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diff --git a/31074-h/31074-h.htm b/31074-h/31074-h.htm new file mode 100644 index 0000000..00506a3 --- /dev/null +++ b/31074-h/31074-h.htm @@ -0,0 +1,12574 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Schriften Band 8 by Ludwig Tieck</title> +<style type="text/css"> + body {background:#fdfdfd; + color:black; + font-size: large; + margin-top:100px; + margin-left:15%; + margin-right:15%; + text-align:justify; } + h1, h2, h3, h4, h5, h6 {text-align: center; } + hr.narrow { width: 40%; + text-align: center; } + hr.minimal { width: 25%; + text-align: center; } + hr { width: 100%; } + hr.full { width: 100%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + height: 3px; + border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */ + border-style: solid; + border-color: #000000; + clear: both; } + blockquote { font-size: large; margin-left: 4%; margin-right: 4% } + table {font-size: large; } + table.sm {font-size: medium; } + td.w50 { width: 50%; } + p {text-indent: 3%; } + p.noindent { text-indent: 0%; } + .revind { margin-left: 0em; text-indent: -3em; padding-left: 3em; } + .big { font-size: 130% } + .center { text-align: center; } + .ind1 { margin-left: 1em; } + .ind2 { margin-left: 2em; } + .ind3 { margin-left: 3em; } + .ind4 { margin-left: 4em; } + .ind6 { margin-left: 6em; } + ins { text-decoration: none; border-bottom: thin dotted gray;} + .nowrap { white-space: nowrap; } + .right { text-align: right; } + .small { font-size: 70%; } + .smallcaps { font-variant: small-caps; } + .wide { letter-spacing: .15em; } + a:link {color:blue; + text-decoration:none} + link {color:blue; + text-decoration:none} + a:visited {color:blue; + text-decoration:none} + a:hover {color:red; + text-decoration: underline; } + pre {font-size: 70%; } +</style> +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Schriften, by Ludwig Tieck + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Schriften + Achter Band + +Author: Ludwig Tieck + +Release Date: January 25, 2010 [EBook #31074] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + +<hr class="full" /> +<p> </p> +<h3>Ludwig Tieck's</h3> +<h1><span class="wide">Schriften.</span></h1> +<p> </p> +<h3><span class="wide">Achter Band.</span></h3> +<p> </p> +<p> </p> +<h4><a href="#Abdallah">Abdallah.</a><br /> +<a href="#Die_Bruder">Die Brüder.</a><br /> +<a href="#Almansur">Almansur.</a><br /> +<a href="#Das_grune_Band">Das grüne Band.</a></h4> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> + +<h4><span class="wide">Berlin,</span><br /> +<span class="wide">bei G. Reimer,</span><br /> +1828.</h4> +<p> </p> +<p> </p> +<div class="center"> +<p class="noindent">Dem<br /><br /> +<span class="wide">Prediger Kadach</span><br /><br /> +in Ziebingen,<br /><br /> +bei Frankfurt an der Oder. +</p> +</div> + +<p>Schon im Jahre 1804 machte ich in Schlesien +Ihre Bekanntschaft. Als ich zwei Jahre später +aus Italien zurück kam, fand ich Sie in jener Einsamkeit +des Landes, die damals meine Heimath +war, und seitdem sind wir als Freunde verbunden +geblieben. Alle schönen Stunden jener Zeit, +im Genuß der Musik, der Poesie und einer edlen +und freien Mittheilung in gebildeten Zirkeln feiner +und geistreicher Menschen haben wir beisammen +verlebt, Freude und Trauer, den Schmerz +über manchen Verlust im Verlauf der Jahre mit +einander getheilt. Auch in meine Studien und +Arbeiten sind Sie gern und gründlich eingegangen. +Shakspear, Göthe und Sophokles haben +uns oft gemeinsam beschäftigt. Meine Arbeiten +über den brittischen Dichter sind Ihnen mehr, +wie irgend einem meiner Freunde, bekannt. Ihrem +freien Sinne waren diese Studien, in denen Sie +sich gern vertieften, erfreulich, so gründlich und +gewissenhaft Sie sich auch Ihrem Amte, vom +wahren religiösen Geiste des Christenthums durchdrungen, +hingaben. Ein ächter frommer Priester, +ein freier Denker, ein Begeisterter für Kunst, +ein edler, treuer Freund, — als solchen habe ich +Sie gesehn und gekannt, und nie werden Ihnen, +so wenig wie mir, die schönen Tage und Abendstunden +aus dem Gedächtnisse entschwinden, in +denen Solger unsre ländliche Einsamkeit neu erfrischte, +in welchen er uns seine Manuskripte vorlas +und wir uns selbst, die Aufgabe des Lebens +und alles Hohe durch die Lebensworte unseres +Freundes inniger verstanden.</p> +<p class="right"><span class="wide">L. Tieck.</span></p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h2><a name="Abdallah" id="Abdallah"></a><span class="wide">Abdallah.</span></h2> + +<div class="center"> +<p class="noindent"><span class="wide">Eine Erzählung.</span><br /><br /> +1792.</p> +</div> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Erstes Kapitel.</h3> + +<p>Ein Theil der Tartarei ward vom Sultan <span class="wide">Ali</span> beherrscht. — +Dem Tirannen entgeht der Haß nie, mit +dem ihn seine Unterthanen verfolgen und <span class="wide">Ali</span> betrachtete +sie bald als eben so viele Feinde, über die ihn nur +seine Grausamkeit und sein Ansehn erhalten könnten: +mit andern Freuden unbekannt, sollte ihm das Gefühl +seiner Macht jeden Mangel ersetzen.</p> + +<p>Ohne Begriffe, ohne zu denken, ohne nur Seelengenuß +zu kennen, war er zum Greise geworden und in +einer unerschöpflichen Leere schmachtete er itzt jedem +neuen Tage entgegen. Mehrere seiner Gemalinnen starben +und er begrub sie mit eben der Gleichmuth, mit der +er den Untergang der Sonne sahe, die, wie er wußte, +jenseit des Horizonts wieder heraufstieg, — selbst sein +einziges Kind <span class="wide">Zulma</span> liebte er nicht, nur Stolz war +es, was ihn an diese fesselte, da das ganze Land sie für +die Krone der Schönheit anerkannte. —</p> + +<p>In der Hauptstadt des Landes lebte <span class="wide">Selim</span> in +einer weisen Eingezogenheit, ohne eine öffentliche Bedienung, +ohne daß man viel von ihm sprach ward er +von allen geliebt. Er war freigebig ohne Prahlerei, +sparsam ohne Kargheit und sein Aufwand unterschied +sich sehr von der Pracht des Veziers und der übrigen +Großen.</p> + +<p>Aus seinen Leiden hatte er stets seine große starke +Seele gerettet; seinen Haß konnte nichts aussöhnen, +aber eben so unauslöschlich war seine Liebe. — Mit +dieser dauernden Liebe umfing er seinen Sohn <span class="wide">Abdallah,</span> +das Einzige, was ihm seine geliebte Gattin zurückgelassen +hatte.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Zweites Kapitel.</h3> + +<p>Die Sonne war schon untergegangen, als <span class="wide">Abdallah</span> +und <span class="wide">Omar</span> durch ein schönes Gehölz wandelten. <span class="wide">Omar</span> +war der Lehrer Abdallahs, ein ehrwürdiger Greis, dessen +flammende Augen tief in eines jeden Seele schauten, +seine Stirn und sein Blick trugen Ehrfurcht vor ihm +her, aber ein süßes Lächeln, das fast immer seinen +Mund umschwebte, verjüngte sein Gesicht durch eine +liebenswürdige Freundlichkeit und lockte zur Mittheilung +aller Gefühle und einer kindlichen Aufschließung des +Herzens.</p> + +<p>Sie traten itzt in einen freien Platz, wo ein stiller +See im bleichen Licht des Mondes glänzte. Der letzte +Streif der Abendröthe glimmte durch die Fichtenwipfel +und durch die zitternden Cypressen bebten ungewiß die +Sterne. Verspätete Mücken spielten im Mondstrahle, +Käfer summten träge und schläfrig um sie her, und +laut erklang durch die ruhige Einsamkeit des Waldes +das zirpende Lied des Heimchens.</p> + +<p>Siehe Omar, begann <span class="wide">Abdallah,</span> wie schön! — Ha! +der ruhige See über den sich der Mondschein so +lieblich herabsenkt, — der Abend, der noch in den +hohen Wipfeln der Bäume säuselt, das Lied der Nachtigall, +das mit tausend abwechselnden Melodieen aus dem +Walde heraufschallt, — o sieh Omar! wie alle Geschöpfe +sich freuen, wie alles lebt und im Leben glücklich +ist! Sieh, wie die kleinen Fliegen von der Abendröthe +Abschied nehmen, und der Käfer der Nacht seinen +dumpfen Willkommen entgegensummt. — O die lebendige +Kraft, die aus der Natur so unerschöpflich quillt +und unzähligen Wesen Athem und Dasein giebt, — dieser +Anblick erfüllt das Herz mit lautem überströmenden +Dank gegen den, der so gütig alles aus dem Nichts +hervorrief und zum Staube sprach: Lebe und sei glücklich! —</p> + +<p>Omar lehnte sich auf den Stamm eines abgehauenen +Baums und sahe starr vor sich nieder.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du bist traurig, mein Omar, kann +dich dieser Anblick nicht heiter machen?</p> + +<p>Omar blickte auf und faßte seine Hand. — Sieh, +sprach er, die Abendfliegen sind verschwunden, sie sangen +der Sonne so wehmüthig nach, denn es war das letztemal, +daß sie sich in ihrem Strahl erquickten. — Diese +Woge wirft das Leben an den Strand, die nächste +Welle kömmt, verschlingt es wieder und senkt es in die +tiefsten Abgründe. — Eine unendliche Schöpfung spielt +itzt lebendig um dich herum, — und in der folgenden +Stunde — liegt sie todt und verwest. — Eine Lebenskraft +fliegt durch die Natur und Millionen Wesen empfangen +wie ein Allmosen auf einen Augenblick einen +Funken Leben, sie sind — und geben dann ihr Leben +wieder ab und werden todter Staub. Die Welt ist +ein Gesang, wo ein Ton den andern verschlingt und +vom nächsten verschlungen wird. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Diese traurige Wahrheit, Omar, wirft +meine schöne Begeisterung mächtig nieder. — Ach ja, +alles geht durch die Natur hindurch und verläuft sich +wie ein Funken in der Asche. Alles wird nur geboren, +um zu sterben, alles wandelt wieder dahin zurück, woher +es gekommen ist. — O Omar, wenn ich dich nun +fragte: Warum glänzt dieser Mond? Warum funkeln +diese Sterne und wozu haucht ein lebendiger Geist in +meinem Innern?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wozu? — O Jüngling, laß die Erde unaufgewühlt, +du findest ein scheußliches Todtengerippe! +Laß diese Geheimnisse ewig deiner Seele verschlossen +bleiben. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Verschlossen? — O nein, mein drängender +Geist steht vor dieser Pforte und klopft ungestüm +an. — Was der Mensch fassen kann, will auch ich +begreifen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Du vertraust dich einem Meere, das dich +nie an's Land zurückträgt, Zweifel wälzen <ins title="Original hat dich">sich</ins> auf +Zweifel, Woge stürmt auf Woge, dein Ruder ist unnütz +und die unendliche See dehnt sich dir furchtbar unermeßlich +entgegen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich könnte nicht ruhig sein, wenn +ich wüßte, daß etwas da sei, was in meinem Gehirne +Raum hätte und dem ich den Eingang versagen müßte.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Aber unsre Weisheit findet eine Felsenmauer +vor sich, an die sie vergebens mit allen Kräften +anrennt, — wir sind in einem ehernen Gewölbe eingeschlossen, +wir sehen nichts, was wirklich ist, die schimmernden +Gestalten, die wir wahrzunehmen glauben, sind +nichts, als der Widerschein von uns selbst im glatten +Erze, — o schon viele Weisen stürzten mit Ohnmacht +von diesen Schranken zurück, — und starben. — Der +Zweck unsers Daseins? — O wer hindurchschauen +könnte durch das Geheimniß der unendlichen Nacht, +wenn doch vom Thron der Gottheit nur <span class="wide">ein</span> Sonnenstrahl +herniederschösse! — Wir tappen ängstlich umher +— und finden nur die Wände, die uns eingeschlossen +halten. Wir sehen nichts, als daß wir Gefangene sind, +— <span class="wide">warum</span> wir es sind, müssen wir mit Geduld vom +Ausspruch des kommenden Gerichts erwarten.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O warum verlieh uns der Schöpfer +nur so viel Kraft, diese Schranken zu sehn und nicht +zu durchbrechen? — Warum ward eine Ahndung in +unser Herz gelegt, die nie zur Gewißheit reift? Eine +Centnerlast liegt auf unsrer Brust, und wir kämpfen +vergeblich sie abzuschütteln.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Vielleicht werden alle diese Räthsel einst +gelöst. — Ein großer Schwung wälzt sich durch alle +Theile der Natur, durch alle Wesen klingt ein Ton. +Eine Kraft drängt sie zu einem Mittelpunkt: <span class="wide">Genuß!</span> +— Alles schöpft aus dem nie versiegenden Quell und +legt sich dann zum Schlafe nieder. — Die Welt ist eine +reiche Tafel, an der sich alles niedersetzt und gesättigt +aufsteht, der Schöpfer schickte die Millionen Wesen in +die Wüste hinaus, sie sind Staub und in sich selber +eingekerkert, — aber er gab ihnen tausend Mittel auf +den Weg, ihr Dasein zu empfinden, und alles freut sich, +alle Wesen kommen, genießen und sterben dann, ohne +es zu wissen, so wie sie geboren wurden, — nur der +verblendete Mensch verfehlt sein vorgestecktes Ziel.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Der Mensch? — Wie? der Preis +der Schöpfung? Um dessentwillen die Natur ihre reichen +Schätze aufthut? Um den sich die Bestimmung +alles Erschaffenen dreht?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> O des Stolzes! — Die Bestimmung +alles Erschaffenen? Kein Mensch weiß seine eigne Bestimmung, +er taumelt selbst verlassen in der Finsterniß +und maßt sich an, den Wesen ihren Rang und ihren +Zweck anzuweisen. — Allen Wesen ward ein gleiches +Bürgerrecht ertheilt; der ausgeartete Mensch reißt sich +aus der Kette des Erschaffnen, statt zu genießen wie +alles genießt, ringt er im ewigen Kampfe mit dem Tode +und seinem Verhängniß, alle seine Kräfte kämpfen rastlos +von der Zeit eine Stunde und eine Minute nach +der andern zu erbetteln, — um auch in dieser zu fürchten, +um auch in dieser mit Gedanken zu streiten, deren +Auflösung weit außer ihm liegt.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Wenn Genuß der höchste letzte Zweck +unsers Daseins ist, wodurch ist dann der Mensch vom +Thiere unterschieden?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und wozu des Unterschiedes? Der Mensch +wäre glücklich, hätte er nie höher gestrebt, die Natur +umfinge ihn dann noch mit ihren liebevollen Armen, +hegte ihn und spielte mit ihm als ihrem Kinde, — aber +der Stolze hat sich von seiner Mutter losgeschworen, +sieht die Sterne, die über seinem Haupte hängen, +erklimmt eine schroffe Klippe und schreit ihnen zu: ich +bin euch nahe! Wehmüthig lächelnd blicken die Sterne +auf ihn herab und er steht nun verirrt am schwindelnden +Abschuß; zur blühenden Wiese, die er erst verschmähte, +hat er den Rückweg verloren. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Und nichts als diesen verächtlichen +Übermuth hätte der Mensch vor den Thieren des Waldes +voraus?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Nichts als ihn. Mit verachtendem Fuß +stößt er die Erde zurück und will sich an die Gottheit +drängen, aber seine klägliche Natur zieht ihn allmächtig +zurück. Seine Weisheit, seine Tugend, mit der er sich +brüstet, — Wolkenschatten, die der Wind über die Ebne +jagt und denen der Wahnsinnige nachtaumelt.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Tugend, Omar, nur ein Schatten? — Der +Lasterhafte und der Edle ständen hier in einer +Reihe? Die beiden Enden, Größe und Verächtlichkeit, +schlängen sich zusammen? Aus <span class="wide">einem</span> Samen sproßte +der Schierling und die heilende Pflanze? — Unmöglich! —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und warum unmöglich?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Wo ich anbetend in den Staub sinke, +wo mein Geist in verehrender Demuth die Flügel zusammenschlägt, +wo mein ganzes Wesen sich in Ehrfurcht +auflöst, — an diesen Stolz der Menschheit wäre +die Schaam der Welt mit unauflöslichen Ketten geschlagen?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Derselbe Gesang auf einer andern Laute.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, Omar, nein. — Die Gerechtigkeit +des Ewigen wird durch diesen Glauben angeklagt. — Wie +könnte der Gütige dem Edlen Belohnung +und dem Bösewicht Strafen aus jener schwarzen +Thür am Ende ihrer Bahn entgegenschicken?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Abdallah, wir wissen nicht, woher wir +kommen, wir wissen nicht, wohin wir gehen. Ob uns +ein Gedanke folgt, wenn wir hier Abschied nehmen, +ob wir mit allen unsern Träumen in das kalte Grab +eingeriegelt werden — o das ist ein Räthsel, vor dem +die Weisen ewig forschend stehen werden. — Strafe, +— Belohnung, — Tugend, — Laster. — Wenn ich +dich fragte, wo du die Scheidewand zwischen Tugend +und Laster gründetest, du würdest um eine Antwort +verlegen sein. — Die Gewohnheit lehrt uns Worte +sprechen, bei denen wir uns oft nur wenig denken.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, du machst, daß ich mir selber +mißtraue. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wir sind mit unsrem Lob und unsrer +Verdammung so freigebig und kurzsichtig genug, um +nicht wahrzunehmen, wie ungerecht wir oft beides vertheilen. — Wir +ahnden nicht, daß es nur eine Kraft +ist, die in der Tugend und im Laster lebt, beides <span class="wide">eine</span> +Gestalt, aus demselben Spiegel zurückgeworfen. — Nur +ein kalter eigensinniger Thor trat hinzu, schied und +sagte: dies sei gut, dies nicht!</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ein Thor?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Dieses Leben, das uns geliehen ward, ist +zu kurz <span class="wide">uns selbst</span> zu kennen, — in unsrem eignen +Innern herrscht ein wüstes Dunkel und mit vorwitzigem +Blick treten wir zu unserm Nachbar und wollen +in seiner Seele lesen.</p> + +<p>Abdallah schwieg und sahe starr vor sich nieder. +<span class="wide">Omar</span> fuhr fort:</p> + +<p>Alle meine Handlungen sind Gestalten, die aus meinem +Innern aufsteigen, von tausend innern Kräften +gereift, von hundert Neigungen gepflegt, schießt die +Pflanze empor, — nur ich, der Schöpfer, bin mit +ihrer Entstehung bekannt, ich verstehe mich selbst nur, +ich handle nur für mich, der ich mich selbst kenne, — alle +übrigen Menschen sind für mich in einer mindern +Abstufung fremde Wesen, wie mir der Wurm und der +Krokodil Fremdlinge sind.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, du wirfst mich in eine fürchterliche +Einsamkeit, ich verliere mich selbst in der schrecklichen +Wüstniß. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ich handle, wie mein innrer Sinn es +mir befiehlt, und ein Fremdling, der nicht in das Gebäude +meiner Seele hineinschauen kann, der die Leiter +nicht entdeckt, von der die Ahndung zum Gefühl, das +Gefühl zum Gedanken, zum Vorsatz und dieser endlich +zur Wirklichkeit aus dem unergründeten Brunnen heraufstieg, — dieser +tritt mit kaltem und verschloßnem +Sinn herbei und sagt: deine That ist ein <span class="wide">Laster!</span></p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O ich verstehe dich! weiter! weiter!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Aus derselben Quelle wird eine andre +Schaale heraufgezogen und man nennt sie <span class="wide">Tugend.</span> +Beide steigen aus der Tiefe <span class="wide">einer</span> Seele hervor, aus +<span class="wide">einem</span> Stoff gewebt — und man hält sie für Feinde.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Fürchterlich sonderbar!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wo ist der Bösewicht, der nicht zum Engel +würde, wenn er den Richter in die geheime Werkstätte +seiner Seele führen könnte? — Abdallah, wir +sind Brüder aller Mörder, die je die Geschichte mit +Abscheu genannt hat und schwesterlich schließt sich unsre +Seele an alle, die einst bewundert und angebetet wurden. — O +ihr Thoren, laßt den nichtigen Rangstreit, +<span class="wide">ein</span> Hauch weht in allem Leben, — freut euch dieses +Hauches, er kehrt nicht zurück, wenn er entflohen ist.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du führst mich durch Labirinthe, +Omar. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Als die erste Gesellschaft zusammentrat, +als man das erste Gesetz niederschrieb, da veräußerte +der Mensch selbst sein hohes, heiliges Recht. Dem +Ganzen opferte jeder Einzelne seine Freiheit, allmächtig +ward eine Schnur zwischen Gut und Böse gezogen +und unglückliche Vorurtheile keimten auf. Vorurtheile, +die Menschen gegen Menschen hetzten, das Blut von +Tausenden vergossen. — An den Gedanken <span class="wide">Verbrecher</span> +knüpfte man Haß und Unversöhnlichkeit und eine +ewige Verfolgung wühlt durch das ganze Menschengeschlecht. — Seit +der Zeit ist der große Spruch gesprochen; +in einem nichtigen Taumel greift der eine +zur Belohnung seiner <span class="wide">Tugend</span> nach der Sonne und +tritt gewaltsam seinen Bruder unter sich, der nach dem +Übereinkommen ein <span class="wide">Verbrecher</span> ist. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ha! die ewigen Schranken stürzen ein!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Strafe und Belohnung? — Hier unten +sind sie entschieden, — aber wen soll der Richter dort +belohnen oder strafen? — Sandte er nicht alles was +ist, aus seiner Hand in die Sterblichkeit? Ist es nicht +sein Athem, der den Staub belebt? — Alle Handlungen +kommen zu ihm zurück und melden sich als ihm +angehörig: sein Schatten wandelt in tausend Gestalten +umher; wo er hinsieht, erblickt er sich nur selbst in dem +Spiegel der unendlichen Naturen, soll er, <span class="wide">kann</span> er sich +selber strafen? —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, halt ein! immer neue Wundergestalten +stehn aus einem Abgrund auf, mich zu +schrecken. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Von einer unbekannten Macht der Welt +übergeben, tritt der Mensch seine Bahn an, nicht aus +sich selbst hervorgebracht, ohne seinen Willen in das Leben +geworfen. — Er lebt und vereinigt tausend Pflanzen +und Thiere mit seinem Selbst, sein erstes Wesen geht +durchaus verloren, — alle Lagen, von Kindheit an bis +in sein Greisenalter, prägen sich in treuen Abdrücken in +seinen Geist; alles um ihn her modelt und formt ihn +anders, er selbst geht unter, und aus seiner Nahrung, +seinem Vergnügen, aus den todten Gegenständen, die +ihn umgeben, tritt ein andres fremdes Wesen an seine +Stelle, — das nach und nach von einem neuen wieder +verdrängt wird.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> So sind wir nur eine Hütte, in die +ein Fremdling nach dem andern einkehrt und sie dem +folgenden überläßt.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wer handelt nun? — Wer ist gut, wer +böse? — Soll des Mörders Dolch bestraft werden, oder +sein Arm, sein Herz, sein Blut? Oder der Gedanke, +den er vielleicht vor zwanzig Jahren dachte? — Sein +Blut, das er sich nicht selber gab? Der Gedanke, der +durch tausend Formen wandelnd, von einem Sonnenstaub +seinen Weg antrat und beim gräßlichsten Morde +aufhörte?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Undurchdringlich ist das Gewebe, das +sich seit Ewigkeiten her verschlang.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Eigne Kraft ist uns versagt; was wir unsern +Willen, unsern Vorsatz nennen, ist nur der Einfluß +fremder Dinge, wir sind nur ein Stoff, an welchem +fremde Kräfte sichtbar werden; ein großes Spiel +von einer fremden Macht regiert, der eine steht als +König, der andre als Sklave da, — und alle sind sich +gleich, nichts als hölzerne Zeichen, obgleich der König +und der Ritter stolz auf das Fußvolk vor sich hinabsehn, — das +Spiel ist zu Ende — und Laster und Tugend +hört auf verschieden zu sein. — Ein Wirbel +dreht sich durch die Welt, alles bis zum kleinsten wirkt +in den großen Plan; der eine Augenblick gebiert den +folgenden, eine Handlung stößt die andre vor sich her, +eine unendliche Kette, die sich rund um alle Welten +zieht. Kein Glied kannst du herausreissen, ohne das +vorhergehende und folgende zu zerstören und eine allgemeine +Vernichtung zu bewirken.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O entsetzlich! — Omar, — ich +schaudre, — wenn ich gerade <span class="wide">diesen</span> Schritt itzt nicht +thäte, — nicht gerade <span class="wide">diesen</span> Gedanken dächte — so +könnte die Welt nicht erschaffen sein! —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Nothwendig. — Eine große Schwungkraft +belebt die Unendlichkeit, alle Kräfte weben und +wirken durch einander von Ewigkeit berechnet, die treibende +Gewalt ermattet nie, das Leben fliegt durch alle +Pulse der Natur und so geht das große Werk den allmächtigen +Gang. — Wie will dies kleine Wesen, der +Mensch, sich gegen ewige Gesetze stemmen? Wie in +seinem engen Geist den Schöpfer mit all seinen Planen +fassen? Eigenmächtig gegen das Weltall wirken +und durch sein jämmerliches Dasein noch <span class="wide">Verdienst</span> +erringen? Ohnmächtig kämpfend wird er fortgerissen, +der eine Ton verklingt in der allgemeinen Harmonie.</p> + +<p>Beide schwiegen düster vor sich hinbrütend. Ein +hohes Roth flog über <span class="wide">Omar's</span> Wangen, ein neues +Feuer fuhr in seinen Augen auf, er faßte heftig Abdallah's +Hand.</p> + +<p>Jüngling! rief er aus, was wir gut, was wir böse +nennen, verschwimmt in ein Wesen, alles ist nur <span class="wide">ein</span> +Hauch, <span class="wide">ein</span> Geist wandelt durch die ganze Natur und +<span class="wide">ein</span> Element wogt in der Unermeßlichkeit — und dieses +ist <span class="wide">Gott!</span></p> + +<p>Abdallah fuhr zurück.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wo sollte der Unendliche jenseit der Schöpfung +Raum für sich finden? — Er umarmt und durchdringt +die Welt, <span class="wide">die Welt ist Gott, in einem</span> Urstoff +steht er in Millionen Formen vor uns, wir selbst sind +Theile seines Wesens! — Dies ist der tiefe Sinn von +der Lehre seiner Allgegenwart. — Wirft er einst die +Kleidung wieder von sich, dann gehn im Ruin die +Welten und seine Himmel unter, dann steht er wieder +da, er vor sich selbst, in der ewigen Wüste. —</p> + +<p>Eine tiefe Stille. Um Abdallah war alles rund +umher versunken, er stand mit gesenktem Haupte und +betrachtete in seinem Innern die gestaltlosen Bilder, +die auf- und niederschwebten. — Omar, sagte er nach +langer Zeit, — nun ist die Kraft meiner Seele versiegt, +alle meine schönen Entwürfe, meine wonnevollen +Schwärmereien liegen wie Leichen um mich her, alle +Freuden sind verwelkt, alle Hoffnungen in meiner Brust +verwest. — Ein Kampf rastloser Zweifel wüthet da, wo +ehedem meine Himmel standen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Du hast es so gewollt, du hast das fürchterliche +Todtengerippe ausgegraben, wo du einen Schatz +zu finden hofftest. — O, wohl dem, der mit verbundnen +Augen durch das Leben taumelt! der nie sich selbst +anrührt und furchtsam fragt: Wer bin ich?</p> + +<p>Abdallah warf sich unter eine Cipresse nieder. Sein +Geist war von hundert neuen Vorstellungen verwirrt, +ohne sich festhalten zu lassen flohen tausend Gestalten +seiner Seele mit Blitzesschnelle vorüber.</p> + +<p>Der Mond stand itzt hinter den dunkeln Zweigen +der Tannen und von zitternden Schatten getheilt, gossen +sich goldene Streifen über die Wiese aus. Ein +leiser Abendwind wiegte sich in den Wipfeln der Bäume +und spielte mit einem Blatte, das auf dem glatten See +schwankend tanzte; ruhig betrachtete sich die Gegend +selbstgefällig in dem Wasserspiegel und der Duft der +Nacht stieg ernst und langsam aus dem Schooß der +Erde.</p> + +<p>Die schöne Landschaft, mit all den lieblichen Träumen, +die über ihr hingen, vermischte sich nach und +nach mit den Gedanken Abdallah's; er hatte sich schon +den Spielen seiner Einbildungskraft überlassen, als er +noch zu denken glaubte.</p> + +<p>Die Wipfel säuselten immer leiser und leiser, vom +Winde angehaucht lief ein stilles Flüstern durch das +Rohr des Sees, — immer wunderbarer spielte das +Mondlicht um die buschichten Tannenzweige, — noch +einigemal blickte er mit mattem Auge empor und sahe +wie vom nahen Berge ein Greis in die Arme seines +Omar eilte, — beide hielten sich umarmt — als die +Gegend allgemach wie hinter einem schwarzen Vorhang +hinabsank. —</p> + +<p>Aus den Cypressen stiegen Träume auf ihn herab, +durch seine Augenlieder dämmerte schwach in seine +Traumgestalten die monderhellte Gegend. —</p> + +<p>Plötzlich rollt es dumpf wie ferne Donner, ein wildes +Rauschen, wie wenn die erboßte Fluth gegen Felsen +hinanheult, fuhr immer lauter und lauter über ihn +dahin, — Abdallah erwachte.</p> + +<p>Da stand er einsam in schwarzer Nacht, Stürme +hatten den Mond hinter ferne Gebirge hinabgeschleudert, +große Wolken wälzten sich krauß durch einander, +die hohen Wipfel der Cedern schlugen krachend zusammen. — Ein +Schaudern springt aus dem Walde hervor +und packt ihn an mit eiskaltem Arm. Omar! ruft er +mit bebender Stimme, aber höhnend stürmt der Orkan +durch seine Töne und wirft sie zerrissen in die Lüfte.</p> + +<p>Ein leuchtender Glanz flammte plötzlich in den +Wolkengebirgen auf, eine Feuerkugel flog durch den +Himmel, von einer andern verfolgt, die tausend blendende +Funken von sich sprühte. — Jeder Funken sprang +mit einem Donner los, der sich furchtbar auf des +Sturmwinds Schwingen über alle Wälder hinabwälzte. — Mit +lautem Gebrüll sank die Kugel nieder und die +stille Nacht stand wieder um Abdallah. —</p> + +<p>Eine bleiche zitternde Gestalt fährt aus dem nahen +Busche und ergreift kalt Abdallahs Hand, — es war +Omar. — Krampfhaft preßte er die Hand des Jünglings +in die seinige und riß ihn mit sich fort. —</p> + +<p>Abdallah folgte schaudernd.</p> + +<p>Sie kamen in die Stadt und eilten auf ihr Gemach, +Omar's Gesicht war lang und verzerrt, sein Auge +rollte wild. Abdallah wagte kaum, ihn anzusehen. — An +Geist und Körper müde, legte er sich schlafen, Omar +ging noch lange gedankenvoll umher.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Drittes Kapitel.</h3> + +<p>Abdallah erwachte, als Omar sich schon entfernt hatte. +Der Tag sah trübe durch die Fenster und eine schwermüthige +Erinnerung des gestrigen Abends kam ihm sogleich +entgegen. Sein Leben trat itzt eine neue Bahn +an; alles, was er vorher gedacht hatte, war von einem +Strudel kämpfender Zweifel verschlungen. Alle seine +früheren Gedanken schienen ihm unreif und kindisch; er +hatte mit Leidenschaft die Lehre Omars ergriffen und +doch that es ihm weh, seine ganze Pflanzung, die er +so sorgfältig aufgezogen hatte, zerstört zu sehn. — Wie eine +schwarze Nacht stieg es in ihm auf, wenn sein Geist +noch einmal über alle die Gedanken hinwegsahe, die er +seit gestern dachte; er hätte es so gern nicht geglaubt, +er hätte so gern den vorigen Sonnenschein zurückgerufen, +die vorige Unschuld seiner Seele zurückgezaubert, +aber sein Verstand wies mit verachtendem Ernst alle +seine früheren Gedanken zurück, die wieder in ihm aufdämmern +wollten.</p> + +<p>O heilige Tugend! rief er aus, — vor derem Bilde +ich einst niederkniete, — dein Altar ist umgestürzt! +Du Sonne bist erloschen, zu der ich mit kühnem Fittig +emporfliegen wollte und der Pfeil des Zweifels hat +meine Schwingkraft gelähmt. — Wer bin ich, wenn +diese Gottheit todt ist, die mich sonst mit mütterlichem +Lächeln zu sich lockte? — Ich muß mich selbst verachten, +wenn ich nicht mein eigen bin, wenn nur eine +finstre Nothwendigkeit mich durch das Leben jagt, wenn +ich dem Druck einer fremden Macht nachgeben muß, +die mich wider meinen Willen zu Gräueln oder edeln +Thaten drängt. — Doch, was schwatz' ich? — Mein +Wille sinkt im Triebwerk des Ganzen unter und mit +der Tugend ist das Laster zugleich gestorben, ich bin +ein abgerißnes Blatt, das der Wirbelwind nach seinem +Gefallen in die Lüfte wirft. — Der Unendliche, den +ich sonst schwindelnd dachte, auf dessen Vatersorge und +Allmacht ich so fest vertraute — er und das Schicksal +ist mir entrissen. Im Felsen und im Gesträuch steht +der Unfaßliche vor mir, mir näher gebracht und dadurch +um so entfernter. Omars Lehre hat mich zu einer +Waise, mich mir selbst verächtlich gemacht, — und +doch bin ich ein Strahl jener Gottheit! —</p> + +<p>Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen +Träumen; Gefühle wollten sich itzt in seine Seele zurückdrängen, +die ihn einst so bezaubert und die Aussichten +des Lebens so verschönt hatten, aber kein Klang +aus der Vorzeit schlug wie ehedem an seine verstimmte +Seele. O! rief er aus, gieb mir meine glückliche Unwissenheit +zurück, Omar, laß mich wieder zum Kinde +werden, wie ich war, mein Geist ist zu schwach für +diese Last, er seufzt gekrümmt unter der drückenden +Bürde.</p> + +<p><span class="wide">Raschid</span> trat itzt zu ihm herein. Er war kein +Freund Abdallah's, aber einer von den angenehmen +Gesellschaftern, an die der Jüngling sich so leicht schließt +und sie eben so leicht wieder verliert. Er war Aufseher +über die Gärten des Sultans und kam itzt zu Abdallah +um Trost zu suchen, denn er war gewöhnlich +finster und verdrüßlich. Abdallah ging ihm freundschaftlich +entgegen. »Willkommen, sprach er, indem +er ihm froh die Hand drückte, ich habe dich lange nicht +gesehn.« — Er freute sich, daß ihn jemand aus seinen +Träumereien riß, die er gern von sich abwarf und sich +dem Wohlwollen überließ. — Willkommen! rief er +noch einmal.</p> + +<p>Raschid war traurig, sein Gesicht war bleich und +sein Auge eingefallen. Ein schweres Leiden schien seine +Seele zu drücken, eine tiefe unbestechliche Schwermuth +sahe aus seinem schwarzen tiefliegenden Auge, nichts +vermochte eine Heiterkeit über sein Gesicht zu werfen, +seine Stimme war langsam und ohne Feuer. —</p> + +<p>Dein Anblick wird immer kränker, fuhr Abdallah +fort.</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Kränker? — Wirklich? — Vielleicht +geh' ich dem Tode entgegen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Dem Tode? —</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Ich hoff' es.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du <span class="wide">hoffst</span> es?</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Mein Geist erträgt die Leiden nicht +mehr, die sich immer höher thürmen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Deine Liebe, Raschid, wird dich in +dein Grab hinuntertragen. — Sei heitrer, verabschiede +deinen Gram und werde wieder der blühende Jüngling, +der du warst. — Die Liebe soll ja, wie man sagt, in +Felsen Paradiese auferstehen lassen und dir —</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> O glücklich, daß du davon wie von +einem unbekannten Lande sprichst. — Doch nein, du +bist unglücklich. — Ein Wesen ohne Liebe, — eine +Laute ohne Saiten. — Für die göttlichsten Empfindungen +todt kriecht der Gefühllose im Staube, wenn der Liebende +den glänzenden Fittig im Morgenrothe wiegt. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Und dennoch nennst du dich elend. —</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Ja und doch möcht' ich meine Liebe nicht +zurückgeben, — Freund, nur <span class="wide">ein</span> Blick aus ihrem Auge +— ach! er würde den Frühling in meiner Seele wieder +auferwecken! — Eiserne, unzerbrechliche Ketten halten +mich zurück, — ich liebe und darf nicht hoffen, — ich +wünsche und meine Wünsche überschreien meinen Verstand; +wenn er zuweilen die Stimme erhebt, — o dann +treten sie alle bleich zurück. — Mein Unglück hat alle +Blumen um mich her ausgerissen und in den Wind verstreut, +die Freude hat mich in eine düstre Nacht geworfen +und mir ewig ihre Thür verschlossen, — ach Abdallah, +ich sterbe gern: denn welcher Wunsch, welche Hoffnung +soll mich in's Leben zurückhalten? —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Wer würde nicht wenigstens hoffen? —</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Ach! wenn ich nur hoffen dürfte! wenn +ich nur eine Spalte in der hohen Felsenmauer entdeckte, +durch die ich mich hindurchwinden könnte!</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du hast mir aber noch nie den Gegenstand +deiner Liebe genannt — wen liebst du?</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Laß dies noch itzt ein Geheimniß bleiben. — Ach! +ich möcht' es mir selber nicht gestehn, daß der +Mensch sich seinem Glücke Mauern in den Weg baute, +die seiner Ohnmacht spotten, daß — ich kam hierher +mich zu trösten und ich gehe trauriger von dir als ich kam.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Wodurch kann ich dich trösten?</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Nein, ich mag auch nicht getröstet sein. +— Lebe wohl! — dieser Schmerz ist mir lieb, denn ich +leide ihn für sie, — ich will in der Einsamkeit meine +Thränen weinen, ich finde keinen Menschen, der mich +versteht.</p> + +<p>Er ging und Abdallah sah <ins title="Original hat ihn">ihm</ins> traurig nach, dann +versank er wieder allmählig in sein voriges Nachdenken. +Omar kam. — Du bist so tiefsinnig, Abdallah?</p> + +<p>Abdallah fuhr auf und sahe ihn bedeutend an.</p> + +<p>Worüber dachtest du? fragte Omar.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Über deine gestrigen Lehren.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Sie haben dich traurig gemacht.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich irre in einer ausgestorbenen Wüste, +alles ist hin, was einst mein war, ich selbst habe mich +verloren. Du hast mich Verachtung meiner selbst und +der Welt gelehrt; wohin mit meiner Liebe, mit der ich +sonst so warm die Natur umfaßte? —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und muß denn Abdallah <span class="wide">hassen,</span> um +<span class="wide">lieben</span> zu können? — Ich habe dir deinen Haß genommen +und um so größer sollte deine Liebe sein; du sollst +alles lieben, auch den, den die schmähende Welt mit +Füßen tritt.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Alles? — Ach Omar, kann es der +Mensch?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Er soll es wollen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Mein Geist sträubt sich gegen diesen +freudenleeren Glauben.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Weil er deinen Stolz kränkt. — Vieles +ist gestürzt, auf das du bis itzt eingebildet dich für +besser als tausend andre hieltest; es ist dir genommen +und du sinkst zu den übrigen Menschen hinab. Aus +Eigennutz bist du unzufrieden und bildest dir ein, es +geschehe der Tugend wegen. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, du hast tief in meine Seele +geschaut. — Kann aber die sterbliche Natur sich ganz +vom Eigennutz losreißen? du sagtest selber, jeder handle +nur für sich, bin ich daher nicht der erste Zweck meiner +Entwürfe und müssen die übrigen Wesen nicht mir +selber weichen?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Du sollst und kannst dich nie von dieser +Schwäche trennen, — nur der Stolz sei dieser Eigennutz +nicht; sei eigennützig im <span class="wide">Genuß,</span> ein Traum ist +kein Genuß. —</p> + +<p>Ein Sklave kam und rief Abdallah zu seinem Vater +<span class="wide">Selim.</span></p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und verschließe diese Lehren tief in deine +Brust, sie taugen für kein ander Ohr.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Für mich allein hast du also diese +Trostlosigkeit ausgelesen?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Abdallah, sei nicht undankbar. — Der +Weisere kann mich nur verstehn.</p> + +<p>Abdallah ging.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Viertes Kapitel.</h3> + +<p>Selim saß in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm +hereintrat, er bemerkte seinen Sohn und stand auf. +Ich habe dich rufen lassen, sagte er, um dir eine wichtige +Nachricht anzukündigen; hat dir Omar nichts davon +gesagt?</p> + +<p>Nichts, antwortete Abdallah, — aber dieser Name +den du genannt hast, lieber Vater, erinnert mich an +eine Bitte, sage mir, wer ist dieser Omar?</p> + +<p>Und wie kömmst du so plötzlich zu dieser Frage, +fragte Selim, du kennst ihn schon so lange und noch +nie ist es dir eingefallen, etwas näher von ihm unterrichtet +zu sein.</p> + +<p>Dieser Omar, antwortete <span class="wide">Abdallah,</span> ist mein zweiter +Vater, nach dir lieb' ich <span class="wide">ihn</span> am meisten, ja vielleicht, +wenn ich aufrichtig sein soll, habe ich zwischen +dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt. — So tief +meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht, +eben so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der +Spielgenosse meiner Kindheit und ist der Lehrer meiner +Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott nie anders, +als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild +der Weisheit. Alles, was ich denke und weiß, habe +ich aus ihm geschöpft, — ohne seine Liebe könnte ich +nicht glücklich sein. — Er ist mir bekannter, als meine +eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so vertraut, +ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Züge +hab' ich so oft betrachtet und tief in meine Seele geprägt, — nur +gestern am Abend, war es die magische +Nacht, die meine Einbildung mehr als gewöhnlich hob, — oder +war es das nüchterne leere Erwachen von einem +Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft +hundert verworrene Gebilde entgegentreten; als ich gestern +durch den Wald mit Omar zur Stadt zurückging, +trat mich plötzlich das sonderbare Gefühl an, als wenn +ein <span class="wide">fremder Mann</span> zu meiner Seite gehe, — ich +war hundertmal im Begriff, meine Hand aus der seinigen +zu ziehn, ich wagte es nicht, ihn anzusehn, der +Schein der Nacht flatterte ungewiß um ihn her und +verstellte alle seine bekannten Züge, — ich war aus +mir selbst herausgerissen, — ich folgte ihm schaudernd.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> In den Jahren, wo die Einbildungskraft +unsre Amme ist, spielen tausend Schwärmereien +und trügende Gefühle um uns her, die, wenn wir nach +ihnen greifen, in Luft zerfließen und unsern Geist zu +einer trägen, thatenlosen Beschaulichkeit führen. Der +männliche Jüngling muß alle diese kindischen Einbildungen +mit ernstem Blick zurückweisen, auf seiner Bahn +ungestört weiter gehn und diesen Morgendünsten nicht +einmal ein zurückgeworfenes Auge schenken.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Seit gestern aber beunruhigt mich +der Gedanke. Sage mir, wer ist dieser Omar?</p> + +<p>Ich will dir alles sagen, was ich von ihm weiß, +antwortete <span class="wide">Selim;</span> du hast ihn bis itzt als deinen +Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun auch als +deinen Wohlthäter ehren. — <span class="wide">Ali,</span> der wie ein verzehrender +Brand in dem Körper seines Landes wüthet, +gegen den tausend Flüche der Wittwen und Waisen rastlos +um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch +mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich +und meine Schätze lockten seine Habsucht, er entriß +mir alles, was ich besaß, — nur deine Mutter und +du — weiter blieb mir in dieser Welt nichts übrig. +Du warst damals einen Sommer alt und lächeltest +am Busen deiner Mutter unverständig dem Elend entgegen. — Wir +verließen die Stadt und wanderten über +unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer +ging neben uns und reichte uns die ärmliche Nahrung, +alle meine Freunde verließen mich, als hätten sie mich +nie gekannt, Sorge und Dürftigkeit waren unsre einzigen +unzertrennlichen Gefährten: so wandelten wir von +Stadt zu Stadt und lebten kärglich von den Allmosen, die +uns das Mitleid der Menschen zuwarf. — Ein stiller +Gram wühlte unsichtbar in dem Herzen deiner Mutter, +sie reichte mir lächelnd den Abschiedskuß — und ging +nach einigen Stunden in ihre bessere Heimath zurück. +Ich blieb mit meinem Unglück in der Einsamkeit.</p> + +<p>Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er +fort:</p> + +<p>Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer +auf sie hinab, ein Dolch schnitt durch meine Seele, +wenn du mit kindischem Lächeln nach deiner Mutter fragtest +und an den Grabhügel pochtest, um sie wieder heraufzulocken; +aber dein Lächeln war das letzte schwache +Band, das mich damals an diese Welt zurück hielt, unverletzliche +Pflichten sprachen mich aus deinem freundlichen +Auge an, <span class="wide">du</span> lebtest noch und darum war mir das Leben +noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend +entfernen, in der <span class="wide">Zamiri</span> ruhte, ihr Geist schien +dort zu schweben und mich in dem Wohnorte meines +Grams zurück zu halten. — Ach Abdallah, es waren +traurige Tage, — wenn das junge Morgenroth so glühend +heraufstieg und zitternd auf mein schlafloses Auge +schien, wenn der goldne Abend über die Berge zog und +die traurige einsame Nacht mit hundert neuen Sorgen +langsam aufstieg, — die Erinnerung dieser Tage, — der +Mensch muß viel erdulden, aber sein Muth muß ihn nie +verlassen.</p> +<p> </p> + +<p>Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig hörte +Abdallah die Erzählung seines Vaters, dieser sprach dann +weiter:</p> +<p> </p> + +<p>Ich besuchte täglich den Kirchhof, auf dem sie ruhte, +ich betete andächtig auf ihrem Grabe und flehte um Stärke. +Im innigsten Gefühle meines Elends saß ich einst auf +dem Grabhügel, du spieltest unbefangen vor mir im tiefen +Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu und +setzte sich traulich an meine Seite, unmännliche Thränen +rannen heiß über meine Wangen und fielen auf gelbe +Todtenblumen, die auf dem Grabe blühten. — Plötzlich +sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem Schatten +der Bäume näherte. Er hatte mich in meinem Glücke +oft besucht und in seiner Gegenwart empfand ich stets +eine heilige Ehrfurcht, denn ein stiller Schauer hauchte +mich an, als wenn aus ihm der Geist des Propheten +wehte. Mein Unglück schien ihn zu rühren: Grabe, +sprach er, hinter jenem verfallnen Hügel und ein neues +Glück wird dir entgegenblühen. — Ich grub und fand +einen großen Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir Ali +genommen hatte, — als ich dem Derwisch meinen heißen +Dank bringen wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken — und +dieser Derwisch ist <span class="wide">Omar?</span></p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Dein Lehrer Omar. — Ihm dank' ich +alles, was ich besitze, alles was ich habe ist nur ein Gut, +das er mir geliehen hat. — Ich ließ mich an der fernsten +Gränze des Reiches nieder, veränderte meinen Namen +und nannte mich <span class="wide">Selim.</span> Hier war ich vor Ali's Grausamkeit +und Habsucht sicher, bis er nun seit einem Jahre +seinen Wohnsitz verändert und sich hierher begeben hat. — Ich +war itzt so glücklich als ich nur werden konnte, +als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein +Haus besuchte. Ein hagrer ausgedörrter Greis reichte +mir seine lange Hand, die wie ein Todtengebein klapperte, +der Tod sahe aus seinen tiefen eingefallen Augen, kraftlos +wankte der Schädel hin und her und seine Sprache +war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack +bei diesem Anblick des Jammers und erst nach langer +Zeit erkannte ich in diesem Todtengerippe — deinen Omar.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlthäter, +verpflegte ihn wie einen Vater, bis er von seiner +Siechheit genaß. Als seine Gesundheit und seine Kräfte +zurückgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand +und sagte: »du bist mein Wohlthäter Selim, du hast +mein Leben gerettet und ich will nicht undankbar sein; +du hast einen Sohn, ihm will ich bezahlen, was ich +dem Vater nicht bezahlen kann.« So ward unser +Wohlthäter dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund.</p> + +<p>Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit +band ihn fester an Omar und hing an seine Lehren ein +noch größeres Gewicht; seines Lehrers Tugend war unbezweifelt, +um so zuverläßiger mußte also seine Weisheit +werden; der Lasterhafte, der die Tugend läugnet, +wird nicht gehört, aber wenn der Edle dem Bösewicht +die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder nennt, +dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr +Innres.</p> + +<p>Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du +nun nicht begierig, die Nachricht zu hören, die ich dir +anzukündigen hatte?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Verzeih mein Vater — ich höre. —</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Du sollst dich vermählen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Dein Gebot ist mein Wille.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Des edlen <span class="wide">Abubekers</span> Tochter.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du willst es und sie ist meine Gattin.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Diesen Gehorsam hatte ich von dir erwartet, +mein Sohn. Abdallah wird seines Vaters Liebe +nicht mit Undank vergelten.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, nie mein Vater.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Du liebst also nicht, mein Sohn?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich liebe nur dich und Omar. —</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Laß diese kindliche Liebe nie in deinem +Busen verlöschen. — Abubekers Tochter, — oder meinen +<span class="wide">Fluch!</span></p> + +<p>Selim sahe ihn mit einem durchbohrenden halberzürnenden +Blick an, den Abdallah nicht verstand. Es +war ein kalter fester Blick, der sich unauslöschlich mit +dem fürchterlichen Worte <span class="wide">Fluch</span> in Abdallah's Gedächtniß +grub; bei diesem Blicke kehrte plötzlich wie ein +Blitzstrahl die sonderbare Unbekanntschaft mit Omar in +seine Seele zurück, — als dieser hereintrat.</p> + +<p>Er sahe ihn an und es war ganz wieder der alte, +freundliche, bekannte Omar; er ging froh hinweg und +alle seine ängstlichen Besorgnisse waren verschwunden.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Fünftes Kapitel.</h3> + +<p>Itzt trat auch <span class="wide">Abubeker</span> in das Zimmer und mit +ihm mehrere von seinen und Selim's Freunden.</p> + +<p><span class="wide">Abubeker</span> war ein Greis von siebenzig Jahren, +sein Gesicht war lang und hager, sein Auge sanft und +sein silberweißer Bart sank ehrwürdig auf seine Brust +herab. Schon seit langer Zeit war er der Welt abgestorben, +ohne daß er sie, oder sie ihn vermißte; er lebte +mit seiner Tochter in einer häuslichen Einsamkeit, nur +von seinen Freunden gekannt und geehrt. Er war im +Felde erzogen und unter der Rüstung ein Greis geworden, +die Feinde hatten seine Tapferkeit gefürchtet und +in seinem männlichen Alter war Abubekers Name durch +das ganze Land bekannt gewesen; aber mit den Diensten +des Feldherrn verschwindet zugleich der Dank des +Volkes, der Ruhm gleicht dem Nebel, der sich über das +ganze Gefilde auseinander wickelt und am weitesten ausgestreckt, +verschwindet. Im Lager und in Schlachten +hatte Abubeker seinen Geist nur wenig bilden können, +er dachte daher nur langsam und beharrte unerschütterlich +auf jede gefaßte Meinung, jede seiner Überzeugungen +ließ er sich ungern nehmen und eine neue an ihre +Stelle setzen: denn das, worüber er einmal gedacht +hatte, schien ihm die einzige und letzte Wahrheit.</p> + +<p>Selim bewillkommte ihn und seine Begleiter, und +alle setzten sich.</p> + +<p>Eine kleine Stille weilte über die Versammlung, +als Selim endlich aufstand, Abubekers Hand ergriff und +wie von einem heiligen Feuer ergriffen, also redete:</p> + +<p>Abubeker, du bist mein Freund und was mehr ist, +ein wackrer Mann; das seid Ihr alle, die Ihr zugegen +seid, und wäre einer unter uns, der dies große Gefühl +nicht in seinem Busen trüge, der entferne sich, ehe ich +weiter spreche, denn meine Worte taugen für kein unedles +Ohr. — Aber nein, — die edelsten Männer des +Staats sind hier versammelt und darum sollen ungescheut +meine Gedanken und Worte einerlei Weg wandeln. +Zum Biedermanne muß der Biedermann ohne +Umschweif sprechen, und eben dies war die Ursach meiner +Einladung.</p> + +<p>Alle schwiegen; Selim stand und sahe in der Versammlung +umher, dann fuhr er fort:</p> + +<p>Abubeker, du erinnerst dich vielleicht noch der goldnen +Tage, als der Scepter des weisen <span class="wide">Alfargo</span> dieses +Land beherrschte, als ein ewiger Friede an den Gränzen +des Reiches wachte, als eine unzerbrechliche Treue +alle Unterthanen in ein schönes Band vereinte und die +Rüstung des Fürsten war, als das Glück in unsern +Häusern wohnte, als — wozu der schönen Erinnerung, +Freunde? diese Zeit <span class="wide">war</span> und <span class="wide">ist</span> nicht mehr, der Sonnenstrahl, +der scheu an des Gefängnisses Mauern zittert, +macht dem Gefangenen den Kerker enger, diese +Erinnerung ist uns das, was dem verirrten Wandrer +in der Sturmnacht das ausgelöschte Licht. Wir <span class="wide">waren +glücklich</span>, aus diesem Gedanken springt die traurige +Überzeugung: wir <span class="wide">sind unglücklich!</span> — Wie beim +Gewitter hängt die Luft schwer und drückend über unserm +Vaterlande, die Arbeiter haben furchtsam das Feld +verlassen und verbergen sich in Höhlen, das Gras zittert +leise dem kommenden Sturm, die ganze Natur +athmet schwer und harrt mit banger Ungeduld dem einbrechenden +Wetter. — Dies ist das Bild unsers Vaterlandes, +Freunde; kein Gesicht lächelt, als das der +unverständigen Kinder, kein Auge glänzt, als das Auge +des Sterbenden, keine Fröhlichkeit lacht aus betrübten +Herzen, — traurig, mit gesenktem Haupte, in uns selbst +versunken, von keinem heitern Gefühl aus unsern schwarzen +Träumen geweckt, stehn wir verlassen auf einer +spitzen, meerumheulten Klippe und klagen in das wilde +Rauschen der See. — Und warum hängen unsre +Thränen so schwer an den rothgeweinten Augenliedern? +Warum schwellen unterdrückte Seufzer unsre Brust so +hoch? — Sind die blühenden Felder um uns her +Wüsten von Sand geworden? Entfaltet die Sonne +nicht mehr ihren Mantel über dieses Reich? Hängt +eine verzehrende Seuche über unsern Häuptern? Sind +unsre Freunde verschieden? —</p> + +<p>Ach ja, unsre Freunde sind verschieden, eine Pest +schaut wild auf uns herab, die Sonne ist uns untergegangen +und die Blüthe unsrer Fluren ist dahin! Ein +liebliches Morgenroth spielte im fröhlichen Wogengeräusch +um uns her, die Fluth sinkt zurück und unser Nachen +steht auf einem dürren Felsengrund eingeklammert. — Das +Glück hat uns seine Hand zum ewigen Abschied +gereicht und wir sehen mißvergnügt seinem Scheiden +nach. — Und tröstet uns denn kein Ersatz über unsern +Verlust und sind wir auch nicht einmal begierig, die +Ursach unsers Elends zu erfahren?</p> + +<p>O zum <span class="wide">Allgütigen</span> laßt eure Klagen nicht dringen, +denn er zürnt uns nicht, die freigebige Natur +hält keine karge Hand über uns ausgestreckt. — Aber +welche übermenschliche Gewalt schnürt unsre Brust so +mächtig zusammen? Wer schlägt dies verfinsternde Gewölbe +um uns her? — O daß ich es schaamroth aussprechen +muß, — ein Fremder würde staunend unsrer +Schwachheit spotten, — ein <span class="wide">Mensch!</span></p> + +<p>Ihm tragen unsre Felder, zu ihm fließt, wie zu +einem geizigen Meere, alle unsre Arbeit zurück, wir +leben nur für ihn, für den Einzigen kämpfen im unnützen +Streit alle unsre Kräfte. — Ihm hast du, +dem Undankbaren, deine Schlachten gefochten, Abubeker, +er ist die Pest, die das Land verzehrt, hinter seinem +Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner fürchterlichen +Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. — Leben +und Vernichtung hält er auf der verfälschten +Wage, an seinen Launen hängt schwankend unser Glück, +Gewitter donnern aus seinem zürnenden Auge, das +Lächeln seines Mundes ist unsre erquickende Frühlingssonne, +seine Worte des Ewigen unveränderliche Gesetze, — wir +stehn da, und fühlen daß wir elend sind, und +o der Schande! — wir begnügen uns damit, daß wir +es fühlen!</p> + +<p>Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken, +daß wir auch nicht einmal <span class="wide">murren?</span> Sind wir +uns so fremd geworden, daß wir auch nicht einmal +unser Schicksal geändert wünschen? Daß wir uns mit +dem begnügen, was er uns aus der Verheerung zurückwirft +und uns der Gnade freuen, die uns noch unter +den Trümmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln +vergönnt? Die Schlange verwundet wüthend die Ferse +ihres Mörders, die schuldlose Taube kämpft ohnmächtig +gegen den Zerstörer ihres Nestes, ja der zertretene Wurm +krümmt sich zürnend unter dem Fuße des Wandrers — und +<span class="wide">wir!</span> — Wer ist der Schändliche, der sich +nicht der Ketten schämte und sie gern von seinen Armen +streifte? — O er gehe hin und erzähle Ali +meine Rede!</p> + +<p>Sklave und freier Bürger sind in unsern Zeiten +gleich, das Reich kennt nur <span class="wide">einen freien,</span> wir <span class="wide">alle</span> +sind seine Sklaven, das Vaterland und seine Bürger +sind in dem Einzigen untergegangen, unsre Wünsche +knien vor seinem Willen, das hohe Recht, das jeder +Mensch mit auf die Welt bringt, haben wir an diesen +Betrüger verspielt. Unser Dasein können wir nicht +Leben nennen, wir sind todte Massen ohne eignen Willen, +Steine, die ein muthwilliger Knabe zum Spielwerk +am Abend in das Meer wirft. — — Und wer +ist dieser Allgewaltige? Ein Riese mit ehernem Körper, +von dem zerbrochen jeder Stahl zurückprallt? — Nein, +eine Sammlung Staub, wie wir, von einem +aufgehobnen Arm auf ewig zu Boden gestürzt.</p> + +<p>Wo ist der Muth, der in unsern Vätern focht und +die Feinde erzittern machte? Sind alle Dolche stumpf? +Ist keiner mehr, der zu den Waffen greift und sich und +seine Brüder rächt? Keiner? — O ich habe mich geirrt, +ich vergaß, daß ich jetzo lebe, itzt, wo Knechtschaft ehrt, +wo unser höchster Wunsch ist, der schändlichste seiner +Sklaven zu werden. — Die Zeit hat ihren Kreis gemacht +und alles Edle aus unsern Jahren hinweggenommen, +nur mich Unglücklichen hat sie einsam stehen +lassen.</p> + +<p>Er schwieg. — Die Männer glühten, die Arme der +Jünglinge zuckten unwillkührlich. In vielen Augen +stand die Thräne der hohen Begeisterung, viele wollten +aufspringen und ihre Dolche schwenken, als der weise +Abubeker mit langsamer bedächtiger Stimme also sprach:</p> + +<p>Selim, deine Stimme ist die Stimme der Wahrheit, +das Reich ist unglücklich, die Tyrannei herrscht mit +erschlichener Gewalt von ihrem Thron herab, das Volk +seufzt tiefgebückt unter dem ehernen Joch, — aber höre +mich als Freund und zürne nicht. — Ich stehe auf +einem hohen Gipfel, von dem ich über so manche Jahre +hinweg sehe, die zu meinen Füßen ausgebreitet liegen, +das Alter und die Erfahrung tritt endlich an die Stelle +der Weisheit. — Hast du nie, Selim, eine Fluth gesehn, +die verheerend das Gefilde überschwemmt, und es +gedüngt und fruchtbarer wieder verläßt? Einen Stamm, +den der Blitz verbrennt und aus dessen Asche ein schönerer +mit frischer Kraft hervorschießt? — In dem gegenwärtigen +Übel liegt oft die Geburt eines künftigen +Glücks, nur daß das sterbliche Auge nicht durch die +Dunkelheit der Zukunft dringt, daß unser kleiner Blick +nur das umfaßt, was vor uns, nicht, was oft dicht +daneben liegt. — Schon vielen Völkern sandte der +Herr zur Züchtigung einen eisernen Scepter und schon +viele erkennten die bessernde Hand. — Ali ist vielleicht +nur der Abgesandte einer höhern Macht, der uns von +dorther den Krieg ankündigt: können wir rebellisch gegen +den Ewigen aufstehn und seine weisen Plane meistern +und verwerfen? Ziemt es dem Sklaven, seinen +Herrn zur Rechenschaft zu ziehn? — Tausend Diener +horchen auf das Gebot des Unendlichen und vollbringen +die Befehle seines Zorns. Er darf nur winken und +Ali wird vom Blitz durchbohrt, vom Sturm zerrissen. +Er vermag die Erde aus ihren Angeln zu heben, und +im Unmuth mit dem Hauch seines Mundes gegen die +Gränze des Weltalls zu zerschmettern, — und er sollte +nicht einen Staub zum Staube wieder hinabsenden, +wenn es sein Wille wäre? — Nein, wir wollen dulden, +Selim, und im Dulden unsre große Seele zeigen. +Rache brüllt nur aus den Thieren, der Mensch dulde +und verzeihe! —</p> + +<p>O Greis! rief Selim aus, das Alter, das alle unsre +Kräfte verzehrt, spricht aus dir. Der Stunden, die +du noch zu leben hast, sind dir zu wenige, um für sie +zu handeln, — aber unsre Kinder, Abubeker!</p> + +<p><span class="wide">Abubeker.</span> Wacht nicht über sie das große Auge, +das sich niemals schließt? — Laß sie die Tugend und +Gott verehren und sie können nicht elend werden.</p> + +<p>Selim wandte sich unwillig hinweg und Omar fing +an zu sprechen:</p> + +<p>Du sprachst mit tiefer Weisheit, Abubeker, die Hand +aus den Wolken lenkt oft sichtbar die Schicksale der +Menschen, das dunkle Verhängniß tritt oft aus seiner +Finsterniß hervor, und zwingt selbst den kühnsten Zweifler +zur schaudernden Verehrung.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Und auch du, Omar? der du meinen +großen Entwurf zuerst zur Reife brachtest?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Oft aber waltet die Allmacht in ihrer +Undurchdringlichkeit und lagert vor die frechen Augen +Finsternisse um sich her. Oft tritt das unerbittliche +Schicksal zurück, es zerreißt den Faden, an dem es den +Menschen lenkt und läßt ihn ohne Leitung gehn. Dann +schaut es auf den Weg des Wandrers herab und zeichnet +ihn mit ewigen Zügen auf der unvergänglichen +Tafel. Dann wird des Menschen Name unter die +Seeligen oder Verdammten eingeschrieben, ohne fremden +Druck stehn aus dem Herzen die Tugend oder das +Laster auf.</p> + +<p><span class="wide">Abubeker.</span> Ich fasse den Sinn deiner Rede, +Omar. Wenn das ewige unwandelbare Schicksal niemals +den Menschen aus seiner Hand ließe, dann trieben +wir einen reissenden Strom hinab, der ohne unsre +Schuld den Nachen vielleicht an einen Fels zerschellte, +oder in die See versenkte.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Alle Widersprüche vereinten sich dann in +einen Mittelpunkt, die ganze Natur wäre eine Flöte, +auf der ewig die Töne des schaffenden Künstlers erklängen, +keine That gehörte uns, unschuldig kehrten alle +zum Schöpfer zurück. — Nein, Abubeker, wenn der +Ewige auch nach seiner Güte das Laster zuläßt, so ist +er es doch nicht selbst, der den Lasterhaften führt, das +hieße ihn aus seinem Wesen hinausschelten, denn er ist +ja das Gute selbst; blind ihn aus seinem Glanz vernünfteln, +mit eben der Vernunft, die er uns lieh, ihn +zu erkennen.</p> + +<p><span class="wide">Abubeker.</span> Ein Irrthum täuschte mich, Omar.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ein Athem seines Wesens streifte leise +den irdischen Staub und es entstand der <span class="wide">Mensch.</span> +Dieser göttliche Funke, der aus der Nacht sich ihm +freundlich zugesellte, ist es, der ihn aus den Thieren des +Waldes, den Bäumen und Felsenwänden heraushebt, +dieses ist das große Zeichen, an dem die Menschen sich +erkennen, das untrügliche Unterpfand, daß uns jenseit +ein neues Leben entgegentrete, wenn die Seele hier den +Staub wieder von sich abschüttelt und zürnend das +Thal verläßt, um einen schönern Hügel zu ersteigen.</p> + +<p><span class="wide">Abubeker.</span> Deine Worte wecken in meiner Seele +eine Sonne, die das Dunkel erleuchtet.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Dieser Verstand lehrt uns die Wunder der +Natur finden. Wie der Schnecke und dem Wurme +Fühlhörner gegeben sind, um ihre Nahrung zu suchen +und ihre Feinde zu fliehen, so verlieh der Gütige dem +Menschen den Verstand. Der Zweck des Wurmes ist +das Leben, dem edleren Menschen ist das Leben nur ein +Weg, aus dem er zu seinem Endzweck geht: durch seinen +Verstand sich selbst und Gott erkennen; je näher er diesem +Ziele gekommen ist, je mehr hat er die Krone des +Siegers verdient. — Ohne diesen Stern, der unser +Schiff regiert, lebten wir, wie der Maulwurf, unter +tausend Wundern, ohne sie zu bemerken. — Die Kraft +der Heilung liegt in tausend Pflanzen ausgegossen, aber +der Schöpfer tritt uns nicht unmittelbar in den Weg; die +schwache menschliche Natur würde zu sehr vor ihm zusammenschaudern, +er legt seine Furchtbarkeit ab und in +schönen Blüthen findet der Verstand des Menschen die +Kraft des Gütigen wieder, und Tod und Krankheiten +fliehen vor dem wohlbekannten, allbelebenden Hauch, der +ihnen aus den Kräutern entgegen duftet.</p> + +<p><span class="wide">Abubeker.</span> Deine Gedanken über den Ewigen sind +wie der Schein des Mondes, sie leuchten auf den Pfad, +ohne zu blenden, du verschlingst die Allmacht mit der +Lieblichkeit und vor dem wonnevollen Bilde kann der +Mensch anbetend in tiefer Ehrfurcht knien, und es zugleich +<span class="wide">lieben.</span></p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Der Verstand regiert wie ein Steuermann +unsern Willen gegen Wind und Wogen der Leidenschaften +und des Unglücks. — Der Verstand formt aus dem ungestellten +Zufall eine Säule; statt uns selbst die Hand +zu reichen und durch das Dunkel zu führen, haucht der +Ewige an diesen Funken und er leuchtet heller. — Dann +werden große und edle Thaten geboren, Tyrannenthronen +gestürzt, des Vaterlandes Feinde geschlagen, Völker besiegt +und des Propheten Glaube über Meere getragen. — Diesen +Fingerzeig der Gottheit nicht achten, heißt +seiner Güte spotten, da er uns einen Schatz anvertraute, +den wir nicht benutzen, dann wird er uns einst schwer +zur Rechenschaft ziehen, daß wir ein Gut verachteten, +das uns ihm ähnlich macht. — Es waren Propheten, +die die Zukunft weissagten von Gottes Athem angeweht: +wenn nur der Ewige selbst in unsre Seelen diese Gedanken +gesendet hätte, wenn er durch uns Ali strafen +und das Reich wieder glücklich machen wollte und seine +Allmacht dabei unsichtbar erhalten, wenn wir die Pflanzen +wären, aus denen der Gütige mittelbar Genesung +unsern Brüdern zusendete?</p> + +<p>Abubeker dachte tief den Worten Omar's nach, die +übrigen horchten aufmerksam auf seine Rede.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ist es dann nicht unsre Pflicht, seinem +Wink zu folgen und unverzeihliche Trägheit, wenn wir +die Arbeit, die er uns in den Weg legt, verdrossen liegen +lassen? — Auf dann! tretet alle Zweifel unter +euch, beginnt das Werk und sagt der Ewige »Nein« +zu unsrer That, — nun, dann wird das Unglück unsern +Schritten folgen und uns von seinem Zorne Nachricht +bringen.</p> + +<p><span class="wide">Abubeker.</span> Du hast mich überwunden, Omar, +ich gebe deiner Weisheit nach.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ha! wenn wir keine Leuchte hätten, die +uns durch die Nacht begleitete! — aber wir tragen +sie in unserm Busen. — Glaubet! ruft uns der Ewige +selbst zu — und handelt nach eurem Glauben und Herzen! +Daher jagt das nagende Gewissen den Bösewicht, +dies ist der gute Engel, der den Menschen zu edeln +Thaten winkt. — Ein jeder muß nach seiner Überzeugung +handeln — und wer glaubt nicht, daß wir +alle glücklicher wären, wenn Ali von seinem Thron herunterstiege? +Unser Recht? — o er hat unser Recht +verletzt, er hat unsre Menschheit gekränkt, er zwingt +uns, unser Wort zu brechen, das wir ihm gaben, er +ist unser <span class="wide">Feind,</span> nicht unser Fürst. Wir scheuchen +das Unglück über die fernen Gebirge, das itzt so dräuend +über uns hängt, wir sind die Retter unsers Vaterlandes, +aus seinem Grabe wird das Glück dann wieder +auferstehn und uns dafür belohnen, unsre Brüder werden +Freudenthränen weinen, — ha! wer steht noch +müssig? Wer kann noch furchtsam zurückzagen? — Nein, +Abubeker, Freunde, — wir <span class="wide">wollen</span> nicht die +Krone von Ali's Haupte reissen, wir <span class="wide">müssen</span> es, — das +Land liegt kniend zu unsern Füßen, des Ewigen +ernstes Auge schaut anmahnend auf uns herab, die +Nothwendigkeit reicht uns den blutigen Dolch, — wir +<span class="wide">können</span> nicht zurücktreten und den furchtbaren Arm +von uns weisen.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Nein, wir können, wir <span class="wide">dürfen</span> es nicht. +Die Gefahr streckt uns ihren Rachen entgegen, — stürzt +auf sie zu, Freunde, sie verherrlicht unsern Triumph! +Welcher Feige würde nicht mit dem Edlen um jeglichen +Kampfpreis ringen, wenn die Furchtbarkeit nicht die +große nie zerfallende Scheidemauer zöge? Daß wir +unser Leben wagen, o das ist es, was unser Unternehmen +zu einer großen That stempelt, das ist es, warum +sie Männer und keine Knaben fordert. Das Glück +schwebt um uns her; faßt mit starkem Arm den ehernen +Ring und haltet ihn fest, — dreht er sich allmächtig +weiter, — nun was können wir mehr als <span class="wide">sterben?</span> +Und können wir in tausend Jahrhunderten einen ruhmvollern +Tod finden, als im Kampf mit der Tyrannei +dahinzusinken? — O wem das <span class="wide">Leben</span> das höchste +Gut ist, der mag zagen, ihm sei es erlaubt zu zittern, +er mag sich hinter Ali's Thron verkriechen und sich fest +an seine Ketten klammern und an den Pfahl, an dem +er gefesselt ist, — wir kämpfen, siegen oder sterben für's +Vaterland und unsre Brüder, — das Schild am Arm, +den Säbel in der Faust stürzen wir vor Ali hin und +fordern <span class="wide">uns selbst</span> von ihm zurück, — wir verschwinden +in dem großen Ganzen, eine Woge im Meer; +was liegt an mir, wenn ich auch untergehe? — Die +Gefahr nicht achten, heißt sie tödten; sich selber muß +der Edle freudig seinen Brüdern opfern können. — Wer +so denkt, der reiche mir seine Rechte!</p> + +<p>Alle sprangen auf, man lief eilig durcheinander, +jeder wollte der Erste sein, der die Hand des edlen +Selim faßte. — Es ist kein Schändlicher unter uns! +riefen alle, wie aus einem Munde, auch Abubeker trat +hinzu und umarmte Selim und Omar. Eine große +Begeisterung wandelte durch den Saal, alle Gesichter +glühten, alle Augen funkelten.</p> + +<p>Brüder! rief Selim aus, — das Loos ist gefallen! — Er +kniete nieder. — Hier schwör' ich bei dem Ewigen +und seinem Propheten, bis auf meine letzte Lebenskraft +gegen Ali zu kämpfen, mein Vaterland zu retten +oder zu sterben!</p> + +<p>Alle knieten und schwuren ihm den großen Eid nach, +dann umarmten sie sich von neuem, drückten sich die +Hand und küßten sich wie Brüder. <span class="wide">Ein</span> Gedanke lebte +in allen Seelen, <span class="wide">eine</span> Entzückung, <span class="wide">ein</span> Geist wehte +durch die ganze Versammlung.</p> + +<p>Freunde! sprach <span class="wide">Omar,</span> — und wer soll denn an +Ali's Stelle treten und eine neue Sonne über unser +Reich heraufgehn lassen.</p> + +<p>Alle schwiegen und <span class="wide">Omar</span> fuhr fort.</p> + +<p>Das unmündige Volk bedarf eines Führers, ohne +Oberhaupt würde es sich selber vernichten. Ein weiser +Mann muß an der Spitze stehn, der alle die schweifenden +Kräfte in einen Mittelpunkt sammelt, die sonst unnütz +an tausend mannichfaltigen Gegenständen zerschellen. — Ihr +kennt Selims Weisheit, seinen Muth, seine Güte und +Menschenliebe. Er betrete den verwaisten Thron, er werfe +unser Elend in das unergründete Meer und wecke das +Glück aus seinem Schlummer. — Wer andrer Meinung +ist, der spreche!</p> + +<p>Du thust mir Unrecht, rief <span class="wide">Selim,</span> als alle schwiegen; +warlich Omar, deine Worte schmerzen mich tief. — Hat +denn Ehrgeiz oder Herrschsucht meine Gedanken geleitet? +Bin ich der einzige Edle in dieser Versammlung? — Ich +widerspreche dir hier laut, ich widerspreche euch +allen, wenn ihr ihm beistimmt. — Der Unbetrügliche +sieht mein Herz, beim Grabe seines Propheten schwör' +ich hier, — durch meinen Tod, ja durch meine <span class="wide">Schande</span> +wollt' ich Euer Elend von mir kaufen, ungenannt sterben +und vergessen werden. Ich selbst war bei diesem Entwurf +mein letzter Gedanke. — Omar, wie konntest du +dem weisen, tapfern, erfahrnen Abubeker vorübergehen? — Hier +steht unser Herrscher! Er verdient das Diadem +zu tragen, das Ali entweiht. —</p> + +<p>Er warf sich vor dem Greise nieder und berührte mit +der Stirn dreimal den Boden, alle übrigen folgten seinem +Beispiel. Der erstaunte Abubeker war gerührt und +konnte ihnen nur durch Thränen antworten.</p> + +<p>Du bist unser, Abubeker, sprach <span class="wide">Selim,</span> freiwillig +zu uns herübergetreten, von keinem äußern Zwange gedrückt. +Der Edle muß aus eignem Willen handeln, und +damit auch nicht der kleinste Schein von Eigennutz auf +dich fiele, hab' ich dir noch eine Nachricht vorbehalten, +die du itzt erfahren sollst. — Ali, nach deinen Schätzen +begierig, hat das Ziel deines Lebens näher rücken wollen; +Omar hat durch seine Weisheit diesen Anschlag vernichtet +und dich uns gerettet.</p> + +<p>Der Greis <span class="wide">Abubeker</span> drückte ihm schweigend die +Hand. — Selim, sprach er dann, ich bin dir sehr viel +schuldig, dir dank' ich meinen Reichthum, du wandest +ihn aus den Händen ungerechter Feinde, du schütztest +mein Leben gegen einen Räuber, dessen Säbel schon +über meinen Schädel blinkte, — erinnerst du dich noch +jener Tage, als wir uns ewige, unzerbrechliche Freundschaft +schwuren. Wir haben unsern Eid gehalten und +wollen ihn noch ferner halten. — Damals schwurst +du feierlich in meine Hand, dein Sohn Abdallah sollte +der Gatte meiner Tochter werden, ist es noch dein Wille?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Ich schwur und ich hätte keinen Willen +mehr, wenn es nicht mein sehnlichster Wunsch, mein +freudenvollster Gedanke wäre.</p> + +<p><span class="wide">Abubeker.</span> Mein Kind vermählt sich deinem +Sohne.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Und wenn auch das Unglück uns verfolgt, +auch wenn ich tausend Schätze besäße und du wärst +eben so elend, wie ich einst war, — sie wird meine +Tochter, — nimm dies Versprechen noch einmal vor +dieser feierlichen Versammlung.</p> + +<p><span class="wide">Abubeker.</span> Eben dies verspreche ich dir, wackrer +Selim. — Dein Sohn wird der meinige, — aber +wo ist er? Meine Augen haben ihn schon vorher +vermißt. Sollte er keinen Theil an diesem großen Schauspiel +nehmen?</p> + +<p>Omar trat hervor. — Der zarte gefühlvolle Jüngling, +sprach er, taugt noch nicht für Männer Unternehmungen. +Tausend zärtliche Besorgnisse für seinen +Vater würden sein Innres zerreissen; sein Geist steht itzt +noch in der Blüthe und kann noch keine Früchte treiben; +diese Gedanken würden ihm Ruhe und Schlaf +rauben und seine Hülfe würde uns unmerklich sein. — +So tragen wir ihn schlummernd den steilen Fels hinan, +auf dem ein Schwindel ihn wachend seiner Vernunft +berauben würde. Wenn er oben steht, dann wecken +wir ihn sanft und er wird uns unsre zärtliche Sorgfalt +danken.</p> + +<p>Alle stimmten ihm bei und man beschloß am folgenden +Tage sich von neuem zu versammeln, um über +die Mittel zur Ausführung ihres Entwurfs zu berathschlagen. +Dann ging man froh auseinander und ein +jeder nahm große Gedanken und schöne Entwürfe in +seiner Brust verschlossen mit sich.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Sechstes Kapitel.</h3> + +<p>So untergruben Selim und Omar den Thron Ali's; +unbefangen ging Abdallah neben allen Gefahren hin, +die er nicht sahe, das Gewitter zog sich in schwarzen +krausen Wolken über ihn zusammen, aber er hörte nicht +den Sturm, der von allen Bergen her die Dämpfe zusammenjagte, +unbesorgt ging er in seiner Unwissenheit +dreist einher, wo er, in das Geheimniß der Verschwörung +eingeweiht, sorgsam prüfend den Fuß auf die +schwankende Brücke gesetzt hätte und zitternd sich umgesehn, +ob nicht unter ihm die Pfeiler stürzten.</p> + +<p>Der Sonnenschein hatte ihn aus seinem Hause gelockt, +er wollte eben die Stadt verlassen, als ihm <span class="wide">Raschid</span> +begegnete.</p> + +<p>Sei mir willkommen Freund! rief ihm Abdallah +entgegen.</p> + +<p><span class="wide">Raschid</span> war traurig wie gewöhnlich und erwiederte +Abdallah's Gruß mit niedergeschlagenem Blicke.</p> + +<p>Du bist traurig, sprach <span class="wide">Abdallah,</span> komm mit +mir in die schöne Natur, der Frühling wird dich <ins title="Original hat heitre">heitrer</ins> +machen.</p> + +<p>Itzt nicht, antwortete <span class="wide">Raschid,</span> nöthige Geschäfte +rufen mich zu Ali; aber wenn die Sonne untergeht, +dann erwarte mich auf der steinernen Bank, dem Pallast +gegen über. — Er entfernte sich schnell und Abdallah +ging durch die Thore der Stadt.</p> + +<p>Der schönste Frühlingstag war aus dem Meer emporgestiegen, +die Luft athmete lau, Düfte von tausend +Blumen lagen auf den Schwingen des Westwindes, +über die Berge war der glänzende Himmel wie ein +blaues Zelt ausgespannt, unter welchem lichte Wolken +in leichter Bewegung tanzten. — Itzt hatte er einen +Hügel erstiegen, der die schönste Gegend übersahe. Ein +Thal schmiegte sich zwischen waldbewachsnen Bergen, +der Wald rauschte ernst und feierlich und durch sein +zitterndes Grün blinkte ein Strom verstohlen hervor, +der bald verschwand und dann wieder schön gekrümmt +wie ein weiter See im Sonnenschein glänzte. Friedliche +Hütten lagen traulich unter den Zweigen der +Bäume, der Sonnenschein spielte in mannichfaltigen +Strahlen auf das frische Grün des Rasens, das bald +heller bald dunkler sich den Hügel hinuntergoß, Cedern +standen feierlich schwarz auf den Bergen, die den Horizont +begränzten. Alle Wesen, von der Fliege die im +Sonnenschein summte bis zum Hirsch im Walde und +dem Adler in den Wolken, waren froh und glücklich, +von jedem Zweige des Waldes rauschte die Freude, in +tausend Gesängen bunter Vögel zwitscherte sie in das +Geräusch der Waldung.</p> + +<p>Abdallah stand und betrachtete mit Entzücken die +glanzumschlungne Gegend. O der schönen Welt! rief er +endlich aus. Wie freundlich es aus dem Thale zu mir +heraufweht! Wie göttlich diese Wonne mich, wie ihren +Freund, umarmt! Alle meine Sorgen liegen unbedeutend +weit hinter mir, alle meine Sinne thun sich dem +wohlthätigen großen Gefühle auf. — Welch ein Feuer +in meinem Busen lodert! Wie tausend flammende Empfindungen +zum Herzen strömen! — O unglückseliges +Gedächtniß! — Nur Tod brütete in dieser unendlichen +Pracht? — Mein Geist nur ein leiserer Ton von dem, +der im Walde rauscht? — Mit dieser funkensprühenden +Begeistrung bin ich nichts mehr, als dieser Strauch? Und +doch drängt sich alles so zu mir herauf, alles +kniet vor mir und meinen Gefühlen nieder, in meinen +Empfindungen schwimmt ein ätherischer Glanz, der von +mir selbst Bewunderung erzwingt, ich schlage an die +goldnen Saiten der Natur und verstehe den großen +Klang, — ja, ich bin ein edler Wesen, als die todten +stummen Massen, — hinweg mit dir du Weisheit, die +mich verschmachten läßt, — du raubst mir den Genuß, +und Genuß ist ja das erste und letzte Ziel dieses Erdenlebens.</p> + +<p>Er lagerte sich am grünen Abhang des Hügels und +schaute in die unendlichen Reize hinaus, die sich nach +und nach dem aufmerksamen Auge unaufhörlich auseinander +wickelten. — Eine heilige Ruhe schwebte mit +leisem Fittig über die Gegend, hundert neue Schönheiten +gossen sich aus, wenn sich der Schatten vor den +Wald hin ausstreckte und die Berge höher hinanlief, +über das weite Gefilde lagen Dunkel und Sonnenschein +freundlich zusammen und wechselten und spielten durch +einander. Ein gelber schräger Sonnenstrahl schimmerte +gebrochen durch die fernen Cedern und erglühte durch +die Zweige wie Flammenstreifen auf dem grünen Berg, +die im Rauschen des Waldes funkelnd auf und nieder +zuckten.</p> + +<p>O! daß ich mich stürzen könnte in das Meer der +unermeßnen Göttlichkeit! rief der wonnetrunkene <span class="wide">Abdallah,</span> — diese +tausendfachen Schätze in meinen Busen +saugen! Könnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten +in meiner Brust diese göttlichen Gefühle, die +itzt durch meine Seele zittern! Ach, daß der Gesang +durch die Laute rauscht und nachher verstummt! — Ich +höre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist +diese unnennbare unausfüllbare Leere, die mich stets im +Genusse so kalt und todt ergreift? Ein fremdes Streben +ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder. +Ich schwindle auf der Freude höchsten Gipfel und stürze +in den Staub betäubt zurück. — Alle meine Gefühle +drängen mich weiter hinaus zu einem unbekannten Etwas, +zuweilen flattert unstät ein Schein durch die Dämmerung +und wie eine holdselige Erinnerung winkt es +mir zu, — aber er verlischt plötzlich und die ungestümen +Wogen wälzen sich von neuem durcheinander.</p> + +<p>Ein Abendwind bließ durch die Waldung, ein rother +Duft schwebte um den Horizont, die ungewissen Widerscheine +flossen nach und nach zusammen und ein Kranz +von Gold, Purpur und Violet flocht sich rund um die +Stirn des Himmels. Ein friedlicher Rauch stieg aus +den Hütten und vermischte sich mit dem Nebel, der +leise und langsam über die Fluren schritt und in tausend +blendenden Sternen flimmerte, von einem Sonnenstrahl +durchbrochen. Ein Schäfer zog mit seiner +klingenden Heerde den Abhang herauf und seine einsame +Flöte tönte sanft in das Thal hinab.</p> + +<p>Abdallah ging mit seinen Träumen zur Stadt zurück, +das Rauschen des Waldes hallte ihm noch immer +wieder, in sein Ohr tönte noch die Flöte, die vom Berg +herab ihm mit ihren Melodieen flüsternd gefolgt war.</p> + +<p>Er setzte sich auf die steinerne Bank, dem Pallast +des Sultan's gegenüber, in tausend verworrenen Gefühlen +versunken. Die Leere der Stadt mit ihrem +abendlichen Geräusch und der lärmenden Emsigkeit umgab +ihn, die Kaufleute verschlossen ihre Thüren, der +Handwerker verließ seine Läden, die Ausrufer gingen +durch die Straßen, von den Moscheen ward die Stunde +zum Gebet gerufen und durch das verwirrte bedeutungslose +Getöse hallte ihm noch wehmüthig froh der Flötenklang, +in das Bild der dämmernden Straßen schwamm +noch ein Wiederschein von der reizenden Landschaft und +bildete eine Gestalt, die ihn mit schwermüthigem Lächeln +ansah. Das Getön einer Thür riß ihn aus seinen +Träumen, er schlug die Augen auf und sahe — <span class="wide">Zulma,</span> +des Sultans Tochter.</p> + +<p>Schlank und mit majestätischer Anmuth trat sie herbei, +um auf dem Altan die Blumen und jungen Citronenbäume +zu begießen und auf einen Augenblick die +Kühlung des Abends einzuathmen. Ihr dunkles Haar +floß geringelt auf ihre Schultern, ihr schwarzes Auge +brannte wie ein Stern durch die Wolkennacht. Um +ihre zarten Lippen spielte eine süße Freundlichkeit und +die Liebe selbst legte den Mund in das lieblichste Lächeln.</p> + +<p>Weitgeöffnet starrte Abdallah's Auge zum Altan hinauf, +er verschlang mit glühendem Blicke die reizende +Gestalt und jede ihrer kleinsten Bewegungen, er glaubte +ein Seeliger des Paradieses zu sein und in Zulma die +schönste der Houris zu sehn, — unter ihm hätte ein +Erdbeben unergründliche Schlünde reißen können — er +hätte es nicht gefühlt, — hätten tausend Donner +um ihn her gebrüllt, — er hätte sie nicht gehört, — alle +seine Sinne waren todt, sein Geist war aus seinem +Körper entflohen und brannte verzehrend in seinen +Augen. — <span class="wide">Zulma</span> ging wieder zurück und Abdallah +starrte noch immer zum Altan hinauf, er glaubte noch +immer den Schimmer des weißen Arms durch die grünen +zitternden Blätter zu sehn, zu sehn, wie die Rosen +von ihrem Anhauch schöner glühten und von Zulma's +Glanz die Lilien heller leuchteten.</p> + +<p>Endlich erwachte er aus seiner Betäubung, so wie +der Wandrer in der Nacht erwacht, der müde auf dem +Felde einschlief und den ein Reisender mit einer Fackel +weckt. Er steht auf und sieht ohne Besinnung umher, +er kennt die Gegend und sich selber nicht, von allen seinen +Erinnerungen abgerissen, taumelt er dumpf seine +Straße fort, die Berge um ihn her wanken im Schein +und die Gegend liegt dunkel wie ein Räthsel vor ihm. — Aus +diesem Gewirre kehrte <span class="wide">Abdallah</span> endlich zurück, — er +sah, er hörte wieder, seine zugeschloßnen Sinne thaten +sich wieder auf, — aber er erkannte sich selbst nicht wieder. +So wie er itzt sahe, hatte er noch nie gesehen, so +hatte noch kein Klang sein Ohr getroffen: eine neue +Sonne schien ihm entgegen, aus jedem Ton grüßten ihn +holde Melodieen. Ihm war als stiege er aus einer finstern +feuchten Gruft heut zuerst dem Licht entgegen, hundert +Besorgnisse schüttelte er von sich ab, er fühlte sich +frei, stark und groß, kühn zu jedem Unternehmen, ausdauernd +für jede Arbeit, unerschrocken vor jeder Gefahr, +feiner fühlend für Schönheit und Edelmuth. — Rothe +Wolken schwammen durch den Himmel und glänzten +vorüberfliegend an den hellen Fenstern, Schwalben zwitscherten +um ihn her, alles war ihm theuer, alles war ihm +neu und ein neugewonnener Freund. — Er ging über +die Brücke des Flusses, der die Stadt durchströmte. Eine +flammende Gluth brannte durch den Himmel, das Abendroth +sank hinter den Fluß nieder und warf ein bleiches +goldnes Netz nach dem Abendsterne, der seinem Glanze +folgte, der Strom glühte in Purpur, vom Kuß des Himmels +erröthend, in sanften Krümmungen schlich sich das +erhabne Ufer neben den Strom hin und spiegelte sich in +seiner Fluth, rosenrothe Wellen plätscherten an das grüne +Gestade und lockten in der Ferne eine Heerde, die auf +einem schmalen grünen Landstreif sich in den Strom +drängte und aus den goldnen Wellen trank, eine Guitarre +sprach in zärtlichen Tönen vom Fluß herüber, — Abdallah +sahe in jeder Schönheit Zulma's Gestalt, die +jeden Reiz erhöhte, er schwamm in einem Meer von +Wonne, er stürzte sich und versank in die schönsten, erhabensten +Gefühle.</p> + +<p>Itzt sank der letzte goldne Streif des Abends nieder +und aus Osten stiegen Schatten mit großen Schritten +auf; er weinte und wußte nicht, warum eine Thräne +sich so heiß aus seinem Auge drängte.</p> + +<p>Sinnend ging er auf sein Zimmer, wiegende Wogen +trugen ihn auf dem Bache der süßen Schwärmerei +hinauf und hinab, ermüdet schlief er ein.</p> + +<p>Die Zukunft strömte ihm hell und glänzend entgegen, +wie ein Quell dem durstigen Wanderer, goldne +Träume umfingen ihn und Zulma's Gestalt stand in +den Träumen. — Er war so glücklich, daß er nie hätte +erwachen mögen.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Siebentes Kapitel.</h3> + +<p>Die Traumbilder wickelten sich leise aus Abdallahs +Armen und er erwachte. <span class="wide">Zulma</span> war sein erster Gedanke, +der gestrige Abend stand vor ihm und seine Einbildung +holte ihm jede seiner gestrigen Empfindungen +zurück. Alles lag ahndungsvoll wie ein Traum vor +seiner Seele, oder wie eine mondbeglänzte Gegend, er +zweifelte an allen seinen Gefühlen, durch ihre ganze +Harmonie wand sich sein Geist hindurch und suchte die +Quelle, aus der dieser Strom seiner umgewandelten +Empfindungen geflossen sei.</p> +<p> </p> + +<p>Ein früher Strahl des Morgens zitterte durch sein +Fenster, er öffnete es und sahe sinnend in die schöne +Gegend hinaus. Ein frischer, kühlender Hauch kam ihm +entgegen, die Sonne schimmerte auf den Wellen des +Flusses und brannte golden an den Fenstern der hundert +Palläste umher, ein dünner Nebel sank in den +Fluß zurück und durch den Himmel war ein purpurnes +Meer ausgegossen. Durch jedes Wolkengebilde blickte +Zulma's Gestalt hindurch, sie stand in den Sonnenstrahlen, +die sich auf den Wellen brachen und lächelte +ihm entgegen, in den Gebüschen am gegenüberliegenden +Berge säuselte ihr Name, die ganze Natur umher war +nur ein Wiederhall seiner Empfindungen. — Dürftig +und ohne Reiz schien ihm alles, was er vor dieser Umwandlung +gefühlt hatte, seine Phantasie war nun erst +mündig geworden und verschmähte ihr voriges kindisches +Spielwerk, seine erhabensten Gedanken reihten sich willig +an das, vor dem er sonst kalt und ohne Empfindung +vorübergegangen war, ein heiliges Entzücken flüsterte +im Grase und spielte in der Gluth der Wolken, +wie ein großes verschloßnes Buch hatte sich ihm die +ganze Natur aufgeschlagen.</p> +<p> </p> + +<p><span class="wide">Raschid</span> trat herein, als Abdallah sich noch seinen +Schwärmereien überließ, er wollte seinem Freunde Vorwürfe +machen, daß er sein Wort gebrochen und ihn +am Abend nicht erwartet habe, dieser aber hörte nicht, +was er sagte, sondern sprach mit seinen Träumen und +wußte kaum, daß Raschid neben ihm stand. Dieser +verließ ihn endlich voll Verdruß, als ihm Abdallah nur +durch einzelne unzusammenhängende Töne antwortete.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah</span> hatte sich und sein ganzes Wesen vergessen, +er hing glühend an seinen Phantasieen und Omar +und seine traurige Weisheit war von seinen neuen Gefühlen +verschlungen. — Vordem hatte er mit Kindlichkeit +die Tugend und sich geliebt, alle Räthsel, die +vor ihm lagen, hatte ihm Niemand Räthsel genannt und +er stand unbefangen vor ihnen; seit jenem Abend, an +welchem Omar ihn in seine Weisheit eingeweiht hatte, +schien ihm alles Glück der Einbildung erloschen, die +schöne Hülle war von der Natur abgefallen und er sahe +nur das nackte Gerippe; er hatte schon daran verzweifelt, +daß ihn je wieder ein Strahl aus den glücklichen +Tagen seiner Unwissenheit anfliegen könnte, — und itzt +schmückte sich alles schöner als je, so zauberreich stand +noch nie die Wirklichkeit vor ihm, so geläutert und rein +hatte noch kein Gefühl in ihm geklungen.</p> + +<p><span class="wide">Omar</span> trat herein, aber Abdallah bemerkte ihn +nicht. — Worüber denkst du? fragte ihn dieser. — Über +nichts, fuhr Abdallah erschrocken auf und Omar +entfernte sich wieder. Abdallah war so froh, als ihn +sein geliebter Lehrer verließ, als wenn eine lästige Gesellschaft +von ihm gegangen wäre; er überließ sich ungestört +seinen Schwärmereien, wie jemand, der in einem +schönen Traum erwacht und wieder einzuschlafen sucht. — Was +ist dir, mein Abdallah, sprach <span class="wide">Omar</span> nach +einiger Zeit, indem er von neuem hereintrat.</p> + +<p>Abdallah schwieg. — Was hat dich so tiefsinnig +gemacht? fragte ihn Omar mit freundschaftlicher Unruhe.</p> + +<p>Omar! stammelte <span class="wide">Abdallah,</span> sieh die Natur, die +unendliche, unbegränzte, sieh, wie tausend Schönheiten +mich anlächeln und tausend schlafende Empfindungen in +meinem Busen wecken. Sieh, wie die Herrliche ausgegossen +von mir liegt, vom himmlischen Reiz umfangen. +Wie des Morgens Gluth sich durch die Wolken schwingt, +wie die blühende Erde sich lächelnd in die Arme des +Himmels schließt, sieh, wie alles rund umher in dem +lebendigen Glanze schwelgt, — o daß ich diese Göttlichkeit +an mein Herz drücken könnte und mit Seligkeit +gesättigt in den hohen allgemeinen Wohllaut zerfließen!</p> + +<p>Es ist nicht das, sprach der ernste <span class="wide">Omar,</span> indem +er Abdallahs Hand ergriff, du willst deinen alten Freund +hintergehen und das solltest du nicht. Du warst mir +noch nie verschlossen, noch nie vergaßest du über deine +Empfindungen mich, noch nie brannte dein Auge so +wie itzt, — noch nie suchtest du deinen Blick meinen +Forschungen zu verbergen, — nein Abdallah, noch nie +strebtest du deine Hand aus der Hand deines Freundes +zu ziehn. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah</span> sahe nieder und schwieg; <span class="wide">Omar</span> hatte +die geheimsten Geberden seines Geistes verstanden, er +suchte daher beschämt seine Gesinnungen zu verbergen +und dann war er wieder im Begriff, dem Freund mit +seinen innigsten Gefühlen entgegen zu gehn. Sein Gesicht +glühte, seine Blicke irrten ungewiß auf den Boden +umher und suchten einen Gegenstand, der sie fesseln +könnte. — Omar fuhr fort:</p> + +<p>Hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? — Bin +ich nicht mehr Omar, dein Freund? Warum willst +du dich mir verbergen? Entdecke dich mir, unsre Seelen +sind sich ja verschwistert, laß mich dein Glück oder Unglück +mit genießen oder leiden; seit wann ist Abdallah +so eigennützig geworden?</p> + +<p>Er schwieg und Abdallah wollte sprechen, aber eine +heiße Thräne stieg in sein Auge, ein großer Seufzer erstickte +seine Worte, seine Hand zitterte in der Hand +Omars, dieser ließ sie mit freundschaftlichem Unwillen +fallen.</p> + +<p>Ich habe mich geirrt, dies ist nicht mehr mein Abdallah, +so stehen Omar und er nicht mit einander. — Gut, +ich muß dein Vertrauen noch erst zu <span class="wide">verdienen</span> +suchen. — Er wollte gehn. —</p> + +<p>Nein, nein, Omar, rief ihm <span class="wide">Abdallah</span> heftig nach, +bleib! o ich will ja zu dir sprechen. — Doch was soll +ich dir sagen? Wie wirst du mich verstehn, da ich mich +selbst nicht verstehe? — Es giebt keine Worte, keine +Sprache, in der ich alles so lebendig, so lauter hingießen +könnte, wie es hier in meinem Herzen strömt und lebt! — Könnt' +ich dein Herz in das meinige legen, deinen +Geist in den meinigen schmelzen, o dann, dann würdest +du mir die Worte ersparen und mich ohne Sprache verstehn!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Seelen, die sich so vertraut sind, wie die +unsrigen, legen in die Worte jene Empfindungen hinein, +die keine Beschreibung ausfüllt, den geistigen Hauch, +der sich in keinen Tönen festhalten läßt, — darum werd' +ich dich verstehen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Aber kann deine ernste Weisheit auch +dem jungen Freunde verzeihen?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> So sehr kann <span class="wide">Abdallah</span> nicht fehlen, daß +für sein Vergehn keine Verzeihung sein sollte.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung, +das sagt mir mein Herz, die Unbefangenheit, mit der ich +den Blick in mein Innres werfe. Es ist kein Verbrechen, +denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar, alles +ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und +Leblose ist meinem Herzen näher gerückt, ich fühle mich +größer, edler, geistiger, — o mein Omar, laß dir alles +in einem Wort' enträthseln: <span class="wide">ich liebe!</span></p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Du liebst?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O du mochtest lächeln! Ach nein, es +ist nicht das, nein, es ist nicht jenes Gefühl, das unsre +Dichter so oft beschreiben, — kein Mensch hat noch +je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in seiner +Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gefühl +der Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt, +mich aus dieser Welt hinauszureissen; eine allmächtige +Woge hat mich auf die hohe gähe Spitze einer +Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zurück +und ich stehe schwindelnd über Wolken, von allen Menschen +die einst waren und sind auf ewig abgerissen, die +Unendlichkeit um mich her, — die Gottheit hat heut +mein Leben von neuem berührt und durch die leisesten +Töne hindurch zittert der allmächtige Stoß. — Wer +würde nicht dies Verbrechen mit mir theilen und welcher +Freund mir nicht verzeihen?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Dir verzeihen, daß du liebst? Ist Liebe +nicht der Zweck alles Erschaffenen, das, was uns die +öde Welt in einen Garten umwandelt?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du sprichst zu meiner Seele, wie ein +Vater zu seinem kranken Kinde; ja, es ist die schönste +Vollendung des Menschen, ich fühl' es, Liebe ist die +einzige Tugend; nimm mir alle, laß mir nur diese +übrig und ich werde sie nicht vermissen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch +deine Geliebte, — nenne mir ihren Namen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, du bist ein Gotteslästerer! — Setze +das Paradies auf die eine und <span class="wide">Zulma</span> auf die +andre Seite, und ich werde <span class="wide">Zulma</span> ohne Bedenken +wählen. — Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich +nichts, als sie, — mir war's, als fiele ein lächelnder +Blick ihres holden Angesichts auf mich herab, — o wär' +es Wahrheit, ich wollte mein Leben gegen noch einen +dieser Himmelsblicke tauschen!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Zulma? — <span class="wide">Ali's, des Sultan's +Ali's Tochter?</span></p> + +<p><span class="wide">Abdallah</span> schwieg, dann fuhr er langsamer fort: +Ach Omar, warum hast du die freundliche Binde von +meinen Augen genommen? Ich war so glücklich, als +ich nicht daran dachte, warum gönntest du mir nicht +diesen lieblichen Betrug?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wo willst du Adlersfittige hernehmen, dich +zu dieser Sonne empor zu schwingen?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O die Liebe, die Allmächtige wird sie +mir reichen! — Der Verzagte verliert ewig, dem Kühnen +geht das Glück selbst entgegen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Du stehst vor einem Abgrund, der sich +zwischen zwei Felsen reißt, ein dichter Nebel liegt wie +Land dazwischen und du trittst mit vertrauendem Fuß in +die Luft, aber du wirst in die Tiefe stürzen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ach Omar, ich habe dir mein Geheimniß +entdeckt, kannst du nichts, als es tadeln, hast du keinen +mitleidigen Trost, keinen Rath für mich?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und wenn ich ihn hätte?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O dann wollt' ich vor dir knien und +dich meinen Erschaffer nennen. — Nur Hoffnung und +ich bin nicht ganz elend!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Nicht elend? Wenn aber tausend Gefahren —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Die Unmöglichkeit soll unter das Joch +den ehernen Nacken beugen, Gefahren will ich wie Blumen +brechen und sie Zulma entgegentragen, ich will durch +wilde Ströme schwimmen, über Abgründe springen, durch +hundert Schauder unerschrocken gehen, mich durch Klüfte +drängen, durch die kein Leben wandelt, wenn sie nur am +Ziel der schreckenvollen Wanderung steht. — O sprich! +nur ein Strahl, der mir aus der Ferne leuchtet und ich +will ihm mit Adlersflug entgegenfliegen!</p> + +<p>Abdallah! rief <span class="wide">Omar</span> aus, sein Gesicht war feierlich +ernst, seine Augen durchschauten wild den Jüngling, — heut +in der Nacht will ich dich wieder sprechen. +Dann ging er und Abdallah sah' ihm staunend nach.</p> + +<p>Unglücklicher! rief er aus, — wo sind nun alle +deine hohen, himmlischen Schwärmereien? Sie sind vor +einem Worte wie Nebel niedergesunken, und eine kahle +Felsenwand steht vor dir, wo erst ein goldner Duft im +tausendfachen Schimmer spielte. — Welche Kette hängt +an dem Worte <span class="wide">Ali</span>, die mich so gewaltsam von Zulma +zurückreißt? Lieg' ich in den Staub gebunden und glänzt +sie ewig unerreichbar wie ein Sirius über mir? — Nein, +ich will eine Leiter bis in den Himmel legen, ohne sie giebt +es kein Glück, kein Leben für mich, bei diesem Spiele +kann ich nur gewinnen.</p> + +<p>Er schwieg und sein Blick senkte sich, als wenn ihn +ein Gedanke plötzlich überraschte.</p> + +<p>Nur gewinnen? fuhr er dann langsam und traurig +fort. — Und mit deines Vaters Fluch, Elender, verlierst +du nichts? — O eine schwarze Ahndung breitet +sich über meine Seele aus. Mit diesem Tage nimmt +vielleicht das Elend meines Lebens seinen Anfang, ich +stehe hier vielleicht am Scheidewege, wo ich in einen +dunkeln, unendlichen Wald hineingehe und die freie helle +Flur auf immer verlasse. — Mein Vater selbst tritt +mir in den Weg und hält mich an, mein Vater liebt +mich, um mich elend zu machen. — Alle meine Hoffnungen +stürzen von diesem Fels zurück und hinter mir +stehn schwarze Klippen furchtbar aufgepackt, und versperren +mir den Rückweg. — Omar, leite deinen Freund +aus dieser Irre! —</p> + +<p>Er überließ sich seinen Gedanken, die bald den vorigen +Schwärmereien weichen mußten, bald wieder kalt +und verweisend ihre Stelle einnahmen. — So träumte +und dachte er bis zum Abend.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Achtes Kapitel.</h3> + +<p>Schwarz lag die Nacht auf dem Gefilde, als Omar +und Abdallah die Stadt verließen.</p> + +<p>Wolken gossen sich gedrängt und düster von den +Bergen herab, in hohen unendlichen Gebirgen aufgewälzt, +wie eine dicke gewölbte Mauer hing der schwarze +Himmel mit seinen wankenden Riesenschatten über ihnen, +kein Stern sah durch die Hülle, kein Strahl des Mondes +zitterte durch die Wolkenwildniß: ein Regen rauschte +in den nahen Bäumen, durch den fernen Wald wandelte +der Sturm dumpf murrend, die Wächter riefen +aus der Stadt die Stunden der Nacht, die Natur +schwieg mit feierlichem Ernst und ein heimliches Grauen +stieg von den finstern Bergen. — Beide gingen schweigend +und in tiefen Gedanken versunken. — Nach einer +langen Stille begann <span class="wide">Omar:</span></p> + +<p>Sieh Abdallah, wie der hohe Himmel mit seinen +unabsehbaren Finsternissen über uns schwebt, wir treten +wie in eine unendliche Wüste hinaus. Wie fürchterlich +verlieren wir uns in diesem Wogensturm, der sich schwarz +um uns her wälzt, — sieh, wie es durch einander wogt +und flieht und sich zerrissen jagt! — Kaum ist ein ferner +Schimmer des Mondes sichtbar, der unaufhörlich +mit der Finsterniß kämpft, der Regen fällt in schweren +Tropfen auf die Flur und der Sturmwind heult durch +den dichten Wald, wie ein verlornes Kind, das in der +Irre winselt.</p> + +<p>Abdallah schloß sich fester an den Arm seines Freundes, — Omar, +sprach er mit beklemmter Stimme, — o +diese Nacht ist das Bild eines unglücklichen Lebens! +So schwebt der Elende am Finger der Allmacht in die +Nacht des Jammers verlassen hinausgehalten, von keinem +Lichtstrahl erquickt. — Horch! wie sich der Strom +in wunderbaren Tönen an dem Ufer bricht! Wie verworren +alles vor uns liegt, — Omar, diese Nacht ist +fürchterlich!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Fürchterlich?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Noch nie hab' ich mich so einsam in +der Natur gefühlt, so einsam unter tausend Schaudern +und fremden Gefühlen, so losgespühlt wie ein Sandkorn +und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies +wunderbare Gefühl der Einsamkeit, Omar, macht mich +schaudern.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen +Gedanken und Träumen; so in der stillen Nacht umherzugehn, +so den Flug der Wolken zu sehn, das einsame +wimmernde Plätschern des Ufers zu hören, — o +dann ist mir, als stiege ich tief in eine Grube hinab, +wo ich nur noch in einer weiten Ferne unvernehmlich +ein loses Wehen dieser Welt verstände, dann ist mir +oft, als könnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder +seiner Weltordnung stillschaffend wandeln hören, als +könnte mein entkörperter Blick durch das große Gebäude +dringen und die hohe Ordnung verstehn. — Ja, Abdallah, +eine solche Nacht winkt der Schwärmerei, hier +wohnen tausend kühne Gedanken, die vor dem kalten +ernsten Tageslicht zurückzittern, hier tritt unsre ungestammte +Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns +dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein +verlachen; der Spötter sinkt nieder und ruft: +Gnade! der Zweifler greift geängstigt nach seinen Zweifeln +und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne +Getöse der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen +Naturgesetze, die Kleidung fällt von der Endlichkeit +ab und er sieht mit anbetendem Schauder die unendlichen +Kräfte durch einander weben und die Räder im +ewigen Schwung sich drehen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Sieh, wie hier verloren ein Glühwurm +mit mattem Fluge summt und sich in das feuchte +Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte +Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe +weinend betet und sie nicht auslöschen will, um mit +dem Strahl nicht auch das Bild eines Freundes zu verlieren. — Ach +Omar, dieser kleine Wurm verliert sich +so armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist +ihm ein Wald, unser Auge muß ihn ängstlich wiedersuchen, — und +wie verlieren wir uns in diesem mitternächtlichen +Gefilde, und diese unbegränzte Flur wird +auf der Erde kaum bemerkt. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und wie versinkt diese Erde in der Unermeßlichkeit +der <span class="wide">Welt?</span> — Abdallah, unser kühnster +Schwung fällt lahm von dem Gedanken zurück, — diese +Welt, — o vielleicht, daß für Wesen jenseit unsrer +Gedanken dieser Mond und diese Sterne nur Feuerwürmer +sind, die der Erde wie einem Grashalm einen +grünen vorüberscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, — und +die höchsten Gedankenschwünge dieser Wesen schlagen +gewiß noch nicht an die Gränze des Weltalls. Die +Unendlichkeit wirbelt sich noch immer höher und höher, +Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit +und in jeder Hand hält sie tausend Welten.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Der Gedanke stürzt unter dieser Gewalt +zusammen. Wo die Orionen und die Macht der +Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin ich da +und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht +durch die schwachen Saiten der Laute wälzen, sie brechen +unter seiner Last. Je eilender wir diesem Gedanken +folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und +um so lauter spottet ein höhnendes Gelächter unsrer +Schwachheit.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen, +aber wir verstehen ihr Winken nicht.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Die Gottheit zieht an die große Kette +des Lebens und vom Elephanten bis zum Wurm, den +unser Auge kaum bemerkt, zittern alle ihre Glieder, ein +Faden, der alle diese Perlen schüttelt. — Du wirst +Gewürme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige +Stunden leben, die sich freuen und ihr armseliges Geschlecht +nicht untergehen lassen, — für uns sind sie +nur Wesen eines Augenblicks, — auf uns lächeln vielleicht +eben so mitleidig andre Geschaffene herab, denen +unser Dasein nur ein Athemzug scheint; ihr Leben +scheint höhern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der +erste Sonnenstrahl aufküßt, und <span class="wide">diese</span> verwehen doch +nur wie ein Staub in der Ewigkeit.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Das Leben ist nur eine Wasserblase, +die sich aus der Fluth emportaucht und im Auftauchen +zerspringt.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Darum sagte jener große Sänger: »Jahrtausende +sind vor dir nur wie ein Augenblick.« — Und +doch kriechen die nichtigen Gewürme auf der Erde umher +und nennen sich dem Ewigen ähnlich, und brüsten +sich mit Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten +den, der nicht ihre Weisheit kennt, — o Abdallah, +dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen zur Verzweiflung +bringen könnte. — Eine alberne Mummerei, +wo ein jeder nur darauf sinnt, seine Larve nicht Lügen +zu strafen, — wenn wir sie nach Hause begleiten und die +Larve abnehmen sehn — so sind sie nichts als Knochen +und verächtliche Verwesung. — Ha! sie wollen den +Ewigen fassen und sind sich selber unbegreiflich, und +brandmarken alles Lüge, und verlachen alles, was in +ihren engen Sinn nicht geht.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Verachtung sei ihre Strafe!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ihr Verstand, eine Sammlung Staub, +der wieder in Staub zerfällt, der nichts als Staub ist, +in eine unkenntliche Form gemodelt, der aus Würmern +ward und wieder zu Würmern wird, — o des Erbarmens! +mit diesem verläugnen sie den Finger, der seinen +Namen in die Unendlichkeit hineinschreibt.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O sie sollten verehrend niederknien, +blinde Anbetung des Ewigen sollte ihre Weisheit sein.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Die Welten sollen in ihrem Gehirn ihren +Lauf vollenden und sie können die Lebenskraft der +Schnecke nicht begreifen, ihre armselige Erfahrung stempeln +sie Gesetze der Natur; daß die Sonne auf- und +untergeht, hat ihrem dumpfen Sinn die Gewohnheit +begreiflich gemacht, aber daß sie einst stille stände, oder +an den Gestirnen zertrümmerte, — dagegen sträubt sich +ihr Glaube und die Welt nennt sie <span class="wide">Weise.</span></p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Der blöden Thoren!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wir stehn unter unendlichen Räthseln, +nur die Gewohnheit hat sie uns weniger fremd gemacht; +vom Baum bis zum Grase, vom Elephanten bis zur +Mücke, wer sind diese Fremdlinge, die an uns vorüber +gehn? O könnten wir an diese Wunder allmächtig +schlagen und Antwort fordern; — aber es ist nur der +Ton unsers Arms, der durch den Felsen dröhnt, — sie +ziehn vorüber und bleiben stumm. — Wir selbst sind +uns eben so unbegreiflich, als der Geist, der auf Mondstrahlen +niederschwebend durch die Wolken flattert und +Wälder mit einem Hauch ausrottet.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O könnte der richtende Mensch von +allen Wesen Rechenschaft fordern!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Empfandest du nie, Abdallah, daß wenn +dein Verstand durch tausend Stufen auf der höchsten +schmalen Spitze schwindelnd taumelte, — daß er dann +wieder zur thierischen Dumpfheit, zur Unbehülflichkeit +des Steins herabstürzte?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Oft Omar. Dann liegt die Menschheit +am verächtlichsten vor mir, wenn wir endlich gegen +unsre Schwäche kämpfend im Begriff sind ringend den +Preis zu gewinnen, und ohnmächtig hinsinken, und +nichts als verworrene Gefühle davon tragen, dunkler +und körperlicher als die unmittelbarsten, die todte Gegenstände +um uns unsern Sinnen reichen. — O es +sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen +der Schwalbe austauschen möchte!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Auf dieser gähen Spitze gelingt es zuweilen +dem Forscher, diesen fliegenden Augenblick zu fesseln. +Dann weht es ihn wie mit reineren Lüften an, +dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein +Licht über die nächtliche Haide wandeln; dies ist der +fürchterliche Augenblick, wo der Verstand zwischen höherer +Weisheit und Wahnsinn ungewiß hängt, ein Windstoß +von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die +eine oder auf die andre Seite. — Dem Weisen fallen +dann der Wesen vorgehaltne Bilder nieder, er erkennt +was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein +Blick gräbt bis auf den Mittelpunkt der Erde. — Verstehst +du mich, Abdallah?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich folge deinem Geiste.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Diesen ist dann die Binde von den Augen +genommen, der Verblendete nennt sie Thoren, die +Welt bewundert oder verachtet sie dumm, doch ihre +Weisheit ist ihnen genug, der Gesunde bedarf keiner +Krücken. Sie ergreifen die großen Zügel der Natur +und lenken sie nach ihrer Willkühr, sie rufen Geister +aus dem Abgrund, sie lassen die Jahreszeiten wandeln, +das Meer sinken und anschwellen, sie fassen ein Glied +von der großen Kette des Schicksals und lassen sie bis +tief hinunter wanken. — Die Weisen der Welt sehn +mit Verachtung auf sie herab und der Weisere klagt +sie nicht ihrer Blindheit wegen an, er greift dreist an +die Handhabe der Natur, er hat die verborgenen aber +einfachen Gesetze gesehn und er ist Herr der Welt, +durch Zuversicht hat er die Herrschaft gewonnen, nichts +kann sie ihm entreissen; daher sagte ein weiser Prophet +mit tiefem Sinn zu seinen Schülern: <span class="wide">Glaubet, und +ihr werdet Berge versetzen!</span> und sie glaubten +und die Natur gehorchte ihnen.</p> + +<p>Abdallah stand in tiefen Gedanken und Omar fragte +ihn leise: Liebst du Zulma noch?</p> + +<p>Abdallah fuhr auf. — Zulma? — Du hast alles +um mich her ausgelöscht, Omar, aber in tiefer Ferne +winkt mir aus der dicken Nacht noch <span class="wide">ein</span> freundlicher +Funke, — ja, Omar, ich liebe sie, ich werde sie ewig +lieben. — Ich stoße die Verächtlichkeit der Welt auf +die Seite, ich gehe unwissend ihren Räthseln vorüber, +— diese Weisheit ist nicht für ein sterbliches Gehirn, +— <span class="wide">meine</span> Weisheit sei <span class="wide">Genuß,</span> mögen Wunder und +Furchtbarkeiten um mich spielen, ich verhülle mich an +ihrem Busen und sehe sie nicht.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wenn dich aber nur dies Reich der Geister +glücklich machen kann?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich gehe freudig jeden Weg, der mich +zu dieser Krone führt.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Fühlst du dich stark genug für die furchtbare, +zermalmende Vertraulichkeit?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O ich will zentnerschwere Bürden +mit allen ihren haarsträubenden Schaudern, mit allem +kalten Grausen auf meinen Rücken nehmen, — denn +Zulma steht vor mir und lächelt und sie drücken mich +nicht.</p> + +<p><span class="wide">Omar</span> ergriff schweigend die Hand des Jünglings. — Abdallah! +rief er laut, Abdallah! so erfahre, was +du nie erfahren solltest und laß es tief in deinem Innern +widerhallen, Omar ist mehr als dein Freund, mir +sind die Gesetze der Welt unterthänig!</p> + +<p>Abdallah fuhr zurück und riß seine Hand aus der +Hand Omars. — Wie? — Omar? — Ha! wie +eine eiskalte Hand mich fürchterlich von dir hinwegreißt! +Omar, dieser <span class="wide">bekannte</span> Omar mehr als Mensch? — Er +tausend Stufen höher als ich — und doch derselbe, +mit dem der Knabe Abdallah spielte? — O fürchterlich! +fürchterlich!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> So jämmerlich sinkst du unter diesem +Grausen zusammen und sollst es nur bis zu deiner Zulma +tragen?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, Omar, ich sinke nicht. — So +sei denn mehr als Mensch, laß die mächtigen Riegel +der Zukunft aufspringen, und die Welt sich unter deinen +Sprüchen krümmen, laß alle deine Kraft meinen +Wünschen nachfliegen und aus meinen Träumen Wirklichkeit +schaffen.</p> + +<p>Es sei, sprach <span class="wide">Omar</span> langsam und ernst. — Sie +waren in ein kleines Felsenthal gekommen, in dem sich +ein Wasserfall schäumend von einem Hügel goß. — Wo +sind wir? rief Abdallah aus, — diese Gegend sah +ich noch nie. — Omar schlug mit seinem Stab dreimal +auf den Boden und ein dumpfes Dröhnen und +Pochen unter der Erde antwortete ihm. Man ruft +dich, sprach <span class="wide">Omar</span> und zugleich riß sich eine schwarze +Kluft klingend in den Boden. — Omar faßte die bebende +kalte Hand Abdallah's. — Hier steige hinab und +gehe im geraden Wege, so weit du gehen kannst, dort +wird sich dir die Zukunft enthüllen.</p> + +<p>Abdallah setzte langsam den Fuß hinein und sahe +seinen Lehrer zweifelhaft an; Eulen heulten ihm aus der +Kluft entgegen, aus tiefer Ferne rief der Wächter in +der Stadt die Mitternachtstunde, — Omar ließ die +Hand Abdallah's fahren und dieser taumelte hinab. — Die +Erde verschloß sich wieder.</p> + +<p>Die Wolken entflohen und der Mond und die Sterne +sahen durch das blaue Gewölbe, zuweilen noch rauschten +die Bäume und schüttelten rasselnd den Regen von +den Blättern, Omar stand sinnend an eine Felsenwand +gelehnt.</p> + +<p>Ein fernes Winseln zitterte unter der Erde, Omar +schlug auf den Boden — und Abdallah trat bleich, mit +verzerrten Zügen und starren Augen wie ein Gespenst +aus der Grube, seine Knie zitterten. — Er stürzte wüthend +nieder und betete mit einer Inbrunst, die der Raserei +ähnlich war.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Neuntes Kapitel.</h3> + +<p>Abdallah hatte geendigt und stand langsam auf. — Ha! +rief er fürchterlich, welch ein bleiches Feuer schlägt über +mir zusammen und nagt an meinen Gebeinen? — Warum +sieht das richtende Schicksal aus tausend glühenden +Augen so fürchterlich auf mich herab?</p> + +<p>Abdallah, sprach Omar und ging ihm näher, Abdallah, +der Mondschein umgiebt dich und die Sterne +flimmern über dir.</p> + +<p>Der Mondschein? Die Sterne? O sie sind auf ewig +untergegangen! — Sie werden mich nicht wieder grüßen, +— dann ging Abdallah zu Omar, und sagte zu +ihm leise und langsam: Omar! bewahre mich vor +Wahnsinn!</p> + +<p>Was hast du gesehen? fragte ihn <span class="wide">Omar.</span></p> + +<p>Abdallah stand in Gedanken und schwieg, bis sich +das wilde Keuchen seiner Brust <ins title="Orignal hat sich">etwas</ins> besänftigt +hatte, dann sprach er:</p> + +<p>Ich stieg in die Kluft hinab wie ein Träumender, +der laute Donner der zusammenspringenden Felsen +weckte mich aus meinem Taumel. — Ich tappte unendliche +kalte, feuchte Wände hinab, eine fürchterliche +Stille ging vor mir her, ich hörte in der entsetzlichsten +Einsamkeit nichts als das Wehen meines Athems, der +sich die Mauer hinabschleifte und das Dröhnen meiner +Tritte. — Meine Zähne klapperten vor kaltem Schauder, +und ein Grausen setzte mir die Hände in den +Rücken und trieb mich weiter. — Plötzlich kam es +mir wie ein Heereszug entgegen, mit Trommeten und +Paukenwirbeln, wie einem Sieger, der in seiner Heimath +empfangen wird. — Donner wälzten sich durch +die hallenden Gewölbe, Waldströme stürzten sich rauschend +herab, und ein Hohngelächter borst mir von allen Seiten +entgegen. O es war ein Gewirre, das jeden meiner +Sinne betäubte und zu neuen Schrecknissen wieder +weckte. — Oft schwieg es und wie Flöten und Nachtigallengesänge +flüsterte es über mir und weckte hämisch +die Erinnerung meiner Kinderjahre in meinem innersten +Herzen, — und plötzlich brachen dann wieder die +Donner und Siegestöne hervor, und das Hohngelächter +schallte von neuem und jagte meine Seele zur Verzweiflung. —</p> + +<p>Itzt versank und erlosch alles wieder rund umher +und die Einsamkeit und Stille streckten sich wieder vor +mir aus, tausend Schrecken flogen um mich herum und +saußten mit kaltem Fittig um mein Haupt. — Eine +nasse Felsenwand stand vor mir, — ich tappe zur Seite — unerbittlich +streckt sich mir ein Fels entgegen, — ich +stürze rückwärts, — auch dort der Weg durch eine +Klippe verriegelt.</p> + +<p>Ich warf mich nieder, ich zerfleischte mein Gesicht, +mein Gebrüll sprang fürchterlich von den Felsen zurück, +ich verfluchte mich und dich und betete von neuem in +noch gräßlichern Verwünschungen. — Plötzlich wehte +es wie ein Wind über mir hin, es flüsterte und zischte +und aus dem Felsen leuchteten sanfte Schimmer. — In +mannichfaltigen Verschränkungen webten und flutheten +sie in tausend Farben zusammen, die Strahlen +schossen hin und her und leckten die Felsenmauer und +rollten sich dann in eine große Flamme. Aus der Flamme +streckte sich langsam ein weißgebleichtes Todtengebein +hervor und steckte kalt und klappernd an meinen Finger +einen Ring, dann ging die Hand wieder in den Schein +zurück. — Itzt fuhr das Feuer wüthend auf und ab +und ein heller Sonnenschein sprang plötzlich aufrecht +und stieß mit dem Haupte an die Felsendecke, und itzt +sah' ich — o wären meine Augen ewig verblindet! — Hätte +vor dieser Stunde mich der Todesengel mit seinem +Schwert geschlagen, — ich sahe, — o verflucht, +dreimal verflucht sei die Stunde meiner Geburt! — den +Leichnam meines Vaters, fürchterlich geschwollen +und mit entstellten Zügen und die scheußliche Hand reckte +sich noch einmal hervor und zeigte auf ihn hin. —</p> + +<p>Der Schein versank, die Felsen sprangen krachend +auseinander und das schauderhafte Getön kömmt mir +wieder schneidend entgegen, wie ein Heer von bösen Engeln, +die in gräßlicher wüthender Schadenfreude mit den +Höllenpauken die Verdammten begrüßen, — das Hohngelächter +trat mir wieder frech entgegen, ach! und hinter +mir schleppte sich das fürchterliche Bild meines gemordeten +Vaters, als wenn es die Hand ausstreckte, mich festzuhalten, — ich +flohe mit kalten Schweißtropfen auf der Stirn, bis +mir endlich das verworrene Getöse nur wie aus tiefer ungewisser +Ferne nachtönte. — Ich ging durch hundert Gewölbe, +ich drängte mich durch unendliche Klüfte, wand +mich durch tausend Felsenspalten kalt und ohne Leben hindurch, — und +immer weiter dehnte sich mein Weg, ich +schrie um Hülfe, mein Geschrei erklang durch hundert +gewundene Öffnungen und verhallte wie der Wind in +der Ferne, — ich stürzte durch neue Felsengemächer und +alle meine Klagen kamen ohne Trost zu mir zurück. — Schon +verließen mich meine Kräfte, schon wollt' ich mich +verzweifelnd niederwerfen und lebendig eingegraben ein +Dasein enden, das mir nur Qualen verhieß, — als ein +mächtiger Donner die Erde über mir auseinander riß. — Dem +gräßlichsten aller Tode entronnen stürzte ich der +Rettung und dem Lichte entgegen und dankte.</p> + +<p>Abdallah schwieg und ein neuer Schauder ergriff ihn. — Omar! +Omar! schrie er plötzlich auf. — Sieh! sieh! +da liegt das bleiche, fürchterlich verzerrte Bild und sieht +mich mit den todten Augen an, — o warum hast du es +nicht in die Kluft zurückgeschleudert, und sie dann auf +ewig, auf ewig verschlossen!</p> + +<p>Omar antwortete nicht und sah ihn wehmüthig an. — Abdallah +stand lange und starrte auf einen Punkt, +dann fragte er ohne sich umzusehen: — Nur meines +Vaters Tod kann mich glücklich machen?</p> + +<p>Das Schicksal hat es ausgesprochen, das fürchterliche +Wort, antwortete <span class="wide">Omar.</span></p> + +<p>Beide gingen langsam und schweigend zur Stadt zurück.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Zehntes Kapitel.</h3> + +<p>Abdallah erwachte nur erst spät, fürchterliche Träume +hatten ihn gequält und seine Kräfte erschöpft, er fuhr +schreiend aus dem Schlafe auf und seine Augen suchten +Omar, aber vergeblich, denn dieser hatte schon früh sein +Gemach verlassen.</p> + +<p>Er stand auf und brütete mit finstrer Seele über sein +Unglück, er suchte umsonst nach tröstenden Gedanken. — Wenn +er an Zulma dachte, so stellte sich ihm der Fluch seines +Vaters und das gräßliche unterirdische Bild entgegen, der +<span class="wide">Freund</span> Omar war ihm entrissen und dafür ein fremdartiges +übermenschliches Wesen untergeschoben, in sich +selber konnte er nicht zurückfliehn, denn aus seinem Innern +heulten ihm tausend Ungeheuer entgegen, eine trostlose +Lehre hatte ihm die Vorsehung und Tugend genommen +und dunkle Zauberdämonen grinzten ihn in seiner schwarzen +Wüste an; alles, was ihm je theuer gewesen, war ihm +gestohlen, seine Begeisterung, die einst für das Große und +Edle so rein gebrannt hatte, war von schwarzen Dämpfen +erstickt, in denen Schreckengebilde auf- und niedertanzten. +Für eine Freundesseele, der er sich hätte aufschließen können, +hätte er die Hälfte seines Lebens dahingegeben; hundertmal +stieg der Gedanke in ihm auf, seinen Jammer +in den Busen seines Vaters zu schütten und seinem hohen +eingebildeten Glück zu entsagen, in einer beschränkten +Zufriedenheit zu leben, und seine goldnen Träume zu verabschieden, +aber dann fühlte er wieder lebhaft, daß er die +Ketten, die Omar und Zulma ihm angelegt hatten, nie +wieder von sich abschütteln könnte, sein Elend hatte ihn +so fest verstrickt, daß seine Lebenszeit zu kurz schien, die +verwickelten Fäden auseinander zu lösen. Der Strudel +hatte ihn ergriffen, er konnte nicht rückwärts, sondern +mußte sich den Wogen überlassen, die ihn dürren Felsenmauern +vorüberwälzten, Zulma war die einzige Blume, +die in der starren Wildniß ihn mit ihren lieblichen Farben +erquickte.</p> + +<p>»O ich sehe den grausen Finger, sprach er, der mich +in das Thal des Jammers ernst hineinwinkt, unerbittlich +jagt das Verhängniß hinter mir her, nur das todte Opfer +kann es versöhnen, der Abgrund gähnt bereitwillig unter +mir und hinter mir steht das Schicksal und läßt mich nicht +entrinnen, ich sträube mich vergebens, mein Wille ist zu +schwach, ich <span class="wide">muß</span> hinunter. In der Sterblichkeit ist +keine Rettung und Gott — o dieser Grundstein ist versunken, +alles ist eingestürzt und die wüsten Trümmern +rufen mir wehmüthig zu: <span class="wide">es war!</span>«</p> + +<p>Erst mit der Dämmerung kam <span class="wide">Omar</span> zurück. Er +fand Abdallah in Gedanken versunken und den Ring betrachtend, +den er in der Nacht aus der unterirdischen +Grube gebracht hatte. Omar setzte sich neben ihn und +Abdallah sah ihn mit starren Augen aufmerksam an und +sagte: Omar, — ja ich erkenne noch jene Züge, die einst +meinem Freunde zugehörten. — Er konnte sich nicht +länger zurückhalten, er fiel ihm lautweinend in die Arme, +— ja Omar, rief er aus, — es war eine schöne Zeit!</p> + +<p>Omar umarmte ihn feurig; Abdallah, sagte er, du +sprichst von ihr, als wäre sie nicht mehr. Ich war und +bin dein Freund, wandre durch das weite Asien und +du wirst vergeblich ein Wesen suchen, das dich inniger +liebte als ich. —</p> + +<p>Abdallah machte sich aus seinen Armen los. O +gieb mir zurück, Omar, was du mir genommen hast, +sagte er mit klagender Stimme, als ich mit kindlichem, +leichtem Herzen noch durch das Leben ging. Mit frohen +Ahndungen ging ich der verschloßnen Welt vorüber, +du hast sie mir aufgethan und verächtlich liegt die häusliche +Armseligkeit der innern Natur vor mir. Die +Brücke ist hinter mir eingestürzt, ich kann nicht wieder +rückwärts. Mit sicherm Fuße stand ich einst auf diesem +Ufer, der Triebsand schießt unter mir zusammen und +versenkt mich in den Abgrund.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Deines Omars Liebe wirft dir einen Balken +zu, ergreife ihn und rette dich.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Als ich noch auf deinen Knien ruhte, +mit deinem Barte spielte, und mich in deinen Augen +lächelnd sah, — o wie glücklich war ich damals! Rufe +jene Jahre zurück, Omar, und ich gebe dir freudig alles +wieder, was ich von dir empfangen habe. Gieb mir die +Liebe zurück, mit der ich dich damals liebte, da gehörtest +du mir, ich dir. — Omar, ich liebe dich noch, +aber ein geheimes Grausen hält Wache um dich her +und läßt meine Liebe nicht in das Innerste deines Herzens +dringen. — Du stehst mir verloren in den Wolken +und ich seufze zu dir hinauf, der Mensch kann nur +den Menschen lieben, dem Gotte gebührt Anbetung.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Das soll nicht sein, Abdallah. Ich bin +derselbe Freund, der ich war, bleibe auch du derselbe.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich? — O von <span class="wide">dem</span> Abdallah ist +nichts mehr als der Name da, alles übrige gehört den +bösen Geistern.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ermanne dich Abdallah, und vergiß die +Begebenheiten dieser Nacht.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Vergessen? — Er zeigte auf den magischen +Ring, — o sieh den ernsten unermüdlichen Mahner, +nein, ich werde sie nicht vergessen.</p> + +<p>Er betrachtete den schwarzen Ring, auf dem wunderbare +magische Charaktere eingegraben waren. — Sieh, +Omar! rief er aus, — hier steht in unverständlichen +Zeichen mein Unglück geschrieben, dies ist der Pfandbrief +meines Elends, meines Vaters gräßliches Todesurtheil, +der schwarze Gränzstein meines Lebens; — wie +eine Blutschuld hängt dieser Ring an meinem Finger.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Nimm Abschied von mir, Abdallah, denn +ich werde dich heut noch verlassen. — Du fährst zurück? +Nicht auf lange, nur auf wenige Tage. — Nur +höre meine Bitte: liebe mich stets, laß keine Verläumder +sich zwischen unsre Freundschaft drängen, ich bin +dein auf ewig, dein Glück ist der Endzweck meines Lebens. +Laß keinen Wurm der Lästerung sich auf die +Blume unsrer Liebe setzen und sie vergiften. — Versprichst +du mir das?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ja. — Aber warum reisest du? — Und +warum gerade itzt?</p> + +<p>Davon ein andermal, sagte <span class="wide">Omar</span>, und umarmte +ihn. Abdallah hielt ihn ängstlich fest umschlossen, er +drückte ihn lange an seine Brust. — Mir ist, Omar, +seufzte er, als würdest du mich lange nicht wiedersehn, +oder noch unglücklicher als itzt!</p> + +<p>Bald und glücklich, sagte Omar und machte sich +aus Abdallahs Umarmung los, — vergiß nicht meine +Bitte. Auch abwesend will ich dich nicht verlassen, +mein Schutz soll eine Rüstung um dich legen. Verfolgen +dich Gefahren, so nenne meinen Namen, drehe +diesen Ring und du bist gerettet.</p> + +<p>Bei <span class="wide">diesem</span> Ringe soll ich an meinen Omar denken? +fragte Abdallah mit schwerem Schmerz. Omar +sah ihn mit einem ungewissen Blick an und wollte gehen, +er kehrte wieder zurück. — Noch, sagte er, habe +ich dir eine Botschaft zu bringen, die dein Herz bis +oben an mit Freuden erfüllen und jeden Kummer ertränken +muß, oder meine Freundschaft hat vergebens +gehandelt. Höre!</p> + +<p>Abdallah erwartete ungeduldig die Nachricht.</p> + +<p>Zulma liebt dich! rief Omar.</p> + +<p>Zulma? und zugleich sprang Abdallah heftig auf, — o +dann bin ich mit mir selber wieder ausgesöhnt! — Zulma? — Unendliche +Wonne kömmt mir in diesem +Ton entgegen! — Zulma? — Nicht möglich! — So +plötzlich kann die feindselige Wirklichkeit nicht auf +die andre Seite springen! — O Himmel! wie verächtlich +liegen dann alle meine Klagen vor mir! — Sie liebt +mich? — O nun — nun mag das Unglück gedrängt +um mich wimmeln — vor diesem Worte flieht alles +rückwärts. — Omar, dieser Talisman schützt mehr als +der deinige, nun bin ich dir wieder gleich, denn nun +bin ich mehr als ein Mensch! — <span class="wide">Dein Freund +und Zulma's Geliebter!</span> O wo ist der Sterbliche, +der mit mir um den Rang nach der Gottheit +stritte? — Aber nicht möglich! — Wie kann — o du +willst mich täuschen, Omar, um mich wieder lächeln zu +sehn, du grausam zärtlicher! In eben so vielen Worten +wird noch tausendfacher Elend liegen, als diese Seligkeit +enthielten. — Omar, sprich, schweige nicht, — in +einem Worte Seligkeit oder Verdammniß, — o auf +Jammer bin ich nun ja schon gefaßt, sprich es aus: +sie liebt mich nicht!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Nein, beim Schicksal! sie liebt dich, — laß +mich sprechen. Ich sahe in die schwarze Tiefe +deines Unglücks und suchte einen goldnen Sonnenstrahl +in die Todtengruft hinabzuleiten. Schnell mußte die +Rettung sein, oder du warst verloren. — Ich eilte zu +Zulma, (wie ich die hundert Schwierigkeiten überwand, +das sei dir itzt gleichgültig) ich sprach von dir, sie kannte +dich, sie hat dich schon seit lange bemerkt, ohne von dir +bemerkt zu werden, ich schilderte deine Liebe, sie ward +gerührt. — Ja! rief sie aus, ich will ihn erhalten! +Gehe mit dem Geständniß zu ihm zurück, daß ich keinen +als Abdallah liebe.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Keinen als Abdallah? — O <span class="wide">nun</span> +erst ist mir dieser Name theuer, von itzt an will ich +stolz werden, Abdallah zu sein. — O Omar, wäre diese +Empfindung nicht so übermenschlich, sie würde mich unglücklich +machen, denn nun bleibt mir ja nichts zu +wünschen übrig.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Auch nicht sie zu sehen, sie zu sprechen?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Zu sehn? Zu sprechen? Zeige nur +die Möglichkeit, und ich muß, ich muß sie sehen! —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Abdallah, laß nur die Vorsicht neben deiner +Liebe gehn und die trunkene durch die Gefahren +sicher geleiten. — Sie selbst hat mir die Möglichkeit +gegeben. — Dort, jenseit des Flusses siehst du die +Mauer, die sich um den Garten des Sultans zieht, +eine alte Cipresse steht dort am Ufer, nach jener Stelle +fahre in der Nacht, in <span class="wide">dieser</span> Nacht, du wirst Gesang +und die Töne einer Guitarre hören, antworte mit deiner +Laute und übersteige dort die Mauer des Gartens — und +du findest Zulma allein, nur von einer vertrauten +Sklavin begleitet.</p> + +<p>Abdallah umarmte Omar heftig, er schluchzte vor +Wonne, und Thränen erstickten seine Worte. — Fort! +rief er, ich kann nicht danken! —</p> + +<p>Omar ging und sprach einige Worte, um den berauschten +Abdallah noch einmal an die Vorsicht zu erinnern, +die bei seiner Liebe so unentbehrlich war. — Dann +ging dieser allein mit großen Schritten auf und +ab, er küßte seine Laute und schlug mit brennendem +Entzücken in ihre Saiten. Er sahe nach dem Abend, +ob er nicht bald heraufdämmern wollte und der Nacht +die Zügel der Welt übergeben, er hätte ungeduldig den +zögernden Himmel herumrollen mögen und die schwarze +Seite mit dem Mond und ihren Sternen heraufreißen. +Dann sah er wieder nach der Mauer hinüber, die ihm +aus der Ferne entgegenschimmerte, er erinnerte sich, wie +oft er seit seiner Kindheit ohne Gedanken zu ihr hinübergeschaut, +und wie sie itzt sein Glück und alle seine +Wünsche umfasse. Aus allen seinen Träumen herausgerissen +tanzten tausend goldne Hoffnungen vor ihm +her, Zukunft und Vergangenheit waren vor ihm und +hinter ihm untergegangen, diese Nacht war die einzige +Heimath seiner Träume, Wünsche und Gedanken.</p> + +<p><span class="wide">Selim</span> und <span class="wide">Abubeker</span> hatten indeß schon mehrmals +ihre Freunde versammelt, der Strom war hoch gegen +seinen Damm angeschwollen und erwartete noch die +letzte Welle, um ihn zu durchbrechen und über die Flur +seinen verderblichen Grimm auszugießen.</p> + +<p>Sklaven wurden im Pallast Selims verborgen gehalten +und bewaffnet, jede Art der Rüstungen in unterirdischen +Gewölben verwahrt, heimliche Zeichen unter +den Verschwornen verabredet, die sich durch heilige Eide +verbanden. Ein mächtiges Feuer loderte in allen Herzen +und brannte zur Vernichtung Ali's, Redlichkeit hielt +den geheimen Bund mit unzerbrechlichen Fesseln zusammen. — <span class="wide">Omar</span> +trat itzt zum letztenmal in ihre Versammlung, +dann nahm er Abschied und trat seine +Reise an.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h2><span class="wide">Zweites Buch.</span></h2> +<p> </p> +<h3>Erstes Kapitel.</h3> + +<p>Itzt schwamm der Mond in silbernen Wolken über die +Spitze eines fernen Berges herüber und jagte einen +freundlichen Schein über den Strom; <span class="wide">Abdallah</span> bestieg +einen kleinen Nachen. Er hatte schon seit langer +Zeit auf diesen Augenblick gehofft, schon hundertmal +den Kahn losgebunden und wieder befestigt, die Wellen +schienen ihn mit ihrem Murmeln einzuladen, die Winde +ihm zuzurufen; er war lange ungeduldig auf- und abgegangen, +es war fast Mitternacht, der Dampf der +Nacht stieg in leichten Streifen dem Himmel und seinen +Sternen zum Opferrauch entgegen, und kaum goß +sich itzt der erste goldene Schimmer des süßen zauberischen +Lichtes über den Fluß aus, so sprang Abdallah +rasch in den Nachen, nahm das bunte Ruder und fuhr +in den glatten Strom hinein. — Er schwamm wie in +einem Meere von Wonne, leicht von spielenden Wellen +getragen, von kleinen lauen Abendwinden geneckt, +die um ihn säuselten. Der Fluß schien ein Becher voll +goldenen Weins, in tausend Schimmern rieselten die +Wellen durcheinander und hüpften hin und her, wimmelten +funkelnd um den Nachen herum und schienen +ihn zu küssen, Wolken durchzogen abspiegelnd den Fluß +und kleine schießende Goldwellen jagten ihrem silbernen +Saume nach, die gestirnte Wölbung lag im Wasser +ausgebreitet und wogte sanft auf und nieder. Dem +Liebenden tönte das Plätschern des Ruders und das +Rauschen des Kahns wie Flötengesang in die süße +Wellenmelodie.</p> + +<p>Er landete und verbarg den Kahn im hohen Schilf, +das säuselnd seine grünen Schwerter im Mondstrahle +blitzen ließ und unaufhörlich gegen Abendfliegen kämpfte, +die summend am Ufer des Stromes schwärmten. — Die +alte Cipresse stand wie ein Freund am Ufer und +streckte dem Jüngling ihre Zweige wie Arme entgegen, +er ging in ihren Schatten und harrte mit klopfendem +Herzen auf den ersten Klang, der sich aus der Laute +Zulma's losreißen würde, mit ängstlicher Furcht erwartete +er diesen schönen Augenblick; die höchste Sehnsucht +erschrickt vor dem langerhofften Gegenstand. — Der +Schall eines Fußtrittes kam längst dem Fluß herab, er +schloß sich dichter an den Baum; der Schall kam näher +und Abdallah erkannte das Gesicht <span class="wide">Raschids,</span> der +traurig und gedankenvoll vorüberging, ohne ihn zu +bemerken. — Denkend und träumend, hoffend und +fürchtend stand er an den schattigen Stamm des traulichen +Baumes gelehnt und lächelte seine Träume an, +alles flüsterte so heimlich und liebevoll um ihn her, ein +stiller Wind lustwandelte durch die Blumen des Ufers +und beschenkte die blauen Kinder des Frühlings mit +hellen kristallenen Tropfen, Meerlilien trieben muthwillig +auf ihren schwimmenden grünen Blättern in dem +Strom umher, bläuliche Wasserschmetterlinge haschten +sich im einsamen Grase, der Gesang der Nachtigall +schallte aus Zulma's Garten her und verhallte in immer +leiseren Accenten und schwoll dann wieder wollüstig +in hohe silberne Töne hinein, die weithin durch das +Laub der Bäume zitterten. — Itzt — ein freudiger +Schauder fiel mächtig auf Abdallah herab und zuckte +pochend bis in die kleinsten Adern, — itzt erklang eine +leise Guitarre über die Mauer des Gartens und sang:</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem"> +<tr><td align="left"><span class="ind4">Mondschein winke,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind4">Welle locke</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind4">Den Geliebten</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind4">In die Fluth. —</span></td></tr> +<tr><td align="left"> </td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Und der Mond winkt,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Und die Welle lockt, —</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Kömmt der Geliebte</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Durch die goldnen Fluthen?</span></td></tr> +<tr><td align="left"> </td></tr> +<tr><td align="left">Sprich aus deiner hohen Palme,</td></tr> +<tr><td align="left">Holde Sängerin der Nacht:</td></tr> +<tr><td align="left">Kömmt er durch Wellengelispel?</td></tr> +<tr><td align="left">Naht er durch der spielenden Wogen Melodie?</td></tr> +<tr><td align="left"> </td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Steht er silbern unter goldnen Schimmern,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Die in lichten Kreisen um ihn zucken,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Um die Locken eine Strahlenkrone weben?</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Sprich ihm mit traulichem Geschwätz entgegen:</span></td></tr> +<tr><td> </td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind4">Wie ich harre,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind4">Auf ihn hoffe,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind4">Und die holde Nacht</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind4">Neben mir schlummert. —</span></td></tr> +</table> +</div> + +<p>Der letzte Ton verwehte wie ein leises Lispeln im +Geständniß der Liebenden. Abdallah horchte noch und +die ganze Natur schwieg, als horche sie mit ihm auf +neue Melodieen, in lieblicher Stille schmiegte sich der +Himmel umarmend um die Erde. — Mit zitternder +Hand ergriff Abdallah die Laute und sang:</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem"> +<tr><td align="left"><span class="ind1">Sonne der Nacht!</span></td></tr> +<tr><td align="left">Himmel meiner Seele!</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind1">Reizgeschmückte,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind1">Schönheitgekrönte,</span></td></tr> +<tr><td align="left">Ich nahe deiner Gottheit!</td></tr> +</table> +</div> + +<p>Er hing die Laute auf die Schulter und nahte sich +der Mauer. — Selbst die leblose Natur schien ihn zu +begünstigen, die Zeit hatte aus der Mauer viele Steine +herausgenommen und so Stufen gebaut, auf denen er +leicht bis auf die oberste Decke der Wand stieg. Mit +einem kühnen Sprunge stand er dann in dem Garten.</p> + +<p>Verworren standen hier tausend Lieblichkeiten durcheinander, +Bäume schienen in Bäume verschlungen. Die +Winde wühlten in tausend Wohlgerüchen und jagten +und verließen sie wieder, und die Blumen schüttelten +zutraulich ihr Haupt gegeneinander. — Abdallah eilt +mit großem Schritt durch den Garten, er hat vergessen +wo und wer er ist, er fliegt zu einer blühenden dunkeln +Laube von Jasmin, erkennt die reizende Zulma, +in einer schönen Stellung auf einen Rasensitz hingegossen +und stürzt in namenlosen Entzückungen ohne +Sprache, ohne Besinnung vor ihr nieder. —</p> + +<p>Zulma beugte sich schüchtern über ihn. — Abdallah! +flüsterte sie leise, — Abdallah!</p> + +<p>Abdallah hob langsam sein Haupt auf und legte es +zitternd auf ihr Knie.</p> + +<p>Steh auf, Abdallah, sprach sie, und setze dich hieher.</p> + +<p>Er gehorchte. — Und es ist wahr, rief <span class="wide">Abdallah,</span> +was mir noch der kühnste Traum nicht gegeben hat? +Es ist wahr, Zulma? — O ich darf <span class="wide">dich</span> ja nicht +fragen, denn die Traumgestalt wird von meinen Wünschen +bestochen sein.</p> + +<p>Zulma faßte seine Hand. — Es ist kein Traum, +Abdallah, nein, so schön sind Träume nicht.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, nein Zulma, denn wenn sie +es ja sind, so muß uns das hohe Entzücken aus dem +Schlafe reissen, — dies ist mein Trost, ja es muß +Wahrheit sein.</p> + +<p>Sie hielten sich beide schweigend Hand in Hand. — Blätter +säuselten, die Blüthen dufteten, der Mondschein +schlummerte süß auf dem grünen Rasen, durch +die Guitarre Zulma's klang ein leiser Hauch.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O Zulma, wie hab' ich diesem Augenblick +entgegengesehn! — Was hatt' ich dir zu sagen, — und +nun, — meine Zunge ist stumm, kaum bin ich +mich meiner selbst bewußt.</p> + +<p><span class="wide">Zulma.</span> Wo findet die Liebe Worte? — o Abdallah, +wie glücklich machst du mich, — wie haben +dich seit drei Monden meine Augen nun so oft vergebens +gesucht, als ich dich an jenem Feste unter meinem +Fenster erblickte, tausend heimliche Seufzer sind dir +nachgeflogen, — und nun sind alle meine Wünsche +erfüllt!</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O wie werd' ich mich von der Quaal +dieser Wonne wieder erholen können? Wie wird mir +nun die Welt dort draussen leer und öde sein! — O +Zulma, könnt' ich hier, hier zu deinen Füßen sterben, +daß mein Geist aus einem Paradiese in das andre +schlüpfte!</p> + +<p>Er warf sich nieder und bedeckte die Hände Zulma's +mit Küssen. — Zulma beugte sich zärtlich auf ihn herab, +eine Thräne, halb von Freude, halb von Wehmuth +glänzend, trat in ihr schwarzes Auge. »Liebst du mich +wirklich, Abdallah?« fragte sie mit der rührendsten +Unschuld.</p> + +<p>O laß mich schwören! rief der trunkene <span class="wide">Abdallah</span> +aus, bei dem Hauch der Liebe, der durch den Garten +wandelt, bei der Liebe, die aus dem Himmel mit tausend +goldenen Augen auf uns herabsieht, —</p> + +<p>Zulma ergriff seine Hand. — Lügner, sagte sie leise, +und dieser Ring, — sie hielt ihm den Zaubertalisman +an der linken Hand entgegen.</p> + +<p>Ein dumpfe Bangigkeit zog durch Abdallah's Brust, +es war ihm, als würden furchtbare Gestalten aus den +rauschenden Gebüschen hervortreten; er verschloß die +Augen und verbarg sein Haupt an Zulma's Busen.</p> + +<p>Nein, sagte er betäubt, dies ist ein Geschenk der +Freundschaft, ein heiliges Versprechen meines Glücks, +ein Unterpfand, das mich deines Besitzes versichert. — O +Zulma mein, auf ewig mein!</p> + +<p><span class="wide">Zulma.</span> Auf ewig?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Es soll, es wird sein! — warum +würde sich alles so wunderbar fürchterlich an einander +reihen, wenn es nicht dazu wäre? O das Schicksal +häuft nicht Begebenheiten, um seine Menschen elend +zu machen; ich werde glücklich sein!</p> + +<p><span class="wide">Zulma.</span> Ich verstehe dich nicht, Abdallah.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ach ja, Zulma, Zulma liebt mich! +o Thörichter, was willst du mehr?</p> + +<p>Er umarmte sie und drückte sich inniger an ihren +Busen, sein Mund fiel glühend auf den ihrigen; eine +Stille der Mitternacht lag um sie her. Das Herz +sprach zum Herzen in verständlichen Schlägen, die Geister +besprachen sich in der hohen Entzückung, — ein +heiliger Hauch wehte wie ein Schutzgeist um sie her, +die Sterne glänzten goldener, die Natur lächelte mütterlich +auf ihre glücklichen Kinder hin.</p> + +<p>Ein Händeklatschen aus dem nahen Busche. — Wir +müssen scheiden, sagte Zulma seufzend; geh zuweilen +dem Pallast meines Vaters vorüber, dann sollen +dir die Blumen Nachricht geben, ob du wieder zu +mir kömmst. Die blasse Lilie bedeutet Furcht, der Citronenbaum +Unmöglichkeit, das Veilchen vergebliches +Hoffen, die Rose bist du, — wenn diese auf der +Mitte des Altans steht, dann kömmst du wieder hieher, +sobald dich meine Laute gerufen <ins title="Original: hast">hat</ins>. — Sie drückte +ihn noch einmal feurig an ihre Brust und Abdallah +ging wie im Traume taumelnd zurück. —</p> + +<p>Als er in den Nachen stieg, tönte es ihm silbern +aus dem Garten nach:</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem"> +<tr><td align="left">Walle sanft auf stillen Wellen,</td></tr> +<tr><td align="left">Dich geleitet meine Seele</td></tr> +<tr><td align="left">Säuselnd durch die blaue Fluth.</td></tr> +</table> +</div> + +<p>Er ließ das Schiff vom Strome forttreiben und +sang leise zurück:</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem"> +<tr><td align="left"><span class="ind1"> </span>Doch bei dir weilt meine Seele;</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind1"> </span>Wie die abgerißne Blume</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind1"> </span>Schwimm' ich durch die blaue Fluth.</td></tr> +</table> +</div> + +<p>Die Töne verklangen in dem leisen Wogengeräusch. +— Der Nachen landete.</p> + +<p>Abdallahs Brust war zu voll von hoher Begeisterung, +alle seine Gefühle waren zu laut angeschlagen, in seine +stille enge Wohnung konnte er itzt nicht zurückkehren. +Er eilte in's Freie, wo der Mond über das Gefilde +ausgegossen lag und heimlich in den dichten Wald durch +kleine Spalten blickte. — Er überließ sich allen seinen +Empfindungen, die durcheinander strömten. — Das +Rauschen eines Wasserfalls weckte ihn endlich aus seinen +Träumen, er sahe auf und stand wieder in dem +Felsenthal, wo Omar ihn neulich unter die Erde hinabgesandt +hatte. Vom Berge rann im Mondschein der +Strom wie schäumendes Blut hinunter.</p> + +<p>Ein Schauder verschlang alle seine süßen Empfindungen, +mit kalter Hand griff ein Grausen in seine +Brust und zerriß das zarte Gewebe.</p> + +<p>Welche dunkle Macht hat mich hierher geführt? rief +er aus. — Der Jammer verfolgt mich ungestüm bis +in die Wohnung der Seeligen. — Alle gräßlichen Erinnerungen +steigen wieder von diesen Felsen herab, es +kömmt mir wild und zähnknirschend entgegen! — Das +Bild meines Vaters regt sich unter meinen Füßen und +will sich zu mir emporarbeiten. — Hinweg! hinweg! —</p> + +<p>Er entflohe mit bleichem Antlitz, als es aus den +Bergen hinter ihm »Abdallah!« rief.</p> + +<p>Ein neuer Schauder warf sich ihm entgegen. Er +stand. — Ein Greis stieg von dem Berge herab und +eilte auf Abdallah zu.</p> + +<p>Wer bist du? rief ihm der Jüngling entgegen.</p> + +<p>Dein Freund, antwortete der Greis. —</p> + +<p>Eine dunkle Erinnerung schwebte in dem Gesicht +des Alten, Abdallah hatte ihn schon gesehn: nach langem +Nachsinnen entdeckte er, daß es eben der Greis +sei, der in jener fürchterlichen Sturmnacht in die Arme +Omars geeilt sei, ehe er unter der Cipresse einschlief. —</p> + +<p>Der Greis reichte ihm stumm eine Sammlung von +Palmblättern.</p> + +<p>Was soll das? fragte Abdallah erstaunt.</p> + +<p>Nimm, antwortete der Greis, — lies und sei gerettet!</p> + +<p>Gerettet? rief Abdallah aus.</p> + +<p>Ein böser Geist, antwortete der Fremde, steht in +der Gestalt deines Freundes Omar neben dir, nimm +die Warnung des alten <span class="wide">Nadir</span> gütig auf, der auch +einst sein Freund gewesen ist, verlaß diese Schlange, +die dich mit ihren giftigen Knoten umstrickt.</p> + +<p>Omar? sagte Abdallah, Omar? — O nenne seinen +Namen mit Ehrfurcht, deine Lästerungen werden nicht +an mein Herz und meine Freundschaft hinanreichen.</p> + +<p>Lebe wohl, antwortete Nadir, ich darf nicht zu +lange weilen und ein heimliches Grauen, das von dir +ausströmt, jagt mich zurück.</p> + +<p>Der Greis verschwand wieder in den Felsen. —</p> + +<p>Ein wacher Hahn krähte von einem Dorfe durch +die Monddämmerung, Hunde heulten in der Gegend +umher, und Abdallah ging in einem tiefen Nachdenken +langsam zur Stadt zurück.</p> + +<p>Er wollte noch itzt diese Blätter lesen, aber die +Gefühle, die ihn durchstürmt hatten, hatten ihn so ermüdet, +daß er nach wenigen Augenblicken in einen +tiefen Schlaf versank.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Zweites Kapitel.</h3> + +<p>Die Verschwornen hatten sich in dieser Nacht wieder +in dem Pallast Selims versammelt und man war itzt +im Begriff, heimlich auseinander zu gehen. — Der +morgende Tag, sprach <span class="wide">Selim,</span> ist also zur Ausführung +unsers großen Entwurfs bestimmt? — Ihr habt es +selbst beschlossen, es sei. — Das Glück geht uns entgegen +und reicht uns zu unsrer Unternehmung die Hand.</p> + +<p>Am folgenden Tage ward im Pallast des Sultans +ein großes Fest gefeiert, zu dem schon alles bereitet +war. Der ganze Pallast war dann in Freude und +Lust berauscht, fast jedermann hatte dann Zutritt, die +Wachten vernachlässigten ihr Amt und auf dieses Fest +hatten die Verschwornen ihren Anschlag gegründet. — Man +hatte Selims Freunde und Sklaven in dieser +Nacht gerüstet, alles stand bereit zu dem furchtbaren +Schlage, einem jeden war zu diesem großen Augenblick +sein Amt angewiesen, Rüstungen und Harnische erklangen +dumpf in den stillen Gewölben und durch die Einsamkeit +der Nacht, Erwartung stand auf jeglichem Gesicht, +alle Seelen waren stark wie die Sehne eines Bogens +angezogen, schon zitterte der Pfeil, losgeschnellt +nach seinem Ziel zu fliegen.</p> + +<p>Seht! rief Selim, schon wankt die graue Dämmerung +des Tages herauf, schon drängt sich ein blutrother +Streif hervor und erinnert uns an unsre Unternehmung. — Seid +ihr es noch itzt zufrieden, daß +heut der große Wurf gewagt werde?</p> + +<p>Alle bejahten es einstimmig, nur Abubeker lehnte +sich stillschweigend an die Mauer.</p> + +<p>Nun dann, rief Selim aus, so sind wir frei!</p> + +<p>Ich schwieg in eurer Versammlung, begann endlich +<span class="wide">Abubeker,</span> denn die Menge hätte mich doch überstimmt, +aber itzt laßt mich sprechen und handelt dann +nach eurem Willen. - Diese Nacht war fürchterlich, +ein kaltes Grausen nach dem andern ist meinen Rücken +hinabgeschlichen; mögt ihr mich doch einen thörichten +Greis nennen, den das Alter wieder in die Kindheit +zurückgeführt hat. — Als Omar von uns Abschied +nahm und aus der Thür ging, hörtet ihr da nicht aus +der Ferne ein Gelächter, das mein Blut in Eis verwandelte? — Hörtet +ihr nicht über dem Pallast ein +Gekrächz von Raben, die über uns, als ihre Beute hinwegflogen? +Die Eulen winselten um das Dach und +Hunde heulten vor der Thür, als wäre das Haus mit +Leichen angefüllt. — Mir war, als sähe ich schadenfrohe +böse Geister mit höhnischen Gesichtern durch die +Spalten der Thür sehen und einen schwarzen Strich +durch unsern Anschlag ziehen, der Todesengel hat uns +in sein Buch eingezeichnet, sein Schwert liegt auf den +Wink des Schicksals bereit. —</p> + +<p>Der Morgen stieg in Säulen von Dampf empor +und ein gedrängtes Heer von Raben flog krächzend von +Osten her, und flatterte von neuem über das Dach des +Pallastes. —</p> + +<p>Seht! rief Abubeker, — da steigt die Unglücksvorbedeutung +von neuem herauf! Diese Vögel des Todes +krächzen uns noch einmal unser Schicksal entgegen. +Der heutige Tag sträubt sich unwillig unter der Last, +die wir auf ihn legen wollen; wartet auf einen günstigeren, +wo uns das Glück seine holden Zeichen entgegensendet. —</p> + +<p>Die ganze Versammlung sahe auf Selim, der itzt +zu reden anfing:</p> + +<p>Ihr tretet alle ungewiß zurück, von einer schwarzen +Ahndung hart angeredet, ihr werfet zaghaft euren Vorsatz +von euch und entflieht, und ihr glaubt, daß auch +ich zu euch hinübertreten werde und dem großen Entwurf +Lebewohl sage. — Abubeker, du hast das Blut +aus allen Wangen gejagt und die Furcht sitzt auf derselben +Stelle, aus welcher der Muth vorher thronte. +Ha! wessen Auge darf sich anmaßen, in die Geheimnisse +der Natur zu schauen und ihre Winke zu deuten? +Wer versteht die räthselhafte Schrift, in der der Ewige +der dienstbaren Welt ihre Gesetze schreibt? Sie enträthseln +<span class="wide">wollen,</span> heißt nicht den tiefen Sinn verstehen. +Deine Ängstlichkeit hat hier geirrt, Abubeker; +welches kühne und große Unternehmen wird erst auf +die Einwilligung ungewisser Vorbedeutungen warten? +Wer könnte handeln, wenn Thiere erst seinen Vorsatz +bestätigen müßten? Ward der Mensch darum über diese +Wesen gesetzt, um vor ihnen zu zittern? — Und laß +diese Vorbedeutungen selbst Wahrheit sagen, laß die +Hunde der Nacht um unsern Leichnam heulen, muß +darum unser Unternehmen nicht in Erfüllung gehen? +Wenn wir nun zugleich mit <span class="wide">Ali</span> sterben, so sind +wir nicht unglücklich, denn unser Tod macht unsre +Freunde glücklich. — Was werdet ihr bei den Gefahren +thun, wenn ihr schon vor der dunkeln Ahndung +der Gefahr zurückzittert? — Kein so begünstigender +Tag als der heutige wird uns wieder entgegengehn; +unverzeihliche Trägheit ist es, wenn wir unsre +Arbeit stets von einem Tage zum andern uns selber +aufbewahren, euer Muth erkaltet, der Sultan wird von +unserm Vorhaben benachrichtigt, und dann erst haben +diese unglücklichen Vorbedeutungen Wahrheit gesprochen. +Wenn das Schicksal uns zürnt, so ist es mir erwünschter, +noch heute seinen Zorn zu erfahren, als unter ängstlichen +Erwartungen zu leben.</p> + +<p>Abubeker selbst stimmte ihm etwas unwillig bei und +die übrigen folgten seinem Beispiel. — Man beschloß +am Abend mit gewaffneter Hand in den Pallast zu +dringen und Ali und sein Gefolge niederzumachen. — Alle +warteten ungeduldig auf die ersten rothen Streifen +des Abends.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Drittes Kapitel.</h3> + +<p>Abdallah erwachte und tausend verworrene Gefühle, +traurig und froh, drängten sich ihm mit den ersten +Strahlen der Sonne entgegen, Ahndungen die ihn mit +Schaudern umgaben und doch mit hohen Entzückungen +seinen Busen schwellten; in seiner Seele schwebte eine +Dämmerung, die hundert Flammen durchzuckten und +von der kalten Finsterniß wieder ausgelöscht wurden. +Zulma, die ihn gestern so liebevoll aufgenommen hatte, +neben dem blutigen Strom im Felsenthal, jene wollüstigen +Empfindungen waren ihm nachgeschwommen und +kämpften itzt mit den Schreckenserinnerungen, seine +Seele rang mit Freude und Verzweiflung, Quaalen und +Seligkeiten wechselten in seinem Busen, wie eine Welle, +die bald der Schatten überfliegt, bald wieder ein blendender +Sonnenstrahl vergoldet. — Die Palmblätter +lagen neben ihm, er nahm sie und wollte zu lesen anfangen.</p> + +<p>Deine Ahndung, edler Freund, sprach er, hat dich +nicht getäuscht, die Schmähsucht will das Band zerreissen, +das meine Seele an die deine knüpft, man will +dich aus meinem Herzen jagen und mir auch das letzte +Andenken meines vorigen Glückes rauben, auch den +letzten Becher will man von meinen brennenden Lippen +nehmen. — Ob ich diese Blätter lese? Oder sie <ins title="Original hat ungegesehn">ungesehn</ins> +in den Strom auf ewig versenke? Kein Verdacht +hat dann meine Freundschaft befleckt, dann kann +ich ohne Scheu dem zurückkehrenden Omar entgegengehn +und ihm den Kuß der Liebe geben. — Verdacht? — Himmel! +was kann dem großen allmächtigen Omar +an dem Wurm Abdallah liegen? — Ihm ziemt es, +von seiner Freundschaft Rechenschaft zu fordern, nicht +mir, — sein Sonnenglanz sieht mit milder Güte auf +mich Verlassenen herab — und ich will ihm mißtrauen? +Was kann er denn von mir gewinnen, das er nicht +schon tausendfach besäße? Was kann ich verlieren, das +er mir nicht unendlich ersetzen könnte? — Nein Omar, +dein Abdallah wird nie undankbar sein, du pflanzest für +ihn einen Garten, dessen Kühlung ihn erquicken soll, +und ich will dankbar dein Geschenk annehmen. Hast +du mir nicht in dieser Nacht Himmelsseligkeiten zubereitet? +Das feindselige Verhängniß kämpft gegen deine +Güte an, es fordert laut mein Elend, aber du hältst +einen Schild vor meine Brust. — Deinen Freund +<span class="wide">Nadir</span> hast du verloren, mich sollst, mich <span class="wide">kannst</span> du +nicht verlieren, wenn du mich nicht selbst verächtlich +von dir wirfst, und darum will ich ohne Scheu diese +Blätter lesen, ich will diese Verläumdungen erfahren, +um desto unzertrennlicher an dir zu hangen.</p> + +<p>Er nahm die Blätter und fing an zu lesen:</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<p>Abdallah, ich beschwöre dich bei allem, was dir auf +dieser Erde und jenseit des Grabes theuer ist, weise +diese Worte nicht mit der Kälte zurück, mit der man +einen verdächtigen Fremden abzuweisen pflegt, grabe sie +tief in die Tafel deiner Seele und laß sie dort durch +kein Mißtrauen, durch keinen täuschenden Verdacht wieder +auslöschen. Zweifle in der ganzen Zukunft deines +Lebens, nur itzt nicht, denn diese Zweifel könnten dich +um alles bringen, was je ein Wunsch und eine Hoffnung +ahndete, was je ein Geist zu erlangen strebte. +O ich bin glücklich, es ist die edelste That meines Lebens, +und der Zweck meines Daseins ist zehnfach erfüllt; +wenn diese Blätter nicht zu spät in deine Hände fallen, +der Baum ist gesegnet, aus dem sie hervorschossen, das +Rohr ein Heiligthum, das diese Züge niederschrieb, dann +kann ich dem Richter jenseit mit Vertrauen entgegentreten +und meine Rechnung seinen Händen überliefern, +diese That löscht alle meine Sünden in seinem schwarzen +Buche aus. —</p> + +<p>Aber du möchtest mich nicht verstehen und in meinen +Worten nur Verläumdungen finden, darum will ich zu +dir wie zu einem Verbündeten sprechen, der schon in +die Geheimnisse der Nacht eingeweiht ist. Du stehst +einmal jenseit der glücklichen Unwissenheit und es wäre +Frevel, von Geheimnissen zu schweigen, deren Mittheilung +dich vielleicht noch von dem Abgrund zurückreissen +kann, vor dem du schwindelnd im dumpfen Nachsinnen +stehst. —</p> + +<p>Eine schwarze Nacht liegt um dich her und du +kniest vor einem verdorrten Stamm, den du für das +Bild eines Gottes hältst, du verehrst in Omar die Macht, +die über die Menschenkraft hinausgreift, du stehst ihn +auf der Spitze eines Felsen, zu der du den schroffen +Abschuß vergebens hinaufklimmst, — o dürft' ich ganz +die Hülle von deinen Augen nehmen und einen Stern +in dieser Nacht erwecken! du siehst einen prächtigen +Nebel in der Abendsonne in hohen gewundenen Säulen +brennend emporsteigen — und vergissest, daß es nur +Dampf und nichtiger Rauch ist. — Könntest du ohne +Blendung in die wesenlose Pracht hineinblicken, du +würdest da verachten, wo du itzt verehrst. — Die Mauer +der Allmacht ist unübersteiglich, kein Sterblicher wird +je in das Innere des Heiligthums dringen, eine unwiderstehliche +Hand hält den Staub unerbittlich von dem +zurück, was nur daurende Geister sehn und begreifen +können, uns ist ein Feld angewiesen, wo wir über +Blumen denken dürfen, jene unendlichen Wälder sind +unserm Blick zu groß, kaum hören wir zuweilen von +der Mauer ihr dumpfes Rauschen herüber, kein Auge +wird sich je in den Garten des Ewigen wagen. — Jene +Kraft, die der Getäuschte für einen Theil der Allmacht +hält, ist nichts, als ein Blendwerk, das in seinen eignen +Augen schwimmt, er selber bringt wider seinen Willen +das hervor, was er glaubt vom Himmel herabsteigen +zu sehen.</p> + +<p>Welcher Wurm kann sich ohne Flügel zum Glanz +der Sonne aufwärts schwingen? Ein Strahl zittert +auf ihn hernieder und er glaubt sie steige auf sein Gebot +zu ihm herab und spiele neben ihm im Grase, +aber es ist nichts, als ein Tropfen Thau's, in welchem +ihm ihr Bild aus einem kleinen Spiegel entgegenlächelt. +Die Hand des Menschen wird nie in ewige Gesetze +greifen und ihnen Stillstand gebieten; wer würde noch +zum Allmächtigen beten, wenn der Hauch des Staubes +die Weltendonner seiner Sprache überschrie, wenn ein +Sonnenstaub sich seinem Willen entgegenwürfe und das +große Gewebe sperrte? — Nein Abdallah, du <span class="wide">glaubst</span> +zu sehen, was du nicht sehen kannst, in dir selber +schlägst du die Töne an, die du aus den Wolken zu +hören glaubst, die Unendlichkeit steht deinem Lehrer nicht +zu Gebot, aber deine schwachen Sinnen vermag er zu +beherrschen, das große Geheimniß, vor dem du verehrend +zurückschauderst, ist nichts, als ein gemeiner +Betrug, den du an einem armseligen Künstler verachten +würdest.</p> + +<p>Darum höre mich und sei was du warst, verliere +den Freund und gewinne dich selber der Verrätherei +wieder ab, sprich das belebende Wort über die Leichen +aus und laß aus ihrem Grabe die Seligkeiten wiederkommen, +die du selbst ermordet hast; laß das schlachtende +Messer inne halten und binde sorgsam die letzte +Rose auf, die schon in der Sonnenhitze verschmachten +will. —</p> + +<p>Mein Name ist <span class="wide">Nadir,</span> ich trete mit dem morgenden +Tage in mein achtzigstes Jahr, traue meinem +Alter, das mich bald vor den Thron des Richters bringen +wird, wo man mir jede Lüge aufbewahrt. — Seit +meiner Kindheit brannte in mir eine unauslöschliche +Ungeduld, alles zu erfahren und zu wissen, was nur +in der Seele des Menschen Raum fände; als Jüngling +schweifte ich bald mit meinen Gedanken über die Gränze +hinaus, die eine gütige und grausame Hand unserm +vorwitzigen Geiste gesetzt hat. Mein Verstand wollte +das Unendliche umspannen und das Undurchdringliche +durchdringen, die Schwäche der Menschheit hielt ich nur +für die Schwäche <span class="wide">meines</span> Geistes, meine Sinne +schweiften durch alle Regionen der kühnsten Zweifel +und der verwegensten Irrthümer, ich riß alles um mich +her aus, und bepflanzte die leere Schöpfung dann mit +den Wesen meiner Einbildung, ich glaubte nichts, um +alles zu glauben. Alle meine Kräfte bot' ich zum Kampfe +auf und fühlte mitten im Streit meine Schwäche, ich +hatte durch meine Kühnheit Gott und das Schicksal +verloren und doch genügte ich mir nicht selbst in der +traurigen Einsamkeit, ich hatte die Vorsehung geläugnet +und fing nun <ins title="Original: fing nun an, die">an, an</ins> die Macht fremder Wesen und Dämonen +zu glauben; Aberglaube und Nichtglaube berühren +sich unmittelbar auf der Gränze, aus einem Feinde der +Andacht ward ich ein Schwärmer. Von itzt lebte ich +unter Wundern und Unbegreiflichkeiten, zu denen ich +mich hinandrängen wollte, die Ähnlichkeit der Gottheit +schien mir darin zu liegen, die geheimen Winke der +Natur zu verstehn, und das Unmögliche möglich zu +machen, ich taumelte auf einem schmalen gefährlichen +Wege durch das Gebiet des Wahnsinns, von blendenden +Hoffnungen begleitet.</p> + +<p>Auf dem Gipfel des Caucasus, hört' ich, wohne der +weise <span class="wide">Achmed,</span> der die große Auflösung zu den Millionen +Räthseln gefunden habe, den Stab, mit dem er +an die Sonne und die Sterne reichen könne und dem +sich die Zukunft aufthue. Ich verließ mein Vaterland, +um diesen Gott zu sehen und sein Schüler zu werden, +wenn er mich für würdig erklärte. Er nahm mich auf +und ich überstand fünf harte Probejahre, in denen er +mich durch tausend Mühseligkeiten zurück zu schrecken +versuchte, aber meine Wißbegierde ertrug alle Lasten +leicht und tröstete meine Ungeduld, die zuweilen erwachte, +mit dem herrlichen Augenblick, in welchem +meinen Augen der ewige Vorhang niederfallen würde. — +<span class="wide">Omar</span> war wie ich ein Schüler Achmeds, — der erharrte +Tag erschien endlich und ich ward in den schwarzen +Bund aufgenommen. — Wir mußten beide dem +edeln Achmed mit einem heiligen Eide schwören, nur +durch unsre Macht Glück und Freude zu verbreiten, +dem Elenden beizustehn, den Schändlichen zu strafen +und so dem Ewigen ähnlich zu werden. — Wir schwuren +es und Achmeds Gewalt war die unsrige.</p> + +<p>Nun erst sah ich ein, daß meine Wünsche jenseit +der Schranken der Menschheit lagen, daß das, was ich +verloren gegeben hatte, mehr werth sei, als mein Gewinnst. +Alle meine großen Hoffnungen waren hintergangen, +ich war im Begriff mich selbst zu verachten. +Tausendmal wünscht' ich die Vergangenheit zurück, in +der ich noch nicht an die Gränze der menschlichen Kraft +gekommen war, wo mich eine unbarmherzige Schrift +höhnend zu den Thieren des Feldes zurückwies. Ich +hatte gehofft, daß sich mir die Ewigkeit aufschließen +würde, wo ich im Heiligsten die Gottheit schaute und +den großen Plan der Welt sähe, den sie gezeichnet hat — und +ich ward vor einem Spiegel geführt, in dem +ich nun meine eigne Verächtlichkeit sahe und eine Kunst +war mir verliehen, die mir durch armseligen Betrug +den großen Verlust nicht ersetzen konnte, eine Macht, +die Niemand an dem Besitzer beneiden würde, wenn +er nur <span class="wide">einen</span> Blick durch den blendenden Glanz zu +werfen vermöchte.</p> + +<p>Omars Freundschaft tröstete mich in meiner Trostlosigkeit +und versöhnte nach und nach mein Mißvergnügen, +wir tauschten unsre Seelen gegen einander aus, +und ein jeder gewann, wir schlossen einen heiligen Bund +und jeder Gedanke, jedes Gefühl floß in das Wesen +des Freundes hinüber.</p> + +<p>Endlich trennte sich Omar von mir und ich blieb +allein bei meinem Lehrer, und lebte in einer stillen Einsamkeit +und Ruhe, von der Welt und ihren Geschäften +geschieden, in steten Betrachtungen der Natur und der +Weisheit Gottes. Ich dachte oft an meinen Freund +Omar und wünschte ihn zu mir zurück. Zwanzig Jahre +waren so verflossen, als ich von meinem Lehrer Achmed +den Auftrag erhielt, ihn aufzusuchen, denn meine Reise +setzte er hinzu, könnte wichtige Folgen haben.</p> + +<p>Ich durchreiste Arabien und Persien vergebens und +fand ihn endlich hier wieder, an jenem Abend, als du +unter einer Cipresse eingeschlafen warst und ein brausender +Sturm dich aus deinen Träumen weckte. — Er +eilte in meine Arme, es war eine wonnevolle Stunde +des Wiedersehens; wir erzählten uns unsre Schicksale +und Omar sprach also:</p> + +<p>»O! daß der Mensch in Seinem Busen einen unversöhnlichen +Feind mit sich herumtragen muß, der ihn +unabläßig quält! daß dies heillose Drängen unsrer Seele, +dies Streben gegen die Unmöglichkeit uns den Genuß +unsers Daseins raubt und uns gegen uns selbst verderbliche +Waffen in die Hand giebt!«</p> + +<p>Wir hatten uns weiter hinein in den Busch entfernt, +die Nacht sah schweigend auf uns herab, die +Bäume wiegten sich leiserauschend und Omar fuhr also +fort:</p> + +<p>»Wir sprachen schon damals, Nadir, als wir beide +noch den Unterricht des weisen Achmeds genossen, von +jenem Sturm, der unaufhörlich in dem Baum unsers +Geistes wüthet und ihn zu zerstören droht. Kaum +hatte ich von dir Abschied genommen, so verfolgten mich +alle meine Wünsche mit erneuerter Wuth, mein brennender +Durst war nicht gestillt, sondern durch Achmeds +Kenntniß nur von neuem angefacht, mein Vordrängen +war vergebens gewesen, denn noch in dichtem Nebel +eingehüllt lag der große Felsen in der Ferne, hinter +welchem die Sonne wohnte, die ich suchte. Ich fühlte +mich eingeengt und gepreßt und war unglücklicher als +ich je gewesen war.«</p> + +<p>»Furchtbare Gedanken standen itzt leise in meiner +schwarzen Seele auf wie Verbrecher, die die Ketten von +sich streifen und sich frech im düstern Kerker erheben. +<span class="wide">Weisheit</span> war mir der edelste, der einzige Zweck des +Menschen, die einzige Krone, die seine Stirn schmücken +könnte, ein Zweifel an alle Tugend machte mir diese +gepriesene Gottheit verächtlich — und ich wagte endlich +vermessen einen Schritt, von dem ich vorher wußte, +daß sich hinter mir ein Abgrund reissen würde, um mir +den Rückweg ewig unmöglich zu machen.«</p> + +<p>Omar hielt ein und mit gespannter Aufmerksamkeit +horchte ich auf seine Rede. — Mein Freund fuhr fort:</p> + +<p>»Am Ende der Welt, in einem fürchterlichen Schlund, +der sich zwischen die Klippen des Atlas wirft, an einer +Stelle, wohin noch kein Menschenfuß sich verirrte, wo +zwischen ewig einsamen Felsenwänden das Grausen +wohnt und kaum ein verirrter Wind mit seinem Fittig +gegen die hohen Steinmauern streift, dort, — so sagte +eine alte Sage, — wohne seit Jahrtausenden ein furchtbarer +Sterblicher, der hier im kalten Haß der Ewigkeit +entgegenharre, von Menschen und Engeln losgerissen, +ein Wesen, einzig, ohne je ein Leben zu finden, dessen +Seele mit der seinigen gleichgestimmt sei. — Greise +erzählten mir unter Schaudern, daß er ein höherer Geist +gewesen sei, der sich vom Ewigen losgeschworen und in +die leere Wüste der Strafe der Allmacht entronnen sei, +<span class="wide">Mondal</span>, so nannten sie den Schrecklichen und sagten, +daß der große Verworfene keine Strafe bedürfe, denn +er selber sei seine Verdammniß. Man sprach von den +Wundern die er ehedem gethan und denen die Völker +in Demuth erzittert wären, von gräßlichen Strafen, +mit denen er sich an seinem Feinde gerächt, sein Name +war die Loosung zum Schrecken.«</p> + +<p>»<span class="wide">Ihn</span> wollt' ich aufsuchen und mich an seine fürchterliche +Größe drängen, hier die Flammen meines Busens +kühlen, oder ein unausbleibliches Verderben finden. — Ich +wanderte durch die Wüsten von Afrika, ich +ging über die hohen unermeßlichen Gebirge und näherte +mich endlich der langerhofften Gegend. Das Gebirge +lag fürchterlich aufgethürmt, wie die Mauer der Welt +vor mir, die Wolken des Himmels schienen scheu um +den Fuß zu flattern und frech hoben sich die Spitzen +des Klippengebirges in die unendliche Leere des Äthers, +immer höher und höher aufgewälzt und immer furchtbarer +und kühner aufgethürmt.«</p> + +<p>»Ich bestieg die untersten Gebirge, die sich nur +wie Hügel an die unbegränzte Felsenmauer lehnten. +Die Erde lag unter mir mit allen ihren Schätzen und +Städten ausgebreitet und schien mir Lebewohl zu sagen, +das Meer unermeßlich ausgegossen tief unter mir. In +tausend Herrlichkeiten winkte mich die Sterblichkeit zurück, +sie streckte die Arme liebevoll nach ihrem verlornen +Sohne aus und rief mich mütterlich an ihren Busen +hin, an dem ich in der Kindheit meines Geistes mit +so inniger Liebe gehangen hatte. — Aber ich ging vorwärts +und ließ hier meine Menschheit zurück, ich warf +alles von mir ab, was der Endlichkeit gehörte, ich riß +auf ewig das große Band entzwei, das mich an die +Schöpfung hielt, ich setzte den Fuß vorwärts, von diesem +Augenblick ganz mein eigen, die Menschheit hinter +mir auf ewig zugeschlossen, ich auf ewig in die Unendlichkeit +des Meeres hinausgewiesen, von keinem Ufer +jemals wieder angewinkt zu werden.«</p> + +<p>»Mein Pfad wand sich immer steiler die Felsen +hinan, immer unfreundlicher die Natur umher, die +Bäume starben aus, die Sträucher, und endlich erlosch +auch der letzte Schimmer des grünen Grases unter +meinen Füßen. — Itzt lag die Erde und das Meer in +eins verschwommen ungewisser wie ein Nebel unter +meinem Blicke, wie in einen schwarzen Schleier eingewickelt; +so weit mein schwindelnder Blick sich wagte, +über mir und unter mir und neben meinem Schritte +die unendliche gedankenlose Leere. — Bei jedem Schritte +zog sich ein härterer Panzer um meine Brust, keine +meiner vormaligen Empfindungen wagte es, mir in +den eisernen Aufenthalt zu folgen, nur von nackten +Felsen und dem Himmel umgeben hatt' ich schon vergessen, +daß ich einst ein Mensch gewesen sei.« —</p> + +<p>»Ich kam in Gegenden, die die Natur zuletzt in +ihrer Ermüdung geschaffen zu haben schien, kein Leben, +kein Moos, das die Felsen hinaufkroch, erinnerte mich +an die Welt, die ich verlassen hatte. Hier schien der Tod +seine Behausung zu haben, eine Welt schien hier einst +untergegangen und dies ihre schauderhaften Ruinen zu +sein. Ein kaltes Grauen begleitete mich, immer größere +Furchtbarkeiten kamen mir entgegen, alle meine Gefühle +gingen nach und nach in meiner Brust unter, und +nichts als mein Vorsatz und das Bewußtsein meines +Daseins blieb mir übrig.«</p> + +<p>»Itzt stand ich auf einer Felsenspitze, die in ein +Thal hinabsahe, das rings von kahlen schwarzen Klippen +eingeschlossen war, ein Schauder brütete über diesem +Schlund, in den sich tausend Höhlen rissen und ein +verworrenes Gebäude bildeten, kein Luftzug rauschte +durch die Felsenwüste, kein Ton, der ein Leben verrieth, +schlich hervor; die gespaltenen Klippen grinßten mir aus +dem Abgrund entgegen, die Vernichtung sahe sich hier +selbst mit Wohlgefallen an und behorchte sich in der +schauderhaften Stille.«</p> + +<p>»Dies ist seine Behausung! rief ich unwillkührlich +aus und der erste Klang warf sich zerschmettert die gewundenen +Klippen hinab, ich selber fuhr erschrocken zurück +und der Ton verlor sich winselnd in den fernsten +Schlünden.«</p> + +<p>»Die letzte Furcht faßte mich zweifelhaft an. — Soll +ich hinuntersteigen? fragte ich mich leise. — Noch, +noch steht mir der Rückweg offen! Noch darf ich selber +über meinen Willen gebieten. — Doch was soll ich in +der Welt? — Ein Engel darf, ein Mensch mag ich +nicht sein, nur die Hölle bleibt den Unbefriedigten übrig, — ich +kann nicht anders, ich würde nichts vom Menschen +wieder rückwärts bringen: — und zugleich stieg +ich in das fürchterliche Thal hinab.«</p> + +<p>»Wie mit tausend kalten Armen hielt es mich eingeklammert, +wie in den unerbittlichen Tod schritt ich +hinunter.</p> + +<p>»Plötzlich fuhr ich bebend zurück. — In einer +halb dunkeln Grotte saß ein Greis und lächelte mir +mit einer Freundlichkeit entgegen, die mehr dem Zähngeknirsch +eines Ungeheuers glich. Ein weißer Bart +sank bis auf seine Füße hinab und deckte sein Gesicht. +Ein fremdes mir unbegreifliches Wesen sahe aus seinen +wilden Augen, er hatte bloß das Ansehn eines Menschen, +um die Menschheit von sich zurückzuscheuchen. — Sein +Anblick hatte mich bis in das Innerste meiner +Seele erschüttert und ich wagte es nicht, die Augen zum +zweitenmal auf ihn hinzuwerfen: ich hatte allen sanften +Gefühlen Abschied gegeben und die Schauder vertraulich +in meinem Busen aufgenommen, — aber hier fand ich +ein Wesen, vor dem meine Frechheit Demuth ward, alle +meine Verwegenheit sich in banges Grauen auflöste.«</p> + +<p>»Wer bist du? rief er mir in Tönen entgegen, wie +ohne Klang und Athem; sie kamen zu mir, wie aus +einer fernen Welt und sprachen in Accenten, von denen +kein sterbliches Ohr eine Ahndung hat und haben kann.«</p> + +<p>»Ein Wesen, schrie ich ihm entgegen, das sich selber +nicht begreift! Meine Menschheit hab' ich jenseit diesen +Klippen ausgezogen! — Das Leben hat keinen Reiz für +mich, ich will in der Wildniß meine Freude suchen.«</p> + +<p>»Mondal schwebte mir entgegen und stierte mich mit +einem Blicke an, der meine Seele mit Riesenkräften +zusammendrückte.«</p> + +<p>»Du bist das erste Wesen, sprach er, das mein Angesicht +sieht, ich sitze hier und faste der Ewigkeit entgegen +und noch kein Staubgeborner hat es gewagt, mich in +meinem Hause zu besuchen, wo ich mit dem Grausen +spiele und Schauder mir die Zeit verkürzen. — Was +suchst du hier?« —</p> + +<p>»Was ich hier oder nirgends finde, antwortete ich +zitternd, ich schäme mich ein Mensch zu sein, nimm du +mich in deine Gesellschaft auf und vergönne, daß ich deinen +Geist begreife und dir ähnlich werde.«</p> + +<p>»Er sahe mich an und lachte fürchterlich auf, daß +die Felsen umher in ihren Wurzeln wankten. — Vermessener! +rief er dann: — Du verläugnest die Menschheit +und doch zeigen deine Worte, daß du ihr noch zugehörst. +<span class="wide">Ein</span> Funke, der von mir zu dir herüberleuchtete, +würde dein Wesen zersprengen. Dank' es meiner +Verachtung, daß mein Anblick dich nicht tödtet!«</p> + +<p>»Nun dann, sprach ich mit knirschender Verzweiflung, +so bleibt mir keine Hoffnung übrig, als meine Vernichtung!«</p> + +<p>»Vernichtung? antwortete der Furchtbare und zog +den Mund zum Grinsen, so kalt und todt wie die Felsen +umher. Was <span class="wide">ist,</span> kann nicht vernichtet werden, +die Ewigkeit hält dich fest, so lange die Zeit dauert, +dauerst du selbst. Du kannst dich tödten und in eben +dem Augenblick stehst du ein neues Wesen in deiner +eignen Verdammniß wieder da, — so hat es der Gütige +dort gewollt, der alles mit seiner Milde umfängt. +O! wenn <span class="wide">Vernichtung</span> möglich wäre, wenn wir +uns selber angehörten und beherrschten — o dann wäre +noch Glück in seiner Schöpfung!« —</p> + +<p>»Ich fuhr mit Entsetzen zurück. — Voll Frechheit +kömmst du hierher, sprach Mondal weiter, und bedachtest +nicht, daß dein Wesen sich nie dem meinigen nähern +könne. — Nein, Sterblicher, ganz kannst du mich nicht +verstehen, denn tausend Naturen stehen zwischen uns; +die Gedanken, die die du begreifst, sind nicht meine Gedanken, +unser Urstoff ist verschieden, wir können uns +in keiner Empfindung begegnen.«</p> + +<p>»Wo find' ich dann, rief ich mit bitterm Unwillen +aus, ein Wesen, das mich versteht? Mir ist alles verschlossen, +in der ganzen Schöpfung kein Laut, der in +mir denselben anschlüge. Vernichte dies Streben in +meiner Brust, das mich durch alle Welten drängen +würde, du verwirfst mich als deinen Schüler, erniedrige +mich bis zum Wurm, der sich dumpf und ohne Bewußtsein +zu deinen Füßen windet.«</p> + +<p>»Ich verwerfe dich nicht, sagte Mondal, deine Natur +hält dich gefangen! Ich will dir geben, was ich +kann, — aber du wirst meine Bedingung nicht erfüllen.«</p> + +<p>»Alles, alles, sprach ich hastig, — nur reiß mich +aus diesem peinvollen Dasein, mach, daß ich mich nicht +verachten muß, sollt' ich mich auch dafür verabscheuen!« —</p> + +<p>»Mondal schwieg eine Weile, dann sagte er: Ich +stehe nicht über der Menschheit, ich bin nur ein fremdartiges +Geschöpf, dessen Gedanken und Gefühle Strahlen +sind, die nie mit denen der Menschen in ein Licht +zusammenfließen, sondern sich ewig zurückstoßen. Die +Menschen haben von ihrem Gotte jenen Trieb, alles zu +ordnen und in ein Ganzes zu bringen, <span class="wide">meine</span> Freude +ist Zerstörung. Ihrem Triebe genug zu thun, arbeiten +sie in einer ewigen Thätigkeit an Ordnung und Harmonie, +Sklaven eines Herrn, dem sie dadurch schmeicheln +wollen, Schönheit und Tugend nennen sie das +Gebäude, das sie aufführen, für mich giebt es keine +Tugend als ihre Laster. — Kannst du deine angeborne +Menschheit bis auf die letzte schwächste Ahndung ablegen +und mir voll Vertrauen die Hand reichen, kann +ein heiserer Mißklang dir eben so viel Freude geben, +als jener Wohlklang dort unten, verlierst du nichts an +jenem Gott dort oben, so bist du mein!«</p> + +<p>»Ich reichte ihm mit erzwungener Festigkeit die +Hand.«</p> + +<p>»Zerstörung! rief er mit wilder Freude, dein Hauch +sei Vernichtung, jeder Pulsschlag ein Verbrechen, verfolge +ihre Tugend und sei der Freund des Bösen, kehre +in die Welt zurück und zerreiß das Gewebe, mit dem +sie sich an ihre Gottheit knüpfen wollen, dies beschwöre +mir mit einem großen Eid und unter diesen Bedingungen +will ich zeigen, was kein Auge sieht. Fern ist +noch der letzte Tag, wir wollen wirken, bis die Zeit +zum Greise wird.« —</p> + +<p>Omar hielt hier in seiner Erzählung ein. — »Und +du schwurst den Eid?« rief ich erschrocken aus. —</p> + +<p>»Ich schwur ihn,« antwortete er langsam und sprach +dann weiter: »Es war ein Schwur, o, mehr ein Fluch, +unter dem sich die geängstigte Erde hätte bäumen mögen, +ich wag' es kaum, ihn in Gedanken zu wiederholen.« —</p> + +<p>»Wie ein Vorhang fiel es vor meiner Seele hinweg, +alle meine Gedanken waren zu Riesen aufgewachsen, +die gegen den Himmel anstürmten, meine vorige +Frechheit schien mir itzt Feigheit, alle meine Gefühle +waren ehern, mein Busen Diamant.«</p> + +<p>»Ich ward in seine fürchterlichen Geheimnisse eingeweiht, +Flüche segneten mich ein, Grausen stieg mir +aus den unendlichen Labyrinthen entgegen und Schauder +waren meine Erfrischung. Meine Gedanken dachten +das Ungedachte, ich war über den fernsten Gränzstein +der Menschheit hinausgeschritten und wandelte nun, +ein fremder Pilger, jenseit dem Leben auf der dürren +Haide. — Die Vergangenheit kam meinem Ruf zurück, +die Zukunft schloß sich meinem Blicke auf. — Mondal +zeigte mir ein ungeheures Buch, in welchem +auf jedem seiner Millionen Blätter tausend Punkte +gezeichnet waren. — Dies ist mein Almanach, sagte er +lächelnd, so viel Punkte du ausgelöscht siehst, so viele +Tage hab' ich durchlebt, die übrigen sind die Tage, die +noch bis zum letzten Tage übrig sind, ihre Zahl ist unzählbar; +aber endlich nutzt sich nach und nach die Zeit +ab, auch der letzte Punkt wird ausgelöscht und die neugeborne +Ewigkeit wandelt über den Ruin der Welten. +Bis dahin sieht mein Auge; was dann sein wird, ist +ein Geheimniß, das ich schon seit Jahrtausenden zu +enthüllen strebe.«</p> + +<p>»Mein Geschäft war nun geendigt und ich ging in +die Welt zurück, nicht um zu leben und zu genießen, +sondern um Genuß und Leben zu zerstören. Alle meine +vormaligen Freuden kamen mir wie eben so viele Feinde +entgegen, ich zerstörte und vernichtete, so weit nur meine +Gewalt reichte, Jammergeschrei folgte meinen Schritten +und Flüche der Wittwen und Waisen, mein Weg +war mit Thränen benetzt und Grabhügel waren die +Denkmale, die von meiner Durchreise sprachen. — Der +Ewige hatte mich in ein Leben verwiesen, das ich verachtete +und ich sättigte mich im Genuß der Rache, ihn +selber konnte mein Arm nicht erreichen, aber seine Geschöpfe +mußten meinem Zorne büßen! Das Dasein +quälte mich, wie eine Gewissensangst, Vernichtung war +nicht möglich, Flüche nicht genug, ich mußte ihn <span class="wide">strafen.</span>« —</p> + +<p>»Ich kam in mein Vaterland und der Sultan <span class="wide">Ali</span> +ward mein Freund, er war im Begriff, seinen Unterthanen +ein guter Fürst zu werden, aber ich lehrte ihn +die Menschheit und ihre Tugend verachten und so kam +er endlich zu jener kalten Grausamkeit, die seinen Namen +zum Schrecken des Landes gemacht hat. Durch +mich ließ er tausend Schlachtopfer fallen und tausend +eine Beute des Mangels werden, unter diesen war auch +<span class="wide">Selim</span> Ali nahm ihm seine Schätze, Selim entflohe +mit seiner Gattin und einem kleinen Sohne, auch die +Gattin mußte sterben und ihn sein Sohn nur noch gewaltsam +in ein quaalvolles Leben zurückhalten. — Ich ging +unter den Menschen in einer ewigen Einsamkeit, wie +dienstbare Henkerknechte liefen Schrecken vor mir her +und schlugen gewaltsam jedes Gefühl, jeden Menschengedanken +von mir zurück, — so fand ich den armen, vormals +glücklichen Selim, weinend auf dem Grabe seiner +Gattin sitzend, — da flog mir wie ein ferner Schein +der Wunsch vorüber, wieder in den entweihten Menschenorden +zu treten. — In diesem unseligen Augenblick +vergaß ich meines Amts und meines Herrn und +ließ den trauernden Selim in den Schooß des Glücks +zurückkehren, meine Macht ließ ihn einen Schatz finden, +der ihm dreifach ersetzte, was er verloren hatte. — O +wie hab' ich Jahrelang diesen einzigen Augenblick verflucht, +wie gern hätt' ich ihn zurückgenommen und Selim's +Glück mit neunfachem Jammer ausgetauscht, +wenn es dem Zauberer vergönnt wäre, sein eigen Werk +wieder zu vernichten.«</p> + +<p>»Unaufhaltsam jagte es mich seit dieser Zeit zu +Mondals Wohnung zurück, ich sträubte mich vergebens +gegen die drängende Macht. — Mondal trat mir entgegen. +Schon so früh kömmst du wieder? sagte er +mit gräßlichem Hohnlächeln, — du hast deine Menschheit +abgeschworen, dein Vertrauen war so frech — und +doch kömmst du selber zurück, dich anzuklagen? Stumm +ging er mit mir zu einem fernen, verzackten, einsamen +Klippenmeer, er spaltete einen Felsen und warf mich +bis an die Hüften in die Öffnung, die donnernd wieder +zusammensprang.« —</p> + +<p>»Mich zermalmten unaussprechliche Martern. Eine +heiße Gluth webte sich am Tage um mich her und +nagte und saugte an meinen Gebeinen, Flammen bohrten +sich glühend in mein Innres und in der Nacht +jagten sich kalte Nordwinde um mich her und bliesen +mich mit ihrem Athem an, ein Panzer von Eis umgab +meinen Körper und zerschmolz wieder an der Gluth +des Morgens. Siedende Waldströme stürzten brausend +auf mich herab und schmetterten spielend mein Gebein +gegen hervorragende Felsenspitzen. Mein Geheul erklang +fürchterlich den Abgrund hinab, und sprang von +Klippe zu Klippe, eine taube stumme Einsamkeit lag +kalt und ohne Mitleid um mich her. — So brüllte +ich vier Jahr meine Flüche und meine Bitten dem unerweichlichen +Mondal entgegen, aber er hörte mich +nicht; zuweilen flog er auf einer braunen Wolke über +mein Haupt, sahe höhnisch auf mich herab, freute sich +meiner Quaalen und überließ mich dann von neuem +den unerbittlichen Martern. — Endlich schien er gerührt, +oder der alten Ergötzung überdrüssig, denn welches +Mitleid sollte diese steinerne Brust bewohnen? — Ich +will dich von deiner Kette losnehmen, rief er und +neigte sich wie ein Gewitter weiter auf mich herab, +aber nur unter einer schweren Bedingung geb' ich dich +frei. — — — —</p> + +<p>Abdallah wollte unter Schaudern weiter lesen, als +sich ein lautes Getümmel im Hofe des Pallastes erhob. — Bestürzt +eilte er an's Fenster — und die +furchtbaren Palmblätter entsanken seiner Hand. —</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Viertes Kapitel.</h3> + +<p>Säbel glänzten im Schein der Sonne und leuchteten +Abdallah wie Blitze entgegen; in einem fürchterlichen +Getümmel kämpften Selim's Sklaven mit der Leibwache +Ali's, sein Vater stand in der Mitte des Gefechts, mit +entblößtem Säbel stürzte er hinaus.</p> + +<p>Ein wildes Geschrei flog über den Hof des Pallastes, +Ali's Sklaven wütheten gegen Selims bewaffnete +Freunde, das Geklirre der Säbel an die Schilder geschlagen, +rasselte furchtbar. Abubeker lag mit seinem +weißen Barte vor ihm, in seinem Blute gewälzt, das +Geschrei und der Klang der Waffen schlug gegen die +Mauern des Pallastes, Blut floß in Strömen, einige +Sklaven flohen, andre stürzten <ins title="Original hat Tod">todt</ins> nieder, — und itzt +sahe Abdallah auch seinen Vater unter einem Säbelhiebe +sinken.</p> + +<p>Er stürzte sich wüthend in das Gedränge und +metzelte um sich her, eine blinde Wuth gab ihm Riesenkräfte, +er fühlte die leichten Wunden nicht, die er erhalten +hatte und tobte wie ein Rasender in dem Gewühle +auf und ab, — eine bekannte Stimme rief seinen Namen +aus, — es war sein Freund <span class="wide">Raschid.</span> — Auch +du? rief Abdallah wüthend, — auch du bist mit meinem +Elende einverstanden? — Nur wider meinen Willen, +antwortete Raschid und gab ihm die Hand; rette +nur deinen Vater, setzte er leise hinzu, sieh' er lebt noch.</p> + +<p>Abdallah blickte nieder, sein Vater lag zu seinen +Füßen und sahe ihn mit einem matten Blicke an; Abdallah +ergriff ihn stark und trug ihn aus dem Getümmel, +Raschid begleitete ihn und half den verwundeten +Selim aus dem Hofe des Pallastes führen, alle Krieger +machten dem bekannten Raschid Platz, weil sie den +Verwundeten für einen Diener Ali's hielten; so brachte +Abdallah seinen Vater aus dem Pallast und durch das +Thor der Stadt.</p> + +<p>Selim war stumm und in sich selbst verschlossen, +heftige Gedanken schienen ihn zu beunruhigen, nur zuweilen +stahl sich ein Seufzer aus seiner Brust, den er +aber seinem Sohne zu verbergen suchte.</p> + +<p>Ich kann nicht weiter, sagte er endlich und setzte +sich auf einen Erdhügel am Wege. Sein Gesicht war +bleich, seine Wunde, die Abdallah verbunden hatte, fing +von neuem an zu bluten. — Warum hast du mich +nicht sterben lassen? sagte er dann, da das Schicksal +auf mich zürnt? — Du hättest mich jenen Dolchen +lassen sollen, denen du mich entrissest, denn ich gehörte +ihnen an, von Verrätherei dem Tode verkauft. —</p> + +<p>Abdallah kam itzt erst aus seinem Staunen, seiner +Wuth und Angst nach und nach zurück. Er war bis +itzt in eine unwillkührliche Thätigkeit geworfen, er hatte +nicht empfunden und nicht gedacht, über die Gefahr +seines Vaters hatte er sich selbst vergessen. — Vater! +rief er aus, — o daß ich dich habe retten können, daß +ich dich aus dem Gemetzel herausriß und dem Leben +wiedergab, — o das ist das erstemal, daß dein Sohn +dir etwas mehr als Dank sagen kann, — eine Stunde, +wo ich dir durch Thaten meine Liebe zeigen könnte, +habe ich so lange gewünscht, — ach! und sie mußte so +schrecklich, so unvermuthet kommen!</p> + +<p>Abubeker, sagte Selim, der redliche Greis ist todt, +mein großer Entwurf ist dahin! — deine Ahndung, +alter wackerer Mann, hatte Recht, warum hörten wir +nicht auf deine Stimme? Wozu leb' ich noch, da die +schönste Hoffnung meines Lebens umgesunken ist? — Ich +habe ein großes Spiel gewagt, ich setzte verwegen +mich und Ali dem Verderben zum Pfande aus — und +das Schicksal rief <span class="wide">Selim!</span></p> + +<p>Schmerzt dich deine Wunde, Vater? fragte Abdallah.</p> + +<p>O ich weiß kaum, daß ich verwundet bin! rief Selim +unwillig aus, ich weiß nur, daß ich habe entfliehen +müssen. — O warum kann ich nicht der verächtliche +Hund jenes müden Wanderers sein, der den Berg herunterzieht? +Er ist freier und glücklicher als ich! —</p> + +<p>Dann ging Abdallah mit seinem Vater langsam +weiter. Oft ließ er ihn auf Rasenhügel sich niedersetzen +und wenn er erquickt war, mahnte er ihn sogleich wieder +zur Flucht, weil er die Verfolgung seiner Feinde +fürchtete. — So gingen sie langsam bis zum Abend +und wandten sich zu einem kleinen unbesuchten Nebenweg, +der in einen Wald hineinführte. —</p> + +<p>Die rothen Streifen des Abends wallen durch den +Himmel, sagte der Greis, sie wollen den trägen Selim +zu seinem Vorhaben rufen, aber ihr kommt zu spät +und findet nur noch meine Schande. — O dürft' ich +eure verhaßten Flammen nicht erblicken, oder spiegeltet +ihr euch in Ali's Blute! — Meine Freunde sind für +mich gefallen und der feigherzige Selim flieht und rettet +ein freudenleeres Leben. O des edeln Greises Abubeker! +dessen Silberhaar so schrecklich auf den Steinen ausgebreitet +lag und vom Blute triefte! — verzeih Abubeker, +dem unvorsichtigen Freunde, der deiner älteren Weisheit +nicht traute. —</p> + +<p>So klagte Selim auf dem Wege und hörte nur +wenig auf den Trost seines Sohnes. — Das Schicksal, +sprach er endlich, nachdem er lange bei sich gedacht +hatte, erprobt den Mann durch tausend Gefährlichkeiten +und mannichfaltiges Unglück, mein Muth soll vielleicht +noch härter gestählt werden, um dann desto größere +Funken zu schlagen. Der Mann muß vor seinem Tode +nichts verloren geben, seine Entwürfe müssen ihm so +unverletzlich sein, wie Heiligthümer, die man ihm zum +Aufbewahren anvertraute, der nächste Tag versöhnt mich +vielleicht mit dem heutigen. —</p> + +<p>Er ging getröstet weiter.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Fünftes Kapitel.</h3> + +<p>In einer entfernten Gegend des Waldes, wo die Bäume +am meisten verwachsen waren, wo das dichteste Dunkel +sich unter den verschränkten Zweigen herabsenkte und +man kaum von der fernen Landstraße zuweilen ein +dumpfes Getöse hörte; dort stand unter Büschen versteckt +ein kleines ländliches Haus, das Selim sich vor +vielen Jahren hatte erbauen lassen, um hier auf der +Jagd einen einsamen, unbekannten und stillen Ruheplatz +zu finden. Nur Omar, Selim und sein Sohn +kannten diesen Aufenthalt, kein Weg führte zu dieser +Wohnung, nur ein Fußsteig, der sich in hundert Krümmungen +wand und den kein Fremder auffinden konnte. +Seit vielen Jahren war diese Wohnung unbesucht geblieben, +selbst Selim fand itzt den Weg dahin nur mit +Mühe. Büsche und hohes Gras hatten den kleinen +Fußsteig verschlungen, sie mußten sich durch junge Bäume +drängen, die in einander gewachsen waren, sie verloren +oft den Pfad und fanden ihn nur mühsam wieder, erst +mit der Finsterniß kamen sie an die Hütte. —</p> + +<p>Alles war verwildert, das Dach mit Moos bedeckt +und vom Regen durchlöchert, durch die Fenster hatten +sich junge Gesträuche gedrängt und Epheu schlängelte +sich in grünen Labyrinthen die Wände hinan, Heimchen +nisteten in ihren Schlupfwinkeln und ziepten einsam +durch die Stille der Nacht und das Rauschen des Waldes; +Eulen hatten sich auf den benachbarten Bäumen +niedergelassen und heulten nach dem Hause hinüber. +Der Aufenthalt begrüßte sie traurig und verfallen, wie +ein kranker Freund, der auf dem Sterbebette Abschied +nimmt.</p> + +<p>Sie traten in das Zimmer und der ermattete Selim +ließ sich sogleich auf ein kleines Ruhebett nieder. — In +der Nähe rieselte eine Quelle vom Berge herab +und Abdallah schöpfte aus dem frischen Wasser einen +Trank für seinen entkräfteten Vater. — Ich bin erquickt, +sprach dieser, — o daß ich dich noch übrig habe, +daß das Schicksal dich nicht von meiner Seite genommen +hat, das ist ein Glück, dessen Größe ich mit inniger +Dankbarkeit verehre.</p> + +<p>Abdallah verband von neuem die Wunde Selims +und bat dann seinen Vater, ihm zu sagen, woher dieses +Unglück so plötzlich auf ihn eingestürmt sei, was es +veranlaßt habe und womit sein Vater den Zorn Ali's +so heftig aufgereizt habe. — Diese Wunde, sagte Selim, +die mir plötzlich so tödtlich geschlagen wurde, ist +mir selber unbegreiflich, schon seit lange wälze ich alle +meine Gedanken umher, dieses Räthsel zu verstehen, +alle meine Freunde und Sklaven lasse ich in Gedanken vorübergehn, +aber auf kein einziges Gesicht steht der Name +Verräther. — Der Himmel selber wirft sich mir entgegen +und drängt den Strom gegen seine Quelle zurück. — Dann +erzählte er ihm die Entstehung der Verschwörung +gegen Ali's Leben und nannte ihm alle Ursachen, die +sie veranlaßt hatten. — Ich wollte das Land glücklich +machen, so schloß er, aber der Ewige will, daß sein +Elend noch ferner dauere, er zürnt auf mich, daß ich +seinen weisen Rathschlüssen habe vorgreifen wollen und +an seine Stelle treten. Der Sterbliche muß nur der +Hand folgen die ihn leitet, nicht aber mit Vorwitz den +geheimen Plan der Gottheit zu übersehen glauben, sein +Frevel bestraft sich selbst. — Der Tyrann herrscht und +ich beseufze hier verlassen mein Unglück, ohne Rath und +Hülfe, ohne Freund, — o wenn nur <span class="wide">Omar</span> zurückkäme, +auf ihm und seiner Weisheit ruht itzt meine letzte +Hoffnung: aber wenn er auch zurückkömmt, kann er +das, was geschehen ist, ungeschehen machen? Er kann +nichts als trösten, und Trost ohne Hülfe ist kein Trost +für mich, — meinen Freunden wird endlich kein Dienst +übrig bleiben, als mich in mein Grab zu legen.</p> + +<p>Es war im Zimmer dunkel geworden und Selim +fühlte einige Thränen heiß über seine Wangen fließen, +er schämte sich seiner Schwäche und nur die Finsterniß, +die die Zähren seinem Sohne verbarg, tröstete ihn etwas +über seine Unmännlichkeit. Abdallah ergriff die Hand +seines Vaters und drückte sie ohne zu sprechen an seine +brennenden Lippen, Selim umarmte ihn schweigend +und eine wehmüthige Stille war um ihren Schmerz +ausgegossen. — Durch die Fenster dämmerte ein irrer +Schein der Sterne und eine Fledermaus schlug mit +rauschendem Flügel an die äußern Wände. Selim +sahe mit starren Augen nach dem matten Sterngeflimmer, +das sich durch die grünen Gebüsche brach, vom +Wege und seiner Wunde müde schloß sich endlich das +gespannte Auge und er versank in einen sanften Schlummer. +Abdallah stand in tiefen Gedanken neben seinem +Vater und schien auf das Athemholen Selims zu +horchen.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Sechstes Kapitel.</h3> + +<p>Alles um Abdallah her war still wie das Grab, die +Quelle in der Nähe plätscherte immer leiser und leiser, +das Rauschen der Bäume verhallte immer dumpfer und +Selims Athem röchelte schwach, wie der Athem eines +Sterbenden. Abdallah stand an die Wand gelehnt und +sahe in einer kalten Seelenträgheit dem wunderbaren +Spiele seiner Gedanken zu. Sein Vater hatte den +Namen Omar genannt und mit diesem Namen waren +die Schreckenserinnerungen reissend wie ein Waldstrom +in seine Seele zurückgekommen; schon hatte er alles +vergessen, aber dieser Ton brachte ihm mit Wucher zurück, +was er so gern nicht angenommen hätte, was er +so gern auf ewig von sich zurückgewiesen hätte. — Omar! +sprach er leise zu sich selbst — Omar! wiederholte +er mit zitternder Stimme. Sein Geist wandte +sich scheu vor dem Gedanken zurück, der sich unüberwindlich +zu ihm hinaufkämpfte. — Omar hatte die +kindliche Liebe schon verloren, mit der er ihn ehedem geliebt +hatte, seit jener Nacht, die ihn zum Vertrauten +seiner übermenschlichen Gewalt gemacht hatte, hatte sich +seine Liebe mit Furcht und einem fremden Gefühl, +einer Art von Anbetung vermischt: aber er war immer +noch der Freund Omars geblieben, seine Liebe hatte sich +gleichsam nur ein anderes Gewand gewählt, ohne ihr +Wesen zu verändern, — aber zu <span class="wide">der</span> Empfindung, die +itzt seine Seele durchschnitt, hatte bis dahin auch kein +Keim, keine Ahndung in seiner Brust gelegen: es war +nicht Mißtrauen, nicht Haß, nicht Abscheu, nicht Entsetzen; +ein schwarzes Gewebe aus allen diesen Gefühlen +gewirkt. Ein Todtengewölbe hatte sich ihm aufgethan, +in welchem grinsende Gerippe, Moder und scheußliche +Verwesung in tausend gräßlichen Vermischungen vor +ihm lagen, das ganze Heer des Entsetzens zog mit +schadenfrohem Lächeln an ihm vorüber und wie in +Nebel gehüllt tobten neue Furchtbarkeiten aus der nächtlichen +Ferne auf ihn zu, er sahe einen unendlichen +engen Felsenweg vor sich, durch den er sich hindurch +drängen sollte, um sich dann in einen Abgrund zu zerschmettern.</p> + +<p>Omar! sagte er leise, wie fremd klingt mir itzt dieser +Name, der einst meinem Vater zugehörte? der die +Loosung zur Freude und zur Liebe war! — Itzt ist es +der Name eines Ungeheuers, das seine Tigerklauen nach +mir auswirft. — Oder war alles, alles nur ein Traum? +Es kann nicht Wahrheit sein, unmöglich! Wie könnte +so die Zeit ihr Gewand umkehren? Wie könnte so plötzlich +der Zorn aus demselben Auge sehen, in dem so eben +noch die Freundlichkeit thronte? — Wenn Omar statt +mir die Hand zu reichen, mir einen schuppigen Drachenhals +entgegenreckt, — wer soll mich dann aus der +Grube ziehen, in der ich an den feuchten Wänden, ein +verlorner Wurm, umhertappe? Was ist Wahrheit, wenn +der Ort, wo meine Seele sonst am liebsten verweilte, +sich so plötzlich in einen Kerker umwandeln kann? — Ich +schwindle vor den tausend Gestalten zurück, die +aus einem wüsten dunkeln Abgrund so drohend ihr +Haupt emporheben und mir still und schweigend wie +unversöhnliche ewige Strafen zunicken! — Nein, so +fürchterlich sieht die Wirklichkeit nicht aus, nur Träume +verweben sich in solchen verworrenen Wolkengebilden. +Wo war mein guter Engel, als diese Phantasieen in +meiner Seele aufstiegen und auch den letzten Strahl +verschlangen, der noch kärglich in ihre dunkle Tiefe hinunterleuchtete? +— Wer würde dann noch zaudern und +sich bedenken, aus diesem Leben herauszugehn, wenn es +ihn mit so entsetzlichen Speisen fütterte? — Nein, +nein, o Verzweiflung wäre für ein solches Unglück zu +wenig, es kann nicht Wahrheit, es <span class="wide">soll</span> ein Traum gewesen +sein! —</p> + +<p>Er schwieg, eine dunkle Stille säuselte um ihn her, +in der finstern Nacht und der leeren Einsamkeit sahe +er nichts als seine Gedanken schwimmen, ein Wiederhall +seiner Seele wiederholte unzähligemal den Namen +<span class="wide">Omar.</span></p> + +<p>Und doch ist es Wahrheit, fuhr er leise fort. — Ich +erinnere mich der Stelle, wo ich jene schrecklichen +Worte las, o ich weiß es zu gut, wann und wie es +war, mein boshaftes Gedächtniß wiederholt mir mit +hämischer Freude die gestrige glückselige Nacht und stellt +mir noch einmal den alten <span class="wide">Nadir</span> hin, der mir die +Blätter reicht. — Nein, es ist kein Traum, wenn +unser ganzes Leben nicht ein einziger schwarzer Traum +ist und wir selbst ein bestandloses Traumbild, ein Dunst, +der durch die Leere seegelt und den ein nichtiger Schein +anfliegt, bis ihn ein Wind verweht. — Blas't mich +Wirbelwinde gegen Felsen, das mein Wesen in tausend +Luftblasen zerspringe und sich niemals wieder zusammen +finde! — Wo Grausen und Unglück wohnen, wo der +letzte leuchtende Funke knisternd aus der Asche springt, +wo eine ewige Einsamkeit auf tausend Verderben brütet, +— o da, da finde ich mich jederzeit wieder, dort +ist die Heimath meiner Seele, dahin kehrt nach allen +seinen Streifereien mein müder Geist zurück, dies ist +das Ziel, wo ich endlich ruhen soll, nach welchem mein +schwarzer Engel mich hohnlachend peitscht; alles weicht +aus meiner Bahn zurück, nur meine Verächtlichkeit bleibt +mir übrig und die Hölle, die hinter mir ras't.</p> + +<p>Omar ist mir auf ewig verloren; es ist ausgesprochen, +das unbarmherzige Urtheil, das fürchterliche Geheimniß +ist wie ein Todtengerippe aus seinen verhüllenden Gewändern +herausgeschritten, — zurück, zurück von meinem +Halse, Scheusal! — Es klopfte ja ein Menschenherz +in dir, als ich dich verhüllten Fremdling an meine +Brust drückte, wo hast du Betrüger dein Herz gelassen? —</p> + +<p>Habe ich jene grausenvollen Blätter bis zu Ende +gelesen und ihre ganze Gräßlichkeit in meinen Busen +gesogen? — Nein, nein, — ein freudiger Funke glimmt +in der Nacht wieder auf, die Auflösung des Räthsels +ist noch übrig, — ja, du wirst mir wieder geschenkt +werden, mein Omar! Ja, der Ort kann itzt noch keine +Wildniß sein, auf welchem so eben noch dieser freudenreiche +Tempel stand. — Ja, Omar hat sich von Mondals +fürchterlichem Bunde losgerissen und in die Arme +der Menschheit zurückgeworfen, ja, er liebt, er liebt mich, +er ist wieder ein Mensch geworden, die übrigen Blätter +werden, müssen es enthüllen. —</p> + +<p>Er faßte den Entschluß in die Stadt zurück zu gehn +und jene Blätter wieder aufzusuchen, die sein Schicksal +enthielten, er bückte sich leise auf seinen Vater herab +und hörte, ob er noch schlummere, dann verließ er +schnell das Zimmer. —</p> + +<p>Er drängte sich durch die Labyrinthe der Gebüsche +und tappte in der wüsten Nacht mit den Händen umher, +um den verborgenen Pfad zu entdecken. — Rauschend +jagten sich Wolken durch die hohen Baumwipfel, +die Sterne weinten kalten Thau herab, Sturmwinde +spielten heulend im dichten Walde. — Abdallah stürzte +oft gegen Bäume und fuhr durch rasselnde Gesträuche, +flimmernde Lichter führten ihn oft trügend tiefer in den +Wald hinein, wo ihm die Nacht noch dumpfer entgegenkam; +endlich trat er auf die Heerstraße. —</p> + +<p>Er ging durch das Thor und durch die stillen +Straßen der Stadt, auf der Brücke hatten zwei Fischer +ihre Netze ausgeworfen und unterredeten sich leise. — Abdallah +stellte sich an das Ufer und dachte mit wehmüthiger +Verzweiflung an den Abend zurück, an welchem +der Untergang der Sonne sich so schön in dem +Flusse spiegelte, als auf allen Wogen kleine Nachen +schwammen, die für ihn mit Seligkeiten landeten, als +jede Welle den Namen Zulma und Abdallah lispelte +und mit dem Abendwinde stritt, wer »Zulma« am +süßesten säuselte, er dachte an die Himmelsnacht zurück, +als sich ihm das Paradies mit allen seinen unendlichen +Wonnen aufgethan hatte, — er sahe nach der Gartenmauer, — aber +eine neidische Finsterniß warf sich vor +sie, die Wogen schauerten in verschlungenen Ringen im +kalten Winde der Nacht und wankten in einer düstern +Dämmerung, ein Stern blickte zuweilen wehmüthig hinter +den schwarzen Wolken hervor und warf traurig +einen flüchtigen Blick auf die dunkle Fluth. — Er stand +in tiefen Gedanken und maß sein Elend an der Größe +seines vorigen Glücks. Das Gespräch der Fischer flüsterte +leise in das Rieseln der Wellen.</p> + +<p>Wie ich dir sagte, <span class="wide">Sadi,</span> sprach der eine, auch +keine Mauer von seinem Pallaste will der Sultan stehen +lassen, er hat den unglücklichen Selim mit den gräßlichsten +Flüchen verflucht. Sein Zorn ist noch nie so +fürchterlich gewesen, Niemand wagt es sich ihm zu +nähern.</p> + +<p>Aber man sagt, fing der andre an, Selim habe +dem Sultan nach dem Leben getrachtet; wenn das ist, +so verdient er auch die Strafe, da er seine Hand an +den Gesalbten des Herrn hat legen wollen.</p> + +<p>Aber Sadi, antwortete der erste, Selim war von +jeher ein wackerer Mann, er hat mich vom Hungertod +gerettet, er muß gewiß Ursachen gehabt haben, so zu +handeln, denn er ist ein edler Mann.</p> + +<p>Aber den Sultan, fing Sadi von neuem an, hat +Gott über uns gesetzt und ihn verletzen heißt Gott +verletzen und darum hat er den Zorn und die Strafe +Ali's verdient.</p> + +<p>Sie stritten noch länger und zogen dann ihre Netze +aus dem Flusse, sie hatten nichts gefangen und gingen +verdrießlich nach Hause. Abdallah hatte ihrem Gespräche +traurig zugehört und näherte sich dem Pallast +seines Vaters.</p> + +<p>Kein Licht brannte im Hause, alles war still wie +ein großes Todtengewölbe. Er schlich sich durch das +Thor und trat in den Hof, wo seine einsamen Tritte +die Wände hinabschallten, er stieß mit dem Fuß an +die Körper der Erschlagenen, die man mit Verachtung +hatte liegen lassen und aus einem Winkel des Hofes +seufzte ein Halbgestorbener und röchelte fürchterlich. +Abdallah schritt bebend über sie hinweg und trat in die +Gemächer des Pallastes. Alles war einsam und verödet, +so still, als hätten niemals Menschen zwischen +diesen Mauern gewohnt, — itzt kam er in sein Zimmer. — Mit +zitternden Händen suchte er auf den +Tischen und am Boden umher und fand die fürchterlichen +Blätter nirgends. — Wie? — rief er aus, — sollte +ich unter ewigen Zweifeln umhergeworfen werden +und auch nicht einmal meinem Elende in's Angesicht +sehen können? Sollte das schadenfrohe Schicksal mir +auch selbst diese fürchterliche Freude der Gewißheit +rauben wollen, damit meine Verdammniß in unaufhörlicher +Angst bestehe?</p> + +<p>Ängstlicher durchsuchte er das Zimmer noch einmal: — es +gilt deine Liebe, Omar! ob ich mich mit +dir aussöhne, oder nicht, hängt von diesem Augenblicke +ab, — jetzt weiß ich nur genug, um unaufhörliche +Quaalen zu dulden und nicht zur Verzweiflung reif zu +sein. — Er suchte lange und unermüdet, endlich sprang +er wüthend auf und wollte gehen, sein Fuß stieß an +eine Rolle, die sich rasselnd auf dem Boden wälzte, er +streckte seine Hand darnach aus, — es waren die erwünschten +fürchterlichen Palmblätter, die ein Schreck +ihm heut am Morgen aus der Hand geschlagen hatte. —</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Siebentes Kapitel.</h3> + +<p>Die Hände Abdallah's zitterten, als er die Blätter ergriff +und mit ihnen durch die Gemächer zurückeilte, +alles, was er in ihnen gelesen hatte, trat wieder vor +seine Seele, er drückte krampfhaft die Faust zusammen +und eilte durch die Zimmer. Als wenn Drachen mit +klingenden Flügeln hinter ihm herjagten, so entflohe er +über den Hof des Hauses und durch die Stadt, nur +vor dem Pallast des Sultans stand er still. — Nur +ein einziges Licht wandelte noch hinter den Vorhängen +umher und seine Einbildung schuf Zulma's Gestalt in +dem Zimmer hinzu, er sahe sie unruhig auf und niedergehn, +er hörte seinen Namen nennen und starrte lange +mit unverwandtem Auge zum Pallast hinauf. — Das +einzige lebendige Licht in der großen todten Steinmasse +des Pallastes, die Erinnerung Zulma's neben seiner +Verzweiflung ließ einen wunderbaren Schein in die +tiefen Schachten seiner Seele fallen, so wunderbar +wie eine verirrte Blume, die zu früh in einem schönen +Wintertage aufbricht. Das Liebliche und die Gräßlichkeit +sahen sich an und wollten sich die Hand reichen, +aber Abdallah trat zwischen beide und ging mit dem +Schauder, ein dichter Nebel verfinsterte Zulma's Sonne +in seiner Seele, sie ging in ihm auf, aber nur hinter +einen Wolkenvorhang, es war die wehmüthige Erinnerung +einer Freude, auf die er nicht mehr zu rechnen +wagte.</p> + +<p>Er ging langsam weiter und eine Gestalt kam ihm +durch die schwarze Nacht entgegen, es war <span class="wide">Raschid,</span> +sein Freund. Raschid kehrte mit ihm zurück und ging +lange schweigend neben ihm hin, aber Abdallah bemerkte +ihn kaum, in die Verworrenheit seiner Träume +verloren.</p> + +<p>Nun bin ich ganz unglücklich, begann Raschid, nun +ist mir alles genommen, ich sehe keinen Ausweg, als +die Verzweiflung. Alles, auch der letzte fernste Abendschein +meiner Hoffnungen ist mir auf ewig untergegangen. — Ich +bin aus Ali's Pallast entflohen und habe +mich vor seiner Wuth gerettet, denn er hat mir den +Tod geschworen, — er glaubt, daß durch meine Hülfe +dein Vater seiner Rache entronnen sei, denn er weiß, +daß ich dein Freund war. — Ist dein Vater gesichert?</p> + +<p>Mein Vater? fuhr Abdallah auf, — ja! —</p> + +<p>Sei wachsam, Abdallah, antwortete <span class="wide">Raschid</span>, Ali +wüthet, wie er noch nie gewüthet hat; er hat es beim +Grabe des Propheten geschworen, deinen Vater lebend +oder todt zu bekommen, er ras't im Pallast umher, wie +ein Tiger, dem seine Beute entrissen ist, jeder entflieht +seiner zertrümmernden Wuth. Dein Vater hat gewagt, +was noch Niemand wagte, diese blutige Verschwörung, +dieses Unternehmen, von dem er glaubte, es sei für +einen Menschen zu kühn, hat seine Rache so heißhungrig +gemacht, daß nur sie durch Selims Tod wird gesättigt +werden können. — Dein Haus wird zerstört werden +und ein Fluch des Himmels darüber ausgesprochen. +Schütze Selim, denn sein Schicksal würde fürchterlich +sein, wenn sein Aufenthalt dem Sultan verrathen würde.</p> + +<p>Raschid ging und Abdallah verließ die Stadt und +eilte nach der einsamen Hütte zurück. — Der bleiche +Morgen schimmerte schon durch die Wipfel der Bäume +und jagte ein nüchternes Licht durch die Schatten des +Waldes, als Abdallah von der dunkeln Anhöhe hinunterging +und sich im Waldgrunde der einsamen Wohnung +seines Vaters näherte. — Ich habe dich schon vermißt, +mein Sohn, rief ihm dieser entgegen, ich dachte, auch +du hättest mich verlassen, denn der Elende muß jeder +Furcht und keiner Hoffnung trauen. —</p> + +<p>Du siehst bleich und krank aus, mein Vater, sagte +Abdallah.</p> + +<p>Ich bin erquickt, antwortete Selim, dieser Schlaf +hat mir meine Kräfte zurückgegeben. — Sieh, wie das +Morgenroth sich durch den verwachsnen Wald zu meinem +Fenster drängt, um mich zu grüßen, wie der Himmel +mich mit munterm feurigem Auge aus der Ferne +ansieht, ja, ich will noch hoffen; ein Sturm hat mich +in das Meer des Elends hineingeworfen, aber ich will +nicht untersinken, auch dieses Unglück will ich noch auf +meine Schultern nehmen und mein Haupt aufrecht +halten; ja Abdallah, mögen tausend Donner um mich +schelten, ich will mich nicht furchtsam vor ihrer Stimme +in eine Höhle verkriechen, sondern ihnen mit Kühnheit +antworten. Du bist ja noch mein und dieser Stab +wird nicht unter mir zusammenbrechen, noch einen Faden +hat mir das gütige Schicksal übrig gelassen und +an diesen will ich das Gewebe meines Glückes unverdrossen +von neuem beginnen; wenn dieser reißt, dann +erst will ich die Arbeit auf ewig aus den Händen werfen.</p> + +<p>Er umarmte feurig seinen Sohn. Ja, Vater, rief +Abdallah aus, ich bin noch dein und werd' es bleiben. +Laß dich von dieser Freude noch in diese Welt zurückhalten.</p> + +<p>Die Wunde Selims war minder gefährlich als gestern, +aber er war ermattet, selbst das Sprechen ward +ihm schwer. Abdallah blieb bei seinem Vater, er brannte +vor Begierde den Inhalt der Blätter zu erfahren, aber +es war unmöglich, den Kranken, dem seine Hülfe so +unentbehrlich war, zu verlassen. — Am Abend stellte +er ein kleines Ruhebett neben das Bett seines Vaters +und zündete eine Lampe an, die er in einem benachbarten +Zimmer gefunden hatte.</p> + +<p>Schon zitterten die Sterne durch die fliehenden +Wolken, die Nacht stieg aus ihrer schwarzen Behausung +auf und breitete durch den Himmel ihren Mantel +aus, Selim schlief nach und nach ein und die kleine +Lampe warf durch das enge Zimmer eine matte Dämmerung, +Abdallah zog aus seinem Busen die Palmblätter, +sein Auge durchflog sie von neuem und alle Schreckgestalten +traten mit neuem wirklichen Leben auf ihn +zu. — Nein, sagte er zu sich selbst, Omar kann mir +nicht zurückgegeben werden, diese Warnungen hier lassen +mich das Schrecklichste fürchten, die grausamen +Blätter werden mir ihn nicht wiedergeben, — er las +weiter:</p> + +<hr class="minimal" /> + +<p>— — — — — »Endlich schien er gerührt, oder +der alten Ergötzung überdrüssig, denn welches Mitleid +sollte diese steinerne Brust bewohnen. — Ich will dich +von deiner Kette losnehmen, rief er und neigte sich wie +ein Gewitter auf mich herab, aber nur unter einer +schweren Bedingung geb' ich dich frei.«</p> + +<p>»Sprich sie aus, Gräßlicher, heult ich ihm entgegen, +o sprich, nur nimm mich wieder aus dieser Höllenpein, +sprich es schnell und ich will das Unmögliche +möglich machen!« —</p> + +<p>»Der Felsen bog sich auseinander und gab mich +frei, voll von der wonnevollsten Empfindung der Freiheit +lag ich lange ohnmächtig und ohne Bewußtsein, +endlich kam mein Geist zu mir zurück, Mondal stand +noch neben mir.«</p> + +<p>»Wandre zur Welt zurück, sagte er mit fürchterlicher +Stimme, und nur das gräßlichste, vor dem der +Sterbliche beim Anhören zurückschaudert, kann dir meine +Verzeihung erwerben. — Keine gemeine und leichte +That söhnt dich mit mir aus, wohlfeil kannst du dich +nicht loskaufen. Itzt versuche deine Kraft; nur ein +Sohn kann dich befreien, der, ohne vom Wahnsinn +umhergejagt zu werden, seinen eignen geliebten Vater +dem Tode übergiebt. Vollendest du diese Arbeit nicht, +so will ich Quaalen für dich ersinnen, die im Augenblick +dich zermalmen und mit noch gräßlichern Schmerzen +dich wieder in's Leben zurückreissen, alle meine Kunst +will ich dann aufbieten und meinen ganzen Scharfsinn +an dir in Thätigkeit setzen. Ungestraft soll ein Mensch +meiner nicht spotten dürfen. — Geh zurück und lies +dir einen Sterblichen aus, der dich löse; nach zwanzig +Jahren erwart' ich deine Rechenschaft.«</p> + +<p>Ich ging. — Für Selim, sprach ich, habe ich +gelitten, er soll meine Quaalen bezahlen. — »Und dort +Nadir,« rief Omar itzt mit lauter Stimme, — »dort +liegt mein Unterpfand!«</p> + +<p>Omar hielt ein und stand in tiefen Gedanken. +Schauder und Erstaunen hatten bis itzt meine Zunge +gelähmt, ich fühlte mich von Omar mit tausend Armen +zurückgerissen. — Dort unter jener Palme? rief ich +nach langem Stillschweigen aus. —</p> + +<p>»Ja,« antwortete Omar, »er bezahlt die große +Schuld, auf ihn bin ich von Mondal angewiesen, er +ist meine Speise, an der ich meine Rache sättige.«</p> + +<p>Ich fuhr zurück und wollte auf dich zueilen, dich +zu wecken und dir alles zu sagen. — Unglücklicher! +erwache! rief ich mit lauter Stimme, du schläfst und +siehst den Felsen nicht, der über deinem Haupte zusammenstürzen +will!</p> + +<p>»Nadir! mein Freund!« schrie Omar, — »o +hab' ich mich an der Menschheit wieder geirrt? Ich +hoffte auf dein erquickendes Mitleiden, dein Bedauern +wäre mir ein frischer Sonnenstrahl gewesen, — und +du willst deinen Omar zu unendlichen Martern zurücksenden? +Ist dir dieser Unbekannte mehr als dein +Freund?« —</p> + +<p>Fort von mir, Entsetzlicher! rief ich mit wilder +Stimme, fort mit deinen Händen! Du hast die Verdammniß +angetastet, die Hölle hängt an dir!</p> + +<p>Ich wollte auf dich zueilen, aber Omar riß mich +gewaltig zurück, wir rangen einen hartnäckigen Kampf, +wüthend stritten wir in hundert Gestalten, als Tiger, +Löwen und Elephanten, unermüdet jagten wir uns durch +viele Leben hindurch, Omar verwandelte sich endlich in +eine große glühende Feuerkugel, um mich zu zernichten, +ich warf mich ihm in eben der Gestalt entgegen und +wir fuhren donnernd gegen einander. Endlich mußte +ich der höllischen Übermacht Omars weichen, die Donner +und Sturmwinde erweckten dich aus deinem Schlafe.</p> + +<p>Ich sahe dich mit ihm zur Stadt zurückgehn, er +hielt dich fest und wachte über dich, wie ein Tiger über +seine Beute.</p> + +<p>Ich konnte diesen schrecklichen Abend nicht vergessen, +durch die Gewalt, die Achmed mir verliehen hat, schwebte +mein Geist unsichtbar um dich her, ich entdeckte die +Kunst, mit der Omar dich der schwarzen Stufe allgemach +entgegenführt, er hat dir deinen Glauben an +Gott und die Tugend genommen, die Welt ist dir verächtlich, +deine Leidenschaft kämpft gegen die Liebe deines +Vaters, das Zaubergeheimniß führt dich dem Wahnsinn +entgegen, du ringst mit hundert furchtbaren Wogen, die +dich verschlingen wollen, dein Wesen zuckt in ewigen +Todeskrämpfen; nur Zulma hält deine Sterblichkeit noch +zusammen. Liebe beglückt die Natur, nur dir ist sie +eine Quelle, in der dir Tod sprudelt, auf diesem Nachen +fährst du in den unvermeidlichen Strudel hinein, — o +Abdallah, Abdallah, rette dich! Ich habe dir die +Zukunft aufgethan, du weißt nun deine grausenvolle +Bestimmung; o ich beschwöre dich, glaube meinen Worten, +laß keine blendende Lehre dein Herz dem Ewigen +untreu machen, vergiß nicht seine heiligsten Gebote. +Wenn du, mir mißtrauend, zu deinem vorigen Freunde +zurückkehrst, o so bist du unfehlbar verloren, er führt +dich gewiß endlich auf dem verderbenvollen Wege zu +seinem gräßlichen Endzweck; ich biete dir die Hand zur +Rettung, o ergreife sie mit kühnem Muth; bin ich gleich +ein Fremdling, nicht dein bekannter Freund, so glaube +mir dennoch, denn beim Ewigen, meine Gedanken sind +lauter, mein Herz schlägt noch für die Tugend.</p> + +<p>Ja, Jüngling, es ist Tugend, o verachte den, den +sie auf ewig von sich gestoßen hat und der sie aus boshafter +Rache verläugnen will. Suche diesen Diamant +wieder, der den werthlosen Ring adelte. Wir wanken +unter Räthseln umher, aber fühltest du nicht ehedem +ein Feuer in dir, das dieser Gottheit loderte? Das Gefühl +der Tugend ward uns mit auf die Welt gegeben, +um hier unten an diesem goldenen Gewebe weiter zu +arbeiten und es einst vollendet zurück zu bringen. Dies +Gefühl das in unserm Busen glüht, ist mit der Natur des +Menschen verschmolzen und keine Vernünftelei wird es +je verbannen, nichts löscht diesen Glanz aus, der auch +wider des Bösewichts Willen niedergedrückt stets von +neuem in ihm aufleuchtet, diese Stimme schreit immer +wieder im Busen des Verbrechers, der innere Richter +schläft nie ein, sein Buch liegt immer offen und unverfälscht +da. — Dieses himmlische Gefühl ist der Fittig, +der uns einst zum Thron der Gottheit hinaufschwingen +wird; o lähme nicht diese Flugkraft, dieser Muthwille +würde dich einst an jenem Tage allmächtig niederwärts +halten. Kehre zurück und baue die wilden +Trümmern wieder auf, laß dein Menschengefühl von +keiner falschen Vernunft zu Boden ringen, der Thron +des Ewigen wird unerschüttert stehen, wenn auch tausend +Zweifel gegen ihn anschlagen, die Welt geht ewig +ihren großen Gang und kein Menschenauge, kein andres +Auge als der Blick des Schöpfers wird in das innere +Geheimniß dringen. Glaube es, Abdallah, wie du es +ehedem geglaubt hast, daß der Mensch höher stehe, als +das Thier, das unverständig über die Pracht der +Schöpfung hinweggeht, ohne in ihr den Wiederschein +der Gottheit zu sehn: in dem Busen jedes Sterblichen +liegt das hohe Gefühl, das ein Abglanz des Himmels +ist; Abdallah, laß dir nicht heimtückisch dies Kleinod +entwenden, du findest keinen Ersatz in der Sterblichkeit. +Ein großes Netz ist um dich her geworfen, zerbrich +muthig das eiserne Gewebe, ein Verbrechen ist dir zubereitet, +an dem noch kein Mensch der Verdammniß +zueilte, durch den zärtlichsten Sohn soll der Vater sterben, +Liebe und täuschende Lehren haben ihre ehernen +Haken nach dir ausgeworfen, du mußt verbluten, wenn +du dich nicht rettest, Dämonen tanzen um dich her +und schleppen dich dem Meere zu, wo du auf ewig +untersinkst.</p> + +<p>Du siehst traurig auf diese Worte hin und fühlst, +daß du Zulma's Liebe nicht verloren geben kannst, du +zweifelst, ob du dieses Unterpfand deines Glücks selbst +gegen die Tugend auswechseln solltest, du kannst nicht +zurückschreiten, ohne den Fuß über den Strom zu setzen, +der dein Glück und Unglück scheidet. — Deines Vaters +Fluch wirft sich deiner Liebe entgegen und Omar will +dich auf der Bahn des Lasters über diese Unmöglichkeit +hinwegführen, du glaubst keinen andern Pfad zu sehen, +aber vertraue dich mir und ich will dich glücklich machen. +Die Geheimnisse des Geisterreichs sind dir nicht unbekannt, +in <span class="wide">einer</span> Nacht soll sich in diesen magischen +Gefilden dein großes Glück entscheiden. Ohne deine +Menschheit zu zertrümmern, will ich dich über den Fluch +deines Vaters hinweg, in die Arme deiner Zulma führen, +diesen einen Weg, nur mir bekannt, hat dir das Verhängniß +offen gelassen, reich' deinem Freund <span class="wide">Nadir</span> +die Hand und du wirst nicht in der Irre wandeln. — O +wie leicht, voll von Seligkeiten wird dein Herz in +deinem Busen klopfen, wenn du am sonnbeglänzten +Ziele die Krone des Siegers empfängst, Zulma in deinen +Armen, dein Vater neben dir und dich selber dem +schwarzen Verderben wieder abgekämpft. Alle Schrecken, +die dir nachjagten, fliehen dann mit flatterndem Haar +zur Hölle ihrer Heimath zurück, glänzend steht die Gegenwart +wieder neben dir, die Zukunft geht dir mit Rosenkränzen +entgegen. O Jüngling, betrachte dies wonnevolle +Bild und kehre zurück. — Kannst du je selbst +in Zulma's Armen glücklich sein, wenn der schwarze +Wurm in deinem Busen ewig frißt und an deiner +Seele mit giftigem Zahne nagt? Wenn du dir selbst +unaufhörlich einen Spiegel vorhältst, aus dem dir das +todte Haupt deines Vaters von einem unerbittlichen +Ankläger entgegengestreckt wird? Wenn Verzweiflung +dir den Becher reicht und die bleiche Reue +dir auf jedem Schritte folgt? — Wenn selbst die +Thräne endlich in deinem Auge vertrocknet und du mit +banger Gewissensangst vor deinem eigenen Schatten +zurückstürzest? — Verehre den Schöpfer und seine +Welt, gieb dir selbst deine Achtung wieder; o wenn du +einst Zulma nicht mehr lieben solltest, so wirst du auch +nur in ihr den gemodelten Staub und die Hülle eines +leblosen Gerippes finden, laß den Vorhang wieder fallen, +den du vorwitzig von dem Innern der Natur hinweggezogen +hast, das Auge des Menschen kann und +darf nicht den großen Weltenschöpfer meistern; ehedem +sahst du in jeder Fliege Schönheit, itzt steht in jedem +Leben ein unbekanntes Ungeheuer vor dir, dein einseitiger +Blick muß ewig irren. Du verachtest die Welt, weil +sie sich nicht in deine Launen fügt, du klagst den Ewigen +und seine Schöpfung an, weil er dich beim großen +Gebäude nicht um Rath befragte.</p> + +<p>Wenn du dich zum Kampfe gewappnet hast, der +dir Zulma erkaufen soll, so komm in der Mitternachtsstunde +in jenes Felsenthal, in welchem sich ein Wasserfall +vom Berge gießt: du mußt mit dem Geisterreich +vertraulich werden und durch tausend Schauder unerschrocken +gehen. Wenn du auch nicht die Möglichkeit +der Auflösung begreifen kannst, so ist sie doch da, durch +Muth mußt du Zulma gewinnen; um dein Glück in +Ruhe zu genießen, um ewig von diesen schwarzen Dämonen +der Nacht unangefochten zu bleiben, mußt du +dich kühn hinein in ihre Mitte wagen, dann wirst du +auf immer ihre Furchtbarkeit von dir abschütteln. — Geh +ihnen dreist entgegen, es sind nichts als leere +Schreckgestalten, die vor dem Blick des Muthigen sich +zurück in ihre Nichtigkeit retten. — In jenem Thal' +erwart' ich dich.</p> + +<p>Den Zauberring reiß von deinem Finger, er fesselt +dich unauflöslich an Omar und dein Elend, er ist das +letzte Glied der schwarzen Kette, an der der Meineidige +dich hinter sich schleppt, wirf ihn von dir und das Band +zwischen dir und ihm ist zerrissen und du gehörst der +Menschheit wieder zu.</p> + +<p>Ich stehe hier auf dem Felsen wie ein Leuchtthurm, +der dich im Wogensturm in einen sichern Hafen winkt; +säume nicht, Abdallah, neun Nächte erwart' ich dich +hier, kömmst du nicht, so will ich für dich beten.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Achtes Kapitel.</h3> + +<p>Abdallah hatte die fürchterlichen Blätter geendigt und +sein Auge sah noch immer starr auf die letzten Worte +hin, er verlor sich in tausend wunderbaren Gedanken +und Gefühlen und eine stumpfe Betäubung hielt endlich +alle seine Sinne gefangen. — Das schwarze Buch der +Nacht mit der goldenen Schrift war durch den Himmel +aufgeschlagen, die Erde ruhte ringsum in einem +heiligen Schlummer; die Lampe im Zimmer brannte +matt und blau und zuckte sterbend um die rothe Gluth +des Dochtes, itzt hob sie sich zum letztenmale und verflog +in die Finsterniß, die rothe Kohle zersprang knisternd +und die Funken erloschen nach und nach, immer leiser +und leiser flüsterte es um Abdallah her.</p> + +<p>Nun ist es ja gelöst, sprach er endlich, das große +Räthsel. O daß die Hölle Raum in so wenigen Worten +findet! Hinweg mit dem schändlichen Namen Omar +aus meinem Gedächtniß! Hätt' ich ihn nie nennen hören! +dieser Name — o ich kann diesem Gedanken nicht +folgen, bei dem mein Verstand erlahmt — dieser Name +ist das Freudengeschrei der Hölle und doch so fest +in mein Leben verwachsen: aber ich will ihn auf ewig +ausreissen, die Vergessenheit soll ihren Fittig über ihn +schlagen und dann ist es, als wär' es nie gewesen. +Eine neue Hoffnung tritt auf mich zu, Zulma und doch +Mensch bleiben, meine Liebe und meinen Vater erhalten, — ja, +Omar, fahre wohl, ich nehme diesen Weg, +fahre wohl, wir sehn uns nie wieder. Gehe du zu deiner +kalten Verdammniß zurück, ich gehe in die Wohnung +der Seeligen und finde dort alle jene Schätze +wieder, die einst mein waren. Mögen die Stunden +verflucht sein, die ich mit dir verlebte, dreimal verflucht! — Doch +still, Unbesonnener, du verfluchst dein ganzes +voriges Leben! —</p> + +<p>Er zog den Ring vom Finger und wollte ihn eben +durch das Fenster in ein Gebüsche werfen, aber plötzlich +hielt er ein, — ein Gedanke überraschte ihn. —</p> + +<p>Was willst du thun? fuhr er fort, — auch das +letzte Bret fahren lassen, das dir der Schiffbruch übrig +gelassen hat? — Hat Omar mich nicht selbst vor den +Verläumdungen der Lästerer gewarnt? Wodurch hat es +dieser Fremdling verdient, daß ich seinem Märchen +und seiner ungeprüften Redlichkeit mehr glaube, als +meinem längst erprobten Freunde? Ihn will ich zurückstoßen +und mich einem ungewissen Schicksal in die Arme +werfen? Wie kann ich wissen, in welchem dunkeln Winkel +ein neues, noch größeres Elend für mich gesponnen +wird, und diese Erfindung ist vielleicht zum Eingang in +das Jammerthal bestimmt. Und wie kann dieser Nadir +die Unmöglichkeit unter sich niederkämpfen? Wie meines +Vaters Gebot mit meiner Liebe vereinigen? Auf +welchem Wege sollen sich diese Widersprüche begegnen? — Es +kann nicht Wahrheit sein, es ist ein Betrug, +ein Fremdling will auf dem Thron sitzen, den mein +Omar bis itzt eingenommen hat. — Aber wenn es +Wahrheit wäre? O welcher Schmerz, welche Wuth erschöpften +dann mein Elend? Was könnte mir dann +meine Seligkeit bezahlen, die ich wie ein muthwilliger +Knabe verspielt hätte? — Ich will hinaus und das +Unternehmen wagen, für Zulma ist jede Gefahr nur +ein Spiel! Und dieser Ring hier sei mein Anker, den +ich an das Land werfe, wenn Wogen mich zu verschlingen +drohen.</p> + +<p>Mit diesem Entschlusse ging er leise aus dem Zimmer +und suchte durch den Wald den Weg nach jenem +furchtbaren Felsenthal. Wild lag die Nacht über der +Natur ausgebreitet und tausend schreckliche Phantome +ruhten auf ihrem schwarzen Mantel, Irrlichter schweiften +durch den Wald und rothe Strahlen kräuselten sich +um die Krone der schlanken Fichten, Ungewitter zogen +am Horizont mit fürchterlichem Schweigen auf; aber +Abdallah drängte sich durch die Nacht und ihre Furchtbarkeiten +hindurch, er fand endlich die Heerstraße und +das enge Thal.</p> + +<p>Willkommen! Willkommen! rief ihm eine Stimme +freudig entgegen, o glücklich, daß du meiner Einladung +gefolgt bist. Nadir stieg schnell von einem Felsen herab +und eilte ihm entgegen. — Wenn ich dich retten kann, +Abdallah, so bin ich glücklich, dein Geist ist edel, dein +Herz sanft und so tief zum schändlichsten Verbrechen +solltest du herabsinken? In dir fließen tausend Quellen +der Seligkeit und alle sollten dir mit Quaalen entgegenrauschen?</p> + +<p>Abdallah reichte ihm zagend die Hand. — Ich will +mich dir vertrauen, rief er aus, ich will dir glauben, +so gern ich dir nicht glauben möchte. — Zeige mir +den Weg zu meinem Glücke!</p> + +<p>Du wirst durch eine Menge von Schreckgestalten gehen, +sagte Nadir, aber laß dich von keiner auf deinem Wege +zurückhalten, es sind nur leere Gebilde, die wie ein Rauch +um dich wehen und sich wieder in Nichts verwandeln; +wenn du durch alle Schrecken hindurchgezogen bist, so +bist du nur von einem schweren Traum erwacht. Um +nie wieder vom Geisterreich und seinen Phantomen im +Glücke beunruhigt zu werden, mußt du durch das ganze +magische Gefilde wandeln; laß dich von keiner Furcht +überraschen, denke unaufhörlich daran, daß es dein Glück +oder Elend entscheidet, wenn du zitterst, oder sie muthig +verachtest. —</p> + +<p>O laß mich durch das Reich der Nacht hindurchdringen, +laß mich mein Glück erjagen und mich tausend +grauenvolle Bilder verfolgen, Zulma sei mein +Kriegsgeschrei, ich will ihr Bildniß in meiner Fahne +tragen und mich kühn durch alle Schrecken kämpfen. —</p> + +<p>Nadir ergriff seine Hand und sprach einige Worte. — Plötzlich +sank unter ihren Fußen die Erde ein und +sie standen in einem weiten unabsehlichen Felsengewölbe. +Eine matte Dämmerung goß sich durch das Steingemach +aus, an tausend hervorragenden Spitzen zuckte ein +bleicher Schimmer und fluthete in grünen Strahlengeweben +durcheinander, ein betäubender Duft wälzte +sich in leichten Wolken empor und schimmerte wie ein +Nebel, oben lag eine schwarze Finsterniß, eine Mauer, +durch die kein scheuer Strahl des Sternenlichtes zitterte. +Ein leises Brausen rauschte wie ein Gespenst +in der Ferne dahin und aus den Steinen sprangen +Strahlen und verflogen wie sinkende Sterne.</p> + +<p>Vergiß meine Worte nicht, sagte Nadir noch einmal, +laß dich nicht täuschen, sondern gehe kühn durch +jene Gestalten, die sich dir mit allen Schaudern entgegenwerfen +werden. So ungestalt und wunderbar, in +so seltsamen Schreckgebilden sich auch die Nichtigkeit +verkleiden mag, so vergiß nie, daß es nur Dünste sind +und keine Wirklichkeit, daß alles ohne Gewalt um dich +herum spielt und nicht an dich hinandringen kann, ein +eherner Schild ist vor deiner Brust gehalten, laß die +Wesen daran vorüberrauschen, so lange dein Muth dich +aufrecht hält, können sie dir nicht schaden. —</p> + +<p>Und wann, fragte Abdallah, wann ist mein Glück +entschieden? —</p> + +<p>Noch in dieser Nacht antwortete der Greis, lös't +sich alles auf; gewinnst du das Kleinod, so ist es dein +vor dem Aufgang der Sonne, so kömmt dir dein Vater +und Zulma mit der Morgenröthe entgegen und bringt +dir deine verlorne Ruhe wieder. —</p> + +<p>Aber nur eine Ahndung, sagte Abdallah dringend, +nur ein Wink meinem Geiste, wie dieses schwere Räthsel +aufzulösen möglich sei. —</p> + +<p>Ich darf nicht sprechen, antwortete Nadir mit ernstem +Blick, denn sähest du in der Tiefe der Ungewißheit +den Nachen der Zukunft schwimmen, dränge dein +Blick bis auf den Boden des Abgrunds, in den du +hinuntersteigen sollst, o so wäre dein Unternehmen kein +Kampf, vor dem man zurückzagen könnte, das Verdienst +des Wagens ginge unter und Abdallah wäre ein falscher +Spieler, der dem Schicksal mit Betrug sein großes +Glück abgewönne.</p> + +<p>Er schwieg und ließ dann unwillig die Hand Abdallahs +fahren. — Aber du traust mir nicht, setzte er +mit Verdrossenheit hinzu, das sagt mir dieser Ring. — O +möge dich dies Mißtrauen nie gereuen! — Itzt lebe +wohl. —</p> + +<p>Er ging zurück und verschwand plötzlich in die Felsenwände.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Neuntes Kapitel.</h3> + +<p>Abdallah sahe ihm lange nach, er war ungewiß, ob er +noch itzt den Ring vom Finger reissen solle, oder nicht, +er versuchte es, aber der Zauberring klemmte sich fest +und gab dem Drucke nicht nach. Abdallah ging mit +langsamen Schritten vorwärts.</p> + +<p>Das Gewölbe schloß sich immer dichter hinter ihm +zu, als wenn es ihm den Rückweg zur Welt versperren +wollte, gewaltsam hielt ihn die Unterwelt in ihren Armen, +lebendig eingegraben war ihm zum Tage durch +tausend Klippen die Rückkehr verriegelt, vor ihm eine +schwarze, undurchdringliche Nacht, unter bangen Räthseln +und Erwartungen gefangen, war er oft im Begriff, +sich umzuwenden und den Rückweg durch die +Klippenlabyrinthe zu suchen. Aber dann dachte er wieder +an jene unterirdischen Gewölbe, zu denen ihn Omar +hinabgesandt hatte, er sahe den Leichnam seines Vaters +vor sich liegen und ging weiter, indem er laut den +Namen Zulma rief und sich durch die dicke Finsterniß +drängte.</p> + +<p>Der bleiche Schimmer glitt nach und nach von den +Wänden herab und die Dunkelheit wuchs immer dichter +zusammen, endlich versank der letzte Strahl und eine +schwarze dichtere Nacht fuhr wie in tausend Wolken +nieder. — Die Felsenmauern endigten sich und er trat +in ein großes unendliches Gefilde, über das ein dürrer +Wind hinwehte. — Er athmete bange empor, drückend +lag die Finsterniß auf ihm gewälzt, er ging wie ein +Schatten durch die schwarze Nacht dahin, wie ein Gespenst, +das auf dem öden Schlachtfelde in stiller Nacht +seinen Leichnam sucht, er wagte es kaum, Athem zu +holen und den Fuß hörbar aufzusetzen, eine Stille, so +einsam und todt lag um ihn her, daß er den Wurm +vernahm, der durch das erstorbene Gras mit knisterndem +Fuße ging. Bei jedem Schritt verschlang ihn eine +dickere Dunkelheit, bei jedem Fußtritt glaubte er in ein +neues Grab zu treten, das über seinem Kopf zusammenschlug; +wohin er auch das bange Auge warf, stand +die kalte Nacht dicht vor ihm, kein Strahl zuckte mitleidig +durch das schwarze Gewölbe, kein Funke erglühte +und warf sich durch das Dunkel, selbst kein Laut trat +freundschaftlich seinem Ohre nahe, ihn zu trösten. —</p> + +<p>In dumpfer Betäubung wandelte er durch die dunkle +ausgestorbne Leere, als er plötzlich an der fernsten Gränze +der Finsterniß ein blaues Licht entdeckte, das wie eine +kleine Sonne grüne Strahlen um sich warf, in hundert +Krümmungen zuckte und in wechselnden Farben spielte. +Die Nacht sog begierig den Schein in sich und zitterte +dämmernd und ungewiß um die ferne Helle. — Abdallah +ging mit erneutem Muthe dem Lichte näher, +das ihn mit tausend hellen Fingern zu sich winkte. — Schon +sah er deutlicher den Weg unter sich, schon zog +die Dämmerung immer schneller von seinen Augen hinweg, — als +er vor einem Pallaste stand, aus welchem +ihm das Licht entgegen glänzte. Ein breiter Fluß +rauschte dem Schlosse vorüber und eine Brücke führte +zum Eingang des Pallastes. — Der Strom floß still +und schwermüthig hin, seine Wellen murmelten leise +wie das Schluchzen eines Weinenden, das hohle Ufer +klagte ihnen in wimmernden Tönen nach.</p> + +<p>Abdallah betrat die Brücke, lehnte sich gedankenvoll +auf das Geländer, und betrachtete den Funken, der +vom Pallaste her sich in trüben Streifen in den Wogen +spiegelte, hundert Wellen flossen unter ihm hinweg +und wollten den tröstenden Schein mit sich hinwegwälzen, +aber hartnäckig sprang er wieder von dem Rücken +der Woge herunter und sie floß weinend und klagend +weiter. —</p> + +<p>Er verließ die Brücke und sie zog sich hinter ihm +auf; Abdallah fuhr zusammen. — Jedes Grausen stieß +ihn vor sich her, übergab ihn dem benachbarten Schauder +und sprang dann von ihm zurück, wie ein Felsenstück, +das ein Wasserfall von der höchsten Spitze des +Berges reißt; eine Klippe wirft es spielend der andern +zu, ein Abgrund dem andern, <span class="wide">zurück</span> führt es kein +Sturm und kein Wassersturz, die Klippen beugen sich +nicht herab, um es wieder aufwärts zu tragen. —</p> + +<p>Itzt stand er vor dem Eingang des Pallastes; über +der Thür waren diese Worte geschrieben:</p> + +<blockquote> +<p class="noindent">»Wanderer, der du über den Thränenstrom +gegangen bist, sieh hinter dir, der Rückweg ist +unmöglich, nur durch diesen Pallast geht der Pfad +der Rettung. — Fühlst du aber keinen Muth +in deinem Busen, so wirf dich in den Strom, denn +Schrecken lauern auf dich hinter der Thür.« +</p> +</blockquote> + +<p>Abdallah trat in das große Thor und sein Fußtritt +hallte laut in den hohen Gewölben, wunderbare Töne +kamen ihm entgegen, flogen über ihn hinweg und streiften +die Mauer, die Gebäude schienen den Fremdling +staunend anzublicken, ein ungewisses Gewirre von gebrochenen +Lauten wimmelte um ihn her. — Er ging +über den gepflasterten Hof, jeder Schritt hallte dreifach +an den unermeßlichen Wänden, auf denen sich die Nacht +zu stemmen schien. Er ging durch eine Thür und trat +in ein dunkles stilles Zimmer, er ging durch das Gemach +hindurch, um eine andre Thür zu öffnen, die ihn auch +in ein leeres unerleuchtetes Gemach führte, das Grausen +schien diesen Pallast zu bewohnen, alles rundumher war +still wie ein Grab. — Er eilte mit leisen Schritten und +verhaltnem Athem durch viele Gemächer, und alle fand +er leer, endlich eröffnete er eine Thür und ein schwacher +Schimmer brach ihm entgegen.</p> + +<p>Eine Lampe hing in der Mitte des Zimmers, die +es erleuchtete wie der Mond durch schwarze Wolken das +Gefilde, alles war still und feierlich umher, ein betäubender +Dunst umgab ihn, und auf einem Ruhebette lag +ein Greis und schlief, sein silberweißer Bart fiel ehrwürdig +auf seine Brust herab, seine Füße ruhten auf +einem kostbaren Teppich. Er glich dem Propheten Gottes +an Majestät, Engel wären vor ihm niedergekniet. —</p> + +<p>Abdallah stand in einer ehrerbietigen Entfernung und +betrachtete den schlummernden Greis; der Schlaf schien +sich mit Wohlgefallen über ihn zu neigen und ein Traum +ihm den Himmel aufzuschließen, er lächelte im Schlaf, +und Abdallah fühlte, daß sich Thränen heiliger Ehrfurcht +und Anbetung in seine Augen drängten.</p> + +<p>Endlich trat er näher, und eine leise Musik schwebte +wie ein Abendnebel vom Boden empor und wiegte sich +zitternd durch die Dämmrung, wie ein Duft stieg sie +auf, und verhallte im leisen Nachklang an dem Gewölbe +und quoll von neuem in süßeren Melodieen auf; Wohllaut +ergoß sich auf Wohllaut, wo kleine Wellen sich im +Mondschein übereinanderjagen, von wankenden Blumen +angerührt; jeder Ton schwamm so süß hinüber, wie der +letzte sterbende Klang der Flöte, jeder Ton schien den +Wonnegesang zu schließen, und immer neue Accente +gossen sich aus, wie ein stiller Quell, der sich unaufhörlich +aus der Wiese hervordrängt. Heilige Wollustschauer +zitterten durch Abdallahs Brust, seine Seele verlor +sich in den entzückenden Melodieen.</p> + +<p>Wie eine Wasserblase langsam aus dem Meere aufsteht, +und sich immer größer und größer ausdehnt, bis +sie endlich zerspringt, so hob sich itzt der Greis von +seinem Ruhebette langsam und nach dem Fluß des +Gesanges auf, er stand, dehnte sich und sank von neuem +zurück und erhob sich von neuem, seine weit ausgestreckten +Arme schienen sich von dem gewundenen Körper loszureissen, +seine Züge und seine Gestalt waren nicht körperlich, +er glich einem leicht gewundnen Nebel, — endlich +öffnete er die Augen, es war, wie wenn der erste +Strahl des Morgens durch den nächtlichen Rauch bricht.</p> + +<p>Wer schlägt den heiligen Talisman an, sprach er +leise und langsam, und erweckt mich vom Schlummer? +Die Melodie zerreißt das goldene Netz, das ein schöner +Schlaf um mich her geflochten hat, mein Geist kömmt +über den Fluß zurück, der die Erde und den Himmel +scheidet. Wer ist es, der die große Glocke anzieht, die +mich zu erscheinen zwingt?</p> + +<p>Abdallah schwieg. — Ha! bist du es Jüngling, +fuhr der Greis freundlich fort, auf den ich hier schon +so lange harrte? Glücklich, daß du mich gefunden hast. — Ich +will deinem Blicke das Reich der Weisheit aufschließen, +du sollst in die Tiefen der Erkenntniß dringen, +ich will dir eine Leuchte geben, und du sollst in die +finstern Schachten steigen, um Gold von schlechtem Erze +zu sondern. Auf dem Pfad des Lebens will ich dich +begleiten und in den Sonnentempel der Tugend führen, +dich dem Glanzthrone der Gottheit näher bringen, du +sollst den Blick in die flammenden Meere wagen und +sehen, was nur der Cherub sieht.</p> + +<p>Plötzlich fuhr er mit der Hand nach der Brust, ein +innerer Krampf schien ihn heftig zu erschüttern, wie +Meereswogen sank und stieg sein Busen ungestüm, eine +wilde Wuth schien in seinem Innern zu ringen und +gewaltig seine Seele gegen die Mauern seines Körpers +zu schleudern.</p> + +<p>Tugend? rief er geängstigt, — o wo geht der Strahl +auf, nach welchem die Menschheit so ungestüm sich +drängt? — Wo ist der Grund, auf dem der Thron +der Gottheit ruht? —</p> + +<p>Der Wahlspruch der Unendlichkeit, die Loosung aller +Wesen heißt <span class="wide">Genuß!</span> — Was kann der Staub, den +das Ohngefähr im Spiele modelte und zum Scherz in +die Wirklichkeit warf — wie kann er sich so trotzig aufrichten +und nach den Sternen als seinen Brüdern die +Hand ausstrecken? — Wie kann er vermessen den ewigen +Richter auffordern, um sich auf der untrüglichen +Waage abwägen zu lassen? — Er geht im Trotze zur +Verwesung zurück und träumt von Unsterblichkeit; ein +herrschsüchtiger Sklave, der sich von der eisernen Kette +des harten Nichtseins losgerissen hat, und verächtlich +den Tyrannen spielt, ein Wurm, der sich aus seiner +engen Höhle an das Licht verirrt hat und sich für den +Herrn der weiten Schöpfung hält. — — Ein Wesen, +das die Tugend erfand, um sich in seiner Tyrannei noch +mehr zu brüsten; sein Name ist Verächtlichkeit, er gehört +der Verwesung, die Elemente arbeiten an seiner +Zerstörung, sie senden den Stolzen zurück, woher er +gekommen ist, die Erde läßt sich unerbittlich die Schuld +wieder bezahlen, ihrer strengen Rechnung ist noch keiner +entronnen.</p> + +<p>Welcher Sohn des Staubes kann in seinem engen +Busen den Gedanken der Gottheit beherbergen? Sie +fassen ihn nicht, den Unendlichen, und streben ihm entgegen, +wie die Mücke, die der Sonne zufliegen will +und sich am Schein der Lampe verbrennt: sie glauben +und können ihn nicht begreifen, sie drängen sich einander +in undurchdringlicher Nacht, ohne zu wissen wohin, +alle Pfeile fliegen nach einem Ziele, das niemals aufgestellt +wurde. Anbetung ohne Glaube und Glaube +ohne Überzeugung.</p> + +<p>Es ist kein Gott! rief er lauter, die Ewigkeit verspricht +ihn vergebens, tausend Ewigkeiten sind verflossen, +die Welten rollen sich durch die Unendlichkeit, und sehen +ihm mit harrendem Auge entgegen, aber er kömmt nicht. +Wo steht er verborgen und spottet der Erwartung?</p> + +<p>Das Kochen seines Busens ward wüthender, er +schlug heftig an seine Brust. Sein Kopf drehte sich +gewaltsam hin und her, und seine Augen glühten und +schwangen sich herum wie Feuerräder. — Ein Grinsen +fletschte plötzlich aus seinem Munde hervor, er brüllte +und hielt dem bebenden Abdallah ein knirschendes Lächeln +in starrer Wuth entgegen. Abdallah fuhr mit einem +lauten Schrei zurück, denn in der Nebelgestalt wankte +es hin und her wie <span class="wide">Omars</span> Gesicht. —</p> + +<p>Es ist kein Gott und keine Tugend! rief er noch +einmal. Genuß ist die Tugend des Menschen, er selbst +sein Gott, die Kette des Schicksals ist zertrümmert, ein +blindes Ohngefähr streckt durch die Welten die eherne +Hand aus, — alles ist Staub und Würmer, die Verächtlichkeit +thront in der Schöpfung!</p> + +<p>Vatermörder! schrie Omar's Stimme aus der Gestalt +heraus, dein Vater wirft sich deinem Glück entgegen, — Vatermörder! +Stoß ihn nieder und sei mir gegrüßt! —</p> + +<p>Das wankende Bild streckte die bleiche Hand gegen +Abdallah aus, der mit zitterndem Knie aus dem Zimmer +entfloh. Ein kalter Schauder goß sich über seinen Körper +aus, sein Herz schlug laut, ein eisiger Schweiß +benetzte seine Stirn.</p> + +<p>Er sammelte seine Kräfte und ging dann langsam +weiter. Viele Gemächer und Säle öffnete er und ging +hindurch, alle standen leer in wüster Dunkelheit, von +einem heimlichen Grauen durchsäuselt. — Er kam an +eine Thür, durch deren Spalten sich kleine Lichtstreifen +drängten. — O es ist fürchterlich, sagte er leise, eine +unbekannte Pforte zu öffnen und zu wissen, daß mir +Schrecken entgegenspringen.</p> + +<p>Er öffnete die Thür furchtsam und fuhr mit einem +krampfhaften Schauder wieder zurück. — In einem +großen hellerleuchteten Saal wütheten stumm und ohne +begleitenden Gesang tausend Ungeheuer in Weibergestalten +tanzend auf und ab. — Ein Riesenkopf mit verzerrten +Zügen wankte auf zwergartigen Körpern schrecklich +hin und her. Sie verschlangen sich in wilden +Gruppen und stürmten wie Meereswogen stumm durch +den Saal, sie rauschten immer schneller und ungestümer +vorüber, die Flammen der Kerzen zitterten. — Vatermörder! +schrie ihm eine wilde Gestalt entgegen und riß +ihn in den Saal in die Mitte der schwärmenden Ungeheuer, +man führte ihn taumelnd in den fürchterlichen +Reigen, und eine Unholdin warf ihn der andern zu, +im lauten Brausen wand man sich von neuem auf und +ab, die Tänzerinnen sprangen und schwebten wild durcheinander, +mit lächerlicher Entsetzlichkeit wälzten sie sich +um einander her und hüpften mit fürchterlichen Geberden. — Dies +ist deine Hochzeit, raunte ihm eine schreckliche +Gestalt vertraulich in's Ohr und Abdallah fuhr zusammen; +eine andre trat leise hinzu und flüsterte: siehe +rückwärts, deine <span class="wide">Zulma</span> steht hinter dir. Abdallah +wandte sich schnell, und ein gräßliches Wesen stand hinter +ihm und fletschte ihn mit einem wahnsinnigen Grinsen +an, alle ihre Züge waren fürchterlich verzerrt. — Sie +reichte ihm eine lange dürre Todtenhand, und +Abdallah entflohe; sie verfolgte ihn mit lautem Gebrüll, +schon hielt sie sein Gewand, als Abdallah von einem +Altan, auf den er sich gerettet hatte, hinuntersprang. —</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Zehntes Kapitel.</h3> + +<p>Abdallah stand in einer weiten leeren Gegend, die +schwache Mondstrahlen durch finstre Wolken nur mit +einer einschleiernden Dämmerung erhellten. Ein schneidender +Regen wehte ihn an, über das einsame Gefilde +wehte traurig ein lauter Wind. Wie ein verschüttetes +Grab fiel es hinter ihm zu.</p> + +<p>Unbekannte Wesen schauerten ihm vorüber und entflohen +eiligst, Gestalten gingen vorbei und schienen ihn +mit mitleidigem Erstaunen zu betrachten, er war in eine +Welt von Ungeheuern eingesperrt und ging mit wankenden +Schritten durch ihre Einwohner, ein unbekannter +Fremdling.</p> + +<p>Wohin soll ich mich retten? rief er. Welche +Schrecken stehn noch im Hinterhalt und lauern auf ihre +Beute? Welche Schauder sollen noch in dem Mark +meiner Gebeine wühlen? Meine Wünsche reichen zur +Welt nicht zurück, die Gedanken, die ich von dort mitnahm, +sind an dem <ins title="Original hat gräßlichem">gräßlichen</ins> Thor angehalten, Grausen +umgiebt mich, alle meine Gefühle zerschmelzen in +Schaudern, meine Gedanken werden Wahnsinn. In +eine ungeheure Wüste hinausgestoßen, begrüßen mich +nur die Ungeheuer der Nacht. — Über welche Steppen +soll mein Fuß itzt wandeln? Wie Gefilde der Nichterschaffung +streckt es sich vor mir aus, wo noch das +wilde Chaos ungeordnet liegt und die Zeit nicht in die +Tiefe hinabsieht, wo alle trägen Elemente im Todtenschlafe +liegen und Leben und Verwesung sich umarmt, +wie eine Gegend, die den schaffenden Ruf der Allmacht +nicht hörte, aufgespart, um eine Hölle hier aufzubauen.</p> + +<p>Er ging über eine große Haide, von einer schweren +Bangigkeit gedrückt, von jedem Trost feindselig zurückgestoßen, +von jedem erquickenden Gedanken abgewiesen. +Endlich hörte er aus der Ferne einen Gesang, wie von +Stimmen gesungen, die in krampfhaften Zuckungen und +Todesschmerzen den letzten Schrei ausbrüllen; es glich +dem Gerassel eines Wagens, der zerschmettert von Felsen +stürzt, dem Schreien des Wassersturzes, der auf +Klippen zerspringt:</p> + +<div class="center"> + <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem"> + <tr><td align="left">Wir sind des großen Hauses</td></tr> + <tr><td align="left">Gewaltge Wächter. —</td></tr> + <tr><td align="left">Das Thor ist Verzweiflung,</td></tr> + <tr><td align="left">Der Eingang Wahnsinn,</td></tr> + <tr><td align="left">Jammergeschrei,</td></tr> + <tr><td align="left">Schaudergebrüll</td></tr> + <tr><td align="left">Sind die jauchzenden</td></tr> + <tr><td align="left">Wonnegesänge,</td></tr> + <tr><td align="left">Die aus der Wohnung</td></tr> + <tr><td align="left">Dem Fremdling tönen. —</td></tr> + <tr><td align="left">Ewig! Ewig!</td></tr> + <tr><td align="left">Sieht der Gequälte</td></tr> + <tr><td align="left">Marterzermalmte</td></tr> + <tr><td align="left">Mit schwerem Ächzen</td></tr> + <tr><td align="left">Nach der letzten Quaal.</td></tr> + <tr><td align="left">Aber sie kömmt nicht,</td></tr> + <tr><td align="left">Aber sie naht nicht,</td></tr> + <tr><td align="left">Nimmergesättigt</td></tr> + <tr><td align="left">Knirscht der grausame Zahn</td></tr> + <tr><td align="left">An ihren Gebeinen. —</td></tr> +</table> +</div> + +<p>Ein wilder Klang ertönte zu der gräßlichen Melodie +des Gesanges. Abdallah kam näher. —</p> + +<p>Zwei riesengroße nackte Gerippe standen vor dem +Eingang eines engen Felsenweges, der sich in geschlängelten +Krümmungen wand. Sie standen gebleicht und +zitterten mit den wankenden Häuptern; nach der Melodie +des Gesanges schlugen sie mit Todtenbeinen klingend +gegeneinander, ihr weißer Schädel nickte fürchterlich, einzelne +dunkle Haare schweiften flatternd durch die dämmernde +Finsterniß und seufzten in dem feuchten Nachtwind; +mit den leeren Augenhöhlen starrten sie in die +Wüstniß hinaus und aus den grinsenden nackten Gebissen +drängte sich der zerschmetterte Gesang hervor.</p> + +<p>Abdallah fühlte sich von einem kalten Wahnsinn +angefaßt und ging in einer dumpfen Gleichgültigkeit den +entsetzlichen Gestalten entgegen. —</p> + +<div class="center"> + <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem"> +<tr><td align="left">Vatermörder!</td></tr> +<tr><td align="left">Auf des Vaters Leichnam</td></tr> +<tr><td align="left">Tritt in das Heiligthum der Schauder! —</td></tr> +</table> +</div> + +<p>so brüllte es ihm aus den Wächtern des Felsenwegs +entgegen, er kam ihnen näher.</p> + +<p>Vor dem Eingang lag der Leichnam seines Vaters +gewälzt, blaß, mit geschwollenem Gesicht und fürchterlich +aufgerissenen Augen. — Er schritt über den Leichnam ohne +Besinnung hinweg und der Gesang fuhr ihm knirschend +nach; wüthend und geängstigt, von tausend Foltermartern +verfolgt, rannte er wie ein Rasender durch den +Felsenweg: er war kühn durch die Gestalten hindurchgeschritten, +und fuhr itzt selbst vor dieser Erinnerung +bleich und zitternd zurück. Aus der Ferne hörte er den +Gesang und das Klingen der Todtengebeine, er stürzte +mit Verzweiflungseil durch die Krümmungen des Pfades, +die schrecklichen Gerippe folgten ihm, er hörte ihren +Vernichtungsgesang und stürzte brüllend weiter. —</p> + +<p>Plötzlich stand er still. Die Felsen verliefen sich in +einen spitzen schroffen Winkel, er hörte das Nahen der +Gespenster, schon sahe er ihre Schädel über die Felsen +her blinken, — stumm, ohne Gefühle stand er da, eine +Distel, die sich von der Felsenwand beugte, schoß in +seinem dämmernden Auge zum Baum empor, alles +wankte zitternd hin und her, — er sank zur Erde, +nannte den Namen Omar und drehte den Zauberring.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h2><span class="wide">Drittes Buch.</span></h2> +<p> </p> +<h3>Erstes Kapitel.</h3> + +<p>Abdallah erwachte am Morgen auf dem Ruhebette in +der kleinen Hütte, er öffnete langsam die Augen und +fuhr zusammen, als er die so bekannten Gegenstände +wiedersahe: sein Vater schlief noch neben ihm. Er +starrte die Decke und die Wände des Zimmers lange +mit weit geöffneten Augen an, es schien ihm unmöglich, +daß er das sähe, was vor ihm stand. — Der Morgen +säuselte in den Gebüschen vor dem Hause, ein früher +Strahl schlüpfte durch das grüne Gewebe des Waldes +und zitterte flimmernd durch das Fenster, — lautschreiend +bedeckte er seine Augen mit den Händen, denn +<span class="wide">Omar</span> saß neben ihm. — Er stritt lange mit sich +selbst, ob er es wagen solle, noch einmal nach dieser +Gestalt hinzublicken, alles schien ihm nur eine neue +Einbildung und die schrecklichste, die räthselhafteste von +allen.</p> + +<p>Abdallah, du kömmst aus einem schweren Traum +zurück, sagte Omars freundliche Stimme.</p> + +<p>Abdallah ließ ermüdet die Hände fallen, er sahe betäubt +vor sich nieder. — Aus einem Traum komme +ich wieder? sprach er mit erstickter Stimme, — o wo +fängt die Wahrheit an? Wo steht die Gränzsäule? Laß +mich sie finden, denn alle meine Sinne haben sich verwirrt. —</p> + +<p>Omar wollte seine Hand ergreifen, Abdallah zog sie +hastig und mit plötzlichem Schrecken zurück. — Was +ist dir? sagte sein Lehrer; warum sieht mein Abdallah +nicht zu mir auf? Warum erschrickt er vor meiner +Stimme?</p> + +<p>Warum? rief Abdallah lauter. — Ha! bist du nicht +Omar, der der Nacht und ihren Schrecken gehört, was +suchst du auf der Oberwelt? Willst du den Flüchtling +einholen, der dir entlaufen ist? — Geh, wo mitternächtliche +Schauder wandeln, wo das Verderben wohnt, +dort ist deine Behausung, taste mich nicht an, Unhold, +ich bin ein <span class="wide">Mensch!</span></p> + +<p>Ist das der erste Gruß, sagte Omar klagend, den +mir mein Abdallah bei meiner Zurückkunft giebt?</p> + +<p>Abdallah hörte nicht was er sagte, sein Geist stand +vor einem gräßlichen Schlunde, in welchem tausend +Mißgestalten sich übereinander wälzten und verschlungen, +ein hundertfaches Leben wie in einem Körper wimmelte, +sein Blick strebte die Ungeheuer zu sondern und jedes +einzeln mit festem Auge zu betrachten, aber ein trüber +Schleier zog sich vor sein Gesicht.</p> + +<p>Ich habe in dieser Nacht eine gräßliche Bekanntschaft +gemacht, sprach er, die Hölle hat sich mir aufgethan +und in ihr Innres eingeführt, ein großes Siegel hat +sich mir gelöst, ein böser Engel hat dir einen Brief gebracht +und vorwitzig hab' ich ihn erbrochen. Ja, Omar, +ich weiß nun alles, alles, deine Geheimnisse haben sich +in meinen schwachen Menschenbusen gewagt, die Hölle +wohnt in meinem Herzen; alle Schauder, die du pflanztest, +sind mächtig emporgeschossen und ihre Frucht hat +dich selbst vergiftet. — Fort! sei was du warst und +dann komm zu mir zurück, bis dahin will ich dich verkennen, +bis du mir ein Zeugniß bringst, das dich wieder +unter die Menschen einschreibt.</p> + +<p>Abdallah! Abdallah! rief <span class="wide">Omar</span> aus, deine Träume +sprechen noch aus dir; nein, so kannst du nicht zu deinem +Freunde Omar reden, oder hat dich Zulma in der +neulichen Nacht zum Wahnsinnigen gezaubert?</p> + +<p>Zulma! rief Abdallah aus, — dieser Klang ist der +einzige in der ganzen Natur, der freundlich an die Saiten +meines Herzens schlägt, diese Melodie ist mir in +der großen Zertrümmerung übrig geblieben, alle meine +Seligkeiten habe ich verspielt und diese einzige dafür +gewonnen. — O alle meine Erinnerungen sind Lügner, +oder du warst es, der mir diesen Diamant in der Finsterniß +schenkte.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ich that es, — aber mein Abdallah lohnt +mich mit Undank. Oder hat mich ein Lästerer aus deinem +Herzen gerissen? — Welche Hand hat jene Gemälde +verlöschen können, die ich seit deiner Kindheit in +deiner zarten Seele zeichnete? Ist denn von jener Liebe +alles, auch die Wurzel verdorret und vermodert? Hat +ein Sturmwind allen Blüthensaamen in das Meer verweht, +daß auch nicht eine grüne Sprosse von neuem +aus dem Boden keimt? — o dann hab' ich meine +schönsten, meine letzten Jahre wie ein Knabe verschwendet, +alle meine Hoffnungen und Wünsche einer Morgenröthe +anvertraut, die hinter schwarzen Gewitterwolken +untersinkt, — dann hab' ich keine Freude mehr, +als das Grab. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du willst in meinem Herzen Fürsprecher +erwecken, die ich selber nicht wiederfinden kann. — Ach, +Omar, Omar, bin ich vielleicht wahnsinnig? +Was sprech ich? Wer bist du und was ist diese Welt? O +allenthalben renn' ich an eine Mauer wüthend an, +die mich unbarmherzig zurückwirft. — Wen soll ich +fragen und wo nach Wahrheit forschen? Ach, vielleicht +bin ich ein Wesen, einzig und ohne Freund und Feind +in einer leeren Wüste, das eingeschlafen ist und von +allen diesen irdischen Possenspielen und Furchtbarkeiten +träumt und beim Erwachen sich selbst verspottet.</p> + +<p>Er dachte diesem Gedanken weiter nach und wandte +sich dann von neuem zu Omar. Sei es, wie es sei, +sprach er, ich will dir Rechenschaft geben, wie lange +ich mit dem Vermögen ausreichte, das du mir geliehen +hast, unbesonnen verschleudert hab' ich es nicht. Nein, +Omar, der Kampf mit dir hat mir Arbeit gekostet, du +ließest dich von meinem Mißtrauen nur schwer zu Boden +ringen.</p> + +<p>Er erzählte ihm den Inhalt der Palmblätter, die +ihm Nadir in der Nacht gegeben hatte und die Erscheinungen +der Unterwelt. — Siehe, schloß er seine +Erzählung, dies sind die Begebenheiten dieser fürchterlichen +Nacht, o alle Erscheinungen weisen mit ihren +Gräßlichkeiten nach einem Mittelpunkt, meinem Elende +hin; der Greis, der dir glich, der mich mit täuschender +Freundschaft empfing und mit Gottesläugnungen von +sich jagte, — ja nur das Grausen wird mich mit Zulma +vermählen, meine Hochzeit wird sein, wie ich sie in +dieser Nacht gesehen habe und auf dem Leichnam meines +Vaters werde ich in die Wohnung der Verdammten +steigen, ja, die Hölle hat mir einen Spiegel vorgehalten, +in dem mir die Zukunft vorübergezogen ist.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Aber ermanne dich nur Abdallah und +siehe, daß alle diese Gestalten nur Traumgestalten waren, +die neckend um den Schlafenden gaukeln und bange +vor dem ersten Blick des aufwachenden Auges zurückfliehen; +denn ich kam in der Stunde der Mitternacht +hierher und fand dich schlafend.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du fandest mich? schlafend? hier +auf diesem Bette?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Beim Propheten!</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nun, dann will ich alles Unbegreifliche +glauben und auf die wunderbarste Erzählung, wie +auf Wahrheit schwören. — Was sind alle meine Sinne, +wenn sie solche Täuschung nicht bemerken? — Wenn +der Herr in seinem eignen Hause sich verirrt und von +einem Fremden wieder zurechtweisen läßt? — Omar, +dann bin ich mir noch nie unbegreiflich gewesen, als +itzt, wie soll ich dann die Wahrheit festhalten, die wie +eine Schlange meinen Händen entschlüpft? — Woran +soll ich dann nicht zweifeln, wenn ich daran zweifeln +soll, daß ich diese Hütte verließ, daß ich die Sterne +über mir flimmern sah, daß ich jene Blätter las? +Wer stellt mir dann für mein Dasein einen Bürgen? +O ich möchte nicht auf diese bedenkliche Behauptung +schwören! — Welchen Gehalt hat dann der Verstand +des Menschen, wenn seine Sinne, durch die er seine +Schätze erhält, so betrügerische Sklaven sind? Alles, +was wir wissen und glauben, ist dann nur ein Irrthum, +unsre höchste Weisheit verkriecht sich dann vielleicht beschämt, +wenn einst ein erleuchtender Strahl in die +dämmerungsvolle Grube fährt.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Irrthum ist des Menschen Nahrung und +hält ihn fest in den Kreis der Menschen; wenn im +Mondschein die schwächere Täuschung möglich ist, den +Stamm eines Baumes für einen bekannten Freund anzusehen, +warum willst du an jener zweifeln, die dich +im Traum über eine Haide und zu gespensterbewachten +Felsen führt? Wer hat nicht schon irgend einmal so +lebendige Gestalten im Traum gesehn, daß er ihn +Wahrheit nennen möchte?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Aber auf diese Art, in solchem Zusammenhange +mit meinem Schicksal!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wären deine Gesichte weniger zusammenhängend, +dann eben würd' ich sie um so leichter für +Wirklichkeit halten, aber weil sie sich so genau an dein +Schicksal schließen, scheinen sie mir nur Traumgestalten. — An +jenem Abend, an welchem ein Sturm und der +Glanz einer Feuerkugel dich aus dem Schlafe weckte, — an +jenem Abend sannest du über neue, dir unbekannte +Lehren, dein Lehrer war dein Freund, deine +Schule eine schöne mondbeglänzte Gegend, liebliche +Bilder wiegen dich in den Schlaf, — ein Greis eilt auf +deinen Omar zu, — wer könnte Omar hassen, da <span class="wide">du</span> +ihn liebst? Deine Augen sehen die Umarmung zweier +Freunde — und du bist eingeschlafen. Aber deine Augen +täuschten dich, dieser <span class="wide">Nadir</span> ist schon seit vielen +Jahren mein Feind, er verfolgt mich von einem Ende +der Welt bis zum andern, und als ich ihn an jenem +Abend vom Berge steigen sah, warf ich mich ihm zu +einem hartnäckigen Kampf entgegen, wir stritten in +mancherlei Gestalten gemodelt und jagten uns endlich +glühend durch den Himmel; ich sahe dein Erschrecken, +aber damals wollt' ich dir diese Erscheinung nicht erklären, +es wäre grausam gewesen, dem weichen Jünglings-Herzen +den <span class="wide">menschlichen</span> Freund zu nehmen +und ihm ein fremdes, kaltes Wesen dafür zurückzugeben. — Du +liebst Zulma, die Unmöglichkeit geht dir +entgegen, nur von der Noth gezwungen, entdeck' ich +dir, wer ich bin. — Eine neue Thür zu einem unbekannten +Gemache geht dir auf, du staunest, Schauder +führen dich in die Geheimnisse der Mitternacht und du +erfährst den grausamen Ausspruch des harten Schicksals. +Du denkst nun deinen Omar nicht mehr mit +der kindlichen Unbefangenheit, mit der du ihn ehedem +dachtest, an seinen Namen knüpfst du dein Unglück und +durch eine verzeihliche menschliche Täuschung verwechselst +du ihn in eben diesem Augenblick mit der Ursach dieses +Unglücks. — Ich nehme Abschied von dir und warne +dich besorgt vor Lästerungen, die deinen Freund verläumden +würden, du bist gerührt und kaum bin ich +entfernt, so steht ein leiser Argwohn nach und nach in +deiner Seele auf, du hältst meine Besorgniß für Bangigkeit +des Bewußtseins. Was ich fürchtete, tritt ein, +mein Feind Nadir benutzt meine Abwesenheit und +warnt dich vor deinem Lehrer, der dich unglücklich machen +will. — Du kömmst in Gedanken zurück, du bist +nicht der einzige, der mißtraut, selbst ein Freund Omar's +steht auf und zeugt gegen ihn, du verlierst dich in +schwarze Träume. — Nadir will dich retten, Omar +will dich elend machen. — Nur etwas Großes, Fürchterliches +kann Omar bewegen, dein Elend zu wollen, — in +diesem Gedanken versammelst du alle fürchterliche +Träume deiner Kindheit, so entsteht das ungeheure +Märchen, das du in den Palmblättern zu lesen glaubst. — Aber +ist denn kein Ausweg aus diesem Felsengewinde? +Soll dir Zulma ewig verloren sein? — Dieser +Wunsch, der nach einer Befriedigung schreit, greift nach +einer Hoffnung, mit den nächtlichen Geheimnissen vertraut +siehst du nur in der Allmacht der Geister die +Möglichkeit der Rettung, ein unbekanntes Wesen winkt +dir und lockt dich durch süße Versprechungen an sich +und du schläfst ein. — Schwarze Traumgestalten nehmen +dich in Empfang, alle Gedanken, die du am Tage +dachtest, kommen in der Nacht in Phantasieen gekleidet +wieder, Omar ist ein Ungeheuer, Zulma dein Unglück, +dein Vater liegt vor dir und Gespenster bewillkommen +dich mit höllischen Gesängen. — In diesem Traume +finde ich dich, von meiner Reise zurückkehrend: du siehst, +nichts als eine Täuschung hat das ganze Gewebe zusammengeschoben. +Allen Verdacht in dir zu tödten, +dürft' ich dir nur die Ursach meiner Reise erzählen, aber +sei damit zufrieden, daß sie dich deinem Glücke näher +gebracht hat, etwas muß mein Abdallah mir auf mein +Wort glauben, dies sei das Zeichen, daß er sich mit +seinem alten Freunde wieder ausgesöhnt hat. — Ja +Abdallah, du mußt mir es glauben, o bei allem, wobei +ein Wesen schwören kann, ich liebe dich! — Meine +Weisheit, meine Gewalt genügt mir nicht, mein Herz +verschmachtet und dürstet nach Liebe, — dich hab' ich +gefunden, dich hab' ich ausgewählt, deine Liebe soll +mich glücklich machen, oder ich muß mich in mein Grab +einschließen, — o Abdallah, laß diesen Traum dein +einziges Verbrechen an meiner Freundschaft sein, gieb +mir deine Seele zurück; willst du mich aus allen meinen +Hoffnungen hinausstoßen und einsam und verlassen +durch meine letzten Tage wandeln sehen? Nein, nein, +das wird, das kann mein Abdallah nicht, dann hätt' +ich ihn nie mit dieser innigen Vaterliebe lieben können, +dann hätte er nicht so lange bei mir ausgehalten. — Ja, +Abdallah, du bist wieder mein!</p> + +<p>Abdallah sahe ihn mit festem Blicke an, als wollte +er in seinem Auge die Seele wiedersuchen, die ehedem +aus ihm gesprochen habe; in allen Zügen redete ihn +jener Omar so herzlich, so dringend an, den er als +Knabe geliebt hatte, — er fiel weinend an seine Brust. — Ja! +ja! rief er laut schluchzend, ich bin wieder dein, +keine Gewalt soll unsre Seelen auseinander reissen!</p> + +<p>Selim erwachte. — Du begrüßest deinen Lehrer, +sagte er, er ist in dieser Nacht zurückgekommen, aber +du schliefest so sanft, daß wir dich nicht wecken wollten.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wir sehn uns traurig wieder, Selim; +das Schicksal hat eine schwere Hand gegen dich ausgestreckt.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Ja, Omar, aber meine Wunde schmerzt +mich nicht mehr, meine Kräfte kehren zurück und ich +will mich gewaltsam an die letzte Hoffnung halten, — sieht +deine Weisheit noch in irgend einer Ferne ein +Mittel, meinem großen, edlen Vorsatz auszuführen?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ich sehe nichts. —</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> O dann, ja dann will ich meine Kräfte +fallen lassen und mich verdrossen in den Wellen untertauchen. — Nun +erst fängt mein Unglück an, mich +zu drücken, die Hoffnung hatte mir bis itzt noch einen +Stab gegeben, auf dem ich mich stützte, — aber itzt +wird mir das Leben eine Last, nun wünsch' ich zu sterben. +Seitdem ich weiß, daß mein Tagewerk ganz geendigt +ist, bin ich ermüdet und will mich schlafen legen. — In +dieser trägen Unthätigkeit sollt' ich leben, hier, +wie ein Thier in der Wildniß, von allen Menschenrechten +ausgeschlossen? Wie eine Pflanze nach und nach +verwelken, die in ihrem Sumpfe unter trägen und verfaulten +Dünsten emporwuchs und war und dann nicht +mehr ist? — Nein, Omar, blicke noch einmal über +den Horizont deiner Weisheit hin und schaue mit Seherkraft +umher, — kann nichts, auch mein Tod nicht +durch die Mauer dringen, die das Schicksal vor mein +Vorhaben gestellt hat?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Dein Tod könnte dein Volk vielleicht glücklich +machen.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> O dann ist ja noch nicht alle Hoffnung +aufgebrannt. — Aber ich Unglücklicher! meine Gesundheit +kömmt schadenfroh zu mir zurück und <span class="wide">selbst</span> den +Ausgang aus diesem Thal des Lebens zu suchen, ist +Frevel, — o sage mir, wie ich ohne Sünde sterben +kann und mein Volk ist glücklich.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Diesen Aufschluß mußt du nicht von mir, +sondern von der Zeit erwarten, noch liegt alles dunkel +und verworren vor meinen Blicken. —</p> + +<p>Abdallah verließ das Zimmer.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Zweites Kapitel.</h3> + +<p>In tiefen Gedanken ging der Jüngling unter dem +lauten Rauschen des Waldes auf und ab. — Ja, — sprach +er zu sich selbst, — Omar ist mir zurückgegeben, +alles umher liegt in wüster Verwirrung von schwarzer +Nacht bedeckt, er ist mein Freund, er <span class="wide">soll</span> es sein, mir +und dem Schicksal zum Trotz; ich habe ihn wieder in +meine Seele aufgenommen: denn wo fänden meine +Zweifel sonst ein Ziel? Durch diese einzige Gewißheit, +die ich eigenmächtig zur Untrüglichkeit stemple, fallen +alle Zweifel, die mir boshafte Geister entgegenhielten, +wieder zur Erde, und ich stehe da in der freien uneingeschränkten +Gegend. Meine Rechnung ist richtig, wenn +dieser einzige Fehler ausgelöscht wird, ich will meiner +Mühe ein Ende machen, er sei vernichtet! Ich gebe +unangesehen diesen Verlust preis, um ein langweiliges +Spiel zu beschließen.</p> + +<p>Mein Vater wünscht zu sterben, — o ich sehe schon +in der Ferne die Woge schwimmen, die auch die letzte +kleine Bergspitze, auf der ich stehe, herunterschlagen wird, +sie wälzt sich immer näher und näher. — Das Schicksal +rückt den schwarzen Zeiger und stellt ihn nach und nach +auf jene fürchterliche Stunde, unvermeidlich schlägt sie an +und ich stehe plötzlich, ohne es ändern zu können, ohne +meine Beihülfe jenseit der Gegenwart. — Traurig wie +der Mond geht dann mein Vater unter und zugleich steigt +Zulma mir gegenüber mit tausendfacher Pracht unter goldnen +Flammen auf, — das Verhängniß läßt mich zwischen +dem Vater und der Geliebten wählen, — o verzeihe, +großer Prophet, ich wähle Zulma! Es <span class="wide">muß</span> sein, es +kann, es will nicht anders. — Welcher Sterbliche kann +den Eigensinn des Schicksals brechen?</p> + +<p>Unter diesen Gedanken war er nach und nach aus dem +Walde herausgegangen und stand itzt auf der Landstraße. — Die +Stadt mit ihren runden Moscheen lag vor ihm, +die Fenster im Pallast Ali's glänzten blendend in der +Sonne, er glaubte Zulma's Gestalt an jedem Fenster zu +sehen, seine Schwärmerei sahe ihre Blicke, mit denen sie +wehmüthig nach ihm hinstarrte; ohne an die Gefahren zu +denken, denen er sich unbedachtsam Preis gab, ging er +in die Stadt hinein.</p> + +<p>Der zürnende Ali hatte indeß auf Befriedigung seiner +Rache gesonnen. Daß Selim ungestraft diese Verschwörung +sollte unternommen haben, daß er ihm selbst entflohen +sei, ohne daß irgend jemand wisse wohin, diese Gedanken +reizten seine Wuth stets von neuem auf. Er hatte +einen fürchterlichen Eid geschworen, sich an Selim zu +rächen und dieser Schwur quälte ihn unablässig; er hatte +daher an diesem Tage seine Vertrauten zu einer geheimen +Rathsversammlung berufen, um sich von ihnen Mittel +vorschlagen zu lassen, die den verborgenen Selim entdecken +müßten, er hatte beschlossen, alles auf diese Wollust +der befriedigten Rache zu verwenden, nichts sollte ihm zu +kostbar sein, den verwegenen Aufrührer zu strafen.</p> + +<p>Abdallah stand vor dem Pallast des Sultans und sahe +mit brennenden Augen nach den Fenstern des Altans hinauf, — er +sahe Zulma, sie blickte verstohlen hinter einem +zurückgezogenen Vorhang auf die Straße, kaum aber sahe +sie Abdallah's Gestalt, als sie sogleich schnell und erblassend +zurückflohe. Er sahe ihr festgezaubert nach, bis auch +der letzte Schimmer ihres Schattens verschwand, dann +warf er sich auf eine Bank und sahe nach den Blumen +des Altans. — Die Rose war hinter den Citronenbaum +gestellt und in der Mitte des Altans stand die bleiche Lilie, +das Sinnbild der Furcht. —</p> + +<p>Er ging weiter und kam über die Brücke der Stadt +an den Pallast seines Vaters. — Wehmüthige Thränen +traten ihm in die Augen, als er so unbarmherzig alles +zerstört sah. Einzelne Mauern und Thüren standen wie +verspottet unter dem Schutt, im Hofe lag alles wild umher, +Steine und Balken aufeinander gehäuft. Traurig +suchte er die Stelle des Zimmers auf, das er ehedem bewohnt +hatte; die Stufen waren abgebrochen, auf denen +man auf das Dach hinaufstieg, ein Theil des Daches +lehnte sich noch auf eine Mauer und drohte in jedem Augenblick +den Einsturz. Das bekannte Haus, das ihn so +oft so freundlich und väterlich aufgenommen hatte, das +die Freuden und Schmerzen seiner Kindheit mit ihm getheilt +hatte, lag itzt zerrissen vor ihm. Selbst das Leblose, +in welchem er sonst glücklich gewesen war, war vernichtet, +auch selbst das Andenken seiner Seligkeit schien +ihm der zürnende Himmel nehmen zu wollen und bis auf +die letzte Wurzel alles auszureissen, was ihn einst mit +den schönsten Freuden genährt hatte.</p> + +<p>Abdallah stand noch immer in seinem traurigen Nachdenken, +als er das laute Schmettern einer Trompete hörte, +von einem verwirrten Getöse und Geschrei des Volks begleitet; +er kümmerte sich nicht um das Geräusch, nur +klang es ihm, als wenn er den Namen <span class="wide">Selim</span> laut habe +nennen hören. — Itzt kam der Zug bei ihm vorüber und +er sahe einen Herold auf einem Pferde, der dicht neben +ihm still hielt, einigemal in die Trompete stieß und dann +laut ausrief:</p> + +<blockquote> +<p class="noindent">»Daß derjenige, und wäre er selbst ein Sklave, welcher +den Verräther <span class="wide">Selim</span> lebendig in die Hände des +Sultan's liefern würde, seine berühmte, schöne Tochter +<span class="wide">Zulma</span> als Gemalin dafür zum Lohn erhalten solle.« +</p> +</blockquote> + +<p>Wieder das Schmettern der Trompete und der Zug +lärmte vorüber. —</p> + +<p>Dumpf und ohne Gedanken verließ Abdallah die +Stadt, träumend wie ein Mann, der vom Schlafe erwacht +und sein Haus in prasselnden Flammen sieht, +die schon sein Bette lecken; er springt auf und steht +betäubt und ohne Bewußtsein vor dem leuchtenden Element, +das wüthend durch seine Besitzungen geht, er hat +sich nur gerettet um desto unfehlbarer zu verderben: — so +kam Abdallah fast ohne es zu bemerken zur Hütte +im Walde zurück.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Drittes Kapitel.</h3> + +<p>Fürchterliche Gedanken warfen in der Nacht Abdallah +hin und her, sein Auge starrte in die Finsterniß hinaus. +Gräßlichkeiten zogen durch seinen Busen, Schauder +jagten sich durch seine Gebeine, er wünschte mit +Sehnsucht den Tag, die Dunkelheit um ihn her machte +seine Seele noch schwärzer, oft schleppten seine heißen +Wünsche seine sanftern Gefühle in Ketten hinter sich, +oft riß sich sein Gefühl wieder los und rang seine +Wünsche nieder. Er schien in zwei feindselige Wesen +zerrissen, die unermüdet gegen einander kämpften.</p> + +<p>Endlich erschlafften alle seine Kräfte, in seiner müden +Seele starben alle seine Wünsche und Hoffnungen +aus, gewaltsam schloß er in der Ermattung mit sich +selbst einen Frieden.</p> + +<p>Er sprang von seinem Lager auf, als kaum die erste +graue Dämmerung des Tages die Schatten spaltete. +Selim schlief noch und Abdallah verließ die Hütte. Er +ging schnell unter den Bäumen auf und ab, er athmete +die frische Luft des Morgens ein und wollte gewaltsam +alle Gefühle von sich abwälzen, die ihn, wie lebendig +eingegraben gleich Steinen drückten, aber er schlug vergeblich +gegen die Mauern der Grube, kein Strahl des +Tageslichtes wagte sich hinein.</p> + +<p>Omar näherte sich ihm itzt und beide gingen schweigend +auf und ab; Abdallah scheute sich, seinen Freund +einen Blick in die Wüste seiner Seele thun zu lassen.</p> + +<p>Was wühlt in deinem Innern so gewaltig? begann +Omar, in der Nacht hört' ich dich seufzen. — Was ist +dir, mein Abdallah?</p> + +<p>Abdallah schwieg noch. — Nein, rief er plötzlich, — meine +Seele ist zu schwach für diesen ewigen Streit! — die +menschliche Natur erliegt dieser Gewalt, ich bin endlich +müde und will mich selbst besiegt zu Boden werfen. — Er +ergriff Omar's Hand. — Ja, Omar, höre +das Gelübde, das ich vor dir ablegen will, — ich will, +ich muß Zulma entsagen, mein Vater bleibe mir und +Zulma gehe mir verloren; ich ward geboren, um den +Becher des Glückes nicht zu kosten, ich willige in diese +traurige Nothwendigkeit. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und was hat dich zu diesem Entschluß +gebracht, der dir alle deine Hoffnungen kostet?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Meine Menschheit, — o! ich bezahle +sie mit dem kostbarsten, was ich besitze, vielleicht weit +über ihren Werth, denn ohne Zulma ist mir die Welt +ausgestorben; ich entsage der höchsten Seligkeit auf ewig, +das Gefühl der Liebe wird nie in meinem Busen wieder +aufwachen, nur ihre Schmerzen bleiben mir auf +immer zurück.</p> + +<p>Abdallah erzählte seinem Lehrer itzt, was er gestern +in der Stadt gesehn habe. — Diese Erinnerung, fuhr +er dann fort, hat mir diese Nacht schlaflos gemacht; +wenn ich die Augen schloß, weckten mich Ungeheuer +durch Zuckungen auf, — o Omar, Omar, giebt es auf +der Erde ein Wesen, das sein Elend mit dem meinigen +messen könnte?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und Abubekers Tochter wird deine Gattin?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Niemals, das Schicksal nimmt mir +Zulma, aber kein andres Weib soll auch jemals in diesen +Armen ruhn, diese Freiheit wird mir noch bleiben. +Nein, ich will den Schwur nicht brechen, den ich zu +Zulma's Füßen schwur. — Jeder Freude, jeder Hoffnung +sage ich Lebewohl, mit meinem Elend will ich in +die Wüste ziehn und dort das Morgenroth mit meinen +Thränen begrüßen und den Abend mit Klagen rufen, +Seufzer sollen meine Sprache werden und die Wehmuth +meine Gespielin. — Ja, Omar, dieses Glück ist mir +noch übrig, diese Freude ist die einzige, die mir nicht +kann genommen werden.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Auch nicht durch deines Vaters Gebot? — Er +will, du sollst der Gemal <span class="wide">Roxanens</span> werden.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, das kann er nicht wollen, +wenn ich ihm dies Opfer bringe. Nein, ich komme ihm +entgegen, o er wird es auch thun, er ist ja mein +Vater, er liebt mich ja so wie ich ihn liebe: Zulma +<span class="wide">kann</span> nicht meine Gattin werden, und Roxane <span class="wide">soll</span> +es nicht. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und dann wirst du in deiner Einsamkeit +mit leerem Herzen glücklich sein? —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich glaube es itzt, und wenn ich es +nicht kann, so will ich es wenigstens glauben. Alle +meine Hoffnungen lasse ich dann in der Welt zurück, +dem ersten Thoren will ich sie schenken, nur meinen +Schmerz und die schönen Erinnerungen nehme ich mit +mir. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wenn aber dein Vater auch zu <span class="wide">diesem</span> +Glück nicht seine Einwilligung gäbe?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O, er kann es mir ja nicht beneiden; +er ist nicht grausam. — Ich will itzt gleich zu +meinem Vater gehn, er soll mir mein voreiliges Versprechen +erlassen. — Dann geh ich aus der Welt und +eine geräumige Höhle wird meine Wohnung, Bäume +und Thiere sind meine Gesellschaft, ach, nach und nach +werd' ich vergessen, was ich verloren habe, in der Gesellschaft +meines Kummers werd' ich zum Greise, und +erzähle mir dann zum Abendzeitvertreib, wie ein geschwätziges +Kind, meine Leiden selbst. — Nicht wahr, +Omar? die Zeit legt Balsam auf jede Wunde? wir +werden uns nach Jahren selber unkenntlich, was mir +itzt Thränen auspreßt, darüber kann ich einst vielleicht +lächeln? Endlich ermüdet die Quaal an mir und geht +verdrossen hinweg, die Stunde durchläuft ihren Kreis +und wir stehn an der schwarzen Pforte, und alles was +wir litten, alles worüber wir uns freuten, liegt wie +Schaum des Meeres hinter uns, dann erst sehn wir, +daß wir nur nach Schatten griffen, wie Kinder, die die +Hand nach dem Morgenroth ausstrecken und den fliehenden +Regenbogen haschen wollen. — Alles ist in mir gestorben +und wird nie wieder aufleben, die Flammen meiner +Seele sind ausgelöscht, mein Busen ist Eis. Zulma +ist todt, meine Liebe ist verschwunden, und was sonst in +diesem Herzen brannte, das hast du erstickt, — nein, +zürne nicht, Omar, ich verlange es nicht zurück, unter +Felsen und verdorrten Wäldern brauch' ich nicht ein +Mensch zu sein, was nützt mir dort die Tugend und +der Glaube an Gott? Ich will mich auf ewig von der +Menschheit losreißen und mit den Thieren verbrüdern. +Ja, Omar, ich gehe zu meinem Vater.</p> + +<p>Er kehrte schnell in das Zimmer zurück. Selim +war noch nicht erwacht, und Abdallah kniete vor sein +Bette und betrachtete aufmerksam seinen Vater, der süß +lächelte, in holdselige Träume verloren. — Nein, sagte +er leise, — jene Gedanken, die sich in der Nacht zu +mir hinanschlichen, sind verflucht, — Gott! wie konnt' +ich sie nur denken, ohne mich zu verabscheuen? — diesen +Greis, der mein Vater ist, — diesen, — nein, ich +mag es mir selber nicht gestehn. — Nein, dazu bin ich +nicht in die Welt getreten, noch ist Rettung möglich, +noch ist nicht die letzte Öffnung zugefallen, durch die +ich aus dem Felsenschlund entrinnen kann. — Wie sanft +er schläft! — Wie er mich auch im Schlaf anlächelt! — Seine +Vaterliebe fühlt die Nähe des geliebten, des einzigen +Sohnes, — als meine Mutter gestorben war, war +ich es, der ihn an das Leben festhielt, und ich! — Nein! +die Hölle mag sich einen andern Zögling suchen, — meine +Seele findet hier noch einen Ankergrund!</p> + +<p>Der Vater erwachte und sahe Abdallah neben sich. — Was +will mein Sohn? fragte er.</p> + +<p>Abdallah küßte ihn und umarmte ihn glühend. — O +Vater! rief er aus, — kannst du deinem Sohne +eine Bitte abschlagen, die einzige, die letzte, die er von +dir erflehen wird?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Was kann der arme Selim noch besitzen, +das seinem Sohne nicht auch gehörte? — Doch nein, +Abdallah, — mein Vermögen sind Thränen und Jammer, +dies werde dir nicht.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Gieb mir deinen Segen, Vater. —</p> + +<p>Selim legte die Hand auf das Haupt seines Sohnes.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, Vater, ich will dich nicht täuschen, +segne mich, wenn ich dir meine Bitte gesagt +habe.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Sprich, mein Sohn, warum gehst du +diesen Umweg zum Herzen deines Vaters?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O mein Vater! — Wenn du mich +liebst, wenn dein Sohn nicht von dir gehaßt wird, — o +so nimm jenen Fluch zurück, mit dem du mir einst +drohtest. — Abubekers Tochter kann nicht meine Gattin +werden. —</p> + +<p>Er bedeckte mit den Händen das Gesicht und warf +sich nieder, Selim sahe starr auf ihn hin. —</p> + +<p>Sie kann nicht? — fragte er kalt, — und was hat +der Sohn an dem Willen seines Vaters zu tadeln?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O nicht diesen Ton, der mich verurtheilt, +sprich gütiger mein Vater, oder ich muß verzweifeln! —</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Du verlangst Güte, wo du mir nur +Trotz giebst? Auch gegen den ungehorsamen Sohn soll +ich zärtlich sein?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, ungehorsam schelte mich nicht, — kein +andres Mädchen soll meine Gattin werden, aber +auch Roxane nicht. — Nur widerrufe jenen Fluch, +Vater, wenn du nicht meine Verzweiflung sehen willst! —</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Ich widerrufe nicht.</p> + +<p>Abdallah stand auf und sahe ihn mit einem festen +Blicke an. — Vater! rief er aus, an diesem Fluch +hängt das ganze übrige Glück meines Lebens, meine +letzte Tugend, mein Schicksal jenseit dieser Welt! — Widerrufe, +Vater, du sollst, du mußt es, — o ja +und du wirst es auch. —</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Nein. In dreien Tagen wird Roxane +deine Gattin, oder alle Verwünschungen, die ein Vater +für seinen ungehorsamen Sohn vom Himmel herabflehen +kann, fallen auf dein Haupt.</p> + +<p>Ich kann nicht, sagte Abdallah kalt und langsam. — Du +liebst mich, ja, Vater, — o wie wenig kostet dich +diese Zurücknahme, — ach! und wüßtest du, wie viel +sie mir gälte!</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Zurück, Ungehorsamer! ich widerrufe +nicht, das schwör' ich beim Himmel und der Pracht +seiner Sonne! — Mein Wort kann ich nicht brechen, +das ich Abubeker gab, um die thörichten Launen eines +Jünglings zu befriedigen, der seinem Vater trotzen will.</p> + +<p>Abdallah warf sich wüthend nieder. — Du schwörst? +rief er heftig. — Nun so schwör' ich hier auch beim +Grabe des großen Propheten, beim Himmel und allen +seinen Engeln, daß Roxane nie, nie, nie meine Gattin +wird! —</p> + +<p>Selim stand zornig auf. — Ich habe keinen Sohn +mehr! sprach er heftig. — Ist das die Sprache, in der +ein Sohn zu seinem Vater sprechen muß? Glaubst du +mich durch Trotz zu beugen? O hier stoßen Felsen auf +Felsen, ich wanke nicht in meinem Vorsatz. — Du hast +den Sohn verläugnet, nun so will ich denn auch den +Vater verläugnen! — Ich werfe meinen Fluch auf dich +hin und mit Centnerlast möge er dich drücken. — Alles +Unglück jage hinter dir dreimal Verfluchten her, der +Himmel wende sein Angesicht von dir ab, wenn die +Hölle nach dir die Arme ausstreckt; wenn du am Busen +der Geliebten liegst, so fresse ein kaltes Grauen das +Mark deiner Gebeine, in der Einsamkeit liege der +Leichnam deines Vaters vor dir, den dein Ungehorsam +zum Grabe reif macht; von Gewissensangst gefoltert, +von allen Schrecken zum Leibeigenen erkauft, stirb unter +Krämpfen und Verzuckungen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O wirf nur Fluch auf Fluch, der +Ewige hat mich schon seit der Geburt verflucht, dein +Höllensegen findet nichts mehr zu vollenden. — Ha! so +spricht ein Vater zum einzigen Sohn? dies ist die Einsegnung, +die er mir auf die große Reise giebt. — Wer +soll mich segnen, wenn der Vater mich mit diesen +Flüchen verwünscht?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Fort aus meinem Angesicht! <span class="wide">Du</span> hast +meinem Unglück die Krone aufgesetzt! — Du gehörst +mir nicht mehr! Ich hasse deinen Anblick! hinweg! daß +ich nicht versucht werde, dir noch mehr zu fluchen!</p> + +<p>Er verließ das Zimmer wüthend.</p> + +<p>Nein! schrie Abdallah, mir soll keine Rettung bleiben! +Ich steh in der Verdammniß eingekerkert, und mein +Vater selbst nimmt den Schlüssel zur Pforte und wirft +ihn auf ewig in's Meer; nun ist keine Befreiung möglich, +die Hölle streckt den Arm über mich aus und läßt +mich nicht entrinnen! — Er warf sich ohne Bewußtsein +in einen Sessel und Omar trat herein. — Er sahe +lange den Jüngling mit forschendem Auge an: Hat er +deine Bitte erhört? fragte er besorgt.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du siehst dies Kochen meiner Brust +und fragst noch? O! wann könnte mir auch eine Hoffnung +in Erfüllung gehn, wäre sie auch so armselig, +daß sie der Bettler auf seinem Wege liegen ließe! — Ich +darf nur wünschen und tausend Stimmen schreien: +Nein! in meinen Wunsch. — Das Schicksal hat mich +unter Millionen zu seinem grausamen Spiel erlesen. — O +warum ward ich ein Mensch geschaffen? — Warum +mußte ich hinter dem Vorhang hervorgestoßen werden, +um den Zuschauern zum Gespött zu werden?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und dein Entschluß?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O was kann ich noch wollen? — Welchen +Entschluß kann ich noch fassen? Selbst das +Elend, das ich mir wählte, ist keine Freistätte mehr +für mich; wohin ich auch fliehen will, hält mich ein +Abgesandter der Verdammniß fest, die Erde stürzt unter +mir ein, jede Scholle, an der ich mich empor arbeiten +will, giebt treulos nach, — was kann ich anders als +mich dem Verderben überlassen?</p> + +<p>Omar ging mit großen Schritten auf und ab, seine +Augen funkelten, seine Mienen drohten fürchterlich. — +Ha! rief er endlich aus, — dies ist der zärtliche Vater, +der seinen Sohn so innig liebt! — Worte sind seine +Liebe, unbarmherzig läßt er den Sohn an diesem ehernen +Eigensinn verbluten! Kalt läßt er ihn liegen und +sterben, hat er doch seine <span class="wide">Vaterrechte</span> behauptet! — Und +dieser Grausame nennt sich meinen Freund! — +Wie kann er ein Freund sein, da er kein Vater ist? +Liebe ist ihm fremd, seine Tugend ist Trotz, Eigensinn +seine Standhaftigkeit! — Ich kündige ihm meine Freundschaft +auf, wer meinen Abdallah haßt, den hasse auch +<span class="wide">ich,</span> Selim ist aus meinem Herzen gestoßen, ich will +seinen Namen aus meinem Gedächtniß reißen! — Dir +auch <span class="wide">dieses</span> Glück nicht zu gönnen! — Diese Hölle +war ihm noch zu schön für seinen Sohn, er hat härtere +Strafen für ihn ersonnen. — Die Liebe sei verwünscht, +mit der ich einst sein Freund war, für dich geb' ich die +feindselige Welt verloren, was liegt mir an diesem +Selim? —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O wär' ich nicht Selims Sohn, +o dann, dann wär' ich glücklich! — Aber boshaft weht +mir das Schicksal alle Unmöglichkeiten zusammen! Nur +für mich wird alles angeordnet zum fürchterlichen Scherz. — O +könnt' ich den Sohn verläugnen, dann würde +Selims Eigensinn bestraft werden können, — aber, — +es kann, es darf nicht sein!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Du wolltest ihn verloren geben, um Zulma +zu gewinnen. Seinen Eigensinn gegen deine Liebe. — Er +sollte dir eine Verschreibung werden, durch die du +einen Schatz einlösetest, der dich auf ewig vor dem +Mangel sicherte? — Ha, Abdallah, nein, nein, es kann, +es darf nicht sein! — Die Tugend, die Pflicht, — o +wer kann es alles nennen, was dich von diesem +Gedanken zurückreißt? —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O ich schmachte nach andern Speisen, +ich bin mit Grausen gesättigt. — Führt mein Pfad +zur Hölle, o so ist es besser durch <span class="wide">einen</span> kühnen +Sprung, als durch Umwege dahinzukommen. Aber +noch spricht eine Stimme in mir, die mich Sohn +nennt, die laut um Hülfe schreien würde, wenn ich sie +ersticken wollte, hundert Gefühle sind mit diesem Ton +verbunden. — Das Entsetzen der Natur wäre in den +Abdallah verkleidet, wenn ich so sehr alles vergessen +könnte, was den Menschen zum Menschen macht.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Nein, du darfst dich nicht von ihnen +losreißen, verachte sie, nur halte dich treu in ihrer +Mitte; o dürftest du nicht die Freiheit, ein Mensch zu +sein, mit allen Schätzen dieser Welt bezahlen! — Ja, +die Unmöglichkeit stellt sich fürchterlich vor den Eigensinnigen +hin und beschützt ihn unverwundbar, — aber +Abdallah! sorge auch bei Tage und in der Nacht, wachend +und schlafend, daß niemand die Wohnung deines Vaters +entdecke und ein Sklave den Preis erringe, nach welchem +du strebtest. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O, ehe ich Zulma in eines andern +Armen sehe, ehe —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ehe?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Will ich sterben. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Dann hast du die Leiden der Welt abgeschüttelt, +aber keine der hiesigen Freuden geht mit dir. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ach, Omar, dann bin ich todt und +die Welt nennt mich tugendhaft. — Doch wenn mir +Gedanken folgen, wohin keiner unsrer Erdengedanken +dringt, — ach Omar, — werden mir dann nicht Freuden +begegnen, die ich itzt nicht begreifen kann? — Kann +ich itzt wünschen, was ich nicht begreifen kann? — Nur +der Thor und der Verzweifelte tauscht ein gewisses Gut +gegen ein ungewisses aus und glaubt zu gewinnen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und wenn nun unsre Rechnung hier unten +schon völlig geschlossen würde? Wenn alle Anweisungen +auf jenseit falsch und untergeschoben wären, und wer +wird sich für ihre Ächtheit verbürgen? o dann — doch +zurück von diesen Trostlosigkeiten! nein, Abdallah, ich +habe dir nichts gesagt. — O, Abdallah; was hast du +dann gegen deinen großen Verlust gewonnen?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ich habe mich selbst verloren und das +ist für den Elenden Gewinns genug. Dann drückt mich +kein Gefühl und kein Gedanke quält mich, ich liege im +kühlen Bette, von der Vergessenheit auf ewig zugedeckt, +kein Morgenstrahl erweckt mich, keine Abendsonne bescheint +mich. Alle Martern suchen mich dann vergebens +auf, sie finden mich nicht; in den mütterlichen Armen +der Erde gehalten scheucht die Zärtliche jedes Ungemach +von dem schlafenden Sohne hinweg, eine ewige Ruhe +umweht mich, kein Traum ängstigt meinen Schlaf, kein +Schrecken kann mich zurückrufen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Nicht sein? — O die menschliche Natur +fährt vor dem Gedanken zurück, — wer wird Leben gegen +Nichtsein austauschen? Kalt da zu liegen, ohne Gefühl +und Gedanken, Würmern eine Wohnung, todt, vermodert +und verächtlich, ein Scheusal jedem lebenden +Auge: kein <span class="wide">Schlaf</span>, keine Ruhe, kein <span class="wide">Schlummer,</span> +— sondern aus dem Reich der Lebendigen auf ewig hinausgestoßen, +<span class="wide">da gewesen und nicht mehr</span>, — giebt +es in der Sterblichkeit einen trostloseren Gedanken als: +<span class="wide">nicht da zu sein?</span></p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> <span class="wide">Nichtsein!</span> O es ist wahr, die +Einbildung erblaßt vor dieser Vorstellung, — Leben und +Nichtsein. — Und wenn ich nun alles dem Halsstarrigen +und seinen Entwürfen aufgeopfert habe, wenn leere +Phantome und Feigheit die Schwelle meines Glücks +bewacht haben, Omar, und ich gehe dann unter, auf +ewig unter, — das Wesen, dem ich meine Seligkeiten +sparte, ist nirgends aufzufinden, — o ist dies etwas +anders, als die unsinnige Rechnung des Geizigen, der +im ganzen Leben kargt, um nicht zu genießen und im +Tode alles hinter sich läßt? —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Die Ewigkeit lacht spottend hinter dir +her, — aber was willst du thun?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ha! wer verdirbt nicht den Freund, +um die Geliebte zu retten? Wer wagt nicht die Hälfte +seines Vermögens, um das Ganze zu erhalten? — Und +soll ich dem Eisenharten, oder dem Befehl des Fürsten +gehorchen? Er fordert ihn, Ali mag sein Recht an ihm +beweisen, der Diener darf nicht die Aufträge seines +Herrn prüfen, ohne ungehorsam zu sein. — Und wo +ist die Gränze zwischen Recht und Unrecht? — Mir ist +es ewig verborgen, welche meiner Handlungen gut und +welche böse wirkt; was die Menschen Tugend und Laster +nennen, verstrickt sich hier oft unauflösbar. — Die Zukunft +bildet unsern Willen aus, ohne uns um Rath zu +fragen. Raschid war mein Freund, war ich es nicht, +der ihn elend machte? — Wird er zu Ali zurückgebracht, +o so hat ihn meine Freundschaft ermordet, ohne mich +wäre er noch glücklich. — Unsre Thaten wandeln oft +über viele Stufen unschuldig hinweg, ehe sie Verbrechen +werden, — kann die Schuld auf uns zurückfallen? +Sollen wir den Fehler des Zufalls büßen? — Diese +That — o ich mag sie nicht denken, — warum könnten +ihre Folgen nicht glücklich werden? könnte sie sich +nicht in den unergründlichen Strom weiß und unschuldig +waschen? —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Aber den <span class="wide">Vater</span>, — dem du das Dasein +dankst, — zwar nicht ein Dasein voll Freuden —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, voll Todesschmerzen; o wie +kann ich ihm für diese Welt voll Quaalen danken?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Nein, für dein Dasein kann der Felsenharte +keinen Dank von dir fordern, denn dann hättest +du Unrecht über seine Halsstarrigkeit zu klagen, über den +fürchterlichen Fluch zu jammern, den er auf dich gelegt +hat. — So lange er dann nicht dein <span class="wide">Leben</span> endet, +hast du keine Ursach auf ihn zu zürnen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> In eine Hölle hat er mich verwiesen +und <span class="wide">dafür</span> sollt' ich ihn lieben?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Er konnte aber nicht vorher wissen, daß +dies Leben dir Pein zubereiten würde, — freilich, eben +so wenig, ob es dich glücklich machen würde.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nicht er, ein blindes Ohngefähr hat +mich in das Leben gerufen. — Wußte mein Vater denn +im voraus, daß gerade <span class="wide">ich,</span> dieser Abdallah, sein Sohn +werden würde? —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wäre es nicht die Pflicht des Sohnes, +vor dem rasenden Vater Schutz bei den Gesetzen zu +suchen?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> <span class="wide">Vater, Sohn</span>, nichts als leere +Namen, der Verstand muß sich nicht vom Geschrei der +Menge betäuben lassen, er zieht der Wahrheit ihre Hülle +ab und sieht sie ohne Kleidung, Gewohnheit und Sitten +hindern ihn nie in seiner Forschung. — Nicht wahr, +mein Omar?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Halt ein, Abdallah! Soll der Leichtsinnige +der zärtlichen Vaterliebe, der Fürsorge vergessen? Soll +er die Sorgen mit kaltem Undank vergelten? — Dankbarkeit +ist das große Band, das sich unzertrennlich durch +alle Wesen webt, jeder handelt für den andern, um sich +in seiner Brust einen Pallast zu erbauen, an Dankbarkeit +knüpft sich Liebe und Wohlwollen, Wohlthaten und +Dank wechseln sich in dem Herzen der Ältern und Kinder +aus, ein Magnet in jeder Brust, der sich ewig +anzieht.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Dies, ja dies ist das letzte Gefühl, +das mich noch an ihn gefesselt hält, alle Fäden hat er +durchgeschnitten, nur dieser eine ist ihm treu geblieben. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Deine Erziehung war Selims Pflicht, aber +nicht die hundert kleinen Wohlthaten, die er dir erzeigte, +die tausend Freuden, die er dir zubereitete, das Wohlwollen, +mit dem er dich durch das Knabenalter in die +Jünglingsjahre begleitete, — dafür mußt du ihm danken.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Omar, es ist meine Pflicht ihn zu +lieben.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Doch mit diesem furchtbaren Fluch nimmt +der Geizige hundertfach zurück, was er dir gab; die +Freude, die das große Glück deines Lebens entscheidet, +versagt er dir mit eigensinniger Laune, Spielwerke hat +er dir gegönnt, aber Lebensfreuden beneidet er dir, — er +schenkt dir ein glänzendes Glas und fordert mit eigenmächtiger +Gewalt alle schönen Hoffnungen deiner Zukunft +von dir ein, du mußt in einer heißen Wüste verschmachten, +weil er dir einst einen Trank aus der Quelle +schöpfte, du hast einer Freiheit genossen, wie ein Gefangener, +der nicht weiter gehn darf, als seine Kette reicht; +strebt er über ihr Maas hinaus, dann fühlt er die +täuschende Freiheit, dann fühlt er sich an der unbarmherzigen +Mauer festgehalten. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O es ist schrecklich! — Welch ein +Recht, welches Gesetz liegt in dem Worte Vater, um +diese unumschränkte Gewalt über ein Wesen zu haben, +das er <span class="wide">Sohn</span> nennt? — Darf dieser Ton die Gesetze +der Vernunft umstoßen und aus Menschenfreiheit schändliche +Sklaverei machen? — Der Tod des Vaters macht +den Sohn glücklich, — warum soll er sich nicht freuen +dürfen, daß endlich das quälende Band aufgelöst wird? — Ist +der Vater nicht hundertfach grausamer, der seinem +Sohn in das Leben einen gräßlichen Fluch mitgiebt, +von dem er hofft, daß er ihn elend machen soll? — Selim +stirbt, — und Abdallah schleppt ein langes Leben +wie eine unendliche Kette hinter sich, und an jedem +Gliede hängt sich die Pein mit hundertfachen Martern, +alle Glückseligkeiten fliehen vor dem fürchterlichen Gerassel +zurück, — ist dies ein Vater, der seinen Sohn liebt, +oder ein Unmensch, der sich an Todeszuckungen labt?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ja, den Tod erdulden ist leicht, gegen +den Schmerz der Pfeile, die ein quaalvolles Leben auf +uns abschießt.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Warum ward dem Menschen die Vernunft +gegeben, wenn er sich von einer blinden Gewohnheit +will beherrschen lassen? Die Vernunft soll ihn begleiten +und über seine Unternehmungen wachen. Die Gewohnheit +darf nur den Unverständigen hinreissen, dem +dieses Steuerruder fehlt, dieser muß furchtsam landen, +wo er die übrigen landen sieht, und mit ihnen sein Schiff +wieder ausfahren lassen. Wagt er sich einst mit unnützer +Kühnheit allein in die See hinaus, so wird er den spottenden +Winden und Wellen ein Spiel. — Und welche +Vernunft, — Omar, ich spreche es aus, — welche hält +mich zurück? — — Sprich, denn ich sehe nichts! —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Unsre Vernunft prallt ohnmächtig von +allen Dingen zurück, die jenseit der Menschheit liegen, +wir verstehen nicht den Gang der Welt und die Schrift +der Sterne; die schaffende Kraft und die Entstehung der +Wesen wird uns ewig ein unbegreifliches Geheimniß +bleiben, — aber eben dadurch, daß diese Weisheit nicht +für das irdische Gehirn ist, werden wir deutlich auf die +andre Seite zurückgewiesen. Die Natur winkt ihren +Kindern zu, und eine laute Stimme ladet alle Wesen +zur reichen Tafel ein und sagt ihnen laut: <span class="wide">genießt!</span></p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Daß wir da sind, um zu genießen, +das ist die Weisheit, die unser Verstand begreift. Jedes +Wesen lebt nur in und für sich selbst in einer großen +Leere, jeder einzelne Mensch ist das letzte Ziel, auf das +sich alle Bestrebungen der Natur beziehen. — Sein +Genuß ist es, warum er geschaffen ward, er hat das +Recht, jedes andre Wesen, das ihn im Genießen hindert, +aus seiner Bahn hinwegzustoßen. Der Stärkere +besiegt den Schwächern, der Löwe bekämpft den Löwen, +der Tiger den Tiger, der Mensch den Menschen. — Noch +ist kein Gestorbener zurückgekommen und hat gegen diese +Weisheit gepredigt, noch hat keiner die Geheimnisse der +Ewigkeit verrathen, — bis der Leichnam wieder kömmt, +bis todte Zungen dagegen lästern, werd' ich an diese +Lehre glauben.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Was wir Tugend nennen, ist bloß Gewohnheit, +nichts als ein Gesetz, um die Gesellschaft, die der +Mensch errichtet hat, aufrecht zu erhalten, ohne diese +würde sie sich selbst vernichten. — Helden, Gesetzgeber, +Weise sind <span class="wide">tugendhaft,</span> weil sie das Band der +Gesellschaft fester ziehn, Mörder und Diebe nennen wir +Bösewichter, weil sie dies Band zu zerreissen suchen. +Sicherheit und Eigennutz schrieben zuerst den Unterschied +dieser Namen. Daher kann Laster oft zur Tugend werden, +wenn es das Wohl der Vereinigung befördert; +schon mancher Mord war heilsam und mancher Diebstahl +löblich, nur dies bestimmte Selims Vorsatz, den +Dolch gegen Ali's Brust zu schleifen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O ja, Laster und Tugend fließen in +einen Strahl zusammen, es ist hohe Weisheit, daß man +den Unverständigeren glauben läßt, sie wären von Ewigkeit +her geschieden. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ach, Abdallah, daran hatt' ich nicht gedacht, +daß du mir einst diese Lehren so fürchterlich wiederholen +würdest, — o wäre mein Scharfsinn gewachsen, +damit ich dir widersprechen könnte! — <span class="wide">Zulma</span> mag +es einst versuchen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Zulma? — O Himmel! Omar, sollte +sie mich nicht zu Thaten aufrufen dürfen, durch die ich +sie dem hartnäckigen Schicksal abränge; nur diese That +führt mich in ihre Arme und sie wird mein Zögern schelten.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Doch wenn nun diese That, diese einzige, +dich auf immer elend machte? —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O wenn ich daran glauben soll, so +kann ich meinem Elende auf keinem Wege entrinnen. — In +Zulma's Armen bin ich unglücklich, meines Vaters +Fluch liegt auch in der einsamen Wüste schwer auf meiner +Seele, noch größeres Elend steht neben Roxanen. — Welcher +Ausweg bleibt mir übrig?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Nun so ergreife den Pfad, auf welchem +die meisten Blumen blühen, wo der Rasen am hellsten +lacht, wo der Himmel blau über der freundlichen Landschaft +liegt. Itzt, itzt eben stehst du am Scheidewege. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Werd' ich aber mit Zulma glücklich +sein? —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Hör' ich diesen Zweifel aus <span class="wide">Abdallah's</span> +Munde? Von denselben Lippen, die neulich in trunkener +Wonne nicht Worte fanden? — Oder ist es nur Schwachheit, +die aus dir spricht? Eine Unentschlossenheit, die +gern glücklich sein möchte, ohne doch die Schwierigkeiten +der Unternehmung zu tragen? die Fluth stürmt hinter +dir her, aber du scheust dich, den schroffen Felsen zu +erklettern, der dir die Rettung anbietet.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, — nein, — Selim stirbt, und +kann ich ihm sein voriges Glück wieder zurückgeben? +Wird sein ganzes Leben nicht eine einzige wehmüthige +Erinnerung sein? Ein ewiger Kampf von Schmerz und +Hoffnung? — Er verliert hier nichts, er kann im Tode +nur gewinnen, er dauert, oder löscht aus, — es ist +besser, nicht zu sein, als an dem Joch eines quaalvollen +Lebens zu schleppen. Selim kann mit Zuversicht +sterben, er muß es jenseit besser finden: denn er läßt +keine Freude zurück, den letzten Kranz, Vaterfreude, hat +er muthwillig zerrissen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Der schwache Greis, der schon an der +Schwelle des Todes steht —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ha! wenn meine große Aufopferung +ihm Unsterblichkeit gewönne, — ha! dann könnt' ich +diesen Kampf in meinem Busen dulden, dann könnt' ich +Roxanens Gatte werden, oder ohne Klagen mit meinem +Fluch in die Wüste ziehn, ja, könnt' ich ihm durch +meine Quaalen auch nur noch <span class="wide">ein</span> Menschenalter erkaufen, — aber +der unerbittliche Tod lacht über mich. +Selim muß sterben, bald sterben, vielleicht ist er schon +in wenigen Stunden nicht mehr.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wer würde dir dann nicht verzeihen, wenn +du bereutest, daß du mit diesem unvermeidlichen Tod +dein Glück nicht der eilenden Zeit abgekauft hättest? — Dieser +Athemzug erwirbt dir Zulma, ist er ausgelöscht, +dann kannst du dieses Kleinod durch tausend Leben nicht +erkaufen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Und liegt ihm denn selbst an diesen +wenigen Stunden, die ihm noch zugezählt sind? Du +hast es selbst gehört, wie sehr er den Tod wünscht, seit +er mit seiner letzten Hoffnung zerfallen ist. — Itzt +würde der Tod seine Hoffnung sein, wenn wir eine +Gewißheit hoffen könnten. — Soll ich mich bedenken, +ihn glücklich zu machen, oder warten, bis er sich selbst +den Dolch in die Brust stößt? —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Das Land mit seinen Bürgern war die +Freude deines Vaters, einst ein neues Glück zu säen +und die schöne Saat aufschießen zu sehen, dies war der +feurigste seiner Wünsche, die kühnste seiner Hoffnungen. +Für seine Mitbürger unternahm er das große Wagestück, +auf das er sein Glück und sein Leben setzte, — die Würfel +fielen unglücklich. — Roxane sollte deine Gattin werden, +um die Ernte jener Aussaat einzunehmen, aber +das Verhängniß verschwor sich gegen ihn und an einem +Tage ward alles zernichtet. — Der Wille deines Vaters +könnte entschuldigt, deine Aufopferung gelobt werden, +wenn du auch itzt auf diesem Wege den Zweck deines +Vaters erreichen könntest, — aber sieh umher, tausend +Unmöglichkeiten spotten deines Scharfsinns. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Aber Zulma, Zulma kann mich dorthin +führen, wohin mich Roxane führen sollte, sie giebt +mir den Thron dieses Reichs, und ich rotte die Dornen +aus, die Ali pflanzte, dann kömmt der schöne, der große +Entwurf meines Vaters zur Reife, neue Sterne gehen +über dieses Land auf, ich verwandle es in einen Garten +voll schöner Blüthen. — Nicht wahr, Omar, mein +Vater würde sich nicht einen Augenblick bedacht haben, +mich dem Wohl des Landes aufzuopfern? — Und ich +säume ihn dem Glück der Bürger hinzugeben? Das +Opfer thut meinem Herzen wehe, aber der Segen der +Nachkommen wird mich einst belohnen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Und Zulma! — Sollte sie in den Armen +eines andern deiner vergessen? Solltest du einst ihrem +Pallast als ein unbekannter Sklave vorübergehn und +sie von ihrem Gatten umschlungen, einen fremden Blick +auf dich herabwerfen? — Solltest du einst als Bettler +vorübergehn und von der geliebten Zulma mit Verachtung +abgewiesen werden?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, nein, das soll nie geschehen, +so lange ein Herz in meinem Busen schlägt, ist sie +mein, noch mein letzter Blutstropfe würde für ihren +Besitz kämpfen, so lange ich noch Gedanken habe ist +sie der Inhalt meiner Gedanken und alle meine Kräfte +laufen nach diesem Ziele.</p> + +<p>Deiner Bestimmung, sagte Omar, kannst du dich nicht +widersetzen. Steht diese That in jenem großen Buche, +welcher Finger will die ewigen Züge verlöschen? <span class="wide">Deinetwegen</span> +wird das große Gewebe nicht inne halten, +der Faden wird hineingeschlagen und nicht um seinen +Willen gefragt. —</p> + +<p>Abdallah stand in tiefen Gedanken. —</p> + +<p>Du kannst nicht gut, du kannst nicht böse handeln, +fuhr Omar fort, <span class="wide">ein</span> Geist ist es, der in den Millionen +Leben glüht, du und ich, Selim und Zulma sind nur +<span class="wide">ein</span> Wesen, du arbeitest stets für und gegen dich, du +kannst eigenmächtig über deine Handlungen den Ausspruch +fällen, und diese gut und jene böse nennen, wer mag +dir widersprechen?</p> + +<p>Abdallah sahe starr vor sich nieder, dann wollten +beide das Zimmer verlassen, Selim kam ihnen zornig +entgegen. — Fort! Verbannter! rief er aus, so lange +der Fluch auf deinem Haupte liegt, so lange hass' ich +dein Angesicht! Hinweg! damit ich dich nicht mit neuen +Verwünschungen belade!</p> + +<p>Omar blieb bei Selim zurück, und Abdallah ging +traurig und zürnend in das Dickicht des Waldes, wo +eine einsame Stille ihn begrüßte, nur von einem leisen +Wiegen der Baumwipfel unterbrochen. Dunkle Schatten +lagen übereinander, kein Sonnenstrahl schlich sich auf +den grünen Rasen herab. —</p> + +<p>O der Eiskalte! rief Abdallah laut, wie leicht es ihm +wird, ewige Quaalen auf mich herabzubitten! — und ich +zögre und bedenke seinen Tod, — ihm wird es so leicht, +mich ewig zu verderben, und ich kann diese Gefühle in +meiner Brust nicht niederwerfen. Kann dieser einzige +Verlust nicht tausendfachen Gewinn geben? Kann das +Land und Zulma nicht laut dies Leben von mir fordern? +und da er es selbst verachtet und für seine Mitbürger +hinzugeben brennt? —</p> + +<p>Ach und was vermag ich gegen das eiserne Schicksal? +gegen die dicken Mauern schlagen vergebens meine Kräfte +an, — wenn es sein soll, — o dieser Gedanke selbst +ist mir vor meiner Geburt schon vorgeschrieben, ich kann +nichts als ihn nachdenken, — in den ewigen Gesetzen +liegt die Sünde, — die Hand mordet, die den Dolch +ergreift, nicht das Werkzeug, das der größern Kraft +wider Willen nachgeben muß. — O das ist ein Gedanke, +der mich dem Wahnsinn entgegen führen könnte. — Alle +meine Wünsche gehen hier unter, mein Wille ist todt, — ich +muß, ich muß es vollbringen, und dann erst wird +das Werkzeug aus den Händen gelegt. — Wo finden +meine Gedanken auf diesem Meere einen Ort der +Ruhe? — Wo eine Insel, an die sie im Sturme landen +können? —</p> + +<p>Er setzte sich in das Gras unter einem dichten Baum +und sahe starr dem Spiel der Mücken und Gewürme +auf der Erde zu. —</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Viertes Kapitel.</h3> + +<p>Ein Geräusch dicht neben ihm im Busche schreckte ihn +auf, <span class="wide">Raschid</span> stand vor ihm. —</p> + +<p>Er sprang auf und fiel seinen Freund schnell in die +Arme. — O, rief er, das ist es, was ich suchte, ja, +ein Mensch hat mir gefehlt und dieser wird mir itzt +gesendet.</p> + +<p>Wir sind beide unglücklich, sagte <span class="wide">Raschid,</span> Elend +verschwistert unsre Seelen.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du elend? — O worin kannst du +unglücklich sein?</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Ich? — Ich irre in der Nacht und +am Tage durch verlassene und wüste Gegenden, ich +wünsche und hoffe und verzweifle in demselben Augenblick, +— ach Abdallah! Abdallah! du weißt vielleicht, +was Unglück ist, nicht wahr, du würdest mich glücklich +machen, wenn du es könntest?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ja ich weiß was Elend ist, Unglück +ist mir nicht fremd. — Aber was kannst du bei mir +wollen? Suchst du Quaalen und Verzweiflung? — o +die kann ich dir geben, — sieh! dies sind meine Schätze!</p> + +<p>Sie gingen mit einander, in Abdallah's Busen lag +es zentnerschwer, er wollte zu reden anfangen und schwieg +dann wieder furchtsam. Endlich umarmte er den Freund +noch einmal glühend: Raschid! Raschid! rief er, du bist +ein Mensch, nicht wahr, es schlägt ein fühlendes Herz +in dieser Brust? deine Seele ist für Mitleid nicht taub, — o +sprich! nur ein Wort der tröstenden Linderung! —</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Du schweigst? vertraue deinem Freunde +den Sturm, der in deiner Seele wüthet. — Was kann +dich so mit Riesenkräften niederdrücken?</p> + +<p>Abdallah schwieg noch immer, — ich liebe Zulma! +rief er dann plötzlich. — Ach, ich muß dies fürchterliche +Geheimniß in einen Menschenbusen ausschütten, +o tröste mich, — verzeihst du mir, nennst du mich Bruder, +wenn — hast du je die Allmacht der Liebe gefühlt?</p> + +<p>Zulma? rief Raschid und stürzte bleich zurück, Zulma? +O Unglücklicher!</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nur ein Wort aus deinem Munde! +<span class="wide">Darf</span> ich sie wünschen? — macht mich meine Liebe +zum Ungeheuer? — warum starrst du mich so an? Willst +du mir keinen Trost geben?</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Trost? — Dieses Entsetzen hat mich +zu dir gejagt, ich kam zu dir, um zu deinen Füßen +mir mein Glück zu erbetteln, — du liebst Zulma, — o +Unglücklicher, so wisse, so erfahre es denn und schaudre +bis in das Innerste deiner Seele, — auch Raschid +liebt diese Tochter der Sonne! aus dieser Quelle sind +alle meine Martern geflossen, dies hat mich seit Jahren +gepeinigt und an der Wurzel meines Lebens genagt.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Du liebst sie? du? — O Raschid, +hinweg! du bist nicht mehr mein Freund! — ich verlange +einen Ton der mich tröstet, ich schlage verzweifelnd +an die Laute, — aber alle ihre Saiten sind zerrissen, +kein Wiederhall in der ganzen Schöpfung!</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Darum bin ich hier, Selim sollte mich +glücklich machen, du solltest mir ihn abtreten.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein! nein! — O beim Unendlichen, +alles thürmt sich immer höher und höher, alle Schrecken +wachsen zu Riesen auf und werfen sich mir entgegen. — Nein, +nein, Raschid, du darfst nicht, Selim ist mein +und Zulma mein, deine Hand darf es nicht wagen, in +mein Glück zu greifen.</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> Hinweg Freundschaft und Mitleid! die +Liebe kömmt ihren Thron zu besteigen! Ich bin nicht +mehr Raschid, nicht mehr dein Freund — Ja, ich will +den großen Kampf mit dir eingehen, Abdallah, unsre +Freundschaft sei zerrissen! Fluch um Fluch, Hölle um +Hölle, alle Schrecken gegen einander, — Zulma ist +mein! mein, sag' ich, — endlich hat der Himmel den +Verstoßenen wieder angenommen, ich bin mit mir selber +ausgesöhnt.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Raschid, ich ziehe allmächtig diese +Waage nieder, die zu den Wolken aufgeschnellt wird, +dieser Baum ist mein, in dessen Schatten du dich lagern +willst, — Zulma liebt mich! —</p> + +<p><span class="wide">Raschid.</span> O sie wird, sie muß mich einst lieben, +deines Vaters Elend ist eine Leiter, die mich in den +Himmel trägt, ich will verwegen bis auf die letzte schwindelnde +Sprosse steigen und wie ein Gott auf die armselige +Welt hinabsehen.</p> + +<p>Er wollte gehen und Abdallah hielt ihn mächtig +zurück. — Wohin willst du? rief er aus, Schrecklicher!</p> + +<p>Zu Ali, antwortete <span class="wide">Raschid,</span> dein Vater ist ein +Unterpfand, das mir nicht entrinnen wird, ich bin nicht +vergebens deinen Schritten nachgeschlichen; o ich muß +eilen, denn ich fühl' es im Innern meiner Seele, für +Zulma würd' ich freudig meinen Vater und meine +Mutter der Schlachtbank überliefern.</p> + +<p>Sie rangen hartnäckig mit einander. — O noch, +noch verweile, rief Abdallah, nur diesen einzigen Tag +noch, nur diese Stunde schenke mir noch mitleidig!</p> + +<p>Um in dieser um meine Seligkeit betrogen zu werden? +antwortete Raschid. — Nein! zurück von mir! — Er +riß sich gewaltsam los und entflohe mit der Eil +des Windes, auch keinen flüchtigen Blick warf er seinem +Freunde rückwärts. —</p> + +<p>Abdallah sahe ihm betäubt und schwindelnd nach. — Ha! +nun ist es ja entschieden, sagte er mit unterdrücktem +Lächeln, meine Martern habe ich umsonst geduldet, +Zulma ist mir ewig, ewig verloren. — Ha! wie es +in meinem Innern tobt und wüthet! — Kalt steh' ich +da und sehe, wie auch meine letzte Freude von einem +fremden Vorübergehenden lachend gemordet wird. — Er +verhöhnt Freundschaft und Liebe und fliegt nach +seinem glänzenden Ziel, — nur ich zögernder Thor +schlage mich mit tausend Zweifeln und verliere den großen +Augenblick. — Zulma nicht mein, Raschids? — O das, +das kann, das soll nicht sein! So weit dürfte dieser +Fremde sich in mein Paradies hineinwagen? — Was +hält mich denn zurück? — Wollte er nicht seinen Vater +dieser Wonne ohne Bedenken opfern? — O er ist +ja auch ein Mensch, — er liebt ja Gott und betet das +Schicksal und die Tugend an und dennoch, — mir ist +alles genommen und doch zögert meine Trägheit noch? +Wie mit hundert Stricken wird mein Arm zum tödtlichen +Streich herabgerissen und ich kämpfe noch gegen +diesen Schlag, — und muß Selim nicht dennoch sterben? — Er +muß — und ich und Zulma sind unglücklich, — ja, +ja, es muß sein, — ich höre die Stimmen +umher brüllen, die mich zur That anmahnen. —</p> + +<p>Er drängte sich in wüthender Eil durch die Gebüsche +und sahe auf der Landstraße Raschid schon weit +voraus, der der Stadt zueilte. Geängstigt rennt er +ihm nach und stürzt wie beflügelt hinter ihm her, seine +Augen sahen den Weg nicht, sein Athem röchelte laut, +oft biß er knirschend die Zähne zusammen. — Endlich +erreichte er ihn matt und ohne Bewußtsein. — Halt! +rief er laut, — halt an mit deiner Beute, Betrüger!</p> + +<p>Raschid sahe rückwärts und erblickte Abdallah, er +wollte ihm von neuem entfliehen, aber gewaltig ergriff +ihn Abdallahs Arm und hielt ihn zurück. — Nein, du +sollst mir nicht entrinnen, schrie er wüthend, schwöre +hier durch einen gräßlichen Eid dich von Zulma los, — oder +beim Propheten! ich vergesse unsre Freundschaft, +so wie du sie vergessen hast.</p> + +<p>Raschid wollte sich los machen, aber Abdallah schlug +seine Arme um ihn und hielt ihn mit der Kraft eines +Riesen an seine Brust geklammert. — Zurückgerissen +von dem Sonnenglanz, rief er, sollst du in einem ewigen +Dunkel verschmachten, schwöre Zulma ab und wirf +deine frechen Wünsche hinter dir, — ha! Selim ist +<span class="wide">mein</span> Vater, nur Vatermord kann dich Zulma's würdig +machen.</p> + +<p>Ich schwöre nicht! schrie Raschid auf, — von mir +Schändlicher! für Zulma ring' ich mit dir um Leben +und Tod. —</p> + +<p>Er versuchte es, sich mit allen Kräften aus Abdallah's +Armen zu schleudern, aber dieser drängte ihn zu +fest an sich, Raschid biß ihn mit den Zähnen wüthend +in den Arm, um sich frei zu machen. — Sie rangen +unter einem dumpfen Gebrülle gegen einander, kräftig +warfen sie sich hin und her, die Erde dröhnte unter +ihren Tritten. — Endlich warf Abdallah den ermüdeten +Raschid nieder, er kniete auf ihn hin. — Willst du +itzt Zulma zurückgeben? schrie er und stierte ihn mit +einem eisernen Blicke an. — Nein, nein, und müßt +ich ewig dafür verdammt werden, nein! brüllte ihm +Raschid zu. — Abdallah zog einen Dolch und stieß ihn +in die Brust des Überwundenen, ein großer Blutstrom +stürzte hervor und floß über die Erde. — Unter krampfhaften +Zuckungen starb Raschid endlich, ein Schleier +zog sich über sein starres hervorgetriebenes Auge, er lag +bleich und unbeweglich da. —</p> + +<p>Abdallah stand über ihm und betrachtete ihn mit +fürchterlicher Schadenfreude. — Warum rufst du nicht +mehr Zulma's Namen aus? sagte er bitterlächelnd, +wirst du mir sie itzt noch abkämpfen wollen? — Kann +ich nun ruhen, ohne deine Eile zu fürchten? — Nun +wirst du sie nicht gewinnen, die Würmer nehmen dich +in Besitz! Nun ist sie mein, mein! o ich will es dir +in die Ohren schreien, bis du von neuem fluchst, — Zulma +ist mein! — Ha, warum bist du im Augenblick +so kalt, gleichgültig und träge geworden? — Liebst du +Zulma nicht mehr? — verdient sie itzt nicht mehr die +Huldigung deiner Wünsche? —</p> + +<p>Ein plötzlicher heftiger Schauder fiel ihn an, er +wandte sich und flohe mit Windesschnelligkeit zur Stadt.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Fünftes Kapitel.</h3> + +<p>Er stürzte wild in die Stadt hinein und eilte wie ein +Rasender durch die Straßen, alles wich ihm furchtsam +auf seinem Wege aus, man hielt ihn für einen Wahnsinnigen, +der seinem Kerker entsprungen sei und jedermann +sahe ihn mit Furcht und Mitleid nach. Er +schweifte wüthend umher und stand itzt vor dem Pallast +des Sultans. Als er hineinstürzen wollte, hielten ihn +die Leibwächter zurück. Er wollte sich mit Gewalt hindurchdrängen, +er schrie laut, man sollte, man müßte +ihn zum Sultan führen, man stieß ihn wie einen Unsinnigen +fort; da er aber stets von neuem und stets +dringender bat, nahm man ihm endlich seinen Dolch ab +und ließ ihn in den Pallast treten. <span class="wide">Mehmed,</span> der +Vezier, begegnete ihm, Abdallah's Knie zitterten, seine +Stimme war nur ein gebrochenes Lallen. Der Vezier +sahe ihn mißtrauisch an und ging endlich in das Gemach +des Sultans. — Abdallah stand zitternd auf +dem langen Gange vor den Thüren der Zimmer, er +wußte nicht mehr, wer er war und was er wollte, vorübergehende +Sklaven betrachteten ihn mit Erstaunen, +wie einen niegesehenen Fremdling, er sahe scheu umher, +alle fuhren vor ihm, wie vor einem Mörder zurück. +Sein Zustand war fürchterlich und doch wünschte er +ihn verlängert, sehnlich wartete er auf die Eröffnung +der Thür und konnte sich diesen Augenblick nie als +wirklich denken; ein wehmüthiges Entsetzen, eine fremde +Verzweiflung, die ihn mit einer kalten Freude erfüllte, +herrschte in seiner Seele. Itzt war ihm nichts werth +und nichts verhaßt, er war sich selber abgestorben, in +einem dumpfen Nachsinnen verloren, gab er sich endlich +Mühe zu entdecken, warum er dort stehe und auf +was er harre. — In einzelnen Streifen brach sich der +Sonnenschein durch die Fenster und er betrachtete aufmerksam +die kleinen zitternden Strahlen, die sich zusammenwebten +und wieder auseinander flogen, sein unverwandtes +Auge verlor sich in aufmerksamen Betrachtungen +von hundert Kleinigkeiten, dann sahe er wieder +nach den Sklaven, die vor ihm zitterten und eine leise +Ahndung sprach in ihm an, als müßte er sich vor ihren +Blicken schämen. — In der Ferne flog ein Schall +den langen Gang hinab, mit seinem todten eiskalten +Blick sah er hin, es war <span class="wide">Zulma,</span> die mit einigen +Sklavinnen dicht vor ihm vorüber in ein Gemach ging, ein +Schleier bedeckte ihr Gesicht, aber er erkannte ihren Gang +und den Glanz ihres Auges durch die Verhüllung. Alle +seine gefesselten wüthenden Leidenschaften wurden plötzlich +von eisernen Banden wie Wirbelwinde losgelassen, +er kam zu sich selber zurück und fand jedes Entsetzen +in der grauenvollen Wohnung wieder. Er starrte dem +Schimmer ihres Gewandes lange nach, sie hatte ihn +nicht erkannt. — Wo bist du? fragte ihn ein aufwachender +Gedanke, — und was willst du? — Ha! +die Verdammniß hält dir noch einmal die trügende +Speise an der giftigen Angel hin; war es nicht <span class="wide">Zulma,</span> +die vorüberging? — Es ist <span class="wide">meine</span> Zulma, +sprach er in sich weiter, sie ist <span class="wide">mein,</span> jetzt geh' ich hin +und bezahle den großen Kauf, die Hölle reicht mir +ihre Verschreibung. — Jetzt, jetzt wird der fürchterliche +Augenblick nahen, der mich zum ernsten Verhör fordert, +doch auch <span class="wide">er</span> wird vorübergehen, die Zeit verschlingt +geizig alles. — Aber auch mein Glück wird verschwinden, +es wird eine Zeit kommen, in der ich sagen werde, +Zulma <span class="wide">war</span> mein und dann? — Nein, nein, ich will +die Zeit festschmieden und ihre Räder zerbrechen, lahm +soll sie langsamer von dannen schleichen. Die Wonne +der Liebe soll mich berauschen bis ich wahnsinnig werde; +wenn ich Zulma in meinen Armen halte, dann soll sich +die Hölle nicht an mich hinanwagen, ihre Schuld einzufordern, +o, ich will, ich <span class="wide">will</span> glücklich sein, — ich +will schwören, daß ich nicht elend sein werde, der Fluch +Selims trifft mich im Paradiese an, und flattert scheu +zurück, in Zulma finde ich die Tugend und Gott, nur +hier will ich anbeten, ich will mir selber Trotz bieten; +die Seele ist verächtlich, die nicht Muth hat, von sich +zurückzuschleudern, was feindlich in ihre Seligkeiten bricht, +nur der Furchtsame leidet, durch seine feige Einwilligung +ist der Elende elend, — ha! ich trotze dem Schicksal +und der Allmacht, ich will kühn schroffe Klippen erklettern +und mit hohnlachendem Triumph meine Kränze +aus den Schrecken pflücken, — wer, wer kann mir +verbieten glücklich zu sein? Wer will meinen frechen +Geist beherrschen? Wer in Zulma's Armen Elend auf +mich herabsprechen? — o er versuch' es, der Ewige, — <span class="wide">mich</span> +treffen seine Flüche nicht, — mein Glück ist +meine Tugend, ohne Zulma bin ich unglücklich, — Tugend +ist ein nichtiger Schall, der verdammende Richter +hat in seinem Busen nie die Menschheit gefühlt, — ein +tyrannisches Schicksal hat eherne Gesetze für uns +geschrieben, der Ewige hielt seine Erschaffenen für Engel, — er +selber versteht die Menschheit nicht, — darum +zertrümmert diese Gesetze, er wird einst verzeihen, +oder er ist ein Tyrann, der die Schöpfung belebte, um +sich ihrer Quaalen zu freuen. —</p> + +<p>Die Thür des Gemaches öffnete sich. Der Vezier +des Sultans trat heraus und führte Abdallah in ein +prächtiges Zimmer; Ali saß in einer kalten empörenden +Wuth auf einem Sessel und sahe dem eintretenden Abdallah +starr entgegen; der Jüngling warf sich vor ihm +nieder.</p> + +<p>Eine lange Stille. Ali blickte auf ihn ernst herab, +Abdallah wagte es nicht, die Augen aufzuheben. Seine +Sinne hatten ihn verlassen, er ächzte laut in einer todten +Betäubung. — Was willst du? fragte ihn endlich +der Sultan mit zurückschreckender Kälte.</p> + +<p>Abdallah hob sein Haupt auf und blieb auf den +Knien liegen. — Was ich will? — antwortete er leise. — O +diesen großen, schrecklichen, einzigen Augenblick +wollt' ich. — Itzt, itzt ist er da! — Was such' ich hier? — Warum +kam ich hierher? — Wer bist du?</p> + +<p>Er ist wahnsinnig! schrie Ali auf, hinweg mit dem +Unsinnigen!</p> + +<p>Sklaven näherten sich und wollten ihn hinwegführen, +Abdallah widersetzte sich ihnen stumm, — nein, rief er +endlich aus, laßt mich! Ich muß hier bleiben, eine +große Entdeckung führte mich vor deinen Thron, darum +höre mich an. — Ali winkte, und die Sklaven entfernten +sich wieder.</p> + +<p>Nun sprich! sagte Ali, oder bei meinem Zorn, du +gehst nicht lebendig aus diesem Saal!</p> + +<p>Ich will sprechen, sagte Abdallah. O ich muß +sprechen, von itzt an hab' ich keinen Willen weiter. — O +Zulma! Zulma! — Ali, du hast ein großes Kleinod +ausgeboten, du hast dem Zulma verheißen, der Selim +deiner Strafe ausliefern würde.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Ja.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Wirst du dein Versprechen halten?</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Beim Propheten!</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O so ist sie <span class="wide">mein!</span> ich bringe dir +das Geheimniß, gegen das du sie austauschen mußt.</p> + +<p>Ali sprang heftig auf. — Selim? rief er, Selim? +O meine Rache lechzt nach diesem Blute, sprich es aus, +wo ist er? Wo kann ich ihn finden?</p> + +<p>Abdallah schwieg. —</p> + +<p>Sprich! schrie Ali noch einmal, meine Wuth steht +mit neuer Macht in meinem Busen auf, foltre meine +Ungeduld nicht länger, — oder beim Propheten —</p> + +<p>Was hab' ich gethan? sagte Abdallah. — Hab' +ich es ausgesprochen, das fürchterliche Wort? O nein, +nein, ich habe nichts gesagt, ich frage dich Sultan, +sprich, nicht wahr, ich habe nichts gesagt? — O laßt +mich, laßt mich schweigen, meine Worte werden zu +Mißgeburten, die meinen eignen Busen verwunden, ich +bin an die Schwelle der Verdammniß gekommen, o laßt +mich wieder rückwärts schreiten.</p> + +<p>Sein Körper zitterte in einer fürchterlichen Angst, +er wollte sich aufheben, aber er sank wieder kraftlos +nieder.</p> + +<p>Verwegner! sprach Ali zürnend, bist du Frecher +hierhergekommen! meiner zu spotten? — Du kannst +nicht wieder zurückfordern, was du gesagt hast; sprich, +oder Foltern sollen die Nachrichten aus dir herausquälen, +die du mir verweigerst. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Und es muß also sein? die fürchterliche +Frage ist nun auf ewig entschieden? — Nun so +sei es denn!</p> + +<p>Er hob sich mühsam auf, seine Stimme zitterte, +sein Gesicht war bleich, sein Blick starr. — Er beschrieb +dem wüthenden Ali den Pfad, der zu der Wohnung +Selims führte, er nannte ihm die Zeichen, an denen +man den Weg erkennen könnte. Ali befahl seiner Leibwache, +diesen Weg aufzusuchen und Selim zu ihm zu +führen. — Abdallah wollte mit dieser wieder aus dem +Saal hinauswanken.</p> + +<p>Nein, rief Ali, so steht unser Spiel nicht, du verweilst +hier, bis die Abgeordneten zurückkommen; sind +deine Nachrichten Lügner gewesen, so soll dein Leben +für deine Frechheit büßen.</p> + +<p>Abdallah blieb zurück und sahe wieder starr vor sich +nieder.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Hast du Wahrheit gesprochen, o dann werde +dieser Tag als ein Fest gefeiert, Jubelgesänge sollen +durch den Pallast jauchzen, durch die ganze Stadt eine +laute Freude brausen. Was Selims Frechheit wagte, +hat noch kein Sterblicher gewagt, er werde gestraft, +wie noch kein Sterblicher gestraft worden ist. Ich will +darauf sinnen, wie ich ihn martre, allen meinen Launen +will ich an diesem Verworfnen ein Fest geben, +heut will ich nach langer Zeit wieder fröhlich sein. Fürchterlich +will ich unter meine Feinde treten, alles um mich +her will ich verwüsten, was mich haßt. Auf Liebe darf +ich nicht mehr hoffen, aber <span class="wide">fürchten</span> soll man mich +immer; so weit ist es mit mir noch nicht gekommen, +daß man mich ungestraft verachten dürfte. — Ich will +den Trotzigen zittern sehn und sollt' ich mein Gehirn +mit Ersinnung von Martern zersprengen; Selim läugnet +mir meine Menschheit ab, nun so mag er denn einen +Tiger in mir finden. Nur durch Martern will ich zu +ihm sprechen, die Folter soll mein Dolmetscher sein.</p> + +<p>Bebend hörte Abdallah die Worte Ali's, er sahe +ihn mit einem stieren Blicke an, kalt und ohne Leben +wie das Gesicht eines ehernen Bildes. Ali fuhr zornig +fort:</p> + +<p>O daß das Leben nicht meinem Rufe gehorcht, <span class="wide">ein</span> +Tod ist zu wenig, um diesen Frevel abzubüßen, ich wollte +ihn mit Flammengeißeln durch hundert Tode und Leben +peitschen, in die Vernichtung geworfen und wieder zum +Dasein aufgeschreckt wollt' ich ihn mit Quaalen jagen, +bis er in Demuth zitternd um Gnade flehte und den +letzten Tod als ein Geschenk erwinselte. — Hat der +Bösewicht nicht Freuden genossen, mit denen ich niemals +Bekanntschaft machte? War ich nicht von je ein +Bettler gegen ihn? Und mit niedrigem Neide steht er +auf, mir auch das letzte zu stehlen, das Leben, ein Gut, +das er verachtet, das einzige, was mir nur übrig blieb, +da diese Menschen, die er liebt, mir alles genommen +haben. Meine einzige Perl? — O dafür soll er keine +Verzeihung finden, und wenn er mir alle Schätze seines +Busens wie einem Erben hinterlassen könnte.</p> + +<p>Abdallah erlag unter der Last dieser Gedanken, länger +konnte er sie nicht ertragen, er riß mit Gewalt seinen +Geist von diesen gräßlichen Vorstellungen zurück. +Und <span class="wide">Zulma</span>? fragte er mit zitternder Stimme.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Sie ist dein, sie ist deine Gattin, und du bist +mein Sohn, mein ganzes Reich soll es erfahren, daß +du mein Sohn bist. — O ich bin glücklich, daß diese +Tochter, mein Stolz, eine Lockspeise meiner Rache geworden +ist, durch diese <span class="wide">eine</span> That belohnt sie meine +väterliche Zärtlichkeit.</p> + +<p>Zulma mein? — stammelte Abdallah. —</p> + +<p>Aber wer bist du? fragte Ali, du hast mir deinen +Namen noch nicht genannt.</p> + +<p>Abdallah fuhr erschrocken auf. — Wer? schrie er +laut. O daß ich es vergessen dürfte! daß dies Andenken +sich nicht so fürchterlich an mich hinge! — Ha! +wer bin ich? — — Nein, kein Mensch, kein Thier, +kein Teufel, — o hinweg mit der Schaam! selbst diese +geziemt dem Verworfenen nicht mehr. — <span class="wide">Ich bin +sein Sohn.</span></p> + +<p>Abdallah? Selims Sohn? schrie Ali auf. —</p> + +<p>Ich war einst Abdallah, antwortete er.</p> + +<p>Ali fuhr bleich zurück, erblassend sah sich das Gefolge +des Sultans an, ein starres Entsetzen bemächtigte +sich eines jeden, man betrachtete den Jüngling als ein +fremdartiges Wesen, das der Menschheit, seiner Mutter, +auf ewig entlaufen sei.</p> + +<p>Ihr fahrt zurück? sagte Abdallah. — Selbst Ali +erblaßt, vor dem schüchtern jede menschliche Empfindung +zurückbebt, ha dieser Blitzstrahl dringt allmächtig +durch den steinernen Harnisch seines Busens! er fühlt +es, er freut sich, daß er ein Mensch ist! Wie war es +denn möglich, daß ich über diese unermeßliche Kluft +sprang und nicht im Springen zerschmettert wurde? — Nun +steh' ich jenseit und strecke die Arme nach der +Vergangenheit aus. — Ha! warum erblaßt ihr? — Ihr +fahrt zurück wie vor einem Verbrecher, der an die +letzte fürchterliche Gränze aller Laster gekommen ist, ihr +scheut euch mich Bruder zu nennen, — ach, ein hartes +Verhängniß weht mich wie einen Staub umher, ich +muß der sein, der ich bin. —</p> + +<p>Ali sah ihn lange mit einem staunenden Blicke an. — Ich +nannte dich so eben Sohn, sagte er langsam +und leise, — Zulma bleibt dir, — aber mein <span class="wide">Sohn</span> +kannst du nicht werden. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Weil ich diesen Namen auf ewig +gebrandmarkt habe, ha! Väter werden bei diesem Ton +zusammenfahren und Mütter schaudern; seit Abdallah +seinen Vater verrieth, zittert ein schneidendes Gefühl +durch die Brust der Ältern, die Hölle jauchzt, der Himmel +weint, Greise wetzen Dolche für den ungebornen +Enkel, mein böser Engel hat sein schwarzes Buch geschlossen +und steht müssig zu meiner Rechten, diese That +endigt das Verzeichnis meiner Sünden; alles, was ich +nun noch thun kann, ist nichtswürdig gegen diesen glänzenden +Triumph.</p> + +<p>Alle schwiegen und Abdallah sprach heftiger weiter:</p> + +<p>Nun ich über den Gränzstein ausgeschritten bin, o +Himmel, nun ich jenseit aller Menschen wohne, o so +nimm mir auch das Bewußtsein und meine Gedanken, — was +sollen sie mir dort in der verbrannten Wildniß? — Gieß +den Wahnsinn in vollen glühenden +Schalen auf mich herab! — Itzt, itzt kann ich wahnsinnig +werden, ich fühl' es, — ich gebe dir den Funken +zurück, den du mir grausam geliehen hast. — Aber das +Schicksal ruft fürchterlich: Nein! Ja mir selbst wächst +unaufhörlich der Schierling, der mich in Todeskrämpfen +zittern läßt, zum Bewußtsein verdammt zieh' ich selber +die Feuerflammen und Verdammnißquaalen um mich +herum, dieser Geist ist meine Hölle und giebt mich nie +wieder frei. — Itzt ist auch die letzte, die traurigste +Blume der Hoffnung verwelkt, ich habe die Verzweiflung +überstanden und bin noch der ich war; o +warum ist unsre Tugend und Ruhe nicht so felsenhart +und unzerbrechlich, als dies kalte quälende Bewußtsein?</p> + +<p>Unglücklicher! sagte Ali, wie war es möglich —</p> + +<p>Abdallah unterbrach ihn: — Kann ich es selbst +begreifen? das Verhängniß und Zulma, — ich habe +diesen Preis gewonnen, was ist es mehr, wenn ich mich +selbst dabei verspielte? — Zulma, Zulma soll es mir +alles ersetzen, ha! oder ich will einst den Richter jenseit +bitter anklagen, daß er mich um mein Leben betrog, +daß er mir hämisch einen großen Tausch anbot — und +mich schadenfroh hinterging —</p> + +<p>Halt ein! rief Ali, der Wahnsinn spricht aus dir! +du lästerst den Herrn, Elender! — Was hilft es, daß +du gegen die Last kämpfest, du wirst sie niemals abwerfen. —</p> + +<p>Ali sahe starr vor sich nieder, sein Gesicht ward +milder, sein Auge menschlicher. Er dachte über einen +Gedanken nach, der ihn wehmüthig machte.</p> + +<p>Ha, Mehmed! sagte er endlich und wandte sich zu +seinem Vezier. — Wer tadelt mich nun noch, daß ich +die Menschheit verachte? Wer darf noch murren, wenn +ich ihren prahlenden Beglaubigungsschein nicht als gültig +anerkennen will? — Sie selber sendet einen aus +ihrer Mitte, der ihre schwarze Verrätherei entdeckt, der +den verächtlichen Betrug entlarvt. Bis itzt hab' ich +noch immer gefürchtet, an diesem Geschlecht zu irren, +aber nun sind meine Zweifel gehoben, ich bin überzeugt! Was +hat Selim von mir gewollt, da sein Sohn, +den er liebt, der ihn liebt, selber gegen seine Stimme +schreit? — Wo soll ich ehren, wo lieben, wenn Verächtlichkeit +und Meineid mir warnend auf der Gränze +entgegenkommen? diesen Bothschafter hier nennen sie +selber tugendhaft und er schlägt das Vermögen unter, +das sie ihm anvertrauten und entläuft knechtisch mit +seiner Beute. — O hinweg von mir, was sich mit +dem Namen Mensch brüstet! Ihr Stolz ist Niedrigkeit, +ihre Tugenden sind nur unterdrückte Verbrechen, von +itzt sollen sie an mir einen unerbittlichen Richter finden, +der sich durch keinen blendenden Glanz bestechen läßt. +Ich will ihren Stolz verfolgen, bis er zur Demuth +wird, sie verkaufen sich um eine Nichtswürdigkeit der +Hölle, ihre eignen Sinne sind die Angelhaken, die sie +für die ewige Verdammniß gefangen nehmen. Selim +haßte mich, weil ich die Menschheit haßte, weil ich sie +nicht lieben konnte, wollte er das Band meines Lebens +zerreissen, diesen hat er für seine Menschheit erzogen +und er verläugnet sie auf ewig. — Mit Selim will +ich mein strenges Amt beginnen, statt zu verachten will +ich das Siegel itzt <span class="wide">verhöhnen,</span> auf das diese Elenden +so stolz sind. Es ist Tugend, diese Brut zu verfolgen, +über ihre allgemeine Vernichtung würde die Erde +und der Himmel jauchzen. Selim ist die erste Beute, +die mir aus dieser schändlichen Rotte zugeworfen wird, +an ihm will ich dreist sündigen, an ihm sollen sie eine +Probe ihrer Verfolgung sehn und zittern. — Kömmt +er noch nicht? Ich schmachte nach seinem Anblick, itzt +will ich ihm mit Kühnheit entgegengehn, denn unser +großer Streit hat sich entschieden, ich habe meine Anklage +gewonnen, er soll zusammenfahren. Alle Quaalen +will ich an ihm ermüden und ihn dann erst des Spielwerks +überdrüssig, in die Vernichtung werfen.</p> + +<p>Abdallah hatte bis itzt in tiefen Gedanken verloren +da gestanden, er hatte kaum Ali's Worte verstanden. +Plötzlich brach wieder ein Ton durch die taube stumme +Leere seines Innern, eine Tageshelle stand unvermuthet +unter den flüchtigen Schatten, er wachte wie aus einem +Rausche auf.</p> + +<p>Mächte des Himmels! rief er plötzlich in lauter +Angst, — was, <span class="wide">was</span> hab' ich gethan? Ha! wie bin +ich hierhergekommen? — Wer ist es, der aus meinen +Busen spricht? das ist nicht das Wesen, das sich einst +Abdallah nannte, ein Fremdling hat ihn aus seiner +Behausung geworfen und zerstört seine Wohnung, o +könnt' ich ihn aus diesem Herzen reissen! — Nein, dies +hat vor mir noch kein Mensch empfunden! Diesen +Brand im Innern meiner Seele hat noch kein Sterblicher +erduldet.</p> + +<p>Er stürzte wüthend nieder.</p> + +<p>Allmächtiger! rief er. — <span class="wide">Was</span> hab' ich gethan? — Vernichte +mich, Gräßlicher, damit ich aus diesem Traum +erwache! — Nur einen, einen Donner auf mein Haupt, +laß ihn zerstörend durch mein Herz rollen und den Blitz +durch diese Brust flammen, — wirf mich in die Hölle +hinab, nur rette mich von <span class="wide">diesem</span> Gefühl, laß die +Verdammniß mich nur von <span class="wide">dieser</span> Quaal erlösen! — Himmel! +wie ein Nachtwandler wache ich plötzlich auf +und finde mich in eine Todtengruft verirrt. — Reißt +mit glühenden Ketten, mit Feuerhaken diesen angeklammerten +Drachen aus meinem Busen, der wüthend mit +scharfem Zahn in mein Eingeweide beißt! — Beschützt +mich Geister der Hölle und schlagt diese Erinnerungen +zurück, die zu mir hinanspringen! — O Ali, Ali, — ruf +deine Henker und laß mich vernichten, wenn noch +ein einziges Menschengefühl unter den vermoderten +Ruinen liegt, — findest du nur noch eins, das letzte, +o so laß mich sterben. —</p> + +<p>Ali sahe kalt auf ihn herab. — Du sollst leben, +sagte er.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Leben? — Ha! du geizest mit dem +Tode! Selim soll sterben, ich bin dieser Wohlthat nicht +werth. O wenn du nur noch einen Klang von der +zerrissenen Harmonie in dir spürst, wenn meine Quaal +dir denkbar ist, — o so laß ihn nicht sterben, gönne +dir selber diesen ersten großen Sieg, versuch es nur +diesmal, nur dies einzigemal, — und wenn dich dein +Gefühl nicht belohnt, o dann, dann freue dich der Todeszuckungen.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Selim muß sterben. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Sterben? — O wie kalt du dies eine +Wort aussprichst, an das sich meine ganze Seligkeit gehängt +hat. — <span class="wide">Sterben?</span> — Fühlst du, was ich in +diesem einzigen Wort verliere? — mehr, als mir tausend +Kronen ersetzen können, mehr als diese Erde werth +ist. — O Ali, denke den großen Gedanken, durch <span class="wide">einen</span> +Hauch deines Mundes kannst du dich zu meinem Gott +emporschwingen, der mir mit freigebiger Güte den Himmel +schenkt, der großmüthig mich aus der Hölle nimmt +und sie verschließt, — o Ali, <span class="wide">sterben</span> kann mein Vater +durch den Dolch eines jeden Sklaven, — aber dann +steht die ganze Schöpfung da und kann den Hauch des +Lebens nicht wieder fesseln, der flüchtig den Körper verließ, — nur +die Allmacht kann zu ihm wieder sagen: +<span class="wide">lebe!</span> O Ali, du darfst itzt des Allmächtigen Stelle +vertreten, das Leben liegt im Winke deiner Hand; sei +großmüthig, sei menschlich. —</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Er muß sterben. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, laß ihn den Wink des Ewigen +erwarten. — Du findest ihn dort einst wieder: laß ihn +dir als Freund entgegengehn. Wünsch' es, daß du den +heutigen Tag einst im Buch deiner Tugenden aufgezeichnet +findest.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Nein, er muß sterben, <span class="wide">heut</span> sterben. — Wer +bist du mir? Und für dich sollt' ich diese Freude +verloren geben? —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Sterben? und unter Martern sterben? — Nichts +kann diesen fürchterlichen Ausspruch +vernichten? — Unter Martern, die bis in die fernsten +Pulse der menschlichen Natur zucken? — Nun so häufe +Quaal auf Quaal, sinne mit Henkersscharfsinn auf +Schmerzen, trinke sein Blut und laß dir seine Gebeine +vorsetzen, fülle das Maaß meiner Verdammniß bis oben +an, daß auch keine Faser von mir der Hölle entrinne. — Nun +es Flüche gilt, o so stürme die Unendlichkeit mit +Millionen Flüchen auf mich ein, — nun bin ich einmal +tief hinein in Raserei verirrt, nun mag kommen was +da will. — Siehe, Gräßlicher, nun zittre ich nicht +mehr, nun scheu' ich nicht mehr den Blick deiner Augen, +so verworfen ich bin, so fühl' ich doch noch, daß <span class="wide">ich</span> +ihm verzeihen würde. — Ich unternahm das fürchterliche +Spiel, um mein Glück, um Zulma zu gewinnen, — du +aber stehst von deiner Felsenkälte gepanzert +da — und freust dich bloß der Todesquaalen. Du gewinnst +durch seine Schmerzen nichts und ich verliere +alles. — O nun dränge sich Verderben auf Verderben, +nun die Würfel einmal gefallen sind, nun stürze der +Himmel und die Erde zusammen und begrabe alles in +<span class="wide">eine</span> Hölle und ich will dazu lachen. Sieh, du hast +meine Geduld verspottet und mich zur fürchterlichen +Gränze des Wahnsinns gerissen und nun trotz' ich dir +und Gott. Was kann ich noch fürchten, da ich selbst +mein größtes Entsetzen bin? — Ich könnte frech den +Ewigen zum Zweikampf fordern und fluchend niedersinken. —</p> + +<p>Er stürzte zu Boden, brüllte laut und schlug heftig +mit den Fäusten seine Brust, der Vezier trat hinzu und +wollte ihn hinwegreissen, aber Ali hielt ihn zurück. —</p> + +<p>Laß ihn, Mehmed, sagte er mit bitterm Lächeln, +mich ergötzt die Ohnmacht dieses Wurms. Er möchte +sich selber entfliehen und unzerbrechlich ist sein Bewußtsein +an sein Verbrechen geschmiedet. — Sieh, dies ist +der Mensch, der Wiederschein des Ewigen. — Sieh, wie +er in der Wuth sich wälzt und wie ein Rasender brüllt, — würdest +du ihn dir als einen Edelstein unter verächtlichen +Gewürmen hervorlesen? Laß ihn liegen, — o beklage +mich, daß ich zum <span class="wide">Menschen</span> ward, ich schäme mich +meiner selbst!</p> + +<p>Abdallah's Bewußtsein kam zurück. — Derselbe +Leichnamsblick kömmt mir wieder entgegen? sprach er +matt und leise. — Sieht so ein Mensch aus? — O +dann will ich zu den Teufeln flehen und ich werde +sie mitleidiger finden, als dich.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Ich bedaure dich. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Es ist nicht möglich, — dann würde +dein Auge eine andre Sprache reden. +<span class="wide">Ali.</span> Es thut mir weh, ein Wesen zu sein, das +mit dir einen Rang in der Schöpfung hat, ich bemitleide +mich selbst und darum bedaure ich dich. Weil ich +euch verachte, will ich deinem Vater die Quaalen erlassen, +mir ekelt, das Auge auf die Menschheit zu werfen, +auch ihre Schmerzen können mich nicht vergnügen. +Stehe auf, ich erlasse sie <ins title="Original hat ihn">ihm</ins>.</p> + +<p>Abdallah stand langsam auf, er ging betäubt zurück +und stand ohne Bewußtsein und Gedanken an die marmorne +Mauer gelehnt, Ali sahe starr vor sich nieder.</p> + +<p>Es erhob sich ein Geräusch im Hofe des Pallastes, +der Vezier eilte an's Fenster.</p> + +<p>Was ist dort? fragte Ali. —</p> + +<p>Selim, antwortete Mehmed, wird von der Wache +hereingeführt. — Wie stolz der Verwegene seine Ketten +trägt! —</p> + +<p>Man hörte laut Ketten klirren; Abdallah fuhr aus +seinem Todtenschlafe auf. —</p> + +<p>Ketten? sagte er leise. — Ketten? — O wohin +soll ich mich verbergen? —</p> + +<p>Das Geräusch kam näher, Abdallah drückte sich fester +an die Mauer und bedeckte mit den Händen das Gesicht.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Sechstes Kapitel.</h3> + +<p>Selim trat mit der Wache herein, die ihn vor Ali +führte. Er stellte sich stumm vor ihn hin, Ali sahe ihn +mit einem durchbohrenden Blick an; Selim hielt unerschrocken +diesen Blick aus, ohne die Augen niederzuschlagen.</p> + +<p>Du bist mein! rief Ali aus. —</p> + +<p>Ja, antwortete Selim, das strenge Schicksal hat +es so gewollt.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Und du zitterst nicht?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Nein. —</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Da du in meiner Gewalt bist? —</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Was soll ich fürchten? Du hast die +Gewalt mich zu tödten und ich wünsche den Tod. —</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Auch einen martervollen Tod?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Endlich muß doch die <span class="wide">letzte</span> Marter zu +mir kommen, die mich mitleidig frei macht. Wie soll +ich Martern fürchten, wenn sie nicht ewig dauren? — Wie +kann ein Mann so kindisch ungeduldig einige schmerzvolle +Stunden scheuen? —</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Du wünschest den Tod und dies könnte mich +versuchen, dich nicht zu tödten.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Seit mein Entwurf dahin ist, giebt es +keine Freude, keine Hoffnung mehr. Ich mag nicht +in einer Welt leben, wo dein Wille, dein Befehl alle +Seelen lenkt. O versuch' es, ich werde mit größerer +Kaltblütigkeit sterben, als du Muth hast, meinen Tod +auszusprechen. — Ich hatte auf diesen Fall gerechnet; +daß ich sterben konnte, daß du Sieger sein konntest, +diese Möglichkeit hatte ich nicht vergessen und darum bin +ich darauf vorbereitet. Auf beides machte ich mich gefaßt, +entweder ich sprach dein Todesurtheil, oder du das meinige. —</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Du hättest mich dem Tode übergeben?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Ja, denn du machst dein Volk unglücklich +und es verdient glücklich zu sein. —</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Du hättest mich unter Martern sterben lassen.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Nein, für <span class="wide">dich</span> wäre der Tod die größte +Strafe gewesen.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Du verachtest mich?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Lehre mich, wie ich dich ehren kann. —</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Du kannst mich hassen, nur verachten sollst +du mich nicht. —</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Nimm mir meine Meinung.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Du wirst zittern!</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Vor dir? — Niemals! — dies ist also +der Ali, vor dem Asien bebt? das Schrecken des Volks, +der Mann, mit dessen Namen Mütter ihre Kinder zur +Ruhe bringen? — Ich hätte ihn schrecklicher geglaubt. — Dies +ist der Blick, der Tausende bleich macht, dies die +Hand, auf deren Wink das Leben wie ein Hauch entflieht? — O +versperre dich, Sultan, in deinem Pallaste, +werde von Niemanden gesehen, sonst wird es bald dahin +kommen, daß keiner vor dir zittert.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Du wagst es, mich zu verspotten?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Was kann ich wagen? — Das Leben +hass' ich, so wie ich dich hasse, deine Martern veracht' +ich, wie ich dich verachte, — nenne mir ein Wort, das +die Farbe von meinen Wangen jagte, einen Ton, der +mich erzittern macht; du kannst es nicht. — Sieh, ich +bin über dir und über dem Schicksal erhaben. — O sieh' +mich nicht so drohend an, dein Blick fällt vergebens so +flammend auf mein Angesicht, ich bin kein Verbrecher, +ich darf mich nicht vor deinem Auge verkriechen; trüg' ich +nicht diese Ketten, o so müßtest du in <span class="wide">meiner</span> Gegenwart +zittern, ein Verräther hat dir dies Zittern erspart, +ein Verräther hat meinen Vorsatz vernichtet, auf ihn +komme das Elend des Volks, nicht über dich. —</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Nicht über mich?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Nein, — du verachtest die Menschheit, +du verkennst ihren Werth, Menschen gelten dir weniger +als Pflanzen, durch Schätze kannst du sie nur belohnen, +durch Hinrichtung nur bestrafen; du hast keine Ahndung +von dem Gefühl, das den Menschen zum Menschen +erhebt, — und darum bemitleid' ich dich, darum verzeih' +ich dir.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Verworfner? du verzeihst mir? — Welcher +Stolz spricht aus diesem Sklaven? — Führt ihn hinweg!</p> + +<p>Die Leibwache wollte ihn wegführen, als Selim sich +noch einmal zu Ali wandte: —</p> + +<p>Und was gewinnst du mit meinem Tode? — sprach er +mit fester Stimme, wird dein Zittern enden mit diesem +Schlag? — Wirst du weniger beim Schall des Windes +und vor deinem Schatten zurückschrecken? — Die Tyrannen +tragen ihre Strafe in ihrem eigenen Busen. — Dein +Volk haßt dich und du weißt es, die Welt verachtet dich +und du verachtest dich selbst. — Hartnäckig ringst du mit +dir, dich aus dieser Selbstverachtung, aus dieser Seelenträgheit +herauszureissen, — aber du vermagst es nicht. — Ich +sterbe und du lebst, — aber beim Allmächtigen! ich +möchte dein Schicksal nicht mit dem meinigen vertauschen! — Schon +daß ich <span class="wide">dich</span> im Tode verliere, ist ein +Gewinn, ein Leben, über das <span class="wide">du</span> in jeder Stunde +gebieten kannst, ist kein Gut für mich, ein Glück, das +von dir abhängt, kann kein Glück sein. — Und welches +Leben, welches Glück bleibt <span class="wide">dir</span> zurück? o sieh in die +Zukunft hinaus und erzittre vor der nimmerendenden +freudenleeren Wüste. — Ohne lieben zu können und +ungeliebt, verachtet und verachtend gehst du jeder Stunde +entgegen. Eine ewige Langeweile, von keiner Freude +vertilgt, ein ewiger Durst, der nie eine löschende Quelle +findet. — Deine Brust ist hohl, du schämst dich ein +Mensch zu sein, du kennst keine Seligkeiten, treulos +haben sie dich alle verlassen. — So lebst du — und +stirbst endlich, ohne gelebt zu haben. Du hoffst stündlich +Freuden und vertraust dich unbefriedigt jedem neuen +Tage, der letzte sinkt unter, — du bist nicht mehr und +glaubst auch nicht gewesen zu sein, — Und darum, weil +ich dich bemitleide, verzeih' ich dir!</p> + +<p>Ali stand nachdenkend. — Noch dräut der Mordstahl +in deiner Hand, fuhr Selim fort, noch erzittert alles +rund umher vor deinem Machtspruch, — aber eine freudige +Aussicht thut sich mir auf. — Unaufhaltsam bricht +der Wogensturm heran, unaufhaltsam rauscht es immer +näher, armselig wird deine Schreckensstimme in dem +Brüllen der Orkane verwehen, dann, — o sie kann nicht +fern sein, diese Zeit, — dann fühlt die Menschheit ihre +große Kraft und fühlt zugleich ihre Ketten, sie zerspringen +mit einem furchtbaren Klang und du zitterst! — Dann +löscht kein Mord die hellen Flammen aus, dann +gehn deine Geschlechter unter und die Menschheit fordert +ihre ewigen Rechte zurück; — ich kann ruhig sterben, +denn diese Zukunft lacht mir entgegen.</p> + +<p>Selim wandte sich hinweg, um den Saal zu verlassen, +Abdallah eilte hervor und stürzte vor seinem Vater nieder. —</p> + +<p>Du hier? fragte Selim freundlich; glücklich, daß ich +dich gefunden habe, mein Herz suchte dich schon auf +dem Wege, aber doch wird mir der Abschied von dir +diese Reise erschweren. —</p> + +<p>Du gehst um zu sterben, Vater? sagte Abdallah mit +dumpfer Stimme. Er klammerte sich schmerzhaft um +seine Kniee, alle seine Pulse schlugen gewaltsam, seine +Brust röchelte, sein Auge starrte brennend zum Vater +hinauf.</p> + +<p>Stehe auf, mein Sohn, sagte Selim, komm in die +Arme deines Vaters. — Er umarmte ihn. — Mit diesem +Kusse fuhr er fort, nehme ich den Fluch wieder +von dir, den ich voreilig über dich ausgesprochen habe, +wenn ich <span class="wide">dir</span> fluche, welche Seligkeit lasse ich dann +auf dieser Welt zurück? — Nein, Abdallah, aller Segen +des Himmels komme auf dein Haupt herab. — O vergieb +dem Vater, der vom Zorne übereilt ward, vergieb +ihm, geliebter Sohn! —</p> + +<p>Vater! Vater! schrie Abdallah laut, — dein Segen +brennt glühend auf meinem Haupte, gieb mir meinen +Fluch zurück, er machte mich glücklich. Fluche mir, +Vater, fluche mir dreifach, wenn du mich nicht ganz +elend machen willst. —</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Du sprichst im Wahnsinn, Abdallah; hat +dich mein Unglück in diese Wuth gesetzt? — o laß mich, +ich sterbe freudig. Ehre das Andenken deines Vaters +und Abubekers Tochter werde deine Gattin.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Fluche mir, Vater, oder ich bin verloren! +die Hölle ist mein Paradies; Flüche sind meine +Freude!</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Ich mußte ja doch bald sterben, Abdallah, +— laß mich, du bist nicht Schuld an meinem +Tode, wir sehn uns einst wieder.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, nein! du bist mir ewig, ewig +verloren; wir sehn uns nie wieder, ach! du weißt +nicht —</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Wir wollen Abschied nehmen, nur auf +ein Menschenalter. Ich lasse dir meinen besten Segen +zurück, mein Geist wird über dir wachen, meine Seele +der Wächter deines Glücks sein. Ich will der Gehülfe +deines guten Engels werden, — nur verzeih meine +Härte, geliebter Sohn, mit der ich heut am Morgen +mit dir sprach, ich habe sie nachher tief bereut. —</p> + +<p>Abdallah schloß sich ohne Bewußtsein krampfhaft an +seinen Vater, Selim hielt ihn in seinen Armen und +sahe wehmüthig auf ihn hin. — Komm zurück, sagte +er zärtlich, denn ich muß scheiden, von dir und von +dieser Welt; ich habe genug gelebt, bleibe du zurück, +entfliehe von hier und suche dir ein besseres Vaterland, +hasse den Bösewicht und liebe den Tugendhaften, ehre +Gott und seine Gesetze, und das Elend wird vergebens +gegen dich anstürmen; du wirst in dir selber stets eine +unversiegbare Quelle von Glück entdecken, das dir kein +Tyrann und kein Boshafter rauben kann; an den Edlen +reicht das Unglück nicht hinan, ihn erreicht keine Grausamkeit, +kein Bösewicht kann ihn niederdrücken, er lebt +und geht aus dem Leben hinaus ohne zu klagen, denn +er weiß, daß er dort den Lohn seines Edelmuths +empfängt. —</p> + +<p>Nimm mich mit dir! rief Abdallah. — An deiner +Seite wird man es nicht wagen, mich vom Eingange +des Paradieses zu verscheuchen. O laß mich mit dir +sterben!</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Nein, Abdallah, du bleibst zurück, bis +dich der Richter fordert, bis die Jahre ihren Kreis gemacht +haben, bis die Welle deines Lebens in das große Meer +der Ewigkeit fließt, — bis dahin sei ruhig, wir sehn +uns wieder. — Tröste dich mit dem schönen Augenblick, +in welchem ich freudig meinem Sohn entgegen gehen +werde, wo die Ewigkeit unsre Liebe unzertrennlich verbindet; +wo wir uns mit Lächeln von den hiesigen Träumen +erzählen, — o halte mich nicht länger von diesem +schönen Aufenthalt zurück, der Tod ist nur eine Brücke, +die mich dorthin führt, — Lebe wohl! —</p> + +<p>Er wollte sich von Abdallah losmachen, aber dieser +hing sich fest an seinen Vater. — Ich lasse dich nicht, +ich kann dich nicht lassen, schrie er wüthend, fluche mir +und ich gebe dich frei, übergieb mich der Hölle und ich +will dich dem Paradiese lassen. — Vater, du weißt +nicht, wen du in deinen Armen hältst.</p> + +<p>Meinen Sohn, meinen geliebten Sohn, antwortete +Selim. —</p> + +<p>Als du mir heut zürntest, antwortete Abdallah, als +du mir fluchtest, da liebt' ich dich, da warst du mein +gütiger Vater, hinweg! itzt muß ich dich hassen, denn +du labst dich an meiner Höllenpein.</p> + +<p>Abdallah stieß seinen Vater wüthend von sich, Selim +sahe ihn befremdet an. —</p> + +<p>Ist das mein Sohn? sprach er leise. — Welcher +böse Engel spricht aus deinem Munde?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O erst hast du mich in die Verdammniß +tief hineingestoßen, dein Arm ist zu schwach, mich +wieder zurückzureissen, dein Segen wird den Fluch nicht +von mir hinwegnehmen, der in allen meinen Gebeinen +ras't, dieser Wassertropfen kann den schrecklichen Brand +nicht löschen.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Hat deines Vaters Zorn dich wahnsinnig +gemacht, geliebter Sohn? — Komm aus deiner Raserei +zurück, ich muß fort, lebe wohl.</p> + +<p>Er umarmte ihn noch einmal zärtlich, sein Kuß +ruhte lange auf den Lippen seines Sohnes, Abdallah +lag erschöpft in seinen Armen, sein Auge hing matt +an den Blicken seines Vaters. — Lebe wohl, sagte der +Jüngling schluchzend. Thränen stürzten über seine Wangen. +Sein Vater wollte ihn verlassen, er drückte stumm +die Hand des Sohnes, Abdallah hielt sie fest in der +seinigen eingeschlossen; endlich wickelte er sich von ihm +los, Abdallah taumelte zurück und sank gefühllos gegen +die Mauer. —</p> + +<p>Auch <span class="wide">dies</span> hab' ich überstanden, sagte Selim, und +wandte sich zu Ali, dies war die Marter, die mir meinen +Tod schmerzhaft machte; itzt magst du dich an meinen +Schmerzen ergötzen und kein Stöhnen, kein Ächzen +soll dir einen schadenfrohen Triumph gönnen. —</p> + +<p>Ali sahe ihn mit einem leichenkalten Blick an. —</p> + +<p>Du glaubst, fragte er ihn höhnisch, nichts kann dich +mehr erschüttern, nun dieser Abschied vorüber ist?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Nichts. —</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Hüte dich, daß ich dich nicht schaamroth mache +und du als ein Lügner vor mir stehst.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Ich wiederhole es, nun mag kommen, +was da will, ich will ihm mit festem Auge in's Angesicht +sehen. —</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Du stirbst gern? —</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Ja.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Du liebst, du achtest die Menschheit?</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> Würd' ich <span class="wide">dich</span> sonst je haben hassen +können? — Ja, könntest du mir diesen Glauben an +die Menschheit nehmen, dann würd' ich dich für meinen +Sieger anerkennen, dann, nicht eher, würd' ich mein +Leben bereuen, dann, dann hätt' ich umsonst gelebt, +dann wäre mein Stolz eine verächtliche Traumgestalt, +die Arbeit meines Lebens ein nichtiges Kinderspiel gewesen, +ich würde die Stunden zurückwünschen, in denen +ich Menschenglück aufbaute und an dem Reichthum meiner +Seele sammelte, <span class="wide">dann</span> würd' ich wünschen, Ali +gewesen zu sein.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> Und wenn ich dich nun dahin bringen könnte?</p> + +<p>Selim sahe ihn mit einem furchtsamen Blick an, — dann, +sagte er schüchtern, dann würd' ich vor dir zittern. — Aber +nein, unmöglich, diesen Glauben kannst +du mir nicht nehmen, du bist kein Mensch, was willst +du von ihrem Adel wissen? —</p> + +<p>Ali lächelte ihn höhnisch an. — Bist du nicht neugierig, +den kennen zu lernen, der mir deinen Aufenthalt +verrieth? fragte er mit funkelnden Blicken.</p> + +<p>Nein, antwortete Selim, ich habe ihm verziehen, +sei es, wer es wolle.</p> + +<p>Ali ergriff die Hand Selims und führte ihn dann +zu Abdallah. — Dieser ist es! sagte er schnell.</p> + +<p>Selim fuhr blaß zurück. — Soll ich dieser Lüge +glauben? sagte er nach einigem Stillschweigen; nein, +Ali, dazu ist sie nicht fein genug ersonnen.</p> + +<p>Dieser ist es! sagte Ali noch einmal mit schadenfroher +Miene.</p> + +<p><span class="wide">Selim.</span> O Lügner, sieh dies Auge, diese entstellten +Züge, diese Todesblässe, und wiederhole dann +deine Worte noch einmal.</p> + +<p><span class="wide">Ali.</span> O dann wäre mein Triumph noch tausendmal +herrlicher, wenn er itzt nicht bereute. —</p> + +<p>Selim schwieg, er sahe mit einem schweren Blick +auf Abdallah hin; Abdallah schlug die Augen nieder, +alle seine Glieder zitterten.</p> + +<p>Und mein Sohn antwortet nicht? fuhr Selim +auf. — Nicht mit <span class="wide">einem</span> Ton, durch <span class="wide">einen</span> Blick +widerlegt er diese gräßliche Lüge? — Soll ich dies +Stillschweigen für Bewußtsein halten?</p> + +<p>Abdallah drängte sich fester an die Mauer, er wünschte, +daß ihn die Erde verschlingen möchte und schwieg.</p> + +<p>Soll ich es glauben? sprach Selim erschrocken. — O +wenn ich <span class="wide">hier</span> zweifeln soll, dann ist alles, was ich +glaubte, Irrthum, dann — o ich Unglückseliger! — dann +Ali, geb' ich mich besiegt. — O Himmel! Abdallah! +Abdallah! sprich zu deinem Vater, höre meine +letzte Bitte. — Er faßte die Hand Abdallah's. — Sprich, +und zerrisse der Ton mein Ohr, nur <span class="wide">eine</span> +Sylbe, nur <span class="wide">einen</span> Athemzug: sprach er Wahrheit? —</p> + +<p>Abdallah's Herz wollte springen, er zitterte stärker, +sein Busen kochte, mit matter stockender Stimme stammelte +er endlich: Ja!</p> + +<p>Ja? — sagte Selim und ließ plötzlich seine Hand +niederfallen. — Ja? — Nun dann bin ich von einem +tiefen Schlaf erwacht. — Auch <span class="wide">dir</span> hab' ich verziehen. —</p> + +<p>Ali sahe ihn mit einem durchbohrenden Blicke an. — Auf +<span class="wide">diese</span> Verdammniß hättest du nicht gerathen und +hättest du dein Gehirn zersprengen sollen? fragte er ihn +boshaft. — Du liebtest ihn, er liebte dich? Er gehört +zu den Edelsten der Menschheit? — Sieh, dies sind +die <span class="wide">Verehrungswürdigen</span> unter der Natterbrut. Selim, +nun kann ich dir dreist in's Auge sehen, nun +ist mein Triumph vollendet, der Eid, den ich beim +Ewigen schwur, ist kein Meineid, — ich habe, was ich +wollte, ich sehe dich <span class="wide">zittern</span>!</p> + +<p>Ein Fieberschauer schüttelte Selims Gebeine. Ich +habe die Menschheit nie gekannt, sagte er sehr ernst. — Noch +einmal sahe er mit starrem Auge nach seinem +Sohn, dann verließ er stumm den Saal, — die Leibwache +folgte ihm. — Ali sahe ihm schadenfroh nach. — Ich +bin gerächt! sprach er freudig, für die Menschheit +hat er gekämpft und sie fällt in seiner letzten Stunde +treulos von ihm ab, ha! nun wird ihm der Tod einen +bittern Kelch reichen! So groß hätt' ich meinen Sieg +nie geträumt. — Er wagte es nicht, mich anzusehen, — nun +kann ich ihn verachten!</p> + +<p>Abdallah stand ohne Bewegung, ohne Leben, sein +Gesicht war todtenbleich, alle Glieder in einer fürchterlichen +Erschlaffung erstarrt, man sahe kaum, daß er +Athem holte.</p> + +<p>Verloren! verloren! schrie er dann plötzlich. — Er +schwieg wieder, alles war still, nur zuweilen tönte ein +abgerissener brüllender Schrei Abdallah's durch den +Saal. — Eine innere Wuth arbeitete in seiner Brust, +tausend folternde Schmerzen duldete er in einem Augenblick +zugleich, Angst und Verzweiflung, Wuth und Entsetzen +stürmten durch seine Seele. — Mein Vater! +mein Vater! rief er dann von neuem mit lauter +Stimme. — O dies war sein letzter Blick! — dies! — o +Ewiger, warum starb ich nicht vor diesem Blick? — Er +hat mir vergeben? — Nein, eine heißhungrige +Quaal nagt an mir. Alles ist zerstört und vernichtet, o +mein Vater! — Stille, daß ich diesen Namen nicht +nenne! Vater? — Ich bin kein Sohn, ich habe keinen +Vater! — Nein, wie Abdallah sieht kein Sohn +aus, — ich bin von der Menschheit ausgestoßen! Teufel +sind meine Brüder, die Hölle ist meine Heimath.</p> + +<p>Ein Sklave trug einen Giftbecher durch den Saal, +Ali winkte ihm: man gebe ihm den Trank noch nicht, +sagte er. Der Sklave ging.</p> + +<p>In diesem Becher, rief Abdallah, wird meinem +Vater der Tod gebracht! — Ha, wie die bösen Engel +alle hohnlachend um mich grinsen! Nun gehöre ich ihnen +leibeigen, nichts wird mich loskaufen. — Mein Name +ist aus der Zahl der Lebendigen ausgestrichen, im Buch +der Verdammniß steh' ich eingeschrieben, — bald wird +mir die fürchterliche Rechnung vorgelesen werden! — —</p> + +<p>Ali ging ihm näher und sagte: Verweile hier, ich +gehe um Selim sterben zu sehn. — Itzt wird er den +Giftbecher nicht so muthig, so verächtlich leeren. Höhnisch +lacht ihm die Menschheit nach, er wird sich seiner Thaten +und seiner Begeistrung schämen. — Diese Wonne +will ich mir nicht versagen.</p> + +<p>Ali ging und der Vezier und die übrigen begleiteten +ihn. — Abdallah blieb in dem weiten Saal allein, +alles um ihn her schien ihn mit fürchterlichen Gesichtern +anzublicken, er stieß wüthend seinen Kopf gegen die +Mauer.</p> + +<p>Itzt! itzt! — sprach er leise, — itzt trinkt er den +Becher, itzt lachen Ali und sein schändliches Gefolge +über die Todeszuckungen meines Vaters; Selim denkt +an seinen Sohn und dieser Gedanke dreht ihn in noch +schrecklichern Krämpfen. — O Abdallah! Abdallah! — +Wardst du darum geboren? — O nun ist jenes fürchterliche +Ziel herangerückt! — Auf ewig, auf ewig bin +ich verloren! — Selim! — Abdallah! — Die ganze +Natur wird in ihr Chaos zurückspringen, denn die Liebe +ist todt, alle Elemente werden von neuem feindselig +gegen einander kämpfen und die Welt in Trümmern +schlagen. — O warum gerade <span class="wide">ich</span>, unter Millionen +ich der Verworfene, der seinen Vater ermorden muß? — Nur +<span class="wide">ich?</span> — In diesem Gedanken grinst mich die +ganze Hölle an.</p> + +<p>Er stand von neuem in einer dumpfen Betäubung.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Siebentes Kapitel.</h3> + +<p>Omar trat in den Saal. Abdallah fuhr auf als er +ihn sahe und stürzte sich wild in seine Arme. Rettung! +Rettung! schrie er heftig. — Omar, reiß mich durch +deine Gewalt aus diesem Strudel, der mich zerschmettert; +o wo bist du gewesen? Warum hast du mich so +unbeschützt allen diesen fürchterlichen Quaalen überlassen? — Bin +ich deiner Hülfe nicht mehr werth? Liebt +kein Wesen mehr den Abdallah, seit er der Menschheit +untreu geworden ist? — Omar! rette mich vor mir +selbst! sieh, ich bin fast wahnsinnig, o könnt' ich es +ganz werden, ich wäre glücklich!</p> + +<p>Ich erschrecke vor dir, sagte Omar, ich glaubte dich +nicht <span class="wide">so</span> zu finden.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nicht so? — O und wie anders? +Wie kann ich anders sein? — Wundre dich, daß du +mich noch lebendig antriffst, kein Sterblicher hat noch +mit so vielen Martern gerungen. — Ich sollte ruhig +sein, itzt, da mein Vater unter gräßlichen Schmerzen +knirscht? —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Er leidet nicht mehr. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Itzt?</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Er ist todt!</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Todt? — Todt? — Er war und +ist nicht mehr. Todt? O wie viel liegt in dem armseligen +kleinen Worte. Nun hat er mein Verbrechen +abgebüßt. —</p> + +<p>Er sank wieder in ein tiefes Nachdenken, das Omar +vergeblich zu zerstreuen suchte. — Ich habe ihn gehabt, +fuhr er dann fort. — <span class="wide">Gehabt?</span> — O Himmel, mein +Vater, den ich so zärtlich liebte, der mich so innigst +liebte, <span class="wide">dieser</span> ist <span class="wide">todt.</span> Von seinem Sohne geschlachtet, +hingegeben der Mordgier durch Abdallah. — Ach, +Omar! Omar! — So eben hätt' ich durch Zulma seine +Martern abkaufen mögen und nun klag' ich darüber, +daß er sie nicht mehr fühlt. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Sei weise, Abdallah. Laß das, was vergangen +ist, vergangen sein. — Was hast du gewonnen, +wenn dich diese Gedanken ewig quälen? Zweifle an allem +was war und lebe nur in der Gegenwart, alle deine +Hoffnungen kommen dir gekrönt entgegen, siehe, es fehlt +keine in ihrem feierlichen Zuge, geh mit heitrer Stirn +auf sie zu, wie es dem Glücklichen ziemt. — Hinweg +mit diesen Falten! Sieh aus wie ein Bräutigam, der +seine Braut erwartet; Tausende sind unglücklich, ohne +des Glücks zu genießen, das dein ist. <span class="wide">Zulma!</span> rufe +diesen Namen nur und alle Sorgen werden zurücktreten, +feigherzig entflieht dann jeder Kummer.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Zulma? — O das war eine Seligkeit, +auf die ich einst so sehnlichst hoffte, aber auch dieser +Strahl ist hinter Wolken untergegangen, auch diese +Freude hab' ich verspielt, um nichts zu gewinnen. — Du +zeigst, um mich zu trösten, auf ein Grabmal hin, +in welchem ein Freund schlummert, der einst meine +Wonne war.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> O Zulma, Zulma ist dir nicht gestorben, +ruf nur einen Strahl jener Entzückungen zurück, mit +denen du ehemals ihren Namen dachtest. —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ach Omar, sie wird mir ein ewiges +Verzeichniß meiner Verbrechen sein, alle beseligenden +Gefühle sind auf ewig von mir hinweggeflohen, nur +die entsetzlichen sind mir geblieben, diese knüpfen sich +an jedes Wesen, an jede Erwartung. —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Reiß dich aus dieser trägen Seelentaubheit, +zeige den Schaudern eine Heldenbrust, und sie werden +zurückstürzen!</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, Omar, auf welche Freude darf +der Vatermörder rechnen? Jedem andern Verbrecher +verzeiht der gütige Himmel einst, aber des Vatermörders +Gebet darf sich nicht in seine Himmel wagen, die Engel +würden erzittern und der ewige Glanz seines Thrones +erbleichen. Seit Ewigkeiten ward ich ausgelesen, +ein Spott des grausen Verhängnisses zu sein und dies +fürchterliche Spiel wird sich niemals enden. — Ach! +könnt' ich wieder werden was ich war, könnt' ich zu +dir sagen: weck mich auf! und ich erwachte dann und +alles, alles wäre nur ein Traum gewesen, stände dann +der Abdallah wieder vor dir, der einst vor dir stand, +wärst du derselbe Omar, der du ehedem warst, — ach! +als ich deine Lehren noch mit kindlicher Unbefangenheit in +mich sog, als ein zürnender Blick meines Vaters oder +von dir das Unglück dieser Erde für mich war, als ich +froh an jedem Abend einschlief und der Strahl des +Morgens mich zu neuen Freuden weckte, als ich mich +so unbesorgt und mit kindlichem Lächeln jedem Tage +überließ, der mich dem folgenden überlieferte, — o wann +kann ich wieder eine dieser Seligkeiten kosten? Wie ist +dieser Abdallah so plötzlich jenseit aller Verbrechen und +Laster geschleudert? — Himmel! wie nahe liegt mir +die Zeit, als ich noch vor dem Gedanken <span class="wide">Mörder</span> +zurückbebte? — Und <span class="wide">selbst</span> ein Mörder sein und der +verworfenste von allen Mördern, <span class="wide">Vatermörder!</span> — o +dürft' ich an die Unmöglichkeit glauben, dürft' ich der +Unwahrscheinlichkeit vertrauen und mich keck mit mir +selber wieder versöhnen. — Aber nein, es ist! Nicht +wahr, Omar, es ist? —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Es war.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Nein, es ist! die Ewigkeit, der Allmächtige +selbst kann mein Verbrechen nicht von mir +wieder abkaufen. — Ach, Omar, als mein Vater hörte, +daß sein Abdallah ihn dem Verderben verrathen habe, — ach, +da sahe er mich mit einem Blicke an, — o es +war ein entsetzlicher Blick, nie wird meine Einbildung +diesen Blick verlieren, keine Stunde meines Lebens war +mir noch so fürchterlich, als diese, noch nie war meine +Seelenangst so hoch gestiegen, als bei diesem Anblick +des Auges; alles Entsetzen lag darin. Laß mich nur +diesen Blick vergessen, Omar, und ich will das freche +Versprechen wagen, alles übrige zu vergessen!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Dein Vater hat dir verziehen, verzeih dir +selbst. —</p> + +<p>Ali und sein Gefolge kamen zurück. — Auch keinen +Schrei konnte ihm der Tod auspressen, sagte Ali +mürrisch, sein Tod war so halsstarrig wie sein Leben, +er ging in die Vernichtung wie ein andrer sich zum +Schlafen auf sein Lager wirft; der Schmerz wühlte in +allen seinen Zügen und trieb seine Glieder fürchterlich +geschwollen auf, aber er sahe dem gräßlichen Anblick +wie einem Spiele zu. — Auch kein Seufzer ist ihm +entschlüpft.</p> + +<p>Ali winkte und einige Sklaven traten hervor, die +den betäubten Abdallah in ein Bad führten. In Träumen +verloren that er ohne Besinnung alles, was man +von ihm verlangte. Man salbte ihn dann mit köstlichem +Balsam und schmückte ihn mit reichen Kleidern, +er bemerkte kaum diese Veränderungen. — Mit Gold +und Purpur geschmückt ward er in den Saal zu Ali +zurückgeführt.</p> + +<p>Alle Großen des Reichs waren hier versammelt, +der Saal schimmerte von Edelsteinen, himmelblaue Polster +mit Gold geschmückt lagen an den Seiten des +Saales. Jedermann begrüßte Abdallah ehrerbietig, alles +neigte sich tief, er zwang sich heiter umherzusehen und +jeden Gruß mit Freundlichkeit zu erwiedern.</p> + +<p>Prächtig gekleidet trat Zulma itzt herein; Abdallah +hatte sie noch nie so schön gesehn, er fuhr unwillkührlich +auf und eilte ihr entgegen: mit ihr trat ein Priester +herein. —</p> + +<p>Ali nahm die Hand Zulma's und legte sie in die +Hand Abdallah's. — Ich gebe sie dir, sprach er, so +wie ich sie dir verheißen habe; deine Treue gegen deinen +Fürsten hat dir diesen Lohn erworben, werde nie untreu, +und meine Gnade und die Gunst des Himmels wird +ewig auf dich herunterblicken.</p> + +<p>Der Priester sprach den Segen über beide aus, die +Gäste warfen sich nieder und wünschten ihnen Glück. — Abdallah +sahe immer starr vor sich nieder, nur zuweilen +drückte er heftig und stumm Zulma's Hand, sie sahe +oft besorgt nach ihm hin, aber er bemerkte ihre Blicke +nicht und brütete wieder in seinem dumpfen Nachsinnen +weiter.</p> + +<p>Die Feierlichkeit war geendigt, Ali und die Gäste +entfernten sich, um im Garten die frische Kühle der +Abendluft einzuathmen, Abdallah und Zulma standen +allein im Saale. —</p> + +<p>O so ist denn endlich, begann Zulma, der große, +der fürchterlich schöne, der langerwünschte Augenblick herangekommen, +an dem ich von jeher zweifelte? — So +sind denn nun alle meine Wünsche erfüllt? — O wie +zagt' ich gestern, und flohe erschrocken zurück, als ich +dich vor dem Pallast stehen sahe, ich wußte wie sehr +mein Vater dem deinigen zürnt, — aber nun ist ja +alles vorüber, — ich sinne vergebens, wie du durch die +Unmöglichkeiten hindurchgedrungen bist und dich zu mir +gekämpft hast, — aber sei's, auf welche Art es wolle, +ich halte dich in meinen Armen und bin glücklich, und +was will ich denn noch mehr als dieses Glück? Daß +ich glücklich bin, daran weiß ich genug, alles übrige ist +mir heute gleichgültig und ohne Werth. — Aber warum +bist du so stumm, Abdallah? Meine Freude schwatzt und +die deinige schweigt in ein stilles Nachsinnen verloren?</p> + +<p>Abdallah sahe auf. — Fühlst du dich glücklich in +meinen Armen? fragte er leise.</p> + +<p><span class="wide">Zulma.</span> So glücklich wie im Paradiese.</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Ganz glücklich?</p> + +<p><span class="wide">Zulma.</span> Könntest du daran zweifeln? —</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> O so ist der Fluch des Ewigen nicht +auf meine Stirn geprägt, — und du fühlst nicht, daß +du in den Armen eines Mörders liegst?</p> + +<p><span class="wide">Zulma.</span> Eines Mörders?</p> + +<p><span class="wide">Abdallah.</span> Hörtest du den Herold nicht das schreckliche +Gebot ausrufen?</p> + +<p>Himmel! — du hast nicht, — sagte Zulma mit +banger Ahndung, — sie konnte, sie wagte es nicht, +weiter zu sprechen.</p> + +<p>Ja! rief Abdallah lautlachend, ich gab meinen Vater +verloren, um dich, dich zu gewinnen!</p> + +<p>Zulma fuhr erblassend zurück, sie wollte ohnmächtig +niedersinken, aber Abdallah fing sie in seinen Armen +auf. Mit halbgeschlossenen Augen sahe sie ihn starr +an, sie konnte nicht sprechen, ihre Lippen zitterten, sie +wollte sich aus seiner Umarmung losmachen, aber in +einem schrecklichen Krampf hielt er sie fest an seine +Brust gedrückt. Du bist mein! mein! schrie er laut, — ich +habe dich der Hölle abgerungen und keine Hölle +soll dich mir wieder rauben, — so wie du mir gehörst, +gehörte noch kein Weib dem Manne, jedes Haar deines +Hauptes ist durch einen Fluch erkauft. — O Zulma! +Zulma! auch du willst mich verlassen? — Für +dich hab' ich mich ja der Verdammniß verpfändet, für +dich, nur für dich bin ich der Natur und meiner Menschheit +abtrünnig geworden und habe wüthend an meinen +eignen Gebeinen genagt, — o hier ist noch die letzte +Freistatt meiner Seele, in kein andres Gebiet darf sich +der gebrandmarkte Verbrecher wagen, nur die Liebe +nimmt ihn gütig auf. — O Zulma! an deinen Busen +gelehnt sollen mich deine süßen Lippen Vergessenheit +lehren, hier will ich dem Himmel zum Trotz Seligkeiten +genießen, — o dich hatt' ich vergessen, als ich dem +Ewigen meine Freuden aufkündigte.</p> + +<p>Ein Mörder? Ein <span class="wide">Vatermörder?</span> schrie Zulma +schrecklich auf. — O hinweg Ungeheuer aus meinen +Armen, du bist nicht mehr Abdallah!</p> + +<p>Zulma! Zulma! rief Abdallah, hier ist meine letzte +Hoffnung, nimm mir diese und meine Wollust ist Raserei +und Gotteslästerung! — Wenn mir auch diese +Seligkeit untreu wird, o so will ich mich in das ganze +Meer der Verdammniß hineinwerfen, da Rettung doch +unmöglich ist! Nein, Zulma muß mir bleiben, oder der +Allmächtige ist mehr als grausam, er hat ja eine ganze +Ewigkeit vor sich, mich zu martern, er lasse mir diese +wenigen Jahre hier unten.</p> + +<p>Gräßlicher! sagte Zulma. — O du hast mir ein entsetzliches +Geheimniß enträthselt. — Liebe sollte sich in +deine Brust hinein erkühnen? Wo das Grausen auf +einem schwarzen Throne sitzt und Schauder seine furchtbaren +Wächter sind? — Nein Abdallah, — meine +Liebe ist seit diesem Augenblick erloschen; o Entsetzlicher, +ich fürchte dich, wie sollt' ich dich lieben können?</p> + +<p>Zulma! schrie Abdallah, o es gilt nun alles, alles, +ich fluche dir mit entsetzlichen Flüchen, denn um dich +hab' ich die That gethan, ich weihe dich zur Verdammniß +und zum Grausen ein, ich klammre mich fest an +dich und reisse dich mit mir in die Hölle, die meiner +wartet.</p> + +<p><span class="wide">Zulma.</span> Du rasest, Abdallah. — O hast du mich +so gewinnen wollen? — So? — hinweg! — die +Menschheit hat dich ausgestoßen, was will der Verworfne +in <span class="wide">meinen</span> Armen? Ich gehöre ihr noch an, — ich +habe meinen Vater nicht ermordet, — wenn +ich mit seinem Blute besprützt zu dir komme, dann +wollen wir uns lieben, bis dahin sei mein Abscheu!</p> + +<p>Abdallah ließ sie fahren. — Diese Furchtbarkeit +sagte er, fehlte noch an der gräßlichen Zahl, Zulma weicht +zurück; nun ewige Quaalen nehmt mich in Empfang! — die +Liebe vergiebt mir nicht, — was soll ich von +dem strengen Richter dort hoffen? Alles sagt sich von +mir los, nur ich selber bleibe mir übrig. Vernichtung, +stürme hervor! Brause heran, Verderben! — Hölle, +öffne deine Arme! Sei verflucht Zulma, und der Augenblick, +in welchem ich dich zuerst erblickte!</p> + +<p>Abdallah warf sich erschöpft auf einen Polster, Zulma +wagte es nicht, ihn anzusehen, sie trocknete sich +heimlich kalte Thränen des Entsetzens von den Augen. — Ihr +Vater kam mit den Gästen aus dem Garten +zurück.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Achtes Kapitel.</h3> + +<p>Auch Omar trat itzt mit den übrigen Gästen herein +und bewillkommte Abdallah. — In einem bunten Gewühl +durchkreiste sich alles fröhlich und sprach und +schwatzte mit einander; Sklaven und Sklavinnen liefen +durch den Saal und bereiteten die Tafel und die festliche +Mahlzeit; Lichter glänzten auf goldenen und silbernen +Leuchtern und blendende Schimmer zitterten durch das +Gemach. Alle Augen sahen fröhlich umher, alle lachten +und scherzten, nur Abdallah stand mitten unter ihnen, +wie ein Gegenstand ihres Spottes, sein Auge verirrte +sich in der Versammlung und starrte dann wieder unbeweglich +auf den Boden hin; oft fing er an mit dem, +der <ins title="Original hat ihn">ihm</ins> am nächsten stand, zu sprechen, aber sogleich +brach er wieder ab, ohne es selbst zu wissen, und verlor +sich in seinem gräßlichen Stillschweigen. — Zulma +wandelte verlegen durch den Saal, bald sprach sie mit +ihrem Vater, bald sahe sie nach dem leblosen Abdallah +hin. — Endlich erblickte Abdallah seinen Omar im +Gedränge, er eilte sogleich auf ihn zu, er hatte ein bekanntes +Wesen endlich aufgefunden, das mit seinen +Gefühlen vertraut war. Abdallah und Omar gingen +auf und ab.</p> + +<p>Auch das letzte Glück, sagte endlich Abdallah, ist +mir abtrünnig geworden, Zulma liebt mich nicht.</p> + +<p>Sie liebt dich nicht? fragte Omar erstaunt.</p> + +<p>O sie verabscheut mich, antwortete Abdallah. — Diese +Liebe war nur ein sehr kurzer Frühling, der +schwarze Winter kömmt zurück. Siehst du, wie mir +alles, alles ungetreu wird? — Ach Omar, ich wanke +wie in einem Traum einher, — könnt' ich mich ruhig +in mein Grab hineinlegen! O hätt' ich nie gelebt!</p> + +<p>Omar wollte ihn beruhigen, aber Abdallah hörte +nicht auf seine Worte, er blieb in sich selbst zurückgezogen +und seufzte schwer.</p> + +<p>Das Gastmahl war indeß angeordnet, die Lichter +glänzten in helleren Schimmern, das Gewühl verlor +sich itzt, man ordnete sich und setzte sich an den Tisch. +Zulma saß zur Linken Abdallah's, Omar zur Rechten.</p> + +<p>Man aß und alle waren froh und vergnügt, Sklavinnen +tanzten, sangen und spielten auf Guitarren und +Theorben, andre schlugen kleine Handpauken, andre +Cymbeln.</p> + +<p>Abdallah sprach nur wenig, er sahe starr vor sich +nieder, Zulma anzusehen wagte er nicht. —</p> + +<p>Unter einer fröhlichen Musik tanzten die Sklavinnen +und sangen:</p> + +<div class="center"> + <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem"> +<tr><td align="left"><span class="ind3">Schwebt in süßen Melodieen</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind3">Sanftgesungne Hochzeitslieder,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind3">Und in immer süßern Tönen</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind3">Grüßt des Bräutigams,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind3">Grüßt das Ohr der Braut. —</span></td></tr> +<tr><td align="left"> </td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind4">Wonnelieder</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind3">Sprechen in den frohen Tanz,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind3">Jauchzende Gesänge</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind3">Schweben in leisem Fluge</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind4">Um euer beglücktes Haupt.</span></td></tr> +<tr><td align="left"> </td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Wie ein goldner Blüthenregen</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Schwimme Glück auf euch herab,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Wie nach Wettergewölken</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Sich Regenbogen</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Durch die Finsterniß spannen,</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind4">So komme stets nach trüben Stunden</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind4">Die Freude unermüdet wieder. —</span></td></tr> +</table> +</div> + +<p>Die Tänze verwebten sich in immer neuen Verschlingungen, +ein zauberischer Wohlgeruch floß durch den +ganzen Saal, alle Gesichter lachten und glänzten von Fröhlichkeit. +Abdallah war betäubt, er hatte alles vergessen, +die Tänze und Gesänge hatten ihn so sehr aus sich +selbst herausgerissen, daß er mit der Freude eines Wahnsinnigen +jedem fröhlich entgegenlachte. Von einer wilden, +thierischen Fröhlichkeit berauscht umarmte er bald +Omar und dann wieder Zulma, selbst Zulma lächelte +zuweilen und spiegelte sich munter in seinen Augen. +Die Gesänge jauchzten und Abdallah jauchzte zuweilen +laut in die tanzenden Chöre. Auch Ali schien fröhlich, +seine Rache war befriedigt und der furchtbare Selim, +der einzige Mann in seinem Reiche, vor dem er zitterte, +war nicht mehr. —</p> + +<p>Eine lange Gestalt drängte sich itzt aus dem Gewühl +hervor, dicht eingewickelt in schwarzen Gewändern +zog sie einher, ein stiller Schauer begleitete sie, alles +wich zurück. — Zu einer Laute hörte man leise singen:</p> + +<div class="center"> + <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="text"> +<tr><td align="left">Die Hölle hat den Sünder angenommen. —</td></tr> +<tr><td align="left">Dem Feigen ziemen keine Kronen,</td></tr> +<tr><td align="left">Nur der Muth kann sie erringen;</td></tr> +<tr><td align="left">Seht ihr den Frevler</td></tr> +<tr><td align="left">Unwissend</td></tr> +<tr><td align="left">Neben seinem Verderben sitzen? —</td></tr> +</table> +</div> + +<p>Abdallah fühlte, wie ein kaltes Grausen seinen Rücken +hinunterging. Die seltsame Gestalt zog itzt bei Abdallah +vorüber, sie schlug das Gewand vom Kopf zurück, +es war <span class="wide">Nadirs</span> altes todtenbleiches Gesicht; er trug +einen Spiegel unter seiner Hülle; — Omar's Gesicht +spiegelte sich von ohngefähr, — und o des Entsetzens! +es zeigte sich so, wie es Abdallah in dem wunderbaren +Zauberpallast gesehen hatte.</p> + +<p>Der Greis verlor sich wieder in dem Gedränge.</p> + +<p>Omar! sagte der schaudernde Abdallah leise zu seinem +Freunde, — horch! — hörst du nicht unter den +Gesängen eine Stimme leise: Vatermörder! ächzen? — horch! +horch! wie der Ton eines Sterbenden, — das +ist sein Geist, — Vatermörder! seufzt es so schwer, so +abgestoßen, wie mit einer innigen Herzensbangigkeit. — O! +schlagt die Guitarren und Theorben! rief er laut, +bis ihre Saiten springen! überschreiet diesen verwegenen +Mahner und jagt ihn betäubt aus dem Saale, laßt +die Pauken lauter donnern! — Schlagt alles in einen +furchtbaren Klang zusammen, daß keine fremde Stimme +hörbar werde! —</p> + +<p>Die Gesänge wurden lauter und wilder, die Tänze +wüthender, wie schießende Flammen, so schnell flohe +und verfolgte man sich, in immer künstlichern Geweben +verschlungen:</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="text"> +<tr><td align="left">Schlag an das Sterngewölbe</td></tr> +<tr><td align="left">Stürmender Wonnegesang!</td></tr> +<tr><td align="left">Daß weit durch die stille Nacht</td></tr> +<tr><td align="left">Die rauschende Freude töne!</td></tr> +<tr><td align="left">Trage zum Meeresstrande</td></tr> +<tr><td align="left">Tönender Wiederhall</td></tr> +<tr><td align="left">Unsern Wonnegesang!</td></tr> +<tr><td align="left">Daß ferne Klippengestade</td></tr> +<tr><td align="left">Den Namen <span class="wide">Abdallah</span> hallen,</td></tr> +<tr><td align="left">Daß über grüne Wiesen</td></tr> +<tr><td align="left">Der Name <span class="wide">Zulma</span> wandle,</td></tr> +<tr><td align="left">Die Blumen schöner färbe.</td></tr> +<tr><td align="left">Daß der Mond sich freue</td></tr> +<tr><td align="left">Und goldner scheine,</td></tr> +<tr><td align="left">Und die Zügel der Nacht nicht fahren lasse</td></tr> +<tr><td align="left">Vor der Sonne fliehend.</td></tr> +</table> +</div> + +<p>Abdallah hatte ein bleiches Gesicht auf die gegenüberstehende +Wand geheftet, seine Augen starrten fürchterlich +aufgerissen wild in die Leere hinaus. — Befremdet +fragte ihn Omar: was ist dir?</p> + +<p>Sieh! Omar! ächzte Abdallah. — Sieh, die seltsame +Erscheinung dort vor mir! — Eine weiße dürre Todtenhand +klemmt sich heimlich und unbemerkt aus der Wand +heraus und winkt mich unermüdet hinein, — was mag +es sein, das mich so ruft? — Noch immer winkt sie mir +ernst und befehlend, — sieh' den zernagten gekrümmten +Finger! — Ha! es hat dich gesehn, denn die Hand +hat sich zurückgezogen! — Omar, sie kömmt wieder, — sieh, +der Arm dürr und knochicht bis zur Schulter, — es +will sich aus der Mauer herausdrängen, — sollte +das mein Vater sein, der durchaus zu mir will, um +an meiner Freude Theil zu nehmen? — Stich mir +die Augen aus, Omar, ich mag es nicht länger sehn! —</p> + +<p>Omar lächelte ihn wehmüthig an. — Omar, sieh +umher! sagte Abdallah ängstlich, — mir ist plötzlich, +als sitze ich hier unter todten fremden gemietheten Maschinen, +die bestimmt den Kopf drehen und die Lippen +öffnen, — sieh doch, wie der abgemessen mit dem hölzernen +Schädel nickt, der sich Ali nennt, — ich bin betrogen! — das +sind keine Menschen, ich sitze einsam +hier unter leblosen Bildern, — ha! nickt nur und hebt +die nachgemachten Arme auf, — mich sollt ihr nicht +hintergehn! — Sieh doch, dies hier sollte Zulma sein? — Ha! +ein beinernes Gerippe, scheußlich mit Fleisch eingehüllt, — sieh! +itzt eben werden ihr die todten Augen +aus dem Schädel fallen, — hu! ich sitze unter Moder +und Verwesung, wie in einer Schlachtbank bei aufgehäuftem +Fleisch, — rette mich, — o hinweg! du bist +nichts besser als diese!</p> + +<p>Die Gesänge übertönten ihn: —</p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="text"> +<tr><td align="left">Im goldnen Wolkenschleier</td></tr> +<tr><td align="left">Steigt die schöne Tochter der Nacht</td></tr> +<tr><td align="left">Ihre Himmelsbahn hinan.</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Fröhlich rauschend</span></td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Hüpfen Meereswellen</span></td></tr> +<tr><td align="left">Ihr mit holdem Gruß entgegen. —</td></tr> +<tr><td align="left">Sie mustert ernst ihre Sternenreihen,</td></tr> +<tr><td align="left">Alle Sterne neigen sich mit Ehrfurcht,</td></tr> +<tr><td align="left"><span class="ind2">Sie wandelt still. — —</span></td></tr> +</table> +</div> + +<p>Plötzlich fielen alle Lauten mit einem mächtigen +Klang auf den Boden, alle Gesichter am Tisch wurden +plötzlich starr und blaß, jeder ward unwillkührlich in +einer gräßlichen Stellung festgehalten, wie zum Spott +aufgestellte Leichname saßen alle da und sahen sich unter +Schaudern an. — Abdallah sprang auf, seine Zähne +knirschten entsetzlich. — Vatermord! — Vatermord! — schrie +er, — die Hölle kriecht unter unsern Füßen umher, — der +bleiche Tod steigt aus der Wand heraus +und kömmt drohend auf mich zu! —</p> + +<p>Alle fuhren auf. — Er ist rasend! — schrie Ali +laut und ein plötzlicher Schreck fiel auf alle herab, sie +entflohen hinweggejagt, Abdallah's Augen funkelten, — er +wollte Zulma mit Gewalt zurückhalten, sie riß sich +mit einem lauten Geschrei von ihm los, und ließ ihren +Schleier in seinen Händen; schäumend warf er ihr +brüllend seinen Dolch nach, er fuhr in die Wand.</p> + +<p>Unsichtbare Wesen tobten hinter den Entflohenen +her, sie zertraten die Lauten und polterten fürchterlich +durch den Saal, — Stürme hausten klingend in den Fenstern, +seltsame Töne schrien aus den Mauern hervor, +es ras'te durch den ganzen Pallast wie ein fliehendes +Heer. — Abdallah sank auf seinen Sitz zurück. —</p> + +<p>Es ward still und als er die Augen wieder aufschlug, +tanzten stumm durch den Saal die grauenvollen +mißgestalteten Zwerge aus dem Zauberpallast, das Ungeheuer +Zulma hatte sich ihm gegenüber gestellt, einzelne +lange Haare wiegten sich auf dem nackten Schädel, aus +dem ungeheuern Kopf grinsten ihm wild verzerrte Züge +und Zähnknirschen entgegen, sie nickte ihm einen freundlichen +Gruß zu, bot ihm die Hand, warf einen blutigen +Ring auf den Tisch, und versank dann lächelnd +unter die Erde.</p> + +<p>Mit ihrem freundlichen Grinsen begrüßten ihn alle +Ungeheuer und verflogen dann in die Wände.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Neuntes Kapitel.</h3> + +<p>Abdallah blieb lange stumm, der Mond schien blutig +durch die purpurnen Vorhänge auf den Boden, im kalten +Ernst saß Omar neben ihm.</p> + +<p>Omar! rief endlich Abdallah, von der entsetzlichsten +Angst und Verzweiflung gefoltert, — Omar! er umschlang +ihn wüthend mit den Armen. — Alles, alles +ist fort, nur du bleibst unauflöslich mein, ja, du hast +es mir geschworen, — du liebst den Vatermörder noch, — o +ja, du kannst ihn nicht hassen. — O könnt' ich +mich stürmend in deinen Busen drängen und dort meine +Wohnung bauen, und in dir mich gegen alle diese +Schrecken verschanzen. — Könnte sich meine Seele in +die deinige retten! — du antwortest nicht, mein Omar, — o +sprich! — horch! wie entsetzlich die Todtenstille +um uns flüstert! — sprich!</p> + +<p>Omar lachte laut auf, Abdallah bebte zurück. —</p> + +<p>Du lachst? — schrie er wüthend, — Omar, komm, +wir wollen uns beide wahnsinnig spielen und mit den +Nägeln unsre Gesichter zerkratzen, damit ich mich im +Spiegel nie wieder kenne! — Omar, willst du deinen +Freund nicht schützen?</p> + +<p>Suche Schutz beim Schicksal und bei Gott! sagte +Omar lachend.</p> + +<p>Du hast sie mir gestohlen! rief Abdallah aus, gieb +mir mein Eigenthum zurück! —</p> + +<p>Er stürzte auf Omar zu und ergriff ihn wüthend bei +der Brust.</p> + +<p>Ich kann es dir nicht wiedergeben, antwortete Omar +kalt, ich gehöre <span class="wide">Mondal</span> an. —</p> + +<p>Abdallah stürzte mit neuen Schrecken rückwärts. — <span class="wide">Mondal?</span> +schrie er, — o so ist es dennoch alles wahr? — Mondal!</p> + +<p>Er saß starr und leblos da, alle Fürchterlichkeiten hatten +seine Kräfte erschöpft. —</p> + +<p>Itzt mußt du alles wissen, sprach Omar, diese Quaalen +hab' ich dir bis zuletzt aufgespart, damit du nicht darben +dürftest. — Wisse, ich war es, der Ali Selim's +Verschwörung verrieth, meine Abreise war eine Lüge um +dich und Selim zu täuschen. — Mondal! meine Rechnung +ist richtig und ich bin frei!</p> + +<p>Abdallah wand sich in zuckenden Krämpfen, es zermalmte +seinen Busen und er konnte lange nicht sprechen. — Du +hast es meisterlich vollbracht, sagte er endlich, ich +möchte dir verzeihen, wenn <span class="wide">ich</span> es nicht wäre, der zum +Abdallah verdammt worden ist; o wechsle mich mit dem +elendesten Gewürme aus, und ich will jauchzen. — Sogar +der armseligste Trost fehlt mir, mich zu laben, es ist auf +dieser Erde kein Elenderer als ich; der gefolterte Sklave, +der gespießte Verbrecher würde sich nicht gegen den glücklichen +Gemal Zulma's austauschen lassen, o könnte mir +die Wonne werden, daß ich ein Bösewicht würde, der +unter Millionen Quaalen auf der Folter in Stücken gerissen +würde, und nicht <span class="wide">dieser</span> Abdallah. —</p> + +<p>Omar sahe triumphirend auf ihn hin: — Es war +keine leichte Arbeit, sagte er, diese schöne Seele so zu verstümmeln.</p> + +<p>Abdallah fuhr auf. — Erinnere mich <span class="wide">daran</span> nicht, +schrie er mit den Zähnen knirschend, Hämischer! nicht +diese Erinnerungen! — Omar, sieh wie weit du mich in +den Abgrund hinabgerissen hast, laß mich nun ganz hinunterspringen! — Du +gehst zu Mondal zurück, o nimm +mich mit dir, laß mich nicht zurück, — ich muß ihn kennen +lernen und sein Freund werden, ich will ihm bald ähnlich +sein, meine Prüfung habe ich schon überstanden.</p> + +<p>Er blickte matt empor. — Omar war nicht mehr da, +ein unbekanntes gräßliches Wesen saß neben ihm. — Abdallah +stürzte wie eine Leiche zurück. —</p> + +<p>Das hagre Gesicht beugte sich fürchterlich auf ihn herab. — Elender, +krächzte es, — dies ist Omars wahre +Gestalt, wenn er die lästige Larve abnimmt, — so kannst +du ihn ewig nicht ertragen. —</p> + +<p>Abdallah lag noch ohne Bewegung auf dem Polster. —</p> + +<p>Es hob sich neben ihm auf, ging zur Thür, er hörte +sie öffnen, der Fremde ging hinaus und schloß sie hinter +sich wieder zu. —</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>Zehntes Kapitel.</h3> + +<p>Abdallah war auf seinen Sitz zurückgesunken. — Alles +war still um ihn her, er schlug die Augen wieder auf.</p> + +<p>Der runde Mond sahe durch die purpurnen Vorhänge +der Fenster, die Stunde der Mitternacht ward ausgerufen. — Alle +Lichter im Saale waren erloschen, nur ein einziges +brannte in der Ferne noch matt und blau und zuckte +sterbend und flimmernd auf und nieder. — Itzt erlosch +es und ein kleiner Strahl von Dampf zog sich aufwärts +und verflog in der Dämmerung. —</p> + +<p>Nun bin ich allein, sagte Abdallah leise, — nun ihr +Schauder, nun werft euch alle auf einmal über mich! — Ihr +Flüche Selims, kommt heran, itzt habt ihr Zeit, +mich zu zermalmen. — O sie sind schon gräßlich in Erfüllung +gegangen, ich habe alles erduldet und überlebe +die fürchterliche Zerstörung. — Die Schauder mögen sich +itzt an mir versuchen, ich spiele vertraulich mit ihnen, die +Gräßlichkeit ist meine Braut geworden, ich erschrecke +nicht mehr vor ihr. —</p> + +<p>Allem Entsetzen Preis gegeben, will ich itzt selbst einen +kühnen Schritt meinem Feind entgegensetzen. Hier unten +finde ich kein neues Grausen mehr, ich will nun durch +unbekannte Gefilde wandeln und dort meine Freunde +suchen. —</p> + +<p>Er suchte nach seinem Dolch auf den Polster umher, +als seine Hände plötzlich das kalte Gesicht eines Leichnams +fühlten. — Eine Leiche ist mein Bett! rief er und taumelte +bebend auf. — Der Mond schien auf das weiße +Antlitz, aufgeschwollen, mit weit hervorstarrenden Augen +und verzerrten Zügen lag der Leichnam seines Vaters vor +ihm. —</p> + +<p>Darauf hätt' ich mich nicht besonnen! schrie er +rasend, — der Scharfsinn der Hölle übertrifft den meinen, — sie +hat gesiegt! —</p> + +<p>Er sahe starr auf den Leichnam hin. — Regte er +sich nicht? — sprach er leise. — Er starrte von neuem +auf ihn hin. — Ha! er regte sich wieder! —</p> + +<p>Wie das Stöhnen eines Schlummernden schallte es +itzt aus der fürchterlichen Leiche heraus. — Abdallah +hörte es bebend. —</p> + +<p>Er schläft! — Er schläft! — sprach er im Wahnsinn. — O +in der stillen Mitternacht neben einem +Schlafenden zu stehn, ist fürchterlich, ich muß ihn +wecken! — Er schlug mit der Faust auf die Brust des +Todten. —</p> + +<p>Bist du's, geliebter Sohn? — erhob sich eine +dumpfe Stimme. — Die Leiche hob sich langsam auf. — Komm +in meine Arme! — Komm! Ich muß von +Tugend und Gott zu dir sprechen. —</p> + +<p>Die Todten kommen wieder! schrie Abdallah, — meine +Lehre war falsch. —</p> + +<p>Der Todte kam mit offnen Armen auf ihn zu. — Abdallah +fuhr zurück. — Hinweg! hinweg! brüllte er, — wir +kennen uns nicht mehr!</p> + +<p>Dann stürzte er auf ihn zu und schlug ihn wüthend +mit der Faust auf den Schädel, daß er laut und fürchterlich +erklang. — —</p> + +<p>Als die Sklaven sich am Morgen zitternd in den +Saal schlichen, fanden sie Abdallah mit wild verzerrtem +Gesicht todt auf der Erde liegen.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h2><a name="Die_Bruder" id="Die_Bruder"></a><span class="wide">Die Brüder.</span></h2> +<div class="center"> +<p class="noindent"><span class="wide">Eine Erzählung.</span><br /><br /> +1795.</p> +</div> + +<p>In der Nähe von <span class="wide">Bagdad</span> lebten <span class="wide">Omar</span> und +<span class="wide">Machmud,</span> die Söhne einer armen Familie. Als +der Vater starb, erbten sie nur ein kleines Vermögen, +und jeder von ihnen beschloß, zu versuchen, wie hoch +er damit sein Glück bringen könne. <span class="wide">Omar</span> zog fort, +um eine kleine Reise zu machen, und den Ort zu finden, +wo er sich niederlassen wolle. <span class="wide">Machmud</span> begab sich +nach <span class="wide">Bagdad,</span> wo er einen kleinen Handel anfing, +der in kurzer Zeit sein Vermögen um ein Ansehnliches +vermehrte. Er lebte sehr sparsam und eingezogen, und +sammelte sorgfältig jede Zechine zu seinem Kapitale, um +mit diesem wieder etwas Neues zu unternehmen. Auf +diese Art bekam er bei mehreren reicheren Kaufleuten +Kredit, die ihm zuweilen einen Theil der Schifffracht +abtraten und gemeinschaftliche Spekulationen mit ihm +versuchten. Durch wiederholtes Glück ward <span class="wide">Machmud</span> +dreister, er wagte größere Summen, und sie trugen +ihm jedesmal reichliche Zinsen. Nach und nach ward +er bekannter, seine Geschäfte wurden größer, er hatte +bei vielen Leuten Summen ausstehen, so wie er von +vielen andern Gelder in den Händen hatte, und das +Glück schien ihm beständig zu lächeln. <span class="wide">Omar</span> war +im Gegentheil unglücklich gewesen, keiner von seinen +vielen Versuchen war ihm gelungen; er kam jetzt ganz +arm, fast ohne Kleider, nach <span class="wide">Bagdad,</span> hörte von seinem +Bruder und ging zu ihm, um bei ihm Hülfe zu +suchen. <span class="wide">Machmud</span> freute sich, seinen Bruder wieder +zu sehn, beklagte aber seine Armuth. Da er sehr gutmüthig +und weich war, gab er ihm sogleich eine Summe +aus seiner Handlung, und richtete ihm davon ebenfalls +einen Laden ein. <span class="wide">Omar</span> fing an mit Seidenwaaren +und Kleidern für Frauen zu handeln, und das Schicksal +schien ihm in <span class="wide">Bagdad</span> günstiger, sein Bruder hatte +ihm die Summe Geldes geschenkt, und er hatte es daher +nicht nöthig, sich wegen der Wiederbezahlung zu +ängstigen. Er war in allen Unternehmungen unbesonnener +als sein Bruder, und eben deswegen glücklicher; +er war bald mit einigen Kaufleuten bekannt, die bis +dahin mit <span class="wide">Machmud</span> ihre Geschäfte gemacht hatten, +und es gelang ihm, sie zu seinen Freunden zu machen: +dadurch verlor sein Bruder manchen Vortheil, der jetzt +auf seine Seite fiel. <span class="wide">Machmud</span> hatte sich jetzt eine +Gattin gewählt, die ihn zu manchem Aufwande nöthigte, +den er bis dahin nicht gemacht hatte; er mußte von +seinen Bekannten Summen aufnehmen, um Schulden +zu bezahlen. Andre Gelder, die er erwartet hatte, blieben +aus, sein Kredit sank, und er war der Verzweiflung +nahe, als er die Nachricht erhielt, daß eins von +seinen Schiffen untergegangen sei, ohne daß man das +mindeste habe retten können: jetzt meldete sich ein Gläubiger, +der dringend die Bezahlung seiner Schuld verlangte. +<span class="wide">Machmud</span> sah ein, daß an dieser Zahlung +sein ganzes noch übriges Glück hänge, er beschloß also +in dieser äußersten Noth seine Zuflucht zu seinem Bruder +zu nehmen. Er eilte zu ihm, und fand ihn sehr verdrüßlich, +weil er gerade einen kleinen Verlust erlitten +hatte. — Bruder, begann <span class="wide">Machmud,</span> ich komme in +der äußersten Verlegenheit mit einer Bitte zu dir.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Sie betrifft?</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Mein Schiff ist gescheitert, alle Gläubiger +drängen mich und wollen von keinem Aufschube +wissen, mein ganzes Glück hängt von diesem Tage ab, +leihe mir nur auf kurze Zeit zehntausend Zechinen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Zehntausend Zechinen? — Du versprichst +dich doch nicht, Bruder?</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Nein, <span class="wide">Omar,</span> ich kenne die Summe +recht gut, die ich fordre, und nur grade so viel, nicht +eine Zechine weniger, kann mich von der schimpflichsten +Armuth retten.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> <span class="wide">Zehntausend Zechinen?</span></p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Gieb sie mir, Bruder, ich will alles +anwenden, sie dir in kurzem wieder zu erstatten.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wer sie hätte! — mir sind Schulden +ausgeblieben, — ich weiß selbst nicht, was ich anfangen +soll, — man hat mich noch heut erst um hundert +Zechinen betrogen.</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Dein Kredit wird mir diese Summe +leicht verschaffen können.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Aber niemand will jetzt Geld ausleihen, +Mißtraun von allen Seiten: nicht <span class="wide">ich</span> bin mißtrauisch, +das weiß der Himmel! — aber es würde jedermann +vermuthen, daß ich das Geld für <span class="wide">dich</span> verlange, und +du weißt selbst am besten, an wie schwachen Fäden oft +das Zutrauen hängt, das man zu einem Kaufmanne hat.</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Lieber <span class="wide">Omar,</span> ich muß dir gestehen, +ich hatte diese Bedenklichkeiten nicht von dir vermuthet. +Ich würde mich in umgekehrtem Falle nicht so argwöhnisch +und saumselig finden lassen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Das sagst du <span class="wide">jetzt.</span> Auch bin ich gar +nicht argwöhnisch — ich wollte, ich könnte dir helfen: +Gott ist mein Zeuge, daß es mich freuen würde.</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Du kannst es, wenn du nur willst.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Alles, was ich besitze, würde die verlangte +Summe noch nicht vollmachen.</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> O Himmel! ich hatte mir einen Vorwurf +daraus gemacht, daß mein Bruder nicht der erste +war, bei dem ich Hülfe suchte, — und warlich es schmerzt +mich, daß ich ihm auch nur mit einem Worte zur Last +gefallen bin.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Du wirst böse; das solltest du nicht, denn +du hast Unrecht.</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Unrecht? — Wer von uns beiden +thut nicht seine Pflicht? — Ach, Bruder, ich kenne +dich nicht wieder.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ich habe erst heute hundert Zechinen eingebüßt, +dreihundert andere stehn mir auch gar nicht +sicher, und ich muß mich auf ihren Verlust gefaßt +machen. — Wärst du in der vorigen Woche zu mir +gekommen, o — ja, da herzlich gern —</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Soll ich dich denn an unsre ehemalige +Freundschaft erinnern? — Ach, wie tief kann uns +das Unglück erniedrigen!</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Du sprichst da auf eine Art Bruder, die +mich fast beleidigen sollte.</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Dich beleidigen? —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Wenn man alles mögliche thut, — wenn +man selbst Noth leidet und fürchten muß, noch mehr +zu verlieren; — soll man da nicht gekränkt werden, +wenn man für seinen guten Willen nichts als bittern +Spott, tiefe Verachtung zurück empfängt?</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Zeige mir deinen guten Willen, und +du sollst meinen wärmsten Dank empfangen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Zweifle nicht länger daran, oder du bringst +mich auf; ich bleibe lange kalt, ich kann viel ertragen, +aber wenn man mich auf solche ausgesuchte Art kränkt —</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Ich merke es recht gut, <span class="wide">Omar,</span> +daß du den Beleidigten spielst, um einen bessern Vorwand +zu haben, völlig mit mir zu brechen.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Du würdest nicht auf diesen Gedanken +kommen, wenn du dich nicht auf solchen Kleinlichkeiten +ertappt hättest. <span class="wide">Die</span> Laster argwöhnt man von andern +am leichtesten, mit denen man selbst am meisten vertraut +ist.</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Nein, <span class="wide">Omar,</span> weil du mich doch +durch diese Sprache zum Prahlen aufforderst, ich handelte +nicht so gegen dich, als du, ein unbekannter +Fremdling, nach Bagdad kamst.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Also für die fünfhundert Zechinen, die du +mir damals gabst, verlangst du jetzt von mir zehntausend?</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Hätte ich's vermocht, ich hätte dir +damals mehr gegeben.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Freilich, wenn du es verlangst, muß ich +dir die fünfhundert Zechinen zurück geben, ob du es +gleich nicht gerichtlich erweisen kannst.</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Ach, mein Bruder! —</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Ich will sie dir schicken. — Erwartest +du keine Briefe aus Persien?</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Ich erwarte nichts mehr.</p> + +<p><span class="wide">Omar.</span> Aufrichtig, Bruder, du hättest dich etwas +mehr einschränken sollen, auch nicht heirathen, wie ich +es bis jetzt noch immer unterlassen habe; aber du warst +von Kindheit an ein wenig unbesonnen. Laß dir das +zur Warnung dienen.</p> + +<p><span class="wide">Machmud.</span> Du hattest ein Recht, mir die verlangte +Gefälligkeit zu verweigern, aber nicht dazu, mir +so bittere Vorwürfe zu machen.</p> + +<p><span class="wide">Machmud</span> verließ mit tiefgerührtem Herzen seinen +undankbaren Bruder. — So ist es denn wahr, rief er +aus, daß nur Gewinnsucht die Seele des Menschen +ist! — Nur sie selbst sind ihr erster und letzter Gedanke! +für Geld verkaufen sie Treue und Liebe, stoßen die schönsten +Gefühle von sich weg, um das nichtswürdige Metall +zu besitzen, das uns mit schändlichen Fesseln an diese +schmuzige Erde kettet! — Eigennutz ist die Klippe, an +der jede Freundschaft zerschellt, — die Menschen sind +ein verworfenes Geschlecht! — Ich habe keine Freunde +und keinen Bruder gekannt, nur mit Kaufleuten bin +ich umgegangen. Ich Thor, daß ich von Liebe und +Menschenfreundlichkeit zu ihnen sprach! nur Geldstücke +muß man ihnen wechseln!</p> + +<p>Er machte einen Umweg, ehe er nach Hause ging, +um seinen Schmerz etwas erkalten zu lassen. Er weinte, +als er das tobende Marktgewühl sah, wie jedermann +gleich den Ameisen beschäftigt war, in seine dumpfe +Wohnung einzutragen, wie keiner sich um den Andern +kümmerte, als nur wenn er mit seinem Gewinn zusammenhing, +alle durch einander laufend, so empfindungslos, +wie Zahlen. — Er ging trostlos nach Hause.</p> + +<p>Sein Schmerz vermehrte sich hier; er fand die fünfhundert +Zechinen, die er seinem Bruder einst mit dem +besten Wohlwollen gegeben hatte; sie waren bald eine +Beute der stürmenden Gläubiger. Alles was er besaß, +ward öffentlich verkauft; eines seiner Schiffe lief in den +Hafen, aber die Ladung diente nur, um alle seine +Schulden zu bezahlen. Arm, wie der Bettler, verließ +er die Stadt, ohne vor dem Hause seines hartherzigen +Bruders vorüberzugehen.</p> + +<p>Seine Gattin, die ihn in sein Elend begleitete, +tröstete ihn und suchte seinen Kummer zu zerstreuen; +aber es gelang ihr nur wenig, das Andenken seines +Unglücks war noch zu frisch in <span class="wide">Machmuds</span> Gedächtniß, +er sah noch immer die Thürme der Stadt vor sich, +in der sein Bruder wohnte, der kalt und ungerührt bei +seinem Unglücke geblieben war.</p> + +<p><span class="wide">Omar</span> fragte niemand nach seinem Bruder, um +ihn nicht bemitleiden zu dürfen, er bildete sich ein, es +könne vielleicht noch alles gut gegangen sein. Indessen +hatte sein Kredit doch auch durch seinen Bruder gelitten, +man ward mißtrauischer gegen ihn, und mehrere +Kaufleute vertrauten ihm nicht mit der Leichtigkeit ihre +Gelder wie ehemals. Dazu kam noch, daß <span class="wide">Omar</span> +jetzt sehr geizig, und auf sein erworbenes Vermögen +stolz ward, so daß er sich viele Feinde machte, die sich +freueten, wenn er irgend einen Schaden erlitt.</p> + +<p>Es schien, als wenn das Verhängniß seine Undankbarkeit +gegen seinen Bruder bestrafen wolle, denn ein +Verlust folgte in kurzer Zeit auf den andern. <span class="wide">Omar,</span> +der gern das Verlorne schnell wieder erlangen wollte, +wagte größere Summen, und auch diese gingen verloren. +Er hörte auf, Gelder, die er schuldig war, zu bezahlen, +das Mißtrauen gegen ihn ward allgemein, alle +Gläubiger meldeten sich zu gleicher Zeit, <span class="wide">Omar</span> kannte +niemand, der ihn aus dieser Verlegenheit würde helfen +wollen; er sah keinen andern Ausweg vor sich, als in +der Nacht heimlich die Stadt zu verlassen, und zu versuchen, +ob ihm das Glück in einer andern Gegend +günstiger sein würde. —</p> + +<p>Das kleine Vermögen, das er noch mit sich hatte +nehmen können, war bald verzehrt. Seine Unruhe +wuchs in eben dem Grade, als sein Geld abnahm; er +sah der drückendsten Armuth entgegen, — und doch keinen +Ausweg ihr zu entfliehen.</p> + +<p>Unter Klagen und schwermüthigen Gedanken war +er so bis an die persische Gränze gewandert. Er hatte +jetzt alles Geld, bis auf drei kleine Münzen ausgegeben, +die grade nur noch hinreichten, um ein Abendessen in +einer Carawanserei zu bezahlen; er fühlte Hunger, und +da sich die Sonne schon zu neigen anfing, eilte er, um +einen Zufluchtsort zu erreichen, in welchem er noch in +dieser Nacht, vielleicht in der letzten, herbergen könne.</p> + +<p>Wie unglücklich bin ich! sprach er zu sich selbst. +Wie verfolgt mich das Schicksal und fordert mein Elend, +welche schreckliche Aussicht eröffnet sich mir! — Ich +werde von den Allmosen mitleidiger Seelen leben müssen, +es ertragen müssen, wenn man mich verhöhnend +abweist, nicht murren dürfen, wenn der Verschwender +frech vorüber geht, mich keines Anblicks würdigt, und +hundert Goldstücke für eine elende Spielerei verschleudert. — O +Armuth, wie kannst du den Menschen erniedrigen! — wie +ungleich und ungerecht theilt das Glück +seine Schätze aus. Es schüttet seinen ganzen Reichthum +über den Lasterhaften, und läßt den Tugendhaften Hungers +sterben.</p> + +<p>Die Felsen, die <span class="wide">Omar</span> überstieg, machten ihn müde, +er setzte sich auf eine Rasenerhöhung am Wege nieder +und ruhte aus. Da schleppte sich an Krücken ein +Bettler vor ihm vorüber und murmelte eine unverständliche +Bitte; er war zerlumpt und abgezehrt, sein brennendes +Auge stand tief im Kopfe, und seine bleiche +Gestalt zerschnitt das Herz und zwang es zum Mitleiden. +Die Aufmerksamkeit <span class="wide">Omars</span> ward wider seinen +Willen auf diesen Gegenstand des Abscheus gelenkt, +der murmelnd seine dürre Hand nach ihm ausstreckte. +Er fragte nach dem Namen des Bettlers, und merkte +jetzt, daß dieser Unglückliche auch taub und stumm sei.</p> + +<p>O wie unaussprechlich glücklich bin ich! rief er +aus, — und ich klage noch? Warum kann ich nicht +arbeiten; — warum nicht durch das Werk meiner +Hände meine Bedürfnisse erwerben? Wie gern würde +dieser Elende mit mir tauschen und sich glücklich preisen! +Ich bin undankbar gegen den Himmel.</p> + +<p>Von einem plötzlichen Mitleiden ergriffen, zog er +die letzten Silbermünzen aus seiner Tasche und gab sie +dem Bettler, der nach einem stummen Danke seinen +Weg fortsetzte.</p> + +<p><span class="wide">Omar</span> fühlte sich jetzt außerordentlich leicht und +froh, die Gottheit hatte ihm gleichsam ein Bild vorgehalten, +wie elend der Mensch sein könne, um ihn zu +belehren. Er fühlte jetzt Kraft in sich, die Armuth zu +erdulden und durch seine Thätigkeit wieder abzuwerfen. +Er machte Plane, wie er sich ernähren wolle, und wünschte +nur gleich eine Gelegenheit herbei, um zu zeigen wie +fleißig er sein könne. Er hatte nach seinem edeln Mitleiden +gegen den Bettler, nach der Freigebigkeit, mit der +er ihm sein ganzes übriges Vermögen hingegeben hatte, +eine Empfindung, wie er sie bis dahin noch nicht gekannt +hatte.</p> + +<p>Ein steiler Fels stand an der Seite, und <span class="wide">Omar</span> +bestieg ihn mit leichtem Herzen, um die Gegend zu +überschauen, die der Untergang der Sonne verschönerte. +Er sah hier zu seinen Füßen gelagert die schöne Welt +mit ihren frischen Ebenen und majestätischen Bergen, +mit den dunkeln Wäldern und rothglänzenden Strömen, +über alles das goldene Netz des Abendroths ausgespannt; +und er fühlte sich wie ein Fürst, der alles dies beherrsche, +und den Bergen, Wäldern und Strömen gebiete.</p> + +<p>Er saß oben auf der Felsenspitze in dem Anschaun +der Gegend versunken. Er beschloß hier den Aufgang +des Mondes abzuwarten und dann seine Reise fortzusetzen.</p> + +<p>Das Abendroth versank und Dämmerung fiel aus +den Wolken nieder, ihr folgte bald die finstre Nacht. — Die +Sterne flimmerten am dunkelblauen Gewölbe, und +die Erde ruhte und schwieg in einer feierlichen Stille. +<span class="wide">Omar</span> sah mit starren Augen in die Nacht hinein, und +sein Auge verlor sich schwindelnd in die unendliche Zahl +der Sterne, er betete an die Majestät Gottes und fühlte +heilige Schauer durch seine Seele ziehn.</p> + +<p>Da war's als wenn sich ein Lichtstrahl am fernen +Horizont erhöbe, blauleuchtend zog er empor und näherte +sich wie ein glänzendes Feuer dem Mittelpunkte des Himmels. +Die Sterne traten bleicher zurück, und wie ein +Wiederschein des Morgens flimmerte es durch den ganzen +Himmel und regnete in zarten, rothdämmernden Strahlen +herab. — <span class="wide">Omar</span> erstaunte über die wunderbare +Erscheinung und ergötzte sich an dem schönen und seltsamen +Lichte: die Wälder und Berge umher funkelten, +die fernen Wolken schwammen in blassen Purpur, wie +ein goldenes Gezelt wölbte sich der Schein über <span class="wide">Omar</span> +zusammen.</p> + +<p>Sei mir gegrüßt, Edler, Mitleidiger, Tugendhafter, +rief eine süße Stimme von oben herab, du erbarmest +dich des Elends, und der Herr sieht mit Wohlgefallen +auf dich herab.</p> + +<p>Wie verhallende Flötentöne säuselten die Winde der +Nacht um <span class="wide">Omar,</span> seine Brust hob sich froh und beklemmt, +sein Auge war vom Glanze, sein Ohr von den +himmlischen Harmonieen trunken. Und aus dem Glanze +schritt eine Lichtgestalt hervor, und stellte sich vor den +Entzückten; es war <span class="wide">Asrael,</span> der glänzende Engel Gottes. — Steige +mit mir auf diesen rothen Strahlen in +die Wohnung der Seligen, rief die süße Stimme, denn +du hast es durch deinen Edelmuth verdient, das Paradies +mit seinen Seligkeiten zu schauen.</p> + +<p>Herr, sprach <span class="wide">Omar</span> zitternd, wie soll ich dir als +ein Sterblicher folgen können? Mein irdischer Leib ist +noch nicht von mir genommen.</p> + +<p>Gieb mir deine Hand, sprach die Lichtgestalt. — <span class="wide">Omar</span> +reichte sie ihm mit bebendem Entzücken, und sie +wandelten auf den rothen Strahlen durch die Wolken, +zwischen den Sternen hindurch, und die süßen Töne +gingen hinter ihnen, und Morgenroth legte sich in ihren +Weg, und Blumendüfte würzten die Luft.</p> + +<p>Plötzlich ward es Nacht, <span class="wide">Omar</span> schrie laut auf, +und lag in dicker Finsterniß unten am Fuße des steilen +Felsen mit zerschmetterten Armen. Der Mond hob sich +eben dunkelroth hinter einem Hügel hervor, und warf +die ersten ungewissen Strahlen in das Felsenthal.</p> + +<p>O ich dreimal Unglücklicher! rief <span class="wide">Omar</span> jammernd +aus, als er seine Besinnung wieder gesammelt hatte. — Hatte +der Himmel nicht genug an meinem Elende, daß +er mich in einem lügnerischen Traume von der Spitze +des Felsen schleudert, meine Glieder zerbricht, damit ich +dem Hunger zum Raube werden soll? — Belohnt er +so das Mitleiden, das ich mit einem Elenden hatte? — Wer +war jemals unglücklicher als ich?</p> + +<p>Eine Gestalt schleppte sich mühsam vorüber, die +<span class="wide">Omar</span> für den Bettler erkannte, dem er heut den Rest +seines Vermögens gegeben hatte. <span class="wide">Omar</span> rief ihn jammernd +an, er solle die Wohlthat, die er von ihm +empfangen, mit ihm theilen, aber der Krüppel keuchte +gleichgültig in seinem Wege weiter, und <span class="wide">Omar</span> wußte +nicht, ob er ihn nicht gehört habe, oder sich nur verstelle, +um ein Recht zu haben, sich nicht um ihn zu +kümmern. Bin ich nun nicht elender, als dieser Verworfene? +klagte <span class="wide">Omar</span> durch die Nacht. — Wer wird +sich mein erbarmen, da mir nun alles genommen ist, +was mich noch trösten konnte?</p> + +<p>Er seufzte tief und seine Arme schmerzten ihn, wie +glühende Feuer brannte es in den Gebeinen, und jeder +Athemzug gab ihm Pein. Er überlegte schweigend sein +Schicksal, und dachte jetzt zuerst wieder an seinen Bruder. —</p> + +<p>O, wo bist du Edelmüthiger! rief er aus, vielleicht +hat dich das Schwert des Todesengels schon getroffen, +das Elend hat dich vielleicht in der drückendsten Armuth +verzehrt, und du hast in der Todesstunde deinem armen +Bruder geflucht. — Ach ich habe es um dich verdient, +ich leide jetzt die Strafe für meinen Undank, für meine +Hartherzigkeit, der Himmel ist gerecht! — Und ich konnte +noch so stolz einhergehn, und Gott zum Zeugen meiner +Tugend anrufen? — O Himmel! vergieb dem Sünder, +der sich ohne Murren deiner Züchtigung unterwirft.</p> + +<p><span class="wide">Omar</span> verlor sich in trüben Gedanken, er erinnerte +sich, mit welcher brüderlicher Liebe ihn <span class="wide">Machmud</span> damals, +als er zum erstenmale verarmet war, aufgenommen +hatte, er warf es sich vor, daß er es unterlassen +habe ihn zu retten, und auf diese Art seinen Dank +gegen seinen Bruder abzubezahlen; er wünschte den Tod +als das Ende seiner Strafe und seiner Leiden.</p> + +<p>Der Mond erleuchtete die Gegend hell, und eine +kleine Carawane von einigen Kameelen zog sich langsam +durch das Thal. Die Liebe zum Leben erwachte bei +<span class="wide">Omar,</span> er rief die Vorüberziehenden mit kläglicher +Stimme um Hülfe an. Man legte ihn behutsam auf +ein Kameel, um in der nächsten Stadt seine Wunden +verbinden zu lassen, die die Carawane mit dem Anbruch +des Tages erreichte. Der Kaufmann verpflegte den +Unglücklichen selbst, und <span class="wide">Omar</span> erkannte in ihm seinen +Bruder. Seine Beschämung war ohne Gränzen, so +wie das Mitleiden <span class="wide">Machmuds.</span> Der eine Bruder +bat um Verzeihung, und der andere hatte schon vergeben; +Thränen flossen von dem Angesichte beider, und die +rührendste Versöhnung ward zwischen ihnen gefeiert.</p> + +<p><span class="wide">Machmud</span> hatte sich nach seiner Verarmung nach +<span class="wide">Ispahan</span> gewandt, und war dort mit einem alten +reichen Kaufmann bekannt geworden, der ihn bald lieb +gewann und ihn mit seinem Vermögen unterstützte. Das +Glück war dem Vertriebenen günstig, und er erlangte +sein verlorenes Vermögen in kurzer Zeit wieder; sein +alter Wohlthäter starb, und setzte ihn zum Erben ein. —</p> + +<p>Als <span class="wide">Omar</span> geheilt war, reiste er mit seinem Bruder +nach <span class="wide">Ispahan,</span> wo ihm dieser eine neue Handlung +einrichtete. <span class="wide">Omar</span> vermählte sich und vergaß nie, +wie viel Dank er seinem Bruder schuldig sei. Beide +lebten von dieser Zeit in der größten Eintracht, und +waren für die ganze Stadt ein Muster der brüderlichen +Liebe.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h2><a name="Almansur" id="Almansur"></a><span class="wide">Almansur.</span></h2> + +<div class="center"> +<p class="noindent"><span class="wide">Ein Idyll.</span><br /><br /> +1790.</p> +</div> + +<p>Langsam erhob sich Almansur aus dem Schatten der +Palme, eine Thräne rollte von seinen Wangen, er +blickte ihr wehmuthsvoll nach, wie sie an seinem Stabe +hinuntergleitete und sich im Staube verlor, die ganze +Vergangenheit stand mit ihren hellen und finstern Farben +vor ihm, Abendroth und Regennächte. Noch einmal +blickte er rückwärts nach Bagdad und sahe wie +sich der letzte goldne Mond hinter einem blauen Berge +langsam hinabzog. — Nun so lebe wohl! Auf ewig +wohl! rief er, und ging langsam weiter ohne selbst zu +wissen, wohin. Die Sonne ging unter, die Vögel des +Abends sangen im nahen Walde, aber seine Augen +sahen weder das goldne Feuermeer um dort sich Trost +zu holen, sein Ohr hörte nicht die Melodieen, die von +jedem Zweige herab um ihn schwammen, der Wind +spielte mit seinem Mantel, aber er ließ ihn nachläßig +hängen und eilte weiter vom Wege ab, mit tiefgesenktem +Blick.</p> + +<p>Endlich blickte er auf, er sah sich in einem schönen +Thale, rings um von grünen Bergen umschlossen, im +Thale glänzte ein silberner See, auf den das Abendroth +auf jeder Welle sich wiegte, die Berge erhoben +sich sanft umher und auf ihnen schimmerten Reben, +Palmen standen auf Abhängen und wiegten sich rauschend +über das Thal hinab, die ganze Gegend spiegelte +sich zitternd im See, und das Abendroth und der aufgehende +Vollmond gossen ein so süßes Licht um alle +Gegenstände, daß Almansur sich in einem Theile des +Paradieses glaubte. Er stand und sahe die schönbewachsnen +Berge, wie der Abendschein über die grünen +Abhänge herüberschwamm und sanftes Roth auf den +gegenüberstehenden Berg streute, durch einen Palmenhain +schlängelte sich der schimmernde Glanz der Gluth +des Himmels, und bebte zurück in jedem Tropfen der +am Grase zitterte, von jedem Blatt, an welchem ein +Rubin sich wiegte. Der Mond stand über einem finstern +Tannenhain, ein kleiner Wasserfall rauschte, die großen +Wälder sangen der Natur ihr Abendlied, der Tag eilte +in sein Rosenbett hinab, das Heimchen zirpte, der Mond +schien aus dem goldnen See zu trinken, und auf jedem +leichten Wölkchen des Himmels, das unter dem Monde +hinwegschlüpfte und ihm etwas von seinem goldnen Glanze +stahl, schien Ruhe, Trost und Freude zu schweben. Lange +stand noch Almansur so, doch endlich lößte sich sein Gefühl +in die Harmonie einer wonnevollen Wehmuth auf +die Erinnerung seines Unglücks war mit dem letzten +Streit der untergehenden Sonne hinter den Bergen hinabgeleitet. +Er bestieg den Berg, ging bald hinauf, bald +hinab, und sein Blick schwebte stets auf den gegenüberstehenden +Abhang, oder auf den Spiegel des tief unten +glänzenden Sees.</p> + +<p>Er ging über einen Quell, der aus den Spalten des +Berges sich drängte und sein Silber hinuntergoß; er kam +zu einer kleinen Vertiefung, wo unter Weidenzweigen +versteckt der Gipfel eines moosbewachsnen Daches hervorragte. +Ruhe und Heiterkeit schienen hier ihren Sitz aufgeschlagen +zu haben; er ging herum um diesen Kranz +von Weiden, und stand vor dem Eingang einer kleinen +Hütte. Ein Greis, dessen Silberhaar im Winde hin +und her wallte, pflanzte mit ruhigem Lächeln Reben, und +band sie an die schwesterliche Ulme, dann sah er zum +Monde hinauf, dann in den goldnen See hinab, und +setzte wieder freudig seine Arbeit fort. — »Der Himmel +schütte seinen Segen auf dich herab!« rief <span class="wide">Almansur</span> +dem Greise zu; liebevoll dankte der Greis und führte den +Jüngling in die dämmernde Hütte.</p> + +<p>Freundlich sprangen dem Alten zwei Hunde entgegen, +bellten und wedelten. Der Greis und der Jüngling +setzten sich auf Flechtwerk von Binsen; dann holte +der geschäftige Alte aus seiner Vorrathskammer Milch +und Datteln. »Iß!« sprach er. — <span class="wide">Almansur</span> aß +wenig; bald sah er die niedren Wände der Hütte an, +bald blickte er auf den lächelnden Alten. Nach der +Mahlzeit setzten sich beide vor dem Eingang der Hütte.</p> + +<p>Du bist recht glücklich! fing <span class="wide">Almansur</span> nach einer +langen Stille an, wenn man je glücklich werden kann. — Ja, +war die Antwort des Greises; ich stahl mich +aus dem Getümmel der Welt hinweg, und niemand +vermißte mich; ängstlich, mit Schweißtropfen auf der +Stirn jagte ich dem Glücke nach — umsonst! Es floh +wie der luftgewebte Morgentraum; verzweiflungsvoll +schlich ich mich in diese Hütte, ich sah mich um, und es +stand neben mir. — Ja! Dank dir großer Prophet! +Ich bin hier recht glücklich! — O, wenn ich am Morgen +hier stehe, der frischgebadete Tag, rosenroth an jener +neigenden Spitze hängt, dann zollen dir meine Thränen +heißen Dank, dann seh ich auf mein voriges Leben zurück, +wie der müde Pilger am Grabe des Propheten +auf die zurückgelegten Steppen; — dann schwebt vor +mir die ferne Zukunft, dann fliegt mein Geist durch +das rosenrothe Gewebe des Morgens, er durchfliegt die +Bahn der Sterne, und schwingt sich im Flug um die +glühenden Räder des Sonnenwagens. — Jeder meiner +Blicke schaut dann voll Dank zum Himmel!</p> + +<p><span class="wide">Almansur</span> horchte vorwärts gebeugt mit Ehrfurcht +der Rede des Greises, er sah in seinen Augen eine +Thräne glänzen, heiß rann eine Zähre über die Wangen +<span class="wide">Almansurs</span>. — Dann ergriff er voll Zutraun die +Hand des Greises; o weiter! sprach er, deine Stimme +ist wie das Murmeln der fernen Quelle dem Durstigen. +Weiter! Mein Geist fliege dir nach! — Versuch' es +in todten Worten mir das Abendroth deines Glücks zu +malen. —</p> + +<p>O Jüngling, sprach der Greis, Glück läßt sich besser +fühlen, als dies Gefühl sich in Worten zwängen +läßt. — Leise schleicht sich durch das helle Weinlaub +am Morgen die Sonne; sie fliegt zu meinem Bette und +flüstert mir: »Erwache!« zu. Ich erhebe mich vom +rothen Glanz umflossen, und sehe wie die Sonne majestätisch +hinab ins Thal schreitet, die Natur wacht auf +und lächelt freundlich der Sonne entgegen, unter mir +glüht der See, über mir flammt der Himmel, die Waldung +rauscht, die Lerche singt, der See bebt, und ihre +Rosenwellen laufen mit dem Westwind um die Wette. +Wenn das purpurne Gold des Himmels sich hinter +den blauen Mantel stiehlt, dann besuch ich meine Heerden, +die Ziegen blöken mir entgegen, die Lämmer hüpfen +um mich her. — O ich lebe hier nicht ganz verlassen! +Ich kenne jeden Baum dieser Gegend, jeden Zweig +eines jeden Baums; wenn das erste Laub nach dem +Winter erscheint, oder mein Blick des Frühlings erstes +Veilchen erjagt, o dann freu ich mich eben so, als wenn +ein längst gewünschter Freund unvermuthet dem Schiff' +entsteigt; das erste Sommerlüftchen, das meiner Wange +vorüberbebt, ist mir, was dem Elenden ein blauer Hoffnungsstrahl +ist. Als der Sturmwind im vorigen Monden +von meinem Berge herab eine junge Pappel ins +Thal warf, da weint' ich um den jungen Baum, als +habe mir der Tod einen geliebten Jüngling davon geführt. +Ach, dies einsame Thal möcht ich nur gegen +Mahomets Paradies vertauschen, es gilt mir mehr als +die Erde mit ihren Königreichen, diese Bäume gelten +mir mehr als Könige und Fürsten mit ihren Unterthanen. +Ich besuche oft drüben die alten Palmen, +sehe nach jenen jungen Birken die ich selber pflanzte, +und freue mich über ihren Wachsthum wie ein Vater +über seine Kinder. Im kleinen Gärtchen hinter meiner +Hütte scheint die Gluth der Rose auf die weiße +Lilie, das Veilchen kniet zu den Füßen der stolzen Malve, +und jede der Blumen kenn' ich, bei jeder erinnre ich +mich im Vorbeigehn, wann und wie <ins title="ich fehlt im Original">ich</ins> sie pflanzte, jede +habe ich selbst am Morgen und Abend begossen. Diese +Blumen, diese Bäume sind meine Freunde, von ihnen +brüstet sich keiner vor dem andern, von ihnen lacht mir +keiner höhnisch nach. Neid und Verläumdung dürfen +nicht über diese Berge fliegen, des Glückes Pfeil zerschnitt +ihnen die Sehnen des Fittigs, sie liegen jenseits +den Bergen und suchen vergebens mit schwarzen nachschleppenden +Schwingen der Felsen Gipfel zu erklimmen; +das Glück und die Ruhe fliegen hier verschlungen Arm +in Arm durch den Himmel, in jedem Baum, in jeder +Quelle flüstert Glück, in jedem Nachhall der Berge tönt +ruhige Freude.</p> + +<p>Wenn nach und nach das gelbe Laub zur Erde fällt, +wenn der Herbst auf selbst gesponnenen Seidenfäden +durch die Lüfte schwebt, sie um die Bäume wickelt, und +das reife Obst mit den Blättern abschüttelt, dann seh' +ich, wie die Natur sich einkleidet, und unter dem glänzenden +Schwanenbette schläft, um gestärkt mit neuem +Glanze zu erwachen. Wenn dann Regen herabrauscht, +wenn der Nordwind durch den Gipfel der Palmen saußt, +wenn die Fichten knarren, der Wind Schneegestöber vor +sich her wirbelt — dann nehm ich von der Wand die +silberbezogne Leier, dann sing' ich dem Frühlinge meines +Lebens Lieder, und sehe lächelnd dem Untergang +meiner Sonne entgegen. Dann dämmert vor meinen +Augen der Nebel der Vergangenheit, dann schwing ich +mich auf dem Adlersfittig meiner Phantasie durch Dämmrung +ferner Vorzeit, durch schweigende öde Nacht der +Zukunft. — In diesem Kreislauf wallte mir mehr als +ein halbes Jahrhundert vorüber, in dieser schönen, ununterbrochenen +Einförmigkeit. — —</p> + +<p>O Jüngling! Mit warmer Freundschaft drückst du +meine Hand, eine Thräne zittert in deinen schwarzen +Augenwimpern, — sprich — führte dich Kummer zu +meiner einsamen Hütte?</p> + +<p><span class="wide">Almansur.</span> Ja, Kummer führt mich zu dir, Greis! — Ach, +laß mich mit Dir diese Hütte bewohnen, laß mich +dein Sohn sein. Die Freude ist für mich gestorben. — Ich +muß die Gesellschaft der Menschen verlassen; hier +laß unter dieser Palme den Wind am Abend meine +Seufzer davon führen, laß am Morgen mich unter +dieser Cypresse weinen. — Warum sollt' ich zu jenen +Menschen zurückkehren, wo jeder dem fliehenden Glücke +nachläuft, und keiner den Saum seines Kleides berührt, +wo einer des andern lacht, und blind für eigne Fehler +ist, wo Verläumdung und Neid hinter mir gehn, die +sich täuschend in das Gewand der Freundschaft hüllen. +— Nein, hier will ich ein neues Leben beginnen, mein +voriges Leben mir als einen Traum denken, den der +Sonne heller Strahl verscheuchte. O Greis, weise meine +Bitte nicht zurück, in keinem Winkel glimmt für mich +ein Fünkchen Freude mehr als hier. Schon lange war +es mir unerträglich, mich ohne Zweck und Absicht vom +Wirbel der menschlichen Gesellschaft mit fortreissen zu +lassen, warum sollt' ich noch ferner unter einem Haufen, +wo jedes Gesicht mir zuwider ist, essen und trinken, +schlafen und aufstehn, den einen Tag so wie den andern; +warum leb' ich in der menschlichen Gesellschaft? +Ich bin mir selbst und andern verhaßt! zu welchem +Endzweck schuf der Schöpfer die Menschheit? Einer +den andern zu quälen? Ihm den Genuß des Lebens zu +rauben? Warum tanzen die zahllosen Welten den ewigen +schwerfälligen Tanz um ihre Sonnen? Warum +ließ der Schöpfer aus seiner Hand die Schöpfung hervorgehn? +Warum warf er das Sternenheer durch den +Himmel? Sollen wir hier leben, ohne glücklich zu sein, +und dann wie der Baum verwelken; wozu dann dies +quaalenvolle Leben? — Oder harrt schönerer Sonnenschein +unsrer nach dem Todesschlaf; wozu diese Pilgerschaft +durch Dornen, über Felsen? — — O Greis! +dies, dies hat mich schon längst unglücklich gemacht! —</p> + +<p>Der Greis sah ihn an und schwieg. »Verweile!« +sprach er dann. Ein frommer Einsiedler schenkte mir +schon vor vielen Jahren ein kleines Buch; es ist nur +ein Märchen, der Mond scheint hell; ich will es dir +lesen. — —</p> + +<p>Er ging fort. <span class="wide">Almansur</span> sah indeß starr vor sich +hin ins Thal, sein Blick ruhte auf einen Zweig, den +der Wind hin und her warf; sein Kummer war zurückgekehrt, +die mancherlei Scenen seines Lebens wachten +in seiner Seele auf. Er preßte eine Thräne in sein +Auge zurück; der Greis kam, setzte sich nieder und +las: — —</p> + +<p><span class="wide">Nadir.</span> Ein Mährchen.</p> + +<p>Der finstre Menschenhasser <span class="wide">Nadir</span> wandelte über +eine von Arabiens Steppen. Die Sonne stand in der +Mitte des Himmels und warf ihre glühenden Strahlen +auf den Wandrer, ringsum kein Baum, kein Gesträuch, +welches einen erquickenden Schatten darbot; <span class="wide">Nadirs</span> +Auge suchte vergebens eine Quelle, seinen brennenden +Durst zu löschen, er ging matt und langsam, er sah +schmachtend umher, ob keine mitleidige Wolke herbeischweben +wollte, ihm Regen und Kühlung zu schenken; +so weit sein Auge reichte, glänzte der Himmel im hellblauen +Gewande, der Sonne Strahlen wurden immer +heißer und heißer, kein milder Wind wehte ihm Kühlung +zu, Stille lag ausgestreckt über der Erde, die Vögel +waren im Schatten des fernsten Waldes zurückgeflogen, +und kein Dorf, kein Haus winkte dem Wandrer. Vor +sich und um sich sah <span class="wide">Nadir</span> nur eine unermeßliche +Wüste, er beneidete die kleine Fliege die sich in den +Schatten des verdorrten Grases setzen konnte.</p> + +<p><span class="wide">Nadir</span> verwünschte tausendmal sein Schicksal, tausendmal +das Schicksal der Menschen, denen ewig Quaal +und Schmerz auf jedem ihrer Schritte folgen. Durch +den blauen Himmel goß sich nach und nach ein sanfter +Purpur, die Sonne sank, der Schatten flog über +die Ebne.</p> + +<p>Dank sei dir großer Prophet! rief der schmachtende +<span class="wide">Nadir</span>, indem er über sich den Mond und die Sterne +hervorkeimen sah. Er schleppte sich langsam fort, seine +Zunge lechzte nach einem einzigen Wassertropfen. O +ging' ich im tiefsten Schnee des klippigen Caucasus, +könnt' ich jetzt durch einen Strom des Nordpols schwimmen! +Er ging weiter. Es wehte ein kühlender Wind +über die Haide, <span class="wide">Nadir</span> kam in einen Wald. Der +Wind ward stärker, Wolken flohen durch den Himmel, +und löschten mit ihren schwarzen Fingern den Mond +und die Sterne aus, der Sturm schüttelte den Wald, +die Fichten seufzten, die Cypressen rauschten, Regen +stürzte herab. Endlich sah <span class="wide">Nadir</span> durch den verschränkten +Wald ein fernes, flimmerndes Licht, das durch das +nasse Laub und durch den Regen ihm entgegenblickte: +er drängte sich durch den Wald, durch Gebüsche, die +ihn oft mit ihren nassen Armen umfaßten: er kam durch +die Waldung, und sah über eine Ebne das Licht vor +sich glänzen.</p> + +<p>Es war eine niedre Hütte, deren moosiges Dach +vom Regen triefte, er schlug an die kleine Thür, ein +Hund bellte ihm aus dem Hofe entgegen, der Wetterhahn +des Daches knarrte im Winde; leise öffnete sich +die Thür des Hauses, eine alte Frau trat heraus. — +Wollt ihr einem armen Wandrer erlauben, diese Nacht +hier zu schlafen? flehte <span class="wide">Nadir.</span> Sehr gern war die +Antwort. Sie führte ihn in das Haus durch einen +Gang. Dort, wo du das Licht durch die Thüre flimmern +siehst, dort geh' hinein; — sie verließ ihn. <span class="wide">Nadir</span> +bewunderte den großen Gang in der kleinen Hütte, +seine Schritte hallten von der Mauer zurück, als er +durch die Stille ging. Er stand vor der Thür, aus der +das Licht ihm entgegenglänzte, — er öffnete sie — und +das Erstaunen schlug seine geblendeten Augen zu. Er +trat in einen großen unermeßlichen Saal, den tausend +Lichter erleuchteten; die Wände glänzten von Marmor +mit Gold umgossen, eine himmlische Musik schwamm +auf den Wellen der Harmonie durch den Saal. — Wo +bin ich? rief <span class="wide">Nadir.</span> — Ein prächtiggekleidetes Frauenbild +kam ihm entgegen, sie führte ihn zu einem Tische +und lud ihn zum Essen ein; <span class="wide">Nadir</span> aß und wagte +kaum die Augen empor zu heben. Als er gegessen und +getrunken hatte, fühlte er sich durch neuen Muth, durch +neue Kraft beseelt, er sah um sich. Tausend Lichter +glänzten auf Kronenleuchtern von Diamant. Saphir, +Rubinen und Gold waren über die schönpolirten Wände +hingestreut, unsichtbare Musik goß sich umher und gaukelte +um <span class="wide">Nadirs</span> Ohr, sein Auge verlor sich ermüdet +in die entferntesten Bogengänge, ohne ihr Ende erreicht +zu haben; <span class="wide">Nadirs</span> Staunen ward immer größer.</p> + +<p>»Komm!« rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes +<ins title="Original hat zu zu">zu</ins> und führte ihn durch die blendenden Säle. Er sahe sie +mit allen Arten von Menschen angefüllt und weidete sich +an den verschiedenen Gruppen. Hier tranken und aßen +einige, dort weinten andre, andre tanzten in fröhlichen +Reihen. Dieser Pallast, begann <span class="wide">Nadirs</span> Führerin, +ist ein Werk meines gestorbenen Gatten, er suchte das +Glück lange vergebens und fand es endlich mit mir in +der Einsamkeit; zu seiner Erinnerung hat er mir dies +Spielwerk hinterlassen, das ich erneuern kann, so oft +ich will. — Er war ein mächtiger Zauberer, gewandt +in allen geheimen Künsten; auf sein Gebot entstand +dieser Pallast, er brachte in ihm die Welt im Kleinen +zusammen. Sieh, jede Art von Menschen befindet sich +hier; dort auf den Thron sitzt ein König, seine Stirn +schmückt das Diadem, seine Schultern umfließt der +Purpur, er wird von jedermann beneidet, aber ach! er +beneidet heimlich den Sklaven, der jetzt vor ihm kniet +und zittert; er ist ein gütiger Regent, er macht andre +glücklich, ist aber selbst unglücklich. Jener Volkslehrer +lehrt Demuth und haßt den der neben ihm steht, weil +er ihn mehr als sich geehrt glaubt. Dort an jene +Säulen gelehnt steht ein Haufe unglücklicher Menschen, +in der Welt nennt man sie Kluge, sie sehn die Eitelkeit +der Welt ein, sie lassen sich durch keinen Glanz +von Ehre noch von Reichthümern blenden, ihre Wünsche +scheinen so mäßig und sind doch so vielumfassend, werden +fast nie erfüllt. — Dort stehen andre, für welche +die Welt mit allen ihren Schönheiten gestorben ist, sie +können keine Blume sehen, ohne ihr einen Namen zu +geben und ihre Blätter zu zählen, keinen schönen Baum, +ohne sein Laub und seine Rinde zu betrachten und zu +bemerken, zu welchem Geschlecht er gehöre; sie kennen +jeden Stern, der am Himmel flammt, und wissen die +Stunde, wenn der Mond auf und untergeht, sie haschen +jede Abendfliege, und stellen sie in ihren Rang in der +Schöpfung, sie sagen uns, daß jeder Sonnenstaub bewohnt +sei. — Dieser Pallast ist zugleich auf eine wunderbare +Art mit Gemälden ausgeziert, sie sind doppelt; +auf der einen Seite stellen sie alles ernsthaft, auf der +andern dasselbe lächerlich dar. Sieh, hier trauert eine +Mutter um ihren einzigen Sohn, dieser Zuschauer weint +gerührt, jener auf der andern Seite lacht. — Siehst +du jene dort, die so bleich sind und starr auf die Erde +blicken? bei ihrer Geburt vergoß das Elend Thränen +über sie und weihte sie sich dadurch zu seinen Kindern; +sie können über ein gelbes Blatt weinen, das vom +Baume auf die Erde fällt, sie hassen die Welt und sich +am meisten; sie machen oft andre glücklich, aber kein +Anblick von Glück, kein Anblick der aufgehenden Sonne +kann sie vergnügt machen; sie lächeln, aber ihr Lächeln +ist als wenn die Abendsonne durch einen verdorrten +Baum scheint, ihnen folgt das Unglück wie ihr Schatten, +ihre Augen sind matt von Thränen, ihre Wangen +bleich, sie sind die ärmsten Geschöpfe. — Jener jauchzende +Haufe verspottet sie, ihr Mund lacht stets, ihre +Augen blinzeln jedem freudig entgegen, die Welt nennt +sie Thoren, sie sind glücklich, denn sie halten sich für +weise, sie fragen nicht nach ihrer Bestimmung, sie durchlachen +ihr Leben, lachen im Winter eben so wie im +Sommer, bei dem Aufgang der Sonne wie beim Untergang, +die Natur nahm ihnen jede sanftere Empfindung +und gab ihnen das Vermögen alles lächerlich zu finden. +— Jene spielten mit ihrer Phantasie, der Verstand +löste die Fesseln der gebundenen Einbildung, sie schoß +wie ein Blitzstrahl dahin und nun hinkt der Verstand +an seinen Krücken hinter sie her und kann sie nicht +einholen, jede Saite ihrer Laute ist verstimmt und giebt +angeschlagen einen falschen Ton, man nennt sie Wahnsinnige, +Unglückliche; aber sie sind wirklich glücklich. +Jener hält die Kette, die ihn an die Mauer festhält, für +ein goldnes Halsgeschmeide, seine Lumpen für den Purpurmantel +des Königs. Jener glaubt in seinem Strohlager +alle Schätze Indiens zu besitzen und fühlt sich +beseligt. — Jener ist taub für jeden Harfenton, blind +für jede Schönheit, die der Maler der Natur abstahl, +seine Seele sitzt auf seiner Zunge, er freut sich nur +wenn er sich an den Tisch setzt, er hört nicht die himmlische +Musik, die ihn umfließt, aber er lächelt beim +Becherklang, der Duft von Speisen bringt Freude in +seine Seele. — Wer von allen diesen scheint dir in +dem Zustande zu sein, in den die Natur den Menschen +aus ihrer Hand hervorgehn ließ? — O jener, rief +<span class="wide">Nadir,</span> der sich an den Dampf der Speisen weidet, +denn er ist der glücklichste, an sein Herz reicht nicht die +Stimme des Elends, ihn durchbohrt nicht des Mitleids +scharfer Pfeil, er ist der glücklichste, er kann viermal +täglich glücklich sein; wozu sind jene feinern Empfindungen, +sie bringen weit mehr Schmerz als Vergnügen +hervor! — Sieh, jener Mann, fing die Führerin +<span class="wide">Nadirs</span> an, der dort unbekannt herumgeht, ist ein +verehrungswürdiger Mann; keiner kennt ihn, keiner achtet +auf ihn, aber er findet sein Glück im Glücke anderer; +manche heiße Thräne fleht im Dunkeln Segen für ihn +vom Himmel, manche Brust athmet durch ihn freier, +manche Klage verstummte durch ihn, er erfüllt den Beruf +des Menschen, er macht andre glücklich, und nur dazu +schuf uns die Natur. — Du willst die Gesellschaft der +Menschen verlassen, komm und überzeuge dich, daß der +Mensch da sei um in Gesellschaft glücklich zu leben; +warum will der schwache Mensch seine Bestimmung erforschen, +warum die Bestimmung der Welten? zwecklos +rollen sie nicht um ihre Sonnen, aber warum wollen +des Verstandes Maulwurfsaugen den Plan der Natur +durchdringen? der Mensch ist da, das zu genießen, was +ihm die freigebige Natur darbeut, sein Verstand soll aber +nicht über die Gränze hinausschreiten wollen, die ihm +gezeichnet ward. Sie gingen hin durch die hundert +Bogengänge und <span class="wide">Nadir</span> bewunderte die Pracht des +Pallastes; seine Augen wurden erhellt, er sahe ein, daß +es Frevel sei, sich von den Menschen zurückzuziehn, vor +ihm zerrann der dunkle Nebel, er durchdrang den Plan +der höchsten Weisheit; er versprach zur Gesellschaft der +Menschen zurückzukehren.</p> + +<p>Der Tag öffnete die blinzelnden Augen, das Morgenroth +flog über die Ebne und schimmerte an den +Fenstern; <span class="wide">Nadirs</span> Führerin verließ ihn, ein Bogengang +verschwand nach dem andern, mit ihm ihre Gemälde +und ihre Beschauer, ein Licht erlosch nach dem +andern, die Pracht gleitete von den Wänden, die Decke +sank, der Saal zog sich zusammen, ward immer kleiner +und kleiner, immer düstrer und düstrer, und der helle +Sonnenschein glänzte endlich an den Wänden einer niedern +Hütte. <span class="wide">Nadir</span> öffnete vor Staunen stumm die +niedre Thür, er suchte vergebens den langen Gang, die +alte Frau öffnete die kleine Hausthür, er ging hinaus, +die Thür ward hinter ihm verschlossen; dieselbe kleine +Hütte, an deren Thür er gestern klopfte — der Hund +bellte ihm wieder nach, der Wetterhahn knarrte in den +Wind, das moosbewachsne Dach triefte noch vom gestrigen +Regen und das Morgenroth schwamm in den großen +Tropfen. »Wacht' ich, oder träumt' ich?« rief <span class="wide">Nadir</span> +aus; er sah über einen niedern Zaun in den Garten +neben der Hütte, ein Knabe mit nackten Füßen pflückte +sich Kirschen von einem Baume. Er stand lange stumm +da, seine Phantasie malte ihm noch einmal den gestrigen +Tag; stumm ging er weiter, blickte noch oft zurück +nach der wundervollen Hütte, bis ein Wald den letzten +weißen Schimmer von ihr ihm entzog. — —</p> + +<p>Der Greis schwieg. Almansur sah starr vor sich +hin. Der Mond schien hell, die Sterne bebten im +schimmernden See, die Cypressen rauschten. Kehre zurück, +Jüngling, begann der Greis, kehre zur Welt zurück, +wer weiß, wo dein Glück schlummert, gehe hin und +erwecke es, du bist zur Gesellschaft geboren, gehe hin +und erfülle deine Bestimmung, genieße ohne zu grübeln +und du wirst gewiß glücklich sein.</p> + +<p><span class="wide">Almansur.</span> Verzeihe, edler Greis, daß ich dich +täuschte, dir meinen Gram nicht ganz enthüllte. Wenn +du die Geschichte meines Unglücks hörst, und du räthst +mir dann noch zur menschlichen Gesellschaft zurückzukehren, +so will ich dein Verlangen erfüllen.</p> + +<p>Ich heiße <span class="wide">Almansur</span>, mein Vater war ein Kaufmann +in Bagdad; ich hatte einen Freund, einen einzigen, +ganz mir gleichgeschaffenen, er starb vor wenig +Wochen; ich hatte eine Geliebte, ich liebte sie mehr als +meine Seele, sie vermählte sich vor wenig Tagen. — <span class="wide">Roxane</span> +war schön, wie der werdende Tag, schöner +wie eine der Houris, auf ihren Wangen floß Abendroth, +ihre Lippen waren wie der Purpur der untergehenden +Sonne, die sich im Meere spiegelt, ihr Lächeln +war der Sonnenschein des Frühlings, in ihren blauen +Augen lachte das ganze Paradies Mahomets, ihre blonden +Haare flossen um ihre Schultern, wie der Nebel +im goldnen Glanze der Morgensonne um Felsen sich +kräuselt; — sie kannte meine Liebe. — Ihr Vater lag +einst auf dem Sterbebette, nur ein Trank konnte ihn +retten, aber er mußte ihn trinken in weniger Zeit als +die Biene am Abend braucht nach ihren Zellen zurückzufliegen, +es war ein Quell, der in der schwarzen Kluft +eines weitentfernten Felsen murmelte. <span class="wide">Roxane</span> liebte +ihren Vater, ich sah die Thränen in ihren Augen glänzen, +ich schwang mich auf mein Roß, eilte hin, füllte +eine Flasche mit diesem wundervollen Wasser, ich stürzte +zurück, die Wälder sausten mir vorüber, eine Eiche +raubte mir meinen Turban, mein Roß eilte dem Winde +voraus, sein Hufschlag tönte laut, ich kam zurück; +<span class="wide">Roxanens</span> Vater ward gerettet, ihr Lächeln dankte +mir, und ich war vergnügt. Ich sank nieder von +Schweiß und Staub bedeckt, mein gutes treues Roß +starb noch an demselben Abend, <span class="wide">Roxanens</span> Lächeln +dankte mir, und ich war vergnügt. O für sie hätte +ich die heißen Ebnen Äthiopiens mit nackten Füßen durchmessen, +für sie hätte ich unbedeckt den Schnee des Caucasus +erklettert. Ach ich träumte eine so heitre goldne +Zukunft in ihren Armen; mein Freund starb, sie trauerte +mit mir, aber ach, sie gab ihre Hand einem andern, +denn er war reicher als ich; vorgestern ward ihre Vermählung +gefeiert, jeder Trompetenstoß, der aus der +Ferne mein Ohr erreichte, jeder Klang der Cymbeln, +jeder ferne Donner der Pauken, stieß einen glühenden +Dolch durch meine Brust; in der Mitternacht verließ ich +Bagdad kalt und stumm, verließ den Ort, wo jeder +Baum, wo jedes Haus, verflossene frohe Scenen in +meine Seele zurückriefen, die Sonne war für mich auf +ewig untergegangen; ich ging fort ohne zu wissen wohin, +endlich kam ich zu deiner glücklichen Einsamkeit. +Edler Greis, o höre meine heiße Bitte, es ist der einzige +Wunsch, der mir zurückblieb, laß mich an deiner +Seite, im Schooße der Ruhe und der Einsamkeit, meine +übrigen Tage verleben; ach, die Einsamkeit hat ja Trost +für so manche Leiden, sie trocknet so manche Zähre, wiegt +so manchen Kummer ein; hier in diesem glücklichen +Thale will ich den Traum meiner Jugend noch einmal +träumen, hier will ich weinen, wenn ich erwache. Laß +mich bei dir wohnen, jedes Band, das mich an die +Menschheit fesselte, ist gerissen, jede Freude hat der Ostwind +von dort weggeweht, sie sind alle hier auf diesen +Bergen hingestreut, laß sie mich hier wiedersuchen; laß +sie mich wiederfinden, Greis, denn beim Barte des +Propheten! ich kann nie unter Menschen wieder glücklich +sein. — Aber warum glänzen Thränen in deinen +Augen und verlieren sich in die Silberwellen deines +Bartes? Woher diese Seufzer, die deine Brust erheben? +Woher diese fliegende Röthe auf deinen Wangen?</p> + +<p><span class="wide">Greis.</span> Ach, <span class="wide">Almansur!</span> — deine Worte haben +meinen entschlafenen Kummer erweckt, ich hielt ihn für +todt, aber er schlief nur. — O Jüngling, du hast den +Morgentraum meiner Jugend, meiner Phantasie wieder +vorübergeführt. — Ein ähnlich Schicksal führte mich +hierher; ach, <span class="wide">Fatime!</span> diese Thränen fließen dir! dieser +Seufzer fliegt zu dir! Vor meinen Augen webt sich +die Vergangenheit noch einmal hin, sie glänzt im Sonnenschein, +eine Nebelwolke verfinstert sie auf ewig. — O +<span class="wide">Almansur,</span> bewohne mit mir diese Hütte, trinke +mit mir von meiner Milch, laß uns beide in den Schatten +eines Baumes ruhn. Ach, ich will denken, du +seist mein Sohn, denke du, ich sei dein Vater. Jüngling, +du bist mir theuer geworden, theile mit mir was +ich habe, wir wollen wie die Sonne des Tages, wie +der Mond der Nacht, in schöner Gleichförmigkeit unser +Leben verfließen sehn, wollen sehn, wie sich unser Leben +in einem Kreise dreht, so leben, wie eine Welle beständig +um ihr grünes Eiland murmelnd fließt; beide bewundern +wir nun den Aufgang der Sonne, wir beide sehn +ihrem Scheiden nach, du hilfst mir Blumen in meinem +Gärtchen pflanzen, du begießest sie mit mir am Abend, +du brichst mit mir das Obst von den Zweigen und +freust dich mit mir des Frühlings und Sommers: Jeden +Wandrer, der seinen Weg verfehlte, wollen wir mit +Speise und Trank erquicken, und ihn dann auf die +rechte Straße führen; dem Trauernden wollen wir den +Balsam des Trostes reichen, vor dem Fröhlichen unsern +Kummer in unsrer Brust verschließen. Wir erzählen +uns dann die Geschichte unsrer verflossenen Jahre, wir +tauschen unsre Erfahrungen gegen einander ein, ich lerne +jeden Baum kennen, der dir einst mächtig war, du +beschreibst mir deine vorige Wohnung so genau als wollte +ich sie morgen beziehn, ich sage dir von jedem Bache, +bei dem ich mich einst freute oder Thränen vergoß, ich +zeichne dir jeden Gang in meines Vaters Garten, jede +Rosenhecke, jeden Apfelbaum; so lebe ich in deiner vorigen +Welt, du in der meinigen, oder wir sitzen am +Abend unter dieser Cypresse und sehen wie sich der Mond +auf jeder Welle wiegt, wie sich jene Ulme im Wasser +spiegelt, wie ihre Zweige zittern, und durch ihr finstres +Laub die Sterne gebrochen flimmern; wir erzählen uns +wunderbare Mährchen so vertraut als wären es die alltäglichsten +Dinge; wir träumen uns unser Leben nach +dem Tode, bauen luftige Schlösser und reissen sie wieder +ein; so leben wir, bis der Tod mir immer näher +und näher schleicht und mich unvermerkt aus deinen +Armen führt, dann häufest du mir einen Grabhügel unter +jener Cypresse, die ich selber pflanzte, dann bewohnest +du meine Hütte allein, dann sitzest du ohne mich vor +dem Eingange, dann denkst du beim Schimmer des +Mondes an den gestorbenen <span class="wide">Abdallah,</span> dann brichst +du das Obst allein, und pflanzest Blumen ohne meine +Hülfe, dem verirrten Pilger zeigst du das Gras auf +meinem Grabe und sagst zu ihm: hier ruht ein biedrer +Greis! dann sitzest du einsam in der kleinen Hütte und +hörst den Regen gegen die Fenster schlagen, bis ich deinem +Geiste mit einem Lichtkranze entgegenfliege.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h2><a name="Das_grune_Band" id="Das_grune_Band"></a><span class="wide">Das grüne Band.</span></h2> + +<div class="center"> +<p class="noindent"><span class="wide">Eine Erzählung.</span><br /><br /> +1792.</p> +</div> + +<p>Durch die Thäler und über die Wiesen wandelte der +graue Nebel; über einen Tannenhain blickte die Sonne +noch einmal aus Westen auf die Fluren zurück, die +sie itzt verlassen wollte; in den Wipfeln eines einsamen +Gebüsches begann die Nachtigall ihr Lied, und das +Murmeln eines kleinen Baches ward hörbarer: als über +die Haide eine Schaar von Kriegern gegen die Veste +<span class="wide">Mannstein</span> zog. Der letzte goldne Schein der Sonne +flog zitternd die schönpolirten Rüstungen auf und ab, +durch die abendliche Stille tönte laut der Huftritt ihrer +Rosse. — Da schmetterte von der Zinne der Burg +eine fröhliche Trompete, und weckte mit ihren Tönen +den Widerhall am Tannenberge; die Zugbrücke ließ +sich nieder, und <span class="wide">Friedrich von Mannstein</span> zog mit +seiner Schaar in seine Veste, wo sein Hausgesinde sich +um ihn her drängte, um ihm Glück zu wünschen, daß +er aus der Fehde wohlbehalten zurück gekehrt sey.</p> + +<p>Kaum war der Ritter von seinem Rosse gestiegen, +als seine Tochter auf ihn zueilte und in die Arme ihres +Vaters sank. »Meine <span class="wide">Emma!</span>« rief Friedrich, »bist +du wohl? Gottlob, daß ich dich wiedersehe!« — »Kommt +Ihr wohlbehalten zurück?« sprach sie, indem +sie schüchtern um sich blickte und sich etwas aus den +Armen ihres Vaters zurück bog. — »Habt Ihr viele +von euren Leuten verloren?« — »Ja,« antwortete +<span class="wide">Friedrich,</span> »zwölf, und unter diesen einen meiner +treusten Diener.« — »Doch nicht« — fiel <span class="wide">Emma</span> +schnell ein, — der Name <span class="wide">Adalbert</span> zitterte auf ihren +Lippen, sie ward bleich, — »doch nicht — <span class="wide">Wilibald</span>?« +sagte sie, indem sie eine unwillkührliche Thräne in ihr +Auge zurückzwängte.</p> + +<p>Eben diesen, erwiederte der Vater; der Alte hielt +sich wacker, — aber er fiel, — er hat sein Leben +rühmlich beschlossen. Wohl jedem Kriegesmanne, der +so wie er stirbt! — Ich werde seinen Verlust fühlen; +ich liebte ihn, als wär' er mein Bruder. — Aber komm +in die Burg, liebe Tochter, der Nebel hängt schon kalt +und feucht in den Wipfeln der Bäume, dein Haar +flattert in der kühlen Abendluft; mich dünkt, du siehst +bleich aus, — du bist doch wohl?</p> + +<p>Ihr seid ja wieder hier, antwortete sie schnell.</p> + +<p>»Herr Ritter!« sprach ein Knappe, der aus dem +Schloßhofe trat, »wollt Ihr nicht in die Burg gehn? +Euer Waffenbruder <span class="wide">Konrad von Burgfels</span> harrt +Eurer drinnen.«</p> + +<p>»Konrad? Er sei mir willkommen!« rief Friedrich, +und ging in den Schloßhof; Emma, die Hausgenossen +und sein Knappe Adalbert folgten ihm. — Adalberts +und Emma's Blicke fanden sich. — Wie viel sagten +sie sich nicht in diesem Blick! — Die Freude sich wiederzusehn, +Dank für die Rettung, zärtliche Besorgniß, — dieß +und hundert Fragen und hundert Antworten +lagen in diesem einzigen Blicke. — Adalbert führte +sein treues Roß in den Stall, Emma ging langsam +aber heiter die Wendeltreppe hinan, blickte aus dem +runden Fenster noch einmal in den Hof hinab, und begab +sich dann in ihr Gemach.</p> + +<p>Der wackre Konrad eilte dem Ritter Friedrich entgegen +und schloß ihn froh in seine Arme. — »Gottlob!« +rief er, »daß ich dich einmal wiedersehe! — Du +kommst aus einer Fehde mit <span class="wide">Manfred?</span>«</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Ja, Freund! und du?</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Woher? Für mich, weißt du ja, giebt's +schon lange keine Fehden mehr! ich komme von meinem +alten einsamen Schlosse. — Seit mein <span class="wide">Karl</span> nicht +mehr da ist, sieht es so öde und verlassen aus. Stehe +ich auf dem Altan, oder sehe ich aus den Bogenfenstern, +so muß ich immer wider Willen nach dem Berge hinsehn, +hinter welchem er zuletzt verschwand; die eisernen +Fahnen auf der Burg rufen mir immer den Namen +Karl zu, und muß dann jedesmal an den Tod denken. — Ach! +es ist traurig, Freund, wenn man alt wird, +der Tummelplatz unsrer Wünsche wird dann so eng, +wir können nur noch wenig hoffen, — aber dieß wenige +wünschen wir mit einer Sehnsucht, mit einer +Wehmuth — So lange sich mein Sohn in Palästina +unter den Ungläubigen herumtummelt, werde ich dich +öfter auf deiner Burg heimsuchen, die Einsamkeit macht +mich traurig.</p> + +<p>Sie waren indeß in den Saal getreten. — »Setz +dich, Freund!« sprach Friedrich, »ich habe dich schier +verkennen gelernt, Konrad saß lange nicht auf jenem +Sessel.«</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Es soll von itzt an öfter geschehen. — Du +hast ihn geschlagen?</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Den räuberischen Manfred, — ja — Zwölf +meiner besten Leute hab' ich verloren, es war +ein hitziges Gefecht. — Mein Knappe Adalbert, du +wirst ihn kennen, hat sich heute wie ein wackrer Mann +gezeigt, ohne ihn stand es so so — wir waren schon +einmal zurückgetrieben, — ich sage dir, es wird ein tapfrer +Ritter, ich will meinen Stolz an ihm erziehn. — Bringt +Wein, Buben! —</p> + +<p>Die Buben brachten Wein, und die Ritter tranken.</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Wir leben in unsern Nachkommen wieder +auf; ich hoffe, mein Karl soll dem Namen Burgfels +keine Schande machen.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Das wird er nicht. Welch ein glücklicher +Vater bist du! Es war mein tägliches Gebet zu +Gott, mir einen Sohn zu schenken, der mir einst die +Augen zudrückte, der nach meinem Tode auf meiner +Burg haußte, der — doch, wir wollen ja nicht traurig +sein.</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Du hast es auch nicht Ursach, der weise +Himmel erhörte dein Gebet vielleicht darum nicht, um +dir Jammer zu ersparen. — Du weißt nicht, wie wehe +der Kummer um einen geliebten, oder gar einzigen +Sohn der Brust des Vaters thut. Man gewöhnt sich +früh an Gram. — Bald siehst du den Knaben auf +einen schroffen Felsen klettern, und zitterst bei jedem +Schritte; der Jüngling kommt nicht von der Jagd +zurück, und bei jedem Wiehern, bei jedem Hufschlag +eines Rosses eilst du ans Fenster, aber er ist es nicht, +dein schlafloses Auge starrt erwartend durch das Dunkel +der Nacht, — und wenn du ihn gar fern von +dir weißt, im Gewühl der Schlachten, — erst als Vater +macht der Ritter mit der Furcht Bekanntschaft. — Alle +Freuden seines vorigen Lebens, jede seligverflossene +Stunde, jede schöne Erinnerung, das Glück der Vergangenheit +und Zukunft flicht der Greis in <span class="wide">einen</span> +freudenreichen Kranz und schlingt ihn um den Helm +des Jünglings, — ach! und wie viel tausend Schwerter +können diesen Kranz zerreissen. Wir setzen unser +ganzes Vermögen auf <span class="wide">einen</span> Wurf, und in jedem +Augenblicke müssen wir zittern, zu verarmen. — Es +ist warlich besser der Vater einer hoffnungsvollen Tochter +sein!</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Du bist undankbar gegen das gütige +Schicksal. — Den Knaben zum Jüngling werden sehn, +in jeder seiner Thaten sich selbst wiederfinden, — nenne +mir eine Freude, die größer sei, als diese. — Und +wenn er nun zurückkehrt, wenn er nun von jenem +Berg wieder heruntersprengt, vor ihm her der Ruhm, +hinter ihm der Jubel des Volks, in seiner Rechten eine +erbeutete Fahne, wenn er nun so in deine Arme eilt, +wie dann?</p> + +<p><span class="wide">Konrad</span> <i><small>der sich die Augen trocknet</small></i>. Dann? — Nun +dann will ich dir Recht geben, aber eher nicht.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Immer find' ich doch noch in dir +den alten Konrad wieder, der jedesmal im Wort- und +Lanzenkampf das Feld behalten muß. — Trink! stoß +an! auf den Ruhm deines Sohnes!</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Und das Glück deiner Tochter!</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Denkst du, daß ich für sie unbekümmert +bin? — Wollen wir mit unsern Kindern tauschen, +Konrad?</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Freund und Waffenbruder! — ein Gedanke +kömmt mir wieder, den ich schon oft dachte, wenn +ich des Nachts in meiner einsamen Kammer schlaflos +lag, und der Wind um den Schloßthurm saußte, — sei +du der Vater meines Sohnes, deine Tochter sei +mein, doch so, daß keiner von uns das Recht auf sein +Kind verliert.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Topp, alter Freund! — Da hast +du die Hand eines Ritters, der noch nie sein Wort +brach! — Bei Gott und Ritterehre! keiner als dein +Karl soll der Gatte meiner Tochter werden, — nur +muß er mit Ehre zurückkehren.</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Das wird er, wenn er zurückkehrt, +dafür laß dir den alten Konrad bürgen. Mit Ruhm, +oder nie sehn wir ihn wieder. —</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Alter Freund! der Wein hat mich +sehr froh gemacht. — Welch eine liebliche Zukunft seh' +ich emporblühen! — Allenthalben winkt die schönste +Blume des Lebens: Vaterfreude! — In diesem Garten +wollen wir ruhen, bis wir in einen noch schönern +hinüberschlummern.</p> + +<p>Die Alten drückten sich schweigend die Hand, ihre +Freude war eine wehmüthige geworden; ein Paar große +Thränen fielen schwer aus ihren Augen, die sie in +einem schönen Irrthum für Freudenthränen hielten. Sie +merkten nicht, daß sie der bange Zweifel erzeugte: »Werden +diese Träume in Erfüllung gehn?«</p> + +<p>Sie saßen noch lange zusammen im traulichen Gespräch, +und erzählten sich noch einmal die Geschichte +ihrer Jugend und ihres männlichen Alters. Die Gesichter +der Greise glühten voll Jugendkraft, beide vergaßen, +daß sie Greise waren.</p> + +<p>Die Mitternachtstunde rief sie endlich von ihrem +Gespräche ab, jeder ging heiter in sein Schlafgemach.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>Alles schlief schon in der Burg, der aufgehende +Mond brach seine dämmernde Strahlen durch die Bogenfenster; +eine heilige Stille schwebte über Flur und +Wald mit leisem langsamen Fluge, nur die Burgglocke +tönte durch die feierliche Einsamkeit: als die leisegezogenen +Schritte Emma's längst den Wänden des großen Ganges, +der die Zimmer der Burg theilte, hinrauschten. +Sie hatte Adalbert in der Ferne gesehn, und schien +ihm itzt wie von ungefähr zu begegnen.</p> + +<p>Beide blickten sich froh in's Auge, denn sie wurden +itzt von keinem Überlästigen beobachtet. »Meine Emma!« +rief Adalbert aus, und schloß das Mädchen rasch in +seine Arme.</p> + +<p>»Bist du endlich wieder da?« fing Emma an, — »O! +wüßtest du, wie vielen Kummer du mir indeß +gemacht hast, die ganze Burg war mir indeß so eng +wie ein Gefängniß, die Flur war für mich ein Klosterzwinger, +denn Berge und Wälder schlossen mich ja +ringsum ein und trennten mich von dir. — Der Garten +schien mir öde und finster, das Blaue des Himmels +hing düstrer als sonst über meinem Haupte — sage +mir doch, — was hat itzt alles wieder so hell und frei +gemacht?«</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Die Sonne der Liebe, Emma!</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Dein schönes Auge, Adalbert! — Ach! +wie viel hab' ich um dich gelitten, itzt erst weiß ich es, +wie theuer, wie unentbehrlich du mir bist. Beständig +hab' ich an dich gedacht, und wenn meine Phantasie +auch noch so fern umherschwärmte, so war die Rückkehr +zu dir, ihrer lieben Heimath, doch stets das nächste: +der Gedanke, der der fernste schien, war doch unmittelbar +eins mit der Liebe. — Bei Dingen, wobei ich bis +itzt nichts dachte, dacht' ich sehr viel, Vergangenheit, +Zukunft und — dich! — Ich schwatze, lieber Adalbert! +aber die Freude ist ja geschwätzig. —</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Und welcher Liebende hörte dieß Geschwätz +nicht gern?</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Neulich ging ich jenen verdorrten Baum +vorüber, — ich bin vor ihm hundertmal vorübergegangen, +aber nicht mit diesem sonderbaren Gefühl — ich +dachte plötzlich an jenes Jahr, in welchem er noch +grünte; ich war noch ein Kind, als ich einst an ihn +gelehnt die Frühlingsflur überschaute; — er blühte +damals so schön, die Sonne glänzte so hell in seinen +zitternden Blättern, o! wie fröhlich war ich damals, — die +ganze Natur und der Baum schien mit mir fröhlich; — itzt +stand er da, als wenn er mich traurig ansähe, +als wenn es ihn schmerzte, daß er nicht mehr fröhlich +seyn könnte. — Wie ganz anders war itzt alles um +mich her als ehemals, und doch war mir diese Erinnerung +nur wie von gestern. — Ach! Adalbert! da +dacht' ich an dich und mich. —</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Du erschreckst mich, Emma! ich war +so heiter, du hast mich traurig gemacht.</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Du glaubst nicht, Adalbert! wie sonderbar +mir in diesem einzigen Augenblicke die Welt vorkam; +die Vergangenheit schien mir ein Traum, die Zukunft +ein Schatten. — Wie der Frühling entflieht +dein Glück, sagte mir der ernste Baum; du wirst bald, +sehr bald unglücklich sein. —</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Verjage diese schwarze Ahnungen, +laß diese grausamen Spiele deiner Einbildung! — Emma +kann, darf nicht unglücklich sein!</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Daß sie es kann, empfand ich in jedem +Augenblicke deiner Abwesenheit. — Ach Adalbert! ich +fange an zu glauben, daß Unglück sehr wohlfeil sei, +und ich will mich an diesen Gedanken gewöhnen.</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Du hast Recht. — Unglück ist ja +der Preis, um den wir unser weniges Glück in diesem +Leben erkaufen müssen. — Du seufzest, Emma? — Himmel! +du weinst? — O! ich verstehe diese Seufzer, +diese Thränen. — Könnt' ich doch das Schicksal +fragen: Wird Emma einst die Meinige?</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Um gewisses Unglück für ungewisse Hoffnungen +einzutauschen? Laß sie ungewiß seyn, es sind +doch immer Hoffnungen.</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Und werden diese Hoffnungen nie +Verzweiflung werden? Wird diese schöne Frucht nie +vertrocknet vom Baume fallen? — Ach, Emma! — der +Winter kömmt endlich: und Sommer und Herbst +sind nur ein schöner Traum gewesen. — Wie dann?</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Dann laben wir uns an der Erinnerung +dieses schönen Traums, wie Kinder, die im Finstern +erwacht sind und gern wieder einschlafen möchten.</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Emma! wird dein Vater je den armen +verwaisten Knappen Adalbert, der nichts als sein Schwert +besitzt, mit deiner Hand beglücken? — Er, der Herr +so vieler Burgen, der Besitzer großer Schätze? Wird +er das je?</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Willst du denn, daß ich durchaus sagen +soll: ich glaube es nicht. — Doch warum wollen wir +nur immer zweifeln? — Er hat dich erzogen, er liebt +dich wie seinen Sohn, er schätzt deine Tapferkeit — Adalbert! +wir wissen ja nicht, was die folgende Stunde +gebiert, warum wollen wir denn über künftige Jahre +hinwegschauen? — Trage von itzt an dieß grüne Band +um deinen Arm, es erinnert dich vielleicht im Kampfe, +dein Leben nicht unnöthig zu wagen.</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Grün ist die Farbe der Hoffnung.</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Und die Meinige. Verlier' es nie, es +sei dir ein Unterpfand meiner ewigen Liebe und Treue.</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Auch wenn die Farbe verbleicht ist? —</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Auch dann.</p> + +<p>Itzt rauschte die Thür eines Gemachs, die beiden +alten Ritter traten heraus; ein stummer Händedruck, +und Adalbert und Emma schieden. — —</p> + +<p>Alles war wieder laut und geschäftig in der Burg, +die Sonne war schon seit einigen Stunden aufgegangen, +als vor den Thoren von Mannstein ein Ritter hielt, und +begehrte eingelassen zu werden. Die Thore öffneten +sich, im Burghofe stieg er ab, und ward dann in den +Saal zum alten Friedrich geführt.</p> + +<p>Friedrich ging ihm entgegen, ließ ihn sich niedersetzen, +befahl ihm einen Becher Wein zu reichen, und fragte +dann, was sein Begehr sei?</p> + +<p>»Ich bin ein Abgesandter,« begann der fremde Ritter.</p> + +<p>»So seid mir in meiner Burg nochmals willkommen!« +sprach Friedrich — »Aber wer sendet Euch?«</p> + +<p><span class="wide">Ritter.</span> Der Ritter <span class="wide">Manfred,</span> der Euch wohl +bekannt sein wird.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Was verlangt er?</p> + +<p><span class="wide">Ritter.</span> Er ist gesonnen seine Fehde mit euch zu +endigen, Frieden zu schließen und Euer Freund zu werden.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Mein Freund? —</p> + +<p><span class="wide">Ritter.</span> Aber nur unter einer Bedingung —</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Sie ist? —</p> + +<p><span class="wide">Ritter.</span> Eure schöne Tochter! —</p> + +<p>Friedrich sprang auf, schlug unwillig mit der Hand +auf den Tisch und blickte den Ritter zornig an. Dann +ging er lange mit großen Schritten auf und ab. — Endlich +stand er still, sah den Ritter noch einmal lange +und bedeutend an, und sprach dann mit lauter, starker +Stimme, die zuweilen nur von einer unterdrückten +Wuth zitterte: »Geht zurück, Ritter! und sagt dem +schändlichen Manfred, daß eher meine Burg in Trümmern +stürzen soll, daß ich lieber mit eigner Hand meine +Tochter ermorden, als in seinen Armen wissen will. — Ein +Ritter, kein Meuchelmörder, soll ihr Gemal werden; +unsre Fehde ist nicht geendet, kann nicht geendet +sein, denn es ist die Pflicht jedes braven Ritters, Räuber +zu vertilgen, und ein Räuber ist Manfred. — Sagt +ihm nur, ich habe es nicht vergessen, wie er +meuchlings den Grafen von Otterfeld gemordet, wie +durch ihn des Edeln von Löwenau Burgen und Ländereien +widerrechtlich gepreßt werden; sagt ihm, daß +mein Schwert noch nicht in der Scheide ruhe, sondern +bereit sei, den Kampf zu erneuen. — Will er Euch +nicht glauben, so mag er sich von mir selbst die Antwort +im Blachfelde holen.«</p> + +<p>Schweigend stand der Ritter auf, schwang sich auf +sein Roß, und jagte hinweg ohne nur einen Blick nach +der Burg zurückzuwerfen.</p> + +<p>Friedrich ging noch lange auf und ab, bis sich sein +Ingrimm in einem freundschaftlichen Gespräche mit +Konrad von Burgfels nach und nach verlor.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>Am Abend hatten Konrad und Friedrich schon die +Gesandtschaft Manfreds vergessen. Der Wein machte, +daß sie in der Zukunft, welche sie sich erträumten, allenthalben +nur Glück und Freude sahen, und dadurch harmlos +und unbefangen die traurige Wahrheit vergaßen: +daß jeder Augenblick ein Unglück erzeugen könne.</p> + +<p>Emma stand indeß an einem Bogenfenster und blickte +in die schöne Gegend hinaus, welche der Mond beleuchtete. +Sie träumte sich in die Zukunft hinüber, tausend +angenehme Gebilde flogen vor ihrer Seele auf, in denen +sie stets sich an der Seite ihres Adalberts erblickte.</p> + +<p>Die Luft wehte warm und lieblich. Ein sanftes +Rauschen ferner Wälder rief das Andenken der Vergangenheit +in ihre Seele zurück. Um sich diesem Gefühle +ganz zu überlassen, schlich sie sich langsam auf den +Altan der Burg und sah itzt mit jenem ruhigen Entzücken +auf ihre väterlichen Fluren herab, mit dem der +Liebende den Abendschein der Erinnerung vorigen Glücks +betrachtet.</p> + +<p>Itzt schwebte der Mond noch eben über einen fernen +Hügel, nun sank er langsam, und ein blasser zitternder +Glanz überflog noch einmal die Eichenwälder, dann +standen sie ernst und finster da; die fernsten westlichen +Wolken tauchten sich im Vorüberschweben in einen bleichen +goldenen Schimmer, und bald lag die ganze Gegend +in Dunkel eingehüllt, finster und schauerlich, wie die +Zukunft dem, der Unglück ahndet.</p> + +<p>»O Bild des Glücks!« rief Emma aus. — »So +stirbt die letzte Hoffnung auf dem Grabe des Geliebten, +so welkt die letzte Blume im Kranze menschlicher Freuden, +so weht der Sturm die letzte Blüthe vom verdorrenden +Baum.«</p> + +<p>Eine heisse Thräne stieg langsam in ihr Auge.</p> + +<p>Alles war still und feierlich, der Wind schwieg itzt, +schwarze Wolken hingen ernst unter dem Glanze der +Sterne über fernen Wäldern, und schon begann die +Eule ihr einsames Klagelied aus der Felsenhöle — da +braust es wie ein Waldstrom aus der Ferne, es rauscht +daher wie ein Schwarm Gespenster, die durch den Eichenforst +fahren, — ein unwillkührlicher Schauer zitterte +langsam über Emma's Körper hin. —</p> + +<p>Wie Hufschlag von Rossen kam es itzt näher, wie +ein Klang von Harnischen. — Wie sich um den Felsen +eine schwarze Wolke schleicht, so lenkte itzt eine düstre +Schaar um die Mauer der Burg.</p> + +<p>Emma wollte zurück und in das Gemach ihres Vaters +eilen, aber sie fühlte sich zu schwach, eine unbekannte +Macht hielt sie gewaltsam zurück, sie drängte sich bebend +in die Ecke des Altans.</p> + +<p>Itzt schwebte es über den Wall herüber, — schon +rauschte es durch den Graben der Burg — da schmetterte +plötzlich laut und furchtbar von der Zinne der +Burg die Trompete des Thurmwächters, und Emma +schrak heftig zusammen.</p> + +<p>Plötzlich kam die ganze Burg in Bewegung, die +Sturmglocke hallte fürchterlich, Panzer rasselten, Pferde +wieherten, Tritte dröhnten laut durch alle Säle, Stimmen +schallten verwirrt durch einander, — ihr war, wie +in einem Traume, große Tropfen der Angst standen +auf ihrer Stirn, und ihre Bangigkeit stieg endlich so +hoch, daß sie mit einem schmerzhaften Vergnügen die +Entwickelung dieses fürchterlichen Traums erwartete.</p> + +<p>Noch einmal schrie alles plötzlich laut durcheinander, +Rüstungen erklangen, Schwerter klirrten, dann eine +kurze Stille, die von einem neuen Geschrei unterbrochen +wurde, die Krieger wütheten wie zwei Gewitter gegeneinander. — Itzt +hörte sie Adalberts Gang, er ging +durch die Säle, den Altan vorüber, sie wollte seinen +Namen ausrufen, aber kein Ton stand ihr zu Gebot.</p> + +<p>Als er vorüber war, rief sie laut: »Adalbert!« — Aber +er konnte diesen Ruf nicht mehr vernehmen. Sie +raffte sich gewaltsam auf, und floh eilig durch die Säle, +bleich und zitternd eilte sie durch die einsame Burg, in +welche aus der Ferne der Kampf dumpf herauftönte; +sie rannte durch eine verborgene Thür, eilte über die +niedergelassene Zugbrücke nach dem offenen Felde, wo +ihr die Sterne bleich und erschrocken über ihrem Haupte +zu flimmern schienen.</p> + +<p>Hier setzte sie sich auf einen kleinen Hügel nieder, +und sah nach der Burg zurück, die wie in Nebelwolken +eingehüllt da lag. — Das Schmettern der Trompeten +tönte durch die ruhige Nacht, weithin flog der laute +Klang über Berge und Wälder, gebrochen schmetterte +der Widerhall am fernen Felsen die Töne nach, die +dann verhallten und wie im Gebrause des Kampfs +versanken. —</p> + +<p>Der Schein von Fackeln sprang itzt durch das +Dunkel der Nacht, Schatten flohen hin und her, Nacht +und Helle kämpften mit einander, alle Schrecken boten +sich die Hand, und schwebten furchtbar vor Emmas +Auge, die endlich das Gesicht mit den Händen verdeckte.</p> + +<p>Das Geräusch des Kampfes kam ihr näher, Krieger +flohen ihr dicht vorüber, andre sanken verfolgt zu +Boden, sie hörte das Röcheln der Todesangst und schauderte +noch stärker.</p> + +<p>Ein Ritter eilt daher, der Flüchtlinge verfolgt, sie +springt auf und stürzt athemlos in seine Arme! — Es +war Adalbert. —</p> + +<p>»Adalbert! Adalbert!« ruft sie mit bebender Stimme +und drückt sich fast ohne Bewußtsein an seine +Brust, — »rette mich!«</p> + +<p>»Manfred siegt!« rief er wüthend aus, »aber ein +guter Engel ließ mich dich finden, meinen Muth zu +stärken. — Zurück in den Kampf! — Ha! die Meutrer! — die +Burg brennt!«</p> + +<p>Er ließ sie sanft nieder, und stürzte wild hinweg.</p> + +<p>Emma schloß die Augen, denn sie hörte noch immer +die schrecklichen Worte: die Burg brennt! — Endlich +blickte sie matt und schüchtern auf, — welcher Anblick! — Kühn +wälzte sich eine Flamme aus der Burg +himmelan, wie eine Welle im Sturm wogte sie majestätisch +hin und her, und übersah mit kühnem Blicke +die ganze Gegend. — Der Burggraben glühte im Widerschein, +alle Wälder und Berge wankten hin und her +im zitternden Flammenglanze, große Funken flogen +Sternen ähnlich durch die Nacht, und sanken neben +Emma im feuchten Grase verlöschend nieder! —</p> + +<p>Im Schein sah sie die Kämpfenden gegeneinander +wüthen, Arme gegen Arme in rastloser Arbeit aufgehoben; +Schwerter glänzten wie fernes Wetterleuchten +durch die Nacht, Trompeten und Hörner hallten wie +Donner. — Ihre Augen schlossen sich müde und geblendet.</p> + +<p>Sie öffnete sie nur mühsam nach langer Zeit, die +Flamme war zurück gesunken, das Geräusch des Kampfes +war verschwunden, die gräßlichste Stille lag schwer +und drückend über der ganzen Natur. — Zweifel schüttelten +itzt ihre Seele, eine noch schrecklichere Ungewißheit +trat an die Stelle des vorigen Entsetzens. — »Gott!« +rief sie lautseufzend, und im Ton der Verzweiflung.</p> + +<p>»Emma!« seufzte es leise aus einem nahen Gebüsche +mit dem ächzenden Tone eines Sterbenden. Emma +bebte auf. Es rasselte im Laube. — »Mein Vater!« +rief sie aus, und stürzte in die Arme Friedrichs, der +verwundet hieher geflohen und niedergesunken war. —</p> + +<p>»Wüthet noch die Flamme in der Burg meiner +Väter?« fragte er mit schwacher Stimme.</p> + +<p>»Nein!« sprach Emma, »die Flamme ist gelöscht.«</p> + +<p>»Nun Gott sei Dank!« antwortete Friedrich und +erhob sich.</p> + +<p>Emma umschlang ihn mit ihren Armen, da fühlte +sie das Blut des Greises über ihre Hand fließen.</p> + +<p>»Himmel!« rief sie aus, »mein Vater, Ihr blutet!« — Schnell +zerriß sie ihren Schleier und verband +die Wunde so sorgfältig, als es die Finsterniß der Nacht +erlaubte. Friedrich küßte sie und drückte sie stumm +an seine Brust. — »O, ich bin glücklich!« sprach er +endlich, »da ich dich wieder gefunden habe; mag Manfred +doch in meinen Burgen wüthen, wenn du nur +mein bleibst; mag das Feuer meine Schätze verzehren, +wenn ich dich nur noch an meine Brust drücken kann. — Ich +bin nicht unglücklich!« —</p> + +<p>Der Tag fing an zu grauen, schwarze Wolken +säumten sich mit sanftem Roth, ein kalter Morgenwind +wehte, die Gegend trat nach und nach aus der Nacht +hervor, und mit goldnem Gefieder schwang sich endlich +das Morgenroth aus der Tiefe empor, und sein leuchtender +Fittig umarmte den östlichen Horizont.</p> + +<p>Friedrichs Wunde blutete nicht mehr, und er fühlte +sich stärker, als er aus der Ferne über einen Berg +einen Trupp Reiter auf sich zusprengen sahe; Adalbert +war an ihrer Spitze.</p> + +<p>»Sieg! Sieg!« frohlockte die jauchzende Schaar; +»Sieg!« hallte das Thal mit seinen Felsen wieder; +»Sieg!« sprach Emma freudig nach; eine Thräne der +Freude stürzte schnell aus ihrem Auge, und eine schöne +Röthe überflog ihr bleiches Antlitz. Friedrich erhob +sich schnell bei dem Worte, und sah wieder so kühn +umher, als er es sonst gewohnt war.</p> + +<p>Adalbert stieg von seinem Rosse. »Manfred ist geschlagen!« +sprach er, »nur wenige von seiner Rotte +sind meinem strafenden Schwerte entronnen.« Friedrich +eilte ihm entgegen, und schloß ihn herzlich in seine +Arme. »Sei mir willkommen!« rief er ihm entgegen, +»willkommen, mein geliebter Sohn!«</p> + +<p>»Euer Sohn?« sprach Adalbert froh auffahrend; +er blickte schüchtern auf Emma, die bei diesem Blicke +erröthete.</p> + +<p>»Ja! wie meinen Sohn lieb' ich dich,« sprach +Friedrich, »verdank ich dir nicht alles? — Sage, wie +kann ich dich belohnen? Fordre, bei meinem Ritterworte! +alles was meine Ehre erlaubt sei dein.«</p> + +<p>Adalbert blickte in Friedrichs Auge, schon wollte +er den Namen Emma aussprechen, als er das Auge +noch einmal zu ihr wandte. — Sie schlug schüchtern +die Augen nieder, und schüchtern stammelten nun Adalberts +Lippen statt <span class="wide">Emma</span> — »das <span class="wide">Ritterschwert.</span>« —</p> + +<p>Er kniete nieder und stand als Ritter wieder auf.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>Manfreds Schaar war gänzlich zerstreut, und die +Ordnung in Friedrichs Burg wieder hergestellt. Das +Feuer hatte durch Adalberts Vorsorge nur wenigen +Schaden thun können, und obgleich viele von Friedrichs +Kriegern gefallen und verwundet waren, konnte dieser +doch dem Glück und Adalbert Dank sagen, daß er den +verrätherischen Überfall nicht theurer hatte bezahlen müssen.</p> + +<p>Konrad von Burgfels verließ Friedrichs Veste, um +die seinige zu besuchen, der nächtliche Überfall hatte +ihn besorgt gemacht; er reiste mit dem Versprechen +ab, in kurzer Zeit wieder bei seinem Waffenbruder +einzukehren.</p> + +<p>Unmuthig ging indeß Adalbert im Schloßgarten auf +und ab, denn sein Gedächtniß wiederholte ihm alle +Vorfälle dieser Nacht mit den kleinsten Umständen. — »Adalbert!« +rief er endlich aus, »was hast du gethan? —« +Unbesonnen hast du den großen Augenblick deines Lebens +verscherzt, in welchem die Waage deines Glücks im +Gleichgewichte stand; — kam es nicht bloß auf dich +an, glücklich zu seyn? — Ein Wort aus meinem +Munde, und sie war mein, ewig mein! — Dein? +Ist das so gewiß? — Welcher Sterbliche wagt es, +so frech das ganze Glück seines Lebens einem einzigen +Hauche anzuvertrauen? — Hätte mir nun das <span class="wide">Nein</span> +wie meine Sterbeglocke fürchterlich aus seinem Munde +getönt, Adalbert, wie dann? — Itzt bleibt dir doch +noch die tröstende Hoffnung. — Aber hoffen, und ewig +nur hoffen, indeß sich meine Kraft aufzehrt, und das +Ziel meines Glücks immer weiter aus meinen Augen +gerückt wird. — Hoffnung! dieser ärmliche Ersatz für +Genuß, dieser schadenfrohe Schatten, der ewig uns +freundlich winkt und uns so in unser Grab lockt, — lieber +Gewißheit des Unglücks als dieses peinliche Schwanken +zwischen Zweifeln und Hoffen, lieber sterben als +in jedem Augenblick den Tod fürchten. Und muß ich +nicht doch irgend einmal mein ganzes Glück einer Frage +anvertrauen? — Ja! es sei gewagt, noch heut muß +sich mein Schicksal entscheiden, — und was wag' ich +denn dabei?</p> + +<p>»Was?« fuhr er seufzend nach einer Pause fort, +»die ganze Seligkeit dieses Lebens. Wie wird die ganze +Welt verdorren, wie werden alle meine Freuden hinwelken, +wenn der verdammende Urtheilsspruch mir +tönt! — Aber sei's! der hat noch dem Glücke keine +Krone abgewonnen, der nicht mit ihm zu würfeln +wagte, — mag das Spiel um Tod und Leben gehn! — was +ist mir ein <span class="wide">solches</span> Leben? der Tod sei mir willkommen! —</p> + +<p>»O daß ich jenen Augenblick nicht benutzte! Jahre +werden ihn mir nicht wieder anbieten, er nannte mich +Sohn — Wird er mich je wieder so nennen? — Kenne +ich nicht Friedrich, der so stolz auf seine Schätze ist?</p> + +<p>»Und wer hat ihm diese erhalten? Und bin ich itzt +nicht Ritter so wie er? — Itzt sind wir uns gleich, +und die vorige glückliche Nacht hat mich noch über +ihn gestellt.</p> + +<p>»Stolzer Adalbert! Wer nahm dich verwaisten Knaben +auf? Wer erzog dich? Wem dankst du <span class="wide">dein</span> +Leben? — O, ich fühl' es! dieser Kampf meiner +Seele wird nie enden.«</p> + +<p>So stritt Adalbert lange mit sich selbst. Er ging +heftig auf und ab, bald stand er plötzlich still und heftete +den Blick auf den Boden, dann ging er langsamer, +stand wieder still, bis er erschrocken wieder auffuhr, und +noch schneller auf- und niederging.</p> + +<p>»Wir sind ja Beide <span class="wide">Menschen</span>!« sprach er endlich +langsam und beruhigt, »es betrifft das Glück meines +Lebens, und auch er soll dadurch glücklich werden; ich +will der zärtlichste Sohn seyn, ihn im Alter schützen, +sein pflegen, es soll ihn gewiß nicht reuen. Er findet +keinen Eidam, der seine Emma so lieben, so glücklich +machen würde, als ich, das fühl' ich, und ihr Glück, +hat er mir ja oft gesagt, wird auch das seinige sein.«</p> + +<p>So ausgerüstet ging er itzt muthig in Friedrichs +Gemach. Die Sonne war schon untergegangen, und +der Ritter saß still und gedankenvoll in seinem Zimmer.</p> + +<p>Adalbert fühlte sein Herz heftig klopfen, als er die +Thür öffnete, die Brust ward ihm zu enge, er war +mit dem Ritter so vertraut, und doch war es ihm als +wollt' er itzt mit einem Unbekannten sprechen.</p> + +<p>»Willkommen, Adalbert!« rief ihm Friedrich entgegen, +»gut daß du kömmst, ich wollte dich schon +rufen lassen; wir haben lange nicht mit einander getrunken, +und ich bin heut so traurig. Es wird doch wohl +nicht das letztemal sein, daß mir mit einander trinken?«</p> + +<p>»Das letztemal?« fragte Adalbert und eine glühende +Hitze überflog ihn; er war itzt fest entschlossen, kein +Wort zu sagen.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Setze dich zu mir, Adalbert! wir +wollen uns heut wohl sein lassen, du hast gekämpft, +dafür mußt du ruhen.</p> + +<p>Buben brachten Wein, der Alte goß die Becher +voll, und Beide tranken. Adalbert nachdenkend und +traurig, fast ohne zu wissen, daß er trank, Friedrich +desto fröhlicher.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Du bist nicht munter, Adalbert! du +trinkst ja warlich wie ein Mädchen. — Was ist dir?</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Nichts. — Er sahe starr vor sich hin, +indem er mit Wollen und Nichtwollen kämpfte. Itzt +riß er sich gewaltsam aus seiner Träumerei, glaubte +falsch geantwortet zu haben und setzte noch schnell und +zerstreut hinzu: O ja!</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Adalbert! du sprichst im Traume. Sonst +bist du ein fröhlicher Gesellschafter, man verkennt +dich heute ganz.</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Heut?</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Am ersten Tage deines Lebens?</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Ich bin unzufrieden, — eine peinigende +Reue verscheucht allen Frohsinn.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Reue? worüber?</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Ein einziges Wort bereu' ich, ich bin +unzufrieden mit dem heutigen Morgen.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Wie? — Wäre es nicht dein heißester +Wunsch gewesen, in den Orden der Ritterschaft +zu treten?</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Nicht mein heißester, — meine Zunge +sprach es wider meinen Willen, — ich hätte Euch — +um <span class="wide">Emma</span> bitten sollen! —</p> + +<p>Die letzten Worte sprach er sehr schnell; laut und +schmerzlich fühlte er itzt sein Herz schlagen, das Wamms +ward ihm zu enge; er wollte nach einem Becher greifen +um seine glühende Röthe zu verbergen, aber der +Becher fiel aus seiner zitternden Hand.</p> + +<p>Eine lange tiefe Stille. Adalbert hörte seinen heißen +Athem wehen und zwängte ihn in seine Brust zurück, +er wünschte sich itzt in das Geräusch einer Schlacht, +mitten unter die Stürme einer Gewitternacht.</p> + +<p>»Adalbert!« sagte Friedrich, und Adalbert schrak +zusammen, als hätte ihn der Blitz getroffen.</p> + +<p>»Adalbert!« fuhr Friedrich fort, »du bist undankbar, +— du bist mein Freund, bist du damit nicht +zufrieden?</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Nein, edler Ritter! ich will, ich muß +Euer Sohn werden. —</p> + +<p>Alle seine Furcht war verschwunden, denn Friedrich +zürnte nicht, er hatte ihn angeredet, wie ein gütiger +Vater seinen Sohn anredet. So tief vorher sein +Muth gesunken war, so hoch stieg er itzt wieder empor.</p> + +<p>»Du mußt?« sagte Friedrich, »wärst du boshaft +genug, mir eine schwarze Mauer vor die schönste Aussicht +hinzustellen? — Nein, Adalbert! — <span class="wide">diese</span> Bitte +muß ich dir abschlagen.«</p> + +<p>»Abschlagen?« sprach Adalbert ganz leise nach, als +wenn er sich fürchtete, dieß Wort noch einmal zu +hören. — Aber die Bahn war gebrochen, er war in +einer Lage, die an kalte Verzweiflung grenzte, daher +behielt er Muth genug zu fragen: »aus welcher Ursach?«</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Meine schönsten Träume waren von +jeher, daß meine Tochter einem Ritter vermählt würde +von edler und berühmter Abkunft, — die fehlt dir; +ich habe keinen Sohn, sie ist mein Stolz und meine +Freude, — sie erbt von mir Burgen und Schätze, +diese muß mein Eidam auch besitzen, — du hast diese +nicht. — Du kannst mein Freund sein, aber nicht +mein Sohn.</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Ritter! um Gottes willen, widerruft +was Ihr da gesagt habt! — Ruhm und Schätze verlangt +Ihr? wie nichtswürdig ist beides in den Armen +der Liebe! — Vater! Emma an meine Seite, und +Ihr sollt in einem Himmel leben, Ihr sollt ungern +diese Erde verlassen! — Können Euch Ruhm und +Schätze Glück bezahlen? Wiegen Goldstücke die Thränen +Eurer Tochter auf? — Ich muß verzweifeln, +wenn Ihr nicht widerruft!</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Adalbert!</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Wird Euch nach meinem Tode auf +dieser Stelle nie der Name Adalbert einfallen? — O +Friedrich! Friedrich!</p> + +<p>Er stürzte kraftlos nieder und umarmte heftig die +Kniee des Ritters. — Friedrich beugte sich gerührt über +ihn und hob ihn auf. »Unglücklicher!« sagte er, +»Konrad hat mein Ritterwort, sie ist die Braut seines +Sohnes.«</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> O widerruft Euer Ritterwort, vernichtet +Euer Versprechen —</p> + +<p>»Halt!« rief Friedrich und stand wüthend auf, +»Bösewicht! mein Ritterwort brechen! — Bei Gott! +dann mag der Henker mein Wappen zertrümmern, +und den Namen Mannstein an eine Schandsäule +schreiben! Geh Verworfner! — Geh! du entehrst das +Schwert an deiner Seite.</p> + +<p>Er schwieg und erwartete eine Antwort, aber Adalbert +stand stumm und unbeweglich vor ihm, ohne alle +Zeichen des Lebens.</p> + +<p>»Von itzt an,« sprach Friedrich, »halte ich dich +jeder Schandthat fähig; du verlässest morgen meine +Burg, ich lasse dir ein Roß zäumen; bei meiner Ritterehre! +ich will dich nicht wieder sehn, denn ein solcher +Bube könnte Emma entehren, und Konrad von Burgfels +ermorden.«</p> + +<p>Itzt ging Adalbert stumm fort, an der Thüre des +Zimmers stand er still, seine Kniee wankten, seine Hände +zitterten, so nahte er sich dem Ritter und sagte halblächelnd: +»Seht Ihr! nun haben wir doch zum letztenmal +mit einander getrunken.«</p> + +<p>Mit einer schweren Thräne sprach er die Worte +»<span class="wide">zum letztenmale</span>« aus. Dann verließ er schnell +und stumm das Gemach.</p> + +<p>Friedrich sah ihm lange nach, dann starrte er auf +die Thräne Adalberts, die brennend auf seine Hand +gefallen war, er selbst konnte eine andre nicht in sein +Auge zurückzwängen, sie rollte langsam über seine +Wange.</p> + +<p>Er wischte sie seufzend weg, trocknete dann die +Thräne Adalberts, um es zu vergessen, daß ein Mann +hier geweint habe.</p> + +<p>Er hätte so gern diese Stunde vernichtet, ihm reute +die Hitze, in welcher er Adalberts Leidenschaft zu unbillig +behandelt hatte, — aber die Stunde war vorüber, +die schrecklichen Worte waren gesprochen.</p> + +<p>Betäubt ging Adalbert auf sein Zimmer. Das +Loos ist gefallen! rief er wild und warf sich in einen +Sessel; ich habe verloren, setzte er dann mit schrecklicher +Kälte hinzu, — wie konnte ich auch auf einen +Gewinn rechnen? — Dann ging er lange heftig auf +und ab, öffnete stumm das Fenster und schaute mit +starrendem Auge in die monderhellte Gegend.</p> + +<p>Es war eine schöne Sommernacht, die Luft bebte +ihm warm und lieblich entgegen, die ganze Gegend +war still und ruhig; der Mond schien durch dunkele +Tannen und warf in der Ferne auf die schlanken +Erlen am See ein ungewisses Licht; Schatten und +Helle flohen und wechselten; Eichen und Buchen standen +da in Glanz und helles funkelndes Grün gekleidet, +auf jedem sanftzitternden Blatte schien ein Flämmchen +zu brennen und durch die Nacht zu leuchten. Durch +die verschränkten Zweige schlüpfte der Strahl des Mondes +und spielte wallend und webend auf dem grünen +Rasen; die ganze bekannte Gegend war durch die magische +Beleuchtung fremd und unbekannt; die Birken am +Abhang des Berges waren Wolken ähnlich, die in den +ersten Strahl des Morgens getaucht aufwärts schweben; +ihre weißen Stämme glichen Geistern, die ruhig durch +die Wolkennacht den Berg erstiegen. Unken klagten +aus fernen Teichen, eine Nachtigall sang aus dem +Busche ihr entzückendes Lied, Feuerwürmchen schwebten +wie kleine Sterne durch die Nacht und spielten fröhlich +im weißen Strahl des Mondes.</p> + +<p>Die kalte Verzweiflung Adalberts lößte sich bald +in die Thränen der Wehmuth auf. — Wenn er jetzt +den Tönen der Nachtigall folgte, wenn sein Blick +durch den glänzenden Himmel dahin eilte, so schien +ihm der ganze heutige Tag nichts als ein Traum zu +sein. — Wie könnte Unglück diese schöne Welt entstellen? +so dachte er und freute sich schon auf das angenehme +Gefühl, wenn er aus diesem Traum erwachen +würde.</p> + +<p>Seine Phantasie begann ein bezauberndes Spiel +mit den Strahlen des Mondes, sie zeichneten ihm im +wankenden Grase das Bild seiner Emma, bald wie sie +ihm froh entgegeneilte, bald wie sie kniend vor ihrem +Vater lag und ihn um seinen Segen bat. In den +wunderbaren Gebilden der mondbeglänzten Wolken sah' +er bald Ungeheuer, die seine Emma verfolgten, dann +sah' er sich selbst, wie er für sie kämpfte und siegte, — +sie reichte ihm den Kranz der Belohnung, und der +Kranz floß in einen glühenden Dolch zusammen; aber +sein Auge verfolgte so lange das schwebende Wölkchen, +bis er den Myrthen-Kranz in ihm wiederfand.</p> + +<p>So schwärmte sein Geist in den süßesten Träumen +umher, der Zorn Friedrichs lag ihm wie in einer weiten +Ferne, reizende Bilder lebten und webten in seiner Seele +und stellten sich lächelnd vor jede traurige Erinnerung, — +als nach und nach der Mond erblich und über die fernen +Hügel das erste graue Licht des Tages zitterte.</p> + +<p>Plötzlich war der schöne Schleier zerrissen, der seine +Schläfe so sanft umfing, alle Täuschungen der Phantasie +sanken plötzlich unter. Die Sterne verloschen, die Nachtigall +verstummte, eine heilige Stille in der Natur — +und er fand sich und seine Verzweiflung wieder. Mit dem +Tage kehrten alle Gefühle des Schmerzes in seine Seele +zurück. Alle Phantasien entflohen, die Freuden sanken +mit dem Monde unter und der kalte Morgenwind wehte +ihm die schreckliche Überzeugung zu: Du bist unglücklich!</p> + +<p>Wie oft habe ich sie nicht unter jenem Baume gesehn, +— dachte er jetzt, — ich werde sie dort nicht mehr +sehn! Mein erster Gedanke beim Erwachen war sie, wie +freudig sucht' ich den ersten Blick ihrer Augen! — jetzt +wird der bleiche Gram an meinem Lager sitzen, und mir +bei meinem Erwachen die dürre Hand entgegenstrecken. — +Ach, Emma! wirst du mich vergessen? — O noch einmal +wünsch' ich sie zu sehn, sie an das Versprechen ihrer +Treue zu erinnern. — Werde ich sie noch einmal sehn? +Sie schläft vielleicht noch und ahnet nicht, daß sie meinen +Abschied auf ewig verschläft. — Emma! Soll ich fortgehn +ohne wenigstens aus ihrem Munde ein süßes: Lebewohl! +mitzunehmen?</p> + +<p>Er verzögerte seine Abreise, er hoffte noch immer, +daß sie bei seinem Zimmer vorbeirauschen würde, wie +sie oft am Morgen that; er horchte aufmerksam auf +jeden Zug des Windes. — Schon hundertmal hatte er +die Thür geöffnet und hundertmal trat er wieder in das +Zimmer zurück; es fiel ihm jedesmal ein, daß er auf +<span class="wide">ewig</span> Abschied nehme, daß er, wenn er aus der Thür +getreten sei, vielleicht eben so aus dem Leben gehe, ohne +sie wiederzusehen. — Eine Stunde nach der andern eilte +hinweg, sie kam nicht, — da stieg die Sonne düster hinter +schwarzen Wolken empor — wüthend öffnete er die +Thür, schlug sie heftig zu und ging.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>Adalberts Sinne waren verschlossen, er verließ die +Burg wie ein Träumender. <span class="wide">Kurd,</span> ein Diener Friedrichs, +kam ihm mit einem Pferde im Hofe entgegen +und fragte ihn, ob er nicht aufsitzen wolle; aber Adalbert +wies ihn mit bitterm Hohn zurück: Friedrichs Rosse +sind zu edel für den Knappen Adalbert, ich bin kein +Bettler, um ein Geschenk von ihm anzunehmen.</p> + +<p>Seufzend schaute er nach Emma's Fenster empor, +sein Blick haftete brennend auf der Stelle, wo er sie +sonst so oft gesehen hatte; es war ihm, als müßte er +sie wenigstens jetzt noch einmal sehen: er sah sie nicht. +Schon kehrte er sich ungewiß wieder nach der Burg +um, als ihm sein treuer Jagdhund entgegen kam und +wedelnd zu ihm hinaufsprang. — Halb wider seinen +Willen stieß er ihn zornig mit dem Fuße zurück. Der +Hund legte sich traurig und schmeichelnd nieder und +blickte bittend zu seinem Herrn empor. — Kann die +Verzweiflung den Menschen so sehr verzerren? rief er +aus; ja du treuer Gefährte, du sollst mich auf meiner +Pilgerschaft begleiten; ich will ein Wesen neben mir +haben, dem ich traurig in's Auge sehen kann, du sollst +meinen Schmerz theilen, dich liebe ich noch, du bist +kein <span class="wide">Mensch!</span></p> + +<p>Etwas leichter ging er über die Zugbrücke durch das +äußere Thor. Er stand auf dem Wall und sah gedankenvoll +und schweigend nach der Burg zurück. Der +Himmel hing düster und schwarz über der Gegend, ein +kalter Wind knarrte mit der Wetterfahne, die Wellen +des Burggrabens plätscherten schwermüthig gegen die +Mauer und sonderbar traurig tönte aus den Regenwolken +der frohe Gesang einer Lerche herab. Mit wehmüthigem +Vergnügen suchte Adalbert die Plätze auf, +wo er als Knabe mit dem alten Wilibald gespielt, wo +Friedrich ihn von der Erde emporgehoben hatte, wo er +mit der kleinen Emma so oft herumgeschwärmt war, — wie +war das jetzt alles so verändert! damals schien die +Sonne so heiter, die Zukunft lag wie ein goldner Maihimmel +ausgespannt vor ihm, — und jetzt! — Er dachte +an Emma's Ahnungen, schwermüthig sah er nach jenem +verdorrten Baum hin, dem traurigen Sinnbilde seines +Lebens.</p> + +<p>Einige Landleute zogen am gegenüberliegenden Berge +zu ihrer Arbeit hinauf. Die Stiere keuchten unter dem +drückenden Joch, und schleppten den heiserknarrenden +Pflug hinter sich. Armseliges Menschenleben! rief Adalbert +aus. Ein Tag kriecht hinter dem andern verdrossen +einher, jeder Morgen röthet sich zur Arbeit; unglückliche +Menschen! die bloß heute leben, um morgen eben so wie +heut für einen andern Tag zu sorgen, die das unerbittliche +Schicksal fest hält, dieses langweilige Spiel zu +spielen.</p> + +<p>Er eilte hinweg und stand nach langer Zeit an einer +Waldecke plötzlich still, denn er erinnerte sich, daß man +von hier aus die Gegend der Burg zum letztenmale sähe. +Er blickte noch einmal mit der wehmüthigsten Empfindung +zurück, alle Freuden seiner Kindheit und Jugend +schienen ihm jetzt gestorben und hundert wohlbekannte +Bäume und Felsen standen wie Leichensteine auf ihren +Gräbern. Nach langem Hinstarren wandte er sich und +ging, er kehrte sich noch einmal um; aber sie war verschwunden, +der Wald hatte sich wie ein schwarzer Vorhang +vorgezogen.</p> + +<p>Adalbert vermied auf seiner Reise den Anblick der +Menschen, er bahnte sich Wege durch einsame Wälder und +wildes Obst und Waldwurzeln mußten seinen Hunger befriedigen. +Er wollte niemanden Dank schuldig sein. +Der Unglückliche glaubt sich so gern von der ganzen +Menschheit gehaßt, er findet Trost in diesem Wahn und +in der Freude die ganze Menschheit zu verachten. Diese +Verachtung war die Begleiterin Adalberts und er reiste +mehrere Tage ohne einen Menschen zu sehn oder ihn zu +vermissen.</p> + +<p>Die Sonne ging unter, ihre blassen Strahlen fielen +gebrochen durch das grüne Dunkel und flimmerten sterbend +auf den Wellen eines kleinen rieselnden Bachs. +Adalbert setzte sich an das Ufer des Baches und dachte an +die Vergangenheit. Der Wind spielte mit dem grünen +Bande Emma's, das an seinem Arme flatterte. — Ha! +du willst zu ihr zurück! rief er aus. — Nein, du mußt +bleiben, denn deine Farbe ist ja die Farbe der Hoffnung. +Wo die Blume der Hoffnung welkt, da sproßt der Schierling +der Verzweiflung. Du bist das <span class="wide">letzte,</span> das <span class="wide">einzige,</span> +was mir von Emma übrig blieb; wenn ich dich +verliere, worauf kann ich <span class="wide">dann</span> noch rechnen? — Die +erste Thräne seit seiner Verbannung fiel auf das grüne +Band. — Unglückliche Vorbedeutung! fuhr er mit gepreßter +Stimme fort. — Nur auf Thränen soll ich rechnen? +Thränen sollen meine ganze Erndte sein. — Er +trocknete sie ab, sie hatte den Ort gebleicht, wo sie hingefallen +war. — Emma! rief er plötzlich aus, — die +Farbe der Hoffnung schwindet! — Wenn du mich je vergessen +könntest!</p> + +<p>Er lehnte sich an eine Birke, die über ihm säuselte; +die einförmige Melodie des Baches wiegte ihn mitleidig +in einen leichten Schlummer, aus welchem ihn das Klirren +von Schwertern wieder weckte. — Das graue Licht +des Abends flatterte ungewiß um die Wipfel der Bäume +und furchtbar tönte das Waffengeräusch durch die Einsamkeit.</p> + +<p>Er sprang auf und zog sein Schwert, indem er dem +Schalle folgte. Ein kleiner Fußsteig führte ihn auf einen +freien Platz des Waldes, wo er drei Männer gegen +einen Ritter kämpfen sah, der unerschrocken und kalt mit +einem Heldenblick unter allen Gefahren dastand. Er +stürzte hervor und schlug den nächsten Räuber mit aufgehabenem +Schwerte nieder; in eben dem Augenblicke fiel +der zweite von der Hand des fremden Ritters, zitternd +warf der dritte sein Schwert von sich und entfloh in die +Nacht des Waldes.</p> + +<p>Willkommen! mein Erretter, rief der fremde Rittersmann, +indem er Adalberts Hand herzlich schüttelte; +seid mir willkommen! Euch verdank' ich mein +Leben!</p> + +<p><span class="wide">Dafür</span> will ich Euch den Dank erlassen, antwortete +Adalbert bitterlächelnd.</p> + +<p>Bist du so mit dem Schicksal zerfallen? — fragte +der Fremde, — daß das Leben seinen Werth bei dir verloren +hat?</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Verschont einen Unglücklichen; ihn um +sein Unglück fragen, heißt ihm einen Schlag auf seine +frische Wunde geben.</p> + +<p>Der Fremde erhob das Visier des Räubers, den +Adalbert erlegt hatte. — Ha! <span class="wide">Manfred!</span> rief er aus.</p> + +<p>Manfred? schrie Adalbert. — Ja, bei Gott! Mußtest +du mir hier deine Schuld bezahlen? — Nun wirst du +nicht mehr die Veste Friedrichs berennen wollen. —</p> + +<p>Kommt mit mir, junger Held, sprach der Fremde, +begleitet mich zu meiner Burg, ich bin der Ritter <span class="wide">von +Löwenau,</span> wenn euch mein Name nicht unbekannt +sein sollte.</p> + +<p>Sie gingen. — Ich kenne ihn, begann Adalbert, +der schändliche Manfred hatte während Eures Aufenthalts +in Palästina eure Ländereien in Besitz genommen.</p> + +<p>Ja, und als er vernahm, daß ich zurückgekehrt sei, +legte er sich mit seinen Gesellen in das Dickicht dieses Gebüsches, +weil er wußte, daß mich meine Straße hindurchführte. +Wir sind meiner Veste nahe, ich schickte +daher mein Gefolge voraus und setzte allein meinen Weg +fort. Ich ward überfallen und wäre ohne Euren tapfern +Beistand verloren gewesen.</p> + +<p>Sie traten aus dem Wald heraus und die Burg lag +vor ihnen. Adalbert wollte gehn. Wohin? fragte Wilhelm +von Löwenau.</p> + +<p>Wo ich keinen Menschen, wo ich keinen Glücklichen +sehe, antwortete Adalbert. Warum sollte meine Traurigkeit +eure Freude stören?</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Bist du ein Verbrecher? — Er ließ +seine Hand fahren.</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Nein, dem Himmel sei Dank!</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Und willst doch der Verbrecher Schicksal +theilen? Willst dich wie ein Vatermörder in Wälder +und dunkle Hölen verkriechen? Willst den Anblick der +Menschen fliehen, wie einer, den sein Gewissen auf die +Folter spannt? — Der Unglückliche darf kühn emporblicken, +die Schläge des Verhängnisses geben ihm ein +Recht, allenthalben Liebe zu fordern. — Zögre nicht, +wenn ich dich für einen braven Rittersmann halten +soll. —</p> + +<p>Adalbert bedachte sich noch; aber der Gedanke, für +einen Frevler zu gelten, trieb ihn an, dem Ritter zu +folgen.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>In der Burg setzten sich beide an den Tisch und +Löwenau beobachtete seinen Gast genau.</p> + +<p>Fremdling, begann er, als ihre Mahlzeit geendigt +war, ich habe dir viel zu danken, du scheinst ein edler +Mann zu sein, nimm meine Freundschaft, meine Brudertreue +an, und sage mir, kann ich etwas von meiner +großen Schuld abtragen, kann ich dir helfen?</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Du mir? — O Wilhelm, was kann +menschliche Hülfe dem nützen, auf dem das Schicksal +zürnt?</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Das Schicksal? — Daß der Unglückliche +doch so gern so stolz ist sich von der Gottheit verfolgt +zu glauben! — Sei aufrichtig gegen deinen Freund. — Vielen +ging dadurch alle Hülfe verloren, daß sie sich dem +Freunde nicht vertrauten, und doch klagen sie nachher: +ich bin verloren, Niemand will mir helfen! oder sie seufzen +gar über ihr Schicksal, da sie doch selbst die Zügel +ihres Lebens in den Händen halten. Glaube meiner +Überzeugung, wir selbst regieren unser Schicksal, wir +müssen nur nicht unthätig die Zügel fahren lassen, und sie +voll Trägheit einer fremden Macht übergeben wollen. — Noch +immer so stumm?</p> + +<p>Ich will sprechen, antwortete Adalbert, denn du bist +ein edler Mann, du denkst nicht wie die meisten Menschen, +und darum will ich mich dir vertrauen, ob ich +gleich vorher weiß, daß du mir nicht helfen kannst. — Er +erzählte ihm die Geschichte seines Unglücks und schloß mit +diesen Worten: Sieh, Freund, so elend hat mich die +Liebe gemacht, durch sie bin ich verwaist und ohne Vaterland. +Die Freude hat für mich ihre Thür auf ewig verschlossen; +was hinter mir liegt ist Sonnenschein, vor mir +dehnt sich eine unendliche Nacht aus. Die Welt ist für +mich todt und ich bin der Welt gestorben, sie ist mir ein +öder Strand, an den mich ein unglücklicher Schiffbruch +warf; die einzige Hoffnung, die mir aus diesem Sturme +übrig blieb, — ist das Grab, und diese Hoffnung kann +mir, dem Himmel sei Dank, durch nichts entrissen werden, +diese Zuflucht ist dem Unglücklichen gesichert.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Sollte sich aber ein so mannhafter Ritter, +wie du, so unumschränkt von der Liebe beherrschen +lassen?</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> O Ritter, nimm mir meine Liebe und +du nimmst mir alles, was nicht an mir verächtlich ist. — Nur +sie rief mich zur Tapferkeit, zur Menschlichkeit, in +diesem reinen Feuer wurden alle meine Gefühle geläutert, +und alle meine Tugenden sind nur der Widerschein der +Liebe. Geht diese Sonne unter, so flieht auch der letzte +erborgte Schimmer von dem Abendgewölk. Mit meiner +Liebe stirbt alles in mir, was Mensch heißt.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Ich will dir glauben, denn ich habe +noch nie geliebt, seit meiner Kindheit leb' ich im Geräusch +der Waffen; ein schönes Pferd war für mich das Meisterstück +der Natur, und ich verstand die Schönheit nur +an Harnischen zu bewundern, — und du glaubst gewiß, +daß es für dich in dieser Welt kein andres Glück als +die Liebe giebt. —</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Keines! versagte mir die Liebe ihren +Kranz, so sind für mich alle Blumen in der Natur +gestorben.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Und Emma ist das einzige Mädchen, +das du je lieben kannst?</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Ich würde mir selbst verächtlich sein, +wenn ich sie nicht mehr lieben könnte.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Sie muß sehr schön sein. — Adalbert, +ich will dir einen Vorschlag thun, den du aber +nicht zurückweisen mußt. Schon während deiner Erzählung +faßte ich einen Gedanken, der gewiß, so sonderbar +er ist, auszuführen wäre. — Doch noch vorher ein +Wort. — Du nanntest mir in deiner Erzählung den +Namen Konrad von Burgfels; ich kann dir gewisse +Nachricht geben, daß er in Palästina geblieben ist. Er +fiel im Kampf an meiner Seite. Wie, wenn du jetzt, +da dieses Hinderniß aus dem Wege geräumt ist, zu +Friedrich von Mannstein gingest, und von neuem um +seine Tochter anhieltest?</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Um von neuem schimpflich zurückgewiesen +zu werden? — Mein Stolz verbietet es, Emma +auf diesem Wege zu suchen. — Deinen andern Vorschlag, +er mag so sonderbar sein, als er will. —</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Nun so will ich dir meinen ganzen +Entwurf mittheilen, aber du mußt mich nicht unterbrechen, +ehe ich geendigt habe. — Du bleibst hier auf +meiner Burg und lebst in einiger Verborgenheit. — Ich +will zu Friedrich von Mannstein reisen und um seine +Tochter anhalten; er schlägt sie mir gewiß nicht ab, +denn er kennt mich als einen der reichsten Ritter dieses +Landes, auch ist mein Name in Schlachten nicht ganz +unberühmt — Auf meine Ritterehre! auf meine Brudertreue! +ich reise dann mit ihr hieher, wie ich sie aus +der Hand ihres Vaters empfange; du bewohnst mit ihr +dann diese Veste, oder eine andre, sie ist heimlich bis +zum Tod ihres Vaters deine rechtmäßige Gemalin, +nachher magst du sie auch öffentlich dafür erkennen. — Wende +mir nichts ein, zu viel kann ich für dich nie +thun. — Ich weiß, tausend Freunde an meiner Stelle +würden nicht so handeln, und hundert Liebhaber würden +sich bedenken, ihre Einwilligung zu geben; aber wenn +du sie so liebst, wie du sagst, wenn Emma dich wirklich +wieder liebt, so müßt ihr beide meinem sonderbaren +Entwurf keine Bedenklichkeiten in den Weg legen, +Ängstlichkeit darf kein Menschenglück verhindern. —</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> O wie soll ich dir danken? — Er +umarmte ihn rasch und drückte ihn heftig an seine +klopfende Brust. — Bruder, du bezahlst, wie man +einem Bettler eine Wohlthat vergilt. — Wie wenig ist +ein Leben ohne Liebe gegen die Krönung der feurigsten +Wünsche?</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Du traust doch meiner Redlichkeit?</p> + +<p><span class="wide">Adalbert.</span> Verdiente ich sonst wohl den Namen +deines Freundes?</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Auch keiner meiner Blicke soll sich +feurig zu deiner Emma verirren.</p> + +<p>Beide waren so munter, daß sie sich nicht schlafen +legen mochten; sie tranken die Nacht hindurch und überdachten +noch mehr ihren Entwurf. Adalbert lächelte +wieder und Löwenau versprach alles für seinen Freund +zu unternehmen.</p> + +<p>Als die Morgenröthe durch die Bogenfenster dämmerte, +ließ sich Wilhelm ein Roß satteln, und sprengte +davon. Adalbert sahe ihm lange nach, bis der Ritter +mit seinem Knappen in einen Wald verschwand.</p> + +<hr class="minimal" /> + +<p>Der Liebende, der noch gestern das Schicksal anklagte, +und sich den Unglücklichsten aller Sterblichen +nannte, eilte froh so in die Burg zurück, als wenn +sein Glück schon entschieden wäre. Er sahe wieder die +Möglichkeit, glücklich zu werden, und eine kühne Hoffnung +riß ihn um so höher wieder empor, je tiefer ihn +vorher das Unglück gestürzt hatte. Er athmete wieder +frei und unbesorgt, und dachte an den morgenden Tag +mit eben der Unbefangenheit, mit der ein Knabe an ihn +denkt, der vom Spiele auszuruhen kömmt.</p> + +<p>Er ging durch die Burg, um sich mit allen Zimmern +bekannt zu machen, er dachte sich schon Emma +in die Säle, setzte sich in einen Sessel, und träumte +sich Emma in den neben ihm stehenden. In jedem +Gemälde suchte er mühsam die Züge zusammen, die +auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit dem Gesicht +seiner Emma hatten. Nur selten und schwach stieg der +Zweifel an die glückliche Ausführung des Entwurfs seines +Freundes in seiner Seele auf; er schien so unbesorgt, +als wenn er mit dem Schicksal einen Vertrag +geschlossen hätte.</p> + +<p>Die Welt trat wieder aus dem Schatten hervor, die +Natur blühte für ihn von neuem, ein neuer Frühling +sank aus dem Morgenhimmel der Hoffnung nieder, und +goß um jede Pflanze einen goldenen Schimmer; tausend +schöne Träume tanzten um ihn her und reichten ihm +ihren Nektarbecher; alle seine Sinne waren dem Gefühl +der Freude aufgeschlossen.</p> + +<p>Wie ein Genesender die Rückkehr seiner Kräfte +fühlt, wie ein sanfter Purpur wieder über die bleichen +Wangen schleicht, in den erstorbenen Augen das erste +Feuer zuckt, so fühlte sich Adalbert jetzt wieder mit der +Welt, mit allen Menschen ausgesöhnt; er empfand, daß +er itzt Niemand hasse, oder auch nur hassen könne; in +jedem Wesen ahnete er den Geist der Liebe, er hätte +die ganze Natur an sein Herz drücken mögen.</p> + +<p>So schwelgte er in den Armen der Hoffnung, er +verlebte an dem Busen der holden Betrügerin Stunden, +die unendlich mehr Freuden gewähren, als die +Stunden des Genusses. — Der Knabe steht vor einer +grünen Anhöhe, die ein goldnes Morgenroth beglänzt, +durch die grünen Büsche funkelt freundlich der Flammenschein; +er ersteigt den Berg, in die bezaubernde +Gegend zu kommen, — aber die Sonne ist indeß heraufgekommen, +der lockende Schimmer verschwunden.</p> + +<p>Adalbert wäre auch ohne Emma nie unglücklich gewesen, +wenn er nur immer so hätte hoffen können.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>Friedrich von Mannstein hatte indeß in einer traurigen +Einsamkeit gelebt. An jenem Morgen schon, an +welchem Adalbert die Burg verließ, war es sein erster +Gedanke, seine Verbannung zu widerrufen; aber Niemand +wußte, welchen Weg Adalbert genommen hatte. +Emma war untröstlich, als sie seine Abreise erfuhr.</p> + +<p>Sie hatte sich so an Adalbert gewöhnt, daß sie sich +ohne ihn ihr Dasein gar nicht denken konnte: er war der +Gespiele ihrer Kinderjahre gewesen, sie hatte nur immer +für ihn gelebt; seit sie gewünscht hatte, war er das +Ziel aller ihrer Wünsche, denn in der Einsamkeit erzogen, +hatte sie nie einen schönern Mann gesehen. — Sie +dachte sich alles zurück, was sie mit Adalbert genossen +und gelitten hatte, sie hatte so süß geträumt und +unbarmherzig hatte sie das Unglück aus allen goldnen +Phantasien gerissen, und vor ein wüstes Meer gestellt, +in dem sich nichts als schwarze Wolkengebilde spiegelten. — Sie +fiel nach und nach in eine Art von Betäubung, +aus der sich der Geist zur Verzweiflung oder zur +Versöhnung mit der Welt ermannt. Bei dem Mädchen, +deren jugendliche Phantasie vor dem Bilde des Todes +zurückschauderte, war das letzte der Fall, so sehr sie +auch anfangs dagegen kämpfen wollte; aber der Schmerz +hatte sie ermüdet, sie hatte das Maas der Traurigkeit +erschöpft. Ihr Gram ward gemäßigter und sie fing +ihre weiblichen Arbeiten wieder an, mit dem Vorsatz, +ihren Kummer auf andre Stunden zu verschieben. Zwar +flossen noch ihre Thränen sehr oft, wenn sie auf die +Erinnerung Adalberts geleitet ward, aber es waren nicht +mehr die heißstürzenden Thränen, die die Kinder des +tauben Schmerzes, der Verzweiflung sind, bei denen der +Leidende in der Natur nichts als sich und sein Unglück +sieht; es waren die Thränen der Wehmuth, die auch +oft nach Jahren noch fließen. Als sie zum erstenmal +wieder lächelte, zürnte sie heftig auf sich selbst; das +zweitemal zürnte sie nicht, aber sie nahm sich vor nicht +wieder zu lächeln, und nachher glaubte sie, man könne +doch trauern, ohne im Äußern die Zeichen der Traurigkeit +anzunehmen. Friedrich schien den Kummer seiner +Tochter nicht zu bemerken, und dies war eine +Ursach mehr, die sie bewegte, ihn zu unterdrücken. +Hätte er von Adalbert gesprochen, so hätte sie Muth +gefaßt, ihm ihre Liebe zu gestehn, und sie hätte einen +Theilnehmer, einen Vertrauten ihres Schmerzes gefunden. — So +verwandelte sich Emma's Gram nach und +nach in Wehmuth. So steigt die Leidenschaft vom höchsten +Gipfel der Leiter eine Stufe nach der andern herab, +bis dahin, wo sie nicht mehr Leidenschaft ist. Emma +wehklagte nicht mehr über den Verlust eines Geliebten, +sie war nur noch wegen eines abwesenden Freundes bekümmert.</p> + +<p>Sie fühlte lebhafter, aber nicht so tief als ihr +Vater; dieser war daher am ersten Tage nicht so traurig, +als an den folgenden. Sein Kummer nahm fast in +eben dem Grade zu, in welchem der Gram seiner Tochter +sich milderte; denn er empfand itzt erst, wie viel er +an Adalbert verloren habe. Ihm war ein Sohn abgestorben, +und diesen vermißte er weit mehr, als er je +vorher würde geglaubt haben. Er war jetzt stets allein, +wenn er nicht in Emma's Gesellschaft war, denn Konrad +von Burgfels hatte ihn noch nicht wieder besucht.</p> + +<p>So stand die Veste Mannsteins einsam und verlassen, +seit dem Tode der Mutter Emma's war diese +Gegend nicht so öde und still gewesen. Dieser Einsamkeit +überdrüssig, beschloß daher Friedrich ein kleines Fest +anzustellen, welches ihn wieder an die Thaten seiner +Jugend und seines männlichen Alters erinnerte. Er lud +mehrere Ritter aus der Nachbarschaft ein, ließ einen +grünen Platz vor der Burg zu einem Turniere einrichten, +und Schranken setzen. Ein Paar goldene Sporen +waren der Dank des Siegers, Emma sollte ihn überreichen.</p> + +<p>Am Tage des Turniers erschien Konrad von Burgfels +auf Friedrichs Veste, aber stiller und verschlossener +als je. — Was ist dir, Konrad? fragte Friedrich ihm +entgegeneilend. — Bist du krank?</p> + +<p>Wollte Gott, ich wär' es! antwortete Konrad.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Was fehlt dir Freund? Dir ist ein +Unglück begegnet. —</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Ach! Friedrich! — siehst du, ich hatte +wohl Recht; falle nieder und danke, daß dir kein Sohn +geboren ist, — ich hatte Recht.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Dein Sohn —</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Schläft in Palästina den eisernen +Schlaf. — Friedrich, nun werden die Fahnen meiner +Burg <span class="wide">ewig</span> »Karl« rufen, und trauriger als je, — mein +Geschlecht ist ausgestorben. — Nun werde ich +nicht mehr nach jenen Berg hinblicken, denn <span class="wide">ihn</span> werde +ich nie heruntersprengen sehn mit einer erbeuteten +Fahne; — mußte <span class="wide">er</span> gerade fallen? — Der einzige +Sohn, der einzige Trost eines alten Vaters? Mußte +<span class="wide">ihn</span> gerade der schadenfrohe Tod erwürgen? — Nun +kann ich ihn nicht anders als in meinen <span class="wide">Träumen</span> +sehn.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Tröste dich. Wer kann wider den +murren, der das Leben giebt und nimmt? — Laß +ihn, wer als Jüngling stirbt, der hat nur das Schöne +dieser Welt genossen, alle ihre Leiden sind ihm vorübergegangen. +Wie viele Greise wünschen nicht, als Jünglinge +gestorben zu sein. — Zu viele Klagen über +seinen Tod ist Gotteslästerung. —</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Wie gut doch die Reichen immer über +Ertragung der Armuth zu predigen wissen! — Du +bist noch im Besitz deiner Schätze, du ersteigst einen Hügel, +auf dem die Aussicht umher immer schöner und schöner +wird, oben entschlummerst du vom Strahl eines schönen +Abends beleuchtet in den Armen deiner Kinder +und Enkel; — ich gehe den Berg hinab, einsam und +ohne Gefährten, in das enge schwarze Thal des Todes.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Auch <span class="wide">ich</span> habe einen Sohn verloren.</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Du?</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Adalbert. — Er erzählte ihm die +Geschichte seiner Verbannung.</p> + +<p>Friedrich, begann Konrad, als der Ritter geendigt +hatte, — rufe ihn zurück, mache ihn durch Emma +glücklich, mache dich selbst in der Freude deiner Kinder +glücklich. Ich habe nie so lebhaft gefühlt, <span class="wide">was</span> das +eigentliche Glück des Lebens sei, als itzt, da ich keine +Rechnung mehr darauf machen darf. Ach! Freund, +Ehre, Geburt, Schätze, — betrügerische Schatten die +uns necken, indeß das wahre Glück mitleidig lächelnd +hinter unsern Rücken entflieht. — Wie gern möcht' +ich mir durch meine Burgen, meine Ahnen, meinen +Ruhm einen Sohn erkaufen können! unberühmt, arm +und ohne Ahnen würd' ich mich doch von der ganzen +Welt beneidet glauben. — Friedrich, folge meinem +Rathe.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Wenn er hier wäre! — Niemand +weiß, wohin er sich gewandt hat. —</p> + +<p>Indeß waren die geladenen Ritter angelangt und +Emma trat in ihrem festlichen Schmucke zu ihnen. +Sie schien sich selbst zu gefallen.</p> + +<p>Alles schickte sich zum Turnier an, die Ritter begaben +sich in die Schranken und eine Menge Zuschauer +aus der benachbarten Gegend versammelte sich. Emma +saß auf dem Altan der Burg, die Kampfrichter gingen +zu ihren Sitzen und zu diesen schlichen sich auch Konrad +und Friedrich, unwillig daß ihren Armen die Schwerter +und Lanzen zu schwer geworden.</p> + +<p>Die Trompete des Herolds erschallte und das Turnier +nahm seinen Anfang, als auf einem schwarzen +muthigen Rosse sich ein stattlicher Ritter den Schranken +näherte. Er ward eingelassen und zog sogleich die Augen +aller Anwesenden auf sich — Emma verglich ihn in +Gedanken mit Adalbert, der weniger groß, nicht diesen +majestätischen Anstand hatte. Sie gestand sich, der +Fremde sei schöner als Adalbert und alle ihre Wünsche +erflehten ihm den Sieg. — Konrad dachte an seinen +Sohn und seufzte.</p> + +<p>Der fremde Ritter schwang seine Lanze mit einer +Leichtigkeit, welche zeigte, daß ihm dieses Spiel nicht +unbekannt sei. Er betrachtete Emma genau, er hatte +sie sich dem allgemeinen Rufe nach schöner gedacht, ja +eine vollkommene Schönheit erwartet; er fand sich sehr +getäuscht; aber doch zog ein unbeschreibliches Etwas +ihres Gesichts seine Blicke stets wieder nach ihr zurück, +er fing an zu glauben, daß eine vollkommene Schönheit +für das Herz selten so gefährlich sei, als ein anziehender +Blick und ein Mund, um den Gram und +Heiterkeit stets zu kämpfen scheinen. — Emma schlug +einigemal die Augen nieder und erröthete. —</p> + +<p>Das Turnier war geendigt, dem fremden Ritter +ward einstimmig der Dank zuerkannt, er kniete nieder +und empfing ihn aus der zitternden Hand des Fräuleins. — Er +öffnete sein Visir, es war <span class="wide">Wilhelm +von Löwenau.</span></p> + +<p>Emma's Blicke trafen auf die schwarzen feurigen +Augen des Ritters und sanken in eben dem Augenblick +beschämt auf ihr Busentuch; sie fühlte, daß in diesen +Blicken etwas mehr als Neugier gelegen habe, aber doch +konnte sie sich nicht enthalten, die Augen noch einmal +aufzuschlagen, um den Anblick der vollkommnen männlichen +Schönheit zu genießen. Löwenau kniete noch +immer zu ihren Füßen und verschlang sie mit seinen +Augen; das Geschmetter der Trompeten weckte ihn endlich +aus seinem süßen Rausch und er erhob sich.</p> + +<p>Friedrich eilte auf ihn zu und umarmte ihn, auch +die übrigen Ritter begrüßten ihn und man begab sich +zur Tafel.</p> + +<p>Wilhelm von Löwenau saß als Sieger obenan und +ihm gegenüber die schüchterne Emma, die jeden Gedanken +an Adalbert zu verbannen suchte. — Löwenau aß +und trank nur wenig, er schien unruhig und nachdenkend. +Jeden Blick Emma's begleitete er und verweilte +mit seinen Augen oft lange auf ihr. — Das Mahl +war geendet, Emma ging in ihr Gemach und man +brachte den Rittern die Pokale. Löwenau stand auf +und ging in den Burggarten.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>Mit niedergesenktem Haupte und verschlungenen +Armen ging er hastig auf und ab, als ob er einen verlornen +wichtigen Gedanken wiedersuche. — Er stand +still, lehnte sich an einen Baum, und sahe mit einem +wehmüthigen Blick nach den Fenstern der Burg hinauf, +auf denen schon der sanfte Schimmer des Abends zitterte. +Emma stand von ohngefähr an ihrem Fenster +und ging wieder zurück, als sie den Ritter erblickte.</p> + +<p>War das nicht <span class="wide">Emma?</span> rief er aus. — Warum +klopft mein Herz ungestümer bei dem Gedanken? — +Emma. — Wie gleichgültig tönte mir noch gestern dieser +Name! Welche verborgene Zauberei hat sich in den +Klang gemischt, daß heut mein Blut ihm schneller +hüpft? Ist dieß Liebe, Wilhelm?</p> + +<p>Nein, nein, sie ist die Verlobte meines Freundes, +meines Erretters. — Es kann nicht Liebe sein. Liebe, +sagt Adalbert, macht menschlicher, wohlwollend gegen +jedes Geschöpf, und ist mir doch, als ob ich den Namen +Adalbert haßte seit ich den Namen Emma liebe! — Nein, +es ist nur Zuneigung, nur der erste starke Eindruck, +den jeder neue Gegenstand macht. — Zuneigung? +Mehr nicht? Und warum konnt' ich es nicht über mich +gewinnen, ein Wort mit dem Ritter zu sprechen, der +neben ihr saß? Wie konnt' ich ihn beneiden, daß ihn +der Saum ihres Kleides berühre? Warum haßte ich +jeden, den nur einer ihrer holdseligen Blicke traf? Was +machte mich glühend heiß, wenn ihr Auge auf mir verweilte? — Freundschaft +ist dieß Gefühl nicht, wenn es +nicht Liebe ist, so bin ich wahnsinnig! — ist es aber +Liebe, so soll Adalbert sehen, wie ein Mann eine Leidenschaft +besiegt.</p> + +<p>Besiegt? als ob hier schon etwas zu besiegen wäre. — Als +ob es schon ausgemacht wäre, daß <span class="wide">ich sie</span> liebte! — Es +kann, es darf nicht sein. Ich will mich mit aller +meiner Männlichkeit panzern; sie gehört Adalbert, er liebt +sie, sie ihn, ich habe sie ihm versprochen, — ein Mann, +ein Ritter muß auf sein Versprechen halten und wenn +er selbst darüber zu Grunde ginge.</p> + +<p>Er eilte in die Burg zurück, und freute sich dieses +Sieges.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>Emma hatte sich indeß einigemal wieder dem Fenster +genähert, ohne von Löwenau bemerkt zu werden. +Sie konnte den schönen Mann nie ohne eine +gewisse Theilnahme sehn und diese Theilnahme ging +sehr bald in den Wunsch über: wenn <span class="wide">dieser</span> dich +liebte! Ohne es selbst zu wissen, spann sie denn diesen +Traum weiter aus, und die spielenden Phantasieen +schlossen mit der Frage: Du liebst ihn also?</p> + +<p>Sie erschrak nicht mehr über diese Frage, schon +während der Mahlzeit hatte sie sich an diesen Gedanken +gewöhnt. — Ganz leise fing ihr Herz an diese Frage mit +Ja zu beantworten; sie hatte ihn schon geliebt, ehe +sie noch die Möglichkeit dieser Liebe dachte, itzt gab sie +erst zu dieser Liebe nur noch ihre Einwilligung. Dieß +war der erste Augenblick, in welchem sie eine Art von +Freude darüber empfand, daß Adalbert nicht in der +Burg zugegen sei, das Andenken seiner Liebe lebte nur +noch ganz schwach in ihrer Seele, nur wie die Erinnerung +des gestrigen Abendmahls beim majestätischen +Aufgang der Sonne. Sie fühlte, daß sie ihren Adalbert +noch lange nicht so geliebt habe, als sie lieben +könne, ja sie fing so gar an, sich ihre Gefühle abzustreiten, +er war wie sie jetzt glaubte, nur ihr Freund +gewesen. Durch die Erscheinung Löwenau's war überhaupt +auf sein Bild jener Schatten der Gleichgültigkeit +zurückgeworfen, aus dem die Liebe den geliebten +Gegenstand an das hellste Licht hervorzieht. Alle Vollkommenheiten, +die sie einst an Adalbert bewunderte, +fand sie ungleich vollkommner an Löwenau wieder und +jener behielt am Ende nichts als seine Fehler, die sie +sonst immer zu seinen Vorzügen gerechnet hatte; und +da man auch andre gern seiner eignen Fehler wegen +anklagt, so glaubte sie darin, daß er nicht wenigstens +Abschied von ihr genommen habe, einen Beweis zu +finden, daß auch er sie nie geliebt habe. — In dieser +Voraussetzung fand sie sehr viel Beruhigendes, und darum +ward sie endlich Überzeugung.</p> + +<p>Die Liebe stimmt die Empfindung feiner und roher, +erhabner und niedriger; den vorher gemeinen Menschen +erhebt sie oft zum Edelmuth; der Edle sinkt zum Gemeinen +hinab, ein und ebenderselbe Gesang, der auf jedem +Instrument in andern Tönen lebt. Was Emma sonst +immer mit Verachtung angesehn hatte, schien ihr itzt +wichtig; der geschmückte Löwenau gefiel ihr um ein +großes Theil mehr als er ihr ohne Schmuck würde gefallen +haben, sie gestand sich dieß Gefühl, und beschloß +von jetzt an auch auf ihren Putz mehrere Aufmerksamkeit +zu wenden. Sie sahe sogar die Erinnerung an +Adalbert darum etwas gleichgültiger an, weil er nur ihres +Vaters <span class="wide">Knappe</span> gewesen war.</p> + +<p>Löwenau wollte eben durch den großen Gang in +die Versammlung der Ritter gehn, als Emma, vielleicht +zufällig, vielleicht mit Vorsatz, weil sie ihn hatte zurückkommen +sehn, aus dem Gemache trat.</p> + +<p>Ihr hier, Fräulein? rief Löwenau etwas hastig.</p> + +<p>Sie wurde roth, denn sie glaubte in diesen Worten +und in der Art, wie er sie sprach, einigen Unwillen des +Ritters zu entdecken, oder den Gedanken, sie sei seinetwegen +gekommen. — Um in den Garten zu gehn, antwortete +sie, indem sie rasch vorbeihüpfen wollte. —</p> + +<p>Ihr flieht mich? sprach der Ritter.</p> + +<p>Euch fliehen? Dann müßtet Ihr nicht der Ritter +Löwenau sein. —</p> + +<p>Sie waren beide an ein Bogenfenster getreten und +der Schein des Abends überflog mit freundlicher Röthe +das Gesicht des Mädchens. —</p> + +<p>Fräulein, — fing der Ritter nach einigem Stillschweigen +an, die Sonne nimmt durch einen holdseligen +Kuß von Euch Abschied, um Euch morgen wieder mit +einem Kusse zu wecken. — Um Euer Antlitz zittert ein +blasser Flammenschein, man sollte Euch für eine Heilige +halten.</p> + +<p>Daß Ihr nur nicht in die Versuchung kommt, mich +anzubeten, erwiederte Emma schalkhaft.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Und wenn ich nun in die Versuchung +käme? — Würdet Ihr mein Gebet erhören, schöne +Emma? —</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Ich müßte erst wissen, um was Ihr mich +bitten wolltet. — Sie sprach diese Worte leise und mit +zitternder Stimme, denn sie fürchtete und hoffte viel.</p> + +<p>So bitt' ich Euch, sprach Löwenau, nicht so schnell +von mir in den Garten zu eilen.</p> + +<p>Nicht mehr als das? rief Emma schnell, und mit +einem kleinen Unwillen über ihre getäuschte Erwartung. —</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Wenn Ihr so gütig seid, mein Fräulein, +so werdet Ihr mich leicht zu einem ungestümen +Bitter machen.</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Was könntet Ihr noch mehr wünschen? —</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Euch sehen und nicht wünschen? —</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Ihr sprecht in Räthseln.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Daß Euer Herz sie verstehen <span class="wide">wollte!</span></p> + +<p>Emma sahe starr vor sich hin. Löwenau's Augen +wurzelten auf ihrem Antlitz, er zitterte, eine niegefühlte +Empfindung bebte durch seinen Körper, wie mit Ketten +riß es ihn zu Emma hin, er umarmte sie plötzlich und +sprach mit leiser unterdrückter Stimme: Emma, ich liebe +dich! —</p> + +<p>Betäubt hing er an ihrem Halse, Emma sprach +nicht, eine von seinen Händen lag in der ihrigen, sie +drückte sie schweigend.</p> + +<p>Liebst du mich? rief er, wie aus einem Traum +erwachend. — Ein leises flüsterndes »Ja,« nur der +Liebe hörbar, flog ihm entgegen.</p> + +<p>Sein Gesicht sank auf das ihrige, er drückte einen +brennenden zitternden Kuß auf ihre Lippen, — kein +Gedanke, kein Gefühl, keine Erinnerung trat vor seine +Seele, als daß er <span class="wide">sie</span> in seinen Armen halte; selbst +daß sie ihn liebe, hatte er vergessen. —</p> + +<p>Emma erholte sich zuerst aus ihrer Betäubung, noch +einen Kuß drückte sie auf seine Lippen, und flohe dann +zitternd in ihr Gemach, wo sie sogleich athemlos auf einen +Sessel niedersank, als würde sie von einem Ungeheuer +verfolgt. Löwenau starrte ihr nach, bis der letzte weiße +Schimmer ihres Gewandes verschwand; lange noch blieb +sein Auge unbeweglich auf einen Punkt geheftet, als +wäre ihm ein Gespenst begegnet.</p> + +<p>Endlich ging er in den Saal, wo alle Ritter noch +fröhlich bei den Pokalen saßen; selbst Friedrich und +Konrad hatten ihre verlornen Söhne vergessen.</p> + +<p>Löwenau wandelte wie im Traum und beantwortete +jede Frage nur unvollständig. — Friedrich glaubte, er +sei von der Reise und vom Turnier ermüdet und ließ +ihn durch einen Diener auf sein Zimmer führen. Auch +die übrigen Ritter gingen aus einander. — Löwenau entschlief, +als sich seine Phantasie müde geschwärmt, und +seine Leidenschaften in Erschöpfung gekämpft hatten.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>Als er am Morgen erwachte, war Adalbert und sein +Versprechen sein erster Gedanke. Furchtbar trat diese +Erinnerung auf ihn zu, und mahnte ihn schrecklich, auf +dem Wege nicht fortzuwandeln, den er zu betreten angefangen +habe. — Aber wie war es möglich rückwärts +zu gehn? Er hatte ihr seine Liebe gestanden, und sie, +daß sie ihn wieder liebe. Wenn dieß Geständniß nicht +über seine Lippen geschlüpft wäre, so hätte er gegen +seine Leidenschaft noch kämpfen können; jetzt aber würde +er sich und Emma zugleich unglücklich gemacht haben. — Er +überließ sich und sein Schicksal endlich ganz und +gar der Zeit, wenigstens verschob er alles Nachsinnen, +alle Entschlüsse bis auf jene Stunde, in welcher er bei +dem Vater um sie anhalten wollte. — Weiß ich doch +noch nicht gewiß, ob sie mir der Vater nicht abschlägt; +geschieht es nicht, nun so kann ich ja auch dann noch +immer für Adalbert handeln. — Mit diesen Täuschungen +beruhigte er die Vorwürfe, die er in dem Innern +seiner Seele fühlte.</p> + +<p>Emma und Wilhelm waren sich bald nicht mehr +fremd, das vertrauliche Du verdrängte bald die fremde +steife Höflichkeit; denn Löwenau verachtete alle Zurückhaltung, +alles Verschließen in sich selbst; er glaubte, es zieme +dem Mann, stets gerade und offen zu handeln, keinem +ungeprüft zu mißtrauen, von jedem Unbekannten das +Beste zu denken, und ihn als Freund zu behandeln. +So war Wilhelm der Freund der ganzen Welt. — Emma, +die nie die Burg ihres Vaters verlassen hatte, die fast +immer nur mit Geschöpfen ihrer Phantasie umgegangen +war, besaß noch weniger Zurückhaltung; sie äußerte sich +ganz so, wie sie war, kannte Verstellung kaum dem +Namen nach, und traute jedem offenen Gesichte.</p> + +<p>Er sprach itzt zuweilen von Adalbert, und sie gestand +ihm, daß sie ihn nie geliebt habe. Sie glaubte es +jetzt. — Löwenau fühlte sich durch diese Erklärung glücklich. — Beide +waren sich bald unentbehrlich, und +Löwenau gab den Einladungen Friedrichs, da die übrigen +Ritter die Burg verließen, sehr gern Gehör. Wenn +er jetzt nicht bei Emma war, war er sich selbst zur Last; +jede Beschäftigung machte ihm Langeweile, und doch verlegte +er die Stunde immer von einem Tag zum andern, +in welcher er bei Friedrich um sie anhalten wollte; denn +er fühlte sich in der Täuschung etwas beruhigt, daß er +noch immer nicht gegen Adalbert handle.</p> + +<p>Emma war jetzt liebenswürdiger als je; der leichte +Gram um Adalbert hatte ihr manches von ihrer Lebhaftigkeit +genommen, sie war jetzt mehr eine stille, leidende +Schönheit, die sich um so reizender an den stärkern +Mann anschließt und hinter seiner Brust einen +Schirm gegen alle Stürme des Schicksals sucht. Ihre +neue Liebe hatte ihr einen seelenvollen Blick gegeben, in +welchem ein schönes Feuer brannte. — Der heftige Löwenau +liebte sie bis zur Anbetung, denn es war seine erste Liebe. —</p> + +<p>Endlich aber fand er doch diese Lage peinlich, er +beschloß noch heute mit sich und Adalbert Abrechnung +zu halten, noch heute bei dem Vater um sie zu werben. +Er ging zum alten Friedrich, den er in einem Sessel +nachdenkend im Saale fand. — Woran denkt Ihr, +Ritter? redete er ihn an.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Bei mir ist ja leider die Zeit gekommen, +wo ich nur noch in der Erinnerung leben kann; +die Zeit der Thaten ist verschwunden.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Aber könnt Ihr nicht auch in der Zukunft +leben?</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> In der Rückerinnerung lernen wir +mehr, nur Thoren sind in der Zukunft zu Hause. — Wenn +man seinen ganzen Reichthum anwendet, in +jenem goldnen Lande Palläste aufzubauen, und <span class="wide">ein</span> +Windstoß sie alle niederreißt: wohin soll dann der verarmte +Pilger fliehen? — Über dem Lande der Zukunft +liegt ein dicker Nebel; oft scheint uns aus der Entfernung +etwas ein Schloß zu sein, und wenn wir näher kommen, +ist es eine überhangende Klippe, die sich im +nächsten Augenblick auf unser Haupt herabwirft. —</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Ihr wollt also nicht hoffen?</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> O ja, aber die Hoffnung, jene Betrügerin, +nicht zu meiner täglichen Gesellschaft machen. +Das größte Glück erscheint klein, neben dem Bilde, +das uns die Hoffnung vorhielt.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Die Hoffnung trägt für Euch die +Gestalt Emma's, und eine solche Tochter — —</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Je besser sie ist, desto mehr hab' ich +zu fürchten, und je mehr ich sie liebe, je mehr verlier' +ich in ihr. Alles wär' mit ihr dahin! Ich wünsche +nichts, als sie glücklich zu sehn; dann werde ich es +auch sein.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Habt Ihr noch auf keinen Eidam +gedacht?</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Er schläft in Palästina, Konrad von +Burgfels, ihr mußt ihn gekannt haben, — ein anderer, — o +ich mag nicht gern daran denken! — ein +gewisser Adalbert liebte sie, ich schlug sie ihm ab; +wäre er jetzt hier, sie wäre sein. —</p> + +<p>Löwenau schwieg, und sahe düster vor sich nieder. +Ein gewisser — Wollt Ihr sie keinem Ritter von +berühmtem Hause geben? fragte er endlich.</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Wer weiß ob sie mit einem solchen +glücklich wäre?</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Wenn er sie, wenn sie ihn liebte?</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Dann würd' ich mich keinen Augenblick +bedenken.</p> + +<p>Löwenau kämpfte jetzt einen schweren Kampf, sein +Edelmuth und seine Liebe rangen hartnäckig mit einander; +oft wollte er den Namen Adalbert aussprechen, +aber der Name starb auf den Lippen bei dem Gedanken +an Emma. — Die Liebe blieb Siegerin. — Würdet +Ihr mich als Eidam verschmähen, Ritter?</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Euch? — Ist das Euer Ernst?</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Könntet Ihr mir jetzt wirklich Scherz +zutrauen?</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Sie ist Euer, wenn sie Euch liebt.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Dafür kann ich Bürge sein. —</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Nun so darf ich doch endlich hoffen, +ein glücklicher Vater zu werden; ich zweifelte schon +daran, denn man muß sich gewöhnen, an allem in +dieser Welt zu zweifeln, was dem Glücke ähnlich sieht.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Ihr seid heute besonders traurig gestimmt. —</p> + +<p><span class="wide">Friedrich.</span> Ich will es nicht länger bleiben, +mein Eidam muß nicht glauben, daß er an mir einen +mürrischen Vater erhält.</p> + +<p>Die Ritter sprachen noch lange zusammen; Friedrich +ward sehr heiter, Löwenau ging endlich spät in +sein Schlafgemach.</p> + +<p>Sie ist mein! rief er aus. — Unwidersprechlich +mein. — Itzt sei es fest beschlossen. — Sie ist mein, +Adalbert! und sollt' ich darüber mein Leben, welches +ich dir danke, gegen dich auf's Spiel setzen müssen. Die +Freundschaft sterbe für die Liebe. Sie liebt ihn +nicht; sie wäre unglücklich, und — bei allen Heiligen! — sie +verdient es nicht zu sein. Auch er wird sie +vergessen, — oder mein Leben — ein nichtiges Geschenk +ohne sie, zurückfordern. Mag er! ich werde es +vertheidigen, denn jetzt ist es Emma's Eigenthum. Der +große Vertrag mit seinem Gewissen war bald von der +Leidenschaft abgeschlossen; ihre Sprache hielt er für die +Stimme der unpartheiischen Wahrheit, und schlief zu +glücklichen Träumen ein.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>Emma! du bist mein! dein Vater hat dich mir zugesagt, +du mein! ich dein! so rief Löwenau als er in +Emmas Zimmer trat und in ihre Arme eilte. — Jetzt +kann uns nichts in der Welt von einander reißen.</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Ich dein? du mein? —</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Nur etwas mangelt unserm Glück +und dieses Wort umfaßt noch mehr.</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Was könnte dieses Etwas sein?</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Daß Adalbert alle seine Rechte auf +dich aufgiebt; so lange wir noch fürchten müssen, daß +er zwischen unsre Umarmungen tritt, so lange sind wir +nur halb glücklich. — Emma, ich weiß den Ort seines +Aufenthalts, schicke ihm durch einen Bothen nur wenige +Worte, die ihm sagen, daß du ihn nicht mehr +liebst, daß er jeden Gedanken an dich vergessen solle, +daß du mein seist. — Ich bitte dich darum, Emma. +Dann wollen wir uns ohne alle Besorgnisse ganz dem +Glück unsrer Liebe überlassen, dann soll keine ängstliche +Furcht uns nahe treten, dann will ich es trotzig mit +der Zeit aufnehmen, ob sie durch unzählige Jahre im +Stande sei, meine Liebe zu schwächen.</p> + +<p>Emma gab sehr leicht ihre Einwilligung, auch Löwenau +setzte sich und schrieb diesen Brief:</p> + +<blockquote> +<p><span class="wide">Adalbert!</span></p> + +<p>Mein Versprechen ist gebrochen! rechte mit dem +Schicksal und nicht mit mir! Ich bin unschuldig. — Engel +gaben der Versuchung nach und verspielten ihr +ewiges Glück; ich bin nur ein schwacher Mensch, mag +der Verlust Deiner Freundschaft meine Schwäche bestrafen. — Emma +gehört Dir nicht mehr, sie ist mein, +mir von ihrem Vater und der Liebe zugesagt. Zweifle +nicht Adalbert, sie liebt Dich nicht, sie hat Dich +nie geliebt. Alle Deine Hoffnungen sind durch mich +gemordet; ermorde mich, wenn Du Dich rächen mußt; +aber ihren Besitz wirst Du mir nie streitig machen. +Gieb sie verloren Adalbert, sie kann in Ewigkeit nicht +die Deinige werden. Ich bin der Hüter dieses Schatzes; +wer ihn erlangen will, muß mich erst tödten.</p> + +<p class="right"><span class="wide">Löwenau.</span></p> +</blockquote> + +<p>Emma hatte indessen einige Worte geschrieben, die +sie ihm gab. Er legte sie in seinen Brief und siegelte +ihn.</p> + +<blockquote> +<p><span class="wide">Ritter</span>,</p> +<p>Vergeßt mich, so wie ich Euch vergessen will, +denkt an mich stets wie an einen verstorbenen Freund; +ich bin die Verlobte eines Ritters und darf mich daher +nicht mehr nennen:</p> +<p class="right">Eure Emma.</p> +</blockquote> + +<p>Löwenau gab die Briefe seinem Knappen Franz, +der ihn nach Mannstein begleitet hatte. Dieser ritt +noch an eben dem Tage fort, um so früh als möglich +auf der Burg Löwenau's anzukommen.</p> + +<p>Friedrich und Löwenau dachten itzt nur an das +Vermählungsfest, welches sie recht glänzend zu machen +beschlossen. Emma war in den Armen ihres Geliebten +so glücklich, als man es auf dieser Welt sein kann.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>Adalbert lebte während dieser Zeit noch immer unter +seinen schönen Hoffnungen und erwartete täglich die +Bothschaft seines Glücks. Sein vergebliches Warten +machte ihn nicht traurig, nur verdrüßlich, denn dieser +Aufschub schien die Hoffnung von dem glücklichen Fortgang +des Unternehmens zu bestätigen. Er war oft +auf die Jagd gegangen, hatte die schönen Gegenden +in der Nähe besucht und dachte jeden Abend bei der +Heimkehr, einen Bothen seines Freundes zu finden.</p> + +<p>Er war von einem seiner Spaziergänge zurückgekommen +und stand an eine Buche gelehnt, das Wolkenspiel +im Abendroth zu betrachten, als er in der Ferne +einen Reuter erblickte, der sich dem Schlosse näherte. +Er erkannte bald in ihm Franz, den Knappen Löwenau's. — Schnell +eilte er mit der Frage auf ihn zu: +ob ihn der Ritter gesendet habe. — Franz antwortete +mit Ja und überreichte ihm den Brief Löwenau's. —</p> + +<p>Adalberts Herz klopfte heftig als er den Brief und +die Aufschrift betrachtete, er zögerte ihn zu erbrechen. — +Unaussprechliches Glück, oder Tod springt mir entgegen, — noch, +noch darf ich hoffen, noch bin ich glücklich. — Die +Sonne war untergegangen, er ging auf +sein Zimmer, den Brief beim Schein eines Lichtes zu +lesen. Dieser Augenblick war ihm feierlich, eine heilige +Stille schwebte längst den Wänden des Gemachs, eine +Grille zirpte leise und eine ferne Glocke tönte über den +Berg herüber. — Er lößte das Siegel.</p> + +<p>Emma's Brief fiel ihm zuerst auf, er kannte die +Hand und küßte das Pergament. — Er las — und +ward bleich, — er las von neuem und schaute wild +mit weit geöffneten Augen empor, alle seine Gedanken +verirrten sich, er wußte nur, daß er elend sei, kalt +und fürchterlich faßte ihn diese Überzeugung an; was +sein Elend sei, war aus seiner Seele geschwunden.</p> + +<p>Emma! rief er endlich mit fürchterlicher Stimme, +indem seine Besinnung zurückkehrte. — Er wagte es, +noch einmal zu lesen, dann las er den Brief Löwenau's. — Seine +Augen schlossen sich, wie von einer +zu großen Helle geblendet, krampfhaft schlug er die +Zähne zusammen und hing kalt und starr wie eine Leiche +in dem Sessel. — <span class="wide">Das</span> hatte er nicht erwartet.</p> + +<p>Er sprang nach einer Stille auf und brüllte wie +ein Rasender: Fluch über alle, die in dieser Stunde +glücklich sind! Fluch über alle Elende! — Ja, ich +fluche mir selbst, ich fluche mir und ihr — o ihr Verzweifelten! +kommt zu mir her an meine Brust und +helft mich verfluchen! <span class="wide">Eure</span> Emma? <span class="wide">Eure</span> Emma? — Du +lügst Meineidige! so hast du dich nie genannt! —</p> + +<p>Mir hat noch keine Hoffnung Wort gehalten, keine +Seligkeit der Erde hat mich Freund genannt. Mein +Leben ist ein schwarzes Gewebe von Unglück, wie von +einem Feind werd' ich vom Elend verfolgt, durch tausend +Quaalen jagt es mich in den Rachen des Todes. +<span class="wide">Meinetwegen</span> wird ein zärtlicher Vater grausam, +<span class="wide">meinetwegen</span> ein edler Freund ein Ungeheuer, — ich +gebe die Hoffnung, ich gebe das Schicksal auf. Ein +blindes Ohngefähr würfelt mit Glück und Unglück, — gut, +so will ich denn auch handeln, so lange ich noch +handeln kann, — ich will zu ihnen, sie sollen aus +ihren Umarmungen zurückstürzen, als hätten sie den +Schuppenhals eines Drachen berührt. — Ich will nicht +<span class="wide">allein</span> unglücklich sein, die <span class="wide">Liebe</span> haßt mich, der +<span class="wide">Haß</span> soll mich itzt glücklich machen.</p> + +<p><span class="wide">Eure</span> Emma? — Konnte deine Hand diese Worte +schreiben? Dieselbe Hand, die mir so oft den Schweiß +des Kampfes von der Stirn trocknete, dieselbe Hand, +die so oft in der meinigen lag und mich deiner Liebe +versicherte — o Himmel! was für ein armseliges Ding +ist die Tugend, wenn sich in wenigen Wochen der +Mensch so ganz umschaffen kann! Richtet keinen +Bösewicht mehr hin, er ist in wenigen Tagen vielleicht +ein Muster für seine Richter! — Tugend? — Für +mich ist keine Tugend, kein Gott mehr, denn sie, das +Unterpfand für beide, ist mir verloren.</p> + +<p>Er drückte knirschend Löwenaus Brief zusammen, +sein Athem drängte sich schwer durch seine Kehle, tausend +Centner waren auf seine Brust gewälzt. — Sein Blick +fiel auf Emma's grünes Band nieder, das er auf seiner +Brust immer als eine Reliquie getragen hatte, er riß +es wüthend herab.</p> + +<p>Das Pfand ihrer Treue! ihrer Liebe! — — Sie +will mich vergessen. — Ich kann sie nie vergessen, und +warum sollt' ich es auch? — wenn ich sie vergessen +könnte, dann könnte ich einst wieder lächeln — aber +das werd' ich nie wieder.</p> + +<p>Er schwieg und lehnte sich in eine Ecke des Zimmers, +alles war still wie eine Todtengruft.</p> + +<p>Du hast mir mein Leben gestohlen, Emma, sprach +er leise, um die tiefe Einsamkeit nicht zu stören; ich +werde bald sterben und habe umsonst gelebt, von mir +darf Niemand Rechenschaft dort jenseits fordern, nur +über Jammer kann ich Red' und Antwort geben, — Emma, +ich weise den fürchterlichen Richter an dich, +und an dich Wilhelm!</p> + +<p><span class="wide">Eure</span> Emma! — Hättest du mir doch wenigstens +das armselige »Du« übrig gelassen, — aber <span class="wide">nichts</span> +sollte mir übrig bleiben. — Gut, setzte er mit schrecklicher +Kälte hinzu, auch dies Band will ich dir zurückbringen.</p> + +<p>Er glaubte einigemal, Emma und sein Freund +hätten nur auf eine grausame Art mit ihm scherzen +wollen, um seine Liebe auf die Probe zu stellen; er +dachte, er hätte in seiner Wuth einige Ausdrücke zu +stark empfunden, er suchte dann nochmals in den Briefen +nach und quälte sich den fürchterlichen Sinn zu +mildern, — aber umsonst! der kalte, gefühllose Buchstabe +blieb derselbe, und seine Pein fand keine Linderung.</p> + +<p>Der Ritter durchlebte eine fürchterliche Nacht, er +konnte nicht schlafen, aber auch nicht wachen; tausendmal +stand sein Verstand vor dem fürchterlichen Thor +des Wahnsinns, er sahe tausend Gestalten vorüberziehn, +die <ins title="Original hat ihm">ihn</ins> bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten; +in dem einen Augenblick lag er in den Armen Emma's, +alles war nur ein fürchterlicher Traum gewesen; er +drückte sie an sein Herz, und das Knistern des Briefs, +den er noch immer in seiner Hand fest eingeschlossen +hielt, weckte ihn wie durch schadenfrohen Zauber aus +seiner Trunkenheit. Bald kämpfte er mit Löwenau um +Tod und Leben und sah ihn unter seinen Streichen +fallen; bald verschlang alles um ihn her eine große +wüste Leere, er stand mit seinem Schmerz allein in +der tauben ausgestorbenen Wildniß, von einer unendlichen +Nacht umfangen; Geister fuhren auf fernen +Donnern und schwache Blitze spalteten das ungeheure +Reich der ewigen Öde.</p> + +<p>Er fühlte, wie seine Kräfte merklich schwanden. +Gott! rief er, wenn ich diese Nacht sterben müßte! +ohne sie noch einmal zu sehn! — Mein Geist muß +von meiner gestorbenen Emma Abschied nehmen, ich +<span class="wide">muß,</span> ich muß sie sehn.</p> + +<p>Er wartete ängstlich auf den Anbruch des Morgens, +die Nacht schien ihm Hohn zu sprechen, der Morgen +kam immer noch nicht. — Endlich zitterte der erste +graue Streif des Tages empor und Adalbert sprang +schnell auf, riß ein Roß aus dem Stalle, und sprengte +hinweg. Sein treuer Hund, der ihm oft auf der Jagd +gefolgt war, begleitete ihn.</p> + +<p>Er jagte rasch der Sonne entgegen, er spornte sein +Roß unaufhörlich, denn die größte Eile war ihm zu +langsam.</p> + +<p>Eine drückende Hitze zog herauf und sein Roß war +schon ermüdet, als er einen Ritter einholte, der auch +diese Straße zog. — Wohin? fragte er diesen. — Nach +Mannstein, war die Antwort, zur Hochzeit des +edeln Löwenau und der schönen Emma. — Adalbert +lachte wild auf. — Worüber lacht Ihr? — Voll +Freude, daß wir einen Weg haben. — In eben dem +Augenblicke gab er von neuem dem Rosse die Sporen +und sprengte wie rasend hinweg. — Warum eilt Ihr +so? rief ihm der Ritter nach. — Seht Ihr nicht, +schrie Adalbert zurück, wie mir der bleiche Tod nachjagt? — Er +war ihm bald aus den Augen.</p> + +<p>Das grüne Band war um seinen Arm gebunden +und flatterte ihm nach; Todtenblässe hatte sein Gesicht +überzogen, sein Roß keuchte und sein treuer Hund +lief ihm oft voraus, und sah <ins title="Original hat ihm">ihn</ins> winselnd an, — aber +ohne Bewußtsein jagte er immer wieder in neuer +Wuth weiter. — Am Abend stürzte der Rappe todt +nieder, der Hund war fort, als er sich nach ihm +umsah. — Auch er hat mich verlassen, dachte Adalbert; +aber der treue Gefährte lag schon weit hinter ihm sterbend +am Wege.</p> + +<p>Adalbert reiste zu Fuß die ganze Nacht hindurch, +seine Kräfte schienen übermenschlich, tausend Schrecken +schienen ihn unermüdet vor sich hin zu jagen. — Am +Mittag des andern Tages entdeckte er in einem kleinen +versteckten Thale eine Schäferhütte, sein Gaumen war +von der Hitze aufgeschwollen, er trat in die Hütte +und begehrte von einem Greise, den er dort fand, eine +Schale Wasser. — Ihr sollt kühle Milch bekommen, +sagte dieser, und gab seiner Tochter den Auftrag eine +Schale voll zu holen. — Das kleine Mädchen eilte +willig hinweg und Adalbert stand düster an die Thür +gelehnt. — Das Mädchen verweilte etwas lange. Wo +bleibst du, Emma? rief der Alte. Adalbert fuhr auf, +das Mädchen trat in eben dem Augenblick herein und +bot ihm freundlich lächelnd die Schale. Statt sie an +den Mund zu setzen, warf er sie wüthend auf den +Boden, daß sie in tausend Scherben zersprang; dann +eilte er wie ein Wahnsinniger weiter.</p> + +<p>Die Sonne ging schon unter, als er auf der Grenze +des Horizonts einen Thurm erblickte, der ihm bekannt +schien; — tausend Erinnerungen kamen in seine Seele +zurück, — es war die Burg Mannstein.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<p>Er stand still und sahe mit langem Blick nach der +wohlbekannten väterlichen Gegend, und in seine Verzweiflung +mischten sich einige Tropfen der Wehmuth, +sie <span class="wide">so</span> wiederzusehn. Die Burg stand zaubervoll da in +einem rothen Flammenschein. Die Sonne ging blutig +unter.</p> + +<p>Er eilte weiter. Der letzte Streif des Tages verschwand +hinter einen grünen Berg; der Mond brach +hervor, und glänzte durch die zitternden Tannenzweige. +Schon unterschied er die erleuchteten Fenster der Burg, +schon erblickte er in ihnen Schatten, die ungewiß hin +und wieder schwebten, schon hörte er immer näher und +näher das Tönen der Trompeten und den Donner der +Pauken, — tausend brennende Dolche fuhren durch +seine Brust.</p> + +<p>Jetzt war er an die Burg gekommen. Er ging +durch das offne Thor, das frohe Getümmel der Gäste +lärmte ihm entgegen, er hätte gern geweint, aber seine +Augen waren trocken. Er schlich sich in den Burggarten +und setzte sich in eine kleine Laube, welche ein Fliederbaum +bildete; bald sahe er still und mit anscheinender +Ruhe durch die monderhellte Gegend, bald nach +der geräuschvollen Burg. — Alle seine Empfindungen +wurden nach und nach abgespannt; er war betäubt, als +er zwei Gestalten auf sich zukommen sah, — es waren +Löwenau und Emma. —</p> + +<p>Löwenau hatte sich in sich selbst geirrt, er hatte +sich für stärker gehalten, als er wirklich war, die Stimme +seines Gewissens war nur unterdrückt gewesen, sie fing +itzt um so lauter an zu sprechen. Er begann zu ahnen, +daß er in Emma's Armen nie recht glücklich sein würde, +aber ohne Emma lag ein grenzenloses Elend vor +ihm. Er war am Abend still und nachdenkend gewesen, +und wollte itzt mit Emma einen Spaziergang durch +den Garten machen, um sich etwas zu beruhigen.</p> + +<p>Emma war indeß immer froh und guter Laune +gewesen; sie fühlte sich als Löwenaus Geliebte ganz +glücklich — nur itzt, — so plötzlich aus dem Gewirre +der Gäste, aus dem Klang der rauschenden Musik gerissen, +mitten in die Einsamkeit eines schauerlichen +Gartens gezogen, — itzt fühlte sie eine sonderbare +Empfindung zu ihrem Herzen emporschwellen, sie hing +an dem Arme Löwenaus und schloß sich fester an ihn. +Mein Wilhelm, sagte sie endlich, — warum so traurig? +Ich habe dich noch nie so still und gedankenvoll +gesehn. — Deine Hand ist heiß.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Und die deine kalt. Du zitterst +Emma?</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Nicht vor Frost, die Sommernacht ist +warm; — aber Wilhelm, es ist hier im Garten so +heimlich, mir ist alles so sonderbar fremd, die Büsche +rauschen und flimmern so wunderbar im Mondenstrahl; +hast du nie einen Geist gesehn, Wilhelm?</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Nie Geliebte; aber wie kömmst du +zu der Frage?</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Und wie kömmt dieser Gedanke zu mir? +<span class="wide">heut</span> zu mir? — Mein Vater ist doch schon sehr alt, +Wilhelm, ich habe ihn sonst nie so genau angesehn, der +Gedanke ängstigte mich drinnen über eine Stunde +lang: wie er mir so gegen über saß, schien er mir +schon todt. — Der Anblick eines todten Menschen muß +schrecklich sein, — wie mag ich wohl als Leiche aussehn?</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Du quälst mich, Emma.</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Sage mir, wie ich wohl als Leiche aussehn +werde.</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Wie der Frühling, der im Irrthum +um einige Tage zu früh seine Blumen ausgestreut hat, +und vom eisigen Winter wieder übereilt wird.</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Wilhelm!</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Was ist dir Emma? Warum fährst +du zusammen?</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Mir ist, als stünd' ich unter tausend +Gespenstern! — sieh! jene Bäume dort sehn fürchterlich +aus! —</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Wir wollen in den Saal zurückgehn.</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Wilhelm! — hörtest du kein Ächzen +in der Nähe?</p> + +<p><span class="wide">Löwenau.</span> Nichts als den Wind, der durch +die Laube rauscht.</p> + +<p><span class="wide">Emma.</span> Es war ein schweres Athmen — wie +eines Sterbenden, — horch, wie die Blätter zusammenschlagen! — +Gott im Himmel!</p> + +<p>Sie sank ohnmächtig in seine Arme, denn Adalbert +trat bleich und entstellt, mit verworrenen Haaren, +dem Auge eines Wahnsinnigen, leise wie ein Gespenst +aus der Laube; mit hohler gewürgter Stimme rief er: +Emma!</p> + +<p>Ihr Bewußtsein kam wieder, aber ihre Sinne +blieben zurück, starr wie eine Leiche sahe sie in Adalberts +Auge. — Emma! Emma! rief dieser wüthend, +kennst du dies Band noch? — Er hielt es ihr mit +zitternden Händen vor. — Geliebter! rief sie matt +und wollte sich in die Arme Löwenaus werfen; Adalbert +fing sie auf, zog einen Dolch und stieß ihn wüthend +in ihre Brust. — Kaum war der Todesstreich +geführt, so erwachte er wie aus einem tiefen Schlaf. — Emma! +Emma! er hielt sie fest in seinen Armen; +stirb nicht! ich war rasend! lebe, lebe, und sei glücklich! +vergieb mir und lebe! laß mich für dich sterben! +du <span class="wide">darfst</span>, du <span class="wide">sollst</span> nicht sterben. — Er kniete nieder +und hatte sie fest in seine Arme gepreßt, als wenn +er sie dem Tod abtrotzen wollte; er fühlte nicht, wie +sein Blut aus zehn tödtlichen Wunden rieselte, die ihm +indeß Löwenaus Dolch gestoßen hatte.</p> + +<p>Endlich fühlte er seine Kraft ermatten, er ließ sie +sanft auf den Rasen fallen. — Du stirbst, Emma? — Du +stirbst? — Er sank neben ihr zur Erde.</p> + +<p>Konrad und Friedrich kamen Arm in Arm durch +den Buchengang die junge Braut zu suchen. — Wo +ist meine Tochter? fragte Friedrich seinen Eidam.</p> + +<p>Er wieß stumm mit dem blutigen Dolch auf sie +hin.</p> + +<p>Wo? fragte Friedrich.</p> + +<p>Löwenau deutete noch einmal mit dem Dolch auf +den Boden und Friedrich erkannte sie und Adalbert. +Stumm schloß er Konrad in seine Arme und drückte +ihn fest an sein Herz: nun haben wir beide nichts +mehr zu hoffen!</p> + +<p><span class="wide">Konrad.</span> Das stille Grab, — und Jenseits!</p> + +<p>Ein Minnesänger sang die traurige Geschichte und +schloß mit diesen Versen:</p> + +<div class="center"> + <table style="margin: 0 auto" cellpadding="0" cellspacing="0" summary="poem"> +<tr><td align="left">Jenseit des Grabes wurden sie gekrönt,</td></tr> +<tr><td align="left">Dort wurden ihre Herzen ausgesöhnt.</td></tr> +<tr><td align="left">Oft schweben sie in feierlichen Stunden</td></tr> +<tr><td align="left">Hin durch den wildverwachsnen Tannenhain,</td></tr> +<tr><td align="left">Sie küssen wechselsweis im Mondenschein</td></tr> +<tr><td align="left">Sich liebevoll die Todeswunden.</td></tr> +<tr><td align="left">Manch Kind sieht sie auf Mondesstrahlen schweben,</td></tr> +<tr><td align="left">Und fühlt ein leises schauerliches Beben:</td></tr> +<tr><td align="left">O Mutter! ruft es aus, im blassen Schein,</td></tr> +<tr><td align="left">Durchfahren Geister itzt den Hain. —</td></tr> +<tr><td align="left">Die Mutter spricht: sei ruhig Kind,</td></tr> +<tr><td align="left">In Silberpappeln wühlt der Abendwind.</td></tr> +</table> +</div> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<p> </p> +<table class="sm" border="0" style="background-color: #E6F6FA; margin: 0 auto" cellpadding="6" summary="NOTES"> +<tr> +<td colspan="2"> + <div class="center"><h3>Hinweise zum Text:</h3></div> + +<div class="center"><p class="noindent" style="background-color: #E6F6FA"> +Folgende Änderungen wurden vorgenommen und sind im Text grau unterstrichelt:<br /> + </p></div> +</td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top">Zweifel wälzen dich auf Zweifel</td> +<td align="left" valign="top">Zweifel wälzen <i>sich</i> auf Zweifel</td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top">Abdallah sah ihn traurig nach</td> +<td align="left" valign="top">Abdallah sah <i>ihm</i> traurig nach</td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top" >der Frühling wird dich heitre machen</td> +<td align="left" valign="top">der Frühling wird dich <i>heitrer </i>machen</td> +</tr> + +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">bis sich das wilfe Keuchen (…) sich etwas besänftigt hatte</td> +<td align="left" valign="top">bis <i>sich</i> das wilfe Keuchen (…) etwas besänftigt hatte</td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top">sobald dich meine Laute gerufen hast</td> +<td align="left" valign="top">sobald dich meine Laute gerufen <i>hat</i></td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top">Oder sie ungegesehn in den Strom (…) versenke</td> +<td align="left" valign="top">Oder sie <i>ungesehn</i> in den Strom (…) versenke</td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top">fing nun an, die Macht (…) zu glauben</td> +<td align="left" valign="top">fing nun an, <i>an</i> die Macht (…) zu glauben</td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top">andre stürzten Tod nieder</td> +<td align="left" valign="top">andre stürzten <i>todt</i> nieder</td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top">an dem gräßlichem Thor</td> +<td align="left" valign="top">an dem <i>gräßlichen</i> Thor</td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top">ich erlasse sie ihn</td> +<td align="left" valign="top">ich erlasse sie <i>ihm</i></td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top">der ihn am nächsten stand</td> +<td align="left" valign="top">der <i>ihm</i> am nächsten stand</td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top">wann und wie sie pflanzte</td> +<td align="left" valign="top">wann und wie <i>ich</i> sie pflanzte</td> +</tr> +<tr> + <td align="left" valign="top">rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes zu zu</td> +<td align="left" valign="top">rief ihm die Besitzerin dieses Pallastes <i>zu</i></td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">die ihm bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten</td> +<td align="left" valign="top">die <i>ihn</i> bald mit Entsetzen, bald mit Wonne erfüllten</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">sah ihm winselnd an</td> +<td align="left" valign="top">sah <i>ihn</i> winselnd an</td> +</tr> +</table> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Schriften, by Ludwig Tieck + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN *** + +***** This file should be named 31074-h.htm or 31074-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/1/0/7/31074/ + +Produced by Delphine Lettau and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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