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diff --git a/30883.txt b/30883.txt new file mode 100644 index 0000000..60bb625 --- /dev/null +++ b/30883.txt @@ -0,0 +1,13572 @@ +The Project Gutenberg EBook of Abessinien, das Alpenland unter den Tropen +und seine Grenzlaender by Richard Andree + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzlaender + +Author: Richard Andree + +Release Date: January 7, 2010 [Ebook #30883] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLAeNDER*** + + + + + + Das + + Buch der Reisen und Entdeckungen. + + Afrika. + + *Abessinien,* + + das Alpenland unter den Tropen. + + + + + + Malerische Feierstunden. + + Das Buch der Reisen und Entdeckungen. + + _Neue illustrirte_ + + *Bibliothek der Laender- und Voelkerkunde* + + zur + + Erweiterung der Kenntniss der Fremde. + + *Afrika.* + + *Abessinien, das Alpenland unter den Tropen.* + + Bearbeitet + + von + + *Dr. Richard Andree.* + +Mit 80 in den Text gedruckten Abbildungen, sechs Tonbildern, sowie einer + Uebersichtskarte von Abessinien + + *Leipzig.* + + Verlag von Otto Spamer. + + 1869. + + + + + + [Illustration: Koenig Theodoros, Audienz ertheilend. + _Originalzeichnung von __H. Leutemann__, nach Lejean._] + + + + + + *Abessinien,* + + _das Alpenland unter den Tropen_ + + und + + *seine Grenzlaender.* + + + Schilderungen von Land und Volk vornehmlich unter + + *Koenig Theodoros* (1855-1868). + + Nach den Berichten aelterer und neuerer Reisender bearbeitet + + von + + *Dr. Richard Andree.* + +Mit 80 Text-Abbildungen, 6 Tonbildern nach Originalzeichnungen von E. +Zander, R. Kretschmer, H. Leutemann u. A. nebst einer Uebersichtskarte von +Abessinien. + +_Leipzig._ + +Verlag von Otto Spamer. + +1869. + + + + + + Verfasser und Verleger behalten sich das Recht der Uebersetzung vor. + + Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. + + + + + + VORWORT. + + +Ein afrikanisches Alpenland, ueberreich an Schoenheiten und Wundern der +Natur, bewohnt von einem begabten Volke, das gleich uns zum kaukasischen +Stamme gehoert und mit den Negern nichts zu schaffen hat, eine an +fesselnden Abenteuern reiche Folge von Reisen in dieses Land, endlich der +Feldzug Englands gegen den eisernen, blutigen _Theodor_, der maechtig ueber +Abessinien geherrscht, wie noch kein dunkelfarbiger Koenig vor ihm - das +ist es, was wir in diesem Bande des "Buches der Reisen und Entdeckungen" +den Lesern vorfuehren wollen. + +Abessinien hat von jeher der gebildeten Welt ein grosses Interesse +eingefloesst und nicht etwa erst die neueste romantische Episode seiner +Geschichte uns diese "unter die Tropen gerueckte Schweiz" naeher gefuehrt. +Dort, in der muthmasslichen Heimat des schwarzhaeutigen der durch die Bibel +eingefuehrten heiligen drei Koenige, besteht ja noch, abgeschieden und +vergessen von den abendlaendischen Glaubensgenossen, inmitten heidnischer +und muhamedanischer Voelker, ein christliches Reich; dorthin verlegte das +Mittelalter auch den Staat des fabelhaften Erzpriesters Johannes, dort +entspannen sich Glaubenskaempfe gegen den Islam, die an Heftigkeit und +blutigen Greueln ihresgleichen suchen, dort muehten sich endlich unsere +Missionaere bis in die neueste Zeit erfolglos ab, die Bevoelkerung zu einem +reineren Glauben zurueckzufuehren. Staatsumwaelzungen, Buergerkriege folgen im +bunten Wechsel einander. + +So erhebt sich vor unserem geistigen Blicke auf dem farbenreichen +Hintergrund, den die Natur bietet, ein interessantes geschichtliches Bild, +beginnend mit der sagenhaften Koenigin von Saba, endigend mit dem blutigen +_Theodor_, und fesselt unser Interesse an denselben afrikanischen Boden, +der, wenn man von Aegypten und den durch die Araber begruendeten Reichen +absieht, im Grunde eine eigentliche Geschichte nicht hat. + +Nachdem der Verfasser die Erforschung Abessiniens von den aeltesten Zeiten +bis auf unsere Tage herab geschildert hat, fuehrt er in den ersten vier +Abschnitten Land und Leute in einem gedraengten Bilde vor, alles +Wesentliche zusammenfassend, was ueber Geologie und Oberflaechengestaltung, +ueber die natuerlichen Felsenfestungen und periodisch anschwellenden Stroeme, +jene Grundursache der Nilueberschwemmungen, was ueber die klimatischen +Verhaeltnisse und die Vegetationsguertel, ueber die Thierwelt jenes +interessanten Gebietes gesagt werden kann. Dabei wandert das Volk an uns +vorueber mit seinen guten Anlagen und seinem tiefen sittlichen Verfall, +seinen verschiedenen Staemmen und Sprachen, Sitten und Gebraeuchen. Handel +und Industrie finden gleichfalls gebuehrende Beruecksichtigung, nicht minder +die religioesen Verhaeltnisse, das afrikanisch gefaerbte Christenthum des +Landes mit seiner byzantinischen Scheinrechtglaeubigkeit und lasterhaften +Priesterschaft. Die Missionsgeschichte, reich an Enttaeuschungen und arm an +Erfolgen, wird unparteiisch berichtet und dann mit einer Abhandlung ueber +den Landbau und die sozialen Verhaeltnisse des Landes der allgemeine Theil +beschlossen. + +Nachdem der Leser dergestalt orientirt ist, kann er an der Hand der +neuesten Reisenden das weite Land durchwandern; er lernt den Norden wie +den Sueden kennen, die brennendheissen Kuestenstriche und die +fieberschwangere, feuchte Kollaregion, hinauf bis zu den schneegekroenten, +majestaetischen Alpengipfeln. + +Geleitet von solchen Forschern, deren Schilderungen zu den +farbenpraechtigsten gehoeren, die wir ueber jene fernen Gegenden besitzen, +gewinnt der Leser alsobald die vorgefuehrten Persoenlichkeiten um so lieber, +je fesselnder deren oft ueberaus romantische Fahrten sind. Waehrend die +aelteren Reisenden bereits frueher besprochen waren, bieten wir in diesem +Abschnitte einen Einblick in das verdienstvolle Wirken der neueren +Laendererforscher. Wir lernen den geistreichen und kuehnen Franzosen +_Guillaume Lejean_ kennen, durchstreifen an der Hand _Werner Munzinger's_ +und der Gefaehrten des _Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg_ die noerdlichen +Grenzgebiete, die Laender der Bogos und Kunama, begleiten den deutschen +Fuersten selbst auf seinen Puerschgaengen und Elefantenjagden und werden +schliesslich durch den englischen Major _W. Cornwallis Harris_ in die fast +maerchenhaft erscheinende Welt von Schoa, diesen suedlichen Theil +Abessiniens, eingefuehrt, wo in malerischen Einzelschilderungen das Hof- +und Kriegsleben des Negus _Sahela Selassie_ an uns voruebergeht. + +Naturgemaess gipfeln die Mittheilungen in der Darstellung des heutigen +Abessinien. Verfallen und zerrissen durch nimmer ruhende Buergerkriege, +zuckend und verblutend liegt es da. Wuest liegen die fruchtbaren Aecker und +das geplagte Volk verkommt: da scheint ein Hoffnungsstrahl aufzudaemmern! +Gleich einem glaenzenden Meteor steigt der maechtige _Theodor_, der Sohn +einer armen Kussohaendlerin, am abessinischen Himmel auf. Noch einmal +scheint es, als ob das altaethiopische Reich aus seinen Truemmern, aus +Schutt und Moder wieder erstehen wolle. Doch der Glanz truegt, und nach +Tagen blutiger Schrecken sinkt unter der ueberlegenen Macht der +"rothhaarigen Barbaren" auch der afrikanische Napoleon dahin, mit ihm sein +Reich. Indessen nicht blos Schatten wirft die Regierungsgeschichte dieses +unzweifelhaft bedeutenden Mannes; es sind Lichtpunkte genug in derselben +zu finden, und der Verfasser hat sich bemueht, Licht und Schatten in +gerechter Wuerdigung der Schwierigkeiten, die sich einem Reformator in der +Eigenartigkeit von Land und Menschen jener fernen Gegenden +entgegenstellen, billig zu vertheilen. + +Was die Quellen, aus denen das vorliegende Buch geschoepft, betrifft, so +wurde von _Hiob Ludolf_ an bis auf _Th. von Heuglin_, sowie die Berichte +der englischen Korrespondenten herab keine wichtige Publikation uebersehen. +Ausser den angefuehrten Reisenden, deren Berichte im Auszuge wiedergegeben +sind, wurden hauptsaechlich _James Bruce_, _Henry Salt_, _Eduard Rueppell_, +_Karl Wilhelm Isenberg_, _Ludwig Krapf_ und (fuer den zoologischen Theil) +_A. E. Brehm_ benutzt. + +Als ganz besonders werthvoll muessen wir die Originalabhandlung ueber die +_Agrikultur Abessiniens_ von _Eduard Zander_ hier hervorheben. - Das Leben +dieses deutschen Landsmannes haben wir im Texte geschildert. Fuer die +Erlaubniss zur Veroeffentlichung der genannten Arbeit ist der Herausgeber +_Sr. Hoheit dem Herzoge Leopold Friedrich von Anhalt_, in dessen Besitze +sich das Original-Manuskript befindet, zu tiefgefuehltem Danke +verpflichtet. Die Kundgebung dieser zu Magdala im Jahre 1859 verfassten +Arbeit erfolgt hier, mit Weglassung einer allgemeinen Einleitung, +vollstaendig. Da jedoch unserm wackern Landsmanne nach laengerer Abwesenheit +vom Heimatlande der fluessige Gebrauch der deutschen Sprache abhanden +gekommen war, so erschienen stylistische Aenderungen in seiner Darstellung +unerlaesslich, wie denn auch die Schreibart der Eigennamen mit der in +vorliegendem Werke befolgten in Uebereinstimmung gebracht werden musste. + +In der Orthographie abessinischer Namen herrscht bekanntlich die groesste +Anarchie, ganz entsprechend jener, welche das Land zerruettet; um ihr +womoeglich zu entgehen, schloss sich der Verfasser in seiner Rechtschreibung +an diejenigen deutschen Reisenden an, welche von allen die meiste +Uebereinstimmung zeigen und diesen Gegenstand am eifrigsten ihrer +Aufmerksamkeit gewuerdigt haben, naemlich _K. W. Isenberg_ und _Th. von +Heuglin_. + +Zur ganz besonderen Freude gereicht es uns, mittheilen zu koennen, dass der +bei Weitem groessere Theil der Illustrationen dieses Werkes nach an Ort und +Stelle aufgenommenen Originalen gezeichnet ist. Zwei Kuenstler, die das +Land bereisten, haben dieselben geliefert: _Robert Kretschmer_, der den +Herzog von Koburg als Maler begleitete, und _Eduard Zander_, dessen +werthvolle Federzeichnungen, weit ueber hundert an der Zahl, die +landschaftlichen, architektonischen und ethnographischen Verhaeltnisse +Abessiniens ungemein gut charakterisiren. Sie befinden sich gleichfalls im +Besitze Sr. Hoheit des Herzogs von Anhalt und werden hier, mit dessen +hoher Erlaubniss, als wesentlicher Schmuck unsres Buches, wiedergegeben. +Die uebrigen Illustrationen, bei denen die Quelle stets angegeben ist, +wurden den Werken von H. Salt, E. Rueppell, W. C. Harris, Bernatz, G. +Lejean u. a. entlehnt. Schon in dem uns hier entgegentretenden Reichthum +an gelungenen Holzschnitten ist uns ein vollstaendiges Bild des +afrikanischen Alpenlandes geliefert, das in keinem hier in Betracht +kommenden andern Werke reicher illustrirt zur Anschauung kommen duerfte. +Das am Schlusse mitgetheilte Kaertchen endlich wird zur allgemeinen +Orientirung ueber das besprochene Gebiet willkommen geheissen werden. + +_Leipzig_, im Juli 1868. + *Die Redaktion des "Buches der Reisen und Entdeckungen".* + + + + + + INHALTSVERZEICHNISS. + + + Seite + _Einleitung._* Historischer Ueberblick und Geschichte der 1 + Erforschung Abessiniens.* Mit 11 Illustrationen + Aethiops (2). - Die Koenigin von Saba (3). - Menilek und die + salomonische Dynastie (3). Beruehrungen mit den Voelkern des + Alterthums (4). - Die Koenigsstadt Axum und ihre Ruinen (5). + - Einfuehrung des Christenthums (6). - Wechsel der Dynastie + (8). - Die Invasion der Muhamedaner unter Granje (10). - + Portugiesen und Jesuiten in Abessinien (11). - Ihre + Vertreibung (12). - Zerfall des Reiches und Buergerkriege + (13). - Die Verfassung (18). - Erforschungsgeschichte (19). + - Portugiesische Reisende (20). - Hiob Ludolf (21). - Bruce + (22). - Salt und Pearce (23). - Hemprich und Ehrenberg (23). + - Rueppell (23). - Tamisier und Combes (26). - v. Katte (26). + - Schimper (26). - Aubert und Dufey (27). - Lefebvre (27). - + Gebrueder d'Abbadie (27). - Rochet d'Hericourt (28). - Beke + (29). - Zander (30). - Sapeto (32). - Munzinger (32). - + Lejean (33). - Die deutsche Expedition (33). + *Das Land, seine Pflanzen- und Thierwelt.* Mit 14 35 + Illustrationen + Begrenzung (35). - Das Hochland (36). - Geologie Abessiniens + (36). - Der versteinerte Wald (39). - Heisse Quellen (40). - + Oberflaechengestaltung (40). - Natuerliche Felsenfestungen + (42). - Die Alpen Semiens (42). - Charakter der Fluesse (46). + - Ihr Anschwellen (46). - Ursachen der Nilueberschwemmungen + (47). - Der Tanasee und der Abai (47). - Klimatische + Verhaeltnisse (50). - Die Vegetationsguertel (51). - Kola + (51). - Woina Deka (56). - Deka (61). - Die niederen Thiere + (62). - Voegel (65). - Saeugethiere. Ihre Lebensweise, + Nutzanwendung, Jagd (71). + *Das Volk, seine Sitten und Gebraeuche, Handel und 85 + Industrie.* Mit 9 Illustrationen + Physischer Charakter des Volks (85). - Die Juden oder + Falaschas (86). - Muhamedaner (87). - Gamanten (88). - + Heidnische Ueberreste (90). - Waito (90). - Die Sprachen + Abessiniens (90). - Literatur und Malerei (93). - Charakter + und Sittenlosigkeit der Abessinier (94). - Blutrache (95). - + Justiz (96). - Aberglauben (97). - Das Verzehren von rohem + Fleische (100). - Nahrungsweise (102). - Kleidung (103). - + Krankheiten und Aerzte (103). - Industrie und Handel (106). + *Religion, Kirche und Geistlichkeit. Das Missionswesen.* Mit 111 + 8 Illustrationen + Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und + Verwahrlosung (111). - Der Abuna (114). - Art des + Gottesdienstes (120). - Die lasterhafte Geistlichkeit (122). + - Moenche und Kloester (122). - Politische Asyle (123). - + Zeitrechnung (123). - Feste (123). - Taufe, Ehe, Begraebniss + (124). - Die Kirchen, ihre Einrichtung und Ausschmueckung + (126). - Die verschiedenen Missionsversuche in Abessinien, + deren Misslingen und Urtheile darueber (128). + *Der Ackerbau und die Viehzucht Abessiniens.* Mit 5 139 + Illustrationen + Die Kulturflaeche Abessiniens (139). - Die Getreidearten, + ihre Anpflanzung und Verwendung (141). - Gewuerze, Gemuese, + Wein, Baumwolle, Gescho (144). - Ernteertrag (146). - Nuk + (146). - Einfelderwirthschaft (146). - Ackerwerkzeuge (147). + - Regenzeit (148). - Bewaesserung (148). - Soziale Stellung + der Landleute (149). - Die Viehzucht (150). - Aussicht fuer + europaeische Ansiedelungen (153). - Die Regierung und der + Grundbesitz (153). - Das Frohnwesen (153). - Steuern (153). + - Wiesen und Moorgrund (154). - Bienenzucht (154). - Die + Wohnungen der Landleute (155). - Die Muehlen Abessiniens + (157). + *Massaua und die abessinische Kuestenlandschaft.* Mit 5 158 + Illustrationen + Die Bedeutung des Rothen Meeres (158). - Der Dahlak-Archipel + und die Perlenfischerei (160). - Die Stadt Massaua und ihre + Bewohner (162). - Sklavenhandel (164). - Die Cisternen + (166). - Der Markt (167). - Karawanenhandel mit Abessinien + (167). - Die Bai von Adulis (168). - Schoho und Danakil + (170). - Die Samhara (171). - Eine abessinische Karawane + (172). - Der Tarantapass und Halai (174). + *G. Lejean's Reise durch Abessinien.* Mit 10 Illustrationen 176 + Metemme (177). - Der Markt Wochni (178). - Grenzwaechter + (178). - Eine abessinische Festung (180). - Eine deutsche + Familie (182). - Das Land am Tanasee (182). - Schnapphaehne + (184). - Missionsstation Gafat (185). - Gefangennahme + Lejean's durch Koenig Theodor (187). - Theodor's Loewen (187). + - Gondar und seine Bauten (188). - Wasserfall des Reb (192). + - In einem Kloster (194). - Besuch in Korata (195). - + Binsenfloesse (198). - Besteigung des hohen Guna (200). - Fuenf + Frauengenerationen (200). - Befreiung (202). - Hochebene + Wogara (202). - Lamalmon-Pass (203). - Reise durch Tigrie + nach Massaua (204). + *Reisen in den noerdlichen und nordwestlichen Grenzlaendern 207 + von Abessinien.* Mit 4 Illustrationen + Das Land der Mensa und Bogos (207). - Reise des Herzogs + Ernst (208). - Monkullo (209). - Labathal (209). - Plateau + von Mensa (210). - Das Volk der Mensa (211). - Ausflug nach + Keren (212). - Elephantenjagd (214). - Rueckkehr (216). - + Munzinger ueber die Bogos (217). - Geschichtliches (217). - + Ein aristokratisches Volk (218). - Rechtsverhaeltnisse (218). + - Aberglauben (219). - Das Christenthum der Bogos (219). - + Der Marebfluss (221). - Die demokratischen Bazen und Barea + (220). + *Schoa und die britische Gesandtschaft unter Major Harris.* 224 + Mit 9 Illustrationen + Begrenzung (224). - Englische Gesandtschaft unter Harris + (225). - Tadschurra (225). - Zug durch die Adalwueste (226). + - Salzsee (227). - Mord im Thale Gungunte (228). - + Versammlung der Eingeborenen (230). - Sklavenkarawane (232). + - Myrrhen (233). - Der Hawasch (234). - Der Grenzdistrikt + (234). - Alio Amba, ein Marktort (236). - Empfang beim + Koenige Sahela Selassie (240). - Die Hauptstadt Ankober + (242). - Debra Berhan, die Sommerresidenz (245). - + Sklavendepot (246). - Truppenrevue (246). - Angollala (249). + - Schlucht der Tschatscha (250). - Medoko, der Rebell (252). + - Das Gallavolk (252). - Kriegszug gegen dasselbe (258). - + Siegesfest (260). - Abschluss des Handelsvertrags (262). - + Rueckkehr (263). + *Theodoros II., Negus von Aethiopien.* Mit 6 Illustrationen 264 + Bewegte Jugend (264). - Der Emporkoemmling (265). - Schlacht + von Debela und Koenigskroenung (266). - Rebellenkriege (267). + - Reformen (272). - Abessinische Heere und Kriegspraxis + (275). - Verwickelungen mit den Missionaeren (280). - + Gefangennahme Cameron's und Streitigkeiten mit England + (281). - Magdala (284). - Beginn der englischen Invasion + (287). - Erstuermung von Magdala und Tod Theodor's (293). - + Rueckzug der Englaender (297). + + Die hierzu gehoerigen Tonbilder sind einzuheften: + Koenig Theodoros, Audienz ertheilend Titelbild. + Teiit, Partie von Totscha in Semien Seite 43 + Charakter des Hochgebirges Awirr in Semien " 49 + Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in " 215 + Mensa + Im Lager des Negus. Priester und Krieger " 276 + Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Suedliche Ansicht " 286 + + + + + + + [Illustration: Obelisken von Axum. Nach Rueppell.] + + + + + + EINLEITUNG. + + + Historischer Ueberblick und Geschichte der Erforschung Abessiniens. + + + Aethiops. - Die Koenigin von Saba. - Menilek und die salomonische + Dynastie. - Beruehrungen mit den Voelkern des Alterthums. - Die + Koenigsstadt Axum und ihre Ruinen. - Einfuehrung des Christenthums. + - Wechsel der Dynastie. - Die Invasion der Muhamedaner unter + Granje. - Portugiesen und Jesuiten in Abessinien. - Ihre + Vertreibung. - Zerfall des Reiches und Buergerkriege. - Die + Verfassung. - Erforschungsgeschichte. - Portugiesische Reisende. - + Hiob Ludolf. - Bruce. - Salt und Pearce. - Hemprich und Ehrenberg. + - Rueppell. - Tamisier und Combes. - v. Katte. - Schimper. - Aubert + und Dufey. - Lefebvre - Gebrueder d'Abbadie. - Rochet d'Hericourt. + - Beke. - Zander. - Sapeto. - Munzinger. - Lejean. - Die deutsche + Expedition. + + +"In den ersten Jahrhunderten unserer Aera stand Abessinien auf der Hoehe +der damaligen Kultur; das Christenthum, das ununterbrochen von Aegypten +den Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen stetigen Verkehr mit dem +roemischen Reiche. In Glauben, Sitte, Recht und Feinheit des Lebens war es +uns aehnlich; doch seit es von dem Abendlande durch die Fortschritte des +Islam abgeschnitten ist, blieb seine Entwicklung stehen, und wie, wer +steht, zurueckgeht, so ist auch Abessinien zurueckgegangen und ist +verwildert, wenn es auch jetzt noch Europa viel naeher steht als dem +nachbarlichen Afrika. Es ist umringt von Feinden, wie die Rose von Dornen; +im Norden, wo das Hochland in Stufen abfaellt und endlich in unabsehbare +Tiefebenen sich endet, wohnen muhamedanische Voelker, meist rebellische +Kinder des Hochlandes, die hellfarbigen Habab, die Leute von Barka; ihnen +folgen noch noerdlicher die altnomadischen fremdredenden Hadendoa. Im +Westen begrenzt Abessinien das Nilland, tuerkischer Herrschaft unterworfen, +im Sueden das halb muhamedanische, halb teufelanbetende Volk der Galla. +Wohl brauchte es Jahrhunderte, das Hochland vor allen diesen Feinden dem +Christenthume zu wahren. Doch jetzt steht Abessinien gegen aussen +unabhaengig da; es hat nur die inneren Feinde zu fuerchten, die Anarchie, +den freiwilligen Verfall seiner Religion und Sitte, den Selbstmord." + +So charakterisirt einer der besten Kenner des Landes, Werner Munzinger, +die Lage der "afrikanischen Schweiz", die von alters her das Interesse der +europaeischen Voelker wach zu halten wusste, schon wegen der Gleichartigkeit +der Religion, welche uns mit ihren Bewohnern verbindet. Dorthin verlegte +man den Sitz des schwarzen Erzpriesters Johannes, dorthin zogen +Glaubensboten und wissenschaftliche Forscher in grosser Zahl und +uebermittelten uns Kunde von den Wundern des so verschiedenartig +gestalteten Landes. Bald sind es die heissfeuchten Niederungen mit +toedtlichem Klima, tropischem Pflanzenwuchs und belebt von den Riesen der +Thierwelt, bald kahle, vom Winde gepeitschte Hochebenen, ueber denen die +gezackten, kuppel- und domfoermigen Bergriesen bis in die Eisregion +hineinragen, dann wieder die verschiedenen Staemme des Landes, +ausgezeichnet vor ihren Nachbarn durch leibliche und geistige Vorzuege, +doch tief gesunken, die uns jene Berichte vorfuehren. Endlich aber ist es +die mehr als tausendjaehrige, wol anfangs in den Schleier der Sage gehuellte +Geschichte des Landes, die mit ihrem Dynastienwechsel, ihren blutigen +Buergerkriegen und Religionskaempfen uns unwillkuerlich anzieht. Ja, +_Geschichte auf afrikanischem Boden_! Welche Anomalie! Denn sehen wir ab +von den muhamedanischen Staaten und den alten, voruebergehenden +Kulturreichen im Norden des schwarzen Erdtheils, so bietet uns allein +Abessinien eine Geschichte, ein Reich in Afrika dar. Staatenbildungen, +Historie bei den Negervoelkern zu suchen, waere vergebliche Muehe; Abessinien +aber hat beides, und der Grund dafuer liegt in der Abstammung, der Begabung +seiner Bewohner, die gleich uns zur kaukasischen Rasse gehoeren, denn sie +sind aethiopische Semiten, Verwandte der Araber, Phoenizier, Juden. + +Nach der Ueberlieferung der Abessinier kam _Kusch_, ein Sohn Ham's, in ihr +Land, liess sich dort nieder, gruendete die Stadt Axum und bevoelkerte weit +und breit die Umgebung. Er hinterliess zwoelf Soehne, unter welchen der +aelteste, _Aethiops_, dem ganzen Lande den Namen _Aethiopia_ gab. So hiess +es wenigstens bei den Griechen und heisst es heute noch offiziell. Der +allgemein uebliche Ausdruck Abessinien jedoch ist aus dem arabischen +Habesch abgeleitet. Nach dieser dunklen Sage schweigt die Tradition +wieder, und nur Erinnerungen an heidnische Gebraeuche und Schlangenkultus +fuellen den Zeitraum aus, bis die Geschichte Abessiniens - wenn auch immer +noch sagenhaft - mit derjenigen der schoenen _Koenigin Maketa von Scheba_ +(Saba) zusammenfaellt. Zu Axum hatte sie im 11. Jahrhundert vor Christus +ihren Thron aufgeschlagen; dort herrschte sie, ihr Volk beglueckend, voller +Milde und Guete. Eines Tags erschienen Fremdlinge aus einem fernen +noerdlichen Lande bei ihr, die viel von dem weisen Koenige Salomo zu +Jerusalem berichteten, der alle uebrigen Menschen an Klugheit weit +uebertraf. Ihn zu sehen, reiste die Koenigin nach Kanaan, und kaum hatte der +Judenkoenig sie erblickt, als er sich in sie verliebte und sie zur Frau +nahm. Nachdem die aethiopische Fuerstin dem Koenige einen Sohn Namens +_Menilek_ Ebn Hakim, der spaeter den Koenigsnamen David I. empfing, geboren +hatte, riefen sie die Pflichten der Herrschaft wieder nach Abessinien +zurueck, waehrend der Sohn beim Vater blieb, um dort in allen Tugenden +erzogen zu werden. Er wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Gnade, sodass +aller Menschen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Eines Nachts, +berichtet die Tradition, erschien ihm der Herr im Traume, hiess ihn wieder +in die Heimat zurueckkehren und dort den Gottesdienst nach juedischer Weise +einrichten. Heimlich warb er zwoelf Priester, unter denen Asarja obenan +steht, nahm in der Nacht die alte Bundeslade aus dem Tempel zu Jerusalem +und fluechtete mit ihr zu seiner Mutter nach Axum, wo das angebliche +Heiligthum noch jetzt gezeigt wird. Von seinem Vater Salomo wurde Menilek +lange Zeit verfolgt, allein Gottes Wundermacht schuetzte ihn und sicherte +ihn vor allen Nachstellungen, so dass er 29 Jahre ueber Aethiopien regierte. +Seit jener Zeit nun regiert nominell eine _salomonische Dynastie_ in +Abessinien, und der Glaube hieran ist unter dem ganzen Volke vom Hoechsten +bis zum Niedrigsten so fest gewurzelt und weit verbreitet, dass nichts sie +von dieser Vorstellung abzubringen vermag. + + [Illustration: Abessinische Muenzen. Nach Rueppell. + 1. Kupfermuenze des Kaisers Armah (644 bis 658), + 2. Goldmuenze des Kaisers Aphidas (536 bis 542), + 3. Goldmuenze des Kaisers Gersemur (603 bis 614).] + +Die Bewohner Abessiniens scheinen in der vorchristlichen Zeit auf einer +sehr niedrigen Kulturstufe gestanden zu haben. Mit den durch die Aegypter +civilisirten Staemmen, welche in Aethiopien den Nilstrom entlang wohnten +und das Reich Meroe gegruendet hatten, scheinen sie durchaus keinen Verkehr +gehabt zu haben, ja es ist ausgemacht, dass den alten Aegyptern das Land +erst durch die Kriegszuege Alexander's d. Gr. und durch die von ihm an die +Kueste verpflanzte Kolonie von Syrern (wahrscheinlich juedischer Religion) +bekannt wurde. Die Ptolemaeer, welche ihre Handelsverbindungen mit dem +Rothen Meere ausdehnten, errichteten Emporien und Stationen fuer die +Elephantenjagd laengs der "Kueste der Troglodyten" und Aethiopier, und der +zweite Nachkomme des grossen Soter gruendete Adulis am Golf von Zula, nahe +dem heutigen Massaua. Seine Truppen drangen, nach der von Kosmas +Indikopleustes im 6. Jahrhundert aufgefundenen sogenannten adulitischen +Inschrift, siegreich bis ueber den Takazziefluss in die damals schon +erwaehnten Schneegebirge Semien's und verpflanzten griechische Sprache und +Gesittung in das Land. In Tigrie entstand das koenigliche Axum mit seinen +hohen Obelisken, Inschrifttafeln und Koenigsgraebern, und die aethiopischen +Fuersten schlugen Gold- und Kupfermuenzen. - Doch griff diese Art hoher +Kultur, deren Bluete in das 4. bis 7. Jahrhundert faellt, erst nach der +Einfuehrung des Christenthums um sich. + +Laut predigen heute noch von der alten Herrlichkeit die Ruinen der einst +maechtig bluehenden Koenigsstadt in der Provinz Tigrie. Sie sind, wenige +andere zerstreute Reste abgerechnet, das einzige, was an die alte +Glanzzeit Abessiniens erinnert und der Zielpunkt aller Reisenden, welche +das aethiopische Hochland aufsuchen. Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts, +als der Portugiese Alvarez sich dort aufhielt, muessen manche merkwuerdige +Bauwerke daselbst vorhanden gewesen sein, die seitdem verschwunden sind. +In einer alten deutschen Uebersetzung seines Reiseberichtes heisst es: +"Chaxuma hat vieler schoener Wohnungen uff der Erde gebavet, da eine jede +seinen springenden Brunnen hat, und das Wasser den Lewen zum Rachen +herausspringet, welche aus gesprenkelten Marmelsteinen zierlich gemacht +sind.... Man findet auch an den Haeusern viel alter seltzamer Figuren, in +gar reine und harte Steine gehawen, als Lewen, Hunde, Vogel u. s. w." Auch +jetzt enthaelt Axum noch sehenswerthe Monumente, Obelisken, Stelen, +Koenigsgraeber, Opferaltaere, ueber die wir durch Salt, Rueppell und Heuglin +genaue Auskunft erhalten haben. + +Der Anblick der in einer Niederung zwischen vulkanischen Huegeln +ausgebreiteten Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen, Obelisken, Wachholder- +und Feigenbaeumen ist ueberraschend schoen. Noch ehe man das Thal betritt, +begegnet man von Osten kommend einem kleinen schlanken Obelisk, um den +mehrere aehnliche umgestuerzt in Truemmern liegen; etwas weiter sind +Schutthuegel mit Opfersteinen und einer 7 Fuss hohen Stele (Inschriftstein), +deren eine Seite eine aethiopische, die andere eine griechische Inschrift +vom Axumitenkoenig Aizanas enthaelt. Von hier fuehrt ein in den Fels +gehauener Weg oder Wasserleitung in die Stadt. Ueber den geraeumigen +Marktplatz gehend, erreicht man bald ein niedriges Plateau mit einem +riesigen Feigenbaum, dessen Stamm an 50 Fuss Umfang hat. Hier ist das +eigentliche Obeliskenfeld. Einen sonderbaren Kontrast bilden diese +schlanken, oft mit einfachen und zierlichen Ornamenten fast ueberladenen +Monolithe und Stelen zur bescheidenen Bauart der meist runden, mit Stroh +gedeckten Steinhuetten der heutigen Axumiten, die oft dicht gedraengt in +einzelnen ummauerten Gehoeften zusammenstehen, beschattet von immergruenen +Wanzabaeumen, deren dichtes Laubwerk Schneeflocken gleich mit Blueten +uebersaeet ist. Das heutige Axum hat eine Laenge von etwa einer halben +Stunde, aber Haeuser, Gehoefte und Gaerten stehen nicht dicht beisammen und +sind zuweilen durch Felder und mit Truemmern bedeckte Plaetze unterbrochen. +Die Einwohnerzahl veranschlagt Heuglin auf 2-3000. Sie treiben Ackerbau +und Viehzucht und leben in verhaeltnissmaessig glaenzenden Umstaenden, da die +vielen kirchlichen Feste und Wallfahrten und namentlich das politische +Asyl - ein von Mauern umgebener Platz beim Markte - zahlreiche Fremde nach +Axum ziehen. + + [Illustration: Der sogenannte Koenigssitz zu Axum. Nach Salt.] + +Die Obelisken, etwa 60 an der Zahl, bedecken eine niedrige Terrasse fast +vollstaendig. Die meisten sind jetzt umgestuerzt und alle scheinen aus in +der Naehe gebrochenen vulkanischen Gesteinen zu bestehen. Einzelne sind nur +rohe Steinmassen, die vollendetsten dagegen 60-70 Fuss hohe Monolithe, die +schon in der Form von aehnlichen aegyptischen Monumenten abweichen, +namentlich durch den oblongen Querschnitt, sowie durch Mangel der +Inschriften und ganz abweichende Ornamentik. Das Ganze scheint einen +(natuerlich nicht hohlen) Thurm mit 8-10 Stockwerken darzustellen, an dem +Fenster und Thor angedeutet sind. Die vor den Obelisken liegenden Platten +umfassen dieselben theilweise; sie haben zwei Stufen, eine kleine Schwelle +und vier runde Vertiefungen (Opferschalen). An verschiedenen Stellen der +Stadt stoesst man noch auf alte Baureste, namentlich auf kolossale +Quadersteine. Allerlei Toepfergeschirre, Amphoren, Schalen, Loewenkoepfe, die +als Brunnenroehren dienten, sind in Truemmer zerstreut und es koennte hier +sicher noch durch Nachgrabungen manches historisch wichtige Monument zu +Tage gefoerdert werden. Der Eindruck, welchen die verschiedenen Monumente +auf einzelne Reisende hervorbrachten, war ein sehr ungleicher. Waehrend +z. B. Rueppell, wol mit Recht, deren Kunstwerth nicht hoch schaetzt, ist +Salt von den Obelisken ganz entzueckt. Ja, von dem 60 Fuss hohen Obelisk, +der sich praechtig an dem alten Sykomorenbaum erhebt, sagt er sogar: "Nach +Vergleichung mit vielen Spitzsaeulen von aegyptischer, griechischer und +roemischer Arbeit scheint mir dieser Obelisk das bewundernswuerdigste und +vollkommenste Werk, wozu man schwerlich ein Gegenstueck findet". + +Nahe bei dem Haupteingange der beruehmten Kirche des Ortes stoesst man auf +elf in einer Reihe dicht nebeneinander stehende _Altaere_ von +eigenthuemlicher Bauart, deren einen Salt als "Koenigssitz" abbildet. Jeder +derselben besteht aus drei sich auf den vier Seiten verkuerzenden Stufen, +von welchen die unterste etwa neun Fuss im Quadrat hat. Auf der zweiten +Stufe befinden sich vier Wuerfel, die an den Eckkanten der dritten anliegen +und von welchen jeder eine achteckige Saeule traegt, aller +Wahrscheinlichkeit nach zur Stuetze der verschwundenen Deckplatte. + +Eine Stunde nordoestlich von der Stadt liegen die sogenannten "Fuchsloecher" +oder Koenigsgraeber auf einem Huegel mit herrlicher Aussicht. Auf dem +schmalen Gebirgsruecken bemerkt man ein aus grossen Quadern und Saeulen +bestehendes Fundament einer Art Grabkirche, in dessen Mitte ein Weg zum +Eingange eines Felsengrabes fuehrt, das wie sein einfaches Portal in den +Fels gearbeitet und nachher mit kuenstlicher Mauerung aus grossen Bloecken +ausgekleidet worden ist. Aehnlich den Koenigsgraebern von Theben fuehrt von +da aus dann ein Gang schraeg abwaerts; dieser muendet in drei Kammern, deren +mittlere mit einer Thuer verschlossen werden konnte. + +Erwaehnen wir nun noch die aufgefundenen Muenzen (eine kupferne des Koenigs +Armah, der von 644 bis 658 regierte, zwei goldene der Koenige Aphidas und +Gersemur aus dem 6. und 7. Jahrhundert, theilt Rueppell mit), so haben wir +so ziemlich alles erwaehnt, was von dem koeniglichen Axum uebrig blieb, das +ums Jahr 1535 von dem muhamedanischen Stuermer Granje eingeaeschert wurde. + +Die Bluetezeit der Stadt faellt mit der Einfuehrung des Christenthums +zusammen, das, lange bevor noch in Deutschland der heilige Bonifacius +(725) dem Evangelium Eingang verschaffte, durch einen Zufall an die +aethiopische Kueste verpflanzt wurde. Ein christlicher Kaufmann, _Meropius_ +mit Namen, machte naemlich mit seinen beiden Gehuelfen _Frumentius_ und +_Aedisius_ im Jahre 330 eine Geschaeftsreise laengs den Kuesten des Rothen +Meeres, landete in der Gegend des heutigen Massaua und wurde hier nebst +einem Theile seiner Schiffsmannschaft von den wilden Eingeborenen +erschlagen. Nur den beiden Juenglingen schenkte die wuethende Bande das +Leben. Man brachte sie an den koeniglichen Hof, wo sie gute Aufnahme fanden +und bald vom Koenige Sara-Din mit wichtigen Aemtern betraut wurden. Auf +ihre Veranlassung kamen noch mehrere christliche Kaufleute nach +Abessinien, die nun eine kleine Gemeinde bildeten und auch mehrere +Einheimische bekehrten. Die beiden Juenglinge reisten dann spaeter in ihr +Vaterland zurueck, zur Zeit als Athanasius Erzbischof von Alexandria war. +Aedisius wurde Priester in Tyrus; Frumentius aber wandte sich mit der +dringenden Bitte an den Erzbischof, der kleinen christlichen Gemeinde in +Abessinien einen Hirten zu senden, damit sie nicht verwaise. Athanasius +wusste hierzu aber keinen bessern zu finden, als den Bittsteller, gab dem +ehemaligen Handlungsgehuelfen die Weihe und sandte ihn nach Abessinien +zurueck. Hier angelangt fuehrte er den Namen Abba Salama, Vater des +Friedens, uebersetzte das Neue Testament in die aethiopische Sprache und +breitete das Christenthum weit ueber das Land aus, wenn auch noch ein +grosser Theil des Volkes bei der altheidnischen Religion verharrte. Die +fernere Geschichte Abessiniens ist sehr dunkel und nur durch lange Reihen +von Koenigsnamen ausgefuellt, an welche sich nur hier und da einzelne +historische Thatsachen knuepfen. + +Aus diesen entnehmen wir, dass zur Zeit des griechischen Kaisers Justinian +(um 522) eine heftige Christenverfolgung durch die Juden im suedlichen +Arabien stattfand. Justinian wandte sich deshalb an den abessinischen +Koenig _Kaleb_; dieser eilte mit einer Armee ueber das Rothe Meer, schlug +die Juden und unterwarf sich den groesseren Theil des suedlichen Arabiens, in +dessen Besitz die Abessinier auch blieben, bis sie kurz vor Muhamed's +Auftreten durch die Blattern, die in ihrem Heere stark wuetheten, gezwungen +wurden, sich wieder in ihr Land zurueckzuziehen. Im uebrigen ist aus der +langen Periode des aethiopischen Reiches bis ins 8. Jahrhundert nicht viel +Erwaehnenswerthes ueberliefert; das Volk vergeudete seine Kraefte in +unfruchtbaren Religionsstreitigkeiten und kam mit seinen Nachbarn nicht +aus dem Kriegszustande heraus. + +Unterdessen trat, den ganzen Orient erschuetternd, Muhamed mit seiner Lehre +auf. Allein der Islam fand in Abessinien wenig Eingang, jedoch wurde das +damals noch bluehende Reich Adal fuer diese neue Lehre gewonnen, und dieses +gab den zwischen beiden Laendern bestehenden Streitigkeiten bedeutende +Nahrung, indem zu den politischen nun noch religioese Kaempfe sich +gesellten, welche das Land mit Blut ueberschwemmten. Doch bevor noch diese +muhamedanischen Invasionen erfolgten, hatte Abessinien eine gewaltige +Revolution durchzukaempfen und es war fraglich, ob die Juden oder die +Christen die Oberhand erhalten sollten. Die ersteren erhoben sich naemlich +unter dem Namen der _Falaschas_ zu einer furchtbaren Macht. Durch +Heirathsverbindung zwischen der Familie ihrer Haeuptlinge und der +abessinischen Koenigsfamilie brachten sie den Koenigsthron an sich und +suchten nun die salomonische Linie ganz auszurotten. Es sind jetzt etwa +1000 Jahre darueber hingegangen, dass der letzte salomonische Koenig, +_Delnaod_, vom Throne seiner Vaeter gestossen wurde, und zwar durch eine +Juedin aus Lasta Agau, welche die ganze koenigliche Familie, einen Knaben +ausgenommen, der nach Schoa fluechtete, ermorden liess. Sie hiess _Judith_, +wie zu vermuthen steht, ein selbstbeigelegter Name mit dem beabsichtigten +Hinweis auf die alttestamentliche Heldin. Drei Jahrhunderte spaeter wurde +die Judendynastie wieder durch einen christlichen Herrscher aus dem Hause +Sague vertrieben, dessen Nachkommen bis zum Jahre 1268 regierten, also zur +selben Zeit, als in Deutschland die Hohenstaufen kraftvoll das Scepter +fuehrten. Elf Koenige soll das Haus Sague (Zagye) den Abessiniern geliefert +haben, die fuer das Christenthum eifrig wirkten, unter denen der spaeter +heilig gesprochene _Lalibela_ durch die vielen kunstvoll in Felsen +ausgehauenen Kirchen, die aegyptische Werkmeister auffuehrten, beruehmt +geworden ist. + +Die meisten dieser Felsenkirchen sind zur Zeit der muhamedanischen +Invasion im 16. Jahrhundert zerstoert worden, doch haben sich einzelne +derselben bis auf unsere Tage erhalten. Der englische Reisende Pearce +schildert uns die Felsenkirche Dschumada Mariam noerdlich von den Quellen +des Takazzie, sein Landsmann Salt jene von Abba os Guma bei Schelicut, v. +Heuglin die Felsenkirche von Tenta in Wollo. Die seltsamste duerfte aber +wol jene sein, welche der Missionaer Isenberg im Jahre 1838 bei dem Dorfe +Hauazien in der Provinz Tembien besuchte, als er gerade im Begriff war, +das Land nach dem Scheitern seines Missionswerkes zu verlassen. "Obgleich +ich aus leicht erklaerlichen Gruenden nicht aufgelegt war, die Kirche dieses +Ortes zu untersuchen, so konnte ich doch nicht umhin, ihre aeussere Form +anzustaunen. Sie scheint aus einem einzigen Granitblock zu bestehen, der +zu dem Zwecke ausgehoehlt ist, kann aber, nach dem aeussern Umfange des +Steins zu urtheilen, nur sehr wenig Raum im Innern haben. Auch die aeussere +Form des Steines ist sehr auffallend. Er ist kaum 20 Fuss hoch und in der +mittleren Hoehe, wo er am breitesten ist, da er die Form eines stehenden +Kreuzes anstrebt, mag er auch etwa 20 Fuss breit sein; seine Tiefe aber von +vorn nach hinten ist geringer. Er hat einen engen Eingang, in jedem +Seitenfluegel des Kreuzes und ueber der Thuere eine Fensteroeffnung; alles +dieses in den Fels gehauen." Gewiss ist zu beklagen, dass Isenberg diese +interessante Felsenkirche nicht auch im Innern untersuchte, da, wie es +scheint, er der einzige europaeische Reisende war, welcher sie zu Gesicht +bekam. + +Zu Ende des 13. Jahrhunderts lebte in Schoa der achte Nachkomme jenes zur +Zeit der Judenherrschaft nach Schoa gefluechteten letzten Prinzen der +salomonischen Dynastie. Sein Name war Tesfa Jesus oder _Jekuno-Amlak_. In +Abessinien aber herrschte _Nakwetolaab_, der Sague. Als eigentlicher +Herrscher des Landes musste aber der maechtige Abuna oder Erzbischof _Tekla +Haimanot_ angesehen werden, heute noch der beruehmteste Heilige der +abessinischen Kirche und Gruender des grossen Klosters Debra Libanos in +Schoa, durch dessen Eifer und Beistand die Wiedereinsetzung der alten +Dynastie ermoeglicht wurde. Aus freiem Willen, wenn auch auf dringendes +Einreden dieses Erzbischofs, leistete Nakwetolaab Verzicht auf die Krone +und stieg vom Throne herab, um jenem Nachkoemmling der salomonischen +Dynastie, nach abessinischer Vorstellung dem legitimen Sprossen Menilek's, +Platz zu machen. + +Zum Entgelt fuer sich und seine Leibeserben wurde Nakwetolaab zum Herrscher +in der Provinz Waag unter der Lehensoberhoheit des Koenigs bestellt und +dazu der Vorbehalt ausbedungen, dass fuer den Fall des Aussterbens der Linie +Menilek's die Krone an die Linie Nakwetolaab's zurueckgelange, ein +Uebereinkommen, welches solche Lebenskraft besitzt, dass es bis in die +juengste Zeit zurueckwirkt. - Von dieser Zeit an bietet die politische +Geschichte des Landes eine Reihe von kriegerischen Expeditionen dar, +welche ihre Koenige, zum Theil ausgezeichnete Helden, gegen auswaertige +Voelker unternahmen, waehrend die muhamedanische Macht an der Grenze sich +immer drohender entwickelte. + + [Illustration: Felsenkirche von Hauazien. Nach Isenberg.] + +In dieser Noth fand eine naehere Verbindung zwischen Europa und Abessinien +statt, ja es war die Rede von einer Verschmelzung der Landeskirche mit der +roemisch-katholischen, die durch Pilgerfahrten nach Jerusalem angeregt +worden war. Dort hatten die frommen abessinischen Wallfahrer von dem +aufstrebenden Glanze Portugals gehoert, und die Berichte derselben erregten +in Koenig _Jakob_, der von 1421 bis 1470 regierte, den Wunsch, mit dem +abendlaendischen Reiche in Verbindung zu treten. Eine Gesandtschaft wurde +nach Lissabon geschickt, um dort vom Koenige Alphons Huelfe gegen die +Unglaeubigen zu erbitten. Diesem, der damals mit kriegerischen Plaenen gegen +die Mauren Nordafrika's umging, kam der Wunsch Jakob's sehr gelegen, +obgleich damals der Weg ums Kap der guten Hoffnung herum noch nicht +entdeckt war; allein er konnte, ohne den maechtigen Papst gefragt zu haben, +auf die Allianz mit Abessinien nicht eingehen, und dieser forderte als +erste Bedingung eines Buendnisses die unbedingte Unterwerfung der +getrennten aethiopischen Kirche unter den Stuhl Petri. Die abessinischen +Gesandten mussten deshalb 1441 auf dem Florentiner Konzil erscheinen, wo +eine vorlaeufige Ausgleichung zwischen beiden Kirchen stattfand. Schon im +folgenden Jahre erschienen neue Bevollmaechtigte auf dem lateranischen +Konzil zu Rom, um den Ausgleich zu bestaetigen und dringend aufs neue um +Huelfe zu bitten. Diese jedoch verzoegerte sich und an ihre Stelle trat nach +langem Briefwechsel 1490 eine von Koenig Johann II. an Koenig Eskander von +Abessinien geschickte Gesandtschaft, welche mit den groessten +Ehrenbezeugungen aufgenommen wurde. Dabei blieb es aber vor der Hand und +die Muhamedaner rueckten immer mehr gegen die Abessinier an. Im Jahre 1527 +wurde der Hafenplatz Massaua von den Tuerken eingenommen und von diesen mit +dem an der Kueste herrschenden Dankali-Koenige _Muhamed Granje_, dem +"Linkshaendigen", ein Buendniss abgeschlossen, welches den Zweck hatte, +Abessinien gaenzlich zu unterwerfen und an die Stelle des Evangeliums den +Koran zu setzen. Granje, dessen Vaeter von den abessinischen Koenigen mit +dem Schwerte erschlagen worden waren, hatte blutige Rache geschworen und +fiel gleich einem reissenden Strome mit einem zahlreichen Heere in das Land +ein. Durch den gelben Sand der duerren Adalebenen und die gluehend heissen +Gestadelaender ziehend, stieg er hinauf in die kuehleren, gesegneten +Berglandschaften Schoa's, alles vor sich niederwerfend, sengend und +brennend. Weit und breit dampfte das Land vom Blute der Erschlagenen; +nicht Weib noch Kind wurde geschont, die Kirchen und Staedte, darunter der +Koenigssitz Axum, wurden niedergebrannt, die koenigliche Familie aus ihrer +Felsenburg Endoto verjagt und fluechtig von dannen getrieben. Damals war +es, dass die nur mit Schwertern und Lanzen bewaffneten Abessinier zum +ersten male den Feuerwaffen der Muhamedaner begegneten, vor deren +ungewohntem Klange sie davoneilten, wie gescheuchte Rehe des Waldes. Die +Muhamedaner aber ergossen sich ueber das wehrlose Land, veruebten die +groessten Greuel und waren eben im Begriffe, sich dauernd dort +niederzulassen, als die laengst erwartete Huelfe aus Portugal eintraf. + +Don _Christoph da Gama_, ein Verwandter des beruehmten Vasco da Gama, kam +mit einer kleinen portugiesischen Flotte in Massaua an und landete mit 400 +wohlgeruesteten Kriegern, mit denen er rasch nach Tigrie eilte, sie dort +mit den Resten der geschlagenen abessinischen Armee vereinigte und nun +muthig den Streitern des Islams entgegenfuehrte. Das erste groessere Gefecht +der Portugiesen gegen die Muhamedaner verlief ungluecklich. Da Gama wurde +verwundet und fluechtete in eine Hoehle, wo ihn eine muhamedanische Sklavin +von ausserordentlicher Schoenheit, welche er als Dienerin mit sich fuehrte, +ihren Glaubensgenossen verrieth. Er wurde vor Granje gefuehrt, welcher ihm +eigenhaendig mit der linken Hand den Kopf abschlug, der nach Konstantinopel +gesandt wurde, waehrend die Stuecke des geviertheilten Koerpers nach +verschiedenen Gegenden Arabiens wanderten. Die Portugiesen, anfangs durch +den Verlust ihres Feldherrn bestuerzt gemacht, rafften sich indessen von +neuem auf, schlugen die Muhamedaner, toedteten Muhamed Granje und setzten +den rechtmaessigen Koenig Claudius (Galaudios) wieder in den Besitz seines +Thrones. + +Nichts umsonst! So lautete damals schon der Wahlspruch, und die +Portugiesen, die ihr Blut nicht ohne Gewinn verspritzt haben wollten, +traten nun mit zwei Forderungen auf. Zunaechst verlangten sie den dritten +Theil des Landes und dann unbedingte Unterwerfung der aethiopischen Kirche +unter den roemischen Papst. Die Abessinier sahen ein, dass sie einen Feind +losgeworden, dafuer aber einen andern, kaum minder schlimmen, aufs neue +sich zugezogen hatten. Claudius, welcher sich in seinem Glauben nicht irre +machen liess, auch der Portugiesen jetzt nicht mehr zu beduerfen glaubte, +verweigerte beide Forderungen kurzweg und holte einen neuen Abuna +(Vorstand der aethiopischen Kirche) aus Alexandrien, waehrend er den +roemischen Geistlichen, an deren Spitze _Bermudez_ stand, befahl +heimzukehren. Die Portugiesen waren aber weit davon entfernt, so ohne +weiteres die Fruechte ihres Sieges aufzugeben. Im Jahre 1555 kam eine +Jesuitenmission in Abessinien an, welcher bald darauf eine zweite unter +dem Bischofe Orviedo folgte, aber alle ihre Anstrengungen waren +vergeblich, indem Koenig Claudius selbst ueber Glaubenssachen mit Orviedo +disputirte, ihn zu widerlegen suchte und, als dieser darauf die ganze +abessinische Kirche in den Bann that, ihn mit seinen Genossen aus dem +Lande verwies. Nur mit Widerstreben gehorchten die Patres, die nach Japan +versetzt wurden, wo sie, anfangs zu Einfluss gelangend, auch spaeter wieder, +wegen ihrer Einmischung in die Regierung des Landes, vertrieben wurden. +Von Indien aus versuchten es die Juenger Loyola's nun zu wiederholten +Malen, in Abessinien festen Fuss zu fassen, bis es ihnen endlich zur Zeit +der Regierung des Koenigs _Sosneos_ (Seltan Seggad) gelang, sich +festzusetzen. Unter diesem Koenige, der ausserordentlich viel auf eine +Verbindung mit Portugal gab, wurde auf Betreiben der Jesuiten die roemische +Kirche fuer die alleinseligmachende erklaert, die bisherigen abweichenden +Lehren und Gebraeuche abgeschafft und die Einfuehrung des roemischen +Gottesdienstes und Glaubens im ganzen Reiche eifrig betrieben. Vergeblich +warnten den Koenig seine Freunde, flehten seine Geistlichen mit dem +hundertjaehrigen Abuna Simeon an der Spitze, den Eingebungen der Jesuiten +nicht zu folgen und treu am Glauben der Vaeter festzuhalten. Wer nicht +wollte, musste gehorchen oder des koeniglichen Missfallens und schwerer +Strafen gewaertig sein. Allein aufgestachelt von den Priestern liess das +Volk die Glaubenstyrannei sich nicht gefallen und griff zu den Waffen, um +die alte Religion zu vertheidigen. Der Koenig, durch die fanatischen +Jesuiten immer mehr angefeuert, schickte den Scheftas (Rebellen) ein +maechtiges Heer unter dem Oberbefehl seines Bruders entgegen, dem es auch +bald gelang, die Revolution blutig niederzuwerfen. Dieser Sieg veranlasste +das Einstroemen zahlreicher portugiesischer Geistlichen, die, den +Erzbischof _Mendez_ an der Spitze, nun mit dem groessten Eifer fuer +Ausbreitung des Katholizismus in Abessinien Sorge trugen. In einer +feierlichen Versammlung wurde das alexandrinische Bekenntniss fuer +abgeschafft erklaert und jeder mit dem Bannfluche belegt, der sich der +neuen Ordnung nicht fuegte. + +Die Herrschaft der Jesuiten ruhte nun schwer auf dem Lande, und vor ihrem +Fanatismus blieben nicht einmal die Graeber verschont. Einer der +vornehmsten Priester, der sich der neuen Ordnung nicht gefuegt hatte, starb +und wurde auf dem Kirchhofe begraben; auf Befehl des Erzbischofs Mendez +grub man jedoch die Leiche aus und warf sie den Hyaenen vor. Diese und +aehnliche Handlungen erweckten die Wuth des Volkes aufs neue, und wiederum +brach eine Empoerung aus, diesmal mit dem Zwecke, _Melea Christos_, einen +Vetter des Koenigs, auf den Thron Abessiniens zu erheben. Die zahlreiche +Armee des Sosneos wurde nun geschlagen und dieser zu einer Vermittelung +zwischen dem alten und neuen Glauben gezwungen. Erzbischof Mendez +gestattete, dass die alte Liturgie und die alten Festtage wiedereingefuehrt, +sowie die Feier des Sonnabends neben dem Sonntage geduldet wurde. Mit +Ausnahme der Einwohner der Provinz Lasta ergaben sich alle Abessinier +hierein; jene aber, die konservativsten unter allen, zogen 20,000 Mann +stark den Koeniglichen entgegen, wurden aber namentlich durch die aus Galla +bestehende Reiterei des Sosneos geschlagen, sodass 8000 tapfere Maenner von +Lasta mit ihren blutigen Leichen das weite Schlachtfeld deckten. Gegenueber +diesem Anblick, bei den verstuemmelten Koerpern ihrer dahingeopferten +Brueder, die fuer den alten Glauben gefallen waren, erweichte das Herz der +Sieger und, den Kronprinzen _Fasilides_ an der Spitze, ging - was wol +einzig in der Kriegsgeschichte dastehen duerfte - der Sieger zu dem +Besiegten ueber, dessen Sache zur seinigen machend und den Koenig Sosneos +zwingend, zur Religion der Vaeter zurueckzukehren. Nach diesem Siege, der +zur Niederlage des Katholizismus wurde, durchzog ein Herold das Land, +welcher laut verkuendigte: "Hoert, hoert! Frueher haben wir euch den roemischen +Glauben empfohlen, in der Meinung, dass er der wahre sei. Da aber grosse +Scharen unserer Unterthanen fuer den alten Glauben ihrer Vaeter das Leben +geopfert haben, so soll auch die freie Ausuebung desselben wieder gestattet +sein. Eure Priester moegen ihre Kirchen wieder in Besitz nehmen und darin +dem Gott ihrer Vaeter dienen." + +Damit war der Untergang des Katholizismus besiegelt; laut jubelnd stroemten +die Abessinier in die alten Gotteshaeuser, und als im Jahre 1632, nach dem +Tode des Koenigs Sosneos, dessen Sohn Fasilides an die Regierung kam, waren +auch die Stunden der Jesuitenvaeter gezaehlt. Sie wurden zunaechst in das +Kloster Mai Goga bei Adoa verbannt, fluechteten aber von hier vor den +Verfolgungen des Poebels. Mendez selbst gerieth auf der Flucht zu Sauakin +in die Sklaverei und statt seiner nahm wieder ein Abuna aus Alexandrien +den hoechsten Kirchensitz zu Gondar ein. Ist auch die Invasion der +Portugiesen, die Herrschaft der Jesuiten ueber das Land nicht ohne Einfluss +in kulturhistorischer Beziehung geblieben, so wurde doch ein guter Theil +des Volks und Reiches in den inneren Zwisten dem Ruin zugefuehrt. + +In der folgenden Periode regierten bis 1753 acht Koenige, mehr oder minder +kraeftig, die aber alle nicht hindern konnten, dass die Macht der Haeuptlinge +wuchs, die Herrscherwuerde im Ansehen immer mehr sank und das Reich sich +unaufhaltsam in seine Theile aufloeste, sodass allmaelig die drei Staaten +_Amhara_ in der Mitte, _Tigrie_ im Norden, _Schoa_ im Sueden sich unter +eigenen Fuersten herausbildeten, die den ohnmaechtigen Koenig im Palaste zu +Gondar nur dem Scheine nach anerkannten. Unter Koenig _Joas_ (1753-1769) +hatte der Statthalter von Tigrie, der furchtbare _Ras Michael_, als eine +Art von Major Domus die ganze Macht an sich gerissen, den Kaiser umbringen +lassen und dessen bejahrten Grossoheim, Johannes, gleich einer Puppe auf +den Thron erhoben, und als dieser fuenf Monate spaeter starb, dessen jungen +Sohn Tekla Haimanot II. zu seinem Nachfolger ernannt. Jene Zeiten, die uns +Bruce mit grosser Anschaulichkeit als Augenzeuge schildert, bilden eines +der blutigsten Blaetter in der Geschichte Abessiniens. + + [Illustration: Krieger von Schoa. Nach Harris.] + +Sturz und Erhebung, Buergerkrieg und Mord wechseln miteinander ab und die +Menge der auftretenden Namen, der unzufriedenen Haeuptlinge, der ermordeten +Statthalter ist geradezu verwirrend. Durch stete Treulosigkeit suchten +sich die abessinischen Haeuptlinge gegenseitig zu ueberlisten, wobei ihnen +meist eheliche Verbindungen als Deckmantel dienten, um das unglueckliche +Land fortwaehrenden Verheerungskriegen preiszugeben, welche stets nur zur +Befriedigung des individuellen Ehrgeizes, niemals aber im Interesse des +Reiches gefuehrt wurden. Durch so viele Veraenderungen und durch die +bestaendigen Buergerkriege war die Herrschermacht so in Verfall gerathen, +dass das Koenigthum nur noch in dem Palaste des jeweiligen Koenigs zu Gondar +thatsaechlich bestand, ausserhalb desselben aber so wenig, dass die meisten +der nominellen Unterthanen _nicht einmal den Namen des Herrschers +kannten_. Die Existenz des Koenigs war nur eine Aegide fuer den _Ras_ oder +Protektor des Reiches, der nur durch Erhebung eines Koenigs auf seinen +Thron und durch Beschuetzung desselben seine eigene Wuerde erhielt, sonst +aber ganz nach seinem eigenen und seiner Grossen Gutduenken schaltete. Unter +ihm standen die vielen Reichsvasallen, die Provinzial-Gouverneure, deren +Wuerde erblich ist, die aber ebenfalls so viel Unabhaengigkeit zu erstreben +suchten, als sie nur konnten. Jeder Gouverneur war verpflichtet, bei +militaerischen Expeditionen seinem Obern mit so vielen Soldaten zu Huelfe zu +eilen, als er selbst unterhalten konnte, und sein buergerlicher Rang im +abessinischen Staatskoerper wurde nach der Stelle bestimmt, die ihm im +Heere, d. h. im koeniglichen Lager und auf dem Marsche angewiesen wurde. + +Vorzueglich aber hatten diese Statthalter das Recht sich angemasst, +Gegenkaiser zu ernennen und die ihnen missfaelligen Thronbesitzer zur +Abdankung zu zwingen. Da sie ueberdies noch die Tributzahlungen +einstellten, wurde das Ansehen und die Macht der Koenige so herabgewuerdigt, +dass sich das Einkommen derselben zu Anfang unseres Jahrhunderts auf +dreihundert Thaler belief. Welche Civilliste fuer einen Herrscher +Aethiopiens! Um sich aber von der Wandelbarkeit der abessinischen +Koenigswuerde eine rechte Vorstellung machen zu koennen, sei hier bemerkt, +dass seit dem Abdanken des Koenigs Tekla Haimanot II. (1778) bis zum Jahre +1833 vierzehn verschiedene Fuersten zweiundzwanzigmal als Koenige in Gondar +auf dem Throne gesessen haben. Ein Nebenstueck hierzu finden wir allerdings +in den sogenannten Republiken Suedamerika's, wo der Praesidentenstuhl nicht +minder haeufig wechselt. + +Nachdem der erwaehnte Ras Michael durch den Statthalter der Provinz Lasta, +_Wend Bowosen_, am 4. Juni 1771 besiegt und gefangen worden war, +bemaechtigte sich der Befehlshaber von Tembien, _Kefla Jesus_, der Provinz +Tigrie. Derselbe bat, um sich in seinem Besitzthum moeglichst zu +befestigen, seinen Verbuendeten, den Wend Bowosen, ihren gemeinschaftlichen +Gegner, den furchtbaren Ras Michael, der zu Dobuko gefangen sass, aus der +Welt zu schaffen; allein jener that das Gegentheil: er setzte den +Gefangenen in Freiheit und machte ihn mit dem Plane des Kefla Jesus +bekannt. Ergrimmt zog nun der alte tapfere Ras Michael mit wenigem Gefolge +nach Tigrie, und fast die ganze Armee seines Gegners Kefla Jesus ging zu +ihm, ihrem alten General, unter dem sie so oft gesiegt hatte, ueber. Jener +wurde hierauf gefangen und von Ras Michael 1772 aufs grausamste ums Leben +gebracht, der auch bis zu seinem 1779 erfolgten Tode ueber Tigrie herrschte +und seinen Sohn _Ras Walda Selassie_ zum Nachfolger erhielt; dieser Fuerst, +welcher aus den Erzaehlungen der englischen Reisenden Salt und Pearce +bekannt geworden ist, regierte, wiewol keineswegs ungestoert, bis zum Mai +1816 ueber Tigrie; nach seinem Tode war das Land sechs Jahre in einem +hoechst anarchischen Zustande, indem nicht weniger als vier Haeuptlinge +nacheinander um die Obergewalt kaempften. Im Jahre 1822 gelang es +_Sabagadis_, dem Statthalter der Provinz Agamie, sich in der Obergewalt zu +befestigen und ueber acht Jahre lang in Tigrie zu regieren. Er soll damals +den kuehnen Gedanken gefasst haben, sich die Alleinherrschaft in Abessinien +zu erringen, wozu er wahrscheinlich durch verschiedene bei ihm befindliche +Europaeer veranlasst wurde. Allein auch er theilte das Schicksal seiner +Vorgaenger und erhielt in _Ubie_, einem talentvollen, kuehnen und grausamen +Manne, einen noch weit bedeutenderen Nachfolger. Ubie war der +Schwiegersohn des Sabagadis und Detschasmatsch der gebirgigen Provinz +Semien; das hinderte aber den Schwiegervater nicht, gegen ihn, dessen +aufstrebende Macht er fuerchtete, zu intriguiren. Vereinigt mit Ras Maria, +dem Befehlshaber der Provinzen Begemeder und Dembea, rueckte nun Ubie an +den Takazzie, schlug dort am 15. Februar 1831 seinen Schwiegervater +Sabagadis vollstaendig und liess ihn am folgenden Tage hinrichten. Waehrend +nun Ubie von den Grossen zu Axum als Herr Tigrie's ausgerufen wurde, +kaempfte der aeltere Sohn des Sabagadis, Walda Michael, gegen ihn fort, doch +ohne Erfolg; er wurde gleichfalls getoedtet, und auch der zweite Sohn, +Kassai, musste sich Ubie ergeben. Aber Kassai blieb nicht treu, sondern +versuchte abermals zu rebelliren. Um ihn fester an sich zu knuepfen, +schenkte ihm Ubie im Spaetjahre 1836 seine siebenjaehrige Tochter zur Frau, +sowie ein bedeutendes Gebiet in Tembien zur Mitgift und liess sich dabei +alle Hauptanhaenger Kassai's nennen, die in Verwahrsam gebracht wurden. Als +darauf Kassai 1838 wieder rebellirte, zog Ubie mit einer bedeutenden Armee +gegen ihn, schlug ihn und setzte ihn in einer Bergveste gefangen, wo seine +Frau nicht von ihm wich. Dann befestigte sich seine Macht immer mehr und +erreichte ihren Gipfel durch den Fall Balgadaraia's, eines maechtigen +Fuersten in Ost-Tigrie, der zeitweise die Abwesenheit Ubie's zu raschen +Verheerungs- und Raubzuegen bis nach Adoa und zum Takazzie benutzte. Im +Jahre 1850 stellte sich Balgadaraia freiwillig dem Ubie und wurde von +demselben mit Laendereien belehnt. + +Im centralen Staate Abessiniens, in Amhara, regierte unterdessen nicht +minder gewaltig, doch mit weniger Glueck, _Ras Ali_, welcher die ganze +Herrlichkeit an sich gerissen hatte und den Koenig oder Kaiser _Saglu +Denghel_ noch mehr zur Unbedeutendheit herabdrueckte, als dieses bisher mit +den Herrschern geschehen war. Fuer seinen Lebensunterhalt waren diesem +Herrscher ueber Abessinien nur 300 Maria-Theresia-Thaler jaehrlich +geblieben, welche die in Gondar wohnenden Muhamedaner als eine Art +Kopfsteuer zu entrichten hatten. Mit dieser unbedeutenden Summe und dem +Betrage einiger wenigen zufaellig eingehenden Strafgelder musste die ganze +Hofhaltung bestritten werden. Die hierdurch entstehende grosse finanzielle +Bedraengniss, bei welcher der Titularkoenig des Reiches kaum die noethigsten +Mittel zur Anschaffung seiner Nahrung hatte, war es wol, welche Saglu +Denghel auf den Gedanken brachte, dass, da in Abessinien der Herrscher +zugleich als das hoechste Haupt der Landeskirche angesehen wird, er auch +das Recht haben muesse, diejenigen Schenkungen, welche seine Vorfahren in +gluecklichen Zeiten der Kirche gemacht hatten, jetzt, da der Thron dieselbe +zu seinem eigenen Bestehen nothwendig habe, wenigstens theilweise +zurueckzuverlangen. Er erklaerte dieses im Anfange des Jahres 1833 den in +Gondar anwesenden Geistlichen, brachte aber dadurch den ganzen Klerus +gegen sich auf - also genau so wie bei uns, wenn z. B. ein Koenig von +Italien die Kirchengueter zum Besten des Landes einzieht, nur mit anderm +Erfolge. Dass Soldaten sich der Einkuenfte vieler Kirchengueter bemeisterten, +hatte man freilich geschehen lassen muessen, weil es nicht verhindert +werden konnte; aber in die Schmaelerung der kirchlichen Revenuen als etwas +Gesetzliches von freien Stuecken einzuwilligen, dazu war die abessinische +Geistlichkeit ebenso wenig zu bewegen, wie irgend ein Klerus Europa's. +Saemmtliche Geistliche von Gondar verfuegten sich also zum Kaiser und +protestirten energisch gegen die Neuerung, ja, sie fingen sogar an, die +Kirchen zu schliessen und jegliche geistliche Funktion einzustellen, +worueber besonders die alten Frauen in Bestuerzung geriethen. Am 19. Januar +1833 begab sich die ganze Geistlichkeit in feierlichem Aufzuge zum +Protektor Ras Ali nach Fangia und bat denselben dringend, dem Saglu +Denghel die Koenigswuerde zu nehmen, weil er sich derselben durch die +Einfuehrung ketzerischer Neuerungen in dem zwischen Staat und Kirche +bestehenden Verhaeltnisse unwuerdig gemacht habe. Solche Versuche, fuegten +sie hinzu, wuerden ohne allen Zweifel den Ruin des Reiches nach sich ziehen +und von jeher sei ja auch ein Angriff auf die geistlichen Rechte von allen +Synoden als verdammenswerth anerkannt worden. Indem wir diese uns von +Rueppell, der als Augenzeuge spricht, mitgetheilten Einzelheiten lesen, +kommt es uns vor, als sei hier etwa von Oesterreich und dem Jahre 1867 die +Rede, wo beim Streite ueber die Aufhebung des Konkordates der Klerus der +Regierung gegenueber die naemliche Sprache, die naemlichen Argumente +gebrauchte. So sehr gleicht sich die Geistlichkeit in allen Theilen +unserer Erde. + +Der Klerus erreichte seinen Zweck vollkommen, denn Ras Ali schickte +sogleich einen seiner Offiziere mit dem Befehle nach Gondar, dass der Koenig +augenblicklich das Schloss verlasse und die Krone niederlege, fuer welche er +bei seiner Rueckkehr von einem Kriegszuge einen Wuerdigeren ernennen werde, +und diesem Befehle wurde ohne die mindeste Widersetzlichkeit Folge +geleistet. So endete die nominelle Herrschaft Saglu Denghel's nach einer +Dauer von nur vier und einem halben Monate und so gingen damals die +Protektoren mit dem "Koenige" um. Ras Ali wies dem abgesetzten Herrscher +ein kleines Dorf in der Naehe des Tanasees als zukuenftigen Wohnsitz und die +geringen Einkuenfte desselben zu seinem ferneren Unterhalte an. Lange Zeit +blieb der Thron unbesetzt, und die folgenden Koenige sind auch nur von +chronologischem Interesse, da eine Bedeutung ihnen nicht mehr zukam und +das Land in der That aus drei gaenzlich getrennten Staaten, aus Schoa unter +Koenig Sahela Selassie, Amhara unter Ras Ali und Tigrie unter Ubie bestand. +Im Verfolge unseres Werkes werden wir noch oft Gelegenheit haben, diese +drei Theilfuersten zu erwaehnen, von welchen namentlich der erstere und der +letztere unser Interesse um deswillen in Anspruch nehmen, weil sie mit den +Europaeern in nahe Verbindungen traten und von verschiedenen Reisenden +aufgesucht wurden. Ubie, etwa im Jahre 1800 geboren, war, nach Rueppell's +Bericht, ein Mann von hagerer Statur und mittlerer Groesse; in der Kopfform +und Koerperhaltung sprach sich ein gewisser Adel aus und seine schoenen +lebhaften Augen verriethen Geist und Gewandtheit; seine Gesichtsfarbe war +gelbbraun; sein schoengelocktes Haar kurz verschnitten. Man ruehmte ihm +Tapferkeit, Grossmuth, Freigebigkeit und Gerechtigkeitsliebe nach. "Die +Art, wie er den Frieden in Tigrie herzustellen und zu befestigen suchte," +sagt Rueppell, "giebt eine offene und loyale Handlungsweise zu erkennen, +wie sie die jetzigen Abessinier leider nicht verdienen." Auch mit Huelfe +der Geistlichkeit suchte er seine Macht zu befestigen. Denn schon seit +vierzehn Jahren war der Sitz des Metropoliten von Abessinien verwaist, als +Ubie im Jahre 1841 mehr aus politischem als kirchlichem Interesse in _Abba +Salama_ einen neuen Abuna (Erzbischof) aus Kairo holen liess. Er hatte +schon laengst darauf gesonnen, Ras Ali zu stuerzen und durch Einsetzung +eines neuen Koenigs auf den Thron von Gondar sich selbst zum Ras oder +Protektor des Reiches, also zum obersten Machthaber des ganzen Landes, zu +erheben. Der Abuna sollte durch seinen Einfluss auf die Kirche seine Macht +verstaerken und wol auch den neuen Koenig salben, zu welchem der Prinz Tekla +Georgis bestimmt war, der jedoch bald starb. + +Allein keiner von beiden Rivalen, weder Ubie noch Ras Ali, sollte auf den +alten Thron Abessiniens gelangen, - die Herrschaft fiel einem dritten zu, +der, vom Gluecke beguenstigt, mit Thatkraft ausgeruestet, wenigstens +zeitweilig dem grauenhaften Zustande ein Ende machte, welcher seit langem +das Land zerfleischte und Rueppell die Worte abdraengte: "Ich muss gestehen, +dass bei dem jetzigen gesetzlosen Zustande des ganzen Landes nicht der +geringste Hoffnungsstrahl einer sittlichen Regenerirung der Nation +leuchtet und dass der vollkommene Mangel einer kraeftigen Regierung das +Haupthinderniss dabei ist und um so schwerer zu beseitigen sein wird, da +gegenwaertig auch nicht eine einzige Fraktion des Volkes an die Herstellung +einer solchen denkt. Der letzte Schatten eines gemeinsamen politischen +Oberhauptes ist mit der Absetzung des Kaisers Saglu Denghel geschwunden. +Die Geschichte der letzten sechzig Jahre zeigt eine vollkommene politische +Aufloesung des Landes und dreht sich blos um die Haeuptlinge, welche in den +verschiedenen Provinzen, als gleichsam voneinander unabhaengigen Staaten, +sich zu unumschraenkten Herrschern aufwarfen, durch List und Kuehnheit ihre +Nebenbuhler verdraengten und dann meistens selber wieder durch +Treulosigkeit ihrer Verbuendeten gestuerzt wurden. So herrschen denn +fortwaehrend Buergerkriege, welche in der Regel keinen andern Zweck haben, +als einen durch Versprechungen und Eidschwuere eingeschlaeferten Gegner zu +verdraengen, und die Bewohner einiger Distrikte, die in einem kurzen +Frieden etwas Eigenthum erlangt haben, auszupluendern. Die nothwendige +Folge davon ist eine stets zunehmende Verarmung; das Grundeigenthum hat +beinahe gar keinen Werth mehr; der Ackerbau wird immer mehr +vernachlaessigt; die Viehherden sind ungemein zusammengeschmolzen und der +Verkehr ist wegen der grossen Unsicherheit oft ganz unterbrochen." + +Rueppell bezieht diese Worte auf das Jahr 1833; allein sie hatten noch +Geltung in der Mitte dieses Jahrhunderts; der traurige Zustand des armen +Landes und Volkes, das nach Erloesung aus diesen Uebeln jammerte, war bis +dahin und ist auch noch heute derselbe. + +Auf eine Hoffnung aber baute seit alten Zeiten jedermann in Abessinien. +Nach der Tradition sollte ein Koenig _Theodoros_ erscheinen, um dem Lande +den ewigen Frieden zu bringen. Dieser Theodoros regierte einst schon im +15. Jahrhundert und ward heilig gesprochen; aber wie unser Barbarossa wird +er, so glaubt der Abessinier, wiederkehren zu seiner Zeit, um das Reich +des ewigen Friedens in Aethiopien einzufuehren. An der Spitze seiner +Scharen wird er das heilige Grabmal den Haenden der Unglaeubigen entreissen, +die Tuerken aus Europa in ihre urspruengliche asiatische Wildniss +zuruecktreiben, Mekka und Medina zerstoeren und die ganze muhamedanische +Religion von der Erde vertilgen. Wo er hinkommt, weilt der Friede, und +Jerusalem wird der Hauptsitz der abessinischen Kirche, welche sich dann zu +Glanz und unerhoerter Bluete entfalten wird. - - + +Wohl kam der Held, der den Thron bestieg, allein der ersehnte Friede blieb +aus. Theodoros II., der Sohn einer armen Frau, vereinigte das Reich wieder +in seiner starken Hand und hob es zu einer Stellung, wie zuvor nie. + + -------------- + +Ueber die Verfassung Abessiniens koennen wir kurz berichten. Der Herrscher +(Kaiser oder Koenig) fuehrt den Titel _Negus_ oder _Negus Nagast za +Aitiopija_, d. h. Koenig der Koenige von Aethiopien. Die Residenz war in der +aelteren Zeit zu Axum; gegen Ende des 13. Jahrhunderts, als die alte +salomonische Dynastie wieder zur Regierung kam, eine Zeit lang zu Tegulet +in Schoa, spaeter zu Gondar, wenn auch das ehrwuerdige Axum noch immer +Kroenungsort blieb. Allein der duestere Palast, den die Jesuiten zur Zeit +des Koenigs Fasilides in Gondar errichtet hatten, behagte den Herrschern +nicht, die lieber in ihrem rothen Zelte im freien Feldlager residirten und +dort ihre Einkuenfte an Herden, Getreide, Gold, Zeugen in Empfang nahmen, +waehrend sie die Zoelle und Wegegelder den Verwaltern der Provinzen +ueberliessen. Im Grunde aber war der Negus Herr des ganzen Landes; er konnte +nach Belieben jedem Verwalter seinen Grund und Boden nehmen, um denselben +einem andern zu schenken, und von dieser Macht haben die Koenige auch +fortwaehrend reichlich Gebrauch gemacht. Ihre Macht war in der That +unumschraenkt, und nur ueber gewisse, durch Jahrhunderte alte Sitten und +geheiligte Fundamentalordnungen wagten auch sie sich nicht wegzusetzen. +Ein Adel existirte dem Namen nach; doch nur die Mitglieder des koeniglichen +Geschlechtes erschienen bevorzugt, wenn auch die Brueder des Herrschers bis +ins vorige Jahrhundert hinein in Staatsgefaengnissen gehalten wurden, um +keine Intriguen anzetteln zu koennen. Ein besonderes Ministerium gab es +nicht, wohl aber zahlreiche Hof- und Staatsaemter. Welche Rolle die +Gouverneure und Majordomen (Ras) spielten, zu welchem Ansehen sie +gelangten und wie sie ihre Gewalt an Stelle der Koenigsmacht setzten, wurde +bereits gezeigt. + +Naechst dem Ras war frueher der maechtigste Gouverneur der von Tigrie, der +den Titel Lika Kahenat (Hoherpriester) und Nabr Id als Hueter der +Bundeslade in Axum fuehrte. Der hoechste Wuerdentraeger ist gegenwaertig der +Herzog oder _Detschasmatsch_ (Dadjazmatsch, Djeaz, Djeatsch, Kasmati). Das +Wort bedeutet eigentlich einen, "der an der Thuere kaempft", um anzudeuten, +dass im koeniglichen Heerlager dieser Wuerdentraeger mit seinen Truppen die +Stelle vor der Thuere des koeniglichen Zeltes hat und sich an die Leibgarde +des Herrschers anschliesst. Auf den Detschasmatsch folgt der _Fit Auri_, +der Fuehrer der Avantgarde. Er zieht mit seinen Truppen dem Heere +rekognoscirend voran und lagert sich zwischen diesem und dem Feinde oder, +wenn kein Feind da ist, in der Vorhut des Lagers. Niedere Wuerdentraeger +sind der Kanjasmatsch, der mit seinen Truppen zur Rechten des koeniglichen +Zeltes lagert, und der Gerasmatsch zur Linken desselben. Neben diesen +kriegerischen Wuerden gab es auch friedliche. Bei Hofe war eine Anzahl +gelehrter Maenner, Lik geheissen, die zusammen eine Art Gerichtshof bildeten +und mit deren Huelfe schwierige Faelle entschieden wurden. Die Justiz war +von der Verwaltung nicht geschieden und das Gesetzbuch _Feta Negust_, +d. h. Richtschnur der Koenige, umfasste das weltliche und kanonische Recht. + + [Illustration: Koenig Salomo (abessinische Malerei). Nach Harris.] + +Dies ist in kurzen Umrissen die politische Geschichte Abessiniens, die zu +derjenigen der europaeischen Staaten nicht in der geringsten Beziehung +stehen wuerde, waere das Land nicht ein christliches Reich. Gerade aber dem +Christenthum verdankt es das Interesse, welches fuer dasselbe stets im +Abendlande wach war und welches eine Reihe ausgezeichneter Forscher und +Missionaere nach jenem bergigen Lande in Nordostafrika wallfahrten liess, um +uns Kunde von seinen Wundern, seinen Naturschoenheiten, seinen Bewohnern +und deren Religion zu bringen. + +Sehen wir ab von der schon erwaehnten Fahrt des _Kosmas __Indikopleustes_, +eines christlichen Kaufherrn aus Alexandria, welcher im 6. Jahrhundert die +Bai von Adulis besuchte und dort eine wichtige Inschrift kopirte, die er +in seiner "_Topographia christiana_" veroeffentlichte, so treffen wir +zunaechst wieder im Dogenpalast zu Venedig in dem Weltbilde des _Fra Mauro_ +(15. Jahrhundert) auf ein Gemaelde Abessiniens von wunderbarer Treue. Nicht +blos kennt der Venetianer den rechten Nebenfluss des Nil, den Takazzie, +unter seinem wahren Namen, sondern er zeigt uns auch den spiralfoermig +gekruemmten Lauf des Blauen Nil, den er mit seinem abessinischen Namen Abai +bezeichnet. Mehrere abessinische Landschaften, wie Gozan, Bagamidre +(Begemeder), Hamara (Amhara) und Saba (Schoa), kommen bereits bei ihm vor. +Auch die Kuestenstriche des Osthorns von Afrika waren ihm wohlbekannt. In +die Naehe der Bab el Mandeb verlegt er die Sitze der Danakil, die Stadt +Zeyla und den Landstrich Adal. Er zeichnet uns dann den Lauf des Awasi +(Hawasch), in dessen Naehe er die Stadt Haerraer setzt. + +Im 13. Jahrhundert unterhielt man von Rom aus einen schriftlichen Verkehr +mit dem christlichen Abessinien und seit 1243 hoeren wir auch von +Missionen, die dorthin entsendet wurden. _Marino Sanuto_ machte deshalb zu +Beginn des 14. Jahrhunderts die Christen Europa's aufmerksam, wie nuetzlich +ein Buendniss mit den Glaubensgenossen in Nubien oder Habesch bei einem +Kreuzzuge gegen Aegypten sein muesste. Seit der Mitte jenes Jahrhunderts +wurde auch auf die abessinischen Koenige der Titel des _Erzpriesters +Johannes_ uebertragen und die Kunde von einem angeblich maechtigen +Christenreich im Morgenlande vom chinesischen Himmelsgebirge ploetzlich +nach den Alpenlaendern am Blauen Nil verlegt. Botschafter dieser +Erzpriester erreichten nicht blos die roemische Kurie, sondern auch andere +europaeische Hoefe, und die von ihnen eingezogene Kunde wurde getreulich auf +den Karten niedergelegt. Als daher die Portugiesen unter _Prinz Heinrich +dem Seefahrer_ im 15. Jahrhundert ihre afrikanischen Entdeckungsreisen +antraten, war das ferne christliche Reich, das die Geographen jener Zeit +das "dritte Indien" nannten, das aeusserste Ziel, welches sie anfaenglich ins +Auge fassten und auf dem Wege des fabelhaften "Goldflusses", der ganz +Afrika der Quere nach durchstroemen sollte, zu erreichen hofften. + +Spaeter, als der Seeweg nach Ostindien gefunden war und die Portugiesen +sich dort festgesetzt hatten, beschifften sie auch das Rothe Meer und +gelangten am 16. April 1520 nach Massaua, dem Ausfuhrhafen der Abessinier. +Dort erreichten sie also das urspruengliche Ziel des Infanten Heinrich, des +Seefahrers, das Reich des afrikanischen Erzpriesters Johannes. Statt einer +maechtigen Herrschaft, wie sie erwartet hatten, fanden sie aber nur ein +beschraenktes, in ihren Augen aermliches Gebiet, rohe Bewohner und ein +verwahrlostes Christenthum. + +Die bald darauf folgende portugiesische Invasion und die Bemuehungen der +Jesuiten, die Abessinier zur katholischen Kirche zu bekehren, wurden +bereits oben erwaehnt. Durch die Berichte der Jesuiten-Missionaere erhielt +man dann die erste ausfuehrliche Kunde von den Glaubensbruedern im Innern +Afrika's und ihrem Lande. Viele wichtige Nachrichten gelangten namentlich +durch die Reise des _Alvarez_ (1520-1526) zu uns, der ganz Aethiopien +durchpilgerte und suedwaerts in ferne, noch jetzt beinahe unerforschte +Gegenden vor mehr als 300 Jahren gedrungen ist. _Bermudez_ hat uns einen +kurzen Bericht ueber seine Gesandtschaftsreise (1555) hinterlassen; +ausfuehrlicher sind die fast gleichzeitigen _Barreto_ und _A. Orviedo_, +ferner _Paez_ (1618), _Ameida_, _Mendez_ (1625) und endlich _P. Lobo_, der +1640 nach Europa zurueckkehrte. + +Nun sollten auch die Deutschen ihren Theil an der Erforschung oder +vielmehr Bekanntmachung Abessiniens haben. Im Jahre 1681 erschien zu +Frankfurt am Main ein glaenzendes literarisches Meisterstueck deutscher +Gelehrsamkeit, _Hiob Leutholf's_ (Ludolf's) klassische "_Historia +aethiopica, sive brevis et succincta descriptio regni Habessinorum, quod +vulgo male Presbyteri Joannis vocatur_", welcher noch mehrere Kommentare +und Anhaenge folgten. Die Natur des Landes und seine Einwohner, die +Geschichte, die Religion und kirchlichen Verhaeltnisse, die Literatur +Abessiniens werden darin ausfuehrlich behandelt. Grosse Huelfe bei der +Ausarbeitung seiner Werke erhielt Leutholf von dem amharischen Patriarchen +_Abba Gregorius_, der kurze Zeit am Hofe des Herzogs Ernst von +Sachsen-Gotha weilte und dessen Portraet in dem Kommentar mitgetheilt ist. +Die Kleidung der Einwohner, Abbildungen der Pflanzen und Thiere, der +Alterthuemer des Landes sind in einer fuer die damalige Zeit sehr treuen +Wiedergabe in den Werken Leutholf's enthalten, der uns auch die +Korrespondenz der abessinischen Koenige mit den Koenigen Spaniens, ein +Verzeichniss aethiopischer Manuskripte, Gebete und Liturgien, den +abessinischen Kalender u. s. w. uebermittelt hat und dessen Werk fast ein +Jahrhundert lang die vorzueglichste Quelle ueber Abessinien blieb. Kurz +darauf, nachdem Leutholf seine aethiopische Historie veroeffentlicht hatte, +durchzog 1698 der franzoesische Arzt _Poncet_ das ganze Land, indem er, von +Sennar ausgehend, ueber Amhara und Tigrie bis Massaua gelangte. Gruendlicher +als alle seine Vorgaenger foerderte aber 70 Jahre spaeter, durch Leutholf's +Geschichte angeregt, der Schotte James Bruce unsere Kenntniss des Landes +durch Sammlung geschichtlicher Urkunden und Quellen, sowie durch genaue +astronomische Ortsbestimmungen. + + [Illustration: Hiob Ludolf. Nach dem Kupferstiche in dessen "_Historia + aethiopica_".] + +_James Bruce_, geboren den 14. Dezember 1730 zu Kinnaird in Schottland, +wird fuer alle Zeiten als einer der bedeutendsten unter den abessinischen +Reisenden dastehen. In Algier, wo er 1763 als englischer Konsul angestellt +worden war, beschaeftigte er sich eifrig mit dem Studium der +morgenlaendischen Sprachen und machte von dort aus Reisen laengs der Kueste +des Mittelmeers, den Nil aufwaerts bis Syene und nach Baalbek und Palmyra +in Asien, wo er die beruehmten Alterthuemer zeichnete. So vorbereitet trat +er im Jahre 1769 seine grosse Reise an, auf der er von Massaua unter grossen +Muehen und Gefahren bis Gondar gelangte, wo er sich bei der hier +ausgebrochenen Blatternseuche durch Anwendung europaeischer Heilmittel +sowol bei Hofe als im Volke grosses Ansehen erwarb und Gelegenheit fand, in +alle Einzelheiten des Volkslebens einzudringen, sowie mit dem furchtbaren +Ras Michael freundlich zu verkehren. Er blieb ueber drei Jahre in +Abessinien, fand die Quelle des Abai oder Blauen Nil im Suedwesten des +Tanasees und brachte ein ganzes Jahr damit zu, seine Reise noerdlich durch +das Land der wilden Schankela oder Schangalla (Heiden) und Nubien nach +Alexandria fortzusetzen, das er im Mai 1773 gluecklich erreichte. Seine +Reisebeschreibung (_Travels into Abyssinia_) gab er in fuenf Baenden erst +1790 zu Edinburg heraus, worauf er bald (16. April 1794) durch einen Sturz +von der Treppe sein Leben endete. Er, der so vielen Gefahren getrotzt, so +grosse Muehen und Beschwerden muthig ertragen, endete auf diese Weise! Die +letzten vier Jahre seines Lebens waren ihm noch ausserordentlich verbittert +worden. Als er sein umfangreiches Werk veroeffentlichte, fand das Publikum +darin eine solche Menge von ungewoehnlichen Nachrichten, Uebertreibungen +und Ungeheuerlichkeiten, dass man den Reisenden kurzweg fuer einen Luegner +erklaerte. Er wurde mit Zuschriften bestuermt, die weisen Kritiker +behandelten ihn unbarmherzig, und namentlich konnte man sich ueber die +Angabe, dass die Abessinier rohes Fleisch von lebenden Thieren genoessen, +nicht beruhigen, eine Angabe, auf die wir ausfuehrlich zurueckkommen. Man +nannte ihn Mr. Mendax, Herr Luegner; aber die Zeit hat ihn gerechtfertigt, +wenn er selbst auch nicht die Genugthuung erlebte, die Zweifler bekehrt zu +sehen. + +Drei Jahrzehnte waren seit Veroeffentlichung von Bruce's so oft +angefochtener Beschreibung verflossen, als die englische Regierung den +ersten Entschluss fasste, mit dem merkwuerdigen abessinischen Volke in +Verbindung zu treten. _Lord Valentia_ wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts +beauftragt, eine Reise ums Kap der guten Hoffnung herum nach dem Rothen +Meere zu machen, die ganze ostafrikanische Kueste wissenschaftlich zu +untersuchen, besonders die genauesten Nachrichten ueber Abessinien +einzuziehen und die geeigneten Schritte zu thun, eine Verbindung mit +diesem Lande anzuknuepfen. Diese Reise war von vielen wichtigen Resultaten +fuer die genauere Bekanntschaft mit den hervorragendsten Punkten an der +ostafrikanischen Kueste, sowie fuer die Belebung des indischen Handels +begleitet; jedoch hatte sie fuer Abessinien nicht den Erfolg, den sie haette +haben koennen, wenn die Unterhandlungen kraeftiger betrieben worden waeren. +Valentia selbst blieb in Mocha an der arabischen Kueste, waehrend er seinen +wissenschaftlich gebildeten, tuechtigen Sekretaer _Henry Salt_ mit der +Sendung nach Abessinien betraute. Dieser machte die Reise ueber Massaua, +Arkiko, Halai, Dixan nach der Provinz Enderta, wo er, da er nicht zum +Koenige selbst in Gondar gelangen konnte, mit dem Ras Walda Selassie +unterhandelte. (Vergl. oben S. 14.) Es gelang dem gewandten Salt durch die +glaenzenden Geschenke, welche er dem Ras im Namen Georg's III. von England +ueberreichte, denselben vom Wohlwollen der englischen Regierung zu +ueberzeugen und ihn zu einer Verbindung mit England zu bewegen. Er kehrte +mit ausfuehrlichen Nachrichten ueber das Land und seine Bewohner und mit der +Ueberzeugung zurueck, dass sich hier England fuer die Erweiterung seines +Handels als auch der Kultur ein weites und guenstiges Feld eroeffne. Einer +von Salt's Begleitern, _Pearce_, blieb am Hofe des Ras zurueck. Dieser +ersten Reise folgte bald darauf, gegen das Jahr 1814, nachdem Salt's +Goenner, Lord Valentia, in den Pairsstand erhoben worden war, eine zweite +Gesandtschaft unter Salt's eigener Fuehrerschaft. Diese hatte den Erfolg, +dass das gute Vernehmen zwischen England und dem alten Ras gestaerkt und +durch Pearce's laengeren Aufenthalt die Bekanntschaft mit Abessinien +vermehrt wurde. Wieder traten nun politische Wirren in Tigrie ein, welche +England die Lust benahmen, weiter in die Angelegenheiten des Landes +einzugreifen, bis im Jahre 1841 Kapitaen _Harris_ nach Schoa ging und jene +politische Mission ausfuehrte, von welcher wir eine ausfuehrliche +Schilderung weiter unten nach dessen 1844 zu London erschienenem +dreibaendigen Werke "_The highlands of Aethiopia_" mittheilen. + +Es konnte nicht fehlen, dass bei den merkwuerdigen Sagen, die ueber +Abessinien umgingen, und bei der Unbekanntschaft, die ueber dessen Volk und +Natur noch herrschten, auch die Deutschen ihren Antheil an der naeheren +Erschliessung des Landes nahmen, nachdem Ludolf mit so gutem Beispiele, +wenn auch nur theoretisch, vorangegangen war. Den Reigen eroeffneten zwei +der besten deutschen Naturforscher: _W. F. Hemprich_ und _C. G. +Ehrenberg_, welche schon frueher Nubien durchzogen hatten und nun, von der +preussischen Regierung unterstuetzt, das Rothe Meer besuchten. Von Massaua +aus durchwanderte Hemprich die Kuestengebirge, waehrend Ehrenberg nach den +heissen Quellen von Eilat zog. Nach Massaua zurueckgekehrt, traf ihn der +harte Verlust, am 30. Juni 1825 seinen Begleiter Hemprich dem Fieber +erliegen zu sehen. Trotzdem war die naturgeschichtliche Ausbeute der +Expedition ungemein reich, da nicht nur eine Menge ganz neuer Thierformen +entdeckt, sondern auch in den Oscillatorien, Wesen zwischen Thier und +Pflanzen, die Farbe des Rothen Meeres erkannt worden war. + +Die bedeutendste und ergebnissreichste Reise in Abessinien fuehrte nach +Bruce abermals ein Deutscher, _Eduard Rueppell_, geboren 20. November 1794 +zu Frankfurt a. M., aus. Reich beguetert und vortrefflich in +naturwissenschaftlicher wie astronomischer Beziehung vorbereitet, hatte er +nach einem kleineren Ausflug nach dem Orient, Nubien, Kordofan und das +Petraeische Arabien 1823-1825 besucht und sich dann Abessinien als +Hauptziel seiner Forschungsthaetigkeit erkoren. Am 17. September 1831 +landete er auf Massaua an der abessinischen Kueste, wo er den Rest des +Jahres und den naechsten Fruehling zu Ausfluegen in die Umgebung, nach +Arkiko, dem Thale Modat, den Dahalakinseln und nach den Ruinen von Adulis +benutzte. Am 29. April 1832 trat er dann den Marsch nach dem inneren +Hochlande an, welches vor ihm wissenschaftlich nur von Bruce und Salt +beschrieben worden war. Wurde auch die ganze Reise gluecklich zurueckgelegt, +so verlief sie doch nicht ohne grosse Gefahren, denn in Tigrie, wo gerade +Ubie ans Ruder gelangt war, wuetheten noch die grausamsten Buergerkriege. +Fuer diesen Herrscher hatte Rueppell ein sonderbares Geschenk, naemlich eine +schwere Kirchenglocke bestimmt, deren Transport auf dem Ruecken von +Maulthieren viel Muehe verursachte, aber mit grosser Freude angenommen +wurde, da Glocken in Abessinien sehr selten sind. Um sich einen Schutz auf +der Reise zu verschaffen, lieh Rueppell einem abessinischen Grosshaendler 600 +Maria-Theresia-Thaler und zog nun durch den Tarantapass auf Halai, die +abessinische Grenzstation, zu. Schon hatte er sein Gepaeck in Massaua zur +Ueberfahrt nach dem Festlande zurechtgelegt, als ihm von einem betrunkenen +tuerkischen Soldaten, der eine Pistole auf ihn abschoss, fast das Leben +geraubt und die grosse, wohl vorbereitete Reise verhindert worden waere. Von +Halai wandte sich Rueppell in suedlicher Richtung nach Atigrat am Fusse des +hohen Alequa, kreuzte am 20. Juli das tiefe Thal des reissenden Bergstroms +Takazzie und stieg hierauf in die hohen, oft von Schnee bedeckten, kuehn +geformten Alpen der Provinz Semien, wo er den fast 12,000 Fuss hohen Pass am +Selkiberge ueberschritt und auf den Alpenwiesen in jener Region neben +Ericabueschen jene seltsame, in ihrer Form an die Palmen erinnernde +Pflanze, die Dschibarra, entdeckte, welcher Fresenius den Namen +_Rhynchopetalum montanum_ gegeben hat. Am 12. Oktober hielt er seinen +Einzug in die Koenigsstadt Gondar, wo er der Absetzung des Koenigs Saglu +Denghel beiwohnte und bis zum 18. Mai 1833 verweilte. Die Zwischenzeit +benutzte er zu einem Ausfluge in die heissfeuchte Niederung (Kolla) von +Workemeder und Ermetschoho, noerdlich von Gondar, wo seine Elephantenjaeger +reichliche Beute fanden. Dann zog er dem Ostufer des Tanasees entlang, +dessen Hoehe ueber dem Meere er zum ersten male zu 5732 Fuss bestimmte. +Weiterhin gelangte er dann zu der Stelle, wo unfern der beruehmten _Bruecke +von Deldei_ der Abai oder Blaue Nil dem Tanasee entstroemt. + +Am 18. Mai 1833 brach Rueppell von Gondar auf, um ueber die alte +Kroenungsstadt Axum, wo er eine wichtige altaethiopische Inschrift +entdeckte, und ueber Adoa, die Hauptstadt Tigrie's, wieder nach Massaua +zurueckzukehren, das er am 29. Juni gluecklich erreichte. Seine Ausbeute, +die er von dieser Reise mit heimbrachte, war eine ungemein reiche, denn +nicht nur hatte er viele Orts- und Hoehenbestimmungen vorgenommen, die der +Karte Abessiniens ein wesentlich anderes Gepraege geben, sondern auch +archaeologische, historische und ethnographische Forschungen angestellt, +vor allem aber die zoologische Kenntniss des Landes bereichert, wie seine +"Neue Wirbelthiere zur Fauna Abyssiniens gehoerig" und seine "Uebersicht +der Voegel Nordostafrika's" beweisen. + + [Illustration: _Rhynchopetalum montanum_. Im Hintergrunde der Bachit, + im Vordergrunde Klippspringer. + Originalzeichnung von Robert Kretschmer.] + +Seine "Reise in Abyssinien" erschien 1840 zu Frankfurt a. M. Fuer alle +seine Arbeiten wurde ihm denn auch die wohlverdiente Auszeichnung zu +Theil, dass ihm die Londoner geographische Gesellschaft die grosse goldene +Medaille verlieh. Seine reichen Sammlungen vermachte er seiner Vaterstadt +Frankfurt, wofuer diese ihm eine lebenslaengliche Pension aussetzte. + +Auf Rueppell folgten 1835 zwei Franzosen, die Stiefbrueder _Tamisier_ und +_Combes_, mit dem angeblichen Zwecke des einen, Menschenkenntnisse zu +sammeln, des andern, sich fuer die Poesie zu begeistern. Sie kamen unter +vielen Gefahren bis Schoa. Beide Herren waren Mitglieder der Sekte der +Saint-Simonisten und haben nach ihrer Rueckkehr 1846 zu Paris vier starke +Baende ("_Voyage en Egypte, en Nubie etc._") einer sehr romantischen und +wenig glaubhaften Erzaehlung ihrer Erlebnisse und Abenteuer veroeffentlicht. +Mit nicht viel mehr Glueck machte im Jahre 1836 Baron _von Katte_ einen +kurzen Ausflug nach Adoa in Tigrie, kehrte jedoch bald wieder zurueck und +beschenkte Deutschland mit einer Reiseschilderung, an deren Genauigkeit +der gewissenhafte Rueppell gar manches auszusetzen hat. ("Reise in +Abyssinien im Jahre 1836". Stuttgart und Tuebingen 1838.) + +Im Januar 1837 traf dann der deutsche Botaniker Schimper in Adoa, damals +der Hauptstadt Ubie's, ein. _Wilhelm Schimper_ wurde im Jahre 1804 zu +Mannheim geboren. Zuerst als Drechslerlehrling, dann als Unteroffizier, +fand er keine Befriedigung seines Wissensdranges, weshalb er sich nach +Muenchen wandte, um dort Botanik zu studiren. Nachdem er eine tuechtige +Ausbildung erlangt, trat er groessere Reisen nach dem Orient an; er +besuchte, vom wuerttembergischen Reiseverein unterstuetzt, Algerien, +Aegypten, die Sinaihalbinsel und Arabien, von wo er ueberall reiche +Sammlungen nach Hause brachte. Im Jahre 1835 ging er, um seine durch +Fieber untergrabene Gesundheit wiederherzustellen, ueber Massaua in die +abessinischen Hochlande, wo er bei Ubie in Adoa eine freundliche Aufnahme +fand und seinen wissenschaftlichen Sammlungen nachgehen konnte. Sein +Einfluss bei diesem Fuersten stieg immer mehr, sodass Schimper als +Statthalter zuerst einen Distrikt an der Gallagrenze, dann den Distrikt +Antitscho in Tigrie zu verwalten hatte. Mit einem Worte, er wurde die +rechte Hand Ubie's, als dessen Baumeister und Minister er sich +unentbehrlich zu machen wusste. Schimper war bereits frueher in Rom zum +Katholizismus uebergetreten, weshalb er die Lazaristenmissionen unter de +Jacobis in Abessinien unterstuetzte, was er um so leichter mit Einfluss +auszufuehren wusste, als er mit einer Tochter des Landes sich vermaehlt +hatte. Auch begann er fuer Frankreich zu wirken, von wo aus er +Unterstuetzungsgelder bezog, um dafuer seine Sammlungen an den _Jardin des +plantes_ in Paris einzusenden. Nach dem Sturze Ubie's hatte Schimper +anfangs viel Ungemach auszustehen, doch kam er spaeter bei Theodoros wieder +in Gnade. Im Jahre 1861 schrieb Theodor von Heuglin ueber ihn: "Mein alter +Freund Schimper wird bald wieder im Stande sein, seine botanischen und +zoologischen Sammlungen fortzusetzen, die in den letzten fuenf bis sechs +Jahren ausschliesslich nach Frankreich gegangen sind. Dr. Schimper zaehlt +jetzt 57 Jahre, ist aber immer noch der alte ruestige und bewegliche Mann, +voll unverwuestlichen Humors, als den ich ihn vor vielen Jahren hier kennen +zu lernen das Vergnuegen hatte." + +Bald nachdem Schimper in Abessinien sich niedergelassen hatte, beauftragte +die franzoesische Regierung die Aerzte _Aubert_ und _Dufey_, wieder ein +gutes Vernehmen mit den Eingeborenen herzustellen, das durch das Auftreten +verschiedener franzoesischer Abenteurer gestoert worden war. Leider waren +diese beiden Gesandten keineswegs die einer solchen Aufgabe gewachsenen +Maenner, denn durch eine Kette von Thorheiten und Schlechtigkeiten setzten +sie den europaeischen Charakter in der Achtung des Volks ganz herunter und +vermehrten die Schwierigkeiten, die dem europaeischen Verkehr im Lande +schon im Wege standen. Dr. Aubert kehrte im Februar 1838 von Adoa nach +Kairo zurueck, waehrend Dufey durch Schoa nach der Kueste des Rothen Meeres +ging und als der erste Europaeer die gefaehrliche Strasse von Ankober nach +Tadschurra zuruecklegte. Die Sendung dieser beiden Maenner wurde, da das +franzoesische Interesse an Abessinien sich mehrte, die Vorlaeuferin einiger +andern politischen und wissenschaftlichen Expeditionen von Frankreich aus, +die vom Jahre 1839 an erfolgten. Zwei derselben waren 1839 und 1841 unter +_Lefebvre's_, eine 1840 unter _Combes'_ Anfuehrung (welcher zum zweiten +male Abessinien besuchte) nach Tigrie und auch nach Amhara gegangen. Ubie, +der damals noch in Tigrie herrschte, behandelte namentlich Lefebvre sehr +veraechtlich, musterte die ihm vom Koenige Ludwig Philipp uebersandten +Geschenke und sagte zu seinem Schatzmeister: "Nimm diesen Unrath in die +Schatzkammer hinueber." Der Gesandte wurde trotzdem aufgefordert, am Essen +mit theilzunehmen, wobei reichlich Honigwein kredenzt wurde, der den +Herrscher bald trunken machte. In diesem Zustande forderte er den Herrn +Gesandten auf, vor ihm zu tanzen, was nur durch das muthige Auftreten des +Dolmetschers verhindert werden konnte. In Verbindung mit den franzoesischen +Gesandtschaften stand auch die Reise des belgischen Generalkonsuls in +Kairo _Blodell_, im Jahre 1841, die um deswillen zu erwaehnen ist, weil +sie, von Massaua ausgehend, ganz Abessinien von Osten nach Westen +durchkreuzte, indem Blodell ueber Sennar und Chartum nach Kairo +zurueckkehrte. Reiche wissenschaftliche Arbeiten lieferte um dieselbe Zeit +die Expedition des Franzosen _Galinier_ nach Tigrie, Semien und Amhara. + +Combes war von Ubie gut aufgenommen worden, aber die freundschaftlichen +Verhandlungen wurden bald abgebrochen durch die Ankunft der Gebrueder +_d'Abbadie_, von denen der eine Ubie beleidigt hatte durch seinen Antheil +an einem Streifzuge gegen seine Truppen. Die d'Abbadie's wurden mit der +Drohung verwiesen, dass, wenn sie je wieder ihre Fuesse in Ubie's Gebiet +tragen sollten, dieselben ihnen abgehauen wuerden. Ebenso mussten infolge +dieses Vorfalles Combes und Lefebvre das Land verlassen. Abgesehen von +ihren politischen Intriguen waren die Gebrueder Anton und Michael d'Abbadie +ausgezeichnete, mit tuechtigen Kenntnissen versehene und reich begueterte +Maenner, die nicht unwesentlich fuer die Erweiterung unserer Kunde +Abessiniens thaetig waren und sind, wenn sie auch ihr Hauptaugenmerk auf +die Verbreitung des Katholizismus und auf die Foerderung der Interessen +Frankreichs gewandt haben moegen. Nach langen Vorbereitungen und einigen +missglueckten Versuchen gelang es 1842 Anton d'Abbadie, ueber Tigrie in das +Binnenland einzudringen, wo er sich mit der Erforschung Enarea's, Kaffa's +und des Quellgebiets des Uma beschaeftigte. Nach zehnjaehriger Abwesenheit +kehrten beide Brueder 1848 nach Frankreich zurueck, wo sie die Resultate +ihrer Arbeiten in einzelnen Abhandlungen veroeffentlichten. + +Politik und Religions- oder Missionsangelegenheiten begannen ueberhaupt +allmaelig bei den abessinischen Reisenden die Hauptsache, die Wissenschaft +aber die Nebensache zu werden. Englische Reisende und protestantische +Missionaere wirkten im Interesse Grossbritanniens, katholische Sendboten und +franzoesische Reisende im Interesse Frankreichs. Kein Wunder also, dass die +abessinischen Fuersten, welche die Plane bald durchschauten, misstrauisch +wurden und einzelne Reisende schlecht behandelten. Der abenteuerlichste +unter allen war wohl _Rochet d'Hericourt_, nach Isenberg's Bericht ein +franzoesischer Gluecksritter, der sich mehrere Jahre hindurch in Kairo als +Chemiker und Mineralog aufhielt und bestaendig mit dem Plane umging, nach +Abessinien zu reisen, um sich dort Geld zu machen. Nachdem ihm mehrere +Versuche misslungen waren, setzte er endlich 1839 sein Vorhaben ins Werk, +indem er den deutschen Missionaeren nach Schoa folgte. Als er dort jedoch +nicht gleich zu grossen Reichthuemern gelangte, wurde er ungehalten und von +dem Koenige fuer halb verrueckt angesehen. Bald sollte sich die Sache jedoch +wenden und Rochet zu grossem Ansehen gelangen. Da der Koenig, dessen erste +Frage an jeden ankommenden Europaeer gewoehnlich die war, was er verstehe, +Rochet's chemische Fertigkeiten in Pulvermachen, Seifensieden, +Zuckerfabriziren und andern Dingen bemerkte, stieg letzterer hoch in +seiner Achtung. Ausserdem versprach der Franzose, ihn von einer gewissen +heimlichen Krankheit zu heilen, und als diese Kur zu gelingen schien, +wurde er dem Koenige unentbehrlich. Rochet benutzte nun, wie es die +Franzosen gewoehnlich thun, die steigende Gunst beim Koenige, sich politisch +maechtig zu machen, indem er Schoa dem franzoesischen Einflusse zu eroeffnen +und den Englaendern entgegenzuwirken suchte. Als er nach neunmonatlichem +Aufenthalte wieder in sein Vaterland zurueckkehren wollte, bestimmte er den +Negus dahin, ihm einen Brief und Geschenke an den Koenig Ludwig Philipp von +Frankreich mitzugeben und auf diese Weise eine politische Verbindung +zwischen Frankreich und Schoa einzuleiten. Dieses einseitige Vorgehen +suchten aber in Englands Interesse die deutschen Missionaere, namentlich +Krapf, zu verhindern, indem sie den Koenig bewogen, eine Botschaft nach +Bombay zu senden, um einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit England +abzuschliessen. Als Erwiederung dieser Botschaft erschien dann die +glaenzende Ambassade unter Kapitaen Harris. + +Inzwischen war Rochet in Paris angekommen und hatte die dortige Regierung +seinem Wunsche, mit Schoa in Verbindung zu treten, geneigt gefunden. +Nachdem er eine Beschreibung seiner Reise herausgegeben hatte ("_M. Rochet +d'Hericourt, Voyage sur la cote occidentale de la Mer Rouge, dans le pays +__d'Adel et le Royaume de Choa._" Paris 1841), kehrte er im Auftrage +seiner Regierung und der Pariser Akademie der Wissenschaften wieder nach +Schoa zurueck. Kaum an der Kueste angelangt, wusste er es durchzusetzen, dass +der Koenig von Schoa befahl, keinen andern Europaeer, sei er Franzose oder +Englaender, ausser ihm nach Schoa kommen zu lassen, bei Verlust des Lebens. +Infolge dessen mussten denn die deutschen Missionaere Krapf, Isenberg und +Muehleisen von Zeyla aus, wohin sie sich 1842 zu einer zweiten Reise nach +Schoa begeben hatten, unverrichteter Dinge umkehren. Rochet bereiste nun +weit und breit das Innere des Landes und gab uns in einem zweiten Werke +("_Second voyage_", Paris 1846) neue werthvolle Nachrichten ueber Schoa. + +Nach Isenberg erhielt Rochet nur durch ein listiges Vorgeben die Erlaubniss +des Koenigs, in das Innere von Schoa vorzudringen. Er behauptete naemlich, +nur dann den Koenig heilen zu koennen, wenn er ein Praeparat von einem +ungeborenen Hippopotamus mache, das er aus einem fernen See holen muesse. +Das nachtheiligste Licht auf Rochet's Wahrheitsliebe und Glaubwuerdigkeit +wirft indessen wol, was der deutsche Missionaer Ludwig Krapf ueber ihn +berichtet. Beide befanden sich im November 1839 im Kriegslager des Koenigs +Sahela Selassie von Schoa, der auf einem Feldzuge gegen die Galla +begriffen war. Man war in der Naehe der Quellen des Hawaschflusses, allein +beide Europaeer bekamen sie nicht zu Gesicht, waehrend Rochet sich in seinem +Reisewerke fuer deren Entdecker ausgiebt. Der biedere Krapf giebt uns den +noethigen Kommentar zu dieser wissenschaftlichen Schwindelei. "Rochet" so +schreibt Krapf, "sagte zu mir im Verlaufe des Feldzuges, dass wir angeben +muessten, die Quellen des Hawasch wirklich gesehen zu haben. Als ich ihm +erwiederte, dass dieses ja nicht der Fall gewesen, antwortete er laechelnd: +Oh, wir muessen Philosophen sein." - So erlauben sich gewissenlose Reisende +Geographie zu machen oder vielmehr zu faelschen. + +Die Anzahl der Reisenden, welche Abessinien besuchten, beginnt sich nun +ungemein zu haeufen, sodass wir nur die wichtigsten unter ihnen hervorheben +koennen. + +Dr. _Beke_, frueher englischer Konsul in Leipzig, reiste 1840 von London +nach Aden, unterstuetzt von den Freunden Afrika's, um in Schoa und den +angrenzenden Laendern Nachrichten ueber das Innere und besonders ueber den +geistigen Zustand der dasselbe bewohnenden Voelker einzusammeln. Gluecklich +kam er ueber Tadschurra in Ankober an, wo der Missionaer Krapf ihm Huelfe +leistete und sich in den Verhandlungen zwischen Beke und dem Koenige manche +Beschwerden und Unannehmlichkeiten zuzog. Spaeter, nach Ankunft der +englischen Gesandtschaft und von dieser unterstuetzt, reiste er nach +Godscham, von wo er durch die Provinzen Jedschau, Waag und Enderta nach +Antalo ziehend, Tigrie erreichte. Die Frucht seines langen Aufenthalts +waren verschiedene wissenschaftliche Werke; namentlich widmete er sein +Augenmerk der politischen Rivalitaet der Franzosen und Englaender im Rothen +Meere, welche die grossen Fragen des Suezkanals und des ostindischen +Ueberlandwegs einschliesst und ueber welche er in seinem Werke "_The French +and the English in the Red Sea_" seine Ansichten niedergelegt hat. + + [Illustration: Eduard Zander. Nach einem Gemaelde im Besitze Sr. Hoheit + des Herzogs von Anhalt.] + +Mit Schimper's Schicksal im engsten Zusammenhange steht ein anderer +deutscher Landsmann, dem wir bei Abfassung dieses Werkes zu ganz besonderm +Danke verpflichtet sind. _Christoph Eduard Zander_, von dem ein Theil der +charakteristischen Illustrationen dieses Buches herruehrt, ward am 22. +Oktober 1813 in der kleinen anhaltischen Stadt Radegast geboren. In seiner +Heimat, wo er noch immer den besten Ruf geniesst, wird er als ein Mann von +bescheidenem, anspruchslosem Wesen und tief religioesem Charakter +geschildert, der eine ganz besondere Fertigkeit in den verschiedensten +technischen Dingen besass. Zander erlernte die Landwirthschaft, wandte sich +dann aber zur Malerei und hielt sich zu seiner Ausbildung laengere Zeit in +Muenchen auf. Neben seiner Kunst interessirte er sich aber auch lebhaft fuer +das Artilleriewesen, eine Neigung, die ihm spaeter sehr zu statten kam. Da +es ihm nicht gelang, als Maler und Zeichner seinen Unterhalt hinreichend +zu erwerben, ging er auf den Rath einiger Freunde zu Dr. Schimper. Nach +einer langen Fahrt durch das Rothe Meer, auf welcher er von Krankheit und +Hunger geplagt wurde, warf seine Barke am 12. September 1847 bei Massaua +Anker. Durch den Tarantapass stieg er in das abessinische Hochland hinauf +und schrieb in Halai einen Brief an Schimper, in welchem er diesen von +seiner Ankunft in Kenntniss setzte. Trotz einer niederschlagenden, ihn +zurueckweisenden Antwort beschloss er dennoch, nach Antitscho, Schimper's +Distrikt, vorzudringen. Da aber ringsum das Land von Rebellen verwuestet +wurde, konnte dies nicht ohne Lebensgefahr geschehen; doch gelangte er +gluecklich an sein Ziel, wo er von dem Landsmann gut aufgenommen wurde. Als +Gehuelfe Schimper's bei dessen naturwissenschaftlichen Arbeiten +durchstreifte er weit und breit das Land, sammelnd und zeichnend, bis er +endlich zum Oberhofbaumeister des Regenten Ubie vorrueckte, von diesem +Laendereien und Vieh erhielt und den Auftrag bekam, die Kirche von Debr +Eskie in Semien zu bauen, dieselbe, in welcher am 11. Februar 1855 Theodor +II. vom Abuna zum Herrscher ueber Gesammt-Abessinien gekroent wurde. In +Ubie's Gunst immer mehr steigend, wurde Zander in den Adel erhoben; auch +verheirathete ihn dieser Fuerst mit einem schoenen Gallamaedchen. In der +grossen Schlacht von Debela am 9. Februar 1855, in welcher der alte Ubie +von dem Emporkoemmling Theodor besiegt wurde, kommandirte Zander die +Artillerie des ersteren. Als alles fuer Ubie verloren war, trat Zander in +die Dienste Theodor's und wurde Befehlshaber der befestigten Insel Gorgora +im Tanasee, wo er die Schatzkammer und ein Zeughaus des Koenigs zu hueten +hatte. Dieser, der den tuechtigen, in allen technischen Dingen erfahrenen +Mann zu schaetzen wusste, machte ihn zu seinem Vertrauten und hoechsten +militaerischen Wuerdentraeger. Als solcher stand Zander auch noch 1868 an der +Seite Theodor's. Seine werthvollen Arbeiten ueber Abessinien, die uns in +vieler Beziehung neue Gesichtspunkte eroeffnen, sind in dem vorliegenden +Buche benutzt worden und gereichen demselben als Originalbeitraege zur +besondern Zierde. + + [Illustration: Werner Munzinger.] + +In jene Zeit, in welcher Abessinien gleichsam von europaeischen Reisenden +durchschwaermt war und ein Missionsversuch dem andern folgte, fallen auch +die geographisch nicht unwichtigen Zuege des italienischen Moenches +_Giuseppe Sapeto_ durch die noerdlichen Grenzlaender der Mensa, Bogos und +Habab. Begleitet von den Bruedern d'Abbadie landete er im Jahre 1838 in +Massaua und erreichte am 3. Maerz desselben Jahres Adoa. Er wusste sich bei +Ubie in Gunst zu setzen und gruendete zu Adoa nach Vertreibung der +protestantischen Geistlichen (siehe darueber weiter unten) eine katholische +Mission, besuchte Gondar, sah sich aber nach fuenfjaehrigem Aufenthalt - wie +Isenberg angiebt, infolge liederlichen Lebens - durch Krankheit genoethigt, +nach Aegypten zurueckzukehren; aber 1850 begab er sich aufs neue nach +Massaua, indem er laengs der Westkueste des Rothen Meeres hinaufreiste und +nun mit dem Missionaer Stella in die Laender der Bogos, Mensa und Habab +vordrang, ueber die wir einen ausfuehrlichen Bericht mittheilen werden. Es +war dies gleichsam eine neue Entdeckung, denn in der That kannte man kaum +den Namen der Habab, und die andern beiden Voelker existirten bis dahin fuer +uns nicht. Sapeto's Werk erschien erst 1857 zu Rom und fuehrt den Titel: +"_Viaggio e missione cattolica fra i Mensa, i Bogos e gli Hahab_." + +Das in Rede stehende Gebiet ist wegen seiner leichten Zugaengigkeit dann +haeufig das Ziel europaeischer Reisenden geworden und uns nun fast so genau +bekannt wie ein Land Europa's. Am 13. Juli 1857 brach ein oesterreichischer +Loewenjaeger, _Graf Ludwig Thuerheim_, nach Mensa auf, besuchte Keren, wo die +katholischen Missionaere sich niedergelassen hatten, und gelangte gluecklich +durch Barka und Taka nach Chartum. + +Die vorzueglichsten Nachrichten ueber jene Laender, werthvolle, bleibende +Schaetze der geographischen Literatur, verdanken wir indessen dem Schweizer +_Werner Munzinger_. Dieser gelehrte, unternehmende Mann wurde 1832 zu +Olten geboren. Er studirte in Bern und Muenchen Geschichte, +Naturwissenschaften und orientalische Sprachen; in den letzteren +vervollkommnete er seine Kenntnisse zu Paris. Schon im Jahre 1852, also im +Alter von zwanzig Jahren, begab er sich nach Kairo, trat dort spaeter in +ein Handelsgeschaeft, unternahm dann 1854 eine kaufmaennische Reise nach dem +Rothen Meere und benutzte die guenstige Gelegenheit zu einem Ausfluge nach +den Bogoslaendern. Es war schon damals sein Plan, sich dort niederzulassen, +und er fuehrte denselben unverweilt aus. Im Jahre 1855 ging er, mit +Saemereien und Waffen wohl versehen, nach Keren, wo er dann laengere Zeit +gewohnt hat. Dort verfasste er auch sein 1859 zu Winterthur erschienenes +Werk "Ueber die Sitten und das Recht der Bogos", dessen Vorrede aus Keren +vom 31. November 1858 datirt ist. Er lebte wissenschaftlichen Forschungen, +trieb dabei auch Handelsgeschaefte und machte sich bei dem Volke so +beliebt, dass er oft das Richteramt ausuebte und mit Regierungsgeschaeften +betraut wurde. Er fand aber auch Musse zur Ausarbeitung seiner Studien und +schrieb nicht nur eine Grammatik des Belem, der Sprache der Bogos, sondern +uebersetzte in dieselbe einzelne Abschnitte der Bibel. Die inhaltreiche +Arbeit ueber die Bogos war jedoch nur die Vorlaeuferin eines groesseren +Werkes: "Ostafrikanische Studien" (Schaffhausen 1864), in welchem auch das +Land der Marea, der Kunama oder Bazen und deren physikalische Verhaeltnisse +in mustergiltiger Weise geschildert werden. Auf beide Arbeiten kommen wir +spaeter zurueck; ebenso auf die Reise des _Herzogs Ernst von +Sachsen-Koburg-Gotha_ in jenen solchergestalt erschlossenen Gegenden im +Jahre 1862. + +Nicht unerwaehnt darf hier bleiben, was die verschiedenen Missionaere, +namentlich _Isenberg_ und _Krapf_, fuer unsere Kenntniss Abessiniens gethan +haben, deren Wirken bei der Schilderung der Missionsversuche die +gebuehrende Wuerdigung erhaelt, waehrend die Reise des vortrefflichen +Franzosen _Wilhelm __Lejean_ im Jahre 1863, der in die Gefangenschaft des +Koenigs Theodoros II. gerieth, gleich so vielen andern Europaeern, in einem +besondern Kapitel besprochen wird. + +Hier soll nur noch die _deutsche Expedition_, oder wenigstens der Theil +derselben, welche unter v. Heuglin und Steudner bis Etschebed in +Dschama-Gala vordrang, als wuerdiger Schluss dieser Aufzaehlung der Reisen in +Abessinien, ihre Erwaehnung finden. Es handelte sich bekanntlich darum, das +Schicksal des in Afrika verschollenen deutschen Reisenden Eduard Vogel aus +Leipzig aufzuhellen, von dem man glaubte, dass ihn der Sultan von Wadai zu +Wara in Gefangenschaft halte. Zu dem Ende trat auf Anregung des Dr. August +Petermann in Gotha ein Comite zusammen, welches in ganz Deutschland +Sammlungen veranstaltete, eine Instruktion entwarf und mit der Leitung der +Expedition _Theodor v. Heuglin_ betraute. Ihm wurden als Botaniker +beigegeben Dr. _Hermann Steudner_, geboren 1832 zu Greiffenberg in +Schlesien, der Mechaniker _Kinzelbach_ aus Stuttgart, welcher +Positionsbestimmungen vornehmen sollte, _M. L. Hansal_, ein mit den +Gegenden am oberen Weissen Nil schon vertrauter Mann, und endlich _Werner +Munzinger_, der sich in Massaua an die Expedition anschliessen sollte. + + [Illustration: Theodor von Heuglin] + +Theodor v. Heuglin, einer der bedeutendsten Reisenden der Gegenwart, +geboren den 20. Maerz 1824 zu Hirschlanden in Wuerttemberg, unternahm +bereits im Jahre 1850 eine Reise laengs dem Rothen Meere, durchzog dann +1853 mit dem oesterreichischen Konsul Dr. Reitz von Galabat aus einen +bedeutenden Theil Abessiniens, worueber er in seinen "Reisen in +Nordostafrika" (Gotha 1857) berichtete. Er wurde oesterreichischer Konsul +in Chartum, erforschte die Somalikueste, sowie abermals das Rothe Meer, und +trat schliesslich an die Spitze der deutschen Expedition, die sich Glueck zu +wuenschen hatte, einen so umsichtigen, thaetigen und mit den Verhaeltnissen +des Landes vertrauten Fuehrer zu erhalten. + +Am 17. Juni 1861 landeten die Mitglieder gluecklich in Massaua, von wo sie +sich nach Mensa und Keren in Bogos begaben, um sich auf die grosse Reise +gehoerig vorzubereiten. Mit Anfang Oktober, nachdem die eigentliche +Sommerregenzeit zu Ende war, ruestete man sich zum Aufbruch, zog durch die +bergige Provinz Hamasien und trennte sich zu Mai Scheka in Serawie. +Munzinger und Kinzelbach reisten von hier aus am 11. November laengs dem +Mareb weiter nach Westen, um Nachrichten ueber Eduard Vogel einzuziehen, +waehrend Heuglin und Steudner einen hoechst beschwerlichen, an Abenteuern, +aber auch an Ausbeute reichen Zug nach Sueden unternahmen, der sie bis ins +Gallaland und das Feldlager des Koenigs Theodoros II. fuehrte. Die Reisenden +besuchten in Adoa den greisen Botaniker Schimper, machten mit ihm einen +Ausflug nach den Ruinen von Axum, kreuzten den Takazzie, ueberstiegen die +Alpen von Semien und zogen am 23. Januar 1862 in der Hauptstadt Gondar +ein. Ihre Absicht, in westlicher Richtung weiter nach Westen vordringen zu +duerfen, wurde vereitelt, denn aufs strengste hatte der Negus Befehl +ertheilt, die Reisenden vor sich zu fuehren. Geleitet von deutschen +Missionaeren begaben sie sich nun, am Nordufer des Tanasees hin, ueber Gafat +und Magdala, das 15,000 Fuss hohe Kollogebirge durchziehend, in das +Feldlager des Koenigs zu Etschebed im Lande der Dschama-Gala. Der Empfang +war ein ausserordentlich gnaediger, und reich beschenkt durften die +Reisenden am 25. April den Rueckweg antreten, auf welchem sie das 13,000 +Fuss hohe Gunagebirge passirten, bei Wochni die abessinische Grenze +erreichten und ueber Meteme und Gedaref nach Chartum gelangten, dessen +Moschee ihnen am 7. Juli 1862 entgegenleuchtete. Die grossen Reisen +Heuglin's und Steudner's auf dem Weissen Nil und dem Gazellenfluss in +Gemeinschaft mit den Damen Tinne, wobei Steudner im Dschurdorfe Wau am 10. +April 1863 dem Klimafieber erlag, gehoeren nicht hierher. Ausser in +geographischer Beziehung war das Ergebniss der deutschen Expedition, welche +allerdings das urspruengliche Ziel, die Aufsuchung Eduard Vogel's, aus den +Augen verlor, namentlich fuer die Botanik und Zoologie von grossem Werthe. +Nachdem die Berichte derselben einzeln in den "Geographischen +Mittheilungen" und der Berliner "Zeitschrift fuer Erdkunde" erfolgt, fasste +sie Heuglin nochmals in seiner "Reise nach Abessinien" (Jena 1868) +zusammen. + + + + + + [Illustration: Debra Damo in Tigrie. Nach einer Originalzeichnung von + Zander.] + + + + + + DAS LAND, SEINE PFLANZEN- UND THIERWELT. + + + Begrenzung. - Das Hochland. - Geologie Abessiniens. - Der + versteinerte Wald. - Heisse Quellen. - Oberflaechengestaltung. - + Natuerliche Felsenfestungen. - Die Alpen Semiens. - Charakter der + Fluesse. - Ihr Anschwellen. - Ursachen der Nilueberschwemmungen. - + Der Tanasee und der Abai. - Klimatische Verhaeltnisse. - Die + Vegetationsguertel. - Kola. - Woina Deka. - Deka. - Die niederen + Thiere. - Voegel. - Saeugethiere. Ihre Lebensweise, Nutzanwendung, + Jagd. + + +Am suedlichen Ende des Rothen Meeres, schroff gegen dessen Gestade +abstuerzend, aber langsam und allmaelig gegen Ost-Sudan sich abstufend, +liegt zwischen dem 16. und 8. Grade noerdlicher Breite das afrikanische +Alpenland Abessinien. Ringsum dehnen sich weite, ungesunde und gluehende +Sandwuesten aus, natuerliche Grenzen, die den Verkehr erschweren und die +ungeheure Bergfeste gegen feindliche Angriffe von aussen zu schuetzen +scheinen. Im Norden sind die Hochlande von Mensa, Bogos und die von den +Beni-Amer am Barka bewohnten Gegenden die Grenze; im Westen das Gebiet der +heidnischen Bazen, die wild- und steppenreichen, vom Setit und Salam +durchflossenen Theile Ost-Sudans, der Neger-Freistaat Galabat und ein +Guertel von groesstentheils unbewohnten, feuchten, mit Bambus und Waldregion +bedeckten neutralen Gebiets, das sich gegen Ost-Senaar ausdehnt; im Sueden +bildet eine Strecke weit der Blaue Nil die Grenze, dann aber fast +unbekannte, von den Gala bewohnte Distrikte; endlich im Osten, wo die +Gebirgsmauern Abessiniens am steilsten abfallen, sind es die wasserlosen, +von raeuberischen muhamedanischen Hirtenvoelkern bewohnten +Kuestenlandschaften, welche die Grenze ausmachen. + +Ganz Abessinien ist im wesentlichen ein Hochland, das von allen Seiten mit +steilen Raendern aus dem Flachlande aufsteigt. Wenn der Reisende diesen +jaehen Rand muehsam erklommen hat, waehrend seine Fuesse von den scharfen +Steinen geritzt, seine Kleider von den Stacheln der Mimosen zerrissen +wurden, sieht er ein zweites und bald ein drittes Plateau vor sich, ebenso +jaeh wie das erste, ebenso rauh und zerklueftet. Wie an ein zerstoertes +Titanenwerk erinnernd, draengen sich die Berge in den wunderbarsten Formen +durcheinander. Hier Tafelberge gleich zertruemmerten Mauern, dort runde +Massen in Gestalt von Domen, hier gerade oder geneigte, oder umgestuerzte +Kegel, spitz wie Kirchthuerme, dort Saeulenreihen in Gestalt ungeheurer +Orgeln. In der Ferne verschmelzen sie mit Wolken und Himmel, und in der +Daemmerung meint man ein aufgeregtes Meer vor sich zu sehen. Aber dieses +Felsenmeer ist in seinem Innern keineswegs so starr und oede, als es der +aeussere Anblick erwarten laesst. Obgleich sich seine Berge in weiten Flaechen +oft zu einer Hoehe von 10,000 Fuss erheben und ihre hoechsten, sich in die +Wolken verlierenden Gipfel ueber 15,000 Fuss hoch aufragen, birgt sich doch +in seinen Thaelern und Klueften manche Abwechselung, manche Landschaft voll +tropischer Fuelle. + +Der _geologische Charakter_ Abessiniens ist ziemlich einfoermig und zeigt +keineswegs grosse Abwechselung bezueglich der vorkommenden Formationen. +Zander, der sich sehr eingehend mit der Bodenbeschaffenheit des Landes +abgab, nimmt an, dass nur zwei allgemeine vulkanische Revolutionen und +Hebungen des Landes stattfanden, dass dagegen partielle geologische +Oberflaechenveraenderungen nicht vorhanden sind. Er bemerkt hierueber in dem +erwaehnten Manuskripte: "Die Uroberflaeche des Landes war fast ueberall eben, +und nur hier und da wurde dieselbe von Huegelketten durchzogen, deren +hoechste Spitzen bis zu 6000 Fuss ueber dem Meere anstiegen. Die allgemein +herrschende Gebirgsart in jener Periode war Trachyt, dessen groesste +Maechtigkeit zwischen 6000 und 7000 Fuss betraegt und der oft von maechtigen +Basalten durchsetzt ist, so in den Laendern Daunt, Woadla und Wollo, wo wir +70-100 Fuss maechtige Basalte antreffen. + +"Diese "Uroberflaeche" Abessiniens wurde durch zwei nacheinander folgende +vulkanische Revolutionen zerrissen, zerklueftet, zerspalten; es entstanden +jene unzaehligen groesseren und kleineren Risse, von denen manche jetzt noch +eine Tiefe von 4000-5000 Fuss haben, andere dagegen im Laufe der Zeit durch +Erdbeben und Zersetzungen aller Art wieder verschuettet oder in sanfte +Thaeler umgewandelt wurden. + +"Die _erste_ dieser grossen Umwaelzungen hob das Land allgemein, nur waren +ihre Wirkungen in den verschiedenen Theilen des Landes bald staerker, bald +schwaecher. Die hoechsten Hebungen fanden statt in Semien, Woggera, +Begemeder, Daunt, Woadla, Lasta, Talanta, Wollo und Schoa, waehrend in +Godscham die Hebungen bereits im Abnehmen sind, um sich in der Naehe des +Nil ganz zu verlieren. Alle obengenannten Laender stehen in einem innigen +Zusammenhange und zeigen durchweg den kraeftigsten Verlauf der Hebung von +Suedost nach Nordwest. Zwischen der Wasserscheide des Rothen Meeres und des +Nilgebietes im Osten und den Hochlanden von Semien im Westen war ein +grosses Becken entstanden, das die heutigen Laender Hamasien, Tigrie und +Enderta umschloss. Hier, eingerahmt von den Hochlanden, breitete sich ein +grosser Suesswassersee aus, als dessen Ablagerungsprodukte und Zeugen seines +einstigen Vorhandenseins der rothe Eisenthon, der Sandstein und die +Grauwacke gelten muessen, welche hier in der ruhigen Periode zwischen der +ersten und zweiten vulkanischen Umwaelzung abgesetzt wurden. Neben diesen +Floetzformationen treten als eigentliche Bildner des Landes folgende drei +Gebirgsarten in Abessinien auf: zu oberst _Trachyt_, unter diesem +_Urthonschiefer_ von verschiedener, bis zu 1500 Fuss ansteigender +Maechtigkeit, und zu unterst _Granit_, welcher oft mit Porphyr und Syenit +wechselt. + +"Die Wirkungen und Bewegungen der _zweiten Umwaelzung_ waren jenen der +ersten ziemlich gleich. Die bedeutendsten Hebungen fanden jetzt auf der +heutigen Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes statt; die +niedrigsten in den Laendern Semien, Woggera, Begemeder, Lasta und Wollo. +Der grosse Suesswassersee im heutigen Tigrie verschwand, und sein horizontal +gelagerter Absatz, das Eisenthongebirge und der Sandstein, erhielt eine +sanfte Schraegung nach Westen hin, infolge der allgemeinen und ueberall +gleichmaessigen Hebung; und in der That gewahren wir, wie heute _das rothe +Eisenthonplateau_ sich ununterbrochen und allmaelig in westlicher Richtung +bis Semien und von da noch noerdlich bis Woggera und Wolkait absenkt. Die +Gesammtsenkung betraegt ungefaehr 2000 Fuss, denn die Eisenthone liegen an +der Wasserscheide zwischen dem Rothen Meere und Nilgebiete 8000, an der +Grenze von Wolkait und Semien dagegen nur 6000 Fuss hoch. So weit +ausgebreitet dieses Eisenthonplateau auch ist, so wenig maechtig erscheint +seine Lagerung; denn waehrend es an der oestlichen Grenze nur einige Zoll +stark auftritt und im Innern Tigrie's, seinem Centrum, eine Maechtigkeit +von nahe an 12 Fuss erreicht, nimmt es am Fusse der Laender Semien, Woggera +und Wolkait wieder bis zu 1 oder 2 Fuss Maechtigkeit ab. + +"Unter diesem rothen Eisenthone folgt der _Sandstein_, dessen Oberflaeche +gleichfalls eben wie jene der Eisenthone verlaeuft, dessen Maechtigkeit aber +von der Gestaltung der Urthonschiefer abhaengig ist, welche seine Unterlage +bilden. Risse und Spalten, welche die Eisenthone wie die Sandsteine (oder +Grauwacke) durchziehen, zeigen einen aeusserst wilden und romantischen +Charakter, der selbst im Laufe der Jahrtausende, welche seit ihrer Bildung +verflossen, nicht zerstoert wurde. + +"Auch durch die zweite gewaltsame Umwaelzung entstanden viele neue groessere +und kleinere Risse, aus denen sich, wie bei der ersten Revolution, grosse +_Lavastroeme_ auf die Oberflaeche des Landes ergossen, namentlich auf der +dem Rothen Meere zugekehrten Seite des oestlichen Gebirgsabfalles. Wenn der +Reisende von Massaua aus den Weg nach Halai einschlaegt, so bieten sich +seinem Auge am Fusse des Tarantagebirges und noch bis zur Haelfte an diesem +hinauf in Rissen und Spalten grosse Lavastroeme dar. So muendet ungefaehr zwei +Stunden oberhalb Hamhamo (im Tarantapass) linker Hand ein Spalt in das +grosse Thal, aus welchem sich ein etwa 40 Fuss hoher, gut erhaltener +Lavastrom herabstuerzt, und in vielen Spalten desselben Thales sind die +Felswaende noch hier und da mit Lava ueberzogen. Die hier stets herrschende +heisse trockene Luft, die geringe Regenmenge waren der Erhaltung dieser +Lavamassen besonders guenstig, was vom Innern Abessiniens nicht behauptet +werden kann, wo fortwaehrend starke Regen und feuchte Luft die Zersetzung +der Laven beguenstigen. Im Innern fanden ueberhaupt auch weniger +Lavaergiessungen statt und sind deren Spuren ueberhaupt aeusserst selten. +Einen merkwuerdigen Lavaueberrest aus der Zeit der ersten Revolution fand +ich am Flusse Mareb unterhalb der Ortschaft Gundet am Wege nach Hamasien. +Er bildete die Spitze eines abgeplatteten Huegels, war fest auf den Trachyt +gelagert, 21/2-3 Fuss maechtig und bestand aus lauter Roehren von 1/2-11/2 Zoll +Durchmesser, die theils hohl, theils mit schmuziggelbem Eisenocker +ausgefuellt waren." + +So viel berichtet Zander ueber die geologischen Verhaeltnisse des Landes. +Zur weiteren Erlaeuterung fuegen wir hier noch Rueppell's kurze Bemerkungen +bei: "Jenseit des flachen Meeresufers und in geringer Entfernung von der +Kueste erhebt sich ein mit diesem ziemlich paralleler Gebirgszug von +imposanter Hoehe, welcher zehn Stunden landeinwaerts bereits +durchschnittlich 8-9000 Fuss ueber die Flaeche des Arabischen Busens +hervorragt. Er besteht durchgehends aus Schiefer- und Gneisfelsen; an +seiner oestlichen Basis aber erblickt man mehrere Trachyt-Lava-Stroeme; +isolirte vulkanische Kegel tauchen aus der aufgeschwemmten Uferflaeche des +Annesleygolfs bei Afte und Zula hervor und das von Salt beobachtete +Vorkommen des Obsidians zu Amphila ist ein Beweis fuer die Verbreitung +einer frueheren vulkanischen Thaetigkeit laengs der ganzen Kueste hin. +Westlich von dieser Kuestengebirgskette bildet durchaus das naemliche +Schiefergebilde den Kern der ganzen Landschaft und wird namentlich in +allen tief eingewuehlten Strombetten beobachtet. Diese Schieferformation +ist mit einem weitverbreiteten, horizontal geschichteten Sandsteinplateau +ueberdeckt, das aber durch spaetere vulkanische Thaetigkeit auf eine +merkwuerdige Weise theils senkrecht gespalten und verschoben, theils +verschiedentlich emporgehoben wurde. An mehreren Orten, z. B. vermittelst +der beiden Berge Alequa in den Provinzen Ategerat (Atigrat) und Schirie, +durchbrach die Lavamasse die bereits sehr zerarbeitete Sandsteindecke und +erhob sich, isolirte zugespitzte Kegelberge bildend, ueber dieselbe; +anderwaerts, wie in der Umgebung von Axum, entstanden durch diese +Lavaergiessungen zusammenhaengende vulkanische Huegelzuege; stellenweise +endlich senkte sich eine weite Strecke entlang die ganze +Sandsteinformation und bildete die auf ihrer einen Seite durch steile +Felswaende begrenzte Verflachung der Landschaften von Geralta und Tembien, +deren mittlere Erhebung ueber die Meeresflaeche auf sechstausend Fuss +anzuschlagen ist. Diese allgemeine Einfoermigkeit in dem geognostischen +Charakter des ganzen oestlichen Abessinien sah ich nur durch zwei andere +Gebirgsformationen unterbrochen. Die eine derselben sind die aus Kreide +und Kalkmergel bestehenden Hoehen, welche zu Sanafe (in Agamie) zu Tage +kommen und die ich ausserdem noch auf dem Wege von Adoa nach Halai zu +Agometen und Gantuftufie sah. Die andere Ausnahme bilden die Granitmassen, +welche theils als stark verwitterte kolossale Bloecke, theils als plumpe +Massen etwas suedlich von Amba Zion und unfern des Staedtchens Magab +sichtbar sind und die ich in Schirie, unter einem fast gleichen +Breitengrade, als die Seitenwaende der von dem Kamelo durchflossenen +Thalausfloetzung wiederfand." + +Spaetere Reisende, namentlich Heuglin, haben dann noch einzelne andere +geologische Gebilde angetroffen. So tertiaere Gesteine in Hamazien, und +nach demselben Forscher zeigt sich dolomitischer Kalk ueberall lose in der +Dammerde; dann, an einzelnen Stellen, wie in Dembea, Gyps und Mergel. Als +Zersetzungsprodukte von Laven und Basalt erscheinen Thone und fette +Dammerde von schwarzer und rother Farbe. Sehr betraechtliche +_Braunkohlenlager_, die jedoch nicht ausgebeutet werden, finden sich im +Goangthal zwischen Dembea und Tschelga; ebensowenig benutzt man andere +mineralische Artikel, mit Ausnahme von Schwefel und Salz. Besonders +hervorzuheben in geologischer Beziehung ist noch die Entdeckung einer +Menge von _versteinerten Baumstaemmen_ bei Tenta, zwischen dem Kollogebirge +und dem Beschlofluss durch Steudner und v. Heuglin. Sie sind verkieselt und +zeigen deutlich die Jahresringe, Spuren von Rinde und Gaenge von +Insektenlarven. Offenbar sind diese Staemme durch den Einfluss heisser, +kieselerdehaltiger Quellen versteinert worden; sie sollen sich auch auf +den Hochebenen von Woadla, Talanta und im Galaland finden. Nach Professor +Unger, welcher dieses Holz _Nicolia aegyptiaca_ nannte, besteht der +sogenannte "versteinerte Wald" bei Kairo aus derselben Spezies; die ihn +bildenden Staemme wurden durch Hochwasser aus den oberen Nilgebieten nach +ihrer jetzigen Lagerstaette gefuehrt und unter Verhaeltnissen begraben, die +ihre Konservirung zur Folge hatten. + +Trotz der grossen vulkanischen Thaetigkeit, welche in Abessinien geherrscht, +zeigt keine der hoeheren Gebirgskuppen Spuren eines Kraters. Doch ganz +unten im Schoadathale, sowie an einigen Stellen in der Flaeche von Woggera +und in Telemt, erheben sich einige isolirte Kegel mit deutlicher +kraterfoermiger Vertiefung, welche sicherlich Spaetlinge der vulkanischen +Thaetigkeit waren. Jedenfalls sind in historischer Zeit nur vereinzelte +Vulkanausbrueche bekannt geworden, zuletzt im Jahre 1861, als der Vulkan +von Ed an der Danakilkueste des Rothen Meeres zwei heftige Eruptionen +hatte. Auch fuehrt Rueppell nach den Landeschroniken einen heftigen +Aschenregen an, der fuer ganz Abessinien ein unerhoertes Ereigniss war. +Erdbeben sind dagegen ziemlich haeufig. + +Bei der vulkanischen Natur des Landes kann es nicht Wunder nehmen, dass +_heisse Quellen_ in demselben keineswegs selten vorkommen. Die beruehmtesten +Quellen sind in Begemeder, bei Ailat (Eilet) in der Naehe Massaua's im +Kuestenlande und zu Filamba im noerdlichen Schoa. Letztere, fuenf an der +Zahl, in einer lieblichen Gegend der Provinz Giddem gelegen, umgeben von +praechtigen Baeumen, sind der Zufluchtsort aller Kranken und Siechen von +weit und breit, die hier Heilung von den verschiedensten Uebeln suchen. +Die heilkraeftigste dieser Quellen fuehrt den Namen Aragawi nach einem der +neun griechischen Sendboten, welche das Christenthum in Abessinien +ausbreiten halfen. Nahe dabei liegt der Quell "Heilige Dreieinigkeit", +dessen Temperatur 48 deg. C. betraegt. Die Zulassung zu den Baedern muss mit +einem Stueck Salz im Werthe von etwa 21/2 Groschen erkauft werden. Der +Geschmack des klaren Wassers ist leicht nach Schwefelwasserstoffgas. + +_Oberflaechengestaltung._ Betrachten wir nun die Oberflaechengestaltung des +Landes und seine Gebirgsbildungen. Schroff gegen die Gestade des Rothen +Meeres abstuerzend, nur durch wenige Paesse durchbrochen, zieht sich an der +ganzen Westgrenze des Landes eine lange Bergkette hin, die sich +durchschnittlich 8000 bis 9000 Fuss ueber dem Meere erhebt. Westlich von +dieser treffen wir im Herzen Tigrie's auf theils isolirte, theils +zusammenhaengende Berge, die, namentlich in der Umgebung der Hauptstadt +Adoa, unter dem Namen der _Aukerkette_ zusammengefasst werden. Alle die +vielen Gipfel derselben gehen wenig ueber 9000 Fuss hinauf; die meisten +erheben sich nur zwischen 7000 und 8000 Fuss. Der hoechste unter ihnen, der +Semajata im Osten Adoa's, steigt bis zu 9518 Fuss. Von diesem Systeme +verzweigt sich durch die Provinzen Agamie und Haramat eine andere Reihe +von Gebirgen, die in Bezug auf groteske Formen alles hinter sich +zuruecklassen, was wir in den Alpen, den Cordilleren Amerika's oder in den +malerischen Gebilden der Saechsischen Schweiz zu sehen gewohnt sind, und +die in der That einzig auf unsrer Erde dazustehen scheinen als Ausgeburten +einer seltsamen Laune der Natur. Ihre hoechste Erhebung finden sie in dem +Tatsen oder Alequa bei Adigrat mit 10,390, und im Sanafe mit 10,242 Fuss. +Die Reisenden, welche diese Gegenden durchwanderten, werden nicht muede, +die seltsamsten Vergleiche heranzuziehen, um dem Leser einen Begriff von +diesen wunderbaren Formen zu machen. Alle uebrigen Berggestaltungen unsrer +Erde, die verschiedensten Bauformen - Rueppell spricht sogar von +aegyptischen Tempeln - werden angefuehrt, doch ist das geschriebene Wort nur +wenig dazu geeignet, in uns eine lebhafte Vorstellung zu erwecken. Hier +tritt der Griffel des Kuenstlers in sein volles Recht, und die Abbildungen, +die wir gluecklicherweise in dieser Beziehung vorfuehren koennen, sind +vollkommen geeignet, eine klare Anschauung der betreffenden +Gebirgsformationen herzustellen. Isenberg, der von Adoa aus einen Theil +Haramats auf seinem Zuge in das Lager Ubie's 1838 beruehrte, ist ganz +entzueckt ueber jene herrlichen Gestalten und schildert eine dieser _Amben_ +- so nennt man jene Bergformen - folgendermassen: "Wir gelangten in ein +Thal, ringsum von hohen steilen Felsen eingeschlossen, an dessen oestlichem +Ende auf der Spitze eines Granitfelsens - aus welchem ueberhaupt meistens +diese Berge bestehen - ueber einem Engpasse ein Kloster Namens Debra +Berberi (Pfefferberg) liegt. Dieses Thal durchschritten wir und bestiegen +dann ein wellenfoermiges Plateau, welches links von einer majestaetischen +von Norden nach Sueden ziehenden Felswand begrenzt ist, welche einen +unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte. Dieser Amba oder Berg zieht +sich mit meist senkrechten maechtigen Waenden fuenf oder sechs Stunden weit +hin und gleicht einem ungeheuren gothischen Naturgebaeude in kolossalster +Form und Vollendung. + + [Illustration: Amba Zion in Haramat. Originalzeichnung von Eduard + Zander.] + +Die in regelmaessigen Dimensionen voneinander stehenden zahlreichen Saeulen, +womit die ganze ungeheure Wand besetzt ist, vermehren bedeutend den +Anblick eines Kunstwerkes, und nicht minder einige fensteraehnliche +Oeffnungen, durch welche man, weil an diesen Stellen der Fels sehr duenn +ist, hindurchschauen kann. Dieser Berg heisst _Amba Saneiti_. An seinem +suedlichen Ende steht ein grosser isolirter konischer Fels, der einer hoechst +kolossalen alten Ritterburg aehnlich ist. + +Diese und aehnliche Berge, an welchen besonders Agamie so reich ist, dienen +haeufig, da sie in der Regel von den meisten Stellen unzugaenglich, und sehr +haeufig oben, wo sie meist platt sind, Wasser haben, Empoerern und ueberhaupt +kriegfuehrenden Haufen als _natuerliche Festungen_, wo sie, wenn sie sonst +Vorraethe an Lebensmitteln haben, sich lange gegen den belagernden Feind +vertheidigen und leicht Ausfaelle auf ihn machen koennen." Prachtvoll ist +auch der Anblick der _Amba Zion_, welche sich suedlich von Atigrat in der +Landschaft Haramat bis zu 9269 Fuss erhebt. Rueppell zog durch wiesenreiche +Gruende am 1. Juni 1832 an dieser maerchenhaften Felswand hin. "Die +Sandsteinterrasse bildete zur Rechten unsres heutigen Weges ein schroffes +Vorgebirge, das sich bei 1200 Fuss ueber die Thalebene erhob und einen +ausgezeichneten Punkt zur geographischen Orientirung darbot; sein Name ist +Amba Zion. Der Boden der Landschaft fing nun an, ziemlich eben zu werden +(nach Sueden zu) und bestand in einer nackten, unfruchtbaren und +stellenweise mehrere Fuss breit auseinandergerissenen Sandsteinmasse, deren +Spalten durchaus von emporgehobener Lava ausgefuellt waren." + +Von all den eben angefuehrten Gebirgen werden die noch hoeheren und +majestaetischeren Berge Semien's durch den Takazziestrom, eine der +Hauptwasseradern Abessiniens, getrennt. Der Reisende, welcher auf dem +hohen Plateau, das sich im Osten des Takazzie in Tigrie ausdehnt, dem +Lande _Semien_ zuschreitet, erblickt bald vor sich ein wunderbares +Panorama. Die Thaeler von Telemt und Semien liegen noch in Fruehnebel +eingehuellt, auf den dunkle Purpurschatten fallen. Wie ein Meer breiten +sich die obern Flaechen der Duenste horizontal und leicht vom Winde bewegt +ueber dem tiefen Bette des Takazzie und andern unzaehligen Rissen und +Thaelern aus, daraus ragen im Morgensonnengolde Zacken und Kegel wie Inseln +und Burgen aus einem blauen Ozean und dahinter als hohe Mauer der hoch zum +Himmel aufstrebende Gebirgsstock von Semien mit weit vorgeschobenen, +Tausende von Fuss senkrecht abfallenden Massen. Diese Gebirge sind durchaus +vulkanischer Natur, aber laengs ihrer vom Takazzie bespuelten Basis findet +sich dieselbe Formation wie auf dem oestlichen Ufer dieses Stromes, +Schiefer in der Tiefe mit horizontalem Sandstein ueberdeckt und vulkanische +Lavakegel, die den letztern durchbrochen haben. Die hoechsten Spitzen von +Semien reichen bis in die Eisregion und sind namentlich waehrend der +Regenzeit zuweilen auf mehrere tausend Fuss herab mit hagel- oder +firnartigem, sehr koernigem _Schnee_ bedeckt, der jedoch schnell schmilzt, +und nur auf der Nordseite sieht man an sehr vor der Sonne geschuetzten +Felsbaenken und in Schluchten fast das ganze Jahr ueber Eis, d. h. +gefrorene, in den Bergen entspringende Wasser, oft in ansehnlichen Massen, +theilweise allerdings auch von etwas derber Textur; von Gletschern und +ewigem Schnee kann aber hier nicht die Rede sein. + +In der Tigriesprache heisst der Schnee Berit. Bruce, welcher nur ueber die +niedrige Kette des Lamalmon in Semien gekommen war, glaubte nicht, dass +jemals Schnee auf den Bergen gesehen werde, obgleich die Thatsache in der +fruehesten Nachricht vom Lande, in der adulitanischen Inschrift des Kosmas +Indikopleustes, und spaeter von den am besten unterrichteten Jesuiten, +welche in Abessinien reisten, erwaehnt wird. Rueppell fand im Juni das obere +Viertheil der ganzen Gebirgskette mit Schnee bedeckt, eine Erscheinung, +die im Kontrast mit dem dunklen Lazur des Himmels und den ueppig gruenen +Pflanzen des Vordergrundes etwas in Afrika hoechst Fremdartiges an sich +hatte. Der durchaus aus vulkanischer Felsmasse bestehende schroffe +Gebirgskamm, welcher die Provinz Semien von Ostsuedost nach Westnordwest zu +begrenzt, umzieht in seinem weiteren Verlaufe in gewissermassen +ellipsoidischer Form den ganzen ungeheuren Dembeasee wie ein weiter +Kesselrand, und der _Buahat_ (Bachit), welcher die ganze Gruppe ueberragt, +kroent gleichsam den Gebirgskreis mit seiner erhabenen Kuppe. Hier ist die +echte "afrikanische Schweiz", die unter die Tropen gerueckte Alpenwelt, wie +Munzinger in Erinnerung an seine Heimat Abessinien getauft hat. Und in der +That, der Alpencharakter springt jedem, der es sah, in die Augen. "Unser +Marsch am 26. Juni", schreibt Rueppell, "brachte uns in eine Landschaft, +welche ganz den Charakter der schoeneren europaeischen Hochgebirgspartien +hatte. Coulissenartig springen auf den Seiten die Hoehen mit Nebenthaelern +hervor, welche theils beholzt, theils mit einem gruenen Teppich der +schoensten Gerstensaat besaeet sind. Das Ganze aber umgiebt +amphitheatralisch ein Kranz von hohen Bergen, deren schneeige Gipfel ueber +fette Alpenweiden emporragen. Bald erweitert sich das Hauptthal etwas nach +Suedwesten zu, und nun zeigt sich in pittoresker Gestalt der weit herab mit +Eis bedeckte Berg _Abba Jaret_, einer der hoechsten der ganzen Kette. +Wasserreiche Kaskaden umgeben auf beiden Seiten den Ataba, um ihm den +Tribut der Berge zu bringen, und hier und da schmueckt eine ehrwuerdige +Baumgruppe die grasreichen Ufer desselben. Ueber der ganzen Landschaft +aber schwebte das herrliche, ganz reine Lasurgewoelbe des Himmels +tropischer Hochgebirgsregionen. Kurz, alles vergegenwaertigt hier den +Charakter der Hochalpen Europa's, und es fehlten nur die malerisch +gelegenen Sennhuetten." + + [Illustration: Teiit, Partie vom Totscha in Semien. Originalzeichnung + von E. Zander.] + +Der Ataba ist ein sehr wasserreicher, dem Takazzie zustroemender +Gebirgsfluss, dessen Bett mit Felsbloecken gleichsam durchsaeet ist. An +seinem Ufer erhebt sich der 11,500 Fuss hohe _Dschinufra_, dessen +trachytische, mit Mandelsteinen und Basalten durchsetzte Gebirgsmassen +hier 3000 Fuss jaeh abfallen und namentlich in seinem _Woikall_ genannten +Zweige von Sueden her einen imposanten Anblick gewaehren. Ueberreich ist +Semien an aehnlichen grotesken Fels- und Berggestaltungen, sodass es schwer +haelt, aus der grossen Zahl der herrlichen Partien nur einige der schoensten +auszuwaehlen, um sie dem Leser vorzufuehren. Da ist der _Awirr_, der sich +nach Norden zu mit dem hohen _Selki_ verbindet und der nach Osten zu ins +Takazziethal abfaellt, waehrend sich sein Westabhang ins Appenathal senkt; +ferner treffen wir hier auf die malerische Felspartie _Teiit_, ein Theil +des Totscha. + +Unsere schwindelerregenden Alpenpaesse mit ihren grausigen Schluenden, sie +reichen in ihrer Gefaehrlichkeit nicht an die Berge Semiens hinan. Der Weg +windet sich oft an einer senkrechten Felswand neben furchtbaren Abgruenden +hin, sodass auf ihm kaum ein unbeladenes Maulthier sicher hindurchkommen +kann. An mehreren Stellen wuerde es sogar fuer Menschen unmoeglich sein, +vorbeizuklettern, wenn nicht an der ganz lothrechten Felsmasse auf +kuenstlich angelegten Baumstaemmen ein Pfad geschaffen waere; aber auch dies +ist mit so wenig Geschick gemacht, dass man oft in grosser Lebensgefahr +schwebt. Dazu gesellt sich das dornige Gestraeuch, welches aus jedem +Felsspalt dieser vulkanischen Massen wildwuchernd hervorstarrt und das +Beschwerliche des Marsches im hohen Grade vermehrt. Diese Gefahren werden +besonders von Heuglin in seiner Ueberschreitung des Amba-Ras in +anschaulicher Weise geschildert. "Der Pfad, den kein Maulthier zu +erklimmen im Stande ist, fuehrt ueber zwei sehr enge, tiefe Schluchten +hinweg von einem Felsgrat zum andern, uebrigens haeufig durch ueppigen +Baumschlag und gruenes Gebuesch, an Quellen mit moosigem Gestein und +blumigen Rasenplaetzen hin, steiler und immer steiler aufwaerts. Ueber +schwindelnder Kluft liegt ein halbmorscher Baumstamm als Bruecke, links +erhebt sich eine starre Felswand; rechts herabzublicken in den Abgrund +wagt keiner, ehe er die verhaengnissvolle Passage hinter sich hat. An +steilen Gelaenden windet man sich immer hoeher, zuweilen ueber weite +Eisstrecken weg. Da scheint der hoechste senkrechte Abfall des Amba-Ras +wirklich jedes weitere Vordringen unmoeglich zu machen, doch es oeffnet sich +eine Felsspalte von nur zwei bis drei Fuss Weite, wie in einem Schornstein +klettert man vorsichtig, damit kein Stein lose wird, in alle moeglichen +Situationen uebergehend, von Vorsprung zu Vorsprung und kommt zuletzt mit +wunden Koepfen, Haenden und Fuessen auf der Plattform zwischen Bachit und +Amba-Ras wieder zu Tage." So sind die Wege in Semien beschaffen und doch +haben sie Armeen, aber abessinische Armeen, durchzogen und entscheidende +Schlachten auf den Eisfeldern des Landes geliefert. Die meisten der +angefuehrten Bergriesen Semiens, ausser denen wir hier noch den Walia-Kant, +den Jotes-Saret, Barotschuha, Taffalesser und Ras-Tetschen nennen, +erreichen eine Hoehe von mehr als 14,000 Fuss ueber dem Meere und werden nur +noch durch das Kollogebirge in den Galalaendern uebertroffen. + +Suedwestlich von Semien setzen sich die Gebirge in der _Hochflaeche von +Woggera_ fort, einer Art von gestaffelter Terrasse, die in ihrer hoechsten +Ebene bis zu 9500 Fuss emporragt, sich allmaelig aber nach Suedosten +verflacht, unfern von Gondar aber immer noch ziemlich steil nach dem +kesselfoermig von Hoehen umgebenen grossen Becken des _Tanasees_ abfaellt. +Woggera und alle Bergzuege in der Umgebung dieses grossen Binnensees +bestehen ganz aus vulkanischen Felsmassen und der durch ihre Zersetzung +hoechst fruchtbar gewordene Boden bildet eine herrliche Weidelandschaft. +Von Gondar aus wendet sich, an die Abfaelle Woggera's anschliessend, ein +schmaler Gebirgszug ohne Unterbrechung nach Suedosten, der die Verbindung +mit dem Hochlande Begemeder herstellt und bei Derita seine groesste Hoehe +zwischen 9000 und 10,000 Fuss erreicht. In Begemeder selbst treffen wir auf +das hohe, von Heuglin erstiegene _Gunagebirge_ (13,000 Fuss). Die Gipfel +bestehen aus kahlen Trachytmassen, die ein milchweisses, feldspathartiges +Gestein einschliessen; an einzelnen Stellen der Gehaenge sieht man Wacken +und Thone und der ganze Gebirgsstock hat einen ansehnlichen Umfang. Nach +Sueden und Osten faellt er steiler ab und verlaeuft nach Westen nach und nach +gegen den Blauen Nil und den Tanasee. Nach Osten zu schliessen sich wieder, +zum Theil mit dem Beschlostrome parallel laufend, hohe Gebirge an die Guna +an, deren eines sich unmittelbar mit den Hochebenen der Laender Woadla, +Talanta, Daunt, Jedschu und Lasta verbindet. + + [Illustration: Suedansicht des Woikall, eines Zweiges des Dschinufra, + vom Hai aus gesehen. + Originalzeichnung von Eduard Zander.] + +Die Plateaux der zuerst genannten Laender steigen bis 9000 Fuss ueber das +Meer an, waehrend die hoechsten Spitzen von Lasta wieder in die Eisregion +hineinragen. Jenseit des Beschlo aber, im Lande der Wollo-Gala, steigt +Abessiniens hoechstes Gebirge, die _Kollo_, bis ueber 15,000 Fuss an, und +auch in dem benachbarten, nach Westen zu gelegenen Gischem treffen wir auf +10,000 Fuss hohe Gipfel. + +Jenseit des Nil aber begegnen wir der durchschnittlich 8000 Fuss hohen +Berglandschaft Godscham, die im Talbawaha mit 11,000 Fuss ihre groesste +Erhebung findet. Endlich im Sueden steigen kuehn und malerisch wie die +Gebirge Semiens die Felsmassen von Schoa auf, die in der "Mutter der +Gnade", dem _Mamrat_ (13,000 Fuss), einen wuerdigen Abschluss finden. + +_Fluesse._ Die nach Westen und Nordwesten geneigten Hochflaechen Abessiniens +werden von zahlreichen Baechen und Stroemen durchschnitten, die nach kurzem +Laufe auf dem Plateau ploetzlich in tiefeingeschnittene Thaeler fallen, in +welchen sie oft sehr schnell eine Tiefe von 3000 bis 4000 Fuss unter der +Flaeche des Tafellandes erreichen. So behauptet das Hochland von Semien in +seinem ziemlich gleichfoermigen Rande eine Hoehe von 10,000 Fuss. Aber das +Bett des Bellegas im Schoadathale liegt nur etwa 5400 Fuss, das des +Takazzie an der Nordostgrenze gar nur 3000 Fuss ueber dem Meere. Die +groesseren Flussthaeler, z. B. des Takazzie und des Abai im Sueden, sind +ziemlich weit; das letztere hat eine Breite von wenigstens fuenf deutschen +Meilen. Deshalb stellen die Abessinier ihr Tafelland stets als eine aus +dem umgebenden Tieflande emporragende Insel dar. Die Thaeler sind +ausserordentlich wild und unregelmaessig, im ganzen aber von ziemlich +uebereinstimmendem Charakter. Die obere Haelfte des Abfalls ist immer +ungemein steil, oft aus vielfach zerrissenen horizontalen Baenken von Lava, +Trachyt und Basalttuff gebildet; dann folgen terrassenfoermig uebereinander +liegende Plateaux mit sanfteren Abfaellen, oft aus fest zusammengebackenen +Brocken vulkanischer Gesteine der Nachbarschaft und Dammerde bestehend. +Auf der Thalsohle dagegen erscheinen wieder die vulkanischen Massen in +ihrer Urgestalt, und die dort hausenden Hochwasser haben sich in denselben +tiefe, rinnenartige Betten mit meist senkrechten Waenden eingerissen. In +der trockenen Jahreszeit sind die Stroeme in diesen Thaelern theilweise ohne +Wasser, kaum schlammigen Baechen aehnlich; in der Regenzeit ueberfluten sie +das ganze Flachland. Da, wo die Fluesse das Flachland verlassen, bilden sie +meistens Katarakte von bedeutender Hoehe, und in solchen Wasserfaellen und +Stromschnellen senkt sich ihr Bett auf eine Strecke von wenigen Meilen um +mehrere tausend Fuss. + +Praechtig hat vor allen andern Werner Munzinger dieses Anschwellen der +abessinischen Stroeme geschildert. Er fuehrt uns in die tiefe Thalschlucht, +in der es fast den ganzen Tag ueber dunkel ist, denn nur wenige +Mittagsstunden dringt die Sonne in die schauerliche Tiefe. "Hier wird +selbst der Vogel scheu und stumm und die am spaerlichen Wasser sich labende +Gazelle lauscht aengstlich auf bei jedem Geraeusch in der fluchtwehrenden +Enge. Da ist fast ewige Stille, nur unterbrochen von dem Murmeln des sich +ins Freie draengenden Baches, selten gestoert von dem Geheul der an den +jaehen Abgrund sich klammernden Affen. + +"Weh dem, der hier weilt in der Regenzeit! Von langer Fahrt muede bettet +sich der Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschoepft, selbst +diese finstern Gruende laden ihn zur Ruhe. Im heissesten Mittag wiegt er +sich in suesse Traeume; seiner harret das freundliche Heim - da droehnt es +dumpf im Hochgebirge; ein Schuss, ein zweiter, dann der schreckliche, den +ganzen Himmel durchrasende Donner. + +"Doch fuerchtet er noch nichts, das Gewitter ist ja so fern. Er weilt und +traeumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen, +wie wenn der Wind durch die Blaetter fuehre. Es wird lauter, gewaltiger, es +zischt, es prasselt, es toset, es bruellt, als wenn die boesen Geister +anfuehren - nun naht es, mauergleich, sich schaeumend und ueberstuerzend - _es +ist der Waldstrom_. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein maechtiger +Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk stuerzt er wild und feurig +in das Thal hinab. Die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter seiner Wucht +und die grasige Ebene wird von Schutt ueberrollt; das Wasser fuellt das +ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe dir, du armer Mann! +Wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Fluegel des Adlers, hast du die +Krallen des Affen, der ueber dir schwebend deiner Noth hoehnt? Bist du im +Bunde mit den Geistern, dass sie dich forttruegen? Hier ist sie nicht dein +Knecht die Natur, sie ist dein dich vernichtender Feind. Es sind wenige +Jahre her, dass ein ganzes Zeltlager, in einem breiten, trockenen +Strombette gelagert, die Beduinen mit ihren Herden und Zelten von dem +ungeahnten Waldstrom ueberfallen und fortgerissen wurden. Hundert Menschen, +Tausende von Ziegen wurden seine Beute." + +Tritt hier der abessinische Strom vernichtend auf, so erfuellt er +andererseits eine hohe Aufgabe. Unser Landsmann Eduard Rueppell war der +erste, welcher 1832 darauf hinwies, dass _diese Stroeme die Bildner des +fruchtbaren Erdreichs in Aegypten und die Ursache der Nilueberschwemmungen_ +sind. "Die aufgeloesten vulkanischen Massen Abessiniens", sagt er, "sind, +indem sie von den zur Regenzeit anschwellenden Fluessen fortgefloesst werden, +die Elemente jener befruchtenden Erdablagerungen, welche der Nilstrom +laengs seinem ganzen Laufe seit Jahrtausenden alljaehrlich absetzt. Bedenkt +man die ungeheure Erstreckung des von diesem Flusse angeschwemmten Landes +in Nubien und Aegypten, so wird man mit Erstaunen erfuellt ueber die Masse +der nach und nach durch die Verwitterung zerstoerten Vulkane Abessiniens." +(Reise in Abyssinien, II, 319.) + +Erst volle dreissig Jahre spaeter widmete der Englaender Baker dieser +Thaetigkeit der abessinischen Stroeme sein Augenmerk; ein ganzes Jahr lang +zog er im Gebiete derselben umher und hielt sich dann schliesslich fuer den +Entdecker der schon frueher von Rueppell aufgestellten Thatsache, die +allerdings von ihm in vielen Stuecken erlaeutert wurde. Der _Atbara_, der +_Takazzie_ oder _Setit_, der _Salam_, _Angrab_, _Rahad_, _Dender_ und der +_Abai_ oder _Blaue Nil_ sind die grossen Entwaesserungskanaele Abessiniens; +sie haben alle einen gleichfoermigen Lauf von Suedost nach Nordwest und +treffen den Hauptnil in zwei Muendungen, durch den Blauen Nil bei Chartum +und durch den Atbara. + +Alle die genannten Stroeme gehoeren zum Gebiete des Nil. Als Hauptquelland +des Abai (Blauer Fluss, Bahr el Asrek) muss das Becken des _Tanasees_ (Zana, +Tsana) betrachtet werden. In einem ungeheuren, vom Hochland umlagerten +Becken sammeln sich ungefaehr im Mittelpunkte von Amhara die meisten +Gewaesser von Godscham, Begemeder und Dembea und bilden in einer Meereshoehe +von 5732 Fuss einen herrlichen Alpensee mit zahlreichen Inseln, eingesaeumt +von gruenen Matten und reichen Kulturebenen, durch welche in +Schlangenwindungen zahlreiche Bergwasser rinnen. Der Tanasee, welcher in +elliptischer Form einen Raum von etwa einhundertfuenfzig Quadratstunden +einnimmt, war einst wol um die Haelfte groesser, aber im Laufe der +Jahrtausende haben die fortwaehrenden Schlammniederschlaege von zersetzter +Lava, welche die Gewaesser waehrend der Regenzeit von den vulkanischen Hoehen +abspuelen, eine wagerechte Bodenflaeche an vielen Stellen seiner Ufer +gebildet und so nach und nach seinen Umkreis verengt. In einer mehr als 60 +Fuss tiefen Felsschlucht, deren senkrecht abstuerzende Seitenwaende an +mehreren Stellen kaum zwei Klaftern weit voneinander entfernt sind, +rauscht der Nil in einer ununterbrochenen Reihe von Kaskaden aus dem See +hervor. Waehrend der Regenzeit ist nicht allein dieser ganze Felsenspalt +mit Wasser ausgefuellt, sondern der Strom ueberflutet dann auch eine +betraechtliche Strecke des suedlichen Ufers, welche mit stark abgeschwemmten +vulkanischen Geroellen von kolossaler Groesse bedeckt ist. Hier woelbt sich +ueber ihn die _Bruecke von Deldei_, welche aus acht Bogen besteht, die alle +untereinander von ungleicher Groesse sind und von denen der noerdlichste, +ueber die Felsenschlucht selbst gesprengte und somit allein immer vom Strom +durchflossene, bei weitem der groesste von allen ist. Die Laenge der Bruecke +betraegt neunzig Schritt und ihre Breite fuenfzehn Fuss. Sie bildet in ihrer +Laengenerstreckung keine gerade Linie, indem sie an den drei noerdlichen +Bogen sich etwas nach Westen wendet. Die Woelbung der Bogen ist aus kleinen +behauenen Sandsteinen erbaut, das Uebrige aber aus Lavafels. In der Mitte +der Bruecke befindet sich eine Quermauer mit einem Thore und an ihrem +Nordende ist eine Art von Vertheidigungsthurm, der aber jetzt in Truemmern +liegt. Von hier aus umfliesst der Blaue Nil in spiralfoermigem Laufe, sich +den Grenzen Schoa's naehernd, Godscham und Damot und nimmt erst in Fasogl +und den Ebenen von Sennar nordwestlichen Lauf an, welchen er beibehaelt bis +zu seiner Vereinigung mit dem Weissen Nil bei Chartum. Der Abai erhaelt noch +reichliche Zufluesse von Osten und Sueden her, namentlich den _Beschlo_ und +die _Dschama_, und endlich in Sennar den Dinder und Rahad, welche den +westlichen Rand von Abessinien zum Quellgebiet haben. Der Blaue Nil ist +waehrend der trockenen Jahreszeit so klein, dass er nicht Wasser genug fuer +kleinere Fahrzeuge hat, die mit dem Transporte von Produkten von Sennar +nach Chartum beschaeftigt sind. In dieser Zeit ist das Wasser schoen hell, +und da es den wolkenlosen Himmel reflektirt, hat seine Farbe zu dem +wohlbekannten Namen Bahr el Asrek oder Blauer Fluss Anlass gegeben. Es giebt +kein koestlicheres Wasser als das des Blauen Nil; es sticht ganz ab gegen +das des Weissen Flusses, welches nie hell ist und einen unangenehmen +Vegetationsgeschmack hat. Diese Verschiedenheit in der Beschaffenheit des +Wassers ist ein unterscheidendes Merkmal der beiden Fluesse; der eine, der +Blaue Nil, ist ein reissender Gebirgsstrom, der mit grosser Schnelligkeit +steigt und faellt; der andere entspringt im Mwutan Nzige und fliesst durch +ungeheure Marschen. Der Lauf des Blauen Nil geht durch fruchtbaren Boden; +er erleidet daher nur einen geringen Verlust durch Absorption, und waehrend +der starken Regen liefern seine Wasser einen maechtigen Beitrag erdigen +Stoffs von rother Farbe zu dem allgemein befruchtenden Niederschlag des +Nil in Unteraegypten. + + [Illustration: Charakter des Hochgebirges Awirr in Semien. Nach + Originalzeichnung von E. Zander.] + +Der _Atbara_ entspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und +ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere +Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfuetzen +beschraenkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkroeten und Flusspferde +zusammendraengen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit +setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zustroemt. Die Regenzeit +beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind +die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Giessbach; Baeume +werden von den ueber ihre Ufer geschwollenen Bergstroemen entwurzelt, der +Atbara wird ein ungeheurer Fluss, der mit einer alles ueberwaeltigenden +Stroemung den ganzen Ablauf von fuenf grossen Fluessen (des Takazzie, Salam, +Dinder und Angrab nebst seiner eigenen urspruenglichen Wassermasse) +herabbringt. Seine Fluten sind getruebt vom Erdreich, das von den +fruchtbarsten Laendereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil +abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst grossen Baeumen und haeufig die +Leichen von Elephanten und Bueffeln werden von seinen schlammigen Wassern +in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern +wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz. + +Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluss Abessiniens +aufnehmen, ergiessen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in +den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weisse Nil einen betraechtlich +hohen, obwol nicht seinen hoechsten Stand, und der ploetzliche Wassersturz, +der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den +Weissen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die +jaehrliche Ueberschwemmung in Unteraegypten. + +Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann der _Takazzie_ gelten, +wenngleich er nur ein Nebenfluss des Atbara ist. Er entspringt oestlich vom +Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den +Eingeborenen Ain (das Auge des) Takazzie heissen. Diese ergiessen sich in +einen Behaelter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache +herausfliesst. Der Strom, die grosse Scheide zwischen den Landen Amhara in +seinem Westen und Tigrie in seinem Osten, geht erst in noerdlicher Richtung +weiter und rauscht dann in schaeumenden Kaskaden an den Alpen Semien's am +Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Waenden eingefasstes Bett +wuehlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuss ueber dem Meere liegenden +Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht +eine heisse ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere +meiden diesen Aufenthalt, und nur die unfoermigen Koepfe der Nilpferde +erscheinen ueber dem Spiegel des in Stromschnellen ueber Kiesgrund +dahinschiessenden Flusses. Von Semien an nimmt der Takazzie eine westliche +Richtung an und tritt durch das heisse Land Wolkait auf aegyptisches Gebiet +ueber, wo er den Rojan auf- und den Namen _Setit_ annimmt. Durch das Land +der Homranaraber und eine ueberaus wildreiche Gegend, das Paradies der +Jagdfreunde, waelzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem +Atbara zu. Als ein weiterer Zufluss desselben kann der in Hamasien +entspringende, die Provinz Serawie in einem Bogen umfliessende _Mareb_ +betrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der +aegyptischen Provinz Taka den Namen _Chor el Gasch_ erhaelt und jenseit +Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht. + +Die Wasser der noerdlichen Grenzlaender Abessiniens endlich sammelt der +_Barka_, die er bei Tokar suedlich von Sauakin dem Rothen Meere zufuehrt. +Aber alle diese Fluesse, so grosse Gaben sie sonst fuer das Land sind, +verlieren dadurch bedeutend an Werth, dass sie nicht als +Kommunikationsmittel dienen koennen. Es fehlen die Stroeme, die sich +schiffbar in das Rothe Meer ergiessen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu +ersetzen, die allmaelig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Kueste +auslaufend, den Kameeltransport ermoeglichen. Mehr noch als das: die Fluesse +verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Bruecken baut der +Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten +zerfallen. + +Schoa schliesslich, der suedliche Theil Abessiniens, sendet seine nach +Westen gehenden Stroeme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus +Gurague kommende _Hawasch_ um das Land, allein er erreicht das Rothe Meer +nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilkueste. + + -------------- + +_Klimatische Verhaeltnisse._ Unter den Tropen gelegen, von der Meereskueste +bis zu 15,000 Fuss Hoehe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die +suedliche Hitze und nordische Kaelte vereinigend, bietet Abessinien auf +seinem verhaeltnissmaessig beschraenkten Raume alle Erscheinungen der +ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wueste bis zu jener der +Hochlande in seltener Fuelle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so +verschiedenen Hoehenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel des +_Klimas_, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden +aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die +Vegetation ein Ende nimmt. Schliesst man die heissen Kuestenstriche, die +tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land +eingerissenen Thaeler, wie jenes des Takazzie, aus, so kann das Hochland +als ein klimatisch sehr beguenstigtes bezeichnet werden. Nach Rueppell sind +die taeglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang; +starke Stuerme sind eine grosse Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit +hat gar keinen nachtheiligen Einfluss auf die Gesundheit, ja waehrend dieser +Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen +zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewoehnlich +eine bewoelkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate +November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man +sich denken kann, da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer +faellt und die Waerme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Hoehe des +Landes nichts weniger als drueckend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses +Klima zu demjenigen des groesseren Theils von Afrika, das so viele Opfer +fordert! + +In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander's finden sich ueber den +Wechsel der Temperatur in Abessinien von den hoechsten Berggipfeln bis zu +den tiefsten Thaelern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuss, +folgende mittlere Werthe in Graden nach Reaumur angefuehrt. Zwischen 14,000 +und 13,000 Fuss: frueh und Abends im Sommer + 1 bis 3 deg.; in den Wintermonaten +zu derselben Zeit - 3 bis - 6 deg.; des Mittags + 3 bis 4 deg.. + +Zwischen 13,000 und 12,000 Fuss: frueh und Nachts 0 deg. in den Wintermonaten; +im November, Dezember, Januar, Februar - 1 bis 3 deg.; Mittags + 5 bis 7 deg.. + +Zwischen 12,000 und 10,000 Fuss: Morgens und Nachts + 5 bis 7 deg.; Mittags 10 +bis 12 deg.. + +Zwischen 10,000 und 8000 Fuss: Morgens und Abends + 7 bis 9 deg.; Mittags 12 +bis 15 deg.. + +Zwischen 8000 und 6000 Fuss: frueh und Abends + 14 bis 18 deg.; Mittags 20 bis +23 deg.. + +Zwischen 5000 und 3000 Fuss: frueh und Abends + 24 bis 28 deg.; Mittags 30 bis +32 deg.. + +Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer +Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen +oder Vegetationsguertel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem +vermittelnden Gliede fuer beide, Woina-Deka genannt. Hiernach laesst sich, +wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander uebergehen, die +_Flora des Landes_ in drei Abtheilungen zerlegen. + +_Die Kola._ Kola heisst das Tiefland unter 5500 Fuss. Seine Vegetation +zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, dass sie im +Allgemeinen zur heissen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region +gehoeren die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara, +das Takazzie-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. "Im September +und Oktober herrschen in diesen Flussthaelern aeusserst gefaehrliche, meist +todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Luefte verpestet, theils durch +die aeusserst ueppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils +durch die stagnirenden Gewaesser, die nach der Regenzeit in Lachen und +unzaehligen Vertiefungen ohne Abfluss verdunsten muessen und in denen sich +oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen +Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jaehrlich dieser +Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, dass +der Getreidewaechter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und +gesund gelegenes Heimatsdorf zurueckbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern +mittheilt, das sich nun von da ueber die naechsten Ortschaften weiter +verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, dass ganze Doerfer rein +aussterben. Die beste Zeit in diesen tiefen Laendern faellt in die Monate +Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer +geheuer." (Zander's Manuskript.) + +Gern meidet der Europaeer diese fieberschwangern Thaeler und Niederungen, +oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgaenglich beruehren muss, wie +z. B. das Takazziethal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in +die Kola eingedrungen, um dort laengere Zeit zu weilen; so Munzinger in +jene am Mareb, Rueppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar +aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Hoehe +von 8200 Fuss auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach +dem Atbara fliessenden Gewaesser trennt. Hier breitete sich vor seinen +Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet +durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff +aufgethuermte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene +Gegend erniedrigt sich allmaelig und wird von mehreren betraechtlichen +Gewaessern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den +Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait +durchschlaengelt und sich in den Salam (Nebenfluss des Atbara) ergiesst. In +der Thalniederung angelangt, marschirte er ueber eine wellenfoermige, mit +schoenen Baumgruppen bestandene Ebene, oft ueberragt von zehn Fuss hohem, +schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche +Herden furchtbarer Bueffel, kleine Familien von Elephanten, einige +menschenscheue Rhinozeros, blutduerstige Loewen und Leoparden, verschiedene +Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den grossen gemeinschaftlichen +Weideplaetzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten +Spuren von Elephantenfusstritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen +ihrer verderblichen Luft von den Menschen gaenzlich gemieden. Wenn waehrend +der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer ueppig +vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet +wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den +Luftzug und somit die Zertheilung der Duenste, und schon derjenige, welcher +nur durch die Landschaft fluechtigen Fusses dahineilt, wird vom boesartigen +Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner +Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermoegen. Die in Rede stehende Kola +schaetzt Rueppell auf 4700 Fuss Hoehe ueber dem Meeresspiegel. + +Betrachten wir nun die einzelnen Repraesentanten der Pflanzenwelt in diesen +Niederungen und den sich ihnen anschliessenden bergigen Gegenden bis zur +Hoehe von 5500 Fuss. Aus dem heissen ungesunden Tieflande aufwaerts steigend, +gewahren wir grosse gewaltige Baeume nur in den Tiefen des Thales. Die Waende +sind zwar ueppig begruent, doch nur von kleinen Baeumen bestanden; namentlich +wuchert die _Akazie_ empor und nur an den guenstigsten Stellen treten +andere Baeume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich die +_Tamarinden_ mit ihren blaugruenlich schimmernden Kronen; die _Kigelien_ +mit dem herrlichen Laubgewoelbe, aus welchem die grossen, wurstfoermigen, an +langen, elastischen Stielen haengenden Fruechte hervorschauen; der _Baobab_ +(_Adansonia digitata_), die Mimosen, welche hier zu hohen schoenen Baeumen +geworden sind, und viele andere herrliche Gewaechse. Blumen aller Art, +Graeser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten +ohne Zahl bemaechtigen sich des von den Baeumen selbst nicht in Besitz +genommenen Erdreichs und verleihen den Waenden auf grosse Strecken hin +schmueckende Farben. Je hoeher man im Thale aufwaerts steigt, um so kraeftiger +und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuss ueber dem Meere +an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die praechtige +Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen die _Oelbaeume_ wesentlich +dazu bei, diesem Guertel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen +letztere an und fuer sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, dass +ihr Anblick unangenehm werden koennte. Ihr ungewisses Graugruen sticht +praechtig ab von den auf grosse Strecken hin durch die bluehende Aloe +rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blaettern und Blueten mancher +Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Baeume. Mit dem Wachholder +und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fuss den +vorzueglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein +kleiner suedeuropaeischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche +Hoehe von sechzig bis achtzig Fuss und einen Durchmesser von vier Fuss. Die +erbsengrossen fleischlosen Fruechte werden nicht benutzt, dagegen liefert +der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (_T. +indica_) erreicht eine majestaetische Groesse, wird aber von den Eingeborenen +wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wuesten, +sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (_A. +eburnea_, _planifrons_ u. s. w.) und andere Kameeldornbaeume von grosser +Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln koennen. +Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen +als Futter. + +Eine sehr eigenthuemliche Erscheinung in der Kolaregion ist die +papierrindige _Boswellia_ (_B. papyrifera_). Sie ist ein stattlicher Baum +mit grossen ahornartigen Blaettern und kleinen rothen Bluetenbuescheln. +Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blassgruene glatte +Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in grossen papierduennen +Blaettern abloest. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher +Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhaertet und klare +Bernsteinfarbe annimmt. + +Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites, +Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die +langfruechtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der +graublaetterige Uscher (_Calotropis procera_) ueberrascht durch seine +ballonartigen, mit atlasglaenzender Wolle gefuellten Fruechte. + +Mehrere Euphorbia-Arten kommen in ausserordentlicher Groesse vor. Unter +denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schoene, +armleuchterartige, oft bis vierzig Fuss hohe _Kronleuchter-Euphorbie_ (_E. +abessinica_), der _Kolqual_, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der +zum Baum geworden ist, aber seine Regelmaessigkeit, sein eigenthuemliches +Wesen, die Fuelle seiner Blaetter, die gleichartige Verzweigung derselben +beibehalten hat. + + [Illustration: Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde + Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.] + + [Illustration: Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen. + Zeichnung von Robert Kretschmer.] + +Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelaende und verleiht der Landschaft +einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon +mancher erblindet, waehrend er andererseits als Arznei gegen +Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum +Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben +fabrizirt man Schiesspulver. Der Kolqual erreicht seine groesste Verbreitung +zwischen 4500 und 5000 Fuss Meereshoehe, allein er kommt selbst bis 11,000 +Fuss Hoehe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist die _Sykomore_ sein +Begleiter, der ihn aber bald verlaesst. Diese Feigenart, welche von den +Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen +Gallas in grosser Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit +maechtigem Laubdach ueber ihre Umgebung hervor. Rueppell sah ein Exemplar, +dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuss hatte. Andere Exemplare +von vielleicht tausendjaehrigem Alter und einer Groesse, dass eine ganze +Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepaeck in ihrem Schatten bequem +ruhen koennen, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man +Sykomoren, die, eine ganze Welt fuer sich bildend, so von +Schmarotzerpflanzen ueberdeckt sind, dass man nur Waende von diesen, selten +aber ein Stueckchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von +ihnen in Besitz genommenen Baeume in Lauben um, welche der Kunst jedes +Gaertners zu spotten scheinen. + +Die Botaniker haben gezeigt, dass _kryptogamische Pflanzen_ in vielen ihrer +Unterabtheilungen ueber die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind. +Unter gleichen Umstaenden bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie +in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden +zu entdecken. Auch in den heisseren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man +sich, dass selbst die oedesten, aermsten Stellen des Gebirges begruent und +belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der +Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen +festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit +einer Art von Misstrauen betrachtet, namentlich die Gefaess-Kryptogamen, +welche den Zauberern ihre hauptsaechlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze +und Boviste werden fuer giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr +feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische +Pflanze, als eine wahre Landplage, die grosse Zerstoerungen unter den +Vorraethen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden +von den Baeumen herabhaengende Bartflechte (_Parmelia_) sind in Abessinien +haeufig; selten dagegen die Moose. Unter den _Farrnkraeutern_ finden wir +allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium, +Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris, +die auch in Deutschland ihre Vertreter haben. + +Die _Woina-Deka_ oder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuss +hinaufreicht, fuehrt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die +hauptsaechlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte +besprochen werden sollen. Die _Weinrebe_ anlangend, so fand Rueppell noch +1832 eine grosse Menge Trauben zu aeusserst billigen Preisen auf dem Markte +bei der Kirche von Bada, suedlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt +etwa zehn Pfund derselben fuer ein Stueck Salz oder dritthalb Centner fuer +einen Maria-Theresia-Thaler. Die grossbeerigen, blauen und sehr suessen +Trauben (_Woin saf_) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit +uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam naemlich der Weinstock schon zur +Zeit der axumitischen Koenige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm +allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und +besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiss man nichts. Der groesste Theil +der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur +Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kraeftig ist. Durch Heuglin +wissen wir, dass im Beginn der fuenfziger Jahre diese Weinstoecke durch eine +Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind. + +Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen fuer diese Region hergab, +keineswegs als Charakterpflanze fuer die Woina-Deka gelten. Statt seiner +uebernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewaechse, die an Zahl, Ueppigkeit +und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola uebertreffen. Dahin +gehoert zunaechst der _Wanzabaum_ (_Cordia abessinica_), der das beliebteste +Bauholz liefert. Der Wanza wird ein grosser, starker Baum, dessen Stamm oft +vier Fuss im Durchmesser erreicht. Seine Fruechte stehen in Buescheln und +nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der +Geschmack derselben ist sehr suess und oft sind sie die einzige Nahrung der +Armen, wenn Hungersnoth eintritt. + +Der _Kuaraf_ (_Gunnera spec._), eine Artocarpee, gewinnt waehrend der +Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschaelten Blattrippen, die aehnlich +unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er waechst in Suempfen und an +Baechen, ist eine jaehrige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel +entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Bueschel kleiner Blueten +traegt. Auch die haeufig bis zu fuenf Fuss hoch werdende Nessel wird in der +Fastenzeit als Gemuese verspeist. An diese Pflanzen schliessen sich an die +reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (_Rumex arifolius_), dessen +fleischige Wurzel zum Rothfaerben der Butter benutzt wird. Als eine +Nutzpflanze dieser Region muss hier ein uns allen bekanntes Gewaechs +besonders hervorgehoben werden. + +Nach der Tradition sollen die suedabessinischen Landschaften Enarea und +Kaffa die Urheimat des _Kaffees_ sein, wie denn auch der Name desselben +mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa +war der Anbau und Genuss des Kaffees untersagt, weil er das +Lieblingsgetraenk der Muhamedaner ist, und auch in Amhara trinken die +Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza) +am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermassen +ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa +und Enarea dagegen waechst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen +Bewohner ihn als Lieblingsgetraenk betrachten und fast nur einen nominellen +Preis fuer ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es +zuzuschreiben, dass er von dort aus nicht ganz Europa ueberschwemmt und alle +uebrigen Sorten dort durch Guete und Billigkeit vom Markte verdraengt. Der +kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling ueber +der Erde, wird verpflanzt, bewaessert und mit Schafmist geduengt, um nach +sechs Jahren als erwachsenes Baeumchen waehrend der Monate Maerz und April +dreissig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem +vulkanischen Gestein, in geschuetzten Thallagen gedeiht der acht bis zehn +Fuss hohe, mit dunkelglaenzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene +Baum vortrefflich. Die dunkelgruenen Beeren werden zur Reifezeit roth und +umschliessen mit milchweissem Fleische die Samen. Nachdem sie geschuettelt +und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind +das Geschaeft des Reinigens von den duerren Schalen uebernimmt, das +gewoehnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch, +welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird +das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit +und Unsicherheit der Strassen, die nach dem Meere fuehren, und durch die +Abgaben, welche an alle kleinen Haeuptlinge im Danakillande gezahlt werden +muessen, ehe die Karawane die Seehaefen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was +den Geschmack des suedabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern +Kenner, dass er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch +vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich +wegen der Unsicherheit der Karawanenstrassen ist so leicht nicht daran zu +denken, dass Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen +Produkte auf unsern Maerkten verdraengen wird. + +Die _Lilien_, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen +Bluetenschmuck ueberziehen, gelten als vorzuegliche Charakterpflanzen +Abessiniens. Aber nur die essbaren Arten werden kultivirt, da Ziergaerten +den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Waehrend die Spargelarten und +die Aloe trockene, wueste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen Wiesen +_Commelina africana_ und _Tradescentia_ das Auge, deren "Vogeleier" +genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schliessen +sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen, +hellgruenen Blaettern und schoengestalteten Bluetenaehren leuchtet aus den +gruenen Wiesen _Obitus abessinica_ hervor, waehrend unter den Spargeln der +kletternde _Asparagus retrofractus_ Erwaehnung verdient, dessen in das Haar +des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, dass der Traeger ein wildes +Thier erfolgreich bekaempft hat. + +_Orchideen_ giebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsaechlichster +Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzende +_Epidendrum capense_. Aus der Gruppe der _Pisange_ sind die gemeine Banane +(_Musa paradisica_) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu +erwaehnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. Die _Palmen_ +haben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Kuestenlandschaften +des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer +Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und +Faecherpalme. + + [Illustration: _Obitus abessinica_. Nach Lejean.] + +Die Teich- oder Seerosen sind spaerlich vertreten; ebenso die +Aristolochien, von denen _A. bracteata_ gegen die Wunden vergifteter +Pfeile angewandt wird. Reichlich auftretend bilden die _Nadelhoelzer_ den +Stolz der abessinischen Waelder; in den noerdlichen Hochlanden gedeiht die +Cederfichte, waehrend weiter landeinwaerts schoene _Ded-_ oder +_Wachholderbaeume_ (_Juniperus excelsa_) die Kirchen und Friedhoefe mit +ihren duestern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem +Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fuss hohen +Baeume, deren Stamm am Fussende vier bis fuenf Schuh im Durchmesser erreicht. +Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets die +unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme ausgehen, sodass etwa +zwei Drittel desselben des gruenen Schmuckes beraubt sind; die Krone ist +immer pyramidenfoermig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn auch keineswegs +gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten und in +Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz wird nicht +benutzt; mit den Zweigen schmueckt man jedoch die Leichen, bevor sie in die +Gruft gesenkt werden. + +Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur +verhindert keineswegs die kraeftige Entwicklung der _Feigenarten_, die in +ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhoelzern bilden. +Der _Schoala_, eine Art von Banyane mit breiten, eifoermigen, zugespitzten +und gesaegten Blaettern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den +Hauptaesten sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fuss, bei +einer Hoehe von 40 Fuss. Seine Wurzeln ragen ueber den Boden empor; doch +fehlen ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen +Raum einnimmt, steht er gewoehnlich allein oder am Rande der Waelder, in +seinem tiefen Schatten alle andern Gewaechse erdrueckend. Die braunen, +taubeneigrossen Fruechte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen. + +Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in +Gestalt und Farbe den hoechsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat, +fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora. +Aepfel, Birnen, Mandeln - ueberhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind so +schwach vertreten, dass man in der That einen hoechst auffallenden Mangel an +Fruchtbaeumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze +liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentaeschchen (_Thlaspi +bursa pastoris_), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in +Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf waechst wild und dient +als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Kuerbisse, welche +Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an duerren +Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heissen Kuestenzone. Die +Samen der _Phytolacca abessinica_ (Septe oder Endott) dienen statt der +Seife, und die getrockneten Blaetter der _Callanchoe verna_ werden von +Schwindsuechtigen statt des Tabaks geraucht. + +Wir fuegen hier die Citronen an, die in den koeniglichen Fruchtgaerten gebaut +werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (_Rubus +pinnatus_), welche die besten aller wildwachsenden Fruechte liefern, und +die gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (_Rosa abessinica_). + +Waehrend der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen +abessinischen Speisen, eingefuehrt und theuer bezahlt wird, kultivirt man +den allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (_Capsicum +frutescens_) in den Tieflanden sehr sorgfaeltig. Von den uebrigen Solaneen +wird der Tabak eingefuehrt; vom Umboistrauch (_Solanum marginatum_) benutzt +man die Samen, um damit die Fische zu betaeuben, welche nichtsdestoweniger +essbar bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (_Atropa arborea_) dient +zum Faerben der Naegel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen +Eigenschaften des Stechapfels (_Datura __Strammonium_) sind den Zauberern +und Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die +Leute betaeuben. Gefaehrlich fuer kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee +(_Kannahia laniflora_), die an den Ufern der meisten abessinischen +Gewaesser vorkommt, nur mit dem Unterschiede, dass sie, je nach den +verschiedenen Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blueht. In +den Kuestenthaelern unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer +vortrefflich duftenden Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blueht die +Pflanze im Oktober. Merkwuerdig ist die toedtlich-betaeubende Eigenschaft, +welche ihr verfuehrerischer Geruch oder suesser Nektarsaft auf verschiedene +Insekten ausuebt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, dass in dem Kelche +der meisten Blueten sich todte Wespen, Kaefer u. s. w. finden. + +Durch zahlreiche Repraesentanten sind die Familien der Kontorten, Rubiaceen +und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine Aasblume +(_Stapelia pulvinata_) und _Calotropis gigantea_. Die erstere hat einen +fleischigen, viereckigen und zwei Fuss hohen Stengel, dem man, wenn er +seine Blueten entfaltet, wegen des ueblen Geruches jedoch nicht zu nahen +vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schiesspulver. + +_Die Deka_ nimmt ihrer Ausdehnung nach den groessten Theil Abessiniens ein. +Sie reicht von 7500 Fuss bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fuss. Bis zu +12,000 Fuss Hoehe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000 Fuss +findet man den _Kussobaum_ (_Brayera anthelmintica_), der als Wahrzeichen +des Landes gelten kann. Wegen der Schoenheit seines Wuchses und seiner +Brauchbarkeit wird er allgemein geschaetzt; denn infolge des rohen +Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von Eingeweidewuermern +(_Taenia_ und _Strongilus_) geplagt, gegen welche sie sich regelmaessig und +zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblueten bedienen. Drei +Loth der getrockneten Blueten mit Wasser gekocht und getrunken, reinigen +den Koerper auf eine merkwuerdig schnelle und sichere Weise von den +gefraessigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte Befreiung nur +eine voruebergehende und keine Heilung des Uebels. Der Kussobaum erreicht +eine Hoehe von fuenfzig bis sechzig Fuss und verleiht mit seinen +weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer kuehlen Schatten; +jedoch soll es gefaehrlich sein, zur Bluetezeit unter ihm zu schlafen; so +berichtet wenigstens Isenberg. + +In Schoa wird unter Kusso die _Hagenia abessinica_ verstanden, die +gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze +verdient die _stachelige Kugeldistel_ (_Echinops horridus_), die bis zu +zehn Fuss Hoehe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche +Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezaehnten Blaettern und +runden Bluetenkoepfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir +eine andere nicht minder auffaellige Art, die riesige Kugeldistel +(_Echinops giganteus_), deren kopfgrosse Blueten auf 15 Fuss hohem Stengel +stehen; beide Arten steigen bis zu 13,000 Fuss an. + +Wir sind nun allmaelig hinaufgelangt in die hoechsten Regionen der Deka. Die +Hochbaeume erscheinen immer spaerlicher und finden sich vorzueglich noch +laengs den Ufern der Wildbaeche und Schluchten, die dornigen Akazien und +Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit tausenden +von kleinen, schoen bluehenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen sich +blaubluehende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen Senecionen +und der fiebervertreibende _Celastrus obscurus_, die _Primula semiensis_. +Ueber diesen erheben sich Straeucher, besonders Hypericum und Cytisus. Den +europaeischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa hervorbringen koennen, +vertreiben die _baumartigen Eriken_ oder Zachdi (_Erica arborea_), die bis +zu 30 Fuss heranwachsen und einen 11/2 Fuss im Durchmesser haltenden Stamm +besitzen, dessen Holz eine vorzuegliche Schmiedekohle liefert, waehrend die +reiche weisse Bluetenfuelle den suessesten Honigseim den Bienen darbietet. +Jetzt aber entwickelt sich vor unsern erstaunten Blicken in der Hoehe von +12,000 Fuss ein neues, ueberraschendes Bild, eine Pflanze tritt auf, die fuer +den Charakter ihres Bereichs bestimmend ist, die _Dschibarra_ +(_Rhynchopetalum montanum_). Diese Lobeliacee ueberrascht den Wanderer in +den kalten Hochgebirgen an der aeussersten Grenze der Vegetation mit einer +dort gewiss von ihm nicht gesuchten Form: naemlich der der Palme. Auf einem +hohlen, etwa acht bis zehn Fuss hohen benarbten und armdicken Markstengel +mit einer Krone von grossen, ueberhaengenden, lanzettfoermigen Blaettern erhebt +sich eine fuenf Fuss lange Bluetenaehre, deren einzelne blaeuliche Knospen der +Bluete des Loewenmauls aehneln. Fuer Feuerung oder sonstigen technischen +Gebrauch untauglich, dient der lange hohle Markstengel der Jugend zur +Anfertigung von Schalmeien. Sobald die Dschibarra abgeblueht hat, knickt +der Stengel um und die Pflanze stirbt. Auf ihren Bluetenschossen wiegt sich +paarweise die einzige Glanzdrossel (_Oligomydrus tenuirostris_), die in +diesen Gegenden lebt und die feinen Dschibarrasamen allen uebrigen +vorzuziehen scheint. Drei bis vier Stunden Marsch fuehren uns aus dem +tropischen Walde auf diese mit Dschibarra bewachsenen Alpenflaechen, ueber +denen nur noch wenige kahle Felsgipfel auf etwa 1000 Fuss relative Hoehe in +die Wolken ragen; drunten haust die fluechtige Gazelle, Meerkatzen necken +sich in den Hochbaeumen; hier aber setzt kuehn der Springbock (_Oreotragus +saltatrix_) ueber die Felsen, grast friedlich der Steinbock (_Ibex Walia_) +und warnt durch einen gellenden Ruf seine Herde vor der herannahenden +Gefahr; Alpenkraehen umschwaermen geschwaetzig und in rauschendem Fluge die +hoechsten Felsen und drueber schwebt in weiten Kreisen der Koenig der Alpen, +der Laemmergeier. Auch die gefleckte Hyaene steigt bis in diese Hoehen, +seltener der Leopard und ein Fuchs (_Canis semiensis_), der ausschliesslich +von den aeusserst zahlreich hier hausenden Ratten und Maeusen lebt. Auch +Tauben (_Columba albitorques_) schwaermen in grossen Fluegen in diesen +hoechsten abessinischen Alpengegenden umher. + +_Die Fauna Abessiniens._ Fast noch reicheren Stoff als die Pflanzenwelt +bietet dem Beobachter die _Thierwelt_ Abessiniens dar. Nicht genuegend +erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch wenige +Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der Plage der +Eingeweidewuermer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits die Rede; +die hoeher stehenden Insekten treten im Hochlande nur in der waermeren +Jahreszeit in grossen Mengen auf, werden aber durch die kalten Regen wieder +in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. Die _Heuschrecken_, amharisch +Anbasa, richten oft grossen Schaden an, wie in den andern Nillaendern auch. + + [Illustration: Die riesige Kugeldistel. Originalzeichnung von E. + Zander.] + +Ihr ploetzliches Verschwinden wird in der Regel der gnaedigen Fuersprache der +Heiligen zugeschrieben und diesen daher ein Dankopfer gebracht. Die +Wanderheuschrecke dehnt ihre Zuege bis hoch in die Gebirgsgegenden aus. +Rueppell fand das Land am Takazzie von Myriaden dieser Thiere geradezu +abgefressen. Der Boden der ganzen Gegend war buchstaeblich von ihnen +bedeckt. Er fuegt hinzu: "Wenn uebrigens manche Reisende von einer +Verdunkelung des Sonnenglanzes durch Heuschreckenzuege reden, so ist diese +Erscheinung lediglich auf die gleichzeitige dunstige und staubige +Atmosphaere zu beziehen und nicht der vermeintlich so ungeheuren Menge von +Heuschrecken zuzuschreiben, deren Wandern allein durch schwuelen suedlichen +Luftzug veranlasst wird. Der ganze Boden schien mit diesen Thieren +ueberdeckt zu sein, bei genauem Zaehlen aber fanden sich nur etwa 12 bis 30 +Heuschrecken in dem Raume eines Quadratfusses". Die christlichen Abessinier +essen die Heuschrecken nicht; sie betrachten sie als verbotene Speise und +unter den Muhamedanern bequemen sich nur arme Leute zu dieser Nahrung. Ein +nuetzliches, allgemein gepflegtes und in Bienenkoerben gezuechtetes Insekt +ist die _aegyptische Honigbiene_, von der grosse Mengen des suessen Seims +gewonnen und zu dem landesueblichen Meth benutzt werden. Es giebt auch eine +kleinere wilde Biene, die in Erdloechern ihre Baue aufschlaegt und einen +Dasma genannten Honig liefert, der als Medikament sehr geschaetzt ist. +Diese Dasma wirkt leicht abfuehrend, hat eine roethlichere Farbe als +gewoehnlicher Honig und einen bittern Nachgeschmack. In Gegenden, wo die +Bienen viel Honig von Kronleuchtereuphorbien und andern giftigen Pflanzen +sammeln, wirkt derselbe selbst im Meth sehr nachtheilig auf die +Gesundheit, er erzeugt Schwindel, Kopfschmerzen, Erbrechen und andere +Symptome einer leichten Vergiftung. Fliegen und Moskitos kommen wol in den +kuehlern Hochlanden vor, werden jedoch nicht zur Landplage, in der Weise +wie die Floehe. Die schwarze Ameise, welche sich wasserdichte Wohnungen +gegen den Regen baut, wird dem Menschen oft laestig, waehrend die Termiten +nur selten in die Haeuser dringen und meist unter losen Steinen ihre +kleinen Kolonien anlegen. _Kaefer_, amharisch Densissa, sind in grosser +Menge vorhanden, besonders die Koth- und Pillenkaefer, die man auch in +Aegypten antrifft. _Spinnen_ und _Skorpione_ werden als unrein gemieden +und vernichtet. + +_Fische_ sind im Hochlande Abessiniens nicht allzu haeufig, um genuegende +Fastenspeise liefern zu koennen. Der Takazzie allein ist besonders reich an +grossschuppigen, olivengrauen Karpfenarten mit lebhaft wachsgelben Flossen +und enthaelt einen Heterobranchus von enormer Groesse, welcher mit der Angel +gefangen oder mit abessinischem Fischgift betaeubt wird. In Atbara kommt +ein Wels vor, der schoene Hausenblase liefert, welche jedoch nicht +eingesammelt wird. + +Die _Amphibien_ sind Gegenstaende des Abscheus und des Aberglaubens. Die +Schlangen der Hochlande sind klein und nicht giftig, doch sehr gefuerchtet; +in der Kola, sowie in den Kuestengegenden fehlen jedoch grosse Pythonarten +und giftige Exemplare keineswegs. In den Niederungen werden auch +Schildkroeten gefunden, unter denen die grosse _Geochelone senegalensis_ +hervorragt; im Anseba-Gebiet und in Schoa kommt eine Cinixys in vielen +Suempfen und Baechen vor, und die _Pentonyx Gehafie_ steigt ueberall aus dem +Tieflande bis zu 8000 Fuss empor. Neben diesen gepanzerten Amphibien sind +die Krokodile (Aso) namentlich in der Kola sehr haeufig; im Setit, Atbara +und Mareb werden sie von den Eingeborenen harpunirt und ihr +moschusduftendes Fleisch verzehrt. Faelschlich jedoch hat man ihr Vorkommen +im Tanasee behauptet. Sonst sind unter den Sauriern noch zu nennen der +Skink (_Scincus officinalis_), das Chamaeleon, der Gekko und _Stellio +cyanogaster_ als Gesellschafter der Klippdachse. Die Warneidechse +(_Varanus niloticus_) ist auch in Abessinien haeufig und hat hier ihren +einheimischen Namen, Angoba, auf viele Fluesse uebertragen. + +Schwer haelt es, bei dem grossen Reichthum der verschiedenen Arten +abessinischer _Voegel_, welche sich dem Auge des Forschers zeigen, einen +Ueberblick nur der wichtigsten zu geben und eine Auswahl aus der Menge +dieser prachtvoll gefaerbten, eigenthuemlich gestalteten und hinsichtlich +ihrer Lebensweise merkwuerdigen Geschoepfe zu treffen. Aber gerade auf dem +Gebiete der Ornithologie Abessiniens ist von Rueppell, Heuglin, Brehm +Vorzuegliches geleistet worden, sodass man wohl behaupten darf, besser als +das Pflanzenreich und die uebrigen Klassen des Thierreichs sei die +Vogelwelt der "afrikanischen Schweiz" durchforscht. + + [Illustration: Wanderheuschrecke.] + +Es giebt wol kein zweites Land, das so reich an _Tag-Raubvoegeln_ ist wie +Abessinien. Vermoege der hoehern Lage der Plateaux bieten sich in den +Felspartien guenstige Lebensbedingungen fuer Adler, Geier und Falken, die +hier ihre Horst- und Zufluchtsstaetten finden. Die Vegetation prangt in +ausserordentlicher Fuelle; in allen Thaelern und Schluchten sprudeln +Gebirgswasser; im dichten Gestruepp und in den Graesern hausen Reptilien in +Menge, von der Pythonschlange und Naja bis zur kleinsten Baumschlange +herab; Schildkroeten weiden gemuethlich an Hecken und Teichen; an +Saeugethieren von der Groesse der Feldmaus aufwaerts ist Ueberfluss vorhanden, +waehrend schattige, fast undurchdringliche Waldpartien, abgelegene +Schluchten, die selten eines Menschen Fuss betritt, und fast unersteigliche +Felsen und kolossale Hochbaeume den Raubvoegeln jeden Schutz und Schirm +gewaehren. Da horstet denn der maechtige _Gyps Rueppellii_, der gemeine +ostabessinische Moenchsgeier (_Neophron pileatus_), der Schmuzgeier (_N. +percnopterus_), der Bartgeier (_Gypaetos meridionalis_) und Schlangenadler +(_Gypogeranus serpentarius_), die viele Schlangen verzehren und maessig +starke Wuestenschildkroeten mit einem Schlag ihrer starken Faenge +zerschmettern. Zahlreiche Weihen, Milane, Falken und Sperber machen den +Beschluss der Tagraubvoegel. Der unreinliche Mensch giebt den Schmuzgeiern +tagtaeglich neue Nahrung und damit neue Beschaeftigung; deshalb vermisst man +diese wohlthaetigen Voegel an keinem Orte. Sie folgen den Herden wie den +Handelszuegen, umschweben die Doerfer und Schlachtplaetze und raeumen schnell +allen Unrath auf. Der grosse, von Brehm zuerst genau beschriebene +Rueppell'sche Aasgeier erscheint erst dann, wenn irgend ein Aas ihn +heranlockt. In ungemessenen Hoehen, wohin ihm des Menschen Auge nicht zu +folgen vermag, zieht er dahin; aber sein Auge beherrscht ein weites Gebiet +und die maechtigen Schwingen tragen ihn schnell nach dem Orte, wo ein Stueck +Wild verendet oder einem Schaf die Kehle durchschnitten wird. Kaum fliesst +das Blut, so ist auch der Aasgeier da; reiche Beute aber wird ihm zu +Theil, wenn das Land weit und breit mit Menschenleichen uebersaeet ist, wenn +die grausamen Buergerkriege wuethen und den Zug der Heere gefallene Rinder +und Schafe bezeichnen. Wo er erscheint, da fehlen auch selten seine +kleineren Verwandten, der Schopf- und der Ohrengeier (_Vultur occipitalis_ +und _V. auricularis_). Unter den Adlern begleitet der Augur, ein naher +Verwandter unsers Bussards, den Zug der Reisenden, waehrend der +"_Himmelsaffe_" oder Gaukler (_Helotarsus ecaudatus_) sowol durch die +Kuehnheit seines Fluges, als durch die Schoenheit seines Gefieders jeden +Beschauer in Entzuecken versetzt. Unter allen Raubvoegeln ist er der +stolzeste Flieger: er jagt foermlich durch die Luft. Nur waehrend des Fluges +zeigt er seine volle Schoenheit. Sitzend blaeht er die Federn auf, straeubt +Kopffedern und Halskrause und gestaltet sich in einen Federklumpen um. +Eine der haeufigsten Erscheinungen ist der Schmarotzer-Milan (_Milvus +parasiticus_), dessen scharfem Auge nichts entgeht und der durch seine +Allgegenwart an den Schlachtplaetzen, wo kein Stueckchen Fleisch vor ihm +sicher ist, sich laestig macht oder durch die groesste Frechheit, mit welcher +er dem Menschen das Fleisch fast unter den Haenden wegzieht, diese in +Erstaunen versetzt. Auch der Singhabicht (_Melierax polyzonus_) kommt +suedlich vom 17. Grade in allen Steppenwaldungen haeufig vor; er verweilt am +liebsten auf einzelnstehenden Baeumen, hat jedoch keinen besonders schoenen +Flug und giebt ein langgezogenes, eintoeniges Pfeifen, keineswegs aber +einen melodischen Gesang von sich. Seine Hauptnahrung besteht in Insekten, +vorzugsweise aber in Heuschrecken, an denen Abessinien eben nicht arm ist. +Unsere Weihen vertritt der in Nordostafrika haeufige Steppenweih (_Circus +pallidus_); er meidet jedoch das Gebirge und zieht die breiten Niederungen +mit kurzem Gestruepp vor, aus welchem er auf kluge Weise das kleine +Gefluegel aufscheucht. + +Unter den _Eulen_ finden wir unsere Schleiereule und den Kauz, die +kurzoehrige Eule (_Otus brachyotus_) und die Zwergohreule (_Ephialtes +Scops_). Im Gebirge haust ein Uhu (_Bubo cinerascens_), der zu den +gemeinsten Eulen gehoert. Dieser Uhu horstet am liebsten auf Baeumen und +wird nicht wie unsere europaeische Art von kleinern Voegeln verfolgt. In den +Steppen wie im Gebirge trifft man auf die Ziegenmelker (Caprimulgusarten), +jene unheimlichen Voegel mit leisem Fluge und eigenthuemlichem Nachtgesange. +Gleich grossen Nachtfaltern umschweben sie die Wipfel der Baeume und die +Daecher der Haeuser, um ihrer Kerbthierjagd nachzugehen. + +Reich vertreten sind die _schwalbenartigen Voegel_ (_Hirundo_, _Cypselus_). +Die meisten derselben sind auch hier Zugvoegel und kommen vor Beginn der +Regenzeit, im Mai und Juni, um zu brueten. + + [Illustration: Abessinische Voegel. Originalzeichnung von Robert + Kretschmer. + Hornvogel. Ohrengeier. Webervoegel. + Schmuzgeier. Eisvogel. + Hornrabe. Schlangenadler. Schattenvogel.] + +Die Hausschwalbe ist _Hirundo_ oder _Cecrops rufifrons_; sie erscheint +kurz vor den Sommerregen und beginnt, sobald diese letzteren die Erde +etwas erweicht haben, aus Lehm ein sehr solides, rundes Nest zu bauen, das +sie mit der Basis auf Dachsparren aufsetzt, nicht seitwaerts anklebt wie +unsere Schwalbe. Sie macht zwei bis drei Bruten und verlaesst die Hoehen erst +im Dezember. - Durch schoenen Flug zeichnet sich der abessinische Segler +(_Cypselus abessinicus_) aus, der in den Baeumen nistet; er ist ein +ausgezeichneter Flieger, wie alle seines Geschlechtes. An manchen Stellen +vertritt ihn die Felsenschwalbe (_Cotyle obsoleta_), die ihr Nest in den +Ritzen und Spalten der Felsen baut, doch nur an solchen Orten, wo die +raeuberischen Affen nicht hingelangen koennen. + +Praechtig gefaerbte Bewohner Abessiniens sind neben der Mandelkraehe +(_Coracias abessinicus_) und dem Eisvogel (_Ispidina cyanotis_) vor allen +andern die _Bienenfresser_ (_Merops Lafrenayi_) und die Narina (_Trogon +Narina_), die lautlos ueber den Mimosenbueschen dahinschwebt, die +Schmetterlinge oder andere Insekten faengt und durch ihr glaenzendes +Gefieder das Auge des Beobachters erfreut. Ihnen schliesst sich der +Wiedehopf (_Upupa_) an, der neben den Aasgeiern fleissig allen Unrath +wegraeumt und mit Recht in keinem guten Geruche steht. Seine Verwandten +sind die Baumwiedehopfe (_Promerops erythrorhynchus_), die in +Gesellschaften gleich Spechten auf den Baeumen umherklettern, die Ameisen +aufsuchen und von dieser Nahrung einen durchdringenden Geruch annehmen. +Den Kolibri vertreten in Abessinien die metallglaenzenden _Honigsauger_ +(_Nectarinia metallica_, _abessinica_, _affinis_), welche von den Arabern +"Abu Risch", Federtraeger, genannt werden und als die ersten Tropenvoegel in +Nordostafrika auftreten, auf welche man, aus kaelteren Gegenden kommend, +stoesst. Die reizenden Voegelchen leben meist paarweise auf den Mimosen und +ziehen im brennenden Sonnenstrahle von Bluete zu Bluete, um dort Insekten zu +fangen, zu singen, die Federn zu straeuben, den Schwanz zu heben und das +glaenzende Gefieder im Sonnenlichte glaenzen zu lassen. + +Keineswegs fehlt es Abessinien an Sang und Klang in der Vogelwelt; neben +dem glaenzenden Gefieder findet auch der melodische Schmelz der Toene seine +Vertretung. Im Rohre schmettert froehlich der Buschschluepfer (_Drymoica +rufifrons_) oder die Caricola (_C. cisticola_), an welche sich die +abessinische Baumnachtigall (_Aedon minor_) anschliesst, die schon dem +Wanderer entgegenschlaegt, wenn er, vom Rothen Meere kommend, bei Massaua +seinen Fuss ans Gestade setzt. An Steinschmaetzern (Saxicola-Arten), +Vertretern unserer Drosseln (_Thamnolaea_), Bachstelzen (_Motacilla alba_ +und _flava_) ist kein Mangel. Zu letztern, uns aus der Heimat bekannten +Arten gesellen sich die verwandten Schafstelzen (_Budytes_), niedliche +Voegel, welche in grosser Zahl den Herden folgen, deren treueste Begleiter +sind und diesen das Ungeziefer ablesen. Im Hochgebirge, namentlich in +Semien, lebt eine Drossel (_Turdus simensis_), welche unsrer Singdrossel +sehr aehnelt, neben der als regelmaessige Wintergaeste die Steindrosseln +(_Petrocincla saxatilis_) erscheinen. Als guter Saenger wird der von +Lichtenstein entdeckte Drossling (_Picnonotus Arsinoe_) bald der Liebling +aller Reisenden, vor denen er sich durchaus nicht scheut. Anschliessend +hieran erwaehnen wir aus der Familie der Fliegenfaenger den Paradiesfaenger +(_Tchitrea melanogastra_), den Wuergerschnaepper (_Dicrourus_), die +zahlreich vertretenen Wuerger (_Lanius_) und unsre Nebelkraehe, die als +Wintergast nach Abessinien kommt. Diese trifft als Verwandte hier den +Wuestenraben (_Corax umbrinus_), ein Mittelglied zwischen Rabe und Kraehe, +der aber nicht blos in der Wueste vorkommt, sondern auch die Flecken und +Doerfer besucht, wo er den Hunden und Geiern das Aas streitig macht, +waehrend er draussen nach Fruechten, am Strande nach Muscheln sucht und eben +Alles verschlingt, was sich ihm darbietet. Ein echter Gebirgsvogel ist der +kurzschwaenzige Rabe (_Corvus affinis_), der bis zu 11,000 Fuss aufsteigt +und dort in grossen Scharen weilt. Durch seinen kurzen Schwanz macht er +sich vor allen Verwandten leicht kenntlich; er vertritt in Abessinien +unsern Kolkraben, lebt nur paarweise und bedeckt Abends, wenn er zur Rast +geht, oft grosse Felsbloecke. Die Staare sind durch mehrere Geschlechter, +die dohlenartigen Felsenstaare (_Ptilonorhynchus_), Glanzdrosseln +(_Lamprocolius_) und Glanzelstern (_Lamprotornis_) vertreten. Bei Weitem +der interessanteste Vogel aus dieser Familie ist aber der afrikanische +_Madenhacker_ (_Buphaga erythrorhyncha_), der von der Suedspitze Afrika's +an bis nach Abessinien hinein vorkommt und der treueste Begleiter der +Herden ist, sodass es scheint, als koennten Rinder, Kameele, Pferde kaum +ohne ihn leben. Da wo diese wunde Stellen haben, in welche die Fliegen +ihre Eier legen, aus denen die Maden entstehen, erscheint auch die +Buphaga, klettert an dem Thiere herum, wie ein Specht am Baume und sucht +ihm die Maden ab. Das Thier kennt seinen Wohlthaeter recht gut, aber die +Abessinier hassen den Madenhacker, weil sie glauben, dass er durch sein +Picken die aufgeriebenen Stellen reize. + +Die _finkenartigen Voegel_ kommen gleichfalls in grosser Menge vor. +Reichlich treffen wir vorzueglich Amadina, Vidua, Estrelda, Serinus, alles +gute Saenger, waehrend der _Weber_ (_Textor alecto_) nur einen +drosselartigen Ruf und unschoenes Gezwitscher ertoenen laesst. Dafuer baut er +aber ein zusammenhaengendes Nest, in dem ganze Gesellschaften brueten. Es +besteht aus duerrem Reisig, von dem eine grosse Masse, oft von 5 bis 8 Fuss +Laenge und 3 bis 5 Fuss Breite und Hoehe, zwischen tauglichen Astgabeln der +Baobab-Baeume aufgehaeuft wird. In einem solchen sind 3 bis 8 Nester tief im +Innern angelegt und diese mit feinem Gras und Federn ausgefuettert. Die +Farbe der Eier wechselt zwischen rein weiss, roth, gruen, braun mit allen +moeglichen Zeichnungen, sodass man glaubt, Eier verschiedener Arten vor sich +zu haben. Der Eingang zu dem unordentlichen Neste ist im Anfange so gross, +dass man bequem mit der Faust eindringen kann, verengert sich aber und geht +in einen Kanal ueber, gerade fuer den Vogel passend. Durch prachtvollen +Federschmuck sind die Witwen (_Viduae_) ausgezeichnet, und leicht +unterscheidet man das Maennchen durch seine langen, am Fluge hindernden +Schwanzfedern von dem Weibchen. Hat es aber im Winter das praechtige +Gefieder abgelegt, dann fliegt es leicht dahin, aehnlich wie unsere Ammern. +Als Haussperling tritt, unserm Spatz das Recht streitig machend, in +Nordostafrika der rothrueckige Sperling (_Passer rufidorsalis_) auf, dessen +Sitten und Lebensweise ganz die unseres Haussperlings sind, nur ist er +schoener gefaerbt. Gemein, wie bei uns, ist auch in Abessinien die +Haubenlerche (_Galerita abessinica_), welcher sich als Verwandte die +seltenere Wuestenammerlerche (_Ammomanes deserti_) anschliesst. + +Haben wir bisher viele, unsern europaeischen Arten verwandte Voegel +gefunden, so treffen wir in der folgenden Familie, jener der +Pisangfresser, durchaus auf fremdartige Gestalten. Da sind zunaechst die +Maeusevoegel (_Colius_), die in dichten Bueschen leben, durch die schmalsten +Oeffnungen der Verzweigungen sich zwaengen und im Klettern eine grosse +Geschicklichkeit entwickeln. Der von Rueppell entdeckte Helmvogel +(_Corythaix leucotis_) tritt erst da auf, wo die Kronleuchter-Euphorbie +beginnt; er ist ein praechtiger, rastloser, unsern Hehern im Betragen +aehnlicher Geselle, der die Sykomoren, Tamarinden und Aloepflanzen gern +besucht und auf diesen sich in grosser Anzahl sammelt. Der eigentliche +Pisangfresser (_Schizorhis zonurus_), der sich durch ein affenartiges +Geschrei auszeichnet, hat Vieles mit seinen Verwandten, den Nashornvoegeln +ueberein, von denen mehrere kleine Arten (_Tockus erythrorhynchus_ und +_nasutus_) haeufige Bewohner der Steppen und des Urwaldes sind. Je mehr man +in das Gebirge kommt, desto haeufiger werden sie, desto oefter vernimmt man +ihren charakteristischen Ruf. Weit groesser als die nur anderthalb Fuss +langen Nashornvoegel, aber auch seltener sind die kraeftigen, fast 4 Fuss +langen, sehr scheuen Hornraben (_Bucorax abessinicus_). + +Wenig ist aus der Ordnung der Klettervoegel zu berichten. Die Papageien +finden im abessinischen Gebirge keineswegs, wie in ganz Afrika, ergiebigen +Boden, obgleich einige Arten von ihnen vorkommen. So liebt der +Zwergpapagei (_Psittacula Tarantae_) die Kolkwal-Euphorbie, auf welcher er +haeufig anzutreffen ist, der Halsbandpapagei (_Palaeornis torquatus_) aber +dichte Waelder, in welchen er in grossen Familien und Fluegen gewoehnlich mit +den Affen zusammen erscheint. Die Bartvoegel (_Pogonias Saltii_) kommen nur +einzeln im dichtesten Gebuesche vor und sind still, bis auf den Perlvogel +(_Trachyphonus margaritatus_), welcher im Verein mit dem Weibchen einen +lustigen Gesang vortraegt und die Gaerten der Doerfer belebt. Die Spechte +treten nur als kleine Baumspechte (_Dendropicus Hemprichii_) auf. + +Unter den _Kukuksarten_ spielt der _Honigvogel_ eine grosse Rolle in der +Ornithologie der Abessinier; obgleich selten vorkommend, kennt ihn +Jedermann, und schon die aeltesten Nachrichten ueber das Land (so Ludolf in +seiner "_Historia aethiopica_") erwaehnen der Eigenschaft dieses +unscheinbaren Thierchens, den Menschen zu den Bienenstoecken zu fuehren. Die +Honigvoegel (_Indicator_) halten sich vorzueglich an baumreichen Bachufern +auf, flattern von einem Baume zum andern und lassen dabei ihre starke, +wohlklingende Stimme hoeren. Dass sie so rufend haeufig zu Bienenschwaermen +fuehren, weiss jeder Eingeborene Afrika's vom Kap bis zum Senegal und von +der Westkueste bis nach Abessinien herueber, doch fuehrt der Indicator den +ihm folgenden Menschen ebenso haeufig auf gefallene Thiere, die voller +Insektenlarven sind; er verfolgt mit seinem Geschrei den Loewen und +Leoparden, kurz Alles, was ihm auffaellt; auch ist er dem Menschen +gegenueber nichts weniger als scheu und trotz der unscheinbaren Groesse und +Faerbung sind alle Arten an der eigenthuemlichen Weise des Flugs leicht zu +erkennen. In Nordostafrika giebt es vier Arten von Honigvoegeln, von denen +jedoch nur zwei (_Indicator minor_ und _albirostris_) in Abessinien +vorkommen. + +Ueberall wo man in Abessinien Voegel findet, wird man auch _Tauben_ +wahrnehmen in den verschiedenartigsten schoen gestalteten und gefaerbten +Formen. Die abessinische Taube (_Treron abessinica_) bewohnt in kleinen +Familien die tieferen Gebirgsthaeler, wo sie die Mimosen, Kizelien und +Sykomoren sich zum schattigen Ruhesitz aussuchen, um ihre Liebesspiele zu +treiben und gleich dem Papagei durch das Laub zu klettern. Unsere +Felsentaube vertritt die blaurueckige Taube (_Columba glauconotos_), als +eigentliche Waldtaube tritt die Guineataube (_Stictoenas guinea_) auf; +auch die Turteltaube (_Turtur auritus_), die Lachtaube (_T. risorius_) +finden sich; eigenthuemlich ist aber die Erscheinung der Erdtaube +(_Chalcopelia afra_), die nicht ueber den 16. Grad noerdlicher Breite +hinaufgeht und friedlich das dichtverschlungenste Gebuesch an der Erde +bewohnt, auf welcher sie auch, ihren Verwandten unaehnlich, ihr Nest baut. + +Von Huehnern tritt in zahlloser Menge das lautschreiende Perlhuhn (_Numida +ptilorhyncha_), die Wachtel als Wintergast und an Stelle unserer Rebhuehner +die verschiedenen, schoen gezeichneten und in Einweibigkeit lebenden +Frankoline (_Francolinus rubricollis_, _Erkelii_ u. s. w.) auf; auch die +Flughuehner (_Pterocles_) sind vertreten und die Laufvoegel beginnen mit der +in den Steppen haeufigen Trappe (_Otis arabs_), die nicht die Groesse unserer +grossen Trappe erreicht, aber weniger scheu ist und besonders von Insekten +lebt. Kommt der _Strauss_ (_Struthio Camelus_) auch nirgends im +abessinischen Hochland vor, so umzieht er dasselbe doch ringsum in den +Steppen und Wuesten. + +Unter den Regenpfeifern und Kiebitzen faellt nur der Dickfuss (_Oedicnemus +affinis_) wegen seiner naechtlichen, eulenartigen Lebensweise auf; an +feuchten, fischreichen Stellen wimmelt es oft von Reihern, Storcharten, +Schattenvoegeln und Stoerchen und an den Kuesten des Rothen Meeres sind +Moeven, Pelikane, Seeschwalben und Toelpel im Ueberfluss vorhanden. Reich an +Wassergefluegel ist auch der Tanasee, dessen breite, mit Inseln durchzogene +Flaeche demselben einen guenstigen Aufenthaltsort gewaehrt. Dort wimmelt es +von Seeschwalben, Enten (_Anas clypeata_, _sparsa_ u. s. w.), +Strandlaeufern, Kiebitzen, Regenpfeifern; da stehen unbeweglich der +Riesenreiher und der schwarzkehlige Fischreiher (_Ardea Goliath_ und _A. +atricollis_), auf Reptilien lauernd, da plaetschern Wasserhuehner, Gaense und +Spornschwaene in der Flut. + +Weil mehr mit dem Menschen im Verkehr und ihn als Raub-, Jagd- oder +Hausthier meist naeher angehend, fesselt auch das Reich der Saeugethiere +mehr unser Interesse als jenes der Voegel. + +Abessinien mit seinen Grenzlaendern kennt etwa sechs bis acht _Affenarten_. +Ruhig und gemuethlich verfliesst das Leben der graugruenen _Meerkatze_ +(_Cercopithecus griseo-viridis_), eines echten Baumaffen, der in starken +Banden gesellig zusammenlebt und von der Hoehe seines Aufenthaltes selten +auf den Boden herabkommt, gleichviel ob er dort in Dornen der Mimosen oder +im Laub der Sykomore sitzt. Seine Behendigkeit ist unglaublich gross und +mit Huelfe des steuernden Schwanzes fuehrt er die kuehnsten Spruenge aus. Als +unumschraenkter Herr und Gebieter steht der lustigen Herde ein altes, +geprueftes Maennchen vor, das alle jungen Nebenbuhler von den seiner Obhut +unterstehenden Damen fernhaelt. Diese zeigen gegen ihre haesslichen +Sproesslinge eine ausserordentliche Mutterliebe, welche sie durch +fortwaehrendes Reinigen und Liebkosen des Kindchens bethaetigen. Nur +nebenbei verzehrt diese Meerkatze Heuschrecken und andere Insekten; +Fruechte, Knospen und Getreide sind ihre Lieblingsgerichte und wehe dem +Durrah- oder Maisfelde, in das die verschmitzte Bande luestern eindringt! +Das Wenigste wird nur verzehrt, das Meiste unbarmherzig verwuestet und dann +auf der Staette des Diebstahls ein Tummelplatz freudiger Spiele fuer Alt und +Jung bereitet. Vor Menschen weniger, wohl aber vor Hunden, Schlangen, +Froeschen und ihrem besondern Feinde, dem Habichtsadler, fuerchtet sich die +Meerkatze sehr. Weit wuerdevoller als die Meerkatzen treten die Paviane +auf, unter denen der _Silberpavian_ oder _Hamadryas_ (_Cynocephalus +Hamadryas_) der haeufigste ist. Dieses merkwuerdige Geschoepf, dem schon die +alten Aegypter Achtung zollten und das man auf ihren Denkmalen abgebildet +findet, lebt zwischen 1000 und 7000 Fuss Meereshoehe und findet sich um so +haeufiger, je pflanzenreicher das Gebirge ist. Jede Bande behauptet im +Gebirge ein bestimmtes Gebiet und zaehlt etwa fuenfzehn bis zwanzig +erwachsene und kampftuechtige Maennchen, wahre Ungeheuer mit einem Gebiss, +welches fast mit dem eines Loewen wetteifern kann, dasjenige des Leoparden +jedoch uebertrifft. Schon von Weitem unterscheidet man die Maennchen an +ihrem langen graugruenlichen Mantel und der hervorragenden Gestalt von den +braeunlicher gefaerbten Weibchen, die vollauf mit ihren uebermuethigen Jungen +zu thun haben. Greift auch der Pavian so leicht einen Mann nicht an, so +ist er doch den Frauen ein Gegenstand des Entsetzens, von welchen eine +groessere Anzahl von Pavianen als von Loewen und Leoparden umgebracht wird. +Der aergste Feind des Silberpavians ist der Leopard, der ihm Tag und Nacht +nachschleicht und sich ebenso listig wie kuehn auf jedes von der Herde +isolirte Thier stuerzt. + +Auch mit ihren Verwandten leben diese Paviane nicht immer auf gutem Fusse, +namentlich mit den _Tscheladas_ (_Cercopithecus Gelada_), gegen welche sie +in Semien oft foermliche Schlachten liefern. Letzterer Mantelpavian bewohnt +einen Hoehenguertel von 7-11,000 Fuss ueber dem Meere, waehrend der Hamadryas +mehr die Tiefen-Gegenden liebt; jedoch steigen die Tscheladas von ihren +Bergen herab, um die unten liegenden Felder zu pluendern, wobei dann die +Schlachten mit den Silberpavianen stattfinden. + +Der _schwarze Pavian_ (_Cercopithecus obscurus_) wurde erst 1862 von +Heuglin entdeckt. Dieser stattliche Affe lebt in grossen Rudeln auf 6 bis +10,000 Fuss Hoehe meist an felsigen Schluchten. Man sieht ihn selten auf +Baeumen, gewoehnlich auf Weideplaetzen oder Felsen, von denen herab er nicht +selten gegen seine Verfolger Steine schleudert. Die Nacht verbringt er in +Gesellschaft in Klueften und Hoehlen, steigt in der Morgensonne auf Huegel, +wo er zusammengekauert sich erwaermt und zieht dann in die Thaeler nach +Nahrung, die aus Blaettern zu bestehen scheint. Gewoehnlich fuehren zwei bis +sechs alte Maennchen gravitaetischen Schrittes eine Herde von 20 bis 30 +Weibchen und Jungen an, welche theils spielend um den Trupp sich tummeln, +theils von den Muettern getragen und zuweilen tuechtig geohrfeigt werden. +Naht Gefahr, so fluechtet auf ein leises Bellen des Warners die ganze +Gesellschaft in Felsenschluchten. Der schoenste Affe Abessiniens ist der +von Rueppell entdeckte _Colobus Gueraza_, dessen durch den starken Kontrast +von schwarz und weiss ausgezeichnetes Fell ein beliebtes Pelzwerk und eine +Zierath fuer die Kriegsschilder liefert. Er lebt in der Waldregion der Kola +auf den hoechsten Baeumen. + +Waehrend Afrika im Allgemeinen reich an Flatterthieren ist, kommen +dieselben in dem hier in Rede stehenden Gebiete weniger vor. Die Ursache +davon hat Heuglin ergruendet. Namentlich in den noerdlichen Grenzlaendern +Abessiniens, in Bogos u. s. w. wird starke Viehzucht getrieben, und die +Herden kommen, wenn in ferneren Gegenden bessere Weide und mehr +Trinkwasser sich finden, oft monatelang nicht zu den Wohnungen der +Besitzer zurueck. Die Rinder sind gewoehnlich mit Myriaden Fliegen bedeckt, +die ihnen nachfolgen und wiederum die _Fledermaeuse_, welche von letzteren +leben, veranlassen, gleichfalls eine Wanderung zu unternehmen. Mit der +letzten Rinderherde verschwinden auch die Fledermaeuse spurlos, um mit dem +Einruecken derselben in ihre alten Standquartiere auch wieder zu +erscheinen. Die gemeinste Art der in Ostabessinien, namentlich um Massaua +vorkommenden Fledermaeuse ist der kleine von Rueppell entdeckte _Nyctinomus +pumilus_. Auch haessliche Glattnasen (Phyllorina-Arten) kommen vor, die +nicht nur in der Daemmerzeit, sondern die ganze Nacht hindurch fliegen. Der +grosse _Pteropus schoensis_ zeigt sich auch am Tage und lebt von den +Fruechten der Feigen und Bananen. + +Abessinien beherbergt mehrere Mitglieder der Katzenfamilie: die +kleinpfotige Katze, welche von Einigen fuer die Stammutter unsrer Hauskatze +gehalten wird, den _Gepard_ (_Cynailurus guttatus_), den _Leoparden_ +(_Felis Leopardus_) und den _Loewen_ (_Felis Leo_), doch verdienen nur die +beiden letzteren hier eingehendere Beachtung. Gehen sie auch in die +Berglandschaften hinauf, so ist doch ihr Lieblingsaufenthalt in den +tieferen Gegenden, in der Kola, den noerdlichen Grenzlaendern, der Samhara. +Der Loewe (amharisch Anbasa) ist gerade nicht selten, der Leopard geradezu +gemein und oft genug hoert man des Nachts die Stimme des Koenigs der Thiere +erschallen. Doch fuerchtet man ihn verhaeltnissmaessig wenig, denn sein +Jagdgebiet ist so reich, dass ihn nur selten der Hunger treibt, sich am +Menschen zu vergreifen. Es kommt haeufig vor, dass junge, noch saeugende +Loewen von den Abessiniern gefangen und aufgezogen werden; doch verkaufen +und verschenken diese die allmaelig kostspielig werdenden Thiere bald an +reiche Leute, und aus solcher Quelle stammen auch die beruehmten Loewen des +Koenigs Theodoros. Das Fell eines erlegten Loewen gehoert dem Koenige, der +tapfere Krieger wird mit einem breiten Streifen davon beschenkt, der +seinen Schild ziert. Weit haeufiger und auch gefaehrlicher als der Loewe ist +der _Leopard_ (Nemr auf amharisch), den man naechst der Hyaene und dem +Schakal als das gemeinste Raubthier Abessiniens ansehen kann. Von der +Ebene an bis hoch in das Gebirge hinein, bei Tag und bei Nacht, ueberall +ist dieser freche Raubmoerder zu finden. Er scheut den Menschen gar nicht +und kaum das allen Raubthieren so entsetzliche Feuer; frech dringt er in +die Huetten der Eingeborenen, raubt ein Kind und zieht sich mit seiner +Beute in das Dickicht zurueck. Von der Antilope bis zur Maus bewaeltigt er +alle Saeugethiere. Brehm erzaehlt, dass im Dorfe Mensa ein einziger Leopard +waehrend eines Vierteljahrs nicht weniger als 8 Kinder, ungefaehr 20 Ziegen +und 4 Hunde wegschleppte. In ganz Abessinien kann man Hunde und Huehner +kaum vor ihm sichern. Mit dem Feuergewehr jagen die Abessinier das ihnen +so verhasste Raubthier ebenso wenig wie den Loewen; bei Weitem die meisten +Leoparden, welche man erlegt, werden erst in Fallen gelockt und in diesen +gewoehnlich durch Lanzenstiche getoedtet. Diese Fallen sind ganz nach dem +Grundsatze starker Mausefallen gebaut, d. h. sie bestehen aus einem +Pfahlgitterwerk mit Fallthuer; ein lebendiges Thier, ein Stueck Fleisch sind +der Koeder, mit dem der Leopard angelockt wird; haeufig bringt man auch eine +lebende, klaeglich meckernde Ziege in die Falle. Mit grosser Vorsicht umgeht +der Raeuber oft zwei oder drei Naechte lang den Kaefig, bis er endlich sich +hineinwagt und gefangen ist. Von der Meereskueste geht dieser kuehne Raeuber +bis zu 12,000 Fuss Hoehe an die Eisgrenze hinauf. Der _Gepard_ findet sich +ausschliesslich in der Samhara und nicht im Gebirge; er ist ein Tagraeuber +und keine gemeine Katze; denn er ist nicht blutgierig und raubt niemals +mehr als er zu seinem Unterhalte bedarf. Draussen in der freien Steppe +betreibt er seine Jagd auf Antilopen, Hasen, Maeuse, Perlhuehner. Gegen den +Menschen vertheidigt er sich nicht, doch macht dieser meist auf ihn Jagd, +um das bunte Fell zu verwerthen, das nur selten im Handel vorkommt. Aber +zur Jagd wird er in Abessinien nicht abgerichtet, wenn auch einzelne +gezaehmte Thiere hier und da gehalten werden. + +Bis zu den hoechsten Spitzen der Berge Semiens in die Region der Dschibarra +streift der _Walgie_ (_Canis simensis_), um den Ratten nachzustellen. Er +ist eine haeufige Erscheinung unter den hundeartigen Raubthieren; dagegen +ist der _Wolfshund_ (_Canis Anthus_) ziemlich selten, desto gemeiner aber +wieder der _Schakal_ (_Canis mesomelas_), der nicht mit dem weiter +noerdlich vorkommenden eigentlichen Schakal verwechselt werden darf. Der +abessinische, schwarzrueckige Schakal ist etwas groesser als sein Verwandter +und in der Samhara wie im Gebirge in jedem groesseren Dickicht anzutreffen. +Seine eigentliche Jagdzeit auf Hasen, Huehner, Perlhuehner, Ziegen, ja +selbst Maeuse und Heuschrecken ist in der Nacht; dann ist er ein frecher, +regelmaessiger Gast in den Doerfern oder am Lagerplatz der Karawane, welcher +er ohne Scheu, selbst wenn das Feuer hell lodert, sich naehert. Auch wo +gefallene Thiere liegen, stellt er sich heulend ein und an solchen Plaetzen +trifft er mit der _gefleckten Hyaene_ (_Hyaena crocuta_, amharisch Dschib) +zusammen, einem der gemeinsten Raubthiere Abessiniens. Durch langgezogene +Klagetoene kuendigt sie ihren Wunsch nach irgendwelcher Nahrung an, um den +ewig verlangenden Magen zu befriedigen. Auch sie wird von den Eingeborenen +arg gehasst, obgleich sie ihnen nicht gerade erheblichen Schaden zufuegt, +sondern als Landreiniger, Aas- und Auswurfvertilgerin eher nuetzlich wird. +Die Eingeborenen fangen die Hyaene in Gruben, die in einem von Dorngebuesch +umgebenen Gange ausgegraben werden, an dessen Ende ein bloeckendes Zicklein +angebracht wird. Die heisshungerige Bestie bricht, indem sie auf ihre Beute +zueilt, in die mit Reisig und Sand sorgfaeltig ueberdeckte Grube ein, in +welcher man sie moeglichst bald toedten muss, weil sie sonst sich einen +Ausweg wuehlt. Es gelingt nicht leicht, in derselben Grube mehr als eine +Hyaene zu fangen, da die Thiere durch ihr feines Geruchsorgan die Gefahr +erkennen. Neben ihr kommt noch ein anderes hyaenenartiges Raubthier, der +"_gemalte Hund_" (_Lycaon pictus_) truppweise vor; er ueberfaellt die Herden +und richtet unter ihnen grosse Verheerungen an. Die Steppenlandschaften +sind die eigentliche Heimat dieses geselligen, rauf- und mordlustigen +Geschoepfes, das niemals allein jagt. Seinen Namen fuehrt es von den grossen, +dunkeln, auf dem hellen Felle stehenden Flecken, an denen es schon weithin +leicht zu unterscheiden ist. + + [Illustration: Gemalter Hund (_Lycaon pictus_).] + +Von kleineren Raubthieren beherbergt Abessinien die _gestreifte Manguste_, +einen weit verbreiteten, schlanken Moerder, der kleinen Saeugethieren und +Voegeln nachstellt, und den _Honigdachs_ oder das _Ratel_ (_Ratelus +capensis_), ein in jeder Hinsicht merkwuerdiges Thier, welches die +Bienenstaende pluendert, Aas liebt und der kleinen Jagd mit Eifer obliegt, +unangegriffen ruhig seine Strasse zieht, angegriffen aber aus seinen +Stinkdruesen einen ekelhaften knoblauchartigen Gestank verbreitet, der weit +und breit die Luft verpestet. Das Thier bewohnt Baue, welche es sich mit +seinen gewaltigen Klauen leicht graebt und in denen es den Tag ueber +verborgen liegt, um Abends seiner Beute nachzugehen. + +Die nordoestlich vom Tanasee gelegene Stadt Emfras, in welcher der Koenig +einen sogenannten Palast besitzt, ist nicht nur als Hauptsklavenmarkt, +sondern auch wegen der Zucht von _Zibethkatzen_ (_Viverra Civetta_) +beruehmt. Poncet berichtet, dass dort von diesen Thieren eine so grosse Menge +vorhanden ist, dass manche Kaufleute deren mehr als 300 im Hause halten. +Die Thiere werfen einen nicht geringen Nutzen ab. Die Zibethkatze bekommt +als Futter dreimal in der Woche rohes Rindfleisch und viermal einen +Milchbrei; sie wird dann und wann mit Wohlgeruechen beraeuchert und in jeder +Woche kratzt man ihr mit hoelzernen Loeffeln einmal eine salbenartige +Materie ab, das Zibeth, welches in wohlverwahrte Ochsenhoerner gethan wird +und einen eintraeglichen Handelsartikel bildet. Ihr heimischer Name ist +Dering. Ein dem Hausgefluegel, den Maeusen und Ratten sehr gefaehrliches +Raubthier ist die _Genettkatze_ (_Viverra abessinica_), ein schlankes, +elegantes Thier mit langem Ringelschwanz. Sowol anatomisch, als durch den +Mangel der Rueckenmaehne und andere Schwanzzeichnung unterscheidet sie sich +von der vorigen, mit der sie sonst viel Aehnlichkeit hat. Auch ein +_Fischotter_ (_Lutra inunguis_) kommt, wiewol selten, in den abessinischen +Gewaessern vor. Derselbe ist so gross wie unsere Art und schoen kaffeebraun. + +Unter den Nagethieren ist zunaechst zu erwaehnen das _bunte Eichhorn_ +(_Sciurus multicolor_), ein keineswegs munteres Thierchen, vielmehr ein +langweiliges scheues Geschoepf, das sich einzeln versteckt in den hohen +Baumwipfeln aufhaelt und niemals kuehne Spruenge wagt, sondern immer an den +Aesten klebt. Viel haesslicher, aber anziehender und unterhaltender ist sein +Verwandter, das _rothe Erdhoernchen_ (_Xerus rutilus_), das Schillu der +Abessinier. Leicht und beweglich treibt es sich nur auf der Erde, nie auf +Baeumen umher, bald hier, bald da aus seiner Hoehle hervorschauend, oder +sich possirlich auf die Spitze eines Huegels setzend. Unter allen +Nagethieren ist keines, selbst der Hamster nicht ausgenommen, welches im +Verhaeltniss zu seiner Groesse solchen Muth entwickelte, ja es wehrt sich +sogar knurrend und fauchend gegen Hunde. Gleich ihm lebt auch das _Filfil_ +(_Bathyergus splendens_), das zu den Ratten gerechnet wird, in +maulwurfsaehnlichen Erdhoehlen, die es im dichten Gebuesch anlegt, waehrend +die Baue des _Stachelschweins_ (_Hystrix cristata_), das bis zu 6000 Fuss +Hoehe hinaufgeht, meist in sandigen Ebenen stehen. Bei Tage verlaesst das +Stachelschwein seine Hoehle nie, Abends jedoch zieht es in die Waldungen +und Felder. Jedenfalls verdient unter den Nagethieren der _abessinische +Hase_ (_Lepus aethiopicus_) die meiste Beachtung, da er sich von unserm +gewoehnlichen Hasen vielfach unterscheidet und im Hochgebirge wie in der +Niederung zu den gewoehnlichsten Erscheinungen gehoert. + +Da der christliche Abessinier so gut wie der Muhamedaner ihn wegen der +gespaltenen Klauen zu den unreinen Thieren rechnet, so wird er nicht +verfolgt, und da er dieses weiss, so faellt es ihm gar nicht ein, vor dem +Menschen zu fluechten, wie unser Lampe, von dem ihn schon das dunklere, +schwarz, weiss, grau und ockerfarbig gefleckte Fell unterscheidet. + + [Illustration: Erdferkel. Nach Wood.] + +Aus der Ordnung der zahnlosen Thiere ist das _Erdferkel_ (_Orycteropus +aethiopicus_) zu erwaehnen, das vom Tiefland bis in die Woina-Deka +vorkommt. Das scheue Thier, mit seinem Geruch und Gehoer, haust in +selbstgegrabenen Hoehlen, zeichnet sich durch lebhafte Spruenge und eine +kaenguruartige Stellung aus, wobei es durch den kraeftigen Schwanz +unterstuetzt wird. Es geht haeufig nur auf den Hinterfuessen und beschnuppert +mit der langen, in steter Bewegung befindlichen, einem Schweineruessel +gleichenden Nase die Erde, um nach Ameisen zu suchen. Hat es eine solche +Stelle entdeckt, so beginnt es sehr gewandt und kraeftig mit den +Vorderfuessen zu graben und die aufgewuehlte Erde mit den Hinterfuessen +zurueckzustossen. Ist der Ameisenbau erbrochen, so geht es hastig an die +Mahlzeit; nach v. Heuglin faengt es die Ameisen mit den Lippen und diese +fallen in Menge ueber den Ruhestoerer her, dessen dicke Haut keineswegs vor +den Bissen schuetzt. Fuer Urin und Mist graebt das Erdferkel eine kleine +Grube, die dann wieder sorgfaeltig verdeckt wird. Im Bau selbst schlaeft es +zusammengerollt auf der Seite liegend. Verfolgt eilt es in raschen Saetzen +davon und graebt sich rasch ein, die Roehre hinter sich schliessend. Das +Fleisch ist fein, weiss und saftig. + +Ueber Pferde, Maulthiere und Esel Abessiniens berichten wir spaeter. Das +_Kameel_, in den Kuestengegenden reichlich als Lastthier vertreten, spielt +im Hochgebirge eine traurige, unnuetze Rolle, da sein Wirkungskreis die +Wueste ist. Ebenso ist die _Giraffe_ nur Bewohnerin der Tieflandsteppen, +dort aber, in den Niederungen zwischen Setit und Atbara, auch in grosser +Menge vertreten und wegen des saftigen Fleisches der jungen Thiere als +edles Wildpret hoch angesehen. + +Am meisten Interesse unter den abessinischen Thieren floessen uns die +Wiederkaeuer ein. Antilopen, Ziegen, Schafe, Rinder sind da vertreten und +alle in ihren schoensten Repraesentanten, namentlich sind die Antilopen +herrliche Thiere, bei denen man nicht weiss, welcher man den Preis der +Schoenheit und Zierlichkeit zuerkennen soll. Die _Tedal-Antilope_ +(_Antilope Soemmeringii_) lebt namentlich in den breiten Niederungen und in +der Samhara, kommt von da wol noch ins Huegelland, nie aber ins Hochgebirge +hinauf. Nur am Tage zieht sie in kleinen Trupps umher, ruht des Mittags +wiederkaeuend im Schatten und ist gegen den Menschen sehr misstrauisch. - +Die Art, wie sie in der Samhara eingefangen werden, wird von Rueppell +folgendermassen geschildert. In der Mitte der Ebene, in einem Bezirk, wo +diese Thiere regelmaessig gegen Sonnenuntergang ihren Wechsel haben, legen +die Jaeger viele an Pfaehle befestigte Schlingen. Sobald nun die Antilopen +kommen, laufen von verschiedenen Verstecken her einzelne Leute herbei, von +denen Jeder eine Menge kleiner, mit einem Bueschel Straussenfedern +versehener Stoecke hat; diese werden mit grosser Schnelligkeit so in die +Erde gesteckt, dass sie lange nach der Gegend der Schlingen gerichtete +Linien bilden; der Antilopen ganze Aufmerksamkeit wird von den im Winde +wehenden Federn in Anspruch genommen, die sie mit scheuem Blick fixiren. +Nun beginnt das Treibjagen; das Wild sieht zum Entkommen keine freie +Strecke, als die Gegend, wo die Fallstricke liegen, und eilt dahin; +gewoehnlich bleiben mehrere darin haengen und hier schlagen ihnen die Jaeger +mit Knueppeln die Beine entzwei, um sie dann zu schlachten. Auf dieselbe +Weise werden auch die Strausse gejagt. Noch haeufiger als der Tedal ist die +_Gazelle_ (_Antilope Dorcas_), die da, wo Mimosen stehen, von denen sie +aest, fast nie in der Samhara fehlt. Sehr oft einzeln, meist aber in Trupps +von drei bis acht Stueck beieinander zieht sie nur am Tage in der Ebene, +wie im Gebirge umher. Zur Traenke geht die Gazelle nicht, denn ihr genuegt +der Nachtthau auf den Blaettern der Baeume, die sie alle Morgen eifrig +ableckt, und diese Genuegsamkeit macht sie zum echten Wuestenthier. Als die +lebhafteste, behendeste und anmuthigste der Antilopen vermag sie Saetze von +vier bis sechs Fuss Hoehe auszufuehren und ein fluechtiges Rudel gewaehrt einen +wahrhaft prachtvollen Anblick. + +Waehrend die Gazelle alle dicht bewaldeten Stellen aengstlich meidet, sucht +das "Judenkind" oder die _Zwerg-Antilope_ (_A. Hemprichiana_) gerade die +verschlungensten und undurchdringlichsten Gebuesche zu ihrem Wohnsitze auf. +Nur paarweise in zaertlicher Ehe und nicht wie die uebrigen Antilopen es den +Tuerken oder Mormonen gleich thuend, findet man die Zwerg-Antilope von der +Kueste bis zu 2000 Fuss Hoehe im Gebirge sehr haeufig. + + [Illustration: Agaseen- oder Kudu-Antilopen.] + +Die Faerbung des weichen schoenen Haars stimmt mit dem Blaetterdunkel des +niedern Gebuesches so vollkommen ueberein, dass es schwer haelt, die zarte, +kleine Gestalt inmitten des Gebuesches wahrzunehmen. Beim geringsten +verdaechtigen Geraeusch erhebt sich der Bock vom Boden, stellt sich, nach +der verdaechtigen Gegend hin gerichtet, starr wie eine Bildsaeule auf, +wendet die Ohren vorwaerts und lauscht nun regungslos. Der Lauf, welcher +erhoben wurde, bleibt erhoben, Auge und Ohr haften an derselben Stelle und +nur der Haarschopf zwischen den Hoernern deutet durch sein Senken oder +Heben an, dass in dem Geschoepf Leben wohnt. Das Wildpret der Zwerg-Antilope +ist nicht besonders zu empfehlen; es hat immer einen moschusartigen +Geschmack und ist ausserdem sehr zaehe. + +Sind Soemmerings-Antilope und Gazelle echte Wuestenthiere, so sucht der +_Klippspringer_ oder _Sassa_ (_Oreotragus saltatrix_) nur felsige Gegenden +auf. (Abbildung siehe S. 25.) Rueppell war der erste, der nachwies, dass +diese vom Kap schon lange bekannte Antilope auch in Abessinien in den +buschigen, felsigen Bergen lebe. Wie eine Gemse steht das schoene Thier mit +zusammengehaltenen Hufen auf einem steilen Felsgrat, oft stundenlang in +das Land hineinschauend. Auch der Klippspringer lebt paarweise, am +gewoehnlichsten in einer Meereshoehe von 2000 bis zu 12,000 Fuss. Bei +heiterem Wetter zieht er mehr in die Berge; bei Regen, Nebel, Kaelte steigt +er in die Thaeler hinab. Die Bezeichnung "afrikanische Gemse" ist fuer ihn +gut gewaehlt, denn an den steilsten Felswaenden entlang, neben Abgruenden +vorueber, welche jeden Fehltritt mit dem Tode bezahlen wuerden, eilt er mit +Leichtigkeit und Zierlichkeit dahin, als ginge er auf ebenem Boden. Die +geringste Unebenheit genuegt ihm, um festen Fuss zu fassen; jeder Sprung +schnellt ihn hoch in die Luft; bald zeigt er sich ganz frei den Blicken, +bald ist er im Gebuesch verschwunden, und wenige Minuten genuegen, ihn allen +Verfolgungen zu entziehen. Die stolzeste und groesste Antilope Abessiniens +ist der _Agaseen_ (_Antilope strepsiceros_), welcher die Gebirge in einer +Hoehe von 2000 bis 7000 Fuss bewohnt. Dieses stattliche, an unsern +Edelhirsch erinnernde Thier, welches durch ein Paar 3 Fuss lange, praechtig +gewundene Hoerner ausgezeichnet ist, gehoert einem grossen Theil Mittel- und +Suedafrika's an und ist am Kap unter dem Namen Kudu bekannt. Es lebt +einzeln oder in kleinen Trupps, die, ungestoert, majestaetisch und langsam +an den Bergwaenden hinschreiten, aufgescheucht aber, unter Schnauben und +Bloeken davoneilen. Die Araber in den Steppen noerdlich von Abessinien +hetzen den Agaseen mit Pferden und toedten ihn mit Lanzenstichen, waehrend +er im Hochlande nur von denen verfolgt wird, die Flinten besitzen. Sein +Fleisch ist vorzueglich, dem des Hirsches im Geschmack aehnlich und aus den +grossen gewundenen Hoernern verfertigen die Eingeborenen Fuellhoerner zum +Aufbewahren des Salzes und Honigs. Auch die in Suedafrika haeufigere +_Oryx-Antilope_ (_Antilope Beisa_) findet sich in den das Land umgebenden +Steppen und Niederungen. Stets traegt sie ihre schnurgeraden Hoerner +aufrecht, die von der Seite gesehen wegen ihres nahen Beieinanderstehens +wie ein einziges aussehen und zu der Sage vom Einhorn Veranlassung gegeben +haben koennen. Es wuerde uns zu weit fuehren, wollten wir alle Antilopen hier +aufzaehlen, die in den Hochlanden oder den diese umgebenden Steppen leben. +Nur noch zu erwaehnen sind die grosse Marif-Antilope (_Hippotragus Bakeri_), +die Defassa (_Antilope defassa_), der Bohor (_A. redunca_), _Bubalis +mauritanica_, _Antilope montana_, _madoqua_, _decula_, _leptoceros_ +u. s. w. Die meisten dieser Thiere gehen bis zu 9000 Fuss Hoehe in die +Gebirge. + +Das ist der Reichthum Abessiniens an Antilopen; weniger zahlreich sind die +Ziegen vertreten, aber unter ihnen finden wir im Hochgebirge zunaechst den +stolzen _Steinbock_ (_Ibex Walia_). Rueppell entdeckte dieses Thier auf den +hoechsten Bergen Semiens, nachdem ihm die Eingeborenen eine wunderbare +Geschichte ueber dasselbe aufgetischt hatten. Dieser Walie, so erzaehlten +sie, ist im hoechsten Grade scheu, hat sehr lange und krumme Hoerner und +einen Bart am Kinn, stellt sich oft auf zwei Beine und ist wegen der +Erziehungsweise seiner Jungen sehr merkwuerdig. Die Mutter hat naemlich, so +fabeln die Abessinier, unter dem Bauch einen nach hinten zu geoeffneten +Sack, in welchem das Junge eine Zeit lang lebt und sich dadurch naehrt, dass +es von Zeit zu Zeit den Kopf aus dem Beutel heraussteckt und auf der Erde +grast; doch ist es sehr scheu und zieht sich bei dem geringsten Geraeusch +in seinen Behaelter zurueck. So lebt es wochenlang, bis es zu gross geworden +und in seinem lebendigen Kerker keinen Platz mehr findet; es springt +heraus, laeuft davon und sieht seine Mutter nie wieder. Europaeische +Reisende haben gefunden, dass der abessinische Steinbock in Lebensweise und +Koerperbildung nicht im mindesten von dem allgemeinen Charakter der Gattung +abweicht. Von der Ziege (_Hircus aethiopicus_) wird in dem Abschnitte ueber +die Viehzucht die Rede sein. Sie ist kleiner als unsere Ziege und +kennzeichnet sich durch kurze Beine, lange, rueckwaerts niedergedrueckte +Hoerner und sehr langen Bart. Ziegenherden sind durch das ganze Land in +grosser Zahl verbreitet und namentlich in der Steppe begegnet man ihnen an +allen Brunnen. In Bezug auf Behendigkeit und Schnelligkeit steht die +abessinische Ziege kaum der Gazelle nach. Von _Schafen_ werden +verschiedene Arten gezuechtet. An den Kuesten und in den heissen Steppen +findet man das arabische _Fettschwanzschaf_, mit schwarzem Kopf, +ausgezeichnet durch den Mangel der Hoerner und Wolle und einen dicken +Fettklumpen statt des Schwanzes; das gemeine Schaf der Hochlande (Beg) hat +braeunliche oder schwarze Wolle; die Galla zuechten eine mit langen weissen +Haaren versehene Art, deren schwarzgefaerbte Felle eine Lieblingskleidung +ihrer Haeuptlinge ausmachen. Das Rind Abessiniens ist der _afrikanische +Buckelochse_ (_Bos africanus_), ausgezeichnet durch schlanken Bau und den +kleinen Hoecker. Der Berie, wie er in Amhara heisst, ist ein aeusserst +geschicktes, gewandtes und bewegliches, dabei gutmuethiges und lenksames +Thier; er bildet den Reichthum des Hirten, dient als Pack- oder Reitthier, +zieht den einfachen Pflug, drischt durch Austreten das Getreide und wird +zum Danke fuer alle Liebesdienste schliesslich oft bei lebendigem Leibe +verzehrt, worueber weiter unten mehr gesagt wird. In einigen suedlichen +Provinzen lebt der _Sanga_, eine besondere Art, die sich durch gewaltige, +weit geschwungene Hoerner auszeichnet, aber von nur wenigen Reisenden +beobachtet wurde. Die Hoerner kommen in den Handel und gelten auch als +schaetzbares Geschenk. Salt erhielt drei dieser Thiere geschenkt, allein +sie waren so wild, dass er sie erschiessen lassen musste. Das laengste Horn +hatte beinahe 4 Fuss und sein Umfang an der Basis betrug 21 Zoll. Stier und +Kuh, beide tragen diesen Schmuck, sind aber trotz des kolossalen Gehoerns +nicht groesser als anderes Rindvieh. In der Kolla haust der _wilde Bueffel_ +(_Bos Pegasus_ und _Caffer_), der Gosch der Abessinier, ein unzaehmbarer, +gefuerchteter Geselle, dessen Jagd zu den gefaehrlichsten Beschaeftigungen +der Eingeborenen zaehlt. Seine Haut wird blos zur Bereitung von Schildern +benutzt; ist das Thier bereits ausgewachsen und seine Haut durch Speere +nicht sehr zerfetzt, so koennen aus einer Haut vier Schilde gemacht werden, +welche einen Preis von je zwei bis drei Thalern haben. Aus den enormen +Hoernern dieses Bueffels verfertigt man Trinkbecher. + +Aus der Ordnung der Dickhaeuter oder Vielhufer haben wir ein _Rhinozeros_ +(_Rh. africanus_), das Worsisa, anzufuehren, welches die Eigenschaften der +asiatischen und afrikanischen Art, die Platten und Falten des ersteren mit +den zwei Hoernern des letzteren vereinigt und aus den Suempfen der Kolla bis +in die Berge 8000 Fuss hoch aufsteigt. Der _Hippopotamus_ fehlt weder in +den Seen, noch in den groesseren Fluessen des Landes. Im Allgemeinen meiden +die Abessinier dieses fuer unrein gehaltene Thier, nur die am Tanasee +angesiedelten heidnischen Waito beschaeftigen sich mit der Jagd dieses +"Gomari", indem sie die Thiere mit hoelzernen Lanzen zu verwunden suchen, +deren Spitzen mit einem Pflanzengift bestrichen sind, durch welches jene +gewoehnlich nach zwoelf Stunden sterben. Das Fleisch trocknen sie +grossentheils, um es aufzubewahren, und aus der Haut verfertigen sie kleine +Reitpeitschen. Eine wahre Landplage ist in Abessinien das haessliche, mit +grossen Hauern versehene _Warzenschwein_ (_Phacochoerus africanus_), das +die mit Gebuesch und Gras bewachsenen Ebenen bewohnt, kommt aber auch bis +zu 9000 Fuss im Gebirge vor. Es lebt aehnlich wie unser europaeisches +Schwarzwild und geht seiner Nahrung erst nach Sonnenuntergang nach. Die +Eingeborenen halten es natuerlich fuer unrein und geben sich nicht mit der +Jagd des Thieres ab, dessen Fleisch einen vortrefflichen Geschmack hat. + +Abessinien beherbergt auch ein eigenthuemliches _Nachtschwein_ +(_Nyctochoerus Hassama_), das nach Aussage der Eingeborenen sich +vorzueglich gern von Aas naehrt. Es hat die Groesse unsrer Wildschweine, ist +aber gedrungener von Figur, lebt in dichtem Gebuesch und Felsen in einem +grossen Theile des Landes von 4000 bis 9000 Fuss Meereshoehe, ist scheu, soll +sich angegriffen wuethend zur Wehre setzen, ruht den Tag ueber in +undurchdringlichen Verstecken und faellt Nachts verheerend in die Felder +ein. + +Jedenfalls ist unter den Vielhufern der kleinste der interessanteste, +naemlich der _Klippschliefer_ oder Klippdachs (_Hyrax abessinicus_). Schon +Bruce erwaehnt, dass dieser Aschkoko unmittelbar in der Naehe der Staedte +geeignete Felswaende bewohnt und vor den Augen der Menschen sein +possirliches, an Kaninchen und Murmelthiere erinnerndes Wesen treibt. +Seine Bewegungen sind ungemein mannichfaltig und grazioes; er versteht +ausgezeichnet zu klettern, mit dem Kopfe nach oben und unten. Grosse +Sanftmuth und Aengstlichkeit zeichnen ihn aus, und seine Feinde sind nur +im Thierreich zu suchen, da er vom Menschen, der ihn gleichfalls fuer +unrein haelt, nicht verfolgt wird. Sie selbst sind sehr gefraessig und naehren +sich von Graesern, Kraeutern und Tamarindenzweigen. Wahrscheinlich kommen +zwei verschiedene Arten vor, die vom Tiefland bis zu 12,000 Fuss Meereshoehe +aufsteigen. + +Heuglin war der erste, welcher die Bemerkung machte, dass der +Klippschliefer in bestem Einvernehmen mit einer Ichneumon-Art (_Herpestes +Zebra_) und einer Eidechse (_Stellio cyanogaster_) auf seinen Felsen +zusammen lebt. Naehert man sich einem solchen Felsen, so erblickt man +zuerst einzeln oder gruppenweise vertheilt die munteren und possirlichen +Klippschliefer auf Spitzen und Absaetzen sich gemuethlich sonnend oder mit +den zierlichen Pfoetchen den Bart kratzend; dazwischen sitzt oder laeuft ein +behender Ichneumon und am steilen Gestein klettern oft fusslange +Stellionen. Wird ein Feind der Gesellschaft von dem auf dem erhabensten +Punkte des Felsbaues als Schildwache aufgestellten Klippdachs bemerkt, so +richtet sich dieser auf und verwendet keinen Blick mehr von dem fremden +Gegenstand, aller Augen richten sich nach und nach dahin, dann erfolgt +ploetzlich ein gellender Pfiff der Wache, und im Nu ist die ganze +Gesellschaft in den Spalten des Gesteins verschwunden. Untersucht man +letzteres genauer, so findet man Klippschliefer und Eidechsen vollstaendig +in die tiefsten Ritzen zurueckgezogen, der Ichneumon dagegen setzt sich in +Vertheidigungszustand und klaefft zornig den Feind an. Hat dieser sich +entfernt, so rekognoszirt zunaechst die Eidechse das Terrain, ob Alles +sicher sei, dann erscheint der Ichneumon und zuletzt, vorsichtig den Kopf +hervorstreckend, der Klippschliefer. Der Ichneumon, obgleich ein arger +Raeuber, verkehrt mit ihm in der groessten Eintracht; dagegen ist der Leopard +sein Hauptfeind, der trotz aller Vorsicht dann und wann einen +Klippschliefer faengt und mit Ausnahme von Wolle und Magen verspeist. +Uebrigens werden diese Thiere durch Raben gewarnt, die unablaessig +schreiend auf den Leoparden stossen, sobald sie seiner ansichtig werden. + + [Illustration: Klippschliefer (_Hyrax abessinicus_).] + +Den Beschluss unter den Saeugethieren macht der Riese unter denselben, der +_Elephant_ (amharisch Sochen). Aus den heissfeuchten Niederungen steigt er +auf seinen Wanderungen regelmaessig bis hoch ins Gebirge hinauf; Steilungen, +welche einem Pferde unersteiglich sind, werden von ihm ohne Muehe +ueberwunden; denn wie ein berechnender Strassenbaumeister geht er zu Werke, +bedaechtig und verstaendig waehlt er den Weg. Vor allem in den noerdlichen +Grenzlaendern, in Kunama, Bogos, Mensa ist er haeufig; dort jagt ihn der +wilde Schankalla, indem er ihm die Flechsen der Hinterbeine durchsaebelt; +aber Bogos und Mensa, welche das Feuergewehr noch nicht besitzen, lassen +ihn ungestoert seine Wanderungen machen. Die reiche Natur bietet ihm Alles, +was er bedarf, in Fuelle, und wenn oben in der Hoehe die Nahrung knapp wird, +wenn die Wasser sich unter der Thalsohle bergen und der zweimal im Jahre +eintretende Fruehling, d. h. die Regenzeit, noch fern ist, zieht sich das +gewaltige Thier nach den wasserreichen Niederungen zurueck. Wie der +Elephant in Nordabessinien haeufig den Feldern schaedlich wird, so verwuestet +er im Sueden die Zuckerrohrpflanzungen; da er selten gejagt wird, so steht +seiner Vermehrung nichts im Wege und der Handel Abessiniens mit Elfenbein +ist gering. + +Nach von Heuglin lebt im Tanasee auch ein manatiartiges Thier, ueber das +wir jedoch noch keine naehere Kunde haben. + + [Illustration: Afrikanische Bueffel.] + + + + + + [Illustration: Landschaft in der Provinz Wochni (Westabessinien). Nach + v. Heuglin.] + + + + + + DAS VOLK, SEINE SITTEN UND GEBRAeUCHE, HANDEL UND INDUSTRIE. + + + Physischer Charakter des Volks. - Die Juden oder Falaschas. - + Muhamedaner. - Gamanten. - Heidnische Ueberreste. - Waito. - Die + Sprachen Abessiniens. - Literatur und Malerei. - Charakter und + Sittenlosigkeit der Abessinier. - Blutrache. - Justiz. - + Aberglauben. - Das Verzehren von rohem Fleische. - Nahrungsweise. + - Krankheiten und Aerzte. - Kleidung. - Industrie und Handel. + + +Abessinien, von der Natur zur Buehne eines einheitlichen Lebens geschaffen, +durch seine Felsenwaelle streng abgeschieden von den Nachbarlaendern, ist +dennoch der Sitz verschiedener Voelkerstaemme und Nationalitaeten, die +keineswegs immer miteinander harmoniren und auch sprachlich voneinander +geschieden sind. Einzelne versprengte, angesessene oder spaeter +eingedrungene Staemme abgerechnet, gehoeren die Abessinier dem aethiopischen +Zweig der semitischen Rasse an. Die Mehrzahl der Bevoelkerung ist ein +schoengeformter, mittelgrosser Menschenschlag von hellbraeunlicher bis +dunkelschwarzbrauner Farbe. Das Charakteristische seines Aeussern besteht +hauptsaechlich in einem ovalen Gesicht, einer fein zugeschaerften Nase, +einem wohlproportionirten Munde mit regelmaessigen, nicht im geringsten +aufgeworfenen Lippen, lebhaften schwarzen Augen, schoen gestellten Zaehnen, +etwas gelocktem oder auch glattem Haupthaar und einem schwachen krausen +Barte. Das weibliche Geschlecht zeichnet sich nicht selten durch reizende +Gesichtszuege, schlanken Bau und aeusserst zierliche und elegante Haende sowie +Fuesse aus. Negerphysiognomien gewahrt man nur an den eingefuehrten Sklaven +und deren Nachkommen. + +Ehe wir uns jedoch zu dem eigentlichen, sich zum Christenthum bekennenden +Hauptvolke wenden, muessen wir die verschiedenen, theils durch die +Religion, theils auch durch ihre Nationalitaet von ihm abweichenden +Voelkersplitter des Landes betrachten. + +Eine gewiss auffaellige Erscheinung in Abessinien sind die dortigen Juden +oder _Falaschas_, d. h. Wanderer oder Verbannte, die frueher eine +bedeutende Rolle spielten, aber von ihrer einstigen Hoehe sehr +herabgesunken sind. Fast alle Reisenden beschaeftigten sich mit ihnen, und +namentlich waren es die protestantischen Missionaere, die ihnen ihre +Aufmerksamkeit zuwandten. Gobat gab zunaechst einige Nachrichten von diesem +Volke, doch bemerkt er, dass die Falaschas so von den Christen abgesondert +lebten, dass letztere weder von ihrem Glauben noch von ihren Gebraeuchen +etwas wuessten. Sie haben sich hauptsaechlich in der Gegend von Gondar, +Tschelga und auf der nordwestlichen Seite des Tanasees niedergelassen. Die +Falaschas behaupten, ihre Stammvaeter seien schon zur Zeit Salomo's mit +Koenig Menilek, dem Sohne der Koenigin von Saba, ins Land eingewandert; +andere unter ihnen meinen, sie seien erst nach dem Sturze Jerusalems von +den Roemern in die abessinischen Gebirge verjagt worden. Doch unterscheiden +sie sich von den uebrigen Juden durch ihre Unbekanntschaft mit der +hebraeischen Sprache und dadurch, dass die endliche Erscheinung des Messias +fuer sie keinerlei Reiz hat; denn fragt man sie hierueber, so erwidern sie +kalt, dass sie ihn in der Person eines Eroberers, Theodor genannt, dem auch +die abessinischen Christen entgegenblicken, in kurzer Zeit erwarteten. +Dieser Theodor war nun freilich gekommen, aber mit ihm kein Messias fuer +die Juden. Alle reden die amharische Sprache, unter sich jedoch gebrauchen +sie eine eigene Mundart (den Koara-Dialekt), welche vom Hebraeischen und +Abessinischen gleich weit entfernt ist. Gobat bemerkt: "In ihre Wohnungen +kann kein Christ, ausgenommen mit Gewalt, hineintreten; auch haben die +Christen nicht grosse Lust dazu, weil sie alle als Zauberer gefuerchtet +sind. Sie selbst tragen keine Waffen und bedienen sich derselben nicht +einmal zur Vertheidigung. Fuer ihre Armen wird von ihnen gesorgt und diese +duerfen nie betteln gehen." + +Der Missionaer Stern, ein Hesse von Geburt und zum Christenthum +uebergetretener Israelit, versuchte mit seinem Collegen Rosenthal, die +Falaschas zu bekehren, machte jedoch wenig Proselyten, veroeffentlichte +aber ein Buch ("_Wanderings among the Falashas_"), in welchem wir die +besten Nachrichten ueber das seltsame Volk finden. Nach ihm ruehmen sich die +Falaschas, unmittelbar von Abraham, Isaak und Jakob abzustammen und ihr +altjuedisches Blut rein erhalten zu haben. Mischheirathen mit andern +Staemmen sind durchaus verboten; ja es gilt schon fuer Suende, das Haus eines +Andersglaeubigen zu betreten. Wer eine solche Suende begeht, muss sich einer +Reinigung unterwerfen und ganz frische Kleider anziehen; dann erst darf er +wieder in seine Wohnung gehen. Diese Ausschliesslichkeit hat uebrigens gute +Folgen gehabt, denn sie bewahrte die Falaschas vor der Ausschweifung und +Sittenlosigkeit, welche sonst in Abessinien allgemein sind. Jedermann +gesteht ein, dass die Falaschas, Frauen wie Maenner, die zehn Gebote streng +befolgen. Heirathen in frueher Jugend sind bei ihnen nicht gestattet, da +Maenner erst zwischen dem zwanzigsten und dreissigsten, Maedchen zwischen dem +fuenfzehnten und zwanzigsten Jahre sich vermaehlen. Ehescheidungen kommen +nicht vor; Vielweiberei, wie bei den abessinischen Christen, ist nicht +erlaubt; Frauen und Maedchen gehen unverschleiert frei umher. Die Tempel +haben wie die christlichen Kirchen drei Abtheilungen; der Eingang liegt +nach Osten, und auf der Spitze des kegelfoermigen Daches ist allemal ein +rother Topf angebracht. + +Barbarisch ist eine Sitte, welche mit den ueberstrengen Begriffen von +Reinigung zusammenhaengt. Neben jedem Falaschadorfe befindet sich eine +"unreine Huette". Dorthin schafft man die Kranken, deren Tod fuer +unabwendbar gilt und laesst sie verlassen liegen; kein Verwandter darf bei +ihnen sein und nur Menschen, welche fuer unrein gelten, duerfen sich um sie +kuemmern. Merkwuerdig erscheint die Thatsache, dass diese abessinischen Juden +_dem Handel aeusserst abgeneigt sind_ und ihn geradezu verachten. Stern +schreibt: "Diese Falaschas sind von exemplarischer Sittlichkeit, ungemein +sauber, sehr andaechtig und glaubensstreng und dabei sehr fleissig und +thaetig. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht und auch einige Handwerke: man +findet z. B. unter ihnen Weber, Toepfer und Schmiede. Der Handel gilt ihnen +fuer unvertraeglich mit dem mosaischen Glauben, und man findet unter dieser +Viertelmillion Menschen nicht einen einzigen Kaufmann." Es kann bei +Leuten, welche so abgeschlossen leben, nicht befremden, dass sie alle +andern Religionen verabscheuen; ohnehin sind sie zumeist von Goetzendienern +umgeben, und auch die christlich-abessinische Kirche hat in ihrem Verfall +nichts Anlockendes. Im Aeussern und seinem Typus nach unterscheidet sich +der Falaschas uebrigens von den andern Abessiniern keineswegs. + +Was die oft verfolgten _Muhamedaner_ Abessiniens betrifft, so stehen sie +in den meisten Beziehungen ueber den einheimischen Christen. Bei dem +niedrigen Charakter der christlichen Abessinier ist die Regierung oft +genoethigt gewesen, die verschiedenen Aemter, deren Verwaltung, Treue und +Redlichkeit erfordert, namentlich Zollaemter, durch Muhamedaner zu +besetzen. Dieselben wohnen theils zerstreut, theils in ganzen Ortschaften +angesessen. So besteht der Flecken Takeragiro in der Landschaft Tembien +nur aus Muhamedanern, deren Frauen sich mit Landwirthschaft und +Baumwollenspinnen beschaeftigen. Die Maenner sind meist Kaufleute, die im +Lande umherziehen und eine gewisse praktische Gewandtheit erlangen. +Arbeitsamkeit zeichnet alle aus und einen weiteren Vorzug vor den Christen +haben sie dadurch, dass jeder Muhamedaner seine Soehne lesen und schreiben +lernen laesst, waehrend jene dieses nur dann lernen, wenn sie sich dem +geistlichen Stande widmen wollen. Der Muhamedanismus nimmt fortwaehrend zu, +was bei dem versunkenen Zustande des abessinischen Christenthums +keineswegs zu verwundern ist. Muhamedaner und Christen leben auf gutem +Fusse miteinander, wenn auch keine der beiden Parteien animalische Speise +von der andern nimmt, weil die Muhamedaner beim Schlachten des Viehs sich +der Formel bedienen: "Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen", die Christen +aber: "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Frueher +wohl, zu Muhamed Granje's Zeiten, stuermten die Bekenner des Korans mit +Waffengewalt gegen das christliche Abessinien und wurden zurueckgeschlagen; +jetzt aber breitet sich der Islam stillschweigend aus, da er den +christlichen Abessiniern ueberlegen ist. "Er benutzt", sagt Munzinger, "die +Schwaechen seines uneinigen Gegners, er erringt nur vereinzelte Erfolge und +dennoch darf man nicht verschweigen, dass er einer steten Zunahme sich +erfreut. Waehrend er schon halb Afrika beherrscht und immer suedlicher +dringt, hat er sich wol den dritten Theil der Bevoelkerung des eigentlichen +Abessinien schon unterworfen und die Grenzen gegen alle Weltgegenden sind +dem Christenthum jedenfalls fuer immer verloren. Die Galla werden in kurzer +Zeit alle muhamedanisch sein, die Grenzvoelker im Norden, die Habab und die +Marea, sind erst in unserer Zeit dem Kreuz abtruennig geworden und die +Bogos selbst sind kaum zu retten." + +Ausser den Muhamedanern und Juden giebt es in Abessinien noch besondere +religioese Sekten. Zu diesen gehoeren die _Gamanten_, die sich ueber mehrere +Provinzen des suedlichen und westlichen Abessinien und selbst ueber Schoa +ausgebreitet haben und als Heiden verachtet werden. Sie glauben nur an +einen Gott und die Unsterblichkeit; Moses ist ihr von Gott inspirirter +Prophet, doch erkennen sie kein Religionsbuch an, haben keine Festtage, +ruhen aber am Sonnabend vom Ackerbau aus. Nach Krapf und Isenberg +verrichten sie ihre Religionsuebungen im dichtesten Gebuesche, welches kein +Sonnenstrahl durchdringt. Eine besondere Verehrung zollen sie +verschiedenen Pflanzen, die zu beschaedigen sie aengstlich vermeiden. Unter +diesen nimmt die Aloe die erste Stelle ein und zwar deshalb, weil sie +dieselbe als von einer menschlichen Seele belebt denken und fuer den +Stammvater des menschlichen Geschlechtes halten. Da die Gamanten keine +Fasten halten und das auf jede Art geschlachtete Fleisch essen, werden sie +schon um deswillen von den Juden verachtet. Trotz der Verfolgungen, denen +sie ausgesetzt sind, leben sie als ruhige, fleissige und bescheidene +Ackerbauer, von ihren andersglaeubigen Nachbarn durch mancherlei Sitten +geschieden. So durchbohren z. B. die Frauen nach ihrer ersten Niederkunft +das Ohr und zwaengen in die Oeffnung nach und nach immer groessere +Holzpfropfen, die schliesslich einen Durchmesser von drei Zoll und mehr +erlangen, sodass das Ohrlaeppchen oder jetzt der Ohrlappen bis auf die +Schulter herabhaengt, wie dies aehnlich bei suedamerikanischen Voelkern +gefunden wird. Die Sprache der Gamanten, das Koara, ist mit jener der +einheimischen Juden uebereinstimmend, aus denen sie hervorgegangen sein +sollen. Aeusserlich zeichnen sie sich durch hohen Wuchs, schlanken ovalen +Kopf, eine etwas aufwaerts gekruemmte Nase und einen kleinen Mund aus. Sie +haben schoengelockte, etwas gekraeuselte Haare und grosse lebhafte Augen. Die +Hauptsitze der Gamanten sind in der Umgebung Gondars, dann in Tschelga, +Koara und bei Wochni, wo sie speziell die Pflicht haben, die Bergpaesse zu +hueten. Ackerbau und Viehzucht sind ihre liebste Beschaeftigung, +gelegentlich auch Strassenraeuberei. + + [Illustration: Schangalla vom Mareb, Zither spielend, und Raucher aus + Tigrie. Originalzeichnung von Eduard Zander.] + +Spuren vom ehemaligen _Heidenthum_ lassen sich bei den abessinischen +Christen immer noch erkennen. Rueppell sah z. B., wie im Thale Saheta, in +der Provinz Haramat, die Frauen der Umgegend sich in grosser Anzahl an eine +wasserreiche Quelle, welche unter einer schoenen Baumgruppe hervorsprudelt, +begaben, dort Haende und Fuesse wuschen und sich dann vor einem +grobbehauenen, mit zwei eifoermigen Vertiefungen versehenen Sandsteinwuerfel +einige Mal auf die Erde niederwarfen. Rueppell hielt den Stein fuer einen +Opferaltar, konnte jedoch ueber den Kultus nichts Naeheres erfahren, +obgleich seine Begleiter erklaerten, es handle sich hier um einen Rest +heidnischer Abgoetterei. + +Eine besondere Sekte, welche den allgemeinen Namen _Waito_ fuehrt und als +heidnisch verschrieen ist, wohnt rings um den Tanasee. Von den Gamanten +unterscheiden sie sich dadurch, dass sie keinerlei religioese Ceremonie +haben. Auch essen sie Wasservoegel, Nilpferdfleisch, wilde Schweine +u. s. w., was alles ihren Nachbarn als Graeuel erscheint. Sie haben keine +eigene Sprache, sondern reden das Amharische, wie sie sich denn auch weder +durch Gesichtszuege, noch durch andere koerperliche Eigenschaften von den +uebrigen Abessiniern unterscheiden. + +Als heidnisch ist noch die _Schlangenverehrung_ zu nennen, die Pearce in +der Provinz Enderta zu beobachten Gelegenheit hatte, und auch Bruce +berichtet, dass die _Agows_ (im westlichen Abessinien) in ihren Huetten +zahme Schlangen aufziehen, denen sie goettliche Verehrung zollen. Ein +Fremder bemerkt zwischen diesen eigenthuemlichen Menschen und den echten +Abessiniern keinen grossen Unterschied, ausser dass die Agows im ganzen +vielleicht ein staerkerer, aber nicht so ruhiger Menschenschlag sind als +jene. Ihre Sprache jedoch, wie bei den Falaschas und Gamanten das Koara, +ist durchaus verschieden und klingt sanfter und weniger kraeftig als die +von Tigrie. Die Agows in der Provinz Avergale werden unter der Benennung +der Tschertz unterschieden, und das Land, welches sie bewohnen, erstreckt +sich von Lasta bis an die Grenzen von Schirie. Nach der Sage waren die +Agows einst Verehrer des Nil, aber im 17. Jahrhundert wurden sie zur +christlichen Religion bekehrt. Die Agows hegen eine sehr hohe Meinung von +ihrer ehemaligen Wichtigkeit und behaupten, nur von den Bewohnern +Tigrie's, sonst niemals, unterjocht worden zu sein. Es ist leicht moeglich, +dass dieses Volk einen Theil der Urbevoelkerung Abessiniens ausmacht. + +Hier muss der Ausdruck _Schangalla_ oder _Schankela_ erwaehnt werden, unter +dem man sich faelschlicherweise einen besondern Volksstamm im Nordwesten +Abessiniens vorstellte und worunter man namentlich die Bazen oder Kunama +verstand. Allein es ist nur ein generischer Name, welcher auf die +heidnischen, ausserhalb Abessinien wohnenden Voelker, namentlich die Neger +und Negersklaven, angewandt wird. + +Abessinien besitzt gegenwaertig _zwei Hauptsprachen_, die sich wieder in +mehrere zum semitischen Stamme gehoerige Dialekte trennen. Als +ausgestorbene (seit wann ist unbekannt) Ursprache gilt die _aethiopische_ +oder das Geez, das zur Zeit der Einfuehrung des Christenthums geredet und +in welchem alle Buecher abgefasst wurden. Ueber dieselbe hat Hiob Ludolf, +der sich um die aeltere Kunde Aethiopiens die groessten Verdienste erwarb, im +Jahre 1691 eine noch heute vielfach mustergiltige Grammatik verfasst. +Denkmaeler der alten aethiopischen Sprache, in Stein eingegraben, sind an +verschiedenen Orten des Landes aufgefunden und entziffert worden; +besonders aber in der alten Koenigsstadt Axum in Tigrie. Auf einem +Schutthaufen daselbst entdeckte Rueppell drei gleichgrosse Kalksteinplatten, +jede ueber vier Fuss lang und mit ziemlich wohl erhaltenen aethiopischen +Lettern bedeckt. Ein abessinischer Geistlicher entzifferte spaeter diese +Inschriften, und die von ihm veranstaltete Uebersetzung stimmt ziemlich +mit jener des Professors Roediger in Halle ueberein. Wir geben, um die +altaethiopischen Schriftzeichen zu zeigen, hier den Anfang der einen Tafel +wieder, welche von dem Kriegszuge des Koenigs La San nach Magasa handelt, +von wo er mit grosser Beute heimkehrte: + + [Illustration: Inschrift des Koenigs La San] + +Die Uebersetzung lautet: + + 1. La San, Sohn des Siegreichen, des Gottbefreundeten + 2. Halen Koenig von Axum und von Hamara + 3. und von Raidan, und von Saba, und von Sala- + 4. hen, und von Tiamo, und von Bega und von Kas. + 5. Der Sohn des Unglaeubigen bisher unbesiegt + 6. bekaempfte als Feind; ihr Oberhaupt ward + 7. verjagt, das uns unguenstig war, und ihre Tapfern erschlagen; + 8. Darauf ergriffen sie die Flucht. Vorher + 9. schickten sie aber das Heer; ihr Anfuehrer, der Tapfere + 10. zog aus mit Gezelt und dem Anfuehrer der Vornehmsten. + +Das Geez hat 26 einfache Buchstaben, denen 6 Vokalzeichen angehaengt +werden, wozu noch vier Doppellaute kommen. Man liest von links nach rechts +und jedes Wort wurde vom naechstfolgenden frueher durch einen vertikalen +Strich, jetzt durch zwei uebereinanderstehende Punkte getrennt. Wie +bemerkt, ist die Sprache jetzt ausgestorben, doch gilt sie noch als +Kirchensprache und wird von der Geistlichkeit aufrecht erhalten, welche +die von Isenberg eingefuehrten, in die modernen Sprachen uebersetzten Bibeln +als Ketzerwerke erklaerten. An die Stelle des ausgestorbenen Geez traten +zwei lebende Sprachen, das _Amharische_ und _Tigrische_, von denen das +erstere in den vom Takazzie suedlich und westlich, das letztere in den von +diesem Flusse oestlich gelegenen Landschaften geredet wird. Das Amharische, +das am meisten gesprochen wird, obgleich ein Dialekt des Aethiopischen und +also semitischen Charakters, hat doch mehr Fremdartiges als seine Mutter- +oder seine Schwestersprache, das Tigrische, angenommen, welches die groesste +Aehnlichkeit mit dem alten Geez behalten hat. Das Tigrische ist reich an +kraeftigen Gutturalen und hat eine Abart in dem Dialekte von Gurague, einer +suedabessinischen Landschaft; das Amharische dagegen, zur Regierungssprache +erhoben, hat in der Sprache von Haerraer, oestlich vom Hawaschflusse, eine +Tochter. + +Waehrend die tigrische Sprache nicht geschrieben wird, hat die amharische +sogar noch 6 Zeichen mehr als das Geez mit sechserlei denselben +angehaengten Vokalzeichen, wozu noch 4 Diphthongformen kommen. Die +Charaktere sind wie das ganze Alphabet syllabarisch, naemlich _Schaat_ +lautet in der Form [Aethiopisch: sha] _scha_. [Aethiopisch: shu] ist = +_schu_ u. s. w. Ebenso wird aus _Tjawi_ in der Form [Aethiopisch: ca] +(_tja_) durch Hinzufuegung eines kleinen Zeichens in der Mitte rechts +[Aethiopisch: cu] _tju_, [Aethiopisch: ci] ist _tji_, [Aethiopisch: caa] +_tja_, [Aethiopisch: cee] _tje_ u. s. w. Die andern fuenf dem Amharischen +eigenthuemlichen Charaktere sind: _Gnahas_ [Aethiopisch: nya] (_gna_; es ist +also [Aethiopisch: nyu] _gnu_ und [Aethiopisch: nyee] _gne_ auszusprechen); +_Chaf_ [Aethiopisch: xwa], _cha_; _Jai_ [Aethiopisch: zha], _ja_ +(franzoesisch auszusprechen); _Djent_ [Aethiopisch: ja], _dja_ und _Tschait_ +[Aethiopisch: cha], _tscha_. Das Aethiopische und Amharische wird von der +Linken zur Rechten gelesen. Wenn _sakaja_, anklagen, geschrieben wird +[Aethiopisch: sa][Aethiopisch: xwa][Aethiopisch: ya], so bezeichnet also das +dem grossen _P_ im Lateinischen gleichende Zeichen die Silbe _ja_ und man +wird sofort einsehen, dass [Aethiopisch: yu] wieder _ju_, [Aethiopisch: yaa] +_ja_ ist. + +Als untergeordnete Dialekte muessen noch erwaehnt werden, das Baze-Tigre +(nicht zu verwechseln mit dem Tigrischen oder Tigrenja), die in der +Samhara und weiter noerdlich herrschende Sprache, das erwaehnte Idiom der +Falascha oder Juden, der Gamanten und Agows, die den Koara-Dialekt +(Hauaraza) sprechen, und die Sprache der Gallastaemme im Sueden von Habesch, +ueber die weiter unten mehr gesagt wird. + +Soviel ueber die Sprachen des Landes. Von einer _Literatur_, welche das +ganze Volk durchdringt, kann keine Rede sein, zumal Lesen und Schreiben +ein Privilegium der hoeher gestellten Klassen, namentlich der Geistlichkeit +ist. In frueheren Zeiten war die geistige Regsamkeit in Abessinien eine +ungleich ruehrigere als heutzutage, und aus jenen Perioden stammen auch die +meisten Buecher, Chroniken und Bibelabschriften, von denen aber viel im +Laufe der Kriege verloren gegangen ist. Alle abessinischen Manuskripte +sind auf Pergament geschrieben und zwar meistentheils recht sauber und +elegant. Die Linien laufen ganz symmetrisch miteinander parallel und auf +der ersten Seite, sowie am Anfange jedes Kapitels sind immer die Zeilen +abwechselnd mit rother und schwarzer Tinte geschrieben. Zum Schreiben +bedient man sich eines zugespitzten Rohrhalmes. Haeufig sind kolorirte +Vignetten in den Text angebracht, die in aelterer Zeit weit schoener als +jetzt gemalt wurden. Viel Sorgfalt verwendet man auf die Ledereinbaende, in +welche man mit heissen Eisen zierliche Arabesken einbrennt. Die Art und +Weise, wie die Geistlichkeit mit den seltensten alten Werken umgeht, ist +geradezu barbarisch; sie verschleudert sie oft um einen Spottpreis oder +laesst sie verschimmeln. Durch die Bemuehungen der deutschen Missionaere, +namentlich des wackeren Isenberg, sind in London auch mehrere Buecher in +amharischer Sprache gedruckt worden, darunter eine vollstaendige +Bibeluebersetzung, eine kleine Geographie und ein Abriss der Weltgeschichte. +Obgleich man diese zu Tausenden verbreitet hat, so haben sie dennoch +keinen Nutzen gestiftet, da die den Missionaeren feindlich gesinnte +abessinische Geistlichkeit den Gebrauch hinderte und die Werke +vernichtete. So liegen sie da als ein Werk deutschen Fleisses, ohne +lebendige Anwendung zu finden. + + [Illustration: St. Georg (aus einem abessinischen Manuskripte). Nach + Harris.] + +Nach Krapf umfasst die ganze abessinische Literatur 130 bis 150 Werke, von +denen viele nur Uebersetzungen der griechischen Kirchenvaeter sind. Die +saemmtlichen Buecher werden in vier Sektionen oder Gabaioch getheilt, deren +erste das Alte, deren zweite das Neue Testament allein ausmacht. Die +dritte enthaelt juristische Schriften, wie das Gesetzbuch, den Chrysostomus +u. s. w., die vierte endlich besteht aus Moenchsschriften und dem Leben der +Heiligen. Die grossen Sammlungen von aethiopischen und amharischen +Schriften, welche die Gebrueder d'Abbadie nach Frankreich, Rueppell nach +Frankfurt, Krapf nach Tuebingen brachten, lassen uns jetzt einen tiefen +Einblick in das Schriftthum jenes abgelegenen christlichen Volks thun. Da +finden wir "den Glauben der Vaeter" (_Haimanot Abau_), eine Dogmensammlung +der abessinischen Kirche, das Leben des Koenigs Lalibela (_Gadela +Lalibela_), der im 13. Jahrhundert nach dem Untergange der Judendynastie +lebte, die Biographie Tekla Haimanot's, eine Menge wichtiger Chroniken +u. s. w. + +Die Art und Weise, wie die Abessinier ihre Gemaelde entwerfen, die oft auch +die Pergamentmanuskripte schmuecken, beschreibt Salt. Der Maler machte +zunaechst einen genauen Entwurf seiner Zeichnung mit Kohle und ueberzog +denselben dann mit Tusche. Der Gegenstand stellte zwei abessinische Reiter +im Kampfe mit den Galla dar; die Kleider der Krieger, das Geschirr der +Pferde, der Gesichtscharakter waren getreu nachgeahmt. Die Abessinier +vergroessern in ihren Gemaelden auf eine besondere Art das Auge und zeichnen +die Figuren _en face_; nur Juden, Teufel u. s. w. werden im Profil gemalt. +Die Farben sind aeusserst grell: Gruen, Roth, Blau und Gelb herrschen vor. + + -------------- + +Wenden wir uns nun zur Betrachtung des _Charakters der Abessinier_, so +treffen wir hier auf sehr widersprechende Urtheile, doch kann im +allgemeinen behauptet werden, dass derselbe nach unsern europaeischen +Begriffen ein keineswegs vorzueglicher ist. Waehrend z. B. Munzinger und +Heuglin dem Volke mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sind die Urtheile +von Bruce, Rueppell, Krapf, Isenberg sehr herbe, und auch im eigenen Lande +giebt es Leute genug, welche in die Verdammung einstimmen. Dahin gehoerten +vor allem der Koenig Theodoros II. selbst und der im Jahre 1867 gestorbene +Abuna (Erzbischof). Einzelne vorzuegliche, durch Liebenswuerdigkeit, edlen +Charakter und Gelehrsamkeit ausgezeichnete Persoenlichkeiten hat es jedoch +immer gegeben und sie beweisen, dass in dem befaehigten Volke noch nicht +alle besseren Eigenschaften eingeschlummert sind. Der hoechste Kirchenfuerst +des Landes, allerdings ein Auslaender, von dem selbst kein sehr +erfreuliches Bild entworfen wird, schrieb 1843 an Isenberg: "Die +Abessinier sind ein Volk, das weder nach Erkenntniss verlangt, noch Liebe +zum Lernen zeigt, noch auch begreifen kann, dass Sie sein Bestes suchen. +Was es will, ist, dass Sie ihm von Ihrer Habe mittheilen, nichts anderes. +Wie kurz oder wie lange Sie sich auch in Abessinien aufgehalten haben +moegen - koennen Sie immer noch glauben, dass die Abessinier seien wie andere +Menschen, welche lernbegierig sind und nach Erkenntniss verlangen?" +Isenberg selbst ist von dem Volke keineswegs erbaut und hatte bei der ihm +widerfahrenen Behandlung auch wenig Ursache hierzu. Rueppell, ein sehr +nuechterner Beobachter, fasst sein Urtheil folgendermassen zusammen: "Die +Hauptzuege des moralischen Charakters der Abessinier sind: Indolenz, +Trunkenheit, Leichtsinn, ein hoher Grad von Ausschweifung, Treulosigkeit, +Hang zum Diebstahl, Aberglaube, dummstolze Selbstsucht, grosse Gewandtheit +im Verstellen, Undankbarkeit, Unverschaemtheit im Fordern von Geschenken +und eine des spruechwoertlichen Gebrauches wuerdige Luegenhaftigkeit." +Mildernd setzt er hinzu: "In der Regel ist ihnen uebrigens ein leutseliges, +ungezwungenes Betragen eigen, weshalb eine oberflaechliche Beurtheilung zu +ihren Gunsten ausfaellt." Dann weiter: "Zur Erregung eines bessern +moralischen Gefuehls traegt gar nichts in ihrem Leben bei, und ich muss +durchaus dem beistimmen, was der Missionaer S. Gobat als das Resultat eines +beinahe einjaehrigen Aufenthalts in Gondar ueber den sittlichen Zustand +dieser Stadt ausspricht, naemlich: "Alle Abessinier, wenn sie keine +Regierungsgewalt zu fuerchten haben, treiben das Raeuberhandwerk. Ich kenne +die Abessinier zu gut, als dass ich einen grossen Werth auf ihre suessen Worte +legen sollte. Ich bin traurig und niedergeschlagen, weil es mir vorkommt, +als sei jeder Rettungsversuch vergeblich."" Rueppell fuehrt eine Menge diese +Aussprueche charakterisirende Einzelheiten an, welche allerdings schlagende +Illustrationen bilden; allen Staenden schreibt er gleich grosse Rohheit zu. +Auch die Traegheit der Abessinier ist unglaublich. Jeder Ackerbautreibende +bestellt nicht mehr Feld, als fuer den Bedarf seiner Familie noethig ist, +und an ein Aufspeichern von Vorraethen ist nicht zu denken. Jede Art von +Handarbeit halten sie fuer etwas Entehrendes, und daher kommt es denn, dass +fast die ganze Industrie des Landes in den Haenden der Muhamedaner und +Juden ist. Betrug im Handel, Verfaelschung der Waaren sind gang und gaebe. + +Alledem gegenueber klingt als Lobrede, was Werner Munzinger, allerdings +einer der ersten Kenner des Landes und Volkes, sagt: "Ueber dieses Land +darf ich wohl reden, denn auch sein Mensch steht uns kaum so fern. Er +denkt, er traeumt, er liebt und hasst ja auch; er fuehlt wie wir, nur roher +und oft viel natuerlicher und freimuethiger. Soll denn das schwarze Gesicht +immer ein schwarzes Herz bergen? Auch dort findest du mitleidige Herzen! +Wenn der schneidende Abendwind dichte Nebel auf die Hochebene hinabregnet, +da kann der Wegfahrer getrost anklopfen und auch des erfrorenen Bettlers +harrt ein freundlicher Gruss, ein froehlich loderndes Feuer und ein warmes, +in Milch eingebrocktes Brot. Auch dort giebt es Ritter, Beschuetzer der +Frauen und Schwachen. Der Misshandelte findet seinen Advokaten. Auch +Freunde kannst du erwerben, wenn auch nicht schnell, die am Tage der +Gefahr dich beschirmen. Treue Liebe, glueckliche Gatten sind nicht selten, +und wie oft folgt die trauernde Gattin ihrem Herrn freiwillig in den +fruehen Tod! Du siehst in Hungersnoethen die Mutter mit hohlen Wangen, die +Kinder frisch und munter, denn das letzte Brot spart sie fuer ihre Lieben +auf. Unermuedet wacht die Gattin bei ihrem kranken Manne. Brave Soehne +opfern jahrelange Arbeit, um ihrem alten Vater sorgenfreie Tage zu +bereiten, Gefuehl fehlt nicht und auch nicht Muth und Frohsinn; sie singen +und tanzen die sternenhelle Nacht durch; Rhapsodien loben den Helden, den +Loewentoedter, den Menschenbezwinger. Freude und Leid wird ausgesungen; das +Lied dient auch der Klage, es begleitet die Arbeit, es bejubelt die +Hochzeit." Im grellen Gegensatz steht - gegenueber fast allen andern +Berichten - was Munzinger hier ueber die ehelichen Verhaeltnisse bemerkt, +und es scheint uns fast, als sei wenigstens hier ein rosiger Schimmer ueber +seine Darstellungen ausgebreitet. + +Hier muss erwaehnt werden, dass die _Blutrache_ in ganz Abessinien allgemein +herrscht und dass eine ausgebreitete und maechtige Verwandtschaft daher als +ein sehr bedeutendes Schutzmittel gilt. Zu Isenberg kam einst eine Frau in +der groessten Angst gelaufen mit der Bitte, er moege fuer ihren Mann beten, +der am Morgen ohne Begleitung und ohne Waffen ausgegangen sei; dies habe +sein ihm feindlicher Vetter benutzt, um ihm bewaffnet zu folgen. "Wir +erfuhren, dass diese Feindschaft zwischen den beiden Vettern von ihren +Vaetern herruehrt, die einander in toedtlicher Feindschaft umgebracht haben +sollen. Auch die Vettern haben in ihren Streitigkeiten schon zehn ihrer +Leute verloren." Salt lernte einen jungen Haeuptling (Schum) Namens +Schelika Negusta kennen, der einen Feind im Zweikampfe erschlagen hatte. +Mehrere maechtige Verwandte des Gebliebenen bemaechtigten sich seiner Person +und fuehrten ihn vor den Ras, welcher ihn nach dem Gesetze zum Tode +verdammte und zwar wurde er nach mosaischem Gebrauch den Verwandten des +Ermordeten uebergeben, damit diese nach Gefallen mit ihm umgehen moechten. +Gewoehnlich wird bei solchen Gelegenheiten der Thaeter nach dem Markte +gefuehrt und dort zu Tode gespeert, und so sollte es auch dem Schelika +Negusta ergehen, als die Osoro's (Prinzessinnen), von seiner Schoenheit +geruehrt, sich hinter die Geistlichkeit steckten und durch deren +Banndrohungen es vermochten, dass der der Blutrache Geweihte gegen eine +hohe Geldsumme freigegeben wurde. + +Die _Justiz_ wird in Abessinien ungemein willkuerlich gehandhabt. Ein +oberster Gerichtshof hatte in der Residenz seinen Sitz und entschied in +weltlichen Angelegenheiten als letzte Instanz. Bezueglich der Todesurtheile +steht dem Koenige die Entscheidung zu. Dieser haelt woechentlich mehrere Mal +oeffentliche Audienz in seinem Palaste, wobei Jedermann Zutritt hat. Hier +laesst er sich Klagen und Vertheidigung vortragen, verhoert die vorgeladenen +Zeugen und giebt nach Berathung mit den Gerichtsbeisitzern seinen Spruch +ab, dem jedoch die ausuebende Kraft fehlt und der daher mehr als Gutachten +angesehen werden muss. Ist der Koenig verreist, so waehlen sich die Parteien +selbst ihren Schiedsrichter. In den Provinzen entscheidet der Gouverneur +und zwar gleichfalls oeffentlich, in der Regel auf einem Huegel in der Naehe +der Stadt. Rueppell wohnte einer solchen Gerichtssitzung zu Angetkat in +Semien bei. Der Gouverneur sass auf einem Flechtstuhle und ringsumher lagen +die Zuhoerer im feuchten Grase. Es handelte sich um eine Ehescheidung, bei +der sowol Mann wie Frau ihre Sache persoenlich vortrugen und zwar beide mit +vieler natuerlicher Beredsamkeit. Die Umstehenden sprachen fortwaehrend laut +dazwischen und machten ihre Bemerkungen ueber den Gang der Unterhandlungen. +Endlich ward Ruhe geboten und der Gouverneur verkuendigte das Urtheil, +worauf er beide Parteien mit einem "Marsch!" entliess. + +Bei diesen Verhandlungen wird das geschriebene Gesetzbuch Abessiniens, das +_Feta Negust_ (die Richtschnur des Koenigs) nur selten angewandt, da man es +meist nur bei verwickelten Rechtsfaellen zu Rathe zieht. Es soll angeblich +unter Konstantin dem Grossen durch die auf dem Konzil zu Nicaea versammelten +Kirchenvaeter zusammengestellt worden sein. Das Feta Negust besteht aus +zwei Abtheilungen, von welchen die eine das kanonische, die andere das +buergerliche Recht behandelt; beide zusammen haben 51 Unterabtheilungen. +Die 22 Paragraphen des kanonischen Rechts handeln von der +Rechtglaeubigkeit, der Geistlichkeit, der Kirche, der Verwaltung von deren +Eigenthum, vom Gottesdienst, den Feiertagen, der Ketzerei u. s. w.; die 29 +Paragraphen des buergerlichen Rechtes von der Dienstbarkeit, der Ehe, dem +Wucher, Erbschaft, Kauf, Zeugnissen, gefundenen Sachen, Grundeigenthum, +Todtschlag, Diebstahl, Strafen u. s. w. Interessant ist die von Rueppell +nicht ohne Grund ausgesprochene Ansicht, dass als Verfasser dieses +Gesetzbuches vielleicht der protestantische deutsche Missionaer _Pater +Heyling von Luebeck_ anzusehen sei, der im Jahre 1634 nach Abessinien kam. + +Alle Gesetze jedoch, so gut sie sein moegen, hindern das Volk nicht in +seinem faulen, zuegellosen und namentlich in geschlechtlicher Beziehung +ausserordentlich liederlichen Lebenswandel fortzufahren, und die zahlreiche +Geistlichkeit thut nicht das Geringste, um dem wuesten Treiben Einhalt zu +thun, ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran. Da kann es denn, wo fuer +Aufklaerung und Schulen so gut wie gar nicht gesorgt wird, nicht Wunder +nehmen, dass unter diesen Christen die abenteuerlichsten Vorstellungen und +der seltsamste Aberglaube im Schwunge ist. + +Nach den aberglaeubigen Ansichten der Abessinier hat jeder Moench, jeder +Einsiedler, jeder Zwerg die Faehigkeit, in die Zukunft schauen und +weissagen zu koennen. Geschriebene _Talismane_ werden unter die Saat +gemischt, damit sie gut keime, und kein Abessinier besteigt sein +Maulthier, ohne sich vorher mit einer solchen Papierruestung versehen zu +haben, die ihn angeblich stich- und kugelfest machen soll. Amulete spielen +derart eine grosse Rolle und schuetzen den Inhaber gegen jede vorhergesehene +oder unvorhergesehene Gefahr. Der _Tulsim_, ein Guertel, an dem kleine +Ledertaeschchen haengen, enthaelt diese schuetzenden Papierschnitzel, welche +Maenner, Weiber, Kinder tragen und die selbst der Koenig fuer unentbehrlich +haelt. Auch uebt der Einfluss des boesen Auges eine grosse Macht auf alle +Abessinier aus; boese Geister durchschwaermen nach ihrer Vorstellung die +Erde und das Wasser. Haeufig wendet man das _Besa_ oder Krankenopfer an, +indem man unter Singen und Schreien um das Lager des Patienten einen +Ochsen treibt und denselben dann vor dem Hause schlachtet. Kein Abessinier +wird an einem Sonnabend oder Sonntag eine Schlange zu toedten wagen, weil +an diesen Tagen jene Thiere als ein glueckverheissendes Omen erscheinen. +Uebereinstimmend mit den heidnischen Galla bringen die Christen im Juni +dem _Sar_ (boesen Geiste) Dankopfer dar, obgleich dieser Goetzendienst durch +Verordnungen aufs strengste untersagt ist. Drei Maenner und eine Frau, die +mit dem Boesen in Verbindung stehen, versammeln sich dann, um in einem +frisch ausgekehrten Hause die Ceremonie vorzunehmen; eine ingwerfarbige +Henne, eine roethliche Gais oder ein Ziegenbock mit weissem Halsringe werden +geopfert und das Blut der Thiere, mit Fett und Butter gemischt, waehrend +der Nacht auf einen engen Pfad gesprengt, damit alle Daruebergehenden das +Uebel des Kranken an sich nehmen, zu dessen Gunsten das Opfer dem Sar +dargebracht wurde. + +Das Aechzen der Wassernixen hoert der aberglaeubige Abessinier in jedem +Wasserfall, und der Unglueckliche, welcher im ploetzlich angeschwollenen +Wildbache ertrinkt, wird als Speise der boesen Wassergeister angesehen. +Verschiedene Pflanzen und Kraeuter besitzen zauberische Eigenschaften, so +ein Gras (Fegain), das, heimlich auf den Gegner geworfen, diesem Krankheit +und schleunigen Tod bringt. Zauberer und Sterndeuter, durchaus keine +seltenen Erscheinungen in Abessinien, erreichen nach der Volksmeinung das +anstaendige Alter von vier- oder fuenfhundert Jahren; sie fliegen mit der +Windsbraut durch das ganze Land, erscheinen ploetzlich und ungesehen in der +schmausenden Gesellschaft und nehmen ihr die leckersten Fleischbissen vor +der Nase weg. + +Vor dem sterblichen Auge verborgen liegt irgendwo im Lande das zauberhafte +Dorf _Duka Stephanos_, ein Paradies auf Erden, das, alle irdischen und +himmlischen Freuden in sich vereinigend, die Sehnsucht des wunderliebenden +Volkes im hohen Grade erregt. Seine grasigen Auen und praechtigen Waelder +laden zum suessen Schlummer ein, und am heitern Ufer des Nil, der seine +blauen Fluten durch die praechtige Landschaft rollt, wandern die schoensten +Weiber. Dort fliessen die koestlichsten Getraenke in nimmer versiechendem +Strome, und die Erde bringt saftige Fruechte in unendlicher Fuelle ohne +Arbeit hervor. Doch in zauberische Nebel verhuellt, oeffnet dieses Elysium +seine Pforten nur Menschen von untadelhaft schoenem Aeussern, die das +Wohlgefallen der Bewohner von Duka Stephanos erregten. + + [Illustration: Eine Lima-Galla, Baumwolle schnellend. Zeichnung von E. + Zander.] + +_Zwerge_ werden mit einem gewissen Respekt behandelt und sind Gegenstaende +der Furcht; viele unter ihnen sind gerade die gelehrtesten Leute des +Landes. So war der Beichtvater Sahela Selassie's, des Koenigs von Schoa, +ein wahrer Asmodeus in seiner Erscheinung, doch dabei ein liebenswuerdiger +und ungemein weiser Mann, der sich vor seinen Landsleuten in geistiger +Beziehung bedeutend auszeichnete. Auch die Grossen des Landes waehlen sich +gern missgestaltete und zwerghafte Leute zu Sekretaeren. + +Ganz besonders mit uebernatuerlichen Kraeften ausgestattet erscheint aber der +_Grobschmied oder Budak_, da er sich nach Belieben in einen Wolf oder eine +Hyaene zu verwandeln und Menschenfleisch zu fressen vermag. Dem boesen +Blicke eines Schmiedes wird gewoehnlich Krankheit und Unglueck +zugeschrieben. Hailo, der Vater Ubie's, des frueheren Herrschers von +Tigrie, gab einst Befehl, alle Schmiede, die in seinem Reiche wohnten, +niederzumachen, um weiteres Unglueck zu verhueten. Ueberall bluteten die +unschuldigen Opfer, dem Manne aber, der dieses aberglaeubige Werk +vollbracht, jubelten dankbar die Herzen des Volkes zu, das sich von einem +Alp befreit glaubte. Nicht weniger als 1300 der nuetzlichen Eisenarbeiter +sollen damals (zu Anfang dieses Jahrhunderts) ihr Leben auf diese grausame +Art verloren haben. So berichtet wenigstens Harris, dem wir hier gefolgt +sind. Indessen genuegt die Gegenwart irgend eines christlichen Emblems oder +der Heiligen Schrift, um die ueblen Wirkungen der Schmiede zu +neutralisiren. Kein Metall kann in Gegenwart des Kreuzes geschweisst +werden. Als die britische Gesandtschaft in Schoa war, muehten sich ein paar +eingeborene Schmiede mit ihren kleinen Blasebaelgen vergeblich ab, einen +Reifen um das Rad einer Kanonenlaffete zu schmieden. Sie erklaerten nun, +dass die Gegenwart irgend eines Theils der Heiligen Schrift ihrem Geschaefte +hinderlich sei. Schnell warfen alle Anwesenden ihre Amulete weg; die +Blasebaelge arbeiteten von Neuem, aber das Metall war nicht in Fluss zu +bringen. Nun wurden englische Blasebaelge gebracht, und als die Funken vor +der Windroehre davon spruehten, war das Eisen in fuenf Minuten weissgluehend +und der Reif aufgeschweisst. Die einheimischen Magier baten aber, +dergleichen Proben in Zukunft zu unterlassen, da sonst ihr Ansehen +verloren ginge! + + [Illustration: Abessinierin, Baumwolle spinnend. Zeichnung von E. + Zander.] + +Da der Handel grossentheils in den Haenden der Muhamedaner, die +Gewerbthaetigkeit meistens bei den Juden ist, so bleiben fuer den +christlichen Abessinier das Kriegshandwerk, die Geistlichkeit, Jagd, +Ackerbau und Viehzucht als Erwerbszweige uebrig. + +In der wildreichen Kola, die mit ihren grasreichen Niederungen den +Elephanten, Bueffeln und Antilopen ein willkommener Aufenthalt ist, tritt +uns der Eingeborene oft als kuehner _Jaeger_ entgegen. In den meisten Huetten +der Kola von Eremetschoho fand Rueppell getrocknete Elephantenruessel oder +die Schweife von Bueffeln, welche als Zeichen des persoenlichen Muthes +aufbewahrt wurden. Als einzige Waffe dient den Riesen der Wildniss +gegenueber der Speer. Doch ist im Allgemeinen die Jagd nur ein +nebensaechlicher Erwerbszweig. + +Der Abessinier der Hochlande dagegen ist vorzugsweise _Ackerbauer_ und +_Viehzuechter_, und nach den Produkten dieser Thaetigkeit richtet sich auch +seine Nahrungsweise. Die Nachricht, dass die Abessinier grosse Freunde rohen +Fleisches (_Brundo_) seien, drang zuerst durch Bruce nach Europa. Man +glaubte ihm jedoch nicht, bis dann spaetere Reisende Alles bestaetigten, was +er erzaehlt hatte. Bruce berichtete, dass, wenn die Gesellschaft zum Essen +versammelt gewesen sei, man eine Kuh oder einen Ochsen vor die Huette +gefuehrt habe. Man bindet dem Thiere die Fuesse, macht unten am Halse in die +Haut einen Einschnitt bis an das Fett und laesst fuenf bis sechs Tropfen Blut +auf die Erde fallen. Dieses geschieht, um das Gesetz zu beobachten. Dann +fallen einige Leute ueber das Thier her, ziehen ihm die Haut vom Koerper bis +in die Mitte der Rippen ab und schneiden aus den Hintervierteln dicke +viereckige Stuecke Fleisch heraus. Das schreckliche Gebruell des +ungluecklichen Thieres ist ein Zeichen fuer die Gesellschaft, sich zu Tische +zu setzen. Statt der Teller legt man jedem Gaste runde Tiefkuchen vor, die +als Zuspeise und Serviette zugleich dienen. Herein treten zwei oder drei +Diener mit viereckigen Stuecken Rindfleisch, welches sie in den blossen +Haenden tragen; sie legen dasselbe auf Tiefkuchen; der Tisch ist ohne +Tafeltuch. Die Gaeste halten schon ihre Messer bereit. Jeder Mann schneidet +mit seinem krummen Saebelmesser kleine Stuecken Fleisch herunter, in welchen +man noch die Bewegung der Fasern, das Leben, wahrnimmt. In Abessinien +speist sich kein Mann selbst und ruehrt seine Kost nicht an. Die +Frauenzimmer nehmen diese Stuecken und schneiden sie erst in Streifen von +der Dicke eines kleinen Fingers und dann in Wuerfel. Diese legt man auf ein +Stueck Tiefbrot, das stark mit Pfeffer und Salz bestreut ist und wie eine +Rolle zusammengewickelt wird. Dann steckt der Mann sein Messer ein, setzt +beide Haende auf die Kniee seiner Nachbarinnen und wendet sich mit +vorgebeugtem Leibe, gesenktem Kopfe und aufgesperrtem Maule zu derjenigen +Nachbarin, welche die Rolle zuerst fertig hat. Diese stopft ihm das ganze +Stueck in den Mund, der davon so voll wird, dass der Mann in Gefahr geraeth +zu ersticken. Je vornehmer der Mann, um so groesser ist das Stueck, und es +wird fuer sehr fein gehalten, wenn er beim Essen recht stark schmatzt. + +Wie gesagt, dieses Verzehren von rohem Beefsteak erregte in England +allgemeines Aufsehen und Bruce stand als Luegner gebrandmarkt da. Hoeren wir +nun, was spaetere Reisende ueber diesen Gegenstand berichten. _Salt_, der +mehr als dreissig Jahre spaeter in Abessinien war, bezuechtigte Bruce der +Unwahrheit, indem er erzaehle, es sei _Gewohnheit_ bei den Abessiniern, +sich am Fleische noch lebender Thiere nach Art des Polyphem zu ergoetzen; +doch stellt er keineswegs in Abrede, dass rohes Fleisch, je frischer, je +lieber, ihr groesster Leckerbissen sei. Rueppell (1832) berichtet an mehr als +einer Stelle seines Reisewerkes, wie er gesehen habe, dass die Leute _noch +zuckendes_ Fleisch genossen haetten. Er sagt: "Dasjenige Fleisch, welches +noch seine natuerliche Waerme hat und bei dem die Muskelfasern noch unter +dem Messerschnitte zucken, gilt fuer einen besondern Leckerbissen. Das +Fleisch wird von den Abessiniern meistens roh verzehrt, wiewol in den von +mir bereisten Provinzen jetzt nie anders, als nachdem das geschlachtete +Thier ausgeblutet hat. Der barbarische Gebrauch, Stuecke Fleisch von einem +noch lebenden Thiere herauszuschneiden, welchen Bruce beschrieben hat, mag +zur Zeit seines Aufenthaltes in Gondar stattgefunden haben, ist aber +sicherlich dort in neuerer Zeit nicht mehr etwas Gewoehnliches. Dass +derselbe indessen in andern Gegenden Abessiniens auch jetzt noch zuweilen +vorkommt, behaupte ich trotz des Widerspruchs Salt's und der ganz +grundlosen Kritiken, welche die Franzosen Combes und Tamisier ueber Bruce +veroeffentlichten." Der Missionaer Isenberg (1843) bezweifelt dagegen wieder +die allgemeine Richtigkeit der Angabe von Bruce und stellt jene Thatsache +als Aushuelfe in Nothfaellen hin, "wo z. B. auf einem Marsche befindliche +Soldaten in gewisser Entfernung von ihrem Lagerplatz, wenn sie der Hunger +ereile, dem Vieh, welches sie vor sich hertreiben, ein Stueck Fleisch aus +dem Hinterviertel herausschneiden und verzehren, die leere Stelle mit Heu +oder anderm Material ausfuellen, die abgeloeste Haut wieder darueberziehen +und dann das Thier bis zu ihrem Lagerplatz treiben, wo seinem Leben ein +Ende gemacht werde." Entscheidend moechte jedoch Folgendes sein. + +Als der Reisende _Apel_ im Januar 1865 zu Wochni gefangen genommen und +nach Gondar geschleppt wurde, setzte man ihn auf ein Pferd, das vermittels +eines Seiles von etwa 3 Ellen Laenge an dasjenige eines ungeheuren +Abessiniers befestigt war. "Auf diesem Ritt von Wochni nach Gondar habe +ich mit eigenen Augen das gesehen, was von Bruce so standhaft behauptet +und von der unglaeubigen Civilisation bestritten wurde, - naemlich das +_Herausschneiden des Fleisches von noch lebenden Thieren_ und das Geniessen +desselben, waehrend das Thier noch im Todeskampfe liegt. Es wurden ihm von +den Christen die Fuesse gebunden, es fiel auf die Seite, und alsbald schnitt +man ihm Stuecke Fleisches aus dem Rumpfe, welche, noch zuckend von der +Muskelbewegung, gierig von den Christen verschlungen wurden. Das Thier +verblutete und blieb dann eine Beute der Schakale. Mir wurde ein blutiges +zuckendes Stueck Fleisch zugeworfen und ich habe, so widerwaertig mir das +Ganze auch war, doch den groessten Theil desselben verzehrt, so arg hatte +mich der Hunger mitgenommen, denn seit zwei Tagen hatte ich nichts +genossen. Dieselbe Kost wurde mir waehrend der ganzen Reise angeboten." +Krapf endlich sah in Schoa, wie Soldaten einem lebendigen Schafe ein Bein +abschnitten, das Thier nicht toedteten und das rohe Fleisch vom Knochen +sogleich abnagten! + +Nicht viel weniger widerwaertig ist die Art und Weise, wie die Abessinier +ihr uebriges Fleisch zubereiten und ueberhaupt ihre Nahrung zu sich nehmen, +sodass man bei ihnen wol vom "Fressen" sprechen kann. + +Schafe und Ziegen werden in Gegenwart der Gaeste geschlachtet und +abgehaeutet, dann die noch zuckenden Glieder etwa fuenf Minuten ueber ein +Flammenfeuer gehalten und die aeusserste Lage Fleisch, die kaum durchroestet +ist, mit Brotkuchen und reichlicher Pfeffersauce genossen. Salz wird in +langen, gewundenen Antilopenhoernern umhergereicht. Waehrend des Essens +selbst wird nicht getrunken, unmittelbar nach demselben gehen jedoch +Glasflaschen, sogenannte Berille, mit gegohrenem Honigwasser herum. Der +Ueberbringer desselben giesst dabei, indem er eine Flasche darreicht, eine +Kleinigkeit davon in die hohle Hand und trinkt sie vor dem Gaste aus, um +demselben damit zu zeigen, dass der Trank nicht vergiftet sei. Auch die +zubereiteten Speisen erscheinen fuer einen Europaeer sehr widerlich, denn +bei vielen wird ein Oel aus den Samenkoernern der Nukpflanze von sehr +unangenehmem Geschmack zugesetzt. + +Die Abessinier koennen ganz unglaubliche Portionen verschlingen und die +Gefahr, dabei zu ersticken, welche Bruce scheinbar uebertreibend anfuehrt, +wird auch von Rueppell hervorgehoben. Eine Hauptsache beim Essen ist +jedoch, dass sie die Kauwerkzeuge unter lautem Geschmatze und Geschnalze +bewegen muessen. Laendlich, sittlich! und diese "Sitte" gilt nicht nur in +den niederen Klassen, sondern auch bei Hofe, selbst in unsern Tagen bei +Theodoros II. Dieser hatte den Missionaer Stern zur Tafel geladen; die +Mahlzeit bestand, da gerade Fasttag war, einfach aus Tiefkuchen und +Honigwasser. "Da machte ich", erzaehlt Stern, "einen Verstoss gegen die +Sitten des vornehmen Lebens. Nach abessinischen Begriffen muss jeder Mann +aus der Aristokratie beim Essen schmatzen wie ein Schwein. Davon wusste ich +leider nichts; ich ass so, wie wir in Europa es fuer schicklich halten, aber +das trug mir den Tadel der Gesellschaft ein; die Leute raunten sich +allerlei ins Ohr. Endlich fiel mir die Sache auf, und ich fragte den +Englaender Bell, ob ich etwas Unangemessenes gethan habe. Bell entgegnete: +Gewiss haben Sie das. Ihr Betragen ist so _ungentlemanly_, dass alle Gaeste +glauben muessen, Sie seien ein Mensch ohne alle Erziehung und Bildung und +gar nicht gewohnt, sich in anstaendiger Gesellschaft zu bewegen. - Nun, +wodurch habe ich denn eine so schmeichelhafte Meinung verdient? - Einfach +durch die Art und Weise wie Sie essen. Wenn Sie ein Gentleman waeren, so +wuerden Sie das bei Tafel beweisen; Sie muessen recht laut und derb +schmatzen und Keiner wird bezweifeln, dass Sie ein Mann von Stande seien. +Da Sie aber nicht schmatzen und die Speisen lautlos kauen, so glaubt hier +Jeder, dass Sie ein armer Tropf sind. - Ich erklaerte dann den abessinischen +Aristokraten, dass bei mir zu Lande, in Europa, eine andere Sitte herrsche, +und damit brachte ich die Dinge wieder in richtigen Zug." - + + -------------- + + [Illustration: Ein schneidernder Abessinier in Gondar. Nach Lejean.] + +In der _Kleidung_ der Abessinier walten selbstgesponnene und gewebte +Baumwollenstoffe vor. Wie im Orient noch immer, so spinnen auch die Frauen +die gereinigte Baumwolle mit der Spindel aus freier Hand; mit dem Weben +beschaeftigen sich jedoch vorzugsweise die Muhamedaner. Die Kleidung der +_Maenner_ besteht aus weiten Unterhosen, einem langen, um die Brust und den +Leib geschlungenen Guertel, der eine Ausdehnung von zuweilen 100 Ellen hat, +und einem weiten faltigen Mantelueberwurf, welcher aus einem grossen Stuecke +Zeug besteht, das bei Vornehmen mit einem faltigen Rande versehen ist. +Mehr ist von der _weiblichen Kleidung_ zu berichten. Sie besteht aus einem +grossen Hemde mit weiten, jedoch an der Handwurzel eng zulaufenden Aermeln. +Darueber tragen sie den Umschlagmantel gleich den Maennern. Ausser einigen +Seidenstickereien am Hemde zeichnet noch der Putz die abessinischen +Schoenen aus. Ohrringe oder Rosetten, welche eine Goldblume vorstellen, +sind ein sehr beliebtes Schmuckmittel, desgleichen silberne Halsketten und +dicke Ringe an den Fussknoecheln, beide oefter mit kleinen Silbergloeckchen +behaengt. Das Haupthaar der Frauen ist gewoehnlich kurz abgeschnitten oder +es wird, wenn es in seinem natuerlichen Zustande bleibt, mit Anwendung von +vieler Butter in duenne anliegende Zoepfchen geflochten. Auch hier ruft, wie +bei unseren Damen, die Mode sehr haeufig Aenderungen der Haartracht hervor, +die genau befolgt werden. Stirnbaender oder Schuhe von rothem Leder kommen +nur ausnahmsweise vor. Luxusartikel der maennlichen Kleidung sind Arm- und +Stirnbaender als Ehrendekorationen. Die blaue Schnur von Seide oder +Baumwolle, welche als Zeichen des Christenthums gilt, wird allgemein +getragen. + +Diese allgemeine Tracht erleidet natuerlich vielerlei Ausnahmen. In den +Grenzlaendern findet man fast ganz nackte Leute, die nur den Leibschurz +tragen; in Schoa hatte allein der Koenig das Recht, sich mit goldenen +Dingen zu schmuecken. In Foggera, oestlich vom Tanasee, tragen Frauen und +Maedchen grosse gegerbte Lederhaeute, welche zugleich Nachts als +Schlafmatratze dienen. Beim Gehen verursacht dieser lederne Leibrock ein +sonderbares Geraeusch. In den hohen Alpengegenden der Provinz Semien +schuetzen sich die Bewohner gegen das harte Klima durch eine Art von +ambulantem, aus Rohrdecken zusammengeflochtenem Schutzdache (Gassa), +welches sie bestaendig mit sich herumtragen, um ihre durch duerftige Lumpen +nur zum Theil bedeckten Koerper gegen ploetzliche Regenguesse und +Schneegestoeber zu verwahren; ein anderes Schutzmittel gegen die +schneidende Luft in den Hochlanden sind Kappen von Ziegenhaar, die bis +ueber die Ohren gehen. Als Zeichen der Ehrerbietung zieht der Abessinier +bei Begegnungen den die Schultern bedeckenden Theil seines Kleides +(Schama) herab und vor dem Landesherrn erscheint er nur geguertet, d. h. er +schlaegt die den Oberkoerper bedeckenden Theile des Kleides ueber dem Guertel +um den Leib, waehrend ein Hochgestellter in Gegenwart untergeordneter +Personen sich das Gesicht vom Kinn bis ueber den Mund verhuellt. + +_Sauberkeit_ ist keine Tugend der Abessinier, und ihre Wohnungen wie ihre +Koerper zeigen oft den hoechsten Grad von Schmuz. Merkwuerdig ist, dass in +ganz Abessinien das Waschen der Kleidungsstuecke Sache der Maenner und nicht +der Frauen ist. Statt der Seife bedienen sie sich der getrockneten +Samenkapseln des Septestrauches (_Phytolacca abessinica_), welche zwischen +Steinen zu Mehl gerieben und dann auf einem Leder mit Wasser gemischt +werden; das zu waschende Tuch wird hierauf in dieser Mischung mit den +Fuessen gestampft, worauf es, nachdem die Operation einige Male wiederholt +wurde, von jedem Schmuze befreit ist. Die Bewohner der Kuestengegend bei +Massaua, wo es keine Septe giebt, bedienen sich statt der Seife beim +Waschen getrockneten Kameelmistes. + + -------------- + +Das sehr ungeregelte Leben der Abessinier ist auch die Ursache vieler +_Krankheiten_, die grosse Verheerungen unter ihnen anrichten. +Geschlechtliche Vergehen und Krankheiten sind allgemein verbreitet, ebenso +Kraetze und die arabische Gliederkrankheit; bei letzterer schnurrt die Haut +an den Finger- oder Zehengelenken zusammen, das Glied stirbt nach und nach +ab und loest sich endlich ganz vom Koerper. So verliert der Kranke ein Glied +der Finger und der Zehen nach dem andern, bis der nackte Stumpf der vier +Gliedmassen allein uebrig geblieben ist und der sonst scheinbar gesunde +Mensch zum huelflosen Geschoepf wird. Der Verlauf und die Unheilbarkeit +dieser erblichen Krankheit ist in Abessinien sehr wohl bekannt, und den +Kranken ueberfaellt, wenn er die ersten Anzeichen spuert, natuerlicherweise +Schwermuth. Die _Filaria_ oder der Medinawurm kommt ziemlich haeufig vor, +ist aber meistens nur eingeschleppt. Der Keim dieses Schmarotzers dringt +in das Wadenfleisch der Menschen ein, bildet sich dort aus und verursacht +die groessten Schmerzen, gegen welche man mit Glueck Zibethmoschus anwendet; +Kroepfe und Kretinismus finden sich in einigen Gegenden; die Blattern +richten periodisch grosse Verwuestungen an; Schwindsucht und +Augenentzuendungen sind haeufig. Die einheimischen _Aerzte_ (Tabib) koennen +nur als Charlatans angesehen werden. Es existiren auch medizinische Werke, +darunter eins mit dem Titel "El Falasfa", dessen mitunter hoechst +laecherliche Vorschriften sympathetischer und mystischer Art sind. Auch die +Geistlichkeit verlegt sich auf das Kuriren, und Rueppell sah, wie ein +Knabe, der ueber und ueber mit Brandwunden bedeckt war, mit Honig und dem +Blute eines schwarzen Huhns von einem Priester bestrichen wurde. Nach vier +Stunden gab derselbe seinen Geist auf. Die "boesen Geister" werden von den +Priestern gleichfalls vertrieben, wie Isenberg selbst zu beobachten +Gelegenheit hatte. Der Geistliche liess sich einen Topf mit Wasser geben, +las darauf schnell einige Gebete aus dem Buche Haimanot (Glaube) und +spuckte dann mehrere Male in das Wasser. Isenberg machte ihm Vorwuerfe +hierueber, allein der Priester liess sich nicht aus der Fassung bringen und +besprengte mit der Fluessigkeit das Haus, welches solchergestalt von allen +Unholden befreit wurde. Freilich ist dieses Verfahren von dem bei uns +immer noch geuebten Exorzismus nicht weit entfernt, und es steht uns daher +wenig an, darueber viele Worte zu verlieren, so lange wir selbst nicht frei +von aehnlichen Thorheiten sind. + +Auch das Heilverfahren der abessinischen Wundaerzte erinnert an die "gute +alte Zeit". Ein Zahn wird mittels Zange und Hammer von einem Schmiede +ausgezogen, d. h. mit denselben Instrumenten, mit denen er sein Metall zu +bearbeiten pflegt. Aderlass wird mit einem Rasirmesser, Schroepfen mit einem +Ziegenhorn vollzogen, dessen Luftinhalt durch Erhitzen verduennt wurde. +Schlecht geheilte Knochenbrueche, die verkuerzte Glieder hinterliessen, +werden einfach nochmals gebrochen und so zu kuriren versucht. Indessen +Amulete stehen in weit hoeherem Ansehen, als der _Bala medanit_ oder +Meister der Arzneien. Wahnsinn, Epilepsie, Delirium, Veitstanz und +aehnliche oft unheilbare Uebel, fuer welche man keine Heilmittel kennt, +werden einfach dem Einflusse von Daemonen zugeschrieben und der Patient +hiernach behandelt. Blaue Papierstreifen sollen gegen Kopfweh helfen; +gewisse Pflanzensamen, in Saeckchen bei sich getragen, schuetzen gegen den +Biss toller Hunde und gegen Unglueck auf Reisen. Doch muessen diese Saemereien +mit der linken Hand gepflueckt werden zu einer guenstigen Zeit, wenn die +Sterne dem Pflueckenden hold sind - sonst hilft das Mittel zu nichts. Wie +wir schon aus Bruce wissen, verwuesten die Pocken oft das Land und fordern +ihre Opfer. Eine Art Impfung, wobei die Lymphe mit Honig vermischt wird, +findet dann von den _menschlichen_ Pusteln statt, in deren Folge oft viele +Leute sterben. In allen Faellen wendet man sich indessen, dem Aberglauben +huldigend, lieber an den Priester als an den Quacksalber, was im Grunde +genommen einerlei ist, da beide von der Medizin nach unsern Begriffen +nichts verstehen. + + -------------- + +Wenngleich es den Abessiniern nicht an der noethigen Faehigkeit und +Geschicklichkeit fehlt, so ist doch bei der allgemein herrschenden +Indolenz die _Industrie_ und Gewerbthaetigkeit sehr gering entwickelt, ja, +sie erhebt sich kaum ueber den allgemein afrikanischen Standpunkt, und +manche Gewerbzweige werden in derselben primitiven Weise wie bei den +benachbarten Negervoelkern betrieben. Ein grosser Theil der industriellen +Thaetigkeit liegt in den Haenden der fleissigeren Juden und Muhamedaner. + +Von den Schmieden war schon die Rede; das Verfahren, wie das Metall aus +dem rothen Eisenthon in Tigrie bereitet wird, ist genau dasselbe wie es in +Madagascar, am Zambesi oder in Westafrika stattfindet. Feinere +Metallarbeiten liefern eingewanderte Armenier und Indier. Die +Holzschnitzereien sind zum Theil prachtvoller Art. In der Kirche Lalibela +in Gondar z. B. sind Flachreliefs an Thueren und Fenstern angebracht und +theilweise bemalt. Ausser den Arabesken, deren freie Erfindung und schoene +Harmonie einen vorzueglichen Eindruck hervorbringt, sieht man Darstellungen +aus dem Leben der Heiligen oder fabelhafte Ungeheuer, wie den _Sebetat_, +der halb Mensch, halb Loewe ist. Sein Schwanz bestand aus zwei Schlangen; +seine Waffen waren Pfeil und Bogen. Doch diese schuetzten ihn nicht gegen +den Stier Meskitt, welcher ein silbernes und ein goldenes Horn trug und +den Sebetat toedtete. Eine andere Holzschnitzerei zeigt uns den Kaiser +Konstantin; dann - figuerlich ausgedrueckt - dessen Gewalt und schliesslich +die Fuerstin Menene, die Mutter des Ras Ali und Erbauerin der Kirche. + +Bei der oft herrschenden grossen Kaelte werden die sonst wenig industrioesen +Abessinier wenigstens mit Gewalt zur Weberei gezwungen. Die rohe +Baumwolle, welche ungemein billig und ausgezeichnet im Lande ist, wird +gegen einige Salzstuecke eingehandelt und auf der einfachen, urthuemlichen +Spindel gesponnen. Zeit ist in Abessinien kein Geld, und so kommt es denn +gar nicht darauf an, dass die Frauen recht lange mit dem Spinnen einer +kleinen Partie Baumwolle zubringen. Das Garn kommt dann auf einen ganz +gewoehnlichen, einfachen Webstuhl und wird mit Huelfe des Schiffchens in +einen warmen, dauerhaften Mantel (Schama) umgewandelt. (Siehe die +Abbildungen S. 98 und 99.) + +Auch Schaf- und Ziegenwolle wird verwebt. Lederfabrikation zu Sattelzeug, +Schilden, Riemen, Schuhen fuer die Priester ist ein weitverbreitetes +Gewerbe. Toepferei und Pfeifenfabrikation treiben die Falaschas. Drechsler +liefern aus den Hoernern des Sanga-Ochsen oder des Rhinozeros geschnitzte +Becher (Wantscha). Zierliche Koerbchen und Sonnenschirme aus Rohr, Binsen +oder Stroh flechten die Frauen; Schneider giebt es dagegen nicht, da jeder +Abessinier selbst fuer seinen Kleiderbedarf sorgt; ebenso mangeln Baecker +und Mueller, und von groesseren Industriezweigen, die an einem Export ihrer +Erzeugnisse arbeiteten, ist gar nicht die Rede, da nur Rohprodukte zur +Ausfuhr gelangen. + +Der _Handel_ Abessiniens kann nach keiner Richtung hin ein bedeutender +genannt werden, wenn er auch durch Massaua mit dem Rothen Meere in +Verbindung steht. Die hohen, steil abfallenden Gebirgsketten mit den +schwer zugaengigen Paessen erschweren die Kommunikation ganz bedeutend, und +die saemmtlichen Fluesse des Landes sind fuer die Schiffahrt nicht im +geringsten geeignet. Dazu kommt vor Allem die geringe eigene Produktion +von Handelswaaren, sodass schliesslich fuer den abessinischen Handel - von +den Sklaven abgesehen - nur die aus den suedwestlichen Laendern kommenden +Erzeugnisse, wie Gold, Elfenbein u. s. w. als Durchgangswaaren in Betracht +kommen. Hierdurch erklaert sich auch das geringe Interesse, welches man - +Missionsfragen ausgenommen - in Europa an Abessinien vom praktischen +Gesichtspunkte hatte und das erst durch Koenig Theodoros und die +Gefangenhaltung der Englaender wieder aufgefrischt wurde. + + [Illustration: Sebetat, ein fabelhaftes Ungeheuer. Holzschnitzerei in + der Kirche Lalibela. Originalzeichnung von E. Zander.] + +Fuer den Grosshandel haben die Abessinier wenig Sinn, dem kleinen Schacher +ist aber jeder zugethan und sucht auf alle moegliche Weise sein +Geschaeftchen zu machen. Auf den Messen und Maerkten, die sich meist an die +Kirchen knuepfen, geht es lebhaft zu, und grosse Menschenmengen sind dann +versammelt. So traf Rueppell zu Ende Februar 1832 bei der Kirche von Bada, +oestlich vom Tanasee, gegen 10,000 Marktbesucher beisammen, von denen +allerdings viele nur des Zuschauens wegen gekommen waren. + +Der europaeische Handel hat sich in Abessinien noch verhaeltnissmaessig wenig +Einfluss verschaffen koennen. Die bestaendigen Kriege, die schlechten +Kommunikationsmittel und Wege, endlich die Zollplackereien lassen ihn +nicht recht aufkommen. Die Produktion des Landes selbst, Getreide, +Huelsenfruechte, Tabak, Kaffee, ist verhaeltnissmaessig viel zu gering, waehrend +doch alle Nutzpflanzen der Tropen und der gemaessigten Zone praechtig +gedeihen wuerden. Dagegen werden Haeute, Maulthiere und gute Gebirgspferde +in grosser Menge exportirt. + +_Honig_ und Wachs werden in sehr grosser Menge ausgefuehrt. Der erstere, Mar +genannt, wird in Toepfen zugleich mit dem Wachs feilgeboten, weil er nur so +zur Bereitung des Honigwassers dienlich ist, wozu er beinahe +ausschliesslich verbraucht wird. Die betruegerischen Abessinier wenden ihre +ganze Verschlagenheit beim Verkauf des Honigs an, indem sie die untern +Schichten der Toepfe mit Mehl, Wachs oder andern Stoffen ausfuellen. Neben +dem Honig kommt auch Butter (Tesmi) in pfundschweren Kugeln auf den Markt. +Unter den _Manufakturen_ spielen die Baumwollenwaaren (Schama) eine grosse +Rolle; sie werden zu Leibbinden, Umschlagtuechern, Beinkleidern u. s. w. +verarbeitet und sind entweder rein weiss oder mit blauen und rothen +Seitenstreifen versehen; ganz blaue und ganz rothe Kattune kommen aus +Indien ueber Massaua; die blaue Farbe hat in den meisten Faellen den Vorzug, +und namentlich sind es blaue Seidenschnuere (Mareb), die sich stets eines +grossen Absatzes erfreuen. Jede Schnur muss ziemlich dick und fuenf Fuss lang +sein, sodass sie bequem um den Hals getragen werden kann. Da kein +abessinischer Christ ohne eine solche geht, so sind sie eine stets +begehrte Handelswaare, die auch immer hoch im Preise steht. Andere +gangbare, meist eingefuehrte Handelsartikel sind: Spiessglanz, zum Faerben +der Augenlider, Weihrauch, zum Raeuchern beim Gottesdienst, Zibethmoschus, +um die als Pomade benutzte Butter damit zu parfumiren, "Tombak" (indischer +Tabak), entweder um Schnupftabak daraus zu machen, oder um ihn in +Wasserpfeifen zu rauchen, schwarzer Pfeffer (Berberi), der auch zu +Zollzahlungen dient; Naehnadeln mit grossem Oehr; Glasperlen, Kaurimuscheln, +Sandelholz zum Raeuchern. Ein Handelsartikel, nach dem namentlich die +abessinischen Frauen greifen, sind duenne silberne Ringe, die am kleinen, +und Hornringe, die am Mittelfinger getragen werden. _Gummi_, das in grosser +Menge gewonnen werden koennte, kommt nicht auf die abessinischen Maerkte, +obwol es in Massaua gut bezahlt werden wuerde. + +Bei der Schilderung des genannten Hafenortes werden wir sehen, wie +bedeutend selbst heute noch dort die Ausfuhr von abessinischen _Sklaven_ +ist, die in der That noch immer, trotz aller zeitweiligen Verbote gegen +den Sklavenhandel, einen wichtigen Artikel ausmachen. Adoa, Gondar und +Massaua sind die grossen abessinischen Sklavenmaerkte, zu denen die lebende +Waare von den verschiedensten Gegenden hergeschleppt wird. Die +eingeborenen freien Abessinier koennen nur durch Kriegsgefangenschaft oder +Raub in die Sklaverei gerathen; diese bilden den kleineren Theil, die +meisten Sklaven stammen aus den Grenzlanden, sowol im Norden als im Sueden; +entweder sind es Schangalla vom Setit, Galla aus den Laendern suedlich vom +Blauen Nil, oder eigentliche Neger, die von den Aegyptern aus Fazogl oder +Sennaar eingefuehrt werden. Da die _Christen_ sich eigentlich mit dem +Sklavenhandel nicht befassen sollen, so umgehen sie dieses dadurch, dass +sie den Kauf oder Verkauf scheinbar durch Muhamedaner abschliessen lassen. +Die Behandlung der Sklaven ist in der Regel eine milde und ihr Verhaeltniss +zu dem Herrn dem des freigeborenen Dieners gleich; die Zuechtigungen sind +selten hart und bestehen nur in voruebergehender Fesselung. "Wenn sich +Voelker auch bekaempfen", schreibt Munzinger, "so sind die Opfer doch nur +die Soldaten und die Gueter; Weib und Kind sind respektirt. Kein freier +Abessinier wird von seinem Mitbuerger in die Sklaverei verkauft. Die +Leibeigenschaft erstreckt sich nur auf die von aussen eingefuehrten +Schwarzen, die nur den kleinsten Theil der Bevoelkerung ausmachen. Der +Sklavenhandel ist den Christen (durch Theodor) bei Todesstrafe verboten. +Die Frau ist unverletzlich und hat ihre bestimmten grossen Rechte." + +_Werthmesser_ in Abessinien sind das Salz und der oesterreichische +Maria-Theresia-Thaler. Das _Salz_ kommt aus den am Meeresufer liegenden +natuerlichen Seewasserlagunen und wird durch Austrocknung durch die +Sonnenhitze gewonnen; man bringt es dann ins Gebirge, um es dort an +bestimmten Plaetzen gegen Getreide umzutauschen. Alles Salz, welches im +nordoestlichen Abessinien verbraucht wird, ist solches Seesalz, waehrend in +den uebrigen Theilen des Landes eine Art Steinsalz aus der oestlich von der +Provinz Agamie gelegenen Ebene Taltal benutzt wird. Viele Gesellschaften +aermerer Leute, von denen jeder nur ueber ein Kapital von einigen Thalern zu +verfuegen hat, ziehen regelmaessig mit ein paar Eseln aus dem Innern nach den +oestlichen Provinzen, um dort Salz einzukaufen, und machen dabei einen +Gewinn, der zu ihrer und ihrer Familie Unterhaltung ausreicht. Verliert +ein solcher Haendler sein Kapital durch Pluenderung, so muss er fuer +wohlhabendere Leute die Reise machen und sich mit geringerem Gewinn +begnuegen. Das Salz wird in Taltal in regelmaessige Stuecken von der Gestalt +eines Wetzsteins ausgehauen, die dann als _Scheidemuenze_ in ganz +Abessinien cirkuliren. Sie sind etwa 8-1/8 Zoll lang, 11/2 Zoll dick, an +beiden Enden abgestutzt und wiegen durchschnittlich vierzig Loth. Ihr +Verhaeltniss zu den Speziesthalern ist sehr verschieden und haengt theils von +der Entfernung eines Ortes von der Salzebene, theils von den ruhigen oder +unruhigen Zustaenden der Gegenden ab, durch welche diese Stuecken +transportirt werden muessen. Sie schwanken also genau so wie unsere +europaeischen Werthpapiere je nach den politischen Verhaeltnissen, haben +jedoch vor diesen den Vorzug, stets einen reellen Werth zu repraesentiren. +In der Amharasprache heisst das Salz ueberhaupt Schau; als Scheidemuenze in +der beschriebenen Form benennt man es jedoch Amole oder Galep. Rueppell +fand den Werth eines _Maria-Theresia-Thalers_ in Gondar je nach den +politischen Zustaenden zwischen 20 und 32 Salzstuecken schwankend, oder, dem +Gewichte nach ausgedrueckt, man erhielt etwa 27 bis 41 Pfund Salz fuer den +Thaler. Dieser letztere selbst schwankt nicht etwa nach dem Silbergehalt, +sondern nach dem Gepraege bedeutend im Werthe und ist der Agiotage +unterworfen. Nach dem in ganz Ostsudan und Abessinien herrschenden +Vorurtheile sind die mit dem Bilde der Kaiserin Maria Theresia versehenen +Thaler die besten und allen uebrigen Muenzen vorzuziehen, und zwar muss bei +ihnen das Diadem im Haare sieben wohlausgedrueckte Perlen zeigen, der +Schleier am Haupte sich deutlich abheben, der Stern auf der Schulter gross +und der Avers mit den Muenzbuchstaben _S. F._ deutlich versehen sein. Ohne +diese Zeichen und die Jahreszahl 1780 sinkt der Thaler gleich bedeutend im +Werthe, und selbst wenn der Kopf der Kaiserin ungluecklicherweise Locken +statt des Schleiers zeigt, ist es schwer, ein solches Muenzstueck +anzubringen. Dieselben Vorurtheile herrschen in ganz Nordostafrika, wo ein +der obigen Muenzpraegung entsprechender Maria-Theresia-Thaler dafuer jedoch +zum "Abu gnuchte", zum "Vater der Zufriedenheit" wird. Durchloecherte +Thaler oder solche, die mit dem Bilde des Kaisers Franz versehen sind, +haben geringeren Werth und sind nur mit Verlust anzubringen; desgleichen +spanische Saeulenpiaster (Colonnaten) oder andere harte Silbermuenzen. Noch +fuer lange Zeit hinaus wird der Maria-Theresia-Thaler Werthmesser in +Nordostafrika bleiben und das sonst an Silbergeld arme Oesterreich praegt +fuer diesen afrikanischen Handel noch Jahr aus Jahr ein Thaler mit dem +alten Stempel, ja es hat sich sogar in der Muenzuebereinkunft mit Frankreich +(1867) vorbehalten, fortwaehrend Maria-Theresia-Thaler praegen zu duerfen. + +Noch ist zu erwaehnen, dass in der Umgebung von Adoa das dort gefertigte +Baumwollenzeug an Zahlungsstatt gegeben wird. Es besteht aus Grans oder +Stuecken von 8 Ellen Laenge und 1 Elle Breite, deren Werth sehr schwankend +ist. Dieser Stoff dient blos zur Verfertigung von Beinkleidern, welche in +Tigrie von Jedermann getragen werden. Einkaeufe von geringem Betrag +berichtigt man mit Getreide. + + [Illustration: Maria-Theresia-Thaler.] + + + + + + [Illustration: Die Kirche zu Axum in Tigrie. Nach H. Salt.] + + + + + + RELIGION, KIRCHE UND GEISTLICHKEIT ABESSINIENS. DAS MISSIONSWESEN. + + + Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und Verwahrlosung. - + Der Abuna. - Art des Gottesdienstes. - Die lasterhafte + Geistlichkeit. - Moenche und Kloester. - Politische Asyle. - + Zeitrechnung. - Feste. - Taufe, Ehe, Begraebniss. - Die Kirchen, + ihre Einrichtung und Ausschmueckung. - Die verschiedenen + Missionsversuche in Abessinien, deren Misslingen und Urtheile + darueber. + + +Unter den Sonderkirchen des Morgenlandes, die durch das Dogma der +Dreieinigkeit mit der allgemein christlichen zusammenhaengen, aber nach +zwei verschiedenen Richtungen hin von ihr infolge der Bestimmungen sich +loesten, denen im fuenften Jahrhundert die Vorstellung von der Gottheit und +Menschheit Christi unterworfen wurde, giebt es zwei Volkskirchen, die +beide fast monophysitisch sind, beide von selbstaendigen Sprachen, +Stiftungen und Ueberlieferungen getragen werden, die beide tief verfallen +und entartet sind: die armenische und abessinische Kirche. Die letztere, +die entlegenste, abgesperrteste, ist auch die entartetste, die am meisten +von Heidenthum, Judenthum und Muhamedanismus durchsetzte und ueberhaupt dem +Christenthum am fernsten stehende. Byzantinische Scheinrechtglaeubigkeit +hat diese Kirche in den Fanatismus der Formel versetzt, und die Waffen des +Geistes werden vor dem priesterlichen Bann gestreckt; das Leben dieser +Kirche basirt auf dem Anblasen und Handauflegen des Abuna, des obersten +Bischofs, und leere Ceremonien gelten fuer Gottesverehrung. Dazu gesellt +sich, dass die Traeger dieser Kirche, vom hoechsten Kirchenfuersten an bis zum +niedrigsten Moenche herab, durch eine grenzenlose Sittenlosigkeit dem +ganzen Volke mit ueblem Beispiel vorangehen und dass sie die bedeutende +Macht, welche sie ausueben, meistentheils zum eigenen Nutzen verwenden. +Selbst die grosse Versunkenheit, in welche die europaeische Geistlichkeit im +Mittelalter zum Theil verfallen war, reicht noch lange nicht an jene der +abessinischen Priester heran. + +Von der Einfuehrung des Christenthums war bereits die Rede, sehen wir nun, +wie dasselbe heute beschaffen ist. Die Abessinier sind koptische Christen. +Sie glauben an eine goettliche Offenbarung in der Heiligen Schrift, doch +hat die kirchliche Tradition genau dieselbe Geltung wie die Bibel. Nach +dem Missionaer Isenberg haben sich bei ihnen die Hauptlehren des +Christenthums von dem Dreieinigen Gott, dessen Wesen, Eigenschaften und +Werken, von der Schoepfung der Welt, von den Engeln, von der Schoepfung, dem +Fall, der Erloesungsbeduerftigkeit des Menschen, von der Erloesung durch +Christum, von dem Heiligen Geiste, der christlichen Kirche, den +Sakramenten, von der Auferstehung und dem letzten Gericht erhalten; aber +zum Theil durch allerlei Zuthaten so veraendert, dass nur noch mit Muehe ein +biblisches Moment darin zu erkennen ist. Den Heiligen Geist lassen sie nur +vom Vater ausgehen, leugnen jedoch nicht, dass er nur durch Christus +vermittelt ist. In Christus nehmen sie mit den uebrigen _Monophysiten_ nur +eine Natur an, sind jedoch ueber die Art der Vereinigung des Goettlichen und +Menschlichen in ihm verschiedener Meinung. Ihre Lehre von der Schoepfung +und Regierung der Welt, sowie ihre Engellehre ist voll von heidnischen, +juedischen und muhamedanischen Vorstellungen. Sie glauben an das durch +Christus vollbrachte Heilswerk, beschraenken dasselbe jedoch durch +Pelagianismus, d. h. sie leugnen die Verderbniss der menschlichen Natur +durch die Folgen der Suende Adam's und erklaeren die natuerlichen Anlagen und +Kraefte des Menschen fuer hinreichend zur Erlangung der Seligkeit. Die +Jungfrau Maria geniesst unter den Abessiniern eine ganz besondere +Verehrung; allgemein ist der Glaube unter ihnen verbreitet, dass sie fuer +die Suenden der Welt starb und 144,000 Seelen dadurch errettete. Aus diesem +Grunde sagte dem Volke auch die Lehre der katholischen Missionaere weit +mehr zu als diejenige der Protestanten. + +Viel zu schaffen machte den Abessiniern vor etwa 70 Jahren die Lehre von +den _drei Geburten Christi_, ein Dogma, das von einem Moenche in Gondar +aufgebracht wurde. Hiernach war Christus vor allem Weltanfang schon aus +dem Vater hervorgegangen (erste Geburt), dann Mensch aus der Jungfrau +Maria geworden (zweite Geburt) und durch die Taufe im Jordan durch den +Heiligen Geist zum dritten Male geboren. Nach einem langen Kampfe mit der +Gegenpartei, die nur zwei Geburten annahm, wurde 1840 durch Befehl Sahela +Selassie's, des Koenigs von Schoa, der Glaube an die drei Geburten als +allein rechtglaeubig durchgesetzt und die Anhaenger der zwei Geburten mussten +das Feld raeumen. Sie flohen zum Abuna in Gondar, der sie in seinen Schutz +nahm und vom Koenige verlangte, dass er die Vertriebenen wieder aufnehme, da +ihr Glaube, als mit demjenigen des heiligen Markus uebereinstimmend, der +einzig rechte sei. Als Sahela Selassie sich nicht fuegen wollte, bedrohte +ihn der Abuna mit Krieg, der jedoch erst 1856 unter Koenig Theodoros gegen +Sahela's Sohn zur Ausfuehrung kam. Dieser unterwarf Schoa und fuehrte die +Lehre von den zwei Geburten wieder ein, die nun allein herrschend ist, +nichtsdestoweniger aber als "Karra-Haimanot", d. h. Messer-Glauben +bezeichnet wird, da sie die dritte Geburt Christi gleichsam "abschnitt". + +Suendentilgungsmittel der Abessinier sind strenge Fasten, Almosengeben, +Kasteiungen, Moenchthum und Einsiedlerleben, nebst Lesen und Abbeten +groesserer oder kleinerer Abschnitte aus der Heiligen Schrift und andern +Buechern. Der Priesterstand uebernimmt fuer Geld ebenso wie in der +katholischen Kirche diese Verrichtungen, daher _Ablass_ und eine Art von +Seelenmessen auch hier stattfinden. Die Abessinier fasten in jeder Woche +des Jahres, mit Ausnahme der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, zwei +Tage, und zwar, gleichwie es in alten Zeiten bei den Juden Gebrauch war, +am Mittwoch und Freitag. Ausserdem enthalten sie sich noch an folgenden +Tagen des Essens: an den drei letzten Tagen des Monats Ter, zum Andenken +der Busse von Ninive's Bewohnern; waehrend der 55 Tage, die unmittelbar dem +Osterfeste vorangehen, wovon 41 Tage dem Andenken an die Fasten Christi in +der Wueste, 7 der Passionswoche und 7 andern Erinnerungen geweiht sind; die +Fasten der Apostel sind von verschiedener Laenge, je nachdem Pfingsten +frueher oder spaeter faellt; die Fasten zu Ehren der Jungfrau Maria, wozu 15 +Tage des August bestimmt sind, von ihrem Sterbetage bis zu ihrer +Himmelfahrt; vierzigtaegiges Fasten zur Vorbereitung auf das Fest der +Geburt Christi vor Weihnachten. Man sieht aus diesem Verzeichniss der +Fastenzeiten, von welchen die letzten beiden nicht von allen christlichen +Abessiniern gehalten werden, dass ein diesen Enthaltungsvorschriften +nachlebender Christ im Laufe des Jahres beilaeufig 192 Tage, d. h. weit +ueber die Haelfte des Jahres zu fasten hat. Rechnet man hierzu noch einzelne +Straffasten, so kommt _dreivierteljaehriges Fasten_ heraus! Dass dieses +nicht streng gehalten werden kann, liegt auf der Hand, aber vor Ostern, +sowie den Mittwoch und Freitag, beobachtet man die Regeln unweigerlich. +Aehnlich wie die Juden verachten die Abessinier das Nilpferd, den Hasen, +die Gaense und Enten und meistens auch das Schwein als unreine Thiere. + +Was den Heiligen Geist angeht, so kennt der Abessinier nur die +Wunderkraefte, mit denen er Propheten und andere Heilige ausruestete; auch +glauben sie an eine Mittheilung des Heiligen Geistes durch die Taufe. Was +die Kirche betrifft, so gelten hier die alten Ueberlieferungen von einer +_Verlosung der bewohnten Welt unter die Apostel_, sie koennen aber nicht +nachweisen, welchen Theil gerade jeder Apostel bekommen habe. Dass Petrus +und Paulus Rom und Europa, Johannes Antiochien, Kleinasien und Syrien, +Marcus Aegypten bekommen habe, steht ihnen fest; daher halten sie diese +drei Kirchen fuer einander gleichstehend. Sie erkennen dem Papste als +Nachfolger Petri einen gewissen Vorzug als dem Ersten unter +Gleichgestellten zu. Ihre Kirchenverfassung ist episkopal. Der zu Kairo +residirende koptische Patriarch von Alexandrien ist das Oberhaupt der +abessinischen Kirche und von ihm erhalten sie ihren Bischof, den sie +vorzugsweise _Abuna_, unser Vater, nennen. Als einziger Bischof des +Landes, und zugleich in der Hauptstadt residirend, ist er zugleich +Metropolitan. Seit Abuna Tekla Haimanot, der im 13. Jahrhundert die +sogenannte salomonische Dynastie wieder herstellte, besteht die +Verordnung, dass _kein Abessinier_ mehr zu dieser Wuerde gelangen darf, +sondern immer nur ein Kopte dieselbe bekleiden kann, um der Hoffnung Raum +zu geben, immer einen neuen Zufluss theologischer Anregung von aussen zu +bekommen, da jener Heilige selbst, der letzte Abuna aus abessinischem +Stamm, daran verzweifelte, tuechtiges theologisches Leben in der +Geistlichkeit seines Landes zu erhalten. Dieser Tekla Haimanot (ums Jahr +1284) setzte ein Drittel des Bodens des ganzen Landes fuer kirchliches +Einkommen fest, von welchem er den bedeutendsten Theil fuer seine Person +erhielt. Der Abuna allein hat das Recht, Koenige zu salben und Priester und +Diakonen zu ordiniren; in andern theologischen und kirchlichen +Angelegenheiten entscheidet er gemeinschaftlich mit dem _Etschege_, dem +Oberhaupte der Moenche. + +Beim Amtsantritt des Abuna muss die abessinische Regierung dem Patriarchen +ein Geschenk von 7000 Thalern einhaendigen. Lejean erzaehlt, dass die stolze +Fuerstin Menene ueber den letzten im Herbste 1867 gestorbenen _Abuna Abba +Salama_ geaeussert habe: "Dieser Sklav, den wir aus unserm Beutel bezahlt +haben, benimmt sich sehr hochmuethig." Das kam dem Oberpriester zu Ohren +und er antwortete: "Allerdings bin ich ein Sklave, aber einer, der viel +werth ist. Hat man doch 7000 Thaler fuer mich gezahlt! Mit der Fuerstin +Menene verhaelt es sich freilich anders. Man koennte sie auf dem Markte zu +Wochni ausstellen und bekaeme nicht zehn Thaler fuer sie." Auf jenem Markte +werden naemlich sehr schlechte Maulthiere feilgeboten. - Andraos (Abba +Salama oder Frumentius ist sein Bischofname) war etwa 1815 geboren und kam +1841 unter Ubie zu seiner Stellung. Dem Kaiser Theodor gegenueber hatte er +eine eigenthuemliche wandelbare Stellung. Beide beobachteten einander, +legten sich gegenseitig Hindernisse in den Weg, hassten und fuerchteten sich +und stellten sich doch, als ob sie gute Freunde seien. Sehr oft machte +Theodoros gar keine Umstaende mit dem Seelenhirten; er sperrte ihn in eine +Feste und legte ihn in Ketten, worauf ihm Leute vom Hofgesinde auf den +Knieen Speise reichen und die Fuesse kuessen mussten. Salama, ein geborener +Aegypter, galt fuer einen Freund der Englaender. Als er sich frueher in Kairo +der Studien halber aufhielt, besuchte er die protestantisch-englische +Schule des deutschen Missionaers Lieder, der im Auftrage der anglikanischen +Missionsgesellschaft arbeitete. Diese glaubte an ihm einen Proselyten +gemacht zu haben, sah sich aber arg getaeuscht, denn der Abuna erklaerte +spaeter die Protestanten fuer Ketzer. Als er einmal auf das Aeusserste +gebracht war, drohte er Theodor in den Bann zu thun, dieser aber liess eine +Huette aus duerren Zweigen errichten, worin der Abuna verbrannt werden +sollte. Dies that er, um sich nicht in "blutiger" Weise an dem Gesalbten +vergreifen zu muessen. Schleunig hob jedoch nach solchem Vorgange der Abuna +den Bann auf. + + [Illustration: Debteras vor dem Abuna singend und tanzend. Nach + Lefebvre.] + +Bald nachdem Theodoros zur Macht gelangt war, fand sich David (Daud), der +Patriarch von Alexandria, im Auftrage des aegyptischen Vizekoenigs in +Abessinien ein und benahm sich dort sehr hochfahrend, gleichsam als Herr +und Gebieter. Theodoros seinerseits begegnete ihm mit Spott und Hohn und +jener schleuderte ihm dafuer muendlich den Bann ins Gesicht. Theodor blieb +ruhig, spannte eine geladene Pistole, schlug auf den Patriarchen an und +bat ganz sanft: "Bester Vater, gieb mir deinen Segen!" David fiel auf die +Kniee, stand wieder auf und ertheilte mit zitternden Haenden den Segen. + +Der Reisende _Apel_ schildert den Abuna Salama folgendermassen: "Er ist ein +trauriges Bild des lasterhaften, ignoranten Zustandes der ganzen +abessinischen Kirche. Stolz, unwissend, grausam, intrigant, sucht er auf +jede Weise sich Gewalt und Reichthum zu erwerben. Er treibt sogar +Sklavenhandel und nimmt nicht einmal Anstand, sich die Kirchengefaesse +anzueignen, sie nach Aegypten zu senden und dort zu verkaufen. Er ist der +geschworene Feind aller Europaeer." Der Empfang, welchen der Reisende bei +diesem "Kirchenfuersten" fand, war nichts weniger als erbaulich. Als er +gefangen in Gondar eingebracht wurde, empfing ihn dort mit finsterer Miene +ein Mann, der ihn italienisch anredete. Es war der Abuna. "Bist du +wieder", so begann er seine Schimpfrede, "einer von diesen vermaledeiten +Ketzern, welche unsere Religion, die wir von den Heiligen Frumentius und +Aedilius selbst empfangen haben, umstuerzen wollen?" Apel antwortete, dass +er sich keineswegs hiermit befasse, und wurde nun weiter gefragt: "Hast du +keine Bibel mitgebracht, das Volk irre zu fuehren und unsere heilige Kirche +zu untergraben?" Als nun der Fremdling sagte, er sei Arzt und kein +Geistlicher, bemerkte der Abuna: "Ihr seid aber alle Raeuber und Luegner, +ihr Englaender! Ihr kommt zu uns als Werkleute verkleidet, gebt vor, euch +mit der Arbeit zu beschaeftigen, unterrichtet aber das ganze Volk und fuehrt +es zum Verderben." Schimpfreden gegen die Missionaere beschlossen den +Sermon des Kirchenfuersten. + +Guenstiger urtheilt Heuglin von dem Manne, den er 1862 besuchte: "Er mag 45 +Jahre alt sein, ist ein schoener Mann von kraeftiger Statur, jedoch viel +leidend und in Folge eines Katarakts auf dem linken Auge erblindet. Sein +Schicksal, fuer Lebzeiten an dieses Land gebannt zu sein, traegt der Abuna +mit mehr Humor als christlicher Ergebung. Auf die abessinische +Geistlichkeit ist der Bischof sehr schlecht zu sprechen, er haelt dieselbe +fuer vollkommen unverbesserlich, auch spricht er sich unumwunden ueber die +vielen Maengel und angestammten Krebsschaeden der hiesigen Kirche aus; +trotzdem ist er aber den europaeischen Missionaeren hoechst abhold und +erklaert, er halte sich unter den obwaltenden Umstaenden fuer verpflichtet, +jede Art von Propaganda zu unterdruecken." Abba Salama, der 27 Jahre ueber +Abessinien als Kirchenfuerst regierte, starb am 25. Oktober 1867. + +So traurig steht es heute um den hoechsten Kirchenfuersten Abessiniens, und +ihn uebertreffen die uebrigen niedrigeren Geistlichen an Schlechtigkeit und +Unwissenheit noch bedeutend. Diese sind an Rang und Wuerde zwar +untereinander verschieden, allein ausser dem Abuna hat keiner das Recht, zu +ordiniren. Ausser den Priestern und Diakonen besteht noch das Amt des +kirchlichen Thuerhueters und Brotbaeckers. Jede Kirche hat noch ihren Aleka, +dessen Geschaeft darin besteht, die Geistlichen anzustellen, zu +beaufsichtigen und zu besolden und die Verbindung zwischen Kirche und +Staat zu vermitteln. + + [Illustration: Erzbischoefliche Wuerdezeichen des Abuna. Nach Lefebvre.] + +Die Kirche hat ferner diejenigen, welche sich ihrem Dienste widmen wollen, +zu unterrichten. Zum Diakonenamte wird jeder ordinirt, der sich dazu +meldet, wenn er nur lesen kann. Will sich darauf einer dem Priesterstande +ganz widmen, so heirathet er in der Regel vorher, weil es ihm spaeter nicht +mehr erlaubt ist. Die Ordination ist sehr einfach: der Diakon sagt das +Nicaeische Glaubensbekenntniss her, bezahlt zwei Salzstuecke an den Abuna, +der ihm das Kruzifix entgegenhaelt und den Segen ueber ihn spricht. Unter +dem Abuna Kyrillos, der vor etwa dreissig bis vierzig Jahren lebte, sollen +Priester aus Kaffa nach Gondar gekommen sein und einen Ledersack +mitgebracht haben, in welchen der Abuna Luft hauchen sollte, um mittels +derselben diejenigen ihrer fernen Landsleute zu ordiniren, die sich dem +Dienste der Kirche weihen wollten! + +Die Thaetigkeit der Priester besteht in taeglichem drei- bis viermaligen +Gottesdienst bei Tag und Nacht, wobei des Morgens frueh die Priesterschaft +mit Moenchen und Schuelern zum Genusse des Abendmahls zusammenkommt. +Ausserdem fallen Taufen, Trauungen, Messelesen, Beichtehoeren in ihr +Bereich. Der _Kirchengesang_ ist, obgleich hoechst unerbaulich, doch sehr +kuenstlich und mit Mimik verbunden; das Studium desselben, sowie das +Einlernen der langen Liturgie kostet den angehenden Priestern viele Jahre +Zeit. Laecherlich erscheint uns auch die Art und Weise, wie die Priester +aus ihren heiligen Buechern lesen, denn das Lesen an und fuer sich gilt +schon als verdienstlich. Das Wort, mit dem sie dasselbe benennen, +entspricht unserm "plappern" und passt daher gut, um das gedankenlose, +ueberaus schnelle Lesen zu bezeichnen. Ein Priester, der seine oft ungemein +lange Liturgie schnell zu Ende bringen will, liest oft mit solcher +Behendigkeit, dass das Ohr in seinem Lesen die Artikulation der Stimme kaum +besser unterscheiden kann, als das Auge die einzelnen Speichen eines +schnell kreisenden Rades. - Was die Zahl der _Sakramente_ betrifft, so +scheinen sie nur zwei, Taufe und Abendmahl, anzunehmen. Zum letzteren +bedienen sie sich gesaeuerten Weizenbrotes, das von bestimmten Personen +gebacken sein muss, und des Saftes ausgepresster Weintrauben. Dieses wird im +Abendmahlskelch zusammengemischt, etwas Wasser zugegossen, das Ganze +geweiht und mit einem Loeffel den Abendmahlsgenossen gegeben. Ihre Beichte +uebertrifft alles, was in dieser Art anderweitig noch vorkommt. Nach einem +vorgeschriebenen Formulare (Nusasie) fragt der Priester den Beichtenden, +ob er gewisse Suenden, die in einer ungeheuren Schandliste alle +auseinandergesetzt sind, nicht begangen habe. Auf jeder Suende steht nun +eine vorgeschriebene kirchliche Strafe, die durch Fasten oder Bezahlung +abgebuesst wird. + +Diese Bezahlungen und andere zusammengebettelte Summen dienen dem Priester +dazu, ueber Massaua und Kairo eine Wallfahrt nach Jerusalem zu machen, die +ueberhaupt das hoechste Ziel der Wuensche eines Abessiniers zu sein scheint, +weil er dadurch nach seiner Rueckkehr gleichsam das Recht erhaelt, seine +wohlhabenderen Landsleute auf die unverschaemteste Art um Geschenke zu +bestuermen. Der Einfluss, welchen sich die Priester auf die Bevoelkerung zu +verschaffen wissen, ist trotz ihres offenbaren unsittlichen Lebenswandels +ein ausserordentlich grosser. Wenn in der Hauptstadt Gondar eine Frau einem +Priester ihrer Bekanntschaft auf der Strasse begegnet, so kuesst sie +demselben ehrfurchtsvoll die innere Seite der Hand; Maenner thun dies wohl +auch, aber doch nicht in der Regel. Zwei sich begegnende Priester kuessen +zur Begruessung einander gegenseitig die rechte Schulter. Schon durch die +_Tracht_ unterscheidet sich der Priester vor seinen Mitmenschen. Sie, +sowie diejenigen, welche sich zur gebildeten Klasse zaehlen, tragen am Kinn +einen kurzen Bart, rasiren sich das Haupt und umwinden es turbanartig mit +einem weissen Tuche. Den Oberkoerper deckt eine weisse Weste mit weiten +Aermeln; ausserdem haben sie weisse, weite Beinkleider, eine schmale +Leibbinde und ein grosses weisses Umschlagetuch mit farbigem Randstreifen. +Grosse Schnabelschuhe vollenden den Anzug. Selten fehlt dem Priester ein +Kruzifix, das die ihm begegnenden frommen Personen kuessen, und ein bunter, +aus Haaren verfertigter Fliegenwedel. Um den Hals tragen sie ausser einer +blauen Seidenschnur, ohne welche man nie einen abessinischen Christen +sieht, meistens einen Rosenkranz, der aus Jerusalem stammt. Die Priester +jeder Kirche (die normale Zahl derselben an einer Hauptkirche betraegt +nicht weniger als _einundzwanzig_!) wohnen immer in kleinen Haeusern, die +sich innerhalb der Mauer befinden, welche die Kirche sammt den sie +umschattenden Baumgruppen gewoehnlich umfasst. Dieser abgeschlossene Raum +wird oder wurde als ein heiliger Ort betrachtet, der gegen Pluenderungen +gesichert ist. + + [Illustration: Abessinischer Klostergeistlicher und Student der + Theologie aus Schoa. + Originalzeichnung von Eduard Zander.] + +Auch den _Bannfluch_ kennt die abessinische Kirche. Als Isenberg mit +seinem Mitarbeiter 1843 nach Adoa kam, musste er vor der versammelten +Geistlichkeit der Stadt ein foermliches Examen ueber seinen Glauben ablegen. +Man fragte ihn: ob er das Kreuz und die Kirche kuesse? ob er an eine +Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi beim +Abendmahl glaube? und ob er glaube, dass die Jungfrau Maria und die +Heiligen uns mit ihrer Fuerbitte bei Christo vertreten? Vom +protestantischen Standpunkt setzte er nun seine Ansichten lang und +weitlaeufig auseinander, allein dieses genuegte, um ihn als Ketzer +erscheinen zu lassen. Kaum hatte er daher mit seinem Genossen der +Versammlung den Ruecken gewandt, als ein Priester feierlich ueber beide den +Bannfluch aussprach, indem er ihre Seelen dem Satan, ihre Leiber den +Hyaenen, ihr Eigenthum den Dieben uebergab und jeden, der ihnen nahe kommen +oder sie bedienen wuerde, gleichfalls exkommunizirte. + +Eine besondere Stellung in der abessinischen Kirche nehmen noch die +_Debteras_ ein. Debtera ist allgemeiner Gelehrtentitel, den Alle erhalten, +die sich hauptsaechlich mit Buechern beschaeftigen, sobald sie eine gewisse +Bekanntschaft mit denselben erhalten haben. Die eigentliche Bedeutung des +Wortes ist nach Isenberg Zelt; es wird gebraucht von der Stiftshuette, und +der zu Grunde liegende Gedanke dieses Titels ist wahrscheinlich der, dass +die Gelehrten ebenso das Heilige in ihrem Lande einschliessen sollen, wie +es die Stiftshuette that. Ein Debtera wird nicht ordinirt; seine +Beschaeftigung besteht im Unterrichtertheilen, im Kopiren der heiligen +Buecher auf Pergament und - wenn es nothwendig ist - im Assistiren in der +Kirche. Unordinirt sind auch die _Alekas_, die Kirchensuperintendenten, +die das Eigenthum der Kirche verwalten und die Vermittelung zwischen +Geistlichkeit und Staat herstellen. Schon sehr fruehzeitig widmen sich die +Abessinier dem geistlichen Stande; die Kenntnisse, welche diese Studenten +der Theologie zu erlangen haben, sind gering. Sie lernen die +Kirchensprache, einige Geez-Woerter, die Geheimnisse des abessinischen +Gesanges und Tanzes. Das Anhauchen des Abuna und die Zahlung von zwei +Salzstuecken an denselben macht sie dann zu fertigen Priestern. Unsre +Abbildung (S. 119) zeigt einen Studenten der Theologie aus Schoa, der in +Schafpelz gekleidet ist und den Bettelstab und Bettelkorb - seine einzigen +Lebensstuetzen - bei sich fuehrt. Neben ihm sitzt ein Bursche aus Gondar mit +einem Sonnenschirm aus Grasgeflecht (Eipras). + +Die Art und Weise, wie der Gottesdienst, zumal bei grossen Festen, +abgehalten wird, erinnert in vieler Beziehung mehr an das heidnische +Schamanenthum, als an christliche Ceremonien. Als Rueppell die Kirche von +_Koskam_, etwa anderthalb Stunden nordwestlich von der Hauptstadt Gondar, +besuchte, um dort dem Feste zum Andenken der Rueckkehr Christi aus Aegypten +beizuwohnen, fand er dieselbe ausserordentlich mit Menschen angefuellt, +sodass er nur sehr schwierig einen Platz in derselben erhalten konnte. Vor +dem Gebaeude hatte man grosse Tuecher von fussbreiten blauen, weissen und +rothen Streifen aufgespannt, um der Menschenmenge Schutz gegen die Sonne +zu gewaehren. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden war auf eine im +Vordergrunde befindliche Gruppe von Priestern gerichtet, welche unter +schrecklichem Geheul konvulsivische Bewegungen mit dem ganzen Koerper +machten und mitunter auch abwechselnd wild in die Hoehe sprangen. Jeder +Priester hatte in der einen Hand eine Rassel (Sanasel), in der andern +einen langen krueckenartigen Stab. Die Rassel hat die Form einer +zweizinkigen Gabel, welche durch Querstaebchen oben geschlossen ist, und in +ihr befinden sich mehrere Metallringe, welche hin und her bewegt durch +ihren rasselnden Ton den singenden und tanzenden Priestern zum +Taktschlagen dienen. Dieser Gebrauch muss ein sehr alter sein, denn schon +unser Landsmann Christoph Fuhrer berichtet in seiner 1646 zu Nuernberg +gedruckten "Reisbeschreibung in Egypten": "Gegenueber unter den Armeniern +haben die Abyssinier ihren Ort, welche gar seltsame Ceremonien halten. +Wann sie Mess singen, brauchen sie wunderbarliche Instrumenta, als zwei +Trummel, wie die Heerpauke, darauf sie unter dem Singen schlagen; einer +hat ein Schloetterlein, welches voll Schellen haengt, daran er mit der +andern Hand schlaegt, dass es klingelt: ein andrer hat ein Instrument, wie +es die Moren gebrauchen, einer halben Trummel gleich, auch mit Schellen +behaengt, die stehen beieinander, huepfen und tanzen zugleich miteinander, +singen viel Alleluja, welches laecherlich zuzusehen und zu hoeren ist, seynd +aber dabei fromme und gottesfuerchtige Leute." - Inmitten der Gruppe sich +verzerrender Priester sass einer auf dem Boden und schlug eine grosse, von +Silberblech gearbeitete tuerkische Trommel. Nachdem diese religioese +Belustigung einige Zeit gedauert hatte, hielten saemmtliche Priester +innerhalb der Kirche singend einen Umzug um das die Bundeslade enthaltende +Heiligthum. Zwei von ihnen trugen auf dem Kopfe sehr grosse Helme von +Goldblech, mit getriebener Arbeit reich verziert. Dies waren die beiden +Kronen, welche einst der Kaiser Joas und sein Vater, der Kaiser Jasu, bei +grossen Feierlichkeiten zu tragen pflegten und die spaeter der Kirche +geschenkt worden waren. Diese Kronen, welche von einem Griechen aus Smyrna +gefertigt wurden, sind von Gold- und Silberblechen in getriebener Arbeit +gemacht und mit farbigen Steinen oder Stuecken Glasfluss verziert. Einige +der Priester hatten eine Art Messgewand von Brokat an, das jedoch sehr +verschabt war; andere trugen Staebe mit Bronzekreuzen und ueber dem +vornehmsten wurde ein blauer, mit Goldfranzen besetzter Sammetschirm +getragen. Die ganze Feierlichkeit entbehrte aller Ordnung und erregte in +Rueppell mehr Neigung zum Lachen als religioese Empfindung. + + [Illustration: Krone des Kaisers Jasu. + Nach Rueppell.] + +Neben dieser Weltgeistlichkeit, die sich mit sehr geringen Ausnahmen durch +Hochmuth, Unwissenheit und lasterhaftes Leben wenig vortheilhaft +auszeichnet, steht noch eine grosse Schar von Moenchen und Nonnen in +Abessinien, die nach den uralten Regeln des Pachomius zusammen leben. +Dieser, ein Schueler des heiligen Antonius, war der erste, der die +Einsiedler ums Jahr 340 auf der Nilinsel Tabenna im Kloster zusammenfuehrte +und auch spaeter das erste Nonnenkloster gruendete. Seine keineswegs +strengen Regeln eignen sich fuer die immer noch lebenslustigen +abessinischen Moenche und Nonnen am besten, die aber oft genug dieselben +ueberschreiten. + +Abessinien ist ueberfuellt mit Moenchen und Einsiedlern, die sich in gelbe +Gewaender, das Zeichen der Armuth, oder in gegerbte Antilopenfelle huellen. +Gewoehnlich fuehren diese Leute einen unsittlichen Lebenswandel, schwaermen +durch das ganze Land und sind die Pest und Plage der Gegend, welche sie +heimsuchen. Die Maenner koennen in jeder Periode Moenche werden; die, welche +mit schweren Krankheiten behaftet sind, thun das Geluebde, nach ihrer +Heilung ins Kloster zu gehen, und vermachen diesem ihre ganze Habe. Reiche +uebergeben ihr Vermoegen den Kindern, werden Moench und lassen sich dann von +ihren Erben bis ans Lebensende unterhalten; arme Moenche dagegen leben von +der Gnade des Koenigs und der Gemeinde. Viele dieser Klostergeistlichen +sehen aber niemals ihre Zellen, sondern leben gemuethlich mit Weib und Kind +zu Hause und betteln auf Grund ihres gelben Gewandes oder der Agaseenhaut, +die mit dem ungewaschenen Aeussern zusammen an die Legende von ihrem grossen +Ordensstifter Eustathius erinnert, welcher sich ruehmte, niemals seinen +Koerper gewaschen zu haben, und wunderbarlich auf dem fettigen Mantel ueber +die Fluten des Jordan schwamm, ohne dass ihn ein Tropfen Wasser feindlich, +d. h. reinigend, beruehrte. + +Eins der beruehmtesten Kloester befindet sich auf dem _Debra Damo_ in +Tigrie, vier Stunden nordoestlich von Ade Pascha. (Siehe S. 35.) Dort oben +leben gegen 300 Moenche in kleinen Huettchen zusammen. Nach Zander's Bericht +fuehrt kein Weg hinauf und Menschen wie Nahrung werden an der Nordseite des +Felsens mit Seilen hinaufgezogen. Das Kloster ist stets auf viele Jahre +hinaus mit Lebensmitteln versehen und gilt in unruhigen Zeiten als ein +besonders sicherer Zufluchtsort. Oben findet man eine Quelle, die das +ganze Jahr hindurch vorzuegliches Trinkwasser liefert und niemals +versiecht. An Handschriften und Buechern, die noch keinem europaeischen +Reisenden zugaengig waren, ist es sehr reich. Der senkrechte Fels besteht +aus Grauwacke und Sandstein, die Grundlage desselben ist Urthonschiefer, +die Hoehe ueber dem Meere 6800 Fuss. In frueheren Zeiten galt Debra Damo als +Gefaengniss der juengeren Zweige des herrschenden Geschlechts. Diese Sitte +soll im Jahre 1260 durch den Koenig Jakuno Amlak eingefuehrt und bis ins +vorige Jahrhundert beobachtet worden sein. In Schoa vertrat die Festung +Godscho dieselbe Stelle bis auf unsere Tage herab. + +Zahlreiche Klosteranstalten finden sich auch in Walduba; beruehmt sind noch +die Kloester von Axum und Debra Libanos, wo der erwaehnte Abuna Tekla +Haimanot geboren wurde. Nie darf ein Frauenzimmer ein Moenchskloster +betreten, allein das haelt die Insassen keineswegs ab, einen liederlichen +Lebenswandel zu fuehren. Die Nonnen zeichnen sich durch ein schwefelgelbes +baumwollenes Hemd und ein Kaeppchen von derselben Farbe aus; sie haben alle +das Keuschheitsgeluebde abgelegt, befinden sich jedoch meist in +vorgerueckten Jahren. Wichtig werden die Kloester namentlich dadurch, dass +viele derselben als _politisches Asyl_ gelten, nach dem zur Zeit der +Buergerkriege viele Fluechtlinge sich retten. Dieser Umstand fuehrte zu +grossen Missbraeuchen und gestaltete die Aufenthaltsorte der Moenche zu ewigen +Sitzen der Unruhe um, zumal die Unantastbarkeit der Freistaette meistens +streng eingehalten wurde, bis Koenig Theodoros auch hier einen gewaltigen +Schritt that und mit kuehner Hand seine Feinde selbst aus den Asylen +hervorholte. + +Neben der Unsittlichkeit der Geistlichen, der frechen Simonie, der +uebermaessigen Bilderverehrung, dem Glauben an Weissagereien und +Vorbedeutungen, der Auslegung von Traeumen, Furcht vor Hexerei und boesen +Kuensten muss andererseits hervorgehoben werden, dass jedenfalls im Lande +kein Unglauben und keine Gottesverachtung herrscht. Der Formengeist, der +allen Semiten eigen ist, klebt auch den Abessiniern an, jene +Wichtigmachung von Gebraeuchen und aeussern Werken, die Unterscheidung +zwischen Rein und Unrein, die Beschneidung, das Haengen am Buchstaben. Fuer +das Hauptuebel Abessiniens aber erklaert Munzinger den Stolz, der, von dem +kleinsten Erfolg aufgeblasen, sich ueberheilig und ueberweise waehnt und nur +ungern von Fremden sich Raths erholt. Der Stolz, von dem kein Abessinier +frei ist und eigentlich kein Semite, hat eine andere gefaehrliche Seite; +der Messias ist ihm immer ebenso gut wie den Aposteln ein weltlicher Herr; +die Herrschsucht der Eingeborenen wird dem fremden Missionaer sehr +gefaehrlich, da sie ihn, ohne dass er es ahnt, in die Landespolitik +hineinzieht. + + -------------- + +Die _abessinische Zeitrechnung_ ist eine keineswegs christliche, da sie +von der Erschaffung der Welt und nicht von der Geburt Christi an rechnen. +Nach ihnen ist das Jahr 1868 das siebentausenddreihunderteinundsechzigste. +Der Jahresanfang faellt auf den 10. September. Sie theilen das Jahr in +zwoelf Monate von je dreissig Tagen und zur Ausgleichung fuegen sie denselben +am Jahresschluss noch einen verkrueppelten dreizehnten Monat bei, der in +drei Jahren fuenf, in dem vierten aber sechs Tage hat. Im gewoehnlichen +Leben und auch in ihren historischen Annalen werden die vier Jahre nach +den Namen der Evangelisten bezeichnet und zwar in folgender Reihe: +Johannes, Matthaeus, Marcus und Lucas, letzteres hat am Schluss den +eingeschalteten sechsten Tag des dreizehnten Monats. Es heisst oft in den +Landeschroniken schlechtweg: Dieses ereignete sich in dem Jahre des +Evangelisten Matthaeus oder Lucas u. s. w. Die Namen der dreizehn Monate +sind: Maskarem, Tekemt, Hedar, Tachsas, Ter, Jacatit, Magabit, Mijazia, +Ginbot, Sene, Hamle, Nahasse, Paguemen. Kein einziger faellt natuerlich ganz +mit einem unserer Monate zusammen; so reicht der Maskarem vom 10. +September bis 9. Oktober und so fort, bis endlich der verkrueppelte +dreizehnte Monat, der Paguemen, vom 5. bis 10. September reicht. Die +Abessinier setzen die Geburt Christi in das Jahr der Welt 5500; aber von +dieser Periode bis zu unserer Zeit rechnen sie 7 Jahre und 122 Tage +weniger als wir Europaeer; die Ursache dieses Unterschieds ist die von den +alexandrinischen Bischoefen befolgte Chronologie des Julius Africanus und +spaeter durch den Bischof Anatolius von Laodicea daran gemachte zehnjaehrige +Abaenderung. + +Am 10. September, dem Neujahrstage, machen sich die Bewohner der +Hauptstadt wie bei uns Gratulationsbesuche und die Frauen ueberreichen +ihren Bekannten Blumenstraeusse, wobei sie ausrufen: "Glueck bringe dir das +neue Jahr". Auch finden Taenze mit Gesang und Schmausereien statt. Das +groesste Fest in Abessinien feiert man jedoch am 16. Maskarem (26. +September) zum Andenken an die infolge eines Traumgesichts der heiligen +Helena stattgefundene Entdeckung des Kreuzes Christi. Um die Kunde dieses +Ereignisses moeglichst schnell nach Konstantinopel zu bringen, bediente man +sich der Feuersignale, und die Versinnlichung dieses Ereignisses ist der +Hauptzweck der Ceremonien des _Maskalfestes_. Am Vorabend lodern +Freudenfeuer auf den Huegeln, Maenner mit Rohrfackeln ziehen in Prozessionen +auf und kriegerische Taenze werden abgehalten. Der Anblick der +bronzefarbigen, halbnackten Gestalten, die in dunkler Nacht, vom Scheine +der Brandfackeln beleuchtet, sich taktmaessig hin und her bewegen, ist +ungemein malerisch. Die Hauptprozession findet jedoch erst am folgenden +Tage statt. Dann ziehen alle waffenfaehigen Maenner zu Fuss oder zu Pferde +nach einem nahen Huegel, auf welchem bei Sonnenaufgang ein Feuer angezuendet +wird. Dem Zuge voran gehen Musikanten mit Hoernern und Pauken; nachdem die +Menge an dem Scheiterhaufen sich gewaermt, kehrt sie zurueck, um mit +Reiterspielen und kriegerischen Taenzen die Feierlichkeit zu beschliessen. +Der Gouverneur haelt offene Tafel und ungeheuere Portionen rohen Fleisches +werden verschlungen. Andere Feste sind Ledat (Weihnachten), Domkat (Taufe +Christi), Fasaga (Ostern) und die verschiedenen Heiligenfeste. + +Die _Taufen_ finden in der Kirche statt und zwar bei den Knaben 40 Tage, +bei den Maedchen 80 Tage nach der Geburt, weil nach der Tradition der +Abessinier Adam erst 40 Tage nach der Schoepfung in das irdische Paradies +eingefuehrt wurde und Eva ihm dahin 40 Tage spaeter nachfolgte. Die +Ceremonie selbst ist von der bei uns ueblichen in vieler Hinsicht +abweichend. Jedes Kind hat seinen Pathen; als Taufstein gilt eine thoenerne +Schuessel, deren Wasser erst beraeuchert und dann mit dem Fusse des +Geistlichen beruehrt wird, worauf dieses fuer geweiht gilt; Loblieder zu +Ehren der Jungfrau Maria und das schnelle Ablesen eines Kapitels aus dem +Evangelium Johannes vollenden die Vorbereitungen; dann werden die +Taeuflinge nach allen vier Himmelsgegenden geneigt und bis ueber den Kopf +ins Wasser getaucht; schliesslich wird dem Taeuflinge eine in geweihtes Oel +getauchte Schnur um den Hals gebunden und die Ceremonie ist vorueber. +Vorher aber sind die Kinder beiderlei Geschlechts beschnitten worden. + +Die _Ehe_ ist in Abessinien, wo allgemeine Sittenlosigkeit und die +allergroesste Freiheit im Umgang der Geschlechter herrscht, eine rein +aeusserliche und sehr lose. Die Trauungen werden nur selten kirchlich +geschlossen, was einfach dadurch geschieht, dass die Brautleute das +Abendmahl zusammen nehmen. Werden die Gatten einander untreu, so trennen +sie sich einfach und haben dann das Recht, noch zweimal sich kirchlich +trauen zu lassen. Da jedoch die meisten Ehen wild sind, so betrachtet man +die kirchliche Trauung als Nebensache. Wie entsetzlich die Zustaende in +dieser Beziehung sind, geht aus der Bemerkung Isenberg's hervor, dass er +waehrend der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Abessinien unter einer sehr +grossen Zahl kirchlich getrauter Leute _kein einziges_ Paar kennen lernte, +dass einander treu blieb. Das Gesetz, dass man sich nur dreimal trauen +lassen darf, gilt jedoch nur in der Theorie. Rueppell traf zu Ategerat ein +huebsches, erst _siebzehnjaehriges_ Frauenzimmer, welche bereits von +_sieben_ mit ihr ehelich vermaehlten Maennern geschieden war und im Begriffe +war, sich zum _achten Male zu vermaehlen_! Ehescheidungen sind blosse +Privatangelegenheiten, welche nur dann vor die Behoerden gebracht werden, +wenn man in Betreff der Vermoegenstheilung sich nicht miteinander +verstaendigen kann. Sonst hat die Obrigkeit damit gar nichts zu thun, und +die Ehe besteht nur so lange, als beide Theile damit zufrieden sind. +Eifersucht ist in Abessinien ein unbekanntes Ding und eheliche Untreue das +Gewoehnliche, besonders noch dadurch beguenstigt, dass die Zahl der Frauen +ueberwiegt. Dies mag auch ein Grund dafuer sein, dass unter jenen Christen +die _Vielweiberei_ geduldet ist; aber nur die Reichen pflegen an dem +naemlichen Orte mehrere Frauen zu haben, von denen jede einzelne in einem +besonderen Hause wohnt. Diejenigen Abessinier, welche sich ihrer Geschaefte +halber an verschiedenen Orten aufhalten, haben gewoehnlich an jedem +derselben eine Frau. Im Allgemeinen benimmt sich die Frau sehr aufmerksam, +dienstwillig und selbst demuethig unterwuerfig gegen ihren Mann. Sie darf +ihn nur als ihren Herrn und im Plural anreden, waehrend der Gatte gegen sie +das "Du" gebraucht; sie muss ihm, wenn er es verlangt, die Fuesse waschen und +ihm bei Tische haeufig die Speisen in den Mund stopfen! Jenes Betragen der +abessinischen Frauen geht jedoch nicht aus Liebe hervor, sondern ist +berechnete Schmeichelei. Liebe in reinerem Sinne kennt man in jenem durch +die groesste Sittenverderbniss ausgezeichneten Lande gar nicht. Zum Heirathen +genuegt schon ein Vermoegen von wenigen Thalern, ein baumwollenes Hemd fuer +die Braut, etwas Geld fuer die Eltern sind die Geschenke bei Armen. Bei +reichen Leuten werden grosse Gelage gehalten, welche mehrere Tage dauern. +Gegen Ende derselben fuehrt der Braeutigam, auf einem Maulthier reitend, die +Braut scheinbar aus dem aelterlichen Hause in das seinige. Die Maedchen +werden in der Regel noch ungemein jung, zuweilen schon in ihrem neunten +Jahre verheirathet; so erzaehlt Pearce, dass ein mehr als siebenzigjaehriger +Landesfuerst die noch nicht zehnjaehrige Tochter des Kaisers heirathete! + +Sieht ein Abessinier seine Todesstunde herannahen, so laesst er den +Geistlichen rufen, dem er eine Beichte ablegt, um die Absolution zu +empfangen. Der wuerdige Priester benutzt dann gewoehnlich diese Gelegenheit, +um moeglichst viel von dem weltlichen Gute des Sterbenden fuer sich und die +Kirche zu erlangen, waehrend er fuer das _Begraebniss_ selbst keinen Heller +nimmt. Dieses findet meistens noch am Todestage statt. Der Koerper wird mit +gekreuzten Armen in ein baumwollenes Tuch geschlagen, dann mit einer +Lederhaut umwickelt, in der Kirche eingesegnet und in einer kleinen Grube +bestattet. Nach der Beerdigung versammeln sich Freunde und Verwandte im +Sterbehause, wo das Klagegeheul angestimmt und dann ein grosses Mahl +gehalten wird. Um tiefe Trauer wegen des Todes eines Verwandten +auszudruecken, pflegt man sich das Haupthaar abzuscheren, den Kopf mit +Asche zu bestreuen und die Schlaefen zu zerkratzen, bis Blut fliesst. Alles +dieses ist jedoch blos aeusserliche Heuchelei und fern von tiefgefuehlter +Betruebniss, denn grenzenloser Leichtsinn ist ein Hauptcharakterzug der +Abessinier. + +Abessinien ist reich an _Kirchen_, doch sind dieselben meistentheils nur +klein. Viele stehen als Wallfahrtsorte in hohem Ansehen und werden von +grossen Scharen frommer Pilger besucht, die, oft aus weiter Ferne +herziehend, haeufig zugleich den bei der Kirche aufgeschlagenen Markt zu +Einkaeufen benutzen. So knuepfen sich auch hier die Messen an die Kirchen, +wie in den meisten anderen Laendern der Erde gleichfalls. Gewoehnlich sind +die Kirchen im Grundrisse rund und 20-24 Fuss hoch; viereckige gehoeren zu +den seltenen Ausnahmen. Beinahe jede abessinische Kirche oder Kapelle hat +an ihrer Facade zwei gleich grosse, dicht nebeneinander stehende Thueren und +im Innern eine Art von grossem hoelzernen Sessel oder Thron, der die +Bundeslade der Israeliten vorstellt. Dieser Sessel, auf welchem Brot und +Wein fuer das Abendmahl eingesegnet werden, fuehrt den Namen Manwer oder +Tabot und ist ueberall in Abessinien der Gegenstand der groessten Verehrung. +Glocken befinden sich nur in wenigen Kirchen der groesseren Staedte; statt +ihrer behelfen sich die Priester mit duennen Steinplatten, die schwebend +aufgehaengt sind und durch deren Anschlagen die Glaeubigen zusammenberufen +werden. Die gewoehnlichen Kirchen auf dem Lande bestehen aus zwei +Gemaechern, deren Inneres beinahe ganz dunkel ist und welche durch eine +Fluegelthuere miteinander in Verbindung stehen. Sie sind mit einem +gemeinschaftlichen kegelfoermigen Strohdache ueberdeckt und fast immer von +schoenen Baeumen umgeben, welche den um die Kirche herumliegenden Friedhof +beschatten, der jedoch keinerlei Grabsteine aufweist. Einige dabei +befindliche kleine Huetten beherbergen die den Kirchendienst versehenden +Priester. Das Ganze ist durch eine niedrige Mauer umschlossen. Wer Schuhe +oder Sandalen traegt - uebrigens eine Seltenheit in Abessinien - zieht +dieselben beim Eingange des Kirchhofes aus. In der vorderen Abtheilung, +der eigentlichen Kirche, versammeln sich die Leute, nachdem sie beim +Eingange die mit schreckhaften kolossalen Engelsfiguren bemalten Thueren +ehrfurchtsvoll gekuesst haben. _Gemalte_ Bilder werden in Abessinien +verehrt, keineswegs jedoch _geformte_, und deshalb zeigt das abessinische +Kreuz auch keinen Christusleib, weil dies nach Auffassung jener Kirche +gegen das zweite Gebot verstossen wuerde. Das Kuessen der Kirche ist als +Zeichen der Gottesverehrung ueblich, sodass der Ausdruck "die Kirche kuessen" +gleichbedeutend mit unserem "in die Kirche gehen" ist. Ueberhaupt werden +alle fuer heilig gehaltenen Gegenstaende, Kirchen, Kreuz, Bilder und Buecher +gekuesst. Die Eingetretenen setzen sich oder knieen auf den Boden hin. Durch +die offene Fluegelthuer erblickt man im zweiten Gemache den Tabot, um den +Priester in zerlumpten seidenen Kitteln umherstehen, jeder von ihnen haelt +eine brennende Wachskerze in der Hand, ausserdem Schelle und Rauchfass, die +sie beim Heulen der Psalmen schwingen. Zuweilen liest einer eine kurze +Phrase aus einem auf der Bundeslade liegenden Buche oder reicht den +Anwesenden das Kreuz zum Kuessen dar - von einer christlichen Erbauung +gewahrt man jedoch bei diesen keine Spur; sie plappern zwar fortwaehrend +mit den Lippen Gebete her, aber ihren Blicken nach zu urtheilen sind ihre +Gedanken bei ganz anderen Gegenstaenden. + + [Illustration: Grundriss der Kirche Lalibela. + Nach E. Zander.] + +Besser sind die Kirchen in den grossen Staedten beschaffen, namentlich zu +Gondar, wo es allein gegen fuenfzig giebt. Die groesste ist die +_Bada-Kirche_, welche Kaiser Tekla Haimanot um das Jahr 1775 erbauen liess. +Mit ihrem hohen konischen Dache ueberragt sie alle anderen Gebaeude der +Stadt und zeichnet sich ausserdem durch ein grosses griechisches Kreuz von +Messing auf dem Giebel aus. In ihr, sowie in anderen Kirchen Gondars zeigt +man mehrere etwa fuenf Fuss lange Kisten aus Sykomorenholz, welche ringsum +mit Heiligenbildern und auf dem Deckel mit der Figur eines in ein +Leichentuch gehuellten Menschen bemalt sind. Sie enthalten die Gebeine von +Personen, welche in ganz besonderem Ansehen standen. Diese muessen jedoch +erst herkoemmlicher Weise fuenfzig Jahre lang in der Erde geruht haben, ehe +sie zu der Ehre gelangen, auf diese Art aufbewahrt zu werden. Die uebrigen +Kirchen sind gewoehnlich von Bogengaengen umgeben, von denen aus mehrere +grosse Thueren in das Innere fuehren. Waende, Thueren und Querbalken des +Gebaeudes sind mit Malereien bedeckt und die innere Seite der Thuergesimse +mit kleinen Porzellanplatten ausgekleidet; Teppiche decken den Boden; doch +Lampen sind eine seltene Erscheinung. + +Vorzueglich schoene und geschmackvolle Holzschnitzereien, die, was die +Arabesken betrifft, auch einem europaeischen Kuenstler Ehre machen wuerden, +enthaelt die _Kirche Lalibela_ zu Gondar, ein Bauwerk der Fuerstin Menene. +Ihr Grundriss ist rund, das Dach, wie allgemein ueblich, konisch und an der +Spitze mit dem Kreuz geziert. Ihr Inneres besteht aus drei konzentrischen +Abtheilungen. Der aeussere, von Saeulen getragene Kreis, ist der allgemeine +Raum fuer die Kirchgaenger; der zweite, mittlere Raum ist fuer die +Abendmahlempfaenger bestimmt; der innerste, viereckige, enthaelt die +Bundeslade. Die erwaehnten reichen Holzschnitzereien sind flachrelief an +Thueren und Fenstern angebracht. + +Wohl die beruehmteste Kirche in ganz Abessinien ist jene zu _Axum_ in +Tigrie, in der ehemaligen Hauptstadt des den Griechen und Roemern bekannten +axumitischen Reiches. Sie liegt inmitten des politischen Asyls und wurde, +wie schon ihre Bauart zeigt, unter portugiesischem Einfluss 1657 an der +Stelle der 1535 von Muhamed Granje zerstoerten alten Kirche erbaut. Durch +Groesse, Reichthum und Heiligkeit uebertrifft sie alle anderen Kirchen +Tigrie's. Auf einer mit Stufen versehenen, aus gut behauenen Quadern +erbauten Terrasse schreitet man zu ihr hinauf. Vier dicke Pfeiler bilden +eine Art Porticus, von welchem man durch drei Thueren in den inneren Raum +gelangt. Dieser ist durch zwei Reihen plumper Pfeiler in drei Schiffe von +gleicher Hoehe abgetheilt, welche durch einige kleine und sehr schmale +Fenster ein sehr spaerliches Licht erhalten; die Decken bilden horizontal +liegende Balken; die Waende sind mit geschmacklosen, stark beschaedigten +Malereien beklext, der Boden mit Teppichen belegt. (Rueppell fand ihn +voller Schmuz.) Ein kleiner Thurm enthaelt eine Treppe, die zu dem flachen, +mit Zinnen gekroenten Dache fuehrt. Salt, welcher die Kirche gemessen hat, +giebt ihre Laenge zu 111, ihre Breite zu 51 Fuss an. In der Naehe steht ein +kleines niedriges Haus, in welchem zwei sehr roh in Abessinien selbst +gegossene Glocken haengen, und in einem anderen Gebaeude werden die +Pretiosen der Kirche, die Metallkronen, Kreuze und Manuskripte aufbewahrt. +Nach der Ansicht der Abessinier ist die hier aufbewahrte Bundeslade die +echte juedische aus der Zeit des Koenigs Salomo, welche Menilek, der Sohn +der Koenigin von Saba, in Jerusalem stahl und hierher brachte (vergl. +S. 3). Der Name der Kirche ist Hedar Sion und ihr Hueter, der Gouverneur +von Tigrie, fuehrt den Titel Nabr Id (Hueter der Bundeslade). Die Abbildung +zeigt unsere Anfangsvignette. + + *Die Missionen in Abessinien.* + +Schon bald nach Entstehung der englischen "Missionsgesellschaft fuer Afrika +und den Osten" wandte diese ihre Aufmerksamkeit auf Abessinien, in der +Absicht, dem dortigen Christenthume frische Anregungen zuzufuehren und +dasselbe aus seiner Versunkenheit herauszuziehen, sowie vor dem Untergange +im Muhamedanismus zu bewahren. Zu diesem Zwecke wurden nun +Missionsstationen in Malta, Kairo, Smyrna u. s. w. angelegt, von denen aus +man allmaelig bis Abessinien vordringen wollte, und durch einen +abessinischen, nach Jerusalem gepilgerten Moench die ganze Bibel in die +amharische Sprache uebersetzt, welche die verbreitetste unter den +abessinischen Mundarten ist. Die ersten Missionaere, welche nach Ategerat +(Adigrat) in Tigrie im Jahre 1830 vordrangen, waren die beiden Deutschen +_Gobat_ und _Kugler_. Der Detschasmatsch Sabagadis empfing sie freundlich, +indessen die politischen Verhaeltnisse, die immerwaehrenden Kriege zwischen +Sabagadis und Ubie um die Herrschaft Tigrie (vergl. S. 107) waren ihrem +Werke nicht guenstig. Trotzdem drang Gobat bis nach der Hauptstadt Gondar +vor, waehrend Kugler in Tigrie zurueckblieb, um bald an den Folgen einer +Verwundung, welche er sich auf der Jagd zugezogen, zu sterben. Als nun zu +derselben Zeit Sabagadis von Ubie geschlagen und getoedtet wurde, brach +auch fuer den wackern Gobat eine Zeit der Verfolgungen herein. Laengere Zeit +hielt er sich in den politischen Asylen, namentlich im Kloster Debra Damo, +verborgen, musste schliesslich aber nach Aegypten fliehen. Die Erfahrungen, +die er bezueglich seines Missionswerkes gemacht hatte, waren jedoch nur +trauriger Art; er fand, "dass der Leichtsinn dieses Volkes nicht leicht die +Wahrheit des Evangeliums auf Herz und Leben wirken laesst". _Der erste +misslungene Versuch._ + + [Illustration: Gefangennahme des Missionaers Krapf durch Adara Bille. + Nach Krapf's Reisewerk.] + +In Karl Wilhelm _Isenberg_ aus Barmen erhielt 1834 der zurueckgekehrte +Gobat einen treuen Freund und Unterstuetzer, der mit neuem Eifer das +schwierige Geschaeft anzugreifen begann. Nach langer Fahrt durch das Rothe +Meer und dreimonatlichem Aufenthalte in Massaua kamen beide im April, +begleitet von ihren Frauen, in Tigrie an, wo die Buergerkriege immer noch +fortwuetheten. Ubie sicherte indessen den Missionaeren seinen Schutz zu, die +nun mit der Verbreitung von Bibeln begannen. Gobat jedoch war infolge von +Krankheit genoethigt, schon 1836 zurueckzukehren und gegen den bleibenden +Isenberg richtete sich nun der Hass der abessinischen Geistlichkeit, die +ihren Einfluss durch seine Anwesenheit bedroht sah. Indessen Isenberg hielt +wacker aus und fand in dem Deutschen _C. H. Blumhardt_ einen Unterstuetzer +in seiner aufreibenden Arbeit. Um auf die Jugend, die man zunaechst im Auge +hatte, besser wirken zu koennen, begann man mit dem Schulunterricht und +baute ein grosses Missionshaus in Adoa, das jedoch bald die Eifersucht und +den Verdacht des Kirchenvorstehers wie des Herrschers Ubie erregte, da es +fuer eine Festung angesehen wurde, von welcher unterirdische Gaenge zum +Waffen- und Truppentransport bis Massaua fuehren sollten! Als mit Ende des +Jahres 1837 auch Ludwig _Krapf_ aus Wuerttemberg zu der kleinen Mission +stiess, fand er schon grosse Schwierigkeiten, um zugelassen zu werden, und +bereits im Sommer 1838 erhielten die Missionaere den Befehl, das Land +wieder zu verlassen. Wie Isenberg bemerkt, geschah dieses nicht ohne +Zuthun der mittlerweile gleichfalls nach Abessinien gekommenen +katholischen Missionaere, namentlich Sapeto's, dessen wir bereits oben +S. 31 gedachten. _Der zweite misslungene Versuch._ + +Nachdem so im Norden Abessiniens keine Aussichten mehr fuer eine +gedeihliche Wirksamkeit vorhanden schienen, beschloss man mit zaeher +Ausdauer im Sueden, in Schoa, das Werk fortzusetzen. + +Schon im Jahre 1837 kam zu den deutschen Missionaeren in Adoa ein Bote des +Koenigs von Schoa, welcher einen in deutscher Sprache geschriebenen Brief +ueberbrachte, der von Martin Bretzka, dem ehemaligen Jaeger Rueppell's, +herruehrte. Durch diesen liess Sahela Selassie die Missionaere um Arznei und +einen tuechtigen Mechaniker bitten, ja er verlangte, dass die Missionaere +womoeglich selbst zu ihm kommen moechten. Arznei wurde sofort nebst einem +langen Briefe von Isenberg ueberschickt, ein Mechaniker aber war nicht +vorhanden. In dem Schreiben fragte der Missionaer, ob der Koenig ihm sein +Missionswerk in Schoa gestatten wolle. Wenn er diese Frage bejahe, wuerde +er sammt seinem Kollegen Blumhardt kommen, sei dieses aber nicht der Fall, +so muesse er von der Reise nach Schoa absehen. Da Blumhardt jedoch auf eine +indische Station gesandt wurde, machten sich 1839 Krapf und Isenberg auf +den Weg nach Schoa und kamen nach einer hoechst beschwerlichen Reise auf +einem bis dahin unbekannten Wege ueber Tadschurra und das Adal-Land am 6. +Juni in Ankober beim Koenige Sahela Selassie an, der sie mit der groessten +Freundschaft aufnahm und behandelte. "Hier nun gelang es unter sehr +guenstigen Umstaenden einen guten Anfang mit der Verkuendigung des +Evangeliums und dem Schulunterrichte zu machen." Da es jedoch an Buechern +und Lehrmitteln fehlte, kehrte Isenberg nach freundlichem Abschiede im +November 1839 nach Europa zurueck, um das zur Fortfuehrung der uebernommenen +Aufgabe Noethige zu holen. + +Krapf blieb nun laengere Zeit allein in Schoa, fuehlte sich aber wohl sehr +einsam und beschloss, ehe er sein Werk weiter fortfuehrte, seine Braut +heimzufuehren. Am 11. Maerz 1842 unternahm er die aeusserst gefahrvolle Reise +von Ankober nach Massaua. Er hatte seine Richtung durch das noerdliche +Schoa und das Land der muhamedanischen Wollo-Galla genommen. Er wollte +ueber Gondar gehen und dort die Bekanntschaft des neuen, erst ein Jahr +vorher berufenen Abuna machen. + + [Illustration: Ludwig Krapf. Nach dem Stahlstich in dessen Reisewerk.] + +Vom Koenige Sahela Selassie mit einem silbernen Schwerte beschenkt, welches +ihm den Rang eines Gouverneurs ertheilte, und wohl versehen mit +amharischen Bibeln, machte sich der muthige Glaubensbote, nachdem er vom +Koenige und der damals in Schoa weilenden britischen Gesandtschaft Abschied +genommen, auf den gefahrvollen Weg. In Sella Dengai stattete er noch der +einflussreichen Mutter des Koenigs, welche beinahe halb Schoa unabhaengig +beherrschte, einen Besuch ab. Sie empfing ihn, auf ihrem Lager sitzend und +umgeben von Dienerinnen, sehr friedlich, liess sich einen bunten Schal, +einige Scheren, sowie ein Neues Testament in aethiopischer Sprache +schenken, und entliess darauf unseren Landsmann, der in die hohen kalten +Berge hinaufstieg, die sich an der Grenze der Provinzen Mans und Tegulet +hinziehen. Mans ist die groesste Provinz Schoa's und wird als Gut der +Koenigin-Witwe betrachtet; doch leben die Eingeborenen unabhaengig und mit +allen Nachbarn im ewigen Kampfe. Auch gegen Krapf waren sie hoechst +unfreundlich, der sich freute, ihr kaltes Land bald verlassen zu koennen. +Er passirte verschiedene nach Westen fliessende kleine Zufluesse des Nil und +stieg dann von den Hoehen beim Dorfe Amad-Wascha in das Thal des Flusses +Katscheni hinab, der die Grenze gegen die von den Wollo-Galla bewohnte +Provinz Gesche ausmacht. Der Haeuptling der Galla, Adara Bille, residirte +damals im Distrikte Lagga Gora und stand mit Schoa in friedlichen +Beziehungen; er empfing den Gast freundschaftlich und entliess ihn am +naechsten Tage mit einem Fuehrer versehen. + +Am 23. Maerz gelangte der Reisende an das Ufer des Flusses Beschlo und +erstieg die Hochebene von Talanta. Hier kamen ihm zahlreiche Fluechtlinge +entgegen, die mit Weib und Kind vor der Invasion eines Galla-Stammes davon +flohen und auch Krapf veranlassten, zu dem anscheinend freundlichen Adara +Bille umzukehren, der auch noch immer die alten Sympathien fuer den +Reisenden zu hegen schien. Als jedoch nach Verlauf von zwei Tagen das Land +sich einigermassen beruhigt hatte und Krapf seine Reise fortsetzen wollte, +erklaerte ihm Adara Bille, dass er ihn nach Schoa zuruecksenden muesse, da er +nur fuer _einmal_ die Erlaubniss erhalten haette, das Land zu verlassen. +Vergebens war alles Protestiren. Man suchte Gold bei ihm, nahm ihm seine +Maulthiere und Pferde und liess ihn durch Soldaten bewachen. Als er nun +trotzdem seine uebrig gebliebene Habe zusammenpackte und aufzubrechen +versuchte, wurde er ergriffen und in ein kleines Gemach abgefuehrt, wo man +ihm, unter Androhung der Todesstrafe, sein ganzes Gut, sogar seinen Mantel +wegnahm. Selbst die Taschen kehrte man ihm um und raubte ihm die letzten +Kleinigkeiten. In diesem Zustande hielt man ihn mehrere Tage gefangen, und +auf vieles Bitten gelang es ihm endlich sein Tagebuch, 3 Thaler und das +schlechteste Maulthier wieder zu bekommen. Dagegen waren fuenf Maulthiere, +140 Thaler, die Pistolen und Flinten, der Kompass, die Uhr und viele andere +werthvolle Dinge unwiderbringlich verloren. Gott war der einzige Trost des +frommen Mannes in diesen Leiden, der nun, von sechs Soldaten begleitet, +ueber die Grenze transportirt wurde.(1) + +Bettelnd gelangte er in das schoene, vom Dscherado durchstroemte Thal +Totola, in dem ein lebhafter, aus allen Theilen Abessiniens besuchter +Markt abgehalten wird. Zu beiden Seiten desselben erheben sich hohe mit +Doerfern, Weilern und Wachholderbaeumen bestandene Bergketten, die den +gebeugten Krapf durch ihre wunderbare Schoenheit entzueckten. Allein die +rohen Soldaten trieben ihn mit den Worten fort: "Du bist unser Vieh, wir +koennen mit dir anfangen, was uns beliebt." Am Ufer des Flusses Berkona, +der dem Hawasch zufliesst, traf man auf einen Kaufmann, der nicht wenig +erstaunt war, einen weissen Mann auf diese Art durch das Land gefuehrt zu +sehen. Dieser, in dessen Brust wol Mitleid rege wurde, ertheilte Krapf den +Rath, er solle laut schreien, wenn er viele Leute in den Feldern bemerke; +diese wuerden alsbald herbeieilen und ihn zum Gouverneur Amadie fuehren, der +auf einem hohen Berge zu Mofa, in der Naehe des Sees Haik, residire. Krapf +befolgte diese Weisung und sah sich bald von Landleuten umringt, die ihn +trotz des Straeubens der Soldaten befreiten und zu Amadie fuehrten, dem +Haeuptlinge der Tehulladarie-Galla. Dieser schickte die Soldaten Adara +Bille's augenblicklich zurueck und liess den geprueften Mann ruhig seine +Strasse ziehen. Auf muehevollem Wege wanderte Krapf nun von Station zu +Station durch wilde ungastliche Voelker von dem See Haik an der +nordoestlichen Grenze von Schoa ueber Jedschau, Angot, Wafila, Lasta, +Enderta und das oestliche und nordoestliche Tigrie bettelnd bis Massaua, wo +der franzoesische Konsul de Goutin ihm die Heimreise moeglich machte, die er +am 4. Mai antrat. In Schoa aber befand sich keine Mission mehr. _Der +dritte misslungene Versuch._ + +Wer jedoch glauben wuerde, die eifrigen Missionaere haetten sich durch +solchen betruebenden Ausgang abhalten lassen, weiter zu wirken, wuerde arg +irren. Mit einer Menge Lehrmittel, Bibeluebersetzungen und Woerterbuechern +versehen, preiswuerdigen Zeugnissen echt deutschen Fleisses, gingen 1842 +Isenberg, Krapf und Muehleisen abermals nach der Somalikueste, um ueber Zeyla +nach Schoa vorzudringen, wo immer noch die britische Gesandtschaft unter +Kapitaen Harris weilte. Schon an der Kueste stellten sich die groessten +Schwierigkeiten einem weiteren Vordringen nach Schoa entgegen und man traf +auf Intriguen aller Art. Auch soll der franzoesische Reisende Rochet seinen +ganzen Einfluss bei Sahela Selassie angewandt haben, um den deutschen +Maennern den Eingang nach Schoa zu verschliessen. (Vergl. S. 29.) + +Krapf hatte einen Brief an Sahela Selassie geschrieben und angezeigt, dass +er nach Ankober gehen wuerde. Nach der Ankunft des Schreibens wurden +Versammlungen in allen Kirchen der Hauptstadt gehalten, und Deputationen +der Geistlichkeit, Priester und Moenche verfuegten sich geraden Weges zum +Palaste, um den Koenig anzuflehen, dass weder Krapf noch Isenberg zugelassen +werden moechten. "Ihre Werke sind nicht die unserigen und ihr heiliges Buch +ist verschieden von dem, was in unserem Lande als das wahre betrachtet +worden ist. Erlaubt man ihnen zurueckzukehren, so wird das Volk vom Glauben +seiner Vaeter abfallen." Dergestalt gedraengt, entschied Sahela Selassie +gegen Kapitaen Harris, welcher sich fuer die Missionaere verwandte: "Isenberg +und Krapf koennen nicht wieder in mein Land kommen, mein Volk will es ihnen +nicht erlauben. Ich habe lange darueber nachgedacht und es ist besser, wenn +sie wegbleiben; ich will keinem wieder erlauben, je wieder ueber den +Hawasch zu kommen." Und dabei blieb es, die Missionaere zogen betruebt ab. +Man kann sich vorstellen, wie dieses abermalige Scheitern aller Hoffnungen +auf die glaubenseifrigen Priester zurueckwirken musste, welche durch ein +Schreiben des Kapitaen Harris von diesen Vorgaengen in Schoa in Kenntniss +gesetzt wurden. "Gern haetten wir unseren Augen und Ohren und ebenso dem +Zeugnisse dieses Briefes nicht getraut, gern uns die Sache anders gedeutet +und dargestellt; dazu fehlte uns aber alles Material, und wir mussten bei +der ersten Thatsache stehen bleiben: die Mission in Schoa ist aufgehoben, +sie ist nicht mehr." _Der vierte misslungene Versuch._ + +Waren dergestalt alle Aussichten im Sueden benommen, so wollte man abermals +das alte Feld im Norden, in Tigrie, aufsuchen und sehen, ob sich hier die +Verhaeltnisse seit 1838 nicht etwa guenstiger gestaltet haetten. Im April +1843 brachen Isenberg und Muehleisen, fortwaehrend grosse Massen von Bibeln +verbreitend, von Massaua aus, die Provinz Hamasien durchziehend, nach +Adoa, der Hauptstadt Tigrie's, auf, wo sie ihr altes Haus zum Theil +verwuestet fanden. Gleich nach ihrer Ankunft wurde die Priesterschaft und +das Volk gegen sie aufgehetzt und ihre Lage gestaltete sich von allem +Anfange an noch schwieriger als zuvor. Die Missionaere hatten ein +foermliches theologisches Examen vor den abessinischen Geistlichen zu +bestehen und wurden, als dieses nicht nach dem Wunsche der letzteren +ausfiel, in Bann gethan. Auch soll der katholische Bischof de Jacobis, +welcher damals in Adoa eine Mission leitete, gegen sie intriguirt haben. +Isenberg reiste nun selbst in das Feldlager des Herrschers Ubie, wurde +aber von diesem nicht vorgelassen, sondern mit dem Bescheid abgewiesen: +"er habe die Abessinier lange genug durch Abendmahlhalten, Taufen, Trauen, +Begraben in seinem Hause beleidigt, deshalb sei er frueher aus dem Lande +gewiesen; jetzt sei er wiedergekommen und verharre in seiner +Hartnaeckigkeit; er habe die Jungfrau Maria gelaestert, ja, er sei soweit +gegangen, dass er in den Schriften der Apostel unterrichten wolle. Er solle +also in sein Land zurueckkehren, denn in Tigrie duerfe er nicht bleiben." So +mussten die Missionaere also auch jetzt wieder umkehren, und nun schien der +letzte Hoffnungsstrahl vernichtet. Isenberg troestete sich dann ueber das +Scheitern seines Missionswerkes folgendermassen: "Durch das ganze Land +hindurch hat sich ein bestimmter Eindruck von dem Zwecke unserer Mission +verbreitet, und was noch weit mehr ist, sie haben mehr als 8000 Exemplare +verschiedener Theile der Heiligen Schrift in amharischer und aethiopischer +Sprache, unter welchen sich eine Anzahl amharischer ganzer Bibeln +befindet, erhalten, welche nun auch nicht muessig liegen, sondern gewiss eine +stille Wirksamkeit auf manche ihrer Besitzer und Leser ausueben werden. Die +Abessinier haben sich durch gleichgiltige Vernachlaessigung und unglaeubige +Verachtung des Evangeliums, durch ihr starres Anhangen an ihren +eingewurzelten Thorheiten und Suenden, durch ihre allgemeine Traegheit und +Habsucht einer laengeren Fortdauer der evangelischen Mission in ihrem Lande +fuer unwerth erklaert, und dem Herrn hat es in seinem Wunderrathe gefallen, +sie fuer die naechste Zukunft aufzuheben." _Der fuenfte misslungene Versuch._ + +Ehe wir die ferneren Anstrengungen der protestantischen Missionaere hier +schildern, die trotz Allem keineswegs gewillt waren, das unfruchtbare Feld +aufzugeben, muessen wir hier die Thaetigkeit der kaum minder eifrigen +katholischen Glaubensboten anfuehren, die aber fast ebenso wenig Erfolge +aufzuweisen haben, wie jene. Es ist eine betruebende Thatsache, dass ueberall +katholische und protestantische Missionaere einander befeinden. Kaum ist +ein Katholik auf irgendeinem neuen Gebiete erschienen, um fuer seinen +Glauben Propaganda zu machen, so folgt ihm ein Protestant, macht ihm das +Feld streitig und beginnt unter den braunen, schwarzen, gelben oder rothen +Menschen fuer seine Sache zu wirken. Oder umgekehrt. Leicht waere es, +hierfuer viele Beispiele anzufuehren, denn in Afrika, Nordamerika, auf +Madagascar, in der Suedsee, ueberall wiederholt sich dasselbe Schauspiel, +und die Eingeborenen sollen schliesslich Richter sein zwischen den Lehren +des Protestantismus und Katholizismus. Dass auf diese Weise die Sache nicht +gefoerdert wird, ist nur zu natuerlich. Jeder Theil schiebt indessen die +Schuld auf den andern, und dem Unparteiischen faellt es schwer, anders zu +entscheiden, als dass _beide_ gefehlt. So auch in Abessinien. + +Die katholische Kirche betrachtete das Land seit der Verjagung der +Jesuiten im 17. Jahrhundert immer nur wie eine abgefallene, aber wieder zu +erobernde Provinz und beschloss, auch diese Eroberung zu beginnen, kurz +nachdem die Protestanten sich in Tigrie niedergelassen hatten. Der Anfang +damit wurde im Maerz 1838 gemacht, als der italienische Priester _Giuseppe +Sapeto_ zugleich mit dem Reisenden _M. Abbadie_ in Adoa ankam. Bei Ubie +stellte er sich als Eins mit den Abessiniern in der Religion dar und +gewann bald Einfluss, den er, eingestandenermassen, gegen die Ketzer +Isenberg und Krapf verwandte, sodass diese mit Recht seinem Einflusse ihre +Verjagung aus Adoa zuschreiben. Sapeto besuchte nun die abessinischen +Kirchen, schloss sich dem Gottesdienst an und geberdete sich in Allem als +abessinischer Christ und arbeitete nicht ohne Erfolg. Er machte 22 +Proselyten, die jedoch spaeter wieder zu ihrer Landeskirche zuruecktraten. +Ehe er Abessinien verliess, bewog er den Etschege, das Oberhaupt der +abessinischen Moenche, einen Brief an den Papst zu schreiben, dessen Primat +als Nachfolger Petri die Abessinier im Allgemeinen anerkennen, ohne ihm +jedoch eine Macht ueber ihre Kirche einzuraeumen. Die verschiedenen +Sendungen der franzoesischen Regierung trugen ohnehin dazu bei, das Werk +der roemischen Mission in Adoa zu foerdern, und so entschloss sich denn der +Papst, mit noch groesserem Nachdrucke aufzutreten. Der Pater de Jacobis, ein +Piemontese von Geburt und frueher Beichtvater der Koenigin von Neapel, ein +durch grosse Kenntnisse und geistige Gaben ausgezeichneter Mann, ging mit +sechs Gefaehrten nach Adoa, wo er bei Ubie zu bedeutendem Einflusse +gelangte und von diesem mit der Gesandtschaft betraut wurde, welche 1841 +den neuen Abuna Abba Salama abholen sollte. Waehrend de Jacobis weiter nach +Rom ging, wo er einige junge Abessinier als "Gesandte des Koenigs von +Aethiopien an den Papst" vorstellte, agitirte der junge Abuna hinter +seinem Ruecken und griff zu allen moeglichen Mitteln, um die katholischen +Proselyten wieder zur Landeskirche zurueckzubringen, was ihm auch gelang, +sodass Jacobis nach seiner Rueckkehr in Adoa sich darauf beschraenken musste, +seiner zahlreichen Dienerschaft im Missionshause Gottesdienst zu halten. +Wie der Abuna ueber den katholischen Missionaer dachte, sieht man aus einem +Schreiben, welches er 1843 an Isenberg kurz vor dessen Abgang richtete und +in welchem es heisst: "Wenn Sie selbst den "Jakob" vertreiben koennen _und +dann in Ruhe hier bleiben_, so wird Alles gut gehen; wenn Sie das aber +nicht koennen, so werde ich auch ihm nicht erlauben, in unserm Lande zu +bleiben. Wenn ich ihn aber vertreibe, so werden wir verhasst werden, und +man wird sagen, ich sei ein Freund der Englaender. Wenn Sie mir aber sagen, +ich solle ihn vertreiben, so will ich ihn vertreiben." Die Katholiken +hatten eine lange Zeit in Abessinien wirken koennen, denn erst im Fruehjahr +1855, als Theodor ueber seinen Gegner Ubie siegte, wurden sie von ersterem, +dem es an der Einheit der Staatskirche lag, verjagt. Justin de Jacobis +sollte Anfangs getoedtet werden, allein Theodoros liess sich durch den Abuna +bestimmen, ihn einfach ueber die Grenze zu weisen und mit 100 +Stockstreichen zu bedrohen, wenn er wieder nach Habesch kommen sollte. +Theodoros hielt sich zu diesem Schritte berechtigt, so lange der Papst in +Rom anders lehrende Priester in seinem Gebiete und seiner Kirche nicht +dulde und weil er neben seinem eigenen Papste (dem Abuna) einen fremden +nicht zulassen koenne. Die Anhaenger der roemisch-katholischen Kirche mussten +zum abessinischen Glauben zurueckkehren, und so war die siebzehnjaehrige +Thaetigkeit derselben mit einem Schlage vernichtet. Jacobis zog sich nach +dem Grenzorte Halai zurueck, wo er am 31. Juli 1860 starb. Indessen sollen +noch mehrere Gemeinden in Okulekusai und das Hirtenvolk der Irop zu den +eifrigen Anhaengern der katholischen Mission zaehlen. Auch in der Provinz +Agamie und Bogos (zu Keren) waren Jesuiten angesessen, und mehr als 30 +eingeborene Priester, die fuer das Land sehr gebildet sind, breiteten den +Glauben um so eifriger aus, da sie als Landeskinder nicht das Misstrauen, +das jeden Fremden empfaengt, zu bekaempfen hatten. Die Kirchen wurden +fleissiger besucht, die Ehen regelmaessiger geschlossen und das Volk darum +schon eher fuer den Katholizismus gewonnen, weil die Jesuiten namentlich +den Mariendienst stark kultivirten, der den Abessiniern zusagt. Allein +gegen die Feindschaft Theodor's und des Abuna konnten auch die Katholiken +nicht aufkommen, und ihre Mission hatte ein Ende. _Der sechste misslungene +Versuch._ + +Zu derselben Zeit nun, als die Katholiken aus Abessinien vertrieben wurden +und dort die grossen politischen Umwaelzungen stattfanden, welche Theodor +ans Ruder brachten, beschloss Bischof Gobat die protestantische Mission, +die in Tigrie seit 1838 unterbrochen war, abermals zu erneuern und sandte +zu diesem Zwecke Ludwig Krapf, den unermuedlichen Kaempfer, und _Martin +Flad_, gleich jenem ein Wuerttemberger, im Dezember 1854 nach Abessinien. +Die Sendboten landeten am 20. Februar 1855 zu Massaua. Hier traf nun bald +der fluechtige de Jacobis ein, dessen Stelle zu besetzen die +protestantischen Missionaere sich schleunig anschickten. Alles stand fuer +sie guenstig; sie brachen ins Innere auf und fanden den Koenig im Lager in +der Naehe von Debra Tabor, der sich ungemein freundlich gegen die +Missionaere benahm. Dass er die Protestanten schuetzen, die Katholiken aber +keineswegs dulden wolle, war eine angenehme Nachricht fuer Krapf, der +sofort seine Geschenke auspackte. Diese bestanden in einem aegyptischen +Teppich, einem Revolver, einem silbernen Becher, einem Taschentuch, auf +dem eine Flaggenkarte abgedruckt war, und aus einer Bibel in amharischer +Sprache. Das Taschentuch freute den Koenig sehr, und als er bemerkte, dass +die Flagge von Jerusalem nicht in der Mitte stehe, fragte er nach der +Ursache. Krapf theilte nun dem Koenige mit, dass Bischof Gobat ihm eine +Anzahl christlicher Handwerker, Buechsenmacher, Schmiede u. s. w. schicken +wolle. Dieser Plan fand guenstige Aufnahme, um so mehr als der Koenig +bereits die Absicht hatte, nach Deutschland, England und Frankreich zu +schreiben, um sich von dort Arbeiter kommen zu lassen. Die Freiheit der +Religion wurde diesen Leuten ausdruecklich gewaehrleistet, eine +Missionsthaetigkeit unter den christlichen Abessiniern ihnen jedoch nicht +gestattet. Krapf und Flad zogen hierauf ueber Wochni, Metemme und Sennar, +den Nil abwaerts nach Europa, wo sie Bericht ueber ihre Reise erstatteten. +Schon im April 1856 gingen denn unter Flad's Leitung mehrere Laienbrueder +aus dem Chrischona-Institute bei Basel nach Abessinien. Sie wurden Anfangs +gut aufgenommen und zu Dschenda bei Gondar und Gafat bei Debra Tabor +angesiedelt. Ihre spaetere Wirksamkeit faellt indessen mit der politischen +Geschichte des Koenigs Theodoros zusammen, weshalb wir hier darauf +verzichten, sie zu schildern. Wohl waren sie als Handwerker thaetig, +indessen konnten sie fuer die Ausbreitung des Protestantismus so gut wie +gar nichts thun, und ihre Anwesenheit in Abessinien bezeichnet den +_siebenten misslungenen Missionsversuch_. Gleich ihnen waren auch die etwas +spaeter eintreffenden Judenmissionaere _Stern_ und _Rosenthal_ ungluecklich, +deren Beginnen als der _achte missglueckte Versuch_ hier angefuehrt werden +muss. + + -------------- + +Wohl ist das Missionswerk ein preiswuerdiges, wohl verdienen jene Maenner +wegen ihres Eifers, ihrer unermuedlichen Ausdauer unser Lob. Allein von +Missgriffen waren die wenigsten frei und das stete Einmischen in die +politischen Verhaeltnisse des Landes ein arger Fehler. Auch ist ihr Blick +selten vorurtheilsfrei den gegebenen Verhaeltnissen gegenueber gewesen und +leere Hoffnungen traten stets an die Stelle wirklicher Erfolge. Reisende, +die ungetruebten Blickes Land und Leute kennen lernten, waren deshalb auch +ferne von den gleichen argen Taeuschungen und stellten mit seltener +Einmuethigkeit das Erfolglose der Missionsbestrebungen in Abessinien dar. +Allein ihre klaren, fuer uns unumstoesslichen Anschauungen und Beweise haben +fuer die Missionaere nicht die geringste Geltung, die beim Buchstaben der +Schrift stehen bleiben. Doch halten wir mit dem eigenen Urtheile zurueck +und lassen wir die Aussprueche einiger der bewaehrtesten Reisenden ueber die +Missionen in Abessinien folgen. + +_Werner Munzinger_ ist mit der Handwerkermission, insofern dieselbe +einfach Bildung verbreiten hilft, einverstanden. "Abessinien aber +protestantisch machen zu wollen, faehrt er fort, das waere ein Beginnen, so +radikal allem Hergebrachten ins Gesicht schlagend, dass die Leute, denen +man ploetzlich ihren frommen Glauben und besonders die Verehrung der Mutter +Gottes rauben wollte, von allem Christenthum abwendig wuerden. Das +ruecksichtslose Abreissen wuerde sie so stutzig und verwirrt machen, dass sie +das Kind mit dem Bade ausschuetten und den Glauben allen zusammen, sogar an +Gott, wegwerfen wuerden, und mit der Verkuendigung einer Religion, die keine +Verwandtschaft mit dem hat, was bis jetzt fuer schoenes goldenes +Christenthum galt, wird allein ein krasser, gedankenloser Unglaube +gepflanzt, der dem Volke den moralischen Halt nimmt, den ihm sein alter +Glaube verliehen hatte. Wo aber ein Volk einmal den Glauben der Apostel +rein bewahrt zu haben glaubt, da darf man des Systemes halber nicht in ein +Extrem fallen; man muss nur das Moegliche versuchen, nur das Moegliche ist +gut." + +Weit unumwundener spricht sich _Alfred Brehm_ aus. Er schreibt: "Die +Bemuehungen der Missionaere sind zeitweilig von grossen Erfolgen gekroent +gewesen. Zeitweilig, sage ich, das heisst, so lange die Mission Geschenke +der verschiedensten Art, namentlich Schnaps und Wein, zu verabreichen +hatte. Je mehr aber der Vorrath an diesen beliebten Getraenken abnahm, um +so lauer wurden auch die Christen, und in den Zeiten der Duerre benahmen +sie sich regelmaessig so, als waeren sie niemals Christen gewesen. Es geht +hier eben wie fast ueberall, wo christliche Missionaere wirken: sie gewinnen +in kurzer Zeit eine Menge Leute, welche sich dazu verstehen, einige +Gebraeuche des Christenthums nachzuaeffen! Dass man sich in der Lehre, wie in +der Ausuebung auf Aeusserlichkeiten beschraenkt, versteht sich ganz von +selbst. - - Es verdient endlich einmal gesagt zu werden, dass die +christlichen Missionen in Afrika in Glaubenssachen eben nichts anderes +bewirken, als ueberspannten oder glaubenskranken Europaeern eine gewisse +Genugthuung zu geben." + +Der klar blickende _Baker_, welcher in Galabat mit ein paar von den +Chrischona-Missionaeren zusammentraf, unter denen sich ein Grobschmied +befand, machte ihnen bemerklich, dass daheim in Europa ein sehr grosses Feld +fuer die Missionsthaetigkeit offen liege und dass es sicherer und besser sei, +dieses zu bebauen. "Ich konnte aber den Grobschmied, dessen Kopf so hart +wie sein Amboss war, nicht ueberzeugen. Er hatte sich vollstaendig +eingeredet, dass das Wort Gottes der Hammer sei, mit dem er, seinem +Handwerk entsprechend, seine Ansichten von der Wahrheit den Leuten in die +dicken Schaedel treiben muesse. Ich rieth ihm wieder zu seinem Handwerk zu +greifen, das ihm mehr Respekt verschaffen werde als sein Predigen. Er +antwortete, das Wort Gottes muesse in allen Laendern gepredigt werden; der +Apostel Paulus sei auch Gefahren und Schwierigkeiten begegnet, aber er +habe nichtsdestoweniger gepredigt und die Heiden bekehrt. So oft ich einem +uebermaessig unwissenden Missionaer begegnet bin, hat er sich immer mit dem +Apostel Paulus verglichen." + +Endlich urtheilt der fromme und religioese _Zander_, hart aber wahr, +folgendermassen: "Alle abessinischen Missionen, die bisher hier waren, +haben ihre Aufgabe durchaus falsch angegriffen, indem sie sich an die +Erwachsenen wandten. Das Volk koennte nur einzig und allein dadurch gehoben +werden, dass man sich der Kinder von frueh auf sorgfaeltig annaehme und sie +gut erzoege. Eine Mission, die sich ungehindert dieser Aufgabe hingeben +wuerde, koennte unendlichen Segen und Nutzen stiften, allerdings nicht fuer +die Gegenwart, wohl aber fuer die Zukunft. Doch die bisherigen Leiter aller +Missionen sammt ihren Gehuelfen waren rein unfaehig, eine solche Aufgabe zu +vollfuehren, und die Missionshaeupter wurden stets von Eitelkeit, Hochmuth +und grenzenloser Selbstsucht regiert. Sie schuetteten stets das Kind mit +dem Bade aus." + +Diese vorurtheilsfreien Stimmen, neben welchen leicht noch viele aehnlich +lautende Aussprueche angefuehrt werden koennten, moegen zur Bildung eines +Urtheils ueber das abessinische Missionswesen genuegen. + + + + + + [Illustration: Abessinierin, Getreide reinigend. Originalzeichnung von + Eduard Zander.] + + + + + + DER ACKERBAU UND DIE VIEHZUCHT ABESSINIENS. + + + Von Eduard Zander. + + + Die Kulturflaeche Abessiniens. - Die Getreidearten, ihre + Anpflanzung und Verwendung. - Gewuerze, Gemuese, Wein, Baumwolle, + Gescho. - Ernteertrag. - Nuk. - Einfelderwirthschaft. - + Ackerwerkzeuge. - Regenzeit. - Bewaesserung. - Soziale Stellung der + Landleute. - Die Viehzucht. - Die Regierung und der Grundbesitz. - + Das Frohnwesen. - Steuern. - Wiesen und Moorgrund. - Bienenzucht. + - Aussicht fuer europaeische Ansiedelungen. - Die Wohnungen der + Landleute. - Die Muehlen Abessiniens. + + +Abessinien besitzt sehr viel Land, welches sich vortrefflich zum Anbau +eignet; jedoch kann man mit Sicherheit annehmen, dass von allem +kultivirbaren Boden kaum die Haelfte benutzt wird, sodass ungefaehr von der +gesammten Bodenoberflaeche kaum ein Drittel bebaut erscheint. + +Die zwischen 8000 und 10,000 Fuss ueber dem Meere gelegenen Hochlaender, wie +Semien, die Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes, Begemeder, +das Innere von Godscham, namentlich die Gebirge um die Quellen des Blauen +Nil, Sebit, Woadla, Daunt, Talanta, Lasta, Jedschu Wollo und Schoa sind +meist eben und abwechselnd mit sanften Huegeln und Hoehen bedeckt, die eine +zwei bis acht Fuss maechtige, sich nie erschoepfende Humusdecke tragen. In +allen diesen Laendern wird, manchmal bis zu 11,000 Fuss hinaufreichend, die +vierreihige Gerste kultivirt, waehrend die zweireihige nur zwischen 7000 +und 8000 Fuss Meereshoehe angebaut wird. Die verschiedenen Arten des +Weizens, unter denen die Eidscha genannte die vorzueglichste ist, gedeihen +nur zwischen 8000 und 9000 Fuss; in derselben Hoehe kommt der Flachs am +besten fort, obwol er bis zu 6000 Fuss hinabgeht. Die Flachsbereitung zu +Webereien kennt der Abessinier nicht; er baut das nuetzliche Gewaechs nur, +um aus den Samen zur Fastenzeit ein Lieblingsgericht herzustellen. Die +Bereitung desselben ist sehr einfach. Man roestet zunaechst die Samen in +einem flachen Tiegel ueber Feuer, doch nicht zu stark, und zerstoesst sie +hierauf in einem hoelzernen Moerser sehr fein. So zubereitet laesst sich die +gestossene Masse in Kugeln formen und fuer lange Zeit aufbewahren. Um aus +diesen ein Leingericht herzustellen, werden einige Kugeln in Wasser zu +einer dicken Suppe zerruehrt, und in diese taucht der Abessinier seine +gesaeuerten, duenn gebackenen Brote. Fuer weitere Reisen ist diese Speise +ausserordentlich praktisch, ja fast unschaetzbar; ich selbst habe mich +derselben haeufig bedient und kann nur sagen, dass sie eine wohlschmeckende +ist. Linsen und Saubohnen gehen bis zu einer Hoehe von mehr als 9000 Fuss. +Als Gemuese werden in dieser Hoehe angebaut: Kohl, Senf und Knoblauch. + +Zwischen 6000 und 8000 Fuss Meereshoehe finden wir auch ganz vortreffliche +zum Ackerbau geeignete Landschaften: Hamasien und Serawie mit durchgaengig +urbarem Boden, liegen 7000-7500 Fuss ueber dem Meere; die Distrikte Dixan, +Adigrat, Schumnesanie, Hausien, Faresmai, Adoa, Okulekusai, Adiarwate, +Schirie, Tembien, Axum, Auker, Enderta u. s. w., die zu Tigrie gerechnet +werden, und von Amhara: Bellesa, das niedere Woggera, ganz Dembea, das +niedere Begemeder, Dakussa, Halefa, das niedere Lasta u. s. w. In den +genannten Laendern auf einer Hoehe von 7000 bis herab zu 5500 Fuss gedeihen +vorzueglich folgende Getreidearten: Tief, das werthvollste und +wohlschmeckendste Korn, von dem viele Abarten gebaut werden; Mais oder +Maschilla, der gleichfalls in verschiedenen Varietaeten vorkommt; Dakuscha, +die besonders zur Bierbereitung dient; Nuk, dessen Samen ein +vortreffliches Speiseoel liefert und der in grosser Menge angebaut wird. +Schimbera, eine Wickenart; Erbsenarten; Saubohnen; als Gemuese gelten: +viele Melonensorten, spanischer Pfeffer, Zwiebeln, Kohl u. s. w. + +Von 5000 Fuss bis zu 3000 Fuss ueber dem Meere werden noch besonders Mais und +Dakuscha gebaut, die dort vorzueglich gedeihen. Dann Schimbera, spanischer +Pfeffer und besonders Melonen. Auch kommt die Baumwolle gut fort. + +Nach diesem fluechtigen Umriss, der nur dazu dient, die Kulturpflanzen nach +der Hoehe ihres Standpunktes und Vorkommens ueber dem Meere anzufuehren, gehe +ich ausfuehrlicher auf deren Nutzbarkeit und Anwendung, deren Ertrag und +Preis, sowie auf Saatzeit und Ernte einer jeden ein. + +_Gerste_ kommt zwei- und vierzeilig vor; letztere wird zwischen 8000 und +11,000 Fuss angebaut; da sie gegen Kaelte und rauhe Witterung nicht so +empfindlich ist wie die erstere, laesst sich ihre Kultur mit mehr Gewinn +betreiben. Allein sie hat sehr dicke Huelsen und deshalb geben die Koerner +nicht viel Mehl, naemlich 16 Metzen Gerste nur 10 Metzen Mehl. Wenn, wie +gewoehnlich, im Maerz und April einiger Regen gefallen ist, findet die +Aussaat statt. Ende Juni folgt dann eine - meist missrathende - Nachsaat. +Jedoch ist die Aussaat nicht ueberall gleichzeitig. So saeet man im +Hochlande von Wollo die Gerste fast zu jeder Zeit. Gewoehnlich faellt die +Ernte Mitte Oktober bis Ende November; auf den Hoehen ueber 11,000 Fuss aber +in den Dezember. Unregelmaessige Aussaaten und Ernten sind von der Lage und +Hoehe des Feldes abhaengig. Die gewonnene Gerste wird zur Bierbereitung und +zum Brotbacken benutzt. Die _Gerstenbrote_ sind 2-3 Linien dicke, +anderthalb Fuss im Durchmesser haltende runde Kuchen. Der Teig zu denselben +wird sehr duennfluessig angestellt, einer zwoelfstuendigen Gaehrung ueberlassen +und ist dann sofort zum Backen geeignet. Die fluessige Masse wird in eine +flache, thoenerne Schuessel gegossen, mit der Hand gleichmaessig vertheilt, +mit einem gewoelbten Deckel ueberdeckt und in einer Minute ueber freiem Feuer +gar gebacken. Diese Art der Bereitung von gesaeuertem Brote wird bei allen +Getreidearten ohne Ausnahme angewandt. + +Zur _Bierbrauerei_ wird die Gerste ohne vorheriges Malzen schwach braun +geroestet, dann grob gemahlen, das erhaltene Mehl in einen grossen thoenernen +Krug geschuettet und unter stetem Umarbeiten so viel Wasser zugegossen, bis +das Ganze in einen nicht zu dicken Brei verwandelt worden ist. Nun wird +auf folgende Art die eigentliche Wuerze bereitet. Man quellt Gerste in +einem Thonkruge 24 Stunden lang, schuettet das Wasser davon ab und +schichtet das gequollene Getreide in einem spitzen Haufen auf, den man mit +Gras oder Laub dicht zudeckt und mit Steinen beschwert. Dieser bleibt so +lange in Ruhe, bis die Gerste 2-3 Zoll lange Keime getrieben hat; dann +trocknet man diese schnell und bewahrt sie auf. Dieses Malz wird zur +Bierbereitung nun auf folgende Art verwendet. Man nimmt auf 32 Metzen +geroestetes Gerstenmehl 1/2 Metze Malz, das vorher zu Mehl zerrieben und, mit +3 Metzen geroestetem Gerstenmehl vermischt, zu Teig angeruehrt ist. Diese +Masse laesst man kurze Zeit gaehren und baeckt aus dem so erhaltenen Teige +duenne brotartige Kuchen, die am Feuer hart getrocknet und in kleine +Stueckchen zerbroeckelt werden. Die Quantitaet derselben und das geroestete +Gerstenmehl stehen in einem genauen Verhaeltnisse. Die gemischte Masse wird +in ein trichterfoermiges Pferdehaarsieb, das auf einem Thonkruge steht, +gestellt, dann Wasser darueber gegossen und nun unter fortwaehrendem +Wasserzugiessen so lange durchgeruehrt, bis aller Mehlstoff, mit +Zuruecklassung der Huelsen, in den Krug geflossen ist. Nach vier bis sechs +Stunden tritt in dem mit Wasser noch verduennten Inhalte des Kruges Gaehrung +ein und das Bier ist zum Trinken fertig. Biere von anderen Getreidearten, +wie Dakuscha oder Mais, werden auf dieselbe Weise bereitet. In Thonkruegen, +deren Deckel mit Lehm und frischem Kuhmist verstrichen sind, haelt sich das +Gebraeu oft geraume Zeit. + +Der _Weizen_ wird zwischen 7000 und 9000 Fuss ueber dem Meere angebaut. Die +Saatzeit faellt mit jener der Gerste zusammen; die Ernte ist etwas spaeter. +Wie schon bemerkt wurde, kultivirt man verschiedene Sorten. Die +gewoehnliche Benutzung des Weizens ist zur Bereitung von Hampascha-Brot, +dessen Teig mit Bierhefe angestellt, dick und steif ausgewirkt und zu +Broten von 11/2 Zoll Dicke, aber beliebiger Groesse, verbacken wird. + +_Dakuscha_ (_Eleusine_) wird zwischen 3500 und 6500 Fuss gebaut, ist aber +besonders in den Hoehen zwischen 4000 und 5000 Fuss sehr ergiebig. Dieses +Getreide dient vorzueglich zur Bier-, weniger zur Brotbereitung; verbaeckt +man es jedoch, so sind die warmen Kuchen sehr wohlschmeckend und naehrend. +Die Saatzeit faellt Anfang Maerz; die Ernte in den November und Dezember. Es +giebt schwarze und weisse Dakuscha. + +_Tief_ oder Tef (_Eragrostis_), zwischen 5500 und 7500 Fuss gebaut, ist das +beliebteste, in einer Menge Arten vorkommende Getreide Abessiniens und das +aus diesem bereitete Brot das allerwohlschmeckendste im Lande, besonders +das rein weisse. Die Saatzeit richtet sich nach den verschiedenen Sorten. +Sie faellt von April bis Mitte Juni und danach die Ernte von Ende September +bis Anfang November. + +_Mais_ oder Maschilla, in verschiedenen Sorten gebaut zwischen 3000 und +7000 Fuss, gedeiht am besten zwischen 3000 und 5000 Fuss, wo er oft zwei- +und dreihundertfaeltigen Ertrag liefert. Man verwendet ihn zum Brotbacken +und zur Bierbereitung. Die Aussaat beginnt im April, die Ernte faellt - je +nach Sorte und Standort - in den November und Dezember; in Woro Haimano +gar schon zu Anfang Oktober. + +_Schimbera_ (_Lathyrus_), eine Wickenart, zwischen 4000 und 7000 Fuss +angebaut, wird vorzueglich zu Schiro, einem Lieblingsgerichte der +Abessinier, verwendet. Man roestet hierzu die Samen, enthuelst sie auf der +Muehle, setzt spanischen Pfeffer, geroestete Zwiebeln und Salz zu und mahlt +die ganze Masse zu Pulver. In siedendes Wasser nach und nach eingeruehrt, +mit Schmalzbutter oder Oel gefettet, bildet es ein gutes Gericht. Auch +backt man aus dem Mehle ungesaeuerte Kuchen, die als Reiseprovision +geschaetzt sind. Die Saat beginnt gleich nach der Regenzeit - da die +Pflanze trockene Luft und Sonne liebt - also Anfang September. Wo die +Felder nass und sumpfig sind, beginnt die Aussaat erst im Oktober oder gar +im November. Die Ernte erfolgt drei Monate spaeter. Man unterscheidet eine +weisse und eine gelbe Schimbera. + +Zwei Arten _Saubohnen_ und eine _Erbse_ werden wie die vorige verwendet. +Man baut sie zwischen 6000 und 9000 Fuss, saet zu Anfang Juli und erntet im +Oktober. + + [Illustration: Henset-Bananenpflanzung (_Musa Ensete_). Nach v. + Heuglin (Natur 1861).] + +Die _Linse_ kultivirt man zwischen 6000 und 9500 Fuss. Die Saat derselben +erfolgt Anfang Juli, die Ernte Anfang Oktober. Gewoehnlich enthuelst man die +Linsen auf der Muehle, kocht sie, wuerzt sie mit Pfeffer, Salz und Butter +und geniesst sie auf diese Weise. Wo sie aber, wie in Woadla und Daunt, +viel gebaut wird, baeckt man auch gesaeuertes Brot daraus, das allerdings +nicht sonderlich gut ist. _Eiwisch_, eine Bohnen- oder Kleeart, zwischen +6000 und 7000 Fuss, wird im August gesaet und im Dezember geerntet. Die +abgekochten und fein zerriebenen, dann so lange umgeruehrten Samen, bis sie +einen kleisterartigen Brei liefern, der mit Knoblauch und Pfeffer gewuerzt +wird, sind die beliebteste Fastendelikatesse der Abessinier. _Atunkere_, +eine Schlingbohne, zwischen 5000 und 6500 Fuss gebaut, im April gesaet, +Anfang November geerntet, wird wie die Linsen gegessen. + +Der rothe oder _spanische Pfeffer_ ist das hauptsaechlichste und +beliebteste Gewuerz der Abessinier, das diesen so unentbehrlich geworden +ist, dass sie es handvollweise den Speisen beimischen. Die abgekochten, +aber fortwaehrend feuchtgehaltenen Fruechte werden auf der Muehle zu feinem +Pulver zerrieben, dann eine gleiche Quantitaet geroesteter, feingemahlener +Zwiebeln zugesetzt, einige wohlriechende, pulverisirte Pflanzen und Salz +beigemischt und die so bereitete Wuerze aufbewahrt. Manchmal reibt man den +Pfeffer auch nur mit Salz und Wasser ab. Man baut den Pfeffer zwischen +4000 und 6500 Fuss und bewaessert ihn wohl; in Dembea wird er ohne +Bewaesserung gezogen und Ende Oktober geerntet. Andere Gewuerze sind +Sinjewil, eine beliebte, dem Pfeffer beigemischte Kalmuswurzel; gleich +dieser benutzt man noch Adees, eine Rubiacee, die Samen der Awoseda, einer +Umbellifere, und Schenadam, eine Labiate. Die Samen des Foeto, welches +unserer Gartenkresse gleicht, werden gleichfalls gegessen; jene des Schuf, +einer Compositee, wie Schiro zubereitet. Dinnitsch ist ein Convolvulus, +dessen den Kartoffeln aehnliche Wurzelknollen eine wohlschmeckende Speise +liefern. + +Zu den _Gemuesen_ uebergehend, erwaehne ich zunaechst zwei sehr beliebte, wie +unser Raps aussehende Kohlarten, deren Blaetter wie Spinat gekocht werden. +Im Tiefland gedeiht der Kohl nur in der Regenzeit bis zu Anfang Oktober; +im Hochland aber bis zu 10,000 Fuss gruent er das ganze Jahr hindurch. Der +reichliche, oelige Samen wird nur zur Aussaat und zum Einreiben der +Backschuesseln benutzt, damit sich das Brot gut loese. Das einzige Gemuese, +auf dessen Anbau die Abessinier neben dem rothen Pfeffer noch Fleiss +verwenden, sind verschiedene Melonenarten, die nicht roh, wohl aber +gekocht genossen werden. Die Samen legt man Anfang April; fehlen dann die +Regen, so muessen die jungen Pflaenzchen bis zum Eintritt der Regenzeit +bewaessert werden. Die Fruechte beginnen Anfang September zu reifen. In +einigen Gegenden baut man auch vortreffliche Gurken (Wuschisch). Das +Gewuerz Bello, eine Solanumart, dessen Samen aehnlich wie der rothe Pfeffer +benutzt werden, kultivirt man besonders in Walduba bis zu 6000 Fuss Hoehe. +Man bedient sich seiner namentlich in den 60taegigen Osterfasten. + +In der gleichen Zeit bildet auch der Knoblauch, der zwischen 7000 und 8500 +Fuss haeufig gebaut wird, einen betraechtlichen Handelsartikel. Er wird dann +stark gegessen, und man sieht sehr oft, wie der Abessinier ganze Haende +voll der rohen Zwiebeln hinabwuergt. Es kann nichts Unangenehmeres geben +als die Beruehrung mit einem Knoblauchsfresser, dessen stinkender Athem +unertraeglich ist. Die Reife des Knoblauchs beginnt im Januar und Februar. +Mit dem Ausgange der Regenzeit pflanzt man eine kleine, rothe, laengliche +Zwiebel; sie wird bewaessert und reift zugleich mit dem Knoblauch. Ihre +Verbreitungsregion ist zwischen 5500 und 8000 Fuss; der Handel damit sehr +bedeutend. + +Die _Banane_ oder Mus (_Musa paradisiaca_) wird zwischen 5000 und 6500 Fuss +kultivirt. Hoeher hinauf bis zu 7500 Fuss kommt eine zweite ihr ganz +aehnliche Art, die _Henset_, vor. Ihre kleinen Fruechte sind aber nicht +essbar, dagegen liefern der fleischige Stamm und die starken Blattrippen im +gekochten Zustande eine nahrhafte, wohlschmeckende, den Kartoffeln +aehnliche Speise. Diese Riesenpflanze liefert in manchen Gegenden die +Hauptnahrung der Bewohner. Sie wird angebaut von 5500 bis zu 8000 Fuss ueber +dem Meere. + +Der _Wein_ kommt zwischen 5000 und 7500 Fuss ueber dem Meere vor, ist aber +nur sehr wenig in Abessinien verbreitet, doch von ganz vortrefflichem +Geschmack; ja, ich kann behaupten, dass, wenn man denselben mit +europaeischer Umsicht, Geschicklichkeit und Pflege behandelte, er seines +Gleichen nicht finden wuerde. Doch der Abessinier kennt weder Pflege noch +Wartung des edlen Gewaechses, dessen Verschneiden ihm ein unbekanntes Ding +ist; er ueberlaesst die Rebe ganz sich selbst. Aber es giebt ungemein viel +Strecken im Lande, die unter verstaendigen Haenden sich ganz vorzueglich zur +Weinkultur eignen wuerden. Man baut nur eine Sorte mit grossen, blaubeerigen +Trauben, die je nach Stand und Ort von Anfang Maerz bis Mitte April reifen. +(Vergl. S. 57.) + +Citronen, Pomeranzen, Pfirsiche gedeihen im verwilderten Zustande sehr +gut, sind aber wenig verbreitet. Eine Citronensorte, Trunki genannt, +erreicht die Groesse eines Menschenkopfes; ihr angenehm schmeckendes Fleisch +ist sehr beliebt. Hier und da finden sich auch saure Granataepfel. + +Die _Baumwolle_ wird nicht in dem Masse gebaut, um die Beduerfnisse des +Volkes decken zu koennen. Abermals ein trauriger Beweis von der +Unbetriebsamkeit und dem Unfleisse der Abessinier! Und doch fehlt es nicht +an geeigneten Laendereien. Man koennte sehr leicht den achten Theil +Abessiniens mit der nuetzlichen Pflanze bestellen - leider ueberlaesst man +denselben lieber den wilden Bestien als Tummelplatz. Zwischen 3000 und +5000 Fuss gedeiht eine vorzuegliche Qualitaet, und dabei bezieht man +Baumwolle aus fremden Laendern! + +Rauchtabak wird im Lande selbst gebaut und fabrizirt; Schnupftabak +dagegen, den man nicht zu bereiten versteht, von Massaua bezogen. Die +Summe, welche jaehrlich aus Abessinien nach Massaua wandert, ist sehr gross, +und welchen Ersatz hat das Land fuer das viele ihm entgehende Geld? +Antwort: keinen. + +Die Blaetter des _Geschobaumes_, die einen nicht unbetraechtlichen +Handelsartikel bilden, vertreten in Abessinien die Stelle des Hopfens und +werden beim Bierbrauen und bei der Herstellung des _Honigweines_ benutzt. +Letzteren bereitet man auf folgende Art. Auf ein Mass Honig giebt man fuenf +Mass Wasser, spuelt das Wachs aus und giesst die duenne Honigfluessigkeit in +einen wohlgereinigten, sechs Mass fassenden Krug. Man fuegt eine Hand voll +Geschoblaetter hinzu und laesst das Ganze bei maessiger Waerme vier bis fuenf +Tage gaehren. Nun ist der Wein fertig - allein trinken darf ihn nicht +Jedermann, da er koenigliches Monopol ist und der Herrscher den Genuss +desselben nur seinen vorzueglichsten Dienern und den Fremden gestattet. + +Da der Abessinier weder Lust noch Liebe zur Arbeit und Thaetigkeit hat, so +laesst er all den genannten Kulturpflanzen nur wenig Pflege und Wartung +angedeihen; seine Felder, seine Anpflanzungen gleichen fast immer einer +Wildniss. Liebe, Sinn fuer die Natur und ihre Schoenheiten sind ihm +unbekannt; wie sein Feld, so ist auch sein Sinn und Herz stets eine +Wildniss. + +Folgendes sind die _durchschnittlichen_ Ernteergebnisse, jedoch ist dabei +zu bemerken, dass der Ertrag der Mais- und Dakuscha-Arten in den tiefer +gelegenen Laendern am Mareb, Takazzie und Nil nicht als Norm anzunehmen +ist, da hier der Ertrag, je nach der Bodenguete, oft drei- und +vierhundertfaeltig ausfaellt. Je _ein_ Scheffel Tief giebt 30, Mais 150, +Weizen 10, Dakuscha 20, Lein 24, Gerste 12, Linsen 6, Saubohnen 10, +Schimbera 8 und Nuk 40 Scheffel Ernteertraegniss im Durchschnitt. + +Nur eine einzige Oelfrucht, _Nuk_ (_Guizotia olifera_) wird zwischen 5000 +und 7000 Fuss angebaut. Die Aussaat beginnt mit dem Eintritte der Regenzeit +zu Anfang Juli und 1 Scheffel liefert 30-40 Scheffel Ertrag. Das Nukoel ist +sehr wohlschmeckend und dient in der Fastenzeit statt der dann verbotenen +Butter. Um das Oel zu gewinnen, werden die Samen zuerst schwach geroestet, +fein gestampft und unter Wasserzusatz bei stetem Umruehren unter +Beibehaltung einer Waerme von etwa 50 deg. R. ueber dem Feuer erhalten. Alsdann +scheidet sich das Oel aus, von dem die Samen etwa 35 Prozent enthalten. + + -------------- + +Der Abessinier hat durchschnittlich eine _Einfelderwirthschaft_ und nur +hier und da Zweifelderwirthschaft. Er duengt nicht, obgleich er den Nutzen +der Felderduengung sehr gut kennt. Allein seine Unlust zur Arbeit und +sonstigen Thaetigkeit, seine Stellung zur Regierung sind fuer ihn +Hindernisse, die er niemals zu ueberwinden vermag. Diese Indolenz wird +vorzueglich durch die Groesse und durch den Reichthum seines Landbesitzes +genaehrt, denn schon wenn der vierte Theil der Felder bestellt ist, sind +die Lebensbeduerfnisse des Besitzers gesichert. Gewoehnlich liegt der dritte +Theil brach; wo der Boden sehr humusreich ist, bestellt man jedoch nur die +Haelfte. Man muss die traurigen Zustaende mit eigenen Augen gesehen haben, um +einen Begriff von Brachfeldern zu erhalten, die drei Jahre, ohne vom +Pfluge beruehrt zu werden, wuest liegen! + +Ein solches "Ackerfeld" gleicht gewissermassen einer gut aufkeimenden +Waldung, denn die wilde Vegetation wuchert in Abessinien ungemein schnell; +man scheut auch das Ausroden der Struenke und Wurzeln und begnuegt sich +damit, die Baumstaemme 1-2 Fuss ueber dem Boden abzuhauen. So sieht man die +Felder mit grossen und kleinen, oft Jahrhunderte alten Staemmen und Wurzeln +bedeckt. Und nun erst die Steine, die gross und klein, oft so dicht, dass +man kaum den Boden erkennt, ueber den Acker zerstreut liegen! Nicht einmal +den kleinsten Stein entschliesst sich der Abessinier auf die Seite zu +schaffen. Wie viel gutes Ackerfeld geht also auch hierdurch verloren! + +Naht die Zeit heran, dass diese Ackerwueste bestellt werden soll, so sendet +der Eigenthuemer oder Bauer seinen Knecht dorthin; hat er Lust dazu, so +geht er auch wol selbst auf das Feld. Dort angelangt, besteht die einzige +Arbeit darin, das aufgewucherte Gestruepp, Strauchwerk und Holz +niederzuhauen. Dies geschieht gewoehnlich gleich nach der Ernte im +November, Dezember, Januar, und von dieser Periode bis zur Bestellzeit hat +das abgehauene Reisig Zeit auszutrocknen; alsdann wird es in Brand +gesetzt. Leicht und oft ereignet es sich nun hierbei, dass auch die +benachbarten Wildnisse Feuer fangen und ein grosser Brand ueber viele Meilen +Landes sich verwuestend erstreckt. Die von dem verbrannten Holzwerk +zurueckgebliebene Asche macht die einzige Duengung des Landes aus. Stellen +sich dann die ersten Regenguesse ein, so wird der Pflug angesetzt und der +Boden hintereinander zweimal umgepfluegt, einmal der Laenge und einmal der +Breite nach. Die Saat wird schon vorher ausgestreut und mit untergepfluegt; +eine nachherige Aussaat kennt der Abessinier nur bei Tief und Dakuscha, +bei welchen die Haende der Weiber und Kinder dann das Geschaeft des Eggens +besorgen. Da, wo bei herrschender Zweifelderwirthschaft die Felder von +Holz und Gestruepp frei sind, werden dieselben zweimal gepfluegt; einmal +gleich nach der Regenzeit und das zweite Mal bei der Aussaat. In den +Hochlaendern, wo Holzwuchs und Gestruepp seltener, ja in vielen Gegenden gar +nicht anzutreffen ist, hat der Bauer leichteres Spiel, namentlich beim +Gerstenbau. + +Das einzige Ackerwerkzeug ist der _Pflug_, aber was fuer ein Pflug! Ist die +Umackerung und Einsaat vollendet, so gleicht die ehemalige Wueste einem +Felde, das von einer Herde Schweine durchwuehlt wurde. Lange Furchen zieht +der Abessinier nicht; schon nach 20-30 Schritten lenkt er wieder um, +vollendet so ein gewisses Stueck und beginnt da, wo er abgesetzt, von +Neuem. Man stelle sich vor, wie viel von dem bereits fertig gepfluegten +Lande von den Zugthieren wieder zertreten wird. Letztere sind Ochsen, die +in einem gemeinschaftlichen Joche gehen und nur durch die Stimme oder +Peitsche des Pfluegers gelenkt werden. Da sie zuegellos sind, so wenden sie +sich bald rechts, bald links und ziehen demgemaess krumme Furchen.(2) Egge +und Walze sind in Abessinien unbekannte Dinge. Tritt nun die eigentliche +Regenzeit ein, dann gruent das Feld lustig von Unkraeutern und +Schmarotzerungethuemen, die von den Frauen und Kindern ausgejaetet werden +muessen. + +Im Hochlande, namentlich auf den Plateaux, trifft man dagegen, weil auf +diesen Punkten das Gestruepp mangelt, ungeachtet des unbehuelflichen Pfluges +trefflich kultivirte und gereinigte Felder an. + +Tritt die Erntezeit ein, so wird alles Getreide mit gezaehnten Sicheln +geschnitten und zwar nur eine Spanne lang unter der Aehre. Sensen sind in +Abessinien unbekannt. Der Strohverlust kuemmert den Abessinier nicht; er +bindet das Getreide auch nicht in Garben, sondern wirft es auf Haufen, die +an Ort und Stelle mit langen Stoecken ausgedroschen oder von Ochsen +ausgetreten werden. Nachdem das meiste Stroh entfernt, reinigt man das +Getreide durch Emporwerfen mittels hoelzerner Gabeln; der Wind vertritt +Wurfschippe und Sieb, doch bedient man sich in einzelnen Gegenden auch +hoelzerner Schaufeln. Um die muehsame Reinigung von 6-8 Scheffeln Getreide +zu vollenden, braucht ein Mann einen ganzen Tag. Scheunen giebt es nicht +und selbige sind auch weniger nothwendig, da nach Schluss der Regenzeit +kein Regen mehr eintritt. + +Die eigentliche _Regenzeit_ beginnt nach europaeischer Zeitrechnung am 24. +Juni, nach abessinischer am 1. Juli und endigt mit dem 8. September. +Waehrend dieser Periode regnet es alltaeglich im Tieflande. Vormittags +herrscht meistens Sonnenschein, Nachmittags treten starke Regenguesse, +begleitet von heftigen Gewittern unter Donner und Blitz ein; die Naechte +sind heiter. Im Hochlande dagegen sind die Regen feiner, wie unsere +Landregen, und ihr Eintreten ist sehr unregelmaessig. Bald regnet es frueh, +bald Mittags, bald Abends, oft die ganze Nacht oder den ganzen Tag ohne +Aufhoeren hindurch. Gewitter sind im Juli selten, im August haeufiger, +besonders zu Ausgang der Regenzeit. Auf den Hoehen zwischen 12,000 und +14,000 Fuss faellt gewoehnlich ein feiner Hagel; allein, wenn die Sonne +einige Vormittage geschienen, so verschwindet derselbe bald wieder. Stellt +sich, was gewoehnlich der Fall ist, in den Monaten Dezember, Januar, +Februar einiger Regen ein, so schneit es im Hochlande. Auch das Tiefland +kennt in der Regenzeit starken Hagel und ich sah daselbst Schlossen von der +Groesse eines Taubeneies. + + -------------- + +Ist eine Ackerwueste nur einigermassen fruchtbar, so erzielt man von Tief in +zwei Jahren zwei Ernten, da dieses Getreide mit geringem Boden vorlieb +nimmt. Ausser der Regenzeit wendet man beim Getreidebau auch die +_Felderbewaesserung_ an, doch sind nur wenige und mangelhafte +Wasserleitungen vorhanden. Wuerden durch vaterlaendischen Fleiss, +Geschicklichkeit und Verstand diese Wasserleitungen vermehrt und +verbessert, was ohne bedeutende Kosten leicht geschehen koennte, welch +unberechenbarer Nutzen liesse sich alsdann erzielen! Die Hoehen zwischen +8000 und 11,000 Fuss eignen sich indessen fuer die Bewaesserung nicht, da die +Naechte in den Monaten Dezember bis Maerz so kalt sind, dass das Wasser +gefriert. + + [Illustration: Ackerpflug. Zeichnung von Robert Kretschmer.] + +Die Hauptursache der Unlust und Unthaetigkeit der Abessinier zu jeder +ackerbautreibenden Beschaeftigung liegt in ihrer Stellung zur Regierung. +Diese laesst es sich auch nicht im Geringsten angelegen sein, den Bauer zur +Arbeit aufzumuntern, anzutreiben oder zu unterstuetzen. Der Regierung ist +es vollkommen gleichgiltig, ob die Leute Ackerbau treiben und wie sie +denselben treiben. Das Regiment war stets ein despotisches; erzielt der +Bauer viel, so nimmt die Regierung viel, erntet er wenig, so nimmt sie +trotzdem auch viel. Hierzu gesellen sich andere Lasten: stete +Einquartierung und _Frohndienste_ aller Art. In einer unbestimmten, +willkuerlichen Anzahl von Frohntagen muss der Landmann die Aecker der +Regierung und der hohen Beamten bestellen; er muss Baufrohnen leisten, wenn +ein hoher Herr bauen will, und dazu das noethige Holz oft viele Tagereisen +weit auf dem Ruecken herbeischleppen. Es kommt vor, dass hundert Menschen an +einem einzigen grossen Balken tragen muessen. Man bedenke dabei aber, welche +Wege zu ueberschreiten, welche Abgruende zu passiren, welche Hoehen zu +erklimmen sind! Gestruepp, Dornen, Steine, Alles hindert den Transport. +Gebahnte Wege und Strassen besitzt das Land nicht. Ausser dem Holze muss der +Bauer noch Steine, Stroh, Moertel, Wasser und was sonst von Noethen zum Bau +herbeischaffen. + +Eine Hauptlast, die schwer auf dem Volke drueckt, ist der _Adel_. Es giebt +einen niederen, Mosseso, und einen hoeheren, Mokunnen, genannt. An sie +schliessen sich drueckend an die Dienerschaft des Regenten, die Heerfuehrer, +alle aus der Adelsklasse, endlich die Raethe und Minister. Alle diese +Menschen sind nicht von der Regierung besoldet. Der Herrscher giebt ihnen, +je nach Rang und Stellung, Laendereien, von denen sie gesetzliche _Steuern_ +zu beziehen haben; allein sie alle, gross und klein, erlauben sich +Ausschreitungen und Bedrueckungen, gegen die der Bauer wol klagt, doch die +Klagen gelangen nicht an den Thron. Oft wird der Landmann von diesen +liebenswuerdigen Leuten bis auf die Haut ausgepluendert. Derjenige, welcher +vom Herrscher mit einem Lande belehnt wird, ist unbeschraenkter Herr ueber +alle Bewohner desselben und die Gerichtsbarkeit liegt ganz in seinen +Haenden; diese weiss er vortrefflich in seinem Nutzen auszubeuten, und nur +in halsnothpeinlichen Sachen ist der Regent Richter. Willkuerlich darf der +Lehnsherr keine Steuern erheben, von denen der Regent uebrigens ein +Drittheil zu beziehen hat. Erhebt nun der Regent seine Steuerquote, so +kann jener in demselben Masse die seinigen einziehen. Sie bestehen in Geld, +Getreide, Baumwollenzeug, Vieh, Butter, Honig, Pfeffer, Salz und Zwiebeln. +Auch ausserordentliche Steuern kennt Abessinien. + +Werfen wir noch einen Blick auf die innere Wirthschaft des Abessiniers, +die der aeusseren vollkommen gleicht und Sorglosigkeit sowie Faulheit +erkennen laesst. Betrachten wir zunaechst den _Viehstand_. Man zuechtet +Pferde, Maulthiere, Esel, Rindvieh, Ziegen, Schafe, Huehner. Die _Pferde_ +und Maulthiere sind die einzigen Thiere, welche sich einiger Pflege zu +erfreuen haben. Erstere sind kurz und gedrungen, doch meist von gut +proportionirter Gestalt, kraeftig und feurig. Der Preis eines guten Pferdes +betraegt 40-50 Maria-Theresia-Thaler. Die _Maulthiere_ sind stark, +gedrungen, ausdauernd und in dem wildzerkluefteten, weg- und steglosen +Lande fuer den Reisenden von sehr grossem Nutzen; auch weiss der Abessinier +die Vorzuege des Maulthieres vor dem Pferde wohl zu schaetzen. Der Preis +eines sehr guten Exemplares steigt oft bis zu 100 Maria-Theresia-Thalern, +waehrend man geringere mit 10-25 Thalern bezahlt. Die Pferde werden +eigentlich nur fuer die Kavallerie verwendet. + + [Illustration: Rinderhirt. Zeichnung von Robert Kretschmer.] + +Der _Esel_ gilt dem Abessinier als unreines Thier. Er erfreut sich weder +der Pflege noch der Zucht und doch ist sein Nutzen als Lasttraeger ein +ausgedehnter und bedeutender. Das Los des armen Geschoepfes ist ein recht +beklagenswerthes, namentlich jenes der Kaufmanns-Esel, die oft 20 +Tagereisen weit ohne Unterbrechung von frueh bis Abends schwere Lasten +schleppen muessen. Abends hat das Thier dann noch selbst fuer seine Nahrung +zu sorgen. Der Preis ist gering, naemlich nur 2-3 Thaler. + +_Rindvieh_ kommt in grosser Menge vor. Die Ochsen werden im gemeinsamen +Joche vor dem Pfluge in den steinigen Feldern abgequaelt und erhalten fuer +die muehsame Arbeit keinerlei Dank. Futterkraeuter baut der Abessinier +nicht, die Thiere sind gleich dem Esel gezwungen, selbst ihre Nahrung zu +suchen, oder in der langen, trockenen Jahreszeit allein auf Stroh +angewiesen. Im Allgemeinen geben die Kuehe durch ihre Milch wenig Nutzen. +Nur waehrend der Regenzeit, wo Nahrung in Huelle und Fuelle emporkeimt, +fliesst diese Quelle reichlicher; aber vom Maerz bis oft in den Juni ist der +Milchertrag aeusserst gering, zumal die abessinische Kuh ueberhaupt keine +gute Milchkuh ist. Und doch eignet sich das Land ganz vortrefflich zum +Anbau der Futterkraeuter, die dort nicht den schaedlichen +Witterungseinfluessen ausgesetzt sind wie in meinem Vaterlande. Der +Abessinier besitzt weder die noethigen Kenntnisse noch die noethigen Gefaesse, +um sein unvollkommenes _Molkenwesen_ verbessern zu koennen; die +Kaesebereitung ist ihm ganz fremd. Indem man die Kaelber ein ganzes Jahr und +darueber saeugen laesst, wird auch viele Milch nutzlos vergeudet; um aber das +Kalb nach vier- oder sechswoechentlichem Saeugen absetzen zu koennen, fehlt +es wieder an Nahrung fuer dasselbe. Zur Sonnenzeit, in den Monaten November +bis Juni, ist das Vieh von frueh bis Abend den gluehenden Strahlen +ausgesetzt und leidet darunter sehr; auch das traegt dazu bei, die +Rindviehzucht auf einer niedrigen Stufe zu erhalten. Trotzdem sind die +Preise der Thiere nach unseren Begriffen niedrig. Ein guter Zugochse gilt +3 Maria-Theresia-Thaler; eine neumilchende Kuh nebst Kalb 3-4 +Maria-Theresia-Thaler; eine Kuh zum Schlachten, je nachdem sie fett oder +mager, 2-3 Maria-Theresia-Thaler. Das Rindvieh wird jeden Tag von frueh bis +Abend auf die Weide getrieben und dort meist von kleinen Knaben gehuetet, +die durchaus nicht darauf Acht geben, ob eine Kuh besprungen wird; so +ereignet es sich haeufig, dass traechtige Kuehe geschlachtet werden; ja, ich +habe gesehen, dass man Kuehe geschlachtet hat, die nach zwei oder drei Tagen +geworfen haben wuerden. + +Von _Ziegen_ und _Schafen_ haben die Abessinier nur den Nutzen, welchen +deren Fleisch und Felle liefern. Nur in den Hochlaendern kommt das Schaf +gut fort, es gedeiht in den tiefen und heissen Gegenden nicht. Auf den +Plateaux dagegen finden sich Tagereisen lange Hutungen, die einzig zur +Schafzucht benutzt werden koennen. Die Wolle des abessinischen Schafes ist +noch groeber als jene der lueneburger Heidschnucken; sie ist meistens +schwarz, wird in einigen Gegenden gesponnen, gewebt und zu +Kleidungsstuecken verwendet. Nicht im Geringsten kuemmert sich der +Abessinier um die Veredelung der Schafzucht, er waehlt keine Boecke und +Muetter aus und laesst diese, nebst den Laemmern stets beisammen. Das Haemmeln +der Boecke ist unbekannt; Pferde, ausser den Gestuethengsten, Bullen und +Ziegenboecke werden dagegen verschnitten. Wie die Schafe wild beisammen +leben, so auch die Esel, das Rindvieh, die Ziegen. Der Preis der Schafe, +je nach Groesse und Qualitaet, betraegt fuer 6-8 Stueck 1 Maria-Theresia-Thaler. +Ihr Fleisch ist wohlschmeckend. Ziegen erhaelt man fuer denselben Preis nur +4-6 Stueck, und zwei grosse und fette, verschnittene Ziegenboecke kosten auch +1 Maria-Theresia-Thaler. Aus ihren Haeuten bereitet man Getreidesaecke ohne +Naht, auch Pergament, das jedoch meist aus Schafleder gemacht wird. Rauh +gegerbt dienen letztere auch als Kleidungsstuecke. + +Die Zucht der _aegyptischen Huehner_ ist sehr im Schwange. Ein Huhn bruetet +jaehrlich fuenf- bis sechsmal 15-17, also im guenstigsten Falle 100 Eier aus. +Anderes Gefluegel, wie Gaense, Enten, Tauben u. s. w. ist unbekannt. Braechte +man sie jedoch hierher, so wuerden sie besser gedeihen als in meinem +Vaterlande. Der Preis fuer drei bis vier Huehner ist 1 Stueck Salz oder fuer +90-100 Stueck 1 Maria-Theresia-Thaler. Das Kapaunen der Haehne, wiewol von +einigen Abessiniern verstanden, wird selten ausgeuebt. + + -------------- + +Der Abessinier ist _fester Grundbesitzer_, und die Regierung kann ueber den +Grundbesitz ihrer Unterthanen nicht willkuerlich verfuegen oder denselben +nach Gutduenken an sich ziehen, es sei denn durch rechtskraeftigen Spruch. +Dieser letztere kann nur dann eintreten, wenn der Eigenthuemer kinderlos +oder ohne Verwandte, naehere oder fernere, stirbt. Dann zieht die Regierung +die Laendereien des Verstorbenen fuer ewige Zeiten an sich. Zeitweilig wird +die Regierung Besitzerin eines Grundstueckes, wenn dessen Eigenthuemer die +darauf lastenden Abgaben und Steuern nicht zu entrichten vermag. Sie +behaelt dieselben so lange, bis diese bezahlt sind, oder uebergiebt sie +unterdessen einem anderen Wirthschafter, der die schuldige Summe +vorstreckt, doch nur so lange, bis der rechtmaessige Eigenthuemer wieder +zahlungsfaehig ist und die vollstaendigen Steuern entrichtet. Oft uebernimmt +die Gemeinde dieses Geschaeft; Verkauf der Laendereien findet selten statt. + +Hier waere wohl der Ort, einige Worte ueber _Ansiedelungen_ vom Vaterlande +aus nach Abessinien einzuschalten. Unter der gegenwaertigen Regierung +koennen dieselben niemals stattfinden. Der Auswanderer, er komme woher er +wolle, kann wol hier in Abessinien Grundstuecke kaeuflich erwerben, doch +vermag er niemals sichere Garantie fuer deren dauernden Besitz zu erhalten, +denn alle Regierungen des Landes waren bis zum heutigen Tage +Willkuerherrschaften. Beim Regierungswechsel ist der Ansiedler sicher zu +Grunde gerichtet, am gewissesten dann, wenn er das Land von einem +Einwohner kaufte, dessen Verwandte ihm seinen Erwerb bei der neuen +Regierung streitig machen koennen. Dann stellt sich gewoehnlich heraus, dass +der Verkaeufer nur zeitweiliger Besitzer der Laendereien war, und das +abessinische Recht giebt unter solchen Umstaenden den Verwandten das Land +zurueck. Etwas besser ist der Ansiedler daran, wenn er von der Regierung +ein Grundstueck erwirbt und den Kaufabschluss unter Zuziehung von Zeugen in +das Kirchenbuch eintragen laesst. Aber wie lange ihm das Land gesichert +bleibt, weiss Gott allein! + +Gesetz und Gerechtigkeit waren in Abessinien nur dem Namen nach vorhanden. +_Doch die gegenwaertige Regierung des vortrefflichen Kaisers Theodoros laesst +schoene Hoffnungen in meinem Herzen wach werden. Der liebe Gott wolle stets +ueber meinem Kaiser, welchen ich von ganzer Seele lieb habe, seinen reichen +Segen und Frieden walten lassen. Amen!_ + +Zum Schluss noch einige Worte ueber _Wiesen und Moorgrund_ Abessiniens. +Besonders die Hochlaender Semien und Woggera zeichnen sich durch schoenen +und reichen Wiesengrund aus. Dembea, ein Tiefland, hat am Tana-See +unuebersehbare Wiesenflaechen, Begemeder im Hoch- und Tieflande; Sebit +besteht ganz aus Wiesen; aehnlich verhaelt es sich mit Woadla, Daunt und +Talanta. Am Fusse des Kollogebirges in Wollo ziehen sich gleichfalls grosse +Wiesenflaechen hin. Schoa, Lasta und Godscham sind stellenweise reich +daran. Vergleichsweise mit diesen Hochlaendern sind die Tieflaender arm an +Wiesenwuchs; doch ist ihr Gras nahrhafter und saftiger. Das Heumachen ist +ein den Abessiniern unbekanntes Ding, auch besitzen sie keinerlei +Werkzeuge zum Maehen der Wiesen. Steht im September das Gras hoch, so wird +alles Hausvieh auf die Weide getrieben, die meistens zertreten wird und +hoechstens zwei Monate ausreicht. Sind so die reichen Weiden zerstoert, so +tritt bittere Noth und Hunger fuer den Viehstand ein, ohne dass die Menschen +dadurch zum Nachdenken veranlasst wuerden. + +Auf fast allen Wiesen findet sich viel Moorgrund und Sumpf, die durch +vaterlaendischen Fleiss und Geschicklichkeit leicht in Reisgefilde +umgeschaffen werden koennten. Jetzt liegen sie alle wuest und nutzlos da. +Vor allem waeren die Moorgruende am Tanasee hierzu passend; sie koennten eine +Quelle des Reichthums fuer das Land sein. Auch eine gute und verstaendige +_Bienenzucht_ wuerde bedeutenden Nutzen abwerfen, denn kein Land eignet +sich so vortrefflich zu derselben als Abessinien. Die Art und Weise, wie +sie bisher von den Eingeborenen betrieben wird, gleicht genau dem +liederlichen Verfahren im Ackerbau; trotzdem wird viel Honig und Wachs +gewonnen; letzteres wird meist ausgefuehrt, ersterer zu Honigwein benutzt. +Die abessinische Biene ist kleiner als unsere europaeische Art. Schwaermt +ein Stock, oder wird der junge Schwarm ausgetrieben, so fliegt dieser oft +drei bis vier Tage weit, bis die Koenigin in einem hohlen Baume oder einer +Felsenhoehle einen passenden Ort zur Niederlassung ausfindig gemacht hat. + +Hat der Zug seine Auswanderungsreise angetreten, so geht derselbe viele +Stunden weit rasch vorwaerts, bis Muedigkeit der Koenigin eintritt, die sich +an irgendeiner Stelle niederlaesst, welche dann als Rastepunkt der Schar bis +zum naechsten Tage gilt, wo die Reise fortgesetzt wird, bis eine Behausung +gefunden ist. Will der Abessinier einen solchen Schwarm in einen Stock +oder Korb einschlagen, so muss er zunaechst der Koenigin die Fluegel +verschneiden; unterlaesst er dieses, so geht der Schwarm gewoehnlich wieder +fort. Ich habe selbst den Versuch gemacht und einen solchen Schwarm +dreimal eingesetzt; allein nach ein- bis dreitaegigem Aufenthalte ging er +stets wieder fort, weil ich der Koenigin die Fluegel nicht verschnitten +hatte. Die Form der Bienenstoecke ist walzenfoermig; sie werden aus +Rohrstaeben zusammengesetzt, die man aeusserlich mit frischem Kuhmist, dem +etwas Lehm zugesetzt ist, einen halben Zoll dick ueberzieht. Haeufig haengt +man diese Koerbe in grosse Baeume, doch halten die meisten Abessinier +dieselben bei ihren Haeusern. Die Bienenzucht wird in einer Meereshoehe von +5000-9000 Fuss betrieben. Der Preis fuer 50 Pfund Honig ist 1 +Maria-Theresia-Thaler. + +Vermoege der Verschiedenartigkeit seines Klimas duerfte sich Abessinien zum +Anbau aller europaeischen Kulturpflanzen eignen, die unter vaterlaendischer +Geschicklichkeit herrlich gedeihen wuerden. Reis ist unbekannt, Kaffee wird +so gut wie gar nicht und noch dazu recht ungeschickt angebaut; stark +kultivirt wird er in den Gallalaendern Limu, Enarea und Kaffa, und die von +dort stammenden Sorten sind besser als der arabische Kaffee aus Mocha. 40 +Pfund Kaffee gelten in Abessinien 1 Maria-Theresia-Thaler. Schwarzer +Pfeffer, Baumwolle, Indigo koennten vorzueglich gebaut werden; einige Arten +Indigo wachsen wild. Fuer Zuckerrohr und Runkelrueben findet sich geeigneter +Boden. Ich selbst habe in Tigrie Runkelrueben kultivirt, die eine +bedeutende Groesse erreichten und viel zuckerhaltiger als die +vaterlaendischen waren. Alle Gewuerze der Gewuerzinseln und die +verschiedensten Oelpflanzen wuerden gedeihen; Oelgewinnung und die dazu +nothwendigen Geraethe sind hier unbekannt. Desgleichen fehlt guter Hanf und +Flachs zum Spinnen und Weben. Beeren, Fruechte, Wein - sie alle finden hier +zusagenden Boden. + +Doch mit Schmerz muss ich bekennen, dass alles dieses, so lange der +gegenwaertige Zustand des Landes dauert, so lange nicht eine radikal +veraenderte Regierungsweise eintritt, eitler Wunsch bleiben wird. Denn +erst, wenn die Regierung eine unbeschraenkte Kultivirung des Landes durch +Deutsche, Englaender, Franzosen u. s. w. zulaesst und unterstuetzt, kann aus +diesem etwas werden. Durch die Abessinier selbst kann eine nutzbringende +Kultur niemals geschaffen werden, denn sie sind bitter arm; es fehlen +ihnen alle Instrumente, welche den Anbau foerdern koennten, oder die +Arbeiter, die sie zu verfertigen verstaenden. Auch ist ihr geistiges +Besitzthum arm, duerftig, auf niederer Stufe stehend; sie sind entbloesst von +allen guten Eigenschaften, Liebe und Lust zur Arbeit, Sinn fuer die Natur. + +Liesse sich das Vaterland den gegenwaertigen Zustand Abessiniens angelegen +sein, setzte dasselbe kraeftige, wirksame und heilsame Hebel an den +gegenwaertig verwahrlosten Agrikulturzustand Abessiniens, so wuerde reicher +Segen seine Muehen und Opfer lohnen. Doch wie Hebel anlegen, dass sie nicht +brechen? Oder will das Vaterland feste Gerechtsame in Abessinien erwerben, +so koennen diese nur durch Waffengewalt aufrecht erhalten werden. + +Wie der Zustand der Felder und des Viehstandes, so ist auch die _Behausung +des Abessiniers_ und deren Umgebung beschaffen. In und ausser seinem Hause +oder vielmehr seiner Strohhuette, ist alles voller Schmuz und Unrath. In +der Regenzeit gleichen die Wohnungen einer Kloake, der man sich nicht +naehern kann, ohne Gefahr zu laufen, in diesen Mistsuempfen zu versinken. Um +eine Wohnung zu errichten, haut der Eingeborene krumme und gerade, duenne +und dicke Holzstangen ab, die er in einem Kreise in den Boden pflanzt und +wobei er einen schmalen Raum fuer die Eingangsthuer freilaesst. Die Stangen +werden nun mit Bast und duennen Ruthen gleichwie mit Fassreifen umwunden und +die Zwischenraeume mit Reisig ausgefuellt. Im Innern wird diese Ringwand +dann mit etwas Erdmoertel ueberzogen. Hierauf wird das Ganze mit einem +pyramidenfoermigen Dache, das gleichfalls aus Stangen, Reisig und Bast +zusammengesetzt ist, gekroent und mit einer 3 Fuss langen holzigen Grasart +belegt. Nun ist die Wohnung vollendet und der Einzug kann stattfinden. +Alle Familienmitglieder, nebst Knechten und Maegden, wohnen und schlafen +hier beisammen; die Kuehe, die Muehle, das Maulthier, falls ein solches +vorhanden, die Huehner - sie alle finden hier ihren Platz. Auch das +Getreide hat hier in grossen aufrecht stehenden Erdtonnen oder wohl +verdeckten Gruben seine Stelle. Der Hausherr ruht auf seiner Alga (oder +Arat), einem hoelzernen Bettgestell mit vier 2 Fuss hohen Beinen, ueber das +schmale Riemen von ungegerbter Rindshaut gezogen sind. Die uebrigen +Bewohner legen Rindshaeute auf den Boden, die ihnen zur gemeinschaftlichen +Schlafstaette dienen. Selten wird eine solche Behausung ausgekehrt und +unzaehlige Floehe, Laeuse und Wanzen sind die regelmaessigen Insassen, um +welche der Bewohner sich wenig oder gar nicht kuemmert. Der Kuechenrauch, +Asche, Staub und Unrath aller Art haeufen sich im Verlaufe eines Jahres +dermassen an, dass man das Innere mit einem Schornstein vergleichen kann. + +Uebrigens wendet man in Abessinien verschiedene Bauarten an. Oft bestehen +die Waende aus Steinen, die mit Moertel verbunden oder ohne diesen +aneinander gefuegt sind. Steinhaeuser finden sich fast durchgaengig im +Hochlande, und da es hier in der Nacht sehr kalt ist, so findet auch Vieh +aller Art in denselben seine Schlafstaette. Da, wo gute passende Erde +vorkommt, baut man auch quadratische Haeuser mit plattem Dache. Dieses ist +namentlich in Tigrie haeufig der Fall. Diese Decke wird dann durch starke +Baumstaemme und Balken getragen, die mit einer 1 Fuss dicken Lage Erde +ueberdeckt sind, welche zur Regenzeit kein Wasser durchlaesst. Hier sieht man +auch oft grosse, auf diese Weise ueberdachte Saeulenhallen aus rohen +Baumstaemmen, unter denen das Vieh zur Regenzeit Schutz und Obdach findet. +Ueberhaupt herrscht im Lande Tigrie mehr Fleiss und Ordnung als in anderen +Gegenden Abessiniens. + +Das hier von den Wohnungen Gesagte gilt nur von den Behausungen des +ackerbautreibenden Theiles der Bevoelkerung. Die _Haeuser der Reichen_ und +Grossen des Landes sind besser gestaltet. Sie sind gewoehnlich gut mit +Erdmoertel aufgefuehrt und auch die innere Wand mit Moertel ueberzogen. Das +Innere besteht oft aus Abtheilungen, von denen eine fuer Pferde und +Maulthiere, eine als Speicher, eine dritte als Empfangszimmer, eine vierte +fuer den Hausherrn und seine Familie bestimmt ist. Ist das Haus klein, so +wird das Empfangszimmer besonders angebaut. Das Dach ist im Innern haeufig +schoen mit zusammengesetzten Rohrstaeben verziert, ja manchmal mit farbigen +Baumwollstoffen kuenstlich dekorirt, die Eingaenge mit Breterthueren, der Hof +mit einer Mauer versehen. Doch herrscht im Innern derselbe Schmuz und das +Ungeziefer wie bei den Landleuten. + +Die _Muehlen_ der Abessinier bestehen aus einem einzigen Stein, der 1 Fuss +breit und 13/4 Fuss lang ist. Das Material besteht aus grobem Sandstein oder +Trachyt; enthaelt der letztere viele kleine Blasenraeume, so wird er sehr +geschaetzt. Die Muehle wird durch Klopfen mit einem harten kleinen Steine +geschaerft. Der Laeufer, mit dem das Getreide zerrieben wird, ist ein 3/4 Fuss +langer, 4 Zoll breiter Stein. Das Mahlgeschaeft wird nur von den Frauen +besorgt. Eine Person zerreibt taeglich etwa 6 Metzen (Berliner Mass). Das +Mahlsieb besteht aus Grasgeflecht. Weizen und Gerste werden, bevor sie auf +die Muehle kommen, enthuelst; dieses geschieht in ausgehoehlten Baumstaemmen, +welche die Moerser vertreten; der Stoessel ist ein 3 Fuss langer, 2-3 Zoll im +Durchmesser haltender Knittel aus wildem Olivenholz. Die einzigen +Instrumente, welche sonst noch bei der Agrikultur in Abessinien Dienste +leisten, sind eine Axt, eine Erdhaue, eine gezaehnte Sichel und ein Messer. +In Schoa wurde unter der Regierung des Koenigs Sahela Selassie von einem +Europaeer eine Wassermuehle errichtet, doch als diese anfing zu mahlen, +empoerte sich die Geistlichkeit gegen das Teufelswerk und bedrohte den +Koenig mit dem Bannfluche, wenn das Mahlen nicht eingestellt wuerde. Die +Muehle ist heute gaenzlich zerfallen. + + [Illustration: 1. Muehle (a. Laeufer, b. Bodenstein). 2. Erdhacke. 3. + Sichel. 4. Messer. 5. Axt der Abessinier. Originalzeichnung von E. + Zander.] + + + + + + [Illustration: Ansicht von Suez.] + + + + + + MASSAUA UND DIE ABESSINISCHE KUeSTENLANDSCHAFT. + + + Die Bedeutung des Rothen Meeres. - Der Dahlak-Archipel und die + Perlenfischerei. - Die Stadt Massaua und ihre Bewohner. - + Sklavenhandel. - Die Cisternen. - Der Markt. - Karawanenhandel mit + Abessinien. - Die Bai von Adulis. - Schohos und Danakil. - Die + Samhara. - Eine abessinische Karawane. - Der Tarantapass und Halai. + + +Das Rothe Meer, lange Zeit fuer den grossen Verkehr fast ohne Bedeutung, ist +in unsern Tagen aus seiner Abgeschiedenheit hervorgetreten und nimmt +lebhaften Antheil am Welthandel. In einer Laenge von fast vierhundert +Meilen erstreckt es sich gleich einem Arm von Suez bis zur Bab-el-Mandeb +zwischen dem nordoestlichen Afrika und der westlichen Kueste Arabiens. +Regelmaessig wie bei uns die Eisenbahnen wird es fast tagtaeglich von +Riesendampfern seiner ganzen Laenge nach durchkreuzt; Telegraphendraehte +sind an seinen korallenreichen Gestaden hingelegt, und der Post- wie +Handelsverkehr von Europa nach Indien nimmt jetzt seinen Weg zumeist ueber +diese Strasse. Noch groessere Bedeutung wird das Rothe Meer jedoch erlangen, +wenn einst der Suezkanal vollendet sein sollte, obgleich schon auf der von +Alexandrien ueber Kairo nach Suez fuehrenden Eisenbahn alljaehrlich viele +Tausende von Vergnuegungsreisenden zu ihm hingezogen kommen. Nach allen +Seiten fuehren von seinen Kuesten wichtige Handelsbahnen in die umliegenden +Laender, die zum Theil, wie das Innere Ostafrika's, ungemein produktenreich +sind: Gummi und Straussenfedern, Droguen und Elfenbein, Wachs und Honig, +nicht minder aber Sklaven werden in allen Hafenplaetzen feil gehalten und +finden regelmaessigen Absatz gegen europaeische Produkte. + +Sowie aber die kommerzielle Bedeutung des Rothen Meeres sich gehoben hat, +ist auch nicht minder jetzt die politische in den Vordergrund gelangt, und +wie in so vielen andern Weltgegenden sind auch hier England und Frankreich +als eifersuechtige Rivalen aufgetreten, die einander den Rang streitig zu +machen suchen. Beide wissen, dass im Rothen Meere der Schluessel zu Indien +liegt, und wenn auch Frankreich ein geringeres Interesse als England daran +zeigt, denselben mit in Haenden zu haben, so ist es doch schon des +Wettbewerbes wegen bestrebt gewesen, es in Besitzergreifungen den +Englaendern gleichzuthun. Der Suezkanal, ein franzoesisches Unternehmen, hat +mindestens in demselben Grade politische Bedeutung, wie kommerzielle; denn +wie die Englaender Aden und die Insel Perim am suedoestlichen Ende des Rothen +Meeres besetzten und so die Bab-el-Mandeb beherrschen, trachten die +Franzosen danach, ihre Herrschaft am nordwestlichen Ausgang der +Handelsstrasse zu errichten. Und auch noch andere Kuestenplaetze sind nach +und nach in die Haende der beiden Rivalen gefallen: die Briten haben sich +auf der Insel Kamaran an der arabischen Seite, die Franzosen auf Dessi vor +der wichtigen Bai von Adulis und zu Oboc niedergelassen. Von hier aus +ueberwachen sie den Handel und spinnen Intriguen mit den unzufriedenen +Elementen der Bevoelkerung, um bei guter Gelegenheit sich ueberall in die +Landesangelegenheiten mischen zu koennen. Europaeische Konsularagenten haben +in den meisten Hafenplaetzen schon ihren Sitz, und mit dem arabischen oder +banianischen (indischen) Handelsmann theilen sich jetzt europaeische +Kaufherren in den Gewinn des Handels am Rothen Meere. Eine Abschliessung +desselben ist jetzt nicht mehr denkbar, es wird mit allen seinen +Gestadelaendern - mag es wollen oder nicht - immer mehr in unsere +Beziehungen hineingezwungen. + +Freilich ein Hinderniss hat die Natur selbst geschaffen, welches die +Bedeutung dieses Meerarmes fuer den Verkehr bedeutend abschwaecht. Das Rothe +Meer ist fuer Segelschiffe bei den jetzigen Anforderungen an die +Schnelligkeit des Verkehrs fast so gut wie unbefahrbar, da ziemlich das +halbe Jahr hindurch Windstille herrscht und Mangel an guten Haefen ist. +Zudem machen die Korallenklippen die Fahrt aeusserst gefaehrlich, und auch +die Versorgung der Schiffe mit Wasser, Kohlen oder Lebensmitteln ist eine +aeusserst mangelhafte. Nur der Dampfer, der seine Kohlen in Suez oder Aden +liegen hat, beherrscht diesen Meeresarm vollstaendig und in vier bis fuenf +Tagen durchfahren sie denselben von einem Ende bis zum andern, um dann +weiter die Fahrt nach Indien anzutreten. + +Waehrend die grossen Dampfer der indischen Linie direkt das Rothe Meer +durchkreuzen und nur selten den einen oder andern Hafenplatz an demselben +besuchen, sind fuer letztere besondere Seitenlinien eingerichtet, die meist +von einer tuerkischen Gesellschaft schlecht versehen werden. Von _Suez_, wo +die Eisenbahn muendet, steuern wir zunaechst nach _Kosseir_, von wo eine +Karawanenstrasse nach Keneh am Nil fuehrt, der in dieser Gegend einen weiten +Bogen nach Osten macht und sich dem Rothen Meere naehert. Von Kosseir +fahren wir in suedoestlicher Richtung nach der arabischen Kueste hinueber und +landen in _Jembo_, dem Eingangsthor der heiligen Stadt, naemlich Medina, +fuer welches dieser Platz den Hafen bildet. Weiter an demselben Gestade +fortsteuernd erreicht der Dampfer _Dschidda_, "die Ebene ohne Wasser". +Aber dieser Hafenplatz, das Seethor fuer Mekka, ist in vieler Beziehung +wichtig und namentlich zur Zeit der Pilgerwanderungen sehr belebt. Wir +verlassen auch diesen Ort, der schon Millionen Wallfahrer landen sah, und +durchkreuzen abermals nach Suedwesten hin das Rothe Meer, um _Sauakin_ an +der afrikanischen Kueste zu erreichen, von wo aus die grosse Karawanenstrasse +nach dem oestlichen Sudan und Chartum an der Vereinigung des Weissen und +Blauen Nil fuehrt. + +Und nun geht nochmals der Anker in die Hoehe, nach Sueden ist der Bug des +Dampfers gerichtet, die afrikanische Kueste, das Land der nomadisirenden +Beni-Amer und Habab bleibt zur Rechten liegen und die _Dahlak-Inseln_ +kommen in Sicht. Auf diesem Archipel erhalten wir durch die Sprache der +Bewohner schon einen Vorgeschmack Abessiniens, vor dessen Kueste, gegenueber +dem Hafenplatze Massaua, die Gruppe liegt. Die drei Hauptinseln sind +Gross-Dahlak, Nureh und Nakala. Die Grosshandelsfahrzeuge legen dort nicht +an, obwol das erste der genannten Eilande einen sehr guten Hafen hat. +Viele Spuren, namentlich Ruinen, deuten darauf hin, dass einst die +Abessinier und im 16. Jahrhundert die Portugiesen eine Niederlassung auf +demselben hatten. Dahlak hat nur etwa 1600 Einwohner, auf die andern +beiden bewohnten Inseln kommen zusammen nur 200 Koepfe. Alle sind +Muhamedaner, friedliche Menschen, die unter einem Scheich stehen; dieser +erhaelt seine Belehnung von dem aegyptischen Gouverneur in Massaua, welchem +er jaehrlich 1000 Maria-Theresia-Thaler zahlt. Wasserlaeufe giebt es auf den +Inseln nicht, aber das Brunnenwasser ist gesund. + +Ueberaus reich ist hier das Meer an Fischen und Fischfang daher eine +Hauptbeschaeftigung der Bewohner. Doch noch andere Schaetze bietet die +salzige Flut, welchen die Dahlak-Inseln vorzueglich ihre Beruehmtheit +verdanken. Namentlich kommt die _Perlenauster_ (_Pintatina_) in grosser +Menge, foermliche Baenke bildend, hier vor, und sie ist es, die vom Mai bis +in den August eine grosse Anzahl der Bewohner mit Tauchen beschaeftigt. +Jeder kann sich an der Perlenfischerei nach Belieben betheiligen; Abgaben +werden nicht erhoben und nicht selten kommen auch Taucher und Fischer von +der gegenueberliegenden arabischen Kueste. Man bedient sich zum Fange der +gewoehnlichen Barken, der sogenannten Sambuks, welche gerudert werden und +auch Mattensegel haben. Von den zwoelf bis vierzehn Koepfen der Mannschaft +sind sechs bis sieben Taucher. Mit einem Bismillah! (Im Namen Gottes!) +stuerzt der Mann in die Tiefe, wo er nicht viel laenger als eine Minute +bleibt, so viel Austern, als er kann, in einen Korb zusammenrafft und +diesen durch die Gefaehrten an einem Seil in die Barke ziehen laesst. Mehr +als dreissig, hoechstens vierzig Mal kann er an einem und demselben Tage +nicht untertauchen. Eine mit guten, recht erfahrenen Tauchern bemannte +Barke wird im Laufe eines Tages bis 3500 Perlenaustern und etwa 500 +Perlmutteraustern erbeuten. Die Muschel, welche man bei den Dahlak-Inseln +fischt, ist im allgemeinen nur klein und beinahe rund; der Durchmesser +betraegt 5 bis 6 Centimeter. Unter 20 bis 30 Austern hat immer nur eine +einzige eine kleine Perle, die man als Samen bezeichnet. Es scheint als ob +eigentliche, voellig ausgebildete Perlen nur in ganz ausgewachsenen +Muscheln gefunden werden. Die Insulaner bezeichnen die Perlenauster als +Bebela oder Bereber. Ihr Fleisch ist weiss und geniessbar; man trocknet es +an der Sonne und zieht es auf Faeden, worauf es dann einen Theil des Jahres +hindurch die Hauptnahrung der Leute bildet. + +Alljaehrlich bringen die Fischer ihre Ausbeute an Perlen und Perlmutter +nach dem Dorfe Debeolo, wo vierzehn Tage lang Markt gehalten wird. Dort +legen sie die Erzeugnisse des Meeres zum Verkauf aus. Regelmaessig finden +sich fremde Kaufleute, besonders indische Banianen ein, die gegen Silber +oder Tauschwaaren, Lebensmittel, Holz, Baumwollenstoffe die Perlen zu +ziemlich niedrigem Preise einhandeln. Man schaetzt diese nach ihrer Groesse, +Gestalt und Reinheit ab. Erstere wird durch ein Haarsieb ermittelt, das +Oeffnungen von verschiedener Groesse hat. Je nach den verschiedenen +Gattungen wird der Preis bestimmt. Der Umsatz auf dem Markte von Debeolo +betraegt im Durchschnitt an Geldwerth 50,000 bis 60,000 Thaler, ist also +immerhin bedeutend. Zu den Ausfuhrgegenstaenden der Dahlak-Inseln gehoert +ferner das feine Schildpatt (Baga); das der Schildkroetenweibchen ist +durchgehends schwerer und dicker als das der Maennchen, und ein zwei Fuss +langes Rueckenschild des ersteren giebt zwei Pfund Schildpatt. Auch die +Kauris oder Geldmuscheln, die in Afrika als Scheidemuenze gelten, werden +auf den Dahlak-Inseln in grosser Menge gefischt. Seltener aber ist ein +hoechst interessantes Meersaeugethier, der _Dugong_ (_Halicore Dugong_), das +wegen seiner starken Haut und perlmutterglaenzenden Zaehne sehr geschaetzt +war und ist. Es kommt auch an den arabischen und afrikanischen Kuesten vor, +an welcher letzteren es von den Danakil gefangen wird. Die Thiere leben +paarweise und weiden auf den untermeerischen Tangwiesen, die ihre einzige +Nahrung bilden. Das Land besuchen sie selten, meist schwimmen sie wie +Meerjungfern mit erhobenem Oberkoerper in der See. Sie sind ueber 12 Fuss +lang und schwer mit Harpunen zu erreichen. Die dem Walross aehnlichen +Stosszaehne wurden frueher als Handelsartikel gesucht und zu Rosenkraenzen +verarbeitet, waehrend die marklosen Knochen Dolch- und Messergriffe von +grosser Dauerhaftigkeit liefern. Aus der Haut bereitet man Sandalen. +Merkwuerdig erscheint uns der Dugong noch dadurch, dass er dasjenige Thier +ist, aus welchem die alten Juden den Ueberzug ihrer Bundeslade gemacht +haben sollen. + +Unsere Fahrt durch das Rothe Meer ist nun beendigt; von Dahlak wendet sich +der Dampfer nach Westen, der abessinischen Kueste zu, von der aus die +kuehnen und gewaltigen Bergmassen von Hamasien uns entgegenstarren. Wir +naehern uns der Insel _Massaua_, deren Bucht, von Vorgebirgen +eingeschlossen, nun in Sicht kommt. + + [Illustration: Ansicht von Massaua. Im Vordergrund Fischerknabe. + Originalzeichnung von Robert Kretschmer.] + +Gleich darauf werden das kleine Vorwerk, die weissgetuenchten Doppelthuerme +der Moschee, die tuerkischen Wachtschiffe und fremden hier ankernden +Fahrzeuge sichtbar. Schon ehe man landet, erblickt man weit draussen auf +der See eigenthuemlich gestaltete _Fischerfloesse_, die aus fuenf +zusammengebundenen Baumstaemmen bestehen. In der Mitte sitzt ein Knabe, der +mit einer beiderseits schaufelfoermigen Ruderstange geschickt und schnell +seine Faehre regiert. Auf diesem gebrechlichen Dinge angelt er an Klippen +und Baenken, faengt eine grosse Anzahl Fische und toedtet sie jedesmal +sogleich durch einen Nagelstich in den Kopf. Die Stadt _Massaua_ oder +Mesaueh ist der Hauptort fuer das Aegypten untergeordnete abessinische +Kuestenland nebst den Inseln des perlenreichen Dahlak-Archipels, Sitz eines +Kaimakan, der einige Soldaten zur Verfuegung hat. Ausserdem residiren hier +aegyptische Zollbeamte und verschiedene europaeische Konsuln, denn Massaua +ist die Pforte des Handels fuer fast ganz Abessinien und von groesster +politischer Wichtigkeit durch seine Lage gegenueber dem letztgenannten +Reiche, wie durch seinen in jeder Beziehung vorzueglichen Hafen, der sich +auch dadurch vor andern Haefen am Rothen Meere auszeichnet, dass man sich +hier leicht mit Schiffsprovisionen, Wasser, Holz, Schlachtvieh u. s. w. +versehen kann. + + [Illustration: Wassertraegerin an den Cisternen. Derwisch von Massaua. + Originalzeichnung von Robert Kretschmer.] + +Der Golf von Arkiko, in welchem die Inselstadt Massaua liegt, ist mit +verschiedenen kleinen Koralleneilanden bedeckt. Auf einem derselben +befindet sich der christliche Friedhof und hier ist es, wo auch die Leiche +unseres Landsmannes, des Reisenden Hemprich, ruht, den am 30. Juni 1825 +der Tod ereilte. Auf einem andern Koralleneilande liegt ein Heiliger, Seid +Scheik, begraben, der seinerzeit Massaua verlassen und diese kleine Insel +bezogen haben soll, weil er glaubte, dass der Lebenswandel seiner Mitbuerger +allzu irreligioes sei. Vom Festlande sowol als von Massaua machen +zahlreiche Gesellschaften naechtliche Ausfluege nach dem Grabe dieses +Heiligen, wobei weniger religioese Absichten die Pilger leiten sollen, als +der Schmuggel mit Sklaven. Die Insel Massaua selbst hat eine halbe Meile +Laenge und beinahe eine Viertelmeile Breite. Die westliche Haelfte traegt die +Stadt, die oestliche halb verfallene, alte Cisternen aus besserer Zeit und +ein kleines, schlecht armirtes Fort. Die Anlage der Stadt ist eine ganz +unregelmaessige, wenig aeltere Gebaeude bestehen aus Stein, die meisten sind +Strohhuetten, die auf Pfaehlen im seichten Meerwasser ruhen. Unter ersteren +zeichnen sich das Gouvernementsgebaeude, eine zweikuppelige Moschee (Diamet +Scheik Hamal) und das Zollhaus aus. + +Im Ganzen hat Massaua etwa ein Dutzend religioeser Gebaeude; darunter jene +bemerkenswerthe Moschee, die frueher eine christliche Kirche gewesen war +und in welcher die Portugiesen 1520 Messe lasen, nachdem sie "Matzua", so +nannten sie die Stadt, den Muhamedanern abgenommen hatten. Was den Namen +des heutigen Ortes betrifft, der auch Masua, Massawa geschrieben wird, so +leitet ihn Munzinger aus der Tigriesprache ab, in welcher Mesaua den Raum +bedeutet, ueber welchen hin man den Ruf einer Menschenstimme hoeren koenne, +und das trifft hier allerdings fuer die Meeresbreite zwischen Insel und +Festland zu. Aber in der Landessprache der Eingeborenen heisst Stadt und +Insel gar nicht Massaua, sondern Base. + +Die Bevoelkerung ist fast ganz muhamedanisch; die Ureinwohner gehoeren der +aethiopischen Rasse an und sprechen eine semitische Sprache. Die uebrigen +Bewohner, mit Ausnahme der tuerkischen Beamten und der Besatzung, sind +Kaufleute aus Arabien, dann Somali, Danakil, Galla, Abessinier und +Banianen (Indier). Die Massauaner selbst sind Fischer, Schiffsleute und +Lasttraeger, welche das Trinkwasser herbeischleppen. Ausser etwas Weberei, +Gerberei und Schiffsbau werden wenig Gewerbe getrieben. Die Staerke der +Bevoelkerung schaetzte Rueppell 1832 auf 1500, Heuglin 1857 auf 5000 Seelen, +einschliesslich des Militaers. Die Einkuenfte der Provinz, meist aus den +Zollabgaben des abessinischen Handels bezogen, betrugen nach beiden +Reisenden 40,000-50,000 Thaler. + +Die Massauaner sind ein in der Jugend durchweg sehr schoener Menschenschlag +und haben eine kupferfarbige Haut, die mehr oder weniger dunkel ist. Die +Maedchen zeichnen sich durch schlanken Wuchs, regelmaessige Zuege des ovalen +Gesichts, grosse, lebhafte Augen und feinen Mund mit schoenen Zaehnen aus. +Wenn sich zwei Bewohner nach laengerer Zeit wieder begegnen, kuessen sie +sich gegenseitig die Haende und erkundigen sich mit vielen Schmeichelworten +nach dem Befinden. Was den Charakter der Massauaner anbetrifft, so lauten +die Urtheile darueber sehr unguenstig. Dem blossen Schacher ergeben, ueben sie +alle moeglichen Verstellungskuenste und erfuellen selbst die heiligsten +Versprechungen nicht. Dazu kommt, dass der fortwaehrende Sklavenhandel ihre +moralischen Sitten untergraben und ihr Herz gegen jede edlere Empfindung +verstockt machen musste. Diebereien und Einbruch sind gewoehnliche +Verbrechen und gelten nicht als Schimpf. Die Anzahl der Bettler ist gross +und die meisten derselben kommen durch Hunger und Elend ums Leben. +Dankbarkeit ist den Massauanern nur dem Namen nach bekannt, und als +Rueppell einst einen Mann von einer gefaehrlichen Schusswunde geheilt hatte, +drueckte dieser seine Freude darueber folgendermassen aus: "Gott ist gross und +wunderbar! Hat er doch diesen _Hund von Unglaeubigen_ hierhergeschickt, um +mich zu heilen!" + +Eine Eigenthuemlichkeit der Massauaner besteht darin, dass sie Familiennamen +haben, was bekanntlich sonst bei Muhamedanern nicht der Fall ist. So +heissen einige Adulai, und diese stammen aus Adulis; andere Dankeli, Farsi +(aus Persien), Yemeni (aus Yemen in Arabien). Unter den Kaufleuten spielen +die _Banianen_ eine wichtige Rolle. Diese Indier haben einen grossen Theil +des Verkehrs auf dem Rothen Meere in ihren Haenden und bewohnen in Massaua +ein eigenes Quartier. Dort sitzen die wohlbeleibten Maenner nur halb +bekleidet, mit geschorenem Kopfe, kleinem Schnauzbart und praechtigen +schwarzen Augen in dem gelben, etwas weibischen Gesichte. Wer sie so +sieht, glaubt sich in einen Bazar nach Delhi oder Bombay versetzt. Der +Baniane traegt auf der Strasse einen rothen, mit Gold oder gelber Seide +verbraemten Turban und eine silberne Kette um den Leib. Diese Inder essen +kein Fleisch und moegen solches nicht einmal anruehren. Beklagten sie sich +doch einmal, wie Lejean berichtet, ernstlich darueber, dass die Hunde der +katholischen Mission einmal in der Naehe ihrer, der Banianen, Cisterne +Knochen abgenagt haetten! Dadurch koenne das Wasser verunreinigt werden. Die +Zahl der Europaeer ist in Massaua nie betraechtlich gewesen und besteht nur +aus ein paar Konsularagenten, einigen Kaufleuten und Missionaeren. Unter +den Konsularagenten war der englische, vor wenigen Jahren erst verstorbene +_Raffaele Barroni_ den Tuerken besonders verhasst, weil er den Muth hatte, +eine unablaessige Fehde gegen die Sklavenhaendler zu fuehren. Um recht mit +Nachdruck auftreten zu koennen, hatte er sich sogar eine eigene Polizei +eingerichtet. Er wusste allemal, wieviel Sklaven eine im Kuestenland aus +Abessinien ankommende Kafle (Karawane) mit sich fuehre, zog ihr an der +Spitze seiner wohlbewaffneten Dienerschaft entgegen, nahm, wenn noethig, +mit offener Gewalt ihr alle Sklaven ab und verschaffte denselben die +Freiheit. Die Kaufleute hassten ihn, sein Leben war oftmals bedroht, aber +er hatte seine Vorkehrungen getroffen und sich eine Art von fester Burg +gebaut, von welcher aus er mit seinen Kanonen und Buechsen die Umgegend +bestreichen konnte. Im Nachlasse dieses muthigen Mannes fand der Reisende +Lejean folgende Aufzeichnung: "Ich habe Sklaven befreit, nachdem der +Konsul Plowden von hier abgereist war, im Jahre 1855: 2 Galla von +Tehuladare, 1 aus Mensa, 158 aus Magatul, 1 von Atti Letta; 160, die man +nach Dschidda schicken wollte, habe ich zurueckgehalten. Im Jahre 1856: +240. Ich hielt eine ganze Karawane auf ottomanischem Gebiete an und +schickte sie nach Abessinien zurueck. Im Jahre 1857 befreit: 2 von Schoa, 2 +von Mensa, 4 von mir unbekannter Herkunft" u. s. w. Eine andere Notiz +lautet: "Die Bewohner dieser Stadt und namentlich die Sklavenhaendler sind +hocherfreut, dass Abdul-Aziz den Thron bestiegen hat; sie hoffen unter ihm +eine Wiederbelebung des Sklavenhandels im Rothen Meere." Wie die Englaender +es uebrigens mit der Unterdrueckung des Sklavenhandels nicht immer ernst +nehmen, dafuer bringt Lejean ein Beispiel bei. Barroni stand unter dem +Oberbefehl des englischen Residenten in Aden. Dieser wandte allerdings +gegen das, was Barroni that, nichts ein, gab ihm aber zu bedenken, dass man +es mit dem Einschreiten gegen den Sklavenhandel unter tuerkischer Flagge +nicht zu ernsthaft nehmen duerfe "damit diese befreundete Flagge im Rothen +Meere in ihrem Ansehen nicht geschwaecht werde". + +Was Lejean sonst noch ueber einzelne Einwohner Massaua's berichtet, ist zu +charakteristisch fuer die dortigen Zustaende, als dass wir es nicht hierher +setzen sollten. Die tuerkische Regierung benahm sich gegen die Kapuziner, +welche sich in Monkullo niederlassen wollten, sehr barsch. Ein Moench +machte aber dem Gouverneur zu schaffen und forderte ihn sogar zum +Zweikampf auf Saebel; dann erklaerte er, er werde den Gouverneur aus dem +Fenster werfen und selbst regieren. Zuletzt wurde er Kaufmann und dann in +Florenz Zeitungsredakteur. + +Im Jahre 1854 war ein gewisser Ibrahim Pascha Kaimakan von Massaua. Dieser +Wuerdentraeger war stets durch Hanfrauchen benebelt und schwelgte in den +wildesten Phantasien. Nach Konstantinopel berichtete er, dass er alles Land +bis zu den Mondgebirgen erobert habe, waehrend doch wenige Stunden +landeinwaerts seine Macht ein Ende hatte. Er wollte die Einwohner am +Festlande besteuern, worauf diese aber keine Lebensmittel mehr nach der +Insel brachten, sodass in Massaua sich Hungersnoth einstellte. Gegen die +Europaeer erlaubte er sich allerlei Grobheiten; dieselben fuehrten Klage, +infolge deren er 1855 von der Pforte kassirt wurde. Er nahm seine +Absetzung gleichmuethig auf, schloss sich in seinen Harem ein und erhing +sich an einer Saebelschnur. + +Was das Klima Massaua's anbetrifft, so ist es nicht ungesunder als das der +andern Hafenplaetze am Rothen Meere. Das Spruechwort sagt, es sei eine +Hoelle, wie Pondichery ein heisses Bad und Aden ein Backofen. Am +empfindlichsten macht sich der Mangel an Trinkwasser auf der Insel selbst +bemerkbar. Die _Cisternen_ auf der Ostseite der Insel nehmen etwa ein +Drittel dieser letzteren ein. Der Ueberlieferung zufolge sind sie von den +Farsi (Persern) gebaut worden und das kann richtig sein, denn es ist +wahrscheinlich, dass einige Zeit, bevor Muhamed seine Lehre verkuendigte, +der persische Koenig Chosroes diese Kuestengegend des Rothen Meeres +beherrschte. Uebrigens bezeichnet man in Massaua alles, was nicht +muselmaennisch oder abessinisch ist, als "Farsi", und so auch die +Cisternen. Sie sind vortrefflich gearbeitet und haben eine Art gewoelbten +Deckel, der aus wunderbar fest gekitteten Korallenstuecken besteht. Die +inneren Waende der Cisternen sind meistens vollkommen glatt und von +rosenrother Farbe. + +Die aegyptische Regierung thut nichts, um diese so hoechst nothwendigen und +nuetzlichen Cisternen in gutem Zustande zu erhalten; was einfaellt wird +nicht ausgebessert. Die Tuerken bekommen ihr Wasser von Monkullo oder +Arkiko, und ob die armen Leute Trinkwasser haben, ist ihnen ganz einerlei. +Massaua selbst hat gar kein eigenes Trinkwasser, wenn nicht etwa einige +dieser Cisternen Regenwasser enthalten. Alltaeglich geht dagegen ein +Regierungsschiff nach Arkiko, das viele Brunnen besitzt, deren Wasser +indessen nicht besonders gut ist. Dasselbe wird dort in lederne, stark +gethrante Schlaeuche gefuellt, dann mittels Lastthieren oder Traegern zum +Gestade gebracht und nach der Stadt verschifft. Im August und September +fallen nicht selten Regen, welche die Brunnen speisen. Das schon erwaehnte +Arkiko, das frueher Dogen hiess, scheint wenigstens so alt wie Massaua zu +sein, obgleich es keinen Hafen besitzt. Es ist von freundlichen Gaerten +umgeben und dient als Militaerstation. + +Seine Wichtigkeit verdankt Massaua dem abessinischen Zwischenhandel. Alle +dort wohnenden Nationalitaeten sind an demselben betheiligt. Es kommen bei +guenstigen politischen Verhaeltnissen im Innern gewoehnlich zweimal im Jahre +grosse Karawanen (Kafle) aus den Gallalaendern und ganz Abessinien nach der +Kueste; der Gesammtwerth der durch sie abgesetzten Waaren wird von Heuglin +auf eine Million Thaler, von Andern jedoch weit hoeher angegeben. Eine +solche Karawane sammelt sich bei guenstiger Jahreszeit und bewegt sich, von +bewaffneter Macht eskortirt und immer wachsend an Mitgliedern, ueber Adoa +dem Meere zu. Sie steht unter dem Befehle eines Schech el Kafle und +transportirt die Waaren auf Maulthieren und Eseln bis an den Abfall der +Hochgebirge, wo dann die benachbarten Hirtenvoelker, die viele Kameele zu +diesem Zwecke halten, die Weiterbefoerderung uebernehmen und die Waaren bis +zum Meere bringen. Der groesste Theil der Verkaufsgeschaefte ist schon vor +Ankunft der Karawane in Massaua durch Unterhaendler abgeschlossen; die +Hauptartikel sind Kaffee aus der Umgebung des Tanasees, Godscham und den +Gallalaendern, Elfenbein von den Galla- und Kolalaendern, Nashorn, Moschus, +Gold von Damot, Fazogl, Galla u. s. w., Wachs, Honig, Butter, +Schlachtvieh, Haeute, Maulthiere, Tabak, Straussenfedern und Sklaven. Der +Schiffahrtsverkehr mit den Haefen am Rothen Meere, sowie mit Aden und +Bombay, ist sehr lebhaft. Noch 1860 schrieb Moritz v. Beurmann: "Unter den +von Massaua ausgefuehrten Handelsartikeln nehmen die Sklaven noch immer +einen bedeutenden Posten ein, obgleich in der letzten Zeit auch dieser +Handel bedeutend nachgelassen hat und die jaehrliche Ausfuhr in den letzten +Jahren wol kaum auf 1000 Koepfe kommen moechte. Es war deshalb auch zu der +Zeit, als ich in Massaua war, die Stimmung gegen die Europaeer eingenommen, +da man wohl weiss, einen wie schaedlichen Einfluss dieselben auf diesen +ergiebigen Handel haben." Nach Rueppell fuehrte man 1838 etwa 2000 Sklaven +beiderlei Geschlechts aus, zu einem Durchschnittspreis von je 60 +Speziesthalern. _Markt_ wird taeglich in der Stadt abgehalten. Ausser den +gewoehnlichen Handelswaaren werden auch Lebensbeduerfnisse, Fleisch, Brot, +Holz und Trinkwasser, feilgeboten. Die beiden zuletzt genannten +Beduerfnisse machen die Erwerbsquelle fuer die armen Landleute aus. Mit dem +thoenernen Topfe auf dem Haupte kommen die Wassertraegerinnen heran; schon +am fruehen Morgen stellen sich Hirten ein, welche kleine, mit Milch +gefuellte Koerbchen zum Verkauf bringen; diese Milch schmeckt sehr +unangenehm, indem sie gleich nach dem Melken stark geraeuchert wird, was, +um das Gerinnen zu verhueten, unumgaenglich noethig sein soll. Andere +Landleute bringen in der Winterjahreszeit Nabakfruechte (_Rhamnus Nabac_) +und kleine Citronen, die aus den verwilderten Klostergaerten stammen, sowie +frische Hennablaetter (_Lawsonia inermis_), welche den Schoenen der Stadt +zum Rothfaerben der Naegel und Handflaeche unentbehrlich sind. Fischerknaben +bringen die reiche Ausbeute des Meeres, und im Fruehling verkauft man die +Bluetenstengel einer spargelaehnlich schmeckenden Aloeart. Fast die ganze +maennliche Bevoelkerung Massaua's treibt sich den Tag ueber faullenzend unter +den Marktbuden umher, wo neben dem feinen Stutzer der zerlumpte Derwisch +und der halbnackte Hirt einherzieht. + +Massaua, sowie Sauakin, gehoerten einst zum abessinischen Reiche. Die Stadt +wurde 1557 durch eine tuerkische Flotte erobert und mit einer bosnischen +Besatzung versehen. Unter Mehemed Ali gehoerte sie zu Aegypten, kam jedoch +1850 wieder unter tuerkische Oberhoheit und wurde 1865 abermals, nebst der +ganzen Westkueste des Rothen Meeres an Aegypten abgetreten. + + -------------- + +Wendet man sich von Massaua gerade nach Sueden, nach dem bis zu 5000 Fuss +ansteigenden Gedemgebirge, so uebersieht man von diesem den ganzen +_Meerbusen von Annesley_ oder die _Bai von Adulis_ (jetzt bei den +Eingeborenen Gubet Kafr genannt). Waehrend im Westen das Vorgebirge Gedem +die Bai abschliesst, wird diese im Osten von der meist kahlen Halbinsel +Buri begrenzt. Das Westufer, flach und durch Anschwemmungen entstanden, +traegt eine ueppige Vegetation von Schorabaeumen, zwischen deren Wurzelgewirr +Heuglin hier einen seltsamen Fisch (_Periophthalmus Koehlreuteri_) +entdeckte, der, froschlarvenartig aussehend, im Schlamme, zwischen Steinen +und sogar im Grase lebte und verfolgt in grossen Spruengen sich ins Wasser +rettete. Die Bucht hat eine Laenge von 20, bei einer Breite von 8 Meilen, +ist tief genug, um selbst die groessten Seeschiffe aufzunehmen, und besitzt +den Vorzug, Trinkwasser wie auch Brennholz liefern zu koennen. Den Schluss +der Bai bildet die den Franzosen gehoerige _Insel Dessi_, welche ohne grosse +Kosten leicht befestigt werden koennte, doch haben die Franzosen es bei der +einfachen Besitzergreifung bewenden lassen. Sie hat gleichfalls gutes +Wasser und Weide fuer etwa 600 Stueck Rindvieh, die drei Rheden gewaehren +guten Schutz und koennen in vortreffliche Haefen umgeschaffen werden. Im +Jahre 1859, als Agau Negussi Gebieter Tigrie's und von den Franzosen als +"_Empereur_" anerkannt war, gab er die Insel dem franzoesischen Agenten +Russel und bot ihm ausserdem noch die ganze Bai von Adulis an. Dagegen that +die ottomanische Pforte Einsprache, da sie das ganze Kuestenland fuer sich +in Anspruch nimmt; indessen wurde darauf keine Ruecksicht genommen, und der +franzoesische Konsul schloss auf der Halbinsel Buri mit den Haeuptlingen der +Hasorta, welchen Dessi gehoerte, einen Vertrag. Die Schums (Haeuptlinge) +erklaerten, dass sie nie der Pforte, sondern nur der abessinischen Krone +unterthan gewesen seien. So ward Dessi franzoesisch und bestimmt, der von +den Englaendern besetzten Insel Perim in der Bab-el-Mandeb Konkurrenz zu +machen. + +Am westlichen Ufer, doch eine Stunde vom Meere entfernt, liegen an einem +breiten, trockenen Strombette die Ruinen der beruehmten Stadt _Adulis_, +Adule, _Zula_ oder Asule. Sie wurde unter Ptolemaeus Euergetes gegruendet +und war zur Zeit der Ptolemaeer ein bluehendes Emporium, dessen Bewohner +lebhaften Handel, besonders mit Elfenbein, Rhinozeros, Schildpatt, mit +Affen und Sklaven trieben. Eine zweite Bluetezeit erlebte Adulis unter den +Koenigen von Axum, fuer deren Staat es Hafenplatz bildete. + + [Illustration: Hirt mit Fettschwanzschafen. Zeichnung von Robert + Kretschmer.] + +Als im 6. Jahrhundert hier der Indienfahrer Kosmas landete, fand er das +_Monumentum adulitanum_, dessen Inschriften ueber die alte Geographie jener +Gegenden wichtige Auskunft geben. Jetzt sind von der Stadt nur elende +Ruinen noch uebrig, die zwei Meilen im Umfang haben. Schutthaufen von +Wohnungen, die alle von kleinen unbehauenen Lavasteinen erbaut waren, in +der Mitte die Truemmer einer ganz zerfallenen Kirche, dabei Saeulenreste und +Kapitaele, alles ziemlich plump aus Lava gearbeitet und mit Buschwerk +ueberwachsen - das ist, was von Adulis uebrig blieb. Keine Inschrift, kein +Relief ist mehr zu sehen, aber die Begraebnissplaetze der Muhamedaner haben +sich zwischen diesen alten christlichen Resten angesiedelt, bei denen der +Mangel groesserer Gebaeude nicht auffallen kann, wenn man bedenkt, dass Adulis +einst dieselbe Rolle spielte, wie heute Massaua, in dem auch alle grossen +Gebaeude fehlen. + +Hier ist der Ort, einen kurzen Blick auf die Bewohner des Kuestenlandes zu +werfen. Diejenigen der Samhara, des schoenen Thales von Modat, in welchem +die heissen Mineralquellen von Ailet liegen, nennt man zusammenfassend +_Beduan_. Sie sind gleich den Abessiniern Semiten und reden die +Tigresprache. Alle bekennen sich zum Islam, doch vor einem Menschenalter +waren sie noch Christen, wie es ihre naechsten Nachbarn im Nordwesten, die +Mensa und Bogos, noch heute - wenigstens dem Namen nach - sind. Sie sind +alle Nomaden, die besonders Viehzucht treiben und Kameele, Rindvieh, +Ziegen und Schafe halten. Letztere sind verschieden von den eigentlichen +abessinischen Schafen; sie kommen vielmehr ueberein mit dem arabischen oder +persischen _Fettschwanzschafe_ und zeichnen sich durch einen schwarzen +Kopf aus. + +In der Umgebung des Golfs von Adulis bis zur eigentlichen Grenze +Abessiniens wohnen Hirtenvoelker, die Heuglin unter dem Namen _Schoho_ +zusammenfasst und zu denen er auch die _Hasorta_ oder Saorto rechnet. Sie +reden eine eigene Sprache, haben eine eigenthuemliche Gesichtsbildung, sind +blos wilde Hirten, haben keine festen Wohnsitze und treiben keinen +Ackerbau. Sie bekennen sich der Form nach allerdings zur muhamedanischen +Religion, kuemmern sich im Grunde genommen jedoch wenig darum. Ihre +Lebensweise ist einfach, ja duerftig, ihr Charakter leidenschaftlich. +Rueppell sah in Arkiko Schoho, die sich durch einige Eigenthuemlichkeiten +auszeichneten. Ihr Kopfhaar stand rund um den Kopf nach allen Seiten hin +sechs Zoll weit steif ab und hatte durch die Menge des eingekneteten +Hammelfettes eine graugelbe Farbe erhalten; mehrere bejahrte Maenner hatten +ihre grauen Baerte ziegelroth gefaerbt; andere rochen bis in weite Ferne +nach Zibethmoschus; dabei gingen sie in ganz zerlumpten Kleidern. Von den +ihr Gebiet durchziehenden Fremden versuchen die Schohos auf alle moegliche +Art Geld zu erpressen. So suchten sie Rueppell mehrere Schafe und Milch +aufzudraengen; gluecklicherweise hatten ihn aber seine Reisegefaehrten +gewarnt, von ihnen anders als gegen bestimmte Zahlung etwas zu nehmen, da +solche Schenkungen nur ein Kunstgriff seien, um den zehnfachen Werth dafuer +zu erzwingen. Uneingedenk dieser Warnung kostete er von einer freundlich +dargebotenen Schale Milch, wofuer er einen halben Maria-Theresia-Thaler +zahlen musste! + +Die Begruessungsart der Schoho ist das Darreichen der Hand; wenn sie +ausruhen, nehmen sie eine Stellung an, die man unter den ostafrikanischen +Negern (z. B. bei den Bari am Weissen Nil, bei den Leuten im Mondlande +u. s. w.) wiederfindet. Sie setzen naemlich die linke Fusssohle an das +rechte Knie, biegen dann, indem sie sich mit der Achselhoehle der rechten +Schulter auf einen Stab stuetzen, den Koerper auf die rechte Seite und +stehen so oft Viertelstunden lang unbeweglich still, apathisch denselben +Gegenstand anstarrend. + +Folgt man in suedoestlicher Richtung der Kueste des Rothen Meeres, so trifft +man abermals auf ein anderes Volk, auf die ohne ein gesetzliches Band, in +kleinen Familien, ohne politisches Oberhaupt lebenden _Danakil_ (in der +Einzahl Dankali), welche bei den Arabern Tehmi oder Hetem heissen. Sie sind +in den Kuestenplaetzen am Rothen Meere ansaessige Fischer und Schiffer, die +auch mit der gegenueberliegenden arabischen Kueste Handel treiben. Obgleich +sie nur kleine offene Schiffe haben, die hinten und vorn in einen Schnabel +auslaufen und gewoehnlich nur durch ein viereckiges, aus Matten +verfertigtes Segel in Bewegung gesetzt werden, so wagten sie sich doch von +je muthig weit in die See hinaus und waren frueher auch zuweilen kuehne +Seeraeuber. In vieler Beziehung gleichen sie den Ostabessiniern, doch sind +sie noch kraeftiger und heller als diese, tragen aber deren rothgeraendertes +Umhaengetuch und verhuellen sich beim Sprechen damit den Mund; andere +bekleiden sich mit der dicken abessinischen Leibbinde, die so breit ist, +dass sie bis fast unter die Arme reicht. Sie tragen lange, krause, von Fett +triefende Haare, gehen stets bewaffnet mit Lanzen, runden Schilden aus +Antilopenfell und einem zweischneidigen Saebelmesser, das aus indischem +Eisen geschmiedet und in einer ledernen Scheide an der rechten Seite +getragen wird. Die Danakil bekennen sich zum Muhamedanismus; sie werden +uebrigens von Heuglin, der sie in der Umgebung Ed's kennen lernte, als +feiges, diebisches Gesindel voll des schamlosesten Eigennutzes, dabei faul +und misstrauisch im hoechsten Grade, beschrieben. In ihrer Sprache heissen +sie Afer. Seit alten Zeiten bewohnen sie Ostafrika und beherrschten sogar +einige Jahrzehnte hindurch unter dem Eroberer Muhamed Granje ganz +Abessinien. Jetzt sind die Danakil auf ein verhaeltnissmaessig kleines Terrain +zurueckgedraengt, von der Halbinsel Buri im Osten der Bai von Adulis bis +Gubbet-Harab im Sueden (11 deg. 30' noerdl. Br.). Ihre Westgrenze bildet der +Abfall der abessinischen Hochlande und ein Salzwuestenland, das sich laengs +deren Fuss von Norden nach Sueden erstreckt und mit der Samhara oder Samher +theilweise zusammenfaellt. + +Diese _Samhara_, wie der Araber den schmalen Streifen nennt, welcher +oestlich von den abessinischen Gebirgen zwischen diesen und dem Meere +verlaeuft, ist ein hoechst interessantes Wuestenland. Dem Gesetze zufolge, +dass die Wueste ueberall da, wo es regnet, Wueste zu sein aufhoert und Steppe +zu werden anfaengt, sollte auch die Ebene zwischen dem Gebirgswall +Abessiniens und dem Rothen Meere Steppe sein, weil es dort regnet - allein +dies ist nicht der Fall. Gerade da, wo man glauben koennte, dass das Wasser +seinen ewigen Kreislauf ununterbrochen ausfuehren koenne, an diesen Kuesten +naemlich, zeigt sich diese Samhara als Ausnahme, die hoechstens als +Mittelglied zwischen Steppe und Wueste angesehen werden kann. Auf grosse +Strecken erinnert sie noch durchaus an die Wueste, nur in wenigen Thaelern +aehnelt sie der Steppe und blos da, wo das Wasser so recht eigentlich +waltet, beweist sie, dass sie innerhalb des Regenguertels liegt. Aber nicht +die Lage macht die Samhara zu dem, was sie ist, sondern die +Beschaffenheit. Sie ist blos eine Fortsetzung des Gebirgsstockes selbst, +obgleich sie, die Ebene, nur von wenigen und niederen Huegeln unterbrochen +wird. + +Sie gleicht gewissermassen, wie Brehm treffend bemerkt, dem Schlackenfeld +am Fusse eines gewaltigen Vulkans. Eine Menge konischer Huegel, zum guten +Theil aus Lava bestehend, wechselt hier mit schmaeleren oder breiteren +Thaelern ab und bildet ein Wirrsal von Niederungen, welche, dem Faden eines +Netzes vergleichbar, zwischen den Huegeln und Bergen verlaufen. So niedrig +diese Huegel auch sind, so schroff erheben sie sich, und deshalb verliert +auf ihnen das Wasser seine Bedeutung; denn so schnell es gekommen, rauscht +es wieder zur Tiefe hernieder und nur in der Mitte des Thales gewinnt es +Zeit, das Erdreich zu traenken und ihm die Feuchtigkeit zu gewaehren, welche +zum Gedeihen der unter einer scheitelrecht strahlenden Sonne so +wasserbeduerftigen Pflanzen unerlaesslich ist. Hier nun macht sich auch +gleich ein reiches Leben bemerkbar. An den schwarzen Bergen klettern die +Mimosen, so zu sagen, muehsam empor; an den schroffen Waenden finden sie +kaum Nahrung genug zu ihrem Bestehen und koennen sich deshalb nur zu +duerftigen Gestraeuchen entwickeln. Nur in wenigen Niederungen, die +zeitweilig von Regenbaechen durchstroemt sind, findet man dunkelgruene +Euphorbienbuesche, zu denen sich in noch besseren Lagen Tamarisken, +Christusdorn, Balsamstraeuche, Asklepiasbuesche, Capparis, Stapelien, +Ricinus gesellen, waehrend der Cissus ueberall an den Straeuchern +umherklettert und reiche Guirlanden bildet. Hier erhaelt man einen +Vorgeschmack jener reichen Natur, die im Gebirge herrscht, wo die Pracht +der Tropen mit den Schoenheiten der Bergwelt sich vereinigt, wo immer neue +Zauberbilder vor dem Auge auftauchen und sich das Schatzkaestlein ganz +Afrika's eroeffnet. Dort im Westen winkt uns der hohe Gebirgswall des +afrikanischen Alpenlandes, nach dem wir nun unsere Schritte lenken. + +Massaua ist fuer die weissen Europaeer die natuerliche Eingangspforte nach +Abessinien. Gewoehnlich schliessen sie sich einer heimkehrenden _Kafle_ an, +die immer mehr Sicherheit darbietet, als wenn der Reisende allein oder nur +mit geringer Begleitung in das Innere einzudringen versucht. Bei den +gesetzlosen Zustaenden des Landes, den fast stets stattfindenden +Buergerkriegen, der Pluenderung und Verheerung, ist ein Reisen in Abessinien +ausserordentlich gefaehrlich, und nur die Karawanen gewaehren einige +Sicherheit, wenn sie auch starken Erpressungen, Zollabgaben und den +verschiedensten Plackereien ausgesetzt sind. + +Als Lastthiere werden auf den steilen und schwer zugaenglichen Wegen +vorzueglich Maulthiere verwendet. Das Verpacken der Effekten nimmt viel +Zeit in Anspruch, da selbige in gleich grosse und wo moeglich gleich schwere +Ballen zusammengeschnuert werden muessen. Eine grosse Anzahl Diener und +Treiber ist deshalb noethig, um das Gras fuer die Thiere, Holz und Wasser +fuer die Reisenden herbeizuschaffen, ferner um das Gepaeck jedesmal durch +gehoeriges Zusammenlegen gegen den Regen zu schuetzen und des Nachts gegen +die Raeuber und Raubthiere Wache zu halten. Die Karawane z. B., mit welcher +Rueppell reiste, bestand aus 40 Kameelen, ebenso viel Maulthieren und ueber +200 Menschen. Man stelle sich vor, was diese allein an Wasser und +Lebensmitteln in den unwegsamen Gebirgen brauchten, und man wird die +Schwierigkeit, nach Abessinien einzudringen, schon hiernach beurtheilen +koennen. + + [Illustration: Landschaftscharakter am Abfall der ostabessinischen + Gebirge. Zeichnung von Robert Kretschmer.] + +Nur die angesehensten Reisemitglieder reiten; alle anderen gehen zu Fuss. +Jedes Mitglied der Gesellschaft ist bewaffnet; entweder mit einem langen +krummen Saebelmesser, das stets an der rechten Seite getragen wird, oder +mit einem Speer und runden Schilde. In neuerer Zeit sind die Gewehre mehr +in Aufnahme gekommen. Viele tragen ausserdem noch kleine, aus Rohr +geflochtene Sonnenschirme, die aeusserst nuetzlich sind, wenn man nach +abessinischer Sitte keine Kopfbedeckung traegt. Am Abend macht die Karawane +gewoehnlich unter einigen Baeumen in der Naehe von Brunnen Halt. Es ist kein +leichtes Stueck Arbeit, nach Abessinien einzudringen, wer es aber erreicht, +der findet in der Natur auch Belohnung fuer seine Muehe, wenn auch die +Menschen, welche jenes Paradies bewohnen, ihm desselben nicht werth +erscheinen. Steigen auch wir nun hinauf in die Hochlande. + +Hinter uns liegt der ungesunde Kuestensaum und die Samhara, die wir in +wenigen Tagemaerschen durchschritten, vor uns aber, am westlichen Rande +derselben, steigt jaeh in einer Hoehe von durchschnittlich 8000 Fuss das +_Taranta-Gebirge_, der natuerliche oestliche Grenzwall Abessiniens an, ueber +dem zackige Gipfel in die Hoehe starren. Im Lichte der suedlichen Sonne +spielt es in den praechtigsten Farben, die uns in Entzuecken versetzen; ein +ewiger Wechsel von Licht und Schatten, Helle und Dunkel ist bemerkbar. Es +wird Einem wohler in der Seele, wenn man dem Gebirge naeher und naeher +kommt; man treibt das Maulthier zu schnellerem Laufe an, um bald die Luft +der Gebirgsthaeler geniessen zu koennen. Die Paesse und Saumwege sind haeufig +so eng, dass nur ein Lastthier hinter dem andern zu gehen vermag; stuerzt +eines, so versperrt es den Weg und die Karawane muss Halt machen. Der am +meisten begangene Pass ist jener von Halai, durch den zur Regenzeit ein +wild angeschwollenes Gebirgswasser dem Rothen Meere zustuerzt. Schroffe +Bergmassen, welche aus senkrechten Schichten von Schiefer bestehen, +begrenzen den Weg. Das Ganze macht den Eindruck einer wilden Einoede: +Bergwaende mit fast ganz nacktem Gestein ohne frischen Graswuchs erheben +sich zu beiden Seiten, waehrend die Thalniederung nur hier und da +Baumgruppen zeigt. In Zickzacklinien fuehrt der Weg weiter; es treten nun +verschiedene Pflanzen auf: man bemerkt die ersten Tamarisken, dann die +Kronleuchter-Euphorbien (Kolqual), die mit der Hoehe des Gebirges an +Haeufigkeit zunehmen und aeusserst charakteristisch sind; vorherrschend ist +jedoch die Mimose. Jetzt sind wir oben in der erfrischenden Bergeshoehe; in +der Nacht ist kalter Tau gefallen und der kuehle Wind streicht ueber die +Gipfel, von denen wir noch einen Blick rueckwaerts auf das Rothe Meer - +gleichsam zum Abschied - werfen. Der naechste Fluss senkt sich schon +westlich ab - er gehoert zum Gebiete des Nil. Abessiniens Grenze, die +allerdings nicht so scharf gezogen erscheint, wie die Grenze eines +europaeischen Staates, ist ueberschritten und das Dorf _Halai_, das erste +des Landes, ist erreicht. Es schmiegt sich terrassenfoermig erbaut an die +Kuppe eines Huegels an; die Wohnungen sind kaum mannshoch und mit flachen +Daechern versehen. Diese haben einen bodenlosen Topf in der Mitte, durch +welchen das Tageslicht in die Huette dringt und der Rauch hinauszieht. + +Diese Toepfe - Schornsteine kann man sie nicht nennen - werden mit einem +Steine bedeckt, wodurch dann, da die Huette ausser einer kleinen Thuer keine +andere Oeffnung hat, das Innere derselben ganz finster wird. Wir treten +ein, um einen Vorgeschmack abessinischer Behausungen zu erhalten. Um ein +nie verloeschendes Feuer gekauert, dessen Rauch nur muehsam Abzug findet und +die Waende mit dickem Russ ueberzieht, lagern die halbnackten Insassen, zu +denen sich Ziegen, Schafe und Esel gesellt haben, welche in einer Ecke des +Gemachs Unterkunft fanden. Ermuedet werfen wir uns auf eine der mit +Ledergeflecht ueberzogenen Ruhebaenke, reiben die thraenenden Augen, welche +von dem beissenden Qualm zu leiden haben, und gedenken uns durch einen +Schlaf von der anstrengenden Gebirgswanderung zu erholen - aber auch +dieser wird uns verleidet, denn aus den Rohrmatten, die auf der Ruhebank +liegen, stuerzen blutgierig Hunderte von Floehen ueber uns her, denen +europaeisches Blut ein ganz besonderer Genuss zu sein scheint. Wir moechten +hinaus ins Freie - aber auch das ist uns benommen, denn stroemender Regen +giesst auf die Erde herab, und wir sind gezwungen, in dem ekelhaften +Quartier auszuhalten. + +So gestaltet sich das Vordringen nach Abessinien von der Seite des Rothen +Meeres her. Anders und mit noch groesseren Schwierigkeiten gelangt man laengs +dem Nil oder laengs dessen Zufluessen in die Hochlande. Hier ist der +Reisende genoethigt, bis nach der Metropole des oestlichen Sudan, Chartum am +Zusammenflusse des Weissen und Blauen Nil, vorzudringen. Von hier aus kann +er entweder am Blauen Fluss stromaufwaerts bis nach der zerfallenen Stadt +Sennar reisen und dann nach dem oestlich liegenden Sklaven- und Gummimarkte +_El Gedaref_ ziehen, oder er verlaesst den Blauen Nil schon frueher bei +Abu-Haras und gelangt durch das Gebiet der Schukerie-Araber nach dem +genannten Marktplatze. Von hier aus geht nun in suedoestlicher Richtung die +vielbesuchte Karawanenstrasse am Elephantengebirge oder Ras el Fil vorbei +in die Negerrepublik _Galabat_. Dieser merkwuerdige Grenzstaat, der von +sehr fleissigen Schwarzen - Takruri - bewohnt wird, die aus Darfur und +Wadai stammen und auf den Mekka-Wallfahrten hier sitzen blieben, hat sich +unter einem Oberhaupte - Schum - eine Art von Selbstaendigkeit zu bewahren +gewusst, die er allerdings durch gleichzeitige Abgaben an Aegypten und +Abessinien theuer erkauft. Die Hauptstadt Metemme ist ein bedeutender +Marktort, unfern vom Atbara. Auch haben die Baseler Missionaere hier eine +Station errichtet, die indessen ganz erfolglos blieb. + +Metemme, nur wenige Meilen von der abessinischen Grenze gelegen, ist in +der letzten Zeit ungemein haeufig von europaeischen Reisenden besucht +worden, so von Baker, Schweinfurth, Graf Krockow, v. Heuglin. Das +Hinaufsteigen in die Hochlande ist hier nicht sehr schwierig, keinenfalls +so muehevoll wie von Massaua aus. Auch wir wollen hier in das Land +eindringen und zwar unter der Fuehrung _G. Lejean's_, eines franzoesischen +Reisenden, der sich um die Wissenschaft schon bedeutende Verdienste +erworben hat. + + + + + + [Illustration: G. Lejean.] + + + + + + G. LEJEAN'S REISE DURCH ABESSINIEN. + + + Metemme. - Der Markt Wochni. - Grenzwaechter. - Eine abessinische + Festung. - Eine deutsche Familie. - Das Land am Tanasee. - + Schnapphaehne. - Missionsstation Gafat. - Gefangennahme Lejean's + durch Koenig Theodor. - Theodors Loewen. - Gondar und seine Bauten. + - Wasserfall des Reb. - In einem Kloster. - Besuch in Korata. - + Binsenfloesse. - Der Tanasee. - Besteigung des hohen Guna. - Fuenf + Frauengenerationen. - Befreiung. - Hochebene Woggara. - + Lamalmonpass. - Reise durch Tigrie nach Massaua. + + +Guillaume Lejean ist ein vortrefflicher Mann. Er verbindet mit der +Leichtigkeit und Liebenswuerdigkeit echt franzoesischen Wesens eine deutsche +Gruendlichkeit. Dabei ist er kuehn, praktisch und vor keiner Gefahr +zurueckschreckend. Diese hervorragenden Eigenschaften machten ihn zum +Forschungsreisenden besonders geeignet, wozu noch sein offizieller +Charakter als franzoesischer Konsul ihm mancherlei Erleichterungen +verschaffte. Bekannter wurde er zuerst durch eine Abhandlung ueber die +verwickelte Ethnographie der europaeischen Tuerkei, die er nach allen Seiten +hin bereist hatte. Als die grosse Zeit der Nilquellenentdeckungen war und +Speke, Grant, Baker ihre Erfolge errangen, beschloss auch Lejean sein Theil +zur Loesung des Problems beizutragen; er ging den Weissen Nil hinauf, +untersuchte dessen Nebenfluss, den Gazellenstrom, und kam bis Gondokoro. +Hier warf ihn jedoch das klimatische Fieber dergestalt nieder, dass er +umkehren musste. Nun wandte er sich nach Nubien, besuchte Kassala, eine der +bedeutendsten Staedte im oestlichen Sudan, und durchstreifte die +Bogoslaender. Von der franzoesischen Regierung zum Konsul in Massaua ernannt +und mit einer Mission an den Koenig Theodor von Abessinien betraut, ging er +abermals nach dem Sudan. Im Dezember 1862 finden wir ihn dann zu Metemme +in Galabat, um weiter nach Abessinien vorzudringen. Von hier ab lassen wir +ihn seine an persoenlichen Abenteuern reiche Reise auszugsweise selbst +erzaehlen. + +Von dem deutschen Missionaer _Eperlein_, einem Badenser, wurde ich sehr +freundlich aufgenommen. Bei ihm befand sich ein junger Englaender, Namens +_Dufton_, der, gleichfalls vom Missionseifer getrieben, aus freien Stuecken +sich hierher begeben hatte, um ein Noviziat durchzumachen und dann als +Glaubensbote weiter zu ziehen. Er war ein gutes Exemplar jenes frostigen +Enthusiasmus, welcher seine Landsleute in religioesen Dingen auszeichnet +und zu so originellen Thaten treibt. Obgleich er als der Sohn eines +reichen Fabrikanten in Leeds gemuethlich zu Hause haette leben koennen, +beschloss er dennoch, gleich Krapf oder Livingstone Missionsreisen +anzutreten. Nur mit acht Guineen in der Tasche wanderte er nach Schwaben, +wo ihm Krapf anrieth, die Galla zum Christenthum zu bekehren. Er ging dann +nach Aegypten, den Nil aufwaerts nach Chartum, lud dort sein winziges +Gepaeck auf einen Esel, den er vor sich hertrieb, erlitt in Gedaref einen +heftigen Fieberanfall und langte mit drei Thalern in der Tasche in Metemme +an. Ich schlug ihm vor, sich meiner kleinen Karawane anzuschliessen; er +wuerde so als mein Sekretaer angesehen werden und ohne Schwierigkeit die +abessinische Grenze passiren koennen. Gern ging er auf meinen Vorschlag +ein, und ich gewann einen tuechtigen, sehr gebildeten Reisegefaehrten, +welcher sich in schwierigen Lagen voller Muthes erzeigte. + +Auf dem wohlversorgten Markte von Metemme kaufte ich zwei abessinische +Maulesel, zu 9 Thaler das Stueck, und miethete ausserdem ein Kameel, welches +mein Gepaeck bis Wochni bringen sollte, wo die steilen Bergabfaelle beginnen +und Lastesel an die Stelle des Schiffs der Wueste treten. Nach viertaegigem +Aufenthalt in Metemme sagten wir endlich dem braven Eperlein Lebewohl, +traten die Reise nach Abessinien an und gelangten zunaechst in einen +dichten Wald, der sich drei Tagereisen weit bis an den Fluss _Gandova_ +(Nebenfluss des Atbara) hin erstreckt. Dies ist der Grenzstreifen oder +Border, wie man in Schottland sagen wuerde, der von den Aegyptern und +Abessiniern als neutrales Land betrachtet wird, den aber beide Theile +schon haeufig mit ihrem Blute getraenkt haben. Am dritten Tage passirte ich +die noch stark angeschwollene Gandova, an der Stelle, wo die kleine Insel +_Kaokib_ den Karawanen den Durchgang erleichtert; mitten auf derselben +erhebt sich ein prachtvoller Tamarindenbaum, welcher die Reisenden zur +Rast in seinem kuehlen Schatten auffordert. + +Gegen Abend gelangten wir an die erste jener stufenfoermigen Terrassen, +welche ringsum fast ganz Abessinien begrenzen. Wir erklommen sie mit +einiger Schwierigkeit und fanden auf dem Gipfel ein schoenes Plateau, auf +welchem man gerade das duerre Gras und Kraut behufs der Bestellung der +Felder abbrannte. Hier wurde das Nachtlager aufgeschlagen, das Gepaeck +abgeladen, schnell zu Abend gegessen und der muede Koerper auf dem Boden zum +Schlafe ausgestreckt. Wir hatten nur kurze Zeit geruht, als sich ein +wuester Laerm erhob; die Maulthiere begannen auszuschlagen und eins +derselben riss sich los. Unser Diener schoss aufs Gerathewohl in die +Finsterniss hinein. Wahrscheinlich hatte eine freche Hyaene einen Ueberfall +versucht, war dabei aber gestoert worden. Das freigewordene Maulthier lief +nach Metemme zurueck, wo es mit einem tiefen Biss in der Weiche bei Eperlein +ankam. + +Schnell erhoben wir uns beim Morgengrauen von diesem unangenehmen Orte und +gelangten nach vierstuendigem Marsche in _Wochni_, dem ersten abessinischen +Orte an, der wegen seines Wochenmarktes, wo die Baumwolle von Gallabat und +Sennar verkauft wird, beruehmt ist. (Abbildung siehe S. 85.) Ein fuer +allemal muss ich hier bemerken, dass wir wegen unserer europaeischen Kleidung +oder wegen unseres fremdartigen Aussehens von den Eingeborenen keineswegs +belaestigt wurden. + +Wochni liegt tief in einem dunklen feuchten Walde. Hierher kommen die +suedlichen Gallastaemme und Leute aus Tigrie, um Goldstaub und Elfenbein +gegen Pulver, Tuch und Leinen einzutauschen; die Beduinen aus Ostsudan +bringen ihre Pferde und aus Chartum langt Salz an, das in dem Reiche des +Negus als Geld unentbehrlich ist. Die Wohnungen bestehen aus runden Huetten +mit kegelfoermigem Dache; ausser Teppichen und Decken, welche als Divan +dienen, sind darin keine Moebeln vorhanden. + +Wir lagerten uns unter einem Baum, und unser Fuehrer ging, um den +_Nagadras_ oder Zollwaechter aufzusuchen. Unterdessen blaetterte ich in +einem illustrirten Buche, waehrend Dufton die hohe steile Basaltterrasse +des Maschelagebirges zeichnete, die sich noerdlich von Wochni mit +senkrechten Raendern 1800 Fuss hoch erhebt. Neugierig, doch ohne uns gerade +zu belaestigen, kamen die Leute des Ortes heran. Ein junges Maedchen fragte +mich, ob ich ein Christ sei, und als ich ihre Frage bejahte, zeigte sie +mir ihre blaue seidene Halsschnur und forschte dann weiter, ob ich auch +die Denghel Mariam verehre? "Ja wohl, die _Jungfrau Maria_, die Mutter +Christi!" lautete meine Antwort. Nichts kommt der Verehrung gleich, mit +welcher die Abessinier der Mutter Maria ergeben sind; hierin liegt einer +der zahlreichen Punkte, in welchen die Religion der Abessinier mit jener +der romanischen Voelker uebereinstimmt. Die deutschen und englischen +Missionaere mit ihrer kalten und schwerfaelligen Logik haben +ungeschickterweise gegen dieses Nationalgefuehl, eine der schoensten Formen +des Frauenkultus, geeifert und aus diesem Grunde, glaube ich, sind auch +alle ihre Missionsbestrebungen erfolglos geblieben. + +Der Nagadras kam an. Nach einigem Wortwechsel bedeutete er uns, dass er +ueber unsere Zulassung in das Reich erst mit dem _Bel-Amba-Ras Gilmo_, dem +Markgrafen oder Grenzwaechter der vier Grenzprovinzen Tschelga, Sarago, +Dagossa und Ermetschoho unterhandeln muesse. Bel-Amba-Ras Gilmo bestellte +uns nach seinem Aufenthaltsort, dem Dorfe Kamauchela, welches auf dem +Gipfel eines steilen, fast unzugaenglichen Berges liegt, einer Amba, wie +derselbe in Abessinien genannt wird. Vier Tage brachten wir noch in Wochni +zu, worauf wir dann auf Gilmo's Befehl, gefuehrt von einem Diener des +Zollwaechters, nach Tschelga aufbrachen. + + [Illustration: _Oenanthus multiflorus_. Nach Lejean.] + +Der Weg fuehrt durch das Bel-Wocha-Thal, das der Kolla Abessiniens +angehoert. An einzelnen Stellen zeigt dasselbe einen breiten Bambusguertel, +der ueber die Huegel sich hinzieht und fast alle uebrige Baum- und +Strauchvegetation erdrueckt hat. Andere Stellen zeigen praechtigen +Blumenflor. Weisse Schwertwurz (_Gladiolus_) und Asphodelusarten, Muscari, +Arum und duester erscheinende Takka; im Grase steht haeufig die Kaempferia, +deren breite gelbe Bluete sich mitten zwischen vier grossen, platt auf der +Erde liegenden, hellgruenen, rothgesaeumten Blaettern, die in einigen +Gegenden als Salat genossen werden, erhebt. Dazu gesellen sich Orchideen, +grossbluetige Amaryllis und Haemanthus mit scharlachrothen Bluetenknoepfen. +Praechtig leuchtet vor allen andern Pflanzen der _Oenanthus multiflorus_ +uns entgegen. Ueber Gestruepp und Gestein fuehrt in Zickzacklinien an +steilem Gehaenge fort durch enge Tiefthaeler der Weg aufwaerts; dann folgt +eine Ebene, von der man zum ersten Male einen weiten Blick in das +gesegnete Land Abessinien hat. Von hier aus geniesst man eine herrliche +Aussicht auf die Ebene von Tschelga und Dembea, auf den weiten Spiegel des +Tanasees mit seinen Inseln und die hohen Berge jenseit desselben, die Guna +und suedoestlich auf die Alpen Godschams. + +Unter stroemendem Regen langten wir in _Tschelga_ an, und dort wollten die +ungastlichen Eingeborenen, da wir keinen _Mursal_ oder Pass besassen, uns +zwingen, unter einem Baume zu kampiren, bis unsere Angelegenheit geordnet +sei. Ich miethete jedoch zu dem maessigen Preise von einem Stueck Salz +taeglich ein Haus, das zu beziehen unser Fuehrer, der Diener des Nagadras, +uns jedoch verhindern wollte. Dufton, hierueber aufgebracht, stellte sich +in nationale Boxerposition und schrie den Diener an: "Also du willst uns +auch ein trockenes Obdach verwehren? Piff, paff, da hast du eins!" Nun +drehte sich der Diener im Kreise, aber ein baumstarker Abessinier hielt +Dufton fest, und die Lokalpolizei intervenirte. Nach langem Streiten +erreichten wir dennoch unsern Zweck fuers erste: ein schuetzendes Gemach. + +Ich will die Leser nicht damit langweilen, wie der Bel-Amba-Ras uns volle +19 Tage in Tschelga aufhielt, unter dem Vorwande, erst Befehle vom Negus +Theodor einholen zu muessen. Ich argwoehne nur, dass er mich fuer einen +Missionaer hielt und auspressen wollte. Zuletzt ungeduldig geworden, +beschloss ich, ihn in seiner luftigen Felsenfestung aufzusuchen. Gefolgt +von Dufton, einem Takruri-Dolmetscher und einem Soldaten, der uns als +Wache beigegeben war, machte ich mich nach der Amba auf den Weg, die +nordnordoestlich von Tschelga liegt. Am ersten Abend schliefen wir, vier +Stunden von der Stadt entfernt, in einem muhamedanischen Dorfe, dessen +Einwohner in dem christlichen Abessinien dieselbe gedrueckte Stellung +einnehmen, wie die Christen in der muhamedanischen Tuerkei. Mit dem +Morgengrauen brachen wir wieder auf und erklommen eine Terrasse, von der +aus wir den ersten Blick auf die Amba werfen konnten. Vor Verwunderung +ueber das herrliche Naturgebilde standen wir beide ganz ueberrascht still. +Man stelle sich am Ende einer mit gruenenden Huegeln ueberzogenen Terrasse +einen jaeh und steil abfallenden Felsenberg von 700 bis 800 Fuss Hoehe vor, +also doppelt so hoch als unsere hoechsten Thuerme und fast ebenso gerade +aufschiessend wie diese, begrenzt von den bewaldeten Thaelern, die sich nach +dem Goang, wie man hier den Atbara nennt, hinziehen. Ein Felsen, der in +eine Plattform endigt, etwa von der Groesse der Place de la Concorde in +Paris, und der weit und breit die umliegende Ebene beherrscht, verbindet +sich wie eine Art von Vorwerk mit der Festung. Ein Felsgrat, so eng, dass +zwei Personen nebeneinander ihn nicht passiren koennen, fuehrt zu dieser, +und der Fussgaenger, welcher auf ihm hingeht, hat keinerlei Schutz zur +Seite, welcher seinen Fall in den gaehnenden Schlund rechts oder links +verhinderte. In diesem wilden Gibraltar wohnte der abessinische +Feudalherr, dessen kleiner pomphafter Hof lebhaft an die merovingischen +Herzoege zur Zeit Gregor's von Tours erinnert. Doch war es hier nicht das +erste Mal, dass ich jene Sitten noch in voller Ausuebung fand, welche in +meinem Vaterlande vor acht oder zehn Jahrhunderten herrschten, und manche +dunklen Verhaeltnisse unsrer Geschichte wurden mir erst durch den +Augenschein im heutigen Abessinien klar vor Augen gefuehrt. + +Wir schritten ohne Zoegern die schwindlige Bruecke entlang, die jener +gleicht, welche in den muhamedanischen Legenden aus dem Paradiese in die +Hoelle fuehrt, und nachdem wir ein Thor erreicht hatten, das von halb +entbloessten Lanzentraegern bewacht war, kletterten wir langsam einen +abschuessigen Abhang hinan, passirten ein zweites Thor und standen nun auf +einer Plattform, wo uns Gilmo's Leute in eine Art Wartesaal fuehrten, indem +sie uns bedeuteten, dass der Bel-Amba-Ras gerade mit einem Botschafter des +Negus verhandle, dass wir aber nach dessen Abfertigung sofort eingelassen +werden sollten. + +Nach Verlauf von zwei Stunden fuehrte man uns in einen weiten, mit Dienern, +Vasallen und Leibwaechtern angefuellten Raum, in welchem der +Festungskommandant auf einer Alga ruhte. Seine dunkeln Gesichtszuege +zeigten zur Genuege an, dass er von Ursprung ein Gamante (vergl. S. 88) sei, +welches Volk in diesen Grenzprovinzen sehr zahlreich wohnt und die grossen +Sykomoren verehrt. Er hielt eine "Berille", weitbauchige Flasche von +antiker Form mit langem Halse in der Hand und war schon angetrunken. Uns +zutrinkend wuenschte er nichts sehnlicher, als uns in den gleichen Zustand +versetzt zu sehen. Ich trug ihm meine Bitte vor, das Weihnachtsfest bei +meinen "europaeischen Bruedern" in Dschenda zubringen zu duerfen. So nannte +ich naemlich die dort wohnenden Missionaere, von denen ich in der Folge +manche Unterstuetzung zu erhalten hoffte, und mit grosser Genugthuung +vernahm ich alsdann seinen Ausspruch: "Etsche! Ich willige ein". Durch +diesen guten Anfang kuehner gemacht, bat ich ihn um die Erlaubniss, seine +Festung abzeichnen zu duerfen, die ich fuer ein Weltwunder erklaerte. Er +wurde ernst und sagte: "Hast du in unserm Lande etwas verloren? Hat man +dich bestohlen? Sprich, und ich will dir Gerechtigkeit widerfahren +lassen!" Nichts dergleichen, antwortete ich. "Dann", nahm er das Wort, +"hast du auch nichts zu verlangen, und aus welchem Grunde willst du diesen +Ort "abschreiben", um dich spaeter seiner zu erinnern?" Sein Misstrauen lag +klar auf der Hand, ich schwieg weislich still und nahm dankend Abschied. +Kaum in mein Quartier zurueckgekehrt, erhielt ich vom Bel-Amba-Ras einen +Hammel, einen Krug mit Honigwein, sowie Brot zugeschickt und hielt mit +Dufton eine koestliche Mahlzeit. So war die Audienz gut abgelaufen und wir +kehrten nach Tschelga zurueck, um uns zur Abreise vorzubereiten. + +Vor uns leuchtete der herrliche _Tanasee_, wie ein von Smaragden +eingefasster Saphir. Er ist ein grosses vulkanisches Becken von +ausserordentlicher Tiefe, auf dem die Stuerme heftig hausen. Zwanzig Stroeme +und Baeche speisen ihn, fuehren aber auch zur Zeit der Sommerregenguesse ihm +grosse Mengen von Schlamm zu und aendern dadurch stets seine Grenzen. +Reizende Inseln, auf welchen Kirchen und Kloester sich im Gruen der Baeume +verstecken, unterbrechen anmuthig seine Flaeche und verleihen dem +lieblichen Bilde Abwechselung. + +Die Reise von Tschelga nach Dschenda wurde in drei Stunden ohne +bemerkenswerthen Vorfall zurueckgelegt. Eine halbe Stunde hinter Tschelga +passirten wir den _Goang_, welcher an seiner nahen Quelle, dem Gesetze +aller abessinischen Stroeme folgend, eine Spirale um den Berg Anker +herumzieht. Die Braunkohlen, auf welche 1855 bereits Krapf aufmerksam +machte, wurden auch von mir in dieser Gegend gesehen. Spaeter liess Koenig +Theodor diese Lager durchforschen, um seine Werkstaetten in Gafat damit +versehen zu koennen. In _Dschenda_ wurde ich von einem grossen jungen Manne +empfangen, der mit der abessinischen Schama, tuerkischen Pantoffeln und +einer europaeischen Muetze bekleidet erschien. Es war der deutsche Missionaer +_Martin Flad_, welcher sich mit der Bekehrung der in dieser Gegend sehr +zahlreichen Juden befassen darf. Er stellte uns seine Frau vor, welche +Diakonissin im Institute des Bischofs Gobat zu Jerusalem gewesen war. +Diese deutsche Familie erschien mir in jeder Beziehung musterhaft und +ausserordentlich gastfrei, ein Lob, das ihr alle jene Reisenden ertheilen +muessen, welche auf dem Wege ueber Dschenda nach Abessinien eindrangen. Ich +blieb vier Tage in Dschenda und unterhielt mich mit Flad viel ueber den +Koenig Theodor II., der ihm grosse Gunst bezeugte und ihn ganz anders +behandelte als seine Kollegen Stern und Rosenthal (Flad gehoerte jedoch +sammt seiner Frau auch zu den Gefangenen in Magdala). Er erzaehlte mir, dass +vor der Thronbesteigung Theodor's in Dschenda kein Markttag verging, ohne +dass einige Mordthaten vorkamen, dass aber unter der neuen kraeftigen +Regierung dieselben fast ganz aufgehoert haetten. + +Am 1. Januar 1863, nachdem ich meinem liebenswuerdigen Wirthe ein +glueckliches neues Jahr gewuenscht, verliess ich ihn und seine drei Kollegen +Steiger, Brandeis und Cornelius, um nach Debra Tabor zum Negus Theodorus +II. zu reisen. Wir durchzogen eine weite, fruchtbare, von vielen Baechen +durchschnittene Ebene, in der zahlreiche Dorfschaften zwischen +Getreidefeldern und Gaerten mit rothem Pfeffer zerstreut lagen. Hier ist +das Eden Abessiniens, die Provinz Dembea mit der Hauptstadt Gondar, der +reichste und am besten bebaute Boden des ganzen Kaiserstaates. Ich +passirte die Nordostecke des Tana-Sees und gelangte in die schoene Ebene +_Arno-Garno_, wie sie nach dem vorzueglichsten, sie durchschneidenden +Flusse heisst. Mir zur Rechten lag der glaenzende Spiegel des Sees, zur +Linken eine hohe Reihe Berge, die in der Amba Mariam, dem Marienberge, bei +Emfras ihren malerischesten Gipfel zeigten. Anderthalb Meilen von Emfras +erhebt sich auf einem Huegel am Ufer des Arno ein unter der Regierung des +Negus Fasilides von den Portugiesen erbautes Schloss _Qusara Giorgis_, +dessen malerische Ruinen in diesem Lande der Strohhuetten ploetzlich eine +ganz europaeische Staffage hervorzaubern, sodass man eine alte Burg am Rhein +vor sich zu sehen glaubt. + + [Illustration: Der Tanasee bei Sturm. Zeichnung von Lejean.] + +Zwei tuechtige Stunden jenseit des Arno fuehrt der Weg durch das wilde und +meist unfruchtbare Huegelland von _Tisba_, das nichtsdestoweniger stark +bevoelkert ist; jetzt sind die Einwohner friedliche Leute, vor nicht zu +langer Zeit waren sie jedoch raeuberisches Gesindel; aber Koenig Theodor II. +hat ihnen die Lust zum Strassenraube benommen. Als er 1855 den Thron +bestieg, erliess er eine Proklamation, in welcher er sagte, dass Jedermann +wieder zu der Beschaeftigung seiner Vaeter zurueckkehren moege; der Soldat zum +Pflug, der Kaufmann zu seinen Waarenballen. Die Leute von Tisba, welchen +dieser Befehl missfiel, kamen remonstrirend und bis an die Zaehne bewaffnet +in das Lager des Koenigs. "Lang lebe Se. Majestaet! riefen sie aus. Wir +erscheinen hier nur, um besondere Erlaubniss zu erhalten, zum Geschaefte +unserer Vaeter zurueckkehren zu duerfen!" + +"Und was war dies fuer ein Geschaeft?" + +"Schnapphaehne und Strassenraeuber waren alle, Vaeter und Kinder." + +"Wollt ihr nicht lieber", antwortete ihnen der Negus, "friedliche Buerger +werden? Ich will euch die Mittel dazu an die Hand geben. Das Vergangene +ist euch verziehen; ihr erhaltet Grund und Boden, das noethige Vieh und +Ackerpfluege. Nehmt ihr dieses an?" + +"Niemals! Wir berufen uns auf das Edikt..." + +"Das ist euer letztes Wort?" + +"Ja wohl!" + +"Gut; kehrt heim." + +Vergnuegt reisten die Schnapphaehne nach Tisba zurueck, indem sie den Negus +eingeschuechtert zu haben glaubten. Doch sie kannten diesen Mann noch +nicht. Kaum waren sie zurueckgekehrt, als ein berittenes Corps in Tisba +anlangte, dessen Kommandant folgendermassen zu ihnen sprach: "Meine Lieben! +Es ist moeglich, dass euch der Kaiser Lalibela die Erlaubniss gab, +Strassenraub zu treiben, aber Kaiser Claudius, der gleichfalls heilig +gesprochen wurde, hat die Gensdarmerie (Neftenja) autorisirt, alle +Strauchdiebe niederzumachen. Neftenjas, gebt Feuer!" + +Die Ueberlebenden nahmen sich die ihnen ertheilte Lektion aufrichtig zu +Herzen, und die Leute von Tisba, die heutzutage die Felder bebauen, sind +ganz brave Menschen geworden. + +Von Tisba an steigt der Pfad laengs den oestlichen Vorbergen an und wird +dann eben bis zu dem Marktflecken _Eifag_ an der Kirche _Bada_ oder Bata +(d. h. Empfaengniss). Jene ganze Gegend war einst beruehmt wegen der vor +Alters eingefuehrten Weinkultur, die allerdings jetzt gaenzlich +darniederliegt. Eifag ist keine eigentliche Stadt, sondern besteht aus +vielen zerstreuten Doerfern und Kirchen. Um die Kirche Bada zieht sich ein +praechtiger Juniperus-Hain. Der Marktplatz ist sehr ausgedehnt; der +Nagadras (Zollbeamte) erhebt von jeder Waare hier eine gewisse Abgabe. An +jedem Mittwoch versammeln sich an diesem wichtigen Stapelplatze, von dem +aus der Handel zwischen dem Sueden und Norden Abessiniens von Godscham bis +Massaua vermittelt wird, die Haendler von weit und breit mit Vieh, Tabak, +Kaffee, Baumwolle, Baumwollenstoffen, Glasperlen, Wachs, Salz, Honig, +Haeuten, Huelsenfruechten, Getreide, Butter, Schwefel, Salpeter, Honigwein +und Bier. + +In Eifag hatte ich eine herrliche Aussicht auf die schoene Ebene von +Fogara, welche sich bis an den Berg Dungurs erstreckt. Der oestliche Theil +derselben ist durchaus flach und wird vom Hirtenvolke der Sellan +durchschweift. Im Westen dagegen steigt das Terrain an, dort erheben sich, +bewaldet, mit Doerfern und Kirchen besaeet, die Berge von Begemeder. Nach +dreistuendigem Marsche langen wir am _Flusse Reb_ an, den wir auf einer +immer mehr zerfallenden Bruecke von sieben Bogen passiren, deren Bau noch +unter dem Kaiser Fasilides vor mehr als 200 Jahren stattfand. Die Pfeiler +haben dem Zahne der Zeit gut widerstanden, allein die Bogen werden bald +von der wuethenden Flut hinweggerissen werden, da der Reb in der Regenzeit +grosse Massen von Schlamm mit sich fuehrt, immer mehr sein Bett erhoeht und +so der Wassermenge nur ein geringer Ausweg bleibt. Der Reb, welchen ich im +April vollkommen ausgetrocknet sah, ist zwei Monate spaeter ein praechtiger +Strom, groesser als die Seine bei Paris. Die Abessinier, obwol sie +vortreffliche Schwimmer sind, hueten sich dann, ihn zu passiren, da sie +fuerchten, dass gewisse Wassergeister sie in den Abgrund ziehen koennten. +Unter den Pflanzen, die ich in dieser Ebene bemerkte, nenne ich die schoene +_Methonica superba_, welche von den Abessiniern Marienkelch genannt wird. +Sie gehoert zu den Lilien und gleicht in ihrer Farbenpracht einer Flamme im +dunklen Laubgruen. + +Die Nacht brachten wir in einem Dorfe in der Naehe der Bruecke zu; am Morgen +brachen wir dann nach Debra Tabor auf. Rechts von uns blieb ein einzelner, +steiler und kahler Felsen, Amora Gedel, d. h. Geierfelsen, liegen, dessen +Spitze ganz mit Raubvoegeln bedeckt ist. Durch einen malerischen Schlund +und sumpfige Wiesen fuehrt ein Fusspfad zu dem Plateau von Debra Tabor +hinauf. Als wir oben angelangt waren, blieben wir vor Verwunderung stehen. +Vor uns lag ein leicht wellenfoermiges Land, dicht besaeet mit Doerfern, +zwischen lachenden Kulturflaechen und Weiden, auf denen zahlloses Vieh sich +befand. Als Franzose wurde ich an die Bourgogne erinnert, waehrend Dufton +eine Landschaft Yorkshire's vor sich zu sehen glaubte, und unwillkuerlich +rief ich aus: "Hier ist gut Huetten bauen!" Rechts von uns blieb der Huegel +von _Debra Tabor_ mit seinen 500 oder 600 Haeusern und dem koeniglichen +Lager liegen. Denn Theodor II. hat hier grosse Getreidemagazine errichtet, +die seine Armee in Kriegszeiten, d. h. so ziemlich immer, zu versorgen +haben. Gondar, "die Stadt der Pfaffen und Schauspieler", wie der Koenig +sich ausdrueckt, ist ihm zuwider. Endlich erreichte ich den Huegel von +_Gafat_, nordoestlich von Debra Tabor, das provisorische Ziel meiner Reise. +Der deutsche Missionaer Waldmeier, an den ich empfohlen war, nahm mich sehr +freundlich auf; auch seine Kollegen, fast lauter Badenser und +Wuerttemberger kamen herbei. Der einzige Franzose der kleinen Kolonie, +Franz Bourgaud aus Saint-Etienne, ist der Waffenschmied des Negus und bei +diesem sehr beliebt. Er giebt vor, sich recht ungluecklich zu befinden, und +verlangte schon mehrere Male in seine Heimat zurueckkehren zu duerfen, aber +Theodor antwortete ihm auf sein Gesuch: "Mein Sohn Bourgaud, deine Kinder +sind noch zu jung, um die weite Reise ueberstehen zu koennen; bleib noch ein +paar Jahre hier." Und Bourgaud blieb. Seine Kinder sprechen vorzueglich die +Amharasprache, er selbst und seine Frau haben sich ein Mischmasch aus +dieser und der franzoesischen zurecht gemacht, das nur ihnen verstaendlich +ist. Eigenthuemer Gafats ist ein alter General ausser Dienst von noblem +Aussehen. Um sein Haus herum haben sich die Deutschen Waldmeier, Kinzle, +Bender, Mayer, Salmueller und Hall angesiedelt. Alle haben Abessinierinnen +heirathen muessen; Bender eine Tochter Schimper's. Am zurueckhaltendsten war +der junge, huebsche Salmueller, welcher schliesslich eine Tochter des +Irlaenders Bell nahm. (Von letzterem wird weiter unten ausfuehrlich die Rede +sein). + +Noch hatte ich den Negus nicht gesehen, als am 25. Januar ploetzlich +Waldmeier auf mich zukam und ausrief: "Dort kommt Se. Majestaet!" Ich ging +mit ihm vorwaerts und traf bald auf ein grosses Gefolge hoher Offiziere, +welche alle den Margef, die bordirte weisse Tunica, trugen. Mitten unter +ihnen stand ein Mann, barhaupt und barfuss, in eine gemeine Soldatenschama +gekleidet, welche keineswegs noch ganz weiss war; in der Hand hielt er eine +Lanze, an der Seite hatte er einen gekruemmten Saebel. Wer mit den +abessinischen Gebraeuchen vertraut war, musste sofort den Rang dieser +Persoenlichkeit erkennen; es war der einzige, welcher beide Schultern +bedeckt hatte, und Niemand anders als _Koenig Theodor II._ + +Gut gelaunt redete er mich mit "Na deratscho (Wie geht es dir?)" an. Die +Etikette erfordert, dass man hierauf nicht antwortet und sich nur tief +verneigt. So that auch ich. Theodor zog sich darauf zurueck, setzte sich +auf einen Teppich und fing an, mit dem kleinen Bourgaud zu spielen. Dieser +sonderbare Mensch, dessen Leben so blutig verlief, beschaeftigte sich gern +mit Kindern, fuer die er eine grosse Zuneigung besass. Nachdem er dann einige +Hoeflichkeitsworte gewechselt, fragte er mich sehr verbindlich, wann ich +offiziell empfangen sein wollte? Ich erwiederte, dass ich ganz zu seinen +Befehlen stehe, worauf er den naechsten Tag zur Audienz in Debra Tabor +bestimmte. Ich ward abermals gut von ihm aufgenommen, machte den ganzen +Feldzug in Godscham mit, der nicht besonders gluecklich ausfiel, und kehrte +dann mit ihm in das Lager von Debra Mai in Mietscha zurueck. Unterdessen +waren verschiedene Umstaende vorgekommen, welche meine Anwesenheit auf dem +Konsulatsposten dringend erforderten; ich begab mich deshalb in voller +Uniform zum Negus, um ihn um eine Abschiedsaudienz zu bitten. Er liess drei +Europaeer herbeirufen, welche die Amharasprache redeten, und fragte dann, +was ich wolle. Ich antwortete: "Ich wuensche, dringender Angelegenheiten +wegen, nach Massaua abzureisen, und dann will ich von dort zwei Kisten mit +Geschenken fuer Ew. Majestaet von meinem Souveraen abholen, welche bereits +angelangt sein duerften. Ich moechte auch gern gleich abreisen, damit ich +vor Eintritt der Regenzeit wieder zurueck sein kann." + +Um zu verstehen, was nun folgt, muss man wissen, dass Theodor durch den +ungluecklichen Feldzug in Godscham gedemuethigt war, dass die Aegypter damals +gerade die Grenzprovinz Galabat besetzt hielten und dass er infolge des +Genusses von schlechtem Cognac betrunken war. Kaum hatten die Dolmetscher +ausgeredet, als der Negus in hoechster Wuth rief: "Ich behalte ihn auf +jeden Fall zurueck. Nehmt ihn, legt ihn in Ketten, und wenn er entweichen +will, so toedtet ihn!" + +Der Oberst, welcher zunaechst stand, winkte ein halbes Bataillon herbei. + +"Wozu das, fragte Theodor, 500 Mann, um einen Menschen zu fesseln?" + +"Ew. Majestaet sehen, erwiderte der Oberst, dass er ein merkwuerdig +funkelndes Ding unter dem Arme traegt - es war mein goldbesetzter +Konsulatshut -, das vielleicht eine Hoellenmaschine ist, die uns alle +toedten kann." + +"Donkoro, Dummkopf! Glaubst du nicht auch, dass er dich mit seinen +Augenbrauen toedten kann. Sechs Mann her und nicht mehr." + +Nun wurde ich, wie mein treuer Diener Achmed, an Haenden und Fuessen +gefesselt, obgleich ich in grosser Uniform war, und in mein Zelt +zurueckgefuehrt, wo ich streng bewacht wurde. Indessen schrieb ich, auf +einen Umschlag der Gemuethsverfassung des Koenigs bauend, an ihn einen +englischen kurzen Brief, in welchem ich um Erklaerungen bat. Am 3. Maerz +schon erschienen die Europaeer wieder, welche mir anzeigten, dass ich frei +sei, unter der Bedingung, dass ich in Gafat internirt bliebe. Ich zoegerte +anfangs, doch ging ich auf Kinzle's Zureden, der meinte, es sei besser in +Gafat als in Eisen weilen, auf diesen Vorschlag ein. Ueber den Negus +selbst will ich hier nur wenige Worte sagen. + +In den Audienzen, welche er gab, entfaltete er allen moeglichen +barbarischen Pomp. So liebte er es, dabei von vier zahmen Loewen umgeben zu +sein, die sehr wild und grimmig drein schauten. Ich hatte Gelegenheit, mit +denselben naehere Bekanntschaft zu machen. An einem hohen Festtage wurden +sie von ihren Waertern in mein Zimmer gefuehrt, um ihre Aufwartung zu +machen. Ein paar blanke Thaler verfehlten die Wirkung nicht, und ich +konnte meine Gaeste ruhig abzeichnen, wobei ich nur durch deren +aufdringliche Zutraulichkeit gestoert wurde. Der eine Loewe war von dem +genannten Salmueller abgerichtet und dann an den Kaiser verkauft worden. +Alle vier Loewen hatten ihre Namen; der Liebling des Kaisers hiess Kuara +(der Stuermische). Dieses Halten und Zuechten von Loewen steht uebrigens bei +den abessinischen Herrschern keineswegs als eine Ausnahme da und kam auch +frueher vor, wol deshalb, weil der Loewe als Sinnbild Aethiopiens angesehen +wird. Als Salt 1810 beim Ras Wolda Selassie in Antalo eine Abschiedsvisite +machte, bot dieser ihm zwei Loewen als Geschenk fuer den Koenig von England +an; "allein der weite Weg machte es unmoeglich, sie fortzubringen. Eins +dieser Thiere ward von seinem Waerter bisweilen in das Zimmer gebracht, wo +wir sassen: aber waehrend meines Aufenthaltes wurde es so wild und +unlenkbar, dass man es einsperren musste." + +Da mir der Negus Gafat zum Aufenthaltsorte angewiesen hatte, mit der +Erlaubniss, im Innern des Reiches Ausfluege nach Belieben machen zu koennen, +so zoegerte ich nicht, dieses auszufuehren, und stattete zunaechst der +_Hauptstadt __Gondar_ meinen Besuch ab. Von Gafat bis Ferka reiste ich +zunaechst den Weg, welchen ich auf meiner ersten Tour bereits beschrieb. Im +genannten Orte trennt sich die Strasse; links fuehrt sie nach Tschelga, +rechts nach Gondar. Ungeachtet des koeniglichen Befehls, dass ich in den +Doerfern, wo ich uebernachtete, gut beherbergt werden sollte, hatte ich +mancherlei Verdriesslichkeiten zu bestehen, ja man bedrohte mich einmal +sogar, und meine Leute fluechteten in Angst davon. Auf einer von den +Portugiesen erbauten Bruecke passirte ich den Fluss Magetsch, ohne welche +zur Regenzeit die Verbindung zwischen Nord- und Suedabessinien auf mehrere +Monate im Jahre vollkommen gestoert sein wuerde. + +An Juniperusbaeumen vorbei gelangte ich auf einen Huegel, der verschiedene +Haeusergruppen trug, zwischen denen sich wueste Plaetze hinzogen. Ich war +jetzt schon mitten in Gondar, ohne dass ich eigentlich die Stadt bemerkt +haette, und war nicht wenig verwundert ueber diese Kapitale der Kaiser +Sosneos und Fasilides, von der ich mir eine durchaus andere Vorstellung +gemacht hatte. Von welcher Seite aus man sich auch der Stadt naehert, +fallen die vielen hohen Warten und Thuerme, Zinnen und Mauern des in +mittelalterlich-portugiesischem Styl erbauten Koenigspalastes und einzelne +Kirchen mit grossen kegelfoermigen Daechern unter malerischen Baumgruppen +zuerst in die Augen: ein heimisches Bild fuer den Wanderer, der sich +ploetzlich dem Innern des tropischen Afrika entrueckt und in eine +mitteleuropaeische Landschaft versetzt glaubt. Ueber ueppigen Wiesengrund an +schmalblaetterigen Weidenbaeumen mit ueberhaengender Krone hin rauschen klare +Gebirgsbaeche zu Thal und schlaengeln sich, Silberfaden gleich, in der Ferne +durch das gruene, flache Dembra, dem Tanasee zu. Das noerdlichste Quartier +der Stadt ist das Abun-Bed mit der Wohnung des Bischofs. Ein nach Westen +fliessendes Baechlein, kahle Flaechen und Ruinenfelder trennen es von der +politischen Freistelle, dem Etschege-Bed, mit dem Sitze des Vorstandes der +Moenche, Etschege genannt. Auf einem freien, erhabenen Punkt, oestlich von +beiden, steht von einer runden Mauer umgeben, unter herrlichen Baumgruppen +eine Kirche mit zwei von den Hollaendern dem Kaiser Jasu geschenkten +Glocken. Suedlich und oestlich davon ist der Stadtbezirk Debra Berhan, +Kirche des Lichts, mit gleichnamiger Kirche; westlich daran schliesst sich +der Gempscha-Bed oder Schlossbezirk. Von einer weitlaeufigen, unregelmaessigen +Mauer, mit Zinnen und Wartthuermen und mit verwilderten Gaerten und Kiosken +umgeben, erhebt sich der grosse, leider mehr und mehr zerfallende _Gemp_ +oder das Schloss selbst, das neben den armseligen, mit Stroh gedeckten +Haeusern einen wahrhaft grossartigen Eindruck macht durch seine massive +Bauart, seine vielen Thuerme, hohen Bogenfenster und weiten Hoefe. Die +Facade des Hauptgebaeudes ist gegen Westen gekehrt und drei Thuerme mit +grossen Thorbogen bilden die Eingaenge zu dem einst gepflasterten, jetzt +halb in Schutt und Gestruepp begrabenen Vorhof. Der Hauptbau ist viereckig, +zweistockig, mit flachem Dach und steinerner Brustwehr; auf jeder Ecke +erhebt sich ein Thurm mit Cement-Kuppel, ein hoeherer viereckiger steht in +der Mitte. Das Material ist ziemlich roher Basalt, die Einfassungen der +Thore und Fenster bestehen aus rothem Sandstein. An das Hauptgebaeude +lehnen sich noch verschiedene Hallen, Galerien, Saele, Kapellen, Bruecken +und Thorwege an, Alles jetzt mehr oder weniger zerfallen und mit +Schlingpflanzen ueberwuchert. + + [Illustration: Nordfront des Gemp in Gondar. Originalzeichnung von + Eduard Zander.] + +Suedwestlich vom Gempscha-Bed breitet sich, von verschiedenen Quartieren +umgeben, der grosse Marktplatz aus. Am Abhange und Fusse des Huegels liegt +das Quartier der Muhamedaner, Islam-Bed, und suedwestlich, jenseit des +Kacha-Flusses, die Judenvorstadt, Falascha-Bed. Die Strassen Gondars sind +eng und krumm, theils mit natuerlichen Basaltplatten gedeckt, theils durch +Schmuz und Schutt unwegsam gemacht. Die Einwohnerzahl duerfte 6000-7000 +nicht uebersteigen; doch war die Stadt einst volkreicher. Koenig Theodor +vernachlaessigt sie "als Pfaffenstadt" gaenzlich, ja er hat einmal zur +Strafe sein Heer gegen sie losgelassen, ihr enorme Geldbussen auferlegt und +das Quartier der Muhamedaner zerstoeren lassen. Nicht weniger als 44 +Kirchen, darunter sehr praechtige, bestehen in Gondar, und die Zahl der +darin angestellten Geistlichen betraegt 1200, mithin ist jeder sechste +Mensch ein Priester. + +Nach aussen hin ist Gondar offen, nur die Freistaette und verschiedene +Kirchen sind mit groesseren, halb verfallenen Mauern umgeben. An Trinkwasser +ist grosser Mangel, sodass man in der trockenen Jahreszeit sich oft +genoethigt sieht, aus dem Angrab- oder _Kachaflusse_ das noethige Wasser zu +holen und das Vieh zur Traenke dahin zu fuehren. Ueber den letzteren Fluss +fuehrt nicht weit vor der Stadt eine alte, sehr malerische Bruecke, die noch +aus der Zeit der Portugiesen stammt, jetzt aber sehr im Verfalle begriffen +ist. Am oestlichen Ufer des genannten Flusses liegt nordwestlich von der +Stadt auf einer gruenen Wiesenflaeche die _Kirche Fasilides_ inmitten eines +herrlichen Juniperuswaldes und umgeben von niedrigen Mauern mit runden +Wartthuermen und Zinnen. Die viereckige steinerne Kirche ruht auf +Schwebebogen in einem tiefen Bassin, ueber welches eine mit Eckthuermen +befestigte Bruecke fuehrt. Eine grossartige steinerne Wasserleitung auf +hochgesprengten Rundbogen an der Westseite des Haines versorgte den Platz +mit Wasser, das wahrscheinlich in ein Reservoir im suedwestlichen Eckthurme +geleitet wurde und dort Wasserwerke speisen musste. Seines Zweckes wegen +ist ein dicht bei dieser Kirche gelegener Tempel mit runder Kuppel +merkwuerdig. Es ist das Grabmal eines koeniglichen Streitrosses, man sagt +von Negus Kaleb. Auch an Baedern mit Wasserleitungen und Nischen, sowie an +anderen Zeugen einer ehemals regeren Baukunst und Baulust ist in der +Nachbarschaft kein Mangel; doch die geringe Sorgfalt, die jetzt auf die +verschiedenen Werke gewandt wird, droht sie dem gaenzlichen Ruin +zuzufuehren. + +Geht man von der Kacha weiter westwaerts, so gelangt man in ein Seitenthal, +in welchem an einem Bergabhange die malerischen _Ruinen von Koskam_ +liegen. Ziemlich gut erhalten ist noch das dortige Lustschloss mit zwei +Thuermen, deren einer ein Kuppeldach traegt, waehrend das des anderen einem +niedrigen, umgelegten halben Cylinder gleicht. Zwischen beiden fuehrt ein +hohes Bogenthor in eine lange steinerne Halle mit grossen Bogenfenstern und +Thueren; das Dach fehlt; Balken zeigen noch die Spuren von Altanen oder +Galerien. Das ganze Gebaeude besteht wie der Gemp aus ziemlich rohen +Basaltsteinen, die Thuer- und Fensterpfeiler aber aus gut gearbeitetem +rothen Sandstein. Zwischen reizenden Baumgruppen ragen die Reste eines +anderen Prachtgebaeudes, in dem, wie es scheint, eine Halle mit schoen +gearbeiteten Saeulen hinfuehrte, Alles ist aber verfallen und mit Gestruepp +und Schlingpflanzen ueberwachsen. + + [Illustration: Bruecke ueber die Kacha. Originalzeichnung von Eduard + Zander.] + +Noch weiter westlich, von hohen Mauern mit Zinnen und Thuermen umschlossen, +ist die Kirche, eine Rotunde mit Strohdach und vielen Wandgemaelden, die +namentlich Reiterfiguren darstellen. + +So ist das heutige Gondar und seine Umgebung beschaffen; ueberall auf +Schritt und Tritt begegnet dem Reisenden Verfall, und doch koennte diese +Stadt bei ihrer praechtigen Lage in der gesunden, fruchtbaren Gegend im +Mittelpunkte Amhara's zu einer grossen Bluete gelangen - wenn nur ihre +Bewohner anders beschaffen waeren. + +Man hatte mir viel von der kleinen Kirche _Towari_ erzaehlt, die eine +Stunde von meinem Aufenthaltsorte entfernt liegt, in welcher man die +abessinische Malerei am besten studiren koenne. Ich begab mich dorthin und +fand auch dieses Gotteshaus, wie alle Landeskirchen, in einem dichten Hain +von Juniperusbaeumen versteckt. Die Gemaelde, so beruehmt in Abessinien, +machten auf mich, der ich sie mit europaeischen Augen ansah, im allgemeinen +einen schauderhaften Eindruck. Indessen fesselte ein Bild des Abendmahls +doch sehr meine Aufmerksamkeit, da auf demselben der Kuenstler hieratische +Traditionen, byzantinische Malerei und Details des abessinischen Lebens +merkwuerdig miteinander verschmolzen hatte. Christus, die Jungfrau und die +Abendmahlsgenossen sind nach der Tradition gekleidet und mit grossem +Kunstverstaendniss rings um einen Tisch gruppirt, der nach der feinsten +abessinischen Art gedeckt ist. Vor jeder Person liegen Tiefbrote, die +zugleich die Schuesseln vertreten, zur Seite derselben die Messer zum +Zerschneiden des Brundo (rohes Fleisch). Ein Major Domus, offenbar aus +guter Familie, bietet zu trinken an; ausserdem gehen Juenglinge mit +Honigweinkruegen umher. Ein Theil der Juenger wendet die Gesichter gegen +Christus, ein anderer gegen Maria. Die Zuege dieser Hauptpersonen aber sind +verfehlt; namentlich die der Maria. Abgesehen hiervon verdient das Bild +jedoch alles Lob. + +Als Begleiter auf meinen Ausfluegen in die Umgebung Gafats diente mir ein +junger Priester, der einige Zeit in der Propaganda zu Rom gewesen, dort +aber nicht allzuviel gelernt hatte. Heimgekehrt, wollte er sich die Stelle +eines Aleka bei einer reichen Kirche unrechtmaessig anmassen; allein Koenig +Theodor nahm die Sache krumm und verurtheilte Michael, so hiess der +civilisirte Geistliche, zu drei Jahren Kettenstrafe. Mir gegenueber wollte +er sich nun als Glaubensmaertyrer darstellen, was mir ziemlich einerlei +war; dagegen war er mir unschaetzbar wegen seiner vortrefflichen +Landeskenntniss. + +Als er jedoch einige Monate spaeter einen Salzdiebstahl beging, musste ich +ihn vor die Thuere setzen; anfaenglich ging es ihm nun schlecht - dann +begegnete er mir wohlgenaehrt und gut gekleidet wieder. Gott weiss, wie er +zu Gelde gekommen sein mag; indessen dieser Art von Leuten geht es in +Abessinien wie in Europa: sie fallen wie die Katzen stets wieder auf die +Fuesse. + +Eine meiner Exkursionen fuehrte mich zur Fafatie oder dem _Wasserfall des +Rebflusses_, der seine Quelle am Abhange des hohen Gunagebirges hat. Ich +bestieg mein Maulthier, wandte mich nach Suedosten und liess zur Linken die +grosse und fruchtbare Ebene von Gafat mit ihrem ausgetrockneten Strome +liegen. Mit einiger Schwierigkeit wand ich mich durch das bewaldete Thal +des Davezout und kam dann, einem schattigen Fusssteige folgend, zum Reb, +der leise ueber ein mit dunkelblauen Steinen besaeetes Bett dahinfloss. Der +Wasserfall war nur fuenf Schritt von mir entfernt: ich sah ihn nicht, aber +ein schauderhafter Schlund und ein betaeubendes Bruellen zeigten mir seine +Gegenwart zur Genuege an. Um ihn von vorne zu erblicken, musste ich auf +einem Zickzackstege den Felsen hinabsteigen, der mit Buschwerk ueberzogen +und von Affen belebt war. Unten angelangt, stand ich vor einem huebschen +gruenen See, in den von steiler Felswand eine senkrechte Wassersaeule von 24 +Fuss Hoehe herabfiel. Ringsum zeigen sich die entzueckendsten +Landschaftsbilder, welche jeden Maler begeistern koennen. + + [Illustration: Wasserfall des Reb. Nach Lejean.] + +Vier Monate spaeter gewahrte ich dann den Wasserfall wieder zur Zeit seines +hoechsten Glanzes, als die Fluten hoch geschwollen waren. Er uebertraf so +die herrlichsten Kaskaden der Schweiz bedeutend. Die _dreitausend oder +viertausend Wasserfaelle Abessiniens_ sind die schoensten, die man sich +denken kann, und ihnen fehlt weiter nichts als der Ruf, den andere +Kaskaden durch Kuenstler und Touristen sich erringen. Ich habe den zehnten +Theil davon, etwa 300 oder 400 selbst gesehen und etwa zwanzig +abgezeichnet - alle praechtige Naturerscheinungen, von denen eine einzige +hinreichte, eine Gegend in Europa beruehmt und zum Ziele der +Touristenschwaerme zu machen. + +Ich riss mich von den Wundern dieser Fafatie los, um meinen Fuss in +oestlicher Richtung weiter zu setzen ueber eine Ebene, die ganz mit Mimosen +bestanden war. Diese an und fuer sich langweiligen Baeume erhielten durch +die reichlich von ihnen herabhaengenden Schlingpflanzen ein ungemein +malerisches Ansehen; namentlich zeichnete sich ein Loranthus mit schoenen +orangefarbenen und rothen Kelchblueten aus. Bald gelangte ich in das +malerische Thal des Makar, eines Nebenflusses des Reb, in dem ich bis zu +den _Atkanafelsen_ vordrang, deren trapezoidale Form man von allen +hochliegenden Punkten des Distrikts Debra Tabor aus zu uebersehen vermag. +Dieser Felsen ist eine wirkliche Amba, welche in Kriegszeiten oft genug +als Zufluchtsort gedient hat. Am Fusse derselben fand ich zum ersten Male +die Henset-Banane (vergl. S. 45) mit ihren kolossalen Blaettern und rothen +Rippen. Samen der nuetzlichen Pflanze habe ich der +Akklimatisations-Gesellschaft in Paris ueberbracht; die Schoesslinge, welche +ich gleichfalls eingepackt hatte, wurden mir jedoch in Massaua kurz vor +meiner Rueckkehr von den Huehnern vernichtet. Hinter dem Atkana traf ich in +wundervoller Gegend auf das _Kloster Guref_, das mir durch seine +romantische Lage deutlich sagte, wie die Moenche es in Abessinien gleichwie +in Europa verstanden, die schoensten Orte zur Anlage ihrer Kloester +auszuwaehlen. Nach der Regel des heiligen Tekla Haimanot leben in +praechtiger Einsamkeit diese Moenche inmitten eines schoenen Haines, den der +klare Waldbach durchfliesst. Freilich der Anblick einer europaeischen Abtei +und derjenigen des abessinischen Klosters sind grundverschieden. Man +stelle sich einen weiten Raum, von einer lebendigen Hecke umschlossen, +vor, der wiederum durch Hecken in 12-15 kleinere Abtheilungen geschieden +ist, deren jede eine Moenchshuette enthaelt und die durch ein Labyrinth von +Strassen verbunden sind, welche schliesslich im Mittelpunkte nach der +spitzdachigen runden Kirche fuehren - und das abessinische Kloster ist +fertig. Dazwischen liegen gruene freundliche Gaertchen, ringsum ein +lachender Hain. Ich fand sogleich den Abt - wenn ich so sagen darf -, +einen ernsten, mageren Mann von 45 Jahren, der die weisse Tunica und +darueber eine Art von gelbem Pallium, das Zeichen seiner Wuerde, trug. +Gastfreundschaft wurde mir im vollsten Masse zu Theil, allein mein +Maulthier musste ich ausserhalb des Klosters lassen - _weil es eine Stute +war_, wobei ich mich der laecherlichen Sitte erinnerte, dass auch in die +griechischen Kloester auf dem Berge Athos kein weibliches Thier hinein +darf. Ich wohnte dann bei den guten Moenchen und ass mit ihnen die einfache, +aus Huelsenfruechten bestehende Mahlzeit. In der Nacht erweckte mich +Psalmengesang, jene Melodie, welche der alte Portugiese Alvarez "eine +erbaermliche Harmonie" nennt; indessen muss ich gestehen, dass dieser +abessinische Gesang mindestens so gut klang, wie das Singen in unseren +Landkirchen. Im Gedem oder geheiligten Asyle stand ausserhalb des Klosters +die Gemeindekirche, welche fuer beide Geschlechter zugaenglich war; ihr +Gruender war Ras Ali, der sie jedoch nicht vollenden konnte, da er von +Theodor II. gestuerzt wurde. Dieser that nichts weniger als Kirchen bauen; +im Gegentheil er zerstoerte und beraubte noch ein- oder zweihundert und +zeigte sich als der echte abessinische "Pfaffenfeind". Nach dem Besuche +dieser Kirche kehrte ich nach Gafat zurueck. + +Um gute Samen der Henset-Banane zu erhalten, wollte ich einen Ausflug nach +der Stadt _Korata_ machen, welche Rueppell faelschlich Kiratza nennt. Es ist +eine kleine Stadt am suedoestlichen Ufer des Tanasees, die wegen ihres +starken Handels und der zahlreichen Geistlichkeit beruehmt geworden ist. Da +die Regen erst im Beginnen waren, so konnte ich darauf rechnen, dass der +Fluss Gomara noch durch irgendeine Furt zu passiren sei, und ich beschloss +deshalb in gerader Linie, an den heissen Quellen von Wanzagie vorbei, nach +Korata vorzudringen. Debra Tabor blieb zur Linken liegen. Das niedrige +Huegelland, durch das mein Weg ging, war im Jahre 1841 der Schauplatz einer +Schlacht zwischen dem Detschas Ubie von Tigrie und dem Ras Ali. Letzterer +wurde glaenzend geschlagen und einige seiner Offiziere begaben sich, um +sich zu unterwerfen, zu dem Sieger Ubie, der, in seinem Zelte sitzend, +ruhig sich in Honigwein betrank. Als Ubie die Feinde erblickte, wurde er +aengstlich, da er keine seiner eigenen Soldaten bei sich hatte; erstere +aber benutzten diesen Umstand, banden Ubie und machten ihn zum Gefangenen. +Auf diese Nachricht kehrte der geschlagene Ras Ali zurueck; doch musste er +Ubie, um der Volksstimme zu genuegen, wieder freigeben. Die Vegetation auf +dem einst blutigen Schlachtfelde war eine praechtige; namentlich fielen mir +weisse Lilien (_Amaryllis vittata_) von lieblicher Form auf, welche die +daran gewoehnten Abessinier gar nicht beachteten, waehrend ich jede dieser +Blumen bedauerte, welche mein Maulthier niedertrat. + +Am Ufer eines frischen Baches wurde Mittagsrast gemacht. Was mich hier am +meisten ueberraschte, war eine lange, in Ruinen liegende Mauer von +europaeischer Konstruktion. Ich folgte derselben und fand, dass sie einst +als Einschliessung eines Parkes gedient hatte, welcher der +Lieblingsaufenthalt verschiedener Kaiser gewesen sein soll. Man nannte den +Ort _Arengo_. Seine Lage ist reizend - aber da, wo einst die Erben der +Koenigin von Saba thronten, findet man nun Ruinen, zwischen denen laermende +Affen hausen. Theodor II., welcher seine Vorgaenger im Kaiseramte gruendlich +verachtet und sie "Schauspieler" nennt, behauptet, dass die jetzigen Gaeste +in Arengo, eben jene Affen, mehr werth sind als die alten, die Kaiser! Vor +170 Jahren, zur Zeit des Reisenden Poncet, war das Schloss noch nicht +zerstoert, ja nach dem Hoerensagen sollte es groesser als der Gemp in Gondar +sein! Sicher hatten die Abessinier dem Franzosen gegenueber aufgeschnitten, +denn sie verstehen dieses Geschaeft so gut wie die Yankees. Ein +abessinischer Gesandter, welcher 1860 in Paris war und dort sich ueberall +umgesehen hatte, antwortete seinen Landsleuten, die ihn nach jener Stadt +fragten: "_Paris ist etwa so gross wie Gondar; vielleicht ein klein wenig +groesser._" + +Im Dorfe Schumagina wurde meiner Reise ploetzlich ein Ziel gesetzt. + +Die reichen und stark bevoelkerten Distrikte Wanzagie, Fogara Dera, Korata +bildeten das Land, welches ich zu durchreisen hatte. In einem dieser +Distrikte hatten sich Rebellen aus Godscham zu verbergen gewusst, indem sie +die Wachsamkeit der am Abai aufgestellten Leute Theodor's zu taeuschen +wussten. Fuer dieses Vergehen, an dem doch die ganze Einwohnerschaft der +vier Distrikte keineswegs schuld war, wurden dieselben von Theodor der +Armee zur Pluenderung ueberwiesen, worauf die ruinirten Bauern mit ihrer +Habe in die Berge und Waelder fluechteten. Als der Negus dies sah, +verordnete er, dass nur die Schuldigen bestraft werden, die uebrigen aber +frei ausgehen sollten. Kaum hatten die letzteren, den Worten vertrauend, +sich wieder in ihre Quartiere begeben, als ein General hinterlistig ueber +sie herfiel und ihnen Alles raubte. Die Nachricht von dieser That gelangte +nach Schumagina, gerade als ich von dort aufbrechen wollte, um in die +beraubten Gegenden vorzudringen. Unter so bewandten Umstaenden weigerten +sich meine Leute ganz entschieden weiter vorzugehen, da auch sie +fuerchteten, jenem braven General in die Haende zu fallen. So blieb mir +nichts uebrig als umzukehren; doch hielt ich mich keineswegs fuer besiegt, +und als nach einiger Zeit der Laerm verstummt war, brach ich in den ersten +Tagen des Juli 1863 abermals nach Korata auf. Die Gomara, welche jetzt +hoch angeschwollen war, musste hier an einer Stelle ueberschritten werden, +wo sie sich in drei Arme trennt. An demselben Abend erreichte ich noch +Madera Mariam, d. h. Ruheplatz der Maria, eine huebsche kleine Stadt, die +aehnlich wie Emfras an einem Huegel liegt. Derselbe faellt nach drei Seiten +hin senkrecht ab, ist aber von der vierten leicht zugaenglich. Das naechste +Nachtquartier war das Dorf Wanzagie, welches seinen Namen von den hier +stehenden schoenen Wanzabaeumen fuehrt; dann wurde die _Goanta_ erreicht. +Diesen Fluss in einer Furt zu durchwaten, war ganz unmoeglich, und ich musste +deshalb in einem abessinischen Mittel - ich sage nicht Fahrzeug - der +_Hokumada_ uebersetzen. Dies ist eine an den Raendern in Nachenform aufwaerts +gekruemmte steife Ochsenhaut; ein Mann durchschwimmt den Fluss mit einem +Seile, dessen eines Ende an der Hokumada, dessen anderes am jenseitigen +Ufer befestigt ist. Der Passagier setzt sich in den Lederschlauch, kauert +sich zusammen und huetet sich wohl, nach der einen oder andern Seite sich +ueberzubeugen. So wird er, waehrend noch ein Schwimmer die Hokumada schiebt, +am Seile an das jenseitige Ufer hinuebergezogen. So kam auch ich ueber die +Goanta, um bald an der geschwollenen _Gomara_ auf ein neues Hinderniss zu +stossen, das dieses Mal mittels einer Tankoa ueberwunden wurde. + + [Illustration: Lejean passirt in der Hokumada die Goanta. Zeichnung + nach Lejean.] + +Die _Tankoa_ ist ein rechteckiges Floss, welches sechs bis acht Personen +tragen kann und aus einer Reihenfolge von dicht aufeinander gelegten +Stroh- oder Binsenschichten besteht, die fest miteinander verbunden sind. +Das Binsen- oder Rohrfloss taucht ziemlich tief unter und kann niemals +untergehen, desto leichter jedoch umschlagen. Da aber die Abessinier fast +alle sehr gute Schwimmer sind, so entstehen selten Ungluecksfaelle. Das +Gepaeck, Kleider, Waffen, ein Ledersack, welcher Mehl enthaelt, liegen +hinten; vorn sitzt der Lenker des Ganzen, welcher mit einem Ruderstock +versehen ist, denn die Tiefe des Wassers gestattet nicht, das Floss mit +einer Stange durch Stossen auf den Grund fortzubringen. Die Tankoa ist das +sprechendste Zeichen, wie starr die Abessinier an ihren Gebraeuchen hangen. +Dieses Volk mit offenem und hellem Verstande hat nach Verlauf von +Jahrhunderten noch nicht einmal zu schliessen gelernt, dass, wenn ein +simpler Stock, durch den Widerstand, welchen seine Oberflaeche dem Wasser +darbietet, ein Floss fortzubewegen vermag, eine an das Stockende +angebrachte Schaufel eine vermehrte, zehnfache Oberflaeche darbieten und +also auch die Fortbewegungs-Geschwindigkeit verzehnfachen muss, denn der +Abessinier besitzt nicht einmal die Ruderschaufel, welche den Wilden am +Weissen Flusse wohlbekannt ist. + +Uebrigens ist nichts ermuedender als eine Reise per Tankoa. Die Maulthiere +wurden ins Wasser gestossen und von einem Schwimmer durch die reissenden +Fluten gelenkt. So kamen wir wohlbehalten zu einem kleinen, von +Wanderhirten bewohnten Weiler, wo wir uebernachteten, um am naechsten +Morgen, quer ueber die Huegel und das Fluesschen Izuri hinweg, unsere Reise +nach Korata anzutreten, dessen herrlichen Anblick wir bald geniessen +sollten. Es ist die huebscheste Stadt Abessiniens und war das aeusserste Ziel +meiner Reise. + +_Korata_ liegt auf einem basaltischen Landruecken, welcher sich in den +Tanasee vorschiebt. Die spitzdachigen Haeuser liegen zerstreut um die +Kirche gruppirt, und bei jedem befindet sich ein baumreicher Garten, der +von der Wohlhabenheit der Bewohner Zeugniss ablegt. Es war gerade Markt, +welcher dicht bei der Stadt abgehalten wird. Besonders wird hier viel rohe +oder zu Zeugen verarbeitete Baumwolle verkauft; letztere kommen saemmtlich +aus der westabessinischen Provinz Koara, woher sie theils auf Eseln, +theils auf dem See gebracht werden. Die rohe Baumwolle wird mit den +Samenkoernern verkauft, meistens gegen das gleiche Gewicht Salz. Das +Ausscheiden der Samenkoerner mittels eines eisernen Staebchens, welches auf +einem flachen Steine mit den Haenden hin- und hergerollt wird, ist eine +langsame und ermuedende Arbeit; zum Aufschlagen derselben bedient man sich +eines elastischen Bogens und zum Spinnen der Handspindel. Eine fleissige +Frau kann so viel Gespinnst fertigen, als fuer zwoelf vollstaendige +Umhaengetuecher erforderlich ist. Auf dem Marktplatze selbst erregte meine +Erscheinung keinerlei Aufmerksamkeit; etwas Anderes war es jedoch an einer +nur 50 Schritte weiter entfernten Stelle. Ein grosser Baum breitete dort +seine gigantischen Aeste ueber den Weg, unter dem in weissen Gewaendern, mit +riesigen Turbanen auf dem Haupte, den heiligen Fliegenwedel in der Hand, +die Geistlichkeit von Korata sass. Als ich mich ihnen naeherte, stiessen sie +ein unwilliges Geschrei aus und verlangten, dass ich vom Maulthiere +absteigen solle. Ich weigerte mich, und nun entstand auf dem Markte eine +allgemeine, gegen meine Person gerichtete Bewegung, der ich durch +Absteigen auszuweichen mich gemuessigt fand. Hierauf konnte ich ungehindert +zu Fuss in die Stadt gehen. Spaeter erfuhr ich, dass die Pfaffenstadt Korata +das Privilegium besitzt, Niemand zu Pferd oder zu Maulthier durch ihre +Strassen reiten zu lassen. + +Nachdem ich mich in der unteren Stadt einquartiert und dem Ortsvorstand +den ueblichen Besuch abgestattet, fing ich an, die Strassen oder vielmehr +die Alleen zu durchwandern. Diese Strassen sind in der That nur von Hecken +eingefasste Fusspfade, hinter denen sich huebsche Gaerten hinziehen. Blumen +sieht man in diesen selten, dagegen praechtige Granatbaeume, Pfirsiche, +Kaffeestraeucher, Bananen, Citronen, aus denen die Strohdaecher der Huetten +hervorlugen. Von dem funkelnden Spiegel des Tanasees herueber wehte ein +kuehlendes Lueftchen, das mir den Spaziergang in den Strassen zu einer wahren +Erquickung machte. Wie schon der Markt zeigt, ist Korata ein bedeutendes +Handelscentrum. Seine Kaufleute, lauter Christen, stehen mit Basso in +Godscham, mit Gondar und Massaua in Verbindung. Ich habe Korata nur den +Vorwurf zu machen, dass die Kueche dort schlecht bestellt ist, denn waehrend +meines viertaegigen Aufenthaltes bekam ich nicht 1 Loth Fleisch zu Gesicht, +obgleich in der Umgebung zahlreiche Herden weiden. Die Einwohner leben von +Brot und rother Pfeffersauce, der sie zuweilen einen welsartigen Fisch aus +dem Tanasee beigesellen. + +Die Aussicht auf dieses Binnengewaesser ist von Korata aus eine praechtige. +Weit in der Ferne, im Norden sieht man die blauen Vorgebirge von Gorgora, +die suedlich von Tschelga und Gondar liegen; rechts zieht sich der +Bergabfall von Begemeder hin, waehrend mitten im Seespiegel die dunkle +Masse der Inseln Dek und Daka auftaucht. Eine Eigenthuemlichkeit des Sees +aber sind ein Dutzend winziger Eilande, wie Bet-Manso, Kibran, Metraha +u. s. w., die, vom Festland aus betrachtet, gleich schwimmenden +Blumenkoerbchen auf der Flut erscheinen. In der Naehe betrachtet, sind diese +Blumenkoerbchen jedoch bewaldete Inseln, die in ihrem Innern eine Kirche +oder ein Kloster bergen. + +Auch eine Flotte besitzt die Seestadt Korata, die aus einer grossen Anzahl +von Tankoa besteht, welche am Ufer trocknen und die Verbindung zwischen +der Stadt und den suedlichen und westlichen Ufern, namentlich mit Zegrie, +unterhalten. Sie sind schmaeler als die oben beschriebene Tankoa, bis 15 +Fuss lang und fuehren Mattensegel. Ich wollte ein solches Fahrzeug miethen, +um nach Zegrie ueberzufahren, allein da dieses in der Gewalt der Rebellen +von Godscham war, wurde mir die Erlaubniss verweigert. - Bei Korata wohnen +viele Waito, jene eigenthuemlichen Menschen, die sich mit der Flusspferdjagd +beschaeftigen (vergl. S. 90). Waehrend dieser Dickhaeuter sehr haeufig im See +ist, fehlen darin Krokodile gaenzlich; dagegen verhaelt es sich mit dem +Abai, dem Abfluss des Sees, umgekehrt. + +Das Flusspferd heisst im Amharaschen Gomari, und hiervon stammen wol auch +die vielen aehnlich klingenden Flussnamen Gomara u. s. w. Nach viertaegigem +Aufenthalte verliess ich Korata wieder und kehrte in mein altes +Standquartier Gafat zurueck. + +Die letzte groessere Exkursion, welche ich in der Umgebung meines +Aufenthaltsortes unternahm, war eine Besteigung der 13,000 Fuss hohen +_Guna_. Ich folgte erst dem Reb, kam dann in das schoene Makarthal und +stieg bis zu einem kleinen Dorfe empor, dessen Name lieblich in mein +franzoesisches Ohr toente. Es heisst Maginta. Hier verbrachte ich die Nacht; +als ich am naechsten Morgen weiter aufbrechen wollte, kamen zwei Reiter im +vollsten Galopp zu mir, mit der Botschaft, dass der Negus mich in Gafat +erwarte. Schon am Nachmittage langte ich wieder in meiner Wohnung an, wo +ich Waldmeier fragte, was vorgefallen sei. Er antwortete ausweichend. Kurz +darauf langte ein Brief in amharischer Sprache vom Koenige bei mir an, +welchen mir Kinzle uebersetzte. Der Negus befand sich in seinem Lager zu +Isti, drei Tagereisen von Gafat. Da ich bemerkt hatte, dass er guter Laune +war, so wollte ich diese benutzen und bat um seine Erlaubniss zur Heimkehr +nach Massaua. Bei Empfang meines Briefes gerieth er indessen in solche +Wuth, dass zwei Tage lang Niemand mit ihm zu reden wagte. Sofort liess er +mir einen heftigen Brief schreiben, aus dem ich Folgendes hervorhebe: "Als +du hierher kamst, hast du dich mir als Freund vorgestellt; oder bist du +etwa gekommen, um mit den Scheftas (Rebellen) gegen mich zu konspiriren? +Sind deine Gefuehle aber loyal, so schreibe mir; bist du mein Feind, so +schreibe mir auch, damit ich weiss woran ich bin." Sogleich antwortete ich +in einem kurzen, aber respektvollen Schreiben, welches die gefaehrliche +Korrespondenz zu einem guten Ende fuehrte, denn die schleunig darauf +erfolgende Antwort lautete: "Habe nur einige Geduld und durch die Gnade +der Dreieinigkeit wird Alles gut ablaufen. Ich habe dich aus wichtigen +Gruenden zurueckbehalten muessen; allein wenn mein Agent wieder heimkehrt, +will ich dich mit allen gebuehrenden Ehren entlassen." Ich folgte dem mir +ertheilten weisen Rath, verhielt mich geduldig und nahm zunaechst meinen +unterbrochenen Ausflug nach der Guna wieder auf. + +In Maginta war ich an die Familie des Irlaenders Bell empfohlen, der einst +eine grosse Rolle bei Theodor II. gespielt und fuer diesen sein Leben +gelassen hatte. Hier traf ich auf ein Beispiel der abessinischen +Langlebigkeit, naemlich auf _fuenf Frauengenerationen_ beieinander: die +abessinische Witwe Bell's, deren Mutter, Grossmutter, Tochter (die Frau +Waldmeier's) und Enkelin! Die Urgrossmutter war die einzige, welche man als +Greisin bezeichnen konnte; denn die Grossmutter, eine feine Frau von 55 +Jahren war noch sehr lebhaft und thaetig in der Hauswirthschaft; die +Mutter, Bell's Witwe, war 35 Jahre alt, zierlich und huebsch; deren Tochter +war an den Missionaer Waldmeier verheirathet, welchen sie wieder mit einem +Toechterchen beschenkt hatte. + +Maginta liegt bereits im Gebirge. Von da aus hatte ich, von Plateau zu +Plateau ansteigend, nur vier Stunden bis zum Gipfel zurueckzulegen. + + [Illustration: Ein Binsenfloss oder Tankoa. Zeichnung von R. Kretschmer + nach Lejean.] + +Der Weg fuehrte vorbei an Kosso- und Ericabaeumen, Hypericumstaemmen, +praechtigen aloeartigen Lilien bis zur Region der seltsamen Dschibarra +(_Rhynchopetalum_). + +Letztere gedeiht hier bis zu einer Hoehe von fuenfzehn Fuss. Der Gipfel der +Guna, Ras-Guna genannt, besteht aus Trachyt. Von da aus umfasste mein Auge +eine prachtvolle Rundsicht. Zur Rechten brach der Reb aus einem tiefen +Thale hervor; vor mir lag das pittoreske Massiv des Zoramba und weiter hin +die Kollo, das maechtigste abessinische Gebirge. Zur Linken endlich Plateau +an Plateau, durchrieselt von Baechen, die sich zum Tanasee hinzogen, auf +dem die Inseln gleich dunklen Punkten zu schwimmen schienen. + +Als ich wieder in Gafat angelangt war, fand ich eine Einladung des Negus +vor, ihn in Gondar, wohin er sich begeben hatte, zu besuchen. Sofort brach +ich auf. Dort angekommen, hatte ich noch einige Schwierigkeiten, empfing +aber am 30. September 1863 den Befehl, Abessinien auf dem kuerzesten Wege +zu verlassen. Mit mir ging Dr. Lagarde, der den Aufenthalt in Abessinien +satt bekommen hatte. Nach der feierlichen Abschiedsaudienz bei Theodor +nahmen wir ein Fruehstueck bei dem englischen Konsul _Cameron_ ein, das von +dessen Koch, einem Elsaesser Kind, sehr gut zubereitet war. Dieser, frueher +ein franzoesischer Kuerassier, hatte sich die Gunst des Koenigs zu erwerben +gewusst. Als die Missionaere einst einen Wagen fuer Theodor hergestellt, +fragte dieser den Elsaesser, wie ihm die Maschine gefiele. "Pfui! sagte der +Rheinlaender, bei uns in Muehlhausen faehrt man in solchen Dingen den Mist +aufs Feld!" (Den beruehmten blau angestrichenen Wagen erwaehnen auch Heuglin +und Steudner.) Beim Fruehstueck war auch der Judenmissionaer Dr. _Stern_ +zugegen, welcher zuerst Photographien in Abessinien aufnahm und in seinem +Werke "Wanderungen unter den Falaschas" veroeffentlichte. Einst schenkte +dieser dem Negus einen Stereoskopenkasten mit einer Ansicht Jerusalems. + +"Was ist das fuer ein Gebaeude?" fragte Theodor. + +"Die Moschee Omar's", antwortete Stern. - Sogleich warf der Koenig den +Apparat auf die Erde, indem er wuethend ausrief: "Und dieses Europa, das +vorgiebt christlich zu sein, duldet eine Moschee beim heiligen Grabe!" + + -------------- + +Als endlich die Stunde schlug, um Gondar den Ruecken zu kehren, kam Achmed, +mein Diener, mit der Nachricht zu mir, dass alle meine Leute sich heimlich +entfernt haetten, aus Furcht, von mir in Massaua als Sklaven verkauft zu +werden! + +Mir blieb nichts anderes uebrig, als neue Diener und Lastthiere zu miethen, +wobei sich Salmueller besonders gefaellig erwies. Ich ueberschritt den +Angerab, wandte mich dem Magetsch zu, erstieg die Hochebene von Wogara, +auf der Strasse, die vor mir Bruce, Lefebvre, Ferret und Galinier, Rueppell, +Krapf, v. Heuglin u. a. gewandert waren, und gelangte in vier Tagemaerschen +bis Dobarek. + +Am ersten Tage bivouakirten wir in _Kossogie_, einem Dorfe, welches von +den hier haeufigen Kossobaeumen seinen Namen fuehrt; durch gut bebaute Ebenen +gelangte ich am zweiten Tage nach Isak-Dews, dem Isakberge, welcher Ort +1420 vom Kaiser Isak zur Erinnerung an einen hier ueber die Juden +(Falaschas) erfochtenen Sieg gegruendet wurde. Die dritte Station Dokoa war +ein reizender Flecken auf einer Anhoehe mit einer dem Heiligen Kitane +Machrit geweihten grossen steinernen Kirche, die vom Kaiser von Jasu im +portugiesischen Stile erbaut ist. Hier theilt sich die Strasse; rechts, +nach Osten zu, fuehrt sie ins Alpenland von Semien. Links, in noerdlicher +Richtung ueber den Lamalmon-Pass, und die Kolla von Wogara nach Adoa. Am +naechsten Morgen, als ich nach Dobarek aufbrach, zeigte man mir zur +Rechten, schon in Semien gelegen, das Dorf _Debr-Eskie_, in dessen Naehe am +9. Februar 1855 das Schicksal Abessiniens entschieden und Theodor Sieger +ueber Ubie wurde. Als ich den Abhang erstieg, an welchem _Dobarek_ erbaut +ist, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine traurige Erscheinung gefesselt; +der Boden war ringsum mit gebleichten Menschenschaedeln besaet, die unter +den Fuessen meines Maulthiers dahin rollten. Ein Schlachtfeld konnte hier +nicht gewesen sein, denn andere Knochen als eben nur Schaedel waren nicht +vorhanden. Aber was war hier geschehen? Eine entsetzliche Katastrophe. Vor +gerade drei Jahren (1860) hatte Theodor ueber seinen rebellischen Neffen +Garet bei Tschober einen Sieg erfochten und etwa 1700 Gefangene hierher +abgefuehrt. Man enthauptete sie und warf ihre Schaedel aufs Feld. + +Am naechsten Tage begann ich den _Lamalmon_ hinabzusteigen. Sein suedlicher +Abfall ist eine schoene, kaum wellenfoermige Ebene; sein noerdlicher dagegen +eine steile, einige tausend Fuss hohe Lehne, von welcher ein steiler +Zickzackfusspfad hinabfuehrt, den wir nicht ohne Lebensgefahr passirten. Auf +einer kleinen Terrasse, die alle Karawanen als Ruhepunkt benutzen, machte +auch ich Halt. Vor mir lag, wie auf einer Reliefkarte ausgebreitet, die +Kolla bis zum Takazzie - eine Aussicht, die sich ueber dreissig Meilen +erstreckte. Von allen Seiten sah ich die Fluesse durch die gruenen Waelder +und gesaegten Berge brechen, um sich dem Takazzie zuzuwaelzen, hinter dem, +eingehuellt in Nebeldaempfe, das Hochland von Schirie emporstieg. Ich nahm +meinen Weg nach der _Zarima_, einem Nebenflusse des Takazzie, zu, nicht +ohne von meinen Leuten vor dem Rebellen Terso Gobazye gewarnt zu sein, der +diese Gegend unsicher machte. Wie ich spaeter erfuhr, war die Rebellion +dieses Mannes mein Glueck, denn Theodor hatte ploetzlich drei Tage nach +meiner Abreise aus Gondar eine Kavallerieabtheilung hinter mir +hergeschickt, welche mich zurueckbringen sollte. Kurz nach meinem Aufbruche +von Dobarek kam sie dort an, wagte sich aber aus Furcht vor dem Rebellen +nicht weiter und kehrte, ohne ihren Auftrag erfuellt zu haben, zurueck. Der +Negus wurde wuethend und rief aus: "_Welches Unglueck! Der erste Mensch, der +von hier abreiste, ohne genau zu wissen, ob ich sein Freund oder Feind +bin!_" + +Sire! Sie taeuschen sich. Ich bin unterrichtet! Aber, ohne Sie zu +beleidigen, fuege ich hinzu, dass ich mich lieber Ihrer Gunst in Paris als +in Gondar erfreue! + +Meine erste Station jenseit der Zarima war _Tschober_, wo Theodor gegen +die Gebrueder Garet focht und sein Liebling, der Irlaender Bell, getoedtet +wurde, worauf die Katastrophe folgte, die ich bei Dobarek schilderte. Ich +befand mich nun so recht mitten im abessinischen Kirchenlande, in +_Waldubba_, das foermlich von Moenchen strotzt. Auch die Menschen waren hier +schon andere; die jungen Maedchen sangen in einer Sprache, welche ich noch +nicht gehoert hatte und die weit gutturaler als das Amhara klang. Auch +vernahm ich, dass ich mich schon im Gebiete des Volks von _Tigrie_ befand. +Wie die Amharas ernst, schweigsam und wuerdig auftreten, so erscheinen im +Gegensatz die Leute von Tigrie froehlich, lustig, mit einem Worte als "gute +Kinder". Frankreich stand in den Buergerkriegen 1856-1860 auf Seiten der +letzteren; England beguenstigte die Amharas, und ohne gesuchten Vergleich +kann man sagen, dass diese Sympathien dem beiderseitigen Nationalcharakter +entsprachen. + +Drei Tage spaeter gelangte ich an das Ufer des Takazzie, den ich bei +niedrigem Wasserstande traf. Sein dunkles, vom abgefallenen Laube +getruebtes Wasser rollte zwischen dicken Waeldern dahin, die an die Urwaelder +Suedamerika's erinnerten. Hier war echte, tiefe Kollaregion. Am jenseitigen +Ufer, wo das Land wieder bergig wurde, gelangte ich in die Deka der +reichen und wohlbevoelkerten Provinz Schirie, die sich nach dem Mareb hin +erstreckt. Ich verliess nun die noerdliche Richtung und wandte mich mehr +nach Nordosten, einer schoenen sumpfigen Praerie zu, welche links von +bizarren Bergen begrenzt wurde. Da, wo sie endigt, liegt _Axum_, die alte +heilige Stadt Abessiniens, die jedoch bereits so oft von den +verschiedensten Reisenden geschildert worden ist, dass ich die Leser mit +Aufzaehlung ihrer Alterthuemer hier nicht ermueden will. (Vergl. oben S. 4.) + +In vier und einer halben Stunde gelangte ich weiter nach der gegenwaertigen +Hauptstadt Tigrie's, _Adoa_. Die Stadt liegt zwischen dem suedlichen Fusse +des Scholada am linken Ufer eines kleinen Baches, der sich mit dem Asam +vereinigt. Die suedlichen, weniger zusammenhaengenden Quartiere sind ueber +mehrere Anhoehen zerstreut und theilweise sehr im Verfall begriffen. Viele +Kirchen, wie gewoehnlich in kleinen Hainen, erheben sich in und um Adoa, +unter denen sich die von Metchimialem auszeichnet. Sie ist von Detschas +Sabagadis erbaut, der eine grosse Glocke hierher stiftete. Die Strassen sind +eng, krumm und schmuzig, die Haeuser meist aus Stein gebaut; viele haben +Daecher von Thonschieferplatten, andere von Stroh; auch solche von zwei +Stockwerken sind keine Seltenheit. Der Hofraum ist immer mit einer hohen +Feldsteinmauer umgeben, in welcher sich Gaertchen hinziehen und Cordiabaeume +stehen. An der nordoestlichen Ecke auf einer steinigen Ebene am Bach ist +der Marktplatz, wo an mehreren Tagen der Woche Markt gehalten und +geschlachtet wird. Seit Jahrhunderten und namentlich seit dem Verfall von +Axum ist Adoa die Haupt- und erste Handelsstadt Tigrie's, deren +Einwohnerzahl, fast lauter Christen, etwa 6000 Seelen betraegt. Die +industriellen Produkte sind von geringer Bedeutung. + +Da meine in Gondar gemietheten Leute nicht weiter gehen wollten, musste ich +hier frische Diener miethen. Dies hielt mich 14 Tage in Adoa auf, und +diese Zeit benutzte ich zu Exkursionen in die Umgegend. Leider versaeumte +ich, die Ruinen der _Jesuitenresidenz Fremona_ bei Mai Goga in der Naehe zu +besuchen. Bruce, der sie gesehen hat, giebt an, dass zu seiner Zeit die +Mauern noch 27 Fuss hoch gewesen seien, ein von Thuermen flankirtes Viereck, +das als Festung gedient hatte. Doch das verhinderte die Vertreibung der +Patres nicht, die vor zwei Jahrhunderten eine fuerchterliche Qual +Abessiniens waren. Man erzaehlte mir, dass die Ruinen heute ein Gegenstand +der Furcht bei den Landleuten seien, welche das alte Gemaeuer von boesen +Geistern bevoelkert glauben. + +Am 29. Oktober 1863 verliess ich mit fuenf Lasttraegern, die ich bis Massaua +zu dem billigen Preise von anderthalb Thaler pro Mann gemiethet hatte, +Adoa. Am Abend kampirte ich schon in dem aeusserst ungesunden +Hamedo-Tieflande am Mareb. Diese granitische Ebene bildet fuer den +Botaniker und Zoologen ein wahres Paradies, sie ist aber, wenige Monate im +Jahre ausgenommen, furchtbar ungesund, ja geradezu toedtlich. Hier musste +auch mein Landsmann Dr. _Dillon_, der Freund Lefebvre's, nach der +Regenzeit sein Leben lassen, als er, ungeachtet der Warnungen seiner Leute +in die Kolla hinabstieg. "Vorwaerts, ihr Feiglinge", rief er ihnen +unklugerweise zu. Die Abessinier zauderten, sagten aber dann: "Dieser +Fremdling geht in den gewissen Tod und wir auch, wenn wir ihm folgen. Ist +es aber recht, denjenigen zu verlassen, dessen Brot wir so lange gegessen? +Vorwaerts denn mit Gott!" + + [Illustration: Bauer aus Antitscho. Nach Lejean.] + +Fuenf Tage darauf war Dillon todt und fuenf seiner Diener gleichfalls. Ich +koennte noch viele aehnliche Thatsachen anfuehren. Habe ich nun recht, wenn +ich die Abessinier ein edles Volk nenne? (Man sieht, wie sehr sich die +Urtheile gegenueber stehen, allein dieser eine edelmuethige Zug moechte doch +das lasterhafte Volk nicht rein waschen). Was man jedoch noch weniger +verneinen kann, ist die aeussere Schoenheit der Abessinier, Beweis dessen ich +hier auf gut Glueck das Portraet eines Landmanns aus dem Distrikt Antitscho +in Tigrie hersetze. + +Die ungesunde Ebene von Hamedo lag nun hinter mir und ich passirte den +_Mareb_ in einer Furth. Zu meinem Erstaunen fand ich ein sehr klares +breites Wasser, das jedoch nur einen Fuss Tiefe hatte und zwischen +belaubten Abhaengen, wie zwischen zwei Hecken hinfloss. Jenseit desselben +stiegen wieder Berge an, auf denen der Marktflecken Gundet liegt und die +gesunde Deka beginnt. + +Meine naechste Station war Asmara, die gegenwaertige Residenz des +Baharnegasch oder Beherrscher der Meereskueste. Diesen stolzen Titel fuehrte +ein einfacher Schum (Ortsvorstand), der vom Statthalter der Provinz +Hamasien eingesetzt wird. Der Mann empfing mich mit vieler Freundlichkeit +und schenkte meinen ausgehungerten Leuten einen Hammel, ohne etwas dagegen +zu verlangen. Er war ein vollendeter Gentleman, welcher bei meiner Abreise +mich merken liess, dass es ihm an Zuendhuetchen fehle. Da ich leider keine bei +mir hatte, schickte ich ihm nach meiner Ankunft in Massaua eine groessere +Partie. Asmara ist keineswegs die Hauptstadt von Hamasien; als solche galt +in alter Zeit Debaroa und heute _Tzazega_, wo der Detschas Hailu, ein +Liebling Theodor's II., residirte. Der Ort liegt malerisch zerstreut auf +einem Huegel und zaehlt etwa 2000 Einwohner, die etwas Handel und namentlich +Maulthierzucht treiben. + +Das Gebiet des Nils lag schon hinter mir und ich befand mich hier in +demjenigen des _Anseba_, der durch den Barka seine Wasser dem Rothen Meere +zusendet. Bald war auch die Grenze Abessiniens erreicht und die Terrassen +lagen vor mir, die sich nach der kahlen, brennend heissen Samhara +hinabsenken. Erst jetzt fuehlte mein Herz eine Erleichterung; das +Damoklesschwert hing nicht mehr ueber meinem Haupte, ich war der Gewalt +Theodor's gaenzlich entrueckt. + +Schnell war auch das Kuestenland durchzogen, und in Massaua begruessten mich +nach langer Irrfahrt zuerst wieder die Spuren europaeischer Civilisation. + + [Illustration: Ansicht des Gemp in Gondar. Nach Rueppell.] + + + + + + [Illustration: Inneres einer Mensahuette. Originalzeichnung von Robert + Kretschmer.] + + + + + + REISEN IN DEN NOeRDLICHEN UND NORDWESTLICHEN GRENZLAeNDERN ABESSINIENS. + + + Das Land der Mensa und Bogos. - Reise des Herzogs Ernst. - + Monkullo. - Labathal. - Plateau von Mensa. - Das Volk der Mensa. - + Ausflug nach Keren. - Elephantenjagd. - Rueckkehr. - Munzinger ueber + die Bogos. - Geschichtliches. - Ein aristokratisches Volk. - + Rechtsverhaeltnisse. - Aberglauben. - Das Christenthum der Bogos. - + Der Marebfluss. - Die demokratischen Bazen und Barea. + + + + + 1. Reise des Herzogs von Koburg nach Mensa und Bogos. + + +Da, wo die Terrassen des noerdlichsten Distrikts von Abessinien, der +Provinz Hamasien, die natuerliche geographische und politische Grenze des +Landes ausmachen, hoeren die vulkanischen Wackengebilde, die rothen +Eisenthone und ebenen Basaltplateaux auf und die Urgebirge, die Granite, +Gneise, Glimmerschiefer erhalten die Herrschaft. Sie bilden ein Gebirge, +das, nach Osten hin zum Rothen Meere, nach Westen gegen das Tiefland des +Barka abfallend, von zahllosen Wasserrinnen durchflossen ist, welche +waehrend der heissen Jahreszeit vertrocknen. Der namhafteste dieser +Gebirgsbaeche ist der Anseba, welcher sich mit dem Barka vereinigt. Noch +vor zwanzig Jahren war dieses Gebiet den Geographen fast gaenzlich +unbekannt - jetzt gehoert es zu einem derjenigen Theile Afrika's, dessen +Kenntniss am meisten gefoerdert ist. Die Voelkerschaften, die dort wohnen, +die Bogos mit den Mensa, die Bedschuk, Takul und Marea sind theilweise +Christen, werden aber in nicht allzuferner Zeit dem Islam anheimfallen. +Auch in ihrer Sprache unterscheiden sich die Bogos und Bedschuk von ihren +Nachbarn; erstere ist ein Agau-(Agow)Dialekt, welcher aber mehr und mehr +dem Tigre Platz macht. (Vergl. S. 92.) + +Vor Allem aber hat die Natur dies "Alpenland unter den Tropen" mit dem +herrlichsten landschaftlichen Charakter gesegnet, mit vielfach +gegliederten Hochebenen und kuehnen Felsgestalten. Zur Regenzeit entwickelt +sich dort eine hoechst mannichfaltige und reiche Vegetation, und das +Thierreich ist so ueberaus wohl vertreten, dass Bogos sammt Mensa dem +Waidmann als ein Paradies erscheinen muessen. + +Die Berichte, welche die deutsche Expedition unter von Heuglin ueber diese +gesegneten Landstriche in die Heimat sandte, das Interesse welches sie an +und fuer sich erwecken mussten, endlich die vergleichsweise leichte +Zugaenglichkeit, die nahe Lage an der Kueste - man kann von Triest aus, wenn +Alles ineinander greift, jetzt in ungefaehr vierzehn Tagen nach Mensa +gelangen - machten auch in einem deutschen Souveraen den Wunsch rege, jene +Gegenden zu besuchen, um dort der edlen Jagd obzuliegen. In Schottlands +Hochbergen hatte _Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha_ schon den +Edelhirsch gejagt, er hatte Gemsen am Fusse der Alpengletscher erlegt und +nun entschied er sich auch dahin, auf Elephanten, Loewen, Leoparden, +Gazellen und Antilopen in ihrer tropischen Heimat zu puerschen. Doch die +Wissenschaft sollte bei diesem Unternehmen keineswegs leer ausgehen, und +so versah sich der Herzog mit einem Stabe tuechtiger Maenner, die vollkommen +geeignet waren, das Erlebte und Gesehene in Wort und Zeichnung +aufzubewahren. + +Die Reisegesellschaft bestand aus dem Herzoge und seiner Gemahlin, dem +Fuersten Hermann Hohenlohe und dem Prinzen Eduard Leiningen, dem Major von +Reuter nebst Frau, dem Arzte Dr. Hassenstein, dem Maler Robert Kretschmer +- dem wir einen Theil der praechtigen, naturwahren Illustrationen zu diesem +Werke verdanken - dem Naturforscher Dr. Brehm, Friedrich Gerstaecker und +einigen Anderen. Dr. Brehm, der Afrika aus eigener Anschauung bereits +kannte, wurde als Pionier vorausgesandt, um die besten Wege ins +Mensagebirge zu erforschen, und am 28. Februar 1862 verliess die Expedition +selbst Triest. Nach sechstaegiger Fahrt wurde Alexandrien erreicht, Kairo +besucht und den Nil stromaufwaerts bis zu den Ruinen von Luxor gedampft, +endlich mit einem Extrazug durch die Wueste nach Suez gefahren, wo die +hohen Herrschaften nebst ihrem Gefolge sich am 24. Maerz einschifften. Fuenf +Tage dauerte die Fahrt durch das Rothe Meer, und am 29. warf der Dampfer +bei _Massaua_ Anker, wo eine englische Fregatte bereit lag, um der +herzoglichen Expedition waehrend ihres Aufenthalts an der entlegenen Kueste +Schutz angedeihen zu lassen. + +Jener wichtige Hafenplatz wurde der Ausgangspunkt zur Reise in das +Hochland, welche die Frau Herzogin jedoch nicht mitzumachen gedachte. Sie +blieb vielmehr in dem westlich von Massaua gelegenen Dorfe _Monkullo_ +(Umkullu, M'Kullu) zurueck, das man als eine Art Vorstadt von Massaua +bezeichnen kann, weil viele Massauer Familien hier ihre Huetten und die +meisten Geschaeftsleute eine Frau mit Kindern und Sklavinnen wohnen haben, +von denen sie taeglich Milch und Holz sich bringen lassen. Ein besonderer +Vorzug des Ortes sind seine Brunnen mit klarem suessen Wasser, das bis +Massaua gefuehrt wird. Monkullo wird von mehreren Huegeln ueberragt, von +deren Hochflaeche man einen Blick auf das Rothe Meer hat. Man sieht zwei +lange Streifen, welche sich von dem blauen Gewaesser abheben; der laengere, +zur Haelfte gelb, zur anderen gruen, ist die Insel Tan-el-hut, wo Hemprich +begraben liegt; der andere Streifen ist Massaua. Die gelbe Farbe ruehrt von +Korallen, die gruene von einem dichten Gebuesch her, dessen immergruene, +fettglaenzende Blaetter denen des Kirschlorbers aehnlich sind; diese Pflanze, +der _Schorawurzeltraeger_ (_Avicennia tomentosa_), heisst zu Massaua +Sackerib und waechst nur an solchen Stellen, welche taeglich bei der Flut +vom Meereswasser bespuelt werden. Aus der Ferne gesehen, gewaehren die +Wurzeltraeger einen anmuthigen Eindruck; ihr sanftes Gruen thut dem Auge +wohl; sie strecken ihre ziemlich duennen Aeste in das Meer, und das Ganze +lockt fast unwiderstehlich an, weil es zu dem nackten gelben Strande einen +angenehmen Gegensatz bildet. Aber die Atmosphaere ist hier feucht, man kann +wohl sagen giftig, und die Hitze oft so arg, dass es gewissermassen als eine +Erquickung erscheint, wenn man aus solch einem Avicenniengewirr +heraustritt und wieder von den gluehenden Strahlen der aethiopischen Sonne +beschienen wird. + +Schnell eilten die Mitglieder der Gesellschaft aus der ungesunden +Kuestenlandschaft dem Innern zu. Im Anfang war die Gegend der Samhara, +welche sie durchritten, sehr oede und arm; die sandigen, aus grobkoernigem +Kies bestehenden Berge glichen ganz jenen der Wueste. Das thierische Leben +der Samhara wird zuerst bei den Regenstroemen bemerklich, die nach kurzem +Lauf hier dem Rothen Meere zueilen. Grossartig wird die Natur erst da, wo +das _Labathal_ mit frisch sprudelndem Fluesschen aus dem Gebirge +hervortritt. Im hellsten Gruen prangten die Gehaenge des Thals bis hoch zu +den Bergen hinauf; alle Baeume standen im Blaetterschmuck, viele von ihnen +waren gerade mit den koestlichsten Blueten bedeckt und leuchteten von den +Felswaenden herunter. Gesicht, Gehoer, Geruch schwelgten zu gleicher Zeit. +Der Farbenreichthum blendete das Auge, Wohlgeruch erfuellte das Thal und +wie ein Gruss toente der Floetenruf des aethiopischen Wuergers den Fremdlingen +ins Ohr. Auf den Zweigen wiegten sich Voegel aller Art von den kleinsten +Honigsaugern (_Nectarinia_) bis zum riesigen Ohrengeier. Auch sah man +Leoparden, Gazellen, Antilopen, Rudel von Affen, namentlich +Hamadryaspaviane eilten mit lautem Geschrei die Abhaenge hinauf und muntere +Klippschliefer belebten die Felsen, die sogar Spuren des riesigen +Elephanten trugen, der bis in die hohen Berge hinaufsteigt. + +Ganz oben verwandelte sich das Thal in eine enge Felsschlucht, und unter +unsagbaren Muehen wurde am 7. April die Hochebene erklommen, welche +wiederum von riesigen Alpen umgeben die Huettengruppen des Hirtenvolkes der +_Mensa_ traegt. Das Gebirge selbst besteht aus einem sehr grobkoernigen +Granit, welcher jedoch nur an den hoechsten Spitzen durchbricht, und aus +Thon- und Glimmerschiefer, der sich wie ein Mantel um den innern +Granitkern gelegt hat. In den tiefern Thaelern finden sich steile Waende, +welche jedoch fast ueberall zugaenglich sind und es noch viel leichter sein +wuerden, wenn nicht die Pflanzenwelt dies verhinderte. Alle Felsen sind +gruen bis oben hinauf, und wo nur ein geeignetes Plaetzchen sich findet, da +hat die Pflanzenwelt sicher Fuss gefasst. Doch bestimmt die Armuth an +Dammerde das Gepraege der Vegetation. Grosse gewaltige Baeume giebt es nur im +Thale, und hier zeigen sich am Bache die charakteristischen Gewaechse der +Kollaregion: schirmfoermige Mimosen, praechtige Tamarinden, Kigelien mit +ihren grossen Fruechten, Adansonien, Akazien, Oelbaeume, die +Kronleuchter-Euphorbie und eine niedrige Palme. + +Der stattliche Gebirgszug, in dessen Gipfel das Plateau von Mensa +gleichsam eingekeilt liegt, mag sich in den Theilen, welche von der +herzoglichen Expedition beruehrt wurden, zu einer Hoehe von 8000 bis 9000 +Fuss erheben. Die Hochebene selbst soll gegen 6000 Fuss ueber der +Meeresflaeche liegen und wird durch einen niedrigen Huegelruecken in zwei +Theile geschieden. Der eine bildet eine wilde, mit Bueschen bewachsene, +sandige Flaeche, die oft von Schluchten durchzogen ist. Der andere zeigt +besseren Boden und wird bebaut. + +Das Dorf _Mensa_ bildet zwei Gruppen von Niederlassungen mit zusammen etwa +100 Huetten, die sich an die beiden Raender der Hochebene anlehnen. Dicht +hinter denselben steigen die bewaldeten Felsgehaenge noch kuehn empor und +tritt zwischen riesigen Granitbloecken ein klarer Quell hervor, und ringsum +entfaltet das Gebirge seine ganze Pracht. Die Stelle war zu Ausfluegen gut +gewaehlt, aber leider wurde die Freude theuer bezahlt, denn ein grosser +Theil der Gesellschaft wurde vom Fieber gepackt. Die Gesunden liessen sich +jedoch dadurch nicht abhalten, tuechtig der ergiebigen Jagd nachzuspueren +und die Sitten der Eingeborenen zu studiren. + +Nirgends wol in Afrika trifft man auf so elende Behausungen als in Mensa. +Die _Huetten_ bestehen aus Stangen oder Zweigen, ueber die man einfach +Reisig wirft, das nicht einmal gegen den stroemenden Regen gedichtet wird. +Eine kleine niedrige Thuer fuehrt in das Innere des hohlen Reiserhaufens. +Dort gewahrt man dieselbe Unfertigkeit: einige aneinander gereihte Staebe, +welche auf Querhoelzern ruhen und von gegabelten Pfaehlen getragen werden, +bilden den Schlafplatz. Diese Bettstaette ist ausserdem mit einem +laubenaehnlichen Bau ueberdacht, der immer noch den Regen durchlaesst. Ausser +einigen irdenen Toepfen, dem unentbehrlichen Reibstein, auf dem das +Getreide zerkleinert wird, einem Topfe, in dem man das Korn aufbewahrt, +und einigen Schlaeuchen sieht man keine Geraethschaften im Innern. Eine +Dornumzaeunung schliesst die Wohnung ein, und innerhalb derselben liegt der +kleine Tabakgarten, denn das starke Kraut wird von den Maennern +leidenschaftlich aus grossen Wasserpfeifen geraucht, deren Wasserbehaelter +durch einen Kuerbiss gebildet wird. + +Die Mensa sind schoene, wohlgebaute Menschen von gelblicher bis +dunkelbrauner Hautfarbe. Ihre Sprache ist das Tigre. Das Haar ist +eigenthuemlich frisirt, wie es die Abbildungen zeigen, und mit einer Nadel +versehen, welche die Ruhe unter den laestigen Insassen herzustellen hat. +Kurze baumwollene Hosen und weite Umschlagmaentel machen die Kleidung der +Maenner aus; eine lederne, in viele Streifen zerspaltene Schuerze bildet die +einzige Bekleidung der unverheiratheten Maedchen, welche am Tage der +Verheirathung mit einem Umschlagetuche vertauscht wird. Das Leben des +Volkes haengt von den Herden ab; Getreidebau wird wenig betrieben. Die +Erhaltung und Vermehrung der Herden macht die ganze Wissenschaft ihres +Lebens aus. Der Mensa haelt sich um so verstaendiger, je besser er mit dem +Vieh umzugehen versteht, und er achtet sich um so gluecklicher, je +zahlreicher seine Herde von Buckelrindern ist. Manche von den Leuten, +welche in einer der beschriebenen erbaermlichen Huetten leben, nennen 5000 +bis 6000 Rinder ihr Eigenthum. Um ueberall die Weide gut ausnutzen zu +koennen, wandern die Mensa zweimal im Jahre von der Hoehe ihres Gebirges zur +Tiefe der Samhara hinab, wenn dort die Regenguesse ein frisches Gruen +hervorgezaubert haben. Die Milch der Kuehe ist ihr vornehmstes +Nahrungsmittel, und bei festlichen Gelegenheiten wird ein Ochse +geschlachtet, dessen halbgeroestetes Fleisch gierig verschlungen wird. Als +geistiges Getraenk dient der Honigwein. Ganz so schlimm wie die Abessinier +sind die Mensa beim Einnehmen ihrer Nahrung nicht, allein auch nicht sehr +verschieden von diesen. + +Das _Christenthum_ der Mensa ist genau so, wie wir es bei ihren Vettern, +den Bogos, weiter unten schildern. Das haeusliche und eheliche Leben +unterscheidet sich kaum von dem der Abessinier. Mit Sonnenuntergang +sammeln sich die Maedchen auf den oeffentlichen Plaetzen und beginnen zu +tanzen, wobei die Zuschauer laut bruellen. Dieses Vergnuegen waehrt bis tief +in die Nacht, jedoch nur wenn der Mond scheint und die Raubthiere nicht zu +fuerchten sind. An Festtagen hoert man noch eine andere Musik, dann geben +die Floetenblaeser ihre Kuenste zum besten. Die abessinischen Floeten sind +hohle Roehren mit verschiedenen kleinen Schalloechern, welche nach Art der +Mundharmonika geblasen werden. Einzelne Kuenstler verstehen auch eine Art +Geige zu spielen, d. h. eine Fiedel im Urzustande mit einer Saite von +Pferdehaaren, die mit einem einfachen Bogen gestrichen wird. Eine +Handtrommel mit Schellen unterstuetzt gewoehnlich dieses Konzert aufs +wirksamste. + +Eigenthuemlich sind die _Grabhuegel_ der Mensa. In weitem Kreise um das Grab +herum baut man eine senkrechte Ringmauer auf; den von ihr umschlossenen +Raum fuellt man alsdann mit grossen und kleinen Steinen aus. Die Steine +schichtet man in einem Haufen hoch auf und ueberlegt sie endlich mit +blendenden Quarzstuecken, welche weit und breit zusammengetragen werden. +Die tropische Erzeugungsfaehigkeit sorgt bald fuer gruene Umrankung und +Umlaubung, und dann heben sich diese Graeber um so heller von dem dunklen +Hintergrunde ab. + +Hier nun, unter diesem Volke, schlug man die Zelte auf und verweilte +einige Zeit. Als die Gewitterregen nachgelassen, trat der Herzog, von +seinen beiden Neffen begleitet, einen Ausflug nach _Keren_ im Bogoslande +an. Am 12. April setzte sich der Zug in Bewegung, durcheilte in +nordwestlicher Richtung die Mensa-Hochebenen und gelangte am naechsten Tage +bereits in eine sehr veraenderte Gegend. Die reiche Vegetation des +Mensathales war fast ganz verschwunden, die Bergruecken waren kahl und nur +an den Abhaengen zeigten sich Mimosen und verkrueppelte Oelbaeume. In den +tiefern Thaleinschnitten wuchsen riesige Adansonien und Euphorbien. Nach +einem Ritt von mehreren Stunden wurde das Dorf Gabei Alabu auf einem +felsigen Plateau erreicht, wo die Einwohner nach einigem Parlamentiren +Milch und eine Kuh zum Geschenke brachten. "In keiner Weise konnten wir," +erzaehlt Herzog Ernst, "auf der ganzen Reise zwischen diesen Voelkerschaften +auch nur ueber die geringste Unbill klagen, und ich muss lobend erwaehnen, +dass uns ueberall mit aufrichtiger Freundlichkeit und Gastfreundschaft +begegnet wurde." Nachdem man zwei Stunden weiter geritten, gelangte man an +das malerische Ufer des _Anseba_ (Ainsaba). Der Strom hielt noch dritthalb +Fuss Wasser und floss silberhell und reissend dahin. In unendlichen Windungen +sendet er seine klaren Fluten, die unfern von Tzazega in Hamasien +entspringen, durch das Gebirgsland und erquickt mit seinen zweimal im +Jahre austretenden Gewaessern die durstige Ebene. Soweit dies der Fall ist, +zeigt auch der Boden die ganze Fuelle der Tropenvegetation; wunderbar +geformte Baeume, dicht mit Lianen ueberzogen, wechseln malerisch mit +haushohem Schilf. Tausende von Voegeln aller Art bevoelkern diesen schmalen +Streifen Erde, der gleich einer Oase meilenweit den Strom begrenzt, +welcher spaeter seine Wasser mit denen des Barka vereinigt, also nicht dem +Gebiete des Nil, wol aber jenem des Rothen Meeres angehoert. + +Die gehoffte Jagd fand leider hier nicht statt, dafuer stattete man dem +jenseit des Flusses liegenden Dorfe _Keren_, dem Hauptorte von Bogos, +einen Besuch ab. Der Herzog schildert Keren als ein elendes, auf einer +Hochebene gelegenes Dorf, das ausser den Huetten der Eingeborenen nur zwei +groessere Gebaeude, die Wohnung des weit und breit bekannten Missionaers +_Stella_, aufweist. "Stella ist ein kleiner untersetzter Mann mit +stechenden klugen Augen, aber sonst wohlwollenden Zuegen. Er gehoert zum +Orden der Lazaristen. Unstreitig ist er, nach Allem, was ich ueber ihn +gehoert und gelesen, zu den wenigen intelligenten Europaeern zu rechnen, +welche seit einer Reihe von Jahren das Innere Afrika's bewohnten. Durch +seinen Charakter, seinen Muth und sein kluges Benehmen ist er zu einer +bedeutenden Person geworden. Er ist nicht nur bei den Bogos hoechst +angesehen, sondern steht auch in einer gewissen Verbindung mit dem Kaiser +Theodor und den ganzen politischen Verhaeltnissen Abessiniens. Die +Ausbreitung der katholischen Religion scheint ihm hier nicht allein am +Herzen zu liegen. Er schien vorzugsweise Rathgeber und Vermittler zwischen +obwaltenden Streitigkeiten der Staemme zu sein. Ein Gehalt, der ihm +regelmaessig ausgezahlt wird, und eine ausgesuchte Herde machen ihm bei +geringen Beduerfnissen ein angenehmes Leben moeglich." + + [Illustration: Eingeborene von Mensa vor ihren Huetten. + Originalzeichnung von Robert Kretschmer.] + +Der Boden bei Keren, das 4469 Fuss ueber dem Meere liegt, ist fruchtbar, +aber nur ab und zu mit Durrah, etwas Tabak und dem gewoehnlichen +Seifenkraut bepflanzt. Nach Osten und Sueden steigen rauhe Gebirge in die +Hoehe, waehrend sich die im Norden liegenden Ketten mehr und mehr abflachen. +Nach Westen zu sieht man den Bergen deutlich an, dass sie aus einer Ebene +emporsteigen, denn unmittelbar hinter ihnen beginnt die unabsehbare +Barka-Steppe. Wasser enthaelt die Hochebene so gut wie gar nicht. + +Keren war der fernste Punkt, bis zu welchem der hohe Reisende gelangte. Er +zog nach kurzem Aufenthalte von da nach Mensa zurueck, wo er am 16. April +wieder anlangte. Schon am zweiten Tage darauf fand eine glueckliche +Elephantenjagd statt, und mit nicht geringer Anstrengung gelang es, auf +den 8000 Fuss hohen Felsenhoehen des Beit-Schakhan einen alten und einen +jungen Elephanten zu erlegen. + +Mit folgenden Worten schildert der Herzog das Abenteuer selbst: "Es mochte +wol zwischen 2 und 3 Uhr sein, als ein fuer uns kaum hoerbarer Ton das Ohr +des uns begleitenden jungen Eingeborenen traf. Wie eine Schlange schnellte +die schwarze nackte Gestalt aus dem Grase empor, und die heftigste sich in +den wunderlichsten Gesten kundgebende Aufregung bewies uns, dass ein +Zeichen von unten gegeben sei. Wie durch einen Zauberschlag beruehrt, +sprangen wir jetzt auf die Fuesse und griffen zu unseren Buechsen. Die +reizende Aussicht war, wie Muedigkeit fuer uns verschwunden, die +Sonnenstrahlen erschienen nicht mehr heiss, und ohne weiter zu ueberlegen, +was eigentlich das Zeichen bedeute, trabte die ganze Gesellschaft ueber +Steinbloecke durch Dick und Duenn der Tiefe zu, aus der in abwechselnden +Zwischenraeumen das schon vorher erwaehnte Zeichen wiederholt wurde. + +"Der junge Mensaner mit Schild und Speer an der Spitze, fuehrte den Zug, +und da ihn weder Kleidung noch Korpulenz am Laufen hinderten, so fiel er +in ein wahrhaft gefaehrliches Tempo, fuer das nur die juengsten Beine +geschaffen schienen. Erst nach anderthalb Stunden trafen wir die beiden +Elephantenjaeger. Nur einige hundert Schritt folgten wir ihnen und sahen +schon zum allgemeinen Entzuecken, auf der gegenueberliegenden Bergwand, +zwischen dem Gestruepp und alten Euphorbienbaeumen, Elephanten ruhig ihr +Diner verspeisen. + + [Illustration: Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in + Mensa. + _(Originalzeichnung von R. Kretschmer.)_] + +"Hier haette nun ein Kriegsrath gehalten werden muessen, um, wie vorher +verabredet, die Jagd zu besprechen. Hierzu liessen uns die aufgeregten +Eingeborenen aber keine Zeit. Sagudo ergriff mich beim Arm, schuettelte +mich, als ob es gaelte, Aepfel von einem Baume zu schuetteln, wies mit +grimmigen Geberden auf die unten aesenden Elephanten und riss mich mit sich +fort. Vorwaerts ging es nun wieder in vollem Laufe durch Aloe, Cactus und +Mimosen. Bald waren die ohnehin defekten Hemden und Beinkleider zerrissen, +und die gluehende Sonnenhitze badete uns im Schweiss. Mit einem Male hielt +der Jaeger an, schnitt mir ein wuethendes Gesicht und klopfte mit dem Laufe +seiner riesigen Muskete auf meine Schuhe. Sein Wunsch war augenscheinlich +der, dass ich von jetzt ab die Puersche barfuss - wie er ging - fortsetzen +solle. Aus meinen ebenso grimmigen Mienen und bezeichnenden +Gestikulationen mochte er jedoch wol entnehmen, dass die Sohlen unserer +Fuesse nicht, wie die seinen, fuer Dornen und scharfe Steine geschaffen +seien, und weiter ging es, eine Lehne hinab, durch einen ausgetrockneten +Sturzbach hindurch und drueben einen steilen Graben hinauf. Wir folgten +genau in dem sonst undurchdringlichen Dickicht den Windungen der kleinen +Pfade, welche die Ungethueme, sich vor uns aesend, erst im Augenblicke +getreten hatten. Noch eine Weile und wiederum ging es einen Strand hinab, +und in langen Saetzen wollten wir eben die Felsen eines zweiten Sturzbaches +ueberschreiten, als wir auf 50 Schritt vier Elephanten unter uns denselben +Bach kreuzen sahen. + +"Athemlos hielt Alles still. Ich riss meine Buechse an den Backen und wollte +eben den groessten Elephanten aufs Korn nehmen. Da fiel mir der Jaeger in den +Arm und machte solche furchtbare Grimassen, dass ich nicht anders glauben +konnte, als er halte es noch fuer zu weit. Die Elephanten, welche schlecht +aeugen, gingen unter uns vorueber. Kaum waren sie aber auf der +entgegengesetzten Wand verschwunden, als das Rennen unmittelbar auf ihrer +Faehrte wieder begann. Hiernach schien es die Absicht des Jaegers zu sein, +die Thiere einzuholen und mit den letztern auf wenige Schritte zusammen zu +kommen. + +"Die Leidenschaft hatte uns alle erfasst und jeglicher Ueberlegung der +drohenden Gefahr, in der wir uns befanden, beraubt. Kaum moegen acht +Minuten vergangen gewesen sein, als wir, der vermeintlichen abwaerts +fuehrenden Spur in langen Spruengen von Fels zu Fels folgend, mit dem +vordersten der Elephanten auf drei Schritte zusammentrafen. Die Thiere +hatten einen auf uns zurueckfuehrenden Pfad eingeschlagen. Noch einen +Schritt weiter und wir waeren saemmtlich verloren und zu Brei getreten +gewesen. + +"Mit kuehner Geistesgegenwart erfasste der Jaeger den Augenblick, und indem +er einen gellenden Schrei ausstiess, stuerzte er sich - gleichwie der +Schwimmer von einem Springbret in das Wasser - von dem erhoehten +Standpunkte etwa zehn Fuss tief in ein wildes Cactusdickicht hinein. Zum +Besinnen hatten wir auch keine Zeit und ahmten, fast instinktmaessig, den +sicheren Tod vor Augen, das Manoever nach. Auf das furchtbarste +zugerichtet, drueckten wir uns, wie ein Kitt Huehner unter eine Krautstaude, +hinter einen Granitblock. Die Elephanten hatten, durch die wunderbare +Erscheinung erschreckt, selber eine Bewegung halb rechts gemacht, +dergestalt, dass sie uns schraeg abwaerts in einer Entfernung von vielleicht +10 bis 15 Schritt, jedoch ohne im geringsten fluechtig zu sein, die Flanken +zeigten. + +"Der Augenblick zum Handeln war gekommen. Der Jaeger, Hermann (Fuerst +Hohenlohe) und ich waren mit einem Sprunge beinahe zu gleicher Zeit auf +dem Felsen, der uns gerettet, die Buechsen flogen in die Hoehe und vier +Spitzkugeln bohrten sich hinter das riesige Gehoer des Ungethuems. Der +Elephant war toedtlich getroffen. Er hielt an und stiess jenen durch Gordon +Cumming so wohl beschriebenen Schmerzenston aus, und waere unsere Lage +nicht so misslich gewesen, so haetten wir ruhig sein Verenden abwarten +koennen. Hier galt es aber augenblickliche Vernichtung und mit Buechsen _a +la_ Lefaucheux bewaffnet, ward es uns eine Leichtigkeit, in wenigen +Minuten gegen vierzehn Kugeln dem schon wankenden Koloss hinter Blatt und +Gehoer zu senden. Ein zweiter Elephant, durch das Schiessen beunruhigt, +kreuzte den Verwundeten. Auch er erhielt von Hermann eine Kugel auf das +Blatt, welche ihm jedenfalls jenen Schmerzensschrei entlockte, aber nur +dazu zu dienen schien, seine Flucht zu beschleunigen. Unser erstes Opfer +schwankte noch einige Male, indem es sich langsam umdrehte, hin und her. +Da erhielt er aus der Muskete unsers Jaegers den letzten Gnadenschuss durchs +Herz. Das Thier stuerzte mit einem furchtbaren Getoese und rollte, wie ein +Hase auf einem gefrorenen Abhang, die Bergwand wol 500 Schritt hinunter, +Baeume und Felsen vor sich her waelzend. Die Strasse, die sein Koerper +beschrieben hatte, glich einem jener Lawinenstreifen, die man so oft im +Hochgebirge auf der Gemsjagd antrifft. Mit einem Freudengeschrei jagten +wir dem verendeten riesigen Thiere in den Abgrund nach, wo wir es tief +unten, zwischen zwei Granitbloecken eingeklemmt, noch gewaltig mit seinen +Fuessen arbeitend, liegen sahen." + +Noch ein zweiter junger Elephant, der gleichsam um die Mutter zu raechen, +wuethend herbeigeschnaubt kam, wurde erlegt, die Jagd war vollendet, und +beleuchtet von den Strahlen der gluehend untergehenden Sonne standen die +Sieger auf den kolossalen Leichen ihrer Jagdbeute. Die Landschaft, in +welcher die gefahrvolle Jagd stattfand, schildert der Herzog +folgendermassen: "Ein Panorama lag vor uns, wie ich es nur an wenigen Orten +Tyrols und der Schweiz getroffen habe. Ein unabsehbares Meer gruener und +brauner Berge, hier in den schoensten und reichsten Formen gelagert, dort +wieder scharfgezeichnete Felsspitzen in pittoresken Gestalten +vorstreckend, bot sich unsern Blicken. In weiter Ferne bezeichnete ein +goldener Streif die Fluten des Rothen Meeres, nach allen uebrigen +Himmelsgegenden reihten sich Gebirge an Gebirge. Das schwierige Besteigen +jener Alpen waere schon hinreichend durch die unbeschreibliche Aussicht +belohnt gewesen, deren wir uns hier zu erfreuen hatten. Die Sonne war +gluehend, dennoch erfrischte uns ein kuehler Luftzug und ausgestreckt im +hohen Grase schwelgten wir in den Genuessen der Natur." + +Bald darauf brach, nach verschiedenen neuen Jagdabenteuern, die +Gesellschaft auf und langte am 23. April in Monkullu, bei der Frau +Herzogin wieder an. Ueber ihren Aufenthalt daselbst schrieb die hohe Dame +folgende Worte in ihr Tagebuch: "Die Tage, welche wir hier verlebten, +waren keine Idylle in der Weise der lieben Heimat, es war fuer uns +verwoehnte Kulturkinder Manches recht schwer zu ueberwinden; aber es war +doch ein Stilleben voll von grossen Eindruecken, und die Erinnerung daran +moechte wohl keiner von uns missen. Wer einmal im Schein der tropischen +Sonne auf Himmel, Land und Meer geblickt hat, der wird die Farbenpracht +der Natur und die gehobene Stimmung, welche sie dem Menschen verleiht, nie +mehr vergessen. Was Licht heisst und gluehende Farbenschoenheit, das erfaehrt +man erst im Sueden. Und die Einwirkung dieser Fuelle von Licht und Farbe, +die grossen Gegensaetze, welche ohne Daemmerung, ohne das Nebelgrau der +Heimat, wie unvermittelt nebeneinander stehen und doch Bilder von der +wundervollen Schoenheit geben, werden immer maechtiger, je laenger man weilt, +und umgeben das Leben des Tages mit einer Poesie, die maerchenhaft und fast +bewaeltigend ist. Und in diesem Zauberlichte glaenzt eine fremde Erdenwelt, +denn Menschen, Thiere, Pflanzenformen, jeder Gegenstand, der an den +Reisenden herantritt, traegt dazu bei, die Stimmung, welche die Landschaft +hervorruft, zu erhoehen. Ungeachtet der Unsicherheit, welche der Europaeer +in dieser Wildniss empfindet, ist die Grundstimmung, welche dieses +tropische Leben verleiht, doch eine erhebende Ruhe. Alles sieht +grossartiger und einfacher aus, und ohne Muehe kann man sich hier um +Jahrtausende zurueckdenken, in denen dasselbe Hirten- und Wanderleben war, +dasselbe Geschrei der Thiere, dieselben Pflanzen an derselben Stelle, +dasselbe Leuchten der Farben, ebenso der Sand mit den Steintruemmern und +dem weissen Gebein der gefallenen Thiere. Der Mensch vermag in der +grossartigen Bestaendigkeit dieser Welt nur wenig." + +Am 26. April sagte endlich die Reisegesellschaft dem abessinischen Gestade +Lebewohl und trat die Fahrt durch das Rothe Meer nach Suez an. Leider +hielten gefaehrliche Fieber die Reisenden einige Zeit in Kairo zurueck, und +erst am 30. Mai wurde in Triest wieder der europaeische Boden betreten. Die +fuerstliche Reise war auch fuer die Wissenschaft nicht ohne Ergebnisse, denn +abgesehen von dem Werke des Dr. Brehm, der die zoologischen Resultate +verarbeitete, veroeffentlichte der Herzog selbst einen Reisebericht, der +mit den herrlichsten Abbildungen in Farbendruck von Robert Kretschmer's +Meisterhand geschmueckt wurde. + + -------------- + +Der Aufenthalt des Herzogs im Bogoslande war jedoch viel zu fluechtig +gewesen, als dass derselbe unsere Kenntnisse von den Bewohnern desselben +haette eingehend foerdern koennen. Diese aber, durch Sitten, Abkunft und +Rechtsverhaeltnisse ein hoechst interessantes Volk, lernen wir am besten +durch _Werner Munzinger_ kennen, der sich viele Jahre unter ihnen aufhielt +und gleich Stella eine bedeutende Stellung einnahm. + +Ueber das Bogosland sind viele Stuerme hinweggebraust. Die ganze Nordgrenze +Abessiniens von Massaua bis zum Mareb war, der Sage zufolge, in alten +Tagen von den _Rom_ bewohnt, einem riesenhaften, uebermenschlichen +Geschlechte. Der letzte desselben verfeindete sich mit Gott, schleuderte +eine Lanze gen Himmel und zur Strafe zerfrass ihm ein von Gott gesandter +Adler den Kopf. Die Rom werden noch in Liedern besungen und spitzige +Steinhaufen fuer ihre Graeber ausgegeben. Nach den Rom kamen die Kelau, ein +aethiopischer Stamm aus Abessinien, von dem nur wenig Reste blieben; dann +wanderten die Barea von Hamasien her ein und schliesslich die Bogos. + +Ihr Stammvater _Gebre Terke_ ist vom Volke der Lasta-Agows (vgl. S. 90). +Aus Furcht vor der Blutrache verliess er seine Heimat, stieg hinab in die +Kolla und baute zu Mogarech im Bogoslande die Giorgiskirche; das mag 1530 +gewesen sein, zur Zeit der muhamedanischen Kaempfe gegen das christliche +Abessinien. Vor dem zu Aschra befindlichen Grabsteine des Stammvaters geht +auch heute noch kein Bogos vorueber, ohne ihn zu kuessen. + +Bei den Bogos ist das Stammverhaeltniss stark ausgepraegt und die einzelnen +Abtheilungen sind derart durch Heirathen verschwaegert, dass innere Fehden +zur Unmoeglichkeit werden. Frueher standen sie direkt unter Abessinien und +sandten alljaehrlich 60 Ochsen als Tribut an den Koenig in Gondar. Sie +bildeten eine _Aristokratie_, die sich selbst nach eigenem Rechte +regierte, eine gewisse Kultur besass, jedoch durch Kriege und Beruehrungen +mit den Nachbarn allmaelig in Barbarei versank. Abessinier sowol als die +Aegypter von Ostsudan aus machten Verheerungszuege in das Bogosland und es +kam 1854 so weit, dass die Bogos endlich um Frieden flehten und den +Aegyptern versprachen, den Islam anzunehmen. Da erschien bei ihnen der +erwaehnte Missionaer Johannes _Stella_ und sammelte die Leute wieder, und +der englische Konsul _Plowden_ erwirkte im Namen Grossbritanniens, dass das +christliche Gebiet fuer unverletzlich erklaert wurde. Doch noch immer nicht +hatten die Bogos Ruhe. Neue Raubzuege fanden gegen sie statt, man fuehrte +viele in die Sklaverei. Wie wir aus Graf Krockow's Reise wissen, erschien +im November 1864 Pater Stella, begleitet von Werner Munzinger, in Kassala, +um beim aegyptischen Gouverneur darueber Klage zu fuehren, dass die Barea +ausser vielem Vieh 104 Weiber und Kinder aus dem Bogoslande entfuehrt +haetten. + +Noch immer zahlen die Bogos an Abessinien Tribut. Ihre Gesammtzahl betraegt +etwa 8000 Koepfe, von welchen zwei Drittel Unterthanen, sogenannte _Tigres_ +sind, und ein Drittel aus _Schmagillis_ oder wirklichen Bogos besteht. Das +Gesammtvolk hat nach Munzinger 2100 Haeuser und etwa 10,000 Stueck Rindvieh. +Von hoechstem Interesse sind die durch den genannten Forscher uns bekannt +gewordenen _Rechtsverhaeltnisse_ des Voelkchens. Das Recht ist ein +patriarchalisch-aristokratisches. Die Familie ist Staat, Souveraen und +Gesetzgeber, hat Recht ueber Leben und Tod der einzelnen Glieder. Wer nicht +Schmagilli, echter Bogos ist, waehlt sich einen Schutzherrn und wird nun +dessen Dienstmann, Tigre. Eigentlich gilt jeder Fremde als Feind. Der +Patriarch (_Sim_) ist geheiligt; er ist gleichsam Koenig ohne Koenigsgewalt. +Stirbt der Sim, so folgt ihm der Erstgeborene, nachdem er sich den ganzen +Leib mit dem Wasser gewaschen, in welchem die Leiche des Vaters gewaschen +wurde. Mit verhuelltem Kopfe fastet er nun drei Tage; dann wird er, immer +noch mit verbundenen Augen, vor die Huette gefuehrt und ihm Kuhduenger, +Dornen und Sand vorgelegt. Greift er nach den Dornen, so bedeutet dies +Krieg; Sand laesst auf gesegnete Ernten hoffen, Kuhduenger auf Gedeihen der +Heerden. + +Fuer die kleinere Familie ist der Vater Richter; zweite Instanz bildet der +oeffentlich versammelte Dorfrath (Mohaeber). Trotz des Christenthums +herrscht unter den Bogos noch viel Barbarei. Niemand kann lesen und +schreiben; ein uneheliches Kind wird erstickt, und die eigenen Kinder +verkaufte man frueher oft fuer weniger als einen Thaler. Unter den vielen +eigenthuemlichen Sitten und Braeuchen heben wir folgende hervor. Kein Weib +wird melken oder Getreide schneiden. Kein Schwiegersohn sieht das Antlitz +seiner Schwiegermutter an. Die Frau steht im Allgemeinen niedrig; sie kann +jeden Tag fortgejagt werden und besitzt kein Klagerecht. Es kommt nicht +gerade selten vor, dass ein Mann nach dem Ableben des Vaters die +Stiefmutter heirathet, und Munzinger kennt ein Beispiel, dass ein Mann die +Frau seines gestorbenen Sohnes zum Weibe nahm. Scheidungen sind haeufig, +die Vielweiberei ist jedoch ziemlich selten, wenn auch erlaubt. + + [Illustration: Hirtenfrau auf der Wanderung. Zeichnung von R. + Kretschmer.] + +Frueher bauten die Bogos Haeuser aus Stein - jetzt Zweighuetten wie die +Mensa. Das Innere trennt man durch eine Matte in zwei Haelften. Auch in den +haeuslichen Einrichtungen herrscht allerlei Aberglauben. So wird z. B. +Feuer und Wasser nach Sonnenuntergang niemals aus dem Hause gegeben und um +diese Zeit kein verliehenes Beil zurueckgenommen. So lange eine Leiche sich +im Hause befindet, wird kein Feuer angezuendet, und frische Butter zu +essen, gilt fuer eine Schande. + +Die Bogos haben schoene, regelmaessige Gesichtszuege und nicht das leiseste +Negergepraege. Die Hautfarbe wechselt zwischen Gelb und Schwarz. Die Augen +sind lebendig, schwarz und braun, der Haarwuchs weich und vollstaendig, +doch grob. + +Die Bogos sind mehr Hirten als Ackerbauer. Die Herden ziehen fast das +ganze Jahr hindurch im Freien umher, und wol ein Drittel der Bewohner +wandelt nomadisch mit denselben. Weib und Kind, das noethige Gepaeck wird +aufgeladen und der Weideplatz ausgesucht. Dann wohnt Alles unter +Palmenmatten, die bei einer Platzveraenderung leicht abgebrochen und auf +Ochsen geladen werden. Milch ist die beliebteste Nahrung, und jede Kuh hat +ihren Namen. Der Hirt lenkt seine Herde mit guten Worten, ohne Hunde. + +Unter diesem Volke gilt, wie im eigentlichen Abessinien, das _Blutrecht_. +Die Nachkommen eines Vaters bis auf sieben Grade bilden die +Blutsverwandtschaft. Dieselbe wird des Bluts theilhaftig, wenn ein +Familienmitglied einen Mord begangen hat, und ist solch ein Glied getoedtet +worden, so hat jene gesammte Verwandtschaft das Recht und die Pflicht der +Blutrache (_Merbat_). So lange die im Blut stehenden Familien sich +eigenmaechtig untereinander der Rache hingeben, hat das Recht nichts zu +sagen; der Zwist wird den Blutfeinden ueberlassen. Sobald dieselben aber +zur Versoehnung bereit sind, wenden sie sich an einen Mittelsmann, welcher +jeder ihr Recht giebt; die Parteien zaehlen ihre Todten, und der Ueberschuss +wird mit dem Blutpreis gesuehnt. + +Munzinger schildert, wie es mit dem Christenthum stand, als er und der +Lazarist Stella 1855 in das Land kamen. Die Bogos nannten sich _Kostan_, +Christen; zum Beweise, dass sie es seien, beruehrten sie niemals Fleisch, +das ein Muhamedaner geschlachtet hatte, und assen weder Elephanten, noch +Hasen oder Strausse. Der Sonntag hiess grosser Sabbath, allein die +Sabbathruhe wurde am Sonnabend beobachtet. Die Bogos haben zwei Kirchen; +bei denselben sind eingeborene erbliche Priester angestellt. Ihr Amt +besteht darin, an den Hauptfesten die Schiefersteine, welche die Glocken +vorstellen, anzuschlagen. Von Priesterweihe oder irgend einer religioesen +Kenntniss ist bei ihnen keine Rede. Munzinger kann nicht einmal dafuer +einstehen, ob die 1858 lebenden Priester getauft waren. "Der alte +Stammpriester von Keren ist ein vermoegender Mann, der sich nie +niedersetzt, ohne die heilige Dreieinigkeit anzurufen, aber er kennt nicht +einmal das Vaterunser." Von der Bedeutung der Festtage hat man keine +Vorstellung. Gott, Petrus, Dreieinigkeit sind gleichbedeutende Ausdruecke +fuer die Gottheit, aber ueber den besondern Sinn der Woerter ist man sich +nicht klar. Die heilige Jungfrau geniesst die groesste Verehrung, aber dass +sie Mutter des Heilandes sei, weiss Niemand. "Im Ganzen ist das +Christenthum ein Name, erhalten durch die Anhaenglichkeit dieser Voelker an +das Althergebrachte. Ueberhaupt ist den Landeskindern Religion die letzte +Sorge, und der Aberglauben ueberwuchert." Dass Munzinger die Befuerchtung +ausspricht, der Islam werde auch dieses Voelkchen erobern, wurde frueher +schon hervorgehoben. Allein was ist an einem solchen Christenthum, das +noch unter jenem Abessiniens steht, gelegen? + + + + + 2. Werner Munzinger bei den Barea und Kunama. + + +Es wurde frueher bei Erwaehnung der deutschen Expedition gesagt, dass W. +Munzinger sich in Mai Scheka von Heuglin trennte und eine mehr westliche +Route einschlug, waehrend Heuglin nach Sueden in das eigentliche Abessinien +eindrang. Die Reise des ersteren, welche in die Tage vom 16. November bis +22. Dezember 1861 faellt, fuehrte ihn laengs des Marebflusses in Regionen und +zu Voelkern, die bisher noch kein Europaeer kennen zu lernen Gelegenheit +hatte. Das in Rede stehende Gebiet liegt jenseit des Barkaflusses im +Suedwesten des Bogoslandes an der abessinischen Grenze und wird vom Mareb +durchstroemt. + +Dieser Strom ist vermoege seines Charakters einer der eigenthuemlichsten der +ganzen Erde. Seine Quelle liegt oberhalb des Dorfes Ad Gebrai in Hamasien, +dann bildet er, suedlich fliessend, eine Spirale, die von Gundet ab nach +Westen sich wendet und in die Kolla von Serawie eintritt. Bis hierher +gehoerte er zu Abessinien, jetzt aber, wo er sich dem Lande der Kunama +naehert, veraendert er seinen Gebirgscharakter; er sucht das Niederland und +heisst nun _Sona_. Hier ist er kein Waldstrom mehr und auch kein _Torrent_. +Wo naemlich der Boden das Wasser nicht an der Oberflaeche halten kann, wo es +durchsickernd erst spaeter auf einer festen Schicht Widerstand findet, da +zeigt sich der Strom als Torrent, d. h. es erscheint ein Sandbett, welches +nur zur Regenzeit ueberflutet wird und das ganze uebrige Jahr scheinbar +trocken daliegt, weil der Wasserstrom _unterirdisch_ sich fortzieht. Der +Mareb nun erscheint als Mittelding zwischen Fluss und Torrent und verliert +diesen Charakter erst im Unterlauf. In der Regenzeit, Juli bis September, +wird er regelmaessiger Fluss; in den uebrigen Monaten zeigt er sich als +Torrent, aber so, dass sein Sandbett hier und da von Teichen unterbrochen +wird, wo das Wasser fuer kurze Zeit an die Oberflaeche hervortritt. In der +Ebene von Takka, bei der Stadt Kassala, heisst der Fluss _Gasch_ oder Chor +el Gasch. Hier, im Gebiete der Hadendoa-Araber, wird er zur Bewaesserung +des Landes benutzt und hat eine Menge kuenstlicher Stromwehren, vermittelst +deren man ihn aufstaut und die Felder ueberschwemmt. So verliert er sich +meistens, aber in Jahren, wo sehr viel Regen faellt, wird es ihm moeglich, +sich bis zum Atbara Bahn zu brechen, den er dann bei Gasch-Da, d. h. Mund +des Gasch, erreicht. + +Die Voelker nun, am unmittelbaren Lauf des Stromes, unterscheiden sich von +den Bogos, einem aristokratischen Volke, durch ihr ganz _demokratisches_ +Wesen. "Die Natur," sagt Munzinger, "ist hier einfoermig, kein Berg ragt +empor, keine scharfe Form zeichnet sich aus, kein entschiedener Gebirgszug +und keine grossartige Ebene giebt dem Ganzen Charakter und Einheit; selbst +der Baumwuchs ist nur mittelmaessig; Gestraeuch ist vorherrschend - und so +der Mensch und seine Verfassung; nichts strebt, nichts beherrscht; lose +zusammengeworfene Gemeinden entbehren der staatlichen Einheit und der +buergerlichen Verschiedenheiten." + +Die _Kunama_ oder _Bazen_ und die _Barea_, welche hier wohnen, sind sich +ihrer Sprache und Tradition nach durchaus nicht verwandt und dennoch +stimmen ihre Rechtsbegriffe miteinander ueberein. Die Bazen bewohnten +frueher Tigrie, bis sie von den Geezvoelkern hinausgedraengt wurden. Die +Barea entsinnen sich nicht ihres Ursprungs, doch ist das Land der Bogos +voller Zeugnisse ihrer frueheren Anwesenheit. Die _Religion_ beider Voelker +ist ein gleichgiltiger Deismus, eine Idee von Gott, aber ohne Kultus oder +christliche Reminiscenz. Wochen und Tage verlaufen ohne Festtage; religioes +ist die Sorgfalt, die man auf die Graeber wendet, die aus Hoehlen bestehen, +in welche der Leichnam beigesetzt wird; religioes die unbegrenzte Ehrfurcht +vor dem Alter, das allein regiert. Aberglauben hat das erbliche Amt des +Regenmachers gestiftet, des Alfai, der allein wohnt, Regen bringt und, +fehlt dieser, hingerichtet wird. Beschneidung war von jeher ueblich, und +der Islam hat unter ihnen grosse Fortschritte gemacht. + +Beide Voelker charakterisirt die radikale _Gleichheit der Individuen_, die +Abwesenheit des Staates; so leben die Doerfer zusammen friedlich und ruhig, +Verbrechen sind selten. Dem Auslande gegenueber aber fehlt der staatliche +Zusammenhang, die gegenseitige Huelfe. Beiden eigenthuemlich ist die +Bevorzugung des Schwestersohnes, der Blut und Habe von seinem Onkel erbt +mit Ausschluss der Kinder; _eine Familie in unserem Sinne existirt also +nicht_, der Begriff von Vater und Sohn fehlt, dagegen haengen Neffe und +muetterlicher Onkel eng zusammen. Recht sprechen die Aeltesten des Dorfes, +und keine Aristokratie lehnt sich gegen die Beschluesse der Gemeinde auf. +Selbst der Fremde wird nach kurzem Aufenthalt den alten Insassen gleich. + +Die Leute leben von heute auf morgen und dafuer genuegt der Ackerbau, den +sie fleissig treiben. Grund und Boden kann bei der Ausdehnung des Landes +nur wenig Werth haben, eine konsequente Viehzucht verbietet das Klima. +_Blutrache_ ist natuerlich ueberall nothwendig, wo der Staat sie nicht +besorgt, doch hat sie bei den Barea und Bazen nicht den ausgebildeten +Charakter, wie bei den Abessiniern. Der Moerder muss sich dem Tode durch ein +mehrjaehriges freiwilliges Exil entziehen, wonach er um ein geringes +Blutgeld ausgesoehnt wird. + +Das Land der Bazen ist reich an wildem Honig, den sie stark geniessen, +waehrend die Barea sich vorzugsweise von Bier naehren. Dieser Lebensweise +schreibt Munzinger es zu, dass die Bazen volle muskuloese Gestalten haben, +waehrend die Barea klein und hager sind. Die Wohnungen beider Voelker sind +runde, glockenfoermige, bis zum Boden mit Stroh sehr zierlich bedeckte +Huetten; ihre Kleidung ist der Lederschurz, der erst allmaelig den +eingefuehrten Baumwollenzeugen Platz macht. Das Haupthaar tragen sie wie +alle uns schon bekannten Voelker von Nordabessinien; der Bart ist meist +sehr duenn. Die Nase haben sie selten sehr stumpf, oft aber, besonders bei +den Barea, adlerartig gebogen. Der Mund ist gross, jedoch nicht +aufgeworfen. Was die Farbe anbelangt, so findet man alle Abstufungen von +Gelb bis Schwarz, doch herrscht die dunkle Farbe vor. + +Die Bazen und die Barea unterscheiden sich im Temperament; die ersteren +sind ruhig, gesetzt und reden leise; die letzteren sind lebhaft laermend, +schnell aufbrausend. Die Eheverhaeltnisse bei den Bazen scheinen sehr lose +zu sein, waehrend die Bareafrauen wegen ihrer Treue auch im Auslande +beruehmt sind. Beide Voelker sind zu Hause sehr friedfertig, waehrend mit dem +Auslande ein ewiger Krieg gefuehrt wird. Barea und Bazen stehen nicht in +voelkerrechtlicher Verbindung und heirathen selten untereinander. + +Die Bazen muessen ein sehr zahlreiches Volk sein. Ihre Hauptsitze ziehen +sich den grossen Stroemen Mareb und Takazzie nach; ersterer heisst bei ihnen +Sona, letzterer Dika. Alle treiben Ackerbau mit dem Pflug und nur +theilweise Viehzucht. Ihre Waffe ist die Lanze. Als Typus kann der Zither +spielende "Schangalla" vom Mareb nach Zander's Zeichnung angesehen werden +(S. 89). + +Die Wohnsitze der Barea liegen im Norden der Bazen. Die Thaeler, welche sie +bewohnen, gehoeren schon dem Hochlande des Barka an, wie ihre Wasser und +ihre Vegetation; die sie begleitenden Berge sind die letzten Auslaeufer des +Hochlandes der Bazen und werden zur Weide benutzt, Fieber sind haeufig und +die Regen fallen dort meist in der Nacht. + +So sind die Voelker beschaffen, welche die noerdlichen Vorlande Abessiniens +bewohnen. Aber auch im Sueden, zwischen Amhara und Schoa und wieder ueber +Schoa hinaus, treffen wir auf ein eigenes hoechst interessantes Volk, das +der _Galla_. Mit ihm werden wir uns im folgenden Abschnitte beschaeftigen, +der uns das Koenigreich Schoa vorfuehrt, welches von Amhara sich seit langem +unabhaengig zu machen wuenscht und nur zeitweilig mit ihm zusammenfiel; +schon dass der Herrscher daselbst den Titel "Negus" fuehrt, deutet darauf +hin, dass wir es hier mit einem besonderen Staate zu thun haben. + + [Illustration: Fettschwanzschaf] + + + + + + [Illustration: Dullul an der Bucht von Tadschurra. Nach M. Bernatz.] + + + + + + SCHOA UND DIE BRITISCHE GESANDTSCHAFT UNTER MAJOR HARRIS. + + + Begrenzung. - Englische Gesandtschaft unter Harris. - Tadschurra. + - Zug durch die Adalwueste. - Salzsee. - Mord im Thale Gungunte. - + Versammlung der Eingeborenen. - Sklavenkarawane. - Myrrhen. - Der + Hawasch. - Der Grenzdistrikt. - Alio Amba, ein Marktort. - Empfang + beim Koenige Sahela Selassie. - Die Hauptstadt Ankober. - Debra + Berhan, die Sommerresidenz. - Sklavendepot. - Truppenrevue. - + Angollala. - Schlucht der Tschatscha. - Medoko, der Rebell. - Das + Gallavolk. - Kriegszug gegen dasselbe. - Siegesfest. - Abschluss + des Handelsvertrags. - Rueckkehr. + + + + +Schoa im weiteren Sinne umfasst den Theil der abessinischen Hochlande, +welcher im Osten von der Adalwueste, im Sueden vom Hawaschflusse und im +Westen vom Abai oder Blauen Nil begrenzt wird. Die unbestimmte Nordgrenze +machen muhamedanische Gallastaemme aus. Im engeren Sinne versteht man +darunter jedoch nur den westlichen Theil dieser Hochlande, naemlich die +Distrikte Tegulet, Schoa Meda, Morabietie, Mans und Gesche. Die oestliche, +im allgemeinen als Ifat bezeichnete Abtheilung des Berglandes umfasst +dagegen die Provinzen Bulga, Fatigar, Mentschar im Sueden, Argobba im Osten +und Efra im Norden. Beide Theile sind infolge des fruchtbaren Bodens +ziemlich stark bevoelkert, wozu noch das gesunde Klima und eine +vergleichsweise politische Ruhe beigetragen haben. Krapf schaetzt die +Bevoelkerung mit Einschluss der im Sueden unterjochten Galla auf eine Million +Seelen. Quellen, Baeche, Fluesse und Seen sind zahlreich im Lande vorhanden, +das in Bezug auf seine Bodenbeschaffenheit mit dem uebereinstimmt, was wir +im allgemeinen ueber Abessinien bemerkten. + +In der Zeit, die wir in diesem Abschnitte schildern wollen, herrschte +_Sahela Selassie_ als Negus ueber Schoa. Er hatte den protestantischen +Missionaer Krapf wie dessen Mitarbeiter Isenberg freundlich aufgenommen und +von Beiden viel ueber Englands Macht und Groesse gehoert, wodurch sich in ihm +der Wunsch regte, zunaechst mit der Ostindischen Compagnie in ein +Freundschaftsverhaeltniss zu treten, so dass er schon am 6. Juli 1840 einen +Brief an den englischen Gouverneur in Aden sandte, in welchem er um die +Absendung einer Gesandtschaft an seinen Hof bat. Infolge dessen entschloss +sich die ostindische Regierung, seinem Wunsche zu willfahren und eine +staendige Gesandtschaft an ihn zu schicken, an deren Spitze Kapitaen _W. +Cornwallis Harris_ stand, ein vorzueglicher Offizier, der sich bereits +durch seine Reisen in Suedafrika, wo er bis in das Reich des Mosilikatse +vorgedrungen war, einen Namen gemacht hatte. Als erster Stellvertreter +wurde ihm Kapitaen Graham, als Arzt Dr. Kirk, als Naturforscher Dr. Roth, +als Maler der Deutsche Martin Bernatz, ausserdem fuenf andere Europaeer, zwei +Apotheker, ein Zimmermann, ein Schmied, zwei Sergeanten und fuenfzehn +freiwillige Soldaten beigegeben. Mit reichen Geschenken fuer Koenig Sahela +Selassie versehen, worunter sich auch eine Kanone und 300 Flinten +befanden, verliess die zahlreiche Gesandtschaft am 27. April 1841 Bombay, +besuchte zunaechst Aden, das Gibraltar des Ostens, in Arabien, und schiffte +dann nach der afrikanischen Kueste hinueber, um in der Bucht von +_Tadschurra_ Anker zu werfen. Die Bucht, in welcher die Schiffe lagen, +wurde ihrer Ruhe und Sicherheit wegen Bar el Banatin, der See der zwei +Nymphen, genannt. Sie reicht tief ins Land hinein, ist ziemlich eng und +von hohen Bergen umgeben, die ihr vulkanisches Gepraege deutlich zur Schau +tragen. Zugleich hat diese Bucht ethnographische Bedeutung als Scheide der +Danakil und Somalvoelkerschaften. Am 18. Mai landete die Gesandtschaft und +empfing sofort den Besuch des Sultans der Stadt, des alten Muhamed Ibn +Muhamed. Eine haesslichere Erscheinung als diesen alten, magern, schmuzigen +Fuersten kann man sich kaum vorstellen; der Reihe nach bot er einem Jeden +seine mit ekelhaften Klauen versehenen Haende und liess sich dann zum +Gespraech nieder. Er war in einen groben Baumwollenmantel, der einmal blau +gewesen war, eingehuellt, trug an einem Riemen den Koran um die Schulter +gebunden und war ausserdem mit einem Saebel gegen seine leiblichen und mit +Amuleten gegen seine ueberirdischen Feinde versehen. Sein braunes, +durchfurchtes Gesicht zeigte eine Politur gleich Ebenholz und war von +einem weissen Bart umrahmt. Von ihm wurde zunaechst die Erlaubniss erlangt, +nach Schoa vordringen zu duerfen, eine Erlaubniss, die gegenueber den Kanonen +der britischen Kriegsschiffe nicht gut verweigert werden konnte. + +Der elende Ort Tadschurra war einige Jahre lang in den Haenden der Tuerken, +nachdem diese Massaua (1527) erobert hatten, und aus ihrer Zeit stammt +auch noch eine zerfallene Moschee am Meeresstrande. Jetzt ist es eine +selbstaendige Stadt unter einem Sultan, der zeitweilig von den Sultanen der +gegenueberliegenden arabischen Kueste abhaengig ist. Fanatische Muhamedaner, +meist Danakil, bewohnen den Platz, welcher nur als Sklavenmarkt einige +Bedeutung hat. Ackerbau besteht nirgends in der Umgegend; jedermann ist +Kraemer oder Haendler und wird mit der Zeit durch den Sklavenhandel +wohlhabend. Der bedeutendste Handel findet mit Suedabessinien statt, wohin +jahraus jahrein die Karawanen ziehen. Indische und arabische Manufakturen, +Zink, Kupfer und Messingdraht, Perlen und namentlich viel Salz werden dort +gegen Sklaven, Korn, Elfenbein und einige andere Erzeugnisse ausgetauscht; +allein Menschen und Salz bilden die Hauptartikel. Als Werthmesser gilt +auch hier der Maria-Theresia-Thaler vom Jahre 1780, als Scheidemuenze +Lederstreifen, die zu Sandalen benutzt werden koennen. Ausserdem nimmt man +im Handel Schnupf- und Rauchtabak, leere Flaschen, Spiegel, Knoepfe und +Perlen als Scheidegeld an. + +Die gewoehnliche Klage der afrikanischen Reisenden, dass bei ihren +Unternehmungen die Abreise das Schwierigste sei, sollte sich auch bei der +britischen Expedition nach Schoa wieder als wahr zeigen. Das Verpacken der +Geschenke fuer den Koenig, das Engagiren von Kameeltreibern, endlich aber +die Hindernisse, welche der Sultan von Tadschurra in den Weg legte, waren +schwer zu beseitigen und zeitraubend. Als dies jedoch Alles muehselig +ueberwunden, war das Jahr so vorgeschritten, dass man die Wueste gerade +durchreisen musste, als in den Monaten Juni und Juli der feurige und +ungesunde Wind ueber die wasserlose Ebene von Suedwesten her den Reisenden +entgegenblies. Unterdessen herrschte im Lager von _Dullul_, wo die +Gesandtschaft ihre Zelte am sandigen Seegestade aufgeschlagen hatte, grosse +Regsamkeit, um Alles vorzubereiten und das Gepaeck zu ordnen und zu +vertheilen. Endlich waren 170 Kameele, welche die Karawane bildeten, +beisammen; Wasserschlaeuche und Maulthiere wurden fuer die Europaeer gekauft, +und mit den Gefuehlen, mit denen man eine Raeuberhoehle verlaesst, setzte sich +der Zug in Bewegung, um Tadschurra den Ruecken zu kehren, dessen Bewohner +Harris die abscheulichsten und niedertraechtigsten Menschen nennt, welche +die Erde bewohnen. Als Ras el Kafila oder Karawanenfuehrer fungirte Isaak, +ein Bruder des Sultans von Tadschurra, der sich aber keineswegs als +zuverlaessiger und tuechtiger Mann bewies. Der Zug ging anfangs laengs dem +Meere bei Dullul hin durch das schroffe, zerrissene und wilde Gebirge, +welches die Bucht auf der Nordwestseite umgiebt. Der gaehnende _Pass der +Isa_ war zunaechst zu durchschreiten, welcher seinen Namen von dem +raeuberischen Somalstamme der Isa empfangen hat, die in seinen Tiefen +manchen Mord ausfuehrten. Ein Zickzackriss, hervorgebracht durch die +plutonischen Aeusserungen des Erdinnern, windet sich hier gleich einem +mythologischen Drachenleib durch die Eingeweide der Erde. Ungeheure +schwarze oder braune, vegetationslose Basaltklippen stehen senkrecht zu +beiden Seiten wie Mauern in die Hoehe, bei deren Bau die Cyklopen thaetig +waren, und durch diese wilde Scenerie eilte nun in wolkenloser heller +Mondscheinnacht die Karawane hindurch. Kein Ton ausser den Zurufen der +Kameeltreiber war zu hoeren; schauerliches Dunkel lag auf dem Abgrund und +nur die Lanzenspitzen der Eingeborenen, die den Zug begleiteten, +glitzerten hier und da im Scheine des fahlen Mondlichtes - geisterhaft +bewegte sich die Karawane dahin; Schauder lag auf allen Gemuethern, und +erst als die Fruehlichtstrahlen die gebrochenen Felsklippen vergoldeten, +wich die Pein von den bangen Gemuethern. + +Weiter ging der Zug durch einsame Thaeler, deren Boden mit zertruemmertem +basaltischen Gestein bedeckt war und die durch tiefe Schluchten und +Spalten die Gewalt der vulkanischen Kraefte bezeugten, welche hier einst +sich aeusserten. Dann kam man zum _Assalsee_, dessen Ufer eine taenzelnde +Fata Morgana umgab. Der erste Blick auf dieses seltsame Phaenomen war +keineswegs angenehm. Das elliptische Becken von etwa zwei deutschen Meilen +Laenge war zur Haelfte mit ruhigem, tiefblauem Wasser, zur andern Haelfte mit +einer blendendweissen, glitzernden Salzkruste bedeckt, die durch +Verdampfung entstanden war. Von drei Seiten umguerteten hohe, brennendheisse +Berge dieses Seebecken, waehrend auf der vierten Lavatruemmer und tiefe +Schluende sich hinzogen. Alles Pflanzen- und Thierlebens beraubt, war die +Erscheinung dieser Wildniss von Land und stagnirendem Wasser, ueber dem ein +dumpfes Schweigen ruhte, ganz dazu geeignet, das Gemueth niederzudruecken. +Nicht ein Laut toente an das Ohr, keine Welle spielte auf der Wasserflaeche, +nur die brennendheisse Sonne setzte am wolkenlosen Himmel ihren Lauf fort +und sandte gluehende Strahlen auf das todte vulkanische Land hernieder, +ueber dem kein kuehlendes Lueftchen wehte. + +In diesem hoellischen Schlunde hatten Mensch und Thier in gleicher Weise zu +leiden. Nicht ein Tropfen Trinkwasser war weit und breit zu entdecken, +waehrend das Thermometer selbst im Schatten der Maentel und Schirme eine +Temperatur von 126 Grad Fahrenheit, d. i. 52 Grad Celsius oder 42 Grad +Reaumur zeigte! Fuenfhundert und siebzig Fuss liegt das Becken des Assalsees +unter dem Spiegel des Meeres; kein Lueftchen weht dort, kein Obdach ist zu +entdecken, nur der weisse Widerschein der Salzkruste blendet das Auge. Die +lechzende Zunge haengt am Gaumen und empfaengt keinerlei Labung von dem +warmen Wasser, das die Schlaeuche darbieten, jeder Schritt vorwaerts ermuedet +Mensch und Thier noch mehr und zwoelf lange Stunden dauert die Reise durch +das Seebecken - sie muessen zurueckgelegt werden, wenn nicht der Tod ueber +den Wanderer kommen soll. + +In einer Bucht des Sees waren Salzgraeber damit beschaeftigt, ihre Kameele +fuer die Maerkte in Aussa und Abessinien zu beladen, wo das Salz einen +bedeutenden Tauschartikel ausmacht. Die Danakil betrachten die Ausbeutung +dieses Salzlagers als ihr unbestrittenes Monopol und verwehren jedem +andern Volke den Eingriff in dasselbe. In lange, schmale Saecke aus +Dattelpalmblaettern verpackt, wird das Salz von hier nach Abessinien +gebracht. + +Nachdem die traurige Einoede am Assal durchzogen war, ueberstieg man einen +aus Gyps bestehenden Huegelzug und gelangte in ein Thal, in dem man sich in +eine ganz andere Welt versetzt fuehlte. Allerdings fehlte hier noch +Pflanzen- und Thierleben, aber ein kleiner Bach mit klarem Wasser liess +diesen Ort wie ein Paradies erscheinen, und mit dankbarem Herzen ruhten +die ermuedeten Wanderer unter ueberhaengenden Basaltklippen aus, die ihnen +Schatten spendeten. Hier am Fluesschen _Gungunte_ endigte der erste +Abschnitt der Wuestenreise. Der Zug durch die Einoede ist im Stande, die +Gesundheit des kraeftigsten Europaeers zu untergraben; von der herrschenden +Hitze bekommt man jedoch einen Begriff, wenn man hoert, dass 50 Pfund gut +verpackte Stearinkerzen auf der kurzen Reise von Tadschurra bis Gungunte +so vollstaendig aus der sie bergenden Buechse herausgeschmolzen waren, dass +sich in derselben schliesslich nur noch Dochte vorfanden! Selbst die +Danakil, welche doch von Jugend auf diese Gegenden kennen und an die +brennendheisse Lava dieser Tehama-Wueste gewohnt sind, bezeichnen die Gegend +am Assal-Salzsee nur als "Feuer". + +Jetzt nahten andere Gefahren, denn man war in dem Gebiete der ueber alle +Begriffe nichtswuerdigen, moerderischen und raeuberischen Staemme der Isa und +Mudaito, deren ganzes Sinnen nur auf Mord und Pluenderung geht. So +vorsichtig man auch das Nachtlager im Thale Gungunte eingerichtet hatte, +ein _Mord_ durch jene Scheusale in Menschengestalt konnte nicht verhindert +werden. Eine Stunde vor Mitternacht stellte sich ploetzlich ein heftiger +Wuestenwind ein, der Alles mit Sand und Staub ueberdeckte. Einige schwere +Regentropfen fielen, dann aber war wieder Alles still. Diese Ruhe sollte +jedoch nicht lange anhalten. Ein wilder Schrei ertoente vom aeussersten Ende +des Lagers her, panischer Schrecken ergriff die gesammte Mannschaft und in +wilder Flucht stuerzten die Maenner, die sonst keine Furcht kannten, durch +das Thal nach der Stelle hin, wo die Gesandten schliefen. Nur mit Muehe +gelang es, alle zu sammeln und dann nach der Ursache des Schreckens zu +forschen. Ein trauriger Anblick bot sich nun den Suchenden dar. Ein +Sergeant und ein Korporal von der indischen Armee, welche die Expedition +begleiteten, waelzten sich in Todeszuckungen in ihrem Blute. Dem einen war +die Halspulsader durchschnitten, dem anderen ein Stich in das Herz +versetzt worden, waehrend nicht fern von ihnen ein Portugiese lag, der eine +fuerchterliche Wunde quer ueber den Leib hatte, sodass die Eingeweide +hervorquollen. Im Augenblick als der Alarm entstanden war, hatte man im +hellen Mondlichte zwei dunkle Gestalten an den das Thal einschliessenden +Bergen in die Hoehe klimmen und verschwinden sehen; trotz der Verfolgung +konnte man ihrer nicht mehr habhaft werden. Wahrscheinlich waren dieses +Isa-Somal, die das satanische Verbrechen aus reiner Mordlust begangen +hatten. Denn jedes Schlachtopfer, das wachend oder schlafend in die Haende +dieser Teufel in Menschengestalt faellt, giebt diesen das Recht, als +Ehrenzeichen eine weisse Straussenfeder in den fettigen schwarzen Haaren, +einen Kupferring am Arm und einen neuen Silberknopf am Heft des +Saebelmessers zu tragen. Jeder Mord ruft nach dem Gesetze der Blutrache +wieder einen Mord hervor, und so nimmt das Blutvergiessen unter den Staemmen +der Danakil und Somal kein Ende. + + [Illustration: Schlucht von Gungunte. Nach M. Bernatz.] + +Am naechsten Morgen bestattete man unter Gebet und Flintensalven die Opfer +dieses schaendlichen Mordes und zog dann auf der gefaehrlichen Strasse +weiter. Drei Jahre lang war schon dieser Weg von Abessinien nach der +Seekueste durch solche Schurken foermlich geschlossen, die jeden +Durchziehenden kaltbluetig abschlachteten, bis der junge Haeuptling der +Debeni die Banditen ausrottete und die Strasse wieder oeffnete; jedoch ist +es nicht zu verhindern, dass einzelne Gegenden immer noch unsicher bleiben. +Viele Leute, welche die Karawane begleiteten, zeigten an ihrem Koerper +Spuren grosser, von den Wegelagerern empfangener Wunden. + +Von nun an befestigte man das Lager des Nachts und stellte zahlreiche +Posten aus, die alle Herannahenden zurueckweisen mussten. Im Thale Alluli +schien man den vorhergehenden Stationen gegenueber in ein Paradies gelangt +zu sein, denn hier traf man Baeume, Gazellen, Tauben und Ziegenhirten. Die +ersten menschlichen Wohnungen fand man jedoch erst weiter suedwestlich in +Suggadera, das zum Lande der Debeni-Danakil gehoert. Diese Leute sind +Hirtennomaden, die von Palmwein und der Milch ihrer zahlreichen Ziegen- +und Schafherden leben oder Kameele zuechten und mit diesen Salz vom +Assalsee nach Aussa, der Stadt der Mudaito, fuehren. Grosse Architekten sind +sie freilich nicht, aber die auf einer Basis von unbehauenen Steinen aus +Dattelpalmblaettern erbauten Huetten erfreuten dennoch das Auge der Wanderer +als die ersten Wohnstaetten, die sie seit ihrer Abreise sahen. + +Wegen der grossen Hitze zog man in der Nacht weiter, immer ueber schwarze +Lavafelder oder gelbe Sandflaechen - ein trauriger Anblick, der noch +melancholischer durch die vielen zerstreuten Steinhuegel wird, die ueber den +kaltbluetig ermordeten Opfern der Isa von den Vorueberziehenden aufgethuermt +werden. Tamarisken, Kapperstraeuche und anderes mit Schmarotzerpflanzen +ueberzogenes Gestruepp, in dem Voegel nisteten, unterbrach hier und da die +Einoede; auch Strausse liessen sich sehen; dann kamen Grasflaechen, +Wasserplaetze, Herden und Hirten, darauf Lavafelder, Bergzuege, +ausgetrocknete Thaeler, Herden wilder Esel (_Equus Onager_), +Schwefelquellen als Zeugen der vulkanischen Thaetigkeit des Bodens. + +Im Thale _Amadu_ machte die Karawane bei einem grossen Regenwassersumpfe +Halt, dessen gruenes, von einer Legion Esel, Ziegen, Schafe und Rindvieh +verunreinigtes Wasser nichtsdestoweniger recht trinkbar erschien. Hier +hatten Leute vom Mudaitostamme ihr Lager aufgeschlagen - ganz +nichtswuerdige Schurken. Mit finstern Blicken schauten sie die weissen +Eindringlinge an und trieben ihre Fettschwanzschafe in die kuehlende Flut, +in der die jungen Damen der Horde, nachdem sie sich selbst gewaschen, ihre +alten Lederschlaeuche reinigten, waehrend eine alte magere Hexe ihrem Hunde +den Pelz in der Flut wusch. Alle diese Hirten gingen mit Speer und Schild +bewaffnet und kamen zum Zelte der Gesandtschaft heran, wo sie versuchten, +dies oder jenes Ding sich zuzueignen. Durch ihre Ueberzahl kuehn gemacht, +begannen sie, den Karawanenfuehrer Isaak zu fragen, mit welchem Rechte er +die Fremdlinge durch dieses Land fuehre, wo sie "Herren des Bodens" seien - +doch als sie sahen, wie auf 250 Ellen Entfernung ein Stein von einer +Flintenkugel zersplittert wurde, fingen sie an, bescheiden zu werden. + + [Illustration: Versammlung der Somal-Krieger.] + +Ueber ein steiniges Tafelland, das mit nie enden wollenden Basaltbloecken +ueberstreut und mit Rissen durchzogen war, die Wasserpfuetzen bargen, zog +man weiter ins Land der Woema, eines Danakilstammes. Wo Wasserlaeufe die +Einoede unterbrachen, zeigte sich der Klippschliefer (_Hyrax_) und ein +Baum, in der Form der Casuarina aehnlich. Im Killulluthale war der halbe +Weg von der Kueste bis nach Abessinien zurueckgelegt. Bewaffnete Eingeborene +der verschiedensten Staemme waren hier versammelt, um Berathung darueber zu +halten, ob man einer so grossen Anzahl fremder Leute gestatten duerfe, bis +nach Abessinien vorzudringen, und die Mehrzahl war der Meinung, dass man +sie entweder zurueckjagen oder umbringen muesse. Zugleich wurde die +Gelegenheit ergriffen, um ueber alte Streitigkeiten und Fehden zu +unterhandeln. Hunderte dieser Schurken sassen so von Sonnenaufgang bis zum +Untergang und wieder die liebe lange Nacht hindurch in groesseren und +kleineren Kreisen beisammen, um zu berathschlagen. Waehrend der langen +Unterhandlungen hockten sie bewaffnet mit aufrecht gehaltenen Speeren da, +senkten diese gemeinsam, wenn ein Entschluss gefasst war, und schlossen, +nachdem ein Spruch aus dem Koran gebetet war, mit einem Amen die +Versammlung. Noch lebhafter gestaltete sich das Bild durch die Ankunft +einer _Sklavenkarawane_ aus Schoa. Es waren einige hundert Kinder von +verschiedenem Alter, die unter den duennbelaubten Baeumen oder unter +Felsvorspruengen Schutz vor den brennenden Strahlen der Sonne suchten. +Jedes hatte eine thoenerne Wasserflasche bei sich und obgleich sie meist +bei guter Laune waren, konnten doch die Europaeer, welche die heisse Wueste +jetzt durchzogen hatten, sich eine Vorstellung von den Qualen machen, +welche die armen Geschoepfe auf dem vor ihnen liegenden Wege auszustehen +hatten. Da jedoch die Behandlung in ihrer eigenen Heimat eine keineswegs +bessere war, so fanden die Sklaven ihre Lage ganz ertraeglich und begannen, +nachdem sie sich etwas von der Reise erholt, zu tanzen und zu singen. Die +meisten waren Christenkinder aus Gurague, von wo die so hoch gepriesenen +"rothen Aethiopier" nach Arabien geliefert werden. Fast alle hatten +bereits, wenigstens der Form nach, den muhamedanischen Glauben angenommen +und schwuren beim Propheten. + +Waehrend der Zeit, dass die Expedition hier einen unfreiwilligen Aufenthalt +hatte, stand das Thermometer auf 112 Grad Fahrenheit (351/2 deg. R.) und die +zudringlichen, nach ranzigem Fett riechenden Eingeborenen draengten sich +mit grosser Unverschaemtheit in das Zelt der Gesandten, um dort die Luft +noch unertraeglicher zu machen. Muhamedaner von der bigottesten Sorte, +verschmaehten sie jedoch weder den Zwieback, noch den Kaffee der +"Christenhunde" und bettelten bald um diese, bald um jene Kleinigkeit. +Unter den verschiedenen Staemmen, die an diesem vielbesuchten Wasserplatze +versammelt waren, befanden sich die _Adal_ mit breitspitzigem Speer und +uralten Schilden, die _Kuesten-Somal_ mit leichter Lanze und Buckelschild, +nicht viel groesser als ein Schiffszwieback, ihre gefuerchteten +Stammesbrueder, die moerderischen _Isa_, mit langem starken Bogen von +antiker Form und versehen mit einem Koecher voll vergifteter Pfeile. Sie +waren unter allen die malerischsten Gestalten; kuehn hatten sie den +wallenden Mantel umgeworfen und lange rabenschwarze Locken wallten auf die +Schulter herab. Sie koennen als ein Raeuber- und Jaegervolk bezeichnet +werden. Viele unter ihnen besitzen gezaehmte Strausse, die mit den Herden +zusammen weiden und des Nachts an den Lenden gefesselt werden. Diese +gigantischen Voegel werden mit viel Erfolg bei der Jagd auf wilde Thiere +benutzt; auch reiten die Isa auf Eseln, von denen der Jaeger seine mit +Euphorbiasaft vergifteten Pfeile abschiesst. Die Schilde, welche die +Danakil tragen, werden von den Isa aus dem Fell der Oryx-Antilope +verfertigt; auch handeln sie mit Straussenfedern. Die Art und Weise, wie +sie die erlegten Voegel zubereiten, ist sehr originell; sie schneiden dem +Vogel die Fuesse ab, wickeln dann das ganze Thier sammt Eingeweiden und +Federn in feuchten Thon und backen diesen in heissem Feuer; nachdem die +Thondecke entfernt ist, bleibt der saftige Braten zurueck. + +Nicht ohne grosse Muehe und Gefahr konnte nach einwoechentlichem Aufenthalt +die Gesandtschaft sich von den barbarischen Nomaden und dem traurigen Orte +losmachen, um ihren Weg fortzusetzen. Ueber kahle, steinige, von +Schluchten zerrissene Berge ging der Weg in suedwestlicher Richtung weiter. +Lange Zuege von Kameelen, Hornvieh, Schafen und Ziegen begegneten ihnen. +Alle Buerde trugen die Weiber und Kinder der herumziehenden Staemme, waehrend +der faule Ehemann nur leicht mit Speer und Schild bewaffnet dahinschritt. +Der _Myrrhenbaum_ (_Balsamodendron Myrrha_) kam in der Naehe der +bienenkorbfoermigen Huetten, auf die man jetzt oefter traf, haeufig vor; seine +aromatischen Zweige liefern den Eingeborenen Zahnbuersten, welche sie in +der Saebelscheide tragen. Haeufige Regen traten in der Nacht ein und +durchweichten die Reisenden bis auf die Haut; dann brausten wieder +Wuestenwinde daher, waren wasserlose Flaechen oder mit vulkanischem, +scharfem Gestein uebersaeete Ebenen zu durchziehen - mit einem Worte, der +Weg war aufreibend, muehsam und beschwerlich im hoechsten Grade. Selten nur +unterbrach eine Oase die Einoede, um dann gleich wieder vulkanischen +Gebilden Platz zu machen. Bei Saltelli traf man auf ein Feld _erloschener +Vulkane_, die, umgeben von Lavafeldern, in kegelfoermiger Gestalt hier aus +den Eingeweiden der Erde hervorgebrochen waren. Einer dieser alten +Vulkane, der ueber 3000 Fuss hohe Aiullo, gilt als die alte Landesgrenze des +nun zerfallenen aethiopischen Reichs. Wuest und traurig war die todte +Umgebung dieser Berge - aber eine freudige Ueberraschung wurde den +Reisenden hier doch zu Theil, denn zum ersten Male erblickten sie an +diesem Orte in weiter, nebelhafter Ferne die blauen Gebirgsketten +Abessiniens. Ihren Weg verfolgend trafen die Gesandten immer mehr auf +_Myrrhenbaeume_, und zwar auf zwei Arten. Diejenige, welche das beste Harz +liefert, ist ein zwerghafter Strauch mit dunklen, krausen, saegefoermigen +Blaettern, waehrend die andere, welche ein mehr balsamartiges Produkt +liefert, zehn Fuss hoch wird und helle, glaenzende Blaetter hat. Nach der +geringsten Verletzung fliesst der milchige Saft in reicher Menge heraus und +erstarrt an der Oberflaeche; wenn die Masse oft vom Stamme entfernt wird, +kann man im Januar und wieder im Maerz grosse Mengen von einer Pflanze +gewinnen. Mehrere Loth der feinsten Myrrhe erhaelt man auf diese Art im +Vorbeipassiren leicht; dieselbe wird von den Voruebergehenden in einer +Hoehlung im Schilde aufbewahrt und an den ersten besten Sklavenhaendler +gegen Tabak vertauscht. Die Danakil geben die Myrrhe auch als Arznei ihren +Pferden ein, wenn diese infolge der Hitze an Erschoepfung leiden. In der +europaeischen Medizin findet sie heutzutage nur noch geringe Anwendung; ihr +Ruf aber ist gross und alt; befand sich doch die Myrrhe unter den +Geschenken, welche die Weisen aus dem Morgenlande dem Christkinde +brachten! + +Von dem Gipfel eines Huegels herab hatten die Reisenden endlich den +freudigen Anblick des _Hawasch_, des abessinischen Grenzflusses, dessen +Lauf durch einen dichten Baumguertel bezeichnet wurde. Jenseit desselben +ragten kuehn die Hochgebirge von Schoa in die Luft, und nach langen Leiden +winkte nun das Ziel. Das Schlimmste war ueberwunden. + +Der Hawasch ist der zweitgroesste Strom Abessiniens. Er entspringt im Herzen +des Landes in einer Hoehe von 8000 Fuss, wird von einer grossen Anzahl +kleiner Stroeme gespeist und fliesst gleich einer belebenden Ader gruen und +laengs seiner Ufer bewaldet durch die brennend heissen Adal-Ebenen, bis er +in den Lagunen von Aussa sein Ende findet und versandet. Je naeher man dem +Strome kam, desto kraeftiger wurde die Vegetation. Gummiausschwitzende +Akazien, Tamarisken zeigten sich und laut schreiende Perlhuehner stoben bei +dem Heranziehen der Karawane auseinander; man musste sich schliesslich durch +das Dickicht foermlich durchwinden und stand nun, nachdem man so lange +durch wilde Einoeden gezogen, vor einem grossen, maechtig dahinrauschenden +Strome, der seine vom Regen getruebten Wasser wild dahinwaelzte. + +Die Stelle, an welcher die Reisenden den Fluss zu ueberschreiten hatten, +liegt mehr als 2000 Fuss ueber dem Ozean. Nach Art einer fliegenden Bruecke +wurden zehn Floesse zusammengefuegt und auf diesen die Kameele, das grosse +Gepaeck und die zahlreichen Menschen uebergesetzt. - Man war nun im +Koenigreich Schoa, doch immer noch im Lande wilder Muhamedaner, da die +christliche Bevoelkerung erst weiter westlich beginnt. + +Weil das Wasser des Stromes dick und schlammig aussah, begab man sich zur +Traenke nach einem nahegelegenen Weiher, der von hohen Baeumen umgeben war. +Inmitten desselben trieben Nilpferde ihr unheimliches Wesen; eins +derselben steckte seinen ungeheuren Kopf aus dem Wasser, sperrte den +maechtigen Rachen auf und bruellte, dass man es auf eine halbe Stunde Wegs +hoeren konnte; zum Lohn wurde ihm eine vier Loth schwere Kugel in den Kopf +gejagt, deren Einschlagen in den Schaedel man deutlich vernahm. Das Thier +sank unter, wurde jedoch erst am naechsten Tage aufgefunden und von den +benachbarten Nomaden zerstueckelt und verzehrt. + +Mit leichtem Herzen sagte man den trueben Fluten des Hawasch Lebewohl und +zog der Hauptstadt entgegen. Diesseit des Flusses war das einzige +vorkommende Schaf das fettschwaenzige, wolllose, nur mit Haaren bedeckte +Thier gewesen. Statt dessen traten nun die grossen, fetten abessinischen +Schafe auf. Ziegen mit langen gewundenen Hoernern zeigten sich, von kleinen +fuchsartigen Hunden bewacht, in grossen Herden. Grosse Fluege von +Heuschrecken, welche das Land kahl gefressen hatten, nahmen ihre Richtung +gegen Abessinien zu. Sie verdunkelten foermlich den Himmel und zogen gleich +einer finstern Wolke mit grosser Schnelligkeit durch die Luefte hin. In den +Waeldern waren Perl- und Rebhuehner haeufig, zusammen mit der Zwergantilope, +und die langentbehrte Jagd brachte in die Kueche und die Lebensweise der +Europaeer einige Abwechselung. Am Abend des zweiten Tages, nachdem der +Hawasch ueberschritten war, kam ein Reiter in das Lager der Gesandtschaft, +sah sich ueberall genau um, sprach dabei kein Wort und verschwand wieder +wie er gekommen. Es war ein Spion des Grenzhueters der Provinz Ifat, der +seinem Herrn Nachricht ueber die Fremdlinge bringen sollte. Diese +Erscheinung versetzte die begleitenden misstrauischen Danakil in Aufregung, +denn sie argwoehnten sofort, der Herrscher von Schoa werde die Europaeer +nicht empfangen. + + [Illustration: Rachen des Nilpferdes.] + +Ungeachtet ihres Abmahnens setzte man den Weg fort. Der _Mamrat_, "die +Mutter der Gnade", mit seinem kuppelfoermigen maechtigen Berghaupte, das +weit ueber die Wolken emporragte, erhob sich gleich einem gigantischen +Schlosse aus der Ebene und galt als Ziel, auf das man lossteuerte. Man +befand sich jetzt schon 3000 Fuss ueber dem Meere und stand am Eingange des +hauptsaechlichsten, nach Suedabessinien fuehrenden Passes. Eine erfrischende +Brise wehte den Englaendern entgegen, der Himmel war mit Wolken bedeckt und +das Klima so beschaffen, dass sie sich eher in der Heimat als unter die +Tropen versetzt glaubten. Berg ueber Berg, bedeckt mit herrlicher, ueppiger +Vegetation erhob sich vor ihnen. Einer thuermte sich unordentlich ueber dem +andern empor; bis schliesslich die letzten, mit einem glaenzend weissen +Schneemantel bedeckten Spitzen sich in den azurblauen Lueften zu verlieren +schienen. Doerfer und Weiler schauten aus den gruenen Baumgruppen hervor; +reiche Saatfelder erglaenzten in der Sonne und zeugten von dem Fleisse eines +Theils der Bewohner. + +Spaeter erfuhr man, dass der Negus angeordnet hatte, eine Ehrenwache von +dreihundert Luntengewehrtraegern solle die Gaeste am westlichen Ufer des +Hawasch empfangen, allein der _Wulasma Muhamed_, d. h. der hoechste dem +Grenzdistrikte vorstehende muhamedanische Beamte, der sich so gut wie der +Koenig selbst duenkte, hatte die Garde zurueckgeschickt, da ja die Ehre +Unglaeubigen erwiesen werden sollte. Auch sonst legte dieser Beamte den +Fremdlingen allerlei Schwierigkeiten in den Weg, um sie vom Vordringen +abzuhalten, konnte schliesslich jedoch bei der Festigkeit, mit welcher man +gegen ihn auftrat, nichts erreichen. Zum letzten Male waren die Kameele +beladen, um am 16. Juli 1842 in _Farri_, der Grenzstadt der Provinz Ifat, +einzuziehen. Haufen kegelfoermig gedeckter Haeuser, welche auf zwei Huegeln +zerstreut lagen, zwischen denen die Zollgebuehren erhoben wurden, waren die +ersten permanenten Wohnstaetten, welche die Wanderer seit ihrem Abmarsch +von der Kueste als ein Zeichen des Fortschrittes begruessten, denn bisher +waren sie nur auf Nomadenhuetten getroffen. Sowol wegen der nun beginnenden +Hochlande, als wegen des kuehleren Klimas wird hier das "Schiff der Wueste", +das fuer die brennendheissen wasserlosen Ebenen geschaffen ist, als +Lastthier vollkommen unnuetz und muss zurueckgelassen werden. Damit lag aber +auch die Wueste nun zugleich hinter den Reisenden, und als die Danakil, +welche sie bisher begleitet, umgekehrt waren, waren auch die Leiden und +Schrecken des durchzogenen Terrains verschwunden. Menschen, Klima, Boden, +Thiere, Pflanzen - Alles war anders. Wie wenn ein Zauberer seine Ruthe +ausgestreckt und die Landschaft mit einem Schlage veraendert haette, so sah +man die Hochlande Abessiniens jetzt, ueberall nur Kultur bedeckte Flaechen +statt der brennenden Wuesteneien. Jede fruchtbare Bodenerhebung war mit +einem friedlichen Weiler gekroent, durch jedes Thal stroemte rauschend ein +krystallheller Bach, schwaermten Herden. Die kuehlenden Bergwinde wehten den +aromatischen Geruch von Jasminen und wilden Rosen herab, und im +schwellenden Rasen bluehten Tausendschoenchen und Butterblumen. Das Gepaeck +schleppten jetzt 600 kraeftige Muhamedaner, die auf koeniglichen Befehl von +den benachbarten Doerfern gestellt worden waren. Der Koenig, so vernahm man, +war vor Ungeduld ausser sich, die Gesandtschaft zu empfangen und die +schoenen Geschenke zu besichtigen, welche sie mitbrachte. + +Am Morgen des 17. Juli begann der Marsch in den Hochlanden. Frischer, +kuehlender Wind wehte von den Bergen herab, die, nur zehn Grade vom +Aequator entfernt, dennoch eine Vegetation tragen, welche an nordische +Klimate erinnert. Steil fuehrte der steinige Pfad bergan ueber Schluende, +Thaeler und Gipfel, eingefasst von Farrnkraut, Hagebutten und Geisblatt; am +Abhange der Berge zogen sich Terrassen hin, die mit gut bebauten Feldern +bedeckt waren, und auf jedem Vorsprung stand ein Doerfchen, dessen Bewohner +herbeigestuerzt kamen, um die neue Prozession, die Gaeste des Koenigs zu +sehen, denen Freudenrufe entgegentoenten. Die Frauen waren hier in rothe +Baumwollmaentel gehuellt, die einen angenehmen Gegensatz zu den ledernen +Schurzfellen der Damen in der Wueste darboten. In der 3000 Fuss ueber dem +Grenzorte Farri oder 5200 Fuss ueber dem Meeresspiegel gelegenen Marktstadt +_Alio Amba_, die auf einem scharfen Bergruecken sich erhebt, musste wieder +ein laengerer Halt gemacht werden. Der Ort besteht aus 250 Haeusern mit 1000 +muhamedanischen Einwohnern, die sich aus sehr verschiedenen Voelkerschaften +rekrutirt haben. Der Berg, auf welchem Alio Amba liegt, ist nur einer von +den vielen tausend jaehen Erhebungen, in welche das ganze Gebirge nach der +Seite der Ebene hin zerbrochen ist. Gleich schmalen Silberfaeden stroemen +durch die Schluchten zwischen gruenen Gestraeuchen und Feldern die Baeche +hin, und wo ein Fleckchen dem Pflug einzugreifen erlaubt, da stehen +Weizen, Gerste, Mais, Bohnen, Erbsen, Baumwollen- und Oelpflanzen +angebaut, ringsum liebliche Weiler, die hoch in die Berge hinaufragen und +sich allmaelig am Mamrat, "der Mutter der Gnade", verlieren. Dieser die +Gegend beherrschende Pik, der noch in Wolken verborgen war, als unten +schon Alles in Sonnenschein lag, ist mit einem dichten Walde von Nutzholz +bedeckt und erhebt sich bis gegen 13,000 Fuss ueber dem Meeresspiegel. Der +interessanteste Punkt in dieser Landschaft ist jedoch ein kegelfoermiger +Berg, der mit dunklen Wachholderbaeumen bestanden ist und ganz vereinsamt +sich erhebt. Auf ihm steht die Feste _Gontscho_, die Residenz des Wulasma +Muhamed, in welcher die drei juengern Brueder des christlichen Koenigs - +Opfer eines barbarischen Gesetzes - zeitlebens gefangen gehalten wurden. + +Die Gesandten waren gezwungen, in Alio Amba einen laengeren Aufenthalt zu +nehmen, da der Negus verreist war; doch kam ein sehr liebenswuerdiger Brief +von demselben an, welcher verhiess, die Fremden bald zu empfangen. +Unterdessen hatten die Europaeer Zeit, den Ort und sein reges Marktleben +kennen zu lernen. An einem bestimmten Tage stroemten schon kurz vor +Tagesanbruch scharenweise die Landleute in die Stadt, um Honig, Baumwolle, +Korn und Lebensmittel der verschiedensten Art zum Verkauf oder Tausch zu +bringen. Die Dankali-Kaufleute stellen Perlen, Metalle, gefaerbte Garne und +Glaswaaren aus. Der wilde Galla kauert neben den Erzeugnissen seiner +Herde, waehrend der muhamedanische Haendler aus dem Innern Straussenfedern +oder andere Artikel bringt, die aus weit entfernten Gegenden stammen. +Baumwollen- und Zeugballen, Kaffeesaecke von Kaffa und Enarea liegen +ueberall umher. Zahlreiche Pferde und Maulthiere vermehren das Getuemmel der +verschiedenen Voelkerschaften, die hier durcheinander wogen. Fettig und in +ein schmuziges Baumwollengewand gleich einer aegyptischen Mumie eingehuellt +schreitet der Bauer aus der Umgegend zu dem Marktbeamten hin und bezahlt +sein Marktgeld, das in die koenigliche Kasse fliesst. Hier geht laessig ein +Luntengewehrmann von der koeniglichen Garde umher; doch die Eifersucht des +Monarchen verbietet ihm, die primitive Waffe mit sich zu fuehren und sie wo +anders als in der koeniglichen Gegenwart zu tragen. Der Adal, der Raeuber +aus den Kuestenstrichen, tritt in die niedrige Huette des Sklavenhaendlers +aus dem Sudan, um dort die zum Verkaufe ausgebotenen Frauen und Maedchen +anzusehen; im rabenschwarzen Haare wogt die weisse Straussenfeder, das +Zeichen eines begangenen Mordes, und das Volk staunt das gekruemmte +Saebelmesser des Mannes an, der so kuehn ist, keine sklavische Verehrung fuer +den grossen Monarchen von Schoa zu zeigen. Mit Eiern und Gefluegel draengt +sich ein Christenweib durch die Menge. Die Haesslichkeit ihres Antlitzes +wird durch das Ausreissen der Augenbraunen und das fetttriefende Haar noch +gehoben. Die freie, stattliche Miene der Orientalin, wie deren leichtes +grazioeses Gewand fehlen ihr gaenzlich, denn die Natur scheint sie +absichtlich vernachlaessigt zu haben. Die Maenner der abessinischen +Grenzprovinzen Argobba und Ifat, Muhamedaner dem Glauben nach, +unterscheiden sich durch verschiedene Sprache von den echten Abessiniern, +denen sie im Aeussern sonst gleichen, waehrend ihre Frauen wie arabische +Zigeunerinnen aussehen; sie sind schoener, schlanker als ihre christlichen +Schwestern aus den Berggegenden und weniger fettig. Die Menge staeubt +auseinander vor einem christlichen Gouverneur, der, umgeben von +zahlreicher Dienerschaft, barfuss durch den dicken Strassenschmuz +dahinschreitet. Der dicke Bauch und das silberbeschlagene Schwert zeigen +zur Genuege seine Wuerde an, die durch den weissen, mit karminrothen Streifen +eingefassten Baumwollenmantel ueberdies kenntlich ist. Die Anordnung seines +Haares hat den ganzen Morgen in Anspruch genommen und der ueble Geruch der +ranzigen Butter, welche aus all den kleinen Loeckchen hervorglitzert, +verpestet ringsum die Luft. Bis ueber das Kinn verhuellt, sieht man nur +seine Nase und die blutunterlaufenen, von naechtlichen Orgien zeugenden +Augen, aus denen er einen verwunderten Blick auf die weissen Ankoemmlinge +richtet. Im blauen Gewande, mit fliegenden Locken kommt endlich auf +ziegenduerrem Klepper der wilde Galla zu Markte; er bringt Honig und Butter +aus den grasreichen Ebenen seiner Heimat in die wild zerkluefteten Berge. + +Der Schrecken und der Abscheu, welchen die Abessinier vor den von Moerdern +heimgesuchten Kuestenstrichen haben, sind die Ursache, dass fast der ganze +Handel von Alio Amba in den Haenden der Danakil liegt, die vom Koenige mit +aller moeglichen Nachsicht behandelt werden. In jedem Monate langen +Karawanen von Aussa und Tadschurra an, die den Handel unterhalten und gute +Geschaefte machen - namentlich auch in Menschenfleisch, denn auch hier im +Sueden des christlichen Reiches blueht der Sklavenhandel so gut wie im +Norden, und die Ausfuhr ueber Tadschurra ist noch bedeutender als jene ueber +Massaua. + +Vierzehn Tage lang musste die Gesandtschaft in Alio Amba zubringen, dann +war die Erscheinung des Oberkommandanten der koeniglichen Leibgarde das +erste Zeichen, dass sie weiter vordringen durfte. Die Zusammenkunft mit dem +Koenige sollte an einem der naechsten Tage stattfinden, wenn die Kusso- oder +Bandwurmkur Seiner Majestaet vorueber sein wuerde. Denn da gleich allen +Abessiniern auch der Koenig ein Liebhaber von rohem Fleisch war, so litt er +infolge dessen stark an Eingeweidewuermern, von denen er sich durch +regelmaessig wiederholte Kusso-Kuren zu befreien suchte. + +Nachdem das zahlreiche Gepaeck auf die Traeger vertheilt war, konnte man der +Marktstadt den Ruecken wenden und die Reise im Hochlande fortsetzen. Die +guetige Natur hatte in verschwenderischer Fuelle und Mannichfaltigkeit ihre +Gaben ueber das Land zerstreut und dadurch den laessigen Bewohnern die +meiste Arbeit abgenommen. Reiche Kornfelder laengs des Weges wechselten mit +stillen Doerfern, blumigen Kleewiesen und krystallklaren, in Kaskaden +herabschiessenden Baechen. + +Das suedliche Abessinien beginnt mit dem Distrikte Ifat am Fusse der ersten +Huegelkette, welche allmaelig an Fruchtbarkeit und Hoehe zunimmt. Heftige +Gewitterstuerme, welche in der Regenzeit daherbrausen, werden in diesen +Gegenden oft zur Landplage; doch selbst unter den maechtigen Wasserfluten +laechelt noch das Land, und so entschieden steht es im Gegensatz zu dem +klimatischen und allgemeinen Charakter der heissen Zone, dass der entzueckte +Wanderer sich in seine noerdliche Heimat versetzt fuehlen kann. + +Langsam zogen die Reisenden fuerbass, der koeniglichen Sommerresidenz +_Matschal-wans_ zu, wo der Herrscher sie empfangen wollte. An einer +Stelle, wo der Weg eine Biegung machte, schoss die begleitende Garde +ploetzlich ihre Luntenflinten ab, deren Donner ein freudiges Echo in den +Zurufen der erwartungsvoll zusammengeeilten, unten im Thale stehenden +Menge fand. Als der Pulverdampf sich verzog, fiel der Blick der Reisenden +auf die lieblich gelegene koenigliche Residenz, deren kegelfoermige weisse +Daecher ihnen aus dunklen Cypressen und Wachholderbaeumen +entgegenleuchteten. + + [Illustration: Sahela Selassie, Koenig von Schoa. Nach Harris.] + +Durch gruene, blumenbedeckte Auen rauschte ein angeschwollener Strom, +waehrend die majestaetischen Bergriesen mit nebelumhuellten Gipfeln den +Hintergrund des praechtigen Bildes ausmachten. Vereinzelte Bauernhaeuser +waren ueber die gruene Landschaft zerstreut, reiche Felder glaenzten im +reifen Korn und donnernd, kleine Wasserfaelle bildend, stuerzten die +geschwollenen Wildbaeche von den Felsen herab. Nach Verlauf einer Stunde +war Matschal-wans erreicht, wo eine zahlreiche Menschenmenge die Gaeste +erwartete. Wild und ungestuem draengten sie sich heran, Alles war ihnen neu, +und gleich Menageriethieren starrten sie die weissen Leute an, die weit +ueber das Meer hergekommen waren, um dem grossen Koenige von Schoa Geschenke +darzubringen. Nachdem noch einige Foermlichkeiten erledigt waren, konnte +die Vorstellung stattfinden. + +Endlich stand die britische Gesandtschaft auf der Schwelle des koeniglichen +Palastes und vor ihr oeffnete sich die Empfangshalle. Rund in der Form und +ohne den gewoehnlichen abessinischen Pfeiler in der Mitte erhoben sich die +hohen, massiven Lehmwaende des Gemaches, ueberdeckt mit Silberzierathen, +Doppelgewehren, runden Schilden und Luntenflinten. Persische Teppiche von +den verschiedensten Groessen, Farben und Mustern deckten die Flur und +Scharen von Hoeflingen, Beamten und hohen Wuerdentraegern standen, bis zum +Guertel entbloesst, in respektvoller Haltung und Feiertagskleidung +ringsumher. In der Wand waren zwei Nischen angebracht: in der einen +loderte ein Feuer, waehrend in der andern auf einer gebluemten +Atlasottomane, umgeben von alten Eunuchen und jugendlichen Pagen, gestuetzt +auf hellfarbige Sammetpolster, Seine christlich-aethiopische Majestaet +Sahela Selassie hingelagert war. Der Thuerhueter (zugleich +Zeremonienmeister) stand mit einem Bueschel Binsen in der Hand vor dem +Koenige, um damit die genaue Entfernung anzudeuten, bis zu welcher man sich +der Majestaet nahen durfte. Die Gesandtschaft trat ein, machte ihre +Verbeugungen vor dem Throne und liess sich auf eben hereingebrachten +Stuehlen nieder. + +Der Koenig war mit einer gruenseidenen arabischen Brokatweste bekleidet, die +zum Theil von einem weiten, faltigen abessinischen Baumwollmantel mit +karminrothen Streifen bedeckt war. Vierzig Jahre, von denen achtundzwanzig +unter den Sorgen der Regierung verlebt waren, hatten seine dunkle Stirn +leicht gefurcht und das in hohe Loeckchen frisirte reiche Haar etwas +ergrauen gemacht. Obgleich durch den Verlust des einen Auges etwas +entstellt, war der Ausdruck seiner maennlichen Gesichtszuege doch offen, +angenehm und gebietend; aus dem ganzen Gesichte leuchtete jedoch jene weit +und breit anerkannte Unparteilichkeit des Herrschers hervor, die ihm +selbst unter den Danakil den Beinamen der "feinen Goldwage" eingebracht +hatte. + +Der Gesandte ueberreichte nun, in Goldbrokat und Musselin eingewickelt, +sein Beglaubigungsschreiben, worauf, nachdem dieses gelesen und anerkannt +war, die reichen Geschenke der britischen Regierung eines nach dem anderen +hereingetragen und vor dem Koenige und den erstaunten Blicken der Hoeflinge +ausgebreitet wurden. Der schoene Bruesseler Teppich, der die ganze +Empfangshalle deckte, die Kaschmirschals und buntfarbigen gestickten +indischen Schaerpen erregten allgemeine Bewunderung und wurden von den +Eunuchen dem Koenig zur naeheren Beschauung in den Alkoven gereicht. +Allgemeine Heiterkeit entstand bei der Produzirung einer Gruppe tanzender +chinesischer Figuren, und als dann die europaeische Eskorte in voller +Uniform mit einem Sergeanten an der Spitze in der Halle aufmarschirte, +sich vor den Thron stellte, dort ihre Handgriffe machte und die Musikdosen +"_God save the Queen_" spielten, erreichte die Freude und das Erstaunen +des Koenigs ihren Hoehepunkt und er erklaerte, nicht Worte finden zu koennen, +um seine Dankbarkeit auszudruecken. Hell leuchtete dann sein Gesicht, als +ihm dreihundert mit blitzenden Bajonneten versehene Flinten ueberreicht +wurden. Vor Verwunderung ueberfliessend sagte er nur: "Euch wird Gott +belohnen - ich kann es nicht." + +Noch waren die Ueberraschungen jedoch nicht zu Ende. Auf einem freien +Platze am Fusse eines Huegels wurde eine grosse Scheibe aufgestellt und nach +dieser eine der mitgebrachten kleinen Kanonen gerichtet. Das gruene Thal +hallte von dem ungewohnten Artillerie-Kommandorufe wieder, und als nun der +Donner erschallte, als Vollkugeln und Kartaetschen die Scheibe und die +Felsen zersplitterten, da brach lauter Jubelruf aus dem Munde des Koenigs +und tosendes Geschrei aus der Brust der gaffenden Menge hervor. + +Schoene Komplimente von Seiten des Koenigs, Beglueckwuenschungen durch die +Hoeflinge und Beamten beschlossen an diesem Abend das ungewohnte +Schauspiel. Eine riesige, starkgepfefferte Fleischpastete, begleitet von +dem Wunsche, dass "des Koenigs Kinder es sich wohl sein lassen moechten", war +der naechste Dank. Unerhoert grosse Ehre geschah der Gesandtschaft jedoch +durch einen Besuch des koeniglichen Beichtvaters, eines Zwerges, so klein, +dass er ohne Schwierigkeit in der Pastete sich haette verbergen koennen. In +faltige Gewandung und einen Turban eingehuellt, mit dem silbernen Kreuze +geschmueckt, liess sich der zwerghafte Priester, dessen ganzes Leben darin +bestanden, seinen Naechsten Gutes zu erweisen, in einem Sessel nieder und +hob an folgendermassen zu reden: "Vierzig Jahre sind verflossen, dass Asfa +Wusen, der Grossvater unsres geliebten Monarchen - sein Andenken ruhe in +Frieden - in einem Traume sah, wie rothe Maenner aus Laendern von jenseit +der See gar merkwuerdige und schoene Dinge in dieses Koenigreich brachten. +Die Astrologen, denen man befahl, diesen Traum zu deuten, erklaerten +einstimmig, dass Fremdlinge aus dem Lande Aegypten waehrend der erhabenen +Regierung Seiner Majestaet nach Abessinien kommen wuerden und dass noch +maechtigere Fremdlinge zur Zeit der Regierung seines Enkels folgen wuerden. +Gott sei Preis und Dank, die Traumdeutung ist in Erfuellung gegangen. Meine +alten Augen haben nie solche Wunder als am heutigen Tage geschaut, und +waehrend Schoa von sieben Koenigen regiert wurde, sind niemals solche +Mirakel in das Land gebracht worden." + +Der Koenig verbrachte den groessten Theil der folgenden Nacht inmitten seiner +Schaetze, die so unerwartet sich vor ihm aufgehaeuft hatten. Jeder neue +Gegenstand wurde mit der Wissbegierde eines Kindes untersucht und die +koeniglichen Schreiber hatten vollauf damit zu thun, auf Pergament ein +Verzeichniss all der schoenen Dinge aufzunehmen, das dann im Staatsarchiv +aufbewahrt wurde. Die Gewehre, Munition und Kanonen wurden in das grosse +Arsenal geschafft, die Teppiche und Kuriositaeten mit Inschriften versehen, +auf denen fuer kuenftige Geschlechter verzeichnet stand, dass diese Schaetze +ein Geschenk rother Maenner seien, die man "Gyptzis" nannte und die "von +ferne" gekommen seien. Am fruehen Morgen erschien ein Hofpage, um +nachzufragen, wie die Gaeste geruht haetten. Die Etikette erforderte zu +sagen, dass sie sehr gut geruht haetten; allein leider war das Gegentheil +der Fall, denn der Regen war in Stroemen durch das Zeltdach gedrungen und +hatte die Schlaefer arg belaestigt. Noch schlimmer hatten die 600 +requirirten Lasttraeger geruht. Ohne Nahrung und Obdach war der nasse, +durchweichte Boden ihre Lagerstaette gewesen. Als der Morgen graute, +schrieen sie laut nach Speise und sofort wurden ihnen einige Ochsen +ueberliefert. In wenigen Minuten waren die Thiere geschlachtet und +abgeledert; die Messer der wilden Menge wuehlten in dem blutigen Fleische, +das Streifen auf Streifen verschwand, um nach echt abessinischer Art roh +verschlungen zu werden. Selbst die Eingeweide wurden nicht vergessen, und +in einer Viertelstunde war ausser Hoernern, Hufen und Knochen von den Ochsen +nichts mehr uebrig, sodass selbst die Geier nicht einmal mehr einen Bissen +fanden. + +Hierauf brach die Gesandtschaft auf, um nach der nahen Hauptstadt Ankober +zu reisen. Zuvor jedoch fand noch eine Audienz beim Koenige statt. "Meine +Kinder", sagte Seine Majestaet, "alle meine Flintentraeger sollen euch +begleiten, damit ihr in Sicherheit von dannen zieht. Was euer Herz nur +wuenschen mag, sollt ihr erhalten; mich ausgenommen habt ihr keinen Freund +in diesem weiten Lande und ihr seid meinetwegen weit gereist. Doch will +ich euch geben, soviel ich kann. Aber auf mein Volk hoert nicht, denn das +ist schlecht." + +Froh verliess man das feuchte Lager und zog, von den Soldaten begleitet, +durch lachende Kulturlandschaften dem nur anderthalb Stunden entfernten +Ankober zu. Auf die Felder und Wiesen folgte ein Wald von alten Baeumen, +voller Wachholder, die schon Jahrhunderte gesehen und deren duestere, +cedernartige Kronen mystisch im Winde rauschten. Wie in Europa, so +verstanden es auch die Abessinier, die schoensten Plaetze zur Anlage von +Kloestern auszuwaehlen, und so traf man denn auch hier auf ein dem heiligen +Tekla Haimanot (13. Jahrh.) gewidmetes Kloster. Dreimal im Jahre, an +seinem Geburts-, Sterbe- und Himmelfahrtstage werden hier grosse +Festlichkeiten unterhalten. + +Nachdem der Wald durchschritten war, erblickte man, auf einem gruenen Huegel +erbaut, die 8200 Fuss ueber dem Meere gelegene Hauptstadt Schoa's. +Unregelmaessig, bald gross, bald klein, wie Heuschober oder wie Scheunen +gestaltet, von gruenen Einfassungen oder Staketen umgeben, zogen sich die +Haeuser auf dem Scheitel oder am Abhange und in den Spalten des Huegels hin. +Diese Wohnungen beherbergten nach Harris' Schaetzung 12,000-15,000 +Menschen. Auf dem hoechsten, abgesonderten Theile des Huegels liegt der +unschoene, mit vielen thoenernen Schornsteinen versehene und von Palissaden +umgebene Palast des Koenigs. An ihn schliessen sich zahlreiche Huetten fuer +die Sklaven, Kuechen, Keller, Vorrathshaeuser und Kornmagazine. Baeume, +Buesche und zerklueftete Felspartien bildeten den Hintergrund, aus dem unter +Wachholderbaeumen das Bronzekreuz der Kirche "Unsrer lieben Frau" +hervorleuchtete. + +_Anko_ war eine Koenigin des Gallavolkes, welche diese Berggegenden nach +dem Einfall Granje's bevoelkerte und ihren Namen dem engen gewundenen Pfade +hinterliess, welcher das "_Ber_" oder Thor zu den Vorstaedten bildet. Daher +bedeutet _Ankober "Thor der Anko"_. Am Abgrunde hinziehend und kaum breit +genug fuer den Fuss des Maulthiers, kann man diesen Pass nur mit dem Gefuehle +der Unsicherheit passiren, und wenige Stunden wuerden genuegen, um ihn zu +verrammeln und die Stadt fuer jeden Feind unzugaengig zu machen. Laute +Jubelrufe des versammelten Volkes begruessten die Gaeste, denen nun ein sehr +elendes Haus, das eher einem Heuschober als einer Wohnung fuer Europaeer +glich, als Aufenthaltsort angewiesen wurde. Der Fussboden war so, wie ihn +Mutter Natur geschaffen und vom Regen durchweicht, und es bedurfte erst +vieler Arbeit, um die Huette, ueber der man stolz die Flagge Grossbritanniens +aufzog, bewohnbar zu machen. Als man die Thuere mit einem Teppich verhangen +hatte und die Nacht hereinbrach, regierte Finsterniss in dem Raume: die +Lichter waren unterwegs zerschmolzen und so bildeten denn die sparsam aus +den koeniglichen Vorraethen dargereichten, mit Wachs getraenkten Dochte das +einzige Beleuchtungsmaterial der Gaeste. Und diese elenden Kerzen waren ein +Handelsmonopol des Fuersten, gleich so vielen anderen guten Dingen. Um den +Aufenthalt recht ungemuethlich zu machen, stuerzten Tausende von +blutduerstigen Floehen ueber die Reisenden, die jetzt, nachdem sie die +Schoenheit der Natur bewundert und vom Koenige freundlich empfangen worden +waren, auch die Schattenseiten des Lebens in Schoa kennen lernen sollten. + +In der Nacht brach unter Donner, Blitz und stroemendem Regen ein gewaltiger +Sturm ueber Ankober los, der die Erde mit einer wahren Suendflut +ueberschuettete; jeder Fluss stieg, jede Gasse wurde zu einem rauschenden +Bache und tausendfaeltig hallte der Donner von den nahen Bergen wieder. Als +am naechsten Morgen die Sonne ihre Strahlen auf die Erde niedersandte, +entwickelte sich ein seltsames Schauspiel vor den Augen der Europaeer. Tief +unten lag, wie ein Schneeschleier, eine undurchdringliche Dampfwolke in +den Thaelern. Man stand ueber diesen Wasserdaempfen, aus denen nur die +Bergspitzen gleich schwimmenden Inseln hervorragten. Als diese Nebelbank +in die Hoehe stieg, bedeckte sie Alles mit Feuchtigkeit und drang durch +Kleider und Mauern hindurch. + +Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, denen jeder sich aussetzen muss, der +in afrikanischen Landen reist, trafen die Gesandtschaft noch manche +speziell abessinische Uebelstaende. Die nothwendigsten Lebensmittel waren +trotz der Fruchtbarkeit des Bodens nur schwierig zu erlangen; die +gemietheten Dienstboten taugten nichts, da jeder, der nur irgend kann, +sich Sklaven haelt; Maulthiere waren gleichfalls kaum gegen die hoechsten +Preise zu miethen, und fuer das kleinste Geschaeft musste eine Menge +kostbarer Zeit vergeudet werden, da diese selbst fuer die Abessinier +keinerlei Werth hat. Mit der Zeit wurde den aus Indien mitgebrachten +muhamedanischen Dienern der Aufenthalt zu langweilig; sie nahmen ihre +Entlassung und kehrten durch das heisse Kuestenland nach Tadschurra zurueck, +wobei die Haelfte von ihnen das Leben verlor. Die statt ihrer angenommenen +Abessinier zeichneten sich nur dadurch aus, dass sie unermessliche Portionen +rohen Fleisches (Brundo) verschlangen und alle Monate einen Tag frei +verlangten, um mittels Kusso ihre Bandwurmkuren vollfuehren zu koennen. +Ausserdem war ein besonderer Afero oder Janitschar ernannt worden, welcher +alle Schritte und Tritte der Fremden ausspioniren und darueber an den Hof +berichten musste. Am gefaehrlichsten wurde den Gaesten jedoch die Feindschaft +der unduldsamen Geistlichkeit, die mit eiserner Hand das Volk knechtete +und die Briten schlimmer als die Heiden ansah, zumal weil sie die langen +und strengen Fasten nicht hielten. Der Bischof von Schoa zeigte diese +Feindschaft ganz offen. Er sprengte das Geruecht aus, die Englaender seien +als Spione einer grossen, jenseit des Meeres wohnenden Frau gekommen, +welche ihre Soldaten nach Schoa schicken wolle, um das Koenigreich zu +erobern und den abessinischen Glauben zu zerstoeren. + +Waehrend alle Klassen des Volks in Erinnerung an die Himmelfahrt der +Jungfrau Maria die strengen Fasten hielten, blieb inzwischen der Koenig in +seiner Residenz Matschal-wans. Dort verzehrte er rohe Fische, die mit +Pflanzenoel und Pfeffer zubereitet waren, als Fastenspeise. Der Palast in +Ankober dagegen wurde von ihm zur Regenzeit gemieden, weil wegen dessen +hoher isolirter Lage die Blitze dort leicht einschlagen. Kamen die +Englaender mit Sr. Majestaet zusammen, so pflegte er zu sagen: "Es giebt in +meinem Lande sehr schoene Dinge, welche in dem eurigen nicht sind, und +wieder umgekehrt habt ihr Dinge, welche wir nicht besitzen." Fortwaehrend +waren die Fremden mit allerlei Auftraegen des Koenigs beschaeftigt: bald +mussten sie Luntenflinten repariren, Spieldosen ausbessern, bald +Kleidungsstuecke oder Staatsregenschirme wieder herstellen, und das Alles +wurde zur Zufriedenheit des Hofes ausgefuehrt. Auch als der Koenig einmal +unwohl war, wurden die Gesandten zu ihm berufen; er erhielt Medizin, doch +musste diese zuvor in seiner Gegenwart gekostet werden, da er in +bestaendiger Angst vor Vergiftung schwebte. Obgleich er sich niemals ohne +Waffen zeigte und stets solche unter seinen Kleidern verborgen trug, +fuerchtete er sich doch keineswegs vor seinen Gaesten, die selbst mit +geladenen Flinten in seiner Naehe stehen durften, auch wenn keine Diener +bei ihm waren; bei diesen Zusammenkuenften liess er Portraets zeichnen, Plaene +zu Bauten entwerfen und Vorbereitungen zu Affenjagden machen. Magazine +wurden mit Granatschuessen in die Luft gesprengt, siebenlaeufige Pistolen +zuerst bei Hofe eingefuehrt und ihm ein grosser Respekt vor den Windbuechsen +eingefloesst, deren Wirkung er fuer das Merkwuerdigste erklaerte, was er all +sein Lebtag gesehen hatte. + +Wieder einmal waren die Englaender zum Koenig beschieden, der mit ihnen ueber +einen Feldzug gegen die wilden Galla sprechen wollte. Schmiede und +Silberarbeiter sassen unter der Veranda der Residenz, Kuenstler malten +Miniaturen in die auf Pergament geschriebenen Psalmen, Saettel und allerlei +Kriegsgeraeth wurden unter den Augen des Fuersten reparirt, Speere und +Flinten gereinigt - doch alle diese Handwerker wurden vom Koenige schleunig +entlassen, um mit Harris einen Kriegsplan verabreden zu koennen, der +schliesslich nicht ausgefuehrt wurde. So schlich der traurige Winter hin. +Unterdessen begannen die Haendler, welche sich durch die Ankunft der +Englaender beeintraechtigt glaubten, gegen diese zu konspiriren. Allerlei +abenteuerliche Geruechte gingen um. Die Gyptzis, so hiess es, verzehrten +Schlangen, Maeuse, Spinnen und aehnliche Thiere, und waeren im Begriff, durch +magische Mittel das Land zu erobern. Die astronomischen Instrumente +erregten gleichfalls Argwohn; doch der Koenig hoerte nicht auf diese +Verdaechtigungen, ja er drohte, den Verleumdern die Zungen ausreissen zu +lassen, und kuemmerte sich auch nicht darum, als die Geistlichkeit ihn mit +dem Banne bedrohte. Die Zauberer Schoa's glaubten dem gegenueber im +vollsten Rechte zu sein, wenn sie verkuendigten, Sahela Selassie wuerde +wegen seiner Freundschaft gegen die Fremden noch Thron und Leben +verlieren. + +Als der Winter vorueber war, brach der Koenig nach _Debra Berhan_ auf, einer +Sommerresidenz, die jenseit der Bergkette im Westen liegt. Dorthin folgte +ihm auch die Gesandtschaft nach. Es war eine herrliche Gegend, die man +wieder durchzog, voller Sturzbaeche, Klippen und schoener Baeume. An einem +Fluesschen traf man das einzige Maschinenwerk des Koenigreichs - eine rohe +Wassermuehle, die ein durchreisender Albanese erbaut hatte; doch die +Priester erklaerten dieselbe fuer ein Werk des Teufels, und nachdem die +Muehle drei Tage gegangen, wurde der Betrieb untersagt. So verfiel denn die +Teufelsmuehle. (Vergl. S. 157.) Hinter derselben wurde der Weg rauher und +steiler; man gelangte auf den Kamm der Tschakaberge, welche die Zufluesse +des Nil von jenen des Hawasch, das Stromgebiet des Mittelmeers und des +Indischen Ozeans trennen. Noch volle drei- bis viertausend Fuss ragte der +hohe _Mamrat_ ueber diese Wasserscheide empor; doch Schnee lag auf seinem +13,000 Fuss hohen Gipfel nicht, wie denn ein Wort fuer denselben suedlich von +den kalten Bergen Semiens in der Sprache der Eingeborenen fehlt. Wie +verschieden ist doch das Schicksal der Gewaesser, die von dieser Bergkette +nach Osten und nach Westen zu eilen! Der Regentropfen, welcher auf die +nach Ankober zu gelegene Seite faellt, wendet sich nach kurzem Laufe dem +Hawasch zu, um mit ihm durch die durstige Adalwueste der Aussalagune +zuzurinnen. Ganz anders dagegen gestaltet sich die Pilgerschaft der +Gewaesser im Westen. Dort finden viele kleine Baeche ihren Weg zur Dschumma, +die sich in den Abai, den Blauen Nil, ergiesst, der, durch den Goldsand von +Fazogl ziehend, bei Chartum sich mit dem Weissen Flusse vereinigt, bei +Meroe, Theben und den stattlichen Pyramiden vorueberfliesst und seinen +Beitrag zur Bewaesserung Aegyptens oder der blauen Fluten des Mittelmeers +liefert! + +Wiesen, auf denen Vieh weidete, kleine Stroeme, ueber deren einen eine rohe +Steinbruecke, das hochgepriesene Werk eines Armeniers fuehrte, folgten nun; +dann kam man in eine unwirthliche Gegend, eine Hochebene, die einst von +Galla bewohnt war. Nicht ein Baum oder Strauch, selten als Ausnahme ein +Kusso, war zu erblicken; doch sind spaerliche christliche Ansiedelungen +hier entstanden, die von Hirten bewohnt werden. Dann ging es bergab, die +Gegend wurde wieder etwas freundlicher, und zwischen einigen gruenen Baeumen +leuchteten die weissen Gebaeude von Debra Berhan hervor. "Willkommen meine +Kinder, wie geht's euch? Habt ihr eine sichere Reise gehabt?" so lautete +der Empfangsgruss, und am Abend erquickte Brot, Honigwasser und saures Bier +die Gaeste. Beim Schein der Lichter fand Abends Gesang und Tanz statt, und +mancher hohe Beamte legte sich berauscht zur Nachtruhe nieder. + +Keine andere fuerstliche Residenz kann in jaemmerlicherem Zustande sich +befinden als Debra Berhan, "der Huegel des Ruhms". Es besteht aus elenden +Gebaeuden, deren ohne Moertel zusammengefuegte Mauern einzustuerzen drohen. +Palissaden umgeben das Ganze und schliessen den mit Rasen ueberzogenen +Audienzraum ein, der jedoch auch zugleich einigem Vieh zum Aufenthalt +dient. Hier hat der Koenig eins seiner bedeutendsten _Sklavendepots_, in +welchem dem Besucher ein wahres Babel von verschiedenen Sprachen +entgegenklingt; auch die Gesichtszuege deuten auf verschiedene Rassen, und +nur die abessinische Kleidung ist allen gemeinsam. Da geht der riesige +heidnische Neger mit aufgeworfenen Lippen und blutunterlaufenen Augen +gleich einem schwarzen Herkules umher. Stark wie drei Gaeule, traegt er eine +ungeheure Holzlast, welche zwei Abessinier nur mit Muehe bewaeltigen +koennten. Fuenfzehn Maria-Theresia-Thaler hat der Koenig fuer dies +ausgezeichnete Exemplar gezahlt, das fern vom Nil hierher verhandelt +wurde. Er hat hier ein ganz gemaechliches Leben, vollauf zu essen und dient +als Holzhauer im Walde; in seine Lage hat er sich stumpfsinnig gefunden. +Anders der feurige Galla, der ihm folgt und in dessen Gemueth noch nicht +der Geist der Unabhaengigkeit erloschen ist. Seine schlanke Figur und +gekruemmten Beine verrathen den wilden Reiter der grasigen Ebene. +Schwermuethig, mit gebeugtem Sinn, schleppt er seine Buerde und denkt an die +Savannen am Hawasch, seine Heimat. Unter der Aufsicht eines alten Eunuchen +nimmt eine Schar brauner Sklavinnen ihren Weg zum Flusse. Sie tragen +schwere irdene Wasserkruege auf dem Ruecken und singen leise ein trauriges +Lied, das wol von der Heimat erzaehlt, von Gurague. Es sind Christinnen, +alles schoene, schlanke Maedchen, weit schoener als ihre Tyrannen, das +rabenschwarze Haar ist mit gelben Blumen geschmueckt und in den langen +Augenwimpern haengt eine Thraene der Wehmuth. - Hinter ihnen folgen einige +bevorzugte Damen, in Staatsgewaendern mit rothem Rande - sie haben laengst +das Andenken an ihr Land und ihre Verwandtschaft vergessen. Das sind die +koeniglichen _Braugesellen_; silberne Knoepfe in den Ohren, zu ungeheurem +Umfang auffrisirte Haare zeichnen sie aus; sie koennen plappern und +schwatzen soviel sie wollen, aber ueber einen gewissen Raum duerfen sie +nicht hinaus, das verbietet ihnen der begleitende Eunuch. Der eine +traurig, der andere froh - so leben die Menschen im Sklavenraume des +Koenigs. - + +Ein Monat war in dem kuehlen, aber angenehmen Klima zu Debra Berhan +verflossen, als der Koenig beschloss, seine jaehrliche _Truppenmusterung_ +abzuhalten, und zwar am Maskalfeste, dessen Bedeutung wir schon kennen +lernten. (Siehe S. 124.) Viehherden, vor Kaelte sich schuettelnde Kameele, +die in das ihnen ungewohnte Bergland versetzt waren, lange Sklavenzuege +waren zusammengetrieben worden, um theils zur Nahrung, theils zur +Bedienung verwendet zu werden. Am Vorabend rueckten mit Fackeln in den +Haenden die koeniglichen Garden vor das Zelt Sr. Majestaet, um dort zu Ehren +der Gesandtschaft einen Kriegstanz aufzufuehren. Praechtig nahmen sich die +mit reichem silberbeschlagenen Reitzeug versehenen Rosse der Offiziere +unter den dunklen wilden Kriegern aus, die den amharischen Kriegsgesang +anstimmten und sich dann zur Ruhe begaben. Sehr unkoeniglich war das +Aussehen des Palastes beim Tagesanbruch und hoechst unfuerstlich die bei +Hofe herrschende Verwirrung. Unsauberkeit und knoecheltiefer Schmuz +herrschte ringsum; der Thuerhueter zerschlug einen Stock nach dem andern auf +den Koepfen des herbeidraengenden heftigen Volkes, das nicht einmal still +wurde, als Seine Majestaet sich in der Thuer des Banketsaales niederliess. +Vor dem Throne verrichtete ein Schmied seine Arbeit weiter, ohne darauf zu +achten, dass ein Hagel von Staub und Kohlenasche auf den Koenig niederfiel. +Zwanzig bleiche Eunuchen, die als Zeremonienmeister wirkten, fuehrten die +Scharen der Vasallen, der Priester, Moenche, Weiber, Sklaven und Ackerbauer +zum Fuersten, der von jedem ein Geschenk empfing, sodass Honig, Butter, +Perlen u. s. w. bald in grosser Menge aufgestapelt waren. Die Scenen der +Unordnung wichen der hoeher steigenden Sonne und vor dem Erscheinen der +britischen Gesandtschaft, die in voller Uniform vor dem Koenige aufzog, der +in Staatskleidung, von den Generalen der Reiterei, der Leibgarde und der +hoeheren Geistlichkeit umgeben, auf einem beweglichen Thronsessel dasass. +Zunaechst rueckten nun dreihundert Mann auf den Schauplatz, die hoch ueber +ihrem Haupte Buendel abgeschaelter und mit Binsen zusammengebundener Ruthen +trugen. Sie begruessten die Rueckkehr der Bluetenzeit, "wenn die Floehe +wiederkommen und die Fliegen erscheinen", mit Gesang, der lauter und +lauter zum Kriegsrufe anschwoll. Die Buendel wurden dann auf einen Haufen +vor dem Throne niedergelegt, waehrend die in Thierfelle gekleideten Fuehrer +dieser Truppe einen Kriegstanz begannen, ihre Leute zum Gefecht +aufforderten und mit einem schrecklichen Geheul diese Exerzitien +schlossen. + + [Illustration: Truppenmusterung des Koenigs von Schoa. Nach M. + Bernatz.] + +Hierauf wurden die englischen Gaeste zu einem mit bunten Teppichen +ausgekleideten Pavillon gefuehrt, von dem aus der Koenig mit seinen +Wuerdentraegern der Revue beiwohnen wollte. Im Hintergrunde standen dichte +Reitermassen, waehrend in einer Entfernung von etwa 100 Schritten ein +grosser Scheiterhaufen blattloser Weidenruthen auf dem gruenen Rasen +aufgestapelt lag. Um denselben hockten unter ihren Schilden, gleich +Schildkroeten unter ihrer Schale, lange Reihen Krieger; je drei hatten +grosse Feldschlangen von ungewoehnlichen Dimensionen mit Zuendkraut und Lunte +zu bedienen. Nun begann die _Revue_ mit dem Aufmarsch der Leibgarde zu +Fuss, von der drei Viertel mit den geschenkten englischen Musketen +bewaffnet war. In vier Compagnien marschirte sie unter dem Gebruell des +Kriegsgesanges auf, nicht wenig stolz auf die blitzenden, bisher in +Abessinien unbekannten Bajonette. Nachdem sie das Feld durchmessen, +kauerten die Krieger auf dem Grunde nieder, als waeren sie in Bereitschaft, +anrueckende Reiterei zu empfangen, waehrend ein graukoepfiger Veteran tanzend +vor der Front ein Geheul zum Besten gab, das aus einer Wolfsschlucht zu +stammen schien und mit einer Salve beantwortet wurde. + +Nachdem diese Truppe abgetreten war, rueckte die glaenzende Schwadron der +berittenen Lanzentraeger, die Bluete der schoanischen Kavallerie, heran. +Kuehn sprengte an der Spitze, auf schoenem Ross, mit einem rothen Fell ueber +der Schulter, der Fuehrer und hinter ihm, in einer Linie von fast einer +Viertelstunde Breite, die Schwadron. Nachdem er eine Anrede gehalten, +sprengten die stattlichen Reiter im Galopp vorueber nach dem Scheiterhaufen +zu, wo die grossen Kesselpauken ertoenten und die Feldschlangen losgebrannt +wurden. Jetzt aber wandte sich das Erstaunen der Versammlung den +Englaendern zu, deren Artilleristen den bronzenen Dreipfuender, welcher von +Ochsen hierhergeschleppt worden war, bedienten. Als der Donner desselben +erschallte und weisse Rauchwolken in die Luft stiegen, wie man sie bisher +nur von brennenden Doerfern gesehen - da kannte die Verwunderung der +wilden, hier versammelten Galla keine Grenzen. Dreizehn in Loewen- oder +Leopardenfelle gekleidete Gouverneure fuehrten nach und nach ihre Truppen +vor. Dann war die Revue beendigt und die ausgehungerten Offiziere, Edlen, +Hoeflinge und Geistlichen begannen mit wahrer Wuth ueber das rohe +Ochsenfleisch herzufallen und es in unglaublichen Mengen zu vertilgen. + +Acht- bis zehntausend Reiter waren versammelt gewesen, und das Schauspiel, +das von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags 5 Uhr waehrte, hinterliess einen +wilden und ungewoehnlichen Eindruck. Die Bewaffnung und das Reiten der +Leute war vorzueglich und unter guter Fuehrung von ihnen Tuechtiges zu +erwarten. Als dann die Nacht herniedersank, da wurde dem Koenige wie dem +Volke von Seiten der Englaender noch ein Schauspiel geboten, von dem jene +sich nichts traeumen liessen. Praechtige Raketen stiegen zum tiefschwarzen +Himmel empor und zerplatzten, Leuchtkugeln entsendend, mit herrlichem +Lichte. Menschen und Thiere, Alles wurde rebellisch, und die Achtung vor +den Gaesten, welche Kometen an den Himmel zaubern konnten, wuchs mehr und +mehr. Schliesslich wurde der Scheiterhaufen aus Weidenruthen angezuendet, +und die Fackeltraeger fuehrten zu Ehren der Auffindung des heiligen Kreuzes +einen Tanz auf. + + -------------- + +_Angollala_, an der Gallagrenze, wurde etwa im Jahre 1830 gegruendet und +vom Koenige zur Hauptstadt des westlichen Theils von Schoa erhoben. Hierhin +begab man sich, nachdem das Maskalfest vorbei war, und 3000 Reiter +bildeten das Geleit des Negus, der auf einem reich gezaeumten Maulthiere +ritt. Vier- bis fuenfhundert runde Huetten mit rohen Steinmauern und +Strohdaechern bedecken die Abhaenge einer Anzahl flacher Huegel, die ein +grosses Viereck einfassen. Auf der Spitze des hoechsten Huegels steht der von +sechs Reihen Palissaden beschuetzte koenigliche Palast, aus dessen Mitte ein +zweistoeckiges, finstres Gebaeude hervorragt, das ein Albanese erbaute und +welches trotz seiner Mangelhaftigkeit in Bezug auf Architektur alle +uebrigen Gebaeude Schoa's ueberragt. Doch hat es von Erdbeben gelitten, und +"Erdbeben", so meinte Se. Majestaet, "sind ein uebles Ding, denn sie werfen +Haeuser und Menschen um". + +Vor dem Palaste, zu welchem ein steiler Weg hinauffuehrte, begruesste eine +dichtgedraengte Menschenmenge den Koenig und seine Gaeste mit lautem +Jubelgeschrei. Kuechen, Vorrathshaeuser und Brauereien lagen rings um das +Gebaeude, das mit dem langen Banketsaale, der Audienzhalle, den +Frauengemaechern und einzelnen Zellen ein merkwuerdiges, aber keineswegs +imponirendes Ganze ausmachte. Der Despot fuehrte seine Gaeste in den ersten +Stock, zu welchem man auf einer Leiter gelangte. Auf dem Fussboden, der mit +frischem Gras bestreut war, brannte in einem eisernen Ofen ein Feuer, an +welchem sich behaglich mehrere Katzen waermten, die in keinem koeniglichen +Palaste fehlen. Im Alkoven befand sich ein schmuziges Lager, und wenige +Flinten machten den einzigen Schmuck der kahlen, weissgetuenchten Waende aus. +"Ich habe euch", hub der Koenig an, "hierhergefuehrt, um euch zu zeigen, was +mir fehlt. Diese Gemaecher muessen ausgeschmueckt werden, und ich wuensche, +dass euer Maler (Herr Bernatz) sie mit Elephanten, Soldaten und sonderbaren +Darstellungen aus eurem Lande verziere. Jetzt koennen meine Kinder sich +entfernen." + +Die Naechte, welche die Gesandten hier verbrachten, waren keineswegs +angenehm; sie froren ungemein und wussten sich kaum vor der Kaelte zu +schuetzen; in der Fruehe hatte regelmaessig weisser Reif die Wiesen ueberzogen. +Auch am Tage bot sich ihren Augen gerade kein liebliches Bild. Rings um +den Palast lag Schmuz, Asche und Kehricht knoecheltief oder in grossen +Haufen. Halbwilde Hunde fallen am Tage die Menschen an und lassen in der +Nacht wegen ihres grauenhaften Gebells Niemand schlafen. Kurz vor +Sonnenaufgang weckt das Gekraeh von tausend Haehnen die dennoch etwa sich im +Schlummer Wiegenden, und wer trotzdem noch nicht erwacht sein sollte, wird +durch das Gebruell des um alle moeglichen Dinge petitionirenden Volkes +aufgestoert, welches unter dem Rufe "Abiet! Abiet! Meister! Meister!" mit +dem Fruehgrauen sich zum Palaste draengt. Lernten Harris und seine Gefaehrten +auch in Angollala manches Interessante kennen, so war der Aufenthalt +daselbst doch keineswegs angenehm zu nennen. + +In der Umgebung Angollala's befindet sich das Naturwunder Schoa's, die +_Schlucht der Tschatscha_, zu welcher der Koenig eines Tags seine Gaeste +hinfuehrte, doch war der Monarch an diesem Tage gerade schlechter Laune, da +sein Lieblingsross, das er in der Schlacht einem maechtigen Galla-Haeuptling +abgenommen hatte und das seinen Stall in der koeniglichen Bettkammer hatte, +durch die Unvorsichtigkeit eines Pagen umgekommen war. "Was denkt ihr von +meinem Galla-Graben? Habt ihr etwas Aehnliches in eurem Lande?" so redete +der Herrscher seine Gaeste an, als er sie an Ort und Stelle gefuehrt hatte, +und in der That liess sich schwerlich eine grossartigere und schauerlichere +Naturscenerie denken, als sie die Schlucht der Tschatscha zeigte. Die +gruenen Wiesen des Distriktes Daggi sind hier auf eine seltsame Weise durch +niedrige, kahle Huegelketten durchsetzt, zwischen denen kleine Baeche dem +tief unten gaehnenden Erdriss zustroemen, welcher den Boden gleich einem +gewaltigen Spalt durchzieht. Felsig, zerrissen und scharfkantig sinkt +dieser Schlund ploetzlich 1000 bis 1500 Fuss tief und ueber eine +Viertelstunde breit urploetzlich in der Ebene nieder. Seine aus felsigem +Gestein bestehenden Seitenwaende sind duenn mit zartem Moose und +suessduftendem Thymian ueberzogen, und nur wenige armselige Huetten sind auf +einzelnen vorspringenden Terrassen der Waende angebracht, die sonst in +ihren duestern Hoehlen den Woelfen und Hyaenen Schlupfwinkel darbieten, +waehrend hoch oben ueber dem gaehnenden Abgrunde Geier und Adler ihre Kreise +in weiten Bogen ziehen. Der Aberglaube des Volks bevoelkert aber den Spalt +mit allerlei Unholden, waehrend der Koenig nicht mit Unrecht in ihm die +beste Schutzwehr gegen die jenseit desselben wohnenden Galla sieht. Tief +unten auf dem Boden, nur mit Schwindeln anzusehen, murmelt in tausend +kleinen Wasserfaellen gleich einem Silberfaden die Tschatscha hin, um ihren +Tribut dem maechtigen Nil darzubringen. Da, wo die Schlucht sich etwas +erweitert, liegen die koeniglichen Eisenwerke von Gurejo. Hier wird auf +rohe, echt afrikanische Art durch ein einfaches Ausschmelzen ein ziemlich +gutes Eisen gewonnen. + + [Illustration: Empfang des Negus beim Einzuge in Angollala. Nach M. + Bernatz.] + +In einen dunkelgruenen Wachholderhain eingehuellt, erhebt sich auf einem +Huegel am jenseitigen Ufer das stille Staedtchen _Tscherkos_, dessen +Einwohner einst alle, Mann, Weib und Kind, ueber tausend an der Zahl, in +einer einzigen Nacht von den wilden heidnischen Galla unter Fuehrung des +Rebellen _Medoko_ hingeschlachtet wurden, zur Rache fuer eine ihm am Hofe +zu Ankober widerfahrene Beleidigung. Der stolze schoene Mann, auf den alle +Frauen des Landes mit nicht geringer Bewunderung schauten, trat einst vor +den Koenig hin, brachte ihm 10 herrliche Streitrosse, 500 Ochsen, 20 +Sklaven und zwei grosse Koerbe voll Silberthaler, die gnaedig angenommen +wurden. Aber die Hand der Prinzessin Worka Ferri, um die er darauf bat, +wurde ihm abgeschlagen und er selbst schnoede misshandelt; der Beichtvater +des Koenigs trat ihm in das Gesicht, dass das Blut herunterlief, und die +Staatsfestung Gontscho nahm ihn auf. Wie durch ein Wunder entkam er wieder +zu seinen Galla, die, seinem Rufe folgend, in hellen Haufen herbeieilten +und Tscherkos nebst seinen Einwohnern verbrannten. Unter der Fuehrung ihres +Koenigs rueckten nun die Schoaner aus, und bei Angollala kam es zur +blutigen, lange schwankenden Schlacht. Medoko unterlag und floh in die +geheiligten Asylraeume des Klosters Affaf Woira, wo er sich sicher waehnte. +Da erschien dort eine feierliche Prozession, welche dem Rebellen die +Verzeihung des Koenigs ueberbrachte und ihn wieder zu Hofe kommen hiess. +Medoko folgte der Stimme zu seinem Unglueck. Neuer Verrath wurde gegen ihn +gesponnen, und eines Nachts traten sechs Verschworene an sein Lager, um +ihn mit ihren Schwertern zu durchbohren. Noch einmal sprang der +verwundete, riesenkraeftige Loewe auf, ein Blutbad unter seinen Moerdern +anrichtend, dann sank er zusammen. Seinem Volke, das um ihn lange Jahre +trauerte, erschien er aber als Heros und Maertyrer, und die Fehden zwischen +Abessiniern und Galla nahmen mit erneuter Wuth ihren Fortgang. + + + + + Die Galla. + + +Die Galla sind ein schoener Menschenschlag, dessen Physiognomie kaukasisch +ist. Ihre Sprache weicht bedeutend von den echt semitischen Sprachen ab, +aber in Konjugation, den Fuerwoertern und vielen anderen Woertern verraeth sie +doch einen semitischen Charakter und bildet mit den Sprachen der Danakil +und Somalen eine eigene Familie des semitischen Sprachstammes. Von ihren +zahlreichen Unterabtheilungen haben Krapf und Isenberg ueber fuenfzig +herausgefunden, welche fast alle voneinander unabhaengig sind, hier und da +in Feindschaft miteinander leben, aber dieselbe Sprache reden und +urspruenglich dieselbe heidnische Religion hatten. Ueber ihre Herkunft +bestehen verschiedene Sagen. Die Muhamedaner aus Argobba, oestlich von +Schoa, wollen sie aus Arabien herleiten; doch ist dies sehr +unwahrscheinlich. Dagegen bemerkt eine abessinische Schrift, welche Krapf +in Schoa zu sehen bekam, Folgendes: "Eine koenigliche Prinzessin von +Abessinien heirathete zur Zeit Nebla Denjel's im 14. Jahrhundert, als die +Koenigsfamilie noch auf dem Berge Endoto residirte, einen Sklaven, der ein +Hirte war aus dem Sueden von Gurague, und gebar ihm sieben Soehne, die alle +das Geschaeft ihres Vaters trieben und dessen Sprache redeten. Als sie +erwachsen waren, sammelten sie viel Volks um sich und gaben sich der Raub- +und Pluenderungssucht hin, sodass sie zuletzt die Abessinier beunruhigten." +Von einer Schlacht, die sie den letzteren in Gurague am Flusse Galla +lieferten, sollen sie den Namen erhalten haben, mit dem die Abessinier und +andere umwohnende Voelker sie benennen. Sie selbst aber heissen sich +Ilmorma, Menschenkinder. Spaeter, nachdem Granje mit seinen muhamedanischen +Horden Abessinien verwuestet hatte, liessen sich mehrere Staemme von ihnen in +Schoa nieder. Spaeterhin wiesen die neuen Koenige von Schoa den +Wollo-Staemmen, die entweder damals schon den Muhamedanismus angenommen +hatten oder dasselbe spaeter thaten, die Nordgrenze von Schoa an, wo sie +bis 1856 eine Schranke bildeten, welche die Verbindung zwischen diesem +Lande und Abessinien erschwerte, bis Koenig Theodoros II. Schoa und mit ihm +die Wollo-Galla unterwarf. Diese noerdlichen Galla sind fanatische +Muhamedaner geworden, waehrend es den christlichen Abessiniern nicht +gelungen ist, unter ihnen viel Proselyten zu machen. Auch diesen +heidnischen Galla gegenueber bewaehrt sich wieder die afrikanische Regel: +Der Islam siegt ueber das Kreuz. + +Die urspruengliche Religion der Galla ist eine Naturreligion. Sie verehren +ein hoechstes, unsichtbares Wesen, welches sie _Wak_ (Himmel) nennen. Ihn +betrachten sie als den Urheber aller Dinge und Geber aller Gaben, daher +richten sie ihre Gebete hauptsaechlich an ihn. Obgleich sie keine bestimmte +Idee von ihm haben, so schreiben sie ihm doch Persoenlichkeit zu und +glauben, dass er sich ihren Priestern im Traume offenbare, dass er zu ihnen +rede im rollenden Donner, sich ihnen zeige im leuchtenden Blitze, dass er +ueber Krieg und Frieden, Fruchtbarkeit und Theuerung entscheide. Jedoch +steht Wak nicht allein, sondern hat zwei Untergottheiten zu Gehuelfen, +deren eine _Oglia_, maennlich, deren andere _Atete_, weiblich ist. +Letzteren beiden feiern sie gewisse Feste im Jahre, an welchen sie ihnen +Opferthiere, Ziegen und Huehner schlachten, sich ihre Gunst erbitten und +ihren Willen durch Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere zu erfahren +suchen. Die Feste des Oglia werden im Januar und April, das der Atete im +September gefeiert. Dem Wak ist jeder Sonntag geweiht, den sie grossen +Sabbat nennen, zum Unterschiede vom Sonnabend, welchen sie den kleinen +Sabbat heissen. Gewisse Baeume sind den Galla heilig; unter diesen opfern +sie und verehren ihre Goetter. In besonders grosser Achtung steht ein grosser +Maulbeerfeigenbaum an den Ufern des Hawasch im suedlichen Schoa. Hier +versammeln sich jaehrlich ihre Priester und Grossen von mehreren Staemmen, um +Wak zu verehren und ihre Bitten an ihn zu richten. Dieser Baum heisst +Wadanabe und ist Sammlungsort der Galla von den verschiedensten Staemmen; +nur Weiber duerfen ihm nicht nahen. Ein anderer Baum, unter welchem dem Wak +jaehrliche Opfer gebracht werden, heisst Riltu. Waehrend sie opfern beten +sie: "O Wak, gieb uns Tabak, Schafe und Ochsen, hilf uns, unsere Feinde zu +toedten. O Wak, fuehre uns zu dir, fuehre uns zum Paradiese und fuehre uns +nicht zum Satan". Auch der Ahorn und der Wanzabaum werden fuer heilig +gehalten. Die Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere wird namentlich +zur Entscheidung von Krieg und Frieden angewandt. Sie nehmen das Fett aus +der Bauchhoehle, legen es auseinander und bestimmen die eine Seite fuer die +Galla, die andere fuer ihre Feinde; die Seite nun, auf welcher das meiste +Blut in den Adern sich befindet, erhaelt den Sieg. Die beiden +Untergottheiten Oglia und Atete gebieten wieder ueber eine Menge +unsichtbarer Wesen, die sie Zaren nennen und denen sie gute und boese +Eigenschaften zuschreiben; daher werden auch diesen Verehrung und Opfer +dargebracht. Zur Ausuebung des Dienstes haben sie Priester (Kalitscha) und +Zauberer (Luba). Der Priester hat die Leitung der Gottesverehrung, die +Wahrsagung, Segen und Fluch u. s. w. zu besorgen. Er trocknet die zum +Wahrsagen gebrauchten Eingeweide, legt sich dieselben um den Hals und +zieht damit im Lande herum. Merkwuerdig ist, dass ein ganzer Stamm der Galla +fuer heilig gehalten wird, und zwar sind dieses die Watos, die ueberall frei +umhergehen, segnen oder fluchen duerfen, ohne dass ihnen Jemand ein +Hinderniss in den Weg legte. Dieser Stamm behauptet im Besitze urspruenglich +reiner Galla-Natur zu sein, und seine Angehoerigen heirathen nur unter +sich. Sie kennen kein anderes Geschaeft als Segnen und Fluchen, und weil +Alles in dem Glauben steht, dass, was sie sagen, eintreffen muesse, so sind +diese Leute sehr respektirt. Kein Galla laesst einen Wato zu sich ins Haus +kommen, aber Lebensmittel in Menge werden ihnen, wo sie sich zeigen, vor +die Haeuser gebracht, weil man im Unterlassungsfalle ihren Fluch fuerchtet. +Sie lieben, wie die Waitos (vergl. S. 90), das Fleisch des Flusspferdes, +welches in grosser Menge im Hawasch vorkommt. + +Ueber den Ursprung der Menschheit haben die Galla einen dunklen +entstellten Begriff, jedoch scheinen sie nicht zu glauben, "dass alle von +einem Blute herkommen". Sie sagen, ihr erster Stammvater habe Wolab +geheissen; Wak habe ihn aus Thon gebildet, ihm dann eine lebende Seele +gegeben und ihn am Hawasch angesiedelt. Ihre Eidschwuere verrichten die +Galla auf eine sonderbare Weise. Eine tiefe, enge Grube wird in den +Erdboden gegraben und in dieselbe steckt man einige Lanzen. Dann wird sie +mit einer Thierhaut bedeckt, und die Betheiligten schwoeren nun, dass, falls +sie ihr Versprechen nicht hielten, sie in eine solche Grube stuerzen, ihre +Leiber mit Lanzen durchbohrt werden und ungeraecht und unbegraben liegen +bleiben moegen. Einmal geschlossene Freundschaft soll heilig gehalten +werden, wenn sie auch unter den verschiedenen Staemmen selten zu sein +scheint, da diese sich stets untereinander befehden. Heirathet ein Galla, +so bekommt die Frau ihre Mitgift vom Vater; scheidet sie sich aber von +ihrem Manne, so behaelt der Mann das Heirathsgeschenk. Gewoehnlich heirathen +sie drei Frauen. Stirbt der Mann, so ist sein Bruder verpflichtet, die +Witwe oder Witwen zu heirathen. Die Sanktion der Heirathen erfolgt allemal +durch den Abadula oder Vorgesetzten mehrerer Doerfer. Toedtet ein Galla +einen Fremden, der nicht von seiner Nation ist, so erwirbt er sich dadurch +viel Ruhm, toedtet er einen Stammverwandten, so hat er, ist der Getoedtete +ein Mann, 100 Ochsen, ist es eine Frau, 50 Ochsen zu bezahlen. Da +abessinische Christen nebst den sie umgebenden Muhamedanern keine Muehe, +keine Schlechtigkeiten scheuen, Galla-Soehne und Toechter als profitable +Menschenwaare in den abscheulichen Sklavenhandel zu ziehen, so ist's +natuerlich, dass sie alle Fremden als Feinde betrachten. Abessinische +Fuersten wollten ihnen das elende Christenthum, welches sie selbst hatten, +mit dem Schwerte aufdringen; abessinische Moenche wagten ihr Leben selbst +daran, ihnen den Genuss des Kaffees und Tabaks nebst anderen, von den +Abessiniern fuer unrein gehaltenen Speisen und Getraenken, abzuschneiden, +und dafuer nicht das Evangelium, sondern strenge Fastengesetze und andere +Observanzen aufzubuerden; kein Wunder, dass sie sich gegen Beides mit aller +Macht wehrten. Sie haben die Idee, dass sie sicher bald sterben muessen, +wenn sie Christen werden, und daher sehen sie auch die ihnen vorgesetzten +Christen mit Abscheu an. Tritt ein solcher Gouverneur seine Stellung an, +dann ruft das Volk einstimmig: "Moege er bald sterben, moege er bald +sterben." + + [Illustration: Eine Galla (die Frau Eduard Zander's). + Originalzeichnung von E. Zander.] + +Die Kriege zwischen Abessiniern und Galla haben eigentlich nie recht +aufgehoert. So oft auch letztere unterlagen, so erhoben sie sich doch immer +wieder. Zu Tausenden verkaufen dann die biederen Christen die armen Heiden +und fuellen sich die Taschen mit blanken Maria-Theresia-Thalern, welche sie +fuer die Menschenwaare erhalten. + +Ein Hauptsklavenmarkt ist Metemme, die Hauptstadt des Gebietes Gallabat, +an der Grenze zwischen Abessinien und dem aegyptischen Sudan. Baker +besuchte dort 1862 die Sklavenhaendler. Sie wohnten in grossen Mattenzelten +und besassen viele junge Maedchen von ausserordentlicher Schoenheit, deren +Alter zwischen neun und siebzehn Jahren wechselte. Diese liebenswuerdigen +Gefangenen mit einer schoenen braunen Farbe, zart geformten Zuegen und +Gazellenaugen waren Gallamaedchen, welche aus ihrem Vaterlande an den +abessinischen Grenzen von abessinischen Haendlern hierher gefuehrt wurden, +um in die tuerkischen Harems verkauft zu werden. So schoen diese Maedchen +sind, taugen sie zu keiner schweren Arbeit und kraenkeln und sterben bald, +wenn man sie nicht freundlich behandelt. Man sieht mehr als eine Venus +unter ihnen, und nicht genug, dass ihr Gesicht und ihr Wuchs vollendet +schoen sind, beweisen sie denen, welche sie gut behandeln, die groesste +Anhaenglichkeit und werden sehr brave und treue Frauen. Es liegt etwas +eigenthuemlich Gewinnendes in der natuerlichen Anmuth und Milde dieser +jungen Schoenheiten, deren Herz jenen tieferen Liebesgefuehlen, welche unter +rohen und rauhen Staemmen selten bekannt sind, eine rasche Antwort geben. +Ihre Formen sind auffallend elegant und anmuthig, die Haende und Fuesse +namentlich ausserordentlich zart. Die Nase ist gewoehnlich leicht gebogen +und mit grossen und schoengeformten Oeffnungen versehen. Das schwarze und +glaenzende, aber ziemlich grobe Haar, reicht etwa bis zum halben Nacken +hinunter. Obgleich diese Maedchen aus den Gallalaendern sind, bezeichnen sie +sich stets als Abessinierinnen und sind unter diesem Namen allgemein +bekannt. Sie sind ausserordentlich stolz und hochgesinnt und lernen +merkwuerdig schnell. In Chartum haben sich mehrere der angesehensten +Europaeer mit solchen reizenden Damen verheirathet, welche ihren Maennern +ohne Ausnahme grosse Liebe und Ergebenheit bewahren. In Gallabat betrug der +Preis fuer eine dieser Schoenheiten zwischen 25 und 40 Thalern. Einige Jahre +nach Baker's Aufenthalt (Maerz 1865) scheint aber der Handel mit +Gallamaedchen in Metemme fast erloschen zu sein und der schlechteren Waare +vom Weissen Flusse Platz gemacht zu haben, denn Graf Krockow, welcher +damals dort war, bemerkt: "Die in frueheren Zeiten massenhaft fuer die +Harems der Reichen exportirten jungen, feurigen, abessinischen Maedchen +kommen jetzt nur selten auf den Markt, denn in ihrer Heimat hat das +abscheuliche Treiben fast ganz aufgehoert" (?). + +Jedenfalls stehen die Gallamaedchen weit ueber den lasterhaften +Abessinierinnen und vermoegen nach Umstaenden wohl auch einen Europaeer zu +begluecken. Lassen wir darueber einen Brief Eduard Zander's vom 27. Juni +1854 reden: "Seit einem Jahre und einem Monat bin ich auf Befehl des +Regenten Ubie verheirathet, und vor zwei Monaten ist mir unter Gottes +Beistand auch ein Toechterlein geboren worden. Es ist ganz deutschen +Charakters, weiss und blond, sehr wohlgestaltet und schoen und erhielt in +der Taufe nach abessinischem Ritus die Namen Maria Sophia. - Zwanzig +Monate sind jetzt verflossen, da veranstaltete Ubie eine grossartige +Schmauserei, zu der an einem Tage nicht weniger als 300 Kuehe +abgeschlachtet wurden; Alles war guter Dinge und der Honigwein floss in +Stroemen. Auch ich war besonders von Ubie eingeladen worden; bei ihm +angelangt, befahl er sofort, dass ich mich neben ihn auf seine Alga setzen +sollte. Das Weilen auf diesem Platze gilt fuer die groesste Auszeichnung bei +Hofe, welche nur den Mitgliedern des hoechsten Adels zu Theil wird. Ubie +hatte mich im Laufe der Zeit genau kennen gelernt und sehr lieb gewonnen, +sodass ich schon vor zwei Jahren in den hohen Adel erhoben wurde und zu +jeder Zeit ungehinderten Eintritt bei ihm hatte. An diesem Tage war er +ganz besonders heiterer Laune, er sprach viel mit mir und fragte mich nach +allen moeglichen Dingen, unter anderm, warum ich nicht verheirathet sei? +Offen und rund heraus erklaerte ich ihm denn, dass die Toechter seines Landes +mir keineswegs gefielen, da ihnen das, was wir an den Frauen vor Allem +schaetzten, fehle, naemlich Ehrbarkeit und Tugend. Du hast Recht, entgegnete +mir Ubie, sie taugen alle nicht fuer dich, denn du bist ein ordentlicher +Mann. Ich werde selbst fuer dich sorgen und dir eine passende Frau +aussuchen. Kaum waren fuenf Monate vergangen, so erfuellte Ubie bereits sein +Wort. Waehrend dieser Zeit hatte er nach allen Richtungen des Landes Boten +ausgesandt, die fuer mich eine geeignete Frau suchen sollten; keiner aber +hatte eine schickliche gefunden. Da langten eines Tages muhamedanische +Kaufleute hier an, unter denen sich ein Sklavenhaendler befand, welcher +sieben schoene Sklavinnen feil hatte. Ubie liess sich die Maedchen vorfuehren +und suchte unter allen sieben die schoenste aus, um sie mir zum Weibe zu +schenken. Das Vaterland meiner Frau ist Lima; die Bewohner sind Galla, der +Regent oder Oberhaeuptling des Landes heisst Ababokiwo. Meine Frau zaehlt +jetzt 16 Jahre. Sie hat mich lieb gewonnen, ist mir treu ergeben und von +Charakter sanft, ihr Verstand ist scharf und hell. Was sie aber besonders +auszeichnet, ist Sittsamkeit und Tugend." + +In seiner Heimat, wo das Schwert des abessinischen Eroberers noch nicht +eindrang, ist der Galla ein freier, unabhaengiger Mann, dem nur der +Distriktsvorsteher oder Abadula und der oberste Haeuptling oder Heiu zu +befehlen hat. Der Heiu regiert nur acht Jahre, alsdann tritt er ins +Privatleben zurueck, weil dann ein anderer Heiu, ein Mann von kriegerischem +Muthe und Talent, gewaehlt wird. Sein Geschaeft besteht darin, dass er durch +den ganzen Stamm zieht, alle Hauptangelegenheiten seines Staates +schlichtet und unterstuetzt und namentlich ueber Krieg und Frieden +entscheidet. Dabei ist der Ort, in welchem er sich gerade aufhaelt, +verpflichtet, ihn zu unterhalten. + +Stirbt ein Galla, so erhebt sich, wie fast im ganzen Oriente, allgemeine +bittere Klage. Ist der Verstorbene ein Hausvater, so rasiren sich, zum +Zeichen der Trauer, die Kinder am ganzen Leibe. Der Todte wird anstaendig +begraben, das Grab mit schoenen Steinen bedeckt und eine Aloe darauf +gepflanzt; dann wird eine Kuh geschlachtet und von den Verwandten +verzehrt. Sobald die Aloe ausschlaegt, glauben sie, die Seele des +Verstorbenen sei zu Wak ins Paradies gekommen. Jedoch meinen sie, dass auch +in jener Welt alle Nationen und Religionen ebenso geschieden sein werden +wie hier. Galla, Muhamedaner und Christen kommen jede Partei an ihren +besonderen Ort, um die guten oder ueblen Folgen ihres Verhaltens in dieser +Welt zu geniessen. Die Luege scheint bei ihnen verpoenter zu sein als bei +ihren abessinischen Nachbarn. Wird ein Galla als Luegner ertappt, so +verliert er Sitz und Stimme in den oeffentlichen Versammlungen und wird der +Verachtung preisgegeben. + +Was im Vorstehenden ueber die Galla mitgetheilt wurde, ist vorzugsweise den +Berichten Krapf's und Isenberg's entlehnt. Das Volk erscheint uns nach +diesen Mittheilungen weit liebenswuerdiger und besser als seine +abessinischen Bedruecker. Ueber die Art und Weise, wie die letzteren gegen +die Galla verfahren, wie sie Land und Volk dieses Stammes auf das +Schmaehlichste verwuesten, darueber koennen wir uns am besten unterrichten, +wenn wir abermals der Erzaehlung des Major Harris folgen. + +Wie die meisten anderen afrikanischen Potentaten, unternahm auch Sahela +Selassie keinen Krieg wegen des nationalen Ruhmes oder wegen der +oeffentlichen Wohlfahrt; seine Kriege waren entweder Raubzuege oder auf die +Unterdrueckung von Rebellen gerichtet, und das war auch jetzt wieder der +Fall, als er gegen die Galla auszog, wobei er den dringenden Wunsch +aussprach, von der Gesandtschaft begleitet zu werden; die Gegenwart +derselben sollte ihm Kraft, seinen Voelkern neuen Muth verleihen. Nur fuer +20 Tage wurde die Armee mit Lebensmitteln versehen, woraus man schliessen +wollte, dass das Ziel des Feldzuges kein allzufernes war. Angollala war in +grosser Aufregung und alle Handwerker damit beschaeftigt, die Waffen in +Stand zu richten, waehrend im koeniglichen Arsenale Tag und Nacht grosse +Thaetigkeit herrschte. Bei dem aberglaeubischen Charakter der Abessinier war +vorauszusehen, dass erst das Schicksal befragt und nach guten oder boesen +Vorzeichen geforscht werden muesste. Priester und Moenche hatten in dieser +Beziehung alle Haende voll zu thun. Das Herabfallen eines Schildes vom +Sattelknopf, die Erscheinung eines weissen Falken sind unguenstige Zeichen, +waehrend ein paar Raben Glueck verheissen. Auch das Heulen der Hunde waehrend +der Nacht wurde beobachtet, um daraus Schluesse zu ziehen. Endlich brach +man auf und zwar in der groessten Unordnung, um aber bald wieder Halt zu +machen, damit die zahlreichen Nachzuegler sich sammeln konnten. Vor der +Armee wurde unter einem Baldachin von Scharlachtuch die Bibel und die +Bundeslade aus der Michael-Kathedrale in Ankober auf dem Ruecken eines +Maulthieres vorangetragen, welche den sicheren Sieg gegen den heidnischen +Feind verleihen sollten; dann folgte auf reich gezaeumtem Maulthiere der +Koenig, umgeben von seinen Luntengewehrtraegern und den Musikanten mit +Kesselpauken und Trompeten. An ihn schlossen sich an Gouverneure, +Offiziere, Moenche, Priester und zuletzt - das Sonderbarste von allen: 40 +Frauen und Fraeulein, welche die koenigliche Kueche zu versorgen hatten. +Soweit das koenigliche Gefolge, dem sich unter einer ungeheuren Staubwolke, +soweit das Auge reichte, Reiter, Krieger zu Fusse, Saumrosse, Esel, +Maulthiere, mit Zelten und Lebensmitteln beladen, sowie grosse Scharen +Weiber anschlossen, die maechtige Toepfe mit Bier und Honigwein auf dem +Ruecken trugen. Alles in Unordnung malerisch durcheinander. Wenn diese +Masse sich niederliess, nahm das Lager einen Raum von anderthalb Stunden im +Durchmesser ein, in dessen Mitte das koenigliche Zelt und dabei die Kueche +stand. Von Vorposten oder sonstigen Sicherheitsmassregeln war aber, selbst +als man schon des Feindes Land betreten hatte, gar keine Rede. Nicht wenig +Aufsehen erregten die Bajonnetflinten, die bei diesem Zuge zum ersten Male +in praktischen Gebrauch kommen sollten, und die Raketen, welche auf des +Koenigs Wunsch die Englaender allabendlich steigen liessen, um die Galla +durch den Feuerregen derselben zu schrecken. + +Frueh am Morgen erschallten die _Nugarits_ oder Trommeln, um die +Mannschaften in den Sattel zu rufen, und in einer halben Stunde war die +Armee, die mittlerweile auf 15,000 Mann angeschwollen war, wieder auf den +Beinen. Das militaerische System Schoa's ist ein rein feudales, da jeder +Gouverneur des Reiches im Verhaeltniss zu dem ihm unterstehenden Lande ein +Kontingent zu stellen gezwungen ist. Ausser den Pferden, Waffen und +Lebensmitteln erhalten die Soldaten nichts und nur 400 Garden des Koenigs +bekommen Zahlung, naemlich 8 Amolen (Salzstuecken) im Jahre, etwa 18 +Groschen im Werthe, ausser der Bekoestigung, wie sie jeder koenigliche Sklave +auch erhaelt. Dass in einer so zusammengesetzten Armee wenig Disziplin +herrscht, laesst sich denken. Ohne Ruecksicht fuer die der Reife +entgegengehende Ernte, die niedergetreten wurde, waelzte sich die Schar, +einem Heuschreckenschwarme gleich, Alles vor sich aufzehrend, in +suedwestlicher Richtung weiter, ohne dass die Einzelnen wussten, wohin der +Raubzug eigentlich gehe, denn der Koenig bewahrte das Geheimniss seines +Zieles so streng, dass nicht einmal seine hoeheren Offiziere davon +unterrichtet waren. + +Nichts konnte einfoermiger sein als der Landstrich, den man zuerst +durchzog. Weite, grasige, wellenfoermige, mit Feldern durchsetzte Ebenen, +ohne einen einzigen Baum dehnten sich vor dem Heere aus. Verschiedene +kleine Baeche und Fluesse, die dem Nile zustroemen, wurden ueberschritten, und +Se. Maj., dem es zu viel wurde, immer zu reiten, wollte zur Abwechselung +einmal gehen, stieg ab und liess sich ein paar Pantoffeln reichen, die aber +bald im Kothe stecken blieben, sodass der Koenig schliesslich vorzog, gleich +seinen Unterthanen barfuss einherzuschreiten. In der weiten, von Huegeln +umschlossenen Ebene Abai Deggar wurde ploetzlich der Befehl ertheilt, das +Lager aufzuschlagen und die Umgebung auszupluendern. Sogleich rueckten im +vollen Galopp die Reiterbanden nach allen Richtungen aus, brannten die +Doerfer nieder, zertraten das Getreide und trieben das Vieh ins Lager. +Fortwaehrend herrschte die groesste Unordnung im Heere, das nur in losen +Haufen, weit zerstreut marschirte, und so eher den Anblick einer +geschlagenen als einer vordringenden Armee darbot. In ihren kurzen, weiten +Beinkleidern, den Leib mit der langen Binde umwickelt, mit dem Leoparden- +oder Loewenfell auf der Schulter, mit Speer und Schild bewaffnet, setzten +die Reiter durch den schlammigen Boden, der auch des Nachts ihr einziges +Lager war; viele blieben aber liegen und gingen an den Strapazen zu +Grunde, da es in der Nacht gewoehnlich fror. + +An der 1200 Fuss hohen Gebirgskette _Garra Gorfu_ war endlich das Ziel +erreicht. Langsam zog die Armee zum Ruecken der Berge hinauf, waehrend +rechts und links Scharen abschwenkten, um den Feind zu umgehen. In einer +Breite von vier bis fuenf und einer Laenge von etwa zwoelf Stunden bilden die +mit Feldern bestandenen Garra-Gorfu-Berge eine Wasserscheide zwischen Nil +und Hawasch; an ihnen wohnen die _Sertie-Galla_, die sich seit langer Zeit +schon in offenem Aufstande gegen den Koenig befanden, d. h. sie hatten die +verlangten Steuern nicht bezahlt und sogar eine zur Eintreibung derselben +abgesandte Reiterschar von 800 Mann erschlagen. Jetzt nahte der Tag der +Rache fuer den verweigerten Gehorsam. + +Gleich einem angeschwollenen Strome ergoss sich das Heer ueber die +friedliche Landschaft, deren Bewohner nichts Boeses ahnten, und nun rueckten +15,000 blutgierige Barbaren gegen sie heran. Ruhig bestellte noch der +friedliche Landmann sein Feld, die Weiber gingen ihrer Beschaeftigung nach +und auf den blumigen Wiesen weidete das Vieh. "Moege der Gott, welcher der +Gott meiner Vaeter ist, uns staerken und verzeihen!" sprach wuthfunkelnden +Blickes der christliche Koenig und gab damit das Zeichen zur Verwuestung. +Dorf auf Dorf wurde niedergebrannt, bis die Luft durch den Rauch +verfinstert war, der Speer des Kriegers durchsuchte jeden Busch nach +Fluechtigen. Weiber und Kinder wurden in hoffnungslose Sklaverei abgefuehrt; +alte und junge Maenner erbarmungslos erschlagen und die Herden +weggetrieben. Jeder Krieger wollte es dem andern an Blutdurst und +Grausamkeit noch zuvorthun. Ganze Familien wurden umringt und +niedergespeert; Unglueckliche, die auf die offene Ebene sich fluechteten, +gleich einem Wild verfolgt und zusammengehauen; drei- oder vierjaehrige +Kinder, welche auf Baeume geklettert waren, herabgeschossen, wie man Voegel +vom Baume schiesst. Nach Verlauf von zwei Stunden verliess das Heer wieder, +mit Beute beladen, das verwuestete Thal. Da, wo die Staette eines +friedlichen Ackerbaus gewesen, wo glueckliche Menschen gewohnt, hoerte man +nur das Knistern der zusammenbrechenden, niedergebrannten Balken und das +Schreien der Geier, die, vom Leichengeruch angelockt, aus weiter Ferne +herbeigezogen kamen. Das ist der abessinische Krieg, so war er einst, so +war er bis heute unter Theodoros: Ueberfall, Mord, Raub, Schlaechterei - +selten eine offene Feldschlacht kennzeichnen ihn. + +Das Nachtlager der siegreichen Armee bot einen teuflischen Anblick dar. +Ueberall flammten die Feuer, bluteten die geschlachteten Schafe, wieherten +laut die Rosse, bruellten siegestrunken die Krieger oder weinten leise die +gefangenen Gallamaedchen. Die Speere und Schilde der grimmigen Krieger, +welche ihre Haende in das Blut unschuldiger Kinder getaucht hatten, +funkelten durch die Nacht; erst allmaelig erstarb der wueste Laerm, und die +Nacht deckte ihren dunklen Schleier ueber die barbarischen Scenen des +Tages. + +Nach dieser blutigen Fehde hielt der Koenig seinen triumphirenden Einzug +erst in Angollala, dann spaeter in der Landeshauptstadt Ankober, welche er +seit der Ankunft der britischen Gesandtschaft in Schoa nicht besucht +hatte. Erwartet von der gesammten Priesterschaft und den Einwohnern, von +den koeniglichen Pauken und den Staats-Sonnenschirmen, seinen Kriegern, +Generalen und der britischen Gesandtschaft geleitet, zog er in die +jubelnde Stadt ein, deren Daecher, Palissadenzaeune und Strassen mit einer +dichten Menschenmasse erfuellt waren. Der Laerm und die Musik dauerten so +lange an, bis der Koenig und sein Gefolge den steilen, gewundenen Pfad zum +Palaste hinaufgestiegen, die neun Thorwege passirt und im innersten +Hofraume Platz genommen hatte. Hier liess sich Se. Maj. in einem erhoehten +Alkoven, seinem Throne, nieder; dann ertoente wieder die grosse Pauke und +dreihundert im Hofe sitzende Kebsweiber begannen in die Haende zu +klatschen, waehrend eine Taenzerin vor dem Herrscher ihre Spruenge machte und +ein selbst gedichtetes Lied zu dessen Lobe sang. Wenn sie einen Vers +geendigt und z. B. gesagt, dass der Fuerst, der stets ueber seine Feinde +triumphirt hatte, niemals seine koenigliche Stirn mit einem schoeneren +Siegeskranze geschmueckt haette als gerade jetzt, wandte sie sich nach der +Menge um. Mit lautem Geschrei fiel diese als Chorus in ihren Vers ein. Die +Krieger heulten dann laut vor Freuden, die Grossen des Reichs, die +Haeuptlinge, Gouverneure und Generale klatschten in die Haende und die vor +dem Palaste versammelte Menge erwiderte mit lautem Jubelgeschrei diesen +Siegesjubel, waehrend, um die Freude voll zu machen, die britischen +Artilleristen ihr Geschuetz abbrannten. + + [Illustration: Siegesfest in Ankober. Nach M. Bernatz.] + +Am Tage des Erzengels Michael, dessen Kirche unmittelbar neben dem Palaste +steht, nahm um Mitternacht Sahela Selassie das heilige Abendmahl und +stattete Gott ein Dankgebet fuer den errungenen Sieg ab. Die Bundeslade, +die ihm im Kriege Glueck gebracht, wurde wieder in feierlicher Prozession +an ihre alte Stelle in der Michaelskirche gesetzt und den Armen reichlich +Almosen gespendet. So schloss das Siegesfest. + +Mit Erlaubniss des Koenigs unternahm die britische Gesandtschaft +verschiedene Streifzuege durch das Land, namentlich in die noerdlichen +Galladistrikte. Heimgekehrt nach Angollala kam sie ihrem Ziele, dem +_Abschlusse eines Handelsvertrages_ mit Schoa, immer naeher, gegen den der +Koenig sich anfangs sehr gestraeubt hatte. Die Artikel wurden sauber auf +Pergament aufgesetzt und ein Tag zu dessen Unterzeichnung bestimmt. + +Zur bestimmten Stunde lagerte Se. Maj. im Alkoven, umgeben von den +Wuerdentraegern seines Reiches. Das kuenstlerisch ausgestattete Dokument, auf +dem die heilige Dreieinigkeit als Schoa's Wappen und das koeniglich +englische Siegel angebracht waren, wurde vor Sahela Selassie in englischer +und amharischer Sprache verlesen. Unter den 16 Artikeln befanden sich auch +solche, welche eine foermliche Umwaelzung in vielen der bisher in Schoa +geltenden Anschauungen hervorbrachten. So wurde das Recht der Krone, das +Eigenthum fremder im Lande verstorbener Personen ohne Weiteres sich +aneignen zu koennen, aufgehoben, viele Monopole beseitigt und den Fremden +gestattet, wieder nach dem Besuche des Landes in ihre Heimat zurueckkehren +zu duerfen, was vorher nicht der Fall war. Tekla Mariam, der koenigliche +Notar, kniete mit dem aufgerollten Dokumente vor dem Lager Sahela +Selassie's, dem er die Feder zum Unterschreiben der Stelle darreichte, +welche lautet: "So geschehen und beschlossen zu Angollala, der +Galla-Hauptstadt Schoa's, zum Zeichen dessen wir unsere Unterschrift und +Siegel hier beisetzen, Sahela Selassie, Negus von Schoa, Ifat und der +Galla." In Gegenwart hoher Beamten drueckte dann der Schreiber noch das +koenigliche Siegel - ein Kreuz, um welches das Wort Jesus geschrieben ist - +unter den Handelsvertrag, der dem Kapitaen Harris vom Koenige mit folgenden +Worten eingehaendigt wurde: "Ihr habt mich mit koestlichen Geschenken +erfreut. Das Gewand, welches ich trage, der Thron, auf dem ich sitze, die +vielen Merkwuerdigkeiten in meinen Magazinen, die Flinten, welche in der +grossen Halle haengen, sie stammen alle aus eurem Lande. Was kann ich euch +dagegen bieten? Mein Koenigreich ist so viel wie Nichts." + +Kurze Zeit darauf wurde der Koenig, dessen Lebenswandel nicht der solideste +war, wieder einmal sehr krank und liess die englischen Aerzte rufen, um ihn +zu kuriren. Jammer und Elend mochten sein Herz erweichen und er fasste, +gleichsam um die Vorsehung mit sich zu versoehnen, den Entschluss, alle +seine maennlichen Verwandten, die er bisher im Staatsgefaengniss zu Gontscho +bei Ankober gefangen hielt, zu befreien und auf diese Weise einen Damm zu +durchbrechen, den eine barbarische Sitte seiner Vorfahren um den Thron +errichtet hatte. Die Koenige von Schoa naemlich hatten, nach erlangter +Unabhaengigkeit von den uebrigen Abessiniern, es zur Gewohnheit gemacht, dass +Jeder von ihnen bei seiner Thronbesteigung alle seine Brueder in ein +Staatsgefaengniss einsperrte, und nur die Schwestern, von denen keine +Mitbewerbung um den Thron zu fuerchten war, behielten ihre Freiheit. Dass in +einem despotischen Staate wie Schoa sich allerdings eine solche Massregel +empfehlen konnte, geht aus der frueheren Regierungsgeschichte des Koenigs +Sahela Selassie hervor, da einer seiner Brueder, der die Freiheit behalten +und sich dem Klosterleben gewidmet hatte, selbst das Moenchsgewand dazu +benutzte, um hier und da im Lande Revolutionen anzustiften. Die Koenige von +Schoa nahmen bei jener barbarischen Sitte nur das Verfahren der +sogenannten salomonischen Dynastie in Abessinien im Allgemeinen sich zum +Muster, und erst im vorigen Jahrhundert wurde diese Sitte in Amhara und +Tigrie abgeschafft. _Seitdem herrschte aber dort auch bestaendiger +Buergerkrieg._ + +Das war das letzte bemerkenswerthe Ereigniss, welches die britische +Gesandtschaft waehrend ihres Aufenthaltes in Schoa niederzuschreiben hatte, +denn bald darauf erfolgte ihre Abberufung. + +Durch einen in England eingetretenen Ministerwechsel war die Gesandtschaft +in Schoa unfreundlich beruehrt worden, indem die neue Tory-Regierung einer +Fortsetzung der Verbindung mit Schoa unguenstig war und die Gesandtschaft +zurueckberief. Kapitaen Harris hatte jedoch sich gegen die Zurueckberufung +gestraeubt und sich angeboten, ohne seinen Gehalt als Gesandter mit seiner +blossen Pension als Kapitaen der Artillerie in Ankober zu bleiben. Da keine +Antwort hierauf eintraf und die Gesandtschaft an allen Mitteln Mangel +litt, musste Kapitaen Harris sich endlich im Februar 1843, nachdem er 18 +Monate in Schoa verweilt, zur Umkehr entschliessen. Erst in der +Grenzstation Farri erhielt er von der Regierung in Bombay Gegenbefehl; +allein es war nun zu spaet, da keiner ausser Harris selbst Lust zur Umkehr +spuerte. In Erwiederung auf jene glaenzenden Gaben, die der Koenig von Schoa +von England erhalten, schickte dieser nun der Koenigin Viktoria ein +huebsches Maulthier, einige naturhistorische Merkwuerdigkeiten und einige +Gold- und Silberarbeiten als Industrieerzeugnisse seines Landes zu +Gegengeschenken. Auf Verlangen der Gesandtschaft hatte Sahela Selassie +derselben auch zwei seiner Soldaten als Boten mitgegeben, um die +freundschaftlichen Gesinnungen, die man von ihm erwartete, der britischen +Regierung auszudruecken. + +Noch einige Jahre lebte Sahela Selassie, dessen Ruf durch verschiedene +Reisende durch ganz Europa drang; dann segnete er das Zeitliche und +erhielt in Hailu Melekot einen weit weniger energischen Nachfolger. Nicht +allein, dass die Galla gegen diesen mit erneuerter Macht auftraten und +seinen Thron erschuetterten - sondern die Selbstaendigkeit Schoa's ging +unter ihm zeitweilig verloren, indem im Jahre 1856 die neu aufgegangene +Sonne, Theodoros II., den Staat mit Gesammtabessinien vereinigte. Erst als +dieser in den Krieg mit England verwickelt wurde, gelang es dem Enkel +Sahela Selassie's, dem jungen Menilek, seine Krone wieder zu erlangen. Der +folgende Abschnitt, welcher die so merkwuerdige neueste Geschichtsepoche +Abessiniens behandelt, giebt darueber Auskunft. + + + + + + [Illustration: Suedwestfront des Gemp in Gondar. Nach einer + Originalzeichnung von E. Zander.] + + + + + + THEODOROS II., NEGUS VON AETHIOPIEN. + + + Bewegte Jugend. - Der Emporkoemmling. - Schlacht von Debela und + Koenigskroenung. - Rebellenkriege. - Reformen. - Abessinische Heere + und Kriegspraxis. - Verwicklungen mit den Missionaeren. - + Gefangennahme Cameron's und Streitigkeiten mit England. - Magdala. + - Beginn der englischen Invasion. - Erstuermung von Magdala und Tod + Theodor's. - Rueckzug der Englaender. + + +Im aeussersten Westen Abessiniens, angrenzend an das den Aegyptern +unterthane Gebiet, liegt die Provinz _Koara_, bekannt durch die besondere +Sprache, welche, abweichend von derjenigen des uebrigen Landes, ihre +Bewohner reden. Dort sowol als in dem benachbarten Fuerstenthum Sana +regierte seit alten Zeiten eine adlige Familie, die im Beginn dieses +Jahrhunderts durch den Detschas Hailu Mariam repraesentirt wurde. Seine +Frau, die sich ruehmen konnte, aus noch vornehmerem Geschlechte +abzustammen, da sie mit der "salomonischen Dynastie" verwandt war, gebar +ihm im Jahre 1820 einen Sohn, der _Kasa_ genannt wurde. Gewiss war es dem +Knaben, der spaeter den Namen Theodor II. fuehrte, nicht an der Wiege +gesungen, dass er einst ueber ganz Aethiopien als Negus herrschen und seine +Widersacher niederwerfen werde; denn obgleich aus herzoglichem Geschlecht, +bezeichneten seine fruehesten Jahre doch das Elend und die Noth. Beim Tode +seines Vaters theilten die Verwandten das Erbtheil Kasa's unter sich und +zwangen die aus koeniglichem Blute entsprossene Mutter, sich durch den +Verkauf von Heiltraenkchen und Kusso (dem Mittel gegen den Bandwurm) zu +ernaehren. Der Knabe aber fand im Kloster Tschankar am Tanasee, suedlich von +Gondar, Aufnahme, um sich dort zum Debtera heranzubilden. Dass er dort den +Studien fleissig obgelegen und erlernt hatte, was man in Abessinien +erlernen kann, dafuer zeugt seine spaetere Laufbahn, in welche der arme +Student der Gottesgelahrtheit durch einen Zufall hineingefuehrt wurde. Es +war zu Anfang der vierziger Jahre, als wieder einmal ein Rebell die +Provinz Dembea heimsuchte und sengend und brennend von Ort zu Ort zog. +Auch das Kloster Tschankar wurde ueberfallen und dort ein Blutbad +angerichtet, dem der junge Kasa nur mit Muehe entkam. Mit einem Haufen +Abenteurer durch das Land ziehend, fuehrte er ein Raeuberleben und schwang +sich bald zum Befehlshaber derselben empor. Durch glueckliche Erfolge kuehn +gemacht, beschloss er, sich eine Provinz zu erobern, und fiel zunaechst ueber +Dembea her, wo damals die kluge und grausame Fuerstin _Menene_, die Mutter +des Ras Ali, herrschte. An der Spitze ihrer Truppen stellte sich die +beherzte Frau dem jungen Rebellen entgegen; doch das Schicksal entschied +gegen sie. Geschlagen wusste sie doch dem Unheil noch die beste Seite +abzugewinnen und den Kasa an sich zu fesseln, indem sie ihm ihre Enkelin +_Tsubedsche_, die Tochter des Ras Ali, zur Frau gab. Dem Muthigen hilft +das Glueck! dachte Kasa, in dessen Kopf nun grossartige Plaene sich zu +entwickeln begannen; die Aegypter hatten Galabat erobert und gegen die +Hauptstadt dieser Provinz, Metemme, richtete er nun seinen ersten Angriff. +Es war gerade Markttag, als er heranrueckte und mit seinen Gefaehrten den +Ort ueberfiel, auspluenderte und mit grosser Beute sich zurueckzog. Indessen +die Rache folgte auf dem Fusse. Kasa gerieth am Flusse Rahad zwischen zwei +Compagnien regulaerer aegyptischer Infanterie und wurde gruendlich +geschlagen. Seine Bande zerstreute sich und er selbst fluechtete mit einer +Kugel in der Schulter in das Innere des Landes. Von Allen verlassen, +huelflos und ohne die geringsten Mittel wandte er sich nun an die Fuerstin +Menene; allein diese wies ihn spoettisch zurueck und ihr General, der +Detschas Underad, wagte es sogar, ihn wegen seiner Herkunft als Sohn einer +Kussoverkaeuferin zu verspotten. Da ergrimmte Kasa, sammelte Anhaenger und +schlug Menene sammt ihrem General, die gefangen wurden. Als man sie vor +ihn fuehrte, redete er sie folgendermassen an: "Liebe Leute! Wie ihr ganz +richtig bemerkt habt, bin ich der Sohn einer Kussoverkaeuferin und ihr +erinnert mich, dass meine Mutter heute noch Nichts abgesetzt hat. Macht +diesen Fehler gut und trinkt gefaelligst diese Flasche aus." Und damit +zwang er sie, das abscheulich schmeckende, kraeftig wirkende +Abfuehrungsmittel zu verschlucken. + +Nun war Kasa Herr von Dembea und Gondar, wo sein Einfluss von Tag zu Tag +wuchs. Als darauf, um ihn niederzuwerfen, sein eigener Schwiegervater, Ras +Ali, gegen ihn auszog, wurde auch dieser besiegt und musste 1852 nach Debra +Tabor, spaeter zu den Galla fliehen. Kaum war dieser aus dem Felde +geschlagen, so rueckte der Detschasmatsch _Goschu_ aus Godscham gegen Kasa +vor, um den Emporkoemmling zu zuechtigen. Wieder wandte sich das Geschick +und Kasa, an den Ufern des Tanasees geschlagen, fluechtete in ein Maisfeld. +Ihm nach sprengte Goschu, laut ausrufend: "Wer faengt mir diesen Vagabunden +ein?" Kaum hatte er die Worte gesprochen, als ein wohlgezielter Schuss +Kasa's ihn niederstreckte, der nun, aus seinem Verstecke hervorspringend, +Goschu's Truppen zurief: "Schaut, euer Fuerst ist hin, und ihr seid Hunde, +was wollt ihr machen?" Entmuthigt durch den Tod ihres Fuehrers streckten +die meisten die Waffen und der Rest fiel unter dem Schwerte der wieder +gesammelten Truppen Kasa's. Mit dem Falle dieses letzten Haeuptlings hatte +Kasa das ganze centrale Abessinien sich unterworfen und nur noch Schoa und +Tigrie waren unbesiegt. In ersterem Staate herrschte unabhaengig _Hailu +Melekot_, der Sohn Sahela Selassie's, in letzterem der alte _Ubie_. Der +naechste, welchen das Schicksal betreffen sollte, war Ubie, doch musste Kasa +mit diesem alten schlauen Greise anders zu Werke gehen, als mit den +uebrigen Gegnern. In Adoa, Ubie's Hauptstadt, spielten damals die +katholischen Missionaere, namentlich de Jacobis, eine grosse Rolle, welche +den alten Ubie ganz fuer sich eingenommen hatten und ihm Frankreichs Schutz +zusagten, waehrend sie den Abuna Abba Salama zu verdraengen suchten. Hierauf +baute Kasa seinen Plan. Um den Kirchenfuersten, der durch die Katholiken +seine Macht immer mehr geschmaelert sah, auf seiner Seite zu haben, liess er +ihn von Adoa nach Gondar kommen und versprach ihm, wenn er ihn zum Koenige +kroenen wolle, die Katholiken zu vertreiben. Der Vertrag wurde geschlossen, +die Katholiken zuerst aus Amhara verjagt und Ubie aufgefordert, sich zu +unterwerfen und Tribut zu bezahlen. Allein dieser, der 25 Jahre lang im +Schosse des Gluecks gesessen und an sein Ende nicht glauben mochte, liess es +auf eine Entscheidung durch die Waffen ankommen. + +Gross und bedeutend waren die Vorbereitungen, die von beiden Seiten zum +Feldzuge getroffen wurden, denn der Tag, welcher ueber Abessiniens Zukunft +entscheiden sollte, war gekommen. + +Ueber die Hochebene von Woggara rueckte im Januar 1855 das Heer des +Emporkoemmlings nach Semien vor; ihm entgegen zog von der Enderta her der +alte Ubie. Immer hoeher winden sich die Truppen in die Alpenpaesse hinauf, +immer schneidender wird die Luft dort oben und der Schnee laesst seine +weissen Flocken auf die braunen, leichtgekleideten Krieger herniederfallen, +die in gedeckter Stellung am Fusse des maechtigen Bachit sich treffen und +zoegernd einander beobachten. Hier das Alter, die Erfahrung und eine +erprobte Macht; dort die Jugend, die Thatkraft und die Siegesgewissheit, +welche rasche Erfolge und Glueck verliehen haben. Schon zaudert man +wochenlang - da bricht mit einem Male - es war am 9. Februar - Ubie mit +seiner gesammten Streitmacht auf. Beim Dorfe _Debela_ kommt es zur +entscheidenden Schlacht, in der Ubie's Heer vernichtet, er selbst +gefangen, einer seiner Soehne getoedtet wurde. 7000 Flinten und zwei vom +Koenige Ludwig Philipp geschenkte Kanonen nebst einem Schatz von 60,000 +Thalern fielen mit der kurz darauf folgenden Einnahme der Festung Amba Hai +in die Haende des gluecklichen Kasa, der nun am Ziele seiner Wuensche +angelangt war. + +Nicht fern von der Wahlstatt steht die von unserm Landsmann Eduard Zander +erbaute Kirche _Debr Eskie_. Dorthin begab sich schon zwei Tage nach der +Schlacht, umringt von seinen Generalen und gefuehrt vom Abuna, der +siegreiche Sohn der armen Kussohaendlerin. Sein Stern war glaenzend +aufgegangen und dem gluecklichen Krieger fuhr der Gedanke durch die Seele, +dass er berufen sei, das grosse aethiopische Reich wieder aufzurichten. Er +glaubte sich zu hohen Dingen auserkoren. Ging doch unter den abessinischen +Christen die alte Sage, es werde einst ein Kaiser _Tadros_ (Theodoros) +erstehen, um den Glanz Aethiopiens wieder herzustellen, das Land gross, das +Volk frei und gluecklich zu machen; er sei vom Himmel dazu bestimmt, die +Muhamedaner zu ueberwaeltigen und Mekka sammt Medina zu zerstoeren. Daran +anknuepfend, liess sich nun Kasa vom Abuna Salama in der Kirche zu Debr +Eskie am 11. Februar 1855 zum Negus ueber Aethiopien kroenen, wobei er den +Thronnamen Theodor II. annahm. De Jacobis und die Katholiken mussten nun +unter Androhung der Todesstrafe schleunig das Land raeumen. + +Nachdem Theodor nothduerftig durch Einsetzung eines Statthalters sein +Ansehen in dem noch keineswegs ganz unterworfenen Tigrie hergestellt, +beschloss er, zunaechst Schoa zu unterjochen, wozu theologische +Spitzfindigkeiten, naemlich die Frage von den zwei oder drei Geburten +Christi (vergl. S. 112) den Vorwand hergeben mussten. Durch Wollo-Galla zog +er auf Schoa zu, dessen schwacher Koenig, _Hailu Melekot_, an einem +entscheidenden Tage die Krone verlor und bald darauf starb. Nachdem noch +die Provinz Godscham von Rebellen gesaeubert war, hielt der siegreiche +Fuerst im Mai 1856 seinen feierlichen Einzug in die alte Kaiserburg zu +Gondar. Nominell reichte jetzt sein Land, das den Kern des alten +aethiopischen Reichs umfasste, vom Hawaschflusse bis zur Samhara. Aber es +haette nicht Abessinien heissen muessen, um Ruhe zu haben: von allen Seiten +regte es sich, um den Koenig wieder niederzuwerfen, und der Buergerkrieg +brach mit seiner ganzen Wuth von Neuem in Tigrie aus. + +Ein Neffe des entthronten Ubie, _Agau Negusi_, setzte sich im +nordwestlichen Tigrie fest und vertrieb den Statthalter Theodor's. Negusi +war ein gutmuethiger, loewenherziger Juengling, dem es nur an festem Willen +fehlte. Fuenf Jahre lang war er Herrscher ueber Tigrie an der Spitze einer +glaenzenden Armee, weil Theodor von Ahmed Beschir, der sich an die Spitze +der raeuberischen Galla gestellt, nicht loskommen konnte. Unterdessen +knuepfte Negusi mit Frankreich Verbindungen an, stand in naechster Beziehung +zu den franzoesischen Agenten in Massaua und zu dem Bischof de Jacobis, +welchem, wie wir gesehen haben, das Betreten des abessinischen +Territoriums bei Todesstrafe verboten war. Ein Brief Negusi's an Herrn von +Lesseps, in welchem er anbietet, sich Frankreich unterwerfen zu wollen, +wurde in Massaua verfasst, und Negusi soll kaum soviel Kunde davon gehabt +haben, als von der Abschickung einer Gesandtschaft nach Frankreich, durch +welche den Franzosen unter der Bedingung, dass sie ihn beim Umsturz der +jetzigen Dynastie beguenstigen wollten, die Bai von Adulis und die Insel +Dessi geschenkt wurden. Ein Kapitaen Russel mit einigem Gefolge wurde +sofort von Paris nach Massaua geschickt, um mit dem "Empereur Negousi" zu +verhandeln, der stuendlich auf die versprochenen franzoesischen Huelfstruppen +sammt Waffen wartete. Diese erschienen jedoch nicht. Nachdem Russel's +Ankunft bekannt geworden, ging er nach Halai, dem Grenzorte zwischen +Abessinien und dem Kuestenlande, wo Jacobis seit seiner Vertreibung wohnte. +Allein die Anhaenger Theodor's setzten ihn, da mittlerweile Negusi +geschlagen war, gefangen, und nur auf Jacobis' Garantie wurde er +freigelassen, allein unter der Bedingung, dass er dessen Haus nicht +verlasse. Doch Russel entfloh in der Nacht des 5. Februar 1860, wodurch +Jacobis in grosse Verlegenheiten gerieth. Dieser blieb einen Monat in +schmaehlicher Gefangenschaft, musste ein Loesegeld bezahlen und starb kurz +nach seiner Rueckkehr nach Massaua infolge der Strapazen. Damit hatte die +glaenzende franzoesische Intervention ihr Ende. + +Der Untergang und Fall Negusi's selbst war ein hoechst tragischer. Als +Theodoros Zeit fand, nach Tigrie zurueckzukehren, entzog sich Anfangs +Negusi durch eine kuehn ausgefuehrte Bewegung seiner Verfolgung; er nahm den +Rueckzug, weil er wusste, dass seine Soldaten sich nie gegen Theodoros +schlagen wuerden. Im folgenden Jahre, 1861, kam der Koenig abermals ueber den +Takazzie und diesmal erwartete ihn Negusi mit einem an Tuechtigkeit +ueberlegenen Heere; er erklaerte als ein guter Ritter auf seinem Rosse +siegen oder sterben zu wollen. Aber sein Heer, das fuenf Jahre mit ihm +gezecht hatte, liess ihn im Stich. Ein panischer Schrecken ging durch das +Lager; Theodor erliess eine Proklamation, worin er jedem Soldaten Pardon +anbot. Auf dieses hin zerstreute sich das Heer und Negusi wurde sammt +seinem Bruder Tesama auf der Flucht gefangen genommen. Theodoros liess sie +vorfuehren und beiden die linke Hand und den rechten Fuss abhauen, und um +die Schmerzen noch qualvoller zu machen, verbot er, ihren brennenden Durst +zu loeschen. Tesama starb noch an demselben Tage. Negusi lebte bis zum +dritten Tage und man machte seinen Leiden durch einen Lanzenstich ein +Ende. Die Kirchen stroemten vom Blute der Hingerichteten und als eine +Deputation der Geistlichen in Axum vor Theodor erschien, aeusserte dieser: +"Ich habe einen Bund mit Gott abgeschlossen, er hat versprochen mich auf +Erden nicht zu schlagen; ich dagegen habe gelobt, nicht in den Himmel zu +steigen und ihn zu bekaempfen!" + +Nachfolger Negusi's als Gegenkoenig und Rebell wurde ein gewisser _Marit_, +der jedoch im Oktober 1861 durch den _alter ego_ des Kaisers Theodor, den +Detschas Salu von Tigrie gefangen und in Ketten gelegt wurde. Die Waffen +erhielten diese Rebellen durch einige Oesterreicher ueber Aegypten und +Massaua. + +Doch diese ganze Empoerung ist ein gewoehnliches Stueck abessinischer +Geschichte, wobei nur die dem Negusi zugeschriebene Bedeutung auffaellt, +waehrend dieses doch nicht der Mann war, um einem Theodor, dessen Namen +allein ein Heer in die Flucht jagte, gegenueber gestellt werden zu duerfen. +Von grosser Wichtigkeit und erheblichen Folgen wurden jedoch einige +Episoden dieses Empoerungskrieges, der Theodor seiner besten europaeischen +Freunde beraubte. + +Kurz vor dem Emporkommen Theodor's errichtete die britische Regierung ein +Konsulat in Massaua, und um den Verkehr mit Abessinien in regelrechten +Gang zu bringen, knuepfte der Konsul _Walther Plowden_ freundschaftliche +Beziehungen mit dem mittlerweile ans Ruder gelangten Theodoros an, wodurch +er hoch in des neuen Herrschers Gunst stieg. Er begab sich an seinen Hof +und trug dazu bei, Theodor's Vorliebe fuer europaeische Sitten und +europaeisch aussehende Reformen zu naehren. Auf vielen seiner zahllosen +Kriegszuege begleitete ihn der englische Konsul ebenso getreu, wie auf +seinen Jagdzuegen und bewies sich, sehr verschieden von der reservirten +Haltung britischer Diplomaten an anderen Hoefen, als der waermste und +thaetigste Parteigaenger des Koenigs. Fuenf Jahre lang war er der intimste +Freund Theodor's, bis ihn, zum Schmerze des Fuersten, im Beginne des Jahres +1860 die Kugel eines aufstaendischen Soldaten, der dem Rebellencorps der +Gebrueder Garet angehoerte, niederstreckte. Noch naeher ging dem Koenige der +Tod des Irlaenders _John Bell_, der ein Jaegerleben am Blauen Nil gefuehrt +und eine schwaermerische Zuneigung zu Theodor gefasst hatte, sodass er gleich +einem Hunde des Nachts vor dessen Zeltthuer schlief. Gern hoerte ihn der +Fuerst ueber das Finanzwesen und die Regierungsform der verschiedenen +europaeischen Staaten sprechen, um Lehren fuer sich daraus zu ziehen. Bell +wurde zum Likamankuas, d. h. zum Traeger des koeniglichen Kleides in der +Schlacht gemacht, eine Ehre, die nur vier Offizieren widerfaehrt, die sich +ganz wie der Koenig kleiden muessen, damit der Feind den wirklichen Koenig +nicht unterscheiden koenne. Bei der Verfolgung der Rebellen, welche Plowden +ermordet hatten, befand sich auch Bell an der Seite Theodor's, der die +feindlichen Gebrueder Garet in der Naehe von _Dobarek_, da, wo die +Hochebenen von Wogara sich an Semien anschliessen, einholte. + +Garet, der sich auf keine andere Weise zu retten wusste, rief seinen Bruder +und einige Begleiter zu sich und ritt in gestrecktem Galopp auf Theodor +zu, der von Bell und einigen Offizieren umgeben, der Truppe vorausgeeilt +war. Als Garet sich in Schussweite befand, hielt er an, zielte und feuerte. +Der Negus wurde unbedeutend an der Schulter verwundet. In diesem +Augenblick gab Bell Feuer und jagte dem verwegenen Garet eine Kugel durch +den Kopf, erhielt aber gleichzeitig einen Lanzenstich durch die Lunge, +infolge dessen er todt zusammenbrach. Nun gab auch Theodor Feuer und +streckte den juengeren Garet nieder. Die Wuth und der Schmerz des Koenigs +ueber den Verlust seines getreuen Dieners ueberstieg alle Grenzen und +Garet's ganzes gegen 1700 Mann starkes Corps, das sofort die Waffen +streckte, wurde enthauptet. Der Reisende, der heute ueber die Ebene von +Wogara bei Dobarek zieht, sieht dort das Feld noch weit und breit mit +Menschengebeinen uebersaet, den Zeugnissen der schauderhaften Rache, welche +Theodor an den Moerdern seines Lieblings genommen (vergl. oben S. 203). Und +doch war dieser Akt noch weit weniger grausam, als die frueher uebliche +Bestrafung der Kriegsgefangenen, die man entmannte. Hochverraether wurden +nach Isenberg's Zeugniss frueher oeffentlich bei lebendem Leibe geschunden, +das Fleisch dann in kleine Stuecken zerhackt und den Hunden vorgeworfen; +die Haut aber gerbte man und machte Trommelfelle daraus. Alle diese +barbarischen Strafen schaffte Theodoros Anfangs ab, aber die fortwaehrenden +Unruhen zwangen ihn, spaeter wieder darauf zurueckzukommen, und das Blut +floss auch unter Theodor in Stroemen. + +Die inneren Feinde waren so allmaelig niedergeworfen, dafuer trat jedoch von +aussen ein weit maechtigerer Widersacher, _England_, auf. Ehe wir jedoch +hierzu uebergehen, ist es nothwendig, noch einen Blick auf Charakter und +Persoenlichkeit, wie auf die reformatorischen Bestrebungen des Negus zu +werfen, der jedenfalls _ein ganz bedeutender Mensch_ in seiner Weise war, +eine seltene und grossartige Erscheinung in Abessinien, die allerdings mit +europaeischem Massstabe nicht gemessen werden darf. + +"Theodoros", so schrieb 1862 Lejean, "mag etwa 46 Jahre alt sein. Er ist +von mittlerem Wuchs und wohlgestaltet, hat einen offenen sympathischen +Gesichtsausdruck, gut entwickelte Stirn, kleine, lebhafte Augen und eine +fast schwarze Gesichtsfarbe. Nase und Kinn erinnern an den juedischen +Typus. Er ist aus Koara gebuertig und ich halte ihn fuer einen Agow oder +Gamanten; fuer einen Aethiopier von reinem Blute ist Theodoros zu +dunkelfarbig. Seine aeussere Erscheinung imponirt, sie zeigt, dass er in der +That ein Mann von grosser geistiger Regsamkeit und unermuedlicher +Kraftentwicklung ist, und er bildet sich auch hierauf etwas ein. Er +vertreibt sich gern die Zeit damit, an steilen Huegeln herab- und +heraufzuklimmen und dann erfordert die Etikette, dass seine Umgebung ein +Gleiches thue. Auf dem Pferde bewegt er sich wie ein argentinischer Gaucho +und seine Rosse zittern buchstaeblich, wenn sie ihn kommen sehen. Sein +Kriegsruf ist wie bei allen abessinischen Haeuptlingen: Abba Senghia, d. h. +Vater der Pferde. Fuer gewoehnlich traegt er sich hoechst nachlaessig; als +tuechtiger Soldat verachtet er ein geschniegeltes Wesen, kleidet sich wie +ein gewoehnlicher Offizier, Kopf und Fuesse sind unbedeckt. Aber auf einen +Schmuck der Krieger legt er Werth; er laesst das Haar in drei lange Flechten +legen, welche auf die Schulter herabfallen, und traegt ein weisses +Stirnband." Ausgenommen seine erste Frau, Tsubedsche, hat nie ein Weib +Einfluss auf sein Leben gehabt. Diese aber, die Tochter seines Widersachers +Ras Ali, liebte er leidenschaftlich, und als er sie im Jahre 1858 verlor, +war er kaum zu troesten. Ganz anders ging es seiner zweiten Frau, +_Toronesch_, einer Tochter Ubie's, die er geheirathet, um sich mit der +Familie dieses einst maechtigen Fuersten auszusoehnen. Er verstiess sie +einmal, und Bell, der interveniren wollte, um Skandal zu verhueten, erhielt +eine gehoerige Ohrfeige. Der Fortbestand seiner Dynastie lag dem Koenig +Theodoros nicht minder am Herzen als einem europaeischen Fuersten, und er +behauptete, dass wenigstens einer seiner Soehne ans Ruder kommen muesse, +"denn die Propheten haetten nicht gelogen". Sein aelterer Sohn, von der +Tsubedsche, war ein durchaus verkommener, missrathener Mensch, den der +Vater eines schoenen Tages in einen Eselstall sperren liess, damit er dort +"_en famille_" sei. Der zweite jedoch, Detschas _Maschescha_, wurde 1862 +zum Gouverneur von Dembea ernannt, wo er sich durch sein mildes Wesen so +beliebt machte, dass Theodor es fuer gerathen hielt, ihn abzuberufen. "Was +soll dies Buhlen um die Volksgunst? fragte er ihn. Willst du die Rolle des +Absalon spielen und den Vater vom Throne verdraengen?" + +Das Auftreten Theodor's war meist theatralisch oder, wie die Abessinier +sagen, fakerer, d. h. ruhmredig. Gesten und Stimme waren berechnet und +Niemand wusste besser als er den Praesidentensitz bei einer Versammlung +auszufuellen. Seine brillante Beredtsamkeit verfehlte selten ihr Ziel und +seine Briefe sind Muster der amharischen Sprache. Die halb kloesterliche +Erziehung, die er in Tschankar erhalten, hatte noch Spuren hinterlassen, +und so galt der Koenig fuer einen sehr gebildeten Mann. Er war in der +Nationalliteratur bewandert und kannte die europaeischen Zustaende. Als +Probe seines Stils moege folgende von ihm eigenhaendig niedergeschriebene +Proklamation gelten: "Von Menilek bis auf die juengste Zeit herab sind alle +Negus dieses Landes nur Histrionen gewesen, welche Gott weder um Geist +noch um Beistand baten, das Reich wieder aufzurichten. Als Gott mich, +seinen Diener, zum Koenige erwaehlte, sagten meine Landsleute: Der Fluss ist +ausgetrocknet, es giebt kein Wasser mehr in seinem Bett. Und sie +beleidigten mich, weil meine Mutter arm war und nannten mich ein +Bettlerkind. Aber den Ruhm meines Vaters, den kennen die Tuerken, da er sie +von den Landesgrenzen bis in ihre Staedte zurueckgejagt. Mein Vater und +meine Mutter stammen von David und Salomo, ja von Abraham, dem Knechte +Gottes, ab. Diejenigen aber, welche mich Bettlerkind schimpften, sie +betteln heute selbst um ihr taegliches Brot. Ohne den Willen Gottes koennen +weder Kraft noch Weisheit vor dem Untergange schuetzen. Viele Grosse dieser +Erde haben Bomben und Kanonen im Ueberflusse und sind doch unterlegen. +Napoleon hatte tausende und er ist besiegt worden. Nikolaus, der Negus der +Moskowiter, ist von Franzosen und Tuerken besiegt worden; er starb, ohne +dass seines Herzens Wunsch in Erfuellung ging." + +Von der europaeischen Civilisation hatte Theodor eine hohe Meinung, von der +Moral der Europaeer jedoch nur eine sehr geringe, was auch nicht gut anders +der Fall sein konnte, da die meisten Europaeer, mit denen er zu verkehren +hatte, verdorbenes, hochmuethiges Gesindel waren. So wild der Koenig auch im +Kriege war, an sanfteren Regungen fehlte es ihm keineswegs. Er nahm sich +der Waisen an, sorgte fuer sie durchs ganze Leben, verheirathete sie und +liess sie niemals aus dem Auge. Er liebte die Kinder ausserordentlich und +kehrte sich, wie er sagte, von den falschen Hoeflingen ab, um sich an der +Unschuld jener zu weiden. Dabei war er freigebig im hoechsten Grade, +grossmuethig und gerecht, aber auch unerbittlich streng, wo es darauf ankam. +"Ich selbst war Zeuge," schreibt Krapf 1856, "wie schon Nachts 2 Uhr +Scharen von Beschwerde fuehrenden Leuten aus allen Theilen Abessiniens das +koenigliche Lager umstanden und Dschan hoi! (o Majestaet) riefen. Ich glaube +kein Koenig in der Welt thut es ihm in dieser Beziehung gleich, und musste +mich nur wundern, wenn er es bei einer solchen angestrengten Thaetigkeit +bei Tag und Nacht, in Sachen des Kriegs sowol, wie des Friedens aushalten +kann. Die Abessinier haben ihn aber auch bereits so lieb, dass sie ihn mit +dem Koenig David im alten Bunde vergleichen, und sie glauben, dass die alte +Weissagung, wonach ein Koenig Theodorus kommen und Abessinien gross und +gluecklich machen, auch Mekka und Medina zerstoeren werde, sich zu erfuellen +anfange." + +Obgleich der Negus sein eigenes Volk verachtete und dessen Fehler recht +wohl kannte, so hat er nichtsdestoweniger redlich an der Verbesserung der +Lage desselben zu arbeiten versucht und, soweit den eingewurzelten +Missbraeuchen gegenueber seine Kraft reichte, eine reformatorische Thaetigkeit +entwickelt, die allerdings durch die fortdauernden Rebellionen auf grosse +Hindernisse stossen musste. Durch die lange Anarchie waren alle Gesetze nur +todte Buchstaben geworden und die Kirche in die groessten Missbraeuche +gerathen. Alle ueblen Folgen der todten Hand lasteten auf den Bauern und +Besitzern der Kirchengueter. Gegen diese Missbraeuche trat nun Theodor mit +eisernem Willen auf; er erklaerte die todte Hand als ein nationales Uebel +und annektirte alle Kirchengueter der Krone, indem er der Geistlichkeit ein +gewisses Einkommen und den Kloestern genug Land liess, um sich zu ernaehren. +Auf die Einheit der Kirche hielt er dabei grosse Stuecke; doch war er +Fanatiker und befahl allen Muhamedanern in seinem Reiche, binnen zwei +Jahren Christen zu werden. Mit den Missionaeren, protestantischen wie +katholischen, die sich doch in die politischen Verhaeltnisse mischten, +wollte er nichts zu thun haben - er untersagte ihnen jegliche Thaetigkeit. +Den Handel zu heben, hatte Theodor gleich nach seinem Regierungsantritte +alle die unzaehligen Zollstaetten von Gondar bis nach Halai aufgehoben, zwei +Plaetze ausgenommen. Auch der Sklavenhandel und die Vielweiberei wurden +verboten, freilich ohne grossen praktischen Erfolg. Sein Hauptplan war aber +immer, das grosse aethiopische Reich phoenixartig aus der modernden Asche +wieder erstehen zu lassen. Hierzu brauchte er die Huelfe der Europaeer, und +darum verlangte er nach jenen Handwerkern, die ihm auch durch Krapf's +Vermittlung zugeschickt wurden. Jedenfalls war ueberall ein Fortschritt, +auch in der Justiz zu erkennen, sodass 1862 Heuglin aus Abessinien in die +Heimat schreiben konnte: + +"Die Zustaende in Abessinien im Allgemeinen lassen Manches zu wuenschen +uebrig. Der Koenig stoesst auf tausend Schwierigkeiten bei Einfuehrung seiner +Reformen und muss mit eiserner Strenge verfahren, um nur einigermassen +Ordnung erhalten zu koennen, doch ist trotzdem, dass ihm seine Kriegszuege +keine Zeit lassen, viel fuer Administration zu thun, auch manches sehr +Erfreuliche hier geschehen. Namentlich ist fuer bessere Kommunikation +wirklich mit Erfolg an Strassenbauten gearbeitet und dem Schreiber- und +Pfaffenunwesen mit einer Kraft Einhalt gethan worden, an der sich mancher +andere Herrscher ein Exempel nehmen duerfte." + +Soviel wie Theodor hatte vor ihm kein abessinischer Herrscher fuer Land und +Volk gethan, keiner war aber auch mit so ausserordentlichen Gaben des +Geistes ausgeruestet, wie dieser bedeutende Mann, an dem andererseits +Jaehzorn und Trunksucht sehr zu beklagen sind, da beide ihn oft zu +gewaltsamen, unueberlegten Handlungen hinrissen. Wild und grausam blieb er +auch in seinem Lager- und Kriegsleben, das wir am besten kennen lernen, +wenn wir mit dem deutschen Reisenden _Steudner_, dem Begleiter Heuglin's, +einen Besuch im Lager des Koenigs abstatten, der sich auf einem Feldzuge +gegen die Galla im Lande jenseit des hohen Kollogebirges befand. + +Spaet am Abend des 4. April 1862 erschien ein Bote bei Herrn von Heuglin, +um diesen einzuladen, beim Koenige zu erscheinen. Der Geladene warf sich in +eine grosse Uniform und wanderte, von Steudner begleitet, unter +Fackelschein ueber Sturzaecker zu dem kaiserlichen Zelte. In dem mit Wachen +umstellten engeren Lagerbezirke wurden die Reisenden aufgehalten, da im +Zelte des Negus erst eine laengere Berathung darueber stattfand, ob Heuglin +auch mit dem Saebel an der Seite eintreten duerfe. Nachdem dies bewilligt +war, wurden die Fremden feierlich in das Zelt eingefuehrt, in welchem sie +Seine schwaerzliche Majestaet mit halb untergeschlagenen Beinen auf einem +alten auf der Erde ausgebreiteten Teppich sitzend fanden; neben ihm +kauerte sein Beichtvater, der Etschege. Se. Majestaet trug ein weisses +abessinisches Gewand, dem man die Spuren langen Lagerlebens deutlich +ansah; er gruesste sehr artig, besonders Herrn von Heuglin, fand es jedoch +nicht fuer noethig, sich zu erheben; dann lud er die Gaeste ein, neben ihm +Platz zu nehmen. Das Zelt war von grossen Wuerdentraegern und Eunuchen +ueberfuellt; zur Linken des Koenigs sass dessen Sohn Maschescha, und der Sohn +des gestuerzten Koenigs von Schoa, der zugleich mit Maschescha erzogen +wurde, der zweite Ras des Landes, Ras Engeda, und der Lagerkommandant +Bascha Negusi. Vor ihnen stand ein mit rothem Tuch bedeckter Meseb oder +Esskorb, aus welchem sie mit unvergleichlichem Appetite die Fastenspeise +verzehrten. Se. Majestaet liess durch seinen Af sich erkundigen, was die +Reisenden essen wollten, Brundo (rohes Fleisch), Teps (halbgeroestetes) +oder Fastenspeise. Der Af, d. h. der Mund, ist eine vertraute Person des +Koenigs, zu welcher dieser spricht, um die Worte den Fremden zu +wiederholen, selbst wenn derjenige, an den sie gerichtet sind, sie +vernimmt. Man stellte es der Weisheit Theodor's anheim, mit was er seine +Gaeste bedienen wolle, und auf ein Zeichen erschien ein Meseb mit schoenem +Tiefbrot gefuellt, um den die beiden Europaeer sich lagerten, waehrend zwei +hohe Wuerdentraeger beordert wurden, sie zu fuettern, d. h. abgerissene +Stuecke Tiefbrot in die rothe Pfeffersauce zu tauchen und ihnen diese in +den Mund zu praktiziren. Die Leute entledigten sich dieser Pflicht in +hoechst liebenswuerdiger Weise, indem sie moeglichst grosse Brotballen mit +moeglichst viel brennender rother Pfeffersauce den Gaesten in den Mund +steckten, welche das abessinische Gericht krampfhaft hinabwuergten. Nach +der Mahlzeit bediente sich Se. Maj. nicht mehr des Af, sondern wandte sich +unmittelbar an die Fremden und zwar in arabischer Sprache. Waehrend der +Unterhaltung wurde Honigwein in schoenen Punschglaesern aus einer Bowle +servirt, die vom Gouverneur von Indien geschenkt war. + +Theodor war damals sehr mit Regierungsgeschaeften ueberhaeuft und liess sich +mehrmals entschuldigen, dass er die Reisenden nicht gleich offiziell +empfangen koenne. Schon vor Sonnenaufgang begann vor dem koeniglichen Zelte +das Dschan-hoi-Geschrei derjenigen, die Streitsachen vortragen und +Gerechtigkeit erflehen wollten. Hierauf folgten von Sonnenaufgang an die +Gerichtssitzungen, wobei das klatschende Geraeusch der grossen Knuten und +Stoecke das Ergebniss verkuendigte, welches nicht selten in die frische +Morgenluft hinein hallte. Mehre Tage hindurch war der Negus damit +beschaeftigt, die im Lager mitgefuehrten Herden zu zaehlen. Nachdem dieses +koenigliche Geschaeft, wobei 20,000 Rinder die Revue binnen zwei Tagen +passirten, vollendet war, erhielten die beiden Reisenden eine feierliche +Audienz zur Uebergabe der mitgebrachten Geschenke. Der Negus empfing sie +am Abhange eines Huegels, welcher das Centrum des Lagers bildete. Er sass +auf einer Alga, die mit einem prachtvollen, sehr grossen Kaschmir bedeckt +war; darueber lag noch ein mit indischer Goldstickerei ueberladener Teppich +ausgebreitet. Auf der Sonnenseite, sowie hinter dem Koenige standen zwei +Schirmtraeger, welche beide ungeheuer grosse bunte Schirme auf 10 Fuss hohen +Staeben ueber dem Haupte des Erlauchten hielten. Der Negus selbst war in +einen sehr feinen Margef gehuellt und lehnte nachlaessig auf der Alga, vor +welcher fuer die beiden Europaeer gute Teppiche zum Niedersitzen +ausgebreitet waren. Diese befanden sich allein mit dem Fuersten und seinen +schirmtragenden Kammerherren, waehrend im Umkreise von 30 Schritt +Halbmesser andere dienstthuende Hofchargen standen, z. B. die +Peitschentraeger mit langen Stoecken in der Hand, um das neugierige Publikum +abzuhalten. + +Nachdem Se. Maj. sehr bereitwillig Erlaubniss zur Ueberreichung der +Geschenke ertheilt, wurden die Diener der beiden Reisenden herangerufen, +die mit gaenzlich entbloesstem Oberkoerper, die Gewaender um den Leib geguertet, +mit den Gegenstaenden erschienen. Jedes einzelne Stueck musste dem Negus +gezeigt und dann vor ihm auf den Boden niedergelegt werden. Die Geschenke +bestanden aus mehreren Sammetteppichen, einem Revolvergewehr, einem sehr +schoenen Revolver nach abessinischem Geschmack mit recht grossem Kaliber, +zwei sehr guten langen gezogenen Pistolen, welche man mit angeschraubtem +Kolben auch als Puerschbuechsen benutzen konnte, einem Hirschfaenger mit +vergoldetem und einem andern mit silbernem Griffe, einigen schoen +gearbeiteten Dolchen mit vergoldeten Scheiden u. s. w. Se. Maj. geruhten +hierauf sich dankend ueber die Geschenke auszusprechen. Im Laufe der +Unterhaltung sprach er seine Verwunderung darueber aus, dass die Tuerkei +bisher noch nicht von den christlichen Maechten erobert sei, ja dass einige +derselben sie sogar gegen eine andere christliche Macht geschuetzt haetten, +wobei er bemerkte: "ein Reich, das sich nicht selbst regieren koenne, habe +keinen Anspruch darauf, selbstaendig zu existiren". Uebrigens erschien der +Koenig sehr ermuedet, war es doch der dritte Tag, an welchem er sich mit dem +anstrengenden Rinderzaehlen beschaeftigt hatte, kein Wunder also, dass seine +Nerven angegriffen waren. Abgesehen von dieser Mattigkeit erschien Koenig +Theodor, ein Mann von etwa 40 Jahren, kraeftig, schlank, wenn auch nicht +gross. Seine Gesichtszuege waren frei; in der Tracht unterschied er sich +kaum von seinen Unterthanen; wie diese ging er barhaupt und barfuss in +dieselbe Schama gekleidet. Das Haar trug er als Krieger in mehrere, dicht +am Kopfe anliegende Zoepfe geflochten. + +So war der Mann beschaffen, der als Mittelpunkt des ganzen Lagers dastand, +welches sehr leicht aufgeschlagen wird. Will der Negus, der stets an der +Spitze seines Heeres marschirt, Halt machen, so laesst er an einem passenden +Platze ein kleines scharlachrothes Zelt aufstellen, welches dann als +Mittelpunkt fuer das ganze Lager dient. Dicht vor diesem, auf dem hoechsten +Punkte wird das Kirchenzelt, welches niemals fehlen darf, errichtet. In +einiger Entfernung von diesem und stets - angeblich aus Demuth - tiefer +stehend, wird das sehr grosse, aus dickem dunkelbraunem Mack bestehende +Zelt des Negus aufgebaut; zu beiden Seiten desselben standen zwei aehnliche +fuer die beiden Koeniginnen; auf dem linken Fluegel dann ein sehr grosses Zelt +fuer den koeniglichen Marstall und die vier zahmen Loewen, diesem +entsprechend auf dem rechten Fluegel gleichfalls ein grosses Zelt fuer die +koenigliche Kueche, dann das Zelt des Abuna Salama, durch eine stets vor der +Zeltthuer errichtete Windwand kenntlich. Die Zelte der Anfuehrer sind aus +weissem Baumwollenstoff in verschiedenen Formen gearbeitet; um diese herum +bildet sich ein weiter Kreis kleiner Huetten, _Gotscho_, in welchen die +Leute eng zusammengepresst liegen, um sich gegenseitig zu erwaermen. Eine +bestimmte und sehr praktische Form haben die Zelte der Schoaner; sie sind +aus starkem braunem Mack gefertigt, haben ein Rechteck zur Basis und zwei +Zeltstangen halten das Ganze an den beiden schmalen Ecken, waehrend kurze +Schlingen am unteren Rande des Zeltes dazu dienen, die Pfloecke +einzuschlagen. Auf diese Weise halten sie sich sehr gut, ohne dass sie die +wegen der vielen herumlaufenden Thiere hoechst unangenehmen Zeltstricke +noethig haben; auch im Innern bieten sie vielen Raum. Ueberall vor den +Zelten lodern Feuer, an denen die Frauen der Soldaten beschaeftigt sind, +fuer diese Tiefbrote oder rothe Pfefferbruehe zu kochen; zu anderen Zeiten +sieht man die Zeltstricke dicht mit grossen Mengen in lange duenne Streifen +geschnittenen Fleisches behangen, welches an der Luft und der Sonne +trocknen soll. Reihen von Maegden und Dienern durchziehen von der +koeniglichen Kueche aus nach allen Richtungen das Lager, um grosse, mit +rothem Tuch ueberdeckte Meseb oder Koerbe voller Tiefbrot und maechtige Kruege +voll Honigwein nach den verschiedenen Zelten der Grossen zu bringen, die +aus den koeniglichen Vorraethen mit Trank und Speise versehen werden. + +Noch bunter und lebendiger gestaltet sich das Bild, wenn das Lager +aufbricht. Zunaechst werden die kleinen Gras- und Reisighuetten (Gotscho) +niedergebrannt, und hoch zum Himmel auf strebt der Rauch, die Staette des +abgebrochenen Lagers bezeichnend. In den meisten Faellen fuehrt der Negus, +von Kavallerie umgeben, den Zug an, dem in mehreren Heersaeulen das Gros +der Armee folgt. Lange Reihen von schwer beladenen Pferden, Maulthieren +und Eseln, die in dem futterarmen Hochlande Tag und Nacht der Kaelte und +Naesse ausgesetzt sind, ziehen, zu Skeletten abgemagert, dahin. Ohne die +geringste Ordnung schreiten Leute einher, die vorsichtigerweise waehrend +des Tagemarsches eine Last Holz mitschleppen, um sich damit am Abend ein +waermendes Feuer machen zu koennen; ihnen folgen Krieger in der einst +weissen, jetzt schmuzigen Schama mit rothem Randstreifen und umwickelt mit +dem dicken abessinischen Leibgurt, in welchem der Schotel, d. h. der grosse +krumme abessinische Saebel mit Nashorngriff in rother Scheide steckt; in +der Hand fuehren sie die scharfgeschliffene Lanze oder ein +Luntenflintengewehr mit viereckigem Kolben. Dann ziehen munter plaudernd, +an dem Kochloeffel erkenntlich, mit dem flachen Gilgit oder Proviantkorbe +auf dem Ruecken, die Koechinnen, echte Loeffelgarde, einher. Die koeniglichen +Kuechendamen sind an dem Messingknopfe kenntlich, der auf dem Kopfwirbel in +das Haar mit eingeflochten ist. Neben ihnen traben Esel, unter der Last +von Grasbuendeln voellig begraben. An jedes der langen Ohren dieser +philosophischen Geschoepfe ist eine Ziege oder ein Schaf vorgespannt, damit +das interessante Kleeblatt beisammen bleibe. + +Von einer Anzahl Pfaffen mit grossen Turbanen umgeben, reitet auf schoenem +Maulthiere im violetten Gewande der hoechste Kirchenfuerst, Abuna Abba +Salama auch im Zuge mit. Neben ihm und seiner wohlgenaehrten in Gott +vergnuegten Schar schleppt sich muehsam auf skelettartig abgemagertem +Maulthiere ein frueherer Haeuptling hin, dem mit oder ohne Ursache eine Hand +und ein Fuss abgehauen ist. Er hat den Stumpf seines Fusses in ein +Trinkgefaess aus Horn gesteckt, den verstuemmelten unbrauchbaren Arm traegt er +im faltigen Gewande verborgen. Dann folgen Gefangene in schweren Ketten, +jeder mit seinem Fuehrer zusammengeschlossen, den der Unglueckliche noch fuer +diese Gefaelligkeit ernaehren und bezahlen muss. Viele dieser Gefangenen +tragen, um das Entweichen zu verhindern, den fuenf bis sieben Fuss langen +Monkos am Halse, dessen dicke Gabel durch ein Querholz geschlossen ist und +der dem Gefangenen selbst beim Schlafen nicht abgenommen wird. Kaum ein +Lumpen deckt diese Ungluecklichen. Nicht weit von ihnen trifft der Blick +wieder auf ein anderes Bild, und zwar auf ein heiliges, das mit allem +Aufwande von abessinischem Prunk angezogen kommt. Es ist der Etschege, das +Oberhaupt der Moenche, zugleich Beichtvater des Koenigs, dem er als steter +Begleiter und Rathgeber allueberall hinfolgt. Er reitet ein prachtvolles +Maulthier und schuetzt sein theures, mit einem ungeheuren weissen Turban +umhuelltes Haupt durch einen grossen buntseidenen Regenschirm, dessen +abwechselnd goldgelbe und violette Faecherfelder weithin sichtbar sind. Ihm +folgt eine grosse Anzahl schmuziger Moenche in einstens weiss gewesene +Gewaender gehuellt oder in gelbes Leder gekleidet; alle tragen das Zeichen +ihres Standes, den Fliegenwedel oder Kuhschwanz. Unter ihren weissen oder +gelben Kappen erblickt man die niedertraechtigsten Gaunerphysiognomien, +sowie die ausdrucklosesten Gesichter, die Abessinien erzeugen kann. +Ploetzlich scheut das Maulthier des Etschege und springt zur Seite: es ist +ein aller Kleider beraubter Todter, der, auf der Strasse liegend, das Thier +beunruhigt. Dem Etschege mit seinen frommen Begleitern folgt eine Reihe +Tabots, fuer deren wunderthaetigsten ein mit rothen Lappen und Lumpen +bedeckter Armsessel aus lackirtem, mit bunten Blumen bemaltem Holz +bestimmt ist. Diese Tabots, deren oft zehn oder zwanzig aufeinander +folgen, sind Holztafeln mit den zehn Geboten oder frommen Spruechen +beschrieben. Jede dieser Platten ist sorgfaeltig mit rothem Baumwollstoff +bedeckt und alle werden in einer langen Reihe hintereinander getragen. Dem +ganzen kirchlichen Prachtzuge geht ein schmuziger Moench voran, welcher +fortwaehrend eine Glocke schwingt, damit Jeder, der da sitzen sollte, vor +den Heiligthuemern aufstehe und ihnen seine Ehrfurcht bezeuge. + + [Illustration: Im Lager des Negus. Priester und Krieger. Zeichnung von + H. Leutemann.] + +Im vollen Galopp auf guten Maulthieren, die mit klingelnden Gloeckchen +behaengt sind, kommt ein Trupp Schoaner angesprengt; es sind lauter +kraeftige Gestalten, in dunkelbraunen Mack gekleidet, mit dem kurzen, stark +gekruemmten Messer im dicken, die Brust bedeckenden Guertel und mit der +schoen gearbeiteten Lanze auf der Schulter. Wieder andere Bilder! Hier +Lastthiere, schwer bepackt mit Lederschlaeuchen; dort Weiber, die das +Doppelte ihres eigenen Volumens an leeren oder gefuellten Kuerbisschalen +(Gerra) schleppen, welche zum Transport von Butter, Honig, rothem Pfeffer +u. s. w. dienen. Alle schreien und schwatzen, dazwischen klappern die +vielen getrockneten Kuerbisschalen. Keiner dieser Schoenen fehlt indessen +das noethige hoelzerne Kopfkissen in der Form eines fuenf bis sechs Zoll +hohen Leuchters mit einem ausgehoehlten Holzbuegel zum Hineinlegen des +Nackens beim Schlafen. Der Fuss dieses Instrumentes ist oft huebsch +gedrechselt. + +Neben dieser bunten Gesellschaft reitet eine der zwei Koeniginnen, denn zu +jener Zeit hatte der christliche Monarch zwei Damen zu Ehegemahlinnen. Die +eine rechtmaessig mit dem Negus verbundene war die schon erwaehnte Tochter +des entthronten Detschasmatsch Ubie von Tigrie; die zweite ein Fraeulein +aus dem Jedschu-Galla-Lande. Beide jedoch sind gleich gekleidet in blaue +Maentel, die mit Gold- und Silbergloeckchen behangen sind. Beide haben, wie +alle grossen Damen, ihr Gesicht verhuellt, nur die schwarzen Augensterne +funkeln und leuchten bei beiden gleichmaessig aus der weissen Umhuellung. Das +einzige Unterscheidungszeichen zwischen beiden war nur stets ein in Silber +gestickter tuerkischer Halbmond mit daranstehendem Venusgestirn, das auf +dem Gewande der einen Koenigin auf dem untersten Theile ihres Rueckens +erglaenzte. Diese jetzt die schlanken Formen zweier Koeniginnen umhuellenden +Maentel waren wol einst Schabracken eines aegyptischen Marstalls gewesen. +Beide Majestaeten sind von einigen Bewaffneten und Eunuchen begleitet und +reiten stets in der Entfernung einer halben Stunde voneinander, um etwa +moeglichen Konflikten vorzubeugen, sowie sie auch zwei gaenzlich getrennte +Hofhaltungen in zwei verschiedenen Zelten zu beiden Seiten des koeniglichen +Zeltes haben. + +Oft sitzt oder liegt mitten in dem durch die Hufe der zahlreichen Thiere +aufgewuehlten Schmuze ein nur wenige Monate oder ein bis zwei Jahre altes +Kind schreiend im Wege, jeden Augenblick in Gefahr, durch Reit- oder +Lastthiere zertreten zu werden, die sich oft dicht zusammendraengen, um +einer Leiche aus dem Wege zu gehen. Todte Thiere, halbverweste Pferde, +Maulthiere, Esel, Schafe und Ziegen bezeichnen zu tausenden die Strasse, +welche das Heer zieht. Dort wird ein Kranker getragen, es muss ein +Vornehmer sein, denn man traegt ihn behutsam auf bequemer Tragbahre, ueber +welcher aus weisser Schama ein leichtes Zelt errichtet ist; waere es nur ein +armer Mann, so haette man ihn einfach auf zwei lange Holzstuecke gebunden. + +Nahe bei dem Kranken sehen wir einen anderen Zug: eine ganz weiss +gekleidete Dame, die Frau eines Grossen, reitet dicht verhuellt dahin; ihr +Maulthier wird sorglich von einem Diener gefuehrt. Gestern erst hat sie die +Welt mit einem neuen Buerger beschenkt, der schreiend und quiekend in einem +weiss bedeckten Brotkorbe von einem Diener auf dem Kopfe nachgetragen wird. +Der kaum einige Tage aeltere Sproessling einer anderen Frau giebt ebenfalls +durch Schreien Zeichen einer gesunden, kraeftigen Lunge, sein Lager aber +ist nicht so sorgsam gegen Sonne und Kaelte geschuetzt. Mit Riemen ist er +voellig nackt zwischen Koerbe und Kuerbisflaschen auf den Ruecken oder die +Huefte seiner schwer tragenden Mutter geschnuert oder auf das Gepaeck eines +magern Pferdes gebunden. Kleine Kinder von drei bis fuenf Jahren, voellig +nackt oder nur mit einem Stueckchen Schaf- oder Ziegenfell ueber den +Schultern, laufen neben ihren schwer bepackten Muettern, ja sie tragen +selbst einen Theil von den Kuerbisflaschen, Eisenblechen zum Brotbacken, +hoelzernen Schuesseln zum Anruehren des Brotteiges u. s. w. Andere Weiber +rauchen gemuethlich aus einer grossen Tabakspfeife, deren Abguss aus einem +kleinen wassergefuellten Kuerbis besteht; neben ihnen schleppen sich einige +unbepackte Maulthiere hin, deren aufgedrueckter Ruecken eine einzige +Wundflaeche bildet. Am Wege sitzt ein Kuenstler von Fach auf einem Bunde +Stroh, aus welchem er sich am Abend einen Gotscho zu bauen gedenkt, und +singt zu dem eintoenigen Geklimper seiner Kirra, der abessinischen Lyra, +mit scharfer naeselnder Stimme, packt dann Stroh und Lyra auf den Kopf und +wandelt als zweiter Apollo seinen kothigen Weg. Zwischen diesen Scharen +bepackter Menschen und Thiere ziehen bruellend Herden schoener Rinder, +Schafe und Ziegen; auch bricht, Geschrei und Unordnung verursachend, +gelegentlich ein kraeftiger Stier durch die Massen. + +Die vier _zahmen Loewen_ des Negus (vergl. S. 187), schoene, grosse Thiere, +laufen voellig frei mitten im Tross, ohne auch nur am Stricke gefuehrt zu +werden. Steudner bemerkte zu seinem Erstaunen, dass in unmittelbarer Naehe +der Loewen das Vieh, Kuehe, Schafe, Ziegen, Maulthiere, ruhig graste, ohne +die geringste Furcht vor dem Koenige der Wildniss zu haben. Wie Hunde liefen +sie mitten im Gewuehl und gehorchten der Stimme ihres Begleiters, hinter +welchem sie oft in geschlossener Phalanx dicht auf den Fersen +hermarschirten. + +Mitten zwischen dem Tross reitet ein Grosser des Landes stolz durch all das +Gedraenge. Vor ihm her schreitet sein Speertraeger, ein Diener mit langer, +haarscharfspitziger Lanze, deren von Schoanern gearbeitete Eisenspitze in +rothledernem Futteral geborgen ist. Sein mit Gold und Silber beschlagenes +Bueffelhautschild, sein Gewehr und seinen in rothlederner Scheide +steckenden Saebel mit Rhinozerosgriff tragen andere Diener vor und neben +ihm. Vor ihm fuehrt sein Lieblingsknappe ein Staatsmaulthier, auf welchem +der gleich dem Schilde mit Gold- und Silberplatten und Filigranarbeit +bedeckte Staatssattel liegt. Wie der Sattel ist auch das uebrige Geschirr +und Zaumzeug des Maulthiers mit Gold und Silber ueberladen. All dieser +Schmuck aber ist mit rothen Lumpen bedeckt. Unbekuemmert reitet der +Haeuptling barhaupt durch das Trossgedraenge an den Leichen von Menschen und +Thieren oder verwuesteten Saatfeldern vorueber. Seine Thiere sind gegen den +"boesen Blick" durch Dutzende um den Hals haengender Amulete geschuetzt. +Maenner mit aus Stroh geflochtenen Regendaechern aus Begemeder, Sklaven, die +oft nur die Schultern mit einem kleinen ungegerbten Schaffell bedeckt +haben, gehen ihm demuethig aus dem Wege, wenn er, mit dem Sonnenschirme das +Haupt schuetzend, stolz dahinreitet. Nicht weit von ihm zieht eine andere +Gruppe schwer bepackter Maenner. Landleute, zu diesem Frohndienste gepresst, +tragen den in seine Theile zerlegten Erntewagen, welchen die Missionaere in +Gafat gebaut - weil der Weg zum Fahren nicht geeignet ist. Andere +schleppen die Laffeten schwerer Geschuetze und die dazu gehoerigen +Vollkugeln - allein die Geschuetzrohre hat man in Magdala gelassen! +Soldaten, mit den Saetteln ihrer gefallenen Pferde auf dem Kopfe, mit Speer +und Sonnenschirm in der Hand, hoffen bei der naechsten Pluenderung eines +Dorfes neue Thiere zu ihren Saetteln zu bekommen. Das Wiehern der Pferde, +das Geschrei und Gebruell der uebrigen Thiere wird nur manchmal von der +droehnenden, donneraehnlichen Bassstimme des einen oder andern Loewen +unterbrochen. + + [Illustration: Ansicht von Gafat. Nach Lejean.] + +So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht +nebeneinander gedraengt erkennen laesst - Bilder zum Weinen und Bilder zum +Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den +Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen, +Sterbende und von Muettern verlassene Kinder - neben froehlich lachenden, +aber gefuehllos vorueberziehenden Menschen. + +In jene Zeit, als Theodor so verwuestend, Tod und Verderben verbreitend mit +seinem Heere durch das Land zog, faellt auch der Beginn jener +Misshelligkeiten, die schliesslich zum Kriege mit England fuehrten. Wer sich +auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die truebe, +befangene Brille anmassender Judenmissionaere schaut, dem wird in diesem +Falle das Auftreten des Koenigs von Abessinien nicht so gar schrecklich +erscheinen, zumal wenn man - was ungerecht waere - diesen nicht mit +europaeischem Massstabe misst. + +Die deutschen Handwerker und Missionaere (vergl. S. 136) fingen an, im +Lande Strassen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des koeniglichen +Zeughausmaterials, fertigten Moerser und konstruirten einen Wagen. Letztere +beiden Gegenstaende machten dem Koenige viel Spass, namentlich der blau +angestrichene Wagen, der, in Stuecke zerlegt, auf den Schultern von +Lasttraegern weiter transportirt werden musste, da es an einer fahrbaren +Strasse fehlte. Reibereien und Zerwuerfnisse mit den Distriktsbeamten hatten +zur Folge, dass die Handwerker 1861 in _Gafat_, drei Viertelstunden von +Debra Tabor auf einem isolirten Huegel, unter Aufsicht eines Offiziers +internirt wurden. Der Koenig berief einen oder den andern an sein Hoflager +und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom +Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. "Diese Europaeer", +schreibt v. Heuglin, "wollen sich in manchen Verhaeltnissen ueber gewisse +Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anlass +gegeben hat." Dass man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie +in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlass zur +Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus uebergetretenen Juden +_Heinrich Stern_ und _Rosenthal_. Beide waren nur unter der Bedingung +zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen, +allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und +diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wuethend +hierueber liess der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich +freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen biss. Diese +unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, dass man ewige Rache gegen +die Person schwoert, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel +dies dem Koenige nicht auf, als aber Stern, um sich ueber eine Misshandlung +zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver +bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe stoerend, mit +Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor +jener Geste und liess den Eindringling aufs grausamste in Ketten werfen und +nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon frueher durch +das Geschenk eines Teppichs missliebig gemacht, auf dem der Loewenjaeger +Jules Gerard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen +Loewen erschiesst. Theodor sah in dem feztragenden Jaeger einen Aegypter, in +dem Loewen aber das Sinnbild Abessiniens und waehnte sich verspottet. Als +man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stueckchen von der +Kussohaendlerin, der Mutter des Koenigs, wieder aufgetischt war, wurde auch +Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen +wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach ueber sie wegen Hochverraths +das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslaenglichen Kerker +veraendert wurde. Die Hauptsache aber blieb, dass, gegen die ausdrueckliche +Verabredung, jene Missionaere versucht hatten, Proselyten zu machen. + +Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische +Konsul _Cameron_ in Gondar beim Koenige; er war nur fuer Massaua beglaubigt, +keineswegs aber fuer Abessinien, da seit Plowden's Tode kein Konsul dort +anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die +Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und +ueber die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn +Theodor sehr freundlich und mit grossen Ehren auf. Der englischen Allianz +glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten +fuerchtete, gegen Aegypten, bedienen zu koennen. Denn dieses blieb seit dem +Kampfe, den er am Rahadflusse - als er noch Kasa hiess - gekaempft, sein +Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des +Kuestenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft, +welche der Pascha sich ueber die Grenzlande, namentlich Galabat, anmasst, +war der groesste Dorn in Theodor's Augen. + +Durch Plowden's warme Freundschaft verwoehnt, konnte der Koenig sich in +Cameron's kalte Neutralitaet nicht finden und wurde um so misstrauischer +gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern's und Rosenthal's +auftreten zu wollen. Die nach europaeischem Muster begonnenen Reformen +wurden nun eingestellt und in jedem Europaeer ein Spion gewittert. So haben +wir gesehen, dass auch Lejean unter jenem Misstrauen zu leiden hatte. Als +dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem +Konsul Cameron, zum Fruehstueck. Unterwegs fanden die beiden Europaeer in +einer der engen Gassen Gondar's einen todten Esel liegen. "Sehen Sie, da +liegt ein krepirter Konsul", sagte Cameron und schritt ueber das todte +Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs +unverstaendlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklaerung. Kaiser +Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr uebler Laune gesagt: "Ich weiss +nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute +geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Englaender ein Esel." +Ganz Unrecht hatte der Fuerst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend +wurde jedoch erst ein anderer Umstand. + +Oft schon hatte Theodor sich geaeussert, dass ein Handelsvertrag mit England +in Kraft treten muesse, und demgemaess schrieb er gegen Ende 1862 einen +eigenhaendigen Brief an die Koenigin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben +an den Kaiser Napoleon, mit aehnlichen Antraegen, wurde hoeflich erwidert, +jedoch der Abschluss eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo +das Schreiben im Auswaertigen Amte verlegt wurde - man ist nie klar darueber +geworden, was mit demselben geschah - kam keine Antwort. In ganz +Abessinien machte der Vorfall grosses Aufsehen, da der Koenig sich der +Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung wuerde es sich angelegen +sein lassen, die angeknuepften Beziehungen zu foerdern, angesichts seiner +Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und +wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam. +Sicherlich fuehlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung +verletzt; ein europaeischer Hof wuerde dasselbe gethan haben, und dann +raechte er sich eben wie ein Barbar. Cameron musste zunaechst seinen Zorn +fuehlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Koenigin von England seinen +hoeflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrueckte, mit ihr und ihren +Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet +gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmaechtigten +einer so unhoeflichen europaeischen Monarchin nicht weiter zu respektiren. +Er liess Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben +Kette befestigen. Dabei glaubte er, dass die Englaender ihm in seinem Lande +so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen wuerden und liess sich deshalb +nicht gern auf Unterhandlungen ein. + +Schliesslich sandte man am 15. Oktober 1865 den Konsularagenten _Rassam_, +einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum Koenig +Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und +Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodass der Koenig schon wenige Stunden +nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europaeer +befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und liess ihnen +die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem Koenig und dessen +Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur +Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgefuehrt. Am +12. Maerz langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit +Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre +Zahl betrug 18 Koepfe, und Rassam bekam Erlaubniss, sie nach Aegypten oder +nach Aden fuehren zu duerfen. Theodor behandelte den Agenten mit grosser +Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, dass Hofleute von +demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus mussten Rassam +koenigliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Koenigin sei; +sie mussten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn beruehren. Als er in +Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate +dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal +verhoert, gestanden ein, dass sie Unrecht gethan, und baten, dass der Koenig +Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben moege. Der Koenig hatte an +Rassam geschrieben: "Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich +wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, dass sie im +Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen." Rassam, dem daran lag, den +Koenig bei guter Laune zu erhalten, huetete sich wohl, dem maechtigen Manne +Anlass zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser liess dann das Schreiben +verlesen, welches Koenigin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches +geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: "In meiner Niedrigkeit bin +ich nicht wuerdig, Ew. Majestaet anzureden, aber erlauchte Fuersten und der +tiefe Ozean koennen Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier, +hoffe, dass Ew. Majestaet mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen +verzeihen werde." Der Schluss lautet: "Rathe mir, aber tadle mich nicht, o +Koenigin, deren Majestaet Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im +Ueberfluss gegeben." + +Ploetzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemuethe des +Herrschers ein. Rassam's Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit +den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem Koenig auf einmal ein, sie +alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefaengniss zu +werfen. Er war so grimmig, dass er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte. +Dieses geschah allerdings nicht, dagegen fuehrte man die Europaeer wieder +nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Raethsel geblieben, was den Koenig +Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der +veroeffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen +Angelegenheiten findet sich die Andeutung, dass Theodor's boeser Geist ein +Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, frueher Sekretaer Cameron's, aus +Rache gegen letzteren den misstrauischen Theodor gegen alle Europaeer +einzunehmen wusste und ihm den Verdacht einfloesste: die englische Regierung +stehe im Begriff mit Aegypten ein Buendniss abzuschliessen. Die Zahl der +Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die +Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron +sei zu seinen Feinden, den Tuerken, gegangen und habe mit ihnen +unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Koenigin von England +keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron's Diener haetten sich +durch Verspottung und Verlaeumdung der Majestaetsbeleidigung schuldig +gemacht und die andern haetten mit ihnen konspirirt. + +Nochmals wurde von Seiten Englands ein guetlicher Versuch gemacht, um den +Koenig zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr +ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geaeussert, +gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese +wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte +Befreiung der Gefangenen zu unterstuetzen. Unser Landsmann _Flad_, von dem +frueher die Rede war (S. 136, 182), hatte die Unterhandlungen mit dem +Koenige uebernommen. In einem eigenhaendigen Briefe, den er ueberbrachte, +kuendigte die Koenigin Victoria an, dass die Arbeiter und die Geschenke dem +Koenig zugeschickt werden wuerden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley, +der englische Minister des Auswaertigen, hatte spaeter entschieden, dass die +Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren, +sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurueckgehalten und erst +dann ausgeliefert werden sollten, wenn Theodor die Gefangenen durch eine +Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfuegung des englischen Agenten, +Oberst Merewether's, gestellt haben wuerde. Wie zum Hohn schickte dieser +anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Koenigin +versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz +gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. Koenig +Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee +von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besaenftigt werden +sollte, sagte: "Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wuenscht mich +nur zu verhoehnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein Koenig bist und ich +dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch +zu sehen." Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestaerkte den +misstrauischen Koenig von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, dass es +die Englaender darauf abgesehen, ihn zu betruegen und zu verrathen. Nachdem +Herr Flad Lord Stanley's Verfuegung in Betreff der Geschenke mitgetheilt, +antwortete Theodor: "Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches +mir verweigert wird. _Wenn sie kommen und fechten wollen, lasst sie kommen; +bei dem allmaechtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich +ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!_" + +Und nach weiteren Eroerterungen des Herrn Flad: "Ich habe keine Furcht, ich +vertraue auf Gott, der sagt, dass du Berge versetzen kannst, wenn du den +Glauben eines Senfkornes hast. Ihr koennt nicht Alles. Ich weiss, dass, wenn +ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen haette, die Arbeiter mir nie +geschickt worden waeren. Nicht nur zur Zeit des Kapitaens Cameron, als sie +keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat, +fand ich heraus, dass sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern +ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell - diese waren meine +Freunde - und aus Freundschaft fuer sie behandelte ich ihre Landsleute gut. +Ich ueberlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn +wir uns auf dem Schlachtfelde gegenueberstehen." Es ist also klar, dass ein +tiefes Misstrauen gegen die Plaene Englands, dessen Agenten er im Bunde mit +seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswaertigen Feinden, +namentlich den Aegyptern waehnte, die eigentliche Ursache war, weshalb +Theodor alle Englaender und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand +legen konnte, einkerkern liess, und dass das Zurueckhalten der Geschenke ihn +in diesem Misstrauen nur bestaerkte und die Krisis herbeifuehrte. + +Die vielgenannte Bergfeste _Magdala_ liegt an der Grenze von Wollo-Galla +im Sueden des reissenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen +Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf +ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Koenigs Theodor besucht und sehr +gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta's her kommend und nach +Sueden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum +Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Laender ist +grossartig. Zu ihren Fuessen schlaengelte sich das ueber 3000 Fuss tiefe Thal +des Flusses, als natuerliche Grenze zwischen Abessinien und Galla. + + [Illustration: Vordringen der Englaender auf Magdala.] + +Zur Linken, nach Osten, muendete eine steile Schlucht, und darueber hinaus +lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die beruehmte +Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im +Sueden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen +Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig +gruenen Thaelern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta, +dahinter die kegelfoermigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Sueden +steigt der majestaetische Kollo, ganz mit blendend weissem Firn bedeckt, +hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150 +Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe +erfuellte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs +zeigt. Dieses Thal verliessen die Reisenden nach anderthalbstuendigem +Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf, +die sich am nordwestlichen Fusse von Magdala ausbreitet. Kleine Doerfer mit +niedlichen Gaertchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher. + +Ein ziemlich steiler Pfad fuehrt in 11/4 Stunde an buschigen Gehaengen und +kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung +Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natuerlichen +Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von +Erdpavianen bewohnen die steilen Waende des Vorwerks. Das erwaehnte Plateau +ist ganz kahl, Gruppen von Huetten befinden sich an der Suedostseite, die, +wie der Platz selbst, _Islam Gie_ (Muhamedaner-Dorf) heissen. Hier ist +zugleich der Marktplatz fuer die Festung. + +Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als +Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land suedwaerts +bis Schoa war frueher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und +nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden +muhamedanischen Galla, welche von hier aus bestaendige Einfaelle in +Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte. +Magdala selbst nimmt einen Flaechenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt +100-200 Fuss ueber das Plateau von Islam Gie hinaus, haengt im Sueden mit der +nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen +Felsgrat; im Osten und Westen fallen natuerliche, mauerartige, senkrechte +Bastionen viele hundert Fuss tief in die Seitenthaeler ab, gegen Norden und +Sueden fuehren Felsspalten als natuerliche Thore herab, die mit Ausfallthoren +versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum +Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen +zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden +koennen, wohl erkannte, liess Magdala restauriren, einige Geschuetze +hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitlaeufige +Getreidemagazine bauen. + +So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte +schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfuellen sollte. Als die +letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich +zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der +Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen +und am 18. November 1867 von der Koenigin mit einer Thronrede eroeffnet, in +welcher es heisst: "Der Herrscher Abessiniens faehrt fort, allen +internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in +Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt +waren, und seine hartnaeckige Missachtung guetlicher Vorstellungen hat Mir +keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch +eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine +entsprechende Truppenmacht unterstuetzt wird. Ich habe demgemaess die +Absendung einer Expedition zu diesem ausschliesslichen Zweck angeordnet, +und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Unterstuetzung und Mitwirkung +meines Parlaments in Meinem Bemuehen, unsere Landsleute aus einer +ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner +Krone zu wahren." + + [Illustration: Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Suedliche Ansicht. + Originalzeichnung von E. Zander.] + +Nach einigem Zoegern bewilligte das Parlament die noethigen Gelder, und die +indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober +war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley, +S. 169) gelandet. Dieses schlug an der oeden, wasserlosen Kueste ein Lager +auf und begann eine Strasse nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belaestigt +zu werden. Die Gesammtstaerke der aus Indien nach Abessinien beorderten +Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europaeer. Die Infanterie war mit +Hinterladern bewaffnet. Ausser diesem Armeecorps folgte ein Tross von 8000 +Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten, +welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschuetze bestimmt waren. Zum +Kommandanten der Armee wurde General _Robert Napier_ ernannt. Auch ein +ganzer Stab von Gelehrten, Kuenstlern und Zeitungsberichterstattern schloss +sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner +Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und - im Auftrage des +Koenigs von Preussen - der beruehmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste +Stuetze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von +Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte praegen lassen. + +Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs; +namentlich verursachte der Wassermangel grosse Gefahren fuer Menschen und +Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch +destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich +viele Kameele und Maulthiere, minder durch die Ungunst des Klimas als +durch die schlechte Pflege ihrer Waerter. Dieselben waren ein aus Persien, +Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte, +unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und +auf der Strasse liegenliess, die Thiere nicht fuetterte und traenkte, sodass +diese erhitzt und halb verdurstet zu den Traenkrinnen kamen, dann uebermaessig +tranken und erkrankten. Faellt ein solches Thier, so verursacht die +Wegschaffung des Aases, das man im heissen Klima aus Furcht vor Ansteckung +nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte +sich nur dadurch helfen, dass die Aeser mit duerrem Gestraeuche bedeckt und +verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Kueste, +des destillirten Wassers und der Langeweile muede geworden und hatte die +Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu +finden gegruendete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm +offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergstroemen gekennzeichnet, +denn wie zur Zeit der Voelkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande +heute noch Baeche und Fluesse die Wegweiser fuer Wanderer und Voelkerschwaerme. +Die kuerzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch +gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr +links liegende, durch den Fluss Kamoyle gebildete Strasse gewaehlt. Unter den +Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet, +des Inhalts: dass die Englaender nur gekommen seien, die widerrechtlich +gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks +werden ebenso wie Eigenthum und Vermoegen der Individuen geschuetzt und +geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung. +Anfangs ging es durch eine sandige, nur spaerlich von Akazien und +Steppengewaechsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends +waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Huetten zu sehen, +bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich +wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit +der Aufschrift: "Route nach Abessinien" aufstellte. Jetzt gelangte man ins +Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets oeffnete +bei jeder Kruemmung sich ein Ausweg, oft unter ueberhangendem Gestein +hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes +Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fuss ueber der Meeresflaeche +liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und +Morgen waren kuehl; gestaerkt von der frischen Luft stieg die Truppe das +Plateau hinauf. + +Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunaechst an der Bai von Adulis +zu bemerken. Zwei Landungsbruecken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen +lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein fuer das schwerste +Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fusse des Senafe-Berges, Stationen +auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen, +Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft. + +In Senafe, 7500 Fuss ueber dem Meere, wurde das erste groessere Lager +aufgeschlagen und ein foermlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte +Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war +nicht genuegend, ein einziges Regiment zu ernaehren. Daher musste Alles durch +eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft +und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Taeglich +verliessen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Haelfte nach Senafe +gelangte, da der andere Theil von den Lasttraegern und Treibern verzehrt +wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden taeglich auf den Schiffen +kondensirt und dieser Prozess kostete allein taeglich ueber 1000 Thaler. + +Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Englaender in suedlicher Richtung +weiter verfolgen, muessen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage +umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende +revolutionaere Trieb, die Eifersuechteleien der kleinen Haeuptlinge und die +Sucht derselben, sich unabhaengig zu machen, war mit erneuter Staerke +ausgebrochen, in je groessere Verlegenheiten Koenig Theodor gerieth. +Ueberall, im Norden wie im Sueden, entbrannte die Revolution, und mit +Schluss des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der +es war, ehe Koenig Theodor seinen ehrgeizigen Traum traeumte, ehe er die +zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schliesslich nur der +Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal +dieser, und seine Macht beschraenkte sich nur auf sein Lager, das meistens +in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine fuer uneinnehmbar geltende +Feste, huetete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort +ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, dass sie mit der groessten +Leichtigkeit mit den Englaendern korrespondiren und diese von allen +Vorgaengen im Lager des Negus in Kenntniss setzen konnten. + +Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl +unabhaengiger Fuerstenthuemer zerfallen, und nicht das ganze stolze +Aethiopien - nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus +nannte - stand gegen England im Felde. Das grosse Reich Tigrie, das unter +Ubie einst selbstaendig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem +Sohne Ubie's, seine Unabhaengigkeit wieder erlangt, und dieser Fuerst, +welcher fuerchtete, dass Theodor ihn doch einst vertreiben koenne, schloss +sofort mit den Englaendern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner +Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich +Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer +Krieger und einst einer der besten Generaele Theodor's, unabhaengig gemacht. +Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die +Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner. + +Mehr als der Abfall dieser Fuersten schmerzte Theodor aber der Verrath des +jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Koenigs +Hailu Melekot von Schoa, war Theodor's Schwiegersohn geworden; aber weder +die junge Frau, noch die Gnade des Koenigs vermochten ihn zu fesseln; er +trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen. +Unterstuetzt von der Gallafuerstin Workit entfloh er mit Zuruecklassung +seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus +anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Misstrauen, +welches er gegen die Europaeer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben, +die sich in blutigen Greueln aeusserte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie +wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers +Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwaehrend mit Ungluecklichen ueberfuellt, +die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der +Haende und Fuesse verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte +standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt. +Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, sassen sie +zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror +fingerdickes Eis oder stroemte der Regen auf die Elenden hernieder, waehrend +am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Koerper +trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem +Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er +sass, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber +ereigneten sich fast taeglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und +wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito +wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so +gluecklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschloss +Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme +herniederfaehrt zwischen das scheue Gefluegel, so stuerzte er von Debra Tabor +auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde +in die Haeuser getrieben, und als diese mit Maennern, Weibern, Kindern +gefuellt waren, da befahl Theodor, Feuer an die Strohdaecher zu legen, und +Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen. + +In Gafat, spaeter in Debra Tabor, herrschte waehrenddem eine grosse +industrielle Thaetigkeit. Dort hatte man Flammenoefen gebaut, dort haemmerte, +schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen +Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen. +Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniss ein ziemlich +bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der +Wueste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone, +welche 8 Fuss lang war und eine 6 Zoll weite Seele besass, wurde von dem +ueber den Guss hocherfreuten Koenige "Theodor" getauft, waehrend ein 80 +Centner schwerer Riesenmoerser mit anderthalbfussweiter Oeffnung den stolzen +Namen "Sebastopol" erhielt. + +Als die Gegend um Debra Tabor im Spaetsommer vollstaendig ausgepluendert war +und die Raubzuege in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten, +beschloss Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es +keinem Feinde in die Haende fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit +einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch +hoechstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen +hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000 +Fuss ueber dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen +angeschwollene Stroeme fuehrte der Marsch ueber Tschetscheho nach Woadla. +Mitten im Zuge schritten gebunden die fuenf Deutschen: Steiger, Brandeis, +Schiller, Essler, Makerer, waehrend Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal +u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten. + +Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa +10,000 Fuss hoch ueber dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick +in das Land nach Sueden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten +Kollogebirge. Suedlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen +Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fliesst +zwischen senkrechten, fast 3000 Fuss hohen Felsen die rauschende Dschidda +hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jaehen mauerartigen Waende. In +diesen Schlund musste die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das +Flussbett ueberschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen +Felsenwall ueber nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene +von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mussten auch die Kanonen und der +Riesenmoerser "Sebastopol" geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem +ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten +Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewoehnlichen +Maulthierpfaden konnte der Moerser unmoeglich durch die Dschiddaschlucht +gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern, +die ihn begleiteten, eine Strasse zu bauen. Dieses geschah, waehrend die +Englaender schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was +er fuer unmoeglich gehalten, dass jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate +nahm der Bau der Strasse in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die +Dschidda gluecklich ueberschritten und die Talanta-Ebene erreicht. + +Wohlgefaelligen Auges schaute der Koenig auf die fruchtbare Ebene. Die +Weizen- und Gerstenfelder standen in der ueppigsten Pracht, ueberall +wimmelte es von fleissigen Menschen, die den Boden bestellten, von froehlich +singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Koenigs war umhergezogen +und hatte in ganz Talanta verkuendigt: "Kehrt heim ihr Bauern zu eurer +Arbeit, bestellt die Aecker und fluechtet euch nicht. Der Koenig bringt den +Frieden, kein Haar wird euch gekruemmt, euer Eigenthum ist geachtet." Und +friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Doerfer +zur gewohnten Beschaeftigung zurueck. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er +brauchte Proviant fuer seine Festung Magdala, fiel ueber die schmaehlich +betrogenen Leute von Talanta her und zog dann ueber den Beschlo in seine +Felsenburg ein. + +Unterdessen rueckten die Englaender mit grosser Geschwindigkeit nach Sueden +vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muss man bedenken, dass eine +Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala +offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und +der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als +man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit +Gewissheit rechnen konnte, als Gewalt und Glueck auf Seite der Europaeer +stand. + +Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Tross, ihren Elephanten +und Kanonen auf Gebirgen, die unsere hoechsten Alpenpaesse bei Weitem +ueberragen, wie aus der folgenden, in Petermann's Mittheilungen (1868, +S. 180) angegebenen Hoehenlage der hauptsaechlichsten Stationen hervorgeht. +Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuss ueber dem Meere; +Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuss; Tschelikut 6279 +Fuss; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuss; Aladschin-Pass 9630 Fuss; +Aschangi-See 7264 Fuss; Lat (besetzt 31. Maerz) 8478 Fuss; Dasat-Berg 9502 +Fuss; Quelle des Takazzie 7700 Fuss; Abdikom 10,000 Fuss; Talanta (4. April) +10,700 Fuss; Magdala (erstuermt am 13. April) etwa 11,000 Fuss. In diesem +Verzeichniss ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, ueber +die wir hier noch Einiges nachtragen wollen. + +Von Senafe zog das Heer ueber ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit +einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen, +nach _Adigerat_ zu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten, +denen nur Baeche und Waelder zur Vollendung der Schoenheit mangeln, schienen +sehr fruchtbar zu sein, sodass man die schwache Zufuhr an Getreide von +Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschraenkten +Zufuhren erschoepften die Gegend immer schnell, da keine Idee von +Grosshandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von +seinen eigenen Vorraethen eruebrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31. +Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Staedten +ueberlegen, da ausser den gewoehnlichen schmuzigen Huetten und einer huebschen +Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden. +Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat fuehrt ein gangbarer Weg nach +_Mai Wihis_, durch weite, offene, grasbewachsene Ebenen, die haeufig von +Doerfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Fuer den kriegerischen +Charakter der Bevoelkerung zeugten genugsam die vielen auf fast +unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europaeischer +Artillerie zu trotzen vermoegen. So namentlich _Amba Zion_ (siehe Abbildung +S. 41), das ehemalige Staatsgefaengniss Theodor's, welches jetzt leer stand, +da bei dem Abfall Kassai's auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung +betraute Haeuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte. _Ad +Abagin_, 7849 Fuss ueber dem Meeresspiegel, war die naechste Station. Hier +waren die Naechte so kalt, dass man kaum schlafen konnte, wozu sich die +lieblichen Toene eines Schakal- und Hyaenen-Konzerts gesellten. Allein die +Thiere waren weniger gefaehrlich, als man denken sollte, da sie sich +genuegend an den todten Maulthieren saettigen konnten. Bei Agala, 6300 Fuss +ueber dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veraenderung der Vegetation. +Duftende Kraeuter versuessten die Luft, die Strasse war wunderbar gut und nur +auf eine kurze Strecke abschuessig. Hier in dieser Gegend erhielt man +wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, dass sie +sich Alle wohl befanden und dass Theodor im Januar Magdala noch nicht +erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Englaendern aufzunehmen. +Da man die Abessinier fuer keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die +Strasse, die nach Magdala fuehrt, durch mehrere Positionen befestigt. So +erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen +Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Fluesse, welche man auf dem +ferneren Wege nach _Antalo_ zu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des +Takazzie, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen +des Nil. Die Armee hatte daher ueber eine Reihe von Wasserscheiden im +rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen, +welche, von Taltal kommend, die Salzstuecke in das Innere des Landes +verfuehren. + +Waehrend die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber +sich mit den Haeuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu +setzen und begann mit einem Besuche Kassai's, des Fuersten von Tigrie. Als +Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Fluesschen Diab, unweit der +herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai +erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf +einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verliess +aber seinen hohen Sitz auf dem Ruesseltraeger, damit der Anblick des Thieres +unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun +oeffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der +etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weissen Maulthiere angeritten. Die +Briten empfingen ihn mit allen militaerischen Ehren, ihr Oberkommandant +schuettelte ihm die Hand und fuehrte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt +wurde und ein Freundschaftsbuendniss mit England schloss. Er bewunderte +vorzueglich die Waffen der Europaeer und lud hierauf Napier ein, seine +eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle +Feuerwaffen. Der groesste Theil von ihnen besass doppellaeufige +Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele fuehrten +Pistolen und kein einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert +an der rechten Seite getragen haette. Die wenigen, die ohne Gewehre +erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht +schien gut, ihre Manoevrirfaehigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls +beschenkt mit silbernen Armringen, einer Loewenhaut, dem Abzeichen tapferer +Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein +Lager zurueck. Er hatte nun im Ruecken nichts mehr zu besorgen, und der +Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen. + +Das Land zeigte ueberall Spuren der vielen Kaempfe, denen es durch seine +unruhigen Haeuptlinge ausgesetzt war. Die Doerfer lagen verwuestet, die +Unsicherheit der Zustaende hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt +den Englaendern fuer die Verbesserung der Strassen und Wegbarmachung der +Paesse zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den +Haeuptlingen der Nachbarlaender spaeter feindliche Einfaelle erleichtert +wuerden. + +_Antalo_ unterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend +als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem +Masse zugefuehrt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte +einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen +nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenuegender Menge zugefuehrt +worden. In ihren Thalern hatten die Englaender das beste Mittel, die +Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen +immer noch zu gering, um den fuerchterlichen Theodor anzugreifen, welcher +sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta, +zwischen den Stroemen Dschidda und Beschlo befestigte. + +Der Zug der Englaender ging nunmehr durch Wodscherat und _Doba_ zum +_Aschangi-See_, der oestlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478 +Fuss hoch gelegenen _Lat_, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen +getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und +600 Pioniere zaehlend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General +Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war. +Alles unnoethige Gepaeck blieb zurueck; fuer je 12 Offiziere wurde nur ein +Zelt und fuer 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund, +die letzteren nur 25 Pfund Gepaeck mitfuehren. + +Nachdem der 10,662 Fuss hohe Emano-Amba-Pass durchschritten war, stieg die +Armee hernieder zu den Quellen des Takazziestromes. Dann wurde die Ebene +von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. Maerz standen die Englaender +in Biedehor am hoechsten Rande des _Dschidda-Thals_, 10,000 Fuss ueber dem +Meere, auf der Kunststrasse, die Theodoros muehsam durch die Deutschen hatte +herstellen lassen. Durch den Bau dieser Strasse hatte der Negus den +Englaendern ein gutes Theil an Zeit und Muehe erspart, allein es blieben +noch Hindernisse genug uebrig. Der Uebergang ueber die Dschidda, welcher am +4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die +abschuessigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein +leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter +und mehrere erlagen den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite +war womoeglich noch schwieriger fuer Menschen und Thiere, die sich mit +leerem Magen und unter schwerem Gepaeck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde +es allmaelig zur Gewissheit, dass Theodor sich auch von der Hochebene +Talanta, die man jetzt betrat, zurueckgezogen und nach Magdala geworfen +habe, dass man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen muesse. Die +vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von +Theodor's Heer erblickt, und nun war es klar, dass in den naechsten Tagen +ein Zusammenstoss stattfinden koenne. Was die Einwohner von Talanta betraf, +so bezeigten sie sich den Englaendern freundlich, da sie kurz vorher von +Theodor's Truppen nach Massgabe der altabessinischen Praxis ausgepluendert +waren und nun in den Fremdlingen ihre Raecher erblickten. Gefaehrlich schien +fuer die Englaender einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus +in ihrem Ruecken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stoeren +versuchte, aber von dem ihnen verbuendeten Kassai von Tigrie zur Ruhe +verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, dass sie sich +wohl befaenden und milder als frueher behandelt wuerden. + +Ueber das Verhalten Theodor's kurz vor dem Zusammentreffen mit den +Englaendern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante +Auskunft. Hiernach hatte sich der Koenig schon am 18. Maerz ueber den Beschlo +zurueckgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in +welchem er bedauerte, dass dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne +sein Wissen haetten dieses die Behoerden gethan; gleichzeitig gab er den +Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah. + +Am 27. Maerz zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in +Magdala ein, wo die groesste Verwirrung herrschte. Ein hoher militaerischer +Wuerdentraeger war desertirt und zwei andere Haeuptlinge wurden angeklagt, +Menilek, den Koenig von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz +zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die +unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth, +dass er zuerst beschloss, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und +durch eine neue zu ersetzen; am naechsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl, +beschraenkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung +durch 1000 Mann zu verstaerken. Am 29. Maerz schickte Theodor zu Rassam, den +er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm hoeflich und in seiner +unberechenbaren Weise mit, dass er ihn nur darum uebel behandelt habe, weil +er wuenschte, die Englaender moechten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf +drueckte er den Wunsch aus, er moege Rassam in der englischen Uniform sehen, +was dieser natuerlich zugestehen musste. Umgeben von 400 Offizieren und den +deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Koenigin +Victoria, welcher die Ehre hatte, dem koeniglichen Prinzen vorgestellt zu +werden. Alles schien dem Koenige daran gelegen, den Gefangenen moeglichst zu +imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der beruehmte +Riesenmoerser Theodor's herbeigeschleppt, den dieser "Sebastopol" getauft +hatte. Freudenschuesse begleiteten die Ankunft des Ungethuems, das sich +spaeter als sehr ungefaehrlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die +Befestigungs- und Wegarbeiten und war darueber, dass er Magdala vor den +Englaendern erreicht, so erfreut, dass er saemmtlichen Gefangenen die Fesseln +abnehmen liess. Nachdem alle Kanonen und Moerser an Ort und Stelle waren, +erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn +ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von +10,000 Mann; er glaube aber nicht, dass mehr denn 6000 bis Magdala kommen +wuerden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so maechtig +waere, wie ehedem, haette er die Englaender bei ihrer Landung erwartet und +sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit +Ausnahme Magdala's das ganze Land verloren und muesse sich damit begnuegen, +sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner +unmittelbaren Naehe zu halten, waehrend er von seiner luftigen Burg +unablaessig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind +kommen musste. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Englaender am +Beschlo anlangen. + +Am 10. April ueberschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluss und hatte nun +die Feste Magdala in ihrer ganzen Fuerchterlichkeit vor sich liegen. Kuehn +ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit +seinem Heere. Obgleich die Englaender keineswegs die Absicht hatten, +sogleich zum Angriff ueberzugehen, sondern ausserhalb Schussweite von Fala, +einer Vorburg Magdala's, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor's +doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung +heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen grossen +Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu +nehmen. Aber er hatte nicht gewusst, dass inzwischen die ganze Brigade unter +Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter +zogen sich, als etwa 1200 Fussgaenger von der Amba herunterkamen, so schnell +sie konnten, zurueck. Statt ihrer rueckten nun ein Regiment Beludschen, ein +englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschuetze und eine +Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschuetze in Fala +einige gutgezielte Schuesse und seine Leute liefen in Unordnung, aber +tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Englaender herangekommen waren. +Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschuetze und das auf die +Abessinier einstroemende Feuer der Raketen machte, dass an keinen Halt mehr +zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anfuehrer (Fit Auri, S. 19) an der +Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und fluechtete nach der +Burg zurueck. + +Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt +eine andere Abtheilung in den Ruecken der englischen Bagage gesandt; aber +auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstuetzt, richtete +die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an, +die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben. +Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden +konnten nicht in die Burg zurueck, da ihnen der Rueckzug abgeschnitten war, +und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevoelkerung. +Der Kampf dauerte bis 61/2 Uhr Abends, wo Dunkelheit und Regen die Englaender +noethigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwaelle Magdala's selbst +fuehrte, einzustellen. Waehrend des ganzen Gefechts, das die Englaender als +"Schlacht von Arodsche" bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt, +sodass Donner und Kanonengebruell sich miteinander mischten. Die Zahl der +abessinischen Todten betrug viele hundert, die Englaender dagegen hatten +keinen Todten und nur zwanzig Verwundete. + + [Illustration: Auffindung der Leiche des Koenigs Theodoros. Nach + englischen Zeichnungen.] + +Theodor war ueber den Misserfolg seiner Waffen ausser sich. Zum ersten Male, +seit er die Krone trug, war er ordentlich geschlagen worden, und zwar von +den verachteten "rothen Barbaren". Seine Wuth kannte keine Grenzen, und +das Damoklesschwert schwebte fortwaehrend ueber dem Haupte der europaeischen +Gefangenen. Indessen kuehlte er seinen Zorn nur an den abessinischen +Gefangenen, von denen er ueber 300 vor den Augen der Europaeer hinrichten +und ueber die Felswaelle Magdala's hinabstuerzen liess. Aber soviel sah er +ein, dass er auf die Dauer den Englaendern nicht zu widerstehen vermoege. Am +naechsten Morgen sandte er daher den Missionaer Flad, von zwei abessinischen +Haeuptlingen begleitet, in das englische Lager, um zu unterhandeln. Die +einzige Antwort, die Sir Robert Napier durch diese dem Koenig geben konnte, +war: bedingungslose Kapitulation. + +Noch einmal schickte Theodor die Parlamentaere ins Lager, doch Sir Robert +Napier gab ihnen dieselbe Antwort, und traurig waren sie im Begriff, in +die Gefangenschaft zurueckzukehren, als sie auf dem Wege die ploetzlich +freigegebenen Europaeer Cameron, Rassam und einige der Handwerker antrafen. +Am naechsten Morgen wurden alle uebrigen Gefangenen freigelassen, der +Franzose Bardel, den man fuer den schlechten Rathgeber Theodor's hielt, +ausgenommen. Bardel fanden die Truppen spaeter, bei der Einnahme von +Islam-Gie, hinter einem Felsen liegend, krank vor Hunger und Fieber. +Theodor hatte ihn aus Magdala hinausgejagt. Dieser selbst aber war +entschlossen, sich nicht zu unterwerfen und bis zum letzten Augenblicke +auszuhalten. Lieber wollte er muthig untergehen, als feige sich ergeben. +So blieb denn den Englaendern nichts uebrig, als zum Sturm auf Magdala zu +schreiten, welches immer noch von einigen tausend Mann besetzt war. + +Die Festung, von steilen Felsen beschuetzt, so erzaehlt ein englischer +Bericht, bot nur zwei Zugaenge, an der Nord- und der Suedseite, die so enge +waren, dass nur ein Maulthier sie jedesmal passiren konnte, und die jeder +zu einem stark verrammelten Thore fuehrten. Das noerdliche Thor war es, +durch welches der Eingang erzwungen wurde. Gegen halb drei Uhr Nachmittags +am 13. April, dem Ostermontag, begann das Bombardement, und nach einer +zweistuendigen Kanonade wurde der Befehl zum Sturm gegeben. Die Truppen +erkletterten den zum Thore fuehrenden Pfad, fanden aber dieses, wie das +umgebende Pfahlwerk, von den Kugeln nur wenig verletzt. Die Palissaden +mussten daher mit Huelfe einer Strickleiter ueberstiegen werden, um das +Festungsthor von beiden Seiten angreifen und die Vertheidiger +zuruecktreiben zu koennen. Den Zugang bildeten zwei etwa zehn Fuss +voneinander entfernte Thore; der Raum zwischen denselben war mit schweren +Steinen angefuellt. Hatte die Kanonade auch keinen direkten Vortheil +erzielt, so trieb sie doch die Vertheidiger zurueck. Nur sechs Offiziere +stellten sich mit Todesverachtung den Angreifern entgegen, doch waren +ihrer zu wenige, um die Position halten zu koennen. + +Als die Englaender ueber die Leichen dieser Tapferen vordrangen, fanden sie +auf einer etwas entfernten Anhoehe den entseelten Koerper des Koenigs +Theodoros liegen - er hatte die Schande nicht ueberstehen koennen und sich, +um einer schmachvollen Gefangenschaft zu entgehen, durch den Mund +erschossen, und zwar mit einem jener Revolver, welche ihm "die Koenigin +Victoria zum Zeichen ihrer Dankbarkeit fuer die Guete geschenkt hatte, die +er ihrem Diener Plowden erwiesen." So sagte die Inschrift des +sechslaeufigen Revolvers. Theodor's Waffentraeger gab die Einzelheiten an +ueber das Verhalten seines Herrn in den letzten Stunden waehrend des +Angriffs der Englaender, gegen welchen der sonst so gefuerchtete Tyrann nur +mit wenigen Getreuen Stand hielt. Zweimal brach unter den hervorragendsten +Haeuptlingen und deren Gefolge Meuterei aus. Sie weigerten sich, an seiner +Seite zu kaempfen, und beschlossen, ihn dem Feind auszuliefern, doch hatten +sie noch immer nicht genug Muth, ihr Vorhaben auszufuehren. Als so Alles +verloren war, erschoss sich Theodor selbst, gleichsam um seine Feinde +dadurch zu beschaemen, dass er wie ein Koenig sterbe. Das Gesicht des Todten +liess allerdings nicht auf seine frueheren Zuege schliessen, zumal da das Auge +das Feuer und den Ausdruck verloren, die als sein Charakteristicum +bezeichnet wurden. Die Stirn zeugte von Intelligenz, der Mund von +Entschlossenheit und Grausamkeit. Eine Anzahl englischer Truppen hielt bei +dem koeniglichen Leichnam Wache, bis er, am Abend des 14. April, in der +Kirche von Magdala begraben wurde. + + [Illustration: Koenigskrone Theodor's.] + +Der englische Oberbefehlshaber bot das eroberte Magdala dem Gobazye, Schum +von Waag, an; dieser lehnte jedoch das Geschenk ab, weil er es nicht gegen +die Angriffe der Wollo-Galla vertheidigen koenne und es ueberdies noch +jedem, der dort geherrscht, den Untergang bereitet habe. Deshalb beschloss +Napier, Magdala zu zerstoeren. Am Nachmittag des 17. April wurde der Ort in +Brand gesteckt, die hochaufwirbelnden Feuer- und Rauchsaeulen verkuendeten +den erstaunten Eingeborenen, dass Theodor gefallen, seine Zwingburg +zerstoert sei. Mit der Kirche, die man vor den Flammen nicht retten konnte, +verbrannte auch der Leichnam des Koenigs. Damit war jedoch nur der Ort +Magdala vernichtet, die natuerliche Felsenfeste aber war unzerstoerbar. Die +Stadt an und fuer sich war uninteressant, sie bestand aus den gewoehnlichen +Huetten mit kegelfoermigen Strohdaechern. Nur die keineswegs schoene Kirche +und die Wohnung Theodor's stachen von den uebrigen Haeusern ab. Letztere +bestand aus zwei Stockwerken und war mit einem flachen Dache gedeckt. In +ihr fand sich eine Anzahl europaeischer Luxusartikel vor, Klaviere, +Harmoniums, Spieldosen, Patronen fuer Hinterlader und ein Gemenge anderer +Gegenstaende. Sonst fanden sich Zeichen der Civilisation nur in den +Werkstaetten der von Theodor gefangen gehaltenen Handwerker. Einige Kronen, +Becher, die Moerser Theodor's, Speere, Saebel, Kreuze, amharische Bibeln +u. s. w. wurden als Trophaeen mit nach England genommen. Unter den +Gefangenen befand sich auch ein Sohn Theodor's, welchen der Obergeneral +mit nach England zu nehmen beschloss. Auch die beiden Koeniginnen fielen den +Englaendern in die Haende. Die rechtmaessige Gattin Toronesch, die Tochter +Ubie's, erschien als eine vornehm aussehende Frau von 26 Jahren, mit +heller Hautfarbe, lebhaften Augen, huebscher Hand und wunderschoenem Haar, +das in dichten Locken auf die Schultern herabfiel. Sie vermochte das Ende +ihres Gemahles nicht zu ueberleben und starb auf dem Wege nach der Kueste. + +Sofort begannen die Englaender den Rueckmarsch; um den Besitz der kahlen +Felsenwaende Magdala's, das zur Beruehmtheit geworden, stritten sich nun +wieder die Galla - fuer die Abessinier war das Land am Kollogebirge, +welches sie von ihren Stammesgenossen in Schoa trennt, verloren, und der +muhamedanische Keil, den einst Theodor beseitigt, war wieder zwischen die +christlichen Reiche eingeschoben. Auf der Talanta-Hochebene sammelte Sir +R. Napier sein kleines tapferes Heer, hielt ueber dasselbe Revue und dankte +ihm fuer die bewiesene Aufopferung. Dann wurde die Dschidda ueberschritten +und auf demselben Wege, den man gekommen, die Heimkehr vollzogen. + +Die befreiten Gefangenen und die Beute brachten die Englaender triumphirend +nach Zula, von wo sie nach England eingeschifft wurden. Auch die deutschen +Handwerker kehrten heim und nur Schimper und Zander zogen es vor, sich +nach Adoa in Tigrie zu begeben, wo sie ihre Tage beschliessen wollen. Die +Expedition selbst war ein grosser Erfolg, fuer den England aber theuer +bezahlen musste. Wenn der Brief, den Theodor Ende 1862 an die Koenigin +Victoria schrieb, im Auswaertigen Amte nicht vergessen und nicht +unbeantwortet geblieben waere, so wuerde kein Grund vorhanden gewesen sein, +die Expedition ueberhaupt zu unternehmen, 6 Millionen Pfund Sterling zu +opfern und einige Tausend schlecht bewaffneter Abessinier mit +Armstrongkanonen und Hinterladern niederzuschiessen. + + -------------- + +Selten wurde wol ein Kriegszug mit solchem Widerstreben unternommen, mit +solcher Genauigkeit entworfen und so rasch und vollstaendig ausgefuehrt, wie +die englische Expedition gegen Abessinien. Sir Robert Napier konnte mit +Caesar schreiben: _Veni, vidi, vici!_ Der Koenig todt, Magdala erstuermt, die +Gefangenen frei! Das waren die naechsten Resultate. Die Schnelligkeit und +Entschiedenheit des Erfolges, die vollstaendige Vernichtung Theodor's und +seiner Macht kann uns kaum Wunder nehmen. Der Kampf zwischen einem +englischen Heere mit englischen Waffen und einer Streitmacht wenig +geschulter, wenn auch tapferer Abessinier war fuer letztere von vornherein +ein hoffnungsloser. Das eigenthuemliche Verdienst der Englaender bestand +aber nicht darin, dass sie die Abessinier, sondern dass sie das Land +besiegten. Die Natur kaempfte gegen sie, aber die Wissenschaft und die +Organisation ueberwanden diesen gefaehrlichsten der Gegner. Napier musste +sich fast Zoll fuer Zoll erst den Weg bahnen, und dieser muehsame und +gefahrvolle Marsch ging ueber jaeh abstuerzende Klippen und an schwindelnden +Abgruenden vorbei; dazu gesellte sich die Kaelte auf den Alpenhoehen von +12,000 Fuss ueber der Meeresflaeche. Man begreift die aengstliche Spannung der +englischen Armee, indem sie sich Magdala naeherte, Theodor moechte sich +zurueckziehen und sie in endloser Verfolgung seiner Person und seiner +Gefangenen zu ermueden suchen - aber der Negus hatte geschworen: "wenn auch +alle seine Truppen floehen, allein den Briten Stand zu halten". Und er hat +Wort gehalten, und in der That kann man im Hinblick auf die frueheren +Grossthaten und die letzte Stunde sein Mitgefuehl dem Manne nicht versagen, +der selbst die Englaender zwang, ihn zu zermalmen. Er war aus dem Stoffe +vieler orientalischer Eroberer gemacht, ein willensstarker, bedeutender +Mensch, aber ohne Selbstbeherrschung und unfaehig, die Kraft einer der +seinigen ueberlegenen Civilisation zu begreifen. Selbst die Englaender +liessen dem ueberwundenen Feinde schliesslich Gerechtigkeit widerfahren und +eines ihrer Blaetter ruft aus: "Schade um den Mann! Der wahnsinnige Barbar, +das feige Ungeheuer, als welchen ihn die schreibseligen Judenmissionaere in +ihren Episteln aus der Gefangenschaft schilderten, war vielleicht der +einzige wirkliche Held in diesem romantischen Drama. Schade um den Mann! +Ein Mann von wilder Genialitaet, durchdringendem Scharfsinn und eiserner +Willenskraft, mit all den Eigenschaften ausgeruestet, welche noethig sind, +um Afrikanern zu imponiren und Barbaren fuer die Civilisation zu gewinnen, +so erschien er unsern Kriegern und er hat ihr Urtheil durch sein Herzblut +besiegelt." + +In Abessinien sind von Zeit zu Zeit grosse Maenner aufgetreten, welche ihr +daniederliegendes Vaterland aus dem Staube zu heben suchten - der Abuna +Tekla Haimanot stellte zu Ende des 13. Jahrhunderts das Reich unter der +salomonischen Dynastie wieder her; Kaiser Fasilides verjagte die Jesuiten +und unterwarf alle Rebellen - aber groesser und gewaltiger erscheint der +Sohn der armen Kussohaendlerin aus Koara, Theodor II. - Und Abessinien? +wird man fragen. Ohne kraeftige Regierung steht es wieder da, zerklueftet +und zerfallen, als das Land, das es von je gewesen, "das Land der +Verwirrung". + + [Illustration: Siegel des Koenigs Theodor. Nach Lejean.] + + _Ende._ + + + + + + + [Illustration: Uebersichtskarte von Abessinien.] + + + + + + _Verlag von __Otto Spamer__ in Leipzig._ + + Das Buch der Reisen und Entdeckungen. + + _Neue illustrirte_ + + Bibliothek der Laender- und Voelkerkunde. + + Herausgegeben + *unter Mitwirkung mehrerer Geographen und Schulmaenner.* + + Zum _Subscriptions-Preis_ von 5 Sgr. = 18 Kr. rhein. pro Heft zu + beziehen. +*6-10 Hefte bilden einen Band, welcher ein abgeschlossenes Werk enthaelt.* + Jeder Band von 18-30 Bogen ist einzeln zu haben und kostet: + _geheftet_ 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. bis 2 Thlr. = 3 Fl. 36 Kr. + rhein. + *In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. = 3 Fl. rhein. bis 2-1/3 Thlr. = 4 + Fl. 12 Kr. rhein.* + + *A. Aeltere Reisen.* + + I. + +*Cook, der Weltumsegler.** Leben, Reisen und Ende des Kapitaen *_James +Cook_*, insbesondere Schilderung seiner drei grossen Entdeckungsfahrten.* +Nebst einem Blick auf die heutigen Zustaende der Suedsee-Inselwelt. +Herausgegeben von Dr. Karl *Mueller*. Mit 120 Text-Abbildungen, fuenf +Tonbildern etc. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 +Thlr. + + *B. Neuere Reisen.* + + _Amerika._ + +*Kane, der Nordpol-Fahrer.** Arktische Fahrten und Entdeckungen der +zweiten Grinnell-Expedition zur Aufsuchung Sir John Franklin's in den +Jahren 1853, 1854 und 1855 unter Dr. *_Elisha Kent Kane_*.* _Vierte_ +durchgesehene Auflage. Mit 125 Text-Abbildungen nach Zeichnungen des +Verfassers, sechs Tondrucktafeln und zwei Kaertchen. *Vollstaendig in 6 +Heften.* Elegant gebunden 1-2/3 Thlr. + +*Die Franklin-Expeditionen und ihr Ausgang.** Entdeckung der +nordwestlichen Durchfahrt durch *_Mac Clure_*, sowie Auffindung der +Ueberreste von Franklin's Expedition durch Kapitaen Sir *_M'Clintock_*, R. +N. L.* - _Zweite_, durchgesehene und vermehrte Auflage. Mit 110 +Text-Abbildungen, 5 Tonbildern, mehreren Kartenumrissen, sowie einer Karte +der noerdlichen Polarlaender etc. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem +Prachtband 1-2/3 Thlr. + + _Afrika._ + +*Livingstone, der Missionaer I.** Aeltere und neuere Erforschungsreisen im +Innern Afrika's.* In Schilderungen der bekanntesten aelteren und neueren +Reisen, insbesondere der grossen Entdeckungen im suedlichen Afrika waehrend +der Jahre 1840 bis 1856 durch Dr. *David Livingstone*. _Dritte_ Auflage. +Mit 90 Text-Abbildungen und 4 Tondrucktafeln. *Vollstaendig in 6 Heften.* +In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. + +*Livingstone, der Missionaer II.** Neueste Erforschungsreisen im Sueden +Afrika's und auf dem Eilande Madagascar.* In Schilderungen von *David +Livingstone's* neuesten Forschungen waehrend der Jahre 1858-1864; der +Universitaets-Mission und Livingstone's letzter Expedition von 1866. Ferner +der Reisen von *Albert Roscher* und *Karl Mauch*, der portugiesischen +Expedition in das Land des Muata-Kazembe, sowie der Reisen auf der Insel +Madagascar waehrend des letzten Jahrzehnts. Mit 90 Text-Abbildungen, sechs +Tondrucktafeln und einer Uebersichtskarte des suedlichen und mittleren +Afrika sammt Madagascar, unter Angabe der Reiserouten von David +Livingstone, du Chaillu, Andersson, Burton-Speke, Speke-Grant, A. Roscher +u. s. w. *Vollstaendig in 8 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. + + Das Buch der Reisen und Entdeckungen. + + _Afrika._ + +*Die neuesten Entdeckungsreisen an der Westkueste Afrika's.* Mit besonderer +Beruecksichtigung der Reisen und Abenteuer, Handels- und Jagdzuege von *Paul +Belloni du Chaillu* im _aequatorialen Afrika_, sowie von *Ladislaus Magyar* +_in Benguela und Bihe_, von *C. Joh. Anderson* am _Okavango-Flusse_. +Bearbeitet von H. *Wagner*. Mit ueber 100 Text-Abbildungen, fuenf Tonbildern +und zwei Karten etc. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband +1-2/3 Thlr. + +*Eduard Vogel, der Afrika-Reisende.** Schilderung der Reisen und +Entdeckungen des Dr. Eduard Vogel in Central-Afrika:* in der grossen Wueste, +in den Laendern des Sudan, am Tsad u. s. w. Nebst einem Lebensabriss des +Reisenden. Nach den Originalquellen bearbeitet von *Hermann Wagner*. +_Zweite_ durchgesehene Auflage. Mit 100 Text-Abbildungen, acht +Tondrucktafeln und einer Karte von Vogel's Reiseroute. *Vollstaendig in 6 +Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. + +*Abessinien, das Alpenland unter den Tropen** und seine Grenzlaender.* +Schilderungen von Land und Volk, vornehmlich unter Koenig Theodoros +(1855-1868). Nach den Berichten aelterer und neuerer Reisender bearbeitet +von Dr. *Richard Andree*. Mit 80 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern sowie +einer neuen Karte von Abessinien. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem +Prachtband 1-2/3 Thlr. + +*Die Erforschung des Nilquellen-Gebietes** und der angrenzenden Laender von +Zanzibar bis Chartum.* Nach *Burton*, *Speke*, *Baker*, *Petherick*, +*Heuglin*, *v. d. Decken* u. A. In 6-8 Heften. Mit 100 Text-Abbildungen, +Tondrucktafeln, einer Karte etc. (_In Vorbereitung_.) + + _Asien._ + +*Die Nippon-Fahrer oder das wiedererschlossene Japan.* In Schilderungen +der bekanntesten aelteren und neueren Reisen, insbesondere der +amerikanischen Expedition in den Jahren 1852 bis 1854 und der preussischen +Expedition nach Ostasien in den Jahren 1860 und 1861. Urspruenglich +bearbeitet von *Friedrich Steger* und *Hermann Wagner*. In neuer Auflage +herausgegeben von Dr. *Richard Andree*. _Zweite_ gaenzlich umgearbeitete, +vermehrte Auflage. Mit etwa 150 Text-Abbildungen, sieben Tondrucktafeln, +sowie einer Karte von Japan. *Vollstaendig in 10 Heften.* In elegantem +Prachtband 2-1/3 Thlr. + +*Reisen in den Steppen und Hochgebirgen Sibiriens** und der angrenzenden +Laender Central-Asiens.* Nach Aufzeichnungen von T. W. _Atkinson_ und +Anderen. Bearbeitet von *A. v. Etzel* und *H. Wagner*. Mit 120 +Text-Abbildungen und fuenf Tondrucktafeln. *Vollstaendig in 8 Heften.* In +elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. + +*Das Amur-Gebiet und seine Bedeutung.** Reisen in Theilen der Mongolei, in +den angrenzenden Gegenden Ost-Sibiriens, am Amur und seinen Nebenfluessen.* +Nach den neuesten Berichten, vornehmlich nach Aufzeichnungen von *A. +Michie*, *G. Radde*, *R. Maack* und Anderen. Herausgegeben von Dr. +*Richard Andree*. Mit 80 Text-Illustrationen, vier Tonbildern, sowie einer +Karte des asiatischen Russlands und der angrenzenden Theile von +Inner-Asien. *Vollstaendig in 6 Heften.* In eleg. Prachtband 1-2/3 Thlr. + +*Die ostasiatische Inselwelt I.** Land und Leute von +Niederlaendisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.* +Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet waehrend seines +Aufenthaltes in Hollaendisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S. +Friedmann*. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. + +*Das Tropen-Eiland Java.* Mit 120 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern und +einer Karte von Java. + +*Die ostasiatische Inselwelt II.** Land und Leute von +Niederlaendisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.* +Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet waehrend seines +Aufenthaltes in Hollaendisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S. +Friedmann*. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. + +*Sumatra, Borneo, Celebes, die Molukken und Neu-Guinea.* Mit 100 +Text-Illustrationen, sechs Tonbildern etc. + + *Neueste Kinderschriften, illustrirt durch F. Flinzer u. A.* + +*Die Kinderstube I.** Was man seinen Kindern erzaehlt, wenn sie 2 bis 5 +Jahre alt sind.* Kleine Geschichtchen, Gedichtchen und Raethsel. Von *Ernst +Lausch*, Lehrer an der Ersten Buergerschule zu Wittenberg. - In zwei +Abtheilungen, mit 54 Text-Abbildungen und drei Buntbildern. Geheftet 15 +Sgr. = 54 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr. += 1 Fl. 12 Kr. rhein. + +Die _erste_ Abtheilung enthaelt 50 Geschichtchen und Gedichtchen, die +_zweite_ Abtheilung 50 Gedichtchen, Raethsel und Gebete zum +Auswendiglernen. + +*Die Kinderstube II.** Hundert kleine Erzaehlungen, Gedichte und Verschen +fuer Kinder von 4 bis 6 Jahren.* Der lieben Kinderwelt und deren Freunden +gewidmet von *Fr. A. Glass*. Neu bearbeitet und herausgegeben von *Ernst +Lausch*. _Zweite_ umgearbeitete Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und drei +Buntbildern. Geheftet 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem +Umschlag gebunden 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein. + +*Die Kinderstube III.** Erstes A-B-C-, Lese- und Denkbuch fuer brave +Kinder, die leicht und rasch lesen lernen wollen.* Ein Fuehrer fuer Muetter +und Erzieher beim ersten Unterricht durch Wort und Bild. Herausgegeben von +*Ernst Lausch*. Mit 300 Text-Abbildungen und zwei Buntbildern. Geheftet 15 +Sgr. = 54 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr. += 1 Fl. 12 Kr. rhein. + +*Inhalt:* I. Die kleinen Buchstaben. II. Die grossen Buchstaben und +Ergaenzung der kleinen. III. Lesebuch. IV. A-B-C-Bilder-Reime. V. +Kinderspiele. VI. Rechenbuch. VII. Gebetbuch. + +Ein namhafter Paedagog spricht sich ueber die vorstehenden Baendchen in +folgender Weise aus: "Wir koennen nicht anders als mit Freuden anerkennen, +dass es dem Autor gelungen ist, den rechten Stoff und fuer denselben die +rechte Form, d. h. die rechte Sprache fuer die Kinder-Erzaehlungen getroffen +zu haben. Die Geschichtchen sind hoechst einfach und natuerlich in der +Sprechweise der Kinder gegeben, ohne jedoch etwa einen kindischen oder gar +laeppischen Ton anzuschlagen. Man siehts diesen Buechelchen deutlich an, dass +ein innig liebendes Vaterherz, geleitet von einem klaren paedagogischen +Sinne, sie zunaechst fuer sein Theuerstes auf Erden, fuer seine eigenen +Kinder erfunden und erzaehlt hat. Sie sind den Kleinen aus der Seele +gelesen und darum echte Mosaikstuecke aus einem wahren und wirklichen +Kindesleben. Mit vielem Glueck hat der Verfasser in diesen Erzaehlungen +alles Gekuenstelte und Sentimentale, alles Ueberschwengliche und +Unnatuerliche _a la_ Struwelpeter, sowie besonders auch trocknes und +langathmiges Moralisiren fern gehalten." + +Noch sei bemerkt, dass diese Geschichtchen so einfach und kunstlos sind, um +von jeder Mutter und Erzieherin jemalig nach dem Beduerfniss und der +Anschauungsweise ihrer Pfleglinge leicht umgeaendert oder auch als Themata +zu verschiedenen Variationen benutzt werden zu koennen. + +Wo und wann ein Lehrer von _Muettern_ oder von _Erzieherinnen_ nach +lobenswerthen und zweckdienlichen Erzaehlungen fuer kleine Kinder befragt +wird, da kann derselbe mit gutem Gewissen die Geschichtchen von *Ernst +Lausch* ihnen aufs Waermste empfehlen. + +Gleiches Lob verdient das _neueste_ Baendchen desselben Verfassers unter +dem Titel: + + Die Schule der Artigkeit. + +*Goldenes A-B-C der guten Sitten** in Lehr- und Beispiel, Mahnung und +Warnung.* Auserwaehlte Fabeln, Sprueche und Spruechwoerter _fuer die +Kinderstube_. Herausgegeben von *Ernst Lausch*. Mit einem Titelbilde, +sowie 60 Text-Abbildungen von F. Flinzer, O. Rostosky und Fr. Waibler. +Elegant geheftet 221/2 Sgr. = 1 Fl. 21 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem +Umschlag gebunden 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein. + +(Diesem Baendchen schliesst sich im naechsten Jahre eine Sammlung der +vorzueglichsten deutschen *"Maerchen und Sagen"* an.) + + Die kleinen Tierfreunde. + +*Fuenfzig Unterhaltungen ueber die Thierwelt.* Ein lustiges Buechlein, fuer +die liebe Jugend bearbeitet von Dr. *Karl Pilz*, Lehrer an der Dritten +Buergerschule zu Leipzig. _Zweite_, gaenzlich umgearbeitete, vermehrte +Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und einem Titelbilde. Geheftet 20 Sgr. = +1 Fl. 12 Kr. rhein. Elegant cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein. + + *Kinderschriften von Hermann Wagner.* + +*Illustrirtes Spielbuch fuer Knaben.** 1001* unterhaltende und anregende +Belustigungen, Spiele und Beschaeftigungen fuer Koerper und Geist, im Freien +sowie im Zimmer. Herausgegeben von *Hermann Wagner*. _Zweite_ unveraenderte +Auflage. Ein Band von 400 Seiten in buntem Umschlag, mit mehr als 500 in +den Text gedruckten Abbildungen, sowie einem Titelbilde. Elegant geheftet +Preis 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. In geschmackvollem +Cartonnage-Einband 11/2 Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rh. + +*Der gelehrte Spielkamerad** oder der kleine Naturforscher, Thierfreund +und Sammler.* Anleitung fuer kleine Physiker, Chemiker, Botaniker und +Naturfreunde zum Experimentiren, zur Anlage von Pflanzen-, Stein-, +Muschel-, Insekten-, Schmetterling-, Vogel-, Briefmarkensammlungen etc., +sowie zur Pflege der Hausthiere und des Hausgartens. Ein Supplement zum +"Spielbuch fuer Knaben". Herausgegeben von *Hermann Wagner*. Mit ueber 200 +Text-Abbildungen, sechs Abtheilungs-Frontispicen sowie einem Titelbilde. +Eleg. geheftet 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rh. In geschmackvollem +Cartonnage-Einband 11/2 Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rhein. + + + _Bestens empfohlen.] __Fuer Knaben und Maedchen.__ [Zweite Auflage._ + +*Entdeckungsreisen in Haus und Hof.* Mit seinen jungen Freunden +unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 Abbildungen, Titel- und +Tonbildern. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. = +1 Fl. 12 Kr. rhein. + +*Entdeckungsreisen in der Wohnstube.* Mit seinen jungen Freunden +unternommen von *Hermann Wagner*. Mit ueber 100 Abbildungen, Titel- und +Tonbildern etc. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rh. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. = +1 Fl. 12 Kr. rh. + +*Entdeckungsreisen im Wald und auf der Heide.* Mit seinen jungen Freunden +unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 130 in den Text gedruckten +Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern und einer Extrabeilage +von getrockneten Moosarten. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein. Eleg. +cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein. + +*Entdeckungsreisen in Feld und Flur.* Mit seinen jungen Freunden +unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 110 in den Text gedruckten +Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern, einem Titelbilde etc. +Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. +rhein. + + +*Entdeckungsreisen in der Heimat.** I. Im Sueden.* Eine _Alpenreise_ mit +seinen lieben jungen Freunden unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in +den Text gedruckten Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 +Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein. + +*Entdeckungsreisen in der Heimat.** II. Im Flachlande von +Mitteldeutschland.* Streifereien mit seinen lieben jungen Freunden +unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in den Text gedruckten +Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geheftet 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg. +cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein. + + +*Im Gruenen oder die kleinen Pflanzenfreunde.* Erzaehlungen aus dem +Pflanzenreich von *Hermann Wagner*. _Dritte vermehrte Auflage._ Mit 80 +Abbildungen und kolor. Titelbilde. In prachtvollem Umschlage eleg. carton. +25 Sgr. + + _Verlag von Otto Spamer in Leipzig._ + + + + + + FUSSNOTEN + + + 1 Adara Bille, der Peiniger Krapf's, liess sich 1863 in eine + Verschwoerung gegen den Koenig Theodoros ein, die jedoch verrathen + wurde, infolge dessen jener das Leben verlor. + + 2 Die beigefuegte Abbildung stellt einen pfluegenden Mensa dar. + Zugochsen und Pflug, ebenso das Joch des Ochsen, sind ganz genau so + wie im eigentlichen Abessinien gestaltet. + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Fussnoten wurden an das Ende des Textes gesetzt. + +Die Werbeseiten wurden am Ende des Textes zusammengefasst. + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In der elektronischen Fassung +sind Antiqua (bis auf roemische Zahlen und den Titel "Dr.") und Sperrung +durch Unterstriche markiert, Fettdruck durch Sternchen. + +"etc." ist im Original mit der Tironischen Note fuer _et_ geschrieben. + +Korrektur offensichtlicher Druckfehler: + + Seite 1: "Lefebvre" in "Lefebvre" geaendert + Seite 16: "Sanglu" in "Saglu" geaendert + Seite 19: "Indiko,pleustes" in "Indikopleustes" geaendert, "kopirte-" + in "kopirte," + Seite 26: "wuertembergischen" in "wuerttembergischen" geaendert + Seite 51: "Allgemeine-n" in "Allgemeinen" geaendert + Seite 57: "Mohamedaner" in "Muhamedaner" geaendert + Seite 67: "lezteren" in "letzteren" geaendert + Seite 95: zweites Anfuehrungszeichen hinter "vergeblich" ergaenzt + Seite 136: "Metemme" in "Metemme" geaendert + Seite 144: "brereitete" in "bereitete" geaendert + Seite 146: "Waizen" in "Weizen" geaendert + Seite 153: "Einwoher" in "Einwohner" geaendert + Seite 172: "Rueppel" in "Rueppell" geaendert + Seite 175: "Raum" in "Rauch" geaendert + Seite 185: "Reb," in "Reb" geaendert + Seite 199: "Woito" in "Waito" geaendert + Seite 203: "Lalmalmon" in "Lamalmon" geaendert + Seite 218: "Schutzherrrn" in "Schutzherrn" geaendert + Seite 221: "Regeu" in "Regen" geaendert + Seite 230: "Assasee" in "Assalsee" geaendert + Seite 236: "Meeresspiel" in "Meeresspiegel" geaendert + Seite 237: "vernachlaessigt" in "vernachlaessigt" + Seite 246: "Banketsales" in "Banketsaales" geaendert + Seite 250: "Agollala's" in "Angollala's" geaendert + Seite 253: "Garague" in "Gurague" geaendert + Seite 253: ueberfluessiges Anfuehrungszeichen vor "Satan" entfernt + Seite 287: "Ungust" in "Ungunst" geaendert + +Nicht vereinheitlicht wurden (ausser in Faellen einzelner, als Druckfehler +anzusehender Abweichungen) verschiedene Schreibvarianten wie "Augenbrauen" +und "Augenbraunen", "Bajonnet" und "Bajonett", "danieder" und "darnieder", +"erwidern" und "erwiedern", "Galla" und "Gala", "Kusso" und "Kosso", +"male" und "Male", "Tanasee" und "Tana-See", "Victoria" und "Viktoria", +"Wag" und "Waag", "wol" und "wohl" oder unterschiedliche Verwendung von +Akzenten. Das Original verwendet durchgehend die Schreibungen "Schmuz", +"schmuzig", "jenseit". + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLAeNDER*** + + + + CREDITS + + +January 7, 2010 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Mark C. Orton, Markus Brenner, Stefan Cramme and + the Online Distributed Proofreading Team at + http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 30883.txt or 30883.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/8/8/30883/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. 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