empfing und mit Gottesl&auml;ugnungen von
+sich jagte, &mdash; ja nur das Grausen wird mich mit Zulma
+verm&auml;hlen, meine Hochzeit wird sein, wie ich sie in
+dieser Nacht gesehen habe und auf dem Leichnam meines
+Vaters werde ich in die Wohnung der Verdammten
+steigen, ja, die H&ouml;lle hat mir einen Spiegel vorgehalten,
+in dem mir die Zukunft vor&uuml;bergezogen ist.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Aber ermanne dich nur Abdallah und
+siehe, da&szlig; alle diese Gestalten nur Traumgestalten waren,
+die neckend um den Schlafenden gaukeln und bange
+vor dem ersten Blick des aufwachenden Auges zur&uuml;ckfliehen;
+denn ich kam in der Stunde der Mitternacht
+hierher und fand dich schlafend.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du fandest mich? schlafend? hier
+auf diesem Bette?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Beim Propheten!</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nun, dann will ich alles Unbegreifliche
+glauben und auf die wunderbarste Erz&auml;hlung, wie
+auf Wahrheit schw&ouml;ren. &mdash; Was sind alle meine Sinne,
+wenn sie solche T&auml;uschung nicht bemerken? &mdash; Wenn
+der Herr in seinem eignen Hause sich verirrt und von
+einem Fremden wieder zurechtweisen l&auml;&szlig;t? &mdash; Omar,
+dann bin ich mir noch nie unbegreiflich gewesen, als
+itzt, wie soll ich dann die Wahrheit festhalten, die wie
+eine Schlange meinen H&auml;nden entschl&uuml;pft? &mdash; Woran
+soll ich dann nicht zweifeln, wenn ich daran zweifeln
+soll, da&szlig; ich diese H&uuml;tte verlie&szlig;, da&szlig; ich die Sterne
+&uuml;ber mir flimmern sah, da&szlig; ich jene Bl&auml;tter las?
+Wer stellt mir dann f&uuml;r mein Dasein einen B&uuml;rgen?
+O ich m&ouml;chte nicht auf diese bedenkliche Behauptung
+schw&ouml;ren! &mdash; Welchen Gehalt hat dann der Verstand
+des Menschen, wenn seine Sinne, durch die er seine
+Sch&auml;tze erh&auml;lt, so betr&uuml;gerische Sklaven sind? Alles,
+was wir wissen und glauben, ist dann nur ein Irrthum,
+unsre h&ouml;chste Weisheit verkriecht sich dann vielleicht besch&auml;mt,
+wenn einst ein erleuchtender Strahl in die
+d&auml;mmerungsvolle Grube f&auml;hrt.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Irrthum ist des Menschen Nahrung und
+h&auml;lt ihn fest in den Kreis der Menschen; wenn im
+Mondschein die schw&auml;chere T&auml;uschung m&ouml;glich ist, den
+Stamm eines Baumes f&uuml;r einen bekannten Freund anzusehen,
+warum willst du an jener zweifeln, die dich
+im Traum &uuml;ber eine Haide und zu gespensterbewachten
+Felsen f&uuml;hrt? Wer hat nicht schon irgend einmal so
+lebendige Gestalten im Traum gesehn, da&szlig; er ihn
+Wahrheit nennen m&ouml;chte?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Aber auf diese Art, in solchem Zusammenhange
+mit meinem Schicksal!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> W&auml;ren deine Gesichte weniger zusammenh&auml;ngend,
+dann eben w&uuml;rd' ich sie um so leichter f&uuml;r
+Wirklichkeit halten, aber weil sie sich so genau an dein
+Schicksal schlie&szlig;en, scheinen sie mir nur Traumgestalten. &mdash; An
+jenem Abend, an welchem ein Sturm und der
+Glanz einer Feuerkugel dich aus dem Schlafe weckte, &mdash; an
+jenem Abend sannest du &uuml;ber neue, dir unbekannte
+Lehren, dein Lehrer war dein Freund, deine
+Schule eine sch&ouml;ne mondbegl&auml;nzte Gegend, liebliche
+Bilder wiegen dich in den Schlaf, &mdash; ein Greis eilt auf
+deinen Omar zu, &mdash; wer k&ouml;nnte Omar hassen, da <span class="wide">du</span>
+ihn liebst? Deine Augen sehen die Umarmung zweier
+Freunde &mdash; und du bist eingeschlafen. Aber deine Augen
+t&auml;uschten dich, dieser <span class="wide">Nadir</span> ist schon seit vielen
+Jahren mein Feind, er verfolgt mich von einem Ende
+der Welt bis zum andern, und als ich ihn an jenem
+Abend vom Berge steigen sah, warf ich mich ihm zu
+einem hartn&auml;ckigen Kampf entgegen, wir stritten in
+mancherlei Gestalten gemodelt und jagten uns endlich
+gl&uuml;hend durch den Himmel; ich sahe dein Erschrecken,
+aber damals wollt' ich dir diese Erscheinung nicht erkl&auml;ren,
+es w&auml;re grausam gewesen, dem weichen J&uuml;nglings-Herzen
+den <span class="wide">menschlichen</span> Freund zu nehmen
+und ihm ein fremdes, kaltes Wesen daf&uuml;r zur&uuml;ckzugeben. &mdash; Du
+liebst Zulma, die Unm&ouml;glichkeit geht dir
+entgegen, nur von der Noth gezwungen, entdeck' ich
+dir, wer ich bin. &mdash; Eine neue Th&uuml;r zu einem unbekannten
+Gemache geht dir auf, du staunest, Schauder
+f&uuml;hren dich in die Geheimnisse der Mitternacht und du
+erf&auml;hrst den grausamen Ausspruch des harten Schicksals.
+Du denkst nun deinen Omar nicht mehr mit
+der kindlichen Unbefangenheit, mit der du ihn ehedem
+dachtest, an seinen Namen kn&uuml;pfst du dein Ungl&uuml;ck und
+durch eine verzeihliche menschliche T&auml;uschung verwechselst
+du ihn in eben diesem Augenblick mit der Ursach dieses
+Ungl&uuml;cks. &mdash; Ich nehme Abschied von dir und warne
+dich besorgt vor L&auml;sterungen, die deinen Freund verl&auml;umden
+w&uuml;rden, du bist ger&uuml;hrt und kaum bin ich
+entfernt, so steht ein leiser Argwohn nach und nach in
+deiner Seele auf, du h&auml;ltst meine Besorgni&szlig; f&uuml;r Bangigkeit
+des Bewu&szlig;tseins. Was ich f&uuml;rchtete, tritt ein,
+mein Feind Nadir benutzt meine Abwesenheit und
+warnt dich vor deinem Lehrer, der dich ungl&uuml;cklich machen
+will. &mdash; Du k&ouml;mmst in Gedanken zur&uuml;ck, du bist
+nicht der einzige, der mi&szlig;traut, selbst ein Freund Omar's
+steht auf und zeugt gegen ihn, du verlierst dich in
+schwarze Tr&auml;ume. &mdash; Nadir will dich retten, Omar
+will dich elend machen. &mdash; Nur etwas Gro&szlig;es, F&uuml;rchterliches
+kann Omar bewegen, dein Elend zu wollen, &mdash; in
+diesem Gedanken versammelst du alle f&uuml;rchterliche
+Tr&auml;ume deiner Kindheit, so entsteht das ungeheure
+M&auml;rchen, das du in den Palmbl&auml;ttern zu lesen glaubst. &mdash; Aber
+ist denn kein Ausweg aus diesem Felsengewinde?
+Soll dir Zulma ewig verloren sein? &mdash; Dieser
+Wunsch, der nach einer Befriedigung schreit, greift nach
+einer Hoffnung, mit den n&auml;chtlichen Geheimnissen vertraut
+siehst du nur in der Allmacht der Geister die
+M&ouml;glichkeit der Rettung, ein unbekanntes Wesen winkt
+dir und lockt dich durch s&uuml;&szlig;e Versprechungen an sich
+und du schl&auml;fst ein. &mdash; Schwarze Traumgestalten nehmen
+dich in Empfang, alle Gedanken, die du am Tage
+dachtest, kommen in der Nacht in Phantasieen gekleidet
+wieder, Omar ist ein Ungeheuer, Zulma dein Ungl&uuml;ck,
+dein Vater liegt vor dir und Gespenster bewillkommen
+dich mit h&ouml;llischen Ges&auml;ngen. &mdash; In diesem Traume
+finde ich dich, von meiner Reise zur&uuml;ckkehrend: du siehst,
+nichts als eine T&auml;uschung hat das ganze Gewebe zusammengeschoben.
+Allen Verdacht in dir zu t&ouml;dten,
+d&uuml;rft' ich dir nur die Ursach meiner Reise erz&auml;hlen, aber
+sei damit zufrieden, da&szlig; sie dich deinem Gl&uuml;cke n&auml;her
+gebracht hat, etwas mu&szlig; mein Abdallah mir auf mein
+Wort glauben, dies sei das Zeichen, da&szlig; er sich mit
+seinem alten Freunde wieder ausges&ouml;hnt hat. &mdash; Ja
+Abdallah, du mu&szlig;t mir es glauben, o bei allem, wobei
+ein Wesen schw&ouml;ren kann, ich liebe dich! &mdash; Meine
+Weisheit, meine Gewalt gen&uuml;gt mir nicht, mein Herz
+verschmachtet und d&uuml;rstet nach Liebe, &mdash; dich hab' ich
+gefunden, dich hab' ich ausgew&auml;hlt, deine Liebe soll
+mich gl&uuml;cklich machen, oder ich mu&szlig; mich in mein Grab
+einschlie&szlig;en, &mdash; o Abdallah, la&szlig; diesen Traum dein
+einziges Verbrechen an meiner Freundschaft sein, gieb
+mir deine Seele zur&uuml;ck; willst du mich aus allen meinen
+Hoffnungen hinaussto&szlig;en und einsam und verlassen
+durch meine letzten Tage wandeln sehen? Nein, nein,
+das wird, das kann mein Abdallah nicht, dann h&auml;tt'
+ich ihn nie mit dieser innigen Vaterliebe lieben k&ouml;nnen,
+dann h&auml;tte er nicht so lange bei mir ausgehalten. &mdash; Ja,
+Abdallah, du bist wieder mein!</p>
+
+<p>Abdallah sahe ihn mit festem Blicke an, als wollte
+er in seinem Auge die Seele wiedersuchen, die ehedem
+aus ihm gesprochen habe; in allen Z&uuml;gen redete ihn
+jener Omar so herzlich, so dringend an, den er als
+Knabe geliebt hatte, &mdash; er fiel weinend an seine Brust. &mdash; Ja!
+ja! rief er laut schluchzend, ich bin wieder dein,
+keine Gewalt soll unsre Seelen auseinander reissen!</p>
+
+<p>Selim erwachte. &mdash; Du begr&uuml;&szlig;est deinen Lehrer,
+sagte er, er ist in dieser Nacht zur&uuml;ckgekommen, aber
+du schliefest so sanft, da&szlig; wir dich nicht wecken wollten.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wir sehn uns traurig wieder, Selim;
+das Schicksal hat eine schwere Hand gegen dich ausgestreckt.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Ja, Omar, aber meine Wunde schmerzt
+mich nicht mehr, meine Kr&auml;fte kehren zur&uuml;ck und ich
+will mich gewaltsam an die letzte Hoffnung halten, &mdash; sieht
+deine Weisheit noch in irgend einer Ferne ein
+Mittel, meinem gro&szlig;en, edlen Vorsatz auszuf&uuml;hren?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ich sehe nichts.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> O dann, ja dann will ich meine Kr&auml;fte
+fallen lassen und mich verdrossen in den Wellen untertauchen. &mdash; Nun
+erst f&auml;ngt mein Ungl&uuml;ck an, mich
+zu dr&uuml;cken, die Hoffnung hatte mir bis itzt noch einen
+Stab gegeben, auf dem ich mich st&uuml;tzte, &mdash; aber itzt
+wird mir das Leben eine Last, nun w&uuml;nsch' ich zu sterben.
+Seitdem ich wei&szlig;, da&szlig; mein Tagewerk ganz geendigt
+ist, bin ich erm&uuml;det und will mich schlafen legen. &mdash; In
+dieser tr&auml;gen Unth&auml;tigkeit sollt' ich leben, hier,
+wie ein Thier in der Wildni&szlig;, von allen Menschenrechten
+ausgeschlossen? Wie eine Pflanze nach und nach
+verwelken, die in ihrem Sumpfe unter tr&auml;gen und verfaulten
+D&uuml;nsten emporwuchs und war und dann nicht
+mehr ist? &mdash; Nein, Omar, blicke noch einmal &uuml;ber
+den Horizont deiner Weisheit hin und schaue mit Seherkraft
+umher, &mdash; kann nichts, auch mein Tod nicht
+durch die Mauer dringen, die das Schicksal vor mein
+Vorhaben gestellt hat?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Dein Tod k&ouml;nnte dein Volk vielleicht gl&uuml;cklich
+machen.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> O dann ist ja noch nicht alle Hoffnung
+aufgebrannt. &mdash; Aber ich Ungl&uuml;cklicher! meine Gesundheit
+k&ouml;mmt schadenfroh zu mir zur&uuml;ck und <span class="wide">selbst</span> den
+Ausgang aus diesem Thal des Lebens zu suchen, ist
+Frevel, &mdash; o sage mir, wie ich ohne S&uuml;nde sterben
+kann und mein Volk ist gl&uuml;cklich.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Diesen Aufschlu&szlig; mu&szlig;t du nicht von mir,
+sondern von der Zeit erwarten, noch liegt alles dunkel
+und verworren vor meinen Blicken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah verlie&szlig; das Zimmer.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Zweites Kapitel.</h3>
+
+<p>In tiefen Gedanken ging der J&uuml;ngling unter dem
+lauten Rauschen des Waldes auf und ab. &mdash; Ja, &mdash; sprach
+er zu sich selbst, &mdash; Omar ist mir zur&uuml;ckgegeben,
+alles umher liegt in w&uuml;ster Verwirrung von schwarzer
+Nacht bedeckt, er ist mein Freund, er <span class="wide">soll</span> es sein, mir
+und dem Schicksal zum Trotz; ich habe ihn wieder in
+meine Seele aufgenommen: denn wo f&auml;nden meine
+Zweifel sonst ein Ziel? Durch diese einzige Gewi&szlig;heit,
+die ich eigenm&auml;chtig zur Untr&uuml;glichkeit stemple, fallen
+alle Zweifel, die mir boshafte Geister entgegenhielten,
+wieder zur Erde, und ich stehe da in der freien uneingeschr&auml;nkten
+Gegend. Meine Rechnung ist richtig, wenn
+dieser einzige Fehler ausgel&ouml;scht wird, ich will meiner
+M&uuml;he ein Ende machen, er sei vernichtet! Ich gebe
+unangesehen diesen Verlust preis, um ein langweiliges
+Spiel zu beschlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Mein Vater w&uuml;nscht zu sterben, &mdash; o ich sehe schon
+in der Ferne die Woge schwimmen, die auch die letzte
+kleine Bergspitze, auf der ich stehe, herunterschlagen wird,
+sie w&auml;lzt sich immer n&auml;her und n&auml;her. &mdash; Das Schicksal
+r&uuml;ckt den schwarzen Zeiger und stellt ihn nach und nach
+auf jene f&uuml;rchterliche Stunde, unvermeidlich schl&auml;gt sie an
+und ich stehe pl&ouml;tzlich, ohne es &auml;ndern zu k&ouml;nnen, ohne
+meine Beih&uuml;lfe jenseit der Gegenwart. &mdash; Traurig wie
+der Mond geht dann mein Vater unter und zugleich steigt
+Zulma mir gegen&uuml;ber mit tausendfacher Pracht unter goldnen
+Flammen auf, &mdash; das Verh&auml;ngni&szlig; l&auml;&szlig;t mich zwischen
+dem Vater und der Geliebten w&auml;hlen, &mdash; o verzeihe,
+gro&szlig;er Prophet, ich w&auml;hle Zulma! Es <span class="wide">mu&szlig;</span> sein, es
+kann, es will nicht anders. &mdash; Welcher Sterbliche kann
+den Eigensinn des Schicksals brechen?</p>
+
+<p>Unter diesen Gedanken war er nach und nach aus dem
+Walde herausgegangen und stand itzt auf der Landstra&szlig;e. &mdash; Die
+Stadt mit ihren runden Moscheen lag vor ihm,
+die Fenster im Pallast Ali's gl&auml;nzten blendend in der
+Sonne, er glaubte Zulma's Gestalt an jedem Fenster zu
+sehen, seine Schw&auml;rmerei sahe ihre Blicke, mit denen sie
+wehm&uuml;thig nach ihm hinstarrte; ohne an die Gefahren zu
+denken, denen er sich unbedachtsam Preis gab, ging er
+in die Stadt hinein.</p>
+
+<p>Der z&uuml;rnende Ali hatte inde&szlig; auf Befriedigung seiner
+Rache gesonnen. Da&szlig; Selim ungestraft diese Verschw&ouml;rung
+sollte unternommen haben, da&szlig; er ihm selbst entflohen
+sei, ohne da&szlig; irgend jemand wisse wohin, diese Gedanken
+reizten seine Wuth stets von neuem auf. Er hatte
+einen f&uuml;rchterlichen Eid geschworen, sich an Selim zu
+r&auml;chen und dieser Schwur qu&auml;lte ihn unabl&auml;ssig; er hatte
+daher an diesem Tage seine Vertrauten zu einer geheimen
+Rathsversammlung berufen, um sich von ihnen Mittel
+vorschlagen zu lassen, die den verborgenen Selim entdecken
+m&uuml;&szlig;ten, er hatte beschlossen, alles auf diese Wollust
+der befriedigten Rache zu verwenden, nichts sollte ihm zu
+kostbar sein, den verwegenen Aufr&uuml;hrer zu strafen.</p>
+
+<p>Abdallah stand vor dem Pallast des Sultans und sahe
+mit brennenden Augen nach den Fenstern des Altans hinauf, &mdash; er
+sahe Zulma, sie blickte verstohlen hinter einem
+zur&uuml;ckgezogenen Vorhang auf die Stra&szlig;e, kaum aber sahe
+sie Abdallah's Gestalt, als sie sogleich schnell und erblassend
+zur&uuml;ckflohe. Er sahe ihr festgezaubert nach, bis auch
+der letzte Schimmer ihres Schattens verschwand, dann
+warf er sich auf eine Bank und sahe nach den Blumen
+des Altans. &mdash; Die Rose war hinter den Citronenbaum
+gestellt und in der Mitte des Altans stand die bleiche Lilie,
+das Sinnbild der Furcht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er ging weiter und kam &uuml;ber die Br&uuml;cke der Stadt
+an den Pallast seines Vaters. &mdash; Wehm&uuml;thige Thr&auml;nen
+traten ihm in die Augen, als er so unbarmherzig alles
+zerst&ouml;rt sah. Einzelne Mauern und Th&uuml;ren standen wie
+verspottet unter dem Schutt, im Hofe lag alles wild umher,
+Steine und Balken aufeinander geh&auml;uft. Traurig
+suchte er die Stelle des Zimmers auf, das er ehedem bewohnt
+hatte; die Stufen waren abgebrochen, auf denen
+man auf das Dach hinaufstieg, ein Theil des Daches
+lehnte sich noch auf eine Mauer und drohte in jedem Augenblick
+den Einsturz. Das bekannte Haus, das ihn so
+oft so freundlich und v&auml;terlich aufgenommen hatte, das
+die Freuden und Schmerzen seiner Kindheit mit ihm getheilt
+hatte, lag itzt zerrissen vor ihm. Selbst das Leblose,
+in welchem er sonst gl&uuml;cklich gewesen war, war vernichtet,
+auch selbst das Andenken seiner Seligkeit schien
+ihm der z&uuml;rnende Himmel nehmen zu wollen und bis auf
+die letzte Wurzel alles auszureissen, was ihn einst mit
+den sch&ouml;nsten Freuden gen&auml;hrt hatte.</p>
+
+<p>Abdallah stand noch immer in seinem traurigen Nachdenken,
+als er das laute Schmettern einer Trompete h&ouml;rte,
+von einem verwirrten Get&ouml;se und Geschrei des Volks begleitet;
+er k&uuml;mmerte sich nicht um das Ger&auml;usch, nur
+klang es ihm, als wenn er den Namen <span class="wide">Selim</span> laut habe
+nennen h&ouml;ren. &mdash; Itzt kam der Zug bei ihm vor&uuml;ber und
+er sahe einen Herold auf einem Pferde, der dicht neben
+ihm still hielt, einigemal in die Trompete stie&szlig; und dann
+laut ausrief:</p>
+
+<blockquote>
+<p class="noindent">&raquo;Da&szlig; derjenige, und w&auml;re er selbst ein Sklave, welcher
+den Verr&auml;ther <span class="wide">Selim</span> lebendig in die H&auml;nde des
+Sultan's liefern w&uuml;rde, seine ber&uuml;hmte, sch&ouml;ne Tochter
+<span class="wide">Zulma</span> als Gemalin daf&uuml;r zum Lohn erhalten solle.&laquo;
+</p>
+</blockquote>
+
+<p>Wieder das Schmettern der Trompete und der Zug
+l&auml;rmte vor&uuml;ber.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Dumpf und ohne Gedanken verlie&szlig; Abdallah die
+Stadt, tr&auml;umend wie ein Mann, der vom Schlafe erwacht
+und sein Haus in prasselnden Flammen sieht,
+die schon sein Bette lecken; er springt auf und steht
+bet&auml;ubt und ohne Bewu&szlig;tsein vor dem leuchtenden Element,
+das w&uuml;thend durch seine Besitzungen geht, er hat
+sich nur gerettet um desto unfehlbarer zu verderben: &mdash; so
+kam Abdallah fast ohne es zu bemerken zur H&uuml;tte
+im Walde zur&uuml;ck.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Drittes Kapitel.</h3>
+
+<p>F&uuml;rchterliche Gedanken warfen in der Nacht Abdallah
+hin und her, sein Auge starrte in die Finsterni&szlig; hinaus.
+Gr&auml;&szlig;lichkeiten zogen durch seinen Busen, Schauder
+jagten sich durch seine Gebeine, er w&uuml;nschte mit
+Sehnsucht den Tag, die Dunkelheit um ihn her machte
+seine Seele noch schw&auml;rzer, oft schleppten seine hei&szlig;en
+W&uuml;nsche seine sanftern Gef&uuml;hle in Ketten hinter sich,
+oft ri&szlig; sich sein Gef&uuml;hl wieder los und rang seine
+W&uuml;nsche nieder. Er schien in zwei feindselige Wesen
+zerrissen, die unerm&uuml;det gegen einander k&auml;mpften.</p>
+
+<p>Endlich erschlafften alle seine Kr&auml;fte, in seiner m&uuml;den
+Seele starben alle seine W&uuml;nsche und Hoffnungen
+aus, gewaltsam schlo&szlig; er in der Ermattung mit sich
+selbst einen Frieden.</p>
+
+<p>Er sprang von seinem Lager auf, als kaum die erste
+graue D&auml;mmerung des Tages die Schatten spaltete.
+Selim schlief noch und Abdallah verlie&szlig; die H&uuml;tte. Er
+ging schnell unter den B&auml;umen auf und ab, er athmete
+die frische Luft des Morgens ein und wollte gewaltsam
+alle Gef&uuml;hle von sich abw&auml;lzen, die ihn, wie lebendig
+eingegraben gleich Steinen dr&uuml;ckten, aber er schlug vergeblich
+gegen die Mauern der Grube, kein Strahl des
+Tageslichtes wagte sich hinein.</p>
+
+<p>Omar n&auml;herte sich ihm itzt und beide gingen schweigend
+auf und ab; Abdallah scheute sich, seinen Freund
+einen Blick in die W&uuml;ste seiner Seele thun zu lassen.</p>
+
+<p>Was w&uuml;hlt in deinem Innern so gewaltig? begann
+Omar, in der Nacht h&ouml;rt' ich dich seufzen. &mdash; Was ist
+dir, mein Abdallah?</p>
+
+<p>Abdallah schwieg noch. &mdash; Nein, rief er pl&ouml;tzlich, &mdash; meine
+Seele ist zu schwach f&uuml;r diesen ewigen Streit! &mdash; die
+menschliche Natur erliegt dieser Gewalt, ich bin endlich
+m&uuml;de und will mich selbst besiegt zu Boden werfen. &mdash; Er
+ergriff Omar's Hand. &mdash; Ja, Omar, h&ouml;re
+das Gel&uuml;bde, das ich vor dir ablegen will, &mdash; ich will,
+ich mu&szlig; Zulma entsagen, mein Vater bleibe mir und
+Zulma gehe mir verloren; ich ward geboren, um den
+Becher des Gl&uuml;ckes nicht zu kosten, ich willige in diese
+traurige Nothwendigkeit.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und was hat dich zu diesem Entschlu&szlig;
+gebracht, der dir alle deine Hoffnungen kostet?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Meine Menschheit, &mdash; o! ich bezahle
+sie mit dem kostbarsten, was ich besitze, vielleicht weit
+&uuml;ber ihren Werth, denn ohne Zulma ist mir die Welt
+ausgestorben; ich entsage der h&ouml;chsten Seligkeit auf ewig,
+das Gef&uuml;hl der Liebe wird nie in meinem Busen wieder
+aufwachen, nur ihre Schmerzen bleiben mir auf
+immer zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Abdallah erz&auml;hlte seinem Lehrer itzt, was er gestern
+in der Stadt gesehn habe. &mdash; Diese Erinnerung, fuhr
+er dann fort, hat mir diese Nacht schlaflos gemacht;
+wenn ich die Augen schlo&szlig;, weckten mich Ungeheuer
+durch Zuckungen auf, &mdash; o Omar, Omar, giebt es auf
+der Erde ein Wesen, das sein Elend mit dem meinigen
+messen k&ouml;nnte?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und Abubekers Tochter wird deine Gattin?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Niemals, das Schicksal nimmt mir
+Zulma, aber kein andres Weib soll auch jemals in diesen
+Armen ruhn, diese Freiheit wird mir noch bleiben.
+Nein, ich will den Schwur nicht brechen, den ich zu
+Zulma's F&uuml;&szlig;en schwur. &mdash; Jeder Freude, jeder Hoffnung
+sage ich Lebewohl, mit meinem Elend will ich in
+die W&uuml;ste ziehn und dort das Morgenroth mit meinen
+Thr&auml;nen begr&uuml;&szlig;en und den Abend mit Klagen rufen,
+Seufzer sollen meine Sprache werden und die Wehmuth
+meine Gespielin. &mdash; Ja, Omar, dieses Gl&uuml;ck ist mir
+noch &uuml;brig, diese Freude ist die einzige, die mir nicht
+kann genommen werden.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Auch nicht durch deines Vaters Gebot? &mdash; Er
+will, du sollst der Gemal <span class="wide">Roxanens</span> werden.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, das kann er nicht wollen,
+wenn ich ihm dies Opfer bringe. Nein, ich komme ihm
+entgegen, o er wird es auch thun, er ist ja mein
+Vater, er liebt mich ja so wie ich ihn liebe: Zulma
+<span class="wide">kann</span> nicht meine Gattin werden, und Roxane <span class="wide">soll</span>
+es nicht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und dann wirst du in deiner Einsamkeit
+mit leerem Herzen gl&uuml;cklich sein?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich glaube es itzt, und wenn ich es
+nicht kann, so will ich es wenigstens glauben. Alle
+meine Hoffnungen lasse ich dann in der Welt zur&uuml;ck,
+dem ersten Thoren will ich sie schenken, nur meinen
+Schmerz und die sch&ouml;nen Erinnerungen nehme ich mit
+mir.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wenn aber dein Vater auch zu <span class="wide">diesem</span>
+Gl&uuml;ck nicht seine Einwilligung g&auml;be?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O, er kann es mir ja nicht beneiden;
+er ist nicht grausam. &mdash; Ich will itzt gleich zu
+meinem Vater gehn, er soll mir mein voreiliges Versprechen
+erlassen. &mdash; Dann geh ich aus der Welt und
+eine ger&auml;umige H&ouml;hle wird meine Wohnung, B&auml;ume
+und Thiere sind meine Gesellschaft, ach, nach und nach
+werd' ich vergessen, was ich verloren habe, in der Gesellschaft
+meines Kummers werd' ich zum Greise, und
+erz&auml;hle mir dann zum Abendzeitvertreib, wie ein geschw&auml;tziges
+Kind, meine Leiden selbst. &mdash; Nicht wahr,
+Omar? die Zeit legt Balsam auf jede Wunde? wir
+werden uns nach Jahren selber unkenntlich, was mir
+itzt Thr&auml;nen auspre&szlig;t, dar&uuml;ber kann ich einst vielleicht
+l&auml;cheln? Endlich erm&uuml;det die Quaal an mir und geht
+verdrossen hinweg, die Stunde durchl&auml;uft ihren Kreis
+und wir stehn an der schwarzen Pforte, und alles was
+wir litten, alles wor&uuml;ber wir uns freuten, liegt wie
+Schaum des Meeres hinter uns, dann erst sehn wir,
+da&szlig; wir nur nach Schatten griffen, wie Kinder, die die
+Hand nach dem Morgenroth ausstrecken und den fliehenden
+Regenbogen haschen wollen. &mdash; Alles ist in mir gestorben
+und wird nie wieder aufleben, die Flammen meiner
+Seele sind ausgel&ouml;scht, mein Busen ist Eis. Zulma
+ist todt, meine Liebe ist verschwunden, und was sonst in
+diesem Herzen brannte, das hast du erstickt, &mdash; nein,
+z&uuml;rne nicht, Omar, ich verlange es nicht zur&uuml;ck, unter
+Felsen und verdorrten W&auml;ldern brauch' ich nicht ein
+Mensch zu sein, was n&uuml;tzt mir dort die Tugend und
+der Glaube an Gott? Ich will mich auf ewig von der
+Menschheit losrei&szlig;en und mit den Thieren verbr&uuml;dern.
+Ja, Omar, ich gehe zu meinem Vater.</p>
+
+<p>Er kehrte schnell in das Zimmer zur&uuml;ck. Selim
+war noch nicht erwacht, und Abdallah kniete vor sein
+Bette und betrachtete aufmerksam seinen Vater, der s&uuml;&szlig;
+l&auml;chelte, in holdselige Tr&auml;ume verloren. &mdash; Nein, sagte
+er leise, &mdash; jene Gedanken, die sich in der Nacht zu
+mir hinanschlichen, sind verflucht, &mdash; Gott! wie konnt'
+ich sie nur denken, ohne mich zu verabscheuen? &mdash; diesen
+Greis, der mein Vater ist, &mdash; diesen, &mdash; nein, ich
+mag es mir selber nicht gestehn. &mdash; Nein, dazu bin ich
+nicht in die Welt getreten, noch ist Rettung m&ouml;glich,
+noch ist nicht die letzte &Ouml;ffnung zugefallen, durch die
+ich aus dem Felsenschlund entrinnen kann. &mdash; Wie sanft
+er schl&auml;ft! &mdash; Wie er mich auch im Schlaf anl&auml;chelt! &mdash; Seine
+Vaterliebe f&uuml;hlt die N&auml;he des geliebten, des einzigen
+Sohnes, &mdash; als meine Mutter gestorben war, war
+ich es, der ihn an das Leben festhielt, und ich! &mdash; Nein!
+die H&ouml;lle mag sich einen andern Z&ouml;gling suchen, &mdash; meine
+Seele findet hier noch einen Ankergrund!</p>
+
+<p>Der Vater erwachte und sahe Abdallah neben sich. &mdash; Was
+will mein Sohn? fragte er.</p>
+
+<p>Abdallah k&uuml;&szlig;te ihn und umarmte ihn gl&uuml;hend. &mdash; O
+Vater! rief er aus, &mdash; kannst du deinem Sohne
+eine Bitte abschlagen, die einzige, die letzte, die er von
+dir erflehen wird?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Was kann der arme Selim noch besitzen,
+das seinem Sohne nicht auch geh&ouml;rte? &mdash; Doch nein,
+Abdallah, &mdash; mein Verm&ouml;gen sind Thr&auml;nen und Jammer,
+dies werde dir nicht.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Gieb mir deinen Segen, Vater.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Selim legte die Hand auf das Haupt seines Sohnes.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, Vater, ich will dich nicht t&auml;uschen,
+segne mich, wenn ich dir meine Bitte gesagt
+habe.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Sprich, mein Sohn, warum gehst du
+diesen Umweg zum Herzen deines Vaters?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O mein Vater! &mdash; Wenn du mich
+liebst, wenn dein Sohn nicht von dir geha&szlig;t wird, &mdash; o
+so nimm jenen Fluch zur&uuml;ck, mit dem du mir einst
+drohtest. &mdash; Abubekers Tochter kann nicht meine Gattin
+werden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er bedeckte mit den H&auml;nden das Gesicht und warf
+sich nieder, Selim sahe starr auf ihn hin.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sie kann nicht? &mdash; fragte er kalt, &mdash; und was hat
+der Sohn an dem Willen seines Vaters zu tadeln?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O nicht diesen Ton, der mich verurtheilt,
+sprich g&uuml;tiger mein Vater, oder ich mu&szlig; verzweifeln!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Du verlangst G&uuml;te, wo du mir nur
+Trotz giebst? Auch gegen den ungehorsamen Sohn soll
+ich z&auml;rtlich sein?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, ungehorsam schelte mich nicht, &mdash; kein
+andres M&auml;dchen soll meine Gattin werden, aber
+auch Roxane nicht. &mdash; Nur widerrufe jenen Fluch,
+Vater, wenn du nicht meine Verzweiflung sehen willst!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Ich widerrufe nicht.</p>
+
+<p>Abdallah stand auf und sahe ihn mit einem festen
+Blicke an. &mdash; Vater! rief er aus, an diesem Fluch
+h&auml;ngt das ganze &uuml;brige Gl&uuml;ck meines Lebens, meine
+letzte Tugend, mein Schicksal jenseit dieser Welt! &mdash; Widerrufe,
+Vater, du sollst, du mu&szlig;t es, &mdash; o ja
+und du wirst es auch.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Nein. In dreien Tagen wird Roxane
+deine Gattin, oder alle Verw&uuml;nschungen, die ein Vater
+f&uuml;r seinen ungehorsamen Sohn vom Himmel herabflehen
+kann, fallen auf dein Haupt.</p>
+
+<p>Ich kann nicht, sagte Abdallah kalt und langsam. &mdash; Du
+liebst mich, ja, Vater, &mdash; o wie wenig kostet dich
+diese Zur&uuml;cknahme, &mdash; ach! und w&uuml;&szlig;test du, wie viel
+sie mir g&auml;lte!</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Zur&uuml;ck, Ungehorsamer! ich widerrufe
+nicht, das schw&ouml;r' ich beim Himmel und der Pracht
+seiner Sonne! &mdash; Mein Wort kann ich nicht brechen,
+das ich Abubeker gab, um die th&ouml;richten Launen eines
+J&uuml;nglings zu befriedigen, der seinem Vater trotzen will.</p>
+
+<p>Abdallah warf sich w&uuml;thend nieder. &mdash; Du schw&ouml;rst?
+rief er heftig. &mdash; Nun so schw&ouml;r' ich hier auch beim
+Grabe des gro&szlig;en Propheten, beim Himmel und allen
+seinen Engeln, da&szlig; Roxane nie, nie, nie meine Gattin
+wird!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Selim stand zornig auf. &mdash; Ich habe keinen Sohn
+mehr! sprach er heftig. &mdash; Ist das die Sprache, in der
+ein Sohn zu seinem Vater sprechen mu&szlig;? Glaubst du
+mich durch Trotz zu beugen? O hier sto&szlig;en Felsen auf
+Felsen, ich wanke nicht in meinem Vorsatz. &mdash; Du hast
+den Sohn verl&auml;ugnet, nun so will ich denn auch den
+Vater verl&auml;ugnen! &mdash; Ich werfe meinen Fluch auf dich
+hin und mit Centnerlast m&ouml;ge er dich dr&uuml;cken. &mdash; Alles
+Ungl&uuml;ck jage hinter dir dreimal Verfluchten her, der
+Himmel wende sein Angesicht von dir ab, wenn die
+H&ouml;lle nach dir die Arme ausstreckt; wenn du am Busen
+der Geliebten liegst, so fresse ein kaltes Grauen das
+Mark deiner Gebeine, in der Einsamkeit liege der
+Leichnam deines Vaters vor dir, den dein Ungehorsam
+zum Grabe reif macht; von Gewissensangst gefoltert,
+von allen Schrecken zum Leibeigenen erkauft, stirb unter
+Kr&auml;mpfen und Verzuckungen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O wirf nur Fluch auf Fluch, der
+Ewige hat mich schon seit der Geburt verflucht, dein
+H&ouml;llensegen findet nichts mehr zu vollenden. &mdash; Ha! so
+spricht ein Vater zum einzigen Sohn? dies ist die Einsegnung,
+die er mir auf die gro&szlig;e Reise giebt. &mdash; Wer
+soll mich segnen, wenn der Vater mich mit diesen
+Fl&uuml;chen verw&uuml;nscht?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Fort aus meinem Angesicht! <span class="wide">Du</span> hast
+meinem Ungl&uuml;ck die Krone aufgesetzt! &mdash; Du geh&ouml;rst
+mir nicht mehr! Ich hasse deinen Anblick! hinweg! da&szlig;
+ich nicht versucht werde, dir noch mehr zu fluchen!</p>
+
+<p>Er verlie&szlig; das Zimmer w&uuml;thend.</p>
+
+<p>Nein! schrie Abdallah, mir soll keine Rettung bleiben!
+Ich steh in der Verdammni&szlig; eingekerkert, und mein
+Vater selbst nimmt den Schl&uuml;ssel zur Pforte und wirft
+ihn auf ewig in's Meer; nun ist keine Befreiung m&ouml;glich,
+die H&ouml;lle streckt den Arm &uuml;ber mich aus und l&auml;&szlig;t
+mich nicht entrinnen! &mdash; Er warf sich ohne Bewu&szlig;tsein
+in einen Sessel und Omar trat herein. &mdash; Er sahe
+lange den J&uuml;ngling mit forschendem Auge an: Hat er
+deine Bitte erh&ouml;rt? fragte er besorgt.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du siehst dies Kochen meiner Brust
+und fragst noch? O! wann k&ouml;nnte mir auch eine Hoffnung
+in Erf&uuml;llung gehn, w&auml;re sie auch so armselig,
+da&szlig; sie der Bettler auf seinem Wege liegen lie&szlig;e! &mdash; Ich
+darf nur w&uuml;nschen und tausend Stimmen schreien:
+Nein! in meinen Wunsch. &mdash; Das Schicksal hat mich
+unter Millionen zu seinem grausamen Spiel erlesen. &mdash; O
+warum ward ich ein Mensch geschaffen? &mdash; Warum
+mu&szlig;te ich hinter dem Vorhang hervorgesto&szlig;en werden,
+um den Zuschauern zum Gesp&ouml;tt zu werden?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und dein Entschlu&szlig;?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O was kann ich noch wollen? &mdash; Welchen
+Entschlu&szlig; kann ich noch fassen? Selbst das
+Elend, das ich mir w&auml;hlte, ist keine Freist&auml;tte mehr
+f&uuml;r mich; wohin ich auch fliehen will, h&auml;lt mich ein
+Abgesandter der Verdammni&szlig; fest, die Erde st&uuml;rzt unter
+mir ein, jede Scholle, an der ich mich empor arbeiten
+will, giebt treulos nach, &mdash; was kann ich anders als
+mich dem Verderben &uuml;berlassen?</p>
+
+<p>Omar ging mit gro&szlig;en Schritten auf und ab, seine
+Augen funkelten, seine Mienen drohten f&uuml;rchterlich. &mdash;
+Ha! rief er endlich aus, &mdash; dies ist der z&auml;rtliche Vater,
+der seinen Sohn so innig liebt! &mdash; Worte sind seine
+Liebe, unbarmherzig l&auml;&szlig;t er den Sohn an diesem ehernen
+Eigensinn verbluten! Kalt l&auml;&szlig;t er ihn liegen und
+sterben, hat er doch seine <span class="wide">Vaterrechte</span> behauptet! &mdash; Und
+dieser Grausame nennt sich meinen Freund! &mdash;
+Wie kann er ein Freund sein, da er kein Vater ist?
+Liebe ist ihm fremd, seine Tugend ist Trotz, Eigensinn
+seine Standhaftigkeit! &mdash; Ich k&uuml;ndige ihm meine Freundschaft
+auf, wer meinen Abdallah ha&szlig;t, den hasse auch
+<span class="wide">ich,</span> Selim ist aus meinem Herzen gesto&szlig;en, ich will
+seinen Namen aus meinem Ged&auml;chtni&szlig; rei&szlig;en! &mdash; Dir
+auch <span class="wide">dieses</span> Gl&uuml;ck nicht zu g&ouml;nnen! &mdash; Diese H&ouml;lle
+war ihm noch zu sch&ouml;n f&uuml;r seinen Sohn, er hat h&auml;rtere
+Strafen f&uuml;r ihn ersonnen. &mdash; Die Liebe sei verw&uuml;nscht,
+mit der ich einst sein Freund war, f&uuml;r dich geb' ich die
+feindselige Welt verloren, was liegt mir an diesem
+Selim?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O w&auml;r' ich nicht Selims Sohn,
+o dann, dann w&auml;r' ich gl&uuml;cklich! &mdash; Aber boshaft weht
+mir das Schicksal alle Unm&ouml;glichkeiten zusammen! Nur
+f&uuml;r mich wird alles angeordnet zum f&uuml;rchterlichen Scherz. &mdash; O
+k&ouml;nnt' ich den Sohn verl&auml;ugnen, dann w&uuml;rde
+Selims Eigensinn bestraft werden k&ouml;nnen, &mdash; aber, &mdash;
+es kann, es darf nicht sein!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Du wolltest ihn verloren geben, um Zulma
+zu gewinnen. Seinen Eigensinn gegen deine Liebe. &mdash; Er
+sollte dir eine Verschreibung werden, durch die du
+einen Schatz einl&ouml;setest, der dich auf ewig vor dem
+Mangel sicherte? &mdash; Ha, Abdallah, nein, nein, es kann,
+es darf nicht sein! &mdash; Die Tugend, die Pflicht, &mdash; o
+wer kann es alles nennen, was dich von diesem
+Gedanken zur&uuml;ckrei&szlig;t?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O ich schmachte nach andern Speisen,
+ich bin mit Grausen ges&auml;ttigt. &mdash; F&uuml;hrt mein Pfad
+zur H&ouml;lle, o so ist es besser durch <span class="wide">einen</span> k&uuml;hnen
+Sprung, als durch Umwege dahinzukommen. Aber
+noch spricht eine Stimme in mir, die mich Sohn
+nennt, die laut um H&uuml;lfe schreien w&uuml;rde, wenn ich sie
+ersticken wollte, hundert Gef&uuml;hle sind mit diesem Ton
+verbunden. &mdash; Das Entsetzen der Natur w&auml;re in den
+Abdallah verkleidet, wenn ich so sehr alles vergessen
+k&ouml;nnte, was den Menschen zum Menschen macht.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Nein, du darfst dich nicht von ihnen
+losrei&szlig;en, verachte sie, nur halte dich treu in ihrer
+Mitte; o d&uuml;rftest du nicht die Freiheit, ein Mensch zu
+sein, mit allen Sch&auml;tzen dieser Welt bezahlen! &mdash; Ja,
+die Unm&ouml;glichkeit stellt sich f&uuml;rchterlich vor den Eigensinnigen
+hin und besch&uuml;tzt ihn unverwundbar, &mdash; aber
+Abdallah! sorge auch bei Tage und in der Nacht, wachend
+und schlafend, da&szlig; niemand die Wohnung deines Vaters
+entdecke und ein Sklave den Preis erringe, nach welchem
+du strebtest.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O, ehe ich Zulma in eines andern
+Armen sehe, ehe &mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ehe?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Will ich sterben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Dann hast du die Leiden der Welt abgesch&uuml;ttelt,
+aber keine der hiesigen Freuden geht mit dir.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ach, Omar, dann bin ich todt und
+die Welt nennt mich tugendhaft. &mdash; Doch wenn mir
+Gedanken folgen, wohin keiner unsrer Erdengedanken
+dringt, &mdash; ach Omar, &mdash; werden mir dann nicht Freuden
+begegnen, die ich itzt nicht begreifen kann? &mdash; Kann
+ich itzt w&uuml;nschen, was ich nicht begreifen kann? &mdash; Nur
+der Thor und der Verzweifelte tauscht ein gewisses Gut
+gegen ein ungewisses aus und glaubt zu gewinnen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und wenn nun unsre Rechnung hier unten
+schon v&ouml;llig geschlossen w&uuml;rde? Wenn alle Anweisungen
+auf jenseit falsch und untergeschoben w&auml;ren, und wer
+wird sich f&uuml;r ihre &Auml;chtheit verb&uuml;rgen? o dann &mdash; doch
+zur&uuml;ck von diesen Trostlosigkeiten! nein, Abdallah, ich
+habe dir nichts gesagt. &mdash; O, Abdallah; was hast du
+dann gegen deinen gro&szlig;en Verlust gewonnen?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich habe mich selbst verloren und das
+ist f&uuml;r den Elenden Gewinns genug. Dann dr&uuml;ckt mich
+kein Gef&uuml;hl und kein Gedanke qu&auml;lt mich, ich liege im
+k&uuml;hlen Bette, von der Vergessenheit auf ewig zugedeckt,
+kein Morgenstrahl erweckt mich, keine Abendsonne bescheint
+mich. Alle Martern suchen mich dann vergebens
+auf, sie finden mich nicht; in den m&uuml;tterlichen Armen
+der Erde gehalten scheucht die Z&auml;rtliche jedes Ungemach
+von dem schlafenden Sohne hinweg, eine ewige Ruhe
+umweht mich, kein Traum &auml;ngstigt meinen Schlaf, kein
+Schrecken kann mich zur&uuml;ckrufen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Nicht sein? &mdash; O die menschliche Natur
+f&auml;hrt vor dem Gedanken zur&uuml;ck, &mdash; wer wird Leben gegen
+Nichtsein austauschen? Kalt da zu liegen, ohne Gef&uuml;hl
+und Gedanken, W&uuml;rmern eine Wohnung, todt, vermodert
+und ver&auml;chtlich, ein Scheusal jedem lebenden
+Auge: kein <span class="wide">Schlaf</span>, keine Ruhe, kein <span class="wide">Schlummer,</span>
+&mdash; sondern aus dem Reich der Lebendigen auf ewig hinausgesto&szlig;en,
+<span class="wide">da gewesen und nicht mehr</span>, &mdash; giebt
+es in der Sterblichkeit einen trostloseren Gedanken als:
+<span class="wide">nicht da zu sein?</span></p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> <span class="wide">Nichtsein!</span> O es ist wahr, die
+Einbildung erbla&szlig;t vor dieser Vorstellung, &mdash; Leben und
+Nichtsein. &mdash; Und wenn ich nun alles dem Halsstarrigen
+und seinen Entw&uuml;rfen aufgeopfert habe, wenn leere
+Phantome und Feigheit die Schwelle meines Gl&uuml;cks
+bewacht haben, Omar, und ich gehe dann unter, auf
+ewig unter, &mdash; das Wesen, dem ich meine Seligkeiten
+sparte, ist nirgends aufzufinden, &mdash; o ist dies etwas
+anders, als die unsinnige Rechnung des Geizigen, der
+im ganzen Leben kargt, um nicht zu genie&szlig;en und im
+Tode alles hinter sich l&auml;&szlig;t?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Die Ewigkeit lacht spottend hinter dir
+her, &mdash; aber was willst du thun?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ha! wer verdirbt nicht den Freund,
+um die Geliebte zu retten? Wer wagt nicht die H&auml;lfte
+seines Verm&ouml;gens, um das Ganze zu erhalten? &mdash; Und
+soll ich dem Eisenharten, oder dem Befehl des F&uuml;rsten
+gehorchen? Er fordert ihn, Ali mag sein Recht an ihm
+beweisen, der Diener darf nicht die Auftr&auml;ge seines
+Herrn pr&uuml;fen, ohne ungehorsam zu sein. &mdash; Und wo
+ist die Gr&auml;nze zwischen Recht und Unrecht? &mdash; Mir ist
+es ewig verborgen, welche meiner Handlungen gut und
+welche b&ouml;se wirkt; was die Menschen Tugend und Laster
+nennen, verstrickt sich hier oft unaufl&ouml;sbar. &mdash; Die Zukunft
+bildet unsern Willen aus, ohne uns um Rath zu
+fragen. Raschid war mein Freund, war ich es nicht,
+der ihn elend machte? &mdash; Wird er zu Ali zur&uuml;ckgebracht,
+o so hat ihn meine Freundschaft ermordet, ohne mich
+w&auml;re er noch gl&uuml;cklich. &mdash; Unsre Thaten wandeln oft
+&uuml;ber viele Stufen unschuldig hinweg, ehe sie Verbrechen
+werden, &mdash; kann die Schuld auf uns zur&uuml;ckfallen?
+Sollen wir den Fehler des Zufalls b&uuml;&szlig;en? &mdash; Diese
+That &mdash; o ich mag sie nicht denken, &mdash; warum k&ouml;nnten
+ihre Folgen nicht gl&uuml;cklich werden? k&ouml;nnte sie sich
+nicht in den unergr&uuml;ndlichen Strom wei&szlig; und unschuldig
+waschen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Aber den <span class="wide">Vater</span>, &mdash; dem du das Dasein
+dankst, &mdash; zwar nicht ein Dasein voll Freuden&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, voll Todesschmerzen; o wie
+kann ich ihm f&uuml;r diese Welt voll Quaalen danken?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Nein, f&uuml;r dein Dasein kann der Felsenharte
+keinen Dank von dir fordern, denn dann h&auml;ttest
+du Unrecht &uuml;ber seine Halsstarrigkeit zu klagen, &uuml;ber den
+f&uuml;rchterlichen Fluch zu jammern, den er auf dich gelegt
+hat. &mdash; So lange er dann nicht dein <span class="wide">Leben</span> endet,
+hast du keine Ursach auf ihn zu z&uuml;rnen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> In eine H&ouml;lle hat er mich verwiesen
+und <span class="wide">daf&uuml;r</span> sollt' ich ihn lieben?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Er konnte aber nicht vorher wissen, da&szlig;
+dies Leben dir Pein zubereiten w&uuml;rde, &mdash; freilich, eben
+so wenig, ob es dich gl&uuml;cklich machen w&uuml;rde.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nicht er, ein blindes Ohngef&auml;hr hat
+mich in das Leben gerufen. &mdash; Wu&szlig;te mein Vater denn
+im voraus, da&szlig; gerade <span class="wide">ich,</span> dieser Abdallah, sein Sohn
+werden w&uuml;rde?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> W&auml;re es nicht die Pflicht des Sohnes,
+vor dem rasenden Vater Schutz bei den Gesetzen zu
+suchen?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> <span class="wide">Vater, Sohn</span>, nichts als leere
+Namen, der Verstand mu&szlig; sich nicht vom Geschrei der
+Menge bet&auml;uben lassen, er zieht der Wahrheit ihre H&uuml;lle
+ab und sieht sie ohne Kleidung, Gewohnheit und Sitten
+hindern ihn nie in seiner Forschung. &mdash; Nicht wahr,
+mein Omar?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Halt ein, Abdallah! Soll der Leichtsinnige
+der z&auml;rtlichen Vaterliebe, der F&uuml;rsorge vergessen? Soll
+er die Sorgen mit kaltem Undank vergelten? &mdash; Dankbarkeit
+ist das gro&szlig;e Band, das sich unzertrennlich durch
+alle Wesen webt, jeder handelt f&uuml;r den andern, um sich
+in seiner Brust einen Pallast zu erbauen, an Dankbarkeit
+kn&uuml;pft sich Liebe und Wohlwollen, Wohlthaten und
+Dank wechseln sich in dem Herzen der &Auml;ltern und Kinder
+aus, ein Magnet in jeder Brust, der sich ewig
+anzieht.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Dies, ja dies ist das letzte Gef&uuml;hl,
+das mich noch an ihn gefesselt h&auml;lt, alle F&auml;den hat er
+durchgeschnitten, nur dieser eine ist ihm treu geblieben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Deine Erziehung war Selims Pflicht, aber
+nicht die hundert kleinen Wohlthaten, die er dir erzeigte,
+die tausend Freuden, die er dir zubereitete, das Wohlwollen,
+mit dem er dich durch das Knabenalter in die
+J&uuml;nglingsjahre begleitete, &mdash; daf&uuml;r mu&szlig;t du ihm danken.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, es ist meine Pflicht ihn zu
+lieben.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Doch mit diesem furchtbaren Fluch nimmt
+der Geizige hundertfach zur&uuml;ck, was er dir gab; die
+Freude, die das gro&szlig;e Gl&uuml;ck deines Lebens entscheidet,
+versagt er dir mit eigensinniger Laune, Spielwerke hat
+er dir geg&ouml;nnt, aber Lebensfreuden beneidet er dir, &mdash; er
+schenkt dir ein gl&auml;nzendes Glas und fordert mit eigenm&auml;chtiger
+Gewalt alle sch&ouml;nen Hoffnungen deiner Zukunft
+von dir ein, du mu&szlig;t in einer hei&szlig;en W&uuml;ste verschmachten,
+weil er dir einst einen Trank aus der Quelle
+sch&ouml;pfte, du hast einer Freiheit genossen, wie ein Gefangener,
+der nicht weiter gehn darf, als seine Kette reicht;
+strebt er &uuml;ber ihr Maas hinaus, dann f&uuml;hlt er die
+t&auml;uschende Freiheit, dann f&uuml;hlt er sich an der unbarmherzigen
+Mauer festgehalten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O es ist schrecklich! &mdash; Welch ein
+Recht, welches Gesetz liegt in dem Worte Vater, um
+diese unumschr&auml;nkte Gewalt &uuml;ber ein Wesen zu haben,
+das er <span class="wide">Sohn</span> nennt? &mdash; Darf dieser Ton die Gesetze
+der Vernunft umsto&szlig;en und aus Menschenfreiheit sch&auml;ndliche
+Sklaverei machen? &mdash; Der Tod des Vaters macht
+den Sohn gl&uuml;cklich, &mdash; warum soll er sich nicht freuen
+d&uuml;rfen, da&szlig; endlich das qu&auml;lende Band aufgel&ouml;st wird? &mdash; Ist
+der Vater nicht hundertfach grausamer, der seinem
+Sohn in das Leben einen gr&auml;&szlig;lichen Fluch mitgiebt,
+von dem er hofft, da&szlig; er ihn elend machen soll? &mdash; Selim
+stirbt, &mdash; und Abdallah schleppt ein langes Leben
+wie eine unendliche Kette hinter sich, und an jedem
+Gliede h&auml;ngt sich die Pein mit hundertfachen Martern,
+alle Gl&uuml;ckseligkeiten fliehen vor dem f&uuml;rchterlichen Gerassel
+zur&uuml;ck, &mdash; ist dies ein Vater, der seinen Sohn liebt,
+oder ein Unmensch, der sich an Todeszuckungen labt?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ja, den Tod erdulden ist leicht, gegen
+den Schmerz der Pfeile, die ein quaalvolles Leben auf
+uns abschie&szlig;t.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Warum ward dem Menschen die Vernunft
+gegeben, wenn er sich von einer blinden Gewohnheit
+will beherrschen lassen? Die Vernunft soll ihn begleiten
+und &uuml;ber seine Unternehmungen wachen. Die Gewohnheit
+darf nur den Unverst&auml;ndigen hinreissen, dem
+dieses Steuerruder fehlt, dieser mu&szlig; furchtsam landen,
+wo er die &uuml;brigen landen sieht, und mit ihnen sein Schiff
+wieder ausfahren lassen. Wagt er sich einst mit unn&uuml;tzer
+K&uuml;hnheit allein in die See hinaus, so wird er den spottenden
+Winden und Wellen ein Spiel. &mdash; Und welche
+Vernunft, &mdash; Omar, ich spreche es aus, &mdash; welche h&auml;lt
+mich zur&uuml;ck? &mdash; &mdash; Sprich, denn ich sehe nichts!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Unsre Vernunft prallt ohnm&auml;chtig von
+allen Dingen zur&uuml;ck, die jenseit der Menschheit liegen,
+wir verstehen nicht den Gang der Welt und die Schrift
+der Sterne; die schaffende Kraft und die Entstehung der
+Wesen wird uns ewig ein unbegreifliches Geheimni&szlig;
+bleiben, &mdash; aber eben dadurch, da&szlig; diese Weisheit nicht
+f&uuml;r das irdische Gehirn ist, werden wir deutlich auf die
+andre Seite zur&uuml;ckgewiesen. Die Natur winkt ihren
+Kindern zu, und eine laute Stimme ladet alle Wesen
+zur reichen Tafel ein und sagt ihnen laut: <span class="wide">genie&szlig;t!</span></p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Da&szlig; wir da sind, um zu genie&szlig;en,
+das ist die Weisheit, die unser Verstand begreift. Jedes
+Wesen lebt nur in und f&uuml;r sich selbst in einer gro&szlig;en
+Leere, jeder einzelne Mensch ist das letzte Ziel, auf das
+sich alle Bestrebungen der Natur beziehen. &mdash; Sein
+Genu&szlig; ist es, warum er geschaffen ward, er hat das
+Recht, jedes andre Wesen, das ihn im Genie&szlig;en hindert,
+aus seiner Bahn hinwegzusto&szlig;en. Der St&auml;rkere
+besiegt den Schw&auml;chern, der L&ouml;we bek&auml;mpft den L&ouml;wen,
+der Tiger den Tiger, der Mensch den Menschen. &mdash; Noch
+ist kein Gestorbener zur&uuml;ckgekommen und hat gegen diese
+Weisheit gepredigt, noch hat keiner die Geheimnisse der
+Ewigkeit verrathen, &mdash; bis der Leichnam wieder k&ouml;mmt,
+bis todte Zungen dagegen l&auml;stern, werd' ich an diese
+Lehre glauben.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Was wir Tugend nennen, ist blo&szlig; Gewohnheit,
+nichts als ein Gesetz, um die Gesellschaft, die der
+Mensch errichtet hat, aufrecht zu erhalten, ohne diese
+w&uuml;rde sie sich selbst vernichten. &mdash; Helden, Gesetzgeber,
+Weise sind <span class="wide">tugendhaft,</span> weil sie das Band der
+Gesellschaft fester ziehn, M&ouml;rder und Diebe nennen wir
+B&ouml;sewichter, weil sie dies Band zu zerreissen suchen.
+Sicherheit und Eigennutz schrieben zuerst den Unterschied
+dieser Namen. Daher kann Laster oft zur Tugend werden,
+wenn es das Wohl der Vereinigung bef&ouml;rdert;
+schon mancher Mord war heilsam und mancher Diebstahl
+l&ouml;blich, nur dies bestimmte Selims Vorsatz, den
+Dolch gegen Ali's Brust zu schleifen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O ja, Laster und Tugend flie&szlig;en in
+einen Strahl zusammen, es ist hohe Weisheit, da&szlig; man
+den Unverst&auml;ndigeren glauben l&auml;&szlig;t, sie w&auml;ren von Ewigkeit
+her geschieden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ach, Abdallah, daran hatt' ich nicht gedacht,
+da&szlig; du mir einst diese Lehren so f&uuml;rchterlich wiederholen
+w&uuml;rdest, &mdash; o w&auml;re mein Scharfsinn gewachsen,
+damit ich dir widersprechen k&ouml;nnte! &mdash; <span class="wide">Zulma</span> mag
+es einst versuchen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Zulma? &mdash; O Himmel! Omar, sollte
+sie mich nicht zu Thaten aufrufen d&uuml;rfen, durch die ich
+sie dem hartn&auml;ckigen Schicksal abr&auml;nge; nur diese That
+f&uuml;hrt mich in ihre Arme und sie wird mein Z&ouml;gern schelten.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Doch wenn nun diese That, diese einzige,
+dich auf immer elend machte?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O wenn ich daran glauben soll, so
+kann ich meinem Elende auf keinem Wege entrinnen. &mdash; In
+Zulma's Armen bin ich ungl&uuml;cklich, meines Vaters
+Fluch liegt auch in der einsamen W&uuml;ste schwer auf meiner
+Seele, noch gr&ouml;&szlig;eres Elend steht neben Roxanen. &mdash; Welcher
+Ausweg bleibt mir &uuml;brig?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Nun so ergreife den Pfad, auf welchem
+die meisten Blumen bl&uuml;hen, wo der Rasen am hellsten
+lacht, wo der Himmel blau &uuml;ber der freundlichen Landschaft
+liegt. Itzt, itzt eben stehst du am Scheidewege.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Werd' ich aber mit Zulma gl&uuml;cklich
+sein?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> H&ouml;r' ich diesen Zweifel aus <span class="wide">Abdallah's</span>
+Munde? Von denselben Lippen, die neulich in trunkener
+Wonne nicht Worte fanden? &mdash; Oder ist es nur Schwachheit,
+die aus dir spricht? Eine Unentschlossenheit, die
+gern gl&uuml;cklich sein m&ouml;chte, ohne doch die Schwierigkeiten
+der Unternehmung zu tragen? die Fluth st&uuml;rmt hinter
+dir her, aber du scheust dich, den schroffen Felsen zu
+erklettern, der dir die Rettung anbietet.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, &mdash; nein, &mdash; Selim stirbt, und
+kann ich ihm sein voriges Gl&uuml;ck wieder zur&uuml;ckgeben?
+Wird sein ganzes Leben nicht eine einzige wehm&uuml;thige
+Erinnerung sein? Ein ewiger Kampf von Schmerz und
+Hoffnung? &mdash; Er verliert hier nichts, er kann im Tode
+nur gewinnen, er dauert, oder l&ouml;scht aus, &mdash; es ist
+besser, nicht zu sein, als an dem Joch eines quaalvollen
+Lebens zu schleppen. Selim kann mit Zuversicht
+sterben, er mu&szlig; es jenseit besser finden: denn er l&auml;&szlig;t
+keine Freude zur&uuml;ck, den letzten Kranz, Vaterfreude, hat
+er muthwillig zerrissen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Der schwache Greis, der schon an der
+Schwelle des Todes steht &mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ha! wenn meine gro&szlig;e Aufopferung
+ihm Unsterblichkeit gew&ouml;nne, &mdash; ha! dann k&ouml;nnt' ich
+diesen Kampf in meinem Busen dulden, dann k&ouml;nnt' ich
+Roxanens Gatte werden, oder ohne Klagen mit meinem
+Fluch in die W&uuml;ste ziehn, ja, k&ouml;nnt' ich ihm durch
+meine Quaalen auch nur noch <span class="wide">ein</span> Menschenalter erkaufen, &mdash; aber
+der unerbittliche Tod lacht &uuml;ber mich.
+Selim mu&szlig; sterben, bald sterben, vielleicht ist er schon
+in wenigen Stunden nicht mehr.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wer w&uuml;rde dir dann nicht verzeihen, wenn
+du bereutest, da&szlig; du mit diesem unvermeidlichen Tod
+dein Gl&uuml;ck nicht der eilenden Zeit abgekauft h&auml;ttest? &mdash; Dieser
+Athemzug erwirbt dir Zulma, ist er ausgel&ouml;scht,
+dann kannst du dieses Kleinod durch tausend Leben nicht
+erkaufen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Und liegt ihm denn selbst an diesen
+wenigen Stunden, die ihm noch zugez&auml;hlt sind? Du
+hast es selbst geh&ouml;rt, wie sehr er den Tod w&uuml;nscht, seit
+er mit seiner letzten Hoffnung zerfallen ist. &mdash; Itzt
+w&uuml;rde der Tod seine Hoffnung sein, wenn wir eine
+Gewi&szlig;heit hoffen k&ouml;nnten. &mdash; Soll ich mich bedenken,
+ihn gl&uuml;cklich zu machen, oder warten, bis er sich selbst
+den Dolch in die Brust st&ouml;&szlig;t?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Das Land mit seinen B&uuml;rgern war die
+Freude deines Vaters, einst ein neues Gl&uuml;ck zu s&auml;en
+und die sch&ouml;ne Saat aufschie&szlig;en zu sehen, dies war der
+feurigste seiner W&uuml;nsche, die k&uuml;hnste seiner Hoffnungen.
+F&uuml;r seine Mitb&uuml;rger unternahm er das gro&szlig;e Wagest&uuml;ck,
+auf das er sein Gl&uuml;ck und sein Leben setzte, &mdash; die W&uuml;rfel
+fielen ungl&uuml;cklich. &mdash; Roxane sollte deine Gattin werden,
+um die Ernte jener Aussaat einzunehmen, aber
+das Verh&auml;ngni&szlig; verschwor sich gegen ihn und an einem
+Tage ward alles zernichtet. &mdash; Der Wille deines Vaters
+k&ouml;nnte entschuldigt, deine Aufopferung gelobt werden,
+wenn du auch itzt auf diesem Wege den Zweck deines
+Vaters erreichen k&ouml;nntest, &mdash; aber sieh umher, tausend
+Unm&ouml;glichkeiten spotten deines Scharfsinns.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Aber Zulma, Zulma kann mich dorthin
+f&uuml;hren, wohin mich Roxane f&uuml;hren sollte, sie giebt
+mir den Thron dieses Reichs, und ich rotte die Dornen
+aus, die Ali pflanzte, dann k&ouml;mmt der sch&ouml;ne, der gro&szlig;e
+Entwurf meines Vaters zur Reife, neue Sterne gehen
+&uuml;ber dieses Land auf, ich verwandle es in einen Garten
+voll sch&ouml;ner Bl&uuml;then. &mdash; Nicht wahr, Omar, mein
+Vater w&uuml;rde sich nicht einen Augenblick bedacht haben,
+mich dem Wohl des Landes aufzuopfern? &mdash; Und ich
+s&auml;ume ihn dem Gl&uuml;ck der B&uuml;rger hinzugeben? Das
+Opfer thut meinem Herzen wehe, aber der Segen der
+Nachkommen wird mich einst belohnen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Und Zulma! &mdash; Sollte sie in den Armen
+eines andern deiner vergessen? Solltest du einst ihrem
+Pallast als ein unbekannter Sklave vor&uuml;bergehn und
+sie von ihrem Gatten umschlungen, einen fremden Blick
+auf dich herabwerfen? &mdash; Solltest du einst als Bettler
+vor&uuml;bergehn und von der geliebten Zulma mit Verachtung
+abgewiesen werden?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, nein, das soll nie geschehen,
+so lange ein Herz in meinem Busen schl&auml;gt, ist sie
+mein, noch mein letzter Blutstropfe w&uuml;rde f&uuml;r ihren
+Besitz k&auml;mpfen, so lange ich noch Gedanken habe ist
+sie der Inhalt meiner Gedanken und alle meine Kr&auml;fte
+laufen nach diesem Ziele.</p>
+
+<p>Deiner Bestimmung, sagte Omar, kannst du dich nicht
+widersetzen. Steht diese That in jenem gro&szlig;en Buche,
+welcher Finger will die ewigen Z&uuml;ge verl&ouml;schen? <span class="wide">Deinetwegen</span>
+wird das gro&szlig;e Gewebe nicht inne halten,
+der Faden wird hineingeschlagen und nicht um seinen
+Willen gefragt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah stand in tiefen Gedanken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Du kannst nicht gut, du kannst nicht b&ouml;se handeln,
+fuhr Omar fort, <span class="wide">ein</span> Geist ist es, der in den Millionen
+Leben gl&uuml;ht, du und ich, Selim und Zulma sind nur
+<span class="wide">ein</span> Wesen, du arbeitest stets f&uuml;r und gegen dich, du
+kannst eigenm&auml;chtig &uuml;ber deine Handlungen den Ausspruch
+f&auml;llen, und diese gut und jene b&ouml;se nennen, wer mag
+dir widersprechen?</p>
+
+<p>Abdallah sahe starr vor sich nieder, dann wollten
+beide das Zimmer verlassen, Selim kam ihnen zornig
+entgegen. &mdash; Fort! Verbannter! rief er aus, so lange
+der Fluch auf deinem Haupte liegt, so lange hass' ich
+dein Angesicht! Hinweg! damit ich dich nicht mit neuen
+Verw&uuml;nschungen belade!</p>
+
+<p>Omar blieb bei Selim zur&uuml;ck, und Abdallah ging
+traurig und z&uuml;rnend in das Dickicht des Waldes, wo
+eine einsame Stille ihn begr&uuml;&szlig;te, nur von einem leisen
+Wiegen der Baumwipfel unterbrochen. Dunkle Schatten
+lagen &uuml;bereinander, kein Sonnenstrahl schlich sich auf
+den gr&uuml;nen Rasen herab.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>O der Eiskalte! rief Abdallah laut, wie leicht es ihm
+wird, ewige Quaalen auf mich herabzubitten! &mdash; und ich
+z&ouml;gre und bedenke seinen Tod, &mdash; ihm wird es so leicht,
+mich ewig zu verderben, und ich kann diese Gef&uuml;hle in
+meiner Brust nicht niederwerfen. Kann dieser einzige
+Verlust nicht tausendfachen Gewinn geben? Kann das
+Land und Zulma nicht laut dies Leben von mir fordern?
+und da er es selbst verachtet und f&uuml;r seine Mitb&uuml;rger
+hinzugeben brennt?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ach und was vermag ich gegen das eiserne Schicksal?
+gegen die dicken Mauern schlagen vergebens meine Kr&auml;fte
+an, &mdash; wenn es sein soll, &mdash; o dieser Gedanke selbst
+ist mir vor meiner Geburt schon vorgeschrieben, ich kann
+nichts als ihn nachdenken, &mdash; in den ewigen Gesetzen
+liegt die S&uuml;nde, &mdash; die Hand mordet, die den Dolch
+ergreift, nicht das Werkzeug, das der gr&ouml;&szlig;ern Kraft
+wider Willen nachgeben mu&szlig;. &mdash; O das ist ein Gedanke,
+der mich dem Wahnsinn entgegen f&uuml;hren k&ouml;nnte. &mdash; Alle
+meine W&uuml;nsche gehen hier unter, mein Wille ist todt, &mdash; ich
+mu&szlig;, ich mu&szlig; es vollbringen, und dann erst wird
+das Werkzeug aus den H&auml;nden gelegt. &mdash; Wo finden
+meine Gedanken auf diesem Meere einen Ort der
+Ruhe? &mdash; Wo eine Insel, an die sie im Sturme landen
+k&ouml;nnen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er setzte sich in das Gras unter einem dichten Baum
+und sahe starr dem Spiel der M&uuml;cken und Gew&uuml;rme
+auf der Erde zu.&nbsp;&mdash;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Viertes Kapitel.</h3>
+
+<p>Ein Ger&auml;usch dicht neben ihm im Busche schreckte ihn
+auf, <span class="wide">Raschid</span> stand vor ihm.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er sprang auf und fiel seinen Freund schnell in die
+Arme. &mdash; O, rief er, das ist es, was ich suchte, ja,
+ein Mensch hat mir gefehlt und dieser wird mir itzt
+gesendet.</p>
+
+<p>Wir sind beide ungl&uuml;cklich, sagte <span class="wide">Raschid,</span> Elend
+verschwistert unsre Seelen.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du elend? &mdash; O worin kannst du
+ungl&uuml;cklich sein?</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> Ich? &mdash; Ich irre in der Nacht und
+am Tage durch verlassene und w&uuml;ste Gegenden, ich
+w&uuml;nsche und hoffe und verzweifle in demselben Augenblick,
+&mdash; ach Abdallah! Abdallah! du wei&szlig;t vielleicht,
+was Ungl&uuml;ck ist, nicht wahr, du w&uuml;rdest mich gl&uuml;cklich
+machen, wenn du es k&ouml;nntest?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ja ich wei&szlig; was Elend ist, Ungl&uuml;ck
+ist mir nicht fremd. &mdash; Aber was kannst du bei mir
+wollen? Suchst du Quaalen und Verzweiflung? &mdash; o
+die kann ich dir geben, &mdash; sieh! dies sind meine Sch&auml;tze!</p>
+
+<p>Sie gingen mit einander, in Abdallah's Busen lag
+es zentnerschwer, er wollte zu reden anfangen und schwieg
+dann wieder furchtsam. Endlich umarmte er den Freund
+noch einmal gl&uuml;hend: Raschid! Raschid! rief er, du bist
+ein Mensch, nicht wahr, es schl&auml;gt ein f&uuml;hlendes Herz
+in dieser Brust? deine Seele ist f&uuml;r Mitleid nicht taub, &mdash; o
+sprich! nur ein Wort der tr&ouml;stenden Linderung!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> Du schweigst? vertraue deinem Freunde
+den Sturm, der in deiner Seele w&uuml;thet. &mdash; Was kann
+dich so mit Riesenkr&auml;ften niederdr&uuml;cken?</p>
+
+<p>Abdallah schwieg noch immer, &mdash; ich liebe Zulma!
+rief er dann pl&ouml;tzlich. &mdash; Ach, ich mu&szlig; dies f&uuml;rchterliche
+Geheimni&szlig; in einen Menschenbusen aussch&uuml;tten,
+o tr&ouml;ste mich, &mdash; verzeihst du mir, nennst du mich Bruder,
+wenn &mdash; hast du je die Allmacht der Liebe gef&uuml;hlt?</p>
+
+<p>Zulma? rief Raschid und st&uuml;rzte bleich zur&uuml;ck, Zulma?
+O Ungl&uuml;cklicher!</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nur ein Wort aus deinem Munde!
+<span class="wide">Darf</span> ich sie w&uuml;nschen? &mdash; macht mich meine Liebe
+zum Ungeheuer? &mdash; warum starrst du mich so an? Willst
+du mir keinen Trost geben?</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> Trost? &mdash; Dieses Entsetzen hat mich
+zu dir gejagt, ich kam zu dir, um zu deinen F&uuml;&szlig;en
+mir mein Gl&uuml;ck zu erbetteln, &mdash; du liebst Zulma, &mdash; o
+Ungl&uuml;cklicher, so wisse, so erfahre es denn und schaudre
+bis in das Innerste deiner Seele, &mdash; auch Raschid
+liebt diese Tochter der Sonne! aus dieser Quelle sind
+alle meine Martern geflossen, dies hat mich seit Jahren
+gepeinigt und an der Wurzel meines Lebens genagt.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du liebst sie? du? &mdash; O Raschid,
+hinweg! du bist nicht mehr mein Freund! &mdash; ich verlange
+einen Ton der mich tr&ouml;stet, ich schlage verzweifelnd
+an die Laute, &mdash; aber alle ihre Saiten sind zerrissen,
+kein Wiederhall in der ganzen Sch&ouml;pfung!</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> Darum bin ich hier, Selim sollte mich
+gl&uuml;cklich machen, du solltest mir ihn abtreten.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein! nein! &mdash; O beim Unendlichen,
+alles th&uuml;rmt sich immer h&ouml;her und h&ouml;her, alle Schrecken
+wachsen zu Riesen auf und werfen sich mir entgegen. &mdash; Nein,
+nein, Raschid, du darfst nicht, Selim ist mein
+und Zulma mein, deine Hand darf es nicht wagen, in
+mein Gl&uuml;ck zu greifen.</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> Hinweg Freundschaft und Mitleid! die
+Liebe k&ouml;mmt ihren Thron zu besteigen! Ich bin nicht
+mehr Raschid, nicht mehr dein Freund &mdash; Ja, ich will
+den gro&szlig;en Kampf mit dir eingehen, Abdallah, unsre
+Freundschaft sei zerrissen! Fluch um Fluch, H&ouml;lle um
+H&ouml;lle, alle Schrecken gegen einander, &mdash; Zulma ist
+mein! mein, sag' ich, &mdash; endlich hat der Himmel den
+Versto&szlig;enen wieder angenommen, ich bin mit mir selber
+ausges&ouml;hnt.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Raschid, ich ziehe allm&auml;chtig diese
+Waage nieder, die zu den Wolken aufgeschnellt wird,
+dieser Baum ist mein, in dessen Schatten du dich lagern
+willst, &mdash; Zulma liebt mich!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Raschid.</span> O sie wird, sie mu&szlig; mich einst lieben,
+deines Vaters Elend ist eine Leiter, die mich in den
+Himmel tr&auml;gt, ich will verwegen bis auf die letzte schwindelnde
+Sprosse steigen und wie ein Gott auf die armselige
+Welt hinabsehen.</p>
+
+<p>Er wollte gehen und Abdallah hielt ihn m&auml;chtig
+zur&uuml;ck. &mdash; Wohin willst du? rief er aus, Schrecklicher!</p>
+
+<p>Zu Ali, antwortete <span class="wide">Raschid,</span> dein Vater ist ein
+Unterpfand, das mir nicht entrinnen wird, ich bin nicht
+vergebens deinen Schritten nachgeschlichen; o ich mu&szlig;
+eilen, denn ich f&uuml;hl' es im Innern meiner Seele, f&uuml;r
+Zulma w&uuml;rd' ich freudig meinen Vater und meine
+Mutter der Schlachtbank &uuml;berliefern.</p>
+
+<p>Sie rangen hartn&auml;ckig mit einander. &mdash; O noch,
+noch verweile, rief Abdallah, nur diesen einzigen Tag
+noch, nur diese Stunde schenke mir noch mitleidig!</p>
+
+<p>Um in dieser um meine Seligkeit betrogen zu werden?
+antwortete Raschid. &mdash; Nein! zur&uuml;ck von mir! &mdash; Er
+ri&szlig; sich gewaltsam los und entflohe mit der Eil
+des Windes, auch keinen fl&uuml;chtigen Blick warf er seinem
+Freunde r&uuml;ckw&auml;rts.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah sahe ihm bet&auml;ubt und schwindelnd nach. &mdash; Ha!
+nun ist es ja entschieden, sagte er mit unterdr&uuml;cktem
+L&auml;cheln, meine Martern habe ich umsonst geduldet,
+Zulma ist mir ewig, ewig verloren. &mdash; Ha! wie es
+in meinem Innern tobt und w&uuml;thet! &mdash; Kalt steh' ich
+da und sehe, wie auch meine letzte Freude von einem
+fremden Vor&uuml;bergehenden lachend gemordet wird. &mdash; Er
+verh&ouml;hnt Freundschaft und Liebe und fliegt nach
+seinem gl&auml;nzenden Ziel, &mdash; nur ich z&ouml;gernder Thor
+schlage mich mit tausend Zweifeln und verliere den gro&szlig;en
+Augenblick. &mdash; Zulma nicht mein, Raschids? &mdash; O das,
+das kann, das soll nicht sein! So weit d&uuml;rfte dieser
+Fremde sich in mein Paradies hineinwagen? &mdash; Was
+h&auml;lt mich denn zur&uuml;ck? &mdash; Wollte er nicht seinen Vater
+dieser Wonne ohne Bedenken opfern? &mdash; O er ist
+ja auch ein Mensch, &mdash; er liebt ja Gott und betet das
+Schicksal und die Tugend an und dennoch, &mdash; mir ist
+alles genommen und doch z&ouml;gert meine Tr&auml;gheit noch?
+Wie mit hundert Stricken wird mein Arm zum t&ouml;dtlichen
+Streich herabgerissen und ich k&auml;mpfe noch gegen
+diesen Schlag, &mdash; und mu&szlig; Selim nicht dennoch sterben? &mdash; Er
+mu&szlig; &mdash; und ich und Zulma sind ungl&uuml;cklich, &mdash; ja,
+ja, es mu&szlig; sein, &mdash; ich h&ouml;re die Stimmen
+umher br&uuml;llen, die mich zur That anmahnen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er dr&auml;ngte sich in w&uuml;thender Eil durch die Geb&uuml;sche
+und sahe auf der Landstra&szlig;e Raschid schon weit
+voraus, der der Stadt zueilte. Ge&auml;ngstigt rennt er
+ihm nach und st&uuml;rzt wie befl&uuml;gelt hinter ihm her, seine
+Augen sahen den Weg nicht, sein Athem r&ouml;chelte laut,
+oft bi&szlig; er knirschend die Z&auml;hne zusammen. &mdash; Endlich
+erreichte er ihn matt und ohne Bewu&szlig;tsein. &mdash; Halt!
+rief er laut, &mdash; halt an mit deiner Beute, Betr&uuml;ger!</p>
+
+<p>Raschid sahe r&uuml;ckw&auml;rts und erblickte Abdallah, er
+wollte ihm von neuem entfliehen, aber gewaltig ergriff
+ihn Abdallahs Arm und hielt ihn zur&uuml;ck. &mdash; Nein, du
+sollst mir nicht entrinnen, schrie er w&uuml;thend, schw&ouml;re
+hier durch einen gr&auml;&szlig;lichen Eid dich von Zulma los, &mdash; oder
+beim Propheten! ich vergesse unsre Freundschaft,
+so wie du sie vergessen hast.</p>
+
+<p>Raschid wollte sich los machen, aber Abdallah schlug
+seine Arme um ihn und hielt ihn mit der Kraft eines
+Riesen an seine Brust geklammert. &mdash; Zur&uuml;ckgerissen
+von dem Sonnenglanz, rief er, sollst du in einem ewigen
+Dunkel verschmachten, schw&ouml;re Zulma ab und wirf
+deine frechen W&uuml;nsche hinter dir, &mdash; ha! Selim ist
+<span class="wide">mein</span> Vater, nur Vatermord kann dich Zulma's w&uuml;rdig
+machen.</p>
+
+<p>Ich schw&ouml;re nicht! schrie Raschid auf, &mdash; von mir
+Sch&auml;ndlicher! f&uuml;r Zulma ring' ich mit dir um Leben
+und Tod.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er versuchte es, sich mit allen Kr&auml;ften aus Abdallah's
+Armen zu schleudern, aber dieser dr&auml;ngte ihn zu
+fest an sich, Raschid bi&szlig; ihn mit den Z&auml;hnen w&uuml;thend
+in den Arm, um sich frei zu machen. &mdash; Sie rangen
+unter einem dumpfen Gebr&uuml;lle gegen einander, kr&auml;ftig
+warfen sie sich hin und her, die Erde dr&ouml;hnte unter
+ihren Tritten. &mdash; Endlich warf Abdallah den erm&uuml;deten
+Raschid nieder, er kniete auf ihn hin. &mdash; Willst du
+itzt Zulma zur&uuml;ckgeben? schrie er und stierte ihn mit
+einem eisernen Blicke an. &mdash; Nein, nein, und m&uuml;&szlig;t
+ich ewig daf&uuml;r verdammt werden, nein! br&uuml;llte ihm
+Raschid zu. &mdash; Abdallah zog einen Dolch und stie&szlig; ihn
+in die Brust des &Uuml;berwundenen, ein gro&szlig;er Blutstrom
+st&uuml;rzte hervor und flo&szlig; &uuml;ber die Erde. &mdash; Unter krampfhaften
+Zuckungen starb Raschid endlich, ein Schleier
+zog sich &uuml;ber sein starres hervorgetriebenes Auge, er lag
+bleich und unbeweglich da.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah stand &uuml;ber ihm und betrachtete ihn mit
+f&uuml;rchterlicher Schadenfreude. &mdash; Warum rufst du nicht
+mehr Zulma's Namen aus? sagte er bitterl&auml;chelnd,
+wirst du mir sie itzt noch abk&auml;mpfen wollen? &mdash; Kann
+ich nun ruhen, ohne deine Eile zu f&uuml;rchten? &mdash; Nun
+wirst du sie nicht gewinnen, die W&uuml;rmer nehmen dich
+in Besitz! Nun ist sie mein, mein! o ich will es dir
+in die Ohren schreien, bis du von neuem fluchst, &mdash; Zulma
+ist mein! &mdash; Ha, warum bist du im Augenblick
+so kalt, gleichg&uuml;ltig und tr&auml;ge geworden? &mdash; Liebst du
+Zulma nicht mehr? &mdash; verdient sie itzt nicht mehr die
+Huldigung deiner W&uuml;nsche?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ein pl&ouml;tzlicher heftiger Schauder fiel ihn an, er
+wandte sich und flohe mit Windesschnelligkeit zur Stadt.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>F&uuml;nftes Kapitel.</h3>
+
+<p>Er st&uuml;rzte wild in die Stadt hinein und eilte wie ein
+Rasender durch die Stra&szlig;en, alles wich ihm furchtsam
+auf seinem Wege aus, man hielt ihn f&uuml;r einen Wahnsinnigen,
+der seinem Kerker entsprungen sei und jedermann
+sahe ihn mit Furcht und Mitleid nach. Er
+schweifte w&uuml;thend umher und stand itzt vor dem Pallast
+des Sultans. Als er hineinst&uuml;rzen wollte, hielten ihn
+die Leibw&auml;chter zur&uuml;ck. Er wollte sich mit Gewalt hindurchdr&auml;ngen,
+er schrie laut, man sollte, man m&uuml;&szlig;te
+ihn zum Sultan f&uuml;hren, man stie&szlig; ihn wie einen Unsinnigen
+fort; da er aber stets von neuem und stets
+dringender bat, nahm man ihm endlich seinen Dolch ab
+und lie&szlig; ihn in den Pallast treten. <span class="wide">Mehmed,</span> der
+Vezier, begegnete ihm, Abdallah's Knie zitterten, seine
+Stimme war nur ein gebrochenes Lallen. Der Vezier
+sahe ihn mi&szlig;trauisch an und ging endlich in das Gemach
+des Sultans. &mdash; Abdallah stand zitternd auf
+dem langen Gange vor den Th&uuml;ren der Zimmer, er
+wu&szlig;te nicht mehr, wer er war und was er wollte, vor&uuml;bergehende
+Sklaven betrachteten ihn mit Erstaunen,
+wie einen niegesehenen Fremdling, er sahe scheu umher,
+alle fuhren vor ihm, wie vor einem M&ouml;rder zur&uuml;ck.
+Sein Zustand war f&uuml;rchterlich und doch w&uuml;nschte er
+ihn verl&auml;ngert, sehnlich wartete er auf die Er&ouml;ffnung
+der Th&uuml;r und konnte sich diesen Augenblick nie als
+wirklich denken; ein wehm&uuml;thiges Entsetzen, eine fremde
+Verzweiflung, die ihn mit einer kalten Freude erf&uuml;llte,
+herrschte in seiner Seele. Itzt war ihm nichts werth
+und nichts verha&szlig;t, er war sich selber abgestorben, in
+einem dumpfen Nachsinnen verloren, gab er sich endlich
+M&uuml;he zu entdecken, warum er dort stehe und auf
+was er harre. &mdash; In einzelnen Streifen brach sich der
+Sonnenschein durch die Fenster und er betrachtete aufmerksam
+die kleinen zitternden Strahlen, die sich zusammenwebten
+und wieder auseinander flogen, sein unverwandtes
+Auge verlor sich in aufmerksamen Betrachtungen
+von hundert Kleinigkeiten, dann sahe er wieder
+nach den Sklaven, die vor ihm zitterten und eine leise
+Ahndung sprach in ihm an, als m&uuml;&szlig;te er sich vor ihren
+Blicken sch&auml;men. &mdash; In der Ferne flog ein Schall
+den langen Gang hinab, mit seinem todten eiskalten
+Blick sah er hin, es war <span class="wide">Zulma,</span> die mit einigen
+Sklavinnen dicht vor ihm vor&uuml;ber in ein Gemach ging, ein
+Schleier bedeckte ihr Gesicht, aber er erkannte ihren Gang
+und den Glanz ihres Auges durch die Verh&uuml;llung. Alle
+seine gefesselten w&uuml;thenden Leidenschaften wurden pl&ouml;tzlich
+von eisernen Banden wie Wirbelwinde losgelassen,
+er kam zu sich selber zur&uuml;ck und fand jedes Entsetzen
+in der grauenvollen Wohnung wieder. Er starrte dem
+Schimmer ihres Gewandes lange nach, sie hatte ihn
+nicht erkannt. &mdash; Wo bist du? fragte ihn ein aufwachender
+Gedanke, &mdash; und was willst du? &mdash; Ha!
+die Verdammni&szlig; h&auml;lt dir noch einmal die tr&uuml;gende
+Speise an der giftigen Angel hin; war es nicht <span class="wide">Zulma,</span>
+die vor&uuml;berging? &mdash; Es ist <span class="wide">meine</span> Zulma,
+sprach er in sich weiter, sie ist <span class="wide">mein,</span> jetzt geh' ich hin
+und bezahle den gro&szlig;en Kauf, die H&ouml;lle reicht mir
+ihre Verschreibung. &mdash; Jetzt, jetzt wird der f&uuml;rchterliche
+Augenblick nahen, der mich zum ernsten Verh&ouml;r fordert,
+doch auch <span class="wide">er</span> wird vor&uuml;bergehen, die Zeit verschlingt
+geizig alles. &mdash; Aber auch mein Gl&uuml;ck wird verschwinden,
+es wird eine Zeit kommen, in der ich sagen werde,
+Zulma <span class="wide">war</span> mein und dann? &mdash; Nein, nein, ich will
+die Zeit festschmieden und ihre R&auml;der zerbrechen, lahm
+soll sie langsamer von dannen schleichen. Die Wonne
+der Liebe soll mich berauschen bis ich wahnsinnig werde;
+wenn ich Zulma in meinen Armen halte, dann soll sich
+die H&ouml;lle nicht an mich hinanwagen, ihre Schuld einzufordern,
+o, ich will, ich <span class="wide">will</span> gl&uuml;cklich sein, &mdash; ich
+will schw&ouml;ren, da&szlig; ich nicht elend sein werde, der Fluch
+Selims trifft mich im Paradiese an, und flattert scheu
+zur&uuml;ck, in Zulma finde ich die Tugend und Gott, nur
+hier will ich anbeten, ich will mir selber Trotz bieten;
+die Seele ist ver&auml;chtlich, die nicht Muth hat, von sich
+zur&uuml;ckzuschleudern, was feindlich in ihre Seligkeiten bricht,
+nur der Furchtsame leidet, durch seine feige Einwilligung
+ist der Elende elend, &mdash; ha! ich trotze dem Schicksal
+und der Allmacht, ich will k&uuml;hn schroffe Klippen erklettern
+und mit hohnlachendem Triumph meine Kr&auml;nze
+aus den Schrecken pfl&uuml;cken, &mdash; wer, wer kann mir
+verbieten gl&uuml;cklich zu sein? Wer will meinen frechen
+Geist beherrschen? Wer in Zulma's Armen Elend auf
+mich herabsprechen? &mdash; o er versuch' es, der Ewige, &mdash; <span class="wide">mich</span>
+treffen seine Fl&uuml;che nicht, &mdash; mein Gl&uuml;ck ist
+meine Tugend, ohne Zulma bin ich ungl&uuml;cklich, &mdash; Tugend
+ist ein nichtiger Schall, der verdammende Richter
+hat in seinem Busen nie die Menschheit gef&uuml;hlt, &mdash; ein
+tyrannisches Schicksal hat eherne Gesetze f&uuml;r uns
+geschrieben, der Ewige hielt seine Erschaffenen f&uuml;r Engel, &mdash; er
+selber versteht die Menschheit nicht, &mdash; darum
+zertr&uuml;mmert diese Gesetze, er wird einst verzeihen,
+oder er ist ein Tyrann, der die Sch&ouml;pfung belebte, um
+sich ihrer Quaalen zu freuen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Th&uuml;r des Gemaches &ouml;ffnete sich. Der Vezier
+des Sultans trat heraus und f&uuml;hrte Abdallah in ein
+pr&auml;chtiges Zimmer; Ali sa&szlig; in einer kalten emp&ouml;renden
+Wuth auf einem Sessel und sahe dem eintretenden Abdallah
+starr entgegen; der J&uuml;ngling warf sich vor ihm
+nieder.</p>
+
+<p>Eine lange Stille. Ali blickte auf ihn ernst herab,
+Abdallah wagte es nicht, die Augen aufzuheben. Seine
+Sinne hatten ihn verlassen, er &auml;chzte laut in einer todten
+Bet&auml;ubung. &mdash; Was willst du? fragte ihn endlich
+der Sultan mit zur&uuml;ckschreckender K&auml;lte.</p>
+
+<p>Abdallah hob sein Haupt auf und blieb auf den
+Knien liegen. &mdash; Was ich will? &mdash; antwortete er leise. &mdash; O
+diesen gro&szlig;en, schrecklichen, einzigen Augenblick
+wollt' ich. &mdash; Itzt, itzt ist er da! &mdash; Was such' ich hier? &mdash; Warum
+kam ich hierher? &mdash; Wer bist du?</p>
+
+<p>Er ist wahnsinnig! schrie Ali auf, hinweg mit dem
+Unsinnigen!</p>
+
+<p>Sklaven n&auml;herten sich und wollten ihn hinwegf&uuml;hren,
+Abdallah widersetzte sich ihnen stumm, &mdash; nein, rief er
+endlich aus, la&szlig;t mich! Ich mu&szlig; hier bleiben, eine
+gro&szlig;e Entdeckung f&uuml;hrte mich vor deinen Thron, darum
+h&ouml;re mich an. &mdash; Ali winkte, und die Sklaven entfernten
+sich wieder.</p>
+
+<p>Nun sprich! sagte Ali, oder bei meinem Zorn, du
+gehst nicht lebendig aus diesem Saal!</p>
+
+<p>Ich will sprechen, sagte Abdallah. O ich mu&szlig;
+sprechen, von itzt an hab' ich keinen Willen weiter. &mdash; O
+Zulma! Zulma! &mdash; Ali, du hast ein gro&szlig;es Kleinod
+ausgeboten, du hast dem Zulma verhei&szlig;en, der Selim
+deiner Strafe ausliefern w&uuml;rde.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Ja.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Wirst du dein Versprechen halten?</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Beim Propheten!</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O so ist sie <span class="wide">mein!</span> ich bringe dir
+das Geheimni&szlig;, gegen das du sie austauschen mu&szlig;t.</p>
+
+<p>Ali sprang heftig auf. &mdash; Selim? rief er, Selim?
+O meine Rache lechzt nach diesem Blute, sprich es aus,
+wo ist er? Wo kann ich ihn finden?</p>
+
+<p>Abdallah schwieg.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sprich! schrie Ali noch einmal, meine Wuth steht
+mit neuer Macht in meinem Busen auf, foltre meine
+Ungeduld nicht l&auml;nger, &mdash; oder beim Propheten &mdash;</p>
+
+<p>Was hab' ich gethan? sagte Abdallah. &mdash; Hab'
+ich es ausgesprochen, das f&uuml;rchterliche Wort? O nein,
+nein, ich habe nichts gesagt, ich frage dich Sultan,
+sprich, nicht wahr, ich habe nichts gesagt? &mdash; O la&szlig;t
+mich, la&szlig;t mich schweigen, meine Worte werden zu
+Mi&szlig;geburten, die meinen eignen Busen verwunden, ich
+bin an die Schwelle der Verdammni&szlig; gekommen, o la&szlig;t
+mich wieder r&uuml;ckw&auml;rts schreiten.</p>
+
+<p>Sein K&ouml;rper zitterte in einer f&uuml;rchterlichen Angst,
+er wollte sich aufheben, aber er sank wieder kraftlos
+nieder.</p>
+
+<p>Verwegner! sprach Ali z&uuml;rnend, bist du Frecher
+hierhergekommen! meiner zu spotten? &mdash; Du kannst
+nicht wieder zur&uuml;ckfordern, was du gesagt hast; sprich,
+oder Foltern sollen die Nachrichten aus dir herausqu&auml;len,
+die du mir verweigerst.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Und es mu&szlig; also sein? die f&uuml;rchterliche
+Frage ist nun auf ewig entschieden? &mdash; Nun so
+sei es denn!</p>
+
+<p>Er hob sich m&uuml;hsam auf, seine Stimme zitterte,
+sein Gesicht war bleich, sein Blick starr. &mdash; Er beschrieb
+dem w&uuml;thenden Ali den Pfad, der zu der Wohnung
+Selims f&uuml;hrte, er nannte ihm die Zeichen, an denen
+man den Weg erkennen k&ouml;nnte. Ali befahl seiner Leibwache,
+diesen Weg aufzusuchen und Selim zu ihm zu
+f&uuml;hren. &mdash; Abdallah wollte mit dieser wieder aus dem
+Saal hinauswanken.</p>
+
+<p>Nein, rief Ali, so steht unser Spiel nicht, du verweilst
+hier, bis die Abgeordneten zur&uuml;ckkommen; sind
+deine Nachrichten L&uuml;gner gewesen, so soll dein Leben
+f&uuml;r deine Frechheit b&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Abdallah blieb zur&uuml;ck und sahe wieder starr vor sich
+nieder.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Hast du Wahrheit gesprochen, o dann werde
+dieser Tag als ein Fest gefeiert, Jubelges&auml;nge sollen
+durch den Pallast jauchzen, durch die ganze Stadt eine
+laute Freude brausen. Was Selims Frechheit wagte,
+hat noch kein Sterblicher gewagt, er werde gestraft,
+wie noch kein Sterblicher gestraft worden ist. Ich will
+darauf sinnen, wie ich ihn martre, allen meinen Launen
+will ich an diesem Verworfnen ein Fest geben,
+heut will ich nach langer Zeit wieder fr&ouml;hlich sein. F&uuml;rchterlich
+will ich unter meine Feinde treten, alles um mich
+her will ich verw&uuml;sten, was mich ha&szlig;t. Auf Liebe darf
+ich nicht mehr hoffen, aber <span class="wide">f&uuml;rchten</span> soll man mich
+immer; so weit ist es mit mir noch nicht gekommen,
+da&szlig; man mich ungestraft verachten d&uuml;rfte. &mdash; Ich will
+den Trotzigen zittern sehn und sollt' ich mein Gehirn
+mit Ersinnung von Martern zersprengen; Selim l&auml;ugnet
+mir meine Menschheit ab, nun so mag er denn einen
+Tiger in mir finden. Nur durch Martern will ich zu
+ihm sprechen, die Folter soll mein Dolmetscher sein.</p>
+
+<p>Bebend h&ouml;rte Abdallah die Worte Ali's, er sahe
+ihn mit einem stieren Blicke an, kalt und ohne Leben
+wie das Gesicht eines ehernen Bildes. Ali fuhr zornig
+fort:</p>
+
+<p>O da&szlig; das Leben nicht meinem Rufe gehorcht, <span class="wide">ein</span>
+Tod ist zu wenig, um diesen Frevel abzub&uuml;&szlig;en, ich wollte
+ihn mit Flammengei&szlig;eln durch hundert Tode und Leben
+peitschen, in die Vernichtung geworfen und wieder zum
+Dasein aufgeschreckt wollt' ich ihn mit Quaalen jagen,
+bis er in Demuth zitternd um Gnade flehte und den
+letzten Tod als ein Geschenk erwinselte. &mdash; Hat der
+B&ouml;sewicht nicht Freuden genossen, mit denen ich niemals
+Bekanntschaft machte? War ich nicht von je ein
+Bettler gegen ihn? Und mit niedrigem Neide steht er
+auf, mir auch das letzte zu stehlen, das Leben, ein Gut,
+das er verachtet, das einzige, was mir nur &uuml;brig blieb,
+da diese Menschen, die er liebt, mir alles genommen
+haben. Meine einzige Perl? &mdash; O daf&uuml;r soll er keine
+Verzeihung finden, und wenn er mir alle Sch&auml;tze seines
+Busens wie einem Erben hinterlassen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Abdallah erlag unter der Last dieser Gedanken, l&auml;nger
+konnte er sie nicht ertragen, er ri&szlig; mit Gewalt seinen
+Geist von diesen gr&auml;&szlig;lichen Vorstellungen zur&uuml;ck.
+Und <span class="wide">Zulma</span>? fragte er mit zitternder Stimme.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Sie ist dein, sie ist deine Gattin, und du bist
+mein Sohn, mein ganzes Reich soll es erfahren, da&szlig;
+du mein Sohn bist. &mdash; O ich bin gl&uuml;cklich, da&szlig; diese
+Tochter, mein Stolz, eine Lockspeise meiner Rache geworden
+ist, durch diese <span class="wide">eine</span> That belohnt sie meine
+v&auml;terliche Z&auml;rtlichkeit.</p>
+
+<p>Zulma mein? &mdash; stammelte Abdallah.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Aber wer bist du? fragte Ali, du hast mir deinen
+Namen noch nicht genannt.</p>
+
+<p>Abdallah fuhr erschrocken auf. &mdash; Wer? schrie er
+laut. O da&szlig; ich es vergessen d&uuml;rfte! da&szlig; dies Andenken
+sich nicht so f&uuml;rchterlich an mich hinge! &mdash; Ha!
+wer bin ich? &mdash; &mdash; Nein, kein Mensch, kein Thier,
+kein Teufel, &mdash; o hinweg mit der Schaam! selbst diese
+geziemt dem Verworfenen nicht mehr. &mdash; <span class="wide">Ich bin
+sein Sohn.</span></p>
+
+<p>Abdallah? Selims Sohn? schrie Ali auf.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ich war einst Abdallah, antwortete er.</p>
+
+<p>Ali fuhr bleich zur&uuml;ck, erblassend sah sich das Gefolge
+des Sultans an, ein starres Entsetzen bem&auml;chtigte
+sich eines jeden, man betrachtete den J&uuml;ngling als ein
+fremdartiges Wesen, das der Menschheit, seiner Mutter,
+auf ewig entlaufen sei.</p>
+
+<p>Ihr fahrt zur&uuml;ck? sagte Abdallah. &mdash; Selbst Ali
+erbla&szlig;t, vor dem sch&uuml;chtern jede menschliche Empfindung
+zur&uuml;ckbebt, ha dieser Blitzstrahl dringt allm&auml;chtig
+durch den steinernen Harnisch seines Busens! er f&uuml;hlt
+es, er freut sich, da&szlig; er ein Mensch ist! Wie war es
+denn m&ouml;glich, da&szlig; ich &uuml;ber diese unerme&szlig;liche Kluft
+sprang und nicht im Springen zerschmettert wurde? &mdash; Nun
+steh' ich jenseit und strecke die Arme nach der
+Vergangenheit aus. &mdash; Ha! warum erbla&szlig;t ihr? &mdash; Ihr
+fahrt zur&uuml;ck wie vor einem Verbrecher, der an die
+letzte f&uuml;rchterliche Gr&auml;nze aller Laster gekommen ist, ihr
+scheut euch mich Bruder zu nennen, &mdash; ach, ein hartes
+Verh&auml;ngni&szlig; weht mich wie einen Staub umher, ich
+mu&szlig; der sein, der ich bin.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ali sah ihn lange mit einem staunenden Blicke an. &mdash; Ich
+nannte dich so eben Sohn, sagte er langsam
+und leise, &mdash; Zulma bleibt dir, &mdash; aber mein <span class="wide">Sohn</span>
+kannst du nicht werden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Weil ich diesen Namen auf ewig
+gebrandmarkt habe, ha! V&auml;ter werden bei diesem Ton
+zusammenfahren und M&uuml;tter schaudern; seit Abdallah
+seinen Vater verrieth, zittert ein schneidendes Gef&uuml;hl
+durch die Brust der &Auml;ltern, die H&ouml;lle jauchzt, der Himmel
+weint, Greise wetzen Dolche f&uuml;r den ungebornen
+Enkel, mein b&ouml;ser Engel hat sein schwarzes Buch geschlossen
+und steht m&uuml;ssig zu meiner Rechten, diese That
+endigt das Verzeichnis meiner S&uuml;nden; alles, was ich
+nun noch thun kann, ist nichtsw&uuml;rdig gegen diesen gl&auml;nzenden
+Triumph.</p>
+
+<p>Alle schwiegen und Abdallah sprach heftiger weiter:</p>
+
+<p>Nun ich &uuml;ber den Gr&auml;nzstein ausgeschritten bin, o
+Himmel, nun ich jenseit aller Menschen wohne, o so
+nimm mir auch das Bewu&szlig;tsein und meine Gedanken, &mdash; was
+sollen sie mir dort in der verbrannten Wildni&szlig;? &mdash; Gie&szlig;
+den Wahnsinn in vollen gl&uuml;henden
+Schalen auf mich herab! &mdash; Itzt, itzt kann ich wahnsinnig
+werden, ich f&uuml;hl' es, &mdash; ich gebe dir den Funken
+zur&uuml;ck, den du mir grausam geliehen hast. &mdash; Aber das
+Schicksal ruft f&uuml;rchterlich: Nein! Ja mir selbst w&auml;chst
+unaufh&ouml;rlich der Schierling, der mich in Todeskr&auml;mpfen
+zittern l&auml;&szlig;t, zum Bewu&szlig;tsein verdammt zieh' ich selber
+die Feuerflammen und Verdammni&szlig;quaalen um mich
+herum, dieser Geist ist meine H&ouml;lle und giebt mich nie
+wieder frei. &mdash; Itzt ist auch die letzte, die traurigste
+Blume der Hoffnung verwelkt, ich habe die Verzweiflung
+&uuml;berstanden und bin noch der ich war; o
+warum ist unsre Tugend und Ruhe nicht so felsenhart
+und unzerbrechlich, als dies kalte qu&auml;lende Bewu&szlig;tsein?</p>
+
+<p>Ungl&uuml;cklicher! sagte Ali, wie war es m&ouml;glich &mdash;</p>
+
+<p>Abdallah unterbrach ihn: &mdash; Kann ich es selbst
+begreifen? das Verh&auml;ngni&szlig; und Zulma, &mdash; ich habe
+diesen Preis gewonnen, was ist es mehr, wenn ich mich
+selbst dabei verspielte? &mdash; Zulma, Zulma soll es mir
+alles ersetzen, ha! oder ich will einst den Richter jenseit
+bitter anklagen, da&szlig; er mich um mein Leben betrog,
+da&szlig; er mir h&auml;misch einen gro&szlig;en Tausch anbot &mdash; und
+mich schadenfroh hinterging &mdash;</p>
+
+<p>Halt ein! rief Ali, der Wahnsinn spricht aus dir!
+du l&auml;sterst den Herrn, Elender! &mdash; Was hilft es, da&szlig;
+du gegen die Last k&auml;mpfest, du wirst sie niemals abwerfen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ali sahe starr vor sich nieder, sein Gesicht ward
+milder, sein Auge menschlicher. Er dachte &uuml;ber einen
+Gedanken nach, der ihn wehm&uuml;thig machte.</p>
+
+<p>Ha, Mehmed! sagte er endlich und wandte sich zu
+seinem Vezier. &mdash; Wer tadelt mich nun noch, da&szlig; ich
+die Menschheit verachte? Wer darf noch murren, wenn
+ich ihren prahlenden Beglaubigungsschein nicht als g&uuml;ltig
+anerkennen will? &mdash; Sie selber sendet einen aus
+ihrer Mitte, der ihre schwarze Verr&auml;therei entdeckt, der
+den ver&auml;chtlichen Betrug entlarvt. Bis itzt hab' ich
+noch immer gef&uuml;rchtet, an diesem Geschlecht zu irren,
+aber nun sind meine Zweifel gehoben, ich bin &uuml;berzeugt! Was
+hat Selim von mir gewollt, da sein Sohn,
+den er liebt, der ihn liebt, selber gegen seine Stimme
+schreit? &mdash; Wo soll ich ehren, wo lieben, wenn Ver&auml;chtlichkeit
+und Meineid mir warnend auf der Gr&auml;nze
+entgegenkommen? diesen Bothschafter hier nennen sie
+selber tugendhaft und er schl&auml;gt das Verm&ouml;gen unter,
+das sie ihm anvertrauten und entl&auml;uft knechtisch mit
+seiner Beute. &mdash; O hinweg von mir, was sich mit
+dem Namen Mensch br&uuml;stet! Ihr Stolz ist Niedrigkeit,
+ihre Tugenden sind nur unterdr&uuml;ckte Verbrechen, von
+itzt sollen sie an mir einen unerbittlichen Richter finden,
+der sich durch keinen blendenden Glanz bestechen l&auml;&szlig;t.
+Ich will ihren Stolz verfolgen, bis er zur Demuth
+wird, sie verkaufen sich um eine Nichtsw&uuml;rdigkeit der
+H&ouml;lle, ihre eignen Sinne sind die Angelhaken, die sie
+f&uuml;r die ewige Verdammni&szlig; gefangen nehmen. Selim
+ha&szlig;te mich, weil ich die Menschheit ha&szlig;te, weil ich sie
+nicht lieben konnte, wollte er das Band meines Lebens
+zerreissen, diesen hat er f&uuml;r seine Menschheit erzogen
+und er verl&auml;ugnet sie auf ewig. &mdash; Mit Selim will
+ich mein strenges Amt beginnen, statt zu verachten will
+ich das Siegel itzt <span class="wide">verh&ouml;hnen,</span> auf das diese Elenden
+so stolz sind. Es ist Tugend, diese Brut zu verfolgen,
+&uuml;ber ihre allgemeine Vernichtung w&uuml;rde die Erde
+und der Himmel jauchzen. Selim ist die erste Beute,
+die mir aus dieser sch&auml;ndlichen Rotte zugeworfen wird,
+an ihm will ich dreist s&uuml;ndigen, an ihm sollen sie eine
+Probe ihrer Verfolgung sehn und zittern. &mdash; K&ouml;mmt
+er noch nicht? Ich schmachte nach seinem Anblick, itzt
+will ich ihm mit K&uuml;hnheit entgegengehn, denn unser
+gro&szlig;er Streit hat sich entschieden, ich habe meine Anklage
+gewonnen, er soll zusammenfahren. Alle Quaalen
+will ich an ihm erm&uuml;den und ihn dann erst des Spielwerks
+&uuml;berdr&uuml;ssig, in die Vernichtung werfen.</p>
+
+<p>Abdallah hatte bis itzt in tiefen Gedanken verloren
+da gestanden, er hatte kaum Ali's Worte verstanden.
+Pl&ouml;tzlich brach wieder ein Ton durch die taube stumme
+Leere seines Innern, eine Tageshelle stand unvermuthet
+unter den fl&uuml;chtigen Schatten, er wachte wie aus einem
+Rausche auf.</p>
+
+<p>M&auml;chte des Himmels! rief er pl&ouml;tzlich in lauter
+Angst, &mdash; was, <span class="wide">was</span> hab' ich gethan? Ha! wie bin
+ich hierhergekommen? &mdash; Wer ist es, der aus meinen
+Busen spricht? das ist nicht das Wesen, das sich einst
+Abdallah nannte, ein Fremdling hat ihn aus seiner
+Behausung geworfen und zerst&ouml;rt seine Wohnung, o
+k&ouml;nnt' ich ihn aus diesem Herzen reissen! &mdash; Nein, dies
+hat vor mir noch kein Mensch empfunden! Diesen
+Brand im Innern meiner Seele hat noch kein Sterblicher
+erduldet.</p>
+
+<p>Er st&uuml;rzte w&uuml;thend nieder.</p>
+
+<p>Allm&auml;chtiger! rief er. &mdash; <span class="wide">Was</span> hab' ich gethan? &mdash; Vernichte
+mich, Gr&auml;&szlig;licher, damit ich aus diesem Traum
+erwache! &mdash; Nur einen, einen Donner auf mein Haupt,
+la&szlig; ihn zerst&ouml;rend durch mein Herz rollen und den Blitz
+durch diese Brust flammen, &mdash; wirf mich in die H&ouml;lle
+hinab, nur rette mich von <span class="wide">diesem</span> Gef&uuml;hl, la&szlig; die
+Verdammni&szlig; mich nur von <span class="wide">dieser</span> Quaal erl&ouml;sen! &mdash; Himmel!
+wie ein Nachtwandler wache ich pl&ouml;tzlich auf
+und finde mich in eine Todtengruft verirrt. &mdash; Rei&szlig;t
+mit gl&uuml;henden Ketten, mit Feuerhaken diesen angeklammerten
+Drachen aus meinem Busen, der w&uuml;thend mit
+scharfem Zahn in mein Eingeweide bei&szlig;t! &mdash; Besch&uuml;tzt
+mich Geister der H&ouml;lle und schlagt diese Erinnerungen
+zur&uuml;ck, die zu mir hinanspringen! &mdash; O Ali, Ali, &mdash; ruf
+deine Henker und la&szlig; mich vernichten, wenn noch
+ein einziges Menschengef&uuml;hl unter den vermoderten
+Ruinen liegt, &mdash; findest du nur noch eins, das letzte,
+o so la&szlig; mich sterben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ali sahe kalt auf ihn herab. &mdash; Du sollst leben,
+sagte er.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Leben? &mdash; Ha! du geizest mit dem
+Tode! Selim soll sterben, ich bin dieser Wohlthat nicht
+werth. O wenn du nur noch einen Klang von der
+zerrissenen Harmonie in dir sp&uuml;rst, wenn meine Quaal
+dir denkbar ist, &mdash; o so la&szlig; ihn nicht sterben, g&ouml;nne
+dir selber diesen ersten gro&szlig;en Sieg, versuch es nur
+diesmal, nur dies einzigemal, &mdash; und wenn dich dein
+Gef&uuml;hl nicht belohnt, o dann, dann freue dich der Todeszuckungen.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Selim mu&szlig; sterben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Sterben? &mdash; O wie kalt du dies eine
+Wort aussprichst, an das sich meine ganze Seligkeit geh&auml;ngt
+hat. &mdash; <span class="wide">Sterben?</span> &mdash; F&uuml;hlst du, was ich in
+diesem einzigen Wort verliere? &mdash; mehr, als mir tausend
+Kronen ersetzen k&ouml;nnen, mehr als diese Erde werth
+ist. &mdash; O Ali, denke den gro&szlig;en Gedanken, durch <span class="wide">einen</span>
+Hauch deines Mundes kannst du dich zu meinem Gott
+emporschwingen, der mir mit freigebiger G&uuml;te den Himmel
+schenkt, der gro&szlig;m&uuml;thig mich aus der H&ouml;lle nimmt
+und sie verschlie&szlig;t, &mdash; o Ali, <span class="wide">sterben</span> kann mein Vater
+durch den Dolch eines jeden Sklaven, &mdash; aber dann
+steht die ganze Sch&ouml;pfung da und kann den Hauch des
+Lebens nicht wieder fesseln, der fl&uuml;chtig den K&ouml;rper verlie&szlig;, &mdash; nur
+die Allmacht kann zu ihm wieder sagen:
+<span class="wide">lebe!</span> O Ali, du darfst itzt des Allm&auml;chtigen Stelle
+vertreten, das Leben liegt im Winke deiner Hand; sei
+gro&szlig;m&uuml;thig, sei menschlich.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Er mu&szlig; sterben.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, la&szlig; ihn den Wink des Ewigen
+erwarten. &mdash; Du findest ihn dort einst wieder: la&szlig; ihn
+dir als Freund entgegengehn. W&uuml;nsch' es, da&szlig; du den
+heutigen Tag einst im Buch deiner Tugenden aufgezeichnet
+findest.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Nein, er mu&szlig; sterben, <span class="wide">heut</span> sterben. &mdash; Wer
+bist du mir? Und f&uuml;r dich sollt' ich diese Freude
+verloren geben?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Sterben? und unter Martern sterben? &mdash; Nichts
+kann diesen f&uuml;rchterlichen Ausspruch
+vernichten? &mdash; Unter Martern, die bis in die fernsten
+Pulse der menschlichen Natur zucken? &mdash; Nun so h&auml;ufe
+Quaal auf Quaal, sinne mit Henkersscharfsinn auf
+Schmerzen, trinke sein Blut und la&szlig; dir seine Gebeine
+vorsetzen, f&uuml;lle das Maa&szlig; meiner Verdammni&szlig; bis oben
+an, da&szlig; auch keine Faser von mir der H&ouml;lle entrinne. &mdash; Nun
+es Fl&uuml;che gilt, o so st&uuml;rme die Unendlichkeit mit
+Millionen Fl&uuml;chen auf mich ein, &mdash; nun bin ich einmal
+tief hinein in Raserei verirrt, nun mag kommen was
+da will. &mdash; Siehe, Gr&auml;&szlig;licher, nun zittre ich nicht
+mehr, nun scheu' ich nicht mehr den Blick deiner Augen,
+so verworfen ich bin, so f&uuml;hl' ich doch noch, da&szlig; <span class="wide">ich</span>
+ihm verzeihen w&uuml;rde. &mdash; Ich unternahm das f&uuml;rchterliche
+Spiel, um mein Gl&uuml;ck, um Zulma zu gewinnen, &mdash; du
+aber stehst von deiner Felsenk&auml;lte gepanzert
+da &mdash; und freust dich blo&szlig; der Todesquaalen. Du gewinnst
+durch seine Schmerzen nichts und ich verliere
+alles. &mdash; O nun dr&auml;nge sich Verderben auf Verderben,
+nun die W&uuml;rfel einmal gefallen sind, nun st&uuml;rze der
+Himmel und die Erde zusammen und begrabe alles in
+<span class="wide">eine</span> H&ouml;lle und ich will dazu lachen. Sieh, du hast
+meine Geduld verspottet und mich zur f&uuml;rchterlichen
+Gr&auml;nze des Wahnsinns gerissen und nun trotz' ich dir
+und Gott. Was kann ich noch f&uuml;rchten, da ich selbst
+mein gr&ouml;&szlig;tes Entsetzen bin? &mdash; Ich k&ouml;nnte frech den
+Ewigen zum Zweikampf fordern und fluchend niedersinken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er st&uuml;rzte zu Boden, br&uuml;llte laut und schlug heftig
+mit den F&auml;usten seine Brust, der Vezier trat hinzu und
+wollte ihn hinwegreissen, aber Ali hielt ihn zur&uuml;ck.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>La&szlig; ihn, Mehmed, sagte er mit bitterm L&auml;cheln,
+mich erg&ouml;tzt die Ohnmacht dieses Wurms. Er m&ouml;chte
+sich selber entfliehen und unzerbrechlich ist sein Bewu&szlig;tsein
+an sein Verbrechen geschmiedet. &mdash; Sieh, dies ist
+der Mensch, der Wiederschein des Ewigen. &mdash; Sieh, wie
+er in der Wuth sich w&auml;lzt und wie ein Rasender br&uuml;llt, &mdash; w&uuml;rdest
+du ihn dir als einen Edelstein unter ver&auml;chtlichen
+Gew&uuml;rmen hervorlesen? La&szlig; ihn liegen, &mdash; o beklage
+mich, da&szlig; ich zum <span class="wide">Menschen</span> ward, ich sch&auml;me mich
+meiner selbst!</p>
+
+<p>Abdallah's Bewu&szlig;tsein kam zur&uuml;ck. &mdash; Derselbe
+Leichnamsblick k&ouml;mmt mir wieder entgegen? sprach er
+matt und leise. &mdash; Sieht so ein Mensch aus? &mdash; O
+dann will ich zu den Teufeln flehen und ich werde
+sie mitleidiger finden, als dich.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Ich bedaure dich.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Es ist nicht m&ouml;glich, &mdash; dann w&uuml;rde
+dein Auge eine andre Sprache reden.
+<span class="wide">Ali.</span> Es thut mir weh, ein Wesen zu sein, das
+mit dir einen Rang in der Sch&ouml;pfung hat, ich bemitleide
+mich selbst und darum bedaure ich dich. Weil ich
+euch verachte, will ich deinem Vater die Quaalen erlassen,
+mir ekelt, das Auge auf die Menschheit zu werfen,
+auch ihre Schmerzen k&ouml;nnen mich nicht vergn&uuml;gen.
+Stehe auf, ich erlasse sie <ins title="Original hat ihn">ihm</ins>.</p>
+
+<p>Abdallah stand langsam auf, er ging bet&auml;ubt zur&uuml;ck
+und stand ohne Bewu&szlig;tsein und Gedanken an die marmorne
+Mauer gelehnt, Ali sahe starr vor sich nieder.</p>
+
+<p>Es erhob sich ein Ger&auml;usch im Hofe des Pallastes,
+der Vezier eilte an's Fenster.</p>
+
+<p>Was ist dort? fragte Ali.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Selim, antwortete Mehmed, wird von der Wache
+hereingef&uuml;hrt. &mdash; Wie stolz der Verwegene seine Ketten
+tr&auml;gt!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Man h&ouml;rte laut Ketten klirren; Abdallah fuhr aus
+seinem Todtenschlafe auf.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ketten? sagte er leise. &mdash; Ketten? &mdash; O wohin
+soll ich mich verbergen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das Ger&auml;usch kam n&auml;her, Abdallah dr&uuml;ckte sich fester
+an die Mauer und bedeckte mit den H&auml;nden das Gesicht.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Sechstes Kapitel.</h3>
+
+<p>Selim trat mit der Wache herein, die ihn vor Ali
+f&uuml;hrte. Er stellte sich stumm vor ihn hin, Ali sahe ihn
+mit einem durchbohrenden Blick an; Selim hielt unerschrocken
+diesen Blick aus, ohne die Augen niederzuschlagen.</p>
+
+<p>Du bist mein! rief Ali aus.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ja, antwortete Selim, das strenge Schicksal hat
+es so gewollt.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Und du zitterst nicht?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Nein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Da du in meiner Gewalt bist?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Was soll ich f&uuml;rchten? Du hast die
+Gewalt mich zu t&ouml;dten und ich w&uuml;nsche den Tod.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Auch einen martervollen Tod?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Endlich mu&szlig; doch die <span class="wide">letzte</span> Marter zu
+mir kommen, die mich mitleidig frei macht. Wie soll
+ich Martern f&uuml;rchten, wenn sie nicht ewig dauren? &mdash; Wie
+kann ein Mann so kindisch ungeduldig einige schmerzvolle
+Stunden scheuen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Du w&uuml;nschest den Tod und dies k&ouml;nnte mich
+versuchen, dich nicht zu t&ouml;dten.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Seit mein Entwurf dahin ist, giebt es
+keine Freude, keine Hoffnung mehr. Ich mag nicht
+in einer Welt leben, wo dein Wille, dein Befehl alle
+Seelen lenkt. O versuch' es, ich werde mit gr&ouml;&szlig;erer
+Kaltbl&uuml;tigkeit sterben, als du Muth hast, meinen Tod
+auszusprechen. &mdash; Ich hatte auf diesen Fall gerechnet;
+da&szlig; ich sterben konnte, da&szlig; du Sieger sein konntest,
+diese M&ouml;glichkeit hatte ich nicht vergessen und darum bin
+ich darauf vorbereitet. Auf beides machte ich mich gefa&szlig;t,
+entweder ich sprach dein Todesurtheil, oder du das meinige.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Du h&auml;ttest mich dem Tode &uuml;bergeben?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Ja, denn du machst dein Volk ungl&uuml;cklich
+und es verdient gl&uuml;cklich zu sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Du h&auml;ttest mich unter Martern sterben lassen.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Nein, f&uuml;r <span class="wide">dich</span> w&auml;re der Tod die gr&ouml;&szlig;te
+Strafe gewesen.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Du verachtest mich?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Lehre mich, wie ich dich ehren kann.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Du kannst mich hassen, nur verachten sollst
+du mich nicht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Nimm mir meine Meinung.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Du wirst zittern!</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Vor dir? &mdash; Niemals! &mdash; dies ist also
+der Ali, vor dem Asien bebt? das Schrecken des Volks,
+der Mann, mit dessen Namen M&uuml;tter ihre Kinder zur
+Ruhe bringen? &mdash; Ich h&auml;tte ihn schrecklicher geglaubt. &mdash; Dies
+ist der Blick, der Tausende bleich macht, dies die
+Hand, auf deren Wink das Leben wie ein Hauch entflieht? &mdash; O
+versperre dich, Sultan, in deinem Pallaste,
+werde von Niemanden gesehen, sonst wird es bald dahin
+kommen, da&szlig; keiner vor dir zittert.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Du wagst es, mich zu verspotten?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Was kann ich wagen? &mdash; Das Leben
+hass' ich, so wie ich dich hasse, deine Martern veracht'
+ich, wie ich dich verachte, &mdash; nenne mir ein Wort, das
+die Farbe von meinen Wangen jagte, einen Ton, der
+mich erzittern macht; du kannst es nicht. &mdash; Sieh, ich
+bin &uuml;ber dir und &uuml;ber dem Schicksal erhaben. &mdash; O sieh'
+mich nicht so drohend an, dein Blick f&auml;llt vergebens so
+flammend auf mein Angesicht, ich bin kein Verbrecher,
+ich darf mich nicht vor deinem Auge verkriechen; tr&uuml;g' ich
+nicht diese Ketten, o so m&uuml;&szlig;test du in <span class="wide">meiner</span> Gegenwart
+zittern, ein Verr&auml;ther hat dir dies Zittern erspart,
+ein Verr&auml;ther hat meinen Vorsatz vernichtet, auf ihn
+komme das Elend des Volks, nicht &uuml;ber dich.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Nicht &uuml;ber mich?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Nein, &mdash; du verachtest die Menschheit,
+du verkennst ihren Werth, Menschen gelten dir weniger
+als Pflanzen, durch Sch&auml;tze kannst du sie nur belohnen,
+durch Hinrichtung nur bestrafen; du hast keine Ahndung
+von dem Gef&uuml;hl, das den Menschen zum Menschen
+erhebt, &mdash; und darum bemitleid' ich dich, darum verzeih'
+ich dir.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Verworfner? du verzeihst mir? &mdash; Welcher
+Stolz spricht aus diesem Sklaven? &mdash; F&uuml;hrt ihn hinweg!</p>
+
+<p>Die Leibwache wollte ihn wegf&uuml;hren, als Selim sich
+noch einmal zu Ali wandte: &mdash;</p>
+
+<p>Und was gewinnst du mit meinem Tode? &mdash; sprach er
+mit fester Stimme, wird dein Zittern enden mit diesem
+Schlag? &mdash; Wirst du weniger beim Schall des Windes
+und vor deinem Schatten zur&uuml;ckschrecken? &mdash; Die Tyrannen
+tragen ihre Strafe in ihrem eigenen Busen. &mdash; Dein
+Volk ha&szlig;t dich und du wei&szlig;t es, die Welt verachtet dich
+und du verachtest dich selbst. &mdash; Hartn&auml;ckig ringst du mit
+dir, dich aus dieser Selbstverachtung, aus dieser Seelentr&auml;gheit
+herauszureissen, &mdash; aber du vermagst es nicht. &mdash; Ich
+sterbe und du lebst, &mdash; aber beim Allm&auml;chtigen! ich
+m&ouml;chte dein Schicksal nicht mit dem meinigen vertauschen! &mdash; Schon
+da&szlig; ich <span class="wide">dich</span> im Tode verliere, ist ein
+Gewinn, ein Leben, &uuml;ber das <span class="wide">du</span> in jeder Stunde
+gebieten kannst, ist kein Gut f&uuml;r mich, ein Gl&uuml;ck, das
+von dir abh&auml;ngt, kann kein Gl&uuml;ck sein. &mdash; Und welches
+Leben, welches Gl&uuml;ck bleibt <span class="wide">dir</span> zur&uuml;ck? o sieh in die
+Zukunft hinaus und erzittre vor der nimmerendenden
+freudenleeren W&uuml;ste. &mdash; Ohne lieben zu k&ouml;nnen und
+ungeliebt, verachtet und verachtend gehst du jeder Stunde
+entgegen. Eine ewige Langeweile, von keiner Freude
+vertilgt, ein ewiger Durst, der nie eine l&ouml;schende Quelle
+findet. &mdash; Deine Brust ist hohl, du sch&auml;mst dich ein
+Mensch zu sein, du kennst keine Seligkeiten, treulos
+haben sie dich alle verlassen. &mdash; So lebst du &mdash; und
+stirbst endlich, ohne gelebt zu haben. Du hoffst st&uuml;ndlich
+Freuden und vertraust dich unbefriedigt jedem neuen
+Tage, der letzte sinkt unter, &mdash; du bist nicht mehr und
+glaubst auch nicht gewesen zu sein, &mdash; Und darum, weil
+ich dich bemitleide, verzeih' ich dir!</p>
+
+<p>Ali stand nachdenkend. &mdash; Noch dr&auml;ut der Mordstahl
+in deiner Hand, fuhr Selim fort, noch erzittert alles
+rund umher vor deinem Machtspruch, &mdash; aber eine freudige
+Aussicht thut sich mir auf. &mdash; Unaufhaltsam bricht
+der Wogensturm heran, unaufhaltsam rauscht es immer
+n&auml;her, armselig wird deine Schreckensstimme in dem
+Br&uuml;llen der Orkane verwehen, dann, &mdash; o sie kann nicht
+fern sein, diese Zeit, &mdash; dann f&uuml;hlt die Menschheit ihre
+gro&szlig;e Kraft und f&uuml;hlt zugleich ihre Ketten, sie zerspringen
+mit einem furchtbaren Klang und du zitterst! &mdash; Dann
+l&ouml;scht kein Mord die hellen Flammen aus, dann
+gehn deine Geschlechter unter und die Menschheit fordert
+ihre ewigen Rechte zur&uuml;ck; &mdash; ich kann ruhig sterben,
+denn diese Zukunft lacht mir entgegen.</p>
+
+<p>Selim wandte sich hinweg, um den Saal zu verlassen,
+Abdallah eilte hervor und st&uuml;rzte vor seinem Vater nieder.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Du hier? fragte Selim freundlich; gl&uuml;cklich, da&szlig; ich
+dich gefunden habe, mein Herz suchte dich schon auf
+dem Wege, aber doch wird mir der Abschied von dir
+diese Reise erschweren.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Du gehst um zu sterben, Vater? sagte Abdallah mit
+dumpfer Stimme. Er klammerte sich schmerzhaft um
+seine Kniee, alle seine Pulse schlugen gewaltsam, seine
+Brust r&ouml;chelte, sein Auge starrte brennend zum Vater
+hinauf.</p>
+
+<p>Stehe auf, mein Sohn, sagte Selim, komm in die
+Arme deines Vaters. &mdash; Er umarmte ihn. &mdash; Mit diesem
+Kusse fuhr er fort, nehme ich den Fluch wieder
+von dir, den ich voreilig &uuml;ber dich ausgesprochen habe,
+wenn ich <span class="wide">dir</span> fluche, welche Seligkeit lasse ich dann
+auf dieser Welt zur&uuml;ck? &mdash; Nein, Abdallah, aller Segen
+des Himmels komme auf dein Haupt herab. &mdash; O vergieb
+dem Vater, der vom Zorne &uuml;bereilt ward, vergieb
+ihm, geliebter Sohn!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Vater! Vater! schrie Abdallah laut, &mdash; dein Segen
+brennt gl&uuml;hend auf meinem Haupte, gieb mir meinen
+Fluch zur&uuml;ck, er machte mich gl&uuml;cklich. Fluche mir,
+Vater, fluche mir dreifach, wenn du mich nicht ganz
+elend machen willst.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Du sprichst im Wahnsinn, Abdallah; hat
+dich mein Ungl&uuml;ck in diese Wuth gesetzt? &mdash; o la&szlig; mich,
+ich sterbe freudig. Ehre das Andenken deines Vaters
+und Abubekers Tochter werde deine Gattin.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Fluche mir, Vater, oder ich bin verloren!
+die H&ouml;lle ist mein Paradies; Fl&uuml;che sind meine
+Freude!</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Ich mu&szlig;te ja doch bald sterben, Abdallah,
+&mdash; la&szlig; mich, du bist nicht Schuld an meinem
+Tode, wir sehn uns einst wieder.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, nein! du bist mir ewig, ewig
+verloren; wir sehn uns nie wieder, ach! du wei&szlig;t
+nicht &mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Wir wollen Abschied nehmen, nur auf
+ein Menschenalter. Ich lasse dir meinen besten Segen
+zur&uuml;ck, mein Geist wird &uuml;ber dir wachen, meine Seele
+der W&auml;chter deines Gl&uuml;cks sein. Ich will der Geh&uuml;lfe
+deines guten Engels werden, &mdash; nur verzeih meine
+H&auml;rte, geliebter Sohn, mit der ich heut am Morgen
+mit dir sprach, ich habe sie nachher tief bereut.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah schlo&szlig; sich ohne Bewu&szlig;tsein krampfhaft an
+seinen Vater, Selim hielt ihn in seinen Armen und
+sahe wehm&uuml;thig auf ihn hin. &mdash; Komm zur&uuml;ck, sagte
+er z&auml;rtlich, denn ich mu&szlig; scheiden, von dir und von
+dieser Welt; ich habe genug gelebt, bleibe du zur&uuml;ck,
+entfliehe von hier und suche dir ein besseres Vaterland,
+hasse den B&ouml;sewicht und liebe den Tugendhaften, ehre
+Gott und seine Gesetze, und das Elend wird vergebens
+gegen dich anst&uuml;rmen; du wirst in dir selber stets eine
+unversiegbare Quelle von Gl&uuml;ck entdecken, das dir kein
+Tyrann und kein Boshafter rauben kann; an den Edlen
+reicht das Ungl&uuml;ck nicht hinan, ihn erreicht keine Grausamkeit,
+kein B&ouml;sewicht kann ihn niederdr&uuml;cken, er lebt
+und geht aus dem Leben hinaus ohne zu klagen, denn
+er wei&szlig;, da&szlig; er dort den Lohn seines Edelmuths
+empf&auml;ngt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nimm mich mit dir! rief Abdallah. &mdash; An deiner
+Seite wird man es nicht wagen, mich vom Eingange
+des Paradieses zu verscheuchen. O la&szlig; mich mit dir
+sterben!</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Nein, Abdallah, du bleibst zur&uuml;ck, bis
+dich der Richter fordert, bis die Jahre ihren Kreis gemacht
+haben, bis die Welle deines Lebens in das gro&szlig;e Meer
+der Ewigkeit flie&szlig;t, &mdash; bis dahin sei ruhig, wir sehn
+uns wieder. &mdash; Tr&ouml;ste dich mit dem sch&ouml;nen Augenblick,
+in welchem ich freudig meinem Sohn entgegen gehen
+werde, wo die Ewigkeit unsre Liebe unzertrennlich verbindet;
+wo wir uns mit L&auml;cheln von den hiesigen Tr&auml;umen
+erz&auml;hlen, &mdash; o halte mich nicht l&auml;nger von diesem
+sch&ouml;nen Aufenthalt zur&uuml;ck, der Tod ist nur eine Br&uuml;cke,
+die mich dorthin f&uuml;hrt, &mdash; Lebe wohl!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er wollte sich von Abdallah losmachen, aber dieser
+hing sich fest an seinen Vater. &mdash; Ich lasse dich nicht,
+ich kann dich nicht lassen, schrie er w&uuml;thend, fluche mir
+und ich gebe dich frei, &uuml;bergieb mich der H&ouml;lle und ich
+will dich dem Paradiese lassen. &mdash; Vater, du wei&szlig;t
+nicht, wen du in deinen Armen h&auml;ltst.</p>
+
+<p>Meinen Sohn, meinen geliebten Sohn, antwortete
+Selim.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als du mir heut z&uuml;rntest, antwortete Abdallah, als
+du mir fluchtest, da liebt' ich dich, da warst du mein
+g&uuml;tiger Vater, hinweg! itzt mu&szlig; ich dich hassen, denn
+du labst dich an meiner H&ouml;llenpein.</p>
+
+<p>Abdallah stie&szlig; seinen Vater w&uuml;thend von sich, Selim
+sahe ihn befremdet an.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ist das mein Sohn? sprach er leise. &mdash; Welcher
+b&ouml;se Engel spricht aus deinem Munde?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O erst hast du mich in die Verdammni&szlig;
+tief hineingesto&szlig;en, dein Arm ist zu schwach, mich
+wieder zur&uuml;ckzureissen, dein Segen wird den Fluch nicht
+von mir hinwegnehmen, der in allen meinen Gebeinen
+ras't, dieser Wassertropfen kann den schrecklichen Brand
+nicht l&ouml;schen.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Hat deines Vaters Zorn dich wahnsinnig
+gemacht, geliebter Sohn? &mdash; Komm aus deiner Raserei
+zur&uuml;ck, ich mu&szlig; fort, lebe wohl.</p>
+
+<p>Er umarmte ihn noch einmal z&auml;rtlich, sein Ku&szlig;
+ruhte lange auf den Lippen seines Sohnes, Abdallah
+lag ersch&ouml;pft in seinen Armen, sein Auge hing matt
+an den Blicken seines Vaters. &mdash; Lebe wohl, sagte der
+J&uuml;ngling schluchzend. Thr&auml;nen st&uuml;rzten &uuml;ber seine Wangen.
+Sein Vater wollte ihn verlassen, er dr&uuml;ckte stumm
+die Hand des Sohnes, Abdallah hielt sie fest in der
+seinigen eingeschlossen; endlich wickelte er sich von ihm
+los, Abdallah taumelte zur&uuml;ck und sank gef&uuml;hllos gegen
+die Mauer.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Auch <span class="wide">dies</span> hab' ich &uuml;berstanden, sagte Selim, und
+wandte sich zu Ali, dies war die Marter, die mir meinen
+Tod schmerzhaft machte; itzt magst du dich an meinen
+Schmerzen erg&ouml;tzen und kein St&ouml;hnen, kein &Auml;chzen
+soll dir einen schadenfrohen Triumph g&ouml;nnen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ali sahe ihn mit einem leichenkalten Blick an.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Du glaubst, fragte er ihn h&ouml;hnisch, nichts kann dich
+mehr ersch&uuml;ttern, nun dieser Abschied vor&uuml;ber ist?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Nichts.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> H&uuml;te dich, da&szlig; ich dich nicht schaamroth mache
+und du als ein L&uuml;gner vor mir stehst.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Ich wiederhole es, nun mag kommen,
+was da will, ich will ihm mit festem Auge in's Angesicht
+sehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Du stirbst gern?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> Ja.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Du liebst, du achtest die Menschheit?</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> W&uuml;rd' ich <span class="wide">dich</span> sonst je haben hassen
+k&ouml;nnen? &mdash; Ja, k&ouml;nntest du mir diesen Glauben an
+die Menschheit nehmen, dann w&uuml;rd' ich dich f&uuml;r meinen
+Sieger anerkennen, dann, nicht eher, w&uuml;rd' ich mein
+Leben bereuen, dann, dann h&auml;tt' ich umsonst gelebt,
+dann w&auml;re mein Stolz eine ver&auml;chtliche Traumgestalt,
+die Arbeit meines Lebens ein nichtiges Kinderspiel gewesen,
+ich w&uuml;rde die Stunden zur&uuml;ckw&uuml;nschen, in denen
+ich Menschengl&uuml;ck aufbaute und an dem Reichthum meiner
+Seele sammelte, <span class="wide">dann</span> w&uuml;rd' ich w&uuml;nschen, Ali
+gewesen zu sein.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> Und wenn ich dich nun dahin bringen k&ouml;nnte?</p>
+
+<p>Selim sahe ihn mit einem furchtsamen Blick an, &mdash; dann,
+sagte er sch&uuml;chtern, dann w&uuml;rd' ich vor dir zittern. &mdash; Aber
+nein, unm&ouml;glich, diesen Glauben kannst
+du mir nicht nehmen, du bist kein Mensch, was willst
+du von ihrem Adel wissen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ali l&auml;chelte ihn h&ouml;hnisch an. &mdash; Bist du nicht neugierig,
+den kennen zu lernen, der mir deinen Aufenthalt
+verrieth? fragte er mit funkelnden Blicken.</p>
+
+<p>Nein, antwortete Selim, ich habe ihm verziehen,
+sei es, wer es wolle.</p>
+
+<p>Ali ergriff die Hand Selims und f&uuml;hrte ihn dann
+zu Abdallah. &mdash; Dieser ist es! sagte er schnell.</p>
+
+<p>Selim fuhr bla&szlig; zur&uuml;ck. &mdash; Soll ich dieser L&uuml;ge
+glauben? sagte er nach einigem Stillschweigen; nein,
+Ali, dazu ist sie nicht fein genug ersonnen.</p>
+
+<p>Dieser ist es! sagte Ali noch einmal mit schadenfroher
+Miene.</p>
+
+<p><span class="wide">Selim.</span> O L&uuml;gner, sieh dies Auge, diese entstellten
+Z&uuml;ge, diese Todesbl&auml;sse, und wiederhole dann
+deine Worte noch einmal.</p>
+
+<p><span class="wide">Ali.</span> O dann w&auml;re mein Triumph noch tausendmal
+herrlicher, wenn er itzt nicht bereute.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Selim schwieg, er sahe mit einem schweren Blick
+auf Abdallah hin; Abdallah schlug die Augen nieder,
+alle seine Glieder zitterten.</p>
+
+<p>Und mein Sohn antwortet nicht? fuhr Selim
+auf. &mdash; Nicht mit <span class="wide">einem</span> Ton, durch <span class="wide">einen</span> Blick
+widerlegt er diese gr&auml;&szlig;liche L&uuml;ge? &mdash; Soll ich dies
+Stillschweigen f&uuml;r Bewu&szlig;tsein halten?</p>
+
+<p>Abdallah dr&auml;ngte sich fester an die Mauer, er w&uuml;nschte,
+da&szlig; ihn die Erde verschlingen m&ouml;chte und schwieg.</p>
+
+<p>Soll ich es glauben? sprach Selim erschrocken. &mdash; O
+wenn ich <span class="wide">hier</span> zweifeln soll, dann ist alles, was ich
+glaubte, Irrthum, dann &mdash; o ich Ungl&uuml;ckseliger! &mdash; dann
+Ali, geb' ich mich besiegt. &mdash; O Himmel! Abdallah!
+Abdallah! sprich zu deinem Vater, h&ouml;re meine
+letzte Bitte. &mdash; Er fa&szlig;te die Hand Abdallah's. &mdash; Sprich,
+und zerrisse der Ton mein Ohr, nur <span class="wide">eine</span>
+Sylbe, nur <span class="wide">einen</span> Athemzug: sprach er Wahrheit?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah's Herz wollte springen, er zitterte st&auml;rker,
+sein Busen kochte, mit matter stockender Stimme stammelte
+er endlich: Ja!</p>
+
+<p>Ja? &mdash; sagte Selim und lie&szlig; pl&ouml;tzlich seine Hand
+niederfallen. &mdash; Ja? &mdash; Nun dann bin ich von einem
+tiefen Schlaf erwacht. &mdash; Auch <span class="wide">dir</span> hab' ich verziehen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blicke an. &mdash; Auf
+<span class="wide">diese</span> Verdammni&szlig; h&auml;ttest du nicht gerathen und
+h&auml;ttest du dein Gehirn zersprengen sollen? fragte er ihn
+boshaft. &mdash; Du liebtest ihn, er liebte dich? Er geh&ouml;rt
+zu den Edelsten der Menschheit? &mdash; Sieh, dies sind
+die <span class="wide">Verehrungsw&uuml;rdigen</span> unter der Natterbrut. Selim,
+nun kann ich dir dreist in's Auge sehen, nun
+ist mein Triumph vollendet, der Eid, den ich beim
+Ewigen schwur, ist kein Meineid, &mdash; ich habe, was ich
+wollte, ich sehe dich <span class="wide">zittern</span>!</p>
+
+<p>Ein Fieberschauer sch&uuml;ttelte Selims Gebeine. Ich
+habe die Menschheit nie gekannt, sagte er sehr ernst. &mdash; Noch
+einmal sahe er mit starrem Auge nach seinem
+Sohn, dann verlie&szlig; er stumm den Saal, &mdash; die Leibwache
+folgte ihm. &mdash; Ali sahe ihm schadenfroh nach. &mdash; Ich
+bin ger&auml;cht! sprach er freudig, f&uuml;r die Menschheit
+hat er gek&auml;mpft und sie f&auml;llt in seiner letzten Stunde
+treulos von ihm ab, ha! nun wird ihm der Tod einen
+bittern Kelch reichen! So gro&szlig; h&auml;tt' ich meinen Sieg
+nie getr&auml;umt. &mdash; Er wagte es nicht, mich anzusehen, &mdash; nun
+kann ich ihn verachten!</p>
+
+<p>Abdallah stand ohne Bewegung, ohne Leben, sein
+Gesicht war todtenbleich, alle Glieder in einer f&uuml;rchterlichen
+Erschlaffung erstarrt, man sahe kaum, da&szlig; er
+Athem holte.</p>
+
+<p>Verloren! verloren! schrie er dann pl&ouml;tzlich. &mdash; Er
+schwieg wieder, alles war still, nur zuweilen t&ouml;nte ein
+abgerissener br&uuml;llender Schrei Abdallah's durch den
+Saal. &mdash; Eine innere Wuth arbeitete in seiner Brust,
+tausend folternde Schmerzen duldete er in einem Augenblick
+zugleich, Angst und Verzweiflung, Wuth und Entsetzen
+st&uuml;rmten durch seine Seele. &mdash; Mein Vater!
+mein Vater! rief er dann von neuem mit lauter
+Stimme. &mdash; O dies war sein letzter Blick! &mdash; dies! &mdash; o
+Ewiger, warum starb ich nicht vor diesem Blick? &mdash; Er
+hat mir vergeben? &mdash; Nein, eine hei&szlig;hungrige
+Quaal nagt an mir. Alles ist zerst&ouml;rt und vernichtet, o
+mein Vater! &mdash; Stille, da&szlig; ich diesen Namen nicht
+nenne! Vater? &mdash; Ich bin kein Sohn, ich habe keinen
+Vater! &mdash; Nein, wie Abdallah sieht kein Sohn
+aus, &mdash; ich bin von der Menschheit ausgesto&szlig;en! Teufel
+sind meine Br&uuml;der, die H&ouml;lle ist meine Heimath.</p>
+
+<p>Ein Sklave trug einen Giftbecher durch den Saal,
+Ali winkte ihm: man gebe ihm den Trank noch nicht,
+sagte er. Der Sklave ging.</p>
+
+<p>In diesem Becher, rief Abdallah, wird meinem
+Vater der Tod gebracht! &mdash; Ha, wie die b&ouml;sen Engel
+alle hohnlachend um mich grinsen! Nun geh&ouml;re ich ihnen
+leibeigen, nichts wird mich loskaufen. &mdash; Mein Name
+ist aus der Zahl der Lebendigen ausgestrichen, im Buch
+der Verdammni&szlig; steh' ich eingeschrieben, &mdash; bald wird
+mir die f&uuml;rchterliche Rechnung vorgelesen werden!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ali ging ihm n&auml;her und sagte: Verweile hier, ich
+gehe um Selim sterben zu sehn. &mdash; Itzt wird er den
+Giftbecher nicht so muthig, so ver&auml;chtlich leeren. H&ouml;hnisch
+lacht ihm die Menschheit nach, er wird sich seiner Thaten
+und seiner Begeistrung sch&auml;men. &mdash; Diese Wonne
+will ich mir nicht versagen.</p>
+
+<p>Ali ging und der Vezier und die &uuml;brigen begleiteten
+ihn. &mdash; Abdallah blieb in dem weiten Saal allein,
+alles um ihn her schien ihn mit f&uuml;rchterlichen Gesichtern
+anzublicken, er stie&szlig; w&uuml;thend seinen Kopf gegen die
+Mauer.</p>
+
+<p>Itzt! itzt! &mdash; sprach er leise, &mdash; itzt trinkt er den
+Becher, itzt lachen Ali und sein sch&auml;ndliches Gefolge
+&uuml;ber die Todeszuckungen meines Vaters; Selim denkt
+an seinen Sohn und dieser Gedanke dreht ihn in noch
+schrecklichern Kr&auml;mpfen. &mdash; O Abdallah! Abdallah! &mdash;
+Wardst du darum geboren? &mdash; O nun ist jenes f&uuml;rchterliche
+Ziel heranger&uuml;ckt! &mdash; Auf ewig, auf ewig bin
+ich verloren! &mdash; Selim! &mdash; Abdallah! &mdash; Die ganze
+Natur wird in ihr Chaos zur&uuml;ckspringen, denn die Liebe
+ist todt, alle Elemente werden von neuem feindselig
+gegen einander k&auml;mpfen und die Welt in Tr&uuml;mmern
+schlagen. &mdash; O warum gerade <span class="wide">ich</span>, unter Millionen
+ich der Verworfene, der seinen Vater ermorden mu&szlig;? &mdash; Nur
+<span class="wide">ich?</span> &mdash; In diesem Gedanken grinst mich die
+ganze H&ouml;lle an.</p>
+
+<p>Er stand von neuem in einer dumpfen Bet&auml;ubung.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Siebentes Kapitel.</h3>
+
+<p>Omar trat in den Saal. Abdallah fuhr auf als er
+ihn sahe und st&uuml;rzte sich wild in seine Arme. Rettung!
+Rettung! schrie er heftig. &mdash; Omar, rei&szlig; mich durch
+deine Gewalt aus diesem Strudel, der mich zerschmettert;
+o wo bist du gewesen? Warum hast du mich so
+unbesch&uuml;tzt allen diesen f&uuml;rchterlichen Quaalen &uuml;berlassen? &mdash; Bin
+ich deiner H&uuml;lfe nicht mehr werth? Liebt
+kein Wesen mehr den Abdallah, seit er der Menschheit
+untreu geworden ist? &mdash; Omar! rette mich vor mir
+selbst! sieh, ich bin fast wahnsinnig, o k&ouml;nnt' ich es
+ganz werden, ich w&auml;re gl&uuml;cklich!</p>
+
+<p>Ich erschrecke vor dir, sagte Omar, ich glaubte dich
+nicht <span class="wide">so</span> zu finden.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nicht so? &mdash; O und wie anders?
+Wie kann ich anders sein? &mdash; Wundre dich, da&szlig; du
+mich noch lebendig antriffst, kein Sterblicher hat noch
+mit so vielen Martern gerungen. &mdash; Ich sollte ruhig
+sein, itzt, da mein Vater unter gr&auml;&szlig;lichen Schmerzen
+knirscht?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Er leidet nicht mehr.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Itzt?</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Er ist todt!</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Todt? &mdash; Todt? &mdash; Er war und
+ist nicht mehr. Todt? O wie viel liegt in dem armseligen
+kleinen Worte. Nun hat er mein Verbrechen
+abgeb&uuml;&szlig;t.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er sank wieder in ein tiefes Nachdenken, das Omar
+vergeblich zu zerstreuen suchte. &mdash; Ich habe ihn gehabt,
+fuhr er dann fort. &mdash; <span class="wide">Gehabt?</span> &mdash; O Himmel, mein
+Vater, den ich so z&auml;rtlich liebte, der mich so innigst
+liebte, <span class="wide">dieser</span> ist <span class="wide">todt.</span> Von seinem Sohne geschlachtet,
+hingegeben der Mordgier durch Abdallah. &mdash; Ach,
+Omar! Omar! &mdash; So eben h&auml;tt' ich durch Zulma seine
+Martern abkaufen m&ouml;gen und nun klag' ich dar&uuml;ber,
+da&szlig; er sie nicht mehr f&uuml;hlt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Sei weise, Abdallah. La&szlig; das, was vergangen
+ist, vergangen sein. &mdash; Was hast du gewonnen,
+wenn dich diese Gedanken ewig qu&auml;len? Zweifle an allem
+was war und lebe nur in der Gegenwart, alle deine
+Hoffnungen kommen dir gekr&ouml;nt entgegen, siehe, es fehlt
+keine in ihrem feierlichen Zuge, geh mit heitrer Stirn
+auf sie zu, wie es dem Gl&uuml;cklichen ziemt. &mdash; Hinweg
+mit diesen Falten! Sieh aus wie ein Br&auml;utigam, der
+seine Braut erwartet; Tausende sind ungl&uuml;cklich, ohne
+des Gl&uuml;cks zu genie&szlig;en, das dein ist. <span class="wide">Zulma!</span> rufe
+diesen Namen nur und alle Sorgen werden zur&uuml;cktreten,
+feigherzig entflieht dann jeder Kummer.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Zulma? &mdash; O das war eine Seligkeit,
+auf die ich einst so sehnlichst hoffte, aber auch dieser
+Strahl ist hinter Wolken untergegangen, auch diese
+Freude hab' ich verspielt, um nichts zu gewinnen. &mdash; Du
+zeigst, um mich zu tr&ouml;sten, auf ein Grabmal hin,
+in welchem ein Freund schlummert, der einst meine
+Wonne war.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> O Zulma, Zulma ist dir nicht gestorben,
+ruf nur einen Strahl jener Entz&uuml;ckungen zur&uuml;ck, mit
+denen du ehemals ihren Namen dachtest.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ach Omar, sie wird mir ein ewiges
+Verzeichni&szlig; meiner Verbrechen sein, alle beseligenden
+Gef&uuml;hle sind auf ewig von mir hinweggeflohen, nur
+die entsetzlichen sind mir geblieben, diese kn&uuml;pfen sich
+an jedes Wesen, an jede Erwartung.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Rei&szlig; dich aus dieser tr&auml;gen Seelentaubheit,
+zeige den Schaudern eine Heldenbrust, und sie werden
+zur&uuml;ckst&uuml;rzen!</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, Omar, auf welche Freude darf
+der Vaterm&ouml;rder rechnen? Jedem andern Verbrecher
+verzeiht der g&uuml;tige Himmel einst, aber des Vaterm&ouml;rders
+Gebet darf sich nicht in seine Himmel wagen, die Engel
+w&uuml;rden erzittern und der ewige Glanz seines Thrones
+erbleichen. Seit Ewigkeiten ward ich ausgelesen,
+ein Spott des grausen Verh&auml;ngnisses zu sein und dies
+f&uuml;rchterliche Spiel wird sich niemals enden. &mdash; Ach!
+k&ouml;nnt' ich wieder werden was ich war, k&ouml;nnt' ich zu
+dir sagen: weck mich auf! und ich erwachte dann und
+alles, alles w&auml;re nur ein Traum gewesen, st&auml;nde dann
+der Abdallah wieder vor dir, der einst vor dir stand,
+w&auml;rst du derselbe Omar, der du ehedem warst, &mdash; ach!
+als ich deine Lehren noch mit kindlicher Unbefangenheit in
+mich sog, als ein z&uuml;rnender Blick meines Vaters oder
+von dir das Ungl&uuml;ck dieser Erde f&uuml;r mich war, als ich
+froh an jedem Abend einschlief und der Strahl des
+Morgens mich zu neuen Freuden weckte, als ich mich
+so unbesorgt und mit kindlichem L&auml;cheln jedem Tage
+&uuml;berlie&szlig;, der mich dem folgenden &uuml;berlieferte, &mdash; o wann
+kann ich wieder eine dieser Seligkeiten kosten? Wie ist
+dieser Abdallah so pl&ouml;tzlich jenseit aller Verbrechen und
+Laster geschleudert? &mdash; Himmel! wie nahe liegt mir
+die Zeit, als ich noch vor dem Gedanken <span class="wide">M&ouml;rder</span>
+zur&uuml;ckbebte? &mdash; Und <span class="wide">selbst</span> ein M&ouml;rder sein und der
+verworfenste von allen M&ouml;rdern, <span class="wide">Vaterm&ouml;rder!</span> &mdash; o
+d&uuml;rft' ich an die Unm&ouml;glichkeit glauben, d&uuml;rft' ich der
+Unwahrscheinlichkeit vertrauen und mich keck mit mir
+selber wieder vers&ouml;hnen. &mdash; Aber nein, es ist! Nicht
+wahr, Omar, es ist?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Es war.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, es ist! die Ewigkeit, der Allm&auml;chtige
+selbst kann mein Verbrechen nicht von mir
+wieder abkaufen. &mdash; Ach, Omar, als mein Vater h&ouml;rte,
+da&szlig; sein Abdallah ihn dem Verderben verrathen habe, &mdash; ach,
+da sahe er mich mit einem Blicke an, &mdash; o es
+war ein entsetzlicher Blick, nie wird meine Einbildung
+diesen Blick verlieren, keine Stunde meines Lebens war
+mir noch so f&uuml;rchterlich, als diese, noch nie war meine
+Seelenangst so hoch gestiegen, als bei diesem Anblick
+des Auges; alles Entsetzen lag darin. La&szlig; mich nur
+diesen Blick vergessen, Omar, und ich will das freche
+Versprechen wagen, alles &uuml;brige zu vergessen!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Dein Vater hat dir verziehen, verzeih dir
+selbst.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ali und sein Gefolge kamen zur&uuml;ck. &mdash; Auch keinen
+Schrei konnte ihm der Tod auspressen, sagte Ali
+m&uuml;rrisch, sein Tod war so halsstarrig wie sein Leben,
+er ging in die Vernichtung wie ein andrer sich zum
+Schlafen auf sein Lager wirft; der Schmerz w&uuml;hlte in
+allen seinen Z&uuml;gen und trieb seine Glieder f&uuml;rchterlich
+geschwollen auf, aber er sahe dem gr&auml;&szlig;lichen Anblick
+wie einem Spiele zu. &mdash; Auch kein Seufzer ist ihm
+entschl&uuml;pft.</p>
+
+<p>Ali winkte und einige Sklaven traten hervor, die
+den bet&auml;ubten Abdallah in ein Bad f&uuml;hrten. In Tr&auml;umen
+verloren that er ohne Besinnung alles, was man
+von ihm verlangte. Man salbte ihn dann mit k&ouml;stlichem
+Balsam und schm&uuml;ckte ihn mit reichen Kleidern,
+er bemerkte kaum diese Ver&auml;nderungen. &mdash; Mit Gold
+und Purpur geschm&uuml;ckt ward er in den Saal zu Ali
+zur&uuml;ckgef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Alle Gro&szlig;en des Reichs waren hier versammelt,
+der Saal schimmerte von Edelsteinen, himmelblaue Polster
+mit Gold geschm&uuml;ckt lagen an den Seiten des
+Saales. Jedermann begr&uuml;&szlig;te Abdallah ehrerbietig, alles
+neigte sich tief, er zwang sich heiter umherzusehen und
+jeden Gru&szlig; mit Freundlichkeit zu erwiedern.</p>
+
+<p>Pr&auml;chtig gekleidet trat Zulma itzt herein; Abdallah
+hatte sie noch nie so sch&ouml;n gesehn, er fuhr unwillk&uuml;hrlich
+auf und eilte ihr entgegen: mit ihr trat ein Priester
+herein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ali nahm die Hand Zulma's und legte sie in die
+Hand Abdallah's. &mdash; Ich gebe sie dir, sprach er, so
+wie ich sie dir verhei&szlig;en habe; deine Treue gegen deinen
+F&uuml;rsten hat dir diesen Lohn erworben, werde nie untreu,
+und meine Gnade und die Gunst des Himmels wird
+ewig auf dich herunterblicken.</p>
+
+<p>Der Priester sprach den Segen &uuml;ber beide aus, die
+G&auml;ste warfen sich nieder und w&uuml;nschten ihnen Gl&uuml;ck. &mdash; Abdallah
+sahe immer starr vor sich nieder, nur zuweilen
+dr&uuml;ckte er heftig und stumm Zulma's Hand, sie sahe
+oft besorgt nach ihm hin, aber er bemerkte ihre Blicke
+nicht und br&uuml;tete wieder in seinem dumpfen Nachsinnen
+weiter.</p>
+
+<p>Die Feierlichkeit war geendigt, Ali und die G&auml;ste
+entfernten sich, um im Garten die frische K&uuml;hle der
+Abendluft einzuathmen, Abdallah und Zulma standen
+allein im Saale.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>O so ist denn endlich, begann Zulma, der gro&szlig;e,
+der f&uuml;rchterlich sch&ouml;ne, der langerw&uuml;nschte Augenblick herangekommen,
+an dem ich von jeher zweifelte? &mdash; So
+sind denn nun alle meine W&uuml;nsche erf&uuml;llt? &mdash; O wie
+zagt' ich gestern, und flohe erschrocken zur&uuml;ck, als ich
+dich vor dem Pallast stehen sahe, ich wu&szlig;te wie sehr
+mein Vater dem deinigen z&uuml;rnt, &mdash; aber nun ist ja
+alles vor&uuml;ber, &mdash; ich sinne vergebens, wie du durch die
+Unm&ouml;glichkeiten hindurchgedrungen bist und dich zu mir
+gek&auml;mpft hast, &mdash; aber sei's, auf welche Art es wolle,
+ich halte dich in meinen Armen und bin gl&uuml;cklich, und
+was will ich denn noch mehr als dieses Gl&uuml;ck? Da&szlig;
+ich gl&uuml;cklich bin, daran wei&szlig; ich genug, alles &uuml;brige ist
+mir heute gleichg&uuml;ltig und ohne Werth. &mdash; Aber warum
+bist du so stumm, Abdallah? Meine Freude schwatzt und
+die deinige schweigt in ein stilles Nachsinnen verloren?</p>
+
+<p>Abdallah sahe auf. &mdash; F&uuml;hlst du dich gl&uuml;cklich in
+meinen Armen? fragte er leise.</p>
+
+<p><span class="wide">Zulma.</span> So gl&uuml;cklich wie im Paradiese.</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ganz gl&uuml;cklich?</p>
+
+<p><span class="wide">Zulma.</span> K&ouml;nntest du daran zweifeln?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> O so ist der Fluch des Ewigen nicht
+auf meine Stirn gepr&auml;gt, &mdash; und du f&uuml;hlst nicht, da&szlig;
+du in den Armen eines M&ouml;rders liegst?</p>
+
+<p><span class="wide">Zulma.</span> Eines M&ouml;rders?</p>
+
+<p><span class="wide">Abdallah.</span> H&ouml;rtest du den Herold nicht das schreckliche
+Gebot ausrufen?</p>
+
+<p>Himmel! &mdash; du hast nicht, &mdash; sagte Zulma mit
+banger Ahndung, &mdash; sie konnte, sie wagte es nicht,
+weiter zu sprechen.</p>
+
+<p>Ja! rief Abdallah lautlachend, ich gab meinen Vater
+verloren, um dich, dich zu gewinnen!</p>
+
+<p>Zulma fuhr erblassend zur&uuml;ck, sie wollte ohnm&auml;chtig
+niedersinken, aber Abdallah fing sie in seinen Armen
+auf. Mit halbgeschlossenen Augen sahe sie ihn starr
+an, sie konnte nicht sprechen, ihre Lippen zitterten, sie
+wollte sich aus seiner Umarmung losmachen, aber in
+einem schrecklichen Krampf hielt er sie fest an seine
+Brust gedr&uuml;ckt. Du bist mein! mein! schrie er laut, &mdash; ich
+habe dich der H&ouml;lle abgerungen und keine H&ouml;lle
+soll dich mir wieder rauben, &mdash; so wie du mir geh&ouml;rst,
+geh&ouml;rte noch kein Weib dem Manne, jedes Haar deines
+Hauptes ist durch einen Fluch erkauft. &mdash; O Zulma!
+Zulma! auch du willst mich verlassen? &mdash; F&uuml;r
+dich hab' ich mich ja der Verdammni&szlig; verpf&auml;ndet, f&uuml;r
+dich, nur f&uuml;r dich bin ich der Natur und meiner Menschheit
+abtr&uuml;nnig geworden und habe w&uuml;thend an meinen
+eignen Gebeinen genagt, &mdash; o hier ist noch die letzte
+Freistatt meiner Seele, in kein andres Gebiet darf sich
+der gebrandmarkte Verbrecher wagen, nur die Liebe
+nimmt ihn g&uuml;tig auf. &mdash; O Zulma! an deinen Busen
+gelehnt sollen mich deine s&uuml;&szlig;en Lippen Vergessenheit
+lehren, hier will ich dem Himmel zum Trotz Seligkeiten
+genie&szlig;en, &mdash; o dich hatt' ich vergessen, als ich dem
+Ewigen meine Freuden aufk&uuml;ndigte.</p>
+
+<p>Ein M&ouml;rder? Ein <span class="wide">Vaterm&ouml;rder?</span> schrie Zulma
+schrecklich auf. &mdash; O hinweg Ungeheuer aus meinen
+Armen, du bist nicht mehr Abdallah!</p>
+
+<p>Zulma! Zulma! rief Abdallah, hier ist meine letzte
+Hoffnung, nimm mir diese und meine Wollust ist Raserei
+und Gottesl&auml;sterung! &mdash; Wenn mir auch diese
+Seligkeit untreu wird, o so will ich mich in das ganze
+Meer der Verdammni&szlig; hineinwerfen, da Rettung doch
+unm&ouml;glich ist! Nein, Zulma mu&szlig; mir bleiben, oder der
+Allm&auml;chtige ist mehr als grausam, er hat ja eine ganze
+Ewigkeit vor sich, mich zu martern, er lasse mir diese
+wenigen Jahre hier unten.</p>
+
+<p>Gr&auml;&szlig;licher! sagte Zulma. &mdash; O du hast mir ein entsetzliches
+Geheimni&szlig; entr&auml;thselt. &mdash; Liebe sollte sich in
+deine Brust hinein erk&uuml;hnen? Wo das Grausen auf
+einem schwarzen Throne sitzt und Schauder seine furchtbaren
+W&auml;chter sind? &mdash; Nein Abdallah, &mdash; meine
+Liebe ist seit diesem Augenblick erloschen; o Entsetzlicher,
+ich f&uuml;rchte dich, wie sollt' ich dich lieben k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Zulma! schrie Abdallah, o es gilt nun alles, alles,
+ich fluche dir mit entsetzlichen Fl&uuml;chen, denn um dich
+hab' ich die That gethan, ich weihe dich zur Verdammni&szlig;
+und zum Grausen ein, ich klammre mich fest an
+dich und reisse dich mit mir in die H&ouml;lle, die meiner
+wartet.</p>
+
+<p><span class="wide">Zulma.</span> Du rasest, Abdallah. &mdash; O hast du mich
+so gewinnen wollen? &mdash; So? &mdash; hinweg! &mdash; die
+Menschheit hat dich ausgesto&szlig;en, was will der Verworfne
+in <span class="wide">meinen</span> Armen? Ich geh&ouml;re ihr noch an, &mdash; ich
+habe meinen Vater nicht ermordet, &mdash; wenn
+ich mit seinem Blute bespr&uuml;tzt zu dir komme, dann
+wollen wir uns lieben, bis dahin sei mein Abscheu!</p>
+
+<p>Abdallah lie&szlig; sie fahren. &mdash; Diese Furchtbarkeit
+sagte er, fehlte noch an der gr&auml;&szlig;lichen Zahl, Zulma weicht
+zur&uuml;ck; nun ewige Quaalen nehmt mich in Empfang! &mdash; die
+Liebe vergiebt mir nicht, &mdash; was soll ich von
+dem strengen Richter dort hoffen? Alles sagt sich von
+mir los, nur ich selber bleibe mir &uuml;brig. Vernichtung,
+st&uuml;rme hervor! Brause heran, Verderben! &mdash; H&ouml;lle,
+&ouml;ffne deine Arme! Sei verflucht Zulma, und der Augenblick,
+in welchem ich dich zuerst erblickte!</p>
+
+<p>Abdallah warf sich ersch&ouml;pft auf einen Polster, Zulma
+wagte es nicht, ihn anzusehen, sie trocknete sich
+heimlich kalte Thr&auml;nen des Entsetzens von den Augen. &mdash; Ihr
+Vater kam mit den G&auml;sten aus dem Garten
+zur&uuml;ck.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Achtes Kapitel.</h3>
+
+<p>Auch Omar trat itzt mit den &uuml;brigen G&auml;sten herein
+und bewillkommte Abdallah. &mdash; In einem bunten Gew&uuml;hl
+durchkreiste sich alles fr&ouml;hlich und sprach und
+schwatzte mit einander; Sklaven und Sklavinnen liefen
+durch den Saal und bereiteten die Tafel und die festliche
+Mahlzeit; Lichter gl&auml;nzten auf goldenen und silbernen
+Leuchtern und blendende Schimmer zitterten durch das
+Gemach. Alle Augen sahen fr&ouml;hlich umher, alle lachten
+und scherzten, nur Abdallah stand mitten unter ihnen,
+wie ein Gegenstand ihres Spottes, sein Auge verirrte
+sich in der Versammlung und starrte dann wieder unbeweglich
+auf den Boden hin; oft fing er an mit dem,
+der <ins title="Original hat ihn">ihm</ins> am n&auml;chsten stand, zu sprechen, aber sogleich
+brach er wieder ab, ohne es selbst zu wissen, und verlor
+sich in seinem gr&auml;&szlig;lichen Stillschweigen. &mdash; Zulma
+wandelte verlegen durch den Saal, bald sprach sie mit
+ihrem Vater, bald sahe sie nach dem leblosen Abdallah
+hin. &mdash; Endlich erblickte Abdallah seinen Omar im
+Gedr&auml;nge, er eilte sogleich auf ihn zu, er hatte ein bekanntes
+Wesen endlich aufgefunden, das mit seinen
+Gef&uuml;hlen vertraut war. Abdallah und Omar gingen
+auf und ab.</p>
+
+<p>Auch das letzte Gl&uuml;ck, sagte endlich Abdallah, ist
+mir abtr&uuml;nnig geworden, Zulma liebt mich nicht.</p>
+
+<p>Sie liebt dich nicht? fragte Omar erstaunt.</p>
+
+<p>O sie verabscheut mich, antwortete Abdallah. &mdash; Diese
+Liebe war nur ein sehr kurzer Fr&uuml;hling, der
+schwarze Winter k&ouml;mmt zur&uuml;ck. Siehst du, wie mir
+alles, alles ungetreu wird? &mdash; Ach Omar, ich wanke
+wie in einem Traum einher, &mdash; k&ouml;nnt' ich mich ruhig
+in mein Grab hineinlegen! O h&auml;tt' ich nie gelebt!</p>
+
+<p>Omar wollte ihn beruhigen, aber Abdallah h&ouml;rte
+nicht auf seine Worte, er blieb in sich selbst zur&uuml;ckgezogen
+und seufzte schwer.</p>
+
+<p>Das Gastmahl war inde&szlig; angeordnet, die Lichter
+gl&auml;nzten in helleren Schimmern, das Gew&uuml;hl verlor
+sich itzt, man ordnete sich und setzte sich an den Tisch.
+Zulma sa&szlig; zur Linken Abdallah's, Omar zur Rechten.</p>
+
+<p>Man a&szlig; und alle waren froh und vergn&uuml;gt, Sklavinnen
+tanzten, sangen und spielten auf Guitarren und
+Theorben, andre schlugen kleine Handpauken, andre
+Cymbeln.</p>
+
+<p>Abdallah sprach nur wenig, er sahe starr vor sich
+nieder, Zulma anzusehen wagte er nicht.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Unter einer fr&ouml;hlichen Musik tanzten die Sklavinnen
+und sangen:</p>
+
+<div class="center">
+ <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem">
+<tr><td align="left"><span class="ind3">Schwebt in s&uuml;&szlig;en Melodieen</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind3">Sanftgesungne Hochzeitslieder,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind3">Und in immer s&uuml;&szlig;ern T&ouml;nen</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind3">Gr&uuml;&szlig;t des Br&auml;utigams,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind3">Gr&uuml;&szlig;t das Ohr der Braut. &mdash;</span></td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind4">Wonnelieder</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind3">Sprechen in den frohen Tanz,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind3">Jauchzende Ges&auml;nge</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind3">Schweben in leisem Fluge</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind4">Um euer begl&uuml;cktes Haupt.</span></td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Wie ein goldner Bl&uuml;thenregen</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Schwimme Gl&uuml;ck auf euch herab,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Wie nach Wettergew&ouml;lken</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Sich Regenbogen</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Durch die Finsterni&szlig; spannen,</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind4">So komme stets nach tr&uuml;ben Stunden</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind4">Die Freude unerm&uuml;det wieder. &mdash;</span></td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Die T&auml;nze verwebten sich in immer neuen Verschlingungen,
+ein zauberischer Wohlgeruch flo&szlig; durch den
+ganzen Saal, alle Gesichter lachten und gl&auml;nzten von Fr&ouml;hlichkeit.
+Abdallah war bet&auml;ubt, er hatte alles vergessen,
+die T&auml;nze und Ges&auml;nge hatten ihn so sehr aus sich
+selbst herausgerissen, da&szlig; er mit der Freude eines Wahnsinnigen
+jedem fr&ouml;hlich entgegenlachte. Von einer wilden,
+thierischen Fr&ouml;hlichkeit berauscht umarmte er bald
+Omar und dann wieder Zulma, selbst Zulma l&auml;chelte
+zuweilen und spiegelte sich munter in seinen Augen.
+Die Ges&auml;nge jauchzten und Abdallah jauchzte zuweilen
+laut in die tanzenden Ch&ouml;re. Auch Ali schien fr&ouml;hlich,
+seine Rache war befriedigt und der furchtbare Selim,
+der einzige Mann in seinem Reiche, vor dem er zitterte,
+war nicht mehr.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Eine lange Gestalt dr&auml;ngte sich itzt aus dem Gew&uuml;hl
+hervor, dicht eingewickelt in schwarzen Gew&auml;ndern
+zog sie einher, ein stiller Schauer begleitete sie, alles
+wich zur&uuml;ck. &mdash; Zu einer Laute h&ouml;rte man leise singen:</p>
+
+<div class="center">
+ <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="text">
+<tr><td align="left">Die H&ouml;lle hat den S&uuml;nder angenommen. &mdash;</td></tr>
+<tr><td align="left">Dem Feigen ziemen keine Kronen,</td></tr>
+<tr><td align="left">Nur der Muth kann sie erringen;</td></tr>
+<tr><td align="left">Seht ihr den Frevler</td></tr>
+<tr><td align="left">Unwissend</td></tr>
+<tr><td align="left">Neben seinem Verderben sitzen? &mdash;</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Abdallah f&uuml;hlte, wie ein kaltes Grausen seinen R&uuml;cken
+hinunterging. Die seltsame Gestalt zog itzt bei Abdallah
+vor&uuml;ber, sie schlug das Gewand vom Kopf zur&uuml;ck,
+es war <span class="wide">Nadirs</span> altes todtenbleiches Gesicht; er trug
+einen Spiegel unter seiner H&uuml;lle; &mdash; Omar's Gesicht
+spiegelte sich von ohngef&auml;hr, &mdash; und o des Entsetzens!
+es zeigte sich so, wie es Abdallah in dem wunderbaren
+Zauberpallast gesehen hatte.</p>
+
+<p>Der Greis verlor sich wieder in dem Gedr&auml;nge.</p>
+
+<p>Omar! sagte der schaudernde Abdallah leise zu seinem
+Freunde, &mdash; horch! &mdash; h&ouml;rst du nicht unter den
+Ges&auml;ngen eine Stimme leise: Vaterm&ouml;rder! &auml;chzen? &mdash; horch!
+horch! wie der Ton eines Sterbenden, &mdash; das
+ist sein Geist, &mdash; Vaterm&ouml;rder! seufzt es so schwer, so
+abgesto&szlig;en, wie mit einer innigen Herzensbangigkeit. &mdash; O!
+schlagt die Guitarren und Theorben! rief er laut,
+bis ihre Saiten springen! &uuml;berschreiet diesen verwegenen
+Mahner und jagt ihn bet&auml;ubt aus dem Saale, la&szlig;t
+die Pauken lauter donnern! &mdash; Schlagt alles in einen
+furchtbaren Klang zusammen, da&szlig; keine fremde Stimme
+h&ouml;rbar werde!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Ges&auml;nge wurden lauter und wilder, die T&auml;nze
+w&uuml;thender, wie schie&szlig;ende Flammen, so schnell flohe
+und verfolgte man sich, in immer k&uuml;nstlichern Geweben
+verschlungen:</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="text">
+<tr><td align="left">Schlag an das Sterngew&ouml;lbe</td></tr>
+<tr><td align="left">St&uuml;rmender Wonnegesang!</td></tr>
+<tr><td align="left">Da&szlig; weit durch die stille Nacht</td></tr>
+<tr><td align="left">Die rauschende Freude t&ouml;ne!</td></tr>
+<tr><td align="left">Trage zum Meeresstrande</td></tr>
+<tr><td align="left">T&ouml;nender Wiederhall</td></tr>
+<tr><td align="left">Unsern Wonnegesang!</td></tr>
+<tr><td align="left">Da&szlig; ferne Klippengestade</td></tr>
+<tr><td align="left">Den Namen <span class="wide">Abdallah</span> hallen,</td></tr>
+<tr><td align="left">Da&szlig; &uuml;ber gr&uuml;ne Wiesen</td></tr>
+<tr><td align="left">Der Name <span class="wide">Zulma</span> wandle,</td></tr>
+<tr><td align="left">Die Blumen sch&ouml;ner f&auml;rbe.</td></tr>
+<tr><td align="left">Da&szlig; der Mond sich freue</td></tr>
+<tr><td align="left">Und goldner scheine,</td></tr>
+<tr><td align="left">Und die Z&uuml;gel der Nacht nicht fahren lasse</td></tr>
+<tr><td align="left">Vor der Sonne fliehend.</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Abdallah hatte ein bleiches Gesicht auf die gegen&uuml;berstehende
+Wand geheftet, seine Augen starrten f&uuml;rchterlich
+aufgerissen wild in die Leere hinaus. &mdash; Befremdet
+fragte ihn Omar: was ist dir?</p>
+
+<p>Sieh! Omar! &auml;chzte Abdallah. &mdash; Sieh, die seltsame
+Erscheinung dort vor mir! &mdash; Eine wei&szlig;e d&uuml;rre Todtenhand
+klemmt sich heimlich und unbemerkt aus der Wand
+heraus und winkt mich unerm&uuml;det hinein, &mdash; was mag
+es sein, das mich so ruft? &mdash; Noch immer winkt sie mir
+ernst und befehlend, &mdash; sieh' den zernagten gekr&uuml;mmten
+Finger! &mdash; Ha! es hat dich gesehn, denn die Hand
+hat sich zur&uuml;ckgezogen! &mdash; Omar, sie k&ouml;mmt wieder, &mdash; sieh,
+der Arm d&uuml;rr und knochicht bis zur Schulter, &mdash; es
+will sich aus der Mauer herausdr&auml;ngen, &mdash; sollte
+das mein Vater sein, der durchaus zu mir will, um
+an meiner Freude Theil zu nehmen? &mdash; Stich mir
+die Augen aus, Omar, ich mag es nicht l&auml;nger sehn!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Omar l&auml;chelte ihn wehm&uuml;thig an. &mdash; Omar, sieh
+umher! sagte Abdallah &auml;ngstlich, &mdash; mir ist pl&ouml;tzlich,
+als sitze ich hier unter todten fremden gemietheten Maschinen,
+die bestimmt den Kopf drehen und die Lippen
+&ouml;ffnen, &mdash; sieh doch, wie der abgemessen mit dem h&ouml;lzernen
+Sch&auml;del nickt, der sich Ali nennt, &mdash; ich bin betrogen! &mdash; das
+sind keine Menschen, ich sitze einsam
+hier unter leblosen Bildern, &mdash; ha! nickt nur und hebt
+die nachgemachten Arme auf, &mdash; mich sollt ihr nicht
+hintergehn! &mdash; Sieh doch, dies hier sollte Zulma sein? &mdash; Ha!
+ein beinernes Gerippe, scheu&szlig;lich mit Fleisch eingeh&uuml;llt, &mdash; sieh!
+itzt eben werden ihr die todten Augen
+aus dem Sch&auml;del fallen, &mdash; hu! ich sitze unter Moder
+und Verwesung, wie in einer Schlachtbank bei aufgeh&auml;uftem
+Fleisch, &mdash; rette mich, &mdash; o hinweg! du bist
+nichts besser als diese!</p>
+
+<p>Die Ges&auml;nge &uuml;bert&ouml;nten ihn: &mdash;</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="text">
+<tr><td align="left">Im goldnen Wolkenschleier</td></tr>
+<tr><td align="left">Steigt die sch&ouml;ne Tochter der Nacht</td></tr>
+<tr><td align="left">Ihre Himmelsbahn hinan.</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Fr&ouml;hlich rauschend</span></td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">H&uuml;pfen Meereswellen</span></td></tr>
+<tr><td align="left">Ihr mit holdem Gru&szlig; entgegen. &mdash;</td></tr>
+<tr><td align="left">Sie mustert ernst ihre Sternenreihen,</td></tr>
+<tr><td align="left">Alle Sterne neigen sich mit Ehrfurcht,</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="ind2">Sie wandelt still.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</span></td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich fielen alle Lauten mit einem m&auml;chtigen
+Klang auf den Boden, alle Gesichter am Tisch wurden
+pl&ouml;tzlich starr und bla&szlig;, jeder ward unwillk&uuml;hrlich in
+einer gr&auml;&szlig;lichen Stellung festgehalten, wie zum Spott
+aufgestellte Leichname sa&szlig;en alle da und sahen sich unter
+Schaudern an. &mdash; Abdallah sprang auf, seine Z&auml;hne
+knirschten entsetzlich. &mdash; Vatermord! &mdash; Vatermord! &mdash; schrie
+er, &mdash; die H&ouml;lle kriecht unter unsern F&uuml;&szlig;en umher, &mdash; der
+bleiche Tod steigt aus der Wand heraus
+und k&ouml;mmt drohend auf mich zu!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Alle fuhren auf. &mdash; Er ist rasend! &mdash; schrie Ali
+laut und ein pl&ouml;tzlicher Schreck fiel auf alle herab, sie
+entflohen hinweggejagt, Abdallah's Augen funkelten, &mdash; er
+wollte Zulma mit Gewalt zur&uuml;ckhalten, sie ri&szlig; sich
+mit einem lauten Geschrei von ihm los, und lie&szlig; ihren
+Schleier in seinen H&auml;nden; sch&auml;umend warf er ihr
+br&uuml;llend seinen Dolch nach, er fuhr in die Wand.</p>
+
+<p>Unsichtbare Wesen tobten hinter den Entflohenen
+her, sie zertraten die Lauten und polterten f&uuml;rchterlich
+durch den Saal, &mdash; St&uuml;rme hausten klingend in den Fenstern,
+seltsame T&ouml;ne schrien aus den Mauern hervor,
+es ras'te durch den ganzen Pallast wie ein fliehendes
+Heer. &mdash; Abdallah sank auf seinen Sitz zur&uuml;ck.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es ward still und als er die Augen wieder aufschlug,
+tanzten stumm durch den Saal die grauenvollen
+mi&szlig;gestalteten Zwerge aus dem Zauberpallast, das Ungeheuer
+Zulma hatte sich ihm gegen&uuml;ber gestellt, einzelne
+lange Haare wiegten sich auf dem nackten Sch&auml;del, aus
+dem ungeheuern Kopf grinsten ihm wild verzerrte Z&uuml;ge
+und Z&auml;hnknirschen entgegen, sie nickte ihm einen freundlichen
+Gru&szlig; zu, bot ihm die Hand, warf einen blutigen
+Ring auf den Tisch, und versank dann l&auml;chelnd
+unter die Erde.</p>
+
+<p>Mit ihrem freundlichen Grinsen begr&uuml;&szlig;ten ihn alle
+Ungeheuer und verflogen dann in die W&auml;nde.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Neuntes Kapitel.</h3>
+
+<p>Abdallah blieb lange stumm, der Mond schien blutig
+durch die purpurnen Vorh&auml;nge auf den Boden, im kalten
+Ernst sa&szlig; Omar neben ihm.</p>
+
+<p>Omar! rief endlich Abdallah, von der entsetzlichsten
+Angst und Verzweiflung gefoltert, &mdash; Omar! er umschlang
+ihn w&uuml;thend mit den Armen. &mdash; Alles, alles
+ist fort, nur du bleibst unaufl&ouml;slich mein, ja, du hast
+es mir geschworen, &mdash; du liebst den Vaterm&ouml;rder noch, &mdash; o
+ja, du kannst ihn nicht hassen. &mdash; O k&ouml;nnt' ich
+mich st&uuml;rmend in deinen Busen dr&auml;ngen und dort meine
+Wohnung bauen, und in dir mich gegen alle diese
+Schrecken verschanzen. &mdash; K&ouml;nnte sich meine Seele in
+die deinige retten! &mdash; du antwortest nicht, mein Omar, &mdash; o
+sprich! &mdash; horch! wie entsetzlich die Todtenstille
+um uns fl&uuml;stert! &mdash; sprich!</p>
+
+<p>Omar lachte laut auf, Abdallah bebte zur&uuml;ck.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Du lachst? &mdash; schrie er w&uuml;thend, &mdash; Omar, komm,
+wir wollen uns beide wahnsinnig spielen und mit den
+N&auml;geln unsre Gesichter zerkratzen, damit ich mich im
+Spiegel nie wieder kenne! &mdash; Omar, willst du deinen
+Freund nicht sch&uuml;tzen?</p>
+
+<p>Suche Schutz beim Schicksal und bei Gott! sagte
+Omar lachend.</p>
+
+<p>Du hast sie mir gestohlen! rief Abdallah aus, gieb
+mir mein Eigenthum zur&uuml;ck!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er st&uuml;rzte auf Omar zu und ergriff ihn w&uuml;thend bei
+der Brust.</p>
+
+<p>Ich kann es dir nicht wiedergeben, antwortete Omar
+kalt, ich geh&ouml;re <span class="wide">Mondal</span> an.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah st&uuml;rzte mit neuen Schrecken r&uuml;ckw&auml;rts. &mdash; <span class="wide">Mondal?</span>
+schrie er, &mdash; o so ist es dennoch alles wahr?&nbsp;&mdash;&nbsp;Mondal!</p>
+
+<p>Er sa&szlig; starr und leblos da, alle F&uuml;rchterlichkeiten hatten
+seine Kr&auml;fte ersch&ouml;pft.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Itzt mu&szlig;t du alles wissen, sprach Omar, diese Quaalen
+hab' ich dir bis zuletzt aufgespart, damit du nicht darben
+d&uuml;rftest. &mdash; Wisse, ich war es, der Ali Selim's
+Verschw&ouml;rung verrieth, meine Abreise war eine L&uuml;ge um
+dich und Selim zu t&auml;uschen. &mdash; Mondal! meine Rechnung
+ist richtig und ich bin frei!</p>
+
+<p>Abdallah wand sich in zuckenden Kr&auml;mpfen, es zermalmte
+seinen Busen und er konnte lange nicht sprechen. &mdash; Du
+hast es meisterlich vollbracht, sagte er endlich, ich
+m&ouml;chte dir verzeihen, wenn <span class="wide">ich</span> es nicht w&auml;re, der zum
+Abdallah verdammt worden ist; o wechsle mich mit dem
+elendesten Gew&uuml;rme aus, und ich will jauchzen. &mdash; Sogar
+der armseligste Trost fehlt mir, mich zu laben, es ist auf
+dieser Erde kein Elenderer als ich; der gefolterte Sklave,
+der gespie&szlig;te Verbrecher w&uuml;rde sich nicht gegen den gl&uuml;cklichen
+Gemal Zulma's austauschen lassen, o k&ouml;nnte mir
+die Wonne werden, da&szlig; ich ein B&ouml;sewicht w&uuml;rde, der
+unter Millionen Quaalen auf der Folter in St&uuml;cken gerissen
+w&uuml;rde, und nicht <span class="wide">dieser</span> Abdallah.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Omar sahe triumphirend auf ihn hin: &mdash; Es war
+keine leichte Arbeit, sagte er, diese sch&ouml;ne Seele so zu verst&uuml;mmeln.</p>
+
+<p>Abdallah fuhr auf. &mdash; Erinnere mich <span class="wide">daran</span> nicht,
+schrie er mit den Z&auml;hnen knirschend, H&auml;mischer! nicht
+diese Erinnerungen! &mdash; Omar, sieh wie weit du mich in
+den Abgrund hinabgerissen hast, la&szlig; mich nun ganz hinunterspringen! &mdash; Du
+gehst zu Mondal zur&uuml;ck, o nimm
+mich mit dir, la&szlig; mich nicht zur&uuml;ck, &mdash; ich mu&szlig; ihn kennen
+lernen und sein Freund werden, ich will ihm bald &auml;hnlich
+sein, meine Pr&uuml;fung habe ich schon &uuml;berstanden.</p>
+
+<p>Er blickte matt empor. &mdash; Omar war nicht mehr da,
+ein unbekanntes gr&auml;&szlig;liches Wesen sa&szlig; neben ihm. &mdash; Abdallah
+st&uuml;rzte wie eine Leiche zur&uuml;ck.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das hagre Gesicht beugte sich f&uuml;rchterlich auf ihn herab. &mdash; Elender,
+kr&auml;chzte es, &mdash; dies ist Omars wahre
+Gestalt, wenn er die l&auml;stige Larve abnimmt, &mdash; so kannst
+du ihn ewig nicht ertragen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Abdallah lag noch ohne Bewegung auf dem Polster.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Es hob sich neben ihm auf, ging zur Th&uuml;r, er h&ouml;rte
+sie &ouml;ffnen, der Fremde ging hinaus und schlo&szlig; sie hinter
+sich wieder zu.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Zehntes Kapitel.</h3>
+
+<p>Abdallah war auf seinen Sitz zur&uuml;ckgesunken. &mdash; Alles
+war still um ihn her, er schlug die Augen wieder auf.</p>
+
+<p>Der runde Mond sahe durch die purpurnen Vorh&auml;nge
+der Fenster, die Stunde der Mitternacht ward ausgerufen. &mdash; Alle
+Lichter im Saale waren erloschen, nur ein einziges
+brannte in der Ferne noch matt und blau und zuckte
+sterbend und flimmernd auf und nieder. &mdash; Itzt erlosch
+es und ein kleiner Strahl von Dampf zog sich aufw&auml;rts
+und verflog in der D&auml;mmerung.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Nun bin ich allein, sagte Abdallah leise, &mdash; nun ihr
+Schauder, nun werft euch alle auf einmal &uuml;ber mich! &mdash; Ihr
+Fl&uuml;che Selims, kommt heran, itzt habt ihr Zeit,
+mich zu zermalmen. &mdash; O sie sind schon gr&auml;&szlig;lich in Erf&uuml;llung
+gegangen, ich habe alles erduldet und &uuml;berlebe
+die f&uuml;rchterliche Zerst&ouml;rung. &mdash; Die Schauder m&ouml;gen sich
+itzt an mir versuchen, ich spiele vertraulich mit ihnen, die
+Gr&auml;&szlig;lichkeit ist meine Braut geworden, ich erschrecke
+nicht mehr vor ihr.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Allem Entsetzen Preis gegeben, will ich itzt selbst einen
+k&uuml;hnen Schritt meinem Feind entgegensetzen. Hier unten
+finde ich kein neues Grausen mehr, ich will nun durch
+unbekannte Gefilde wandeln und dort meine Freunde
+suchen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er suchte nach seinem Dolch auf den Polster umher,
+als seine H&auml;nde pl&ouml;tzlich das kalte Gesicht eines Leichnams
+f&uuml;hlten. &mdash; Eine Leiche ist mein Bett! rief er und taumelte
+bebend auf. &mdash; Der Mond schien auf das wei&szlig;e
+Antlitz, aufgeschwollen, mit weit hervorstarrenden Augen
+und verzerrten Z&uuml;gen lag der Leichnam seines Vaters vor
+ihm.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Darauf h&auml;tt' ich mich nicht besonnen! schrie er
+rasend, &mdash; der Scharfsinn der H&ouml;lle &uuml;bertrifft den meinen, &mdash; sie
+hat gesiegt!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er sahe starr auf den Leichnam hin. &mdash; Regte er
+sich nicht? &mdash; sprach er leise. &mdash; Er starrte von neuem
+auf ihn hin. &mdash; Ha! er regte sich wieder!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wie das St&ouml;hnen eines Schlummernden schallte es
+itzt aus der f&uuml;rchterlichen Leiche heraus. &mdash; Abdallah
+h&ouml;rte es bebend.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er schl&auml;ft! &mdash; Er schl&auml;ft! &mdash; sprach er im Wahnsinn. &mdash; O
+in der stillen Mitternacht neben einem
+Schlafenden zu stehn, ist f&uuml;rchterlich, ich mu&szlig; ihn
+wecken! &mdash; Er schlug mit der Faust auf die Brust des
+Todten.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Bist du's, geliebter Sohn? &mdash; erhob sich eine
+dumpfe Stimme. &mdash; Die Leiche hob sich langsam auf. &mdash; Komm
+in meine Arme! &mdash; Komm! Ich mu&szlig; von
+Tugend und Gott zu dir sprechen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Todten kommen wieder! schrie Abdallah, &mdash; meine
+Lehre war falsch.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Todte kam mit offnen Armen auf ihn zu. &mdash; Abdallah
+fuhr zur&uuml;ck. &mdash; Hinweg! hinweg! br&uuml;llte er, &mdash; wir
+kennen uns nicht mehr!</p>
+
+<p>Dann st&uuml;rzte er auf ihn zu und schlug ihn w&uuml;thend
+mit der Faust auf den Sch&auml;del, da&szlig; er laut und f&uuml;rchterlich
+erklang. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Als die Sklaven sich am Morgen zitternd in den
+Saal schlichen, fanden sie Abdallah mit wild verzerrtem
+Gesicht todt auf der Erde liegen.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="Die_Bruder" id="Die_Bruder"></a><span class="wide">Die Br&uuml;der.</span></h2>
+<div class="center">
+<p class="noindent"><span class="wide">Eine Erz&auml;hlung.</span><br /><br />
+1795.</p>
+</div>
+
+<p>In der N&auml;he von <span class="wide">Bagdad</span> lebten <span class="wide">Omar</span> und
+<span class="wide">Machmud,</span> die S&ouml;hne einer armen Familie. Als
+der Vater starb, erbten sie nur ein kleines Verm&ouml;gen,
+und jeder von ihnen beschlo&szlig;, zu versuchen, wie hoch
+er damit sein Gl&uuml;ck bringen k&ouml;nne. <span class="wide">Omar</span> zog fort,
+um eine kleine Reise zu machen, und den Ort zu finden,
+wo er sich niederlassen wolle. <span class="wide">Machmud</span> begab sich
+nach <span class="wide">Bagdad,</span> wo er einen kleinen Handel anfing,
+der in kurzer Zeit sein Verm&ouml;gen um ein Ansehnliches
+vermehrte. Er lebte sehr sparsam und eingezogen, und
+sammelte sorgf&auml;ltig jede Zechine zu seinem Kapitale, um
+mit diesem wieder etwas Neues zu unternehmen. Auf
+diese Art bekam er bei mehreren reicheren Kaufleuten
+Kredit, die ihm zuweilen einen Theil der Schifffracht
+abtraten und gemeinschaftliche Spekulationen mit ihm
+versuchten. Durch wiederholtes Gl&uuml;ck ward <span class="wide">Machmud</span>
+dreister, er wagte gr&ouml;&szlig;ere Summen, und sie trugen
+ihm jedesmal reichliche Zinsen. Nach und nach ward
+er bekannter, seine Gesch&auml;fte wurden gr&ouml;&szlig;er, er hatte
+bei vielen Leuten Summen ausstehen, so wie er von
+vielen andern Gelder in den H&auml;nden hatte, und das
+Gl&uuml;ck schien ihm best&auml;ndig zu l&auml;cheln. <span class="wide">Omar</span> war
+im Gegentheil ungl&uuml;cklich gewesen, keiner von seinen
+vielen Versuchen war ihm gelungen; er kam jetzt ganz
+arm, fast ohne Kleider, nach <span class="wide">Bagdad,</span> h&ouml;rte von seinem
+Bruder und ging zu ihm, um bei ihm H&uuml;lfe zu
+suchen. <span class="wide">Machmud</span> freute sich, seinen Bruder wieder
+zu sehn, beklagte aber seine Armuth. Da er sehr gutm&uuml;thig
+und weich war, gab er ihm sogleich eine Summe
+aus seiner Handlung, und richtete ihm davon ebenfalls
+einen Laden ein. <span class="wide">Omar</span> fing an mit Seidenwaaren
+und Kleidern f&uuml;r Frauen zu handeln, und das Schicksal
+schien ihm in <span class="wide">Bagdad</span> g&uuml;nstiger, sein Bruder hatte
+ihm die Summe Geldes geschenkt, und er hatte es daher
+nicht n&ouml;thig, sich wegen der Wiederbezahlung zu
+&auml;ngstigen. Er war in allen Unternehmungen unbesonnener
+als sein Bruder, und eben deswegen gl&uuml;cklicher;
+er war bald mit einigen Kaufleuten bekannt, die bis
+dahin mit <span class="wide">Machmud</span> ihre Gesch&auml;fte gemacht hatten,
+und es gelang ihm, sie zu seinen Freunden zu machen:
+dadurch verlor sein Bruder manchen Vortheil, der jetzt
+auf seine Seite fiel. <span class="wide">Machmud</span> hatte sich jetzt eine
+Gattin gew&auml;hlt, die ihn zu manchem Aufwande n&ouml;thigte,
+den er bis dahin nicht gemacht hatte; er mu&szlig;te von
+seinen Bekannten Summen aufnehmen, um Schulden
+zu bezahlen. Andre Gelder, die er erwartet hatte, blieben
+aus, sein Kredit sank, und er war der Verzweiflung
+nahe, als er die Nachricht erhielt, da&szlig; eins von
+seinen Schiffen untergegangen sei, ohne da&szlig; man das
+mindeste habe retten k&ouml;nnen: jetzt meldete sich ein Gl&auml;ubiger,
+der dringend die Bezahlung seiner Schuld verlangte.
+<span class="wide">Machmud</span> sah ein, da&szlig; an dieser Zahlung
+sein ganzes noch &uuml;briges Gl&uuml;ck h&auml;nge, er beschlo&szlig; also
+in dieser &auml;u&szlig;ersten Noth seine Zuflucht zu seinem Bruder
+zu nehmen. Er eilte zu ihm, und fand ihn sehr verdr&uuml;&szlig;lich,
+weil er gerade einen kleinen Verlust erlitten
+hatte. &mdash; Bruder, begann <span class="wide">Machmud,</span> ich komme in
+der &auml;u&szlig;ersten Verlegenheit mit einer Bitte zu dir.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Sie betrifft?</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Mein Schiff ist gescheitert, alle Gl&auml;ubiger
+dr&auml;ngen mich und wollen von keinem Aufschube
+wissen, mein ganzes Gl&uuml;ck h&auml;ngt von diesem Tage ab,
+leihe mir nur auf kurze Zeit zehntausend Zechinen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Zehntausend Zechinen? &mdash; Du versprichst
+dich doch nicht, Bruder?</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Nein, <span class="wide">Omar,</span> ich kenne die Summe
+recht gut, die ich fordre, und nur grade so viel, nicht
+eine Zechine weniger, kann mich von der schimpflichsten
+Armuth retten.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> <span class="wide">Zehntausend Zechinen?</span></p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Gieb sie mir, Bruder, ich will alles
+anwenden, sie dir in kurzem wieder zu erstatten.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wer sie h&auml;tte! &mdash; mir sind Schulden
+ausgeblieben, &mdash; ich wei&szlig; selbst nicht, was ich anfangen
+soll, &mdash; man hat mich noch heut erst um hundert
+Zechinen betrogen.</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Dein Kredit wird mir diese Summe
+leicht verschaffen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Aber niemand will jetzt Geld ausleihen,
+Mi&szlig;traun von allen Seiten: nicht <span class="wide">ich</span> bin mi&szlig;trauisch,
+das wei&szlig; der Himmel! &mdash; aber es w&uuml;rde jedermann
+vermuthen, da&szlig; ich das Geld f&uuml;r <span class="wide">dich</span> verlange, und
+du wei&szlig;t selbst am besten, an wie schwachen F&auml;den oft
+das Zutrauen h&auml;ngt, das man zu einem Kaufmanne hat.</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Lieber <span class="wide">Omar,</span> ich mu&szlig; dir gestehen,
+ich hatte diese Bedenklichkeiten nicht von dir vermuthet.
+Ich w&uuml;rde mich in umgekehrtem Falle nicht so argw&ouml;hnisch
+und saumselig finden lassen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Das sagst du <span class="wide">jetzt.</span> Auch bin ich gar
+nicht argw&ouml;hnisch &mdash; ich wollte, ich k&ouml;nnte dir helfen:
+Gott ist mein Zeuge, da&szlig; es mich freuen w&uuml;rde.</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Du kannst es, wenn du nur willst.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Alles, was ich besitze, w&uuml;rde die verlangte
+Summe noch nicht vollmachen.</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> O Himmel! ich hatte mir einen Vorwurf
+daraus gemacht, da&szlig; mein Bruder nicht der erste
+war, bei dem ich H&uuml;lfe suchte, &mdash; und warlich es schmerzt
+mich, da&szlig; ich ihm auch nur mit einem Worte zur Last
+gefallen bin.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Du wirst b&ouml;se; das solltest du nicht, denn
+du hast Unrecht.</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Unrecht? &mdash; Wer von uns beiden
+thut nicht seine Pflicht? &mdash; Ach, Bruder, ich kenne
+dich nicht wieder.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ich habe erst heute hundert Zechinen eingeb&uuml;&szlig;t,
+dreihundert andere stehn mir auch gar nicht
+sicher, und ich mu&szlig; mich auf ihren Verlust gefa&szlig;t
+machen. &mdash; W&auml;rst du in der vorigen Woche zu mir
+gekommen, o &mdash; ja, da herzlich gern &mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Soll ich dich denn an unsre ehemalige
+Freundschaft erinnern? &mdash; Ach, wie tief kann uns
+das Ungl&uuml;ck erniedrigen!</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Du sprichst da auf eine Art Bruder, die
+mich fast beleidigen sollte.</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Dich beleidigen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Wenn man alles m&ouml;gliche thut, &mdash; wenn
+man selbst Noth leidet und f&uuml;rchten mu&szlig;, noch mehr
+zu verlieren; &mdash; soll man da nicht gekr&auml;nkt werden,
+wenn man f&uuml;r seinen guten Willen nichts als bittern
+Spott, tiefe Verachtung zur&uuml;ck empf&auml;ngt?</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Zeige mir deinen guten Willen, und
+du sollst meinen w&auml;rmsten Dank empfangen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Zweifle nicht l&auml;nger daran, oder du bringst
+mich auf; ich bleibe lange kalt, ich kann viel ertragen,
+aber wenn man mich auf solche ausgesuchte Art kr&auml;nkt &mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Ich merke es recht gut, <span class="wide">Omar,</span>
+da&szlig; du den Beleidigten spielst, um einen bessern Vorwand
+zu haben, v&ouml;llig mit mir zu brechen.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Du w&uuml;rdest nicht auf diesen Gedanken
+kommen, wenn du dich nicht auf solchen Kleinlichkeiten
+ertappt h&auml;ttest. <span class="wide">Die</span> Laster argw&ouml;hnt man von andern
+am leichtesten, mit denen man selbst am meisten vertraut
+ist.</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Nein, <span class="wide">Omar,</span> weil du mich doch
+durch diese Sprache zum Prahlen aufforderst, ich handelte
+nicht so gegen dich, als du, ein unbekannter
+Fremdling, nach Bagdad kamst.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Also f&uuml;r die f&uuml;nfhundert Zechinen, die du
+mir damals gabst, verlangst du jetzt von mir zehntausend?</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> H&auml;tte ich's vermocht, ich h&auml;tte dir
+damals mehr gegeben.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Freilich, wenn du es verlangst, mu&szlig; ich
+dir die f&uuml;nfhundert Zechinen zur&uuml;ck geben, ob du es
+gleich nicht gerichtlich erweisen kannst.</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Ach, mein Bruder!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Ich will sie dir schicken. &mdash; Erwartest
+du keine Briefe aus Persien?</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Ich erwarte nichts mehr.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar.</span> Aufrichtig, Bruder, du h&auml;ttest dich etwas
+mehr einschr&auml;nken sollen, auch nicht heirathen, wie ich
+es bis jetzt noch immer unterlassen habe; aber du warst
+von Kindheit an ein wenig unbesonnen. La&szlig; dir das
+zur Warnung dienen.</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud.</span> Du hattest ein Recht, mir die verlangte
+Gef&auml;lligkeit zu verweigern, aber nicht dazu, mir
+so bittere Vorw&uuml;rfe zu machen.</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud</span> verlie&szlig; mit tiefger&uuml;hrtem Herzen seinen
+undankbaren Bruder. &mdash; So ist es denn wahr, rief er
+aus, da&szlig; nur Gewinnsucht die Seele des Menschen
+ist! &mdash; Nur sie selbst sind ihr erster und letzter Gedanke!
+f&uuml;r Geld verkaufen sie Treue und Liebe, sto&szlig;en die sch&ouml;nsten
+Gef&uuml;hle von sich weg, um das nichtsw&uuml;rdige Metall
+zu besitzen, das uns mit sch&auml;ndlichen Fesseln an diese
+schmuzige Erde kettet! &mdash; Eigennutz ist die Klippe, an
+der jede Freundschaft zerschellt, &mdash; die Menschen sind
+ein verworfenes Geschlecht! &mdash; Ich habe keine Freunde
+und keinen Bruder gekannt, nur mit Kaufleuten bin
+ich umgegangen. Ich Thor, da&szlig; ich von Liebe und
+Menschenfreundlichkeit zu ihnen sprach! nur Geldst&uuml;cke
+mu&szlig; man ihnen wechseln!</p>
+
+<p>Er machte einen Umweg, ehe er nach Hause ging,
+um seinen Schmerz etwas erkalten zu lassen. Er weinte,
+als er das tobende Marktgew&uuml;hl sah, wie jedermann
+gleich den Ameisen besch&auml;ftigt war, in seine dumpfe
+Wohnung einzutragen, wie keiner sich um den Andern
+k&uuml;mmerte, als nur wenn er mit seinem Gewinn zusammenhing,
+alle durch einander laufend, so empfindungslos,
+wie Zahlen. &mdash; Er ging trostlos nach Hause.</p>
+
+<p>Sein Schmerz vermehrte sich hier; er fand die f&uuml;nfhundert
+Zechinen, die er seinem Bruder einst mit dem
+besten Wohlwollen gegeben hatte; sie waren bald eine
+Beute der st&uuml;rmenden Gl&auml;ubiger. Alles was er besa&szlig;,
+ward &ouml;ffentlich verkauft; eines seiner Schiffe lief in den
+Hafen, aber die Ladung diente nur, um alle seine
+Schulden zu bezahlen. Arm, wie der Bettler, verlie&szlig;
+er die Stadt, ohne vor dem Hause seines hartherzigen
+Bruders vor&uuml;berzugehen.</p>
+
+<p>Seine Gattin, die ihn in sein Elend begleitete,
+tr&ouml;stete ihn und suchte seinen Kummer zu zerstreuen;
+aber es gelang ihr nur wenig, das Andenken seines
+Ungl&uuml;cks war noch zu frisch in <span class="wide">Machmuds</span> Ged&auml;chtni&szlig;,
+er sah noch immer die Th&uuml;rme der Stadt vor sich,
+in der sein Bruder wohnte, der kalt und unger&uuml;hrt bei
+seinem Ungl&uuml;cke geblieben war.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar</span> fragte niemand nach seinem Bruder, um
+ihn nicht bemitleiden zu d&uuml;rfen, er bildete sich ein, es
+k&ouml;nne vielleicht noch alles gut gegangen sein. Indessen
+hatte sein Kredit doch auch durch seinen Bruder gelitten,
+man ward mi&szlig;trauischer gegen ihn, und mehrere
+Kaufleute vertrauten ihm nicht mit der Leichtigkeit ihre
+Gelder wie ehemals. Dazu kam noch, da&szlig; <span class="wide">Omar</span>
+jetzt sehr geizig, und auf sein erworbenes Verm&ouml;gen
+stolz ward, so da&szlig; er sich viele Feinde machte, die sich
+freueten, wenn er irgend einen Schaden erlitt.</p>
+
+<p>Es schien, als wenn das Verh&auml;ngni&szlig; seine Undankbarkeit
+gegen seinen Bruder bestrafen wolle, denn ein
+Verlust folgte in kurzer Zeit auf den andern. <span class="wide">Omar,</span>
+der gern das Verlorne schnell wieder erlangen wollte,
+wagte gr&ouml;&szlig;ere Summen, und auch diese gingen verloren.
+Er h&ouml;rte auf, Gelder, die er schuldig war, zu bezahlen,
+das Mi&szlig;trauen gegen ihn ward allgemein, alle
+Gl&auml;ubiger meldeten sich zu gleicher Zeit, <span class="wide">Omar</span> kannte
+niemand, der ihn aus dieser Verlegenheit w&uuml;rde helfen
+wollen; er sah keinen andern Ausweg vor sich, als in
+der Nacht heimlich die Stadt zu verlassen, und zu versuchen,
+ob ihm das Gl&uuml;ck in einer andern Gegend
+g&uuml;nstiger sein w&uuml;rde.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das kleine Verm&ouml;gen, das er noch mit sich hatte
+nehmen k&ouml;nnen, war bald verzehrt. Seine Unruhe
+wuchs in eben dem Grade, als sein Geld abnahm; er
+sah der dr&uuml;ckendsten Armuth entgegen, &mdash; und doch keinen
+Ausweg ihr zu entfliehen.</p>
+
+<p>Unter Klagen und schwerm&uuml;thigen Gedanken war
+er so bis an die persische Gr&auml;nze gewandert. Er hatte
+jetzt alles Geld, bis auf drei kleine M&uuml;nzen ausgegeben,
+die grade nur noch hinreichten, um ein Abendessen in
+einer Carawanserei zu bezahlen; er f&uuml;hlte Hunger, und
+da sich die Sonne schon zu neigen anfing, eilte er, um
+einen Zufluchtsort zu erreichen, in welchem er noch in
+dieser Nacht, vielleicht in der letzten, herbergen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Wie ungl&uuml;cklich bin ich! sprach er zu sich selbst.
+Wie verfolgt mich das Schicksal und fordert mein Elend,
+welche schreckliche Aussicht er&ouml;ffnet sich mir! &mdash; Ich
+werde von den Allmosen mitleidiger Seelen leben m&uuml;ssen,
+es ertragen m&uuml;ssen, wenn man mich verh&ouml;hnend
+abweist, nicht murren d&uuml;rfen, wenn der Verschwender
+frech vor&uuml;ber geht, mich keines Anblicks w&uuml;rdigt, und
+hundert Goldst&uuml;cke f&uuml;r eine elende Spielerei verschleudert. &mdash; O
+Armuth, wie kannst du den Menschen erniedrigen! &mdash; wie
+ungleich und ungerecht theilt das Gl&uuml;ck
+seine Sch&auml;tze aus. Es sch&uuml;ttet seinen ganzen Reichthum
+&uuml;ber den Lasterhaften, und l&auml;&szlig;t den Tugendhaften Hungers
+sterben.</p>
+
+<p>Die Felsen, die <span class="wide">Omar</span> &uuml;berstieg, machten ihn m&uuml;de,
+er setzte sich auf eine Rasenerh&ouml;hung am Wege nieder
+und ruhte aus. Da schleppte sich an Kr&uuml;cken ein
+Bettler vor ihm vor&uuml;ber und murmelte eine unverst&auml;ndliche
+Bitte; er war zerlumpt und abgezehrt, sein brennendes
+Auge stand tief im Kopfe, und seine bleiche
+Gestalt zerschnitt das Herz und zwang es zum Mitleiden.
+Die Aufmerksamkeit <span class="wide">Omars</span> ward wider seinen
+Willen auf diesen Gegenstand des Abscheus gelenkt,
+der murmelnd seine d&uuml;rre Hand nach ihm ausstreckte.
+Er fragte nach dem Namen des Bettlers, und merkte
+jetzt, da&szlig; dieser Ungl&uuml;ckliche auch taub und stumm sei.</p>
+
+<p>O wie unaussprechlich gl&uuml;cklich bin ich! rief er
+aus, &mdash; und ich klage noch? Warum kann ich nicht
+arbeiten; &mdash; warum nicht durch das Werk meiner
+H&auml;nde meine Bed&uuml;rfnisse erwerben? Wie gern w&uuml;rde
+dieser Elende mit mir tauschen und sich gl&uuml;cklich preisen!
+Ich bin undankbar gegen den Himmel.</p>
+
+<p>Von einem pl&ouml;tzlichen Mitleiden ergriffen, zog er
+die letzten Silberm&uuml;nzen aus seiner Tasche und gab sie
+dem Bettler, der nach einem stummen Danke seinen
+Weg fortsetzte.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar</span> f&uuml;hlte sich jetzt au&szlig;erordentlich leicht und
+froh, die Gottheit hatte ihm gleichsam ein Bild vorgehalten,
+wie elend der Mensch sein k&ouml;nne, um ihn zu
+belehren. Er f&uuml;hlte jetzt Kraft in sich, die Armuth zu
+erdulden und durch seine Th&auml;tigkeit wieder abzuwerfen.
+Er machte Plane, wie er sich ern&auml;hren wolle, und w&uuml;nschte
+nur gleich eine Gelegenheit herbei, um zu zeigen wie
+flei&szlig;ig er sein k&ouml;nne. Er hatte nach seinem edeln Mitleiden
+gegen den Bettler, nach der Freigebigkeit, mit der
+er ihm sein ganzes &uuml;briges Verm&ouml;gen hingegeben hatte,
+eine Empfindung, wie er sie bis dahin noch nicht gekannt
+hatte.</p>
+
+<p>Ein steiler Fels stand an der Seite, und <span class="wide">Omar</span>
+bestieg ihn mit leichtem Herzen, um die Gegend zu
+&uuml;berschauen, die der Untergang der Sonne versch&ouml;nerte.
+Er sah hier zu seinen F&uuml;&szlig;en gelagert die sch&ouml;ne Welt
+mit ihren frischen Ebenen und majest&auml;tischen Bergen,
+mit den dunkeln W&auml;ldern und rothgl&auml;nzenden Str&ouml;men,
+&uuml;ber alles das goldene Netz des Abendroths ausgespannt;
+und er f&uuml;hlte sich wie ein F&uuml;rst, der alles dies beherrsche,
+und den Bergen, W&auml;ldern und Str&ouml;men gebiete.</p>
+
+<p>Er sa&szlig; oben auf der Felsenspitze in dem Anschaun
+der Gegend versunken. Er beschlo&szlig; hier den Aufgang
+des Mondes abzuwarten und dann seine Reise fortzusetzen.</p>
+
+<p>Das Abendroth versank und D&auml;mmerung fiel aus
+den Wolken nieder, ihr folgte bald die finstre Nacht. &mdash; Die
+Sterne flimmerten am dunkelblauen Gew&ouml;lbe, und
+die Erde ruhte und schwieg in einer feierlichen Stille.
+<span class="wide">Omar</span> sah mit starren Augen in die Nacht hinein, und
+sein Auge verlor sich schwindelnd in die unendliche Zahl
+der Sterne, er betete an die Majest&auml;t Gottes und f&uuml;hlte
+heilige Schauer durch seine Seele ziehn.</p>
+
+<p>Da war's als wenn sich ein Lichtstrahl am fernen
+Horizont erh&ouml;be, blauleuchtend zog er empor und n&auml;herte
+sich wie ein gl&auml;nzendes Feuer dem Mittelpunkte des Himmels.
+Die Sterne traten bleicher zur&uuml;ck, und wie ein
+Wiederschein des Morgens flimmerte es durch den ganzen
+Himmel und regnete in zarten, rothd&auml;mmernden Strahlen
+herab. &mdash; <span class="wide">Omar</span> erstaunte &uuml;ber die wunderbare
+Erscheinung und erg&ouml;tzte sich an dem sch&ouml;nen und seltsamen
+Lichte: die W&auml;lder und Berge umher funkelten,
+die fernen Wolken schwammen in blassen Purpur, wie
+ein goldenes Gezelt w&ouml;lbte sich der Schein &uuml;ber <span class="wide">Omar</span>
+zusammen.</p>
+
+<p>Sei mir gegr&uuml;&szlig;t, Edler, Mitleidiger, Tugendhafter,
+rief eine s&uuml;&szlig;e Stimme von oben herab, du erbarmest
+dich des Elends, und der Herr sieht mit Wohlgefallen
+auf dich herab.</p>
+
+<p>Wie verhallende Fl&ouml;tent&ouml;ne s&auml;uselten die Winde der
+Nacht um <span class="wide">Omar,</span> seine Brust hob sich froh und beklemmt,
+sein Auge war vom Glanze, sein Ohr von den
+himmlischen Harmonieen trunken. Und aus dem Glanze
+schritt eine Lichtgestalt hervor, und stellte sich vor den
+Entz&uuml;ckten; es war <span class="wide">Asrael,</span> der gl&auml;nzende Engel Gottes. &mdash; Steige
+mit mir auf diesen rothen Strahlen in
+die Wohnung der Seligen, rief die s&uuml;&szlig;e Stimme, denn
+du hast es durch deinen Edelmuth verdient, das Paradies
+mit seinen Seligkeiten zu schauen.</p>
+
+<p>Herr, sprach <span class="wide">Omar</span> zitternd, wie soll ich dir als
+ein Sterblicher folgen k&ouml;nnen? Mein irdischer Leib ist
+noch nicht von mir genommen.</p>
+
+<p>Gieb mir deine Hand, sprach die Lichtgestalt. &mdash; <span class="wide">Omar</span>
+reichte sie ihm mit bebendem Entz&uuml;cken, und sie
+wandelten auf den rothen Strahlen durch die Wolken,
+zwischen den Sternen hindurch, und die s&uuml;&szlig;en T&ouml;ne
+gingen hinter ihnen, und Morgenroth legte sich in ihren
+Weg, und Blumend&uuml;fte w&uuml;rzten die Luft.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich ward es Nacht, <span class="wide">Omar</span> schrie laut auf,
+und lag in dicker Finsterni&szlig; unten am Fu&szlig;e des steilen
+Felsen mit zerschmetterten Armen. Der Mond hob sich
+eben dunkelroth hinter einem H&uuml;gel hervor, und warf
+die ersten ungewissen Strahlen in das Felsenthal.</p>
+
+<p>O ich dreimal Ungl&uuml;cklicher! rief <span class="wide">Omar</span> jammernd
+aus, als er seine Besinnung wieder gesammelt hatte. &mdash; Hatte
+der Himmel nicht genug an meinem Elende, da&szlig;
+er mich in einem l&uuml;gnerischen Traume von der Spitze
+des Felsen schleudert, meine Glieder zerbricht, damit ich
+dem Hunger zum Raube werden soll? &mdash; Belohnt er
+so das Mitleiden, das ich mit einem Elenden hatte? &mdash; Wer
+war jemals ungl&uuml;cklicher als ich?</p>
+
+<p>Eine Gestalt schleppte sich m&uuml;hsam vor&uuml;ber, die
+<span class="wide">Omar</span> f&uuml;r den Bettler erkannte, dem er heut den Rest
+seines Verm&ouml;gens gegeben hatte. <span class="wide">Omar</span> rief ihn jammernd
+an, er solle die Wohlthat, die er von ihm
+empfangen, mit ihm theilen, aber der Kr&uuml;ppel keuchte
+gleichg&uuml;ltig in seinem Wege weiter, und <span class="wide">Omar</span> wu&szlig;te
+nicht, ob er ihn nicht geh&ouml;rt habe, oder sich nur verstelle,
+um ein Recht zu haben, sich nicht um ihn zu
+k&uuml;mmern. Bin ich nun nicht elender, als dieser Verworfene?
+klagte <span class="wide">Omar</span> durch die Nacht. &mdash; Wer wird
+sich mein erbarmen, da mir nun alles genommen ist,
+was mich noch tr&ouml;sten konnte?</p>
+
+<p>Er seufzte tief und seine Arme schmerzten ihn, wie
+gl&uuml;hende Feuer brannte es in den Gebeinen, und jeder
+Athemzug gab ihm Pein. Er &uuml;berlegte schweigend sein
+Schicksal, und dachte jetzt zuerst wieder an seinen Bruder.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>O, wo bist du Edelm&uuml;thiger! rief er aus, vielleicht
+hat dich das Schwert des Todesengels schon getroffen,
+das Elend hat dich vielleicht in der dr&uuml;ckendsten Armuth
+verzehrt, und du hast in der Todesstunde deinem armen
+Bruder geflucht. &mdash; Ach ich habe es um dich verdient,
+ich leide jetzt die Strafe f&uuml;r meinen Undank, f&uuml;r meine
+Hartherzigkeit, der Himmel ist gerecht! &mdash; Und ich konnte
+noch so stolz einhergehn, und Gott zum Zeugen meiner
+Tugend anrufen? &mdash; O Himmel! vergieb dem S&uuml;nder,
+der sich ohne Murren deiner Z&uuml;chtigung unterwirft.</p>
+
+<p><span class="wide">Omar</span> verlor sich in tr&uuml;ben Gedanken, er erinnerte
+sich, mit welcher br&uuml;derlicher Liebe ihn <span class="wide">Machmud</span> damals,
+als er zum erstenmale verarmet war, aufgenommen
+hatte, er warf es sich vor, da&szlig; er es unterlassen
+habe ihn zu retten, und auf diese Art seinen Dank
+gegen seinen Bruder abzubezahlen; er w&uuml;nschte den Tod
+als das Ende seiner Strafe und seiner Leiden.</p>
+
+<p>Der Mond erleuchtete die Gegend hell, und eine
+kleine Carawane von einigen Kameelen zog sich langsam
+durch das Thal. Die Liebe zum Leben erwachte bei
+<span class="wide">Omar,</span> er rief die Vor&uuml;berziehenden mit kl&auml;glicher
+Stimme um H&uuml;lfe an. Man legte ihn behutsam auf
+ein Kameel, um in der n&auml;chsten Stadt seine Wunden
+verbinden zu lassen, die die Carawane mit dem Anbruch
+des Tages erreichte. Der Kaufmann verpflegte den
+Ungl&uuml;cklichen selbst, und <span class="wide">Omar</span> erkannte in ihm seinen
+Bruder. Seine Besch&auml;mung war ohne Gr&auml;nzen, so
+wie das Mitleiden <span class="wide">Machmuds.</span> Der eine Bruder
+bat um Verzeihung, und der andere hatte schon vergeben;
+Thr&auml;nen flossen von dem Angesichte beider, und die
+r&uuml;hrendste Vers&ouml;hnung ward zwischen ihnen gefeiert.</p>
+
+<p><span class="wide">Machmud</span> hatte sich nach seiner Verarmung nach
+<span class="wide">Ispahan</span> gewandt, und war dort mit einem alten
+reichen Kaufmann bekannt geworden, der ihn bald lieb
+gewann und ihn mit seinem Verm&ouml;gen unterst&uuml;tzte. Das
+Gl&uuml;ck war dem Vertriebenen g&uuml;nstig, und er erlangte
+sein verlorenes Verm&ouml;gen in kurzer Zeit wieder; sein
+alter Wohlth&auml;ter starb, und setzte ihn zum Erben ein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Als <span class="wide">Omar</span> geheilt war, reiste er mit seinem Bruder
+nach <span class="wide">Ispahan,</span> wo ihm dieser eine neue Handlung
+einrichtete. <span class="wide">Omar</span> verm&auml;hlte sich und verga&szlig; nie,
+wie viel Dank er seinem Bruder schuldig sei. Beide
+lebten von dieser Zeit in der gr&ouml;&szlig;ten Eintracht, und
+waren f&uuml;r die ganze Stadt ein Muster der br&uuml;derlichen
+Liebe.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="Almansur" id="Almansur"></a><span class="wide">Almansur.</span></h2>
+
+<div class="center">
+<p class="noindent"><span class="wide">Ein Idyll.</span><br /><br />
+1790.</p>
+</div>
+
+<p>Langsam erhob sich Almansur aus dem Schatten der
+Palme, eine Thr&auml;ne rollte von seinen Wangen, er
+blickte ihr wehmuthsvoll nach, wie sie an seinem Stabe
+hinuntergleitete und sich im Staube verlor, die ganze
+Vergangenheit stand mit ihren hellen und finstern Farben
+vor ihm, Abendroth und Regenn&auml;chte. Noch einmal
+blickte er r&uuml;ckw&auml;rts nach Bagdad und sahe wie
+sich der letzte goldne Mond hinter einem blauen Berge
+langsam hinabzog. &mdash; Nun so lebe wohl! Auf ewig
+wohl! rief er, und ging langsam weiter ohne selbst zu
+wissen, wohin. Die Sonne ging unter, die V&ouml;gel des
+Abends sangen im nahen Walde, aber seine Augen
+sahen weder das goldne Feuermeer um dort sich Trost
+zu holen, sein Ohr h&ouml;rte nicht die Melodieen, die von
+jedem Zweige herab um ihn schwammen, der Wind
+spielte mit seinem Mantel, aber er lie&szlig; ihn nachl&auml;&szlig;ig
+h&auml;ngen und eilte weiter vom Wege ab, mit tiefgesenktem
+Blick.</p>
+
+<p>Endlich blickte er auf, er sah sich in einem sch&ouml;nen
+Thale, rings um von gr&uuml;nen Bergen umschlossen, im
+Thale gl&auml;nzte ein silberner See, auf den das Abendroth
+auf jeder Welle sich wiegte, die Berge erhoben
+sich sanft umher und auf ihnen schimmerten Reben,
+Palmen standen auf Abh&auml;ngen und wiegten sich rauschend
+&uuml;ber das Thal hinab, die ganze Gegend spiegelte
+sich zitternd im See, und das Abendroth und der aufgehende
+Vollmond gossen ein so s&uuml;&szlig;es Licht um alle
+Gegenst&auml;nde, da&szlig; Almansur sich in einem Theile des
+Paradieses glaubte. Er stand und sahe die sch&ouml;nbewachsnen
+Berge, wie der Abendschein &uuml;ber die gr&uuml;nen
+Abh&auml;nge her&uuml;berschwamm und sanftes Roth auf den
+gegen&uuml;berstehenden Berg streute, durch einen Palmenhain
+schl&auml;ngelte sich der schimmernde Glanz der Gluth
+des Himmels, und bebte zur&uuml;ck in jedem Tropfen der
+am Grase zitterte, von jedem Blatt, an welchem ein
+Rubin sich wiegte. Der Mond stand &uuml;ber einem finstern
+Tannenhain, ein kleiner Wasserfall rauschte, die gro&szlig;en
+W&auml;lder sangen der Natur ihr Abendlied, der Tag eilte
+in sein Rosenbett hinab, das Heimchen zirpte, der Mond
+schien aus dem goldnen See zu trinken, und auf jedem
+leichten W&ouml;lkchen des Himmels, das unter dem Monde
+hinwegschl&uuml;pfte und ihm etwas von seinem goldnen Glanze
+stahl, schien Ruhe, Trost und Freude zu schweben. Lange
+stand noch Almansur so, doch endlich l&ouml;&szlig;te sich sein Gef&uuml;hl
+in die Harmonie einer wonnevollen Wehmuth auf
+die Erinnerung seines Ungl&uuml;cks war mit dem letzten
+Streit der untergehenden Sonne hinter den Bergen hinabgeleitet.
+Er bestieg den Berg, ging bald hinauf, bald
+hinab, und sein Blick schwebte stets auf den gegen&uuml;berstehenden
+Abhang, oder auf den Spiegel des tief unten
+gl&auml;nzenden Sees.</p>
+
+<p>Er ging &uuml;ber einen Quell, der aus den Spalten des
+Berges sich dr&auml;ngte und sein Silber hinuntergo&szlig;; er kam
+zu einer kleinen Vertiefung, wo unter Weidenzweigen
+versteckt der Gipfel eines moosbewachsnen Daches hervorragte.
+Ruhe und Heiterkeit schienen hier ihren Sitz aufgeschlagen
+zu haben; er ging herum um diesen Kranz
+von Weiden, und stand vor dem Eingang einer kleinen
+H&uuml;tte. Ein Greis, dessen Silberhaar im Winde hin
+und her wallte, pflanzte mit ruhigem L&auml;cheln Reben, und
+band sie an die schwesterliche Ulme, dann sah er zum
+Monde hinauf, dann in den goldnen See hinab, und
+setzte wieder freudig seine Arbeit fort. &mdash; &raquo;Der Himmel
+sch&uuml;tte seinen Segen auf dich herab!&laquo; rief <span class="wide">Almansur</span>
+dem Greise zu; liebevoll dankte der Greis und f&uuml;hrte den
+J&uuml;ngling in die d&auml;mmernde H&uuml;tte.</p>
+
+<p>Freundlich sprangen dem Alten zwei Hunde entgegen,
+bellten und wedelten. Der Greis und der J&uuml;ngling
+setzten sich auf Flechtwerk von Binsen; dann holte
+der gesch&auml;ftige Alte aus seiner Vorrathskammer Milch
+und Datteln. &raquo;I&szlig;!&laquo; sprach er. &mdash; <span class="wide">Almansur</span> a&szlig;
+wenig; bald sah er die niedren W&auml;nde der H&uuml;tte an,
+bald blickte er auf den l&auml;chelnden Alten. Nach der
+Mahlzeit setzten sich beide vor dem Eingang der H&uuml;tte.</p>
+
+<p>Du bist recht gl&uuml;cklich! fing <span class="wide">Almansur</span> nach einer
+langen Stille an, wenn man je gl&uuml;cklich werden kann. &mdash; Ja,
+war die Antwort des Greises; ich stahl mich
+aus dem Get&uuml;mmel der Welt hinweg, und niemand
+vermi&szlig;te mich; &auml;ngstlich, mit Schwei&szlig;tropfen auf der
+Stirn jagte ich dem Gl&uuml;cke nach &mdash; umsonst! Es floh
+wie der luftgewebte Morgentraum; verzweiflungsvoll
+schlich ich mich in diese H&uuml;tte, ich sah mich um, und es
+stand neben mir. &mdash; Ja! Dank dir gro&szlig;er Prophet!
+Ich bin hier recht gl&uuml;cklich! &mdash; O, wenn ich am Morgen
+hier stehe, der frischgebadete Tag, rosenroth an jener
+neigenden Spitze h&auml;ngt, dann zollen dir meine Thr&auml;nen
+hei&szlig;en Dank, dann seh ich auf mein voriges Leben zur&uuml;ck,
+wie der m&uuml;de Pilger am Grabe des Propheten
+auf die zur&uuml;ckgelegten Steppen; &mdash; dann schwebt vor
+mir die ferne Zukunft, dann fliegt mein Geist durch
+das rosenrothe Gewebe des Morgens, er durchfliegt die
+Bahn der Sterne, und schwingt sich im Flug um die
+gl&uuml;henden R&auml;der des Sonnenwagens. &mdash; Jeder meiner
+Blicke schaut dann voll Dank zum Himmel!</p>
+
+<p><span class="wide">Almansur</span> horchte vorw&auml;rts gebeugt mit Ehrfurcht
+der Rede des Greises, er sah in seinen Augen eine
+Thr&auml;ne gl&auml;nzen, hei&szlig; rann eine Z&auml;hre &uuml;ber die Wangen
+<span class="wide">Almansurs</span>. &mdash; Dann ergriff er voll Zutraun die
+Hand des Greises; o weiter! sprach er, deine Stimme
+ist wie das Murmeln der fernen Quelle dem Durstigen.
+Weiter! Mein Geist fliege dir nach! &mdash; Versuch' es
+in todten Worten mir das Abendroth deines Gl&uuml;cks zu
+malen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>O J&uuml;ngling, sprach der Greis, Gl&uuml;ck l&auml;&szlig;t sich besser
+f&uuml;hlen, als dies Gef&uuml;hl sich in Worten zw&auml;ngen
+l&auml;&szlig;t. &mdash; Leise schleicht sich durch das helle Weinlaub
+am Morgen die Sonne; sie fliegt zu meinem Bette und
+fl&uuml;stert mir: &raquo;Erwache!&laquo; zu. Ich erhebe mich vom
+rothen Glanz umflossen, und sehe wie die Sonne majest&auml;tisch
+hinab ins Thal schreitet, die Natur wacht auf
+und l&auml;chelt freundlich der Sonne entgegen, unter mir
+gl&uuml;ht der See, &uuml;ber mir flammt der Himmel, die Waldung
+rauscht, die Lerche singt, der See bebt, und ihre
+Rosenwellen laufen mit dem Westwind um die Wette.
+Wenn das purpurne Gold des Himmels sich hinter
+den blauen Mantel stiehlt, dann besuch ich meine Heerden,
+die Ziegen bl&ouml;ken mir entgegen, die L&auml;mmer h&uuml;pfen
+um mich her. &mdash; O ich lebe hier nicht ganz verlassen!
+Ich kenne jeden Baum dieser Gegend, jeden Zweig
+eines jeden Baums; wenn das erste Laub nach dem
+Winter erscheint, oder mein Blick des Fr&uuml;hlings erstes
+Veilchen erjagt, o dann freu ich mich eben so, als wenn
+ein l&auml;ngst gew&uuml;nschter Freund unvermuthet dem Schiff'
+entsteigt; das erste Sommerl&uuml;ftchen, das meiner Wange
+vor&uuml;berbebt, ist mir, was dem Elenden ein blauer Hoffnungsstrahl
+ist. Als der Sturmwind im vorigen Monden
+von meinem Berge herab eine junge Pappel ins
+Thal warf, da weint' ich um den jungen Baum, als
+habe mir der Tod einen geliebten J&uuml;ngling davon gef&uuml;hrt.
+Ach, dies einsame Thal m&ouml;cht ich nur gegen
+Mahomets Paradies vertauschen, es gilt mir mehr als
+die Erde mit ihren K&ouml;nigreichen, diese B&auml;ume gelten
+mir mehr als K&ouml;nige und F&uuml;rsten mit ihren Unterthanen.
+Ich besuche oft dr&uuml;ben die alten Palmen,
+sehe nach jenen jungen Birken die ich selber pflanzte,
+und freue mich &uuml;ber ihren Wachsthum wie ein Vater
+&uuml;ber seine Kinder. Im kleinen G&auml;rtchen hinter meiner
+H&uuml;tte scheint die Gluth der Rose auf die wei&szlig;e
+Lilie, das Veilchen kniet zu den F&uuml;&szlig;en der stolzen Malve,
+und jede der Blumen kenn' ich, bei jeder erinnre ich
+mich im Vorbeigehn, wann und wie <ins title="ich fehlt im Original">ich</ins> sie pflanzte, jede
+habe ich selbst am Morgen und Abend begossen. Diese
+Blumen, diese B&auml;ume sind meine Freunde, von ihnen
+br&uuml;stet sich keiner vor dem andern, von ihnen lacht mir
+keiner h&ouml;hnisch nach. Neid und Verl&auml;umdung d&uuml;rfen
+nicht &uuml;ber diese Berge fliegen, des Gl&uuml;ckes Pfeil zerschnitt
+ihnen die Sehnen des Fittigs, sie liegen jenseits
+den Bergen und suchen vergebens mit schwarzen nachschleppenden
+Schwingen der Felsen Gipfel zu erklimmen;
+das Gl&uuml;ck und die Ruhe fliegen hier verschlungen Arm
+in Arm durch den Himmel, in jedem Baum, in jeder
+Quelle fl&uuml;stert Gl&uuml;ck, in jedem Nachhall der Berge t&ouml;nt
+ruhige Freude.</p>
+
+<p>Wenn nach und nach das gelbe Laub zur Erde f&auml;llt,
+wenn der Herbst auf selbst gesponnenen Seidenf&auml;den
+durch die L&uuml;fte schwebt, sie um die B&auml;ume wickelt, und
+das reife Obst mit den Bl&auml;ttern absch&uuml;ttelt, dann seh'
+ich, wie die Natur sich einkleidet, und unter dem gl&auml;nzenden
+Schwanenbette schl&auml;ft, um gest&auml;rkt mit neuem
+Glanze zu erwachen. Wenn dann Regen herabrauscht,
+wenn der Nordwind durch den Gipfel der Palmen sau&szlig;t,
+wenn die Fichten knarren, der Wind Schneegest&ouml;ber vor
+sich her wirbelt &mdash; dann nehm ich von der Wand die
+silberbezogne Leier, dann sing' ich dem Fr&uuml;hlinge meines
+Lebens Lieder, und sehe l&auml;chelnd dem Untergang
+meiner Sonne entgegen. Dann d&auml;mmert vor meinen
+Augen der Nebel der Vergangenheit, dann schwing ich
+mich auf dem Adlersfittig meiner Phantasie durch D&auml;mmrung
+ferner Vorzeit, durch schweigende &ouml;de Nacht der
+Zukunft. &mdash; In diesem Kreislauf wallte mir mehr als
+ein halbes Jahrhundert vor&uuml;ber, in dieser sch&ouml;nen, ununterbrochenen
+Einf&ouml;rmigkeit. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>O J&uuml;ngling! Mit warmer Freundschaft dr&uuml;ckst du
+meine Hand, eine Thr&auml;ne zittert in deinen schwarzen
+Augenwimpern, &mdash; sprich &mdash; f&uuml;hrte dich Kummer zu
+meiner einsamen H&uuml;tte?</p>
+
+<p><span class="wide">Almansur.</span> Ja, Kummer f&uuml;hrt mich zu dir, Greis! &mdash; Ach,
+la&szlig; mich mit Dir diese H&uuml;tte bewohnen, la&szlig; mich
+dein Sohn sein. Die Freude ist f&uuml;r mich gestorben. &mdash; Ich
+mu&szlig; die Gesellschaft der Menschen verlassen; hier
+la&szlig; unter dieser Palme den Wind am Abend meine
+Seufzer davon f&uuml;hren, la&szlig; am Morgen mich unter
+dieser Cypresse weinen. &mdash; Warum sollt' ich zu jenen
+Menschen zur&uuml;ckkehren, wo jeder dem fliehenden Gl&uuml;cke
+nachl&auml;uft, und keiner den Saum seines Kleides ber&uuml;hrt,
+wo einer des andern lacht, und blind f&uuml;r eigne Fehler
+ist, wo Verl&auml;umdung und Neid hinter mir gehn, die
+sich t&auml;uschend in das Gewand der Freundschaft h&uuml;llen.
+&mdash; Nein, hier will ich ein neues Leben beginnen, mein
+voriges Leben mir als einen Traum denken, den der
+Sonne heller Strahl verscheuchte. O Greis, weise meine
+Bitte nicht zur&uuml;ck, in keinem Winkel glimmt f&uuml;r mich
+ein F&uuml;nkchen Freude mehr als hier. Schon lange war
+es mir unertr&auml;glich, mich ohne Zweck und Absicht vom
+Wirbel der menschlichen Gesellschaft mit fortreissen zu
+lassen, warum sollt' ich noch ferner unter einem Haufen,
+wo jedes Gesicht mir zuwider ist, essen und trinken,
+schlafen und aufstehn, den einen Tag so wie den andern;
+warum leb' ich in der menschlichen Gesellschaft?
+Ich bin mir selbst und andern verha&szlig;t! zu welchem
+Endzweck schuf der Sch&ouml;pfer die Menschheit? Einer
+den andern zu qu&auml;len? Ihm den Genu&szlig; des Lebens zu
+rauben? Warum tanzen die zahllosen Welten den ewigen
+schwerf&auml;lligen Tanz um ihre Sonnen? Warum
+lie&szlig; der Sch&ouml;pfer aus seiner Hand die Sch&ouml;pfung hervorgehn?
+Warum warf er das Sternenheer durch den
+Himmel? Sollen wir hier leben, ohne gl&uuml;cklich zu sein,
+und dann wie der Baum verwelken; wozu dann dies
+quaalenvolle Leben? &mdash; Oder harrt sch&ouml;nerer Sonnenschein
+unsrer nach dem Todesschlaf; wozu diese Pilgerschaft
+durch Dornen, &uuml;ber Felsen? &mdash; &mdash; O Greis!
+dies, dies hat mich schon l&auml;ngst ungl&uuml;cklich gemacht!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Greis sah ihn an und schwieg. &raquo;Verweile!&laquo;
+sprach er dann. Ein frommer Einsiedler schenkte mir
+schon vor vielen Jahren ein kleines Buch; es ist nur
+ein M&auml;rchen, der Mond scheint hell; ich will es dir
+lesen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er ging fort. <span class="wide">Almansur</span> sah inde&szlig; starr vor sich
+hin ins Thal, sein Blick ruhte auf einen Zweig, den
+der Wind hin und her warf; sein Kummer war zur&uuml;ckgekehrt,
+die mancherlei Scenen seines Lebens wachten
+in seiner Seele auf. Er pre&szlig;te eine Thr&auml;ne in sein
+Auge zur&uuml;ck; der Greis kam, setzte sich nieder und
+las:&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Nadir.</span> Ein M&auml;hrchen.</p>
+
+<p>Der finstre Menschenhasser <span class="wide">Nadir</span> wandelte &uuml;ber
+eine von Arabiens Steppen. Die Sonne stand in der
+Mitte des Himmels und warf ihre gl&uuml;henden Strahlen
+auf den Wandrer, ringsum kein Baum, kein Gestr&auml;uch,
+welches einen erquickenden Schatten darbot; <span class="wide">Nadirs</span>
+Auge suchte vergebens eine Quelle, seinen brennenden
+Durst zu l&ouml;schen, er ging matt und langsam, er sah
+schmachtend umher, ob keine mitleidige Wolke herbeischweben
+wollte, ihm Regen und K&uuml;hlung zu schenken;
+so weit sein Auge reichte, gl&auml;nzte der Himmel im hellblauen
+Gewande, der Sonne Strahlen wurden immer
+hei&szlig;er und hei&szlig;er, kein milder Wind wehte ihm K&uuml;hlung
+zu, Stille lag ausgestreckt &uuml;ber der Erde, die V&ouml;gel
+waren im Schatten des fernsten Waldes zur&uuml;ckgeflogen,
+und kein Dorf, kein Haus winkte dem Wandrer. Vor
+sich und um sich sah <span class="wide">Nadir</span> nur eine unerme&szlig;liche
+W&uuml;ste, er beneidete die kleine Fliege die sich in den
+Schatten des verdorrten Grases setzen konnte.</p>
+
+<p><span class="wide">Nadir</span> verw&uuml;nschte tausendmal sein Schicksal, tausendmal
+das Schicksal der Menschen, denen ewig Quaal
+und Schmerz auf jedem ihrer Schritte folgen. Durch
+den blauen Himmel go&szlig; sich nach und nach ein sanfter
+Purpur, die Sonne sank, der Schatten flog &uuml;ber
+die Ebne.</p>
+
+<p>Dank sei dir gro&szlig;er Prophet! rief der schmachtende
+<span class="wide">Nadir</span>, indem er &uuml;ber sich den Mond und die Sterne
+hervorkeimen sah. Er schleppte sich langsam fort, seine
+Zunge lechzte nach einem einzigen Wassertropfen. O
+ging' ich im tiefsten Schnee des klippigen Caucasus,
+k&ouml;nnt' ich jetzt durch einen Strom des Nordpols schwimmen!
+Er ging weiter. Es wehte ein k&uuml;hlender Wind
+&uuml;ber die Haide, <span class="wide">Nadir</span> kam in einen Wald. Der
+Wind ward st&auml;rker, Wolken flohen durch den Himmel,
+und l&ouml;schten mit ihren schwarzen Fingern den Mond
+und die Sterne aus, der Sturm sch&uuml;ttelte den Wald,
+die Fichten seufzten, die Cypressen rauschten, Regen
+st&uuml;rzte herab. Endlich sah <span class="wide">Nadir</span> durch den verschr&auml;nkten
+Wald ein fernes, flimmerndes Licht, das durch das
+nasse Laub und durch den Regen ihm entgegenblickte:
+er dr&auml;ngte sich durch den Wald, durch Geb&uuml;sche, die
+ihn oft mit ihren nassen Armen umfa&szlig;ten: er kam durch
+die Waldung, und sah &uuml;ber eine Ebne das Licht vor
+sich gl&auml;nzen.</p>
+
+<p>Es war eine niedre H&uuml;tte, deren moosiges Dach
+vom Regen triefte, er schlug an die kleine Th&uuml;r, ein
+Hund bellte ihm aus dem Hofe entgegen, der Wetterhahn
+des Daches knarrte im Winde; leise &ouml;ffnete sich
+die Th&uuml;r des Hauses, eine alte Frau trat heraus. &mdash;
+Wollt ihr einem armen Wandrer erlauben, diese Nacht
+hier zu schlafen? flehte <span class="wide">Nadir.</span> Sehr gern war die
+Antwort. Sie f&uuml;hrte ihn in das Haus durch einen
+Gang. Dort, wo du das Licht durch die Th&uuml;re flimmern
+siehst, dort geh' hinein; &mdash; sie verlie&szlig; ihn. <span class="wide">Nadir</span>
+bewunderte den gro&szlig;en Gang in der kleinen H&uuml;tte,
+seine Schritte hallten von der Mauer zur&uuml;ck, als er
+durch die Stille ging. Er stand vor der Th&uuml;r, aus der
+das Licht ihm entgegengl&auml;nzte, &mdash; er &ouml;ffnete sie &mdash; und
+das Erstaunen schlug seine geblendeten Augen zu. Er
+trat in einen gro&szlig;en unerme&szlig;lichen Saal, den tausend
+Lichter erleuchteten; die W&auml;nde gl&auml;nzten von Marmor
+mit Gold umgossen, eine himmlische Musik schwamm
+auf den Wellen der Harmonie durch den Saal. &mdash; Wo
+bin ich? rief <span class="wide">Nadir.</span> &mdash; Ein pr&auml;chtiggekleidetes Frauenbild
+kam ihm entgegen, sie f&uuml;hrte ihn zu einem Tische
+und lud ihn zum Essen ein; <span class="wide">Nadir</span> a&szlig; und wagte
+kaum die Augen empor zu heben. Als er gegessen und
+getrunken hatte, f&uuml;hlte er sich durch neuen Muth, durch
+neue Kraft beseelt, er sah um sich. Tausend Lichter
+gl&auml;nzten auf Kronenleuchtern von Diamant. Saphir,
+Rubinen und Gold waren &uuml;ber die sch&ouml;npolirten W&auml;nde
+hingestreut, unsichtbare Musik go&szlig; sich umher und gaukelte
+um <span class="wide">Nadirs</span> Ohr, sein Auge verlor sich erm&uuml;det
+in die entferntesten Bogeng&auml;nge, ohne ihr Ende erreicht
+zu haben; <span class="wide">Nadirs</span> Staunen ward immer gr&ouml;&szlig;er.</p>
+
+<p>&raquo;Komm!&laquo; rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes
+<ins title="Original hat zu zu">zu</ins> und f&uuml;hrte ihn durch die blendenden S&auml;le. Er sahe sie
+mit allen Arten von Menschen angef&uuml;llt und weidete sich
+an den verschiedenen Gruppen. Hier tranken und a&szlig;en
+einige, dort weinten andre, andre tanzten in fr&ouml;hlichen
+Reihen. Dieser Pallast, begann <span class="wide">Nadirs</span> F&uuml;hrerin,
+ist ein Werk meines gestorbenen Gatten, er suchte das
+Gl&uuml;ck lange vergebens und fand es endlich mit mir in
+der Einsamkeit; zu seiner Erinnerung hat er mir dies
+Spielwerk hinterlassen, das ich erneuern kann, so oft
+ich will. &mdash; Er war ein m&auml;chtiger Zauberer, gewandt
+in allen geheimen K&uuml;nsten; auf sein Gebot entstand
+dieser Pallast, er brachte in ihm die Welt im Kleinen
+zusammen. Sieh, jede Art von Menschen befindet sich
+hier; dort auf den Thron sitzt ein K&ouml;nig, seine Stirn
+schm&uuml;ckt das Diadem, seine Schultern umflie&szlig;t der
+Purpur, er wird von jedermann beneidet, aber ach! er
+beneidet heimlich den Sklaven, der jetzt vor ihm kniet
+und zittert; er ist ein g&uuml;tiger Regent, er macht andre
+gl&uuml;cklich, ist aber selbst ungl&uuml;cklich. Jener Volkslehrer
+lehrt Demuth und ha&szlig;t den der neben ihm steht, weil
+er ihn mehr als sich geehrt glaubt. Dort an jene
+S&auml;ulen gelehnt steht ein Haufe ungl&uuml;cklicher Menschen,
+in der Welt nennt man sie Kluge, sie sehn die Eitelkeit
+der Welt ein, sie lassen sich durch keinen Glanz
+von Ehre noch von Reichth&uuml;mern blenden, ihre W&uuml;nsche
+scheinen so m&auml;&szlig;ig und sind doch so vielumfassend, werden
+fast nie erf&uuml;llt. &mdash; Dort stehen andre, f&uuml;r welche
+die Welt mit allen ihren Sch&ouml;nheiten gestorben ist, sie
+k&ouml;nnen keine Blume sehen, ohne ihr einen Namen zu
+geben und ihre Bl&auml;tter zu z&auml;hlen, keinen sch&ouml;nen Baum,
+ohne sein Laub und seine Rinde zu betrachten und zu
+bemerken, zu welchem Geschlecht er geh&ouml;re; sie kennen
+jeden Stern, der am Himmel flammt, und wissen die
+Stunde, wenn der Mond auf und untergeht, sie haschen
+jede Abendfliege, und stellen sie in ihren Rang in der
+Sch&ouml;pfung, sie sagen uns, da&szlig; jeder Sonnenstaub bewohnt
+sei. &mdash; Dieser Pallast ist zugleich auf eine wunderbare
+Art mit Gem&auml;lden ausgeziert, sie sind doppelt;
+auf der einen Seite stellen sie alles ernsthaft, auf der
+andern dasselbe l&auml;cherlich dar. Sieh, hier trauert eine
+Mutter um ihren einzigen Sohn, dieser Zuschauer weint
+ger&uuml;hrt, jener auf der andern Seite lacht. &mdash; Siehst
+du jene dort, die so bleich sind und starr auf die Erde
+blicken? bei ihrer Geburt vergo&szlig; das Elend Thr&auml;nen
+&uuml;ber sie und weihte sie sich dadurch zu seinen Kindern;
+sie k&ouml;nnen &uuml;ber ein gelbes Blatt weinen, das vom
+Baume auf die Erde f&auml;llt, sie hassen die Welt und sich
+am meisten; sie machen oft andre gl&uuml;cklich, aber kein
+Anblick von Gl&uuml;ck, kein Anblick der aufgehenden Sonne
+kann sie vergn&uuml;gt machen; sie l&auml;cheln, aber ihr L&auml;cheln
+ist als wenn die Abendsonne durch einen verdorrten
+Baum scheint, ihnen folgt das Ungl&uuml;ck wie ihr Schatten,
+ihre Augen sind matt von Thr&auml;nen, ihre Wangen
+bleich, sie sind die &auml;rmsten Gesch&ouml;pfe. &mdash; Jener jauchzende
+Haufe verspottet sie, ihr Mund lacht stets, ihre
+Augen blinzeln jedem freudig entgegen, die Welt nennt
+sie Thoren, sie sind gl&uuml;cklich, denn sie halten sich f&uuml;r
+weise, sie fragen nicht nach ihrer Bestimmung, sie durchlachen
+ihr Leben, lachen im Winter eben so wie im
+Sommer, bei dem Aufgang der Sonne wie beim Untergang,
+die Natur nahm ihnen jede sanftere Empfindung
+und gab ihnen das Verm&ouml;gen alles l&auml;cherlich zu finden.
+&mdash; Jene spielten mit ihrer Phantasie, der Verstand
+l&ouml;ste die Fesseln der gebundenen Einbildung, sie scho&szlig;
+wie ein Blitzstrahl dahin und nun hinkt der Verstand
+an seinen Kr&uuml;cken hinter sie her und kann sie nicht
+einholen, jede Saite ihrer Laute ist verstimmt und giebt
+angeschlagen einen falschen Ton, man nennt sie Wahnsinnige,
+Ungl&uuml;ckliche; aber sie sind wirklich gl&uuml;cklich.
+Jener h&auml;lt die Kette, die ihn an die Mauer festh&auml;lt, f&uuml;r
+ein goldnes Halsgeschmeide, seine Lumpen f&uuml;r den Purpurmantel
+des K&ouml;nigs. Jener glaubt in seinem Strohlager
+alle Sch&auml;tze Indiens zu besitzen und f&uuml;hlt sich
+beseligt. &mdash; Jener ist taub f&uuml;r jeden Harfenton, blind
+f&uuml;r jede Sch&ouml;nheit, die der Maler der Natur abstahl,
+seine Seele sitzt auf seiner Zunge, er freut sich nur
+wenn er sich an den Tisch setzt, er h&ouml;rt nicht die himmlische
+Musik, die ihn umflie&szlig;t, aber er l&auml;chelt beim
+Becherklang, der Duft von Speisen bringt Freude in
+seine Seele. &mdash; Wer von allen diesen scheint dir in
+dem Zustande zu sein, in den die Natur den Menschen
+aus ihrer Hand hervorgehn lie&szlig;? &mdash; O jener, rief
+<span class="wide">Nadir,</span> der sich an den Dampf der Speisen weidet,
+denn er ist der gl&uuml;cklichste, an sein Herz reicht nicht die
+Stimme des Elends, ihn durchbohrt nicht des Mitleids
+scharfer Pfeil, er ist der gl&uuml;cklichste, er kann viermal
+t&auml;glich gl&uuml;cklich sein; wozu sind jene feinern Empfindungen,
+sie bringen weit mehr Schmerz als Vergn&uuml;gen
+hervor! &mdash; Sieh, jener Mann, fing die F&uuml;hrerin
+<span class="wide">Nadirs</span> an, der dort unbekannt herumgeht, ist ein
+verehrungsw&uuml;rdiger Mann; keiner kennt ihn, keiner achtet
+auf ihn, aber er findet sein Gl&uuml;ck im Gl&uuml;cke anderer;
+manche hei&szlig;e Thr&auml;ne fleht im Dunkeln Segen f&uuml;r ihn
+vom Himmel, manche Brust athmet durch ihn freier,
+manche Klage verstummte durch ihn, er erf&uuml;llt den Beruf
+des Menschen, er macht andre gl&uuml;cklich, und nur dazu
+schuf uns die Natur. &mdash; Du willst die Gesellschaft der
+Menschen verlassen, komm und &uuml;berzeuge dich, da&szlig; der
+Mensch da sei um in Gesellschaft gl&uuml;cklich zu leben;
+warum will der schwache Mensch seine Bestimmung erforschen,
+warum die Bestimmung der Welten? zwecklos
+rollen sie nicht um ihre Sonnen, aber warum wollen
+des Verstandes Maulwurfsaugen den Plan der Natur
+durchdringen? der Mensch ist da, das zu genie&szlig;en, was
+ihm die freigebige Natur darbeut, sein Verstand soll aber
+nicht &uuml;ber die Gr&auml;nze hinausschreiten wollen, die ihm
+gezeichnet ward. Sie gingen hin durch die hundert
+Bogeng&auml;nge und <span class="wide">Nadir</span> bewunderte die Pracht des
+Pallastes; seine Augen wurden erhellt, er sahe ein, da&szlig;
+es Frevel sei, sich von den Menschen zur&uuml;ckzuziehn, vor
+ihm zerrann der dunkle Nebel, er durchdrang den Plan
+der h&ouml;chsten Weisheit; er versprach zur Gesellschaft der
+Menschen zur&uuml;ckzukehren.</p>
+
+<p>Der Tag &ouml;ffnete die blinzelnden Augen, das Morgenroth
+flog &uuml;ber die Ebne und schimmerte an den
+Fenstern; <span class="wide">Nadirs</span> F&uuml;hrerin verlie&szlig; ihn, ein Bogengang
+verschwand nach dem andern, mit ihm ihre Gem&auml;lde
+und ihre Beschauer, ein Licht erlosch nach dem
+andern, die Pracht gleitete von den W&auml;nden, die Decke
+sank, der Saal zog sich zusammen, ward immer kleiner
+und kleiner, immer d&uuml;strer und d&uuml;strer, und der helle
+Sonnenschein gl&auml;nzte endlich an den W&auml;nden einer niedern
+H&uuml;tte. <span class="wide">Nadir</span> &ouml;ffnete vor Staunen stumm die
+niedre Th&uuml;r, er suchte vergebens den langen Gang, die
+alte Frau &ouml;ffnete die kleine Hausth&uuml;r, er ging hinaus,
+die Th&uuml;r ward hinter ihm verschlossen; dieselbe kleine
+H&uuml;tte, an deren Th&uuml;r er gestern klopfte &mdash; der Hund
+bellte ihm wieder nach, der Wetterhahn knarrte in den
+Wind, das moosbewachsne Dach triefte noch vom gestrigen
+Regen und das Morgenroth schwamm in den gro&szlig;en
+Tropfen. &raquo;Wacht' ich, oder tr&auml;umt' ich?&laquo; rief <span class="wide">Nadir</span>
+aus; er sah &uuml;ber einen niedern Zaun in den Garten
+neben der H&uuml;tte, ein Knabe mit nackten F&uuml;&szlig;en pfl&uuml;ckte
+sich Kirschen von einem Baume. Er stand lange stumm
+da, seine Phantasie malte ihm noch einmal den gestrigen
+Tag; stumm ging er weiter, blickte noch oft zur&uuml;ck
+nach der wundervollen H&uuml;tte, bis ein Wald den letzten
+wei&szlig;en Schimmer von ihr ihm entzog. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Der Greis schwieg. Almansur sah starr vor sich
+hin. Der Mond schien hell, die Sterne bebten im
+schimmernden See, die Cypressen rauschten. Kehre zur&uuml;ck,
+J&uuml;ngling, begann der Greis, kehre zur Welt zur&uuml;ck,
+wer wei&szlig;, wo dein Gl&uuml;ck schlummert, gehe hin und
+erwecke es, du bist zur Gesellschaft geboren, gehe hin
+und erf&uuml;lle deine Bestimmung, genie&szlig;e ohne zu gr&uuml;beln
+und du wirst gewi&szlig; gl&uuml;cklich sein.</p>
+
+<p><span class="wide">Almansur.</span> Verzeihe, edler Greis, da&szlig; ich dich
+t&auml;uschte, dir meinen Gram nicht ganz enth&uuml;llte. Wenn
+du die Geschichte meines Ungl&uuml;cks h&ouml;rst, und du r&auml;thst
+mir dann noch zur menschlichen Gesellschaft zur&uuml;ckzukehren,
+so will ich dein Verlangen erf&uuml;llen.</p>
+
+<p>Ich hei&szlig;e <span class="wide">Almansur</span>, mein Vater war ein Kaufmann
+in Bagdad; ich hatte einen Freund, einen einzigen,
+ganz mir gleichgeschaffenen, er starb vor wenig
+Wochen; ich hatte eine Geliebte, ich liebte sie mehr als
+meine Seele, sie verm&auml;hlte sich vor wenig Tagen. &mdash; <span class="wide">Roxane</span>
+war sch&ouml;n, wie der werdende Tag, sch&ouml;ner
+wie eine der Houris, auf ihren Wangen flo&szlig; Abendroth,
+ihre Lippen waren wie der Purpur der untergehenden
+Sonne, die sich im Meere spiegelt, ihr L&auml;cheln
+war der Sonnenschein des Fr&uuml;hlings, in ihren blauen
+Augen lachte das ganze Paradies Mahomets, ihre blonden
+Haare flossen um ihre Schultern, wie der Nebel
+im goldnen Glanze der Morgensonne um Felsen sich
+kr&auml;uselt; &mdash; sie kannte meine Liebe. &mdash; Ihr Vater lag
+einst auf dem Sterbebette, nur ein Trank konnte ihn
+retten, aber er mu&szlig;te ihn trinken in weniger Zeit als
+die Biene am Abend braucht nach ihren Zellen zur&uuml;ckzufliegen,
+es war ein Quell, der in der schwarzen Kluft
+eines weitentfernten Felsen murmelte. <span class="wide">Roxane</span> liebte
+ihren Vater, ich sah die Thr&auml;nen in ihren Augen gl&auml;nzen,
+ich schwang mich auf mein Ro&szlig;, eilte hin, f&uuml;llte
+eine Flasche mit diesem wundervollen Wasser, ich st&uuml;rzte
+zur&uuml;ck, die W&auml;lder sausten mir vor&uuml;ber, eine Eiche
+raubte mir meinen Turban, mein Ro&szlig; eilte dem Winde
+voraus, sein Hufschlag t&ouml;nte laut, ich kam zur&uuml;ck;
+<span class="wide">Roxanens</span> Vater ward gerettet, ihr L&auml;cheln dankte
+mir, und ich war vergn&uuml;gt. Ich sank nieder von
+Schwei&szlig; und Staub bedeckt, mein gutes treues Ro&szlig;
+starb noch an demselben Abend, <span class="wide">Roxanens</span> L&auml;cheln
+dankte mir, und ich war vergn&uuml;gt. O f&uuml;r sie h&auml;tte
+ich die hei&szlig;en Ebnen &Auml;thiopiens mit nackten F&uuml;&szlig;en durchmessen,
+f&uuml;r sie h&auml;tte ich unbedeckt den Schnee des Caucasus
+erklettert. Ach ich tr&auml;umte eine so heitre goldne
+Zukunft in ihren Armen; mein Freund starb, sie trauerte
+mit mir, aber ach, sie gab ihre Hand einem andern,
+denn er war reicher als ich; vorgestern ward ihre Verm&auml;hlung
+gefeiert, jeder Trompetensto&szlig;, der aus der
+Ferne mein Ohr erreichte, jeder Klang der Cymbeln,
+jeder ferne Donner der Pauken, stie&szlig; einen gl&uuml;henden
+Dolch durch meine Brust; in der Mitternacht verlie&szlig; ich
+Bagdad kalt und stumm, verlie&szlig; den Ort, wo jeder
+Baum, wo jedes Haus, verflossene frohe Scenen in
+meine Seele zur&uuml;ckriefen, die Sonne war f&uuml;r mich auf
+ewig untergegangen; ich ging fort ohne zu wissen wohin,
+endlich kam ich zu deiner gl&uuml;cklichen Einsamkeit.
+Edler Greis, o h&ouml;re meine hei&szlig;e Bitte, es ist der einzige
+Wunsch, der mir zur&uuml;ckblieb, la&szlig; mich an deiner
+Seite, im Schoo&szlig;e der Ruhe und der Einsamkeit, meine
+&uuml;brigen Tage verleben; ach, die Einsamkeit hat ja Trost
+f&uuml;r so manche Leiden, sie trocknet so manche Z&auml;hre, wiegt
+so manchen Kummer ein; hier in diesem gl&uuml;cklichen
+Thale will ich den Traum meiner Jugend noch einmal
+tr&auml;umen, hier will ich weinen, wenn ich erwache. La&szlig;
+mich bei dir wohnen, jedes Band, das mich an die
+Menschheit fesselte, ist gerissen, jede Freude hat der Ostwind
+von dort weggeweht, sie sind alle hier auf diesen
+Bergen hingestreut, la&szlig; sie mich hier wiedersuchen; la&szlig;
+sie mich wiederfinden, Greis, denn beim Barte des
+Propheten! ich kann nie unter Menschen wieder gl&uuml;cklich
+sein. &mdash; Aber warum gl&auml;nzen Thr&auml;nen in deinen
+Augen und verlieren sich in die Silberwellen deines
+Bartes? Woher diese Seufzer, die deine Brust erheben?
+Woher diese fliegende R&ouml;the auf deinen Wangen?</p>
+
+<p><span class="wide">Greis.</span> Ach, <span class="wide">Almansur!</span> &mdash; deine Worte haben
+meinen entschlafenen Kummer erweckt, ich hielt ihn f&uuml;r
+todt, aber er schlief nur. &mdash; O J&uuml;ngling, du hast den
+Morgentraum meiner Jugend, meiner Phantasie wieder
+vor&uuml;bergef&uuml;hrt. &mdash; Ein &auml;hnlich Schicksal f&uuml;hrte mich
+hierher; ach, <span class="wide">Fatime!</span> diese Thr&auml;nen flie&szlig;en dir! dieser
+Seufzer fliegt zu dir! Vor meinen Augen webt sich
+die Vergangenheit noch einmal hin, sie gl&auml;nzt im Sonnenschein,
+eine Nebelwolke verfinstert sie auf ewig. &mdash; O
+<span class="wide">Almansur,</span> bewohne mit mir diese H&uuml;tte, trinke
+mit mir von meiner Milch, la&szlig; uns beide in den Schatten
+eines Baumes ruhn. Ach, ich will denken, du
+seist mein Sohn, denke du, ich sei dein Vater. J&uuml;ngling,
+du bist mir theuer geworden, theile mit mir was
+ich habe, wir wollen wie die Sonne des Tages, wie
+der Mond der Nacht, in sch&ouml;ner Gleichf&ouml;rmigkeit unser
+Leben verflie&szlig;en sehn, wollen sehn, wie sich unser Leben
+in einem Kreise dreht, so leben, wie eine Welle best&auml;ndig
+um ihr gr&uuml;nes Eiland murmelnd flie&szlig;t; beide bewundern
+wir nun den Aufgang der Sonne, wir beide sehn
+ihrem Scheiden nach, du hilfst mir Blumen in meinem
+G&auml;rtchen pflanzen, du begie&szlig;est sie mit mir am Abend,
+du brichst mit mir das Obst von den Zweigen und
+freust dich mit mir des Fr&uuml;hlings und Sommers: Jeden
+Wandrer, der seinen Weg verfehlte, wollen wir mit
+Speise und Trank erquicken, und ihn dann auf die
+rechte Stra&szlig;e f&uuml;hren; dem Trauernden wollen wir den
+Balsam des Trostes reichen, vor dem Fr&ouml;hlichen unsern
+Kummer in unsrer Brust verschlie&szlig;en. Wir erz&auml;hlen
+uns dann die Geschichte unsrer verflossenen Jahre, wir
+tauschen unsre Erfahrungen gegen einander ein, ich lerne
+jeden Baum kennen, der dir einst m&auml;chtig war, du
+beschreibst mir deine vorige Wohnung so genau als wollte
+ich sie morgen beziehn, ich sage dir von jedem Bache,
+bei dem ich mich einst freute oder Thr&auml;nen vergo&szlig;, ich
+zeichne dir jeden Gang in meines Vaters Garten, jede
+Rosenhecke, jeden Apfelbaum; so lebe ich in deiner vorigen
+Welt, du in der meinigen, oder wir sitzen am
+Abend unter dieser Cypresse und sehen wie sich der Mond
+auf jeder Welle wiegt, wie sich jene Ulme im Wasser
+spiegelt, wie ihre Zweige zittern, und durch ihr finstres
+Laub die Sterne gebrochen flimmern; wir erz&auml;hlen uns
+wunderbare M&auml;hrchen so vertraut als w&auml;ren es die allt&auml;glichsten
+Dinge; wir tr&auml;umen uns unser Leben nach
+dem Tode, bauen luftige Schl&ouml;sser und reissen sie wieder
+ein; so leben wir, bis der Tod mir immer n&auml;her
+und n&auml;her schleicht und mich unvermerkt aus deinen
+Armen f&uuml;hrt, dann h&auml;ufest du mir einen Grabh&uuml;gel unter
+jener Cypresse, die ich selber pflanzte, dann bewohnest
+du meine H&uuml;tte allein, dann sitzest du ohne mich vor
+dem Eingange, dann denkst du beim Schimmer des
+Mondes an den gestorbenen <span class="wide">Abdallah,</span> dann brichst
+du das Obst allein, und pflanzest Blumen ohne meine
+H&uuml;lfe, dem verirrten Pilger zeigst du das Gras auf
+meinem Grabe und sagst zu ihm: hier ruht ein biedrer
+Greis! dann sitzest du einsam in der kleinen H&uuml;tte und
+h&ouml;rst den Regen gegen die Fenster schlagen, bis ich deinem
+Geiste mit einem Lichtkranze entgegenfliege.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="Das_grune_Band" id="Das_grune_Band"></a><span class="wide">Das gr&uuml;ne Band.</span></h2>
+
+<div class="center">
+<p class="noindent"><span class="wide">Eine Erz&auml;hlung.</span><br /><br />
+1792.</p>
+</div>
+
+<p>Durch die Th&auml;ler und &uuml;ber die Wiesen wandelte der
+graue Nebel; &uuml;ber einen Tannenhain blickte die Sonne
+noch einmal aus Westen auf die Fluren zur&uuml;ck, die
+sie itzt verlassen wollte; in den Wipfeln eines einsamen
+Geb&uuml;sches begann die Nachtigall ihr Lied, und das
+Murmeln eines kleinen Baches ward h&ouml;rbarer: als &uuml;ber
+die Haide eine Schaar von Kriegern gegen die Veste
+<span class="wide">Mannstein</span> zog. Der letzte goldne Schein der Sonne
+flog zitternd die sch&ouml;npolirten R&uuml;stungen auf und ab,
+durch die abendliche Stille t&ouml;nte laut der Huftritt ihrer
+Rosse. &mdash; Da schmetterte von der Zinne der Burg
+eine fr&ouml;hliche Trompete, und weckte mit ihren T&ouml;nen
+den Widerhall am Tannenberge; die Zugbr&uuml;cke lie&szlig;
+sich nieder, und <span class="wide">Friedrich von Mannstein</span> zog mit
+seiner Schaar in seine Veste, wo sein Hausgesinde sich
+um ihn her dr&auml;ngte, um ihm Gl&uuml;ck zu w&uuml;nschen, da&szlig;
+er aus der Fehde wohlbehalten zur&uuml;ck gekehrt sey.</p>
+
+<p>Kaum war der Ritter von seinem Rosse gestiegen,
+als seine Tochter auf ihn zueilte und in die Arme ihres
+Vaters sank. &raquo;Meine <span class="wide">Emma!</span>&laquo; rief Friedrich, &raquo;bist
+du wohl? Gottlob, da&szlig; ich dich wiedersehe!&laquo; &mdash; &raquo;Kommt
+Ihr wohlbehalten zur&uuml;ck?&laquo; sprach sie, indem
+sie sch&uuml;chtern um sich blickte und sich etwas aus den
+Armen ihres Vaters zur&uuml;ck bog. &mdash; &raquo;Habt Ihr viele
+von euren Leuten verloren?&laquo; &mdash; &raquo;Ja,&laquo; antwortete
+<span class="wide">Friedrich,</span> &raquo;zw&ouml;lf, und unter diesen einen meiner
+treusten Diener.&laquo; &mdash; &raquo;Doch nicht&laquo; &mdash; fiel <span class="wide">Emma</span>
+schnell ein, &mdash; der Name <span class="wide">Adalbert</span> zitterte auf ihren
+Lippen, sie ward bleich, &mdash; &raquo;doch nicht &mdash; <span class="wide">Wilibald</span>?&laquo;
+sagte sie, indem sie eine unwillk&uuml;hrliche Thr&auml;ne in ihr
+Auge zur&uuml;ckzw&auml;ngte.</p>
+
+<p>Eben diesen, erwiederte der Vater; der Alte hielt
+sich wacker, &mdash; aber er fiel, &mdash; er hat sein Leben
+r&uuml;hmlich beschlossen. Wohl jedem Kriegesmanne, der
+so wie er stirbt! &mdash; Ich werde seinen Verlust f&uuml;hlen;
+ich liebte ihn, als w&auml;r' er mein Bruder. &mdash; Aber komm
+in die Burg, liebe Tochter, der Nebel h&auml;ngt schon kalt
+und feucht in den Wipfeln der B&auml;ume, dein Haar
+flattert in der k&uuml;hlen Abendluft; mich d&uuml;nkt, du siehst
+bleich aus, &mdash; du bist doch wohl?</p>
+
+<p>Ihr seid ja wieder hier, antwortete sie schnell.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Ritter!&laquo; sprach ein Knappe, der aus dem
+Schlo&szlig;hofe trat, &raquo;wollt Ihr nicht in die Burg gehn?
+Euer Waffenbruder <span class="wide">Konrad von Burgfels</span> harrt
+Eurer drinnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Konrad? Er sei mir willkommen!&laquo; rief Friedrich,
+und ging in den Schlo&szlig;hof; Emma, die Hausgenossen
+und sein Knappe Adalbert folgten ihm. &mdash; Adalberts
+und Emma's Blicke fanden sich. &mdash; Wie viel sagten
+sie sich nicht in diesem Blick! &mdash; Die Freude sich wiederzusehn,
+Dank f&uuml;r die Rettung, z&auml;rtliche Besorgni&szlig;, &mdash; die&szlig;
+und hundert Fragen und hundert Antworten
+lagen in diesem einzigen Blicke. &mdash; Adalbert f&uuml;hrte
+sein treues Ro&szlig; in den Stall, Emma ging langsam
+aber heiter die Wendeltreppe hinan, blickte aus dem
+runden Fenster noch einmal in den Hof hinab, und begab
+sich dann in ihr Gemach.</p>
+
+<p>Der wackre Konrad eilte dem Ritter Friedrich entgegen
+und schlo&szlig; ihn froh in seine Arme. &mdash; &raquo;Gottlob!&laquo;
+rief er, &raquo;da&szlig; ich dich einmal wiedersehe! &mdash; Du
+kommst aus einer Fehde mit <span class="wide">Manfred?</span>&laquo;</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Ja, Freund! und du?</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Woher? F&uuml;r mich, wei&szlig;t du ja, giebt's
+schon lange keine Fehden mehr! ich komme von meinem
+alten einsamen Schlosse. &mdash; Seit mein <span class="wide">Karl</span> nicht
+mehr da ist, sieht es so &ouml;de und verlassen aus. Stehe
+ich auf dem Altan, oder sehe ich aus den Bogenfenstern,
+so mu&szlig; ich immer wider Willen nach dem Berge hinsehn,
+hinter welchem er zuletzt verschwand; die eisernen
+Fahnen auf der Burg rufen mir immer den Namen
+Karl zu, und mu&szlig; dann jedesmal an den Tod denken. &mdash; Ach!
+es ist traurig, Freund, wenn man alt wird,
+der Tummelplatz unsrer W&uuml;nsche wird dann so eng,
+wir k&ouml;nnen nur noch wenig hoffen, &mdash; aber die&szlig; wenige
+w&uuml;nschen wir mit einer Sehnsucht, mit einer
+Wehmuth &mdash; So lange sich mein Sohn in Pal&auml;stina
+unter den Ungl&auml;ubigen herumtummelt, werde ich dich
+&ouml;fter auf deiner Burg heimsuchen, die Einsamkeit macht
+mich traurig.</p>
+
+<p>Sie waren inde&szlig; in den Saal getreten. &mdash; &raquo;Setz
+dich, Freund!&laquo; sprach Friedrich, &raquo;ich habe dich schier
+verkennen gelernt, Konrad sa&szlig; lange nicht auf jenem
+Sessel.&laquo;</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Es soll von itzt an &ouml;fter geschehen. &mdash; Du
+hast ihn geschlagen?</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Den r&auml;uberischen Manfred, &mdash; ja &mdash; Zw&ouml;lf
+meiner besten Leute hab' ich verloren, es war
+ein hitziges Gefecht. &mdash; Mein Knappe Adalbert, du
+wirst ihn kennen, hat sich heute wie ein wackrer Mann
+gezeigt, ohne ihn stand es so so &mdash; wir waren schon
+einmal zur&uuml;ckgetrieben, &mdash; ich sage dir, es wird ein tapfrer
+Ritter, ich will meinen Stolz an ihm erziehn. &mdash; Bringt
+Wein, Buben!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Buben brachten Wein, und die Ritter tranken.</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Wir leben in unsern Nachkommen wieder
+auf; ich hoffe, mein Karl soll dem Namen Burgfels
+keine Schande machen.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Das wird er nicht. Welch ein gl&uuml;cklicher
+Vater bist du! Es war mein t&auml;gliches Gebet zu
+Gott, mir einen Sohn zu schenken, der mir einst die
+Augen zudr&uuml;ckte, der nach meinem Tode auf meiner
+Burg hau&szlig;te, der &mdash; doch, wir wollen ja nicht traurig
+sein.</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Du hast es auch nicht Ursach, der weise
+Himmel erh&ouml;rte dein Gebet vielleicht darum nicht, um
+dir Jammer zu ersparen. &mdash; Du wei&szlig;t nicht, wie wehe
+der Kummer um einen geliebten, oder gar einzigen
+Sohn der Brust des Vaters thut. Man gew&ouml;hnt sich
+fr&uuml;h an Gram. &mdash; Bald siehst du den Knaben auf
+einen schroffen Felsen klettern, und zitterst bei jedem
+Schritte; der J&uuml;ngling kommt nicht von der Jagd
+zur&uuml;ck, und bei jedem Wiehern, bei jedem Hufschlag
+eines Rosses eilst du ans Fenster, aber er ist es nicht,
+dein schlafloses Auge starrt erwartend durch das Dunkel
+der Nacht, &mdash; und wenn du ihn gar fern von
+dir wei&szlig;t, im Gew&uuml;hl der Schlachten, &mdash; erst als Vater
+macht der Ritter mit der Furcht Bekanntschaft. &mdash; Alle
+Freuden seines vorigen Lebens, jede seligverflossene
+Stunde, jede sch&ouml;ne Erinnerung, das Gl&uuml;ck der Vergangenheit
+und Zukunft flicht der Greis in <span class="wide">einen</span>
+freudenreichen Kranz und schlingt ihn um den Helm
+des J&uuml;nglings, &mdash; ach! und wie viel tausend Schwerter
+k&ouml;nnen diesen Kranz zerreissen. Wir setzen unser
+ganzes Verm&ouml;gen auf <span class="wide">einen</span> Wurf, und in jedem
+Augenblicke m&uuml;ssen wir zittern, zu verarmen. &mdash; Es
+ist warlich besser der Vater einer hoffnungsvollen Tochter
+sein!</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Du bist undankbar gegen das g&uuml;tige
+Schicksal. &mdash; Den Knaben zum J&uuml;ngling werden sehn,
+in jeder seiner Thaten sich selbst wiederfinden, &mdash; nenne
+mir eine Freude, die gr&ouml;&szlig;er sei, als diese. &mdash; Und
+wenn er nun zur&uuml;ckkehrt, wenn er nun von jenem
+Berg wieder heruntersprengt, vor ihm her der Ruhm,
+hinter ihm der Jubel des Volks, in seiner Rechten eine
+erbeutete Fahne, wenn er nun so in deine Arme eilt,
+wie dann?</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad</span> <i><small>der sich die Augen trocknet</small></i>. Dann? &mdash; Nun
+dann will ich dir Recht geben, aber eher nicht.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Immer find' ich doch noch in dir
+den alten Konrad wieder, der jedesmal im Wort- und
+Lanzenkampf das Feld behalten mu&szlig;. &mdash; Trink! sto&szlig;
+an! auf den Ruhm deines Sohnes!</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Und das Gl&uuml;ck deiner Tochter!</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Denkst du, da&szlig; ich f&uuml;r sie unbek&uuml;mmert
+bin? &mdash; Wollen wir mit unsern Kindern tauschen,
+Konrad?</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Freund und Waffenbruder! &mdash; ein Gedanke
+k&ouml;mmt mir wieder, den ich schon oft dachte, wenn
+ich des Nachts in meiner einsamen Kammer schlaflos
+lag, und der Wind um den Schlo&szlig;thurm sau&szlig;te, &mdash; sei
+du der Vater meines Sohnes, deine Tochter sei
+mein, doch so, da&szlig; keiner von uns das Recht auf sein
+Kind verliert.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Topp, alter Freund! &mdash; Da hast
+du die Hand eines Ritters, der noch nie sein Wort
+brach! &mdash; Bei Gott und Ritterehre! keiner als dein
+Karl soll der Gatte meiner Tochter werden, &mdash; nur
+mu&szlig; er mit Ehre zur&uuml;ckkehren.</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Das wird er, wenn er zur&uuml;ckkehrt,
+daf&uuml;r la&szlig; dir den alten Konrad b&uuml;rgen. Mit Ruhm,
+oder nie sehn wir ihn wieder.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Alter Freund! der Wein hat mich
+sehr froh gemacht. &mdash; Welch eine liebliche Zukunft seh'
+ich emporbl&uuml;hen! &mdash; Allenthalben winkt die sch&ouml;nste
+Blume des Lebens: Vaterfreude! &mdash; In diesem Garten
+wollen wir ruhen, bis wir in einen noch sch&ouml;nern
+hin&uuml;berschlummern.</p>
+
+<p>Die Alten dr&uuml;ckten sich schweigend die Hand, ihre
+Freude war eine wehm&uuml;thige geworden; ein Paar gro&szlig;e
+Thr&auml;nen fielen schwer aus ihren Augen, die sie in
+einem sch&ouml;nen Irrthum f&uuml;r Freudenthr&auml;nen hielten. Sie
+merkten nicht, da&szlig; sie der bange Zweifel erzeugte: &raquo;Werden
+diese Tr&auml;ume in Erf&uuml;llung gehn?&laquo;</p>
+
+<p>Sie sa&szlig;en noch lange zusammen im traulichen Gespr&auml;ch,
+und erz&auml;hlten sich noch einmal die Geschichte
+ihrer Jugend und ihres m&auml;nnlichen Alters. Die Gesichter
+der Greise gl&uuml;hten voll Jugendkraft, beide verga&szlig;en,
+da&szlig; sie Greise waren.</p>
+
+<p>Die Mitternachtstunde rief sie endlich von ihrem
+Gespr&auml;che ab, jeder ging heiter in sein Schlafgemach.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Alles schlief schon in der Burg, der aufgehende
+Mond brach seine d&auml;mmernde Strahlen durch die Bogenfenster;
+eine heilige Stille schwebte &uuml;ber Flur und
+Wald mit leisem langsamen Fluge, nur die Burgglocke
+t&ouml;nte durch die feierliche Einsamkeit: als die leisegezogenen
+Schritte Emma's l&auml;ngst den W&auml;nden des gro&szlig;en Ganges,
+der die Zimmer der Burg theilte, hinrauschten.
+Sie hatte Adalbert in der Ferne gesehn, und schien
+ihm itzt wie von ungef&auml;hr zu begegnen.</p>
+
+<p>Beide blickten sich froh in's Auge, denn sie wurden
+itzt von keinem &Uuml;berl&auml;stigen beobachtet. &raquo;Meine Emma!&laquo;
+rief Adalbert aus, und schlo&szlig; das M&auml;dchen rasch in
+seine Arme.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du endlich wieder da?&laquo; fing Emma an, &mdash; &raquo;O!
+w&uuml;&szlig;test du, wie vielen Kummer du mir inde&szlig;
+gemacht hast, die ganze Burg war mir inde&szlig; so eng
+wie ein Gef&auml;ngni&szlig;, die Flur war f&uuml;r mich ein Klosterzwinger,
+denn Berge und W&auml;lder schlossen mich ja
+ringsum ein und trennten mich von dir. &mdash; Der Garten
+schien mir &ouml;de und finster, das Blaue des Himmels
+hing d&uuml;strer als sonst &uuml;ber meinem Haupte &mdash; sage
+mir doch, &mdash; was hat itzt alles wieder so hell und frei
+gemacht?&laquo;</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Die Sonne der Liebe, Emma!</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Dein sch&ouml;nes Auge, Adalbert! &mdash; Ach!
+wie viel hab' ich um dich gelitten, itzt erst wei&szlig; ich es,
+wie theuer, wie unentbehrlich du mir bist. Best&auml;ndig
+hab' ich an dich gedacht, und wenn meine Phantasie
+auch noch so fern umherschw&auml;rmte, so war die R&uuml;ckkehr
+zu dir, ihrer lieben Heimath, doch stets das n&auml;chste:
+der Gedanke, der der fernste schien, war doch unmittelbar
+eins mit der Liebe. &mdash; Bei Dingen, wobei ich bis
+itzt nichts dachte, dacht' ich sehr viel, Vergangenheit,
+Zukunft und &mdash; dich! &mdash; Ich schwatze, lieber Adalbert!
+aber die Freude ist ja geschw&auml;tzig.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Und welcher Liebende h&ouml;rte die&szlig; Geschw&auml;tz
+nicht gern?</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Neulich ging ich jenen verdorrten Baum
+vor&uuml;ber, &mdash; ich bin vor ihm hundertmal vor&uuml;bergegangen,
+aber nicht mit diesem sonderbaren Gef&uuml;hl &mdash; ich
+dachte pl&ouml;tzlich an jenes Jahr, in welchem er noch
+gr&uuml;nte; ich war noch ein Kind, als ich einst an ihn
+gelehnt die Fr&uuml;hlingsflur &uuml;berschaute; &mdash; er bl&uuml;hte
+damals so sch&ouml;n, die Sonne gl&auml;nzte so hell in seinen
+zitternden Bl&auml;ttern, o! wie fr&ouml;hlich war ich damals, &mdash; die
+ganze Natur und der Baum schien mit mir fr&ouml;hlich; &mdash; itzt
+stand er da, als wenn er mich traurig ans&auml;he,
+als wenn es ihn schmerzte, da&szlig; er nicht mehr fr&ouml;hlich
+seyn k&ouml;nnte. &mdash; Wie ganz anders war itzt alles um
+mich her als ehemals, und doch war mir diese Erinnerung
+nur wie von gestern. &mdash; Ach! Adalbert! da
+dacht' ich an dich und mich.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Du erschreckst mich, Emma! ich war
+so heiter, du hast mich traurig gemacht.</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Du glaubst nicht, Adalbert! wie sonderbar
+mir in diesem einzigen Augenblicke die Welt vorkam;
+die Vergangenheit schien mir ein Traum, die Zukunft
+ein Schatten. &mdash; Wie der Fr&uuml;hling entflieht
+dein Gl&uuml;ck, sagte mir der ernste Baum; du wirst bald,
+sehr bald ungl&uuml;cklich sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Verjage diese schwarze Ahnungen,
+la&szlig; diese grausamen Spiele deiner Einbildung! &mdash; Emma
+kann, darf nicht ungl&uuml;cklich sein!</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Da&szlig; sie es kann, empfand ich in jedem
+Augenblicke deiner Abwesenheit. &mdash; Ach Adalbert! ich
+fange an zu glauben, da&szlig; Ungl&uuml;ck sehr wohlfeil sei,
+und ich will mich an diesen Gedanken gew&ouml;hnen.</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Du hast Recht. &mdash; Ungl&uuml;ck ist ja
+der Preis, um den wir unser weniges Gl&uuml;ck in diesem
+Leben erkaufen m&uuml;ssen. &mdash; Du seufzest, Emma? &mdash; Himmel!
+du weinst? &mdash; O! ich verstehe diese Seufzer,
+diese Thr&auml;nen. &mdash; K&ouml;nnt' ich doch das Schicksal
+fragen: Wird Emma einst die Meinige?</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Um gewisses Ungl&uuml;ck f&uuml;r ungewisse Hoffnungen
+einzutauschen? La&szlig; sie ungewi&szlig; seyn, es sind
+doch immer Hoffnungen.</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Und werden diese Hoffnungen nie
+Verzweiflung werden? Wird diese sch&ouml;ne Frucht nie
+vertrocknet vom Baume fallen? &mdash; Ach, Emma! &mdash; der
+Winter k&ouml;mmt endlich: und Sommer und Herbst
+sind nur ein sch&ouml;ner Traum gewesen. &mdash; Wie dann?</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Dann laben wir uns an der Erinnerung
+dieses sch&ouml;nen Traums, wie Kinder, die im Finstern
+erwacht sind und gern wieder einschlafen m&ouml;chten.</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Emma! wird dein Vater je den armen
+verwaisten Knappen Adalbert, der nichts als sein Schwert
+besitzt, mit deiner Hand begl&uuml;cken? &mdash; Er, der Herr
+so vieler Burgen, der Besitzer gro&szlig;er Sch&auml;tze? Wird
+er das je?</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Willst du denn, da&szlig; ich durchaus sagen
+soll: ich glaube es nicht. &mdash; Doch warum wollen wir
+nur immer zweifeln? &mdash; Er hat dich erzogen, er liebt
+dich wie seinen Sohn, er sch&auml;tzt deine Tapferkeit &mdash; Adalbert!
+wir wissen ja nicht, was die folgende Stunde
+gebiert, warum wollen wir denn &uuml;ber k&uuml;nftige Jahre
+hinwegschauen? &mdash; Trage von itzt an die&szlig; gr&uuml;ne Band
+um deinen Arm, es erinnert dich vielleicht im Kampfe,
+dein Leben nicht unn&ouml;thig zu wagen.</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Gr&uuml;n ist die Farbe der Hoffnung.</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Und die Meinige. Verlier' es nie, es
+sei dir ein Unterpfand meiner ewigen Liebe und Treue.</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Auch wenn die Farbe verbleicht ist?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Auch dann.</p>
+
+<p>Itzt rauschte die Th&uuml;r eines Gemachs, die beiden
+alten Ritter traten heraus; ein stummer H&auml;ndedruck,
+und Adalbert und Emma schieden.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Alles war wieder laut und gesch&auml;ftig in der Burg,
+die Sonne war schon seit einigen Stunden aufgegangen,
+als vor den Thoren von Mannstein ein Ritter hielt, und
+begehrte eingelassen zu werden. Die Thore &ouml;ffneten
+sich, im Burghofe stieg er ab, und ward dann in den
+Saal zum alten Friedrich gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Friedrich ging ihm entgegen, lie&szlig; ihn sich niedersetzen,
+befahl ihm einen Becher Wein zu reichen, und fragte
+dann, was sein Begehr sei?</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ein Abgesandter,&laquo; begann der fremde Ritter.</p>
+
+<p>&raquo;So seid mir in meiner Burg nochmals willkommen!&laquo;
+sprach Friedrich &mdash; &raquo;Aber wer sendet Euch?&laquo;</p>
+
+<p><span class="wide">Ritter.</span> Der Ritter <span class="wide">Manfred,</span> der Euch wohl
+bekannt sein wird.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Was verlangt er?</p>
+
+<p><span class="wide">Ritter.</span> Er ist gesonnen seine Fehde mit euch zu
+endigen, Frieden zu schlie&szlig;en und Euer Freund zu werden.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Mein Freund?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ritter.</span> Aber nur unter einer Bedingung &mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Sie ist?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Ritter.</span> Eure sch&ouml;ne Tochter!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Friedrich sprang auf, schlug unwillig mit der Hand
+auf den Tisch und blickte den Ritter zornig an. Dann
+ging er lange mit gro&szlig;en Schritten auf und ab. &mdash; Endlich
+stand er still, sah den Ritter noch einmal lange
+und bedeutend an, und sprach dann mit lauter, starker
+Stimme, die zuweilen nur von einer unterdr&uuml;ckten
+Wuth zitterte: &raquo;Geht zur&uuml;ck, Ritter! und sagt dem
+sch&auml;ndlichen Manfred, da&szlig; eher meine Burg in Tr&uuml;mmern
+st&uuml;rzen soll, da&szlig; ich lieber mit eigner Hand meine
+Tochter ermorden, als in seinen Armen wissen will. &mdash; Ein
+Ritter, kein Meuchelm&ouml;rder, soll ihr Gemal werden;
+unsre Fehde ist nicht geendet, kann nicht geendet
+sein, denn es ist die Pflicht jedes braven Ritters, R&auml;uber
+zu vertilgen, und ein R&auml;uber ist Manfred. &mdash; Sagt
+ihm nur, ich habe es nicht vergessen, wie er
+meuchlings den Grafen von Otterfeld gemordet, wie
+durch ihn des Edeln von L&ouml;wenau Burgen und L&auml;ndereien
+widerrechtlich gepre&szlig;t werden; sagt ihm, da&szlig;
+mein Schwert noch nicht in der Scheide ruhe, sondern
+bereit sei, den Kampf zu erneuen. &mdash; Will er Euch
+nicht glauben, so mag er sich von mir selbst die Antwort
+im Blachfelde holen.&laquo;</p>
+
+<p>Schweigend stand der Ritter auf, schwang sich auf
+sein Ro&szlig;, und jagte hinweg ohne nur einen Blick nach
+der Burg zur&uuml;ckzuwerfen.</p>
+
+<p>Friedrich ging noch lange auf und ab, bis sich sein
+Ingrimm in einem freundschaftlichen Gespr&auml;che mit
+Konrad von Burgfels nach und nach verlor.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Am Abend hatten Konrad und Friedrich schon die
+Gesandtschaft Manfreds vergessen. Der Wein machte,
+da&szlig; sie in der Zukunft, welche sie sich ertr&auml;umten, allenthalben
+nur Gl&uuml;ck und Freude sahen, und dadurch harmlos
+und unbefangen die traurige Wahrheit verga&szlig;en:
+da&szlig; jeder Augenblick ein Ungl&uuml;ck erzeugen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Emma stand inde&szlig; an einem Bogenfenster und blickte
+in die sch&ouml;ne Gegend hinaus, welche der Mond beleuchtete.
+Sie tr&auml;umte sich in die Zukunft hin&uuml;ber, tausend
+angenehme Gebilde flogen vor ihrer Seele auf, in denen
+sie stets sich an der Seite ihres Adalberts erblickte.</p>
+
+<p>Die Luft wehte warm und lieblich. Ein sanftes
+Rauschen ferner W&auml;lder rief das Andenken der Vergangenheit
+in ihre Seele zur&uuml;ck. Um sich diesem Gef&uuml;hle
+ganz zu &uuml;berlassen, schlich sie sich langsam auf den
+Altan der Burg und sah itzt mit jenem ruhigen Entz&uuml;cken
+auf ihre v&auml;terlichen Fluren herab, mit dem der
+Liebende den Abendschein der Erinnerung vorigen Gl&uuml;cks
+betrachtet.</p>
+
+<p>Itzt schwebte der Mond noch eben &uuml;ber einen fernen
+H&uuml;gel, nun sank er langsam, und ein blasser zitternder
+Glanz &uuml;berflog noch einmal die Eichenw&auml;lder, dann
+standen sie ernst und finster da; die fernsten westlichen
+Wolken tauchten sich im Vor&uuml;berschweben in einen bleichen
+goldenen Schimmer, und bald lag die ganze Gegend
+in Dunkel eingeh&uuml;llt, finster und schauerlich, wie die
+Zukunft dem, der Ungl&uuml;ck ahndet.</p>
+
+<p>&raquo;O Bild des Gl&uuml;cks!&laquo; rief Emma aus.&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;So
+stirbt die letzte Hoffnung auf dem Grabe des Geliebten,
+so welkt die letzte Blume im Kranze menschlicher Freuden,
+so weht der Sturm die letzte Bl&uuml;the vom verdorrenden
+Baum.&laquo;</p>
+
+<p>Eine heisse Thr&auml;ne stieg langsam in ihr Auge.</p>
+
+<p>Alles war still und feierlich, der Wind schwieg itzt,
+schwarze Wolken hingen ernst unter dem Glanze der
+Sterne &uuml;ber fernen W&auml;ldern, und schon begann die
+Eule ihr einsames Klagelied aus der Felsenh&ouml;le &mdash; da
+braust es wie ein Waldstrom aus der Ferne, es rauscht
+daher wie ein Schwarm Gespenster, die durch den Eichenforst
+fahren, &mdash; ein unwillk&uuml;hrlicher Schauer zitterte
+langsam &uuml;ber Emma's K&ouml;rper hin.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Wie Hufschlag von Rossen kam es itzt n&auml;her, wie
+ein Klang von Harnischen. &mdash; Wie sich um den Felsen
+eine schwarze Wolke schleicht, so lenkte itzt eine d&uuml;stre
+Schaar um die Mauer der Burg.</p>
+
+<p>Emma wollte zur&uuml;ck und in das Gemach ihres Vaters
+eilen, aber sie f&uuml;hlte sich zu schwach, eine unbekannte
+Macht hielt sie gewaltsam zur&uuml;ck, sie dr&auml;ngte sich bebend
+in die Ecke des Altans.</p>
+
+<p>Itzt schwebte es &uuml;ber den Wall her&uuml;ber, &mdash; schon
+rauschte es durch den Graben der Burg &mdash; da schmetterte
+pl&ouml;tzlich laut und furchtbar von der Zinne der
+Burg die Trompete des Thurmw&auml;chters, und Emma
+schrak heftig zusammen.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich kam die ganze Burg in Bewegung, die
+Sturmglocke hallte f&uuml;rchterlich, Panzer rasselten, Pferde
+wieherten, Tritte dr&ouml;hnten laut durch alle S&auml;le, Stimmen
+schallten verwirrt durch einander, &mdash; ihr war, wie
+in einem Traume, gro&szlig;e Tropfen der Angst standen
+auf ihrer Stirn, und ihre Bangigkeit stieg endlich so
+hoch, da&szlig; sie mit einem schmerzhaften Vergn&uuml;gen die
+Entwickelung dieses f&uuml;rchterlichen Traums erwartete.</p>
+
+<p>Noch einmal schrie alles pl&ouml;tzlich laut durcheinander,
+R&uuml;stungen erklangen, Schwerter klirrten, dann eine
+kurze Stille, die von einem neuen Geschrei unterbrochen
+wurde, die Krieger w&uuml;theten wie zwei Gewitter gegeneinander. &mdash; Itzt
+h&ouml;rte sie Adalberts Gang, er ging
+durch die S&auml;le, den Altan vor&uuml;ber, sie wollte seinen
+Namen ausrufen, aber kein Ton stand ihr zu Gebot.</p>
+
+<p>Als er vor&uuml;ber war, rief sie laut: &raquo;Adalbert!&laquo; &mdash; Aber
+er konnte diesen Ruf nicht mehr vernehmen. Sie
+raffte sich gewaltsam auf, und floh eilig durch die S&auml;le,
+bleich und zitternd eilte sie durch die einsame Burg, in
+welche aus der Ferne der Kampf dumpf herauft&ouml;nte;
+sie rannte durch eine verborgene Th&uuml;r, eilte &uuml;ber die
+niedergelassene Zugbr&uuml;cke nach dem offenen Felde, wo
+ihr die Sterne bleich und erschrocken &uuml;ber ihrem Haupte
+zu flimmern schienen.</p>
+
+<p>Hier setzte sie sich auf einen kleinen H&uuml;gel nieder,
+und sah nach der Burg zur&uuml;ck, die wie in Nebelwolken
+eingeh&uuml;llt da lag. &mdash; Das Schmettern der Trompeten
+t&ouml;nte durch die ruhige Nacht, weithin flog der laute
+Klang &uuml;ber Berge und W&auml;lder, gebrochen schmetterte
+der Widerhall am fernen Felsen die T&ouml;ne nach, die
+dann verhallten und wie im Gebrause des Kampfs
+versanken.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Schein von Fackeln sprang itzt durch das
+Dunkel der Nacht, Schatten flohen hin und her, Nacht
+und Helle k&auml;mpften mit einander, alle Schrecken boten
+sich die Hand, und schwebten furchtbar vor Emmas
+Auge, die endlich das Gesicht mit den H&auml;nden verdeckte.</p>
+
+<p>Das Ger&auml;usch des Kampfes kam ihr n&auml;her, Krieger
+flohen ihr dicht vor&uuml;ber, andre sanken verfolgt zu
+Boden, sie h&ouml;rte das R&ouml;cheln der Todesangst und schauderte
+noch st&auml;rker.</p>
+
+<p>Ein Ritter eilt daher, der Fl&uuml;chtlinge verfolgt, sie
+springt auf und st&uuml;rzt athemlos in seine Arme! &mdash; Es
+war Adalbert.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Adalbert! Adalbert!&laquo; ruft sie mit bebender Stimme
+und dr&uuml;ckt sich fast ohne Bewu&szlig;tsein an seine
+Brust, &mdash; &raquo;rette mich!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Manfred siegt!&laquo; rief er w&uuml;thend aus, &raquo;aber ein
+guter Engel lie&szlig; mich dich finden, meinen Muth zu
+st&auml;rken. &mdash; Zur&uuml;ck in den Kampf! &mdash; Ha! die Meutrer! &mdash; die
+Burg brennt!&laquo;</p>
+
+<p>Er lie&szlig; sie sanft nieder, und st&uuml;rzte wild hinweg.</p>
+
+<p>Emma schlo&szlig; die Augen, denn sie h&ouml;rte noch immer
+die schrecklichen Worte: die Burg brennt! &mdash; Endlich
+blickte sie matt und sch&uuml;chtern auf, &mdash; welcher Anblick! &mdash; K&uuml;hn
+w&auml;lzte sich eine Flamme aus der Burg
+himmelan, wie eine Welle im Sturm wogte sie majest&auml;tisch
+hin und her, und &uuml;bersah mit k&uuml;hnem Blicke
+die ganze Gegend. &mdash; Der Burggraben gl&uuml;hte im Widerschein,
+alle W&auml;lder und Berge wankten hin und her
+im zitternden Flammenglanze, gro&szlig;e Funken flogen
+Sternen &auml;hnlich durch die Nacht, und sanken neben
+Emma im feuchten Grase verl&ouml;schend nieder!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Im Schein sah sie die K&auml;mpfenden gegeneinander
+w&uuml;then, Arme gegen Arme in rastloser Arbeit aufgehoben;
+Schwerter gl&auml;nzten wie fernes Wetterleuchten
+durch die Nacht, Trompeten und H&ouml;rner hallten wie
+Donner. &mdash; Ihre Augen schlossen sich m&uuml;de und geblendet.</p>
+
+<p>Sie &ouml;ffnete sie nur m&uuml;hsam nach langer Zeit, die
+Flamme war zur&uuml;ck gesunken, das Ger&auml;usch des Kampfes
+war verschwunden, die gr&auml;&szlig;lichste Stille lag schwer
+und dr&uuml;ckend &uuml;ber der ganzen Natur. &mdash; Zweifel sch&uuml;ttelten
+itzt ihre Seele, eine noch schrecklichere Ungewi&szlig;heit
+trat an die Stelle des vorigen Entsetzens. &mdash; &raquo;Gott!&laquo;
+rief sie lautseufzend, und im Ton der Verzweiflung.</p>
+
+<p>&raquo;Emma!&laquo; seufzte es leise aus einem nahen Geb&uuml;sche
+mit dem &auml;chzenden Tone eines Sterbenden. Emma
+bebte auf. Es rasselte im Laube. &mdash; &raquo;Mein Vater!&laquo;
+rief sie aus, und st&uuml;rzte in die Arme Friedrichs, der
+verwundet hieher geflohen und niedergesunken war.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;thet noch die Flamme in der Burg meiner
+V&auml;ter?&laquo; fragte er mit schwacher Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Nein!&laquo; sprach Emma, &raquo;die Flamme ist gel&ouml;scht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun Gott sei Dank!&laquo; antwortete Friedrich und
+erhob sich.</p>
+
+<p>Emma umschlang ihn mit ihren Armen, da f&uuml;hlte
+sie das Blut des Greises &uuml;ber ihre Hand flie&szlig;en.</p>
+
+<p>&raquo;Himmel!&laquo; rief sie aus, &raquo;mein Vater, Ihr blutet!&laquo; &mdash; Schnell
+zerri&szlig; sie ihren Schleier und verband
+die Wunde so sorgf&auml;ltig, als es die Finsterni&szlig; der Nacht
+erlaubte. Friedrich k&uuml;&szlig;te sie und dr&uuml;ckte sie stumm
+an seine Brust. &mdash; &raquo;O, ich bin gl&uuml;cklich!&laquo; sprach er
+endlich, &raquo;da ich dich wieder gefunden habe; mag Manfred
+doch in meinen Burgen w&uuml;then, wenn du nur
+mein bleibst; mag das Feuer meine Sch&auml;tze verzehren,
+wenn ich dich nur noch an meine Brust dr&uuml;cken kann. &mdash; Ich
+bin nicht ungl&uuml;cklich!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Tag fing an zu grauen, schwarze Wolken
+s&auml;umten sich mit sanftem Roth, ein kalter Morgenwind
+wehte, die Gegend trat nach und nach aus der Nacht
+hervor, und mit goldnem Gefieder schwang sich endlich
+das Morgenroth aus der Tiefe empor, und sein leuchtender
+Fittig umarmte den &ouml;stlichen Horizont.</p>
+
+<p>Friedrichs Wunde blutete nicht mehr, und er f&uuml;hlte
+sich st&auml;rker, als er aus der Ferne &uuml;ber einen Berg
+einen Trupp Reiter auf sich zusprengen sahe; Adalbert
+war an ihrer Spitze.</p>
+
+<p>&raquo;Sieg! Sieg!&laquo; frohlockte die jauchzende Schaar;
+&raquo;Sieg!&laquo; hallte das Thal mit seinen Felsen wieder;
+&raquo;Sieg!&laquo; sprach Emma freudig nach; eine Thr&auml;ne der
+Freude st&uuml;rzte schnell aus ihrem Auge, und eine sch&ouml;ne
+R&ouml;the &uuml;berflog ihr bleiches Antlitz. Friedrich erhob
+sich schnell bei dem Worte, und sah wieder so k&uuml;hn
+umher, als er es sonst gewohnt war.</p>
+
+<p>Adalbert stieg von seinem Rosse. &raquo;Manfred ist geschlagen!&laquo;
+sprach er, &raquo;nur wenige von seiner Rotte
+sind meinem strafenden Schwerte entronnen.&laquo; Friedrich
+eilte ihm entgegen, und schlo&szlig; ihn herzlich in seine
+Arme. &raquo;Sei mir willkommen!&laquo; rief er ihm entgegen,
+&raquo;willkommen, mein geliebter Sohn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Euer Sohn?&laquo; sprach Adalbert froh auffahrend;
+er blickte sch&uuml;chtern auf Emma, die bei diesem Blicke
+err&ouml;thete.</p>
+
+<p>&raquo;Ja! wie meinen Sohn lieb' ich dich,&laquo; sprach
+Friedrich, &raquo;verdank ich dir nicht alles? &mdash; Sage, wie
+kann ich dich belohnen? Fordre, bei meinem Ritterworte!
+alles was meine Ehre erlaubt sei dein.&laquo;</p>
+
+<p>Adalbert blickte in Friedrichs Auge, schon wollte
+er den Namen Emma aussprechen, als er das Auge
+noch einmal zu ihr wandte. &mdash; Sie schlug sch&uuml;chtern
+die Augen nieder, und sch&uuml;chtern stammelten nun Adalberts
+Lippen statt <span class="wide">Emma</span> &mdash; &raquo;das <span class="wide">Ritterschwert.</span>&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er kniete nieder und stand als Ritter wieder auf.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Manfreds Schaar war g&auml;nzlich zerstreut, und die
+Ordnung in Friedrichs Burg wieder hergestellt. Das
+Feuer hatte durch Adalberts Vorsorge nur wenigen
+Schaden thun k&ouml;nnen, und obgleich viele von Friedrichs
+Kriegern gefallen und verwundet waren, konnte dieser
+doch dem Gl&uuml;ck und Adalbert Dank sagen, da&szlig; er den
+verr&auml;therischen &Uuml;berfall nicht theurer hatte bezahlen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Konrad von Burgfels verlie&szlig; Friedrichs Veste, um
+die seinige zu besuchen, der n&auml;chtliche &Uuml;berfall hatte
+ihn besorgt gemacht; er reiste mit dem Versprechen
+ab, in kurzer Zeit wieder bei seinem Waffenbruder
+einzukehren.</p>
+
+<p>Unmuthig ging inde&szlig; Adalbert im Schlo&szlig;garten auf
+und ab, denn sein Ged&auml;chtni&szlig; wiederholte ihm alle
+Vorf&auml;lle dieser Nacht mit den kleinsten Umst&auml;nden. &mdash; &raquo;Adalbert!&laquo;
+rief er endlich aus, &raquo;was hast du gethan? &mdash;&laquo;
+Unbesonnen hast du den gro&szlig;en Augenblick deines Lebens
+verscherzt, in welchem die Waage deines Gl&uuml;cks im
+Gleichgewichte stand; &mdash; kam es nicht blo&szlig; auf dich
+an, gl&uuml;cklich zu seyn? &mdash; Ein Wort aus meinem
+Munde, und sie war mein, ewig mein! &mdash; Dein?
+Ist das so gewi&szlig;? &mdash; Welcher Sterbliche wagt es,
+so frech das ganze Gl&uuml;ck seines Lebens einem einzigen
+Hauche anzuvertrauen? &mdash; H&auml;tte mir nun das <span class="wide">Nein</span>
+wie meine Sterbeglocke f&uuml;rchterlich aus seinem Munde
+get&ouml;nt, Adalbert, wie dann? &mdash; Itzt bleibt dir doch
+noch die tr&ouml;stende Hoffnung. &mdash; Aber hoffen, und ewig
+nur hoffen, inde&szlig; sich meine Kraft aufzehrt, und das
+Ziel meines Gl&uuml;cks immer weiter aus meinen Augen
+ger&uuml;ckt wird. &mdash; Hoffnung! dieser &auml;rmliche Ersatz f&uuml;r
+Genu&szlig;, dieser schadenfrohe Schatten, der ewig uns
+freundlich winkt und uns so in unser Grab lockt, &mdash; lieber
+Gewi&szlig;heit des Ungl&uuml;cks als dieses peinliche Schwanken
+zwischen Zweifeln und Hoffen, lieber sterben als
+in jedem Augenblick den Tod f&uuml;rchten. Und mu&szlig; ich
+nicht doch irgend einmal mein ganzes Gl&uuml;ck einer Frage
+anvertrauen? &mdash; Ja! es sei gewagt, noch heut mu&szlig;
+sich mein Schicksal entscheiden, &mdash; und was wag' ich
+denn dabei?</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; fuhr er seufzend nach einer Pause fort,
+&raquo;die ganze Seligkeit dieses Lebens. Wie wird die ganze
+Welt verdorren, wie werden alle meine Freuden hinwelken,
+wenn der verdammende Urtheilsspruch mir
+t&ouml;nt! &mdash; Aber sei's! der hat noch dem Gl&uuml;cke keine
+Krone abgewonnen, der nicht mit ihm zu w&uuml;rfeln
+wagte, &mdash; mag das Spiel um Tod und Leben gehn! &mdash; was
+ist mir ein <span class="wide">solches</span> Leben? der Tod sei mir willkommen!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;O da&szlig; ich jenen Augenblick nicht benutzte! Jahre
+werden ihn mir nicht wieder anbieten, er nannte mich
+Sohn &mdash; Wird er mich je wieder so nennen? &mdash; Kenne
+ich nicht Friedrich, der so stolz auf seine Sch&auml;tze ist?</p>
+
+<p>&raquo;Und wer hat ihm diese erhalten? Und bin ich itzt
+nicht Ritter so wie er? &mdash; Itzt sind wir uns gleich,
+und die vorige gl&uuml;ckliche Nacht hat mich noch &uuml;ber
+ihn gestellt.</p>
+
+<p>&raquo;Stolzer Adalbert! Wer nahm dich verwaisten Knaben
+auf? Wer erzog dich? Wem dankst du <span class="wide">dein</span>
+Leben? &mdash; O, ich f&uuml;hl' es! dieser Kampf meiner
+Seele wird nie enden.&laquo;</p>
+
+<p>So stritt Adalbert lange mit sich selbst. Er ging
+heftig auf und ab, bald stand er pl&ouml;tzlich still und heftete
+den Blick auf den Boden, dann ging er langsamer,
+stand wieder still, bis er erschrocken wieder auffuhr, und
+noch schneller auf- und niederging.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sind ja Beide <span class="wide">Menschen</span>!&laquo; sprach er endlich
+langsam und beruhigt, &raquo;es betrifft das Gl&uuml;ck meines
+Lebens, und auch er soll dadurch gl&uuml;cklich werden; ich
+will der z&auml;rtlichste Sohn seyn, ihn im Alter sch&uuml;tzen,
+sein pflegen, es soll ihn gewi&szlig; nicht reuen. Er findet
+keinen Eidam, der seine Emma so lieben, so gl&uuml;cklich
+machen w&uuml;rde, als ich, das f&uuml;hl' ich, und ihr Gl&uuml;ck,
+hat er mir ja oft gesagt, wird auch das seinige sein.&laquo;</p>
+
+<p>So ausger&uuml;stet ging er itzt muthig in Friedrichs
+Gemach. Die Sonne war schon untergegangen, und
+der Ritter sa&szlig; still und gedankenvoll in seinem Zimmer.</p>
+
+<p>Adalbert f&uuml;hlte sein Herz heftig klopfen, als er die
+Th&uuml;r &ouml;ffnete, die Brust ward ihm zu enge, er war
+mit dem Ritter so vertraut, und doch war es ihm als
+wollt' er itzt mit einem Unbekannten sprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Willkommen, Adalbert!&laquo; rief ihm Friedrich entgegen,
+&raquo;gut da&szlig; du k&ouml;mmst, ich wollte dich schon
+rufen lassen; wir haben lange nicht mit einander getrunken,
+und ich bin heut so traurig. Es wird doch wohl
+nicht das letztemal sein, da&szlig; mir mit einander trinken?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das letztemal?&laquo; fragte Adalbert und eine gl&uuml;hende
+Hitze &uuml;berflog ihn; er war itzt fest entschlossen, kein
+Wort zu sagen.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Setze dich zu mir, Adalbert! wir
+wollen uns heut wohl sein lassen, du hast gek&auml;mpft,
+daf&uuml;r mu&szlig;t du ruhen.</p>
+
+<p>Buben brachten Wein, der Alte go&szlig; die Becher
+voll, und Beide tranken. Adalbert nachdenkend und
+traurig, fast ohne zu wissen, da&szlig; er trank, Friedrich
+desto fr&ouml;hlicher.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Du bist nicht munter, Adalbert! du
+trinkst ja warlich wie ein M&auml;dchen. &mdash; Was ist dir?</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Nichts. &mdash; Er sahe starr vor sich hin,
+indem er mit Wollen und Nichtwollen k&auml;mpfte. Itzt
+ri&szlig; er sich gewaltsam aus seiner Tr&auml;umerei, glaubte
+falsch geantwortet zu haben und setzte noch schnell und
+zerstreut hinzu: O ja!</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Adalbert! du sprichst im Traume. Sonst
+bist du ein fr&ouml;hlicher Gesellschafter, man verkennt
+dich heute ganz.</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Heut?</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Am ersten Tage deines Lebens?</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Ich bin unzufrieden, &mdash; eine peinigende
+Reue verscheucht allen Frohsinn.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Reue? wor&uuml;ber?</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Ein einziges Wort bereu' ich, ich bin
+unzufrieden mit dem heutigen Morgen.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Wie? &mdash; W&auml;re es nicht dein hei&szlig;ester
+Wunsch gewesen, in den Orden der Ritterschaft
+zu treten?</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Nicht mein hei&szlig;ester, &mdash; meine Zunge
+sprach es wider meinen Willen, &mdash; ich h&auml;tte Euch &mdash;
+um <span class="wide">Emma</span> bitten sollen!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die letzten Worte sprach er sehr schnell; laut und
+schmerzlich f&uuml;hlte er itzt sein Herz schlagen, das Wamms
+ward ihm zu enge; er wollte nach einem Becher greifen
+um seine gl&uuml;hende R&ouml;the zu verbergen, aber der
+Becher fiel aus seiner zitternden Hand.</p>
+
+<p>Eine lange tiefe Stille. Adalbert h&ouml;rte seinen hei&szlig;en
+Athem wehen und zw&auml;ngte ihn in seine Brust zur&uuml;ck,
+er w&uuml;nschte sich itzt in das Ger&auml;usch einer Schlacht,
+mitten unter die St&uuml;rme einer Gewitternacht.</p>
+
+<p>&raquo;Adalbert!&laquo; sagte Friedrich, und Adalbert schrak
+zusammen, als h&auml;tte ihn der Blitz getroffen.</p>
+
+<p>&raquo;Adalbert!&laquo; fuhr Friedrich fort, &raquo;du bist undankbar,
+&mdash; du bist mein Freund, bist du damit nicht
+zufrieden?</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Nein, edler Ritter! ich will, ich mu&szlig;
+Euer Sohn werden.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Alle seine Furcht war verschwunden, denn Friedrich
+z&uuml;rnte nicht, er hatte ihn angeredet, wie ein g&uuml;tiger
+Vater seinen Sohn anredet. So tief vorher sein
+Muth gesunken war, so hoch stieg er itzt wieder empor.</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t?&laquo; sagte Friedrich, &raquo;w&auml;rst du boshaft
+genug, mir eine schwarze Mauer vor die sch&ouml;nste Aussicht
+hinzustellen? &mdash; Nein, Adalbert! &mdash; <span class="wide">diese</span> Bitte
+mu&szlig; ich dir abschlagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Abschlagen?&laquo; sprach Adalbert ganz leise nach, als
+wenn er sich f&uuml;rchtete, die&szlig; Wort noch einmal zu
+h&ouml;ren. &mdash; Aber die Bahn war gebrochen, er war in
+einer Lage, die an kalte Verzweiflung grenzte, daher
+behielt er Muth genug zu fragen: &raquo;aus welcher Ursach?&laquo;</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Meine sch&ouml;nsten Tr&auml;ume waren von
+jeher, da&szlig; meine Tochter einem Ritter verm&auml;hlt w&uuml;rde
+von edler und ber&uuml;hmter Abkunft, &mdash; die fehlt dir;
+ich habe keinen Sohn, sie ist mein Stolz und meine
+Freude, &mdash; sie erbt von mir Burgen und Sch&auml;tze,
+diese mu&szlig; mein Eidam auch besitzen, &mdash; du hast diese
+nicht. &mdash; Du kannst mein Freund sein, aber nicht
+mein Sohn.</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Ritter! um Gottes willen, widerruft
+was Ihr da gesagt habt! &mdash; Ruhm und Sch&auml;tze verlangt
+Ihr? wie nichtsw&uuml;rdig ist beides in den Armen
+der Liebe! &mdash; Vater! Emma an meine Seite, und
+Ihr sollt in einem Himmel leben, Ihr sollt ungern
+diese Erde verlassen! &mdash; K&ouml;nnen Euch Ruhm und
+Sch&auml;tze Gl&uuml;ck bezahlen? Wiegen Goldst&uuml;cke die Thr&auml;nen
+Eurer Tochter auf? &mdash; Ich mu&szlig; verzweifeln,
+wenn Ihr nicht widerruft!</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Adalbert!</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Wird Euch nach meinem Tode auf
+dieser Stelle nie der Name Adalbert einfallen? &mdash; O
+Friedrich! Friedrich!</p>
+
+<p>Er st&uuml;rzte kraftlos nieder und umarmte heftig die
+Kniee des Ritters. &mdash; Friedrich beugte sich ger&uuml;hrt &uuml;ber
+ihn und hob ihn auf. &raquo;Ungl&uuml;cklicher!&laquo; sagte er,
+&raquo;Konrad hat mein Ritterwort, sie ist die Braut seines
+Sohnes.&laquo;</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> O widerruft Euer Ritterwort, vernichtet
+Euer Versprechen &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Halt!&laquo; rief Friedrich und stand w&uuml;thend auf,
+&raquo;B&ouml;sewicht! mein Ritterwort brechen! &mdash; Bei Gott!
+dann mag der Henker mein Wappen zertr&uuml;mmern,
+und den Namen Mannstein an eine Schands&auml;ule
+schreiben! Geh Verworfner! &mdash; Geh! du entehrst das
+Schwert an deiner Seite.</p>
+
+<p>Er schwieg und erwartete eine Antwort, aber Adalbert
+stand stumm und unbeweglich vor ihm, ohne alle
+Zeichen des Lebens.</p>
+
+<p>&raquo;Von itzt an,&laquo; sprach Friedrich, &raquo;halte ich dich
+jeder Schandthat f&auml;hig; du verl&auml;ssest morgen meine
+Burg, ich lasse dir ein Ro&szlig; z&auml;umen; bei meiner Ritterehre!
+ich will dich nicht wieder sehn, denn ein solcher
+Bube k&ouml;nnte Emma entehren, und Konrad von Burgfels
+ermorden.&laquo;</p>
+
+<p>Itzt ging Adalbert stumm fort, an der Th&uuml;re des
+Zimmers stand er still, seine Kniee wankten, seine H&auml;nde
+zitterten, so nahte er sich dem Ritter und sagte halbl&auml;chelnd:
+&raquo;Seht Ihr! nun haben wir doch zum letztenmal
+mit einander getrunken.&laquo;</p>
+
+<p>Mit einer schweren Thr&auml;ne sprach er die Worte
+&raquo;<span class="wide">zum letztenmale</span>&laquo; aus. Dann verlie&szlig; er schnell
+und stumm das Gemach.</p>
+
+<p>Friedrich sah ihm lange nach, dann starrte er auf
+die Thr&auml;ne Adalberts, die brennend auf seine Hand
+gefallen war, er selbst konnte eine andre nicht in sein
+Auge zur&uuml;ckzw&auml;ngen, sie rollte langsam &uuml;ber seine
+Wange.</p>
+
+<p>Er wischte sie seufzend weg, trocknete dann die
+Thr&auml;ne Adalberts, um es zu vergessen, da&szlig; ein Mann
+hier geweint habe.</p>
+
+<p>Er h&auml;tte so gern diese Stunde vernichtet, ihm reute
+die Hitze, in welcher er Adalberts Leidenschaft zu unbillig
+behandelt hatte, &mdash; aber die Stunde war vor&uuml;ber,
+die schrecklichen Worte waren gesprochen.</p>
+
+<p>Bet&auml;ubt ging Adalbert auf sein Zimmer. Das
+Loos ist gefallen! rief er wild und warf sich in einen
+Sessel; ich habe verloren, setzte er dann mit schrecklicher
+K&auml;lte hinzu, &mdash; wie konnte ich auch auf einen
+Gewinn rechnen? &mdash; Dann ging er lange heftig auf
+und ab, &ouml;ffnete stumm das Fenster und schaute mit
+starrendem Auge in die monderhellte Gegend.</p>
+
+<p>Es war eine sch&ouml;ne Sommernacht, die Luft bebte
+ihm warm und lieblich entgegen, die ganze Gegend
+war still und ruhig; der Mond schien durch dunkele
+Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken
+Erlen am See ein ungewisses Licht; Schatten und
+Helle flohen und wechselten; Eichen und Buchen standen
+da in Glanz und helles funkelndes Gr&uuml;n gekleidet,
+auf jedem sanftzitternden Blatte schien ein Fl&auml;mmchen
+zu brennen und durch die Nacht zu leuchten. Durch
+die verschr&auml;nkten Zweige schl&uuml;pfte der Strahl des Mondes
+und spielte wallend und webend auf dem gr&uuml;nen
+Rasen; die ganze bekannte Gegend war durch die magische
+Beleuchtung fremd und unbekannt; die Birken am
+Abhang des Berges waren Wolken &auml;hnlich, die in den
+ersten Strahl des Morgens getaucht aufw&auml;rts schweben;
+ihre wei&szlig;en St&auml;mme glichen Geistern, die ruhig durch
+die Wolkennacht den Berg erstiegen. Unken klagten
+aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus dem
+Busche ihr entz&uuml;ckendes Lied, Feuerw&uuml;rmchen schwebten
+wie kleine Sterne durch die Nacht und spielten fr&ouml;hlich
+im wei&szlig;en Strahl des Mondes.</p>
+
+<p>Die kalte Verzweiflung Adalberts l&ouml;&szlig;te sich bald
+in die Thr&auml;nen der Wehmuth auf. &mdash; Wenn er jetzt
+den T&ouml;nen der Nachtigall folgte, wenn sein Blick
+durch den gl&auml;nzenden Himmel dahin eilte, so schien
+ihm der ganze heutige Tag nichts als ein Traum zu
+sein. &mdash; Wie k&ouml;nnte Ungl&uuml;ck diese sch&ouml;ne Welt entstellen?
+so dachte er und freute sich schon auf das angenehme
+Gef&uuml;hl, wenn er aus diesem Traum erwachen
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel
+mit den Strahlen des Mondes, sie zeichneten ihm im
+wankenden Grase das Bild seiner Emma, bald wie sie
+ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem
+Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den
+wunderbaren Gebilden der mondbegl&auml;nzten Wolken sah'
+er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten, dann
+sah' er sich selbst, wie er f&uuml;r sie k&auml;mpfte und siegte, &mdash;
+sie reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der
+Kranz flo&szlig; in einen gl&uuml;henden Dolch zusammen; aber
+sein Auge verfolgte so lange das schwebende W&ouml;lkchen,
+bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand.</p>
+
+<p>So schw&auml;rmte sein Geist in den s&uuml;&szlig;esten Tr&auml;umen
+umher, der Zorn Friedrichs lag ihm wie in einer weiten
+Ferne, reizende Bilder lebten und webten in seiner Seele
+und stellten sich l&auml;chelnd vor jede traurige Erinnerung, &mdash;
+als nach und nach der Mond erblich und &uuml;ber die fernen
+H&uuml;gel das erste graue Licht des Tages zitterte.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich war der sch&ouml;ne Schleier zerrissen, der seine
+Schl&auml;fe so sanft umfing, alle T&auml;uschungen der Phantasie
+sanken pl&ouml;tzlich unter. Die Sterne verloschen, die Nachtigall
+verstummte, eine heilige Stille in der Natur &mdash;
+und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem
+Tage kehrten alle Gef&uuml;hle des Schmerzes in seine Seele
+zur&uuml;ck. Alle Phantasien entflohen, die Freuden sanken
+mit dem Monde unter und der kalte Morgenwind wehte
+ihm die schreckliche &Uuml;berzeugung zu: Du bist ungl&uuml;cklich!</p>
+
+<p>Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn,
+&mdash; dachte er jetzt, &mdash; ich werde sie dort nicht mehr
+sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen war sie, wie
+freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! &mdash; jetzt
+wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir
+bei meinem Erwachen die d&uuml;rre Hand entgegenstrecken. &mdash;
+Ach, Emma! wirst du mich vergessen? &mdash; O noch einmal
+w&uuml;nsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer
+Treue zu erinnern. &mdash; Werde ich sie noch einmal sehn?
+Sie schl&auml;ft vielleicht noch und ahnet nicht, da&szlig; sie meinen
+Abschied auf ewig verschl&auml;ft. &mdash; Emma! Soll ich fortgehn
+ohne wenigstens aus ihrem Munde ein s&uuml;&szlig;es: Lebewohl!
+mitzunehmen?</p>
+
+<p>Er verz&ouml;gerte seine Abreise, er hoffte noch immer,
+da&szlig; sie bei seinem Zimmer vorbeirauschen w&uuml;rde, wie
+sie oft am Morgen that; er horchte aufmerksam auf
+jeden Zug des Windes. &mdash; Schon hundertmal hatte er
+die Th&uuml;r ge&ouml;ffnet und hundertmal trat er wieder in das
+Zimmer zur&uuml;ck; es fiel ihm jedesmal ein, da&szlig; er auf
+<span class="wide">ewig</span> Abschied nehme, da&szlig; er, wenn er aus der Th&uuml;r
+getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe, ohne
+sie wiederzusehen. &mdash; Eine Stunde nach der andern eilte
+hinweg, sie kam nicht, &mdash; da stieg die Sonne d&uuml;ster hinter
+schwarzen Wolken empor &mdash; w&uuml;thend &ouml;ffnete er die
+Th&uuml;r, schlug sie heftig zu und ging.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Adalberts Sinne waren verschlossen, er verlie&szlig; die
+Burg wie ein Tr&auml;umender. <span class="wide">Kurd,</span> ein Diener Friedrichs,
+kam ihm mit einem Pferde im Hofe entgegen
+und fragte ihn, ob er nicht aufsitzen wolle; aber Adalbert
+wies ihn mit bitterm Hohn zur&uuml;ck: Friedrichs Rosse
+sind zu edel f&uuml;r den Knappen Adalbert, ich bin kein
+Bettler, um ein Geschenk von ihm anzunehmen.</p>
+
+<p>Seufzend schaute er nach Emma's Fenster empor,
+sein Blick haftete brennend auf der Stelle, wo er sie
+sonst so oft gesehen hatte; es war ihm, als m&uuml;&szlig;te er
+sie wenigstens jetzt noch einmal sehen: er sah sie nicht.
+Schon kehrte er sich ungewi&szlig; wieder nach der Burg
+um, als ihm sein treuer Jagdhund entgegen kam und
+wedelnd zu ihm hinaufsprang. &mdash; Halb wider seinen
+Willen stie&szlig; er ihn zornig mit dem Fu&szlig;e zur&uuml;ck. Der
+Hund legte sich traurig und schmeichelnd nieder und
+blickte bittend zu seinem Herrn empor. &mdash; Kann die
+Verzweiflung den Menschen so sehr verzerren? rief er
+aus; ja du treuer Gef&auml;hrte, du sollst mich auf meiner
+Pilgerschaft begleiten; ich will ein Wesen neben mir
+haben, dem ich traurig in's Auge sehen kann, du sollst
+meinen Schmerz theilen, dich liebe ich noch, du bist
+kein <span class="wide">Mensch!</span></p>
+
+<p>Etwas leichter ging er &uuml;ber die Zugbr&uuml;cke durch das
+&auml;u&szlig;ere Thor. Er stand auf dem Wall und sah gedankenvoll
+und schweigend nach der Burg zur&uuml;ck. Der
+Himmel hing d&uuml;ster und schwarz &uuml;ber der Gegend, ein
+kalter Wind knarrte mit der Wetterfahne, die Wellen
+des Burggrabens pl&auml;tscherten schwerm&uuml;thig gegen die
+Mauer und sonderbar traurig t&ouml;nte aus den Regenwolken
+der frohe Gesang einer Lerche herab. Mit wehm&uuml;thigem
+Vergn&uuml;gen suchte Adalbert die Pl&auml;tze auf,
+wo er als Knabe mit dem alten Wilibald gespielt, wo
+Friedrich ihn von der Erde emporgehoben hatte, wo er
+mit der kleinen Emma so oft herumgeschw&auml;rmt war, &mdash; wie
+war das jetzt alles so ver&auml;ndert! damals schien die
+Sonne so heiter, die Zukunft lag wie ein goldner Maihimmel
+ausgespannt vor ihm, &mdash; und jetzt! &mdash; Er dachte
+an Emma's Ahnungen, schwerm&uuml;thig sah er nach jenem
+verdorrten Baum hin, dem traurigen Sinnbilde seines
+Lebens.</p>
+
+<p>Einige Landleute zogen am gegen&uuml;berliegenden Berge
+zu ihrer Arbeit hinauf. Die Stiere keuchten unter dem
+dr&uuml;ckenden Joch, und schleppten den heiserknarrenden
+Pflug hinter sich. Armseliges Menschenleben! rief Adalbert
+aus. Ein Tag kriecht hinter dem andern verdrossen
+einher, jeder Morgen r&ouml;thet sich zur Arbeit; ungl&uuml;ckliche
+Menschen! die blo&szlig; heute leben, um morgen eben so wie
+heut f&uuml;r einen andern Tag zu sorgen, die das unerbittliche
+Schicksal fest h&auml;lt, dieses langweilige Spiel zu
+spielen.</p>
+
+<p>Er eilte hinweg und stand nach langer Zeit an einer
+Waldecke pl&ouml;tzlich still, denn er erinnerte sich, da&szlig; man
+von hier aus die Gegend der Burg zum letztenmale s&auml;he.
+Er blickte noch einmal mit der wehm&uuml;thigsten Empfindung
+zur&uuml;ck, alle Freuden seiner Kindheit und Jugend
+schienen ihm jetzt gestorben und hundert wohlbekannte
+B&auml;ume und Felsen standen wie Leichensteine auf ihren
+Gr&auml;bern. Nach langem Hinstarren wandte er sich und
+ging, er kehrte sich noch einmal um; aber sie war verschwunden,
+der Wald hatte sich wie ein schwarzer Vorhang
+vorgezogen.</p>
+
+<p>Adalbert vermied auf seiner Reise den Anblick der
+Menschen, er bahnte sich Wege durch einsame W&auml;lder und
+wildes Obst und Waldwurzeln mu&szlig;ten seinen Hunger befriedigen.
+Er wollte niemanden Dank schuldig sein.
+Der Ungl&uuml;ckliche glaubt sich so gern von der ganzen
+Menschheit geha&szlig;t, er findet Trost in diesem Wahn und
+in der Freude die ganze Menschheit zu verachten. Diese
+Verachtung war die Begleiterin Adalberts und er reiste
+mehrere Tage ohne einen Menschen zu sehn oder ihn zu
+vermissen.</p>
+
+<p>Die Sonne ging unter, ihre blassen Strahlen fielen
+gebrochen durch das gr&uuml;ne Dunkel und flimmerten sterbend
+auf den Wellen eines kleinen rieselnden Bachs.
+Adalbert setzte sich an das Ufer des Baches und dachte an
+die Vergangenheit. Der Wind spielte mit dem gr&uuml;nen
+Bande Emma's, das an seinem Arme flatterte. &mdash; Ha!
+du willst zu ihr zur&uuml;ck! rief er aus. &mdash; Nein, du mu&szlig;t
+bleiben, denn deine Farbe ist ja die Farbe der Hoffnung.
+Wo die Blume der Hoffnung welkt, da spro&szlig;t der Schierling
+der Verzweiflung. Du bist das <span class="wide">letzte,</span> das <span class="wide">einzige,</span>
+was mir von Emma &uuml;brig blieb; wenn ich dich
+verliere, worauf kann ich <span class="wide">dann</span> noch rechnen? &mdash; Die
+erste Thr&auml;ne seit seiner Verbannung fiel auf das gr&uuml;ne
+Band. &mdash; Ungl&uuml;ckliche Vorbedeutung! fuhr er mit gepre&szlig;ter
+Stimme fort. &mdash; Nur auf Thr&auml;nen soll ich rechnen?
+Thr&auml;nen sollen meine ganze Erndte sein. &mdash; Er
+trocknete sie ab, sie hatte den Ort gebleicht, wo sie hingefallen
+war. &mdash; Emma! rief er pl&ouml;tzlich aus, &mdash; die
+Farbe der Hoffnung schwindet! &mdash; Wenn du mich je vergessen
+k&ouml;nntest!</p>
+
+<p>Er lehnte sich an eine Birke, die &uuml;ber ihm s&auml;uselte;
+die einf&ouml;rmige Melodie des Baches wiegte ihn mitleidig
+in einen leichten Schlummer, aus welchem ihn das Klirren
+von Schwertern wieder weckte. &mdash; Das graue Licht
+des Abends flatterte ungewi&szlig; um die Wipfel der B&auml;ume
+und furchtbar t&ouml;nte das Waffenger&auml;usch durch die Einsamkeit.</p>
+
+<p>Er sprang auf und zog sein Schwert, indem er dem
+Schalle folgte. Ein kleiner Fu&szlig;steig f&uuml;hrte ihn auf einen
+freien Platz des Waldes, wo er drei M&auml;nner gegen
+einen Ritter k&auml;mpfen sah, der unerschrocken und kalt mit
+einem Heldenblick unter allen Gefahren dastand. Er
+st&uuml;rzte hervor und schlug den n&auml;chsten R&auml;uber mit aufgehabenem
+Schwerte nieder; in eben dem Augenblicke fiel
+der zweite von der Hand des fremden Ritters, zitternd
+warf der dritte sein Schwert von sich und entfloh in die
+Nacht des Waldes.</p>
+
+<p>Willkommen! mein Erretter, rief der fremde Rittersmann,
+indem er Adalberts Hand herzlich sch&uuml;ttelte;
+seid mir willkommen! Euch verdank' ich mein
+Leben!</p>
+
+<p><span class="wide">Daf&uuml;r</span> will ich Euch den Dank erlassen, antwortete
+Adalbert bitterl&auml;chelnd.</p>
+
+<p>Bist du so mit dem Schicksal zerfallen? &mdash; fragte
+der Fremde, &mdash; da&szlig; das Leben seinen Werth bei dir verloren
+hat?</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Verschont einen Ungl&uuml;cklichen; ihn um
+sein Ungl&uuml;ck fragen, hei&szlig;t ihm einen Schlag auf seine
+frische Wunde geben.</p>
+
+<p>Der Fremde erhob das Visier des R&auml;ubers, den
+Adalbert erlegt hatte. &mdash; Ha! <span class="wide">Manfred!</span> rief er aus.</p>
+
+<p>Manfred? schrie Adalbert. &mdash; Ja, bei Gott! Mu&szlig;test
+du mir hier deine Schuld bezahlen? &mdash; Nun wirst du
+nicht mehr die Veste Friedrichs berennen wollen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Kommt mit mir, junger Held, sprach der Fremde,
+begleitet mich zu meiner Burg, ich bin der Ritter <span class="wide">von
+L&ouml;wenau,</span> wenn euch mein Name nicht unbekannt
+sein sollte.</p>
+
+<p>Sie gingen. &mdash; Ich kenne ihn, begann Adalbert,
+der sch&auml;ndliche Manfred hatte w&auml;hrend Eures Aufenthalts
+in Pal&auml;stina eure L&auml;ndereien in Besitz genommen.</p>
+
+<p>Ja, und als er vernahm, da&szlig; ich zur&uuml;ckgekehrt sei,
+legte er sich mit seinen Gesellen in das Dickicht dieses Geb&uuml;sches,
+weil er wu&szlig;te, da&szlig; mich meine Stra&szlig;e hindurchf&uuml;hrte.
+Wir sind meiner Veste nahe, ich schickte
+daher mein Gefolge voraus und setzte allein meinen Weg
+fort. Ich ward &uuml;berfallen und w&auml;re ohne Euren tapfern
+Beistand verloren gewesen.</p>
+
+<p>Sie traten aus dem Wald heraus und die Burg lag
+vor ihnen. Adalbert wollte gehn. Wohin? fragte Wilhelm
+von L&ouml;wenau.</p>
+
+<p>Wo ich keinen Menschen, wo ich keinen Gl&uuml;cklichen
+sehe, antwortete Adalbert. Warum sollte meine Traurigkeit
+eure Freude st&ouml;ren?</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Bist du ein Verbrecher? &mdash; Er lie&szlig;
+seine Hand fahren.</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Nein, dem Himmel sei Dank!</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Und willst doch der Verbrecher Schicksal
+theilen? Willst dich wie ein Vaterm&ouml;rder in W&auml;lder
+und dunkle H&ouml;len verkriechen? Willst den Anblick der
+Menschen fliehen, wie einer, den sein Gewissen auf die
+Folter spannt? &mdash; Der Ungl&uuml;ckliche darf k&uuml;hn emporblicken,
+die Schl&auml;ge des Verh&auml;ngnisses geben ihm ein
+Recht, allenthalben Liebe zu fordern. &mdash; Z&ouml;gre nicht,
+wenn ich dich f&uuml;r einen braven Rittersmann halten
+soll.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Adalbert bedachte sich noch; aber der Gedanke, f&uuml;r
+einen Frevler zu gelten, trieb ihn an, dem Ritter zu
+folgen.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>In der Burg setzten sich beide an den Tisch und
+L&ouml;wenau beobachtete seinen Gast genau.</p>
+
+<p>Fremdling, begann er, als ihre Mahlzeit geendigt
+war, ich habe dir viel zu danken, du scheinst ein edler
+Mann zu sein, nimm meine Freundschaft, meine Brudertreue
+an, und sage mir, kann ich etwas von meiner
+gro&szlig;en Schuld abtragen, kann ich dir helfen?</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Du mir? &mdash; O Wilhelm, was kann
+menschliche H&uuml;lfe dem n&uuml;tzen, auf dem das Schicksal
+z&uuml;rnt?</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Das Schicksal? &mdash; Da&szlig; der Ungl&uuml;ckliche
+doch so gern so stolz ist sich von der Gottheit verfolgt
+zu glauben! &mdash; Sei aufrichtig gegen deinen Freund. &mdash; Vielen
+ging dadurch alle H&uuml;lfe verloren, da&szlig; sie sich dem
+Freunde nicht vertrauten, und doch klagen sie nachher:
+ich bin verloren, Niemand will mir helfen! oder sie seufzen
+gar &uuml;ber ihr Schicksal, da sie doch selbst die Z&uuml;gel
+ihres Lebens in den H&auml;nden halten. Glaube meiner
+&Uuml;berzeugung, wir selbst regieren unser Schicksal, wir
+m&uuml;ssen nur nicht unth&auml;tig die Z&uuml;gel fahren lassen, und sie
+voll Tr&auml;gheit einer fremden Macht &uuml;bergeben wollen. &mdash; Noch
+immer so stumm?</p>
+
+<p>Ich will sprechen, antwortete Adalbert, denn du bist
+ein edler Mann, du denkst nicht wie die meisten Menschen,
+und darum will ich mich dir vertrauen, ob ich
+gleich vorher wei&szlig;, da&szlig; du mir nicht helfen kannst. &mdash; Er
+erz&auml;hlte ihm die Geschichte seines Ungl&uuml;cks und schlo&szlig; mit
+diesen Worten: Sieh, Freund, so elend hat mich die
+Liebe gemacht, durch sie bin ich verwaist und ohne Vaterland.
+Die Freude hat f&uuml;r mich ihre Th&uuml;r auf ewig verschlossen;
+was hinter mir liegt ist Sonnenschein, vor mir
+dehnt sich eine unendliche Nacht aus. Die Welt ist f&uuml;r
+mich todt und ich bin der Welt gestorben, sie ist mir ein
+&ouml;der Strand, an den mich ein ungl&uuml;cklicher Schiffbruch
+warf; die einzige Hoffnung, die mir aus diesem Sturme
+&uuml;brig blieb, &mdash; ist das Grab, und diese Hoffnung kann
+mir, dem Himmel sei Dank, durch nichts entrissen werden,
+diese Zuflucht ist dem Ungl&uuml;cklichen gesichert.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Sollte sich aber ein so mannhafter Ritter,
+wie du, so unumschr&auml;nkt von der Liebe beherrschen
+lassen?</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> O Ritter, nimm mir meine Liebe und
+du nimmst mir alles, was nicht an mir ver&auml;chtlich ist. &mdash; Nur
+sie rief mich zur Tapferkeit, zur Menschlichkeit, in
+diesem reinen Feuer wurden alle meine Gef&uuml;hle gel&auml;utert,
+und alle meine Tugenden sind nur der Widerschein der
+Liebe. Geht diese Sonne unter, so flieht auch der letzte
+erborgte Schimmer von dem Abendgew&ouml;lk. Mit meiner
+Liebe stirbt alles in mir, was Mensch hei&szlig;t.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Ich will dir glauben, denn ich habe
+noch nie geliebt, seit meiner Kindheit leb' ich im Ger&auml;usch
+der Waffen; ein sch&ouml;nes Pferd war f&uuml;r mich das Meisterst&uuml;ck
+der Natur, und ich verstand die Sch&ouml;nheit nur
+an Harnischen zu bewundern, &mdash; und du glaubst gewi&szlig;,
+da&szlig; es f&uuml;r dich in dieser Welt kein andres Gl&uuml;ck als
+die Liebe giebt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Keines! versagte mir die Liebe ihren
+Kranz, so sind f&uuml;r mich alle Blumen in der Natur
+gestorben.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Und Emma ist das einzige M&auml;dchen,
+das du je lieben kannst?</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Ich w&uuml;rde mir selbst ver&auml;chtlich sein,
+wenn ich sie nicht mehr lieben k&ouml;nnte.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Sie mu&szlig; sehr sch&ouml;n sein. &mdash; Adalbert,
+ich will dir einen Vorschlag thun, den du aber
+nicht zur&uuml;ckweisen mu&szlig;t. Schon w&auml;hrend deiner Erz&auml;hlung
+fa&szlig;te ich einen Gedanken, der gewi&szlig;, so sonderbar
+er ist, auszuf&uuml;hren w&auml;re. &mdash; Doch noch vorher ein
+Wort. &mdash; Du nanntest mir in deiner Erz&auml;hlung den
+Namen Konrad von Burgfels; ich kann dir gewisse
+Nachricht geben, da&szlig; er in Pal&auml;stina geblieben ist. Er
+fiel im Kampf an meiner Seite. Wie, wenn du jetzt,
+da dieses Hinderni&szlig; aus dem Wege ger&auml;umt ist, zu
+Friedrich von Mannstein gingest, und von neuem um
+seine Tochter anhieltest?</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Um von neuem schimpflich zur&uuml;ckgewiesen
+zu werden? &mdash; Mein Stolz verbietet es, Emma
+auf diesem Wege zu suchen. &mdash; Deinen andern Vorschlag,
+er mag so sonderbar sein, als er will.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Nun so will ich dir meinen ganzen
+Entwurf mittheilen, aber du mu&szlig;t mich nicht unterbrechen,
+ehe ich geendigt habe. &mdash; Du bleibst hier auf
+meiner Burg und lebst in einiger Verborgenheit. &mdash; Ich
+will zu Friedrich von Mannstein reisen und um seine
+Tochter anhalten; er schl&auml;gt sie mir gewi&szlig; nicht ab,
+denn er kennt mich als einen der reichsten Ritter dieses
+Landes, auch ist mein Name in Schlachten nicht ganz
+unber&uuml;hmt &mdash; Auf meine Ritterehre! auf meine Brudertreue!
+ich reise dann mit ihr hieher, wie ich sie aus
+der Hand ihres Vaters empfange; du bewohnst mit ihr
+dann diese Veste, oder eine andre, sie ist heimlich bis
+zum Tod ihres Vaters deine rechtm&auml;&szlig;ige Gemalin,
+nachher magst du sie auch &ouml;ffentlich daf&uuml;r erkennen. &mdash; Wende
+mir nichts ein, zu viel kann ich f&uuml;r dich nie
+thun. &mdash; Ich wei&szlig;, tausend Freunde an meiner Stelle
+w&uuml;rden nicht so handeln, und hundert Liebhaber w&uuml;rden
+sich bedenken, ihre Einwilligung zu geben; aber wenn
+du sie so liebst, wie du sagst, wenn Emma dich wirklich
+wieder liebt, so m&uuml;&szlig;t ihr beide meinem sonderbaren
+Entwurf keine Bedenklichkeiten in den Weg legen,
+&Auml;ngstlichkeit darf kein Menschengl&uuml;ck verhindern.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> O wie soll ich dir danken? &mdash; Er
+umarmte ihn rasch und dr&uuml;ckte ihn heftig an seine
+klopfende Brust. &mdash; Bruder, du bezahlst, wie man
+einem Bettler eine Wohlthat vergilt. &mdash; Wie wenig ist
+ein Leben ohne Liebe gegen die Kr&ouml;nung der feurigsten
+W&uuml;nsche?</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Du traust doch meiner Redlichkeit?</p>
+
+<p><span class="wide">Adalbert.</span> Verdiente ich sonst wohl den Namen
+deines Freundes?</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Auch keiner meiner Blicke soll sich
+feurig zu deiner Emma verirren.</p>
+
+<p>Beide waren so munter, da&szlig; sie sich nicht schlafen
+legen mochten; sie tranken die Nacht hindurch und &uuml;berdachten
+noch mehr ihren Entwurf. Adalbert l&auml;chelte
+wieder und L&ouml;wenau versprach alles f&uuml;r seinen Freund
+zu unternehmen.</p>
+
+<p>Als die Morgenr&ouml;the durch die Bogenfenster d&auml;mmerte,
+lie&szlig; sich Wilhelm ein Ro&szlig; satteln, und sprengte
+davon. Adalbert sahe ihm lange nach, bis der Ritter
+mit seinem Knappen in einen Wald verschwand.</p>
+
+<hr class="minimal" />
+
+<p>Der Liebende, der noch gestern das Schicksal anklagte,
+und sich den Ungl&uuml;cklichsten aller Sterblichen
+nannte, eilte froh so in die Burg zur&uuml;ck, als wenn
+sein Gl&uuml;ck schon entschieden w&auml;re. Er sahe wieder die
+M&ouml;glichkeit, gl&uuml;cklich zu werden, und eine k&uuml;hne Hoffnung
+ri&szlig; ihn um so h&ouml;her wieder empor, je tiefer ihn
+vorher das Ungl&uuml;ck gest&uuml;rzt hatte. Er athmete wieder
+frei und unbesorgt, und dachte an den morgenden Tag
+mit eben der Unbefangenheit, mit der ein Knabe an ihn
+denkt, der vom Spiele auszuruhen k&ouml;mmt.</p>
+
+<p>Er ging durch die Burg, um sich mit allen Zimmern
+bekannt zu machen, er dachte sich schon Emma
+in die S&auml;le, setzte sich in einen Sessel, und tr&auml;umte
+sich Emma in den neben ihm stehenden. In jedem
+Gem&auml;lde suchte er m&uuml;hsam die Z&uuml;ge zusammen, die
+auch nur die entfernteste &Auml;hnlichkeit mit dem Gesicht
+seiner Emma hatten. Nur selten und schwach stieg der
+Zweifel an die gl&uuml;ckliche Ausf&uuml;hrung des Entwurfs seines
+Freundes in seiner Seele auf; er schien so unbesorgt,
+als wenn er mit dem Schicksal einen Vertrag
+geschlossen h&auml;tte.</p>
+
+<p>Die Welt trat wieder aus dem Schatten hervor, die
+Natur bl&uuml;hte f&uuml;r ihn von neuem, ein neuer Fr&uuml;hling
+sank aus dem Morgenhimmel der Hoffnung nieder, und
+go&szlig; um jede Pflanze einen goldenen Schimmer; tausend
+sch&ouml;ne Tr&auml;ume tanzten um ihn her und reichten ihm
+ihren Nektarbecher; alle seine Sinne waren dem Gef&uuml;hl
+der Freude aufgeschlossen.</p>
+
+<p>Wie ein Genesender die R&uuml;ckkehr seiner Kr&auml;fte
+f&uuml;hlt, wie ein sanfter Purpur wieder &uuml;ber die bleichen
+Wangen schleicht, in den erstorbenen Augen das erste
+Feuer zuckt, so f&uuml;hlte sich Adalbert jetzt wieder mit der
+Welt, mit allen Menschen ausges&ouml;hnt; er empfand, da&szlig;
+er itzt Niemand hasse, oder auch nur hassen k&ouml;nne; in
+jedem Wesen ahnete er den Geist der Liebe, er h&auml;tte
+die ganze Natur an sein Herz dr&uuml;cken m&ouml;gen.</p>
+
+<p>So schwelgte er in den Armen der Hoffnung, er
+verlebte an dem Busen der holden Betr&uuml;gerin Stunden,
+die unendlich mehr Freuden gew&auml;hren, als die
+Stunden des Genusses. &mdash; Der Knabe steht vor einer
+gr&uuml;nen Anh&ouml;he, die ein goldnes Morgenroth begl&auml;nzt,
+durch die gr&uuml;nen B&uuml;sche funkelt freundlich der Flammenschein;
+er ersteigt den Berg, in die bezaubernde
+Gegend zu kommen, &mdash; aber die Sonne ist inde&szlig; heraufgekommen,
+der lockende Schimmer verschwunden.</p>
+
+<p>Adalbert w&auml;re auch ohne Emma nie ungl&uuml;cklich gewesen,
+wenn er nur immer so h&auml;tte hoffen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Friedrich von Mannstein hatte inde&szlig; in einer traurigen
+Einsamkeit gelebt. An jenem Morgen schon, an
+welchem Adalbert die Burg verlie&szlig;, war es sein erster
+Gedanke, seine Verbannung zu widerrufen; aber Niemand
+wu&szlig;te, welchen Weg Adalbert genommen hatte.
+Emma war untr&ouml;stlich, als sie seine Abreise erfuhr.</p>
+
+<p>Sie hatte sich so an Adalbert gew&ouml;hnt, da&szlig; sie sich
+ohne ihn ihr Dasein gar nicht denken konnte: er war der
+Gespiele ihrer Kinderjahre gewesen, sie hatte nur immer
+f&uuml;r ihn gelebt; seit sie gew&uuml;nscht hatte, war er das
+Ziel aller ihrer W&uuml;nsche, denn in der Einsamkeit erzogen,
+hatte sie nie einen sch&ouml;nern Mann gesehen. &mdash; Sie
+dachte sich alles zur&uuml;ck, was sie mit Adalbert genossen
+und gelitten hatte, sie hatte so s&uuml;&szlig; getr&auml;umt und
+unbarmherzig hatte sie das Ungl&uuml;ck aus allen goldnen
+Phantasien gerissen, und vor ein w&uuml;stes Meer gestellt,
+in dem sich nichts als schwarze Wolkengebilde spiegelten. &mdash; Sie
+fiel nach und nach in eine Art von Bet&auml;ubung,
+aus der sich der Geist zur Verzweiflung oder zur
+Vers&ouml;hnung mit der Welt ermannt. Bei dem M&auml;dchen,
+deren jugendliche Phantasie vor dem Bilde des Todes
+zur&uuml;ckschauderte, war das letzte der Fall, so sehr sie
+auch anfangs dagegen k&auml;mpfen wollte; aber der Schmerz
+hatte sie erm&uuml;det, sie hatte das Maas der Traurigkeit
+ersch&ouml;pft. Ihr Gram ward gem&auml;&szlig;igter und sie fing
+ihre weiblichen Arbeiten wieder an, mit dem Vorsatz,
+ihren Kummer auf andre Stunden zu verschieben. Zwar
+flossen noch ihre Thr&auml;nen sehr oft, wenn sie auf die
+Erinnerung Adalberts geleitet ward, aber es waren nicht
+mehr die hei&szlig;st&uuml;rzenden Thr&auml;nen, die die Kinder des
+tauben Schmerzes, der Verzweiflung sind, bei denen der
+Leidende in der Natur nichts als sich und sein Ungl&uuml;ck
+sieht; es waren die Thr&auml;nen der Wehmuth, die auch
+oft nach Jahren noch flie&szlig;en. Als sie zum erstenmal
+wieder l&auml;chelte, z&uuml;rnte sie heftig auf sich selbst; das
+zweitemal z&uuml;rnte sie nicht, aber sie nahm sich vor nicht
+wieder zu l&auml;cheln, und nachher glaubte sie, man k&ouml;nne
+doch trauern, ohne im &Auml;u&szlig;ern die Zeichen der Traurigkeit
+anzunehmen. Friedrich schien den Kummer seiner
+Tochter nicht zu bemerken, und dies war eine
+Ursach mehr, die sie bewegte, ihn zu unterdr&uuml;cken.
+H&auml;tte er von Adalbert gesprochen, so h&auml;tte sie Muth
+gefa&szlig;t, ihm ihre Liebe zu gestehn, und sie h&auml;tte einen
+Theilnehmer, einen Vertrauten ihres Schmerzes gefunden. &mdash; So
+verwandelte sich Emma's Gram nach und
+nach in Wehmuth. So steigt die Leidenschaft vom h&ouml;chsten
+Gipfel der Leiter eine Stufe nach der andern herab,
+bis dahin, wo sie nicht mehr Leidenschaft ist. Emma
+wehklagte nicht mehr &uuml;ber den Verlust eines Geliebten,
+sie war nur noch wegen eines abwesenden Freundes bek&uuml;mmert.</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hlte lebhafter, aber nicht so tief als ihr
+Vater; dieser war daher am ersten Tage nicht so traurig,
+als an den folgenden. Sein Kummer nahm fast in
+eben dem Grade zu, in welchem der Gram seiner Tochter
+sich milderte; denn er empfand itzt erst, wie viel er
+an Adalbert verloren habe. Ihm war ein Sohn abgestorben,
+und diesen vermi&szlig;te er weit mehr, als er je
+vorher w&uuml;rde geglaubt haben. Er war jetzt stets allein,
+wenn er nicht in Emma's Gesellschaft war, denn Konrad
+von Burgfels hatte ihn noch nicht wieder besucht.</p>
+
+<p>So stand die Veste Mannsteins einsam und verlassen,
+seit dem Tode der Mutter Emma's war diese
+Gegend nicht so &ouml;de und still gewesen. Dieser Einsamkeit
+&uuml;berdr&uuml;ssig, beschlo&szlig; daher Friedrich ein kleines Fest
+anzustellen, welches ihn wieder an die Thaten seiner
+Jugend und seines m&auml;nnlichen Alters erinnerte. Er lud
+mehrere Ritter aus der Nachbarschaft ein, lie&szlig; einen
+gr&uuml;nen Platz vor der Burg zu einem Turniere einrichten,
+und Schranken setzen. Ein Paar goldene Sporen
+waren der Dank des Siegers, Emma sollte ihn &uuml;berreichen.</p>
+
+<p>Am Tage des Turniers erschien Konrad von Burgfels
+auf Friedrichs Veste, aber stiller und verschlossener
+als je. &mdash; Was ist dir, Konrad? fragte Friedrich ihm
+entgegeneilend. &mdash; Bist du krank?</p>
+
+<p>Wollte Gott, ich w&auml;r' es! antwortete Konrad.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Was fehlt dir Freund? Dir ist ein
+Ungl&uuml;ck begegnet.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Ach! Friedrich! &mdash; siehst du, ich hatte
+wohl Recht; falle nieder und danke, da&szlig; dir kein Sohn
+geboren ist, &mdash; ich hatte Recht.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Dein Sohn &mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Schl&auml;ft in Pal&auml;stina den eisernen
+Schlaf. &mdash; Friedrich, nun werden die Fahnen meiner
+Burg <span class="wide">ewig</span> &raquo;Karl&laquo; rufen, und trauriger als je, &mdash; mein
+Geschlecht ist ausgestorben. &mdash; Nun werde ich
+nicht mehr nach jenen Berg hinblicken, denn <span class="wide">ihn</span> werde
+ich nie heruntersprengen sehn mit einer erbeuteten
+Fahne; &mdash; mu&szlig;te <span class="wide">er</span> gerade fallen? &mdash; Der einzige
+Sohn, der einzige Trost eines alten Vaters? Mu&szlig;te
+<span class="wide">ihn</span> gerade der schadenfrohe Tod erw&uuml;rgen? &mdash; Nun
+kann ich ihn nicht anders als in meinen <span class="wide">Tr&auml;umen</span>
+sehn.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Tr&ouml;ste dich. Wer kann wider den
+murren, der das Leben giebt und nimmt? &mdash; La&szlig;
+ihn, wer als J&uuml;ngling stirbt, der hat nur das Sch&ouml;ne
+dieser Welt genossen, alle ihre Leiden sind ihm vor&uuml;bergegangen.
+Wie viele Greise w&uuml;nschen nicht, als J&uuml;nglinge
+gestorben zu sein. &mdash; Zu viele Klagen &uuml;ber
+seinen Tod ist Gottesl&auml;sterung.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Wie gut doch die Reichen immer &uuml;ber
+Ertragung der Armuth zu predigen wissen! &mdash; Du
+bist noch im Besitz deiner Sch&auml;tze, du ersteigst einen H&uuml;gel,
+auf dem die Aussicht umher immer sch&ouml;ner und sch&ouml;ner
+wird, oben entschlummerst du vom Strahl eines sch&ouml;nen
+Abends beleuchtet in den Armen deiner Kinder
+und Enkel; &mdash; ich gehe den Berg hinab, einsam und
+ohne Gef&auml;hrten, in das enge schwarze Thal des Todes.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Auch <span class="wide">ich</span> habe einen Sohn verloren.</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Du?</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Adalbert. &mdash; Er erz&auml;hlte ihm die
+Geschichte seiner Verbannung.</p>
+
+<p>Friedrich, begann Konrad, als der Ritter geendigt
+hatte, &mdash; rufe ihn zur&uuml;ck, mache ihn durch Emma
+gl&uuml;cklich, mache dich selbst in der Freude deiner Kinder
+gl&uuml;cklich. Ich habe nie so lebhaft gef&uuml;hlt, <span class="wide">was</span> das
+eigentliche Gl&uuml;ck des Lebens sei, als itzt, da ich keine
+Rechnung mehr darauf machen darf. Ach! Freund,
+Ehre, Geburt, Sch&auml;tze, &mdash; betr&uuml;gerische Schatten die
+uns necken, inde&szlig; das wahre Gl&uuml;ck mitleidig l&auml;chelnd
+hinter unsern R&uuml;cken entflieht. &mdash; Wie gern m&ouml;cht'
+ich mir durch meine Burgen, meine Ahnen, meinen
+Ruhm einen Sohn erkaufen k&ouml;nnen! unber&uuml;hmt, arm
+und ohne Ahnen w&uuml;rd' ich mich doch von der ganzen
+Welt beneidet glauben. &mdash; Friedrich, folge meinem
+Rathe.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Wenn er hier w&auml;re! &mdash; Niemand
+wei&szlig;, wohin er sich gewandt hat.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Inde&szlig; waren die geladenen Ritter angelangt und
+Emma trat in ihrem festlichen Schmucke zu ihnen.
+Sie schien sich selbst zu gefallen.</p>
+
+<p>Alles schickte sich zum Turnier an, die Ritter begaben
+sich in die Schranken und eine Menge Zuschauer
+aus der benachbarten Gegend versammelte sich. Emma
+sa&szlig; auf dem Altan der Burg, die Kampfrichter gingen
+zu ihren Sitzen und zu diesen schlichen sich auch Konrad
+und Friedrich, unwillig da&szlig; ihren Armen die Schwerter
+und Lanzen zu schwer geworden.</p>
+
+<p>Die Trompete des Herolds erschallte und das Turnier
+nahm seinen Anfang, als auf einem schwarzen
+muthigen Rosse sich ein stattlicher Ritter den Schranken
+n&auml;herte. Er ward eingelassen und zog sogleich die Augen
+aller Anwesenden auf sich &mdash; Emma verglich ihn in
+Gedanken mit Adalbert, der weniger gro&szlig;, nicht diesen
+majest&auml;tischen Anstand hatte. Sie gestand sich, der
+Fremde sei sch&ouml;ner als Adalbert und alle ihre W&uuml;nsche
+erflehten ihm den Sieg. &mdash; Konrad dachte an seinen
+Sohn und seufzte.</p>
+
+<p>Der fremde Ritter schwang seine Lanze mit einer
+Leichtigkeit, welche zeigte, da&szlig; ihm dieses Spiel nicht
+unbekannt sei. Er betrachtete Emma genau, er hatte
+sie sich dem allgemeinen Rufe nach sch&ouml;ner gedacht, ja
+eine vollkommene Sch&ouml;nheit erwartet; er fand sich sehr
+get&auml;uscht; aber doch zog ein unbeschreibliches Etwas
+ihres Gesichts seine Blicke stets wieder nach ihr zur&uuml;ck,
+er fing an zu glauben, da&szlig; eine vollkommene Sch&ouml;nheit
+f&uuml;r das Herz selten so gef&auml;hrlich sei, als ein anziehender
+Blick und ein Mund, um den Gram und
+Heiterkeit stets zu k&auml;mpfen scheinen. &mdash; Emma schlug
+einigemal die Augen nieder und err&ouml;thete.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Das Turnier war geendigt, dem fremden Ritter
+ward einstimmig der Dank zuerkannt, er kniete nieder
+und empfing ihn aus der zitternden Hand des Fr&auml;uleins. &mdash; Er
+&ouml;ffnete sein Visir, es war <span class="wide">Wilhelm
+von L&ouml;wenau.</span></p>
+
+<p>Emma's Blicke trafen auf die schwarzen feurigen
+Augen des Ritters und sanken in eben dem Augenblick
+besch&auml;mt auf ihr Busentuch; sie f&uuml;hlte, da&szlig; in diesen
+Blicken etwas mehr als Neugier gelegen habe, aber doch
+konnte sie sich nicht enthalten, die Augen noch einmal
+aufzuschlagen, um den Anblick der vollkommnen m&auml;nnlichen
+Sch&ouml;nheit zu genie&szlig;en. L&ouml;wenau kniete noch
+immer zu ihren F&uuml;&szlig;en und verschlang sie mit seinen
+Augen; das Geschmetter der Trompeten weckte ihn endlich
+aus seinem s&uuml;&szlig;en Rausch und er erhob sich.</p>
+
+<p>Friedrich eilte auf ihn zu und umarmte ihn, auch
+die &uuml;brigen Ritter begr&uuml;&szlig;ten ihn und man begab sich
+zur Tafel.</p>
+
+<p>Wilhelm von L&ouml;wenau sa&szlig; als Sieger obenan und
+ihm gegen&uuml;ber die sch&uuml;chterne Emma, die jeden Gedanken
+an Adalbert zu verbannen suchte. &mdash; L&ouml;wenau a&szlig;
+und trank nur wenig, er schien unruhig und nachdenkend.
+Jeden Blick Emma's begleitete er und verweilte
+mit seinen Augen oft lange auf ihr. &mdash; Das Mahl
+war geendet, Emma ging in ihr Gemach und man
+brachte den Rittern die Pokale. L&ouml;wenau stand auf
+und ging in den Burggarten.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Mit niedergesenktem Haupte und verschlungenen
+Armen ging er hastig auf und ab, als ob er einen verlornen
+wichtigen Gedanken wiedersuche. &mdash; Er stand
+still, lehnte sich an einen Baum, und sahe mit einem
+wehm&uuml;thigen Blick nach den Fenstern der Burg hinauf,
+auf denen schon der sanfte Schimmer des Abends zitterte.
+Emma stand von ohngef&auml;hr an ihrem Fenster
+und ging wieder zur&uuml;ck, als sie den Ritter erblickte.</p>
+
+<p>War das nicht <span class="wide">Emma?</span> rief er aus. &mdash; Warum
+klopft mein Herz ungest&uuml;mer bei dem Gedanken? &mdash;
+Emma. &mdash; Wie gleichg&uuml;ltig t&ouml;nte mir noch gestern dieser
+Name! Welche verborgene Zauberei hat sich in den
+Klang gemischt, da&szlig; heut mein Blut ihm schneller
+h&uuml;pft? Ist die&szlig; Liebe, Wilhelm?</p>
+
+<p>Nein, nein, sie ist die Verlobte meines Freundes,
+meines Erretters. &mdash; Es kann nicht Liebe sein. Liebe,
+sagt Adalbert, macht menschlicher, wohlwollend gegen
+jedes Gesch&ouml;pf, und ist mir doch, als ob ich den Namen
+Adalbert ha&szlig;te seit ich den Namen Emma liebe! &mdash; Nein,
+es ist nur Zuneigung, nur der erste starke Eindruck,
+den jeder neue Gegenstand macht. &mdash; Zuneigung?
+Mehr nicht? Und warum konnt' ich es nicht &uuml;ber mich
+gewinnen, ein Wort mit dem Ritter zu sprechen, der
+neben ihr sa&szlig;? Wie konnt' ich ihn beneiden, da&szlig; ihn
+der Saum ihres Kleides ber&uuml;hre? Warum ha&szlig;te ich
+jeden, den nur einer ihrer holdseligen Blicke traf? Was
+machte mich gl&uuml;hend hei&szlig;, wenn ihr Auge auf mir verweilte? &mdash; Freundschaft
+ist die&szlig; Gef&uuml;hl nicht, wenn es
+nicht Liebe ist, so bin ich wahnsinnig! &mdash; ist es aber
+Liebe, so soll Adalbert sehen, wie ein Mann eine Leidenschaft
+besiegt.</p>
+
+<p>Besiegt? als ob hier schon etwas zu besiegen w&auml;re. &mdash; Als
+ob es schon ausgemacht w&auml;re, da&szlig; <span class="wide">ich sie</span> liebte! &mdash; Es
+kann, es darf nicht sein. Ich will mich mit aller
+meiner M&auml;nnlichkeit panzern; sie geh&ouml;rt Adalbert, er liebt
+sie, sie ihn, ich habe sie ihm versprochen, &mdash; ein Mann,
+ein Ritter mu&szlig; auf sein Versprechen halten und wenn
+er selbst dar&uuml;ber zu Grunde ginge.</p>
+
+<p>Er eilte in die Burg zur&uuml;ck, und freute sich dieses
+Sieges.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Emma hatte sich inde&szlig; einigemal wieder dem Fenster
+gen&auml;hert, ohne von L&ouml;wenau bemerkt zu werden.
+Sie konnte den sch&ouml;nen Mann nie ohne eine
+gewisse Theilnahme sehn und diese Theilnahme ging
+sehr bald in den Wunsch &uuml;ber: wenn <span class="wide">dieser</span> dich
+liebte! Ohne es selbst zu wissen, spann sie denn diesen
+Traum weiter aus, und die spielenden Phantasieen
+schlossen mit der Frage: Du liebst ihn also?</p>
+
+<p>Sie erschrak nicht mehr &uuml;ber diese Frage, schon
+w&auml;hrend der Mahlzeit hatte sie sich an diesen Gedanken
+gew&ouml;hnt. &mdash; Ganz leise fing ihr Herz an diese Frage mit
+Ja zu beantworten; sie hatte ihn schon geliebt, ehe
+sie noch die M&ouml;glichkeit dieser Liebe dachte, itzt gab sie
+erst zu dieser Liebe nur noch ihre Einwilligung. Die&szlig;
+war der erste Augenblick, in welchem sie eine Art von
+Freude dar&uuml;ber empfand, da&szlig; Adalbert nicht in der
+Burg zugegen sei, das Andenken seiner Liebe lebte nur
+noch ganz schwach in ihrer Seele, nur wie die Erinnerung
+des gestrigen Abendmahls beim majest&auml;tischen
+Aufgang der Sonne. Sie f&uuml;hlte, da&szlig; sie ihren Adalbert
+noch lange nicht so geliebt habe, als sie lieben
+k&ouml;nne, ja sie fing so gar an, sich ihre Gef&uuml;hle abzustreiten,
+er war wie sie jetzt glaubte, nur ihr Freund
+gewesen. Durch die Erscheinung L&ouml;wenau's war &uuml;berhaupt
+auf sein Bild jener Schatten der Gleichg&uuml;ltigkeit
+zur&uuml;ckgeworfen, aus dem die Liebe den geliebten
+Gegenstand an das hellste Licht hervorzieht. Alle Vollkommenheiten,
+die sie einst an Adalbert bewunderte,
+fand sie ungleich vollkommner an L&ouml;wenau wieder und
+jener behielt am Ende nichts als seine Fehler, die sie
+sonst immer zu seinen Vorz&uuml;gen gerechnet hatte; und
+da man auch andre gern seiner eignen Fehler wegen
+anklagt, so glaubte sie darin, da&szlig; er nicht wenigstens
+Abschied von ihr genommen habe, einen Beweis zu
+finden, da&szlig; auch er sie nie geliebt habe. &mdash; In dieser
+Voraussetzung fand sie sehr viel Beruhigendes, und darum
+ward sie endlich &Uuml;berzeugung.</p>
+
+<p>Die Liebe stimmt die Empfindung feiner und roher,
+erhabner und niedriger; den vorher gemeinen Menschen
+erhebt sie oft zum Edelmuth; der Edle sinkt zum Gemeinen
+hinab, ein und ebenderselbe Gesang, der auf jedem
+Instrument in andern T&ouml;nen lebt. Was Emma sonst
+immer mit Verachtung angesehn hatte, schien ihr itzt
+wichtig; der geschm&uuml;ckte L&ouml;wenau gefiel ihr um ein
+gro&szlig;es Theil mehr als er ihr ohne Schmuck w&uuml;rde gefallen
+haben, sie gestand sich die&szlig; Gef&uuml;hl, und beschlo&szlig;
+von jetzt an auch auf ihren Putz mehrere Aufmerksamkeit
+zu wenden. Sie sahe sogar die Erinnerung an
+Adalbert darum etwas gleichg&uuml;ltiger an, weil er nur ihres
+Vaters <span class="wide">Knappe</span> gewesen war.</p>
+
+<p>L&ouml;wenau wollte eben durch den gro&szlig;en Gang in
+die Versammlung der Ritter gehn, als Emma, vielleicht
+zuf&auml;llig, vielleicht mit Vorsatz, weil sie ihn hatte zur&uuml;ckkommen
+sehn, aus dem Gemache trat.</p>
+
+<p>Ihr hier, Fr&auml;ulein? rief L&ouml;wenau etwas hastig.</p>
+
+<p>Sie wurde roth, denn sie glaubte in diesen Worten
+und in der Art, wie er sie sprach, einigen Unwillen des
+Ritters zu entdecken, oder den Gedanken, sie sei seinetwegen
+gekommen. &mdash; Um in den Garten zu gehn, antwortete
+sie, indem sie rasch vorbeih&uuml;pfen wollte.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Ihr flieht mich? sprach der Ritter.</p>
+
+<p>Euch fliehen? Dann m&uuml;&szlig;tet Ihr nicht der Ritter
+L&ouml;wenau sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Sie waren beide an ein Bogenfenster getreten und
+der Schein des Abends &uuml;berflog mit freundlicher R&ouml;the
+das Gesicht des M&auml;dchens.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Fr&auml;ulein, &mdash; fing der Ritter nach einigem Stillschweigen
+an, die Sonne nimmt durch einen holdseligen
+Ku&szlig; von Euch Abschied, um Euch morgen wieder mit
+einem Kusse zu wecken. &mdash; Um Euer Antlitz zittert ein
+blasser Flammenschein, man sollte Euch f&uuml;r eine Heilige
+halten.</p>
+
+<p>Da&szlig; Ihr nur nicht in die Versuchung kommt, mich
+anzubeten, erwiederte Emma schalkhaft.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Und wenn ich nun in die Versuchung
+k&auml;me? &mdash; W&uuml;rdet Ihr mein Gebet erh&ouml;ren, sch&ouml;ne
+Emma?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Ich m&uuml;&szlig;te erst wissen, um was Ihr mich
+bitten wolltet. &mdash; Sie sprach diese Worte leise und mit
+zitternder Stimme, denn sie f&uuml;rchtete und hoffte viel.</p>
+
+<p>So bitt' ich Euch, sprach L&ouml;wenau, nicht so schnell
+von mir in den Garten zu eilen.</p>
+
+<p>Nicht mehr als das? rief Emma schnell, und mit
+einem kleinen Unwillen &uuml;ber ihre get&auml;uschte Erwartung.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Wenn Ihr so g&uuml;tig seid, mein Fr&auml;ulein,
+so werdet Ihr mich leicht zu einem ungest&uuml;men
+Bitter machen.</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Was k&ouml;nntet Ihr noch mehr w&uuml;nschen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Euch sehen und nicht w&uuml;nschen?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Ihr sprecht in R&auml;thseln.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Da&szlig; Euer Herz sie verstehen <span class="wide">wollte!</span></p>
+
+<p>Emma sahe starr vor sich hin. L&ouml;wenau's Augen
+wurzelten auf ihrem Antlitz, er zitterte, eine niegef&uuml;hlte
+Empfindung bebte durch seinen K&ouml;rper, wie mit Ketten
+ri&szlig; es ihn zu Emma hin, er umarmte sie pl&ouml;tzlich und
+sprach mit leiser unterdr&uuml;ckter Stimme: Emma, ich liebe
+dich!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Bet&auml;ubt hing er an ihrem Halse, Emma sprach
+nicht, eine von seinen H&auml;nden lag in der ihrigen, sie
+dr&uuml;ckte sie schweigend.</p>
+
+<p>Liebst du mich? rief er, wie aus einem Traum
+erwachend. &mdash; Ein leises fl&uuml;sterndes &raquo;Ja,&laquo; nur der
+Liebe h&ouml;rbar, flog ihm entgegen.</p>
+
+<p>Sein Gesicht sank auf das ihrige, er dr&uuml;ckte einen
+brennenden zitternden Ku&szlig; auf ihre Lippen, &mdash; kein
+Gedanke, kein Gef&uuml;hl, keine Erinnerung trat vor seine
+Seele, als da&szlig; er <span class="wide">sie</span> in seinen Armen halte; selbst
+da&szlig; sie ihn liebe, hatte er vergessen.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Emma erholte sich zuerst aus ihrer Bet&auml;ubung, noch
+einen Ku&szlig; dr&uuml;ckte sie auf seine Lippen, und flohe dann
+zitternd in ihr Gemach, wo sie sogleich athemlos auf einen
+Sessel niedersank, als w&uuml;rde sie von einem Ungeheuer
+verfolgt. L&ouml;wenau starrte ihr nach, bis der letzte wei&szlig;e
+Schimmer ihres Gewandes verschwand; lange noch blieb
+sein Auge unbeweglich auf einen Punkt geheftet, als
+w&auml;re ihm ein Gespenst begegnet.</p>
+
+<p>Endlich ging er in den Saal, wo alle Ritter noch
+fr&ouml;hlich bei den Pokalen sa&szlig;en; selbst Friedrich und
+Konrad hatten ihre verlornen S&ouml;hne vergessen.</p>
+
+<p>L&ouml;wenau wandelte wie im Traum und beantwortete
+jede Frage nur unvollst&auml;ndig. &mdash; Friedrich glaubte, er
+sei von der Reise und vom Turnier erm&uuml;det und lie&szlig;
+ihn durch einen Diener auf sein Zimmer f&uuml;hren. Auch
+die &uuml;brigen Ritter gingen aus einander. &mdash; L&ouml;wenau entschlief,
+als sich seine Phantasie m&uuml;de geschw&auml;rmt, und
+seine Leidenschaften in Ersch&ouml;pfung gek&auml;mpft hatten.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Als er am Morgen erwachte, war Adalbert und sein
+Versprechen sein erster Gedanke. Furchtbar trat diese
+Erinnerung auf ihn zu, und mahnte ihn schrecklich, auf
+dem Wege nicht fortzuwandeln, den er zu betreten angefangen
+habe. &mdash; Aber wie war es m&ouml;glich r&uuml;ckw&auml;rts
+zu gehn? Er hatte ihr seine Liebe gestanden, und sie,
+da&szlig; sie ihn wieder liebe. Wenn die&szlig; Gest&auml;ndni&szlig; nicht
+&uuml;ber seine Lippen geschl&uuml;pft w&auml;re, so h&auml;tte er gegen
+seine Leidenschaft noch k&auml;mpfen k&ouml;nnen; jetzt aber w&uuml;rde
+er sich und Emma zugleich ungl&uuml;cklich gemacht haben. &mdash; Er
+&uuml;berlie&szlig; sich und sein Schicksal endlich ganz und
+gar der Zeit, wenigstens verschob er alles Nachsinnen,
+alle Entschl&uuml;sse bis auf jene Stunde, in welcher er bei
+dem Vater um sie anhalten wollte. &mdash; Wei&szlig; ich doch
+noch nicht gewi&szlig;, ob sie mir der Vater nicht abschl&auml;gt;
+geschieht es nicht, nun so kann ich ja auch dann noch
+immer f&uuml;r Adalbert handeln. &mdash; Mit diesen T&auml;uschungen
+beruhigte er die Vorw&uuml;rfe, die er in dem Innern
+seiner Seele f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>Emma und Wilhelm waren sich bald nicht mehr
+fremd, das vertrauliche Du verdr&auml;ngte bald die fremde
+steife H&ouml;flichkeit; denn L&ouml;wenau verachtete alle Zur&uuml;ckhaltung,
+alles Verschlie&szlig;en in sich selbst; er glaubte, es zieme
+dem Mann, stets gerade und offen zu handeln, keinem
+ungepr&uuml;ft zu mi&szlig;trauen, von jedem Unbekannten das
+Beste zu denken, und ihn als Freund zu behandeln.
+So war Wilhelm der Freund der ganzen Welt. &mdash; Emma,
+die nie die Burg ihres Vaters verlassen hatte, die fast
+immer nur mit Gesch&ouml;pfen ihrer Phantasie umgegangen
+war, besa&szlig; noch weniger Zur&uuml;ckhaltung; sie &auml;u&szlig;erte sich
+ganz so, wie sie war, kannte Verstellung kaum dem
+Namen nach, und traute jedem offenen Gesichte.</p>
+
+<p>Er sprach itzt zuweilen von Adalbert, und sie gestand
+ihm, da&szlig; sie ihn nie geliebt habe. Sie glaubte es
+jetzt. &mdash; L&ouml;wenau f&uuml;hlte sich durch diese Erkl&auml;rung gl&uuml;cklich. &mdash; Beide
+waren sich bald unentbehrlich, und
+L&ouml;wenau gab den Einladungen Friedrichs, da die &uuml;brigen
+Ritter die Burg verlie&szlig;en, sehr gern Geh&ouml;r. Wenn
+er jetzt nicht bei Emma war, war er sich selbst zur Last;
+jede Besch&auml;ftigung machte ihm Langeweile, und doch verlegte
+er die Stunde immer von einem Tag zum andern,
+in welcher er bei Friedrich um sie anhalten wollte; denn
+er f&uuml;hlte sich in der T&auml;uschung etwas beruhigt, da&szlig; er
+noch immer nicht gegen Adalbert handle.</p>
+
+<p>Emma war jetzt liebensw&uuml;rdiger als je; der leichte
+Gram um Adalbert hatte ihr manches von ihrer Lebhaftigkeit
+genommen, sie war jetzt mehr eine stille, leidende
+Sch&ouml;nheit, die sich um so reizender an den st&auml;rkern
+Mann anschlie&szlig;t und hinter seiner Brust einen
+Schirm gegen alle St&uuml;rme des Schicksals sucht. Ihre
+neue Liebe hatte ihr einen seelenvollen Blick gegeben, in
+welchem ein sch&ouml;nes Feuer brannte. &mdash; Der heftige L&ouml;wenau
+liebte sie bis zur Anbetung, denn es war seine erste Liebe.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Endlich aber fand er doch diese Lage peinlich, er
+beschlo&szlig; noch heute mit sich und Adalbert Abrechnung
+zu halten, noch heute bei dem Vater um sie zu werben.
+Er ging zum alten Friedrich, den er in einem Sessel
+nachdenkend im Saale fand. &mdash; Woran denkt Ihr,
+Ritter? redete er ihn an.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Bei mir ist ja leider die Zeit gekommen,
+wo ich nur noch in der Erinnerung leben kann;
+die Zeit der Thaten ist verschwunden.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Aber k&ouml;nnt Ihr nicht auch in der Zukunft
+leben?</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> In der R&uuml;ckerinnerung lernen wir
+mehr, nur Thoren sind in der Zukunft zu Hause. &mdash; Wenn
+man seinen ganzen Reichthum anwendet, in
+jenem goldnen Lande Pall&auml;ste aufzubauen, und <span class="wide">ein</span>
+Windsto&szlig; sie alle niederrei&szlig;t: wohin soll dann der verarmte
+Pilger fliehen? &mdash; &Uuml;ber dem Lande der Zukunft
+liegt ein dicker Nebel; oft scheint uns aus der Entfernung
+etwas ein Schlo&szlig; zu sein, und wenn wir n&auml;her kommen,
+ist es eine &uuml;berhangende Klippe, die sich im
+n&auml;chsten Augenblick auf unser Haupt herabwirft.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Ihr wollt also nicht hoffen?</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> O ja, aber die Hoffnung, jene Betr&uuml;gerin,
+nicht zu meiner t&auml;glichen Gesellschaft machen.
+Das gr&ouml;&szlig;te Gl&uuml;ck erscheint klein, neben dem Bilde,
+das uns die Hoffnung vorhielt.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Die Hoffnung tr&auml;gt f&uuml;r Euch die
+Gestalt Emma's, und eine solche Tochter &mdash; &mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Je besser sie ist, desto mehr hab' ich
+zu f&uuml;rchten, und je mehr ich sie liebe, je mehr verlier'
+ich in ihr. Alles w&auml;r' mit ihr dahin! Ich w&uuml;nsche
+nichts, als sie gl&uuml;cklich zu sehn; dann werde ich es
+auch sein.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Habt Ihr noch auf keinen Eidam
+gedacht?</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Er schl&auml;ft in Pal&auml;stina, Konrad von
+Burgfels, ihr mu&szlig;t ihn gekannt haben, &mdash; ein anderer, &mdash; o
+ich mag nicht gern daran denken! &mdash; ein
+gewisser Adalbert liebte sie, ich schlug sie ihm ab;
+w&auml;re er jetzt hier, sie w&auml;re sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>L&ouml;wenau schwieg, und sahe d&uuml;ster vor sich nieder.
+Ein gewisser &mdash; Wollt Ihr sie keinem Ritter von
+ber&uuml;hmtem Hause geben? fragte er endlich.</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Wer wei&szlig; ob sie mit einem solchen
+gl&uuml;cklich w&auml;re?</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Wenn er sie, wenn sie ihn liebte?</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Dann w&uuml;rd' ich mich keinen Augenblick
+bedenken.</p>
+
+<p>L&ouml;wenau k&auml;mpfte jetzt einen schweren Kampf, sein
+Edelmuth und seine Liebe rangen hartn&auml;ckig mit einander;
+oft wollte er den Namen Adalbert aussprechen,
+aber der Name starb auf den Lippen bei dem Gedanken
+an Emma. &mdash; Die Liebe blieb Siegerin. &mdash; W&uuml;rdet
+Ihr mich als Eidam verschm&auml;hen, Ritter?</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Euch? &mdash; Ist das Euer Ernst?</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> K&ouml;nntet Ihr mir jetzt wirklich Scherz
+zutrauen?</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Sie ist Euer, wenn sie Euch liebt.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Daf&uuml;r kann ich B&uuml;rge sein.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Nun so darf ich doch endlich hoffen,
+ein gl&uuml;cklicher Vater zu werden; ich zweifelte schon
+daran, denn man mu&szlig; sich gew&ouml;hnen, an allem in
+dieser Welt zu zweifeln, was dem Gl&uuml;cke &auml;hnlich sieht.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Ihr seid heute besonders traurig gestimmt.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">Friedrich.</span> Ich will es nicht l&auml;nger bleiben,
+mein Eidam mu&szlig; nicht glauben, da&szlig; er an mir einen
+m&uuml;rrischen Vater erh&auml;lt.</p>
+
+<p>Die Ritter sprachen noch lange zusammen; Friedrich
+ward sehr heiter, L&ouml;wenau ging endlich sp&auml;t in
+sein Schlafgemach.</p>
+
+<p>Sie ist mein! rief er aus. &mdash; Unwidersprechlich
+mein. &mdash; Itzt sei es fest beschlossen. &mdash; Sie ist mein,
+Adalbert! und sollt' ich dar&uuml;ber mein Leben, welches
+ich dir danke, gegen dich auf's Spiel setzen m&uuml;ssen. Die
+Freundschaft sterbe f&uuml;r die Liebe. Sie liebt ihn
+nicht; sie w&auml;re ungl&uuml;cklich, und &mdash; bei allen Heiligen! &mdash; sie
+verdient es nicht zu sein. Auch er wird sie
+vergessen, &mdash; oder mein Leben &mdash; ein nichtiges Geschenk
+ohne sie, zur&uuml;ckfordern. Mag er! ich werde es
+vertheidigen, denn jetzt ist es Emma's Eigenthum. Der
+gro&szlig;e Vertrag mit seinem Gewissen war bald von der
+Leidenschaft abgeschlossen; ihre Sprache hielt er f&uuml;r die
+Stimme der unpartheiischen Wahrheit, und schlief zu
+gl&uuml;cklichen Tr&auml;umen ein.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Emma! du bist mein! dein Vater hat dich mir zugesagt,
+du mein! ich dein! so rief L&ouml;wenau als er in
+Emmas Zimmer trat und in ihre Arme eilte. &mdash; Jetzt
+kann uns nichts in der Welt von einander rei&szlig;en.</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Ich dein? du mein?&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Nur etwas mangelt unserm Gl&uuml;ck
+und dieses Wort umfa&szlig;t noch mehr.</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Was k&ouml;nnte dieses Etwas sein?</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Da&szlig; Adalbert alle seine Rechte auf
+dich aufgiebt; so lange wir noch f&uuml;rchten m&uuml;ssen, da&szlig;
+er zwischen unsre Umarmungen tritt, so lange sind wir
+nur halb gl&uuml;cklich. &mdash; Emma, ich wei&szlig; den Ort seines
+Aufenthalts, schicke ihm durch einen Bothen nur wenige
+Worte, die ihm sagen, da&szlig; du ihn nicht mehr
+liebst, da&szlig; er jeden Gedanken an dich vergessen solle,
+da&szlig; du mein seist. &mdash; Ich bitte dich darum, Emma.
+Dann wollen wir uns ohne alle Besorgnisse ganz dem
+Gl&uuml;ck unsrer Liebe &uuml;berlassen, dann soll keine &auml;ngstliche
+Furcht uns nahe treten, dann will ich es trotzig mit
+der Zeit aufnehmen, ob sie durch unz&auml;hlige Jahre im
+Stande sei, meine Liebe zu schw&auml;chen.</p>
+
+<p>Emma gab sehr leicht ihre Einwilligung, auch L&ouml;wenau
+setzte sich und schrieb diesen Brief:</p>
+
+<blockquote>
+<p><span class="wide">Adalbert!</span></p>
+
+<p>Mein Versprechen ist gebrochen! rechte mit dem
+Schicksal und nicht mit mir! Ich bin unschuldig. &mdash; Engel
+gaben der Versuchung nach und verspielten ihr
+ewiges Gl&uuml;ck; ich bin nur ein schwacher Mensch, mag
+der Verlust Deiner Freundschaft meine Schw&auml;che bestrafen. &mdash; Emma
+geh&ouml;rt Dir nicht mehr, sie ist mein,
+mir von ihrem Vater und der Liebe zugesagt. Zweifle
+nicht Adalbert, sie liebt Dich nicht, sie hat Dich
+nie geliebt. Alle Deine Hoffnungen sind durch mich
+gemordet; ermorde mich, wenn Du Dich r&auml;chen mu&szlig;t;
+aber ihren Besitz wirst Du mir nie streitig machen.
+Gieb sie verloren Adalbert, sie kann in Ewigkeit nicht
+die Deinige werden. Ich bin der H&uuml;ter dieses Schatzes;
+wer ihn erlangen will, mu&szlig; mich erst t&ouml;dten.</p>
+
+<p class="right"><span class="wide">L&ouml;wenau.</span></p>
+</blockquote>
+
+<p>Emma hatte indessen einige Worte geschrieben, die
+sie ihm gab. Er legte sie in seinen Brief und siegelte
+ihn.</p>
+
+<blockquote>
+<p><span class="wide">Ritter</span>,</p>
+<p>Verge&szlig;t mich, so wie ich Euch vergessen will,
+denkt an mich stets wie an einen verstorbenen Freund;
+ich bin die Verlobte eines Ritters und darf mich daher
+nicht mehr nennen:</p>
+<p class="right">Eure Emma.</p>
+</blockquote>
+
+<p>L&ouml;wenau gab die Briefe seinem Knappen Franz,
+der ihn nach Mannstein begleitet hatte. Dieser ritt
+noch an eben dem Tage fort, um so fr&uuml;h als m&ouml;glich
+auf der Burg L&ouml;wenau's anzukommen.</p>
+
+<p>Friedrich und L&ouml;wenau dachten itzt nur an das
+Verm&auml;hlungsfest, welches sie recht gl&auml;nzend zu machen
+beschlossen. Emma war in den Armen ihres Geliebten
+so gl&uuml;cklich, als man es auf dieser Welt sein kann.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Adalbert lebte w&auml;hrend dieser Zeit noch immer unter
+seinen sch&ouml;nen Hoffnungen und erwartete t&auml;glich die
+Bothschaft seines Gl&uuml;cks. Sein vergebliches Warten
+machte ihn nicht traurig, nur verdr&uuml;&szlig;lich, denn dieser
+Aufschub schien die Hoffnung von dem gl&uuml;cklichen Fortgang
+des Unternehmens zu best&auml;tigen. Er war oft
+auf die Jagd gegangen, hatte die sch&ouml;nen Gegenden
+in der N&auml;he besucht und dachte jeden Abend bei der
+Heimkehr, einen Bothen seines Freundes zu finden.</p>
+
+<p>Er war von einem seiner Spazierg&auml;nge zur&uuml;ckgekommen
+und stand an eine Buche gelehnt, das Wolkenspiel
+im Abendroth zu betrachten, als er in der Ferne
+einen Reuter erblickte, der sich dem Schlosse n&auml;herte.
+Er erkannte bald in ihm Franz, den Knappen L&ouml;wenau's. &mdash; Schnell
+eilte er mit der Frage auf ihn zu:
+ob ihn der Ritter gesendet habe. &mdash; Franz antwortete
+mit Ja und &uuml;berreichte ihm den Brief L&ouml;wenau's.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Adalberts Herz klopfte heftig als er den Brief und
+die Aufschrift betrachtete, er z&ouml;gerte ihn zu erbrechen. &mdash;
+Unaussprechliches Gl&uuml;ck, oder Tod springt mir entgegen, &mdash; noch,
+noch darf ich hoffen, noch bin ich gl&uuml;cklich. &mdash; Die
+Sonne war untergegangen, er ging auf
+sein Zimmer, den Brief beim Schein eines Lichtes zu
+lesen. Dieser Augenblick war ihm feierlich, eine heilige
+Stille schwebte l&auml;ngst den W&auml;nden des Gemachs, eine
+Grille zirpte leise und eine ferne Glocke t&ouml;nte &uuml;ber den
+Berg her&uuml;ber. &mdash; Er l&ouml;&szlig;te das Siegel.</p>
+
+<p>Emma's Brief fiel ihm zuerst auf, er kannte die
+Hand und k&uuml;&szlig;te das Pergament. &mdash; Er las &mdash; und
+ward bleich, &mdash; er las von neuem und schaute wild
+mit weit ge&ouml;ffneten Augen empor, alle seine Gedanken
+verirrten sich, er wu&szlig;te nur, da&szlig; er elend sei, kalt
+und f&uuml;rchterlich fa&szlig;te ihn diese &Uuml;berzeugung an; was
+sein Elend sei, war aus seiner Seele geschwunden.</p>
+
+<p>Emma! rief er endlich mit f&uuml;rchterlicher Stimme,
+indem seine Besinnung zur&uuml;ckkehrte. &mdash; Er wagte es,
+noch einmal zu lesen, dann las er den Brief L&ouml;wenau's. &mdash; Seine
+Augen schlossen sich, wie von einer
+zu gro&szlig;en Helle geblendet, krampfhaft schlug er die
+Z&auml;hne zusammen und hing kalt und starr wie eine Leiche
+in dem Sessel. &mdash; <span class="wide">Das</span> hatte er nicht erwartet.</p>
+
+<p>Er sprang nach einer Stille auf und br&uuml;llte wie
+ein Rasender: Fluch &uuml;ber alle, die in dieser Stunde
+gl&uuml;cklich sind! Fluch &uuml;ber alle Elende! &mdash; Ja, ich
+fluche mir selbst, ich fluche mir und ihr &mdash; o ihr Verzweifelten!
+kommt zu mir her an meine Brust und
+helft mich verfluchen! <span class="wide">Eure</span> Emma? <span class="wide">Eure</span> Emma? &mdash; Du
+l&uuml;gst Meineidige! so hast du dich nie genannt!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Mir hat noch keine Hoffnung Wort gehalten, keine
+Seligkeit der Erde hat mich Freund genannt. Mein
+Leben ist ein schwarzes Gewebe von Ungl&uuml;ck, wie von
+einem Feind werd' ich vom Elend verfolgt, durch tausend
+Quaalen jagt es mich in den Rachen des Todes.
+<span class="wide">Meinetwegen</span> wird ein z&auml;rtlicher Vater grausam,
+<span class="wide">meinetwegen</span> ein edler Freund ein Ungeheuer, &mdash; ich
+gebe die Hoffnung, ich gebe das Schicksal auf. Ein
+blindes Ohngef&auml;hr w&uuml;rfelt mit Gl&uuml;ck und Ungl&uuml;ck, &mdash; gut,
+so will ich denn auch handeln, so lange ich noch
+handeln kann, &mdash; ich will zu ihnen, sie sollen aus
+ihren Umarmungen zur&uuml;ckst&uuml;rzen, als h&auml;tten sie den
+Schuppenhals eines Drachen ber&uuml;hrt. &mdash; Ich will nicht
+<span class="wide">allein</span> ungl&uuml;cklich sein, die <span class="wide">Liebe</span> ha&szlig;t mich, der
+<span class="wide">Ha&szlig;</span> soll mich itzt gl&uuml;cklich machen.</p>
+
+<p><span class="wide">Eure</span> Emma? &mdash; Konnte deine Hand diese Worte
+schreiben? Dieselbe Hand, die mir so oft den Schwei&szlig;
+des Kampfes von der Stirn trocknete, dieselbe Hand,
+die so oft in der meinigen lag und mich deiner Liebe
+versicherte &mdash; o Himmel! was f&uuml;r ein armseliges Ding
+ist die Tugend, wenn sich in wenigen Wochen der
+Mensch so ganz umschaffen kann! Richtet keinen
+B&ouml;sewicht mehr hin, er ist in wenigen Tagen vielleicht
+ein Muster f&uuml;r seine Richter! &mdash; Tugend? &mdash; F&uuml;r
+mich ist keine Tugend, kein Gott mehr, denn sie, das
+Unterpfand f&uuml;r beide, ist mir verloren.</p>
+
+<p>Er dr&uuml;ckte knirschend L&ouml;wenaus Brief zusammen,
+sein Athem dr&auml;ngte sich schwer durch seine Kehle, tausend
+Centner waren auf seine Brust gew&auml;lzt. &mdash; Sein Blick
+fiel auf Emma's gr&uuml;nes Band nieder, das er auf seiner
+Brust immer als eine Reliquie getragen hatte, er ri&szlig;
+es w&uuml;thend herab.</p>
+
+<p>Das Pfand ihrer Treue! ihrer Liebe! &mdash; &mdash; Sie
+will mich vergessen. &mdash; Ich kann sie nie vergessen, und
+warum sollt' ich es auch? &mdash; wenn ich sie vergessen
+k&ouml;nnte, dann k&ouml;nnte ich einst wieder l&auml;cheln &mdash; aber
+das werd' ich nie wieder.</p>
+
+<p>Er schwieg und lehnte sich in eine Ecke des Zimmers,
+alles war still wie eine Todtengruft.</p>
+
+<p>Du hast mir mein Leben gestohlen, Emma, sprach
+er leise, um die tiefe Einsamkeit nicht zu st&ouml;ren; ich
+werde bald sterben und habe umsonst gelebt, von mir
+darf Niemand Rechenschaft dort jenseits fordern, nur
+&uuml;ber Jammer kann ich Red' und Antwort geben, &mdash; Emma,
+ich weise den f&uuml;rchterlichen Richter an dich,
+und an dich Wilhelm!</p>
+
+<p><span class="wide">Eure</span> Emma! &mdash; H&auml;ttest du mir doch wenigstens
+das armselige &raquo;Du&laquo; &uuml;brig gelassen, &mdash; aber <span class="wide">nichts</span>
+sollte mir &uuml;brig bleiben. &mdash; Gut, setzte er mit schrecklicher
+K&auml;lte hinzu, auch dies Band will ich dir zur&uuml;ckbringen.</p>
+
+<p>Er glaubte einigemal, Emma und sein Freund
+h&auml;tten nur auf eine grausame Art mit ihm scherzen
+wollen, um seine Liebe auf die Probe zu stellen; er
+dachte, er h&auml;tte in seiner Wuth einige Ausdr&uuml;cke zu
+stark empfunden, er suchte dann nochmals in den Briefen
+nach und qu&auml;lte sich den f&uuml;rchterlichen Sinn zu
+mildern, &mdash; aber umsonst! der kalte, gef&uuml;hllose Buchstabe
+blieb derselbe, und seine Pein fand keine Linderung.</p>
+
+<p>Der Ritter durchlebte eine f&uuml;rchterliche Nacht, er
+konnte nicht schlafen, aber auch nicht wachen; tausendmal
+stand sein Verstand vor dem f&uuml;rchterlichen Thor
+des Wahnsinns, er sahe tausend Gestalten vor&uuml;berziehn,
+die <ins title="Original hat ihm">ihn</ins> bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erf&uuml;llten;
+in dem einen Augenblick lag er in den Armen Emma's,
+alles war nur ein f&uuml;rchterlicher Traum gewesen; er
+dr&uuml;ckte sie an sein Herz, und das Knistern des Briefs,
+den er noch immer in seiner Hand fest eingeschlossen
+hielt, weckte ihn wie durch schadenfrohen Zauber aus
+seiner Trunkenheit. Bald k&auml;mpfte er mit L&ouml;wenau um
+Tod und Leben und sah ihn unter seinen Streichen
+fallen; bald verschlang alles um ihn her eine gro&szlig;e
+w&uuml;ste Leere, er stand mit seinem Schmerz allein in
+der tauben ausgestorbenen Wildni&szlig;, von einer unendlichen
+Nacht umfangen; Geister fuhren auf fernen
+Donnern und schwache Blitze spalteten das ungeheure
+Reich der ewigen &Ouml;de.</p>
+
+<p>Er f&uuml;hlte, wie seine Kr&auml;fte merklich schwanden.
+Gott! rief er, wenn ich diese Nacht sterben m&uuml;&szlig;te!
+ohne sie noch einmal zu sehn! &mdash; Mein Geist mu&szlig;
+von meiner gestorbenen Emma Abschied nehmen, ich
+<span class="wide">mu&szlig;,</span> ich mu&szlig; sie sehn.</p>
+
+<p>Er wartete &auml;ngstlich auf den Anbruch des Morgens,
+die Nacht schien ihm Hohn zu sprechen, der Morgen
+kam immer noch nicht. &mdash; Endlich zitterte der erste
+graue Streif des Tages empor und Adalbert sprang
+schnell auf, ri&szlig; ein Ro&szlig; aus dem Stalle, und sprengte
+hinweg. Sein treuer Hund, der ihm oft auf der Jagd
+gefolgt war, begleitete ihn.</p>
+
+<p>Er jagte rasch der Sonne entgegen, er spornte sein
+Ro&szlig; unaufh&ouml;rlich, denn die gr&ouml;&szlig;te Eile war ihm zu
+langsam.</p>
+
+<p>Eine dr&uuml;ckende Hitze zog herauf und sein Ro&szlig; war
+schon erm&uuml;det, als er einen Ritter einholte, der auch
+diese Stra&szlig;e zog. &mdash; Wohin? fragte er diesen. &mdash; Nach
+Mannstein, war die Antwort, zur Hochzeit des
+edeln L&ouml;wenau und der sch&ouml;nen Emma. &mdash; Adalbert
+lachte wild auf. &mdash; Wor&uuml;ber lacht Ihr? &mdash; Voll
+Freude, da&szlig; wir einen Weg haben. &mdash; In eben dem
+Augenblicke gab er von neuem dem Rosse die Sporen
+und sprengte wie rasend hinweg. &mdash; Warum eilt Ihr
+so? rief ihm der Ritter nach. &mdash; Seht Ihr nicht,
+schrie Adalbert zur&uuml;ck, wie mir der bleiche Tod nachjagt? &mdash; Er
+war ihm bald aus den Augen.</p>
+
+<p>Das gr&uuml;ne Band war um seinen Arm gebunden
+und flatterte ihm nach; Todtenbl&auml;sse hatte sein Gesicht
+&uuml;berzogen, sein Ro&szlig; keuchte und sein treuer Hund
+lief ihm oft voraus, und sah <ins title="Original hat ihm">ihn</ins> winselnd an, &mdash; aber
+ohne Bewu&szlig;tsein jagte er immer wieder in neuer
+Wuth weiter. &mdash; Am Abend st&uuml;rzte der Rappe todt
+nieder, der Hund war fort, als er sich nach ihm
+umsah. &mdash; Auch er hat mich verlassen, dachte Adalbert;
+aber der treue Gef&auml;hrte lag schon weit hinter ihm sterbend
+am Wege.</p>
+
+<p>Adalbert reiste zu Fu&szlig; die ganze Nacht hindurch,
+seine Kr&auml;fte schienen &uuml;bermenschlich, tausend Schrecken
+schienen ihn unerm&uuml;det vor sich hin zu jagen. &mdash; Am
+Mittag des andern Tages entdeckte er in einem kleinen
+versteckten Thale eine Sch&auml;ferh&uuml;tte, sein Gaumen war
+von der Hitze aufgeschwollen, er trat in die H&uuml;tte
+und begehrte von einem Greise, den er dort fand, eine
+Schale Wasser. &mdash; Ihr sollt k&uuml;hle Milch bekommen,
+sagte dieser, und gab seiner Tochter den Auftrag eine
+Schale voll zu holen. &mdash; Das kleine M&auml;dchen eilte
+willig hinweg und Adalbert stand d&uuml;ster an die Th&uuml;r
+gelehnt. &mdash; Das M&auml;dchen verweilte etwas lange. Wo
+bleibst du, Emma? rief der Alte. Adalbert fuhr auf,
+das M&auml;dchen trat in eben dem Augenblick herein und
+bot ihm freundlich l&auml;chelnd die Schale. Statt sie an
+den Mund zu setzen, warf er sie w&uuml;thend auf den
+Boden, da&szlig; sie in tausend Scherben zersprang; dann
+eilte er wie ein Wahnsinniger weiter.</p>
+
+<p>Die Sonne ging schon unter, als er auf der Grenze
+des Horizonts einen Thurm erblickte, der ihm bekannt
+schien; &mdash; tausend Erinnerungen kamen in seine Seele
+zur&uuml;ck, &mdash; es war die Burg Mannstein.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Er stand still und sahe mit langem Blick nach der
+wohlbekannten v&auml;terlichen Gegend, und in seine Verzweiflung
+mischten sich einige Tropfen der Wehmuth,
+sie <span class="wide">so</span> wiederzusehn. Die Burg stand zaubervoll da in
+einem rothen Flammenschein. Die Sonne ging blutig
+unter.</p>
+
+<p>Er eilte weiter. Der letzte Streif des Tages verschwand
+hinter einen gr&uuml;nen Berg; der Mond brach
+hervor, und gl&auml;nzte durch die zitternden Tannenzweige.
+Schon unterschied er die erleuchteten Fenster der Burg,
+schon erblickte er in ihnen Schatten, die ungewi&szlig; hin
+und wieder schwebten, schon h&ouml;rte er immer n&auml;her und
+n&auml;her das T&ouml;nen der Trompeten und den Donner der
+Pauken, &mdash; tausend brennende Dolche fuhren durch
+seine Brust.</p>
+
+<p>Jetzt war er an die Burg gekommen. Er ging
+durch das offne Thor, das frohe Get&uuml;mmel der G&auml;ste
+l&auml;rmte ihm entgegen, er h&auml;tte gern geweint, aber seine
+Augen waren trocken. Er schlich sich in den Burggarten
+und setzte sich in eine kleine Laube, welche ein Fliederbaum
+bildete; bald sahe er still und mit anscheinender
+Ruhe durch die monderhellte Gegend, bald nach
+der ger&auml;uschvollen Burg. &mdash; Alle seine Empfindungen
+wurden nach und nach abgespannt; er war bet&auml;ubt, als
+er zwei Gestalten auf sich zukommen sah, &mdash; es waren
+L&ouml;wenau und Emma.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>L&ouml;wenau hatte sich in sich selbst geirrt, er hatte
+sich f&uuml;r st&auml;rker gehalten, als er wirklich war, die Stimme
+seines Gewissens war nur unterdr&uuml;ckt gewesen, sie fing
+itzt um so lauter an zu sprechen. Er begann zu ahnen,
+da&szlig; er in Emma's Armen nie recht gl&uuml;cklich sein w&uuml;rde,
+aber ohne Emma lag ein grenzenloses Elend vor
+ihm. Er war am Abend still und nachdenkend gewesen,
+und wollte itzt mit Emma einen Spaziergang durch
+den Garten machen, um sich etwas zu beruhigen.</p>
+
+<p>Emma war inde&szlig; immer froh und guter Laune
+gewesen; sie f&uuml;hlte sich als L&ouml;wenaus Geliebte ganz
+gl&uuml;cklich &mdash; nur itzt, &mdash; so pl&ouml;tzlich aus dem Gewirre
+der G&auml;ste, aus dem Klang der rauschenden Musik gerissen,
+mitten in die Einsamkeit eines schauerlichen
+Gartens gezogen, &mdash; itzt f&uuml;hlte sie eine sonderbare
+Empfindung zu ihrem Herzen emporschwellen, sie hing
+an dem Arme L&ouml;wenaus und schlo&szlig; sich fester an ihn.
+Mein Wilhelm, sagte sie endlich, &mdash; warum so traurig?
+Ich habe dich noch nie so still und gedankenvoll
+gesehn. &mdash; Deine Hand ist hei&szlig;.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Und die deine kalt. Du zitterst
+Emma?</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Nicht vor Frost, die Sommernacht ist
+warm; &mdash; aber Wilhelm, es ist hier im Garten so
+heimlich, mir ist alles so sonderbar fremd, die B&uuml;sche
+rauschen und flimmern so wunderbar im Mondenstrahl;
+hast du nie einen Geist gesehn, Wilhelm?</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Nie Geliebte; aber wie k&ouml;mmst du
+zu der Frage?</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Und wie k&ouml;mmt dieser Gedanke zu mir?
+<span class="wide">heut</span> zu mir? &mdash; Mein Vater ist doch schon sehr alt,
+Wilhelm, ich habe ihn sonst nie so genau angesehn, der
+Gedanke &auml;ngstigte mich drinnen &uuml;ber eine Stunde
+lang: wie er mir so gegen &uuml;ber sa&szlig;, schien er mir
+schon todt. &mdash; Der Anblick eines todten Menschen mu&szlig;
+schrecklich sein, &mdash; wie mag ich wohl als Leiche aussehn?</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Du qu&auml;lst mich, Emma.</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Sage mir, wie ich wohl als Leiche aussehn
+werde.</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Wie der Fr&uuml;hling, der im Irrthum
+um einige Tage zu fr&uuml;h seine Blumen ausgestreut hat,
+und vom eisigen Winter wieder &uuml;bereilt wird.</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Wilhelm!</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Was ist dir Emma? Warum f&auml;hrst
+du zusammen?</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Mir ist, als st&uuml;nd' ich unter tausend
+Gespenstern! &mdash; sieh! jene B&auml;ume dort sehn f&uuml;rchterlich
+aus!&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Wir wollen in den Saal zur&uuml;ckgehn.</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Wilhelm! &mdash; h&ouml;rtest du kein &Auml;chzen
+in der N&auml;he?</p>
+
+<p><span class="wide">L&ouml;wenau.</span> Nichts als den Wind, der durch
+die Laube rauscht.</p>
+
+<p><span class="wide">Emma.</span> Es war ein schweres Athmen &mdash; wie
+eines Sterbenden, &mdash; horch, wie die Bl&auml;tter zusammenschlagen! &mdash;
+Gott im Himmel!</p>
+
+<p>Sie sank ohnm&auml;chtig in seine Arme, denn Adalbert
+trat bleich und entstellt, mit verworrenen Haaren,
+dem Auge eines Wahnsinnigen, leise wie ein Gespenst
+aus der Laube; mit hohler gew&uuml;rgter Stimme rief er:
+Emma!</p>
+
+<p>Ihr Bewu&szlig;tsein kam wieder, aber ihre Sinne
+blieben zur&uuml;ck, starr wie eine Leiche sahe sie in Adalberts
+Auge. &mdash; Emma! Emma! rief dieser w&uuml;thend,
+kennst du dies Band noch? &mdash; Er hielt es ihr mit
+zitternden H&auml;nden vor. &mdash; Geliebter! rief sie matt
+und wollte sich in die Arme L&ouml;wenaus werfen; Adalbert
+fing sie auf, zog einen Dolch und stie&szlig; ihn w&uuml;thend
+in ihre Brust. &mdash; Kaum war der Todesstreich
+gef&uuml;hrt, so erwachte er wie aus einem tiefen Schlaf. &mdash; Emma!
+Emma! er hielt sie fest in seinen Armen;
+stirb nicht! ich war rasend! lebe, lebe, und sei gl&uuml;cklich!
+vergieb mir und lebe! la&szlig; mich f&uuml;r dich sterben!
+du <span class="wide">darfst</span>, du <span class="wide">sollst</span> nicht sterben. &mdash; Er kniete nieder
+und hatte sie fest in seine Arme gepre&szlig;t, als wenn
+er sie dem Tod abtrotzen wollte; er f&uuml;hlte nicht, wie
+sein Blut aus zehn t&ouml;dtlichen Wunden rieselte, die ihm
+inde&szlig; L&ouml;wenaus Dolch gesto&szlig;en hatte.</p>
+
+<p>Endlich f&uuml;hlte er seine Kraft ermatten, er lie&szlig; sie
+sanft auf den Rasen fallen. &mdash; Du stirbst, Emma? &mdash; Du
+stirbst? &mdash; Er sank neben ihr zur Erde.</p>
+
+<p>Konrad und Friedrich kamen Arm in Arm durch
+den Buchengang die junge Braut zu suchen. &mdash; Wo
+ist meine Tochter? fragte Friedrich seinen Eidam.</p>
+
+<p>Er wie&szlig; stumm mit dem blutigen Dolch auf sie
+hin.</p>
+
+<p>Wo? fragte Friedrich.</p>
+
+<p>L&ouml;wenau deutete noch einmal mit dem Dolch auf
+den Boden und Friedrich erkannte sie und Adalbert.
+Stumm schlo&szlig; er Konrad in seine Arme und dr&uuml;ckte
+ihn fest an sein Herz: nun haben wir beide nichts
+mehr zu hoffen!</p>
+
+<p><span class="wide">Konrad.</span> Das stille Grab, &mdash; und Jenseits!</p>
+
+<p>Ein Minnes&auml;nger sang die traurige Geschichte und
+schlo&szlig; mit diesen Versen:</p>
+
+<div class="center">
+ <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem">
+<tr><td align="left">Jenseit des Grabes wurden sie gekr&ouml;nt,</td></tr>
+<tr><td align="left">Dort wurden ihre Herzen ausges&ouml;hnt.</td></tr>
+<tr><td align="left">Oft schweben sie in feierlichen Stunden</td></tr>
+<tr><td align="left">Hin durch den wildverwachsnen Tannenhain,</td></tr>
+<tr><td align="left">Sie k&uuml;ssen wechselsweis im Mondenschein</td></tr>
+<tr><td align="left">Sich liebevoll die Todeswunden.</td></tr>
+<tr><td align="left">Manch Kind sieht sie auf Mondesstrahlen schweben,</td></tr>
+<tr><td align="left">Und f&uuml;hlt ein leises schauerliches Beben:</td></tr>
+<tr><td align="left">O Mutter! ruft es aus, im blassen Schein,</td></tr>
+<tr><td align="left">Durchfahren Geister itzt den Hain. &mdash;</td></tr>
+<tr><td align="left">Die Mutter spricht: sei ruhig Kind,</td></tr>
+<tr><td align="left">In Silberpappeln w&uuml;hlt der Abendwind.</td></tr>
+</table>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<table class="sm" border="0" style="background-color: #E6F6FA; margin: 0 auto" cellpadding="6" summary="NOTES">
+<tr>
+<td colspan="2">
+ <div class="center"><h3>Hinweise zum Text:</h3></div>
+
+<div class="center"><p class="noindent" style="background-color: #E6F6FA">
+Folgende &Auml;nderungen wurden vorgenommen und sind im Text grau unterstrichelt:<br />
+&nbsp;</p></div>
+</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top">Zweifel w&auml;lzen dich auf Zweifel</td>
+<td align="left" valign="top">Zweifel w&auml;lzen <i>sich</i> auf Zweifel</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top">Abdallah sah ihn traurig nach</td>
+<td align="left" valign="top">Abdallah sah <i>ihm</i> traurig nach</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top" >der Fr&uuml;hling wird dich heitre machen</td>
+<td align="left" valign="top">der Fr&uuml;hling wird dich <i>heitrer </i>machen</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">bis sich das wilfe Keuchen (&hellip;) sich etwas bes&auml;nftigt hatte</td>
+<td align="left" valign="top">bis <i>sich</i> das wilfe Keuchen (&hellip;) etwas bes&auml;nftigt hatte</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top">sobald dich meine Laute gerufen hast</td>
+<td align="left" valign="top">sobald dich meine Laute gerufen <i>hat</i></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top">Oder sie ungegesehn in den Strom (&hellip;) versenke</td>
+<td align="left" valign="top">Oder sie <i>ungesehn</i> in den Strom (&hellip;) versenke</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top">fing nun an, die Macht (&hellip;) zu glauben</td>
+<td align="left" valign="top">fing nun an, <i>an</i> die Macht (&hellip;) zu glauben</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top">andre st&uuml;rzten Tod nieder</td>
+<td align="left" valign="top">andre st&uuml;rzten <i>todt</i> nieder</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top">an dem gr&auml;&szlig;lichem Thor</td>
+<td align="left" valign="top">an dem <i>gr&auml;&szlig;lichen</i> Thor</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top">ich erlasse sie ihn</td>
+<td align="left" valign="top">ich erlasse sie <i>ihm</i></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top">der ihn am n&auml;chsten stand</td>
+<td align="left" valign="top">der <i>ihm</i> am n&auml;chsten stand</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top">wann und wie sie pflanzte</td>
+<td align="left" valign="top">wann und wie <i>ich</i> sie pflanzte</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="left" valign="top">rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu zu</td>
+<td align="left" valign="top">rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes <i>zu</i></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">die ihm bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erf&uuml;llten</td>
+<td align="left" valign="top">die <i>ihn</i> bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erf&uuml;llten</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">sah ihm winselnd an</td>
+<td align="left" valign="top">sah <i>ihn</i> winselnd an</td>
+</tr>
+</table>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Schriften, by Ludwig Tieck
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN ***
+
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
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+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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