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+The Project Gutenberg EBook of Abessinien, das Alpenland unter den Tropen
+und seine Grenzlaender by Richard Andree
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzlaender
+
+Author: Richard Andree
+
+Release Date: January 7, 2010 [Ebook #30883]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLAeNDER***
+
+
+
+
+
+ Das
+
+ Buch der Reisen und Entdeckungen.
+
+ Afrika.
+
+ *Abessinien,*
+
+ das Alpenland unter den Tropen.
+
+
+
+
+
+ Malerische Feierstunden.
+
+ Das Buch der Reisen und Entdeckungen.
+
+ _Neue illustrirte_
+
+ *Bibliothek der Laender- und Voelkerkunde*
+
+ zur
+
+ Erweiterung der Kenntniss der Fremde.
+
+ *Afrika.*
+
+ *Abessinien, das Alpenland unter den Tropen.*
+
+ Bearbeitet
+
+ von
+
+ *Dr. Richard Andree.*
+
+Mit 80 in den Text gedruckten Abbildungen, sechs Tonbildern, sowie einer
+ Uebersichtskarte von Abessinien
+
+ *Leipzig.*
+
+ Verlag von Otto Spamer.
+
+ 1869.
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Koenig Theodoros, Audienz ertheilend.
+ _Originalzeichnung von __H. Leutemann__, nach Lejean._]
+
+
+
+
+
+ *Abessinien,*
+
+ _das Alpenland unter den Tropen_
+
+ und
+
+ *seine Grenzlaender.*
+
+
+ Schilderungen von Land und Volk vornehmlich unter
+
+ *Koenig Theodoros* (1855-1868).
+
+ Nach den Berichten aelterer und neuerer Reisender bearbeitet
+
+ von
+
+ *Dr. Richard Andree.*
+
+Mit 80 Text-Abbildungen, 6 Tonbildern nach Originalzeichnungen von E.
+Zander, R. Kretschmer, H. Leutemann u. A. nebst einer Uebersichtskarte von
+Abessinien.
+
+_Leipzig._
+
+Verlag von Otto Spamer.
+
+1869.
+
+
+
+
+
+ Verfasser und Verleger behalten sich das Recht der Uebersetzung vor.
+
+ Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
+
+
+
+
+
+ VORWORT.
+
+
+Ein afrikanisches Alpenland, ueberreich an Schoenheiten und Wundern der
+Natur, bewohnt von einem begabten Volke, das gleich uns zum kaukasischen
+Stamme gehoert und mit den Negern nichts zu schaffen hat, eine an
+fesselnden Abenteuern reiche Folge von Reisen in dieses Land, endlich der
+Feldzug Englands gegen den eisernen, blutigen _Theodor_, der maechtig ueber
+Abessinien geherrscht, wie noch kein dunkelfarbiger Koenig vor ihm - das
+ist es, was wir in diesem Bande des "Buches der Reisen und Entdeckungen"
+den Lesern vorfuehren wollen.
+
+Abessinien hat von jeher der gebildeten Welt ein grosses Interesse
+eingefloesst und nicht etwa erst die neueste romantische Episode seiner
+Geschichte uns diese "unter die Tropen gerueckte Schweiz" naeher gefuehrt.
+Dort, in der muthmasslichen Heimat des schwarzhaeutigen der durch die Bibel
+eingefuehrten heiligen drei Koenige, besteht ja noch, abgeschieden und
+vergessen von den abendlaendischen Glaubensgenossen, inmitten heidnischer
+und muhamedanischer Voelker, ein christliches Reich; dorthin verlegte das
+Mittelalter auch den Staat des fabelhaften Erzpriesters Johannes, dort
+entspannen sich Glaubenskaempfe gegen den Islam, die an Heftigkeit und
+blutigen Greueln ihresgleichen suchen, dort muehten sich endlich unsere
+Missionaere bis in die neueste Zeit erfolglos ab, die Bevoelkerung zu einem
+reineren Glauben zurueckzufuehren. Staatsumwaelzungen, Buergerkriege folgen im
+bunten Wechsel einander.
+
+So erhebt sich vor unserem geistigen Blicke auf dem farbenreichen
+Hintergrund, den die Natur bietet, ein interessantes geschichtliches Bild,
+beginnend mit der sagenhaften Koenigin von Saba, endigend mit dem blutigen
+_Theodor_, und fesselt unser Interesse an denselben afrikanischen Boden,
+der, wenn man von Aegypten und den durch die Araber begruendeten Reichen
+absieht, im Grunde eine eigentliche Geschichte nicht hat.
+
+Nachdem der Verfasser die Erforschung Abessiniens von den aeltesten Zeiten
+bis auf unsere Tage herab geschildert hat, fuehrt er in den ersten vier
+Abschnitten Land und Leute in einem gedraengten Bilde vor, alles
+Wesentliche zusammenfassend, was ueber Geologie und Oberflaechengestaltung,
+ueber die natuerlichen Felsenfestungen und periodisch anschwellenden Stroeme,
+jene Grundursache der Nilueberschwemmungen, was ueber die klimatischen
+Verhaeltnisse und die Vegetationsguertel, ueber die Thierwelt jenes
+interessanten Gebietes gesagt werden kann. Dabei wandert das Volk an uns
+vorueber mit seinen guten Anlagen und seinem tiefen sittlichen Verfall,
+seinen verschiedenen Staemmen und Sprachen, Sitten und Gebraeuchen. Handel
+und Industrie finden gleichfalls gebuehrende Beruecksichtigung, nicht minder
+die religioesen Verhaeltnisse, das afrikanisch gefaerbte Christenthum des
+Landes mit seiner byzantinischen Scheinrechtglaeubigkeit und lasterhaften
+Priesterschaft. Die Missionsgeschichte, reich an Enttaeuschungen und arm an
+Erfolgen, wird unparteiisch berichtet und dann mit einer Abhandlung ueber
+den Landbau und die sozialen Verhaeltnisse des Landes der allgemeine Theil
+beschlossen.
+
+Nachdem der Leser dergestalt orientirt ist, kann er an der Hand der
+neuesten Reisenden das weite Land durchwandern; er lernt den Norden wie
+den Sueden kennen, die brennendheissen Kuestenstriche und die
+fieberschwangere, feuchte Kollaregion, hinauf bis zu den schneegekroenten,
+majestaetischen Alpengipfeln.
+
+Geleitet von solchen Forschern, deren Schilderungen zu den
+farbenpraechtigsten gehoeren, die wir ueber jene fernen Gegenden besitzen,
+gewinnt der Leser alsobald die vorgefuehrten Persoenlichkeiten um so lieber,
+je fesselnder deren oft ueberaus romantische Fahrten sind. Waehrend die
+aelteren Reisenden bereits frueher besprochen waren, bieten wir in diesem
+Abschnitte einen Einblick in das verdienstvolle Wirken der neueren
+Laendererforscher. Wir lernen den geistreichen und kuehnen Franzosen
+_Guillaume Lejean_ kennen, durchstreifen an der Hand _Werner Munzinger's_
+und der Gefaehrten des _Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg_ die noerdlichen
+Grenzgebiete, die Laender der Bogos und Kunama, begleiten den deutschen
+Fuersten selbst auf seinen Puerschgaengen und Elefantenjagden und werden
+schliesslich durch den englischen Major _W. Cornwallis Harris_ in die fast
+maerchenhaft erscheinende Welt von Schoa, diesen suedlichen Theil
+Abessiniens, eingefuehrt, wo in malerischen Einzelschilderungen das Hof-
+und Kriegsleben des Negus _Sahela Selassie_ an uns voruebergeht.
+
+Naturgemaess gipfeln die Mittheilungen in der Darstellung des heutigen
+Abessinien. Verfallen und zerrissen durch nimmer ruhende Buergerkriege,
+zuckend und verblutend liegt es da. Wuest liegen die fruchtbaren Aecker und
+das geplagte Volk verkommt: da scheint ein Hoffnungsstrahl aufzudaemmern!
+Gleich einem glaenzenden Meteor steigt der maechtige _Theodor_, der Sohn
+einer armen Kussohaendlerin, am abessinischen Himmel auf. Noch einmal
+scheint es, als ob das altaethiopische Reich aus seinen Truemmern, aus
+Schutt und Moder wieder erstehen wolle. Doch der Glanz truegt, und nach
+Tagen blutiger Schrecken sinkt unter der ueberlegenen Macht der
+"rothhaarigen Barbaren" auch der afrikanische Napoleon dahin, mit ihm sein
+Reich. Indessen nicht blos Schatten wirft die Regierungsgeschichte dieses
+unzweifelhaft bedeutenden Mannes; es sind Lichtpunkte genug in derselben
+zu finden, und der Verfasser hat sich bemueht, Licht und Schatten in
+gerechter Wuerdigung der Schwierigkeiten, die sich einem Reformator in der
+Eigenartigkeit von Land und Menschen jener fernen Gegenden
+entgegenstellen, billig zu vertheilen.
+
+Was die Quellen, aus denen das vorliegende Buch geschoepft, betrifft, so
+wurde von _Hiob Ludolf_ an bis auf _Th. von Heuglin_, sowie die Berichte
+der englischen Korrespondenten herab keine wichtige Publikation uebersehen.
+Ausser den angefuehrten Reisenden, deren Berichte im Auszuge wiedergegeben
+sind, wurden hauptsaechlich _James Bruce_, _Henry Salt_, _Eduard Rueppell_,
+_Karl Wilhelm Isenberg_, _Ludwig Krapf_ und (fuer den zoologischen Theil)
+_A. E. Brehm_ benutzt.
+
+Als ganz besonders werthvoll muessen wir die Originalabhandlung ueber die
+_Agrikultur Abessiniens_ von _Eduard Zander_ hier hervorheben. - Das Leben
+dieses deutschen Landsmannes haben wir im Texte geschildert. Fuer die
+Erlaubniss zur Veroeffentlichung der genannten Arbeit ist der Herausgeber
+_Sr. Hoheit dem Herzoge Leopold Friedrich von Anhalt_, in dessen Besitze
+sich das Original-Manuskript befindet, zu tiefgefuehltem Danke
+verpflichtet. Die Kundgebung dieser zu Magdala im Jahre 1859 verfassten
+Arbeit erfolgt hier, mit Weglassung einer allgemeinen Einleitung,
+vollstaendig. Da jedoch unserm wackern Landsmanne nach laengerer Abwesenheit
+vom Heimatlande der fluessige Gebrauch der deutschen Sprache abhanden
+gekommen war, so erschienen stylistische Aenderungen in seiner Darstellung
+unerlaesslich, wie denn auch die Schreibart der Eigennamen mit der in
+vorliegendem Werke befolgten in Uebereinstimmung gebracht werden musste.
+
+In der Orthographie abessinischer Namen herrscht bekanntlich die groesste
+Anarchie, ganz entsprechend jener, welche das Land zerruettet; um ihr
+womoeglich zu entgehen, schloss sich der Verfasser in seiner Rechtschreibung
+an diejenigen deutschen Reisenden an, welche von allen die meiste
+Uebereinstimmung zeigen und diesen Gegenstand am eifrigsten ihrer
+Aufmerksamkeit gewuerdigt haben, naemlich _K. W. Isenberg_ und _Th. von
+Heuglin_.
+
+Zur ganz besonderen Freude gereicht es uns, mittheilen zu koennen, dass der
+bei Weitem groessere Theil der Illustrationen dieses Werkes nach an Ort und
+Stelle aufgenommenen Originalen gezeichnet ist. Zwei Kuenstler, die das
+Land bereisten, haben dieselben geliefert: _Robert Kretschmer_, der den
+Herzog von Koburg als Maler begleitete, und _Eduard Zander_, dessen
+werthvolle Federzeichnungen, weit ueber hundert an der Zahl, die
+landschaftlichen, architektonischen und ethnographischen Verhaeltnisse
+Abessiniens ungemein gut charakterisiren. Sie befinden sich gleichfalls im
+Besitze Sr. Hoheit des Herzogs von Anhalt und werden hier, mit dessen
+hoher Erlaubniss, als wesentlicher Schmuck unsres Buches, wiedergegeben.
+Die uebrigen Illustrationen, bei denen die Quelle stets angegeben ist,
+wurden den Werken von H. Salt, E. Rueppell, W. C. Harris, Bernatz, G.
+Lejean u. a. entlehnt. Schon in dem uns hier entgegentretenden Reichthum
+an gelungenen Holzschnitten ist uns ein vollstaendiges Bild des
+afrikanischen Alpenlandes geliefert, das in keinem hier in Betracht
+kommenden andern Werke reicher illustrirt zur Anschauung kommen duerfte.
+Das am Schlusse mitgetheilte Kaertchen endlich wird zur allgemeinen
+Orientirung ueber das besprochene Gebiet willkommen geheissen werden.
+
+_Leipzig_, im Juli 1868.
+ *Die Redaktion des "Buches der Reisen und Entdeckungen".*
+
+
+
+
+
+ INHALTSVERZEICHNISS.
+
+
+ Seite
+ _Einleitung._* Historischer Ueberblick und Geschichte der 1
+ Erforschung Abessiniens.* Mit 11 Illustrationen
+ Aethiops (2). - Die Koenigin von Saba (3). - Menilek und die
+ salomonische Dynastie (3). Beruehrungen mit den Voelkern des
+ Alterthums (4). - Die Koenigsstadt Axum und ihre Ruinen (5).
+ - Einfuehrung des Christenthums (6). - Wechsel der Dynastie
+ (8). - Die Invasion der Muhamedaner unter Granje (10). -
+ Portugiesen und Jesuiten in Abessinien (11). - Ihre
+ Vertreibung (12). - Zerfall des Reiches und Buergerkriege
+ (13). - Die Verfassung (18). - Erforschungsgeschichte (19).
+ - Portugiesische Reisende (20). - Hiob Ludolf (21). - Bruce
+ (22). - Salt und Pearce (23). - Hemprich und Ehrenberg (23).
+ - Rueppell (23). - Tamisier und Combes (26). - v. Katte (26).
+ - Schimper (26). - Aubert und Dufey (27). - Lefebvre (27). -
+ Gebrueder d'Abbadie (27). - Rochet d'Hericourt (28). - Beke
+ (29). - Zander (30). - Sapeto (32). - Munzinger (32). -
+ Lejean (33). - Die deutsche Expedition (33).
+ *Das Land, seine Pflanzen- und Thierwelt.* Mit 14 35
+ Illustrationen
+ Begrenzung (35). - Das Hochland (36). - Geologie Abessiniens
+ (36). - Der versteinerte Wald (39). - Heisse Quellen (40). -
+ Oberflaechengestaltung (40). - Natuerliche Felsenfestungen
+ (42). - Die Alpen Semiens (42). - Charakter der Fluesse (46).
+ - Ihr Anschwellen (46). - Ursachen der Nilueberschwemmungen
+ (47). - Der Tanasee und der Abai (47). - Klimatische
+ Verhaeltnisse (50). - Die Vegetationsguertel (51). - Kola
+ (51). - Woina Deka (56). - Deka (61). - Die niederen Thiere
+ (62). - Voegel (65). - Saeugethiere. Ihre Lebensweise,
+ Nutzanwendung, Jagd (71).
+ *Das Volk, seine Sitten und Gebraeuche, Handel und 85
+ Industrie.* Mit 9 Illustrationen
+ Physischer Charakter des Volks (85). - Die Juden oder
+ Falaschas (86). - Muhamedaner (87). - Gamanten (88). -
+ Heidnische Ueberreste (90). - Waito (90). - Die Sprachen
+ Abessiniens (90). - Literatur und Malerei (93). - Charakter
+ und Sittenlosigkeit der Abessinier (94). - Blutrache (95). -
+ Justiz (96). - Aberglauben (97). - Das Verzehren von rohem
+ Fleische (100). - Nahrungsweise (102). - Kleidung (103). -
+ Krankheiten und Aerzte (103). - Industrie und Handel (106).
+ *Religion, Kirche und Geistlichkeit. Das Missionswesen.* Mit 111
+ 8 Illustrationen
+ Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und
+ Verwahrlosung (111). - Der Abuna (114). - Art des
+ Gottesdienstes (120). - Die lasterhafte Geistlichkeit (122).
+ - Moenche und Kloester (122). - Politische Asyle (123). -
+ Zeitrechnung (123). - Feste (123). - Taufe, Ehe, Begraebniss
+ (124). - Die Kirchen, ihre Einrichtung und Ausschmueckung
+ (126). - Die verschiedenen Missionsversuche in Abessinien,
+ deren Misslingen und Urtheile darueber (128).
+ *Der Ackerbau und die Viehzucht Abessiniens.* Mit 5 139
+ Illustrationen
+ Die Kulturflaeche Abessiniens (139). - Die Getreidearten,
+ ihre Anpflanzung und Verwendung (141). - Gewuerze, Gemuese,
+ Wein, Baumwolle, Gescho (144). - Ernteertrag (146). - Nuk
+ (146). - Einfelderwirthschaft (146). - Ackerwerkzeuge (147).
+ - Regenzeit (148). - Bewaesserung (148). - Soziale Stellung
+ der Landleute (149). - Die Viehzucht (150). - Aussicht fuer
+ europaeische Ansiedelungen (153). - Die Regierung und der
+ Grundbesitz (153). - Das Frohnwesen (153). - Steuern (153).
+ - Wiesen und Moorgrund (154). - Bienenzucht (154). - Die
+ Wohnungen der Landleute (155). - Die Muehlen Abessiniens
+ (157).
+ *Massaua und die abessinische Kuestenlandschaft.* Mit 5 158
+ Illustrationen
+ Die Bedeutung des Rothen Meeres (158). - Der Dahlak-Archipel
+ und die Perlenfischerei (160). - Die Stadt Massaua und ihre
+ Bewohner (162). - Sklavenhandel (164). - Die Cisternen
+ (166). - Der Markt (167). - Karawanenhandel mit Abessinien
+ (167). - Die Bai von Adulis (168). - Schoho und Danakil
+ (170). - Die Samhara (171). - Eine abessinische Karawane
+ (172). - Der Tarantapass und Halai (174).
+ *G. Lejean's Reise durch Abessinien.* Mit 10 Illustrationen 176
+ Metemme (177). - Der Markt Wochni (178). - Grenzwaechter
+ (178). - Eine abessinische Festung (180). - Eine deutsche
+ Familie (182). - Das Land am Tanasee (182). - Schnapphaehne
+ (184). - Missionsstation Gafat (185). - Gefangennahme
+ Lejean's durch Koenig Theodor (187). - Theodor's Loewen (187).
+ - Gondar und seine Bauten (188). - Wasserfall des Reb (192).
+ - In einem Kloster (194). - Besuch in Korata (195). -
+ Binsenfloesse (198). - Besteigung des hohen Guna (200). - Fuenf
+ Frauengenerationen (200). - Befreiung (202). - Hochebene
+ Wogara (202). - Lamalmon-Pass (203). - Reise durch Tigrie
+ nach Massaua (204).
+ *Reisen in den noerdlichen und nordwestlichen Grenzlaendern 207
+ von Abessinien.* Mit 4 Illustrationen
+ Das Land der Mensa und Bogos (207). - Reise des Herzogs
+ Ernst (208). - Monkullo (209). - Labathal (209). - Plateau
+ von Mensa (210). - Das Volk der Mensa (211). - Ausflug nach
+ Keren (212). - Elephantenjagd (214). - Rueckkehr (216). -
+ Munzinger ueber die Bogos (217). - Geschichtliches (217). -
+ Ein aristokratisches Volk (218). - Rechtsverhaeltnisse (218).
+ - Aberglauben (219). - Das Christenthum der Bogos (219). -
+ Der Marebfluss (221). - Die demokratischen Bazen und Barea
+ (220).
+ *Schoa und die britische Gesandtschaft unter Major Harris.* 224
+ Mit 9 Illustrationen
+ Begrenzung (224). - Englische Gesandtschaft unter Harris
+ (225). - Tadschurra (225). - Zug durch die Adalwueste (226).
+ - Salzsee (227). - Mord im Thale Gungunte (228). -
+ Versammlung der Eingeborenen (230). - Sklavenkarawane (232).
+ - Myrrhen (233). - Der Hawasch (234). - Der Grenzdistrikt
+ (234). - Alio Amba, ein Marktort (236). - Empfang beim
+ Koenige Sahela Selassie (240). - Die Hauptstadt Ankober
+ (242). - Debra Berhan, die Sommerresidenz (245). -
+ Sklavendepot (246). - Truppenrevue (246). - Angollala (249).
+ - Schlucht der Tschatscha (250). - Medoko, der Rebell (252).
+ - Das Gallavolk (252). - Kriegszug gegen dasselbe (258). -
+ Siegesfest (260). - Abschluss des Handelsvertrags (262). -
+ Rueckkehr (263).
+ *Theodoros II., Negus von Aethiopien.* Mit 6 Illustrationen 264
+ Bewegte Jugend (264). - Der Emporkoemmling (265). - Schlacht
+ von Debela und Koenigskroenung (266). - Rebellenkriege (267).
+ - Reformen (272). - Abessinische Heere und Kriegspraxis
+ (275). - Verwickelungen mit den Missionaeren (280). -
+ Gefangennahme Cameron's und Streitigkeiten mit England
+ (281). - Magdala (284). - Beginn der englischen Invasion
+ (287). - Erstuermung von Magdala und Tod Theodor's (293). -
+ Rueckzug der Englaender (297).
+
+ Die hierzu gehoerigen Tonbilder sind einzuheften:
+ Koenig Theodoros, Audienz ertheilend Titelbild.
+ Teiit, Partie von Totscha in Semien Seite 43
+ Charakter des Hochgebirges Awirr in Semien " 49
+ Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in " 215
+ Mensa
+ Im Lager des Negus. Priester und Krieger " 276
+ Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Suedliche Ansicht " 286
+
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Obelisken von Axum. Nach Rueppell.]
+
+
+
+
+
+ EINLEITUNG.
+
+
+ Historischer Ueberblick und Geschichte der Erforschung Abessiniens.
+
+
+ Aethiops. - Die Koenigin von Saba. - Menilek und die salomonische
+ Dynastie. - Beruehrungen mit den Voelkern des Alterthums. - Die
+ Koenigsstadt Axum und ihre Ruinen. - Einfuehrung des Christenthums.
+ - Wechsel der Dynastie. - Die Invasion der Muhamedaner unter
+ Granje. - Portugiesen und Jesuiten in Abessinien. - Ihre
+ Vertreibung. - Zerfall des Reiches und Buergerkriege. - Die
+ Verfassung. - Erforschungsgeschichte. - Portugiesische Reisende. -
+ Hiob Ludolf. - Bruce. - Salt und Pearce. - Hemprich und Ehrenberg.
+ - Rueppell. - Tamisier und Combes. - v. Katte. - Schimper. - Aubert
+ und Dufey. - Lefebvre - Gebrueder d'Abbadie. - Rochet d'Hericourt.
+ - Beke. - Zander. - Sapeto. - Munzinger. - Lejean. - Die deutsche
+ Expedition.
+
+
+"In den ersten Jahrhunderten unserer Aera stand Abessinien auf der Hoehe
+der damaligen Kultur; das Christenthum, das ununterbrochen von Aegypten
+den Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen stetigen Verkehr mit dem
+roemischen Reiche. In Glauben, Sitte, Recht und Feinheit des Lebens war es
+uns aehnlich; doch seit es von dem Abendlande durch die Fortschritte des
+Islam abgeschnitten ist, blieb seine Entwicklung stehen, und wie, wer
+steht, zurueckgeht, so ist auch Abessinien zurueckgegangen und ist
+verwildert, wenn es auch jetzt noch Europa viel naeher steht als dem
+nachbarlichen Afrika. Es ist umringt von Feinden, wie die Rose von Dornen;
+im Norden, wo das Hochland in Stufen abfaellt und endlich in unabsehbare
+Tiefebenen sich endet, wohnen muhamedanische Voelker, meist rebellische
+Kinder des Hochlandes, die hellfarbigen Habab, die Leute von Barka; ihnen
+folgen noch noerdlicher die altnomadischen fremdredenden Hadendoa. Im
+Westen begrenzt Abessinien das Nilland, tuerkischer Herrschaft unterworfen,
+im Sueden das halb muhamedanische, halb teufelanbetende Volk der Galla.
+Wohl brauchte es Jahrhunderte, das Hochland vor allen diesen Feinden dem
+Christenthume zu wahren. Doch jetzt steht Abessinien gegen aussen
+unabhaengig da; es hat nur die inneren Feinde zu fuerchten, die Anarchie,
+den freiwilligen Verfall seiner Religion und Sitte, den Selbstmord."
+
+So charakterisirt einer der besten Kenner des Landes, Werner Munzinger,
+die Lage der "afrikanischen Schweiz", die von alters her das Interesse der
+europaeischen Voelker wach zu halten wusste, schon wegen der Gleichartigkeit
+der Religion, welche uns mit ihren Bewohnern verbindet. Dorthin verlegte
+man den Sitz des schwarzen Erzpriesters Johannes, dorthin zogen
+Glaubensboten und wissenschaftliche Forscher in grosser Zahl und
+uebermittelten uns Kunde von den Wundern des so verschiedenartig
+gestalteten Landes. Bald sind es die heissfeuchten Niederungen mit
+toedtlichem Klima, tropischem Pflanzenwuchs und belebt von den Riesen der
+Thierwelt, bald kahle, vom Winde gepeitschte Hochebenen, ueber denen die
+gezackten, kuppel- und domfoermigen Bergriesen bis in die Eisregion
+hineinragen, dann wieder die verschiedenen Staemme des Landes,
+ausgezeichnet vor ihren Nachbarn durch leibliche und geistige Vorzuege,
+doch tief gesunken, die uns jene Berichte vorfuehren. Endlich aber ist es
+die mehr als tausendjaehrige, wol anfangs in den Schleier der Sage gehuellte
+Geschichte des Landes, die mit ihrem Dynastienwechsel, ihren blutigen
+Buergerkriegen und Religionskaempfen uns unwillkuerlich anzieht. Ja,
+_Geschichte auf afrikanischem Boden_! Welche Anomalie! Denn sehen wir ab
+von den muhamedanischen Staaten und den alten, voruebergehenden
+Kulturreichen im Norden des schwarzen Erdtheils, so bietet uns allein
+Abessinien eine Geschichte, ein Reich in Afrika dar. Staatenbildungen,
+Historie bei den Negervoelkern zu suchen, waere vergebliche Muehe; Abessinien
+aber hat beides, und der Grund dafuer liegt in der Abstammung, der Begabung
+seiner Bewohner, die gleich uns zur kaukasischen Rasse gehoeren, denn sie
+sind aethiopische Semiten, Verwandte der Araber, Phoenizier, Juden.
+
+Nach der Ueberlieferung der Abessinier kam _Kusch_, ein Sohn Ham's, in ihr
+Land, liess sich dort nieder, gruendete die Stadt Axum und bevoelkerte weit
+und breit die Umgebung. Er hinterliess zwoelf Soehne, unter welchen der
+aelteste, _Aethiops_, dem ganzen Lande den Namen _Aethiopia_ gab. So hiess
+es wenigstens bei den Griechen und heisst es heute noch offiziell. Der
+allgemein uebliche Ausdruck Abessinien jedoch ist aus dem arabischen
+Habesch abgeleitet. Nach dieser dunklen Sage schweigt die Tradition
+wieder, und nur Erinnerungen an heidnische Gebraeuche und Schlangenkultus
+fuellen den Zeitraum aus, bis die Geschichte Abessiniens - wenn auch immer
+noch sagenhaft - mit derjenigen der schoenen _Koenigin Maketa von Scheba_
+(Saba) zusammenfaellt. Zu Axum hatte sie im 11. Jahrhundert vor Christus
+ihren Thron aufgeschlagen; dort herrschte sie, ihr Volk beglueckend, voller
+Milde und Guete. Eines Tags erschienen Fremdlinge aus einem fernen
+noerdlichen Lande bei ihr, die viel von dem weisen Koenige Salomo zu
+Jerusalem berichteten, der alle uebrigen Menschen an Klugheit weit
+uebertraf. Ihn zu sehen, reiste die Koenigin nach Kanaan, und kaum hatte der
+Judenkoenig sie erblickt, als er sich in sie verliebte und sie zur Frau
+nahm. Nachdem die aethiopische Fuerstin dem Koenige einen Sohn Namens
+_Menilek_ Ebn Hakim, der spaeter den Koenigsnamen David I. empfing, geboren
+hatte, riefen sie die Pflichten der Herrschaft wieder nach Abessinien
+zurueck, waehrend der Sohn beim Vater blieb, um dort in allen Tugenden
+erzogen zu werden. Er wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Gnade, sodass
+aller Menschen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Eines Nachts,
+berichtet die Tradition, erschien ihm der Herr im Traume, hiess ihn wieder
+in die Heimat zurueckkehren und dort den Gottesdienst nach juedischer Weise
+einrichten. Heimlich warb er zwoelf Priester, unter denen Asarja obenan
+steht, nahm in der Nacht die alte Bundeslade aus dem Tempel zu Jerusalem
+und fluechtete mit ihr zu seiner Mutter nach Axum, wo das angebliche
+Heiligthum noch jetzt gezeigt wird. Von seinem Vater Salomo wurde Menilek
+lange Zeit verfolgt, allein Gottes Wundermacht schuetzte ihn und sicherte
+ihn vor allen Nachstellungen, so dass er 29 Jahre ueber Aethiopien regierte.
+Seit jener Zeit nun regiert nominell eine _salomonische Dynastie_ in
+Abessinien, und der Glaube hieran ist unter dem ganzen Volke vom Hoechsten
+bis zum Niedrigsten so fest gewurzelt und weit verbreitet, dass nichts sie
+von dieser Vorstellung abzubringen vermag.
+
+ [Illustration: Abessinische Muenzen. Nach Rueppell.
+ 1. Kupfermuenze des Kaisers Armah (644 bis 658),
+ 2. Goldmuenze des Kaisers Aphidas (536 bis 542),
+ 3. Goldmuenze des Kaisers Gersemur (603 bis 614).]
+
+Die Bewohner Abessiniens scheinen in der vorchristlichen Zeit auf einer
+sehr niedrigen Kulturstufe gestanden zu haben. Mit den durch die Aegypter
+civilisirten Staemmen, welche in Aethiopien den Nilstrom entlang wohnten
+und das Reich Meroe gegruendet hatten, scheinen sie durchaus keinen Verkehr
+gehabt zu haben, ja es ist ausgemacht, dass den alten Aegyptern das Land
+erst durch die Kriegszuege Alexander's d. Gr. und durch die von ihm an die
+Kueste verpflanzte Kolonie von Syrern (wahrscheinlich juedischer Religion)
+bekannt wurde. Die Ptolemaeer, welche ihre Handelsverbindungen mit dem
+Rothen Meere ausdehnten, errichteten Emporien und Stationen fuer die
+Elephantenjagd laengs der "Kueste der Troglodyten" und Aethiopier, und der
+zweite Nachkomme des grossen Soter gruendete Adulis am Golf von Zula, nahe
+dem heutigen Massaua. Seine Truppen drangen, nach der von Kosmas
+Indikopleustes im 6. Jahrhundert aufgefundenen sogenannten adulitischen
+Inschrift, siegreich bis ueber den Takazziefluss in die damals schon
+erwaehnten Schneegebirge Semien's und verpflanzten griechische Sprache und
+Gesittung in das Land. In Tigrie entstand das koenigliche Axum mit seinen
+hohen Obelisken, Inschrifttafeln und Koenigsgraebern, und die aethiopischen
+Fuersten schlugen Gold- und Kupfermuenzen. - Doch griff diese Art hoher
+Kultur, deren Bluete in das 4. bis 7. Jahrhundert faellt, erst nach der
+Einfuehrung des Christenthums um sich.
+
+Laut predigen heute noch von der alten Herrlichkeit die Ruinen der einst
+maechtig bluehenden Koenigsstadt in der Provinz Tigrie. Sie sind, wenige
+andere zerstreute Reste abgerechnet, das einzige, was an die alte
+Glanzzeit Abessiniens erinnert und der Zielpunkt aller Reisenden, welche
+das aethiopische Hochland aufsuchen. Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts,
+als der Portugiese Alvarez sich dort aufhielt, muessen manche merkwuerdige
+Bauwerke daselbst vorhanden gewesen sein, die seitdem verschwunden sind.
+In einer alten deutschen Uebersetzung seines Reiseberichtes heisst es:
+"Chaxuma hat vieler schoener Wohnungen uff der Erde gebavet, da eine jede
+seinen springenden Brunnen hat, und das Wasser den Lewen zum Rachen
+herausspringet, welche aus gesprenkelten Marmelsteinen zierlich gemacht
+sind.... Man findet auch an den Haeusern viel alter seltzamer Figuren, in
+gar reine und harte Steine gehawen, als Lewen, Hunde, Vogel u. s. w." Auch
+jetzt enthaelt Axum noch sehenswerthe Monumente, Obelisken, Stelen,
+Koenigsgraeber, Opferaltaere, ueber die wir durch Salt, Rueppell und Heuglin
+genaue Auskunft erhalten haben.
+
+Der Anblick der in einer Niederung zwischen vulkanischen Huegeln
+ausgebreiteten Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen, Obelisken, Wachholder-
+und Feigenbaeumen ist ueberraschend schoen. Noch ehe man das Thal betritt,
+begegnet man von Osten kommend einem kleinen schlanken Obelisk, um den
+mehrere aehnliche umgestuerzt in Truemmern liegen; etwas weiter sind
+Schutthuegel mit Opfersteinen und einer 7 Fuss hohen Stele (Inschriftstein),
+deren eine Seite eine aethiopische, die andere eine griechische Inschrift
+vom Axumitenkoenig Aizanas enthaelt. Von hier fuehrt ein in den Fels
+gehauener Weg oder Wasserleitung in die Stadt. Ueber den geraeumigen
+Marktplatz gehend, erreicht man bald ein niedriges Plateau mit einem
+riesigen Feigenbaum, dessen Stamm an 50 Fuss Umfang hat. Hier ist das
+eigentliche Obeliskenfeld. Einen sonderbaren Kontrast bilden diese
+schlanken, oft mit einfachen und zierlichen Ornamenten fast ueberladenen
+Monolithe und Stelen zur bescheidenen Bauart der meist runden, mit Stroh
+gedeckten Steinhuetten der heutigen Axumiten, die oft dicht gedraengt in
+einzelnen ummauerten Gehoeften zusammenstehen, beschattet von immergruenen
+Wanzabaeumen, deren dichtes Laubwerk Schneeflocken gleich mit Blueten
+uebersaeet ist. Das heutige Axum hat eine Laenge von etwa einer halben
+Stunde, aber Haeuser, Gehoefte und Gaerten stehen nicht dicht beisammen und
+sind zuweilen durch Felder und mit Truemmern bedeckte Plaetze unterbrochen.
+Die Einwohnerzahl veranschlagt Heuglin auf 2-3000. Sie treiben Ackerbau
+und Viehzucht und leben in verhaeltnissmaessig glaenzenden Umstaenden, da die
+vielen kirchlichen Feste und Wallfahrten und namentlich das politische
+Asyl - ein von Mauern umgebener Platz beim Markte - zahlreiche Fremde nach
+Axum ziehen.
+
+ [Illustration: Der sogenannte Koenigssitz zu Axum. Nach Salt.]
+
+Die Obelisken, etwa 60 an der Zahl, bedecken eine niedrige Terrasse fast
+vollstaendig. Die meisten sind jetzt umgestuerzt und alle scheinen aus in
+der Naehe gebrochenen vulkanischen Gesteinen zu bestehen. Einzelne sind nur
+rohe Steinmassen, die vollendetsten dagegen 60-70 Fuss hohe Monolithe, die
+schon in der Form von aehnlichen aegyptischen Monumenten abweichen,
+namentlich durch den oblongen Querschnitt, sowie durch Mangel der
+Inschriften und ganz abweichende Ornamentik. Das Ganze scheint einen
+(natuerlich nicht hohlen) Thurm mit 8-10 Stockwerken darzustellen, an dem
+Fenster und Thor angedeutet sind. Die vor den Obelisken liegenden Platten
+umfassen dieselben theilweise; sie haben zwei Stufen, eine kleine Schwelle
+und vier runde Vertiefungen (Opferschalen). An verschiedenen Stellen der
+Stadt stoesst man noch auf alte Baureste, namentlich auf kolossale
+Quadersteine. Allerlei Toepfergeschirre, Amphoren, Schalen, Loewenkoepfe, die
+als Brunnenroehren dienten, sind in Truemmer zerstreut und es koennte hier
+sicher noch durch Nachgrabungen manches historisch wichtige Monument zu
+Tage gefoerdert werden. Der Eindruck, welchen die verschiedenen Monumente
+auf einzelne Reisende hervorbrachten, war ein sehr ungleicher. Waehrend
+z. B. Rueppell, wol mit Recht, deren Kunstwerth nicht hoch schaetzt, ist
+Salt von den Obelisken ganz entzueckt. Ja, von dem 60 Fuss hohen Obelisk,
+der sich praechtig an dem alten Sykomorenbaum erhebt, sagt er sogar: "Nach
+Vergleichung mit vielen Spitzsaeulen von aegyptischer, griechischer und
+roemischer Arbeit scheint mir dieser Obelisk das bewundernswuerdigste und
+vollkommenste Werk, wozu man schwerlich ein Gegenstueck findet".
+
+Nahe bei dem Haupteingange der beruehmten Kirche des Ortes stoesst man auf
+elf in einer Reihe dicht nebeneinander stehende _Altaere_ von
+eigenthuemlicher Bauart, deren einen Salt als "Koenigssitz" abbildet. Jeder
+derselben besteht aus drei sich auf den vier Seiten verkuerzenden Stufen,
+von welchen die unterste etwa neun Fuss im Quadrat hat. Auf der zweiten
+Stufe befinden sich vier Wuerfel, die an den Eckkanten der dritten anliegen
+und von welchen jeder eine achteckige Saeule traegt, aller
+Wahrscheinlichkeit nach zur Stuetze der verschwundenen Deckplatte.
+
+Eine Stunde nordoestlich von der Stadt liegen die sogenannten "Fuchsloecher"
+oder Koenigsgraeber auf einem Huegel mit herrlicher Aussicht. Auf dem
+schmalen Gebirgsruecken bemerkt man ein aus grossen Quadern und Saeulen
+bestehendes Fundament einer Art Grabkirche, in dessen Mitte ein Weg zum
+Eingange eines Felsengrabes fuehrt, das wie sein einfaches Portal in den
+Fels gearbeitet und nachher mit kuenstlicher Mauerung aus grossen Bloecken
+ausgekleidet worden ist. Aehnlich den Koenigsgraebern von Theben fuehrt von
+da aus dann ein Gang schraeg abwaerts; dieser muendet in drei Kammern, deren
+mittlere mit einer Thuer verschlossen werden konnte.
+
+Erwaehnen wir nun noch die aufgefundenen Muenzen (eine kupferne des Koenigs
+Armah, der von 644 bis 658 regierte, zwei goldene der Koenige Aphidas und
+Gersemur aus dem 6. und 7. Jahrhundert, theilt Rueppell mit), so haben wir
+so ziemlich alles erwaehnt, was von dem koeniglichen Axum uebrig blieb, das
+ums Jahr 1535 von dem muhamedanischen Stuermer Granje eingeaeschert wurde.
+
+Die Bluetezeit der Stadt faellt mit der Einfuehrung des Christenthums
+zusammen, das, lange bevor noch in Deutschland der heilige Bonifacius
+(725) dem Evangelium Eingang verschaffte, durch einen Zufall an die
+aethiopische Kueste verpflanzt wurde. Ein christlicher Kaufmann, _Meropius_
+mit Namen, machte naemlich mit seinen beiden Gehuelfen _Frumentius_ und
+_Aedisius_ im Jahre 330 eine Geschaeftsreise laengs den Kuesten des Rothen
+Meeres, landete in der Gegend des heutigen Massaua und wurde hier nebst
+einem Theile seiner Schiffsmannschaft von den wilden Eingeborenen
+erschlagen. Nur den beiden Juenglingen schenkte die wuethende Bande das
+Leben. Man brachte sie an den koeniglichen Hof, wo sie gute Aufnahme fanden
+und bald vom Koenige Sara-Din mit wichtigen Aemtern betraut wurden. Auf
+ihre Veranlassung kamen noch mehrere christliche Kaufleute nach
+Abessinien, die nun eine kleine Gemeinde bildeten und auch mehrere
+Einheimische bekehrten. Die beiden Juenglinge reisten dann spaeter in ihr
+Vaterland zurueck, zur Zeit als Athanasius Erzbischof von Alexandria war.
+Aedisius wurde Priester in Tyrus; Frumentius aber wandte sich mit der
+dringenden Bitte an den Erzbischof, der kleinen christlichen Gemeinde in
+Abessinien einen Hirten zu senden, damit sie nicht verwaise. Athanasius
+wusste hierzu aber keinen bessern zu finden, als den Bittsteller, gab dem
+ehemaligen Handlungsgehuelfen die Weihe und sandte ihn nach Abessinien
+zurueck. Hier angelangt fuehrte er den Namen Abba Salama, Vater des
+Friedens, uebersetzte das Neue Testament in die aethiopische Sprache und
+breitete das Christenthum weit ueber das Land aus, wenn auch noch ein
+grosser Theil des Volkes bei der altheidnischen Religion verharrte. Die
+fernere Geschichte Abessiniens ist sehr dunkel und nur durch lange Reihen
+von Koenigsnamen ausgefuellt, an welche sich nur hier und da einzelne
+historische Thatsachen knuepfen.
+
+Aus diesen entnehmen wir, dass zur Zeit des griechischen Kaisers Justinian
+(um 522) eine heftige Christenverfolgung durch die Juden im suedlichen
+Arabien stattfand. Justinian wandte sich deshalb an den abessinischen
+Koenig _Kaleb_; dieser eilte mit einer Armee ueber das Rothe Meer, schlug
+die Juden und unterwarf sich den groesseren Theil des suedlichen Arabiens, in
+dessen Besitz die Abessinier auch blieben, bis sie kurz vor Muhamed's
+Auftreten durch die Blattern, die in ihrem Heere stark wuetheten, gezwungen
+wurden, sich wieder in ihr Land zurueckzuziehen. Im uebrigen ist aus der
+langen Periode des aethiopischen Reiches bis ins 8. Jahrhundert nicht viel
+Erwaehnenswerthes ueberliefert; das Volk vergeudete seine Kraefte in
+unfruchtbaren Religionsstreitigkeiten und kam mit seinen Nachbarn nicht
+aus dem Kriegszustande heraus.
+
+Unterdessen trat, den ganzen Orient erschuetternd, Muhamed mit seiner Lehre
+auf. Allein der Islam fand in Abessinien wenig Eingang, jedoch wurde das
+damals noch bluehende Reich Adal fuer diese neue Lehre gewonnen, und dieses
+gab den zwischen beiden Laendern bestehenden Streitigkeiten bedeutende
+Nahrung, indem zu den politischen nun noch religioese Kaempfe sich
+gesellten, welche das Land mit Blut ueberschwemmten. Doch bevor noch diese
+muhamedanischen Invasionen erfolgten, hatte Abessinien eine gewaltige
+Revolution durchzukaempfen und es war fraglich, ob die Juden oder die
+Christen die Oberhand erhalten sollten. Die ersteren erhoben sich naemlich
+unter dem Namen der _Falaschas_ zu einer furchtbaren Macht. Durch
+Heirathsverbindung zwischen der Familie ihrer Haeuptlinge und der
+abessinischen Koenigsfamilie brachten sie den Koenigsthron an sich und
+suchten nun die salomonische Linie ganz auszurotten. Es sind jetzt etwa
+1000 Jahre darueber hingegangen, dass der letzte salomonische Koenig,
+_Delnaod_, vom Throne seiner Vaeter gestossen wurde, und zwar durch eine
+Juedin aus Lasta Agau, welche die ganze koenigliche Familie, einen Knaben
+ausgenommen, der nach Schoa fluechtete, ermorden liess. Sie hiess _Judith_,
+wie zu vermuthen steht, ein selbstbeigelegter Name mit dem beabsichtigten
+Hinweis auf die alttestamentliche Heldin. Drei Jahrhunderte spaeter wurde
+die Judendynastie wieder durch einen christlichen Herrscher aus dem Hause
+Sague vertrieben, dessen Nachkommen bis zum Jahre 1268 regierten, also zur
+selben Zeit, als in Deutschland die Hohenstaufen kraftvoll das Scepter
+fuehrten. Elf Koenige soll das Haus Sague (Zagye) den Abessiniern geliefert
+haben, die fuer das Christenthum eifrig wirkten, unter denen der spaeter
+heilig gesprochene _Lalibela_ durch die vielen kunstvoll in Felsen
+ausgehauenen Kirchen, die aegyptische Werkmeister auffuehrten, beruehmt
+geworden ist.
+
+Die meisten dieser Felsenkirchen sind zur Zeit der muhamedanischen
+Invasion im 16. Jahrhundert zerstoert worden, doch haben sich einzelne
+derselben bis auf unsere Tage erhalten. Der englische Reisende Pearce
+schildert uns die Felsenkirche Dschumada Mariam noerdlich von den Quellen
+des Takazzie, sein Landsmann Salt jene von Abba os Guma bei Schelicut, v.
+Heuglin die Felsenkirche von Tenta in Wollo. Die seltsamste duerfte aber
+wol jene sein, welche der Missionaer Isenberg im Jahre 1838 bei dem Dorfe
+Hauazien in der Provinz Tembien besuchte, als er gerade im Begriff war,
+das Land nach dem Scheitern seines Missionswerkes zu verlassen. "Obgleich
+ich aus leicht erklaerlichen Gruenden nicht aufgelegt war, die Kirche dieses
+Ortes zu untersuchen, so konnte ich doch nicht umhin, ihre aeussere Form
+anzustaunen. Sie scheint aus einem einzigen Granitblock zu bestehen, der
+zu dem Zwecke ausgehoehlt ist, kann aber, nach dem aeussern Umfange des
+Steins zu urtheilen, nur sehr wenig Raum im Innern haben. Auch die aeussere
+Form des Steines ist sehr auffallend. Er ist kaum 20 Fuss hoch und in der
+mittleren Hoehe, wo er am breitesten ist, da er die Form eines stehenden
+Kreuzes anstrebt, mag er auch etwa 20 Fuss breit sein; seine Tiefe aber von
+vorn nach hinten ist geringer. Er hat einen engen Eingang, in jedem
+Seitenfluegel des Kreuzes und ueber der Thuere eine Fensteroeffnung; alles
+dieses in den Fels gehauen." Gewiss ist zu beklagen, dass Isenberg diese
+interessante Felsenkirche nicht auch im Innern untersuchte, da, wie es
+scheint, er der einzige europaeische Reisende war, welcher sie zu Gesicht
+bekam.
+
+Zu Ende des 13. Jahrhunderts lebte in Schoa der achte Nachkomme jenes zur
+Zeit der Judenherrschaft nach Schoa gefluechteten letzten Prinzen der
+salomonischen Dynastie. Sein Name war Tesfa Jesus oder _Jekuno-Amlak_. In
+Abessinien aber herrschte _Nakwetolaab_, der Sague. Als eigentlicher
+Herrscher des Landes musste aber der maechtige Abuna oder Erzbischof _Tekla
+Haimanot_ angesehen werden, heute noch der beruehmteste Heilige der
+abessinischen Kirche und Gruender des grossen Klosters Debra Libanos in
+Schoa, durch dessen Eifer und Beistand die Wiedereinsetzung der alten
+Dynastie ermoeglicht wurde. Aus freiem Willen, wenn auch auf dringendes
+Einreden dieses Erzbischofs, leistete Nakwetolaab Verzicht auf die Krone
+und stieg vom Throne herab, um jenem Nachkoemmling der salomonischen
+Dynastie, nach abessinischer Vorstellung dem legitimen Sprossen Menilek's,
+Platz zu machen.
+
+Zum Entgelt fuer sich und seine Leibeserben wurde Nakwetolaab zum Herrscher
+in der Provinz Waag unter der Lehensoberhoheit des Koenigs bestellt und
+dazu der Vorbehalt ausbedungen, dass fuer den Fall des Aussterbens der Linie
+Menilek's die Krone an die Linie Nakwetolaab's zurueckgelange, ein
+Uebereinkommen, welches solche Lebenskraft besitzt, dass es bis in die
+juengste Zeit zurueckwirkt. - Von dieser Zeit an bietet die politische
+Geschichte des Landes eine Reihe von kriegerischen Expeditionen dar,
+welche ihre Koenige, zum Theil ausgezeichnete Helden, gegen auswaertige
+Voelker unternahmen, waehrend die muhamedanische Macht an der Grenze sich
+immer drohender entwickelte.
+
+ [Illustration: Felsenkirche von Hauazien. Nach Isenberg.]
+
+In dieser Noth fand eine naehere Verbindung zwischen Europa und Abessinien
+statt, ja es war die Rede von einer Verschmelzung der Landeskirche mit der
+roemisch-katholischen, die durch Pilgerfahrten nach Jerusalem angeregt
+worden war. Dort hatten die frommen abessinischen Wallfahrer von dem
+aufstrebenden Glanze Portugals gehoert, und die Berichte derselben erregten
+in Koenig _Jakob_, der von 1421 bis 1470 regierte, den Wunsch, mit dem
+abendlaendischen Reiche in Verbindung zu treten. Eine Gesandtschaft wurde
+nach Lissabon geschickt, um dort vom Koenige Alphons Huelfe gegen die
+Unglaeubigen zu erbitten. Diesem, der damals mit kriegerischen Plaenen gegen
+die Mauren Nordafrika's umging, kam der Wunsch Jakob's sehr gelegen,
+obgleich damals der Weg ums Kap der guten Hoffnung herum noch nicht
+entdeckt war; allein er konnte, ohne den maechtigen Papst gefragt zu haben,
+auf die Allianz mit Abessinien nicht eingehen, und dieser forderte als
+erste Bedingung eines Buendnisses die unbedingte Unterwerfung der
+getrennten aethiopischen Kirche unter den Stuhl Petri. Die abessinischen
+Gesandten mussten deshalb 1441 auf dem Florentiner Konzil erscheinen, wo
+eine vorlaeufige Ausgleichung zwischen beiden Kirchen stattfand. Schon im
+folgenden Jahre erschienen neue Bevollmaechtigte auf dem lateranischen
+Konzil zu Rom, um den Ausgleich zu bestaetigen und dringend aufs neue um
+Huelfe zu bitten. Diese jedoch verzoegerte sich und an ihre Stelle trat nach
+langem Briefwechsel 1490 eine von Koenig Johann II. an Koenig Eskander von
+Abessinien geschickte Gesandtschaft, welche mit den groessten
+Ehrenbezeugungen aufgenommen wurde. Dabei blieb es aber vor der Hand und
+die Muhamedaner rueckten immer mehr gegen die Abessinier an. Im Jahre 1527
+wurde der Hafenplatz Massaua von den Tuerken eingenommen und von diesen mit
+dem an der Kueste herrschenden Dankali-Koenige _Muhamed Granje_, dem
+"Linkshaendigen", ein Buendniss abgeschlossen, welches den Zweck hatte,
+Abessinien gaenzlich zu unterwerfen und an die Stelle des Evangeliums den
+Koran zu setzen. Granje, dessen Vaeter von den abessinischen Koenigen mit
+dem Schwerte erschlagen worden waren, hatte blutige Rache geschworen und
+fiel gleich einem reissenden Strome mit einem zahlreichen Heere in das Land
+ein. Durch den gelben Sand der duerren Adalebenen und die gluehend heissen
+Gestadelaender ziehend, stieg er hinauf in die kuehleren, gesegneten
+Berglandschaften Schoa's, alles vor sich niederwerfend, sengend und
+brennend. Weit und breit dampfte das Land vom Blute der Erschlagenen;
+nicht Weib noch Kind wurde geschont, die Kirchen und Staedte, darunter der
+Koenigssitz Axum, wurden niedergebrannt, die koenigliche Familie aus ihrer
+Felsenburg Endoto verjagt und fluechtig von dannen getrieben. Damals war
+es, dass die nur mit Schwertern und Lanzen bewaffneten Abessinier zum
+ersten male den Feuerwaffen der Muhamedaner begegneten, vor deren
+ungewohntem Klange sie davoneilten, wie gescheuchte Rehe des Waldes. Die
+Muhamedaner aber ergossen sich ueber das wehrlose Land, veruebten die
+groessten Greuel und waren eben im Begriffe, sich dauernd dort
+niederzulassen, als die laengst erwartete Huelfe aus Portugal eintraf.
+
+Don _Christoph da Gama_, ein Verwandter des beruehmten Vasco da Gama, kam
+mit einer kleinen portugiesischen Flotte in Massaua an und landete mit 400
+wohlgeruesteten Kriegern, mit denen er rasch nach Tigrie eilte, sie dort
+mit den Resten der geschlagenen abessinischen Armee vereinigte und nun
+muthig den Streitern des Islams entgegenfuehrte. Das erste groessere Gefecht
+der Portugiesen gegen die Muhamedaner verlief ungluecklich. Da Gama wurde
+verwundet und fluechtete in eine Hoehle, wo ihn eine muhamedanische Sklavin
+von ausserordentlicher Schoenheit, welche er als Dienerin mit sich fuehrte,
+ihren Glaubensgenossen verrieth. Er wurde vor Granje gefuehrt, welcher ihm
+eigenhaendig mit der linken Hand den Kopf abschlug, der nach Konstantinopel
+gesandt wurde, waehrend die Stuecke des geviertheilten Koerpers nach
+verschiedenen Gegenden Arabiens wanderten. Die Portugiesen, anfangs durch
+den Verlust ihres Feldherrn bestuerzt gemacht, rafften sich indessen von
+neuem auf, schlugen die Muhamedaner, toedteten Muhamed Granje und setzten
+den rechtmaessigen Koenig Claudius (Galaudios) wieder in den Besitz seines
+Thrones.
+
+Nichts umsonst! So lautete damals schon der Wahlspruch, und die
+Portugiesen, die ihr Blut nicht ohne Gewinn verspritzt haben wollten,
+traten nun mit zwei Forderungen auf. Zunaechst verlangten sie den dritten
+Theil des Landes und dann unbedingte Unterwerfung der aethiopischen Kirche
+unter den roemischen Papst. Die Abessinier sahen ein, dass sie einen Feind
+losgeworden, dafuer aber einen andern, kaum minder schlimmen, aufs neue
+sich zugezogen hatten. Claudius, welcher sich in seinem Glauben nicht irre
+machen liess, auch der Portugiesen jetzt nicht mehr zu beduerfen glaubte,
+verweigerte beide Forderungen kurzweg und holte einen neuen Abuna
+(Vorstand der aethiopischen Kirche) aus Alexandrien, waehrend er den
+roemischen Geistlichen, an deren Spitze _Bermudez_ stand, befahl
+heimzukehren. Die Portugiesen waren aber weit davon entfernt, so ohne
+weiteres die Fruechte ihres Sieges aufzugeben. Im Jahre 1555 kam eine
+Jesuitenmission in Abessinien an, welcher bald darauf eine zweite unter
+dem Bischofe Orviedo folgte, aber alle ihre Anstrengungen waren
+vergeblich, indem Koenig Claudius selbst ueber Glaubenssachen mit Orviedo
+disputirte, ihn zu widerlegen suchte und, als dieser darauf die ganze
+abessinische Kirche in den Bann that, ihn mit seinen Genossen aus dem
+Lande verwies. Nur mit Widerstreben gehorchten die Patres, die nach Japan
+versetzt wurden, wo sie, anfangs zu Einfluss gelangend, auch spaeter wieder,
+wegen ihrer Einmischung in die Regierung des Landes, vertrieben wurden.
+Von Indien aus versuchten es die Juenger Loyola's nun zu wiederholten
+Malen, in Abessinien festen Fuss zu fassen, bis es ihnen endlich zur Zeit
+der Regierung des Koenigs _Sosneos_ (Seltan Seggad) gelang, sich
+festzusetzen. Unter diesem Koenige, der ausserordentlich viel auf eine
+Verbindung mit Portugal gab, wurde auf Betreiben der Jesuiten die roemische
+Kirche fuer die alleinseligmachende erklaert, die bisherigen abweichenden
+Lehren und Gebraeuche abgeschafft und die Einfuehrung des roemischen
+Gottesdienstes und Glaubens im ganzen Reiche eifrig betrieben. Vergeblich
+warnten den Koenig seine Freunde, flehten seine Geistlichen mit dem
+hundertjaehrigen Abuna Simeon an der Spitze, den Eingebungen der Jesuiten
+nicht zu folgen und treu am Glauben der Vaeter festzuhalten. Wer nicht
+wollte, musste gehorchen oder des koeniglichen Missfallens und schwerer
+Strafen gewaertig sein. Allein aufgestachelt von den Priestern liess das
+Volk die Glaubenstyrannei sich nicht gefallen und griff zu den Waffen, um
+die alte Religion zu vertheidigen. Der Koenig, durch die fanatischen
+Jesuiten immer mehr angefeuert, schickte den Scheftas (Rebellen) ein
+maechtiges Heer unter dem Oberbefehl seines Bruders entgegen, dem es auch
+bald gelang, die Revolution blutig niederzuwerfen. Dieser Sieg veranlasste
+das Einstroemen zahlreicher portugiesischer Geistlichen, die, den
+Erzbischof _Mendez_ an der Spitze, nun mit dem groessten Eifer fuer
+Ausbreitung des Katholizismus in Abessinien Sorge trugen. In einer
+feierlichen Versammlung wurde das alexandrinische Bekenntniss fuer
+abgeschafft erklaert und jeder mit dem Bannfluche belegt, der sich der
+neuen Ordnung nicht fuegte.
+
+Die Herrschaft der Jesuiten ruhte nun schwer auf dem Lande, und vor ihrem
+Fanatismus blieben nicht einmal die Graeber verschont. Einer der
+vornehmsten Priester, der sich der neuen Ordnung nicht gefuegt hatte, starb
+und wurde auf dem Kirchhofe begraben; auf Befehl des Erzbischofs Mendez
+grub man jedoch die Leiche aus und warf sie den Hyaenen vor. Diese und
+aehnliche Handlungen erweckten die Wuth des Volkes aufs neue, und wiederum
+brach eine Empoerung aus, diesmal mit dem Zwecke, _Melea Christos_, einen
+Vetter des Koenigs, auf den Thron Abessiniens zu erheben. Die zahlreiche
+Armee des Sosneos wurde nun geschlagen und dieser zu einer Vermittelung
+zwischen dem alten und neuen Glauben gezwungen. Erzbischof Mendez
+gestattete, dass die alte Liturgie und die alten Festtage wiedereingefuehrt,
+sowie die Feier des Sonnabends neben dem Sonntage geduldet wurde. Mit
+Ausnahme der Einwohner der Provinz Lasta ergaben sich alle Abessinier
+hierein; jene aber, die konservativsten unter allen, zogen 20,000 Mann
+stark den Koeniglichen entgegen, wurden aber namentlich durch die aus Galla
+bestehende Reiterei des Sosneos geschlagen, sodass 8000 tapfere Maenner von
+Lasta mit ihren blutigen Leichen das weite Schlachtfeld deckten. Gegenueber
+diesem Anblick, bei den verstuemmelten Koerpern ihrer dahingeopferten
+Brueder, die fuer den alten Glauben gefallen waren, erweichte das Herz der
+Sieger und, den Kronprinzen _Fasilides_ an der Spitze, ging - was wol
+einzig in der Kriegsgeschichte dastehen duerfte - der Sieger zu dem
+Besiegten ueber, dessen Sache zur seinigen machend und den Koenig Sosneos
+zwingend, zur Religion der Vaeter zurueckzukehren. Nach diesem Siege, der
+zur Niederlage des Katholizismus wurde, durchzog ein Herold das Land,
+welcher laut verkuendigte: "Hoert, hoert! Frueher haben wir euch den roemischen
+Glauben empfohlen, in der Meinung, dass er der wahre sei. Da aber grosse
+Scharen unserer Unterthanen fuer den alten Glauben ihrer Vaeter das Leben
+geopfert haben, so soll auch die freie Ausuebung desselben wieder gestattet
+sein. Eure Priester moegen ihre Kirchen wieder in Besitz nehmen und darin
+dem Gott ihrer Vaeter dienen."
+
+Damit war der Untergang des Katholizismus besiegelt; laut jubelnd stroemten
+die Abessinier in die alten Gotteshaeuser, und als im Jahre 1632, nach dem
+Tode des Koenigs Sosneos, dessen Sohn Fasilides an die Regierung kam, waren
+auch die Stunden der Jesuitenvaeter gezaehlt. Sie wurden zunaechst in das
+Kloster Mai Goga bei Adoa verbannt, fluechteten aber von hier vor den
+Verfolgungen des Poebels. Mendez selbst gerieth auf der Flucht zu Sauakin
+in die Sklaverei und statt seiner nahm wieder ein Abuna aus Alexandrien
+den hoechsten Kirchensitz zu Gondar ein. Ist auch die Invasion der
+Portugiesen, die Herrschaft der Jesuiten ueber das Land nicht ohne Einfluss
+in kulturhistorischer Beziehung geblieben, so wurde doch ein guter Theil
+des Volks und Reiches in den inneren Zwisten dem Ruin zugefuehrt.
+
+In der folgenden Periode regierten bis 1753 acht Koenige, mehr oder minder
+kraeftig, die aber alle nicht hindern konnten, dass die Macht der Haeuptlinge
+wuchs, die Herrscherwuerde im Ansehen immer mehr sank und das Reich sich
+unaufhaltsam in seine Theile aufloeste, sodass allmaelig die drei Staaten
+_Amhara_ in der Mitte, _Tigrie_ im Norden, _Schoa_ im Sueden sich unter
+eigenen Fuersten herausbildeten, die den ohnmaechtigen Koenig im Palaste zu
+Gondar nur dem Scheine nach anerkannten. Unter Koenig _Joas_ (1753-1769)
+hatte der Statthalter von Tigrie, der furchtbare _Ras Michael_, als eine
+Art von Major Domus die ganze Macht an sich gerissen, den Kaiser umbringen
+lassen und dessen bejahrten Grossoheim, Johannes, gleich einer Puppe auf
+den Thron erhoben, und als dieser fuenf Monate spaeter starb, dessen jungen
+Sohn Tekla Haimanot II. zu seinem Nachfolger ernannt. Jene Zeiten, die uns
+Bruce mit grosser Anschaulichkeit als Augenzeuge schildert, bilden eines
+der blutigsten Blaetter in der Geschichte Abessiniens.
+
+ [Illustration: Krieger von Schoa. Nach Harris.]
+
+Sturz und Erhebung, Buergerkrieg und Mord wechseln miteinander ab und die
+Menge der auftretenden Namen, der unzufriedenen Haeuptlinge, der ermordeten
+Statthalter ist geradezu verwirrend. Durch stete Treulosigkeit suchten
+sich die abessinischen Haeuptlinge gegenseitig zu ueberlisten, wobei ihnen
+meist eheliche Verbindungen als Deckmantel dienten, um das unglueckliche
+Land fortwaehrenden Verheerungskriegen preiszugeben, welche stets nur zur
+Befriedigung des individuellen Ehrgeizes, niemals aber im Interesse des
+Reiches gefuehrt wurden. Durch so viele Veraenderungen und durch die
+bestaendigen Buergerkriege war die Herrschermacht so in Verfall gerathen,
+dass das Koenigthum nur noch in dem Palaste des jeweiligen Koenigs zu Gondar
+thatsaechlich bestand, ausserhalb desselben aber so wenig, dass die meisten
+der nominellen Unterthanen _nicht einmal den Namen des Herrschers
+kannten_. Die Existenz des Koenigs war nur eine Aegide fuer den _Ras_ oder
+Protektor des Reiches, der nur durch Erhebung eines Koenigs auf seinen
+Thron und durch Beschuetzung desselben seine eigene Wuerde erhielt, sonst
+aber ganz nach seinem eigenen und seiner Grossen Gutduenken schaltete. Unter
+ihm standen die vielen Reichsvasallen, die Provinzial-Gouverneure, deren
+Wuerde erblich ist, die aber ebenfalls so viel Unabhaengigkeit zu erstreben
+suchten, als sie nur konnten. Jeder Gouverneur war verpflichtet, bei
+militaerischen Expeditionen seinem Obern mit so vielen Soldaten zu Huelfe zu
+eilen, als er selbst unterhalten konnte, und sein buergerlicher Rang im
+abessinischen Staatskoerper wurde nach der Stelle bestimmt, die ihm im
+Heere, d. h. im koeniglichen Lager und auf dem Marsche angewiesen wurde.
+
+Vorzueglich aber hatten diese Statthalter das Recht sich angemasst,
+Gegenkaiser zu ernennen und die ihnen missfaelligen Thronbesitzer zur
+Abdankung zu zwingen. Da sie ueberdies noch die Tributzahlungen
+einstellten, wurde das Ansehen und die Macht der Koenige so herabgewuerdigt,
+dass sich das Einkommen derselben zu Anfang unseres Jahrhunderts auf
+dreihundert Thaler belief. Welche Civilliste fuer einen Herrscher
+Aethiopiens! Um sich aber von der Wandelbarkeit der abessinischen
+Koenigswuerde eine rechte Vorstellung machen zu koennen, sei hier bemerkt,
+dass seit dem Abdanken des Koenigs Tekla Haimanot II. (1778) bis zum Jahre
+1833 vierzehn verschiedene Fuersten zweiundzwanzigmal als Koenige in Gondar
+auf dem Throne gesessen haben. Ein Nebenstueck hierzu finden wir allerdings
+in den sogenannten Republiken Suedamerika's, wo der Praesidentenstuhl nicht
+minder haeufig wechselt.
+
+Nachdem der erwaehnte Ras Michael durch den Statthalter der Provinz Lasta,
+_Wend Bowosen_, am 4. Juni 1771 besiegt und gefangen worden war,
+bemaechtigte sich der Befehlshaber von Tembien, _Kefla Jesus_, der Provinz
+Tigrie. Derselbe bat, um sich in seinem Besitzthum moeglichst zu
+befestigen, seinen Verbuendeten, den Wend Bowosen, ihren gemeinschaftlichen
+Gegner, den furchtbaren Ras Michael, der zu Dobuko gefangen sass, aus der
+Welt zu schaffen; allein jener that das Gegentheil: er setzte den
+Gefangenen in Freiheit und machte ihn mit dem Plane des Kefla Jesus
+bekannt. Ergrimmt zog nun der alte tapfere Ras Michael mit wenigem Gefolge
+nach Tigrie, und fast die ganze Armee seines Gegners Kefla Jesus ging zu
+ihm, ihrem alten General, unter dem sie so oft gesiegt hatte, ueber. Jener
+wurde hierauf gefangen und von Ras Michael 1772 aufs grausamste ums Leben
+gebracht, der auch bis zu seinem 1779 erfolgten Tode ueber Tigrie herrschte
+und seinen Sohn _Ras Walda Selassie_ zum Nachfolger erhielt; dieser Fuerst,
+welcher aus den Erzaehlungen der englischen Reisenden Salt und Pearce
+bekannt geworden ist, regierte, wiewol keineswegs ungestoert, bis zum Mai
+1816 ueber Tigrie; nach seinem Tode war das Land sechs Jahre in einem
+hoechst anarchischen Zustande, indem nicht weniger als vier Haeuptlinge
+nacheinander um die Obergewalt kaempften. Im Jahre 1822 gelang es
+_Sabagadis_, dem Statthalter der Provinz Agamie, sich in der Obergewalt zu
+befestigen und ueber acht Jahre lang in Tigrie zu regieren. Er soll damals
+den kuehnen Gedanken gefasst haben, sich die Alleinherrschaft in Abessinien
+zu erringen, wozu er wahrscheinlich durch verschiedene bei ihm befindliche
+Europaeer veranlasst wurde. Allein auch er theilte das Schicksal seiner
+Vorgaenger und erhielt in _Ubie_, einem talentvollen, kuehnen und grausamen
+Manne, einen noch weit bedeutenderen Nachfolger. Ubie war der
+Schwiegersohn des Sabagadis und Detschasmatsch der gebirgigen Provinz
+Semien; das hinderte aber den Schwiegervater nicht, gegen ihn, dessen
+aufstrebende Macht er fuerchtete, zu intriguiren. Vereinigt mit Ras Maria,
+dem Befehlshaber der Provinzen Begemeder und Dembea, rueckte nun Ubie an
+den Takazzie, schlug dort am 15. Februar 1831 seinen Schwiegervater
+Sabagadis vollstaendig und liess ihn am folgenden Tage hinrichten. Waehrend
+nun Ubie von den Grossen zu Axum als Herr Tigrie's ausgerufen wurde,
+kaempfte der aeltere Sohn des Sabagadis, Walda Michael, gegen ihn fort, doch
+ohne Erfolg; er wurde gleichfalls getoedtet, und auch der zweite Sohn,
+Kassai, musste sich Ubie ergeben. Aber Kassai blieb nicht treu, sondern
+versuchte abermals zu rebelliren. Um ihn fester an sich zu knuepfen,
+schenkte ihm Ubie im Spaetjahre 1836 seine siebenjaehrige Tochter zur Frau,
+sowie ein bedeutendes Gebiet in Tembien zur Mitgift und liess sich dabei
+alle Hauptanhaenger Kassai's nennen, die in Verwahrsam gebracht wurden. Als
+darauf Kassai 1838 wieder rebellirte, zog Ubie mit einer bedeutenden Armee
+gegen ihn, schlug ihn und setzte ihn in einer Bergveste gefangen, wo seine
+Frau nicht von ihm wich. Dann befestigte sich seine Macht immer mehr und
+erreichte ihren Gipfel durch den Fall Balgadaraia's, eines maechtigen
+Fuersten in Ost-Tigrie, der zeitweise die Abwesenheit Ubie's zu raschen
+Verheerungs- und Raubzuegen bis nach Adoa und zum Takazzie benutzte. Im
+Jahre 1850 stellte sich Balgadaraia freiwillig dem Ubie und wurde von
+demselben mit Laendereien belehnt.
+
+Im centralen Staate Abessiniens, in Amhara, regierte unterdessen nicht
+minder gewaltig, doch mit weniger Glueck, _Ras Ali_, welcher die ganze
+Herrlichkeit an sich gerissen hatte und den Koenig oder Kaiser _Saglu
+Denghel_ noch mehr zur Unbedeutendheit herabdrueckte, als dieses bisher mit
+den Herrschern geschehen war. Fuer seinen Lebensunterhalt waren diesem
+Herrscher ueber Abessinien nur 300 Maria-Theresia-Thaler jaehrlich
+geblieben, welche die in Gondar wohnenden Muhamedaner als eine Art
+Kopfsteuer zu entrichten hatten. Mit dieser unbedeutenden Summe und dem
+Betrage einiger wenigen zufaellig eingehenden Strafgelder musste die ganze
+Hofhaltung bestritten werden. Die hierdurch entstehende grosse finanzielle
+Bedraengniss, bei welcher der Titularkoenig des Reiches kaum die noethigsten
+Mittel zur Anschaffung seiner Nahrung hatte, war es wol, welche Saglu
+Denghel auf den Gedanken brachte, dass, da in Abessinien der Herrscher
+zugleich als das hoechste Haupt der Landeskirche angesehen wird, er auch
+das Recht haben muesse, diejenigen Schenkungen, welche seine Vorfahren in
+gluecklichen Zeiten der Kirche gemacht hatten, jetzt, da der Thron dieselbe
+zu seinem eigenen Bestehen nothwendig habe, wenigstens theilweise
+zurueckzuverlangen. Er erklaerte dieses im Anfange des Jahres 1833 den in
+Gondar anwesenden Geistlichen, brachte aber dadurch den ganzen Klerus
+gegen sich auf - also genau so wie bei uns, wenn z. B. ein Koenig von
+Italien die Kirchengueter zum Besten des Landes einzieht, nur mit anderm
+Erfolge. Dass Soldaten sich der Einkuenfte vieler Kirchengueter bemeisterten,
+hatte man freilich geschehen lassen muessen, weil es nicht verhindert
+werden konnte; aber in die Schmaelerung der kirchlichen Revenuen als etwas
+Gesetzliches von freien Stuecken einzuwilligen, dazu war die abessinische
+Geistlichkeit ebenso wenig zu bewegen, wie irgend ein Klerus Europa's.
+Saemmtliche Geistliche von Gondar verfuegten sich also zum Kaiser und
+protestirten energisch gegen die Neuerung, ja, sie fingen sogar an, die
+Kirchen zu schliessen und jegliche geistliche Funktion einzustellen,
+worueber besonders die alten Frauen in Bestuerzung geriethen. Am 19. Januar
+1833 begab sich die ganze Geistlichkeit in feierlichem Aufzuge zum
+Protektor Ras Ali nach Fangia und bat denselben dringend, dem Saglu
+Denghel die Koenigswuerde zu nehmen, weil er sich derselben durch die
+Einfuehrung ketzerischer Neuerungen in dem zwischen Staat und Kirche
+bestehenden Verhaeltnisse unwuerdig gemacht habe. Solche Versuche, fuegten
+sie hinzu, wuerden ohne allen Zweifel den Ruin des Reiches nach sich ziehen
+und von jeher sei ja auch ein Angriff auf die geistlichen Rechte von allen
+Synoden als verdammenswerth anerkannt worden. Indem wir diese uns von
+Rueppell, der als Augenzeuge spricht, mitgetheilten Einzelheiten lesen,
+kommt es uns vor, als sei hier etwa von Oesterreich und dem Jahre 1867 die
+Rede, wo beim Streite ueber die Aufhebung des Konkordates der Klerus der
+Regierung gegenueber die naemliche Sprache, die naemlichen Argumente
+gebrauchte. So sehr gleicht sich die Geistlichkeit in allen Theilen
+unserer Erde.
+
+Der Klerus erreichte seinen Zweck vollkommen, denn Ras Ali schickte
+sogleich einen seiner Offiziere mit dem Befehle nach Gondar, dass der Koenig
+augenblicklich das Schloss verlasse und die Krone niederlege, fuer welche er
+bei seiner Rueckkehr von einem Kriegszuge einen Wuerdigeren ernennen werde,
+und diesem Befehle wurde ohne die mindeste Widersetzlichkeit Folge
+geleistet. So endete die nominelle Herrschaft Saglu Denghel's nach einer
+Dauer von nur vier und einem halben Monate und so gingen damals die
+Protektoren mit dem "Koenige" um. Ras Ali wies dem abgesetzten Herrscher
+ein kleines Dorf in der Naehe des Tanasees als zukuenftigen Wohnsitz und die
+geringen Einkuenfte desselben zu seinem ferneren Unterhalte an. Lange Zeit
+blieb der Thron unbesetzt, und die folgenden Koenige sind auch nur von
+chronologischem Interesse, da eine Bedeutung ihnen nicht mehr zukam und
+das Land in der That aus drei gaenzlich getrennten Staaten, aus Schoa unter
+Koenig Sahela Selassie, Amhara unter Ras Ali und Tigrie unter Ubie bestand.
+Im Verfolge unseres Werkes werden wir noch oft Gelegenheit haben, diese
+drei Theilfuersten zu erwaehnen, von welchen namentlich der erstere und der
+letztere unser Interesse um deswillen in Anspruch nehmen, weil sie mit den
+Europaeern in nahe Verbindungen traten und von verschiedenen Reisenden
+aufgesucht wurden. Ubie, etwa im Jahre 1800 geboren, war, nach Rueppell's
+Bericht, ein Mann von hagerer Statur und mittlerer Groesse; in der Kopfform
+und Koerperhaltung sprach sich ein gewisser Adel aus und seine schoenen
+lebhaften Augen verriethen Geist und Gewandtheit; seine Gesichtsfarbe war
+gelbbraun; sein schoengelocktes Haar kurz verschnitten. Man ruehmte ihm
+Tapferkeit, Grossmuth, Freigebigkeit und Gerechtigkeitsliebe nach. "Die
+Art, wie er den Frieden in Tigrie herzustellen und zu befestigen suchte,"
+sagt Rueppell, "giebt eine offene und loyale Handlungsweise zu erkennen,
+wie sie die jetzigen Abessinier leider nicht verdienen." Auch mit Huelfe
+der Geistlichkeit suchte er seine Macht zu befestigen. Denn schon seit
+vierzehn Jahren war der Sitz des Metropoliten von Abessinien verwaist, als
+Ubie im Jahre 1841 mehr aus politischem als kirchlichem Interesse in _Abba
+Salama_ einen neuen Abuna (Erzbischof) aus Kairo holen liess. Er hatte
+schon laengst darauf gesonnen, Ras Ali zu stuerzen und durch Einsetzung
+eines neuen Koenigs auf den Thron von Gondar sich selbst zum Ras oder
+Protektor des Reiches, also zum obersten Machthaber des ganzen Landes, zu
+erheben. Der Abuna sollte durch seinen Einfluss auf die Kirche seine Macht
+verstaerken und wol auch den neuen Koenig salben, zu welchem der Prinz Tekla
+Georgis bestimmt war, der jedoch bald starb.
+
+Allein keiner von beiden Rivalen, weder Ubie noch Ras Ali, sollte auf den
+alten Thron Abessiniens gelangen, - die Herrschaft fiel einem dritten zu,
+der, vom Gluecke beguenstigt, mit Thatkraft ausgeruestet, wenigstens
+zeitweilig dem grauenhaften Zustande ein Ende machte, welcher seit langem
+das Land zerfleischte und Rueppell die Worte abdraengte: "Ich muss gestehen,
+dass bei dem jetzigen gesetzlosen Zustande des ganzen Landes nicht der
+geringste Hoffnungsstrahl einer sittlichen Regenerirung der Nation
+leuchtet und dass der vollkommene Mangel einer kraeftigen Regierung das
+Haupthinderniss dabei ist und um so schwerer zu beseitigen sein wird, da
+gegenwaertig auch nicht eine einzige Fraktion des Volkes an die Herstellung
+einer solchen denkt. Der letzte Schatten eines gemeinsamen politischen
+Oberhauptes ist mit der Absetzung des Kaisers Saglu Denghel geschwunden.
+Die Geschichte der letzten sechzig Jahre zeigt eine vollkommene politische
+Aufloesung des Landes und dreht sich blos um die Haeuptlinge, welche in den
+verschiedenen Provinzen, als gleichsam voneinander unabhaengigen Staaten,
+sich zu unumschraenkten Herrschern aufwarfen, durch List und Kuehnheit ihre
+Nebenbuhler verdraengten und dann meistens selber wieder durch
+Treulosigkeit ihrer Verbuendeten gestuerzt wurden. So herrschen denn
+fortwaehrend Buergerkriege, welche in der Regel keinen andern Zweck haben,
+als einen durch Versprechungen und Eidschwuere eingeschlaeferten Gegner zu
+verdraengen, und die Bewohner einiger Distrikte, die in einem kurzen
+Frieden etwas Eigenthum erlangt haben, auszupluendern. Die nothwendige
+Folge davon ist eine stets zunehmende Verarmung; das Grundeigenthum hat
+beinahe gar keinen Werth mehr; der Ackerbau wird immer mehr
+vernachlaessigt; die Viehherden sind ungemein zusammengeschmolzen und der
+Verkehr ist wegen der grossen Unsicherheit oft ganz unterbrochen."
+
+Rueppell bezieht diese Worte auf das Jahr 1833; allein sie hatten noch
+Geltung in der Mitte dieses Jahrhunderts; der traurige Zustand des armen
+Landes und Volkes, das nach Erloesung aus diesen Uebeln jammerte, war bis
+dahin und ist auch noch heute derselbe.
+
+Auf eine Hoffnung aber baute seit alten Zeiten jedermann in Abessinien.
+Nach der Tradition sollte ein Koenig _Theodoros_ erscheinen, um dem Lande
+den ewigen Frieden zu bringen. Dieser Theodoros regierte einst schon im
+15. Jahrhundert und ward heilig gesprochen; aber wie unser Barbarossa wird
+er, so glaubt der Abessinier, wiederkehren zu seiner Zeit, um das Reich
+des ewigen Friedens in Aethiopien einzufuehren. An der Spitze seiner
+Scharen wird er das heilige Grabmal den Haenden der Unglaeubigen entreissen,
+die Tuerken aus Europa in ihre urspruengliche asiatische Wildniss
+zuruecktreiben, Mekka und Medina zerstoeren und die ganze muhamedanische
+Religion von der Erde vertilgen. Wo er hinkommt, weilt der Friede, und
+Jerusalem wird der Hauptsitz der abessinischen Kirche, welche sich dann zu
+Glanz und unerhoerter Bluete entfalten wird. - -
+
+Wohl kam der Held, der den Thron bestieg, allein der ersehnte Friede blieb
+aus. Theodoros II., der Sohn einer armen Frau, vereinigte das Reich wieder
+in seiner starken Hand und hob es zu einer Stellung, wie zuvor nie.
+
+ --------------
+
+Ueber die Verfassung Abessiniens koennen wir kurz berichten. Der Herrscher
+(Kaiser oder Koenig) fuehrt den Titel _Negus_ oder _Negus Nagast za
+Aitiopija_, d. h. Koenig der Koenige von Aethiopien. Die Residenz war in der
+aelteren Zeit zu Axum; gegen Ende des 13. Jahrhunderts, als die alte
+salomonische Dynastie wieder zur Regierung kam, eine Zeit lang zu Tegulet
+in Schoa, spaeter zu Gondar, wenn auch das ehrwuerdige Axum noch immer
+Kroenungsort blieb. Allein der duestere Palast, den die Jesuiten zur Zeit
+des Koenigs Fasilides in Gondar errichtet hatten, behagte den Herrschern
+nicht, die lieber in ihrem rothen Zelte im freien Feldlager residirten und
+dort ihre Einkuenfte an Herden, Getreide, Gold, Zeugen in Empfang nahmen,
+waehrend sie die Zoelle und Wegegelder den Verwaltern der Provinzen
+ueberliessen. Im Grunde aber war der Negus Herr des ganzen Landes; er konnte
+nach Belieben jedem Verwalter seinen Grund und Boden nehmen, um denselben
+einem andern zu schenken, und von dieser Macht haben die Koenige auch
+fortwaehrend reichlich Gebrauch gemacht. Ihre Macht war in der That
+unumschraenkt, und nur ueber gewisse, durch Jahrhunderte alte Sitten und
+geheiligte Fundamentalordnungen wagten auch sie sich nicht wegzusetzen.
+Ein Adel existirte dem Namen nach; doch nur die Mitglieder des koeniglichen
+Geschlechtes erschienen bevorzugt, wenn auch die Brueder des Herrschers bis
+ins vorige Jahrhundert hinein in Staatsgefaengnissen gehalten wurden, um
+keine Intriguen anzetteln zu koennen. Ein besonderes Ministerium gab es
+nicht, wohl aber zahlreiche Hof- und Staatsaemter. Welche Rolle die
+Gouverneure und Majordomen (Ras) spielten, zu welchem Ansehen sie
+gelangten und wie sie ihre Gewalt an Stelle der Koenigsmacht setzten, wurde
+bereits gezeigt.
+
+Naechst dem Ras war frueher der maechtigste Gouverneur der von Tigrie, der
+den Titel Lika Kahenat (Hoherpriester) und Nabr Id als Hueter der
+Bundeslade in Axum fuehrte. Der hoechste Wuerdentraeger ist gegenwaertig der
+Herzog oder _Detschasmatsch_ (Dadjazmatsch, Djeaz, Djeatsch, Kasmati). Das
+Wort bedeutet eigentlich einen, "der an der Thuere kaempft", um anzudeuten,
+dass im koeniglichen Heerlager dieser Wuerdentraeger mit seinen Truppen die
+Stelle vor der Thuere des koeniglichen Zeltes hat und sich an die Leibgarde
+des Herrschers anschliesst. Auf den Detschasmatsch folgt der _Fit Auri_,
+der Fuehrer der Avantgarde. Er zieht mit seinen Truppen dem Heere
+rekognoscirend voran und lagert sich zwischen diesem und dem Feinde oder,
+wenn kein Feind da ist, in der Vorhut des Lagers. Niedere Wuerdentraeger
+sind der Kanjasmatsch, der mit seinen Truppen zur Rechten des koeniglichen
+Zeltes lagert, und der Gerasmatsch zur Linken desselben. Neben diesen
+kriegerischen Wuerden gab es auch friedliche. Bei Hofe war eine Anzahl
+gelehrter Maenner, Lik geheissen, die zusammen eine Art Gerichtshof bildeten
+und mit deren Huelfe schwierige Faelle entschieden wurden. Die Justiz war
+von der Verwaltung nicht geschieden und das Gesetzbuch _Feta Negust_,
+d. h. Richtschnur der Koenige, umfasste das weltliche und kanonische Recht.
+
+ [Illustration: Koenig Salomo (abessinische Malerei). Nach Harris.]
+
+Dies ist in kurzen Umrissen die politische Geschichte Abessiniens, die zu
+derjenigen der europaeischen Staaten nicht in der geringsten Beziehung
+stehen wuerde, waere das Land nicht ein christliches Reich. Gerade aber dem
+Christenthum verdankt es das Interesse, welches fuer dasselbe stets im
+Abendlande wach war und welches eine Reihe ausgezeichneter Forscher und
+Missionaere nach jenem bergigen Lande in Nordostafrika wallfahrten liess, um
+uns Kunde von seinen Wundern, seinen Naturschoenheiten, seinen Bewohnern
+und deren Religion zu bringen.
+
+Sehen wir ab von der schon erwaehnten Fahrt des _Kosmas __Indikopleustes_,
+eines christlichen Kaufherrn aus Alexandria, welcher im 6. Jahrhundert die
+Bai von Adulis besuchte und dort eine wichtige Inschrift kopirte, die er
+in seiner "_Topographia christiana_" veroeffentlichte, so treffen wir
+zunaechst wieder im Dogenpalast zu Venedig in dem Weltbilde des _Fra Mauro_
+(15. Jahrhundert) auf ein Gemaelde Abessiniens von wunderbarer Treue. Nicht
+blos kennt der Venetianer den rechten Nebenfluss des Nil, den Takazzie,
+unter seinem wahren Namen, sondern er zeigt uns auch den spiralfoermig
+gekruemmten Lauf des Blauen Nil, den er mit seinem abessinischen Namen Abai
+bezeichnet. Mehrere abessinische Landschaften, wie Gozan, Bagamidre
+(Begemeder), Hamara (Amhara) und Saba (Schoa), kommen bereits bei ihm vor.
+Auch die Kuestenstriche des Osthorns von Afrika waren ihm wohlbekannt. In
+die Naehe der Bab el Mandeb verlegt er die Sitze der Danakil, die Stadt
+Zeyla und den Landstrich Adal. Er zeichnet uns dann den Lauf des Awasi
+(Hawasch), in dessen Naehe er die Stadt Haerraer setzt.
+
+Im 13. Jahrhundert unterhielt man von Rom aus einen schriftlichen Verkehr
+mit dem christlichen Abessinien und seit 1243 hoeren wir auch von
+Missionen, die dorthin entsendet wurden. _Marino Sanuto_ machte deshalb zu
+Beginn des 14. Jahrhunderts die Christen Europa's aufmerksam, wie nuetzlich
+ein Buendniss mit den Glaubensgenossen in Nubien oder Habesch bei einem
+Kreuzzuge gegen Aegypten sein muesste. Seit der Mitte jenes Jahrhunderts
+wurde auch auf die abessinischen Koenige der Titel des _Erzpriesters
+Johannes_ uebertragen und die Kunde von einem angeblich maechtigen
+Christenreich im Morgenlande vom chinesischen Himmelsgebirge ploetzlich
+nach den Alpenlaendern am Blauen Nil verlegt. Botschafter dieser
+Erzpriester erreichten nicht blos die roemische Kurie, sondern auch andere
+europaeische Hoefe, und die von ihnen eingezogene Kunde wurde getreulich auf
+den Karten niedergelegt. Als daher die Portugiesen unter _Prinz Heinrich
+dem Seefahrer_ im 15. Jahrhundert ihre afrikanischen Entdeckungsreisen
+antraten, war das ferne christliche Reich, das die Geographen jener Zeit
+das "dritte Indien" nannten, das aeusserste Ziel, welches sie anfaenglich ins
+Auge fassten und auf dem Wege des fabelhaften "Goldflusses", der ganz
+Afrika der Quere nach durchstroemen sollte, zu erreichen hofften.
+
+Spaeter, als der Seeweg nach Ostindien gefunden war und die Portugiesen
+sich dort festgesetzt hatten, beschifften sie auch das Rothe Meer und
+gelangten am 16. April 1520 nach Massaua, dem Ausfuhrhafen der Abessinier.
+Dort erreichten sie also das urspruengliche Ziel des Infanten Heinrich, des
+Seefahrers, das Reich des afrikanischen Erzpriesters Johannes. Statt einer
+maechtigen Herrschaft, wie sie erwartet hatten, fanden sie aber nur ein
+beschraenktes, in ihren Augen aermliches Gebiet, rohe Bewohner und ein
+verwahrlostes Christenthum.
+
+Die bald darauf folgende portugiesische Invasion und die Bemuehungen der
+Jesuiten, die Abessinier zur katholischen Kirche zu bekehren, wurden
+bereits oben erwaehnt. Durch die Berichte der Jesuiten-Missionaere erhielt
+man dann die erste ausfuehrliche Kunde von den Glaubensbruedern im Innern
+Afrika's und ihrem Lande. Viele wichtige Nachrichten gelangten namentlich
+durch die Reise des _Alvarez_ (1520-1526) zu uns, der ganz Aethiopien
+durchpilgerte und suedwaerts in ferne, noch jetzt beinahe unerforschte
+Gegenden vor mehr als 300 Jahren gedrungen ist. _Bermudez_ hat uns einen
+kurzen Bericht ueber seine Gesandtschaftsreise (1555) hinterlassen;
+ausfuehrlicher sind die fast gleichzeitigen _Barreto_ und _A. Orviedo_,
+ferner _Paez_ (1618), _Ameida_, _Mendez_ (1625) und endlich _P. Lobo_, der
+1640 nach Europa zurueckkehrte.
+
+Nun sollten auch die Deutschen ihren Theil an der Erforschung oder
+vielmehr Bekanntmachung Abessiniens haben. Im Jahre 1681 erschien zu
+Frankfurt am Main ein glaenzendes literarisches Meisterstueck deutscher
+Gelehrsamkeit, _Hiob Leutholf's_ (Ludolf's) klassische "_Historia
+aethiopica, sive brevis et succincta descriptio regni Habessinorum, quod
+vulgo male Presbyteri Joannis vocatur_", welcher noch mehrere Kommentare
+und Anhaenge folgten. Die Natur des Landes und seine Einwohner, die
+Geschichte, die Religion und kirchlichen Verhaeltnisse, die Literatur
+Abessiniens werden darin ausfuehrlich behandelt. Grosse Huelfe bei der
+Ausarbeitung seiner Werke erhielt Leutholf von dem amharischen Patriarchen
+_Abba Gregorius_, der kurze Zeit am Hofe des Herzogs Ernst von
+Sachsen-Gotha weilte und dessen Portraet in dem Kommentar mitgetheilt ist.
+Die Kleidung der Einwohner, Abbildungen der Pflanzen und Thiere, der
+Alterthuemer des Landes sind in einer fuer die damalige Zeit sehr treuen
+Wiedergabe in den Werken Leutholf's enthalten, der uns auch die
+Korrespondenz der abessinischen Koenige mit den Koenigen Spaniens, ein
+Verzeichniss aethiopischer Manuskripte, Gebete und Liturgien, den
+abessinischen Kalender u. s. w. uebermittelt hat und dessen Werk fast ein
+Jahrhundert lang die vorzueglichste Quelle ueber Abessinien blieb. Kurz
+darauf, nachdem Leutholf seine aethiopische Historie veroeffentlicht hatte,
+durchzog 1698 der franzoesische Arzt _Poncet_ das ganze Land, indem er, von
+Sennar ausgehend, ueber Amhara und Tigrie bis Massaua gelangte. Gruendlicher
+als alle seine Vorgaenger foerderte aber 70 Jahre spaeter, durch Leutholf's
+Geschichte angeregt, der Schotte James Bruce unsere Kenntniss des Landes
+durch Sammlung geschichtlicher Urkunden und Quellen, sowie durch genaue
+astronomische Ortsbestimmungen.
+
+ [Illustration: Hiob Ludolf. Nach dem Kupferstiche in dessen "_Historia
+ aethiopica_".]
+
+_James Bruce_, geboren den 14. Dezember 1730 zu Kinnaird in Schottland,
+wird fuer alle Zeiten als einer der bedeutendsten unter den abessinischen
+Reisenden dastehen. In Algier, wo er 1763 als englischer Konsul angestellt
+worden war, beschaeftigte er sich eifrig mit dem Studium der
+morgenlaendischen Sprachen und machte von dort aus Reisen laengs der Kueste
+des Mittelmeers, den Nil aufwaerts bis Syene und nach Baalbek und Palmyra
+in Asien, wo er die beruehmten Alterthuemer zeichnete. So vorbereitet trat
+er im Jahre 1769 seine grosse Reise an, auf der er von Massaua unter grossen
+Muehen und Gefahren bis Gondar gelangte, wo er sich bei der hier
+ausgebrochenen Blatternseuche durch Anwendung europaeischer Heilmittel
+sowol bei Hofe als im Volke grosses Ansehen erwarb und Gelegenheit fand, in
+alle Einzelheiten des Volkslebens einzudringen, sowie mit dem furchtbaren
+Ras Michael freundlich zu verkehren. Er blieb ueber drei Jahre in
+Abessinien, fand die Quelle des Abai oder Blauen Nil im Suedwesten des
+Tanasees und brachte ein ganzes Jahr damit zu, seine Reise noerdlich durch
+das Land der wilden Schankela oder Schangalla (Heiden) und Nubien nach
+Alexandria fortzusetzen, das er im Mai 1773 gluecklich erreichte. Seine
+Reisebeschreibung (_Travels into Abyssinia_) gab er in fuenf Baenden erst
+1790 zu Edinburg heraus, worauf er bald (16. April 1794) durch einen Sturz
+von der Treppe sein Leben endete. Er, der so vielen Gefahren getrotzt, so
+grosse Muehen und Beschwerden muthig ertragen, endete auf diese Weise! Die
+letzten vier Jahre seines Lebens waren ihm noch ausserordentlich verbittert
+worden. Als er sein umfangreiches Werk veroeffentlichte, fand das Publikum
+darin eine solche Menge von ungewoehnlichen Nachrichten, Uebertreibungen
+und Ungeheuerlichkeiten, dass man den Reisenden kurzweg fuer einen Luegner
+erklaerte. Er wurde mit Zuschriften bestuermt, die weisen Kritiker
+behandelten ihn unbarmherzig, und namentlich konnte man sich ueber die
+Angabe, dass die Abessinier rohes Fleisch von lebenden Thieren genoessen,
+nicht beruhigen, eine Angabe, auf die wir ausfuehrlich zurueckkommen. Man
+nannte ihn Mr. Mendax, Herr Luegner; aber die Zeit hat ihn gerechtfertigt,
+wenn er selbst auch nicht die Genugthuung erlebte, die Zweifler bekehrt zu
+sehen.
+
+Drei Jahrzehnte waren seit Veroeffentlichung von Bruce's so oft
+angefochtener Beschreibung verflossen, als die englische Regierung den
+ersten Entschluss fasste, mit dem merkwuerdigen abessinischen Volke in
+Verbindung zu treten. _Lord Valentia_ wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts
+beauftragt, eine Reise ums Kap der guten Hoffnung herum nach dem Rothen
+Meere zu machen, die ganze ostafrikanische Kueste wissenschaftlich zu
+untersuchen, besonders die genauesten Nachrichten ueber Abessinien
+einzuziehen und die geeigneten Schritte zu thun, eine Verbindung mit
+diesem Lande anzuknuepfen. Diese Reise war von vielen wichtigen Resultaten
+fuer die genauere Bekanntschaft mit den hervorragendsten Punkten an der
+ostafrikanischen Kueste, sowie fuer die Belebung des indischen Handels
+begleitet; jedoch hatte sie fuer Abessinien nicht den Erfolg, den sie haette
+haben koennen, wenn die Unterhandlungen kraeftiger betrieben worden waeren.
+Valentia selbst blieb in Mocha an der arabischen Kueste, waehrend er seinen
+wissenschaftlich gebildeten, tuechtigen Sekretaer _Henry Salt_ mit der
+Sendung nach Abessinien betraute. Dieser machte die Reise ueber Massaua,
+Arkiko, Halai, Dixan nach der Provinz Enderta, wo er, da er nicht zum
+Koenige selbst in Gondar gelangen konnte, mit dem Ras Walda Selassie
+unterhandelte. (Vergl. oben S. 14.) Es gelang dem gewandten Salt durch die
+glaenzenden Geschenke, welche er dem Ras im Namen Georg's III. von England
+ueberreichte, denselben vom Wohlwollen der englischen Regierung zu
+ueberzeugen und ihn zu einer Verbindung mit England zu bewegen. Er kehrte
+mit ausfuehrlichen Nachrichten ueber das Land und seine Bewohner und mit der
+Ueberzeugung zurueck, dass sich hier England fuer die Erweiterung seines
+Handels als auch der Kultur ein weites und guenstiges Feld eroeffne. Einer
+von Salt's Begleitern, _Pearce_, blieb am Hofe des Ras zurueck. Dieser
+ersten Reise folgte bald darauf, gegen das Jahr 1814, nachdem Salt's
+Goenner, Lord Valentia, in den Pairsstand erhoben worden war, eine zweite
+Gesandtschaft unter Salt's eigener Fuehrerschaft. Diese hatte den Erfolg,
+dass das gute Vernehmen zwischen England und dem alten Ras gestaerkt und
+durch Pearce's laengeren Aufenthalt die Bekanntschaft mit Abessinien
+vermehrt wurde. Wieder traten nun politische Wirren in Tigrie ein, welche
+England die Lust benahmen, weiter in die Angelegenheiten des Landes
+einzugreifen, bis im Jahre 1841 Kapitaen _Harris_ nach Schoa ging und jene
+politische Mission ausfuehrte, von welcher wir eine ausfuehrliche
+Schilderung weiter unten nach dessen 1844 zu London erschienenem
+dreibaendigen Werke "_The highlands of Aethiopia_" mittheilen.
+
+Es konnte nicht fehlen, dass bei den merkwuerdigen Sagen, die ueber
+Abessinien umgingen, und bei der Unbekanntschaft, die ueber dessen Volk und
+Natur noch herrschten, auch die Deutschen ihren Antheil an der naeheren
+Erschliessung des Landes nahmen, nachdem Ludolf mit so gutem Beispiele,
+wenn auch nur theoretisch, vorangegangen war. Den Reigen eroeffneten zwei
+der besten deutschen Naturforscher: _W. F. Hemprich_ und _C. G.
+Ehrenberg_, welche schon frueher Nubien durchzogen hatten und nun, von der
+preussischen Regierung unterstuetzt, das Rothe Meer besuchten. Von Massaua
+aus durchwanderte Hemprich die Kuestengebirge, waehrend Ehrenberg nach den
+heissen Quellen von Eilat zog. Nach Massaua zurueckgekehrt, traf ihn der
+harte Verlust, am 30. Juni 1825 seinen Begleiter Hemprich dem Fieber
+erliegen zu sehen. Trotzdem war die naturgeschichtliche Ausbeute der
+Expedition ungemein reich, da nicht nur eine Menge ganz neuer Thierformen
+entdeckt, sondern auch in den Oscillatorien, Wesen zwischen Thier und
+Pflanzen, die Farbe des Rothen Meeres erkannt worden war.
+
+Die bedeutendste und ergebnissreichste Reise in Abessinien fuehrte nach
+Bruce abermals ein Deutscher, _Eduard Rueppell_, geboren 20. November 1794
+zu Frankfurt a. M., aus. Reich beguetert und vortrefflich in
+naturwissenschaftlicher wie astronomischer Beziehung vorbereitet, hatte er
+nach einem kleineren Ausflug nach dem Orient, Nubien, Kordofan und das
+Petraeische Arabien 1823-1825 besucht und sich dann Abessinien als
+Hauptziel seiner Forschungsthaetigkeit erkoren. Am 17. September 1831
+landete er auf Massaua an der abessinischen Kueste, wo er den Rest des
+Jahres und den naechsten Fruehling zu Ausfluegen in die Umgebung, nach
+Arkiko, dem Thale Modat, den Dahalakinseln und nach den Ruinen von Adulis
+benutzte. Am 29. April 1832 trat er dann den Marsch nach dem inneren
+Hochlande an, welches vor ihm wissenschaftlich nur von Bruce und Salt
+beschrieben worden war. Wurde auch die ganze Reise gluecklich zurueckgelegt,
+so verlief sie doch nicht ohne grosse Gefahren, denn in Tigrie, wo gerade
+Ubie ans Ruder gelangt war, wuetheten noch die grausamsten Buergerkriege.
+Fuer diesen Herrscher hatte Rueppell ein sonderbares Geschenk, naemlich eine
+schwere Kirchenglocke bestimmt, deren Transport auf dem Ruecken von
+Maulthieren viel Muehe verursachte, aber mit grosser Freude angenommen
+wurde, da Glocken in Abessinien sehr selten sind. Um sich einen Schutz auf
+der Reise zu verschaffen, lieh Rueppell einem abessinischen Grosshaendler 600
+Maria-Theresia-Thaler und zog nun durch den Tarantapass auf Halai, die
+abessinische Grenzstation, zu. Schon hatte er sein Gepaeck in Massaua zur
+Ueberfahrt nach dem Festlande zurechtgelegt, als ihm von einem betrunkenen
+tuerkischen Soldaten, der eine Pistole auf ihn abschoss, fast das Leben
+geraubt und die grosse, wohl vorbereitete Reise verhindert worden waere. Von
+Halai wandte sich Rueppell in suedlicher Richtung nach Atigrat am Fusse des
+hohen Alequa, kreuzte am 20. Juli das tiefe Thal des reissenden Bergstroms
+Takazzie und stieg hierauf in die hohen, oft von Schnee bedeckten, kuehn
+geformten Alpen der Provinz Semien, wo er den fast 12,000 Fuss hohen Pass am
+Selkiberge ueberschritt und auf den Alpenwiesen in jener Region neben
+Ericabueschen jene seltsame, in ihrer Form an die Palmen erinnernde
+Pflanze, die Dschibarra, entdeckte, welcher Fresenius den Namen
+_Rhynchopetalum montanum_ gegeben hat. Am 12. Oktober hielt er seinen
+Einzug in die Koenigsstadt Gondar, wo er der Absetzung des Koenigs Saglu
+Denghel beiwohnte und bis zum 18. Mai 1833 verweilte. Die Zwischenzeit
+benutzte er zu einem Ausfluge in die heissfeuchte Niederung (Kolla) von
+Workemeder und Ermetschoho, noerdlich von Gondar, wo seine Elephantenjaeger
+reichliche Beute fanden. Dann zog er dem Ostufer des Tanasees entlang,
+dessen Hoehe ueber dem Meere er zum ersten male zu 5732 Fuss bestimmte.
+Weiterhin gelangte er dann zu der Stelle, wo unfern der beruehmten _Bruecke
+von Deldei_ der Abai oder Blaue Nil dem Tanasee entstroemt.
+
+Am 18. Mai 1833 brach Rueppell von Gondar auf, um ueber die alte
+Kroenungsstadt Axum, wo er eine wichtige altaethiopische Inschrift
+entdeckte, und ueber Adoa, die Hauptstadt Tigrie's, wieder nach Massaua
+zurueckzukehren, das er am 29. Juni gluecklich erreichte. Seine Ausbeute,
+die er von dieser Reise mit heimbrachte, war eine ungemein reiche, denn
+nicht nur hatte er viele Orts- und Hoehenbestimmungen vorgenommen, die der
+Karte Abessiniens ein wesentlich anderes Gepraege geben, sondern auch
+archaeologische, historische und ethnographische Forschungen angestellt,
+vor allem aber die zoologische Kenntniss des Landes bereichert, wie seine
+"Neue Wirbelthiere zur Fauna Abyssiniens gehoerig" und seine "Uebersicht
+der Voegel Nordostafrika's" beweisen.
+
+ [Illustration: _Rhynchopetalum montanum_. Im Hintergrunde der Bachit,
+ im Vordergrunde Klippspringer.
+ Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Seine "Reise in Abyssinien" erschien 1840 zu Frankfurt a. M. Fuer alle
+seine Arbeiten wurde ihm denn auch die wohlverdiente Auszeichnung zu
+Theil, dass ihm die Londoner geographische Gesellschaft die grosse goldene
+Medaille verlieh. Seine reichen Sammlungen vermachte er seiner Vaterstadt
+Frankfurt, wofuer diese ihm eine lebenslaengliche Pension aussetzte.
+
+Auf Rueppell folgten 1835 zwei Franzosen, die Stiefbrueder _Tamisier_ und
+_Combes_, mit dem angeblichen Zwecke des einen, Menschenkenntnisse zu
+sammeln, des andern, sich fuer die Poesie zu begeistern. Sie kamen unter
+vielen Gefahren bis Schoa. Beide Herren waren Mitglieder der Sekte der
+Saint-Simonisten und haben nach ihrer Rueckkehr 1846 zu Paris vier starke
+Baende ("_Voyage en Egypte, en Nubie etc._") einer sehr romantischen und
+wenig glaubhaften Erzaehlung ihrer Erlebnisse und Abenteuer veroeffentlicht.
+Mit nicht viel mehr Glueck machte im Jahre 1836 Baron _von Katte_ einen
+kurzen Ausflug nach Adoa in Tigrie, kehrte jedoch bald wieder zurueck und
+beschenkte Deutschland mit einer Reiseschilderung, an deren Genauigkeit
+der gewissenhafte Rueppell gar manches auszusetzen hat. ("Reise in
+Abyssinien im Jahre 1836". Stuttgart und Tuebingen 1838.)
+
+Im Januar 1837 traf dann der deutsche Botaniker Schimper in Adoa, damals
+der Hauptstadt Ubie's, ein. _Wilhelm Schimper_ wurde im Jahre 1804 zu
+Mannheim geboren. Zuerst als Drechslerlehrling, dann als Unteroffizier,
+fand er keine Befriedigung seines Wissensdranges, weshalb er sich nach
+Muenchen wandte, um dort Botanik zu studiren. Nachdem er eine tuechtige
+Ausbildung erlangt, trat er groessere Reisen nach dem Orient an; er
+besuchte, vom wuerttembergischen Reiseverein unterstuetzt, Algerien,
+Aegypten, die Sinaihalbinsel und Arabien, von wo er ueberall reiche
+Sammlungen nach Hause brachte. Im Jahre 1835 ging er, um seine durch
+Fieber untergrabene Gesundheit wiederherzustellen, ueber Massaua in die
+abessinischen Hochlande, wo er bei Ubie in Adoa eine freundliche Aufnahme
+fand und seinen wissenschaftlichen Sammlungen nachgehen konnte. Sein
+Einfluss bei diesem Fuersten stieg immer mehr, sodass Schimper als
+Statthalter zuerst einen Distrikt an der Gallagrenze, dann den Distrikt
+Antitscho in Tigrie zu verwalten hatte. Mit einem Worte, er wurde die
+rechte Hand Ubie's, als dessen Baumeister und Minister er sich
+unentbehrlich zu machen wusste. Schimper war bereits frueher in Rom zum
+Katholizismus uebergetreten, weshalb er die Lazaristenmissionen unter de
+Jacobis in Abessinien unterstuetzte, was er um so leichter mit Einfluss
+auszufuehren wusste, als er mit einer Tochter des Landes sich vermaehlt
+hatte. Auch begann er fuer Frankreich zu wirken, von wo aus er
+Unterstuetzungsgelder bezog, um dafuer seine Sammlungen an den _Jardin des
+plantes_ in Paris einzusenden. Nach dem Sturze Ubie's hatte Schimper
+anfangs viel Ungemach auszustehen, doch kam er spaeter bei Theodoros wieder
+in Gnade. Im Jahre 1861 schrieb Theodor von Heuglin ueber ihn: "Mein alter
+Freund Schimper wird bald wieder im Stande sein, seine botanischen und
+zoologischen Sammlungen fortzusetzen, die in den letzten fuenf bis sechs
+Jahren ausschliesslich nach Frankreich gegangen sind. Dr. Schimper zaehlt
+jetzt 57 Jahre, ist aber immer noch der alte ruestige und bewegliche Mann,
+voll unverwuestlichen Humors, als den ich ihn vor vielen Jahren hier kennen
+zu lernen das Vergnuegen hatte."
+
+Bald nachdem Schimper in Abessinien sich niedergelassen hatte, beauftragte
+die franzoesische Regierung die Aerzte _Aubert_ und _Dufey_, wieder ein
+gutes Vernehmen mit den Eingeborenen herzustellen, das durch das Auftreten
+verschiedener franzoesischer Abenteurer gestoert worden war. Leider waren
+diese beiden Gesandten keineswegs die einer solchen Aufgabe gewachsenen
+Maenner, denn durch eine Kette von Thorheiten und Schlechtigkeiten setzten
+sie den europaeischen Charakter in der Achtung des Volks ganz herunter und
+vermehrten die Schwierigkeiten, die dem europaeischen Verkehr im Lande
+schon im Wege standen. Dr. Aubert kehrte im Februar 1838 von Adoa nach
+Kairo zurueck, waehrend Dufey durch Schoa nach der Kueste des Rothen Meeres
+ging und als der erste Europaeer die gefaehrliche Strasse von Ankober nach
+Tadschurra zuruecklegte. Die Sendung dieser beiden Maenner wurde, da das
+franzoesische Interesse an Abessinien sich mehrte, die Vorlaeuferin einiger
+andern politischen und wissenschaftlichen Expeditionen von Frankreich aus,
+die vom Jahre 1839 an erfolgten. Zwei derselben waren 1839 und 1841 unter
+_Lefebvre's_, eine 1840 unter _Combes'_ Anfuehrung (welcher zum zweiten
+male Abessinien besuchte) nach Tigrie und auch nach Amhara gegangen. Ubie,
+der damals noch in Tigrie herrschte, behandelte namentlich Lefebvre sehr
+veraechtlich, musterte die ihm vom Koenige Ludwig Philipp uebersandten
+Geschenke und sagte zu seinem Schatzmeister: "Nimm diesen Unrath in die
+Schatzkammer hinueber." Der Gesandte wurde trotzdem aufgefordert, am Essen
+mit theilzunehmen, wobei reichlich Honigwein kredenzt wurde, der den
+Herrscher bald trunken machte. In diesem Zustande forderte er den Herrn
+Gesandten auf, vor ihm zu tanzen, was nur durch das muthige Auftreten des
+Dolmetschers verhindert werden konnte. In Verbindung mit den franzoesischen
+Gesandtschaften stand auch die Reise des belgischen Generalkonsuls in
+Kairo _Blodell_, im Jahre 1841, die um deswillen zu erwaehnen ist, weil
+sie, von Massaua ausgehend, ganz Abessinien von Osten nach Westen
+durchkreuzte, indem Blodell ueber Sennar und Chartum nach Kairo
+zurueckkehrte. Reiche wissenschaftliche Arbeiten lieferte um dieselbe Zeit
+die Expedition des Franzosen _Galinier_ nach Tigrie, Semien und Amhara.
+
+Combes war von Ubie gut aufgenommen worden, aber die freundschaftlichen
+Verhandlungen wurden bald abgebrochen durch die Ankunft der Gebrueder
+_d'Abbadie_, von denen der eine Ubie beleidigt hatte durch seinen Antheil
+an einem Streifzuge gegen seine Truppen. Die d'Abbadie's wurden mit der
+Drohung verwiesen, dass, wenn sie je wieder ihre Fuesse in Ubie's Gebiet
+tragen sollten, dieselben ihnen abgehauen wuerden. Ebenso mussten infolge
+dieses Vorfalles Combes und Lefebvre das Land verlassen. Abgesehen von
+ihren politischen Intriguen waren die Gebrueder Anton und Michael d'Abbadie
+ausgezeichnete, mit tuechtigen Kenntnissen versehene und reich begueterte
+Maenner, die nicht unwesentlich fuer die Erweiterung unserer Kunde
+Abessiniens thaetig waren und sind, wenn sie auch ihr Hauptaugenmerk auf
+die Verbreitung des Katholizismus und auf die Foerderung der Interessen
+Frankreichs gewandt haben moegen. Nach langen Vorbereitungen und einigen
+missglueckten Versuchen gelang es 1842 Anton d'Abbadie, ueber Tigrie in das
+Binnenland einzudringen, wo er sich mit der Erforschung Enarea's, Kaffa's
+und des Quellgebiets des Uma beschaeftigte. Nach zehnjaehriger Abwesenheit
+kehrten beide Brueder 1848 nach Frankreich zurueck, wo sie die Resultate
+ihrer Arbeiten in einzelnen Abhandlungen veroeffentlichten.
+
+Politik und Religions- oder Missionsangelegenheiten begannen ueberhaupt
+allmaelig bei den abessinischen Reisenden die Hauptsache, die Wissenschaft
+aber die Nebensache zu werden. Englische Reisende und protestantische
+Missionaere wirkten im Interesse Grossbritanniens, katholische Sendboten und
+franzoesische Reisende im Interesse Frankreichs. Kein Wunder also, dass die
+abessinischen Fuersten, welche die Plane bald durchschauten, misstrauisch
+wurden und einzelne Reisende schlecht behandelten. Der abenteuerlichste
+unter allen war wohl _Rochet d'Hericourt_, nach Isenberg's Bericht ein
+franzoesischer Gluecksritter, der sich mehrere Jahre hindurch in Kairo als
+Chemiker und Mineralog aufhielt und bestaendig mit dem Plane umging, nach
+Abessinien zu reisen, um sich dort Geld zu machen. Nachdem ihm mehrere
+Versuche misslungen waren, setzte er endlich 1839 sein Vorhaben ins Werk,
+indem er den deutschen Missionaeren nach Schoa folgte. Als er dort jedoch
+nicht gleich zu grossen Reichthuemern gelangte, wurde er ungehalten und von
+dem Koenige fuer halb verrueckt angesehen. Bald sollte sich die Sache jedoch
+wenden und Rochet zu grossem Ansehen gelangen. Da der Koenig, dessen erste
+Frage an jeden ankommenden Europaeer gewoehnlich die war, was er verstehe,
+Rochet's chemische Fertigkeiten in Pulvermachen, Seifensieden,
+Zuckerfabriziren und andern Dingen bemerkte, stieg letzterer hoch in
+seiner Achtung. Ausserdem versprach der Franzose, ihn von einer gewissen
+heimlichen Krankheit zu heilen, und als diese Kur zu gelingen schien,
+wurde er dem Koenige unentbehrlich. Rochet benutzte nun, wie es die
+Franzosen gewoehnlich thun, die steigende Gunst beim Koenige, sich politisch
+maechtig zu machen, indem er Schoa dem franzoesischen Einflusse zu eroeffnen
+und den Englaendern entgegenzuwirken suchte. Als er nach neunmonatlichem
+Aufenthalte wieder in sein Vaterland zurueckkehren wollte, bestimmte er den
+Negus dahin, ihm einen Brief und Geschenke an den Koenig Ludwig Philipp von
+Frankreich mitzugeben und auf diese Weise eine politische Verbindung
+zwischen Frankreich und Schoa einzuleiten. Dieses einseitige Vorgehen
+suchten aber in Englands Interesse die deutschen Missionaere, namentlich
+Krapf, zu verhindern, indem sie den Koenig bewogen, eine Botschaft nach
+Bombay zu senden, um einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit England
+abzuschliessen. Als Erwiederung dieser Botschaft erschien dann die
+glaenzende Ambassade unter Kapitaen Harris.
+
+Inzwischen war Rochet in Paris angekommen und hatte die dortige Regierung
+seinem Wunsche, mit Schoa in Verbindung zu treten, geneigt gefunden.
+Nachdem er eine Beschreibung seiner Reise herausgegeben hatte ("_M. Rochet
+d'Hericourt, Voyage sur la cote occidentale de la Mer Rouge, dans le pays
+__d'Adel et le Royaume de Choa._" Paris 1841), kehrte er im Auftrage
+seiner Regierung und der Pariser Akademie der Wissenschaften wieder nach
+Schoa zurueck. Kaum an der Kueste angelangt, wusste er es durchzusetzen, dass
+der Koenig von Schoa befahl, keinen andern Europaeer, sei er Franzose oder
+Englaender, ausser ihm nach Schoa kommen zu lassen, bei Verlust des Lebens.
+Infolge dessen mussten denn die deutschen Missionaere Krapf, Isenberg und
+Muehleisen von Zeyla aus, wohin sie sich 1842 zu einer zweiten Reise nach
+Schoa begeben hatten, unverrichteter Dinge umkehren. Rochet bereiste nun
+weit und breit das Innere des Landes und gab uns in einem zweiten Werke
+("_Second voyage_", Paris 1846) neue werthvolle Nachrichten ueber Schoa.
+
+Nach Isenberg erhielt Rochet nur durch ein listiges Vorgeben die Erlaubniss
+des Koenigs, in das Innere von Schoa vorzudringen. Er behauptete naemlich,
+nur dann den Koenig heilen zu koennen, wenn er ein Praeparat von einem
+ungeborenen Hippopotamus mache, das er aus einem fernen See holen muesse.
+Das nachtheiligste Licht auf Rochet's Wahrheitsliebe und Glaubwuerdigkeit
+wirft indessen wol, was der deutsche Missionaer Ludwig Krapf ueber ihn
+berichtet. Beide befanden sich im November 1839 im Kriegslager des Koenigs
+Sahela Selassie von Schoa, der auf einem Feldzuge gegen die Galla
+begriffen war. Man war in der Naehe der Quellen des Hawaschflusses, allein
+beide Europaeer bekamen sie nicht zu Gesicht, waehrend Rochet sich in seinem
+Reisewerke fuer deren Entdecker ausgiebt. Der biedere Krapf giebt uns den
+noethigen Kommentar zu dieser wissenschaftlichen Schwindelei. "Rochet" so
+schreibt Krapf, "sagte zu mir im Verlaufe des Feldzuges, dass wir angeben
+muessten, die Quellen des Hawasch wirklich gesehen zu haben. Als ich ihm
+erwiederte, dass dieses ja nicht der Fall gewesen, antwortete er laechelnd:
+Oh, wir muessen Philosophen sein." - So erlauben sich gewissenlose Reisende
+Geographie zu machen oder vielmehr zu faelschen.
+
+Die Anzahl der Reisenden, welche Abessinien besuchten, beginnt sich nun
+ungemein zu haeufen, sodass wir nur die wichtigsten unter ihnen hervorheben
+koennen.
+
+Dr. _Beke_, frueher englischer Konsul in Leipzig, reiste 1840 von London
+nach Aden, unterstuetzt von den Freunden Afrika's, um in Schoa und den
+angrenzenden Laendern Nachrichten ueber das Innere und besonders ueber den
+geistigen Zustand der dasselbe bewohnenden Voelker einzusammeln. Gluecklich
+kam er ueber Tadschurra in Ankober an, wo der Missionaer Krapf ihm Huelfe
+leistete und sich in den Verhandlungen zwischen Beke und dem Koenige manche
+Beschwerden und Unannehmlichkeiten zuzog. Spaeter, nach Ankunft der
+englischen Gesandtschaft und von dieser unterstuetzt, reiste er nach
+Godscham, von wo er durch die Provinzen Jedschau, Waag und Enderta nach
+Antalo ziehend, Tigrie erreichte. Die Frucht seines langen Aufenthalts
+waren verschiedene wissenschaftliche Werke; namentlich widmete er sein
+Augenmerk der politischen Rivalitaet der Franzosen und Englaender im Rothen
+Meere, welche die grossen Fragen des Suezkanals und des ostindischen
+Ueberlandwegs einschliesst und ueber welche er in seinem Werke "_The French
+and the English in the Red Sea_" seine Ansichten niedergelegt hat.
+
+ [Illustration: Eduard Zander. Nach einem Gemaelde im Besitze Sr. Hoheit
+ des Herzogs von Anhalt.]
+
+Mit Schimper's Schicksal im engsten Zusammenhange steht ein anderer
+deutscher Landsmann, dem wir bei Abfassung dieses Werkes zu ganz besonderm
+Danke verpflichtet sind. _Christoph Eduard Zander_, von dem ein Theil der
+charakteristischen Illustrationen dieses Buches herruehrt, ward am 22.
+Oktober 1813 in der kleinen anhaltischen Stadt Radegast geboren. In seiner
+Heimat, wo er noch immer den besten Ruf geniesst, wird er als ein Mann von
+bescheidenem, anspruchslosem Wesen und tief religioesem Charakter
+geschildert, der eine ganz besondere Fertigkeit in den verschiedensten
+technischen Dingen besass. Zander erlernte die Landwirthschaft, wandte sich
+dann aber zur Malerei und hielt sich zu seiner Ausbildung laengere Zeit in
+Muenchen auf. Neben seiner Kunst interessirte er sich aber auch lebhaft fuer
+das Artilleriewesen, eine Neigung, die ihm spaeter sehr zu statten kam. Da
+es ihm nicht gelang, als Maler und Zeichner seinen Unterhalt hinreichend
+zu erwerben, ging er auf den Rath einiger Freunde zu Dr. Schimper. Nach
+einer langen Fahrt durch das Rothe Meer, auf welcher er von Krankheit und
+Hunger geplagt wurde, warf seine Barke am 12. September 1847 bei Massaua
+Anker. Durch den Tarantapass stieg er in das abessinische Hochland hinauf
+und schrieb in Halai einen Brief an Schimper, in welchem er diesen von
+seiner Ankunft in Kenntniss setzte. Trotz einer niederschlagenden, ihn
+zurueckweisenden Antwort beschloss er dennoch, nach Antitscho, Schimper's
+Distrikt, vorzudringen. Da aber ringsum das Land von Rebellen verwuestet
+wurde, konnte dies nicht ohne Lebensgefahr geschehen; doch gelangte er
+gluecklich an sein Ziel, wo er von dem Landsmann gut aufgenommen wurde. Als
+Gehuelfe Schimper's bei dessen naturwissenschaftlichen Arbeiten
+durchstreifte er weit und breit das Land, sammelnd und zeichnend, bis er
+endlich zum Oberhofbaumeister des Regenten Ubie vorrueckte, von diesem
+Laendereien und Vieh erhielt und den Auftrag bekam, die Kirche von Debr
+Eskie in Semien zu bauen, dieselbe, in welcher am 11. Februar 1855 Theodor
+II. vom Abuna zum Herrscher ueber Gesammt-Abessinien gekroent wurde. In
+Ubie's Gunst immer mehr steigend, wurde Zander in den Adel erhoben; auch
+verheirathete ihn dieser Fuerst mit einem schoenen Gallamaedchen. In der
+grossen Schlacht von Debela am 9. Februar 1855, in welcher der alte Ubie
+von dem Emporkoemmling Theodor besiegt wurde, kommandirte Zander die
+Artillerie des ersteren. Als alles fuer Ubie verloren war, trat Zander in
+die Dienste Theodor's und wurde Befehlshaber der befestigten Insel Gorgora
+im Tanasee, wo er die Schatzkammer und ein Zeughaus des Koenigs zu hueten
+hatte. Dieser, der den tuechtigen, in allen technischen Dingen erfahrenen
+Mann zu schaetzen wusste, machte ihn zu seinem Vertrauten und hoechsten
+militaerischen Wuerdentraeger. Als solcher stand Zander auch noch 1868 an der
+Seite Theodor's. Seine werthvollen Arbeiten ueber Abessinien, die uns in
+vieler Beziehung neue Gesichtspunkte eroeffnen, sind in dem vorliegenden
+Buche benutzt worden und gereichen demselben als Originalbeitraege zur
+besondern Zierde.
+
+ [Illustration: Werner Munzinger.]
+
+In jene Zeit, in welcher Abessinien gleichsam von europaeischen Reisenden
+durchschwaermt war und ein Missionsversuch dem andern folgte, fallen auch
+die geographisch nicht unwichtigen Zuege des italienischen Moenches
+_Giuseppe Sapeto_ durch die noerdlichen Grenzlaender der Mensa, Bogos und
+Habab. Begleitet von den Bruedern d'Abbadie landete er im Jahre 1838 in
+Massaua und erreichte am 3. Maerz desselben Jahres Adoa. Er wusste sich bei
+Ubie in Gunst zu setzen und gruendete zu Adoa nach Vertreibung der
+protestantischen Geistlichen (siehe darueber weiter unten) eine katholische
+Mission, besuchte Gondar, sah sich aber nach fuenfjaehrigem Aufenthalt - wie
+Isenberg angiebt, infolge liederlichen Lebens - durch Krankheit genoethigt,
+nach Aegypten zurueckzukehren; aber 1850 begab er sich aufs neue nach
+Massaua, indem er laengs der Westkueste des Rothen Meeres hinaufreiste und
+nun mit dem Missionaer Stella in die Laender der Bogos, Mensa und Habab
+vordrang, ueber die wir einen ausfuehrlichen Bericht mittheilen werden. Es
+war dies gleichsam eine neue Entdeckung, denn in der That kannte man kaum
+den Namen der Habab, und die andern beiden Voelker existirten bis dahin fuer
+uns nicht. Sapeto's Werk erschien erst 1857 zu Rom und fuehrt den Titel:
+"_Viaggio e missione cattolica fra i Mensa, i Bogos e gli Hahab_."
+
+Das in Rede stehende Gebiet ist wegen seiner leichten Zugaengigkeit dann
+haeufig das Ziel europaeischer Reisenden geworden und uns nun fast so genau
+bekannt wie ein Land Europa's. Am 13. Juli 1857 brach ein oesterreichischer
+Loewenjaeger, _Graf Ludwig Thuerheim_, nach Mensa auf, besuchte Keren, wo die
+katholischen Missionaere sich niedergelassen hatten, und gelangte gluecklich
+durch Barka und Taka nach Chartum.
+
+Die vorzueglichsten Nachrichten ueber jene Laender, werthvolle, bleibende
+Schaetze der geographischen Literatur, verdanken wir indessen dem Schweizer
+_Werner Munzinger_. Dieser gelehrte, unternehmende Mann wurde 1832 zu
+Olten geboren. Er studirte in Bern und Muenchen Geschichte,
+Naturwissenschaften und orientalische Sprachen; in den letzteren
+vervollkommnete er seine Kenntnisse zu Paris. Schon im Jahre 1852, also im
+Alter von zwanzig Jahren, begab er sich nach Kairo, trat dort spaeter in
+ein Handelsgeschaeft, unternahm dann 1854 eine kaufmaennische Reise nach dem
+Rothen Meere und benutzte die guenstige Gelegenheit zu einem Ausfluge nach
+den Bogoslaendern. Es war schon damals sein Plan, sich dort niederzulassen,
+und er fuehrte denselben unverweilt aus. Im Jahre 1855 ging er, mit
+Saemereien und Waffen wohl versehen, nach Keren, wo er dann laengere Zeit
+gewohnt hat. Dort verfasste er auch sein 1859 zu Winterthur erschienenes
+Werk "Ueber die Sitten und das Recht der Bogos", dessen Vorrede aus Keren
+vom 31. November 1858 datirt ist. Er lebte wissenschaftlichen Forschungen,
+trieb dabei auch Handelsgeschaefte und machte sich bei dem Volke so
+beliebt, dass er oft das Richteramt ausuebte und mit Regierungsgeschaeften
+betraut wurde. Er fand aber auch Musse zur Ausarbeitung seiner Studien und
+schrieb nicht nur eine Grammatik des Belem, der Sprache der Bogos, sondern
+uebersetzte in dieselbe einzelne Abschnitte der Bibel. Die inhaltreiche
+Arbeit ueber die Bogos war jedoch nur die Vorlaeuferin eines groesseren
+Werkes: "Ostafrikanische Studien" (Schaffhausen 1864), in welchem auch das
+Land der Marea, der Kunama oder Bazen und deren physikalische Verhaeltnisse
+in mustergiltiger Weise geschildert werden. Auf beide Arbeiten kommen wir
+spaeter zurueck; ebenso auf die Reise des _Herzogs Ernst von
+Sachsen-Koburg-Gotha_ in jenen solchergestalt erschlossenen Gegenden im
+Jahre 1862.
+
+Nicht unerwaehnt darf hier bleiben, was die verschiedenen Missionaere,
+namentlich _Isenberg_ und _Krapf_, fuer unsere Kenntniss Abessiniens gethan
+haben, deren Wirken bei der Schilderung der Missionsversuche die
+gebuehrende Wuerdigung erhaelt, waehrend die Reise des vortrefflichen
+Franzosen _Wilhelm __Lejean_ im Jahre 1863, der in die Gefangenschaft des
+Koenigs Theodoros II. gerieth, gleich so vielen andern Europaeern, in einem
+besondern Kapitel besprochen wird.
+
+Hier soll nur noch die _deutsche Expedition_, oder wenigstens der Theil
+derselben, welche unter v. Heuglin und Steudner bis Etschebed in
+Dschama-Gala vordrang, als wuerdiger Schluss dieser Aufzaehlung der Reisen in
+Abessinien, ihre Erwaehnung finden. Es handelte sich bekanntlich darum, das
+Schicksal des in Afrika verschollenen deutschen Reisenden Eduard Vogel aus
+Leipzig aufzuhellen, von dem man glaubte, dass ihn der Sultan von Wadai zu
+Wara in Gefangenschaft halte. Zu dem Ende trat auf Anregung des Dr. August
+Petermann in Gotha ein Comite zusammen, welches in ganz Deutschland
+Sammlungen veranstaltete, eine Instruktion entwarf und mit der Leitung der
+Expedition _Theodor v. Heuglin_ betraute. Ihm wurden als Botaniker
+beigegeben Dr. _Hermann Steudner_, geboren 1832 zu Greiffenberg in
+Schlesien, der Mechaniker _Kinzelbach_ aus Stuttgart, welcher
+Positionsbestimmungen vornehmen sollte, _M. L. Hansal_, ein mit den
+Gegenden am oberen Weissen Nil schon vertrauter Mann, und endlich _Werner
+Munzinger_, der sich in Massaua an die Expedition anschliessen sollte.
+
+ [Illustration: Theodor von Heuglin]
+
+Theodor v. Heuglin, einer der bedeutendsten Reisenden der Gegenwart,
+geboren den 20. Maerz 1824 zu Hirschlanden in Wuerttemberg, unternahm
+bereits im Jahre 1850 eine Reise laengs dem Rothen Meere, durchzog dann
+1853 mit dem oesterreichischen Konsul Dr. Reitz von Galabat aus einen
+bedeutenden Theil Abessiniens, worueber er in seinen "Reisen in
+Nordostafrika" (Gotha 1857) berichtete. Er wurde oesterreichischer Konsul
+in Chartum, erforschte die Somalikueste, sowie abermals das Rothe Meer, und
+trat schliesslich an die Spitze der deutschen Expedition, die sich Glueck zu
+wuenschen hatte, einen so umsichtigen, thaetigen und mit den Verhaeltnissen
+des Landes vertrauten Fuehrer zu erhalten.
+
+Am 17. Juni 1861 landeten die Mitglieder gluecklich in Massaua, von wo sie
+sich nach Mensa und Keren in Bogos begaben, um sich auf die grosse Reise
+gehoerig vorzubereiten. Mit Anfang Oktober, nachdem die eigentliche
+Sommerregenzeit zu Ende war, ruestete man sich zum Aufbruch, zog durch die
+bergige Provinz Hamasien und trennte sich zu Mai Scheka in Serawie.
+Munzinger und Kinzelbach reisten von hier aus am 11. November laengs dem
+Mareb weiter nach Westen, um Nachrichten ueber Eduard Vogel einzuziehen,
+waehrend Heuglin und Steudner einen hoechst beschwerlichen, an Abenteuern,
+aber auch an Ausbeute reichen Zug nach Sueden unternahmen, der sie bis ins
+Gallaland und das Feldlager des Koenigs Theodoros II. fuehrte. Die Reisenden
+besuchten in Adoa den greisen Botaniker Schimper, machten mit ihm einen
+Ausflug nach den Ruinen von Axum, kreuzten den Takazzie, ueberstiegen die
+Alpen von Semien und zogen am 23. Januar 1862 in der Hauptstadt Gondar
+ein. Ihre Absicht, in westlicher Richtung weiter nach Westen vordringen zu
+duerfen, wurde vereitelt, denn aufs strengste hatte der Negus Befehl
+ertheilt, die Reisenden vor sich zu fuehren. Geleitet von deutschen
+Missionaeren begaben sie sich nun, am Nordufer des Tanasees hin, ueber Gafat
+und Magdala, das 15,000 Fuss hohe Kollogebirge durchziehend, in das
+Feldlager des Koenigs zu Etschebed im Lande der Dschama-Gala. Der Empfang
+war ein ausserordentlich gnaediger, und reich beschenkt durften die
+Reisenden am 25. April den Rueckweg antreten, auf welchem sie das 13,000
+Fuss hohe Gunagebirge passirten, bei Wochni die abessinische Grenze
+erreichten und ueber Meteme und Gedaref nach Chartum gelangten, dessen
+Moschee ihnen am 7. Juli 1862 entgegenleuchtete. Die grossen Reisen
+Heuglin's und Steudner's auf dem Weissen Nil und dem Gazellenfluss in
+Gemeinschaft mit den Damen Tinne, wobei Steudner im Dschurdorfe Wau am 10.
+April 1863 dem Klimafieber erlag, gehoeren nicht hierher. Ausser in
+geographischer Beziehung war das Ergebniss der deutschen Expedition, welche
+allerdings das urspruengliche Ziel, die Aufsuchung Eduard Vogel's, aus den
+Augen verlor, namentlich fuer die Botanik und Zoologie von grossem Werthe.
+Nachdem die Berichte derselben einzeln in den "Geographischen
+Mittheilungen" und der Berliner "Zeitschrift fuer Erdkunde" erfolgt, fasste
+sie Heuglin nochmals in seiner "Reise nach Abessinien" (Jena 1868)
+zusammen.
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Debra Damo in Tigrie. Nach einer Originalzeichnung von
+ Zander.]
+
+
+
+
+
+ DAS LAND, SEINE PFLANZEN- UND THIERWELT.
+
+
+ Begrenzung. - Das Hochland. - Geologie Abessiniens. - Der
+ versteinerte Wald. - Heisse Quellen. - Oberflaechengestaltung. -
+ Natuerliche Felsenfestungen. - Die Alpen Semiens. - Charakter der
+ Fluesse. - Ihr Anschwellen. - Ursachen der Nilueberschwemmungen. -
+ Der Tanasee und der Abai. - Klimatische Verhaeltnisse. - Die
+ Vegetationsguertel. - Kola. - Woina Deka. - Deka. - Die niederen
+ Thiere. - Voegel. - Saeugethiere. Ihre Lebensweise, Nutzanwendung,
+ Jagd.
+
+
+Am suedlichen Ende des Rothen Meeres, schroff gegen dessen Gestade
+abstuerzend, aber langsam und allmaelig gegen Ost-Sudan sich abstufend,
+liegt zwischen dem 16. und 8. Grade noerdlicher Breite das afrikanische
+Alpenland Abessinien. Ringsum dehnen sich weite, ungesunde und gluehende
+Sandwuesten aus, natuerliche Grenzen, die den Verkehr erschweren und die
+ungeheure Bergfeste gegen feindliche Angriffe von aussen zu schuetzen
+scheinen. Im Norden sind die Hochlande von Mensa, Bogos und die von den
+Beni-Amer am Barka bewohnten Gegenden die Grenze; im Westen das Gebiet der
+heidnischen Bazen, die wild- und steppenreichen, vom Setit und Salam
+durchflossenen Theile Ost-Sudans, der Neger-Freistaat Galabat und ein
+Guertel von groesstentheils unbewohnten, feuchten, mit Bambus und Waldregion
+bedeckten neutralen Gebiets, das sich gegen Ost-Senaar ausdehnt; im Sueden
+bildet eine Strecke weit der Blaue Nil die Grenze, dann aber fast
+unbekannte, von den Gala bewohnte Distrikte; endlich im Osten, wo die
+Gebirgsmauern Abessiniens am steilsten abfallen, sind es die wasserlosen,
+von raeuberischen muhamedanischen Hirtenvoelkern bewohnten
+Kuestenlandschaften, welche die Grenze ausmachen.
+
+Ganz Abessinien ist im wesentlichen ein Hochland, das von allen Seiten mit
+steilen Raendern aus dem Flachlande aufsteigt. Wenn der Reisende diesen
+jaehen Rand muehsam erklommen hat, waehrend seine Fuesse von den scharfen
+Steinen geritzt, seine Kleider von den Stacheln der Mimosen zerrissen
+wurden, sieht er ein zweites und bald ein drittes Plateau vor sich, ebenso
+jaeh wie das erste, ebenso rauh und zerklueftet. Wie an ein zerstoertes
+Titanenwerk erinnernd, draengen sich die Berge in den wunderbarsten Formen
+durcheinander. Hier Tafelberge gleich zertruemmerten Mauern, dort runde
+Massen in Gestalt von Domen, hier gerade oder geneigte, oder umgestuerzte
+Kegel, spitz wie Kirchthuerme, dort Saeulenreihen in Gestalt ungeheurer
+Orgeln. In der Ferne verschmelzen sie mit Wolken und Himmel, und in der
+Daemmerung meint man ein aufgeregtes Meer vor sich zu sehen. Aber dieses
+Felsenmeer ist in seinem Innern keineswegs so starr und oede, als es der
+aeussere Anblick erwarten laesst. Obgleich sich seine Berge in weiten Flaechen
+oft zu einer Hoehe von 10,000 Fuss erheben und ihre hoechsten, sich in die
+Wolken verlierenden Gipfel ueber 15,000 Fuss hoch aufragen, birgt sich doch
+in seinen Thaelern und Klueften manche Abwechselung, manche Landschaft voll
+tropischer Fuelle.
+
+Der _geologische Charakter_ Abessiniens ist ziemlich einfoermig und zeigt
+keineswegs grosse Abwechselung bezueglich der vorkommenden Formationen.
+Zander, der sich sehr eingehend mit der Bodenbeschaffenheit des Landes
+abgab, nimmt an, dass nur zwei allgemeine vulkanische Revolutionen und
+Hebungen des Landes stattfanden, dass dagegen partielle geologische
+Oberflaechenveraenderungen nicht vorhanden sind. Er bemerkt hierueber in dem
+erwaehnten Manuskripte: "Die Uroberflaeche des Landes war fast ueberall eben,
+und nur hier und da wurde dieselbe von Huegelketten durchzogen, deren
+hoechste Spitzen bis zu 6000 Fuss ueber dem Meere anstiegen. Die allgemein
+herrschende Gebirgsart in jener Periode war Trachyt, dessen groesste
+Maechtigkeit zwischen 6000 und 7000 Fuss betraegt und der oft von maechtigen
+Basalten durchsetzt ist, so in den Laendern Daunt, Woadla und Wollo, wo wir
+70-100 Fuss maechtige Basalte antreffen.
+
+"Diese "Uroberflaeche" Abessiniens wurde durch zwei nacheinander folgende
+vulkanische Revolutionen zerrissen, zerklueftet, zerspalten; es entstanden
+jene unzaehligen groesseren und kleineren Risse, von denen manche jetzt noch
+eine Tiefe von 4000-5000 Fuss haben, andere dagegen im Laufe der Zeit durch
+Erdbeben und Zersetzungen aller Art wieder verschuettet oder in sanfte
+Thaeler umgewandelt wurden.
+
+"Die _erste_ dieser grossen Umwaelzungen hob das Land allgemein, nur waren
+ihre Wirkungen in den verschiedenen Theilen des Landes bald staerker, bald
+schwaecher. Die hoechsten Hebungen fanden statt in Semien, Woggera,
+Begemeder, Daunt, Woadla, Lasta, Talanta, Wollo und Schoa, waehrend in
+Godscham die Hebungen bereits im Abnehmen sind, um sich in der Naehe des
+Nil ganz zu verlieren. Alle obengenannten Laender stehen in einem innigen
+Zusammenhange und zeigen durchweg den kraeftigsten Verlauf der Hebung von
+Suedost nach Nordwest. Zwischen der Wasserscheide des Rothen Meeres und des
+Nilgebietes im Osten und den Hochlanden von Semien im Westen war ein
+grosses Becken entstanden, das die heutigen Laender Hamasien, Tigrie und
+Enderta umschloss. Hier, eingerahmt von den Hochlanden, breitete sich ein
+grosser Suesswassersee aus, als dessen Ablagerungsprodukte und Zeugen seines
+einstigen Vorhandenseins der rothe Eisenthon, der Sandstein und die
+Grauwacke gelten muessen, welche hier in der ruhigen Periode zwischen der
+ersten und zweiten vulkanischen Umwaelzung abgesetzt wurden. Neben diesen
+Floetzformationen treten als eigentliche Bildner des Landes folgende drei
+Gebirgsarten in Abessinien auf: zu oberst _Trachyt_, unter diesem
+_Urthonschiefer_ von verschiedener, bis zu 1500 Fuss ansteigender
+Maechtigkeit, und zu unterst _Granit_, welcher oft mit Porphyr und Syenit
+wechselt.
+
+"Die Wirkungen und Bewegungen der _zweiten Umwaelzung_ waren jenen der
+ersten ziemlich gleich. Die bedeutendsten Hebungen fanden jetzt auf der
+heutigen Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes statt; die
+niedrigsten in den Laendern Semien, Woggera, Begemeder, Lasta und Wollo.
+Der grosse Suesswassersee im heutigen Tigrie verschwand, und sein horizontal
+gelagerter Absatz, das Eisenthongebirge und der Sandstein, erhielt eine
+sanfte Schraegung nach Westen hin, infolge der allgemeinen und ueberall
+gleichmaessigen Hebung; und in der That gewahren wir, wie heute _das rothe
+Eisenthonplateau_ sich ununterbrochen und allmaelig in westlicher Richtung
+bis Semien und von da noch noerdlich bis Woggera und Wolkait absenkt. Die
+Gesammtsenkung betraegt ungefaehr 2000 Fuss, denn die Eisenthone liegen an
+der Wasserscheide zwischen dem Rothen Meere und Nilgebiete 8000, an der
+Grenze von Wolkait und Semien dagegen nur 6000 Fuss hoch. So weit
+ausgebreitet dieses Eisenthonplateau auch ist, so wenig maechtig erscheint
+seine Lagerung; denn waehrend es an der oestlichen Grenze nur einige Zoll
+stark auftritt und im Innern Tigrie's, seinem Centrum, eine Maechtigkeit
+von nahe an 12 Fuss erreicht, nimmt es am Fusse der Laender Semien, Woggera
+und Wolkait wieder bis zu 1 oder 2 Fuss Maechtigkeit ab.
+
+"Unter diesem rothen Eisenthone folgt der _Sandstein_, dessen Oberflaeche
+gleichfalls eben wie jene der Eisenthone verlaeuft, dessen Maechtigkeit aber
+von der Gestaltung der Urthonschiefer abhaengig ist, welche seine Unterlage
+bilden. Risse und Spalten, welche die Eisenthone wie die Sandsteine (oder
+Grauwacke) durchziehen, zeigen einen aeusserst wilden und romantischen
+Charakter, der selbst im Laufe der Jahrtausende, welche seit ihrer Bildung
+verflossen, nicht zerstoert wurde.
+
+"Auch durch die zweite gewaltsame Umwaelzung entstanden viele neue groessere
+und kleinere Risse, aus denen sich, wie bei der ersten Revolution, grosse
+_Lavastroeme_ auf die Oberflaeche des Landes ergossen, namentlich auf der
+dem Rothen Meere zugekehrten Seite des oestlichen Gebirgsabfalles. Wenn der
+Reisende von Massaua aus den Weg nach Halai einschlaegt, so bieten sich
+seinem Auge am Fusse des Tarantagebirges und noch bis zur Haelfte an diesem
+hinauf in Rissen und Spalten grosse Lavastroeme dar. So muendet ungefaehr zwei
+Stunden oberhalb Hamhamo (im Tarantapass) linker Hand ein Spalt in das
+grosse Thal, aus welchem sich ein etwa 40 Fuss hoher, gut erhaltener
+Lavastrom herabstuerzt, und in vielen Spalten desselben Thales sind die
+Felswaende noch hier und da mit Lava ueberzogen. Die hier stets herrschende
+heisse trockene Luft, die geringe Regenmenge waren der Erhaltung dieser
+Lavamassen besonders guenstig, was vom Innern Abessiniens nicht behauptet
+werden kann, wo fortwaehrend starke Regen und feuchte Luft die Zersetzung
+der Laven beguenstigen. Im Innern fanden ueberhaupt auch weniger
+Lavaergiessungen statt und sind deren Spuren ueberhaupt aeusserst selten.
+Einen merkwuerdigen Lavaueberrest aus der Zeit der ersten Revolution fand
+ich am Flusse Mareb unterhalb der Ortschaft Gundet am Wege nach Hamasien.
+Er bildete die Spitze eines abgeplatteten Huegels, war fest auf den Trachyt
+gelagert, 21/2-3 Fuss maechtig und bestand aus lauter Roehren von 1/2-11/2 Zoll
+Durchmesser, die theils hohl, theils mit schmuziggelbem Eisenocker
+ausgefuellt waren."
+
+So viel berichtet Zander ueber die geologischen Verhaeltnisse des Landes.
+Zur weiteren Erlaeuterung fuegen wir hier noch Rueppell's kurze Bemerkungen
+bei: "Jenseit des flachen Meeresufers und in geringer Entfernung von der
+Kueste erhebt sich ein mit diesem ziemlich paralleler Gebirgszug von
+imposanter Hoehe, welcher zehn Stunden landeinwaerts bereits
+durchschnittlich 8-9000 Fuss ueber die Flaeche des Arabischen Busens
+hervorragt. Er besteht durchgehends aus Schiefer- und Gneisfelsen; an
+seiner oestlichen Basis aber erblickt man mehrere Trachyt-Lava-Stroeme;
+isolirte vulkanische Kegel tauchen aus der aufgeschwemmten Uferflaeche des
+Annesleygolfs bei Afte und Zula hervor und das von Salt beobachtete
+Vorkommen des Obsidians zu Amphila ist ein Beweis fuer die Verbreitung
+einer frueheren vulkanischen Thaetigkeit laengs der ganzen Kueste hin.
+Westlich von dieser Kuestengebirgskette bildet durchaus das naemliche
+Schiefergebilde den Kern der ganzen Landschaft und wird namentlich in
+allen tief eingewuehlten Strombetten beobachtet. Diese Schieferformation
+ist mit einem weitverbreiteten, horizontal geschichteten Sandsteinplateau
+ueberdeckt, das aber durch spaetere vulkanische Thaetigkeit auf eine
+merkwuerdige Weise theils senkrecht gespalten und verschoben, theils
+verschiedentlich emporgehoben wurde. An mehreren Orten, z. B. vermittelst
+der beiden Berge Alequa in den Provinzen Ategerat (Atigrat) und Schirie,
+durchbrach die Lavamasse die bereits sehr zerarbeitete Sandsteindecke und
+erhob sich, isolirte zugespitzte Kegelberge bildend, ueber dieselbe;
+anderwaerts, wie in der Umgebung von Axum, entstanden durch diese
+Lavaergiessungen zusammenhaengende vulkanische Huegelzuege; stellenweise
+endlich senkte sich eine weite Strecke entlang die ganze
+Sandsteinformation und bildete die auf ihrer einen Seite durch steile
+Felswaende begrenzte Verflachung der Landschaften von Geralta und Tembien,
+deren mittlere Erhebung ueber die Meeresflaeche auf sechstausend Fuss
+anzuschlagen ist. Diese allgemeine Einfoermigkeit in dem geognostischen
+Charakter des ganzen oestlichen Abessinien sah ich nur durch zwei andere
+Gebirgsformationen unterbrochen. Die eine derselben sind die aus Kreide
+und Kalkmergel bestehenden Hoehen, welche zu Sanafe (in Agamie) zu Tage
+kommen und die ich ausserdem noch auf dem Wege von Adoa nach Halai zu
+Agometen und Gantuftufie sah. Die andere Ausnahme bilden die Granitmassen,
+welche theils als stark verwitterte kolossale Bloecke, theils als plumpe
+Massen etwas suedlich von Amba Zion und unfern des Staedtchens Magab
+sichtbar sind und die ich in Schirie, unter einem fast gleichen
+Breitengrade, als die Seitenwaende der von dem Kamelo durchflossenen
+Thalausfloetzung wiederfand."
+
+Spaetere Reisende, namentlich Heuglin, haben dann noch einzelne andere
+geologische Gebilde angetroffen. So tertiaere Gesteine in Hamazien, und
+nach demselben Forscher zeigt sich dolomitischer Kalk ueberall lose in der
+Dammerde; dann, an einzelnen Stellen, wie in Dembea, Gyps und Mergel. Als
+Zersetzungsprodukte von Laven und Basalt erscheinen Thone und fette
+Dammerde von schwarzer und rother Farbe. Sehr betraechtliche
+_Braunkohlenlager_, die jedoch nicht ausgebeutet werden, finden sich im
+Goangthal zwischen Dembea und Tschelga; ebensowenig benutzt man andere
+mineralische Artikel, mit Ausnahme von Schwefel und Salz. Besonders
+hervorzuheben in geologischer Beziehung ist noch die Entdeckung einer
+Menge von _versteinerten Baumstaemmen_ bei Tenta, zwischen dem Kollogebirge
+und dem Beschlofluss durch Steudner und v. Heuglin. Sie sind verkieselt und
+zeigen deutlich die Jahresringe, Spuren von Rinde und Gaenge von
+Insektenlarven. Offenbar sind diese Staemme durch den Einfluss heisser,
+kieselerdehaltiger Quellen versteinert worden; sie sollen sich auch auf
+den Hochebenen von Woadla, Talanta und im Galaland finden. Nach Professor
+Unger, welcher dieses Holz _Nicolia aegyptiaca_ nannte, besteht der
+sogenannte "versteinerte Wald" bei Kairo aus derselben Spezies; die ihn
+bildenden Staemme wurden durch Hochwasser aus den oberen Nilgebieten nach
+ihrer jetzigen Lagerstaette gefuehrt und unter Verhaeltnissen begraben, die
+ihre Konservirung zur Folge hatten.
+
+Trotz der grossen vulkanischen Thaetigkeit, welche in Abessinien geherrscht,
+zeigt keine der hoeheren Gebirgskuppen Spuren eines Kraters. Doch ganz
+unten im Schoadathale, sowie an einigen Stellen in der Flaeche von Woggera
+und in Telemt, erheben sich einige isolirte Kegel mit deutlicher
+kraterfoermiger Vertiefung, welche sicherlich Spaetlinge der vulkanischen
+Thaetigkeit waren. Jedenfalls sind in historischer Zeit nur vereinzelte
+Vulkanausbrueche bekannt geworden, zuletzt im Jahre 1861, als der Vulkan
+von Ed an der Danakilkueste des Rothen Meeres zwei heftige Eruptionen
+hatte. Auch fuehrt Rueppell nach den Landeschroniken einen heftigen
+Aschenregen an, der fuer ganz Abessinien ein unerhoertes Ereigniss war.
+Erdbeben sind dagegen ziemlich haeufig.
+
+Bei der vulkanischen Natur des Landes kann es nicht Wunder nehmen, dass
+_heisse Quellen_ in demselben keineswegs selten vorkommen. Die beruehmtesten
+Quellen sind in Begemeder, bei Ailat (Eilet) in der Naehe Massaua's im
+Kuestenlande und zu Filamba im noerdlichen Schoa. Letztere, fuenf an der
+Zahl, in einer lieblichen Gegend der Provinz Giddem gelegen, umgeben von
+praechtigen Baeumen, sind der Zufluchtsort aller Kranken und Siechen von
+weit und breit, die hier Heilung von den verschiedensten Uebeln suchen.
+Die heilkraeftigste dieser Quellen fuehrt den Namen Aragawi nach einem der
+neun griechischen Sendboten, welche das Christenthum in Abessinien
+ausbreiten halfen. Nahe dabei liegt der Quell "Heilige Dreieinigkeit",
+dessen Temperatur 48 deg. C. betraegt. Die Zulassung zu den Baedern muss mit
+einem Stueck Salz im Werthe von etwa 21/2 Groschen erkauft werden. Der
+Geschmack des klaren Wassers ist leicht nach Schwefelwasserstoffgas.
+
+_Oberflaechengestaltung._ Betrachten wir nun die Oberflaechengestaltung des
+Landes und seine Gebirgsbildungen. Schroff gegen die Gestade des Rothen
+Meeres abstuerzend, nur durch wenige Paesse durchbrochen, zieht sich an der
+ganzen Westgrenze des Landes eine lange Bergkette hin, die sich
+durchschnittlich 8000 bis 9000 Fuss ueber dem Meere erhebt. Westlich von
+dieser treffen wir im Herzen Tigrie's auf theils isolirte, theils
+zusammenhaengende Berge, die, namentlich in der Umgebung der Hauptstadt
+Adoa, unter dem Namen der _Aukerkette_ zusammengefasst werden. Alle die
+vielen Gipfel derselben gehen wenig ueber 9000 Fuss hinauf; die meisten
+erheben sich nur zwischen 7000 und 8000 Fuss. Der hoechste unter ihnen, der
+Semajata im Osten Adoa's, steigt bis zu 9518 Fuss. Von diesem Systeme
+verzweigt sich durch die Provinzen Agamie und Haramat eine andere Reihe
+von Gebirgen, die in Bezug auf groteske Formen alles hinter sich
+zuruecklassen, was wir in den Alpen, den Cordilleren Amerika's oder in den
+malerischen Gebilden der Saechsischen Schweiz zu sehen gewohnt sind, und
+die in der That einzig auf unsrer Erde dazustehen scheinen als Ausgeburten
+einer seltsamen Laune der Natur. Ihre hoechste Erhebung finden sie in dem
+Tatsen oder Alequa bei Adigrat mit 10,390, und im Sanafe mit 10,242 Fuss.
+Die Reisenden, welche diese Gegenden durchwanderten, werden nicht muede,
+die seltsamsten Vergleiche heranzuziehen, um dem Leser einen Begriff von
+diesen wunderbaren Formen zu machen. Alle uebrigen Berggestaltungen unsrer
+Erde, die verschiedensten Bauformen - Rueppell spricht sogar von
+aegyptischen Tempeln - werden angefuehrt, doch ist das geschriebene Wort nur
+wenig dazu geeignet, in uns eine lebhafte Vorstellung zu erwecken. Hier
+tritt der Griffel des Kuenstlers in sein volles Recht, und die Abbildungen,
+die wir gluecklicherweise in dieser Beziehung vorfuehren koennen, sind
+vollkommen geeignet, eine klare Anschauung der betreffenden
+Gebirgsformationen herzustellen. Isenberg, der von Adoa aus einen Theil
+Haramats auf seinem Zuge in das Lager Ubie's 1838 beruehrte, ist ganz
+entzueckt ueber jene herrlichen Gestalten und schildert eine dieser _Amben_
+- so nennt man jene Bergformen - folgendermassen: "Wir gelangten in ein
+Thal, ringsum von hohen steilen Felsen eingeschlossen, an dessen oestlichem
+Ende auf der Spitze eines Granitfelsens - aus welchem ueberhaupt meistens
+diese Berge bestehen - ueber einem Engpasse ein Kloster Namens Debra
+Berberi (Pfefferberg) liegt. Dieses Thal durchschritten wir und bestiegen
+dann ein wellenfoermiges Plateau, welches links von einer majestaetischen
+von Norden nach Sueden ziehenden Felswand begrenzt ist, welche einen
+unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte. Dieser Amba oder Berg zieht
+sich mit meist senkrechten maechtigen Waenden fuenf oder sechs Stunden weit
+hin und gleicht einem ungeheuren gothischen Naturgebaeude in kolossalster
+Form und Vollendung.
+
+ [Illustration: Amba Zion in Haramat. Originalzeichnung von Eduard
+ Zander.]
+
+Die in regelmaessigen Dimensionen voneinander stehenden zahlreichen Saeulen,
+womit die ganze ungeheure Wand besetzt ist, vermehren bedeutend den
+Anblick eines Kunstwerkes, und nicht minder einige fensteraehnliche
+Oeffnungen, durch welche man, weil an diesen Stellen der Fels sehr duenn
+ist, hindurchschauen kann. Dieser Berg heisst _Amba Saneiti_. An seinem
+suedlichen Ende steht ein grosser isolirter konischer Fels, der einer hoechst
+kolossalen alten Ritterburg aehnlich ist.
+
+Diese und aehnliche Berge, an welchen besonders Agamie so reich ist, dienen
+haeufig, da sie in der Regel von den meisten Stellen unzugaenglich, und sehr
+haeufig oben, wo sie meist platt sind, Wasser haben, Empoerern und ueberhaupt
+kriegfuehrenden Haufen als _natuerliche Festungen_, wo sie, wenn sie sonst
+Vorraethe an Lebensmitteln haben, sich lange gegen den belagernden Feind
+vertheidigen und leicht Ausfaelle auf ihn machen koennen." Prachtvoll ist
+auch der Anblick der _Amba Zion_, welche sich suedlich von Atigrat in der
+Landschaft Haramat bis zu 9269 Fuss erhebt. Rueppell zog durch wiesenreiche
+Gruende am 1. Juni 1832 an dieser maerchenhaften Felswand hin. "Die
+Sandsteinterrasse bildete zur Rechten unsres heutigen Weges ein schroffes
+Vorgebirge, das sich bei 1200 Fuss ueber die Thalebene erhob und einen
+ausgezeichneten Punkt zur geographischen Orientirung darbot; sein Name ist
+Amba Zion. Der Boden der Landschaft fing nun an, ziemlich eben zu werden
+(nach Sueden zu) und bestand in einer nackten, unfruchtbaren und
+stellenweise mehrere Fuss breit auseinandergerissenen Sandsteinmasse, deren
+Spalten durchaus von emporgehobener Lava ausgefuellt waren."
+
+Von all den eben angefuehrten Gebirgen werden die noch hoeheren und
+majestaetischeren Berge Semien's durch den Takazziestrom, eine der
+Hauptwasseradern Abessiniens, getrennt. Der Reisende, welcher auf dem
+hohen Plateau, das sich im Osten des Takazzie in Tigrie ausdehnt, dem
+Lande _Semien_ zuschreitet, erblickt bald vor sich ein wunderbares
+Panorama. Die Thaeler von Telemt und Semien liegen noch in Fruehnebel
+eingehuellt, auf den dunkle Purpurschatten fallen. Wie ein Meer breiten
+sich die obern Flaechen der Duenste horizontal und leicht vom Winde bewegt
+ueber dem tiefen Bette des Takazzie und andern unzaehligen Rissen und
+Thaelern aus, daraus ragen im Morgensonnengolde Zacken und Kegel wie Inseln
+und Burgen aus einem blauen Ozean und dahinter als hohe Mauer der hoch zum
+Himmel aufstrebende Gebirgsstock von Semien mit weit vorgeschobenen,
+Tausende von Fuss senkrecht abfallenden Massen. Diese Gebirge sind durchaus
+vulkanischer Natur, aber laengs ihrer vom Takazzie bespuelten Basis findet
+sich dieselbe Formation wie auf dem oestlichen Ufer dieses Stromes,
+Schiefer in der Tiefe mit horizontalem Sandstein ueberdeckt und vulkanische
+Lavakegel, die den letztern durchbrochen haben. Die hoechsten Spitzen von
+Semien reichen bis in die Eisregion und sind namentlich waehrend der
+Regenzeit zuweilen auf mehrere tausend Fuss herab mit hagel- oder
+firnartigem, sehr koernigem _Schnee_ bedeckt, der jedoch schnell schmilzt,
+und nur auf der Nordseite sieht man an sehr vor der Sonne geschuetzten
+Felsbaenken und in Schluchten fast das ganze Jahr ueber Eis, d. h.
+gefrorene, in den Bergen entspringende Wasser, oft in ansehnlichen Massen,
+theilweise allerdings auch von etwas derber Textur; von Gletschern und
+ewigem Schnee kann aber hier nicht die Rede sein.
+
+In der Tigriesprache heisst der Schnee Berit. Bruce, welcher nur ueber die
+niedrige Kette des Lamalmon in Semien gekommen war, glaubte nicht, dass
+jemals Schnee auf den Bergen gesehen werde, obgleich die Thatsache in der
+fruehesten Nachricht vom Lande, in der adulitanischen Inschrift des Kosmas
+Indikopleustes, und spaeter von den am besten unterrichteten Jesuiten,
+welche in Abessinien reisten, erwaehnt wird. Rueppell fand im Juni das obere
+Viertheil der ganzen Gebirgskette mit Schnee bedeckt, eine Erscheinung,
+die im Kontrast mit dem dunklen Lazur des Himmels und den ueppig gruenen
+Pflanzen des Vordergrundes etwas in Afrika hoechst Fremdartiges an sich
+hatte. Der durchaus aus vulkanischer Felsmasse bestehende schroffe
+Gebirgskamm, welcher die Provinz Semien von Ostsuedost nach Westnordwest zu
+begrenzt, umzieht in seinem weiteren Verlaufe in gewissermassen
+ellipsoidischer Form den ganzen ungeheuren Dembeasee wie ein weiter
+Kesselrand, und der _Buahat_ (Bachit), welcher die ganze Gruppe ueberragt,
+kroent gleichsam den Gebirgskreis mit seiner erhabenen Kuppe. Hier ist die
+echte "afrikanische Schweiz", die unter die Tropen gerueckte Alpenwelt, wie
+Munzinger in Erinnerung an seine Heimat Abessinien getauft hat. Und in der
+That, der Alpencharakter springt jedem, der es sah, in die Augen. "Unser
+Marsch am 26. Juni", schreibt Rueppell, "brachte uns in eine Landschaft,
+welche ganz den Charakter der schoeneren europaeischen Hochgebirgspartien
+hatte. Coulissenartig springen auf den Seiten die Hoehen mit Nebenthaelern
+hervor, welche theils beholzt, theils mit einem gruenen Teppich der
+schoensten Gerstensaat besaeet sind. Das Ganze aber umgiebt
+amphitheatralisch ein Kranz von hohen Bergen, deren schneeige Gipfel ueber
+fette Alpenweiden emporragen. Bald erweitert sich das Hauptthal etwas nach
+Suedwesten zu, und nun zeigt sich in pittoresker Gestalt der weit herab mit
+Eis bedeckte Berg _Abba Jaret_, einer der hoechsten der ganzen Kette.
+Wasserreiche Kaskaden umgeben auf beiden Seiten den Ataba, um ihm den
+Tribut der Berge zu bringen, und hier und da schmueckt eine ehrwuerdige
+Baumgruppe die grasreichen Ufer desselben. Ueber der ganzen Landschaft
+aber schwebte das herrliche, ganz reine Lasurgewoelbe des Himmels
+tropischer Hochgebirgsregionen. Kurz, alles vergegenwaertigt hier den
+Charakter der Hochalpen Europa's, und es fehlten nur die malerisch
+gelegenen Sennhuetten."
+
+ [Illustration: Teiit, Partie vom Totscha in Semien. Originalzeichnung
+ von E. Zander.]
+
+Der Ataba ist ein sehr wasserreicher, dem Takazzie zustroemender
+Gebirgsfluss, dessen Bett mit Felsbloecken gleichsam durchsaeet ist. An
+seinem Ufer erhebt sich der 11,500 Fuss hohe _Dschinufra_, dessen
+trachytische, mit Mandelsteinen und Basalten durchsetzte Gebirgsmassen
+hier 3000 Fuss jaeh abfallen und namentlich in seinem _Woikall_ genannten
+Zweige von Sueden her einen imposanten Anblick gewaehren. Ueberreich ist
+Semien an aehnlichen grotesken Fels- und Berggestaltungen, sodass es schwer
+haelt, aus der grossen Zahl der herrlichen Partien nur einige der schoensten
+auszuwaehlen, um sie dem Leser vorzufuehren. Da ist der _Awirr_, der sich
+nach Norden zu mit dem hohen _Selki_ verbindet und der nach Osten zu ins
+Takazziethal abfaellt, waehrend sich sein Westabhang ins Appenathal senkt;
+ferner treffen wir hier auf die malerische Felspartie _Teiit_, ein Theil
+des Totscha.
+
+Unsere schwindelerregenden Alpenpaesse mit ihren grausigen Schluenden, sie
+reichen in ihrer Gefaehrlichkeit nicht an die Berge Semiens hinan. Der Weg
+windet sich oft an einer senkrechten Felswand neben furchtbaren Abgruenden
+hin, sodass auf ihm kaum ein unbeladenes Maulthier sicher hindurchkommen
+kann. An mehreren Stellen wuerde es sogar fuer Menschen unmoeglich sein,
+vorbeizuklettern, wenn nicht an der ganz lothrechten Felsmasse auf
+kuenstlich angelegten Baumstaemmen ein Pfad geschaffen waere; aber auch dies
+ist mit so wenig Geschick gemacht, dass man oft in grosser Lebensgefahr
+schwebt. Dazu gesellt sich das dornige Gestraeuch, welches aus jedem
+Felsspalt dieser vulkanischen Massen wildwuchernd hervorstarrt und das
+Beschwerliche des Marsches im hohen Grade vermehrt. Diese Gefahren werden
+besonders von Heuglin in seiner Ueberschreitung des Amba-Ras in
+anschaulicher Weise geschildert. "Der Pfad, den kein Maulthier zu
+erklimmen im Stande ist, fuehrt ueber zwei sehr enge, tiefe Schluchten
+hinweg von einem Felsgrat zum andern, uebrigens haeufig durch ueppigen
+Baumschlag und gruenes Gebuesch, an Quellen mit moosigem Gestein und
+blumigen Rasenplaetzen hin, steiler und immer steiler aufwaerts. Ueber
+schwindelnder Kluft liegt ein halbmorscher Baumstamm als Bruecke, links
+erhebt sich eine starre Felswand; rechts herabzublicken in den Abgrund
+wagt keiner, ehe er die verhaengnissvolle Passage hinter sich hat. An
+steilen Gelaenden windet man sich immer hoeher, zuweilen ueber weite
+Eisstrecken weg. Da scheint der hoechste senkrechte Abfall des Amba-Ras
+wirklich jedes weitere Vordringen unmoeglich zu machen, doch es oeffnet sich
+eine Felsspalte von nur zwei bis drei Fuss Weite, wie in einem Schornstein
+klettert man vorsichtig, damit kein Stein lose wird, in alle moeglichen
+Situationen uebergehend, von Vorsprung zu Vorsprung und kommt zuletzt mit
+wunden Koepfen, Haenden und Fuessen auf der Plattform zwischen Bachit und
+Amba-Ras wieder zu Tage." So sind die Wege in Semien beschaffen und doch
+haben sie Armeen, aber abessinische Armeen, durchzogen und entscheidende
+Schlachten auf den Eisfeldern des Landes geliefert. Die meisten der
+angefuehrten Bergriesen Semiens, ausser denen wir hier noch den Walia-Kant,
+den Jotes-Saret, Barotschuha, Taffalesser und Ras-Tetschen nennen,
+erreichen eine Hoehe von mehr als 14,000 Fuss ueber dem Meere und werden nur
+noch durch das Kollogebirge in den Galalaendern uebertroffen.
+
+Suedwestlich von Semien setzen sich die Gebirge in der _Hochflaeche von
+Woggera_ fort, einer Art von gestaffelter Terrasse, die in ihrer hoechsten
+Ebene bis zu 9500 Fuss emporragt, sich allmaelig aber nach Suedosten
+verflacht, unfern von Gondar aber immer noch ziemlich steil nach dem
+kesselfoermig von Hoehen umgebenen grossen Becken des _Tanasees_ abfaellt.
+Woggera und alle Bergzuege in der Umgebung dieses grossen Binnensees
+bestehen ganz aus vulkanischen Felsmassen und der durch ihre Zersetzung
+hoechst fruchtbar gewordene Boden bildet eine herrliche Weidelandschaft.
+Von Gondar aus wendet sich, an die Abfaelle Woggera's anschliessend, ein
+schmaler Gebirgszug ohne Unterbrechung nach Suedosten, der die Verbindung
+mit dem Hochlande Begemeder herstellt und bei Derita seine groesste Hoehe
+zwischen 9000 und 10,000 Fuss erreicht. In Begemeder selbst treffen wir auf
+das hohe, von Heuglin erstiegene _Gunagebirge_ (13,000 Fuss). Die Gipfel
+bestehen aus kahlen Trachytmassen, die ein milchweisses, feldspathartiges
+Gestein einschliessen; an einzelnen Stellen der Gehaenge sieht man Wacken
+und Thone und der ganze Gebirgsstock hat einen ansehnlichen Umfang. Nach
+Sueden und Osten faellt er steiler ab und verlaeuft nach Westen nach und nach
+gegen den Blauen Nil und den Tanasee. Nach Osten zu schliessen sich wieder,
+zum Theil mit dem Beschlostrome parallel laufend, hohe Gebirge an die Guna
+an, deren eines sich unmittelbar mit den Hochebenen der Laender Woadla,
+Talanta, Daunt, Jedschu und Lasta verbindet.
+
+ [Illustration: Suedansicht des Woikall, eines Zweiges des Dschinufra,
+ vom Hai aus gesehen.
+ Originalzeichnung von Eduard Zander.]
+
+Die Plateaux der zuerst genannten Laender steigen bis 9000 Fuss ueber das
+Meer an, waehrend die hoechsten Spitzen von Lasta wieder in die Eisregion
+hineinragen. Jenseit des Beschlo aber, im Lande der Wollo-Gala, steigt
+Abessiniens hoechstes Gebirge, die _Kollo_, bis ueber 15,000 Fuss an, und
+auch in dem benachbarten, nach Westen zu gelegenen Gischem treffen wir auf
+10,000 Fuss hohe Gipfel.
+
+Jenseit des Nil aber begegnen wir der durchschnittlich 8000 Fuss hohen
+Berglandschaft Godscham, die im Talbawaha mit 11,000 Fuss ihre groesste
+Erhebung findet. Endlich im Sueden steigen kuehn und malerisch wie die
+Gebirge Semiens die Felsmassen von Schoa auf, die in der "Mutter der
+Gnade", dem _Mamrat_ (13,000 Fuss), einen wuerdigen Abschluss finden.
+
+_Fluesse._ Die nach Westen und Nordwesten geneigten Hochflaechen Abessiniens
+werden von zahlreichen Baechen und Stroemen durchschnitten, die nach kurzem
+Laufe auf dem Plateau ploetzlich in tiefeingeschnittene Thaeler fallen, in
+welchen sie oft sehr schnell eine Tiefe von 3000 bis 4000 Fuss unter der
+Flaeche des Tafellandes erreichen. So behauptet das Hochland von Semien in
+seinem ziemlich gleichfoermigen Rande eine Hoehe von 10,000 Fuss. Aber das
+Bett des Bellegas im Schoadathale liegt nur etwa 5400 Fuss, das des
+Takazzie an der Nordostgrenze gar nur 3000 Fuss ueber dem Meere. Die
+groesseren Flussthaeler, z. B. des Takazzie und des Abai im Sueden, sind
+ziemlich weit; das letztere hat eine Breite von wenigstens fuenf deutschen
+Meilen. Deshalb stellen die Abessinier ihr Tafelland stets als eine aus
+dem umgebenden Tieflande emporragende Insel dar. Die Thaeler sind
+ausserordentlich wild und unregelmaessig, im ganzen aber von ziemlich
+uebereinstimmendem Charakter. Die obere Haelfte des Abfalls ist immer
+ungemein steil, oft aus vielfach zerrissenen horizontalen Baenken von Lava,
+Trachyt und Basalttuff gebildet; dann folgen terrassenfoermig uebereinander
+liegende Plateaux mit sanfteren Abfaellen, oft aus fest zusammengebackenen
+Brocken vulkanischer Gesteine der Nachbarschaft und Dammerde bestehend.
+Auf der Thalsohle dagegen erscheinen wieder die vulkanischen Massen in
+ihrer Urgestalt, und die dort hausenden Hochwasser haben sich in denselben
+tiefe, rinnenartige Betten mit meist senkrechten Waenden eingerissen. In
+der trockenen Jahreszeit sind die Stroeme in diesen Thaelern theilweise ohne
+Wasser, kaum schlammigen Baechen aehnlich; in der Regenzeit ueberfluten sie
+das ganze Flachland. Da, wo die Fluesse das Flachland verlassen, bilden sie
+meistens Katarakte von bedeutender Hoehe, und in solchen Wasserfaellen und
+Stromschnellen senkt sich ihr Bett auf eine Strecke von wenigen Meilen um
+mehrere tausend Fuss.
+
+Praechtig hat vor allen andern Werner Munzinger dieses Anschwellen der
+abessinischen Stroeme geschildert. Er fuehrt uns in die tiefe Thalschlucht,
+in der es fast den ganzen Tag ueber dunkel ist, denn nur wenige
+Mittagsstunden dringt die Sonne in die schauerliche Tiefe. "Hier wird
+selbst der Vogel scheu und stumm und die am spaerlichen Wasser sich labende
+Gazelle lauscht aengstlich auf bei jedem Geraeusch in der fluchtwehrenden
+Enge. Da ist fast ewige Stille, nur unterbrochen von dem Murmeln des sich
+ins Freie draengenden Baches, selten gestoert von dem Geheul der an den
+jaehen Abgrund sich klammernden Affen.
+
+"Weh dem, der hier weilt in der Regenzeit! Von langer Fahrt muede bettet
+sich der Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschoepft, selbst
+diese finstern Gruende laden ihn zur Ruhe. Im heissesten Mittag wiegt er
+sich in suesse Traeume; seiner harret das freundliche Heim - da droehnt es
+dumpf im Hochgebirge; ein Schuss, ein zweiter, dann der schreckliche, den
+ganzen Himmel durchrasende Donner.
+
+"Doch fuerchtet er noch nichts, das Gewitter ist ja so fern. Er weilt und
+traeumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen,
+wie wenn der Wind durch die Blaetter fuehre. Es wird lauter, gewaltiger, es
+zischt, es prasselt, es toset, es bruellt, als wenn die boesen Geister
+anfuehren - nun naht es, mauergleich, sich schaeumend und ueberstuerzend - _es
+ist der Waldstrom_. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein maechtiger
+Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk stuerzt er wild und feurig
+in das Thal hinab. Die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter seiner Wucht
+und die grasige Ebene wird von Schutt ueberrollt; das Wasser fuellt das
+ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe dir, du armer Mann!
+Wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Fluegel des Adlers, hast du die
+Krallen des Affen, der ueber dir schwebend deiner Noth hoehnt? Bist du im
+Bunde mit den Geistern, dass sie dich forttruegen? Hier ist sie nicht dein
+Knecht die Natur, sie ist dein dich vernichtender Feind. Es sind wenige
+Jahre her, dass ein ganzes Zeltlager, in einem breiten, trockenen
+Strombette gelagert, die Beduinen mit ihren Herden und Zelten von dem
+ungeahnten Waldstrom ueberfallen und fortgerissen wurden. Hundert Menschen,
+Tausende von Ziegen wurden seine Beute."
+
+Tritt hier der abessinische Strom vernichtend auf, so erfuellt er
+andererseits eine hohe Aufgabe. Unser Landsmann Eduard Rueppell war der
+erste, welcher 1832 darauf hinwies, dass _diese Stroeme die Bildner des
+fruchtbaren Erdreichs in Aegypten und die Ursache der Nilueberschwemmungen_
+sind. "Die aufgeloesten vulkanischen Massen Abessiniens", sagt er, "sind,
+indem sie von den zur Regenzeit anschwellenden Fluessen fortgefloesst werden,
+die Elemente jener befruchtenden Erdablagerungen, welche der Nilstrom
+laengs seinem ganzen Laufe seit Jahrtausenden alljaehrlich absetzt. Bedenkt
+man die ungeheure Erstreckung des von diesem Flusse angeschwemmten Landes
+in Nubien und Aegypten, so wird man mit Erstaunen erfuellt ueber die Masse
+der nach und nach durch die Verwitterung zerstoerten Vulkane Abessiniens."
+(Reise in Abyssinien, II, 319.)
+
+Erst volle dreissig Jahre spaeter widmete der Englaender Baker dieser
+Thaetigkeit der abessinischen Stroeme sein Augenmerk; ein ganzes Jahr lang
+zog er im Gebiete derselben umher und hielt sich dann schliesslich fuer den
+Entdecker der schon frueher von Rueppell aufgestellten Thatsache, die
+allerdings von ihm in vielen Stuecken erlaeutert wurde. Der _Atbara_, der
+_Takazzie_ oder _Setit_, der _Salam_, _Angrab_, _Rahad_, _Dender_ und der
+_Abai_ oder _Blaue Nil_ sind die grossen Entwaesserungskanaele Abessiniens;
+sie haben alle einen gleichfoermigen Lauf von Suedost nach Nordwest und
+treffen den Hauptnil in zwei Muendungen, durch den Blauen Nil bei Chartum
+und durch den Atbara.
+
+Alle die genannten Stroeme gehoeren zum Gebiete des Nil. Als Hauptquelland
+des Abai (Blauer Fluss, Bahr el Asrek) muss das Becken des _Tanasees_ (Zana,
+Tsana) betrachtet werden. In einem ungeheuren, vom Hochland umlagerten
+Becken sammeln sich ungefaehr im Mittelpunkte von Amhara die meisten
+Gewaesser von Godscham, Begemeder und Dembea und bilden in einer Meereshoehe
+von 5732 Fuss einen herrlichen Alpensee mit zahlreichen Inseln, eingesaeumt
+von gruenen Matten und reichen Kulturebenen, durch welche in
+Schlangenwindungen zahlreiche Bergwasser rinnen. Der Tanasee, welcher in
+elliptischer Form einen Raum von etwa einhundertfuenfzig Quadratstunden
+einnimmt, war einst wol um die Haelfte groesser, aber im Laufe der
+Jahrtausende haben die fortwaehrenden Schlammniederschlaege von zersetzter
+Lava, welche die Gewaesser waehrend der Regenzeit von den vulkanischen Hoehen
+abspuelen, eine wagerechte Bodenflaeche an vielen Stellen seiner Ufer
+gebildet und so nach und nach seinen Umkreis verengt. In einer mehr als 60
+Fuss tiefen Felsschlucht, deren senkrecht abstuerzende Seitenwaende an
+mehreren Stellen kaum zwei Klaftern weit voneinander entfernt sind,
+rauscht der Nil in einer ununterbrochenen Reihe von Kaskaden aus dem See
+hervor. Waehrend der Regenzeit ist nicht allein dieser ganze Felsenspalt
+mit Wasser ausgefuellt, sondern der Strom ueberflutet dann auch eine
+betraechtliche Strecke des suedlichen Ufers, welche mit stark abgeschwemmten
+vulkanischen Geroellen von kolossaler Groesse bedeckt ist. Hier woelbt sich
+ueber ihn die _Bruecke von Deldei_, welche aus acht Bogen besteht, die alle
+untereinander von ungleicher Groesse sind und von denen der noerdlichste,
+ueber die Felsenschlucht selbst gesprengte und somit allein immer vom Strom
+durchflossene, bei weitem der groesste von allen ist. Die Laenge der Bruecke
+betraegt neunzig Schritt und ihre Breite fuenfzehn Fuss. Sie bildet in ihrer
+Laengenerstreckung keine gerade Linie, indem sie an den drei noerdlichen
+Bogen sich etwas nach Westen wendet. Die Woelbung der Bogen ist aus kleinen
+behauenen Sandsteinen erbaut, das Uebrige aber aus Lavafels. In der Mitte
+der Bruecke befindet sich eine Quermauer mit einem Thore und an ihrem
+Nordende ist eine Art von Vertheidigungsthurm, der aber jetzt in Truemmern
+liegt. Von hier aus umfliesst der Blaue Nil in spiralfoermigem Laufe, sich
+den Grenzen Schoa's naehernd, Godscham und Damot und nimmt erst in Fasogl
+und den Ebenen von Sennar nordwestlichen Lauf an, welchen er beibehaelt bis
+zu seiner Vereinigung mit dem Weissen Nil bei Chartum. Der Abai erhaelt noch
+reichliche Zufluesse von Osten und Sueden her, namentlich den _Beschlo_ und
+die _Dschama_, und endlich in Sennar den Dinder und Rahad, welche den
+westlichen Rand von Abessinien zum Quellgebiet haben. Der Blaue Nil ist
+waehrend der trockenen Jahreszeit so klein, dass er nicht Wasser genug fuer
+kleinere Fahrzeuge hat, die mit dem Transporte von Produkten von Sennar
+nach Chartum beschaeftigt sind. In dieser Zeit ist das Wasser schoen hell,
+und da es den wolkenlosen Himmel reflektirt, hat seine Farbe zu dem
+wohlbekannten Namen Bahr el Asrek oder Blauer Fluss Anlass gegeben. Es giebt
+kein koestlicheres Wasser als das des Blauen Nil; es sticht ganz ab gegen
+das des Weissen Flusses, welches nie hell ist und einen unangenehmen
+Vegetationsgeschmack hat. Diese Verschiedenheit in der Beschaffenheit des
+Wassers ist ein unterscheidendes Merkmal der beiden Fluesse; der eine, der
+Blaue Nil, ist ein reissender Gebirgsstrom, der mit grosser Schnelligkeit
+steigt und faellt; der andere entspringt im Mwutan Nzige und fliesst durch
+ungeheure Marschen. Der Lauf des Blauen Nil geht durch fruchtbaren Boden;
+er erleidet daher nur einen geringen Verlust durch Absorption, und waehrend
+der starken Regen liefern seine Wasser einen maechtigen Beitrag erdigen
+Stoffs von rother Farbe zu dem allgemein befruchtenden Niederschlag des
+Nil in Unteraegypten.
+
+ [Illustration: Charakter des Hochgebirges Awirr in Semien. Nach
+ Originalzeichnung von E. Zander.]
+
+Der _Atbara_ entspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und
+ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere
+Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfuetzen
+beschraenkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkroeten und Flusspferde
+zusammendraengen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit
+setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zustroemt. Die Regenzeit
+beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind
+die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Giessbach; Baeume
+werden von den ueber ihre Ufer geschwollenen Bergstroemen entwurzelt, der
+Atbara wird ein ungeheurer Fluss, der mit einer alles ueberwaeltigenden
+Stroemung den ganzen Ablauf von fuenf grossen Fluessen (des Takazzie, Salam,
+Dinder und Angrab nebst seiner eigenen urspruenglichen Wassermasse)
+herabbringt. Seine Fluten sind getruebt vom Erdreich, das von den
+fruchtbarsten Laendereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil
+abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst grossen Baeumen und haeufig die
+Leichen von Elephanten und Bueffeln werden von seinen schlammigen Wassern
+in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern
+wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz.
+
+Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluss Abessiniens
+aufnehmen, ergiessen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in
+den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weisse Nil einen betraechtlich
+hohen, obwol nicht seinen hoechsten Stand, und der ploetzliche Wassersturz,
+der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den
+Weissen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die
+jaehrliche Ueberschwemmung in Unteraegypten.
+
+Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann der _Takazzie_ gelten,
+wenngleich er nur ein Nebenfluss des Atbara ist. Er entspringt oestlich vom
+Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den
+Eingeborenen Ain (das Auge des) Takazzie heissen. Diese ergiessen sich in
+einen Behaelter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache
+herausfliesst. Der Strom, die grosse Scheide zwischen den Landen Amhara in
+seinem Westen und Tigrie in seinem Osten, geht erst in noerdlicher Richtung
+weiter und rauscht dann in schaeumenden Kaskaden an den Alpen Semien's am
+Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Waenden eingefasstes Bett
+wuehlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuss ueber dem Meere liegenden
+Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht
+eine heisse ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere
+meiden diesen Aufenthalt, und nur die unfoermigen Koepfe der Nilpferde
+erscheinen ueber dem Spiegel des in Stromschnellen ueber Kiesgrund
+dahinschiessenden Flusses. Von Semien an nimmt der Takazzie eine westliche
+Richtung an und tritt durch das heisse Land Wolkait auf aegyptisches Gebiet
+ueber, wo er den Rojan auf- und den Namen _Setit_ annimmt. Durch das Land
+der Homranaraber und eine ueberaus wildreiche Gegend, das Paradies der
+Jagdfreunde, waelzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem
+Atbara zu. Als ein weiterer Zufluss desselben kann der in Hamasien
+entspringende, die Provinz Serawie in einem Bogen umfliessende _Mareb_
+betrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der
+aegyptischen Provinz Taka den Namen _Chor el Gasch_ erhaelt und jenseit
+Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht.
+
+Die Wasser der noerdlichen Grenzlaender Abessiniens endlich sammelt der
+_Barka_, die er bei Tokar suedlich von Sauakin dem Rothen Meere zufuehrt.
+Aber alle diese Fluesse, so grosse Gaben sie sonst fuer das Land sind,
+verlieren dadurch bedeutend an Werth, dass sie nicht als
+Kommunikationsmittel dienen koennen. Es fehlen die Stroeme, die sich
+schiffbar in das Rothe Meer ergiessen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu
+ersetzen, die allmaelig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Kueste
+auslaufend, den Kameeltransport ermoeglichen. Mehr noch als das: die Fluesse
+verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Bruecken baut der
+Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten
+zerfallen.
+
+Schoa schliesslich, der suedliche Theil Abessiniens, sendet seine nach
+Westen gehenden Stroeme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus
+Gurague kommende _Hawasch_ um das Land, allein er erreicht das Rothe Meer
+nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilkueste.
+
+ --------------
+
+_Klimatische Verhaeltnisse._ Unter den Tropen gelegen, von der Meereskueste
+bis zu 15,000 Fuss Hoehe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die
+suedliche Hitze und nordische Kaelte vereinigend, bietet Abessinien auf
+seinem verhaeltnissmaessig beschraenkten Raume alle Erscheinungen der
+ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wueste bis zu jener der
+Hochlande in seltener Fuelle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so
+verschiedenen Hoehenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel des
+_Klimas_, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden
+aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die
+Vegetation ein Ende nimmt. Schliesst man die heissen Kuestenstriche, die
+tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land
+eingerissenen Thaeler, wie jenes des Takazzie, aus, so kann das Hochland
+als ein klimatisch sehr beguenstigtes bezeichnet werden. Nach Rueppell sind
+die taeglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang;
+starke Stuerme sind eine grosse Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit
+hat gar keinen nachtheiligen Einfluss auf die Gesundheit, ja waehrend dieser
+Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen
+zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewoehnlich
+eine bewoelkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate
+November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man
+sich denken kann, da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer
+faellt und die Waerme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Hoehe des
+Landes nichts weniger als drueckend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses
+Klima zu demjenigen des groesseren Theils von Afrika, das so viele Opfer
+fordert!
+
+In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander's finden sich ueber den
+Wechsel der Temperatur in Abessinien von den hoechsten Berggipfeln bis zu
+den tiefsten Thaelern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuss,
+folgende mittlere Werthe in Graden nach Reaumur angefuehrt. Zwischen 14,000
+und 13,000 Fuss: frueh und Abends im Sommer + 1 bis 3 deg.; in den Wintermonaten
+zu derselben Zeit - 3 bis - 6 deg.; des Mittags + 3 bis 4 deg..
+
+Zwischen 13,000 und 12,000 Fuss: frueh und Nachts 0 deg. in den Wintermonaten;
+im November, Dezember, Januar, Februar - 1 bis 3 deg.; Mittags + 5 bis 7 deg..
+
+Zwischen 12,000 und 10,000 Fuss: Morgens und Nachts + 5 bis 7 deg.; Mittags 10
+bis 12 deg..
+
+Zwischen 10,000 und 8000 Fuss: Morgens und Abends + 7 bis 9 deg.; Mittags 12
+bis 15 deg..
+
+Zwischen 8000 und 6000 Fuss: frueh und Abends + 14 bis 18 deg.; Mittags 20 bis
+23 deg..
+
+Zwischen 5000 und 3000 Fuss: frueh und Abends + 24 bis 28 deg.; Mittags 30 bis
+32 deg..
+
+Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer
+Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen
+oder Vegetationsguertel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem
+vermittelnden Gliede fuer beide, Woina-Deka genannt. Hiernach laesst sich,
+wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander uebergehen, die
+_Flora des Landes_ in drei Abtheilungen zerlegen.
+
+_Die Kola._ Kola heisst das Tiefland unter 5500 Fuss. Seine Vegetation
+zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, dass sie im
+Allgemeinen zur heissen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region
+gehoeren die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara,
+das Takazzie-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. "Im September
+und Oktober herrschen in diesen Flussthaelern aeusserst gefaehrliche, meist
+todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Luefte verpestet, theils durch
+die aeusserst ueppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils
+durch die stagnirenden Gewaesser, die nach der Regenzeit in Lachen und
+unzaehligen Vertiefungen ohne Abfluss verdunsten muessen und in denen sich
+oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen
+Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jaehrlich dieser
+Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, dass
+der Getreidewaechter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und
+gesund gelegenes Heimatsdorf zurueckbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern
+mittheilt, das sich nun von da ueber die naechsten Ortschaften weiter
+verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, dass ganze Doerfer rein
+aussterben. Die beste Zeit in diesen tiefen Laendern faellt in die Monate
+Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer
+geheuer." (Zander's Manuskript.)
+
+Gern meidet der Europaeer diese fieberschwangern Thaeler und Niederungen,
+oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgaenglich beruehren muss, wie
+z. B. das Takazziethal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in
+die Kola eingedrungen, um dort laengere Zeit zu weilen; so Munzinger in
+jene am Mareb, Rueppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar
+aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Hoehe
+von 8200 Fuss auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach
+dem Atbara fliessenden Gewaesser trennt. Hier breitete sich vor seinen
+Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet
+durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff
+aufgethuermte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene
+Gegend erniedrigt sich allmaelig und wird von mehreren betraechtlichen
+Gewaessern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den
+Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait
+durchschlaengelt und sich in den Salam (Nebenfluss des Atbara) ergiesst. In
+der Thalniederung angelangt, marschirte er ueber eine wellenfoermige, mit
+schoenen Baumgruppen bestandene Ebene, oft ueberragt von zehn Fuss hohem,
+schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche
+Herden furchtbarer Bueffel, kleine Familien von Elephanten, einige
+menschenscheue Rhinozeros, blutduerstige Loewen und Leoparden, verschiedene
+Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den grossen gemeinschaftlichen
+Weideplaetzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten
+Spuren von Elephantenfusstritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen
+ihrer verderblichen Luft von den Menschen gaenzlich gemieden. Wenn waehrend
+der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer ueppig
+vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet
+wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den
+Luftzug und somit die Zertheilung der Duenste, und schon derjenige, welcher
+nur durch die Landschaft fluechtigen Fusses dahineilt, wird vom boesartigen
+Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner
+Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermoegen. Die in Rede stehende Kola
+schaetzt Rueppell auf 4700 Fuss Hoehe ueber dem Meeresspiegel.
+
+Betrachten wir nun die einzelnen Repraesentanten der Pflanzenwelt in diesen
+Niederungen und den sich ihnen anschliessenden bergigen Gegenden bis zur
+Hoehe von 5500 Fuss. Aus dem heissen ungesunden Tieflande aufwaerts steigend,
+gewahren wir grosse gewaltige Baeume nur in den Tiefen des Thales. Die Waende
+sind zwar ueppig begruent, doch nur von kleinen Baeumen bestanden; namentlich
+wuchert die _Akazie_ empor und nur an den guenstigsten Stellen treten
+andere Baeume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich die
+_Tamarinden_ mit ihren blaugruenlich schimmernden Kronen; die _Kigelien_
+mit dem herrlichen Laubgewoelbe, aus welchem die grossen, wurstfoermigen, an
+langen, elastischen Stielen haengenden Fruechte hervorschauen; der _Baobab_
+(_Adansonia digitata_), die Mimosen, welche hier zu hohen schoenen Baeumen
+geworden sind, und viele andere herrliche Gewaechse. Blumen aller Art,
+Graeser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten
+ohne Zahl bemaechtigen sich des von den Baeumen selbst nicht in Besitz
+genommenen Erdreichs und verleihen den Waenden auf grosse Strecken hin
+schmueckende Farben. Je hoeher man im Thale aufwaerts steigt, um so kraeftiger
+und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuss ueber dem Meere
+an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die praechtige
+Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen die _Oelbaeume_ wesentlich
+dazu bei, diesem Guertel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen
+letztere an und fuer sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, dass
+ihr Anblick unangenehm werden koennte. Ihr ungewisses Graugruen sticht
+praechtig ab von den auf grosse Strecken hin durch die bluehende Aloe
+rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blaettern und Blueten mancher
+Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Baeume. Mit dem Wachholder
+und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fuss den
+vorzueglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein
+kleiner suedeuropaeischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche
+Hoehe von sechzig bis achtzig Fuss und einen Durchmesser von vier Fuss. Die
+erbsengrossen fleischlosen Fruechte werden nicht benutzt, dagegen liefert
+der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (_T.
+indica_) erreicht eine majestaetische Groesse, wird aber von den Eingeborenen
+wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wuesten,
+sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (_A.
+eburnea_, _planifrons_ u. s. w.) und andere Kameeldornbaeume von grosser
+Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln koennen.
+Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen
+als Futter.
+
+Eine sehr eigenthuemliche Erscheinung in der Kolaregion ist die
+papierrindige _Boswellia_ (_B. papyrifera_). Sie ist ein stattlicher Baum
+mit grossen ahornartigen Blaettern und kleinen rothen Bluetenbuescheln.
+Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blassgruene glatte
+Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in grossen papierduennen
+Blaettern abloest. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher
+Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhaertet und klare
+Bernsteinfarbe annimmt.
+
+Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites,
+Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die
+langfruechtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der
+graublaetterige Uscher (_Calotropis procera_) ueberrascht durch seine
+ballonartigen, mit atlasglaenzender Wolle gefuellten Fruechte.
+
+Mehrere Euphorbia-Arten kommen in ausserordentlicher Groesse vor. Unter
+denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schoene,
+armleuchterartige, oft bis vierzig Fuss hohe _Kronleuchter-Euphorbie_ (_E.
+abessinica_), der _Kolqual_, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der
+zum Baum geworden ist, aber seine Regelmaessigkeit, sein eigenthuemliches
+Wesen, die Fuelle seiner Blaetter, die gleichartige Verzweigung derselben
+beibehalten hat.
+
+ [Illustration: Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde
+ Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+ [Illustration: Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen.
+ Zeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelaende und verleiht der Landschaft
+einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon
+mancher erblindet, waehrend er andererseits als Arznei gegen
+Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum
+Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben
+fabrizirt man Schiesspulver. Der Kolqual erreicht seine groesste Verbreitung
+zwischen 4500 und 5000 Fuss Meereshoehe, allein er kommt selbst bis 11,000
+Fuss Hoehe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist die _Sykomore_ sein
+Begleiter, der ihn aber bald verlaesst. Diese Feigenart, welche von den
+Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen
+Gallas in grosser Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit
+maechtigem Laubdach ueber ihre Umgebung hervor. Rueppell sah ein Exemplar,
+dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuss hatte. Andere Exemplare
+von vielleicht tausendjaehrigem Alter und einer Groesse, dass eine ganze
+Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepaeck in ihrem Schatten bequem
+ruhen koennen, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man
+Sykomoren, die, eine ganze Welt fuer sich bildend, so von
+Schmarotzerpflanzen ueberdeckt sind, dass man nur Waende von diesen, selten
+aber ein Stueckchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von
+ihnen in Besitz genommenen Baeume in Lauben um, welche der Kunst jedes
+Gaertners zu spotten scheinen.
+
+Die Botaniker haben gezeigt, dass _kryptogamische Pflanzen_ in vielen ihrer
+Unterabtheilungen ueber die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind.
+Unter gleichen Umstaenden bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie
+in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden
+zu entdecken. Auch in den heisseren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man
+sich, dass selbst die oedesten, aermsten Stellen des Gebirges begruent und
+belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der
+Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen
+festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit
+einer Art von Misstrauen betrachtet, namentlich die Gefaess-Kryptogamen,
+welche den Zauberern ihre hauptsaechlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze
+und Boviste werden fuer giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr
+feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische
+Pflanze, als eine wahre Landplage, die grosse Zerstoerungen unter den
+Vorraethen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden
+von den Baeumen herabhaengende Bartflechte (_Parmelia_) sind in Abessinien
+haeufig; selten dagegen die Moose. Unter den _Farrnkraeutern_ finden wir
+allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium,
+Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris,
+die auch in Deutschland ihre Vertreter haben.
+
+Die _Woina-Deka_ oder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuss
+hinaufreicht, fuehrt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die
+hauptsaechlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte
+besprochen werden sollen. Die _Weinrebe_ anlangend, so fand Rueppell noch
+1832 eine grosse Menge Trauben zu aeusserst billigen Preisen auf dem Markte
+bei der Kirche von Bada, suedlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt
+etwa zehn Pfund derselben fuer ein Stueck Salz oder dritthalb Centner fuer
+einen Maria-Theresia-Thaler. Die grossbeerigen, blauen und sehr suessen
+Trauben (_Woin saf_) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit
+uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam naemlich der Weinstock schon zur
+Zeit der axumitischen Koenige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm
+allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und
+besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiss man nichts. Der groesste Theil
+der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur
+Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kraeftig ist. Durch Heuglin
+wissen wir, dass im Beginn der fuenfziger Jahre diese Weinstoecke durch eine
+Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind.
+
+Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen fuer diese Region hergab,
+keineswegs als Charakterpflanze fuer die Woina-Deka gelten. Statt seiner
+uebernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewaechse, die an Zahl, Ueppigkeit
+und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola uebertreffen. Dahin
+gehoert zunaechst der _Wanzabaum_ (_Cordia abessinica_), der das beliebteste
+Bauholz liefert. Der Wanza wird ein grosser, starker Baum, dessen Stamm oft
+vier Fuss im Durchmesser erreicht. Seine Fruechte stehen in Buescheln und
+nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der
+Geschmack derselben ist sehr suess und oft sind sie die einzige Nahrung der
+Armen, wenn Hungersnoth eintritt.
+
+Der _Kuaraf_ (_Gunnera spec._), eine Artocarpee, gewinnt waehrend der
+Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschaelten Blattrippen, die aehnlich
+unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er waechst in Suempfen und an
+Baechen, ist eine jaehrige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel
+entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Bueschel kleiner Blueten
+traegt. Auch die haeufig bis zu fuenf Fuss hoch werdende Nessel wird in der
+Fastenzeit als Gemuese verspeist. An diese Pflanzen schliessen sich an die
+reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (_Rumex arifolius_), dessen
+fleischige Wurzel zum Rothfaerben der Butter benutzt wird. Als eine
+Nutzpflanze dieser Region muss hier ein uns allen bekanntes Gewaechs
+besonders hervorgehoben werden.
+
+Nach der Tradition sollen die suedabessinischen Landschaften Enarea und
+Kaffa die Urheimat des _Kaffees_ sein, wie denn auch der Name desselben
+mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa
+war der Anbau und Genuss des Kaffees untersagt, weil er das
+Lieblingsgetraenk der Muhamedaner ist, und auch in Amhara trinken die
+Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza)
+am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermassen
+ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa
+und Enarea dagegen waechst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen
+Bewohner ihn als Lieblingsgetraenk betrachten und fast nur einen nominellen
+Preis fuer ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es
+zuzuschreiben, dass er von dort aus nicht ganz Europa ueberschwemmt und alle
+uebrigen Sorten dort durch Guete und Billigkeit vom Markte verdraengt. Der
+kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling ueber
+der Erde, wird verpflanzt, bewaessert und mit Schafmist geduengt, um nach
+sechs Jahren als erwachsenes Baeumchen waehrend der Monate Maerz und April
+dreissig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem
+vulkanischen Gestein, in geschuetzten Thallagen gedeiht der acht bis zehn
+Fuss hohe, mit dunkelglaenzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene
+Baum vortrefflich. Die dunkelgruenen Beeren werden zur Reifezeit roth und
+umschliessen mit milchweissem Fleische die Samen. Nachdem sie geschuettelt
+und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind
+das Geschaeft des Reinigens von den duerren Schalen uebernimmt, das
+gewoehnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch,
+welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird
+das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit
+und Unsicherheit der Strassen, die nach dem Meere fuehren, und durch die
+Abgaben, welche an alle kleinen Haeuptlinge im Danakillande gezahlt werden
+muessen, ehe die Karawane die Seehaefen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was
+den Geschmack des suedabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern
+Kenner, dass er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch
+vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich
+wegen der Unsicherheit der Karawanenstrassen ist so leicht nicht daran zu
+denken, dass Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen
+Produkte auf unsern Maerkten verdraengen wird.
+
+Die _Lilien_, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen
+Bluetenschmuck ueberziehen, gelten als vorzuegliche Charakterpflanzen
+Abessiniens. Aber nur die essbaren Arten werden kultivirt, da Ziergaerten
+den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Waehrend die Spargelarten und
+die Aloe trockene, wueste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen Wiesen
+_Commelina africana_ und _Tradescentia_ das Auge, deren "Vogeleier"
+genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schliessen
+sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen,
+hellgruenen Blaettern und schoengestalteten Bluetenaehren leuchtet aus den
+gruenen Wiesen _Obitus abessinica_ hervor, waehrend unter den Spargeln der
+kletternde _Asparagus retrofractus_ Erwaehnung verdient, dessen in das Haar
+des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, dass der Traeger ein wildes
+Thier erfolgreich bekaempft hat.
+
+_Orchideen_ giebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsaechlichster
+Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzende
+_Epidendrum capense_. Aus der Gruppe der _Pisange_ sind die gemeine Banane
+(_Musa paradisica_) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu
+erwaehnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. Die _Palmen_
+haben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Kuestenlandschaften
+des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer
+Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und
+Faecherpalme.
+
+ [Illustration: _Obitus abessinica_. Nach Lejean.]
+
+Die Teich- oder Seerosen sind spaerlich vertreten; ebenso die
+Aristolochien, von denen _A. bracteata_ gegen die Wunden vergifteter
+Pfeile angewandt wird. Reichlich auftretend bilden die _Nadelhoelzer_ den
+Stolz der abessinischen Waelder; in den noerdlichen Hochlanden gedeiht die
+Cederfichte, waehrend weiter landeinwaerts schoene _Ded-_ oder
+_Wachholderbaeume_ (_Juniperus excelsa_) die Kirchen und Friedhoefe mit
+ihren duestern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem
+Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fuss hohen
+Baeume, deren Stamm am Fussende vier bis fuenf Schuh im Durchmesser erreicht.
+Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets die
+unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme ausgehen, sodass etwa
+zwei Drittel desselben des gruenen Schmuckes beraubt sind; die Krone ist
+immer pyramidenfoermig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn auch keineswegs
+gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten und in
+Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz wird nicht
+benutzt; mit den Zweigen schmueckt man jedoch die Leichen, bevor sie in die
+Gruft gesenkt werden.
+
+Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur
+verhindert keineswegs die kraeftige Entwicklung der _Feigenarten_, die in
+ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhoelzern bilden.
+Der _Schoala_, eine Art von Banyane mit breiten, eifoermigen, zugespitzten
+und gesaegten Blaettern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den
+Hauptaesten sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fuss, bei
+einer Hoehe von 40 Fuss. Seine Wurzeln ragen ueber den Boden empor; doch
+fehlen ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen
+Raum einnimmt, steht er gewoehnlich allein oder am Rande der Waelder, in
+seinem tiefen Schatten alle andern Gewaechse erdrueckend. Die braunen,
+taubeneigrossen Fruechte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen.
+
+Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in
+Gestalt und Farbe den hoechsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat,
+fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora.
+Aepfel, Birnen, Mandeln - ueberhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind so
+schwach vertreten, dass man in der That einen hoechst auffallenden Mangel an
+Fruchtbaeumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze
+liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentaeschchen (_Thlaspi
+bursa pastoris_), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in
+Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf waechst wild und dient
+als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Kuerbisse, welche
+Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an duerren
+Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heissen Kuestenzone. Die
+Samen der _Phytolacca abessinica_ (Septe oder Endott) dienen statt der
+Seife, und die getrockneten Blaetter der _Callanchoe verna_ werden von
+Schwindsuechtigen statt des Tabaks geraucht.
+
+Wir fuegen hier die Citronen an, die in den koeniglichen Fruchtgaerten gebaut
+werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (_Rubus
+pinnatus_), welche die besten aller wildwachsenden Fruechte liefern, und
+die gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (_Rosa abessinica_).
+
+Waehrend der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen
+abessinischen Speisen, eingefuehrt und theuer bezahlt wird, kultivirt man
+den allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (_Capsicum
+frutescens_) in den Tieflanden sehr sorgfaeltig. Von den uebrigen Solaneen
+wird der Tabak eingefuehrt; vom Umboistrauch (_Solanum marginatum_) benutzt
+man die Samen, um damit die Fische zu betaeuben, welche nichtsdestoweniger
+essbar bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (_Atropa arborea_) dient
+zum Faerben der Naegel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen
+Eigenschaften des Stechapfels (_Datura __Strammonium_) sind den Zauberern
+und Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die
+Leute betaeuben. Gefaehrlich fuer kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee
+(_Kannahia laniflora_), die an den Ufern der meisten abessinischen
+Gewaesser vorkommt, nur mit dem Unterschiede, dass sie, je nach den
+verschiedenen Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blueht. In
+den Kuestenthaelern unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer
+vortrefflich duftenden Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blueht die
+Pflanze im Oktober. Merkwuerdig ist die toedtlich-betaeubende Eigenschaft,
+welche ihr verfuehrerischer Geruch oder suesser Nektarsaft auf verschiedene
+Insekten ausuebt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, dass in dem Kelche
+der meisten Blueten sich todte Wespen, Kaefer u. s. w. finden.
+
+Durch zahlreiche Repraesentanten sind die Familien der Kontorten, Rubiaceen
+und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine Aasblume
+(_Stapelia pulvinata_) und _Calotropis gigantea_. Die erstere hat einen
+fleischigen, viereckigen und zwei Fuss hohen Stengel, dem man, wenn er
+seine Blueten entfaltet, wegen des ueblen Geruches jedoch nicht zu nahen
+vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schiesspulver.
+
+_Die Deka_ nimmt ihrer Ausdehnung nach den groessten Theil Abessiniens ein.
+Sie reicht von 7500 Fuss bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fuss. Bis zu
+12,000 Fuss Hoehe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000 Fuss
+findet man den _Kussobaum_ (_Brayera anthelmintica_), der als Wahrzeichen
+des Landes gelten kann. Wegen der Schoenheit seines Wuchses und seiner
+Brauchbarkeit wird er allgemein geschaetzt; denn infolge des rohen
+Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von Eingeweidewuermern
+(_Taenia_ und _Strongilus_) geplagt, gegen welche sie sich regelmaessig und
+zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblueten bedienen. Drei
+Loth der getrockneten Blueten mit Wasser gekocht und getrunken, reinigen
+den Koerper auf eine merkwuerdig schnelle und sichere Weise von den
+gefraessigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte Befreiung nur
+eine voruebergehende und keine Heilung des Uebels. Der Kussobaum erreicht
+eine Hoehe von fuenfzig bis sechzig Fuss und verleiht mit seinen
+weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer kuehlen Schatten;
+jedoch soll es gefaehrlich sein, zur Bluetezeit unter ihm zu schlafen; so
+berichtet wenigstens Isenberg.
+
+In Schoa wird unter Kusso die _Hagenia abessinica_ verstanden, die
+gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze
+verdient die _stachelige Kugeldistel_ (_Echinops horridus_), die bis zu
+zehn Fuss Hoehe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche
+Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezaehnten Blaettern und
+runden Bluetenkoepfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir
+eine andere nicht minder auffaellige Art, die riesige Kugeldistel
+(_Echinops giganteus_), deren kopfgrosse Blueten auf 15 Fuss hohem Stengel
+stehen; beide Arten steigen bis zu 13,000 Fuss an.
+
+Wir sind nun allmaelig hinaufgelangt in die hoechsten Regionen der Deka. Die
+Hochbaeume erscheinen immer spaerlicher und finden sich vorzueglich noch
+laengs den Ufern der Wildbaeche und Schluchten, die dornigen Akazien und
+Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit tausenden
+von kleinen, schoen bluehenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen sich
+blaubluehende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen Senecionen
+und der fiebervertreibende _Celastrus obscurus_, die _Primula semiensis_.
+Ueber diesen erheben sich Straeucher, besonders Hypericum und Cytisus. Den
+europaeischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa hervorbringen koennen,
+vertreiben die _baumartigen Eriken_ oder Zachdi (_Erica arborea_), die bis
+zu 30 Fuss heranwachsen und einen 11/2 Fuss im Durchmesser haltenden Stamm
+besitzen, dessen Holz eine vorzuegliche Schmiedekohle liefert, waehrend die
+reiche weisse Bluetenfuelle den suessesten Honigseim den Bienen darbietet.
+Jetzt aber entwickelt sich vor unsern erstaunten Blicken in der Hoehe von
+12,000 Fuss ein neues, ueberraschendes Bild, eine Pflanze tritt auf, die fuer
+den Charakter ihres Bereichs bestimmend ist, die _Dschibarra_
+(_Rhynchopetalum montanum_). Diese Lobeliacee ueberrascht den Wanderer in
+den kalten Hochgebirgen an der aeussersten Grenze der Vegetation mit einer
+dort gewiss von ihm nicht gesuchten Form: naemlich der der Palme. Auf einem
+hohlen, etwa acht bis zehn Fuss hohen benarbten und armdicken Markstengel
+mit einer Krone von grossen, ueberhaengenden, lanzettfoermigen Blaettern erhebt
+sich eine fuenf Fuss lange Bluetenaehre, deren einzelne blaeuliche Knospen der
+Bluete des Loewenmauls aehneln. Fuer Feuerung oder sonstigen technischen
+Gebrauch untauglich, dient der lange hohle Markstengel der Jugend zur
+Anfertigung von Schalmeien. Sobald die Dschibarra abgeblueht hat, knickt
+der Stengel um und die Pflanze stirbt. Auf ihren Bluetenschossen wiegt sich
+paarweise die einzige Glanzdrossel (_Oligomydrus tenuirostris_), die in
+diesen Gegenden lebt und die feinen Dschibarrasamen allen uebrigen
+vorzuziehen scheint. Drei bis vier Stunden Marsch fuehren uns aus dem
+tropischen Walde auf diese mit Dschibarra bewachsenen Alpenflaechen, ueber
+denen nur noch wenige kahle Felsgipfel auf etwa 1000 Fuss relative Hoehe in
+die Wolken ragen; drunten haust die fluechtige Gazelle, Meerkatzen necken
+sich in den Hochbaeumen; hier aber setzt kuehn der Springbock (_Oreotragus
+saltatrix_) ueber die Felsen, grast friedlich der Steinbock (_Ibex Walia_)
+und warnt durch einen gellenden Ruf seine Herde vor der herannahenden
+Gefahr; Alpenkraehen umschwaermen geschwaetzig und in rauschendem Fluge die
+hoechsten Felsen und drueber schwebt in weiten Kreisen der Koenig der Alpen,
+der Laemmergeier. Auch die gefleckte Hyaene steigt bis in diese Hoehen,
+seltener der Leopard und ein Fuchs (_Canis semiensis_), der ausschliesslich
+von den aeusserst zahlreich hier hausenden Ratten und Maeusen lebt. Auch
+Tauben (_Columba albitorques_) schwaermen in grossen Fluegen in diesen
+hoechsten abessinischen Alpengegenden umher.
+
+_Die Fauna Abessiniens._ Fast noch reicheren Stoff als die Pflanzenwelt
+bietet dem Beobachter die _Thierwelt_ Abessiniens dar. Nicht genuegend
+erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch wenige
+Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der Plage der
+Eingeweidewuermer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits die Rede;
+die hoeher stehenden Insekten treten im Hochlande nur in der waermeren
+Jahreszeit in grossen Mengen auf, werden aber durch die kalten Regen wieder
+in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. Die _Heuschrecken_, amharisch
+Anbasa, richten oft grossen Schaden an, wie in den andern Nillaendern auch.
+
+ [Illustration: Die riesige Kugeldistel. Originalzeichnung von E.
+ Zander.]
+
+Ihr ploetzliches Verschwinden wird in der Regel der gnaedigen Fuersprache der
+Heiligen zugeschrieben und diesen daher ein Dankopfer gebracht. Die
+Wanderheuschrecke dehnt ihre Zuege bis hoch in die Gebirgsgegenden aus.
+Rueppell fand das Land am Takazzie von Myriaden dieser Thiere geradezu
+abgefressen. Der Boden der ganzen Gegend war buchstaeblich von ihnen
+bedeckt. Er fuegt hinzu: "Wenn uebrigens manche Reisende von einer
+Verdunkelung des Sonnenglanzes durch Heuschreckenzuege reden, so ist diese
+Erscheinung lediglich auf die gleichzeitige dunstige und staubige
+Atmosphaere zu beziehen und nicht der vermeintlich so ungeheuren Menge von
+Heuschrecken zuzuschreiben, deren Wandern allein durch schwuelen suedlichen
+Luftzug veranlasst wird. Der ganze Boden schien mit diesen Thieren
+ueberdeckt zu sein, bei genauem Zaehlen aber fanden sich nur etwa 12 bis 30
+Heuschrecken in dem Raume eines Quadratfusses". Die christlichen Abessinier
+essen die Heuschrecken nicht; sie betrachten sie als verbotene Speise und
+unter den Muhamedanern bequemen sich nur arme Leute zu dieser Nahrung. Ein
+nuetzliches, allgemein gepflegtes und in Bienenkoerben gezuechtetes Insekt
+ist die _aegyptische Honigbiene_, von der grosse Mengen des suessen Seims
+gewonnen und zu dem landesueblichen Meth benutzt werden. Es giebt auch eine
+kleinere wilde Biene, die in Erdloechern ihre Baue aufschlaegt und einen
+Dasma genannten Honig liefert, der als Medikament sehr geschaetzt ist.
+Diese Dasma wirkt leicht abfuehrend, hat eine roethlichere Farbe als
+gewoehnlicher Honig und einen bittern Nachgeschmack. In Gegenden, wo die
+Bienen viel Honig von Kronleuchtereuphorbien und andern giftigen Pflanzen
+sammeln, wirkt derselbe selbst im Meth sehr nachtheilig auf die
+Gesundheit, er erzeugt Schwindel, Kopfschmerzen, Erbrechen und andere
+Symptome einer leichten Vergiftung. Fliegen und Moskitos kommen wol in den
+kuehlern Hochlanden vor, werden jedoch nicht zur Landplage, in der Weise
+wie die Floehe. Die schwarze Ameise, welche sich wasserdichte Wohnungen
+gegen den Regen baut, wird dem Menschen oft laestig, waehrend die Termiten
+nur selten in die Haeuser dringen und meist unter losen Steinen ihre
+kleinen Kolonien anlegen. _Kaefer_, amharisch Densissa, sind in grosser
+Menge vorhanden, besonders die Koth- und Pillenkaefer, die man auch in
+Aegypten antrifft. _Spinnen_ und _Skorpione_ werden als unrein gemieden
+und vernichtet.
+
+_Fische_ sind im Hochlande Abessiniens nicht allzu haeufig, um genuegende
+Fastenspeise liefern zu koennen. Der Takazzie allein ist besonders reich an
+grossschuppigen, olivengrauen Karpfenarten mit lebhaft wachsgelben Flossen
+und enthaelt einen Heterobranchus von enormer Groesse, welcher mit der Angel
+gefangen oder mit abessinischem Fischgift betaeubt wird. In Atbara kommt
+ein Wels vor, der schoene Hausenblase liefert, welche jedoch nicht
+eingesammelt wird.
+
+Die _Amphibien_ sind Gegenstaende des Abscheus und des Aberglaubens. Die
+Schlangen der Hochlande sind klein und nicht giftig, doch sehr gefuerchtet;
+in der Kola, sowie in den Kuestengegenden fehlen jedoch grosse Pythonarten
+und giftige Exemplare keineswegs. In den Niederungen werden auch
+Schildkroeten gefunden, unter denen die grosse _Geochelone senegalensis_
+hervorragt; im Anseba-Gebiet und in Schoa kommt eine Cinixys in vielen
+Suempfen und Baechen vor, und die _Pentonyx Gehafie_ steigt ueberall aus dem
+Tieflande bis zu 8000 Fuss empor. Neben diesen gepanzerten Amphibien sind
+die Krokodile (Aso) namentlich in der Kola sehr haeufig; im Setit, Atbara
+und Mareb werden sie von den Eingeborenen harpunirt und ihr
+moschusduftendes Fleisch verzehrt. Faelschlich jedoch hat man ihr Vorkommen
+im Tanasee behauptet. Sonst sind unter den Sauriern noch zu nennen der
+Skink (_Scincus officinalis_), das Chamaeleon, der Gekko und _Stellio
+cyanogaster_ als Gesellschafter der Klippdachse. Die Warneidechse
+(_Varanus niloticus_) ist auch in Abessinien haeufig und hat hier ihren
+einheimischen Namen, Angoba, auf viele Fluesse uebertragen.
+
+Schwer haelt es, bei dem grossen Reichthum der verschiedenen Arten
+abessinischer _Voegel_, welche sich dem Auge des Forschers zeigen, einen
+Ueberblick nur der wichtigsten zu geben und eine Auswahl aus der Menge
+dieser prachtvoll gefaerbten, eigenthuemlich gestalteten und hinsichtlich
+ihrer Lebensweise merkwuerdigen Geschoepfe zu treffen. Aber gerade auf dem
+Gebiete der Ornithologie Abessiniens ist von Rueppell, Heuglin, Brehm
+Vorzuegliches geleistet worden, sodass man wohl behaupten darf, besser als
+das Pflanzenreich und die uebrigen Klassen des Thierreichs sei die
+Vogelwelt der "afrikanischen Schweiz" durchforscht.
+
+ [Illustration: Wanderheuschrecke.]
+
+Es giebt wol kein zweites Land, das so reich an _Tag-Raubvoegeln_ ist wie
+Abessinien. Vermoege der hoehern Lage der Plateaux bieten sich in den
+Felspartien guenstige Lebensbedingungen fuer Adler, Geier und Falken, die
+hier ihre Horst- und Zufluchtsstaetten finden. Die Vegetation prangt in
+ausserordentlicher Fuelle; in allen Thaelern und Schluchten sprudeln
+Gebirgswasser; im dichten Gestruepp und in den Graesern hausen Reptilien in
+Menge, von der Pythonschlange und Naja bis zur kleinsten Baumschlange
+herab; Schildkroeten weiden gemuethlich an Hecken und Teichen; an
+Saeugethieren von der Groesse der Feldmaus aufwaerts ist Ueberfluss vorhanden,
+waehrend schattige, fast undurchdringliche Waldpartien, abgelegene
+Schluchten, die selten eines Menschen Fuss betritt, und fast unersteigliche
+Felsen und kolossale Hochbaeume den Raubvoegeln jeden Schutz und Schirm
+gewaehren. Da horstet denn der maechtige _Gyps Rueppellii_, der gemeine
+ostabessinische Moenchsgeier (_Neophron pileatus_), der Schmuzgeier (_N.
+percnopterus_), der Bartgeier (_Gypaetos meridionalis_) und Schlangenadler
+(_Gypogeranus serpentarius_), die viele Schlangen verzehren und maessig
+starke Wuestenschildkroeten mit einem Schlag ihrer starken Faenge
+zerschmettern. Zahlreiche Weihen, Milane, Falken und Sperber machen den
+Beschluss der Tagraubvoegel. Der unreinliche Mensch giebt den Schmuzgeiern
+tagtaeglich neue Nahrung und damit neue Beschaeftigung; deshalb vermisst man
+diese wohlthaetigen Voegel an keinem Orte. Sie folgen den Herden wie den
+Handelszuegen, umschweben die Doerfer und Schlachtplaetze und raeumen schnell
+allen Unrath auf. Der grosse, von Brehm zuerst genau beschriebene
+Rueppell'sche Aasgeier erscheint erst dann, wenn irgend ein Aas ihn
+heranlockt. In ungemessenen Hoehen, wohin ihm des Menschen Auge nicht zu
+folgen vermag, zieht er dahin; aber sein Auge beherrscht ein weites Gebiet
+und die maechtigen Schwingen tragen ihn schnell nach dem Orte, wo ein Stueck
+Wild verendet oder einem Schaf die Kehle durchschnitten wird. Kaum fliesst
+das Blut, so ist auch der Aasgeier da; reiche Beute aber wird ihm zu
+Theil, wenn das Land weit und breit mit Menschenleichen uebersaeet ist, wenn
+die grausamen Buergerkriege wuethen und den Zug der Heere gefallene Rinder
+und Schafe bezeichnen. Wo er erscheint, da fehlen auch selten seine
+kleineren Verwandten, der Schopf- und der Ohrengeier (_Vultur occipitalis_
+und _V. auricularis_). Unter den Adlern begleitet der Augur, ein naher
+Verwandter unsers Bussards, den Zug der Reisenden, waehrend der
+"_Himmelsaffe_" oder Gaukler (_Helotarsus ecaudatus_) sowol durch die
+Kuehnheit seines Fluges, als durch die Schoenheit seines Gefieders jeden
+Beschauer in Entzuecken versetzt. Unter allen Raubvoegeln ist er der
+stolzeste Flieger: er jagt foermlich durch die Luft. Nur waehrend des Fluges
+zeigt er seine volle Schoenheit. Sitzend blaeht er die Federn auf, straeubt
+Kopffedern und Halskrause und gestaltet sich in einen Federklumpen um.
+Eine der haeufigsten Erscheinungen ist der Schmarotzer-Milan (_Milvus
+parasiticus_), dessen scharfem Auge nichts entgeht und der durch seine
+Allgegenwart an den Schlachtplaetzen, wo kein Stueckchen Fleisch vor ihm
+sicher ist, sich laestig macht oder durch die groesste Frechheit, mit welcher
+er dem Menschen das Fleisch fast unter den Haenden wegzieht, diese in
+Erstaunen versetzt. Auch der Singhabicht (_Melierax polyzonus_) kommt
+suedlich vom 17. Grade in allen Steppenwaldungen haeufig vor; er verweilt am
+liebsten auf einzelnstehenden Baeumen, hat jedoch keinen besonders schoenen
+Flug und giebt ein langgezogenes, eintoeniges Pfeifen, keineswegs aber
+einen melodischen Gesang von sich. Seine Hauptnahrung besteht in Insekten,
+vorzugsweise aber in Heuschrecken, an denen Abessinien eben nicht arm ist.
+Unsere Weihen vertritt der in Nordostafrika haeufige Steppenweih (_Circus
+pallidus_); er meidet jedoch das Gebirge und zieht die breiten Niederungen
+mit kurzem Gestruepp vor, aus welchem er auf kluge Weise das kleine
+Gefluegel aufscheucht.
+
+Unter den _Eulen_ finden wir unsere Schleiereule und den Kauz, die
+kurzoehrige Eule (_Otus brachyotus_) und die Zwergohreule (_Ephialtes
+Scops_). Im Gebirge haust ein Uhu (_Bubo cinerascens_), der zu den
+gemeinsten Eulen gehoert. Dieser Uhu horstet am liebsten auf Baeumen und
+wird nicht wie unsere europaeische Art von kleinern Voegeln verfolgt. In den
+Steppen wie im Gebirge trifft man auf die Ziegenmelker (Caprimulgusarten),
+jene unheimlichen Voegel mit leisem Fluge und eigenthuemlichem Nachtgesange.
+Gleich grossen Nachtfaltern umschweben sie die Wipfel der Baeume und die
+Daecher der Haeuser, um ihrer Kerbthierjagd nachzugehen.
+
+Reich vertreten sind die _schwalbenartigen Voegel_ (_Hirundo_, _Cypselus_).
+Die meisten derselben sind auch hier Zugvoegel und kommen vor Beginn der
+Regenzeit, im Mai und Juni, um zu brueten.
+
+ [Illustration: Abessinische Voegel. Originalzeichnung von Robert
+ Kretschmer.
+ Hornvogel. Ohrengeier. Webervoegel.
+ Schmuzgeier. Eisvogel.
+ Hornrabe. Schlangenadler. Schattenvogel.]
+
+Die Hausschwalbe ist _Hirundo_ oder _Cecrops rufifrons_; sie erscheint
+kurz vor den Sommerregen und beginnt, sobald diese letzteren die Erde
+etwas erweicht haben, aus Lehm ein sehr solides, rundes Nest zu bauen, das
+sie mit der Basis auf Dachsparren aufsetzt, nicht seitwaerts anklebt wie
+unsere Schwalbe. Sie macht zwei bis drei Bruten und verlaesst die Hoehen erst
+im Dezember. - Durch schoenen Flug zeichnet sich der abessinische Segler
+(_Cypselus abessinicus_) aus, der in den Baeumen nistet; er ist ein
+ausgezeichneter Flieger, wie alle seines Geschlechtes. An manchen Stellen
+vertritt ihn die Felsenschwalbe (_Cotyle obsoleta_), die ihr Nest in den
+Ritzen und Spalten der Felsen baut, doch nur an solchen Orten, wo die
+raeuberischen Affen nicht hingelangen koennen.
+
+Praechtig gefaerbte Bewohner Abessiniens sind neben der Mandelkraehe
+(_Coracias abessinicus_) und dem Eisvogel (_Ispidina cyanotis_) vor allen
+andern die _Bienenfresser_ (_Merops Lafrenayi_) und die Narina (_Trogon
+Narina_), die lautlos ueber den Mimosenbueschen dahinschwebt, die
+Schmetterlinge oder andere Insekten faengt und durch ihr glaenzendes
+Gefieder das Auge des Beobachters erfreut. Ihnen schliesst sich der
+Wiedehopf (_Upupa_) an, der neben den Aasgeiern fleissig allen Unrath
+wegraeumt und mit Recht in keinem guten Geruche steht. Seine Verwandten
+sind die Baumwiedehopfe (_Promerops erythrorhynchus_), die in
+Gesellschaften gleich Spechten auf den Baeumen umherklettern, die Ameisen
+aufsuchen und von dieser Nahrung einen durchdringenden Geruch annehmen.
+Den Kolibri vertreten in Abessinien die metallglaenzenden _Honigsauger_
+(_Nectarinia metallica_, _abessinica_, _affinis_), welche von den Arabern
+"Abu Risch", Federtraeger, genannt werden und als die ersten Tropenvoegel in
+Nordostafrika auftreten, auf welche man, aus kaelteren Gegenden kommend,
+stoesst. Die reizenden Voegelchen leben meist paarweise auf den Mimosen und
+ziehen im brennenden Sonnenstrahle von Bluete zu Bluete, um dort Insekten zu
+fangen, zu singen, die Federn zu straeuben, den Schwanz zu heben und das
+glaenzende Gefieder im Sonnenlichte glaenzen zu lassen.
+
+Keineswegs fehlt es Abessinien an Sang und Klang in der Vogelwelt; neben
+dem glaenzenden Gefieder findet auch der melodische Schmelz der Toene seine
+Vertretung. Im Rohre schmettert froehlich der Buschschluepfer (_Drymoica
+rufifrons_) oder die Caricola (_C. cisticola_), an welche sich die
+abessinische Baumnachtigall (_Aedon minor_) anschliesst, die schon dem
+Wanderer entgegenschlaegt, wenn er, vom Rothen Meere kommend, bei Massaua
+seinen Fuss ans Gestade setzt. An Steinschmaetzern (Saxicola-Arten),
+Vertretern unserer Drosseln (_Thamnolaea_), Bachstelzen (_Motacilla alba_
+und _flava_) ist kein Mangel. Zu letztern, uns aus der Heimat bekannten
+Arten gesellen sich die verwandten Schafstelzen (_Budytes_), niedliche
+Voegel, welche in grosser Zahl den Herden folgen, deren treueste Begleiter
+sind und diesen das Ungeziefer ablesen. Im Hochgebirge, namentlich in
+Semien, lebt eine Drossel (_Turdus simensis_), welche unsrer Singdrossel
+sehr aehnelt, neben der als regelmaessige Wintergaeste die Steindrosseln
+(_Petrocincla saxatilis_) erscheinen. Als guter Saenger wird der von
+Lichtenstein entdeckte Drossling (_Picnonotus Arsinoe_) bald der Liebling
+aller Reisenden, vor denen er sich durchaus nicht scheut. Anschliessend
+hieran erwaehnen wir aus der Familie der Fliegenfaenger den Paradiesfaenger
+(_Tchitrea melanogastra_), den Wuergerschnaepper (_Dicrourus_), die
+zahlreich vertretenen Wuerger (_Lanius_) und unsre Nebelkraehe, die als
+Wintergast nach Abessinien kommt. Diese trifft als Verwandte hier den
+Wuestenraben (_Corax umbrinus_), ein Mittelglied zwischen Rabe und Kraehe,
+der aber nicht blos in der Wueste vorkommt, sondern auch die Flecken und
+Doerfer besucht, wo er den Hunden und Geiern das Aas streitig macht,
+waehrend er draussen nach Fruechten, am Strande nach Muscheln sucht und eben
+Alles verschlingt, was sich ihm darbietet. Ein echter Gebirgsvogel ist der
+kurzschwaenzige Rabe (_Corvus affinis_), der bis zu 11,000 Fuss aufsteigt
+und dort in grossen Scharen weilt. Durch seinen kurzen Schwanz macht er
+sich vor allen Verwandten leicht kenntlich; er vertritt in Abessinien
+unsern Kolkraben, lebt nur paarweise und bedeckt Abends, wenn er zur Rast
+geht, oft grosse Felsbloecke. Die Staare sind durch mehrere Geschlechter,
+die dohlenartigen Felsenstaare (_Ptilonorhynchus_), Glanzdrosseln
+(_Lamprocolius_) und Glanzelstern (_Lamprotornis_) vertreten. Bei Weitem
+der interessanteste Vogel aus dieser Familie ist aber der afrikanische
+_Madenhacker_ (_Buphaga erythrorhyncha_), der von der Suedspitze Afrika's
+an bis nach Abessinien hinein vorkommt und der treueste Begleiter der
+Herden ist, sodass es scheint, als koennten Rinder, Kameele, Pferde kaum
+ohne ihn leben. Da wo diese wunde Stellen haben, in welche die Fliegen
+ihre Eier legen, aus denen die Maden entstehen, erscheint auch die
+Buphaga, klettert an dem Thiere herum, wie ein Specht am Baume und sucht
+ihm die Maden ab. Das Thier kennt seinen Wohlthaeter recht gut, aber die
+Abessinier hassen den Madenhacker, weil sie glauben, dass er durch sein
+Picken die aufgeriebenen Stellen reize.
+
+Die _finkenartigen Voegel_ kommen gleichfalls in grosser Menge vor.
+Reichlich treffen wir vorzueglich Amadina, Vidua, Estrelda, Serinus, alles
+gute Saenger, waehrend der _Weber_ (_Textor alecto_) nur einen
+drosselartigen Ruf und unschoenes Gezwitscher ertoenen laesst. Dafuer baut er
+aber ein zusammenhaengendes Nest, in dem ganze Gesellschaften brueten. Es
+besteht aus duerrem Reisig, von dem eine grosse Masse, oft von 5 bis 8 Fuss
+Laenge und 3 bis 5 Fuss Breite und Hoehe, zwischen tauglichen Astgabeln der
+Baobab-Baeume aufgehaeuft wird. In einem solchen sind 3 bis 8 Nester tief im
+Innern angelegt und diese mit feinem Gras und Federn ausgefuettert. Die
+Farbe der Eier wechselt zwischen rein weiss, roth, gruen, braun mit allen
+moeglichen Zeichnungen, sodass man glaubt, Eier verschiedener Arten vor sich
+zu haben. Der Eingang zu dem unordentlichen Neste ist im Anfange so gross,
+dass man bequem mit der Faust eindringen kann, verengert sich aber und geht
+in einen Kanal ueber, gerade fuer den Vogel passend. Durch prachtvollen
+Federschmuck sind die Witwen (_Viduae_) ausgezeichnet, und leicht
+unterscheidet man das Maennchen durch seine langen, am Fluge hindernden
+Schwanzfedern von dem Weibchen. Hat es aber im Winter das praechtige
+Gefieder abgelegt, dann fliegt es leicht dahin, aehnlich wie unsere Ammern.
+Als Haussperling tritt, unserm Spatz das Recht streitig machend, in
+Nordostafrika der rothrueckige Sperling (_Passer rufidorsalis_) auf, dessen
+Sitten und Lebensweise ganz die unseres Haussperlings sind, nur ist er
+schoener gefaerbt. Gemein, wie bei uns, ist auch in Abessinien die
+Haubenlerche (_Galerita abessinica_), welcher sich als Verwandte die
+seltenere Wuestenammerlerche (_Ammomanes deserti_) anschliesst.
+
+Haben wir bisher viele, unsern europaeischen Arten verwandte Voegel
+gefunden, so treffen wir in der folgenden Familie, jener der
+Pisangfresser, durchaus auf fremdartige Gestalten. Da sind zunaechst die
+Maeusevoegel (_Colius_), die in dichten Bueschen leben, durch die schmalsten
+Oeffnungen der Verzweigungen sich zwaengen und im Klettern eine grosse
+Geschicklichkeit entwickeln. Der von Rueppell entdeckte Helmvogel
+(_Corythaix leucotis_) tritt erst da auf, wo die Kronleuchter-Euphorbie
+beginnt; er ist ein praechtiger, rastloser, unsern Hehern im Betragen
+aehnlicher Geselle, der die Sykomoren, Tamarinden und Aloepflanzen gern
+besucht und auf diesen sich in grosser Anzahl sammelt. Der eigentliche
+Pisangfresser (_Schizorhis zonurus_), der sich durch ein affenartiges
+Geschrei auszeichnet, hat Vieles mit seinen Verwandten, den Nashornvoegeln
+ueberein, von denen mehrere kleine Arten (_Tockus erythrorhynchus_ und
+_nasutus_) haeufige Bewohner der Steppen und des Urwaldes sind. Je mehr man
+in das Gebirge kommt, desto haeufiger werden sie, desto oefter vernimmt man
+ihren charakteristischen Ruf. Weit groesser als die nur anderthalb Fuss
+langen Nashornvoegel, aber auch seltener sind die kraeftigen, fast 4 Fuss
+langen, sehr scheuen Hornraben (_Bucorax abessinicus_).
+
+Wenig ist aus der Ordnung der Klettervoegel zu berichten. Die Papageien
+finden im abessinischen Gebirge keineswegs, wie in ganz Afrika, ergiebigen
+Boden, obgleich einige Arten von ihnen vorkommen. So liebt der
+Zwergpapagei (_Psittacula Tarantae_) die Kolkwal-Euphorbie, auf welcher er
+haeufig anzutreffen ist, der Halsbandpapagei (_Palaeornis torquatus_) aber
+dichte Waelder, in welchen er in grossen Familien und Fluegen gewoehnlich mit
+den Affen zusammen erscheint. Die Bartvoegel (_Pogonias Saltii_) kommen nur
+einzeln im dichtesten Gebuesche vor und sind still, bis auf den Perlvogel
+(_Trachyphonus margaritatus_), welcher im Verein mit dem Weibchen einen
+lustigen Gesang vortraegt und die Gaerten der Doerfer belebt. Die Spechte
+treten nur als kleine Baumspechte (_Dendropicus Hemprichii_) auf.
+
+Unter den _Kukuksarten_ spielt der _Honigvogel_ eine grosse Rolle in der
+Ornithologie der Abessinier; obgleich selten vorkommend, kennt ihn
+Jedermann, und schon die aeltesten Nachrichten ueber das Land (so Ludolf in
+seiner "_Historia aethiopica_") erwaehnen der Eigenschaft dieses
+unscheinbaren Thierchens, den Menschen zu den Bienenstoecken zu fuehren. Die
+Honigvoegel (_Indicator_) halten sich vorzueglich an baumreichen Bachufern
+auf, flattern von einem Baume zum andern und lassen dabei ihre starke,
+wohlklingende Stimme hoeren. Dass sie so rufend haeufig zu Bienenschwaermen
+fuehren, weiss jeder Eingeborene Afrika's vom Kap bis zum Senegal und von
+der Westkueste bis nach Abessinien herueber, doch fuehrt der Indicator den
+ihm folgenden Menschen ebenso haeufig auf gefallene Thiere, die voller
+Insektenlarven sind; er verfolgt mit seinem Geschrei den Loewen und
+Leoparden, kurz Alles, was ihm auffaellt; auch ist er dem Menschen
+gegenueber nichts weniger als scheu und trotz der unscheinbaren Groesse und
+Faerbung sind alle Arten an der eigenthuemlichen Weise des Flugs leicht zu
+erkennen. In Nordostafrika giebt es vier Arten von Honigvoegeln, von denen
+jedoch nur zwei (_Indicator minor_ und _albirostris_) in Abessinien
+vorkommen.
+
+Ueberall wo man in Abessinien Voegel findet, wird man auch _Tauben_
+wahrnehmen in den verschiedenartigsten schoen gestalteten und gefaerbten
+Formen. Die abessinische Taube (_Treron abessinica_) bewohnt in kleinen
+Familien die tieferen Gebirgsthaeler, wo sie die Mimosen, Kizelien und
+Sykomoren sich zum schattigen Ruhesitz aussuchen, um ihre Liebesspiele zu
+treiben und gleich dem Papagei durch das Laub zu klettern. Unsere
+Felsentaube vertritt die blaurueckige Taube (_Columba glauconotos_), als
+eigentliche Waldtaube tritt die Guineataube (_Stictoenas guinea_) auf;
+auch die Turteltaube (_Turtur auritus_), die Lachtaube (_T. risorius_)
+finden sich; eigenthuemlich ist aber die Erscheinung der Erdtaube
+(_Chalcopelia afra_), die nicht ueber den 16. Grad noerdlicher Breite
+hinaufgeht und friedlich das dichtverschlungenste Gebuesch an der Erde
+bewohnt, auf welcher sie auch, ihren Verwandten unaehnlich, ihr Nest baut.
+
+Von Huehnern tritt in zahlloser Menge das lautschreiende Perlhuhn (_Numida
+ptilorhyncha_), die Wachtel als Wintergast und an Stelle unserer Rebhuehner
+die verschiedenen, schoen gezeichneten und in Einweibigkeit lebenden
+Frankoline (_Francolinus rubricollis_, _Erkelii_ u. s. w.) auf; auch die
+Flughuehner (_Pterocles_) sind vertreten und die Laufvoegel beginnen mit der
+in den Steppen haeufigen Trappe (_Otis arabs_), die nicht die Groesse unserer
+grossen Trappe erreicht, aber weniger scheu ist und besonders von Insekten
+lebt. Kommt der _Strauss_ (_Struthio Camelus_) auch nirgends im
+abessinischen Hochland vor, so umzieht er dasselbe doch ringsum in den
+Steppen und Wuesten.
+
+Unter den Regenpfeifern und Kiebitzen faellt nur der Dickfuss (_Oedicnemus
+affinis_) wegen seiner naechtlichen, eulenartigen Lebensweise auf; an
+feuchten, fischreichen Stellen wimmelt es oft von Reihern, Storcharten,
+Schattenvoegeln und Stoerchen und an den Kuesten des Rothen Meeres sind
+Moeven, Pelikane, Seeschwalben und Toelpel im Ueberfluss vorhanden. Reich an
+Wassergefluegel ist auch der Tanasee, dessen breite, mit Inseln durchzogene
+Flaeche demselben einen guenstigen Aufenthaltsort gewaehrt. Dort wimmelt es
+von Seeschwalben, Enten (_Anas clypeata_, _sparsa_ u. s. w.),
+Strandlaeufern, Kiebitzen, Regenpfeifern; da stehen unbeweglich der
+Riesenreiher und der schwarzkehlige Fischreiher (_Ardea Goliath_ und _A.
+atricollis_), auf Reptilien lauernd, da plaetschern Wasserhuehner, Gaense und
+Spornschwaene in der Flut.
+
+Weil mehr mit dem Menschen im Verkehr und ihn als Raub-, Jagd- oder
+Hausthier meist naeher angehend, fesselt auch das Reich der Saeugethiere
+mehr unser Interesse als jenes der Voegel.
+
+Abessinien mit seinen Grenzlaendern kennt etwa sechs bis acht _Affenarten_.
+Ruhig und gemuethlich verfliesst das Leben der graugruenen _Meerkatze_
+(_Cercopithecus griseo-viridis_), eines echten Baumaffen, der in starken
+Banden gesellig zusammenlebt und von der Hoehe seines Aufenthaltes selten
+auf den Boden herabkommt, gleichviel ob er dort in Dornen der Mimosen oder
+im Laub der Sykomore sitzt. Seine Behendigkeit ist unglaublich gross und
+mit Huelfe des steuernden Schwanzes fuehrt er die kuehnsten Spruenge aus. Als
+unumschraenkter Herr und Gebieter steht der lustigen Herde ein altes,
+geprueftes Maennchen vor, das alle jungen Nebenbuhler von den seiner Obhut
+unterstehenden Damen fernhaelt. Diese zeigen gegen ihre haesslichen
+Sproesslinge eine ausserordentliche Mutterliebe, welche sie durch
+fortwaehrendes Reinigen und Liebkosen des Kindchens bethaetigen. Nur
+nebenbei verzehrt diese Meerkatze Heuschrecken und andere Insekten;
+Fruechte, Knospen und Getreide sind ihre Lieblingsgerichte und wehe dem
+Durrah- oder Maisfelde, in das die verschmitzte Bande luestern eindringt!
+Das Wenigste wird nur verzehrt, das Meiste unbarmherzig verwuestet und dann
+auf der Staette des Diebstahls ein Tummelplatz freudiger Spiele fuer Alt und
+Jung bereitet. Vor Menschen weniger, wohl aber vor Hunden, Schlangen,
+Froeschen und ihrem besondern Feinde, dem Habichtsadler, fuerchtet sich die
+Meerkatze sehr. Weit wuerdevoller als die Meerkatzen treten die Paviane
+auf, unter denen der _Silberpavian_ oder _Hamadryas_ (_Cynocephalus
+Hamadryas_) der haeufigste ist. Dieses merkwuerdige Geschoepf, dem schon die
+alten Aegypter Achtung zollten und das man auf ihren Denkmalen abgebildet
+findet, lebt zwischen 1000 und 7000 Fuss Meereshoehe und findet sich um so
+haeufiger, je pflanzenreicher das Gebirge ist. Jede Bande behauptet im
+Gebirge ein bestimmtes Gebiet und zaehlt etwa fuenfzehn bis zwanzig
+erwachsene und kampftuechtige Maennchen, wahre Ungeheuer mit einem Gebiss,
+welches fast mit dem eines Loewen wetteifern kann, dasjenige des Leoparden
+jedoch uebertrifft. Schon von Weitem unterscheidet man die Maennchen an
+ihrem langen graugruenlichen Mantel und der hervorragenden Gestalt von den
+braeunlicher gefaerbten Weibchen, die vollauf mit ihren uebermuethigen Jungen
+zu thun haben. Greift auch der Pavian so leicht einen Mann nicht an, so
+ist er doch den Frauen ein Gegenstand des Entsetzens, von welchen eine
+groessere Anzahl von Pavianen als von Loewen und Leoparden umgebracht wird.
+Der aergste Feind des Silberpavians ist der Leopard, der ihm Tag und Nacht
+nachschleicht und sich ebenso listig wie kuehn auf jedes von der Herde
+isolirte Thier stuerzt.
+
+Auch mit ihren Verwandten leben diese Paviane nicht immer auf gutem Fusse,
+namentlich mit den _Tscheladas_ (_Cercopithecus Gelada_), gegen welche sie
+in Semien oft foermliche Schlachten liefern. Letzterer Mantelpavian bewohnt
+einen Hoehenguertel von 7-11,000 Fuss ueber dem Meere, waehrend der Hamadryas
+mehr die Tiefen-Gegenden liebt; jedoch steigen die Tscheladas von ihren
+Bergen herab, um die unten liegenden Felder zu pluendern, wobei dann die
+Schlachten mit den Silberpavianen stattfinden.
+
+Der _schwarze Pavian_ (_Cercopithecus obscurus_) wurde erst 1862 von
+Heuglin entdeckt. Dieser stattliche Affe lebt in grossen Rudeln auf 6 bis
+10,000 Fuss Hoehe meist an felsigen Schluchten. Man sieht ihn selten auf
+Baeumen, gewoehnlich auf Weideplaetzen oder Felsen, von denen herab er nicht
+selten gegen seine Verfolger Steine schleudert. Die Nacht verbringt er in
+Gesellschaft in Klueften und Hoehlen, steigt in der Morgensonne auf Huegel,
+wo er zusammengekauert sich erwaermt und zieht dann in die Thaeler nach
+Nahrung, die aus Blaettern zu bestehen scheint. Gewoehnlich fuehren zwei bis
+sechs alte Maennchen gravitaetischen Schrittes eine Herde von 20 bis 30
+Weibchen und Jungen an, welche theils spielend um den Trupp sich tummeln,
+theils von den Muettern getragen und zuweilen tuechtig geohrfeigt werden.
+Naht Gefahr, so fluechtet auf ein leises Bellen des Warners die ganze
+Gesellschaft in Felsenschluchten. Der schoenste Affe Abessiniens ist der
+von Rueppell entdeckte _Colobus Gueraza_, dessen durch den starken Kontrast
+von schwarz und weiss ausgezeichnetes Fell ein beliebtes Pelzwerk und eine
+Zierath fuer die Kriegsschilder liefert. Er lebt in der Waldregion der Kola
+auf den hoechsten Baeumen.
+
+Waehrend Afrika im Allgemeinen reich an Flatterthieren ist, kommen
+dieselben in dem hier in Rede stehenden Gebiete weniger vor. Die Ursache
+davon hat Heuglin ergruendet. Namentlich in den noerdlichen Grenzlaendern
+Abessiniens, in Bogos u. s. w. wird starke Viehzucht getrieben, und die
+Herden kommen, wenn in ferneren Gegenden bessere Weide und mehr
+Trinkwasser sich finden, oft monatelang nicht zu den Wohnungen der
+Besitzer zurueck. Die Rinder sind gewoehnlich mit Myriaden Fliegen bedeckt,
+die ihnen nachfolgen und wiederum die _Fledermaeuse_, welche von letzteren
+leben, veranlassen, gleichfalls eine Wanderung zu unternehmen. Mit der
+letzten Rinderherde verschwinden auch die Fledermaeuse spurlos, um mit dem
+Einruecken derselben in ihre alten Standquartiere auch wieder zu
+erscheinen. Die gemeinste Art der in Ostabessinien, namentlich um Massaua
+vorkommenden Fledermaeuse ist der kleine von Rueppell entdeckte _Nyctinomus
+pumilus_. Auch haessliche Glattnasen (Phyllorina-Arten) kommen vor, die
+nicht nur in der Daemmerzeit, sondern die ganze Nacht hindurch fliegen. Der
+grosse _Pteropus schoensis_ zeigt sich auch am Tage und lebt von den
+Fruechten der Feigen und Bananen.
+
+Abessinien beherbergt mehrere Mitglieder der Katzenfamilie: die
+kleinpfotige Katze, welche von Einigen fuer die Stammutter unsrer Hauskatze
+gehalten wird, den _Gepard_ (_Cynailurus guttatus_), den _Leoparden_
+(_Felis Leopardus_) und den _Loewen_ (_Felis Leo_), doch verdienen nur die
+beiden letzteren hier eingehendere Beachtung. Gehen sie auch in die
+Berglandschaften hinauf, so ist doch ihr Lieblingsaufenthalt in den
+tieferen Gegenden, in der Kola, den noerdlichen Grenzlaendern, der Samhara.
+Der Loewe (amharisch Anbasa) ist gerade nicht selten, der Leopard geradezu
+gemein und oft genug hoert man des Nachts die Stimme des Koenigs der Thiere
+erschallen. Doch fuerchtet man ihn verhaeltnissmaessig wenig, denn sein
+Jagdgebiet ist so reich, dass ihn nur selten der Hunger treibt, sich am
+Menschen zu vergreifen. Es kommt haeufig vor, dass junge, noch saeugende
+Loewen von den Abessiniern gefangen und aufgezogen werden; doch verkaufen
+und verschenken diese die allmaelig kostspielig werdenden Thiere bald an
+reiche Leute, und aus solcher Quelle stammen auch die beruehmten Loewen des
+Koenigs Theodoros. Das Fell eines erlegten Loewen gehoert dem Koenige, der
+tapfere Krieger wird mit einem breiten Streifen davon beschenkt, der
+seinen Schild ziert. Weit haeufiger und auch gefaehrlicher als der Loewe ist
+der _Leopard_ (Nemr auf amharisch), den man naechst der Hyaene und dem
+Schakal als das gemeinste Raubthier Abessiniens ansehen kann. Von der
+Ebene an bis hoch in das Gebirge hinein, bei Tag und bei Nacht, ueberall
+ist dieser freche Raubmoerder zu finden. Er scheut den Menschen gar nicht
+und kaum das allen Raubthieren so entsetzliche Feuer; frech dringt er in
+die Huetten der Eingeborenen, raubt ein Kind und zieht sich mit seiner
+Beute in das Dickicht zurueck. Von der Antilope bis zur Maus bewaeltigt er
+alle Saeugethiere. Brehm erzaehlt, dass im Dorfe Mensa ein einziger Leopard
+waehrend eines Vierteljahrs nicht weniger als 8 Kinder, ungefaehr 20 Ziegen
+und 4 Hunde wegschleppte. In ganz Abessinien kann man Hunde und Huehner
+kaum vor ihm sichern. Mit dem Feuergewehr jagen die Abessinier das ihnen
+so verhasste Raubthier ebenso wenig wie den Loewen; bei Weitem die meisten
+Leoparden, welche man erlegt, werden erst in Fallen gelockt und in diesen
+gewoehnlich durch Lanzenstiche getoedtet. Diese Fallen sind ganz nach dem
+Grundsatze starker Mausefallen gebaut, d. h. sie bestehen aus einem
+Pfahlgitterwerk mit Fallthuer; ein lebendiges Thier, ein Stueck Fleisch sind
+der Koeder, mit dem der Leopard angelockt wird; haeufig bringt man auch eine
+lebende, klaeglich meckernde Ziege in die Falle. Mit grosser Vorsicht umgeht
+der Raeuber oft zwei oder drei Naechte lang den Kaefig, bis er endlich sich
+hineinwagt und gefangen ist. Von der Meereskueste geht dieser kuehne Raeuber
+bis zu 12,000 Fuss Hoehe an die Eisgrenze hinauf. Der _Gepard_ findet sich
+ausschliesslich in der Samhara und nicht im Gebirge; er ist ein Tagraeuber
+und keine gemeine Katze; denn er ist nicht blutgierig und raubt niemals
+mehr als er zu seinem Unterhalte bedarf. Draussen in der freien Steppe
+betreibt er seine Jagd auf Antilopen, Hasen, Maeuse, Perlhuehner. Gegen den
+Menschen vertheidigt er sich nicht, doch macht dieser meist auf ihn Jagd,
+um das bunte Fell zu verwerthen, das nur selten im Handel vorkommt. Aber
+zur Jagd wird er in Abessinien nicht abgerichtet, wenn auch einzelne
+gezaehmte Thiere hier und da gehalten werden.
+
+Bis zu den hoechsten Spitzen der Berge Semiens in die Region der Dschibarra
+streift der _Walgie_ (_Canis simensis_), um den Ratten nachzustellen. Er
+ist eine haeufige Erscheinung unter den hundeartigen Raubthieren; dagegen
+ist der _Wolfshund_ (_Canis Anthus_) ziemlich selten, desto gemeiner aber
+wieder der _Schakal_ (_Canis mesomelas_), der nicht mit dem weiter
+noerdlich vorkommenden eigentlichen Schakal verwechselt werden darf. Der
+abessinische, schwarzrueckige Schakal ist etwas groesser als sein Verwandter
+und in der Samhara wie im Gebirge in jedem groesseren Dickicht anzutreffen.
+Seine eigentliche Jagdzeit auf Hasen, Huehner, Perlhuehner, Ziegen, ja
+selbst Maeuse und Heuschrecken ist in der Nacht; dann ist er ein frecher,
+regelmaessiger Gast in den Doerfern oder am Lagerplatz der Karawane, welcher
+er ohne Scheu, selbst wenn das Feuer hell lodert, sich naehert. Auch wo
+gefallene Thiere liegen, stellt er sich heulend ein und an solchen Plaetzen
+trifft er mit der _gefleckten Hyaene_ (_Hyaena crocuta_, amharisch Dschib)
+zusammen, einem der gemeinsten Raubthiere Abessiniens. Durch langgezogene
+Klagetoene kuendigt sie ihren Wunsch nach irgendwelcher Nahrung an, um den
+ewig verlangenden Magen zu befriedigen. Auch sie wird von den Eingeborenen
+arg gehasst, obgleich sie ihnen nicht gerade erheblichen Schaden zufuegt,
+sondern als Landreiniger, Aas- und Auswurfvertilgerin eher nuetzlich wird.
+Die Eingeborenen fangen die Hyaene in Gruben, die in einem von Dorngebuesch
+umgebenen Gange ausgegraben werden, an dessen Ende ein bloeckendes Zicklein
+angebracht wird. Die heisshungerige Bestie bricht, indem sie auf ihre Beute
+zueilt, in die mit Reisig und Sand sorgfaeltig ueberdeckte Grube ein, in
+welcher man sie moeglichst bald toedten muss, weil sie sonst sich einen
+Ausweg wuehlt. Es gelingt nicht leicht, in derselben Grube mehr als eine
+Hyaene zu fangen, da die Thiere durch ihr feines Geruchsorgan die Gefahr
+erkennen. Neben ihr kommt noch ein anderes hyaenenartiges Raubthier, der
+"_gemalte Hund_" (_Lycaon pictus_) truppweise vor; er ueberfaellt die Herden
+und richtet unter ihnen grosse Verheerungen an. Die Steppenlandschaften
+sind die eigentliche Heimat dieses geselligen, rauf- und mordlustigen
+Geschoepfes, das niemals allein jagt. Seinen Namen fuehrt es von den grossen,
+dunkeln, auf dem hellen Felle stehenden Flecken, an denen es schon weithin
+leicht zu unterscheiden ist.
+
+ [Illustration: Gemalter Hund (_Lycaon pictus_).]
+
+Von kleineren Raubthieren beherbergt Abessinien die _gestreifte Manguste_,
+einen weit verbreiteten, schlanken Moerder, der kleinen Saeugethieren und
+Voegeln nachstellt, und den _Honigdachs_ oder das _Ratel_ (_Ratelus
+capensis_), ein in jeder Hinsicht merkwuerdiges Thier, welches die
+Bienenstaende pluendert, Aas liebt und der kleinen Jagd mit Eifer obliegt,
+unangegriffen ruhig seine Strasse zieht, angegriffen aber aus seinen
+Stinkdruesen einen ekelhaften knoblauchartigen Gestank verbreitet, der weit
+und breit die Luft verpestet. Das Thier bewohnt Baue, welche es sich mit
+seinen gewaltigen Klauen leicht graebt und in denen es den Tag ueber
+verborgen liegt, um Abends seiner Beute nachzugehen.
+
+Die nordoestlich vom Tanasee gelegene Stadt Emfras, in welcher der Koenig
+einen sogenannten Palast besitzt, ist nicht nur als Hauptsklavenmarkt,
+sondern auch wegen der Zucht von _Zibethkatzen_ (_Viverra Civetta_)
+beruehmt. Poncet berichtet, dass dort von diesen Thieren eine so grosse Menge
+vorhanden ist, dass manche Kaufleute deren mehr als 300 im Hause halten.
+Die Thiere werfen einen nicht geringen Nutzen ab. Die Zibethkatze bekommt
+als Futter dreimal in der Woche rohes Rindfleisch und viermal einen
+Milchbrei; sie wird dann und wann mit Wohlgeruechen beraeuchert und in jeder
+Woche kratzt man ihr mit hoelzernen Loeffeln einmal eine salbenartige
+Materie ab, das Zibeth, welches in wohlverwahrte Ochsenhoerner gethan wird
+und einen eintraeglichen Handelsartikel bildet. Ihr heimischer Name ist
+Dering. Ein dem Hausgefluegel, den Maeusen und Ratten sehr gefaehrliches
+Raubthier ist die _Genettkatze_ (_Viverra abessinica_), ein schlankes,
+elegantes Thier mit langem Ringelschwanz. Sowol anatomisch, als durch den
+Mangel der Rueckenmaehne und andere Schwanzzeichnung unterscheidet sie sich
+von der vorigen, mit der sie sonst viel Aehnlichkeit hat. Auch ein
+_Fischotter_ (_Lutra inunguis_) kommt, wiewol selten, in den abessinischen
+Gewaessern vor. Derselbe ist so gross wie unsere Art und schoen kaffeebraun.
+
+Unter den Nagethieren ist zunaechst zu erwaehnen das _bunte Eichhorn_
+(_Sciurus multicolor_), ein keineswegs munteres Thierchen, vielmehr ein
+langweiliges scheues Geschoepf, das sich einzeln versteckt in den hohen
+Baumwipfeln aufhaelt und niemals kuehne Spruenge wagt, sondern immer an den
+Aesten klebt. Viel haesslicher, aber anziehender und unterhaltender ist sein
+Verwandter, das _rothe Erdhoernchen_ (_Xerus rutilus_), das Schillu der
+Abessinier. Leicht und beweglich treibt es sich nur auf der Erde, nie auf
+Baeumen umher, bald hier, bald da aus seiner Hoehle hervorschauend, oder
+sich possirlich auf die Spitze eines Huegels setzend. Unter allen
+Nagethieren ist keines, selbst der Hamster nicht ausgenommen, welches im
+Verhaeltniss zu seiner Groesse solchen Muth entwickelte, ja es wehrt sich
+sogar knurrend und fauchend gegen Hunde. Gleich ihm lebt auch das _Filfil_
+(_Bathyergus splendens_), das zu den Ratten gerechnet wird, in
+maulwurfsaehnlichen Erdhoehlen, die es im dichten Gebuesch anlegt, waehrend
+die Baue des _Stachelschweins_ (_Hystrix cristata_), das bis zu 6000 Fuss
+Hoehe hinaufgeht, meist in sandigen Ebenen stehen. Bei Tage verlaesst das
+Stachelschwein seine Hoehle nie, Abends jedoch zieht es in die Waldungen
+und Felder. Jedenfalls verdient unter den Nagethieren der _abessinische
+Hase_ (_Lepus aethiopicus_) die meiste Beachtung, da er sich von unserm
+gewoehnlichen Hasen vielfach unterscheidet und im Hochgebirge wie in der
+Niederung zu den gewoehnlichsten Erscheinungen gehoert.
+
+Da der christliche Abessinier so gut wie der Muhamedaner ihn wegen der
+gespaltenen Klauen zu den unreinen Thieren rechnet, so wird er nicht
+verfolgt, und da er dieses weiss, so faellt es ihm gar nicht ein, vor dem
+Menschen zu fluechten, wie unser Lampe, von dem ihn schon das dunklere,
+schwarz, weiss, grau und ockerfarbig gefleckte Fell unterscheidet.
+
+ [Illustration: Erdferkel. Nach Wood.]
+
+Aus der Ordnung der zahnlosen Thiere ist das _Erdferkel_ (_Orycteropus
+aethiopicus_) zu erwaehnen, das vom Tiefland bis in die Woina-Deka
+vorkommt. Das scheue Thier, mit seinem Geruch und Gehoer, haust in
+selbstgegrabenen Hoehlen, zeichnet sich durch lebhafte Spruenge und eine
+kaenguruartige Stellung aus, wobei es durch den kraeftigen Schwanz
+unterstuetzt wird. Es geht haeufig nur auf den Hinterfuessen und beschnuppert
+mit der langen, in steter Bewegung befindlichen, einem Schweineruessel
+gleichenden Nase die Erde, um nach Ameisen zu suchen. Hat es eine solche
+Stelle entdeckt, so beginnt es sehr gewandt und kraeftig mit den
+Vorderfuessen zu graben und die aufgewuehlte Erde mit den Hinterfuessen
+zurueckzustossen. Ist der Ameisenbau erbrochen, so geht es hastig an die
+Mahlzeit; nach v. Heuglin faengt es die Ameisen mit den Lippen und diese
+fallen in Menge ueber den Ruhestoerer her, dessen dicke Haut keineswegs vor
+den Bissen schuetzt. Fuer Urin und Mist graebt das Erdferkel eine kleine
+Grube, die dann wieder sorgfaeltig verdeckt wird. Im Bau selbst schlaeft es
+zusammengerollt auf der Seite liegend. Verfolgt eilt es in raschen Saetzen
+davon und graebt sich rasch ein, die Roehre hinter sich schliessend. Das
+Fleisch ist fein, weiss und saftig.
+
+Ueber Pferde, Maulthiere und Esel Abessiniens berichten wir spaeter. Das
+_Kameel_, in den Kuestengegenden reichlich als Lastthier vertreten, spielt
+im Hochgebirge eine traurige, unnuetze Rolle, da sein Wirkungskreis die
+Wueste ist. Ebenso ist die _Giraffe_ nur Bewohnerin der Tieflandsteppen,
+dort aber, in den Niederungen zwischen Setit und Atbara, auch in grosser
+Menge vertreten und wegen des saftigen Fleisches der jungen Thiere als
+edles Wildpret hoch angesehen.
+
+Am meisten Interesse unter den abessinischen Thieren floessen uns die
+Wiederkaeuer ein. Antilopen, Ziegen, Schafe, Rinder sind da vertreten und
+alle in ihren schoensten Repraesentanten, namentlich sind die Antilopen
+herrliche Thiere, bei denen man nicht weiss, welcher man den Preis der
+Schoenheit und Zierlichkeit zuerkennen soll. Die _Tedal-Antilope_
+(_Antilope Soemmeringii_) lebt namentlich in den breiten Niederungen und in
+der Samhara, kommt von da wol noch ins Huegelland, nie aber ins Hochgebirge
+hinauf. Nur am Tage zieht sie in kleinen Trupps umher, ruht des Mittags
+wiederkaeuend im Schatten und ist gegen den Menschen sehr misstrauisch. -
+Die Art, wie sie in der Samhara eingefangen werden, wird von Rueppell
+folgendermassen geschildert. In der Mitte der Ebene, in einem Bezirk, wo
+diese Thiere regelmaessig gegen Sonnenuntergang ihren Wechsel haben, legen
+die Jaeger viele an Pfaehle befestigte Schlingen. Sobald nun die Antilopen
+kommen, laufen von verschiedenen Verstecken her einzelne Leute herbei, von
+denen Jeder eine Menge kleiner, mit einem Bueschel Straussenfedern
+versehener Stoecke hat; diese werden mit grosser Schnelligkeit so in die
+Erde gesteckt, dass sie lange nach der Gegend der Schlingen gerichtete
+Linien bilden; der Antilopen ganze Aufmerksamkeit wird von den im Winde
+wehenden Federn in Anspruch genommen, die sie mit scheuem Blick fixiren.
+Nun beginnt das Treibjagen; das Wild sieht zum Entkommen keine freie
+Strecke, als die Gegend, wo die Fallstricke liegen, und eilt dahin;
+gewoehnlich bleiben mehrere darin haengen und hier schlagen ihnen die Jaeger
+mit Knueppeln die Beine entzwei, um sie dann zu schlachten. Auf dieselbe
+Weise werden auch die Strausse gejagt. Noch haeufiger als der Tedal ist die
+_Gazelle_ (_Antilope Dorcas_), die da, wo Mimosen stehen, von denen sie
+aest, fast nie in der Samhara fehlt. Sehr oft einzeln, meist aber in Trupps
+von drei bis acht Stueck beieinander zieht sie nur am Tage in der Ebene,
+wie im Gebirge umher. Zur Traenke geht die Gazelle nicht, denn ihr genuegt
+der Nachtthau auf den Blaettern der Baeume, die sie alle Morgen eifrig
+ableckt, und diese Genuegsamkeit macht sie zum echten Wuestenthier. Als die
+lebhafteste, behendeste und anmuthigste der Antilopen vermag sie Saetze von
+vier bis sechs Fuss Hoehe auszufuehren und ein fluechtiges Rudel gewaehrt einen
+wahrhaft prachtvollen Anblick.
+
+Waehrend die Gazelle alle dicht bewaldeten Stellen aengstlich meidet, sucht
+das "Judenkind" oder die _Zwerg-Antilope_ (_A. Hemprichiana_) gerade die
+verschlungensten und undurchdringlichsten Gebuesche zu ihrem Wohnsitze auf.
+Nur paarweise in zaertlicher Ehe und nicht wie die uebrigen Antilopen es den
+Tuerken oder Mormonen gleich thuend, findet man die Zwerg-Antilope von der
+Kueste bis zu 2000 Fuss Hoehe im Gebirge sehr haeufig.
+
+ [Illustration: Agaseen- oder Kudu-Antilopen.]
+
+Die Faerbung des weichen schoenen Haars stimmt mit dem Blaetterdunkel des
+niedern Gebuesches so vollkommen ueberein, dass es schwer haelt, die zarte,
+kleine Gestalt inmitten des Gebuesches wahrzunehmen. Beim geringsten
+verdaechtigen Geraeusch erhebt sich der Bock vom Boden, stellt sich, nach
+der verdaechtigen Gegend hin gerichtet, starr wie eine Bildsaeule auf,
+wendet die Ohren vorwaerts und lauscht nun regungslos. Der Lauf, welcher
+erhoben wurde, bleibt erhoben, Auge und Ohr haften an derselben Stelle und
+nur der Haarschopf zwischen den Hoernern deutet durch sein Senken oder
+Heben an, dass in dem Geschoepf Leben wohnt. Das Wildpret der Zwerg-Antilope
+ist nicht besonders zu empfehlen; es hat immer einen moschusartigen
+Geschmack und ist ausserdem sehr zaehe.
+
+Sind Soemmerings-Antilope und Gazelle echte Wuestenthiere, so sucht der
+_Klippspringer_ oder _Sassa_ (_Oreotragus saltatrix_) nur felsige Gegenden
+auf. (Abbildung siehe S. 25.) Rueppell war der erste, der nachwies, dass
+diese vom Kap schon lange bekannte Antilope auch in Abessinien in den
+buschigen, felsigen Bergen lebe. Wie eine Gemse steht das schoene Thier mit
+zusammengehaltenen Hufen auf einem steilen Felsgrat, oft stundenlang in
+das Land hineinschauend. Auch der Klippspringer lebt paarweise, am
+gewoehnlichsten in einer Meereshoehe von 2000 bis zu 12,000 Fuss. Bei
+heiterem Wetter zieht er mehr in die Berge; bei Regen, Nebel, Kaelte steigt
+er in die Thaeler hinab. Die Bezeichnung "afrikanische Gemse" ist fuer ihn
+gut gewaehlt, denn an den steilsten Felswaenden entlang, neben Abgruenden
+vorueber, welche jeden Fehltritt mit dem Tode bezahlen wuerden, eilt er mit
+Leichtigkeit und Zierlichkeit dahin, als ginge er auf ebenem Boden. Die
+geringste Unebenheit genuegt ihm, um festen Fuss zu fassen; jeder Sprung
+schnellt ihn hoch in die Luft; bald zeigt er sich ganz frei den Blicken,
+bald ist er im Gebuesch verschwunden, und wenige Minuten genuegen, ihn allen
+Verfolgungen zu entziehen. Die stolzeste und groesste Antilope Abessiniens
+ist der _Agaseen_ (_Antilope strepsiceros_), welcher die Gebirge in einer
+Hoehe von 2000 bis 7000 Fuss bewohnt. Dieses stattliche, an unsern
+Edelhirsch erinnernde Thier, welches durch ein Paar 3 Fuss lange, praechtig
+gewundene Hoerner ausgezeichnet ist, gehoert einem grossen Theil Mittel- und
+Suedafrika's an und ist am Kap unter dem Namen Kudu bekannt. Es lebt
+einzeln oder in kleinen Trupps, die, ungestoert, majestaetisch und langsam
+an den Bergwaenden hinschreiten, aufgescheucht aber, unter Schnauben und
+Bloeken davoneilen. Die Araber in den Steppen noerdlich von Abessinien
+hetzen den Agaseen mit Pferden und toedten ihn mit Lanzenstichen, waehrend
+er im Hochlande nur von denen verfolgt wird, die Flinten besitzen. Sein
+Fleisch ist vorzueglich, dem des Hirsches im Geschmack aehnlich und aus den
+grossen gewundenen Hoernern verfertigen die Eingeborenen Fuellhoerner zum
+Aufbewahren des Salzes und Honigs. Auch die in Suedafrika haeufigere
+_Oryx-Antilope_ (_Antilope Beisa_) findet sich in den das Land umgebenden
+Steppen und Niederungen. Stets traegt sie ihre schnurgeraden Hoerner
+aufrecht, die von der Seite gesehen wegen ihres nahen Beieinanderstehens
+wie ein einziges aussehen und zu der Sage vom Einhorn Veranlassung gegeben
+haben koennen. Es wuerde uns zu weit fuehren, wollten wir alle Antilopen hier
+aufzaehlen, die in den Hochlanden oder den diese umgebenden Steppen leben.
+Nur noch zu erwaehnen sind die grosse Marif-Antilope (_Hippotragus Bakeri_),
+die Defassa (_Antilope defassa_), der Bohor (_A. redunca_), _Bubalis
+mauritanica_, _Antilope montana_, _madoqua_, _decula_, _leptoceros_
+u. s. w. Die meisten dieser Thiere gehen bis zu 9000 Fuss Hoehe in die
+Gebirge.
+
+Das ist der Reichthum Abessiniens an Antilopen; weniger zahlreich sind die
+Ziegen vertreten, aber unter ihnen finden wir im Hochgebirge zunaechst den
+stolzen _Steinbock_ (_Ibex Walia_). Rueppell entdeckte dieses Thier auf den
+hoechsten Bergen Semiens, nachdem ihm die Eingeborenen eine wunderbare
+Geschichte ueber dasselbe aufgetischt hatten. Dieser Walie, so erzaehlten
+sie, ist im hoechsten Grade scheu, hat sehr lange und krumme Hoerner und
+einen Bart am Kinn, stellt sich oft auf zwei Beine und ist wegen der
+Erziehungsweise seiner Jungen sehr merkwuerdig. Die Mutter hat naemlich, so
+fabeln die Abessinier, unter dem Bauch einen nach hinten zu geoeffneten
+Sack, in welchem das Junge eine Zeit lang lebt und sich dadurch naehrt, dass
+es von Zeit zu Zeit den Kopf aus dem Beutel heraussteckt und auf der Erde
+grast; doch ist es sehr scheu und zieht sich bei dem geringsten Geraeusch
+in seinen Behaelter zurueck. So lebt es wochenlang, bis es zu gross geworden
+und in seinem lebendigen Kerker keinen Platz mehr findet; es springt
+heraus, laeuft davon und sieht seine Mutter nie wieder. Europaeische
+Reisende haben gefunden, dass der abessinische Steinbock in Lebensweise und
+Koerperbildung nicht im mindesten von dem allgemeinen Charakter der Gattung
+abweicht. Von der Ziege (_Hircus aethiopicus_) wird in dem Abschnitte ueber
+die Viehzucht die Rede sein. Sie ist kleiner als unsere Ziege und
+kennzeichnet sich durch kurze Beine, lange, rueckwaerts niedergedrueckte
+Hoerner und sehr langen Bart. Ziegenherden sind durch das ganze Land in
+grosser Zahl verbreitet und namentlich in der Steppe begegnet man ihnen an
+allen Brunnen. In Bezug auf Behendigkeit und Schnelligkeit steht die
+abessinische Ziege kaum der Gazelle nach. Von _Schafen_ werden
+verschiedene Arten gezuechtet. An den Kuesten und in den heissen Steppen
+findet man das arabische _Fettschwanzschaf_, mit schwarzem Kopf,
+ausgezeichnet durch den Mangel der Hoerner und Wolle und einen dicken
+Fettklumpen statt des Schwanzes; das gemeine Schaf der Hochlande (Beg) hat
+braeunliche oder schwarze Wolle; die Galla zuechten eine mit langen weissen
+Haaren versehene Art, deren schwarzgefaerbte Felle eine Lieblingskleidung
+ihrer Haeuptlinge ausmachen. Das Rind Abessiniens ist der _afrikanische
+Buckelochse_ (_Bos africanus_), ausgezeichnet durch schlanken Bau und den
+kleinen Hoecker. Der Berie, wie er in Amhara heisst, ist ein aeusserst
+geschicktes, gewandtes und bewegliches, dabei gutmuethiges und lenksames
+Thier; er bildet den Reichthum des Hirten, dient als Pack- oder Reitthier,
+zieht den einfachen Pflug, drischt durch Austreten das Getreide und wird
+zum Danke fuer alle Liebesdienste schliesslich oft bei lebendigem Leibe
+verzehrt, worueber weiter unten mehr gesagt wird. In einigen suedlichen
+Provinzen lebt der _Sanga_, eine besondere Art, die sich durch gewaltige,
+weit geschwungene Hoerner auszeichnet, aber von nur wenigen Reisenden
+beobachtet wurde. Die Hoerner kommen in den Handel und gelten auch als
+schaetzbares Geschenk. Salt erhielt drei dieser Thiere geschenkt, allein
+sie waren so wild, dass er sie erschiessen lassen musste. Das laengste Horn
+hatte beinahe 4 Fuss und sein Umfang an der Basis betrug 21 Zoll. Stier und
+Kuh, beide tragen diesen Schmuck, sind aber trotz des kolossalen Gehoerns
+nicht groesser als anderes Rindvieh. In der Kolla haust der _wilde Bueffel_
+(_Bos Pegasus_ und _Caffer_), der Gosch der Abessinier, ein unzaehmbarer,
+gefuerchteter Geselle, dessen Jagd zu den gefaehrlichsten Beschaeftigungen
+der Eingeborenen zaehlt. Seine Haut wird blos zur Bereitung von Schildern
+benutzt; ist das Thier bereits ausgewachsen und seine Haut durch Speere
+nicht sehr zerfetzt, so koennen aus einer Haut vier Schilde gemacht werden,
+welche einen Preis von je zwei bis drei Thalern haben. Aus den enormen
+Hoernern dieses Bueffels verfertigt man Trinkbecher.
+
+Aus der Ordnung der Dickhaeuter oder Vielhufer haben wir ein _Rhinozeros_
+(_Rh. africanus_), das Worsisa, anzufuehren, welches die Eigenschaften der
+asiatischen und afrikanischen Art, die Platten und Falten des ersteren mit
+den zwei Hoernern des letzteren vereinigt und aus den Suempfen der Kolla bis
+in die Berge 8000 Fuss hoch aufsteigt. Der _Hippopotamus_ fehlt weder in
+den Seen, noch in den groesseren Fluessen des Landes. Im Allgemeinen meiden
+die Abessinier dieses fuer unrein gehaltene Thier, nur die am Tanasee
+angesiedelten heidnischen Waito beschaeftigen sich mit der Jagd dieses
+"Gomari", indem sie die Thiere mit hoelzernen Lanzen zu verwunden suchen,
+deren Spitzen mit einem Pflanzengift bestrichen sind, durch welches jene
+gewoehnlich nach zwoelf Stunden sterben. Das Fleisch trocknen sie
+grossentheils, um es aufzubewahren, und aus der Haut verfertigen sie kleine
+Reitpeitschen. Eine wahre Landplage ist in Abessinien das haessliche, mit
+grossen Hauern versehene _Warzenschwein_ (_Phacochoerus africanus_), das
+die mit Gebuesch und Gras bewachsenen Ebenen bewohnt, kommt aber auch bis
+zu 9000 Fuss im Gebirge vor. Es lebt aehnlich wie unser europaeisches
+Schwarzwild und geht seiner Nahrung erst nach Sonnenuntergang nach. Die
+Eingeborenen halten es natuerlich fuer unrein und geben sich nicht mit der
+Jagd des Thieres ab, dessen Fleisch einen vortrefflichen Geschmack hat.
+
+Abessinien beherbergt auch ein eigenthuemliches _Nachtschwein_
+(_Nyctochoerus Hassama_), das nach Aussage der Eingeborenen sich
+vorzueglich gern von Aas naehrt. Es hat die Groesse unsrer Wildschweine, ist
+aber gedrungener von Figur, lebt in dichtem Gebuesch und Felsen in einem
+grossen Theile des Landes von 4000 bis 9000 Fuss Meereshoehe, ist scheu, soll
+sich angegriffen wuethend zur Wehre setzen, ruht den Tag ueber in
+undurchdringlichen Verstecken und faellt Nachts verheerend in die Felder
+ein.
+
+Jedenfalls ist unter den Vielhufern der kleinste der interessanteste,
+naemlich der _Klippschliefer_ oder Klippdachs (_Hyrax abessinicus_). Schon
+Bruce erwaehnt, dass dieser Aschkoko unmittelbar in der Naehe der Staedte
+geeignete Felswaende bewohnt und vor den Augen der Menschen sein
+possirliches, an Kaninchen und Murmelthiere erinnerndes Wesen treibt.
+Seine Bewegungen sind ungemein mannichfaltig und grazioes; er versteht
+ausgezeichnet zu klettern, mit dem Kopfe nach oben und unten. Grosse
+Sanftmuth und Aengstlichkeit zeichnen ihn aus, und seine Feinde sind nur
+im Thierreich zu suchen, da er vom Menschen, der ihn gleichfalls fuer
+unrein haelt, nicht verfolgt wird. Sie selbst sind sehr gefraessig und naehren
+sich von Graesern, Kraeutern und Tamarindenzweigen. Wahrscheinlich kommen
+zwei verschiedene Arten vor, die vom Tiefland bis zu 12,000 Fuss Meereshoehe
+aufsteigen.
+
+Heuglin war der erste, welcher die Bemerkung machte, dass der
+Klippschliefer in bestem Einvernehmen mit einer Ichneumon-Art (_Herpestes
+Zebra_) und einer Eidechse (_Stellio cyanogaster_) auf seinen Felsen
+zusammen lebt. Naehert man sich einem solchen Felsen, so erblickt man
+zuerst einzeln oder gruppenweise vertheilt die munteren und possirlichen
+Klippschliefer auf Spitzen und Absaetzen sich gemuethlich sonnend oder mit
+den zierlichen Pfoetchen den Bart kratzend; dazwischen sitzt oder laeuft ein
+behender Ichneumon und am steilen Gestein klettern oft fusslange
+Stellionen. Wird ein Feind der Gesellschaft von dem auf dem erhabensten
+Punkte des Felsbaues als Schildwache aufgestellten Klippdachs bemerkt, so
+richtet sich dieser auf und verwendet keinen Blick mehr von dem fremden
+Gegenstand, aller Augen richten sich nach und nach dahin, dann erfolgt
+ploetzlich ein gellender Pfiff der Wache, und im Nu ist die ganze
+Gesellschaft in den Spalten des Gesteins verschwunden. Untersucht man
+letzteres genauer, so findet man Klippschliefer und Eidechsen vollstaendig
+in die tiefsten Ritzen zurueckgezogen, der Ichneumon dagegen setzt sich in
+Vertheidigungszustand und klaefft zornig den Feind an. Hat dieser sich
+entfernt, so rekognoszirt zunaechst die Eidechse das Terrain, ob Alles
+sicher sei, dann erscheint der Ichneumon und zuletzt, vorsichtig den Kopf
+hervorstreckend, der Klippschliefer. Der Ichneumon, obgleich ein arger
+Raeuber, verkehrt mit ihm in der groessten Eintracht; dagegen ist der Leopard
+sein Hauptfeind, der trotz aller Vorsicht dann und wann einen
+Klippschliefer faengt und mit Ausnahme von Wolle und Magen verspeist.
+Uebrigens werden diese Thiere durch Raben gewarnt, die unablaessig
+schreiend auf den Leoparden stossen, sobald sie seiner ansichtig werden.
+
+ [Illustration: Klippschliefer (_Hyrax abessinicus_).]
+
+Den Beschluss unter den Saeugethieren macht der Riese unter denselben, der
+_Elephant_ (amharisch Sochen). Aus den heissfeuchten Niederungen steigt er
+auf seinen Wanderungen regelmaessig bis hoch ins Gebirge hinauf; Steilungen,
+welche einem Pferde unersteiglich sind, werden von ihm ohne Muehe
+ueberwunden; denn wie ein berechnender Strassenbaumeister geht er zu Werke,
+bedaechtig und verstaendig waehlt er den Weg. Vor allem in den noerdlichen
+Grenzlaendern, in Kunama, Bogos, Mensa ist er haeufig; dort jagt ihn der
+wilde Schankalla, indem er ihm die Flechsen der Hinterbeine durchsaebelt;
+aber Bogos und Mensa, welche das Feuergewehr noch nicht besitzen, lassen
+ihn ungestoert seine Wanderungen machen. Die reiche Natur bietet ihm Alles,
+was er bedarf, in Fuelle, und wenn oben in der Hoehe die Nahrung knapp wird,
+wenn die Wasser sich unter der Thalsohle bergen und der zweimal im Jahre
+eintretende Fruehling, d. h. die Regenzeit, noch fern ist, zieht sich das
+gewaltige Thier nach den wasserreichen Niederungen zurueck. Wie der
+Elephant in Nordabessinien haeufig den Feldern schaedlich wird, so verwuestet
+er im Sueden die Zuckerrohrpflanzungen; da er selten gejagt wird, so steht
+seiner Vermehrung nichts im Wege und der Handel Abessiniens mit Elfenbein
+ist gering.
+
+Nach von Heuglin lebt im Tanasee auch ein manatiartiges Thier, ueber das
+wir jedoch noch keine naehere Kunde haben.
+
+ [Illustration: Afrikanische Bueffel.]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Landschaft in der Provinz Wochni (Westabessinien). Nach
+ v. Heuglin.]
+
+
+
+
+
+ DAS VOLK, SEINE SITTEN UND GEBRAeUCHE, HANDEL UND INDUSTRIE.
+
+
+ Physischer Charakter des Volks. - Die Juden oder Falaschas. -
+ Muhamedaner. - Gamanten. - Heidnische Ueberreste. - Waito. - Die
+ Sprachen Abessiniens. - Literatur und Malerei. - Charakter und
+ Sittenlosigkeit der Abessinier. - Blutrache. - Justiz. -
+ Aberglauben. - Das Verzehren von rohem Fleische. - Nahrungsweise.
+ - Krankheiten und Aerzte. - Kleidung. - Industrie und Handel.
+
+
+Abessinien, von der Natur zur Buehne eines einheitlichen Lebens geschaffen,
+durch seine Felsenwaelle streng abgeschieden von den Nachbarlaendern, ist
+dennoch der Sitz verschiedener Voelkerstaemme und Nationalitaeten, die
+keineswegs immer miteinander harmoniren und auch sprachlich voneinander
+geschieden sind. Einzelne versprengte, angesessene oder spaeter
+eingedrungene Staemme abgerechnet, gehoeren die Abessinier dem aethiopischen
+Zweig der semitischen Rasse an. Die Mehrzahl der Bevoelkerung ist ein
+schoengeformter, mittelgrosser Menschenschlag von hellbraeunlicher bis
+dunkelschwarzbrauner Farbe. Das Charakteristische seines Aeussern besteht
+hauptsaechlich in einem ovalen Gesicht, einer fein zugeschaerften Nase,
+einem wohlproportionirten Munde mit regelmaessigen, nicht im geringsten
+aufgeworfenen Lippen, lebhaften schwarzen Augen, schoen gestellten Zaehnen,
+etwas gelocktem oder auch glattem Haupthaar und einem schwachen krausen
+Barte. Das weibliche Geschlecht zeichnet sich nicht selten durch reizende
+Gesichtszuege, schlanken Bau und aeusserst zierliche und elegante Haende sowie
+Fuesse aus. Negerphysiognomien gewahrt man nur an den eingefuehrten Sklaven
+und deren Nachkommen.
+
+Ehe wir uns jedoch zu dem eigentlichen, sich zum Christenthum bekennenden
+Hauptvolke wenden, muessen wir die verschiedenen, theils durch die
+Religion, theils auch durch ihre Nationalitaet von ihm abweichenden
+Voelkersplitter des Landes betrachten.
+
+Eine gewiss auffaellige Erscheinung in Abessinien sind die dortigen Juden
+oder _Falaschas_, d. h. Wanderer oder Verbannte, die frueher eine
+bedeutende Rolle spielten, aber von ihrer einstigen Hoehe sehr
+herabgesunken sind. Fast alle Reisenden beschaeftigten sich mit ihnen, und
+namentlich waren es die protestantischen Missionaere, die ihnen ihre
+Aufmerksamkeit zuwandten. Gobat gab zunaechst einige Nachrichten von diesem
+Volke, doch bemerkt er, dass die Falaschas so von den Christen abgesondert
+lebten, dass letztere weder von ihrem Glauben noch von ihren Gebraeuchen
+etwas wuessten. Sie haben sich hauptsaechlich in der Gegend von Gondar,
+Tschelga und auf der nordwestlichen Seite des Tanasees niedergelassen. Die
+Falaschas behaupten, ihre Stammvaeter seien schon zur Zeit Salomo's mit
+Koenig Menilek, dem Sohne der Koenigin von Saba, ins Land eingewandert;
+andere unter ihnen meinen, sie seien erst nach dem Sturze Jerusalems von
+den Roemern in die abessinischen Gebirge verjagt worden. Doch unterscheiden
+sie sich von den uebrigen Juden durch ihre Unbekanntschaft mit der
+hebraeischen Sprache und dadurch, dass die endliche Erscheinung des Messias
+fuer sie keinerlei Reiz hat; denn fragt man sie hierueber, so erwidern sie
+kalt, dass sie ihn in der Person eines Eroberers, Theodor genannt, dem auch
+die abessinischen Christen entgegenblicken, in kurzer Zeit erwarteten.
+Dieser Theodor war nun freilich gekommen, aber mit ihm kein Messias fuer
+die Juden. Alle reden die amharische Sprache, unter sich jedoch gebrauchen
+sie eine eigene Mundart (den Koara-Dialekt), welche vom Hebraeischen und
+Abessinischen gleich weit entfernt ist. Gobat bemerkt: "In ihre Wohnungen
+kann kein Christ, ausgenommen mit Gewalt, hineintreten; auch haben die
+Christen nicht grosse Lust dazu, weil sie alle als Zauberer gefuerchtet
+sind. Sie selbst tragen keine Waffen und bedienen sich derselben nicht
+einmal zur Vertheidigung. Fuer ihre Armen wird von ihnen gesorgt und diese
+duerfen nie betteln gehen."
+
+Der Missionaer Stern, ein Hesse von Geburt und zum Christenthum
+uebergetretener Israelit, versuchte mit seinem Collegen Rosenthal, die
+Falaschas zu bekehren, machte jedoch wenig Proselyten, veroeffentlichte
+aber ein Buch ("_Wanderings among the Falashas_"), in welchem wir die
+besten Nachrichten ueber das seltsame Volk finden. Nach ihm ruehmen sich die
+Falaschas, unmittelbar von Abraham, Isaak und Jakob abzustammen und ihr
+altjuedisches Blut rein erhalten zu haben. Mischheirathen mit andern
+Staemmen sind durchaus verboten; ja es gilt schon fuer Suende, das Haus eines
+Andersglaeubigen zu betreten. Wer eine solche Suende begeht, muss sich einer
+Reinigung unterwerfen und ganz frische Kleider anziehen; dann erst darf er
+wieder in seine Wohnung gehen. Diese Ausschliesslichkeit hat uebrigens gute
+Folgen gehabt, denn sie bewahrte die Falaschas vor der Ausschweifung und
+Sittenlosigkeit, welche sonst in Abessinien allgemein sind. Jedermann
+gesteht ein, dass die Falaschas, Frauen wie Maenner, die zehn Gebote streng
+befolgen. Heirathen in frueher Jugend sind bei ihnen nicht gestattet, da
+Maenner erst zwischen dem zwanzigsten und dreissigsten, Maedchen zwischen dem
+fuenfzehnten und zwanzigsten Jahre sich vermaehlen. Ehescheidungen kommen
+nicht vor; Vielweiberei, wie bei den abessinischen Christen, ist nicht
+erlaubt; Frauen und Maedchen gehen unverschleiert frei umher. Die Tempel
+haben wie die christlichen Kirchen drei Abtheilungen; der Eingang liegt
+nach Osten, und auf der Spitze des kegelfoermigen Daches ist allemal ein
+rother Topf angebracht.
+
+Barbarisch ist eine Sitte, welche mit den ueberstrengen Begriffen von
+Reinigung zusammenhaengt. Neben jedem Falaschadorfe befindet sich eine
+"unreine Huette". Dorthin schafft man die Kranken, deren Tod fuer
+unabwendbar gilt und laesst sie verlassen liegen; kein Verwandter darf bei
+ihnen sein und nur Menschen, welche fuer unrein gelten, duerfen sich um sie
+kuemmern. Merkwuerdig erscheint die Thatsache, dass diese abessinischen Juden
+_dem Handel aeusserst abgeneigt sind_ und ihn geradezu verachten. Stern
+schreibt: "Diese Falaschas sind von exemplarischer Sittlichkeit, ungemein
+sauber, sehr andaechtig und glaubensstreng und dabei sehr fleissig und
+thaetig. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht und auch einige Handwerke: man
+findet z. B. unter ihnen Weber, Toepfer und Schmiede. Der Handel gilt ihnen
+fuer unvertraeglich mit dem mosaischen Glauben, und man findet unter dieser
+Viertelmillion Menschen nicht einen einzigen Kaufmann." Es kann bei
+Leuten, welche so abgeschlossen leben, nicht befremden, dass sie alle
+andern Religionen verabscheuen; ohnehin sind sie zumeist von Goetzendienern
+umgeben, und auch die christlich-abessinische Kirche hat in ihrem Verfall
+nichts Anlockendes. Im Aeussern und seinem Typus nach unterscheidet sich
+der Falaschas uebrigens von den andern Abessiniern keineswegs.
+
+Was die oft verfolgten _Muhamedaner_ Abessiniens betrifft, so stehen sie
+in den meisten Beziehungen ueber den einheimischen Christen. Bei dem
+niedrigen Charakter der christlichen Abessinier ist die Regierung oft
+genoethigt gewesen, die verschiedenen Aemter, deren Verwaltung, Treue und
+Redlichkeit erfordert, namentlich Zollaemter, durch Muhamedaner zu
+besetzen. Dieselben wohnen theils zerstreut, theils in ganzen Ortschaften
+angesessen. So besteht der Flecken Takeragiro in der Landschaft Tembien
+nur aus Muhamedanern, deren Frauen sich mit Landwirthschaft und
+Baumwollenspinnen beschaeftigen. Die Maenner sind meist Kaufleute, die im
+Lande umherziehen und eine gewisse praktische Gewandtheit erlangen.
+Arbeitsamkeit zeichnet alle aus und einen weiteren Vorzug vor den Christen
+haben sie dadurch, dass jeder Muhamedaner seine Soehne lesen und schreiben
+lernen laesst, waehrend jene dieses nur dann lernen, wenn sie sich dem
+geistlichen Stande widmen wollen. Der Muhamedanismus nimmt fortwaehrend zu,
+was bei dem versunkenen Zustande des abessinischen Christenthums
+keineswegs zu verwundern ist. Muhamedaner und Christen leben auf gutem
+Fusse miteinander, wenn auch keine der beiden Parteien animalische Speise
+von der andern nimmt, weil die Muhamedaner beim Schlachten des Viehs sich
+der Formel bedienen: "Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen", die Christen
+aber: "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Frueher
+wohl, zu Muhamed Granje's Zeiten, stuermten die Bekenner des Korans mit
+Waffengewalt gegen das christliche Abessinien und wurden zurueckgeschlagen;
+jetzt aber breitet sich der Islam stillschweigend aus, da er den
+christlichen Abessiniern ueberlegen ist. "Er benutzt", sagt Munzinger, "die
+Schwaechen seines uneinigen Gegners, er erringt nur vereinzelte Erfolge und
+dennoch darf man nicht verschweigen, dass er einer steten Zunahme sich
+erfreut. Waehrend er schon halb Afrika beherrscht und immer suedlicher
+dringt, hat er sich wol den dritten Theil der Bevoelkerung des eigentlichen
+Abessinien schon unterworfen und die Grenzen gegen alle Weltgegenden sind
+dem Christenthum jedenfalls fuer immer verloren. Die Galla werden in kurzer
+Zeit alle muhamedanisch sein, die Grenzvoelker im Norden, die Habab und die
+Marea, sind erst in unserer Zeit dem Kreuz abtruennig geworden und die
+Bogos selbst sind kaum zu retten."
+
+Ausser den Muhamedanern und Juden giebt es in Abessinien noch besondere
+religioese Sekten. Zu diesen gehoeren die _Gamanten_, die sich ueber mehrere
+Provinzen des suedlichen und westlichen Abessinien und selbst ueber Schoa
+ausgebreitet haben und als Heiden verachtet werden. Sie glauben nur an
+einen Gott und die Unsterblichkeit; Moses ist ihr von Gott inspirirter
+Prophet, doch erkennen sie kein Religionsbuch an, haben keine Festtage,
+ruhen aber am Sonnabend vom Ackerbau aus. Nach Krapf und Isenberg
+verrichten sie ihre Religionsuebungen im dichtesten Gebuesche, welches kein
+Sonnenstrahl durchdringt. Eine besondere Verehrung zollen sie
+verschiedenen Pflanzen, die zu beschaedigen sie aengstlich vermeiden. Unter
+diesen nimmt die Aloe die erste Stelle ein und zwar deshalb, weil sie
+dieselbe als von einer menschlichen Seele belebt denken und fuer den
+Stammvater des menschlichen Geschlechtes halten. Da die Gamanten keine
+Fasten halten und das auf jede Art geschlachtete Fleisch essen, werden sie
+schon um deswillen von den Juden verachtet. Trotz der Verfolgungen, denen
+sie ausgesetzt sind, leben sie als ruhige, fleissige und bescheidene
+Ackerbauer, von ihren andersglaeubigen Nachbarn durch mancherlei Sitten
+geschieden. So durchbohren z. B. die Frauen nach ihrer ersten Niederkunft
+das Ohr und zwaengen in die Oeffnung nach und nach immer groessere
+Holzpfropfen, die schliesslich einen Durchmesser von drei Zoll und mehr
+erlangen, sodass das Ohrlaeppchen oder jetzt der Ohrlappen bis auf die
+Schulter herabhaengt, wie dies aehnlich bei suedamerikanischen Voelkern
+gefunden wird. Die Sprache der Gamanten, das Koara, ist mit jener der
+einheimischen Juden uebereinstimmend, aus denen sie hervorgegangen sein
+sollen. Aeusserlich zeichnen sie sich durch hohen Wuchs, schlanken ovalen
+Kopf, eine etwas aufwaerts gekruemmte Nase und einen kleinen Mund aus. Sie
+haben schoengelockte, etwas gekraeuselte Haare und grosse lebhafte Augen. Die
+Hauptsitze der Gamanten sind in der Umgebung Gondars, dann in Tschelga,
+Koara und bei Wochni, wo sie speziell die Pflicht haben, die Bergpaesse zu
+hueten. Ackerbau und Viehzucht sind ihre liebste Beschaeftigung,
+gelegentlich auch Strassenraeuberei.
+
+ [Illustration: Schangalla vom Mareb, Zither spielend, und Raucher aus
+ Tigrie. Originalzeichnung von Eduard Zander.]
+
+Spuren vom ehemaligen _Heidenthum_ lassen sich bei den abessinischen
+Christen immer noch erkennen. Rueppell sah z. B., wie im Thale Saheta, in
+der Provinz Haramat, die Frauen der Umgegend sich in grosser Anzahl an eine
+wasserreiche Quelle, welche unter einer schoenen Baumgruppe hervorsprudelt,
+begaben, dort Haende und Fuesse wuschen und sich dann vor einem
+grobbehauenen, mit zwei eifoermigen Vertiefungen versehenen Sandsteinwuerfel
+einige Mal auf die Erde niederwarfen. Rueppell hielt den Stein fuer einen
+Opferaltar, konnte jedoch ueber den Kultus nichts Naeheres erfahren,
+obgleich seine Begleiter erklaerten, es handle sich hier um einen Rest
+heidnischer Abgoetterei.
+
+Eine besondere Sekte, welche den allgemeinen Namen _Waito_ fuehrt und als
+heidnisch verschrieen ist, wohnt rings um den Tanasee. Von den Gamanten
+unterscheiden sie sich dadurch, dass sie keinerlei religioese Ceremonie
+haben. Auch essen sie Wasservoegel, Nilpferdfleisch, wilde Schweine
+u. s. w., was alles ihren Nachbarn als Graeuel erscheint. Sie haben keine
+eigene Sprache, sondern reden das Amharische, wie sie sich denn auch weder
+durch Gesichtszuege, noch durch andere koerperliche Eigenschaften von den
+uebrigen Abessiniern unterscheiden.
+
+Als heidnisch ist noch die _Schlangenverehrung_ zu nennen, die Pearce in
+der Provinz Enderta zu beobachten Gelegenheit hatte, und auch Bruce
+berichtet, dass die _Agows_ (im westlichen Abessinien) in ihren Huetten
+zahme Schlangen aufziehen, denen sie goettliche Verehrung zollen. Ein
+Fremder bemerkt zwischen diesen eigenthuemlichen Menschen und den echten
+Abessiniern keinen grossen Unterschied, ausser dass die Agows im ganzen
+vielleicht ein staerkerer, aber nicht so ruhiger Menschenschlag sind als
+jene. Ihre Sprache jedoch, wie bei den Falaschas und Gamanten das Koara,
+ist durchaus verschieden und klingt sanfter und weniger kraeftig als die
+von Tigrie. Die Agows in der Provinz Avergale werden unter der Benennung
+der Tschertz unterschieden, und das Land, welches sie bewohnen, erstreckt
+sich von Lasta bis an die Grenzen von Schirie. Nach der Sage waren die
+Agows einst Verehrer des Nil, aber im 17. Jahrhundert wurden sie zur
+christlichen Religion bekehrt. Die Agows hegen eine sehr hohe Meinung von
+ihrer ehemaligen Wichtigkeit und behaupten, nur von den Bewohnern
+Tigrie's, sonst niemals, unterjocht worden zu sein. Es ist leicht moeglich,
+dass dieses Volk einen Theil der Urbevoelkerung Abessiniens ausmacht.
+
+Hier muss der Ausdruck _Schangalla_ oder _Schankela_ erwaehnt werden, unter
+dem man sich faelschlicherweise einen besondern Volksstamm im Nordwesten
+Abessiniens vorstellte und worunter man namentlich die Bazen oder Kunama
+verstand. Allein es ist nur ein generischer Name, welcher auf die
+heidnischen, ausserhalb Abessinien wohnenden Voelker, namentlich die Neger
+und Negersklaven, angewandt wird.
+
+Abessinien besitzt gegenwaertig _zwei Hauptsprachen_, die sich wieder in
+mehrere zum semitischen Stamme gehoerige Dialekte trennen. Als
+ausgestorbene (seit wann ist unbekannt) Ursprache gilt die _aethiopische_
+oder das Geez, das zur Zeit der Einfuehrung des Christenthums geredet und
+in welchem alle Buecher abgefasst wurden. Ueber dieselbe hat Hiob Ludolf,
+der sich um die aeltere Kunde Aethiopiens die groessten Verdienste erwarb, im
+Jahre 1691 eine noch heute vielfach mustergiltige Grammatik verfasst.
+Denkmaeler der alten aethiopischen Sprache, in Stein eingegraben, sind an
+verschiedenen Orten des Landes aufgefunden und entziffert worden;
+besonders aber in der alten Koenigsstadt Axum in Tigrie. Auf einem
+Schutthaufen daselbst entdeckte Rueppell drei gleichgrosse Kalksteinplatten,
+jede ueber vier Fuss lang und mit ziemlich wohl erhaltenen aethiopischen
+Lettern bedeckt. Ein abessinischer Geistlicher entzifferte spaeter diese
+Inschriften, und die von ihm veranstaltete Uebersetzung stimmt ziemlich
+mit jener des Professors Roediger in Halle ueberein. Wir geben, um die
+altaethiopischen Schriftzeichen zu zeigen, hier den Anfang der einen Tafel
+wieder, welche von dem Kriegszuge des Koenigs La San nach Magasa handelt,
+von wo er mit grosser Beute heimkehrte:
+
+ [Illustration: Inschrift des Koenigs La San]
+
+Die Uebersetzung lautet:
+
+ 1. La San, Sohn des Siegreichen, des Gottbefreundeten
+ 2. Halen Koenig von Axum und von Hamara
+ 3. und von Raidan, und von Saba, und von Sala-
+ 4. hen, und von Tiamo, und von Bega und von Kas.
+ 5. Der Sohn des Unglaeubigen bisher unbesiegt
+ 6. bekaempfte als Feind; ihr Oberhaupt ward
+ 7. verjagt, das uns unguenstig war, und ihre Tapfern erschlagen;
+ 8. Darauf ergriffen sie die Flucht. Vorher
+ 9. schickten sie aber das Heer; ihr Anfuehrer, der Tapfere
+ 10. zog aus mit Gezelt und dem Anfuehrer der Vornehmsten.
+
+Das Geez hat 26 einfache Buchstaben, denen 6 Vokalzeichen angehaengt
+werden, wozu noch vier Doppellaute kommen. Man liest von links nach rechts
+und jedes Wort wurde vom naechstfolgenden frueher durch einen vertikalen
+Strich, jetzt durch zwei uebereinanderstehende Punkte getrennt. Wie
+bemerkt, ist die Sprache jetzt ausgestorben, doch gilt sie noch als
+Kirchensprache und wird von der Geistlichkeit aufrecht erhalten, welche
+die von Isenberg eingefuehrten, in die modernen Sprachen uebersetzten Bibeln
+als Ketzerwerke erklaerten. An die Stelle des ausgestorbenen Geez traten
+zwei lebende Sprachen, das _Amharische_ und _Tigrische_, von denen das
+erstere in den vom Takazzie suedlich und westlich, das letztere in den von
+diesem Flusse oestlich gelegenen Landschaften geredet wird. Das Amharische,
+das am meisten gesprochen wird, obgleich ein Dialekt des Aethiopischen und
+also semitischen Charakters, hat doch mehr Fremdartiges als seine Mutter-
+oder seine Schwestersprache, das Tigrische, angenommen, welches die groesste
+Aehnlichkeit mit dem alten Geez behalten hat. Das Tigrische ist reich an
+kraeftigen Gutturalen und hat eine Abart in dem Dialekte von Gurague, einer
+suedabessinischen Landschaft; das Amharische dagegen, zur Regierungssprache
+erhoben, hat in der Sprache von Haerraer, oestlich vom Hawaschflusse, eine
+Tochter.
+
+Waehrend die tigrische Sprache nicht geschrieben wird, hat die amharische
+sogar noch 6 Zeichen mehr als das Geez mit sechserlei denselben
+angehaengten Vokalzeichen, wozu noch 4 Diphthongformen kommen. Die
+Charaktere sind wie das ganze Alphabet syllabarisch, naemlich _Schaat_
+lautet in der Form [Aethiopisch: sha] _scha_. [Aethiopisch: shu] ist =
+_schu_ u. s. w. Ebenso wird aus _Tjawi_ in der Form [Aethiopisch: ca]
+(_tja_) durch Hinzufuegung eines kleinen Zeichens in der Mitte rechts
+[Aethiopisch: cu] _tju_, [Aethiopisch: ci] ist _tji_, [Aethiopisch: caa]
+_tja_, [Aethiopisch: cee] _tje_ u. s. w. Die andern fuenf dem Amharischen
+eigenthuemlichen Charaktere sind: _Gnahas_ [Aethiopisch: nya] (_gna_; es ist
+also [Aethiopisch: nyu] _gnu_ und [Aethiopisch: nyee] _gne_ auszusprechen);
+_Chaf_ [Aethiopisch: xwa], _cha_; _Jai_ [Aethiopisch: zha], _ja_
+(franzoesisch auszusprechen); _Djent_ [Aethiopisch: ja], _dja_ und _Tschait_
+[Aethiopisch: cha], _tscha_. Das Aethiopische und Amharische wird von der
+Linken zur Rechten gelesen. Wenn _sakaja_, anklagen, geschrieben wird
+[Aethiopisch: sa][Aethiopisch: xwa][Aethiopisch: ya], so bezeichnet also das
+dem grossen _P_ im Lateinischen gleichende Zeichen die Silbe _ja_ und man
+wird sofort einsehen, dass [Aethiopisch: yu] wieder _ju_, [Aethiopisch: yaa]
+_ja_ ist.
+
+Als untergeordnete Dialekte muessen noch erwaehnt werden, das Baze-Tigre
+(nicht zu verwechseln mit dem Tigrischen oder Tigrenja), die in der
+Samhara und weiter noerdlich herrschende Sprache, das erwaehnte Idiom der
+Falascha oder Juden, der Gamanten und Agows, die den Koara-Dialekt
+(Hauaraza) sprechen, und die Sprache der Gallastaemme im Sueden von Habesch,
+ueber die weiter unten mehr gesagt wird.
+
+Soviel ueber die Sprachen des Landes. Von einer _Literatur_, welche das
+ganze Volk durchdringt, kann keine Rede sein, zumal Lesen und Schreiben
+ein Privilegium der hoeher gestellten Klassen, namentlich der Geistlichkeit
+ist. In frueheren Zeiten war die geistige Regsamkeit in Abessinien eine
+ungleich ruehrigere als heutzutage, und aus jenen Perioden stammen auch die
+meisten Buecher, Chroniken und Bibelabschriften, von denen aber viel im
+Laufe der Kriege verloren gegangen ist. Alle abessinischen Manuskripte
+sind auf Pergament geschrieben und zwar meistentheils recht sauber und
+elegant. Die Linien laufen ganz symmetrisch miteinander parallel und auf
+der ersten Seite, sowie am Anfange jedes Kapitels sind immer die Zeilen
+abwechselnd mit rother und schwarzer Tinte geschrieben. Zum Schreiben
+bedient man sich eines zugespitzten Rohrhalmes. Haeufig sind kolorirte
+Vignetten in den Text angebracht, die in aelterer Zeit weit schoener als
+jetzt gemalt wurden. Viel Sorgfalt verwendet man auf die Ledereinbaende, in
+welche man mit heissen Eisen zierliche Arabesken einbrennt. Die Art und
+Weise, wie die Geistlichkeit mit den seltensten alten Werken umgeht, ist
+geradezu barbarisch; sie verschleudert sie oft um einen Spottpreis oder
+laesst sie verschimmeln. Durch die Bemuehungen der deutschen Missionaere,
+namentlich des wackeren Isenberg, sind in London auch mehrere Buecher in
+amharischer Sprache gedruckt worden, darunter eine vollstaendige
+Bibeluebersetzung, eine kleine Geographie und ein Abriss der Weltgeschichte.
+Obgleich man diese zu Tausenden verbreitet hat, so haben sie dennoch
+keinen Nutzen gestiftet, da die den Missionaeren feindlich gesinnte
+abessinische Geistlichkeit den Gebrauch hinderte und die Werke
+vernichtete. So liegen sie da als ein Werk deutschen Fleisses, ohne
+lebendige Anwendung zu finden.
+
+ [Illustration: St. Georg (aus einem abessinischen Manuskripte). Nach
+ Harris.]
+
+Nach Krapf umfasst die ganze abessinische Literatur 130 bis 150 Werke, von
+denen viele nur Uebersetzungen der griechischen Kirchenvaeter sind. Die
+saemmtlichen Buecher werden in vier Sektionen oder Gabaioch getheilt, deren
+erste das Alte, deren zweite das Neue Testament allein ausmacht. Die
+dritte enthaelt juristische Schriften, wie das Gesetzbuch, den Chrysostomus
+u. s. w., die vierte endlich besteht aus Moenchsschriften und dem Leben der
+Heiligen. Die grossen Sammlungen von aethiopischen und amharischen
+Schriften, welche die Gebrueder d'Abbadie nach Frankreich, Rueppell nach
+Frankfurt, Krapf nach Tuebingen brachten, lassen uns jetzt einen tiefen
+Einblick in das Schriftthum jenes abgelegenen christlichen Volks thun. Da
+finden wir "den Glauben der Vaeter" (_Haimanot Abau_), eine Dogmensammlung
+der abessinischen Kirche, das Leben des Koenigs Lalibela (_Gadela
+Lalibela_), der im 13. Jahrhundert nach dem Untergange der Judendynastie
+lebte, die Biographie Tekla Haimanot's, eine Menge wichtiger Chroniken
+u. s. w.
+
+Die Art und Weise, wie die Abessinier ihre Gemaelde entwerfen, die oft auch
+die Pergamentmanuskripte schmuecken, beschreibt Salt. Der Maler machte
+zunaechst einen genauen Entwurf seiner Zeichnung mit Kohle und ueberzog
+denselben dann mit Tusche. Der Gegenstand stellte zwei abessinische Reiter
+im Kampfe mit den Galla dar; die Kleider der Krieger, das Geschirr der
+Pferde, der Gesichtscharakter waren getreu nachgeahmt. Die Abessinier
+vergroessern in ihren Gemaelden auf eine besondere Art das Auge und zeichnen
+die Figuren _en face_; nur Juden, Teufel u. s. w. werden im Profil gemalt.
+Die Farben sind aeusserst grell: Gruen, Roth, Blau und Gelb herrschen vor.
+
+ --------------
+
+Wenden wir uns nun zur Betrachtung des _Charakters der Abessinier_, so
+treffen wir hier auf sehr widersprechende Urtheile, doch kann im
+allgemeinen behauptet werden, dass derselbe nach unsern europaeischen
+Begriffen ein keineswegs vorzueglicher ist. Waehrend z. B. Munzinger und
+Heuglin dem Volke mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sind die Urtheile
+von Bruce, Rueppell, Krapf, Isenberg sehr herbe, und auch im eigenen Lande
+giebt es Leute genug, welche in die Verdammung einstimmen. Dahin gehoerten
+vor allem der Koenig Theodoros II. selbst und der im Jahre 1867 gestorbene
+Abuna (Erzbischof). Einzelne vorzuegliche, durch Liebenswuerdigkeit, edlen
+Charakter und Gelehrsamkeit ausgezeichnete Persoenlichkeiten hat es jedoch
+immer gegeben und sie beweisen, dass in dem befaehigten Volke noch nicht
+alle besseren Eigenschaften eingeschlummert sind. Der hoechste Kirchenfuerst
+des Landes, allerdings ein Auslaender, von dem selbst kein sehr
+erfreuliches Bild entworfen wird, schrieb 1843 an Isenberg: "Die
+Abessinier sind ein Volk, das weder nach Erkenntniss verlangt, noch Liebe
+zum Lernen zeigt, noch auch begreifen kann, dass Sie sein Bestes suchen.
+Was es will, ist, dass Sie ihm von Ihrer Habe mittheilen, nichts anderes.
+Wie kurz oder wie lange Sie sich auch in Abessinien aufgehalten haben
+moegen - koennen Sie immer noch glauben, dass die Abessinier seien wie andere
+Menschen, welche lernbegierig sind und nach Erkenntniss verlangen?"
+Isenberg selbst ist von dem Volke keineswegs erbaut und hatte bei der ihm
+widerfahrenen Behandlung auch wenig Ursache hierzu. Rueppell, ein sehr
+nuechterner Beobachter, fasst sein Urtheil folgendermassen zusammen: "Die
+Hauptzuege des moralischen Charakters der Abessinier sind: Indolenz,
+Trunkenheit, Leichtsinn, ein hoher Grad von Ausschweifung, Treulosigkeit,
+Hang zum Diebstahl, Aberglaube, dummstolze Selbstsucht, grosse Gewandtheit
+im Verstellen, Undankbarkeit, Unverschaemtheit im Fordern von Geschenken
+und eine des spruechwoertlichen Gebrauches wuerdige Luegenhaftigkeit."
+Mildernd setzt er hinzu: "In der Regel ist ihnen uebrigens ein leutseliges,
+ungezwungenes Betragen eigen, weshalb eine oberflaechliche Beurtheilung zu
+ihren Gunsten ausfaellt." Dann weiter: "Zur Erregung eines bessern
+moralischen Gefuehls traegt gar nichts in ihrem Leben bei, und ich muss
+durchaus dem beistimmen, was der Missionaer S. Gobat als das Resultat eines
+beinahe einjaehrigen Aufenthalts in Gondar ueber den sittlichen Zustand
+dieser Stadt ausspricht, naemlich: "Alle Abessinier, wenn sie keine
+Regierungsgewalt zu fuerchten haben, treiben das Raeuberhandwerk. Ich kenne
+die Abessinier zu gut, als dass ich einen grossen Werth auf ihre suessen Worte
+legen sollte. Ich bin traurig und niedergeschlagen, weil es mir vorkommt,
+als sei jeder Rettungsversuch vergeblich."" Rueppell fuehrt eine Menge diese
+Aussprueche charakterisirende Einzelheiten an, welche allerdings schlagende
+Illustrationen bilden; allen Staenden schreibt er gleich grosse Rohheit zu.
+Auch die Traegheit der Abessinier ist unglaublich. Jeder Ackerbautreibende
+bestellt nicht mehr Feld, als fuer den Bedarf seiner Familie noethig ist,
+und an ein Aufspeichern von Vorraethen ist nicht zu denken. Jede Art von
+Handarbeit halten sie fuer etwas Entehrendes, und daher kommt es denn, dass
+fast die ganze Industrie des Landes in den Haenden der Muhamedaner und
+Juden ist. Betrug im Handel, Verfaelschung der Waaren sind gang und gaebe.
+
+Alledem gegenueber klingt als Lobrede, was Werner Munzinger, allerdings
+einer der ersten Kenner des Landes und Volkes, sagt: "Ueber dieses Land
+darf ich wohl reden, denn auch sein Mensch steht uns kaum so fern. Er
+denkt, er traeumt, er liebt und hasst ja auch; er fuehlt wie wir, nur roher
+und oft viel natuerlicher und freimuethiger. Soll denn das schwarze Gesicht
+immer ein schwarzes Herz bergen? Auch dort findest du mitleidige Herzen!
+Wenn der schneidende Abendwind dichte Nebel auf die Hochebene hinabregnet,
+da kann der Wegfahrer getrost anklopfen und auch des erfrorenen Bettlers
+harrt ein freundlicher Gruss, ein froehlich loderndes Feuer und ein warmes,
+in Milch eingebrocktes Brot. Auch dort giebt es Ritter, Beschuetzer der
+Frauen und Schwachen. Der Misshandelte findet seinen Advokaten. Auch
+Freunde kannst du erwerben, wenn auch nicht schnell, die am Tage der
+Gefahr dich beschirmen. Treue Liebe, glueckliche Gatten sind nicht selten,
+und wie oft folgt die trauernde Gattin ihrem Herrn freiwillig in den
+fruehen Tod! Du siehst in Hungersnoethen die Mutter mit hohlen Wangen, die
+Kinder frisch und munter, denn das letzte Brot spart sie fuer ihre Lieben
+auf. Unermuedet wacht die Gattin bei ihrem kranken Manne. Brave Soehne
+opfern jahrelange Arbeit, um ihrem alten Vater sorgenfreie Tage zu
+bereiten, Gefuehl fehlt nicht und auch nicht Muth und Frohsinn; sie singen
+und tanzen die sternenhelle Nacht durch; Rhapsodien loben den Helden, den
+Loewentoedter, den Menschenbezwinger. Freude und Leid wird ausgesungen; das
+Lied dient auch der Klage, es begleitet die Arbeit, es bejubelt die
+Hochzeit." Im grellen Gegensatz steht - gegenueber fast allen andern
+Berichten - was Munzinger hier ueber die ehelichen Verhaeltnisse bemerkt,
+und es scheint uns fast, als sei wenigstens hier ein rosiger Schimmer ueber
+seine Darstellungen ausgebreitet.
+
+Hier muss erwaehnt werden, dass die _Blutrache_ in ganz Abessinien allgemein
+herrscht und dass eine ausgebreitete und maechtige Verwandtschaft daher als
+ein sehr bedeutendes Schutzmittel gilt. Zu Isenberg kam einst eine Frau in
+der groessten Angst gelaufen mit der Bitte, er moege fuer ihren Mann beten,
+der am Morgen ohne Begleitung und ohne Waffen ausgegangen sei; dies habe
+sein ihm feindlicher Vetter benutzt, um ihm bewaffnet zu folgen. "Wir
+erfuhren, dass diese Feindschaft zwischen den beiden Vettern von ihren
+Vaetern herruehrt, die einander in toedtlicher Feindschaft umgebracht haben
+sollen. Auch die Vettern haben in ihren Streitigkeiten schon zehn ihrer
+Leute verloren." Salt lernte einen jungen Haeuptling (Schum) Namens
+Schelika Negusta kennen, der einen Feind im Zweikampfe erschlagen hatte.
+Mehrere maechtige Verwandte des Gebliebenen bemaechtigten sich seiner Person
+und fuehrten ihn vor den Ras, welcher ihn nach dem Gesetze zum Tode
+verdammte und zwar wurde er nach mosaischem Gebrauch den Verwandten des
+Ermordeten uebergeben, damit diese nach Gefallen mit ihm umgehen moechten.
+Gewoehnlich wird bei solchen Gelegenheiten der Thaeter nach dem Markte
+gefuehrt und dort zu Tode gespeert, und so sollte es auch dem Schelika
+Negusta ergehen, als die Osoro's (Prinzessinnen), von seiner Schoenheit
+geruehrt, sich hinter die Geistlichkeit steckten und durch deren
+Banndrohungen es vermochten, dass der der Blutrache Geweihte gegen eine
+hohe Geldsumme freigegeben wurde.
+
+Die _Justiz_ wird in Abessinien ungemein willkuerlich gehandhabt. Ein
+oberster Gerichtshof hatte in der Residenz seinen Sitz und entschied in
+weltlichen Angelegenheiten als letzte Instanz. Bezueglich der Todesurtheile
+steht dem Koenige die Entscheidung zu. Dieser haelt woechentlich mehrere Mal
+oeffentliche Audienz in seinem Palaste, wobei Jedermann Zutritt hat. Hier
+laesst er sich Klagen und Vertheidigung vortragen, verhoert die vorgeladenen
+Zeugen und giebt nach Berathung mit den Gerichtsbeisitzern seinen Spruch
+ab, dem jedoch die ausuebende Kraft fehlt und der daher mehr als Gutachten
+angesehen werden muss. Ist der Koenig verreist, so waehlen sich die Parteien
+selbst ihren Schiedsrichter. In den Provinzen entscheidet der Gouverneur
+und zwar gleichfalls oeffentlich, in der Regel auf einem Huegel in der Naehe
+der Stadt. Rueppell wohnte einer solchen Gerichtssitzung zu Angetkat in
+Semien bei. Der Gouverneur sass auf einem Flechtstuhle und ringsumher lagen
+die Zuhoerer im feuchten Grase. Es handelte sich um eine Ehescheidung, bei
+der sowol Mann wie Frau ihre Sache persoenlich vortrugen und zwar beide mit
+vieler natuerlicher Beredsamkeit. Die Umstehenden sprachen fortwaehrend laut
+dazwischen und machten ihre Bemerkungen ueber den Gang der Unterhandlungen.
+Endlich ward Ruhe geboten und der Gouverneur verkuendigte das Urtheil,
+worauf er beide Parteien mit einem "Marsch!" entliess.
+
+Bei diesen Verhandlungen wird das geschriebene Gesetzbuch Abessiniens, das
+_Feta Negust_ (die Richtschnur des Koenigs) nur selten angewandt, da man es
+meist nur bei verwickelten Rechtsfaellen zu Rathe zieht. Es soll angeblich
+unter Konstantin dem Grossen durch die auf dem Konzil zu Nicaea versammelten
+Kirchenvaeter zusammengestellt worden sein. Das Feta Negust besteht aus
+zwei Abtheilungen, von welchen die eine das kanonische, die andere das
+buergerliche Recht behandelt; beide zusammen haben 51 Unterabtheilungen.
+Die 22 Paragraphen des kanonischen Rechts handeln von der
+Rechtglaeubigkeit, der Geistlichkeit, der Kirche, der Verwaltung von deren
+Eigenthum, vom Gottesdienst, den Feiertagen, der Ketzerei u. s. w.; die 29
+Paragraphen des buergerlichen Rechtes von der Dienstbarkeit, der Ehe, dem
+Wucher, Erbschaft, Kauf, Zeugnissen, gefundenen Sachen, Grundeigenthum,
+Todtschlag, Diebstahl, Strafen u. s. w. Interessant ist die von Rueppell
+nicht ohne Grund ausgesprochene Ansicht, dass als Verfasser dieses
+Gesetzbuches vielleicht der protestantische deutsche Missionaer _Pater
+Heyling von Luebeck_ anzusehen sei, der im Jahre 1634 nach Abessinien kam.
+
+Alle Gesetze jedoch, so gut sie sein moegen, hindern das Volk nicht in
+seinem faulen, zuegellosen und namentlich in geschlechtlicher Beziehung
+ausserordentlich liederlichen Lebenswandel fortzufahren, und die zahlreiche
+Geistlichkeit thut nicht das Geringste, um dem wuesten Treiben Einhalt zu
+thun, ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran. Da kann es denn, wo fuer
+Aufklaerung und Schulen so gut wie gar nicht gesorgt wird, nicht Wunder
+nehmen, dass unter diesen Christen die abenteuerlichsten Vorstellungen und
+der seltsamste Aberglaube im Schwunge ist.
+
+Nach den aberglaeubigen Ansichten der Abessinier hat jeder Moench, jeder
+Einsiedler, jeder Zwerg die Faehigkeit, in die Zukunft schauen und
+weissagen zu koennen. Geschriebene _Talismane_ werden unter die Saat
+gemischt, damit sie gut keime, und kein Abessinier besteigt sein
+Maulthier, ohne sich vorher mit einer solchen Papierruestung versehen zu
+haben, die ihn angeblich stich- und kugelfest machen soll. Amulete spielen
+derart eine grosse Rolle und schuetzen den Inhaber gegen jede vorhergesehene
+oder unvorhergesehene Gefahr. Der _Tulsim_, ein Guertel, an dem kleine
+Ledertaeschchen haengen, enthaelt diese schuetzenden Papierschnitzel, welche
+Maenner, Weiber, Kinder tragen und die selbst der Koenig fuer unentbehrlich
+haelt. Auch uebt der Einfluss des boesen Auges eine grosse Macht auf alle
+Abessinier aus; boese Geister durchschwaermen nach ihrer Vorstellung die
+Erde und das Wasser. Haeufig wendet man das _Besa_ oder Krankenopfer an,
+indem man unter Singen und Schreien um das Lager des Patienten einen
+Ochsen treibt und denselben dann vor dem Hause schlachtet. Kein Abessinier
+wird an einem Sonnabend oder Sonntag eine Schlange zu toedten wagen, weil
+an diesen Tagen jene Thiere als ein glueckverheissendes Omen erscheinen.
+Uebereinstimmend mit den heidnischen Galla bringen die Christen im Juni
+dem _Sar_ (boesen Geiste) Dankopfer dar, obgleich dieser Goetzendienst durch
+Verordnungen aufs strengste untersagt ist. Drei Maenner und eine Frau, die
+mit dem Boesen in Verbindung stehen, versammeln sich dann, um in einem
+frisch ausgekehrten Hause die Ceremonie vorzunehmen; eine ingwerfarbige
+Henne, eine roethliche Gais oder ein Ziegenbock mit weissem Halsringe werden
+geopfert und das Blut der Thiere, mit Fett und Butter gemischt, waehrend
+der Nacht auf einen engen Pfad gesprengt, damit alle Daruebergehenden das
+Uebel des Kranken an sich nehmen, zu dessen Gunsten das Opfer dem Sar
+dargebracht wurde.
+
+Das Aechzen der Wassernixen hoert der aberglaeubige Abessinier in jedem
+Wasserfall, und der Unglueckliche, welcher im ploetzlich angeschwollenen
+Wildbache ertrinkt, wird als Speise der boesen Wassergeister angesehen.
+Verschiedene Pflanzen und Kraeuter besitzen zauberische Eigenschaften, so
+ein Gras (Fegain), das, heimlich auf den Gegner geworfen, diesem Krankheit
+und schleunigen Tod bringt. Zauberer und Sterndeuter, durchaus keine
+seltenen Erscheinungen in Abessinien, erreichen nach der Volksmeinung das
+anstaendige Alter von vier- oder fuenfhundert Jahren; sie fliegen mit der
+Windsbraut durch das ganze Land, erscheinen ploetzlich und ungesehen in der
+schmausenden Gesellschaft und nehmen ihr die leckersten Fleischbissen vor
+der Nase weg.
+
+Vor dem sterblichen Auge verborgen liegt irgendwo im Lande das zauberhafte
+Dorf _Duka Stephanos_, ein Paradies auf Erden, das, alle irdischen und
+himmlischen Freuden in sich vereinigend, die Sehnsucht des wunderliebenden
+Volkes im hohen Grade erregt. Seine grasigen Auen und praechtigen Waelder
+laden zum suessen Schlummer ein, und am heitern Ufer des Nil, der seine
+blauen Fluten durch die praechtige Landschaft rollt, wandern die schoensten
+Weiber. Dort fliessen die koestlichsten Getraenke in nimmer versiechendem
+Strome, und die Erde bringt saftige Fruechte in unendlicher Fuelle ohne
+Arbeit hervor. Doch in zauberische Nebel verhuellt, oeffnet dieses Elysium
+seine Pforten nur Menschen von untadelhaft schoenem Aeussern, die das
+Wohlgefallen der Bewohner von Duka Stephanos erregten.
+
+ [Illustration: Eine Lima-Galla, Baumwolle schnellend. Zeichnung von E.
+ Zander.]
+
+_Zwerge_ werden mit einem gewissen Respekt behandelt und sind Gegenstaende
+der Furcht; viele unter ihnen sind gerade die gelehrtesten Leute des
+Landes. So war der Beichtvater Sahela Selassie's, des Koenigs von Schoa,
+ein wahrer Asmodeus in seiner Erscheinung, doch dabei ein liebenswuerdiger
+und ungemein weiser Mann, der sich vor seinen Landsleuten in geistiger
+Beziehung bedeutend auszeichnete. Auch die Grossen des Landes waehlen sich
+gern missgestaltete und zwerghafte Leute zu Sekretaeren.
+
+Ganz besonders mit uebernatuerlichen Kraeften ausgestattet erscheint aber der
+_Grobschmied oder Budak_, da er sich nach Belieben in einen Wolf oder eine
+Hyaene zu verwandeln und Menschenfleisch zu fressen vermag. Dem boesen
+Blicke eines Schmiedes wird gewoehnlich Krankheit und Unglueck
+zugeschrieben. Hailo, der Vater Ubie's, des frueheren Herrschers von
+Tigrie, gab einst Befehl, alle Schmiede, die in seinem Reiche wohnten,
+niederzumachen, um weiteres Unglueck zu verhueten. Ueberall bluteten die
+unschuldigen Opfer, dem Manne aber, der dieses aberglaeubige Werk
+vollbracht, jubelten dankbar die Herzen des Volkes zu, das sich von einem
+Alp befreit glaubte. Nicht weniger als 1300 der nuetzlichen Eisenarbeiter
+sollen damals (zu Anfang dieses Jahrhunderts) ihr Leben auf diese grausame
+Art verloren haben. So berichtet wenigstens Harris, dem wir hier gefolgt
+sind. Indessen genuegt die Gegenwart irgend eines christlichen Emblems oder
+der Heiligen Schrift, um die ueblen Wirkungen der Schmiede zu
+neutralisiren. Kein Metall kann in Gegenwart des Kreuzes geschweisst
+werden. Als die britische Gesandtschaft in Schoa war, muehten sich ein paar
+eingeborene Schmiede mit ihren kleinen Blasebaelgen vergeblich ab, einen
+Reifen um das Rad einer Kanonenlaffete zu schmieden. Sie erklaerten nun,
+dass die Gegenwart irgend eines Theils der Heiligen Schrift ihrem Geschaefte
+hinderlich sei. Schnell warfen alle Anwesenden ihre Amulete weg; die
+Blasebaelge arbeiteten von Neuem, aber das Metall war nicht in Fluss zu
+bringen. Nun wurden englische Blasebaelge gebracht, und als die Funken vor
+der Windroehre davon spruehten, war das Eisen in fuenf Minuten weissgluehend
+und der Reif aufgeschweisst. Die einheimischen Magier baten aber,
+dergleichen Proben in Zukunft zu unterlassen, da sonst ihr Ansehen
+verloren ginge!
+
+ [Illustration: Abessinierin, Baumwolle spinnend. Zeichnung von E.
+ Zander.]
+
+Da der Handel grossentheils in den Haenden der Muhamedaner, die
+Gewerbthaetigkeit meistens bei den Juden ist, so bleiben fuer den
+christlichen Abessinier das Kriegshandwerk, die Geistlichkeit, Jagd,
+Ackerbau und Viehzucht als Erwerbszweige uebrig.
+
+In der wildreichen Kola, die mit ihren grasreichen Niederungen den
+Elephanten, Bueffeln und Antilopen ein willkommener Aufenthalt ist, tritt
+uns der Eingeborene oft als kuehner _Jaeger_ entgegen. In den meisten Huetten
+der Kola von Eremetschoho fand Rueppell getrocknete Elephantenruessel oder
+die Schweife von Bueffeln, welche als Zeichen des persoenlichen Muthes
+aufbewahrt wurden. Als einzige Waffe dient den Riesen der Wildniss
+gegenueber der Speer. Doch ist im Allgemeinen die Jagd nur ein
+nebensaechlicher Erwerbszweig.
+
+Der Abessinier der Hochlande dagegen ist vorzugsweise _Ackerbauer_ und
+_Viehzuechter_, und nach den Produkten dieser Thaetigkeit richtet sich auch
+seine Nahrungsweise. Die Nachricht, dass die Abessinier grosse Freunde rohen
+Fleisches (_Brundo_) seien, drang zuerst durch Bruce nach Europa. Man
+glaubte ihm jedoch nicht, bis dann spaetere Reisende Alles bestaetigten, was
+er erzaehlt hatte. Bruce berichtete, dass, wenn die Gesellschaft zum Essen
+versammelt gewesen sei, man eine Kuh oder einen Ochsen vor die Huette
+gefuehrt habe. Man bindet dem Thiere die Fuesse, macht unten am Halse in die
+Haut einen Einschnitt bis an das Fett und laesst fuenf bis sechs Tropfen Blut
+auf die Erde fallen. Dieses geschieht, um das Gesetz zu beobachten. Dann
+fallen einige Leute ueber das Thier her, ziehen ihm die Haut vom Koerper bis
+in die Mitte der Rippen ab und schneiden aus den Hintervierteln dicke
+viereckige Stuecke Fleisch heraus. Das schreckliche Gebruell des
+ungluecklichen Thieres ist ein Zeichen fuer die Gesellschaft, sich zu Tische
+zu setzen. Statt der Teller legt man jedem Gaste runde Tiefkuchen vor, die
+als Zuspeise und Serviette zugleich dienen. Herein treten zwei oder drei
+Diener mit viereckigen Stuecken Rindfleisch, welches sie in den blossen
+Haenden tragen; sie legen dasselbe auf Tiefkuchen; der Tisch ist ohne
+Tafeltuch. Die Gaeste halten schon ihre Messer bereit. Jeder Mann schneidet
+mit seinem krummen Saebelmesser kleine Stuecken Fleisch herunter, in welchen
+man noch die Bewegung der Fasern, das Leben, wahrnimmt. In Abessinien
+speist sich kein Mann selbst und ruehrt seine Kost nicht an. Die
+Frauenzimmer nehmen diese Stuecken und schneiden sie erst in Streifen von
+der Dicke eines kleinen Fingers und dann in Wuerfel. Diese legt man auf ein
+Stueck Tiefbrot, das stark mit Pfeffer und Salz bestreut ist und wie eine
+Rolle zusammengewickelt wird. Dann steckt der Mann sein Messer ein, setzt
+beide Haende auf die Kniee seiner Nachbarinnen und wendet sich mit
+vorgebeugtem Leibe, gesenktem Kopfe und aufgesperrtem Maule zu derjenigen
+Nachbarin, welche die Rolle zuerst fertig hat. Diese stopft ihm das ganze
+Stueck in den Mund, der davon so voll wird, dass der Mann in Gefahr geraeth
+zu ersticken. Je vornehmer der Mann, um so groesser ist das Stueck, und es
+wird fuer sehr fein gehalten, wenn er beim Essen recht stark schmatzt.
+
+Wie gesagt, dieses Verzehren von rohem Beefsteak erregte in England
+allgemeines Aufsehen und Bruce stand als Luegner gebrandmarkt da. Hoeren wir
+nun, was spaetere Reisende ueber diesen Gegenstand berichten. _Salt_, der
+mehr als dreissig Jahre spaeter in Abessinien war, bezuechtigte Bruce der
+Unwahrheit, indem er erzaehle, es sei _Gewohnheit_ bei den Abessiniern,
+sich am Fleische noch lebender Thiere nach Art des Polyphem zu ergoetzen;
+doch stellt er keineswegs in Abrede, dass rohes Fleisch, je frischer, je
+lieber, ihr groesster Leckerbissen sei. Rueppell (1832) berichtet an mehr als
+einer Stelle seines Reisewerkes, wie er gesehen habe, dass die Leute _noch
+zuckendes_ Fleisch genossen haetten. Er sagt: "Dasjenige Fleisch, welches
+noch seine natuerliche Waerme hat und bei dem die Muskelfasern noch unter
+dem Messerschnitte zucken, gilt fuer einen besondern Leckerbissen. Das
+Fleisch wird von den Abessiniern meistens roh verzehrt, wiewol in den von
+mir bereisten Provinzen jetzt nie anders, als nachdem das geschlachtete
+Thier ausgeblutet hat. Der barbarische Gebrauch, Stuecke Fleisch von einem
+noch lebenden Thiere herauszuschneiden, welchen Bruce beschrieben hat, mag
+zur Zeit seines Aufenthaltes in Gondar stattgefunden haben, ist aber
+sicherlich dort in neuerer Zeit nicht mehr etwas Gewoehnliches. Dass
+derselbe indessen in andern Gegenden Abessiniens auch jetzt noch zuweilen
+vorkommt, behaupte ich trotz des Widerspruchs Salt's und der ganz
+grundlosen Kritiken, welche die Franzosen Combes und Tamisier ueber Bruce
+veroeffentlichten." Der Missionaer Isenberg (1843) bezweifelt dagegen wieder
+die allgemeine Richtigkeit der Angabe von Bruce und stellt jene Thatsache
+als Aushuelfe in Nothfaellen hin, "wo z. B. auf einem Marsche befindliche
+Soldaten in gewisser Entfernung von ihrem Lagerplatz, wenn sie der Hunger
+ereile, dem Vieh, welches sie vor sich hertreiben, ein Stueck Fleisch aus
+dem Hinterviertel herausschneiden und verzehren, die leere Stelle mit Heu
+oder anderm Material ausfuellen, die abgeloeste Haut wieder darueberziehen
+und dann das Thier bis zu ihrem Lagerplatz treiben, wo seinem Leben ein
+Ende gemacht werde." Entscheidend moechte jedoch Folgendes sein.
+
+Als der Reisende _Apel_ im Januar 1865 zu Wochni gefangen genommen und
+nach Gondar geschleppt wurde, setzte man ihn auf ein Pferd, das vermittels
+eines Seiles von etwa 3 Ellen Laenge an dasjenige eines ungeheuren
+Abessiniers befestigt war. "Auf diesem Ritt von Wochni nach Gondar habe
+ich mit eigenen Augen das gesehen, was von Bruce so standhaft behauptet
+und von der unglaeubigen Civilisation bestritten wurde, - naemlich das
+_Herausschneiden des Fleisches von noch lebenden Thieren_ und das Geniessen
+desselben, waehrend das Thier noch im Todeskampfe liegt. Es wurden ihm von
+den Christen die Fuesse gebunden, es fiel auf die Seite, und alsbald schnitt
+man ihm Stuecke Fleisches aus dem Rumpfe, welche, noch zuckend von der
+Muskelbewegung, gierig von den Christen verschlungen wurden. Das Thier
+verblutete und blieb dann eine Beute der Schakale. Mir wurde ein blutiges
+zuckendes Stueck Fleisch zugeworfen und ich habe, so widerwaertig mir das
+Ganze auch war, doch den groessten Theil desselben verzehrt, so arg hatte
+mich der Hunger mitgenommen, denn seit zwei Tagen hatte ich nichts
+genossen. Dieselbe Kost wurde mir waehrend der ganzen Reise angeboten."
+Krapf endlich sah in Schoa, wie Soldaten einem lebendigen Schafe ein Bein
+abschnitten, das Thier nicht toedteten und das rohe Fleisch vom Knochen
+sogleich abnagten!
+
+Nicht viel weniger widerwaertig ist die Art und Weise, wie die Abessinier
+ihr uebriges Fleisch zubereiten und ueberhaupt ihre Nahrung zu sich nehmen,
+sodass man bei ihnen wol vom "Fressen" sprechen kann.
+
+Schafe und Ziegen werden in Gegenwart der Gaeste geschlachtet und
+abgehaeutet, dann die noch zuckenden Glieder etwa fuenf Minuten ueber ein
+Flammenfeuer gehalten und die aeusserste Lage Fleisch, die kaum durchroestet
+ist, mit Brotkuchen und reichlicher Pfeffersauce genossen. Salz wird in
+langen, gewundenen Antilopenhoernern umhergereicht. Waehrend des Essens
+selbst wird nicht getrunken, unmittelbar nach demselben gehen jedoch
+Glasflaschen, sogenannte Berille, mit gegohrenem Honigwasser herum. Der
+Ueberbringer desselben giesst dabei, indem er eine Flasche darreicht, eine
+Kleinigkeit davon in die hohle Hand und trinkt sie vor dem Gaste aus, um
+demselben damit zu zeigen, dass der Trank nicht vergiftet sei. Auch die
+zubereiteten Speisen erscheinen fuer einen Europaeer sehr widerlich, denn
+bei vielen wird ein Oel aus den Samenkoernern der Nukpflanze von sehr
+unangenehmem Geschmack zugesetzt.
+
+Die Abessinier koennen ganz unglaubliche Portionen verschlingen und die
+Gefahr, dabei zu ersticken, welche Bruce scheinbar uebertreibend anfuehrt,
+wird auch von Rueppell hervorgehoben. Eine Hauptsache beim Essen ist
+jedoch, dass sie die Kauwerkzeuge unter lautem Geschmatze und Geschnalze
+bewegen muessen. Laendlich, sittlich! und diese "Sitte" gilt nicht nur in
+den niederen Klassen, sondern auch bei Hofe, selbst in unsern Tagen bei
+Theodoros II. Dieser hatte den Missionaer Stern zur Tafel geladen; die
+Mahlzeit bestand, da gerade Fasttag war, einfach aus Tiefkuchen und
+Honigwasser. "Da machte ich", erzaehlt Stern, "einen Verstoss gegen die
+Sitten des vornehmen Lebens. Nach abessinischen Begriffen muss jeder Mann
+aus der Aristokratie beim Essen schmatzen wie ein Schwein. Davon wusste ich
+leider nichts; ich ass so, wie wir in Europa es fuer schicklich halten, aber
+das trug mir den Tadel der Gesellschaft ein; die Leute raunten sich
+allerlei ins Ohr. Endlich fiel mir die Sache auf, und ich fragte den
+Englaender Bell, ob ich etwas Unangemessenes gethan habe. Bell entgegnete:
+Gewiss haben Sie das. Ihr Betragen ist so _ungentlemanly_, dass alle Gaeste
+glauben muessen, Sie seien ein Mensch ohne alle Erziehung und Bildung und
+gar nicht gewohnt, sich in anstaendiger Gesellschaft zu bewegen. - Nun,
+wodurch habe ich denn eine so schmeichelhafte Meinung verdient? - Einfach
+durch die Art und Weise wie Sie essen. Wenn Sie ein Gentleman waeren, so
+wuerden Sie das bei Tafel beweisen; Sie muessen recht laut und derb
+schmatzen und Keiner wird bezweifeln, dass Sie ein Mann von Stande seien.
+Da Sie aber nicht schmatzen und die Speisen lautlos kauen, so glaubt hier
+Jeder, dass Sie ein armer Tropf sind. - Ich erklaerte dann den abessinischen
+Aristokraten, dass bei mir zu Lande, in Europa, eine andere Sitte herrsche,
+und damit brachte ich die Dinge wieder in richtigen Zug." -
+
+ --------------
+
+ [Illustration: Ein schneidernder Abessinier in Gondar. Nach Lejean.]
+
+In der _Kleidung_ der Abessinier walten selbstgesponnene und gewebte
+Baumwollenstoffe vor. Wie im Orient noch immer, so spinnen auch die Frauen
+die gereinigte Baumwolle mit der Spindel aus freier Hand; mit dem Weben
+beschaeftigen sich jedoch vorzugsweise die Muhamedaner. Die Kleidung der
+_Maenner_ besteht aus weiten Unterhosen, einem langen, um die Brust und den
+Leib geschlungenen Guertel, der eine Ausdehnung von zuweilen 100 Ellen hat,
+und einem weiten faltigen Mantelueberwurf, welcher aus einem grossen Stuecke
+Zeug besteht, das bei Vornehmen mit einem faltigen Rande versehen ist.
+Mehr ist von der _weiblichen Kleidung_ zu berichten. Sie besteht aus einem
+grossen Hemde mit weiten, jedoch an der Handwurzel eng zulaufenden Aermeln.
+Darueber tragen sie den Umschlagmantel gleich den Maennern. Ausser einigen
+Seidenstickereien am Hemde zeichnet noch der Putz die abessinischen
+Schoenen aus. Ohrringe oder Rosetten, welche eine Goldblume vorstellen,
+sind ein sehr beliebtes Schmuckmittel, desgleichen silberne Halsketten und
+dicke Ringe an den Fussknoecheln, beide oefter mit kleinen Silbergloeckchen
+behaengt. Das Haupthaar der Frauen ist gewoehnlich kurz abgeschnitten oder
+es wird, wenn es in seinem natuerlichen Zustande bleibt, mit Anwendung von
+vieler Butter in duenne anliegende Zoepfchen geflochten. Auch hier ruft, wie
+bei unseren Damen, die Mode sehr haeufig Aenderungen der Haartracht hervor,
+die genau befolgt werden. Stirnbaender oder Schuhe von rothem Leder kommen
+nur ausnahmsweise vor. Luxusartikel der maennlichen Kleidung sind Arm- und
+Stirnbaender als Ehrendekorationen. Die blaue Schnur von Seide oder
+Baumwolle, welche als Zeichen des Christenthums gilt, wird allgemein
+getragen.
+
+Diese allgemeine Tracht erleidet natuerlich vielerlei Ausnahmen. In den
+Grenzlaendern findet man fast ganz nackte Leute, die nur den Leibschurz
+tragen; in Schoa hatte allein der Koenig das Recht, sich mit goldenen
+Dingen zu schmuecken. In Foggera, oestlich vom Tanasee, tragen Frauen und
+Maedchen grosse gegerbte Lederhaeute, welche zugleich Nachts als
+Schlafmatratze dienen. Beim Gehen verursacht dieser lederne Leibrock ein
+sonderbares Geraeusch. In den hohen Alpengegenden der Provinz Semien
+schuetzen sich die Bewohner gegen das harte Klima durch eine Art von
+ambulantem, aus Rohrdecken zusammengeflochtenem Schutzdache (Gassa),
+welches sie bestaendig mit sich herumtragen, um ihre durch duerftige Lumpen
+nur zum Theil bedeckten Koerper gegen ploetzliche Regenguesse und
+Schneegestoeber zu verwahren; ein anderes Schutzmittel gegen die
+schneidende Luft in den Hochlanden sind Kappen von Ziegenhaar, die bis
+ueber die Ohren gehen. Als Zeichen der Ehrerbietung zieht der Abessinier
+bei Begegnungen den die Schultern bedeckenden Theil seines Kleides
+(Schama) herab und vor dem Landesherrn erscheint er nur geguertet, d. h. er
+schlaegt die den Oberkoerper bedeckenden Theile des Kleides ueber dem Guertel
+um den Leib, waehrend ein Hochgestellter in Gegenwart untergeordneter
+Personen sich das Gesicht vom Kinn bis ueber den Mund verhuellt.
+
+_Sauberkeit_ ist keine Tugend der Abessinier, und ihre Wohnungen wie ihre
+Koerper zeigen oft den hoechsten Grad von Schmuz. Merkwuerdig ist, dass in
+ganz Abessinien das Waschen der Kleidungsstuecke Sache der Maenner und nicht
+der Frauen ist. Statt der Seife bedienen sie sich der getrockneten
+Samenkapseln des Septestrauches (_Phytolacca abessinica_), welche zwischen
+Steinen zu Mehl gerieben und dann auf einem Leder mit Wasser gemischt
+werden; das zu waschende Tuch wird hierauf in dieser Mischung mit den
+Fuessen gestampft, worauf es, nachdem die Operation einige Male wiederholt
+wurde, von jedem Schmuze befreit ist. Die Bewohner der Kuestengegend bei
+Massaua, wo es keine Septe giebt, bedienen sich statt der Seife beim
+Waschen getrockneten Kameelmistes.
+
+ --------------
+
+Das sehr ungeregelte Leben der Abessinier ist auch die Ursache vieler
+_Krankheiten_, die grosse Verheerungen unter ihnen anrichten.
+Geschlechtliche Vergehen und Krankheiten sind allgemein verbreitet, ebenso
+Kraetze und die arabische Gliederkrankheit; bei letzterer schnurrt die Haut
+an den Finger- oder Zehengelenken zusammen, das Glied stirbt nach und nach
+ab und loest sich endlich ganz vom Koerper. So verliert der Kranke ein Glied
+der Finger und der Zehen nach dem andern, bis der nackte Stumpf der vier
+Gliedmassen allein uebrig geblieben ist und der sonst scheinbar gesunde
+Mensch zum huelflosen Geschoepf wird. Der Verlauf und die Unheilbarkeit
+dieser erblichen Krankheit ist in Abessinien sehr wohl bekannt, und den
+Kranken ueberfaellt, wenn er die ersten Anzeichen spuert, natuerlicherweise
+Schwermuth. Die _Filaria_ oder der Medinawurm kommt ziemlich haeufig vor,
+ist aber meistens nur eingeschleppt. Der Keim dieses Schmarotzers dringt
+in das Wadenfleisch der Menschen ein, bildet sich dort aus und verursacht
+die groessten Schmerzen, gegen welche man mit Glueck Zibethmoschus anwendet;
+Kroepfe und Kretinismus finden sich in einigen Gegenden; die Blattern
+richten periodisch grosse Verwuestungen an; Schwindsucht und
+Augenentzuendungen sind haeufig. Die einheimischen _Aerzte_ (Tabib) koennen
+nur als Charlatans angesehen werden. Es existiren auch medizinische Werke,
+darunter eins mit dem Titel "El Falasfa", dessen mitunter hoechst
+laecherliche Vorschriften sympathetischer und mystischer Art sind. Auch die
+Geistlichkeit verlegt sich auf das Kuriren, und Rueppell sah, wie ein
+Knabe, der ueber und ueber mit Brandwunden bedeckt war, mit Honig und dem
+Blute eines schwarzen Huhns von einem Priester bestrichen wurde. Nach vier
+Stunden gab derselbe seinen Geist auf. Die "boesen Geister" werden von den
+Priestern gleichfalls vertrieben, wie Isenberg selbst zu beobachten
+Gelegenheit hatte. Der Geistliche liess sich einen Topf mit Wasser geben,
+las darauf schnell einige Gebete aus dem Buche Haimanot (Glaube) und
+spuckte dann mehrere Male in das Wasser. Isenberg machte ihm Vorwuerfe
+hierueber, allein der Priester liess sich nicht aus der Fassung bringen und
+besprengte mit der Fluessigkeit das Haus, welches solchergestalt von allen
+Unholden befreit wurde. Freilich ist dieses Verfahren von dem bei uns
+immer noch geuebten Exorzismus nicht weit entfernt, und es steht uns daher
+wenig an, darueber viele Worte zu verlieren, so lange wir selbst nicht frei
+von aehnlichen Thorheiten sind.
+
+Auch das Heilverfahren der abessinischen Wundaerzte erinnert an die "gute
+alte Zeit". Ein Zahn wird mittels Zange und Hammer von einem Schmiede
+ausgezogen, d. h. mit denselben Instrumenten, mit denen er sein Metall zu
+bearbeiten pflegt. Aderlass wird mit einem Rasirmesser, Schroepfen mit einem
+Ziegenhorn vollzogen, dessen Luftinhalt durch Erhitzen verduennt wurde.
+Schlecht geheilte Knochenbrueche, die verkuerzte Glieder hinterliessen,
+werden einfach nochmals gebrochen und so zu kuriren versucht. Indessen
+Amulete stehen in weit hoeherem Ansehen, als der _Bala medanit_ oder
+Meister der Arzneien. Wahnsinn, Epilepsie, Delirium, Veitstanz und
+aehnliche oft unheilbare Uebel, fuer welche man keine Heilmittel kennt,
+werden einfach dem Einflusse von Daemonen zugeschrieben und der Patient
+hiernach behandelt. Blaue Papierstreifen sollen gegen Kopfweh helfen;
+gewisse Pflanzensamen, in Saeckchen bei sich getragen, schuetzen gegen den
+Biss toller Hunde und gegen Unglueck auf Reisen. Doch muessen diese Saemereien
+mit der linken Hand gepflueckt werden zu einer guenstigen Zeit, wenn die
+Sterne dem Pflueckenden hold sind - sonst hilft das Mittel zu nichts. Wie
+wir schon aus Bruce wissen, verwuesten die Pocken oft das Land und fordern
+ihre Opfer. Eine Art Impfung, wobei die Lymphe mit Honig vermischt wird,
+findet dann von den _menschlichen_ Pusteln statt, in deren Folge oft viele
+Leute sterben. In allen Faellen wendet man sich indessen, dem Aberglauben
+huldigend, lieber an den Priester als an den Quacksalber, was im Grunde
+genommen einerlei ist, da beide von der Medizin nach unsern Begriffen
+nichts verstehen.
+
+ --------------
+
+Wenngleich es den Abessiniern nicht an der noethigen Faehigkeit und
+Geschicklichkeit fehlt, so ist doch bei der allgemein herrschenden
+Indolenz die _Industrie_ und Gewerbthaetigkeit sehr gering entwickelt, ja,
+sie erhebt sich kaum ueber den allgemein afrikanischen Standpunkt, und
+manche Gewerbzweige werden in derselben primitiven Weise wie bei den
+benachbarten Negervoelkern betrieben. Ein grosser Theil der industriellen
+Thaetigkeit liegt in den Haenden der fleissigeren Juden und Muhamedaner.
+
+Von den Schmieden war schon die Rede; das Verfahren, wie das Metall aus
+dem rothen Eisenthon in Tigrie bereitet wird, ist genau dasselbe wie es in
+Madagascar, am Zambesi oder in Westafrika stattfindet. Feinere
+Metallarbeiten liefern eingewanderte Armenier und Indier. Die
+Holzschnitzereien sind zum Theil prachtvoller Art. In der Kirche Lalibela
+in Gondar z. B. sind Flachreliefs an Thueren und Fenstern angebracht und
+theilweise bemalt. Ausser den Arabesken, deren freie Erfindung und schoene
+Harmonie einen vorzueglichen Eindruck hervorbringt, sieht man Darstellungen
+aus dem Leben der Heiligen oder fabelhafte Ungeheuer, wie den _Sebetat_,
+der halb Mensch, halb Loewe ist. Sein Schwanz bestand aus zwei Schlangen;
+seine Waffen waren Pfeil und Bogen. Doch diese schuetzten ihn nicht gegen
+den Stier Meskitt, welcher ein silbernes und ein goldenes Horn trug und
+den Sebetat toedtete. Eine andere Holzschnitzerei zeigt uns den Kaiser
+Konstantin; dann - figuerlich ausgedrueckt - dessen Gewalt und schliesslich
+die Fuerstin Menene, die Mutter des Ras Ali und Erbauerin der Kirche.
+
+Bei der oft herrschenden grossen Kaelte werden die sonst wenig industrioesen
+Abessinier wenigstens mit Gewalt zur Weberei gezwungen. Die rohe
+Baumwolle, welche ungemein billig und ausgezeichnet im Lande ist, wird
+gegen einige Salzstuecke eingehandelt und auf der einfachen, urthuemlichen
+Spindel gesponnen. Zeit ist in Abessinien kein Geld, und so kommt es denn
+gar nicht darauf an, dass die Frauen recht lange mit dem Spinnen einer
+kleinen Partie Baumwolle zubringen. Das Garn kommt dann auf einen ganz
+gewoehnlichen, einfachen Webstuhl und wird mit Huelfe des Schiffchens in
+einen warmen, dauerhaften Mantel (Schama) umgewandelt. (Siehe die
+Abbildungen S. 98 und 99.)
+
+Auch Schaf- und Ziegenwolle wird verwebt. Lederfabrikation zu Sattelzeug,
+Schilden, Riemen, Schuhen fuer die Priester ist ein weitverbreitetes
+Gewerbe. Toepferei und Pfeifenfabrikation treiben die Falaschas. Drechsler
+liefern aus den Hoernern des Sanga-Ochsen oder des Rhinozeros geschnitzte
+Becher (Wantscha). Zierliche Koerbchen und Sonnenschirme aus Rohr, Binsen
+oder Stroh flechten die Frauen; Schneider giebt es dagegen nicht, da jeder
+Abessinier selbst fuer seinen Kleiderbedarf sorgt; ebenso mangeln Baecker
+und Mueller, und von groesseren Industriezweigen, die an einem Export ihrer
+Erzeugnisse arbeiteten, ist gar nicht die Rede, da nur Rohprodukte zur
+Ausfuhr gelangen.
+
+Der _Handel_ Abessiniens kann nach keiner Richtung hin ein bedeutender
+genannt werden, wenn er auch durch Massaua mit dem Rothen Meere in
+Verbindung steht. Die hohen, steil abfallenden Gebirgsketten mit den
+schwer zugaengigen Paessen erschweren die Kommunikation ganz bedeutend, und
+die saemmtlichen Fluesse des Landes sind fuer die Schiffahrt nicht im
+geringsten geeignet. Dazu kommt vor Allem die geringe eigene Produktion
+von Handelswaaren, sodass schliesslich fuer den abessinischen Handel - von
+den Sklaven abgesehen - nur die aus den suedwestlichen Laendern kommenden
+Erzeugnisse, wie Gold, Elfenbein u. s. w. als Durchgangswaaren in Betracht
+kommen. Hierdurch erklaert sich auch das geringe Interesse, welches man -
+Missionsfragen ausgenommen - in Europa an Abessinien vom praktischen
+Gesichtspunkte hatte und das erst durch Koenig Theodoros und die
+Gefangenhaltung der Englaender wieder aufgefrischt wurde.
+
+ [Illustration: Sebetat, ein fabelhaftes Ungeheuer. Holzschnitzerei in
+ der Kirche Lalibela. Originalzeichnung von E. Zander.]
+
+Fuer den Grosshandel haben die Abessinier wenig Sinn, dem kleinen Schacher
+ist aber jeder zugethan und sucht auf alle moegliche Weise sein
+Geschaeftchen zu machen. Auf den Messen und Maerkten, die sich meist an die
+Kirchen knuepfen, geht es lebhaft zu, und grosse Menschenmengen sind dann
+versammelt. So traf Rueppell zu Ende Februar 1832 bei der Kirche von Bada,
+oestlich vom Tanasee, gegen 10,000 Marktbesucher beisammen, von denen
+allerdings viele nur des Zuschauens wegen gekommen waren.
+
+Der europaeische Handel hat sich in Abessinien noch verhaeltnissmaessig wenig
+Einfluss verschaffen koennen. Die bestaendigen Kriege, die schlechten
+Kommunikationsmittel und Wege, endlich die Zollplackereien lassen ihn
+nicht recht aufkommen. Die Produktion des Landes selbst, Getreide,
+Huelsenfruechte, Tabak, Kaffee, ist verhaeltnissmaessig viel zu gering, waehrend
+doch alle Nutzpflanzen der Tropen und der gemaessigten Zone praechtig
+gedeihen wuerden. Dagegen werden Haeute, Maulthiere und gute Gebirgspferde
+in grosser Menge exportirt.
+
+_Honig_ und Wachs werden in sehr grosser Menge ausgefuehrt. Der erstere, Mar
+genannt, wird in Toepfen zugleich mit dem Wachs feilgeboten, weil er nur so
+zur Bereitung des Honigwassers dienlich ist, wozu er beinahe
+ausschliesslich verbraucht wird. Die betruegerischen Abessinier wenden ihre
+ganze Verschlagenheit beim Verkauf des Honigs an, indem sie die untern
+Schichten der Toepfe mit Mehl, Wachs oder andern Stoffen ausfuellen. Neben
+dem Honig kommt auch Butter (Tesmi) in pfundschweren Kugeln auf den Markt.
+Unter den _Manufakturen_ spielen die Baumwollenwaaren (Schama) eine grosse
+Rolle; sie werden zu Leibbinden, Umschlagtuechern, Beinkleidern u. s. w.
+verarbeitet und sind entweder rein weiss oder mit blauen und rothen
+Seitenstreifen versehen; ganz blaue und ganz rothe Kattune kommen aus
+Indien ueber Massaua; die blaue Farbe hat in den meisten Faellen den Vorzug,
+und namentlich sind es blaue Seidenschnuere (Mareb), die sich stets eines
+grossen Absatzes erfreuen. Jede Schnur muss ziemlich dick und fuenf Fuss lang
+sein, sodass sie bequem um den Hals getragen werden kann. Da kein
+abessinischer Christ ohne eine solche geht, so sind sie eine stets
+begehrte Handelswaare, die auch immer hoch im Preise steht. Andere
+gangbare, meist eingefuehrte Handelsartikel sind: Spiessglanz, zum Faerben
+der Augenlider, Weihrauch, zum Raeuchern beim Gottesdienst, Zibethmoschus,
+um die als Pomade benutzte Butter damit zu parfumiren, "Tombak" (indischer
+Tabak), entweder um Schnupftabak daraus zu machen, oder um ihn in
+Wasserpfeifen zu rauchen, schwarzer Pfeffer (Berberi), der auch zu
+Zollzahlungen dient; Naehnadeln mit grossem Oehr; Glasperlen, Kaurimuscheln,
+Sandelholz zum Raeuchern. Ein Handelsartikel, nach dem namentlich die
+abessinischen Frauen greifen, sind duenne silberne Ringe, die am kleinen,
+und Hornringe, die am Mittelfinger getragen werden. _Gummi_, das in grosser
+Menge gewonnen werden koennte, kommt nicht auf die abessinischen Maerkte,
+obwol es in Massaua gut bezahlt werden wuerde.
+
+Bei der Schilderung des genannten Hafenortes werden wir sehen, wie
+bedeutend selbst heute noch dort die Ausfuhr von abessinischen _Sklaven_
+ist, die in der That noch immer, trotz aller zeitweiligen Verbote gegen
+den Sklavenhandel, einen wichtigen Artikel ausmachen. Adoa, Gondar und
+Massaua sind die grossen abessinischen Sklavenmaerkte, zu denen die lebende
+Waare von den verschiedensten Gegenden hergeschleppt wird. Die
+eingeborenen freien Abessinier koennen nur durch Kriegsgefangenschaft oder
+Raub in die Sklaverei gerathen; diese bilden den kleineren Theil, die
+meisten Sklaven stammen aus den Grenzlanden, sowol im Norden als im Sueden;
+entweder sind es Schangalla vom Setit, Galla aus den Laendern suedlich vom
+Blauen Nil, oder eigentliche Neger, die von den Aegyptern aus Fazogl oder
+Sennaar eingefuehrt werden. Da die _Christen_ sich eigentlich mit dem
+Sklavenhandel nicht befassen sollen, so umgehen sie dieses dadurch, dass
+sie den Kauf oder Verkauf scheinbar durch Muhamedaner abschliessen lassen.
+Die Behandlung der Sklaven ist in der Regel eine milde und ihr Verhaeltniss
+zu dem Herrn dem des freigeborenen Dieners gleich; die Zuechtigungen sind
+selten hart und bestehen nur in voruebergehender Fesselung. "Wenn sich
+Voelker auch bekaempfen", schreibt Munzinger, "so sind die Opfer doch nur
+die Soldaten und die Gueter; Weib und Kind sind respektirt. Kein freier
+Abessinier wird von seinem Mitbuerger in die Sklaverei verkauft. Die
+Leibeigenschaft erstreckt sich nur auf die von aussen eingefuehrten
+Schwarzen, die nur den kleinsten Theil der Bevoelkerung ausmachen. Der
+Sklavenhandel ist den Christen (durch Theodor) bei Todesstrafe verboten.
+Die Frau ist unverletzlich und hat ihre bestimmten grossen Rechte."
+
+_Werthmesser_ in Abessinien sind das Salz und der oesterreichische
+Maria-Theresia-Thaler. Das _Salz_ kommt aus den am Meeresufer liegenden
+natuerlichen Seewasserlagunen und wird durch Austrocknung durch die
+Sonnenhitze gewonnen; man bringt es dann ins Gebirge, um es dort an
+bestimmten Plaetzen gegen Getreide umzutauschen. Alles Salz, welches im
+nordoestlichen Abessinien verbraucht wird, ist solches Seesalz, waehrend in
+den uebrigen Theilen des Landes eine Art Steinsalz aus der oestlich von der
+Provinz Agamie gelegenen Ebene Taltal benutzt wird. Viele Gesellschaften
+aermerer Leute, von denen jeder nur ueber ein Kapital von einigen Thalern zu
+verfuegen hat, ziehen regelmaessig mit ein paar Eseln aus dem Innern nach den
+oestlichen Provinzen, um dort Salz einzukaufen, und machen dabei einen
+Gewinn, der zu ihrer und ihrer Familie Unterhaltung ausreicht. Verliert
+ein solcher Haendler sein Kapital durch Pluenderung, so muss er fuer
+wohlhabendere Leute die Reise machen und sich mit geringerem Gewinn
+begnuegen. Das Salz wird in Taltal in regelmaessige Stuecken von der Gestalt
+eines Wetzsteins ausgehauen, die dann als _Scheidemuenze_ in ganz
+Abessinien cirkuliren. Sie sind etwa 8-1/8 Zoll lang, 11/2 Zoll dick, an
+beiden Enden abgestutzt und wiegen durchschnittlich vierzig Loth. Ihr
+Verhaeltniss zu den Speziesthalern ist sehr verschieden und haengt theils von
+der Entfernung eines Ortes von der Salzebene, theils von den ruhigen oder
+unruhigen Zustaenden der Gegenden ab, durch welche diese Stuecken
+transportirt werden muessen. Sie schwanken also genau so wie unsere
+europaeischen Werthpapiere je nach den politischen Verhaeltnissen, haben
+jedoch vor diesen den Vorzug, stets einen reellen Werth zu repraesentiren.
+In der Amharasprache heisst das Salz ueberhaupt Schau; als Scheidemuenze in
+der beschriebenen Form benennt man es jedoch Amole oder Galep. Rueppell
+fand den Werth eines _Maria-Theresia-Thalers_ in Gondar je nach den
+politischen Zustaenden zwischen 20 und 32 Salzstuecken schwankend, oder, dem
+Gewichte nach ausgedrueckt, man erhielt etwa 27 bis 41 Pfund Salz fuer den
+Thaler. Dieser letztere selbst schwankt nicht etwa nach dem Silbergehalt,
+sondern nach dem Gepraege bedeutend im Werthe und ist der Agiotage
+unterworfen. Nach dem in ganz Ostsudan und Abessinien herrschenden
+Vorurtheile sind die mit dem Bilde der Kaiserin Maria Theresia versehenen
+Thaler die besten und allen uebrigen Muenzen vorzuziehen, und zwar muss bei
+ihnen das Diadem im Haare sieben wohlausgedrueckte Perlen zeigen, der
+Schleier am Haupte sich deutlich abheben, der Stern auf der Schulter gross
+und der Avers mit den Muenzbuchstaben _S. F._ deutlich versehen sein. Ohne
+diese Zeichen und die Jahreszahl 1780 sinkt der Thaler gleich bedeutend im
+Werthe, und selbst wenn der Kopf der Kaiserin ungluecklicherweise Locken
+statt des Schleiers zeigt, ist es schwer, ein solches Muenzstueck
+anzubringen. Dieselben Vorurtheile herrschen in ganz Nordostafrika, wo ein
+der obigen Muenzpraegung entsprechender Maria-Theresia-Thaler dafuer jedoch
+zum "Abu gnuchte", zum "Vater der Zufriedenheit" wird. Durchloecherte
+Thaler oder solche, die mit dem Bilde des Kaisers Franz versehen sind,
+haben geringeren Werth und sind nur mit Verlust anzubringen; desgleichen
+spanische Saeulenpiaster (Colonnaten) oder andere harte Silbermuenzen. Noch
+fuer lange Zeit hinaus wird der Maria-Theresia-Thaler Werthmesser in
+Nordostafrika bleiben und das sonst an Silbergeld arme Oesterreich praegt
+fuer diesen afrikanischen Handel noch Jahr aus Jahr ein Thaler mit dem
+alten Stempel, ja es hat sich sogar in der Muenzuebereinkunft mit Frankreich
+(1867) vorbehalten, fortwaehrend Maria-Theresia-Thaler praegen zu duerfen.
+
+Noch ist zu erwaehnen, dass in der Umgebung von Adoa das dort gefertigte
+Baumwollenzeug an Zahlungsstatt gegeben wird. Es besteht aus Grans oder
+Stuecken von 8 Ellen Laenge und 1 Elle Breite, deren Werth sehr schwankend
+ist. Dieser Stoff dient blos zur Verfertigung von Beinkleidern, welche in
+Tigrie von Jedermann getragen werden. Einkaeufe von geringem Betrag
+berichtigt man mit Getreide.
+
+ [Illustration: Maria-Theresia-Thaler.]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Die Kirche zu Axum in Tigrie. Nach H. Salt.]
+
+
+
+
+
+ RELIGION, KIRCHE UND GEISTLICHKEIT ABESSINIENS. DAS MISSIONSWESEN.
+
+
+ Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und Verwahrlosung. -
+ Der Abuna. - Art des Gottesdienstes. - Die lasterhafte
+ Geistlichkeit. - Moenche und Kloester. - Politische Asyle. -
+ Zeitrechnung. - Feste. - Taufe, Ehe, Begraebniss. - Die Kirchen,
+ ihre Einrichtung und Ausschmueckung. - Die verschiedenen
+ Missionsversuche in Abessinien, deren Misslingen und Urtheile
+ darueber.
+
+
+Unter den Sonderkirchen des Morgenlandes, die durch das Dogma der
+Dreieinigkeit mit der allgemein christlichen zusammenhaengen, aber nach
+zwei verschiedenen Richtungen hin von ihr infolge der Bestimmungen sich
+loesten, denen im fuenften Jahrhundert die Vorstellung von der Gottheit und
+Menschheit Christi unterworfen wurde, giebt es zwei Volkskirchen, die
+beide fast monophysitisch sind, beide von selbstaendigen Sprachen,
+Stiftungen und Ueberlieferungen getragen werden, die beide tief verfallen
+und entartet sind: die armenische und abessinische Kirche. Die letztere,
+die entlegenste, abgesperrteste, ist auch die entartetste, die am meisten
+von Heidenthum, Judenthum und Muhamedanismus durchsetzte und ueberhaupt dem
+Christenthum am fernsten stehende. Byzantinische Scheinrechtglaeubigkeit
+hat diese Kirche in den Fanatismus der Formel versetzt, und die Waffen des
+Geistes werden vor dem priesterlichen Bann gestreckt; das Leben dieser
+Kirche basirt auf dem Anblasen und Handauflegen des Abuna, des obersten
+Bischofs, und leere Ceremonien gelten fuer Gottesverehrung. Dazu gesellt
+sich, dass die Traeger dieser Kirche, vom hoechsten Kirchenfuersten an bis zum
+niedrigsten Moenche herab, durch eine grenzenlose Sittenlosigkeit dem
+ganzen Volke mit ueblem Beispiel vorangehen und dass sie die bedeutende
+Macht, welche sie ausueben, meistentheils zum eigenen Nutzen verwenden.
+Selbst die grosse Versunkenheit, in welche die europaeische Geistlichkeit im
+Mittelalter zum Theil verfallen war, reicht noch lange nicht an jene der
+abessinischen Priester heran.
+
+Von der Einfuehrung des Christenthums war bereits die Rede, sehen wir nun,
+wie dasselbe heute beschaffen ist. Die Abessinier sind koptische Christen.
+Sie glauben an eine goettliche Offenbarung in der Heiligen Schrift, doch
+hat die kirchliche Tradition genau dieselbe Geltung wie die Bibel. Nach
+dem Missionaer Isenberg haben sich bei ihnen die Hauptlehren des
+Christenthums von dem Dreieinigen Gott, dessen Wesen, Eigenschaften und
+Werken, von der Schoepfung der Welt, von den Engeln, von der Schoepfung, dem
+Fall, der Erloesungsbeduerftigkeit des Menschen, von der Erloesung durch
+Christum, von dem Heiligen Geiste, der christlichen Kirche, den
+Sakramenten, von der Auferstehung und dem letzten Gericht erhalten; aber
+zum Theil durch allerlei Zuthaten so veraendert, dass nur noch mit Muehe ein
+biblisches Moment darin zu erkennen ist. Den Heiligen Geist lassen sie nur
+vom Vater ausgehen, leugnen jedoch nicht, dass er nur durch Christus
+vermittelt ist. In Christus nehmen sie mit den uebrigen _Monophysiten_ nur
+eine Natur an, sind jedoch ueber die Art der Vereinigung des Goettlichen und
+Menschlichen in ihm verschiedener Meinung. Ihre Lehre von der Schoepfung
+und Regierung der Welt, sowie ihre Engellehre ist voll von heidnischen,
+juedischen und muhamedanischen Vorstellungen. Sie glauben an das durch
+Christus vollbrachte Heilswerk, beschraenken dasselbe jedoch durch
+Pelagianismus, d. h. sie leugnen die Verderbniss der menschlichen Natur
+durch die Folgen der Suende Adam's und erklaeren die natuerlichen Anlagen und
+Kraefte des Menschen fuer hinreichend zur Erlangung der Seligkeit. Die
+Jungfrau Maria geniesst unter den Abessiniern eine ganz besondere
+Verehrung; allgemein ist der Glaube unter ihnen verbreitet, dass sie fuer
+die Suenden der Welt starb und 144,000 Seelen dadurch errettete. Aus diesem
+Grunde sagte dem Volke auch die Lehre der katholischen Missionaere weit
+mehr zu als diejenige der Protestanten.
+
+Viel zu schaffen machte den Abessiniern vor etwa 70 Jahren die Lehre von
+den _drei Geburten Christi_, ein Dogma, das von einem Moenche in Gondar
+aufgebracht wurde. Hiernach war Christus vor allem Weltanfang schon aus
+dem Vater hervorgegangen (erste Geburt), dann Mensch aus der Jungfrau
+Maria geworden (zweite Geburt) und durch die Taufe im Jordan durch den
+Heiligen Geist zum dritten Male geboren. Nach einem langen Kampfe mit der
+Gegenpartei, die nur zwei Geburten annahm, wurde 1840 durch Befehl Sahela
+Selassie's, des Koenigs von Schoa, der Glaube an die drei Geburten als
+allein rechtglaeubig durchgesetzt und die Anhaenger der zwei Geburten mussten
+das Feld raeumen. Sie flohen zum Abuna in Gondar, der sie in seinen Schutz
+nahm und vom Koenige verlangte, dass er die Vertriebenen wieder aufnehme, da
+ihr Glaube, als mit demjenigen des heiligen Markus uebereinstimmend, der
+einzig rechte sei. Als Sahela Selassie sich nicht fuegen wollte, bedrohte
+ihn der Abuna mit Krieg, der jedoch erst 1856 unter Koenig Theodoros gegen
+Sahela's Sohn zur Ausfuehrung kam. Dieser unterwarf Schoa und fuehrte die
+Lehre von den zwei Geburten wieder ein, die nun allein herrschend ist,
+nichtsdestoweniger aber als "Karra-Haimanot", d. h. Messer-Glauben
+bezeichnet wird, da sie die dritte Geburt Christi gleichsam "abschnitt".
+
+Suendentilgungsmittel der Abessinier sind strenge Fasten, Almosengeben,
+Kasteiungen, Moenchthum und Einsiedlerleben, nebst Lesen und Abbeten
+groesserer oder kleinerer Abschnitte aus der Heiligen Schrift und andern
+Buechern. Der Priesterstand uebernimmt fuer Geld ebenso wie in der
+katholischen Kirche diese Verrichtungen, daher _Ablass_ und eine Art von
+Seelenmessen auch hier stattfinden. Die Abessinier fasten in jeder Woche
+des Jahres, mit Ausnahme der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, zwei
+Tage, und zwar, gleichwie es in alten Zeiten bei den Juden Gebrauch war,
+am Mittwoch und Freitag. Ausserdem enthalten sie sich noch an folgenden
+Tagen des Essens: an den drei letzten Tagen des Monats Ter, zum Andenken
+der Busse von Ninive's Bewohnern; waehrend der 55 Tage, die unmittelbar dem
+Osterfeste vorangehen, wovon 41 Tage dem Andenken an die Fasten Christi in
+der Wueste, 7 der Passionswoche und 7 andern Erinnerungen geweiht sind; die
+Fasten der Apostel sind von verschiedener Laenge, je nachdem Pfingsten
+frueher oder spaeter faellt; die Fasten zu Ehren der Jungfrau Maria, wozu 15
+Tage des August bestimmt sind, von ihrem Sterbetage bis zu ihrer
+Himmelfahrt; vierzigtaegiges Fasten zur Vorbereitung auf das Fest der
+Geburt Christi vor Weihnachten. Man sieht aus diesem Verzeichniss der
+Fastenzeiten, von welchen die letzten beiden nicht von allen christlichen
+Abessiniern gehalten werden, dass ein diesen Enthaltungsvorschriften
+nachlebender Christ im Laufe des Jahres beilaeufig 192 Tage, d. h. weit
+ueber die Haelfte des Jahres zu fasten hat. Rechnet man hierzu noch einzelne
+Straffasten, so kommt _dreivierteljaehriges Fasten_ heraus! Dass dieses
+nicht streng gehalten werden kann, liegt auf der Hand, aber vor Ostern,
+sowie den Mittwoch und Freitag, beobachtet man die Regeln unweigerlich.
+Aehnlich wie die Juden verachten die Abessinier das Nilpferd, den Hasen,
+die Gaense und Enten und meistens auch das Schwein als unreine Thiere.
+
+Was den Heiligen Geist angeht, so kennt der Abessinier nur die
+Wunderkraefte, mit denen er Propheten und andere Heilige ausruestete; auch
+glauben sie an eine Mittheilung des Heiligen Geistes durch die Taufe. Was
+die Kirche betrifft, so gelten hier die alten Ueberlieferungen von einer
+_Verlosung der bewohnten Welt unter die Apostel_, sie koennen aber nicht
+nachweisen, welchen Theil gerade jeder Apostel bekommen habe. Dass Petrus
+und Paulus Rom und Europa, Johannes Antiochien, Kleinasien und Syrien,
+Marcus Aegypten bekommen habe, steht ihnen fest; daher halten sie diese
+drei Kirchen fuer einander gleichstehend. Sie erkennen dem Papste als
+Nachfolger Petri einen gewissen Vorzug als dem Ersten unter
+Gleichgestellten zu. Ihre Kirchenverfassung ist episkopal. Der zu Kairo
+residirende koptische Patriarch von Alexandrien ist das Oberhaupt der
+abessinischen Kirche und von ihm erhalten sie ihren Bischof, den sie
+vorzugsweise _Abuna_, unser Vater, nennen. Als einziger Bischof des
+Landes, und zugleich in der Hauptstadt residirend, ist er zugleich
+Metropolitan. Seit Abuna Tekla Haimanot, der im 13. Jahrhundert die
+sogenannte salomonische Dynastie wieder herstellte, besteht die
+Verordnung, dass _kein Abessinier_ mehr zu dieser Wuerde gelangen darf,
+sondern immer nur ein Kopte dieselbe bekleiden kann, um der Hoffnung Raum
+zu geben, immer einen neuen Zufluss theologischer Anregung von aussen zu
+bekommen, da jener Heilige selbst, der letzte Abuna aus abessinischem
+Stamm, daran verzweifelte, tuechtiges theologisches Leben in der
+Geistlichkeit seines Landes zu erhalten. Dieser Tekla Haimanot (ums Jahr
+1284) setzte ein Drittel des Bodens des ganzen Landes fuer kirchliches
+Einkommen fest, von welchem er den bedeutendsten Theil fuer seine Person
+erhielt. Der Abuna allein hat das Recht, Koenige zu salben und Priester und
+Diakonen zu ordiniren; in andern theologischen und kirchlichen
+Angelegenheiten entscheidet er gemeinschaftlich mit dem _Etschege_, dem
+Oberhaupte der Moenche.
+
+Beim Amtsantritt des Abuna muss die abessinische Regierung dem Patriarchen
+ein Geschenk von 7000 Thalern einhaendigen. Lejean erzaehlt, dass die stolze
+Fuerstin Menene ueber den letzten im Herbste 1867 gestorbenen _Abuna Abba
+Salama_ geaeussert habe: "Dieser Sklav, den wir aus unserm Beutel bezahlt
+haben, benimmt sich sehr hochmuethig." Das kam dem Oberpriester zu Ohren
+und er antwortete: "Allerdings bin ich ein Sklave, aber einer, der viel
+werth ist. Hat man doch 7000 Thaler fuer mich gezahlt! Mit der Fuerstin
+Menene verhaelt es sich freilich anders. Man koennte sie auf dem Markte zu
+Wochni ausstellen und bekaeme nicht zehn Thaler fuer sie." Auf jenem Markte
+werden naemlich sehr schlechte Maulthiere feilgeboten. - Andraos (Abba
+Salama oder Frumentius ist sein Bischofname) war etwa 1815 geboren und kam
+1841 unter Ubie zu seiner Stellung. Dem Kaiser Theodor gegenueber hatte er
+eine eigenthuemliche wandelbare Stellung. Beide beobachteten einander,
+legten sich gegenseitig Hindernisse in den Weg, hassten und fuerchteten sich
+und stellten sich doch, als ob sie gute Freunde seien. Sehr oft machte
+Theodoros gar keine Umstaende mit dem Seelenhirten; er sperrte ihn in eine
+Feste und legte ihn in Ketten, worauf ihm Leute vom Hofgesinde auf den
+Knieen Speise reichen und die Fuesse kuessen mussten. Salama, ein geborener
+Aegypter, galt fuer einen Freund der Englaender. Als er sich frueher in Kairo
+der Studien halber aufhielt, besuchte er die protestantisch-englische
+Schule des deutschen Missionaers Lieder, der im Auftrage der anglikanischen
+Missionsgesellschaft arbeitete. Diese glaubte an ihm einen Proselyten
+gemacht zu haben, sah sich aber arg getaeuscht, denn der Abuna erklaerte
+spaeter die Protestanten fuer Ketzer. Als er einmal auf das Aeusserste
+gebracht war, drohte er Theodor in den Bann zu thun, dieser aber liess eine
+Huette aus duerren Zweigen errichten, worin der Abuna verbrannt werden
+sollte. Dies that er, um sich nicht in "blutiger" Weise an dem Gesalbten
+vergreifen zu muessen. Schleunig hob jedoch nach solchem Vorgange der Abuna
+den Bann auf.
+
+ [Illustration: Debteras vor dem Abuna singend und tanzend. Nach
+ Lefebvre.]
+
+Bald nachdem Theodoros zur Macht gelangt war, fand sich David (Daud), der
+Patriarch von Alexandria, im Auftrage des aegyptischen Vizekoenigs in
+Abessinien ein und benahm sich dort sehr hochfahrend, gleichsam als Herr
+und Gebieter. Theodoros seinerseits begegnete ihm mit Spott und Hohn und
+jener schleuderte ihm dafuer muendlich den Bann ins Gesicht. Theodor blieb
+ruhig, spannte eine geladene Pistole, schlug auf den Patriarchen an und
+bat ganz sanft: "Bester Vater, gieb mir deinen Segen!" David fiel auf die
+Kniee, stand wieder auf und ertheilte mit zitternden Haenden den Segen.
+
+Der Reisende _Apel_ schildert den Abuna Salama folgendermassen: "Er ist ein
+trauriges Bild des lasterhaften, ignoranten Zustandes der ganzen
+abessinischen Kirche. Stolz, unwissend, grausam, intrigant, sucht er auf
+jede Weise sich Gewalt und Reichthum zu erwerben. Er treibt sogar
+Sklavenhandel und nimmt nicht einmal Anstand, sich die Kirchengefaesse
+anzueignen, sie nach Aegypten zu senden und dort zu verkaufen. Er ist der
+geschworene Feind aller Europaeer." Der Empfang, welchen der Reisende bei
+diesem "Kirchenfuersten" fand, war nichts weniger als erbaulich. Als er
+gefangen in Gondar eingebracht wurde, empfing ihn dort mit finsterer Miene
+ein Mann, der ihn italienisch anredete. Es war der Abuna. "Bist du
+wieder", so begann er seine Schimpfrede, "einer von diesen vermaledeiten
+Ketzern, welche unsere Religion, die wir von den Heiligen Frumentius und
+Aedilius selbst empfangen haben, umstuerzen wollen?" Apel antwortete, dass
+er sich keineswegs hiermit befasse, und wurde nun weiter gefragt: "Hast du
+keine Bibel mitgebracht, das Volk irre zu fuehren und unsere heilige Kirche
+zu untergraben?" Als nun der Fremdling sagte, er sei Arzt und kein
+Geistlicher, bemerkte der Abuna: "Ihr seid aber alle Raeuber und Luegner,
+ihr Englaender! Ihr kommt zu uns als Werkleute verkleidet, gebt vor, euch
+mit der Arbeit zu beschaeftigen, unterrichtet aber das ganze Volk und fuehrt
+es zum Verderben." Schimpfreden gegen die Missionaere beschlossen den
+Sermon des Kirchenfuersten.
+
+Guenstiger urtheilt Heuglin von dem Manne, den er 1862 besuchte: "Er mag 45
+Jahre alt sein, ist ein schoener Mann von kraeftiger Statur, jedoch viel
+leidend und in Folge eines Katarakts auf dem linken Auge erblindet. Sein
+Schicksal, fuer Lebzeiten an dieses Land gebannt zu sein, traegt der Abuna
+mit mehr Humor als christlicher Ergebung. Auf die abessinische
+Geistlichkeit ist der Bischof sehr schlecht zu sprechen, er haelt dieselbe
+fuer vollkommen unverbesserlich, auch spricht er sich unumwunden ueber die
+vielen Maengel und angestammten Krebsschaeden der hiesigen Kirche aus;
+trotzdem ist er aber den europaeischen Missionaeren hoechst abhold und
+erklaert, er halte sich unter den obwaltenden Umstaenden fuer verpflichtet,
+jede Art von Propaganda zu unterdruecken." Abba Salama, der 27 Jahre ueber
+Abessinien als Kirchenfuerst regierte, starb am 25. Oktober 1867.
+
+So traurig steht es heute um den hoechsten Kirchenfuersten Abessiniens, und
+ihn uebertreffen die uebrigen niedrigeren Geistlichen an Schlechtigkeit und
+Unwissenheit noch bedeutend. Diese sind an Rang und Wuerde zwar
+untereinander verschieden, allein ausser dem Abuna hat keiner das Recht, zu
+ordiniren. Ausser den Priestern und Diakonen besteht noch das Amt des
+kirchlichen Thuerhueters und Brotbaeckers. Jede Kirche hat noch ihren Aleka,
+dessen Geschaeft darin besteht, die Geistlichen anzustellen, zu
+beaufsichtigen und zu besolden und die Verbindung zwischen Kirche und
+Staat zu vermitteln.
+
+ [Illustration: Erzbischoefliche Wuerdezeichen des Abuna. Nach Lefebvre.]
+
+Die Kirche hat ferner diejenigen, welche sich ihrem Dienste widmen wollen,
+zu unterrichten. Zum Diakonenamte wird jeder ordinirt, der sich dazu
+meldet, wenn er nur lesen kann. Will sich darauf einer dem Priesterstande
+ganz widmen, so heirathet er in der Regel vorher, weil es ihm spaeter nicht
+mehr erlaubt ist. Die Ordination ist sehr einfach: der Diakon sagt das
+Nicaeische Glaubensbekenntniss her, bezahlt zwei Salzstuecke an den Abuna,
+der ihm das Kruzifix entgegenhaelt und den Segen ueber ihn spricht. Unter
+dem Abuna Kyrillos, der vor etwa dreissig bis vierzig Jahren lebte, sollen
+Priester aus Kaffa nach Gondar gekommen sein und einen Ledersack
+mitgebracht haben, in welchen der Abuna Luft hauchen sollte, um mittels
+derselben diejenigen ihrer fernen Landsleute zu ordiniren, die sich dem
+Dienste der Kirche weihen wollten!
+
+Die Thaetigkeit der Priester besteht in taeglichem drei- bis viermaligen
+Gottesdienst bei Tag und Nacht, wobei des Morgens frueh die Priesterschaft
+mit Moenchen und Schuelern zum Genusse des Abendmahls zusammenkommt.
+Ausserdem fallen Taufen, Trauungen, Messelesen, Beichtehoeren in ihr
+Bereich. Der _Kirchengesang_ ist, obgleich hoechst unerbaulich, doch sehr
+kuenstlich und mit Mimik verbunden; das Studium desselben, sowie das
+Einlernen der langen Liturgie kostet den angehenden Priestern viele Jahre
+Zeit. Laecherlich erscheint uns auch die Art und Weise, wie die Priester
+aus ihren heiligen Buechern lesen, denn das Lesen an und fuer sich gilt
+schon als verdienstlich. Das Wort, mit dem sie dasselbe benennen,
+entspricht unserm "plappern" und passt daher gut, um das gedankenlose,
+ueberaus schnelle Lesen zu bezeichnen. Ein Priester, der seine oft ungemein
+lange Liturgie schnell zu Ende bringen will, liest oft mit solcher
+Behendigkeit, dass das Ohr in seinem Lesen die Artikulation der Stimme kaum
+besser unterscheiden kann, als das Auge die einzelnen Speichen eines
+schnell kreisenden Rades. - Was die Zahl der _Sakramente_ betrifft, so
+scheinen sie nur zwei, Taufe und Abendmahl, anzunehmen. Zum letzteren
+bedienen sie sich gesaeuerten Weizenbrotes, das von bestimmten Personen
+gebacken sein muss, und des Saftes ausgepresster Weintrauben. Dieses wird im
+Abendmahlskelch zusammengemischt, etwas Wasser zugegossen, das Ganze
+geweiht und mit einem Loeffel den Abendmahlsgenossen gegeben. Ihre Beichte
+uebertrifft alles, was in dieser Art anderweitig noch vorkommt. Nach einem
+vorgeschriebenen Formulare (Nusasie) fragt der Priester den Beichtenden,
+ob er gewisse Suenden, die in einer ungeheuren Schandliste alle
+auseinandergesetzt sind, nicht begangen habe. Auf jeder Suende steht nun
+eine vorgeschriebene kirchliche Strafe, die durch Fasten oder Bezahlung
+abgebuesst wird.
+
+Diese Bezahlungen und andere zusammengebettelte Summen dienen dem Priester
+dazu, ueber Massaua und Kairo eine Wallfahrt nach Jerusalem zu machen, die
+ueberhaupt das hoechste Ziel der Wuensche eines Abessiniers zu sein scheint,
+weil er dadurch nach seiner Rueckkehr gleichsam das Recht erhaelt, seine
+wohlhabenderen Landsleute auf die unverschaemteste Art um Geschenke zu
+bestuermen. Der Einfluss, welchen sich die Priester auf die Bevoelkerung zu
+verschaffen wissen, ist trotz ihres offenbaren unsittlichen Lebenswandels
+ein ausserordentlich grosser. Wenn in der Hauptstadt Gondar eine Frau einem
+Priester ihrer Bekanntschaft auf der Strasse begegnet, so kuesst sie
+demselben ehrfurchtsvoll die innere Seite der Hand; Maenner thun dies wohl
+auch, aber doch nicht in der Regel. Zwei sich begegnende Priester kuessen
+zur Begruessung einander gegenseitig die rechte Schulter. Schon durch die
+_Tracht_ unterscheidet sich der Priester vor seinen Mitmenschen. Sie,
+sowie diejenigen, welche sich zur gebildeten Klasse zaehlen, tragen am Kinn
+einen kurzen Bart, rasiren sich das Haupt und umwinden es turbanartig mit
+einem weissen Tuche. Den Oberkoerper deckt eine weisse Weste mit weiten
+Aermeln; ausserdem haben sie weisse, weite Beinkleider, eine schmale
+Leibbinde und ein grosses weisses Umschlagetuch mit farbigem Randstreifen.
+Grosse Schnabelschuhe vollenden den Anzug. Selten fehlt dem Priester ein
+Kruzifix, das die ihm begegnenden frommen Personen kuessen, und ein bunter,
+aus Haaren verfertigter Fliegenwedel. Um den Hals tragen sie ausser einer
+blauen Seidenschnur, ohne welche man nie einen abessinischen Christen
+sieht, meistens einen Rosenkranz, der aus Jerusalem stammt. Die Priester
+jeder Kirche (die normale Zahl derselben an einer Hauptkirche betraegt
+nicht weniger als _einundzwanzig_!) wohnen immer in kleinen Haeusern, die
+sich innerhalb der Mauer befinden, welche die Kirche sammt den sie
+umschattenden Baumgruppen gewoehnlich umfasst. Dieser abgeschlossene Raum
+wird oder wurde als ein heiliger Ort betrachtet, der gegen Pluenderungen
+gesichert ist.
+
+ [Illustration: Abessinischer Klostergeistlicher und Student der
+ Theologie aus Schoa.
+ Originalzeichnung von Eduard Zander.]
+
+Auch den _Bannfluch_ kennt die abessinische Kirche. Als Isenberg mit
+seinem Mitarbeiter 1843 nach Adoa kam, musste er vor der versammelten
+Geistlichkeit der Stadt ein foermliches Examen ueber seinen Glauben ablegen.
+Man fragte ihn: ob er das Kreuz und die Kirche kuesse? ob er an eine
+Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi beim
+Abendmahl glaube? und ob er glaube, dass die Jungfrau Maria und die
+Heiligen uns mit ihrer Fuerbitte bei Christo vertreten? Vom
+protestantischen Standpunkt setzte er nun seine Ansichten lang und
+weitlaeufig auseinander, allein dieses genuegte, um ihn als Ketzer
+erscheinen zu lassen. Kaum hatte er daher mit seinem Genossen der
+Versammlung den Ruecken gewandt, als ein Priester feierlich ueber beide den
+Bannfluch aussprach, indem er ihre Seelen dem Satan, ihre Leiber den
+Hyaenen, ihr Eigenthum den Dieben uebergab und jeden, der ihnen nahe kommen
+oder sie bedienen wuerde, gleichfalls exkommunizirte.
+
+Eine besondere Stellung in der abessinischen Kirche nehmen noch die
+_Debteras_ ein. Debtera ist allgemeiner Gelehrtentitel, den Alle erhalten,
+die sich hauptsaechlich mit Buechern beschaeftigen, sobald sie eine gewisse
+Bekanntschaft mit denselben erhalten haben. Die eigentliche Bedeutung des
+Wortes ist nach Isenberg Zelt; es wird gebraucht von der Stiftshuette, und
+der zu Grunde liegende Gedanke dieses Titels ist wahrscheinlich der, dass
+die Gelehrten ebenso das Heilige in ihrem Lande einschliessen sollen, wie
+es die Stiftshuette that. Ein Debtera wird nicht ordinirt; seine
+Beschaeftigung besteht im Unterrichtertheilen, im Kopiren der heiligen
+Buecher auf Pergament und - wenn es nothwendig ist - im Assistiren in der
+Kirche. Unordinirt sind auch die _Alekas_, die Kirchensuperintendenten,
+die das Eigenthum der Kirche verwalten und die Vermittelung zwischen
+Geistlichkeit und Staat herstellen. Schon sehr fruehzeitig widmen sich die
+Abessinier dem geistlichen Stande; die Kenntnisse, welche diese Studenten
+der Theologie zu erlangen haben, sind gering. Sie lernen die
+Kirchensprache, einige Geez-Woerter, die Geheimnisse des abessinischen
+Gesanges und Tanzes. Das Anhauchen des Abuna und die Zahlung von zwei
+Salzstuecken an denselben macht sie dann zu fertigen Priestern. Unsre
+Abbildung (S. 119) zeigt einen Studenten der Theologie aus Schoa, der in
+Schafpelz gekleidet ist und den Bettelstab und Bettelkorb - seine einzigen
+Lebensstuetzen - bei sich fuehrt. Neben ihm sitzt ein Bursche aus Gondar mit
+einem Sonnenschirm aus Grasgeflecht (Eipras).
+
+Die Art und Weise, wie der Gottesdienst, zumal bei grossen Festen,
+abgehalten wird, erinnert in vieler Beziehung mehr an das heidnische
+Schamanenthum, als an christliche Ceremonien. Als Rueppell die Kirche von
+_Koskam_, etwa anderthalb Stunden nordwestlich von der Hauptstadt Gondar,
+besuchte, um dort dem Feste zum Andenken der Rueckkehr Christi aus Aegypten
+beizuwohnen, fand er dieselbe ausserordentlich mit Menschen angefuellt,
+sodass er nur sehr schwierig einen Platz in derselben erhalten konnte. Vor
+dem Gebaeude hatte man grosse Tuecher von fussbreiten blauen, weissen und
+rothen Streifen aufgespannt, um der Menschenmenge Schutz gegen die Sonne
+zu gewaehren. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden war auf eine im
+Vordergrunde befindliche Gruppe von Priestern gerichtet, welche unter
+schrecklichem Geheul konvulsivische Bewegungen mit dem ganzen Koerper
+machten und mitunter auch abwechselnd wild in die Hoehe sprangen. Jeder
+Priester hatte in der einen Hand eine Rassel (Sanasel), in der andern
+einen langen krueckenartigen Stab. Die Rassel hat die Form einer
+zweizinkigen Gabel, welche durch Querstaebchen oben geschlossen ist, und in
+ihr befinden sich mehrere Metallringe, welche hin und her bewegt durch
+ihren rasselnden Ton den singenden und tanzenden Priestern zum
+Taktschlagen dienen. Dieser Gebrauch muss ein sehr alter sein, denn schon
+unser Landsmann Christoph Fuhrer berichtet in seiner 1646 zu Nuernberg
+gedruckten "Reisbeschreibung in Egypten": "Gegenueber unter den Armeniern
+haben die Abyssinier ihren Ort, welche gar seltsame Ceremonien halten.
+Wann sie Mess singen, brauchen sie wunderbarliche Instrumenta, als zwei
+Trummel, wie die Heerpauke, darauf sie unter dem Singen schlagen; einer
+hat ein Schloetterlein, welches voll Schellen haengt, daran er mit der
+andern Hand schlaegt, dass es klingelt: ein andrer hat ein Instrument, wie
+es die Moren gebrauchen, einer halben Trummel gleich, auch mit Schellen
+behaengt, die stehen beieinander, huepfen und tanzen zugleich miteinander,
+singen viel Alleluja, welches laecherlich zuzusehen und zu hoeren ist, seynd
+aber dabei fromme und gottesfuerchtige Leute." - Inmitten der Gruppe sich
+verzerrender Priester sass einer auf dem Boden und schlug eine grosse, von
+Silberblech gearbeitete tuerkische Trommel. Nachdem diese religioese
+Belustigung einige Zeit gedauert hatte, hielten saemmtliche Priester
+innerhalb der Kirche singend einen Umzug um das die Bundeslade enthaltende
+Heiligthum. Zwei von ihnen trugen auf dem Kopfe sehr grosse Helme von
+Goldblech, mit getriebener Arbeit reich verziert. Dies waren die beiden
+Kronen, welche einst der Kaiser Joas und sein Vater, der Kaiser Jasu, bei
+grossen Feierlichkeiten zu tragen pflegten und die spaeter der Kirche
+geschenkt worden waren. Diese Kronen, welche von einem Griechen aus Smyrna
+gefertigt wurden, sind von Gold- und Silberblechen in getriebener Arbeit
+gemacht und mit farbigen Steinen oder Stuecken Glasfluss verziert. Einige
+der Priester hatten eine Art Messgewand von Brokat an, das jedoch sehr
+verschabt war; andere trugen Staebe mit Bronzekreuzen und ueber dem
+vornehmsten wurde ein blauer, mit Goldfranzen besetzter Sammetschirm
+getragen. Die ganze Feierlichkeit entbehrte aller Ordnung und erregte in
+Rueppell mehr Neigung zum Lachen als religioese Empfindung.
+
+ [Illustration: Krone des Kaisers Jasu.
+ Nach Rueppell.]
+
+Neben dieser Weltgeistlichkeit, die sich mit sehr geringen Ausnahmen durch
+Hochmuth, Unwissenheit und lasterhaftes Leben wenig vortheilhaft
+auszeichnet, steht noch eine grosse Schar von Moenchen und Nonnen in
+Abessinien, die nach den uralten Regeln des Pachomius zusammen leben.
+Dieser, ein Schueler des heiligen Antonius, war der erste, der die
+Einsiedler ums Jahr 340 auf der Nilinsel Tabenna im Kloster zusammenfuehrte
+und auch spaeter das erste Nonnenkloster gruendete. Seine keineswegs
+strengen Regeln eignen sich fuer die immer noch lebenslustigen
+abessinischen Moenche und Nonnen am besten, die aber oft genug dieselben
+ueberschreiten.
+
+Abessinien ist ueberfuellt mit Moenchen und Einsiedlern, die sich in gelbe
+Gewaender, das Zeichen der Armuth, oder in gegerbte Antilopenfelle huellen.
+Gewoehnlich fuehren diese Leute einen unsittlichen Lebenswandel, schwaermen
+durch das ganze Land und sind die Pest und Plage der Gegend, welche sie
+heimsuchen. Die Maenner koennen in jeder Periode Moenche werden; die, welche
+mit schweren Krankheiten behaftet sind, thun das Geluebde, nach ihrer
+Heilung ins Kloster zu gehen, und vermachen diesem ihre ganze Habe. Reiche
+uebergeben ihr Vermoegen den Kindern, werden Moench und lassen sich dann von
+ihren Erben bis ans Lebensende unterhalten; arme Moenche dagegen leben von
+der Gnade des Koenigs und der Gemeinde. Viele dieser Klostergeistlichen
+sehen aber niemals ihre Zellen, sondern leben gemuethlich mit Weib und Kind
+zu Hause und betteln auf Grund ihres gelben Gewandes oder der Agaseenhaut,
+die mit dem ungewaschenen Aeussern zusammen an die Legende von ihrem grossen
+Ordensstifter Eustathius erinnert, welcher sich ruehmte, niemals seinen
+Koerper gewaschen zu haben, und wunderbarlich auf dem fettigen Mantel ueber
+die Fluten des Jordan schwamm, ohne dass ihn ein Tropfen Wasser feindlich,
+d. h. reinigend, beruehrte.
+
+Eins der beruehmtesten Kloester befindet sich auf dem _Debra Damo_ in
+Tigrie, vier Stunden nordoestlich von Ade Pascha. (Siehe S. 35.) Dort oben
+leben gegen 300 Moenche in kleinen Huettchen zusammen. Nach Zander's Bericht
+fuehrt kein Weg hinauf und Menschen wie Nahrung werden an der Nordseite des
+Felsens mit Seilen hinaufgezogen. Das Kloster ist stets auf viele Jahre
+hinaus mit Lebensmitteln versehen und gilt in unruhigen Zeiten als ein
+besonders sicherer Zufluchtsort. Oben findet man eine Quelle, die das
+ganze Jahr hindurch vorzuegliches Trinkwasser liefert und niemals
+versiecht. An Handschriften und Buechern, die noch keinem europaeischen
+Reisenden zugaengig waren, ist es sehr reich. Der senkrechte Fels besteht
+aus Grauwacke und Sandstein, die Grundlage desselben ist Urthonschiefer,
+die Hoehe ueber dem Meere 6800 Fuss. In frueheren Zeiten galt Debra Damo als
+Gefaengniss der juengeren Zweige des herrschenden Geschlechts. Diese Sitte
+soll im Jahre 1260 durch den Koenig Jakuno Amlak eingefuehrt und bis ins
+vorige Jahrhundert beobachtet worden sein. In Schoa vertrat die Festung
+Godscho dieselbe Stelle bis auf unsere Tage herab.
+
+Zahlreiche Klosteranstalten finden sich auch in Walduba; beruehmt sind noch
+die Kloester von Axum und Debra Libanos, wo der erwaehnte Abuna Tekla
+Haimanot geboren wurde. Nie darf ein Frauenzimmer ein Moenchskloster
+betreten, allein das haelt die Insassen keineswegs ab, einen liederlichen
+Lebenswandel zu fuehren. Die Nonnen zeichnen sich durch ein schwefelgelbes
+baumwollenes Hemd und ein Kaeppchen von derselben Farbe aus; sie haben alle
+das Keuschheitsgeluebde abgelegt, befinden sich jedoch meist in
+vorgerueckten Jahren. Wichtig werden die Kloester namentlich dadurch, dass
+viele derselben als _politisches Asyl_ gelten, nach dem zur Zeit der
+Buergerkriege viele Fluechtlinge sich retten. Dieser Umstand fuehrte zu
+grossen Missbraeuchen und gestaltete die Aufenthaltsorte der Moenche zu ewigen
+Sitzen der Unruhe um, zumal die Unantastbarkeit der Freistaette meistens
+streng eingehalten wurde, bis Koenig Theodoros auch hier einen gewaltigen
+Schritt that und mit kuehner Hand seine Feinde selbst aus den Asylen
+hervorholte.
+
+Neben der Unsittlichkeit der Geistlichen, der frechen Simonie, der
+uebermaessigen Bilderverehrung, dem Glauben an Weissagereien und
+Vorbedeutungen, der Auslegung von Traeumen, Furcht vor Hexerei und boesen
+Kuensten muss andererseits hervorgehoben werden, dass jedenfalls im Lande
+kein Unglauben und keine Gottesverachtung herrscht. Der Formengeist, der
+allen Semiten eigen ist, klebt auch den Abessiniern an, jene
+Wichtigmachung von Gebraeuchen und aeussern Werken, die Unterscheidung
+zwischen Rein und Unrein, die Beschneidung, das Haengen am Buchstaben. Fuer
+das Hauptuebel Abessiniens aber erklaert Munzinger den Stolz, der, von dem
+kleinsten Erfolg aufgeblasen, sich ueberheilig und ueberweise waehnt und nur
+ungern von Fremden sich Raths erholt. Der Stolz, von dem kein Abessinier
+frei ist und eigentlich kein Semite, hat eine andere gefaehrliche Seite;
+der Messias ist ihm immer ebenso gut wie den Aposteln ein weltlicher Herr;
+die Herrschsucht der Eingeborenen wird dem fremden Missionaer sehr
+gefaehrlich, da sie ihn, ohne dass er es ahnt, in die Landespolitik
+hineinzieht.
+
+ --------------
+
+Die _abessinische Zeitrechnung_ ist eine keineswegs christliche, da sie
+von der Erschaffung der Welt und nicht von der Geburt Christi an rechnen.
+Nach ihnen ist das Jahr 1868 das siebentausenddreihunderteinundsechzigste.
+Der Jahresanfang faellt auf den 10. September. Sie theilen das Jahr in
+zwoelf Monate von je dreissig Tagen und zur Ausgleichung fuegen sie denselben
+am Jahresschluss noch einen verkrueppelten dreizehnten Monat bei, der in
+drei Jahren fuenf, in dem vierten aber sechs Tage hat. Im gewoehnlichen
+Leben und auch in ihren historischen Annalen werden die vier Jahre nach
+den Namen der Evangelisten bezeichnet und zwar in folgender Reihe:
+Johannes, Matthaeus, Marcus und Lucas, letzteres hat am Schluss den
+eingeschalteten sechsten Tag des dreizehnten Monats. Es heisst oft in den
+Landeschroniken schlechtweg: Dieses ereignete sich in dem Jahre des
+Evangelisten Matthaeus oder Lucas u. s. w. Die Namen der dreizehn Monate
+sind: Maskarem, Tekemt, Hedar, Tachsas, Ter, Jacatit, Magabit, Mijazia,
+Ginbot, Sene, Hamle, Nahasse, Paguemen. Kein einziger faellt natuerlich ganz
+mit einem unserer Monate zusammen; so reicht der Maskarem vom 10.
+September bis 9. Oktober und so fort, bis endlich der verkrueppelte
+dreizehnte Monat, der Paguemen, vom 5. bis 10. September reicht. Die
+Abessinier setzen die Geburt Christi in das Jahr der Welt 5500; aber von
+dieser Periode bis zu unserer Zeit rechnen sie 7 Jahre und 122 Tage
+weniger als wir Europaeer; die Ursache dieses Unterschieds ist die von den
+alexandrinischen Bischoefen befolgte Chronologie des Julius Africanus und
+spaeter durch den Bischof Anatolius von Laodicea daran gemachte zehnjaehrige
+Abaenderung.
+
+Am 10. September, dem Neujahrstage, machen sich die Bewohner der
+Hauptstadt wie bei uns Gratulationsbesuche und die Frauen ueberreichen
+ihren Bekannten Blumenstraeusse, wobei sie ausrufen: "Glueck bringe dir das
+neue Jahr". Auch finden Taenze mit Gesang und Schmausereien statt. Das
+groesste Fest in Abessinien feiert man jedoch am 16. Maskarem (26.
+September) zum Andenken an die infolge eines Traumgesichts der heiligen
+Helena stattgefundene Entdeckung des Kreuzes Christi. Um die Kunde dieses
+Ereignisses moeglichst schnell nach Konstantinopel zu bringen, bediente man
+sich der Feuersignale, und die Versinnlichung dieses Ereignisses ist der
+Hauptzweck der Ceremonien des _Maskalfestes_. Am Vorabend lodern
+Freudenfeuer auf den Huegeln, Maenner mit Rohrfackeln ziehen in Prozessionen
+auf und kriegerische Taenze werden abgehalten. Der Anblick der
+bronzefarbigen, halbnackten Gestalten, die in dunkler Nacht, vom Scheine
+der Brandfackeln beleuchtet, sich taktmaessig hin und her bewegen, ist
+ungemein malerisch. Die Hauptprozession findet jedoch erst am folgenden
+Tage statt. Dann ziehen alle waffenfaehigen Maenner zu Fuss oder zu Pferde
+nach einem nahen Huegel, auf welchem bei Sonnenaufgang ein Feuer angezuendet
+wird. Dem Zuge voran gehen Musikanten mit Hoernern und Pauken; nachdem die
+Menge an dem Scheiterhaufen sich gewaermt, kehrt sie zurueck, um mit
+Reiterspielen und kriegerischen Taenzen die Feierlichkeit zu beschliessen.
+Der Gouverneur haelt offene Tafel und ungeheuere Portionen rohen Fleisches
+werden verschlungen. Andere Feste sind Ledat (Weihnachten), Domkat (Taufe
+Christi), Fasaga (Ostern) und die verschiedenen Heiligenfeste.
+
+Die _Taufen_ finden in der Kirche statt und zwar bei den Knaben 40 Tage,
+bei den Maedchen 80 Tage nach der Geburt, weil nach der Tradition der
+Abessinier Adam erst 40 Tage nach der Schoepfung in das irdische Paradies
+eingefuehrt wurde und Eva ihm dahin 40 Tage spaeter nachfolgte. Die
+Ceremonie selbst ist von der bei uns ueblichen in vieler Hinsicht
+abweichend. Jedes Kind hat seinen Pathen; als Taufstein gilt eine thoenerne
+Schuessel, deren Wasser erst beraeuchert und dann mit dem Fusse des
+Geistlichen beruehrt wird, worauf dieses fuer geweiht gilt; Loblieder zu
+Ehren der Jungfrau Maria und das schnelle Ablesen eines Kapitels aus dem
+Evangelium Johannes vollenden die Vorbereitungen; dann werden die
+Taeuflinge nach allen vier Himmelsgegenden geneigt und bis ueber den Kopf
+ins Wasser getaucht; schliesslich wird dem Taeuflinge eine in geweihtes Oel
+getauchte Schnur um den Hals gebunden und die Ceremonie ist vorueber.
+Vorher aber sind die Kinder beiderlei Geschlechts beschnitten worden.
+
+Die _Ehe_ ist in Abessinien, wo allgemeine Sittenlosigkeit und die
+allergroesste Freiheit im Umgang der Geschlechter herrscht, eine rein
+aeusserliche und sehr lose. Die Trauungen werden nur selten kirchlich
+geschlossen, was einfach dadurch geschieht, dass die Brautleute das
+Abendmahl zusammen nehmen. Werden die Gatten einander untreu, so trennen
+sie sich einfach und haben dann das Recht, noch zweimal sich kirchlich
+trauen zu lassen. Da jedoch die meisten Ehen wild sind, so betrachtet man
+die kirchliche Trauung als Nebensache. Wie entsetzlich die Zustaende in
+dieser Beziehung sind, geht aus der Bemerkung Isenberg's hervor, dass er
+waehrend der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Abessinien unter einer sehr
+grossen Zahl kirchlich getrauter Leute _kein einziges_ Paar kennen lernte,
+dass einander treu blieb. Das Gesetz, dass man sich nur dreimal trauen
+lassen darf, gilt jedoch nur in der Theorie. Rueppell traf zu Ategerat ein
+huebsches, erst _siebzehnjaehriges_ Frauenzimmer, welche bereits von
+_sieben_ mit ihr ehelich vermaehlten Maennern geschieden war und im Begriffe
+war, sich zum _achten Male zu vermaehlen_! Ehescheidungen sind blosse
+Privatangelegenheiten, welche nur dann vor die Behoerden gebracht werden,
+wenn man in Betreff der Vermoegenstheilung sich nicht miteinander
+verstaendigen kann. Sonst hat die Obrigkeit damit gar nichts zu thun, und
+die Ehe besteht nur so lange, als beide Theile damit zufrieden sind.
+Eifersucht ist in Abessinien ein unbekanntes Ding und eheliche Untreue das
+Gewoehnliche, besonders noch dadurch beguenstigt, dass die Zahl der Frauen
+ueberwiegt. Dies mag auch ein Grund dafuer sein, dass unter jenen Christen
+die _Vielweiberei_ geduldet ist; aber nur die Reichen pflegen an dem
+naemlichen Orte mehrere Frauen zu haben, von denen jede einzelne in einem
+besonderen Hause wohnt. Diejenigen Abessinier, welche sich ihrer Geschaefte
+halber an verschiedenen Orten aufhalten, haben gewoehnlich an jedem
+derselben eine Frau. Im Allgemeinen benimmt sich die Frau sehr aufmerksam,
+dienstwillig und selbst demuethig unterwuerfig gegen ihren Mann. Sie darf
+ihn nur als ihren Herrn und im Plural anreden, waehrend der Gatte gegen sie
+das "Du" gebraucht; sie muss ihm, wenn er es verlangt, die Fuesse waschen und
+ihm bei Tische haeufig die Speisen in den Mund stopfen! Jenes Betragen der
+abessinischen Frauen geht jedoch nicht aus Liebe hervor, sondern ist
+berechnete Schmeichelei. Liebe in reinerem Sinne kennt man in jenem durch
+die groesste Sittenverderbniss ausgezeichneten Lande gar nicht. Zum Heirathen
+genuegt schon ein Vermoegen von wenigen Thalern, ein baumwollenes Hemd fuer
+die Braut, etwas Geld fuer die Eltern sind die Geschenke bei Armen. Bei
+reichen Leuten werden grosse Gelage gehalten, welche mehrere Tage dauern.
+Gegen Ende derselben fuehrt der Braeutigam, auf einem Maulthier reitend, die
+Braut scheinbar aus dem aelterlichen Hause in das seinige. Die Maedchen
+werden in der Regel noch ungemein jung, zuweilen schon in ihrem neunten
+Jahre verheirathet; so erzaehlt Pearce, dass ein mehr als siebenzigjaehriger
+Landesfuerst die noch nicht zehnjaehrige Tochter des Kaisers heirathete!
+
+Sieht ein Abessinier seine Todesstunde herannahen, so laesst er den
+Geistlichen rufen, dem er eine Beichte ablegt, um die Absolution zu
+empfangen. Der wuerdige Priester benutzt dann gewoehnlich diese Gelegenheit,
+um moeglichst viel von dem weltlichen Gute des Sterbenden fuer sich und die
+Kirche zu erlangen, waehrend er fuer das _Begraebniss_ selbst keinen Heller
+nimmt. Dieses findet meistens noch am Todestage statt. Der Koerper wird mit
+gekreuzten Armen in ein baumwollenes Tuch geschlagen, dann mit einer
+Lederhaut umwickelt, in der Kirche eingesegnet und in einer kleinen Grube
+bestattet. Nach der Beerdigung versammeln sich Freunde und Verwandte im
+Sterbehause, wo das Klagegeheul angestimmt und dann ein grosses Mahl
+gehalten wird. Um tiefe Trauer wegen des Todes eines Verwandten
+auszudruecken, pflegt man sich das Haupthaar abzuscheren, den Kopf mit
+Asche zu bestreuen und die Schlaefen zu zerkratzen, bis Blut fliesst. Alles
+dieses ist jedoch blos aeusserliche Heuchelei und fern von tiefgefuehlter
+Betruebniss, denn grenzenloser Leichtsinn ist ein Hauptcharakterzug der
+Abessinier.
+
+Abessinien ist reich an _Kirchen_, doch sind dieselben meistentheils nur
+klein. Viele stehen als Wallfahrtsorte in hohem Ansehen und werden von
+grossen Scharen frommer Pilger besucht, die, oft aus weiter Ferne
+herziehend, haeufig zugleich den bei der Kirche aufgeschlagenen Markt zu
+Einkaeufen benutzen. So knuepfen sich auch hier die Messen an die Kirchen,
+wie in den meisten anderen Laendern der Erde gleichfalls. Gewoehnlich sind
+die Kirchen im Grundrisse rund und 20-24 Fuss hoch; viereckige gehoeren zu
+den seltenen Ausnahmen. Beinahe jede abessinische Kirche oder Kapelle hat
+an ihrer Facade zwei gleich grosse, dicht nebeneinander stehende Thueren und
+im Innern eine Art von grossem hoelzernen Sessel oder Thron, der die
+Bundeslade der Israeliten vorstellt. Dieser Sessel, auf welchem Brot und
+Wein fuer das Abendmahl eingesegnet werden, fuehrt den Namen Manwer oder
+Tabot und ist ueberall in Abessinien der Gegenstand der groessten Verehrung.
+Glocken befinden sich nur in wenigen Kirchen der groesseren Staedte; statt
+ihrer behelfen sich die Priester mit duennen Steinplatten, die schwebend
+aufgehaengt sind und durch deren Anschlagen die Glaeubigen zusammenberufen
+werden. Die gewoehnlichen Kirchen auf dem Lande bestehen aus zwei
+Gemaechern, deren Inneres beinahe ganz dunkel ist und welche durch eine
+Fluegelthuere miteinander in Verbindung stehen. Sie sind mit einem
+gemeinschaftlichen kegelfoermigen Strohdache ueberdeckt und fast immer von
+schoenen Baeumen umgeben, welche den um die Kirche herumliegenden Friedhof
+beschatten, der jedoch keinerlei Grabsteine aufweist. Einige dabei
+befindliche kleine Huetten beherbergen die den Kirchendienst versehenden
+Priester. Das Ganze ist durch eine niedrige Mauer umschlossen. Wer Schuhe
+oder Sandalen traegt - uebrigens eine Seltenheit in Abessinien - zieht
+dieselben beim Eingange des Kirchhofes aus. In der vorderen Abtheilung,
+der eigentlichen Kirche, versammeln sich die Leute, nachdem sie beim
+Eingange die mit schreckhaften kolossalen Engelsfiguren bemalten Thueren
+ehrfurchtsvoll gekuesst haben. _Gemalte_ Bilder werden in Abessinien
+verehrt, keineswegs jedoch _geformte_, und deshalb zeigt das abessinische
+Kreuz auch keinen Christusleib, weil dies nach Auffassung jener Kirche
+gegen das zweite Gebot verstossen wuerde. Das Kuessen der Kirche ist als
+Zeichen der Gottesverehrung ueblich, sodass der Ausdruck "die Kirche kuessen"
+gleichbedeutend mit unserem "in die Kirche gehen" ist. Ueberhaupt werden
+alle fuer heilig gehaltenen Gegenstaende, Kirchen, Kreuz, Bilder und Buecher
+gekuesst. Die Eingetretenen setzen sich oder knieen auf den Boden hin. Durch
+die offene Fluegelthuer erblickt man im zweiten Gemache den Tabot, um den
+Priester in zerlumpten seidenen Kitteln umherstehen, jeder von ihnen haelt
+eine brennende Wachskerze in der Hand, ausserdem Schelle und Rauchfass, die
+sie beim Heulen der Psalmen schwingen. Zuweilen liest einer eine kurze
+Phrase aus einem auf der Bundeslade liegenden Buche oder reicht den
+Anwesenden das Kreuz zum Kuessen dar - von einer christlichen Erbauung
+gewahrt man jedoch bei diesen keine Spur; sie plappern zwar fortwaehrend
+mit den Lippen Gebete her, aber ihren Blicken nach zu urtheilen sind ihre
+Gedanken bei ganz anderen Gegenstaenden.
+
+ [Illustration: Grundriss der Kirche Lalibela.
+ Nach E. Zander.]
+
+Besser sind die Kirchen in den grossen Staedten beschaffen, namentlich zu
+Gondar, wo es allein gegen fuenfzig giebt. Die groesste ist die
+_Bada-Kirche_, welche Kaiser Tekla Haimanot um das Jahr 1775 erbauen liess.
+Mit ihrem hohen konischen Dache ueberragt sie alle anderen Gebaeude der
+Stadt und zeichnet sich ausserdem durch ein grosses griechisches Kreuz von
+Messing auf dem Giebel aus. In ihr, sowie in anderen Kirchen Gondars zeigt
+man mehrere etwa fuenf Fuss lange Kisten aus Sykomorenholz, welche ringsum
+mit Heiligenbildern und auf dem Deckel mit der Figur eines in ein
+Leichentuch gehuellten Menschen bemalt sind. Sie enthalten die Gebeine von
+Personen, welche in ganz besonderem Ansehen standen. Diese muessen jedoch
+erst herkoemmlicher Weise fuenfzig Jahre lang in der Erde geruht haben, ehe
+sie zu der Ehre gelangen, auf diese Art aufbewahrt zu werden. Die uebrigen
+Kirchen sind gewoehnlich von Bogengaengen umgeben, von denen aus mehrere
+grosse Thueren in das Innere fuehren. Waende, Thueren und Querbalken des
+Gebaeudes sind mit Malereien bedeckt und die innere Seite der Thuergesimse
+mit kleinen Porzellanplatten ausgekleidet; Teppiche decken den Boden; doch
+Lampen sind eine seltene Erscheinung.
+
+Vorzueglich schoene und geschmackvolle Holzschnitzereien, die, was die
+Arabesken betrifft, auch einem europaeischen Kuenstler Ehre machen wuerden,
+enthaelt die _Kirche Lalibela_ zu Gondar, ein Bauwerk der Fuerstin Menene.
+Ihr Grundriss ist rund, das Dach, wie allgemein ueblich, konisch und an der
+Spitze mit dem Kreuz geziert. Ihr Inneres besteht aus drei konzentrischen
+Abtheilungen. Der aeussere, von Saeulen getragene Kreis, ist der allgemeine
+Raum fuer die Kirchgaenger; der zweite, mittlere Raum ist fuer die
+Abendmahlempfaenger bestimmt; der innerste, viereckige, enthaelt die
+Bundeslade. Die erwaehnten reichen Holzschnitzereien sind flachrelief an
+Thueren und Fenstern angebracht.
+
+Wohl die beruehmteste Kirche in ganz Abessinien ist jene zu _Axum_ in
+Tigrie, in der ehemaligen Hauptstadt des den Griechen und Roemern bekannten
+axumitischen Reiches. Sie liegt inmitten des politischen Asyls und wurde,
+wie schon ihre Bauart zeigt, unter portugiesischem Einfluss 1657 an der
+Stelle der 1535 von Muhamed Granje zerstoerten alten Kirche erbaut. Durch
+Groesse, Reichthum und Heiligkeit uebertrifft sie alle anderen Kirchen
+Tigrie's. Auf einer mit Stufen versehenen, aus gut behauenen Quadern
+erbauten Terrasse schreitet man zu ihr hinauf. Vier dicke Pfeiler bilden
+eine Art Porticus, von welchem man durch drei Thueren in den inneren Raum
+gelangt. Dieser ist durch zwei Reihen plumper Pfeiler in drei Schiffe von
+gleicher Hoehe abgetheilt, welche durch einige kleine und sehr schmale
+Fenster ein sehr spaerliches Licht erhalten; die Decken bilden horizontal
+liegende Balken; die Waende sind mit geschmacklosen, stark beschaedigten
+Malereien beklext, der Boden mit Teppichen belegt. (Rueppell fand ihn
+voller Schmuz.) Ein kleiner Thurm enthaelt eine Treppe, die zu dem flachen,
+mit Zinnen gekroenten Dache fuehrt. Salt, welcher die Kirche gemessen hat,
+giebt ihre Laenge zu 111, ihre Breite zu 51 Fuss an. In der Naehe steht ein
+kleines niedriges Haus, in welchem zwei sehr roh in Abessinien selbst
+gegossene Glocken haengen, und in einem anderen Gebaeude werden die
+Pretiosen der Kirche, die Metallkronen, Kreuze und Manuskripte aufbewahrt.
+Nach der Ansicht der Abessinier ist die hier aufbewahrte Bundeslade die
+echte juedische aus der Zeit des Koenigs Salomo, welche Menilek, der Sohn
+der Koenigin von Saba, in Jerusalem stahl und hierher brachte (vergl.
+S. 3). Der Name der Kirche ist Hedar Sion und ihr Hueter, der Gouverneur
+von Tigrie, fuehrt den Titel Nabr Id (Hueter der Bundeslade). Die Abbildung
+zeigt unsere Anfangsvignette.
+
+ *Die Missionen in Abessinien.*
+
+Schon bald nach Entstehung der englischen "Missionsgesellschaft fuer Afrika
+und den Osten" wandte diese ihre Aufmerksamkeit auf Abessinien, in der
+Absicht, dem dortigen Christenthume frische Anregungen zuzufuehren und
+dasselbe aus seiner Versunkenheit herauszuziehen, sowie vor dem Untergange
+im Muhamedanismus zu bewahren. Zu diesem Zwecke wurden nun
+Missionsstationen in Malta, Kairo, Smyrna u. s. w. angelegt, von denen aus
+man allmaelig bis Abessinien vordringen wollte, und durch einen
+abessinischen, nach Jerusalem gepilgerten Moench die ganze Bibel in die
+amharische Sprache uebersetzt, welche die verbreitetste unter den
+abessinischen Mundarten ist. Die ersten Missionaere, welche nach Ategerat
+(Adigrat) in Tigrie im Jahre 1830 vordrangen, waren die beiden Deutschen
+_Gobat_ und _Kugler_. Der Detschasmatsch Sabagadis empfing sie freundlich,
+indessen die politischen Verhaeltnisse, die immerwaehrenden Kriege zwischen
+Sabagadis und Ubie um die Herrschaft Tigrie (vergl. S. 107) waren ihrem
+Werke nicht guenstig. Trotzdem drang Gobat bis nach der Hauptstadt Gondar
+vor, waehrend Kugler in Tigrie zurueckblieb, um bald an den Folgen einer
+Verwundung, welche er sich auf der Jagd zugezogen, zu sterben. Als nun zu
+derselben Zeit Sabagadis von Ubie geschlagen und getoedtet wurde, brach
+auch fuer den wackern Gobat eine Zeit der Verfolgungen herein. Laengere Zeit
+hielt er sich in den politischen Asylen, namentlich im Kloster Debra Damo,
+verborgen, musste schliesslich aber nach Aegypten fliehen. Die Erfahrungen,
+die er bezueglich seines Missionswerkes gemacht hatte, waren jedoch nur
+trauriger Art; er fand, "dass der Leichtsinn dieses Volkes nicht leicht die
+Wahrheit des Evangeliums auf Herz und Leben wirken laesst". _Der erste
+misslungene Versuch._
+
+ [Illustration: Gefangennahme des Missionaers Krapf durch Adara Bille.
+ Nach Krapf's Reisewerk.]
+
+In Karl Wilhelm _Isenberg_ aus Barmen erhielt 1834 der zurueckgekehrte
+Gobat einen treuen Freund und Unterstuetzer, der mit neuem Eifer das
+schwierige Geschaeft anzugreifen begann. Nach langer Fahrt durch das Rothe
+Meer und dreimonatlichem Aufenthalte in Massaua kamen beide im April,
+begleitet von ihren Frauen, in Tigrie an, wo die Buergerkriege immer noch
+fortwuetheten. Ubie sicherte indessen den Missionaeren seinen Schutz zu, die
+nun mit der Verbreitung von Bibeln begannen. Gobat jedoch war infolge von
+Krankheit genoethigt, schon 1836 zurueckzukehren und gegen den bleibenden
+Isenberg richtete sich nun der Hass der abessinischen Geistlichkeit, die
+ihren Einfluss durch seine Anwesenheit bedroht sah. Indessen Isenberg hielt
+wacker aus und fand in dem Deutschen _C. H. Blumhardt_ einen Unterstuetzer
+in seiner aufreibenden Arbeit. Um auf die Jugend, die man zunaechst im Auge
+hatte, besser wirken zu koennen, begann man mit dem Schulunterricht und
+baute ein grosses Missionshaus in Adoa, das jedoch bald die Eifersucht und
+den Verdacht des Kirchenvorstehers wie des Herrschers Ubie erregte, da es
+fuer eine Festung angesehen wurde, von welcher unterirdische Gaenge zum
+Waffen- und Truppentransport bis Massaua fuehren sollten! Als mit Ende des
+Jahres 1837 auch Ludwig _Krapf_ aus Wuerttemberg zu der kleinen Mission
+stiess, fand er schon grosse Schwierigkeiten, um zugelassen zu werden, und
+bereits im Sommer 1838 erhielten die Missionaere den Befehl, das Land
+wieder zu verlassen. Wie Isenberg bemerkt, geschah dieses nicht ohne
+Zuthun der mittlerweile gleichfalls nach Abessinien gekommenen
+katholischen Missionaere, namentlich Sapeto's, dessen wir bereits oben
+S. 31 gedachten. _Der zweite misslungene Versuch._
+
+Nachdem so im Norden Abessiniens keine Aussichten mehr fuer eine
+gedeihliche Wirksamkeit vorhanden schienen, beschloss man mit zaeher
+Ausdauer im Sueden, in Schoa, das Werk fortzusetzen.
+
+Schon im Jahre 1837 kam zu den deutschen Missionaeren in Adoa ein Bote des
+Koenigs von Schoa, welcher einen in deutscher Sprache geschriebenen Brief
+ueberbrachte, der von Martin Bretzka, dem ehemaligen Jaeger Rueppell's,
+herruehrte. Durch diesen liess Sahela Selassie die Missionaere um Arznei und
+einen tuechtigen Mechaniker bitten, ja er verlangte, dass die Missionaere
+womoeglich selbst zu ihm kommen moechten. Arznei wurde sofort nebst einem
+langen Briefe von Isenberg ueberschickt, ein Mechaniker aber war nicht
+vorhanden. In dem Schreiben fragte der Missionaer, ob der Koenig ihm sein
+Missionswerk in Schoa gestatten wolle. Wenn er diese Frage bejahe, wuerde
+er sammt seinem Kollegen Blumhardt kommen, sei dieses aber nicht der Fall,
+so muesse er von der Reise nach Schoa absehen. Da Blumhardt jedoch auf eine
+indische Station gesandt wurde, machten sich 1839 Krapf und Isenberg auf
+den Weg nach Schoa und kamen nach einer hoechst beschwerlichen Reise auf
+einem bis dahin unbekannten Wege ueber Tadschurra und das Adal-Land am 6.
+Juni in Ankober beim Koenige Sahela Selassie an, der sie mit der groessten
+Freundschaft aufnahm und behandelte. "Hier nun gelang es unter sehr
+guenstigen Umstaenden einen guten Anfang mit der Verkuendigung des
+Evangeliums und dem Schulunterrichte zu machen." Da es jedoch an Buechern
+und Lehrmitteln fehlte, kehrte Isenberg nach freundlichem Abschiede im
+November 1839 nach Europa zurueck, um das zur Fortfuehrung der uebernommenen
+Aufgabe Noethige zu holen.
+
+Krapf blieb nun laengere Zeit allein in Schoa, fuehlte sich aber wohl sehr
+einsam und beschloss, ehe er sein Werk weiter fortfuehrte, seine Braut
+heimzufuehren. Am 11. Maerz 1842 unternahm er die aeusserst gefahrvolle Reise
+von Ankober nach Massaua. Er hatte seine Richtung durch das noerdliche
+Schoa und das Land der muhamedanischen Wollo-Galla genommen. Er wollte
+ueber Gondar gehen und dort die Bekanntschaft des neuen, erst ein Jahr
+vorher berufenen Abuna machen.
+
+ [Illustration: Ludwig Krapf. Nach dem Stahlstich in dessen Reisewerk.]
+
+Vom Koenige Sahela Selassie mit einem silbernen Schwerte beschenkt, welches
+ihm den Rang eines Gouverneurs ertheilte, und wohl versehen mit
+amharischen Bibeln, machte sich der muthige Glaubensbote, nachdem er vom
+Koenige und der damals in Schoa weilenden britischen Gesandtschaft Abschied
+genommen, auf den gefahrvollen Weg. In Sella Dengai stattete er noch der
+einflussreichen Mutter des Koenigs, welche beinahe halb Schoa unabhaengig
+beherrschte, einen Besuch ab. Sie empfing ihn, auf ihrem Lager sitzend und
+umgeben von Dienerinnen, sehr friedlich, liess sich einen bunten Schal,
+einige Scheren, sowie ein Neues Testament in aethiopischer Sprache
+schenken, und entliess darauf unseren Landsmann, der in die hohen kalten
+Berge hinaufstieg, die sich an der Grenze der Provinzen Mans und Tegulet
+hinziehen. Mans ist die groesste Provinz Schoa's und wird als Gut der
+Koenigin-Witwe betrachtet; doch leben die Eingeborenen unabhaengig und mit
+allen Nachbarn im ewigen Kampfe. Auch gegen Krapf waren sie hoechst
+unfreundlich, der sich freute, ihr kaltes Land bald verlassen zu koennen.
+Er passirte verschiedene nach Westen fliessende kleine Zufluesse des Nil und
+stieg dann von den Hoehen beim Dorfe Amad-Wascha in das Thal des Flusses
+Katscheni hinab, der die Grenze gegen die von den Wollo-Galla bewohnte
+Provinz Gesche ausmacht. Der Haeuptling der Galla, Adara Bille, residirte
+damals im Distrikte Lagga Gora und stand mit Schoa in friedlichen
+Beziehungen; er empfing den Gast freundschaftlich und entliess ihn am
+naechsten Tage mit einem Fuehrer versehen.
+
+Am 23. Maerz gelangte der Reisende an das Ufer des Flusses Beschlo und
+erstieg die Hochebene von Talanta. Hier kamen ihm zahlreiche Fluechtlinge
+entgegen, die mit Weib und Kind vor der Invasion eines Galla-Stammes davon
+flohen und auch Krapf veranlassten, zu dem anscheinend freundlichen Adara
+Bille umzukehren, der auch noch immer die alten Sympathien fuer den
+Reisenden zu hegen schien. Als jedoch nach Verlauf von zwei Tagen das Land
+sich einigermassen beruhigt hatte und Krapf seine Reise fortsetzen wollte,
+erklaerte ihm Adara Bille, dass er ihn nach Schoa zuruecksenden muesse, da er
+nur fuer _einmal_ die Erlaubniss erhalten haette, das Land zu verlassen.
+Vergebens war alles Protestiren. Man suchte Gold bei ihm, nahm ihm seine
+Maulthiere und Pferde und liess ihn durch Soldaten bewachen. Als er nun
+trotzdem seine uebrig gebliebene Habe zusammenpackte und aufzubrechen
+versuchte, wurde er ergriffen und in ein kleines Gemach abgefuehrt, wo man
+ihm, unter Androhung der Todesstrafe, sein ganzes Gut, sogar seinen Mantel
+wegnahm. Selbst die Taschen kehrte man ihm um und raubte ihm die letzten
+Kleinigkeiten. In diesem Zustande hielt man ihn mehrere Tage gefangen, und
+auf vieles Bitten gelang es ihm endlich sein Tagebuch, 3 Thaler und das
+schlechteste Maulthier wieder zu bekommen. Dagegen waren fuenf Maulthiere,
+140 Thaler, die Pistolen und Flinten, der Kompass, die Uhr und viele andere
+werthvolle Dinge unwiderbringlich verloren. Gott war der einzige Trost des
+frommen Mannes in diesen Leiden, der nun, von sechs Soldaten begleitet,
+ueber die Grenze transportirt wurde.(1)
+
+Bettelnd gelangte er in das schoene, vom Dscherado durchstroemte Thal
+Totola, in dem ein lebhafter, aus allen Theilen Abessiniens besuchter
+Markt abgehalten wird. Zu beiden Seiten desselben erheben sich hohe mit
+Doerfern, Weilern und Wachholderbaeumen bestandene Bergketten, die den
+gebeugten Krapf durch ihre wunderbare Schoenheit entzueckten. Allein die
+rohen Soldaten trieben ihn mit den Worten fort: "Du bist unser Vieh, wir
+koennen mit dir anfangen, was uns beliebt." Am Ufer des Flusses Berkona,
+der dem Hawasch zufliesst, traf man auf einen Kaufmann, der nicht wenig
+erstaunt war, einen weissen Mann auf diese Art durch das Land gefuehrt zu
+sehen. Dieser, in dessen Brust wol Mitleid rege wurde, ertheilte Krapf den
+Rath, er solle laut schreien, wenn er viele Leute in den Feldern bemerke;
+diese wuerden alsbald herbeieilen und ihn zum Gouverneur Amadie fuehren, der
+auf einem hohen Berge zu Mofa, in der Naehe des Sees Haik, residire. Krapf
+befolgte diese Weisung und sah sich bald von Landleuten umringt, die ihn
+trotz des Straeubens der Soldaten befreiten und zu Amadie fuehrten, dem
+Haeuptlinge der Tehulladarie-Galla. Dieser schickte die Soldaten Adara
+Bille's augenblicklich zurueck und liess den geprueften Mann ruhig seine
+Strasse ziehen. Auf muehevollem Wege wanderte Krapf nun von Station zu
+Station durch wilde ungastliche Voelker von dem See Haik an der
+nordoestlichen Grenze von Schoa ueber Jedschau, Angot, Wafila, Lasta,
+Enderta und das oestliche und nordoestliche Tigrie bettelnd bis Massaua, wo
+der franzoesische Konsul de Goutin ihm die Heimreise moeglich machte, die er
+am 4. Mai antrat. In Schoa aber befand sich keine Mission mehr. _Der
+dritte misslungene Versuch._
+
+Wer jedoch glauben wuerde, die eifrigen Missionaere haetten sich durch
+solchen betruebenden Ausgang abhalten lassen, weiter zu wirken, wuerde arg
+irren. Mit einer Menge Lehrmittel, Bibeluebersetzungen und Woerterbuechern
+versehen, preiswuerdigen Zeugnissen echt deutschen Fleisses, gingen 1842
+Isenberg, Krapf und Muehleisen abermals nach der Somalikueste, um ueber Zeyla
+nach Schoa vorzudringen, wo immer noch die britische Gesandtschaft unter
+Kapitaen Harris weilte. Schon an der Kueste stellten sich die groessten
+Schwierigkeiten einem weiteren Vordringen nach Schoa entgegen und man traf
+auf Intriguen aller Art. Auch soll der franzoesische Reisende Rochet seinen
+ganzen Einfluss bei Sahela Selassie angewandt haben, um den deutschen
+Maennern den Eingang nach Schoa zu verschliessen. (Vergl. S. 29.)
+
+Krapf hatte einen Brief an Sahela Selassie geschrieben und angezeigt, dass
+er nach Ankober gehen wuerde. Nach der Ankunft des Schreibens wurden
+Versammlungen in allen Kirchen der Hauptstadt gehalten, und Deputationen
+der Geistlichkeit, Priester und Moenche verfuegten sich geraden Weges zum
+Palaste, um den Koenig anzuflehen, dass weder Krapf noch Isenberg zugelassen
+werden moechten. "Ihre Werke sind nicht die unserigen und ihr heiliges Buch
+ist verschieden von dem, was in unserem Lande als das wahre betrachtet
+worden ist. Erlaubt man ihnen zurueckzukehren, so wird das Volk vom Glauben
+seiner Vaeter abfallen." Dergestalt gedraengt, entschied Sahela Selassie
+gegen Kapitaen Harris, welcher sich fuer die Missionaere verwandte: "Isenberg
+und Krapf koennen nicht wieder in mein Land kommen, mein Volk will es ihnen
+nicht erlauben. Ich habe lange darueber nachgedacht und es ist besser, wenn
+sie wegbleiben; ich will keinem wieder erlauben, je wieder ueber den
+Hawasch zu kommen." Und dabei blieb es, die Missionaere zogen betruebt ab.
+Man kann sich vorstellen, wie dieses abermalige Scheitern aller Hoffnungen
+auf die glaubenseifrigen Priester zurueckwirken musste, welche durch ein
+Schreiben des Kapitaen Harris von diesen Vorgaengen in Schoa in Kenntniss
+gesetzt wurden. "Gern haetten wir unseren Augen und Ohren und ebenso dem
+Zeugnisse dieses Briefes nicht getraut, gern uns die Sache anders gedeutet
+und dargestellt; dazu fehlte uns aber alles Material, und wir mussten bei
+der ersten Thatsache stehen bleiben: die Mission in Schoa ist aufgehoben,
+sie ist nicht mehr." _Der vierte misslungene Versuch._
+
+Waren dergestalt alle Aussichten im Sueden benommen, so wollte man abermals
+das alte Feld im Norden, in Tigrie, aufsuchen und sehen, ob sich hier die
+Verhaeltnisse seit 1838 nicht etwa guenstiger gestaltet haetten. Im April
+1843 brachen Isenberg und Muehleisen, fortwaehrend grosse Massen von Bibeln
+verbreitend, von Massaua aus, die Provinz Hamasien durchziehend, nach
+Adoa, der Hauptstadt Tigrie's, auf, wo sie ihr altes Haus zum Theil
+verwuestet fanden. Gleich nach ihrer Ankunft wurde die Priesterschaft und
+das Volk gegen sie aufgehetzt und ihre Lage gestaltete sich von allem
+Anfange an noch schwieriger als zuvor. Die Missionaere hatten ein
+foermliches theologisches Examen vor den abessinischen Geistlichen zu
+bestehen und wurden, als dieses nicht nach dem Wunsche der letzteren
+ausfiel, in Bann gethan. Auch soll der katholische Bischof de Jacobis,
+welcher damals in Adoa eine Mission leitete, gegen sie intriguirt haben.
+Isenberg reiste nun selbst in das Feldlager des Herrschers Ubie, wurde
+aber von diesem nicht vorgelassen, sondern mit dem Bescheid abgewiesen:
+"er habe die Abessinier lange genug durch Abendmahlhalten, Taufen, Trauen,
+Begraben in seinem Hause beleidigt, deshalb sei er frueher aus dem Lande
+gewiesen; jetzt sei er wiedergekommen und verharre in seiner
+Hartnaeckigkeit; er habe die Jungfrau Maria gelaestert, ja, er sei soweit
+gegangen, dass er in den Schriften der Apostel unterrichten wolle. Er solle
+also in sein Land zurueckkehren, denn in Tigrie duerfe er nicht bleiben." So
+mussten die Missionaere also auch jetzt wieder umkehren, und nun schien der
+letzte Hoffnungsstrahl vernichtet. Isenberg troestete sich dann ueber das
+Scheitern seines Missionswerkes folgendermassen: "Durch das ganze Land
+hindurch hat sich ein bestimmter Eindruck von dem Zwecke unserer Mission
+verbreitet, und was noch weit mehr ist, sie haben mehr als 8000 Exemplare
+verschiedener Theile der Heiligen Schrift in amharischer und aethiopischer
+Sprache, unter welchen sich eine Anzahl amharischer ganzer Bibeln
+befindet, erhalten, welche nun auch nicht muessig liegen, sondern gewiss eine
+stille Wirksamkeit auf manche ihrer Besitzer und Leser ausueben werden. Die
+Abessinier haben sich durch gleichgiltige Vernachlaessigung und unglaeubige
+Verachtung des Evangeliums, durch ihr starres Anhangen an ihren
+eingewurzelten Thorheiten und Suenden, durch ihre allgemeine Traegheit und
+Habsucht einer laengeren Fortdauer der evangelischen Mission in ihrem Lande
+fuer unwerth erklaert, und dem Herrn hat es in seinem Wunderrathe gefallen,
+sie fuer die naechste Zukunft aufzuheben." _Der fuenfte misslungene Versuch._
+
+Ehe wir die ferneren Anstrengungen der protestantischen Missionaere hier
+schildern, die trotz Allem keineswegs gewillt waren, das unfruchtbare Feld
+aufzugeben, muessen wir hier die Thaetigkeit der kaum minder eifrigen
+katholischen Glaubensboten anfuehren, die aber fast ebenso wenig Erfolge
+aufzuweisen haben, wie jene. Es ist eine betruebende Thatsache, dass ueberall
+katholische und protestantische Missionaere einander befeinden. Kaum ist
+ein Katholik auf irgendeinem neuen Gebiete erschienen, um fuer seinen
+Glauben Propaganda zu machen, so folgt ihm ein Protestant, macht ihm das
+Feld streitig und beginnt unter den braunen, schwarzen, gelben oder rothen
+Menschen fuer seine Sache zu wirken. Oder umgekehrt. Leicht waere es,
+hierfuer viele Beispiele anzufuehren, denn in Afrika, Nordamerika, auf
+Madagascar, in der Suedsee, ueberall wiederholt sich dasselbe Schauspiel,
+und die Eingeborenen sollen schliesslich Richter sein zwischen den Lehren
+des Protestantismus und Katholizismus. Dass auf diese Weise die Sache nicht
+gefoerdert wird, ist nur zu natuerlich. Jeder Theil schiebt indessen die
+Schuld auf den andern, und dem Unparteiischen faellt es schwer, anders zu
+entscheiden, als dass _beide_ gefehlt. So auch in Abessinien.
+
+Die katholische Kirche betrachtete das Land seit der Verjagung der
+Jesuiten im 17. Jahrhundert immer nur wie eine abgefallene, aber wieder zu
+erobernde Provinz und beschloss, auch diese Eroberung zu beginnen, kurz
+nachdem die Protestanten sich in Tigrie niedergelassen hatten. Der Anfang
+damit wurde im Maerz 1838 gemacht, als der italienische Priester _Giuseppe
+Sapeto_ zugleich mit dem Reisenden _M. Abbadie_ in Adoa ankam. Bei Ubie
+stellte er sich als Eins mit den Abessiniern in der Religion dar und
+gewann bald Einfluss, den er, eingestandenermassen, gegen die Ketzer
+Isenberg und Krapf verwandte, sodass diese mit Recht seinem Einflusse ihre
+Verjagung aus Adoa zuschreiben. Sapeto besuchte nun die abessinischen
+Kirchen, schloss sich dem Gottesdienst an und geberdete sich in Allem als
+abessinischer Christ und arbeitete nicht ohne Erfolg. Er machte 22
+Proselyten, die jedoch spaeter wieder zu ihrer Landeskirche zuruecktraten.
+Ehe er Abessinien verliess, bewog er den Etschege, das Oberhaupt der
+abessinischen Moenche, einen Brief an den Papst zu schreiben, dessen Primat
+als Nachfolger Petri die Abessinier im Allgemeinen anerkennen, ohne ihm
+jedoch eine Macht ueber ihre Kirche einzuraeumen. Die verschiedenen
+Sendungen der franzoesischen Regierung trugen ohnehin dazu bei, das Werk
+der roemischen Mission in Adoa zu foerdern, und so entschloss sich denn der
+Papst, mit noch groesserem Nachdrucke aufzutreten. Der Pater de Jacobis, ein
+Piemontese von Geburt und frueher Beichtvater der Koenigin von Neapel, ein
+durch grosse Kenntnisse und geistige Gaben ausgezeichneter Mann, ging mit
+sechs Gefaehrten nach Adoa, wo er bei Ubie zu bedeutendem Einflusse
+gelangte und von diesem mit der Gesandtschaft betraut wurde, welche 1841
+den neuen Abuna Abba Salama abholen sollte. Waehrend de Jacobis weiter nach
+Rom ging, wo er einige junge Abessinier als "Gesandte des Koenigs von
+Aethiopien an den Papst" vorstellte, agitirte der junge Abuna hinter
+seinem Ruecken und griff zu allen moeglichen Mitteln, um die katholischen
+Proselyten wieder zur Landeskirche zurueckzubringen, was ihm auch gelang,
+sodass Jacobis nach seiner Rueckkehr in Adoa sich darauf beschraenken musste,
+seiner zahlreichen Dienerschaft im Missionshause Gottesdienst zu halten.
+Wie der Abuna ueber den katholischen Missionaer dachte, sieht man aus einem
+Schreiben, welches er 1843 an Isenberg kurz vor dessen Abgang richtete und
+in welchem es heisst: "Wenn Sie selbst den "Jakob" vertreiben koennen _und
+dann in Ruhe hier bleiben_, so wird Alles gut gehen; wenn Sie das aber
+nicht koennen, so werde ich auch ihm nicht erlauben, in unserm Lande zu
+bleiben. Wenn ich ihn aber vertreibe, so werden wir verhasst werden, und
+man wird sagen, ich sei ein Freund der Englaender. Wenn Sie mir aber sagen,
+ich solle ihn vertreiben, so will ich ihn vertreiben." Die Katholiken
+hatten eine lange Zeit in Abessinien wirken koennen, denn erst im Fruehjahr
+1855, als Theodor ueber seinen Gegner Ubie siegte, wurden sie von ersterem,
+dem es an der Einheit der Staatskirche lag, verjagt. Justin de Jacobis
+sollte Anfangs getoedtet werden, allein Theodoros liess sich durch den Abuna
+bestimmen, ihn einfach ueber die Grenze zu weisen und mit 100
+Stockstreichen zu bedrohen, wenn er wieder nach Habesch kommen sollte.
+Theodoros hielt sich zu diesem Schritte berechtigt, so lange der Papst in
+Rom anders lehrende Priester in seinem Gebiete und seiner Kirche nicht
+dulde und weil er neben seinem eigenen Papste (dem Abuna) einen fremden
+nicht zulassen koenne. Die Anhaenger der roemisch-katholischen Kirche mussten
+zum abessinischen Glauben zurueckkehren, und so war die siebzehnjaehrige
+Thaetigkeit derselben mit einem Schlage vernichtet. Jacobis zog sich nach
+dem Grenzorte Halai zurueck, wo er am 31. Juli 1860 starb. Indessen sollen
+noch mehrere Gemeinden in Okulekusai und das Hirtenvolk der Irop zu den
+eifrigen Anhaengern der katholischen Mission zaehlen. Auch in der Provinz
+Agamie und Bogos (zu Keren) waren Jesuiten angesessen, und mehr als 30
+eingeborene Priester, die fuer das Land sehr gebildet sind, breiteten den
+Glauben um so eifriger aus, da sie als Landeskinder nicht das Misstrauen,
+das jeden Fremden empfaengt, zu bekaempfen hatten. Die Kirchen wurden
+fleissiger besucht, die Ehen regelmaessiger geschlossen und das Volk darum
+schon eher fuer den Katholizismus gewonnen, weil die Jesuiten namentlich
+den Mariendienst stark kultivirten, der den Abessiniern zusagt. Allein
+gegen die Feindschaft Theodor's und des Abuna konnten auch die Katholiken
+nicht aufkommen, und ihre Mission hatte ein Ende. _Der sechste misslungene
+Versuch._
+
+Zu derselben Zeit nun, als die Katholiken aus Abessinien vertrieben wurden
+und dort die grossen politischen Umwaelzungen stattfanden, welche Theodor
+ans Ruder brachten, beschloss Bischof Gobat die protestantische Mission,
+die in Tigrie seit 1838 unterbrochen war, abermals zu erneuern und sandte
+zu diesem Zwecke Ludwig Krapf, den unermuedlichen Kaempfer, und _Martin
+Flad_, gleich jenem ein Wuerttemberger, im Dezember 1854 nach Abessinien.
+Die Sendboten landeten am 20. Februar 1855 zu Massaua. Hier traf nun bald
+der fluechtige de Jacobis ein, dessen Stelle zu besetzen die
+protestantischen Missionaere sich schleunig anschickten. Alles stand fuer
+sie guenstig; sie brachen ins Innere auf und fanden den Koenig im Lager in
+der Naehe von Debra Tabor, der sich ungemein freundlich gegen die
+Missionaere benahm. Dass er die Protestanten schuetzen, die Katholiken aber
+keineswegs dulden wolle, war eine angenehme Nachricht fuer Krapf, der
+sofort seine Geschenke auspackte. Diese bestanden in einem aegyptischen
+Teppich, einem Revolver, einem silbernen Becher, einem Taschentuch, auf
+dem eine Flaggenkarte abgedruckt war, und aus einer Bibel in amharischer
+Sprache. Das Taschentuch freute den Koenig sehr, und als er bemerkte, dass
+die Flagge von Jerusalem nicht in der Mitte stehe, fragte er nach der
+Ursache. Krapf theilte nun dem Koenige mit, dass Bischof Gobat ihm eine
+Anzahl christlicher Handwerker, Buechsenmacher, Schmiede u. s. w. schicken
+wolle. Dieser Plan fand guenstige Aufnahme, um so mehr als der Koenig
+bereits die Absicht hatte, nach Deutschland, England und Frankreich zu
+schreiben, um sich von dort Arbeiter kommen zu lassen. Die Freiheit der
+Religion wurde diesen Leuten ausdruecklich gewaehrleistet, eine
+Missionsthaetigkeit unter den christlichen Abessiniern ihnen jedoch nicht
+gestattet. Krapf und Flad zogen hierauf ueber Wochni, Metemme und Sennar,
+den Nil abwaerts nach Europa, wo sie Bericht ueber ihre Reise erstatteten.
+Schon im April 1856 gingen denn unter Flad's Leitung mehrere Laienbrueder
+aus dem Chrischona-Institute bei Basel nach Abessinien. Sie wurden Anfangs
+gut aufgenommen und zu Dschenda bei Gondar und Gafat bei Debra Tabor
+angesiedelt. Ihre spaetere Wirksamkeit faellt indessen mit der politischen
+Geschichte des Koenigs Theodoros zusammen, weshalb wir hier darauf
+verzichten, sie zu schildern. Wohl waren sie als Handwerker thaetig,
+indessen konnten sie fuer die Ausbreitung des Protestantismus so gut wie
+gar nichts thun, und ihre Anwesenheit in Abessinien bezeichnet den
+_siebenten misslungenen Missionsversuch_. Gleich ihnen waren auch die etwas
+spaeter eintreffenden Judenmissionaere _Stern_ und _Rosenthal_ ungluecklich,
+deren Beginnen als der _achte missglueckte Versuch_ hier angefuehrt werden
+muss.
+
+ --------------
+
+Wohl ist das Missionswerk ein preiswuerdiges, wohl verdienen jene Maenner
+wegen ihres Eifers, ihrer unermuedlichen Ausdauer unser Lob. Allein von
+Missgriffen waren die wenigsten frei und das stete Einmischen in die
+politischen Verhaeltnisse des Landes ein arger Fehler. Auch ist ihr Blick
+selten vorurtheilsfrei den gegebenen Verhaeltnissen gegenueber gewesen und
+leere Hoffnungen traten stets an die Stelle wirklicher Erfolge. Reisende,
+die ungetruebten Blickes Land und Leute kennen lernten, waren deshalb auch
+ferne von den gleichen argen Taeuschungen und stellten mit seltener
+Einmuethigkeit das Erfolglose der Missionsbestrebungen in Abessinien dar.
+Allein ihre klaren, fuer uns unumstoesslichen Anschauungen und Beweise haben
+fuer die Missionaere nicht die geringste Geltung, die beim Buchstaben der
+Schrift stehen bleiben. Doch halten wir mit dem eigenen Urtheile zurueck
+und lassen wir die Aussprueche einiger der bewaehrtesten Reisenden ueber die
+Missionen in Abessinien folgen.
+
+_Werner Munzinger_ ist mit der Handwerkermission, insofern dieselbe
+einfach Bildung verbreiten hilft, einverstanden. "Abessinien aber
+protestantisch machen zu wollen, faehrt er fort, das waere ein Beginnen, so
+radikal allem Hergebrachten ins Gesicht schlagend, dass die Leute, denen
+man ploetzlich ihren frommen Glauben und besonders die Verehrung der Mutter
+Gottes rauben wollte, von allem Christenthum abwendig wuerden. Das
+ruecksichtslose Abreissen wuerde sie so stutzig und verwirrt machen, dass sie
+das Kind mit dem Bade ausschuetten und den Glauben allen zusammen, sogar an
+Gott, wegwerfen wuerden, und mit der Verkuendigung einer Religion, die keine
+Verwandtschaft mit dem hat, was bis jetzt fuer schoenes goldenes
+Christenthum galt, wird allein ein krasser, gedankenloser Unglaube
+gepflanzt, der dem Volke den moralischen Halt nimmt, den ihm sein alter
+Glaube verliehen hatte. Wo aber ein Volk einmal den Glauben der Apostel
+rein bewahrt zu haben glaubt, da darf man des Systemes halber nicht in ein
+Extrem fallen; man muss nur das Moegliche versuchen, nur das Moegliche ist
+gut."
+
+Weit unumwundener spricht sich _Alfred Brehm_ aus. Er schreibt: "Die
+Bemuehungen der Missionaere sind zeitweilig von grossen Erfolgen gekroent
+gewesen. Zeitweilig, sage ich, das heisst, so lange die Mission Geschenke
+der verschiedensten Art, namentlich Schnaps und Wein, zu verabreichen
+hatte. Je mehr aber der Vorrath an diesen beliebten Getraenken abnahm, um
+so lauer wurden auch die Christen, und in den Zeiten der Duerre benahmen
+sie sich regelmaessig so, als waeren sie niemals Christen gewesen. Es geht
+hier eben wie fast ueberall, wo christliche Missionaere wirken: sie gewinnen
+in kurzer Zeit eine Menge Leute, welche sich dazu verstehen, einige
+Gebraeuche des Christenthums nachzuaeffen! Dass man sich in der Lehre, wie in
+der Ausuebung auf Aeusserlichkeiten beschraenkt, versteht sich ganz von
+selbst. - - Es verdient endlich einmal gesagt zu werden, dass die
+christlichen Missionen in Afrika in Glaubenssachen eben nichts anderes
+bewirken, als ueberspannten oder glaubenskranken Europaeern eine gewisse
+Genugthuung zu geben."
+
+Der klar blickende _Baker_, welcher in Galabat mit ein paar von den
+Chrischona-Missionaeren zusammentraf, unter denen sich ein Grobschmied
+befand, machte ihnen bemerklich, dass daheim in Europa ein sehr grosses Feld
+fuer die Missionsthaetigkeit offen liege und dass es sicherer und besser sei,
+dieses zu bebauen. "Ich konnte aber den Grobschmied, dessen Kopf so hart
+wie sein Amboss war, nicht ueberzeugen. Er hatte sich vollstaendig
+eingeredet, dass das Wort Gottes der Hammer sei, mit dem er, seinem
+Handwerk entsprechend, seine Ansichten von der Wahrheit den Leuten in die
+dicken Schaedel treiben muesse. Ich rieth ihm wieder zu seinem Handwerk zu
+greifen, das ihm mehr Respekt verschaffen werde als sein Predigen. Er
+antwortete, das Wort Gottes muesse in allen Laendern gepredigt werden; der
+Apostel Paulus sei auch Gefahren und Schwierigkeiten begegnet, aber er
+habe nichtsdestoweniger gepredigt und die Heiden bekehrt. So oft ich einem
+uebermaessig unwissenden Missionaer begegnet bin, hat er sich immer mit dem
+Apostel Paulus verglichen."
+
+Endlich urtheilt der fromme und religioese _Zander_, hart aber wahr,
+folgendermassen: "Alle abessinischen Missionen, die bisher hier waren,
+haben ihre Aufgabe durchaus falsch angegriffen, indem sie sich an die
+Erwachsenen wandten. Das Volk koennte nur einzig und allein dadurch gehoben
+werden, dass man sich der Kinder von frueh auf sorgfaeltig annaehme und sie
+gut erzoege. Eine Mission, die sich ungehindert dieser Aufgabe hingeben
+wuerde, koennte unendlichen Segen und Nutzen stiften, allerdings nicht fuer
+die Gegenwart, wohl aber fuer die Zukunft. Doch die bisherigen Leiter aller
+Missionen sammt ihren Gehuelfen waren rein unfaehig, eine solche Aufgabe zu
+vollfuehren, und die Missionshaeupter wurden stets von Eitelkeit, Hochmuth
+und grenzenloser Selbstsucht regiert. Sie schuetteten stets das Kind mit
+dem Bade aus."
+
+Diese vorurtheilsfreien Stimmen, neben welchen leicht noch viele aehnlich
+lautende Aussprueche angefuehrt werden koennten, moegen zur Bildung eines
+Urtheils ueber das abessinische Missionswesen genuegen.
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Abessinierin, Getreide reinigend. Originalzeichnung von
+ Eduard Zander.]
+
+
+
+
+
+ DER ACKERBAU UND DIE VIEHZUCHT ABESSINIENS.
+
+
+ Von Eduard Zander.
+
+
+ Die Kulturflaeche Abessiniens. - Die Getreidearten, ihre
+ Anpflanzung und Verwendung. - Gewuerze, Gemuese, Wein, Baumwolle,
+ Gescho. - Ernteertrag. - Nuk. - Einfelderwirthschaft. -
+ Ackerwerkzeuge. - Regenzeit. - Bewaesserung. - Soziale Stellung der
+ Landleute. - Die Viehzucht. - Die Regierung und der Grundbesitz. -
+ Das Frohnwesen. - Steuern. - Wiesen und Moorgrund. - Bienenzucht.
+ - Aussicht fuer europaeische Ansiedelungen. - Die Wohnungen der
+ Landleute. - Die Muehlen Abessiniens.
+
+
+Abessinien besitzt sehr viel Land, welches sich vortrefflich zum Anbau
+eignet; jedoch kann man mit Sicherheit annehmen, dass von allem
+kultivirbaren Boden kaum die Haelfte benutzt wird, sodass ungefaehr von der
+gesammten Bodenoberflaeche kaum ein Drittel bebaut erscheint.
+
+Die zwischen 8000 und 10,000 Fuss ueber dem Meere gelegenen Hochlaender, wie
+Semien, die Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes, Begemeder,
+das Innere von Godscham, namentlich die Gebirge um die Quellen des Blauen
+Nil, Sebit, Woadla, Daunt, Talanta, Lasta, Jedschu Wollo und Schoa sind
+meist eben und abwechselnd mit sanften Huegeln und Hoehen bedeckt, die eine
+zwei bis acht Fuss maechtige, sich nie erschoepfende Humusdecke tragen. In
+allen diesen Laendern wird, manchmal bis zu 11,000 Fuss hinaufreichend, die
+vierreihige Gerste kultivirt, waehrend die zweireihige nur zwischen 7000
+und 8000 Fuss Meereshoehe angebaut wird. Die verschiedenen Arten des
+Weizens, unter denen die Eidscha genannte die vorzueglichste ist, gedeihen
+nur zwischen 8000 und 9000 Fuss; in derselben Hoehe kommt der Flachs am
+besten fort, obwol er bis zu 6000 Fuss hinabgeht. Die Flachsbereitung zu
+Webereien kennt der Abessinier nicht; er baut das nuetzliche Gewaechs nur,
+um aus den Samen zur Fastenzeit ein Lieblingsgericht herzustellen. Die
+Bereitung desselben ist sehr einfach. Man roestet zunaechst die Samen in
+einem flachen Tiegel ueber Feuer, doch nicht zu stark, und zerstoesst sie
+hierauf in einem hoelzernen Moerser sehr fein. So zubereitet laesst sich die
+gestossene Masse in Kugeln formen und fuer lange Zeit aufbewahren. Um aus
+diesen ein Leingericht herzustellen, werden einige Kugeln in Wasser zu
+einer dicken Suppe zerruehrt, und in diese taucht der Abessinier seine
+gesaeuerten, duenn gebackenen Brote. Fuer weitere Reisen ist diese Speise
+ausserordentlich praktisch, ja fast unschaetzbar; ich selbst habe mich
+derselben haeufig bedient und kann nur sagen, dass sie eine wohlschmeckende
+ist. Linsen und Saubohnen gehen bis zu einer Hoehe von mehr als 9000 Fuss.
+Als Gemuese werden in dieser Hoehe angebaut: Kohl, Senf und Knoblauch.
+
+Zwischen 6000 und 8000 Fuss Meereshoehe finden wir auch ganz vortreffliche
+zum Ackerbau geeignete Landschaften: Hamasien und Serawie mit durchgaengig
+urbarem Boden, liegen 7000-7500 Fuss ueber dem Meere; die Distrikte Dixan,
+Adigrat, Schumnesanie, Hausien, Faresmai, Adoa, Okulekusai, Adiarwate,
+Schirie, Tembien, Axum, Auker, Enderta u. s. w., die zu Tigrie gerechnet
+werden, und von Amhara: Bellesa, das niedere Woggera, ganz Dembea, das
+niedere Begemeder, Dakussa, Halefa, das niedere Lasta u. s. w. In den
+genannten Laendern auf einer Hoehe von 7000 bis herab zu 5500 Fuss gedeihen
+vorzueglich folgende Getreidearten: Tief, das werthvollste und
+wohlschmeckendste Korn, von dem viele Abarten gebaut werden; Mais oder
+Maschilla, der gleichfalls in verschiedenen Varietaeten vorkommt; Dakuscha,
+die besonders zur Bierbereitung dient; Nuk, dessen Samen ein
+vortreffliches Speiseoel liefert und der in grosser Menge angebaut wird.
+Schimbera, eine Wickenart; Erbsenarten; Saubohnen; als Gemuese gelten:
+viele Melonensorten, spanischer Pfeffer, Zwiebeln, Kohl u. s. w.
+
+Von 5000 Fuss bis zu 3000 Fuss ueber dem Meere werden noch besonders Mais und
+Dakuscha gebaut, die dort vorzueglich gedeihen. Dann Schimbera, spanischer
+Pfeffer und besonders Melonen. Auch kommt die Baumwolle gut fort.
+
+Nach diesem fluechtigen Umriss, der nur dazu dient, die Kulturpflanzen nach
+der Hoehe ihres Standpunktes und Vorkommens ueber dem Meere anzufuehren, gehe
+ich ausfuehrlicher auf deren Nutzbarkeit und Anwendung, deren Ertrag und
+Preis, sowie auf Saatzeit und Ernte einer jeden ein.
+
+_Gerste_ kommt zwei- und vierzeilig vor; letztere wird zwischen 8000 und
+11,000 Fuss angebaut; da sie gegen Kaelte und rauhe Witterung nicht so
+empfindlich ist wie die erstere, laesst sich ihre Kultur mit mehr Gewinn
+betreiben. Allein sie hat sehr dicke Huelsen und deshalb geben die Koerner
+nicht viel Mehl, naemlich 16 Metzen Gerste nur 10 Metzen Mehl. Wenn, wie
+gewoehnlich, im Maerz und April einiger Regen gefallen ist, findet die
+Aussaat statt. Ende Juni folgt dann eine - meist missrathende - Nachsaat.
+Jedoch ist die Aussaat nicht ueberall gleichzeitig. So saeet man im
+Hochlande von Wollo die Gerste fast zu jeder Zeit. Gewoehnlich faellt die
+Ernte Mitte Oktober bis Ende November; auf den Hoehen ueber 11,000 Fuss aber
+in den Dezember. Unregelmaessige Aussaaten und Ernten sind von der Lage und
+Hoehe des Feldes abhaengig. Die gewonnene Gerste wird zur Bierbereitung und
+zum Brotbacken benutzt. Die _Gerstenbrote_ sind 2-3 Linien dicke,
+anderthalb Fuss im Durchmesser haltende runde Kuchen. Der Teig zu denselben
+wird sehr duennfluessig angestellt, einer zwoelfstuendigen Gaehrung ueberlassen
+und ist dann sofort zum Backen geeignet. Die fluessige Masse wird in eine
+flache, thoenerne Schuessel gegossen, mit der Hand gleichmaessig vertheilt,
+mit einem gewoelbten Deckel ueberdeckt und in einer Minute ueber freiem Feuer
+gar gebacken. Diese Art der Bereitung von gesaeuertem Brote wird bei allen
+Getreidearten ohne Ausnahme angewandt.
+
+Zur _Bierbrauerei_ wird die Gerste ohne vorheriges Malzen schwach braun
+geroestet, dann grob gemahlen, das erhaltene Mehl in einen grossen thoenernen
+Krug geschuettet und unter stetem Umarbeiten so viel Wasser zugegossen, bis
+das Ganze in einen nicht zu dicken Brei verwandelt worden ist. Nun wird
+auf folgende Art die eigentliche Wuerze bereitet. Man quellt Gerste in
+einem Thonkruge 24 Stunden lang, schuettet das Wasser davon ab und
+schichtet das gequollene Getreide in einem spitzen Haufen auf, den man mit
+Gras oder Laub dicht zudeckt und mit Steinen beschwert. Dieser bleibt so
+lange in Ruhe, bis die Gerste 2-3 Zoll lange Keime getrieben hat; dann
+trocknet man diese schnell und bewahrt sie auf. Dieses Malz wird zur
+Bierbereitung nun auf folgende Art verwendet. Man nimmt auf 32 Metzen
+geroestetes Gerstenmehl 1/2 Metze Malz, das vorher zu Mehl zerrieben und, mit
+3 Metzen geroestetem Gerstenmehl vermischt, zu Teig angeruehrt ist. Diese
+Masse laesst man kurze Zeit gaehren und baeckt aus dem so erhaltenen Teige
+duenne brotartige Kuchen, die am Feuer hart getrocknet und in kleine
+Stueckchen zerbroeckelt werden. Die Quantitaet derselben und das geroestete
+Gerstenmehl stehen in einem genauen Verhaeltnisse. Die gemischte Masse wird
+in ein trichterfoermiges Pferdehaarsieb, das auf einem Thonkruge steht,
+gestellt, dann Wasser darueber gegossen und nun unter fortwaehrendem
+Wasserzugiessen so lange durchgeruehrt, bis aller Mehlstoff, mit
+Zuruecklassung der Huelsen, in den Krug geflossen ist. Nach vier bis sechs
+Stunden tritt in dem mit Wasser noch verduennten Inhalte des Kruges Gaehrung
+ein und das Bier ist zum Trinken fertig. Biere von anderen Getreidearten,
+wie Dakuscha oder Mais, werden auf dieselbe Weise bereitet. In Thonkruegen,
+deren Deckel mit Lehm und frischem Kuhmist verstrichen sind, haelt sich das
+Gebraeu oft geraume Zeit.
+
+Der _Weizen_ wird zwischen 7000 und 9000 Fuss ueber dem Meere angebaut. Die
+Saatzeit faellt mit jener der Gerste zusammen; die Ernte ist etwas spaeter.
+Wie schon bemerkt wurde, kultivirt man verschiedene Sorten. Die
+gewoehnliche Benutzung des Weizens ist zur Bereitung von Hampascha-Brot,
+dessen Teig mit Bierhefe angestellt, dick und steif ausgewirkt und zu
+Broten von 11/2 Zoll Dicke, aber beliebiger Groesse, verbacken wird.
+
+_Dakuscha_ (_Eleusine_) wird zwischen 3500 und 6500 Fuss gebaut, ist aber
+besonders in den Hoehen zwischen 4000 und 5000 Fuss sehr ergiebig. Dieses
+Getreide dient vorzueglich zur Bier-, weniger zur Brotbereitung; verbaeckt
+man es jedoch, so sind die warmen Kuchen sehr wohlschmeckend und naehrend.
+Die Saatzeit faellt Anfang Maerz; die Ernte in den November und Dezember. Es
+giebt schwarze und weisse Dakuscha.
+
+_Tief_ oder Tef (_Eragrostis_), zwischen 5500 und 7500 Fuss gebaut, ist das
+beliebteste, in einer Menge Arten vorkommende Getreide Abessiniens und das
+aus diesem bereitete Brot das allerwohlschmeckendste im Lande, besonders
+das rein weisse. Die Saatzeit richtet sich nach den verschiedenen Sorten.
+Sie faellt von April bis Mitte Juni und danach die Ernte von Ende September
+bis Anfang November.
+
+_Mais_ oder Maschilla, in verschiedenen Sorten gebaut zwischen 3000 und
+7000 Fuss, gedeiht am besten zwischen 3000 und 5000 Fuss, wo er oft zwei-
+und dreihundertfaeltigen Ertrag liefert. Man verwendet ihn zum Brotbacken
+und zur Bierbereitung. Die Aussaat beginnt im April, die Ernte faellt - je
+nach Sorte und Standort - in den November und Dezember; in Woro Haimano
+gar schon zu Anfang Oktober.
+
+_Schimbera_ (_Lathyrus_), eine Wickenart, zwischen 4000 und 7000 Fuss
+angebaut, wird vorzueglich zu Schiro, einem Lieblingsgerichte der
+Abessinier, verwendet. Man roestet hierzu die Samen, enthuelst sie auf der
+Muehle, setzt spanischen Pfeffer, geroestete Zwiebeln und Salz zu und mahlt
+die ganze Masse zu Pulver. In siedendes Wasser nach und nach eingeruehrt,
+mit Schmalzbutter oder Oel gefettet, bildet es ein gutes Gericht. Auch
+backt man aus dem Mehle ungesaeuerte Kuchen, die als Reiseprovision
+geschaetzt sind. Die Saat beginnt gleich nach der Regenzeit - da die
+Pflanze trockene Luft und Sonne liebt - also Anfang September. Wo die
+Felder nass und sumpfig sind, beginnt die Aussaat erst im Oktober oder gar
+im November. Die Ernte erfolgt drei Monate spaeter. Man unterscheidet eine
+weisse und eine gelbe Schimbera.
+
+Zwei Arten _Saubohnen_ und eine _Erbse_ werden wie die vorige verwendet.
+Man baut sie zwischen 6000 und 9000 Fuss, saet zu Anfang Juli und erntet im
+Oktober.
+
+ [Illustration: Henset-Bananenpflanzung (_Musa Ensete_). Nach v.
+ Heuglin (Natur 1861).]
+
+Die _Linse_ kultivirt man zwischen 6000 und 9500 Fuss. Die Saat derselben
+erfolgt Anfang Juli, die Ernte Anfang Oktober. Gewoehnlich enthuelst man die
+Linsen auf der Muehle, kocht sie, wuerzt sie mit Pfeffer, Salz und Butter
+und geniesst sie auf diese Weise. Wo sie aber, wie in Woadla und Daunt,
+viel gebaut wird, baeckt man auch gesaeuertes Brot daraus, das allerdings
+nicht sonderlich gut ist. _Eiwisch_, eine Bohnen- oder Kleeart, zwischen
+6000 und 7000 Fuss, wird im August gesaet und im Dezember geerntet. Die
+abgekochten und fein zerriebenen, dann so lange umgeruehrten Samen, bis sie
+einen kleisterartigen Brei liefern, der mit Knoblauch und Pfeffer gewuerzt
+wird, sind die beliebteste Fastendelikatesse der Abessinier. _Atunkere_,
+eine Schlingbohne, zwischen 5000 und 6500 Fuss gebaut, im April gesaet,
+Anfang November geerntet, wird wie die Linsen gegessen.
+
+Der rothe oder _spanische Pfeffer_ ist das hauptsaechlichste und
+beliebteste Gewuerz der Abessinier, das diesen so unentbehrlich geworden
+ist, dass sie es handvollweise den Speisen beimischen. Die abgekochten,
+aber fortwaehrend feuchtgehaltenen Fruechte werden auf der Muehle zu feinem
+Pulver zerrieben, dann eine gleiche Quantitaet geroesteter, feingemahlener
+Zwiebeln zugesetzt, einige wohlriechende, pulverisirte Pflanzen und Salz
+beigemischt und die so bereitete Wuerze aufbewahrt. Manchmal reibt man den
+Pfeffer auch nur mit Salz und Wasser ab. Man baut den Pfeffer zwischen
+4000 und 6500 Fuss und bewaessert ihn wohl; in Dembea wird er ohne
+Bewaesserung gezogen und Ende Oktober geerntet. Andere Gewuerze sind
+Sinjewil, eine beliebte, dem Pfeffer beigemischte Kalmuswurzel; gleich
+dieser benutzt man noch Adees, eine Rubiacee, die Samen der Awoseda, einer
+Umbellifere, und Schenadam, eine Labiate. Die Samen des Foeto, welches
+unserer Gartenkresse gleicht, werden gleichfalls gegessen; jene des Schuf,
+einer Compositee, wie Schiro zubereitet. Dinnitsch ist ein Convolvulus,
+dessen den Kartoffeln aehnliche Wurzelknollen eine wohlschmeckende Speise
+liefern.
+
+Zu den _Gemuesen_ uebergehend, erwaehne ich zunaechst zwei sehr beliebte, wie
+unser Raps aussehende Kohlarten, deren Blaetter wie Spinat gekocht werden.
+Im Tiefland gedeiht der Kohl nur in der Regenzeit bis zu Anfang Oktober;
+im Hochland aber bis zu 10,000 Fuss gruent er das ganze Jahr hindurch. Der
+reichliche, oelige Samen wird nur zur Aussaat und zum Einreiben der
+Backschuesseln benutzt, damit sich das Brot gut loese. Das einzige Gemuese,
+auf dessen Anbau die Abessinier neben dem rothen Pfeffer noch Fleiss
+verwenden, sind verschiedene Melonenarten, die nicht roh, wohl aber
+gekocht genossen werden. Die Samen legt man Anfang April; fehlen dann die
+Regen, so muessen die jungen Pflaenzchen bis zum Eintritt der Regenzeit
+bewaessert werden. Die Fruechte beginnen Anfang September zu reifen. In
+einigen Gegenden baut man auch vortreffliche Gurken (Wuschisch). Das
+Gewuerz Bello, eine Solanumart, dessen Samen aehnlich wie der rothe Pfeffer
+benutzt werden, kultivirt man besonders in Walduba bis zu 6000 Fuss Hoehe.
+Man bedient sich seiner namentlich in den 60taegigen Osterfasten.
+
+In der gleichen Zeit bildet auch der Knoblauch, der zwischen 7000 und 8500
+Fuss haeufig gebaut wird, einen betraechtlichen Handelsartikel. Er wird dann
+stark gegessen, und man sieht sehr oft, wie der Abessinier ganze Haende
+voll der rohen Zwiebeln hinabwuergt. Es kann nichts Unangenehmeres geben
+als die Beruehrung mit einem Knoblauchsfresser, dessen stinkender Athem
+unertraeglich ist. Die Reife des Knoblauchs beginnt im Januar und Februar.
+Mit dem Ausgange der Regenzeit pflanzt man eine kleine, rothe, laengliche
+Zwiebel; sie wird bewaessert und reift zugleich mit dem Knoblauch. Ihre
+Verbreitungsregion ist zwischen 5500 und 8000 Fuss; der Handel damit sehr
+bedeutend.
+
+Die _Banane_ oder Mus (_Musa paradisiaca_) wird zwischen 5000 und 6500 Fuss
+kultivirt. Hoeher hinauf bis zu 7500 Fuss kommt eine zweite ihr ganz
+aehnliche Art, die _Henset_, vor. Ihre kleinen Fruechte sind aber nicht
+essbar, dagegen liefern der fleischige Stamm und die starken Blattrippen im
+gekochten Zustande eine nahrhafte, wohlschmeckende, den Kartoffeln
+aehnliche Speise. Diese Riesenpflanze liefert in manchen Gegenden die
+Hauptnahrung der Bewohner. Sie wird angebaut von 5500 bis zu 8000 Fuss ueber
+dem Meere.
+
+Der _Wein_ kommt zwischen 5000 und 7500 Fuss ueber dem Meere vor, ist aber
+nur sehr wenig in Abessinien verbreitet, doch von ganz vortrefflichem
+Geschmack; ja, ich kann behaupten, dass, wenn man denselben mit
+europaeischer Umsicht, Geschicklichkeit und Pflege behandelte, er seines
+Gleichen nicht finden wuerde. Doch der Abessinier kennt weder Pflege noch
+Wartung des edlen Gewaechses, dessen Verschneiden ihm ein unbekanntes Ding
+ist; er ueberlaesst die Rebe ganz sich selbst. Aber es giebt ungemein viel
+Strecken im Lande, die unter verstaendigen Haenden sich ganz vorzueglich zur
+Weinkultur eignen wuerden. Man baut nur eine Sorte mit grossen, blaubeerigen
+Trauben, die je nach Stand und Ort von Anfang Maerz bis Mitte April reifen.
+(Vergl. S. 57.)
+
+Citronen, Pomeranzen, Pfirsiche gedeihen im verwilderten Zustande sehr
+gut, sind aber wenig verbreitet. Eine Citronensorte, Trunki genannt,
+erreicht die Groesse eines Menschenkopfes; ihr angenehm schmeckendes Fleisch
+ist sehr beliebt. Hier und da finden sich auch saure Granataepfel.
+
+Die _Baumwolle_ wird nicht in dem Masse gebaut, um die Beduerfnisse des
+Volkes decken zu koennen. Abermals ein trauriger Beweis von der
+Unbetriebsamkeit und dem Unfleisse der Abessinier! Und doch fehlt es nicht
+an geeigneten Laendereien. Man koennte sehr leicht den achten Theil
+Abessiniens mit der nuetzlichen Pflanze bestellen - leider ueberlaesst man
+denselben lieber den wilden Bestien als Tummelplatz. Zwischen 3000 und
+5000 Fuss gedeiht eine vorzuegliche Qualitaet, und dabei bezieht man
+Baumwolle aus fremden Laendern!
+
+Rauchtabak wird im Lande selbst gebaut und fabrizirt; Schnupftabak
+dagegen, den man nicht zu bereiten versteht, von Massaua bezogen. Die
+Summe, welche jaehrlich aus Abessinien nach Massaua wandert, ist sehr gross,
+und welchen Ersatz hat das Land fuer das viele ihm entgehende Geld?
+Antwort: keinen.
+
+Die Blaetter des _Geschobaumes_, die einen nicht unbetraechtlichen
+Handelsartikel bilden, vertreten in Abessinien die Stelle des Hopfens und
+werden beim Bierbrauen und bei der Herstellung des _Honigweines_ benutzt.
+Letzteren bereitet man auf folgende Art. Auf ein Mass Honig giebt man fuenf
+Mass Wasser, spuelt das Wachs aus und giesst die duenne Honigfluessigkeit in
+einen wohlgereinigten, sechs Mass fassenden Krug. Man fuegt eine Hand voll
+Geschoblaetter hinzu und laesst das Ganze bei maessiger Waerme vier bis fuenf
+Tage gaehren. Nun ist der Wein fertig - allein trinken darf ihn nicht
+Jedermann, da er koenigliches Monopol ist und der Herrscher den Genuss
+desselben nur seinen vorzueglichsten Dienern und den Fremden gestattet.
+
+Da der Abessinier weder Lust noch Liebe zur Arbeit und Thaetigkeit hat, so
+laesst er all den genannten Kulturpflanzen nur wenig Pflege und Wartung
+angedeihen; seine Felder, seine Anpflanzungen gleichen fast immer einer
+Wildniss. Liebe, Sinn fuer die Natur und ihre Schoenheiten sind ihm
+unbekannt; wie sein Feld, so ist auch sein Sinn und Herz stets eine
+Wildniss.
+
+Folgendes sind die _durchschnittlichen_ Ernteergebnisse, jedoch ist dabei
+zu bemerken, dass der Ertrag der Mais- und Dakuscha-Arten in den tiefer
+gelegenen Laendern am Mareb, Takazzie und Nil nicht als Norm anzunehmen
+ist, da hier der Ertrag, je nach der Bodenguete, oft drei- und
+vierhundertfaeltig ausfaellt. Je _ein_ Scheffel Tief giebt 30, Mais 150,
+Weizen 10, Dakuscha 20, Lein 24, Gerste 12, Linsen 6, Saubohnen 10,
+Schimbera 8 und Nuk 40 Scheffel Ernteertraegniss im Durchschnitt.
+
+Nur eine einzige Oelfrucht, _Nuk_ (_Guizotia olifera_) wird zwischen 5000
+und 7000 Fuss angebaut. Die Aussaat beginnt mit dem Eintritte der Regenzeit
+zu Anfang Juli und 1 Scheffel liefert 30-40 Scheffel Ertrag. Das Nukoel ist
+sehr wohlschmeckend und dient in der Fastenzeit statt der dann verbotenen
+Butter. Um das Oel zu gewinnen, werden die Samen zuerst schwach geroestet,
+fein gestampft und unter Wasserzusatz bei stetem Umruehren unter
+Beibehaltung einer Waerme von etwa 50 deg. R. ueber dem Feuer erhalten. Alsdann
+scheidet sich das Oel aus, von dem die Samen etwa 35 Prozent enthalten.
+
+ --------------
+
+Der Abessinier hat durchschnittlich eine _Einfelderwirthschaft_ und nur
+hier und da Zweifelderwirthschaft. Er duengt nicht, obgleich er den Nutzen
+der Felderduengung sehr gut kennt. Allein seine Unlust zur Arbeit und
+sonstigen Thaetigkeit, seine Stellung zur Regierung sind fuer ihn
+Hindernisse, die er niemals zu ueberwinden vermag. Diese Indolenz wird
+vorzueglich durch die Groesse und durch den Reichthum seines Landbesitzes
+genaehrt, denn schon wenn der vierte Theil der Felder bestellt ist, sind
+die Lebensbeduerfnisse des Besitzers gesichert. Gewoehnlich liegt der dritte
+Theil brach; wo der Boden sehr humusreich ist, bestellt man jedoch nur die
+Haelfte. Man muss die traurigen Zustaende mit eigenen Augen gesehen haben, um
+einen Begriff von Brachfeldern zu erhalten, die drei Jahre, ohne vom
+Pfluge beruehrt zu werden, wuest liegen!
+
+Ein solches "Ackerfeld" gleicht gewissermassen einer gut aufkeimenden
+Waldung, denn die wilde Vegetation wuchert in Abessinien ungemein schnell;
+man scheut auch das Ausroden der Struenke und Wurzeln und begnuegt sich
+damit, die Baumstaemme 1-2 Fuss ueber dem Boden abzuhauen. So sieht man die
+Felder mit grossen und kleinen, oft Jahrhunderte alten Staemmen und Wurzeln
+bedeckt. Und nun erst die Steine, die gross und klein, oft so dicht, dass
+man kaum den Boden erkennt, ueber den Acker zerstreut liegen! Nicht einmal
+den kleinsten Stein entschliesst sich der Abessinier auf die Seite zu
+schaffen. Wie viel gutes Ackerfeld geht also auch hierdurch verloren!
+
+Naht die Zeit heran, dass diese Ackerwueste bestellt werden soll, so sendet
+der Eigenthuemer oder Bauer seinen Knecht dorthin; hat er Lust dazu, so
+geht er auch wol selbst auf das Feld. Dort angelangt, besteht die einzige
+Arbeit darin, das aufgewucherte Gestruepp, Strauchwerk und Holz
+niederzuhauen. Dies geschieht gewoehnlich gleich nach der Ernte im
+November, Dezember, Januar, und von dieser Periode bis zur Bestellzeit hat
+das abgehauene Reisig Zeit auszutrocknen; alsdann wird es in Brand
+gesetzt. Leicht und oft ereignet es sich nun hierbei, dass auch die
+benachbarten Wildnisse Feuer fangen und ein grosser Brand ueber viele Meilen
+Landes sich verwuestend erstreckt. Die von dem verbrannten Holzwerk
+zurueckgebliebene Asche macht die einzige Duengung des Landes aus. Stellen
+sich dann die ersten Regenguesse ein, so wird der Pflug angesetzt und der
+Boden hintereinander zweimal umgepfluegt, einmal der Laenge und einmal der
+Breite nach. Die Saat wird schon vorher ausgestreut und mit untergepfluegt;
+eine nachherige Aussaat kennt der Abessinier nur bei Tief und Dakuscha,
+bei welchen die Haende der Weiber und Kinder dann das Geschaeft des Eggens
+besorgen. Da, wo bei herrschender Zweifelderwirthschaft die Felder von
+Holz und Gestruepp frei sind, werden dieselben zweimal gepfluegt; einmal
+gleich nach der Regenzeit und das zweite Mal bei der Aussaat. In den
+Hochlaendern, wo Holzwuchs und Gestruepp seltener, ja in vielen Gegenden gar
+nicht anzutreffen ist, hat der Bauer leichteres Spiel, namentlich beim
+Gerstenbau.
+
+Das einzige Ackerwerkzeug ist der _Pflug_, aber was fuer ein Pflug! Ist die
+Umackerung und Einsaat vollendet, so gleicht die ehemalige Wueste einem
+Felde, das von einer Herde Schweine durchwuehlt wurde. Lange Furchen zieht
+der Abessinier nicht; schon nach 20-30 Schritten lenkt er wieder um,
+vollendet so ein gewisses Stueck und beginnt da, wo er abgesetzt, von
+Neuem. Man stelle sich vor, wie viel von dem bereits fertig gepfluegten
+Lande von den Zugthieren wieder zertreten wird. Letztere sind Ochsen, die
+in einem gemeinschaftlichen Joche gehen und nur durch die Stimme oder
+Peitsche des Pfluegers gelenkt werden. Da sie zuegellos sind, so wenden sie
+sich bald rechts, bald links und ziehen demgemaess krumme Furchen.(2) Egge
+und Walze sind in Abessinien unbekannte Dinge. Tritt nun die eigentliche
+Regenzeit ein, dann gruent das Feld lustig von Unkraeutern und
+Schmarotzerungethuemen, die von den Frauen und Kindern ausgejaetet werden
+muessen.
+
+Im Hochlande, namentlich auf den Plateaux, trifft man dagegen, weil auf
+diesen Punkten das Gestruepp mangelt, ungeachtet des unbehuelflichen Pfluges
+trefflich kultivirte und gereinigte Felder an.
+
+Tritt die Erntezeit ein, so wird alles Getreide mit gezaehnten Sicheln
+geschnitten und zwar nur eine Spanne lang unter der Aehre. Sensen sind in
+Abessinien unbekannt. Der Strohverlust kuemmert den Abessinier nicht; er
+bindet das Getreide auch nicht in Garben, sondern wirft es auf Haufen, die
+an Ort und Stelle mit langen Stoecken ausgedroschen oder von Ochsen
+ausgetreten werden. Nachdem das meiste Stroh entfernt, reinigt man das
+Getreide durch Emporwerfen mittels hoelzerner Gabeln; der Wind vertritt
+Wurfschippe und Sieb, doch bedient man sich in einzelnen Gegenden auch
+hoelzerner Schaufeln. Um die muehsame Reinigung von 6-8 Scheffeln Getreide
+zu vollenden, braucht ein Mann einen ganzen Tag. Scheunen giebt es nicht
+und selbige sind auch weniger nothwendig, da nach Schluss der Regenzeit
+kein Regen mehr eintritt.
+
+Die eigentliche _Regenzeit_ beginnt nach europaeischer Zeitrechnung am 24.
+Juni, nach abessinischer am 1. Juli und endigt mit dem 8. September.
+Waehrend dieser Periode regnet es alltaeglich im Tieflande. Vormittags
+herrscht meistens Sonnenschein, Nachmittags treten starke Regenguesse,
+begleitet von heftigen Gewittern unter Donner und Blitz ein; die Naechte
+sind heiter. Im Hochlande dagegen sind die Regen feiner, wie unsere
+Landregen, und ihr Eintreten ist sehr unregelmaessig. Bald regnet es frueh,
+bald Mittags, bald Abends, oft die ganze Nacht oder den ganzen Tag ohne
+Aufhoeren hindurch. Gewitter sind im Juli selten, im August haeufiger,
+besonders zu Ausgang der Regenzeit. Auf den Hoehen zwischen 12,000 und
+14,000 Fuss faellt gewoehnlich ein feiner Hagel; allein, wenn die Sonne
+einige Vormittage geschienen, so verschwindet derselbe bald wieder. Stellt
+sich, was gewoehnlich der Fall ist, in den Monaten Dezember, Januar,
+Februar einiger Regen ein, so schneit es im Hochlande. Auch das Tiefland
+kennt in der Regenzeit starken Hagel und ich sah daselbst Schlossen von der
+Groesse eines Taubeneies.
+
+ --------------
+
+Ist eine Ackerwueste nur einigermassen fruchtbar, so erzielt man von Tief in
+zwei Jahren zwei Ernten, da dieses Getreide mit geringem Boden vorlieb
+nimmt. Ausser der Regenzeit wendet man beim Getreidebau auch die
+_Felderbewaesserung_ an, doch sind nur wenige und mangelhafte
+Wasserleitungen vorhanden. Wuerden durch vaterlaendischen Fleiss,
+Geschicklichkeit und Verstand diese Wasserleitungen vermehrt und
+verbessert, was ohne bedeutende Kosten leicht geschehen koennte, welch
+unberechenbarer Nutzen liesse sich alsdann erzielen! Die Hoehen zwischen
+8000 und 11,000 Fuss eignen sich indessen fuer die Bewaesserung nicht, da die
+Naechte in den Monaten Dezember bis Maerz so kalt sind, dass das Wasser
+gefriert.
+
+ [Illustration: Ackerpflug. Zeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Die Hauptursache der Unlust und Unthaetigkeit der Abessinier zu jeder
+ackerbautreibenden Beschaeftigung liegt in ihrer Stellung zur Regierung.
+Diese laesst es sich auch nicht im Geringsten angelegen sein, den Bauer zur
+Arbeit aufzumuntern, anzutreiben oder zu unterstuetzen. Der Regierung ist
+es vollkommen gleichgiltig, ob die Leute Ackerbau treiben und wie sie
+denselben treiben. Das Regiment war stets ein despotisches; erzielt der
+Bauer viel, so nimmt die Regierung viel, erntet er wenig, so nimmt sie
+trotzdem auch viel. Hierzu gesellen sich andere Lasten: stete
+Einquartierung und _Frohndienste_ aller Art. In einer unbestimmten,
+willkuerlichen Anzahl von Frohntagen muss der Landmann die Aecker der
+Regierung und der hohen Beamten bestellen; er muss Baufrohnen leisten, wenn
+ein hoher Herr bauen will, und dazu das noethige Holz oft viele Tagereisen
+weit auf dem Ruecken herbeischleppen. Es kommt vor, dass hundert Menschen an
+einem einzigen grossen Balken tragen muessen. Man bedenke dabei aber, welche
+Wege zu ueberschreiten, welche Abgruende zu passiren, welche Hoehen zu
+erklimmen sind! Gestruepp, Dornen, Steine, Alles hindert den Transport.
+Gebahnte Wege und Strassen besitzt das Land nicht. Ausser dem Holze muss der
+Bauer noch Steine, Stroh, Moertel, Wasser und was sonst von Noethen zum Bau
+herbeischaffen.
+
+Eine Hauptlast, die schwer auf dem Volke drueckt, ist der _Adel_. Es giebt
+einen niederen, Mosseso, und einen hoeheren, Mokunnen, genannt. An sie
+schliessen sich drueckend an die Dienerschaft des Regenten, die Heerfuehrer,
+alle aus der Adelsklasse, endlich die Raethe und Minister. Alle diese
+Menschen sind nicht von der Regierung besoldet. Der Herrscher giebt ihnen,
+je nach Rang und Stellung, Laendereien, von denen sie gesetzliche _Steuern_
+zu beziehen haben; allein sie alle, gross und klein, erlauben sich
+Ausschreitungen und Bedrueckungen, gegen die der Bauer wol klagt, doch die
+Klagen gelangen nicht an den Thron. Oft wird der Landmann von diesen
+liebenswuerdigen Leuten bis auf die Haut ausgepluendert. Derjenige, welcher
+vom Herrscher mit einem Lande belehnt wird, ist unbeschraenkter Herr ueber
+alle Bewohner desselben und die Gerichtsbarkeit liegt ganz in seinen
+Haenden; diese weiss er vortrefflich in seinem Nutzen auszubeuten, und nur
+in halsnothpeinlichen Sachen ist der Regent Richter. Willkuerlich darf der
+Lehnsherr keine Steuern erheben, von denen der Regent uebrigens ein
+Drittheil zu beziehen hat. Erhebt nun der Regent seine Steuerquote, so
+kann jener in demselben Masse die seinigen einziehen. Sie bestehen in Geld,
+Getreide, Baumwollenzeug, Vieh, Butter, Honig, Pfeffer, Salz und Zwiebeln.
+Auch ausserordentliche Steuern kennt Abessinien.
+
+Werfen wir noch einen Blick auf die innere Wirthschaft des Abessiniers,
+die der aeusseren vollkommen gleicht und Sorglosigkeit sowie Faulheit
+erkennen laesst. Betrachten wir zunaechst den _Viehstand_. Man zuechtet
+Pferde, Maulthiere, Esel, Rindvieh, Ziegen, Schafe, Huehner. Die _Pferde_
+und Maulthiere sind die einzigen Thiere, welche sich einiger Pflege zu
+erfreuen haben. Erstere sind kurz und gedrungen, doch meist von gut
+proportionirter Gestalt, kraeftig und feurig. Der Preis eines guten Pferdes
+betraegt 40-50 Maria-Theresia-Thaler. Die _Maulthiere_ sind stark,
+gedrungen, ausdauernd und in dem wildzerkluefteten, weg- und steglosen
+Lande fuer den Reisenden von sehr grossem Nutzen; auch weiss der Abessinier
+die Vorzuege des Maulthieres vor dem Pferde wohl zu schaetzen. Der Preis
+eines sehr guten Exemplares steigt oft bis zu 100 Maria-Theresia-Thalern,
+waehrend man geringere mit 10-25 Thalern bezahlt. Die Pferde werden
+eigentlich nur fuer die Kavallerie verwendet.
+
+ [Illustration: Rinderhirt. Zeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Der _Esel_ gilt dem Abessinier als unreines Thier. Er erfreut sich weder
+der Pflege noch der Zucht und doch ist sein Nutzen als Lasttraeger ein
+ausgedehnter und bedeutender. Das Los des armen Geschoepfes ist ein recht
+beklagenswerthes, namentlich jenes der Kaufmanns-Esel, die oft 20
+Tagereisen weit ohne Unterbrechung von frueh bis Abends schwere Lasten
+schleppen muessen. Abends hat das Thier dann noch selbst fuer seine Nahrung
+zu sorgen. Der Preis ist gering, naemlich nur 2-3 Thaler.
+
+_Rindvieh_ kommt in grosser Menge vor. Die Ochsen werden im gemeinsamen
+Joche vor dem Pfluge in den steinigen Feldern abgequaelt und erhalten fuer
+die muehsame Arbeit keinerlei Dank. Futterkraeuter baut der Abessinier
+nicht, die Thiere sind gleich dem Esel gezwungen, selbst ihre Nahrung zu
+suchen, oder in der langen, trockenen Jahreszeit allein auf Stroh
+angewiesen. Im Allgemeinen geben die Kuehe durch ihre Milch wenig Nutzen.
+Nur waehrend der Regenzeit, wo Nahrung in Huelle und Fuelle emporkeimt,
+fliesst diese Quelle reichlicher; aber vom Maerz bis oft in den Juni ist der
+Milchertrag aeusserst gering, zumal die abessinische Kuh ueberhaupt keine
+gute Milchkuh ist. Und doch eignet sich das Land ganz vortrefflich zum
+Anbau der Futterkraeuter, die dort nicht den schaedlichen
+Witterungseinfluessen ausgesetzt sind wie in meinem Vaterlande. Der
+Abessinier besitzt weder die noethigen Kenntnisse noch die noethigen Gefaesse,
+um sein unvollkommenes _Molkenwesen_ verbessern zu koennen; die
+Kaesebereitung ist ihm ganz fremd. Indem man die Kaelber ein ganzes Jahr und
+darueber saeugen laesst, wird auch viele Milch nutzlos vergeudet; um aber das
+Kalb nach vier- oder sechswoechentlichem Saeugen absetzen zu koennen, fehlt
+es wieder an Nahrung fuer dasselbe. Zur Sonnenzeit, in den Monaten November
+bis Juni, ist das Vieh von frueh bis Abend den gluehenden Strahlen
+ausgesetzt und leidet darunter sehr; auch das traegt dazu bei, die
+Rindviehzucht auf einer niedrigen Stufe zu erhalten. Trotzdem sind die
+Preise der Thiere nach unseren Begriffen niedrig. Ein guter Zugochse gilt
+3 Maria-Theresia-Thaler; eine neumilchende Kuh nebst Kalb 3-4
+Maria-Theresia-Thaler; eine Kuh zum Schlachten, je nachdem sie fett oder
+mager, 2-3 Maria-Theresia-Thaler. Das Rindvieh wird jeden Tag von frueh bis
+Abend auf die Weide getrieben und dort meist von kleinen Knaben gehuetet,
+die durchaus nicht darauf Acht geben, ob eine Kuh besprungen wird; so
+ereignet es sich haeufig, dass traechtige Kuehe geschlachtet werden; ja, ich
+habe gesehen, dass man Kuehe geschlachtet hat, die nach zwei oder drei Tagen
+geworfen haben wuerden.
+
+Von _Ziegen_ und _Schafen_ haben die Abessinier nur den Nutzen, welchen
+deren Fleisch und Felle liefern. Nur in den Hochlaendern kommt das Schaf
+gut fort, es gedeiht in den tiefen und heissen Gegenden nicht. Auf den
+Plateaux dagegen finden sich Tagereisen lange Hutungen, die einzig zur
+Schafzucht benutzt werden koennen. Die Wolle des abessinischen Schafes ist
+noch groeber als jene der lueneburger Heidschnucken; sie ist meistens
+schwarz, wird in einigen Gegenden gesponnen, gewebt und zu
+Kleidungsstuecken verwendet. Nicht im Geringsten kuemmert sich der
+Abessinier um die Veredelung der Schafzucht, er waehlt keine Boecke und
+Muetter aus und laesst diese, nebst den Laemmern stets beisammen. Das Haemmeln
+der Boecke ist unbekannt; Pferde, ausser den Gestuethengsten, Bullen und
+Ziegenboecke werden dagegen verschnitten. Wie die Schafe wild beisammen
+leben, so auch die Esel, das Rindvieh, die Ziegen. Der Preis der Schafe,
+je nach Groesse und Qualitaet, betraegt fuer 6-8 Stueck 1 Maria-Theresia-Thaler.
+Ihr Fleisch ist wohlschmeckend. Ziegen erhaelt man fuer denselben Preis nur
+4-6 Stueck, und zwei grosse und fette, verschnittene Ziegenboecke kosten auch
+1 Maria-Theresia-Thaler. Aus ihren Haeuten bereitet man Getreidesaecke ohne
+Naht, auch Pergament, das jedoch meist aus Schafleder gemacht wird. Rauh
+gegerbt dienen letztere auch als Kleidungsstuecke.
+
+Die Zucht der _aegyptischen Huehner_ ist sehr im Schwange. Ein Huhn bruetet
+jaehrlich fuenf- bis sechsmal 15-17, also im guenstigsten Falle 100 Eier aus.
+Anderes Gefluegel, wie Gaense, Enten, Tauben u. s. w. ist unbekannt. Braechte
+man sie jedoch hierher, so wuerden sie besser gedeihen als in meinem
+Vaterlande. Der Preis fuer drei bis vier Huehner ist 1 Stueck Salz oder fuer
+90-100 Stueck 1 Maria-Theresia-Thaler. Das Kapaunen der Haehne, wiewol von
+einigen Abessiniern verstanden, wird selten ausgeuebt.
+
+ --------------
+
+Der Abessinier ist _fester Grundbesitzer_, und die Regierung kann ueber den
+Grundbesitz ihrer Unterthanen nicht willkuerlich verfuegen oder denselben
+nach Gutduenken an sich ziehen, es sei denn durch rechtskraeftigen Spruch.
+Dieser letztere kann nur dann eintreten, wenn der Eigenthuemer kinderlos
+oder ohne Verwandte, naehere oder fernere, stirbt. Dann zieht die Regierung
+die Laendereien des Verstorbenen fuer ewige Zeiten an sich. Zeitweilig wird
+die Regierung Besitzerin eines Grundstueckes, wenn dessen Eigenthuemer die
+darauf lastenden Abgaben und Steuern nicht zu entrichten vermag. Sie
+behaelt dieselben so lange, bis diese bezahlt sind, oder uebergiebt sie
+unterdessen einem anderen Wirthschafter, der die schuldige Summe
+vorstreckt, doch nur so lange, bis der rechtmaessige Eigenthuemer wieder
+zahlungsfaehig ist und die vollstaendigen Steuern entrichtet. Oft uebernimmt
+die Gemeinde dieses Geschaeft; Verkauf der Laendereien findet selten statt.
+
+Hier waere wohl der Ort, einige Worte ueber _Ansiedelungen_ vom Vaterlande
+aus nach Abessinien einzuschalten. Unter der gegenwaertigen Regierung
+koennen dieselben niemals stattfinden. Der Auswanderer, er komme woher er
+wolle, kann wol hier in Abessinien Grundstuecke kaeuflich erwerben, doch
+vermag er niemals sichere Garantie fuer deren dauernden Besitz zu erhalten,
+denn alle Regierungen des Landes waren bis zum heutigen Tage
+Willkuerherrschaften. Beim Regierungswechsel ist der Ansiedler sicher zu
+Grunde gerichtet, am gewissesten dann, wenn er das Land von einem
+Einwohner kaufte, dessen Verwandte ihm seinen Erwerb bei der neuen
+Regierung streitig machen koennen. Dann stellt sich gewoehnlich heraus, dass
+der Verkaeufer nur zeitweiliger Besitzer der Laendereien war, und das
+abessinische Recht giebt unter solchen Umstaenden den Verwandten das Land
+zurueck. Etwas besser ist der Ansiedler daran, wenn er von der Regierung
+ein Grundstueck erwirbt und den Kaufabschluss unter Zuziehung von Zeugen in
+das Kirchenbuch eintragen laesst. Aber wie lange ihm das Land gesichert
+bleibt, weiss Gott allein!
+
+Gesetz und Gerechtigkeit waren in Abessinien nur dem Namen nach vorhanden.
+_Doch die gegenwaertige Regierung des vortrefflichen Kaisers Theodoros laesst
+schoene Hoffnungen in meinem Herzen wach werden. Der liebe Gott wolle stets
+ueber meinem Kaiser, welchen ich von ganzer Seele lieb habe, seinen reichen
+Segen und Frieden walten lassen. Amen!_
+
+Zum Schluss noch einige Worte ueber _Wiesen und Moorgrund_ Abessiniens.
+Besonders die Hochlaender Semien und Woggera zeichnen sich durch schoenen
+und reichen Wiesengrund aus. Dembea, ein Tiefland, hat am Tana-See
+unuebersehbare Wiesenflaechen, Begemeder im Hoch- und Tieflande; Sebit
+besteht ganz aus Wiesen; aehnlich verhaelt es sich mit Woadla, Daunt und
+Talanta. Am Fusse des Kollogebirges in Wollo ziehen sich gleichfalls grosse
+Wiesenflaechen hin. Schoa, Lasta und Godscham sind stellenweise reich
+daran. Vergleichsweise mit diesen Hochlaendern sind die Tieflaender arm an
+Wiesenwuchs; doch ist ihr Gras nahrhafter und saftiger. Das Heumachen ist
+ein den Abessiniern unbekanntes Ding, auch besitzen sie keinerlei
+Werkzeuge zum Maehen der Wiesen. Steht im September das Gras hoch, so wird
+alles Hausvieh auf die Weide getrieben, die meistens zertreten wird und
+hoechstens zwei Monate ausreicht. Sind so die reichen Weiden zerstoert, so
+tritt bittere Noth und Hunger fuer den Viehstand ein, ohne dass die Menschen
+dadurch zum Nachdenken veranlasst wuerden.
+
+Auf fast allen Wiesen findet sich viel Moorgrund und Sumpf, die durch
+vaterlaendischen Fleiss und Geschicklichkeit leicht in Reisgefilde
+umgeschaffen werden koennten. Jetzt liegen sie alle wuest und nutzlos da.
+Vor allem waeren die Moorgruende am Tanasee hierzu passend; sie koennten eine
+Quelle des Reichthums fuer das Land sein. Auch eine gute und verstaendige
+_Bienenzucht_ wuerde bedeutenden Nutzen abwerfen, denn kein Land eignet
+sich so vortrefflich zu derselben als Abessinien. Die Art und Weise, wie
+sie bisher von den Eingeborenen betrieben wird, gleicht genau dem
+liederlichen Verfahren im Ackerbau; trotzdem wird viel Honig und Wachs
+gewonnen; letzteres wird meist ausgefuehrt, ersterer zu Honigwein benutzt.
+Die abessinische Biene ist kleiner als unsere europaeische Art. Schwaermt
+ein Stock, oder wird der junge Schwarm ausgetrieben, so fliegt dieser oft
+drei bis vier Tage weit, bis die Koenigin in einem hohlen Baume oder einer
+Felsenhoehle einen passenden Ort zur Niederlassung ausfindig gemacht hat.
+
+Hat der Zug seine Auswanderungsreise angetreten, so geht derselbe viele
+Stunden weit rasch vorwaerts, bis Muedigkeit der Koenigin eintritt, die sich
+an irgendeiner Stelle niederlaesst, welche dann als Rastepunkt der Schar bis
+zum naechsten Tage gilt, wo die Reise fortgesetzt wird, bis eine Behausung
+gefunden ist. Will der Abessinier einen solchen Schwarm in einen Stock
+oder Korb einschlagen, so muss er zunaechst der Koenigin die Fluegel
+verschneiden; unterlaesst er dieses, so geht der Schwarm gewoehnlich wieder
+fort. Ich habe selbst den Versuch gemacht und einen solchen Schwarm
+dreimal eingesetzt; allein nach ein- bis dreitaegigem Aufenthalte ging er
+stets wieder fort, weil ich der Koenigin die Fluegel nicht verschnitten
+hatte. Die Form der Bienenstoecke ist walzenfoermig; sie werden aus
+Rohrstaeben zusammengesetzt, die man aeusserlich mit frischem Kuhmist, dem
+etwas Lehm zugesetzt ist, einen halben Zoll dick ueberzieht. Haeufig haengt
+man diese Koerbe in grosse Baeume, doch halten die meisten Abessinier
+dieselben bei ihren Haeusern. Die Bienenzucht wird in einer Meereshoehe von
+5000-9000 Fuss betrieben. Der Preis fuer 50 Pfund Honig ist 1
+Maria-Theresia-Thaler.
+
+Vermoege der Verschiedenartigkeit seines Klimas duerfte sich Abessinien zum
+Anbau aller europaeischen Kulturpflanzen eignen, die unter vaterlaendischer
+Geschicklichkeit herrlich gedeihen wuerden. Reis ist unbekannt, Kaffee wird
+so gut wie gar nicht und noch dazu recht ungeschickt angebaut; stark
+kultivirt wird er in den Gallalaendern Limu, Enarea und Kaffa, und die von
+dort stammenden Sorten sind besser als der arabische Kaffee aus Mocha. 40
+Pfund Kaffee gelten in Abessinien 1 Maria-Theresia-Thaler. Schwarzer
+Pfeffer, Baumwolle, Indigo koennten vorzueglich gebaut werden; einige Arten
+Indigo wachsen wild. Fuer Zuckerrohr und Runkelrueben findet sich geeigneter
+Boden. Ich selbst habe in Tigrie Runkelrueben kultivirt, die eine
+bedeutende Groesse erreichten und viel zuckerhaltiger als die
+vaterlaendischen waren. Alle Gewuerze der Gewuerzinseln und die
+verschiedensten Oelpflanzen wuerden gedeihen; Oelgewinnung und die dazu
+nothwendigen Geraethe sind hier unbekannt. Desgleichen fehlt guter Hanf und
+Flachs zum Spinnen und Weben. Beeren, Fruechte, Wein - sie alle finden hier
+zusagenden Boden.
+
+Doch mit Schmerz muss ich bekennen, dass alles dieses, so lange der
+gegenwaertige Zustand des Landes dauert, so lange nicht eine radikal
+veraenderte Regierungsweise eintritt, eitler Wunsch bleiben wird. Denn
+erst, wenn die Regierung eine unbeschraenkte Kultivirung des Landes durch
+Deutsche, Englaender, Franzosen u. s. w. zulaesst und unterstuetzt, kann aus
+diesem etwas werden. Durch die Abessinier selbst kann eine nutzbringende
+Kultur niemals geschaffen werden, denn sie sind bitter arm; es fehlen
+ihnen alle Instrumente, welche den Anbau foerdern koennten, oder die
+Arbeiter, die sie zu verfertigen verstaenden. Auch ist ihr geistiges
+Besitzthum arm, duerftig, auf niederer Stufe stehend; sie sind entbloesst von
+allen guten Eigenschaften, Liebe und Lust zur Arbeit, Sinn fuer die Natur.
+
+Liesse sich das Vaterland den gegenwaertigen Zustand Abessiniens angelegen
+sein, setzte dasselbe kraeftige, wirksame und heilsame Hebel an den
+gegenwaertig verwahrlosten Agrikulturzustand Abessiniens, so wuerde reicher
+Segen seine Muehen und Opfer lohnen. Doch wie Hebel anlegen, dass sie nicht
+brechen? Oder will das Vaterland feste Gerechtsame in Abessinien erwerben,
+so koennen diese nur durch Waffengewalt aufrecht erhalten werden.
+
+Wie der Zustand der Felder und des Viehstandes, so ist auch die _Behausung
+des Abessiniers_ und deren Umgebung beschaffen. In und ausser seinem Hause
+oder vielmehr seiner Strohhuette, ist alles voller Schmuz und Unrath. In
+der Regenzeit gleichen die Wohnungen einer Kloake, der man sich nicht
+naehern kann, ohne Gefahr zu laufen, in diesen Mistsuempfen zu versinken. Um
+eine Wohnung zu errichten, haut der Eingeborene krumme und gerade, duenne
+und dicke Holzstangen ab, die er in einem Kreise in den Boden pflanzt und
+wobei er einen schmalen Raum fuer die Eingangsthuer freilaesst. Die Stangen
+werden nun mit Bast und duennen Ruthen gleichwie mit Fassreifen umwunden und
+die Zwischenraeume mit Reisig ausgefuellt. Im Innern wird diese Ringwand
+dann mit etwas Erdmoertel ueberzogen. Hierauf wird das Ganze mit einem
+pyramidenfoermigen Dache, das gleichfalls aus Stangen, Reisig und Bast
+zusammengesetzt ist, gekroent und mit einer 3 Fuss langen holzigen Grasart
+belegt. Nun ist die Wohnung vollendet und der Einzug kann stattfinden.
+Alle Familienmitglieder, nebst Knechten und Maegden, wohnen und schlafen
+hier beisammen; die Kuehe, die Muehle, das Maulthier, falls ein solches
+vorhanden, die Huehner - sie alle finden hier ihren Platz. Auch das
+Getreide hat hier in grossen aufrecht stehenden Erdtonnen oder wohl
+verdeckten Gruben seine Stelle. Der Hausherr ruht auf seiner Alga (oder
+Arat), einem hoelzernen Bettgestell mit vier 2 Fuss hohen Beinen, ueber das
+schmale Riemen von ungegerbter Rindshaut gezogen sind. Die uebrigen
+Bewohner legen Rindshaeute auf den Boden, die ihnen zur gemeinschaftlichen
+Schlafstaette dienen. Selten wird eine solche Behausung ausgekehrt und
+unzaehlige Floehe, Laeuse und Wanzen sind die regelmaessigen Insassen, um
+welche der Bewohner sich wenig oder gar nicht kuemmert. Der Kuechenrauch,
+Asche, Staub und Unrath aller Art haeufen sich im Verlaufe eines Jahres
+dermassen an, dass man das Innere mit einem Schornstein vergleichen kann.
+
+Uebrigens wendet man in Abessinien verschiedene Bauarten an. Oft bestehen
+die Waende aus Steinen, die mit Moertel verbunden oder ohne diesen
+aneinander gefuegt sind. Steinhaeuser finden sich fast durchgaengig im
+Hochlande, und da es hier in der Nacht sehr kalt ist, so findet auch Vieh
+aller Art in denselben seine Schlafstaette. Da, wo gute passende Erde
+vorkommt, baut man auch quadratische Haeuser mit plattem Dache. Dieses ist
+namentlich in Tigrie haeufig der Fall. Diese Decke wird dann durch starke
+Baumstaemme und Balken getragen, die mit einer 1 Fuss dicken Lage Erde
+ueberdeckt sind, welche zur Regenzeit kein Wasser durchlaesst. Hier sieht man
+auch oft grosse, auf diese Weise ueberdachte Saeulenhallen aus rohen
+Baumstaemmen, unter denen das Vieh zur Regenzeit Schutz und Obdach findet.
+Ueberhaupt herrscht im Lande Tigrie mehr Fleiss und Ordnung als in anderen
+Gegenden Abessiniens.
+
+Das hier von den Wohnungen Gesagte gilt nur von den Behausungen des
+ackerbautreibenden Theiles der Bevoelkerung. Die _Haeuser der Reichen_ und
+Grossen des Landes sind besser gestaltet. Sie sind gewoehnlich gut mit
+Erdmoertel aufgefuehrt und auch die innere Wand mit Moertel ueberzogen. Das
+Innere besteht oft aus Abtheilungen, von denen eine fuer Pferde und
+Maulthiere, eine als Speicher, eine dritte als Empfangszimmer, eine vierte
+fuer den Hausherrn und seine Familie bestimmt ist. Ist das Haus klein, so
+wird das Empfangszimmer besonders angebaut. Das Dach ist im Innern haeufig
+schoen mit zusammengesetzten Rohrstaeben verziert, ja manchmal mit farbigen
+Baumwollstoffen kuenstlich dekorirt, die Eingaenge mit Breterthueren, der Hof
+mit einer Mauer versehen. Doch herrscht im Innern derselbe Schmuz und das
+Ungeziefer wie bei den Landleuten.
+
+Die _Muehlen_ der Abessinier bestehen aus einem einzigen Stein, der 1 Fuss
+breit und 13/4 Fuss lang ist. Das Material besteht aus grobem Sandstein oder
+Trachyt; enthaelt der letztere viele kleine Blasenraeume, so wird er sehr
+geschaetzt. Die Muehle wird durch Klopfen mit einem harten kleinen Steine
+geschaerft. Der Laeufer, mit dem das Getreide zerrieben wird, ist ein 3/4 Fuss
+langer, 4 Zoll breiter Stein. Das Mahlgeschaeft wird nur von den Frauen
+besorgt. Eine Person zerreibt taeglich etwa 6 Metzen (Berliner Mass). Das
+Mahlsieb besteht aus Grasgeflecht. Weizen und Gerste werden, bevor sie auf
+die Muehle kommen, enthuelst; dieses geschieht in ausgehoehlten Baumstaemmen,
+welche die Moerser vertreten; der Stoessel ist ein 3 Fuss langer, 2-3 Zoll im
+Durchmesser haltender Knittel aus wildem Olivenholz. Die einzigen
+Instrumente, welche sonst noch bei der Agrikultur in Abessinien Dienste
+leisten, sind eine Axt, eine Erdhaue, eine gezaehnte Sichel und ein Messer.
+In Schoa wurde unter der Regierung des Koenigs Sahela Selassie von einem
+Europaeer eine Wassermuehle errichtet, doch als diese anfing zu mahlen,
+empoerte sich die Geistlichkeit gegen das Teufelswerk und bedrohte den
+Koenig mit dem Bannfluche, wenn das Mahlen nicht eingestellt wuerde. Die
+Muehle ist heute gaenzlich zerfallen.
+
+ [Illustration: 1. Muehle (a. Laeufer, b. Bodenstein). 2. Erdhacke. 3.
+ Sichel. 4. Messer. 5. Axt der Abessinier. Originalzeichnung von E.
+ Zander.]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Ansicht von Suez.]
+
+
+
+
+
+ MASSAUA UND DIE ABESSINISCHE KUeSTENLANDSCHAFT.
+
+
+ Die Bedeutung des Rothen Meeres. - Der Dahlak-Archipel und die
+ Perlenfischerei. - Die Stadt Massaua und ihre Bewohner. -
+ Sklavenhandel. - Die Cisternen. - Der Markt. - Karawanenhandel mit
+ Abessinien. - Die Bai von Adulis. - Schohos und Danakil. - Die
+ Samhara. - Eine abessinische Karawane. - Der Tarantapass und Halai.
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+
+Das Rothe Meer, lange Zeit fuer den grossen Verkehr fast ohne Bedeutung, ist
+in unsern Tagen aus seiner Abgeschiedenheit hervorgetreten und nimmt
+lebhaften Antheil am Welthandel. In einer Laenge von fast vierhundert
+Meilen erstreckt es sich gleich einem Arm von Suez bis zur Bab-el-Mandeb
+zwischen dem nordoestlichen Afrika und der westlichen Kueste Arabiens.
+Regelmaessig wie bei uns die Eisenbahnen wird es fast tagtaeglich von
+Riesendampfern seiner ganzen Laenge nach durchkreuzt; Telegraphendraehte
+sind an seinen korallenreichen Gestaden hingelegt, und der Post- wie
+Handelsverkehr von Europa nach Indien nimmt jetzt seinen Weg zumeist ueber
+diese Strasse. Noch groessere Bedeutung wird das Rothe Meer jedoch erlangen,
+wenn einst der Suezkanal vollendet sein sollte, obgleich schon auf der von
+Alexandrien ueber Kairo nach Suez fuehrenden Eisenbahn alljaehrlich viele
+Tausende von Vergnuegungsreisenden zu ihm hingezogen kommen. Nach allen
+Seiten fuehren von seinen Kuesten wichtige Handelsbahnen in die umliegenden
+Laender, die zum Theil, wie das Innere Ostafrika's, ungemein produktenreich
+sind: Gummi und Straussenfedern, Droguen und Elfenbein, Wachs und Honig,
+nicht minder aber Sklaven werden in allen Hafenplaetzen feil gehalten und
+finden regelmaessigen Absatz gegen europaeische Produkte.
+
+Sowie aber die kommerzielle Bedeutung des Rothen Meeres sich gehoben hat,
+ist auch nicht minder jetzt die politische in den Vordergrund gelangt, und
+wie in so vielen andern Weltgegenden sind auch hier England und Frankreich
+als eifersuechtige Rivalen aufgetreten, die einander den Rang streitig zu
+machen suchen. Beide wissen, dass im Rothen Meere der Schluessel zu Indien
+liegt, und wenn auch Frankreich ein geringeres Interesse als England daran
+zeigt, denselben mit in Haenden zu haben, so ist es doch schon des
+Wettbewerbes wegen bestrebt gewesen, es in Besitzergreifungen den
+Englaendern gleichzuthun. Der Suezkanal, ein franzoesisches Unternehmen, hat
+mindestens in demselben Grade politische Bedeutung, wie kommerzielle; denn
+wie die Englaender Aden und die Insel Perim am suedoestlichen Ende des Rothen
+Meeres besetzten und so die Bab-el-Mandeb beherrschen, trachten die
+Franzosen danach, ihre Herrschaft am nordwestlichen Ausgang der
+Handelsstrasse zu errichten. Und auch noch andere Kuestenplaetze sind nach
+und nach in die Haende der beiden Rivalen gefallen: die Briten haben sich
+auf der Insel Kamaran an der arabischen Seite, die Franzosen auf Dessi vor
+der wichtigen Bai von Adulis und zu Oboc niedergelassen. Von hier aus
+ueberwachen sie den Handel und spinnen Intriguen mit den unzufriedenen
+Elementen der Bevoelkerung, um bei guter Gelegenheit sich ueberall in die
+Landesangelegenheiten mischen zu koennen. Europaeische Konsularagenten haben
+in den meisten Hafenplaetzen schon ihren Sitz, und mit dem arabischen oder
+banianischen (indischen) Handelsmann theilen sich jetzt europaeische
+Kaufherren in den Gewinn des Handels am Rothen Meere. Eine Abschliessung
+desselben ist jetzt nicht mehr denkbar, es wird mit allen seinen
+Gestadelaendern - mag es wollen oder nicht - immer mehr in unsere
+Beziehungen hineingezwungen.
+
+Freilich ein Hinderniss hat die Natur selbst geschaffen, welches die
+Bedeutung dieses Meerarmes fuer den Verkehr bedeutend abschwaecht. Das Rothe
+Meer ist fuer Segelschiffe bei den jetzigen Anforderungen an die
+Schnelligkeit des Verkehrs fast so gut wie unbefahrbar, da ziemlich das
+halbe Jahr hindurch Windstille herrscht und Mangel an guten Haefen ist.
+Zudem machen die Korallenklippen die Fahrt aeusserst gefaehrlich, und auch
+die Versorgung der Schiffe mit Wasser, Kohlen oder Lebensmitteln ist eine
+aeusserst mangelhafte. Nur der Dampfer, der seine Kohlen in Suez oder Aden
+liegen hat, beherrscht diesen Meeresarm vollstaendig und in vier bis fuenf
+Tagen durchfahren sie denselben von einem Ende bis zum andern, um dann
+weiter die Fahrt nach Indien anzutreten.
+
+Waehrend die grossen Dampfer der indischen Linie direkt das Rothe Meer
+durchkreuzen und nur selten den einen oder andern Hafenplatz an demselben
+besuchen, sind fuer letztere besondere Seitenlinien eingerichtet, die meist
+von einer tuerkischen Gesellschaft schlecht versehen werden. Von _Suez_, wo
+die Eisenbahn muendet, steuern wir zunaechst nach _Kosseir_, von wo eine
+Karawanenstrasse nach Keneh am Nil fuehrt, der in dieser Gegend einen weiten
+Bogen nach Osten macht und sich dem Rothen Meere naehert. Von Kosseir
+fahren wir in suedoestlicher Richtung nach der arabischen Kueste hinueber und
+landen in _Jembo_, dem Eingangsthor der heiligen Stadt, naemlich Medina,
+fuer welches dieser Platz den Hafen bildet. Weiter an demselben Gestade
+fortsteuernd erreicht der Dampfer _Dschidda_, "die Ebene ohne Wasser".
+Aber dieser Hafenplatz, das Seethor fuer Mekka, ist in vieler Beziehung
+wichtig und namentlich zur Zeit der Pilgerwanderungen sehr belebt. Wir
+verlassen auch diesen Ort, der schon Millionen Wallfahrer landen sah, und
+durchkreuzen abermals nach Suedwesten hin das Rothe Meer, um _Sauakin_ an
+der afrikanischen Kueste zu erreichen, von wo aus die grosse Karawanenstrasse
+nach dem oestlichen Sudan und Chartum an der Vereinigung des Weissen und
+Blauen Nil fuehrt.
+
+Und nun geht nochmals der Anker in die Hoehe, nach Sueden ist der Bug des
+Dampfers gerichtet, die afrikanische Kueste, das Land der nomadisirenden
+Beni-Amer und Habab bleibt zur Rechten liegen und die _Dahlak-Inseln_
+kommen in Sicht. Auf diesem Archipel erhalten wir durch die Sprache der
+Bewohner schon einen Vorgeschmack Abessiniens, vor dessen Kueste, gegenueber
+dem Hafenplatze Massaua, die Gruppe liegt. Die drei Hauptinseln sind
+Gross-Dahlak, Nureh und Nakala. Die Grosshandelsfahrzeuge legen dort nicht
+an, obwol das erste der genannten Eilande einen sehr guten Hafen hat.
+Viele Spuren, namentlich Ruinen, deuten darauf hin, dass einst die
+Abessinier und im 16. Jahrhundert die Portugiesen eine Niederlassung auf
+demselben hatten. Dahlak hat nur etwa 1600 Einwohner, auf die andern
+beiden bewohnten Inseln kommen zusammen nur 200 Koepfe. Alle sind
+Muhamedaner, friedliche Menschen, die unter einem Scheich stehen; dieser
+erhaelt seine Belehnung von dem aegyptischen Gouverneur in Massaua, welchem
+er jaehrlich 1000 Maria-Theresia-Thaler zahlt. Wasserlaeufe giebt es auf den
+Inseln nicht, aber das Brunnenwasser ist gesund.
+
+Ueberaus reich ist hier das Meer an Fischen und Fischfang daher eine
+Hauptbeschaeftigung der Bewohner. Doch noch andere Schaetze bietet die
+salzige Flut, welchen die Dahlak-Inseln vorzueglich ihre Beruehmtheit
+verdanken. Namentlich kommt die _Perlenauster_ (_Pintatina_) in grosser
+Menge, foermliche Baenke bildend, hier vor, und sie ist es, die vom Mai bis
+in den August eine grosse Anzahl der Bewohner mit Tauchen beschaeftigt.
+Jeder kann sich an der Perlenfischerei nach Belieben betheiligen; Abgaben
+werden nicht erhoben und nicht selten kommen auch Taucher und Fischer von
+der gegenueberliegenden arabischen Kueste. Man bedient sich zum Fange der
+gewoehnlichen Barken, der sogenannten Sambuks, welche gerudert werden und
+auch Mattensegel haben. Von den zwoelf bis vierzehn Koepfen der Mannschaft
+sind sechs bis sieben Taucher. Mit einem Bismillah! (Im Namen Gottes!)
+stuerzt der Mann in die Tiefe, wo er nicht viel laenger als eine Minute
+bleibt, so viel Austern, als er kann, in einen Korb zusammenrafft und
+diesen durch die Gefaehrten an einem Seil in die Barke ziehen laesst. Mehr
+als dreissig, hoechstens vierzig Mal kann er an einem und demselben Tage
+nicht untertauchen. Eine mit guten, recht erfahrenen Tauchern bemannte
+Barke wird im Laufe eines Tages bis 3500 Perlenaustern und etwa 500
+Perlmutteraustern erbeuten. Die Muschel, welche man bei den Dahlak-Inseln
+fischt, ist im allgemeinen nur klein und beinahe rund; der Durchmesser
+betraegt 5 bis 6 Centimeter. Unter 20 bis 30 Austern hat immer nur eine
+einzige eine kleine Perle, die man als Samen bezeichnet. Es scheint als ob
+eigentliche, voellig ausgebildete Perlen nur in ganz ausgewachsenen
+Muscheln gefunden werden. Die Insulaner bezeichnen die Perlenauster als
+Bebela oder Bereber. Ihr Fleisch ist weiss und geniessbar; man trocknet es
+an der Sonne und zieht es auf Faeden, worauf es dann einen Theil des Jahres
+hindurch die Hauptnahrung der Leute bildet.
+
+Alljaehrlich bringen die Fischer ihre Ausbeute an Perlen und Perlmutter
+nach dem Dorfe Debeolo, wo vierzehn Tage lang Markt gehalten wird. Dort
+legen sie die Erzeugnisse des Meeres zum Verkauf aus. Regelmaessig finden
+sich fremde Kaufleute, besonders indische Banianen ein, die gegen Silber
+oder Tauschwaaren, Lebensmittel, Holz, Baumwollenstoffe die Perlen zu
+ziemlich niedrigem Preise einhandeln. Man schaetzt diese nach ihrer Groesse,
+Gestalt und Reinheit ab. Erstere wird durch ein Haarsieb ermittelt, das
+Oeffnungen von verschiedener Groesse hat. Je nach den verschiedenen
+Gattungen wird der Preis bestimmt. Der Umsatz auf dem Markte von Debeolo
+betraegt im Durchschnitt an Geldwerth 50,000 bis 60,000 Thaler, ist also
+immerhin bedeutend. Zu den Ausfuhrgegenstaenden der Dahlak-Inseln gehoert
+ferner das feine Schildpatt (Baga); das der Schildkroetenweibchen ist
+durchgehends schwerer und dicker als das der Maennchen, und ein zwei Fuss
+langes Rueckenschild des ersteren giebt zwei Pfund Schildpatt. Auch die
+Kauris oder Geldmuscheln, die in Afrika als Scheidemuenze gelten, werden
+auf den Dahlak-Inseln in grosser Menge gefischt. Seltener aber ist ein
+hoechst interessantes Meersaeugethier, der _Dugong_ (_Halicore Dugong_), das
+wegen seiner starken Haut und perlmutterglaenzenden Zaehne sehr geschaetzt
+war und ist. Es kommt auch an den arabischen und afrikanischen Kuesten vor,
+an welcher letzteren es von den Danakil gefangen wird. Die Thiere leben
+paarweise und weiden auf den untermeerischen Tangwiesen, die ihre einzige
+Nahrung bilden. Das Land besuchen sie selten, meist schwimmen sie wie
+Meerjungfern mit erhobenem Oberkoerper in der See. Sie sind ueber 12 Fuss
+lang und schwer mit Harpunen zu erreichen. Die dem Walross aehnlichen
+Stosszaehne wurden frueher als Handelsartikel gesucht und zu Rosenkraenzen
+verarbeitet, waehrend die marklosen Knochen Dolch- und Messergriffe von
+grosser Dauerhaftigkeit liefern. Aus der Haut bereitet man Sandalen.
+Merkwuerdig erscheint uns der Dugong noch dadurch, dass er dasjenige Thier
+ist, aus welchem die alten Juden den Ueberzug ihrer Bundeslade gemacht
+haben sollen.
+
+Unsere Fahrt durch das Rothe Meer ist nun beendigt; von Dahlak wendet sich
+der Dampfer nach Westen, der abessinischen Kueste zu, von der aus die
+kuehnen und gewaltigen Bergmassen von Hamasien uns entgegenstarren. Wir
+naehern uns der Insel _Massaua_, deren Bucht, von Vorgebirgen
+eingeschlossen, nun in Sicht kommt.
+
+ [Illustration: Ansicht von Massaua. Im Vordergrund Fischerknabe.
+ Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Gleich darauf werden das kleine Vorwerk, die weissgetuenchten Doppelthuerme
+der Moschee, die tuerkischen Wachtschiffe und fremden hier ankernden
+Fahrzeuge sichtbar. Schon ehe man landet, erblickt man weit draussen auf
+der See eigenthuemlich gestaltete _Fischerfloesse_, die aus fuenf
+zusammengebundenen Baumstaemmen bestehen. In der Mitte sitzt ein Knabe, der
+mit einer beiderseits schaufelfoermigen Ruderstange geschickt und schnell
+seine Faehre regiert. Auf diesem gebrechlichen Dinge angelt er an Klippen
+und Baenken, faengt eine grosse Anzahl Fische und toedtet sie jedesmal
+sogleich durch einen Nagelstich in den Kopf. Die Stadt _Massaua_ oder
+Mesaueh ist der Hauptort fuer das Aegypten untergeordnete abessinische
+Kuestenland nebst den Inseln des perlenreichen Dahlak-Archipels, Sitz eines
+Kaimakan, der einige Soldaten zur Verfuegung hat. Ausserdem residiren hier
+aegyptische Zollbeamte und verschiedene europaeische Konsuln, denn Massaua
+ist die Pforte des Handels fuer fast ganz Abessinien und von groesster
+politischer Wichtigkeit durch seine Lage gegenueber dem letztgenannten
+Reiche, wie durch seinen in jeder Beziehung vorzueglichen Hafen, der sich
+auch dadurch vor andern Haefen am Rothen Meere auszeichnet, dass man sich
+hier leicht mit Schiffsprovisionen, Wasser, Holz, Schlachtvieh u. s. w.
+versehen kann.
+
+ [Illustration: Wassertraegerin an den Cisternen. Derwisch von Massaua.
+ Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Der Golf von Arkiko, in welchem die Inselstadt Massaua liegt, ist mit
+verschiedenen kleinen Koralleneilanden bedeckt. Auf einem derselben
+befindet sich der christliche Friedhof und hier ist es, wo auch die Leiche
+unseres Landsmannes, des Reisenden Hemprich, ruht, den am 30. Juni 1825
+der Tod ereilte. Auf einem andern Koralleneilande liegt ein Heiliger, Seid
+Scheik, begraben, der seinerzeit Massaua verlassen und diese kleine Insel
+bezogen haben soll, weil er glaubte, dass der Lebenswandel seiner Mitbuerger
+allzu irreligioes sei. Vom Festlande sowol als von Massaua machen
+zahlreiche Gesellschaften naechtliche Ausfluege nach dem Grabe dieses
+Heiligen, wobei weniger religioese Absichten die Pilger leiten sollen, als
+der Schmuggel mit Sklaven. Die Insel Massaua selbst hat eine halbe Meile
+Laenge und beinahe eine Viertelmeile Breite. Die westliche Haelfte traegt die
+Stadt, die oestliche halb verfallene, alte Cisternen aus besserer Zeit und
+ein kleines, schlecht armirtes Fort. Die Anlage der Stadt ist eine ganz
+unregelmaessige, wenig aeltere Gebaeude bestehen aus Stein, die meisten sind
+Strohhuetten, die auf Pfaehlen im seichten Meerwasser ruhen. Unter ersteren
+zeichnen sich das Gouvernementsgebaeude, eine zweikuppelige Moschee (Diamet
+Scheik Hamal) und das Zollhaus aus.
+
+Im Ganzen hat Massaua etwa ein Dutzend religioeser Gebaeude; darunter jene
+bemerkenswerthe Moschee, die frueher eine christliche Kirche gewesen war
+und in welcher die Portugiesen 1520 Messe lasen, nachdem sie "Matzua", so
+nannten sie die Stadt, den Muhamedanern abgenommen hatten. Was den Namen
+des heutigen Ortes betrifft, der auch Masua, Massawa geschrieben wird, so
+leitet ihn Munzinger aus der Tigriesprache ab, in welcher Mesaua den Raum
+bedeutet, ueber welchen hin man den Ruf einer Menschenstimme hoeren koenne,
+und das trifft hier allerdings fuer die Meeresbreite zwischen Insel und
+Festland zu. Aber in der Landessprache der Eingeborenen heisst Stadt und
+Insel gar nicht Massaua, sondern Base.
+
+Die Bevoelkerung ist fast ganz muhamedanisch; die Ureinwohner gehoeren der
+aethiopischen Rasse an und sprechen eine semitische Sprache. Die uebrigen
+Bewohner, mit Ausnahme der tuerkischen Beamten und der Besatzung, sind
+Kaufleute aus Arabien, dann Somali, Danakil, Galla, Abessinier und
+Banianen (Indier). Die Massauaner selbst sind Fischer, Schiffsleute und
+Lasttraeger, welche das Trinkwasser herbeischleppen. Ausser etwas Weberei,
+Gerberei und Schiffsbau werden wenig Gewerbe getrieben. Die Staerke der
+Bevoelkerung schaetzte Rueppell 1832 auf 1500, Heuglin 1857 auf 5000 Seelen,
+einschliesslich des Militaers. Die Einkuenfte der Provinz, meist aus den
+Zollabgaben des abessinischen Handels bezogen, betrugen nach beiden
+Reisenden 40,000-50,000 Thaler.
+
+Die Massauaner sind ein in der Jugend durchweg sehr schoener Menschenschlag
+und haben eine kupferfarbige Haut, die mehr oder weniger dunkel ist. Die
+Maedchen zeichnen sich durch schlanken Wuchs, regelmaessige Zuege des ovalen
+Gesichts, grosse, lebhafte Augen und feinen Mund mit schoenen Zaehnen aus.
+Wenn sich zwei Bewohner nach laengerer Zeit wieder begegnen, kuessen sie
+sich gegenseitig die Haende und erkundigen sich mit vielen Schmeichelworten
+nach dem Befinden. Was den Charakter der Massauaner anbetrifft, so lauten
+die Urtheile darueber sehr unguenstig. Dem blossen Schacher ergeben, ueben sie
+alle moeglichen Verstellungskuenste und erfuellen selbst die heiligsten
+Versprechungen nicht. Dazu kommt, dass der fortwaehrende Sklavenhandel ihre
+moralischen Sitten untergraben und ihr Herz gegen jede edlere Empfindung
+verstockt machen musste. Diebereien und Einbruch sind gewoehnliche
+Verbrechen und gelten nicht als Schimpf. Die Anzahl der Bettler ist gross
+und die meisten derselben kommen durch Hunger und Elend ums Leben.
+Dankbarkeit ist den Massauanern nur dem Namen nach bekannt, und als
+Rueppell einst einen Mann von einer gefaehrlichen Schusswunde geheilt hatte,
+drueckte dieser seine Freude darueber folgendermassen aus: "Gott ist gross und
+wunderbar! Hat er doch diesen _Hund von Unglaeubigen_ hierhergeschickt, um
+mich zu heilen!"
+
+Eine Eigenthuemlichkeit der Massauaner besteht darin, dass sie Familiennamen
+haben, was bekanntlich sonst bei Muhamedanern nicht der Fall ist. So
+heissen einige Adulai, und diese stammen aus Adulis; andere Dankeli, Farsi
+(aus Persien), Yemeni (aus Yemen in Arabien). Unter den Kaufleuten spielen
+die _Banianen_ eine wichtige Rolle. Diese Indier haben einen grossen Theil
+des Verkehrs auf dem Rothen Meere in ihren Haenden und bewohnen in Massaua
+ein eigenes Quartier. Dort sitzen die wohlbeleibten Maenner nur halb
+bekleidet, mit geschorenem Kopfe, kleinem Schnauzbart und praechtigen
+schwarzen Augen in dem gelben, etwas weibischen Gesichte. Wer sie so
+sieht, glaubt sich in einen Bazar nach Delhi oder Bombay versetzt. Der
+Baniane traegt auf der Strasse einen rothen, mit Gold oder gelber Seide
+verbraemten Turban und eine silberne Kette um den Leib. Diese Inder essen
+kein Fleisch und moegen solches nicht einmal anruehren. Beklagten sie sich
+doch einmal, wie Lejean berichtet, ernstlich darueber, dass die Hunde der
+katholischen Mission einmal in der Naehe ihrer, der Banianen, Cisterne
+Knochen abgenagt haetten! Dadurch koenne das Wasser verunreinigt werden. Die
+Zahl der Europaeer ist in Massaua nie betraechtlich gewesen und besteht nur
+aus ein paar Konsularagenten, einigen Kaufleuten und Missionaeren. Unter
+den Konsularagenten war der englische, vor wenigen Jahren erst verstorbene
+_Raffaele Barroni_ den Tuerken besonders verhasst, weil er den Muth hatte,
+eine unablaessige Fehde gegen die Sklavenhaendler zu fuehren. Um recht mit
+Nachdruck auftreten zu koennen, hatte er sich sogar eine eigene Polizei
+eingerichtet. Er wusste allemal, wieviel Sklaven eine im Kuestenland aus
+Abessinien ankommende Kafle (Karawane) mit sich fuehre, zog ihr an der
+Spitze seiner wohlbewaffneten Dienerschaft entgegen, nahm, wenn noethig,
+mit offener Gewalt ihr alle Sklaven ab und verschaffte denselben die
+Freiheit. Die Kaufleute hassten ihn, sein Leben war oftmals bedroht, aber
+er hatte seine Vorkehrungen getroffen und sich eine Art von fester Burg
+gebaut, von welcher aus er mit seinen Kanonen und Buechsen die Umgegend
+bestreichen konnte. Im Nachlasse dieses muthigen Mannes fand der Reisende
+Lejean folgende Aufzeichnung: "Ich habe Sklaven befreit, nachdem der
+Konsul Plowden von hier abgereist war, im Jahre 1855: 2 Galla von
+Tehuladare, 1 aus Mensa, 158 aus Magatul, 1 von Atti Letta; 160, die man
+nach Dschidda schicken wollte, habe ich zurueckgehalten. Im Jahre 1856:
+240. Ich hielt eine ganze Karawane auf ottomanischem Gebiete an und
+schickte sie nach Abessinien zurueck. Im Jahre 1857 befreit: 2 von Schoa, 2
+von Mensa, 4 von mir unbekannter Herkunft" u. s. w. Eine andere Notiz
+lautet: "Die Bewohner dieser Stadt und namentlich die Sklavenhaendler sind
+hocherfreut, dass Abdul-Aziz den Thron bestiegen hat; sie hoffen unter ihm
+eine Wiederbelebung des Sklavenhandels im Rothen Meere." Wie die Englaender
+es uebrigens mit der Unterdrueckung des Sklavenhandels nicht immer ernst
+nehmen, dafuer bringt Lejean ein Beispiel bei. Barroni stand unter dem
+Oberbefehl des englischen Residenten in Aden. Dieser wandte allerdings
+gegen das, was Barroni that, nichts ein, gab ihm aber zu bedenken, dass man
+es mit dem Einschreiten gegen den Sklavenhandel unter tuerkischer Flagge
+nicht zu ernsthaft nehmen duerfe "damit diese befreundete Flagge im Rothen
+Meere in ihrem Ansehen nicht geschwaecht werde".
+
+Was Lejean sonst noch ueber einzelne Einwohner Massaua's berichtet, ist zu
+charakteristisch fuer die dortigen Zustaende, als dass wir es nicht hierher
+setzen sollten. Die tuerkische Regierung benahm sich gegen die Kapuziner,
+welche sich in Monkullo niederlassen wollten, sehr barsch. Ein Moench
+machte aber dem Gouverneur zu schaffen und forderte ihn sogar zum
+Zweikampf auf Saebel; dann erklaerte er, er werde den Gouverneur aus dem
+Fenster werfen und selbst regieren. Zuletzt wurde er Kaufmann und dann in
+Florenz Zeitungsredakteur.
+
+Im Jahre 1854 war ein gewisser Ibrahim Pascha Kaimakan von Massaua. Dieser
+Wuerdentraeger war stets durch Hanfrauchen benebelt und schwelgte in den
+wildesten Phantasien. Nach Konstantinopel berichtete er, dass er alles Land
+bis zu den Mondgebirgen erobert habe, waehrend doch wenige Stunden
+landeinwaerts seine Macht ein Ende hatte. Er wollte die Einwohner am
+Festlande besteuern, worauf diese aber keine Lebensmittel mehr nach der
+Insel brachten, sodass in Massaua sich Hungersnoth einstellte. Gegen die
+Europaeer erlaubte er sich allerlei Grobheiten; dieselben fuehrten Klage,
+infolge deren er 1855 von der Pforte kassirt wurde. Er nahm seine
+Absetzung gleichmuethig auf, schloss sich in seinen Harem ein und erhing
+sich an einer Saebelschnur.
+
+Was das Klima Massaua's anbetrifft, so ist es nicht ungesunder als das der
+andern Hafenplaetze am Rothen Meere. Das Spruechwort sagt, es sei eine
+Hoelle, wie Pondichery ein heisses Bad und Aden ein Backofen. Am
+empfindlichsten macht sich der Mangel an Trinkwasser auf der Insel selbst
+bemerkbar. Die _Cisternen_ auf der Ostseite der Insel nehmen etwa ein
+Drittel dieser letzteren ein. Der Ueberlieferung zufolge sind sie von den
+Farsi (Persern) gebaut worden und das kann richtig sein, denn es ist
+wahrscheinlich, dass einige Zeit, bevor Muhamed seine Lehre verkuendigte,
+der persische Koenig Chosroes diese Kuestengegend des Rothen Meeres
+beherrschte. Uebrigens bezeichnet man in Massaua alles, was nicht
+muselmaennisch oder abessinisch ist, als "Farsi", und so auch die
+Cisternen. Sie sind vortrefflich gearbeitet und haben eine Art gewoelbten
+Deckel, der aus wunderbar fest gekitteten Korallenstuecken besteht. Die
+inneren Waende der Cisternen sind meistens vollkommen glatt und von
+rosenrother Farbe.
+
+Die aegyptische Regierung thut nichts, um diese so hoechst nothwendigen und
+nuetzlichen Cisternen in gutem Zustande zu erhalten; was einfaellt wird
+nicht ausgebessert. Die Tuerken bekommen ihr Wasser von Monkullo oder
+Arkiko, und ob die armen Leute Trinkwasser haben, ist ihnen ganz einerlei.
+Massaua selbst hat gar kein eigenes Trinkwasser, wenn nicht etwa einige
+dieser Cisternen Regenwasser enthalten. Alltaeglich geht dagegen ein
+Regierungsschiff nach Arkiko, das viele Brunnen besitzt, deren Wasser
+indessen nicht besonders gut ist. Dasselbe wird dort in lederne, stark
+gethrante Schlaeuche gefuellt, dann mittels Lastthieren oder Traegern zum
+Gestade gebracht und nach der Stadt verschifft. Im August und September
+fallen nicht selten Regen, welche die Brunnen speisen. Das schon erwaehnte
+Arkiko, das frueher Dogen hiess, scheint wenigstens so alt wie Massaua zu
+sein, obgleich es keinen Hafen besitzt. Es ist von freundlichen Gaerten
+umgeben und dient als Militaerstation.
+
+Seine Wichtigkeit verdankt Massaua dem abessinischen Zwischenhandel. Alle
+dort wohnenden Nationalitaeten sind an demselben betheiligt. Es kommen bei
+guenstigen politischen Verhaeltnissen im Innern gewoehnlich zweimal im Jahre
+grosse Karawanen (Kafle) aus den Gallalaendern und ganz Abessinien nach der
+Kueste; der Gesammtwerth der durch sie abgesetzten Waaren wird von Heuglin
+auf eine Million Thaler, von Andern jedoch weit hoeher angegeben. Eine
+solche Karawane sammelt sich bei guenstiger Jahreszeit und bewegt sich, von
+bewaffneter Macht eskortirt und immer wachsend an Mitgliedern, ueber Adoa
+dem Meere zu. Sie steht unter dem Befehle eines Schech el Kafle und
+transportirt die Waaren auf Maulthieren und Eseln bis an den Abfall der
+Hochgebirge, wo dann die benachbarten Hirtenvoelker, die viele Kameele zu
+diesem Zwecke halten, die Weiterbefoerderung uebernehmen und die Waaren bis
+zum Meere bringen. Der groesste Theil der Verkaufsgeschaefte ist schon vor
+Ankunft der Karawane in Massaua durch Unterhaendler abgeschlossen; die
+Hauptartikel sind Kaffee aus der Umgebung des Tanasees, Godscham und den
+Gallalaendern, Elfenbein von den Galla- und Kolalaendern, Nashorn, Moschus,
+Gold von Damot, Fazogl, Galla u. s. w., Wachs, Honig, Butter,
+Schlachtvieh, Haeute, Maulthiere, Tabak, Straussenfedern und Sklaven. Der
+Schiffahrtsverkehr mit den Haefen am Rothen Meere, sowie mit Aden und
+Bombay, ist sehr lebhaft. Noch 1860 schrieb Moritz v. Beurmann: "Unter den
+von Massaua ausgefuehrten Handelsartikeln nehmen die Sklaven noch immer
+einen bedeutenden Posten ein, obgleich in der letzten Zeit auch dieser
+Handel bedeutend nachgelassen hat und die jaehrliche Ausfuhr in den letzten
+Jahren wol kaum auf 1000 Koepfe kommen moechte. Es war deshalb auch zu der
+Zeit, als ich in Massaua war, die Stimmung gegen die Europaeer eingenommen,
+da man wohl weiss, einen wie schaedlichen Einfluss dieselben auf diesen
+ergiebigen Handel haben." Nach Rueppell fuehrte man 1838 etwa 2000 Sklaven
+beiderlei Geschlechts aus, zu einem Durchschnittspreis von je 60
+Speziesthalern. _Markt_ wird taeglich in der Stadt abgehalten. Ausser den
+gewoehnlichen Handelswaaren werden auch Lebensbeduerfnisse, Fleisch, Brot,
+Holz und Trinkwasser, feilgeboten. Die beiden zuletzt genannten
+Beduerfnisse machen die Erwerbsquelle fuer die armen Landleute aus. Mit dem
+thoenernen Topfe auf dem Haupte kommen die Wassertraegerinnen heran; schon
+am fruehen Morgen stellen sich Hirten ein, welche kleine, mit Milch
+gefuellte Koerbchen zum Verkauf bringen; diese Milch schmeckt sehr
+unangenehm, indem sie gleich nach dem Melken stark geraeuchert wird, was,
+um das Gerinnen zu verhueten, unumgaenglich noethig sein soll. Andere
+Landleute bringen in der Winterjahreszeit Nabakfruechte (_Rhamnus Nabac_)
+und kleine Citronen, die aus den verwilderten Klostergaerten stammen, sowie
+frische Hennablaetter (_Lawsonia inermis_), welche den Schoenen der Stadt
+zum Rothfaerben der Naegel und Handflaeche unentbehrlich sind. Fischerknaben
+bringen die reiche Ausbeute des Meeres, und im Fruehling verkauft man die
+Bluetenstengel einer spargelaehnlich schmeckenden Aloeart. Fast die ganze
+maennliche Bevoelkerung Massaua's treibt sich den Tag ueber faullenzend unter
+den Marktbuden umher, wo neben dem feinen Stutzer der zerlumpte Derwisch
+und der halbnackte Hirt einherzieht.
+
+Massaua, sowie Sauakin, gehoerten einst zum abessinischen Reiche. Die Stadt
+wurde 1557 durch eine tuerkische Flotte erobert und mit einer bosnischen
+Besatzung versehen. Unter Mehemed Ali gehoerte sie zu Aegypten, kam jedoch
+1850 wieder unter tuerkische Oberhoheit und wurde 1865 abermals, nebst der
+ganzen Westkueste des Rothen Meeres an Aegypten abgetreten.
+
+ --------------
+
+Wendet man sich von Massaua gerade nach Sueden, nach dem bis zu 5000 Fuss
+ansteigenden Gedemgebirge, so uebersieht man von diesem den ganzen
+_Meerbusen von Annesley_ oder die _Bai von Adulis_ (jetzt bei den
+Eingeborenen Gubet Kafr genannt). Waehrend im Westen das Vorgebirge Gedem
+die Bai abschliesst, wird diese im Osten von der meist kahlen Halbinsel
+Buri begrenzt. Das Westufer, flach und durch Anschwemmungen entstanden,
+traegt eine ueppige Vegetation von Schorabaeumen, zwischen deren Wurzelgewirr
+Heuglin hier einen seltsamen Fisch (_Periophthalmus Koehlreuteri_)
+entdeckte, der, froschlarvenartig aussehend, im Schlamme, zwischen Steinen
+und sogar im Grase lebte und verfolgt in grossen Spruengen sich ins Wasser
+rettete. Die Bucht hat eine Laenge von 20, bei einer Breite von 8 Meilen,
+ist tief genug, um selbst die groessten Seeschiffe aufzunehmen, und besitzt
+den Vorzug, Trinkwasser wie auch Brennholz liefern zu koennen. Den Schluss
+der Bai bildet die den Franzosen gehoerige _Insel Dessi_, welche ohne grosse
+Kosten leicht befestigt werden koennte, doch haben die Franzosen es bei der
+einfachen Besitzergreifung bewenden lassen. Sie hat gleichfalls gutes
+Wasser und Weide fuer etwa 600 Stueck Rindvieh, die drei Rheden gewaehren
+guten Schutz und koennen in vortreffliche Haefen umgeschaffen werden. Im
+Jahre 1859, als Agau Negussi Gebieter Tigrie's und von den Franzosen als
+"_Empereur_" anerkannt war, gab er die Insel dem franzoesischen Agenten
+Russel und bot ihm ausserdem noch die ganze Bai von Adulis an. Dagegen that
+die ottomanische Pforte Einsprache, da sie das ganze Kuestenland fuer sich
+in Anspruch nimmt; indessen wurde darauf keine Ruecksicht genommen, und der
+franzoesische Konsul schloss auf der Halbinsel Buri mit den Haeuptlingen der
+Hasorta, welchen Dessi gehoerte, einen Vertrag. Die Schums (Haeuptlinge)
+erklaerten, dass sie nie der Pforte, sondern nur der abessinischen Krone
+unterthan gewesen seien. So ward Dessi franzoesisch und bestimmt, der von
+den Englaendern besetzten Insel Perim in der Bab-el-Mandeb Konkurrenz zu
+machen.
+
+Am westlichen Ufer, doch eine Stunde vom Meere entfernt, liegen an einem
+breiten, trockenen Strombette die Ruinen der beruehmten Stadt _Adulis_,
+Adule, _Zula_ oder Asule. Sie wurde unter Ptolemaeus Euergetes gegruendet
+und war zur Zeit der Ptolemaeer ein bluehendes Emporium, dessen Bewohner
+lebhaften Handel, besonders mit Elfenbein, Rhinozeros, Schildpatt, mit
+Affen und Sklaven trieben. Eine zweite Bluetezeit erlebte Adulis unter den
+Koenigen von Axum, fuer deren Staat es Hafenplatz bildete.
+
+ [Illustration: Hirt mit Fettschwanzschafen. Zeichnung von Robert
+ Kretschmer.]
+
+Als im 6. Jahrhundert hier der Indienfahrer Kosmas landete, fand er das
+_Monumentum adulitanum_, dessen Inschriften ueber die alte Geographie jener
+Gegenden wichtige Auskunft geben. Jetzt sind von der Stadt nur elende
+Ruinen noch uebrig, die zwei Meilen im Umfang haben. Schutthaufen von
+Wohnungen, die alle von kleinen unbehauenen Lavasteinen erbaut waren, in
+der Mitte die Truemmer einer ganz zerfallenen Kirche, dabei Saeulenreste und
+Kapitaele, alles ziemlich plump aus Lava gearbeitet und mit Buschwerk
+ueberwachsen - das ist, was von Adulis uebrig blieb. Keine Inschrift, kein
+Relief ist mehr zu sehen, aber die Begraebnissplaetze der Muhamedaner haben
+sich zwischen diesen alten christlichen Resten angesiedelt, bei denen der
+Mangel groesserer Gebaeude nicht auffallen kann, wenn man bedenkt, dass Adulis
+einst dieselbe Rolle spielte, wie heute Massaua, in dem auch alle grossen
+Gebaeude fehlen.
+
+Hier ist der Ort, einen kurzen Blick auf die Bewohner des Kuestenlandes zu
+werfen. Diejenigen der Samhara, des schoenen Thales von Modat, in welchem
+die heissen Mineralquellen von Ailet liegen, nennt man zusammenfassend
+_Beduan_. Sie sind gleich den Abessiniern Semiten und reden die
+Tigresprache. Alle bekennen sich zum Islam, doch vor einem Menschenalter
+waren sie noch Christen, wie es ihre naechsten Nachbarn im Nordwesten, die
+Mensa und Bogos, noch heute - wenigstens dem Namen nach - sind. Sie sind
+alle Nomaden, die besonders Viehzucht treiben und Kameele, Rindvieh,
+Ziegen und Schafe halten. Letztere sind verschieden von den eigentlichen
+abessinischen Schafen; sie kommen vielmehr ueberein mit dem arabischen oder
+persischen _Fettschwanzschafe_ und zeichnen sich durch einen schwarzen
+Kopf aus.
+
+In der Umgebung des Golfs von Adulis bis zur eigentlichen Grenze
+Abessiniens wohnen Hirtenvoelker, die Heuglin unter dem Namen _Schoho_
+zusammenfasst und zu denen er auch die _Hasorta_ oder Saorto rechnet. Sie
+reden eine eigene Sprache, haben eine eigenthuemliche Gesichtsbildung, sind
+blos wilde Hirten, haben keine festen Wohnsitze und treiben keinen
+Ackerbau. Sie bekennen sich der Form nach allerdings zur muhamedanischen
+Religion, kuemmern sich im Grunde genommen jedoch wenig darum. Ihre
+Lebensweise ist einfach, ja duerftig, ihr Charakter leidenschaftlich.
+Rueppell sah in Arkiko Schoho, die sich durch einige Eigenthuemlichkeiten
+auszeichneten. Ihr Kopfhaar stand rund um den Kopf nach allen Seiten hin
+sechs Zoll weit steif ab und hatte durch die Menge des eingekneteten
+Hammelfettes eine graugelbe Farbe erhalten; mehrere bejahrte Maenner hatten
+ihre grauen Baerte ziegelroth gefaerbt; andere rochen bis in weite Ferne
+nach Zibethmoschus; dabei gingen sie in ganz zerlumpten Kleidern. Von den
+ihr Gebiet durchziehenden Fremden versuchen die Schohos auf alle moegliche
+Art Geld zu erpressen. So suchten sie Rueppell mehrere Schafe und Milch
+aufzudraengen; gluecklicherweise hatten ihn aber seine Reisegefaehrten
+gewarnt, von ihnen anders als gegen bestimmte Zahlung etwas zu nehmen, da
+solche Schenkungen nur ein Kunstgriff seien, um den zehnfachen Werth dafuer
+zu erzwingen. Uneingedenk dieser Warnung kostete er von einer freundlich
+dargebotenen Schale Milch, wofuer er einen halben Maria-Theresia-Thaler
+zahlen musste!
+
+Die Begruessungsart der Schoho ist das Darreichen der Hand; wenn sie
+ausruhen, nehmen sie eine Stellung an, die man unter den ostafrikanischen
+Negern (z. B. bei den Bari am Weissen Nil, bei den Leuten im Mondlande
+u. s. w.) wiederfindet. Sie setzen naemlich die linke Fusssohle an das
+rechte Knie, biegen dann, indem sie sich mit der Achselhoehle der rechten
+Schulter auf einen Stab stuetzen, den Koerper auf die rechte Seite und
+stehen so oft Viertelstunden lang unbeweglich still, apathisch denselben
+Gegenstand anstarrend.
+
+Folgt man in suedoestlicher Richtung der Kueste des Rothen Meeres, so trifft
+man abermals auf ein anderes Volk, auf die ohne ein gesetzliches Band, in
+kleinen Familien, ohne politisches Oberhaupt lebenden _Danakil_ (in der
+Einzahl Dankali), welche bei den Arabern Tehmi oder Hetem heissen. Sie sind
+in den Kuestenplaetzen am Rothen Meere ansaessige Fischer und Schiffer, die
+auch mit der gegenueberliegenden arabischen Kueste Handel treiben. Obgleich
+sie nur kleine offene Schiffe haben, die hinten und vorn in einen Schnabel
+auslaufen und gewoehnlich nur durch ein viereckiges, aus Matten
+verfertigtes Segel in Bewegung gesetzt werden, so wagten sie sich doch von
+je muthig weit in die See hinaus und waren frueher auch zuweilen kuehne
+Seeraeuber. In vieler Beziehung gleichen sie den Ostabessiniern, doch sind
+sie noch kraeftiger und heller als diese, tragen aber deren rothgeraendertes
+Umhaengetuch und verhuellen sich beim Sprechen damit den Mund; andere
+bekleiden sich mit der dicken abessinischen Leibbinde, die so breit ist,
+dass sie bis fast unter die Arme reicht. Sie tragen lange, krause, von Fett
+triefende Haare, gehen stets bewaffnet mit Lanzen, runden Schilden aus
+Antilopenfell und einem zweischneidigen Saebelmesser, das aus indischem
+Eisen geschmiedet und in einer ledernen Scheide an der rechten Seite
+getragen wird. Die Danakil bekennen sich zum Muhamedanismus; sie werden
+uebrigens von Heuglin, der sie in der Umgebung Ed's kennen lernte, als
+feiges, diebisches Gesindel voll des schamlosesten Eigennutzes, dabei faul
+und misstrauisch im hoechsten Grade, beschrieben. In ihrer Sprache heissen
+sie Afer. Seit alten Zeiten bewohnen sie Ostafrika und beherrschten sogar
+einige Jahrzehnte hindurch unter dem Eroberer Muhamed Granje ganz
+Abessinien. Jetzt sind die Danakil auf ein verhaeltnissmaessig kleines Terrain
+zurueckgedraengt, von der Halbinsel Buri im Osten der Bai von Adulis bis
+Gubbet-Harab im Sueden (11 deg. 30' noerdl. Br.). Ihre Westgrenze bildet der
+Abfall der abessinischen Hochlande und ein Salzwuestenland, das sich laengs
+deren Fuss von Norden nach Sueden erstreckt und mit der Samhara oder Samher
+theilweise zusammenfaellt.
+
+Diese _Samhara_, wie der Araber den schmalen Streifen nennt, welcher
+oestlich von den abessinischen Gebirgen zwischen diesen und dem Meere
+verlaeuft, ist ein hoechst interessantes Wuestenland. Dem Gesetze zufolge,
+dass die Wueste ueberall da, wo es regnet, Wueste zu sein aufhoert und Steppe
+zu werden anfaengt, sollte auch die Ebene zwischen dem Gebirgswall
+Abessiniens und dem Rothen Meere Steppe sein, weil es dort regnet - allein
+dies ist nicht der Fall. Gerade da, wo man glauben koennte, dass das Wasser
+seinen ewigen Kreislauf ununterbrochen ausfuehren koenne, an diesen Kuesten
+naemlich, zeigt sich diese Samhara als Ausnahme, die hoechstens als
+Mittelglied zwischen Steppe und Wueste angesehen werden kann. Auf grosse
+Strecken erinnert sie noch durchaus an die Wueste, nur in wenigen Thaelern
+aehnelt sie der Steppe und blos da, wo das Wasser so recht eigentlich
+waltet, beweist sie, dass sie innerhalb des Regenguertels liegt. Aber nicht
+die Lage macht die Samhara zu dem, was sie ist, sondern die
+Beschaffenheit. Sie ist blos eine Fortsetzung des Gebirgsstockes selbst,
+obgleich sie, die Ebene, nur von wenigen und niederen Huegeln unterbrochen
+wird.
+
+Sie gleicht gewissermassen, wie Brehm treffend bemerkt, dem Schlackenfeld
+am Fusse eines gewaltigen Vulkans. Eine Menge konischer Huegel, zum guten
+Theil aus Lava bestehend, wechselt hier mit schmaeleren oder breiteren
+Thaelern ab und bildet ein Wirrsal von Niederungen, welche, dem Faden eines
+Netzes vergleichbar, zwischen den Huegeln und Bergen verlaufen. So niedrig
+diese Huegel auch sind, so schroff erheben sie sich, und deshalb verliert
+auf ihnen das Wasser seine Bedeutung; denn so schnell es gekommen, rauscht
+es wieder zur Tiefe hernieder und nur in der Mitte des Thales gewinnt es
+Zeit, das Erdreich zu traenken und ihm die Feuchtigkeit zu gewaehren, welche
+zum Gedeihen der unter einer scheitelrecht strahlenden Sonne so
+wasserbeduerftigen Pflanzen unerlaesslich ist. Hier nun macht sich auch
+gleich ein reiches Leben bemerkbar. An den schwarzen Bergen klettern die
+Mimosen, so zu sagen, muehsam empor; an den schroffen Waenden finden sie
+kaum Nahrung genug zu ihrem Bestehen und koennen sich deshalb nur zu
+duerftigen Gestraeuchen entwickeln. Nur in wenigen Niederungen, die
+zeitweilig von Regenbaechen durchstroemt sind, findet man dunkelgruene
+Euphorbienbuesche, zu denen sich in noch besseren Lagen Tamarisken,
+Christusdorn, Balsamstraeuche, Asklepiasbuesche, Capparis, Stapelien,
+Ricinus gesellen, waehrend der Cissus ueberall an den Straeuchern
+umherklettert und reiche Guirlanden bildet. Hier erhaelt man einen
+Vorgeschmack jener reichen Natur, die im Gebirge herrscht, wo die Pracht
+der Tropen mit den Schoenheiten der Bergwelt sich vereinigt, wo immer neue
+Zauberbilder vor dem Auge auftauchen und sich das Schatzkaestlein ganz
+Afrika's eroeffnet. Dort im Westen winkt uns der hohe Gebirgswall des
+afrikanischen Alpenlandes, nach dem wir nun unsere Schritte lenken.
+
+Massaua ist fuer die weissen Europaeer die natuerliche Eingangspforte nach
+Abessinien. Gewoehnlich schliessen sie sich einer heimkehrenden _Kafle_ an,
+die immer mehr Sicherheit darbietet, als wenn der Reisende allein oder nur
+mit geringer Begleitung in das Innere einzudringen versucht. Bei den
+gesetzlosen Zustaenden des Landes, den fast stets stattfindenden
+Buergerkriegen, der Pluenderung und Verheerung, ist ein Reisen in Abessinien
+ausserordentlich gefaehrlich, und nur die Karawanen gewaehren einige
+Sicherheit, wenn sie auch starken Erpressungen, Zollabgaben und den
+verschiedensten Plackereien ausgesetzt sind.
+
+Als Lastthiere werden auf den steilen und schwer zugaenglichen Wegen
+vorzueglich Maulthiere verwendet. Das Verpacken der Effekten nimmt viel
+Zeit in Anspruch, da selbige in gleich grosse und wo moeglich gleich schwere
+Ballen zusammengeschnuert werden muessen. Eine grosse Anzahl Diener und
+Treiber ist deshalb noethig, um das Gras fuer die Thiere, Holz und Wasser
+fuer die Reisenden herbeizuschaffen, ferner um das Gepaeck jedesmal durch
+gehoeriges Zusammenlegen gegen den Regen zu schuetzen und des Nachts gegen
+die Raeuber und Raubthiere Wache zu halten. Die Karawane z. B., mit welcher
+Rueppell reiste, bestand aus 40 Kameelen, ebenso viel Maulthieren und ueber
+200 Menschen. Man stelle sich vor, was diese allein an Wasser und
+Lebensmitteln in den unwegsamen Gebirgen brauchten, und man wird die
+Schwierigkeit, nach Abessinien einzudringen, schon hiernach beurtheilen
+koennen.
+
+ [Illustration: Landschaftscharakter am Abfall der ostabessinischen
+ Gebirge. Zeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Nur die angesehensten Reisemitglieder reiten; alle anderen gehen zu Fuss.
+Jedes Mitglied der Gesellschaft ist bewaffnet; entweder mit einem langen
+krummen Saebelmesser, das stets an der rechten Seite getragen wird, oder
+mit einem Speer und runden Schilde. In neuerer Zeit sind die Gewehre mehr
+in Aufnahme gekommen. Viele tragen ausserdem noch kleine, aus Rohr
+geflochtene Sonnenschirme, die aeusserst nuetzlich sind, wenn man nach
+abessinischer Sitte keine Kopfbedeckung traegt. Am Abend macht die Karawane
+gewoehnlich unter einigen Baeumen in der Naehe von Brunnen Halt. Es ist kein
+leichtes Stueck Arbeit, nach Abessinien einzudringen, wer es aber erreicht,
+der findet in der Natur auch Belohnung fuer seine Muehe, wenn auch die
+Menschen, welche jenes Paradies bewohnen, ihm desselben nicht werth
+erscheinen. Steigen auch wir nun hinauf in die Hochlande.
+
+Hinter uns liegt der ungesunde Kuestensaum und die Samhara, die wir in
+wenigen Tagemaerschen durchschritten, vor uns aber, am westlichen Rande
+derselben, steigt jaeh in einer Hoehe von durchschnittlich 8000 Fuss das
+_Taranta-Gebirge_, der natuerliche oestliche Grenzwall Abessiniens an, ueber
+dem zackige Gipfel in die Hoehe starren. Im Lichte der suedlichen Sonne
+spielt es in den praechtigsten Farben, die uns in Entzuecken versetzen; ein
+ewiger Wechsel von Licht und Schatten, Helle und Dunkel ist bemerkbar. Es
+wird Einem wohler in der Seele, wenn man dem Gebirge naeher und naeher
+kommt; man treibt das Maulthier zu schnellerem Laufe an, um bald die Luft
+der Gebirgsthaeler geniessen zu koennen. Die Paesse und Saumwege sind haeufig
+so eng, dass nur ein Lastthier hinter dem andern zu gehen vermag; stuerzt
+eines, so versperrt es den Weg und die Karawane muss Halt machen. Der am
+meisten begangene Pass ist jener von Halai, durch den zur Regenzeit ein
+wild angeschwollenes Gebirgswasser dem Rothen Meere zustuerzt. Schroffe
+Bergmassen, welche aus senkrechten Schichten von Schiefer bestehen,
+begrenzen den Weg. Das Ganze macht den Eindruck einer wilden Einoede:
+Bergwaende mit fast ganz nacktem Gestein ohne frischen Graswuchs erheben
+sich zu beiden Seiten, waehrend die Thalniederung nur hier und da
+Baumgruppen zeigt. In Zickzacklinien fuehrt der Weg weiter; es treten nun
+verschiedene Pflanzen auf: man bemerkt die ersten Tamarisken, dann die
+Kronleuchter-Euphorbien (Kolqual), die mit der Hoehe des Gebirges an
+Haeufigkeit zunehmen und aeusserst charakteristisch sind; vorherrschend ist
+jedoch die Mimose. Jetzt sind wir oben in der erfrischenden Bergeshoehe; in
+der Nacht ist kalter Tau gefallen und der kuehle Wind streicht ueber die
+Gipfel, von denen wir noch einen Blick rueckwaerts auf das Rothe Meer -
+gleichsam zum Abschied - werfen. Der naechste Fluss senkt sich schon
+westlich ab - er gehoert zum Gebiete des Nil. Abessiniens Grenze, die
+allerdings nicht so scharf gezogen erscheint, wie die Grenze eines
+europaeischen Staates, ist ueberschritten und das Dorf _Halai_, das erste
+des Landes, ist erreicht. Es schmiegt sich terrassenfoermig erbaut an die
+Kuppe eines Huegels an; die Wohnungen sind kaum mannshoch und mit flachen
+Daechern versehen. Diese haben einen bodenlosen Topf in der Mitte, durch
+welchen das Tageslicht in die Huette dringt und der Rauch hinauszieht.
+
+Diese Toepfe - Schornsteine kann man sie nicht nennen - werden mit einem
+Steine bedeckt, wodurch dann, da die Huette ausser einer kleinen Thuer keine
+andere Oeffnung hat, das Innere derselben ganz finster wird. Wir treten
+ein, um einen Vorgeschmack abessinischer Behausungen zu erhalten. Um ein
+nie verloeschendes Feuer gekauert, dessen Rauch nur muehsam Abzug findet und
+die Waende mit dickem Russ ueberzieht, lagern die halbnackten Insassen, zu
+denen sich Ziegen, Schafe und Esel gesellt haben, welche in einer Ecke des
+Gemachs Unterkunft fanden. Ermuedet werfen wir uns auf eine der mit
+Ledergeflecht ueberzogenen Ruhebaenke, reiben die thraenenden Augen, welche
+von dem beissenden Qualm zu leiden haben, und gedenken uns durch einen
+Schlaf von der anstrengenden Gebirgswanderung zu erholen - aber auch
+dieser wird uns verleidet, denn aus den Rohrmatten, die auf der Ruhebank
+liegen, stuerzen blutgierig Hunderte von Floehen ueber uns her, denen
+europaeisches Blut ein ganz besonderer Genuss zu sein scheint. Wir moechten
+hinaus ins Freie - aber auch das ist uns benommen, denn stroemender Regen
+giesst auf die Erde herab, und wir sind gezwungen, in dem ekelhaften
+Quartier auszuhalten.
+
+So gestaltet sich das Vordringen nach Abessinien von der Seite des Rothen
+Meeres her. Anders und mit noch groesseren Schwierigkeiten gelangt man laengs
+dem Nil oder laengs dessen Zufluessen in die Hochlande. Hier ist der
+Reisende genoethigt, bis nach der Metropole des oestlichen Sudan, Chartum am
+Zusammenflusse des Weissen und Blauen Nil, vorzudringen. Von hier aus kann
+er entweder am Blauen Fluss stromaufwaerts bis nach der zerfallenen Stadt
+Sennar reisen und dann nach dem oestlich liegenden Sklaven- und Gummimarkte
+_El Gedaref_ ziehen, oder er verlaesst den Blauen Nil schon frueher bei
+Abu-Haras und gelangt durch das Gebiet der Schukerie-Araber nach dem
+genannten Marktplatze. Von hier aus geht nun in suedoestlicher Richtung die
+vielbesuchte Karawanenstrasse am Elephantengebirge oder Ras el Fil vorbei
+in die Negerrepublik _Galabat_. Dieser merkwuerdige Grenzstaat, der von
+sehr fleissigen Schwarzen - Takruri - bewohnt wird, die aus Darfur und
+Wadai stammen und auf den Mekka-Wallfahrten hier sitzen blieben, hat sich
+unter einem Oberhaupte - Schum - eine Art von Selbstaendigkeit zu bewahren
+gewusst, die er allerdings durch gleichzeitige Abgaben an Aegypten und
+Abessinien theuer erkauft. Die Hauptstadt Metemme ist ein bedeutender
+Marktort, unfern vom Atbara. Auch haben die Baseler Missionaere hier eine
+Station errichtet, die indessen ganz erfolglos blieb.
+
+Metemme, nur wenige Meilen von der abessinischen Grenze gelegen, ist in
+der letzten Zeit ungemein haeufig von europaeischen Reisenden besucht
+worden, so von Baker, Schweinfurth, Graf Krockow, v. Heuglin. Das
+Hinaufsteigen in die Hochlande ist hier nicht sehr schwierig, keinenfalls
+so muehevoll wie von Massaua aus. Auch wir wollen hier in das Land
+eindringen und zwar unter der Fuehrung _G. Lejean's_, eines franzoesischen
+Reisenden, der sich um die Wissenschaft schon bedeutende Verdienste
+erworben hat.
+
+
+
+
+
+ [Illustration: G. Lejean.]
+
+
+
+
+
+ G. LEJEAN'S REISE DURCH ABESSINIEN.
+
+
+ Metemme. - Der Markt Wochni. - Grenzwaechter. - Eine abessinische
+ Festung. - Eine deutsche Familie. - Das Land am Tanasee. -
+ Schnapphaehne. - Missionsstation Gafat. - Gefangennahme Lejean's
+ durch Koenig Theodor. - Theodors Loewen. - Gondar und seine Bauten.
+ - Wasserfall des Reb. - In einem Kloster. - Besuch in Korata. -
+ Binsenfloesse. - Der Tanasee. - Besteigung des hohen Guna. - Fuenf
+ Frauengenerationen. - Befreiung. - Hochebene Woggara. -
+ Lamalmonpass. - Reise durch Tigrie nach Massaua.
+
+
+Guillaume Lejean ist ein vortrefflicher Mann. Er verbindet mit der
+Leichtigkeit und Liebenswuerdigkeit echt franzoesischen Wesens eine deutsche
+Gruendlichkeit. Dabei ist er kuehn, praktisch und vor keiner Gefahr
+zurueckschreckend. Diese hervorragenden Eigenschaften machten ihn zum
+Forschungsreisenden besonders geeignet, wozu noch sein offizieller
+Charakter als franzoesischer Konsul ihm mancherlei Erleichterungen
+verschaffte. Bekannter wurde er zuerst durch eine Abhandlung ueber die
+verwickelte Ethnographie der europaeischen Tuerkei, die er nach allen Seiten
+hin bereist hatte. Als die grosse Zeit der Nilquellenentdeckungen war und
+Speke, Grant, Baker ihre Erfolge errangen, beschloss auch Lejean sein Theil
+zur Loesung des Problems beizutragen; er ging den Weissen Nil hinauf,
+untersuchte dessen Nebenfluss, den Gazellenstrom, und kam bis Gondokoro.
+Hier warf ihn jedoch das klimatische Fieber dergestalt nieder, dass er
+umkehren musste. Nun wandte er sich nach Nubien, besuchte Kassala, eine der
+bedeutendsten Staedte im oestlichen Sudan, und durchstreifte die
+Bogoslaender. Von der franzoesischen Regierung zum Konsul in Massaua ernannt
+und mit einer Mission an den Koenig Theodor von Abessinien betraut, ging er
+abermals nach dem Sudan. Im Dezember 1862 finden wir ihn dann zu Metemme
+in Galabat, um weiter nach Abessinien vorzudringen. Von hier ab lassen wir
+ihn seine an persoenlichen Abenteuern reiche Reise auszugsweise selbst
+erzaehlen.
+
+Von dem deutschen Missionaer _Eperlein_, einem Badenser, wurde ich sehr
+freundlich aufgenommen. Bei ihm befand sich ein junger Englaender, Namens
+_Dufton_, der, gleichfalls vom Missionseifer getrieben, aus freien Stuecken
+sich hierher begeben hatte, um ein Noviziat durchzumachen und dann als
+Glaubensbote weiter zu ziehen. Er war ein gutes Exemplar jenes frostigen
+Enthusiasmus, welcher seine Landsleute in religioesen Dingen auszeichnet
+und zu so originellen Thaten treibt. Obgleich er als der Sohn eines
+reichen Fabrikanten in Leeds gemuethlich zu Hause haette leben koennen,
+beschloss er dennoch, gleich Krapf oder Livingstone Missionsreisen
+anzutreten. Nur mit acht Guineen in der Tasche wanderte er nach Schwaben,
+wo ihm Krapf anrieth, die Galla zum Christenthum zu bekehren. Er ging dann
+nach Aegypten, den Nil aufwaerts nach Chartum, lud dort sein winziges
+Gepaeck auf einen Esel, den er vor sich hertrieb, erlitt in Gedaref einen
+heftigen Fieberanfall und langte mit drei Thalern in der Tasche in Metemme
+an. Ich schlug ihm vor, sich meiner kleinen Karawane anzuschliessen; er
+wuerde so als mein Sekretaer angesehen werden und ohne Schwierigkeit die
+abessinische Grenze passiren koennen. Gern ging er auf meinen Vorschlag
+ein, und ich gewann einen tuechtigen, sehr gebildeten Reisegefaehrten,
+welcher sich in schwierigen Lagen voller Muthes erzeigte.
+
+Auf dem wohlversorgten Markte von Metemme kaufte ich zwei abessinische
+Maulesel, zu 9 Thaler das Stueck, und miethete ausserdem ein Kameel, welches
+mein Gepaeck bis Wochni bringen sollte, wo die steilen Bergabfaelle beginnen
+und Lastesel an die Stelle des Schiffs der Wueste treten. Nach viertaegigem
+Aufenthalt in Metemme sagten wir endlich dem braven Eperlein Lebewohl,
+traten die Reise nach Abessinien an und gelangten zunaechst in einen
+dichten Wald, der sich drei Tagereisen weit bis an den Fluss _Gandova_
+(Nebenfluss des Atbara) hin erstreckt. Dies ist der Grenzstreifen oder
+Border, wie man in Schottland sagen wuerde, der von den Aegyptern und
+Abessiniern als neutrales Land betrachtet wird, den aber beide Theile
+schon haeufig mit ihrem Blute getraenkt haben. Am dritten Tage passirte ich
+die noch stark angeschwollene Gandova, an der Stelle, wo die kleine Insel
+_Kaokib_ den Karawanen den Durchgang erleichtert; mitten auf derselben
+erhebt sich ein prachtvoller Tamarindenbaum, welcher die Reisenden zur
+Rast in seinem kuehlen Schatten auffordert.
+
+Gegen Abend gelangten wir an die erste jener stufenfoermigen Terrassen,
+welche ringsum fast ganz Abessinien begrenzen. Wir erklommen sie mit
+einiger Schwierigkeit und fanden auf dem Gipfel ein schoenes Plateau, auf
+welchem man gerade das duerre Gras und Kraut behufs der Bestellung der
+Felder abbrannte. Hier wurde das Nachtlager aufgeschlagen, das Gepaeck
+abgeladen, schnell zu Abend gegessen und der muede Koerper auf dem Boden zum
+Schlafe ausgestreckt. Wir hatten nur kurze Zeit geruht, als sich ein
+wuester Laerm erhob; die Maulthiere begannen auszuschlagen und eins
+derselben riss sich los. Unser Diener schoss aufs Gerathewohl in die
+Finsterniss hinein. Wahrscheinlich hatte eine freche Hyaene einen Ueberfall
+versucht, war dabei aber gestoert worden. Das freigewordene Maulthier lief
+nach Metemme zurueck, wo es mit einem tiefen Biss in der Weiche bei Eperlein
+ankam.
+
+Schnell erhoben wir uns beim Morgengrauen von diesem unangenehmen Orte und
+gelangten nach vierstuendigem Marsche in _Wochni_, dem ersten abessinischen
+Orte an, der wegen seines Wochenmarktes, wo die Baumwolle von Gallabat und
+Sennar verkauft wird, beruehmt ist. (Abbildung siehe S. 85.) Ein fuer
+allemal muss ich hier bemerken, dass wir wegen unserer europaeischen Kleidung
+oder wegen unseres fremdartigen Aussehens von den Eingeborenen keineswegs
+belaestigt wurden.
+
+Wochni liegt tief in einem dunklen feuchten Walde. Hierher kommen die
+suedlichen Gallastaemme und Leute aus Tigrie, um Goldstaub und Elfenbein
+gegen Pulver, Tuch und Leinen einzutauschen; die Beduinen aus Ostsudan
+bringen ihre Pferde und aus Chartum langt Salz an, das in dem Reiche des
+Negus als Geld unentbehrlich ist. Die Wohnungen bestehen aus runden Huetten
+mit kegelfoermigem Dache; ausser Teppichen und Decken, welche als Divan
+dienen, sind darin keine Moebeln vorhanden.
+
+Wir lagerten uns unter einem Baum, und unser Fuehrer ging, um den
+_Nagadras_ oder Zollwaechter aufzusuchen. Unterdessen blaetterte ich in
+einem illustrirten Buche, waehrend Dufton die hohe steile Basaltterrasse
+des Maschelagebirges zeichnete, die sich noerdlich von Wochni mit
+senkrechten Raendern 1800 Fuss hoch erhebt. Neugierig, doch ohne uns gerade
+zu belaestigen, kamen die Leute des Ortes heran. Ein junges Maedchen fragte
+mich, ob ich ein Christ sei, und als ich ihre Frage bejahte, zeigte sie
+mir ihre blaue seidene Halsschnur und forschte dann weiter, ob ich auch
+die Denghel Mariam verehre? "Ja wohl, die _Jungfrau Maria_, die Mutter
+Christi!" lautete meine Antwort. Nichts kommt der Verehrung gleich, mit
+welcher die Abessinier der Mutter Maria ergeben sind; hierin liegt einer
+der zahlreichen Punkte, in welchen die Religion der Abessinier mit jener
+der romanischen Voelker uebereinstimmt. Die deutschen und englischen
+Missionaere mit ihrer kalten und schwerfaelligen Logik haben
+ungeschickterweise gegen dieses Nationalgefuehl, eine der schoensten Formen
+des Frauenkultus, geeifert und aus diesem Grunde, glaube ich, sind auch
+alle ihre Missionsbestrebungen erfolglos geblieben.
+
+Der Nagadras kam an. Nach einigem Wortwechsel bedeutete er uns, dass er
+ueber unsere Zulassung in das Reich erst mit dem _Bel-Amba-Ras Gilmo_, dem
+Markgrafen oder Grenzwaechter der vier Grenzprovinzen Tschelga, Sarago,
+Dagossa und Ermetschoho unterhandeln muesse. Bel-Amba-Ras Gilmo bestellte
+uns nach seinem Aufenthaltsort, dem Dorfe Kamauchela, welches auf dem
+Gipfel eines steilen, fast unzugaenglichen Berges liegt, einer Amba, wie
+derselbe in Abessinien genannt wird. Vier Tage brachten wir noch in Wochni
+zu, worauf wir dann auf Gilmo's Befehl, gefuehrt von einem Diener des
+Zollwaechters, nach Tschelga aufbrachen.
+
+ [Illustration: _Oenanthus multiflorus_. Nach Lejean.]
+
+Der Weg fuehrt durch das Bel-Wocha-Thal, das der Kolla Abessiniens
+angehoert. An einzelnen Stellen zeigt dasselbe einen breiten Bambusguertel,
+der ueber die Huegel sich hinzieht und fast alle uebrige Baum- und
+Strauchvegetation erdrueckt hat. Andere Stellen zeigen praechtigen
+Blumenflor. Weisse Schwertwurz (_Gladiolus_) und Asphodelusarten, Muscari,
+Arum und duester erscheinende Takka; im Grase steht haeufig die Kaempferia,
+deren breite gelbe Bluete sich mitten zwischen vier grossen, platt auf der
+Erde liegenden, hellgruenen, rothgesaeumten Blaettern, die in einigen
+Gegenden als Salat genossen werden, erhebt. Dazu gesellen sich Orchideen,
+grossbluetige Amaryllis und Haemanthus mit scharlachrothen Bluetenknoepfen.
+Praechtig leuchtet vor allen andern Pflanzen der _Oenanthus multiflorus_
+uns entgegen. Ueber Gestruepp und Gestein fuehrt in Zickzacklinien an
+steilem Gehaenge fort durch enge Tiefthaeler der Weg aufwaerts; dann folgt
+eine Ebene, von der man zum ersten Male einen weiten Blick in das
+gesegnete Land Abessinien hat. Von hier aus geniesst man eine herrliche
+Aussicht auf die Ebene von Tschelga und Dembea, auf den weiten Spiegel des
+Tanasees mit seinen Inseln und die hohen Berge jenseit desselben, die Guna
+und suedoestlich auf die Alpen Godschams.
+
+Unter stroemendem Regen langten wir in _Tschelga_ an, und dort wollten die
+ungastlichen Eingeborenen, da wir keinen _Mursal_ oder Pass besassen, uns
+zwingen, unter einem Baume zu kampiren, bis unsere Angelegenheit geordnet
+sei. Ich miethete jedoch zu dem maessigen Preise von einem Stueck Salz
+taeglich ein Haus, das zu beziehen unser Fuehrer, der Diener des Nagadras,
+uns jedoch verhindern wollte. Dufton, hierueber aufgebracht, stellte sich
+in nationale Boxerposition und schrie den Diener an: "Also du willst uns
+auch ein trockenes Obdach verwehren? Piff, paff, da hast du eins!" Nun
+drehte sich der Diener im Kreise, aber ein baumstarker Abessinier hielt
+Dufton fest, und die Lokalpolizei intervenirte. Nach langem Streiten
+erreichten wir dennoch unsern Zweck fuers erste: ein schuetzendes Gemach.
+
+Ich will die Leser nicht damit langweilen, wie der Bel-Amba-Ras uns volle
+19 Tage in Tschelga aufhielt, unter dem Vorwande, erst Befehle vom Negus
+Theodor einholen zu muessen. Ich argwoehne nur, dass er mich fuer einen
+Missionaer hielt und auspressen wollte. Zuletzt ungeduldig geworden,
+beschloss ich, ihn in seiner luftigen Felsenfestung aufzusuchen. Gefolgt
+von Dufton, einem Takruri-Dolmetscher und einem Soldaten, der uns als
+Wache beigegeben war, machte ich mich nach der Amba auf den Weg, die
+nordnordoestlich von Tschelga liegt. Am ersten Abend schliefen wir, vier
+Stunden von der Stadt entfernt, in einem muhamedanischen Dorfe, dessen
+Einwohner in dem christlichen Abessinien dieselbe gedrueckte Stellung
+einnehmen, wie die Christen in der muhamedanischen Tuerkei. Mit dem
+Morgengrauen brachen wir wieder auf und erklommen eine Terrasse, von der
+aus wir den ersten Blick auf die Amba werfen konnten. Vor Verwunderung
+ueber das herrliche Naturgebilde standen wir beide ganz ueberrascht still.
+Man stelle sich am Ende einer mit gruenenden Huegeln ueberzogenen Terrasse
+einen jaeh und steil abfallenden Felsenberg von 700 bis 800 Fuss Hoehe vor,
+also doppelt so hoch als unsere hoechsten Thuerme und fast ebenso gerade
+aufschiessend wie diese, begrenzt von den bewaldeten Thaelern, die sich nach
+dem Goang, wie man hier den Atbara nennt, hinziehen. Ein Felsen, der in
+eine Plattform endigt, etwa von der Groesse der Place de la Concorde in
+Paris, und der weit und breit die umliegende Ebene beherrscht, verbindet
+sich wie eine Art von Vorwerk mit der Festung. Ein Felsgrat, so eng, dass
+zwei Personen nebeneinander ihn nicht passiren koennen, fuehrt zu dieser,
+und der Fussgaenger, welcher auf ihm hingeht, hat keinerlei Schutz zur
+Seite, welcher seinen Fall in den gaehnenden Schlund rechts oder links
+verhinderte. In diesem wilden Gibraltar wohnte der abessinische
+Feudalherr, dessen kleiner pomphafter Hof lebhaft an die merovingischen
+Herzoege zur Zeit Gregor's von Tours erinnert. Doch war es hier nicht das
+erste Mal, dass ich jene Sitten noch in voller Ausuebung fand, welche in
+meinem Vaterlande vor acht oder zehn Jahrhunderten herrschten, und manche
+dunklen Verhaeltnisse unsrer Geschichte wurden mir erst durch den
+Augenschein im heutigen Abessinien klar vor Augen gefuehrt.
+
+Wir schritten ohne Zoegern die schwindlige Bruecke entlang, die jener
+gleicht, welche in den muhamedanischen Legenden aus dem Paradiese in die
+Hoelle fuehrt, und nachdem wir ein Thor erreicht hatten, das von halb
+entbloessten Lanzentraegern bewacht war, kletterten wir langsam einen
+abschuessigen Abhang hinan, passirten ein zweites Thor und standen nun auf
+einer Plattform, wo uns Gilmo's Leute in eine Art Wartesaal fuehrten, indem
+sie uns bedeuteten, dass der Bel-Amba-Ras gerade mit einem Botschafter des
+Negus verhandle, dass wir aber nach dessen Abfertigung sofort eingelassen
+werden sollten.
+
+Nach Verlauf von zwei Stunden fuehrte man uns in einen weiten, mit Dienern,
+Vasallen und Leibwaechtern angefuellten Raum, in welchem der
+Festungskommandant auf einer Alga ruhte. Seine dunkeln Gesichtszuege
+zeigten zur Genuege an, dass er von Ursprung ein Gamante (vergl. S. 88) sei,
+welches Volk in diesen Grenzprovinzen sehr zahlreich wohnt und die grossen
+Sykomoren verehrt. Er hielt eine "Berille", weitbauchige Flasche von
+antiker Form mit langem Halse in der Hand und war schon angetrunken. Uns
+zutrinkend wuenschte er nichts sehnlicher, als uns in den gleichen Zustand
+versetzt zu sehen. Ich trug ihm meine Bitte vor, das Weihnachtsfest bei
+meinen "europaeischen Bruedern" in Dschenda zubringen zu duerfen. So nannte
+ich naemlich die dort wohnenden Missionaere, von denen ich in der Folge
+manche Unterstuetzung zu erhalten hoffte, und mit grosser Genugthuung
+vernahm ich alsdann seinen Ausspruch: "Etsche! Ich willige ein". Durch
+diesen guten Anfang kuehner gemacht, bat ich ihn um die Erlaubniss, seine
+Festung abzeichnen zu duerfen, die ich fuer ein Weltwunder erklaerte. Er
+wurde ernst und sagte: "Hast du in unserm Lande etwas verloren? Hat man
+dich bestohlen? Sprich, und ich will dir Gerechtigkeit widerfahren
+lassen!" Nichts dergleichen, antwortete ich. "Dann", nahm er das Wort,
+"hast du auch nichts zu verlangen, und aus welchem Grunde willst du diesen
+Ort "abschreiben", um dich spaeter seiner zu erinnern?" Sein Misstrauen lag
+klar auf der Hand, ich schwieg weislich still und nahm dankend Abschied.
+Kaum in mein Quartier zurueckgekehrt, erhielt ich vom Bel-Amba-Ras einen
+Hammel, einen Krug mit Honigwein, sowie Brot zugeschickt und hielt mit
+Dufton eine koestliche Mahlzeit. So war die Audienz gut abgelaufen und wir
+kehrten nach Tschelga zurueck, um uns zur Abreise vorzubereiten.
+
+Vor uns leuchtete der herrliche _Tanasee_, wie ein von Smaragden
+eingefasster Saphir. Er ist ein grosses vulkanisches Becken von
+ausserordentlicher Tiefe, auf dem die Stuerme heftig hausen. Zwanzig Stroeme
+und Baeche speisen ihn, fuehren aber auch zur Zeit der Sommerregenguesse ihm
+grosse Mengen von Schlamm zu und aendern dadurch stets seine Grenzen.
+Reizende Inseln, auf welchen Kirchen und Kloester sich im Gruen der Baeume
+verstecken, unterbrechen anmuthig seine Flaeche und verleihen dem
+lieblichen Bilde Abwechselung.
+
+Die Reise von Tschelga nach Dschenda wurde in drei Stunden ohne
+bemerkenswerthen Vorfall zurueckgelegt. Eine halbe Stunde hinter Tschelga
+passirten wir den _Goang_, welcher an seiner nahen Quelle, dem Gesetze
+aller abessinischen Stroeme folgend, eine Spirale um den Berg Anker
+herumzieht. Die Braunkohlen, auf welche 1855 bereits Krapf aufmerksam
+machte, wurden auch von mir in dieser Gegend gesehen. Spaeter liess Koenig
+Theodor diese Lager durchforschen, um seine Werkstaetten in Gafat damit
+versehen zu koennen. In _Dschenda_ wurde ich von einem grossen jungen Manne
+empfangen, der mit der abessinischen Schama, tuerkischen Pantoffeln und
+einer europaeischen Muetze bekleidet erschien. Es war der deutsche Missionaer
+_Martin Flad_, welcher sich mit der Bekehrung der in dieser Gegend sehr
+zahlreichen Juden befassen darf. Er stellte uns seine Frau vor, welche
+Diakonissin im Institute des Bischofs Gobat zu Jerusalem gewesen war.
+Diese deutsche Familie erschien mir in jeder Beziehung musterhaft und
+ausserordentlich gastfrei, ein Lob, das ihr alle jene Reisenden ertheilen
+muessen, welche auf dem Wege ueber Dschenda nach Abessinien eindrangen. Ich
+blieb vier Tage in Dschenda und unterhielt mich mit Flad viel ueber den
+Koenig Theodor II., der ihm grosse Gunst bezeugte und ihn ganz anders
+behandelte als seine Kollegen Stern und Rosenthal (Flad gehoerte jedoch
+sammt seiner Frau auch zu den Gefangenen in Magdala). Er erzaehlte mir, dass
+vor der Thronbesteigung Theodor's in Dschenda kein Markttag verging, ohne
+dass einige Mordthaten vorkamen, dass aber unter der neuen kraeftigen
+Regierung dieselben fast ganz aufgehoert haetten.
+
+Am 1. Januar 1863, nachdem ich meinem liebenswuerdigen Wirthe ein
+glueckliches neues Jahr gewuenscht, verliess ich ihn und seine drei Kollegen
+Steiger, Brandeis und Cornelius, um nach Debra Tabor zum Negus Theodorus
+II. zu reisen. Wir durchzogen eine weite, fruchtbare, von vielen Baechen
+durchschnittene Ebene, in der zahlreiche Dorfschaften zwischen
+Getreidefeldern und Gaerten mit rothem Pfeffer zerstreut lagen. Hier ist
+das Eden Abessiniens, die Provinz Dembea mit der Hauptstadt Gondar, der
+reichste und am besten bebaute Boden des ganzen Kaiserstaates. Ich
+passirte die Nordostecke des Tana-Sees und gelangte in die schoene Ebene
+_Arno-Garno_, wie sie nach dem vorzueglichsten, sie durchschneidenden
+Flusse heisst. Mir zur Rechten lag der glaenzende Spiegel des Sees, zur
+Linken eine hohe Reihe Berge, die in der Amba Mariam, dem Marienberge, bei
+Emfras ihren malerischesten Gipfel zeigten. Anderthalb Meilen von Emfras
+erhebt sich auf einem Huegel am Ufer des Arno ein unter der Regierung des
+Negus Fasilides von den Portugiesen erbautes Schloss _Qusara Giorgis_,
+dessen malerische Ruinen in diesem Lande der Strohhuetten ploetzlich eine
+ganz europaeische Staffage hervorzaubern, sodass man eine alte Burg am Rhein
+vor sich zu sehen glaubt.
+
+ [Illustration: Der Tanasee bei Sturm. Zeichnung von Lejean.]
+
+Zwei tuechtige Stunden jenseit des Arno fuehrt der Weg durch das wilde und
+meist unfruchtbare Huegelland von _Tisba_, das nichtsdestoweniger stark
+bevoelkert ist; jetzt sind die Einwohner friedliche Leute, vor nicht zu
+langer Zeit waren sie jedoch raeuberisches Gesindel; aber Koenig Theodor II.
+hat ihnen die Lust zum Strassenraube benommen. Als er 1855 den Thron
+bestieg, erliess er eine Proklamation, in welcher er sagte, dass Jedermann
+wieder zu der Beschaeftigung seiner Vaeter zurueckkehren moege; der Soldat zum
+Pflug, der Kaufmann zu seinen Waarenballen. Die Leute von Tisba, welchen
+dieser Befehl missfiel, kamen remonstrirend und bis an die Zaehne bewaffnet
+in das Lager des Koenigs. "Lang lebe Se. Majestaet! riefen sie aus. Wir
+erscheinen hier nur, um besondere Erlaubniss zu erhalten, zum Geschaefte
+unserer Vaeter zurueckkehren zu duerfen!"
+
+"Und was war dies fuer ein Geschaeft?"
+
+"Schnapphaehne und Strassenraeuber waren alle, Vaeter und Kinder."
+
+"Wollt ihr nicht lieber", antwortete ihnen der Negus, "friedliche Buerger
+werden? Ich will euch die Mittel dazu an die Hand geben. Das Vergangene
+ist euch verziehen; ihr erhaltet Grund und Boden, das noethige Vieh und
+Ackerpfluege. Nehmt ihr dieses an?"
+
+"Niemals! Wir berufen uns auf das Edikt..."
+
+"Das ist euer letztes Wort?"
+
+"Ja wohl!"
+
+"Gut; kehrt heim."
+
+Vergnuegt reisten die Schnapphaehne nach Tisba zurueck, indem sie den Negus
+eingeschuechtert zu haben glaubten. Doch sie kannten diesen Mann noch
+nicht. Kaum waren sie zurueckgekehrt, als ein berittenes Corps in Tisba
+anlangte, dessen Kommandant folgendermassen zu ihnen sprach: "Meine Lieben!
+Es ist moeglich, dass euch der Kaiser Lalibela die Erlaubniss gab,
+Strassenraub zu treiben, aber Kaiser Claudius, der gleichfalls heilig
+gesprochen wurde, hat die Gensdarmerie (Neftenja) autorisirt, alle
+Strauchdiebe niederzumachen. Neftenjas, gebt Feuer!"
+
+Die Ueberlebenden nahmen sich die ihnen ertheilte Lektion aufrichtig zu
+Herzen, und die Leute von Tisba, die heutzutage die Felder bebauen, sind
+ganz brave Menschen geworden.
+
+Von Tisba an steigt der Pfad laengs den oestlichen Vorbergen an und wird
+dann eben bis zu dem Marktflecken _Eifag_ an der Kirche _Bada_ oder Bata
+(d. h. Empfaengniss). Jene ganze Gegend war einst beruehmt wegen der vor
+Alters eingefuehrten Weinkultur, die allerdings jetzt gaenzlich
+darniederliegt. Eifag ist keine eigentliche Stadt, sondern besteht aus
+vielen zerstreuten Doerfern und Kirchen. Um die Kirche Bada zieht sich ein
+praechtiger Juniperus-Hain. Der Marktplatz ist sehr ausgedehnt; der
+Nagadras (Zollbeamte) erhebt von jeder Waare hier eine gewisse Abgabe. An
+jedem Mittwoch versammeln sich an diesem wichtigen Stapelplatze, von dem
+aus der Handel zwischen dem Sueden und Norden Abessiniens von Godscham bis
+Massaua vermittelt wird, die Haendler von weit und breit mit Vieh, Tabak,
+Kaffee, Baumwolle, Baumwollenstoffen, Glasperlen, Wachs, Salz, Honig,
+Haeuten, Huelsenfruechten, Getreide, Butter, Schwefel, Salpeter, Honigwein
+und Bier.
+
+In Eifag hatte ich eine herrliche Aussicht auf die schoene Ebene von
+Fogara, welche sich bis an den Berg Dungurs erstreckt. Der oestliche Theil
+derselben ist durchaus flach und wird vom Hirtenvolke der Sellan
+durchschweift. Im Westen dagegen steigt das Terrain an, dort erheben sich,
+bewaldet, mit Doerfern und Kirchen besaeet, die Berge von Begemeder. Nach
+dreistuendigem Marsche langen wir am _Flusse Reb_ an, den wir auf einer
+immer mehr zerfallenden Bruecke von sieben Bogen passiren, deren Bau noch
+unter dem Kaiser Fasilides vor mehr als 200 Jahren stattfand. Die Pfeiler
+haben dem Zahne der Zeit gut widerstanden, allein die Bogen werden bald
+von der wuethenden Flut hinweggerissen werden, da der Reb in der Regenzeit
+grosse Massen von Schlamm mit sich fuehrt, immer mehr sein Bett erhoeht und
+so der Wassermenge nur ein geringer Ausweg bleibt. Der Reb, welchen ich im
+April vollkommen ausgetrocknet sah, ist zwei Monate spaeter ein praechtiger
+Strom, groesser als die Seine bei Paris. Die Abessinier, obwol sie
+vortreffliche Schwimmer sind, hueten sich dann, ihn zu passiren, da sie
+fuerchten, dass gewisse Wassergeister sie in den Abgrund ziehen koennten.
+Unter den Pflanzen, die ich in dieser Ebene bemerkte, nenne ich die schoene
+_Methonica superba_, welche von den Abessiniern Marienkelch genannt wird.
+Sie gehoert zu den Lilien und gleicht in ihrer Farbenpracht einer Flamme im
+dunklen Laubgruen.
+
+Die Nacht brachten wir in einem Dorfe in der Naehe der Bruecke zu; am Morgen
+brachen wir dann nach Debra Tabor auf. Rechts von uns blieb ein einzelner,
+steiler und kahler Felsen, Amora Gedel, d. h. Geierfelsen, liegen, dessen
+Spitze ganz mit Raubvoegeln bedeckt ist. Durch einen malerischen Schlund
+und sumpfige Wiesen fuehrt ein Fusspfad zu dem Plateau von Debra Tabor
+hinauf. Als wir oben angelangt waren, blieben wir vor Verwunderung stehen.
+Vor uns lag ein leicht wellenfoermiges Land, dicht besaeet mit Doerfern,
+zwischen lachenden Kulturflaechen und Weiden, auf denen zahlloses Vieh sich
+befand. Als Franzose wurde ich an die Bourgogne erinnert, waehrend Dufton
+eine Landschaft Yorkshire's vor sich zu sehen glaubte, und unwillkuerlich
+rief ich aus: "Hier ist gut Huetten bauen!" Rechts von uns blieb der Huegel
+von _Debra Tabor_ mit seinen 500 oder 600 Haeusern und dem koeniglichen
+Lager liegen. Denn Theodor II. hat hier grosse Getreidemagazine errichtet,
+die seine Armee in Kriegszeiten, d. h. so ziemlich immer, zu versorgen
+haben. Gondar, "die Stadt der Pfaffen und Schauspieler", wie der Koenig
+sich ausdrueckt, ist ihm zuwider. Endlich erreichte ich den Huegel von
+_Gafat_, nordoestlich von Debra Tabor, das provisorische Ziel meiner Reise.
+Der deutsche Missionaer Waldmeier, an den ich empfohlen war, nahm mich sehr
+freundlich auf; auch seine Kollegen, fast lauter Badenser und
+Wuerttemberger kamen herbei. Der einzige Franzose der kleinen Kolonie,
+Franz Bourgaud aus Saint-Etienne, ist der Waffenschmied des Negus und bei
+diesem sehr beliebt. Er giebt vor, sich recht ungluecklich zu befinden, und
+verlangte schon mehrere Male in seine Heimat zurueckkehren zu duerfen, aber
+Theodor antwortete ihm auf sein Gesuch: "Mein Sohn Bourgaud, deine Kinder
+sind noch zu jung, um die weite Reise ueberstehen zu koennen; bleib noch ein
+paar Jahre hier." Und Bourgaud blieb. Seine Kinder sprechen vorzueglich die
+Amharasprache, er selbst und seine Frau haben sich ein Mischmasch aus
+dieser und der franzoesischen zurecht gemacht, das nur ihnen verstaendlich
+ist. Eigenthuemer Gafats ist ein alter General ausser Dienst von noblem
+Aussehen. Um sein Haus herum haben sich die Deutschen Waldmeier, Kinzle,
+Bender, Mayer, Salmueller und Hall angesiedelt. Alle haben Abessinierinnen
+heirathen muessen; Bender eine Tochter Schimper's. Am zurueckhaltendsten war
+der junge, huebsche Salmueller, welcher schliesslich eine Tochter des
+Irlaenders Bell nahm. (Von letzterem wird weiter unten ausfuehrlich die Rede
+sein).
+
+Noch hatte ich den Negus nicht gesehen, als am 25. Januar ploetzlich
+Waldmeier auf mich zukam und ausrief: "Dort kommt Se. Majestaet!" Ich ging
+mit ihm vorwaerts und traf bald auf ein grosses Gefolge hoher Offiziere,
+welche alle den Margef, die bordirte weisse Tunica, trugen. Mitten unter
+ihnen stand ein Mann, barhaupt und barfuss, in eine gemeine Soldatenschama
+gekleidet, welche keineswegs noch ganz weiss war; in der Hand hielt er eine
+Lanze, an der Seite hatte er einen gekruemmten Saebel. Wer mit den
+abessinischen Gebraeuchen vertraut war, musste sofort den Rang dieser
+Persoenlichkeit erkennen; es war der einzige, welcher beide Schultern
+bedeckt hatte, und Niemand anders als _Koenig Theodor II._
+
+Gut gelaunt redete er mich mit "Na deratscho (Wie geht es dir?)" an. Die
+Etikette erfordert, dass man hierauf nicht antwortet und sich nur tief
+verneigt. So that auch ich. Theodor zog sich darauf zurueck, setzte sich
+auf einen Teppich und fing an, mit dem kleinen Bourgaud zu spielen. Dieser
+sonderbare Mensch, dessen Leben so blutig verlief, beschaeftigte sich gern
+mit Kindern, fuer die er eine grosse Zuneigung besass. Nachdem er dann einige
+Hoeflichkeitsworte gewechselt, fragte er mich sehr verbindlich, wann ich
+offiziell empfangen sein wollte? Ich erwiederte, dass ich ganz zu seinen
+Befehlen stehe, worauf er den naechsten Tag zur Audienz in Debra Tabor
+bestimmte. Ich ward abermals gut von ihm aufgenommen, machte den ganzen
+Feldzug in Godscham mit, der nicht besonders gluecklich ausfiel, und kehrte
+dann mit ihm in das Lager von Debra Mai in Mietscha zurueck. Unterdessen
+waren verschiedene Umstaende vorgekommen, welche meine Anwesenheit auf dem
+Konsulatsposten dringend erforderten; ich begab mich deshalb in voller
+Uniform zum Negus, um ihn um eine Abschiedsaudienz zu bitten. Er liess drei
+Europaeer herbeirufen, welche die Amharasprache redeten, und fragte dann,
+was ich wolle. Ich antwortete: "Ich wuensche, dringender Angelegenheiten
+wegen, nach Massaua abzureisen, und dann will ich von dort zwei Kisten mit
+Geschenken fuer Ew. Majestaet von meinem Souveraen abholen, welche bereits
+angelangt sein duerften. Ich moechte auch gern gleich abreisen, damit ich
+vor Eintritt der Regenzeit wieder zurueck sein kann."
+
+Um zu verstehen, was nun folgt, muss man wissen, dass Theodor durch den
+ungluecklichen Feldzug in Godscham gedemuethigt war, dass die Aegypter damals
+gerade die Grenzprovinz Galabat besetzt hielten und dass er infolge des
+Genusses von schlechtem Cognac betrunken war. Kaum hatten die Dolmetscher
+ausgeredet, als der Negus in hoechster Wuth rief: "Ich behalte ihn auf
+jeden Fall zurueck. Nehmt ihn, legt ihn in Ketten, und wenn er entweichen
+will, so toedtet ihn!"
+
+Der Oberst, welcher zunaechst stand, winkte ein halbes Bataillon herbei.
+
+"Wozu das, fragte Theodor, 500 Mann, um einen Menschen zu fesseln?"
+
+"Ew. Majestaet sehen, erwiderte der Oberst, dass er ein merkwuerdig
+funkelndes Ding unter dem Arme traegt - es war mein goldbesetzter
+Konsulatshut -, das vielleicht eine Hoellenmaschine ist, die uns alle
+toedten kann."
+
+"Donkoro, Dummkopf! Glaubst du nicht auch, dass er dich mit seinen
+Augenbrauen toedten kann. Sechs Mann her und nicht mehr."
+
+Nun wurde ich, wie mein treuer Diener Achmed, an Haenden und Fuessen
+gefesselt, obgleich ich in grosser Uniform war, und in mein Zelt
+zurueckgefuehrt, wo ich streng bewacht wurde. Indessen schrieb ich, auf
+einen Umschlag der Gemuethsverfassung des Koenigs bauend, an ihn einen
+englischen kurzen Brief, in welchem ich um Erklaerungen bat. Am 3. Maerz
+schon erschienen die Europaeer wieder, welche mir anzeigten, dass ich frei
+sei, unter der Bedingung, dass ich in Gafat internirt bliebe. Ich zoegerte
+anfangs, doch ging ich auf Kinzle's Zureden, der meinte, es sei besser in
+Gafat als in Eisen weilen, auf diesen Vorschlag ein. Ueber den Negus
+selbst will ich hier nur wenige Worte sagen.
+
+In den Audienzen, welche er gab, entfaltete er allen moeglichen
+barbarischen Pomp. So liebte er es, dabei von vier zahmen Loewen umgeben zu
+sein, die sehr wild und grimmig drein schauten. Ich hatte Gelegenheit, mit
+denselben naehere Bekanntschaft zu machen. An einem hohen Festtage wurden
+sie von ihren Waertern in mein Zimmer gefuehrt, um ihre Aufwartung zu
+machen. Ein paar blanke Thaler verfehlten die Wirkung nicht, und ich
+konnte meine Gaeste ruhig abzeichnen, wobei ich nur durch deren
+aufdringliche Zutraulichkeit gestoert wurde. Der eine Loewe war von dem
+genannten Salmueller abgerichtet und dann an den Kaiser verkauft worden.
+Alle vier Loewen hatten ihre Namen; der Liebling des Kaisers hiess Kuara
+(der Stuermische). Dieses Halten und Zuechten von Loewen steht uebrigens bei
+den abessinischen Herrschern keineswegs als eine Ausnahme da und kam auch
+frueher vor, wol deshalb, weil der Loewe als Sinnbild Aethiopiens angesehen
+wird. Als Salt 1810 beim Ras Wolda Selassie in Antalo eine Abschiedsvisite
+machte, bot dieser ihm zwei Loewen als Geschenk fuer den Koenig von England
+an; "allein der weite Weg machte es unmoeglich, sie fortzubringen. Eins
+dieser Thiere ward von seinem Waerter bisweilen in das Zimmer gebracht, wo
+wir sassen: aber waehrend meines Aufenthaltes wurde es so wild und
+unlenkbar, dass man es einsperren musste."
+
+Da mir der Negus Gafat zum Aufenthaltsorte angewiesen hatte, mit der
+Erlaubniss, im Innern des Reiches Ausfluege nach Belieben machen zu koennen,
+so zoegerte ich nicht, dieses auszufuehren, und stattete zunaechst der
+_Hauptstadt __Gondar_ meinen Besuch ab. Von Gafat bis Ferka reiste ich
+zunaechst den Weg, welchen ich auf meiner ersten Tour bereits beschrieb. Im
+genannten Orte trennt sich die Strasse; links fuehrt sie nach Tschelga,
+rechts nach Gondar. Ungeachtet des koeniglichen Befehls, dass ich in den
+Doerfern, wo ich uebernachtete, gut beherbergt werden sollte, hatte ich
+mancherlei Verdriesslichkeiten zu bestehen, ja man bedrohte mich einmal
+sogar, und meine Leute fluechteten in Angst davon. Auf einer von den
+Portugiesen erbauten Bruecke passirte ich den Fluss Magetsch, ohne welche
+zur Regenzeit die Verbindung zwischen Nord- und Suedabessinien auf mehrere
+Monate im Jahre vollkommen gestoert sein wuerde.
+
+An Juniperusbaeumen vorbei gelangte ich auf einen Huegel, der verschiedene
+Haeusergruppen trug, zwischen denen sich wueste Plaetze hinzogen. Ich war
+jetzt schon mitten in Gondar, ohne dass ich eigentlich die Stadt bemerkt
+haette, und war nicht wenig verwundert ueber diese Kapitale der Kaiser
+Sosneos und Fasilides, von der ich mir eine durchaus andere Vorstellung
+gemacht hatte. Von welcher Seite aus man sich auch der Stadt naehert,
+fallen die vielen hohen Warten und Thuerme, Zinnen und Mauern des in
+mittelalterlich-portugiesischem Styl erbauten Koenigspalastes und einzelne
+Kirchen mit grossen kegelfoermigen Daechern unter malerischen Baumgruppen
+zuerst in die Augen: ein heimisches Bild fuer den Wanderer, der sich
+ploetzlich dem Innern des tropischen Afrika entrueckt und in eine
+mitteleuropaeische Landschaft versetzt glaubt. Ueber ueppigen Wiesengrund an
+schmalblaetterigen Weidenbaeumen mit ueberhaengender Krone hin rauschen klare
+Gebirgsbaeche zu Thal und schlaengeln sich, Silberfaden gleich, in der Ferne
+durch das gruene, flache Dembra, dem Tanasee zu. Das noerdlichste Quartier
+der Stadt ist das Abun-Bed mit der Wohnung des Bischofs. Ein nach Westen
+fliessendes Baechlein, kahle Flaechen und Ruinenfelder trennen es von der
+politischen Freistelle, dem Etschege-Bed, mit dem Sitze des Vorstandes der
+Moenche, Etschege genannt. Auf einem freien, erhabenen Punkt, oestlich von
+beiden, steht von einer runden Mauer umgeben, unter herrlichen Baumgruppen
+eine Kirche mit zwei von den Hollaendern dem Kaiser Jasu geschenkten
+Glocken. Suedlich und oestlich davon ist der Stadtbezirk Debra Berhan,
+Kirche des Lichts, mit gleichnamiger Kirche; westlich daran schliesst sich
+der Gempscha-Bed oder Schlossbezirk. Von einer weitlaeufigen, unregelmaessigen
+Mauer, mit Zinnen und Wartthuermen und mit verwilderten Gaerten und Kiosken
+umgeben, erhebt sich der grosse, leider mehr und mehr zerfallende _Gemp_
+oder das Schloss selbst, das neben den armseligen, mit Stroh gedeckten
+Haeusern einen wahrhaft grossartigen Eindruck macht durch seine massive
+Bauart, seine vielen Thuerme, hohen Bogenfenster und weiten Hoefe. Die
+Facade des Hauptgebaeudes ist gegen Westen gekehrt und drei Thuerme mit
+grossen Thorbogen bilden die Eingaenge zu dem einst gepflasterten, jetzt
+halb in Schutt und Gestruepp begrabenen Vorhof. Der Hauptbau ist viereckig,
+zweistockig, mit flachem Dach und steinerner Brustwehr; auf jeder Ecke
+erhebt sich ein Thurm mit Cement-Kuppel, ein hoeherer viereckiger steht in
+der Mitte. Das Material ist ziemlich roher Basalt, die Einfassungen der
+Thore und Fenster bestehen aus rothem Sandstein. An das Hauptgebaeude
+lehnen sich noch verschiedene Hallen, Galerien, Saele, Kapellen, Bruecken
+und Thorwege an, Alles jetzt mehr oder weniger zerfallen und mit
+Schlingpflanzen ueberwuchert.
+
+ [Illustration: Nordfront des Gemp in Gondar. Originalzeichnung von
+ Eduard Zander.]
+
+Suedwestlich vom Gempscha-Bed breitet sich, von verschiedenen Quartieren
+umgeben, der grosse Marktplatz aus. Am Abhange und Fusse des Huegels liegt
+das Quartier der Muhamedaner, Islam-Bed, und suedwestlich, jenseit des
+Kacha-Flusses, die Judenvorstadt, Falascha-Bed. Die Strassen Gondars sind
+eng und krumm, theils mit natuerlichen Basaltplatten gedeckt, theils durch
+Schmuz und Schutt unwegsam gemacht. Die Einwohnerzahl duerfte 6000-7000
+nicht uebersteigen; doch war die Stadt einst volkreicher. Koenig Theodor
+vernachlaessigt sie "als Pfaffenstadt" gaenzlich, ja er hat einmal zur
+Strafe sein Heer gegen sie losgelassen, ihr enorme Geldbussen auferlegt und
+das Quartier der Muhamedaner zerstoeren lassen. Nicht weniger als 44
+Kirchen, darunter sehr praechtige, bestehen in Gondar, und die Zahl der
+darin angestellten Geistlichen betraegt 1200, mithin ist jeder sechste
+Mensch ein Priester.
+
+Nach aussen hin ist Gondar offen, nur die Freistaette und verschiedene
+Kirchen sind mit groesseren, halb verfallenen Mauern umgeben. An Trinkwasser
+ist grosser Mangel, sodass man in der trockenen Jahreszeit sich oft
+genoethigt sieht, aus dem Angrab- oder _Kachaflusse_ das noethige Wasser zu
+holen und das Vieh zur Traenke dahin zu fuehren. Ueber den letzteren Fluss
+fuehrt nicht weit vor der Stadt eine alte, sehr malerische Bruecke, die noch
+aus der Zeit der Portugiesen stammt, jetzt aber sehr im Verfalle begriffen
+ist. Am oestlichen Ufer des genannten Flusses liegt nordwestlich von der
+Stadt auf einer gruenen Wiesenflaeche die _Kirche Fasilides_ inmitten eines
+herrlichen Juniperuswaldes und umgeben von niedrigen Mauern mit runden
+Wartthuermen und Zinnen. Die viereckige steinerne Kirche ruht auf
+Schwebebogen in einem tiefen Bassin, ueber welches eine mit Eckthuermen
+befestigte Bruecke fuehrt. Eine grossartige steinerne Wasserleitung auf
+hochgesprengten Rundbogen an der Westseite des Haines versorgte den Platz
+mit Wasser, das wahrscheinlich in ein Reservoir im suedwestlichen Eckthurme
+geleitet wurde und dort Wasserwerke speisen musste. Seines Zweckes wegen
+ist ein dicht bei dieser Kirche gelegener Tempel mit runder Kuppel
+merkwuerdig. Es ist das Grabmal eines koeniglichen Streitrosses, man sagt
+von Negus Kaleb. Auch an Baedern mit Wasserleitungen und Nischen, sowie an
+anderen Zeugen einer ehemals regeren Baukunst und Baulust ist in der
+Nachbarschaft kein Mangel; doch die geringe Sorgfalt, die jetzt auf die
+verschiedenen Werke gewandt wird, droht sie dem gaenzlichen Ruin
+zuzufuehren.
+
+Geht man von der Kacha weiter westwaerts, so gelangt man in ein Seitenthal,
+in welchem an einem Bergabhange die malerischen _Ruinen von Koskam_
+liegen. Ziemlich gut erhalten ist noch das dortige Lustschloss mit zwei
+Thuermen, deren einer ein Kuppeldach traegt, waehrend das des anderen einem
+niedrigen, umgelegten halben Cylinder gleicht. Zwischen beiden fuehrt ein
+hohes Bogenthor in eine lange steinerne Halle mit grossen Bogenfenstern und
+Thueren; das Dach fehlt; Balken zeigen noch die Spuren von Altanen oder
+Galerien. Das ganze Gebaeude besteht wie der Gemp aus ziemlich rohen
+Basaltsteinen, die Thuer- und Fensterpfeiler aber aus gut gearbeitetem
+rothen Sandstein. Zwischen reizenden Baumgruppen ragen die Reste eines
+anderen Prachtgebaeudes, in dem, wie es scheint, eine Halle mit schoen
+gearbeiteten Saeulen hinfuehrte, Alles ist aber verfallen und mit Gestruepp
+und Schlingpflanzen ueberwachsen.
+
+ [Illustration: Bruecke ueber die Kacha. Originalzeichnung von Eduard
+ Zander.]
+
+Noch weiter westlich, von hohen Mauern mit Zinnen und Thuermen umschlossen,
+ist die Kirche, eine Rotunde mit Strohdach und vielen Wandgemaelden, die
+namentlich Reiterfiguren darstellen.
+
+So ist das heutige Gondar und seine Umgebung beschaffen; ueberall auf
+Schritt und Tritt begegnet dem Reisenden Verfall, und doch koennte diese
+Stadt bei ihrer praechtigen Lage in der gesunden, fruchtbaren Gegend im
+Mittelpunkte Amhara's zu einer grossen Bluete gelangen - wenn nur ihre
+Bewohner anders beschaffen waeren.
+
+Man hatte mir viel von der kleinen Kirche _Towari_ erzaehlt, die eine
+Stunde von meinem Aufenthaltsorte entfernt liegt, in welcher man die
+abessinische Malerei am besten studiren koenne. Ich begab mich dorthin und
+fand auch dieses Gotteshaus, wie alle Landeskirchen, in einem dichten Hain
+von Juniperusbaeumen versteckt. Die Gemaelde, so beruehmt in Abessinien,
+machten auf mich, der ich sie mit europaeischen Augen ansah, im allgemeinen
+einen schauderhaften Eindruck. Indessen fesselte ein Bild des Abendmahls
+doch sehr meine Aufmerksamkeit, da auf demselben der Kuenstler hieratische
+Traditionen, byzantinische Malerei und Details des abessinischen Lebens
+merkwuerdig miteinander verschmolzen hatte. Christus, die Jungfrau und die
+Abendmahlsgenossen sind nach der Tradition gekleidet und mit grossem
+Kunstverstaendniss rings um einen Tisch gruppirt, der nach der feinsten
+abessinischen Art gedeckt ist. Vor jeder Person liegen Tiefbrote, die
+zugleich die Schuesseln vertreten, zur Seite derselben die Messer zum
+Zerschneiden des Brundo (rohes Fleisch). Ein Major Domus, offenbar aus
+guter Familie, bietet zu trinken an; ausserdem gehen Juenglinge mit
+Honigweinkruegen umher. Ein Theil der Juenger wendet die Gesichter gegen
+Christus, ein anderer gegen Maria. Die Zuege dieser Hauptpersonen aber sind
+verfehlt; namentlich die der Maria. Abgesehen hiervon verdient das Bild
+jedoch alles Lob.
+
+Als Begleiter auf meinen Ausfluegen in die Umgebung Gafats diente mir ein
+junger Priester, der einige Zeit in der Propaganda zu Rom gewesen, dort
+aber nicht allzuviel gelernt hatte. Heimgekehrt, wollte er sich die Stelle
+eines Aleka bei einer reichen Kirche unrechtmaessig anmassen; allein Koenig
+Theodor nahm die Sache krumm und verurtheilte Michael, so hiess der
+civilisirte Geistliche, zu drei Jahren Kettenstrafe. Mir gegenueber wollte
+er sich nun als Glaubensmaertyrer darstellen, was mir ziemlich einerlei
+war; dagegen war er mir unschaetzbar wegen seiner vortrefflichen
+Landeskenntniss.
+
+Als er jedoch einige Monate spaeter einen Salzdiebstahl beging, musste ich
+ihn vor die Thuere setzen; anfaenglich ging es ihm nun schlecht - dann
+begegnete er mir wohlgenaehrt und gut gekleidet wieder. Gott weiss, wie er
+zu Gelde gekommen sein mag; indessen dieser Art von Leuten geht es in
+Abessinien wie in Europa: sie fallen wie die Katzen stets wieder auf die
+Fuesse.
+
+Eine meiner Exkursionen fuehrte mich zur Fafatie oder dem _Wasserfall des
+Rebflusses_, der seine Quelle am Abhange des hohen Gunagebirges hat. Ich
+bestieg mein Maulthier, wandte mich nach Suedosten und liess zur Linken die
+grosse und fruchtbare Ebene von Gafat mit ihrem ausgetrockneten Strome
+liegen. Mit einiger Schwierigkeit wand ich mich durch das bewaldete Thal
+des Davezout und kam dann, einem schattigen Fusssteige folgend, zum Reb,
+der leise ueber ein mit dunkelblauen Steinen besaeetes Bett dahinfloss. Der
+Wasserfall war nur fuenf Schritt von mir entfernt: ich sah ihn nicht, aber
+ein schauderhafter Schlund und ein betaeubendes Bruellen zeigten mir seine
+Gegenwart zur Genuege an. Um ihn von vorne zu erblicken, musste ich auf
+einem Zickzackstege den Felsen hinabsteigen, der mit Buschwerk ueberzogen
+und von Affen belebt war. Unten angelangt, stand ich vor einem huebschen
+gruenen See, in den von steiler Felswand eine senkrechte Wassersaeule von 24
+Fuss Hoehe herabfiel. Ringsum zeigen sich die entzueckendsten
+Landschaftsbilder, welche jeden Maler begeistern koennen.
+
+ [Illustration: Wasserfall des Reb. Nach Lejean.]
+
+Vier Monate spaeter gewahrte ich dann den Wasserfall wieder zur Zeit seines
+hoechsten Glanzes, als die Fluten hoch geschwollen waren. Er uebertraf so
+die herrlichsten Kaskaden der Schweiz bedeutend. Die _dreitausend oder
+viertausend Wasserfaelle Abessiniens_ sind die schoensten, die man sich
+denken kann, und ihnen fehlt weiter nichts als der Ruf, den andere
+Kaskaden durch Kuenstler und Touristen sich erringen. Ich habe den zehnten
+Theil davon, etwa 300 oder 400 selbst gesehen und etwa zwanzig
+abgezeichnet - alle praechtige Naturerscheinungen, von denen eine einzige
+hinreichte, eine Gegend in Europa beruehmt und zum Ziele der
+Touristenschwaerme zu machen.
+
+Ich riss mich von den Wundern dieser Fafatie los, um meinen Fuss in
+oestlicher Richtung weiter zu setzen ueber eine Ebene, die ganz mit Mimosen
+bestanden war. Diese an und fuer sich langweiligen Baeume erhielten durch
+die reichlich von ihnen herabhaengenden Schlingpflanzen ein ungemein
+malerisches Ansehen; namentlich zeichnete sich ein Loranthus mit schoenen
+orangefarbenen und rothen Kelchblueten aus. Bald gelangte ich in das
+malerische Thal des Makar, eines Nebenflusses des Reb, in dem ich bis zu
+den _Atkanafelsen_ vordrang, deren trapezoidale Form man von allen
+hochliegenden Punkten des Distrikts Debra Tabor aus zu uebersehen vermag.
+Dieser Felsen ist eine wirkliche Amba, welche in Kriegszeiten oft genug
+als Zufluchtsort gedient hat. Am Fusse derselben fand ich zum ersten Male
+die Henset-Banane (vergl. S. 45) mit ihren kolossalen Blaettern und rothen
+Rippen. Samen der nuetzlichen Pflanze habe ich der
+Akklimatisations-Gesellschaft in Paris ueberbracht; die Schoesslinge, welche
+ich gleichfalls eingepackt hatte, wurden mir jedoch in Massaua kurz vor
+meiner Rueckkehr von den Huehnern vernichtet. Hinter dem Atkana traf ich in
+wundervoller Gegend auf das _Kloster Guref_, das mir durch seine
+romantische Lage deutlich sagte, wie die Moenche es in Abessinien gleichwie
+in Europa verstanden, die schoensten Orte zur Anlage ihrer Kloester
+auszuwaehlen. Nach der Regel des heiligen Tekla Haimanot leben in
+praechtiger Einsamkeit diese Moenche inmitten eines schoenen Haines, den der
+klare Waldbach durchfliesst. Freilich der Anblick einer europaeischen Abtei
+und derjenigen des abessinischen Klosters sind grundverschieden. Man
+stelle sich einen weiten Raum, von einer lebendigen Hecke umschlossen,
+vor, der wiederum durch Hecken in 12-15 kleinere Abtheilungen geschieden
+ist, deren jede eine Moenchshuette enthaelt und die durch ein Labyrinth von
+Strassen verbunden sind, welche schliesslich im Mittelpunkte nach der
+spitzdachigen runden Kirche fuehren - und das abessinische Kloster ist
+fertig. Dazwischen liegen gruene freundliche Gaertchen, ringsum ein
+lachender Hain. Ich fand sogleich den Abt - wenn ich so sagen darf -,
+einen ernsten, mageren Mann von 45 Jahren, der die weisse Tunica und
+darueber eine Art von gelbem Pallium, das Zeichen seiner Wuerde, trug.
+Gastfreundschaft wurde mir im vollsten Masse zu Theil, allein mein
+Maulthier musste ich ausserhalb des Klosters lassen - _weil es eine Stute
+war_, wobei ich mich der laecherlichen Sitte erinnerte, dass auch in die
+griechischen Kloester auf dem Berge Athos kein weibliches Thier hinein
+darf. Ich wohnte dann bei den guten Moenchen und ass mit ihnen die einfache,
+aus Huelsenfruechten bestehende Mahlzeit. In der Nacht erweckte mich
+Psalmengesang, jene Melodie, welche der alte Portugiese Alvarez "eine
+erbaermliche Harmonie" nennt; indessen muss ich gestehen, dass dieser
+abessinische Gesang mindestens so gut klang, wie das Singen in unseren
+Landkirchen. Im Gedem oder geheiligten Asyle stand ausserhalb des Klosters
+die Gemeindekirche, welche fuer beide Geschlechter zugaenglich war; ihr
+Gruender war Ras Ali, der sie jedoch nicht vollenden konnte, da er von
+Theodor II. gestuerzt wurde. Dieser that nichts weniger als Kirchen bauen;
+im Gegentheil er zerstoerte und beraubte noch ein- oder zweihundert und
+zeigte sich als der echte abessinische "Pfaffenfeind". Nach dem Besuche
+dieser Kirche kehrte ich nach Gafat zurueck.
+
+Um gute Samen der Henset-Banane zu erhalten, wollte ich einen Ausflug nach
+der Stadt _Korata_ machen, welche Rueppell faelschlich Kiratza nennt. Es ist
+eine kleine Stadt am suedoestlichen Ufer des Tanasees, die wegen ihres
+starken Handels und der zahlreichen Geistlichkeit beruehmt geworden ist. Da
+die Regen erst im Beginnen waren, so konnte ich darauf rechnen, dass der
+Fluss Gomara noch durch irgendeine Furt zu passiren sei, und ich beschloss
+deshalb in gerader Linie, an den heissen Quellen von Wanzagie vorbei, nach
+Korata vorzudringen. Debra Tabor blieb zur Linken liegen. Das niedrige
+Huegelland, durch das mein Weg ging, war im Jahre 1841 der Schauplatz einer
+Schlacht zwischen dem Detschas Ubie von Tigrie und dem Ras Ali. Letzterer
+wurde glaenzend geschlagen und einige seiner Offiziere begaben sich, um
+sich zu unterwerfen, zu dem Sieger Ubie, der, in seinem Zelte sitzend,
+ruhig sich in Honigwein betrank. Als Ubie die Feinde erblickte, wurde er
+aengstlich, da er keine seiner eigenen Soldaten bei sich hatte; erstere
+aber benutzten diesen Umstand, banden Ubie und machten ihn zum Gefangenen.
+Auf diese Nachricht kehrte der geschlagene Ras Ali zurueck; doch musste er
+Ubie, um der Volksstimme zu genuegen, wieder freigeben. Die Vegetation auf
+dem einst blutigen Schlachtfelde war eine praechtige; namentlich fielen mir
+weisse Lilien (_Amaryllis vittata_) von lieblicher Form auf, welche die
+daran gewoehnten Abessinier gar nicht beachteten, waehrend ich jede dieser
+Blumen bedauerte, welche mein Maulthier niedertrat.
+
+Am Ufer eines frischen Baches wurde Mittagsrast gemacht. Was mich hier am
+meisten ueberraschte, war eine lange, in Ruinen liegende Mauer von
+europaeischer Konstruktion. Ich folgte derselben und fand, dass sie einst
+als Einschliessung eines Parkes gedient hatte, welcher der
+Lieblingsaufenthalt verschiedener Kaiser gewesen sein soll. Man nannte den
+Ort _Arengo_. Seine Lage ist reizend - aber da, wo einst die Erben der
+Koenigin von Saba thronten, findet man nun Ruinen, zwischen denen laermende
+Affen hausen. Theodor II., welcher seine Vorgaenger im Kaiseramte gruendlich
+verachtet und sie "Schauspieler" nennt, behauptet, dass die jetzigen Gaeste
+in Arengo, eben jene Affen, mehr werth sind als die alten, die Kaiser! Vor
+170 Jahren, zur Zeit des Reisenden Poncet, war das Schloss noch nicht
+zerstoert, ja nach dem Hoerensagen sollte es groesser als der Gemp in Gondar
+sein! Sicher hatten die Abessinier dem Franzosen gegenueber aufgeschnitten,
+denn sie verstehen dieses Geschaeft so gut wie die Yankees. Ein
+abessinischer Gesandter, welcher 1860 in Paris war und dort sich ueberall
+umgesehen hatte, antwortete seinen Landsleuten, die ihn nach jener Stadt
+fragten: "_Paris ist etwa so gross wie Gondar; vielleicht ein klein wenig
+groesser._"
+
+Im Dorfe Schumagina wurde meiner Reise ploetzlich ein Ziel gesetzt.
+
+Die reichen und stark bevoelkerten Distrikte Wanzagie, Fogara Dera, Korata
+bildeten das Land, welches ich zu durchreisen hatte. In einem dieser
+Distrikte hatten sich Rebellen aus Godscham zu verbergen gewusst, indem sie
+die Wachsamkeit der am Abai aufgestellten Leute Theodor's zu taeuschen
+wussten. Fuer dieses Vergehen, an dem doch die ganze Einwohnerschaft der
+vier Distrikte keineswegs schuld war, wurden dieselben von Theodor der
+Armee zur Pluenderung ueberwiesen, worauf die ruinirten Bauern mit ihrer
+Habe in die Berge und Waelder fluechteten. Als der Negus dies sah,
+verordnete er, dass nur die Schuldigen bestraft werden, die uebrigen aber
+frei ausgehen sollten. Kaum hatten die letzteren, den Worten vertrauend,
+sich wieder in ihre Quartiere begeben, als ein General hinterlistig ueber
+sie herfiel und ihnen Alles raubte. Die Nachricht von dieser That gelangte
+nach Schumagina, gerade als ich von dort aufbrechen wollte, um in die
+beraubten Gegenden vorzudringen. Unter so bewandten Umstaenden weigerten
+sich meine Leute ganz entschieden weiter vorzugehen, da auch sie
+fuerchteten, jenem braven General in die Haende zu fallen. So blieb mir
+nichts uebrig als umzukehren; doch hielt ich mich keineswegs fuer besiegt,
+und als nach einiger Zeit der Laerm verstummt war, brach ich in den ersten
+Tagen des Juli 1863 abermals nach Korata auf. Die Gomara, welche jetzt
+hoch angeschwollen war, musste hier an einer Stelle ueberschritten werden,
+wo sie sich in drei Arme trennt. An demselben Abend erreichte ich noch
+Madera Mariam, d. h. Ruheplatz der Maria, eine huebsche kleine Stadt, die
+aehnlich wie Emfras an einem Huegel liegt. Derselbe faellt nach drei Seiten
+hin senkrecht ab, ist aber von der vierten leicht zugaenglich. Das naechste
+Nachtquartier war das Dorf Wanzagie, welches seinen Namen von den hier
+stehenden schoenen Wanzabaeumen fuehrt; dann wurde die _Goanta_ erreicht.
+Diesen Fluss in einer Furt zu durchwaten, war ganz unmoeglich, und ich musste
+deshalb in einem abessinischen Mittel - ich sage nicht Fahrzeug - der
+_Hokumada_ uebersetzen. Dies ist eine an den Raendern in Nachenform aufwaerts
+gekruemmte steife Ochsenhaut; ein Mann durchschwimmt den Fluss mit einem
+Seile, dessen eines Ende an der Hokumada, dessen anderes am jenseitigen
+Ufer befestigt ist. Der Passagier setzt sich in den Lederschlauch, kauert
+sich zusammen und huetet sich wohl, nach der einen oder andern Seite sich
+ueberzubeugen. So wird er, waehrend noch ein Schwimmer die Hokumada schiebt,
+am Seile an das jenseitige Ufer hinuebergezogen. So kam auch ich ueber die
+Goanta, um bald an der geschwollenen _Gomara_ auf ein neues Hinderniss zu
+stossen, das dieses Mal mittels einer Tankoa ueberwunden wurde.
+
+ [Illustration: Lejean passirt in der Hokumada die Goanta. Zeichnung
+ nach Lejean.]
+
+Die _Tankoa_ ist ein rechteckiges Floss, welches sechs bis acht Personen
+tragen kann und aus einer Reihenfolge von dicht aufeinander gelegten
+Stroh- oder Binsenschichten besteht, die fest miteinander verbunden sind.
+Das Binsen- oder Rohrfloss taucht ziemlich tief unter und kann niemals
+untergehen, desto leichter jedoch umschlagen. Da aber die Abessinier fast
+alle sehr gute Schwimmer sind, so entstehen selten Ungluecksfaelle. Das
+Gepaeck, Kleider, Waffen, ein Ledersack, welcher Mehl enthaelt, liegen
+hinten; vorn sitzt der Lenker des Ganzen, welcher mit einem Ruderstock
+versehen ist, denn die Tiefe des Wassers gestattet nicht, das Floss mit
+einer Stange durch Stossen auf den Grund fortzubringen. Die Tankoa ist das
+sprechendste Zeichen, wie starr die Abessinier an ihren Gebraeuchen hangen.
+Dieses Volk mit offenem und hellem Verstande hat nach Verlauf von
+Jahrhunderten noch nicht einmal zu schliessen gelernt, dass, wenn ein
+simpler Stock, durch den Widerstand, welchen seine Oberflaeche dem Wasser
+darbietet, ein Floss fortzubewegen vermag, eine an das Stockende
+angebrachte Schaufel eine vermehrte, zehnfache Oberflaeche darbieten und
+also auch die Fortbewegungs-Geschwindigkeit verzehnfachen muss, denn der
+Abessinier besitzt nicht einmal die Ruderschaufel, welche den Wilden am
+Weissen Flusse wohlbekannt ist.
+
+Uebrigens ist nichts ermuedender als eine Reise per Tankoa. Die Maulthiere
+wurden ins Wasser gestossen und von einem Schwimmer durch die reissenden
+Fluten gelenkt. So kamen wir wohlbehalten zu einem kleinen, von
+Wanderhirten bewohnten Weiler, wo wir uebernachteten, um am naechsten
+Morgen, quer ueber die Huegel und das Fluesschen Izuri hinweg, unsere Reise
+nach Korata anzutreten, dessen herrlichen Anblick wir bald geniessen
+sollten. Es ist die huebscheste Stadt Abessiniens und war das aeusserste Ziel
+meiner Reise.
+
+_Korata_ liegt auf einem basaltischen Landruecken, welcher sich in den
+Tanasee vorschiebt. Die spitzdachigen Haeuser liegen zerstreut um die
+Kirche gruppirt, und bei jedem befindet sich ein baumreicher Garten, der
+von der Wohlhabenheit der Bewohner Zeugniss ablegt. Es war gerade Markt,
+welcher dicht bei der Stadt abgehalten wird. Besonders wird hier viel rohe
+oder zu Zeugen verarbeitete Baumwolle verkauft; letztere kommen saemmtlich
+aus der westabessinischen Provinz Koara, woher sie theils auf Eseln,
+theils auf dem See gebracht werden. Die rohe Baumwolle wird mit den
+Samenkoernern verkauft, meistens gegen das gleiche Gewicht Salz. Das
+Ausscheiden der Samenkoerner mittels eines eisernen Staebchens, welches auf
+einem flachen Steine mit den Haenden hin- und hergerollt wird, ist eine
+langsame und ermuedende Arbeit; zum Aufschlagen derselben bedient man sich
+eines elastischen Bogens und zum Spinnen der Handspindel. Eine fleissige
+Frau kann so viel Gespinnst fertigen, als fuer zwoelf vollstaendige
+Umhaengetuecher erforderlich ist. Auf dem Marktplatze selbst erregte meine
+Erscheinung keinerlei Aufmerksamkeit; etwas Anderes war es jedoch an einer
+nur 50 Schritte weiter entfernten Stelle. Ein grosser Baum breitete dort
+seine gigantischen Aeste ueber den Weg, unter dem in weissen Gewaendern, mit
+riesigen Turbanen auf dem Haupte, den heiligen Fliegenwedel in der Hand,
+die Geistlichkeit von Korata sass. Als ich mich ihnen naeherte, stiessen sie
+ein unwilliges Geschrei aus und verlangten, dass ich vom Maulthiere
+absteigen solle. Ich weigerte mich, und nun entstand auf dem Markte eine
+allgemeine, gegen meine Person gerichtete Bewegung, der ich durch
+Absteigen auszuweichen mich gemuessigt fand. Hierauf konnte ich ungehindert
+zu Fuss in die Stadt gehen. Spaeter erfuhr ich, dass die Pfaffenstadt Korata
+das Privilegium besitzt, Niemand zu Pferd oder zu Maulthier durch ihre
+Strassen reiten zu lassen.
+
+Nachdem ich mich in der unteren Stadt einquartiert und dem Ortsvorstand
+den ueblichen Besuch abgestattet, fing ich an, die Strassen oder vielmehr
+die Alleen zu durchwandern. Diese Strassen sind in der That nur von Hecken
+eingefasste Fusspfade, hinter denen sich huebsche Gaerten hinziehen. Blumen
+sieht man in diesen selten, dagegen praechtige Granatbaeume, Pfirsiche,
+Kaffeestraeucher, Bananen, Citronen, aus denen die Strohdaecher der Huetten
+hervorlugen. Von dem funkelnden Spiegel des Tanasees herueber wehte ein
+kuehlendes Lueftchen, das mir den Spaziergang in den Strassen zu einer wahren
+Erquickung machte. Wie schon der Markt zeigt, ist Korata ein bedeutendes
+Handelscentrum. Seine Kaufleute, lauter Christen, stehen mit Basso in
+Godscham, mit Gondar und Massaua in Verbindung. Ich habe Korata nur den
+Vorwurf zu machen, dass die Kueche dort schlecht bestellt ist, denn waehrend
+meines viertaegigen Aufenthaltes bekam ich nicht 1 Loth Fleisch zu Gesicht,
+obgleich in der Umgebung zahlreiche Herden weiden. Die Einwohner leben von
+Brot und rother Pfeffersauce, der sie zuweilen einen welsartigen Fisch aus
+dem Tanasee beigesellen.
+
+Die Aussicht auf dieses Binnengewaesser ist von Korata aus eine praechtige.
+Weit in der Ferne, im Norden sieht man die blauen Vorgebirge von Gorgora,
+die suedlich von Tschelga und Gondar liegen; rechts zieht sich der
+Bergabfall von Begemeder hin, waehrend mitten im Seespiegel die dunkle
+Masse der Inseln Dek und Daka auftaucht. Eine Eigenthuemlichkeit des Sees
+aber sind ein Dutzend winziger Eilande, wie Bet-Manso, Kibran, Metraha
+u. s. w., die, vom Festland aus betrachtet, gleich schwimmenden
+Blumenkoerbchen auf der Flut erscheinen. In der Naehe betrachtet, sind diese
+Blumenkoerbchen jedoch bewaldete Inseln, die in ihrem Innern eine Kirche
+oder ein Kloster bergen.
+
+Auch eine Flotte besitzt die Seestadt Korata, die aus einer grossen Anzahl
+von Tankoa besteht, welche am Ufer trocknen und die Verbindung zwischen
+der Stadt und den suedlichen und westlichen Ufern, namentlich mit Zegrie,
+unterhalten. Sie sind schmaeler als die oben beschriebene Tankoa, bis 15
+Fuss lang und fuehren Mattensegel. Ich wollte ein solches Fahrzeug miethen,
+um nach Zegrie ueberzufahren, allein da dieses in der Gewalt der Rebellen
+von Godscham war, wurde mir die Erlaubniss verweigert. - Bei Korata wohnen
+viele Waito, jene eigenthuemlichen Menschen, die sich mit der Flusspferdjagd
+beschaeftigen (vergl. S. 90). Waehrend dieser Dickhaeuter sehr haeufig im See
+ist, fehlen darin Krokodile gaenzlich; dagegen verhaelt es sich mit dem
+Abai, dem Abfluss des Sees, umgekehrt.
+
+Das Flusspferd heisst im Amharaschen Gomari, und hiervon stammen wol auch
+die vielen aehnlich klingenden Flussnamen Gomara u. s. w. Nach viertaegigem
+Aufenthalte verliess ich Korata wieder und kehrte in mein altes
+Standquartier Gafat zurueck.
+
+Die letzte groessere Exkursion, welche ich in der Umgebung meines
+Aufenthaltsortes unternahm, war eine Besteigung der 13,000 Fuss hohen
+_Guna_. Ich folgte erst dem Reb, kam dann in das schoene Makarthal und
+stieg bis zu einem kleinen Dorfe empor, dessen Name lieblich in mein
+franzoesisches Ohr toente. Es heisst Maginta. Hier verbrachte ich die Nacht;
+als ich am naechsten Morgen weiter aufbrechen wollte, kamen zwei Reiter im
+vollsten Galopp zu mir, mit der Botschaft, dass der Negus mich in Gafat
+erwarte. Schon am Nachmittage langte ich wieder in meiner Wohnung an, wo
+ich Waldmeier fragte, was vorgefallen sei. Er antwortete ausweichend. Kurz
+darauf langte ein Brief in amharischer Sprache vom Koenige bei mir an,
+welchen mir Kinzle uebersetzte. Der Negus befand sich in seinem Lager zu
+Isti, drei Tagereisen von Gafat. Da ich bemerkt hatte, dass er guter Laune
+war, so wollte ich diese benutzen und bat um seine Erlaubniss zur Heimkehr
+nach Massaua. Bei Empfang meines Briefes gerieth er indessen in solche
+Wuth, dass zwei Tage lang Niemand mit ihm zu reden wagte. Sofort liess er
+mir einen heftigen Brief schreiben, aus dem ich Folgendes hervorhebe: "Als
+du hierher kamst, hast du dich mir als Freund vorgestellt; oder bist du
+etwa gekommen, um mit den Scheftas (Rebellen) gegen mich zu konspiriren?
+Sind deine Gefuehle aber loyal, so schreibe mir; bist du mein Feind, so
+schreibe mir auch, damit ich weiss woran ich bin." Sogleich antwortete ich
+in einem kurzen, aber respektvollen Schreiben, welches die gefaehrliche
+Korrespondenz zu einem guten Ende fuehrte, denn die schleunig darauf
+erfolgende Antwort lautete: "Habe nur einige Geduld und durch die Gnade
+der Dreieinigkeit wird Alles gut ablaufen. Ich habe dich aus wichtigen
+Gruenden zurueckbehalten muessen; allein wenn mein Agent wieder heimkehrt,
+will ich dich mit allen gebuehrenden Ehren entlassen." Ich folgte dem mir
+ertheilten weisen Rath, verhielt mich geduldig und nahm zunaechst meinen
+unterbrochenen Ausflug nach der Guna wieder auf.
+
+In Maginta war ich an die Familie des Irlaenders Bell empfohlen, der einst
+eine grosse Rolle bei Theodor II. gespielt und fuer diesen sein Leben
+gelassen hatte. Hier traf ich auf ein Beispiel der abessinischen
+Langlebigkeit, naemlich auf _fuenf Frauengenerationen_ beieinander: die
+abessinische Witwe Bell's, deren Mutter, Grossmutter, Tochter (die Frau
+Waldmeier's) und Enkelin! Die Urgrossmutter war die einzige, welche man als
+Greisin bezeichnen konnte; denn die Grossmutter, eine feine Frau von 55
+Jahren war noch sehr lebhaft und thaetig in der Hauswirthschaft; die
+Mutter, Bell's Witwe, war 35 Jahre alt, zierlich und huebsch; deren Tochter
+war an den Missionaer Waldmeier verheirathet, welchen sie wieder mit einem
+Toechterchen beschenkt hatte.
+
+Maginta liegt bereits im Gebirge. Von da aus hatte ich, von Plateau zu
+Plateau ansteigend, nur vier Stunden bis zum Gipfel zurueckzulegen.
+
+ [Illustration: Ein Binsenfloss oder Tankoa. Zeichnung von R. Kretschmer
+ nach Lejean.]
+
+Der Weg fuehrte vorbei an Kosso- und Ericabaeumen, Hypericumstaemmen,
+praechtigen aloeartigen Lilien bis zur Region der seltsamen Dschibarra
+(_Rhynchopetalum_).
+
+Letztere gedeiht hier bis zu einer Hoehe von fuenfzehn Fuss. Der Gipfel der
+Guna, Ras-Guna genannt, besteht aus Trachyt. Von da aus umfasste mein Auge
+eine prachtvolle Rundsicht. Zur Rechten brach der Reb aus einem tiefen
+Thale hervor; vor mir lag das pittoreske Massiv des Zoramba und weiter hin
+die Kollo, das maechtigste abessinische Gebirge. Zur Linken endlich Plateau
+an Plateau, durchrieselt von Baechen, die sich zum Tanasee hinzogen, auf
+dem die Inseln gleich dunklen Punkten zu schwimmen schienen.
+
+Als ich wieder in Gafat angelangt war, fand ich eine Einladung des Negus
+vor, ihn in Gondar, wohin er sich begeben hatte, zu besuchen. Sofort brach
+ich auf. Dort angekommen, hatte ich noch einige Schwierigkeiten, empfing
+aber am 30. September 1863 den Befehl, Abessinien auf dem kuerzesten Wege
+zu verlassen. Mit mir ging Dr. Lagarde, der den Aufenthalt in Abessinien
+satt bekommen hatte. Nach der feierlichen Abschiedsaudienz bei Theodor
+nahmen wir ein Fruehstueck bei dem englischen Konsul _Cameron_ ein, das von
+dessen Koch, einem Elsaesser Kind, sehr gut zubereitet war. Dieser, frueher
+ein franzoesischer Kuerassier, hatte sich die Gunst des Koenigs zu erwerben
+gewusst. Als die Missionaere einst einen Wagen fuer Theodor hergestellt,
+fragte dieser den Elsaesser, wie ihm die Maschine gefiele. "Pfui! sagte der
+Rheinlaender, bei uns in Muehlhausen faehrt man in solchen Dingen den Mist
+aufs Feld!" (Den beruehmten blau angestrichenen Wagen erwaehnen auch Heuglin
+und Steudner.) Beim Fruehstueck war auch der Judenmissionaer Dr. _Stern_
+zugegen, welcher zuerst Photographien in Abessinien aufnahm und in seinem
+Werke "Wanderungen unter den Falaschas" veroeffentlichte. Einst schenkte
+dieser dem Negus einen Stereoskopenkasten mit einer Ansicht Jerusalems.
+
+"Was ist das fuer ein Gebaeude?" fragte Theodor.
+
+"Die Moschee Omar's", antwortete Stern. - Sogleich warf der Koenig den
+Apparat auf die Erde, indem er wuethend ausrief: "Und dieses Europa, das
+vorgiebt christlich zu sein, duldet eine Moschee beim heiligen Grabe!"
+
+ --------------
+
+Als endlich die Stunde schlug, um Gondar den Ruecken zu kehren, kam Achmed,
+mein Diener, mit der Nachricht zu mir, dass alle meine Leute sich heimlich
+entfernt haetten, aus Furcht, von mir in Massaua als Sklaven verkauft zu
+werden!
+
+Mir blieb nichts anderes uebrig, als neue Diener und Lastthiere zu miethen,
+wobei sich Salmueller besonders gefaellig erwies. Ich ueberschritt den
+Angerab, wandte mich dem Magetsch zu, erstieg die Hochebene von Wogara,
+auf der Strasse, die vor mir Bruce, Lefebvre, Ferret und Galinier, Rueppell,
+Krapf, v. Heuglin u. a. gewandert waren, und gelangte in vier Tagemaerschen
+bis Dobarek.
+
+Am ersten Tage bivouakirten wir in _Kossogie_, einem Dorfe, welches von
+den hier haeufigen Kossobaeumen seinen Namen fuehrt; durch gut bebaute Ebenen
+gelangte ich am zweiten Tage nach Isak-Dews, dem Isakberge, welcher Ort
+1420 vom Kaiser Isak zur Erinnerung an einen hier ueber die Juden
+(Falaschas) erfochtenen Sieg gegruendet wurde. Die dritte Station Dokoa war
+ein reizender Flecken auf einer Anhoehe mit einer dem Heiligen Kitane
+Machrit geweihten grossen steinernen Kirche, die vom Kaiser von Jasu im
+portugiesischen Stile erbaut ist. Hier theilt sich die Strasse; rechts,
+nach Osten zu, fuehrt sie ins Alpenland von Semien. Links, in noerdlicher
+Richtung ueber den Lamalmon-Pass, und die Kolla von Wogara nach Adoa. Am
+naechsten Morgen, als ich nach Dobarek aufbrach, zeigte man mir zur
+Rechten, schon in Semien gelegen, das Dorf _Debr-Eskie_, in dessen Naehe am
+9. Februar 1855 das Schicksal Abessiniens entschieden und Theodor Sieger
+ueber Ubie wurde. Als ich den Abhang erstieg, an welchem _Dobarek_ erbaut
+ist, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine traurige Erscheinung gefesselt;
+der Boden war ringsum mit gebleichten Menschenschaedeln besaet, die unter
+den Fuessen meines Maulthiers dahin rollten. Ein Schlachtfeld konnte hier
+nicht gewesen sein, denn andere Knochen als eben nur Schaedel waren nicht
+vorhanden. Aber was war hier geschehen? Eine entsetzliche Katastrophe. Vor
+gerade drei Jahren (1860) hatte Theodor ueber seinen rebellischen Neffen
+Garet bei Tschober einen Sieg erfochten und etwa 1700 Gefangene hierher
+abgefuehrt. Man enthauptete sie und warf ihre Schaedel aufs Feld.
+
+Am naechsten Tage begann ich den _Lamalmon_ hinabzusteigen. Sein suedlicher
+Abfall ist eine schoene, kaum wellenfoermige Ebene; sein noerdlicher dagegen
+eine steile, einige tausend Fuss hohe Lehne, von welcher ein steiler
+Zickzackfusspfad hinabfuehrt, den wir nicht ohne Lebensgefahr passirten. Auf
+einer kleinen Terrasse, die alle Karawanen als Ruhepunkt benutzen, machte
+auch ich Halt. Vor mir lag, wie auf einer Reliefkarte ausgebreitet, die
+Kolla bis zum Takazzie - eine Aussicht, die sich ueber dreissig Meilen
+erstreckte. Von allen Seiten sah ich die Fluesse durch die gruenen Waelder
+und gesaegten Berge brechen, um sich dem Takazzie zuzuwaelzen, hinter dem,
+eingehuellt in Nebeldaempfe, das Hochland von Schirie emporstieg. Ich nahm
+meinen Weg nach der _Zarima_, einem Nebenflusse des Takazzie, zu, nicht
+ohne von meinen Leuten vor dem Rebellen Terso Gobazye gewarnt zu sein, der
+diese Gegend unsicher machte. Wie ich spaeter erfuhr, war die Rebellion
+dieses Mannes mein Glueck, denn Theodor hatte ploetzlich drei Tage nach
+meiner Abreise aus Gondar eine Kavallerieabtheilung hinter mir
+hergeschickt, welche mich zurueckbringen sollte. Kurz nach meinem Aufbruche
+von Dobarek kam sie dort an, wagte sich aber aus Furcht vor dem Rebellen
+nicht weiter und kehrte, ohne ihren Auftrag erfuellt zu haben, zurueck. Der
+Negus wurde wuethend und rief aus: "_Welches Unglueck! Der erste Mensch, der
+von hier abreiste, ohne genau zu wissen, ob ich sein Freund oder Feind
+bin!_"
+
+Sire! Sie taeuschen sich. Ich bin unterrichtet! Aber, ohne Sie zu
+beleidigen, fuege ich hinzu, dass ich mich lieber Ihrer Gunst in Paris als
+in Gondar erfreue!
+
+Meine erste Station jenseit der Zarima war _Tschober_, wo Theodor gegen
+die Gebrueder Garet focht und sein Liebling, der Irlaender Bell, getoedtet
+wurde, worauf die Katastrophe folgte, die ich bei Dobarek schilderte. Ich
+befand mich nun so recht mitten im abessinischen Kirchenlande, in
+_Waldubba_, das foermlich von Moenchen strotzt. Auch die Menschen waren hier
+schon andere; die jungen Maedchen sangen in einer Sprache, welche ich noch
+nicht gehoert hatte und die weit gutturaler als das Amhara klang. Auch
+vernahm ich, dass ich mich schon im Gebiete des Volks von _Tigrie_ befand.
+Wie die Amharas ernst, schweigsam und wuerdig auftreten, so erscheinen im
+Gegensatz die Leute von Tigrie froehlich, lustig, mit einem Worte als "gute
+Kinder". Frankreich stand in den Buergerkriegen 1856-1860 auf Seiten der
+letzteren; England beguenstigte die Amharas, und ohne gesuchten Vergleich
+kann man sagen, dass diese Sympathien dem beiderseitigen Nationalcharakter
+entsprachen.
+
+Drei Tage spaeter gelangte ich an das Ufer des Takazzie, den ich bei
+niedrigem Wasserstande traf. Sein dunkles, vom abgefallenen Laube
+getruebtes Wasser rollte zwischen dicken Waeldern dahin, die an die Urwaelder
+Suedamerika's erinnerten. Hier war echte, tiefe Kollaregion. Am jenseitigen
+Ufer, wo das Land wieder bergig wurde, gelangte ich in die Deka der
+reichen und wohlbevoelkerten Provinz Schirie, die sich nach dem Mareb hin
+erstreckt. Ich verliess nun die noerdliche Richtung und wandte mich mehr
+nach Nordosten, einer schoenen sumpfigen Praerie zu, welche links von
+bizarren Bergen begrenzt wurde. Da, wo sie endigt, liegt _Axum_, die alte
+heilige Stadt Abessiniens, die jedoch bereits so oft von den
+verschiedensten Reisenden geschildert worden ist, dass ich die Leser mit
+Aufzaehlung ihrer Alterthuemer hier nicht ermueden will. (Vergl. oben S. 4.)
+
+In vier und einer halben Stunde gelangte ich weiter nach der gegenwaertigen
+Hauptstadt Tigrie's, _Adoa_. Die Stadt liegt zwischen dem suedlichen Fusse
+des Scholada am linken Ufer eines kleinen Baches, der sich mit dem Asam
+vereinigt. Die suedlichen, weniger zusammenhaengenden Quartiere sind ueber
+mehrere Anhoehen zerstreut und theilweise sehr im Verfall begriffen. Viele
+Kirchen, wie gewoehnlich in kleinen Hainen, erheben sich in und um Adoa,
+unter denen sich die von Metchimialem auszeichnet. Sie ist von Detschas
+Sabagadis erbaut, der eine grosse Glocke hierher stiftete. Die Strassen sind
+eng, krumm und schmuzig, die Haeuser meist aus Stein gebaut; viele haben
+Daecher von Thonschieferplatten, andere von Stroh; auch solche von zwei
+Stockwerken sind keine Seltenheit. Der Hofraum ist immer mit einer hohen
+Feldsteinmauer umgeben, in welcher sich Gaertchen hinziehen und Cordiabaeume
+stehen. An der nordoestlichen Ecke auf einer steinigen Ebene am Bach ist
+der Marktplatz, wo an mehreren Tagen der Woche Markt gehalten und
+geschlachtet wird. Seit Jahrhunderten und namentlich seit dem Verfall von
+Axum ist Adoa die Haupt- und erste Handelsstadt Tigrie's, deren
+Einwohnerzahl, fast lauter Christen, etwa 6000 Seelen betraegt. Die
+industriellen Produkte sind von geringer Bedeutung.
+
+Da meine in Gondar gemietheten Leute nicht weiter gehen wollten, musste ich
+hier frische Diener miethen. Dies hielt mich 14 Tage in Adoa auf, und
+diese Zeit benutzte ich zu Exkursionen in die Umgegend. Leider versaeumte
+ich, die Ruinen der _Jesuitenresidenz Fremona_ bei Mai Goga in der Naehe zu
+besuchen. Bruce, der sie gesehen hat, giebt an, dass zu seiner Zeit die
+Mauern noch 27 Fuss hoch gewesen seien, ein von Thuermen flankirtes Viereck,
+das als Festung gedient hatte. Doch das verhinderte die Vertreibung der
+Patres nicht, die vor zwei Jahrhunderten eine fuerchterliche Qual
+Abessiniens waren. Man erzaehlte mir, dass die Ruinen heute ein Gegenstand
+der Furcht bei den Landleuten seien, welche das alte Gemaeuer von boesen
+Geistern bevoelkert glauben.
+
+Am 29. Oktober 1863 verliess ich mit fuenf Lasttraegern, die ich bis Massaua
+zu dem billigen Preise von anderthalb Thaler pro Mann gemiethet hatte,
+Adoa. Am Abend kampirte ich schon in dem aeusserst ungesunden
+Hamedo-Tieflande am Mareb. Diese granitische Ebene bildet fuer den
+Botaniker und Zoologen ein wahres Paradies, sie ist aber, wenige Monate im
+Jahre ausgenommen, furchtbar ungesund, ja geradezu toedtlich. Hier musste
+auch mein Landsmann Dr. _Dillon_, der Freund Lefebvre's, nach der
+Regenzeit sein Leben lassen, als er, ungeachtet der Warnungen seiner Leute
+in die Kolla hinabstieg. "Vorwaerts, ihr Feiglinge", rief er ihnen
+unklugerweise zu. Die Abessinier zauderten, sagten aber dann: "Dieser
+Fremdling geht in den gewissen Tod und wir auch, wenn wir ihm folgen. Ist
+es aber recht, denjenigen zu verlassen, dessen Brot wir so lange gegessen?
+Vorwaerts denn mit Gott!"
+
+ [Illustration: Bauer aus Antitscho. Nach Lejean.]
+
+Fuenf Tage darauf war Dillon todt und fuenf seiner Diener gleichfalls. Ich
+koennte noch viele aehnliche Thatsachen anfuehren. Habe ich nun recht, wenn
+ich die Abessinier ein edles Volk nenne? (Man sieht, wie sehr sich die
+Urtheile gegenueber stehen, allein dieser eine edelmuethige Zug moechte doch
+das lasterhafte Volk nicht rein waschen). Was man jedoch noch weniger
+verneinen kann, ist die aeussere Schoenheit der Abessinier, Beweis dessen ich
+hier auf gut Glueck das Portraet eines Landmanns aus dem Distrikt Antitscho
+in Tigrie hersetze.
+
+Die ungesunde Ebene von Hamedo lag nun hinter mir und ich passirte den
+_Mareb_ in einer Furth. Zu meinem Erstaunen fand ich ein sehr klares
+breites Wasser, das jedoch nur einen Fuss Tiefe hatte und zwischen
+belaubten Abhaengen, wie zwischen zwei Hecken hinfloss. Jenseit desselben
+stiegen wieder Berge an, auf denen der Marktflecken Gundet liegt und die
+gesunde Deka beginnt.
+
+Meine naechste Station war Asmara, die gegenwaertige Residenz des
+Baharnegasch oder Beherrscher der Meereskueste. Diesen stolzen Titel fuehrte
+ein einfacher Schum (Ortsvorstand), der vom Statthalter der Provinz
+Hamasien eingesetzt wird. Der Mann empfing mich mit vieler Freundlichkeit
+und schenkte meinen ausgehungerten Leuten einen Hammel, ohne etwas dagegen
+zu verlangen. Er war ein vollendeter Gentleman, welcher bei meiner Abreise
+mich merken liess, dass es ihm an Zuendhuetchen fehle. Da ich leider keine bei
+mir hatte, schickte ich ihm nach meiner Ankunft in Massaua eine groessere
+Partie. Asmara ist keineswegs die Hauptstadt von Hamasien; als solche galt
+in alter Zeit Debaroa und heute _Tzazega_, wo der Detschas Hailu, ein
+Liebling Theodor's II., residirte. Der Ort liegt malerisch zerstreut auf
+einem Huegel und zaehlt etwa 2000 Einwohner, die etwas Handel und namentlich
+Maulthierzucht treiben.
+
+Das Gebiet des Nils lag schon hinter mir und ich befand mich hier in
+demjenigen des _Anseba_, der durch den Barka seine Wasser dem Rothen Meere
+zusendet. Bald war auch die Grenze Abessiniens erreicht und die Terrassen
+lagen vor mir, die sich nach der kahlen, brennend heissen Samhara
+hinabsenken. Erst jetzt fuehlte mein Herz eine Erleichterung; das
+Damoklesschwert hing nicht mehr ueber meinem Haupte, ich war der Gewalt
+Theodor's gaenzlich entrueckt.
+
+Schnell war auch das Kuestenland durchzogen, und in Massaua begruessten mich
+nach langer Irrfahrt zuerst wieder die Spuren europaeischer Civilisation.
+
+ [Illustration: Ansicht des Gemp in Gondar. Nach Rueppell.]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Inneres einer Mensahuette. Originalzeichnung von Robert
+ Kretschmer.]
+
+
+
+
+
+ REISEN IN DEN NOeRDLICHEN UND NORDWESTLICHEN GRENZLAeNDERN ABESSINIENS.
+
+
+ Das Land der Mensa und Bogos. - Reise des Herzogs Ernst. -
+ Monkullo. - Labathal. - Plateau von Mensa. - Das Volk der Mensa. -
+ Ausflug nach Keren. - Elephantenjagd. - Rueckkehr. - Munzinger ueber
+ die Bogos. - Geschichtliches. - Ein aristokratisches Volk. -
+ Rechtsverhaeltnisse. - Aberglauben. - Das Christenthum der Bogos. -
+ Der Marebfluss. - Die demokratischen Bazen und Barea.
+
+
+
+
+ 1. Reise des Herzogs von Koburg nach Mensa und Bogos.
+
+
+Da, wo die Terrassen des noerdlichsten Distrikts von Abessinien, der
+Provinz Hamasien, die natuerliche geographische und politische Grenze des
+Landes ausmachen, hoeren die vulkanischen Wackengebilde, die rothen
+Eisenthone und ebenen Basaltplateaux auf und die Urgebirge, die Granite,
+Gneise, Glimmerschiefer erhalten die Herrschaft. Sie bilden ein Gebirge,
+das, nach Osten hin zum Rothen Meere, nach Westen gegen das Tiefland des
+Barka abfallend, von zahllosen Wasserrinnen durchflossen ist, welche
+waehrend der heissen Jahreszeit vertrocknen. Der namhafteste dieser
+Gebirgsbaeche ist der Anseba, welcher sich mit dem Barka vereinigt. Noch
+vor zwanzig Jahren war dieses Gebiet den Geographen fast gaenzlich
+unbekannt - jetzt gehoert es zu einem derjenigen Theile Afrika's, dessen
+Kenntniss am meisten gefoerdert ist. Die Voelkerschaften, die dort wohnen,
+die Bogos mit den Mensa, die Bedschuk, Takul und Marea sind theilweise
+Christen, werden aber in nicht allzuferner Zeit dem Islam anheimfallen.
+Auch in ihrer Sprache unterscheiden sich die Bogos und Bedschuk von ihren
+Nachbarn; erstere ist ein Agau-(Agow)Dialekt, welcher aber mehr und mehr
+dem Tigre Platz macht. (Vergl. S. 92.)
+
+Vor Allem aber hat die Natur dies "Alpenland unter den Tropen" mit dem
+herrlichsten landschaftlichen Charakter gesegnet, mit vielfach
+gegliederten Hochebenen und kuehnen Felsgestalten. Zur Regenzeit entwickelt
+sich dort eine hoechst mannichfaltige und reiche Vegetation, und das
+Thierreich ist so ueberaus wohl vertreten, dass Bogos sammt Mensa dem
+Waidmann als ein Paradies erscheinen muessen.
+
+Die Berichte, welche die deutsche Expedition unter von Heuglin ueber diese
+gesegneten Landstriche in die Heimat sandte, das Interesse welches sie an
+und fuer sich erwecken mussten, endlich die vergleichsweise leichte
+Zugaenglichkeit, die nahe Lage an der Kueste - man kann von Triest aus, wenn
+Alles ineinander greift, jetzt in ungefaehr vierzehn Tagen nach Mensa
+gelangen - machten auch in einem deutschen Souveraen den Wunsch rege, jene
+Gegenden zu besuchen, um dort der edlen Jagd obzuliegen. In Schottlands
+Hochbergen hatte _Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha_ schon den
+Edelhirsch gejagt, er hatte Gemsen am Fusse der Alpengletscher erlegt und
+nun entschied er sich auch dahin, auf Elephanten, Loewen, Leoparden,
+Gazellen und Antilopen in ihrer tropischen Heimat zu puerschen. Doch die
+Wissenschaft sollte bei diesem Unternehmen keineswegs leer ausgehen, und
+so versah sich der Herzog mit einem Stabe tuechtiger Maenner, die vollkommen
+geeignet waren, das Erlebte und Gesehene in Wort und Zeichnung
+aufzubewahren.
+
+Die Reisegesellschaft bestand aus dem Herzoge und seiner Gemahlin, dem
+Fuersten Hermann Hohenlohe und dem Prinzen Eduard Leiningen, dem Major von
+Reuter nebst Frau, dem Arzte Dr. Hassenstein, dem Maler Robert Kretschmer
+- dem wir einen Theil der praechtigen, naturwahren Illustrationen zu diesem
+Werke verdanken - dem Naturforscher Dr. Brehm, Friedrich Gerstaecker und
+einigen Anderen. Dr. Brehm, der Afrika aus eigener Anschauung bereits
+kannte, wurde als Pionier vorausgesandt, um die besten Wege ins
+Mensagebirge zu erforschen, und am 28. Februar 1862 verliess die Expedition
+selbst Triest. Nach sechstaegiger Fahrt wurde Alexandrien erreicht, Kairo
+besucht und den Nil stromaufwaerts bis zu den Ruinen von Luxor gedampft,
+endlich mit einem Extrazug durch die Wueste nach Suez gefahren, wo die
+hohen Herrschaften nebst ihrem Gefolge sich am 24. Maerz einschifften. Fuenf
+Tage dauerte die Fahrt durch das Rothe Meer, und am 29. warf der Dampfer
+bei _Massaua_ Anker, wo eine englische Fregatte bereit lag, um der
+herzoglichen Expedition waehrend ihres Aufenthalts an der entlegenen Kueste
+Schutz angedeihen zu lassen.
+
+Jener wichtige Hafenplatz wurde der Ausgangspunkt zur Reise in das
+Hochland, welche die Frau Herzogin jedoch nicht mitzumachen gedachte. Sie
+blieb vielmehr in dem westlich von Massaua gelegenen Dorfe _Monkullo_
+(Umkullu, M'Kullu) zurueck, das man als eine Art Vorstadt von Massaua
+bezeichnen kann, weil viele Massauer Familien hier ihre Huetten und die
+meisten Geschaeftsleute eine Frau mit Kindern und Sklavinnen wohnen haben,
+von denen sie taeglich Milch und Holz sich bringen lassen. Ein besonderer
+Vorzug des Ortes sind seine Brunnen mit klarem suessen Wasser, das bis
+Massaua gefuehrt wird. Monkullo wird von mehreren Huegeln ueberragt, von
+deren Hochflaeche man einen Blick auf das Rothe Meer hat. Man sieht zwei
+lange Streifen, welche sich von dem blauen Gewaesser abheben; der laengere,
+zur Haelfte gelb, zur anderen gruen, ist die Insel Tan-el-hut, wo Hemprich
+begraben liegt; der andere Streifen ist Massaua. Die gelbe Farbe ruehrt von
+Korallen, die gruene von einem dichten Gebuesch her, dessen immergruene,
+fettglaenzende Blaetter denen des Kirschlorbers aehnlich sind; diese Pflanze,
+der _Schorawurzeltraeger_ (_Avicennia tomentosa_), heisst zu Massaua
+Sackerib und waechst nur an solchen Stellen, welche taeglich bei der Flut
+vom Meereswasser bespuelt werden. Aus der Ferne gesehen, gewaehren die
+Wurzeltraeger einen anmuthigen Eindruck; ihr sanftes Gruen thut dem Auge
+wohl; sie strecken ihre ziemlich duennen Aeste in das Meer, und das Ganze
+lockt fast unwiderstehlich an, weil es zu dem nackten gelben Strande einen
+angenehmen Gegensatz bildet. Aber die Atmosphaere ist hier feucht, man kann
+wohl sagen giftig, und die Hitze oft so arg, dass es gewissermassen als eine
+Erquickung erscheint, wenn man aus solch einem Avicenniengewirr
+heraustritt und wieder von den gluehenden Strahlen der aethiopischen Sonne
+beschienen wird.
+
+Schnell eilten die Mitglieder der Gesellschaft aus der ungesunden
+Kuestenlandschaft dem Innern zu. Im Anfang war die Gegend der Samhara,
+welche sie durchritten, sehr oede und arm; die sandigen, aus grobkoernigem
+Kies bestehenden Berge glichen ganz jenen der Wueste. Das thierische Leben
+der Samhara wird zuerst bei den Regenstroemen bemerklich, die nach kurzem
+Lauf hier dem Rothen Meere zueilen. Grossartig wird die Natur erst da, wo
+das _Labathal_ mit frisch sprudelndem Fluesschen aus dem Gebirge
+hervortritt. Im hellsten Gruen prangten die Gehaenge des Thals bis hoch zu
+den Bergen hinauf; alle Baeume standen im Blaetterschmuck, viele von ihnen
+waren gerade mit den koestlichsten Blueten bedeckt und leuchteten von den
+Felswaenden herunter. Gesicht, Gehoer, Geruch schwelgten zu gleicher Zeit.
+Der Farbenreichthum blendete das Auge, Wohlgeruch erfuellte das Thal und
+wie ein Gruss toente der Floetenruf des aethiopischen Wuergers den Fremdlingen
+ins Ohr. Auf den Zweigen wiegten sich Voegel aller Art von den kleinsten
+Honigsaugern (_Nectarinia_) bis zum riesigen Ohrengeier. Auch sah man
+Leoparden, Gazellen, Antilopen, Rudel von Affen, namentlich
+Hamadryaspaviane eilten mit lautem Geschrei die Abhaenge hinauf und muntere
+Klippschliefer belebten die Felsen, die sogar Spuren des riesigen
+Elephanten trugen, der bis in die hohen Berge hinaufsteigt.
+
+Ganz oben verwandelte sich das Thal in eine enge Felsschlucht, und unter
+unsagbaren Muehen wurde am 7. April die Hochebene erklommen, welche
+wiederum von riesigen Alpen umgeben die Huettengruppen des Hirtenvolkes der
+_Mensa_ traegt. Das Gebirge selbst besteht aus einem sehr grobkoernigen
+Granit, welcher jedoch nur an den hoechsten Spitzen durchbricht, und aus
+Thon- und Glimmerschiefer, der sich wie ein Mantel um den innern
+Granitkern gelegt hat. In den tiefern Thaelern finden sich steile Waende,
+welche jedoch fast ueberall zugaenglich sind und es noch viel leichter sein
+wuerden, wenn nicht die Pflanzenwelt dies verhinderte. Alle Felsen sind
+gruen bis oben hinauf, und wo nur ein geeignetes Plaetzchen sich findet, da
+hat die Pflanzenwelt sicher Fuss gefasst. Doch bestimmt die Armuth an
+Dammerde das Gepraege der Vegetation. Grosse gewaltige Baeume giebt es nur im
+Thale, und hier zeigen sich am Bache die charakteristischen Gewaechse der
+Kollaregion: schirmfoermige Mimosen, praechtige Tamarinden, Kigelien mit
+ihren grossen Fruechten, Adansonien, Akazien, Oelbaeume, die
+Kronleuchter-Euphorbie und eine niedrige Palme.
+
+Der stattliche Gebirgszug, in dessen Gipfel das Plateau von Mensa
+gleichsam eingekeilt liegt, mag sich in den Theilen, welche von der
+herzoglichen Expedition beruehrt wurden, zu einer Hoehe von 8000 bis 9000
+Fuss erheben. Die Hochebene selbst soll gegen 6000 Fuss ueber der
+Meeresflaeche liegen und wird durch einen niedrigen Huegelruecken in zwei
+Theile geschieden. Der eine bildet eine wilde, mit Bueschen bewachsene,
+sandige Flaeche, die oft von Schluchten durchzogen ist. Der andere zeigt
+besseren Boden und wird bebaut.
+
+Das Dorf _Mensa_ bildet zwei Gruppen von Niederlassungen mit zusammen etwa
+100 Huetten, die sich an die beiden Raender der Hochebene anlehnen. Dicht
+hinter denselben steigen die bewaldeten Felsgehaenge noch kuehn empor und
+tritt zwischen riesigen Granitbloecken ein klarer Quell hervor, und ringsum
+entfaltet das Gebirge seine ganze Pracht. Die Stelle war zu Ausfluegen gut
+gewaehlt, aber leider wurde die Freude theuer bezahlt, denn ein grosser
+Theil der Gesellschaft wurde vom Fieber gepackt. Die Gesunden liessen sich
+jedoch dadurch nicht abhalten, tuechtig der ergiebigen Jagd nachzuspueren
+und die Sitten der Eingeborenen zu studiren.
+
+Nirgends wol in Afrika trifft man auf so elende Behausungen als in Mensa.
+Die _Huetten_ bestehen aus Stangen oder Zweigen, ueber die man einfach
+Reisig wirft, das nicht einmal gegen den stroemenden Regen gedichtet wird.
+Eine kleine niedrige Thuer fuehrt in das Innere des hohlen Reiserhaufens.
+Dort gewahrt man dieselbe Unfertigkeit: einige aneinander gereihte Staebe,
+welche auf Querhoelzern ruhen und von gegabelten Pfaehlen getragen werden,
+bilden den Schlafplatz. Diese Bettstaette ist ausserdem mit einem
+laubenaehnlichen Bau ueberdacht, der immer noch den Regen durchlaesst. Ausser
+einigen irdenen Toepfen, dem unentbehrlichen Reibstein, auf dem das
+Getreide zerkleinert wird, einem Topfe, in dem man das Korn aufbewahrt,
+und einigen Schlaeuchen sieht man keine Geraethschaften im Innern. Eine
+Dornumzaeunung schliesst die Wohnung ein, und innerhalb derselben liegt der
+kleine Tabakgarten, denn das starke Kraut wird von den Maennern
+leidenschaftlich aus grossen Wasserpfeifen geraucht, deren Wasserbehaelter
+durch einen Kuerbiss gebildet wird.
+
+Die Mensa sind schoene, wohlgebaute Menschen von gelblicher bis
+dunkelbrauner Hautfarbe. Ihre Sprache ist das Tigre. Das Haar ist
+eigenthuemlich frisirt, wie es die Abbildungen zeigen, und mit einer Nadel
+versehen, welche die Ruhe unter den laestigen Insassen herzustellen hat.
+Kurze baumwollene Hosen und weite Umschlagmaentel machen die Kleidung der
+Maenner aus; eine lederne, in viele Streifen zerspaltene Schuerze bildet die
+einzige Bekleidung der unverheiratheten Maedchen, welche am Tage der
+Verheirathung mit einem Umschlagetuche vertauscht wird. Das Leben des
+Volkes haengt von den Herden ab; Getreidebau wird wenig betrieben. Die
+Erhaltung und Vermehrung der Herden macht die ganze Wissenschaft ihres
+Lebens aus. Der Mensa haelt sich um so verstaendiger, je besser er mit dem
+Vieh umzugehen versteht, und er achtet sich um so gluecklicher, je
+zahlreicher seine Herde von Buckelrindern ist. Manche von den Leuten,
+welche in einer der beschriebenen erbaermlichen Huetten leben, nennen 5000
+bis 6000 Rinder ihr Eigenthum. Um ueberall die Weide gut ausnutzen zu
+koennen, wandern die Mensa zweimal im Jahre von der Hoehe ihres Gebirges zur
+Tiefe der Samhara hinab, wenn dort die Regenguesse ein frisches Gruen
+hervorgezaubert haben. Die Milch der Kuehe ist ihr vornehmstes
+Nahrungsmittel, und bei festlichen Gelegenheiten wird ein Ochse
+geschlachtet, dessen halbgeroestetes Fleisch gierig verschlungen wird. Als
+geistiges Getraenk dient der Honigwein. Ganz so schlimm wie die Abessinier
+sind die Mensa beim Einnehmen ihrer Nahrung nicht, allein auch nicht sehr
+verschieden von diesen.
+
+Das _Christenthum_ der Mensa ist genau so, wie wir es bei ihren Vettern,
+den Bogos, weiter unten schildern. Das haeusliche und eheliche Leben
+unterscheidet sich kaum von dem der Abessinier. Mit Sonnenuntergang
+sammeln sich die Maedchen auf den oeffentlichen Plaetzen und beginnen zu
+tanzen, wobei die Zuschauer laut bruellen. Dieses Vergnuegen waehrt bis tief
+in die Nacht, jedoch nur wenn der Mond scheint und die Raubthiere nicht zu
+fuerchten sind. An Festtagen hoert man noch eine andere Musik, dann geben
+die Floetenblaeser ihre Kuenste zum besten. Die abessinischen Floeten sind
+hohle Roehren mit verschiedenen kleinen Schalloechern, welche nach Art der
+Mundharmonika geblasen werden. Einzelne Kuenstler verstehen auch eine Art
+Geige zu spielen, d. h. eine Fiedel im Urzustande mit einer Saite von
+Pferdehaaren, die mit einem einfachen Bogen gestrichen wird. Eine
+Handtrommel mit Schellen unterstuetzt gewoehnlich dieses Konzert aufs
+wirksamste.
+
+Eigenthuemlich sind die _Grabhuegel_ der Mensa. In weitem Kreise um das Grab
+herum baut man eine senkrechte Ringmauer auf; den von ihr umschlossenen
+Raum fuellt man alsdann mit grossen und kleinen Steinen aus. Die Steine
+schichtet man in einem Haufen hoch auf und ueberlegt sie endlich mit
+blendenden Quarzstuecken, welche weit und breit zusammengetragen werden.
+Die tropische Erzeugungsfaehigkeit sorgt bald fuer gruene Umrankung und
+Umlaubung, und dann heben sich diese Graeber um so heller von dem dunklen
+Hintergrunde ab.
+
+Hier nun, unter diesem Volke, schlug man die Zelte auf und verweilte
+einige Zeit. Als die Gewitterregen nachgelassen, trat der Herzog, von
+seinen beiden Neffen begleitet, einen Ausflug nach _Keren_ im Bogoslande
+an. Am 12. April setzte sich der Zug in Bewegung, durcheilte in
+nordwestlicher Richtung die Mensa-Hochebenen und gelangte am naechsten Tage
+bereits in eine sehr veraenderte Gegend. Die reiche Vegetation des
+Mensathales war fast ganz verschwunden, die Bergruecken waren kahl und nur
+an den Abhaengen zeigten sich Mimosen und verkrueppelte Oelbaeume. In den
+tiefern Thaleinschnitten wuchsen riesige Adansonien und Euphorbien. Nach
+einem Ritt von mehreren Stunden wurde das Dorf Gabei Alabu auf einem
+felsigen Plateau erreicht, wo die Einwohner nach einigem Parlamentiren
+Milch und eine Kuh zum Geschenke brachten. "In keiner Weise konnten wir,"
+erzaehlt Herzog Ernst, "auf der ganzen Reise zwischen diesen Voelkerschaften
+auch nur ueber die geringste Unbill klagen, und ich muss lobend erwaehnen,
+dass uns ueberall mit aufrichtiger Freundlichkeit und Gastfreundschaft
+begegnet wurde." Nachdem man zwei Stunden weiter geritten, gelangte man an
+das malerische Ufer des _Anseba_ (Ainsaba). Der Strom hielt noch dritthalb
+Fuss Wasser und floss silberhell und reissend dahin. In unendlichen Windungen
+sendet er seine klaren Fluten, die unfern von Tzazega in Hamasien
+entspringen, durch das Gebirgsland und erquickt mit seinen zweimal im
+Jahre austretenden Gewaessern die durstige Ebene. Soweit dies der Fall ist,
+zeigt auch der Boden die ganze Fuelle der Tropenvegetation; wunderbar
+geformte Baeume, dicht mit Lianen ueberzogen, wechseln malerisch mit
+haushohem Schilf. Tausende von Voegeln aller Art bevoelkern diesen schmalen
+Streifen Erde, der gleich einer Oase meilenweit den Strom begrenzt,
+welcher spaeter seine Wasser mit denen des Barka vereinigt, also nicht dem
+Gebiete des Nil, wol aber jenem des Rothen Meeres angehoert.
+
+Die gehoffte Jagd fand leider hier nicht statt, dafuer stattete man dem
+jenseit des Flusses liegenden Dorfe _Keren_, dem Hauptorte von Bogos,
+einen Besuch ab. Der Herzog schildert Keren als ein elendes, auf einer
+Hochebene gelegenes Dorf, das ausser den Huetten der Eingeborenen nur zwei
+groessere Gebaeude, die Wohnung des weit und breit bekannten Missionaers
+_Stella_, aufweist. "Stella ist ein kleiner untersetzter Mann mit
+stechenden klugen Augen, aber sonst wohlwollenden Zuegen. Er gehoert zum
+Orden der Lazaristen. Unstreitig ist er, nach Allem, was ich ueber ihn
+gehoert und gelesen, zu den wenigen intelligenten Europaeern zu rechnen,
+welche seit einer Reihe von Jahren das Innere Afrika's bewohnten. Durch
+seinen Charakter, seinen Muth und sein kluges Benehmen ist er zu einer
+bedeutenden Person geworden. Er ist nicht nur bei den Bogos hoechst
+angesehen, sondern steht auch in einer gewissen Verbindung mit dem Kaiser
+Theodor und den ganzen politischen Verhaeltnissen Abessiniens. Die
+Ausbreitung der katholischen Religion scheint ihm hier nicht allein am
+Herzen zu liegen. Er schien vorzugsweise Rathgeber und Vermittler zwischen
+obwaltenden Streitigkeiten der Staemme zu sein. Ein Gehalt, der ihm
+regelmaessig ausgezahlt wird, und eine ausgesuchte Herde machen ihm bei
+geringen Beduerfnissen ein angenehmes Leben moeglich."
+
+ [Illustration: Eingeborene von Mensa vor ihren Huetten.
+ Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Der Boden bei Keren, das 4469 Fuss ueber dem Meere liegt, ist fruchtbar,
+aber nur ab und zu mit Durrah, etwas Tabak und dem gewoehnlichen
+Seifenkraut bepflanzt. Nach Osten und Sueden steigen rauhe Gebirge in die
+Hoehe, waehrend sich die im Norden liegenden Ketten mehr und mehr abflachen.
+Nach Westen zu sieht man den Bergen deutlich an, dass sie aus einer Ebene
+emporsteigen, denn unmittelbar hinter ihnen beginnt die unabsehbare
+Barka-Steppe. Wasser enthaelt die Hochebene so gut wie gar nicht.
+
+Keren war der fernste Punkt, bis zu welchem der hohe Reisende gelangte. Er
+zog nach kurzem Aufenthalte von da nach Mensa zurueck, wo er am 16. April
+wieder anlangte. Schon am zweiten Tage darauf fand eine glueckliche
+Elephantenjagd statt, und mit nicht geringer Anstrengung gelang es, auf
+den 8000 Fuss hohen Felsenhoehen des Beit-Schakhan einen alten und einen
+jungen Elephanten zu erlegen.
+
+Mit folgenden Worten schildert der Herzog das Abenteuer selbst: "Es mochte
+wol zwischen 2 und 3 Uhr sein, als ein fuer uns kaum hoerbarer Ton das Ohr
+des uns begleitenden jungen Eingeborenen traf. Wie eine Schlange schnellte
+die schwarze nackte Gestalt aus dem Grase empor, und die heftigste sich in
+den wunderlichsten Gesten kundgebende Aufregung bewies uns, dass ein
+Zeichen von unten gegeben sei. Wie durch einen Zauberschlag beruehrt,
+sprangen wir jetzt auf die Fuesse und griffen zu unseren Buechsen. Die
+reizende Aussicht war, wie Muedigkeit fuer uns verschwunden, die
+Sonnenstrahlen erschienen nicht mehr heiss, und ohne weiter zu ueberlegen,
+was eigentlich das Zeichen bedeute, trabte die ganze Gesellschaft ueber
+Steinbloecke durch Dick und Duenn der Tiefe zu, aus der in abwechselnden
+Zwischenraeumen das schon vorher erwaehnte Zeichen wiederholt wurde.
+
+"Der junge Mensaner mit Schild und Speer an der Spitze, fuehrte den Zug,
+und da ihn weder Kleidung noch Korpulenz am Laufen hinderten, so fiel er
+in ein wahrhaft gefaehrliches Tempo, fuer das nur die juengsten Beine
+geschaffen schienen. Erst nach anderthalb Stunden trafen wir die beiden
+Elephantenjaeger. Nur einige hundert Schritt folgten wir ihnen und sahen
+schon zum allgemeinen Entzuecken, auf der gegenueberliegenden Bergwand,
+zwischen dem Gestruepp und alten Euphorbienbaeumen, Elephanten ruhig ihr
+Diner verspeisen.
+
+ [Illustration: Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in
+ Mensa.
+ _(Originalzeichnung von R. Kretschmer.)_]
+
+"Hier haette nun ein Kriegsrath gehalten werden muessen, um, wie vorher
+verabredet, die Jagd zu besprechen. Hierzu liessen uns die aufgeregten
+Eingeborenen aber keine Zeit. Sagudo ergriff mich beim Arm, schuettelte
+mich, als ob es gaelte, Aepfel von einem Baume zu schuetteln, wies mit
+grimmigen Geberden auf die unten aesenden Elephanten und riss mich mit sich
+fort. Vorwaerts ging es nun wieder in vollem Laufe durch Aloe, Cactus und
+Mimosen. Bald waren die ohnehin defekten Hemden und Beinkleider zerrissen,
+und die gluehende Sonnenhitze badete uns im Schweiss. Mit einem Male hielt
+der Jaeger an, schnitt mir ein wuethendes Gesicht und klopfte mit dem Laufe
+seiner riesigen Muskete auf meine Schuhe. Sein Wunsch war augenscheinlich
+der, dass ich von jetzt ab die Puersche barfuss - wie er ging - fortsetzen
+solle. Aus meinen ebenso grimmigen Mienen und bezeichnenden
+Gestikulationen mochte er jedoch wol entnehmen, dass die Sohlen unserer
+Fuesse nicht, wie die seinen, fuer Dornen und scharfe Steine geschaffen
+seien, und weiter ging es, eine Lehne hinab, durch einen ausgetrockneten
+Sturzbach hindurch und drueben einen steilen Graben hinauf. Wir folgten
+genau in dem sonst undurchdringlichen Dickicht den Windungen der kleinen
+Pfade, welche die Ungethueme, sich vor uns aesend, erst im Augenblicke
+getreten hatten. Noch eine Weile und wiederum ging es einen Strand hinab,
+und in langen Saetzen wollten wir eben die Felsen eines zweiten Sturzbaches
+ueberschreiten, als wir auf 50 Schritt vier Elephanten unter uns denselben
+Bach kreuzen sahen.
+
+"Athemlos hielt Alles still. Ich riss meine Buechse an den Backen und wollte
+eben den groessten Elephanten aufs Korn nehmen. Da fiel mir der Jaeger in den
+Arm und machte solche furchtbare Grimassen, dass ich nicht anders glauben
+konnte, als er halte es noch fuer zu weit. Die Elephanten, welche schlecht
+aeugen, gingen unter uns vorueber. Kaum waren sie aber auf der
+entgegengesetzten Wand verschwunden, als das Rennen unmittelbar auf ihrer
+Faehrte wieder begann. Hiernach schien es die Absicht des Jaegers zu sein,
+die Thiere einzuholen und mit den letztern auf wenige Schritte zusammen zu
+kommen.
+
+"Die Leidenschaft hatte uns alle erfasst und jeglicher Ueberlegung der
+drohenden Gefahr, in der wir uns befanden, beraubt. Kaum moegen acht
+Minuten vergangen gewesen sein, als wir, der vermeintlichen abwaerts
+fuehrenden Spur in langen Spruengen von Fels zu Fels folgend, mit dem
+vordersten der Elephanten auf drei Schritte zusammentrafen. Die Thiere
+hatten einen auf uns zurueckfuehrenden Pfad eingeschlagen. Noch einen
+Schritt weiter und wir waeren saemmtlich verloren und zu Brei getreten
+gewesen.
+
+"Mit kuehner Geistesgegenwart erfasste der Jaeger den Augenblick, und indem
+er einen gellenden Schrei ausstiess, stuerzte er sich - gleichwie der
+Schwimmer von einem Springbret in das Wasser - von dem erhoehten
+Standpunkte etwa zehn Fuss tief in ein wildes Cactusdickicht hinein. Zum
+Besinnen hatten wir auch keine Zeit und ahmten, fast instinktmaessig, den
+sicheren Tod vor Augen, das Manoever nach. Auf das furchtbarste
+zugerichtet, drueckten wir uns, wie ein Kitt Huehner unter eine Krautstaude,
+hinter einen Granitblock. Die Elephanten hatten, durch die wunderbare
+Erscheinung erschreckt, selber eine Bewegung halb rechts gemacht,
+dergestalt, dass sie uns schraeg abwaerts in einer Entfernung von vielleicht
+10 bis 15 Schritt, jedoch ohne im geringsten fluechtig zu sein, die Flanken
+zeigten.
+
+"Der Augenblick zum Handeln war gekommen. Der Jaeger, Hermann (Fuerst
+Hohenlohe) und ich waren mit einem Sprunge beinahe zu gleicher Zeit auf
+dem Felsen, der uns gerettet, die Buechsen flogen in die Hoehe und vier
+Spitzkugeln bohrten sich hinter das riesige Gehoer des Ungethuems. Der
+Elephant war toedtlich getroffen. Er hielt an und stiess jenen durch Gordon
+Cumming so wohl beschriebenen Schmerzenston aus, und waere unsere Lage
+nicht so misslich gewesen, so haetten wir ruhig sein Verenden abwarten
+koennen. Hier galt es aber augenblickliche Vernichtung und mit Buechsen _a
+la_ Lefaucheux bewaffnet, ward es uns eine Leichtigkeit, in wenigen
+Minuten gegen vierzehn Kugeln dem schon wankenden Koloss hinter Blatt und
+Gehoer zu senden. Ein zweiter Elephant, durch das Schiessen beunruhigt,
+kreuzte den Verwundeten. Auch er erhielt von Hermann eine Kugel auf das
+Blatt, welche ihm jedenfalls jenen Schmerzensschrei entlockte, aber nur
+dazu zu dienen schien, seine Flucht zu beschleunigen. Unser erstes Opfer
+schwankte noch einige Male, indem es sich langsam umdrehte, hin und her.
+Da erhielt er aus der Muskete unsers Jaegers den letzten Gnadenschuss durchs
+Herz. Das Thier stuerzte mit einem furchtbaren Getoese und rollte, wie ein
+Hase auf einem gefrorenen Abhang, die Bergwand wol 500 Schritt hinunter,
+Baeume und Felsen vor sich her waelzend. Die Strasse, die sein Koerper
+beschrieben hatte, glich einem jener Lawinenstreifen, die man so oft im
+Hochgebirge auf der Gemsjagd antrifft. Mit einem Freudengeschrei jagten
+wir dem verendeten riesigen Thiere in den Abgrund nach, wo wir es tief
+unten, zwischen zwei Granitbloecken eingeklemmt, noch gewaltig mit seinen
+Fuessen arbeitend, liegen sahen."
+
+Noch ein zweiter junger Elephant, der gleichsam um die Mutter zu raechen,
+wuethend herbeigeschnaubt kam, wurde erlegt, die Jagd war vollendet, und
+beleuchtet von den Strahlen der gluehend untergehenden Sonne standen die
+Sieger auf den kolossalen Leichen ihrer Jagdbeute. Die Landschaft, in
+welcher die gefahrvolle Jagd stattfand, schildert der Herzog
+folgendermassen: "Ein Panorama lag vor uns, wie ich es nur an wenigen Orten
+Tyrols und der Schweiz getroffen habe. Ein unabsehbares Meer gruener und
+brauner Berge, hier in den schoensten und reichsten Formen gelagert, dort
+wieder scharfgezeichnete Felsspitzen in pittoresken Gestalten
+vorstreckend, bot sich unsern Blicken. In weiter Ferne bezeichnete ein
+goldener Streif die Fluten des Rothen Meeres, nach allen uebrigen
+Himmelsgegenden reihten sich Gebirge an Gebirge. Das schwierige Besteigen
+jener Alpen waere schon hinreichend durch die unbeschreibliche Aussicht
+belohnt gewesen, deren wir uns hier zu erfreuen hatten. Die Sonne war
+gluehend, dennoch erfrischte uns ein kuehler Luftzug und ausgestreckt im
+hohen Grase schwelgten wir in den Genuessen der Natur."
+
+Bald darauf brach, nach verschiedenen neuen Jagdabenteuern, die
+Gesellschaft auf und langte am 23. April in Monkullu, bei der Frau
+Herzogin wieder an. Ueber ihren Aufenthalt daselbst schrieb die hohe Dame
+folgende Worte in ihr Tagebuch: "Die Tage, welche wir hier verlebten,
+waren keine Idylle in der Weise der lieben Heimat, es war fuer uns
+verwoehnte Kulturkinder Manches recht schwer zu ueberwinden; aber es war
+doch ein Stilleben voll von grossen Eindruecken, und die Erinnerung daran
+moechte wohl keiner von uns missen. Wer einmal im Schein der tropischen
+Sonne auf Himmel, Land und Meer geblickt hat, der wird die Farbenpracht
+der Natur und die gehobene Stimmung, welche sie dem Menschen verleiht, nie
+mehr vergessen. Was Licht heisst und gluehende Farbenschoenheit, das erfaehrt
+man erst im Sueden. Und die Einwirkung dieser Fuelle von Licht und Farbe,
+die grossen Gegensaetze, welche ohne Daemmerung, ohne das Nebelgrau der
+Heimat, wie unvermittelt nebeneinander stehen und doch Bilder von der
+wundervollen Schoenheit geben, werden immer maechtiger, je laenger man weilt,
+und umgeben das Leben des Tages mit einer Poesie, die maerchenhaft und fast
+bewaeltigend ist. Und in diesem Zauberlichte glaenzt eine fremde Erdenwelt,
+denn Menschen, Thiere, Pflanzenformen, jeder Gegenstand, der an den
+Reisenden herantritt, traegt dazu bei, die Stimmung, welche die Landschaft
+hervorruft, zu erhoehen. Ungeachtet der Unsicherheit, welche der Europaeer
+in dieser Wildniss empfindet, ist die Grundstimmung, welche dieses
+tropische Leben verleiht, doch eine erhebende Ruhe. Alles sieht
+grossartiger und einfacher aus, und ohne Muehe kann man sich hier um
+Jahrtausende zurueckdenken, in denen dasselbe Hirten- und Wanderleben war,
+dasselbe Geschrei der Thiere, dieselben Pflanzen an derselben Stelle,
+dasselbe Leuchten der Farben, ebenso der Sand mit den Steintruemmern und
+dem weissen Gebein der gefallenen Thiere. Der Mensch vermag in der
+grossartigen Bestaendigkeit dieser Welt nur wenig."
+
+Am 26. April sagte endlich die Reisegesellschaft dem abessinischen Gestade
+Lebewohl und trat die Fahrt durch das Rothe Meer nach Suez an. Leider
+hielten gefaehrliche Fieber die Reisenden einige Zeit in Kairo zurueck, und
+erst am 30. Mai wurde in Triest wieder der europaeische Boden betreten. Die
+fuerstliche Reise war auch fuer die Wissenschaft nicht ohne Ergebnisse, denn
+abgesehen von dem Werke des Dr. Brehm, der die zoologischen Resultate
+verarbeitete, veroeffentlichte der Herzog selbst einen Reisebericht, der
+mit den herrlichsten Abbildungen in Farbendruck von Robert Kretschmer's
+Meisterhand geschmueckt wurde.
+
+ --------------
+
+Der Aufenthalt des Herzogs im Bogoslande war jedoch viel zu fluechtig
+gewesen, als dass derselbe unsere Kenntnisse von den Bewohnern desselben
+haette eingehend foerdern koennen. Diese aber, durch Sitten, Abkunft und
+Rechtsverhaeltnisse ein hoechst interessantes Volk, lernen wir am besten
+durch _Werner Munzinger_ kennen, der sich viele Jahre unter ihnen aufhielt
+und gleich Stella eine bedeutende Stellung einnahm.
+
+Ueber das Bogosland sind viele Stuerme hinweggebraust. Die ganze Nordgrenze
+Abessiniens von Massaua bis zum Mareb war, der Sage zufolge, in alten
+Tagen von den _Rom_ bewohnt, einem riesenhaften, uebermenschlichen
+Geschlechte. Der letzte desselben verfeindete sich mit Gott, schleuderte
+eine Lanze gen Himmel und zur Strafe zerfrass ihm ein von Gott gesandter
+Adler den Kopf. Die Rom werden noch in Liedern besungen und spitzige
+Steinhaufen fuer ihre Graeber ausgegeben. Nach den Rom kamen die Kelau, ein
+aethiopischer Stamm aus Abessinien, von dem nur wenig Reste blieben; dann
+wanderten die Barea von Hamasien her ein und schliesslich die Bogos.
+
+Ihr Stammvater _Gebre Terke_ ist vom Volke der Lasta-Agows (vgl. S. 90).
+Aus Furcht vor der Blutrache verliess er seine Heimat, stieg hinab in die
+Kolla und baute zu Mogarech im Bogoslande die Giorgiskirche; das mag 1530
+gewesen sein, zur Zeit der muhamedanischen Kaempfe gegen das christliche
+Abessinien. Vor dem zu Aschra befindlichen Grabsteine des Stammvaters geht
+auch heute noch kein Bogos vorueber, ohne ihn zu kuessen.
+
+Bei den Bogos ist das Stammverhaeltniss stark ausgepraegt und die einzelnen
+Abtheilungen sind derart durch Heirathen verschwaegert, dass innere Fehden
+zur Unmoeglichkeit werden. Frueher standen sie direkt unter Abessinien und
+sandten alljaehrlich 60 Ochsen als Tribut an den Koenig in Gondar. Sie
+bildeten eine _Aristokratie_, die sich selbst nach eigenem Rechte
+regierte, eine gewisse Kultur besass, jedoch durch Kriege und Beruehrungen
+mit den Nachbarn allmaelig in Barbarei versank. Abessinier sowol als die
+Aegypter von Ostsudan aus machten Verheerungszuege in das Bogosland und es
+kam 1854 so weit, dass die Bogos endlich um Frieden flehten und den
+Aegyptern versprachen, den Islam anzunehmen. Da erschien bei ihnen der
+erwaehnte Missionaer Johannes _Stella_ und sammelte die Leute wieder, und
+der englische Konsul _Plowden_ erwirkte im Namen Grossbritanniens, dass das
+christliche Gebiet fuer unverletzlich erklaert wurde. Doch noch immer nicht
+hatten die Bogos Ruhe. Neue Raubzuege fanden gegen sie statt, man fuehrte
+viele in die Sklaverei. Wie wir aus Graf Krockow's Reise wissen, erschien
+im November 1864 Pater Stella, begleitet von Werner Munzinger, in Kassala,
+um beim aegyptischen Gouverneur darueber Klage zu fuehren, dass die Barea
+ausser vielem Vieh 104 Weiber und Kinder aus dem Bogoslande entfuehrt
+haetten.
+
+Noch immer zahlen die Bogos an Abessinien Tribut. Ihre Gesammtzahl betraegt
+etwa 8000 Koepfe, von welchen zwei Drittel Unterthanen, sogenannte _Tigres_
+sind, und ein Drittel aus _Schmagillis_ oder wirklichen Bogos besteht. Das
+Gesammtvolk hat nach Munzinger 2100 Haeuser und etwa 10,000 Stueck Rindvieh.
+Von hoechstem Interesse sind die durch den genannten Forscher uns bekannt
+gewordenen _Rechtsverhaeltnisse_ des Voelkchens. Das Recht ist ein
+patriarchalisch-aristokratisches. Die Familie ist Staat, Souveraen und
+Gesetzgeber, hat Recht ueber Leben und Tod der einzelnen Glieder. Wer nicht
+Schmagilli, echter Bogos ist, waehlt sich einen Schutzherrn und wird nun
+dessen Dienstmann, Tigre. Eigentlich gilt jeder Fremde als Feind. Der
+Patriarch (_Sim_) ist geheiligt; er ist gleichsam Koenig ohne Koenigsgewalt.
+Stirbt der Sim, so folgt ihm der Erstgeborene, nachdem er sich den ganzen
+Leib mit dem Wasser gewaschen, in welchem die Leiche des Vaters gewaschen
+wurde. Mit verhuelltem Kopfe fastet er nun drei Tage; dann wird er, immer
+noch mit verbundenen Augen, vor die Huette gefuehrt und ihm Kuhduenger,
+Dornen und Sand vorgelegt. Greift er nach den Dornen, so bedeutet dies
+Krieg; Sand laesst auf gesegnete Ernten hoffen, Kuhduenger auf Gedeihen der
+Heerden.
+
+Fuer die kleinere Familie ist der Vater Richter; zweite Instanz bildet der
+oeffentlich versammelte Dorfrath (Mohaeber). Trotz des Christenthums
+herrscht unter den Bogos noch viel Barbarei. Niemand kann lesen und
+schreiben; ein uneheliches Kind wird erstickt, und die eigenen Kinder
+verkaufte man frueher oft fuer weniger als einen Thaler. Unter den vielen
+eigenthuemlichen Sitten und Braeuchen heben wir folgende hervor. Kein Weib
+wird melken oder Getreide schneiden. Kein Schwiegersohn sieht das Antlitz
+seiner Schwiegermutter an. Die Frau steht im Allgemeinen niedrig; sie kann
+jeden Tag fortgejagt werden und besitzt kein Klagerecht. Es kommt nicht
+gerade selten vor, dass ein Mann nach dem Ableben des Vaters die
+Stiefmutter heirathet, und Munzinger kennt ein Beispiel, dass ein Mann die
+Frau seines gestorbenen Sohnes zum Weibe nahm. Scheidungen sind haeufig,
+die Vielweiberei ist jedoch ziemlich selten, wenn auch erlaubt.
+
+ [Illustration: Hirtenfrau auf der Wanderung. Zeichnung von R.
+ Kretschmer.]
+
+Frueher bauten die Bogos Haeuser aus Stein - jetzt Zweighuetten wie die
+Mensa. Das Innere trennt man durch eine Matte in zwei Haelften. Auch in den
+haeuslichen Einrichtungen herrscht allerlei Aberglauben. So wird z. B.
+Feuer und Wasser nach Sonnenuntergang niemals aus dem Hause gegeben und um
+diese Zeit kein verliehenes Beil zurueckgenommen. So lange eine Leiche sich
+im Hause befindet, wird kein Feuer angezuendet, und frische Butter zu
+essen, gilt fuer eine Schande.
+
+Die Bogos haben schoene, regelmaessige Gesichtszuege und nicht das leiseste
+Negergepraege. Die Hautfarbe wechselt zwischen Gelb und Schwarz. Die Augen
+sind lebendig, schwarz und braun, der Haarwuchs weich und vollstaendig,
+doch grob.
+
+Die Bogos sind mehr Hirten als Ackerbauer. Die Herden ziehen fast das
+ganze Jahr hindurch im Freien umher, und wol ein Drittel der Bewohner
+wandelt nomadisch mit denselben. Weib und Kind, das noethige Gepaeck wird
+aufgeladen und der Weideplatz ausgesucht. Dann wohnt Alles unter
+Palmenmatten, die bei einer Platzveraenderung leicht abgebrochen und auf
+Ochsen geladen werden. Milch ist die beliebteste Nahrung, und jede Kuh hat
+ihren Namen. Der Hirt lenkt seine Herde mit guten Worten, ohne Hunde.
+
+Unter diesem Volke gilt, wie im eigentlichen Abessinien, das _Blutrecht_.
+Die Nachkommen eines Vaters bis auf sieben Grade bilden die
+Blutsverwandtschaft. Dieselbe wird des Bluts theilhaftig, wenn ein
+Familienmitglied einen Mord begangen hat, und ist solch ein Glied getoedtet
+worden, so hat jene gesammte Verwandtschaft das Recht und die Pflicht der
+Blutrache (_Merbat_). So lange die im Blut stehenden Familien sich
+eigenmaechtig untereinander der Rache hingeben, hat das Recht nichts zu
+sagen; der Zwist wird den Blutfeinden ueberlassen. Sobald dieselben aber
+zur Versoehnung bereit sind, wenden sie sich an einen Mittelsmann, welcher
+jeder ihr Recht giebt; die Parteien zaehlen ihre Todten, und der Ueberschuss
+wird mit dem Blutpreis gesuehnt.
+
+Munzinger schildert, wie es mit dem Christenthum stand, als er und der
+Lazarist Stella 1855 in das Land kamen. Die Bogos nannten sich _Kostan_,
+Christen; zum Beweise, dass sie es seien, beruehrten sie niemals Fleisch,
+das ein Muhamedaner geschlachtet hatte, und assen weder Elephanten, noch
+Hasen oder Strausse. Der Sonntag hiess grosser Sabbath, allein die
+Sabbathruhe wurde am Sonnabend beobachtet. Die Bogos haben zwei Kirchen;
+bei denselben sind eingeborene erbliche Priester angestellt. Ihr Amt
+besteht darin, an den Hauptfesten die Schiefersteine, welche die Glocken
+vorstellen, anzuschlagen. Von Priesterweihe oder irgend einer religioesen
+Kenntniss ist bei ihnen keine Rede. Munzinger kann nicht einmal dafuer
+einstehen, ob die 1858 lebenden Priester getauft waren. "Der alte
+Stammpriester von Keren ist ein vermoegender Mann, der sich nie
+niedersetzt, ohne die heilige Dreieinigkeit anzurufen, aber er kennt nicht
+einmal das Vaterunser." Von der Bedeutung der Festtage hat man keine
+Vorstellung. Gott, Petrus, Dreieinigkeit sind gleichbedeutende Ausdruecke
+fuer die Gottheit, aber ueber den besondern Sinn der Woerter ist man sich
+nicht klar. Die heilige Jungfrau geniesst die groesste Verehrung, aber dass
+sie Mutter des Heilandes sei, weiss Niemand. "Im Ganzen ist das
+Christenthum ein Name, erhalten durch die Anhaenglichkeit dieser Voelker an
+das Althergebrachte. Ueberhaupt ist den Landeskindern Religion die letzte
+Sorge, und der Aberglauben ueberwuchert." Dass Munzinger die Befuerchtung
+ausspricht, der Islam werde auch dieses Voelkchen erobern, wurde frueher
+schon hervorgehoben. Allein was ist an einem solchen Christenthum, das
+noch unter jenem Abessiniens steht, gelegen?
+
+
+
+
+ 2. Werner Munzinger bei den Barea und Kunama.
+
+
+Es wurde frueher bei Erwaehnung der deutschen Expedition gesagt, dass W.
+Munzinger sich in Mai Scheka von Heuglin trennte und eine mehr westliche
+Route einschlug, waehrend Heuglin nach Sueden in das eigentliche Abessinien
+eindrang. Die Reise des ersteren, welche in die Tage vom 16. November bis
+22. Dezember 1861 faellt, fuehrte ihn laengs des Marebflusses in Regionen und
+zu Voelkern, die bisher noch kein Europaeer kennen zu lernen Gelegenheit
+hatte. Das in Rede stehende Gebiet liegt jenseit des Barkaflusses im
+Suedwesten des Bogoslandes an der abessinischen Grenze und wird vom Mareb
+durchstroemt.
+
+Dieser Strom ist vermoege seines Charakters einer der eigenthuemlichsten der
+ganzen Erde. Seine Quelle liegt oberhalb des Dorfes Ad Gebrai in Hamasien,
+dann bildet er, suedlich fliessend, eine Spirale, die von Gundet ab nach
+Westen sich wendet und in die Kolla von Serawie eintritt. Bis hierher
+gehoerte er zu Abessinien, jetzt aber, wo er sich dem Lande der Kunama
+naehert, veraendert er seinen Gebirgscharakter; er sucht das Niederland und
+heisst nun _Sona_. Hier ist er kein Waldstrom mehr und auch kein _Torrent_.
+Wo naemlich der Boden das Wasser nicht an der Oberflaeche halten kann, wo es
+durchsickernd erst spaeter auf einer festen Schicht Widerstand findet, da
+zeigt sich der Strom als Torrent, d. h. es erscheint ein Sandbett, welches
+nur zur Regenzeit ueberflutet wird und das ganze uebrige Jahr scheinbar
+trocken daliegt, weil der Wasserstrom _unterirdisch_ sich fortzieht. Der
+Mareb nun erscheint als Mittelding zwischen Fluss und Torrent und verliert
+diesen Charakter erst im Unterlauf. In der Regenzeit, Juli bis September,
+wird er regelmaessiger Fluss; in den uebrigen Monaten zeigt er sich als
+Torrent, aber so, dass sein Sandbett hier und da von Teichen unterbrochen
+wird, wo das Wasser fuer kurze Zeit an die Oberflaeche hervortritt. In der
+Ebene von Takka, bei der Stadt Kassala, heisst der Fluss _Gasch_ oder Chor
+el Gasch. Hier, im Gebiete der Hadendoa-Araber, wird er zur Bewaesserung
+des Landes benutzt und hat eine Menge kuenstlicher Stromwehren, vermittelst
+deren man ihn aufstaut und die Felder ueberschwemmt. So verliert er sich
+meistens, aber in Jahren, wo sehr viel Regen faellt, wird es ihm moeglich,
+sich bis zum Atbara Bahn zu brechen, den er dann bei Gasch-Da, d. h. Mund
+des Gasch, erreicht.
+
+Die Voelker nun, am unmittelbaren Lauf des Stromes, unterscheiden sich von
+den Bogos, einem aristokratischen Volke, durch ihr ganz _demokratisches_
+Wesen. "Die Natur," sagt Munzinger, "ist hier einfoermig, kein Berg ragt
+empor, keine scharfe Form zeichnet sich aus, kein entschiedener Gebirgszug
+und keine grossartige Ebene giebt dem Ganzen Charakter und Einheit; selbst
+der Baumwuchs ist nur mittelmaessig; Gestraeuch ist vorherrschend - und so
+der Mensch und seine Verfassung; nichts strebt, nichts beherrscht; lose
+zusammengeworfene Gemeinden entbehren der staatlichen Einheit und der
+buergerlichen Verschiedenheiten."
+
+Die _Kunama_ oder _Bazen_ und die _Barea_, welche hier wohnen, sind sich
+ihrer Sprache und Tradition nach durchaus nicht verwandt und dennoch
+stimmen ihre Rechtsbegriffe miteinander ueberein. Die Bazen bewohnten
+frueher Tigrie, bis sie von den Geezvoelkern hinausgedraengt wurden. Die
+Barea entsinnen sich nicht ihres Ursprungs, doch ist das Land der Bogos
+voller Zeugnisse ihrer frueheren Anwesenheit. Die _Religion_ beider Voelker
+ist ein gleichgiltiger Deismus, eine Idee von Gott, aber ohne Kultus oder
+christliche Reminiscenz. Wochen und Tage verlaufen ohne Festtage; religioes
+ist die Sorgfalt, die man auf die Graeber wendet, die aus Hoehlen bestehen,
+in welche der Leichnam beigesetzt wird; religioes die unbegrenzte Ehrfurcht
+vor dem Alter, das allein regiert. Aberglauben hat das erbliche Amt des
+Regenmachers gestiftet, des Alfai, der allein wohnt, Regen bringt und,
+fehlt dieser, hingerichtet wird. Beschneidung war von jeher ueblich, und
+der Islam hat unter ihnen grosse Fortschritte gemacht.
+
+Beide Voelker charakterisirt die radikale _Gleichheit der Individuen_, die
+Abwesenheit des Staates; so leben die Doerfer zusammen friedlich und ruhig,
+Verbrechen sind selten. Dem Auslande gegenueber aber fehlt der staatliche
+Zusammenhang, die gegenseitige Huelfe. Beiden eigenthuemlich ist die
+Bevorzugung des Schwestersohnes, der Blut und Habe von seinem Onkel erbt
+mit Ausschluss der Kinder; _eine Familie in unserem Sinne existirt also
+nicht_, der Begriff von Vater und Sohn fehlt, dagegen haengen Neffe und
+muetterlicher Onkel eng zusammen. Recht sprechen die Aeltesten des Dorfes,
+und keine Aristokratie lehnt sich gegen die Beschluesse der Gemeinde auf.
+Selbst der Fremde wird nach kurzem Aufenthalt den alten Insassen gleich.
+
+Die Leute leben von heute auf morgen und dafuer genuegt der Ackerbau, den
+sie fleissig treiben. Grund und Boden kann bei der Ausdehnung des Landes
+nur wenig Werth haben, eine konsequente Viehzucht verbietet das Klima.
+_Blutrache_ ist natuerlich ueberall nothwendig, wo der Staat sie nicht
+besorgt, doch hat sie bei den Barea und Bazen nicht den ausgebildeten
+Charakter, wie bei den Abessiniern. Der Moerder muss sich dem Tode durch ein
+mehrjaehriges freiwilliges Exil entziehen, wonach er um ein geringes
+Blutgeld ausgesoehnt wird.
+
+Das Land der Bazen ist reich an wildem Honig, den sie stark geniessen,
+waehrend die Barea sich vorzugsweise von Bier naehren. Dieser Lebensweise
+schreibt Munzinger es zu, dass die Bazen volle muskuloese Gestalten haben,
+waehrend die Barea klein und hager sind. Die Wohnungen beider Voelker sind
+runde, glockenfoermige, bis zum Boden mit Stroh sehr zierlich bedeckte
+Huetten; ihre Kleidung ist der Lederschurz, der erst allmaelig den
+eingefuehrten Baumwollenzeugen Platz macht. Das Haupthaar tragen sie wie
+alle uns schon bekannten Voelker von Nordabessinien; der Bart ist meist
+sehr duenn. Die Nase haben sie selten sehr stumpf, oft aber, besonders bei
+den Barea, adlerartig gebogen. Der Mund ist gross, jedoch nicht
+aufgeworfen. Was die Farbe anbelangt, so findet man alle Abstufungen von
+Gelb bis Schwarz, doch herrscht die dunkle Farbe vor.
+
+Die Bazen und die Barea unterscheiden sich im Temperament; die ersteren
+sind ruhig, gesetzt und reden leise; die letzteren sind lebhaft laermend,
+schnell aufbrausend. Die Eheverhaeltnisse bei den Bazen scheinen sehr lose
+zu sein, waehrend die Bareafrauen wegen ihrer Treue auch im Auslande
+beruehmt sind. Beide Voelker sind zu Hause sehr friedfertig, waehrend mit dem
+Auslande ein ewiger Krieg gefuehrt wird. Barea und Bazen stehen nicht in
+voelkerrechtlicher Verbindung und heirathen selten untereinander.
+
+Die Bazen muessen ein sehr zahlreiches Volk sein. Ihre Hauptsitze ziehen
+sich den grossen Stroemen Mareb und Takazzie nach; ersterer heisst bei ihnen
+Sona, letzterer Dika. Alle treiben Ackerbau mit dem Pflug und nur
+theilweise Viehzucht. Ihre Waffe ist die Lanze. Als Typus kann der Zither
+spielende "Schangalla" vom Mareb nach Zander's Zeichnung angesehen werden
+(S. 89).
+
+Die Wohnsitze der Barea liegen im Norden der Bazen. Die Thaeler, welche sie
+bewohnen, gehoeren schon dem Hochlande des Barka an, wie ihre Wasser und
+ihre Vegetation; die sie begleitenden Berge sind die letzten Auslaeufer des
+Hochlandes der Bazen und werden zur Weide benutzt, Fieber sind haeufig und
+die Regen fallen dort meist in der Nacht.
+
+So sind die Voelker beschaffen, welche die noerdlichen Vorlande Abessiniens
+bewohnen. Aber auch im Sueden, zwischen Amhara und Schoa und wieder ueber
+Schoa hinaus, treffen wir auf ein eigenes hoechst interessantes Volk, das
+der _Galla_. Mit ihm werden wir uns im folgenden Abschnitte beschaeftigen,
+der uns das Koenigreich Schoa vorfuehrt, welches von Amhara sich seit langem
+unabhaengig zu machen wuenscht und nur zeitweilig mit ihm zusammenfiel;
+schon dass der Herrscher daselbst den Titel "Negus" fuehrt, deutet darauf
+hin, dass wir es hier mit einem besonderen Staate zu thun haben.
+
+ [Illustration: Fettschwanzschaf]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Dullul an der Bucht von Tadschurra. Nach M. Bernatz.]
+
+
+
+
+
+ SCHOA UND DIE BRITISCHE GESANDTSCHAFT UNTER MAJOR HARRIS.
+
+
+ Begrenzung. - Englische Gesandtschaft unter Harris. - Tadschurra.
+ - Zug durch die Adalwueste. - Salzsee. - Mord im Thale Gungunte. -
+ Versammlung der Eingeborenen. - Sklavenkarawane. - Myrrhen. - Der
+ Hawasch. - Der Grenzdistrikt. - Alio Amba, ein Marktort. - Empfang
+ beim Koenige Sahela Selassie. - Die Hauptstadt Ankober. - Debra
+ Berhan, die Sommerresidenz. - Sklavendepot. - Truppenrevue. -
+ Angollala. - Schlucht der Tschatscha. - Medoko, der Rebell. - Das
+ Gallavolk. - Kriegszug gegen dasselbe. - Siegesfest. - Abschluss
+ des Handelsvertrags. - Rueckkehr.
+
+
+
+
+Schoa im weiteren Sinne umfasst den Theil der abessinischen Hochlande,
+welcher im Osten von der Adalwueste, im Sueden vom Hawaschflusse und im
+Westen vom Abai oder Blauen Nil begrenzt wird. Die unbestimmte Nordgrenze
+machen muhamedanische Gallastaemme aus. Im engeren Sinne versteht man
+darunter jedoch nur den westlichen Theil dieser Hochlande, naemlich die
+Distrikte Tegulet, Schoa Meda, Morabietie, Mans und Gesche. Die oestliche,
+im allgemeinen als Ifat bezeichnete Abtheilung des Berglandes umfasst
+dagegen die Provinzen Bulga, Fatigar, Mentschar im Sueden, Argobba im Osten
+und Efra im Norden. Beide Theile sind infolge des fruchtbaren Bodens
+ziemlich stark bevoelkert, wozu noch das gesunde Klima und eine
+vergleichsweise politische Ruhe beigetragen haben. Krapf schaetzt die
+Bevoelkerung mit Einschluss der im Sueden unterjochten Galla auf eine Million
+Seelen. Quellen, Baeche, Fluesse und Seen sind zahlreich im Lande vorhanden,
+das in Bezug auf seine Bodenbeschaffenheit mit dem uebereinstimmt, was wir
+im allgemeinen ueber Abessinien bemerkten.
+
+In der Zeit, die wir in diesem Abschnitte schildern wollen, herrschte
+_Sahela Selassie_ als Negus ueber Schoa. Er hatte den protestantischen
+Missionaer Krapf wie dessen Mitarbeiter Isenberg freundlich aufgenommen und
+von Beiden viel ueber Englands Macht und Groesse gehoert, wodurch sich in ihm
+der Wunsch regte, zunaechst mit der Ostindischen Compagnie in ein
+Freundschaftsverhaeltniss zu treten, so dass er schon am 6. Juli 1840 einen
+Brief an den englischen Gouverneur in Aden sandte, in welchem er um die
+Absendung einer Gesandtschaft an seinen Hof bat. Infolge dessen entschloss
+sich die ostindische Regierung, seinem Wunsche zu willfahren und eine
+staendige Gesandtschaft an ihn zu schicken, an deren Spitze Kapitaen _W.
+Cornwallis Harris_ stand, ein vorzueglicher Offizier, der sich bereits
+durch seine Reisen in Suedafrika, wo er bis in das Reich des Mosilikatse
+vorgedrungen war, einen Namen gemacht hatte. Als erster Stellvertreter
+wurde ihm Kapitaen Graham, als Arzt Dr. Kirk, als Naturforscher Dr. Roth,
+als Maler der Deutsche Martin Bernatz, ausserdem fuenf andere Europaeer, zwei
+Apotheker, ein Zimmermann, ein Schmied, zwei Sergeanten und fuenfzehn
+freiwillige Soldaten beigegeben. Mit reichen Geschenken fuer Koenig Sahela
+Selassie versehen, worunter sich auch eine Kanone und 300 Flinten
+befanden, verliess die zahlreiche Gesandtschaft am 27. April 1841 Bombay,
+besuchte zunaechst Aden, das Gibraltar des Ostens, in Arabien, und schiffte
+dann nach der afrikanischen Kueste hinueber, um in der Bucht von
+_Tadschurra_ Anker zu werfen. Die Bucht, in welcher die Schiffe lagen,
+wurde ihrer Ruhe und Sicherheit wegen Bar el Banatin, der See der zwei
+Nymphen, genannt. Sie reicht tief ins Land hinein, ist ziemlich eng und
+von hohen Bergen umgeben, die ihr vulkanisches Gepraege deutlich zur Schau
+tragen. Zugleich hat diese Bucht ethnographische Bedeutung als Scheide der
+Danakil und Somalvoelkerschaften. Am 18. Mai landete die Gesandtschaft und
+empfing sofort den Besuch des Sultans der Stadt, des alten Muhamed Ibn
+Muhamed. Eine haesslichere Erscheinung als diesen alten, magern, schmuzigen
+Fuersten kann man sich kaum vorstellen; der Reihe nach bot er einem Jeden
+seine mit ekelhaften Klauen versehenen Haende und liess sich dann zum
+Gespraech nieder. Er war in einen groben Baumwollenmantel, der einmal blau
+gewesen war, eingehuellt, trug an einem Riemen den Koran um die Schulter
+gebunden und war ausserdem mit einem Saebel gegen seine leiblichen und mit
+Amuleten gegen seine ueberirdischen Feinde versehen. Sein braunes,
+durchfurchtes Gesicht zeigte eine Politur gleich Ebenholz und war von
+einem weissen Bart umrahmt. Von ihm wurde zunaechst die Erlaubniss erlangt,
+nach Schoa vordringen zu duerfen, eine Erlaubniss, die gegenueber den Kanonen
+der britischen Kriegsschiffe nicht gut verweigert werden konnte.
+
+Der elende Ort Tadschurra war einige Jahre lang in den Haenden der Tuerken,
+nachdem diese Massaua (1527) erobert hatten, und aus ihrer Zeit stammt
+auch noch eine zerfallene Moschee am Meeresstrande. Jetzt ist es eine
+selbstaendige Stadt unter einem Sultan, der zeitweilig von den Sultanen der
+gegenueberliegenden arabischen Kueste abhaengig ist. Fanatische Muhamedaner,
+meist Danakil, bewohnen den Platz, welcher nur als Sklavenmarkt einige
+Bedeutung hat. Ackerbau besteht nirgends in der Umgegend; jedermann ist
+Kraemer oder Haendler und wird mit der Zeit durch den Sklavenhandel
+wohlhabend. Der bedeutendste Handel findet mit Suedabessinien statt, wohin
+jahraus jahrein die Karawanen ziehen. Indische und arabische Manufakturen,
+Zink, Kupfer und Messingdraht, Perlen und namentlich viel Salz werden dort
+gegen Sklaven, Korn, Elfenbein und einige andere Erzeugnisse ausgetauscht;
+allein Menschen und Salz bilden die Hauptartikel. Als Werthmesser gilt
+auch hier der Maria-Theresia-Thaler vom Jahre 1780, als Scheidemuenze
+Lederstreifen, die zu Sandalen benutzt werden koennen. Ausserdem nimmt man
+im Handel Schnupf- und Rauchtabak, leere Flaschen, Spiegel, Knoepfe und
+Perlen als Scheidegeld an.
+
+Die gewoehnliche Klage der afrikanischen Reisenden, dass bei ihren
+Unternehmungen die Abreise das Schwierigste sei, sollte sich auch bei der
+britischen Expedition nach Schoa wieder als wahr zeigen. Das Verpacken der
+Geschenke fuer den Koenig, das Engagiren von Kameeltreibern, endlich aber
+die Hindernisse, welche der Sultan von Tadschurra in den Weg legte, waren
+schwer zu beseitigen und zeitraubend. Als dies jedoch Alles muehselig
+ueberwunden, war das Jahr so vorgeschritten, dass man die Wueste gerade
+durchreisen musste, als in den Monaten Juni und Juli der feurige und
+ungesunde Wind ueber die wasserlose Ebene von Suedwesten her den Reisenden
+entgegenblies. Unterdessen herrschte im Lager von _Dullul_, wo die
+Gesandtschaft ihre Zelte am sandigen Seegestade aufgeschlagen hatte, grosse
+Regsamkeit, um Alles vorzubereiten und das Gepaeck zu ordnen und zu
+vertheilen. Endlich waren 170 Kameele, welche die Karawane bildeten,
+beisammen; Wasserschlaeuche und Maulthiere wurden fuer die Europaeer gekauft,
+und mit den Gefuehlen, mit denen man eine Raeuberhoehle verlaesst, setzte sich
+der Zug in Bewegung, um Tadschurra den Ruecken zu kehren, dessen Bewohner
+Harris die abscheulichsten und niedertraechtigsten Menschen nennt, welche
+die Erde bewohnen. Als Ras el Kafila oder Karawanenfuehrer fungirte Isaak,
+ein Bruder des Sultans von Tadschurra, der sich aber keineswegs als
+zuverlaessiger und tuechtiger Mann bewies. Der Zug ging anfangs laengs dem
+Meere bei Dullul hin durch das schroffe, zerrissene und wilde Gebirge,
+welches die Bucht auf der Nordwestseite umgiebt. Der gaehnende _Pass der
+Isa_ war zunaechst zu durchschreiten, welcher seinen Namen von dem
+raeuberischen Somalstamme der Isa empfangen hat, die in seinen Tiefen
+manchen Mord ausfuehrten. Ein Zickzackriss, hervorgebracht durch die
+plutonischen Aeusserungen des Erdinnern, windet sich hier gleich einem
+mythologischen Drachenleib durch die Eingeweide der Erde. Ungeheure
+schwarze oder braune, vegetationslose Basaltklippen stehen senkrecht zu
+beiden Seiten wie Mauern in die Hoehe, bei deren Bau die Cyklopen thaetig
+waren, und durch diese wilde Scenerie eilte nun in wolkenloser heller
+Mondscheinnacht die Karawane hindurch. Kein Ton ausser den Zurufen der
+Kameeltreiber war zu hoeren; schauerliches Dunkel lag auf dem Abgrund und
+nur die Lanzenspitzen der Eingeborenen, die den Zug begleiteten,
+glitzerten hier und da im Scheine des fahlen Mondlichtes - geisterhaft
+bewegte sich die Karawane dahin; Schauder lag auf allen Gemuethern, und
+erst als die Fruehlichtstrahlen die gebrochenen Felsklippen vergoldeten,
+wich die Pein von den bangen Gemuethern.
+
+Weiter ging der Zug durch einsame Thaeler, deren Boden mit zertruemmertem
+basaltischen Gestein bedeckt war und die durch tiefe Schluchten und
+Spalten die Gewalt der vulkanischen Kraefte bezeugten, welche hier einst
+sich aeusserten. Dann kam man zum _Assalsee_, dessen Ufer eine taenzelnde
+Fata Morgana umgab. Der erste Blick auf dieses seltsame Phaenomen war
+keineswegs angenehm. Das elliptische Becken von etwa zwei deutschen Meilen
+Laenge war zur Haelfte mit ruhigem, tiefblauem Wasser, zur andern Haelfte mit
+einer blendendweissen, glitzernden Salzkruste bedeckt, die durch
+Verdampfung entstanden war. Von drei Seiten umguerteten hohe, brennendheisse
+Berge dieses Seebecken, waehrend auf der vierten Lavatruemmer und tiefe
+Schluende sich hinzogen. Alles Pflanzen- und Thierlebens beraubt, war die
+Erscheinung dieser Wildniss von Land und stagnirendem Wasser, ueber dem ein
+dumpfes Schweigen ruhte, ganz dazu geeignet, das Gemueth niederzudruecken.
+Nicht ein Laut toente an das Ohr, keine Welle spielte auf der Wasserflaeche,
+nur die brennendheisse Sonne setzte am wolkenlosen Himmel ihren Lauf fort
+und sandte gluehende Strahlen auf das todte vulkanische Land hernieder,
+ueber dem kein kuehlendes Lueftchen wehte.
+
+In diesem hoellischen Schlunde hatten Mensch und Thier in gleicher Weise zu
+leiden. Nicht ein Tropfen Trinkwasser war weit und breit zu entdecken,
+waehrend das Thermometer selbst im Schatten der Maentel und Schirme eine
+Temperatur von 126 Grad Fahrenheit, d. i. 52 Grad Celsius oder 42 Grad
+Reaumur zeigte! Fuenfhundert und siebzig Fuss liegt das Becken des Assalsees
+unter dem Spiegel des Meeres; kein Lueftchen weht dort, kein Obdach ist zu
+entdecken, nur der weisse Widerschein der Salzkruste blendet das Auge. Die
+lechzende Zunge haengt am Gaumen und empfaengt keinerlei Labung von dem
+warmen Wasser, das die Schlaeuche darbieten, jeder Schritt vorwaerts ermuedet
+Mensch und Thier noch mehr und zwoelf lange Stunden dauert die Reise durch
+das Seebecken - sie muessen zurueckgelegt werden, wenn nicht der Tod ueber
+den Wanderer kommen soll.
+
+In einer Bucht des Sees waren Salzgraeber damit beschaeftigt, ihre Kameele
+fuer die Maerkte in Aussa und Abessinien zu beladen, wo das Salz einen
+bedeutenden Tauschartikel ausmacht. Die Danakil betrachten die Ausbeutung
+dieses Salzlagers als ihr unbestrittenes Monopol und verwehren jedem
+andern Volke den Eingriff in dasselbe. In lange, schmale Saecke aus
+Dattelpalmblaettern verpackt, wird das Salz von hier nach Abessinien
+gebracht.
+
+Nachdem die traurige Einoede am Assal durchzogen war, ueberstieg man einen
+aus Gyps bestehenden Huegelzug und gelangte in ein Thal, in dem man sich in
+eine ganz andere Welt versetzt fuehlte. Allerdings fehlte hier noch
+Pflanzen- und Thierleben, aber ein kleiner Bach mit klarem Wasser liess
+diesen Ort wie ein Paradies erscheinen, und mit dankbarem Herzen ruhten
+die ermuedeten Wanderer unter ueberhaengenden Basaltklippen aus, die ihnen
+Schatten spendeten. Hier am Fluesschen _Gungunte_ endigte der erste
+Abschnitt der Wuestenreise. Der Zug durch die Einoede ist im Stande, die
+Gesundheit des kraeftigsten Europaeers zu untergraben; von der herrschenden
+Hitze bekommt man jedoch einen Begriff, wenn man hoert, dass 50 Pfund gut
+verpackte Stearinkerzen auf der kurzen Reise von Tadschurra bis Gungunte
+so vollstaendig aus der sie bergenden Buechse herausgeschmolzen waren, dass
+sich in derselben schliesslich nur noch Dochte vorfanden! Selbst die
+Danakil, welche doch von Jugend auf diese Gegenden kennen und an die
+brennendheisse Lava dieser Tehama-Wueste gewohnt sind, bezeichnen die Gegend
+am Assal-Salzsee nur als "Feuer".
+
+Jetzt nahten andere Gefahren, denn man war in dem Gebiete der ueber alle
+Begriffe nichtswuerdigen, moerderischen und raeuberischen Staemme der Isa und
+Mudaito, deren ganzes Sinnen nur auf Mord und Pluenderung geht. So
+vorsichtig man auch das Nachtlager im Thale Gungunte eingerichtet hatte,
+ein _Mord_ durch jene Scheusale in Menschengestalt konnte nicht verhindert
+werden. Eine Stunde vor Mitternacht stellte sich ploetzlich ein heftiger
+Wuestenwind ein, der Alles mit Sand und Staub ueberdeckte. Einige schwere
+Regentropfen fielen, dann aber war wieder Alles still. Diese Ruhe sollte
+jedoch nicht lange anhalten. Ein wilder Schrei ertoente vom aeussersten Ende
+des Lagers her, panischer Schrecken ergriff die gesammte Mannschaft und in
+wilder Flucht stuerzten die Maenner, die sonst keine Furcht kannten, durch
+das Thal nach der Stelle hin, wo die Gesandten schliefen. Nur mit Muehe
+gelang es, alle zu sammeln und dann nach der Ursache des Schreckens zu
+forschen. Ein trauriger Anblick bot sich nun den Suchenden dar. Ein
+Sergeant und ein Korporal von der indischen Armee, welche die Expedition
+begleiteten, waelzten sich in Todeszuckungen in ihrem Blute. Dem einen war
+die Halspulsader durchschnitten, dem anderen ein Stich in das Herz
+versetzt worden, waehrend nicht fern von ihnen ein Portugiese lag, der eine
+fuerchterliche Wunde quer ueber den Leib hatte, sodass die Eingeweide
+hervorquollen. Im Augenblick als der Alarm entstanden war, hatte man im
+hellen Mondlichte zwei dunkle Gestalten an den das Thal einschliessenden
+Bergen in die Hoehe klimmen und verschwinden sehen; trotz der Verfolgung
+konnte man ihrer nicht mehr habhaft werden. Wahrscheinlich waren dieses
+Isa-Somal, die das satanische Verbrechen aus reiner Mordlust begangen
+hatten. Denn jedes Schlachtopfer, das wachend oder schlafend in die Haende
+dieser Teufel in Menschengestalt faellt, giebt diesen das Recht, als
+Ehrenzeichen eine weisse Straussenfeder in den fettigen schwarzen Haaren,
+einen Kupferring am Arm und einen neuen Silberknopf am Heft des
+Saebelmessers zu tragen. Jeder Mord ruft nach dem Gesetze der Blutrache
+wieder einen Mord hervor, und so nimmt das Blutvergiessen unter den Staemmen
+der Danakil und Somal kein Ende.
+
+ [Illustration: Schlucht von Gungunte. Nach M. Bernatz.]
+
+Am naechsten Morgen bestattete man unter Gebet und Flintensalven die Opfer
+dieses schaendlichen Mordes und zog dann auf der gefaehrlichen Strasse
+weiter. Drei Jahre lang war schon dieser Weg von Abessinien nach der
+Seekueste durch solche Schurken foermlich geschlossen, die jeden
+Durchziehenden kaltbluetig abschlachteten, bis der junge Haeuptling der
+Debeni die Banditen ausrottete und die Strasse wieder oeffnete; jedoch ist
+es nicht zu verhindern, dass einzelne Gegenden immer noch unsicher bleiben.
+Viele Leute, welche die Karawane begleiteten, zeigten an ihrem Koerper
+Spuren grosser, von den Wegelagerern empfangener Wunden.
+
+Von nun an befestigte man das Lager des Nachts und stellte zahlreiche
+Posten aus, die alle Herannahenden zurueckweisen mussten. Im Thale Alluli
+schien man den vorhergehenden Stationen gegenueber in ein Paradies gelangt
+zu sein, denn hier traf man Baeume, Gazellen, Tauben und Ziegenhirten. Die
+ersten menschlichen Wohnungen fand man jedoch erst weiter suedwestlich in
+Suggadera, das zum Lande der Debeni-Danakil gehoert. Diese Leute sind
+Hirtennomaden, die von Palmwein und der Milch ihrer zahlreichen Ziegen-
+und Schafherden leben oder Kameele zuechten und mit diesen Salz vom
+Assalsee nach Aussa, der Stadt der Mudaito, fuehren. Grosse Architekten sind
+sie freilich nicht, aber die auf einer Basis von unbehauenen Steinen aus
+Dattelpalmblaettern erbauten Huetten erfreuten dennoch das Auge der Wanderer
+als die ersten Wohnstaetten, die sie seit ihrer Abreise sahen.
+
+Wegen der grossen Hitze zog man in der Nacht weiter, immer ueber schwarze
+Lavafelder oder gelbe Sandflaechen - ein trauriger Anblick, der noch
+melancholischer durch die vielen zerstreuten Steinhuegel wird, die ueber den
+kaltbluetig ermordeten Opfern der Isa von den Vorueberziehenden aufgethuermt
+werden. Tamarisken, Kapperstraeuche und anderes mit Schmarotzerpflanzen
+ueberzogenes Gestruepp, in dem Voegel nisteten, unterbrach hier und da die
+Einoede; auch Strausse liessen sich sehen; dann kamen Grasflaechen,
+Wasserplaetze, Herden und Hirten, darauf Lavafelder, Bergzuege,
+ausgetrocknete Thaeler, Herden wilder Esel (_Equus Onager_),
+Schwefelquellen als Zeugen der vulkanischen Thaetigkeit des Bodens.
+
+Im Thale _Amadu_ machte die Karawane bei einem grossen Regenwassersumpfe
+Halt, dessen gruenes, von einer Legion Esel, Ziegen, Schafe und Rindvieh
+verunreinigtes Wasser nichtsdestoweniger recht trinkbar erschien. Hier
+hatten Leute vom Mudaitostamme ihr Lager aufgeschlagen - ganz
+nichtswuerdige Schurken. Mit finstern Blicken schauten sie die weissen
+Eindringlinge an und trieben ihre Fettschwanzschafe in die kuehlende Flut,
+in der die jungen Damen der Horde, nachdem sie sich selbst gewaschen, ihre
+alten Lederschlaeuche reinigten, waehrend eine alte magere Hexe ihrem Hunde
+den Pelz in der Flut wusch. Alle diese Hirten gingen mit Speer und Schild
+bewaffnet und kamen zum Zelte der Gesandtschaft heran, wo sie versuchten,
+dies oder jenes Ding sich zuzueignen. Durch ihre Ueberzahl kuehn gemacht,
+begannen sie, den Karawanenfuehrer Isaak zu fragen, mit welchem Rechte er
+die Fremdlinge durch dieses Land fuehre, wo sie "Herren des Bodens" seien -
+doch als sie sahen, wie auf 250 Ellen Entfernung ein Stein von einer
+Flintenkugel zersplittert wurde, fingen sie an, bescheiden zu werden.
+
+ [Illustration: Versammlung der Somal-Krieger.]
+
+Ueber ein steiniges Tafelland, das mit nie enden wollenden Basaltbloecken
+ueberstreut und mit Rissen durchzogen war, die Wasserpfuetzen bargen, zog
+man weiter ins Land der Woema, eines Danakilstammes. Wo Wasserlaeufe die
+Einoede unterbrachen, zeigte sich der Klippschliefer (_Hyrax_) und ein
+Baum, in der Form der Casuarina aehnlich. Im Killulluthale war der halbe
+Weg von der Kueste bis nach Abessinien zurueckgelegt. Bewaffnete Eingeborene
+der verschiedensten Staemme waren hier versammelt, um Berathung darueber zu
+halten, ob man einer so grossen Anzahl fremder Leute gestatten duerfe, bis
+nach Abessinien vorzudringen, und die Mehrzahl war der Meinung, dass man
+sie entweder zurueckjagen oder umbringen muesse. Zugleich wurde die
+Gelegenheit ergriffen, um ueber alte Streitigkeiten und Fehden zu
+unterhandeln. Hunderte dieser Schurken sassen so von Sonnenaufgang bis zum
+Untergang und wieder die liebe lange Nacht hindurch in groesseren und
+kleineren Kreisen beisammen, um zu berathschlagen. Waehrend der langen
+Unterhandlungen hockten sie bewaffnet mit aufrecht gehaltenen Speeren da,
+senkten diese gemeinsam, wenn ein Entschluss gefasst war, und schlossen,
+nachdem ein Spruch aus dem Koran gebetet war, mit einem Amen die
+Versammlung. Noch lebhafter gestaltete sich das Bild durch die Ankunft
+einer _Sklavenkarawane_ aus Schoa. Es waren einige hundert Kinder von
+verschiedenem Alter, die unter den duennbelaubten Baeumen oder unter
+Felsvorspruengen Schutz vor den brennenden Strahlen der Sonne suchten.
+Jedes hatte eine thoenerne Wasserflasche bei sich und obgleich sie meist
+bei guter Laune waren, konnten doch die Europaeer, welche die heisse Wueste
+jetzt durchzogen hatten, sich eine Vorstellung von den Qualen machen,
+welche die armen Geschoepfe auf dem vor ihnen liegenden Wege auszustehen
+hatten. Da jedoch die Behandlung in ihrer eigenen Heimat eine keineswegs
+bessere war, so fanden die Sklaven ihre Lage ganz ertraeglich und begannen,
+nachdem sie sich etwas von der Reise erholt, zu tanzen und zu singen. Die
+meisten waren Christenkinder aus Gurague, von wo die so hoch gepriesenen
+"rothen Aethiopier" nach Arabien geliefert werden. Fast alle hatten
+bereits, wenigstens der Form nach, den muhamedanischen Glauben angenommen
+und schwuren beim Propheten.
+
+Waehrend der Zeit, dass die Expedition hier einen unfreiwilligen Aufenthalt
+hatte, stand das Thermometer auf 112 Grad Fahrenheit (351/2 deg. R.) und die
+zudringlichen, nach ranzigem Fett riechenden Eingeborenen draengten sich
+mit grosser Unverschaemtheit in das Zelt der Gesandten, um dort die Luft
+noch unertraeglicher zu machen. Muhamedaner von der bigottesten Sorte,
+verschmaehten sie jedoch weder den Zwieback, noch den Kaffee der
+"Christenhunde" und bettelten bald um diese, bald um jene Kleinigkeit.
+Unter den verschiedenen Staemmen, die an diesem vielbesuchten Wasserplatze
+versammelt waren, befanden sich die _Adal_ mit breitspitzigem Speer und
+uralten Schilden, die _Kuesten-Somal_ mit leichter Lanze und Buckelschild,
+nicht viel groesser als ein Schiffszwieback, ihre gefuerchteten
+Stammesbrueder, die moerderischen _Isa_, mit langem starken Bogen von
+antiker Form und versehen mit einem Koecher voll vergifteter Pfeile. Sie
+waren unter allen die malerischsten Gestalten; kuehn hatten sie den
+wallenden Mantel umgeworfen und lange rabenschwarze Locken wallten auf die
+Schulter herab. Sie koennen als ein Raeuber- und Jaegervolk bezeichnet
+werden. Viele unter ihnen besitzen gezaehmte Strausse, die mit den Herden
+zusammen weiden und des Nachts an den Lenden gefesselt werden. Diese
+gigantischen Voegel werden mit viel Erfolg bei der Jagd auf wilde Thiere
+benutzt; auch reiten die Isa auf Eseln, von denen der Jaeger seine mit
+Euphorbiasaft vergifteten Pfeile abschiesst. Die Schilde, welche die
+Danakil tragen, werden von den Isa aus dem Fell der Oryx-Antilope
+verfertigt; auch handeln sie mit Straussenfedern. Die Art und Weise, wie
+sie die erlegten Voegel zubereiten, ist sehr originell; sie schneiden dem
+Vogel die Fuesse ab, wickeln dann das ganze Thier sammt Eingeweiden und
+Federn in feuchten Thon und backen diesen in heissem Feuer; nachdem die
+Thondecke entfernt ist, bleibt der saftige Braten zurueck.
+
+Nicht ohne grosse Muehe und Gefahr konnte nach einwoechentlichem Aufenthalt
+die Gesandtschaft sich von den barbarischen Nomaden und dem traurigen Orte
+losmachen, um ihren Weg fortzusetzen. Ueber kahle, steinige, von
+Schluchten zerrissene Berge ging der Weg in suedwestlicher Richtung weiter.
+Lange Zuege von Kameelen, Hornvieh, Schafen und Ziegen begegneten ihnen.
+Alle Buerde trugen die Weiber und Kinder der herumziehenden Staemme, waehrend
+der faule Ehemann nur leicht mit Speer und Schild bewaffnet dahinschritt.
+Der _Myrrhenbaum_ (_Balsamodendron Myrrha_) kam in der Naehe der
+bienenkorbfoermigen Huetten, auf die man jetzt oefter traf, haeufig vor; seine
+aromatischen Zweige liefern den Eingeborenen Zahnbuersten, welche sie in
+der Saebelscheide tragen. Haeufige Regen traten in der Nacht ein und
+durchweichten die Reisenden bis auf die Haut; dann brausten wieder
+Wuestenwinde daher, waren wasserlose Flaechen oder mit vulkanischem,
+scharfem Gestein uebersaeete Ebenen zu durchziehen - mit einem Worte, der
+Weg war aufreibend, muehsam und beschwerlich im hoechsten Grade. Selten nur
+unterbrach eine Oase die Einoede, um dann gleich wieder vulkanischen
+Gebilden Platz zu machen. Bei Saltelli traf man auf ein Feld _erloschener
+Vulkane_, die, umgeben von Lavafeldern, in kegelfoermiger Gestalt hier aus
+den Eingeweiden der Erde hervorgebrochen waren. Einer dieser alten
+Vulkane, der ueber 3000 Fuss hohe Aiullo, gilt als die alte Landesgrenze des
+nun zerfallenen aethiopischen Reichs. Wuest und traurig war die todte
+Umgebung dieser Berge - aber eine freudige Ueberraschung wurde den
+Reisenden hier doch zu Theil, denn zum ersten Male erblickten sie an
+diesem Orte in weiter, nebelhafter Ferne die blauen Gebirgsketten
+Abessiniens. Ihren Weg verfolgend trafen die Gesandten immer mehr auf
+_Myrrhenbaeume_, und zwar auf zwei Arten. Diejenige, welche das beste Harz
+liefert, ist ein zwerghafter Strauch mit dunklen, krausen, saegefoermigen
+Blaettern, waehrend die andere, welche ein mehr balsamartiges Produkt
+liefert, zehn Fuss hoch wird und helle, glaenzende Blaetter hat. Nach der
+geringsten Verletzung fliesst der milchige Saft in reicher Menge heraus und
+erstarrt an der Oberflaeche; wenn die Masse oft vom Stamme entfernt wird,
+kann man im Januar und wieder im Maerz grosse Mengen von einer Pflanze
+gewinnen. Mehrere Loth der feinsten Myrrhe erhaelt man auf diese Art im
+Vorbeipassiren leicht; dieselbe wird von den Voruebergehenden in einer
+Hoehlung im Schilde aufbewahrt und an den ersten besten Sklavenhaendler
+gegen Tabak vertauscht. Die Danakil geben die Myrrhe auch als Arznei ihren
+Pferden ein, wenn diese infolge der Hitze an Erschoepfung leiden. In der
+europaeischen Medizin findet sie heutzutage nur noch geringe Anwendung; ihr
+Ruf aber ist gross und alt; befand sich doch die Myrrhe unter den
+Geschenken, welche die Weisen aus dem Morgenlande dem Christkinde
+brachten!
+
+Von dem Gipfel eines Huegels herab hatten die Reisenden endlich den
+freudigen Anblick des _Hawasch_, des abessinischen Grenzflusses, dessen
+Lauf durch einen dichten Baumguertel bezeichnet wurde. Jenseit desselben
+ragten kuehn die Hochgebirge von Schoa in die Luft, und nach langen Leiden
+winkte nun das Ziel. Das Schlimmste war ueberwunden.
+
+Der Hawasch ist der zweitgroesste Strom Abessiniens. Er entspringt im Herzen
+des Landes in einer Hoehe von 8000 Fuss, wird von einer grossen Anzahl
+kleiner Stroeme gespeist und fliesst gleich einer belebenden Ader gruen und
+laengs seiner Ufer bewaldet durch die brennend heissen Adal-Ebenen, bis er
+in den Lagunen von Aussa sein Ende findet und versandet. Je naeher man dem
+Strome kam, desto kraeftiger wurde die Vegetation. Gummiausschwitzende
+Akazien, Tamarisken zeigten sich und laut schreiende Perlhuehner stoben bei
+dem Heranziehen der Karawane auseinander; man musste sich schliesslich durch
+das Dickicht foermlich durchwinden und stand nun, nachdem man so lange
+durch wilde Einoeden gezogen, vor einem grossen, maechtig dahinrauschenden
+Strome, der seine vom Regen getruebten Wasser wild dahinwaelzte.
+
+Die Stelle, an welcher die Reisenden den Fluss zu ueberschreiten hatten,
+liegt mehr als 2000 Fuss ueber dem Ozean. Nach Art einer fliegenden Bruecke
+wurden zehn Floesse zusammengefuegt und auf diesen die Kameele, das grosse
+Gepaeck und die zahlreichen Menschen uebergesetzt. - Man war nun im
+Koenigreich Schoa, doch immer noch im Lande wilder Muhamedaner, da die
+christliche Bevoelkerung erst weiter westlich beginnt.
+
+Weil das Wasser des Stromes dick und schlammig aussah, begab man sich zur
+Traenke nach einem nahegelegenen Weiher, der von hohen Baeumen umgeben war.
+Inmitten desselben trieben Nilpferde ihr unheimliches Wesen; eins
+derselben steckte seinen ungeheuren Kopf aus dem Wasser, sperrte den
+maechtigen Rachen auf und bruellte, dass man es auf eine halbe Stunde Wegs
+hoeren konnte; zum Lohn wurde ihm eine vier Loth schwere Kugel in den Kopf
+gejagt, deren Einschlagen in den Schaedel man deutlich vernahm. Das Thier
+sank unter, wurde jedoch erst am naechsten Tage aufgefunden und von den
+benachbarten Nomaden zerstueckelt und verzehrt.
+
+Mit leichtem Herzen sagte man den trueben Fluten des Hawasch Lebewohl und
+zog der Hauptstadt entgegen. Diesseit des Flusses war das einzige
+vorkommende Schaf das fettschwaenzige, wolllose, nur mit Haaren bedeckte
+Thier gewesen. Statt dessen traten nun die grossen, fetten abessinischen
+Schafe auf. Ziegen mit langen gewundenen Hoernern zeigten sich, von kleinen
+fuchsartigen Hunden bewacht, in grossen Herden. Grosse Fluege von
+Heuschrecken, welche das Land kahl gefressen hatten, nahmen ihre Richtung
+gegen Abessinien zu. Sie verdunkelten foermlich den Himmel und zogen gleich
+einer finstern Wolke mit grosser Schnelligkeit durch die Luefte hin. In den
+Waeldern waren Perl- und Rebhuehner haeufig, zusammen mit der Zwergantilope,
+und die langentbehrte Jagd brachte in die Kueche und die Lebensweise der
+Europaeer einige Abwechselung. Am Abend des zweiten Tages, nachdem der
+Hawasch ueberschritten war, kam ein Reiter in das Lager der Gesandtschaft,
+sah sich ueberall genau um, sprach dabei kein Wort und verschwand wieder
+wie er gekommen. Es war ein Spion des Grenzhueters der Provinz Ifat, der
+seinem Herrn Nachricht ueber die Fremdlinge bringen sollte. Diese
+Erscheinung versetzte die begleitenden misstrauischen Danakil in Aufregung,
+denn sie argwoehnten sofort, der Herrscher von Schoa werde die Europaeer
+nicht empfangen.
+
+ [Illustration: Rachen des Nilpferdes.]
+
+Ungeachtet ihres Abmahnens setzte man den Weg fort. Der _Mamrat_, "die
+Mutter der Gnade", mit seinem kuppelfoermigen maechtigen Berghaupte, das
+weit ueber die Wolken emporragte, erhob sich gleich einem gigantischen
+Schlosse aus der Ebene und galt als Ziel, auf das man lossteuerte. Man
+befand sich jetzt schon 3000 Fuss ueber dem Meere und stand am Eingange des
+hauptsaechlichsten, nach Suedabessinien fuehrenden Passes. Eine erfrischende
+Brise wehte den Englaendern entgegen, der Himmel war mit Wolken bedeckt und
+das Klima so beschaffen, dass sie sich eher in der Heimat als unter die
+Tropen versetzt glaubten. Berg ueber Berg, bedeckt mit herrlicher, ueppiger
+Vegetation erhob sich vor ihnen. Einer thuermte sich unordentlich ueber dem
+andern empor; bis schliesslich die letzten, mit einem glaenzend weissen
+Schneemantel bedeckten Spitzen sich in den azurblauen Lueften zu verlieren
+schienen. Doerfer und Weiler schauten aus den gruenen Baumgruppen hervor;
+reiche Saatfelder erglaenzten in der Sonne und zeugten von dem Fleisse eines
+Theils der Bewohner.
+
+Spaeter erfuhr man, dass der Negus angeordnet hatte, eine Ehrenwache von
+dreihundert Luntengewehrtraegern solle die Gaeste am westlichen Ufer des
+Hawasch empfangen, allein der _Wulasma Muhamed_, d. h. der hoechste dem
+Grenzdistrikte vorstehende muhamedanische Beamte, der sich so gut wie der
+Koenig selbst duenkte, hatte die Garde zurueckgeschickt, da ja die Ehre
+Unglaeubigen erwiesen werden sollte. Auch sonst legte dieser Beamte den
+Fremdlingen allerlei Schwierigkeiten in den Weg, um sie vom Vordringen
+abzuhalten, konnte schliesslich jedoch bei der Festigkeit, mit welcher man
+gegen ihn auftrat, nichts erreichen. Zum letzten Male waren die Kameele
+beladen, um am 16. Juli 1842 in _Farri_, der Grenzstadt der Provinz Ifat,
+einzuziehen. Haufen kegelfoermig gedeckter Haeuser, welche auf zwei Huegeln
+zerstreut lagen, zwischen denen die Zollgebuehren erhoben wurden, waren die
+ersten permanenten Wohnstaetten, welche die Wanderer seit ihrem Abmarsch
+von der Kueste als ein Zeichen des Fortschrittes begruessten, denn bisher
+waren sie nur auf Nomadenhuetten getroffen. Sowol wegen der nun beginnenden
+Hochlande, als wegen des kuehleren Klimas wird hier das "Schiff der Wueste",
+das fuer die brennendheissen wasserlosen Ebenen geschaffen ist, als
+Lastthier vollkommen unnuetz und muss zurueckgelassen werden. Damit lag aber
+auch die Wueste nun zugleich hinter den Reisenden, und als die Danakil,
+welche sie bisher begleitet, umgekehrt waren, waren auch die Leiden und
+Schrecken des durchzogenen Terrains verschwunden. Menschen, Klima, Boden,
+Thiere, Pflanzen - Alles war anders. Wie wenn ein Zauberer seine Ruthe
+ausgestreckt und die Landschaft mit einem Schlage veraendert haette, so sah
+man die Hochlande Abessiniens jetzt, ueberall nur Kultur bedeckte Flaechen
+statt der brennenden Wuesteneien. Jede fruchtbare Bodenerhebung war mit
+einem friedlichen Weiler gekroent, durch jedes Thal stroemte rauschend ein
+krystallheller Bach, schwaermten Herden. Die kuehlenden Bergwinde wehten den
+aromatischen Geruch von Jasminen und wilden Rosen herab, und im
+schwellenden Rasen bluehten Tausendschoenchen und Butterblumen. Das Gepaeck
+schleppten jetzt 600 kraeftige Muhamedaner, die auf koeniglichen Befehl von
+den benachbarten Doerfern gestellt worden waren. Der Koenig, so vernahm man,
+war vor Ungeduld ausser sich, die Gesandtschaft zu empfangen und die
+schoenen Geschenke zu besichtigen, welche sie mitbrachte.
+
+Am Morgen des 17. Juli begann der Marsch in den Hochlanden. Frischer,
+kuehlender Wind wehte von den Bergen herab, die, nur zehn Grade vom
+Aequator entfernt, dennoch eine Vegetation tragen, welche an nordische
+Klimate erinnert. Steil fuehrte der steinige Pfad bergan ueber Schluende,
+Thaeler und Gipfel, eingefasst von Farrnkraut, Hagebutten und Geisblatt; am
+Abhange der Berge zogen sich Terrassen hin, die mit gut bebauten Feldern
+bedeckt waren, und auf jedem Vorsprung stand ein Doerfchen, dessen Bewohner
+herbeigestuerzt kamen, um die neue Prozession, die Gaeste des Koenigs zu
+sehen, denen Freudenrufe entgegentoenten. Die Frauen waren hier in rothe
+Baumwollmaentel gehuellt, die einen angenehmen Gegensatz zu den ledernen
+Schurzfellen der Damen in der Wueste darboten. In der 3000 Fuss ueber dem
+Grenzorte Farri oder 5200 Fuss ueber dem Meeresspiegel gelegenen Marktstadt
+_Alio Amba_, die auf einem scharfen Bergruecken sich erhebt, musste wieder
+ein laengerer Halt gemacht werden. Der Ort besteht aus 250 Haeusern mit 1000
+muhamedanischen Einwohnern, die sich aus sehr verschiedenen Voelkerschaften
+rekrutirt haben. Der Berg, auf welchem Alio Amba liegt, ist nur einer von
+den vielen tausend jaehen Erhebungen, in welche das ganze Gebirge nach der
+Seite der Ebene hin zerbrochen ist. Gleich schmalen Silberfaeden stroemen
+durch die Schluchten zwischen gruenen Gestraeuchen und Feldern die Baeche
+hin, und wo ein Fleckchen dem Pflug einzugreifen erlaubt, da stehen
+Weizen, Gerste, Mais, Bohnen, Erbsen, Baumwollen- und Oelpflanzen
+angebaut, ringsum liebliche Weiler, die hoch in die Berge hinaufragen und
+sich allmaelig am Mamrat, "der Mutter der Gnade", verlieren. Dieser die
+Gegend beherrschende Pik, der noch in Wolken verborgen war, als unten
+schon Alles in Sonnenschein lag, ist mit einem dichten Walde von Nutzholz
+bedeckt und erhebt sich bis gegen 13,000 Fuss ueber dem Meeresspiegel. Der
+interessanteste Punkt in dieser Landschaft ist jedoch ein kegelfoermiger
+Berg, der mit dunklen Wachholderbaeumen bestanden ist und ganz vereinsamt
+sich erhebt. Auf ihm steht die Feste _Gontscho_, die Residenz des Wulasma
+Muhamed, in welcher die drei juengern Brueder des christlichen Koenigs -
+Opfer eines barbarischen Gesetzes - zeitlebens gefangen gehalten wurden.
+
+Die Gesandten waren gezwungen, in Alio Amba einen laengeren Aufenthalt zu
+nehmen, da der Negus verreist war; doch kam ein sehr liebenswuerdiger Brief
+von demselben an, welcher verhiess, die Fremden bald zu empfangen.
+Unterdessen hatten die Europaeer Zeit, den Ort und sein reges Marktleben
+kennen zu lernen. An einem bestimmten Tage stroemten schon kurz vor
+Tagesanbruch scharenweise die Landleute in die Stadt, um Honig, Baumwolle,
+Korn und Lebensmittel der verschiedensten Art zum Verkauf oder Tausch zu
+bringen. Die Dankali-Kaufleute stellen Perlen, Metalle, gefaerbte Garne und
+Glaswaaren aus. Der wilde Galla kauert neben den Erzeugnissen seiner
+Herde, waehrend der muhamedanische Haendler aus dem Innern Straussenfedern
+oder andere Artikel bringt, die aus weit entfernten Gegenden stammen.
+Baumwollen- und Zeugballen, Kaffeesaecke von Kaffa und Enarea liegen
+ueberall umher. Zahlreiche Pferde und Maulthiere vermehren das Getuemmel der
+verschiedenen Voelkerschaften, die hier durcheinander wogen. Fettig und in
+ein schmuziges Baumwollengewand gleich einer aegyptischen Mumie eingehuellt
+schreitet der Bauer aus der Umgegend zu dem Marktbeamten hin und bezahlt
+sein Marktgeld, das in die koenigliche Kasse fliesst. Hier geht laessig ein
+Luntengewehrmann von der koeniglichen Garde umher; doch die Eifersucht des
+Monarchen verbietet ihm, die primitive Waffe mit sich zu fuehren und sie wo
+anders als in der koeniglichen Gegenwart zu tragen. Der Adal, der Raeuber
+aus den Kuestenstrichen, tritt in die niedrige Huette des Sklavenhaendlers
+aus dem Sudan, um dort die zum Verkaufe ausgebotenen Frauen und Maedchen
+anzusehen; im rabenschwarzen Haare wogt die weisse Straussenfeder, das
+Zeichen eines begangenen Mordes, und das Volk staunt das gekruemmte
+Saebelmesser des Mannes an, der so kuehn ist, keine sklavische Verehrung fuer
+den grossen Monarchen von Schoa zu zeigen. Mit Eiern und Gefluegel draengt
+sich ein Christenweib durch die Menge. Die Haesslichkeit ihres Antlitzes
+wird durch das Ausreissen der Augenbraunen und das fetttriefende Haar noch
+gehoben. Die freie, stattliche Miene der Orientalin, wie deren leichtes
+grazioeses Gewand fehlen ihr gaenzlich, denn die Natur scheint sie
+absichtlich vernachlaessigt zu haben. Die Maenner der abessinischen
+Grenzprovinzen Argobba und Ifat, Muhamedaner dem Glauben nach,
+unterscheiden sich durch verschiedene Sprache von den echten Abessiniern,
+denen sie im Aeussern sonst gleichen, waehrend ihre Frauen wie arabische
+Zigeunerinnen aussehen; sie sind schoener, schlanker als ihre christlichen
+Schwestern aus den Berggegenden und weniger fettig. Die Menge staeubt
+auseinander vor einem christlichen Gouverneur, der, umgeben von
+zahlreicher Dienerschaft, barfuss durch den dicken Strassenschmuz
+dahinschreitet. Der dicke Bauch und das silberbeschlagene Schwert zeigen
+zur Genuege seine Wuerde an, die durch den weissen, mit karminrothen Streifen
+eingefassten Baumwollenmantel ueberdies kenntlich ist. Die Anordnung seines
+Haares hat den ganzen Morgen in Anspruch genommen und der ueble Geruch der
+ranzigen Butter, welche aus all den kleinen Loeckchen hervorglitzert,
+verpestet ringsum die Luft. Bis ueber das Kinn verhuellt, sieht man nur
+seine Nase und die blutunterlaufenen, von naechtlichen Orgien zeugenden
+Augen, aus denen er einen verwunderten Blick auf die weissen Ankoemmlinge
+richtet. Im blauen Gewande, mit fliegenden Locken kommt endlich auf
+ziegenduerrem Klepper der wilde Galla zu Markte; er bringt Honig und Butter
+aus den grasreichen Ebenen seiner Heimat in die wild zerkluefteten Berge.
+
+Der Schrecken und der Abscheu, welchen die Abessinier vor den von Moerdern
+heimgesuchten Kuestenstrichen haben, sind die Ursache, dass fast der ganze
+Handel von Alio Amba in den Haenden der Danakil liegt, die vom Koenige mit
+aller moeglichen Nachsicht behandelt werden. In jedem Monate langen
+Karawanen von Aussa und Tadschurra an, die den Handel unterhalten und gute
+Geschaefte machen - namentlich auch in Menschenfleisch, denn auch hier im
+Sueden des christlichen Reiches blueht der Sklavenhandel so gut wie im
+Norden, und die Ausfuhr ueber Tadschurra ist noch bedeutender als jene ueber
+Massaua.
+
+Vierzehn Tage lang musste die Gesandtschaft in Alio Amba zubringen, dann
+war die Erscheinung des Oberkommandanten der koeniglichen Leibgarde das
+erste Zeichen, dass sie weiter vordringen durfte. Die Zusammenkunft mit dem
+Koenige sollte an einem der naechsten Tage stattfinden, wenn die Kusso- oder
+Bandwurmkur Seiner Majestaet vorueber sein wuerde. Denn da gleich allen
+Abessiniern auch der Koenig ein Liebhaber von rohem Fleisch war, so litt er
+infolge dessen stark an Eingeweidewuermern, von denen er sich durch
+regelmaessig wiederholte Kusso-Kuren zu befreien suchte.
+
+Nachdem das zahlreiche Gepaeck auf die Traeger vertheilt war, konnte man der
+Marktstadt den Ruecken wenden und die Reise im Hochlande fortsetzen. Die
+guetige Natur hatte in verschwenderischer Fuelle und Mannichfaltigkeit ihre
+Gaben ueber das Land zerstreut und dadurch den laessigen Bewohnern die
+meiste Arbeit abgenommen. Reiche Kornfelder laengs des Weges wechselten mit
+stillen Doerfern, blumigen Kleewiesen und krystallklaren, in Kaskaden
+herabschiessenden Baechen.
+
+Das suedliche Abessinien beginnt mit dem Distrikte Ifat am Fusse der ersten
+Huegelkette, welche allmaelig an Fruchtbarkeit und Hoehe zunimmt. Heftige
+Gewitterstuerme, welche in der Regenzeit daherbrausen, werden in diesen
+Gegenden oft zur Landplage; doch selbst unter den maechtigen Wasserfluten
+laechelt noch das Land, und so entschieden steht es im Gegensatz zu dem
+klimatischen und allgemeinen Charakter der heissen Zone, dass der entzueckte
+Wanderer sich in seine noerdliche Heimat versetzt fuehlen kann.
+
+Langsam zogen die Reisenden fuerbass, der koeniglichen Sommerresidenz
+_Matschal-wans_ zu, wo der Herrscher sie empfangen wollte. An einer
+Stelle, wo der Weg eine Biegung machte, schoss die begleitende Garde
+ploetzlich ihre Luntenflinten ab, deren Donner ein freudiges Echo in den
+Zurufen der erwartungsvoll zusammengeeilten, unten im Thale stehenden
+Menge fand. Als der Pulverdampf sich verzog, fiel der Blick der Reisenden
+auf die lieblich gelegene koenigliche Residenz, deren kegelfoermige weisse
+Daecher ihnen aus dunklen Cypressen und Wachholderbaeumen
+entgegenleuchteten.
+
+ [Illustration: Sahela Selassie, Koenig von Schoa. Nach Harris.]
+
+Durch gruene, blumenbedeckte Auen rauschte ein angeschwollener Strom,
+waehrend die majestaetischen Bergriesen mit nebelumhuellten Gipfeln den
+Hintergrund des praechtigen Bildes ausmachten. Vereinzelte Bauernhaeuser
+waren ueber die gruene Landschaft zerstreut, reiche Felder glaenzten im
+reifen Korn und donnernd, kleine Wasserfaelle bildend, stuerzten die
+geschwollenen Wildbaeche von den Felsen herab. Nach Verlauf einer Stunde
+war Matschal-wans erreicht, wo eine zahlreiche Menschenmenge die Gaeste
+erwartete. Wild und ungestuem draengten sie sich heran, Alles war ihnen neu,
+und gleich Menageriethieren starrten sie die weissen Leute an, die weit
+ueber das Meer hergekommen waren, um dem grossen Koenige von Schoa Geschenke
+darzubringen. Nachdem noch einige Foermlichkeiten erledigt waren, konnte
+die Vorstellung stattfinden.
+
+Endlich stand die britische Gesandtschaft auf der Schwelle des koeniglichen
+Palastes und vor ihr oeffnete sich die Empfangshalle. Rund in der Form und
+ohne den gewoehnlichen abessinischen Pfeiler in der Mitte erhoben sich die
+hohen, massiven Lehmwaende des Gemaches, ueberdeckt mit Silberzierathen,
+Doppelgewehren, runden Schilden und Luntenflinten. Persische Teppiche von
+den verschiedensten Groessen, Farben und Mustern deckten die Flur und
+Scharen von Hoeflingen, Beamten und hohen Wuerdentraegern standen, bis zum
+Guertel entbloesst, in respektvoller Haltung und Feiertagskleidung
+ringsumher. In der Wand waren zwei Nischen angebracht: in der einen
+loderte ein Feuer, waehrend in der andern auf einer gebluemten
+Atlasottomane, umgeben von alten Eunuchen und jugendlichen Pagen, gestuetzt
+auf hellfarbige Sammetpolster, Seine christlich-aethiopische Majestaet
+Sahela Selassie hingelagert war. Der Thuerhueter (zugleich
+Zeremonienmeister) stand mit einem Bueschel Binsen in der Hand vor dem
+Koenige, um damit die genaue Entfernung anzudeuten, bis zu welcher man sich
+der Majestaet nahen durfte. Die Gesandtschaft trat ein, machte ihre
+Verbeugungen vor dem Throne und liess sich auf eben hereingebrachten
+Stuehlen nieder.
+
+Der Koenig war mit einer gruenseidenen arabischen Brokatweste bekleidet, die
+zum Theil von einem weiten, faltigen abessinischen Baumwollmantel mit
+karminrothen Streifen bedeckt war. Vierzig Jahre, von denen achtundzwanzig
+unter den Sorgen der Regierung verlebt waren, hatten seine dunkle Stirn
+leicht gefurcht und das in hohe Loeckchen frisirte reiche Haar etwas
+ergrauen gemacht. Obgleich durch den Verlust des einen Auges etwas
+entstellt, war der Ausdruck seiner maennlichen Gesichtszuege doch offen,
+angenehm und gebietend; aus dem ganzen Gesichte leuchtete jedoch jene weit
+und breit anerkannte Unparteilichkeit des Herrschers hervor, die ihm
+selbst unter den Danakil den Beinamen der "feinen Goldwage" eingebracht
+hatte.
+
+Der Gesandte ueberreichte nun, in Goldbrokat und Musselin eingewickelt,
+sein Beglaubigungsschreiben, worauf, nachdem dieses gelesen und anerkannt
+war, die reichen Geschenke der britischen Regierung eines nach dem anderen
+hereingetragen und vor dem Koenige und den erstaunten Blicken der Hoeflinge
+ausgebreitet wurden. Der schoene Bruesseler Teppich, der die ganze
+Empfangshalle deckte, die Kaschmirschals und buntfarbigen gestickten
+indischen Schaerpen erregten allgemeine Bewunderung und wurden von den
+Eunuchen dem Koenig zur naeheren Beschauung in den Alkoven gereicht.
+Allgemeine Heiterkeit entstand bei der Produzirung einer Gruppe tanzender
+chinesischer Figuren, und als dann die europaeische Eskorte in voller
+Uniform mit einem Sergeanten an der Spitze in der Halle aufmarschirte,
+sich vor den Thron stellte, dort ihre Handgriffe machte und die Musikdosen
+"_God save the Queen_" spielten, erreichte die Freude und das Erstaunen
+des Koenigs ihren Hoehepunkt und er erklaerte, nicht Worte finden zu koennen,
+um seine Dankbarkeit auszudruecken. Hell leuchtete dann sein Gesicht, als
+ihm dreihundert mit blitzenden Bajonneten versehene Flinten ueberreicht
+wurden. Vor Verwunderung ueberfliessend sagte er nur: "Euch wird Gott
+belohnen - ich kann es nicht."
+
+Noch waren die Ueberraschungen jedoch nicht zu Ende. Auf einem freien
+Platze am Fusse eines Huegels wurde eine grosse Scheibe aufgestellt und nach
+dieser eine der mitgebrachten kleinen Kanonen gerichtet. Das gruene Thal
+hallte von dem ungewohnten Artillerie-Kommandorufe wieder, und als nun der
+Donner erschallte, als Vollkugeln und Kartaetschen die Scheibe und die
+Felsen zersplitterten, da brach lauter Jubelruf aus dem Munde des Koenigs
+und tosendes Geschrei aus der Brust der gaffenden Menge hervor.
+
+Schoene Komplimente von Seiten des Koenigs, Beglueckwuenschungen durch die
+Hoeflinge und Beamten beschlossen an diesem Abend das ungewohnte
+Schauspiel. Eine riesige, starkgepfefferte Fleischpastete, begleitet von
+dem Wunsche, dass "des Koenigs Kinder es sich wohl sein lassen moechten", war
+der naechste Dank. Unerhoert grosse Ehre geschah der Gesandtschaft jedoch
+durch einen Besuch des koeniglichen Beichtvaters, eines Zwerges, so klein,
+dass er ohne Schwierigkeit in der Pastete sich haette verbergen koennen. In
+faltige Gewandung und einen Turban eingehuellt, mit dem silbernen Kreuze
+geschmueckt, liess sich der zwerghafte Priester, dessen ganzes Leben darin
+bestanden, seinen Naechsten Gutes zu erweisen, in einem Sessel nieder und
+hob an folgendermassen zu reden: "Vierzig Jahre sind verflossen, dass Asfa
+Wusen, der Grossvater unsres geliebten Monarchen - sein Andenken ruhe in
+Frieden - in einem Traume sah, wie rothe Maenner aus Laendern von jenseit
+der See gar merkwuerdige und schoene Dinge in dieses Koenigreich brachten.
+Die Astrologen, denen man befahl, diesen Traum zu deuten, erklaerten
+einstimmig, dass Fremdlinge aus dem Lande Aegypten waehrend der erhabenen
+Regierung Seiner Majestaet nach Abessinien kommen wuerden und dass noch
+maechtigere Fremdlinge zur Zeit der Regierung seines Enkels folgen wuerden.
+Gott sei Preis und Dank, die Traumdeutung ist in Erfuellung gegangen. Meine
+alten Augen haben nie solche Wunder als am heutigen Tage geschaut, und
+waehrend Schoa von sieben Koenigen regiert wurde, sind niemals solche
+Mirakel in das Land gebracht worden."
+
+Der Koenig verbrachte den groessten Theil der folgenden Nacht inmitten seiner
+Schaetze, die so unerwartet sich vor ihm aufgehaeuft hatten. Jeder neue
+Gegenstand wurde mit der Wissbegierde eines Kindes untersucht und die
+koeniglichen Schreiber hatten vollauf damit zu thun, auf Pergament ein
+Verzeichniss all der schoenen Dinge aufzunehmen, das dann im Staatsarchiv
+aufbewahrt wurde. Die Gewehre, Munition und Kanonen wurden in das grosse
+Arsenal geschafft, die Teppiche und Kuriositaeten mit Inschriften versehen,
+auf denen fuer kuenftige Geschlechter verzeichnet stand, dass diese Schaetze
+ein Geschenk rother Maenner seien, die man "Gyptzis" nannte und die "von
+ferne" gekommen seien. Am fruehen Morgen erschien ein Hofpage, um
+nachzufragen, wie die Gaeste geruht haetten. Die Etikette erforderte zu
+sagen, dass sie sehr gut geruht haetten; allein leider war das Gegentheil
+der Fall, denn der Regen war in Stroemen durch das Zeltdach gedrungen und
+hatte die Schlaefer arg belaestigt. Noch schlimmer hatten die 600
+requirirten Lasttraeger geruht. Ohne Nahrung und Obdach war der nasse,
+durchweichte Boden ihre Lagerstaette gewesen. Als der Morgen graute,
+schrieen sie laut nach Speise und sofort wurden ihnen einige Ochsen
+ueberliefert. In wenigen Minuten waren die Thiere geschlachtet und
+abgeledert; die Messer der wilden Menge wuehlten in dem blutigen Fleische,
+das Streifen auf Streifen verschwand, um nach echt abessinischer Art roh
+verschlungen zu werden. Selbst die Eingeweide wurden nicht vergessen, und
+in einer Viertelstunde war ausser Hoernern, Hufen und Knochen von den Ochsen
+nichts mehr uebrig, sodass selbst die Geier nicht einmal mehr einen Bissen
+fanden.
+
+Hierauf brach die Gesandtschaft auf, um nach der nahen Hauptstadt Ankober
+zu reisen. Zuvor jedoch fand noch eine Audienz beim Koenige statt. "Meine
+Kinder", sagte Seine Majestaet, "alle meine Flintentraeger sollen euch
+begleiten, damit ihr in Sicherheit von dannen zieht. Was euer Herz nur
+wuenschen mag, sollt ihr erhalten; mich ausgenommen habt ihr keinen Freund
+in diesem weiten Lande und ihr seid meinetwegen weit gereist. Doch will
+ich euch geben, soviel ich kann. Aber auf mein Volk hoert nicht, denn das
+ist schlecht."
+
+Froh verliess man das feuchte Lager und zog, von den Soldaten begleitet,
+durch lachende Kulturlandschaften dem nur anderthalb Stunden entfernten
+Ankober zu. Auf die Felder und Wiesen folgte ein Wald von alten Baeumen,
+voller Wachholder, die schon Jahrhunderte gesehen und deren duestere,
+cedernartige Kronen mystisch im Winde rauschten. Wie in Europa, so
+verstanden es auch die Abessinier, die schoensten Plaetze zur Anlage von
+Kloestern auszuwaehlen, und so traf man denn auch hier auf ein dem heiligen
+Tekla Haimanot (13. Jahrh.) gewidmetes Kloster. Dreimal im Jahre, an
+seinem Geburts-, Sterbe- und Himmelfahrtstage werden hier grosse
+Festlichkeiten unterhalten.
+
+Nachdem der Wald durchschritten war, erblickte man, auf einem gruenen Huegel
+erbaut, die 8200 Fuss ueber dem Meere gelegene Hauptstadt Schoa's.
+Unregelmaessig, bald gross, bald klein, wie Heuschober oder wie Scheunen
+gestaltet, von gruenen Einfassungen oder Staketen umgeben, zogen sich die
+Haeuser auf dem Scheitel oder am Abhange und in den Spalten des Huegels hin.
+Diese Wohnungen beherbergten nach Harris' Schaetzung 12,000-15,000
+Menschen. Auf dem hoechsten, abgesonderten Theile des Huegels liegt der
+unschoene, mit vielen thoenernen Schornsteinen versehene und von Palissaden
+umgebene Palast des Koenigs. An ihn schliessen sich zahlreiche Huetten fuer
+die Sklaven, Kuechen, Keller, Vorrathshaeuser und Kornmagazine. Baeume,
+Buesche und zerklueftete Felspartien bildeten den Hintergrund, aus dem unter
+Wachholderbaeumen das Bronzekreuz der Kirche "Unsrer lieben Frau"
+hervorleuchtete.
+
+_Anko_ war eine Koenigin des Gallavolkes, welche diese Berggegenden nach
+dem Einfall Granje's bevoelkerte und ihren Namen dem engen gewundenen Pfade
+hinterliess, welcher das "_Ber_" oder Thor zu den Vorstaedten bildet. Daher
+bedeutet _Ankober "Thor der Anko"_. Am Abgrunde hinziehend und kaum breit
+genug fuer den Fuss des Maulthiers, kann man diesen Pass nur mit dem Gefuehle
+der Unsicherheit passiren, und wenige Stunden wuerden genuegen, um ihn zu
+verrammeln und die Stadt fuer jeden Feind unzugaengig zu machen. Laute
+Jubelrufe des versammelten Volkes begruessten die Gaeste, denen nun ein sehr
+elendes Haus, das eher einem Heuschober als einer Wohnung fuer Europaeer
+glich, als Aufenthaltsort angewiesen wurde. Der Fussboden war so, wie ihn
+Mutter Natur geschaffen und vom Regen durchweicht, und es bedurfte erst
+vieler Arbeit, um die Huette, ueber der man stolz die Flagge Grossbritanniens
+aufzog, bewohnbar zu machen. Als man die Thuere mit einem Teppich verhangen
+hatte und die Nacht hereinbrach, regierte Finsterniss in dem Raume: die
+Lichter waren unterwegs zerschmolzen und so bildeten denn die sparsam aus
+den koeniglichen Vorraethen dargereichten, mit Wachs getraenkten Dochte das
+einzige Beleuchtungsmaterial der Gaeste. Und diese elenden Kerzen waren ein
+Handelsmonopol des Fuersten, gleich so vielen anderen guten Dingen. Um den
+Aufenthalt recht ungemuethlich zu machen, stuerzten Tausende von
+blutduerstigen Floehen ueber die Reisenden, die jetzt, nachdem sie die
+Schoenheit der Natur bewundert und vom Koenige freundlich empfangen worden
+waren, auch die Schattenseiten des Lebens in Schoa kennen lernen sollten.
+
+In der Nacht brach unter Donner, Blitz und stroemendem Regen ein gewaltiger
+Sturm ueber Ankober los, der die Erde mit einer wahren Suendflut
+ueberschuettete; jeder Fluss stieg, jede Gasse wurde zu einem rauschenden
+Bache und tausendfaeltig hallte der Donner von den nahen Bergen wieder. Als
+am naechsten Morgen die Sonne ihre Strahlen auf die Erde niedersandte,
+entwickelte sich ein seltsames Schauspiel vor den Augen der Europaeer. Tief
+unten lag, wie ein Schneeschleier, eine undurchdringliche Dampfwolke in
+den Thaelern. Man stand ueber diesen Wasserdaempfen, aus denen nur die
+Bergspitzen gleich schwimmenden Inseln hervorragten. Als diese Nebelbank
+in die Hoehe stieg, bedeckte sie Alles mit Feuchtigkeit und drang durch
+Kleider und Mauern hindurch.
+
+Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, denen jeder sich aussetzen muss, der
+in afrikanischen Landen reist, trafen die Gesandtschaft noch manche
+speziell abessinische Uebelstaende. Die nothwendigsten Lebensmittel waren
+trotz der Fruchtbarkeit des Bodens nur schwierig zu erlangen; die
+gemietheten Dienstboten taugten nichts, da jeder, der nur irgend kann,
+sich Sklaven haelt; Maulthiere waren gleichfalls kaum gegen die hoechsten
+Preise zu miethen, und fuer das kleinste Geschaeft musste eine Menge
+kostbarer Zeit vergeudet werden, da diese selbst fuer die Abessinier
+keinerlei Werth hat. Mit der Zeit wurde den aus Indien mitgebrachten
+muhamedanischen Dienern der Aufenthalt zu langweilig; sie nahmen ihre
+Entlassung und kehrten durch das heisse Kuestenland nach Tadschurra zurueck,
+wobei die Haelfte von ihnen das Leben verlor. Die statt ihrer angenommenen
+Abessinier zeichneten sich nur dadurch aus, dass sie unermessliche Portionen
+rohen Fleisches (Brundo) verschlangen und alle Monate einen Tag frei
+verlangten, um mittels Kusso ihre Bandwurmkuren vollfuehren zu koennen.
+Ausserdem war ein besonderer Afero oder Janitschar ernannt worden, welcher
+alle Schritte und Tritte der Fremden ausspioniren und darueber an den Hof
+berichten musste. Am gefaehrlichsten wurde den Gaesten jedoch die Feindschaft
+der unduldsamen Geistlichkeit, die mit eiserner Hand das Volk knechtete
+und die Briten schlimmer als die Heiden ansah, zumal weil sie die langen
+und strengen Fasten nicht hielten. Der Bischof von Schoa zeigte diese
+Feindschaft ganz offen. Er sprengte das Geruecht aus, die Englaender seien
+als Spione einer grossen, jenseit des Meeres wohnenden Frau gekommen,
+welche ihre Soldaten nach Schoa schicken wolle, um das Koenigreich zu
+erobern und den abessinischen Glauben zu zerstoeren.
+
+Waehrend alle Klassen des Volks in Erinnerung an die Himmelfahrt der
+Jungfrau Maria die strengen Fasten hielten, blieb inzwischen der Koenig in
+seiner Residenz Matschal-wans. Dort verzehrte er rohe Fische, die mit
+Pflanzenoel und Pfeffer zubereitet waren, als Fastenspeise. Der Palast in
+Ankober dagegen wurde von ihm zur Regenzeit gemieden, weil wegen dessen
+hoher isolirter Lage die Blitze dort leicht einschlagen. Kamen die
+Englaender mit Sr. Majestaet zusammen, so pflegte er zu sagen: "Es giebt in
+meinem Lande sehr schoene Dinge, welche in dem eurigen nicht sind, und
+wieder umgekehrt habt ihr Dinge, welche wir nicht besitzen." Fortwaehrend
+waren die Fremden mit allerlei Auftraegen des Koenigs beschaeftigt: bald
+mussten sie Luntenflinten repariren, Spieldosen ausbessern, bald
+Kleidungsstuecke oder Staatsregenschirme wieder herstellen, und das Alles
+wurde zur Zufriedenheit des Hofes ausgefuehrt. Auch als der Koenig einmal
+unwohl war, wurden die Gesandten zu ihm berufen; er erhielt Medizin, doch
+musste diese zuvor in seiner Gegenwart gekostet werden, da er in
+bestaendiger Angst vor Vergiftung schwebte. Obgleich er sich niemals ohne
+Waffen zeigte und stets solche unter seinen Kleidern verborgen trug,
+fuerchtete er sich doch keineswegs vor seinen Gaesten, die selbst mit
+geladenen Flinten in seiner Naehe stehen durften, auch wenn keine Diener
+bei ihm waren; bei diesen Zusammenkuenften liess er Portraets zeichnen, Plaene
+zu Bauten entwerfen und Vorbereitungen zu Affenjagden machen. Magazine
+wurden mit Granatschuessen in die Luft gesprengt, siebenlaeufige Pistolen
+zuerst bei Hofe eingefuehrt und ihm ein grosser Respekt vor den Windbuechsen
+eingefloesst, deren Wirkung er fuer das Merkwuerdigste erklaerte, was er all
+sein Lebtag gesehen hatte.
+
+Wieder einmal waren die Englaender zum Koenig beschieden, der mit ihnen ueber
+einen Feldzug gegen die wilden Galla sprechen wollte. Schmiede und
+Silberarbeiter sassen unter der Veranda der Residenz, Kuenstler malten
+Miniaturen in die auf Pergament geschriebenen Psalmen, Saettel und allerlei
+Kriegsgeraeth wurden unter den Augen des Fuersten reparirt, Speere und
+Flinten gereinigt - doch alle diese Handwerker wurden vom Koenige schleunig
+entlassen, um mit Harris einen Kriegsplan verabreden zu koennen, der
+schliesslich nicht ausgefuehrt wurde. So schlich der traurige Winter hin.
+Unterdessen begannen die Haendler, welche sich durch die Ankunft der
+Englaender beeintraechtigt glaubten, gegen diese zu konspiriren. Allerlei
+abenteuerliche Geruechte gingen um. Die Gyptzis, so hiess es, verzehrten
+Schlangen, Maeuse, Spinnen und aehnliche Thiere, und waeren im Begriff, durch
+magische Mittel das Land zu erobern. Die astronomischen Instrumente
+erregten gleichfalls Argwohn; doch der Koenig hoerte nicht auf diese
+Verdaechtigungen, ja er drohte, den Verleumdern die Zungen ausreissen zu
+lassen, und kuemmerte sich auch nicht darum, als die Geistlichkeit ihn mit
+dem Banne bedrohte. Die Zauberer Schoa's glaubten dem gegenueber im
+vollsten Rechte zu sein, wenn sie verkuendigten, Sahela Selassie wuerde
+wegen seiner Freundschaft gegen die Fremden noch Thron und Leben
+verlieren.
+
+Als der Winter vorueber war, brach der Koenig nach _Debra Berhan_ auf, einer
+Sommerresidenz, die jenseit der Bergkette im Westen liegt. Dorthin folgte
+ihm auch die Gesandtschaft nach. Es war eine herrliche Gegend, die man
+wieder durchzog, voller Sturzbaeche, Klippen und schoener Baeume. An einem
+Fluesschen traf man das einzige Maschinenwerk des Koenigreichs - eine rohe
+Wassermuehle, die ein durchreisender Albanese erbaut hatte; doch die
+Priester erklaerten dieselbe fuer ein Werk des Teufels, und nachdem die
+Muehle drei Tage gegangen, wurde der Betrieb untersagt. So verfiel denn die
+Teufelsmuehle. (Vergl. S. 157.) Hinter derselben wurde der Weg rauher und
+steiler; man gelangte auf den Kamm der Tschakaberge, welche die Zufluesse
+des Nil von jenen des Hawasch, das Stromgebiet des Mittelmeers und des
+Indischen Ozeans trennen. Noch volle drei- bis viertausend Fuss ragte der
+hohe _Mamrat_ ueber diese Wasserscheide empor; doch Schnee lag auf seinem
+13,000 Fuss hohen Gipfel nicht, wie denn ein Wort fuer denselben suedlich von
+den kalten Bergen Semiens in der Sprache der Eingeborenen fehlt. Wie
+verschieden ist doch das Schicksal der Gewaesser, die von dieser Bergkette
+nach Osten und nach Westen zu eilen! Der Regentropfen, welcher auf die
+nach Ankober zu gelegene Seite faellt, wendet sich nach kurzem Laufe dem
+Hawasch zu, um mit ihm durch die durstige Adalwueste der Aussalagune
+zuzurinnen. Ganz anders dagegen gestaltet sich die Pilgerschaft der
+Gewaesser im Westen. Dort finden viele kleine Baeche ihren Weg zur Dschumma,
+die sich in den Abai, den Blauen Nil, ergiesst, der, durch den Goldsand von
+Fazogl ziehend, bei Chartum sich mit dem Weissen Flusse vereinigt, bei
+Meroe, Theben und den stattlichen Pyramiden vorueberfliesst und seinen
+Beitrag zur Bewaesserung Aegyptens oder der blauen Fluten des Mittelmeers
+liefert!
+
+Wiesen, auf denen Vieh weidete, kleine Stroeme, ueber deren einen eine rohe
+Steinbruecke, das hochgepriesene Werk eines Armeniers fuehrte, folgten nun;
+dann kam man in eine unwirthliche Gegend, eine Hochebene, die einst von
+Galla bewohnt war. Nicht ein Baum oder Strauch, selten als Ausnahme ein
+Kusso, war zu erblicken; doch sind spaerliche christliche Ansiedelungen
+hier entstanden, die von Hirten bewohnt werden. Dann ging es bergab, die
+Gegend wurde wieder etwas freundlicher, und zwischen einigen gruenen Baeumen
+leuchteten die weissen Gebaeude von Debra Berhan hervor. "Willkommen meine
+Kinder, wie geht's euch? Habt ihr eine sichere Reise gehabt?" so lautete
+der Empfangsgruss, und am Abend erquickte Brot, Honigwasser und saures Bier
+die Gaeste. Beim Schein der Lichter fand Abends Gesang und Tanz statt, und
+mancher hohe Beamte legte sich berauscht zur Nachtruhe nieder.
+
+Keine andere fuerstliche Residenz kann in jaemmerlicherem Zustande sich
+befinden als Debra Berhan, "der Huegel des Ruhms". Es besteht aus elenden
+Gebaeuden, deren ohne Moertel zusammengefuegte Mauern einzustuerzen drohen.
+Palissaden umgeben das Ganze und schliessen den mit Rasen ueberzogenen
+Audienzraum ein, der jedoch auch zugleich einigem Vieh zum Aufenthalt
+dient. Hier hat der Koenig eins seiner bedeutendsten _Sklavendepots_, in
+welchem dem Besucher ein wahres Babel von verschiedenen Sprachen
+entgegenklingt; auch die Gesichtszuege deuten auf verschiedene Rassen, und
+nur die abessinische Kleidung ist allen gemeinsam. Da geht der riesige
+heidnische Neger mit aufgeworfenen Lippen und blutunterlaufenen Augen
+gleich einem schwarzen Herkules umher. Stark wie drei Gaeule, traegt er eine
+ungeheure Holzlast, welche zwei Abessinier nur mit Muehe bewaeltigen
+koennten. Fuenfzehn Maria-Theresia-Thaler hat der Koenig fuer dies
+ausgezeichnete Exemplar gezahlt, das fern vom Nil hierher verhandelt
+wurde. Er hat hier ein ganz gemaechliches Leben, vollauf zu essen und dient
+als Holzhauer im Walde; in seine Lage hat er sich stumpfsinnig gefunden.
+Anders der feurige Galla, der ihm folgt und in dessen Gemueth noch nicht
+der Geist der Unabhaengigkeit erloschen ist. Seine schlanke Figur und
+gekruemmten Beine verrathen den wilden Reiter der grasigen Ebene.
+Schwermuethig, mit gebeugtem Sinn, schleppt er seine Buerde und denkt an die
+Savannen am Hawasch, seine Heimat. Unter der Aufsicht eines alten Eunuchen
+nimmt eine Schar brauner Sklavinnen ihren Weg zum Flusse. Sie tragen
+schwere irdene Wasserkruege auf dem Ruecken und singen leise ein trauriges
+Lied, das wol von der Heimat erzaehlt, von Gurague. Es sind Christinnen,
+alles schoene, schlanke Maedchen, weit schoener als ihre Tyrannen, das
+rabenschwarze Haar ist mit gelben Blumen geschmueckt und in den langen
+Augenwimpern haengt eine Thraene der Wehmuth. - Hinter ihnen folgen einige
+bevorzugte Damen, in Staatsgewaendern mit rothem Rande - sie haben laengst
+das Andenken an ihr Land und ihre Verwandtschaft vergessen. Das sind die
+koeniglichen _Braugesellen_; silberne Knoepfe in den Ohren, zu ungeheurem
+Umfang auffrisirte Haare zeichnen sie aus; sie koennen plappern und
+schwatzen soviel sie wollen, aber ueber einen gewissen Raum duerfen sie
+nicht hinaus, das verbietet ihnen der begleitende Eunuch. Der eine
+traurig, der andere froh - so leben die Menschen im Sklavenraume des
+Koenigs. -
+
+Ein Monat war in dem kuehlen, aber angenehmen Klima zu Debra Berhan
+verflossen, als der Koenig beschloss, seine jaehrliche _Truppenmusterung_
+abzuhalten, und zwar am Maskalfeste, dessen Bedeutung wir schon kennen
+lernten. (Siehe S. 124.) Viehherden, vor Kaelte sich schuettelnde Kameele,
+die in das ihnen ungewohnte Bergland versetzt waren, lange Sklavenzuege
+waren zusammengetrieben worden, um theils zur Nahrung, theils zur
+Bedienung verwendet zu werden. Am Vorabend rueckten mit Fackeln in den
+Haenden die koeniglichen Garden vor das Zelt Sr. Majestaet, um dort zu Ehren
+der Gesandtschaft einen Kriegstanz aufzufuehren. Praechtig nahmen sich die
+mit reichem silberbeschlagenen Reitzeug versehenen Rosse der Offiziere
+unter den dunklen wilden Kriegern aus, die den amharischen Kriegsgesang
+anstimmten und sich dann zur Ruhe begaben. Sehr unkoeniglich war das
+Aussehen des Palastes beim Tagesanbruch und hoechst unfuerstlich die bei
+Hofe herrschende Verwirrung. Unsauberkeit und knoecheltiefer Schmuz
+herrschte ringsum; der Thuerhueter zerschlug einen Stock nach dem andern auf
+den Koepfen des herbeidraengenden heftigen Volkes, das nicht einmal still
+wurde, als Seine Majestaet sich in der Thuer des Banketsaales niederliess.
+Vor dem Throne verrichtete ein Schmied seine Arbeit weiter, ohne darauf zu
+achten, dass ein Hagel von Staub und Kohlenasche auf den Koenig niederfiel.
+Zwanzig bleiche Eunuchen, die als Zeremonienmeister wirkten, fuehrten die
+Scharen der Vasallen, der Priester, Moenche, Weiber, Sklaven und Ackerbauer
+zum Fuersten, der von jedem ein Geschenk empfing, sodass Honig, Butter,
+Perlen u. s. w. bald in grosser Menge aufgestapelt waren. Die Scenen der
+Unordnung wichen der hoeher steigenden Sonne und vor dem Erscheinen der
+britischen Gesandtschaft, die in voller Uniform vor dem Koenige aufzog, der
+in Staatskleidung, von den Generalen der Reiterei, der Leibgarde und der
+hoeheren Geistlichkeit umgeben, auf einem beweglichen Thronsessel dasass.
+Zunaechst rueckten nun dreihundert Mann auf den Schauplatz, die hoch ueber
+ihrem Haupte Buendel abgeschaelter und mit Binsen zusammengebundener Ruthen
+trugen. Sie begruessten die Rueckkehr der Bluetenzeit, "wenn die Floehe
+wiederkommen und die Fliegen erscheinen", mit Gesang, der lauter und
+lauter zum Kriegsrufe anschwoll. Die Buendel wurden dann auf einen Haufen
+vor dem Throne niedergelegt, waehrend die in Thierfelle gekleideten Fuehrer
+dieser Truppe einen Kriegstanz begannen, ihre Leute zum Gefecht
+aufforderten und mit einem schrecklichen Geheul diese Exerzitien
+schlossen.
+
+ [Illustration: Truppenmusterung des Koenigs von Schoa. Nach M.
+ Bernatz.]
+
+Hierauf wurden die englischen Gaeste zu einem mit bunten Teppichen
+ausgekleideten Pavillon gefuehrt, von dem aus der Koenig mit seinen
+Wuerdentraegern der Revue beiwohnen wollte. Im Hintergrunde standen dichte
+Reitermassen, waehrend in einer Entfernung von etwa 100 Schritten ein
+grosser Scheiterhaufen blattloser Weidenruthen auf dem gruenen Rasen
+aufgestapelt lag. Um denselben hockten unter ihren Schilden, gleich
+Schildkroeten unter ihrer Schale, lange Reihen Krieger; je drei hatten
+grosse Feldschlangen von ungewoehnlichen Dimensionen mit Zuendkraut und Lunte
+zu bedienen. Nun begann die _Revue_ mit dem Aufmarsch der Leibgarde zu
+Fuss, von der drei Viertel mit den geschenkten englischen Musketen
+bewaffnet war. In vier Compagnien marschirte sie unter dem Gebruell des
+Kriegsgesanges auf, nicht wenig stolz auf die blitzenden, bisher in
+Abessinien unbekannten Bajonette. Nachdem sie das Feld durchmessen,
+kauerten die Krieger auf dem Grunde nieder, als waeren sie in Bereitschaft,
+anrueckende Reiterei zu empfangen, waehrend ein graukoepfiger Veteran tanzend
+vor der Front ein Geheul zum Besten gab, das aus einer Wolfsschlucht zu
+stammen schien und mit einer Salve beantwortet wurde.
+
+Nachdem diese Truppe abgetreten war, rueckte die glaenzende Schwadron der
+berittenen Lanzentraeger, die Bluete der schoanischen Kavallerie, heran.
+Kuehn sprengte an der Spitze, auf schoenem Ross, mit einem rothen Fell ueber
+der Schulter, der Fuehrer und hinter ihm, in einer Linie von fast einer
+Viertelstunde Breite, die Schwadron. Nachdem er eine Anrede gehalten,
+sprengten die stattlichen Reiter im Galopp vorueber nach dem Scheiterhaufen
+zu, wo die grossen Kesselpauken ertoenten und die Feldschlangen losgebrannt
+wurden. Jetzt aber wandte sich das Erstaunen der Versammlung den
+Englaendern zu, deren Artilleristen den bronzenen Dreipfuender, welcher von
+Ochsen hierhergeschleppt worden war, bedienten. Als der Donner desselben
+erschallte und weisse Rauchwolken in die Luft stiegen, wie man sie bisher
+nur von brennenden Doerfern gesehen - da kannte die Verwunderung der
+wilden, hier versammelten Galla keine Grenzen. Dreizehn in Loewen- oder
+Leopardenfelle gekleidete Gouverneure fuehrten nach und nach ihre Truppen
+vor. Dann war die Revue beendigt und die ausgehungerten Offiziere, Edlen,
+Hoeflinge und Geistlichen begannen mit wahrer Wuth ueber das rohe
+Ochsenfleisch herzufallen und es in unglaublichen Mengen zu vertilgen.
+
+Acht- bis zehntausend Reiter waren versammelt gewesen, und das Schauspiel,
+das von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags 5 Uhr waehrte, hinterliess einen
+wilden und ungewoehnlichen Eindruck. Die Bewaffnung und das Reiten der
+Leute war vorzueglich und unter guter Fuehrung von ihnen Tuechtiges zu
+erwarten. Als dann die Nacht herniedersank, da wurde dem Koenige wie dem
+Volke von Seiten der Englaender noch ein Schauspiel geboten, von dem jene
+sich nichts traeumen liessen. Praechtige Raketen stiegen zum tiefschwarzen
+Himmel empor und zerplatzten, Leuchtkugeln entsendend, mit herrlichem
+Lichte. Menschen und Thiere, Alles wurde rebellisch, und die Achtung vor
+den Gaesten, welche Kometen an den Himmel zaubern konnten, wuchs mehr und
+mehr. Schliesslich wurde der Scheiterhaufen aus Weidenruthen angezuendet,
+und die Fackeltraeger fuehrten zu Ehren der Auffindung des heiligen Kreuzes
+einen Tanz auf.
+
+ --------------
+
+_Angollala_, an der Gallagrenze, wurde etwa im Jahre 1830 gegruendet und
+vom Koenige zur Hauptstadt des westlichen Theils von Schoa erhoben. Hierhin
+begab man sich, nachdem das Maskalfest vorbei war, und 3000 Reiter
+bildeten das Geleit des Negus, der auf einem reich gezaeumten Maulthiere
+ritt. Vier- bis fuenfhundert runde Huetten mit rohen Steinmauern und
+Strohdaechern bedecken die Abhaenge einer Anzahl flacher Huegel, die ein
+grosses Viereck einfassen. Auf der Spitze des hoechsten Huegels steht der von
+sechs Reihen Palissaden beschuetzte koenigliche Palast, aus dessen Mitte ein
+zweistoeckiges, finstres Gebaeude hervorragt, das ein Albanese erbaute und
+welches trotz seiner Mangelhaftigkeit in Bezug auf Architektur alle
+uebrigen Gebaeude Schoa's ueberragt. Doch hat es von Erdbeben gelitten, und
+"Erdbeben", so meinte Se. Majestaet, "sind ein uebles Ding, denn sie werfen
+Haeuser und Menschen um".
+
+Vor dem Palaste, zu welchem ein steiler Weg hinauffuehrte, begruesste eine
+dichtgedraengte Menschenmenge den Koenig und seine Gaeste mit lautem
+Jubelgeschrei. Kuechen, Vorrathshaeuser und Brauereien lagen rings um das
+Gebaeude, das mit dem langen Banketsaale, der Audienzhalle, den
+Frauengemaechern und einzelnen Zellen ein merkwuerdiges, aber keineswegs
+imponirendes Ganze ausmachte. Der Despot fuehrte seine Gaeste in den ersten
+Stock, zu welchem man auf einer Leiter gelangte. Auf dem Fussboden, der mit
+frischem Gras bestreut war, brannte in einem eisernen Ofen ein Feuer, an
+welchem sich behaglich mehrere Katzen waermten, die in keinem koeniglichen
+Palaste fehlen. Im Alkoven befand sich ein schmuziges Lager, und wenige
+Flinten machten den einzigen Schmuck der kahlen, weissgetuenchten Waende aus.
+"Ich habe euch", hub der Koenig an, "hierhergefuehrt, um euch zu zeigen, was
+mir fehlt. Diese Gemaecher muessen ausgeschmueckt werden, und ich wuensche,
+dass euer Maler (Herr Bernatz) sie mit Elephanten, Soldaten und sonderbaren
+Darstellungen aus eurem Lande verziere. Jetzt koennen meine Kinder sich
+entfernen."
+
+Die Naechte, welche die Gesandten hier verbrachten, waren keineswegs
+angenehm; sie froren ungemein und wussten sich kaum vor der Kaelte zu
+schuetzen; in der Fruehe hatte regelmaessig weisser Reif die Wiesen ueberzogen.
+Auch am Tage bot sich ihren Augen gerade kein liebliches Bild. Rings um
+den Palast lag Schmuz, Asche und Kehricht knoecheltief oder in grossen
+Haufen. Halbwilde Hunde fallen am Tage die Menschen an und lassen in der
+Nacht wegen ihres grauenhaften Gebells Niemand schlafen. Kurz vor
+Sonnenaufgang weckt das Gekraeh von tausend Haehnen die dennoch etwa sich im
+Schlummer Wiegenden, und wer trotzdem noch nicht erwacht sein sollte, wird
+durch das Gebruell des um alle moeglichen Dinge petitionirenden Volkes
+aufgestoert, welches unter dem Rufe "Abiet! Abiet! Meister! Meister!" mit
+dem Fruehgrauen sich zum Palaste draengt. Lernten Harris und seine Gefaehrten
+auch in Angollala manches Interessante kennen, so war der Aufenthalt
+daselbst doch keineswegs angenehm zu nennen.
+
+In der Umgebung Angollala's befindet sich das Naturwunder Schoa's, die
+_Schlucht der Tschatscha_, zu welcher der Koenig eines Tags seine Gaeste
+hinfuehrte, doch war der Monarch an diesem Tage gerade schlechter Laune, da
+sein Lieblingsross, das er in der Schlacht einem maechtigen Galla-Haeuptling
+abgenommen hatte und das seinen Stall in der koeniglichen Bettkammer hatte,
+durch die Unvorsichtigkeit eines Pagen umgekommen war. "Was denkt ihr von
+meinem Galla-Graben? Habt ihr etwas Aehnliches in eurem Lande?" so redete
+der Herrscher seine Gaeste an, als er sie an Ort und Stelle gefuehrt hatte,
+und in der That liess sich schwerlich eine grossartigere und schauerlichere
+Naturscenerie denken, als sie die Schlucht der Tschatscha zeigte. Die
+gruenen Wiesen des Distriktes Daggi sind hier auf eine seltsame Weise durch
+niedrige, kahle Huegelketten durchsetzt, zwischen denen kleine Baeche dem
+tief unten gaehnenden Erdriss zustroemen, welcher den Boden gleich einem
+gewaltigen Spalt durchzieht. Felsig, zerrissen und scharfkantig sinkt
+dieser Schlund ploetzlich 1000 bis 1500 Fuss tief und ueber eine
+Viertelstunde breit urploetzlich in der Ebene nieder. Seine aus felsigem
+Gestein bestehenden Seitenwaende sind duenn mit zartem Moose und
+suessduftendem Thymian ueberzogen, und nur wenige armselige Huetten sind auf
+einzelnen vorspringenden Terrassen der Waende angebracht, die sonst in
+ihren duestern Hoehlen den Woelfen und Hyaenen Schlupfwinkel darbieten,
+waehrend hoch oben ueber dem gaehnenden Abgrunde Geier und Adler ihre Kreise
+in weiten Bogen ziehen. Der Aberglaube des Volks bevoelkert aber den Spalt
+mit allerlei Unholden, waehrend der Koenig nicht mit Unrecht in ihm die
+beste Schutzwehr gegen die jenseit desselben wohnenden Galla sieht. Tief
+unten auf dem Boden, nur mit Schwindeln anzusehen, murmelt in tausend
+kleinen Wasserfaellen gleich einem Silberfaden die Tschatscha hin, um ihren
+Tribut dem maechtigen Nil darzubringen. Da, wo die Schlucht sich etwas
+erweitert, liegen die koeniglichen Eisenwerke von Gurejo. Hier wird auf
+rohe, echt afrikanische Art durch ein einfaches Ausschmelzen ein ziemlich
+gutes Eisen gewonnen.
+
+ [Illustration: Empfang des Negus beim Einzuge in Angollala. Nach M.
+ Bernatz.]
+
+In einen dunkelgruenen Wachholderhain eingehuellt, erhebt sich auf einem
+Huegel am jenseitigen Ufer das stille Staedtchen _Tscherkos_, dessen
+Einwohner einst alle, Mann, Weib und Kind, ueber tausend an der Zahl, in
+einer einzigen Nacht von den wilden heidnischen Galla unter Fuehrung des
+Rebellen _Medoko_ hingeschlachtet wurden, zur Rache fuer eine ihm am Hofe
+zu Ankober widerfahrene Beleidigung. Der stolze schoene Mann, auf den alle
+Frauen des Landes mit nicht geringer Bewunderung schauten, trat einst vor
+den Koenig hin, brachte ihm 10 herrliche Streitrosse, 500 Ochsen, 20
+Sklaven und zwei grosse Koerbe voll Silberthaler, die gnaedig angenommen
+wurden. Aber die Hand der Prinzessin Worka Ferri, um die er darauf bat,
+wurde ihm abgeschlagen und er selbst schnoede misshandelt; der Beichtvater
+des Koenigs trat ihm in das Gesicht, dass das Blut herunterlief, und die
+Staatsfestung Gontscho nahm ihn auf. Wie durch ein Wunder entkam er wieder
+zu seinen Galla, die, seinem Rufe folgend, in hellen Haufen herbeieilten
+und Tscherkos nebst seinen Einwohnern verbrannten. Unter der Fuehrung ihres
+Koenigs rueckten nun die Schoaner aus, und bei Angollala kam es zur
+blutigen, lange schwankenden Schlacht. Medoko unterlag und floh in die
+geheiligten Asylraeume des Klosters Affaf Woira, wo er sich sicher waehnte.
+Da erschien dort eine feierliche Prozession, welche dem Rebellen die
+Verzeihung des Koenigs ueberbrachte und ihn wieder zu Hofe kommen hiess.
+Medoko folgte der Stimme zu seinem Unglueck. Neuer Verrath wurde gegen ihn
+gesponnen, und eines Nachts traten sechs Verschworene an sein Lager, um
+ihn mit ihren Schwertern zu durchbohren. Noch einmal sprang der
+verwundete, riesenkraeftige Loewe auf, ein Blutbad unter seinen Moerdern
+anrichtend, dann sank er zusammen. Seinem Volke, das um ihn lange Jahre
+trauerte, erschien er aber als Heros und Maertyrer, und die Fehden zwischen
+Abessiniern und Galla nahmen mit erneuter Wuth ihren Fortgang.
+
+
+
+
+ Die Galla.
+
+
+Die Galla sind ein schoener Menschenschlag, dessen Physiognomie kaukasisch
+ist. Ihre Sprache weicht bedeutend von den echt semitischen Sprachen ab,
+aber in Konjugation, den Fuerwoertern und vielen anderen Woertern verraeth sie
+doch einen semitischen Charakter und bildet mit den Sprachen der Danakil
+und Somalen eine eigene Familie des semitischen Sprachstammes. Von ihren
+zahlreichen Unterabtheilungen haben Krapf und Isenberg ueber fuenfzig
+herausgefunden, welche fast alle voneinander unabhaengig sind, hier und da
+in Feindschaft miteinander leben, aber dieselbe Sprache reden und
+urspruenglich dieselbe heidnische Religion hatten. Ueber ihre Herkunft
+bestehen verschiedene Sagen. Die Muhamedaner aus Argobba, oestlich von
+Schoa, wollen sie aus Arabien herleiten; doch ist dies sehr
+unwahrscheinlich. Dagegen bemerkt eine abessinische Schrift, welche Krapf
+in Schoa zu sehen bekam, Folgendes: "Eine koenigliche Prinzessin von
+Abessinien heirathete zur Zeit Nebla Denjel's im 14. Jahrhundert, als die
+Koenigsfamilie noch auf dem Berge Endoto residirte, einen Sklaven, der ein
+Hirte war aus dem Sueden von Gurague, und gebar ihm sieben Soehne, die alle
+das Geschaeft ihres Vaters trieben und dessen Sprache redeten. Als sie
+erwachsen waren, sammelten sie viel Volks um sich und gaben sich der Raub-
+und Pluenderungssucht hin, sodass sie zuletzt die Abessinier beunruhigten."
+Von einer Schlacht, die sie den letzteren in Gurague am Flusse Galla
+lieferten, sollen sie den Namen erhalten haben, mit dem die Abessinier und
+andere umwohnende Voelker sie benennen. Sie selbst aber heissen sich
+Ilmorma, Menschenkinder. Spaeter, nachdem Granje mit seinen muhamedanischen
+Horden Abessinien verwuestet hatte, liessen sich mehrere Staemme von ihnen in
+Schoa nieder. Spaeterhin wiesen die neuen Koenige von Schoa den
+Wollo-Staemmen, die entweder damals schon den Muhamedanismus angenommen
+hatten oder dasselbe spaeter thaten, die Nordgrenze von Schoa an, wo sie
+bis 1856 eine Schranke bildeten, welche die Verbindung zwischen diesem
+Lande und Abessinien erschwerte, bis Koenig Theodoros II. Schoa und mit ihm
+die Wollo-Galla unterwarf. Diese noerdlichen Galla sind fanatische
+Muhamedaner geworden, waehrend es den christlichen Abessiniern nicht
+gelungen ist, unter ihnen viel Proselyten zu machen. Auch diesen
+heidnischen Galla gegenueber bewaehrt sich wieder die afrikanische Regel:
+Der Islam siegt ueber das Kreuz.
+
+Die urspruengliche Religion der Galla ist eine Naturreligion. Sie verehren
+ein hoechstes, unsichtbares Wesen, welches sie _Wak_ (Himmel) nennen. Ihn
+betrachten sie als den Urheber aller Dinge und Geber aller Gaben, daher
+richten sie ihre Gebete hauptsaechlich an ihn. Obgleich sie keine bestimmte
+Idee von ihm haben, so schreiben sie ihm doch Persoenlichkeit zu und
+glauben, dass er sich ihren Priestern im Traume offenbare, dass er zu ihnen
+rede im rollenden Donner, sich ihnen zeige im leuchtenden Blitze, dass er
+ueber Krieg und Frieden, Fruchtbarkeit und Theuerung entscheide. Jedoch
+steht Wak nicht allein, sondern hat zwei Untergottheiten zu Gehuelfen,
+deren eine _Oglia_, maennlich, deren andere _Atete_, weiblich ist.
+Letzteren beiden feiern sie gewisse Feste im Jahre, an welchen sie ihnen
+Opferthiere, Ziegen und Huehner schlachten, sich ihre Gunst erbitten und
+ihren Willen durch Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere zu erfahren
+suchen. Die Feste des Oglia werden im Januar und April, das der Atete im
+September gefeiert. Dem Wak ist jeder Sonntag geweiht, den sie grossen
+Sabbat nennen, zum Unterschiede vom Sonnabend, welchen sie den kleinen
+Sabbat heissen. Gewisse Baeume sind den Galla heilig; unter diesen opfern
+sie und verehren ihre Goetter. In besonders grosser Achtung steht ein grosser
+Maulbeerfeigenbaum an den Ufern des Hawasch im suedlichen Schoa. Hier
+versammeln sich jaehrlich ihre Priester und Grossen von mehreren Staemmen, um
+Wak zu verehren und ihre Bitten an ihn zu richten. Dieser Baum heisst
+Wadanabe und ist Sammlungsort der Galla von den verschiedensten Staemmen;
+nur Weiber duerfen ihm nicht nahen. Ein anderer Baum, unter welchem dem Wak
+jaehrliche Opfer gebracht werden, heisst Riltu. Waehrend sie opfern beten
+sie: "O Wak, gieb uns Tabak, Schafe und Ochsen, hilf uns, unsere Feinde zu
+toedten. O Wak, fuehre uns zu dir, fuehre uns zum Paradiese und fuehre uns
+nicht zum Satan". Auch der Ahorn und der Wanzabaum werden fuer heilig
+gehalten. Die Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere wird namentlich
+zur Entscheidung von Krieg und Frieden angewandt. Sie nehmen das Fett aus
+der Bauchhoehle, legen es auseinander und bestimmen die eine Seite fuer die
+Galla, die andere fuer ihre Feinde; die Seite nun, auf welcher das meiste
+Blut in den Adern sich befindet, erhaelt den Sieg. Die beiden
+Untergottheiten Oglia und Atete gebieten wieder ueber eine Menge
+unsichtbarer Wesen, die sie Zaren nennen und denen sie gute und boese
+Eigenschaften zuschreiben; daher werden auch diesen Verehrung und Opfer
+dargebracht. Zur Ausuebung des Dienstes haben sie Priester (Kalitscha) und
+Zauberer (Luba). Der Priester hat die Leitung der Gottesverehrung, die
+Wahrsagung, Segen und Fluch u. s. w. zu besorgen. Er trocknet die zum
+Wahrsagen gebrauchten Eingeweide, legt sich dieselben um den Hals und
+zieht damit im Lande herum. Merkwuerdig ist, dass ein ganzer Stamm der Galla
+fuer heilig gehalten wird, und zwar sind dieses die Watos, die ueberall frei
+umhergehen, segnen oder fluchen duerfen, ohne dass ihnen Jemand ein
+Hinderniss in den Weg legte. Dieser Stamm behauptet im Besitze urspruenglich
+reiner Galla-Natur zu sein, und seine Angehoerigen heirathen nur unter
+sich. Sie kennen kein anderes Geschaeft als Segnen und Fluchen, und weil
+Alles in dem Glauben steht, dass, was sie sagen, eintreffen muesse, so sind
+diese Leute sehr respektirt. Kein Galla laesst einen Wato zu sich ins Haus
+kommen, aber Lebensmittel in Menge werden ihnen, wo sie sich zeigen, vor
+die Haeuser gebracht, weil man im Unterlassungsfalle ihren Fluch fuerchtet.
+Sie lieben, wie die Waitos (vergl. S. 90), das Fleisch des Flusspferdes,
+welches in grosser Menge im Hawasch vorkommt.
+
+Ueber den Ursprung der Menschheit haben die Galla einen dunklen
+entstellten Begriff, jedoch scheinen sie nicht zu glauben, "dass alle von
+einem Blute herkommen". Sie sagen, ihr erster Stammvater habe Wolab
+geheissen; Wak habe ihn aus Thon gebildet, ihm dann eine lebende Seele
+gegeben und ihn am Hawasch angesiedelt. Ihre Eidschwuere verrichten die
+Galla auf eine sonderbare Weise. Eine tiefe, enge Grube wird in den
+Erdboden gegraben und in dieselbe steckt man einige Lanzen. Dann wird sie
+mit einer Thierhaut bedeckt, und die Betheiligten schwoeren nun, dass, falls
+sie ihr Versprechen nicht hielten, sie in eine solche Grube stuerzen, ihre
+Leiber mit Lanzen durchbohrt werden und ungeraecht und unbegraben liegen
+bleiben moegen. Einmal geschlossene Freundschaft soll heilig gehalten
+werden, wenn sie auch unter den verschiedenen Staemmen selten zu sein
+scheint, da diese sich stets untereinander befehden. Heirathet ein Galla,
+so bekommt die Frau ihre Mitgift vom Vater; scheidet sie sich aber von
+ihrem Manne, so behaelt der Mann das Heirathsgeschenk. Gewoehnlich heirathen
+sie drei Frauen. Stirbt der Mann, so ist sein Bruder verpflichtet, die
+Witwe oder Witwen zu heirathen. Die Sanktion der Heirathen erfolgt allemal
+durch den Abadula oder Vorgesetzten mehrerer Doerfer. Toedtet ein Galla
+einen Fremden, der nicht von seiner Nation ist, so erwirbt er sich dadurch
+viel Ruhm, toedtet er einen Stammverwandten, so hat er, ist der Getoedtete
+ein Mann, 100 Ochsen, ist es eine Frau, 50 Ochsen zu bezahlen. Da
+abessinische Christen nebst den sie umgebenden Muhamedanern keine Muehe,
+keine Schlechtigkeiten scheuen, Galla-Soehne und Toechter als profitable
+Menschenwaare in den abscheulichen Sklavenhandel zu ziehen, so ist's
+natuerlich, dass sie alle Fremden als Feinde betrachten. Abessinische
+Fuersten wollten ihnen das elende Christenthum, welches sie selbst hatten,
+mit dem Schwerte aufdringen; abessinische Moenche wagten ihr Leben selbst
+daran, ihnen den Genuss des Kaffees und Tabaks nebst anderen, von den
+Abessiniern fuer unrein gehaltenen Speisen und Getraenken, abzuschneiden,
+und dafuer nicht das Evangelium, sondern strenge Fastengesetze und andere
+Observanzen aufzubuerden; kein Wunder, dass sie sich gegen Beides mit aller
+Macht wehrten. Sie haben die Idee, dass sie sicher bald sterben muessen,
+wenn sie Christen werden, und daher sehen sie auch die ihnen vorgesetzten
+Christen mit Abscheu an. Tritt ein solcher Gouverneur seine Stellung an,
+dann ruft das Volk einstimmig: "Moege er bald sterben, moege er bald
+sterben."
+
+ [Illustration: Eine Galla (die Frau Eduard Zander's).
+ Originalzeichnung von E. Zander.]
+
+Die Kriege zwischen Abessiniern und Galla haben eigentlich nie recht
+aufgehoert. So oft auch letztere unterlagen, so erhoben sie sich doch immer
+wieder. Zu Tausenden verkaufen dann die biederen Christen die armen Heiden
+und fuellen sich die Taschen mit blanken Maria-Theresia-Thalern, welche sie
+fuer die Menschenwaare erhalten.
+
+Ein Hauptsklavenmarkt ist Metemme, die Hauptstadt des Gebietes Gallabat,
+an der Grenze zwischen Abessinien und dem aegyptischen Sudan. Baker
+besuchte dort 1862 die Sklavenhaendler. Sie wohnten in grossen Mattenzelten
+und besassen viele junge Maedchen von ausserordentlicher Schoenheit, deren
+Alter zwischen neun und siebzehn Jahren wechselte. Diese liebenswuerdigen
+Gefangenen mit einer schoenen braunen Farbe, zart geformten Zuegen und
+Gazellenaugen waren Gallamaedchen, welche aus ihrem Vaterlande an den
+abessinischen Grenzen von abessinischen Haendlern hierher gefuehrt wurden,
+um in die tuerkischen Harems verkauft zu werden. So schoen diese Maedchen
+sind, taugen sie zu keiner schweren Arbeit und kraenkeln und sterben bald,
+wenn man sie nicht freundlich behandelt. Man sieht mehr als eine Venus
+unter ihnen, und nicht genug, dass ihr Gesicht und ihr Wuchs vollendet
+schoen sind, beweisen sie denen, welche sie gut behandeln, die groesste
+Anhaenglichkeit und werden sehr brave und treue Frauen. Es liegt etwas
+eigenthuemlich Gewinnendes in der natuerlichen Anmuth und Milde dieser
+jungen Schoenheiten, deren Herz jenen tieferen Liebesgefuehlen, welche unter
+rohen und rauhen Staemmen selten bekannt sind, eine rasche Antwort geben.
+Ihre Formen sind auffallend elegant und anmuthig, die Haende und Fuesse
+namentlich ausserordentlich zart. Die Nase ist gewoehnlich leicht gebogen
+und mit grossen und schoengeformten Oeffnungen versehen. Das schwarze und
+glaenzende, aber ziemlich grobe Haar, reicht etwa bis zum halben Nacken
+hinunter. Obgleich diese Maedchen aus den Gallalaendern sind, bezeichnen sie
+sich stets als Abessinierinnen und sind unter diesem Namen allgemein
+bekannt. Sie sind ausserordentlich stolz und hochgesinnt und lernen
+merkwuerdig schnell. In Chartum haben sich mehrere der angesehensten
+Europaeer mit solchen reizenden Damen verheirathet, welche ihren Maennern
+ohne Ausnahme grosse Liebe und Ergebenheit bewahren. In Gallabat betrug der
+Preis fuer eine dieser Schoenheiten zwischen 25 und 40 Thalern. Einige Jahre
+nach Baker's Aufenthalt (Maerz 1865) scheint aber der Handel mit
+Gallamaedchen in Metemme fast erloschen zu sein und der schlechteren Waare
+vom Weissen Flusse Platz gemacht zu haben, denn Graf Krockow, welcher
+damals dort war, bemerkt: "Die in frueheren Zeiten massenhaft fuer die
+Harems der Reichen exportirten jungen, feurigen, abessinischen Maedchen
+kommen jetzt nur selten auf den Markt, denn in ihrer Heimat hat das
+abscheuliche Treiben fast ganz aufgehoert" (?).
+
+Jedenfalls stehen die Gallamaedchen weit ueber den lasterhaften
+Abessinierinnen und vermoegen nach Umstaenden wohl auch einen Europaeer zu
+begluecken. Lassen wir darueber einen Brief Eduard Zander's vom 27. Juni
+1854 reden: "Seit einem Jahre und einem Monat bin ich auf Befehl des
+Regenten Ubie verheirathet, und vor zwei Monaten ist mir unter Gottes
+Beistand auch ein Toechterlein geboren worden. Es ist ganz deutschen
+Charakters, weiss und blond, sehr wohlgestaltet und schoen und erhielt in
+der Taufe nach abessinischem Ritus die Namen Maria Sophia. - Zwanzig
+Monate sind jetzt verflossen, da veranstaltete Ubie eine grossartige
+Schmauserei, zu der an einem Tage nicht weniger als 300 Kuehe
+abgeschlachtet wurden; Alles war guter Dinge und der Honigwein floss in
+Stroemen. Auch ich war besonders von Ubie eingeladen worden; bei ihm
+angelangt, befahl er sofort, dass ich mich neben ihn auf seine Alga setzen
+sollte. Das Weilen auf diesem Platze gilt fuer die groesste Auszeichnung bei
+Hofe, welche nur den Mitgliedern des hoechsten Adels zu Theil wird. Ubie
+hatte mich im Laufe der Zeit genau kennen gelernt und sehr lieb gewonnen,
+sodass ich schon vor zwei Jahren in den hohen Adel erhoben wurde und zu
+jeder Zeit ungehinderten Eintritt bei ihm hatte. An diesem Tage war er
+ganz besonders heiterer Laune, er sprach viel mit mir und fragte mich nach
+allen moeglichen Dingen, unter anderm, warum ich nicht verheirathet sei?
+Offen und rund heraus erklaerte ich ihm denn, dass die Toechter seines Landes
+mir keineswegs gefielen, da ihnen das, was wir an den Frauen vor Allem
+schaetzten, fehle, naemlich Ehrbarkeit und Tugend. Du hast Recht, entgegnete
+mir Ubie, sie taugen alle nicht fuer dich, denn du bist ein ordentlicher
+Mann. Ich werde selbst fuer dich sorgen und dir eine passende Frau
+aussuchen. Kaum waren fuenf Monate vergangen, so erfuellte Ubie bereits sein
+Wort. Waehrend dieser Zeit hatte er nach allen Richtungen des Landes Boten
+ausgesandt, die fuer mich eine geeignete Frau suchen sollten; keiner aber
+hatte eine schickliche gefunden. Da langten eines Tages muhamedanische
+Kaufleute hier an, unter denen sich ein Sklavenhaendler befand, welcher
+sieben schoene Sklavinnen feil hatte. Ubie liess sich die Maedchen vorfuehren
+und suchte unter allen sieben die schoenste aus, um sie mir zum Weibe zu
+schenken. Das Vaterland meiner Frau ist Lima; die Bewohner sind Galla, der
+Regent oder Oberhaeuptling des Landes heisst Ababokiwo. Meine Frau zaehlt
+jetzt 16 Jahre. Sie hat mich lieb gewonnen, ist mir treu ergeben und von
+Charakter sanft, ihr Verstand ist scharf und hell. Was sie aber besonders
+auszeichnet, ist Sittsamkeit und Tugend."
+
+In seiner Heimat, wo das Schwert des abessinischen Eroberers noch nicht
+eindrang, ist der Galla ein freier, unabhaengiger Mann, dem nur der
+Distriktsvorsteher oder Abadula und der oberste Haeuptling oder Heiu zu
+befehlen hat. Der Heiu regiert nur acht Jahre, alsdann tritt er ins
+Privatleben zurueck, weil dann ein anderer Heiu, ein Mann von kriegerischem
+Muthe und Talent, gewaehlt wird. Sein Geschaeft besteht darin, dass er durch
+den ganzen Stamm zieht, alle Hauptangelegenheiten seines Staates
+schlichtet und unterstuetzt und namentlich ueber Krieg und Frieden
+entscheidet. Dabei ist der Ort, in welchem er sich gerade aufhaelt,
+verpflichtet, ihn zu unterhalten.
+
+Stirbt ein Galla, so erhebt sich, wie fast im ganzen Oriente, allgemeine
+bittere Klage. Ist der Verstorbene ein Hausvater, so rasiren sich, zum
+Zeichen der Trauer, die Kinder am ganzen Leibe. Der Todte wird anstaendig
+begraben, das Grab mit schoenen Steinen bedeckt und eine Aloe darauf
+gepflanzt; dann wird eine Kuh geschlachtet und von den Verwandten
+verzehrt. Sobald die Aloe ausschlaegt, glauben sie, die Seele des
+Verstorbenen sei zu Wak ins Paradies gekommen. Jedoch meinen sie, dass auch
+in jener Welt alle Nationen und Religionen ebenso geschieden sein werden
+wie hier. Galla, Muhamedaner und Christen kommen jede Partei an ihren
+besonderen Ort, um die guten oder ueblen Folgen ihres Verhaltens in dieser
+Welt zu geniessen. Die Luege scheint bei ihnen verpoenter zu sein als bei
+ihren abessinischen Nachbarn. Wird ein Galla als Luegner ertappt, so
+verliert er Sitz und Stimme in den oeffentlichen Versammlungen und wird der
+Verachtung preisgegeben.
+
+Was im Vorstehenden ueber die Galla mitgetheilt wurde, ist vorzugsweise den
+Berichten Krapf's und Isenberg's entlehnt. Das Volk erscheint uns nach
+diesen Mittheilungen weit liebenswuerdiger und besser als seine
+abessinischen Bedruecker. Ueber die Art und Weise, wie die letzteren gegen
+die Galla verfahren, wie sie Land und Volk dieses Stammes auf das
+Schmaehlichste verwuesten, darueber koennen wir uns am besten unterrichten,
+wenn wir abermals der Erzaehlung des Major Harris folgen.
+
+Wie die meisten anderen afrikanischen Potentaten, unternahm auch Sahela
+Selassie keinen Krieg wegen des nationalen Ruhmes oder wegen der
+oeffentlichen Wohlfahrt; seine Kriege waren entweder Raubzuege oder auf die
+Unterdrueckung von Rebellen gerichtet, und das war auch jetzt wieder der
+Fall, als er gegen die Galla auszog, wobei er den dringenden Wunsch
+aussprach, von der Gesandtschaft begleitet zu werden; die Gegenwart
+derselben sollte ihm Kraft, seinen Voelkern neuen Muth verleihen. Nur fuer
+20 Tage wurde die Armee mit Lebensmitteln versehen, woraus man schliessen
+wollte, dass das Ziel des Feldzuges kein allzufernes war. Angollala war in
+grosser Aufregung und alle Handwerker damit beschaeftigt, die Waffen in
+Stand zu richten, waehrend im koeniglichen Arsenale Tag und Nacht grosse
+Thaetigkeit herrschte. Bei dem aberglaeubischen Charakter der Abessinier war
+vorauszusehen, dass erst das Schicksal befragt und nach guten oder boesen
+Vorzeichen geforscht werden muesste. Priester und Moenche hatten in dieser
+Beziehung alle Haende voll zu thun. Das Herabfallen eines Schildes vom
+Sattelknopf, die Erscheinung eines weissen Falken sind unguenstige Zeichen,
+waehrend ein paar Raben Glueck verheissen. Auch das Heulen der Hunde waehrend
+der Nacht wurde beobachtet, um daraus Schluesse zu ziehen. Endlich brach
+man auf und zwar in der groessten Unordnung, um aber bald wieder Halt zu
+machen, damit die zahlreichen Nachzuegler sich sammeln konnten. Vor der
+Armee wurde unter einem Baldachin von Scharlachtuch die Bibel und die
+Bundeslade aus der Michael-Kathedrale in Ankober auf dem Ruecken eines
+Maulthieres vorangetragen, welche den sicheren Sieg gegen den heidnischen
+Feind verleihen sollten; dann folgte auf reich gezaeumtem Maulthiere der
+Koenig, umgeben von seinen Luntengewehrtraegern und den Musikanten mit
+Kesselpauken und Trompeten. An ihn schlossen sich an Gouverneure,
+Offiziere, Moenche, Priester und zuletzt - das Sonderbarste von allen: 40
+Frauen und Fraeulein, welche die koenigliche Kueche zu versorgen hatten.
+Soweit das koenigliche Gefolge, dem sich unter einer ungeheuren Staubwolke,
+soweit das Auge reichte, Reiter, Krieger zu Fusse, Saumrosse, Esel,
+Maulthiere, mit Zelten und Lebensmitteln beladen, sowie grosse Scharen
+Weiber anschlossen, die maechtige Toepfe mit Bier und Honigwein auf dem
+Ruecken trugen. Alles in Unordnung malerisch durcheinander. Wenn diese
+Masse sich niederliess, nahm das Lager einen Raum von anderthalb Stunden im
+Durchmesser ein, in dessen Mitte das koenigliche Zelt und dabei die Kueche
+stand. Von Vorposten oder sonstigen Sicherheitsmassregeln war aber, selbst
+als man schon des Feindes Land betreten hatte, gar keine Rede. Nicht wenig
+Aufsehen erregten die Bajonnetflinten, die bei diesem Zuge zum ersten Male
+in praktischen Gebrauch kommen sollten, und die Raketen, welche auf des
+Koenigs Wunsch die Englaender allabendlich steigen liessen, um die Galla
+durch den Feuerregen derselben zu schrecken.
+
+Frueh am Morgen erschallten die _Nugarits_ oder Trommeln, um die
+Mannschaften in den Sattel zu rufen, und in einer halben Stunde war die
+Armee, die mittlerweile auf 15,000 Mann angeschwollen war, wieder auf den
+Beinen. Das militaerische System Schoa's ist ein rein feudales, da jeder
+Gouverneur des Reiches im Verhaeltniss zu dem ihm unterstehenden Lande ein
+Kontingent zu stellen gezwungen ist. Ausser den Pferden, Waffen und
+Lebensmitteln erhalten die Soldaten nichts und nur 400 Garden des Koenigs
+bekommen Zahlung, naemlich 8 Amolen (Salzstuecken) im Jahre, etwa 18
+Groschen im Werthe, ausser der Bekoestigung, wie sie jeder koenigliche Sklave
+auch erhaelt. Dass in einer so zusammengesetzten Armee wenig Disziplin
+herrscht, laesst sich denken. Ohne Ruecksicht fuer die der Reife
+entgegengehende Ernte, die niedergetreten wurde, waelzte sich die Schar,
+einem Heuschreckenschwarme gleich, Alles vor sich aufzehrend, in
+suedwestlicher Richtung weiter, ohne dass die Einzelnen wussten, wohin der
+Raubzug eigentlich gehe, denn der Koenig bewahrte das Geheimniss seines
+Zieles so streng, dass nicht einmal seine hoeheren Offiziere davon
+unterrichtet waren.
+
+Nichts konnte einfoermiger sein als der Landstrich, den man zuerst
+durchzog. Weite, grasige, wellenfoermige, mit Feldern durchsetzte Ebenen,
+ohne einen einzigen Baum dehnten sich vor dem Heere aus. Verschiedene
+kleine Baeche und Fluesse, die dem Nile zustroemen, wurden ueberschritten, und
+Se. Maj., dem es zu viel wurde, immer zu reiten, wollte zur Abwechselung
+einmal gehen, stieg ab und liess sich ein paar Pantoffeln reichen, die aber
+bald im Kothe stecken blieben, sodass der Koenig schliesslich vorzog, gleich
+seinen Unterthanen barfuss einherzuschreiten. In der weiten, von Huegeln
+umschlossenen Ebene Abai Deggar wurde ploetzlich der Befehl ertheilt, das
+Lager aufzuschlagen und die Umgebung auszupluendern. Sogleich rueckten im
+vollen Galopp die Reiterbanden nach allen Richtungen aus, brannten die
+Doerfer nieder, zertraten das Getreide und trieben das Vieh ins Lager.
+Fortwaehrend herrschte die groesste Unordnung im Heere, das nur in losen
+Haufen, weit zerstreut marschirte, und so eher den Anblick einer
+geschlagenen als einer vordringenden Armee darbot. In ihren kurzen, weiten
+Beinkleidern, den Leib mit der langen Binde umwickelt, mit dem Leoparden-
+oder Loewenfell auf der Schulter, mit Speer und Schild bewaffnet, setzten
+die Reiter durch den schlammigen Boden, der auch des Nachts ihr einziges
+Lager war; viele blieben aber liegen und gingen an den Strapazen zu
+Grunde, da es in der Nacht gewoehnlich fror.
+
+An der 1200 Fuss hohen Gebirgskette _Garra Gorfu_ war endlich das Ziel
+erreicht. Langsam zog die Armee zum Ruecken der Berge hinauf, waehrend
+rechts und links Scharen abschwenkten, um den Feind zu umgehen. In einer
+Breite von vier bis fuenf und einer Laenge von etwa zwoelf Stunden bilden die
+mit Feldern bestandenen Garra-Gorfu-Berge eine Wasserscheide zwischen Nil
+und Hawasch; an ihnen wohnen die _Sertie-Galla_, die sich seit langer Zeit
+schon in offenem Aufstande gegen den Koenig befanden, d. h. sie hatten die
+verlangten Steuern nicht bezahlt und sogar eine zur Eintreibung derselben
+abgesandte Reiterschar von 800 Mann erschlagen. Jetzt nahte der Tag der
+Rache fuer den verweigerten Gehorsam.
+
+Gleich einem angeschwollenen Strome ergoss sich das Heer ueber die
+friedliche Landschaft, deren Bewohner nichts Boeses ahnten, und nun rueckten
+15,000 blutgierige Barbaren gegen sie heran. Ruhig bestellte noch der
+friedliche Landmann sein Feld, die Weiber gingen ihrer Beschaeftigung nach
+und auf den blumigen Wiesen weidete das Vieh. "Moege der Gott, welcher der
+Gott meiner Vaeter ist, uns staerken und verzeihen!" sprach wuthfunkelnden
+Blickes der christliche Koenig und gab damit das Zeichen zur Verwuestung.
+Dorf auf Dorf wurde niedergebrannt, bis die Luft durch den Rauch
+verfinstert war, der Speer des Kriegers durchsuchte jeden Busch nach
+Fluechtigen. Weiber und Kinder wurden in hoffnungslose Sklaverei abgefuehrt;
+alte und junge Maenner erbarmungslos erschlagen und die Herden
+weggetrieben. Jeder Krieger wollte es dem andern an Blutdurst und
+Grausamkeit noch zuvorthun. Ganze Familien wurden umringt und
+niedergespeert; Unglueckliche, die auf die offene Ebene sich fluechteten,
+gleich einem Wild verfolgt und zusammengehauen; drei- oder vierjaehrige
+Kinder, welche auf Baeume geklettert waren, herabgeschossen, wie man Voegel
+vom Baume schiesst. Nach Verlauf von zwei Stunden verliess das Heer wieder,
+mit Beute beladen, das verwuestete Thal. Da, wo die Staette eines
+friedlichen Ackerbaus gewesen, wo glueckliche Menschen gewohnt, hoerte man
+nur das Knistern der zusammenbrechenden, niedergebrannten Balken und das
+Schreien der Geier, die, vom Leichengeruch angelockt, aus weiter Ferne
+herbeigezogen kamen. Das ist der abessinische Krieg, so war er einst, so
+war er bis heute unter Theodoros: Ueberfall, Mord, Raub, Schlaechterei -
+selten eine offene Feldschlacht kennzeichnen ihn.
+
+Das Nachtlager der siegreichen Armee bot einen teuflischen Anblick dar.
+Ueberall flammten die Feuer, bluteten die geschlachteten Schafe, wieherten
+laut die Rosse, bruellten siegestrunken die Krieger oder weinten leise die
+gefangenen Gallamaedchen. Die Speere und Schilde der grimmigen Krieger,
+welche ihre Haende in das Blut unschuldiger Kinder getaucht hatten,
+funkelten durch die Nacht; erst allmaelig erstarb der wueste Laerm, und die
+Nacht deckte ihren dunklen Schleier ueber die barbarischen Scenen des
+Tages.
+
+Nach dieser blutigen Fehde hielt der Koenig seinen triumphirenden Einzug
+erst in Angollala, dann spaeter in der Landeshauptstadt Ankober, welche er
+seit der Ankunft der britischen Gesandtschaft in Schoa nicht besucht
+hatte. Erwartet von der gesammten Priesterschaft und den Einwohnern, von
+den koeniglichen Pauken und den Staats-Sonnenschirmen, seinen Kriegern,
+Generalen und der britischen Gesandtschaft geleitet, zog er in die
+jubelnde Stadt ein, deren Daecher, Palissadenzaeune und Strassen mit einer
+dichten Menschenmasse erfuellt waren. Der Laerm und die Musik dauerten so
+lange an, bis der Koenig und sein Gefolge den steilen, gewundenen Pfad zum
+Palaste hinaufgestiegen, die neun Thorwege passirt und im innersten
+Hofraume Platz genommen hatte. Hier liess sich Se. Maj. in einem erhoehten
+Alkoven, seinem Throne, nieder; dann ertoente wieder die grosse Pauke und
+dreihundert im Hofe sitzende Kebsweiber begannen in die Haende zu
+klatschen, waehrend eine Taenzerin vor dem Herrscher ihre Spruenge machte und
+ein selbst gedichtetes Lied zu dessen Lobe sang. Wenn sie einen Vers
+geendigt und z. B. gesagt, dass der Fuerst, der stets ueber seine Feinde
+triumphirt hatte, niemals seine koenigliche Stirn mit einem schoeneren
+Siegeskranze geschmueckt haette als gerade jetzt, wandte sie sich nach der
+Menge um. Mit lautem Geschrei fiel diese als Chorus in ihren Vers ein. Die
+Krieger heulten dann laut vor Freuden, die Grossen des Reichs, die
+Haeuptlinge, Gouverneure und Generale klatschten in die Haende und die vor
+dem Palaste versammelte Menge erwiderte mit lautem Jubelgeschrei diesen
+Siegesjubel, waehrend, um die Freude voll zu machen, die britischen
+Artilleristen ihr Geschuetz abbrannten.
+
+ [Illustration: Siegesfest in Ankober. Nach M. Bernatz.]
+
+Am Tage des Erzengels Michael, dessen Kirche unmittelbar neben dem Palaste
+steht, nahm um Mitternacht Sahela Selassie das heilige Abendmahl und
+stattete Gott ein Dankgebet fuer den errungenen Sieg ab. Die Bundeslade,
+die ihm im Kriege Glueck gebracht, wurde wieder in feierlicher Prozession
+an ihre alte Stelle in der Michaelskirche gesetzt und den Armen reichlich
+Almosen gespendet. So schloss das Siegesfest.
+
+Mit Erlaubniss des Koenigs unternahm die britische Gesandtschaft
+verschiedene Streifzuege durch das Land, namentlich in die noerdlichen
+Galladistrikte. Heimgekehrt nach Angollala kam sie ihrem Ziele, dem
+_Abschlusse eines Handelsvertrages_ mit Schoa, immer naeher, gegen den der
+Koenig sich anfangs sehr gestraeubt hatte. Die Artikel wurden sauber auf
+Pergament aufgesetzt und ein Tag zu dessen Unterzeichnung bestimmt.
+
+Zur bestimmten Stunde lagerte Se. Maj. im Alkoven, umgeben von den
+Wuerdentraegern seines Reiches. Das kuenstlerisch ausgestattete Dokument, auf
+dem die heilige Dreieinigkeit als Schoa's Wappen und das koeniglich
+englische Siegel angebracht waren, wurde vor Sahela Selassie in englischer
+und amharischer Sprache verlesen. Unter den 16 Artikeln befanden sich auch
+solche, welche eine foermliche Umwaelzung in vielen der bisher in Schoa
+geltenden Anschauungen hervorbrachten. So wurde das Recht der Krone, das
+Eigenthum fremder im Lande verstorbener Personen ohne Weiteres sich
+aneignen zu koennen, aufgehoben, viele Monopole beseitigt und den Fremden
+gestattet, wieder nach dem Besuche des Landes in ihre Heimat zurueckkehren
+zu duerfen, was vorher nicht der Fall war. Tekla Mariam, der koenigliche
+Notar, kniete mit dem aufgerollten Dokumente vor dem Lager Sahela
+Selassie's, dem er die Feder zum Unterschreiben der Stelle darreichte,
+welche lautet: "So geschehen und beschlossen zu Angollala, der
+Galla-Hauptstadt Schoa's, zum Zeichen dessen wir unsere Unterschrift und
+Siegel hier beisetzen, Sahela Selassie, Negus von Schoa, Ifat und der
+Galla." In Gegenwart hoher Beamten drueckte dann der Schreiber noch das
+koenigliche Siegel - ein Kreuz, um welches das Wort Jesus geschrieben ist -
+unter den Handelsvertrag, der dem Kapitaen Harris vom Koenige mit folgenden
+Worten eingehaendigt wurde: "Ihr habt mich mit koestlichen Geschenken
+erfreut. Das Gewand, welches ich trage, der Thron, auf dem ich sitze, die
+vielen Merkwuerdigkeiten in meinen Magazinen, die Flinten, welche in der
+grossen Halle haengen, sie stammen alle aus eurem Lande. Was kann ich euch
+dagegen bieten? Mein Koenigreich ist so viel wie Nichts."
+
+Kurze Zeit darauf wurde der Koenig, dessen Lebenswandel nicht der solideste
+war, wieder einmal sehr krank und liess die englischen Aerzte rufen, um ihn
+zu kuriren. Jammer und Elend mochten sein Herz erweichen und er fasste,
+gleichsam um die Vorsehung mit sich zu versoehnen, den Entschluss, alle
+seine maennlichen Verwandten, die er bisher im Staatsgefaengniss zu Gontscho
+bei Ankober gefangen hielt, zu befreien und auf diese Weise einen Damm zu
+durchbrechen, den eine barbarische Sitte seiner Vorfahren um den Thron
+errichtet hatte. Die Koenige von Schoa naemlich hatten, nach erlangter
+Unabhaengigkeit von den uebrigen Abessiniern, es zur Gewohnheit gemacht, dass
+Jeder von ihnen bei seiner Thronbesteigung alle seine Brueder in ein
+Staatsgefaengniss einsperrte, und nur die Schwestern, von denen keine
+Mitbewerbung um den Thron zu fuerchten war, behielten ihre Freiheit. Dass in
+einem despotischen Staate wie Schoa sich allerdings eine solche Massregel
+empfehlen konnte, geht aus der frueheren Regierungsgeschichte des Koenigs
+Sahela Selassie hervor, da einer seiner Brueder, der die Freiheit behalten
+und sich dem Klosterleben gewidmet hatte, selbst das Moenchsgewand dazu
+benutzte, um hier und da im Lande Revolutionen anzustiften. Die Koenige von
+Schoa nahmen bei jener barbarischen Sitte nur das Verfahren der
+sogenannten salomonischen Dynastie in Abessinien im Allgemeinen sich zum
+Muster, und erst im vorigen Jahrhundert wurde diese Sitte in Amhara und
+Tigrie abgeschafft. _Seitdem herrschte aber dort auch bestaendiger
+Buergerkrieg._
+
+Das war das letzte bemerkenswerthe Ereigniss, welches die britische
+Gesandtschaft waehrend ihres Aufenthaltes in Schoa niederzuschreiben hatte,
+denn bald darauf erfolgte ihre Abberufung.
+
+Durch einen in England eingetretenen Ministerwechsel war die Gesandtschaft
+in Schoa unfreundlich beruehrt worden, indem die neue Tory-Regierung einer
+Fortsetzung der Verbindung mit Schoa unguenstig war und die Gesandtschaft
+zurueckberief. Kapitaen Harris hatte jedoch sich gegen die Zurueckberufung
+gestraeubt und sich angeboten, ohne seinen Gehalt als Gesandter mit seiner
+blossen Pension als Kapitaen der Artillerie in Ankober zu bleiben. Da keine
+Antwort hierauf eintraf und die Gesandtschaft an allen Mitteln Mangel
+litt, musste Kapitaen Harris sich endlich im Februar 1843, nachdem er 18
+Monate in Schoa verweilt, zur Umkehr entschliessen. Erst in der
+Grenzstation Farri erhielt er von der Regierung in Bombay Gegenbefehl;
+allein es war nun zu spaet, da keiner ausser Harris selbst Lust zur Umkehr
+spuerte. In Erwiederung auf jene glaenzenden Gaben, die der Koenig von Schoa
+von England erhalten, schickte dieser nun der Koenigin Viktoria ein
+huebsches Maulthier, einige naturhistorische Merkwuerdigkeiten und einige
+Gold- und Silberarbeiten als Industrieerzeugnisse seines Landes zu
+Gegengeschenken. Auf Verlangen der Gesandtschaft hatte Sahela Selassie
+derselben auch zwei seiner Soldaten als Boten mitgegeben, um die
+freundschaftlichen Gesinnungen, die man von ihm erwartete, der britischen
+Regierung auszudruecken.
+
+Noch einige Jahre lebte Sahela Selassie, dessen Ruf durch verschiedene
+Reisende durch ganz Europa drang; dann segnete er das Zeitliche und
+erhielt in Hailu Melekot einen weit weniger energischen Nachfolger. Nicht
+allein, dass die Galla gegen diesen mit erneuerter Macht auftraten und
+seinen Thron erschuetterten - sondern die Selbstaendigkeit Schoa's ging
+unter ihm zeitweilig verloren, indem im Jahre 1856 die neu aufgegangene
+Sonne, Theodoros II., den Staat mit Gesammtabessinien vereinigte. Erst als
+dieser in den Krieg mit England verwickelt wurde, gelang es dem Enkel
+Sahela Selassie's, dem jungen Menilek, seine Krone wieder zu erlangen. Der
+folgende Abschnitt, welcher die so merkwuerdige neueste Geschichtsepoche
+Abessiniens behandelt, giebt darueber Auskunft.
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Suedwestfront des Gemp in Gondar. Nach einer
+ Originalzeichnung von E. Zander.]
+
+
+
+
+
+ THEODOROS II., NEGUS VON AETHIOPIEN.
+
+
+ Bewegte Jugend. - Der Emporkoemmling. - Schlacht von Debela und
+ Koenigskroenung. - Rebellenkriege. - Reformen. - Abessinische Heere
+ und Kriegspraxis. - Verwicklungen mit den Missionaeren. -
+ Gefangennahme Cameron's und Streitigkeiten mit England. - Magdala.
+ - Beginn der englischen Invasion. - Erstuermung von Magdala und Tod
+ Theodor's. - Rueckzug der Englaender.
+
+
+Im aeussersten Westen Abessiniens, angrenzend an das den Aegyptern
+unterthane Gebiet, liegt die Provinz _Koara_, bekannt durch die besondere
+Sprache, welche, abweichend von derjenigen des uebrigen Landes, ihre
+Bewohner reden. Dort sowol als in dem benachbarten Fuerstenthum Sana
+regierte seit alten Zeiten eine adlige Familie, die im Beginn dieses
+Jahrhunderts durch den Detschas Hailu Mariam repraesentirt wurde. Seine
+Frau, die sich ruehmen konnte, aus noch vornehmerem Geschlechte
+abzustammen, da sie mit der "salomonischen Dynastie" verwandt war, gebar
+ihm im Jahre 1820 einen Sohn, der _Kasa_ genannt wurde. Gewiss war es dem
+Knaben, der spaeter den Namen Theodor II. fuehrte, nicht an der Wiege
+gesungen, dass er einst ueber ganz Aethiopien als Negus herrschen und seine
+Widersacher niederwerfen werde; denn obgleich aus herzoglichem Geschlecht,
+bezeichneten seine fruehesten Jahre doch das Elend und die Noth. Beim Tode
+seines Vaters theilten die Verwandten das Erbtheil Kasa's unter sich und
+zwangen die aus koeniglichem Blute entsprossene Mutter, sich durch den
+Verkauf von Heiltraenkchen und Kusso (dem Mittel gegen den Bandwurm) zu
+ernaehren. Der Knabe aber fand im Kloster Tschankar am Tanasee, suedlich von
+Gondar, Aufnahme, um sich dort zum Debtera heranzubilden. Dass er dort den
+Studien fleissig obgelegen und erlernt hatte, was man in Abessinien
+erlernen kann, dafuer zeugt seine spaetere Laufbahn, in welche der arme
+Student der Gottesgelahrtheit durch einen Zufall hineingefuehrt wurde. Es
+war zu Anfang der vierziger Jahre, als wieder einmal ein Rebell die
+Provinz Dembea heimsuchte und sengend und brennend von Ort zu Ort zog.
+Auch das Kloster Tschankar wurde ueberfallen und dort ein Blutbad
+angerichtet, dem der junge Kasa nur mit Muehe entkam. Mit einem Haufen
+Abenteurer durch das Land ziehend, fuehrte er ein Raeuberleben und schwang
+sich bald zum Befehlshaber derselben empor. Durch glueckliche Erfolge kuehn
+gemacht, beschloss er, sich eine Provinz zu erobern, und fiel zunaechst ueber
+Dembea her, wo damals die kluge und grausame Fuerstin _Menene_, die Mutter
+des Ras Ali, herrschte. An der Spitze ihrer Truppen stellte sich die
+beherzte Frau dem jungen Rebellen entgegen; doch das Schicksal entschied
+gegen sie. Geschlagen wusste sie doch dem Unheil noch die beste Seite
+abzugewinnen und den Kasa an sich zu fesseln, indem sie ihm ihre Enkelin
+_Tsubedsche_, die Tochter des Ras Ali, zur Frau gab. Dem Muthigen hilft
+das Glueck! dachte Kasa, in dessen Kopf nun grossartige Plaene sich zu
+entwickeln begannen; die Aegypter hatten Galabat erobert und gegen die
+Hauptstadt dieser Provinz, Metemme, richtete er nun seinen ersten Angriff.
+Es war gerade Markttag, als er heranrueckte und mit seinen Gefaehrten den
+Ort ueberfiel, auspluenderte und mit grosser Beute sich zurueckzog. Indessen
+die Rache folgte auf dem Fusse. Kasa gerieth am Flusse Rahad zwischen zwei
+Compagnien regulaerer aegyptischer Infanterie und wurde gruendlich
+geschlagen. Seine Bande zerstreute sich und er selbst fluechtete mit einer
+Kugel in der Schulter in das Innere des Landes. Von Allen verlassen,
+huelflos und ohne die geringsten Mittel wandte er sich nun an die Fuerstin
+Menene; allein diese wies ihn spoettisch zurueck und ihr General, der
+Detschas Underad, wagte es sogar, ihn wegen seiner Herkunft als Sohn einer
+Kussoverkaeuferin zu verspotten. Da ergrimmte Kasa, sammelte Anhaenger und
+schlug Menene sammt ihrem General, die gefangen wurden. Als man sie vor
+ihn fuehrte, redete er sie folgendermassen an: "Liebe Leute! Wie ihr ganz
+richtig bemerkt habt, bin ich der Sohn einer Kussoverkaeuferin und ihr
+erinnert mich, dass meine Mutter heute noch Nichts abgesetzt hat. Macht
+diesen Fehler gut und trinkt gefaelligst diese Flasche aus." Und damit
+zwang er sie, das abscheulich schmeckende, kraeftig wirkende
+Abfuehrungsmittel zu verschlucken.
+
+Nun war Kasa Herr von Dembea und Gondar, wo sein Einfluss von Tag zu Tag
+wuchs. Als darauf, um ihn niederzuwerfen, sein eigener Schwiegervater, Ras
+Ali, gegen ihn auszog, wurde auch dieser besiegt und musste 1852 nach Debra
+Tabor, spaeter zu den Galla fliehen. Kaum war dieser aus dem Felde
+geschlagen, so rueckte der Detschasmatsch _Goschu_ aus Godscham gegen Kasa
+vor, um den Emporkoemmling zu zuechtigen. Wieder wandte sich das Geschick
+und Kasa, an den Ufern des Tanasees geschlagen, fluechtete in ein Maisfeld.
+Ihm nach sprengte Goschu, laut ausrufend: "Wer faengt mir diesen Vagabunden
+ein?" Kaum hatte er die Worte gesprochen, als ein wohlgezielter Schuss
+Kasa's ihn niederstreckte, der nun, aus seinem Verstecke hervorspringend,
+Goschu's Truppen zurief: "Schaut, euer Fuerst ist hin, und ihr seid Hunde,
+was wollt ihr machen?" Entmuthigt durch den Tod ihres Fuehrers streckten
+die meisten die Waffen und der Rest fiel unter dem Schwerte der wieder
+gesammelten Truppen Kasa's. Mit dem Falle dieses letzten Haeuptlings hatte
+Kasa das ganze centrale Abessinien sich unterworfen und nur noch Schoa und
+Tigrie waren unbesiegt. In ersterem Staate herrschte unabhaengig _Hailu
+Melekot_, der Sohn Sahela Selassie's, in letzterem der alte _Ubie_. Der
+naechste, welchen das Schicksal betreffen sollte, war Ubie, doch musste Kasa
+mit diesem alten schlauen Greise anders zu Werke gehen, als mit den
+uebrigen Gegnern. In Adoa, Ubie's Hauptstadt, spielten damals die
+katholischen Missionaere, namentlich de Jacobis, eine grosse Rolle, welche
+den alten Ubie ganz fuer sich eingenommen hatten und ihm Frankreichs Schutz
+zusagten, waehrend sie den Abuna Abba Salama zu verdraengen suchten. Hierauf
+baute Kasa seinen Plan. Um den Kirchenfuersten, der durch die Katholiken
+seine Macht immer mehr geschmaelert sah, auf seiner Seite zu haben, liess er
+ihn von Adoa nach Gondar kommen und versprach ihm, wenn er ihn zum Koenige
+kroenen wolle, die Katholiken zu vertreiben. Der Vertrag wurde geschlossen,
+die Katholiken zuerst aus Amhara verjagt und Ubie aufgefordert, sich zu
+unterwerfen und Tribut zu bezahlen. Allein dieser, der 25 Jahre lang im
+Schosse des Gluecks gesessen und an sein Ende nicht glauben mochte, liess es
+auf eine Entscheidung durch die Waffen ankommen.
+
+Gross und bedeutend waren die Vorbereitungen, die von beiden Seiten zum
+Feldzuge getroffen wurden, denn der Tag, welcher ueber Abessiniens Zukunft
+entscheiden sollte, war gekommen.
+
+Ueber die Hochebene von Woggara rueckte im Januar 1855 das Heer des
+Emporkoemmlings nach Semien vor; ihm entgegen zog von der Enderta her der
+alte Ubie. Immer hoeher winden sich die Truppen in die Alpenpaesse hinauf,
+immer schneidender wird die Luft dort oben und der Schnee laesst seine
+weissen Flocken auf die braunen, leichtgekleideten Krieger herniederfallen,
+die in gedeckter Stellung am Fusse des maechtigen Bachit sich treffen und
+zoegernd einander beobachten. Hier das Alter, die Erfahrung und eine
+erprobte Macht; dort die Jugend, die Thatkraft und die Siegesgewissheit,
+welche rasche Erfolge und Glueck verliehen haben. Schon zaudert man
+wochenlang - da bricht mit einem Male - es war am 9. Februar - Ubie mit
+seiner gesammten Streitmacht auf. Beim Dorfe _Debela_ kommt es zur
+entscheidenden Schlacht, in der Ubie's Heer vernichtet, er selbst
+gefangen, einer seiner Soehne getoedtet wurde. 7000 Flinten und zwei vom
+Koenige Ludwig Philipp geschenkte Kanonen nebst einem Schatz von 60,000
+Thalern fielen mit der kurz darauf folgenden Einnahme der Festung Amba Hai
+in die Haende des gluecklichen Kasa, der nun am Ziele seiner Wuensche
+angelangt war.
+
+Nicht fern von der Wahlstatt steht die von unserm Landsmann Eduard Zander
+erbaute Kirche _Debr Eskie_. Dorthin begab sich schon zwei Tage nach der
+Schlacht, umringt von seinen Generalen und gefuehrt vom Abuna, der
+siegreiche Sohn der armen Kussohaendlerin. Sein Stern war glaenzend
+aufgegangen und dem gluecklichen Krieger fuhr der Gedanke durch die Seele,
+dass er berufen sei, das grosse aethiopische Reich wieder aufzurichten. Er
+glaubte sich zu hohen Dingen auserkoren. Ging doch unter den abessinischen
+Christen die alte Sage, es werde einst ein Kaiser _Tadros_ (Theodoros)
+erstehen, um den Glanz Aethiopiens wieder herzustellen, das Land gross, das
+Volk frei und gluecklich zu machen; er sei vom Himmel dazu bestimmt, die
+Muhamedaner zu ueberwaeltigen und Mekka sammt Medina zu zerstoeren. Daran
+anknuepfend, liess sich nun Kasa vom Abuna Salama in der Kirche zu Debr
+Eskie am 11. Februar 1855 zum Negus ueber Aethiopien kroenen, wobei er den
+Thronnamen Theodor II. annahm. De Jacobis und die Katholiken mussten nun
+unter Androhung der Todesstrafe schleunig das Land raeumen.
+
+Nachdem Theodor nothduerftig durch Einsetzung eines Statthalters sein
+Ansehen in dem noch keineswegs ganz unterworfenen Tigrie hergestellt,
+beschloss er, zunaechst Schoa zu unterjochen, wozu theologische
+Spitzfindigkeiten, naemlich die Frage von den zwei oder drei Geburten
+Christi (vergl. S. 112) den Vorwand hergeben mussten. Durch Wollo-Galla zog
+er auf Schoa zu, dessen schwacher Koenig, _Hailu Melekot_, an einem
+entscheidenden Tage die Krone verlor und bald darauf starb. Nachdem noch
+die Provinz Godscham von Rebellen gesaeubert war, hielt der siegreiche
+Fuerst im Mai 1856 seinen feierlichen Einzug in die alte Kaiserburg zu
+Gondar. Nominell reichte jetzt sein Land, das den Kern des alten
+aethiopischen Reichs umfasste, vom Hawaschflusse bis zur Samhara. Aber es
+haette nicht Abessinien heissen muessen, um Ruhe zu haben: von allen Seiten
+regte es sich, um den Koenig wieder niederzuwerfen, und der Buergerkrieg
+brach mit seiner ganzen Wuth von Neuem in Tigrie aus.
+
+Ein Neffe des entthronten Ubie, _Agau Negusi_, setzte sich im
+nordwestlichen Tigrie fest und vertrieb den Statthalter Theodor's. Negusi
+war ein gutmuethiger, loewenherziger Juengling, dem es nur an festem Willen
+fehlte. Fuenf Jahre lang war er Herrscher ueber Tigrie an der Spitze einer
+glaenzenden Armee, weil Theodor von Ahmed Beschir, der sich an die Spitze
+der raeuberischen Galla gestellt, nicht loskommen konnte. Unterdessen
+knuepfte Negusi mit Frankreich Verbindungen an, stand in naechster Beziehung
+zu den franzoesischen Agenten in Massaua und zu dem Bischof de Jacobis,
+welchem, wie wir gesehen haben, das Betreten des abessinischen
+Territoriums bei Todesstrafe verboten war. Ein Brief Negusi's an Herrn von
+Lesseps, in welchem er anbietet, sich Frankreich unterwerfen zu wollen,
+wurde in Massaua verfasst, und Negusi soll kaum soviel Kunde davon gehabt
+haben, als von der Abschickung einer Gesandtschaft nach Frankreich, durch
+welche den Franzosen unter der Bedingung, dass sie ihn beim Umsturz der
+jetzigen Dynastie beguenstigen wollten, die Bai von Adulis und die Insel
+Dessi geschenkt wurden. Ein Kapitaen Russel mit einigem Gefolge wurde
+sofort von Paris nach Massaua geschickt, um mit dem "Empereur Negousi" zu
+verhandeln, der stuendlich auf die versprochenen franzoesischen Huelfstruppen
+sammt Waffen wartete. Diese erschienen jedoch nicht. Nachdem Russel's
+Ankunft bekannt geworden, ging er nach Halai, dem Grenzorte zwischen
+Abessinien und dem Kuestenlande, wo Jacobis seit seiner Vertreibung wohnte.
+Allein die Anhaenger Theodor's setzten ihn, da mittlerweile Negusi
+geschlagen war, gefangen, und nur auf Jacobis' Garantie wurde er
+freigelassen, allein unter der Bedingung, dass er dessen Haus nicht
+verlasse. Doch Russel entfloh in der Nacht des 5. Februar 1860, wodurch
+Jacobis in grosse Verlegenheiten gerieth. Dieser blieb einen Monat in
+schmaehlicher Gefangenschaft, musste ein Loesegeld bezahlen und starb kurz
+nach seiner Rueckkehr nach Massaua infolge der Strapazen. Damit hatte die
+glaenzende franzoesische Intervention ihr Ende.
+
+Der Untergang und Fall Negusi's selbst war ein hoechst tragischer. Als
+Theodoros Zeit fand, nach Tigrie zurueckzukehren, entzog sich Anfangs
+Negusi durch eine kuehn ausgefuehrte Bewegung seiner Verfolgung; er nahm den
+Rueckzug, weil er wusste, dass seine Soldaten sich nie gegen Theodoros
+schlagen wuerden. Im folgenden Jahre, 1861, kam der Koenig abermals ueber den
+Takazzie und diesmal erwartete ihn Negusi mit einem an Tuechtigkeit
+ueberlegenen Heere; er erklaerte als ein guter Ritter auf seinem Rosse
+siegen oder sterben zu wollen. Aber sein Heer, das fuenf Jahre mit ihm
+gezecht hatte, liess ihn im Stich. Ein panischer Schrecken ging durch das
+Lager; Theodor erliess eine Proklamation, worin er jedem Soldaten Pardon
+anbot. Auf dieses hin zerstreute sich das Heer und Negusi wurde sammt
+seinem Bruder Tesama auf der Flucht gefangen genommen. Theodoros liess sie
+vorfuehren und beiden die linke Hand und den rechten Fuss abhauen, und um
+die Schmerzen noch qualvoller zu machen, verbot er, ihren brennenden Durst
+zu loeschen. Tesama starb noch an demselben Tage. Negusi lebte bis zum
+dritten Tage und man machte seinen Leiden durch einen Lanzenstich ein
+Ende. Die Kirchen stroemten vom Blute der Hingerichteten und als eine
+Deputation der Geistlichen in Axum vor Theodor erschien, aeusserte dieser:
+"Ich habe einen Bund mit Gott abgeschlossen, er hat versprochen mich auf
+Erden nicht zu schlagen; ich dagegen habe gelobt, nicht in den Himmel zu
+steigen und ihn zu bekaempfen!"
+
+Nachfolger Negusi's als Gegenkoenig und Rebell wurde ein gewisser _Marit_,
+der jedoch im Oktober 1861 durch den _alter ego_ des Kaisers Theodor, den
+Detschas Salu von Tigrie gefangen und in Ketten gelegt wurde. Die Waffen
+erhielten diese Rebellen durch einige Oesterreicher ueber Aegypten und
+Massaua.
+
+Doch diese ganze Empoerung ist ein gewoehnliches Stueck abessinischer
+Geschichte, wobei nur die dem Negusi zugeschriebene Bedeutung auffaellt,
+waehrend dieses doch nicht der Mann war, um einem Theodor, dessen Namen
+allein ein Heer in die Flucht jagte, gegenueber gestellt werden zu duerfen.
+Von grosser Wichtigkeit und erheblichen Folgen wurden jedoch einige
+Episoden dieses Empoerungskrieges, der Theodor seiner besten europaeischen
+Freunde beraubte.
+
+Kurz vor dem Emporkommen Theodor's errichtete die britische Regierung ein
+Konsulat in Massaua, und um den Verkehr mit Abessinien in regelrechten
+Gang zu bringen, knuepfte der Konsul _Walther Plowden_ freundschaftliche
+Beziehungen mit dem mittlerweile ans Ruder gelangten Theodoros an, wodurch
+er hoch in des neuen Herrschers Gunst stieg. Er begab sich an seinen Hof
+und trug dazu bei, Theodor's Vorliebe fuer europaeische Sitten und
+europaeisch aussehende Reformen zu naehren. Auf vielen seiner zahllosen
+Kriegszuege begleitete ihn der englische Konsul ebenso getreu, wie auf
+seinen Jagdzuegen und bewies sich, sehr verschieden von der reservirten
+Haltung britischer Diplomaten an anderen Hoefen, als der waermste und
+thaetigste Parteigaenger des Koenigs. Fuenf Jahre lang war er der intimste
+Freund Theodor's, bis ihn, zum Schmerze des Fuersten, im Beginne des Jahres
+1860 die Kugel eines aufstaendischen Soldaten, der dem Rebellencorps der
+Gebrueder Garet angehoerte, niederstreckte. Noch naeher ging dem Koenige der
+Tod des Irlaenders _John Bell_, der ein Jaegerleben am Blauen Nil gefuehrt
+und eine schwaermerische Zuneigung zu Theodor gefasst hatte, sodass er gleich
+einem Hunde des Nachts vor dessen Zeltthuer schlief. Gern hoerte ihn der
+Fuerst ueber das Finanzwesen und die Regierungsform der verschiedenen
+europaeischen Staaten sprechen, um Lehren fuer sich daraus zu ziehen. Bell
+wurde zum Likamankuas, d. h. zum Traeger des koeniglichen Kleides in der
+Schlacht gemacht, eine Ehre, die nur vier Offizieren widerfaehrt, die sich
+ganz wie der Koenig kleiden muessen, damit der Feind den wirklichen Koenig
+nicht unterscheiden koenne. Bei der Verfolgung der Rebellen, welche Plowden
+ermordet hatten, befand sich auch Bell an der Seite Theodor's, der die
+feindlichen Gebrueder Garet in der Naehe von _Dobarek_, da, wo die
+Hochebenen von Wogara sich an Semien anschliessen, einholte.
+
+Garet, der sich auf keine andere Weise zu retten wusste, rief seinen Bruder
+und einige Begleiter zu sich und ritt in gestrecktem Galopp auf Theodor
+zu, der von Bell und einigen Offizieren umgeben, der Truppe vorausgeeilt
+war. Als Garet sich in Schussweite befand, hielt er an, zielte und feuerte.
+Der Negus wurde unbedeutend an der Schulter verwundet. In diesem
+Augenblick gab Bell Feuer und jagte dem verwegenen Garet eine Kugel durch
+den Kopf, erhielt aber gleichzeitig einen Lanzenstich durch die Lunge,
+infolge dessen er todt zusammenbrach. Nun gab auch Theodor Feuer und
+streckte den juengeren Garet nieder. Die Wuth und der Schmerz des Koenigs
+ueber den Verlust seines getreuen Dieners ueberstieg alle Grenzen und
+Garet's ganzes gegen 1700 Mann starkes Corps, das sofort die Waffen
+streckte, wurde enthauptet. Der Reisende, der heute ueber die Ebene von
+Wogara bei Dobarek zieht, sieht dort das Feld noch weit und breit mit
+Menschengebeinen uebersaet, den Zeugnissen der schauderhaften Rache, welche
+Theodor an den Moerdern seines Lieblings genommen (vergl. oben S. 203). Und
+doch war dieser Akt noch weit weniger grausam, als die frueher uebliche
+Bestrafung der Kriegsgefangenen, die man entmannte. Hochverraether wurden
+nach Isenberg's Zeugniss frueher oeffentlich bei lebendem Leibe geschunden,
+das Fleisch dann in kleine Stuecken zerhackt und den Hunden vorgeworfen;
+die Haut aber gerbte man und machte Trommelfelle daraus. Alle diese
+barbarischen Strafen schaffte Theodoros Anfangs ab, aber die fortwaehrenden
+Unruhen zwangen ihn, spaeter wieder darauf zurueckzukommen, und das Blut
+floss auch unter Theodor in Stroemen.
+
+Die inneren Feinde waren so allmaelig niedergeworfen, dafuer trat jedoch von
+aussen ein weit maechtigerer Widersacher, _England_, auf. Ehe wir jedoch
+hierzu uebergehen, ist es nothwendig, noch einen Blick auf Charakter und
+Persoenlichkeit, wie auf die reformatorischen Bestrebungen des Negus zu
+werfen, der jedenfalls _ein ganz bedeutender Mensch_ in seiner Weise war,
+eine seltene und grossartige Erscheinung in Abessinien, die allerdings mit
+europaeischem Massstabe nicht gemessen werden darf.
+
+"Theodoros", so schrieb 1862 Lejean, "mag etwa 46 Jahre alt sein. Er ist
+von mittlerem Wuchs und wohlgestaltet, hat einen offenen sympathischen
+Gesichtsausdruck, gut entwickelte Stirn, kleine, lebhafte Augen und eine
+fast schwarze Gesichtsfarbe. Nase und Kinn erinnern an den juedischen
+Typus. Er ist aus Koara gebuertig und ich halte ihn fuer einen Agow oder
+Gamanten; fuer einen Aethiopier von reinem Blute ist Theodoros zu
+dunkelfarbig. Seine aeussere Erscheinung imponirt, sie zeigt, dass er in der
+That ein Mann von grosser geistiger Regsamkeit und unermuedlicher
+Kraftentwicklung ist, und er bildet sich auch hierauf etwas ein. Er
+vertreibt sich gern die Zeit damit, an steilen Huegeln herab- und
+heraufzuklimmen und dann erfordert die Etikette, dass seine Umgebung ein
+Gleiches thue. Auf dem Pferde bewegt er sich wie ein argentinischer Gaucho
+und seine Rosse zittern buchstaeblich, wenn sie ihn kommen sehen. Sein
+Kriegsruf ist wie bei allen abessinischen Haeuptlingen: Abba Senghia, d. h.
+Vater der Pferde. Fuer gewoehnlich traegt er sich hoechst nachlaessig; als
+tuechtiger Soldat verachtet er ein geschniegeltes Wesen, kleidet sich wie
+ein gewoehnlicher Offizier, Kopf und Fuesse sind unbedeckt. Aber auf einen
+Schmuck der Krieger legt er Werth; er laesst das Haar in drei lange Flechten
+legen, welche auf die Schulter herabfallen, und traegt ein weisses
+Stirnband." Ausgenommen seine erste Frau, Tsubedsche, hat nie ein Weib
+Einfluss auf sein Leben gehabt. Diese aber, die Tochter seines Widersachers
+Ras Ali, liebte er leidenschaftlich, und als er sie im Jahre 1858 verlor,
+war er kaum zu troesten. Ganz anders ging es seiner zweiten Frau,
+_Toronesch_, einer Tochter Ubie's, die er geheirathet, um sich mit der
+Familie dieses einst maechtigen Fuersten auszusoehnen. Er verstiess sie
+einmal, und Bell, der interveniren wollte, um Skandal zu verhueten, erhielt
+eine gehoerige Ohrfeige. Der Fortbestand seiner Dynastie lag dem Koenig
+Theodoros nicht minder am Herzen als einem europaeischen Fuersten, und er
+behauptete, dass wenigstens einer seiner Soehne ans Ruder kommen muesse,
+"denn die Propheten haetten nicht gelogen". Sein aelterer Sohn, von der
+Tsubedsche, war ein durchaus verkommener, missrathener Mensch, den der
+Vater eines schoenen Tages in einen Eselstall sperren liess, damit er dort
+"_en famille_" sei. Der zweite jedoch, Detschas _Maschescha_, wurde 1862
+zum Gouverneur von Dembea ernannt, wo er sich durch sein mildes Wesen so
+beliebt machte, dass Theodor es fuer gerathen hielt, ihn abzuberufen. "Was
+soll dies Buhlen um die Volksgunst? fragte er ihn. Willst du die Rolle des
+Absalon spielen und den Vater vom Throne verdraengen?"
+
+Das Auftreten Theodor's war meist theatralisch oder, wie die Abessinier
+sagen, fakerer, d. h. ruhmredig. Gesten und Stimme waren berechnet und
+Niemand wusste besser als er den Praesidentensitz bei einer Versammlung
+auszufuellen. Seine brillante Beredtsamkeit verfehlte selten ihr Ziel und
+seine Briefe sind Muster der amharischen Sprache. Die halb kloesterliche
+Erziehung, die er in Tschankar erhalten, hatte noch Spuren hinterlassen,
+und so galt der Koenig fuer einen sehr gebildeten Mann. Er war in der
+Nationalliteratur bewandert und kannte die europaeischen Zustaende. Als
+Probe seines Stils moege folgende von ihm eigenhaendig niedergeschriebene
+Proklamation gelten: "Von Menilek bis auf die juengste Zeit herab sind alle
+Negus dieses Landes nur Histrionen gewesen, welche Gott weder um Geist
+noch um Beistand baten, das Reich wieder aufzurichten. Als Gott mich,
+seinen Diener, zum Koenige erwaehlte, sagten meine Landsleute: Der Fluss ist
+ausgetrocknet, es giebt kein Wasser mehr in seinem Bett. Und sie
+beleidigten mich, weil meine Mutter arm war und nannten mich ein
+Bettlerkind. Aber den Ruhm meines Vaters, den kennen die Tuerken, da er sie
+von den Landesgrenzen bis in ihre Staedte zurueckgejagt. Mein Vater und
+meine Mutter stammen von David und Salomo, ja von Abraham, dem Knechte
+Gottes, ab. Diejenigen aber, welche mich Bettlerkind schimpften, sie
+betteln heute selbst um ihr taegliches Brot. Ohne den Willen Gottes koennen
+weder Kraft noch Weisheit vor dem Untergange schuetzen. Viele Grosse dieser
+Erde haben Bomben und Kanonen im Ueberflusse und sind doch unterlegen.
+Napoleon hatte tausende und er ist besiegt worden. Nikolaus, der Negus der
+Moskowiter, ist von Franzosen und Tuerken besiegt worden; er starb, ohne
+dass seines Herzens Wunsch in Erfuellung ging."
+
+Von der europaeischen Civilisation hatte Theodor eine hohe Meinung, von der
+Moral der Europaeer jedoch nur eine sehr geringe, was auch nicht gut anders
+der Fall sein konnte, da die meisten Europaeer, mit denen er zu verkehren
+hatte, verdorbenes, hochmuethiges Gesindel waren. So wild der Koenig auch im
+Kriege war, an sanfteren Regungen fehlte es ihm keineswegs. Er nahm sich
+der Waisen an, sorgte fuer sie durchs ganze Leben, verheirathete sie und
+liess sie niemals aus dem Auge. Er liebte die Kinder ausserordentlich und
+kehrte sich, wie er sagte, von den falschen Hoeflingen ab, um sich an der
+Unschuld jener zu weiden. Dabei war er freigebig im hoechsten Grade,
+grossmuethig und gerecht, aber auch unerbittlich streng, wo es darauf ankam.
+"Ich selbst war Zeuge," schreibt Krapf 1856, "wie schon Nachts 2 Uhr
+Scharen von Beschwerde fuehrenden Leuten aus allen Theilen Abessiniens das
+koenigliche Lager umstanden und Dschan hoi! (o Majestaet) riefen. Ich glaube
+kein Koenig in der Welt thut es ihm in dieser Beziehung gleich, und musste
+mich nur wundern, wenn er es bei einer solchen angestrengten Thaetigkeit
+bei Tag und Nacht, in Sachen des Kriegs sowol, wie des Friedens aushalten
+kann. Die Abessinier haben ihn aber auch bereits so lieb, dass sie ihn mit
+dem Koenig David im alten Bunde vergleichen, und sie glauben, dass die alte
+Weissagung, wonach ein Koenig Theodorus kommen und Abessinien gross und
+gluecklich machen, auch Mekka und Medina zerstoeren werde, sich zu erfuellen
+anfange."
+
+Obgleich der Negus sein eigenes Volk verachtete und dessen Fehler recht
+wohl kannte, so hat er nichtsdestoweniger redlich an der Verbesserung der
+Lage desselben zu arbeiten versucht und, soweit den eingewurzelten
+Missbraeuchen gegenueber seine Kraft reichte, eine reformatorische Thaetigkeit
+entwickelt, die allerdings durch die fortdauernden Rebellionen auf grosse
+Hindernisse stossen musste. Durch die lange Anarchie waren alle Gesetze nur
+todte Buchstaben geworden und die Kirche in die groessten Missbraeuche
+gerathen. Alle ueblen Folgen der todten Hand lasteten auf den Bauern und
+Besitzern der Kirchengueter. Gegen diese Missbraeuche trat nun Theodor mit
+eisernem Willen auf; er erklaerte die todte Hand als ein nationales Uebel
+und annektirte alle Kirchengueter der Krone, indem er der Geistlichkeit ein
+gewisses Einkommen und den Kloestern genug Land liess, um sich zu ernaehren.
+Auf die Einheit der Kirche hielt er dabei grosse Stuecke; doch war er
+Fanatiker und befahl allen Muhamedanern in seinem Reiche, binnen zwei
+Jahren Christen zu werden. Mit den Missionaeren, protestantischen wie
+katholischen, die sich doch in die politischen Verhaeltnisse mischten,
+wollte er nichts zu thun haben - er untersagte ihnen jegliche Thaetigkeit.
+Den Handel zu heben, hatte Theodor gleich nach seinem Regierungsantritte
+alle die unzaehligen Zollstaetten von Gondar bis nach Halai aufgehoben, zwei
+Plaetze ausgenommen. Auch der Sklavenhandel und die Vielweiberei wurden
+verboten, freilich ohne grossen praktischen Erfolg. Sein Hauptplan war aber
+immer, das grosse aethiopische Reich phoenixartig aus der modernden Asche
+wieder erstehen zu lassen. Hierzu brauchte er die Huelfe der Europaeer, und
+darum verlangte er nach jenen Handwerkern, die ihm auch durch Krapf's
+Vermittlung zugeschickt wurden. Jedenfalls war ueberall ein Fortschritt,
+auch in der Justiz zu erkennen, sodass 1862 Heuglin aus Abessinien in die
+Heimat schreiben konnte:
+
+"Die Zustaende in Abessinien im Allgemeinen lassen Manches zu wuenschen
+uebrig. Der Koenig stoesst auf tausend Schwierigkeiten bei Einfuehrung seiner
+Reformen und muss mit eiserner Strenge verfahren, um nur einigermassen
+Ordnung erhalten zu koennen, doch ist trotzdem, dass ihm seine Kriegszuege
+keine Zeit lassen, viel fuer Administration zu thun, auch manches sehr
+Erfreuliche hier geschehen. Namentlich ist fuer bessere Kommunikation
+wirklich mit Erfolg an Strassenbauten gearbeitet und dem Schreiber- und
+Pfaffenunwesen mit einer Kraft Einhalt gethan worden, an der sich mancher
+andere Herrscher ein Exempel nehmen duerfte."
+
+Soviel wie Theodor hatte vor ihm kein abessinischer Herrscher fuer Land und
+Volk gethan, keiner war aber auch mit so ausserordentlichen Gaben des
+Geistes ausgeruestet, wie dieser bedeutende Mann, an dem andererseits
+Jaehzorn und Trunksucht sehr zu beklagen sind, da beide ihn oft zu
+gewaltsamen, unueberlegten Handlungen hinrissen. Wild und grausam blieb er
+auch in seinem Lager- und Kriegsleben, das wir am besten kennen lernen,
+wenn wir mit dem deutschen Reisenden _Steudner_, dem Begleiter Heuglin's,
+einen Besuch im Lager des Koenigs abstatten, der sich auf einem Feldzuge
+gegen die Galla im Lande jenseit des hohen Kollogebirges befand.
+
+Spaet am Abend des 4. April 1862 erschien ein Bote bei Herrn von Heuglin,
+um diesen einzuladen, beim Koenige zu erscheinen. Der Geladene warf sich in
+eine grosse Uniform und wanderte, von Steudner begleitet, unter
+Fackelschein ueber Sturzaecker zu dem kaiserlichen Zelte. In dem mit Wachen
+umstellten engeren Lagerbezirke wurden die Reisenden aufgehalten, da im
+Zelte des Negus erst eine laengere Berathung darueber stattfand, ob Heuglin
+auch mit dem Saebel an der Seite eintreten duerfe. Nachdem dies bewilligt
+war, wurden die Fremden feierlich in das Zelt eingefuehrt, in welchem sie
+Seine schwaerzliche Majestaet mit halb untergeschlagenen Beinen auf einem
+alten auf der Erde ausgebreiteten Teppich sitzend fanden; neben ihm
+kauerte sein Beichtvater, der Etschege. Se. Majestaet trug ein weisses
+abessinisches Gewand, dem man die Spuren langen Lagerlebens deutlich
+ansah; er gruesste sehr artig, besonders Herrn von Heuglin, fand es jedoch
+nicht fuer noethig, sich zu erheben; dann lud er die Gaeste ein, neben ihm
+Platz zu nehmen. Das Zelt war von grossen Wuerdentraegern und Eunuchen
+ueberfuellt; zur Linken des Koenigs sass dessen Sohn Maschescha, und der Sohn
+des gestuerzten Koenigs von Schoa, der zugleich mit Maschescha erzogen
+wurde, der zweite Ras des Landes, Ras Engeda, und der Lagerkommandant
+Bascha Negusi. Vor ihnen stand ein mit rothem Tuch bedeckter Meseb oder
+Esskorb, aus welchem sie mit unvergleichlichem Appetite die Fastenspeise
+verzehrten. Se. Majestaet liess durch seinen Af sich erkundigen, was die
+Reisenden essen wollten, Brundo (rohes Fleisch), Teps (halbgeroestetes)
+oder Fastenspeise. Der Af, d. h. der Mund, ist eine vertraute Person des
+Koenigs, zu welcher dieser spricht, um die Worte den Fremden zu
+wiederholen, selbst wenn derjenige, an den sie gerichtet sind, sie
+vernimmt. Man stellte es der Weisheit Theodor's anheim, mit was er seine
+Gaeste bedienen wolle, und auf ein Zeichen erschien ein Meseb mit schoenem
+Tiefbrot gefuellt, um den die beiden Europaeer sich lagerten, waehrend zwei
+hohe Wuerdentraeger beordert wurden, sie zu fuettern, d. h. abgerissene
+Stuecke Tiefbrot in die rothe Pfeffersauce zu tauchen und ihnen diese in
+den Mund zu praktiziren. Die Leute entledigten sich dieser Pflicht in
+hoechst liebenswuerdiger Weise, indem sie moeglichst grosse Brotballen mit
+moeglichst viel brennender rother Pfeffersauce den Gaesten in den Mund
+steckten, welche das abessinische Gericht krampfhaft hinabwuergten. Nach
+der Mahlzeit bediente sich Se. Maj. nicht mehr des Af, sondern wandte sich
+unmittelbar an die Fremden und zwar in arabischer Sprache. Waehrend der
+Unterhaltung wurde Honigwein in schoenen Punschglaesern aus einer Bowle
+servirt, die vom Gouverneur von Indien geschenkt war.
+
+Theodor war damals sehr mit Regierungsgeschaeften ueberhaeuft und liess sich
+mehrmals entschuldigen, dass er die Reisenden nicht gleich offiziell
+empfangen koenne. Schon vor Sonnenaufgang begann vor dem koeniglichen Zelte
+das Dschan-hoi-Geschrei derjenigen, die Streitsachen vortragen und
+Gerechtigkeit erflehen wollten. Hierauf folgten von Sonnenaufgang an die
+Gerichtssitzungen, wobei das klatschende Geraeusch der grossen Knuten und
+Stoecke das Ergebniss verkuendigte, welches nicht selten in die frische
+Morgenluft hinein hallte. Mehre Tage hindurch war der Negus damit
+beschaeftigt, die im Lager mitgefuehrten Herden zu zaehlen. Nachdem dieses
+koenigliche Geschaeft, wobei 20,000 Rinder die Revue binnen zwei Tagen
+passirten, vollendet war, erhielten die beiden Reisenden eine feierliche
+Audienz zur Uebergabe der mitgebrachten Geschenke. Der Negus empfing sie
+am Abhange eines Huegels, welcher das Centrum des Lagers bildete. Er sass
+auf einer Alga, die mit einem prachtvollen, sehr grossen Kaschmir bedeckt
+war; darueber lag noch ein mit indischer Goldstickerei ueberladener Teppich
+ausgebreitet. Auf der Sonnenseite, sowie hinter dem Koenige standen zwei
+Schirmtraeger, welche beide ungeheuer grosse bunte Schirme auf 10 Fuss hohen
+Staeben ueber dem Haupte des Erlauchten hielten. Der Negus selbst war in
+einen sehr feinen Margef gehuellt und lehnte nachlaessig auf der Alga, vor
+welcher fuer die beiden Europaeer gute Teppiche zum Niedersitzen
+ausgebreitet waren. Diese befanden sich allein mit dem Fuersten und seinen
+schirmtragenden Kammerherren, waehrend im Umkreise von 30 Schritt
+Halbmesser andere dienstthuende Hofchargen standen, z. B. die
+Peitschentraeger mit langen Stoecken in der Hand, um das neugierige Publikum
+abzuhalten.
+
+Nachdem Se. Maj. sehr bereitwillig Erlaubniss zur Ueberreichung der
+Geschenke ertheilt, wurden die Diener der beiden Reisenden herangerufen,
+die mit gaenzlich entbloesstem Oberkoerper, die Gewaender um den Leib geguertet,
+mit den Gegenstaenden erschienen. Jedes einzelne Stueck musste dem Negus
+gezeigt und dann vor ihm auf den Boden niedergelegt werden. Die Geschenke
+bestanden aus mehreren Sammetteppichen, einem Revolvergewehr, einem sehr
+schoenen Revolver nach abessinischem Geschmack mit recht grossem Kaliber,
+zwei sehr guten langen gezogenen Pistolen, welche man mit angeschraubtem
+Kolben auch als Puerschbuechsen benutzen konnte, einem Hirschfaenger mit
+vergoldetem und einem andern mit silbernem Griffe, einigen schoen
+gearbeiteten Dolchen mit vergoldeten Scheiden u. s. w. Se. Maj. geruhten
+hierauf sich dankend ueber die Geschenke auszusprechen. Im Laufe der
+Unterhaltung sprach er seine Verwunderung darueber aus, dass die Tuerkei
+bisher noch nicht von den christlichen Maechten erobert sei, ja dass einige
+derselben sie sogar gegen eine andere christliche Macht geschuetzt haetten,
+wobei er bemerkte: "ein Reich, das sich nicht selbst regieren koenne, habe
+keinen Anspruch darauf, selbstaendig zu existiren". Uebrigens erschien der
+Koenig sehr ermuedet, war es doch der dritte Tag, an welchem er sich mit dem
+anstrengenden Rinderzaehlen beschaeftigt hatte, kein Wunder also, dass seine
+Nerven angegriffen waren. Abgesehen von dieser Mattigkeit erschien Koenig
+Theodor, ein Mann von etwa 40 Jahren, kraeftig, schlank, wenn auch nicht
+gross. Seine Gesichtszuege waren frei; in der Tracht unterschied er sich
+kaum von seinen Unterthanen; wie diese ging er barhaupt und barfuss in
+dieselbe Schama gekleidet. Das Haar trug er als Krieger in mehrere, dicht
+am Kopfe anliegende Zoepfe geflochten.
+
+So war der Mann beschaffen, der als Mittelpunkt des ganzen Lagers dastand,
+welches sehr leicht aufgeschlagen wird. Will der Negus, der stets an der
+Spitze seines Heeres marschirt, Halt machen, so laesst er an einem passenden
+Platze ein kleines scharlachrothes Zelt aufstellen, welches dann als
+Mittelpunkt fuer das ganze Lager dient. Dicht vor diesem, auf dem hoechsten
+Punkte wird das Kirchenzelt, welches niemals fehlen darf, errichtet. In
+einiger Entfernung von diesem und stets - angeblich aus Demuth - tiefer
+stehend, wird das sehr grosse, aus dickem dunkelbraunem Mack bestehende
+Zelt des Negus aufgebaut; zu beiden Seiten desselben standen zwei aehnliche
+fuer die beiden Koeniginnen; auf dem linken Fluegel dann ein sehr grosses Zelt
+fuer den koeniglichen Marstall und die vier zahmen Loewen, diesem
+entsprechend auf dem rechten Fluegel gleichfalls ein grosses Zelt fuer die
+koenigliche Kueche, dann das Zelt des Abuna Salama, durch eine stets vor der
+Zeltthuer errichtete Windwand kenntlich. Die Zelte der Anfuehrer sind aus
+weissem Baumwollenstoff in verschiedenen Formen gearbeitet; um diese herum
+bildet sich ein weiter Kreis kleiner Huetten, _Gotscho_, in welchen die
+Leute eng zusammengepresst liegen, um sich gegenseitig zu erwaermen. Eine
+bestimmte und sehr praktische Form haben die Zelte der Schoaner; sie sind
+aus starkem braunem Mack gefertigt, haben ein Rechteck zur Basis und zwei
+Zeltstangen halten das Ganze an den beiden schmalen Ecken, waehrend kurze
+Schlingen am unteren Rande des Zeltes dazu dienen, die Pfloecke
+einzuschlagen. Auf diese Weise halten sie sich sehr gut, ohne dass sie die
+wegen der vielen herumlaufenden Thiere hoechst unangenehmen Zeltstricke
+noethig haben; auch im Innern bieten sie vielen Raum. Ueberall vor den
+Zelten lodern Feuer, an denen die Frauen der Soldaten beschaeftigt sind,
+fuer diese Tiefbrote oder rothe Pfefferbruehe zu kochen; zu anderen Zeiten
+sieht man die Zeltstricke dicht mit grossen Mengen in lange duenne Streifen
+geschnittenen Fleisches behangen, welches an der Luft und der Sonne
+trocknen soll. Reihen von Maegden und Dienern durchziehen von der
+koeniglichen Kueche aus nach allen Richtungen das Lager, um grosse, mit
+rothem Tuch ueberdeckte Meseb oder Koerbe voller Tiefbrot und maechtige Kruege
+voll Honigwein nach den verschiedenen Zelten der Grossen zu bringen, die
+aus den koeniglichen Vorraethen mit Trank und Speise versehen werden.
+
+Noch bunter und lebendiger gestaltet sich das Bild, wenn das Lager
+aufbricht. Zunaechst werden die kleinen Gras- und Reisighuetten (Gotscho)
+niedergebrannt, und hoch zum Himmel auf strebt der Rauch, die Staette des
+abgebrochenen Lagers bezeichnend. In den meisten Faellen fuehrt der Negus,
+von Kavallerie umgeben, den Zug an, dem in mehreren Heersaeulen das Gros
+der Armee folgt. Lange Reihen von schwer beladenen Pferden, Maulthieren
+und Eseln, die in dem futterarmen Hochlande Tag und Nacht der Kaelte und
+Naesse ausgesetzt sind, ziehen, zu Skeletten abgemagert, dahin. Ohne die
+geringste Ordnung schreiten Leute einher, die vorsichtigerweise waehrend
+des Tagemarsches eine Last Holz mitschleppen, um sich damit am Abend ein
+waermendes Feuer machen zu koennen; ihnen folgen Krieger in der einst
+weissen, jetzt schmuzigen Schama mit rothem Randstreifen und umwickelt mit
+dem dicken abessinischen Leibgurt, in welchem der Schotel, d. h. der grosse
+krumme abessinische Saebel mit Nashorngriff in rother Scheide steckt; in
+der Hand fuehren sie die scharfgeschliffene Lanze oder ein
+Luntenflintengewehr mit viereckigem Kolben. Dann ziehen munter plaudernd,
+an dem Kochloeffel erkenntlich, mit dem flachen Gilgit oder Proviantkorbe
+auf dem Ruecken, die Koechinnen, echte Loeffelgarde, einher. Die koeniglichen
+Kuechendamen sind an dem Messingknopfe kenntlich, der auf dem Kopfwirbel in
+das Haar mit eingeflochten ist. Neben ihnen traben Esel, unter der Last
+von Grasbuendeln voellig begraben. An jedes der langen Ohren dieser
+philosophischen Geschoepfe ist eine Ziege oder ein Schaf vorgespannt, damit
+das interessante Kleeblatt beisammen bleibe.
+
+Von einer Anzahl Pfaffen mit grossen Turbanen umgeben, reitet auf schoenem
+Maulthiere im violetten Gewande der hoechste Kirchenfuerst, Abuna Abba
+Salama auch im Zuge mit. Neben ihm und seiner wohlgenaehrten in Gott
+vergnuegten Schar schleppt sich muehsam auf skelettartig abgemagertem
+Maulthiere ein frueherer Haeuptling hin, dem mit oder ohne Ursache eine Hand
+und ein Fuss abgehauen ist. Er hat den Stumpf seines Fusses in ein
+Trinkgefaess aus Horn gesteckt, den verstuemmelten unbrauchbaren Arm traegt er
+im faltigen Gewande verborgen. Dann folgen Gefangene in schweren Ketten,
+jeder mit seinem Fuehrer zusammengeschlossen, den der Unglueckliche noch fuer
+diese Gefaelligkeit ernaehren und bezahlen muss. Viele dieser Gefangenen
+tragen, um das Entweichen zu verhindern, den fuenf bis sieben Fuss langen
+Monkos am Halse, dessen dicke Gabel durch ein Querholz geschlossen ist und
+der dem Gefangenen selbst beim Schlafen nicht abgenommen wird. Kaum ein
+Lumpen deckt diese Ungluecklichen. Nicht weit von ihnen trifft der Blick
+wieder auf ein anderes Bild, und zwar auf ein heiliges, das mit allem
+Aufwande von abessinischem Prunk angezogen kommt. Es ist der Etschege, das
+Oberhaupt der Moenche, zugleich Beichtvater des Koenigs, dem er als steter
+Begleiter und Rathgeber allueberall hinfolgt. Er reitet ein prachtvolles
+Maulthier und schuetzt sein theures, mit einem ungeheuren weissen Turban
+umhuelltes Haupt durch einen grossen buntseidenen Regenschirm, dessen
+abwechselnd goldgelbe und violette Faecherfelder weithin sichtbar sind. Ihm
+folgt eine grosse Anzahl schmuziger Moenche in einstens weiss gewesene
+Gewaender gehuellt oder in gelbes Leder gekleidet; alle tragen das Zeichen
+ihres Standes, den Fliegenwedel oder Kuhschwanz. Unter ihren weissen oder
+gelben Kappen erblickt man die niedertraechtigsten Gaunerphysiognomien,
+sowie die ausdrucklosesten Gesichter, die Abessinien erzeugen kann.
+Ploetzlich scheut das Maulthier des Etschege und springt zur Seite: es ist
+ein aller Kleider beraubter Todter, der, auf der Strasse liegend, das Thier
+beunruhigt. Dem Etschege mit seinen frommen Begleitern folgt eine Reihe
+Tabots, fuer deren wunderthaetigsten ein mit rothen Lappen und Lumpen
+bedeckter Armsessel aus lackirtem, mit bunten Blumen bemaltem Holz
+bestimmt ist. Diese Tabots, deren oft zehn oder zwanzig aufeinander
+folgen, sind Holztafeln mit den zehn Geboten oder frommen Spruechen
+beschrieben. Jede dieser Platten ist sorgfaeltig mit rothem Baumwollstoff
+bedeckt und alle werden in einer langen Reihe hintereinander getragen. Dem
+ganzen kirchlichen Prachtzuge geht ein schmuziger Moench voran, welcher
+fortwaehrend eine Glocke schwingt, damit Jeder, der da sitzen sollte, vor
+den Heiligthuemern aufstehe und ihnen seine Ehrfurcht bezeuge.
+
+ [Illustration: Im Lager des Negus. Priester und Krieger. Zeichnung von
+ H. Leutemann.]
+
+Im vollen Galopp auf guten Maulthieren, die mit klingelnden Gloeckchen
+behaengt sind, kommt ein Trupp Schoaner angesprengt; es sind lauter
+kraeftige Gestalten, in dunkelbraunen Mack gekleidet, mit dem kurzen, stark
+gekruemmten Messer im dicken, die Brust bedeckenden Guertel und mit der
+schoen gearbeiteten Lanze auf der Schulter. Wieder andere Bilder! Hier
+Lastthiere, schwer bepackt mit Lederschlaeuchen; dort Weiber, die das
+Doppelte ihres eigenen Volumens an leeren oder gefuellten Kuerbisschalen
+(Gerra) schleppen, welche zum Transport von Butter, Honig, rothem Pfeffer
+u. s. w. dienen. Alle schreien und schwatzen, dazwischen klappern die
+vielen getrockneten Kuerbisschalen. Keiner dieser Schoenen fehlt indessen
+das noethige hoelzerne Kopfkissen in der Form eines fuenf bis sechs Zoll
+hohen Leuchters mit einem ausgehoehlten Holzbuegel zum Hineinlegen des
+Nackens beim Schlafen. Der Fuss dieses Instrumentes ist oft huebsch
+gedrechselt.
+
+Neben dieser bunten Gesellschaft reitet eine der zwei Koeniginnen, denn zu
+jener Zeit hatte der christliche Monarch zwei Damen zu Ehegemahlinnen. Die
+eine rechtmaessig mit dem Negus verbundene war die schon erwaehnte Tochter
+des entthronten Detschasmatsch Ubie von Tigrie; die zweite ein Fraeulein
+aus dem Jedschu-Galla-Lande. Beide jedoch sind gleich gekleidet in blaue
+Maentel, die mit Gold- und Silbergloeckchen behangen sind. Beide haben, wie
+alle grossen Damen, ihr Gesicht verhuellt, nur die schwarzen Augensterne
+funkeln und leuchten bei beiden gleichmaessig aus der weissen Umhuellung. Das
+einzige Unterscheidungszeichen zwischen beiden war nur stets ein in Silber
+gestickter tuerkischer Halbmond mit daranstehendem Venusgestirn, das auf
+dem Gewande der einen Koenigin auf dem untersten Theile ihres Rueckens
+erglaenzte. Diese jetzt die schlanken Formen zweier Koeniginnen umhuellenden
+Maentel waren wol einst Schabracken eines aegyptischen Marstalls gewesen.
+Beide Majestaeten sind von einigen Bewaffneten und Eunuchen begleitet und
+reiten stets in der Entfernung einer halben Stunde voneinander, um etwa
+moeglichen Konflikten vorzubeugen, sowie sie auch zwei gaenzlich getrennte
+Hofhaltungen in zwei verschiedenen Zelten zu beiden Seiten des koeniglichen
+Zeltes haben.
+
+Oft sitzt oder liegt mitten in dem durch die Hufe der zahlreichen Thiere
+aufgewuehlten Schmuze ein nur wenige Monate oder ein bis zwei Jahre altes
+Kind schreiend im Wege, jeden Augenblick in Gefahr, durch Reit- oder
+Lastthiere zertreten zu werden, die sich oft dicht zusammendraengen, um
+einer Leiche aus dem Wege zu gehen. Todte Thiere, halbverweste Pferde,
+Maulthiere, Esel, Schafe und Ziegen bezeichnen zu tausenden die Strasse,
+welche das Heer zieht. Dort wird ein Kranker getragen, es muss ein
+Vornehmer sein, denn man traegt ihn behutsam auf bequemer Tragbahre, ueber
+welcher aus weisser Schama ein leichtes Zelt errichtet ist; waere es nur ein
+armer Mann, so haette man ihn einfach auf zwei lange Holzstuecke gebunden.
+
+Nahe bei dem Kranken sehen wir einen anderen Zug: eine ganz weiss
+gekleidete Dame, die Frau eines Grossen, reitet dicht verhuellt dahin; ihr
+Maulthier wird sorglich von einem Diener gefuehrt. Gestern erst hat sie die
+Welt mit einem neuen Buerger beschenkt, der schreiend und quiekend in einem
+weiss bedeckten Brotkorbe von einem Diener auf dem Kopfe nachgetragen wird.
+Der kaum einige Tage aeltere Sproessling einer anderen Frau giebt ebenfalls
+durch Schreien Zeichen einer gesunden, kraeftigen Lunge, sein Lager aber
+ist nicht so sorgsam gegen Sonne und Kaelte geschuetzt. Mit Riemen ist er
+voellig nackt zwischen Koerbe und Kuerbisflaschen auf den Ruecken oder die
+Huefte seiner schwer tragenden Mutter geschnuert oder auf das Gepaeck eines
+magern Pferdes gebunden. Kleine Kinder von drei bis fuenf Jahren, voellig
+nackt oder nur mit einem Stueckchen Schaf- oder Ziegenfell ueber den
+Schultern, laufen neben ihren schwer bepackten Muettern, ja sie tragen
+selbst einen Theil von den Kuerbisflaschen, Eisenblechen zum Brotbacken,
+hoelzernen Schuesseln zum Anruehren des Brotteiges u. s. w. Andere Weiber
+rauchen gemuethlich aus einer grossen Tabakspfeife, deren Abguss aus einem
+kleinen wassergefuellten Kuerbis besteht; neben ihnen schleppen sich einige
+unbepackte Maulthiere hin, deren aufgedrueckter Ruecken eine einzige
+Wundflaeche bildet. Am Wege sitzt ein Kuenstler von Fach auf einem Bunde
+Stroh, aus welchem er sich am Abend einen Gotscho zu bauen gedenkt, und
+singt zu dem eintoenigen Geklimper seiner Kirra, der abessinischen Lyra,
+mit scharfer naeselnder Stimme, packt dann Stroh und Lyra auf den Kopf und
+wandelt als zweiter Apollo seinen kothigen Weg. Zwischen diesen Scharen
+bepackter Menschen und Thiere ziehen bruellend Herden schoener Rinder,
+Schafe und Ziegen; auch bricht, Geschrei und Unordnung verursachend,
+gelegentlich ein kraeftiger Stier durch die Massen.
+
+Die vier _zahmen Loewen_ des Negus (vergl. S. 187), schoene, grosse Thiere,
+laufen voellig frei mitten im Tross, ohne auch nur am Stricke gefuehrt zu
+werden. Steudner bemerkte zu seinem Erstaunen, dass in unmittelbarer Naehe
+der Loewen das Vieh, Kuehe, Schafe, Ziegen, Maulthiere, ruhig graste, ohne
+die geringste Furcht vor dem Koenige der Wildniss zu haben. Wie Hunde liefen
+sie mitten im Gewuehl und gehorchten der Stimme ihres Begleiters, hinter
+welchem sie oft in geschlossener Phalanx dicht auf den Fersen
+hermarschirten.
+
+Mitten zwischen dem Tross reitet ein Grosser des Landes stolz durch all das
+Gedraenge. Vor ihm her schreitet sein Speertraeger, ein Diener mit langer,
+haarscharfspitziger Lanze, deren von Schoanern gearbeitete Eisenspitze in
+rothledernem Futteral geborgen ist. Sein mit Gold und Silber beschlagenes
+Bueffelhautschild, sein Gewehr und seinen in rothlederner Scheide
+steckenden Saebel mit Rhinozerosgriff tragen andere Diener vor und neben
+ihm. Vor ihm fuehrt sein Lieblingsknappe ein Staatsmaulthier, auf welchem
+der gleich dem Schilde mit Gold- und Silberplatten und Filigranarbeit
+bedeckte Staatssattel liegt. Wie der Sattel ist auch das uebrige Geschirr
+und Zaumzeug des Maulthiers mit Gold und Silber ueberladen. All dieser
+Schmuck aber ist mit rothen Lumpen bedeckt. Unbekuemmert reitet der
+Haeuptling barhaupt durch das Trossgedraenge an den Leichen von Menschen und
+Thieren oder verwuesteten Saatfeldern vorueber. Seine Thiere sind gegen den
+"boesen Blick" durch Dutzende um den Hals haengender Amulete geschuetzt.
+Maenner mit aus Stroh geflochtenen Regendaechern aus Begemeder, Sklaven, die
+oft nur die Schultern mit einem kleinen ungegerbten Schaffell bedeckt
+haben, gehen ihm demuethig aus dem Wege, wenn er, mit dem Sonnenschirme das
+Haupt schuetzend, stolz dahinreitet. Nicht weit von ihm zieht eine andere
+Gruppe schwer bepackter Maenner. Landleute, zu diesem Frohndienste gepresst,
+tragen den in seine Theile zerlegten Erntewagen, welchen die Missionaere in
+Gafat gebaut - weil der Weg zum Fahren nicht geeignet ist. Andere
+schleppen die Laffeten schwerer Geschuetze und die dazu gehoerigen
+Vollkugeln - allein die Geschuetzrohre hat man in Magdala gelassen!
+Soldaten, mit den Saetteln ihrer gefallenen Pferde auf dem Kopfe, mit Speer
+und Sonnenschirm in der Hand, hoffen bei der naechsten Pluenderung eines
+Dorfes neue Thiere zu ihren Saetteln zu bekommen. Das Wiehern der Pferde,
+das Geschrei und Gebruell der uebrigen Thiere wird nur manchmal von der
+droehnenden, donneraehnlichen Bassstimme des einen oder andern Loewen
+unterbrochen.
+
+ [Illustration: Ansicht von Gafat. Nach Lejean.]
+
+So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht
+nebeneinander gedraengt erkennen laesst - Bilder zum Weinen und Bilder zum
+Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den
+Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen,
+Sterbende und von Muettern verlassene Kinder - neben froehlich lachenden,
+aber gefuehllos vorueberziehenden Menschen.
+
+In jene Zeit, als Theodor so verwuestend, Tod und Verderben verbreitend mit
+seinem Heere durch das Land zog, faellt auch der Beginn jener
+Misshelligkeiten, die schliesslich zum Kriege mit England fuehrten. Wer sich
+auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die truebe,
+befangene Brille anmassender Judenmissionaere schaut, dem wird in diesem
+Falle das Auftreten des Koenigs von Abessinien nicht so gar schrecklich
+erscheinen, zumal wenn man - was ungerecht waere - diesen nicht mit
+europaeischem Massstabe misst.
+
+Die deutschen Handwerker und Missionaere (vergl. S. 136) fingen an, im
+Lande Strassen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des koeniglichen
+Zeughausmaterials, fertigten Moerser und konstruirten einen Wagen. Letztere
+beiden Gegenstaende machten dem Koenige viel Spass, namentlich der blau
+angestrichene Wagen, der, in Stuecke zerlegt, auf den Schultern von
+Lasttraegern weiter transportirt werden musste, da es an einer fahrbaren
+Strasse fehlte. Reibereien und Zerwuerfnisse mit den Distriktsbeamten hatten
+zur Folge, dass die Handwerker 1861 in _Gafat_, drei Viertelstunden von
+Debra Tabor auf einem isolirten Huegel, unter Aufsicht eines Offiziers
+internirt wurden. Der Koenig berief einen oder den andern an sein Hoflager
+und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom
+Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. "Diese Europaeer",
+schreibt v. Heuglin, "wollen sich in manchen Verhaeltnissen ueber gewisse
+Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anlass
+gegeben hat." Dass man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie
+in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlass zur
+Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus uebergetretenen Juden
+_Heinrich Stern_ und _Rosenthal_. Beide waren nur unter der Bedingung
+zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen,
+allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und
+diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wuethend
+hierueber liess der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich
+freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen biss. Diese
+unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, dass man ewige Rache gegen
+die Person schwoert, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel
+dies dem Koenige nicht auf, als aber Stern, um sich ueber eine Misshandlung
+zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver
+bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe stoerend, mit
+Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor
+jener Geste und liess den Eindringling aufs grausamste in Ketten werfen und
+nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon frueher durch
+das Geschenk eines Teppichs missliebig gemacht, auf dem der Loewenjaeger
+Jules Gerard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen
+Loewen erschiesst. Theodor sah in dem feztragenden Jaeger einen Aegypter, in
+dem Loewen aber das Sinnbild Abessiniens und waehnte sich verspottet. Als
+man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stueckchen von der
+Kussohaendlerin, der Mutter des Koenigs, wieder aufgetischt war, wurde auch
+Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen
+wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach ueber sie wegen Hochverraths
+das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslaenglichen Kerker
+veraendert wurde. Die Hauptsache aber blieb, dass, gegen die ausdrueckliche
+Verabredung, jene Missionaere versucht hatten, Proselyten zu machen.
+
+Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische
+Konsul _Cameron_ in Gondar beim Koenige; er war nur fuer Massaua beglaubigt,
+keineswegs aber fuer Abessinien, da seit Plowden's Tode kein Konsul dort
+anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die
+Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und
+ueber die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn
+Theodor sehr freundlich und mit grossen Ehren auf. Der englischen Allianz
+glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten
+fuerchtete, gegen Aegypten, bedienen zu koennen. Denn dieses blieb seit dem
+Kampfe, den er am Rahadflusse - als er noch Kasa hiess - gekaempft, sein
+Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des
+Kuestenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft,
+welche der Pascha sich ueber die Grenzlande, namentlich Galabat, anmasst,
+war der groesste Dorn in Theodor's Augen.
+
+Durch Plowden's warme Freundschaft verwoehnt, konnte der Koenig sich in
+Cameron's kalte Neutralitaet nicht finden und wurde um so misstrauischer
+gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern's und Rosenthal's
+auftreten zu wollen. Die nach europaeischem Muster begonnenen Reformen
+wurden nun eingestellt und in jedem Europaeer ein Spion gewittert. So haben
+wir gesehen, dass auch Lejean unter jenem Misstrauen zu leiden hatte. Als
+dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem
+Konsul Cameron, zum Fruehstueck. Unterwegs fanden die beiden Europaeer in
+einer der engen Gassen Gondar's einen todten Esel liegen. "Sehen Sie, da
+liegt ein krepirter Konsul", sagte Cameron und schritt ueber das todte
+Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs
+unverstaendlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklaerung. Kaiser
+Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr uebler Laune gesagt: "Ich weiss
+nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute
+geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Englaender ein Esel."
+Ganz Unrecht hatte der Fuerst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend
+wurde jedoch erst ein anderer Umstand.
+
+Oft schon hatte Theodor sich geaeussert, dass ein Handelsvertrag mit England
+in Kraft treten muesse, und demgemaess schrieb er gegen Ende 1862 einen
+eigenhaendigen Brief an die Koenigin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben
+an den Kaiser Napoleon, mit aehnlichen Antraegen, wurde hoeflich erwidert,
+jedoch der Abschluss eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo
+das Schreiben im Auswaertigen Amte verlegt wurde - man ist nie klar darueber
+geworden, was mit demselben geschah - kam keine Antwort. In ganz
+Abessinien machte der Vorfall grosses Aufsehen, da der Koenig sich der
+Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung wuerde es sich angelegen
+sein lassen, die angeknuepften Beziehungen zu foerdern, angesichts seiner
+Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und
+wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam.
+Sicherlich fuehlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung
+verletzt; ein europaeischer Hof wuerde dasselbe gethan haben, und dann
+raechte er sich eben wie ein Barbar. Cameron musste zunaechst seinen Zorn
+fuehlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Koenigin von England seinen
+hoeflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrueckte, mit ihr und ihren
+Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet
+gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmaechtigten
+einer so unhoeflichen europaeischen Monarchin nicht weiter zu respektiren.
+Er liess Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben
+Kette befestigen. Dabei glaubte er, dass die Englaender ihm in seinem Lande
+so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen wuerden und liess sich deshalb
+nicht gern auf Unterhandlungen ein.
+
+Schliesslich sandte man am 15. Oktober 1865 den Konsularagenten _Rassam_,
+einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum Koenig
+Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und
+Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodass der Koenig schon wenige Stunden
+nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europaeer
+befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und liess ihnen
+die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem Koenig und dessen
+Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur
+Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgefuehrt. Am
+12. Maerz langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit
+Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre
+Zahl betrug 18 Koepfe, und Rassam bekam Erlaubniss, sie nach Aegypten oder
+nach Aden fuehren zu duerfen. Theodor behandelte den Agenten mit grosser
+Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, dass Hofleute von
+demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus mussten Rassam
+koenigliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Koenigin sei;
+sie mussten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn beruehren. Als er in
+Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate
+dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal
+verhoert, gestanden ein, dass sie Unrecht gethan, und baten, dass der Koenig
+Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben moege. Der Koenig hatte an
+Rassam geschrieben: "Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich
+wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, dass sie im
+Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen." Rassam, dem daran lag, den
+Koenig bei guter Laune zu erhalten, huetete sich wohl, dem maechtigen Manne
+Anlass zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser liess dann das Schreiben
+verlesen, welches Koenigin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches
+geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: "In meiner Niedrigkeit bin
+ich nicht wuerdig, Ew. Majestaet anzureden, aber erlauchte Fuersten und der
+tiefe Ozean koennen Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier,
+hoffe, dass Ew. Majestaet mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen
+verzeihen werde." Der Schluss lautet: "Rathe mir, aber tadle mich nicht, o
+Koenigin, deren Majestaet Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im
+Ueberfluss gegeben."
+
+Ploetzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemuethe des
+Herrschers ein. Rassam's Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit
+den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem Koenig auf einmal ein, sie
+alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefaengniss zu
+werfen. Er war so grimmig, dass er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte.
+Dieses geschah allerdings nicht, dagegen fuehrte man die Europaeer wieder
+nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Raethsel geblieben, was den Koenig
+Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der
+veroeffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen
+Angelegenheiten findet sich die Andeutung, dass Theodor's boeser Geist ein
+Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, frueher Sekretaer Cameron's, aus
+Rache gegen letzteren den misstrauischen Theodor gegen alle Europaeer
+einzunehmen wusste und ihm den Verdacht einfloesste: die englische Regierung
+stehe im Begriff mit Aegypten ein Buendniss abzuschliessen. Die Zahl der
+Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die
+Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron
+sei zu seinen Feinden, den Tuerken, gegangen und habe mit ihnen
+unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Koenigin von England
+keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron's Diener haetten sich
+durch Verspottung und Verlaeumdung der Majestaetsbeleidigung schuldig
+gemacht und die andern haetten mit ihnen konspirirt.
+
+Nochmals wurde von Seiten Englands ein guetlicher Versuch gemacht, um den
+Koenig zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr
+ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geaeussert,
+gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese
+wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte
+Befreiung der Gefangenen zu unterstuetzen. Unser Landsmann _Flad_, von dem
+frueher die Rede war (S. 136, 182), hatte die Unterhandlungen mit dem
+Koenige uebernommen. In einem eigenhaendigen Briefe, den er ueberbrachte,
+kuendigte die Koenigin Victoria an, dass die Arbeiter und die Geschenke dem
+Koenig zugeschickt werden wuerden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley,
+der englische Minister des Auswaertigen, hatte spaeter entschieden, dass die
+Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren,
+sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurueckgehalten und erst
+dann ausgeliefert werden sollten, wenn Theodor die Gefangenen durch eine
+Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfuegung des englischen Agenten,
+Oberst Merewether's, gestellt haben wuerde. Wie zum Hohn schickte dieser
+anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Koenigin
+versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz
+gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. Koenig
+Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee
+von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besaenftigt werden
+sollte, sagte: "Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wuenscht mich
+nur zu verhoehnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein Koenig bist und ich
+dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch
+zu sehen." Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestaerkte den
+misstrauischen Koenig von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, dass es
+die Englaender darauf abgesehen, ihn zu betruegen und zu verrathen. Nachdem
+Herr Flad Lord Stanley's Verfuegung in Betreff der Geschenke mitgetheilt,
+antwortete Theodor: "Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches
+mir verweigert wird. _Wenn sie kommen und fechten wollen, lasst sie kommen;
+bei dem allmaechtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich
+ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!_"
+
+Und nach weiteren Eroerterungen des Herrn Flad: "Ich habe keine Furcht, ich
+vertraue auf Gott, der sagt, dass du Berge versetzen kannst, wenn du den
+Glauben eines Senfkornes hast. Ihr koennt nicht Alles. Ich weiss, dass, wenn
+ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen haette, die Arbeiter mir nie
+geschickt worden waeren. Nicht nur zur Zeit des Kapitaens Cameron, als sie
+keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat,
+fand ich heraus, dass sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern
+ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell - diese waren meine
+Freunde - und aus Freundschaft fuer sie behandelte ich ihre Landsleute gut.
+Ich ueberlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn
+wir uns auf dem Schlachtfelde gegenueberstehen." Es ist also klar, dass ein
+tiefes Misstrauen gegen die Plaene Englands, dessen Agenten er im Bunde mit
+seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswaertigen Feinden,
+namentlich den Aegyptern waehnte, die eigentliche Ursache war, weshalb
+Theodor alle Englaender und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand
+legen konnte, einkerkern liess, und dass das Zurueckhalten der Geschenke ihn
+in diesem Misstrauen nur bestaerkte und die Krisis herbeifuehrte.
+
+Die vielgenannte Bergfeste _Magdala_ liegt an der Grenze von Wollo-Galla
+im Sueden des reissenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen
+Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf
+ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Koenigs Theodor besucht und sehr
+gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta's her kommend und nach
+Sueden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum
+Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Laender ist
+grossartig. Zu ihren Fuessen schlaengelte sich das ueber 3000 Fuss tiefe Thal
+des Flusses, als natuerliche Grenze zwischen Abessinien und Galla.
+
+ [Illustration: Vordringen der Englaender auf Magdala.]
+
+Zur Linken, nach Osten, muendete eine steile Schlucht, und darueber hinaus
+lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die beruehmte
+Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im
+Sueden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen
+Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig
+gruenen Thaelern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta,
+dahinter die kegelfoermigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Sueden
+steigt der majestaetische Kollo, ganz mit blendend weissem Firn bedeckt,
+hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150
+Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe
+erfuellte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs
+zeigt. Dieses Thal verliessen die Reisenden nach anderthalbstuendigem
+Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf,
+die sich am nordwestlichen Fusse von Magdala ausbreitet. Kleine Doerfer mit
+niedlichen Gaertchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher.
+
+Ein ziemlich steiler Pfad fuehrt in 11/4 Stunde an buschigen Gehaengen und
+kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung
+Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natuerlichen
+Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von
+Erdpavianen bewohnen die steilen Waende des Vorwerks. Das erwaehnte Plateau
+ist ganz kahl, Gruppen von Huetten befinden sich an der Suedostseite, die,
+wie der Platz selbst, _Islam Gie_ (Muhamedaner-Dorf) heissen. Hier ist
+zugleich der Marktplatz fuer die Festung.
+
+Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als
+Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land suedwaerts
+bis Schoa war frueher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und
+nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden
+muhamedanischen Galla, welche von hier aus bestaendige Einfaelle in
+Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte.
+Magdala selbst nimmt einen Flaechenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt
+100-200 Fuss ueber das Plateau von Islam Gie hinaus, haengt im Sueden mit der
+nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen
+Felsgrat; im Osten und Westen fallen natuerliche, mauerartige, senkrechte
+Bastionen viele hundert Fuss tief in die Seitenthaeler ab, gegen Norden und
+Sueden fuehren Felsspalten als natuerliche Thore herab, die mit Ausfallthoren
+versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum
+Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen
+zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden
+koennen, wohl erkannte, liess Magdala restauriren, einige Geschuetze
+hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitlaeufige
+Getreidemagazine bauen.
+
+So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte
+schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfuellen sollte. Als die
+letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich
+zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der
+Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen
+und am 18. November 1867 von der Koenigin mit einer Thronrede eroeffnet, in
+welcher es heisst: "Der Herrscher Abessiniens faehrt fort, allen
+internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in
+Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt
+waren, und seine hartnaeckige Missachtung guetlicher Vorstellungen hat Mir
+keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch
+eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine
+entsprechende Truppenmacht unterstuetzt wird. Ich habe demgemaess die
+Absendung einer Expedition zu diesem ausschliesslichen Zweck angeordnet,
+und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Unterstuetzung und Mitwirkung
+meines Parlaments in Meinem Bemuehen, unsere Landsleute aus einer
+ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner
+Krone zu wahren."
+
+ [Illustration: Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Suedliche Ansicht.
+ Originalzeichnung von E. Zander.]
+
+Nach einigem Zoegern bewilligte das Parlament die noethigen Gelder, und die
+indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober
+war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley,
+S. 169) gelandet. Dieses schlug an der oeden, wasserlosen Kueste ein Lager
+auf und begann eine Strasse nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belaestigt
+zu werden. Die Gesammtstaerke der aus Indien nach Abessinien beorderten
+Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europaeer. Die Infanterie war mit
+Hinterladern bewaffnet. Ausser diesem Armeecorps folgte ein Tross von 8000
+Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten,
+welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschuetze bestimmt waren. Zum
+Kommandanten der Armee wurde General _Robert Napier_ ernannt. Auch ein
+ganzer Stab von Gelehrten, Kuenstlern und Zeitungsberichterstattern schloss
+sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner
+Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und - im Auftrage des
+Koenigs von Preussen - der beruehmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste
+Stuetze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von
+Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte praegen lassen.
+
+Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs;
+namentlich verursachte der Wassermangel grosse Gefahren fuer Menschen und
+Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch
+destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich
+viele Kameele und Maulthiere, minder durch die Ungunst des Klimas als
+durch die schlechte Pflege ihrer Waerter. Dieselben waren ein aus Persien,
+Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte,
+unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und
+auf der Strasse liegenliess, die Thiere nicht fuetterte und traenkte, sodass
+diese erhitzt und halb verdurstet zu den Traenkrinnen kamen, dann uebermaessig
+tranken und erkrankten. Faellt ein solches Thier, so verursacht die
+Wegschaffung des Aases, das man im heissen Klima aus Furcht vor Ansteckung
+nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte
+sich nur dadurch helfen, dass die Aeser mit duerrem Gestraeuche bedeckt und
+verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Kueste,
+des destillirten Wassers und der Langeweile muede geworden und hatte die
+Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu
+finden gegruendete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm
+offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergstroemen gekennzeichnet,
+denn wie zur Zeit der Voelkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande
+heute noch Baeche und Fluesse die Wegweiser fuer Wanderer und Voelkerschwaerme.
+Die kuerzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch
+gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr
+links liegende, durch den Fluss Kamoyle gebildete Strasse gewaehlt. Unter den
+Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet,
+des Inhalts: dass die Englaender nur gekommen seien, die widerrechtlich
+gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks
+werden ebenso wie Eigenthum und Vermoegen der Individuen geschuetzt und
+geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung.
+Anfangs ging es durch eine sandige, nur spaerlich von Akazien und
+Steppengewaechsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends
+waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Huetten zu sehen,
+bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich
+wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit
+der Aufschrift: "Route nach Abessinien" aufstellte. Jetzt gelangte man ins
+Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets oeffnete
+bei jeder Kruemmung sich ein Ausweg, oft unter ueberhangendem Gestein
+hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes
+Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fuss ueber der Meeresflaeche
+liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und
+Morgen waren kuehl; gestaerkt von der frischen Luft stieg die Truppe das
+Plateau hinauf.
+
+Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunaechst an der Bai von Adulis
+zu bemerken. Zwei Landungsbruecken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen
+lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein fuer das schwerste
+Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fusse des Senafe-Berges, Stationen
+auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen,
+Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft.
+
+In Senafe, 7500 Fuss ueber dem Meere, wurde das erste groessere Lager
+aufgeschlagen und ein foermlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte
+Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war
+nicht genuegend, ein einziges Regiment zu ernaehren. Daher musste Alles durch
+eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft
+und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Taeglich
+verliessen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Haelfte nach Senafe
+gelangte, da der andere Theil von den Lasttraegern und Treibern verzehrt
+wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden taeglich auf den Schiffen
+kondensirt und dieser Prozess kostete allein taeglich ueber 1000 Thaler.
+
+Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Englaender in suedlicher Richtung
+weiter verfolgen, muessen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage
+umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende
+revolutionaere Trieb, die Eifersuechteleien der kleinen Haeuptlinge und die
+Sucht derselben, sich unabhaengig zu machen, war mit erneuter Staerke
+ausgebrochen, in je groessere Verlegenheiten Koenig Theodor gerieth.
+Ueberall, im Norden wie im Sueden, entbrannte die Revolution, und mit
+Schluss des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der
+es war, ehe Koenig Theodor seinen ehrgeizigen Traum traeumte, ehe er die
+zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schliesslich nur der
+Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal
+dieser, und seine Macht beschraenkte sich nur auf sein Lager, das meistens
+in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine fuer uneinnehmbar geltende
+Feste, huetete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort
+ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, dass sie mit der groessten
+Leichtigkeit mit den Englaendern korrespondiren und diese von allen
+Vorgaengen im Lager des Negus in Kenntniss setzen konnten.
+
+Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl
+unabhaengiger Fuerstenthuemer zerfallen, und nicht das ganze stolze
+Aethiopien - nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus
+nannte - stand gegen England im Felde. Das grosse Reich Tigrie, das unter
+Ubie einst selbstaendig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem
+Sohne Ubie's, seine Unabhaengigkeit wieder erlangt, und dieser Fuerst,
+welcher fuerchtete, dass Theodor ihn doch einst vertreiben koenne, schloss
+sofort mit den Englaendern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner
+Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich
+Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer
+Krieger und einst einer der besten Generaele Theodor's, unabhaengig gemacht.
+Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die
+Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner.
+
+Mehr als der Abfall dieser Fuersten schmerzte Theodor aber der Verrath des
+jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Koenigs
+Hailu Melekot von Schoa, war Theodor's Schwiegersohn geworden; aber weder
+die junge Frau, noch die Gnade des Koenigs vermochten ihn zu fesseln; er
+trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen.
+Unterstuetzt von der Gallafuerstin Workit entfloh er mit Zuruecklassung
+seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus
+anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Misstrauen,
+welches er gegen die Europaeer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben,
+die sich in blutigen Greueln aeusserte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie
+wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers
+Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwaehrend mit Ungluecklichen ueberfuellt,
+die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der
+Haende und Fuesse verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte
+standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt.
+Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, sassen sie
+zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror
+fingerdickes Eis oder stroemte der Regen auf die Elenden hernieder, waehrend
+am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Koerper
+trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem
+Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er
+sass, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber
+ereigneten sich fast taeglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und
+wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito
+wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so
+gluecklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschloss
+Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme
+herniederfaehrt zwischen das scheue Gefluegel, so stuerzte er von Debra Tabor
+auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde
+in die Haeuser getrieben, und als diese mit Maennern, Weibern, Kindern
+gefuellt waren, da befahl Theodor, Feuer an die Strohdaecher zu legen, und
+Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen.
+
+In Gafat, spaeter in Debra Tabor, herrschte waehrenddem eine grosse
+industrielle Thaetigkeit. Dort hatte man Flammenoefen gebaut, dort haemmerte,
+schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen
+Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen.
+Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniss ein ziemlich
+bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der
+Wueste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone,
+welche 8 Fuss lang war und eine 6 Zoll weite Seele besass, wurde von dem
+ueber den Guss hocherfreuten Koenige "Theodor" getauft, waehrend ein 80
+Centner schwerer Riesenmoerser mit anderthalbfussweiter Oeffnung den stolzen
+Namen "Sebastopol" erhielt.
+
+Als die Gegend um Debra Tabor im Spaetsommer vollstaendig ausgepluendert war
+und die Raubzuege in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten,
+beschloss Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es
+keinem Feinde in die Haende fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit
+einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch
+hoechstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen
+hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000
+Fuss ueber dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen
+angeschwollene Stroeme fuehrte der Marsch ueber Tschetscheho nach Woadla.
+Mitten im Zuge schritten gebunden die fuenf Deutschen: Steiger, Brandeis,
+Schiller, Essler, Makerer, waehrend Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal
+u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten.
+
+Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa
+10,000 Fuss hoch ueber dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick
+in das Land nach Sueden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten
+Kollogebirge. Suedlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen
+Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fliesst
+zwischen senkrechten, fast 3000 Fuss hohen Felsen die rauschende Dschidda
+hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jaehen mauerartigen Waende. In
+diesen Schlund musste die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das
+Flussbett ueberschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen
+Felsenwall ueber nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene
+von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mussten auch die Kanonen und der
+Riesenmoerser "Sebastopol" geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem
+ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten
+Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewoehnlichen
+Maulthierpfaden konnte der Moerser unmoeglich durch die Dschiddaschlucht
+gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern,
+die ihn begleiteten, eine Strasse zu bauen. Dieses geschah, waehrend die
+Englaender schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was
+er fuer unmoeglich gehalten, dass jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate
+nahm der Bau der Strasse in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die
+Dschidda gluecklich ueberschritten und die Talanta-Ebene erreicht.
+
+Wohlgefaelligen Auges schaute der Koenig auf die fruchtbare Ebene. Die
+Weizen- und Gerstenfelder standen in der ueppigsten Pracht, ueberall
+wimmelte es von fleissigen Menschen, die den Boden bestellten, von froehlich
+singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Koenigs war umhergezogen
+und hatte in ganz Talanta verkuendigt: "Kehrt heim ihr Bauern zu eurer
+Arbeit, bestellt die Aecker und fluechtet euch nicht. Der Koenig bringt den
+Frieden, kein Haar wird euch gekruemmt, euer Eigenthum ist geachtet." Und
+friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Doerfer
+zur gewohnten Beschaeftigung zurueck. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er
+brauchte Proviant fuer seine Festung Magdala, fiel ueber die schmaehlich
+betrogenen Leute von Talanta her und zog dann ueber den Beschlo in seine
+Felsenburg ein.
+
+Unterdessen rueckten die Englaender mit grosser Geschwindigkeit nach Sueden
+vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muss man bedenken, dass eine
+Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala
+offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und
+der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als
+man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit
+Gewissheit rechnen konnte, als Gewalt und Glueck auf Seite der Europaeer
+stand.
+
+Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Tross, ihren Elephanten
+und Kanonen auf Gebirgen, die unsere hoechsten Alpenpaesse bei Weitem
+ueberragen, wie aus der folgenden, in Petermann's Mittheilungen (1868,
+S. 180) angegebenen Hoehenlage der hauptsaechlichsten Stationen hervorgeht.
+Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuss ueber dem Meere;
+Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuss; Tschelikut 6279
+Fuss; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuss; Aladschin-Pass 9630 Fuss;
+Aschangi-See 7264 Fuss; Lat (besetzt 31. Maerz) 8478 Fuss; Dasat-Berg 9502
+Fuss; Quelle des Takazzie 7700 Fuss; Abdikom 10,000 Fuss; Talanta (4. April)
+10,700 Fuss; Magdala (erstuermt am 13. April) etwa 11,000 Fuss. In diesem
+Verzeichniss ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, ueber
+die wir hier noch Einiges nachtragen wollen.
+
+Von Senafe zog das Heer ueber ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit
+einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen,
+nach _Adigerat_ zu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten,
+denen nur Baeche und Waelder zur Vollendung der Schoenheit mangeln, schienen
+sehr fruchtbar zu sein, sodass man die schwache Zufuhr an Getreide von
+Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschraenkten
+Zufuhren erschoepften die Gegend immer schnell, da keine Idee von
+Grosshandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von
+seinen eigenen Vorraethen eruebrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31.
+Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Staedten
+ueberlegen, da ausser den gewoehnlichen schmuzigen Huetten und einer huebschen
+Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden.
+Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat fuehrt ein gangbarer Weg nach
+_Mai Wihis_, durch weite, offene, grasbewachsene Ebenen, die haeufig von
+Doerfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Fuer den kriegerischen
+Charakter der Bevoelkerung zeugten genugsam die vielen auf fast
+unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europaeischer
+Artillerie zu trotzen vermoegen. So namentlich _Amba Zion_ (siehe Abbildung
+S. 41), das ehemalige Staatsgefaengniss Theodor's, welches jetzt leer stand,
+da bei dem Abfall Kassai's auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung
+betraute Haeuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte. _Ad
+Abagin_, 7849 Fuss ueber dem Meeresspiegel, war die naechste Station. Hier
+waren die Naechte so kalt, dass man kaum schlafen konnte, wozu sich die
+lieblichen Toene eines Schakal- und Hyaenen-Konzerts gesellten. Allein die
+Thiere waren weniger gefaehrlich, als man denken sollte, da sie sich
+genuegend an den todten Maulthieren saettigen konnten. Bei Agala, 6300 Fuss
+ueber dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veraenderung der Vegetation.
+Duftende Kraeuter versuessten die Luft, die Strasse war wunderbar gut und nur
+auf eine kurze Strecke abschuessig. Hier in dieser Gegend erhielt man
+wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, dass sie
+sich Alle wohl befanden und dass Theodor im Januar Magdala noch nicht
+erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Englaendern aufzunehmen.
+Da man die Abessinier fuer keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die
+Strasse, die nach Magdala fuehrt, durch mehrere Positionen befestigt. So
+erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen
+Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Fluesse, welche man auf dem
+ferneren Wege nach _Antalo_ zu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des
+Takazzie, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen
+des Nil. Die Armee hatte daher ueber eine Reihe von Wasserscheiden im
+rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen,
+welche, von Taltal kommend, die Salzstuecke in das Innere des Landes
+verfuehren.
+
+Waehrend die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber
+sich mit den Haeuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu
+setzen und begann mit einem Besuche Kassai's, des Fuersten von Tigrie. Als
+Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Fluesschen Diab, unweit der
+herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai
+erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf
+einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verliess
+aber seinen hohen Sitz auf dem Ruesseltraeger, damit der Anblick des Thieres
+unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun
+oeffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der
+etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weissen Maulthiere angeritten. Die
+Briten empfingen ihn mit allen militaerischen Ehren, ihr Oberkommandant
+schuettelte ihm die Hand und fuehrte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt
+wurde und ein Freundschaftsbuendniss mit England schloss. Er bewunderte
+vorzueglich die Waffen der Europaeer und lud hierauf Napier ein, seine
+eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle
+Feuerwaffen. Der groesste Theil von ihnen besass doppellaeufige
+Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele fuehrten
+Pistolen und kein einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert
+an der rechten Seite getragen haette. Die wenigen, die ohne Gewehre
+erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht
+schien gut, ihre Manoevrirfaehigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls
+beschenkt mit silbernen Armringen, einer Loewenhaut, dem Abzeichen tapferer
+Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein
+Lager zurueck. Er hatte nun im Ruecken nichts mehr zu besorgen, und der
+Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen.
+
+Das Land zeigte ueberall Spuren der vielen Kaempfe, denen es durch seine
+unruhigen Haeuptlinge ausgesetzt war. Die Doerfer lagen verwuestet, die
+Unsicherheit der Zustaende hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt
+den Englaendern fuer die Verbesserung der Strassen und Wegbarmachung der
+Paesse zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den
+Haeuptlingen der Nachbarlaender spaeter feindliche Einfaelle erleichtert
+wuerden.
+
+_Antalo_ unterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend
+als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem
+Masse zugefuehrt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte
+einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen
+nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenuegender Menge zugefuehrt
+worden. In ihren Thalern hatten die Englaender das beste Mittel, die
+Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen
+immer noch zu gering, um den fuerchterlichen Theodor anzugreifen, welcher
+sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta,
+zwischen den Stroemen Dschidda und Beschlo befestigte.
+
+Der Zug der Englaender ging nunmehr durch Wodscherat und _Doba_ zum
+_Aschangi-See_, der oestlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478
+Fuss hoch gelegenen _Lat_, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen
+getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und
+600 Pioniere zaehlend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General
+Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war.
+Alles unnoethige Gepaeck blieb zurueck; fuer je 12 Offiziere wurde nur ein
+Zelt und fuer 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund,
+die letzteren nur 25 Pfund Gepaeck mitfuehren.
+
+Nachdem der 10,662 Fuss hohe Emano-Amba-Pass durchschritten war, stieg die
+Armee hernieder zu den Quellen des Takazziestromes. Dann wurde die Ebene
+von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. Maerz standen die Englaender
+in Biedehor am hoechsten Rande des _Dschidda-Thals_, 10,000 Fuss ueber dem
+Meere, auf der Kunststrasse, die Theodoros muehsam durch die Deutschen hatte
+herstellen lassen. Durch den Bau dieser Strasse hatte der Negus den
+Englaendern ein gutes Theil an Zeit und Muehe erspart, allein es blieben
+noch Hindernisse genug uebrig. Der Uebergang ueber die Dschidda, welcher am
+4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die
+abschuessigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein
+leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter
+und mehrere erlagen den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite
+war womoeglich noch schwieriger fuer Menschen und Thiere, die sich mit
+leerem Magen und unter schwerem Gepaeck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde
+es allmaelig zur Gewissheit, dass Theodor sich auch von der Hochebene
+Talanta, die man jetzt betrat, zurueckgezogen und nach Magdala geworfen
+habe, dass man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen muesse. Die
+vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von
+Theodor's Heer erblickt, und nun war es klar, dass in den naechsten Tagen
+ein Zusammenstoss stattfinden koenne. Was die Einwohner von Talanta betraf,
+so bezeigten sie sich den Englaendern freundlich, da sie kurz vorher von
+Theodor's Truppen nach Massgabe der altabessinischen Praxis ausgepluendert
+waren und nun in den Fremdlingen ihre Raecher erblickten. Gefaehrlich schien
+fuer die Englaender einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus
+in ihrem Ruecken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stoeren
+versuchte, aber von dem ihnen verbuendeten Kassai von Tigrie zur Ruhe
+verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, dass sie sich
+wohl befaenden und milder als frueher behandelt wuerden.
+
+Ueber das Verhalten Theodor's kurz vor dem Zusammentreffen mit den
+Englaendern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante
+Auskunft. Hiernach hatte sich der Koenig schon am 18. Maerz ueber den Beschlo
+zurueckgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in
+welchem er bedauerte, dass dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne
+sein Wissen haetten dieses die Behoerden gethan; gleichzeitig gab er den
+Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.
+
+Am 27. Maerz zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in
+Magdala ein, wo die groesste Verwirrung herrschte. Ein hoher militaerischer
+Wuerdentraeger war desertirt und zwei andere Haeuptlinge wurden angeklagt,
+Menilek, den Koenig von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz
+zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die
+unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth,
+dass er zuerst beschloss, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und
+durch eine neue zu ersetzen; am naechsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl,
+beschraenkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung
+durch 1000 Mann zu verstaerken. Am 29. Maerz schickte Theodor zu Rassam, den
+er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm hoeflich und in seiner
+unberechenbaren Weise mit, dass er ihn nur darum uebel behandelt habe, weil
+er wuenschte, die Englaender moechten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf
+drueckte er den Wunsch aus, er moege Rassam in der englischen Uniform sehen,
+was dieser natuerlich zugestehen musste. Umgeben von 400 Offizieren und den
+deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Koenigin
+Victoria, welcher die Ehre hatte, dem koeniglichen Prinzen vorgestellt zu
+werden. Alles schien dem Koenige daran gelegen, den Gefangenen moeglichst zu
+imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der beruehmte
+Riesenmoerser Theodor's herbeigeschleppt, den dieser "Sebastopol" getauft
+hatte. Freudenschuesse begleiteten die Ankunft des Ungethuems, das sich
+spaeter als sehr ungefaehrlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die
+Befestigungs- und Wegarbeiten und war darueber, dass er Magdala vor den
+Englaendern erreicht, so erfreut, dass er saemmtlichen Gefangenen die Fesseln
+abnehmen liess. Nachdem alle Kanonen und Moerser an Ort und Stelle waren,
+erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn
+ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von
+10,000 Mann; er glaube aber nicht, dass mehr denn 6000 bis Magdala kommen
+wuerden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so maechtig
+waere, wie ehedem, haette er die Englaender bei ihrer Landung erwartet und
+sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit
+Ausnahme Magdala's das ganze Land verloren und muesse sich damit begnuegen,
+sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner
+unmittelbaren Naehe zu halten, waehrend er von seiner luftigen Burg
+unablaessig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind
+kommen musste. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Englaender am
+Beschlo anlangen.
+
+Am 10. April ueberschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluss und hatte nun
+die Feste Magdala in ihrer ganzen Fuerchterlichkeit vor sich liegen. Kuehn
+ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit
+seinem Heere. Obgleich die Englaender keineswegs die Absicht hatten,
+sogleich zum Angriff ueberzugehen, sondern ausserhalb Schussweite von Fala,
+einer Vorburg Magdala's, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor's
+doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung
+heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen grossen
+Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu
+nehmen. Aber er hatte nicht gewusst, dass inzwischen die ganze Brigade unter
+Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter
+zogen sich, als etwa 1200 Fussgaenger von der Amba herunterkamen, so schnell
+sie konnten, zurueck. Statt ihrer rueckten nun ein Regiment Beludschen, ein
+englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschuetze und eine
+Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschuetze in Fala
+einige gutgezielte Schuesse und seine Leute liefen in Unordnung, aber
+tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Englaender herangekommen waren.
+Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschuetze und das auf die
+Abessinier einstroemende Feuer der Raketen machte, dass an keinen Halt mehr
+zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anfuehrer (Fit Auri, S. 19) an der
+Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und fluechtete nach der
+Burg zurueck.
+
+Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt
+eine andere Abtheilung in den Ruecken der englischen Bagage gesandt; aber
+auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstuetzt, richtete
+die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an,
+die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben.
+Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden
+konnten nicht in die Burg zurueck, da ihnen der Rueckzug abgeschnitten war,
+und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevoelkerung.
+Der Kampf dauerte bis 61/2 Uhr Abends, wo Dunkelheit und Regen die Englaender
+noethigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwaelle Magdala's selbst
+fuehrte, einzustellen. Waehrend des ganzen Gefechts, das die Englaender als
+"Schlacht von Arodsche" bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt,
+sodass Donner und Kanonengebruell sich miteinander mischten. Die Zahl der
+abessinischen Todten betrug viele hundert, die Englaender dagegen hatten
+keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.
+
+ [Illustration: Auffindung der Leiche des Koenigs Theodoros. Nach
+ englischen Zeichnungen.]
+
+Theodor war ueber den Misserfolg seiner Waffen ausser sich. Zum ersten Male,
+seit er die Krone trug, war er ordentlich geschlagen worden, und zwar von
+den verachteten "rothen Barbaren". Seine Wuth kannte keine Grenzen, und
+das Damoklesschwert schwebte fortwaehrend ueber dem Haupte der europaeischen
+Gefangenen. Indessen kuehlte er seinen Zorn nur an den abessinischen
+Gefangenen, von denen er ueber 300 vor den Augen der Europaeer hinrichten
+und ueber die Felswaelle Magdala's hinabstuerzen liess. Aber soviel sah er
+ein, dass er auf die Dauer den Englaendern nicht zu widerstehen vermoege. Am
+naechsten Morgen sandte er daher den Missionaer Flad, von zwei abessinischen
+Haeuptlingen begleitet, in das englische Lager, um zu unterhandeln. Die
+einzige Antwort, die Sir Robert Napier durch diese dem Koenig geben konnte,
+war: bedingungslose Kapitulation.
+
+Noch einmal schickte Theodor die Parlamentaere ins Lager, doch Sir Robert
+Napier gab ihnen dieselbe Antwort, und traurig waren sie im Begriff, in
+die Gefangenschaft zurueckzukehren, als sie auf dem Wege die ploetzlich
+freigegebenen Europaeer Cameron, Rassam und einige der Handwerker antrafen.
+Am naechsten Morgen wurden alle uebrigen Gefangenen freigelassen, der
+Franzose Bardel, den man fuer den schlechten Rathgeber Theodor's hielt,
+ausgenommen. Bardel fanden die Truppen spaeter, bei der Einnahme von
+Islam-Gie, hinter einem Felsen liegend, krank vor Hunger und Fieber.
+Theodor hatte ihn aus Magdala hinausgejagt. Dieser selbst aber war
+entschlossen, sich nicht zu unterwerfen und bis zum letzten Augenblicke
+auszuhalten. Lieber wollte er muthig untergehen, als feige sich ergeben.
+So blieb denn den Englaendern nichts uebrig, als zum Sturm auf Magdala zu
+schreiten, welches immer noch von einigen tausend Mann besetzt war.
+
+Die Festung, von steilen Felsen beschuetzt, so erzaehlt ein englischer
+Bericht, bot nur zwei Zugaenge, an der Nord- und der Suedseite, die so enge
+waren, dass nur ein Maulthier sie jedesmal passiren konnte, und die jeder
+zu einem stark verrammelten Thore fuehrten. Das noerdliche Thor war es,
+durch welches der Eingang erzwungen wurde. Gegen halb drei Uhr Nachmittags
+am 13. April, dem Ostermontag, begann das Bombardement, und nach einer
+zweistuendigen Kanonade wurde der Befehl zum Sturm gegeben. Die Truppen
+erkletterten den zum Thore fuehrenden Pfad, fanden aber dieses, wie das
+umgebende Pfahlwerk, von den Kugeln nur wenig verletzt. Die Palissaden
+mussten daher mit Huelfe einer Strickleiter ueberstiegen werden, um das
+Festungsthor von beiden Seiten angreifen und die Vertheidiger
+zuruecktreiben zu koennen. Den Zugang bildeten zwei etwa zehn Fuss
+voneinander entfernte Thore; der Raum zwischen denselben war mit schweren
+Steinen angefuellt. Hatte die Kanonade auch keinen direkten Vortheil
+erzielt, so trieb sie doch die Vertheidiger zurueck. Nur sechs Offiziere
+stellten sich mit Todesverachtung den Angreifern entgegen, doch waren
+ihrer zu wenige, um die Position halten zu koennen.
+
+Als die Englaender ueber die Leichen dieser Tapferen vordrangen, fanden sie
+auf einer etwas entfernten Anhoehe den entseelten Koerper des Koenigs
+Theodoros liegen - er hatte die Schande nicht ueberstehen koennen und sich,
+um einer schmachvollen Gefangenschaft zu entgehen, durch den Mund
+erschossen, und zwar mit einem jener Revolver, welche ihm "die Koenigin
+Victoria zum Zeichen ihrer Dankbarkeit fuer die Guete geschenkt hatte, die
+er ihrem Diener Plowden erwiesen." So sagte die Inschrift des
+sechslaeufigen Revolvers. Theodor's Waffentraeger gab die Einzelheiten an
+ueber das Verhalten seines Herrn in den letzten Stunden waehrend des
+Angriffs der Englaender, gegen welchen der sonst so gefuerchtete Tyrann nur
+mit wenigen Getreuen Stand hielt. Zweimal brach unter den hervorragendsten
+Haeuptlingen und deren Gefolge Meuterei aus. Sie weigerten sich, an seiner
+Seite zu kaempfen, und beschlossen, ihn dem Feind auszuliefern, doch hatten
+sie noch immer nicht genug Muth, ihr Vorhaben auszufuehren. Als so Alles
+verloren war, erschoss sich Theodor selbst, gleichsam um seine Feinde
+dadurch zu beschaemen, dass er wie ein Koenig sterbe. Das Gesicht des Todten
+liess allerdings nicht auf seine frueheren Zuege schliessen, zumal da das Auge
+das Feuer und den Ausdruck verloren, die als sein Charakteristicum
+bezeichnet wurden. Die Stirn zeugte von Intelligenz, der Mund von
+Entschlossenheit und Grausamkeit. Eine Anzahl englischer Truppen hielt bei
+dem koeniglichen Leichnam Wache, bis er, am Abend des 14. April, in der
+Kirche von Magdala begraben wurde.
+
+ [Illustration: Koenigskrone Theodor's.]
+
+Der englische Oberbefehlshaber bot das eroberte Magdala dem Gobazye, Schum
+von Waag, an; dieser lehnte jedoch das Geschenk ab, weil er es nicht gegen
+die Angriffe der Wollo-Galla vertheidigen koenne und es ueberdies noch
+jedem, der dort geherrscht, den Untergang bereitet habe. Deshalb beschloss
+Napier, Magdala zu zerstoeren. Am Nachmittag des 17. April wurde der Ort in
+Brand gesteckt, die hochaufwirbelnden Feuer- und Rauchsaeulen verkuendeten
+den erstaunten Eingeborenen, dass Theodor gefallen, seine Zwingburg
+zerstoert sei. Mit der Kirche, die man vor den Flammen nicht retten konnte,
+verbrannte auch der Leichnam des Koenigs. Damit war jedoch nur der Ort
+Magdala vernichtet, die natuerliche Felsenfeste aber war unzerstoerbar. Die
+Stadt an und fuer sich war uninteressant, sie bestand aus den gewoehnlichen
+Huetten mit kegelfoermigen Strohdaechern. Nur die keineswegs schoene Kirche
+und die Wohnung Theodor's stachen von den uebrigen Haeusern ab. Letztere
+bestand aus zwei Stockwerken und war mit einem flachen Dache gedeckt. In
+ihr fand sich eine Anzahl europaeischer Luxusartikel vor, Klaviere,
+Harmoniums, Spieldosen, Patronen fuer Hinterlader und ein Gemenge anderer
+Gegenstaende. Sonst fanden sich Zeichen der Civilisation nur in den
+Werkstaetten der von Theodor gefangen gehaltenen Handwerker. Einige Kronen,
+Becher, die Moerser Theodor's, Speere, Saebel, Kreuze, amharische Bibeln
+u. s. w. wurden als Trophaeen mit nach England genommen. Unter den
+Gefangenen befand sich auch ein Sohn Theodor's, welchen der Obergeneral
+mit nach England zu nehmen beschloss. Auch die beiden Koeniginnen fielen den
+Englaendern in die Haende. Die rechtmaessige Gattin Toronesch, die Tochter
+Ubie's, erschien als eine vornehm aussehende Frau von 26 Jahren, mit
+heller Hautfarbe, lebhaften Augen, huebscher Hand und wunderschoenem Haar,
+das in dichten Locken auf die Schultern herabfiel. Sie vermochte das Ende
+ihres Gemahles nicht zu ueberleben und starb auf dem Wege nach der Kueste.
+
+Sofort begannen die Englaender den Rueckmarsch; um den Besitz der kahlen
+Felsenwaende Magdala's, das zur Beruehmtheit geworden, stritten sich nun
+wieder die Galla - fuer die Abessinier war das Land am Kollogebirge,
+welches sie von ihren Stammesgenossen in Schoa trennt, verloren, und der
+muhamedanische Keil, den einst Theodor beseitigt, war wieder zwischen die
+christlichen Reiche eingeschoben. Auf der Talanta-Hochebene sammelte Sir
+R. Napier sein kleines tapferes Heer, hielt ueber dasselbe Revue und dankte
+ihm fuer die bewiesene Aufopferung. Dann wurde die Dschidda ueberschritten
+und auf demselben Wege, den man gekommen, die Heimkehr vollzogen.
+
+Die befreiten Gefangenen und die Beute brachten die Englaender triumphirend
+nach Zula, von wo sie nach England eingeschifft wurden. Auch die deutschen
+Handwerker kehrten heim und nur Schimper und Zander zogen es vor, sich
+nach Adoa in Tigrie zu begeben, wo sie ihre Tage beschliessen wollen. Die
+Expedition selbst war ein grosser Erfolg, fuer den England aber theuer
+bezahlen musste. Wenn der Brief, den Theodor Ende 1862 an die Koenigin
+Victoria schrieb, im Auswaertigen Amte nicht vergessen und nicht
+unbeantwortet geblieben waere, so wuerde kein Grund vorhanden gewesen sein,
+die Expedition ueberhaupt zu unternehmen, 6 Millionen Pfund Sterling zu
+opfern und einige Tausend schlecht bewaffneter Abessinier mit
+Armstrongkanonen und Hinterladern niederzuschiessen.
+
+ --------------
+
+Selten wurde wol ein Kriegszug mit solchem Widerstreben unternommen, mit
+solcher Genauigkeit entworfen und so rasch und vollstaendig ausgefuehrt, wie
+die englische Expedition gegen Abessinien. Sir Robert Napier konnte mit
+Caesar schreiben: _Veni, vidi, vici!_ Der Koenig todt, Magdala erstuermt, die
+Gefangenen frei! Das waren die naechsten Resultate. Die Schnelligkeit und
+Entschiedenheit des Erfolges, die vollstaendige Vernichtung Theodor's und
+seiner Macht kann uns kaum Wunder nehmen. Der Kampf zwischen einem
+englischen Heere mit englischen Waffen und einer Streitmacht wenig
+geschulter, wenn auch tapferer Abessinier war fuer letztere von vornherein
+ein hoffnungsloser. Das eigenthuemliche Verdienst der Englaender bestand
+aber nicht darin, dass sie die Abessinier, sondern dass sie das Land
+besiegten. Die Natur kaempfte gegen sie, aber die Wissenschaft und die
+Organisation ueberwanden diesen gefaehrlichsten der Gegner. Napier musste
+sich fast Zoll fuer Zoll erst den Weg bahnen, und dieser muehsame und
+gefahrvolle Marsch ging ueber jaeh abstuerzende Klippen und an schwindelnden
+Abgruenden vorbei; dazu gesellte sich die Kaelte auf den Alpenhoehen von
+12,000 Fuss ueber der Meeresflaeche. Man begreift die aengstliche Spannung der
+englischen Armee, indem sie sich Magdala naeherte, Theodor moechte sich
+zurueckziehen und sie in endloser Verfolgung seiner Person und seiner
+Gefangenen zu ermueden suchen - aber der Negus hatte geschworen: "wenn auch
+alle seine Truppen floehen, allein den Briten Stand zu halten". Und er hat
+Wort gehalten, und in der That kann man im Hinblick auf die frueheren
+Grossthaten und die letzte Stunde sein Mitgefuehl dem Manne nicht versagen,
+der selbst die Englaender zwang, ihn zu zermalmen. Er war aus dem Stoffe
+vieler orientalischer Eroberer gemacht, ein willensstarker, bedeutender
+Mensch, aber ohne Selbstbeherrschung und unfaehig, die Kraft einer der
+seinigen ueberlegenen Civilisation zu begreifen. Selbst die Englaender
+liessen dem ueberwundenen Feinde schliesslich Gerechtigkeit widerfahren und
+eines ihrer Blaetter ruft aus: "Schade um den Mann! Der wahnsinnige Barbar,
+das feige Ungeheuer, als welchen ihn die schreibseligen Judenmissionaere in
+ihren Episteln aus der Gefangenschaft schilderten, war vielleicht der
+einzige wirkliche Held in diesem romantischen Drama. Schade um den Mann!
+Ein Mann von wilder Genialitaet, durchdringendem Scharfsinn und eiserner
+Willenskraft, mit all den Eigenschaften ausgeruestet, welche noethig sind,
+um Afrikanern zu imponiren und Barbaren fuer die Civilisation zu gewinnen,
+so erschien er unsern Kriegern und er hat ihr Urtheil durch sein Herzblut
+besiegelt."
+
+In Abessinien sind von Zeit zu Zeit grosse Maenner aufgetreten, welche ihr
+daniederliegendes Vaterland aus dem Staube zu heben suchten - der Abuna
+Tekla Haimanot stellte zu Ende des 13. Jahrhunderts das Reich unter der
+salomonischen Dynastie wieder her; Kaiser Fasilides verjagte die Jesuiten
+und unterwarf alle Rebellen - aber groesser und gewaltiger erscheint der
+Sohn der armen Kussohaendlerin aus Koara, Theodor II. - Und Abessinien?
+wird man fragen. Ohne kraeftige Regierung steht es wieder da, zerklueftet
+und zerfallen, als das Land, das es von je gewesen, "das Land der
+Verwirrung".
+
+ [Illustration: Siegel des Koenigs Theodor. Nach Lejean.]
+
+ _Ende._
+
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Uebersichtskarte von Abessinien.]
+
+
+
+
+
+ _Verlag von __Otto Spamer__ in Leipzig._
+
+ Das Buch der Reisen und Entdeckungen.
+
+ _Neue illustrirte_
+
+ Bibliothek der Laender- und Voelkerkunde.
+
+ Herausgegeben
+ *unter Mitwirkung mehrerer Geographen und Schulmaenner.*
+
+ Zum _Subscriptions-Preis_ von 5 Sgr. = 18 Kr. rhein. pro Heft zu
+ beziehen.
+*6-10 Hefte bilden einen Band, welcher ein abgeschlossenes Werk enthaelt.*
+ Jeder Band von 18-30 Bogen ist einzeln zu haben und kostet:
+ _geheftet_ 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. bis 2 Thlr. = 3 Fl. 36 Kr.
+ rhein.
+ *In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. = 3 Fl. rhein. bis 2-1/3 Thlr. = 4
+ Fl. 12 Kr. rhein.*
+
+ *A. Aeltere Reisen.*
+
+ I.
+
+*Cook, der Weltumsegler.** Leben, Reisen und Ende des Kapitaen *_James
+Cook_*, insbesondere Schilderung seiner drei grossen Entdeckungsfahrten.*
+Nebst einem Blick auf die heutigen Zustaende der Suedsee-Inselwelt.
+Herausgegeben von Dr. Karl *Mueller*. Mit 120 Text-Abbildungen, fuenf
+Tonbildern etc. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3
+Thlr.
+
+ *B. Neuere Reisen.*
+
+ _Amerika._
+
+*Kane, der Nordpol-Fahrer.** Arktische Fahrten und Entdeckungen der
+zweiten Grinnell-Expedition zur Aufsuchung Sir John Franklin's in den
+Jahren 1853, 1854 und 1855 unter Dr. *_Elisha Kent Kane_*.* _Vierte_
+durchgesehene Auflage. Mit 125 Text-Abbildungen nach Zeichnungen des
+Verfassers, sechs Tondrucktafeln und zwei Kaertchen. *Vollstaendig in 6
+Heften.* Elegant gebunden 1-2/3 Thlr.
+
+*Die Franklin-Expeditionen und ihr Ausgang.** Entdeckung der
+nordwestlichen Durchfahrt durch *_Mac Clure_*, sowie Auffindung der
+Ueberreste von Franklin's Expedition durch Kapitaen Sir *_M'Clintock_*, R.
+N. L.* - _Zweite_, durchgesehene und vermehrte Auflage. Mit 110
+Text-Abbildungen, 5 Tonbildern, mehreren Kartenumrissen, sowie einer Karte
+der noerdlichen Polarlaender etc. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem
+Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+ _Afrika._
+
+*Livingstone, der Missionaer I.** Aeltere und neuere Erforschungsreisen im
+Innern Afrika's.* In Schilderungen der bekanntesten aelteren und neueren
+Reisen, insbesondere der grossen Entdeckungen im suedlichen Afrika waehrend
+der Jahre 1840 bis 1856 durch Dr. *David Livingstone*. _Dritte_ Auflage.
+Mit 90 Text-Abbildungen und 4 Tondrucktafeln. *Vollstaendig in 6 Heften.*
+In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Livingstone, der Missionaer II.** Neueste Erforschungsreisen im Sueden
+Afrika's und auf dem Eilande Madagascar.* In Schilderungen von *David
+Livingstone's* neuesten Forschungen waehrend der Jahre 1858-1864; der
+Universitaets-Mission und Livingstone's letzter Expedition von 1866. Ferner
+der Reisen von *Albert Roscher* und *Karl Mauch*, der portugiesischen
+Expedition in das Land des Muata-Kazembe, sowie der Reisen auf der Insel
+Madagascar waehrend des letzten Jahrzehnts. Mit 90 Text-Abbildungen, sechs
+Tondrucktafeln und einer Uebersichtskarte des suedlichen und mittleren
+Afrika sammt Madagascar, unter Angabe der Reiserouten von David
+Livingstone, du Chaillu, Andersson, Burton-Speke, Speke-Grant, A. Roscher
+u. s. w. *Vollstaendig in 8 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+ Das Buch der Reisen und Entdeckungen.
+
+ _Afrika._
+
+*Die neuesten Entdeckungsreisen an der Westkueste Afrika's.* Mit besonderer
+Beruecksichtigung der Reisen und Abenteuer, Handels- und Jagdzuege von *Paul
+Belloni du Chaillu* im _aequatorialen Afrika_, sowie von *Ladislaus Magyar*
+_in Benguela und Bihe_, von *C. Joh. Anderson* am _Okavango-Flusse_.
+Bearbeitet von H. *Wagner*. Mit ueber 100 Text-Abbildungen, fuenf Tonbildern
+und zwei Karten etc. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband
+1-2/3 Thlr.
+
+*Eduard Vogel, der Afrika-Reisende.** Schilderung der Reisen und
+Entdeckungen des Dr. Eduard Vogel in Central-Afrika:* in der grossen Wueste,
+in den Laendern des Sudan, am Tsad u. s. w. Nebst einem Lebensabriss des
+Reisenden. Nach den Originalquellen bearbeitet von *Hermann Wagner*.
+_Zweite_ durchgesehene Auflage. Mit 100 Text-Abbildungen, acht
+Tondrucktafeln und einer Karte von Vogel's Reiseroute. *Vollstaendig in 6
+Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Abessinien, das Alpenland unter den Tropen** und seine Grenzlaender.*
+Schilderungen von Land und Volk, vornehmlich unter Koenig Theodoros
+(1855-1868). Nach den Berichten aelterer und neuerer Reisender bearbeitet
+von Dr. *Richard Andree*. Mit 80 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern sowie
+einer neuen Karte von Abessinien. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem
+Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Die Erforschung des Nilquellen-Gebietes** und der angrenzenden Laender von
+Zanzibar bis Chartum.* Nach *Burton*, *Speke*, *Baker*, *Petherick*,
+*Heuglin*, *v. d. Decken* u. A. In 6-8 Heften. Mit 100 Text-Abbildungen,
+Tondrucktafeln, einer Karte etc. (_In Vorbereitung_.)
+
+ _Asien._
+
+*Die Nippon-Fahrer oder das wiedererschlossene Japan.* In Schilderungen
+der bekanntesten aelteren und neueren Reisen, insbesondere der
+amerikanischen Expedition in den Jahren 1852 bis 1854 und der preussischen
+Expedition nach Ostasien in den Jahren 1860 und 1861. Urspruenglich
+bearbeitet von *Friedrich Steger* und *Hermann Wagner*. In neuer Auflage
+herausgegeben von Dr. *Richard Andree*. _Zweite_ gaenzlich umgearbeitete,
+vermehrte Auflage. Mit etwa 150 Text-Abbildungen, sieben Tondrucktafeln,
+sowie einer Karte von Japan. *Vollstaendig in 10 Heften.* In elegantem
+Prachtband 2-1/3 Thlr.
+
+*Reisen in den Steppen und Hochgebirgen Sibiriens** und der angrenzenden
+Laender Central-Asiens.* Nach Aufzeichnungen von T. W. _Atkinson_ und
+Anderen. Bearbeitet von *A. v. Etzel* und *H. Wagner*. Mit 120
+Text-Abbildungen und fuenf Tondrucktafeln. *Vollstaendig in 8 Heften.* In
+elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Das Amur-Gebiet und seine Bedeutung.** Reisen in Theilen der Mongolei, in
+den angrenzenden Gegenden Ost-Sibiriens, am Amur und seinen Nebenfluessen.*
+Nach den neuesten Berichten, vornehmlich nach Aufzeichnungen von *A.
+Michie*, *G. Radde*, *R. Maack* und Anderen. Herausgegeben von Dr.
+*Richard Andree*. Mit 80 Text-Illustrationen, vier Tonbildern, sowie einer
+Karte des asiatischen Russlands und der angrenzenden Theile von
+Inner-Asien. *Vollstaendig in 6 Heften.* In eleg. Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Die ostasiatische Inselwelt I.** Land und Leute von
+Niederlaendisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.*
+Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet waehrend seines
+Aufenthaltes in Hollaendisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S.
+Friedmann*. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Das Tropen-Eiland Java.* Mit 120 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern und
+einer Karte von Java.
+
+*Die ostasiatische Inselwelt II.** Land und Leute von
+Niederlaendisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.*
+Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet waehrend seines
+Aufenthaltes in Hollaendisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S.
+Friedmann*. *Vollstaendig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Sumatra, Borneo, Celebes, die Molukken und Neu-Guinea.* Mit 100
+Text-Illustrationen, sechs Tonbildern etc.
+
+ *Neueste Kinderschriften, illustrirt durch F. Flinzer u. A.*
+
+*Die Kinderstube I.** Was man seinen Kindern erzaehlt, wenn sie 2 bis 5
+Jahre alt sind.* Kleine Geschichtchen, Gedichtchen und Raethsel. Von *Ernst
+Lausch*, Lehrer an der Ersten Buergerschule zu Wittenberg. - In zwei
+Abtheilungen, mit 54 Text-Abbildungen und drei Buntbildern. Geheftet 15
+Sgr. = 54 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr.
+= 1 Fl. 12 Kr. rhein.
+
+Die _erste_ Abtheilung enthaelt 50 Geschichtchen und Gedichtchen, die
+_zweite_ Abtheilung 50 Gedichtchen, Raethsel und Gebete zum
+Auswendiglernen.
+
+*Die Kinderstube II.** Hundert kleine Erzaehlungen, Gedichte und Verschen
+fuer Kinder von 4 bis 6 Jahren.* Der lieben Kinderwelt und deren Freunden
+gewidmet von *Fr. A. Glass*. Neu bearbeitet und herausgegeben von *Ernst
+Lausch*. _Zweite_ umgearbeitete Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und drei
+Buntbildern. Geheftet 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem
+Umschlag gebunden 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein.
+
+*Die Kinderstube III.** Erstes A-B-C-, Lese- und Denkbuch fuer brave
+Kinder, die leicht und rasch lesen lernen wollen.* Ein Fuehrer fuer Muetter
+und Erzieher beim ersten Unterricht durch Wort und Bild. Herausgegeben von
+*Ernst Lausch*. Mit 300 Text-Abbildungen und zwei Buntbildern. Geheftet 15
+Sgr. = 54 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr.
+= 1 Fl. 12 Kr. rhein.
+
+*Inhalt:* I. Die kleinen Buchstaben. II. Die grossen Buchstaben und
+Ergaenzung der kleinen. III. Lesebuch. IV. A-B-C-Bilder-Reime. V.
+Kinderspiele. VI. Rechenbuch. VII. Gebetbuch.
+
+Ein namhafter Paedagog spricht sich ueber die vorstehenden Baendchen in
+folgender Weise aus: "Wir koennen nicht anders als mit Freuden anerkennen,
+dass es dem Autor gelungen ist, den rechten Stoff und fuer denselben die
+rechte Form, d. h. die rechte Sprache fuer die Kinder-Erzaehlungen getroffen
+zu haben. Die Geschichtchen sind hoechst einfach und natuerlich in der
+Sprechweise der Kinder gegeben, ohne jedoch etwa einen kindischen oder gar
+laeppischen Ton anzuschlagen. Man siehts diesen Buechelchen deutlich an, dass
+ein innig liebendes Vaterherz, geleitet von einem klaren paedagogischen
+Sinne, sie zunaechst fuer sein Theuerstes auf Erden, fuer seine eigenen
+Kinder erfunden und erzaehlt hat. Sie sind den Kleinen aus der Seele
+gelesen und darum echte Mosaikstuecke aus einem wahren und wirklichen
+Kindesleben. Mit vielem Glueck hat der Verfasser in diesen Erzaehlungen
+alles Gekuenstelte und Sentimentale, alles Ueberschwengliche und
+Unnatuerliche _a la_ Struwelpeter, sowie besonders auch trocknes und
+langathmiges Moralisiren fern gehalten."
+
+Noch sei bemerkt, dass diese Geschichtchen so einfach und kunstlos sind, um
+von jeder Mutter und Erzieherin jemalig nach dem Beduerfniss und der
+Anschauungsweise ihrer Pfleglinge leicht umgeaendert oder auch als Themata
+zu verschiedenen Variationen benutzt werden zu koennen.
+
+Wo und wann ein Lehrer von _Muettern_ oder von _Erzieherinnen_ nach
+lobenswerthen und zweckdienlichen Erzaehlungen fuer kleine Kinder befragt
+wird, da kann derselbe mit gutem Gewissen die Geschichtchen von *Ernst
+Lausch* ihnen aufs Waermste empfehlen.
+
+Gleiches Lob verdient das _neueste_ Baendchen desselben Verfassers unter
+dem Titel:
+
+ Die Schule der Artigkeit.
+
+*Goldenes A-B-C der guten Sitten** in Lehr- und Beispiel, Mahnung und
+Warnung.* Auserwaehlte Fabeln, Sprueche und Spruechwoerter _fuer die
+Kinderstube_. Herausgegeben von *Ernst Lausch*. Mit einem Titelbilde,
+sowie 60 Text-Abbildungen von F. Flinzer, O. Rostosky und Fr. Waibler.
+Elegant geheftet 221/2 Sgr. = 1 Fl. 21 Kr. rhein. In praechtig ausgestattetem
+Umschlag gebunden 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.
+
+(Diesem Baendchen schliesst sich im naechsten Jahre eine Sammlung der
+vorzueglichsten deutschen *"Maerchen und Sagen"* an.)
+
+ Die kleinen Tierfreunde.
+
+*Fuenfzig Unterhaltungen ueber die Thierwelt.* Ein lustiges Buechlein, fuer
+die liebe Jugend bearbeitet von Dr. *Karl Pilz*, Lehrer an der Dritten
+Buergerschule zu Leipzig. _Zweite_, gaenzlich umgearbeitete, vermehrte
+Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und einem Titelbilde. Geheftet 20 Sgr. =
+1 Fl. 12 Kr. rhein. Elegant cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.
+
+ *Kinderschriften von Hermann Wagner.*
+
+*Illustrirtes Spielbuch fuer Knaben.** 1001* unterhaltende und anregende
+Belustigungen, Spiele und Beschaeftigungen fuer Koerper und Geist, im Freien
+sowie im Zimmer. Herausgegeben von *Hermann Wagner*. _Zweite_ unveraenderte
+Auflage. Ein Band von 400 Seiten in buntem Umschlag, mit mehr als 500 in
+den Text gedruckten Abbildungen, sowie einem Titelbilde. Elegant geheftet
+Preis 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. In geschmackvollem
+Cartonnage-Einband 11/2 Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rh.
+
+*Der gelehrte Spielkamerad** oder der kleine Naturforscher, Thierfreund
+und Sammler.* Anleitung fuer kleine Physiker, Chemiker, Botaniker und
+Naturfreunde zum Experimentiren, zur Anlage von Pflanzen-, Stein-,
+Muschel-, Insekten-, Schmetterling-, Vogel-, Briefmarkensammlungen etc.,
+sowie zur Pflege der Hausthiere und des Hausgartens. Ein Supplement zum
+"Spielbuch fuer Knaben". Herausgegeben von *Hermann Wagner*. Mit ueber 200
+Text-Abbildungen, sechs Abtheilungs-Frontispicen sowie einem Titelbilde.
+Eleg. geheftet 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rh. In geschmackvollem
+Cartonnage-Einband 11/2 Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rhein.
+
+
+ _Bestens empfohlen.] __Fuer Knaben und Maedchen.__ [Zweite Auflage._
+
+*Entdeckungsreisen in Haus und Hof.* Mit seinen jungen Freunden
+unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 Abbildungen, Titel- und
+Tonbildern. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. =
+1 Fl. 12 Kr. rhein.
+
+*Entdeckungsreisen in der Wohnstube.* Mit seinen jungen Freunden
+unternommen von *Hermann Wagner*. Mit ueber 100 Abbildungen, Titel- und
+Tonbildern etc. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rh. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. =
+1 Fl. 12 Kr. rh.
+
+*Entdeckungsreisen im Wald und auf der Heide.* Mit seinen jungen Freunden
+unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 130 in den Text gedruckten
+Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern und einer Extrabeilage
+von getrockneten Moosarten. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein. Eleg.
+cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.
+
+*Entdeckungsreisen in Feld und Flur.* Mit seinen jungen Freunden
+unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 110 in den Text gedruckten
+Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern, einem Titelbilde etc.
+Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr.
+rhein.
+
+
+*Entdeckungsreisen in der Heimat.** I. Im Sueden.* Eine _Alpenreise_ mit
+seinen lieben jungen Freunden unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in
+den Text gedruckten Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1
+Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.
+
+*Entdeckungsreisen in der Heimat.** II. Im Flachlande von
+Mitteldeutschland.* Streifereien mit seinen lieben jungen Freunden
+unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in den Text gedruckten
+Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geheftet 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg.
+cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.
+
+
+*Im Gruenen oder die kleinen Pflanzenfreunde.* Erzaehlungen aus dem
+Pflanzenreich von *Hermann Wagner*. _Dritte vermehrte Auflage._ Mit 80
+Abbildungen und kolor. Titelbilde. In prachtvollem Umschlage eleg. carton.
+25 Sgr.
+
+ _Verlag von Otto Spamer in Leipzig._
+
+
+
+
+
+ FUSSNOTEN
+
+
+ 1 Adara Bille, der Peiniger Krapf's, liess sich 1863 in eine
+ Verschwoerung gegen den Koenig Theodoros ein, die jedoch verrathen
+ wurde, infolge dessen jener das Leben verlor.
+
+ 2 Die beigefuegte Abbildung stellt einen pfluegenden Mensa dar.
+ Zugochsen und Pflug, ebenso das Joch des Ochsen, sind ganz genau so
+ wie im eigentlichen Abessinien gestaltet.
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Fussnoten wurden an das Ende des Textes gesetzt.
+
+Die Werbeseiten wurden am Ende des Textes zusammengefasst.
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In der elektronischen Fassung
+sind Antiqua (bis auf roemische Zahlen und den Titel "Dr.") und Sperrung
+durch Unterstriche markiert, Fettdruck durch Sternchen.
+
+"etc." ist im Original mit der Tironischen Note fuer _et_ geschrieben.
+
+Korrektur offensichtlicher Druckfehler:
+
+ Seite 1: "Lefebvre" in "Lefebvre" geaendert
+ Seite 16: "Sanglu" in "Saglu" geaendert
+ Seite 19: "Indiko,pleustes" in "Indikopleustes" geaendert, "kopirte-"
+ in "kopirte,"
+ Seite 26: "wuertembergischen" in "wuerttembergischen" geaendert
+ Seite 51: "Allgemeine-n" in "Allgemeinen" geaendert
+ Seite 57: "Mohamedaner" in "Muhamedaner" geaendert
+ Seite 67: "lezteren" in "letzteren" geaendert
+ Seite 95: zweites Anfuehrungszeichen hinter "vergeblich" ergaenzt
+ Seite 136: "Metemme" in "Metemme" geaendert
+ Seite 144: "brereitete" in "bereitete" geaendert
+ Seite 146: "Waizen" in "Weizen" geaendert
+ Seite 153: "Einwoher" in "Einwohner" geaendert
+ Seite 172: "Rueppel" in "Rueppell" geaendert
+ Seite 175: "Raum" in "Rauch" geaendert
+ Seite 185: "Reb," in "Reb" geaendert
+ Seite 199: "Woito" in "Waito" geaendert
+ Seite 203: "Lalmalmon" in "Lamalmon" geaendert
+ Seite 218: "Schutzherrrn" in "Schutzherrn" geaendert
+ Seite 221: "Regeu" in "Regen" geaendert
+ Seite 230: "Assasee" in "Assalsee" geaendert
+ Seite 236: "Meeresspiel" in "Meeresspiegel" geaendert
+ Seite 237: "vernachlaessigt" in "vernachlaessigt"
+ Seite 246: "Banketsales" in "Banketsaales" geaendert
+ Seite 250: "Agollala's" in "Angollala's" geaendert
+ Seite 253: "Garague" in "Gurague" geaendert
+ Seite 253: ueberfluessiges Anfuehrungszeichen vor "Satan" entfernt
+ Seite 287: "Ungust" in "Ungunst" geaendert
+
+Nicht vereinheitlicht wurden (ausser in Faellen einzelner, als Druckfehler
+anzusehender Abweichungen) verschiedene Schreibvarianten wie "Augenbrauen"
+und "Augenbraunen", "Bajonnet" und "Bajonett", "danieder" und "darnieder",
+"erwidern" und "erwiedern", "Galla" und "Gala", "Kusso" und "Kosso",
+"male" und "Male", "Tanasee" und "Tana-See", "Victoria" und "Viktoria",
+"Wag" und "Waag", "wol" und "wohl" oder unterschiedliche Verwendung von
+Akzenten. Das Original verwendet durchgehend die Schreibungen "Schmuz",
+"schmuzig", "jenseit".
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLAeNDER***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+January 7, 2010
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Mark C. Orton, Markus Brenner, Stefan Cramme and
+ the Online Distributed Proofreading Team at
+ http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 30883.txt or 30883.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/8/8/30883/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+_Please read this before you distribute or use this work._
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+ Section 1.
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+ 1.A.
+
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+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
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+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
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+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
+distributed to anyone in the United States without paying any fees or
+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
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+
+ 1.E.3.
+
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+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
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+ 1.E.4.
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+Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License
+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
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+
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+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
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+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
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+
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+
+
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+
+
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+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
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