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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:54:44 -0700 |
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You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer + +Author: Richard Andree + +Release Date: January 7, 2010 [Ebook #30883] + +Language: German + +Character set encoding: ISO 8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLÄNDER*** + + + + + + Das + + Buch der Reisen und Entdeckungen. + + Afrika. + + *Abessinien,* + + das Alpenland unter den Tropen. + + + + + + Malerische Feierstunden. + + Das Buch der Reisen und Entdeckungen. + + _Neue illustrirte_ + + *Bibliothek der Länder- und Völkerkunde* + + zur + + Erweiterung der Kenntniß der Fremde. + + *Afrika.* + + *Abessinien, das Alpenland unter den Tropen.* + + Bearbeitet + + von + + *Dr. Richard Andree.* + +Mit 80 in den Text gedruckten Abbildungen, sechs Tonbildern, sowie einer + Uebersichtskarte von Abessinien + + *Leipzig.* + + Verlag von Otto Spamer. + + 1869. + + + + + + [Illustration: König Theodoros, Audienz ertheilend. + _Originalzeichnung von __H. Leutemann__, nach Lejean._] + + + + + + *Abessinien,* + + _das Alpenland unter den Tropen_ + + und + + *seine Grenzländer.* + + + Schilderungen von Land und Volk vornehmlich unter + + *König Theodoros* (1855-1868). + + Nach den Berichten älterer und neuerer Reisender bearbeitet + + von + + *Dr. Richard Andree.* + +Mit 80 Text-Abbildungen, 6 Tonbildern nach Originalzeichnungen von E. +Zander, R. Kretschmer, H. Leutemann u. A. nebst einer Uebersichtskarte von +Abessinien. + +_Leipzig._ + +Verlag von Otto Spamer. + +1869. + + + + + + Verfasser und Verleger behalten sich das Recht der Uebersetzung vor. + + Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. + + + + + + VORWORT. + + +Ein afrikanisches Alpenland, überreich an Schönheiten und Wundern der +Natur, bewohnt von einem begabten Volke, das gleich uns zum kaukasischen +Stamme gehört und mit den Negern nichts zu schaffen hat, eine an +fesselnden Abenteuern reiche Folge von Reisen in dieses Land, endlich der +Feldzug Englands gegen den eisernen, blutigen _Theodor_, der mächtig über +Abessinien geherrscht, wie noch kein dunkelfarbiger König vor ihm - das +ist es, was wir in diesem Bande des "Buches der Reisen und Entdeckungen" +den Lesern vorführen wollen. + +Abessinien hat von jeher der gebildeten Welt ein großes Interesse +eingeflößt und nicht etwa erst die neueste romantische Episode seiner +Geschichte uns diese "unter die Tropen gerückte Schweiz" näher geführt. +Dort, in der muthmaßlichen Heimat des schwarzhäutigen der durch die Bibel +eingeführten heiligen drei Könige, besteht ja noch, abgeschieden und +vergessen von den abendländischen Glaubensgenossen, inmitten heidnischer +und muhamedanischer Völker, ein christliches Reich; dorthin verlegte das +Mittelalter auch den Staat des fabelhaften Erzpriesters Johannes, dort +entspannen sich Glaubenskämpfe gegen den Islam, die an Heftigkeit und +blutigen Greueln ihresgleichen suchen, dort mühten sich endlich unsere +Missionäre bis in die neueste Zeit erfolglos ab, die Bevölkerung zu einem +reineren Glauben zurückzuführen. Staatsumwälzungen, Bürgerkriege folgen im +bunten Wechsel einander. + +So erhebt sich vor unserem geistigen Blicke auf dem farbenreichen +Hintergrund, den die Natur bietet, ein interessantes geschichtliches Bild, +beginnend mit der sagenhaften Königin von Saba, endigend mit dem blutigen +_Theodor_, und fesselt unser Interesse an denselben afrikanischen Boden, +der, wenn man von Aegypten und den durch die Araber begründeten Reichen +absieht, im Grunde eine eigentliche Geschichte nicht hat. + +Nachdem der Verfasser die Erforschung Abessiniens von den ältesten Zeiten +bis auf unsere Tage herab geschildert hat, führt er in den ersten vier +Abschnitten Land und Leute in einem gedrängten Bilde vor, alles +Wesentliche zusammenfassend, was über Geologie und Oberflächengestaltung, +über die natürlichen Felsenfestungen und periodisch anschwellenden Ströme, +jene Grundursache der Nilüberschwemmungen, was über die klimatischen +Verhältnisse und die Vegetationsgürtel, über die Thierwelt jenes +interessanten Gebietes gesagt werden kann. Dabei wandert das Volk an uns +vorüber mit seinen guten Anlagen und seinem tiefen sittlichen Verfall, +seinen verschiedenen Stämmen und Sprachen, Sitten und Gebräuchen. Handel +und Industrie finden gleichfalls gebührende Berücksichtigung, nicht minder +die religiösen Verhältnisse, das afrikanisch gefärbte Christenthum des +Landes mit seiner byzantinischen Scheinrechtgläubigkeit und lasterhaften +Priesterschaft. Die Missionsgeschichte, reich an Enttäuschungen und arm an +Erfolgen, wird unparteiisch berichtet und dann mit einer Abhandlung über +den Landbau und die sozialen Verhältnisse des Landes der allgemeine Theil +beschlossen. + +Nachdem der Leser dergestalt orientirt ist, kann er an der Hand der +neuesten Reisenden das weite Land durchwandern; er lernt den Norden wie +den Süden kennen, die brennendheißen Küstenstriche und die +fieberschwangere, feuchte Kollaregion, hinauf bis zu den schneegekrönten, +majestätischen Alpengipfeln. + +Geleitet von solchen Forschern, deren Schilderungen zu den +farbenprächtigsten gehören, die wir über jene fernen Gegenden besitzen, +gewinnt der Leser alsobald die vorgeführten Persönlichkeiten um so lieber, +je fesselnder deren oft überaus romantische Fahrten sind. Während die +älteren Reisenden bereits früher besprochen waren, bieten wir in diesem +Abschnitte einen Einblick in das verdienstvolle Wirken der neueren +Ländererforscher. Wir lernen den geistreichen und kühnen Franzosen +_Guillaume Lejean_ kennen, durchstreifen an der Hand _Werner Munzinger's_ +und der Gefährten des _Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg_ die nördlichen +Grenzgebiete, die Länder der Bogos und Kunama, begleiten den deutschen +Fürsten selbst auf seinen Pürschgängen und Elefantenjagden und werden +schließlich durch den englischen Major _W. Cornwallis Harris_ in die fast +märchenhaft erscheinende Welt von Schoa, diesen südlichen Theil +Abessiniens, eingeführt, wo in malerischen Einzelschilderungen das Hof- +und Kriegsleben des Negus _Sahela Selassié_ an uns vorübergeht. + +Naturgemäß gipfeln die Mittheilungen in der Darstellung des heutigen +Abessinien. Verfallen und zerrissen durch nimmer ruhende Bürgerkriege, +zuckend und verblutend liegt es da. Wüst liegen die fruchtbaren Aecker und +das geplagte Volk verkommt: da scheint ein Hoffnungsstrahl aufzudämmern! +Gleich einem glänzenden Meteor steigt der mächtige _Theodor_, der Sohn +einer armen Kussohändlerin, am abessinischen Himmel auf. Noch einmal +scheint es, als ob das altäthiopische Reich aus seinen Trümmern, aus +Schutt und Moder wieder erstehen wolle. Doch der Glanz trügt, und nach +Tagen blutiger Schrecken sinkt unter der überlegenen Macht der +"rothhaarigen Barbaren" auch der afrikanische Napoleon dahin, mit ihm sein +Reich. Indessen nicht blos Schatten wirft die Regierungsgeschichte dieses +unzweifelhaft bedeutenden Mannes; es sind Lichtpunkte genug in derselben +zu finden, und der Verfasser hat sich bemüht, Licht und Schatten in +gerechter Würdigung der Schwierigkeiten, die sich einem Reformator in der +Eigenartigkeit von Land und Menschen jener fernen Gegenden +entgegenstellen, billig zu vertheilen. + +Was die Quellen, aus denen das vorliegende Buch geschöpft, betrifft, so +wurde von _Hiob Ludolf_ an bis auf _Th. von Heuglin_, sowie die Berichte +der englischen Korrespondenten herab keine wichtige Publikation übersehen. +Außer den angeführten Reisenden, deren Berichte im Auszuge wiedergegeben +sind, wurden hauptsächlich _James Bruce_, _Henry Salt_, _Eduard Rüppell_, +_Karl Wilhelm Isenberg_, _Ludwig Krapf_ und (für den zoologischen Theil) +_A. E. Brehm_ benutzt. + +Als ganz besonders werthvoll müssen wir die Originalabhandlung über die +_Agrikultur Abessiniens_ von _Eduard Zander_ hier hervorheben. - Das Leben +dieses deutschen Landsmannes haben wir im Texte geschildert. Für die +Erlaubniß zur Veröffentlichung der genannten Arbeit ist der Herausgeber +_Sr. Hoheit dem Herzoge Leopold Friedrich von Anhalt_, in dessen Besitze +sich das Original-Manuskript befindet, zu tiefgefühltem Danke +verpflichtet. Die Kundgebung dieser zu Magdala im Jahre 1859 verfaßten +Arbeit erfolgt hier, mit Weglassung einer allgemeinen Einleitung, +vollständig. Da jedoch unserm wackern Landsmanne nach längerer Abwesenheit +vom Heimatlande der flüssige Gebrauch der deutschen Sprache abhanden +gekommen war, so erschienen stylistische Aenderungen in seiner Darstellung +unerläßlich, wie denn auch die Schreibart der Eigennamen mit der in +vorliegendem Werke befolgten in Uebereinstimmung gebracht werden mußte. + +In der Orthographie abessinischer Namen herrscht bekanntlich die größte +Anarchie, ganz entsprechend jener, welche das Land zerrüttet; um ihr +womöglich zu entgehen, schloß sich der Verfasser in seiner Rechtschreibung +an diejenigen deutschen Reisenden an, welche von allen die meiste +Uebereinstimmung zeigen und diesen Gegenstand am eifrigsten ihrer +Aufmerksamkeit gewürdigt haben, nämlich _K. W. Isenberg_ und _Th. von +Heuglin_. + +Zur ganz besonderen Freude gereicht es uns, mittheilen zu können, daß der +bei Weitem größere Theil der Illustrationen dieses Werkes nach an Ort und +Stelle aufgenommenen Originalen gezeichnet ist. Zwei Künstler, die das +Land bereisten, haben dieselben geliefert: _Robert Kretschmer_, der den +Herzog von Koburg als Maler begleitete, und _Eduard Zander_, dessen +werthvolle Federzeichnungen, weit über hundert an der Zahl, die +landschaftlichen, architektonischen und ethnographischen Verhältnisse +Abessiniens ungemein gut charakterisiren. Sie befinden sich gleichfalls im +Besitze Sr. Hoheit des Herzogs von Anhalt und werden hier, mit dessen +hoher Erlaubniß, als wesentlicher Schmuck unsres Buches, wiedergegeben. +Die übrigen Illustrationen, bei denen die Quelle stets angegeben ist, +wurden den Werken von H. Salt, E. Rüppell, W. C. Harris, Bernatz, G. +Lejean u. a. entlehnt. Schon in dem uns hier entgegentretenden Reichthum +an gelungenen Holzschnitten ist uns ein vollständiges Bild des +afrikanischen Alpenlandes geliefert, das in keinem hier in Betracht +kommenden andern Werke reicher illustrirt zur Anschauung kommen dürfte. +Das am Schlusse mitgetheilte Kärtchen endlich wird zur allgemeinen +Orientirung über das besprochene Gebiet willkommen geheißen werden. + +_Leipzig_, im Juli 1868. + *Die Redaktion des "Buches der Reisen und Entdeckungen".* + + + + + + INHALTSVERZEICHNISS. + + + Seite + _Einleitung._* Historischer Ueberblick und Geschichte der 1 + Erforschung Abessiniens.* Mit 11 Illustrationen + Aethiops (2). - Die Königin von Saba (3). - Menilek und die + salomonische Dynastie (3). Berührungen mit den Völkern des + Alterthums (4). - Die Königsstadt Axum und ihre Ruinen (5). + - Einführung des Christenthums (6). - Wechsel der Dynastie + (8). - Die Invasion der Muhamedaner unter Granje (10). - + Portugiesen und Jesuiten in Abessinien (11). - Ihre + Vertreibung (12). - Zerfall des Reiches und Bürgerkriege + (13). - Die Verfassung (18). - Erforschungsgeschichte (19). + - Portugiesische Reisende (20). - Hiob Ludolf (21). - Bruce + (22). - Salt und Pearce (23). - Hemprich und Ehrenberg (23). + - Rüppell (23). - Tamisier und Combes (26). - v. Katte (26). + - Schimper (26). - Aubert und Dufey (27). - Lefêbvre (27). - + Gebrüder d'Abbadie (27). - Rochet d'Héricourt (28). - Beke + (29). - Zander (30). - Sapeto (32). - Munzinger (32). - + Lejean (33). - Die deutsche Expedition (33). + *Das Land, seine Pflanzen- und Thierwelt.* Mit 14 35 + Illustrationen + Begrenzung (35). - Das Hochland (36). - Geologie Abessiniens + (36). - Der versteinerte Wald (39). - Heiße Quellen (40). - + Oberflächengestaltung (40). - Natürliche Felsenfestungen + (42). - Die Alpen Semiéns (42). - Charakter der Flüsse (46). + - Ihr Anschwellen (46). - Ursachen der Nilüberschwemmungen + (47). - Der Tanasee und der Abai (47). - Klimatische + Verhältnisse (50). - Die Vegetationsgürtel (51). - Kola + (51). - Woina Deka (56). - Deka (61). - Die niederen Thiere + (62). - Vögel (65). - Säugethiere. Ihre Lebensweise, + Nutzanwendung, Jagd (71). + *Das Volk, seine Sitten und Gebräuche, Handel und 85 + Industrie.* Mit 9 Illustrationen + Physischer Charakter des Volks (85). - Die Juden oder + Falaschas (86). - Muhamedaner (87). - Gamanten (88). - + Heidnische Ueberreste (90). - Waito (90). - Die Sprachen + Abessiniens (90). - Literatur und Malerei (93). - Charakter + und Sittenlosigkeit der Abessinier (94). - Blutrache (95). - + Justiz (96). - Aberglauben (97). - Das Verzehren von rohem + Fleische (100). - Nahrungsweise (102). - Kleidung (103). - + Krankheiten und Aerzte (103). - Industrie und Handel (106). + *Religion, Kirche und Geistlichkeit. Das Missionswesen.* Mit 111 + 8 Illustrationen + Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und + Verwahrlosung (111). - Der Abuna (114). - Art des + Gottesdienstes (120). - Die lasterhafte Geistlichkeit (122). + - Mönche und Klöster (122). - Politische Asyle (123). - + Zeitrechnung (123). - Feste (123). - Taufe, Ehe, Begräbniß + (124). - Die Kirchen, ihre Einrichtung und Ausschmückung + (126). - Die verschiedenen Missionsversuche in Abessinien, + deren Mißlingen und Urtheile darüber (128). + *Der Ackerbau und die Viehzucht Abessiniens.* Mit 5 139 + Illustrationen + Die Kulturfläche Abessiniens (139). - Die Getreidearten, + ihre Anpflanzung und Verwendung (141). - Gewürze, Gemüse, + Wein, Baumwolle, Gescho (144). - Ernteertrag (146). - Nuk + (146). - Einfelderwirthschaft (146). - Ackerwerkzeuge (147). + - Regenzeit (148). - Bewässerung (148). - Soziale Stellung + der Landleute (149). - Die Viehzucht (150). - Aussicht für + europäische Ansiedelungen (153). - Die Regierung und der + Grundbesitz (153). - Das Frohnwesen (153). - Steuern (153). + - Wiesen und Moorgrund (154). - Bienenzucht (154). - Die + Wohnungen der Landleute (155). - Die Mühlen Abessiniens + (157). + *Massaua und die abessinische Küstenlandschaft.* Mit 5 158 + Illustrationen + Die Bedeutung des Rothen Meeres (158). - Der Dahlak-Archipel + und die Perlenfischerei (160). - Die Stadt Massaua und ihre + Bewohner (162). - Sklavenhandel (164). - Die Cisternen + (166). - Der Markt (167). - Karawanenhandel mit Abessinien + (167). - Die Bai von Adulis (168). - Schoho und Danakil + (170). - Die Samhara (171). - Eine abessinische Karawane + (172). - Der Tarantapaß und Halai (174). + *G. Lejean's Reise durch Abessinien.* Mit 10 Illustrationen 176 + Metemmé (177). - Der Markt Wochni (178). - Grenzwächter + (178). - Eine abessinische Festung (180). - Eine deutsche + Familie (182). - Das Land am Tanasee (182). - Schnapphähne + (184). - Missionsstation Gafat (185). - Gefangennahme + Lejean's durch König Theodor (187). - Theodor's Löwen (187). + - Gondar und seine Bauten (188). - Wasserfall des Reb (192). + - In einem Kloster (194). - Besuch in Korata (195). - + Binsenflöße (198). - Besteigung des hohen Guna (200). - Fünf + Frauengenerationen (200). - Befreiung (202). - Hochebene + Wogara (202). - Lamalmon-Paß (203). - Reise durch Tigrié + nach Massaua (204). + *Reisen in den nördlichen und nordwestlichen Grenzländern 207 + von Abessinien.* Mit 4 Illustrationen + Das Land der Mensa und Bogos (207). - Reise des Herzogs + Ernst (208). - Monkullo (209). - Labathal (209). - Plateau + von Mensa (210). - Das Volk der Mensa (211). - Ausflug nach + Keren (212). - Elephantenjagd (214). - Rückkehr (216). - + Munzinger über die Bogos (217). - Geschichtliches (217). - + Ein aristokratisches Volk (218). - Rechtsverhältnisse (218). + - Aberglauben (219). - Das Christenthum der Bogos (219). - + Der Marebfluß (221). - Die demokratischen Bazen und Barea + (220). + *Schoa und die britische Gesandtschaft unter Major Harris.* 224 + Mit 9 Illustrationen + Begrenzung (224). - Englische Gesandtschaft unter Harris + (225). - Tadschurra (225). - Zug durch die Adalwüste (226). + - Salzsee (227). - Mord im Thale Gungunté (228). - + Versammlung der Eingeborenen (230). - Sklavenkarawane (232). + - Myrrhen (233). - Der Hawasch (234). - Der Grenzdistrikt + (234). - Alio Amba, ein Marktort (236). - Empfang beim + Könige Sahela Selassié (240). - Die Hauptstadt Ankober + (242). - Debra Berhan, die Sommerresidenz (245). - + Sklavendepot (246). - Truppenrevue (246). - Angollala (249). + - Schlucht der Tschatscha (250). - Medoko, der Rebell (252). + - Das Gallavolk (252). - Kriegszug gegen dasselbe (258). - + Siegesfest (260). - Abschluß des Handelsvertrags (262). - + Rückkehr (263). + *Theodoros II., Negus von Aethiopien.* Mit 6 Illustrationen 264 + Bewegte Jugend (264). - Der Emporkömmling (265). - Schlacht + von Debela und Königskrönung (266). - Rebellenkriege (267). + - Reformen (272). - Abessinische Heere und Kriegspraxis + (275). - Verwickelungen mit den Missionären (280). - + Gefangennahme Cameron's und Streitigkeiten mit England + (281). - Magdala (284). - Beginn der englischen Invasion + (287). - Erstürmung von Magdala und Tod Theodor's (293). - + Rückzug der Engländer (297). + + Die hierzu gehörigen Tonbilder sind einzuheften: + König Theodoros, Audienz ertheilend Titelbild. + Teiit, Partie von Totscha in Semién Seite 43 + Charakter des Hochgebirges Awirr in Semién " 49 + Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in " 215 + Mensa + Im Lager des Negus. Priester und Krieger " 276 + Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht " 286 + + + + + + + [Illustration: Obelisken von Axum. Nach Rüppell.] + + + + + + EINLEITUNG. + + + Historischer Ueberblick und Geschichte der Erforschung Abessiniens. + + + Aethiops. - Die Königin von Saba. - Menilek und die salomonische + Dynastie. - Berührungen mit den Völkern des Alterthums. - Die + Königsstadt Axum und ihre Ruinen. - Einführung des Christenthums. + - Wechsel der Dynastie. - Die Invasion der Muhamedaner unter + Granje. - Portugiesen und Jesuiten in Abessinien. - Ihre + Vertreibung. - Zerfall des Reiches und Bürgerkriege. - Die + Verfassung. - Erforschungsgeschichte. - Portugiesische Reisende. - + Hiob Ludolf. - Bruce. - Salt und Pearce. - Hemprich und Ehrenberg. + - Rüppell. - Tamisier und Combes. - v. Katte. - Schimper. - Aubert + und Dufey. - Lefêbvre - Gebrüder d'Abbadie. - Rochet d'Héricourt. + - Beke. - Zander. - Sapeto. - Munzinger. - Lejean. - Die deutsche + Expedition. + + +"In den ersten Jahrhunderten unserer Aera stand Abessinien auf der Höhe +der damaligen Kultur; das Christenthum, das ununterbrochen von Aegypten +den Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen stetigen Verkehr mit dem +römischen Reiche. In Glauben, Sitte, Recht und Feinheit des Lebens war es +uns ähnlich; doch seit es von dem Abendlande durch die Fortschritte des +Islam abgeschnitten ist, blieb seine Entwicklung stehen, und wie, wer +steht, zurückgeht, so ist auch Abessinien zurückgegangen und ist +verwildert, wenn es auch jetzt noch Europa viel näher steht als dem +nachbarlichen Afrika. Es ist umringt von Feinden, wie die Rose von Dornen; +im Norden, wo das Hochland in Stufen abfällt und endlich in unabsehbare +Tiefebenen sich endet, wohnen muhamedanische Völker, meist rebellische +Kinder des Hochlandes, die hellfarbigen Habab, die Leute von Barka; ihnen +folgen noch nördlicher die altnomadischen fremdredenden Hadendoa. Im +Westen begrenzt Abessinien das Nilland, türkischer Herrschaft unterworfen, +im Süden das halb muhamedanische, halb teufelanbetende Volk der Galla. +Wohl brauchte es Jahrhunderte, das Hochland vor allen diesen Feinden dem +Christenthume zu wahren. Doch jetzt steht Abessinien gegen außen +unabhängig da; es hat nur die inneren Feinde zu fürchten, die Anarchie, +den freiwilligen Verfall seiner Religion und Sitte, den Selbstmord." + +So charakterisirt einer der besten Kenner des Landes, Werner Munzinger, +die Lage der "afrikanischen Schweiz", die von alters her das Interesse der +europäischen Völker wach zu halten wußte, schon wegen der Gleichartigkeit +der Religion, welche uns mit ihren Bewohnern verbindet. Dorthin verlegte +man den Sitz des schwarzen Erzpriesters Johannes, dorthin zogen +Glaubensboten und wissenschaftliche Forscher in großer Zahl und +übermittelten uns Kunde von den Wundern des so verschiedenartig +gestalteten Landes. Bald sind es die heißfeuchten Niederungen mit +tödtlichem Klima, tropischem Pflanzenwuchs und belebt von den Riesen der +Thierwelt, bald kahle, vom Winde gepeitschte Hochebenen, über denen die +gezackten, kuppel- und domförmigen Bergriesen bis in die Eisregion +hineinragen, dann wieder die verschiedenen Stämme des Landes, +ausgezeichnet vor ihren Nachbarn durch leibliche und geistige Vorzüge, +doch tief gesunken, die uns jene Berichte vorführen. Endlich aber ist es +die mehr als tausendjährige, wol anfangs in den Schleier der Sage gehüllte +Geschichte des Landes, die mit ihrem Dynastienwechsel, ihren blutigen +Bürgerkriegen und Religionskämpfen uns unwillkürlich anzieht. Ja, +_Geschichte auf afrikanischem Boden_! Welche Anomalie! Denn sehen wir ab +von den muhamedanischen Staaten und den alten, vorübergehenden +Kulturreichen im Norden des schwarzen Erdtheils, so bietet uns allein +Abessinien eine Geschichte, ein Reich in Afrika dar. Staatenbildungen, +Historie bei den Negervölkern zu suchen, wäre vergebliche Mühe; Abessinien +aber hat beides, und der Grund dafür liegt in der Abstammung, der Begabung +seiner Bewohner, die gleich uns zur kaukasischen Rasse gehören, denn sie +sind äthiopische Semiten, Verwandte der Araber, Phönizier, Juden. + +Nach der Ueberlieferung der Abessinier kam _Kusch_, ein Sohn Ham's, in ihr +Land, ließ sich dort nieder, gründete die Stadt Axum und bevölkerte weit +und breit die Umgebung. Er hinterließ zwölf Söhne, unter welchen der +älteste, _Aethiops_, dem ganzen Lande den Namen _Aethiopia_ gab. So hieß +es wenigstens bei den Griechen und heißt es heute noch offiziell. Der +allgemein übliche Ausdruck Abessinien jedoch ist aus dem arabischen +Habesch abgeleitet. Nach dieser dunklen Sage schweigt die Tradition +wieder, und nur Erinnerungen an heidnische Gebräuche und Schlangenkultus +füllen den Zeitraum aus, bis die Geschichte Abessiniens - wenn auch immer +noch sagenhaft - mit derjenigen der schönen _Königin Maketa von Scheba_ +(Saba) zusammenfällt. Zu Axum hatte sie im 11. Jahrhundert vor Christus +ihren Thron aufgeschlagen; dort herrschte sie, ihr Volk beglückend, voller +Milde und Güte. Eines Tags erschienen Fremdlinge aus einem fernen +nördlichen Lande bei ihr, die viel von dem weisen Könige Salomo zu +Jerusalem berichteten, der alle übrigen Menschen an Klugheit weit +übertraf. Ihn zu sehen, reiste die Königin nach Kanaan, und kaum hatte der +Judenkönig sie erblickt, als er sich in sie verliebte und sie zur Frau +nahm. Nachdem die äthiopische Fürstin dem Könige einen Sohn Namens +_Menilek_ Ebn Hakim, der später den Königsnamen David I. empfing, geboren +hatte, riefen sie die Pflichten der Herrschaft wieder nach Abessinien +zurück, während der Sohn beim Vater blieb, um dort in allen Tugenden +erzogen zu werden. Er wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Gnade, sodaß +aller Menschen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Eines Nachts, +berichtet die Tradition, erschien ihm der Herr im Traume, hieß ihn wieder +in die Heimat zurückkehren und dort den Gottesdienst nach jüdischer Weise +einrichten. Heimlich warb er zwölf Priester, unter denen Asarja obenan +steht, nahm in der Nacht die alte Bundeslade aus dem Tempel zu Jerusalem +und flüchtete mit ihr zu seiner Mutter nach Axum, wo das angebliche +Heiligthum noch jetzt gezeigt wird. Von seinem Vater Salomo wurde Menilek +lange Zeit verfolgt, allein Gottes Wundermacht schützte ihn und sicherte +ihn vor allen Nachstellungen, so daß er 29 Jahre über Aethiopien regierte. +Seit jener Zeit nun regiert nominell eine _salomonische Dynastie_ in +Abessinien, und der Glaube hieran ist unter dem ganzen Volke vom Höchsten +bis zum Niedrigsten so fest gewurzelt und weit verbreitet, daß nichts sie +von dieser Vorstellung abzubringen vermag. + + [Illustration: Abessinische Münzen. Nach Rüppell. + 1. Kupfermünze des Kaisers Armah (644 bis 658), + 2. Goldmünze des Kaisers Aphidas (536 bis 542), + 3. Goldmünze des Kaisers Gersemur (603 bis 614).] + +Die Bewohner Abessiniens scheinen in der vorchristlichen Zeit auf einer +sehr niedrigen Kulturstufe gestanden zu haben. Mit den durch die Aegypter +civilisirten Stämmen, welche in Aethiopien den Nilstrom entlang wohnten +und das Reich Meroë gegründet hatten, scheinen sie durchaus keinen Verkehr +gehabt zu haben, ja es ist ausgemacht, daß den alten Aegyptern das Land +erst durch die Kriegszüge Alexander's d. Gr. und durch die von ihm an die +Küste verpflanzte Kolonie von Syrern (wahrscheinlich jüdischer Religion) +bekannt wurde. Die Ptolemäer, welche ihre Handelsverbindungen mit dem +Rothen Meere ausdehnten, errichteten Emporien und Stationen für die +Elephantenjagd längs der "Küste der Troglodyten" und Aethiopier, und der +zweite Nachkomme des großen Soter gründete Adulis am Golf von Zula, nahe +dem heutigen Massaua. Seine Truppen drangen, nach der von Kosmas +Indikopleustes im 6. Jahrhundert aufgefundenen sogenannten adulitischen +Inschrift, siegreich bis über den Takazziéfluß in die damals schon +erwähnten Schneegebirge Semién's und verpflanzten griechische Sprache und +Gesittung in das Land. In Tigrié entstand das königliche Axum mit seinen +hohen Obelisken, Inschrifttafeln und Königsgräbern, und die äthiopischen +Fürsten schlugen Gold- und Kupfermünzen. - Doch griff diese Art hoher +Kultur, deren Blüte in das 4. bis 7. Jahrhundert fällt, erst nach der +Einführung des Christenthums um sich. + +Laut predigen heute noch von der alten Herrlichkeit die Ruinen der einst +mächtig blühenden Königsstadt in der Provinz Tigrié. Sie sind, wenige +andere zerstreute Reste abgerechnet, das einzige, was an die alte +Glanzzeit Abessiniens erinnert und der Zielpunkt aller Reisenden, welche +das äthiopische Hochland aufsuchen. Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts, +als der Portugiese Alvarez sich dort aufhielt, müssen manche merkwürdige +Bauwerke daselbst vorhanden gewesen sein, die seitdem verschwunden sind. +In einer alten deutschen Uebersetzung seines Reiseberichtes heißt es: +"Chaxuma hat vieler schöner Wohnungen uff der Erde gebavet, da eine jede +seinen springenden Brunnen hat, und das Wasser den Lewen zum Rachen +herausspringet, welche aus gesprenkelten Marmelsteinen zierlich gemacht +sind.... Man findet auch an den Häusern viel alter seltzamer Figuren, in +gar reine und harte Steine gehawen, als Lewen, Hunde, Vogel u. s. w." Auch +jetzt enthält Axum noch sehenswerthe Monumente, Obelisken, Stelen, +Königsgräber, Opferaltäre, über die wir durch Salt, Rüppell und Heuglin +genaue Auskunft erhalten haben. + +Der Anblick der in einer Niederung zwischen vulkanischen Hügeln +ausgebreiteten Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen, Obelisken, Wachholder- +und Feigenbäumen ist überraschend schön. Noch ehe man das Thal betritt, +begegnet man von Osten kommend einem kleinen schlanken Obelisk, um den +mehrere ähnliche umgestürzt in Trümmern liegen; etwas weiter sind +Schutthügel mit Opfersteinen und einer 7 Fuß hohen Stele (Inschriftstein), +deren eine Seite eine äthiopische, die andere eine griechische Inschrift +vom Axumitenkönig Aizanas enthält. Von hier führt ein in den Fels +gehauener Weg oder Wasserleitung in die Stadt. Ueber den geräumigen +Marktplatz gehend, erreicht man bald ein niedriges Plateau mit einem +riesigen Feigenbaum, dessen Stamm an 50 Fuß Umfang hat. Hier ist das +eigentliche Obeliskenfeld. Einen sonderbaren Kontrast bilden diese +schlanken, oft mit einfachen und zierlichen Ornamenten fast überladenen +Monolithe und Stelen zur bescheidenen Bauart der meist runden, mit Stroh +gedeckten Steinhütten der heutigen Axumiten, die oft dicht gedrängt in +einzelnen ummauerten Gehöften zusammenstehen, beschattet von immergrünen +Wanzabäumen, deren dichtes Laubwerk Schneeflocken gleich mit Blüten +übersäet ist. Das heutige Axum hat eine Länge von etwa einer halben +Stunde, aber Häuser, Gehöfte und Gärten stehen nicht dicht beisammen und +sind zuweilen durch Felder und mit Trümmern bedeckte Plätze unterbrochen. +Die Einwohnerzahl veranschlagt Heuglin auf 2-3000. Sie treiben Ackerbau +und Viehzucht und leben in verhältnißmäßig glänzenden Umständen, da die +vielen kirchlichen Feste und Wallfahrten und namentlich das politische +Asyl - ein von Mauern umgebener Platz beim Markte - zahlreiche Fremde nach +Axum ziehen. + + [Illustration: Der sogenannte Königssitz zu Axum. Nach Salt.] + +Die Obelisken, etwa 60 an der Zahl, bedecken eine niedrige Terrasse fast +vollständig. Die meisten sind jetzt umgestürzt und alle scheinen aus in +der Nähe gebrochenen vulkanischen Gesteinen zu bestehen. Einzelne sind nur +rohe Steinmassen, die vollendetsten dagegen 60-70 Fuß hohe Monolithe, die +schon in der Form von ähnlichen ägyptischen Monumenten abweichen, +namentlich durch den oblongen Querschnitt, sowie durch Mangel der +Inschriften und ganz abweichende Ornamentik. Das Ganze scheint einen +(natürlich nicht hohlen) Thurm mit 8-10 Stockwerken darzustellen, an dem +Fenster und Thor angedeutet sind. Die vor den Obelisken liegenden Platten +umfassen dieselben theilweise; sie haben zwei Stufen, eine kleine Schwelle +und vier runde Vertiefungen (Opferschalen). An verschiedenen Stellen der +Stadt stößt man noch auf alte Baureste, namentlich auf kolossale +Quadersteine. Allerlei Töpfergeschirre, Amphoren, Schalen, Löwenköpfe, die +als Brunnenröhren dienten, sind in Trümmer zerstreut und es könnte hier +sicher noch durch Nachgrabungen manches historisch wichtige Monument zu +Tage gefördert werden. Der Eindruck, welchen die verschiedenen Monumente +auf einzelne Reisende hervorbrachten, war ein sehr ungleicher. Während +z. B. Rüppell, wol mit Recht, deren Kunstwerth nicht hoch schätzt, ist +Salt von den Obelisken ganz entzückt. Ja, von dem 60 Fuß hohen Obelisk, +der sich prächtig an dem alten Sykomorenbaum erhebt, sagt er sogar: "Nach +Vergleichung mit vielen Spitzsäulen von ägyptischer, griechischer und +römischer Arbeit scheint mir dieser Obelisk das bewundernswürdigste und +vollkommenste Werk, wozu man schwerlich ein Gegenstück findet". + +Nahe bei dem Haupteingange der berühmten Kirche des Ortes stößt man auf +elf in einer Reihe dicht nebeneinander stehende _Altäre_ von +eigenthümlicher Bauart, deren einen Salt als "Königssitz" abbildet. Jeder +derselben besteht aus drei sich auf den vier Seiten verkürzenden Stufen, +von welchen die unterste etwa neun Fuß im Quadrat hat. Auf der zweiten +Stufe befinden sich vier Würfel, die an den Eckkanten der dritten anliegen +und von welchen jeder eine achteckige Säule trägt, aller +Wahrscheinlichkeit nach zur Stütze der verschwundenen Deckplatte. + +Eine Stunde nordöstlich von der Stadt liegen die sogenannten "Fuchslöcher" +oder Königsgräber auf einem Hügel mit herrlicher Aussicht. Auf dem +schmalen Gebirgsrücken bemerkt man ein aus großen Quadern und Säulen +bestehendes Fundament einer Art Grabkirche, in dessen Mitte ein Weg zum +Eingange eines Felsengrabes führt, das wie sein einfaches Portal in den +Fels gearbeitet und nachher mit künstlicher Mauerung aus großen Blöcken +ausgekleidet worden ist. Aehnlich den Königsgräbern von Theben führt von +da aus dann ein Gang schräg abwärts; dieser mündet in drei Kammern, deren +mittlere mit einer Thür verschlossen werden konnte. + +Erwähnen wir nun noch die aufgefundenen Münzen (eine kupferne des Königs +Armah, der von 644 bis 658 regierte, zwei goldene der Könige Aphidas und +Gersemur aus dem 6. und 7. Jahrhundert, theilt Rüppell mit), so haben wir +so ziemlich alles erwähnt, was von dem königlichen Axum übrig blieb, das +ums Jahr 1535 von dem muhamedanischen Stürmer Granje eingeäschert wurde. + +Die Blütezeit der Stadt fällt mit der Einführung des Christenthums +zusammen, das, lange bevor noch in Deutschland der heilige Bonifacius +(725) dem Evangelium Eingang verschaffte, durch einen Zufall an die +äthiopische Küste verpflanzt wurde. Ein christlicher Kaufmann, _Meropius_ +mit Namen, machte nämlich mit seinen beiden Gehülfen _Frumentius_ und +_Aedisius_ im Jahre 330 eine Geschäftsreise längs den Küsten des Rothen +Meeres, landete in der Gegend des heutigen Massaua und wurde hier nebst +einem Theile seiner Schiffsmannschaft von den wilden Eingeborenen +erschlagen. Nur den beiden Jünglingen schenkte die wüthende Bande das +Leben. Man brachte sie an den königlichen Hof, wo sie gute Aufnahme fanden +und bald vom Könige Sara-Din mit wichtigen Aemtern betraut wurden. Auf +ihre Veranlassung kamen noch mehrere christliche Kaufleute nach +Abessinien, die nun eine kleine Gemeinde bildeten und auch mehrere +Einheimische bekehrten. Die beiden Jünglinge reisten dann später in ihr +Vaterland zurück, zur Zeit als Athanasius Erzbischof von Alexandria war. +Aedisius wurde Priester in Tyrus; Frumentius aber wandte sich mit der +dringenden Bitte an den Erzbischof, der kleinen christlichen Gemeinde in +Abessinien einen Hirten zu senden, damit sie nicht verwaise. Athanasius +wußte hierzu aber keinen bessern zu finden, als den Bittsteller, gab dem +ehemaligen Handlungsgehülfen die Weihe und sandte ihn nach Abessinien +zurück. Hier angelangt führte er den Namen Abba Salama, Vater des +Friedens, übersetzte das Neue Testament in die äthiopische Sprache und +breitete das Christenthum weit über das Land aus, wenn auch noch ein +großer Theil des Volkes bei der altheidnischen Religion verharrte. Die +fernere Geschichte Abessiniens ist sehr dunkel und nur durch lange Reihen +von Königsnamen ausgefüllt, an welche sich nur hier und da einzelne +historische Thatsachen knüpfen. + +Aus diesen entnehmen wir, daß zur Zeit des griechischen Kaisers Justinian +(um 522) eine heftige Christenverfolgung durch die Juden im südlichen +Arabien stattfand. Justinian wandte sich deshalb an den abessinischen +König _Kaleb_; dieser eilte mit einer Armee über das Rothe Meer, schlug +die Juden und unterwarf sich den größeren Theil des südlichen Arabiens, in +dessen Besitz die Abessinier auch blieben, bis sie kurz vor Muhamed's +Auftreten durch die Blattern, die in ihrem Heere stark wütheten, gezwungen +wurden, sich wieder in ihr Land zurückzuziehen. Im übrigen ist aus der +langen Periode des äthiopischen Reiches bis ins 8. Jahrhundert nicht viel +Erwähnenswerthes überliefert; das Volk vergeudete seine Kräfte in +unfruchtbaren Religionsstreitigkeiten und kam mit seinen Nachbarn nicht +aus dem Kriegszustande heraus. + +Unterdessen trat, den ganzen Orient erschütternd, Muhamed mit seiner Lehre +auf. Allein der Islam fand in Abessinien wenig Eingang, jedoch wurde das +damals noch blühende Reich Adal für diese neue Lehre gewonnen, und dieses +gab den zwischen beiden Ländern bestehenden Streitigkeiten bedeutende +Nahrung, indem zu den politischen nun noch religiöse Kämpfe sich +gesellten, welche das Land mit Blut überschwemmten. Doch bevor noch diese +muhamedanischen Invasionen erfolgten, hatte Abessinien eine gewaltige +Revolution durchzukämpfen und es war fraglich, ob die Juden oder die +Christen die Oberhand erhalten sollten. Die ersteren erhoben sich nämlich +unter dem Namen der _Falaschas_ zu einer furchtbaren Macht. Durch +Heirathsverbindung zwischen der Familie ihrer Häuptlinge und der +abessinischen Königsfamilie brachten sie den Königsthron an sich und +suchten nun die salomonische Linie ganz auszurotten. Es sind jetzt etwa +1000 Jahre darüber hingegangen, daß der letzte salomonische König, +_Delnaod_, vom Throne seiner Väter gestoßen wurde, und zwar durch eine +Jüdin aus Lasta Agau, welche die ganze königliche Familie, einen Knaben +ausgenommen, der nach Schoa flüchtete, ermorden ließ. Sie hieß _Judith_, +wie zu vermuthen steht, ein selbstbeigelegter Name mit dem beabsichtigten +Hinweis auf die alttestamentliche Heldin. Drei Jahrhunderte später wurde +die Judendynastie wieder durch einen christlichen Herrscher aus dem Hause +Sagué vertrieben, dessen Nachkommen bis zum Jahre 1268 regierten, also zur +selben Zeit, als in Deutschland die Hohenstaufen kraftvoll das Scepter +führten. Elf Könige soll das Haus Sagué (Zagyé) den Abessiniern geliefert +haben, die für das Christenthum eifrig wirkten, unter denen der später +heilig gesprochene _Lalibela_ durch die vielen kunstvoll in Felsen +ausgehauenen Kirchen, die ägyptische Werkmeister aufführten, berühmt +geworden ist. + +Die meisten dieser Felsenkirchen sind zur Zeit der muhamedanischen +Invasion im 16. Jahrhundert zerstört worden, doch haben sich einzelne +derselben bis auf unsere Tage erhalten. Der englische Reisende Pearce +schildert uns die Felsenkirche Dschumada Mariam nördlich von den Quellen +des Takazzié, sein Landsmann Salt jene von Abba os Guma bei Schelicut, v. +Heuglin die Felsenkirche von Tenta in Wollo. Die seltsamste dürfte aber +wol jene sein, welche der Missionär Isenberg im Jahre 1838 bei dem Dorfe +Hauazién in der Provinz Tembién besuchte, als er gerade im Begriff war, +das Land nach dem Scheitern seines Missionswerkes zu verlassen. "Obgleich +ich aus leicht erklärlichen Gründen nicht aufgelegt war, die Kirche dieses +Ortes zu untersuchen, so konnte ich doch nicht umhin, ihre äußere Form +anzustaunen. Sie scheint aus einem einzigen Granitblock zu bestehen, der +zu dem Zwecke ausgehöhlt ist, kann aber, nach dem äußern Umfange des +Steins zu urtheilen, nur sehr wenig Raum im Innern haben. Auch die äußere +Form des Steines ist sehr auffallend. Er ist kaum 20 Fuß hoch und in der +mittleren Höhe, wo er am breitesten ist, da er die Form eines stehenden +Kreuzes anstrebt, mag er auch etwa 20 Fuß breit sein; seine Tiefe aber von +vorn nach hinten ist geringer. Er hat einen engen Eingang, in jedem +Seitenflügel des Kreuzes und über der Thüre eine Fensteröffnung; alles +dieses in den Fels gehauen." Gewiß ist zu beklagen, daß Isenberg diese +interessante Felsenkirche nicht auch im Innern untersuchte, da, wie es +scheint, er der einzige europäische Reisende war, welcher sie zu Gesicht +bekam. + +Zu Ende des 13. Jahrhunderts lebte in Schoa der achte Nachkomme jenes zur +Zeit der Judenherrschaft nach Schoa geflüchteten letzten Prinzen der +salomonischen Dynastie. Sein Name war Tesfa Jesus oder _Jekuno-Amlak_. In +Abessinien aber herrschte _Nakwetolaab_, der Sagué. Als eigentlicher +Herrscher des Landes mußte aber der mächtige Abuna oder Erzbischof _Tekla +Haimanot_ angesehen werden, heute noch der berühmteste Heilige der +abessinischen Kirche und Gründer des großen Klosters Debra Libanos in +Schoa, durch dessen Eifer und Beistand die Wiedereinsetzung der alten +Dynastie ermöglicht wurde. Aus freiem Willen, wenn auch auf dringendes +Einreden dieses Erzbischofs, leistete Nakwetolaab Verzicht auf die Krone +und stieg vom Throne herab, um jenem Nachkömmling der salomonischen +Dynastie, nach abessinischer Vorstellung dem legitimen Sprossen Menilek's, +Platz zu machen. + +Zum Entgelt für sich und seine Leibeserben wurde Nakwetolaab zum Herrscher +in der Provinz Waag unter der Lehensoberhoheit des Königs bestellt und +dazu der Vorbehalt ausbedungen, daß für den Fall des Aussterbens der Linie +Menilek's die Krone an die Linie Nakwetolaab's zurückgelange, ein +Uebereinkommen, welches solche Lebenskraft besitzt, daß es bis in die +jüngste Zeit zurückwirkt. - Von dieser Zeit an bietet die politische +Geschichte des Landes eine Reihe von kriegerischen Expeditionen dar, +welche ihre Könige, zum Theil ausgezeichnete Helden, gegen auswärtige +Völker unternahmen, während die muhamedanische Macht an der Grenze sich +immer drohender entwickelte. + + [Illustration: Felsenkirche von Hauazién. Nach Isenberg.] + +In dieser Noth fand eine nähere Verbindung zwischen Europa und Abessinien +statt, ja es war die Rede von einer Verschmelzung der Landeskirche mit der +römisch-katholischen, die durch Pilgerfahrten nach Jerusalem angeregt +worden war. Dort hatten die frommen abessinischen Wallfahrer von dem +aufstrebenden Glanze Portugals gehört, und die Berichte derselben erregten +in König _Jakob_, der von 1421 bis 1470 regierte, den Wunsch, mit dem +abendländischen Reiche in Verbindung zu treten. Eine Gesandtschaft wurde +nach Lissabon geschickt, um dort vom Könige Alphons Hülfe gegen die +Ungläubigen zu erbitten. Diesem, der damals mit kriegerischen Plänen gegen +die Mauren Nordafrika's umging, kam der Wunsch Jakob's sehr gelegen, +obgleich damals der Weg ums Kap der guten Hoffnung herum noch nicht +entdeckt war; allein er konnte, ohne den mächtigen Papst gefragt zu haben, +auf die Allianz mit Abessinien nicht eingehen, und dieser forderte als +erste Bedingung eines Bündnisses die unbedingte Unterwerfung der +getrennten äthiopischen Kirche unter den Stuhl Petri. Die abessinischen +Gesandten mußten deshalb 1441 auf dem Florentiner Konzil erscheinen, wo +eine vorläufige Ausgleichung zwischen beiden Kirchen stattfand. Schon im +folgenden Jahre erschienen neue Bevollmächtigte auf dem lateranischen +Konzil zu Rom, um den Ausgleich zu bestätigen und dringend aufs neue um +Hülfe zu bitten. Diese jedoch verzögerte sich und an ihre Stelle trat nach +langem Briefwechsel 1490 eine von König Johann II. an König Eskander von +Abessinien geschickte Gesandtschaft, welche mit den größten +Ehrenbezeugungen aufgenommen wurde. Dabei blieb es aber vor der Hand und +die Muhamedaner rückten immer mehr gegen die Abessinier an. Im Jahre 1527 +wurde der Hafenplatz Massaua von den Türken eingenommen und von diesen mit +dem an der Küste herrschenden Dankali-Könige _Muhamed Granje_, dem +"Linkshändigen", ein Bündniß abgeschlossen, welches den Zweck hatte, +Abessinien gänzlich zu unterwerfen und an die Stelle des Evangeliums den +Koran zu setzen. Granje, dessen Väter von den abessinischen Königen mit +dem Schwerte erschlagen worden waren, hatte blutige Rache geschworen und +fiel gleich einem reißenden Strome mit einem zahlreichen Heere in das Land +ein. Durch den gelben Sand der dürren Adalebenen und die glühend heißen +Gestadeländer ziehend, stieg er hinauf in die kühleren, gesegneten +Berglandschaften Schoa's, alles vor sich niederwerfend, sengend und +brennend. Weit und breit dampfte das Land vom Blute der Erschlagenen; +nicht Weib noch Kind wurde geschont, die Kirchen und Städte, darunter der +Königssitz Axum, wurden niedergebrannt, die königliche Familie aus ihrer +Felsenburg Endoto verjagt und flüchtig von dannen getrieben. Damals war +es, daß die nur mit Schwertern und Lanzen bewaffneten Abessinier zum +ersten male den Feuerwaffen der Muhamedaner begegneten, vor deren +ungewohntem Klange sie davoneilten, wie gescheuchte Rehe des Waldes. Die +Muhamedaner aber ergossen sich über das wehrlose Land, verübten die +größten Greuel und waren eben im Begriffe, sich dauernd dort +niederzulassen, als die längst erwartete Hülfe aus Portugal eintraf. + +Don _Christoph da Gama_, ein Verwandter des berühmten Vasco da Gama, kam +mit einer kleinen portugiesischen Flotte in Massaua an und landete mit 400 +wohlgerüsteten Kriegern, mit denen er rasch nach Tigrié eilte, sie dort +mit den Resten der geschlagenen abessinischen Armee vereinigte und nun +muthig den Streitern des Islams entgegenführte. Das erste größere Gefecht +der Portugiesen gegen die Muhamedaner verlief unglücklich. Da Gama wurde +verwundet und flüchtete in eine Höhle, wo ihn eine muhamedanische Sklavin +von außerordentlicher Schönheit, welche er als Dienerin mit sich führte, +ihren Glaubensgenossen verrieth. Er wurde vor Granje geführt, welcher ihm +eigenhändig mit der linken Hand den Kopf abschlug, der nach Konstantinopel +gesandt wurde, während die Stücke des geviertheilten Körpers nach +verschiedenen Gegenden Arabiens wanderten. Die Portugiesen, anfangs durch +den Verlust ihres Feldherrn bestürzt gemacht, rafften sich indessen von +neuem auf, schlugen die Muhamedaner, tödteten Muhamed Granje und setzten +den rechtmäßigen König Claudius (Galaudios) wieder in den Besitz seines +Thrones. + +Nichts umsonst! So lautete damals schon der Wahlspruch, und die +Portugiesen, die ihr Blut nicht ohne Gewinn verspritzt haben wollten, +traten nun mit zwei Forderungen auf. Zunächst verlangten sie den dritten +Theil des Landes und dann unbedingte Unterwerfung der äthiopischen Kirche +unter den römischen Papst. Die Abessinier sahen ein, daß sie einen Feind +losgeworden, dafür aber einen andern, kaum minder schlimmen, aufs neue +sich zugezogen hatten. Claudius, welcher sich in seinem Glauben nicht irre +machen ließ, auch der Portugiesen jetzt nicht mehr zu bedürfen glaubte, +verweigerte beide Forderungen kurzweg und holte einen neuen Abuna +(Vorstand der äthiopischen Kirche) aus Alexandrien, während er den +römischen Geistlichen, an deren Spitze _Bermudez_ stand, befahl +heimzukehren. Die Portugiesen waren aber weit davon entfernt, so ohne +weiteres die Früchte ihres Sieges aufzugeben. Im Jahre 1555 kam eine +Jesuitenmission in Abessinien an, welcher bald darauf eine zweite unter +dem Bischofe Orviedo folgte, aber alle ihre Anstrengungen waren +vergeblich, indem König Claudius selbst über Glaubenssachen mit Orviedo +disputirte, ihn zu widerlegen suchte und, als dieser darauf die ganze +abessinische Kirche in den Bann that, ihn mit seinen Genossen aus dem +Lande verwies. Nur mit Widerstreben gehorchten die Patres, die nach Japan +versetzt wurden, wo sie, anfangs zu Einfluß gelangend, auch später wieder, +wegen ihrer Einmischung in die Regierung des Landes, vertrieben wurden. +Von Indien aus versuchten es die Jünger Loyola's nun zu wiederholten +Malen, in Abessinien festen Fuß zu fassen, bis es ihnen endlich zur Zeit +der Regierung des Königs _Sosneos_ (Seltan Seggad) gelang, sich +festzusetzen. Unter diesem Könige, der außerordentlich viel auf eine +Verbindung mit Portugal gab, wurde auf Betreiben der Jesuiten die römische +Kirche für die alleinseligmachende erklärt, die bisherigen abweichenden +Lehren und Gebräuche abgeschafft und die Einführung des römischen +Gottesdienstes und Glaubens im ganzen Reiche eifrig betrieben. Vergeblich +warnten den König seine Freunde, flehten seine Geistlichen mit dem +hundertjährigen Abuna Simeon an der Spitze, den Eingebungen der Jesuiten +nicht zu folgen und treu am Glauben der Väter festzuhalten. Wer nicht +wollte, mußte gehorchen oder des königlichen Mißfallens und schwerer +Strafen gewärtig sein. Allein aufgestachelt von den Priestern ließ das +Volk die Glaubenstyrannei sich nicht gefallen und griff zu den Waffen, um +die alte Religion zu vertheidigen. Der König, durch die fanatischen +Jesuiten immer mehr angefeuert, schickte den Scheftas (Rebellen) ein +mächtiges Heer unter dem Oberbefehl seines Bruders entgegen, dem es auch +bald gelang, die Revolution blutig niederzuwerfen. Dieser Sieg veranlaßte +das Einströmen zahlreicher portugiesischer Geistlichen, die, den +Erzbischof _Mendez_ an der Spitze, nun mit dem größten Eifer für +Ausbreitung des Katholizismus in Abessinien Sorge trugen. In einer +feierlichen Versammlung wurde das alexandrinische Bekenntniß für +abgeschafft erklärt und jeder mit dem Bannfluche belegt, der sich der +neuen Ordnung nicht fügte. + +Die Herrschaft der Jesuiten ruhte nun schwer auf dem Lande, und vor ihrem +Fanatismus blieben nicht einmal die Gräber verschont. Einer der +vornehmsten Priester, der sich der neuen Ordnung nicht gefügt hatte, starb +und wurde auf dem Kirchhofe begraben; auf Befehl des Erzbischofs Mendez +grub man jedoch die Leiche aus und warf sie den Hyänen vor. Diese und +ähnliche Handlungen erweckten die Wuth des Volkes aufs neue, und wiederum +brach eine Empörung aus, diesmal mit dem Zwecke, _Melea Christos_, einen +Vetter des Königs, auf den Thron Abessiniens zu erheben. Die zahlreiche +Armee des Sosneos wurde nun geschlagen und dieser zu einer Vermittelung +zwischen dem alten und neuen Glauben gezwungen. Erzbischof Mendez +gestattete, daß die alte Liturgie und die alten Festtage wiedereingeführt, +sowie die Feier des Sonnabends neben dem Sonntage geduldet wurde. Mit +Ausnahme der Einwohner der Provinz Lasta ergaben sich alle Abessinier +hierein; jene aber, die konservativsten unter allen, zogen 20,000 Mann +stark den Königlichen entgegen, wurden aber namentlich durch die aus Galla +bestehende Reiterei des Sosneos geschlagen, sodaß 8000 tapfere Männer von +Lasta mit ihren blutigen Leichen das weite Schlachtfeld deckten. Gegenüber +diesem Anblick, bei den verstümmelten Körpern ihrer dahingeopferten +Brüder, die für den alten Glauben gefallen waren, erweichte das Herz der +Sieger und, den Kronprinzen _Fasilides_ an der Spitze, ging - was wol +einzig in der Kriegsgeschichte dastehen dürfte - der Sieger zu dem +Besiegten über, dessen Sache zur seinigen machend und den König Sosneos +zwingend, zur Religion der Väter zurückzukehren. Nach diesem Siege, der +zur Niederlage des Katholizismus wurde, durchzog ein Herold das Land, +welcher laut verkündigte: "Hört, hört! Früher haben wir euch den römischen +Glauben empfohlen, in der Meinung, daß er der wahre sei. Da aber große +Scharen unserer Unterthanen für den alten Glauben ihrer Väter das Leben +geopfert haben, so soll auch die freie Ausübung desselben wieder gestattet +sein. Eure Priester mögen ihre Kirchen wieder in Besitz nehmen und darin +dem Gott ihrer Väter dienen." + +Damit war der Untergang des Katholizismus besiegelt; laut jubelnd strömten +die Abessinier in die alten Gotteshäuser, und als im Jahre 1632, nach dem +Tode des Königs Sosneos, dessen Sohn Fasilides an die Regierung kam, waren +auch die Stunden der Jesuitenväter gezählt. Sie wurden zunächst in das +Kloster Mai Goga bei Adoa verbannt, flüchteten aber von hier vor den +Verfolgungen des Pöbels. Mendez selbst gerieth auf der Flucht zu Sauakin +in die Sklaverei und statt seiner nahm wieder ein Abuna aus Alexandrien +den höchsten Kirchensitz zu Gondar ein. Ist auch die Invasion der +Portugiesen, die Herrschaft der Jesuiten über das Land nicht ohne Einfluß +in kulturhistorischer Beziehung geblieben, so wurde doch ein guter Theil +des Volks und Reiches in den inneren Zwisten dem Ruin zugeführt. + +In der folgenden Periode regierten bis 1753 acht Könige, mehr oder minder +kräftig, die aber alle nicht hindern konnten, daß die Macht der Häuptlinge +wuchs, die Herrscherwürde im Ansehen immer mehr sank und das Reich sich +unaufhaltsam in seine Theile auflöste, sodaß allmälig die drei Staaten +_Amhara_ in der Mitte, _Tigrié_ im Norden, _Schoa_ im Süden sich unter +eigenen Fürsten herausbildeten, die den ohnmächtigen König im Palaste zu +Gondar nur dem Scheine nach anerkannten. Unter König _Joas_ (1753-1769) +hatte der Statthalter von Tigrié, der furchtbare _Ras Michael_, als eine +Art von Major Domus die ganze Macht an sich gerissen, den Kaiser umbringen +lassen und dessen bejahrten Großoheim, Johannes, gleich einer Puppe auf +den Thron erhoben, und als dieser fünf Monate später starb, dessen jungen +Sohn Tekla Haimanot II. zu seinem Nachfolger ernannt. Jene Zeiten, die uns +Bruce mit großer Anschaulichkeit als Augenzeuge schildert, bilden eines +der blutigsten Blätter in der Geschichte Abessiniens. + + [Illustration: Krieger von Schoa. Nach Harris.] + +Sturz und Erhebung, Bürgerkrieg und Mord wechseln miteinander ab und die +Menge der auftretenden Namen, der unzufriedenen Häuptlinge, der ermordeten +Statthalter ist geradezu verwirrend. Durch stete Treulosigkeit suchten +sich die abessinischen Häuptlinge gegenseitig zu überlisten, wobei ihnen +meist eheliche Verbindungen als Deckmantel dienten, um das unglückliche +Land fortwährenden Verheerungskriegen preiszugeben, welche stets nur zur +Befriedigung des individuellen Ehrgeizes, niemals aber im Interesse des +Reiches geführt wurden. Durch so viele Veränderungen und durch die +beständigen Bürgerkriege war die Herrschermacht so in Verfall gerathen, +daß das Königthum nur noch in dem Palaste des jeweiligen Königs zu Gondar +thatsächlich bestand, außerhalb desselben aber so wenig, daß die meisten +der nominellen Unterthanen _nicht einmal den Namen des Herrschers +kannten_. Die Existenz des Königs war nur eine Aegide für den _Ras_ oder +Protektor des Reiches, der nur durch Erhebung eines Königs auf seinen +Thron und durch Beschützung desselben seine eigene Würde erhielt, sonst +aber ganz nach seinem eigenen und seiner Großen Gutdünken schaltete. Unter +ihm standen die vielen Reichsvasallen, die Provinzial-Gouverneure, deren +Würde erblich ist, die aber ebenfalls so viel Unabhängigkeit zu erstreben +suchten, als sie nur konnten. Jeder Gouverneur war verpflichtet, bei +militärischen Expeditionen seinem Obern mit so vielen Soldaten zu Hülfe zu +eilen, als er selbst unterhalten konnte, und sein bürgerlicher Rang im +abessinischen Staatskörper wurde nach der Stelle bestimmt, die ihm im +Heere, d. h. im königlichen Lager und auf dem Marsche angewiesen wurde. + +Vorzüglich aber hatten diese Statthalter das Recht sich angemaßt, +Gegenkaiser zu ernennen und die ihnen mißfälligen Thronbesitzer zur +Abdankung zu zwingen. Da sie überdies noch die Tributzahlungen +einstellten, wurde das Ansehen und die Macht der Könige so herabgewürdigt, +daß sich das Einkommen derselben zu Anfang unseres Jahrhunderts auf +dreihundert Thaler belief. Welche Civilliste für einen Herrscher +Aethiopiens! Um sich aber von der Wandelbarkeit der abessinischen +Königswürde eine rechte Vorstellung machen zu können, sei hier bemerkt, +daß seit dem Abdanken des Königs Tekla Haimanot II. (1778) bis zum Jahre +1833 vierzehn verschiedene Fürsten zweiundzwanzigmal als Könige in Gondar +auf dem Throne gesessen haben. Ein Nebenstück hierzu finden wir allerdings +in den sogenannten Republiken Südamerika's, wo der Präsidentenstuhl nicht +minder häufig wechselt. + +Nachdem der erwähnte Ras Michael durch den Statthalter der Provinz Lasta, +_Wend Bowosen_, am 4. Juni 1771 besiegt und gefangen worden war, +bemächtigte sich der Befehlshaber von Tembién, _Kefla Jesus_, der Provinz +Tigrié. Derselbe bat, um sich in seinem Besitzthum möglichst zu +befestigen, seinen Verbündeten, den Wend Bowosen, ihren gemeinschaftlichen +Gegner, den furchtbaren Ras Michael, der zu Dobuko gefangen saß, aus der +Welt zu schaffen; allein jener that das Gegentheil: er setzte den +Gefangenen in Freiheit und machte ihn mit dem Plane des Kefla Jesus +bekannt. Ergrimmt zog nun der alte tapfere Ras Michael mit wenigem Gefolge +nach Tigrié, und fast die ganze Armee seines Gegners Kefla Jesus ging zu +ihm, ihrem alten General, unter dem sie so oft gesiegt hatte, über. Jener +wurde hierauf gefangen und von Ras Michael 1772 aufs grausamste ums Leben +gebracht, der auch bis zu seinem 1779 erfolgten Tode über Tigrié herrschte +und seinen Sohn _Ras Walda Selassié_ zum Nachfolger erhielt; dieser Fürst, +welcher aus den Erzählungen der englischen Reisenden Salt und Pearce +bekannt geworden ist, regierte, wiewol keineswegs ungestört, bis zum Mai +1816 über Tigrié; nach seinem Tode war das Land sechs Jahre in einem +höchst anarchischen Zustande, indem nicht weniger als vier Häuptlinge +nacheinander um die Obergewalt kämpften. Im Jahre 1822 gelang es +_Sabagadis_, dem Statthalter der Provinz Agamié, sich in der Obergewalt zu +befestigen und über acht Jahre lang in Tigrié zu regieren. Er soll damals +den kühnen Gedanken gefaßt haben, sich die Alleinherrschaft in Abessinien +zu erringen, wozu er wahrscheinlich durch verschiedene bei ihm befindliche +Europäer veranlaßt wurde. Allein auch er theilte das Schicksal seiner +Vorgänger und erhielt in _Ubié_, einem talentvollen, kühnen und grausamen +Manne, einen noch weit bedeutenderen Nachfolger. Ubié war der +Schwiegersohn des Sabagadis und Detschasmatsch der gebirgigen Provinz +Semién; das hinderte aber den Schwiegervater nicht, gegen ihn, dessen +aufstrebende Macht er fürchtete, zu intriguiren. Vereinigt mit Ras Maria, +dem Befehlshaber der Provinzen Begemeder und Dembea, rückte nun Ubié an +den Takazzié, schlug dort am 15. Februar 1831 seinen Schwiegervater +Sabagadis vollständig und ließ ihn am folgenden Tage hinrichten. Während +nun Ubié von den Großen zu Axum als Herr Tigrié's ausgerufen wurde, +kämpfte der ältere Sohn des Sabagadis, Walda Michael, gegen ihn fort, doch +ohne Erfolg; er wurde gleichfalls getödtet, und auch der zweite Sohn, +Kassai, mußte sich Ubié ergeben. Aber Kassai blieb nicht treu, sondern +versuchte abermals zu rebelliren. Um ihn fester an sich zu knüpfen, +schenkte ihm Ubié im Spätjahre 1836 seine siebenjährige Tochter zur Frau, +sowie ein bedeutendes Gebiet in Tembién zur Mitgift und ließ sich dabei +alle Hauptanhänger Kassai's nennen, die in Verwahrsam gebracht wurden. Als +darauf Kassai 1838 wieder rebellirte, zog Ubié mit einer bedeutenden Armee +gegen ihn, schlug ihn und setzte ihn in einer Bergveste gefangen, wo seine +Frau nicht von ihm wich. Dann befestigte sich seine Macht immer mehr und +erreichte ihren Gipfel durch den Fall Balgadaraia's, eines mächtigen +Fürsten in Ost-Tigrié, der zeitweise die Abwesenheit Ubié's zu raschen +Verheerungs- und Raubzügen bis nach Adoa und zum Takazzié benutzte. Im +Jahre 1850 stellte sich Balgadaraia freiwillig dem Ubié und wurde von +demselben mit Ländereien belehnt. + +Im centralen Staate Abessiniens, in Amhara, regierte unterdessen nicht +minder gewaltig, doch mit weniger Glück, _Ras Ali_, welcher die ganze +Herrlichkeit an sich gerissen hatte und den König oder Kaiser _Saglu +Denghel_ noch mehr zur Unbedeutendheit herabdrückte, als dieses bisher mit +den Herrschern geschehen war. Für seinen Lebensunterhalt waren diesem +Herrscher über Abessinien nur 300 Maria-Theresia-Thaler jährlich +geblieben, welche die in Gondar wohnenden Muhamedaner als eine Art +Kopfsteuer zu entrichten hatten. Mit dieser unbedeutenden Summe und dem +Betrage einiger wenigen zufällig eingehenden Strafgelder mußte die ganze +Hofhaltung bestritten werden. Die hierdurch entstehende große finanzielle +Bedrängniß, bei welcher der Titularkönig des Reiches kaum die nöthigsten +Mittel zur Anschaffung seiner Nahrung hatte, war es wol, welche Saglu +Denghel auf den Gedanken brachte, daß, da in Abessinien der Herrscher +zugleich als das höchste Haupt der Landeskirche angesehen wird, er auch +das Recht haben müsse, diejenigen Schenkungen, welche seine Vorfahren in +glücklichen Zeiten der Kirche gemacht hatten, jetzt, da der Thron dieselbe +zu seinem eigenen Bestehen nothwendig habe, wenigstens theilweise +zurückzuverlangen. Er erklärte dieses im Anfange des Jahres 1833 den in +Gondar anwesenden Geistlichen, brachte aber dadurch den ganzen Klerus +gegen sich auf - also genau so wie bei uns, wenn z. B. ein König von +Italien die Kirchengüter zum Besten des Landes einzieht, nur mit anderm +Erfolge. Daß Soldaten sich der Einkünfte vieler Kirchengüter bemeisterten, +hatte man freilich geschehen lassen müssen, weil es nicht verhindert +werden konnte; aber in die Schmälerung der kirchlichen Revenuen als etwas +Gesetzliches von freien Stücken einzuwilligen, dazu war die abessinische +Geistlichkeit ebenso wenig zu bewegen, wie irgend ein Klerus Europa's. +Sämmtliche Geistliche von Gondar verfügten sich also zum Kaiser und +protestirten energisch gegen die Neuerung, ja, sie fingen sogar an, die +Kirchen zu schließen und jegliche geistliche Funktion einzustellen, +worüber besonders die alten Frauen in Bestürzung geriethen. Am 19. Januar +1833 begab sich die ganze Geistlichkeit in feierlichem Aufzuge zum +Protektor Ras Ali nach Fangia und bat denselben dringend, dem Saglu +Denghel die Königswürde zu nehmen, weil er sich derselben durch die +Einführung ketzerischer Neuerungen in dem zwischen Staat und Kirche +bestehenden Verhältnisse unwürdig gemacht habe. Solche Versuche, fügten +sie hinzu, würden ohne allen Zweifel den Ruin des Reiches nach sich ziehen +und von jeher sei ja auch ein Angriff auf die geistlichen Rechte von allen +Synoden als verdammenswerth anerkannt worden. Indem wir diese uns von +Rüppell, der als Augenzeuge spricht, mitgetheilten Einzelheiten lesen, +kommt es uns vor, als sei hier etwa von Oesterreich und dem Jahre 1867 die +Rede, wo beim Streite über die Aufhebung des Konkordates der Klerus der +Regierung gegenüber die nämliche Sprache, die nämlichen Argumente +gebrauchte. So sehr gleicht sich die Geistlichkeit in allen Theilen +unserer Erde. + +Der Klerus erreichte seinen Zweck vollkommen, denn Ras Ali schickte +sogleich einen seiner Offiziere mit dem Befehle nach Gondar, daß der König +augenblicklich das Schloß verlasse und die Krone niederlege, für welche er +bei seiner Rückkehr von einem Kriegszuge einen Würdigeren ernennen werde, +und diesem Befehle wurde ohne die mindeste Widersetzlichkeit Folge +geleistet. So endete die nominelle Herrschaft Saglu Denghel's nach einer +Dauer von nur vier und einem halben Monate und so gingen damals die +Protektoren mit dem "Könige" um. Ras Ali wies dem abgesetzten Herrscher +ein kleines Dorf in der Nähe des Tanasees als zukünftigen Wohnsitz und die +geringen Einkünfte desselben zu seinem ferneren Unterhalte an. Lange Zeit +blieb der Thron unbesetzt, und die folgenden Könige sind auch nur von +chronologischem Interesse, da eine Bedeutung ihnen nicht mehr zukam und +das Land in der That aus drei gänzlich getrennten Staaten, aus Schoa unter +König Sahela Selassié, Amhara unter Ras Ali und Tigrié unter Ubié bestand. +Im Verfolge unseres Werkes werden wir noch oft Gelegenheit haben, diese +drei Theilfürsten zu erwähnen, von welchen namentlich der erstere und der +letztere unser Interesse um deswillen in Anspruch nehmen, weil sie mit den +Europäern in nahe Verbindungen traten und von verschiedenen Reisenden +aufgesucht wurden. Ubié, etwa im Jahre 1800 geboren, war, nach Rüppell's +Bericht, ein Mann von hagerer Statur und mittlerer Größe; in der Kopfform +und Körperhaltung sprach sich ein gewisser Adel aus und seine schönen +lebhaften Augen verriethen Geist und Gewandtheit; seine Gesichtsfarbe war +gelbbraun; sein schöngelocktes Haar kurz verschnitten. Man rühmte ihm +Tapferkeit, Großmuth, Freigebigkeit und Gerechtigkeitsliebe nach. "Die +Art, wie er den Frieden in Tigrié herzustellen und zu befestigen suchte," +sagt Rüppell, "giebt eine offene und loyale Handlungsweise zu erkennen, +wie sie die jetzigen Abessinier leider nicht verdienen." Auch mit Hülfe +der Geistlichkeit suchte er seine Macht zu befestigen. Denn schon seit +vierzehn Jahren war der Sitz des Metropoliten von Abessinien verwaist, als +Ubié im Jahre 1841 mehr aus politischem als kirchlichem Interesse in _Abba +Salama_ einen neuen Abuna (Erzbischof) aus Kairo holen ließ. Er hatte +schon längst darauf gesonnen, Ras Ali zu stürzen und durch Einsetzung +eines neuen Königs auf den Thron von Gondar sich selbst zum Ras oder +Protektor des Reiches, also zum obersten Machthaber des ganzen Landes, zu +erheben. Der Abuna sollte durch seinen Einfluß auf die Kirche seine Macht +verstärken und wol auch den neuen König salben, zu welchem der Prinz Tekla +Georgis bestimmt war, der jedoch bald starb. + +Allein keiner von beiden Rivalen, weder Ubié noch Ras Ali, sollte auf den +alten Thron Abessiniens gelangen, - die Herrschaft fiel einem dritten zu, +der, vom Glücke begünstigt, mit Thatkraft ausgerüstet, wenigstens +zeitweilig dem grauenhaften Zustande ein Ende machte, welcher seit langem +das Land zerfleischte und Rüppell die Worte abdrängte: "Ich muß gestehen, +daß bei dem jetzigen gesetzlosen Zustande des ganzen Landes nicht der +geringste Hoffnungsstrahl einer sittlichen Regenerirung der Nation +leuchtet und daß der vollkommene Mangel einer kräftigen Regierung das +Haupthinderniß dabei ist und um so schwerer zu beseitigen sein wird, da +gegenwärtig auch nicht eine einzige Fraktion des Volkes an die Herstellung +einer solchen denkt. Der letzte Schatten eines gemeinsamen politischen +Oberhauptes ist mit der Absetzung des Kaisers Saglu Denghel geschwunden. +Die Geschichte der letzten sechzig Jahre zeigt eine vollkommene politische +Auflösung des Landes und dreht sich blos um die Häuptlinge, welche in den +verschiedenen Provinzen, als gleichsam voneinander unabhängigen Staaten, +sich zu unumschränkten Herrschern aufwarfen, durch List und Kühnheit ihre +Nebenbuhler verdrängten und dann meistens selber wieder durch +Treulosigkeit ihrer Verbündeten gestürzt wurden. So herrschen denn +fortwährend Bürgerkriege, welche in der Regel keinen andern Zweck haben, +als einen durch Versprechungen und Eidschwüre eingeschläferten Gegner zu +verdrängen, und die Bewohner einiger Distrikte, die in einem kurzen +Frieden etwas Eigenthum erlangt haben, auszuplündern. Die nothwendige +Folge davon ist eine stets zunehmende Verarmung; das Grundeigenthum hat +beinahe gar keinen Werth mehr; der Ackerbau wird immer mehr +vernachlässigt; die Viehherden sind ungemein zusammengeschmolzen und der +Verkehr ist wegen der großen Unsicherheit oft ganz unterbrochen." + +Rüppell bezieht diese Worte auf das Jahr 1833; allein sie hatten noch +Geltung in der Mitte dieses Jahrhunderts; der traurige Zustand des armen +Landes und Volkes, das nach Erlösung aus diesen Uebeln jammerte, war bis +dahin und ist auch noch heute derselbe. + +Auf eine Hoffnung aber baute seit alten Zeiten jedermann in Abessinien. +Nach der Tradition sollte ein König _Theodoros_ erscheinen, um dem Lande +den ewigen Frieden zu bringen. Dieser Theodoros regierte einst schon im +15. Jahrhundert und ward heilig gesprochen; aber wie unser Barbarossa wird +er, so glaubt der Abessinier, wiederkehren zu seiner Zeit, um das Reich +des ewigen Friedens in Aethiopien einzuführen. An der Spitze seiner +Scharen wird er das heilige Grabmal den Händen der Ungläubigen entreißen, +die Türken aus Europa in ihre ursprüngliche asiatische Wildniß +zurücktreiben, Mekka und Medina zerstören und die ganze muhamedanische +Religion von der Erde vertilgen. Wo er hinkommt, weilt der Friede, und +Jerusalem wird der Hauptsitz der abessinischen Kirche, welche sich dann zu +Glanz und unerhörter Blüte entfalten wird. - - + +Wohl kam der Held, der den Thron bestieg, allein der ersehnte Friede blieb +aus. Theodoros II., der Sohn einer armen Frau, vereinigte das Reich wieder +in seiner starken Hand und hob es zu einer Stellung, wie zuvor nie. + + -------------- + +Ueber die Verfassung Abessiniens können wir kurz berichten. Der Herrscher +(Kaiser oder König) führt den Titel _Negus_ oder _Negus Nagast za +Aitiopija_, d. h. König der Könige von Aethiopien. Die Residenz war in der +älteren Zeit zu Axum; gegen Ende des 13. Jahrhunderts, als die alte +salomonische Dynastie wieder zur Regierung kam, eine Zeit lang zu Tegulet +in Schoa, später zu Gondar, wenn auch das ehrwürdige Axum noch immer +Krönungsort blieb. Allein der düstere Palast, den die Jesuiten zur Zeit +des Königs Fasilides in Gondar errichtet hatten, behagte den Herrschern +nicht, die lieber in ihrem rothen Zelte im freien Feldlager residirten und +dort ihre Einkünfte an Herden, Getreide, Gold, Zeugen in Empfang nahmen, +während sie die Zölle und Wegegelder den Verwaltern der Provinzen +überließen. Im Grunde aber war der Negus Herr des ganzen Landes; er konnte +nach Belieben jedem Verwalter seinen Grund und Boden nehmen, um denselben +einem andern zu schenken, und von dieser Macht haben die Könige auch +fortwährend reichlich Gebrauch gemacht. Ihre Macht war in der That +unumschränkt, und nur über gewisse, durch Jahrhunderte alte Sitten und +geheiligte Fundamentalordnungen wagten auch sie sich nicht wegzusetzen. +Ein Adel existirte dem Namen nach; doch nur die Mitglieder des königlichen +Geschlechtes erschienen bevorzugt, wenn auch die Brüder des Herrschers bis +ins vorige Jahrhundert hinein in Staatsgefängnissen gehalten wurden, um +keine Intriguen anzetteln zu können. Ein besonderes Ministerium gab es +nicht, wohl aber zahlreiche Hof- und Staatsämter. Welche Rolle die +Gouverneure und Majordomen (Ras) spielten, zu welchem Ansehen sie +gelangten und wie sie ihre Gewalt an Stelle der Königsmacht setzten, wurde +bereits gezeigt. + +Nächst dem Ras war früher der mächtigste Gouverneur der von Tigrié, der +den Titel Lika Kahenat (Hoherpriester) und Nabr Id als Hüter der +Bundeslade in Axum führte. Der höchste Würdenträger ist gegenwärtig der +Herzog oder _Detschasmatsch_ (Dadjazmatsch, Djeaz, Djeatsch, Kasmati). Das +Wort bedeutet eigentlich einen, "der an der Thüre kämpft", um anzudeuten, +daß im königlichen Heerlager dieser Würdenträger mit seinen Truppen die +Stelle vor der Thüre des königlichen Zeltes hat und sich an die Leibgarde +des Herrschers anschließt. Auf den Detschasmatsch folgt der _Fit Auri_, +der Führer der Avantgarde. Er zieht mit seinen Truppen dem Heere +rekognoscirend voran und lagert sich zwischen diesem und dem Feinde oder, +wenn kein Feind da ist, in der Vorhut des Lagers. Niedere Würdenträger +sind der Kanjasmatsch, der mit seinen Truppen zur Rechten des königlichen +Zeltes lagert, und der Gerasmatsch zur Linken desselben. Neben diesen +kriegerischen Würden gab es auch friedliche. Bei Hofe war eine Anzahl +gelehrter Männer, Lik geheißen, die zusammen eine Art Gerichtshof bildeten +und mit deren Hülfe schwierige Fälle entschieden wurden. Die Justiz war +von der Verwaltung nicht geschieden und das Gesetzbuch _Feta Negust_, +d. h. Richtschnur der Könige, umfaßte das weltliche und kanonische Recht. + + [Illustration: König Salomo (abessinische Malerei). Nach Harris.] + +Dies ist in kurzen Umrissen die politische Geschichte Abessiniens, die zu +derjenigen der europäischen Staaten nicht in der geringsten Beziehung +stehen würde, wäre das Land nicht ein christliches Reich. Gerade aber dem +Christenthum verdankt es das Interesse, welches für dasselbe stets im +Abendlande wach war und welches eine Reihe ausgezeichneter Forscher und +Missionäre nach jenem bergigen Lande in Nordostafrika wallfahrten ließ, um +uns Kunde von seinen Wundern, seinen Naturschönheiten, seinen Bewohnern +und deren Religion zu bringen. + +Sehen wir ab von der schon erwähnten Fahrt des _Kosmas __Indikopleustes_, +eines christlichen Kaufherrn aus Alexandria, welcher im 6. Jahrhundert die +Bai von Adulis besuchte und dort eine wichtige Inschrift kopirte, die er +in seiner "_Topographia christiana_" veröffentlichte, so treffen wir +zunächst wieder im Dogenpalast zu Venedig in dem Weltbilde des _Fra Mauro_ +(15. Jahrhundert) auf ein Gemälde Abessiniens von wunderbarer Treue. Nicht +blos kennt der Venetianer den rechten Nebenfluß des Nil, den Takazzié, +unter seinem wahren Namen, sondern er zeigt uns auch den spiralförmig +gekrümmten Lauf des Blauen Nil, den er mit seinem abessinischen Namen Abai +bezeichnet. Mehrere abessinische Landschaften, wie Gozan, Bagamidre +(Begemeder), Hamara (Amhara) und Saba (Schoa), kommen bereits bei ihm vor. +Auch die Küstenstriche des Osthorns von Afrika waren ihm wohlbekannt. In +die Nähe der Bab el Mandeb verlegt er die Sitze der Danakil, die Stadt +Zeyla und den Landstrich Adal. Er zeichnet uns dann den Lauf des Awasi +(Hawasch), in dessen Nähe er die Stadt Härrär setzt. + +Im 13. Jahrhundert unterhielt man von Rom aus einen schriftlichen Verkehr +mit dem christlichen Abessinien und seit 1243 hören wir auch von +Missionen, die dorthin entsendet wurden. _Marino Sanuto_ machte deshalb zu +Beginn des 14. Jahrhunderts die Christen Europa's aufmerksam, wie nützlich +ein Bündniß mit den Glaubensgenossen in Nubien oder Habesch bei einem +Kreuzzuge gegen Aegypten sein müßte. Seit der Mitte jenes Jahrhunderts +wurde auch auf die abessinischen Könige der Titel des _Erzpriesters +Johannes_ übertragen und die Kunde von einem angeblich mächtigen +Christenreich im Morgenlande vom chinesischen Himmelsgebirge plötzlich +nach den Alpenländern am Blauen Nil verlegt. Botschafter dieser +Erzpriester erreichten nicht blos die römische Kurie, sondern auch andere +europäische Höfe, und die von ihnen eingezogene Kunde wurde getreulich auf +den Karten niedergelegt. Als daher die Portugiesen unter _Prinz Heinrich +dem Seefahrer_ im 15. Jahrhundert ihre afrikanischen Entdeckungsreisen +antraten, war das ferne christliche Reich, das die Geographen jener Zeit +das "dritte Indien" nannten, das äußerste Ziel, welches sie anfänglich ins +Auge faßten und auf dem Wege des fabelhaften "Goldflusses", der ganz +Afrika der Quere nach durchströmen sollte, zu erreichen hofften. + +Später, als der Seeweg nach Ostindien gefunden war und die Portugiesen +sich dort festgesetzt hatten, beschifften sie auch das Rothe Meer und +gelangten am 16. April 1520 nach Massaua, dem Ausfuhrhafen der Abessinier. +Dort erreichten sie also das ursprüngliche Ziel des Infanten Heinrich, des +Seefahrers, das Reich des afrikanischen Erzpriesters Johannes. Statt einer +mächtigen Herrschaft, wie sie erwartet hatten, fanden sie aber nur ein +beschränktes, in ihren Augen ärmliches Gebiet, rohe Bewohner und ein +verwahrlostes Christenthum. + +Die bald darauf folgende portugiesische Invasion und die Bemühungen der +Jesuiten, die Abessinier zur katholischen Kirche zu bekehren, wurden +bereits oben erwähnt. Durch die Berichte der Jesuiten-Missionäre erhielt +man dann die erste ausführliche Kunde von den Glaubensbrüdern im Innern +Afrika's und ihrem Lande. Viele wichtige Nachrichten gelangten namentlich +durch die Reise des _Alvarez_ (1520-1526) zu uns, der ganz Aethiopien +durchpilgerte und südwärts in ferne, noch jetzt beinahe unerforschte +Gegenden vor mehr als 300 Jahren gedrungen ist. _Bermudez_ hat uns einen +kurzen Bericht über seine Gesandtschaftsreise (1555) hinterlassen; +ausführlicher sind die fast gleichzeitigen _Barreto_ und _A. Orviedo_, +ferner _Paez_ (1618), _Ameida_, _Mendez_ (1625) und endlich _P. Lobo_, der +1640 nach Europa zurückkehrte. + +Nun sollten auch die Deutschen ihren Theil an der Erforschung oder +vielmehr Bekanntmachung Abessiniens haben. Im Jahre 1681 erschien zu +Frankfurt am Main ein glänzendes literarisches Meisterstück deutscher +Gelehrsamkeit, _Hiob Leutholf's_ (Ludolf's) klassische "_Historia +aethiopica, sive brevis et succincta descriptio regni Habessinorum, quod +vulgo male Presbyteri Joannis vocatur_", welcher noch mehrere Kommentare +und Anhänge folgten. Die Natur des Landes und seine Einwohner, die +Geschichte, die Religion und kirchlichen Verhältnisse, die Literatur +Abessiniens werden darin ausführlich behandelt. Große Hülfe bei der +Ausarbeitung seiner Werke erhielt Leutholf von dem amharischen Patriarchen +_Abba Gregorius_, der kurze Zeit am Hofe des Herzogs Ernst von +Sachsen-Gotha weilte und dessen Porträt in dem Kommentar mitgetheilt ist. +Die Kleidung der Einwohner, Abbildungen der Pflanzen und Thiere, der +Alterthümer des Landes sind in einer für die damalige Zeit sehr treuen +Wiedergabe in den Werken Leutholf's enthalten, der uns auch die +Korrespondenz der abessinischen Könige mit den Königen Spaniens, ein +Verzeichniß äthiopischer Manuskripte, Gebete und Liturgien, den +abessinischen Kalender u. s. w. übermittelt hat und dessen Werk fast ein +Jahrhundert lang die vorzüglichste Quelle über Abessinien blieb. Kurz +darauf, nachdem Leutholf seine äthiopische Historie veröffentlicht hatte, +durchzog 1698 der französische Arzt _Poncet_ das ganze Land, indem er, von +Sennar ausgehend, über Amhara und Tigrié bis Massaua gelangte. Gründlicher +als alle seine Vorgänger förderte aber 70 Jahre später, durch Leutholf's +Geschichte angeregt, der Schotte James Bruce unsere Kenntniß des Landes +durch Sammlung geschichtlicher Urkunden und Quellen, sowie durch genaue +astronomische Ortsbestimmungen. + + [Illustration: Hiob Ludolf. Nach dem Kupferstiche in dessen "_Historia + aethiopica_".] + +_James Bruce_, geboren den 14. Dezember 1730 zu Kinnaird in Schottland, +wird für alle Zeiten als einer der bedeutendsten unter den abessinischen +Reisenden dastehen. In Algier, wo er 1763 als englischer Konsul angestellt +worden war, beschäftigte er sich eifrig mit dem Studium der +morgenländischen Sprachen und machte von dort aus Reisen längs der Küste +des Mittelmeers, den Nil aufwärts bis Syene und nach Baalbek und Palmyra +in Asien, wo er die berühmten Alterthümer zeichnete. So vorbereitet trat +er im Jahre 1769 seine große Reise an, auf der er von Massaua unter großen +Mühen und Gefahren bis Gondar gelangte, wo er sich bei der hier +ausgebrochenen Blatternseuche durch Anwendung europäischer Heilmittel +sowol bei Hofe als im Volke großes Ansehen erwarb und Gelegenheit fand, in +alle Einzelheiten des Volkslebens einzudringen, sowie mit dem furchtbaren +Ras Michael freundlich zu verkehren. Er blieb über drei Jahre in +Abessinien, fand die Quelle des Abai oder Blauen Nil im Südwesten des +Tanasees und brachte ein ganzes Jahr damit zu, seine Reise nördlich durch +das Land der wilden Schankela oder Schangalla (Heiden) und Nubien nach +Alexandria fortzusetzen, das er im Mai 1773 glücklich erreichte. Seine +Reisebeschreibung (_Travels into Abyssinia_) gab er in fünf Bänden erst +1790 zu Edinburg heraus, worauf er bald (16. April 1794) durch einen Sturz +von der Treppe sein Leben endete. Er, der so vielen Gefahren getrotzt, so +große Mühen und Beschwerden muthig ertragen, endete auf diese Weise! Die +letzten vier Jahre seines Lebens waren ihm noch außerordentlich verbittert +worden. Als er sein umfangreiches Werk veröffentlichte, fand das Publikum +darin eine solche Menge von ungewöhnlichen Nachrichten, Uebertreibungen +und Ungeheuerlichkeiten, daß man den Reisenden kurzweg für einen Lügner +erklärte. Er wurde mit Zuschriften bestürmt, die weisen Kritiker +behandelten ihn unbarmherzig, und namentlich konnte man sich über die +Angabe, daß die Abessinier rohes Fleisch von lebenden Thieren genössen, +nicht beruhigen, eine Angabe, auf die wir ausführlich zurückkommen. Man +nannte ihn Mr. Mendax, Herr Lügner; aber die Zeit hat ihn gerechtfertigt, +wenn er selbst auch nicht die Genugthuung erlebte, die Zweifler bekehrt zu +sehen. + +Drei Jahrzehnte waren seit Veröffentlichung von Bruce's so oft +angefochtener Beschreibung verflossen, als die englische Regierung den +ersten Entschluß faßte, mit dem merkwürdigen abessinischen Volke in +Verbindung zu treten. _Lord Valentia_ wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts +beauftragt, eine Reise ums Kap der guten Hoffnung herum nach dem Rothen +Meere zu machen, die ganze ostafrikanische Küste wissenschaftlich zu +untersuchen, besonders die genauesten Nachrichten über Abessinien +einzuziehen und die geeigneten Schritte zu thun, eine Verbindung mit +diesem Lande anzuknüpfen. Diese Reise war von vielen wichtigen Resultaten +für die genauere Bekanntschaft mit den hervorragendsten Punkten an der +ostafrikanischen Küste, sowie für die Belebung des indischen Handels +begleitet; jedoch hatte sie für Abessinien nicht den Erfolg, den sie hätte +haben können, wenn die Unterhandlungen kräftiger betrieben worden wären. +Valentia selbst blieb in Mocha an der arabischen Küste, während er seinen +wissenschaftlich gebildeten, tüchtigen Sekretär _Henry Salt_ mit der +Sendung nach Abessinien betraute. Dieser machte die Reise über Massaua, +Arkiko, Halai, Dixan nach der Provinz Enderta, wo er, da er nicht zum +Könige selbst in Gondar gelangen konnte, mit dem Ras Walda Selassié +unterhandelte. (Vergl. oben S. 14.) Es gelang dem gewandten Salt durch die +glänzenden Geschenke, welche er dem Ras im Namen Georg's III. von England +überreichte, denselben vom Wohlwollen der englischen Regierung zu +überzeugen und ihn zu einer Verbindung mit England zu bewegen. Er kehrte +mit ausführlichen Nachrichten über das Land und seine Bewohner und mit der +Ueberzeugung zurück, daß sich hier England für die Erweiterung seines +Handels als auch der Kultur ein weites und günstiges Feld eröffne. Einer +von Salt's Begleitern, _Pearce_, blieb am Hofe des Ras zurück. Dieser +ersten Reise folgte bald darauf, gegen das Jahr 1814, nachdem Salt's +Gönner, Lord Valentia, in den Pairsstand erhoben worden war, eine zweite +Gesandtschaft unter Salt's eigener Führerschaft. Diese hatte den Erfolg, +daß das gute Vernehmen zwischen England und dem alten Ras gestärkt und +durch Pearce's längeren Aufenthalt die Bekanntschaft mit Abessinien +vermehrt wurde. Wieder traten nun politische Wirren in Tigrié ein, welche +England die Lust benahmen, weiter in die Angelegenheiten des Landes +einzugreifen, bis im Jahre 1841 Kapitän _Harris_ nach Schoa ging und jene +politische Mission ausführte, von welcher wir eine ausführliche +Schilderung weiter unten nach dessen 1844 zu London erschienenem +dreibändigen Werke "_The highlands of Aethiopia_" mittheilen. + +Es konnte nicht fehlen, daß bei den merkwürdigen Sagen, die über +Abessinien umgingen, und bei der Unbekanntschaft, die über dessen Volk und +Natur noch herrschten, auch die Deutschen ihren Antheil an der näheren +Erschließung des Landes nahmen, nachdem Ludolf mit so gutem Beispiele, +wenn auch nur theoretisch, vorangegangen war. Den Reigen eröffneten zwei +der besten deutschen Naturforscher: _W. F. Hemprich_ und _C. G. +Ehrenberg_, welche schon früher Nubien durchzogen hatten und nun, von der +preußischen Regierung unterstützt, das Rothe Meer besuchten. Von Massaua +aus durchwanderte Hemprich die Küstengebirge, während Ehrenberg nach den +heißen Quellen von Eilat zog. Nach Massaua zurückgekehrt, traf ihn der +harte Verlust, am 30. Juni 1825 seinen Begleiter Hemprich dem Fieber +erliegen zu sehen. Trotzdem war die naturgeschichtliche Ausbeute der +Expedition ungemein reich, da nicht nur eine Menge ganz neuer Thierformen +entdeckt, sondern auch in den Oscillatorien, Wesen zwischen Thier und +Pflanzen, die Farbe des Rothen Meeres erkannt worden war. + +Die bedeutendste und ergebnißreichste Reise in Abessinien führte nach +Bruce abermals ein Deutscher, _Eduard Rüppell_, geboren 20. November 1794 +zu Frankfurt a. M., aus. Reich begütert und vortrefflich in +naturwissenschaftlicher wie astronomischer Beziehung vorbereitet, hatte er +nach einem kleineren Ausflug nach dem Orient, Nubien, Kordofan und das +Peträische Arabien 1823-1825 besucht und sich dann Abessinien als +Hauptziel seiner Forschungsthätigkeit erkoren. Am 17. September 1831 +landete er auf Massaua an der abessinischen Küste, wo er den Rest des +Jahres und den nächsten Frühling zu Ausflügen in die Umgebung, nach +Arkiko, dem Thale Modat, den Dahalakinseln und nach den Ruinen von Adulis +benutzte. Am 29. April 1832 trat er dann den Marsch nach dem inneren +Hochlande an, welches vor ihm wissenschaftlich nur von Bruce und Salt +beschrieben worden war. Wurde auch die ganze Reise glücklich zurückgelegt, +so verlief sie doch nicht ohne große Gefahren, denn in Tigrié, wo gerade +Ubié ans Ruder gelangt war, wütheten noch die grausamsten Bürgerkriege. +Für diesen Herrscher hatte Rüppell ein sonderbares Geschenk, nämlich eine +schwere Kirchenglocke bestimmt, deren Transport auf dem Rücken von +Maulthieren viel Mühe verursachte, aber mit großer Freude angenommen +wurde, da Glocken in Abessinien sehr selten sind. Um sich einen Schutz auf +der Reise zu verschaffen, lieh Rüppell einem abessinischen Großhändler 600 +Maria-Theresia-Thaler und zog nun durch den Tarantapaß auf Halai, die +abessinische Grenzstation, zu. Schon hatte er sein Gepäck in Massaua zur +Ueberfahrt nach dem Festlande zurechtgelegt, als ihm von einem betrunkenen +türkischen Soldaten, der eine Pistole auf ihn abschoß, fast das Leben +geraubt und die große, wohl vorbereitete Reise verhindert worden wäre. Von +Halai wandte sich Rüppell in südlicher Richtung nach Atigrat am Fuße des +hohen Alequa, kreuzte am 20. Juli das tiefe Thal des reißenden Bergstroms +Takazzié und stieg hierauf in die hohen, oft von Schnee bedeckten, kühn +geformten Alpen der Provinz Semién, wo er den fast 12,000 Fuß hohen Paß am +Selkiberge überschritt und auf den Alpenwiesen in jener Region neben +Ericabüschen jene seltsame, in ihrer Form an die Palmen erinnernde +Pflanze, die Dschibarra, entdeckte, welcher Fresenius den Namen +_Rhynchopetalum montanum_ gegeben hat. Am 12. Oktober hielt er seinen +Einzug in die Königsstadt Gondar, wo er der Absetzung des Königs Saglu +Denghel beiwohnte und bis zum 18. Mai 1833 verweilte. Die Zwischenzeit +benutzte er zu einem Ausfluge in die heißfeuchte Niederung (Kolla) von +Workemeder und Ermetschoho, nördlich von Gondar, wo seine Elephantenjäger +reichliche Beute fanden. Dann zog er dem Ostufer des Tanasees entlang, +dessen Höhe über dem Meere er zum ersten male zu 5732 Fuß bestimmte. +Weiterhin gelangte er dann zu der Stelle, wo unfern der berühmten _Brücke +von Deldei_ der Abai oder Blaue Nil dem Tanasee entströmt. + +Am 18. Mai 1833 brach Rüppell von Gondar auf, um über die alte +Krönungsstadt Axum, wo er eine wichtige altäthiopische Inschrift +entdeckte, und über Adoa, die Hauptstadt Tigrié's, wieder nach Massaua +zurückzukehren, das er am 29. Juni glücklich erreichte. Seine Ausbeute, +die er von dieser Reise mit heimbrachte, war eine ungemein reiche, denn +nicht nur hatte er viele Orts- und Höhenbestimmungen vorgenommen, die der +Karte Abessiniens ein wesentlich anderes Gepräge geben, sondern auch +archäologische, historische und ethnographische Forschungen angestellt, +vor allem aber die zoologische Kenntniß des Landes bereichert, wie seine +"Neue Wirbelthiere zur Fauna Abyssiniens gehörig" und seine "Uebersicht +der Vögel Nordostafrika's" beweisen. + + [Illustration: _Rhynchopetalum montanum_. Im Hintergrunde der Bachit, + im Vordergrunde Klippspringer. + Originalzeichnung von Robert Kretschmer.] + +Seine "Reise in Abyssinien" erschien 1840 zu Frankfurt a. M. Für alle +seine Arbeiten wurde ihm denn auch die wohlverdiente Auszeichnung zu +Theil, daß ihm die Londoner geographische Gesellschaft die große goldene +Medaille verlieh. Seine reichen Sammlungen vermachte er seiner Vaterstadt +Frankfurt, wofür diese ihm eine lebenslängliche Pension aussetzte. + +Auf Rüppell folgten 1835 zwei Franzosen, die Stiefbrüder _Tamisier_ und +_Combes_, mit dem angeblichen Zwecke des einen, Menschenkenntnisse zu +sammeln, des andern, sich für die Poesie zu begeistern. Sie kamen unter +vielen Gefahren bis Schoa. Beide Herren waren Mitglieder der Sekte der +Saint-Simonisten und haben nach ihrer Rückkehr 1846 zu Paris vier starke +Bände ("_Voyage en Egypte, en Nubie etc._") einer sehr romantischen und +wenig glaubhaften Erzählung ihrer Erlebnisse und Abenteuer veröffentlicht. +Mit nicht viel mehr Glück machte im Jahre 1836 Baron _von Katte_ einen +kurzen Ausflug nach Adoa in Tigrié, kehrte jedoch bald wieder zurück und +beschenkte Deutschland mit einer Reiseschilderung, an deren Genauigkeit +der gewissenhafte Rüppell gar manches auszusetzen hat. ("Reise in +Abyssinien im Jahre 1836". Stuttgart und Tübingen 1838.) + +Im Januar 1837 traf dann der deutsche Botaniker Schimper in Adoa, damals +der Hauptstadt Ubié's, ein. _Wilhelm Schimper_ wurde im Jahre 1804 zu +Mannheim geboren. Zuerst als Drechslerlehrling, dann als Unteroffizier, +fand er keine Befriedigung seines Wissensdranges, weshalb er sich nach +München wandte, um dort Botanik zu studiren. Nachdem er eine tüchtige +Ausbildung erlangt, trat er größere Reisen nach dem Orient an; er +besuchte, vom württembergischen Reiseverein unterstützt, Algerien, +Aegypten, die Sinaihalbinsel und Arabien, von wo er überall reiche +Sammlungen nach Hause brachte. Im Jahre 1835 ging er, um seine durch +Fieber untergrabene Gesundheit wiederherzustellen, über Massaua in die +abessinischen Hochlande, wo er bei Ubié in Adoa eine freundliche Aufnahme +fand und seinen wissenschaftlichen Sammlungen nachgehen konnte. Sein +Einfluß bei diesem Fürsten stieg immer mehr, sodaß Schimper als +Statthalter zuerst einen Distrikt an der Gallagrenze, dann den Distrikt +Antitscho in Tigrié zu verwalten hatte. Mit einem Worte, er wurde die +rechte Hand Ubié's, als dessen Baumeister und Minister er sich +unentbehrlich zu machen wußte. Schimper war bereits früher in Rom zum +Katholizismus übergetreten, weshalb er die Lazaristenmissionen unter de +Jacobis in Abessinien unterstützte, was er um so leichter mit Einfluß +auszuführen wußte, als er mit einer Tochter des Landes sich vermählt +hatte. Auch begann er für Frankreich zu wirken, von wo aus er +Unterstützungsgelder bezog, um dafür seine Sammlungen an den _Jardin des +plantes_ in Paris einzusenden. Nach dem Sturze Ubié's hatte Schimper +anfangs viel Ungemach auszustehen, doch kam er später bei Theodoros wieder +in Gnade. Im Jahre 1861 schrieb Theodor von Heuglin über ihn: "Mein alter +Freund Schimper wird bald wieder im Stande sein, seine botanischen und +zoologischen Sammlungen fortzusetzen, die in den letzten fünf bis sechs +Jahren ausschließlich nach Frankreich gegangen sind. Dr. Schimper zählt +jetzt 57 Jahre, ist aber immer noch der alte rüstige und bewegliche Mann, +voll unverwüstlichen Humors, als den ich ihn vor vielen Jahren hier kennen +zu lernen das Vergnügen hatte." + +Bald nachdem Schimper in Abessinien sich niedergelassen hatte, beauftragte +die französische Regierung die Aerzte _Aubert_ und _Dufey_, wieder ein +gutes Vernehmen mit den Eingeborenen herzustellen, das durch das Auftreten +verschiedener französischer Abenteurer gestört worden war. Leider waren +diese beiden Gesandten keineswegs die einer solchen Aufgabe gewachsenen +Männer, denn durch eine Kette von Thorheiten und Schlechtigkeiten setzten +sie den europäischen Charakter in der Achtung des Volks ganz herunter und +vermehrten die Schwierigkeiten, die dem europäischen Verkehr im Lande +schon im Wege standen. Dr. Aubert kehrte im Februar 1838 von Adoa nach +Kairo zurück, während Dufey durch Schoa nach der Küste des Rothen Meeres +ging und als der erste Europäer die gefährliche Straße von Ankober nach +Tadschurra zurücklegte. Die Sendung dieser beiden Männer wurde, da das +französische Interesse an Abessinien sich mehrte, die Vorläuferin einiger +andern politischen und wissenschaftlichen Expeditionen von Frankreich aus, +die vom Jahre 1839 an erfolgten. Zwei derselben waren 1839 und 1841 unter +_Lefêbvre's_, eine 1840 unter _Combes'_ Anführung (welcher zum zweiten +male Abessinien besuchte) nach Tigrié und auch nach Amhara gegangen. Ubié, +der damals noch in Tigrié herrschte, behandelte namentlich Lefêbvre sehr +verächtlich, musterte die ihm vom Könige Ludwig Philipp übersandten +Geschenke und sagte zu seinem Schatzmeister: "Nimm diesen Unrath in die +Schatzkammer hinüber." Der Gesandte wurde trotzdem aufgefordert, am Essen +mit theilzunehmen, wobei reichlich Honigwein kredenzt wurde, der den +Herrscher bald trunken machte. In diesem Zustande forderte er den Herrn +Gesandten auf, vor ihm zu tanzen, was nur durch das muthige Auftreten des +Dolmetschers verhindert werden konnte. In Verbindung mit den französischen +Gesandtschaften stand auch die Reise des belgischen Generalkonsuls in +Kairo _Blodell_, im Jahre 1841, die um deswillen zu erwähnen ist, weil +sie, von Massaua ausgehend, ganz Abessinien von Osten nach Westen +durchkreuzte, indem Blodell über Sennar und Chartum nach Kairo +zurückkehrte. Reiche wissenschaftliche Arbeiten lieferte um dieselbe Zeit +die Expedition des Franzosen _Galinier_ nach Tigrié, Semién und Amhara. + +Combes war von Ubié gut aufgenommen worden, aber die freundschaftlichen +Verhandlungen wurden bald abgebrochen durch die Ankunft der Gebrüder +_d'Abbadie_, von denen der eine Ubié beleidigt hatte durch seinen Antheil +an einem Streifzuge gegen seine Truppen. Die d'Abbadie's wurden mit der +Drohung verwiesen, daß, wenn sie je wieder ihre Füße in Ubié's Gebiet +tragen sollten, dieselben ihnen abgehauen würden. Ebenso mußten infolge +dieses Vorfalles Combes und Lefêbvre das Land verlassen. Abgesehen von +ihren politischen Intriguen waren die Gebrüder Anton und Michael d'Abbadie +ausgezeichnete, mit tüchtigen Kenntnissen versehene und reich begüterte +Männer, die nicht unwesentlich für die Erweiterung unserer Kunde +Abessiniens thätig waren und sind, wenn sie auch ihr Hauptaugenmerk auf +die Verbreitung des Katholizismus und auf die Förderung der Interessen +Frankreichs gewandt haben mögen. Nach langen Vorbereitungen und einigen +mißglückten Versuchen gelang es 1842 Anton d'Abbadie, über Tigrié in das +Binnenland einzudringen, wo er sich mit der Erforschung Enarea's, Kaffa's +und des Quellgebiets des Uma beschäftigte. Nach zehnjähriger Abwesenheit +kehrten beide Brüder 1848 nach Frankreich zurück, wo sie die Resultate +ihrer Arbeiten in einzelnen Abhandlungen veröffentlichten. + +Politik und Religions- oder Missionsangelegenheiten begannen überhaupt +allmälig bei den abessinischen Reisenden die Hauptsache, die Wissenschaft +aber die Nebensache zu werden. Englische Reisende und protestantische +Missionäre wirkten im Interesse Großbritanniens, katholische Sendboten und +französische Reisende im Interesse Frankreichs. Kein Wunder also, daß die +abessinischen Fürsten, welche die Plane bald durchschauten, mißtrauisch +wurden und einzelne Reisende schlecht behandelten. Der abenteuerlichste +unter allen war wohl _Rochet d'Héricourt_, nach Isenberg's Bericht ein +französischer Glücksritter, der sich mehrere Jahre hindurch in Kairo als +Chemiker und Mineralog aufhielt und beständig mit dem Plane umging, nach +Abessinien zu reisen, um sich dort Geld zu machen. Nachdem ihm mehrere +Versuche mißlungen waren, setzte er endlich 1839 sein Vorhaben ins Werk, +indem er den deutschen Missionären nach Schoa folgte. Als er dort jedoch +nicht gleich zu großen Reichthümern gelangte, wurde er ungehalten und von +dem Könige für halb verrückt angesehen. Bald sollte sich die Sache jedoch +wenden und Rochet zu großem Ansehen gelangen. Da der König, dessen erste +Frage an jeden ankommenden Europäer gewöhnlich die war, was er verstehe, +Rochet's chemische Fertigkeiten in Pulvermachen, Seifensieden, +Zuckerfabriziren und andern Dingen bemerkte, stieg letzterer hoch in +seiner Achtung. Außerdem versprach der Franzose, ihn von einer gewissen +heimlichen Krankheit zu heilen, und als diese Kur zu gelingen schien, +wurde er dem Könige unentbehrlich. Rochet benutzte nun, wie es die +Franzosen gewöhnlich thun, die steigende Gunst beim Könige, sich politisch +mächtig zu machen, indem er Schoa dem französischen Einflusse zu eröffnen +und den Engländern entgegenzuwirken suchte. Als er nach neunmonatlichem +Aufenthalte wieder in sein Vaterland zurückkehren wollte, bestimmte er den +Negus dahin, ihm einen Brief und Geschenke an den König Ludwig Philipp von +Frankreich mitzugeben und auf diese Weise eine politische Verbindung +zwischen Frankreich und Schoa einzuleiten. Dieses einseitige Vorgehen +suchten aber in Englands Interesse die deutschen Missionäre, namentlich +Krapf, zu verhindern, indem sie den König bewogen, eine Botschaft nach +Bombay zu senden, um einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit England +abzuschließen. Als Erwiederung dieser Botschaft erschien dann die +glänzende Ambassade unter Kapitän Harris. + +Inzwischen war Rochet in Paris angekommen und hatte die dortige Regierung +seinem Wunsche, mit Schoa in Verbindung zu treten, geneigt gefunden. +Nachdem er eine Beschreibung seiner Reise herausgegeben hatte ("_M. Rochet +d'Héricourt, Voyage sur la côte occidentale de la Mer Rouge, dans le pays +__d'Adel et le Royaume de Choa._" Paris 1841), kehrte er im Auftrage +seiner Regierung und der Pariser Akademie der Wissenschaften wieder nach +Schoa zurück. Kaum an der Küste angelangt, wußte er es durchzusetzen, daß +der König von Schoa befahl, keinen andern Europäer, sei er Franzose oder +Engländer, außer ihm nach Schoa kommen zu lassen, bei Verlust des Lebens. +Infolge dessen mußten denn die deutschen Missionäre Krapf, Isenberg und +Mühleisen von Zeyla aus, wohin sie sich 1842 zu einer zweiten Reise nach +Schoa begeben hatten, unverrichteter Dinge umkehren. Rochet bereiste nun +weit und breit das Innere des Landes und gab uns in einem zweiten Werke +("_Second voyage_", Paris 1846) neue werthvolle Nachrichten über Schoa. + +Nach Isenberg erhielt Rochet nur durch ein listiges Vorgeben die Erlaubniß +des Königs, in das Innere von Schoa vorzudringen. Er behauptete nämlich, +nur dann den König heilen zu können, wenn er ein Präparat von einem +ungeborenen Hippopotamus mache, das er aus einem fernen See holen müsse. +Das nachtheiligste Licht auf Rochet's Wahrheitsliebe und Glaubwürdigkeit +wirft indessen wol, was der deutsche Missionär Ludwig Krapf über ihn +berichtet. Beide befanden sich im November 1839 im Kriegslager des Königs +Sahela Selassié von Schoa, der auf einem Feldzuge gegen die Galla +begriffen war. Man war in der Nähe der Quellen des Hawaschflusses, allein +beide Europäer bekamen sie nicht zu Gesicht, während Rochet sich in seinem +Reisewerke für deren Entdecker ausgiebt. Der biedere Krapf giebt uns den +nöthigen Kommentar zu dieser wissenschaftlichen Schwindelei. "Rochet" so +schreibt Krapf, "sagte zu mir im Verlaufe des Feldzuges, daß wir angeben +müßten, die Quellen des Hawasch wirklich gesehen zu haben. Als ich ihm +erwiederte, daß dieses ja nicht der Fall gewesen, antwortete er lächelnd: +Oh, wir müssen Philosophen sein." - So erlauben sich gewissenlose Reisende +Geographie zu machen oder vielmehr zu fälschen. + +Die Anzahl der Reisenden, welche Abessinien besuchten, beginnt sich nun +ungemein zu häufen, sodaß wir nur die wichtigsten unter ihnen hervorheben +können. + +Dr. _Beke_, früher englischer Konsul in Leipzig, reiste 1840 von London +nach Aden, unterstützt von den Freunden Afrika's, um in Schoa und den +angrenzenden Ländern Nachrichten über das Innere und besonders über den +geistigen Zustand der dasselbe bewohnenden Völker einzusammeln. Glücklich +kam er über Tadschurra in Ankober an, wo der Missionär Krapf ihm Hülfe +leistete und sich in den Verhandlungen zwischen Beke und dem Könige manche +Beschwerden und Unannehmlichkeiten zuzog. Später, nach Ankunft der +englischen Gesandtschaft und von dieser unterstützt, reiste er nach +Godscham, von wo er durch die Provinzen Jedschau, Waag und Enderta nach +Antalo ziehend, Tigrié erreichte. Die Frucht seines langen Aufenthalts +waren verschiedene wissenschaftliche Werke; namentlich widmete er sein +Augenmerk der politischen Rivalität der Franzosen und Engländer im Rothen +Meere, welche die großen Fragen des Suezkanals und des ostindischen +Ueberlandwegs einschließt und über welche er in seinem Werke "_The French +and the English in the Red Sea_" seine Ansichten niedergelegt hat. + + [Illustration: Eduard Zander. Nach einem Gemälde im Besitze Sr. Hoheit + des Herzogs von Anhalt.] + +Mit Schimper's Schicksal im engsten Zusammenhange steht ein anderer +deutscher Landsmann, dem wir bei Abfassung dieses Werkes zu ganz besonderm +Danke verpflichtet sind. _Christoph Eduard Zander_, von dem ein Theil der +charakteristischen Illustrationen dieses Buches herrührt, ward am 22. +Oktober 1813 in der kleinen anhaltischen Stadt Radegast geboren. In seiner +Heimat, wo er noch immer den besten Ruf genießt, wird er als ein Mann von +bescheidenem, anspruchslosem Wesen und tief religiösem Charakter +geschildert, der eine ganz besondere Fertigkeit in den verschiedensten +technischen Dingen besaß. Zander erlernte die Landwirthschaft, wandte sich +dann aber zur Malerei und hielt sich zu seiner Ausbildung längere Zeit in +München auf. Neben seiner Kunst interessirte er sich aber auch lebhaft für +das Artilleriewesen, eine Neigung, die ihm später sehr zu statten kam. Da +es ihm nicht gelang, als Maler und Zeichner seinen Unterhalt hinreichend +zu erwerben, ging er auf den Rath einiger Freunde zu Dr. Schimper. Nach +einer langen Fahrt durch das Rothe Meer, auf welcher er von Krankheit und +Hunger geplagt wurde, warf seine Barke am 12. September 1847 bei Massaua +Anker. Durch den Tarantapaß stieg er in das abessinische Hochland hinauf +und schrieb in Halai einen Brief an Schimper, in welchem er diesen von +seiner Ankunft in Kenntniß setzte. Trotz einer niederschlagenden, ihn +zurückweisenden Antwort beschloß er dennoch, nach Antitscho, Schimper's +Distrikt, vorzudringen. Da aber ringsum das Land von Rebellen verwüstet +wurde, konnte dies nicht ohne Lebensgefahr geschehen; doch gelangte er +glücklich an sein Ziel, wo er von dem Landsmann gut aufgenommen wurde. Als +Gehülfe Schimper's bei dessen naturwissenschaftlichen Arbeiten +durchstreifte er weit und breit das Land, sammelnd und zeichnend, bis er +endlich zum Oberhofbaumeister des Regenten Ubié vorrückte, von diesem +Ländereien und Vieh erhielt und den Auftrag bekam, die Kirche von Debr +Eskié in Semién zu bauen, dieselbe, in welcher am 11. Februar 1855 Theodor +II. vom Abuna zum Herrscher über Gesammt-Abessinien gekrönt wurde. In +Ubié's Gunst immer mehr steigend, wurde Zander in den Adel erhoben; auch +verheirathete ihn dieser Fürst mit einem schönen Gallamädchen. In der +großen Schlacht von Debela am 9. Februar 1855, in welcher der alte Ubié +von dem Emporkömmling Theodor besiegt wurde, kommandirte Zander die +Artillerie des ersteren. Als alles für Ubié verloren war, trat Zander in +die Dienste Theodor's und wurde Befehlshaber der befestigten Insel Gorgora +im Tanasee, wo er die Schatzkammer und ein Zeughaus des Königs zu hüten +hatte. Dieser, der den tüchtigen, in allen technischen Dingen erfahrenen +Mann zu schätzen wußte, machte ihn zu seinem Vertrauten und höchsten +militärischen Würdenträger. Als solcher stand Zander auch noch 1868 an der +Seite Theodor's. Seine werthvollen Arbeiten über Abessinien, die uns in +vieler Beziehung neue Gesichtspunkte eröffnen, sind in dem vorliegenden +Buche benutzt worden und gereichen demselben als Originalbeiträge zur +besondern Zierde. + + [Illustration: Werner Munzinger.] + +In jene Zeit, in welcher Abessinien gleichsam von europäischen Reisenden +durchschwärmt war und ein Missionsversuch dem andern folgte, fallen auch +die geographisch nicht unwichtigen Züge des italienischen Mönches +_Giuseppe Sapeto_ durch die nördlichen Grenzländer der Mensa, Bogos und +Habab. Begleitet von den Brüdern d'Abbadie landete er im Jahre 1838 in +Massaua und erreichte am 3. März desselben Jahres Adoa. Er wußte sich bei +Ubié in Gunst zu setzen und gründete zu Adoa nach Vertreibung der +protestantischen Geistlichen (siehe darüber weiter unten) eine katholische +Mission, besuchte Gondar, sah sich aber nach fünfjährigem Aufenthalt - wie +Isenberg angiebt, infolge liederlichen Lebens - durch Krankheit genöthigt, +nach Aegypten zurückzukehren; aber 1850 begab er sich aufs neue nach +Massaua, indem er längs der Westküste des Rothen Meeres hinaufreiste und +nun mit dem Missionär Stella in die Länder der Bogos, Mensa und Habab +vordrang, über die wir einen ausführlichen Bericht mittheilen werden. Es +war dies gleichsam eine neue Entdeckung, denn in der That kannte man kaum +den Namen der Habab, und die andern beiden Völker existirten bis dahin für +uns nicht. Sapeto's Werk erschien erst 1857 zu Rom und führt den Titel: +"_Viaggio e missione cattolica fra i Mensa, i Bogos e gli Hahab_." + +Das in Rede stehende Gebiet ist wegen seiner leichten Zugängigkeit dann +häufig das Ziel europäischer Reisenden geworden und uns nun fast so genau +bekannt wie ein Land Europa's. Am 13. Juli 1857 brach ein österreichischer +Löwenjäger, _Graf Ludwig Thürheim_, nach Mensa auf, besuchte Keren, wo die +katholischen Missionäre sich niedergelassen hatten, und gelangte glücklich +durch Barka und Taka nach Chartum. + +Die vorzüglichsten Nachrichten über jene Länder, werthvolle, bleibende +Schätze der geographischen Literatur, verdanken wir indessen dem Schweizer +_Werner Munzinger_. Dieser gelehrte, unternehmende Mann wurde 1832 zu +Olten geboren. Er studirte in Bern und München Geschichte, +Naturwissenschaften und orientalische Sprachen; in den letzteren +vervollkommnete er seine Kenntnisse zu Paris. Schon im Jahre 1852, also im +Alter von zwanzig Jahren, begab er sich nach Kairo, trat dort später in +ein Handelsgeschäft, unternahm dann 1854 eine kaufmännische Reise nach dem +Rothen Meere und benutzte die günstige Gelegenheit zu einem Ausfluge nach +den Bogosländern. Es war schon damals sein Plan, sich dort niederzulassen, +und er führte denselben unverweilt aus. Im Jahre 1855 ging er, mit +Sämereien und Waffen wohl versehen, nach Keren, wo er dann längere Zeit +gewohnt hat. Dort verfaßte er auch sein 1859 zu Winterthur erschienenes +Werk "Ueber die Sitten und das Recht der Bogos", dessen Vorrede aus Keren +vom 31. November 1858 datirt ist. Er lebte wissenschaftlichen Forschungen, +trieb dabei auch Handelsgeschäfte und machte sich bei dem Volke so +beliebt, daß er oft das Richteramt ausübte und mit Regierungsgeschäften +betraut wurde. Er fand aber auch Muße zur Ausarbeitung seiner Studien und +schrieb nicht nur eine Grammatik des Belem, der Sprache der Bogos, sondern +übersetzte in dieselbe einzelne Abschnitte der Bibel. Die inhaltreiche +Arbeit über die Bogos war jedoch nur die Vorläuferin eines größeren +Werkes: "Ostafrikanische Studien" (Schaffhausen 1864), in welchem auch das +Land der Marea, der Kunama oder Bazen und deren physikalische Verhältnisse +in mustergiltiger Weise geschildert werden. Auf beide Arbeiten kommen wir +später zurück; ebenso auf die Reise des _Herzogs Ernst von +Sachsen-Koburg-Gotha_ in jenen solchergestalt erschlossenen Gegenden im +Jahre 1862. + +Nicht unerwähnt darf hier bleiben, was die verschiedenen Missionäre, +namentlich _Isenberg_ und _Krapf_, für unsere Kenntniß Abessiniens gethan +haben, deren Wirken bei der Schilderung der Missionsversuche die +gebührende Würdigung erhält, während die Reise des vortrefflichen +Franzosen _Wilhelm __Lejean_ im Jahre 1863, der in die Gefangenschaft des +Königs Theodoros II. gerieth, gleich so vielen andern Europäern, in einem +besondern Kapitel besprochen wird. + +Hier soll nur noch die _deutsche Expedition_, oder wenigstens der Theil +derselben, welche unter v. Heuglin und Steudner bis Etschebed in +Dschama-Gala vordrang, als würdiger Schluß dieser Aufzählung der Reisen in +Abessinien, ihre Erwähnung finden. Es handelte sich bekanntlich darum, das +Schicksal des in Afrika verschollenen deutschen Reisenden Eduard Vogel aus +Leipzig aufzuhellen, von dem man glaubte, daß ihn der Sultan von Wadaï zu +Wara in Gefangenschaft halte. Zu dem Ende trat auf Anregung des Dr. August +Petermann in Gotha ein Comité zusammen, welches in ganz Deutschland +Sammlungen veranstaltete, eine Instruktion entwarf und mit der Leitung der +Expedition _Theodor v. Heuglin_ betraute. Ihm wurden als Botaniker +beigegeben Dr. _Hermann Steudner_, geboren 1832 zu Greiffenberg in +Schlesien, der Mechaniker _Kinzelbach_ aus Stuttgart, welcher +Positionsbestimmungen vornehmen sollte, _M. L. Hansal_, ein mit den +Gegenden am oberen Weißen Nil schon vertrauter Mann, und endlich _Werner +Munzinger_, der sich in Massaua an die Expedition anschließen sollte. + + [Illustration: Theodor von Heuglin] + +Theodor v. Heuglin, einer der bedeutendsten Reisenden der Gegenwart, +geboren den 20. März 1824 zu Hirschlanden in Württemberg, unternahm +bereits im Jahre 1850 eine Reise längs dem Rothen Meere, durchzog dann +1853 mit dem österreichischen Konsul Dr. Reitz von Galabat aus einen +bedeutenden Theil Abessiniens, worüber er in seinen "Reisen in +Nordostafrika" (Gotha 1857) berichtete. Er wurde österreichischer Konsul +in Chartum, erforschte die Somaliküste, sowie abermals das Rothe Meer, und +trat schließlich an die Spitze der deutschen Expedition, die sich Glück zu +wünschen hatte, einen so umsichtigen, thätigen und mit den Verhältnissen +des Landes vertrauten Führer zu erhalten. + +Am 17. Juni 1861 landeten die Mitglieder glücklich in Massaua, von wo sie +sich nach Mensa und Keren in Bogos begaben, um sich auf die große Reise +gehörig vorzubereiten. Mit Anfang Oktober, nachdem die eigentliche +Sommerregenzeit zu Ende war, rüstete man sich zum Aufbruch, zog durch die +bergige Provinz Hamasién und trennte sich zu Mai Scheka in Serawié. +Munzinger und Kinzelbach reisten von hier aus am 11. November längs dem +Mareb weiter nach Westen, um Nachrichten über Eduard Vogel einzuziehen, +während Heuglin und Steudner einen höchst beschwerlichen, an Abenteuern, +aber auch an Ausbeute reichen Zug nach Süden unternahmen, der sie bis ins +Gallaland und das Feldlager des Königs Theodoros II. führte. Die Reisenden +besuchten in Adoa den greisen Botaniker Schimper, machten mit ihm einen +Ausflug nach den Ruinen von Axum, kreuzten den Takazzié, überstiegen die +Alpen von Semién und zogen am 23. Januar 1862 in der Hauptstadt Gondar +ein. Ihre Absicht, in westlicher Richtung weiter nach Westen vordringen zu +dürfen, wurde vereitelt, denn aufs strengste hatte der Negus Befehl +ertheilt, die Reisenden vor sich zu führen. Geleitet von deutschen +Missionären begaben sie sich nun, am Nordufer des Tanasees hin, über Gafat +und Magdala, das 15,000 Fuß hohe Kollogebirge durchziehend, in das +Feldlager des Königs zu Etschebed im Lande der Dschama-Gala. Der Empfang +war ein außerordentlich gnädiger, und reich beschenkt durften die +Reisenden am 25. April den Rückweg antreten, auf welchem sie das 13,000 +Fuß hohe Gunagebirge passirten, bei Wochni die abessinische Grenze +erreichten und über Metéme und Gedaref nach Chartum gelangten, dessen +Moschee ihnen am 7. Juli 1862 entgegenleuchtete. Die großen Reisen +Heuglin's und Steudner's auf dem Weißen Nil und dem Gazellenfluß in +Gemeinschaft mit den Damen Tinné, wobei Steudner im Dschurdorfe Wau am 10. +April 1863 dem Klimafieber erlag, gehören nicht hierher. Außer in +geographischer Beziehung war das Ergebniß der deutschen Expedition, welche +allerdings das ursprüngliche Ziel, die Aufsuchung Eduard Vogel's, aus den +Augen verlor, namentlich für die Botanik und Zoologie von großem Werthe. +Nachdem die Berichte derselben einzeln in den "Geographischen +Mittheilungen" und der Berliner "Zeitschrift für Erdkunde" erfolgt, faßte +sie Heuglin nochmals in seiner "Reise nach Abessinien" (Jena 1868) +zusammen. + + + + + + [Illustration: Debra Damo in Tigrié. Nach einer Originalzeichnung von + Zander.] + + + + + + DAS LAND, SEINE PFLANZEN- UND THIERWELT. + + + Begrenzung. - Das Hochland. - Geologie Abessiniens. - Der + versteinerte Wald. - Heiße Quellen. - Oberflächengestaltung. - + Natürliche Felsenfestungen. - Die Alpen Semiéns. - Charakter der + Flüsse. - Ihr Anschwellen. - Ursachen der Nilüberschwemmungen. - + Der Tanasee und der Abai. - Klimatische Verhältnisse. - Die + Vegetationsgürtel. - Kola. - Woina Deka. - Deka. - Die niederen + Thiere. - Vögel. - Säugethiere. Ihre Lebensweise, Nutzanwendung, + Jagd. + + +Am südlichen Ende des Rothen Meeres, schroff gegen dessen Gestade +abstürzend, aber langsam und allmälig gegen Ost-Sudan sich abstufend, +liegt zwischen dem 16. und 8. Grade nördlicher Breite das afrikanische +Alpenland Abessinien. Ringsum dehnen sich weite, ungesunde und glühende +Sandwüsten aus, natürliche Grenzen, die den Verkehr erschweren und die +ungeheure Bergfeste gegen feindliche Angriffe von außen zu schützen +scheinen. Im Norden sind die Hochlande von Mensa, Bogos und die von den +Beni-Amer am Barka bewohnten Gegenden die Grenze; im Westen das Gebiet der +heidnischen Bazen, die wild- und steppenreichen, vom Setit und Salam +durchflossenen Theile Ost-Sudans, der Neger-Freistaat Galabat und ein +Gürtel von größtentheils unbewohnten, feuchten, mit Bambus und Waldregion +bedeckten neutralen Gebiets, das sich gegen Ost-Senaar ausdehnt; im Süden +bildet eine Strecke weit der Blaue Nil die Grenze, dann aber fast +unbekannte, von den Gala bewohnte Distrikte; endlich im Osten, wo die +Gebirgsmauern Abessiniens am steilsten abfallen, sind es die wasserlosen, +von räuberischen muhamedanischen Hirtenvölkern bewohnten +Küstenlandschaften, welche die Grenze ausmachen. + +Ganz Abessinien ist im wesentlichen ein Hochland, das von allen Seiten mit +steilen Rändern aus dem Flachlande aufsteigt. Wenn der Reisende diesen +jähen Rand mühsam erklommen hat, während seine Füße von den scharfen +Steinen geritzt, seine Kleider von den Stacheln der Mimosen zerrissen +wurden, sieht er ein zweites und bald ein drittes Plateau vor sich, ebenso +jäh wie das erste, ebenso rauh und zerklüftet. Wie an ein zerstörtes +Titanenwerk erinnernd, drängen sich die Berge in den wunderbarsten Formen +durcheinander. Hier Tafelberge gleich zertrümmerten Mauern, dort runde +Massen in Gestalt von Domen, hier gerade oder geneigte, oder umgestürzte +Kegel, spitz wie Kirchthürme, dort Säulenreihen in Gestalt ungeheurer +Orgeln. In der Ferne verschmelzen sie mit Wolken und Himmel, und in der +Dämmerung meint man ein aufgeregtes Meer vor sich zu sehen. Aber dieses +Felsenmeer ist in seinem Innern keineswegs so starr und öde, als es der +äußere Anblick erwarten läßt. Obgleich sich seine Berge in weiten Flächen +oft zu einer Höhe von 10,000 Fuß erheben und ihre höchsten, sich in die +Wolken verlierenden Gipfel über 15,000 Fuß hoch aufragen, birgt sich doch +in seinen Thälern und Klüften manche Abwechselung, manche Landschaft voll +tropischer Fülle. + +Der _geologische Charakter_ Abessiniens ist ziemlich einförmig und zeigt +keineswegs große Abwechselung bezüglich der vorkommenden Formationen. +Zander, der sich sehr eingehend mit der Bodenbeschaffenheit des Landes +abgab, nimmt an, daß nur zwei allgemeine vulkanische Revolutionen und +Hebungen des Landes stattfanden, daß dagegen partielle geologische +Oberflächenveränderungen nicht vorhanden sind. Er bemerkt hierüber in dem +erwähnten Manuskripte: "Die Uroberfläche des Landes war fast überall eben, +und nur hier und da wurde dieselbe von Hügelketten durchzogen, deren +höchste Spitzen bis zu 6000 Fuß über dem Meere anstiegen. Die allgemein +herrschende Gebirgsart in jener Periode war Trachyt, dessen größte +Mächtigkeit zwischen 6000 und 7000 Fuß beträgt und der oft von mächtigen +Basalten durchsetzt ist, so in den Ländern Daunt, Woadla und Wollo, wo wir +70-100 Fuß mächtige Basalte antreffen. + +"Diese "Uroberfläche" Abessiniens wurde durch zwei nacheinander folgende +vulkanische Revolutionen zerrissen, zerklüftet, zerspalten; es entstanden +jene unzähligen größeren und kleineren Risse, von denen manche jetzt noch +eine Tiefe von 4000-5000 Fuß haben, andere dagegen im Laufe der Zeit durch +Erdbeben und Zersetzungen aller Art wieder verschüttet oder in sanfte +Thäler umgewandelt wurden. + +"Die _erste_ dieser großen Umwälzungen hob das Land allgemein, nur waren +ihre Wirkungen in den verschiedenen Theilen des Landes bald stärker, bald +schwächer. Die höchsten Hebungen fanden statt in Semién, Woggera, +Begemeder, Daunt, Woadla, Lasta, Talanta, Wollo und Schoa, während in +Godscham die Hebungen bereits im Abnehmen sind, um sich in der Nähe des +Nil ganz zu verlieren. Alle obengenannten Länder stehen in einem innigen +Zusammenhange und zeigen durchweg den kräftigsten Verlauf der Hebung von +Südost nach Nordwest. Zwischen der Wasserscheide des Rothen Meeres und des +Nilgebietes im Osten und den Hochlanden von Semién im Westen war ein +großes Becken entstanden, das die heutigen Länder Hamasién, Tigrié und +Enderta umschloß. Hier, eingerahmt von den Hochlanden, breitete sich ein +großer Süßwassersee aus, als dessen Ablagerungsprodukte und Zeugen seines +einstigen Vorhandenseins der rothe Eisenthon, der Sandstein und die +Grauwacke gelten müssen, welche hier in der ruhigen Periode zwischen der +ersten und zweiten vulkanischen Umwälzung abgesetzt wurden. Neben diesen +Flötzformationen treten als eigentliche Bildner des Landes folgende drei +Gebirgsarten in Abessinien auf: zu oberst _Trachyt_, unter diesem +_Urthonschiefer_ von verschiedener, bis zu 1500 Fuß ansteigender +Mächtigkeit, und zu unterst _Granit_, welcher oft mit Porphyr und Syenit +wechselt. + +"Die Wirkungen und Bewegungen der _zweiten Umwälzung_ waren jenen der +ersten ziemlich gleich. Die bedeutendsten Hebungen fanden jetzt auf der +heutigen Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes statt; die +niedrigsten in den Ländern Semién, Woggera, Begemeder, Lasta und Wollo. +Der große Süßwassersee im heutigen Tigrié verschwand, und sein horizontal +gelagerter Absatz, das Eisenthongebirge und der Sandstein, erhielt eine +sanfte Schrägung nach Westen hin, infolge der allgemeinen und überall +gleichmäßigen Hebung; und in der That gewahren wir, wie heute _das rothe +Eisenthonplateau_ sich ununterbrochen und allmälig in westlicher Richtung +bis Semién und von da noch nördlich bis Woggera und Wolkait absenkt. Die +Gesammtsenkung beträgt ungefähr 2000 Fuß, denn die Eisenthone liegen an +der Wasserscheide zwischen dem Rothen Meere und Nilgebiete 8000, an der +Grenze von Wolkait und Semién dagegen nur 6000 Fuß hoch. So weit +ausgebreitet dieses Eisenthonplateau auch ist, so wenig mächtig erscheint +seine Lagerung; denn während es an der östlichen Grenze nur einige Zoll +stark auftritt und im Innern Tigrié's, seinem Centrum, eine Mächtigkeit +von nahe an 12 Fuß erreicht, nimmt es am Fuße der Länder Semién, Woggera +und Wolkait wieder bis zu 1 oder 2 Fuß Mächtigkeit ab. + +"Unter diesem rothen Eisenthone folgt der _Sandstein_, dessen Oberfläche +gleichfalls eben wie jene der Eisenthone verläuft, dessen Mächtigkeit aber +von der Gestaltung der Urthonschiefer abhängig ist, welche seine Unterlage +bilden. Risse und Spalten, welche die Eisenthone wie die Sandsteine (oder +Grauwacke) durchziehen, zeigen einen äußerst wilden und romantischen +Charakter, der selbst im Laufe der Jahrtausende, welche seit ihrer Bildung +verflossen, nicht zerstört wurde. + +"Auch durch die zweite gewaltsame Umwälzung entstanden viele neue größere +und kleinere Risse, aus denen sich, wie bei der ersten Revolution, große +_Lavaströme_ auf die Oberfläche des Landes ergossen, namentlich auf der +dem Rothen Meere zugekehrten Seite des östlichen Gebirgsabfalles. Wenn der +Reisende von Massaua aus den Weg nach Halai einschlägt, so bieten sich +seinem Auge am Fuße des Tarantagebirges und noch bis zur Hälfte an diesem +hinauf in Rissen und Spalten große Lavaströme dar. So mündet ungefähr zwei +Stunden oberhalb Hamhamo (im Tarantapaß) linker Hand ein Spalt in das +große Thal, aus welchem sich ein etwa 40 Fuß hoher, gut erhaltener +Lavastrom herabstürzt, und in vielen Spalten desselben Thales sind die +Felswände noch hier und da mit Lava überzogen. Die hier stets herrschende +heiße trockene Luft, die geringe Regenmenge waren der Erhaltung dieser +Lavamassen besonders günstig, was vom Innern Abessiniens nicht behauptet +werden kann, wo fortwährend starke Regen und feuchte Luft die Zersetzung +der Laven begünstigen. Im Innern fanden überhaupt auch weniger +Lavaergießungen statt und sind deren Spuren überhaupt äußerst selten. +Einen merkwürdigen Lavaüberrest aus der Zeit der ersten Revolution fand +ich am Flusse Mareb unterhalb der Ortschaft Gundet am Wege nach Hamasién. +Er bildete die Spitze eines abgeplatteten Hügels, war fest auf den Trachyt +gelagert, 2½-3 Fuß mächtig und bestand aus lauter Röhren von ½-1½ Zoll +Durchmesser, die theils hohl, theils mit schmuziggelbem Eisenocker +ausgefüllt waren." + +So viel berichtet Zander über die geologischen Verhältnisse des Landes. +Zur weiteren Erläuterung fügen wir hier noch Rüppell's kurze Bemerkungen +bei: "Jenseit des flachen Meeresufers und in geringer Entfernung von der +Küste erhebt sich ein mit diesem ziemlich paralleler Gebirgszug von +imposanter Höhe, welcher zehn Stunden landeinwärts bereits +durchschnittlich 8-9000 Fuß über die Fläche des Arabischen Busens +hervorragt. Er besteht durchgehends aus Schiefer- und Gneisfelsen; an +seiner östlichen Basis aber erblickt man mehrere Trachyt-Lava-Ströme; +isolirte vulkanische Kegel tauchen aus der aufgeschwemmten Uferfläche des +Annesleygolfs bei Afté und Zula hervor und das von Salt beobachtete +Vorkommen des Obsidians zu Amphila ist ein Beweis für die Verbreitung +einer früheren vulkanischen Thätigkeit längs der ganzen Küste hin. +Westlich von dieser Küstengebirgskette bildet durchaus das nämliche +Schiefergebilde den Kern der ganzen Landschaft und wird namentlich in +allen tief eingewühlten Strombetten beobachtet. Diese Schieferformation +ist mit einem weitverbreiteten, horizontal geschichteten Sandsteinplateau +überdeckt, das aber durch spätere vulkanische Thätigkeit auf eine +merkwürdige Weise theils senkrecht gespalten und verschoben, theils +verschiedentlich emporgehoben wurde. An mehreren Orten, z. B. vermittelst +der beiden Berge Alequa in den Provinzen Ategerat (Atigrat) und Schirié, +durchbrach die Lavamasse die bereits sehr zerarbeitete Sandsteindecke und +erhob sich, isolirte zugespitzte Kegelberge bildend, über dieselbe; +anderwärts, wie in der Umgebung von Axum, entstanden durch diese +Lavaergießungen zusammenhängende vulkanische Hügelzüge; stellenweise +endlich senkte sich eine weite Strecke entlang die ganze +Sandsteinformation und bildete die auf ihrer einen Seite durch steile +Felswände begrenzte Verflachung der Landschaften von Geralta und Tembién, +deren mittlere Erhebung über die Meeresfläche auf sechstausend Fuß +anzuschlagen ist. Diese allgemeine Einförmigkeit in dem geognostischen +Charakter des ganzen östlichen Abessinien sah ich nur durch zwei andere +Gebirgsformationen unterbrochen. Die eine derselben sind die aus Kreide +und Kalkmergel bestehenden Höhen, welche zu Sanafé (in Agamié) zu Tage +kommen und die ich außerdem noch auf dem Wege von Adoa nach Halai zu +Agometen und Gantuftufié sah. Die andere Ausnahme bilden die Granitmassen, +welche theils als stark verwitterte kolossale Blöcke, theils als plumpe +Massen etwas südlich von Amba Zion und unfern des Städtchens Magab +sichtbar sind und die ich in Schirié, unter einem fast gleichen +Breitengrade, als die Seitenwände der von dem Kamelo durchflossenen +Thalausflötzung wiederfand." + +Spätere Reisende, namentlich Heuglin, haben dann noch einzelne andere +geologische Gebilde angetroffen. So tertiäre Gesteine in Hamazién, und +nach demselben Forscher zeigt sich dolomitischer Kalk überall lose in der +Dammerde; dann, an einzelnen Stellen, wie in Dembea, Gyps und Mergel. Als +Zersetzungsprodukte von Laven und Basalt erscheinen Thone und fette +Dammerde von schwarzer und rother Farbe. Sehr beträchtliche +_Braunkohlenlager_, die jedoch nicht ausgebeutet werden, finden sich im +Goangthal zwischen Dembea und Tschelga; ebensowenig benutzt man andere +mineralische Artikel, mit Ausnahme von Schwefel und Salz. Besonders +hervorzuheben in geologischer Beziehung ist noch die Entdeckung einer +Menge von _versteinerten Baumstämmen_ bei Tenta, zwischen dem Kollogebirge +und dem Beschlofluß durch Steudner und v. Heuglin. Sie sind verkieselt und +zeigen deutlich die Jahresringe, Spuren von Rinde und Gänge von +Insektenlarven. Offenbar sind diese Stämme durch den Einfluß heißer, +kieselerdehaltiger Quellen versteinert worden; sie sollen sich auch auf +den Hochebenen von Woadla, Talanta und im Galaland finden. Nach Professor +Unger, welcher dieses Holz _Nicolia aegyptiaca_ nannte, besteht der +sogenannte "versteinerte Wald" bei Kairo aus derselben Spezies; die ihn +bildenden Stämme wurden durch Hochwasser aus den oberen Nilgebieten nach +ihrer jetzigen Lagerstätte geführt und unter Verhältnissen begraben, die +ihre Konservirung zur Folge hatten. + +Trotz der großen vulkanischen Thätigkeit, welche in Abessinien geherrscht, +zeigt keine der höheren Gebirgskuppen Spuren eines Kraters. Doch ganz +unten im Schoadathale, sowie an einigen Stellen in der Fläche von Woggera +und in Telemt, erheben sich einige isolirte Kegel mit deutlicher +kraterförmiger Vertiefung, welche sicherlich Spätlinge der vulkanischen +Thätigkeit waren. Jedenfalls sind in historischer Zeit nur vereinzelte +Vulkanausbrüche bekannt geworden, zuletzt im Jahre 1861, als der Vulkan +von Ed an der Danakilküste des Rothen Meeres zwei heftige Eruptionen +hatte. Auch führt Rüppell nach den Landeschroniken einen heftigen +Aschenregen an, der für ganz Abessinien ein unerhörtes Ereigniß war. +Erdbeben sind dagegen ziemlich häufig. + +Bei der vulkanischen Natur des Landes kann es nicht Wunder nehmen, daß +_heiße Quellen_ in demselben keineswegs selten vorkommen. Die berühmtesten +Quellen sind in Begemeder, bei Ailat (Eilet) in der Nähe Massaua's im +Küstenlande und zu Filamba im nördlichen Schoa. Letztere, fünf an der +Zahl, in einer lieblichen Gegend der Provinz Giddem gelegen, umgeben von +prächtigen Bäumen, sind der Zufluchtsort aller Kranken und Siechen von +weit und breit, die hier Heilung von den verschiedensten Uebeln suchen. +Die heilkräftigste dieser Quellen führt den Namen Aragawi nach einem der +neun griechischen Sendboten, welche das Christenthum in Abessinien +ausbreiten halfen. Nahe dabei liegt der Quell "Heilige Dreieinigkeit", +dessen Temperatur 48° C. beträgt. Die Zulassung zu den Bädern muß mit +einem Stück Salz im Werthe von etwa 2½ Groschen erkauft werden. Der +Geschmack des klaren Wassers ist leicht nach Schwefelwasserstoffgas. + +_Oberflächengestaltung._ Betrachten wir nun die Oberflächengestaltung des +Landes und seine Gebirgsbildungen. Schroff gegen die Gestade des Rothen +Meeres abstürzend, nur durch wenige Pässe durchbrochen, zieht sich an der +ganzen Westgrenze des Landes eine lange Bergkette hin, die sich +durchschnittlich 8000 bis 9000 Fuß über dem Meere erhebt. Westlich von +dieser treffen wir im Herzen Tigrié's auf theils isolirte, theils +zusammenhängende Berge, die, namentlich in der Umgebung der Hauptstadt +Adoa, unter dem Namen der _Aukerkette_ zusammengefaßt werden. Alle die +vielen Gipfel derselben gehen wenig über 9000 Fuß hinauf; die meisten +erheben sich nur zwischen 7000 und 8000 Fuß. Der höchste unter ihnen, der +Semajata im Osten Adoa's, steigt bis zu 9518 Fuß. Von diesem Systeme +verzweigt sich durch die Provinzen Agamié und Haramat eine andere Reihe +von Gebirgen, die in Bezug auf groteske Formen alles hinter sich +zurücklassen, was wir in den Alpen, den Cordilleren Amerika's oder in den +malerischen Gebilden der Sächsischen Schweiz zu sehen gewohnt sind, und +die in der That einzig auf unsrer Erde dazustehen scheinen als Ausgeburten +einer seltsamen Laune der Natur. Ihre höchste Erhebung finden sie in dem +Tatsén oder Alequa bei Adigrat mit 10,390, und im Sanafé mit 10,242 Fuß. +Die Reisenden, welche diese Gegenden durchwanderten, werden nicht müde, +die seltsamsten Vergleiche heranzuziehen, um dem Leser einen Begriff von +diesen wunderbaren Formen zu machen. Alle übrigen Berggestaltungen unsrer +Erde, die verschiedensten Bauformen - Rüppell spricht sogar von +ägyptischen Tempeln - werden angeführt, doch ist das geschriebene Wort nur +wenig dazu geeignet, in uns eine lebhafte Vorstellung zu erwecken. Hier +tritt der Griffel des Künstlers in sein volles Recht, und die Abbildungen, +die wir glücklicherweise in dieser Beziehung vorführen können, sind +vollkommen geeignet, eine klare Anschauung der betreffenden +Gebirgsformationen herzustellen. Isenberg, der von Adoa aus einen Theil +Haramats auf seinem Zuge in das Lager Ubié's 1838 berührte, ist ganz +entzückt über jene herrlichen Gestalten und schildert eine dieser _Amben_ +- so nennt man jene Bergformen - folgendermaßen: "Wir gelangten in ein +Thal, ringsum von hohen steilen Felsen eingeschlossen, an dessen östlichem +Ende auf der Spitze eines Granitfelsens - aus welchem überhaupt meistens +diese Berge bestehen - über einem Engpasse ein Kloster Namens Debra +Berberi (Pfefferberg) liegt. Dieses Thal durchschritten wir und bestiegen +dann ein wellenförmiges Plateau, welches links von einer majestätischen +von Norden nach Süden ziehenden Felswand begrenzt ist, welche einen +unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte. Dieser Amba oder Berg zieht +sich mit meist senkrechten mächtigen Wänden fünf oder sechs Stunden weit +hin und gleicht einem ungeheuren gothischen Naturgebäude in kolossalster +Form und Vollendung. + + [Illustration: Amba Zion in Haramat. Originalzeichnung von Eduard + Zander.] + +Die in regelmäßigen Dimensionen voneinander stehenden zahlreichen Säulen, +womit die ganze ungeheure Wand besetzt ist, vermehren bedeutend den +Anblick eines Kunstwerkes, und nicht minder einige fensterähnliche +Oeffnungen, durch welche man, weil an diesen Stellen der Fels sehr dünn +ist, hindurchschauen kann. Dieser Berg heißt _Amba Saneïti_. An seinem +südlichen Ende steht ein großer isolirter konischer Fels, der einer höchst +kolossalen alten Ritterburg ähnlich ist. + +Diese und ähnliche Berge, an welchen besonders Agamié so reich ist, dienen +häufig, da sie in der Regel von den meisten Stellen unzugänglich, und sehr +häufig oben, wo sie meist platt sind, Wasser haben, Empörern und überhaupt +kriegführenden Haufen als _natürliche Festungen_, wo sie, wenn sie sonst +Vorräthe an Lebensmitteln haben, sich lange gegen den belagernden Feind +vertheidigen und leicht Ausfälle auf ihn machen können." Prachtvoll ist +auch der Anblick der _Amba Zion_, welche sich südlich von Atigrat in der +Landschaft Haramat bis zu 9269 Fuß erhebt. Rüppell zog durch wiesenreiche +Gründe am 1. Juni 1832 an dieser märchenhaften Felswand hin. "Die +Sandsteinterrasse bildete zur Rechten unsres heutigen Weges ein schroffes +Vorgebirge, das sich bei 1200 Fuß über die Thalebene erhob und einen +ausgezeichneten Punkt zur geographischen Orientirung darbot; sein Name ist +Amba Zion. Der Boden der Landschaft fing nun an, ziemlich eben zu werden +(nach Süden zu) und bestand in einer nackten, unfruchtbaren und +stellenweise mehrere Fuß breit auseinandergerissenen Sandsteinmasse, deren +Spalten durchaus von emporgehobener Lava ausgefüllt waren." + +Von all den eben angeführten Gebirgen werden die noch höheren und +majestätischeren Berge Semién's durch den Takazziéstrom, eine der +Hauptwasseradern Abessiniens, getrennt. Der Reisende, welcher auf dem +hohen Plateau, das sich im Osten des Takazzié in Tigrié ausdehnt, dem +Lande _Semién_ zuschreitet, erblickt bald vor sich ein wunderbares +Panorama. Die Thäler von Telemt und Semién liegen noch in Frühnebel +eingehüllt, auf den dunkle Purpurschatten fallen. Wie ein Meer breiten +sich die obern Flächen der Dünste horizontal und leicht vom Winde bewegt +über dem tiefen Bette des Takazzié und andern unzähligen Rissen und +Thälern aus, daraus ragen im Morgensonnengolde Zacken und Kegel wie Inseln +und Burgen aus einem blauen Ozean und dahinter als hohe Mauer der hoch zum +Himmel aufstrebende Gebirgsstock von Semién mit weit vorgeschobenen, +Tausende von Fuß senkrecht abfallenden Massen. Diese Gebirge sind durchaus +vulkanischer Natur, aber längs ihrer vom Takazzié bespülten Basis findet +sich dieselbe Formation wie auf dem östlichen Ufer dieses Stromes, +Schiefer in der Tiefe mit horizontalem Sandstein überdeckt und vulkanische +Lavakegel, die den letztern durchbrochen haben. Die höchsten Spitzen von +Semién reichen bis in die Eisregion und sind namentlich während der +Regenzeit zuweilen auf mehrere tausend Fuß herab mit hagel- oder +firnartigem, sehr körnigem _Schnee_ bedeckt, der jedoch schnell schmilzt, +und nur auf der Nordseite sieht man an sehr vor der Sonne geschützten +Felsbänken und in Schluchten fast das ganze Jahr über Eis, d. h. +gefrorene, in den Bergen entspringende Wasser, oft in ansehnlichen Massen, +theilweise allerdings auch von etwas derber Textur; von Gletschern und +ewigem Schnee kann aber hier nicht die Rede sein. + +In der Tigriésprache heißt der Schnee Berit. Bruce, welcher nur über die +niedrige Kette des Lamalmon in Semién gekommen war, glaubte nicht, daß +jemals Schnee auf den Bergen gesehen werde, obgleich die Thatsache in der +frühesten Nachricht vom Lande, in der adulitanischen Inschrift des Kosmas +Indikopleustes, und später von den am besten unterrichteten Jesuiten, +welche in Abessinien reisten, erwähnt wird. Rüppell fand im Juni das obere +Viertheil der ganzen Gebirgskette mit Schnee bedeckt, eine Erscheinung, +die im Kontrast mit dem dunklen Lazur des Himmels und den üppig grünen +Pflanzen des Vordergrundes etwas in Afrika höchst Fremdartiges an sich +hatte. Der durchaus aus vulkanischer Felsmasse bestehende schroffe +Gebirgskamm, welcher die Provinz Semién von Ostsüdost nach Westnordwest zu +begrenzt, umzieht in seinem weiteren Verlaufe in gewissermaßen +ellipsoidischer Form den ganzen ungeheuren Dembeasee wie ein weiter +Kesselrand, und der _Buahat_ (Bachit), welcher die ganze Gruppe überragt, +krönt gleichsam den Gebirgskreis mit seiner erhabenen Kuppe. Hier ist die +echte "afrikanische Schweiz", die unter die Tropen gerückte Alpenwelt, wie +Munzinger in Erinnerung an seine Heimat Abessinien getauft hat. Und in der +That, der Alpencharakter springt jedem, der es sah, in die Augen. "Unser +Marsch am 26. Juni", schreibt Rüppell, "brachte uns in eine Landschaft, +welche ganz den Charakter der schöneren europäischen Hochgebirgspartien +hatte. Coulissenartig springen auf den Seiten die Höhen mit Nebenthälern +hervor, welche theils beholzt, theils mit einem grünen Teppich der +schönsten Gerstensaat besäet sind. Das Ganze aber umgiebt +amphitheatralisch ein Kranz von hohen Bergen, deren schneeige Gipfel über +fette Alpenweiden emporragen. Bald erweitert sich das Hauptthal etwas nach +Südwesten zu, und nun zeigt sich in pittoresker Gestalt der weit herab mit +Eis bedeckte Berg _Abba Jaret_, einer der höchsten der ganzen Kette. +Wasserreiche Kaskaden umgeben auf beiden Seiten den Ataba, um ihm den +Tribut der Berge zu bringen, und hier und da schmückt eine ehrwürdige +Baumgruppe die grasreichen Ufer desselben. Ueber der ganzen Landschaft +aber schwebte das herrliche, ganz reine Lasurgewölbe des Himmels +tropischer Hochgebirgsregionen. Kurz, alles vergegenwärtigt hier den +Charakter der Hochalpen Europa's, und es fehlten nur die malerisch +gelegenen Sennhütten." + + [Illustration: Teiit, Partie vom Totscha in Semién. Originalzeichnung + von E. Zander.] + +Der Ataba ist ein sehr wasserreicher, dem Takazzié zuströmender +Gebirgsfluß, dessen Bett mit Felsblöcken gleichsam durchsäet ist. An +seinem Ufer erhebt sich der 11,500 Fuß hohe _Dschinufra_, dessen +trachytische, mit Mandelsteinen und Basalten durchsetzte Gebirgsmassen +hier 3000 Fuß jäh abfallen und namentlich in seinem _Woikall_ genannten +Zweige von Süden her einen imposanten Anblick gewähren. Ueberreich ist +Semién an ähnlichen grotesken Fels- und Berggestaltungen, sodaß es schwer +hält, aus der großen Zahl der herrlichen Partien nur einige der schönsten +auszuwählen, um sie dem Leser vorzuführen. Da ist der _Awirr_, der sich +nach Norden zu mit dem hohen _Selki_ verbindet und der nach Osten zu ins +Takazziéthal abfällt, während sich sein Westabhang ins Appenathal senkt; +ferner treffen wir hier auf die malerische Felspartie _Teiit_, ein Theil +des Totscha. + +Unsere schwindelerregenden Alpenpässe mit ihren grausigen Schlünden, sie +reichen in ihrer Gefährlichkeit nicht an die Berge Semiéns hinan. Der Weg +windet sich oft an einer senkrechten Felswand neben furchtbaren Abgründen +hin, sodaß auf ihm kaum ein unbeladenes Maulthier sicher hindurchkommen +kann. An mehreren Stellen würde es sogar für Menschen unmöglich sein, +vorbeizuklettern, wenn nicht an der ganz lothrechten Felsmasse auf +künstlich angelegten Baumstämmen ein Pfad geschaffen wäre; aber auch dies +ist mit so wenig Geschick gemacht, daß man oft in großer Lebensgefahr +schwebt. Dazu gesellt sich das dornige Gesträuch, welches aus jedem +Felsspalt dieser vulkanischen Massen wildwuchernd hervorstarrt und das +Beschwerliche des Marsches im hohen Grade vermehrt. Diese Gefahren werden +besonders von Heuglin in seiner Ueberschreitung des Amba-Ras in +anschaulicher Weise geschildert. "Der Pfad, den kein Maulthier zu +erklimmen im Stande ist, führt über zwei sehr enge, tiefe Schluchten +hinweg von einem Felsgrat zum andern, übrigens häufig durch üppigen +Baumschlag und grünes Gebüsch, an Quellen mit moosigem Gestein und +blumigen Rasenplätzen hin, steiler und immer steiler aufwärts. Ueber +schwindelnder Kluft liegt ein halbmorscher Baumstamm als Brücke, links +erhebt sich eine starre Felswand; rechts herabzublicken in den Abgrund +wagt keiner, ehe er die verhängnißvolle Passage hinter sich hat. An +steilen Geländen windet man sich immer höher, zuweilen über weite +Eisstrecken weg. Da scheint der höchste senkrechte Abfall des Amba-Ras +wirklich jedes weitere Vordringen unmöglich zu machen, doch es öffnet sich +eine Felsspalte von nur zwei bis drei Fuß Weite, wie in einem Schornstein +klettert man vorsichtig, damit kein Stein lose wird, in alle möglichen +Situationen übergehend, von Vorsprung zu Vorsprung und kommt zuletzt mit +wunden Köpfen, Händen und Füßen auf der Plattform zwischen Bachit und +Amba-Ras wieder zu Tage." So sind die Wege in Semién beschaffen und doch +haben sie Armeen, aber abessinische Armeen, durchzogen und entscheidende +Schlachten auf den Eisfeldern des Landes geliefert. Die meisten der +angeführten Bergriesen Semiéns, außer denen wir hier noch den Walia-Kant, +den Jotes-Saret, Barotschuha, Taffalesser und Ras-Tetschen nennen, +erreichen eine Höhe von mehr als 14,000 Fuß über dem Meere und werden nur +noch durch das Kollogebirge in den Galaländern übertroffen. + +Südwestlich von Semién setzen sich die Gebirge in der _Hochfläche von +Woggera_ fort, einer Art von gestaffelter Terrasse, die in ihrer höchsten +Ebene bis zu 9500 Fuß emporragt, sich allmälig aber nach Südosten +verflacht, unfern von Gondar aber immer noch ziemlich steil nach dem +kesselförmig von Höhen umgebenen großen Becken des _Tanasees_ abfällt. +Woggera und alle Bergzüge in der Umgebung dieses großen Binnensees +bestehen ganz aus vulkanischen Felsmassen und der durch ihre Zersetzung +höchst fruchtbar gewordene Boden bildet eine herrliche Weidelandschaft. +Von Gondar aus wendet sich, an die Abfälle Woggera's anschließend, ein +schmaler Gebirgszug ohne Unterbrechung nach Südosten, der die Verbindung +mit dem Hochlande Begemeder herstellt und bei Derita seine größte Höhe +zwischen 9000 und 10,000 Fuß erreicht. In Begemeder selbst treffen wir auf +das hohe, von Heuglin erstiegene _Gunagebirge_ (13,000 Fuß). Die Gipfel +bestehen aus kahlen Trachytmassen, die ein milchweißes, feldspathartiges +Gestein einschließen; an einzelnen Stellen der Gehänge sieht man Wacken +und Thone und der ganze Gebirgsstock hat einen ansehnlichen Umfang. Nach +Süden und Osten fällt er steiler ab und verläuft nach Westen nach und nach +gegen den Blauen Nil und den Tanasee. Nach Osten zu schließen sich wieder, +zum Theil mit dem Beschlostrome parallel laufend, hohe Gebirge an die Guna +an, deren eines sich unmittelbar mit den Hochebenen der Länder Woadla, +Talanta, Daunt, Jedschu und Lasta verbindet. + + [Illustration: Südansicht des Woikall, eines Zweiges des Dschinufra, + vom Hai aus gesehen. + Originalzeichnung von Eduard Zander.] + +Die Plateaux der zuerst genannten Länder steigen bis 9000 Fuß über das +Meer an, während die höchsten Spitzen von Lasta wieder in die Eisregion +hineinragen. Jenseit des Beschlo aber, im Lande der Wollo-Gala, steigt +Abessiniens höchstes Gebirge, die _Kollo_, bis über 15,000 Fuß an, und +auch in dem benachbarten, nach Westen zu gelegenen Gischem treffen wir auf +10,000 Fuß hohe Gipfel. + +Jenseit des Nil aber begegnen wir der durchschnittlich 8000 Fuß hohen +Berglandschaft Godscham, die im Talbawaha mit 11,000 Fuß ihre größte +Erhebung findet. Endlich im Süden steigen kühn und malerisch wie die +Gebirge Semiéns die Felsmassen von Schoa auf, die in der "Mutter der +Gnade", dem _Mamrat_ (13,000 Fuß), einen würdigen Abschluß finden. + +_Flüsse._ Die nach Westen und Nordwesten geneigten Hochflächen Abessiniens +werden von zahlreichen Bächen und Strömen durchschnitten, die nach kurzem +Laufe auf dem Plateau plötzlich in tiefeingeschnittene Thäler fallen, in +welchen sie oft sehr schnell eine Tiefe von 3000 bis 4000 Fuß unter der +Fläche des Tafellandes erreichen. So behauptet das Hochland von Semién in +seinem ziemlich gleichförmigen Rande eine Höhe von 10,000 Fuß. Aber das +Bett des Bellegas im Schoadathale liegt nur etwa 5400 Fuß, das des +Takazzié an der Nordostgrenze gar nur 3000 Fuß über dem Meere. Die +größeren Flußthäler, z. B. des Takazzié und des Abai im Süden, sind +ziemlich weit; das letztere hat eine Breite von wenigstens fünf deutschen +Meilen. Deshalb stellen die Abessinier ihr Tafelland stets als eine aus +dem umgebenden Tieflande emporragende Insel dar. Die Thäler sind +außerordentlich wild und unregelmäßig, im ganzen aber von ziemlich +übereinstimmendem Charakter. Die obere Hälfte des Abfalls ist immer +ungemein steil, oft aus vielfach zerrissenen horizontalen Bänken von Lava, +Trachyt und Basalttuff gebildet; dann folgen terrassenförmig übereinander +liegende Plateaux mit sanfteren Abfällen, oft aus fest zusammengebackenen +Brocken vulkanischer Gesteine der Nachbarschaft und Dammerde bestehend. +Auf der Thalsohle dagegen erscheinen wieder die vulkanischen Massen in +ihrer Urgestalt, und die dort hausenden Hochwasser haben sich in denselben +tiefe, rinnenartige Betten mit meist senkrechten Wänden eingerissen. In +der trockenen Jahreszeit sind die Ströme in diesen Thälern theilweise ohne +Wasser, kaum schlammigen Bächen ähnlich; in der Regenzeit überfluten sie +das ganze Flachland. Da, wo die Flüsse das Flachland verlassen, bilden sie +meistens Katarakte von bedeutender Höhe, und in solchen Wasserfällen und +Stromschnellen senkt sich ihr Bett auf eine Strecke von wenigen Meilen um +mehrere tausend Fuß. + +Prächtig hat vor allen andern Werner Munzinger dieses Anschwellen der +abessinischen Ströme geschildert. Er führt uns in die tiefe Thalschlucht, +in der es fast den ganzen Tag über dunkel ist, denn nur wenige +Mittagsstunden dringt die Sonne in die schauerliche Tiefe. "Hier wird +selbst der Vogel scheu und stumm und die am spärlichen Wasser sich labende +Gazelle lauscht ängstlich auf bei jedem Geräusch in der fluchtwehrenden +Enge. Da ist fast ewige Stille, nur unterbrochen von dem Murmeln des sich +ins Freie drängenden Baches, selten gestört von dem Geheul der an den +jähen Abgrund sich klammernden Affen. + +"Weh dem, der hier weilt in der Regenzeit! Von langer Fahrt müde bettet +sich der Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschöpft, selbst +diese finstern Gründe laden ihn zur Ruhe. Im heißesten Mittag wiegt er +sich in süße Träume; seiner harret das freundliche Heim - da dröhnt es +dumpf im Hochgebirge; ein Schuß, ein zweiter, dann der schreckliche, den +ganzen Himmel durchrasende Donner. + +"Doch fürchtet er noch nichts, das Gewitter ist ja so fern. Er weilt und +träumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen, +wie wenn der Wind durch die Blätter führe. Es wird lauter, gewaltiger, es +zischt, es prasselt, es toset, es brüllt, als wenn die bösen Geister +anführen - nun naht es, mauergleich, sich schäumend und überstürzend - _es +ist der Waldstrom_. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein mächtiger +Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk stürzt er wild und feurig +in das Thal hinab. Die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter seiner Wucht +und die grasige Ebene wird von Schutt überrollt; das Wasser füllt das +ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe dir, du armer Mann! +Wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Flügel des Adlers, hast du die +Krallen des Affen, der über dir schwebend deiner Noth höhnt? Bist du im +Bunde mit den Geistern, daß sie dich forttrügen? Hier ist sie nicht dein +Knecht die Natur, sie ist dein dich vernichtender Feind. Es sind wenige +Jahre her, daß ein ganzes Zeltlager, in einem breiten, trockenen +Strombette gelagert, die Beduinen mit ihren Herden und Zelten von dem +ungeahnten Waldstrom überfallen und fortgerissen wurden. Hundert Menschen, +Tausende von Ziegen wurden seine Beute." + +Tritt hier der abessinische Strom vernichtend auf, so erfüllt er +andererseits eine hohe Aufgabe. Unser Landsmann Eduard Rüppell war der +erste, welcher 1832 darauf hinwies, daß _diese Ströme die Bildner des +fruchtbaren Erdreichs in Aegypten und die Ursache der Nilüberschwemmungen_ +sind. "Die aufgelösten vulkanischen Massen Abessiniens", sagt er, "sind, +indem sie von den zur Regenzeit anschwellenden Flüssen fortgeflößt werden, +die Elemente jener befruchtenden Erdablagerungen, welche der Nilstrom +längs seinem ganzen Laufe seit Jahrtausenden alljährlich absetzt. Bedenkt +man die ungeheure Erstreckung des von diesem Flusse angeschwemmten Landes +in Nubien und Aegypten, so wird man mit Erstaunen erfüllt über die Masse +der nach und nach durch die Verwitterung zerstörten Vulkane Abessiniens." +(Reise in Abyssinien, II, 319.) + +Erst volle dreißig Jahre später widmete der Engländer Baker dieser +Thätigkeit der abessinischen Ströme sein Augenmerk; ein ganzes Jahr lang +zog er im Gebiete derselben umher und hielt sich dann schließlich für den +Entdecker der schon früher von Rüppell aufgestellten Thatsache, die +allerdings von ihm in vielen Stücken erläutert wurde. Der _Atbara_, der +_Takazzié_ oder _Setit_, der _Salam_, _Angrab_, _Rahad_, _Dender_ und der +_Abai_ oder _Blaue Nil_ sind die großen Entwässerungskanäle Abessiniens; +sie haben alle einen gleichförmigen Lauf von Südost nach Nordwest und +treffen den Hauptnil in zwei Mündungen, durch den Blauen Nil bei Chartum +und durch den Atbara. + +Alle die genannten Ströme gehören zum Gebiete des Nil. Als Hauptquelland +des Abai (Blauer Fluß, Bahr el Asrek) muß das Becken des _Tanasees_ (Zana, +Tsana) betrachtet werden. In einem ungeheuren, vom Hochland umlagerten +Becken sammeln sich ungefähr im Mittelpunkte von Amhara die meisten +Gewässer von Godscham, Begemeder und Dembea und bilden in einer Meereshöhe +von 5732 Fuß einen herrlichen Alpensee mit zahlreichen Inseln, eingesäumt +von grünen Matten und reichen Kulturebenen, durch welche in +Schlangenwindungen zahlreiche Bergwasser rinnen. Der Tanasee, welcher in +elliptischer Form einen Raum von etwa einhundertfünfzig Quadratstunden +einnimmt, war einst wol um die Hälfte größer, aber im Laufe der +Jahrtausende haben die fortwährenden Schlammniederschläge von zersetzter +Lava, welche die Gewässer während der Regenzeit von den vulkanischen Höhen +abspülen, eine wagerechte Bodenfläche an vielen Stellen seiner Ufer +gebildet und so nach und nach seinen Umkreis verengt. In einer mehr als 60 +Fuß tiefen Felsschlucht, deren senkrecht abstürzende Seitenwände an +mehreren Stellen kaum zwei Klaftern weit voneinander entfernt sind, +rauscht der Nil in einer ununterbrochenen Reihe von Kaskaden aus dem See +hervor. Während der Regenzeit ist nicht allein dieser ganze Felsenspalt +mit Wasser ausgefüllt, sondern der Strom überflutet dann auch eine +beträchtliche Strecke des südlichen Ufers, welche mit stark abgeschwemmten +vulkanischen Geröllen von kolossaler Größe bedeckt ist. Hier wölbt sich +über ihn die _Brücke von Deldei_, welche aus acht Bogen besteht, die alle +untereinander von ungleicher Größe sind und von denen der nördlichste, +über die Felsenschlucht selbst gesprengte und somit allein immer vom Strom +durchflossene, bei weitem der größte von allen ist. Die Länge der Brücke +beträgt neunzig Schritt und ihre Breite fünfzehn Fuß. Sie bildet in ihrer +Längenerstreckung keine gerade Linie, indem sie an den drei nördlichen +Bogen sich etwas nach Westen wendet. Die Wölbung der Bogen ist aus kleinen +behauenen Sandsteinen erbaut, das Uebrige aber aus Lavafels. In der Mitte +der Brücke befindet sich eine Quermauer mit einem Thore und an ihrem +Nordende ist eine Art von Vertheidigungsthurm, der aber jetzt in Trümmern +liegt. Von hier aus umfließt der Blaue Nil in spiralförmigem Laufe, sich +den Grenzen Schoa's nähernd, Godscham und Damot und nimmt erst in Fasogl +und den Ebenen von Sennar nordwestlichen Lauf an, welchen er beibehält bis +zu seiner Vereinigung mit dem Weißen Nil bei Chartum. Der Abai erhält noch +reichliche Zuflüsse von Osten und Süden her, namentlich den _Beschlo_ und +die _Dschama_, und endlich in Sennar den Dinder und Rahad, welche den +westlichen Rand von Abessinien zum Quellgebiet haben. Der Blaue Nil ist +während der trockenen Jahreszeit so klein, daß er nicht Wasser genug für +kleinere Fahrzeuge hat, die mit dem Transporte von Produkten von Sennar +nach Chartum beschäftigt sind. In dieser Zeit ist das Wasser schön hell, +und da es den wolkenlosen Himmel reflektirt, hat seine Farbe zu dem +wohlbekannten Namen Bahr el Asrek oder Blauer Fluß Anlaß gegeben. Es giebt +kein köstlicheres Wasser als das des Blauen Nil; es sticht ganz ab gegen +das des Weißen Flusses, welches nie hell ist und einen unangenehmen +Vegetationsgeschmack hat. Diese Verschiedenheit in der Beschaffenheit des +Wassers ist ein unterscheidendes Merkmal der beiden Flüsse; der eine, der +Blaue Nil, ist ein reißender Gebirgsstrom, der mit großer Schnelligkeit +steigt und fällt; der andere entspringt im Mwutan Nzige und fließt durch +ungeheure Marschen. Der Lauf des Blauen Nil geht durch fruchtbaren Boden; +er erleidet daher nur einen geringen Verlust durch Absorption, und während +der starken Regen liefern seine Wasser einen mächtigen Beitrag erdigen +Stoffs von rother Farbe zu dem allgemein befruchtenden Niederschlag des +Nil in Unterägypten. + + [Illustration: Charakter des Hochgebirges Awirr in Semién. Nach + Originalzeichnung von E. Zander.] + +Der _Atbara_ entspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und +ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere +Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfützen +beschränkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkröten und Flußpferde +zusammendrängen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit +setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zuströmt. Die Regenzeit +beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind +die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Gießbach; Bäume +werden von den über ihre Ufer geschwollenen Bergströmen entwurzelt, der +Atbara wird ein ungeheurer Fluß, der mit einer alles überwältigenden +Strömung den ganzen Ablauf von fünf großen Flüssen (des Takazzié, Salam, +Dinder und Angrab nebst seiner eigenen ursprünglichen Wassermasse) +herabbringt. Seine Fluten sind getrübt vom Erdreich, das von den +fruchtbarsten Ländereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil +abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst großen Bäumen und häufig die +Leichen von Elephanten und Büffeln werden von seinen schlammigen Wassern +in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern +wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz. + +Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluß Abessiniens +aufnehmen, ergießen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in +den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weiße Nil einen beträchtlich +hohen, obwol nicht seinen höchsten Stand, und der plötzliche Wassersturz, +der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den +Weißen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die +jährliche Ueberschwemmung in Unterägypten. + +Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann der _Takazzié_ gelten, +wenngleich er nur ein Nebenfluß des Atbara ist. Er entspringt östlich vom +Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den +Eingeborenen Aïn (das Auge des) Takazzié heißen. Diese ergießen sich in +einen Behälter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache +herausfließt. Der Strom, die große Scheide zwischen den Landen Amhara in +seinem Westen und Tigrié in seinem Osten, geht erst in nördlicher Richtung +weiter und rauscht dann in schäumenden Kaskaden an den Alpen Semién's am +Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Wänden eingefaßtes Bett +wühlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuß über dem Meere liegenden +Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht +eine heiße ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere +meiden diesen Aufenthalt, und nur die unförmigen Köpfe der Nilpferde +erscheinen über dem Spiegel des in Stromschnellen über Kiesgrund +dahinschießenden Flusses. Von Semién an nimmt der Takazzié eine westliche +Richtung an und tritt durch das heiße Land Wolkait auf ägyptisches Gebiet +über, wo er den Rojan auf- und den Namen _Setit_ annimmt. Durch das Land +der Homranaraber und eine überaus wildreiche Gegend, das Paradies der +Jagdfreunde, wälzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem +Atbara zu. Als ein weiterer Zufluß desselben kann der in Hamasién +entspringende, die Provinz Serawié in einem Bogen umfließende _Mareb_ +betrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der +ägyptischen Provinz Taka den Namen _Chor el Gasch_ erhält und jenseit +Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht. + +Die Wasser der nördlichen Grenzländer Abessiniens endlich sammelt der +_Barka_, die er bei Tokar südlich von Sauakin dem Rothen Meere zuführt. +Aber alle diese Flüsse, so große Gaben sie sonst für das Land sind, +verlieren dadurch bedeutend an Werth, daß sie nicht als +Kommunikationsmittel dienen können. Es fehlen die Ströme, die sich +schiffbar in das Rothe Meer ergießen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu +ersetzen, die allmälig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Küste +auslaufend, den Kameeltransport ermöglichen. Mehr noch als das: die Flüsse +verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Brücken baut der +Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten +zerfallen. + +Schoa schließlich, der südliche Theil Abessiniens, sendet seine nach +Westen gehenden Ströme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus +Guragué kommende _Hawasch_ um das Land, allein er erreicht das Rothe Meer +nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilküste. + + -------------- + +_Klimatische Verhältnisse._ Unter den Tropen gelegen, von der Meeresküste +bis zu 15,000 Fuß Höhe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die +südliche Hitze und nordische Kälte vereinigend, bietet Abessinien auf +seinem verhältnißmäßig beschränkten Raume alle Erscheinungen der +ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wüste bis zu jener der +Hochlande in seltener Fülle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so +verschiedenen Höhenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel des +_Klimas_, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden +aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die +Vegetation ein Ende nimmt. Schließt man die heißen Küstenstriche, die +tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land +eingerissenen Thäler, wie jenes des Takazzié, aus, so kann das Hochland +als ein klimatisch sehr begünstigtes bezeichnet werden. Nach Rüppell sind +die täglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang; +starke Stürme sind eine große Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit +hat gar keinen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit, ja während dieser +Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen +zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewöhnlich +eine bewölkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate +November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man +sich denken kann, da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer +fällt und die Wärme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Höhe des +Landes nichts weniger als drückend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses +Klima zu demjenigen des größeren Theils von Afrika, das so viele Opfer +fordert! + +In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander's finden sich über den +Wechsel der Temperatur in Abessinien von den höchsten Berggipfeln bis zu +den tiefsten Thälern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuß, +folgende mittlere Werthe in Graden nach Réaumur angeführt. Zwischen 14,000 +und 13,000 Fuß: früh und Abends im Sommer + 1 bis 3°; in den Wintermonaten +zu derselben Zeit - 3 bis - 6°; des Mittags + 3 bis 4°. + +Zwischen 13,000 und 12,000 Fuß: früh und Nachts 0° in den Wintermonaten; +im November, Dezember, Januar, Februar - 1 bis 3°; Mittags + 5 bis 7°. + +Zwischen 12,000 und 10,000 Fuß: Morgens und Nachts + 5 bis 7°; Mittags 10 +bis 12°. + +Zwischen 10,000 und 8000 Fuß: Morgens und Abends + 7 bis 9°; Mittags 12 +bis 15°. + +Zwischen 8000 und 6000 Fuß: früh und Abends + 14 bis 18°; Mittags 20 bis +23°. + +Zwischen 5000 und 3000 Fuß: früh und Abends + 24 bis 28°; Mittags 30 bis +32°. + +Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer +Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen +oder Vegetationsgürtel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem +vermittelnden Gliede für beide, Woina-Deka genannt. Hiernach läßt sich, +wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander übergehen, die +_Flora des Landes_ in drei Abtheilungen zerlegen. + +_Die Kola._ Kola heißt das Tiefland unter 5500 Fuß. Seine Vegetation +zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, daß sie im +Allgemeinen zur heißen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region +gehören die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara, +das Takazzié-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. "Im September +und Oktober herrschen in diesen Flußthälern äußerst gefährliche, meist +todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Lüfte verpestet, theils durch +die äußerst üppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils +durch die stagnirenden Gewässer, die nach der Regenzeit in Lachen und +unzähligen Vertiefungen ohne Abfluß verdunsten müssen und in denen sich +oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen +Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jährlich dieser +Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, daß +der Getreidewächter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und +gesund gelegenes Heimatsdorf zurückbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern +mittheilt, das sich nun von da über die nächsten Ortschaften weiter +verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, daß ganze Dörfer rein +aussterben. Die beste Zeit in diesen tiefen Ländern fällt in die Monate +Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer +geheuer." (Zander's Manuskript.) + +Gern meidet der Europäer diese fieberschwangern Thäler und Niederungen, +oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgänglich berühren muß, wie +z. B. das Takazziéthal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in +die Kola eingedrungen, um dort längere Zeit zu weilen; so Munzinger in +jene am Mareb, Rüppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar +aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Höhe +von 8200 Fuß auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach +dem Atbara fließenden Gewässer trennt. Hier breitete sich vor seinen +Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet +durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff +aufgethürmte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene +Gegend erniedrigt sich allmälig und wird von mehreren beträchtlichen +Gewässern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den +Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait +durchschlängelt und sich in den Salam (Nebenfluß des Atbara) ergießt. In +der Thalniederung angelangt, marschirte er über eine wellenförmige, mit +schönen Baumgruppen bestandene Ebene, oft überragt von zehn Fuß hohem, +schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche +Herden furchtbarer Büffel, kleine Familien von Elephanten, einige +menschenscheue Rhinozeros, blutdürstige Löwen und Leoparden, verschiedene +Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den großen gemeinschaftlichen +Weideplätzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten +Spuren von Elephantenfußtritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen +ihrer verderblichen Luft von den Menschen gänzlich gemieden. Wenn während +der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer üppig +vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet +wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den +Luftzug und somit die Zertheilung der Dünste, und schon derjenige, welcher +nur durch die Landschaft flüchtigen Fußes dahineilt, wird vom bösartigen +Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner +Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermögen. Die in Rede stehende Kola +schätzt Rüppell auf 4700 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel. + +Betrachten wir nun die einzelnen Repräsentanten der Pflanzenwelt in diesen +Niederungen und den sich ihnen anschließenden bergigen Gegenden bis zur +Höhe von 5500 Fuß. Aus dem heißen ungesunden Tieflande aufwärts steigend, +gewahren wir große gewaltige Bäume nur in den Tiefen des Thales. Die Wände +sind zwar üppig begrünt, doch nur von kleinen Bäumen bestanden; namentlich +wuchert die _Akazie_ empor und nur an den günstigsten Stellen treten +andere Bäume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich die +_Tamarinden_ mit ihren blaugrünlich schimmernden Kronen; die _Kigelien_ +mit dem herrlichen Laubgewölbe, aus welchem die großen, wurstförmigen, an +langen, elastischen Stielen hängenden Früchte hervorschauen; der _Baobab_ +(_Adansonia digitata_), die Mimosen, welche hier zu hohen schönen Bäumen +geworden sind, und viele andere herrliche Gewächse. Blumen aller Art, +Gräser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten +ohne Zahl bemächtigen sich des von den Bäumen selbst nicht in Besitz +genommenen Erdreichs und verleihen den Wänden auf große Strecken hin +schmückende Farben. Je höher man im Thale aufwärts steigt, um so kräftiger +und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuß über dem Meere +an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die prächtige +Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen die _Oelbäume_ wesentlich +dazu bei, diesem Gürtel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen +letztere an und für sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, daß +ihr Anblick unangenehm werden könnte. Ihr ungewisses Graugrün sticht +prächtig ab von den auf große Strecken hin durch die blühende Aloë +rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blättern und Blüten mancher +Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Bäume. Mit dem Wachholder +und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fuß den +vorzüglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein +kleiner südeuropäischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche +Höhe von sechzig bis achtzig Fuß und einen Durchmesser von vier Fuß. Die +erbsengroßen fleischlosen Früchte werden nicht benutzt, dagegen liefert +der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (_T. +indica_) erreicht eine majestätische Größe, wird aber von den Eingeborenen +wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wüsten, +sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (_A. +eburnea_, _planifrons_ u. s. w.) und andere Kameeldornbäume von großer +Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln können. +Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen +als Futter. + +Eine sehr eigenthümliche Erscheinung in der Kolaregion ist die +papierrindige _Boswellia_ (_B. papyrifera_). Sie ist ein stattlicher Baum +mit großen ahornartigen Blättern und kleinen rothen Blütenbüscheln. +Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blaßgrüne glatte +Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in großen papierdünnen +Blättern ablöst. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher +Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhärtet und klare +Bernsteinfarbe annimmt. + +Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites, +Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die +langfrüchtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der +graublätterige Uscher (_Calotropis procera_) überrascht durch seine +ballonartigen, mit atlasglänzender Wolle gefüllten Früchte. + +Mehrere Euphorbia-Arten kommen in außerordentlicher Größe vor. Unter +denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schöne, +armleuchterartige, oft bis vierzig Fuß hohe _Kronleuchter-Euphorbie_ (_E. +abessinica_), der _Kolqual_, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der +zum Baum geworden ist, aber seine Regelmäßigkeit, sein eigenthümliches +Wesen, die Fülle seiner Blätter, die gleichartige Verzweigung derselben +beibehalten hat. + + [Illustration: Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde + Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.] + + [Illustration: Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen. + Zeichnung von Robert Kretschmer.] + +Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelände und verleiht der Landschaft +einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon +mancher erblindet, während er andererseits als Arznei gegen +Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum +Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben +fabrizirt man Schießpulver. Der Kolqual erreicht seine größte Verbreitung +zwischen 4500 und 5000 Fuß Meereshöhe, allein er kommt selbst bis 11,000 +Fuß Höhe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist die _Sykomore_ sein +Begleiter, der ihn aber bald verläßt. Diese Feigenart, welche von den +Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen +Gallas in großer Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit +mächtigem Laubdach über ihre Umgebung hervor. Rüppell sah ein Exemplar, +dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuß hatte. Andere Exemplare +von vielleicht tausendjährigem Alter und einer Größe, daß eine ganze +Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepäck in ihrem Schatten bequem +ruhen können, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man +Sykomoren, die, eine ganze Welt für sich bildend, so von +Schmarotzerpflanzen überdeckt sind, daß man nur Wände von diesen, selten +aber ein Stückchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von +ihnen in Besitz genommenen Bäume in Lauben um, welche der Kunst jedes +Gärtners zu spotten scheinen. + +Die Botaniker haben gezeigt, daß _kryptogamische Pflanzen_ in vielen ihrer +Unterabtheilungen über die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind. +Unter gleichen Umständen bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie +in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden +zu entdecken. Auch in den heißeren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man +sich, daß selbst die ödesten, ärmsten Stellen des Gebirges begrünt und +belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der +Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen +festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit +einer Art von Mißtrauen betrachtet, namentlich die Gefäß-Kryptogamen, +welche den Zauberern ihre hauptsächlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze +und Boviste werden für giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr +feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische +Pflanze, als eine wahre Landplage, die große Zerstörungen unter den +Vorräthen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden +von den Bäumen herabhängende Bartflechte (_Parmelia_) sind in Abessinien +häufig; selten dagegen die Moose. Unter den _Farrnkräutern_ finden wir +allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium, +Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris, +die auch in Deutschland ihre Vertreter haben. + +Die _Woina-Deka_ oder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuß +hinaufreicht, führt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die +hauptsächlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte +besprochen werden sollen. Die _Weinrebe_ anlangend, so fand Rüppell noch +1832 eine große Menge Trauben zu äußerst billigen Preisen auf dem Markte +bei der Kirche von Bada, südlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt +etwa zehn Pfund derselben für ein Stück Salz oder dritthalb Centner für +einen Maria-Theresia-Thaler. Die großbeerigen, blauen und sehr süßen +Trauben (_Woin saf_) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit +uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam nämlich der Weinstock schon zur +Zeit der axumitischen Könige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm +allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und +besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiß man nichts. Der größte Theil +der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur +Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kräftig ist. Durch Heuglin +wissen wir, daß im Beginn der fünfziger Jahre diese Weinstöcke durch eine +Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind. + +Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen für diese Region hergab, +keineswegs als Charakterpflanze für die Woina-Deka gelten. Statt seiner +übernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewächse, die an Zahl, Ueppigkeit +und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola übertreffen. Dahin +gehört zunächst der _Wanzabaum_ (_Cordia abessinica_), der das beliebteste +Bauholz liefert. Der Wanza wird ein großer, starker Baum, dessen Stamm oft +vier Fuß im Durchmesser erreicht. Seine Früchte stehen in Büscheln und +nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der +Geschmack derselben ist sehr süß und oft sind sie die einzige Nahrung der +Armen, wenn Hungersnoth eintritt. + +Der _Kuaraf_ (_Gunnera spec._), eine Artocarpee, gewinnt während der +Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschälten Blattrippen, die ähnlich +unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er wächst in Sümpfen und an +Bächen, ist eine jährige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel +entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Büschel kleiner Blüten +trägt. Auch die häufig bis zu fünf Fuß hoch werdende Nessel wird in der +Fastenzeit als Gemüse verspeist. An diese Pflanzen schließen sich an die +reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (_Rumex arifolius_), dessen +fleischige Wurzel zum Rothfärben der Butter benutzt wird. Als eine +Nutzpflanze dieser Region muß hier ein uns allen bekanntes Gewächs +besonders hervorgehoben werden. + +Nach der Tradition sollen die südabessinischen Landschaften Enarea und +Kaffa die Urheimat des _Kaffees_ sein, wie denn auch der Name desselben +mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa +war der Anbau und Genuß des Kaffees untersagt, weil er das +Lieblingsgetränk der Muhamedaner ist, und auch in Amhara trinken die +Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza) +am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermaßen +ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa +und Enarea dagegen wächst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen +Bewohner ihn als Lieblingsgetränk betrachten und fast nur einen nominellen +Preis für ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es +zuzuschreiben, daß er von dort aus nicht ganz Europa überschwemmt und alle +übrigen Sorten dort durch Güte und Billigkeit vom Markte verdrängt. Der +kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling über +der Erde, wird verpflanzt, bewässert und mit Schafmist gedüngt, um nach +sechs Jahren als erwachsenes Bäumchen während der Monate März und April +dreißig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem +vulkanischen Gestein, in geschützten Thallagen gedeiht der acht bis zehn +Fuß hohe, mit dunkelglänzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene +Baum vortrefflich. Die dunkelgrünen Beeren werden zur Reifezeit roth und +umschließen mit milchweißem Fleische die Samen. Nachdem sie geschüttelt +und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind +das Geschäft des Reinigens von den dürren Schalen übernimmt, das +gewöhnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch, +welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird +das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit +und Unsicherheit der Straßen, die nach dem Meere führen, und durch die +Abgaben, welche an alle kleinen Häuptlinge im Danakillande gezahlt werden +müssen, ehe die Karawane die Seehäfen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was +den Geschmack des südabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern +Kenner, daß er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch +vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich +wegen der Unsicherheit der Karawanenstraßen ist so leicht nicht daran zu +denken, daß Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen +Produkte auf unsern Märkten verdrängen wird. + +Die _Lilien_, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen +Blütenschmuck überziehen, gelten als vorzügliche Charakterpflanzen +Abessiniens. Aber nur die eßbaren Arten werden kultivirt, da Ziergärten +den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Während die Spargelarten und +die Aloë trockene, wüste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen Wiesen +_Commelina africana_ und _Tradescentia_ das Auge, deren "Vogeleier" +genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schließen +sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen, +hellgrünen Blättern und schöngestalteten Blütenähren leuchtet aus den +grünen Wiesen _Obitus abessinica_ hervor, während unter den Spargeln der +kletternde _Asparagus retrofractus_ Erwähnung verdient, dessen in das Haar +des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, daß der Träger ein wildes +Thier erfolgreich bekämpft hat. + +_Orchideen_ giebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsächlichster +Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzende +_Epidendrum capense_. Aus der Gruppe der _Pisange_ sind die gemeine Banane +(_Musa paradisica_) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu +erwähnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. Die _Palmen_ +haben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Küstenlandschaften +des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer +Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und +Fächerpalme. + + [Illustration: _Obitus abessinica_. Nach Lejean.] + +Die Teich- oder Seerosen sind spärlich vertreten; ebenso die +Aristolochien, von denen _A. bracteata_ gegen die Wunden vergifteter +Pfeile angewandt wird. Reichlich auftretend bilden die _Nadelhölzer_ den +Stolz der abessinischen Wälder; in den nördlichen Hochlanden gedeiht die +Cederfichte, während weiter landeinwärts schöne _Ded-_ oder +_Wachholderbäume_ (_Juniperus excelsa_) die Kirchen und Friedhöfe mit +ihren düstern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem +Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fuß hohen +Bäume, deren Stamm am Fußende vier bis fünf Schuh im Durchmesser erreicht. +Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets die +unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme ausgehen, sodaß etwa +zwei Drittel desselben des grünen Schmuckes beraubt sind; die Krone ist +immer pyramidenförmig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn auch keineswegs +gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten und in +Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz wird nicht +benutzt; mit den Zweigen schmückt man jedoch die Leichen, bevor sie in die +Gruft gesenkt werden. + +Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur +verhindert keineswegs die kräftige Entwicklung der _Feigenarten_, die in +ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhölzern bilden. +Der _Schoala_, eine Art von Banyane mit breiten, eiförmigen, zugespitzten +und gesägten Blättern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den +Hauptästen sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fuß, bei +einer Höhe von 40 Fuß. Seine Wurzeln ragen über den Boden empor; doch +fehlen ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen +Raum einnimmt, steht er gewöhnlich allein oder am Rande der Wälder, in +seinem tiefen Schatten alle andern Gewächse erdrückend. Die braunen, +taubeneigroßen Früchte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen. + +Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in +Gestalt und Farbe den höchsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat, +fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora. +Aepfel, Birnen, Mandeln - überhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind so +schwach vertreten, daß man in der That einen höchst auffallenden Mangel an +Fruchtbäumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze +liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentäschchen (_Thlaspi +bursa pastoris_), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in +Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf wächst wild und dient +als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Kürbisse, welche +Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an dürren +Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heißen Küstenzone. Die +Samen der _Phytolacca abessinica_ (Septe oder Endott) dienen statt der +Seife, und die getrockneten Blätter der _Callanchoë verna_ werden von +Schwindsüchtigen statt des Tabaks geraucht. + +Wir fügen hier die Citronen an, die in den königlichen Fruchtgärten gebaut +werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (_Rubus +pinnatus_), welche die besten aller wildwachsenden Früchte liefern, und +die gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (_Rosa abessinica_). + +Während der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen +abessinischen Speisen, eingeführt und theuer bezahlt wird, kultivirt man +den allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (_Capsicum +frutescens_) in den Tieflanden sehr sorgfältig. Von den übrigen Solaneen +wird der Tabak eingeführt; vom Umboistrauch (_Solanum marginatum_) benutzt +man die Samen, um damit die Fische zu betäuben, welche nichtsdestoweniger +eßbar bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (_Atropa arborea_) dient +zum Färben der Nägel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen +Eigenschaften des Stechapfels (_Datura __Strammonium_) sind den Zauberern +und Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die +Leute betäuben. Gefährlich für kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee +(_Kannahia laniflora_), die an den Ufern der meisten abessinischen +Gewässer vorkommt, nur mit dem Unterschiede, daß sie, je nach den +verschiedenen Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blüht. In +den Küstenthälern unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer +vortrefflich duftenden Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blüht die +Pflanze im Oktober. Merkwürdig ist die tödtlich-betäubende Eigenschaft, +welche ihr verführerischer Geruch oder süßer Nektarsaft auf verschiedene +Insekten ausübt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, daß in dem Kelche +der meisten Blüten sich todte Wespen, Käfer u. s. w. finden. + +Durch zahlreiche Repräsentanten sind die Familien der Kontorten, Rubiaceen +und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine Aasblume +(_Stapelia pulvinata_) und _Calotropis gigantea_. Die erstere hat einen +fleischigen, viereckigen und zwei Fuß hohen Stengel, dem man, wenn er +seine Blüten entfaltet, wegen des üblen Geruches jedoch nicht zu nahen +vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schießpulver. + +_Die Deka_ nimmt ihrer Ausdehnung nach den größten Theil Abessiniens ein. +Sie reicht von 7500 Fuß bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fuß. Bis zu +12,000 Fuß Höhe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000 Fuß +findet man den _Kussobaum_ (_Brayera anthelmintica_), der als Wahrzeichen +des Landes gelten kann. Wegen der Schönheit seines Wuchses und seiner +Brauchbarkeit wird er allgemein geschätzt; denn infolge des rohen +Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von Eingeweidewürmern +(_Taenia_ und _Strongilus_) geplagt, gegen welche sie sich regelmäßig und +zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblüten bedienen. Drei +Loth der getrockneten Blüten mit Wasser gekocht und getrunken, reinigen +den Körper auf eine merkwürdig schnelle und sichere Weise von den +gefräßigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte Befreiung nur +eine vorübergehende und keine Heilung des Uebels. Der Kussobaum erreicht +eine Höhe von fünfzig bis sechzig Fuß und verleiht mit seinen +weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer kühlen Schatten; +jedoch soll es gefährlich sein, zur Blütezeit unter ihm zu schlafen; so +berichtet wenigstens Isenberg. + +In Schoa wird unter Kusso die _Hagenia abessinica_ verstanden, die +gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze +verdient die _stachelige Kugeldistel_ (_Echinops horridus_), die bis zu +zehn Fuß Höhe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche +Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezähnten Blättern und +runden Blütenköpfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir +eine andere nicht minder auffällige Art, die riesige Kugeldistel +(_Echinops giganteus_), deren kopfgroße Blüten auf 15 Fuß hohem Stengel +stehen; beide Arten steigen bis zu 13,000 Fuß an. + +Wir sind nun allmälig hinaufgelangt in die höchsten Regionen der Deka. Die +Hochbäume erscheinen immer spärlicher und finden sich vorzüglich noch +längs den Ufern der Wildbäche und Schluchten, die dornigen Akazien und +Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit tausenden +von kleinen, schön blühenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen sich +blaublühende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen Senecionen +und der fiebervertreibende _Celastrus obscurus_, die _Primula semiensis_. +Ueber diesen erheben sich Sträucher, besonders Hypericum und Cytisus. Den +europäischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa hervorbringen können, +vertreiben die _baumartigen Eriken_ oder Zachdi (_Erica arborea_), die bis +zu 30 Fuß heranwachsen und einen 1½ Fuß im Durchmesser haltenden Stamm +besitzen, dessen Holz eine vorzügliche Schmiedekohle liefert, während die +reiche weiße Blütenfülle den süßesten Honigseim den Bienen darbietet. +Jetzt aber entwickelt sich vor unsern erstaunten Blicken in der Höhe von +12,000 Fuß ein neues, überraschendes Bild, eine Pflanze tritt auf, die für +den Charakter ihres Bereichs bestimmend ist, die _Dschibarra_ +(_Rhynchopetalum montanum_). Diese Lobeliacee überrascht den Wanderer in +den kalten Hochgebirgen an der äußersten Grenze der Vegetation mit einer +dort gewiß von ihm nicht gesuchten Form: nämlich der der Palme. Auf einem +hohlen, etwa acht bis zehn Fuß hohen benarbten und armdicken Markstengel +mit einer Krone von großen, überhängenden, lanzettförmigen Blättern erhebt +sich eine fünf Fuß lange Blütenähre, deren einzelne bläuliche Knospen der +Blüte des Löwenmauls ähneln. Für Feuerung oder sonstigen technischen +Gebrauch untauglich, dient der lange hohle Markstengel der Jugend zur +Anfertigung von Schalmeien. Sobald die Dschibarra abgeblüht hat, knickt +der Stengel um und die Pflanze stirbt. Auf ihren Blütenschossen wiegt sich +paarweise die einzige Glanzdrossel (_Oligomydrus tenuirostris_), die in +diesen Gegenden lebt und die feinen Dschibarrasamen allen übrigen +vorzuziehen scheint. Drei bis vier Stunden Marsch führen uns aus dem +tropischen Walde auf diese mit Dschibarra bewachsenen Alpenflächen, über +denen nur noch wenige kahle Felsgipfel auf etwa 1000 Fuß relative Höhe in +die Wolken ragen; drunten haust die flüchtige Gazelle, Meerkatzen necken +sich in den Hochbäumen; hier aber setzt kühn der Springbock (_Oreotragus +saltatrix_) über die Felsen, grast friedlich der Steinbock (_Ibex Walia_) +und warnt durch einen gellenden Ruf seine Herde vor der herannahenden +Gefahr; Alpenkrähen umschwärmen geschwätzig und in rauschendem Fluge die +höchsten Felsen und drüber schwebt in weiten Kreisen der König der Alpen, +der Lämmergeier. Auch die gefleckte Hyäne steigt bis in diese Höhen, +seltener der Leopard und ein Fuchs (_Canis semiensis_), der ausschließlich +von den äußerst zahlreich hier hausenden Ratten und Mäusen lebt. Auch +Tauben (_Columba albitorques_) schwärmen in großen Flügen in diesen +höchsten abessinischen Alpengegenden umher. + +_Die Fauna Abessiniens._ Fast noch reicheren Stoff als die Pflanzenwelt +bietet dem Beobachter die _Thierwelt_ Abessiniens dar. Nicht genügend +erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch wenige +Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der Plage der +Eingeweidewürmer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits die Rede; +die höher stehenden Insekten treten im Hochlande nur in der wärmeren +Jahreszeit in großen Mengen auf, werden aber durch die kalten Regen wieder +in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. Die _Heuschrecken_, amharisch +Anbasa, richten oft großen Schaden an, wie in den andern Nilländern auch. + + [Illustration: Die riesige Kugeldistel. Originalzeichnung von E. + Zander.] + +Ihr plötzliches Verschwinden wird in der Regel der gnädigen Fürsprache der +Heiligen zugeschrieben und diesen daher ein Dankopfer gebracht. Die +Wanderheuschrecke dehnt ihre Züge bis hoch in die Gebirgsgegenden aus. +Rüppell fand das Land am Takazzié von Myriaden dieser Thiere geradezu +abgefressen. Der Boden der ganzen Gegend war buchstäblich von ihnen +bedeckt. Er fügt hinzu: "Wenn übrigens manche Reisende von einer +Verdunkelung des Sonnenglanzes durch Heuschreckenzüge reden, so ist diese +Erscheinung lediglich auf die gleichzeitige dunstige und staubige +Atmosphäre zu beziehen und nicht der vermeintlich so ungeheuren Menge von +Heuschrecken zuzuschreiben, deren Wandern allein durch schwülen südlichen +Luftzug veranlaßt wird. Der ganze Boden schien mit diesen Thieren +überdeckt zu sein, bei genauem Zählen aber fanden sich nur etwa 12 bis 30 +Heuschrecken in dem Raume eines Quadratfußes". Die christlichen Abessinier +essen die Heuschrecken nicht; sie betrachten sie als verbotene Speise und +unter den Muhamedanern bequemen sich nur arme Leute zu dieser Nahrung. Ein +nützliches, allgemein gepflegtes und in Bienenkörben gezüchtetes Insekt +ist die _ägyptische Honigbiene_, von der große Mengen des süßen Seims +gewonnen und zu dem landesüblichen Meth benutzt werden. Es giebt auch eine +kleinere wilde Biene, die in Erdlöchern ihre Baue aufschlägt und einen +Dasma genannten Honig liefert, der als Medikament sehr geschätzt ist. +Diese Dasma wirkt leicht abführend, hat eine röthlichere Farbe als +gewöhnlicher Honig und einen bittern Nachgeschmack. In Gegenden, wo die +Bienen viel Honig von Kronleuchtereuphorbien und andern giftigen Pflanzen +sammeln, wirkt derselbe selbst im Meth sehr nachtheilig auf die +Gesundheit, er erzeugt Schwindel, Kopfschmerzen, Erbrechen und andere +Symptome einer leichten Vergiftung. Fliegen und Moskitos kommen wol in den +kühlern Hochlanden vor, werden jedoch nicht zur Landplage, in der Weise +wie die Flöhe. Die schwarze Ameise, welche sich wasserdichte Wohnungen +gegen den Regen baut, wird dem Menschen oft lästig, während die Termiten +nur selten in die Häuser dringen und meist unter losen Steinen ihre +kleinen Kolonien anlegen. _Käfer_, amharisch Densissa, sind in großer +Menge vorhanden, besonders die Koth- und Pillenkäfer, die man auch in +Aegypten antrifft. _Spinnen_ und _Skorpione_ werden als unrein gemieden +und vernichtet. + +_Fische_ sind im Hochlande Abessiniens nicht allzu häufig, um genügende +Fastenspeise liefern zu können. Der Takazzié allein ist besonders reich an +großschuppigen, olivengrauen Karpfenarten mit lebhaft wachsgelben Flossen +und enthält einen Heterobranchus von enormer Größe, welcher mit der Angel +gefangen oder mit abessinischem Fischgift betäubt wird. In Atbara kommt +ein Wels vor, der schöne Hausenblase liefert, welche jedoch nicht +eingesammelt wird. + +Die _Amphibien_ sind Gegenstände des Abscheus und des Aberglaubens. Die +Schlangen der Hochlande sind klein und nicht giftig, doch sehr gefürchtet; +in der Kola, sowie in den Küstengegenden fehlen jedoch große Pythonarten +und giftige Exemplare keineswegs. In den Niederungen werden auch +Schildkröten gefunden, unter denen die große _Geochelone senegalensis_ +hervorragt; im Anseba-Gebiet und in Schoa kommt eine Cinixys in vielen +Sümpfen und Bächen vor, und die _Pentonyx Gehafie_ steigt überall aus dem +Tieflande bis zu 8000 Fuß empor. Neben diesen gepanzerten Amphibien sind +die Krokodile (Aso) namentlich in der Kola sehr häufig; im Setit, Atbara +und Mareb werden sie von den Eingeborenen harpunirt und ihr +moschusduftendes Fleisch verzehrt. Fälschlich jedoch hat man ihr Vorkommen +im Tanasee behauptet. Sonst sind unter den Sauriern noch zu nennen der +Skink (_Scincus officinalis_), das Chamäleon, der Gekko und _Stellio +cyanogaster_ als Gesellschafter der Klippdachse. Die Warneidechse +(_Varanus niloticus_) ist auch in Abessinien häufig und hat hier ihren +einheimischen Namen, Angoba, auf viele Flüsse übertragen. + +Schwer hält es, bei dem großen Reichthum der verschiedenen Arten +abessinischer _Vögel_, welche sich dem Auge des Forschers zeigen, einen +Ueberblick nur der wichtigsten zu geben und eine Auswahl aus der Menge +dieser prachtvoll gefärbten, eigenthümlich gestalteten und hinsichtlich +ihrer Lebensweise merkwürdigen Geschöpfe zu treffen. Aber gerade auf dem +Gebiete der Ornithologie Abessiniens ist von Rüppell, Heuglin, Brehm +Vorzügliches geleistet worden, sodaß man wohl behaupten darf, besser als +das Pflanzenreich und die übrigen Klassen des Thierreichs sei die +Vogelwelt der "afrikanischen Schweiz" durchforscht. + + [Illustration: Wanderheuschrecke.] + +Es giebt wol kein zweites Land, das so reich an _Tag-Raubvögeln_ ist wie +Abessinien. Vermöge der höhern Lage der Plateaux bieten sich in den +Felspartien günstige Lebensbedingungen für Adler, Geier und Falken, die +hier ihre Horst- und Zufluchtsstätten finden. Die Vegetation prangt in +außerordentlicher Fülle; in allen Thälern und Schluchten sprudeln +Gebirgswasser; im dichten Gestrüpp und in den Gräsern hausen Reptilien in +Menge, von der Pythonschlange und Naja bis zur kleinsten Baumschlange +herab; Schildkröten weiden gemüthlich an Hecken und Teichen; an +Säugethieren von der Größe der Feldmaus aufwärts ist Ueberfluß vorhanden, +während schattige, fast undurchdringliche Waldpartien, abgelegene +Schluchten, die selten eines Menschen Fuß betritt, und fast unersteigliche +Felsen und kolossale Hochbäume den Raubvögeln jeden Schutz und Schirm +gewähren. Da horstet denn der mächtige _Gyps Rüppellii_, der gemeine +ostabessinische Mönchsgeier (_Neophron pileatus_), der Schmuzgeier (_N. +percnopterus_), der Bartgeier (_Gypaëtos meridionalis_) und Schlangenadler +(_Gypogeranus serpentarius_), die viele Schlangen verzehren und mäßig +starke Wüstenschildkröten mit einem Schlag ihrer starken Fänge +zerschmettern. Zahlreiche Weihen, Milane, Falken und Sperber machen den +Beschluß der Tagraubvögel. Der unreinliche Mensch giebt den Schmuzgeiern +tagtäglich neue Nahrung und damit neue Beschäftigung; deshalb vermißt man +diese wohlthätigen Vögel an keinem Orte. Sie folgen den Herden wie den +Handelszügen, umschweben die Dörfer und Schlachtplätze und räumen schnell +allen Unrath auf. Der große, von Brehm zuerst genau beschriebene +Rüppell'sche Aasgeier erscheint erst dann, wenn irgend ein Aas ihn +heranlockt. In ungemessenen Höhen, wohin ihm des Menschen Auge nicht zu +folgen vermag, zieht er dahin; aber sein Auge beherrscht ein weites Gebiet +und die mächtigen Schwingen tragen ihn schnell nach dem Orte, wo ein Stück +Wild verendet oder einem Schaf die Kehle durchschnitten wird. Kaum fließt +das Blut, so ist auch der Aasgeier da; reiche Beute aber wird ihm zu +Theil, wenn das Land weit und breit mit Menschenleichen übersäet ist, wenn +die grausamen Bürgerkriege wüthen und den Zug der Heere gefallene Rinder +und Schafe bezeichnen. Wo er erscheint, da fehlen auch selten seine +kleineren Verwandten, der Schopf- und der Ohrengeier (_Vultur occipitalis_ +und _V. auricularis_). Unter den Adlern begleitet der Augur, ein naher +Verwandter unsers Bussards, den Zug der Reisenden, während der +"_Himmelsaffe_" oder Gaukler (_Helotarsus ecaudatus_) sowol durch die +Kühnheit seines Fluges, als durch die Schönheit seines Gefieders jeden +Beschauer in Entzücken versetzt. Unter allen Raubvögeln ist er der +stolzeste Flieger: er jagt förmlich durch die Luft. Nur während des Fluges +zeigt er seine volle Schönheit. Sitzend bläht er die Federn auf, sträubt +Kopffedern und Halskrause und gestaltet sich in einen Federklumpen um. +Eine der häufigsten Erscheinungen ist der Schmarotzer-Milan (_Milvus +parasiticus_), dessen scharfem Auge nichts entgeht und der durch seine +Allgegenwart an den Schlachtplätzen, wo kein Stückchen Fleisch vor ihm +sicher ist, sich lästig macht oder durch die größte Frechheit, mit welcher +er dem Menschen das Fleisch fast unter den Händen wegzieht, diese in +Erstaunen versetzt. Auch der Singhabicht (_Melierax polyzonus_) kommt +südlich vom 17. Grade in allen Steppenwaldungen häufig vor; er verweilt am +liebsten auf einzelnstehenden Bäumen, hat jedoch keinen besonders schönen +Flug und giebt ein langgezogenes, eintöniges Pfeifen, keineswegs aber +einen melodischen Gesang von sich. Seine Hauptnahrung besteht in Insekten, +vorzugsweise aber in Heuschrecken, an denen Abessinien eben nicht arm ist. +Unsere Weihen vertritt der in Nordostafrika häufige Steppenweih (_Circus +pallidus_); er meidet jedoch das Gebirge und zieht die breiten Niederungen +mit kurzem Gestrüpp vor, aus welchem er auf kluge Weise das kleine +Geflügel aufscheucht. + +Unter den _Eulen_ finden wir unsere Schleiereule und den Kauz, die +kurzöhrige Eule (_Otus brachyotus_) und die Zwergohreule (_Ephialtes +Scops_). Im Gebirge haust ein Uhu (_Bubo cinerascens_), der zu den +gemeinsten Eulen gehört. Dieser Uhu horstet am liebsten auf Bäumen und +wird nicht wie unsere europäische Art von kleinern Vögeln verfolgt. In den +Steppen wie im Gebirge trifft man auf die Ziegenmelker (Caprimulgusarten), +jene unheimlichen Vögel mit leisem Fluge und eigenthümlichem Nachtgesange. +Gleich großen Nachtfaltern umschweben sie die Wipfel der Bäume und die +Dächer der Häuser, um ihrer Kerbthierjagd nachzugehen. + +Reich vertreten sind die _schwalbenartigen Vögel_ (_Hirundo_, _Cypselus_). +Die meisten derselben sind auch hier Zugvögel und kommen vor Beginn der +Regenzeit, im Mai und Juni, um zu brüten. + + [Illustration: Abessinische Vögel. Originalzeichnung von Robert + Kretschmer. + Hornvogel. Ohrengeier. Webervögel. + Schmuzgeier. Eisvogel. + Hornrabe. Schlangenadler. Schattenvogel.] + +Die Hausschwalbe ist _Hirundo_ oder _Cecrops rufifrons_; sie erscheint +kurz vor den Sommerregen und beginnt, sobald diese letzteren die Erde +etwas erweicht haben, aus Lehm ein sehr solides, rundes Nest zu bauen, das +sie mit der Basis auf Dachsparren aufsetzt, nicht seitwärts anklebt wie +unsere Schwalbe. Sie macht zwei bis drei Bruten und verläßt die Höhen erst +im Dezember. - Durch schönen Flug zeichnet sich der abessinische Segler +(_Cypselus abessinicus_) aus, der in den Bäumen nistet; er ist ein +ausgezeichneter Flieger, wie alle seines Geschlechtes. An manchen Stellen +vertritt ihn die Felsenschwalbe (_Cotyle obsoleta_), die ihr Nest in den +Ritzen und Spalten der Felsen baut, doch nur an solchen Orten, wo die +räuberischen Affen nicht hingelangen können. + +Prächtig gefärbte Bewohner Abessiniens sind neben der Mandelkrähe +(_Coracias abessinicus_) und dem Eisvogel (_Ispidina cyanotis_) vor allen +andern die _Bienenfresser_ (_Merops Lafrenayi_) und die Narina (_Trogon +Narina_), die lautlos über den Mimosenbüschen dahinschwebt, die +Schmetterlinge oder andere Insekten fängt und durch ihr glänzendes +Gefieder das Auge des Beobachters erfreut. Ihnen schließt sich der +Wiedehopf (_Upupa_) an, der neben den Aasgeiern fleißig allen Unrath +wegräumt und mit Recht in keinem guten Geruche steht. Seine Verwandten +sind die Baumwiedehopfe (_Promerops erythrorhynchus_), die in +Gesellschaften gleich Spechten auf den Bäumen umherklettern, die Ameisen +aufsuchen und von dieser Nahrung einen durchdringenden Geruch annehmen. +Den Kolibri vertreten in Abessinien die metallglänzenden _Honigsauger_ +(_Nectarinia metallica_, _abessinica_, _affinis_), welche von den Arabern +"Abu Risch", Federträger, genannt werden und als die ersten Tropenvögel in +Nordostafrika auftreten, auf welche man, aus kälteren Gegenden kommend, +stößt. Die reizenden Vögelchen leben meist paarweise auf den Mimosen und +ziehen im brennenden Sonnenstrahle von Blüte zu Blüte, um dort Insekten zu +fangen, zu singen, die Federn zu sträuben, den Schwanz zu heben und das +glänzende Gefieder im Sonnenlichte glänzen zu lassen. + +Keineswegs fehlt es Abessinien an Sang und Klang in der Vogelwelt; neben +dem glänzenden Gefieder findet auch der melodische Schmelz der Töne seine +Vertretung. Im Rohre schmettert fröhlich der Buschschlüpfer (_Drymoica +rufifrons_) oder die Caricola (_C. cisticola_), an welche sich die +abessinische Baumnachtigall (_Aedon minor_) anschließt, die schon dem +Wanderer entgegenschlägt, wenn er, vom Rothen Meere kommend, bei Massaua +seinen Fuß ans Gestade setzt. An Steinschmätzern (Saxicola-Arten), +Vertretern unserer Drosseln (_Thamnolaea_), Bachstelzen (_Motacilla alba_ +und _flava_) ist kein Mangel. Zu letztern, uns aus der Heimat bekannten +Arten gesellen sich die verwandten Schafstelzen (_Budytes_), niedliche +Vögel, welche in großer Zahl den Herden folgen, deren treueste Begleiter +sind und diesen das Ungeziefer ablesen. Im Hochgebirge, namentlich in +Semién, lebt eine Drossel (_Turdus simensis_), welche unsrer Singdrossel +sehr ähnelt, neben der als regelmäßige Wintergäste die Steindrosseln +(_Petrocincla saxatilis_) erscheinen. Als guter Sänger wird der von +Lichtenstein entdeckte Droßling (_Picnonotus Arsinoë_) bald der Liebling +aller Reisenden, vor denen er sich durchaus nicht scheut. Anschließend +hieran erwähnen wir aus der Familie der Fliegenfänger den Paradiesfänger +(_Tchitrea melanogastra_), den Würgerschnäpper (_Dicrourus_), die +zahlreich vertretenen Würger (_Lanius_) und unsre Nebelkrähe, die als +Wintergast nach Abessinien kommt. Diese trifft als Verwandte hier den +Wüstenraben (_Corax umbrinus_), ein Mittelglied zwischen Rabe und Krähe, +der aber nicht blos in der Wüste vorkommt, sondern auch die Flecken und +Dörfer besucht, wo er den Hunden und Geiern das Aas streitig macht, +während er draußen nach Früchten, am Strande nach Muscheln sucht und eben +Alles verschlingt, was sich ihm darbietet. Ein echter Gebirgsvogel ist der +kurzschwänzige Rabe (_Corvus affinis_), der bis zu 11,000 Fuß aufsteigt +und dort in großen Scharen weilt. Durch seinen kurzen Schwanz macht er +sich vor allen Verwandten leicht kenntlich; er vertritt in Abessinien +unsern Kolkraben, lebt nur paarweise und bedeckt Abends, wenn er zur Rast +geht, oft große Felsblöcke. Die Staare sind durch mehrere Geschlechter, +die dohlenartigen Felsenstaare (_Ptilonorhynchus_), Glanzdrosseln +(_Lamprocolius_) und Glanzelstern (_Lamprotornis_) vertreten. Bei Weitem +der interessanteste Vogel aus dieser Familie ist aber der afrikanische +_Madenhacker_ (_Buphaga erythrorhyncha_), der von der Südspitze Afrika's +an bis nach Abessinien hinein vorkommt und der treueste Begleiter der +Herden ist, sodaß es scheint, als könnten Rinder, Kameele, Pferde kaum +ohne ihn leben. Da wo diese wunde Stellen haben, in welche die Fliegen +ihre Eier legen, aus denen die Maden entstehen, erscheint auch die +Buphaga, klettert an dem Thiere herum, wie ein Specht am Baume und sucht +ihm die Maden ab. Das Thier kennt seinen Wohlthäter recht gut, aber die +Abessinier hassen den Madenhacker, weil sie glauben, daß er durch sein +Picken die aufgeriebenen Stellen reize. + +Die _finkenartigen Vögel_ kommen gleichfalls in großer Menge vor. +Reichlich treffen wir vorzüglich Amadina, Vidua, Estrelda, Serinus, alles +gute Sänger, während der _Weber_ (_Textor alecto_) nur einen +drosselartigen Ruf und unschönes Gezwitscher ertönen läßt. Dafür baut er +aber ein zusammenhängendes Nest, in dem ganze Gesellschaften brüten. Es +besteht aus dürrem Reisig, von dem eine große Masse, oft von 5 bis 8 Fuß +Länge und 3 bis 5 Fuß Breite und Höhe, zwischen tauglichen Astgabeln der +Baobab-Bäume aufgehäuft wird. In einem solchen sind 3 bis 8 Nester tief im +Innern angelegt und diese mit feinem Gras und Federn ausgefüttert. Die +Farbe der Eier wechselt zwischen rein weiß, roth, grün, braun mit allen +möglichen Zeichnungen, sodaß man glaubt, Eier verschiedener Arten vor sich +zu haben. Der Eingang zu dem unordentlichen Neste ist im Anfange so groß, +daß man bequem mit der Faust eindringen kann, verengert sich aber und geht +in einen Kanal über, gerade für den Vogel passend. Durch prachtvollen +Federschmuck sind die Witwen (_Viduae_) ausgezeichnet, und leicht +unterscheidet man das Männchen durch seine langen, am Fluge hindernden +Schwanzfedern von dem Weibchen. Hat es aber im Winter das prächtige +Gefieder abgelegt, dann fliegt es leicht dahin, ähnlich wie unsere Ammern. +Als Haussperling tritt, unserm Spatz das Recht streitig machend, in +Nordostafrika der rothrückige Sperling (_Passer rufidorsalis_) auf, dessen +Sitten und Lebensweise ganz die unseres Haussperlings sind, nur ist er +schöner gefärbt. Gemein, wie bei uns, ist auch in Abessinien die +Haubenlerche (_Galerita abessinica_), welcher sich als Verwandte die +seltenere Wüstenammerlerche (_Ammomanes deserti_) anschließt. + +Haben wir bisher viele, unsern europäischen Arten verwandte Vögel +gefunden, so treffen wir in der folgenden Familie, jener der +Pisangfresser, durchaus auf fremdartige Gestalten. Da sind zunächst die +Mäusevögel (_Colius_), die in dichten Büschen leben, durch die schmalsten +Oeffnungen der Verzweigungen sich zwängen und im Klettern eine große +Geschicklichkeit entwickeln. Der von Rüppell entdeckte Helmvogel +(_Corythaix leucotis_) tritt erst da auf, wo die Kronleuchter-Euphorbie +beginnt; er ist ein prächtiger, rastloser, unsern Hehern im Betragen +ähnlicher Geselle, der die Sykomoren, Tamarinden und Aloëpflanzen gern +besucht und auf diesen sich in großer Anzahl sammelt. Der eigentliche +Pisangfresser (_Schizorhis zonurus_), der sich durch ein affenartiges +Geschrei auszeichnet, hat Vieles mit seinen Verwandten, den Nashornvögeln +überein, von denen mehrere kleine Arten (_Tockus erythrorhynchus_ und +_nasutus_) häufige Bewohner der Steppen und des Urwaldes sind. Je mehr man +in das Gebirge kommt, desto häufiger werden sie, desto öfter vernimmt man +ihren charakteristischen Ruf. Weit größer als die nur anderthalb Fuß +langen Nashornvögel, aber auch seltener sind die kräftigen, fast 4 Fuß +langen, sehr scheuen Hornraben (_Bucorax abessinicus_). + +Wenig ist aus der Ordnung der Klettervögel zu berichten. Die Papageien +finden im abessinischen Gebirge keineswegs, wie in ganz Afrika, ergiebigen +Boden, obgleich einige Arten von ihnen vorkommen. So liebt der +Zwergpapagei (_Psittacula Tarantae_) die Kolkwal-Euphorbie, auf welcher er +häufig anzutreffen ist, der Halsbandpapagei (_Palaeornis torquatus_) aber +dichte Wälder, in welchen er in großen Familien und Flügen gewöhnlich mit +den Affen zusammen erscheint. Die Bartvögel (_Pogonias Saltii_) kommen nur +einzeln im dichtesten Gebüsche vor und sind still, bis auf den Perlvogel +(_Trachyphonus margaritatus_), welcher im Verein mit dem Weibchen einen +lustigen Gesang vorträgt und die Gärten der Dörfer belebt. Die Spechte +treten nur als kleine Baumspechte (_Dendropicus Hemprichii_) auf. + +Unter den _Kukuksarten_ spielt der _Honigvogel_ eine große Rolle in der +Ornithologie der Abessinier; obgleich selten vorkommend, kennt ihn +Jedermann, und schon die ältesten Nachrichten über das Land (so Ludolf in +seiner "_Historia aethiopica_") erwähnen der Eigenschaft dieses +unscheinbaren Thierchens, den Menschen zu den Bienenstöcken zu führen. Die +Honigvögel (_Indicator_) halten sich vorzüglich an baumreichen Bachufern +auf, flattern von einem Baume zum andern und lassen dabei ihre starke, +wohlklingende Stimme hören. Daß sie so rufend häufig zu Bienenschwärmen +führen, weiß jeder Eingeborene Afrika's vom Kap bis zum Senegal und von +der Westküste bis nach Abessinien herüber, doch führt der Indicator den +ihm folgenden Menschen ebenso häufig auf gefallene Thiere, die voller +Insektenlarven sind; er verfolgt mit seinem Geschrei den Löwen und +Leoparden, kurz Alles, was ihm auffällt; auch ist er dem Menschen +gegenüber nichts weniger als scheu und trotz der unscheinbaren Größe und +Färbung sind alle Arten an der eigenthümlichen Weise des Flugs leicht zu +erkennen. In Nordostafrika giebt es vier Arten von Honigvögeln, von denen +jedoch nur zwei (_Indicator minor_ und _albirostris_) in Abessinien +vorkommen. + +Ueberall wo man in Abessinien Vögel findet, wird man auch _Tauben_ +wahrnehmen in den verschiedenartigsten schön gestalteten und gefärbten +Formen. Die abessinische Taube (_Treron abessinica_) bewohnt in kleinen +Familien die tieferen Gebirgsthäler, wo sie die Mimosen, Kizelien und +Sykomoren sich zum schattigen Ruhesitz aussuchen, um ihre Liebesspiele zu +treiben und gleich dem Papagei durch das Laub zu klettern. Unsere +Felsentaube vertritt die blaurückige Taube (_Columba glauconotos_), als +eigentliche Waldtaube tritt die Guineataube (_Stictoenas guinea_) auf; +auch die Turteltaube (_Turtur auritus_), die Lachtaube (_T. risorius_) +finden sich; eigenthümlich ist aber die Erscheinung der Erdtaube +(_Chalcopelia afra_), die nicht über den 16. Grad nördlicher Breite +hinaufgeht und friedlich das dichtverschlungenste Gebüsch an der Erde +bewohnt, auf welcher sie auch, ihren Verwandten unähnlich, ihr Nest baut. + +Von Hühnern tritt in zahlloser Menge das lautschreiende Perlhuhn (_Numida +ptilorhyncha_), die Wachtel als Wintergast und an Stelle unserer Rebhühner +die verschiedenen, schön gezeichneten und in Einweibigkeit lebenden +Frankoline (_Francolinus rubricollis_, _Erkelii_ u. s. w.) auf; auch die +Flughühner (_Pterocles_) sind vertreten und die Laufvögel beginnen mit der +in den Steppen häufigen Trappe (_Otis arabs_), die nicht die Größe unserer +großen Trappe erreicht, aber weniger scheu ist und besonders von Insekten +lebt. Kommt der _Strauß_ (_Struthio Camelus_) auch nirgends im +abessinischen Hochland vor, so umzieht er dasselbe doch ringsum in den +Steppen und Wüsten. + +Unter den Regenpfeifern und Kiebitzen fällt nur der Dickfuß (_Oedicnemus +affinis_) wegen seiner nächtlichen, eulenartigen Lebensweise auf; an +feuchten, fischreichen Stellen wimmelt es oft von Reihern, Storcharten, +Schattenvögeln und Störchen und an den Küsten des Rothen Meeres sind +Möven, Pelikane, Seeschwalben und Tölpel im Ueberfluß vorhanden. Reich an +Wassergeflügel ist auch der Tanasee, dessen breite, mit Inseln durchzogene +Fläche demselben einen günstigen Aufenthaltsort gewährt. Dort wimmelt es +von Seeschwalben, Enten (_Anas clypeata_, _sparsa_ u. s. w.), +Strandläufern, Kiebitzen, Regenpfeifern; da stehen unbeweglich der +Riesenreiher und der schwarzkehlige Fischreiher (_Ardea Goliath_ und _A. +atricollis_), auf Reptilien lauernd, da plätschern Wasserhühner, Gänse und +Spornschwäne in der Flut. + +Weil mehr mit dem Menschen im Verkehr und ihn als Raub-, Jagd- oder +Hausthier meist näher angehend, fesselt auch das Reich der Säugethiere +mehr unser Interesse als jenes der Vögel. + +Abessinien mit seinen Grenzländern kennt etwa sechs bis acht _Affenarten_. +Ruhig und gemüthlich verfließt das Leben der graugrünen _Meerkatze_ +(_Cercopithecus griseo-viridis_), eines echten Baumaffen, der in starken +Banden gesellig zusammenlebt und von der Höhe seines Aufenthaltes selten +auf den Boden herabkommt, gleichviel ob er dort in Dornen der Mimosen oder +im Laub der Sykomore sitzt. Seine Behendigkeit ist unglaublich groß und +mit Hülfe des steuernden Schwanzes führt er die kühnsten Sprünge aus. Als +unumschränkter Herr und Gebieter steht der lustigen Herde ein altes, +geprüftes Männchen vor, das alle jungen Nebenbuhler von den seiner Obhut +unterstehenden Damen fernhält. Diese zeigen gegen ihre häßlichen +Sprößlinge eine außerordentliche Mutterliebe, welche sie durch +fortwährendes Reinigen und Liebkosen des Kindchens bethätigen. Nur +nebenbei verzehrt diese Meerkatze Heuschrecken und andere Insekten; +Früchte, Knospen und Getreide sind ihre Lieblingsgerichte und wehe dem +Durrah- oder Maisfelde, in das die verschmitzte Bande lüstern eindringt! +Das Wenigste wird nur verzehrt, das Meiste unbarmherzig verwüstet und dann +auf der Stätte des Diebstahls ein Tummelplatz freudiger Spiele für Alt und +Jung bereitet. Vor Menschen weniger, wohl aber vor Hunden, Schlangen, +Fröschen und ihrem besondern Feinde, dem Habichtsadler, fürchtet sich die +Meerkatze sehr. Weit würdevoller als die Meerkatzen treten die Paviane +auf, unter denen der _Silberpavian_ oder _Hamadryas_ (_Cynocephalus +Hamadryas_) der häufigste ist. Dieses merkwürdige Geschöpf, dem schon die +alten Aegypter Achtung zollten und das man auf ihren Denkmalen abgebildet +findet, lebt zwischen 1000 und 7000 Fuß Meereshöhe und findet sich um so +häufiger, je pflanzenreicher das Gebirge ist. Jede Bande behauptet im +Gebirge ein bestimmtes Gebiet und zählt etwa fünfzehn bis zwanzig +erwachsene und kampftüchtige Männchen, wahre Ungeheuer mit einem Gebiß, +welches fast mit dem eines Löwen wetteifern kann, dasjenige des Leoparden +jedoch übertrifft. Schon von Weitem unterscheidet man die Männchen an +ihrem langen graugrünlichen Mantel und der hervorragenden Gestalt von den +bräunlicher gefärbten Weibchen, die vollauf mit ihren übermüthigen Jungen +zu thun haben. Greift auch der Pavian so leicht einen Mann nicht an, so +ist er doch den Frauen ein Gegenstand des Entsetzens, von welchen eine +größere Anzahl von Pavianen als von Löwen und Leoparden umgebracht wird. +Der ärgste Feind des Silberpavians ist der Leopard, der ihm Tag und Nacht +nachschleicht und sich ebenso listig wie kühn auf jedes von der Herde +isolirte Thier stürzt. + +Auch mit ihren Verwandten leben diese Paviane nicht immer auf gutem Fuße, +namentlich mit den _Tscheladas_ (_Cercopithecus Gelada_), gegen welche sie +in Semién oft förmliche Schlachten liefern. Letzterer Mantelpavian bewohnt +einen Höhengürtel von 7-11,000 Fuß über dem Meere, während der Hamadryas +mehr die Tiefen-Gegenden liebt; jedoch steigen die Tscheladas von ihren +Bergen herab, um die unten liegenden Felder zu plündern, wobei dann die +Schlachten mit den Silberpavianen stattfinden. + +Der _schwarze Pavian_ (_Cercopithecus obscurus_) wurde erst 1862 von +Heuglin entdeckt. Dieser stattliche Affe lebt in großen Rudeln auf 6 bis +10,000 Fuß Höhe meist an felsigen Schluchten. Man sieht ihn selten auf +Bäumen, gewöhnlich auf Weideplätzen oder Felsen, von denen herab er nicht +selten gegen seine Verfolger Steine schleudert. Die Nacht verbringt er in +Gesellschaft in Klüften und Höhlen, steigt in der Morgensonne auf Hügel, +wo er zusammengekauert sich erwärmt und zieht dann in die Thäler nach +Nahrung, die aus Blättern zu bestehen scheint. Gewöhnlich führen zwei bis +sechs alte Männchen gravitätischen Schrittes eine Herde von 20 bis 30 +Weibchen und Jungen an, welche theils spielend um den Trupp sich tummeln, +theils von den Müttern getragen und zuweilen tüchtig geohrfeigt werden. +Naht Gefahr, so flüchtet auf ein leises Bellen des Warners die ganze +Gesellschaft in Felsenschluchten. Der schönste Affe Abessiniens ist der +von Rüppell entdeckte _Colobus Gueraza_, dessen durch den starken Kontrast +von schwarz und weiß ausgezeichnetes Fell ein beliebtes Pelzwerk und eine +Zierath für die Kriegsschilder liefert. Er lebt in der Waldregion der Kola +auf den höchsten Bäumen. + +Während Afrika im Allgemeinen reich an Flatterthieren ist, kommen +dieselben in dem hier in Rede stehenden Gebiete weniger vor. Die Ursache +davon hat Heuglin ergründet. Namentlich in den nördlichen Grenzländern +Abessiniens, in Bogos u. s. w. wird starke Viehzucht getrieben, und die +Herden kommen, wenn in ferneren Gegenden bessere Weide und mehr +Trinkwasser sich finden, oft monatelang nicht zu den Wohnungen der +Besitzer zurück. Die Rinder sind gewöhnlich mit Myriaden Fliegen bedeckt, +die ihnen nachfolgen und wiederum die _Fledermäuse_, welche von letzteren +leben, veranlassen, gleichfalls eine Wanderung zu unternehmen. Mit der +letzten Rinderherde verschwinden auch die Fledermäuse spurlos, um mit dem +Einrücken derselben in ihre alten Standquartiere auch wieder zu +erscheinen. Die gemeinste Art der in Ostabessinien, namentlich um Massaua +vorkommenden Fledermäuse ist der kleine von Rüppell entdeckte _Nyctinomus +pumilus_. Auch häßliche Glattnasen (Phyllorina-Arten) kommen vor, die +nicht nur in der Dämmerzeit, sondern die ganze Nacht hindurch fliegen. Der +große _Pteropus schoensis_ zeigt sich auch am Tage und lebt von den +Früchten der Feigen und Bananen. + +Abessinien beherbergt mehrere Mitglieder der Katzenfamilie: die +kleinpfotige Katze, welche von Einigen für die Stammutter unsrer Hauskatze +gehalten wird, den _Gepard_ (_Cynailurus guttatus_), den _Leoparden_ +(_Felis Leopardus_) und den _Löwen_ (_Felis Leo_), doch verdienen nur die +beiden letzteren hier eingehendere Beachtung. Gehen sie auch in die +Berglandschaften hinauf, so ist doch ihr Lieblingsaufenthalt in den +tieferen Gegenden, in der Kola, den nördlichen Grenzländern, der Samhara. +Der Löwe (amharisch Anbasa) ist gerade nicht selten, der Leopard geradezu +gemein und oft genug hört man des Nachts die Stimme des Königs der Thiere +erschallen. Doch fürchtet man ihn verhältnißmäßig wenig, denn sein +Jagdgebiet ist so reich, daß ihn nur selten der Hunger treibt, sich am +Menschen zu vergreifen. Es kommt häufig vor, daß junge, noch säugende +Löwen von den Abessiniern gefangen und aufgezogen werden; doch verkaufen +und verschenken diese die allmälig kostspielig werdenden Thiere bald an +reiche Leute, und aus solcher Quelle stammen auch die berühmten Löwen des +Königs Theodoros. Das Fell eines erlegten Löwen gehört dem Könige, der +tapfere Krieger wird mit einem breiten Streifen davon beschenkt, der +seinen Schild ziert. Weit häufiger und auch gefährlicher als der Löwe ist +der _Leopard_ (Nemr auf amharisch), den man nächst der Hyäne und dem +Schakal als das gemeinste Raubthier Abessiniens ansehen kann. Von der +Ebene an bis hoch in das Gebirge hinein, bei Tag und bei Nacht, überall +ist dieser freche Raubmörder zu finden. Er scheut den Menschen gar nicht +und kaum das allen Raubthieren so entsetzliche Feuer; frech dringt er in +die Hütten der Eingeborenen, raubt ein Kind und zieht sich mit seiner +Beute in das Dickicht zurück. Von der Antilope bis zur Maus bewältigt er +alle Säugethiere. Brehm erzählt, daß im Dorfe Mensa ein einziger Leopard +während eines Vierteljahrs nicht weniger als 8 Kinder, ungefähr 20 Ziegen +und 4 Hunde wegschleppte. In ganz Abessinien kann man Hunde und Hühner +kaum vor ihm sichern. Mit dem Feuergewehr jagen die Abessinier das ihnen +so verhaßte Raubthier ebenso wenig wie den Löwen; bei Weitem die meisten +Leoparden, welche man erlegt, werden erst in Fallen gelockt und in diesen +gewöhnlich durch Lanzenstiche getödtet. Diese Fallen sind ganz nach dem +Grundsatze starker Mausefallen gebaut, d. h. sie bestehen aus einem +Pfahlgitterwerk mit Fallthür; ein lebendiges Thier, ein Stück Fleisch sind +der Köder, mit dem der Leopard angelockt wird; häufig bringt man auch eine +lebende, kläglich meckernde Ziege in die Falle. Mit großer Vorsicht umgeht +der Räuber oft zwei oder drei Nächte lang den Käfig, bis er endlich sich +hineinwagt und gefangen ist. Von der Meeresküste geht dieser kühne Räuber +bis zu 12,000 Fuß Höhe an die Eisgrenze hinauf. Der _Gepard_ findet sich +ausschließlich in der Samhara und nicht im Gebirge; er ist ein Tagräuber +und keine gemeine Katze; denn er ist nicht blutgierig und raubt niemals +mehr als er zu seinem Unterhalte bedarf. Draußen in der freien Steppe +betreibt er seine Jagd auf Antilopen, Hasen, Mäuse, Perlhühner. Gegen den +Menschen vertheidigt er sich nicht, doch macht dieser meist auf ihn Jagd, +um das bunte Fell zu verwerthen, das nur selten im Handel vorkommt. Aber +zur Jagd wird er in Abessinien nicht abgerichtet, wenn auch einzelne +gezähmte Thiere hier und da gehalten werden. + +Bis zu den höchsten Spitzen der Berge Semiéns in die Region der Dschibarra +streift der _Walgie_ (_Canis simensis_), um den Ratten nachzustellen. Er +ist eine häufige Erscheinung unter den hundeartigen Raubthieren; dagegen +ist der _Wolfshund_ (_Canis Anthus_) ziemlich selten, desto gemeiner aber +wieder der _Schakal_ (_Canis mesomelas_), der nicht mit dem weiter +nördlich vorkommenden eigentlichen Schakal verwechselt werden darf. Der +abessinische, schwarzrückige Schakal ist etwas größer als sein Verwandter +und in der Samhara wie im Gebirge in jedem größeren Dickicht anzutreffen. +Seine eigentliche Jagdzeit auf Hasen, Hühner, Perlhühner, Ziegen, ja +selbst Mäuse und Heuschrecken ist in der Nacht; dann ist er ein frecher, +regelmäßiger Gast in den Dörfern oder am Lagerplatz der Karawane, welcher +er ohne Scheu, selbst wenn das Feuer hell lodert, sich nähert. Auch wo +gefallene Thiere liegen, stellt er sich heulend ein und an solchen Plätzen +trifft er mit der _gefleckten Hyäne_ (_Hyaena crocuta_, amharisch Dschib) +zusammen, einem der gemeinsten Raubthiere Abessiniens. Durch langgezogene +Klagetöne kündigt sie ihren Wunsch nach irgendwelcher Nahrung an, um den +ewig verlangenden Magen zu befriedigen. Auch sie wird von den Eingeborenen +arg gehaßt, obgleich sie ihnen nicht gerade erheblichen Schaden zufügt, +sondern als Landreiniger, Aas- und Auswurfvertilgerin eher nützlich wird. +Die Eingeborenen fangen die Hyäne in Gruben, die in einem von Dorngebüsch +umgebenen Gange ausgegraben werden, an dessen Ende ein blöckendes Zicklein +angebracht wird. Die heißhungerige Bestie bricht, indem sie auf ihre Beute +zueilt, in die mit Reisig und Sand sorgfältig überdeckte Grube ein, in +welcher man sie möglichst bald tödten muß, weil sie sonst sich einen +Ausweg wühlt. Es gelingt nicht leicht, in derselben Grube mehr als eine +Hyäne zu fangen, da die Thiere durch ihr feines Geruchsorgan die Gefahr +erkennen. Neben ihr kommt noch ein anderes hyänenartiges Raubthier, der +"_gemalte Hund_" (_Lycaon pictus_) truppweise vor; er überfällt die Herden +und richtet unter ihnen große Verheerungen an. Die Steppenlandschaften +sind die eigentliche Heimat dieses geselligen, rauf- und mordlustigen +Geschöpfes, das niemals allein jagt. Seinen Namen führt es von den großen, +dunkeln, auf dem hellen Felle stehenden Flecken, an denen es schon weithin +leicht zu unterscheiden ist. + + [Illustration: Gemalter Hund (_Lycaon pictus_).] + +Von kleineren Raubthieren beherbergt Abessinien die _gestreifte Manguste_, +einen weit verbreiteten, schlanken Mörder, der kleinen Säugethieren und +Vögeln nachstellt, und den _Honigdachs_ oder das _Ratel_ (_Ratelus +capensis_), ein in jeder Hinsicht merkwürdiges Thier, welches die +Bienenstände plündert, Aas liebt und der kleinen Jagd mit Eifer obliegt, +unangegriffen ruhig seine Straße zieht, angegriffen aber aus seinen +Stinkdrüsen einen ekelhaften knoblauchartigen Gestank verbreitet, der weit +und breit die Luft verpestet. Das Thier bewohnt Baue, welche es sich mit +seinen gewaltigen Klauen leicht gräbt und in denen es den Tag über +verborgen liegt, um Abends seiner Beute nachzugehen. + +Die nordöstlich vom Tanasee gelegene Stadt Emfras, in welcher der König +einen sogenannten Palast besitzt, ist nicht nur als Hauptsklavenmarkt, +sondern auch wegen der Zucht von _Zibethkatzen_ (_Viverra Civetta_) +berühmt. Poncet berichtet, daß dort von diesen Thieren eine so große Menge +vorhanden ist, daß manche Kaufleute deren mehr als 300 im Hause halten. +Die Thiere werfen einen nicht geringen Nutzen ab. Die Zibethkatze bekommt +als Futter dreimal in der Woche rohes Rindfleisch und viermal einen +Milchbrei; sie wird dann und wann mit Wohlgerüchen beräuchert und in jeder +Woche kratzt man ihr mit hölzernen Löffeln einmal eine salbenartige +Materie ab, das Zibeth, welches in wohlverwahrte Ochsenhörner gethan wird +und einen einträglichen Handelsartikel bildet. Ihr heimischer Name ist +Dering. Ein dem Hausgeflügel, den Mäusen und Ratten sehr gefährliches +Raubthier ist die _Genettkatze_ (_Viverra abessinica_), ein schlankes, +elegantes Thier mit langem Ringelschwanz. Sowol anatomisch, als durch den +Mangel der Rückenmähne und andere Schwanzzeichnung unterscheidet sie sich +von der vorigen, mit der sie sonst viel Aehnlichkeit hat. Auch ein +_Fischotter_ (_Lutra inunguis_) kommt, wiewol selten, in den abessinischen +Gewässern vor. Derselbe ist so groß wie unsere Art und schön kaffeebraun. + +Unter den Nagethieren ist zunächst zu erwähnen das _bunte Eichhorn_ +(_Sciurus multicolor_), ein keineswegs munteres Thierchen, vielmehr ein +langweiliges scheues Geschöpf, das sich einzeln versteckt in den hohen +Baumwipfeln aufhält und niemals kühne Sprünge wagt, sondern immer an den +Aesten klebt. Viel häßlicher, aber anziehender und unterhaltender ist sein +Verwandter, das _rothe Erdhörnchen_ (_Xerus rutilus_), das Schillu der +Abessinier. Leicht und beweglich treibt es sich nur auf der Erde, nie auf +Bäumen umher, bald hier, bald da aus seiner Höhle hervorschauend, oder +sich possirlich auf die Spitze eines Hügels setzend. Unter allen +Nagethieren ist keines, selbst der Hamster nicht ausgenommen, welches im +Verhältniß zu seiner Größe solchen Muth entwickelte, ja es wehrt sich +sogar knurrend und fauchend gegen Hunde. Gleich ihm lebt auch das _Filfil_ +(_Bathyergus splendens_), das zu den Ratten gerechnet wird, in +maulwurfsähnlichen Erdhöhlen, die es im dichten Gebüsch anlegt, während +die Baue des _Stachelschweins_ (_Hystrix cristata_), das bis zu 6000 Fuß +Höhe hinaufgeht, meist in sandigen Ebenen stehen. Bei Tage verläßt das +Stachelschwein seine Höhle nie, Abends jedoch zieht es in die Waldungen +und Felder. Jedenfalls verdient unter den Nagethieren der _abessinische +Hase_ (_Lepus aethiopicus_) die meiste Beachtung, da er sich von unserm +gewöhnlichen Hasen vielfach unterscheidet und im Hochgebirge wie in der +Niederung zu den gewöhnlichsten Erscheinungen gehört. + +Da der christliche Abessinier so gut wie der Muhamedaner ihn wegen der +gespaltenen Klauen zu den unreinen Thieren rechnet, so wird er nicht +verfolgt, und da er dieses weiß, so fällt es ihm gar nicht ein, vor dem +Menschen zu flüchten, wie unser Lampe, von dem ihn schon das dunklere, +schwarz, weiß, grau und ockerfarbig gefleckte Fell unterscheidet. + + [Illustration: Erdferkel. Nach Wood.] + +Aus der Ordnung der zahnlosen Thiere ist das _Erdferkel_ (_Orycteropus +aethiopicus_) zu erwähnen, das vom Tiefland bis in die Woina-Deka +vorkommt. Das scheue Thier, mit seinem Geruch und Gehör, haust in +selbstgegrabenen Höhlen, zeichnet sich durch lebhafte Sprünge und eine +känguruartige Stellung aus, wobei es durch den kräftigen Schwanz +unterstützt wird. Es geht häufig nur auf den Hinterfüßen und beschnuppert +mit der langen, in steter Bewegung befindlichen, einem Schweinerüssel +gleichenden Nase die Erde, um nach Ameisen zu suchen. Hat es eine solche +Stelle entdeckt, so beginnt es sehr gewandt und kräftig mit den +Vorderfüßen zu graben und die aufgewühlte Erde mit den Hinterfüßen +zurückzustoßen. Ist der Ameisenbau erbrochen, so geht es hastig an die +Mahlzeit; nach v. Heuglin fängt es die Ameisen mit den Lippen und diese +fallen in Menge über den Ruhestörer her, dessen dicke Haut keineswegs vor +den Bissen schützt. Für Urin und Mist gräbt das Erdferkel eine kleine +Grube, die dann wieder sorgfältig verdeckt wird. Im Bau selbst schläft es +zusammengerollt auf der Seite liegend. Verfolgt eilt es in raschen Sätzen +davon und gräbt sich rasch ein, die Röhre hinter sich schließend. Das +Fleisch ist fein, weiß und saftig. + +Ueber Pferde, Maulthiere und Esel Abessiniens berichten wir später. Das +_Kameel_, in den Küstengegenden reichlich als Lastthier vertreten, spielt +im Hochgebirge eine traurige, unnütze Rolle, da sein Wirkungskreis die +Wüste ist. Ebenso ist die _Giraffe_ nur Bewohnerin der Tieflandsteppen, +dort aber, in den Niederungen zwischen Setit und Atbara, auch in großer +Menge vertreten und wegen des saftigen Fleisches der jungen Thiere als +edles Wildpret hoch angesehen. + +Am meisten Interesse unter den abessinischen Thieren flößen uns die +Wiederkäuer ein. Antilopen, Ziegen, Schafe, Rinder sind da vertreten und +alle in ihren schönsten Repräsentanten, namentlich sind die Antilopen +herrliche Thiere, bei denen man nicht weiß, welcher man den Preis der +Schönheit und Zierlichkeit zuerkennen soll. Die _Tedal-Antilope_ +(_Antilope Sömmeringii_) lebt namentlich in den breiten Niederungen und in +der Samhara, kommt von da wol noch ins Hügelland, nie aber ins Hochgebirge +hinauf. Nur am Tage zieht sie in kleinen Trupps umher, ruht des Mittags +wiederkäuend im Schatten und ist gegen den Menschen sehr mißtrauisch. - +Die Art, wie sie in der Samhara eingefangen werden, wird von Rüppell +folgendermaßen geschildert. In der Mitte der Ebene, in einem Bezirk, wo +diese Thiere regelmäßig gegen Sonnenuntergang ihren Wechsel haben, legen +die Jäger viele an Pfähle befestigte Schlingen. Sobald nun die Antilopen +kommen, laufen von verschiedenen Verstecken her einzelne Leute herbei, von +denen Jeder eine Menge kleiner, mit einem Büschel Straußenfedern +versehener Stöcke hat; diese werden mit großer Schnelligkeit so in die +Erde gesteckt, daß sie lange nach der Gegend der Schlingen gerichtete +Linien bilden; der Antilopen ganze Aufmerksamkeit wird von den im Winde +wehenden Federn in Anspruch genommen, die sie mit scheuem Blick fixiren. +Nun beginnt das Treibjagen; das Wild sieht zum Entkommen keine freie +Strecke, als die Gegend, wo die Fallstricke liegen, und eilt dahin; +gewöhnlich bleiben mehrere darin hängen und hier schlagen ihnen die Jäger +mit Knüppeln die Beine entzwei, um sie dann zu schlachten. Auf dieselbe +Weise werden auch die Strauße gejagt. Noch häufiger als der Tedal ist die +_Gazelle_ (_Antilope Dorcas_), die da, wo Mimosen stehen, von denen sie +äst, fast nie in der Samhara fehlt. Sehr oft einzeln, meist aber in Trupps +von drei bis acht Stück beieinander zieht sie nur am Tage in der Ebene, +wie im Gebirge umher. Zur Tränke geht die Gazelle nicht, denn ihr genügt +der Nachtthau auf den Blättern der Bäume, die sie alle Morgen eifrig +ableckt, und diese Genügsamkeit macht sie zum echten Wüstenthier. Als die +lebhafteste, behendeste und anmuthigste der Antilopen vermag sie Sätze von +vier bis sechs Fuß Höhe auszuführen und ein flüchtiges Rudel gewährt einen +wahrhaft prachtvollen Anblick. + +Während die Gazelle alle dicht bewaldeten Stellen ängstlich meidet, sucht +das "Judenkind" oder die _Zwerg-Antilope_ (_A. Hemprichiana_) gerade die +verschlungensten und undurchdringlichsten Gebüsche zu ihrem Wohnsitze auf. +Nur paarweise in zärtlicher Ehe und nicht wie die übrigen Antilopen es den +Türken oder Mormonen gleich thuend, findet man die Zwerg-Antilope von der +Küste bis zu 2000 Fuß Höhe im Gebirge sehr häufig. + + [Illustration: Agaseen- oder Kudu-Antilopen.] + +Die Färbung des weichen schönen Haars stimmt mit dem Blätterdunkel des +niedern Gebüsches so vollkommen überein, daß es schwer hält, die zarte, +kleine Gestalt inmitten des Gebüsches wahrzunehmen. Beim geringsten +verdächtigen Geräusch erhebt sich der Bock vom Boden, stellt sich, nach +der verdächtigen Gegend hin gerichtet, starr wie eine Bildsäule auf, +wendet die Ohren vorwärts und lauscht nun regungslos. Der Lauf, welcher +erhoben wurde, bleibt erhoben, Auge und Ohr haften an derselben Stelle und +nur der Haarschopf zwischen den Hörnern deutet durch sein Senken oder +Heben an, daß in dem Geschöpf Leben wohnt. Das Wildpret der Zwerg-Antilope +ist nicht besonders zu empfehlen; es hat immer einen moschusartigen +Geschmack und ist außerdem sehr zähe. + +Sind Sömmerings-Antilope und Gazelle echte Wüstenthiere, so sucht der +_Klippspringer_ oder _Sassa_ (_Oreotragus saltatrix_) nur felsige Gegenden +auf. (Abbildung siehe S. 25.) Rüppell war der erste, der nachwies, daß +diese vom Kap schon lange bekannte Antilope auch in Abessinien in den +buschigen, felsigen Bergen lebe. Wie eine Gemse steht das schöne Thier mit +zusammengehaltenen Hufen auf einem steilen Felsgrat, oft stundenlang in +das Land hineinschauend. Auch der Klippspringer lebt paarweise, am +gewöhnlichsten in einer Meereshöhe von 2000 bis zu 12,000 Fuß. Bei +heiterem Wetter zieht er mehr in die Berge; bei Regen, Nebel, Kälte steigt +er in die Thäler hinab. Die Bezeichnung "afrikanische Gemse" ist für ihn +gut gewählt, denn an den steilsten Felswänden entlang, neben Abgründen +vorüber, welche jeden Fehltritt mit dem Tode bezahlen würden, eilt er mit +Leichtigkeit und Zierlichkeit dahin, als ginge er auf ebenem Boden. Die +geringste Unebenheit genügt ihm, um festen Fuß zu fassen; jeder Sprung +schnellt ihn hoch in die Luft; bald zeigt er sich ganz frei den Blicken, +bald ist er im Gebüsch verschwunden, und wenige Minuten genügen, ihn allen +Verfolgungen zu entziehen. Die stolzeste und größte Antilope Abessiniens +ist der _Agaseen_ (_Antilope strepsiceros_), welcher die Gebirge in einer +Höhe von 2000 bis 7000 Fuß bewohnt. Dieses stattliche, an unsern +Edelhirsch erinnernde Thier, welches durch ein Paar 3 Fuß lange, prächtig +gewundene Hörner ausgezeichnet ist, gehört einem großen Theil Mittel- und +Südafrika's an und ist am Kap unter dem Namen Kudu bekannt. Es lebt +einzeln oder in kleinen Trupps, die, ungestört, majestätisch und langsam +an den Bergwänden hinschreiten, aufgescheucht aber, unter Schnauben und +Blöken davoneilen. Die Araber in den Steppen nördlich von Abessinien +hetzen den Agaseen mit Pferden und tödten ihn mit Lanzenstichen, während +er im Hochlande nur von denen verfolgt wird, die Flinten besitzen. Sein +Fleisch ist vorzüglich, dem des Hirsches im Geschmack ähnlich und aus den +großen gewundenen Hörnern verfertigen die Eingeborenen Füllhörner zum +Aufbewahren des Salzes und Honigs. Auch die in Südafrika häufigere +_Oryx-Antilope_ (_Antilope Beisa_) findet sich in den das Land umgebenden +Steppen und Niederungen. Stets trägt sie ihre schnurgeraden Hörner +aufrecht, die von der Seite gesehen wegen ihres nahen Beieinanderstehens +wie ein einziges aussehen und zu der Sage vom Einhorn Veranlassung gegeben +haben können. Es würde uns zu weit führen, wollten wir alle Antilopen hier +aufzählen, die in den Hochlanden oder den diese umgebenden Steppen leben. +Nur noch zu erwähnen sind die große Marif-Antilope (_Hippotragus Bakeri_), +die Defassa (_Antilope defassa_), der Bohor (_A. redunca_), _Bubalis +mauritanica_, _Antilope montana_, _madoqua_, _decula_, _leptoceros_ +u. s. w. Die meisten dieser Thiere gehen bis zu 9000 Fuß Höhe in die +Gebirge. + +Das ist der Reichthum Abessiniens an Antilopen; weniger zahlreich sind die +Ziegen vertreten, aber unter ihnen finden wir im Hochgebirge zunächst den +stolzen _Steinbock_ (_Ibex Walia_). Rüppell entdeckte dieses Thier auf den +höchsten Bergen Semiéns, nachdem ihm die Eingeborenen eine wunderbare +Geschichte über dasselbe aufgetischt hatten. Dieser Walié, so erzählten +sie, ist im höchsten Grade scheu, hat sehr lange und krumme Hörner und +einen Bart am Kinn, stellt sich oft auf zwei Beine und ist wegen der +Erziehungsweise seiner Jungen sehr merkwürdig. Die Mutter hat nämlich, so +fabeln die Abessinier, unter dem Bauch einen nach hinten zu geöffneten +Sack, in welchem das Junge eine Zeit lang lebt und sich dadurch nährt, daß +es von Zeit zu Zeit den Kopf aus dem Beutel heraussteckt und auf der Erde +grast; doch ist es sehr scheu und zieht sich bei dem geringsten Geräusch +in seinen Behälter zurück. So lebt es wochenlang, bis es zu groß geworden +und in seinem lebendigen Kerker keinen Platz mehr findet; es springt +heraus, läuft davon und sieht seine Mutter nie wieder. Europäische +Reisende haben gefunden, daß der abessinische Steinbock in Lebensweise und +Körperbildung nicht im mindesten von dem allgemeinen Charakter der Gattung +abweicht. Von der Ziege (_Hircus aethiopicus_) wird in dem Abschnitte über +die Viehzucht die Rede sein. Sie ist kleiner als unsere Ziege und +kennzeichnet sich durch kurze Beine, lange, rückwärts niedergedrückte +Hörner und sehr langen Bart. Ziegenherden sind durch das ganze Land in +großer Zahl verbreitet und namentlich in der Steppe begegnet man ihnen an +allen Brunnen. In Bezug auf Behendigkeit und Schnelligkeit steht die +abessinische Ziege kaum der Gazelle nach. Von _Schafen_ werden +verschiedene Arten gezüchtet. An den Küsten und in den heißen Steppen +findet man das arabische _Fettschwanzschaf_, mit schwarzem Kopf, +ausgezeichnet durch den Mangel der Hörner und Wolle und einen dicken +Fettklumpen statt des Schwanzes; das gemeine Schaf der Hochlande (Beg) hat +bräunliche oder schwarze Wolle; die Galla züchten eine mit langen weißen +Haaren versehene Art, deren schwarzgefärbte Felle eine Lieblingskleidung +ihrer Häuptlinge ausmachen. Das Rind Abessiniens ist der _afrikanische +Buckelochse_ (_Bos africanus_), ausgezeichnet durch schlanken Bau und den +kleinen Höcker. Der Berié, wie er in Amhara heißt, ist ein äußerst +geschicktes, gewandtes und bewegliches, dabei gutmüthiges und lenksames +Thier; er bildet den Reichthum des Hirten, dient als Pack- oder Reitthier, +zieht den einfachen Pflug, drischt durch Austreten das Getreide und wird +zum Danke für alle Liebesdienste schließlich oft bei lebendigem Leibe +verzehrt, worüber weiter unten mehr gesagt wird. In einigen südlichen +Provinzen lebt der _Sanga_, eine besondere Art, die sich durch gewaltige, +weit geschwungene Hörner auszeichnet, aber von nur wenigen Reisenden +beobachtet wurde. Die Hörner kommen in den Handel und gelten auch als +schätzbares Geschenk. Salt erhielt drei dieser Thiere geschenkt, allein +sie waren so wild, daß er sie erschießen lassen mußte. Das längste Horn +hatte beinahe 4 Fuß und sein Umfang an der Basis betrug 21 Zoll. Stier und +Kuh, beide tragen diesen Schmuck, sind aber trotz des kolossalen Gehörns +nicht größer als anderes Rindvieh. In der Kolla haust der _wilde Büffel_ +(_Bos Pegasus_ und _Caffer_), der Gosch der Abessinier, ein unzähmbarer, +gefürchteter Geselle, dessen Jagd zu den gefährlichsten Beschäftigungen +der Eingeborenen zählt. Seine Haut wird blos zur Bereitung von Schildern +benutzt; ist das Thier bereits ausgewachsen und seine Haut durch Speere +nicht sehr zerfetzt, so können aus einer Haut vier Schilde gemacht werden, +welche einen Preis von je zwei bis drei Thalern haben. Aus den enormen +Hörnern dieses Büffels verfertigt man Trinkbecher. + +Aus der Ordnung der Dickhäuter oder Vielhufer haben wir ein _Rhinozeros_ +(_Rh. africanus_), das Worsisa, anzuführen, welches die Eigenschaften der +asiatischen und afrikanischen Art, die Platten und Falten des ersteren mit +den zwei Hörnern des letzteren vereinigt und aus den Sümpfen der Kolla bis +in die Berge 8000 Fuß hoch aufsteigt. Der _Hippopotamus_ fehlt weder in +den Seen, noch in den größeren Flüssen des Landes. Im Allgemeinen meiden +die Abessinier dieses für unrein gehaltene Thier, nur die am Tanasee +angesiedelten heidnischen Waito beschäftigen sich mit der Jagd dieses +"Gomari", indem sie die Thiere mit hölzernen Lanzen zu verwunden suchen, +deren Spitzen mit einem Pflanzengift bestrichen sind, durch welches jene +gewöhnlich nach zwölf Stunden sterben. Das Fleisch trocknen sie +großentheils, um es aufzubewahren, und aus der Haut verfertigen sie kleine +Reitpeitschen. Eine wahre Landplage ist in Abessinien das häßliche, mit +großen Hauern versehene _Warzenschwein_ (_Phacochoerus africanus_), das +die mit Gebüsch und Gras bewachsenen Ebenen bewohnt, kommt aber auch bis +zu 9000 Fuß im Gebirge vor. Es lebt ähnlich wie unser europäisches +Schwarzwild und geht seiner Nahrung erst nach Sonnenuntergang nach. Die +Eingeborenen halten es natürlich für unrein und geben sich nicht mit der +Jagd des Thieres ab, dessen Fleisch einen vortrefflichen Geschmack hat. + +Abessinien beherbergt auch ein eigenthümliches _Nachtschwein_ +(_Nyctochoerus Hassama_), das nach Aussage der Eingeborenen sich +vorzüglich gern von Aas nährt. Es hat die Größe unsrer Wildschweine, ist +aber gedrungener von Figur, lebt in dichtem Gebüsch und Felsen in einem +großen Theile des Landes von 4000 bis 9000 Fuß Meereshöhe, ist scheu, soll +sich angegriffen wüthend zur Wehre setzen, ruht den Tag über in +undurchdringlichen Verstecken und fällt Nachts verheerend in die Felder +ein. + +Jedenfalls ist unter den Vielhufern der kleinste der interessanteste, +nämlich der _Klippschliefer_ oder Klippdachs (_Hyrax abessinicus_). Schon +Bruce erwähnt, daß dieser Aschkoko unmittelbar in der Nähe der Städte +geeignete Felswände bewohnt und vor den Augen der Menschen sein +possirliches, an Kaninchen und Murmelthiere erinnerndes Wesen treibt. +Seine Bewegungen sind ungemein mannichfaltig und graziös; er versteht +ausgezeichnet zu klettern, mit dem Kopfe nach oben und unten. Große +Sanftmuth und Aengstlichkeit zeichnen ihn aus, und seine Feinde sind nur +im Thierreich zu suchen, da er vom Menschen, der ihn gleichfalls für +unrein hält, nicht verfolgt wird. Sie selbst sind sehr gefräßig und nähren +sich von Gräsern, Kräutern und Tamarindenzweigen. Wahrscheinlich kommen +zwei verschiedene Arten vor, die vom Tiefland bis zu 12,000 Fuß Meereshöhe +aufsteigen. + +Heuglin war der erste, welcher die Bemerkung machte, daß der +Klippschliefer in bestem Einvernehmen mit einer Ichneumon-Art (_Herpestes +Zebra_) und einer Eidechse (_Stellio cyanogaster_) auf seinen Felsen +zusammen lebt. Nähert man sich einem solchen Felsen, so erblickt man +zuerst einzeln oder gruppenweise vertheilt die munteren und possirlichen +Klippschliefer auf Spitzen und Absätzen sich gemüthlich sonnend oder mit +den zierlichen Pfötchen den Bart kratzend; dazwischen sitzt oder läuft ein +behender Ichneumon und am steilen Gestein klettern oft fußlange +Stellionen. Wird ein Feind der Gesellschaft von dem auf dem erhabensten +Punkte des Felsbaues als Schildwache aufgestellten Klippdachs bemerkt, so +richtet sich dieser auf und verwendet keinen Blick mehr von dem fremden +Gegenstand, aller Augen richten sich nach und nach dahin, dann erfolgt +plötzlich ein gellender Pfiff der Wache, und im Nu ist die ganze +Gesellschaft in den Spalten des Gesteins verschwunden. Untersucht man +letzteres genauer, so findet man Klippschliefer und Eidechsen vollständig +in die tiefsten Ritzen zurückgezogen, der Ichneumon dagegen setzt sich in +Vertheidigungszustand und kläfft zornig den Feind an. Hat dieser sich +entfernt, so rekognoszirt zunächst die Eidechse das Terrain, ob Alles +sicher sei, dann erscheint der Ichneumon und zuletzt, vorsichtig den Kopf +hervorstreckend, der Klippschliefer. Der Ichneumon, obgleich ein arger +Räuber, verkehrt mit ihm in der größten Eintracht; dagegen ist der Leopard +sein Hauptfeind, der trotz aller Vorsicht dann und wann einen +Klippschliefer fängt und mit Ausnahme von Wolle und Magen verspeist. +Uebrigens werden diese Thiere durch Raben gewarnt, die unablässig +schreiend auf den Leoparden stoßen, sobald sie seiner ansichtig werden. + + [Illustration: Klippschliefer (_Hyrax abessinicus_).] + +Den Beschluß unter den Säugethieren macht der Riese unter denselben, der +_Elephant_ (amharisch Sochen). Aus den heißfeuchten Niederungen steigt er +auf seinen Wanderungen regelmäßig bis hoch ins Gebirge hinauf; Steilungen, +welche einem Pferde unersteiglich sind, werden von ihm ohne Mühe +überwunden; denn wie ein berechnender Straßenbaumeister geht er zu Werke, +bedächtig und verständig wählt er den Weg. Vor allem in den nördlichen +Grenzländern, in Kunama, Bogos, Mensa ist er häufig; dort jagt ihn der +wilde Schankalla, indem er ihm die Flechsen der Hinterbeine durchsäbelt; +aber Bogos und Mensa, welche das Feuergewehr noch nicht besitzen, lassen +ihn ungestört seine Wanderungen machen. Die reiche Natur bietet ihm Alles, +was er bedarf, in Fülle, und wenn oben in der Höhe die Nahrung knapp wird, +wenn die Wasser sich unter der Thalsohle bergen und der zweimal im Jahre +eintretende Frühling, d. h. die Regenzeit, noch fern ist, zieht sich das +gewaltige Thier nach den wasserreichen Niederungen zurück. Wie der +Elephant in Nordabessinien häufig den Feldern schädlich wird, so verwüstet +er im Süden die Zuckerrohrpflanzungen; da er selten gejagt wird, so steht +seiner Vermehrung nichts im Wege und der Handel Abessiniens mit Elfenbein +ist gering. + +Nach von Heuglin lebt im Tanasee auch ein manatiartiges Thier, über das +wir jedoch noch keine nähere Kunde haben. + + [Illustration: Afrikanische Büffel.] + + + + + + [Illustration: Landschaft in der Provinz Wochni (Westabessinien). Nach + v. Heuglin.] + + + + + + DAS VOLK, SEINE SITTEN UND GEBRÄUCHE, HANDEL UND INDUSTRIE. + + + Physischer Charakter des Volks. - Die Juden oder Falaschas. - + Muhamedaner. - Gamanten. - Heidnische Ueberreste. - Waito. - Die + Sprachen Abessiniens. - Literatur und Malerei. - Charakter und + Sittenlosigkeit der Abessinier. - Blutrache. - Justiz. - + Aberglauben. - Das Verzehren von rohem Fleische. - Nahrungsweise. + - Krankheiten und Aerzte. - Kleidung. - Industrie und Handel. + + +Abessinien, von der Natur zur Bühne eines einheitlichen Lebens geschaffen, +durch seine Felsenwälle streng abgeschieden von den Nachbarländern, ist +dennoch der Sitz verschiedener Völkerstämme und Nationalitäten, die +keineswegs immer miteinander harmoniren und auch sprachlich voneinander +geschieden sind. Einzelne versprengte, angesessene oder später +eingedrungene Stämme abgerechnet, gehören die Abessinier dem äthiopischen +Zweig der semitischen Rasse an. Die Mehrzahl der Bevölkerung ist ein +schöngeformter, mittelgroßer Menschenschlag von hellbräunlicher bis +dunkelschwarzbrauner Farbe. Das Charakteristische seines Aeußern besteht +hauptsächlich in einem ovalen Gesicht, einer fein zugeschärften Nase, +einem wohlproportionirten Munde mit regelmäßigen, nicht im geringsten +aufgeworfenen Lippen, lebhaften schwarzen Augen, schön gestellten Zähnen, +etwas gelocktem oder auch glattem Haupthaar und einem schwachen krausen +Barte. Das weibliche Geschlecht zeichnet sich nicht selten durch reizende +Gesichtszüge, schlanken Bau und äußerst zierliche und elegante Hände sowie +Füße aus. Negerphysiognomien gewahrt man nur an den eingeführten Sklaven +und deren Nachkommen. + +Ehe wir uns jedoch zu dem eigentlichen, sich zum Christenthum bekennenden +Hauptvolke wenden, müssen wir die verschiedenen, theils durch die +Religion, theils auch durch ihre Nationalität von ihm abweichenden +Völkersplitter des Landes betrachten. + +Eine gewiß auffällige Erscheinung in Abessinien sind die dortigen Juden +oder _Falaschas_, d. h. Wanderer oder Verbannte, die früher eine +bedeutende Rolle spielten, aber von ihrer einstigen Höhe sehr +herabgesunken sind. Fast alle Reisenden beschäftigten sich mit ihnen, und +namentlich waren es die protestantischen Missionäre, die ihnen ihre +Aufmerksamkeit zuwandten. Gobat gab zunächst einige Nachrichten von diesem +Volke, doch bemerkt er, daß die Falaschas so von den Christen abgesondert +lebten, daß letztere weder von ihrem Glauben noch von ihren Gebräuchen +etwas wüßten. Sie haben sich hauptsächlich in der Gegend von Gondar, +Tschelga und auf der nordwestlichen Seite des Tanasees niedergelassen. Die +Falaschas behaupten, ihre Stammväter seien schon zur Zeit Salomo's mit +König Menilek, dem Sohne der Königin von Saba, ins Land eingewandert; +andere unter ihnen meinen, sie seien erst nach dem Sturze Jerusalems von +den Römern in die abessinischen Gebirge verjagt worden. Doch unterscheiden +sie sich von den übrigen Juden durch ihre Unbekanntschaft mit der +hebräischen Sprache und dadurch, daß die endliche Erscheinung des Messias +für sie keinerlei Reiz hat; denn fragt man sie hierüber, so erwidern sie +kalt, daß sie ihn in der Person eines Eroberers, Theodor genannt, dem auch +die abessinischen Christen entgegenblicken, in kurzer Zeit erwarteten. +Dieser Theodor war nun freilich gekommen, aber mit ihm kein Messias für +die Juden. Alle reden die amharische Sprache, unter sich jedoch gebrauchen +sie eine eigene Mundart (den Koara-Dialekt), welche vom Hebräischen und +Abessinischen gleich weit entfernt ist. Gobat bemerkt: "In ihre Wohnungen +kann kein Christ, ausgenommen mit Gewalt, hineintreten; auch haben die +Christen nicht große Lust dazu, weil sie alle als Zauberer gefürchtet +sind. Sie selbst tragen keine Waffen und bedienen sich derselben nicht +einmal zur Vertheidigung. Für ihre Armen wird von ihnen gesorgt und diese +dürfen nie betteln gehen." + +Der Missionär Stern, ein Hesse von Geburt und zum Christenthum +übergetretener Israelit, versuchte mit seinem Collegen Rosenthal, die +Falaschas zu bekehren, machte jedoch wenig Proselyten, veröffentlichte +aber ein Buch ("_Wanderings among the Falashas_"), in welchem wir die +besten Nachrichten über das seltsame Volk finden. Nach ihm rühmen sich die +Falaschas, unmittelbar von Abraham, Isaak und Jakob abzustammen und ihr +altjüdisches Blut rein erhalten zu haben. Mischheirathen mit andern +Stämmen sind durchaus verboten; ja es gilt schon für Sünde, das Haus eines +Andersgläubigen zu betreten. Wer eine solche Sünde begeht, muß sich einer +Reinigung unterwerfen und ganz frische Kleider anziehen; dann erst darf er +wieder in seine Wohnung gehen. Diese Ausschließlichkeit hat übrigens gute +Folgen gehabt, denn sie bewahrte die Falaschas vor der Ausschweifung und +Sittenlosigkeit, welche sonst in Abessinien allgemein sind. Jedermann +gesteht ein, daß die Falaschas, Frauen wie Männer, die zehn Gebote streng +befolgen. Heirathen in früher Jugend sind bei ihnen nicht gestattet, da +Männer erst zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten, Mädchen zwischen dem +fünfzehnten und zwanzigsten Jahre sich vermählen. Ehescheidungen kommen +nicht vor; Vielweiberei, wie bei den abessinischen Christen, ist nicht +erlaubt; Frauen und Mädchen gehen unverschleiert frei umher. Die Tempel +haben wie die christlichen Kirchen drei Abtheilungen; der Eingang liegt +nach Osten, und auf der Spitze des kegelförmigen Daches ist allemal ein +rother Topf angebracht. + +Barbarisch ist eine Sitte, welche mit den überstrengen Begriffen von +Reinigung zusammenhängt. Neben jedem Falaschadorfe befindet sich eine +"unreine Hütte". Dorthin schafft man die Kranken, deren Tod für +unabwendbar gilt und läßt sie verlassen liegen; kein Verwandter darf bei +ihnen sein und nur Menschen, welche für unrein gelten, dürfen sich um sie +kümmern. Merkwürdig erscheint die Thatsache, daß diese abessinischen Juden +_dem Handel äußerst abgeneigt sind_ und ihn geradezu verachten. Stern +schreibt: "Diese Falaschas sind von exemplarischer Sittlichkeit, ungemein +sauber, sehr andächtig und glaubensstreng und dabei sehr fleißig und +thätig. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht und auch einige Handwerke: man +findet z. B. unter ihnen Weber, Töpfer und Schmiede. Der Handel gilt ihnen +für unverträglich mit dem mosaischen Glauben, und man findet unter dieser +Viertelmillion Menschen nicht einen einzigen Kaufmann." Es kann bei +Leuten, welche so abgeschlossen leben, nicht befremden, daß sie alle +andern Religionen verabscheuen; ohnehin sind sie zumeist von Götzendienern +umgeben, und auch die christlich-abessinische Kirche hat in ihrem Verfall +nichts Anlockendes. Im Aeußern und seinem Typus nach unterscheidet sich +der Falaschas übrigens von den andern Abessiniern keineswegs. + +Was die oft verfolgten _Muhamedaner_ Abessiniens betrifft, so stehen sie +in den meisten Beziehungen über den einheimischen Christen. Bei dem +niedrigen Charakter der christlichen Abessinier ist die Regierung oft +genöthigt gewesen, die verschiedenen Aemter, deren Verwaltung, Treue und +Redlichkeit erfordert, namentlich Zollämter, durch Muhamedaner zu +besetzen. Dieselben wohnen theils zerstreut, theils in ganzen Ortschaften +angesessen. So besteht der Flecken Takeragiro in der Landschaft Tembién +nur aus Muhamedanern, deren Frauen sich mit Landwirthschaft und +Baumwollenspinnen beschäftigen. Die Männer sind meist Kaufleute, die im +Lande umherziehen und eine gewisse praktische Gewandtheit erlangen. +Arbeitsamkeit zeichnet alle aus und einen weiteren Vorzug vor den Christen +haben sie dadurch, daß jeder Muhamedaner seine Söhne lesen und schreiben +lernen läßt, während jene dieses nur dann lernen, wenn sie sich dem +geistlichen Stande widmen wollen. Der Muhamedanismus nimmt fortwährend zu, +was bei dem versunkenen Zustande des abessinischen Christenthums +keineswegs zu verwundern ist. Muhamedaner und Christen leben auf gutem +Fuße miteinander, wenn auch keine der beiden Parteien animalische Speise +von der andern nimmt, weil die Muhamedaner beim Schlachten des Viehs sich +der Formel bedienen: "Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen", die Christen +aber: "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Früher +wohl, zu Muhamed Granje's Zeiten, stürmten die Bekenner des Korans mit +Waffengewalt gegen das christliche Abessinien und wurden zurückgeschlagen; +jetzt aber breitet sich der Islam stillschweigend aus, da er den +christlichen Abessiniern überlegen ist. "Er benutzt", sagt Munzinger, "die +Schwächen seines uneinigen Gegners, er erringt nur vereinzelte Erfolge und +dennoch darf man nicht verschweigen, daß er einer steten Zunahme sich +erfreut. Während er schon halb Afrika beherrscht und immer südlicher +dringt, hat er sich wol den dritten Theil der Bevölkerung des eigentlichen +Abessinien schon unterworfen und die Grenzen gegen alle Weltgegenden sind +dem Christenthum jedenfalls für immer verloren. Die Galla werden in kurzer +Zeit alle muhamedanisch sein, die Grenzvölker im Norden, die Habab und die +Marea, sind erst in unserer Zeit dem Kreuz abtrünnig geworden und die +Bogos selbst sind kaum zu retten." + +Außer den Muhamedanern und Juden giebt es in Abessinien noch besondere +religiöse Sekten. Zu diesen gehören die _Gamanten_, die sich über mehrere +Provinzen des südlichen und westlichen Abessinien und selbst über Schoa +ausgebreitet haben und als Heiden verachtet werden. Sie glauben nur an +einen Gott und die Unsterblichkeit; Moses ist ihr von Gott inspirirter +Prophet, doch erkennen sie kein Religionsbuch an, haben keine Festtage, +ruhen aber am Sonnabend vom Ackerbau aus. Nach Krapf und Isenberg +verrichten sie ihre Religionsübungen im dichtesten Gebüsche, welches kein +Sonnenstrahl durchdringt. Eine besondere Verehrung zollen sie +verschiedenen Pflanzen, die zu beschädigen sie ängstlich vermeiden. Unter +diesen nimmt die Aloë die erste Stelle ein und zwar deshalb, weil sie +dieselbe als von einer menschlichen Seele belebt denken und für den +Stammvater des menschlichen Geschlechtes halten. Da die Gamanten keine +Fasten halten und das auf jede Art geschlachtete Fleisch essen, werden sie +schon um deswillen von den Juden verachtet. Trotz der Verfolgungen, denen +sie ausgesetzt sind, leben sie als ruhige, fleißige und bescheidene +Ackerbauer, von ihren andersgläubigen Nachbarn durch mancherlei Sitten +geschieden. So durchbohren z. B. die Frauen nach ihrer ersten Niederkunft +das Ohr und zwängen in die Oeffnung nach und nach immer größere +Holzpfropfen, die schließlich einen Durchmesser von drei Zoll und mehr +erlangen, sodaß das Ohrläppchen oder jetzt der Ohrlappen bis auf die +Schulter herabhängt, wie dies ähnlich bei südamerikanischen Völkern +gefunden wird. Die Sprache der Gamanten, das Koara, ist mit jener der +einheimischen Juden übereinstimmend, aus denen sie hervorgegangen sein +sollen. Aeußerlich zeichnen sie sich durch hohen Wuchs, schlanken ovalen +Kopf, eine etwas aufwärts gekrümmte Nase und einen kleinen Mund aus. Sie +haben schöngelockte, etwas gekräuselte Haare und große lebhafte Augen. Die +Hauptsitze der Gamanten sind in der Umgebung Gondars, dann in Tschelga, +Koara und bei Wochni, wo sie speziell die Pflicht haben, die Bergpässe zu +hüten. Ackerbau und Viehzucht sind ihre liebste Beschäftigung, +gelegentlich auch Straßenräuberei. + + [Illustration: Schangalla vom Mareb, Zither spielend, und Raucher aus + Tigrié. Originalzeichnung von Eduard Zander.] + +Spuren vom ehemaligen _Heidenthum_ lassen sich bei den abessinischen +Christen immer noch erkennen. Rüppell sah z. B., wie im Thale Saheta, in +der Provinz Haramat, die Frauen der Umgegend sich in großer Anzahl an eine +wasserreiche Quelle, welche unter einer schönen Baumgruppe hervorsprudelt, +begaben, dort Hände und Füße wuschen und sich dann vor einem +grobbehauenen, mit zwei eiförmigen Vertiefungen versehenen Sandsteinwürfel +einige Mal auf die Erde niederwarfen. Rüppell hielt den Stein für einen +Opferaltar, konnte jedoch über den Kultus nichts Näheres erfahren, +obgleich seine Begleiter erklärten, es handle sich hier um einen Rest +heidnischer Abgötterei. + +Eine besondere Sekte, welche den allgemeinen Namen _Waito_ führt und als +heidnisch verschrieen ist, wohnt rings um den Tanasee. Von den Gamanten +unterscheiden sie sich dadurch, daß sie keinerlei religiöse Ceremonie +haben. Auch essen sie Wasservögel, Nilpferdfleisch, wilde Schweine +u. s. w., was alles ihren Nachbarn als Gräuel erscheint. Sie haben keine +eigene Sprache, sondern reden das Amharische, wie sie sich denn auch weder +durch Gesichtszüge, noch durch andere körperliche Eigenschaften von den +übrigen Abessiniern unterscheiden. + +Als heidnisch ist noch die _Schlangenverehrung_ zu nennen, die Pearce in +der Provinz Enderta zu beobachten Gelegenheit hatte, und auch Bruce +berichtet, daß die _Agows_ (im westlichen Abessinien) in ihren Hütten +zahme Schlangen aufziehen, denen sie göttliche Verehrung zollen. Ein +Fremder bemerkt zwischen diesen eigenthümlichen Menschen und den echten +Abessiniern keinen großen Unterschied, außer daß die Agows im ganzen +vielleicht ein stärkerer, aber nicht so ruhiger Menschenschlag sind als +jene. Ihre Sprache jedoch, wie bei den Falaschas und Gamanten das Koara, +ist durchaus verschieden und klingt sanfter und weniger kräftig als die +von Tigrié. Die Agows in der Provinz Avergale werden unter der Benennung +der Tschertz unterschieden, und das Land, welches sie bewohnen, erstreckt +sich von Lasta bis an die Grenzen von Schirié. Nach der Sage waren die +Agows einst Verehrer des Nil, aber im 17. Jahrhundert wurden sie zur +christlichen Religion bekehrt. Die Agows hegen eine sehr hohe Meinung von +ihrer ehemaligen Wichtigkeit und behaupten, nur von den Bewohnern +Tigrié's, sonst niemals, unterjocht worden zu sein. Es ist leicht möglich, +daß dieses Volk einen Theil der Urbevölkerung Abessiniens ausmacht. + +Hier muß der Ausdruck _Schangalla_ oder _Schankela_ erwähnt werden, unter +dem man sich fälschlicherweise einen besondern Volksstamm im Nordwesten +Abessiniens vorstellte und worunter man namentlich die Bazen oder Kunama +verstand. Allein es ist nur ein generischer Name, welcher auf die +heidnischen, außerhalb Abessinien wohnenden Völker, namentlich die Neger +und Negersklaven, angewandt wird. + +Abessinien besitzt gegenwärtig _zwei Hauptsprachen_, die sich wieder in +mehrere zum semitischen Stamme gehörige Dialekte trennen. Als +ausgestorbene (seit wann ist unbekannt) Ursprache gilt die _äthiopische_ +oder das Geéz, das zur Zeit der Einführung des Christenthums geredet und +in welchem alle Bücher abgefaßt wurden. Ueber dieselbe hat Hiob Ludolf, +der sich um die ältere Kunde Aethiopiens die größten Verdienste erwarb, im +Jahre 1691 eine noch heute vielfach mustergiltige Grammatik verfaßt. +Denkmäler der alten äthiopischen Sprache, in Stein eingegraben, sind an +verschiedenen Orten des Landes aufgefunden und entziffert worden; +besonders aber in der alten Königsstadt Axum in Tigrié. Auf einem +Schutthaufen daselbst entdeckte Rüppell drei gleichgroße Kalksteinplatten, +jede über vier Fuß lang und mit ziemlich wohl erhaltenen äthiopischen +Lettern bedeckt. Ein abessinischer Geistlicher entzifferte später diese +Inschriften, und die von ihm veranstaltete Uebersetzung stimmt ziemlich +mit jener des Professors Rödiger in Halle überein. Wir geben, um die +altäthiopischen Schriftzeichen zu zeigen, hier den Anfang der einen Tafel +wieder, welche von dem Kriegszuge des Königs La San nach Magasa handelt, +von wo er mit großer Beute heimkehrte: + + [Illustration: Inschrift des Königs La San] + +Die Uebersetzung lautet: + + 1. La San, Sohn des Siegreichen, des Gottbefreundeten + 2. Halen König von Axum und von Hamara + 3. und von Raidan, und von Saba, und von Sala- + 4. hen, und von Tiamo, und von Bega und von Kas. + 5. Der Sohn des Ungläubigen bisher unbesiegt + 6. bekämpfte als Feind; ihr Oberhaupt ward + 7. verjagt, das uns ungünstig war, und ihre Tapfern erschlagen; + 8. Darauf ergriffen sie die Flucht. Vorher + 9. schickten sie aber das Heer; ihr Anführer, der Tapfere + 10. zog aus mit Gezelt und dem Anführer der Vornehmsten. + +Das Geéz hat 26 einfache Buchstaben, denen 6 Vokalzeichen angehängt +werden, wozu noch vier Doppellaute kommen. Man liest von links nach rechts +und jedes Wort wurde vom nächstfolgenden früher durch einen vertikalen +Strich, jetzt durch zwei übereinanderstehende Punkte getrennt. Wie +bemerkt, ist die Sprache jetzt ausgestorben, doch gilt sie noch als +Kirchensprache und wird von der Geistlichkeit aufrecht erhalten, welche +die von Isenberg eingeführten, in die modernen Sprachen übersetzten Bibeln +als Ketzerwerke erklärten. An die Stelle des ausgestorbenen Geéz traten +zwei lebende Sprachen, das _Amharische_ und _Tigrische_, von denen das +erstere in den vom Takazzié südlich und westlich, das letztere in den von +diesem Flusse östlich gelegenen Landschaften geredet wird. Das Amharische, +das am meisten gesprochen wird, obgleich ein Dialekt des Aethiopischen und +also semitischen Charakters, hat doch mehr Fremdartiges als seine Mutter- +oder seine Schwestersprache, das Tigrische, angenommen, welches die größte +Aehnlichkeit mit dem alten Geéz behalten hat. Das Tigrische ist reich an +kräftigen Gutturalen und hat eine Abart in dem Dialekte von Guragué, einer +südabessinischen Landschaft; das Amharische dagegen, zur Regierungssprache +erhoben, hat in der Sprache von Härrär, östlich vom Hawaschflusse, eine +Tochter. + +Während die tigrische Sprache nicht geschrieben wird, hat die amharische +sogar noch 6 Zeichen mehr als das Geéz mit sechserlei denselben +angehängten Vokalzeichen, wozu noch 4 Diphthongformen kommen. Die +Charaktere sind wie das ganze Alphabet syllabarisch, nämlich _Schaat_ +lautet in der Form [Äthiopisch: sha] _scha_. [Äthiopisch: shu] ist = +_schu_ u. s. w. Ebenso wird aus _Tjawi_ in der Form [Äthiopisch: ca] +(_tja_) durch Hinzufügung eines kleinen Zeichens in der Mitte rechts +[Äthiopisch: cu] _tju_, [Äthiopisch: ci] ist _tji_, [Äthiopisch: caa] +_tjâ_, [Äthiopisch: cee] _tje_ u. s. w. Die andern fünf dem Amharischen +eigenthümlichen Charaktere sind: _Gnahas_ [Äthiopisch: nya] (_gna_; es ist +also [Äthiopisch: nyu] _gnu_ und [Äthiopisch: nyee] _gne_ auszusprechen); +_Chaf_ [Äthiopisch: xwa], _cha_; _Jai_ [Äthiopisch: zha], _ja_ +(französisch auszusprechen); _Djent_ [Äthiopisch: ja], _dja_ und _Tschait_ +[Äthiopisch: cha], _tscha_. Das Aethiopische und Amharische wird von der +Linken zur Rechten gelesen. Wenn _sakaja_, anklagen, geschrieben wird +[Äthiopisch: sa][Äthiopisch: xwa][Äthiopisch: ya], so bezeichnet also das +dem großen _P_ im Lateinischen gleichende Zeichen die Silbe _ja_ und man +wird sofort einsehen, daß [Äthiopisch: yu] wieder _ju_, [Äthiopisch: yaa] +_jâ_ ist. + +Als untergeordnete Dialekte müssen noch erwähnt werden, das Baze-Tigré +(nicht zu verwechseln mit dem Tigrischen oder Tigrenja), die in der +Samhara und weiter nördlich herrschende Sprache, das erwähnte Idiom der +Falascha oder Juden, der Gamanten und Agows, die den Koara-Dialekt +(Hauaraza) sprechen, und die Sprache der Gallastämme im Süden von Habesch, +über die weiter unten mehr gesagt wird. + +Soviel über die Sprachen des Landes. Von einer _Literatur_, welche das +ganze Volk durchdringt, kann keine Rede sein, zumal Lesen und Schreiben +ein Privilegium der höher gestellten Klassen, namentlich der Geistlichkeit +ist. In früheren Zeiten war die geistige Regsamkeit in Abessinien eine +ungleich rührigere als heutzutage, und aus jenen Perioden stammen auch die +meisten Bücher, Chroniken und Bibelabschriften, von denen aber viel im +Laufe der Kriege verloren gegangen ist. Alle abessinischen Manuskripte +sind auf Pergament geschrieben und zwar meistentheils recht sauber und +elegant. Die Linien laufen ganz symmetrisch miteinander parallel und auf +der ersten Seite, sowie am Anfange jedes Kapitels sind immer die Zeilen +abwechselnd mit rother und schwarzer Tinte geschrieben. Zum Schreiben +bedient man sich eines zugespitzten Rohrhalmes. Häufig sind kolorirte +Vignetten in den Text angebracht, die in älterer Zeit weit schöner als +jetzt gemalt wurden. Viel Sorgfalt verwendet man auf die Ledereinbände, in +welche man mit heißen Eisen zierliche Arabesken einbrennt. Die Art und +Weise, wie die Geistlichkeit mit den seltensten alten Werken umgeht, ist +geradezu barbarisch; sie verschleudert sie oft um einen Spottpreis oder +läßt sie verschimmeln. Durch die Bemühungen der deutschen Missionäre, +namentlich des wackeren Isenberg, sind in London auch mehrere Bücher in +amharischer Sprache gedruckt worden, darunter eine vollständige +Bibelübersetzung, eine kleine Geographie und ein Abriß der Weltgeschichte. +Obgleich man diese zu Tausenden verbreitet hat, so haben sie dennoch +keinen Nutzen gestiftet, da die den Missionären feindlich gesinnte +abessinische Geistlichkeit den Gebrauch hinderte und die Werke +vernichtete. So liegen sie da als ein Werk deutschen Fleißes, ohne +lebendige Anwendung zu finden. + + [Illustration: St. Georg (aus einem abessinischen Manuskripte). Nach + Harris.] + +Nach Krapf umfaßt die ganze abessinische Literatur 130 bis 150 Werke, von +denen viele nur Uebersetzungen der griechischen Kirchenväter sind. Die +sämmtlichen Bücher werden in vier Sektionen oder Gabaioch getheilt, deren +erste das Alte, deren zweite das Neue Testament allein ausmacht. Die +dritte enthält juristische Schriften, wie das Gesetzbuch, den Chrysostomus +u. s. w., die vierte endlich besteht aus Mönchsschriften und dem Leben der +Heiligen. Die großen Sammlungen von äthiopischen und amharischen +Schriften, welche die Gebrüder d'Abbadie nach Frankreich, Rüppell nach +Frankfurt, Krapf nach Tübingen brachten, lassen uns jetzt einen tiefen +Einblick in das Schriftthum jenes abgelegenen christlichen Volks thun. Da +finden wir "den Glauben der Väter" (_Haimanot Abau_), eine Dogmensammlung +der abessinischen Kirche, das Leben des Königs Lalibela (_Gadela +Lalibela_), der im 13. Jahrhundert nach dem Untergange der Judendynastie +lebte, die Biographie Tekla Haimanot's, eine Menge wichtiger Chroniken +u. s. w. + +Die Art und Weise, wie die Abessinier ihre Gemälde entwerfen, die oft auch +die Pergamentmanuskripte schmücken, beschreibt Salt. Der Maler machte +zunächst einen genauen Entwurf seiner Zeichnung mit Kohle und überzog +denselben dann mit Tusche. Der Gegenstand stellte zwei abessinische Reiter +im Kampfe mit den Galla dar; die Kleider der Krieger, das Geschirr der +Pferde, der Gesichtscharakter waren getreu nachgeahmt. Die Abessinier +vergrößern in ihren Gemälden auf eine besondere Art das Auge und zeichnen +die Figuren _en face_; nur Juden, Teufel u. s. w. werden im Profil gemalt. +Die Farben sind äußerst grell: Grün, Roth, Blau und Gelb herrschen vor. + + -------------- + +Wenden wir uns nun zur Betrachtung des _Charakters der Abessinier_, so +treffen wir hier auf sehr widersprechende Urtheile, doch kann im +allgemeinen behauptet werden, daß derselbe nach unsern europäischen +Begriffen ein keineswegs vorzüglicher ist. Während z. B. Munzinger und +Heuglin dem Volke mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sind die Urtheile +von Bruce, Rüppell, Krapf, Isenberg sehr herbe, und auch im eigenen Lande +giebt es Leute genug, welche in die Verdammung einstimmen. Dahin gehörten +vor allem der König Theodoros II. selbst und der im Jahre 1867 gestorbene +Abuna (Erzbischof). Einzelne vorzügliche, durch Liebenswürdigkeit, edlen +Charakter und Gelehrsamkeit ausgezeichnete Persönlichkeiten hat es jedoch +immer gegeben und sie beweisen, daß in dem befähigten Volke noch nicht +alle besseren Eigenschaften eingeschlummert sind. Der höchste Kirchenfürst +des Landes, allerdings ein Ausländer, von dem selbst kein sehr +erfreuliches Bild entworfen wird, schrieb 1843 an Isenberg: "Die +Abessinier sind ein Volk, das weder nach Erkenntniß verlangt, noch Liebe +zum Lernen zeigt, noch auch begreifen kann, daß Sie sein Bestes suchen. +Was es will, ist, daß Sie ihm von Ihrer Habe mittheilen, nichts anderes. +Wie kurz oder wie lange Sie sich auch in Abessinien aufgehalten haben +mögen - können Sie immer noch glauben, daß die Abessinier seien wie andere +Menschen, welche lernbegierig sind und nach Erkenntniß verlangen?" +Isenberg selbst ist von dem Volke keineswegs erbaut und hatte bei der ihm +widerfahrenen Behandlung auch wenig Ursache hierzu. Rüppell, ein sehr +nüchterner Beobachter, faßt sein Urtheil folgendermaßen zusammen: "Die +Hauptzüge des moralischen Charakters der Abessinier sind: Indolenz, +Trunkenheit, Leichtsinn, ein hoher Grad von Ausschweifung, Treulosigkeit, +Hang zum Diebstahl, Aberglaube, dummstolze Selbstsucht, große Gewandtheit +im Verstellen, Undankbarkeit, Unverschämtheit im Fordern von Geschenken +und eine des sprüchwörtlichen Gebrauches würdige Lügenhaftigkeit." +Mildernd setzt er hinzu: "In der Regel ist ihnen übrigens ein leutseliges, +ungezwungenes Betragen eigen, weshalb eine oberflächliche Beurtheilung zu +ihren Gunsten ausfällt." Dann weiter: "Zur Erregung eines bessern +moralischen Gefühls trägt gar nichts in ihrem Leben bei, und ich muß +durchaus dem beistimmen, was der Missionär S. Gobat als das Resultat eines +beinahe einjährigen Aufenthalts in Gondar über den sittlichen Zustand +dieser Stadt ausspricht, nämlich: "Alle Abessinier, wenn sie keine +Regierungsgewalt zu fürchten haben, treiben das Räuberhandwerk. Ich kenne +die Abessinier zu gut, als daß ich einen großen Werth auf ihre süßen Worte +legen sollte. Ich bin traurig und niedergeschlagen, weil es mir vorkommt, +als sei jeder Rettungsversuch vergeblich."" Rüppell führt eine Menge diese +Aussprüche charakterisirende Einzelheiten an, welche allerdings schlagende +Illustrationen bilden; allen Ständen schreibt er gleich große Rohheit zu. +Auch die Trägheit der Abessinier ist unglaublich. Jeder Ackerbautreibende +bestellt nicht mehr Feld, als für den Bedarf seiner Familie nöthig ist, +und an ein Aufspeichern von Vorräthen ist nicht zu denken. Jede Art von +Handarbeit halten sie für etwas Entehrendes, und daher kommt es denn, daß +fast die ganze Industrie des Landes in den Händen der Muhamedaner und +Juden ist. Betrug im Handel, Verfälschung der Waaren sind gang und gäbe. + +Alledem gegenüber klingt als Lobrede, was Werner Munzinger, allerdings +einer der ersten Kenner des Landes und Volkes, sagt: "Ueber dieses Land +darf ich wohl reden, denn auch sein Mensch steht uns kaum so fern. Er +denkt, er träumt, er liebt und haßt ja auch; er fühlt wie wir, nur roher +und oft viel natürlicher und freimüthiger. Soll denn das schwarze Gesicht +immer ein schwarzes Herz bergen? Auch dort findest du mitleidige Herzen! +Wenn der schneidende Abendwind dichte Nebel auf die Hochebene hinabregnet, +da kann der Wegfahrer getrost anklopfen und auch des erfrorenen Bettlers +harrt ein freundlicher Gruß, ein fröhlich loderndes Feuer und ein warmes, +in Milch eingebrocktes Brot. Auch dort giebt es Ritter, Beschützer der +Frauen und Schwachen. Der Mißhandelte findet seinen Advokaten. Auch +Freunde kannst du erwerben, wenn auch nicht schnell, die am Tage der +Gefahr dich beschirmen. Treue Liebe, glückliche Gatten sind nicht selten, +und wie oft folgt die trauernde Gattin ihrem Herrn freiwillig in den +frühen Tod! Du siehst in Hungersnöthen die Mutter mit hohlen Wangen, die +Kinder frisch und munter, denn das letzte Brot spart sie für ihre Lieben +auf. Unermüdet wacht die Gattin bei ihrem kranken Manne. Brave Söhne +opfern jahrelange Arbeit, um ihrem alten Vater sorgenfreie Tage zu +bereiten, Gefühl fehlt nicht und auch nicht Muth und Frohsinn; sie singen +und tanzen die sternenhelle Nacht durch; Rhapsodien loben den Helden, den +Löwentödter, den Menschenbezwinger. Freude und Leid wird ausgesungen; das +Lied dient auch der Klage, es begleitet die Arbeit, es bejubelt die +Hochzeit." Im grellen Gegensatz steht - gegenüber fast allen andern +Berichten - was Munzinger hier über die ehelichen Verhältnisse bemerkt, +und es scheint uns fast, als sei wenigstens hier ein rosiger Schimmer über +seine Darstellungen ausgebreitet. + +Hier muß erwähnt werden, daß die _Blutrache_ in ganz Abessinien allgemein +herrscht und daß eine ausgebreitete und mächtige Verwandtschaft daher als +ein sehr bedeutendes Schutzmittel gilt. Zu Isenberg kam einst eine Frau in +der größten Angst gelaufen mit der Bitte, er möge für ihren Mann beten, +der am Morgen ohne Begleitung und ohne Waffen ausgegangen sei; dies habe +sein ihm feindlicher Vetter benutzt, um ihm bewaffnet zu folgen. "Wir +erfuhren, daß diese Feindschaft zwischen den beiden Vettern von ihren +Vätern herrührt, die einander in tödtlicher Feindschaft umgebracht haben +sollen. Auch die Vettern haben in ihren Streitigkeiten schon zehn ihrer +Leute verloren." Salt lernte einen jungen Häuptling (Schum) Namens +Schelika Negusta kennen, der einen Feind im Zweikampfe erschlagen hatte. +Mehrere mächtige Verwandte des Gebliebenen bemächtigten sich seiner Person +und führten ihn vor den Ras, welcher ihn nach dem Gesetze zum Tode +verdammte und zwar wurde er nach mosaischem Gebrauch den Verwandten des +Ermordeten übergeben, damit diese nach Gefallen mit ihm umgehen möchten. +Gewöhnlich wird bei solchen Gelegenheiten der Thäter nach dem Markte +geführt und dort zu Tode gespeert, und so sollte es auch dem Schelika +Negusta ergehen, als die Osoro's (Prinzessinnen), von seiner Schönheit +gerührt, sich hinter die Geistlichkeit steckten und durch deren +Banndrohungen es vermochten, daß der der Blutrache Geweihte gegen eine +hohe Geldsumme freigegeben wurde. + +Die _Justiz_ wird in Abessinien ungemein willkürlich gehandhabt. Ein +oberster Gerichtshof hatte in der Residenz seinen Sitz und entschied in +weltlichen Angelegenheiten als letzte Instanz. Bezüglich der Todesurtheile +steht dem Könige die Entscheidung zu. Dieser hält wöchentlich mehrere Mal +öffentliche Audienz in seinem Palaste, wobei Jedermann Zutritt hat. Hier +läßt er sich Klagen und Vertheidigung vortragen, verhört die vorgeladenen +Zeugen und giebt nach Berathung mit den Gerichtsbeisitzern seinen Spruch +ab, dem jedoch die ausübende Kraft fehlt und der daher mehr als Gutachten +angesehen werden muß. Ist der König verreist, so wählen sich die Parteien +selbst ihren Schiedsrichter. In den Provinzen entscheidet der Gouverneur +und zwar gleichfalls öffentlich, in der Regel auf einem Hügel in der Nähe +der Stadt. Rüppell wohnte einer solchen Gerichtssitzung zu Angetkat in +Semién bei. Der Gouverneur saß auf einem Flechtstuhle und ringsumher lagen +die Zuhörer im feuchten Grase. Es handelte sich um eine Ehescheidung, bei +der sowol Mann wie Frau ihre Sache persönlich vortrugen und zwar beide mit +vieler natürlicher Beredsamkeit. Die Umstehenden sprachen fortwährend laut +dazwischen und machten ihre Bemerkungen über den Gang der Unterhandlungen. +Endlich ward Ruhe geboten und der Gouverneur verkündigte das Urtheil, +worauf er beide Parteien mit einem "Marsch!" entließ. + +Bei diesen Verhandlungen wird das geschriebene Gesetzbuch Abessiniens, das +_Feta Negust_ (die Richtschnur des Königs) nur selten angewandt, da man es +meist nur bei verwickelten Rechtsfällen zu Rathe zieht. Es soll angeblich +unter Konstantin dem Großen durch die auf dem Konzil zu Nicäa versammelten +Kirchenväter zusammengestellt worden sein. Das Feta Negust besteht aus +zwei Abtheilungen, von welchen die eine das kanonische, die andere das +bürgerliche Recht behandelt; beide zusammen haben 51 Unterabtheilungen. +Die 22 Paragraphen des kanonischen Rechts handeln von der +Rechtgläubigkeit, der Geistlichkeit, der Kirche, der Verwaltung von deren +Eigenthum, vom Gottesdienst, den Feiertagen, der Ketzerei u. s. w.; die 29 +Paragraphen des bürgerlichen Rechtes von der Dienstbarkeit, der Ehe, dem +Wucher, Erbschaft, Kauf, Zeugnissen, gefundenen Sachen, Grundeigenthum, +Todtschlag, Diebstahl, Strafen u. s. w. Interessant ist die von Rüppell +nicht ohne Grund ausgesprochene Ansicht, daß als Verfasser dieses +Gesetzbuches vielleicht der protestantische deutsche Missionär _Pater +Heyling von Lübeck_ anzusehen sei, der im Jahre 1634 nach Abessinien kam. + +Alle Gesetze jedoch, so gut sie sein mögen, hindern das Volk nicht in +seinem faulen, zügellosen und namentlich in geschlechtlicher Beziehung +außerordentlich liederlichen Lebenswandel fortzufahren, und die zahlreiche +Geistlichkeit thut nicht das Geringste, um dem wüsten Treiben Einhalt zu +thun, ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran. Da kann es denn, wo für +Aufklärung und Schulen so gut wie gar nicht gesorgt wird, nicht Wunder +nehmen, daß unter diesen Christen die abenteuerlichsten Vorstellungen und +der seltsamste Aberglaube im Schwunge ist. + +Nach den abergläubigen Ansichten der Abessinier hat jeder Mönch, jeder +Einsiedler, jeder Zwerg die Fähigkeit, in die Zukunft schauen und +weissagen zu können. Geschriebene _Talismane_ werden unter die Saat +gemischt, damit sie gut keime, und kein Abessinier besteigt sein +Maulthier, ohne sich vorher mit einer solchen Papierrüstung versehen zu +haben, die ihn angeblich stich- und kugelfest machen soll. Amulete spielen +derart eine große Rolle und schützen den Inhaber gegen jede vorhergesehene +oder unvorhergesehene Gefahr. Der _Tulsim_, ein Gürtel, an dem kleine +Ledertäschchen hängen, enthält diese schützenden Papierschnitzel, welche +Männer, Weiber, Kinder tragen und die selbst der König für unentbehrlich +hält. Auch übt der Einfluß des bösen Auges eine große Macht auf alle +Abessinier aus; böse Geister durchschwärmen nach ihrer Vorstellung die +Erde und das Wasser. Häufig wendet man das _Besa_ oder Krankenopfer an, +indem man unter Singen und Schreien um das Lager des Patienten einen +Ochsen treibt und denselben dann vor dem Hause schlachtet. Kein Abessinier +wird an einem Sonnabend oder Sonntag eine Schlange zu tödten wagen, weil +an diesen Tagen jene Thiere als ein glückverheißendes Omen erscheinen. +Uebereinstimmend mit den heidnischen Galla bringen die Christen im Juni +dem _Sar_ (bösen Geiste) Dankopfer dar, obgleich dieser Götzendienst durch +Verordnungen aufs strengste untersagt ist. Drei Männer und eine Frau, die +mit dem Bösen in Verbindung stehen, versammeln sich dann, um in einem +frisch ausgekehrten Hause die Ceremonie vorzunehmen; eine ingwerfarbige +Henne, eine röthliche Gais oder ein Ziegenbock mit weißem Halsringe werden +geopfert und das Blut der Thiere, mit Fett und Butter gemischt, während +der Nacht auf einen engen Pfad gesprengt, damit alle Darübergehenden das +Uebel des Kranken an sich nehmen, zu dessen Gunsten das Opfer dem Sar +dargebracht wurde. + +Das Aechzen der Wassernixen hört der abergläubige Abessinier in jedem +Wasserfall, und der Unglückliche, welcher im plötzlich angeschwollenen +Wildbache ertrinkt, wird als Speise der bösen Wassergeister angesehen. +Verschiedene Pflanzen und Kräuter besitzen zauberische Eigenschaften, so +ein Gras (Fegain), das, heimlich auf den Gegner geworfen, diesem Krankheit +und schleunigen Tod bringt. Zauberer und Sterndeuter, durchaus keine +seltenen Erscheinungen in Abessinien, erreichen nach der Volksmeinung das +anständige Alter von vier- oder fünfhundert Jahren; sie fliegen mit der +Windsbraut durch das ganze Land, erscheinen plötzlich und ungesehen in der +schmausenden Gesellschaft und nehmen ihr die leckersten Fleischbissen vor +der Nase weg. + +Vor dem sterblichen Auge verborgen liegt irgendwo im Lande das zauberhafte +Dorf _Duka Stephanos_, ein Paradies auf Erden, das, alle irdischen und +himmlischen Freuden in sich vereinigend, die Sehnsucht des wunderliebenden +Volkes im hohen Grade erregt. Seine grasigen Auen und prächtigen Wälder +laden zum süßen Schlummer ein, und am heitern Ufer des Nil, der seine +blauen Fluten durch die prächtige Landschaft rollt, wandern die schönsten +Weiber. Dort fließen die köstlichsten Getränke in nimmer versiechendem +Strome, und die Erde bringt saftige Früchte in unendlicher Fülle ohne +Arbeit hervor. Doch in zauberische Nebel verhüllt, öffnet dieses Elysium +seine Pforten nur Menschen von untadelhaft schönem Aeußern, die das +Wohlgefallen der Bewohner von Duka Stephanos erregten. + + [Illustration: Eine Lima-Galla, Baumwolle schnellend. Zeichnung von E. + Zander.] + +_Zwerge_ werden mit einem gewissen Respekt behandelt und sind Gegenstände +der Furcht; viele unter ihnen sind gerade die gelehrtesten Leute des +Landes. So war der Beichtvater Sahela Selassié's, des Königs von Schoa, +ein wahrer Asmodeus in seiner Erscheinung, doch dabei ein liebenswürdiger +und ungemein weiser Mann, der sich vor seinen Landsleuten in geistiger +Beziehung bedeutend auszeichnete. Auch die Großen des Landes wählen sich +gern mißgestaltete und zwerghafte Leute zu Sekretären. + +Ganz besonders mit übernatürlichen Kräften ausgestattet erscheint aber der +_Grobschmied oder Budak_, da er sich nach Belieben in einen Wolf oder eine +Hyäne zu verwandeln und Menschenfleisch zu fressen vermag. Dem bösen +Blicke eines Schmiedes wird gewöhnlich Krankheit und Unglück +zugeschrieben. Hailo, der Vater Ubié's, des früheren Herrschers von +Tigrié, gab einst Befehl, alle Schmiede, die in seinem Reiche wohnten, +niederzumachen, um weiteres Unglück zu verhüten. Ueberall bluteten die +unschuldigen Opfer, dem Manne aber, der dieses abergläubige Werk +vollbracht, jubelten dankbar die Herzen des Volkes zu, das sich von einem +Alp befreit glaubte. Nicht weniger als 1300 der nützlichen Eisenarbeiter +sollen damals (zu Anfang dieses Jahrhunderts) ihr Leben auf diese grausame +Art verloren haben. So berichtet wenigstens Harris, dem wir hier gefolgt +sind. Indessen genügt die Gegenwart irgend eines christlichen Emblems oder +der Heiligen Schrift, um die üblen Wirkungen der Schmiede zu +neutralisiren. Kein Metall kann in Gegenwart des Kreuzes geschweißt +werden. Als die britische Gesandtschaft in Schoa war, mühten sich ein paar +eingeborene Schmiede mit ihren kleinen Blasebälgen vergeblich ab, einen +Reifen um das Rad einer Kanonenlaffete zu schmieden. Sie erklärten nun, +daß die Gegenwart irgend eines Theils der Heiligen Schrift ihrem Geschäfte +hinderlich sei. Schnell warfen alle Anwesenden ihre Amulete weg; die +Blasebälge arbeiteten von Neuem, aber das Metall war nicht in Fluß zu +bringen. Nun wurden englische Blasebälge gebracht, und als die Funken vor +der Windröhre davon sprühten, war das Eisen in fünf Minuten weißglühend +und der Reif aufgeschweißt. Die einheimischen Magier baten aber, +dergleichen Proben in Zukunft zu unterlassen, da sonst ihr Ansehen +verloren ginge! + + [Illustration: Abessinierin, Baumwolle spinnend. Zeichnung von E. + Zander.] + +Da der Handel großentheils in den Händen der Muhamedaner, die +Gewerbthätigkeit meistens bei den Juden ist, so bleiben für den +christlichen Abessinier das Kriegshandwerk, die Geistlichkeit, Jagd, +Ackerbau und Viehzucht als Erwerbszweige übrig. + +In der wildreichen Kola, die mit ihren grasreichen Niederungen den +Elephanten, Büffeln und Antilopen ein willkommener Aufenthalt ist, tritt +uns der Eingeborene oft als kühner _Jäger_ entgegen. In den meisten Hütten +der Kola von Eremetschoho fand Rüppell getrocknete Elephantenrüssel oder +die Schweife von Büffeln, welche als Zeichen des persönlichen Muthes +aufbewahrt wurden. Als einzige Waffe dient den Riesen der Wildniß +gegenüber der Speer. Doch ist im Allgemeinen die Jagd nur ein +nebensächlicher Erwerbszweig. + +Der Abessinier der Hochlande dagegen ist vorzugsweise _Ackerbauer_ und +_Viehzüchter_, und nach den Produkten dieser Thätigkeit richtet sich auch +seine Nahrungsweise. Die Nachricht, daß die Abessinier große Freunde rohen +Fleisches (_Brundo_) seien, drang zuerst durch Bruce nach Europa. Man +glaubte ihm jedoch nicht, bis dann spätere Reisende Alles bestätigten, was +er erzählt hatte. Bruce berichtete, daß, wenn die Gesellschaft zum Essen +versammelt gewesen sei, man eine Kuh oder einen Ochsen vor die Hütte +geführt habe. Man bindet dem Thiere die Füße, macht unten am Halse in die +Haut einen Einschnitt bis an das Fett und läßt fünf bis sechs Tropfen Blut +auf die Erde fallen. Dieses geschieht, um das Gesetz zu beobachten. Dann +fallen einige Leute über das Thier her, ziehen ihm die Haut vom Körper bis +in die Mitte der Rippen ab und schneiden aus den Hintervierteln dicke +viereckige Stücke Fleisch heraus. Das schreckliche Gebrüll des +unglücklichen Thieres ist ein Zeichen für die Gesellschaft, sich zu Tische +zu setzen. Statt der Teller legt man jedem Gaste runde Tiéfkuchen vor, die +als Zuspeise und Serviette zugleich dienen. Herein treten zwei oder drei +Diener mit viereckigen Stücken Rindfleisch, welches sie in den bloßen +Händen tragen; sie legen dasselbe auf Tiéfkuchen; der Tisch ist ohne +Tafeltuch. Die Gäste halten schon ihre Messer bereit. Jeder Mann schneidet +mit seinem krummen Säbelmesser kleine Stücken Fleisch herunter, in welchen +man noch die Bewegung der Fasern, das Leben, wahrnimmt. In Abessinien +speist sich kein Mann selbst und rührt seine Kost nicht an. Die +Frauenzimmer nehmen diese Stücken und schneiden sie erst in Streifen von +der Dicke eines kleinen Fingers und dann in Würfel. Diese legt man auf ein +Stück Tiéfbrot, das stark mit Pfeffer und Salz bestreut ist und wie eine +Rolle zusammengewickelt wird. Dann steckt der Mann sein Messer ein, setzt +beide Hände auf die Kniee seiner Nachbarinnen und wendet sich mit +vorgebeugtem Leibe, gesenktem Kopfe und aufgesperrtem Maule zu derjenigen +Nachbarin, welche die Rolle zuerst fertig hat. Diese stopft ihm das ganze +Stück in den Mund, der davon so voll wird, daß der Mann in Gefahr geräth +zu ersticken. Je vornehmer der Mann, um so größer ist das Stück, und es +wird für sehr fein gehalten, wenn er beim Essen recht stark schmatzt. + +Wie gesagt, dieses Verzehren von rohem Beefsteak erregte in England +allgemeines Aufsehen und Bruce stand als Lügner gebrandmarkt da. Hören wir +nun, was spätere Reisende über diesen Gegenstand berichten. _Salt_, der +mehr als dreißig Jahre später in Abessinien war, bezüchtigte Bruce der +Unwahrheit, indem er erzähle, es sei _Gewohnheit_ bei den Abessiniern, +sich am Fleische noch lebender Thiere nach Art des Polyphem zu ergötzen; +doch stellt er keineswegs in Abrede, daß rohes Fleisch, je frischer, je +lieber, ihr größter Leckerbissen sei. Rüppell (1832) berichtet an mehr als +einer Stelle seines Reisewerkes, wie er gesehen habe, daß die Leute _noch +zuckendes_ Fleisch genossen hätten. Er sagt: "Dasjenige Fleisch, welches +noch seine natürliche Wärme hat und bei dem die Muskelfasern noch unter +dem Messerschnitte zucken, gilt für einen besondern Leckerbissen. Das +Fleisch wird von den Abessiniern meistens roh verzehrt, wiewol in den von +mir bereisten Provinzen jetzt nie anders, als nachdem das geschlachtete +Thier ausgeblutet hat. Der barbarische Gebrauch, Stücke Fleisch von einem +noch lebenden Thiere herauszuschneiden, welchen Bruce beschrieben hat, mag +zur Zeit seines Aufenthaltes in Gondar stattgefunden haben, ist aber +sicherlich dort in neuerer Zeit nicht mehr etwas Gewöhnliches. Daß +derselbe indessen in andern Gegenden Abessiniens auch jetzt noch zuweilen +vorkommt, behaupte ich trotz des Widerspruchs Salt's und der ganz +grundlosen Kritiken, welche die Franzosen Combes und Tamisier über Bruce +veröffentlichten." Der Missionär Isenberg (1843) bezweifelt dagegen wieder +die allgemeine Richtigkeit der Angabe von Bruce und stellt jene Thatsache +als Aushülfe in Nothfällen hin, "wo z. B. auf einem Marsche befindliche +Soldaten in gewisser Entfernung von ihrem Lagerplatz, wenn sie der Hunger +ereile, dem Vieh, welches sie vor sich hertreiben, ein Stück Fleisch aus +dem Hinterviertel herausschneiden und verzehren, die leere Stelle mit Heu +oder anderm Material ausfüllen, die abgelöste Haut wieder darüberziehen +und dann das Thier bis zu ihrem Lagerplatz treiben, wo seinem Leben ein +Ende gemacht werde." Entscheidend möchte jedoch Folgendes sein. + +Als der Reisende _Apel_ im Januar 1865 zu Wochni gefangen genommen und +nach Gondar geschleppt wurde, setzte man ihn auf ein Pferd, das vermittels +eines Seiles von etwa 3 Ellen Länge an dasjenige eines ungeheuren +Abessiniers befestigt war. "Auf diesem Ritt von Wochni nach Gondar habe +ich mit eigenen Augen das gesehen, was von Bruce so standhaft behauptet +und von der ungläubigen Civilisation bestritten wurde, - nämlich das +_Herausschneiden des Fleisches von noch lebenden Thieren_ und das Genießen +desselben, während das Thier noch im Todeskampfe liegt. Es wurden ihm von +den Christen die Füße gebunden, es fiel auf die Seite, und alsbald schnitt +man ihm Stücke Fleisches aus dem Rumpfe, welche, noch zuckend von der +Muskelbewegung, gierig von den Christen verschlungen wurden. Das Thier +verblutete und blieb dann eine Beute der Schakale. Mir wurde ein blutiges +zuckendes Stück Fleisch zugeworfen und ich habe, so widerwärtig mir das +Ganze auch war, doch den größten Theil desselben verzehrt, so arg hatte +mich der Hunger mitgenommen, denn seit zwei Tagen hatte ich nichts +genossen. Dieselbe Kost wurde mir während der ganzen Reise angeboten." +Krapf endlich sah in Schoa, wie Soldaten einem lebendigen Schafe ein Bein +abschnitten, das Thier nicht tödteten und das rohe Fleisch vom Knochen +sogleich abnagten! + +Nicht viel weniger widerwärtig ist die Art und Weise, wie die Abessinier +ihr übriges Fleisch zubereiten und überhaupt ihre Nahrung zu sich nehmen, +sodaß man bei ihnen wol vom "Fressen" sprechen kann. + +Schafe und Ziegen werden in Gegenwart der Gäste geschlachtet und +abgehäutet, dann die noch zuckenden Glieder etwa fünf Minuten über ein +Flammenfeuer gehalten und die äußerste Lage Fleisch, die kaum durchröstet +ist, mit Brotkuchen und reichlicher Pfeffersauce genossen. Salz wird in +langen, gewundenen Antilopenhörnern umhergereicht. Während des Essens +selbst wird nicht getrunken, unmittelbar nach demselben gehen jedoch +Glasflaschen, sogenannte Berille, mit gegohrenem Honigwasser herum. Der +Ueberbringer desselben gießt dabei, indem er eine Flasche darreicht, eine +Kleinigkeit davon in die hohle Hand und trinkt sie vor dem Gaste aus, um +demselben damit zu zeigen, daß der Trank nicht vergiftet sei. Auch die +zubereiteten Speisen erscheinen für einen Europäer sehr widerlich, denn +bei vielen wird ein Oel aus den Samenkörnern der Nukpflanze von sehr +unangenehmem Geschmack zugesetzt. + +Die Abessinier können ganz unglaubliche Portionen verschlingen und die +Gefahr, dabei zu ersticken, welche Bruce scheinbar übertreibend anführt, +wird auch von Rüppell hervorgehoben. Eine Hauptsache beim Essen ist +jedoch, daß sie die Kauwerkzeuge unter lautem Geschmatze und Geschnalze +bewegen müssen. Ländlich, sittlich! und diese "Sitte" gilt nicht nur in +den niederen Klassen, sondern auch bei Hofe, selbst in unsern Tagen bei +Theodoros II. Dieser hatte den Missionär Stern zur Tafel geladen; die +Mahlzeit bestand, da gerade Fasttag war, einfach aus Tiéfkuchen und +Honigwasser. "Da machte ich", erzählt Stern, "einen Verstoß gegen die +Sitten des vornehmen Lebens. Nach abessinischen Begriffen muß jeder Mann +aus der Aristokratie beim Essen schmatzen wie ein Schwein. Davon wußte ich +leider nichts; ich aß so, wie wir in Europa es für schicklich halten, aber +das trug mir den Tadel der Gesellschaft ein; die Leute raunten sich +allerlei ins Ohr. Endlich fiel mir die Sache auf, und ich fragte den +Engländer Bell, ob ich etwas Unangemessenes gethan habe. Bell entgegnete: +Gewiß haben Sie das. Ihr Betragen ist so _ungentlemanly_, daß alle Gäste +glauben müssen, Sie seien ein Mensch ohne alle Erziehung und Bildung und +gar nicht gewohnt, sich in anständiger Gesellschaft zu bewegen. - Nun, +wodurch habe ich denn eine so schmeichelhafte Meinung verdient? - Einfach +durch die Art und Weise wie Sie essen. Wenn Sie ein Gentleman wären, so +würden Sie das bei Tafel beweisen; Sie müssen recht laut und derb +schmatzen und Keiner wird bezweifeln, daß Sie ein Mann von Stande seien. +Da Sie aber nicht schmatzen und die Speisen lautlos kauen, so glaubt hier +Jeder, daß Sie ein armer Tropf sind. - Ich erklärte dann den abessinischen +Aristokraten, daß bei mir zu Lande, in Europa, eine andere Sitte herrsche, +und damit brachte ich die Dinge wieder in richtigen Zug." - + + -------------- + + [Illustration: Ein schneidernder Abessinier in Gondar. Nach Lejean.] + +In der _Kleidung_ der Abessinier walten selbstgesponnene und gewebte +Baumwollenstoffe vor. Wie im Orient noch immer, so spinnen auch die Frauen +die gereinigte Baumwolle mit der Spindel aus freier Hand; mit dem Weben +beschäftigen sich jedoch vorzugsweise die Muhamedaner. Die Kleidung der +_Männer_ besteht aus weiten Unterhosen, einem langen, um die Brust und den +Leib geschlungenen Gürtel, der eine Ausdehnung von zuweilen 100 Ellen hat, +und einem weiten faltigen Mantelüberwurf, welcher aus einem großen Stücke +Zeug besteht, das bei Vornehmen mit einem faltigen Rande versehen ist. +Mehr ist von der _weiblichen Kleidung_ zu berichten. Sie besteht aus einem +großen Hemde mit weiten, jedoch an der Handwurzel eng zulaufenden Aermeln. +Darüber tragen sie den Umschlagmantel gleich den Männern. Außer einigen +Seidenstickereien am Hemde zeichnet noch der Putz die abessinischen +Schönen aus. Ohrringe oder Rosetten, welche eine Goldblume vorstellen, +sind ein sehr beliebtes Schmuckmittel, desgleichen silberne Halsketten und +dicke Ringe an den Fußknöcheln, beide öfter mit kleinen Silberglöckchen +behängt. Das Haupthaar der Frauen ist gewöhnlich kurz abgeschnitten oder +es wird, wenn es in seinem natürlichen Zustande bleibt, mit Anwendung von +vieler Butter in dünne anliegende Zöpfchen geflochten. Auch hier ruft, wie +bei unseren Damen, die Mode sehr häufig Aenderungen der Haartracht hervor, +die genau befolgt werden. Stirnbänder oder Schuhe von rothem Leder kommen +nur ausnahmsweise vor. Luxusartikel der männlichen Kleidung sind Arm- und +Stirnbänder als Ehrendekorationen. Die blaue Schnur von Seide oder +Baumwolle, welche als Zeichen des Christenthums gilt, wird allgemein +getragen. + +Diese allgemeine Tracht erleidet natürlich vielerlei Ausnahmen. In den +Grenzländern findet man fast ganz nackte Leute, die nur den Leibschurz +tragen; in Schoa hatte allein der König das Recht, sich mit goldenen +Dingen zu schmücken. In Foggera, östlich vom Tanasee, tragen Frauen und +Mädchen große gegerbte Lederhäute, welche zugleich Nachts als +Schlafmatratze dienen. Beim Gehen verursacht dieser lederne Leibrock ein +sonderbares Geräusch. In den hohen Alpengegenden der Provinz Semién +schützen sich die Bewohner gegen das harte Klima durch eine Art von +ambulantem, aus Rohrdecken zusammengeflochtenem Schutzdache (Gassa), +welches sie beständig mit sich herumtragen, um ihre durch dürftige Lumpen +nur zum Theil bedeckten Körper gegen plötzliche Regengüsse und +Schneegestöber zu verwahren; ein anderes Schutzmittel gegen die +schneidende Luft in den Hochlanden sind Kappen von Ziegenhaar, die bis +über die Ohren gehen. Als Zeichen der Ehrerbietung zieht der Abessinier +bei Begegnungen den die Schultern bedeckenden Theil seines Kleides +(Schama) herab und vor dem Landesherrn erscheint er nur gegürtet, d. h. er +schlägt die den Oberkörper bedeckenden Theile des Kleides über dem Gürtel +um den Leib, während ein Hochgestellter in Gegenwart untergeordneter +Personen sich das Gesicht vom Kinn bis über den Mund verhüllt. + +_Sauberkeit_ ist keine Tugend der Abessinier, und ihre Wohnungen wie ihre +Körper zeigen oft den höchsten Grad von Schmuz. Merkwürdig ist, daß in +ganz Abessinien das Waschen der Kleidungsstücke Sache der Männer und nicht +der Frauen ist. Statt der Seife bedienen sie sich der getrockneten +Samenkapseln des Septestrauches (_Phytolacca abessinica_), welche zwischen +Steinen zu Mehl gerieben und dann auf einem Leder mit Wasser gemischt +werden; das zu waschende Tuch wird hierauf in dieser Mischung mit den +Füßen gestampft, worauf es, nachdem die Operation einige Male wiederholt +wurde, von jedem Schmuze befreit ist. Die Bewohner der Küstengegend bei +Massaua, wo es keine Septe giebt, bedienen sich statt der Seife beim +Waschen getrockneten Kameelmistes. + + -------------- + +Das sehr ungeregelte Leben der Abessinier ist auch die Ursache vieler +_Krankheiten_, die große Verheerungen unter ihnen anrichten. +Geschlechtliche Vergehen und Krankheiten sind allgemein verbreitet, ebenso +Krätze und die arabische Gliederkrankheit; bei letzterer schnurrt die Haut +an den Finger- oder Zehengelenken zusammen, das Glied stirbt nach und nach +ab und löst sich endlich ganz vom Körper. So verliert der Kranke ein Glied +der Finger und der Zehen nach dem andern, bis der nackte Stumpf der vier +Gliedmaßen allein übrig geblieben ist und der sonst scheinbar gesunde +Mensch zum hülflosen Geschöpf wird. Der Verlauf und die Unheilbarkeit +dieser erblichen Krankheit ist in Abessinien sehr wohl bekannt, und den +Kranken überfällt, wenn er die ersten Anzeichen spürt, natürlicherweise +Schwermuth. Die _Filaria_ oder der Medinawurm kommt ziemlich häufig vor, +ist aber meistens nur eingeschleppt. Der Keim dieses Schmarotzers dringt +in das Wadenfleisch der Menschen ein, bildet sich dort aus und verursacht +die größten Schmerzen, gegen welche man mit Glück Zibethmoschus anwendet; +Kröpfe und Kretinismus finden sich in einigen Gegenden; die Blattern +richten periodisch große Verwüstungen an; Schwindsucht und +Augenentzündungen sind häufig. Die einheimischen _Aerzte_ (Tabib) können +nur als Charlatans angesehen werden. Es existiren auch medizinische Werke, +darunter eins mit dem Titel "El Falasfa", dessen mitunter höchst +lächerliche Vorschriften sympathetischer und mystischer Art sind. Auch die +Geistlichkeit verlegt sich auf das Kuriren, und Rüppell sah, wie ein +Knabe, der über und über mit Brandwunden bedeckt war, mit Honig und dem +Blute eines schwarzen Huhns von einem Priester bestrichen wurde. Nach vier +Stunden gab derselbe seinen Geist auf. Die "bösen Geister" werden von den +Priestern gleichfalls vertrieben, wie Isenberg selbst zu beobachten +Gelegenheit hatte. Der Geistliche ließ sich einen Topf mit Wasser geben, +las darauf schnell einige Gebete aus dem Buche Haimanot (Glaube) und +spuckte dann mehrere Male in das Wasser. Isenberg machte ihm Vorwürfe +hierüber, allein der Priester ließ sich nicht aus der Fassung bringen und +besprengte mit der Flüssigkeit das Haus, welches solchergestalt von allen +Unholden befreit wurde. Freilich ist dieses Verfahren von dem bei uns +immer noch geübten Exorzismus nicht weit entfernt, und es steht uns daher +wenig an, darüber viele Worte zu verlieren, so lange wir selbst nicht frei +von ähnlichen Thorheiten sind. + +Auch das Heilverfahren der abessinischen Wundärzte erinnert an die "gute +alte Zeit". Ein Zahn wird mittels Zange und Hammer von einem Schmiede +ausgezogen, d. h. mit denselben Instrumenten, mit denen er sein Metall zu +bearbeiten pflegt. Aderlaß wird mit einem Rasirmesser, Schröpfen mit einem +Ziegenhorn vollzogen, dessen Luftinhalt durch Erhitzen verdünnt wurde. +Schlecht geheilte Knochenbrüche, die verkürzte Glieder hinterließen, +werden einfach nochmals gebrochen und so zu kuriren versucht. Indessen +Amulete stehen in weit höherem Ansehen, als der _Bala medanit_ oder +Meister der Arzneien. Wahnsinn, Epilepsie, Delirium, Veitstanz und +ähnliche oft unheilbare Uebel, für welche man keine Heilmittel kennt, +werden einfach dem Einflusse von Dämonen zugeschrieben und der Patient +hiernach behandelt. Blaue Papierstreifen sollen gegen Kopfweh helfen; +gewisse Pflanzensamen, in Säckchen bei sich getragen, schützen gegen den +Biß toller Hunde und gegen Unglück auf Reisen. Doch müssen diese Sämereien +mit der linken Hand gepflückt werden zu einer günstigen Zeit, wenn die +Sterne dem Pflückenden hold sind - sonst hilft das Mittel zu nichts. Wie +wir schon aus Bruce wissen, verwüsten die Pocken oft das Land und fordern +ihre Opfer. Eine Art Impfung, wobei die Lymphe mit Honig vermischt wird, +findet dann von den _menschlichen_ Pusteln statt, in deren Folge oft viele +Leute sterben. In allen Fällen wendet man sich indessen, dem Aberglauben +huldigend, lieber an den Priester als an den Quacksalber, was im Grunde +genommen einerlei ist, da beide von der Medizin nach unsern Begriffen +nichts verstehen. + + -------------- + +Wenngleich es den Abessiniern nicht an der nöthigen Fähigkeit und +Geschicklichkeit fehlt, so ist doch bei der allgemein herrschenden +Indolenz die _Industrie_ und Gewerbthätigkeit sehr gering entwickelt, ja, +sie erhebt sich kaum über den allgemein afrikanischen Standpunkt, und +manche Gewerbzweige werden in derselben primitiven Weise wie bei den +benachbarten Negervölkern betrieben. Ein großer Theil der industriellen +Thätigkeit liegt in den Händen der fleißigeren Juden und Muhamedaner. + +Von den Schmieden war schon die Rede; das Verfahren, wie das Metall aus +dem rothen Eisenthon in Tigrié bereitet wird, ist genau dasselbe wie es in +Madagascar, am Zambesi oder in Westafrika stattfindet. Feinere +Metallarbeiten liefern eingewanderte Armenier und Indier. Die +Holzschnitzereien sind zum Theil prachtvoller Art. In der Kirche Lalibela +in Gondar z. B. sind Flachreliefs an Thüren und Fenstern angebracht und +theilweise bemalt. Außer den Arabesken, deren freie Erfindung und schöne +Harmonie einen vorzüglichen Eindruck hervorbringt, sieht man Darstellungen +aus dem Leben der Heiligen oder fabelhafte Ungeheuer, wie den _Sebetat_, +der halb Mensch, halb Löwe ist. Sein Schwanz bestand aus zwei Schlangen; +seine Waffen waren Pfeil und Bogen. Doch diese schützten ihn nicht gegen +den Stier Meskitt, welcher ein silbernes und ein goldenes Horn trug und +den Sebetat tödtete. Eine andere Holzschnitzerei zeigt uns den Kaiser +Konstantin; dann - figürlich ausgedrückt - dessen Gewalt und schließlich +die Fürstin Menene, die Mutter des Ras Ali und Erbauerin der Kirche. + +Bei der oft herrschenden großen Kälte werden die sonst wenig industriösen +Abessinier wenigstens mit Gewalt zur Weberei gezwungen. Die rohe +Baumwolle, welche ungemein billig und ausgezeichnet im Lande ist, wird +gegen einige Salzstücke eingehandelt und auf der einfachen, urthümlichen +Spindel gesponnen. Zeit ist in Abessinien kein Geld, und so kommt es denn +gar nicht darauf an, daß die Frauen recht lange mit dem Spinnen einer +kleinen Partie Baumwolle zubringen. Das Garn kommt dann auf einen ganz +gewöhnlichen, einfachen Webstuhl und wird mit Hülfe des Schiffchens in +einen warmen, dauerhaften Mantel (Schama) umgewandelt. (Siehe die +Abbildungen S. 98 und 99.) + +Auch Schaf- und Ziegenwolle wird verwebt. Lederfabrikation zu Sattelzeug, +Schilden, Riemen, Schuhen für die Priester ist ein weitverbreitetes +Gewerbe. Töpferei und Pfeifenfabrikation treiben die Falaschas. Drechsler +liefern aus den Hörnern des Sanga-Ochsen oder des Rhinozeros geschnitzte +Becher (Wantscha). Zierliche Körbchen und Sonnenschirme aus Rohr, Binsen +oder Stroh flechten die Frauen; Schneider giebt es dagegen nicht, da jeder +Abessinier selbst für seinen Kleiderbedarf sorgt; ebenso mangeln Bäcker +und Müller, und von größeren Industriezweigen, die an einem Export ihrer +Erzeugnisse arbeiteten, ist gar nicht die Rede, da nur Rohprodukte zur +Ausfuhr gelangen. + +Der _Handel_ Abessiniens kann nach keiner Richtung hin ein bedeutender +genannt werden, wenn er auch durch Massaua mit dem Rothen Meere in +Verbindung steht. Die hohen, steil abfallenden Gebirgsketten mit den +schwer zugängigen Pässen erschweren die Kommunikation ganz bedeutend, und +die sämmtlichen Flüsse des Landes sind für die Schiffahrt nicht im +geringsten geeignet. Dazu kommt vor Allem die geringe eigene Produktion +von Handelswaaren, sodaß schließlich für den abessinischen Handel - von +den Sklaven abgesehen - nur die aus den südwestlichen Ländern kommenden +Erzeugnisse, wie Gold, Elfenbein u. s. w. als Durchgangswaaren in Betracht +kommen. Hierdurch erklärt sich auch das geringe Interesse, welches man - +Missionsfragen ausgenommen - in Europa an Abessinien vom praktischen +Gesichtspunkte hatte und das erst durch König Theodoros und die +Gefangenhaltung der Engländer wieder aufgefrischt wurde. + + [Illustration: Sebetat, ein fabelhaftes Ungeheuer. Holzschnitzerei in + der Kirche Lalibela. Originalzeichnung von E. Zander.] + +Für den Großhandel haben die Abessinier wenig Sinn, dem kleinen Schacher +ist aber jeder zugethan und sucht auf alle mögliche Weise sein +Geschäftchen zu machen. Auf den Messen und Märkten, die sich meist an die +Kirchen knüpfen, geht es lebhaft zu, und große Menschenmengen sind dann +versammelt. So traf Rüppell zu Ende Februar 1832 bei der Kirche von Bada, +östlich vom Tanasee, gegen 10,000 Marktbesucher beisammen, von denen +allerdings viele nur des Zuschauens wegen gekommen waren. + +Der europäische Handel hat sich in Abessinien noch verhältnißmäßig wenig +Einfluß verschaffen können. Die beständigen Kriege, die schlechten +Kommunikationsmittel und Wege, endlich die Zollplackereien lassen ihn +nicht recht aufkommen. Die Produktion des Landes selbst, Getreide, +Hülsenfrüchte, Tabak, Kaffee, ist verhältnißmäßig viel zu gering, während +doch alle Nutzpflanzen der Tropen und der gemäßigten Zone prächtig +gedeihen würden. Dagegen werden Häute, Maulthiere und gute Gebirgspferde +in großer Menge exportirt. + +_Honig_ und Wachs werden in sehr großer Menge ausgeführt. Der erstere, Mar +genannt, wird in Töpfen zugleich mit dem Wachs feilgeboten, weil er nur so +zur Bereitung des Honigwassers dienlich ist, wozu er beinahe +ausschließlich verbraucht wird. Die betrügerischen Abessinier wenden ihre +ganze Verschlagenheit beim Verkauf des Honigs an, indem sie die untern +Schichten der Töpfe mit Mehl, Wachs oder andern Stoffen ausfüllen. Neben +dem Honig kommt auch Butter (Tesmi) in pfundschweren Kugeln auf den Markt. +Unter den _Manufakturen_ spielen die Baumwollenwaaren (Schama) eine große +Rolle; sie werden zu Leibbinden, Umschlagtüchern, Beinkleidern u. s. w. +verarbeitet und sind entweder rein weiß oder mit blauen und rothen +Seitenstreifen versehen; ganz blaue und ganz rothe Kattune kommen aus +Indien über Massaua; die blaue Farbe hat in den meisten Fällen den Vorzug, +und namentlich sind es blaue Seidenschnüre (Mareb), die sich stets eines +großen Absatzes erfreuen. Jede Schnur muß ziemlich dick und fünf Fuß lang +sein, sodaß sie bequem um den Hals getragen werden kann. Da kein +abessinischer Christ ohne eine solche geht, so sind sie eine stets +begehrte Handelswaare, die auch immer hoch im Preise steht. Andere +gangbare, meist eingeführte Handelsartikel sind: Spießglanz, zum Färben +der Augenlider, Weihrauch, zum Räuchern beim Gottesdienst, Zibethmoschus, +um die als Pomade benutzte Butter damit zu parfumiren, "Tombak" (indischer +Tabak), entweder um Schnupftabak daraus zu machen, oder um ihn in +Wasserpfeifen zu rauchen, schwarzer Pfeffer (Berberi), der auch zu +Zollzahlungen dient; Nähnadeln mit großem Oehr; Glasperlen, Kaurimuscheln, +Sandelholz zum Räuchern. Ein Handelsartikel, nach dem namentlich die +abessinischen Frauen greifen, sind dünne silberne Ringe, die am kleinen, +und Hornringe, die am Mittelfinger getragen werden. _Gummi_, das in großer +Menge gewonnen werden könnte, kommt nicht auf die abessinischen Märkte, +obwol es in Massaua gut bezahlt werden würde. + +Bei der Schilderung des genannten Hafenortes werden wir sehen, wie +bedeutend selbst heute noch dort die Ausfuhr von abessinischen _Sklaven_ +ist, die in der That noch immer, trotz aller zeitweiligen Verbote gegen +den Sklavenhandel, einen wichtigen Artikel ausmachen. Adoa, Gondar und +Massaua sind die großen abessinischen Sklavenmärkte, zu denen die lebende +Waare von den verschiedensten Gegenden hergeschleppt wird. Die +eingeborenen freien Abessinier können nur durch Kriegsgefangenschaft oder +Raub in die Sklaverei gerathen; diese bilden den kleineren Theil, die +meisten Sklaven stammen aus den Grenzlanden, sowol im Norden als im Süden; +entweder sind es Schangalla vom Setit, Galla aus den Ländern südlich vom +Blauen Nil, oder eigentliche Neger, die von den Aegyptern aus Fazogl oder +Sennaar eingeführt werden. Da die _Christen_ sich eigentlich mit dem +Sklavenhandel nicht befassen sollen, so umgehen sie dieses dadurch, daß +sie den Kauf oder Verkauf scheinbar durch Muhamedaner abschließen lassen. +Die Behandlung der Sklaven ist in der Regel eine milde und ihr Verhältniß +zu dem Herrn dem des freigeborenen Dieners gleich; die Züchtigungen sind +selten hart und bestehen nur in vorübergehender Fesselung. "Wenn sich +Völker auch bekämpfen", schreibt Munzinger, "so sind die Opfer doch nur +die Soldaten und die Güter; Weib und Kind sind respektirt. Kein freier +Abessinier wird von seinem Mitbürger in die Sklaverei verkauft. Die +Leibeigenschaft erstreckt sich nur auf die von außen eingeführten +Schwarzen, die nur den kleinsten Theil der Bevölkerung ausmachen. Der +Sklavenhandel ist den Christen (durch Theodor) bei Todesstrafe verboten. +Die Frau ist unverletzlich und hat ihre bestimmten großen Rechte." + +_Werthmesser_ in Abessinien sind das Salz und der österreichische +Maria-Theresia-Thaler. Das _Salz_ kommt aus den am Meeresufer liegenden +natürlichen Seewasserlagunen und wird durch Austrocknung durch die +Sonnenhitze gewonnen; man bringt es dann ins Gebirge, um es dort an +bestimmten Plätzen gegen Getreide umzutauschen. Alles Salz, welches im +nordöstlichen Abessinien verbraucht wird, ist solches Seesalz, während in +den übrigen Theilen des Landes eine Art Steinsalz aus der östlich von der +Provinz Agamié gelegenen Ebene Taltal benutzt wird. Viele Gesellschaften +ärmerer Leute, von denen jeder nur über ein Kapital von einigen Thalern zu +verfügen hat, ziehen regelmäßig mit ein paar Eseln aus dem Innern nach den +östlichen Provinzen, um dort Salz einzukaufen, und machen dabei einen +Gewinn, der zu ihrer und ihrer Familie Unterhaltung ausreicht. Verliert +ein solcher Händler sein Kapital durch Plünderung, so muß er für +wohlhabendere Leute die Reise machen und sich mit geringerem Gewinn +begnügen. Das Salz wird in Taltal in regelmäßige Stücken von der Gestalt +eines Wetzsteins ausgehauen, die dann als _Scheidemünze_ in ganz +Abessinien cirkuliren. Sie sind etwa 8-1/8 Zoll lang, 1½ Zoll dick, an +beiden Enden abgestutzt und wiegen durchschnittlich vierzig Loth. Ihr +Verhältniß zu den Speziesthalern ist sehr verschieden und hängt theils von +der Entfernung eines Ortes von der Salzebene, theils von den ruhigen oder +unruhigen Zuständen der Gegenden ab, durch welche diese Stücken +transportirt werden müssen. Sie schwanken also genau so wie unsere +europäischen Werthpapiere je nach den politischen Verhältnissen, haben +jedoch vor diesen den Vorzug, stets einen reellen Werth zu repräsentiren. +In der Amharasprache heißt das Salz überhaupt Schau; als Scheidemünze in +der beschriebenen Form benennt man es jedoch Amole oder Galep. Rüppell +fand den Werth eines _Maria-Theresia-Thalers_ in Gondar je nach den +politischen Zuständen zwischen 20 und 32 Salzstücken schwankend, oder, dem +Gewichte nach ausgedrückt, man erhielt etwa 27 bis 41 Pfund Salz für den +Thaler. Dieser letztere selbst schwankt nicht etwa nach dem Silbergehalt, +sondern nach dem Gepräge bedeutend im Werthe und ist der Agiotage +unterworfen. Nach dem in ganz Ostsudan und Abessinien herrschenden +Vorurtheile sind die mit dem Bilde der Kaiserin Maria Theresia versehenen +Thaler die besten und allen übrigen Münzen vorzuziehen, und zwar muß bei +ihnen das Diadem im Haare sieben wohlausgedrückte Perlen zeigen, der +Schleier am Haupte sich deutlich abheben, der Stern auf der Schulter groß +und der Avers mit den Münzbuchstaben _S. F._ deutlich versehen sein. Ohne +diese Zeichen und die Jahreszahl 1780 sinkt der Thaler gleich bedeutend im +Werthe, und selbst wenn der Kopf der Kaiserin unglücklicherweise Locken +statt des Schleiers zeigt, ist es schwer, ein solches Münzstück +anzubringen. Dieselben Vorurtheile herrschen in ganz Nordostafrika, wo ein +der obigen Münzprägung entsprechender Maria-Theresia-Thaler dafür jedoch +zum "Abu gnuchte", zum "Vater der Zufriedenheit" wird. Durchlöcherte +Thaler oder solche, die mit dem Bilde des Kaisers Franz versehen sind, +haben geringeren Werth und sind nur mit Verlust anzubringen; desgleichen +spanische Säulenpiaster (Colonnaten) oder andere harte Silbermünzen. Noch +für lange Zeit hinaus wird der Maria-Theresia-Thaler Werthmesser in +Nordostafrika bleiben und das sonst an Silbergeld arme Oesterreich prägt +für diesen afrikanischen Handel noch Jahr aus Jahr ein Thaler mit dem +alten Stempel, ja es hat sich sogar in der Münzübereinkunft mit Frankreich +(1867) vorbehalten, fortwährend Maria-Theresia-Thaler prägen zu dürfen. + +Noch ist zu erwähnen, daß in der Umgebung von Adoa das dort gefertigte +Baumwollenzeug an Zahlungsstatt gegeben wird. Es besteht aus Grans oder +Stücken von 8 Ellen Länge und 1 Elle Breite, deren Werth sehr schwankend +ist. Dieser Stoff dient blos zur Verfertigung von Beinkleidern, welche in +Tigrié von Jedermann getragen werden. Einkäufe von geringem Betrag +berichtigt man mit Getreide. + + [Illustration: Maria-Theresia-Thaler.] + + + + + + [Illustration: Die Kirche zu Axum in Tigrié. Nach H. Salt.] + + + + + + RELIGION, KIRCHE UND GEISTLICHKEIT ABESSINIENS. DAS MISSIONSWESEN. + + + Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und Verwahrlosung. - + Der Abuna. - Art des Gottesdienstes. - Die lasterhafte + Geistlichkeit. - Mönche und Klöster. - Politische Asyle. - + Zeitrechnung. - Feste. - Taufe, Ehe, Begräbniß. - Die Kirchen, + ihre Einrichtung und Ausschmückung. - Die verschiedenen + Missionsversuche in Abessinien, deren Mißlingen und Urtheile + darüber. + + +Unter den Sonderkirchen des Morgenlandes, die durch das Dogma der +Dreieinigkeit mit der allgemein christlichen zusammenhängen, aber nach +zwei verschiedenen Richtungen hin von ihr infolge der Bestimmungen sich +lösten, denen im fünften Jahrhundert die Vorstellung von der Gottheit und +Menschheit Christi unterworfen wurde, giebt es zwei Volkskirchen, die +beide fast monophysitisch sind, beide von selbständigen Sprachen, +Stiftungen und Ueberlieferungen getragen werden, die beide tief verfallen +und entartet sind: die armenische und abessinische Kirche. Die letztere, +die entlegenste, abgesperrteste, ist auch die entartetste, die am meisten +von Heidenthum, Judenthum und Muhamedanismus durchsetzte und überhaupt dem +Christenthum am fernsten stehende. Byzantinische Scheinrechtgläubigkeit +hat diese Kirche in den Fanatismus der Formel versetzt, und die Waffen des +Geistes werden vor dem priesterlichen Bann gestreckt; das Leben dieser +Kirche basirt auf dem Anblasen und Handauflegen des Abuna, des obersten +Bischofs, und leere Ceremonien gelten für Gottesverehrung. Dazu gesellt +sich, daß die Träger dieser Kirche, vom höchsten Kirchenfürsten an bis zum +niedrigsten Mönche herab, durch eine grenzenlose Sittenlosigkeit dem +ganzen Volke mit üblem Beispiel vorangehen und daß sie die bedeutende +Macht, welche sie ausüben, meistentheils zum eigenen Nutzen verwenden. +Selbst die große Versunkenheit, in welche die europäische Geistlichkeit im +Mittelalter zum Theil verfallen war, reicht noch lange nicht an jene der +abessinischen Priester heran. + +Von der Einführung des Christenthums war bereits die Rede, sehen wir nun, +wie dasselbe heute beschaffen ist. Die Abessinier sind koptische Christen. +Sie glauben an eine göttliche Offenbarung in der Heiligen Schrift, doch +hat die kirchliche Tradition genau dieselbe Geltung wie die Bibel. Nach +dem Missionär Isenberg haben sich bei ihnen die Hauptlehren des +Christenthums von dem Dreieinigen Gott, dessen Wesen, Eigenschaften und +Werken, von der Schöpfung der Welt, von den Engeln, von der Schöpfung, dem +Fall, der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, von der Erlösung durch +Christum, von dem Heiligen Geiste, der christlichen Kirche, den +Sakramenten, von der Auferstehung und dem letzten Gericht erhalten; aber +zum Theil durch allerlei Zuthaten so verändert, daß nur noch mit Mühe ein +biblisches Moment darin zu erkennen ist. Den Heiligen Geist lassen sie nur +vom Vater ausgehen, leugnen jedoch nicht, daß er nur durch Christus +vermittelt ist. In Christus nehmen sie mit den übrigen _Monophysiten_ nur +eine Natur an, sind jedoch über die Art der Vereinigung des Göttlichen und +Menschlichen in ihm verschiedener Meinung. Ihre Lehre von der Schöpfung +und Regierung der Welt, sowie ihre Engellehre ist voll von heidnischen, +jüdischen und muhamedanischen Vorstellungen. Sie glauben an das durch +Christus vollbrachte Heilswerk, beschränken dasselbe jedoch durch +Pelagianismus, d. h. sie leugnen die Verderbniß der menschlichen Natur +durch die Folgen der Sünde Adam's und erklären die natürlichen Anlagen und +Kräfte des Menschen für hinreichend zur Erlangung der Seligkeit. Die +Jungfrau Maria genießt unter den Abessiniern eine ganz besondere +Verehrung; allgemein ist der Glaube unter ihnen verbreitet, daß sie für +die Sünden der Welt starb und 144,000 Seelen dadurch errettete. Aus diesem +Grunde sagte dem Volke auch die Lehre der katholischen Missionäre weit +mehr zu als diejenige der Protestanten. + +Viel zu schaffen machte den Abessiniern vor etwa 70 Jahren die Lehre von +den _drei Geburten Christi_, ein Dogma, das von einem Mönche in Gondar +aufgebracht wurde. Hiernach war Christus vor allem Weltanfang schon aus +dem Vater hervorgegangen (erste Geburt), dann Mensch aus der Jungfrau +Maria geworden (zweite Geburt) und durch die Taufe im Jordan durch den +Heiligen Geist zum dritten Male geboren. Nach einem langen Kampfe mit der +Gegenpartei, die nur zwei Geburten annahm, wurde 1840 durch Befehl Sahela +Selassié's, des Königs von Schoa, der Glaube an die drei Geburten als +allein rechtgläubig durchgesetzt und die Anhänger der zwei Geburten mußten +das Feld räumen. Sie flohen zum Abuna in Gondar, der sie in seinen Schutz +nahm und vom Könige verlangte, daß er die Vertriebenen wieder aufnehme, da +ihr Glaube, als mit demjenigen des heiligen Markus übereinstimmend, der +einzig rechte sei. Als Sahela Selassié sich nicht fügen wollte, bedrohte +ihn der Abuna mit Krieg, der jedoch erst 1856 unter König Theodoros gegen +Sahela's Sohn zur Ausführung kam. Dieser unterwarf Schoa und führte die +Lehre von den zwei Geburten wieder ein, die nun allein herrschend ist, +nichtsdestoweniger aber als "Karra-Haimanot", d. h. Messer-Glauben +bezeichnet wird, da sie die dritte Geburt Christi gleichsam "abschnitt". + +Sündentilgungsmittel der Abessinier sind strenge Fasten, Almosengeben, +Kasteiungen, Mönchthum und Einsiedlerleben, nebst Lesen und Abbeten +größerer oder kleinerer Abschnitte aus der Heiligen Schrift und andern +Büchern. Der Priesterstand übernimmt für Geld ebenso wie in der +katholischen Kirche diese Verrichtungen, daher _Ablaß_ und eine Art von +Seelenmessen auch hier stattfinden. Die Abessinier fasten in jeder Woche +des Jahres, mit Ausnahme der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, zwei +Tage, und zwar, gleichwie es in alten Zeiten bei den Juden Gebrauch war, +am Mittwoch und Freitag. Außerdem enthalten sie sich noch an folgenden +Tagen des Essens: an den drei letzten Tagen des Monats Ter, zum Andenken +der Buße von Ninive's Bewohnern; während der 55 Tage, die unmittelbar dem +Osterfeste vorangehen, wovon 41 Tage dem Andenken an die Fasten Christi in +der Wüste, 7 der Passionswoche und 7 andern Erinnerungen geweiht sind; die +Fasten der Apostel sind von verschiedener Länge, je nachdem Pfingsten +früher oder später fällt; die Fasten zu Ehren der Jungfrau Maria, wozu 15 +Tage des August bestimmt sind, von ihrem Sterbetage bis zu ihrer +Himmelfahrt; vierzigtägiges Fasten zur Vorbereitung auf das Fest der +Geburt Christi vor Weihnachten. Man sieht aus diesem Verzeichniß der +Fastenzeiten, von welchen die letzten beiden nicht von allen christlichen +Abessiniern gehalten werden, daß ein diesen Enthaltungsvorschriften +nachlebender Christ im Laufe des Jahres beiläufig 192 Tage, d. h. weit +über die Hälfte des Jahres zu fasten hat. Rechnet man hierzu noch einzelne +Straffasten, so kommt _dreivierteljähriges Fasten_ heraus! Daß dieses +nicht streng gehalten werden kann, liegt auf der Hand, aber vor Ostern, +sowie den Mittwoch und Freitag, beobachtet man die Regeln unweigerlich. +Aehnlich wie die Juden verachten die Abessinier das Nilpferd, den Hasen, +die Gänse und Enten und meistens auch das Schwein als unreine Thiere. + +Was den Heiligen Geist angeht, so kennt der Abessinier nur die +Wunderkräfte, mit denen er Propheten und andere Heilige ausrüstete; auch +glauben sie an eine Mittheilung des Heiligen Geistes durch die Taufe. Was +die Kirche betrifft, so gelten hier die alten Ueberlieferungen von einer +_Verlosung der bewohnten Welt unter die Apostel_, sie können aber nicht +nachweisen, welchen Theil gerade jeder Apostel bekommen habe. Daß Petrus +und Paulus Rom und Europa, Johannes Antiochien, Kleinasien und Syrien, +Marcus Aegypten bekommen habe, steht ihnen fest; daher halten sie diese +drei Kirchen für einander gleichstehend. Sie erkennen dem Papste als +Nachfolger Petri einen gewissen Vorzug als dem Ersten unter +Gleichgestellten zu. Ihre Kirchenverfassung ist episkopal. Der zu Kairo +residirende koptische Patriarch von Alexandrien ist das Oberhaupt der +abessinischen Kirche und von ihm erhalten sie ihren Bischof, den sie +vorzugsweise _Abuna_, unser Vater, nennen. Als einziger Bischof des +Landes, und zugleich in der Hauptstadt residirend, ist er zugleich +Metropolitan. Seit Abuna Tekla Haimanot, der im 13. Jahrhundert die +sogenannte salomonische Dynastie wieder herstellte, besteht die +Verordnung, daß _kein Abessinier_ mehr zu dieser Würde gelangen darf, +sondern immer nur ein Kopte dieselbe bekleiden kann, um der Hoffnung Raum +zu geben, immer einen neuen Zufluß theologischer Anregung von außen zu +bekommen, da jener Heilige selbst, der letzte Abuna aus abessinischem +Stamm, daran verzweifelte, tüchtiges theologisches Leben in der +Geistlichkeit seines Landes zu erhalten. Dieser Tekla Haimanot (ums Jahr +1284) setzte ein Drittel des Bodens des ganzen Landes für kirchliches +Einkommen fest, von welchem er den bedeutendsten Theil für seine Person +erhielt. Der Abuna allein hat das Recht, Könige zu salben und Priester und +Diakonen zu ordiniren; in andern theologischen und kirchlichen +Angelegenheiten entscheidet er gemeinschaftlich mit dem _Etschegé_, dem +Oberhaupte der Mönche. + +Beim Amtsantritt des Abuna muß die abessinische Regierung dem Patriarchen +ein Geschenk von 7000 Thalern einhändigen. Lejean erzählt, daß die stolze +Fürstin Menene über den letzten im Herbste 1867 gestorbenen _Abuna Abba +Salama_ geäußert habe: "Dieser Sklav, den wir aus unserm Beutel bezahlt +haben, benimmt sich sehr hochmüthig." Das kam dem Oberpriester zu Ohren +und er antwortete: "Allerdings bin ich ein Sklave, aber einer, der viel +werth ist. Hat man doch 7000 Thaler für mich gezahlt! Mit der Fürstin +Menene verhält es sich freilich anders. Man könnte sie auf dem Markte zu +Wochni ausstellen und bekäme nicht zehn Thaler für sie." Auf jenem Markte +werden nämlich sehr schlechte Maulthiere feilgeboten. - Andraos (Abba +Salama oder Frumentius ist sein Bischofname) war etwa 1815 geboren und kam +1841 unter Ubié zu seiner Stellung. Dem Kaiser Theodor gegenüber hatte er +eine eigenthümliche wandelbare Stellung. Beide beobachteten einander, +legten sich gegenseitig Hindernisse in den Weg, haßten und fürchteten sich +und stellten sich doch, als ob sie gute Freunde seien. Sehr oft machte +Theodoros gar keine Umstände mit dem Seelenhirten; er sperrte ihn in eine +Feste und legte ihn in Ketten, worauf ihm Leute vom Hofgesinde auf den +Knieen Speise reichen und die Füße küssen mußten. Salama, ein geborener +Aegypter, galt für einen Freund der Engländer. Als er sich früher in Kairo +der Studien halber aufhielt, besuchte er die protestantisch-englische +Schule des deutschen Missionärs Lieder, der im Auftrage der anglikanischen +Missionsgesellschaft arbeitete. Diese glaubte an ihm einen Proselyten +gemacht zu haben, sah sich aber arg getäuscht, denn der Abuna erklärte +später die Protestanten für Ketzer. Als er einmal auf das Aeußerste +gebracht war, drohte er Theodor in den Bann zu thun, dieser aber ließ eine +Hütte aus dürren Zweigen errichten, worin der Abuna verbrannt werden +sollte. Dies that er, um sich nicht in "blutiger" Weise an dem Gesalbten +vergreifen zu müssen. Schleunig hob jedoch nach solchem Vorgange der Abuna +den Bann auf. + + [Illustration: Debteras vor dem Abuna singend und tanzend. Nach + Lefêbvre.] + +Bald nachdem Theodoros zur Macht gelangt war, fand sich David (Daud), der +Patriarch von Alexandria, im Auftrage des ägyptischen Vizekönigs in +Abessinien ein und benahm sich dort sehr hochfahrend, gleichsam als Herr +und Gebieter. Theodoros seinerseits begegnete ihm mit Spott und Hohn und +jener schleuderte ihm dafür mündlich den Bann ins Gesicht. Theodor blieb +ruhig, spannte eine geladene Pistole, schlug auf den Patriarchen an und +bat ganz sanft: "Bester Vater, gieb mir deinen Segen!" David fiel auf die +Kniee, stand wieder auf und ertheilte mit zitternden Händen den Segen. + +Der Reisende _Apel_ schildert den Abuna Salama folgendermaßen: "Er ist ein +trauriges Bild des lasterhaften, ignoranten Zustandes der ganzen +abessinischen Kirche. Stolz, unwissend, grausam, intrigant, sucht er auf +jede Weise sich Gewalt und Reichthum zu erwerben. Er treibt sogar +Sklavenhandel und nimmt nicht einmal Anstand, sich die Kirchengefäße +anzueignen, sie nach Aegypten zu senden und dort zu verkaufen. Er ist der +geschworene Feind aller Europäer." Der Empfang, welchen der Reisende bei +diesem "Kirchenfürsten" fand, war nichts weniger als erbaulich. Als er +gefangen in Gondar eingebracht wurde, empfing ihn dort mit finsterer Miene +ein Mann, der ihn italienisch anredete. Es war der Abuna. "Bist du +wieder", so begann er seine Schimpfrede, "einer von diesen vermaledeiten +Ketzern, welche unsere Religion, die wir von den Heiligen Frumentius und +Aedilius selbst empfangen haben, umstürzen wollen?" Apel antwortete, daß +er sich keineswegs hiermit befasse, und wurde nun weiter gefragt: "Hast du +keine Bibel mitgebracht, das Volk irre zu führen und unsere heilige Kirche +zu untergraben?" Als nun der Fremdling sagte, er sei Arzt und kein +Geistlicher, bemerkte der Abuna: "Ihr seid aber alle Räuber und Lügner, +ihr Engländer! Ihr kommt zu uns als Werkleute verkleidet, gebt vor, euch +mit der Arbeit zu beschäftigen, unterrichtet aber das ganze Volk und führt +es zum Verderben." Schimpfreden gegen die Missionäre beschlossen den +Sermon des Kirchenfürsten. + +Günstiger urtheilt Heuglin von dem Manne, den er 1862 besuchte: "Er mag 45 +Jahre alt sein, ist ein schöner Mann von kräftiger Statur, jedoch viel +leidend und in Folge eines Katarakts auf dem linken Auge erblindet. Sein +Schicksal, für Lebzeiten an dieses Land gebannt zu sein, trägt der Abuna +mit mehr Humor als christlicher Ergebung. Auf die abessinische +Geistlichkeit ist der Bischof sehr schlecht zu sprechen, er hält dieselbe +für vollkommen unverbesserlich, auch spricht er sich unumwunden über die +vielen Mängel und angestammten Krebsschäden der hiesigen Kirche aus; +trotzdem ist er aber den europäischen Missionären höchst abhold und +erklärt, er halte sich unter den obwaltenden Umständen für verpflichtet, +jede Art von Propaganda zu unterdrücken." Abba Salama, der 27 Jahre über +Abessinien als Kirchenfürst regierte, starb am 25. Oktober 1867. + +So traurig steht es heute um den höchsten Kirchenfürsten Abessiniens, und +ihn übertreffen die übrigen niedrigeren Geistlichen an Schlechtigkeit und +Unwissenheit noch bedeutend. Diese sind an Rang und Würde zwar +untereinander verschieden, allein außer dem Abuna hat keiner das Recht, zu +ordiniren. Außer den Priestern und Diakonen besteht noch das Amt des +kirchlichen Thürhüters und Brotbäckers. Jede Kirche hat noch ihren Aleka, +dessen Geschäft darin besteht, die Geistlichen anzustellen, zu +beaufsichtigen und zu besolden und die Verbindung zwischen Kirche und +Staat zu vermitteln. + + [Illustration: Erzbischöfliche Würdezeichen des Abuna. Nach Lefêbvre.] + +Die Kirche hat ferner diejenigen, welche sich ihrem Dienste widmen wollen, +zu unterrichten. Zum Diakonenamte wird jeder ordinirt, der sich dazu +meldet, wenn er nur lesen kann. Will sich darauf einer dem Priesterstande +ganz widmen, so heirathet er in der Regel vorher, weil es ihm später nicht +mehr erlaubt ist. Die Ordination ist sehr einfach: der Diakon sagt das +Nicäische Glaubensbekenntniß her, bezahlt zwei Salzstücke an den Abuna, +der ihm das Kruzifix entgegenhält und den Segen über ihn spricht. Unter +dem Abuna Kyrillos, der vor etwa dreißig bis vierzig Jahren lebte, sollen +Priester aus Kaffa nach Gondar gekommen sein und einen Ledersack +mitgebracht haben, in welchen der Abuna Luft hauchen sollte, um mittels +derselben diejenigen ihrer fernen Landsleute zu ordiniren, die sich dem +Dienste der Kirche weihen wollten! + +Die Thätigkeit der Priester besteht in täglichem drei- bis viermaligen +Gottesdienst bei Tag und Nacht, wobei des Morgens früh die Priesterschaft +mit Mönchen und Schülern zum Genusse des Abendmahls zusammenkommt. +Außerdem fallen Taufen, Trauungen, Messelesen, Beichtehören in ihr +Bereich. Der _Kirchengesang_ ist, obgleich höchst unerbaulich, doch sehr +künstlich und mit Mimik verbunden; das Studium desselben, sowie das +Einlernen der langen Liturgie kostet den angehenden Priestern viele Jahre +Zeit. Lächerlich erscheint uns auch die Art und Weise, wie die Priester +aus ihren heiligen Büchern lesen, denn das Lesen an und für sich gilt +schon als verdienstlich. Das Wort, mit dem sie dasselbe benennen, +entspricht unserm "plappern" und paßt daher gut, um das gedankenlose, +überaus schnelle Lesen zu bezeichnen. Ein Priester, der seine oft ungemein +lange Liturgie schnell zu Ende bringen will, liest oft mit solcher +Behendigkeit, daß das Ohr in seinem Lesen die Artikulation der Stimme kaum +besser unterscheiden kann, als das Auge die einzelnen Speichen eines +schnell kreisenden Rades. - Was die Zahl der _Sakramente_ betrifft, so +scheinen sie nur zwei, Taufe und Abendmahl, anzunehmen. Zum letzteren +bedienen sie sich gesäuerten Weizenbrotes, das von bestimmten Personen +gebacken sein muß, und des Saftes ausgepreßter Weintrauben. Dieses wird im +Abendmahlskelch zusammengemischt, etwas Wasser zugegossen, das Ganze +geweiht und mit einem Löffel den Abendmahlsgenossen gegeben. Ihre Beichte +übertrifft alles, was in dieser Art anderweitig noch vorkommt. Nach einem +vorgeschriebenen Formulare (Nusasié) fragt der Priester den Beichtenden, +ob er gewisse Sünden, die in einer ungeheuren Schandliste alle +auseinandergesetzt sind, nicht begangen habe. Auf jeder Sünde steht nun +eine vorgeschriebene kirchliche Strafe, die durch Fasten oder Bezahlung +abgebüßt wird. + +Diese Bezahlungen und andere zusammengebettelte Summen dienen dem Priester +dazu, über Massaua und Kairo eine Wallfahrt nach Jerusalem zu machen, die +überhaupt das höchste Ziel der Wünsche eines Abessiniers zu sein scheint, +weil er dadurch nach seiner Rückkehr gleichsam das Recht erhält, seine +wohlhabenderen Landsleute auf die unverschämteste Art um Geschenke zu +bestürmen. Der Einfluß, welchen sich die Priester auf die Bevölkerung zu +verschaffen wissen, ist trotz ihres offenbaren unsittlichen Lebenswandels +ein außerordentlich großer. Wenn in der Hauptstadt Gondar eine Frau einem +Priester ihrer Bekanntschaft auf der Straße begegnet, so küßt sie +demselben ehrfurchtsvoll die innere Seite der Hand; Männer thun dies wohl +auch, aber doch nicht in der Regel. Zwei sich begegnende Priester küssen +zur Begrüßung einander gegenseitig die rechte Schulter. Schon durch die +_Tracht_ unterscheidet sich der Priester vor seinen Mitmenschen. Sie, +sowie diejenigen, welche sich zur gebildeten Klasse zählen, tragen am Kinn +einen kurzen Bart, rasiren sich das Haupt und umwinden es turbanartig mit +einem weißen Tuche. Den Oberkörper deckt eine weiße Weste mit weiten +Aermeln; außerdem haben sie weiße, weite Beinkleider, eine schmale +Leibbinde und ein großes weißes Umschlagetuch mit farbigem Randstreifen. +Große Schnabelschuhe vollenden den Anzug. Selten fehlt dem Priester ein +Kruzifix, das die ihm begegnenden frommen Personen küssen, und ein bunter, +aus Haaren verfertigter Fliegenwedel. Um den Hals tragen sie außer einer +blauen Seidenschnur, ohne welche man nie einen abessinischen Christen +sieht, meistens einen Rosenkranz, der aus Jerusalem stammt. Die Priester +jeder Kirche (die normale Zahl derselben an einer Hauptkirche beträgt +nicht weniger als _einundzwanzig_!) wohnen immer in kleinen Häusern, die +sich innerhalb der Mauer befinden, welche die Kirche sammt den sie +umschattenden Baumgruppen gewöhnlich umfaßt. Dieser abgeschlossene Raum +wird oder wurde als ein heiliger Ort betrachtet, der gegen Plünderungen +gesichert ist. + + [Illustration: Abessinischer Klostergeistlicher und Student der + Theologie aus Schoa. + Originalzeichnung von Eduard Zander.] + +Auch den _Bannfluch_ kennt die abessinische Kirche. Als Isenberg mit +seinem Mitarbeiter 1843 nach Adoa kam, mußte er vor der versammelten +Geistlichkeit der Stadt ein förmliches Examen über seinen Glauben ablegen. +Man fragte ihn: ob er das Kreuz und die Kirche küsse? ob er an eine +Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi beim +Abendmahl glaube? und ob er glaube, daß die Jungfrau Maria und die +Heiligen uns mit ihrer Fürbitte bei Christo vertreten? Vom +protestantischen Standpunkt setzte er nun seine Ansichten lang und +weitläufig auseinander, allein dieses genügte, um ihn als Ketzer +erscheinen zu lassen. Kaum hatte er daher mit seinem Genossen der +Versammlung den Rücken gewandt, als ein Priester feierlich über beide den +Bannfluch aussprach, indem er ihre Seelen dem Satan, ihre Leiber den +Hyänen, ihr Eigenthum den Dieben übergab und jeden, der ihnen nahe kommen +oder sie bedienen würde, gleichfalls exkommunizirte. + +Eine besondere Stellung in der abessinischen Kirche nehmen noch die +_Debteras_ ein. Debtera ist allgemeiner Gelehrtentitel, den Alle erhalten, +die sich hauptsächlich mit Büchern beschäftigen, sobald sie eine gewisse +Bekanntschaft mit denselben erhalten haben. Die eigentliche Bedeutung des +Wortes ist nach Isenberg Zelt; es wird gebraucht von der Stiftshütte, und +der zu Grunde liegende Gedanke dieses Titels ist wahrscheinlich der, daß +die Gelehrten ebenso das Heilige in ihrem Lande einschließen sollen, wie +es die Stiftshütte that. Ein Debtera wird nicht ordinirt; seine +Beschäftigung besteht im Unterrichtertheilen, im Kopiren der heiligen +Bücher auf Pergament und - wenn es nothwendig ist - im Assistiren in der +Kirche. Unordinirt sind auch die _Alekas_, die Kirchensuperintendenten, +die das Eigenthum der Kirche verwalten und die Vermittelung zwischen +Geistlichkeit und Staat herstellen. Schon sehr frühzeitig widmen sich die +Abessinier dem geistlichen Stande; die Kenntnisse, welche diese Studenten +der Theologie zu erlangen haben, sind gering. Sie lernen die +Kirchensprache, einige Geéz-Wörter, die Geheimnisse des abessinischen +Gesanges und Tanzes. Das Anhauchen des Abuna und die Zahlung von zwei +Salzstücken an denselben macht sie dann zu fertigen Priestern. Unsre +Abbildung (S. 119) zeigt einen Studenten der Theologie aus Schoa, der in +Schafpelz gekleidet ist und den Bettelstab und Bettelkorb - seine einzigen +Lebensstützen - bei sich führt. Neben ihm sitzt ein Bursche aus Gondar mit +einem Sonnenschirm aus Grasgeflecht (Eipras). + +Die Art und Weise, wie der Gottesdienst, zumal bei großen Festen, +abgehalten wird, erinnert in vieler Beziehung mehr an das heidnische +Schamanenthum, als an christliche Ceremonien. Als Rüppell die Kirche von +_Koskam_, etwa anderthalb Stunden nordwestlich von der Hauptstadt Gondar, +besuchte, um dort dem Feste zum Andenken der Rückkehr Christi aus Aegypten +beizuwohnen, fand er dieselbe außerordentlich mit Menschen angefüllt, +sodaß er nur sehr schwierig einen Platz in derselben erhalten konnte. Vor +dem Gebäude hatte man große Tücher von fußbreiten blauen, weißen und +rothen Streifen aufgespannt, um der Menschenmenge Schutz gegen die Sonne +zu gewähren. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden war auf eine im +Vordergrunde befindliche Gruppe von Priestern gerichtet, welche unter +schrecklichem Geheul konvulsivische Bewegungen mit dem ganzen Körper +machten und mitunter auch abwechselnd wild in die Höhe sprangen. Jeder +Priester hatte in der einen Hand eine Rassel (Sanasel), in der andern +einen langen krückenartigen Stab. Die Rassel hat die Form einer +zweizinkigen Gabel, welche durch Querstäbchen oben geschlossen ist, und in +ihr befinden sich mehrere Metallringe, welche hin und her bewegt durch +ihren rasselnden Ton den singenden und tanzenden Priestern zum +Taktschlagen dienen. Dieser Gebrauch muß ein sehr alter sein, denn schon +unser Landsmann Christoph Fuhrer berichtet in seiner 1646 zu Nürnberg +gedruckten "Reisbeschreibung in Egypten": "Gegenüber unter den Armeniern +haben die Abyssinier ihren Ort, welche gar seltsame Ceremonien halten. +Wann sie Meß singen, brauchen sie wunderbarliche Instrumenta, als zwei +Trummel, wie die Heerpauke, darauf sie unter dem Singen schlagen; einer +hat ein Schlötterlein, welches voll Schellen hängt, daran er mit der +andern Hand schlägt, daß es klingelt: ein andrer hat ein Instrument, wie +es die Moren gebrauchen, einer halben Trummel gleich, auch mit Schellen +behängt, die stehen beieinander, hüpfen und tanzen zugleich miteinander, +singen viel Alleluja, welches lächerlich zuzusehen und zu hören ist, seynd +aber dabei fromme und gottesfürchtige Leute." - Inmitten der Gruppe sich +verzerrender Priester saß einer auf dem Boden und schlug eine große, von +Silberblech gearbeitete türkische Trommel. Nachdem diese religiöse +Belustigung einige Zeit gedauert hatte, hielten sämmtliche Priester +innerhalb der Kirche singend einen Umzug um das die Bundeslade enthaltende +Heiligthum. Zwei von ihnen trugen auf dem Kopfe sehr große Helme von +Goldblech, mit getriebener Arbeit reich verziert. Dies waren die beiden +Kronen, welche einst der Kaiser Joas und sein Vater, der Kaiser Jasu, bei +großen Feierlichkeiten zu tragen pflegten und die später der Kirche +geschenkt worden waren. Diese Kronen, welche von einem Griechen aus Smyrna +gefertigt wurden, sind von Gold- und Silberblechen in getriebener Arbeit +gemacht und mit farbigen Steinen oder Stücken Glasfluß verziert. Einige +der Priester hatten eine Art Meßgewand von Brokat an, das jedoch sehr +verschabt war; andere trugen Stäbe mit Bronzekreuzen und über dem +vornehmsten wurde ein blauer, mit Goldfranzen besetzter Sammetschirm +getragen. Die ganze Feierlichkeit entbehrte aller Ordnung und erregte in +Rüppell mehr Neigung zum Lachen als religiöse Empfindung. + + [Illustration: Krone des Kaisers Jasu. + Nach Rüppell.] + +Neben dieser Weltgeistlichkeit, die sich mit sehr geringen Ausnahmen durch +Hochmuth, Unwissenheit und lasterhaftes Leben wenig vortheilhaft +auszeichnet, steht noch eine große Schar von Mönchen und Nonnen in +Abessinien, die nach den uralten Regeln des Pachomius zusammen leben. +Dieser, ein Schüler des heiligen Antonius, war der erste, der die +Einsiedler ums Jahr 340 auf der Nilinsel Tabenna im Kloster zusammenführte +und auch später das erste Nonnenkloster gründete. Seine keineswegs +strengen Regeln eignen sich für die immer noch lebenslustigen +abessinischen Mönche und Nonnen am besten, die aber oft genug dieselben +überschreiten. + +Abessinien ist überfüllt mit Mönchen und Einsiedlern, die sich in gelbe +Gewänder, das Zeichen der Armuth, oder in gegerbte Antilopenfelle hüllen. +Gewöhnlich führen diese Leute einen unsittlichen Lebenswandel, schwärmen +durch das ganze Land und sind die Pest und Plage der Gegend, welche sie +heimsuchen. Die Männer können in jeder Periode Mönche werden; die, welche +mit schweren Krankheiten behaftet sind, thun das Gelübde, nach ihrer +Heilung ins Kloster zu gehen, und vermachen diesem ihre ganze Habe. Reiche +übergeben ihr Vermögen den Kindern, werden Mönch und lassen sich dann von +ihren Erben bis ans Lebensende unterhalten; arme Mönche dagegen leben von +der Gnade des Königs und der Gemeinde. Viele dieser Klostergeistlichen +sehen aber niemals ihre Zellen, sondern leben gemüthlich mit Weib und Kind +zu Hause und betteln auf Grund ihres gelben Gewandes oder der Agaseenhaut, +die mit dem ungewaschenen Aeußern zusammen an die Legende von ihrem großen +Ordensstifter Eustathius erinnert, welcher sich rühmte, niemals seinen +Körper gewaschen zu haben, und wunderbarlich auf dem fettigen Mantel über +die Fluten des Jordan schwamm, ohne daß ihn ein Tropfen Wasser feindlich, +d. h. reinigend, berührte. + +Eins der berühmtesten Klöster befindet sich auf dem _Debra Damo_ in +Tigrié, vier Stunden nordöstlich von Ade Pascha. (Siehe S. 35.) Dort oben +leben gegen 300 Mönche in kleinen Hüttchen zusammen. Nach Zander's Bericht +führt kein Weg hinauf und Menschen wie Nahrung werden an der Nordseite des +Felsens mit Seilen hinaufgezogen. Das Kloster ist stets auf viele Jahre +hinaus mit Lebensmitteln versehen und gilt in unruhigen Zeiten als ein +besonders sicherer Zufluchtsort. Oben findet man eine Quelle, die das +ganze Jahr hindurch vorzügliches Trinkwasser liefert und niemals +versiecht. An Handschriften und Büchern, die noch keinem europäischen +Reisenden zugängig waren, ist es sehr reich. Der senkrechte Fels besteht +aus Grauwacke und Sandstein, die Grundlage desselben ist Urthonschiefer, +die Höhe über dem Meere 6800 Fuß. In früheren Zeiten galt Debra Damo als +Gefängniß der jüngeren Zweige des herrschenden Geschlechts. Diese Sitte +soll im Jahre 1260 durch den König Jakuno Amlak eingeführt und bis ins +vorige Jahrhundert beobachtet worden sein. In Schoa vertrat die Festung +Godscho dieselbe Stelle bis auf unsere Tage herab. + +Zahlreiche Klosteranstalten finden sich auch in Walduba; berühmt sind noch +die Klöster von Axum und Debra Libanos, wo der erwähnte Abuna Tekla +Haimanot geboren wurde. Nie darf ein Frauenzimmer ein Mönchskloster +betreten, allein das hält die Insassen keineswegs ab, einen liederlichen +Lebenswandel zu führen. Die Nonnen zeichnen sich durch ein schwefelgelbes +baumwollenes Hemd und ein Käppchen von derselben Farbe aus; sie haben alle +das Keuschheitsgelübde abgelegt, befinden sich jedoch meist in +vorgerückten Jahren. Wichtig werden die Klöster namentlich dadurch, daß +viele derselben als _politisches Asyl_ gelten, nach dem zur Zeit der +Bürgerkriege viele Flüchtlinge sich retten. Dieser Umstand führte zu +großen Mißbräuchen und gestaltete die Aufenthaltsorte der Mönche zu ewigen +Sitzen der Unruhe um, zumal die Unantastbarkeit der Freistätte meistens +streng eingehalten wurde, bis König Theodoros auch hier einen gewaltigen +Schritt that und mit kühner Hand seine Feinde selbst aus den Asylen +hervorholte. + +Neben der Unsittlichkeit der Geistlichen, der frechen Simonie, der +übermäßigen Bilderverehrung, dem Glauben an Weissagereien und +Vorbedeutungen, der Auslegung von Träumen, Furcht vor Hexerei und bösen +Künsten muß andererseits hervorgehoben werden, daß jedenfalls im Lande +kein Unglauben und keine Gottesverachtung herrscht. Der Formengeist, der +allen Semiten eigen ist, klebt auch den Abessiniern an, jene +Wichtigmachung von Gebräuchen und äußern Werken, die Unterscheidung +zwischen Rein und Unrein, die Beschneidung, das Hängen am Buchstaben. Für +das Hauptübel Abessiniens aber erklärt Munzinger den Stolz, der, von dem +kleinsten Erfolg aufgeblasen, sich überheilig und überweise wähnt und nur +ungern von Fremden sich Raths erholt. Der Stolz, von dem kein Abessinier +frei ist und eigentlich kein Semite, hat eine andere gefährliche Seite; +der Messias ist ihm immer ebenso gut wie den Aposteln ein weltlicher Herr; +die Herrschsucht der Eingeborenen wird dem fremden Missionär sehr +gefährlich, da sie ihn, ohne daß er es ahnt, in die Landespolitik +hineinzieht. + + -------------- + +Die _abessinische Zeitrechnung_ ist eine keineswegs christliche, da sie +von der Erschaffung der Welt und nicht von der Geburt Christi an rechnen. +Nach ihnen ist das Jahr 1868 das siebentausenddreihunderteinundsechzigste. +Der Jahresanfang fällt auf den 10. September. Sie theilen das Jahr in +zwölf Monate von je dreißig Tagen und zur Ausgleichung fügen sie denselben +am Jahresschluß noch einen verkrüppelten dreizehnten Monat bei, der in +drei Jahren fünf, in dem vierten aber sechs Tage hat. Im gewöhnlichen +Leben und auch in ihren historischen Annalen werden die vier Jahre nach +den Namen der Evangelisten bezeichnet und zwar in folgender Reihe: +Johannes, Matthäus, Marcus und Lucas, letzteres hat am Schluß den +eingeschalteten sechsten Tag des dreizehnten Monats. Es heißt oft in den +Landeschroniken schlechtweg: Dieses ereignete sich in dem Jahre des +Evangelisten Matthäus oder Lucas u. s. w. Die Namen der dreizehn Monate +sind: Maskarem, Tekemt, Hedar, Tachsas, Ter, Jacatit, Magabit, Mijazia, +Ginbot, Sene, Hamle, Nahasse, Paguemen. Kein einziger fällt natürlich ganz +mit einem unserer Monate zusammen; so reicht der Maskarem vom 10. +September bis 9. Oktober und so fort, bis endlich der verkrüppelte +dreizehnte Monat, der Paguemen, vom 5. bis 10. September reicht. Die +Abessinier setzen die Geburt Christi in das Jahr der Welt 5500; aber von +dieser Periode bis zu unserer Zeit rechnen sie 7 Jahre und 122 Tage +weniger als wir Europäer; die Ursache dieses Unterschieds ist die von den +alexandrinischen Bischöfen befolgte Chronologie des Julius Africanus und +später durch den Bischof Anatolius von Laodicea daran gemachte zehnjährige +Abänderung. + +Am 10. September, dem Neujahrstage, machen sich die Bewohner der +Hauptstadt wie bei uns Gratulationsbesuche und die Frauen überreichen +ihren Bekannten Blumensträuße, wobei sie ausrufen: "Glück bringe dir das +neue Jahr". Auch finden Tänze mit Gesang und Schmausereien statt. Das +größte Fest in Abessinien feiert man jedoch am 16. Maskarem (26. +September) zum Andenken an die infolge eines Traumgesichts der heiligen +Helena stattgefundene Entdeckung des Kreuzes Christi. Um die Kunde dieses +Ereignisses möglichst schnell nach Konstantinopel zu bringen, bediente man +sich der Feuersignale, und die Versinnlichung dieses Ereignisses ist der +Hauptzweck der Ceremonien des _Maskalfestes_. Am Vorabend lodern +Freudenfeuer auf den Hügeln, Männer mit Rohrfackeln ziehen in Prozessionen +auf und kriegerische Tänze werden abgehalten. Der Anblick der +bronzefarbigen, halbnackten Gestalten, die in dunkler Nacht, vom Scheine +der Brandfackeln beleuchtet, sich taktmäßig hin und her bewegen, ist +ungemein malerisch. Die Hauptprozession findet jedoch erst am folgenden +Tage statt. Dann ziehen alle waffenfähigen Männer zu Fuß oder zu Pferde +nach einem nahen Hügel, auf welchem bei Sonnenaufgang ein Feuer angezündet +wird. Dem Zuge voran gehen Musikanten mit Hörnern und Pauken; nachdem die +Menge an dem Scheiterhaufen sich gewärmt, kehrt sie zurück, um mit +Reiterspielen und kriegerischen Tänzen die Feierlichkeit zu beschließen. +Der Gouverneur hält offene Tafel und ungeheuere Portionen rohen Fleisches +werden verschlungen. Andere Feste sind Ledat (Weihnachten), Domkat (Taufe +Christi), Fasaga (Ostern) und die verschiedenen Heiligenfeste. + +Die _Taufen_ finden in der Kirche statt und zwar bei den Knaben 40 Tage, +bei den Mädchen 80 Tage nach der Geburt, weil nach der Tradition der +Abessinier Adam erst 40 Tage nach der Schöpfung in das irdische Paradies +eingeführt wurde und Eva ihm dahin 40 Tage später nachfolgte. Die +Ceremonie selbst ist von der bei uns üblichen in vieler Hinsicht +abweichend. Jedes Kind hat seinen Pathen; als Taufstein gilt eine thönerne +Schüssel, deren Wasser erst beräuchert und dann mit dem Fuße des +Geistlichen berührt wird, worauf dieses für geweiht gilt; Loblieder zu +Ehren der Jungfrau Maria und das schnelle Ablesen eines Kapitels aus dem +Evangelium Johannes vollenden die Vorbereitungen; dann werden die +Täuflinge nach allen vier Himmelsgegenden geneigt und bis über den Kopf +ins Wasser getaucht; schließlich wird dem Täuflinge eine in geweihtes Oel +getauchte Schnur um den Hals gebunden und die Ceremonie ist vorüber. +Vorher aber sind die Kinder beiderlei Geschlechts beschnitten worden. + +Die _Ehe_ ist in Abessinien, wo allgemeine Sittenlosigkeit und die +allergrößte Freiheit im Umgang der Geschlechter herrscht, eine rein +äußerliche und sehr lose. Die Trauungen werden nur selten kirchlich +geschlossen, was einfach dadurch geschieht, daß die Brautleute das +Abendmahl zusammen nehmen. Werden die Gatten einander untreu, so trennen +sie sich einfach und haben dann das Recht, noch zweimal sich kirchlich +trauen zu lassen. Da jedoch die meisten Ehen wild sind, so betrachtet man +die kirchliche Trauung als Nebensache. Wie entsetzlich die Zustände in +dieser Beziehung sind, geht aus der Bemerkung Isenberg's hervor, daß er +während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Abessinien unter einer sehr +großen Zahl kirchlich getrauter Leute _kein einziges_ Paar kennen lernte, +daß einander treu blieb. Das Gesetz, daß man sich nur dreimal trauen +lassen darf, gilt jedoch nur in der Theorie. Rüppell traf zu Ategerat ein +hübsches, erst _siebzehnjähriges_ Frauenzimmer, welche bereits von +_sieben_ mit ihr ehelich vermählten Männern geschieden war und im Begriffe +war, sich zum _achten Male zu vermählen_! Ehescheidungen sind bloße +Privatangelegenheiten, welche nur dann vor die Behörden gebracht werden, +wenn man in Betreff der Vermögenstheilung sich nicht miteinander +verständigen kann. Sonst hat die Obrigkeit damit gar nichts zu thun, und +die Ehe besteht nur so lange, als beide Theile damit zufrieden sind. +Eifersucht ist in Abessinien ein unbekanntes Ding und eheliche Untreue das +Gewöhnliche, besonders noch dadurch begünstigt, daß die Zahl der Frauen +überwiegt. Dies mag auch ein Grund dafür sein, daß unter jenen Christen +die _Vielweiberei_ geduldet ist; aber nur die Reichen pflegen an dem +nämlichen Orte mehrere Frauen zu haben, von denen jede einzelne in einem +besonderen Hause wohnt. Diejenigen Abessinier, welche sich ihrer Geschäfte +halber an verschiedenen Orten aufhalten, haben gewöhnlich an jedem +derselben eine Frau. Im Allgemeinen benimmt sich die Frau sehr aufmerksam, +dienstwillig und selbst demüthig unterwürfig gegen ihren Mann. Sie darf +ihn nur als ihren Herrn und im Plural anreden, während der Gatte gegen sie +das "Du" gebraucht; sie muß ihm, wenn er es verlangt, die Füße waschen und +ihm bei Tische häufig die Speisen in den Mund stopfen! Jenes Betragen der +abessinischen Frauen geht jedoch nicht aus Liebe hervor, sondern ist +berechnete Schmeichelei. Liebe in reinerem Sinne kennt man in jenem durch +die größte Sittenverderbniß ausgezeichneten Lande gar nicht. Zum Heirathen +genügt schon ein Vermögen von wenigen Thalern, ein baumwollenes Hemd für +die Braut, etwas Geld für die Eltern sind die Geschenke bei Armen. Bei +reichen Leuten werden große Gelage gehalten, welche mehrere Tage dauern. +Gegen Ende derselben führt der Bräutigam, auf einem Maulthier reitend, die +Braut scheinbar aus dem älterlichen Hause in das seinige. Die Mädchen +werden in der Regel noch ungemein jung, zuweilen schon in ihrem neunten +Jahre verheirathet; so erzählt Pearce, daß ein mehr als siebenzigjähriger +Landesfürst die noch nicht zehnjährige Tochter des Kaisers heirathete! + +Sieht ein Abessinier seine Todesstunde herannahen, so läßt er den +Geistlichen rufen, dem er eine Beichte ablegt, um die Absolution zu +empfangen. Der würdige Priester benutzt dann gewöhnlich diese Gelegenheit, +um möglichst viel von dem weltlichen Gute des Sterbenden für sich und die +Kirche zu erlangen, während er für das _Begräbniß_ selbst keinen Heller +nimmt. Dieses findet meistens noch am Todestage statt. Der Körper wird mit +gekreuzten Armen in ein baumwollenes Tuch geschlagen, dann mit einer +Lederhaut umwickelt, in der Kirche eingesegnet und in einer kleinen Grube +bestattet. Nach der Beerdigung versammeln sich Freunde und Verwandte im +Sterbehause, wo das Klagegeheul angestimmt und dann ein großes Mahl +gehalten wird. Um tiefe Trauer wegen des Todes eines Verwandten +auszudrücken, pflegt man sich das Haupthaar abzuscheren, den Kopf mit +Asche zu bestreuen und die Schläfen zu zerkratzen, bis Blut fließt. Alles +dieses ist jedoch blos äußerliche Heuchelei und fern von tiefgefühlter +Betrübniß, denn grenzenloser Leichtsinn ist ein Hauptcharakterzug der +Abessinier. + +Abessinien ist reich an _Kirchen_, doch sind dieselben meistentheils nur +klein. Viele stehen als Wallfahrtsorte in hohem Ansehen und werden von +großen Scharen frommer Pilger besucht, die, oft aus weiter Ferne +herziehend, häufig zugleich den bei der Kirche aufgeschlagenen Markt zu +Einkäufen benutzen. So knüpfen sich auch hier die Messen an die Kirchen, +wie in den meisten anderen Ländern der Erde gleichfalls. Gewöhnlich sind +die Kirchen im Grundrisse rund und 20-24 Fuß hoch; viereckige gehören zu +den seltenen Ausnahmen. Beinahe jede abessinische Kirche oder Kapelle hat +an ihrer Façade zwei gleich große, dicht nebeneinander stehende Thüren und +im Innern eine Art von großem hölzernen Sessel oder Thron, der die +Bundeslade der Israeliten vorstellt. Dieser Sessel, auf welchem Brot und +Wein für das Abendmahl eingesegnet werden, führt den Namen Manwer oder +Tabot und ist überall in Abessinien der Gegenstand der größten Verehrung. +Glocken befinden sich nur in wenigen Kirchen der größeren Städte; statt +ihrer behelfen sich die Priester mit dünnen Steinplatten, die schwebend +aufgehängt sind und durch deren Anschlagen die Gläubigen zusammenberufen +werden. Die gewöhnlichen Kirchen auf dem Lande bestehen aus zwei +Gemächern, deren Inneres beinahe ganz dunkel ist und welche durch eine +Flügelthüre miteinander in Verbindung stehen. Sie sind mit einem +gemeinschaftlichen kegelförmigen Strohdache überdeckt und fast immer von +schönen Bäumen umgeben, welche den um die Kirche herumliegenden Friedhof +beschatten, der jedoch keinerlei Grabsteine aufweist. Einige dabei +befindliche kleine Hütten beherbergen die den Kirchendienst versehenden +Priester. Das Ganze ist durch eine niedrige Mauer umschlossen. Wer Schuhe +oder Sandalen trägt - übrigens eine Seltenheit in Abessinien - zieht +dieselben beim Eingange des Kirchhofes aus. In der vorderen Abtheilung, +der eigentlichen Kirche, versammeln sich die Leute, nachdem sie beim +Eingange die mit schreckhaften kolossalen Engelsfiguren bemalten Thüren +ehrfurchtsvoll geküßt haben. _Gemalte_ Bilder werden in Abessinien +verehrt, keineswegs jedoch _geformte_, und deshalb zeigt das abessinische +Kreuz auch keinen Christusleib, weil dies nach Auffassung jener Kirche +gegen das zweite Gebot verstoßen würde. Das Küssen der Kirche ist als +Zeichen der Gottesverehrung üblich, sodaß der Ausdruck "die Kirche küssen" +gleichbedeutend mit unserem "in die Kirche gehen" ist. Ueberhaupt werden +alle für heilig gehaltenen Gegenstände, Kirchen, Kreuz, Bilder und Bücher +geküßt. Die Eingetretenen setzen sich oder knieen auf den Boden hin. Durch +die offene Flügelthür erblickt man im zweiten Gemache den Tabot, um den +Priester in zerlumpten seidenen Kitteln umherstehen, jeder von ihnen hält +eine brennende Wachskerze in der Hand, außerdem Schelle und Rauchfaß, die +sie beim Heulen der Psalmen schwingen. Zuweilen liest einer eine kurze +Phrase aus einem auf der Bundeslade liegenden Buche oder reicht den +Anwesenden das Kreuz zum Küssen dar - von einer christlichen Erbauung +gewahrt man jedoch bei diesen keine Spur; sie plappern zwar fortwährend +mit den Lippen Gebete her, aber ihren Blicken nach zu urtheilen sind ihre +Gedanken bei ganz anderen Gegenständen. + + [Illustration: Grundriß der Kirche Lalibela. + Nach E. Zander.] + +Besser sind die Kirchen in den großen Städten beschaffen, namentlich zu +Gondar, wo es allein gegen fünfzig giebt. Die größte ist die +_Bada-Kirche_, welche Kaiser Tekla Haimanot um das Jahr 1775 erbauen ließ. +Mit ihrem hohen konischen Dache überragt sie alle anderen Gebäude der +Stadt und zeichnet sich außerdem durch ein großes griechisches Kreuz von +Messing auf dem Giebel aus. In ihr, sowie in anderen Kirchen Gondars zeigt +man mehrere etwa fünf Fuß lange Kisten aus Sykomorenholz, welche ringsum +mit Heiligenbildern und auf dem Deckel mit der Figur eines in ein +Leichentuch gehüllten Menschen bemalt sind. Sie enthalten die Gebeine von +Personen, welche in ganz besonderem Ansehen standen. Diese müssen jedoch +erst herkömmlicher Weise fünfzig Jahre lang in der Erde geruht haben, ehe +sie zu der Ehre gelangen, auf diese Art aufbewahrt zu werden. Die übrigen +Kirchen sind gewöhnlich von Bogengängen umgeben, von denen aus mehrere +große Thüren in das Innere führen. Wände, Thüren und Querbalken des +Gebäudes sind mit Malereien bedeckt und die innere Seite der Thürgesimse +mit kleinen Porzellanplatten ausgekleidet; Teppiche decken den Boden; doch +Lampen sind eine seltene Erscheinung. + +Vorzüglich schöne und geschmackvolle Holzschnitzereien, die, was die +Arabesken betrifft, auch einem europäischen Künstler Ehre machen würden, +enthält die _Kirche Lalibela_ zu Gondar, ein Bauwerk der Fürstin Menene. +Ihr Grundriß ist rund, das Dach, wie allgemein üblich, konisch und an der +Spitze mit dem Kreuz geziert. Ihr Inneres besteht aus drei konzentrischen +Abtheilungen. Der äußere, von Säulen getragene Kreis, ist der allgemeine +Raum für die Kirchgänger; der zweite, mittlere Raum ist für die +Abendmahlempfänger bestimmt; der innerste, viereckige, enthält die +Bundeslade. Die erwähnten reichen Holzschnitzereien sind flachrelief an +Thüren und Fenstern angebracht. + +Wohl die berühmteste Kirche in ganz Abessinien ist jene zu _Axum_ in +Tigrié, in der ehemaligen Hauptstadt des den Griechen und Römern bekannten +axumitischen Reiches. Sie liegt inmitten des politischen Asyls und wurde, +wie schon ihre Bauart zeigt, unter portugiesischem Einfluß 1657 an der +Stelle der 1535 von Muhamed Granjé zerstörten alten Kirche erbaut. Durch +Größe, Reichthum und Heiligkeit übertrifft sie alle anderen Kirchen +Tigrié's. Auf einer mit Stufen versehenen, aus gut behauenen Quadern +erbauten Terrasse schreitet man zu ihr hinauf. Vier dicke Pfeiler bilden +eine Art Porticus, von welchem man durch drei Thüren in den inneren Raum +gelangt. Dieser ist durch zwei Reihen plumper Pfeiler in drei Schiffe von +gleicher Höhe abgetheilt, welche durch einige kleine und sehr schmale +Fenster ein sehr spärliches Licht erhalten; die Decken bilden horizontal +liegende Balken; die Wände sind mit geschmacklosen, stark beschädigten +Malereien beklext, der Boden mit Teppichen belegt. (Rüppell fand ihn +voller Schmuz.) Ein kleiner Thurm enthält eine Treppe, die zu dem flachen, +mit Zinnen gekrönten Dache führt. Salt, welcher die Kirche gemessen hat, +giebt ihre Länge zu 111, ihre Breite zu 51 Fuß an. In der Nähe steht ein +kleines niedriges Haus, in welchem zwei sehr roh in Abessinien selbst +gegossene Glocken hängen, und in einem anderen Gebäude werden die +Pretiosen der Kirche, die Metallkronen, Kreuze und Manuskripte aufbewahrt. +Nach der Ansicht der Abessinier ist die hier aufbewahrte Bundeslade die +echte jüdische aus der Zeit des Königs Salomo, welche Menilek, der Sohn +der Königin von Saba, in Jerusalem stahl und hierher brachte (vergl. +S. 3). Der Name der Kirche ist Hedar Sion und ihr Hüter, der Gouverneur +von Tigrié, führt den Titel Nabr Id (Hüter der Bundeslade). Die Abbildung +zeigt unsere Anfangsvignette. + + *Die Missionen in Abessinien.* + +Schon bald nach Entstehung der englischen "Missionsgesellschaft für Afrika +und den Osten" wandte diese ihre Aufmerksamkeit auf Abessinien, in der +Absicht, dem dortigen Christenthume frische Anregungen zuzuführen und +dasselbe aus seiner Versunkenheit herauszuziehen, sowie vor dem Untergange +im Muhamedanismus zu bewahren. Zu diesem Zwecke wurden nun +Missionsstationen in Malta, Kairo, Smyrna u. s. w. angelegt, von denen aus +man allmälig bis Abessinien vordringen wollte, und durch einen +abessinischen, nach Jerusalem gepilgerten Mönch die ganze Bibel in die +amharische Sprache übersetzt, welche die verbreitetste unter den +abessinischen Mundarten ist. Die ersten Missionäre, welche nach Ategerat +(Adigrat) in Tigrié im Jahre 1830 vordrangen, waren die beiden Deutschen +_Gobat_ und _Kugler_. Der Detschasmatsch Sabagadis empfing sie freundlich, +indessen die politischen Verhältnisse, die immerwährenden Kriege zwischen +Sabagadis und Ubié um die Herrschaft Tigrié (vergl. S. 107) waren ihrem +Werke nicht günstig. Trotzdem drang Gobat bis nach der Hauptstadt Gondar +vor, während Kugler in Tigrié zurückblieb, um bald an den Folgen einer +Verwundung, welche er sich auf der Jagd zugezogen, zu sterben. Als nun zu +derselben Zeit Sabagadis von Ubié geschlagen und getödtet wurde, brach +auch für den wackern Gobat eine Zeit der Verfolgungen herein. Längere Zeit +hielt er sich in den politischen Asylen, namentlich im Kloster Debra Damo, +verborgen, mußte schließlich aber nach Aegypten fliehen. Die Erfahrungen, +die er bezüglich seines Missionswerkes gemacht hatte, waren jedoch nur +trauriger Art; er fand, "daß der Leichtsinn dieses Volkes nicht leicht die +Wahrheit des Evangeliums auf Herz und Leben wirken läßt". _Der erste +mißlungene Versuch._ + + [Illustration: Gefangennahme des Missionärs Krapf durch Adara Bille. + Nach Krapf's Reisewerk.] + +In Karl Wilhelm _Isenberg_ aus Barmen erhielt 1834 der zurückgekehrte +Gobat einen treuen Freund und Unterstützer, der mit neuem Eifer das +schwierige Geschäft anzugreifen begann. Nach langer Fahrt durch das Rothe +Meer und dreimonatlichem Aufenthalte in Massaua kamen beide im April, +begleitet von ihren Frauen, in Tigrié an, wo die Bürgerkriege immer noch +fortwütheten. Ubié sicherte indessen den Missionären seinen Schutz zu, die +nun mit der Verbreitung von Bibeln begannen. Gobat jedoch war infolge von +Krankheit genöthigt, schon 1836 zurückzukehren und gegen den bleibenden +Isenberg richtete sich nun der Haß der abessinischen Geistlichkeit, die +ihren Einfluß durch seine Anwesenheit bedroht sah. Indessen Isenberg hielt +wacker aus und fand in dem Deutschen _C. H. Blumhardt_ einen Unterstützer +in seiner aufreibenden Arbeit. Um auf die Jugend, die man zunächst im Auge +hatte, besser wirken zu können, begann man mit dem Schulunterricht und +baute ein großes Missionshaus in Adoa, das jedoch bald die Eifersucht und +den Verdacht des Kirchenvorstehers wie des Herrschers Ubié erregte, da es +für eine Festung angesehen wurde, von welcher unterirdische Gänge zum +Waffen- und Truppentransport bis Massaua führen sollten! Als mit Ende des +Jahres 1837 auch Ludwig _Krapf_ aus Württemberg zu der kleinen Mission +stieß, fand er schon große Schwierigkeiten, um zugelassen zu werden, und +bereits im Sommer 1838 erhielten die Missionäre den Befehl, das Land +wieder zu verlassen. Wie Isenberg bemerkt, geschah dieses nicht ohne +Zuthun der mittlerweile gleichfalls nach Abessinien gekommenen +katholischen Missionäre, namentlich Sapeto's, dessen wir bereits oben +S. 31 gedachten. _Der zweite mißlungene Versuch._ + +Nachdem so im Norden Abessiniens keine Aussichten mehr für eine +gedeihliche Wirksamkeit vorhanden schienen, beschloß man mit zäher +Ausdauer im Süden, in Schoa, das Werk fortzusetzen. + +Schon im Jahre 1837 kam zu den deutschen Missionären in Adoa ein Bote des +Königs von Schoa, welcher einen in deutscher Sprache geschriebenen Brief +überbrachte, der von Martin Bretzka, dem ehemaligen Jäger Rüppell's, +herrührte. Durch diesen ließ Sahela Selassié die Missionäre um Arznei und +einen tüchtigen Mechaniker bitten, ja er verlangte, daß die Missionäre +womöglich selbst zu ihm kommen möchten. Arznei wurde sofort nebst einem +langen Briefe von Isenberg überschickt, ein Mechaniker aber war nicht +vorhanden. In dem Schreiben fragte der Missionär, ob der König ihm sein +Missionswerk in Schoa gestatten wolle. Wenn er diese Frage bejahe, würde +er sammt seinem Kollegen Blumhardt kommen, sei dieses aber nicht der Fall, +so müsse er von der Reise nach Schoa absehen. Da Blumhardt jedoch auf eine +indische Station gesandt wurde, machten sich 1839 Krapf und Isenberg auf +den Weg nach Schoa und kamen nach einer höchst beschwerlichen Reise auf +einem bis dahin unbekannten Wege über Tadschurra und das Adal-Land am 6. +Juni in Ankober beim Könige Sahela Selassié an, der sie mit der größten +Freundschaft aufnahm und behandelte. "Hier nun gelang es unter sehr +günstigen Umständen einen guten Anfang mit der Verkündigung des +Evangeliums und dem Schulunterrichte zu machen." Da es jedoch an Büchern +und Lehrmitteln fehlte, kehrte Isenberg nach freundlichem Abschiede im +November 1839 nach Europa zurück, um das zur Fortführung der übernommenen +Aufgabe Nöthige zu holen. + +Krapf blieb nun längere Zeit allein in Schoa, fühlte sich aber wohl sehr +einsam und beschloß, ehe er sein Werk weiter fortführte, seine Braut +heimzuführen. Am 11. März 1842 unternahm er die äußerst gefahrvolle Reise +von Ankober nach Massaua. Er hatte seine Richtung durch das nördliche +Schoa und das Land der muhamedanischen Wollo-Galla genommen. Er wollte +über Gondar gehen und dort die Bekanntschaft des neuen, erst ein Jahr +vorher berufenen Abuna machen. + + [Illustration: Ludwig Krapf. Nach dem Stahlstich in dessen Reisewerk.] + +Vom Könige Sahela Selassié mit einem silbernen Schwerte beschenkt, welches +ihm den Rang eines Gouverneurs ertheilte, und wohl versehen mit +amharischen Bibeln, machte sich der muthige Glaubensbote, nachdem er vom +Könige und der damals in Schoa weilenden britischen Gesandtschaft Abschied +genommen, auf den gefahrvollen Weg. In Sella Dengai stattete er noch der +einflußreichen Mutter des Königs, welche beinahe halb Schoa unabhängig +beherrschte, einen Besuch ab. Sie empfing ihn, auf ihrem Lager sitzend und +umgeben von Dienerinnen, sehr friedlich, ließ sich einen bunten Schal, +einige Scheren, sowie ein Neues Testament in äthiopischer Sprache +schenken, und entließ darauf unseren Landsmann, der in die hohen kalten +Berge hinaufstieg, die sich an der Grenze der Provinzen Mans und Tegulet +hinziehen. Mans ist die größte Provinz Schoa's und wird als Gut der +Königin-Witwe betrachtet; doch leben die Eingeborenen unabhängig und mit +allen Nachbarn im ewigen Kampfe. Auch gegen Krapf waren sie höchst +unfreundlich, der sich freute, ihr kaltes Land bald verlassen zu können. +Er passirte verschiedene nach Westen fließende kleine Zuflüsse des Nil und +stieg dann von den Höhen beim Dorfe Amad-Wascha in das Thal des Flusses +Katscheni hinab, der die Grenze gegen die von den Wollo-Galla bewohnte +Provinz Gesche ausmacht. Der Häuptling der Galla, Adara Bille, residirte +damals im Distrikte Lagga Gora und stand mit Schoa in friedlichen +Beziehungen; er empfing den Gast freundschaftlich und entließ ihn am +nächsten Tage mit einem Führer versehen. + +Am 23. März gelangte der Reisende an das Ufer des Flusses Beschlo und +erstieg die Hochebene von Talanta. Hier kamen ihm zahlreiche Flüchtlinge +entgegen, die mit Weib und Kind vor der Invasion eines Galla-Stammes davon +flohen und auch Krapf veranlaßten, zu dem anscheinend freundlichen Adara +Bille umzukehren, der auch noch immer die alten Sympathien für den +Reisenden zu hegen schien. Als jedoch nach Verlauf von zwei Tagen das Land +sich einigermaßen beruhigt hatte und Krapf seine Reise fortsetzen wollte, +erklärte ihm Adara Bille, daß er ihn nach Schoa zurücksenden müsse, da er +nur für _einmal_ die Erlaubniß erhalten hätte, das Land zu verlassen. +Vergebens war alles Protestiren. Man suchte Gold bei ihm, nahm ihm seine +Maulthiere und Pferde und ließ ihn durch Soldaten bewachen. Als er nun +trotzdem seine übrig gebliebene Habe zusammenpackte und aufzubrechen +versuchte, wurde er ergriffen und in ein kleines Gemach abgeführt, wo man +ihm, unter Androhung der Todesstrafe, sein ganzes Gut, sogar seinen Mantel +wegnahm. Selbst die Taschen kehrte man ihm um und raubte ihm die letzten +Kleinigkeiten. In diesem Zustande hielt man ihn mehrere Tage gefangen, und +auf vieles Bitten gelang es ihm endlich sein Tagebuch, 3 Thaler und das +schlechteste Maulthier wieder zu bekommen. Dagegen waren fünf Maulthiere, +140 Thaler, die Pistolen und Flinten, der Kompaß, die Uhr und viele andere +werthvolle Dinge unwiderbringlich verloren. Gott war der einzige Trost des +frommen Mannes in diesen Leiden, der nun, von sechs Soldaten begleitet, +über die Grenze transportirt wurde.(1) + +Bettelnd gelangte er in das schöne, vom Dscherado durchströmte Thal +Totola, in dem ein lebhafter, aus allen Theilen Abessiniens besuchter +Markt abgehalten wird. Zu beiden Seiten desselben erheben sich hohe mit +Dörfern, Weilern und Wachholderbäumen bestandene Bergketten, die den +gebeugten Krapf durch ihre wunderbare Schönheit entzückten. Allein die +rohen Soldaten trieben ihn mit den Worten fort: "Du bist unser Vieh, wir +können mit dir anfangen, was uns beliebt." Am Ufer des Flusses Berkona, +der dem Hawasch zufließt, traf man auf einen Kaufmann, der nicht wenig +erstaunt war, einen weißen Mann auf diese Art durch das Land geführt zu +sehen. Dieser, in dessen Brust wol Mitleid rege wurde, ertheilte Krapf den +Rath, er solle laut schreien, wenn er viele Leute in den Feldern bemerke; +diese würden alsbald herbeieilen und ihn zum Gouverneur Amadié führen, der +auf einem hohen Berge zu Mofa, in der Nähe des Sees Haik, residire. Krapf +befolgte diese Weisung und sah sich bald von Landleuten umringt, die ihn +trotz des Sträubens der Soldaten befreiten und zu Amadié führten, dem +Häuptlinge der Tehulladarié-Galla. Dieser schickte die Soldaten Adara +Bille's augenblicklich zurück und ließ den geprüften Mann ruhig seine +Straße ziehen. Auf mühevollem Wege wanderte Krapf nun von Station zu +Station durch wilde ungastliche Völker von dem See Haik an der +nordöstlichen Grenze von Schoa über Jedschau, Angot, Wafila, Lasta, +Enderta und das östliche und nordöstliche Tigrié bettelnd bis Massaua, wo +der französische Konsul de Goutin ihm die Heimreise möglich machte, die er +am 4. Mai antrat. In Schoa aber befand sich keine Mission mehr. _Der +dritte mißlungene Versuch._ + +Wer jedoch glauben würde, die eifrigen Missionäre hätten sich durch +solchen betrübenden Ausgang abhalten lassen, weiter zu wirken, würde arg +irren. Mit einer Menge Lehrmittel, Bibelübersetzungen und Wörterbüchern +versehen, preiswürdigen Zeugnissen echt deutschen Fleißes, gingen 1842 +Isenberg, Krapf und Mühleisen abermals nach der Somaliküste, um über Zeyla +nach Schoa vorzudringen, wo immer noch die britische Gesandtschaft unter +Kapitän Harris weilte. Schon an der Küste stellten sich die größten +Schwierigkeiten einem weiteren Vordringen nach Schoa entgegen und man traf +auf Intriguen aller Art. Auch soll der französische Reisende Rochet seinen +ganzen Einfluß bei Sahela Selassié angewandt haben, um den deutschen +Männern den Eingang nach Schoa zu verschließen. (Vergl. S. 29.) + +Krapf hatte einen Brief an Sahela Selassié geschrieben und angezeigt, daß +er nach Ankober gehen würde. Nach der Ankunft des Schreibens wurden +Versammlungen in allen Kirchen der Hauptstadt gehalten, und Deputationen +der Geistlichkeit, Priester und Mönche verfügten sich geraden Weges zum +Palaste, um den König anzuflehen, daß weder Krapf noch Isenberg zugelassen +werden möchten. "Ihre Werke sind nicht die unserigen und ihr heiliges Buch +ist verschieden von dem, was in unserem Lande als das wahre betrachtet +worden ist. Erlaubt man ihnen zurückzukehren, so wird das Volk vom Glauben +seiner Väter abfallen." Dergestalt gedrängt, entschied Sahela Selassié +gegen Kapitän Harris, welcher sich für die Missionäre verwandte: "Isenberg +und Krapf können nicht wieder in mein Land kommen, mein Volk will es ihnen +nicht erlauben. Ich habe lange darüber nachgedacht und es ist besser, wenn +sie wegbleiben; ich will keinem wieder erlauben, je wieder über den +Hawasch zu kommen." Und dabei blieb es, die Missionäre zogen betrübt ab. +Man kann sich vorstellen, wie dieses abermalige Scheitern aller Hoffnungen +auf die glaubenseifrigen Priester zurückwirken mußte, welche durch ein +Schreiben des Kapitän Harris von diesen Vorgängen in Schoa in Kenntniß +gesetzt wurden. "Gern hätten wir unseren Augen und Ohren und ebenso dem +Zeugnisse dieses Briefes nicht getraut, gern uns die Sache anders gedeutet +und dargestellt; dazu fehlte uns aber alles Material, und wir mußten bei +der ersten Thatsache stehen bleiben: die Mission in Schoa ist aufgehoben, +sie ist nicht mehr." _Der vierte mißlungene Versuch._ + +Waren dergestalt alle Aussichten im Süden benommen, so wollte man abermals +das alte Feld im Norden, in Tigrié, aufsuchen und sehen, ob sich hier die +Verhältnisse seit 1838 nicht etwa günstiger gestaltet hätten. Im April +1843 brachen Isenberg und Mühleisen, fortwährend große Massen von Bibeln +verbreitend, von Massaua aus, die Provinz Hamasién durchziehend, nach +Adoa, der Hauptstadt Tigrié's, auf, wo sie ihr altes Haus zum Theil +verwüstet fanden. Gleich nach ihrer Ankunft wurde die Priesterschaft und +das Volk gegen sie aufgehetzt und ihre Lage gestaltete sich von allem +Anfange an noch schwieriger als zuvor. Die Missionäre hatten ein +förmliches theologisches Examen vor den abessinischen Geistlichen zu +bestehen und wurden, als dieses nicht nach dem Wunsche der letzteren +ausfiel, in Bann gethan. Auch soll der katholische Bischof de Jacobis, +welcher damals in Adoa eine Mission leitete, gegen sie intriguirt haben. +Isenberg reiste nun selbst in das Feldlager des Herrschers Ubié, wurde +aber von diesem nicht vorgelassen, sondern mit dem Bescheid abgewiesen: +"er habe die Abessinier lange genug durch Abendmahlhalten, Taufen, Trauen, +Begraben in seinem Hause beleidigt, deshalb sei er früher aus dem Lande +gewiesen; jetzt sei er wiedergekommen und verharre in seiner +Hartnäckigkeit; er habe die Jungfrau Maria gelästert, ja, er sei soweit +gegangen, daß er in den Schriften der Apostel unterrichten wolle. Er solle +also in sein Land zurückkehren, denn in Tigrié dürfe er nicht bleiben." So +mußten die Missionäre also auch jetzt wieder umkehren, und nun schien der +letzte Hoffnungsstrahl vernichtet. Isenberg tröstete sich dann über das +Scheitern seines Missionswerkes folgendermaßen: "Durch das ganze Land +hindurch hat sich ein bestimmter Eindruck von dem Zwecke unserer Mission +verbreitet, und was noch weit mehr ist, sie haben mehr als 8000 Exemplare +verschiedener Theile der Heiligen Schrift in amharischer und äthiopischer +Sprache, unter welchen sich eine Anzahl amharischer ganzer Bibeln +befindet, erhalten, welche nun auch nicht müßig liegen, sondern gewiß eine +stille Wirksamkeit auf manche ihrer Besitzer und Leser ausüben werden. Die +Abessinier haben sich durch gleichgiltige Vernachlässigung und ungläubige +Verachtung des Evangeliums, durch ihr starres Anhangen an ihren +eingewurzelten Thorheiten und Sünden, durch ihre allgemeine Trägheit und +Habsucht einer längeren Fortdauer der evangelischen Mission in ihrem Lande +für unwerth erklärt, und dem Herrn hat es in seinem Wunderrathe gefallen, +sie für die nächste Zukunft aufzuheben." _Der fünfte mißlungene Versuch._ + +Ehe wir die ferneren Anstrengungen der protestantischen Missionäre hier +schildern, die trotz Allem keineswegs gewillt waren, das unfruchtbare Feld +aufzugeben, müssen wir hier die Thätigkeit der kaum minder eifrigen +katholischen Glaubensboten anführen, die aber fast ebenso wenig Erfolge +aufzuweisen haben, wie jene. Es ist eine betrübende Thatsache, daß überall +katholische und protestantische Missionäre einander befeinden. Kaum ist +ein Katholik auf irgendeinem neuen Gebiete erschienen, um für seinen +Glauben Propaganda zu machen, so folgt ihm ein Protestant, macht ihm das +Feld streitig und beginnt unter den braunen, schwarzen, gelben oder rothen +Menschen für seine Sache zu wirken. Oder umgekehrt. Leicht wäre es, +hierfür viele Beispiele anzuführen, denn in Afrika, Nordamerika, auf +Madagascar, in der Südsee, überall wiederholt sich dasselbe Schauspiel, +und die Eingeborenen sollen schließlich Richter sein zwischen den Lehren +des Protestantismus und Katholizismus. Daß auf diese Weise die Sache nicht +gefördert wird, ist nur zu natürlich. Jeder Theil schiebt indessen die +Schuld auf den andern, und dem Unparteiischen fällt es schwer, anders zu +entscheiden, als daß _beide_ gefehlt. So auch in Abessinien. + +Die katholische Kirche betrachtete das Land seit der Verjagung der +Jesuiten im 17. Jahrhundert immer nur wie eine abgefallene, aber wieder zu +erobernde Provinz und beschloß, auch diese Eroberung zu beginnen, kurz +nachdem die Protestanten sich in Tigrié niedergelassen hatten. Der Anfang +damit wurde im März 1838 gemacht, als der italienische Priester _Giuseppe +Sapeto_ zugleich mit dem Reisenden _M. Abbadie_ in Adoa ankam. Bei Ubié +stellte er sich als Eins mit den Abessiniern in der Religion dar und +gewann bald Einfluß, den er, eingestandenermaßen, gegen die Ketzer +Isenberg und Krapf verwandte, sodaß diese mit Recht seinem Einflusse ihre +Verjagung aus Adoa zuschreiben. Sapeto besuchte nun die abessinischen +Kirchen, schloß sich dem Gottesdienst an und geberdete sich in Allem als +abessinischer Christ und arbeitete nicht ohne Erfolg. Er machte 22 +Proselyten, die jedoch später wieder zu ihrer Landeskirche zurücktraten. +Ehe er Abessinien verließ, bewog er den Etschegé, das Oberhaupt der +abessinischen Mönche, einen Brief an den Papst zu schreiben, dessen Primat +als Nachfolger Petri die Abessinier im Allgemeinen anerkennen, ohne ihm +jedoch eine Macht über ihre Kirche einzuräumen. Die verschiedenen +Sendungen der französischen Regierung trugen ohnehin dazu bei, das Werk +der römischen Mission in Adoa zu fördern, und so entschloß sich denn der +Papst, mit noch größerem Nachdrucke aufzutreten. Der Pater de Jacobis, ein +Piemontese von Geburt und früher Beichtvater der Königin von Neapel, ein +durch große Kenntnisse und geistige Gaben ausgezeichneter Mann, ging mit +sechs Gefährten nach Adoa, wo er bei Ubié zu bedeutendem Einflusse +gelangte und von diesem mit der Gesandtschaft betraut wurde, welche 1841 +den neuen Abuna Abba Salama abholen sollte. Während de Jacobis weiter nach +Rom ging, wo er einige junge Abessinier als "Gesandte des Königs von +Aethiopien an den Papst" vorstellte, agitirte der junge Abuna hinter +seinem Rücken und griff zu allen möglichen Mitteln, um die katholischen +Proselyten wieder zur Landeskirche zurückzubringen, was ihm auch gelang, +sodaß Jacobis nach seiner Rückkehr in Adoa sich darauf beschränken mußte, +seiner zahlreichen Dienerschaft im Missionshause Gottesdienst zu halten. +Wie der Abuna über den katholischen Missionär dachte, sieht man aus einem +Schreiben, welches er 1843 an Isenberg kurz vor dessen Abgang richtete und +in welchem es heißt: "Wenn Sie selbst den "Jakob" vertreiben können _und +dann in Ruhe hier bleiben_, so wird Alles gut gehen; wenn Sie das aber +nicht können, so werde ich auch ihm nicht erlauben, in unserm Lande zu +bleiben. Wenn ich ihn aber vertreibe, so werden wir verhaßt werden, und +man wird sagen, ich sei ein Freund der Engländer. Wenn Sie mir aber sagen, +ich solle ihn vertreiben, so will ich ihn vertreiben." Die Katholiken +hatten eine lange Zeit in Abessinien wirken können, denn erst im Frühjahr +1855, als Theodor über seinen Gegner Ubié siegte, wurden sie von ersterem, +dem es an der Einheit der Staatskirche lag, verjagt. Justin de Jacobis +sollte Anfangs getödtet werden, allein Theodoros ließ sich durch den Abuna +bestimmen, ihn einfach über die Grenze zu weisen und mit 100 +Stockstreichen zu bedrohen, wenn er wieder nach Habesch kommen sollte. +Theodoros hielt sich zu diesem Schritte berechtigt, so lange der Papst in +Rom anders lehrende Priester in seinem Gebiete und seiner Kirche nicht +dulde und weil er neben seinem eigenen Papste (dem Abuna) einen fremden +nicht zulassen könne. Die Anhänger der römisch-katholischen Kirche mußten +zum abessinischen Glauben zurückkehren, und so war die siebzehnjährige +Thätigkeit derselben mit einem Schlage vernichtet. Jacobis zog sich nach +dem Grenzorte Halai zurück, wo er am 31. Juli 1860 starb. Indessen sollen +noch mehrere Gemeinden in Okulekusai und das Hirtenvolk der Irop zu den +eifrigen Anhängern der katholischen Mission zählen. Auch in der Provinz +Agamié und Bogos (zu Keren) waren Jesuiten angesessen, und mehr als 30 +eingeborene Priester, die für das Land sehr gebildet sind, breiteten den +Glauben um so eifriger aus, da sie als Landeskinder nicht das Mißtrauen, +das jeden Fremden empfängt, zu bekämpfen hatten. Die Kirchen wurden +fleißiger besucht, die Ehen regelmäßiger geschlossen und das Volk darum +schon eher für den Katholizismus gewonnen, weil die Jesuiten namentlich +den Mariendienst stark kultivirten, der den Abessiniern zusagt. Allein +gegen die Feindschaft Theodor's und des Abuna konnten auch die Katholiken +nicht aufkommen, und ihre Mission hatte ein Ende. _Der sechste mißlungene +Versuch._ + +Zu derselben Zeit nun, als die Katholiken aus Abessinien vertrieben wurden +und dort die großen politischen Umwälzungen stattfanden, welche Theodor +ans Ruder brachten, beschloß Bischof Gobat die protestantische Mission, +die in Tigrié seit 1838 unterbrochen war, abermals zu erneuern und sandte +zu diesem Zwecke Ludwig Krapf, den unermüdlichen Kämpfer, und _Martin +Flad_, gleich jenem ein Württemberger, im Dezember 1854 nach Abessinien. +Die Sendboten landeten am 20. Februar 1855 zu Massaua. Hier traf nun bald +der flüchtige de Jacobis ein, dessen Stelle zu besetzen die +protestantischen Missionäre sich schleunig anschickten. Alles stand für +sie günstig; sie brachen ins Innere auf und fanden den König im Lager in +der Nähe von Debra Tabor, der sich ungemein freundlich gegen die +Missionäre benahm. Daß er die Protestanten schützen, die Katholiken aber +keineswegs dulden wolle, war eine angenehme Nachricht für Krapf, der +sofort seine Geschenke auspackte. Diese bestanden in einem ägyptischen +Teppich, einem Revolver, einem silbernen Becher, einem Taschentuch, auf +dem eine Flaggenkarte abgedruckt war, und aus einer Bibel in amharischer +Sprache. Das Taschentuch freute den König sehr, und als er bemerkte, daß +die Flagge von Jerusalem nicht in der Mitte stehe, fragte er nach der +Ursache. Krapf theilte nun dem Könige mit, daß Bischof Gobat ihm eine +Anzahl christlicher Handwerker, Büchsenmacher, Schmiede u. s. w. schicken +wolle. Dieser Plan fand günstige Aufnahme, um so mehr als der König +bereits die Absicht hatte, nach Deutschland, England und Frankreich zu +schreiben, um sich von dort Arbeiter kommen zu lassen. Die Freiheit der +Religion wurde diesen Leuten ausdrücklich gewährleistet, eine +Missionsthätigkeit unter den christlichen Abessiniern ihnen jedoch nicht +gestattet. Krapf und Flad zogen hierauf über Wochni, Metemmé und Sennar, +den Nil abwärts nach Europa, wo sie Bericht über ihre Reise erstatteten. +Schon im April 1856 gingen denn unter Flad's Leitung mehrere Laienbrüder +aus dem Chrischona-Institute bei Basel nach Abessinien. Sie wurden Anfangs +gut aufgenommen und zu Dschenda bei Gondar und Gafat bei Debra Tabor +angesiedelt. Ihre spätere Wirksamkeit fällt indessen mit der politischen +Geschichte des Königs Theodoros zusammen, weshalb wir hier darauf +verzichten, sie zu schildern. Wohl waren sie als Handwerker thätig, +indessen konnten sie für die Ausbreitung des Protestantismus so gut wie +gar nichts thun, und ihre Anwesenheit in Abessinien bezeichnet den +_siebenten mißlungenen Missionsversuch_. Gleich ihnen waren auch die etwas +später eintreffenden Judenmissionäre _Stern_ und _Rosenthal_ unglücklich, +deren Beginnen als der _achte mißglückte Versuch_ hier angeführt werden +muß. + + -------------- + +Wohl ist das Missionswerk ein preiswürdiges, wohl verdienen jene Männer +wegen ihres Eifers, ihrer unermüdlichen Ausdauer unser Lob. Allein von +Mißgriffen waren die wenigsten frei und das stete Einmischen in die +politischen Verhältnisse des Landes ein arger Fehler. Auch ist ihr Blick +selten vorurtheilsfrei den gegebenen Verhältnissen gegenüber gewesen und +leere Hoffnungen traten stets an die Stelle wirklicher Erfolge. Reisende, +die ungetrübten Blickes Land und Leute kennen lernten, waren deshalb auch +ferne von den gleichen argen Täuschungen und stellten mit seltener +Einmüthigkeit das Erfolglose der Missionsbestrebungen in Abessinien dar. +Allein ihre klaren, für uns unumstößlichen Anschauungen und Beweise haben +für die Missionäre nicht die geringste Geltung, die beim Buchstaben der +Schrift stehen bleiben. Doch halten wir mit dem eigenen Urtheile zurück +und lassen wir die Aussprüche einiger der bewährtesten Reisenden über die +Missionen in Abessinien folgen. + +_Werner Munzinger_ ist mit der Handwerkermission, insofern dieselbe +einfach Bildung verbreiten hilft, einverstanden. "Abessinien aber +protestantisch machen zu wollen, fährt er fort, das wäre ein Beginnen, so +radikal allem Hergebrachten ins Gesicht schlagend, daß die Leute, denen +man plötzlich ihren frommen Glauben und besonders die Verehrung der Mutter +Gottes rauben wollte, von allem Christenthum abwendig würden. Das +rücksichtslose Abreißen würde sie so stutzig und verwirrt machen, daß sie +das Kind mit dem Bade ausschütten und den Glauben allen zusammen, sogar an +Gott, wegwerfen würden, und mit der Verkündigung einer Religion, die keine +Verwandtschaft mit dem hat, was bis jetzt für schönes goldenes +Christenthum galt, wird allein ein krasser, gedankenloser Unglaube +gepflanzt, der dem Volke den moralischen Halt nimmt, den ihm sein alter +Glaube verliehen hatte. Wo aber ein Volk einmal den Glauben der Apostel +rein bewahrt zu haben glaubt, da darf man des Systemes halber nicht in ein +Extrem fallen; man muß nur das Mögliche versuchen, nur das Mögliche ist +gut." + +Weit unumwundener spricht sich _Alfred Brehm_ aus. Er schreibt: "Die +Bemühungen der Missionäre sind zeitweilig von großen Erfolgen gekrönt +gewesen. Zeitweilig, sage ich, das heißt, so lange die Mission Geschenke +der verschiedensten Art, namentlich Schnaps und Wein, zu verabreichen +hatte. Je mehr aber der Vorrath an diesen beliebten Getränken abnahm, um +so lauer wurden auch die Christen, und in den Zeiten der Dürre benahmen +sie sich regelmäßig so, als wären sie niemals Christen gewesen. Es geht +hier eben wie fast überall, wo christliche Missionäre wirken: sie gewinnen +in kurzer Zeit eine Menge Leute, welche sich dazu verstehen, einige +Gebräuche des Christenthums nachzuäffen! Daß man sich in der Lehre, wie in +der Ausübung auf Aeußerlichkeiten beschränkt, versteht sich ganz von +selbst. - - Es verdient endlich einmal gesagt zu werden, daß die +christlichen Missionen in Afrika in Glaubenssachen eben nichts anderes +bewirken, als überspannten oder glaubenskranken Europäern eine gewisse +Genugthuung zu geben." + +Der klar blickende _Baker_, welcher in Galabat mit ein paar von den +Chrischona-Missionären zusammentraf, unter denen sich ein Grobschmied +befand, machte ihnen bemerklich, daß daheim in Europa ein sehr großes Feld +für die Missionsthätigkeit offen liege und daß es sicherer und besser sei, +dieses zu bebauen. "Ich konnte aber den Grobschmied, dessen Kopf so hart +wie sein Amboß war, nicht überzeugen. Er hatte sich vollständig +eingeredet, daß das Wort Gottes der Hammer sei, mit dem er, seinem +Handwerk entsprechend, seine Ansichten von der Wahrheit den Leuten in die +dicken Schädel treiben müsse. Ich rieth ihm wieder zu seinem Handwerk zu +greifen, das ihm mehr Respekt verschaffen werde als sein Predigen. Er +antwortete, das Wort Gottes müsse in allen Ländern gepredigt werden; der +Apostel Paulus sei auch Gefahren und Schwierigkeiten begegnet, aber er +habe nichtsdestoweniger gepredigt und die Heiden bekehrt. So oft ich einem +übermäßig unwissenden Missionär begegnet bin, hat er sich immer mit dem +Apostel Paulus verglichen." + +Endlich urtheilt der fromme und religiöse _Zander_, hart aber wahr, +folgendermaßen: "Alle abessinischen Missionen, die bisher hier waren, +haben ihre Aufgabe durchaus falsch angegriffen, indem sie sich an die +Erwachsenen wandten. Das Volk könnte nur einzig und allein dadurch gehoben +werden, daß man sich der Kinder von früh auf sorgfältig annähme und sie +gut erzöge. Eine Mission, die sich ungehindert dieser Aufgabe hingeben +würde, könnte unendlichen Segen und Nutzen stiften, allerdings nicht für +die Gegenwart, wohl aber für die Zukunft. Doch die bisherigen Leiter aller +Missionen sammt ihren Gehülfen waren rein unfähig, eine solche Aufgabe zu +vollführen, und die Missionshäupter wurden stets von Eitelkeit, Hochmuth +und grenzenloser Selbstsucht regiert. Sie schütteten stets das Kind mit +dem Bade aus." + +Diese vorurtheilsfreien Stimmen, neben welchen leicht noch viele ähnlich +lautende Aussprüche angeführt werden könnten, mögen zur Bildung eines +Urtheils über das abessinische Missionswesen genügen. + + + + + + [Illustration: Abessinierin, Getreide reinigend. Originalzeichnung von + Eduard Zander.] + + + + + + DER ACKERBAU UND DIE VIEHZUCHT ABESSINIENS. + + + Von Eduard Zander. + + + Die Kulturfläche Abessiniens. - Die Getreidearten, ihre + Anpflanzung und Verwendung. - Gewürze, Gemüse, Wein, Baumwolle, + Gescho. - Ernteertrag. - Nuk. - Einfelderwirthschaft. - + Ackerwerkzeuge. - Regenzeit. - Bewässerung. - Soziale Stellung der + Landleute. - Die Viehzucht. - Die Regierung und der Grundbesitz. - + Das Frohnwesen. - Steuern. - Wiesen und Moorgrund. - Bienenzucht. + - Aussicht für europäische Ansiedelungen. - Die Wohnungen der + Landleute. - Die Mühlen Abessiniens. + + +Abessinien besitzt sehr viel Land, welches sich vortrefflich zum Anbau +eignet; jedoch kann man mit Sicherheit annehmen, daß von allem +kultivirbaren Boden kaum die Hälfte benutzt wird, sodaß ungefähr von der +gesammten Bodenoberfläche kaum ein Drittel bebaut erscheint. + +Die zwischen 8000 und 10,000 Fuß über dem Meere gelegenen Hochländer, wie +Semién, die Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes, Begemeder, +das Innere von Godscham, namentlich die Gebirge um die Quellen des Blauen +Nil, Sebit, Woadla, Daunt, Talanta, Lasta, Jedschu Wollo und Schoa sind +meist eben und abwechselnd mit sanften Hügeln und Höhen bedeckt, die eine +zwei bis acht Fuß mächtige, sich nie erschöpfende Humusdecke tragen. In +allen diesen Ländern wird, manchmal bis zu 11,000 Fuß hinaufreichend, die +vierreihige Gerste kultivirt, während die zweireihige nur zwischen 7000 +und 8000 Fuß Meereshöhe angebaut wird. Die verschiedenen Arten des +Weizens, unter denen die Eidscha genannte die vorzüglichste ist, gedeihen +nur zwischen 8000 und 9000 Fuß; in derselben Höhe kommt der Flachs am +besten fort, obwol er bis zu 6000 Fuß hinabgeht. Die Flachsbereitung zu +Webereien kennt der Abessinier nicht; er baut das nützliche Gewächs nur, +um aus den Samen zur Fastenzeit ein Lieblingsgericht herzustellen. Die +Bereitung desselben ist sehr einfach. Man röstet zunächst die Samen in +einem flachen Tiegel über Feuer, doch nicht zu stark, und zerstößt sie +hierauf in einem hölzernen Mörser sehr fein. So zubereitet läßt sich die +gestoßene Masse in Kugeln formen und für lange Zeit aufbewahren. Um aus +diesen ein Leingericht herzustellen, werden einige Kugeln in Wasser zu +einer dicken Suppe zerrührt, und in diese taucht der Abessinier seine +gesäuerten, dünn gebackenen Brote. Für weitere Reisen ist diese Speise +außerordentlich praktisch, ja fast unschätzbar; ich selbst habe mich +derselben häufig bedient und kann nur sagen, daß sie eine wohlschmeckende +ist. Linsen und Saubohnen gehen bis zu einer Höhe von mehr als 9000 Fuß. +Als Gemüse werden in dieser Höhe angebaut: Kohl, Senf und Knoblauch. + +Zwischen 6000 und 8000 Fuß Meereshöhe finden wir auch ganz vortreffliche +zum Ackerbau geeignete Landschaften: Hamasién und Serawié mit durchgängig +urbarem Boden, liegen 7000-7500 Fuß über dem Meere; die Distrikte Dixan, +Adigrat, Schumnesanié, Hausién, Faresmai, Adoa, Okulekusai, Adiarwate, +Schirié, Tembién, Axum, Auker, Enderta u. s. w., die zu Tigrié gerechnet +werden, und von Amhara: Bellesa, das niedere Woggera, ganz Dembea, das +niedere Begemeder, Dakussa, Halefa, das niedere Lasta u. s. w. In den +genannten Ländern auf einer Höhe von 7000 bis herab zu 5500 Fuß gedeihen +vorzüglich folgende Getreidearten: Tiéf, das werthvollste und +wohlschmeckendste Korn, von dem viele Abarten gebaut werden; Mais oder +Maschilla, der gleichfalls in verschiedenen Varietäten vorkommt; Dakuscha, +die besonders zur Bierbereitung dient; Nuk, dessen Samen ein +vortreffliches Speiseöl liefert und der in großer Menge angebaut wird. +Schimbera, eine Wickenart; Erbsenarten; Saubohnen; als Gemüse gelten: +viele Melonensorten, spanischer Pfeffer, Zwiebeln, Kohl u. s. w. + +Von 5000 Fuß bis zu 3000 Fuß über dem Meere werden noch besonders Mais und +Dakuscha gebaut, die dort vorzüglich gedeihen. Dann Schimbera, spanischer +Pfeffer und besonders Melonen. Auch kommt die Baumwolle gut fort. + +Nach diesem flüchtigen Umriß, der nur dazu dient, die Kulturpflanzen nach +der Höhe ihres Standpunktes und Vorkommens über dem Meere anzuführen, gehe +ich ausführlicher auf deren Nutzbarkeit und Anwendung, deren Ertrag und +Preis, sowie auf Saatzeit und Ernte einer jeden ein. + +_Gerste_ kommt zwei- und vierzeilig vor; letztere wird zwischen 8000 und +11,000 Fuß angebaut; da sie gegen Kälte und rauhe Witterung nicht so +empfindlich ist wie die erstere, läßt sich ihre Kultur mit mehr Gewinn +betreiben. Allein sie hat sehr dicke Hülsen und deshalb geben die Körner +nicht viel Mehl, nämlich 16 Metzen Gerste nur 10 Metzen Mehl. Wenn, wie +gewöhnlich, im März und April einiger Regen gefallen ist, findet die +Aussaat statt. Ende Juni folgt dann eine - meist mißrathende - Nachsaat. +Jedoch ist die Aussaat nicht überall gleichzeitig. So säet man im +Hochlande von Wollo die Gerste fast zu jeder Zeit. Gewöhnlich fällt die +Ernte Mitte Oktober bis Ende November; auf den Höhen über 11,000 Fuß aber +in den Dezember. Unregelmäßige Aussaaten und Ernten sind von der Lage und +Höhe des Feldes abhängig. Die gewonnene Gerste wird zur Bierbereitung und +zum Brotbacken benutzt. Die _Gerstenbrote_ sind 2-3 Linien dicke, +anderthalb Fuß im Durchmesser haltende runde Kuchen. Der Teig zu denselben +wird sehr dünnflüssig angestellt, einer zwölfstündigen Gährung überlassen +und ist dann sofort zum Backen geeignet. Die flüssige Masse wird in eine +flache, thönerne Schüssel gegossen, mit der Hand gleichmäßig vertheilt, +mit einem gewölbten Deckel überdeckt und in einer Minute über freiem Feuer +gar gebacken. Diese Art der Bereitung von gesäuertem Brote wird bei allen +Getreidearten ohne Ausnahme angewandt. + +Zur _Bierbrauerei_ wird die Gerste ohne vorheriges Malzen schwach braun +geröstet, dann grob gemahlen, das erhaltene Mehl in einen großen thönernen +Krug geschüttet und unter stetem Umarbeiten so viel Wasser zugegossen, bis +das Ganze in einen nicht zu dicken Brei verwandelt worden ist. Nun wird +auf folgende Art die eigentliche Würze bereitet. Man quellt Gerste in +einem Thonkruge 24 Stunden lang, schüttet das Wasser davon ab und +schichtet das gequollene Getreide in einem spitzen Haufen auf, den man mit +Gras oder Laub dicht zudeckt und mit Steinen beschwert. Dieser bleibt so +lange in Ruhe, bis die Gerste 2-3 Zoll lange Keime getrieben hat; dann +trocknet man diese schnell und bewahrt sie auf. Dieses Malz wird zur +Bierbereitung nun auf folgende Art verwendet. Man nimmt auf 32 Metzen +geröstetes Gerstenmehl ½ Metze Malz, das vorher zu Mehl zerrieben und, mit +3 Metzen geröstetem Gerstenmehl vermischt, zu Teig angerührt ist. Diese +Masse läßt man kurze Zeit gähren und bäckt aus dem so erhaltenen Teige +dünne brotartige Kuchen, die am Feuer hart getrocknet und in kleine +Stückchen zerbröckelt werden. Die Quantität derselben und das geröstete +Gerstenmehl stehen in einem genauen Verhältnisse. Die gemischte Masse wird +in ein trichterförmiges Pferdehaarsieb, das auf einem Thonkruge steht, +gestellt, dann Wasser darüber gegossen und nun unter fortwährendem +Wasserzugießen so lange durchgerührt, bis aller Mehlstoff, mit +Zurücklassung der Hülsen, in den Krug geflossen ist. Nach vier bis sechs +Stunden tritt in dem mit Wasser noch verdünnten Inhalte des Kruges Gährung +ein und das Bier ist zum Trinken fertig. Biere von anderen Getreidearten, +wie Dakuscha oder Mais, werden auf dieselbe Weise bereitet. In Thonkrügen, +deren Deckel mit Lehm und frischem Kuhmist verstrichen sind, hält sich das +Gebräu oft geraume Zeit. + +Der _Weizen_ wird zwischen 7000 und 9000 Fuß über dem Meere angebaut. Die +Saatzeit fällt mit jener der Gerste zusammen; die Ernte ist etwas später. +Wie schon bemerkt wurde, kultivirt man verschiedene Sorten. Die +gewöhnliche Benutzung des Weizens ist zur Bereitung von Hampascha-Brot, +dessen Teig mit Bierhefe angestellt, dick und steif ausgewirkt und zu +Broten von 1½ Zoll Dicke, aber beliebiger Größe, verbacken wird. + +_Dakuscha_ (_Eleusine_) wird zwischen 3500 und 6500 Fuß gebaut, ist aber +besonders in den Höhen zwischen 4000 und 5000 Fuß sehr ergiebig. Dieses +Getreide dient vorzüglich zur Bier-, weniger zur Brotbereitung; verbäckt +man es jedoch, so sind die warmen Kuchen sehr wohlschmeckend und nährend. +Die Saatzeit fällt Anfang März; die Ernte in den November und Dezember. Es +giebt schwarze und weiße Dakuscha. + +_Tiéf_ oder Tef (_Eragrostis_), zwischen 5500 und 7500 Fuß gebaut, ist das +beliebteste, in einer Menge Arten vorkommende Getreide Abessiniens und das +aus diesem bereitete Brot das allerwohlschmeckendste im Lande, besonders +das rein weiße. Die Saatzeit richtet sich nach den verschiedenen Sorten. +Sie fällt von April bis Mitte Juni und danach die Ernte von Ende September +bis Anfang November. + +_Mais_ oder Maschilla, in verschiedenen Sorten gebaut zwischen 3000 und +7000 Fuß, gedeiht am besten zwischen 3000 und 5000 Fuß, wo er oft zwei- +und dreihundertfältigen Ertrag liefert. Man verwendet ihn zum Brotbacken +und zur Bierbereitung. Die Aussaat beginnt im April, die Ernte fällt - je +nach Sorte und Standort - in den November und Dezember; in Woro Haimano +gar schon zu Anfang Oktober. + +_Schimbera_ (_Lathyrus_), eine Wickenart, zwischen 4000 und 7000 Fuß +angebaut, wird vorzüglich zu Schiro, einem Lieblingsgerichte der +Abessinier, verwendet. Man röstet hierzu die Samen, enthülst sie auf der +Mühle, setzt spanischen Pfeffer, geröstete Zwiebeln und Salz zu und mahlt +die ganze Masse zu Pulver. In siedendes Wasser nach und nach eingerührt, +mit Schmalzbutter oder Oel gefettet, bildet es ein gutes Gericht. Auch +backt man aus dem Mehle ungesäuerte Kuchen, die als Reiseprovision +geschätzt sind. Die Saat beginnt gleich nach der Regenzeit - da die +Pflanze trockene Luft und Sonne liebt - also Anfang September. Wo die +Felder naß und sumpfig sind, beginnt die Aussaat erst im Oktober oder gar +im November. Die Ernte erfolgt drei Monate später. Man unterscheidet eine +weiße und eine gelbe Schimbera. + +Zwei Arten _Saubohnen_ und eine _Erbse_ werden wie die vorige verwendet. +Man baut sie zwischen 6000 und 9000 Fuß, sät zu Anfang Juli und erntet im +Oktober. + + [Illustration: Henset-Bananenpflanzung (_Musa Ensete_). Nach v. + Heuglin (Natur 1861).] + +Die _Linse_ kultivirt man zwischen 6000 und 9500 Fuß. Die Saat derselben +erfolgt Anfang Juli, die Ernte Anfang Oktober. Gewöhnlich enthülst man die +Linsen auf der Mühle, kocht sie, würzt sie mit Pfeffer, Salz und Butter +und genießt sie auf diese Weise. Wo sie aber, wie in Woadla und Daunt, +viel gebaut wird, bäckt man auch gesäuertes Brot daraus, das allerdings +nicht sonderlich gut ist. _Eiwisch_, eine Bohnen- oder Kleeart, zwischen +6000 und 7000 Fuß, wird im August gesät und im Dezember geerntet. Die +abgekochten und fein zerriebenen, dann so lange umgerührten Samen, bis sie +einen kleisterartigen Brei liefern, der mit Knoblauch und Pfeffer gewürzt +wird, sind die beliebteste Fastendelikatesse der Abessinier. _Atunkere_, +eine Schlingbohne, zwischen 5000 und 6500 Fuß gebaut, im April gesät, +Anfang November geerntet, wird wie die Linsen gegessen. + +Der rothe oder _spanische Pfeffer_ ist das hauptsächlichste und +beliebteste Gewürz der Abessinier, das diesen so unentbehrlich geworden +ist, daß sie es handvollweise den Speisen beimischen. Die abgekochten, +aber fortwährend feuchtgehaltenen Früchte werden auf der Mühle zu feinem +Pulver zerrieben, dann eine gleiche Quantität gerösteter, feingemahlener +Zwiebeln zugesetzt, einige wohlriechende, pulverisirte Pflanzen und Salz +beigemischt und die so bereitete Würze aufbewahrt. Manchmal reibt man den +Pfeffer auch nur mit Salz und Wasser ab. Man baut den Pfeffer zwischen +4000 und 6500 Fuß und bewässert ihn wohl; in Dembea wird er ohne +Bewässerung gezogen und Ende Oktober geerntet. Andere Gewürze sind +Sinjewil, eine beliebte, dem Pfeffer beigemischte Kalmuswurzel; gleich +dieser benutzt man noch Adees, eine Rubiacee, die Samen der Awoseda, einer +Umbellifere, und Schenadam, eine Labiate. Die Samen des Föto, welches +unserer Gartenkresse gleicht, werden gleichfalls gegessen; jene des Schuf, +einer Compositee, wie Schiro zubereitet. Dinnitsch ist ein Convolvulus, +dessen den Kartoffeln ähnliche Wurzelknollen eine wohlschmeckende Speise +liefern. + +Zu den _Gemüsen_ übergehend, erwähne ich zunächst zwei sehr beliebte, wie +unser Raps aussehende Kohlarten, deren Blätter wie Spinat gekocht werden. +Im Tiefland gedeiht der Kohl nur in der Regenzeit bis zu Anfang Oktober; +im Hochland aber bis zu 10,000 Fuß grünt er das ganze Jahr hindurch. Der +reichliche, ölige Samen wird nur zur Aussaat und zum Einreiben der +Backschüsseln benutzt, damit sich das Brot gut löse. Das einzige Gemüse, +auf dessen Anbau die Abessinier neben dem rothen Pfeffer noch Fleiß +verwenden, sind verschiedene Melonenarten, die nicht roh, wohl aber +gekocht genossen werden. Die Samen legt man Anfang April; fehlen dann die +Regen, so müssen die jungen Pflänzchen bis zum Eintritt der Regenzeit +bewässert werden. Die Früchte beginnen Anfang September zu reifen. In +einigen Gegenden baut man auch vortreffliche Gurken (Wuschisch). Das +Gewürz Bello, eine Solanumart, dessen Samen ähnlich wie der rothe Pfeffer +benutzt werden, kultivirt man besonders in Walduba bis zu 6000 Fuß Höhe. +Man bedient sich seiner namentlich in den 60tägigen Osterfasten. + +In der gleichen Zeit bildet auch der Knoblauch, der zwischen 7000 und 8500 +Fuß häufig gebaut wird, einen beträchtlichen Handelsartikel. Er wird dann +stark gegessen, und man sieht sehr oft, wie der Abessinier ganze Hände +voll der rohen Zwiebeln hinabwürgt. Es kann nichts Unangenehmeres geben +als die Berührung mit einem Knoblauchsfresser, dessen stinkender Athem +unerträglich ist. Die Reife des Knoblauchs beginnt im Januar und Februar. +Mit dem Ausgange der Regenzeit pflanzt man eine kleine, rothe, längliche +Zwiebel; sie wird bewässert und reift zugleich mit dem Knoblauch. Ihre +Verbreitungsregion ist zwischen 5500 und 8000 Fuß; der Handel damit sehr +bedeutend. + +Die _Banane_ oder Mus (_Musa paradisiaca_) wird zwischen 5000 und 6500 Fuß +kultivirt. Höher hinauf bis zu 7500 Fuß kommt eine zweite ihr ganz +ähnliche Art, die _Henset_, vor. Ihre kleinen Früchte sind aber nicht +eßbar, dagegen liefern der fleischige Stamm und die starken Blattrippen im +gekochten Zustande eine nahrhafte, wohlschmeckende, den Kartoffeln +ähnliche Speise. Diese Riesenpflanze liefert in manchen Gegenden die +Hauptnahrung der Bewohner. Sie wird angebaut von 5500 bis zu 8000 Fuß über +dem Meere. + +Der _Wein_ kommt zwischen 5000 und 7500 Fuß über dem Meere vor, ist aber +nur sehr wenig in Abessinien verbreitet, doch von ganz vortrefflichem +Geschmack; ja, ich kann behaupten, daß, wenn man denselben mit +europäischer Umsicht, Geschicklichkeit und Pflege behandelte, er seines +Gleichen nicht finden würde. Doch der Abessinier kennt weder Pflege noch +Wartung des edlen Gewächses, dessen Verschneiden ihm ein unbekanntes Ding +ist; er überläßt die Rebe ganz sich selbst. Aber es giebt ungemein viel +Strecken im Lande, die unter verständigen Händen sich ganz vorzüglich zur +Weinkultur eignen würden. Man baut nur eine Sorte mit großen, blaubeerigen +Trauben, die je nach Stand und Ort von Anfang März bis Mitte April reifen. +(Vergl. S. 57.) + +Citronen, Pomeranzen, Pfirsiche gedeihen im verwilderten Zustande sehr +gut, sind aber wenig verbreitet. Eine Citronensorte, Trunki genannt, +erreicht die Größe eines Menschenkopfes; ihr angenehm schmeckendes Fleisch +ist sehr beliebt. Hier und da finden sich auch saure Granatäpfel. + +Die _Baumwolle_ wird nicht in dem Maße gebaut, um die Bedürfnisse des +Volkes decken zu können. Abermals ein trauriger Beweis von der +Unbetriebsamkeit und dem Unfleiße der Abessinier! Und doch fehlt es nicht +an geeigneten Ländereien. Man könnte sehr leicht den achten Theil +Abessiniens mit der nützlichen Pflanze bestellen - leider überläßt man +denselben lieber den wilden Bestien als Tummelplatz. Zwischen 3000 und +5000 Fuß gedeiht eine vorzügliche Qualität, und dabei bezieht man +Baumwolle aus fremden Ländern! + +Rauchtabak wird im Lande selbst gebaut und fabrizirt; Schnupftabak +dagegen, den man nicht zu bereiten versteht, von Massaua bezogen. Die +Summe, welche jährlich aus Abessinien nach Massaua wandert, ist sehr groß, +und welchen Ersatz hat das Land für das viele ihm entgehende Geld? +Antwort: keinen. + +Die Blätter des _Geschobaumes_, die einen nicht unbeträchtlichen +Handelsartikel bilden, vertreten in Abessinien die Stelle des Hopfens und +werden beim Bierbrauen und bei der Herstellung des _Honigweines_ benutzt. +Letzteren bereitet man auf folgende Art. Auf ein Maß Honig giebt man fünf +Maß Wasser, spült das Wachs aus und gießt die dünne Honigflüssigkeit in +einen wohlgereinigten, sechs Maß fassenden Krug. Man fügt eine Hand voll +Geschoblätter hinzu und läßt das Ganze bei mäßiger Wärme vier bis fünf +Tage gähren. Nun ist der Wein fertig - allein trinken darf ihn nicht +Jedermann, da er königliches Monopol ist und der Herrscher den Genuß +desselben nur seinen vorzüglichsten Dienern und den Fremden gestattet. + +Da der Abessinier weder Lust noch Liebe zur Arbeit und Thätigkeit hat, so +läßt er all den genannten Kulturpflanzen nur wenig Pflege und Wartung +angedeihen; seine Felder, seine Anpflanzungen gleichen fast immer einer +Wildniß. Liebe, Sinn für die Natur und ihre Schönheiten sind ihm +unbekannt; wie sein Feld, so ist auch sein Sinn und Herz stets eine +Wildniß. + +Folgendes sind die _durchschnittlichen_ Ernteergebnisse, jedoch ist dabei +zu bemerken, daß der Ertrag der Mais- und Dakuscha-Arten in den tiefer +gelegenen Ländern am Mareb, Takazzié und Nil nicht als Norm anzunehmen +ist, da hier der Ertrag, je nach der Bodengüte, oft drei- und +vierhundertfältig ausfällt. Je _ein_ Scheffel Tiéf giebt 30, Mais 150, +Weizen 10, Dakuscha 20, Lein 24, Gerste 12, Linsen 6, Saubohnen 10, +Schimbera 8 und Nuk 40 Scheffel Ernteerträgniß im Durchschnitt. + +Nur eine einzige Oelfrucht, _Nuk_ (_Guizotia olifera_) wird zwischen 5000 +und 7000 Fuß angebaut. Die Aussaat beginnt mit dem Eintritte der Regenzeit +zu Anfang Juli und 1 Scheffel liefert 30-40 Scheffel Ertrag. Das Nuköl ist +sehr wohlschmeckend und dient in der Fastenzeit statt der dann verbotenen +Butter. Um das Oel zu gewinnen, werden die Samen zuerst schwach geröstet, +fein gestampft und unter Wasserzusatz bei stetem Umrühren unter +Beibehaltung einer Wärme von etwa 50° R. über dem Feuer erhalten. Alsdann +scheidet sich das Oel aus, von dem die Samen etwa 35 Prozent enthalten. + + -------------- + +Der Abessinier hat durchschnittlich eine _Einfelderwirthschaft_ und nur +hier und da Zweifelderwirthschaft. Er düngt nicht, obgleich er den Nutzen +der Felderdüngung sehr gut kennt. Allein seine Unlust zur Arbeit und +sonstigen Thätigkeit, seine Stellung zur Regierung sind für ihn +Hindernisse, die er niemals zu überwinden vermag. Diese Indolenz wird +vorzüglich durch die Größe und durch den Reichthum seines Landbesitzes +genährt, denn schon wenn der vierte Theil der Felder bestellt ist, sind +die Lebensbedürfnisse des Besitzers gesichert. Gewöhnlich liegt der dritte +Theil brach; wo der Boden sehr humusreich ist, bestellt man jedoch nur die +Hälfte. Man muß die traurigen Zustände mit eigenen Augen gesehen haben, um +einen Begriff von Brachfeldern zu erhalten, die drei Jahre, ohne vom +Pfluge berührt zu werden, wüst liegen! + +Ein solches "Ackerfeld" gleicht gewissermaßen einer gut aufkeimenden +Waldung, denn die wilde Vegetation wuchert in Abessinien ungemein schnell; +man scheut auch das Ausroden der Strünke und Wurzeln und begnügt sich +damit, die Baumstämme 1-2 Fuß über dem Boden abzuhauen. So sieht man die +Felder mit großen und kleinen, oft Jahrhunderte alten Stämmen und Wurzeln +bedeckt. Und nun erst die Steine, die groß und klein, oft so dicht, daß +man kaum den Boden erkennt, über den Acker zerstreut liegen! Nicht einmal +den kleinsten Stein entschließt sich der Abessinier auf die Seite zu +schaffen. Wie viel gutes Ackerfeld geht also auch hierdurch verloren! + +Naht die Zeit heran, daß diese Ackerwüste bestellt werden soll, so sendet +der Eigenthümer oder Bauer seinen Knecht dorthin; hat er Lust dazu, so +geht er auch wol selbst auf das Feld. Dort angelangt, besteht die einzige +Arbeit darin, das aufgewucherte Gestrüpp, Strauchwerk und Holz +niederzuhauen. Dies geschieht gewöhnlich gleich nach der Ernte im +November, Dezember, Januar, und von dieser Periode bis zur Bestellzeit hat +das abgehauene Reisig Zeit auszutrocknen; alsdann wird es in Brand +gesetzt. Leicht und oft ereignet es sich nun hierbei, daß auch die +benachbarten Wildnisse Feuer fangen und ein großer Brand über viele Meilen +Landes sich verwüstend erstreckt. Die von dem verbrannten Holzwerk +zurückgebliebene Asche macht die einzige Düngung des Landes aus. Stellen +sich dann die ersten Regengüsse ein, so wird der Pflug angesetzt und der +Boden hintereinander zweimal umgepflügt, einmal der Länge und einmal der +Breite nach. Die Saat wird schon vorher ausgestreut und mit untergepflügt; +eine nachherige Aussaat kennt der Abessinier nur bei Tiéf und Dakuscha, +bei welchen die Hände der Weiber und Kinder dann das Geschäft des Eggens +besorgen. Da, wo bei herrschender Zweifelderwirthschaft die Felder von +Holz und Gestrüpp frei sind, werden dieselben zweimal gepflügt; einmal +gleich nach der Regenzeit und das zweite Mal bei der Aussaat. In den +Hochländern, wo Holzwuchs und Gestrüpp seltener, ja in vielen Gegenden gar +nicht anzutreffen ist, hat der Bauer leichteres Spiel, namentlich beim +Gerstenbau. + +Das einzige Ackerwerkzeug ist der _Pflug_, aber was für ein Pflug! Ist die +Umackerung und Einsaat vollendet, so gleicht die ehemalige Wüste einem +Felde, das von einer Herde Schweine durchwühlt wurde. Lange Furchen zieht +der Abessinier nicht; schon nach 20-30 Schritten lenkt er wieder um, +vollendet so ein gewisses Stück und beginnt da, wo er abgesetzt, von +Neuem. Man stelle sich vor, wie viel von dem bereits fertig gepflügten +Lande von den Zugthieren wieder zertreten wird. Letztere sind Ochsen, die +in einem gemeinschaftlichen Joche gehen und nur durch die Stimme oder +Peitsche des Pflügers gelenkt werden. Da sie zügellos sind, so wenden sie +sich bald rechts, bald links und ziehen demgemäß krumme Furchen.(2) Egge +und Walze sind in Abessinien unbekannte Dinge. Tritt nun die eigentliche +Regenzeit ein, dann grünt das Feld lustig von Unkräutern und +Schmarotzerungethümen, die von den Frauen und Kindern ausgejätet werden +müssen. + +Im Hochlande, namentlich auf den Plateaux, trifft man dagegen, weil auf +diesen Punkten das Gestrüpp mangelt, ungeachtet des unbehülflichen Pfluges +trefflich kultivirte und gereinigte Felder an. + +Tritt die Erntezeit ein, so wird alles Getreide mit gezähnten Sicheln +geschnitten und zwar nur eine Spanne lang unter der Aehre. Sensen sind in +Abessinien unbekannt. Der Strohverlust kümmert den Abessinier nicht; er +bindet das Getreide auch nicht in Garben, sondern wirft es auf Haufen, die +an Ort und Stelle mit langen Stöcken ausgedroschen oder von Ochsen +ausgetreten werden. Nachdem das meiste Stroh entfernt, reinigt man das +Getreide durch Emporwerfen mittels hölzerner Gabeln; der Wind vertritt +Wurfschippe und Sieb, doch bedient man sich in einzelnen Gegenden auch +hölzerner Schaufeln. Um die mühsame Reinigung von 6-8 Scheffeln Getreide +zu vollenden, braucht ein Mann einen ganzen Tag. Scheunen giebt es nicht +und selbige sind auch weniger nothwendig, da nach Schluß der Regenzeit +kein Regen mehr eintritt. + +Die eigentliche _Regenzeit_ beginnt nach europäischer Zeitrechnung am 24. +Juni, nach abessinischer am 1. Juli und endigt mit dem 8. September. +Während dieser Periode regnet es alltäglich im Tieflande. Vormittags +herrscht meistens Sonnenschein, Nachmittags treten starke Regengüsse, +begleitet von heftigen Gewittern unter Donner und Blitz ein; die Nächte +sind heiter. Im Hochlande dagegen sind die Regen feiner, wie unsere +Landregen, und ihr Eintreten ist sehr unregelmäßig. Bald regnet es früh, +bald Mittags, bald Abends, oft die ganze Nacht oder den ganzen Tag ohne +Aufhören hindurch. Gewitter sind im Juli selten, im August häufiger, +besonders zu Ausgang der Regenzeit. Auf den Höhen zwischen 12,000 und +14,000 Fuß fällt gewöhnlich ein feiner Hagel; allein, wenn die Sonne +einige Vormittage geschienen, so verschwindet derselbe bald wieder. Stellt +sich, was gewöhnlich der Fall ist, in den Monaten Dezember, Januar, +Februar einiger Regen ein, so schneit es im Hochlande. Auch das Tiefland +kennt in der Regenzeit starken Hagel und ich sah daselbst Schloßen von der +Größe eines Taubeneies. + + -------------- + +Ist eine Ackerwüste nur einigermaßen fruchtbar, so erzielt man von Tiéf in +zwei Jahren zwei Ernten, da dieses Getreide mit geringem Boden vorlieb +nimmt. Außer der Regenzeit wendet man beim Getreidebau auch die +_Felderbewässerung_ an, doch sind nur wenige und mangelhafte +Wasserleitungen vorhanden. Würden durch vaterländischen Fleiß, +Geschicklichkeit und Verstand diese Wasserleitungen vermehrt und +verbessert, was ohne bedeutende Kosten leicht geschehen könnte, welch +unberechenbarer Nutzen ließe sich alsdann erzielen! Die Höhen zwischen +8000 und 11,000 Fuß eignen sich indessen für die Bewässerung nicht, da die +Nächte in den Monaten Dezember bis März so kalt sind, daß das Wasser +gefriert. + + [Illustration: Ackerpflug. Zeichnung von Robert Kretschmer.] + +Die Hauptursache der Unlust und Unthätigkeit der Abessinier zu jeder +ackerbautreibenden Beschäftigung liegt in ihrer Stellung zur Regierung. +Diese läßt es sich auch nicht im Geringsten angelegen sein, den Bauer zur +Arbeit aufzumuntern, anzutreiben oder zu unterstützen. Der Regierung ist +es vollkommen gleichgiltig, ob die Leute Ackerbau treiben und wie sie +denselben treiben. Das Regiment war stets ein despotisches; erzielt der +Bauer viel, so nimmt die Regierung viel, erntet er wenig, so nimmt sie +trotzdem auch viel. Hierzu gesellen sich andere Lasten: stete +Einquartierung und _Frohndienste_ aller Art. In einer unbestimmten, +willkürlichen Anzahl von Frohntagen muß der Landmann die Aecker der +Regierung und der hohen Beamten bestellen; er muß Baufrohnen leisten, wenn +ein hoher Herr bauen will, und dazu das nöthige Holz oft viele Tagereisen +weit auf dem Rücken herbeischleppen. Es kommt vor, daß hundert Menschen an +einem einzigen großen Balken tragen müssen. Man bedenke dabei aber, welche +Wege zu überschreiten, welche Abgründe zu passiren, welche Höhen zu +erklimmen sind! Gestrüpp, Dornen, Steine, Alles hindert den Transport. +Gebahnte Wege und Straßen besitzt das Land nicht. Außer dem Holze muß der +Bauer noch Steine, Stroh, Mörtel, Wasser und was sonst von Nöthen zum Bau +herbeischaffen. + +Eine Hauptlast, die schwer auf dem Volke drückt, ist der _Adel_. Es giebt +einen niederen, Mosseso, und einen höheren, Mokunnen, genannt. An sie +schließen sich drückend an die Dienerschaft des Regenten, die Heerführer, +alle aus der Adelsklasse, endlich die Räthe und Minister. Alle diese +Menschen sind nicht von der Regierung besoldet. Der Herrscher giebt ihnen, +je nach Rang und Stellung, Ländereien, von denen sie gesetzliche _Steuern_ +zu beziehen haben; allein sie alle, groß und klein, erlauben sich +Ausschreitungen und Bedrückungen, gegen die der Bauer wol klagt, doch die +Klagen gelangen nicht an den Thron. Oft wird der Landmann von diesen +liebenswürdigen Leuten bis auf die Haut ausgeplündert. Derjenige, welcher +vom Herrscher mit einem Lande belehnt wird, ist unbeschränkter Herr über +alle Bewohner desselben und die Gerichtsbarkeit liegt ganz in seinen +Händen; diese weiß er vortrefflich in seinem Nutzen auszubeuten, und nur +in halsnothpeinlichen Sachen ist der Regent Richter. Willkürlich darf der +Lehnsherr keine Steuern erheben, von denen der Regent übrigens ein +Drittheil zu beziehen hat. Erhebt nun der Regent seine Steuerquote, so +kann jener in demselben Maße die seinigen einziehen. Sie bestehen in Geld, +Getreide, Baumwollenzeug, Vieh, Butter, Honig, Pfeffer, Salz und Zwiebeln. +Auch außerordentliche Steuern kennt Abessinien. + +Werfen wir noch einen Blick auf die innere Wirthschaft des Abessiniers, +die der äußeren vollkommen gleicht und Sorglosigkeit sowie Faulheit +erkennen läßt. Betrachten wir zunächst den _Viehstand_. Man züchtet +Pferde, Maulthiere, Esel, Rindvieh, Ziegen, Schafe, Hühner. Die _Pferde_ +und Maulthiere sind die einzigen Thiere, welche sich einiger Pflege zu +erfreuen haben. Erstere sind kurz und gedrungen, doch meist von gut +proportionirter Gestalt, kräftig und feurig. Der Preis eines guten Pferdes +beträgt 40-50 Maria-Theresia-Thaler. Die _Maulthiere_ sind stark, +gedrungen, ausdauernd und in dem wildzerklüfteten, weg- und steglosen +Lande für den Reisenden von sehr großem Nutzen; auch weiß der Abessinier +die Vorzüge des Maulthieres vor dem Pferde wohl zu schätzen. Der Preis +eines sehr guten Exemplares steigt oft bis zu 100 Maria-Theresia-Thalern, +während man geringere mit 10-25 Thalern bezahlt. Die Pferde werden +eigentlich nur für die Kavallerie verwendet. + + [Illustration: Rinderhirt. Zeichnung von Robert Kretschmer.] + +Der _Esel_ gilt dem Abessinier als unreines Thier. Er erfreut sich weder +der Pflege noch der Zucht und doch ist sein Nutzen als Lastträger ein +ausgedehnter und bedeutender. Das Los des armen Geschöpfes ist ein recht +beklagenswerthes, namentlich jenes der Kaufmanns-Esel, die oft 20 +Tagereisen weit ohne Unterbrechung von früh bis Abends schwere Lasten +schleppen müssen. Abends hat das Thier dann noch selbst für seine Nahrung +zu sorgen. Der Preis ist gering, nämlich nur 2-3 Thaler. + +_Rindvieh_ kommt in großer Menge vor. Die Ochsen werden im gemeinsamen +Joche vor dem Pfluge in den steinigen Feldern abgequält und erhalten für +die mühsame Arbeit keinerlei Dank. Futterkräuter baut der Abessinier +nicht, die Thiere sind gleich dem Esel gezwungen, selbst ihre Nahrung zu +suchen, oder in der langen, trockenen Jahreszeit allein auf Stroh +angewiesen. Im Allgemeinen geben die Kühe durch ihre Milch wenig Nutzen. +Nur während der Regenzeit, wo Nahrung in Hülle und Fülle emporkeimt, +fließt diese Quelle reichlicher; aber vom März bis oft in den Juni ist der +Milchertrag äußerst gering, zumal die abessinische Kuh überhaupt keine +gute Milchkuh ist. Und doch eignet sich das Land ganz vortrefflich zum +Anbau der Futterkräuter, die dort nicht den schädlichen +Witterungseinflüssen ausgesetzt sind wie in meinem Vaterlande. Der +Abessinier besitzt weder die nöthigen Kenntnisse noch die nöthigen Gefäße, +um sein unvollkommenes _Molkenwesen_ verbessern zu können; die +Käsebereitung ist ihm ganz fremd. Indem man die Kälber ein ganzes Jahr und +darüber säugen läßt, wird auch viele Milch nutzlos vergeudet; um aber das +Kalb nach vier- oder sechswöchentlichem Säugen absetzen zu können, fehlt +es wieder an Nahrung für dasselbe. Zur Sonnenzeit, in den Monaten November +bis Juni, ist das Vieh von früh bis Abend den glühenden Strahlen +ausgesetzt und leidet darunter sehr; auch das trägt dazu bei, die +Rindviehzucht auf einer niedrigen Stufe zu erhalten. Trotzdem sind die +Preise der Thiere nach unseren Begriffen niedrig. Ein guter Zugochse gilt +3 Maria-Theresia-Thaler; eine neumilchende Kuh nebst Kalb 3-4 +Maria-Theresia-Thaler; eine Kuh zum Schlachten, je nachdem sie fett oder +mager, 2-3 Maria-Theresia-Thaler. Das Rindvieh wird jeden Tag von früh bis +Abend auf die Weide getrieben und dort meist von kleinen Knaben gehütet, +die durchaus nicht darauf Acht geben, ob eine Kuh besprungen wird; so +ereignet es sich häufig, daß trächtige Kühe geschlachtet werden; ja, ich +habe gesehen, daß man Kühe geschlachtet hat, die nach zwei oder drei Tagen +geworfen haben würden. + +Von _Ziegen_ und _Schafen_ haben die Abessinier nur den Nutzen, welchen +deren Fleisch und Felle liefern. Nur in den Hochländern kommt das Schaf +gut fort, es gedeiht in den tiefen und heißen Gegenden nicht. Auf den +Plateaux dagegen finden sich Tagereisen lange Hutungen, die einzig zur +Schafzucht benutzt werden können. Die Wolle des abessinischen Schafes ist +noch gröber als jene der lüneburger Heidschnucken; sie ist meistens +schwarz, wird in einigen Gegenden gesponnen, gewebt und zu +Kleidungsstücken verwendet. Nicht im Geringsten kümmert sich der +Abessinier um die Veredelung der Schafzucht, er wählt keine Böcke und +Mütter aus und läßt diese, nebst den Lämmern stets beisammen. Das Hämmeln +der Böcke ist unbekannt; Pferde, außer den Gestüthengsten, Bullen und +Ziegenböcke werden dagegen verschnitten. Wie die Schafe wild beisammen +leben, so auch die Esel, das Rindvieh, die Ziegen. Der Preis der Schafe, +je nach Größe und Qualität, beträgt für 6-8 Stück 1 Maria-Theresia-Thaler. +Ihr Fleisch ist wohlschmeckend. Ziegen erhält man für denselben Preis nur +4-6 Stück, und zwei große und fette, verschnittene Ziegenböcke kosten auch +1 Maria-Theresia-Thaler. Aus ihren Häuten bereitet man Getreidesäcke ohne +Naht, auch Pergament, das jedoch meist aus Schafleder gemacht wird. Rauh +gegerbt dienen letztere auch als Kleidungsstücke. + +Die Zucht der _ägyptischen Hühner_ ist sehr im Schwange. Ein Huhn brütet +jährlich fünf- bis sechsmal 15-17, also im günstigsten Falle 100 Eier aus. +Anderes Geflügel, wie Gänse, Enten, Tauben u. s. w. ist unbekannt. Brächte +man sie jedoch hierher, so würden sie besser gedeihen als in meinem +Vaterlande. Der Preis für drei bis vier Hühner ist 1 Stück Salz oder für +90-100 Stück 1 Maria-Theresia-Thaler. Das Kapaunen der Hähne, wiewol von +einigen Abessiniern verstanden, wird selten ausgeübt. + + -------------- + +Der Abessinier ist _fester Grundbesitzer_, und die Regierung kann über den +Grundbesitz ihrer Unterthanen nicht willkürlich verfügen oder denselben +nach Gutdünken an sich ziehen, es sei denn durch rechtskräftigen Spruch. +Dieser letztere kann nur dann eintreten, wenn der Eigenthümer kinderlos +oder ohne Verwandte, nähere oder fernere, stirbt. Dann zieht die Regierung +die Ländereien des Verstorbenen für ewige Zeiten an sich. Zeitweilig wird +die Regierung Besitzerin eines Grundstückes, wenn dessen Eigenthümer die +darauf lastenden Abgaben und Steuern nicht zu entrichten vermag. Sie +behält dieselben so lange, bis diese bezahlt sind, oder übergiebt sie +unterdessen einem anderen Wirthschafter, der die schuldige Summe +vorstreckt, doch nur so lange, bis der rechtmäßige Eigenthümer wieder +zahlungsfähig ist und die vollständigen Steuern entrichtet. Oft übernimmt +die Gemeinde dieses Geschäft; Verkauf der Ländereien findet selten statt. + +Hier wäre wohl der Ort, einige Worte über _Ansiedelungen_ vom Vaterlande +aus nach Abessinien einzuschalten. Unter der gegenwärtigen Regierung +können dieselben niemals stattfinden. Der Auswanderer, er komme woher er +wolle, kann wol hier in Abessinien Grundstücke käuflich erwerben, doch +vermag er niemals sichere Garantie für deren dauernden Besitz zu erhalten, +denn alle Regierungen des Landes waren bis zum heutigen Tage +Willkürherrschaften. Beim Regierungswechsel ist der Ansiedler sicher zu +Grunde gerichtet, am gewissesten dann, wenn er das Land von einem +Einwohner kaufte, dessen Verwandte ihm seinen Erwerb bei der neuen +Regierung streitig machen können. Dann stellt sich gewöhnlich heraus, daß +der Verkäufer nur zeitweiliger Besitzer der Ländereien war, und das +abessinische Recht giebt unter solchen Umständen den Verwandten das Land +zurück. Etwas besser ist der Ansiedler daran, wenn er von der Regierung +ein Grundstück erwirbt und den Kaufabschluß unter Zuziehung von Zeugen in +das Kirchenbuch eintragen läßt. Aber wie lange ihm das Land gesichert +bleibt, weiß Gott allein! + +Gesetz und Gerechtigkeit waren in Abessinien nur dem Namen nach vorhanden. +_Doch die gegenwärtige Regierung des vortrefflichen Kaisers Theodoros läßt +schöne Hoffnungen in meinem Herzen wach werden. Der liebe Gott wolle stets +über meinem Kaiser, welchen ich von ganzer Seele lieb habe, seinen reichen +Segen und Frieden walten lassen. Amen!_ + +Zum Schluß noch einige Worte über _Wiesen und Moorgrund_ Abessiniens. +Besonders die Hochländer Semién und Woggera zeichnen sich durch schönen +und reichen Wiesengrund aus. Dembea, ein Tiefland, hat am Tana-See +unübersehbare Wiesenflächen, Begemeder im Hoch- und Tieflande; Sebit +besteht ganz aus Wiesen; ähnlich verhält es sich mit Woadla, Daunt und +Talanta. Am Fuße des Kollogebirges in Wollo ziehen sich gleichfalls große +Wiesenflächen hin. Schoa, Lasta und Godscham sind stellenweise reich +daran. Vergleichsweise mit diesen Hochländern sind die Tiefländer arm an +Wiesenwuchs; doch ist ihr Gras nahrhafter und saftiger. Das Heumachen ist +ein den Abessiniern unbekanntes Ding, auch besitzen sie keinerlei +Werkzeuge zum Mähen der Wiesen. Steht im September das Gras hoch, so wird +alles Hausvieh auf die Weide getrieben, die meistens zertreten wird und +höchstens zwei Monate ausreicht. Sind so die reichen Weiden zerstört, so +tritt bittere Noth und Hunger für den Viehstand ein, ohne daß die Menschen +dadurch zum Nachdenken veranlaßt würden. + +Auf fast allen Wiesen findet sich viel Moorgrund und Sumpf, die durch +vaterländischen Fleiß und Geschicklichkeit leicht in Reisgefilde +umgeschaffen werden könnten. Jetzt liegen sie alle wüst und nutzlos da. +Vor allem wären die Moorgründe am Tanasee hierzu passend; sie könnten eine +Quelle des Reichthums für das Land sein. Auch eine gute und verständige +_Bienenzucht_ würde bedeutenden Nutzen abwerfen, denn kein Land eignet +sich so vortrefflich zu derselben als Abessinien. Die Art und Weise, wie +sie bisher von den Eingeborenen betrieben wird, gleicht genau dem +liederlichen Verfahren im Ackerbau; trotzdem wird viel Honig und Wachs +gewonnen; letzteres wird meist ausgeführt, ersterer zu Honigwein benutzt. +Die abessinische Biene ist kleiner als unsere europäische Art. Schwärmt +ein Stock, oder wird der junge Schwarm ausgetrieben, so fliegt dieser oft +drei bis vier Tage weit, bis die Königin in einem hohlen Baume oder einer +Felsenhöhle einen passenden Ort zur Niederlassung ausfindig gemacht hat. + +Hat der Zug seine Auswanderungsreise angetreten, so geht derselbe viele +Stunden weit rasch vorwärts, bis Müdigkeit der Königin eintritt, die sich +an irgendeiner Stelle niederläßt, welche dann als Rastepunkt der Schar bis +zum nächsten Tage gilt, wo die Reise fortgesetzt wird, bis eine Behausung +gefunden ist. Will der Abessinier einen solchen Schwarm in einen Stock +oder Korb einschlagen, so muß er zunächst der Königin die Flügel +verschneiden; unterläßt er dieses, so geht der Schwarm gewöhnlich wieder +fort. Ich habe selbst den Versuch gemacht und einen solchen Schwarm +dreimal eingesetzt; allein nach ein- bis dreitägigem Aufenthalte ging er +stets wieder fort, weil ich der Königin die Flügel nicht verschnitten +hatte. Die Form der Bienenstöcke ist walzenförmig; sie werden aus +Rohrstäben zusammengesetzt, die man äußerlich mit frischem Kuhmist, dem +etwas Lehm zugesetzt ist, einen halben Zoll dick überzieht. Häufig hängt +man diese Körbe in große Bäume, doch halten die meisten Abessinier +dieselben bei ihren Häusern. Die Bienenzucht wird in einer Meereshöhe von +5000-9000 Fuß betrieben. Der Preis für 50 Pfund Honig ist 1 +Maria-Theresia-Thaler. + +Vermöge der Verschiedenartigkeit seines Klimas dürfte sich Abessinien zum +Anbau aller europäischen Kulturpflanzen eignen, die unter vaterländischer +Geschicklichkeit herrlich gedeihen würden. Reis ist unbekannt, Kaffee wird +so gut wie gar nicht und noch dazu recht ungeschickt angebaut; stark +kultivirt wird er in den Gallaländern Limu, Enarea und Kaffa, und die von +dort stammenden Sorten sind besser als der arabische Kaffee aus Mocha. 40 +Pfund Kaffee gelten in Abessinien 1 Maria-Theresia-Thaler. Schwarzer +Pfeffer, Baumwolle, Indigo könnten vorzüglich gebaut werden; einige Arten +Indigo wachsen wild. Für Zuckerrohr und Runkelrüben findet sich geeigneter +Boden. Ich selbst habe in Tigrié Runkelrüben kultivirt, die eine +bedeutende Größe erreichten und viel zuckerhaltiger als die +vaterländischen waren. Alle Gewürze der Gewürzinseln und die +verschiedensten Oelpflanzen würden gedeihen; Oelgewinnung und die dazu +nothwendigen Geräthe sind hier unbekannt. Desgleichen fehlt guter Hanf und +Flachs zum Spinnen und Weben. Beeren, Früchte, Wein - sie alle finden hier +zusagenden Boden. + +Doch mit Schmerz muß ich bekennen, daß alles dieses, so lange der +gegenwärtige Zustand des Landes dauert, so lange nicht eine radikal +veränderte Regierungsweise eintritt, eitler Wunsch bleiben wird. Denn +erst, wenn die Regierung eine unbeschränkte Kultivirung des Landes durch +Deutsche, Engländer, Franzosen u. s. w. zuläßt und unterstützt, kann aus +diesem etwas werden. Durch die Abessinier selbst kann eine nutzbringende +Kultur niemals geschaffen werden, denn sie sind bitter arm; es fehlen +ihnen alle Instrumente, welche den Anbau fördern könnten, oder die +Arbeiter, die sie zu verfertigen verständen. Auch ist ihr geistiges +Besitzthum arm, dürftig, auf niederer Stufe stehend; sie sind entblößt von +allen guten Eigenschaften, Liebe und Lust zur Arbeit, Sinn für die Natur. + +Ließe sich das Vaterland den gegenwärtigen Zustand Abessiniens angelegen +sein, setzte dasselbe kräftige, wirksame und heilsame Hebel an den +gegenwärtig verwahrlosten Agrikulturzustand Abessiniens, so würde reicher +Segen seine Mühen und Opfer lohnen. Doch wie Hebel anlegen, daß sie nicht +brechen? Oder will das Vaterland feste Gerechtsame in Abessinien erwerben, +so können diese nur durch Waffengewalt aufrecht erhalten werden. + +Wie der Zustand der Felder und des Viehstandes, so ist auch die _Behausung +des Abessiniers_ und deren Umgebung beschaffen. In und außer seinem Hause +oder vielmehr seiner Strohhütte, ist alles voller Schmuz und Unrath. In +der Regenzeit gleichen die Wohnungen einer Kloake, der man sich nicht +nähern kann, ohne Gefahr zu laufen, in diesen Mistsümpfen zu versinken. Um +eine Wohnung zu errichten, haut der Eingeborene krumme und gerade, dünne +und dicke Holzstangen ab, die er in einem Kreise in den Boden pflanzt und +wobei er einen schmalen Raum für die Eingangsthür freiläßt. Die Stangen +werden nun mit Bast und dünnen Ruthen gleichwie mit Faßreifen umwunden und +die Zwischenräume mit Reisig ausgefüllt. Im Innern wird diese Ringwand +dann mit etwas Erdmörtel überzogen. Hierauf wird das Ganze mit einem +pyramidenförmigen Dache, das gleichfalls aus Stangen, Reisig und Bast +zusammengesetzt ist, gekrönt und mit einer 3 Fuß langen holzigen Grasart +belegt. Nun ist die Wohnung vollendet und der Einzug kann stattfinden. +Alle Familienmitglieder, nebst Knechten und Mägden, wohnen und schlafen +hier beisammen; die Kühe, die Mühle, das Maulthier, falls ein solches +vorhanden, die Hühner - sie alle finden hier ihren Platz. Auch das +Getreide hat hier in großen aufrecht stehenden Erdtonnen oder wohl +verdeckten Gruben seine Stelle. Der Hausherr ruht auf seiner Alga (oder +Arat), einem hölzernen Bettgestell mit vier 2 Fuß hohen Beinen, über das +schmale Riemen von ungegerbter Rindshaut gezogen sind. Die übrigen +Bewohner legen Rindshäute auf den Boden, die ihnen zur gemeinschaftlichen +Schlafstätte dienen. Selten wird eine solche Behausung ausgekehrt und +unzählige Flöhe, Läuse und Wanzen sind die regelmäßigen Insassen, um +welche der Bewohner sich wenig oder gar nicht kümmert. Der Küchenrauch, +Asche, Staub und Unrath aller Art häufen sich im Verlaufe eines Jahres +dermaßen an, daß man das Innere mit einem Schornstein vergleichen kann. + +Uebrigens wendet man in Abessinien verschiedene Bauarten an. Oft bestehen +die Wände aus Steinen, die mit Mörtel verbunden oder ohne diesen +aneinander gefügt sind. Steinhäuser finden sich fast durchgängig im +Hochlande, und da es hier in der Nacht sehr kalt ist, so findet auch Vieh +aller Art in denselben seine Schlafstätte. Da, wo gute passende Erde +vorkommt, baut man auch quadratische Häuser mit plattem Dache. Dieses ist +namentlich in Tigrié häufig der Fall. Diese Decke wird dann durch starke +Baumstämme und Balken getragen, die mit einer 1 Fuß dicken Lage Erde +überdeckt sind, welche zur Regenzeit kein Wasser durchläßt. Hier sieht man +auch oft große, auf diese Weise überdachte Säulenhallen aus rohen +Baumstämmen, unter denen das Vieh zur Regenzeit Schutz und Obdach findet. +Ueberhaupt herrscht im Lande Tigrié mehr Fleiß und Ordnung als in anderen +Gegenden Abessiniens. + +Das hier von den Wohnungen Gesagte gilt nur von den Behausungen des +ackerbautreibenden Theiles der Bevölkerung. Die _Häuser der Reichen_ und +Großen des Landes sind besser gestaltet. Sie sind gewöhnlich gut mit +Erdmörtel aufgeführt und auch die innere Wand mit Mörtel überzogen. Das +Innere besteht oft aus Abtheilungen, von denen eine für Pferde und +Maulthiere, eine als Speicher, eine dritte als Empfangszimmer, eine vierte +für den Hausherrn und seine Familie bestimmt ist. Ist das Haus klein, so +wird das Empfangszimmer besonders angebaut. Das Dach ist im Innern häufig +schön mit zusammengesetzten Rohrstäben verziert, ja manchmal mit farbigen +Baumwollstoffen künstlich dekorirt, die Eingänge mit Breterthüren, der Hof +mit einer Mauer versehen. Doch herrscht im Innern derselbe Schmuz und das +Ungeziefer wie bei den Landleuten. + +Die _Mühlen_ der Abessinier bestehen aus einem einzigen Stein, der 1 Fuß +breit und 1¾ Fuß lang ist. Das Material besteht aus grobem Sandstein oder +Trachyt; enthält der letztere viele kleine Blasenräume, so wird er sehr +geschätzt. Die Mühle wird durch Klopfen mit einem harten kleinen Steine +geschärft. Der Läufer, mit dem das Getreide zerrieben wird, ist ein ¾ Fuß +langer, 4 Zoll breiter Stein. Das Mahlgeschäft wird nur von den Frauen +besorgt. Eine Person zerreibt täglich etwa 6 Metzen (Berliner Maß). Das +Mahlsieb besteht aus Grasgeflecht. Weizen und Gerste werden, bevor sie auf +die Mühle kommen, enthülst; dieses geschieht in ausgehöhlten Baumstämmen, +welche die Mörser vertreten; der Stößel ist ein 3 Fuß langer, 2-3 Zoll im +Durchmesser haltender Knittel aus wildem Olivenholz. Die einzigen +Instrumente, welche sonst noch bei der Agrikultur in Abessinien Dienste +leisten, sind eine Axt, eine Erdhaue, eine gezähnte Sichel und ein Messer. +In Schoa wurde unter der Regierung des Königs Sahela Selassié von einem +Europäer eine Wassermühle errichtet, doch als diese anfing zu mahlen, +empörte sich die Geistlichkeit gegen das Teufelswerk und bedrohte den +König mit dem Bannfluche, wenn das Mahlen nicht eingestellt würde. Die +Mühle ist heute gänzlich zerfallen. + + [Illustration: 1. Mühle (a. Läufer, b. Bodenstein). 2. Erdhacke. 3. + Sichel. 4. Messer. 5. Axt der Abessinier. Originalzeichnung von E. + Zander.] + + + + + + [Illustration: Ansicht von Suez.] + + + + + + MASSAUA UND DIE ABESSINISCHE KÜSTENLANDSCHAFT. + + + Die Bedeutung des Rothen Meeres. - Der Dahlak-Archipel und die + Perlenfischerei. - Die Stadt Massaua und ihre Bewohner. - + Sklavenhandel. - Die Cisternen. - Der Markt. - Karawanenhandel mit + Abessinien. - Die Bai von Adulis. - Schohos und Danakil. - Die + Samhara. - Eine abessinische Karawane. - Der Tarantapaß und Halai. + + +Das Rothe Meer, lange Zeit für den großen Verkehr fast ohne Bedeutung, ist +in unsern Tagen aus seiner Abgeschiedenheit hervorgetreten und nimmt +lebhaften Antheil am Welthandel. In einer Länge von fast vierhundert +Meilen erstreckt es sich gleich einem Arm von Suez bis zur Bab-el-Mandeb +zwischen dem nordöstlichen Afrika und der westlichen Küste Arabiens. +Regelmäßig wie bei uns die Eisenbahnen wird es fast tagtäglich von +Riesendampfern seiner ganzen Länge nach durchkreuzt; Telegraphendrähte +sind an seinen korallenreichen Gestaden hingelegt, und der Post- wie +Handelsverkehr von Europa nach Indien nimmt jetzt seinen Weg zumeist über +diese Straße. Noch größere Bedeutung wird das Rothe Meer jedoch erlangen, +wenn einst der Suezkanal vollendet sein sollte, obgleich schon auf der von +Alexandrien über Kairo nach Suez führenden Eisenbahn alljährlich viele +Tausende von Vergnügungsreisenden zu ihm hingezogen kommen. Nach allen +Seiten führen von seinen Küsten wichtige Handelsbahnen in die umliegenden +Länder, die zum Theil, wie das Innere Ostafrika's, ungemein produktenreich +sind: Gummi und Straußenfedern, Droguen und Elfenbein, Wachs und Honig, +nicht minder aber Sklaven werden in allen Hafenplätzen feil gehalten und +finden regelmäßigen Absatz gegen europäische Produkte. + +Sowie aber die kommerzielle Bedeutung des Rothen Meeres sich gehoben hat, +ist auch nicht minder jetzt die politische in den Vordergrund gelangt, und +wie in so vielen andern Weltgegenden sind auch hier England und Frankreich +als eifersüchtige Rivalen aufgetreten, die einander den Rang streitig zu +machen suchen. Beide wissen, daß im Rothen Meere der Schlüssel zu Indien +liegt, und wenn auch Frankreich ein geringeres Interesse als England daran +zeigt, denselben mit in Händen zu haben, so ist es doch schon des +Wettbewerbes wegen bestrebt gewesen, es in Besitzergreifungen den +Engländern gleichzuthun. Der Suezkanal, ein französisches Unternehmen, hat +mindestens in demselben Grade politische Bedeutung, wie kommerzielle; denn +wie die Engländer Aden und die Insel Perim am südöstlichen Ende des Rothen +Meeres besetzten und so die Bab-el-Mandeb beherrschen, trachten die +Franzosen danach, ihre Herrschaft am nordwestlichen Ausgang der +Handelsstraße zu errichten. Und auch noch andere Küstenplätze sind nach +und nach in die Hände der beiden Rivalen gefallen: die Briten haben sich +auf der Insel Kamaran an der arabischen Seite, die Franzosen auf Dessi vor +der wichtigen Bai von Adulis und zu Oboc niedergelassen. Von hier aus +überwachen sie den Handel und spinnen Intriguen mit den unzufriedenen +Elementen der Bevölkerung, um bei guter Gelegenheit sich überall in die +Landesangelegenheiten mischen zu können. Europäische Konsularagenten haben +in den meisten Hafenplätzen schon ihren Sitz, und mit dem arabischen oder +banianischen (indischen) Handelsmann theilen sich jetzt europäische +Kaufherren in den Gewinn des Handels am Rothen Meere. Eine Abschließung +desselben ist jetzt nicht mehr denkbar, es wird mit allen seinen +Gestadeländern - mag es wollen oder nicht - immer mehr in unsere +Beziehungen hineingezwungen. + +Freilich ein Hinderniß hat die Natur selbst geschaffen, welches die +Bedeutung dieses Meerarmes für den Verkehr bedeutend abschwächt. Das Rothe +Meer ist für Segelschiffe bei den jetzigen Anforderungen an die +Schnelligkeit des Verkehrs fast so gut wie unbefahrbar, da ziemlich das +halbe Jahr hindurch Windstille herrscht und Mangel an guten Häfen ist. +Zudem machen die Korallenklippen die Fahrt äußerst gefährlich, und auch +die Versorgung der Schiffe mit Wasser, Kohlen oder Lebensmitteln ist eine +äußerst mangelhafte. Nur der Dampfer, der seine Kohlen in Suez oder Aden +liegen hat, beherrscht diesen Meeresarm vollständig und in vier bis fünf +Tagen durchfahren sie denselben von einem Ende bis zum andern, um dann +weiter die Fahrt nach Indien anzutreten. + +Während die großen Dampfer der indischen Linie direkt das Rothe Meer +durchkreuzen und nur selten den einen oder andern Hafenplatz an demselben +besuchen, sind für letztere besondere Seitenlinien eingerichtet, die meist +von einer türkischen Gesellschaft schlecht versehen werden. Von _Suez_, wo +die Eisenbahn mündet, steuern wir zunächst nach _Kosseïr_, von wo eine +Karawanenstraße nach Keneh am Nil führt, der in dieser Gegend einen weiten +Bogen nach Osten macht und sich dem Rothen Meere nähert. Von Kosseïr +fahren wir in südöstlicher Richtung nach der arabischen Küste hinüber und +landen in _Jembo_, dem Eingangsthor der heiligen Stadt, nämlich Medina, +für welches dieser Platz den Hafen bildet. Weiter an demselben Gestade +fortsteuernd erreicht der Dampfer _Dschidda_, "die Ebene ohne Wasser". +Aber dieser Hafenplatz, das Seethor für Mekka, ist in vieler Beziehung +wichtig und namentlich zur Zeit der Pilgerwanderungen sehr belebt. Wir +verlassen auch diesen Ort, der schon Millionen Wallfahrer landen sah, und +durchkreuzen abermals nach Südwesten hin das Rothe Meer, um _Sauakin_ an +der afrikanischen Küste zu erreichen, von wo aus die große Karawanenstraße +nach dem östlichen Sudan und Chartum an der Vereinigung des Weißen und +Blauen Nil führt. + +Und nun geht nochmals der Anker in die Höhe, nach Süden ist der Bug des +Dampfers gerichtet, die afrikanische Küste, das Land der nomadisirenden +Beni-Amer und Habab bleibt zur Rechten liegen und die _Dahlak-Inseln_ +kommen in Sicht. Auf diesem Archipel erhalten wir durch die Sprache der +Bewohner schon einen Vorgeschmack Abessiniens, vor dessen Küste, gegenüber +dem Hafenplatze Massaua, die Gruppe liegt. Die drei Hauptinseln sind +Groß-Dahlak, Nureh und Nakala. Die Großhandelsfahrzeuge legen dort nicht +an, obwol das erste der genannten Eilande einen sehr guten Hafen hat. +Viele Spuren, namentlich Ruinen, deuten darauf hin, daß einst die +Abessinier und im 16. Jahrhundert die Portugiesen eine Niederlassung auf +demselben hatten. Dahlak hat nur etwa 1600 Einwohner, auf die andern +beiden bewohnten Inseln kommen zusammen nur 200 Köpfe. Alle sind +Muhamedaner, friedliche Menschen, die unter einem Scheich stehen; dieser +erhält seine Belehnung von dem ägyptischen Gouverneur in Massaua, welchem +er jährlich 1000 Maria-Theresia-Thaler zahlt. Wasserläufe giebt es auf den +Inseln nicht, aber das Brunnenwasser ist gesund. + +Ueberaus reich ist hier das Meer an Fischen und Fischfang daher eine +Hauptbeschäftigung der Bewohner. Doch noch andere Schätze bietet die +salzige Flut, welchen die Dahlak-Inseln vorzüglich ihre Berühmtheit +verdanken. Namentlich kommt die _Perlenauster_ (_Pintatina_) in großer +Menge, förmliche Bänke bildend, hier vor, und sie ist es, die vom Mai bis +in den August eine große Anzahl der Bewohner mit Tauchen beschäftigt. +Jeder kann sich an der Perlenfischerei nach Belieben betheiligen; Abgaben +werden nicht erhoben und nicht selten kommen auch Taucher und Fischer von +der gegenüberliegenden arabischen Küste. Man bedient sich zum Fange der +gewöhnlichen Barken, der sogenannten Sambuks, welche gerudert werden und +auch Mattensegel haben. Von den zwölf bis vierzehn Köpfen der Mannschaft +sind sechs bis sieben Taucher. Mit einem Bismillah! (Im Namen Gottes!) +stürzt der Mann in die Tiefe, wo er nicht viel länger als eine Minute +bleibt, so viel Austern, als er kann, in einen Korb zusammenrafft und +diesen durch die Gefährten an einem Seil in die Barke ziehen läßt. Mehr +als dreißig, höchstens vierzig Mal kann er an einem und demselben Tage +nicht untertauchen. Eine mit guten, recht erfahrenen Tauchern bemannte +Barke wird im Laufe eines Tages bis 3500 Perlenaustern und etwa 500 +Perlmutteraustern erbeuten. Die Muschel, welche man bei den Dahlak-Inseln +fischt, ist im allgemeinen nur klein und beinahe rund; der Durchmesser +beträgt 5 bis 6 Centimeter. Unter 20 bis 30 Austern hat immer nur eine +einzige eine kleine Perle, die man als Samen bezeichnet. Es scheint als ob +eigentliche, völlig ausgebildete Perlen nur in ganz ausgewachsenen +Muscheln gefunden werden. Die Insulaner bezeichnen die Perlenauster als +Bebela oder Bereber. Ihr Fleisch ist weiß und genießbar; man trocknet es +an der Sonne und zieht es auf Fäden, worauf es dann einen Theil des Jahres +hindurch die Hauptnahrung der Leute bildet. + +Alljährlich bringen die Fischer ihre Ausbeute an Perlen und Perlmutter +nach dem Dorfe Debeolo, wo vierzehn Tage lang Markt gehalten wird. Dort +legen sie die Erzeugnisse des Meeres zum Verkauf aus. Regelmäßig finden +sich fremde Kaufleute, besonders indische Banianen ein, die gegen Silber +oder Tauschwaaren, Lebensmittel, Holz, Baumwollenstoffe die Perlen zu +ziemlich niedrigem Preise einhandeln. Man schätzt diese nach ihrer Größe, +Gestalt und Reinheit ab. Erstere wird durch ein Haarsieb ermittelt, das +Oeffnungen von verschiedener Größe hat. Je nach den verschiedenen +Gattungen wird der Preis bestimmt. Der Umsatz auf dem Markte von Debeolo +beträgt im Durchschnitt an Geldwerth 50,000 bis 60,000 Thaler, ist also +immerhin bedeutend. Zu den Ausfuhrgegenständen der Dahlak-Inseln gehört +ferner das feine Schildpatt (Baga); das der Schildkrötenweibchen ist +durchgehends schwerer und dicker als das der Männchen, und ein zwei Fuß +langes Rückenschild des ersteren giebt zwei Pfund Schildpatt. Auch die +Kauris oder Geldmuscheln, die in Afrika als Scheidemünze gelten, werden +auf den Dahlak-Inseln in großer Menge gefischt. Seltener aber ist ein +höchst interessantes Meersäugethier, der _Dugong_ (_Halicore Dugong_), das +wegen seiner starken Haut und perlmutterglänzenden Zähne sehr geschätzt +war und ist. Es kommt auch an den arabischen und afrikanischen Küsten vor, +an welcher letzteren es von den Danakil gefangen wird. Die Thiere leben +paarweise und weiden auf den untermeerischen Tangwiesen, die ihre einzige +Nahrung bilden. Das Land besuchen sie selten, meist schwimmen sie wie +Meerjungfern mit erhobenem Oberkörper in der See. Sie sind über 12 Fuß +lang und schwer mit Harpunen zu erreichen. Die dem Walroß ähnlichen +Stoßzähne wurden früher als Handelsartikel gesucht und zu Rosenkränzen +verarbeitet, während die marklosen Knochen Dolch- und Messergriffe von +großer Dauerhaftigkeit liefern. Aus der Haut bereitet man Sandalen. +Merkwürdig erscheint uns der Dugong noch dadurch, daß er dasjenige Thier +ist, aus welchem die alten Juden den Ueberzug ihrer Bundeslade gemacht +haben sollen. + +Unsere Fahrt durch das Rothe Meer ist nun beendigt; von Dahlak wendet sich +der Dampfer nach Westen, der abessinischen Küste zu, von der aus die +kühnen und gewaltigen Bergmassen von Hamasién uns entgegenstarren. Wir +nähern uns der Insel _Massaua_, deren Bucht, von Vorgebirgen +eingeschlossen, nun in Sicht kommt. + + [Illustration: Ansicht von Massaua. Im Vordergrund Fischerknabe. + Originalzeichnung von Robert Kretschmer.] + +Gleich darauf werden das kleine Vorwerk, die weißgetünchten Doppelthürme +der Moschee, die türkischen Wachtschiffe und fremden hier ankernden +Fahrzeuge sichtbar. Schon ehe man landet, erblickt man weit draußen auf +der See eigenthümlich gestaltete _Fischerflöße_, die aus fünf +zusammengebundenen Baumstämmen bestehen. In der Mitte sitzt ein Knabe, der +mit einer beiderseits schaufelförmigen Ruderstange geschickt und schnell +seine Fähre regiert. Auf diesem gebrechlichen Dinge angelt er an Klippen +und Bänken, fängt eine große Anzahl Fische und tödtet sie jedesmal +sogleich durch einen Nagelstich in den Kopf. Die Stadt _Massaua_ oder +Mesaueh ist der Hauptort für das Aegypten untergeordnete abessinische +Küstenland nebst den Inseln des perlenreichen Dahlak-Archipels, Sitz eines +Kaimakan, der einige Soldaten zur Verfügung hat. Außerdem residiren hier +ägyptische Zollbeamte und verschiedene europäische Konsuln, denn Massaua +ist die Pforte des Handels für fast ganz Abessinien und von größter +politischer Wichtigkeit durch seine Lage gegenüber dem letztgenannten +Reiche, wie durch seinen in jeder Beziehung vorzüglichen Hafen, der sich +auch dadurch vor andern Häfen am Rothen Meere auszeichnet, daß man sich +hier leicht mit Schiffsprovisionen, Wasser, Holz, Schlachtvieh u. s. w. +versehen kann. + + [Illustration: Wasserträgerin an den Cisternen. Derwisch von Massaua. + Originalzeichnung von Robert Kretschmer.] + +Der Golf von Arkiko, in welchem die Inselstadt Massaua liegt, ist mit +verschiedenen kleinen Koralleneilanden bedeckt. Auf einem derselben +befindet sich der christliche Friedhof und hier ist es, wo auch die Leiche +unseres Landsmannes, des Reisenden Hemprich, ruht, den am 30. Juni 1825 +der Tod ereilte. Auf einem andern Koralleneilande liegt ein Heiliger, Seid +Scheik, begraben, der seinerzeit Massaua verlassen und diese kleine Insel +bezogen haben soll, weil er glaubte, daß der Lebenswandel seiner Mitbürger +allzu irreligiös sei. Vom Festlande sowol als von Massaua machen +zahlreiche Gesellschaften nächtliche Ausflüge nach dem Grabe dieses +Heiligen, wobei weniger religiöse Absichten die Pilger leiten sollen, als +der Schmuggel mit Sklaven. Die Insel Massaua selbst hat eine halbe Meile +Länge und beinahe eine Viertelmeile Breite. Die westliche Hälfte trägt die +Stadt, die östliche halb verfallene, alte Cisternen aus besserer Zeit und +ein kleines, schlecht armirtes Fort. Die Anlage der Stadt ist eine ganz +unregelmäßige, wenig ältere Gebäude bestehen aus Stein, die meisten sind +Strohhütten, die auf Pfählen im seichten Meerwasser ruhen. Unter ersteren +zeichnen sich das Gouvernementsgebäude, eine zweikuppelige Moschee (Diamet +Scheik Hamal) und das Zollhaus aus. + +Im Ganzen hat Massaua etwa ein Dutzend religiöser Gebäude; darunter jene +bemerkenswerthe Moschee, die früher eine christliche Kirche gewesen war +und in welcher die Portugiesen 1520 Messe lasen, nachdem sie "Matzua", so +nannten sie die Stadt, den Muhamedanern abgenommen hatten. Was den Namen +des heutigen Ortes betrifft, der auch Masua, Massawa geschrieben wird, so +leitet ihn Munzinger aus der Tigriésprache ab, in welcher Mesaua den Raum +bedeutet, über welchen hin man den Ruf einer Menschenstimme hören könne, +und das trifft hier allerdings für die Meeresbreite zwischen Insel und +Festland zu. Aber in der Landessprache der Eingeborenen heißt Stadt und +Insel gar nicht Massaua, sondern Basé. + +Die Bevölkerung ist fast ganz muhamedanisch; die Ureinwohner gehören der +äthiopischen Rasse an und sprechen eine semitische Sprache. Die übrigen +Bewohner, mit Ausnahme der türkischen Beamten und der Besatzung, sind +Kaufleute aus Arabien, dann Somali, Danakil, Galla, Abessinier und +Banianen (Indier). Die Massauaner selbst sind Fischer, Schiffsleute und +Lastträger, welche das Trinkwasser herbeischleppen. Außer etwas Weberei, +Gerberei und Schiffsbau werden wenig Gewerbe getrieben. Die Stärke der +Bevölkerung schätzte Rüppell 1832 auf 1500, Heuglin 1857 auf 5000 Seelen, +einschließlich des Militärs. Die Einkünfte der Provinz, meist aus den +Zollabgaben des abessinischen Handels bezogen, betrugen nach beiden +Reisenden 40,000-50,000 Thaler. + +Die Massauaner sind ein in der Jugend durchweg sehr schöner Menschenschlag +und haben eine kupferfarbige Haut, die mehr oder weniger dunkel ist. Die +Mädchen zeichnen sich durch schlanken Wuchs, regelmäßige Züge des ovalen +Gesichts, große, lebhafte Augen und feinen Mund mit schönen Zähnen aus. +Wenn sich zwei Bewohner nach längerer Zeit wieder begegnen, küssen sie +sich gegenseitig die Hände und erkundigen sich mit vielen Schmeichelworten +nach dem Befinden. Was den Charakter der Massauaner anbetrifft, so lauten +die Urtheile darüber sehr ungünstig. Dem bloßen Schacher ergeben, üben sie +alle möglichen Verstellungskünste und erfüllen selbst die heiligsten +Versprechungen nicht. Dazu kommt, daß der fortwährende Sklavenhandel ihre +moralischen Sitten untergraben und ihr Herz gegen jede edlere Empfindung +verstockt machen mußte. Diebereien und Einbruch sind gewöhnliche +Verbrechen und gelten nicht als Schimpf. Die Anzahl der Bettler ist groß +und die meisten derselben kommen durch Hunger und Elend ums Leben. +Dankbarkeit ist den Massauanern nur dem Namen nach bekannt, und als +Rüppell einst einen Mann von einer gefährlichen Schußwunde geheilt hatte, +drückte dieser seine Freude darüber folgendermaßen aus: "Gott ist groß und +wunderbar! Hat er doch diesen _Hund von Ungläubigen_ hierhergeschickt, um +mich zu heilen!" + +Eine Eigenthümlichkeit der Massauaner besteht darin, daß sie Familiennamen +haben, was bekanntlich sonst bei Muhamedanern nicht der Fall ist. So +heißen einige Adulai, und diese stammen aus Adulis; andere Dankeli, Farsi +(aus Persien), Yemeni (aus Yemen in Arabien). Unter den Kaufleuten spielen +die _Banianen_ eine wichtige Rolle. Diese Indier haben einen großen Theil +des Verkehrs auf dem Rothen Meere in ihren Händen und bewohnen in Massaua +ein eigenes Quartier. Dort sitzen die wohlbeleibten Männer nur halb +bekleidet, mit geschorenem Kopfe, kleinem Schnauzbart und prächtigen +schwarzen Augen in dem gelben, etwas weibischen Gesichte. Wer sie so +sieht, glaubt sich in einen Bazar nach Delhi oder Bombay versetzt. Der +Baniane trägt auf der Straße einen rothen, mit Gold oder gelber Seide +verbrämten Turban und eine silberne Kette um den Leib. Diese Inder essen +kein Fleisch und mögen solches nicht einmal anrühren. Beklagten sie sich +doch einmal, wie Lejean berichtet, ernstlich darüber, daß die Hunde der +katholischen Mission einmal in der Nähe ihrer, der Banianen, Cisterne +Knochen abgenagt hätten! Dadurch könne das Wasser verunreinigt werden. Die +Zahl der Europäer ist in Massaua nie beträchtlich gewesen und besteht nur +aus ein paar Konsularagenten, einigen Kaufleuten und Missionären. Unter +den Konsularagenten war der englische, vor wenigen Jahren erst verstorbene +_Raffaele Barroni_ den Türken besonders verhaßt, weil er den Muth hatte, +eine unablässige Fehde gegen die Sklavenhändler zu führen. Um recht mit +Nachdruck auftreten zu können, hatte er sich sogar eine eigene Polizei +eingerichtet. Er wußte allemal, wieviel Sklaven eine im Küstenland aus +Abessinien ankommende Kaflé (Karawane) mit sich führe, zog ihr an der +Spitze seiner wohlbewaffneten Dienerschaft entgegen, nahm, wenn nöthig, +mit offener Gewalt ihr alle Sklaven ab und verschaffte denselben die +Freiheit. Die Kaufleute haßten ihn, sein Leben war oftmals bedroht, aber +er hatte seine Vorkehrungen getroffen und sich eine Art von fester Burg +gebaut, von welcher aus er mit seinen Kanonen und Büchsen die Umgegend +bestreichen konnte. Im Nachlasse dieses muthigen Mannes fand der Reisende +Lejean folgende Aufzeichnung: "Ich habe Sklaven befreit, nachdem der +Konsul Plowden von hier abgereist war, im Jahre 1855: 2 Galla von +Tehuladare, 1 aus Mensa, 158 aus Magatul, 1 von Atti Letta; 160, die man +nach Dschidda schicken wollte, habe ich zurückgehalten. Im Jahre 1856: +240. Ich hielt eine ganze Karawane auf ottomanischem Gebiete an und +schickte sie nach Abessinien zurück. Im Jahre 1857 befreit: 2 von Schoa, 2 +von Mensa, 4 von mir unbekannter Herkunft" u. s. w. Eine andere Notiz +lautet: "Die Bewohner dieser Stadt und namentlich die Sklavenhändler sind +hocherfreut, daß Abdul-Aziz den Thron bestiegen hat; sie hoffen unter ihm +eine Wiederbelebung des Sklavenhandels im Rothen Meere." Wie die Engländer +es übrigens mit der Unterdrückung des Sklavenhandels nicht immer ernst +nehmen, dafür bringt Lejean ein Beispiel bei. Barroni stand unter dem +Oberbefehl des englischen Residenten in Aden. Dieser wandte allerdings +gegen das, was Barroni that, nichts ein, gab ihm aber zu bedenken, daß man +es mit dem Einschreiten gegen den Sklavenhandel unter türkischer Flagge +nicht zu ernsthaft nehmen dürfe "damit diese befreundete Flagge im Rothen +Meere in ihrem Ansehen nicht geschwächt werde". + +Was Lejean sonst noch über einzelne Einwohner Massaua's berichtet, ist zu +charakteristisch für die dortigen Zustände, als daß wir es nicht hierher +setzen sollten. Die türkische Regierung benahm sich gegen die Kapuziner, +welche sich in Monkullo niederlassen wollten, sehr barsch. Ein Mönch +machte aber dem Gouverneur zu schaffen und forderte ihn sogar zum +Zweikampf auf Säbel; dann erklärte er, er werde den Gouverneur aus dem +Fenster werfen und selbst regieren. Zuletzt wurde er Kaufmann und dann in +Florenz Zeitungsredakteur. + +Im Jahre 1854 war ein gewisser Ibrahim Pascha Kaimakan von Massaua. Dieser +Würdenträger war stets durch Hanfrauchen benebelt und schwelgte in den +wildesten Phantasien. Nach Konstantinopel berichtete er, daß er alles Land +bis zu den Mondgebirgen erobert habe, während doch wenige Stunden +landeinwärts seine Macht ein Ende hatte. Er wollte die Einwohner am +Festlande besteuern, worauf diese aber keine Lebensmittel mehr nach der +Insel brachten, sodaß in Massaua sich Hungersnoth einstellte. Gegen die +Europäer erlaubte er sich allerlei Grobheiten; dieselben führten Klage, +infolge deren er 1855 von der Pforte kassirt wurde. Er nahm seine +Absetzung gleichmüthig auf, schloß sich in seinen Harem ein und erhing +sich an einer Säbelschnur. + +Was das Klima Massaua's anbetrifft, so ist es nicht ungesunder als das der +andern Hafenplätze am Rothen Meere. Das Sprüchwort sagt, es sei eine +Hölle, wie Pondichery ein heißes Bad und Aden ein Backofen. Am +empfindlichsten macht sich der Mangel an Trinkwasser auf der Insel selbst +bemerkbar. Die _Cisternen_ auf der Ostseite der Insel nehmen etwa ein +Drittel dieser letzteren ein. Der Ueberlieferung zufolge sind sie von den +Farsi (Persern) gebaut worden und das kann richtig sein, denn es ist +wahrscheinlich, daß einige Zeit, bevor Muhamed seine Lehre verkündigte, +der persische König Chosroes diese Küstengegend des Rothen Meeres +beherrschte. Uebrigens bezeichnet man in Massaua alles, was nicht +muselmännisch oder abessinisch ist, als "Farsi", und so auch die +Cisternen. Sie sind vortrefflich gearbeitet und haben eine Art gewölbten +Deckel, der aus wunderbar fest gekitteten Korallenstücken besteht. Die +inneren Wände der Cisternen sind meistens vollkommen glatt und von +rosenrother Farbe. + +Die ägyptische Regierung thut nichts, um diese so höchst nothwendigen und +nützlichen Cisternen in gutem Zustande zu erhalten; was einfällt wird +nicht ausgebessert. Die Türken bekommen ihr Wasser von Monkullo oder +Arkiko, und ob die armen Leute Trinkwasser haben, ist ihnen ganz einerlei. +Massaua selbst hat gar kein eigenes Trinkwasser, wenn nicht etwa einige +dieser Cisternen Regenwasser enthalten. Alltäglich geht dagegen ein +Regierungsschiff nach Arkiko, das viele Brunnen besitzt, deren Wasser +indessen nicht besonders gut ist. Dasselbe wird dort in lederne, stark +gethrante Schläuche gefüllt, dann mittels Lastthieren oder Trägern zum +Gestade gebracht und nach der Stadt verschifft. Im August und September +fallen nicht selten Regen, welche die Brunnen speisen. Das schon erwähnte +Arkiko, das früher Dogen hieß, scheint wenigstens so alt wie Massaua zu +sein, obgleich es keinen Hafen besitzt. Es ist von freundlichen Gärten +umgeben und dient als Militärstation. + +Seine Wichtigkeit verdankt Massaua dem abessinischen Zwischenhandel. Alle +dort wohnenden Nationalitäten sind an demselben betheiligt. Es kommen bei +günstigen politischen Verhältnissen im Innern gewöhnlich zweimal im Jahre +große Karawanen (Kaflé) aus den Gallaländern und ganz Abessinien nach der +Küste; der Gesammtwerth der durch sie abgesetzten Waaren wird von Heuglin +auf eine Million Thaler, von Andern jedoch weit höher angegeben. Eine +solche Karawane sammelt sich bei günstiger Jahreszeit und bewegt sich, von +bewaffneter Macht eskortirt und immer wachsend an Mitgliedern, über Adoa +dem Meere zu. Sie steht unter dem Befehle eines Schech el Kaflé und +transportirt die Waaren auf Maulthieren und Eseln bis an den Abfall der +Hochgebirge, wo dann die benachbarten Hirtenvölker, die viele Kameele zu +diesem Zwecke halten, die Weiterbeförderung übernehmen und die Waaren bis +zum Meere bringen. Der größte Theil der Verkaufsgeschäfte ist schon vor +Ankunft der Karawane in Massaua durch Unterhändler abgeschlossen; die +Hauptartikel sind Kaffee aus der Umgebung des Tanasees, Godscham und den +Gallaländern, Elfenbein von den Galla- und Kolaländern, Nashorn, Moschus, +Gold von Damot, Fazogl, Galla u. s. w., Wachs, Honig, Butter, +Schlachtvieh, Häute, Maulthiere, Tabak, Straußenfedern und Sklaven. Der +Schiffahrtsverkehr mit den Häfen am Rothen Meere, sowie mit Aden und +Bombay, ist sehr lebhaft. Noch 1860 schrieb Moritz v. Beurmann: "Unter den +von Massaua ausgeführten Handelsartikeln nehmen die Sklaven noch immer +einen bedeutenden Posten ein, obgleich in der letzten Zeit auch dieser +Handel bedeutend nachgelassen hat und die jährliche Ausfuhr in den letzten +Jahren wol kaum auf 1000 Köpfe kommen möchte. Es war deshalb auch zu der +Zeit, als ich in Massaua war, die Stimmung gegen die Europäer eingenommen, +da man wohl weiß, einen wie schädlichen Einfluß dieselben auf diesen +ergiebigen Handel haben." Nach Rüppell führte man 1838 etwa 2000 Sklaven +beiderlei Geschlechts aus, zu einem Durchschnittspreis von je 60 +Speziesthalern. _Markt_ wird täglich in der Stadt abgehalten. Außer den +gewöhnlichen Handelswaaren werden auch Lebensbedürfnisse, Fleisch, Brot, +Holz und Trinkwasser, feilgeboten. Die beiden zuletzt genannten +Bedürfnisse machen die Erwerbsquelle für die armen Landleute aus. Mit dem +thönernen Topfe auf dem Haupte kommen die Wasserträgerinnen heran; schon +am frühen Morgen stellen sich Hirten ein, welche kleine, mit Milch +gefüllte Körbchen zum Verkauf bringen; diese Milch schmeckt sehr +unangenehm, indem sie gleich nach dem Melken stark geräuchert wird, was, +um das Gerinnen zu verhüten, unumgänglich nöthig sein soll. Andere +Landleute bringen in der Winterjahreszeit Nabakfrüchte (_Rhamnus Nabac_) +und kleine Citronen, die aus den verwilderten Klostergärten stammen, sowie +frische Hennablätter (_Lawsonia inermis_), welche den Schönen der Stadt +zum Rothfärben der Nägel und Handfläche unentbehrlich sind. Fischerknaben +bringen die reiche Ausbeute des Meeres, und im Frühling verkauft man die +Blütenstengel einer spargelähnlich schmeckenden Aloëart. Fast die ganze +männliche Bevölkerung Massaua's treibt sich den Tag über faullenzend unter +den Marktbuden umher, wo neben dem feinen Stutzer der zerlumpte Derwisch +und der halbnackte Hirt einherzieht. + +Massaua, sowie Sauakin, gehörten einst zum abessinischen Reiche. Die Stadt +wurde 1557 durch eine türkische Flotte erobert und mit einer bosnischen +Besatzung versehen. Unter Mehemed Ali gehörte sie zu Aegypten, kam jedoch +1850 wieder unter türkische Oberhoheit und wurde 1865 abermals, nebst der +ganzen Westküste des Rothen Meeres an Aegypten abgetreten. + + -------------- + +Wendet man sich von Massaua gerade nach Süden, nach dem bis zu 5000 Fuß +ansteigenden Gedemgebirge, so übersieht man von diesem den ganzen +_Meerbusen von Annesley_ oder die _Bai von Adulis_ (jetzt bei den +Eingeborenen Gubet Kafr genannt). Während im Westen das Vorgebirge Gedem +die Bai abschließt, wird diese im Osten von der meist kahlen Halbinsel +Buri begrenzt. Das Westufer, flach und durch Anschwemmungen entstanden, +trägt eine üppige Vegetation von Schorabäumen, zwischen deren Wurzelgewirr +Heuglin hier einen seltsamen Fisch (_Periophthalmus Koehlreuteri_) +entdeckte, der, froschlarvenartig aussehend, im Schlamme, zwischen Steinen +und sogar im Grase lebte und verfolgt in großen Sprüngen sich ins Wasser +rettete. Die Bucht hat eine Länge von 20, bei einer Breite von 8 Meilen, +ist tief genug, um selbst die größten Seeschiffe aufzunehmen, und besitzt +den Vorzug, Trinkwasser wie auch Brennholz liefern zu können. Den Schluß +der Bai bildet die den Franzosen gehörige _Insel Dessi_, welche ohne große +Kosten leicht befestigt werden könnte, doch haben die Franzosen es bei der +einfachen Besitzergreifung bewenden lassen. Sie hat gleichfalls gutes +Wasser und Weide für etwa 600 Stück Rindvieh, die drei Rheden gewähren +guten Schutz und können in vortreffliche Häfen umgeschaffen werden. Im +Jahre 1859, als Agau Negussi Gebieter Tigrié's und von den Franzosen als +"_Empereur_" anerkannt war, gab er die Insel dem französischen Agenten +Russel und bot ihm außerdem noch die ganze Bai von Adulis an. Dagegen that +die ottomanische Pforte Einsprache, da sie das ganze Küstenland für sich +in Anspruch nimmt; indessen wurde darauf keine Rücksicht genommen, und der +französische Konsul schloß auf der Halbinsel Buri mit den Häuptlingen der +Hasorta, welchen Dessi gehörte, einen Vertrag. Die Schums (Häuptlinge) +erklärten, daß sie nie der Pforte, sondern nur der abessinischen Krone +unterthan gewesen seien. So ward Dessi französisch und bestimmt, der von +den Engländern besetzten Insel Perim in der Bab-el-Mandeb Konkurrenz zu +machen. + +Am westlichen Ufer, doch eine Stunde vom Meere entfernt, liegen an einem +breiten, trockenen Strombette die Ruinen der berühmten Stadt _Adulis_, +Adule, _Zula_ oder Asule. Sie wurde unter Ptolemäus Euergetes gegründet +und war zur Zeit der Ptolemäer ein blühendes Emporium, dessen Bewohner +lebhaften Handel, besonders mit Elfenbein, Rhinozeros, Schildpatt, mit +Affen und Sklaven trieben. Eine zweite Blütezeit erlebte Adulis unter den +Königen von Axum, für deren Staat es Hafenplatz bildete. + + [Illustration: Hirt mit Fettschwanzschafen. Zeichnung von Robert + Kretschmer.] + +Als im 6. Jahrhundert hier der Indienfahrer Kosmas landete, fand er das +_Monumentum adulitanum_, dessen Inschriften über die alte Geographie jener +Gegenden wichtige Auskunft geben. Jetzt sind von der Stadt nur elende +Ruinen noch übrig, die zwei Meilen im Umfang haben. Schutthaufen von +Wohnungen, die alle von kleinen unbehauenen Lavasteinen erbaut waren, in +der Mitte die Trümmer einer ganz zerfallenen Kirche, dabei Säulenreste und +Kapitäle, alles ziemlich plump aus Lava gearbeitet und mit Buschwerk +überwachsen - das ist, was von Adulis übrig blieb. Keine Inschrift, kein +Relief ist mehr zu sehen, aber die Begräbnißplätze der Muhamedaner haben +sich zwischen diesen alten christlichen Resten angesiedelt, bei denen der +Mangel größerer Gebäude nicht auffallen kann, wenn man bedenkt, daß Adulis +einst dieselbe Rolle spielte, wie heute Massaua, in dem auch alle großen +Gebäude fehlen. + +Hier ist der Ort, einen kurzen Blick auf die Bewohner des Küstenlandes zu +werfen. Diejenigen der Samhara, des schönen Thales von Modat, in welchem +die heißen Mineralquellen von Ailet liegen, nennt man zusammenfassend +_Beduan_. Sie sind gleich den Abessiniern Semiten und reden die +Tigrésprache. Alle bekennen sich zum Islam, doch vor einem Menschenalter +waren sie noch Christen, wie es ihre nächsten Nachbarn im Nordwesten, die +Mensa und Bogos, noch heute - wenigstens dem Namen nach - sind. Sie sind +alle Nomaden, die besonders Viehzucht treiben und Kameele, Rindvieh, +Ziegen und Schafe halten. Letztere sind verschieden von den eigentlichen +abessinischen Schafen; sie kommen vielmehr überein mit dem arabischen oder +persischen _Fettschwanzschafe_ und zeichnen sich durch einen schwarzen +Kopf aus. + +In der Umgebung des Golfs von Adulis bis zur eigentlichen Grenze +Abessiniens wohnen Hirtenvölker, die Heuglin unter dem Namen _Schoho_ +zusammenfaßt und zu denen er auch die _Hasorta_ oder Saorto rechnet. Sie +reden eine eigene Sprache, haben eine eigenthümliche Gesichtsbildung, sind +blos wilde Hirten, haben keine festen Wohnsitze und treiben keinen +Ackerbau. Sie bekennen sich der Form nach allerdings zur muhamedanischen +Religion, kümmern sich im Grunde genommen jedoch wenig darum. Ihre +Lebensweise ist einfach, ja dürftig, ihr Charakter leidenschaftlich. +Rüppell sah in Arkiko Schoho, die sich durch einige Eigenthümlichkeiten +auszeichneten. Ihr Kopfhaar stand rund um den Kopf nach allen Seiten hin +sechs Zoll weit steif ab und hatte durch die Menge des eingekneteten +Hammelfettes eine graugelbe Farbe erhalten; mehrere bejahrte Männer hatten +ihre grauen Bärte ziegelroth gefärbt; andere rochen bis in weite Ferne +nach Zibethmoschus; dabei gingen sie in ganz zerlumpten Kleidern. Von den +ihr Gebiet durchziehenden Fremden versuchen die Schohos auf alle mögliche +Art Geld zu erpressen. So suchten sie Rüppell mehrere Schafe und Milch +aufzudrängen; glücklicherweise hatten ihn aber seine Reisegefährten +gewarnt, von ihnen anders als gegen bestimmte Zahlung etwas zu nehmen, da +solche Schenkungen nur ein Kunstgriff seien, um den zehnfachen Werth dafür +zu erzwingen. Uneingedenk dieser Warnung kostete er von einer freundlich +dargebotenen Schale Milch, wofür er einen halben Maria-Theresia-Thaler +zahlen mußte! + +Die Begrüßungsart der Schoho ist das Darreichen der Hand; wenn sie +ausruhen, nehmen sie eine Stellung an, die man unter den ostafrikanischen +Negern (z. B. bei den Bari am Weißen Nil, bei den Leuten im Mondlande +u. s. w.) wiederfindet. Sie setzen nämlich die linke Fußsohle an das +rechte Knie, biegen dann, indem sie sich mit der Achselhöhle der rechten +Schulter auf einen Stab stützen, den Körper auf die rechte Seite und +stehen so oft Viertelstunden lang unbeweglich still, apathisch denselben +Gegenstand anstarrend. + +Folgt man in südöstlicher Richtung der Küste des Rothen Meeres, so trifft +man abermals auf ein anderes Volk, auf die ohne ein gesetzliches Band, in +kleinen Familien, ohne politisches Oberhaupt lebenden _Danakil_ (in der +Einzahl Dankali), welche bei den Arabern Tehmi oder Hetem heißen. Sie sind +in den Küstenplätzen am Rothen Meere ansässige Fischer und Schiffer, die +auch mit der gegenüberliegenden arabischen Küste Handel treiben. Obgleich +sie nur kleine offene Schiffe haben, die hinten und vorn in einen Schnabel +auslaufen und gewöhnlich nur durch ein viereckiges, aus Matten +verfertigtes Segel in Bewegung gesetzt werden, so wagten sie sich doch von +je muthig weit in die See hinaus und waren früher auch zuweilen kühne +Seeräuber. In vieler Beziehung gleichen sie den Ostabessiniern, doch sind +sie noch kräftiger und heller als diese, tragen aber deren rothgerändertes +Umhängetuch und verhüllen sich beim Sprechen damit den Mund; andere +bekleiden sich mit der dicken abessinischen Leibbinde, die so breit ist, +daß sie bis fast unter die Arme reicht. Sie tragen lange, krause, von Fett +triefende Haare, gehen stets bewaffnet mit Lanzen, runden Schilden aus +Antilopenfell und einem zweischneidigen Säbelmesser, das aus indischem +Eisen geschmiedet und in einer ledernen Scheide an der rechten Seite +getragen wird. Die Danakil bekennen sich zum Muhamedanismus; sie werden +übrigens von Heuglin, der sie in der Umgebung Ed's kennen lernte, als +feiges, diebisches Gesindel voll des schamlosesten Eigennutzes, dabei faul +und mißtrauisch im höchsten Grade, beschrieben. In ihrer Sprache heißen +sie Afer. Seit alten Zeiten bewohnen sie Ostafrika und beherrschten sogar +einige Jahrzehnte hindurch unter dem Eroberer Muhamed Granjé ganz +Abessinien. Jetzt sind die Danakil auf ein verhältnißmäßig kleines Terrain +zurückgedrängt, von der Halbinsel Buri im Osten der Bai von Adulis bis +Gubbet-Harab im Süden (11° 30' nördl. Br.). Ihre Westgrenze bildet der +Abfall der abessinischen Hochlande und ein Salzwüstenland, das sich längs +deren Fuß von Norden nach Süden erstreckt und mit der Samhara oder Samher +theilweise zusammenfällt. + +Diese _Samhara_, wie der Araber den schmalen Streifen nennt, welcher +östlich von den abessinischen Gebirgen zwischen diesen und dem Meere +verläuft, ist ein höchst interessantes Wüstenland. Dem Gesetze zufolge, +daß die Wüste überall da, wo es regnet, Wüste zu sein aufhört und Steppe +zu werden anfängt, sollte auch die Ebene zwischen dem Gebirgswall +Abessiniens und dem Rothen Meere Steppe sein, weil es dort regnet - allein +dies ist nicht der Fall. Gerade da, wo man glauben könnte, daß das Wasser +seinen ewigen Kreislauf ununterbrochen ausführen könne, an diesen Küsten +nämlich, zeigt sich diese Samhara als Ausnahme, die höchstens als +Mittelglied zwischen Steppe und Wüste angesehen werden kann. Auf große +Strecken erinnert sie noch durchaus an die Wüste, nur in wenigen Thälern +ähnelt sie der Steppe und blos da, wo das Wasser so recht eigentlich +waltet, beweist sie, daß sie innerhalb des Regengürtels liegt. Aber nicht +die Lage macht die Samhara zu dem, was sie ist, sondern die +Beschaffenheit. Sie ist blos eine Fortsetzung des Gebirgsstockes selbst, +obgleich sie, die Ebene, nur von wenigen und niederen Hügeln unterbrochen +wird. + +Sie gleicht gewissermaßen, wie Brehm treffend bemerkt, dem Schlackenfeld +am Fuße eines gewaltigen Vulkans. Eine Menge konischer Hügel, zum guten +Theil aus Lava bestehend, wechselt hier mit schmäleren oder breiteren +Thälern ab und bildet ein Wirrsal von Niederungen, welche, dem Faden eines +Netzes vergleichbar, zwischen den Hügeln und Bergen verlaufen. So niedrig +diese Hügel auch sind, so schroff erheben sie sich, und deshalb verliert +auf ihnen das Wasser seine Bedeutung; denn so schnell es gekommen, rauscht +es wieder zur Tiefe hernieder und nur in der Mitte des Thales gewinnt es +Zeit, das Erdreich zu tränken und ihm die Feuchtigkeit zu gewähren, welche +zum Gedeihen der unter einer scheitelrecht strahlenden Sonne so +wasserbedürftigen Pflanzen unerläßlich ist. Hier nun macht sich auch +gleich ein reiches Leben bemerkbar. An den schwarzen Bergen klettern die +Mimosen, so zu sagen, mühsam empor; an den schroffen Wänden finden sie +kaum Nahrung genug zu ihrem Bestehen und können sich deshalb nur zu +dürftigen Gesträuchen entwickeln. Nur in wenigen Niederungen, die +zeitweilig von Regenbächen durchströmt sind, findet man dunkelgrüne +Euphorbienbüsche, zu denen sich in noch besseren Lagen Tamarisken, +Christusdorn, Balsamsträuche, Asklepiasbüsche, Capparis, Stapelien, +Ricinus gesellen, während der Cissus überall an den Sträuchern +umherklettert und reiche Guirlanden bildet. Hier erhält man einen +Vorgeschmack jener reichen Natur, die im Gebirge herrscht, wo die Pracht +der Tropen mit den Schönheiten der Bergwelt sich vereinigt, wo immer neue +Zauberbilder vor dem Auge auftauchen und sich das Schatzkästlein ganz +Afrika's eröffnet. Dort im Westen winkt uns der hohe Gebirgswall des +afrikanischen Alpenlandes, nach dem wir nun unsere Schritte lenken. + +Massaua ist für die weißen Europäer die natürliche Eingangspforte nach +Abessinien. Gewöhnlich schließen sie sich einer heimkehrenden _Kaflé_ an, +die immer mehr Sicherheit darbietet, als wenn der Reisende allein oder nur +mit geringer Begleitung in das Innere einzudringen versucht. Bei den +gesetzlosen Zuständen des Landes, den fast stets stattfindenden +Bürgerkriegen, der Plünderung und Verheerung, ist ein Reisen in Abessinien +außerordentlich gefährlich, und nur die Karawanen gewähren einige +Sicherheit, wenn sie auch starken Erpressungen, Zollabgaben und den +verschiedensten Plackereien ausgesetzt sind. + +Als Lastthiere werden auf den steilen und schwer zugänglichen Wegen +vorzüglich Maulthiere verwendet. Das Verpacken der Effekten nimmt viel +Zeit in Anspruch, da selbige in gleich große und wo möglich gleich schwere +Ballen zusammengeschnürt werden müssen. Eine große Anzahl Diener und +Treiber ist deshalb nöthig, um das Gras für die Thiere, Holz und Wasser +für die Reisenden herbeizuschaffen, ferner um das Gepäck jedesmal durch +gehöriges Zusammenlegen gegen den Regen zu schützen und des Nachts gegen +die Räuber und Raubthiere Wache zu halten. Die Karawane z. B., mit welcher +Rüppell reiste, bestand aus 40 Kameelen, ebenso viel Maulthieren und über +200 Menschen. Man stelle sich vor, was diese allein an Wasser und +Lebensmitteln in den unwegsamen Gebirgen brauchten, und man wird die +Schwierigkeit, nach Abessinien einzudringen, schon hiernach beurtheilen +können. + + [Illustration: Landschaftscharakter am Abfall der ostabessinischen + Gebirge. Zeichnung von Robert Kretschmer.] + +Nur die angesehensten Reisemitglieder reiten; alle anderen gehen zu Fuß. +Jedes Mitglied der Gesellschaft ist bewaffnet; entweder mit einem langen +krummen Säbelmesser, das stets an der rechten Seite getragen wird, oder +mit einem Speer und runden Schilde. In neuerer Zeit sind die Gewehre mehr +in Aufnahme gekommen. Viele tragen außerdem noch kleine, aus Rohr +geflochtene Sonnenschirme, die äußerst nützlich sind, wenn man nach +abessinischer Sitte keine Kopfbedeckung trägt. Am Abend macht die Karawane +gewöhnlich unter einigen Bäumen in der Nähe von Brunnen Halt. Es ist kein +leichtes Stück Arbeit, nach Abessinien einzudringen, wer es aber erreicht, +der findet in der Natur auch Belohnung für seine Mühe, wenn auch die +Menschen, welche jenes Paradies bewohnen, ihm desselben nicht werth +erscheinen. Steigen auch wir nun hinauf in die Hochlande. + +Hinter uns liegt der ungesunde Küstensaum und die Samhara, die wir in +wenigen Tagemärschen durchschritten, vor uns aber, am westlichen Rande +derselben, steigt jäh in einer Höhe von durchschnittlich 8000 Fuß das +_Taranta-Gebirge_, der natürliche östliche Grenzwall Abessiniens an, über +dem zackige Gipfel in die Höhe starren. Im Lichte der südlichen Sonne +spielt es in den prächtigsten Farben, die uns in Entzücken versetzen; ein +ewiger Wechsel von Licht und Schatten, Helle und Dunkel ist bemerkbar. Es +wird Einem wohler in der Seele, wenn man dem Gebirge näher und näher +kommt; man treibt das Maulthier zu schnellerem Laufe an, um bald die Luft +der Gebirgsthäler genießen zu können. Die Pässe und Saumwege sind häufig +so eng, daß nur ein Lastthier hinter dem andern zu gehen vermag; stürzt +eines, so versperrt es den Weg und die Karawane muß Halt machen. Der am +meisten begangene Paß ist jener von Halai, durch den zur Regenzeit ein +wild angeschwollenes Gebirgswasser dem Rothen Meere zustürzt. Schroffe +Bergmassen, welche aus senkrechten Schichten von Schiefer bestehen, +begrenzen den Weg. Das Ganze macht den Eindruck einer wilden Einöde: +Bergwände mit fast ganz nacktem Gestein ohne frischen Graswuchs erheben +sich zu beiden Seiten, während die Thalniederung nur hier und da +Baumgruppen zeigt. In Zickzacklinien führt der Weg weiter; es treten nun +verschiedene Pflanzen auf: man bemerkt die ersten Tamarisken, dann die +Kronleuchter-Euphorbien (Kolqual), die mit der Höhe des Gebirges an +Häufigkeit zunehmen und äußerst charakteristisch sind; vorherrschend ist +jedoch die Mimose. Jetzt sind wir oben in der erfrischenden Bergeshöhe; in +der Nacht ist kalter Tau gefallen und der kühle Wind streicht über die +Gipfel, von denen wir noch einen Blick rückwärts auf das Rothe Meer - +gleichsam zum Abschied - werfen. Der nächste Fluß senkt sich schon +westlich ab - er gehört zum Gebiete des Nil. Abessiniens Grenze, die +allerdings nicht so scharf gezogen erscheint, wie die Grenze eines +europäischen Staates, ist überschritten und das Dorf _Halai_, das erste +des Landes, ist erreicht. Es schmiegt sich terrassenförmig erbaut an die +Kuppe eines Hügels an; die Wohnungen sind kaum mannshoch und mit flachen +Dächern versehen. Diese haben einen bodenlosen Topf in der Mitte, durch +welchen das Tageslicht in die Hütte dringt und der Rauch hinauszieht. + +Diese Töpfe - Schornsteine kann man sie nicht nennen - werden mit einem +Steine bedeckt, wodurch dann, da die Hütte außer einer kleinen Thür keine +andere Oeffnung hat, das Innere derselben ganz finster wird. Wir treten +ein, um einen Vorgeschmack abessinischer Behausungen zu erhalten. Um ein +nie verlöschendes Feuer gekauert, dessen Rauch nur mühsam Abzug findet und +die Wände mit dickem Ruß überzieht, lagern die halbnackten Insassen, zu +denen sich Ziegen, Schafe und Esel gesellt haben, welche in einer Ecke des +Gemachs Unterkunft fanden. Ermüdet werfen wir uns auf eine der mit +Ledergeflecht überzogenen Ruhebänke, reiben die thränenden Augen, welche +von dem beißenden Qualm zu leiden haben, und gedenken uns durch einen +Schlaf von der anstrengenden Gebirgswanderung zu erholen - aber auch +dieser wird uns verleidet, denn aus den Rohrmatten, die auf der Ruhebank +liegen, stürzen blutgierig Hunderte von Flöhen über uns her, denen +europäisches Blut ein ganz besonderer Genuß zu sein scheint. Wir möchten +hinaus ins Freie - aber auch das ist uns benommen, denn strömender Regen +gießt auf die Erde herab, und wir sind gezwungen, in dem ekelhaften +Quartier auszuhalten. + +So gestaltet sich das Vordringen nach Abessinien von der Seite des Rothen +Meeres her. Anders und mit noch größeren Schwierigkeiten gelangt man längs +dem Nil oder längs dessen Zuflüssen in die Hochlande. Hier ist der +Reisende genöthigt, bis nach der Metropole des östlichen Sudan, Chartum am +Zusammenflusse des Weißen und Blauen Nil, vorzudringen. Von hier aus kann +er entweder am Blauen Fluß stromaufwärts bis nach der zerfallenen Stadt +Sennar reisen und dann nach dem östlich liegenden Sklaven- und Gummimarkte +_El Gedaref_ ziehen, oder er verläßt den Blauen Nil schon früher bei +Abu-Haras und gelangt durch das Gebiet der Schukerié-Araber nach dem +genannten Marktplatze. Von hier aus geht nun in südöstlicher Richtung die +vielbesuchte Karawanenstraße am Elephantengebirge oder Ras el Fil vorbei +in die Negerrepublik _Galabat_. Dieser merkwürdige Grenzstaat, der von +sehr fleißigen Schwarzen - Takruri - bewohnt wird, die aus Darfur und +Wadaï stammen und auf den Mekka-Wallfahrten hier sitzen blieben, hat sich +unter einem Oberhaupte - Schum - eine Art von Selbständigkeit zu bewahren +gewußt, die er allerdings durch gleichzeitige Abgaben an Aegypten und +Abessinien theuer erkauft. Die Hauptstadt Metemmé ist ein bedeutender +Marktort, unfern vom Atbara. Auch haben die Baseler Missionäre hier eine +Station errichtet, die indessen ganz erfolglos blieb. + +Metemmé, nur wenige Meilen von der abessinischen Grenze gelegen, ist in +der letzten Zeit ungemein häufig von europäischen Reisenden besucht +worden, so von Baker, Schweinfurth, Graf Krockow, v. Heuglin. Das +Hinaufsteigen in die Hochlande ist hier nicht sehr schwierig, keinenfalls +so mühevoll wie von Massaua aus. Auch wir wollen hier in das Land +eindringen und zwar unter der Führung _G. Lejean's_, eines französischen +Reisenden, der sich um die Wissenschaft schon bedeutende Verdienste +erworben hat. + + + + + + [Illustration: G. Lejean.] + + + + + + G. LEJEAN'S REISE DURCH ABESSINIEN. + + + Metemmé. - Der Markt Wochni. - Grenzwächter. - Eine abessinische + Festung. - Eine deutsche Familie. - Das Land am Tanasee. - + Schnapphähne. - Missionsstation Gafat. - Gefangennahme Lejean's + durch König Theodor. - Theodors Löwen. - Gondar und seine Bauten. + - Wasserfall des Reb. - In einem Kloster. - Besuch in Korata. - + Binsenflöße. - Der Tanasee. - Besteigung des hohen Guna. - Fünf + Frauengenerationen. - Befreiung. - Hochebene Woggara. - + Lamalmonpaß. - Reise durch Tigrié nach Massaua. + + +Guillaume Lejean ist ein vortrefflicher Mann. Er verbindet mit der +Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit echt französischen Wesens eine deutsche +Gründlichkeit. Dabei ist er kühn, praktisch und vor keiner Gefahr +zurückschreckend. Diese hervorragenden Eigenschaften machten ihn zum +Forschungsreisenden besonders geeignet, wozu noch sein offizieller +Charakter als französischer Konsul ihm mancherlei Erleichterungen +verschaffte. Bekannter wurde er zuerst durch eine Abhandlung über die +verwickelte Ethnographie der europäischen Türkei, die er nach allen Seiten +hin bereist hatte. Als die große Zeit der Nilquellenentdeckungen war und +Speke, Grant, Baker ihre Erfolge errangen, beschloß auch Lejean sein Theil +zur Lösung des Problems beizutragen; er ging den Weißen Nil hinauf, +untersuchte dessen Nebenfluß, den Gazellenstrom, und kam bis Gondokoro. +Hier warf ihn jedoch das klimatische Fieber dergestalt nieder, daß er +umkehren mußte. Nun wandte er sich nach Nubien, besuchte Kassala, eine der +bedeutendsten Städte im östlichen Sudan, und durchstreifte die +Bogosländer. Von der französischen Regierung zum Konsul in Massaua ernannt +und mit einer Mission an den König Theodor von Abessinien betraut, ging er +abermals nach dem Sudan. Im Dezember 1862 finden wir ihn dann zu Metemmé +in Galabat, um weiter nach Abessinien vorzudringen. Von hier ab lassen wir +ihn seine an persönlichen Abenteuern reiche Reise auszugsweise selbst +erzählen. + +Von dem deutschen Missionär _Eperlein_, einem Badenser, wurde ich sehr +freundlich aufgenommen. Bei ihm befand sich ein junger Engländer, Namens +_Dufton_, der, gleichfalls vom Missionseifer getrieben, aus freien Stücken +sich hierher begeben hatte, um ein Noviziat durchzumachen und dann als +Glaubensbote weiter zu ziehen. Er war ein gutes Exemplar jenes frostigen +Enthusiasmus, welcher seine Landsleute in religiösen Dingen auszeichnet +und zu so originellen Thaten treibt. Obgleich er als der Sohn eines +reichen Fabrikanten in Leeds gemüthlich zu Hause hätte leben können, +beschloß er dennoch, gleich Krapf oder Livingstone Missionsreisen +anzutreten. Nur mit acht Guineen in der Tasche wanderte er nach Schwaben, +wo ihm Krapf anrieth, die Galla zum Christenthum zu bekehren. Er ging dann +nach Aegypten, den Nil aufwärts nach Chartum, lud dort sein winziges +Gepäck auf einen Esel, den er vor sich hertrieb, erlitt in Gedaref einen +heftigen Fieberanfall und langte mit drei Thalern in der Tasche in Metemmé +an. Ich schlug ihm vor, sich meiner kleinen Karawane anzuschließen; er +würde so als mein Sekretär angesehen werden und ohne Schwierigkeit die +abessinische Grenze passiren können. Gern ging er auf meinen Vorschlag +ein, und ich gewann einen tüchtigen, sehr gebildeten Reisegefährten, +welcher sich in schwierigen Lagen voller Muthes erzeigte. + +Auf dem wohlversorgten Markte von Metemmé kaufte ich zwei abessinische +Maulesel, zu 9 Thaler das Stück, und miethete außerdem ein Kameel, welches +mein Gepäck bis Wochni bringen sollte, wo die steilen Bergabfälle beginnen +und Lastesel an die Stelle des Schiffs der Wüste treten. Nach viertägigem +Aufenthalt in Metemmé sagten wir endlich dem braven Eperlein Lebewohl, +traten die Reise nach Abessinien an und gelangten zunächst in einen +dichten Wald, der sich drei Tagereisen weit bis an den Fluß _Gandova_ +(Nebenfluß des Atbara) hin erstreckt. Dies ist der Grenzstreifen oder +Border, wie man in Schottland sagen würde, der von den Aegyptern und +Abessiniern als neutrales Land betrachtet wird, den aber beide Theile +schon häufig mit ihrem Blute getränkt haben. Am dritten Tage passirte ich +die noch stark angeschwollene Gandova, an der Stelle, wo die kleine Insel +_Kaokib_ den Karawanen den Durchgang erleichtert; mitten auf derselben +erhebt sich ein prachtvoller Tamarindenbaum, welcher die Reisenden zur +Rast in seinem kühlen Schatten auffordert. + +Gegen Abend gelangten wir an die erste jener stufenförmigen Terrassen, +welche ringsum fast ganz Abessinien begrenzen. Wir erklommen sie mit +einiger Schwierigkeit und fanden auf dem Gipfel ein schönes Plateau, auf +welchem man gerade das dürre Gras und Kraut behufs der Bestellung der +Felder abbrannte. Hier wurde das Nachtlager aufgeschlagen, das Gepäck +abgeladen, schnell zu Abend gegessen und der müde Körper auf dem Boden zum +Schlafe ausgestreckt. Wir hatten nur kurze Zeit geruht, als sich ein +wüster Lärm erhob; die Maulthiere begannen auszuschlagen und eins +derselben riß sich los. Unser Diener schoß aufs Gerathewohl in die +Finsterniß hinein. Wahrscheinlich hatte eine freche Hyäne einen Ueberfall +versucht, war dabei aber gestört worden. Das freigewordene Maulthier lief +nach Metemmé zurück, wo es mit einem tiefen Biß in der Weiche bei Eperlein +ankam. + +Schnell erhoben wir uns beim Morgengrauen von diesem unangenehmen Orte und +gelangten nach vierstündigem Marsche in _Wochni_, dem ersten abessinischen +Orte an, der wegen seines Wochenmarktes, wo die Baumwolle von Gallabat und +Sennar verkauft wird, berühmt ist. (Abbildung siehe S. 85.) Ein für +allemal muß ich hier bemerken, daß wir wegen unserer europäischen Kleidung +oder wegen unseres fremdartigen Aussehens von den Eingeborenen keineswegs +belästigt wurden. + +Wochni liegt tief in einem dunklen feuchten Walde. Hierher kommen die +südlichen Gallastämme und Leute aus Tigrié, um Goldstaub und Elfenbein +gegen Pulver, Tuch und Leinen einzutauschen; die Beduinen aus Ostsudan +bringen ihre Pferde und aus Chartum langt Salz an, das in dem Reiche des +Negus als Geld unentbehrlich ist. Die Wohnungen bestehen aus runden Hütten +mit kegelförmigem Dache; außer Teppichen und Decken, welche als Divan +dienen, sind darin keine Möbeln vorhanden. + +Wir lagerten uns unter einem Baum, und unser Führer ging, um den +_Nagadras_ oder Zollwächter aufzusuchen. Unterdessen blätterte ich in +einem illustrirten Buche, während Dufton die hohe steile Basaltterrasse +des Maschelagebirges zeichnete, die sich nördlich von Wochni mit +senkrechten Rändern 1800 Fuß hoch erhebt. Neugierig, doch ohne uns gerade +zu belästigen, kamen die Leute des Ortes heran. Ein junges Mädchen fragte +mich, ob ich ein Christ sei, und als ich ihre Frage bejahte, zeigte sie +mir ihre blaue seidene Halsschnur und forschte dann weiter, ob ich auch +die Denghel Mariam verehre? "Ja wohl, die _Jungfrau Maria_, die Mutter +Christi!" lautete meine Antwort. Nichts kommt der Verehrung gleich, mit +welcher die Abessinier der Mutter Maria ergeben sind; hierin liegt einer +der zahlreichen Punkte, in welchen die Religion der Abessinier mit jener +der romanischen Völker übereinstimmt. Die deutschen und englischen +Missionäre mit ihrer kalten und schwerfälligen Logik haben +ungeschickterweise gegen dieses Nationalgefühl, eine der schönsten Formen +des Frauenkultus, geeifert und aus diesem Grunde, glaube ich, sind auch +alle ihre Missionsbestrebungen erfolglos geblieben. + +Der Nagadras kam an. Nach einigem Wortwechsel bedeutete er uns, daß er +über unsere Zulassung in das Reich erst mit dem _Bel-Amba-Ras Gilmo_, dem +Markgrafen oder Grenzwächter der vier Grenzprovinzen Tschelga, Sarago, +Dagossa und Ermetschoho unterhandeln müsse. Bel-Amba-Ras Gilmo bestellte +uns nach seinem Aufenthaltsort, dem Dorfe Kamauchela, welches auf dem +Gipfel eines steilen, fast unzugänglichen Berges liegt, einer Amba, wie +derselbe in Abessinien genannt wird. Vier Tage brachten wir noch in Wochni +zu, worauf wir dann auf Gilmo's Befehl, geführt von einem Diener des +Zollwächters, nach Tschelga aufbrachen. + + [Illustration: _Oenanthus multiflorus_. Nach Lejean.] + +Der Weg führt durch das Bel-Wocha-Thal, das der Kolla Abessiniens +angehört. An einzelnen Stellen zeigt dasselbe einen breiten Bambusgürtel, +der über die Hügel sich hinzieht und fast alle übrige Baum- und +Strauchvegetation erdrückt hat. Andere Stellen zeigen prächtigen +Blumenflor. Weiße Schwertwurz (_Gladiolus_) und Asphodelusarten, Muscari, +Arum und düster erscheinende Takka; im Grase steht häufig die Kämpferia, +deren breite gelbe Blüte sich mitten zwischen vier großen, platt auf der +Erde liegenden, hellgrünen, rothgesäumten Blättern, die in einigen +Gegenden als Salat genossen werden, erhebt. Dazu gesellen sich Orchideen, +großblütige Amaryllis und Haemanthus mit scharlachrothen Blütenknöpfen. +Prächtig leuchtet vor allen andern Pflanzen der _Oenanthus multiflorus_ +uns entgegen. Ueber Gestrüpp und Gestein führt in Zickzacklinien an +steilem Gehänge fort durch enge Tiefthäler der Weg aufwärts; dann folgt +eine Ebene, von der man zum ersten Male einen weiten Blick in das +gesegnete Land Abessinien hat. Von hier aus genießt man eine herrliche +Aussicht auf die Ebene von Tschelga und Dembea, auf den weiten Spiegel des +Tanasees mit seinen Inseln und die hohen Berge jenseit desselben, die Guna +und südöstlich auf die Alpen Godschams. + +Unter strömendem Regen langten wir in _Tschelga_ an, und dort wollten die +ungastlichen Eingeborenen, da wir keinen _Mursal_ oder Paß besaßen, uns +zwingen, unter einem Baume zu kampiren, bis unsere Angelegenheit geordnet +sei. Ich miethete jedoch zu dem mäßigen Preise von einem Stück Salz +täglich ein Haus, das zu beziehen unser Führer, der Diener des Nagadras, +uns jedoch verhindern wollte. Dufton, hierüber aufgebracht, stellte sich +in nationale Boxerposition und schrie den Diener an: "Also du willst uns +auch ein trockenes Obdach verwehren? Piff, paff, da hast du eins!" Nun +drehte sich der Diener im Kreise, aber ein baumstarker Abessinier hielt +Dufton fest, und die Lokalpolizei intervenirte. Nach langem Streiten +erreichten wir dennoch unsern Zweck fürs erste: ein schützendes Gemach. + +Ich will die Leser nicht damit langweilen, wie der Bel-Amba-Ras uns volle +19 Tage in Tschelga aufhielt, unter dem Vorwande, erst Befehle vom Negus +Theodor einholen zu müssen. Ich argwöhne nur, daß er mich für einen +Missionär hielt und auspressen wollte. Zuletzt ungeduldig geworden, +beschloß ich, ihn in seiner luftigen Felsenfestung aufzusuchen. Gefolgt +von Dufton, einem Takruri-Dolmetscher und einem Soldaten, der uns als +Wache beigegeben war, machte ich mich nach der Amba auf den Weg, die +nordnordöstlich von Tschelga liegt. Am ersten Abend schliefen wir, vier +Stunden von der Stadt entfernt, in einem muhamedanischen Dorfe, dessen +Einwohner in dem christlichen Abessinien dieselbe gedrückte Stellung +einnehmen, wie die Christen in der muhamedanischen Türkei. Mit dem +Morgengrauen brachen wir wieder auf und erklommen eine Terrasse, von der +aus wir den ersten Blick auf die Amba werfen konnten. Vor Verwunderung +über das herrliche Naturgebilde standen wir beide ganz überrascht still. +Man stelle sich am Ende einer mit grünenden Hügeln überzogenen Terrasse +einen jäh und steil abfallenden Felsenberg von 700 bis 800 Fuß Höhe vor, +also doppelt so hoch als unsere höchsten Thürme und fast ebenso gerade +aufschießend wie diese, begrenzt von den bewaldeten Thälern, die sich nach +dem Goang, wie man hier den Atbara nennt, hinziehen. Ein Felsen, der in +eine Plattform endigt, etwa von der Größe der Place de la Concorde in +Paris, und der weit und breit die umliegende Ebene beherrscht, verbindet +sich wie eine Art von Vorwerk mit der Festung. Ein Felsgrat, so eng, daß +zwei Personen nebeneinander ihn nicht passiren können, führt zu dieser, +und der Fußgänger, welcher auf ihm hingeht, hat keinerlei Schutz zur +Seite, welcher seinen Fall in den gähnenden Schlund rechts oder links +verhinderte. In diesem wilden Gibraltar wohnte der abessinische +Feudalherr, dessen kleiner pomphafter Hof lebhaft an die merovingischen +Herzöge zur Zeit Gregor's von Tours erinnert. Doch war es hier nicht das +erste Mal, daß ich jene Sitten noch in voller Ausübung fand, welche in +meinem Vaterlande vor acht oder zehn Jahrhunderten herrschten, und manche +dunklen Verhältnisse unsrer Geschichte wurden mir erst durch den +Augenschein im heutigen Abessinien klar vor Augen geführt. + +Wir schritten ohne Zögern die schwindlige Brücke entlang, die jener +gleicht, welche in den muhamedanischen Legenden aus dem Paradiese in die +Hölle führt, und nachdem wir ein Thor erreicht hatten, das von halb +entblößten Lanzenträgern bewacht war, kletterten wir langsam einen +abschüssigen Abhang hinan, passirten ein zweites Thor und standen nun auf +einer Plattform, wo uns Gilmo's Leute in eine Art Wartesaal führten, indem +sie uns bedeuteten, daß der Bel-Amba-Ras gerade mit einem Botschafter des +Negus verhandle, daß wir aber nach dessen Abfertigung sofort eingelassen +werden sollten. + +Nach Verlauf von zwei Stunden führte man uns in einen weiten, mit Dienern, +Vasallen und Leibwächtern angefüllten Raum, in welchem der +Festungskommandant auf einer Alga ruhte. Seine dunkeln Gesichtszüge +zeigten zur Genüge an, daß er von Ursprung ein Gamante (vergl. S. 88) sei, +welches Volk in diesen Grenzprovinzen sehr zahlreich wohnt und die großen +Sykomoren verehrt. Er hielt eine "Berille", weitbauchige Flasche von +antiker Form mit langem Halse in der Hand und war schon angetrunken. Uns +zutrinkend wünschte er nichts sehnlicher, als uns in den gleichen Zustand +versetzt zu sehen. Ich trug ihm meine Bitte vor, das Weihnachtsfest bei +meinen "europäischen Brüdern" in Dschenda zubringen zu dürfen. So nannte +ich nämlich die dort wohnenden Missionäre, von denen ich in der Folge +manche Unterstützung zu erhalten hoffte, und mit großer Genugthuung +vernahm ich alsdann seinen Ausspruch: "Etsche! Ich willige ein". Durch +diesen guten Anfang kühner gemacht, bat ich ihn um die Erlaubniß, seine +Festung abzeichnen zu dürfen, die ich für ein Weltwunder erklärte. Er +wurde ernst und sagte: "Hast du in unserm Lande etwas verloren? Hat man +dich bestohlen? Sprich, und ich will dir Gerechtigkeit widerfahren +lassen!" Nichts dergleichen, antwortete ich. "Dann", nahm er das Wort, +"hast du auch nichts zu verlangen, und aus welchem Grunde willst du diesen +Ort "abschreiben", um dich später seiner zu erinnern?" Sein Mißtrauen lag +klar auf der Hand, ich schwieg weislich still und nahm dankend Abschied. +Kaum in mein Quartier zurückgekehrt, erhielt ich vom Bel-Amba-Ras einen +Hammel, einen Krug mit Honigwein, sowie Brot zugeschickt und hielt mit +Dufton eine köstliche Mahlzeit. So war die Audienz gut abgelaufen und wir +kehrten nach Tschelga zurück, um uns zur Abreise vorzubereiten. + +Vor uns leuchtete der herrliche _Tanasee_, wie ein von Smaragden +eingefaßter Saphir. Er ist ein großes vulkanisches Becken von +außerordentlicher Tiefe, auf dem die Stürme heftig hausen. Zwanzig Ströme +und Bäche speisen ihn, führen aber auch zur Zeit der Sommerregengüsse ihm +große Mengen von Schlamm zu und ändern dadurch stets seine Grenzen. +Reizende Inseln, auf welchen Kirchen und Klöster sich im Grün der Bäume +verstecken, unterbrechen anmuthig seine Fläche und verleihen dem +lieblichen Bilde Abwechselung. + +Die Reise von Tschelga nach Dschenda wurde in drei Stunden ohne +bemerkenswerthen Vorfall zurückgelegt. Eine halbe Stunde hinter Tschelga +passirten wir den _Goang_, welcher an seiner nahen Quelle, dem Gesetze +aller abessinischen Ströme folgend, eine Spirale um den Berg Anker +herumzieht. Die Braunkohlen, auf welche 1855 bereits Krapf aufmerksam +machte, wurden auch von mir in dieser Gegend gesehen. Später ließ König +Theodor diese Lager durchforschen, um seine Werkstätten in Gafat damit +versehen zu können. In _Dschenda_ wurde ich von einem großen jungen Manne +empfangen, der mit der abessinischen Schama, türkischen Pantoffeln und +einer europäischen Mütze bekleidet erschien. Es war der deutsche Missionär +_Martin Flad_, welcher sich mit der Bekehrung der in dieser Gegend sehr +zahlreichen Juden befassen darf. Er stellte uns seine Frau vor, welche +Diakonissin im Institute des Bischofs Gobat zu Jerusalem gewesen war. +Diese deutsche Familie erschien mir in jeder Beziehung musterhaft und +außerordentlich gastfrei, ein Lob, das ihr alle jene Reisenden ertheilen +müssen, welche auf dem Wege über Dschenda nach Abessinien eindrangen. Ich +blieb vier Tage in Dschenda und unterhielt mich mit Flad viel über den +König Theodor II., der ihm große Gunst bezeugte und ihn ganz anders +behandelte als seine Kollegen Stern und Rosenthal (Flad gehörte jedoch +sammt seiner Frau auch zu den Gefangenen in Magdala). Er erzählte mir, daß +vor der Thronbesteigung Theodor's in Dschenda kein Markttag verging, ohne +daß einige Mordthaten vorkamen, daß aber unter der neuen kräftigen +Regierung dieselben fast ganz aufgehört hätten. + +Am 1. Januar 1863, nachdem ich meinem liebenswürdigen Wirthe ein +glückliches neues Jahr gewünscht, verließ ich ihn und seine drei Kollegen +Steiger, Brandeis und Cornelius, um nach Debra Tabor zum Negus Theodorus +II. zu reisen. Wir durchzogen eine weite, fruchtbare, von vielen Bächen +durchschnittene Ebene, in der zahlreiche Dorfschaften zwischen +Getreidefeldern und Gärten mit rothem Pfeffer zerstreut lagen. Hier ist +das Eden Abessiniens, die Provinz Dembea mit der Hauptstadt Gondar, der +reichste und am besten bebaute Boden des ganzen Kaiserstaates. Ich +passirte die Nordostecke des Tana-Sees und gelangte in die schöne Ebene +_Arno-Garno_, wie sie nach dem vorzüglichsten, sie durchschneidenden +Flusse heißt. Mir zur Rechten lag der glänzende Spiegel des Sees, zur +Linken eine hohe Reihe Berge, die in der Amba Mariam, dem Marienberge, bei +Emfras ihren malerischesten Gipfel zeigten. Anderthalb Meilen von Emfras +erhebt sich auf einem Hügel am Ufer des Arno ein unter der Regierung des +Negus Fasilides von den Portugiesen erbautes Schloß _Qusara Giorgis_, +dessen malerische Ruinen in diesem Lande der Strohhütten plötzlich eine +ganz europäische Staffage hervorzaubern, sodaß man eine alte Burg am Rhein +vor sich zu sehen glaubt. + + [Illustration: Der Tanasee bei Sturm. Zeichnung von Lejean.] + +Zwei tüchtige Stunden jenseit des Arno führt der Weg durch das wilde und +meist unfruchtbare Hügelland von _Tisba_, das nichtsdestoweniger stark +bevölkert ist; jetzt sind die Einwohner friedliche Leute, vor nicht zu +langer Zeit waren sie jedoch räuberisches Gesindel; aber König Theodor II. +hat ihnen die Lust zum Straßenraube benommen. Als er 1855 den Thron +bestieg, erließ er eine Proklamation, in welcher er sagte, daß Jedermann +wieder zu der Beschäftigung seiner Väter zurückkehren möge; der Soldat zum +Pflug, der Kaufmann zu seinen Waarenballen. Die Leute von Tisba, welchen +dieser Befehl mißfiel, kamen remonstrirend und bis an die Zähne bewaffnet +in das Lager des Königs. "Lang lebe Se. Majestät! riefen sie aus. Wir +erscheinen hier nur, um besondere Erlaubniß zu erhalten, zum Geschäfte +unserer Väter zurückkehren zu dürfen!" + +"Und was war dies für ein Geschäft?" + +"Schnapphähne und Straßenräuber waren alle, Väter und Kinder." + +"Wollt ihr nicht lieber", antwortete ihnen der Negus, "friedliche Bürger +werden? Ich will euch die Mittel dazu an die Hand geben. Das Vergangene +ist euch verziehen; ihr erhaltet Grund und Boden, das nöthige Vieh und +Ackerpflüge. Nehmt ihr dieses an?" + +"Niemals! Wir berufen uns auf das Edikt..." + +"Das ist euer letztes Wort?" + +"Ja wohl!" + +"Gut; kehrt heim." + +Vergnügt reisten die Schnapphähne nach Tisba zurück, indem sie den Negus +eingeschüchtert zu haben glaubten. Doch sie kannten diesen Mann noch +nicht. Kaum waren sie zurückgekehrt, als ein berittenes Corps in Tisba +anlangte, dessen Kommandant folgendermaßen zu ihnen sprach: "Meine Lieben! +Es ist möglich, daß euch der Kaiser Lalibela die Erlaubniß gab, +Straßenraub zu treiben, aber Kaiser Claudius, der gleichfalls heilig +gesprochen wurde, hat die Gensdarmerie (Neftenja) autorisirt, alle +Strauchdiebe niederzumachen. Neftenjas, gebt Feuer!" + +Die Ueberlebenden nahmen sich die ihnen ertheilte Lektion aufrichtig zu +Herzen, und die Leute von Tisba, die heutzutage die Felder bebauen, sind +ganz brave Menschen geworden. + +Von Tisba an steigt der Pfad längs den östlichen Vorbergen an und wird +dann eben bis zu dem Marktflecken _Eifag_ an der Kirche _Bada_ oder Bata +(d. h. Empfängniß). Jene ganze Gegend war einst berühmt wegen der vor +Alters eingeführten Weinkultur, die allerdings jetzt gänzlich +darniederliegt. Eifag ist keine eigentliche Stadt, sondern besteht aus +vielen zerstreuten Dörfern und Kirchen. Um die Kirche Bada zieht sich ein +prächtiger Juniperus-Hain. Der Marktplatz ist sehr ausgedehnt; der +Nagadras (Zollbeamte) erhebt von jeder Waare hier eine gewisse Abgabe. An +jedem Mittwoch versammeln sich an diesem wichtigen Stapelplatze, von dem +aus der Handel zwischen dem Süden und Norden Abessiniens von Godscham bis +Massaua vermittelt wird, die Händler von weit und breit mit Vieh, Tabak, +Kaffee, Baumwolle, Baumwollenstoffen, Glasperlen, Wachs, Salz, Honig, +Häuten, Hülsenfrüchten, Getreide, Butter, Schwefel, Salpeter, Honigwein +und Bier. + +In Eifag hatte ich eine herrliche Aussicht auf die schöne Ebene von +Fogara, welche sich bis an den Berg Dungurs erstreckt. Der östliche Theil +derselben ist durchaus flach und wird vom Hirtenvolke der Sellan +durchschweift. Im Westen dagegen steigt das Terrain an, dort erheben sich, +bewaldet, mit Dörfern und Kirchen besäet, die Berge von Begemeder. Nach +dreistündigem Marsche langen wir am _Flusse Reb_ an, den wir auf einer +immer mehr zerfallenden Brücke von sieben Bogen passiren, deren Bau noch +unter dem Kaiser Fasilides vor mehr als 200 Jahren stattfand. Die Pfeiler +haben dem Zahne der Zeit gut widerstanden, allein die Bogen werden bald +von der wüthenden Flut hinweggerissen werden, da der Reb in der Regenzeit +große Massen von Schlamm mit sich führt, immer mehr sein Bett erhöht und +so der Wassermenge nur ein geringer Ausweg bleibt. Der Reb, welchen ich im +April vollkommen ausgetrocknet sah, ist zwei Monate später ein prächtiger +Strom, größer als die Seine bei Paris. Die Abessinier, obwol sie +vortreffliche Schwimmer sind, hüten sich dann, ihn zu passiren, da sie +fürchten, daß gewisse Wassergeister sie in den Abgrund ziehen könnten. +Unter den Pflanzen, die ich in dieser Ebene bemerkte, nenne ich die schöne +_Methonica superba_, welche von den Abessiniern Marienkelch genannt wird. +Sie gehört zu den Lilien und gleicht in ihrer Farbenpracht einer Flamme im +dunklen Laubgrün. + +Die Nacht brachten wir in einem Dorfe in der Nähe der Brücke zu; am Morgen +brachen wir dann nach Debra Tabor auf. Rechts von uns blieb ein einzelner, +steiler und kahler Felsen, Amora Gedel, d. h. Geierfelsen, liegen, dessen +Spitze ganz mit Raubvögeln bedeckt ist. Durch einen malerischen Schlund +und sumpfige Wiesen führt ein Fußpfad zu dem Plateau von Debra Tabor +hinauf. Als wir oben angelangt waren, blieben wir vor Verwunderung stehen. +Vor uns lag ein leicht wellenförmiges Land, dicht besäet mit Dörfern, +zwischen lachenden Kulturflächen und Weiden, auf denen zahlloses Vieh sich +befand. Als Franzose wurde ich an die Bourgogne erinnert, während Dufton +eine Landschaft Yorkshire's vor sich zu sehen glaubte, und unwillkürlich +rief ich aus: "Hier ist gut Hütten bauen!" Rechts von uns blieb der Hügel +von _Debra Tabor_ mit seinen 500 oder 600 Häusern und dem königlichen +Lager liegen. Denn Theodor II. hat hier große Getreidemagazine errichtet, +die seine Armee in Kriegszeiten, d. h. so ziemlich immer, zu versorgen +haben. Gondar, "die Stadt der Pfaffen und Schauspieler", wie der König +sich ausdrückt, ist ihm zuwider. Endlich erreichte ich den Hügel von +_Gafat_, nordöstlich von Debra Tabor, das provisorische Ziel meiner Reise. +Der deutsche Missionär Waldmeier, an den ich empfohlen war, nahm mich sehr +freundlich auf; auch seine Kollegen, fast lauter Badenser und +Württemberger kamen herbei. Der einzige Franzose der kleinen Kolonie, +Franz Bourgaud aus Saint-Etienne, ist der Waffenschmied des Negus und bei +diesem sehr beliebt. Er giebt vor, sich recht unglücklich zu befinden, und +verlangte schon mehrere Male in seine Heimat zurückkehren zu dürfen, aber +Theodor antwortete ihm auf sein Gesuch: "Mein Sohn Bourgaud, deine Kinder +sind noch zu jung, um die weite Reise überstehen zu können; bleib noch ein +paar Jahre hier." Und Bourgaud blieb. Seine Kinder sprechen vorzüglich die +Amharasprache, er selbst und seine Frau haben sich ein Mischmasch aus +dieser und der französischen zurecht gemacht, das nur ihnen verständlich +ist. Eigenthümer Gafats ist ein alter General außer Dienst von noblem +Aussehen. Um sein Haus herum haben sich die Deutschen Waldmeier, Kinzle, +Bender, Mayer, Salmüller und Hall angesiedelt. Alle haben Abessinierinnen +heirathen müssen; Bender eine Tochter Schimper's. Am zurückhaltendsten war +der junge, hübsche Salmüller, welcher schließlich eine Tochter des +Irländers Bell nahm. (Von letzterem wird weiter unten ausführlich die Rede +sein). + +Noch hatte ich den Negus nicht gesehen, als am 25. Januar plötzlich +Waldmeier auf mich zukam und ausrief: "Dort kommt Se. Majestät!" Ich ging +mit ihm vorwärts und traf bald auf ein großes Gefolge hoher Offiziere, +welche alle den Margef, die bordirte weiße Tunica, trugen. Mitten unter +ihnen stand ein Mann, barhaupt und barfuß, in eine gemeine Soldatenschama +gekleidet, welche keineswegs noch ganz weiß war; in der Hand hielt er eine +Lanze, an der Seite hatte er einen gekrümmten Säbel. Wer mit den +abessinischen Gebräuchen vertraut war, mußte sofort den Rang dieser +Persönlichkeit erkennen; es war der einzige, welcher beide Schultern +bedeckt hatte, und Niemand anders als _König Theodor II._ + +Gut gelaunt redete er mich mit "Na deratscho (Wie geht es dir?)" an. Die +Etikette erfordert, daß man hierauf nicht antwortet und sich nur tief +verneigt. So that auch ich. Theodor zog sich darauf zurück, setzte sich +auf einen Teppich und fing an, mit dem kleinen Bourgaud zu spielen. Dieser +sonderbare Mensch, dessen Leben so blutig verlief, beschäftigte sich gern +mit Kindern, für die er eine große Zuneigung besaß. Nachdem er dann einige +Höflichkeitsworte gewechselt, fragte er mich sehr verbindlich, wann ich +offiziell empfangen sein wollte? Ich erwiederte, daß ich ganz zu seinen +Befehlen stehe, worauf er den nächsten Tag zur Audienz in Debra Tabor +bestimmte. Ich ward abermals gut von ihm aufgenommen, machte den ganzen +Feldzug in Godscham mit, der nicht besonders glücklich ausfiel, und kehrte +dann mit ihm in das Lager von Debra Mai in Mietscha zurück. Unterdessen +waren verschiedene Umstände vorgekommen, welche meine Anwesenheit auf dem +Konsulatsposten dringend erforderten; ich begab mich deshalb in voller +Uniform zum Negus, um ihn um eine Abschiedsaudienz zu bitten. Er ließ drei +Europäer herbeirufen, welche die Amharasprache redeten, und fragte dann, +was ich wolle. Ich antwortete: "Ich wünsche, dringender Angelegenheiten +wegen, nach Massaua abzureisen, und dann will ich von dort zwei Kisten mit +Geschenken für Ew. Majestät von meinem Souverän abholen, welche bereits +angelangt sein dürften. Ich möchte auch gern gleich abreisen, damit ich +vor Eintritt der Regenzeit wieder zurück sein kann." + +Um zu verstehen, was nun folgt, muß man wissen, daß Theodor durch den +unglücklichen Feldzug in Godscham gedemüthigt war, daß die Aegypter damals +gerade die Grenzprovinz Galabat besetzt hielten und daß er infolge des +Genusses von schlechtem Cognac betrunken war. Kaum hatten die Dolmetscher +ausgeredet, als der Negus in höchster Wuth rief: "Ich behalte ihn auf +jeden Fall zurück. Nehmt ihn, legt ihn in Ketten, und wenn er entweichen +will, so tödtet ihn!" + +Der Oberst, welcher zunächst stand, winkte ein halbes Bataillon herbei. + +"Wozu das, fragte Theodor, 500 Mann, um einen Menschen zu fesseln?" + +"Ew. Majestät sehen, erwiderte der Oberst, daß er ein merkwürdig +funkelndes Ding unter dem Arme trägt - es war mein goldbesetzter +Konsulatshut -, das vielleicht eine Höllenmaschine ist, die uns alle +tödten kann." + +"Donkoro, Dummkopf! Glaubst du nicht auch, daß er dich mit seinen +Augenbrauen tödten kann. Sechs Mann her und nicht mehr." + +Nun wurde ich, wie mein treuer Diener Achmed, an Händen und Füßen +gefesselt, obgleich ich in großer Uniform war, und in mein Zelt +zurückgeführt, wo ich streng bewacht wurde. Indessen schrieb ich, auf +einen Umschlag der Gemüthsverfassung des Königs bauend, an ihn einen +englischen kurzen Brief, in welchem ich um Erklärungen bat. Am 3. März +schon erschienen die Europäer wieder, welche mir anzeigten, daß ich frei +sei, unter der Bedingung, daß ich in Gafat internirt bliebe. Ich zögerte +anfangs, doch ging ich auf Kinzle's Zureden, der meinte, es sei besser in +Gafat als in Eisen weilen, auf diesen Vorschlag ein. Ueber den Negus +selbst will ich hier nur wenige Worte sagen. + +In den Audienzen, welche er gab, entfaltete er allen möglichen +barbarischen Pomp. So liebte er es, dabei von vier zahmen Löwen umgeben zu +sein, die sehr wild und grimmig drein schauten. Ich hatte Gelegenheit, mit +denselben nähere Bekanntschaft zu machen. An einem hohen Festtage wurden +sie von ihren Wärtern in mein Zimmer geführt, um ihre Aufwartung zu +machen. Ein paar blanke Thaler verfehlten die Wirkung nicht, und ich +konnte meine Gäste ruhig abzeichnen, wobei ich nur durch deren +aufdringliche Zutraulichkeit gestört wurde. Der eine Löwe war von dem +genannten Salmüller abgerichtet und dann an den Kaiser verkauft worden. +Alle vier Löwen hatten ihre Namen; der Liebling des Kaisers hieß Kuara +(der Stürmische). Dieses Halten und Züchten von Löwen steht übrigens bei +den abessinischen Herrschern keineswegs als eine Ausnahme da und kam auch +früher vor, wol deshalb, weil der Löwe als Sinnbild Aethiopiens angesehen +wird. Als Salt 1810 beim Ras Wolda Selassié in Antalo eine Abschiedsvisite +machte, bot dieser ihm zwei Löwen als Geschenk für den König von England +an; "allein der weite Weg machte es unmöglich, sie fortzubringen. Eins +dieser Thiere ward von seinem Wärter bisweilen in das Zimmer gebracht, wo +wir saßen: aber während meines Aufenthaltes wurde es so wild und +unlenkbar, daß man es einsperren mußte." + +Da mir der Negus Gafat zum Aufenthaltsorte angewiesen hatte, mit der +Erlaubniß, im Innern des Reiches Ausflüge nach Belieben machen zu können, +so zögerte ich nicht, dieses auszuführen, und stattete zunächst der +_Hauptstadt __Gondar_ meinen Besuch ab. Von Gafat bis Ferka reiste ich +zunächst den Weg, welchen ich auf meiner ersten Tour bereits beschrieb. Im +genannten Orte trennt sich die Straße; links führt sie nach Tschelga, +rechts nach Gondar. Ungeachtet des königlichen Befehls, daß ich in den +Dörfern, wo ich übernachtete, gut beherbergt werden sollte, hatte ich +mancherlei Verdrießlichkeiten zu bestehen, ja man bedrohte mich einmal +sogar, und meine Leute flüchteten in Angst davon. Auf einer von den +Portugiesen erbauten Brücke passirte ich den Fluß Magetsch, ohne welche +zur Regenzeit die Verbindung zwischen Nord- und Südabessinien auf mehrere +Monate im Jahre vollkommen gestört sein würde. + +An Juniperusbäumen vorbei gelangte ich auf einen Hügel, der verschiedene +Häusergruppen trug, zwischen denen sich wüste Plätze hinzogen. Ich war +jetzt schon mitten in Gondar, ohne daß ich eigentlich die Stadt bemerkt +hätte, und war nicht wenig verwundert über diese Kapitale der Kaiser +Sosneos und Fasilides, von der ich mir eine durchaus andere Vorstellung +gemacht hatte. Von welcher Seite aus man sich auch der Stadt nähert, +fallen die vielen hohen Warten und Thürme, Zinnen und Mauern des in +mittelalterlich-portugiesischem Styl erbauten Königspalastes und einzelne +Kirchen mit großen kegelförmigen Dächern unter malerischen Baumgruppen +zuerst in die Augen: ein heimisches Bild für den Wanderer, der sich +plötzlich dem Innern des tropischen Afrika entrückt und in eine +mitteleuropäische Landschaft versetzt glaubt. Ueber üppigen Wiesengrund an +schmalblätterigen Weidenbäumen mit überhängender Krone hin rauschen klare +Gebirgsbäche zu Thal und schlängeln sich, Silberfaden gleich, in der Ferne +durch das grüne, flache Dembra, dem Tanasee zu. Das nördlichste Quartier +der Stadt ist das Abun-Bed mit der Wohnung des Bischofs. Ein nach Westen +fließendes Bächlein, kahle Flächen und Ruinenfelder trennen es von der +politischen Freistelle, dem Etschege-Bed, mit dem Sitze des Vorstandes der +Mönche, Etschege genannt. Auf einem freien, erhabenen Punkt, östlich von +beiden, steht von einer runden Mauer umgeben, unter herrlichen Baumgruppen +eine Kirche mit zwei von den Holländern dem Kaiser Jasu geschenkten +Glocken. Südlich und östlich davon ist der Stadtbezirk Debra Berhan, +Kirche des Lichts, mit gleichnamiger Kirche; westlich daran schließt sich +der Gempscha-Bed oder Schloßbezirk. Von einer weitläufigen, unregelmäßigen +Mauer, mit Zinnen und Wartthürmen und mit verwilderten Gärten und Kiosken +umgeben, erhebt sich der große, leider mehr und mehr zerfallende _Gemp_ +oder das Schloß selbst, das neben den armseligen, mit Stroh gedeckten +Häusern einen wahrhaft großartigen Eindruck macht durch seine massive +Bauart, seine vielen Thürme, hohen Bogenfenster und weiten Höfe. Die +Façade des Hauptgebäudes ist gegen Westen gekehrt und drei Thürme mit +großen Thorbogen bilden die Eingänge zu dem einst gepflasterten, jetzt +halb in Schutt und Gestrüpp begrabenen Vorhof. Der Hauptbau ist viereckig, +zweistockig, mit flachem Dach und steinerner Brustwehr; auf jeder Ecke +erhebt sich ein Thurm mit Cement-Kuppel, ein höherer viereckiger steht in +der Mitte. Das Material ist ziemlich roher Basalt, die Einfassungen der +Thore und Fenster bestehen aus rothem Sandstein. An das Hauptgebäude +lehnen sich noch verschiedene Hallen, Galerien, Säle, Kapellen, Brücken +und Thorwege an, Alles jetzt mehr oder weniger zerfallen und mit +Schlingpflanzen überwuchert. + + [Illustration: Nordfront des Gemp in Gondar. Originalzeichnung von + Eduard Zander.] + +Südwestlich vom Gempscha-Bed breitet sich, von verschiedenen Quartieren +umgeben, der große Marktplatz aus. Am Abhange und Fuße des Hügels liegt +das Quartier der Muhamedaner, Islam-Bed, und südwestlich, jenseit des +Kacha-Flusses, die Judenvorstadt, Falascha-Bed. Die Straßen Gondars sind +eng und krumm, theils mit natürlichen Basaltplatten gedeckt, theils durch +Schmuz und Schutt unwegsam gemacht. Die Einwohnerzahl dürfte 6000-7000 +nicht übersteigen; doch war die Stadt einst volkreicher. König Theodor +vernachlässigt sie "als Pfaffenstadt" gänzlich, ja er hat einmal zur +Strafe sein Heer gegen sie losgelassen, ihr enorme Geldbußen auferlegt und +das Quartier der Muhamedaner zerstören lassen. Nicht weniger als 44 +Kirchen, darunter sehr prächtige, bestehen in Gondar, und die Zahl der +darin angestellten Geistlichen beträgt 1200, mithin ist jeder sechste +Mensch ein Priester. + +Nach außen hin ist Gondar offen, nur die Freistätte und verschiedene +Kirchen sind mit größeren, halb verfallenen Mauern umgeben. An Trinkwasser +ist großer Mangel, sodaß man in der trockenen Jahreszeit sich oft +genöthigt sieht, aus dem Angrab- oder _Kachaflusse_ das nöthige Wasser zu +holen und das Vieh zur Tränke dahin zu führen. Ueber den letzteren Fluß +führt nicht weit vor der Stadt eine alte, sehr malerische Brücke, die noch +aus der Zeit der Portugiesen stammt, jetzt aber sehr im Verfalle begriffen +ist. Am östlichen Ufer des genannten Flusses liegt nordwestlich von der +Stadt auf einer grünen Wiesenfläche die _Kirche Fasilides_ inmitten eines +herrlichen Juniperuswaldes und umgeben von niedrigen Mauern mit runden +Wartthürmen und Zinnen. Die viereckige steinerne Kirche ruht auf +Schwebebogen in einem tiefen Bassin, über welches eine mit Eckthürmen +befestigte Brücke führt. Eine großartige steinerne Wasserleitung auf +hochgesprengten Rundbogen an der Westseite des Haines versorgte den Platz +mit Wasser, das wahrscheinlich in ein Reservoir im südwestlichen Eckthurme +geleitet wurde und dort Wasserwerke speisen mußte. Seines Zweckes wegen +ist ein dicht bei dieser Kirche gelegener Tempel mit runder Kuppel +merkwürdig. Es ist das Grabmal eines königlichen Streitrosses, man sagt +von Negus Kaleb. Auch an Bädern mit Wasserleitungen und Nischen, sowie an +anderen Zeugen einer ehemals regeren Baukunst und Baulust ist in der +Nachbarschaft kein Mangel; doch die geringe Sorgfalt, die jetzt auf die +verschiedenen Werke gewandt wird, droht sie dem gänzlichen Ruin +zuzuführen. + +Geht man von der Kacha weiter westwärts, so gelangt man in ein Seitenthal, +in welchem an einem Bergabhange die malerischen _Ruinen von Koskam_ +liegen. Ziemlich gut erhalten ist noch das dortige Lustschloß mit zwei +Thürmen, deren einer ein Kuppeldach trägt, während das des anderen einem +niedrigen, umgelegten halben Cylinder gleicht. Zwischen beiden führt ein +hohes Bogenthor in eine lange steinerne Halle mit großen Bogenfenstern und +Thüren; das Dach fehlt; Balken zeigen noch die Spuren von Altanen oder +Galerien. Das ganze Gebäude besteht wie der Gemp aus ziemlich rohen +Basaltsteinen, die Thür- und Fensterpfeiler aber aus gut gearbeitetem +rothen Sandstein. Zwischen reizenden Baumgruppen ragen die Reste eines +anderen Prachtgebäudes, in dem, wie es scheint, eine Halle mit schön +gearbeiteten Säulen hinführte, Alles ist aber verfallen und mit Gestrüpp +und Schlingpflanzen überwachsen. + + [Illustration: Brücke über die Kacha. Originalzeichnung von Eduard + Zander.] + +Noch weiter westlich, von hohen Mauern mit Zinnen und Thürmen umschlossen, +ist die Kirche, eine Rotunde mit Strohdach und vielen Wandgemälden, die +namentlich Reiterfiguren darstellen. + +So ist das heutige Gondar und seine Umgebung beschaffen; überall auf +Schritt und Tritt begegnet dem Reisenden Verfall, und doch könnte diese +Stadt bei ihrer prächtigen Lage in der gesunden, fruchtbaren Gegend im +Mittelpunkte Amhara's zu einer großen Blüte gelangen - wenn nur ihre +Bewohner anders beschaffen wären. + +Man hatte mir viel von der kleinen Kirche _Towari_ erzählt, die eine +Stunde von meinem Aufenthaltsorte entfernt liegt, in welcher man die +abessinische Malerei am besten studiren könne. Ich begab mich dorthin und +fand auch dieses Gotteshaus, wie alle Landeskirchen, in einem dichten Hain +von Juniperusbäumen versteckt. Die Gemälde, so berühmt in Abessinien, +machten auf mich, der ich sie mit europäischen Augen ansah, im allgemeinen +einen schauderhaften Eindruck. Indessen fesselte ein Bild des Abendmahls +doch sehr meine Aufmerksamkeit, da auf demselben der Künstler hieratische +Traditionen, byzantinische Malerei und Details des abessinischen Lebens +merkwürdig miteinander verschmolzen hatte. Christus, die Jungfrau und die +Abendmahlsgenossen sind nach der Tradition gekleidet und mit großem +Kunstverständniß rings um einen Tisch gruppirt, der nach der feinsten +abessinischen Art gedeckt ist. Vor jeder Person liegen Tiéfbrote, die +zugleich die Schüsseln vertreten, zur Seite derselben die Messer zum +Zerschneiden des Brundo (rohes Fleisch). Ein Major Domus, offenbar aus +guter Familie, bietet zu trinken an; außerdem gehen Jünglinge mit +Honigweinkrügen umher. Ein Theil der Jünger wendet die Gesichter gegen +Christus, ein anderer gegen Maria. Die Züge dieser Hauptpersonen aber sind +verfehlt; namentlich die der Maria. Abgesehen hiervon verdient das Bild +jedoch alles Lob. + +Als Begleiter auf meinen Ausflügen in die Umgebung Gafats diente mir ein +junger Priester, der einige Zeit in der Propaganda zu Rom gewesen, dort +aber nicht allzuviel gelernt hatte. Heimgekehrt, wollte er sich die Stelle +eines Aleka bei einer reichen Kirche unrechtmäßig anmaßen; allein König +Theodor nahm die Sache krumm und verurtheilte Michael, so hieß der +civilisirte Geistliche, zu drei Jahren Kettenstrafe. Mir gegenüber wollte +er sich nun als Glaubensmärtyrer darstellen, was mir ziemlich einerlei +war; dagegen war er mir unschätzbar wegen seiner vortrefflichen +Landeskenntniß. + +Als er jedoch einige Monate später einen Salzdiebstahl beging, mußte ich +ihn vor die Thüre setzen; anfänglich ging es ihm nun schlecht - dann +begegnete er mir wohlgenährt und gut gekleidet wieder. Gott weiß, wie er +zu Gelde gekommen sein mag; indessen dieser Art von Leuten geht es in +Abessinien wie in Europa: sie fallen wie die Katzen stets wieder auf die +Füße. + +Eine meiner Exkursionen führte mich zur Fafatié oder dem _Wasserfall des +Rebflusses_, der seine Quelle am Abhange des hohen Gunagebirges hat. Ich +bestieg mein Maulthier, wandte mich nach Südosten und ließ zur Linken die +große und fruchtbare Ebene von Gafat mit ihrem ausgetrockneten Strome +liegen. Mit einiger Schwierigkeit wand ich mich durch das bewaldete Thal +des Davezout und kam dann, einem schattigen Fußsteige folgend, zum Reb, +der leise über ein mit dunkelblauen Steinen besäetes Bett dahinfloß. Der +Wasserfall war nur fünf Schritt von mir entfernt: ich sah ihn nicht, aber +ein schauderhafter Schlund und ein betäubendes Brüllen zeigten mir seine +Gegenwart zur Genüge an. Um ihn von vorne zu erblicken, mußte ich auf +einem Zickzackstege den Felsen hinabsteigen, der mit Buschwerk überzogen +und von Affen belebt war. Unten angelangt, stand ich vor einem hübschen +grünen See, in den von steiler Felswand eine senkrechte Wassersäule von 24 +Fuß Höhe herabfiel. Ringsum zeigen sich die entzückendsten +Landschaftsbilder, welche jeden Maler begeistern können. + + [Illustration: Wasserfall des Reb. Nach Lejean.] + +Vier Monate später gewahrte ich dann den Wasserfall wieder zur Zeit seines +höchsten Glanzes, als die Fluten hoch geschwollen waren. Er übertraf so +die herrlichsten Kaskaden der Schweiz bedeutend. Die _dreitausend oder +viertausend Wasserfälle Abessiniens_ sind die schönsten, die man sich +denken kann, und ihnen fehlt weiter nichts als der Ruf, den andere +Kaskaden durch Künstler und Touristen sich erringen. Ich habe den zehnten +Theil davon, etwa 300 oder 400 selbst gesehen und etwa zwanzig +abgezeichnet - alle prächtige Naturerscheinungen, von denen eine einzige +hinreichte, eine Gegend in Europa berühmt und zum Ziele der +Touristenschwärme zu machen. + +Ich riß mich von den Wundern dieser Fafatié los, um meinen Fuß in +östlicher Richtung weiter zu setzen über eine Ebene, die ganz mit Mimosen +bestanden war. Diese an und für sich langweiligen Bäume erhielten durch +die reichlich von ihnen herabhängenden Schlingpflanzen ein ungemein +malerisches Ansehen; namentlich zeichnete sich ein Loranthus mit schönen +orangefarbenen und rothen Kelchblüten aus. Bald gelangte ich in das +malerische Thal des Makar, eines Nebenflusses des Reb, in dem ich bis zu +den _Atkanafelsen_ vordrang, deren trapezoidale Form man von allen +hochliegenden Punkten des Distrikts Debra Tabor aus zu übersehen vermag. +Dieser Felsen ist eine wirkliche Amba, welche in Kriegszeiten oft genug +als Zufluchtsort gedient hat. Am Fuße derselben fand ich zum ersten Male +die Henset-Banane (vergl. S. 45) mit ihren kolossalen Blättern und rothen +Rippen. Samen der nützlichen Pflanze habe ich der +Akklimatisations-Gesellschaft in Paris überbracht; die Schößlinge, welche +ich gleichfalls eingepackt hatte, wurden mir jedoch in Massaua kurz vor +meiner Rückkehr von den Hühnern vernichtet. Hinter dem Atkana traf ich in +wundervoller Gegend auf das _Kloster Guref_, das mir durch seine +romantische Lage deutlich sagte, wie die Mönche es in Abessinien gleichwie +in Europa verstanden, die schönsten Orte zur Anlage ihrer Klöster +auszuwählen. Nach der Regel des heiligen Tekla Haimanot leben in +prächtiger Einsamkeit diese Mönche inmitten eines schönen Haines, den der +klare Waldbach durchfließt. Freilich der Anblick einer europäischen Abtei +und derjenigen des abessinischen Klosters sind grundverschieden. Man +stelle sich einen weiten Raum, von einer lebendigen Hecke umschlossen, +vor, der wiederum durch Hecken in 12-15 kleinere Abtheilungen geschieden +ist, deren jede eine Mönchshütte enthält und die durch ein Labyrinth von +Straßen verbunden sind, welche schließlich im Mittelpunkte nach der +spitzdachigen runden Kirche führen - und das abessinische Kloster ist +fertig. Dazwischen liegen grüne freundliche Gärtchen, ringsum ein +lachender Hain. Ich fand sogleich den Abt - wenn ich so sagen darf -, +einen ernsten, mageren Mann von 45 Jahren, der die weiße Tunica und +darüber eine Art von gelbem Pallium, das Zeichen seiner Würde, trug. +Gastfreundschaft wurde mir im vollsten Maße zu Theil, allein mein +Maulthier mußte ich außerhalb des Klosters lassen - _weil es eine Stute +war_, wobei ich mich der lächerlichen Sitte erinnerte, daß auch in die +griechischen Klöster auf dem Berge Athos kein weibliches Thier hinein +darf. Ich wohnte dann bei den guten Mönchen und aß mit ihnen die einfache, +aus Hülsenfrüchten bestehende Mahlzeit. In der Nacht erweckte mich +Psalmengesang, jene Melodie, welche der alte Portugiese Alvarez "eine +erbärmliche Harmonie" nennt; indessen muß ich gestehen, daß dieser +abessinische Gesang mindestens so gut klang, wie das Singen in unseren +Landkirchen. Im Gedem oder geheiligten Asyle stand außerhalb des Klosters +die Gemeindekirche, welche für beide Geschlechter zugänglich war; ihr +Gründer war Ras Ali, der sie jedoch nicht vollenden konnte, da er von +Theodor II. gestürzt wurde. Dieser that nichts weniger als Kirchen bauen; +im Gegentheil er zerstörte und beraubte noch ein- oder zweihundert und +zeigte sich als der echte abessinische "Pfaffenfeind". Nach dem Besuche +dieser Kirche kehrte ich nach Gafat zurück. + +Um gute Samen der Henset-Banane zu erhalten, wollte ich einen Ausflug nach +der Stadt _Korata_ machen, welche Rüppell fälschlich Kiratza nennt. Es ist +eine kleine Stadt am südöstlichen Ufer des Tanasees, die wegen ihres +starken Handels und der zahlreichen Geistlichkeit berühmt geworden ist. Da +die Regen erst im Beginnen waren, so konnte ich darauf rechnen, daß der +Fluß Gomara noch durch irgendeine Furt zu passiren sei, und ich beschloß +deshalb in gerader Linie, an den heißen Quellen von Wanzagié vorbei, nach +Korata vorzudringen. Debra Tabor blieb zur Linken liegen. Das niedrige +Hügelland, durch das mein Weg ging, war im Jahre 1841 der Schauplatz einer +Schlacht zwischen dem Detschas Ubié von Tigrié und dem Ras Ali. Letzterer +wurde glänzend geschlagen und einige seiner Offiziere begaben sich, um +sich zu unterwerfen, zu dem Sieger Ubié, der, in seinem Zelte sitzend, +ruhig sich in Honigwein betrank. Als Ubié die Feinde erblickte, wurde er +ängstlich, da er keine seiner eigenen Soldaten bei sich hatte; erstere +aber benutzten diesen Umstand, banden Ubié und machten ihn zum Gefangenen. +Auf diese Nachricht kehrte der geschlagene Ras Ali zurück; doch mußte er +Ubié, um der Volksstimme zu genügen, wieder freigeben. Die Vegetation auf +dem einst blutigen Schlachtfelde war eine prächtige; namentlich fielen mir +weiße Lilien (_Amaryllis vittata_) von lieblicher Form auf, welche die +daran gewöhnten Abessinier gar nicht beachteten, während ich jede dieser +Blumen bedauerte, welche mein Maulthier niedertrat. + +Am Ufer eines frischen Baches wurde Mittagsrast gemacht. Was mich hier am +meisten überraschte, war eine lange, in Ruinen liegende Mauer von +europäischer Konstruktion. Ich folgte derselben und fand, daß sie einst +als Einschließung eines Parkes gedient hatte, welcher der +Lieblingsaufenthalt verschiedener Kaiser gewesen sein soll. Man nannte den +Ort _Arengo_. Seine Lage ist reizend - aber da, wo einst die Erben der +Königin von Saba thronten, findet man nun Ruinen, zwischen denen lärmende +Affen hausen. Theodor II., welcher seine Vorgänger im Kaiseramte gründlich +verachtet und sie "Schauspieler" nennt, behauptet, daß die jetzigen Gäste +in Arengo, eben jene Affen, mehr werth sind als die alten, die Kaiser! Vor +170 Jahren, zur Zeit des Reisenden Poncet, war das Schloß noch nicht +zerstört, ja nach dem Hörensagen sollte es größer als der Gemp in Gondar +sein! Sicher hatten die Abessinier dem Franzosen gegenüber aufgeschnitten, +denn sie verstehen dieses Geschäft so gut wie die Yankees. Ein +abessinischer Gesandter, welcher 1860 in Paris war und dort sich überall +umgesehen hatte, antwortete seinen Landsleuten, die ihn nach jener Stadt +fragten: "_Paris ist etwa so groß wie Gondar; vielleicht ein klein wenig +größer._" + +Im Dorfe Schumagina wurde meiner Reise plötzlich ein Ziel gesetzt. + +Die reichen und stark bevölkerten Distrikte Wanzagié, Fogara Dera, Korata +bildeten das Land, welches ich zu durchreisen hatte. In einem dieser +Distrikte hatten sich Rebellen aus Godscham zu verbergen gewußt, indem sie +die Wachsamkeit der am Abaï aufgestellten Leute Theodor's zu täuschen +wußten. Für dieses Vergehen, an dem doch die ganze Einwohnerschaft der +vier Distrikte keineswegs schuld war, wurden dieselben von Theodor der +Armee zur Plünderung überwiesen, worauf die ruinirten Bauern mit ihrer +Habe in die Berge und Wälder flüchteten. Als der Negus dies sah, +verordnete er, daß nur die Schuldigen bestraft werden, die übrigen aber +frei ausgehen sollten. Kaum hatten die letzteren, den Worten vertrauend, +sich wieder in ihre Quartiere begeben, als ein General hinterlistig über +sie herfiel und ihnen Alles raubte. Die Nachricht von dieser That gelangte +nach Schumagina, gerade als ich von dort aufbrechen wollte, um in die +beraubten Gegenden vorzudringen. Unter so bewandten Umständen weigerten +sich meine Leute ganz entschieden weiter vorzugehen, da auch sie +fürchteten, jenem braven General in die Hände zu fallen. So blieb mir +nichts übrig als umzukehren; doch hielt ich mich keineswegs für besiegt, +und als nach einiger Zeit der Lärm verstummt war, brach ich in den ersten +Tagen des Juli 1863 abermals nach Korata auf. Die Gomara, welche jetzt +hoch angeschwollen war, mußte hier an einer Stelle überschritten werden, +wo sie sich in drei Arme trennt. An demselben Abend erreichte ich noch +Madera Mariam, d. h. Ruheplatz der Maria, eine hübsche kleine Stadt, die +ähnlich wie Emfras an einem Hügel liegt. Derselbe fällt nach drei Seiten +hin senkrecht ab, ist aber von der vierten leicht zugänglich. Das nächste +Nachtquartier war das Dorf Wanzagié, welches seinen Namen von den hier +stehenden schönen Wanzabäumen führt; dann wurde die _Goanta_ erreicht. +Diesen Fluß in einer Furt zu durchwaten, war ganz unmöglich, und ich mußte +deshalb in einem abessinischen Mittel - ich sage nicht Fahrzeug - der +_Hokumada_ übersetzen. Dies ist eine an den Rändern in Nachenform aufwärts +gekrümmte steife Ochsenhaut; ein Mann durchschwimmt den Fluß mit einem +Seile, dessen eines Ende an der Hokumada, dessen anderes am jenseitigen +Ufer befestigt ist. Der Passagier setzt sich in den Lederschlauch, kauert +sich zusammen und hütet sich wohl, nach der einen oder andern Seite sich +überzubeugen. So wird er, während noch ein Schwimmer die Hokumada schiebt, +am Seile an das jenseitige Ufer hinübergezogen. So kam auch ich über die +Goanta, um bald an der geschwollenen _Gomara_ auf ein neues Hinderniß zu +stoßen, das dieses Mal mittels einer Tankoa überwunden wurde. + + [Illustration: Lejean passirt in der Hokumada die Goanta. Zeichnung + nach Lejean.] + +Die _Tankoa_ ist ein rechteckiges Floß, welches sechs bis acht Personen +tragen kann und aus einer Reihenfolge von dicht aufeinander gelegten +Stroh- oder Binsenschichten besteht, die fest miteinander verbunden sind. +Das Binsen- oder Rohrfloß taucht ziemlich tief unter und kann niemals +untergehen, desto leichter jedoch umschlagen. Da aber die Abessinier fast +alle sehr gute Schwimmer sind, so entstehen selten Unglücksfälle. Das +Gepäck, Kleider, Waffen, ein Ledersack, welcher Mehl enthält, liegen +hinten; vorn sitzt der Lenker des Ganzen, welcher mit einem Ruderstock +versehen ist, denn die Tiefe des Wassers gestattet nicht, das Floß mit +einer Stange durch Stoßen auf den Grund fortzubringen. Die Tankoa ist das +sprechendste Zeichen, wie starr die Abessinier an ihren Gebräuchen hangen. +Dieses Volk mit offenem und hellem Verstande hat nach Verlauf von +Jahrhunderten noch nicht einmal zu schließen gelernt, daß, wenn ein +simpler Stock, durch den Widerstand, welchen seine Oberfläche dem Wasser +darbietet, ein Floß fortzubewegen vermag, eine an das Stockende +angebrachte Schaufel eine vermehrte, zehnfache Oberfläche darbieten und +also auch die Fortbewegungs-Geschwindigkeit verzehnfachen muß, denn der +Abessinier besitzt nicht einmal die Ruderschaufel, welche den Wilden am +Weißen Flusse wohlbekannt ist. + +Uebrigens ist nichts ermüdender als eine Reise per Tankoa. Die Maulthiere +wurden ins Wasser gestoßen und von einem Schwimmer durch die reißenden +Fluten gelenkt. So kamen wir wohlbehalten zu einem kleinen, von +Wanderhirten bewohnten Weiler, wo wir übernachteten, um am nächsten +Morgen, quer über die Hügel und das Flüßchen Izuri hinweg, unsere Reise +nach Korata anzutreten, dessen herrlichen Anblick wir bald genießen +sollten. Es ist die hübscheste Stadt Abessiniens und war das äußerste Ziel +meiner Reise. + +_Korata_ liegt auf einem basaltischen Landrücken, welcher sich in den +Tanasee vorschiebt. Die spitzdachigen Häuser liegen zerstreut um die +Kirche gruppirt, und bei jedem befindet sich ein baumreicher Garten, der +von der Wohlhabenheit der Bewohner Zeugniß ablegt. Es war gerade Markt, +welcher dicht bei der Stadt abgehalten wird. Besonders wird hier viel rohe +oder zu Zeugen verarbeitete Baumwolle verkauft; letztere kommen sämmtlich +aus der westabessinischen Provinz Koara, woher sie theils auf Eseln, +theils auf dem See gebracht werden. Die rohe Baumwolle wird mit den +Samenkörnern verkauft, meistens gegen das gleiche Gewicht Salz. Das +Ausscheiden der Samenkörner mittels eines eisernen Stäbchens, welches auf +einem flachen Steine mit den Händen hin- und hergerollt wird, ist eine +langsame und ermüdende Arbeit; zum Aufschlagen derselben bedient man sich +eines elastischen Bogens und zum Spinnen der Handspindel. Eine fleißige +Frau kann so viel Gespinnst fertigen, als für zwölf vollständige +Umhängetücher erforderlich ist. Auf dem Marktplatze selbst erregte meine +Erscheinung keinerlei Aufmerksamkeit; etwas Anderes war es jedoch an einer +nur 50 Schritte weiter entfernten Stelle. Ein großer Baum breitete dort +seine gigantischen Aeste über den Weg, unter dem in weißen Gewändern, mit +riesigen Turbanen auf dem Haupte, den heiligen Fliegenwedel in der Hand, +die Geistlichkeit von Korata saß. Als ich mich ihnen näherte, stießen sie +ein unwilliges Geschrei aus und verlangten, daß ich vom Maulthiere +absteigen solle. Ich weigerte mich, und nun entstand auf dem Markte eine +allgemeine, gegen meine Person gerichtete Bewegung, der ich durch +Absteigen auszuweichen mich gemüßigt fand. Hierauf konnte ich ungehindert +zu Fuß in die Stadt gehen. Später erfuhr ich, daß die Pfaffenstadt Korata +das Privilegium besitzt, Niemand zu Pferd oder zu Maulthier durch ihre +Straßen reiten zu lassen. + +Nachdem ich mich in der unteren Stadt einquartiert und dem Ortsvorstand +den üblichen Besuch abgestattet, fing ich an, die Straßen oder vielmehr +die Alleen zu durchwandern. Diese Straßen sind in der That nur von Hecken +eingefaßte Fußpfade, hinter denen sich hübsche Gärten hinziehen. Blumen +sieht man in diesen selten, dagegen prächtige Granatbäume, Pfirsiche, +Kaffeesträucher, Bananen, Citronen, aus denen die Strohdächer der Hütten +hervorlugen. Von dem funkelnden Spiegel des Tanasees herüber wehte ein +kühlendes Lüftchen, das mir den Spaziergang in den Straßen zu einer wahren +Erquickung machte. Wie schon der Markt zeigt, ist Korata ein bedeutendes +Handelscentrum. Seine Kaufleute, lauter Christen, stehen mit Basso in +Godscham, mit Gondar und Massaua in Verbindung. Ich habe Korata nur den +Vorwurf zu machen, daß die Küche dort schlecht bestellt ist, denn während +meines viertägigen Aufenthaltes bekam ich nicht 1 Loth Fleisch zu Gesicht, +obgleich in der Umgebung zahlreiche Herden weiden. Die Einwohner leben von +Brot und rother Pfeffersauce, der sie zuweilen einen welsartigen Fisch aus +dem Tanasee beigesellen. + +Die Aussicht auf dieses Binnengewässer ist von Korata aus eine prächtige. +Weit in der Ferne, im Norden sieht man die blauen Vorgebirge von Gorgora, +die südlich von Tschelga und Gondar liegen; rechts zieht sich der +Bergabfall von Begemeder hin, während mitten im Seespiegel die dunkle +Masse der Inseln Dek und Daka auftaucht. Eine Eigenthümlichkeit des Sees +aber sind ein Dutzend winziger Eilande, wie Bet-Manso, Kibran, Metraha +u. s. w., die, vom Festland aus betrachtet, gleich schwimmenden +Blumenkörbchen auf der Flut erscheinen. In der Nähe betrachtet, sind diese +Blumenkörbchen jedoch bewaldete Inseln, die in ihrem Innern eine Kirche +oder ein Kloster bergen. + +Auch eine Flotte besitzt die Seestadt Korata, die aus einer großen Anzahl +von Tankoa besteht, welche am Ufer trocknen und die Verbindung zwischen +der Stadt und den südlichen und westlichen Ufern, namentlich mit Zegrié, +unterhalten. Sie sind schmäler als die oben beschriebene Tankoa, bis 15 +Fuß lang und führen Mattensegel. Ich wollte ein solches Fahrzeug miethen, +um nach Zegrié überzufahren, allein da dieses in der Gewalt der Rebellen +von Godscham war, wurde mir die Erlaubniß verweigert. - Bei Korata wohnen +viele Waito, jene eigenthümlichen Menschen, die sich mit der Flußpferdjagd +beschäftigen (vergl. S. 90). Während dieser Dickhäuter sehr häufig im See +ist, fehlen darin Krokodile gänzlich; dagegen verhält es sich mit dem +Abai, dem Abfluß des Sees, umgekehrt. + +Das Flußpferd heißt im Amharaschen Gomari, und hiervon stammen wol auch +die vielen ähnlich klingenden Flußnamen Gomara u. s. w. Nach viertägigem +Aufenthalte verließ ich Korata wieder und kehrte in mein altes +Standquartier Gafat zurück. + +Die letzte größere Exkursion, welche ich in der Umgebung meines +Aufenthaltsortes unternahm, war eine Besteigung der 13,000 Fuß hohen +_Guna_. Ich folgte erst dem Reb, kam dann in das schöne Makarthal und +stieg bis zu einem kleinen Dorfe empor, dessen Name lieblich in mein +französisches Ohr tönte. Es heißt Maginta. Hier verbrachte ich die Nacht; +als ich am nächsten Morgen weiter aufbrechen wollte, kamen zwei Reiter im +vollsten Galopp zu mir, mit der Botschaft, daß der Negus mich in Gafat +erwarte. Schon am Nachmittage langte ich wieder in meiner Wohnung an, wo +ich Waldmeier fragte, was vorgefallen sei. Er antwortete ausweichend. Kurz +darauf langte ein Brief in amharischer Sprache vom Könige bei mir an, +welchen mir Kinzle übersetzte. Der Negus befand sich in seinem Lager zu +Isti, drei Tagereisen von Gafat. Da ich bemerkt hatte, daß er guter Laune +war, so wollte ich diese benutzen und bat um seine Erlaubniß zur Heimkehr +nach Massaua. Bei Empfang meines Briefes gerieth er indessen in solche +Wuth, daß zwei Tage lang Niemand mit ihm zu reden wagte. Sofort ließ er +mir einen heftigen Brief schreiben, aus dem ich Folgendes hervorhebe: "Als +du hierher kamst, hast du dich mir als Freund vorgestellt; oder bist du +etwa gekommen, um mit den Scheftas (Rebellen) gegen mich zu konspiriren? +Sind deine Gefühle aber loyal, so schreibe mir; bist du mein Feind, so +schreibe mir auch, damit ich weiß woran ich bin." Sogleich antwortete ich +in einem kurzen, aber respektvollen Schreiben, welches die gefährliche +Korrespondenz zu einem guten Ende führte, denn die schleunig darauf +erfolgende Antwort lautete: "Habe nur einige Geduld und durch die Gnade +der Dreieinigkeit wird Alles gut ablaufen. Ich habe dich aus wichtigen +Gründen zurückbehalten müssen; allein wenn mein Agent wieder heimkehrt, +will ich dich mit allen gebührenden Ehren entlassen." Ich folgte dem mir +ertheilten weisen Rath, verhielt mich geduldig und nahm zunächst meinen +unterbrochenen Ausflug nach der Guna wieder auf. + +In Maginta war ich an die Familie des Irländers Bell empfohlen, der einst +eine große Rolle bei Theodor II. gespielt und für diesen sein Leben +gelassen hatte. Hier traf ich auf ein Beispiel der abessinischen +Langlebigkeit, nämlich auf _fünf Frauengenerationen_ beieinander: die +abessinische Witwe Bell's, deren Mutter, Großmutter, Tochter (die Frau +Waldmeier's) und Enkelin! Die Urgroßmutter war die einzige, welche man als +Greisin bezeichnen konnte; denn die Großmutter, eine feine Frau von 55 +Jahren war noch sehr lebhaft und thätig in der Hauswirthschaft; die +Mutter, Bell's Witwe, war 35 Jahre alt, zierlich und hübsch; deren Tochter +war an den Missionär Waldmeier verheirathet, welchen sie wieder mit einem +Töchterchen beschenkt hatte. + +Maginta liegt bereits im Gebirge. Von da aus hatte ich, von Plateau zu +Plateau ansteigend, nur vier Stunden bis zum Gipfel zurückzulegen. + + [Illustration: Ein Binsenfloß oder Tankoa. Zeichnung von R. Kretschmer + nach Lejean.] + +Der Weg führte vorbei an Kosso- und Ericabäumen, Hypericumstämmen, +prächtigen aloeartigen Lilien bis zur Region der seltsamen Dschibarra +(_Rhynchopetalum_). + +Letztere gedeiht hier bis zu einer Höhe von fünfzehn Fuß. Der Gipfel der +Guna, Ras-Guna genannt, besteht aus Trachyt. Von da aus umfaßte mein Auge +eine prachtvolle Rundsicht. Zur Rechten brach der Reb aus einem tiefen +Thale hervor; vor mir lag das pittoreske Massiv des Zoramba und weiter hin +die Kollo, das mächtigste abessinische Gebirge. Zur Linken endlich Plateau +an Plateau, durchrieselt von Bächen, die sich zum Tanasee hinzogen, auf +dem die Inseln gleich dunklen Punkten zu schwimmen schienen. + +Als ich wieder in Gafat angelangt war, fand ich eine Einladung des Negus +vor, ihn in Gondar, wohin er sich begeben hatte, zu besuchen. Sofort brach +ich auf. Dort angekommen, hatte ich noch einige Schwierigkeiten, empfing +aber am 30. September 1863 den Befehl, Abessinien auf dem kürzesten Wege +zu verlassen. Mit mir ging Dr. Lagarde, der den Aufenthalt in Abessinien +satt bekommen hatte. Nach der feierlichen Abschiedsaudienz bei Theodor +nahmen wir ein Frühstück bei dem englischen Konsul _Cameron_ ein, das von +dessen Koch, einem Elsässer Kind, sehr gut zubereitet war. Dieser, früher +ein französischer Kürassier, hatte sich die Gunst des Königs zu erwerben +gewußt. Als die Missionäre einst einen Wagen für Theodor hergestellt, +fragte dieser den Elsässer, wie ihm die Maschine gefiele. "Pfui! sagte der +Rheinländer, bei uns in Mühlhausen fährt man in solchen Dingen den Mist +aufs Feld!" (Den berühmten blau angestrichenen Wagen erwähnen auch Heuglin +und Steudner.) Beim Frühstück war auch der Judenmissionär Dr. _Stern_ +zugegen, welcher zuerst Photographien in Abessinien aufnahm und in seinem +Werke "Wanderungen unter den Falaschas" veröffentlichte. Einst schenkte +dieser dem Negus einen Stereoskopenkasten mit einer Ansicht Jerusalems. + +"Was ist das für ein Gebäude?" fragte Theodor. + +"Die Moschee Omar's", antwortete Stern. - Sogleich warf der König den +Apparat auf die Erde, indem er wüthend ausrief: "Und dieses Europa, das +vorgiebt christlich zu sein, duldet eine Moschee beim heiligen Grabe!" + + -------------- + +Als endlich die Stunde schlug, um Gondar den Rücken zu kehren, kam Achmed, +mein Diener, mit der Nachricht zu mir, daß alle meine Leute sich heimlich +entfernt hätten, aus Furcht, von mir in Massaua als Sklaven verkauft zu +werden! + +Mir blieb nichts anderes übrig, als neue Diener und Lastthiere zu miethen, +wobei sich Salmüller besonders gefällig erwies. Ich überschritt den +Angerab, wandte mich dem Magetsch zu, erstieg die Hochebene von Wogara, +auf der Straße, die vor mir Bruce, Lefêbvre, Ferret und Galinier, Rüppell, +Krapf, v. Heuglin u. a. gewandert waren, und gelangte in vier Tagemärschen +bis Dobarek. + +Am ersten Tage bivouakirten wir in _Kossogié_, einem Dorfe, welches von +den hier häufigen Kossobäumen seinen Namen führt; durch gut bebaute Ebenen +gelangte ich am zweiten Tage nach Isak-Dews, dem Isakberge, welcher Ort +1420 vom Kaiser Isak zur Erinnerung an einen hier über die Juden +(Falaschas) erfochtenen Sieg gegründet wurde. Die dritte Station Dokoa war +ein reizender Flecken auf einer Anhöhe mit einer dem Heiligen Kitane +Machrit geweihten großen steinernen Kirche, die vom Kaiser von Jasu im +portugiesischen Stile erbaut ist. Hier theilt sich die Straße; rechts, +nach Osten zu, führt sie ins Alpenland von Semién. Links, in nördlicher +Richtung über den Lamalmon-Paß, und die Kolla von Wogara nach Adoa. Am +nächsten Morgen, als ich nach Dobarek aufbrach, zeigte man mir zur +Rechten, schon in Semién gelegen, das Dorf _Debr-Eskié_, in dessen Nähe am +9. Februar 1855 das Schicksal Abessiniens entschieden und Theodor Sieger +über Ubié wurde. Als ich den Abhang erstieg, an welchem _Dobarek_ erbaut +ist, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine traurige Erscheinung gefesselt; +der Boden war ringsum mit gebleichten Menschenschädeln besät, die unter +den Füßen meines Maulthiers dahin rollten. Ein Schlachtfeld konnte hier +nicht gewesen sein, denn andere Knochen als eben nur Schädel waren nicht +vorhanden. Aber was war hier geschehen? Eine entsetzliche Katastrophe. Vor +gerade drei Jahren (1860) hatte Theodor über seinen rebellischen Neffen +Garet bei Tschober einen Sieg erfochten und etwa 1700 Gefangene hierher +abgeführt. Man enthauptete sie und warf ihre Schädel aufs Feld. + +Am nächsten Tage begann ich den _Lamalmon_ hinabzusteigen. Sein südlicher +Abfall ist eine schöne, kaum wellenförmige Ebene; sein nördlicher dagegen +eine steile, einige tausend Fuß hohe Lehne, von welcher ein steiler +Zickzackfußpfad hinabführt, den wir nicht ohne Lebensgefahr passirten. Auf +einer kleinen Terrasse, die alle Karawanen als Ruhepunkt benutzen, machte +auch ich Halt. Vor mir lag, wie auf einer Reliefkarte ausgebreitet, die +Kolla bis zum Takazzié - eine Aussicht, die sich über dreißig Meilen +erstreckte. Von allen Seiten sah ich die Flüsse durch die grünen Wälder +und gesägten Berge brechen, um sich dem Takazzié zuzuwälzen, hinter dem, +eingehüllt in Nebeldämpfe, das Hochland von Schirié emporstieg. Ich nahm +meinen Weg nach der _Zarima_, einem Nebenflusse des Takazzié, zu, nicht +ohne von meinen Leuten vor dem Rebellen Terso Gobazye gewarnt zu sein, der +diese Gegend unsicher machte. Wie ich später erfuhr, war die Rebellion +dieses Mannes mein Glück, denn Theodor hatte plötzlich drei Tage nach +meiner Abreise aus Gondar eine Kavallerieabtheilung hinter mir +hergeschickt, welche mich zurückbringen sollte. Kurz nach meinem Aufbruche +von Dobarek kam sie dort an, wagte sich aber aus Furcht vor dem Rebellen +nicht weiter und kehrte, ohne ihren Auftrag erfüllt zu haben, zurück. Der +Negus wurde wüthend und rief aus: "_Welches Unglück! Der erste Mensch, der +von hier abreiste, ohne genau zu wissen, ob ich sein Freund oder Feind +bin!_" + +Sire! Sie täuschen sich. Ich bin unterrichtet! Aber, ohne Sie zu +beleidigen, füge ich hinzu, daß ich mich lieber Ihrer Gunst in Paris als +in Gondar erfreue! + +Meine erste Station jenseit der Zarima war _Tschober_, wo Theodor gegen +die Gebrüder Garet focht und sein Liebling, der Irländer Bell, getödtet +wurde, worauf die Katastrophe folgte, die ich bei Dobarek schilderte. Ich +befand mich nun so recht mitten im abessinischen Kirchenlande, in +_Waldubba_, das förmlich von Mönchen strotzt. Auch die Menschen waren hier +schon andere; die jungen Mädchen sangen in einer Sprache, welche ich noch +nicht gehört hatte und die weit gutturaler als das Amhara klang. Auch +vernahm ich, daß ich mich schon im Gebiete des Volks von _Tigrié_ befand. +Wie die Amharas ernst, schweigsam und würdig auftreten, so erscheinen im +Gegensatz die Leute von Tigrié fröhlich, lustig, mit einem Worte als "gute +Kinder". Frankreich stand in den Bürgerkriegen 1856-1860 auf Seiten der +letzteren; England begünstigte die Amharas, und ohne gesuchten Vergleich +kann man sagen, daß diese Sympathien dem beiderseitigen Nationalcharakter +entsprachen. + +Drei Tage später gelangte ich an das Ufer des Takazzié, den ich bei +niedrigem Wasserstande traf. Sein dunkles, vom abgefallenen Laube +getrübtes Wasser rollte zwischen dicken Wäldern dahin, die an die Urwälder +Südamerika's erinnerten. Hier war echte, tiefe Kollaregion. Am jenseitigen +Ufer, wo das Land wieder bergig wurde, gelangte ich in die Deka der +reichen und wohlbevölkerten Provinz Schirié, die sich nach dem Mareb hin +erstreckt. Ich verließ nun die nördliche Richtung und wandte mich mehr +nach Nordosten, einer schönen sumpfigen Prärie zu, welche links von +bizarren Bergen begrenzt wurde. Da, wo sie endigt, liegt _Axum_, die alte +heilige Stadt Abessiniens, die jedoch bereits so oft von den +verschiedensten Reisenden geschildert worden ist, daß ich die Leser mit +Aufzählung ihrer Alterthümer hier nicht ermüden will. (Vergl. oben S. 4.) + +In vier und einer halben Stunde gelangte ich weiter nach der gegenwärtigen +Hauptstadt Tigrié's, _Adoa_. Die Stadt liegt zwischen dem südlichen Fuße +des Scholada am linken Ufer eines kleinen Baches, der sich mit dem Asam +vereinigt. Die südlichen, weniger zusammenhängenden Quartiere sind über +mehrere Anhöhen zerstreut und theilweise sehr im Verfall begriffen. Viele +Kirchen, wie gewöhnlich in kleinen Hainen, erheben sich in und um Adoa, +unter denen sich die von Metchimialem auszeichnet. Sie ist von Detschas +Sabagadis erbaut, der eine große Glocke hierher stiftete. Die Straßen sind +eng, krumm und schmuzig, die Häuser meist aus Stein gebaut; viele haben +Dächer von Thonschieferplatten, andere von Stroh; auch solche von zwei +Stockwerken sind keine Seltenheit. Der Hofraum ist immer mit einer hohen +Feldsteinmauer umgeben, in welcher sich Gärtchen hinziehen und Cordiabäume +stehen. An der nordöstlichen Ecke auf einer steinigen Ebene am Bach ist +der Marktplatz, wo an mehreren Tagen der Woche Markt gehalten und +geschlachtet wird. Seit Jahrhunderten und namentlich seit dem Verfall von +Axum ist Adoa die Haupt- und erste Handelsstadt Tigrié's, deren +Einwohnerzahl, fast lauter Christen, etwa 6000 Seelen beträgt. Die +industriellen Produkte sind von geringer Bedeutung. + +Da meine in Gondar gemietheten Leute nicht weiter gehen wollten, mußte ich +hier frische Diener miethen. Dies hielt mich 14 Tage in Adoa auf, und +diese Zeit benutzte ich zu Exkursionen in die Umgegend. Leider versäumte +ich, die Ruinen der _Jesuitenresidenz Fremona_ bei Mai Goga in der Nähe zu +besuchen. Bruce, der sie gesehen hat, giebt an, daß zu seiner Zeit die +Mauern noch 27 Fuß hoch gewesen seien, ein von Thürmen flankirtes Viereck, +das als Festung gedient hatte. Doch das verhinderte die Vertreibung der +Patres nicht, die vor zwei Jahrhunderten eine fürchterliche Qual +Abessiniens waren. Man erzählte mir, daß die Ruinen heute ein Gegenstand +der Furcht bei den Landleuten seien, welche das alte Gemäuer von bösen +Geistern bevölkert glauben. + +Am 29. Oktober 1863 verließ ich mit fünf Lastträgern, die ich bis Massaua +zu dem billigen Preise von anderthalb Thaler pro Mann gemiethet hatte, +Adoa. Am Abend kampirte ich schon in dem äußerst ungesunden +Hamedo-Tieflande am Mareb. Diese granitische Ebene bildet für den +Botaniker und Zoologen ein wahres Paradies, sie ist aber, wenige Monate im +Jahre ausgenommen, furchtbar ungesund, ja geradezu tödtlich. Hier mußte +auch mein Landsmann Dr. _Dillon_, der Freund Lefêbvre's, nach der +Regenzeit sein Leben lassen, als er, ungeachtet der Warnungen seiner Leute +in die Kolla hinabstieg. "Vorwärts, ihr Feiglinge", rief er ihnen +unklugerweise zu. Die Abessinier zauderten, sagten aber dann: "Dieser +Fremdling geht in den gewissen Tod und wir auch, wenn wir ihm folgen. Ist +es aber recht, denjenigen zu verlassen, dessen Brot wir so lange gegessen? +Vorwärts denn mit Gott!" + + [Illustration: Bauer aus Antitscho. Nach Lejean.] + +Fünf Tage darauf war Dillon todt und fünf seiner Diener gleichfalls. Ich +könnte noch viele ähnliche Thatsachen anführen. Habe ich nun recht, wenn +ich die Abessinier ein edles Volk nenne? (Man sieht, wie sehr sich die +Urtheile gegenüber stehen, allein dieser eine edelmüthige Zug möchte doch +das lasterhafte Volk nicht rein waschen). Was man jedoch noch weniger +verneinen kann, ist die äußere Schönheit der Abessinier, Beweis dessen ich +hier auf gut Glück das Porträt eines Landmanns aus dem Distrikt Antitscho +in Tigrié hersetze. + +Die ungesunde Ebene von Hamedo lag nun hinter mir und ich passirte den +_Mareb_ in einer Furth. Zu meinem Erstaunen fand ich ein sehr klares +breites Wasser, das jedoch nur einen Fuß Tiefe hatte und zwischen +belaubten Abhängen, wie zwischen zwei Hecken hinfloß. Jenseit desselben +stiegen wieder Berge an, auf denen der Marktflecken Gundet liegt und die +gesunde Deka beginnt. + +Meine nächste Station war Asmara, die gegenwärtige Residenz des +Baharnegasch oder Beherrscher der Meeresküste. Diesen stolzen Titel führte +ein einfacher Schum (Ortsvorstand), der vom Statthalter der Provinz +Hamasién eingesetzt wird. Der Mann empfing mich mit vieler Freundlichkeit +und schenkte meinen ausgehungerten Leuten einen Hammel, ohne etwas dagegen +zu verlangen. Er war ein vollendeter Gentleman, welcher bei meiner Abreise +mich merken ließ, daß es ihm an Zündhütchen fehle. Da ich leider keine bei +mir hatte, schickte ich ihm nach meiner Ankunft in Massaua eine größere +Partie. Asmara ist keineswegs die Hauptstadt von Hamasién; als solche galt +in alter Zeit Debaroa und heute _Tzazega_, wo der Detschas Hailu, ein +Liebling Theodor's II., residirte. Der Ort liegt malerisch zerstreut auf +einem Hügel und zählt etwa 2000 Einwohner, die etwas Handel und namentlich +Maulthierzucht treiben. + +Das Gebiet des Nils lag schon hinter mir und ich befand mich hier in +demjenigen des _Anseba_, der durch den Barka seine Wasser dem Rothen Meere +zusendet. Bald war auch die Grenze Abessiniens erreicht und die Terrassen +lagen vor mir, die sich nach der kahlen, brennend heißen Samhara +hinabsenken. Erst jetzt fühlte mein Herz eine Erleichterung; das +Damoklesschwert hing nicht mehr über meinem Haupte, ich war der Gewalt +Theodor's gänzlich entrückt. + +Schnell war auch das Küstenland durchzogen, und in Massaua begrüßten mich +nach langer Irrfahrt zuerst wieder die Spuren europäischer Civilisation. + + [Illustration: Ansicht des Gemp in Gondar. Nach Rüppell.] + + + + + + [Illustration: Inneres einer Mensahütte. Originalzeichnung von Robert + Kretschmer.] + + + + + + REISEN IN DEN NÖRDLICHEN UND NORDWESTLICHEN GRENZLÄNDERN ABESSINIENS. + + + Das Land der Mensa und Bogos. - Reise des Herzogs Ernst. - + Monkullo. - Labathal. - Plateau von Mensa. - Das Volk der Mensa. - + Ausflug nach Keren. - Elephantenjagd. - Rückkehr. - Munzinger über + die Bogos. - Geschichtliches. - Ein aristokratisches Volk. - + Rechtsverhältnisse. - Aberglauben. - Das Christenthum der Bogos. - + Der Marebfluß. - Die demokratischen Bazen und Barea. + + + + + 1. Reise des Herzogs von Koburg nach Mensa und Bogos. + + +Da, wo die Terrassen des nördlichsten Distrikts von Abessinien, der +Provinz Hamasién, die natürliche geographische und politische Grenze des +Landes ausmachen, hören die vulkanischen Wackengebilde, die rothen +Eisenthone und ebenen Basaltplateaux auf und die Urgebirge, die Granite, +Gneise, Glimmerschiefer erhalten die Herrschaft. Sie bilden ein Gebirge, +das, nach Osten hin zum Rothen Meere, nach Westen gegen das Tiefland des +Barka abfallend, von zahllosen Wasserrinnen durchflossen ist, welche +während der heißen Jahreszeit vertrocknen. Der namhafteste dieser +Gebirgsbäche ist der Anseba, welcher sich mit dem Barka vereinigt. Noch +vor zwanzig Jahren war dieses Gebiet den Geographen fast gänzlich +unbekannt - jetzt gehört es zu einem derjenigen Theile Afrika's, dessen +Kenntniß am meisten gefördert ist. Die Völkerschaften, die dort wohnen, +die Bogos mit den Mensa, die Bedschuk, Takul und Marea sind theilweise +Christen, werden aber in nicht allzuferner Zeit dem Islam anheimfallen. +Auch in ihrer Sprache unterscheiden sich die Bogos und Bedschuk von ihren +Nachbarn; erstere ist ein Agau-(Agow)Dialekt, welcher aber mehr und mehr +dem Tigré Platz macht. (Vergl. S. 92.) + +Vor Allem aber hat die Natur dies "Alpenland unter den Tropen" mit dem +herrlichsten landschaftlichen Charakter gesegnet, mit vielfach +gegliederten Hochebenen und kühnen Felsgestalten. Zur Regenzeit entwickelt +sich dort eine höchst mannichfaltige und reiche Vegetation, und das +Thierreich ist so überaus wohl vertreten, daß Bogos sammt Mensa dem +Waidmann als ein Paradies erscheinen müssen. + +Die Berichte, welche die deutsche Expedition unter von Heuglin über diese +gesegneten Landstriche in die Heimat sandte, das Interesse welches sie an +und für sich erwecken mußten, endlich die vergleichsweise leichte +Zugänglichkeit, die nahe Lage an der Küste - man kann von Triest aus, wenn +Alles ineinander greift, jetzt in ungefähr vierzehn Tagen nach Mensa +gelangen - machten auch in einem deutschen Souverän den Wunsch rege, jene +Gegenden zu besuchen, um dort der edlen Jagd obzuliegen. In Schottlands +Hochbergen hatte _Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha_ schon den +Edelhirsch gejagt, er hatte Gemsen am Fuße der Alpengletscher erlegt und +nun entschied er sich auch dahin, auf Elephanten, Löwen, Leoparden, +Gazellen und Antilopen in ihrer tropischen Heimat zu pürschen. Doch die +Wissenschaft sollte bei diesem Unternehmen keineswegs leer ausgehen, und +so versah sich der Herzog mit einem Stabe tüchtiger Männer, die vollkommen +geeignet waren, das Erlebte und Gesehene in Wort und Zeichnung +aufzubewahren. + +Die Reisegesellschaft bestand aus dem Herzoge und seiner Gemahlin, dem +Fürsten Hermann Hohenlohe und dem Prinzen Eduard Leiningen, dem Major von +Reuter nebst Frau, dem Arzte Dr. Hassenstein, dem Maler Robert Kretschmer +- dem wir einen Theil der prächtigen, naturwahren Illustrationen zu diesem +Werke verdanken - dem Naturforscher Dr. Brehm, Friedrich Gerstäcker und +einigen Anderen. Dr. Brehm, der Afrika aus eigener Anschauung bereits +kannte, wurde als Pionier vorausgesandt, um die besten Wege ins +Mensagebirge zu erforschen, und am 28. Februar 1862 verließ die Expedition +selbst Triest. Nach sechstägiger Fahrt wurde Alexandrien erreicht, Kairo +besucht und den Nil stromaufwärts bis zu den Ruinen von Luxor gedampft, +endlich mit einem Extrazug durch die Wüste nach Suez gefahren, wo die +hohen Herrschaften nebst ihrem Gefolge sich am 24. März einschifften. Fünf +Tage dauerte die Fahrt durch das Rothe Meer, und am 29. warf der Dampfer +bei _Massaua_ Anker, wo eine englische Fregatte bereit lag, um der +herzoglichen Expedition während ihres Aufenthalts an der entlegenen Küste +Schutz angedeihen zu lassen. + +Jener wichtige Hafenplatz wurde der Ausgangspunkt zur Reise in das +Hochland, welche die Frau Herzogin jedoch nicht mitzumachen gedachte. Sie +blieb vielmehr in dem westlich von Massaua gelegenen Dorfe _Monkullo_ +(Umkullu, M'Kullu) zurück, das man als eine Art Vorstadt von Massaua +bezeichnen kann, weil viele Massauer Familien hier ihre Hütten und die +meisten Geschäftsleute eine Frau mit Kindern und Sklavinnen wohnen haben, +von denen sie täglich Milch und Holz sich bringen lassen. Ein besonderer +Vorzug des Ortes sind seine Brunnen mit klarem süßen Wasser, das bis +Massaua geführt wird. Monkullo wird von mehreren Hügeln überragt, von +deren Hochfläche man einen Blick auf das Rothe Meer hat. Man sieht zwei +lange Streifen, welche sich von dem blauen Gewässer abheben; der längere, +zur Hälfte gelb, zur anderen grün, ist die Insel Tan-el-hut, wo Hemprich +begraben liegt; der andere Streifen ist Massaua. Die gelbe Farbe rührt von +Korallen, die grüne von einem dichten Gebüsch her, dessen immergrüne, +fettglänzende Blätter denen des Kirschlorbers ähnlich sind; diese Pflanze, +der _Schorawurzelträger_ (_Avicennia tomentosa_), heißt zu Massaua +Sackerib und wächst nur an solchen Stellen, welche täglich bei der Flut +vom Meereswasser bespült werden. Aus der Ferne gesehen, gewähren die +Wurzelträger einen anmuthigen Eindruck; ihr sanftes Grün thut dem Auge +wohl; sie strecken ihre ziemlich dünnen Aeste in das Meer, und das Ganze +lockt fast unwiderstehlich an, weil es zu dem nackten gelben Strande einen +angenehmen Gegensatz bildet. Aber die Atmosphäre ist hier feucht, man kann +wohl sagen giftig, und die Hitze oft so arg, daß es gewissermaßen als eine +Erquickung erscheint, wenn man aus solch einem Avicenniengewirr +heraustritt und wieder von den glühenden Strahlen der äthiopischen Sonne +beschienen wird. + +Schnell eilten die Mitglieder der Gesellschaft aus der ungesunden +Küstenlandschaft dem Innern zu. Im Anfang war die Gegend der Samhara, +welche sie durchritten, sehr öde und arm; die sandigen, aus grobkörnigem +Kies bestehenden Berge glichen ganz jenen der Wüste. Das thierische Leben +der Samhara wird zuerst bei den Regenströmen bemerklich, die nach kurzem +Lauf hier dem Rothen Meere zueilen. Großartig wird die Natur erst da, wo +das _Labathal_ mit frisch sprudelndem Flüßchen aus dem Gebirge +hervortritt. Im hellsten Grün prangten die Gehänge des Thals bis hoch zu +den Bergen hinauf; alle Bäume standen im Blätterschmuck, viele von ihnen +waren gerade mit den köstlichsten Blüten bedeckt und leuchteten von den +Felswänden herunter. Gesicht, Gehör, Geruch schwelgten zu gleicher Zeit. +Der Farbenreichthum blendete das Auge, Wohlgeruch erfüllte das Thal und +wie ein Gruß tönte der Flötenruf des äthiopischen Würgers den Fremdlingen +ins Ohr. Auf den Zweigen wiegten sich Vögel aller Art von den kleinsten +Honigsaugern (_Nectarinia_) bis zum riesigen Ohrengeier. Auch sah man +Leoparden, Gazellen, Antilopen, Rudel von Affen, namentlich +Hamadryaspaviane eilten mit lautem Geschrei die Abhänge hinauf und muntere +Klippschliefer belebten die Felsen, die sogar Spuren des riesigen +Elephanten trugen, der bis in die hohen Berge hinaufsteigt. + +Ganz oben verwandelte sich das Thal in eine enge Felsschlucht, und unter +unsagbaren Mühen wurde am 7. April die Hochebene erklommen, welche +wiederum von riesigen Alpen umgeben die Hüttengruppen des Hirtenvolkes der +_Mensa_ trägt. Das Gebirge selbst besteht aus einem sehr grobkörnigen +Granit, welcher jedoch nur an den höchsten Spitzen durchbricht, und aus +Thon- und Glimmerschiefer, der sich wie ein Mantel um den innern +Granitkern gelegt hat. In den tiefern Thälern finden sich steile Wände, +welche jedoch fast überall zugänglich sind und es noch viel leichter sein +würden, wenn nicht die Pflanzenwelt dies verhinderte. Alle Felsen sind +grün bis oben hinauf, und wo nur ein geeignetes Plätzchen sich findet, da +hat die Pflanzenwelt sicher Fuß gefaßt. Doch bestimmt die Armuth an +Dammerde das Gepräge der Vegetation. Große gewaltige Bäume giebt es nur im +Thale, und hier zeigen sich am Bache die charakteristischen Gewächse der +Kollaregion: schirmförmige Mimosen, prächtige Tamarinden, Kigelien mit +ihren großen Früchten, Adansonien, Akazien, Oelbäume, die +Kronleuchter-Euphorbie und eine niedrige Palme. + +Der stattliche Gebirgszug, in dessen Gipfel das Plateau von Mensa +gleichsam eingekeilt liegt, mag sich in den Theilen, welche von der +herzoglichen Expedition berührt wurden, zu einer Höhe von 8000 bis 9000 +Fuß erheben. Die Hochebene selbst soll gegen 6000 Fuß über der +Meeresfläche liegen und wird durch einen niedrigen Hügelrücken in zwei +Theile geschieden. Der eine bildet eine wilde, mit Büschen bewachsene, +sandige Fläche, die oft von Schluchten durchzogen ist. Der andere zeigt +besseren Boden und wird bebaut. + +Das Dorf _Mensa_ bildet zwei Gruppen von Niederlassungen mit zusammen etwa +100 Hütten, die sich an die beiden Ränder der Hochebene anlehnen. Dicht +hinter denselben steigen die bewaldeten Felsgehänge noch kühn empor und +tritt zwischen riesigen Granitblöcken ein klarer Quell hervor, und ringsum +entfaltet das Gebirge seine ganze Pracht. Die Stelle war zu Ausflügen gut +gewählt, aber leider wurde die Freude theuer bezahlt, denn ein großer +Theil der Gesellschaft wurde vom Fieber gepackt. Die Gesunden ließen sich +jedoch dadurch nicht abhalten, tüchtig der ergiebigen Jagd nachzuspüren +und die Sitten der Eingeborenen zu studiren. + +Nirgends wol in Afrika trifft man auf so elende Behausungen als in Mensa. +Die _Hütten_ bestehen aus Stangen oder Zweigen, über die man einfach +Reisig wirft, das nicht einmal gegen den strömenden Regen gedichtet wird. +Eine kleine niedrige Thür führt in das Innere des hohlen Reiserhaufens. +Dort gewahrt man dieselbe Unfertigkeit: einige aneinander gereihte Stäbe, +welche auf Querhölzern ruhen und von gegabelten Pfählen getragen werden, +bilden den Schlafplatz. Diese Bettstätte ist außerdem mit einem +laubenähnlichen Bau überdacht, der immer noch den Regen durchläßt. Außer +einigen irdenen Töpfen, dem unentbehrlichen Reibstein, auf dem das +Getreide zerkleinert wird, einem Topfe, in dem man das Korn aufbewahrt, +und einigen Schläuchen sieht man keine Geräthschaften im Innern. Eine +Dornumzäunung schließt die Wohnung ein, und innerhalb derselben liegt der +kleine Tabakgarten, denn das starke Kraut wird von den Männern +leidenschaftlich aus großen Wasserpfeifen geraucht, deren Wasserbehälter +durch einen Kürbiß gebildet wird. + +Die Mensa sind schöne, wohlgebaute Menschen von gelblicher bis +dunkelbrauner Hautfarbe. Ihre Sprache ist das Tigré. Das Haar ist +eigenthümlich frisirt, wie es die Abbildungen zeigen, und mit einer Nadel +versehen, welche die Ruhe unter den lästigen Insassen herzustellen hat. +Kurze baumwollene Hosen und weite Umschlagmäntel machen die Kleidung der +Männer aus; eine lederne, in viele Streifen zerspaltene Schürze bildet die +einzige Bekleidung der unverheiratheten Mädchen, welche am Tage der +Verheirathung mit einem Umschlagetuche vertauscht wird. Das Leben des +Volkes hängt von den Herden ab; Getreidebau wird wenig betrieben. Die +Erhaltung und Vermehrung der Herden macht die ganze Wissenschaft ihres +Lebens aus. Der Mensa hält sich um so verständiger, je besser er mit dem +Vieh umzugehen versteht, und er achtet sich um so glücklicher, je +zahlreicher seine Herde von Buckelrindern ist. Manche von den Leuten, +welche in einer der beschriebenen erbärmlichen Hütten leben, nennen 5000 +bis 6000 Rinder ihr Eigenthum. Um überall die Weide gut ausnutzen zu +können, wandern die Mensa zweimal im Jahre von der Höhe ihres Gebirges zur +Tiefe der Samhara hinab, wenn dort die Regengüsse ein frisches Grün +hervorgezaubert haben. Die Milch der Kühe ist ihr vornehmstes +Nahrungsmittel, und bei festlichen Gelegenheiten wird ein Ochse +geschlachtet, dessen halbgeröstetes Fleisch gierig verschlungen wird. Als +geistiges Getränk dient der Honigwein. Ganz so schlimm wie die Abessinier +sind die Mensa beim Einnehmen ihrer Nahrung nicht, allein auch nicht sehr +verschieden von diesen. + +Das _Christenthum_ der Mensa ist genau so, wie wir es bei ihren Vettern, +den Bogos, weiter unten schildern. Das häusliche und eheliche Leben +unterscheidet sich kaum von dem der Abessinier. Mit Sonnenuntergang +sammeln sich die Mädchen auf den öffentlichen Plätzen und beginnen zu +tanzen, wobei die Zuschauer laut brüllen. Dieses Vergnügen währt bis tief +in die Nacht, jedoch nur wenn der Mond scheint und die Raubthiere nicht zu +fürchten sind. An Festtagen hört man noch eine andere Musik, dann geben +die Flötenbläser ihre Künste zum besten. Die abessinischen Flöten sind +hohle Röhren mit verschiedenen kleinen Schallöchern, welche nach Art der +Mundharmonika geblasen werden. Einzelne Künstler verstehen auch eine Art +Geige zu spielen, d. h. eine Fiedel im Urzustande mit einer Saite von +Pferdehaaren, die mit einem einfachen Bogen gestrichen wird. Eine +Handtrommel mit Schellen unterstützt gewöhnlich dieses Konzert aufs +wirksamste. + +Eigenthümlich sind die _Grabhügel_ der Mensa. In weitem Kreise um das Grab +herum baut man eine senkrechte Ringmauer auf; den von ihr umschlossenen +Raum füllt man alsdann mit großen und kleinen Steinen aus. Die Steine +schichtet man in einem Haufen hoch auf und überlegt sie endlich mit +blendenden Quarzstücken, welche weit und breit zusammengetragen werden. +Die tropische Erzeugungsfähigkeit sorgt bald für grüne Umrankung und +Umlaubung, und dann heben sich diese Gräber um so heller von dem dunklen +Hintergrunde ab. + +Hier nun, unter diesem Volke, schlug man die Zelte auf und verweilte +einige Zeit. Als die Gewitterregen nachgelassen, trat der Herzog, von +seinen beiden Neffen begleitet, einen Ausflug nach _Keren_ im Bogoslande +an. Am 12. April setzte sich der Zug in Bewegung, durcheilte in +nordwestlicher Richtung die Mensa-Hochebenen und gelangte am nächsten Tage +bereits in eine sehr veränderte Gegend. Die reiche Vegetation des +Mensathales war fast ganz verschwunden, die Bergrücken waren kahl und nur +an den Abhängen zeigten sich Mimosen und verkrüppelte Oelbäume. In den +tiefern Thaleinschnitten wuchsen riesige Adansonien und Euphorbien. Nach +einem Ritt von mehreren Stunden wurde das Dorf Gabei Alabu auf einem +felsigen Plateau erreicht, wo die Einwohner nach einigem Parlamentiren +Milch und eine Kuh zum Geschenke brachten. "In keiner Weise konnten wir," +erzählt Herzog Ernst, "auf der ganzen Reise zwischen diesen Völkerschaften +auch nur über die geringste Unbill klagen, und ich muß lobend erwähnen, +daß uns überall mit aufrichtiger Freundlichkeit und Gastfreundschaft +begegnet wurde." Nachdem man zwei Stunden weiter geritten, gelangte man an +das malerische Ufer des _Anseba_ (Ainsaba). Der Strom hielt noch dritthalb +Fuß Wasser und floß silberhell und reißend dahin. In unendlichen Windungen +sendet er seine klaren Fluten, die unfern von Tzazega in Hamasién +entspringen, durch das Gebirgsland und erquickt mit seinen zweimal im +Jahre austretenden Gewässern die durstige Ebene. Soweit dies der Fall ist, +zeigt auch der Boden die ganze Fülle der Tropenvegetation; wunderbar +geformte Bäume, dicht mit Lianen überzogen, wechseln malerisch mit +haushohem Schilf. Tausende von Vögeln aller Art bevölkern diesen schmalen +Streifen Erde, der gleich einer Oase meilenweit den Strom begrenzt, +welcher später seine Wasser mit denen des Barka vereinigt, also nicht dem +Gebiete des Nil, wol aber jenem des Rothen Meeres angehört. + +Die gehoffte Jagd fand leider hier nicht statt, dafür stattete man dem +jenseit des Flusses liegenden Dorfe _Keren_, dem Hauptorte von Bogos, +einen Besuch ab. Der Herzog schildert Keren als ein elendes, auf einer +Hochebene gelegenes Dorf, das außer den Hütten der Eingeborenen nur zwei +größere Gebäude, die Wohnung des weit und breit bekannten Missionärs +_Stella_, aufweist. "Stella ist ein kleiner untersetzter Mann mit +stechenden klugen Augen, aber sonst wohlwollenden Zügen. Er gehört zum +Orden der Lazaristen. Unstreitig ist er, nach Allem, was ich über ihn +gehört und gelesen, zu den wenigen intelligenten Europäern zu rechnen, +welche seit einer Reihe von Jahren das Innere Afrika's bewohnten. Durch +seinen Charakter, seinen Muth und sein kluges Benehmen ist er zu einer +bedeutenden Person geworden. Er ist nicht nur bei den Bogos höchst +angesehen, sondern steht auch in einer gewissen Verbindung mit dem Kaiser +Theodor und den ganzen politischen Verhältnissen Abessiniens. Die +Ausbreitung der katholischen Religion scheint ihm hier nicht allein am +Herzen zu liegen. Er schien vorzugsweise Rathgeber und Vermittler zwischen +obwaltenden Streitigkeiten der Stämme zu sein. Ein Gehalt, der ihm +regelmäßig ausgezahlt wird, und eine ausgesuchte Herde machen ihm bei +geringen Bedürfnissen ein angenehmes Leben möglich." + + [Illustration: Eingeborene von Mensa vor ihren Hütten. + Originalzeichnung von Robert Kretschmer.] + +Der Boden bei Keren, das 4469 Fuß über dem Meere liegt, ist fruchtbar, +aber nur ab und zu mit Durrah, etwas Tabak und dem gewöhnlichen +Seifenkraut bepflanzt. Nach Osten und Süden steigen rauhe Gebirge in die +Höhe, während sich die im Norden liegenden Ketten mehr und mehr abflachen. +Nach Westen zu sieht man den Bergen deutlich an, daß sie aus einer Ebene +emporsteigen, denn unmittelbar hinter ihnen beginnt die unabsehbare +Barka-Steppe. Wasser enthält die Hochebene so gut wie gar nicht. + +Keren war der fernste Punkt, bis zu welchem der hohe Reisende gelangte. Er +zog nach kurzem Aufenthalte von da nach Mensa zurück, wo er am 16. April +wieder anlangte. Schon am zweiten Tage darauf fand eine glückliche +Elephantenjagd statt, und mit nicht geringer Anstrengung gelang es, auf +den 8000 Fuß hohen Felsenhöhen des Beit-Schakhan einen alten und einen +jungen Elephanten zu erlegen. + +Mit folgenden Worten schildert der Herzog das Abenteuer selbst: "Es mochte +wol zwischen 2 und 3 Uhr sein, als ein für uns kaum hörbarer Ton das Ohr +des uns begleitenden jungen Eingeborenen traf. Wie eine Schlange schnellte +die schwarze nackte Gestalt aus dem Grase empor, und die heftigste sich in +den wunderlichsten Gesten kundgebende Aufregung bewies uns, daß ein +Zeichen von unten gegeben sei. Wie durch einen Zauberschlag berührt, +sprangen wir jetzt auf die Füße und griffen zu unseren Büchsen. Die +reizende Aussicht war, wie Müdigkeit für uns verschwunden, die +Sonnenstrahlen erschienen nicht mehr heiß, und ohne weiter zu überlegen, +was eigentlich das Zeichen bedeute, trabte die ganze Gesellschaft über +Steinblöcke durch Dick und Dünn der Tiefe zu, aus der in abwechselnden +Zwischenräumen das schon vorher erwähnte Zeichen wiederholt wurde. + +"Der junge Mensaner mit Schild und Speer an der Spitze, führte den Zug, +und da ihn weder Kleidung noch Korpulenz am Laufen hinderten, so fiel er +in ein wahrhaft gefährliches Tempo, für das nur die jüngsten Beine +geschaffen schienen. Erst nach anderthalb Stunden trafen wir die beiden +Elephantenjäger. Nur einige hundert Schritt folgten wir ihnen und sahen +schon zum allgemeinen Entzücken, auf der gegenüberliegenden Bergwand, +zwischen dem Gestrüpp und alten Euphorbienbäumen, Elephanten ruhig ihr +Diner verspeisen. + + [Illustration: Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in + Mensa. + _(Originalzeichnung von R. Kretschmer.)_] + +"Hier hätte nun ein Kriegsrath gehalten werden müssen, um, wie vorher +verabredet, die Jagd zu besprechen. Hierzu ließen uns die aufgeregten +Eingeborenen aber keine Zeit. Sagudo ergriff mich beim Arm, schüttelte +mich, als ob es gälte, Aepfel von einem Baume zu schütteln, wies mit +grimmigen Geberden auf die unten äsenden Elephanten und riß mich mit sich +fort. Vorwärts ging es nun wieder in vollem Laufe durch Aloë, Cactus und +Mimosen. Bald waren die ohnehin defekten Hemden und Beinkleider zerrissen, +und die glühende Sonnenhitze badete uns im Schweiß. Mit einem Male hielt +der Jäger an, schnitt mir ein wüthendes Gesicht und klopfte mit dem Laufe +seiner riesigen Muskete auf meine Schuhe. Sein Wunsch war augenscheinlich +der, daß ich von jetzt ab die Pürsche barfuß - wie er ging - fortsetzen +solle. Aus meinen ebenso grimmigen Mienen und bezeichnenden +Gestikulationen mochte er jedoch wol entnehmen, daß die Sohlen unserer +Füße nicht, wie die seinen, für Dornen und scharfe Steine geschaffen +seien, und weiter ging es, eine Lehne hinab, durch einen ausgetrockneten +Sturzbach hindurch und drüben einen steilen Graben hinauf. Wir folgten +genau in dem sonst undurchdringlichen Dickicht den Windungen der kleinen +Pfade, welche die Ungethüme, sich vor uns äsend, erst im Augenblicke +getreten hatten. Noch eine Weile und wiederum ging es einen Strand hinab, +und in langen Sätzen wollten wir eben die Felsen eines zweiten Sturzbaches +überschreiten, als wir auf 50 Schritt vier Elephanten unter uns denselben +Bach kreuzen sahen. + +"Athemlos hielt Alles still. Ich riß meine Büchse an den Backen und wollte +eben den größten Elephanten aufs Korn nehmen. Da fiel mir der Jäger in den +Arm und machte solche furchtbare Grimassen, daß ich nicht anders glauben +konnte, als er halte es noch für zu weit. Die Elephanten, welche schlecht +äugen, gingen unter uns vorüber. Kaum waren sie aber auf der +entgegengesetzten Wand verschwunden, als das Rennen unmittelbar auf ihrer +Fährte wieder begann. Hiernach schien es die Absicht des Jägers zu sein, +die Thiere einzuholen und mit den letztern auf wenige Schritte zusammen zu +kommen. + +"Die Leidenschaft hatte uns alle erfaßt und jeglicher Ueberlegung der +drohenden Gefahr, in der wir uns befanden, beraubt. Kaum mögen acht +Minuten vergangen gewesen sein, als wir, der vermeintlichen abwärts +führenden Spur in langen Sprüngen von Fels zu Fels folgend, mit dem +vordersten der Elephanten auf drei Schritte zusammentrafen. Die Thiere +hatten einen auf uns zurückführenden Pfad eingeschlagen. Noch einen +Schritt weiter und wir wären sämmtlich verloren und zu Brei getreten +gewesen. + +"Mit kühner Geistesgegenwart erfaßte der Jäger den Augenblick, und indem +er einen gellenden Schrei ausstieß, stürzte er sich - gleichwie der +Schwimmer von einem Springbret in das Wasser - von dem erhöhten +Standpunkte etwa zehn Fuß tief in ein wildes Cactusdickicht hinein. Zum +Besinnen hatten wir auch keine Zeit und ahmten, fast instinktmäßig, den +sicheren Tod vor Augen, das Manöver nach. Auf das furchtbarste +zugerichtet, drückten wir uns, wie ein Kitt Hühner unter eine Krautstaude, +hinter einen Granitblock. Die Elephanten hatten, durch die wunderbare +Erscheinung erschreckt, selber eine Bewegung halb rechts gemacht, +dergestalt, daß sie uns schräg abwärts in einer Entfernung von vielleicht +10 bis 15 Schritt, jedoch ohne im geringsten flüchtig zu sein, die Flanken +zeigten. + +"Der Augenblick zum Handeln war gekommen. Der Jäger, Hermann (Fürst +Hohenlohe) und ich waren mit einem Sprunge beinahe zu gleicher Zeit auf +dem Felsen, der uns gerettet, die Büchsen flogen in die Höhe und vier +Spitzkugeln bohrten sich hinter das riesige Gehör des Ungethüms. Der +Elephant war tödtlich getroffen. Er hielt an und stieß jenen durch Gordon +Cumming so wohl beschriebenen Schmerzenston aus, und wäre unsere Lage +nicht so mißlich gewesen, so hätten wir ruhig sein Verenden abwarten +können. Hier galt es aber augenblickliche Vernichtung und mit Büchsen _à +la_ Lefaucheux bewaffnet, ward es uns eine Leichtigkeit, in wenigen +Minuten gegen vierzehn Kugeln dem schon wankenden Koloß hinter Blatt und +Gehör zu senden. Ein zweiter Elephant, durch das Schießen beunruhigt, +kreuzte den Verwundeten. Auch er erhielt von Hermann eine Kugel auf das +Blatt, welche ihm jedenfalls jenen Schmerzensschrei entlockte, aber nur +dazu zu dienen schien, seine Flucht zu beschleunigen. Unser erstes Opfer +schwankte noch einige Male, indem es sich langsam umdrehte, hin und her. +Da erhielt er aus der Muskete unsers Jägers den letzten Gnadenschuß durchs +Herz. Das Thier stürzte mit einem furchtbaren Getöse und rollte, wie ein +Hase auf einem gefrorenen Abhang, die Bergwand wol 500 Schritt hinunter, +Bäume und Felsen vor sich her wälzend. Die Straße, die sein Körper +beschrieben hatte, glich einem jener Lawinenstreifen, die man so oft im +Hochgebirge auf der Gemsjagd antrifft. Mit einem Freudengeschrei jagten +wir dem verendeten riesigen Thiere in den Abgrund nach, wo wir es tief +unten, zwischen zwei Granitblöcken eingeklemmt, noch gewaltig mit seinen +Füßen arbeitend, liegen sahen." + +Noch ein zweiter junger Elephant, der gleichsam um die Mutter zu rächen, +wüthend herbeigeschnaubt kam, wurde erlegt, die Jagd war vollendet, und +beleuchtet von den Strahlen der glühend untergehenden Sonne standen die +Sieger auf den kolossalen Leichen ihrer Jagdbeute. Die Landschaft, in +welcher die gefahrvolle Jagd stattfand, schildert der Herzog +folgendermaßen: "Ein Panorama lag vor uns, wie ich es nur an wenigen Orten +Tyrols und der Schweiz getroffen habe. Ein unabsehbares Meer grüner und +brauner Berge, hier in den schönsten und reichsten Formen gelagert, dort +wieder scharfgezeichnete Felsspitzen in pittoresken Gestalten +vorstreckend, bot sich unsern Blicken. In weiter Ferne bezeichnete ein +goldener Streif die Fluten des Rothen Meeres, nach allen übrigen +Himmelsgegenden reihten sich Gebirge an Gebirge. Das schwierige Besteigen +jener Alpen wäre schon hinreichend durch die unbeschreibliche Aussicht +belohnt gewesen, deren wir uns hier zu erfreuen hatten. Die Sonne war +glühend, dennoch erfrischte uns ein kühler Luftzug und ausgestreckt im +hohen Grase schwelgten wir in den Genüssen der Natur." + +Bald darauf brach, nach verschiedenen neuen Jagdabenteuern, die +Gesellschaft auf und langte am 23. April in Monkullu, bei der Frau +Herzogin wieder an. Ueber ihren Aufenthalt daselbst schrieb die hohe Dame +folgende Worte in ihr Tagebuch: "Die Tage, welche wir hier verlebten, +waren keine Idylle in der Weise der lieben Heimat, es war für uns +verwöhnte Kulturkinder Manches recht schwer zu überwinden; aber es war +doch ein Stilleben voll von großen Eindrücken, und die Erinnerung daran +möchte wohl keiner von uns missen. Wer einmal im Schein der tropischen +Sonne auf Himmel, Land und Meer geblickt hat, der wird die Farbenpracht +der Natur und die gehobene Stimmung, welche sie dem Menschen verleiht, nie +mehr vergessen. Was Licht heißt und glühende Farbenschönheit, das erfährt +man erst im Süden. Und die Einwirkung dieser Fülle von Licht und Farbe, +die großen Gegensätze, welche ohne Dämmerung, ohne das Nebelgrau der +Heimat, wie unvermittelt nebeneinander stehen und doch Bilder von der +wundervollen Schönheit geben, werden immer mächtiger, je länger man weilt, +und umgeben das Leben des Tages mit einer Poesie, die märchenhaft und fast +bewältigend ist. Und in diesem Zauberlichte glänzt eine fremde Erdenwelt, +denn Menschen, Thiere, Pflanzenformen, jeder Gegenstand, der an den +Reisenden herantritt, trägt dazu bei, die Stimmung, welche die Landschaft +hervorruft, zu erhöhen. Ungeachtet der Unsicherheit, welche der Europäer +in dieser Wildniß empfindet, ist die Grundstimmung, welche dieses +tropische Leben verleiht, doch eine erhebende Ruhe. Alles sieht +großartiger und einfacher aus, und ohne Mühe kann man sich hier um +Jahrtausende zurückdenken, in denen dasselbe Hirten- und Wanderleben war, +dasselbe Geschrei der Thiere, dieselben Pflanzen an derselben Stelle, +dasselbe Leuchten der Farben, ebenso der Sand mit den Steintrümmern und +dem weißen Gebein der gefallenen Thiere. Der Mensch vermag in der +großartigen Beständigkeit dieser Welt nur wenig." + +Am 26. April sagte endlich die Reisegesellschaft dem abessinischen Gestade +Lebewohl und trat die Fahrt durch das Rothe Meer nach Suez an. Leider +hielten gefährliche Fieber die Reisenden einige Zeit in Kairo zurück, und +erst am 30. Mai wurde in Triest wieder der europäische Boden betreten. Die +fürstliche Reise war auch für die Wissenschaft nicht ohne Ergebnisse, denn +abgesehen von dem Werke des Dr. Brehm, der die zoologischen Resultate +verarbeitete, veröffentlichte der Herzog selbst einen Reisebericht, der +mit den herrlichsten Abbildungen in Farbendruck von Robert Kretschmer's +Meisterhand geschmückt wurde. + + -------------- + +Der Aufenthalt des Herzogs im Bogoslande war jedoch viel zu flüchtig +gewesen, als daß derselbe unsere Kenntnisse von den Bewohnern desselben +hätte eingehend fördern können. Diese aber, durch Sitten, Abkunft und +Rechtsverhältnisse ein höchst interessantes Volk, lernen wir am besten +durch _Werner Munzinger_ kennen, der sich viele Jahre unter ihnen aufhielt +und gleich Stella eine bedeutende Stellung einnahm. + +Ueber das Bogosland sind viele Stürme hinweggebraust. Die ganze Nordgrenze +Abessiniens von Massaua bis zum Mareb war, der Sage zufolge, in alten +Tagen von den _Rom_ bewohnt, einem riesenhaften, übermenschlichen +Geschlechte. Der letzte desselben verfeindete sich mit Gott, schleuderte +eine Lanze gen Himmel und zur Strafe zerfraß ihm ein von Gott gesandter +Adler den Kopf. Die Rom werden noch in Liedern besungen und spitzige +Steinhaufen für ihre Gräber ausgegeben. Nach den Rom kamen die Kelau, ein +äthiopischer Stamm aus Abessinien, von dem nur wenig Reste blieben; dann +wanderten die Barea von Hamasién her ein und schließlich die Bogos. + +Ihr Stammvater _Gebre Terke_ ist vom Volke der Lasta-Agows (vgl. S. 90). +Aus Furcht vor der Blutrache verließ er seine Heimat, stieg hinab in die +Kolla und baute zu Mogarech im Bogoslande die Giorgiskirche; das mag 1530 +gewesen sein, zur Zeit der muhamedanischen Kämpfe gegen das christliche +Abessinien. Vor dem zu Aschra befindlichen Grabsteine des Stammvaters geht +auch heute noch kein Bogos vorüber, ohne ihn zu küssen. + +Bei den Bogos ist das Stammverhältniß stark ausgeprägt und die einzelnen +Abtheilungen sind derart durch Heirathen verschwägert, daß innere Fehden +zur Unmöglichkeit werden. Früher standen sie direkt unter Abessinien und +sandten alljährlich 60 Ochsen als Tribut an den König in Gondar. Sie +bildeten eine _Aristokratie_, die sich selbst nach eigenem Rechte +regierte, eine gewisse Kultur besaß, jedoch durch Kriege und Berührungen +mit den Nachbarn allmälig in Barbarei versank. Abessinier sowol als die +Aegypter von Ostsudan aus machten Verheerungszüge in das Bogosland und es +kam 1854 so weit, daß die Bogos endlich um Frieden flehten und den +Aegyptern versprachen, den Islam anzunehmen. Da erschien bei ihnen der +erwähnte Missionär Johannes _Stella_ und sammelte die Leute wieder, und +der englische Konsul _Plowden_ erwirkte im Namen Großbritanniens, daß das +christliche Gebiet für unverletzlich erklärt wurde. Doch noch immer nicht +hatten die Bogos Ruhe. Neue Raubzüge fanden gegen sie statt, man führte +viele in die Sklaverei. Wie wir aus Graf Krockow's Reise wissen, erschien +im November 1864 Pater Stella, begleitet von Werner Munzinger, in Kassala, +um beim ägyptischen Gouverneur darüber Klage zu führen, daß die Barea +außer vielem Vieh 104 Weiber und Kinder aus dem Bogoslande entführt +hätten. + +Noch immer zahlen die Bogos an Abessinien Tribut. Ihre Gesammtzahl beträgt +etwa 8000 Köpfe, von welchen zwei Drittel Unterthanen, sogenannte _Tigrés_ +sind, und ein Drittel aus _Schmagillis_ oder wirklichen Bogos besteht. Das +Gesammtvolk hat nach Munzinger 2100 Häuser und etwa 10,000 Stück Rindvieh. +Von höchstem Interesse sind die durch den genannten Forscher uns bekannt +gewordenen _Rechtsverhältnisse_ des Völkchens. Das Recht ist ein +patriarchalisch-aristokratisches. Die Familie ist Staat, Souverän und +Gesetzgeber, hat Recht über Leben und Tod der einzelnen Glieder. Wer nicht +Schmagilli, echter Bogos ist, wählt sich einen Schutzherrn und wird nun +dessen Dienstmann, Tigré. Eigentlich gilt jeder Fremde als Feind. Der +Patriarch (_Sim_) ist geheiligt; er ist gleichsam König ohne Königsgewalt. +Stirbt der Sim, so folgt ihm der Erstgeborene, nachdem er sich den ganzen +Leib mit dem Wasser gewaschen, in welchem die Leiche des Vaters gewaschen +wurde. Mit verhülltem Kopfe fastet er nun drei Tage; dann wird er, immer +noch mit verbundenen Augen, vor die Hütte geführt und ihm Kuhdünger, +Dornen und Sand vorgelegt. Greift er nach den Dornen, so bedeutet dies +Krieg; Sand läßt auf gesegnete Ernten hoffen, Kuhdünger auf Gedeihen der +Heerden. + +Für die kleinere Familie ist der Vater Richter; zweite Instanz bildet der +öffentlich versammelte Dorfrath (Mohäber). Trotz des Christenthums +herrscht unter den Bogos noch viel Barbarei. Niemand kann lesen und +schreiben; ein uneheliches Kind wird erstickt, und die eigenen Kinder +verkaufte man früher oft für weniger als einen Thaler. Unter den vielen +eigenthümlichen Sitten und Bräuchen heben wir folgende hervor. Kein Weib +wird melken oder Getreide schneiden. Kein Schwiegersohn sieht das Antlitz +seiner Schwiegermutter an. Die Frau steht im Allgemeinen niedrig; sie kann +jeden Tag fortgejagt werden und besitzt kein Klagerecht. Es kommt nicht +gerade selten vor, daß ein Mann nach dem Ableben des Vaters die +Stiefmutter heirathet, und Munzinger kennt ein Beispiel, daß ein Mann die +Frau seines gestorbenen Sohnes zum Weibe nahm. Scheidungen sind häufig, +die Vielweiberei ist jedoch ziemlich selten, wenn auch erlaubt. + + [Illustration: Hirtenfrau auf der Wanderung. Zeichnung von R. + Kretschmer.] + +Früher bauten die Bogos Häuser aus Stein - jetzt Zweighütten wie die +Mensa. Das Innere trennt man durch eine Matte in zwei Hälften. Auch in den +häuslichen Einrichtungen herrscht allerlei Aberglauben. So wird z. B. +Feuer und Wasser nach Sonnenuntergang niemals aus dem Hause gegeben und um +diese Zeit kein verliehenes Beil zurückgenommen. So lange eine Leiche sich +im Hause befindet, wird kein Feuer angezündet, und frische Butter zu +essen, gilt für eine Schande. + +Die Bogos haben schöne, regelmäßige Gesichtszüge und nicht das leiseste +Negergepräge. Die Hautfarbe wechselt zwischen Gelb und Schwarz. Die Augen +sind lebendig, schwarz und braun, der Haarwuchs weich und vollständig, +doch grob. + +Die Bogos sind mehr Hirten als Ackerbauer. Die Herden ziehen fast das +ganze Jahr hindurch im Freien umher, und wol ein Drittel der Bewohner +wandelt nomadisch mit denselben. Weib und Kind, das nöthige Gepäck wird +aufgeladen und der Weideplatz ausgesucht. Dann wohnt Alles unter +Palmenmatten, die bei einer Platzveränderung leicht abgebrochen und auf +Ochsen geladen werden. Milch ist die beliebteste Nahrung, und jede Kuh hat +ihren Namen. Der Hirt lenkt seine Herde mit guten Worten, ohne Hunde. + +Unter diesem Volke gilt, wie im eigentlichen Abessinien, das _Blutrecht_. +Die Nachkommen eines Vaters bis auf sieben Grade bilden die +Blutsverwandtschaft. Dieselbe wird des Bluts theilhaftig, wenn ein +Familienmitglied einen Mord begangen hat, und ist solch ein Glied getödtet +worden, so hat jene gesammte Verwandtschaft das Recht und die Pflicht der +Blutrache (_Merbat_). So lange die im Blut stehenden Familien sich +eigenmächtig untereinander der Rache hingeben, hat das Recht nichts zu +sagen; der Zwist wird den Blutfeinden überlassen. Sobald dieselben aber +zur Versöhnung bereit sind, wenden sie sich an einen Mittelsmann, welcher +jeder ihr Recht giebt; die Parteien zählen ihre Todten, und der Ueberschuß +wird mit dem Blutpreis gesühnt. + +Munzinger schildert, wie es mit dem Christenthum stand, als er und der +Lazarist Stella 1855 in das Land kamen. Die Bogos nannten sich _Kostan_, +Christen; zum Beweise, daß sie es seien, berührten sie niemals Fleisch, +das ein Muhamedaner geschlachtet hatte, und aßen weder Elephanten, noch +Hasen oder Strauße. Der Sonntag hieß großer Sabbath, allein die +Sabbathruhe wurde am Sonnabend beobachtet. Die Bogos haben zwei Kirchen; +bei denselben sind eingeborene erbliche Priester angestellt. Ihr Amt +besteht darin, an den Hauptfesten die Schiefersteine, welche die Glocken +vorstellen, anzuschlagen. Von Priesterweihe oder irgend einer religiösen +Kenntniß ist bei ihnen keine Rede. Munzinger kann nicht einmal dafür +einstehen, ob die 1858 lebenden Priester getauft waren. "Der alte +Stammpriester von Keren ist ein vermögender Mann, der sich nie +niedersetzt, ohne die heilige Dreieinigkeit anzurufen, aber er kennt nicht +einmal das Vaterunser." Von der Bedeutung der Festtage hat man keine +Vorstellung. Gott, Petrus, Dreieinigkeit sind gleichbedeutende Ausdrücke +für die Gottheit, aber über den besondern Sinn der Wörter ist man sich +nicht klar. Die heilige Jungfrau genießt die größte Verehrung, aber daß +sie Mutter des Heilandes sei, weiß Niemand. "Im Ganzen ist das +Christenthum ein Name, erhalten durch die Anhänglichkeit dieser Völker an +das Althergebrachte. Ueberhaupt ist den Landeskindern Religion die letzte +Sorge, und der Aberglauben überwuchert." Daß Munzinger die Befürchtung +ausspricht, der Islam werde auch dieses Völkchen erobern, wurde früher +schon hervorgehoben. Allein was ist an einem solchen Christenthum, das +noch unter jenem Abessiniens steht, gelegen? + + + + + 2. Werner Munzinger bei den Barea und Kunama. + + +Es wurde früher bei Erwähnung der deutschen Expedition gesagt, daß W. +Munzinger sich in Mai Scheka von Heuglin trennte und eine mehr westliche +Route einschlug, während Heuglin nach Süden in das eigentliche Abessinien +eindrang. Die Reise des ersteren, welche in die Tage vom 16. November bis +22. Dezember 1861 fällt, führte ihn längs des Marebflusses in Regionen und +zu Völkern, die bisher noch kein Europäer kennen zu lernen Gelegenheit +hatte. Das in Rede stehende Gebiet liegt jenseit des Barkaflusses im +Südwesten des Bogoslandes an der abessinischen Grenze und wird vom Mareb +durchströmt. + +Dieser Strom ist vermöge seines Charakters einer der eigenthümlichsten der +ganzen Erde. Seine Quelle liegt oberhalb des Dorfes Ad Gebrai in Hamasién, +dann bildet er, südlich fließend, eine Spirale, die von Gundet ab nach +Westen sich wendet und in die Kolla von Serawié eintritt. Bis hierher +gehörte er zu Abessinien, jetzt aber, wo er sich dem Lande der Kunama +nähert, verändert er seinen Gebirgscharakter; er sucht das Niederland und +heißt nun _Sona_. Hier ist er kein Waldstrom mehr und auch kein _Torrent_. +Wo nämlich der Boden das Wasser nicht an der Oberfläche halten kann, wo es +durchsickernd erst später auf einer festen Schicht Widerstand findet, da +zeigt sich der Strom als Torrent, d. h. es erscheint ein Sandbett, welches +nur zur Regenzeit überflutet wird und das ganze übrige Jahr scheinbar +trocken daliegt, weil der Wasserstrom _unterirdisch_ sich fortzieht. Der +Mareb nun erscheint als Mittelding zwischen Fluß und Torrent und verliert +diesen Charakter erst im Unterlauf. In der Regenzeit, Juli bis September, +wird er regelmäßiger Fluß; in den übrigen Monaten zeigt er sich als +Torrent, aber so, daß sein Sandbett hier und da von Teichen unterbrochen +wird, wo das Wasser für kurze Zeit an die Oberfläche hervortritt. In der +Ebene von Takka, bei der Stadt Kassala, heißt der Fluß _Gasch_ oder Chor +el Gasch. Hier, im Gebiete der Hadendoa-Araber, wird er zur Bewässerung +des Landes benutzt und hat eine Menge künstlicher Stromwehren, vermittelst +deren man ihn aufstaut und die Felder überschwemmt. So verliert er sich +meistens, aber in Jahren, wo sehr viel Regen fällt, wird es ihm möglich, +sich bis zum Atbara Bahn zu brechen, den er dann bei Gasch-Da, d. h. Mund +des Gasch, erreicht. + +Die Völker nun, am unmittelbaren Lauf des Stromes, unterscheiden sich von +den Bogos, einem aristokratischen Volke, durch ihr ganz _demokratisches_ +Wesen. "Die Natur," sagt Munzinger, "ist hier einförmig, kein Berg ragt +empor, keine scharfe Form zeichnet sich aus, kein entschiedener Gebirgszug +und keine großartige Ebene giebt dem Ganzen Charakter und Einheit; selbst +der Baumwuchs ist nur mittelmäßig; Gesträuch ist vorherrschend - und so +der Mensch und seine Verfassung; nichts strebt, nichts beherrscht; lose +zusammengeworfene Gemeinden entbehren der staatlichen Einheit und der +bürgerlichen Verschiedenheiten." + +Die _Kunama_ oder _Bazen_ und die _Barea_, welche hier wohnen, sind sich +ihrer Sprache und Tradition nach durchaus nicht verwandt und dennoch +stimmen ihre Rechtsbegriffe miteinander überein. Die Bazen bewohnten +früher Tigrié, bis sie von den Geézvölkern hinausgedrängt wurden. Die +Barea entsinnen sich nicht ihres Ursprungs, doch ist das Land der Bogos +voller Zeugnisse ihrer früheren Anwesenheit. Die _Religion_ beider Völker +ist ein gleichgiltiger Deismus, eine Idee von Gott, aber ohne Kultus oder +christliche Reminiscenz. Wochen und Tage verlaufen ohne Festtage; religiös +ist die Sorgfalt, die man auf die Gräber wendet, die aus Höhlen bestehen, +in welche der Leichnam beigesetzt wird; religiös die unbegrenzte Ehrfurcht +vor dem Alter, das allein regiert. Aberglauben hat das erbliche Amt des +Regenmachers gestiftet, des Alfai, der allein wohnt, Regen bringt und, +fehlt dieser, hingerichtet wird. Beschneidung war von jeher üblich, und +der Islam hat unter ihnen große Fortschritte gemacht. + +Beide Völker charakterisirt die radikale _Gleichheit der Individuen_, die +Abwesenheit des Staates; so leben die Dörfer zusammen friedlich und ruhig, +Verbrechen sind selten. Dem Auslande gegenüber aber fehlt der staatliche +Zusammenhang, die gegenseitige Hülfe. Beiden eigenthümlich ist die +Bevorzugung des Schwestersohnes, der Blut und Habe von seinem Onkel erbt +mit Ausschluß der Kinder; _eine Familie in unserem Sinne existirt also +nicht_, der Begriff von Vater und Sohn fehlt, dagegen hängen Neffe und +mütterlicher Onkel eng zusammen. Recht sprechen die Aeltesten des Dorfes, +und keine Aristokratie lehnt sich gegen die Beschlüsse der Gemeinde auf. +Selbst der Fremde wird nach kurzem Aufenthalt den alten Insassen gleich. + +Die Leute leben von heute auf morgen und dafür genügt der Ackerbau, den +sie fleißig treiben. Grund und Boden kann bei der Ausdehnung des Landes +nur wenig Werth haben, eine konsequente Viehzucht verbietet das Klima. +_Blutrache_ ist natürlich überall nothwendig, wo der Staat sie nicht +besorgt, doch hat sie bei den Barea und Bazen nicht den ausgebildeten +Charakter, wie bei den Abessiniern. Der Mörder muß sich dem Tode durch ein +mehrjähriges freiwilliges Exil entziehen, wonach er um ein geringes +Blutgeld ausgesöhnt wird. + +Das Land der Bazen ist reich an wildem Honig, den sie stark genießen, +während die Barea sich vorzugsweise von Bier nähren. Dieser Lebensweise +schreibt Munzinger es zu, daß die Bazen volle muskulöse Gestalten haben, +während die Barea klein und hager sind. Die Wohnungen beider Völker sind +runde, glockenförmige, bis zum Boden mit Stroh sehr zierlich bedeckte +Hütten; ihre Kleidung ist der Lederschurz, der erst allmälig den +eingeführten Baumwollenzeugen Platz macht. Das Haupthaar tragen sie wie +alle uns schon bekannten Völker von Nordabessinien; der Bart ist meist +sehr dünn. Die Nase haben sie selten sehr stumpf, oft aber, besonders bei +den Barea, adlerartig gebogen. Der Mund ist groß, jedoch nicht +aufgeworfen. Was die Farbe anbelangt, so findet man alle Abstufungen von +Gelb bis Schwarz, doch herrscht die dunkle Farbe vor. + +Die Bazen und die Barea unterscheiden sich im Temperament; die ersteren +sind ruhig, gesetzt und reden leise; die letzteren sind lebhaft lärmend, +schnell aufbrausend. Die Eheverhältnisse bei den Bazen scheinen sehr lose +zu sein, während die Bareafrauen wegen ihrer Treue auch im Auslande +berühmt sind. Beide Völker sind zu Hause sehr friedfertig, während mit dem +Auslande ein ewiger Krieg geführt wird. Barea und Bazen stehen nicht in +völkerrechtlicher Verbindung und heirathen selten untereinander. + +Die Bazen müssen ein sehr zahlreiches Volk sein. Ihre Hauptsitze ziehen +sich den großen Strömen Mareb und Takazzié nach; ersterer heißt bei ihnen +Sona, letzterer Dika. Alle treiben Ackerbau mit dem Pflug und nur +theilweise Viehzucht. Ihre Waffe ist die Lanze. Als Typus kann der Zither +spielende "Schangalla" vom Mareb nach Zander's Zeichnung angesehen werden +(S. 89). + +Die Wohnsitze der Barea liegen im Norden der Bazen. Die Thäler, welche sie +bewohnen, gehören schon dem Hochlande des Barka an, wie ihre Wasser und +ihre Vegetation; die sie begleitenden Berge sind die letzten Ausläufer des +Hochlandes der Bazen und werden zur Weide benutzt, Fieber sind häufig und +die Regen fallen dort meist in der Nacht. + +So sind die Völker beschaffen, welche die nördlichen Vorlande Abessiniens +bewohnen. Aber auch im Süden, zwischen Amhara und Schoa und wieder über +Schoa hinaus, treffen wir auf ein eigenes höchst interessantes Volk, das +der _Galla_. Mit ihm werden wir uns im folgenden Abschnitte beschäftigen, +der uns das Königreich Schoa vorführt, welches von Amhara sich seit langem +unabhängig zu machen wünscht und nur zeitweilig mit ihm zusammenfiel; +schon daß der Herrscher daselbst den Titel "Negus" führt, deutet darauf +hin, daß wir es hier mit einem besonderen Staate zu thun haben. + + [Illustration: Fettschwanzschaf] + + + + + + [Illustration: Dullul an der Bucht von Tadschurra. Nach M. Bernatz.] + + + + + + SCHOA UND DIE BRITISCHE GESANDTSCHAFT UNTER MAJOR HARRIS. + + + Begrenzung. - Englische Gesandtschaft unter Harris. - Tadschurra. + - Zug durch die Adalwüste. - Salzsee. - Mord im Thale Gungunté. - + Versammlung der Eingeborenen. - Sklavenkarawane. - Myrrhen. - Der + Hawasch. - Der Grenzdistrikt. - Alio Amba, ein Marktort. - Empfang + beim Könige Sahela Selassié. - Die Hauptstadt Ankober. - Debra + Berhan, die Sommerresidenz. - Sklavendepot. - Truppenrevue. - + Angollala. - Schlucht der Tschatscha. - Medoko, der Rebell. - Das + Gallavolk. - Kriegszug gegen dasselbe. - Siegesfest. - Abschluß + des Handelsvertrags. - Rückkehr. + + + + +Schoa im weiteren Sinne umfaßt den Theil der abessinischen Hochlande, +welcher im Osten von der Adalwüste, im Süden vom Hawaschflusse und im +Westen vom Abai oder Blauen Nil begrenzt wird. Die unbestimmte Nordgrenze +machen muhamedanische Gallastämme aus. Im engeren Sinne versteht man +darunter jedoch nur den westlichen Theil dieser Hochlande, nämlich die +Distrikte Tegulet, Schoa Meda, Morabiétié, Mans und Gesche. Die östliche, +im allgemeinen als Ifat bezeichnete Abtheilung des Berglandes umfaßt +dagegen die Provinzen Bulga, Fatigar, Mentschar im Süden, Argobba im Osten +und Efra im Norden. Beide Theile sind infolge des fruchtbaren Bodens +ziemlich stark bevölkert, wozu noch das gesunde Klima und eine +vergleichsweise politische Ruhe beigetragen haben. Krapf schätzt die +Bevölkerung mit Einschluß der im Süden unterjochten Galla auf eine Million +Seelen. Quellen, Bäche, Flüsse und Seen sind zahlreich im Lande vorhanden, +das in Bezug auf seine Bodenbeschaffenheit mit dem übereinstimmt, was wir +im allgemeinen über Abessinien bemerkten. + +In der Zeit, die wir in diesem Abschnitte schildern wollen, herrschte +_Sahela Selassié_ als Negus über Schoa. Er hatte den protestantischen +Missionär Krapf wie dessen Mitarbeiter Isenberg freundlich aufgenommen und +von Beiden viel über Englands Macht und Größe gehört, wodurch sich in ihm +der Wunsch regte, zunächst mit der Ostindischen Compagnie in ein +Freundschaftsverhältniß zu treten, so daß er schon am 6. Juli 1840 einen +Brief an den englischen Gouverneur in Aden sandte, in welchem er um die +Absendung einer Gesandtschaft an seinen Hof bat. Infolge dessen entschloß +sich die ostindische Regierung, seinem Wunsche zu willfahren und eine +ständige Gesandtschaft an ihn zu schicken, an deren Spitze Kapitän _W. +Cornwallis Harris_ stand, ein vorzüglicher Offizier, der sich bereits +durch seine Reisen in Südafrika, wo er bis in das Reich des Mosilikatse +vorgedrungen war, einen Namen gemacht hatte. Als erster Stellvertreter +wurde ihm Kapitän Graham, als Arzt Dr. Kirk, als Naturforscher Dr. Roth, +als Maler der Deutsche Martin Bernatz, außerdem fünf andere Europäer, zwei +Apotheker, ein Zimmermann, ein Schmied, zwei Sergeanten und fünfzehn +freiwillige Soldaten beigegeben. Mit reichen Geschenken für König Sahela +Selassié versehen, worunter sich auch eine Kanone und 300 Flinten +befanden, verließ die zahlreiche Gesandtschaft am 27. April 1841 Bombay, +besuchte zunächst Aden, das Gibraltar des Ostens, in Arabien, und schiffte +dann nach der afrikanischen Küste hinüber, um in der Bucht von +_Tadschurra_ Anker zu werfen. Die Bucht, in welcher die Schiffe lagen, +wurde ihrer Ruhe und Sicherheit wegen Bar el Banatin, der See der zwei +Nymphen, genannt. Sie reicht tief ins Land hinein, ist ziemlich eng und +von hohen Bergen umgeben, die ihr vulkanisches Gepräge deutlich zur Schau +tragen. Zugleich hat diese Bucht ethnographische Bedeutung als Scheide der +Danakil und Somalvölkerschaften. Am 18. Mai landete die Gesandtschaft und +empfing sofort den Besuch des Sultans der Stadt, des alten Muhamed Ibn +Muhamed. Eine häßlichere Erscheinung als diesen alten, magern, schmuzigen +Fürsten kann man sich kaum vorstellen; der Reihe nach bot er einem Jeden +seine mit ekelhaften Klauen versehenen Hände und ließ sich dann zum +Gespräch nieder. Er war in einen groben Baumwollenmantel, der einmal blau +gewesen war, eingehüllt, trug an einem Riemen den Koran um die Schulter +gebunden und war außerdem mit einem Säbel gegen seine leiblichen und mit +Amuleten gegen seine überirdischen Feinde versehen. Sein braunes, +durchfurchtes Gesicht zeigte eine Politur gleich Ebenholz und war von +einem weißen Bart umrahmt. Von ihm wurde zunächst die Erlaubniß erlangt, +nach Schoa vordringen zu dürfen, eine Erlaubniß, die gegenüber den Kanonen +der britischen Kriegsschiffe nicht gut verweigert werden konnte. + +Der elende Ort Tadschurra war einige Jahre lang in den Händen der Türken, +nachdem diese Massaua (1527) erobert hatten, und aus ihrer Zeit stammt +auch noch eine zerfallene Moschee am Meeresstrande. Jetzt ist es eine +selbständige Stadt unter einem Sultan, der zeitweilig von den Sultanen der +gegenüberliegenden arabischen Küste abhängig ist. Fanatische Muhamedaner, +meist Danakil, bewohnen den Platz, welcher nur als Sklavenmarkt einige +Bedeutung hat. Ackerbau besteht nirgends in der Umgegend; jedermann ist +Krämer oder Händler und wird mit der Zeit durch den Sklavenhandel +wohlhabend. Der bedeutendste Handel findet mit Südabessinien statt, wohin +jahraus jahrein die Karawanen ziehen. Indische und arabische Manufakturen, +Zink, Kupfer und Messingdraht, Perlen und namentlich viel Salz werden dort +gegen Sklaven, Korn, Elfenbein und einige andere Erzeugnisse ausgetauscht; +allein Menschen und Salz bilden die Hauptartikel. Als Werthmesser gilt +auch hier der Maria-Theresia-Thaler vom Jahre 1780, als Scheidemünze +Lederstreifen, die zu Sandalen benutzt werden können. Außerdem nimmt man +im Handel Schnupf- und Rauchtabak, leere Flaschen, Spiegel, Knöpfe und +Perlen als Scheidegeld an. + +Die gewöhnliche Klage der afrikanischen Reisenden, daß bei ihren +Unternehmungen die Abreise das Schwierigste sei, sollte sich auch bei der +britischen Expedition nach Schoa wieder als wahr zeigen. Das Verpacken der +Geschenke für den König, das Engagiren von Kameeltreibern, endlich aber +die Hindernisse, welche der Sultan von Tadschurra in den Weg legte, waren +schwer zu beseitigen und zeitraubend. Als dies jedoch Alles mühselig +überwunden, war das Jahr so vorgeschritten, daß man die Wüste gerade +durchreisen mußte, als in den Monaten Juni und Juli der feurige und +ungesunde Wind über die wasserlose Ebene von Südwesten her den Reisenden +entgegenblies. Unterdessen herrschte im Lager von _Dullul_, wo die +Gesandtschaft ihre Zelte am sandigen Seegestade aufgeschlagen hatte, große +Regsamkeit, um Alles vorzubereiten und das Gepäck zu ordnen und zu +vertheilen. Endlich waren 170 Kameele, welche die Karawane bildeten, +beisammen; Wasserschläuche und Maulthiere wurden für die Europäer gekauft, +und mit den Gefühlen, mit denen man eine Räuberhöhle verläßt, setzte sich +der Zug in Bewegung, um Tadschurra den Rücken zu kehren, dessen Bewohner +Harris die abscheulichsten und niederträchtigsten Menschen nennt, welche +die Erde bewohnen. Als Ras el Kafila oder Karawanenführer fungirte Isaak, +ein Bruder des Sultans von Tadschurra, der sich aber keineswegs als +zuverlässiger und tüchtiger Mann bewies. Der Zug ging anfangs längs dem +Meere bei Dullul hin durch das schroffe, zerrissene und wilde Gebirge, +welches die Bucht auf der Nordwestseite umgiebt. Der gähnende _Paß der +Isa_ war zunächst zu durchschreiten, welcher seinen Namen von dem +räuberischen Somalstamme der Isa empfangen hat, die in seinen Tiefen +manchen Mord ausführten. Ein Zickzackriß, hervorgebracht durch die +plutonischen Aeußerungen des Erdinnern, windet sich hier gleich einem +mythologischen Drachenleib durch die Eingeweide der Erde. Ungeheure +schwarze oder braune, vegetationslose Basaltklippen stehen senkrecht zu +beiden Seiten wie Mauern in die Höhe, bei deren Bau die Cyklopen thätig +waren, und durch diese wilde Scenerie eilte nun in wolkenloser heller +Mondscheinnacht die Karawane hindurch. Kein Ton außer den Zurufen der +Kameeltreiber war zu hören; schauerliches Dunkel lag auf dem Abgrund und +nur die Lanzenspitzen der Eingeborenen, die den Zug begleiteten, +glitzerten hier und da im Scheine des fahlen Mondlichtes - geisterhaft +bewegte sich die Karawane dahin; Schauder lag auf allen Gemüthern, und +erst als die Frühlichtstrahlen die gebrochenen Felsklippen vergoldeten, +wich die Pein von den bangen Gemüthern. + +Weiter ging der Zug durch einsame Thäler, deren Boden mit zertrümmertem +basaltischen Gestein bedeckt war und die durch tiefe Schluchten und +Spalten die Gewalt der vulkanischen Kräfte bezeugten, welche hier einst +sich äußerten. Dann kam man zum _Assalsee_, dessen Ufer eine tänzelnde +Fata Morgana umgab. Der erste Blick auf dieses seltsame Phänomen war +keineswegs angenehm. Das elliptische Becken von etwa zwei deutschen Meilen +Länge war zur Hälfte mit ruhigem, tiefblauem Wasser, zur andern Hälfte mit +einer blendendweißen, glitzernden Salzkruste bedeckt, die durch +Verdampfung entstanden war. Von drei Seiten umgürteten hohe, brennendheiße +Berge dieses Seebecken, während auf der vierten Lavatrümmer und tiefe +Schlünde sich hinzogen. Alles Pflanzen- und Thierlebens beraubt, war die +Erscheinung dieser Wildniß von Land und stagnirendem Wasser, über dem ein +dumpfes Schweigen ruhte, ganz dazu geeignet, das Gemüth niederzudrücken. +Nicht ein Laut tönte an das Ohr, keine Welle spielte auf der Wasserfläche, +nur die brennendheiße Sonne setzte am wolkenlosen Himmel ihren Lauf fort +und sandte glühende Strahlen auf das todte vulkanische Land hernieder, +über dem kein kühlendes Lüftchen wehte. + +In diesem höllischen Schlunde hatten Mensch und Thier in gleicher Weise zu +leiden. Nicht ein Tropfen Trinkwasser war weit und breit zu entdecken, +während das Thermometer selbst im Schatten der Mäntel und Schirme eine +Temperatur von 126 Grad Fahrenheit, d. i. 52 Grad Celsius oder 42 Grad +Réaumur zeigte! Fünfhundert und siebzig Fuß liegt das Becken des Assalsees +unter dem Spiegel des Meeres; kein Lüftchen weht dort, kein Obdach ist zu +entdecken, nur der weiße Widerschein der Salzkruste blendet das Auge. Die +lechzende Zunge hängt am Gaumen und empfängt keinerlei Labung von dem +warmen Wasser, das die Schläuche darbieten, jeder Schritt vorwärts ermüdet +Mensch und Thier noch mehr und zwölf lange Stunden dauert die Reise durch +das Seebecken - sie müssen zurückgelegt werden, wenn nicht der Tod über +den Wanderer kommen soll. + +In einer Bucht des Sees waren Salzgräber damit beschäftigt, ihre Kameele +für die Märkte in Aussa und Abessinien zu beladen, wo das Salz einen +bedeutenden Tauschartikel ausmacht. Die Danakil betrachten die Ausbeutung +dieses Salzlagers als ihr unbestrittenes Monopol und verwehren jedem +andern Volke den Eingriff in dasselbe. In lange, schmale Säcke aus +Dattelpalmblättern verpackt, wird das Salz von hier nach Abessinien +gebracht. + +Nachdem die traurige Einöde am Assal durchzogen war, überstieg man einen +aus Gyps bestehenden Hügelzug und gelangte in ein Thal, in dem man sich in +eine ganz andere Welt versetzt fühlte. Allerdings fehlte hier noch +Pflanzen- und Thierleben, aber ein kleiner Bach mit klarem Wasser ließ +diesen Ort wie ein Paradies erscheinen, und mit dankbarem Herzen ruhten +die ermüdeten Wanderer unter überhängenden Basaltklippen aus, die ihnen +Schatten spendeten. Hier am Flüßchen _Gungunté_ endigte der erste +Abschnitt der Wüstenreise. Der Zug durch die Einöde ist im Stande, die +Gesundheit des kräftigsten Europäers zu untergraben; von der herrschenden +Hitze bekommt man jedoch einen Begriff, wenn man hört, daß 50 Pfund gut +verpackte Stearinkerzen auf der kurzen Reise von Tadschurra bis Gungunté +so vollständig aus der sie bergenden Büchse herausgeschmolzen waren, daß +sich in derselben schließlich nur noch Dochte vorfanden! Selbst die +Danakil, welche doch von Jugend auf diese Gegenden kennen und an die +brennendheiße Lava dieser Tehama-Wüste gewohnt sind, bezeichnen die Gegend +am Assal-Salzsee nur als "Feuer". + +Jetzt nahten andere Gefahren, denn man war in dem Gebiete der über alle +Begriffe nichtswürdigen, mörderischen und räuberischen Stämme der Isa und +Mudaïto, deren ganzes Sinnen nur auf Mord und Plünderung geht. So +vorsichtig man auch das Nachtlager im Thale Gungunté eingerichtet hatte, +ein _Mord_ durch jene Scheusale in Menschengestalt konnte nicht verhindert +werden. Eine Stunde vor Mitternacht stellte sich plötzlich ein heftiger +Wüstenwind ein, der Alles mit Sand und Staub überdeckte. Einige schwere +Regentropfen fielen, dann aber war wieder Alles still. Diese Ruhe sollte +jedoch nicht lange anhalten. Ein wilder Schrei ertönte vom äußersten Ende +des Lagers her, panischer Schrecken ergriff die gesammte Mannschaft und in +wilder Flucht stürzten die Männer, die sonst keine Furcht kannten, durch +das Thal nach der Stelle hin, wo die Gesandten schliefen. Nur mit Mühe +gelang es, alle zu sammeln und dann nach der Ursache des Schreckens zu +forschen. Ein trauriger Anblick bot sich nun den Suchenden dar. Ein +Sergeant und ein Korporal von der indischen Armee, welche die Expedition +begleiteten, wälzten sich in Todeszuckungen in ihrem Blute. Dem einen war +die Halspulsader durchschnitten, dem anderen ein Stich in das Herz +versetzt worden, während nicht fern von ihnen ein Portugiese lag, der eine +fürchterliche Wunde quer über den Leib hatte, sodaß die Eingeweide +hervorquollen. Im Augenblick als der Alarm entstanden war, hatte man im +hellen Mondlichte zwei dunkle Gestalten an den das Thal einschließenden +Bergen in die Höhe klimmen und verschwinden sehen; trotz der Verfolgung +konnte man ihrer nicht mehr habhaft werden. Wahrscheinlich waren dieses +Isa-Somal, die das satanische Verbrechen aus reiner Mordlust begangen +hatten. Denn jedes Schlachtopfer, das wachend oder schlafend in die Hände +dieser Teufel in Menschengestalt fällt, giebt diesen das Recht, als +Ehrenzeichen eine weiße Straußenfeder in den fettigen schwarzen Haaren, +einen Kupferring am Arm und einen neuen Silberknopf am Heft des +Säbelmessers zu tragen. Jeder Mord ruft nach dem Gesetze der Blutrache +wieder einen Mord hervor, und so nimmt das Blutvergießen unter den Stämmen +der Danakil und Somal kein Ende. + + [Illustration: Schlucht von Gungunté. Nach M. Bernatz.] + +Am nächsten Morgen bestattete man unter Gebet und Flintensalven die Opfer +dieses schändlichen Mordes und zog dann auf der gefährlichen Straße +weiter. Drei Jahre lang war schon dieser Weg von Abessinien nach der +Seeküste durch solche Schurken förmlich geschlossen, die jeden +Durchziehenden kaltblütig abschlachteten, bis der junge Häuptling der +Debeni die Banditen ausrottete und die Straße wieder öffnete; jedoch ist +es nicht zu verhindern, daß einzelne Gegenden immer noch unsicher bleiben. +Viele Leute, welche die Karawane begleiteten, zeigten an ihrem Körper +Spuren großer, von den Wegelagerern empfangener Wunden. + +Von nun an befestigte man das Lager des Nachts und stellte zahlreiche +Posten aus, die alle Herannahenden zurückweisen mußten. Im Thale Alluli +schien man den vorhergehenden Stationen gegenüber in ein Paradies gelangt +zu sein, denn hier traf man Bäume, Gazellen, Tauben und Ziegenhirten. Die +ersten menschlichen Wohnungen fand man jedoch erst weiter südwestlich in +Suggadera, das zum Lande der Debeni-Danakil gehört. Diese Leute sind +Hirtennomaden, die von Palmwein und der Milch ihrer zahlreichen Ziegen- +und Schafherden leben oder Kameele züchten und mit diesen Salz vom +Assalsee nach Aussa, der Stadt der Mudaïto, führen. Große Architekten sind +sie freilich nicht, aber die auf einer Basis von unbehauenen Steinen aus +Dattelpalmblättern erbauten Hütten erfreuten dennoch das Auge der Wanderer +als die ersten Wohnstätten, die sie seit ihrer Abreise sahen. + +Wegen der großen Hitze zog man in der Nacht weiter, immer über schwarze +Lavafelder oder gelbe Sandflächen - ein trauriger Anblick, der noch +melancholischer durch die vielen zerstreuten Steinhügel wird, die über den +kaltblütig ermordeten Opfern der Isa von den Vorüberziehenden aufgethürmt +werden. Tamarisken, Kappersträuche und anderes mit Schmarotzerpflanzen +überzogenes Gestrüpp, in dem Vögel nisteten, unterbrach hier und da die +Einöde; auch Strauße ließen sich sehen; dann kamen Grasflächen, +Wasserplätze, Herden und Hirten, darauf Lavafelder, Bergzüge, +ausgetrocknete Thäler, Herden wilder Esel (_Equus Onager_), +Schwefelquellen als Zeugen der vulkanischen Thätigkeit des Bodens. + +Im Thale _Amadu_ machte die Karawane bei einem großen Regenwassersumpfe +Halt, dessen grünes, von einer Legion Esel, Ziegen, Schafe und Rindvieh +verunreinigtes Wasser nichtsdestoweniger recht trinkbar erschien. Hier +hatten Leute vom Mudaïtostamme ihr Lager aufgeschlagen - ganz +nichtswürdige Schurken. Mit finstern Blicken schauten sie die weißen +Eindringlinge an und trieben ihre Fettschwanzschafe in die kühlende Flut, +in der die jungen Damen der Horde, nachdem sie sich selbst gewaschen, ihre +alten Lederschläuche reinigten, während eine alte magere Hexe ihrem Hunde +den Pelz in der Flut wusch. Alle diese Hirten gingen mit Speer und Schild +bewaffnet und kamen zum Zelte der Gesandtschaft heran, wo sie versuchten, +dies oder jenes Ding sich zuzueignen. Durch ihre Ueberzahl kühn gemacht, +begannen sie, den Karawanenführer Isaak zu fragen, mit welchem Rechte er +die Fremdlinge durch dieses Land führe, wo sie "Herren des Bodens" seien - +doch als sie sahen, wie auf 250 Ellen Entfernung ein Stein von einer +Flintenkugel zersplittert wurde, fingen sie an, bescheiden zu werden. + + [Illustration: Versammlung der Somal-Krieger.] + +Ueber ein steiniges Tafelland, das mit nie enden wollenden Basaltblöcken +überstreut und mit Rissen durchzogen war, die Wasserpfützen bargen, zog +man weiter ins Land der Woéma, eines Danakilstammes. Wo Wasserläufe die +Einöde unterbrachen, zeigte sich der Klippschliefer (_Hyrax_) und ein +Baum, in der Form der Casuarina ähnlich. Im Killulluthale war der halbe +Weg von der Küste bis nach Abessinien zurückgelegt. Bewaffnete Eingeborene +der verschiedensten Stämme waren hier versammelt, um Berathung darüber zu +halten, ob man einer so großen Anzahl fremder Leute gestatten dürfe, bis +nach Abessinien vorzudringen, und die Mehrzahl war der Meinung, daß man +sie entweder zurückjagen oder umbringen müsse. Zugleich wurde die +Gelegenheit ergriffen, um über alte Streitigkeiten und Fehden zu +unterhandeln. Hunderte dieser Schurken saßen so von Sonnenaufgang bis zum +Untergang und wieder die liebe lange Nacht hindurch in größeren und +kleineren Kreisen beisammen, um zu berathschlagen. Während der langen +Unterhandlungen hockten sie bewaffnet mit aufrecht gehaltenen Speeren da, +senkten diese gemeinsam, wenn ein Entschluß gefaßt war, und schlossen, +nachdem ein Spruch aus dem Koran gebetet war, mit einem Amen die +Versammlung. Noch lebhafter gestaltete sich das Bild durch die Ankunft +einer _Sklavenkarawane_ aus Schoa. Es waren einige hundert Kinder von +verschiedenem Alter, die unter den dünnbelaubten Bäumen oder unter +Felsvorsprüngen Schutz vor den brennenden Strahlen der Sonne suchten. +Jedes hatte eine thönerne Wasserflasche bei sich und obgleich sie meist +bei guter Laune waren, konnten doch die Europäer, welche die heiße Wüste +jetzt durchzogen hatten, sich eine Vorstellung von den Qualen machen, +welche die armen Geschöpfe auf dem vor ihnen liegenden Wege auszustehen +hatten. Da jedoch die Behandlung in ihrer eigenen Heimat eine keineswegs +bessere war, so fanden die Sklaven ihre Lage ganz erträglich und begannen, +nachdem sie sich etwas von der Reise erholt, zu tanzen und zu singen. Die +meisten waren Christenkinder aus Guragué, von wo die so hoch gepriesenen +"rothen Aethiopier" nach Arabien geliefert werden. Fast alle hatten +bereits, wenigstens der Form nach, den muhamedanischen Glauben angenommen +und schwuren beim Propheten. + +Während der Zeit, daß die Expedition hier einen unfreiwilligen Aufenthalt +hatte, stand das Thermometer auf 112 Grad Fahrenheit (35½° R.) und die +zudringlichen, nach ranzigem Fett riechenden Eingeborenen drängten sich +mit großer Unverschämtheit in das Zelt der Gesandten, um dort die Luft +noch unerträglicher zu machen. Muhamedaner von der bigottesten Sorte, +verschmähten sie jedoch weder den Zwieback, noch den Kaffee der +"Christenhunde" und bettelten bald um diese, bald um jene Kleinigkeit. +Unter den verschiedenen Stämmen, die an diesem vielbesuchten Wasserplatze +versammelt waren, befanden sich die _Adâl_ mit breitspitzigem Speer und +uralten Schilden, die _Küsten-Somal_ mit leichter Lanze und Buckelschild, +nicht viel größer als ein Schiffszwieback, ihre gefürchteten +Stammesbrüder, die mörderischen _Isa_, mit langem starken Bogen von +antiker Form und versehen mit einem Köcher voll vergifteter Pfeile. Sie +waren unter allen die malerischsten Gestalten; kühn hatten sie den +wallenden Mantel umgeworfen und lange rabenschwarze Locken wallten auf die +Schulter herab. Sie können als ein Räuber- und Jägervolk bezeichnet +werden. Viele unter ihnen besitzen gezähmte Strauße, die mit den Herden +zusammen weiden und des Nachts an den Lenden gefesselt werden. Diese +gigantischen Vögel werden mit viel Erfolg bei der Jagd auf wilde Thiere +benutzt; auch reiten die Isa auf Eseln, von denen der Jäger seine mit +Euphorbiasaft vergifteten Pfeile abschießt. Die Schilde, welche die +Danakil tragen, werden von den Isa aus dem Fell der Oryx-Antilope +verfertigt; auch handeln sie mit Straußenfedern. Die Art und Weise, wie +sie die erlegten Vögel zubereiten, ist sehr originell; sie schneiden dem +Vogel die Füße ab, wickeln dann das ganze Thier sammt Eingeweiden und +Federn in feuchten Thon und backen diesen in heißem Feuer; nachdem die +Thondecke entfernt ist, bleibt der saftige Braten zurück. + +Nicht ohne große Mühe und Gefahr konnte nach einwöchentlichem Aufenthalt +die Gesandtschaft sich von den barbarischen Nomaden und dem traurigen Orte +losmachen, um ihren Weg fortzusetzen. Ueber kahle, steinige, von +Schluchten zerrissene Berge ging der Weg in südwestlicher Richtung weiter. +Lange Züge von Kameelen, Hornvieh, Schafen und Ziegen begegneten ihnen. +Alle Bürde trugen die Weiber und Kinder der herumziehenden Stämme, während +der faule Ehemann nur leicht mit Speer und Schild bewaffnet dahinschritt. +Der _Myrrhenbaum_ (_Balsamodendron Myrrha_) kam in der Nähe der +bienenkorbförmigen Hütten, auf die man jetzt öfter traf, häufig vor; seine +aromatischen Zweige liefern den Eingeborenen Zahnbürsten, welche sie in +der Säbelscheide tragen. Häufige Regen traten in der Nacht ein und +durchweichten die Reisenden bis auf die Haut; dann brausten wieder +Wüstenwinde daher, waren wasserlose Flächen oder mit vulkanischem, +scharfem Gestein übersäete Ebenen zu durchziehen - mit einem Worte, der +Weg war aufreibend, mühsam und beschwerlich im höchsten Grade. Selten nur +unterbrach eine Oase die Einöde, um dann gleich wieder vulkanischen +Gebilden Platz zu machen. Bei Saltelli traf man auf ein Feld _erloschener +Vulkane_, die, umgeben von Lavafeldern, in kegelförmiger Gestalt hier aus +den Eingeweiden der Erde hervorgebrochen waren. Einer dieser alten +Vulkane, der über 3000 Fuß hohe Aiullo, gilt als die alte Landesgrenze des +nun zerfallenen äthiopischen Reichs. Wüst und traurig war die todte +Umgebung dieser Berge - aber eine freudige Ueberraschung wurde den +Reisenden hier doch zu Theil, denn zum ersten Male erblickten sie an +diesem Orte in weiter, nebelhafter Ferne die blauen Gebirgsketten +Abessiniens. Ihren Weg verfolgend trafen die Gesandten immer mehr auf +_Myrrhenbäume_, und zwar auf zwei Arten. Diejenige, welche das beste Harz +liefert, ist ein zwerghafter Strauch mit dunklen, krausen, sägeförmigen +Blättern, während die andere, welche ein mehr balsamartiges Produkt +liefert, zehn Fuß hoch wird und helle, glänzende Blätter hat. Nach der +geringsten Verletzung fließt der milchige Saft in reicher Menge heraus und +erstarrt an der Oberfläche; wenn die Masse oft vom Stamme entfernt wird, +kann man im Januar und wieder im März große Mengen von einer Pflanze +gewinnen. Mehrere Loth der feinsten Myrrhe erhält man auf diese Art im +Vorbeipassiren leicht; dieselbe wird von den Vorübergehenden in einer +Höhlung im Schilde aufbewahrt und an den ersten besten Sklavenhändler +gegen Tabak vertauscht. Die Danakil geben die Myrrhe auch als Arznei ihren +Pferden ein, wenn diese infolge der Hitze an Erschöpfung leiden. In der +europäischen Medizin findet sie heutzutage nur noch geringe Anwendung; ihr +Ruf aber ist groß und alt; befand sich doch die Myrrhe unter den +Geschenken, welche die Weisen aus dem Morgenlande dem Christkinde +brachten! + +Von dem Gipfel eines Hügels herab hatten die Reisenden endlich den +freudigen Anblick des _Hawasch_, des abessinischen Grenzflusses, dessen +Lauf durch einen dichten Baumgürtel bezeichnet wurde. Jenseit desselben +ragten kühn die Hochgebirge von Schoa in die Luft, und nach langen Leiden +winkte nun das Ziel. Das Schlimmste war überwunden. + +Der Hawasch ist der zweitgrößte Strom Abessiniens. Er entspringt im Herzen +des Landes in einer Höhe von 8000 Fuß, wird von einer großen Anzahl +kleiner Ströme gespeist und fließt gleich einer belebenden Ader grün und +längs seiner Ufer bewaldet durch die brennend heißen Adâl-Ebenen, bis er +in den Lagunen von Aussa sein Ende findet und versandet. Je näher man dem +Strome kam, desto kräftiger wurde die Vegetation. Gummiausschwitzende +Akazien, Tamarisken zeigten sich und laut schreiende Perlhühner stoben bei +dem Heranziehen der Karawane auseinander; man mußte sich schließlich durch +das Dickicht förmlich durchwinden und stand nun, nachdem man so lange +durch wilde Einöden gezogen, vor einem großen, mächtig dahinrauschenden +Strome, der seine vom Regen getrübten Wasser wild dahinwälzte. + +Die Stelle, an welcher die Reisenden den Fluß zu überschreiten hatten, +liegt mehr als 2000 Fuß über dem Ozean. Nach Art einer fliegenden Brücke +wurden zehn Flöße zusammengefügt und auf diesen die Kameele, das große +Gepäck und die zahlreichen Menschen übergesetzt. - Man war nun im +Königreich Schoa, doch immer noch im Lande wilder Muhamedaner, da die +christliche Bevölkerung erst weiter westlich beginnt. + +Weil das Wasser des Stromes dick und schlammig aussah, begab man sich zur +Tränke nach einem nahegelegenen Weiher, der von hohen Bäumen umgeben war. +Inmitten desselben trieben Nilpferde ihr unheimliches Wesen; eins +derselben steckte seinen ungeheuren Kopf aus dem Wasser, sperrte den +mächtigen Rachen auf und brüllte, daß man es auf eine halbe Stunde Wegs +hören konnte; zum Lohn wurde ihm eine vier Loth schwere Kugel in den Kopf +gejagt, deren Einschlagen in den Schädel man deutlich vernahm. Das Thier +sank unter, wurde jedoch erst am nächsten Tage aufgefunden und von den +benachbarten Nomaden zerstückelt und verzehrt. + +Mit leichtem Herzen sagte man den trüben Fluten des Hawasch Lebewohl und +zog der Hauptstadt entgegen. Diesseit des Flusses war das einzige +vorkommende Schaf das fettschwänzige, wolllose, nur mit Haaren bedeckte +Thier gewesen. Statt dessen traten nun die großen, fetten abessinischen +Schafe auf. Ziegen mit langen gewundenen Hörnern zeigten sich, von kleinen +fuchsartigen Hunden bewacht, in großen Herden. Große Flüge von +Heuschrecken, welche das Land kahl gefressen hatten, nahmen ihre Richtung +gegen Abessinien zu. Sie verdunkelten förmlich den Himmel und zogen gleich +einer finstern Wolke mit großer Schnelligkeit durch die Lüfte hin. In den +Wäldern waren Perl- und Rebhühner häufig, zusammen mit der Zwergantilope, +und die langentbehrte Jagd brachte in die Küche und die Lebensweise der +Europäer einige Abwechselung. Am Abend des zweiten Tages, nachdem der +Hawasch überschritten war, kam ein Reiter in das Lager der Gesandtschaft, +sah sich überall genau um, sprach dabei kein Wort und verschwand wieder +wie er gekommen. Es war ein Spion des Grenzhüters der Provinz Ifat, der +seinem Herrn Nachricht über die Fremdlinge bringen sollte. Diese +Erscheinung versetzte die begleitenden mißtrauischen Danakil in Aufregung, +denn sie argwöhnten sofort, der Herrscher von Schoa werde die Europäer +nicht empfangen. + + [Illustration: Rachen des Nilpferdes.] + +Ungeachtet ihres Abmahnens setzte man den Weg fort. Der _Mamrat_, "die +Mutter der Gnade", mit seinem kuppelförmigen mächtigen Berghaupte, das +weit über die Wolken emporragte, erhob sich gleich einem gigantischen +Schlosse aus der Ebene und galt als Ziel, auf das man lossteuerte. Man +befand sich jetzt schon 3000 Fuß über dem Meere und stand am Eingange des +hauptsächlichsten, nach Südabessinien führenden Passes. Eine erfrischende +Brise wehte den Engländern entgegen, der Himmel war mit Wolken bedeckt und +das Klima so beschaffen, daß sie sich eher in der Heimat als unter die +Tropen versetzt glaubten. Berg über Berg, bedeckt mit herrlicher, üppiger +Vegetation erhob sich vor ihnen. Einer thürmte sich unordentlich über dem +andern empor; bis schließlich die letzten, mit einem glänzend weißen +Schneemantel bedeckten Spitzen sich in den azurblauen Lüften zu verlieren +schienen. Dörfer und Weiler schauten aus den grünen Baumgruppen hervor; +reiche Saatfelder erglänzten in der Sonne und zeugten von dem Fleiße eines +Theils der Bewohner. + +Später erfuhr man, daß der Negus angeordnet hatte, eine Ehrenwache von +dreihundert Luntengewehrträgern solle die Gäste am westlichen Ufer des +Hawasch empfangen, allein der _Wulasma Muhamed_, d. h. der höchste dem +Grenzdistrikte vorstehende muhamedanische Beamte, der sich so gut wie der +König selbst dünkte, hatte die Garde zurückgeschickt, da ja die Ehre +Ungläubigen erwiesen werden sollte. Auch sonst legte dieser Beamte den +Fremdlingen allerlei Schwierigkeiten in den Weg, um sie vom Vordringen +abzuhalten, konnte schließlich jedoch bei der Festigkeit, mit welcher man +gegen ihn auftrat, nichts erreichen. Zum letzten Male waren die Kameele +beladen, um am 16. Juli 1842 in _Farri_, der Grenzstadt der Provinz Ifat, +einzuziehen. Haufen kegelförmig gedeckter Häuser, welche auf zwei Hügeln +zerstreut lagen, zwischen denen die Zollgebühren erhoben wurden, waren die +ersten permanenten Wohnstätten, welche die Wanderer seit ihrem Abmarsch +von der Küste als ein Zeichen des Fortschrittes begrüßten, denn bisher +waren sie nur auf Nomadenhütten getroffen. Sowol wegen der nun beginnenden +Hochlande, als wegen des kühleren Klimas wird hier das "Schiff der Wüste", +das für die brennendheißen wasserlosen Ebenen geschaffen ist, als +Lastthier vollkommen unnütz und muß zurückgelassen werden. Damit lag aber +auch die Wüste nun zugleich hinter den Reisenden, und als die Danakil, +welche sie bisher begleitet, umgekehrt waren, waren auch die Leiden und +Schrecken des durchzogenen Terrains verschwunden. Menschen, Klima, Boden, +Thiere, Pflanzen - Alles war anders. Wie wenn ein Zauberer seine Ruthe +ausgestreckt und die Landschaft mit einem Schlage verändert hätte, so sah +man die Hochlande Abessiniens jetzt, überall nur Kultur bedeckte Flächen +statt der brennenden Wüsteneien. Jede fruchtbare Bodenerhebung war mit +einem friedlichen Weiler gekrönt, durch jedes Thal strömte rauschend ein +krystallheller Bach, schwärmten Herden. Die kühlenden Bergwinde wehten den +aromatischen Geruch von Jasminen und wilden Rosen herab, und im +schwellenden Rasen blühten Tausendschönchen und Butterblumen. Das Gepäck +schleppten jetzt 600 kräftige Muhamedaner, die auf königlichen Befehl von +den benachbarten Dörfern gestellt worden waren. Der König, so vernahm man, +war vor Ungeduld außer sich, die Gesandtschaft zu empfangen und die +schönen Geschenke zu besichtigen, welche sie mitbrachte. + +Am Morgen des 17. Juli begann der Marsch in den Hochlanden. Frischer, +kühlender Wind wehte von den Bergen herab, die, nur zehn Grade vom +Aequator entfernt, dennoch eine Vegetation tragen, welche an nordische +Klimate erinnert. Steil führte der steinige Pfad bergan über Schlünde, +Thäler und Gipfel, eingefaßt von Farrnkraut, Hagebutten und Geisblatt; am +Abhange der Berge zogen sich Terrassen hin, die mit gut bebauten Feldern +bedeckt waren, und auf jedem Vorsprung stand ein Dörfchen, dessen Bewohner +herbeigestürzt kamen, um die neue Prozession, die Gäste des Königs zu +sehen, denen Freudenrufe entgegentönten. Die Frauen waren hier in rothe +Baumwollmäntel gehüllt, die einen angenehmen Gegensatz zu den ledernen +Schurzfellen der Damen in der Wüste darboten. In der 3000 Fuß über dem +Grenzorte Farri oder 5200 Fuß über dem Meeresspiegel gelegenen Marktstadt +_Alio Amba_, die auf einem scharfen Bergrücken sich erhebt, mußte wieder +ein längerer Halt gemacht werden. Der Ort besteht aus 250 Häusern mit 1000 +muhamedanischen Einwohnern, die sich aus sehr verschiedenen Völkerschaften +rekrutirt haben. Der Berg, auf welchem Alio Amba liegt, ist nur einer von +den vielen tausend jähen Erhebungen, in welche das ganze Gebirge nach der +Seite der Ebene hin zerbrochen ist. Gleich schmalen Silberfäden strömen +durch die Schluchten zwischen grünen Gesträuchen und Feldern die Bäche +hin, und wo ein Fleckchen dem Pflug einzugreifen erlaubt, da stehen +Weizen, Gerste, Mais, Bohnen, Erbsen, Baumwollen- und Oelpflanzen +angebaut, ringsum liebliche Weiler, die hoch in die Berge hinaufragen und +sich allmälig am Mamrat, "der Mutter der Gnade", verlieren. Dieser die +Gegend beherrschende Pik, der noch in Wolken verborgen war, als unten +schon Alles in Sonnenschein lag, ist mit einem dichten Walde von Nutzholz +bedeckt und erhebt sich bis gegen 13,000 Fuß über dem Meeresspiegel. Der +interessanteste Punkt in dieser Landschaft ist jedoch ein kegelförmiger +Berg, der mit dunklen Wachholderbäumen bestanden ist und ganz vereinsamt +sich erhebt. Auf ihm steht die Feste _Gontscho_, die Residenz des Wulasma +Muhamed, in welcher die drei jüngern Brüder des christlichen Königs - +Opfer eines barbarischen Gesetzes - zeitlebens gefangen gehalten wurden. + +Die Gesandten waren gezwungen, in Alio Amba einen längeren Aufenthalt zu +nehmen, da der Negus verreist war; doch kam ein sehr liebenswürdiger Brief +von demselben an, welcher verhieß, die Fremden bald zu empfangen. +Unterdessen hatten die Europäer Zeit, den Ort und sein reges Marktleben +kennen zu lernen. An einem bestimmten Tage strömten schon kurz vor +Tagesanbruch scharenweise die Landleute in die Stadt, um Honig, Baumwolle, +Korn und Lebensmittel der verschiedensten Art zum Verkauf oder Tausch zu +bringen. Die Dankali-Kaufleute stellen Perlen, Metalle, gefärbte Garne und +Glaswaaren aus. Der wilde Galla kauert neben den Erzeugnissen seiner +Herde, während der muhamedanische Händler aus dem Innern Straußenfedern +oder andere Artikel bringt, die aus weit entfernten Gegenden stammen. +Baumwollen- und Zeugballen, Kaffeesäcke von Kaffa und Enarea liegen +überall umher. Zahlreiche Pferde und Maulthiere vermehren das Getümmel der +verschiedenen Völkerschaften, die hier durcheinander wogen. Fettig und in +ein schmuziges Baumwollengewand gleich einer ägyptischen Mumie eingehüllt +schreitet der Bauer aus der Umgegend zu dem Marktbeamten hin und bezahlt +sein Marktgeld, das in die königliche Kasse fließt. Hier geht lässig ein +Luntengewehrmann von der königlichen Garde umher; doch die Eifersucht des +Monarchen verbietet ihm, die primitive Waffe mit sich zu führen und sie wo +anders als in der königlichen Gegenwart zu tragen. Der Adal, der Räuber +aus den Küstenstrichen, tritt in die niedrige Hütte des Sklavenhändlers +aus dem Sudan, um dort die zum Verkaufe ausgebotenen Frauen und Mädchen +anzusehen; im rabenschwarzen Haare wogt die weiße Straußenfeder, das +Zeichen eines begangenen Mordes, und das Volk staunt das gekrümmte +Säbelmesser des Mannes an, der so kühn ist, keine sklavische Verehrung für +den großen Monarchen von Schoa zu zeigen. Mit Eiern und Geflügel drängt +sich ein Christenweib durch die Menge. Die Häßlichkeit ihres Antlitzes +wird durch das Ausreißen der Augenbraunen und das fetttriefende Haar noch +gehoben. Die freie, stattliche Miene der Orientalin, wie deren leichtes +graziöses Gewand fehlen ihr gänzlich, denn die Natur scheint sie +absichtlich vernachlässigt zu haben. Die Männer der abessinischen +Grenzprovinzen Argobba und Ifat, Muhamedaner dem Glauben nach, +unterscheiden sich durch verschiedene Sprache von den echten Abessiniern, +denen sie im Aeußern sonst gleichen, während ihre Frauen wie arabische +Zigeunerinnen aussehen; sie sind schöner, schlanker als ihre christlichen +Schwestern aus den Berggegenden und weniger fettig. Die Menge stäubt +auseinander vor einem christlichen Gouverneur, der, umgeben von +zahlreicher Dienerschaft, barfuß durch den dicken Straßenschmuz +dahinschreitet. Der dicke Bauch und das silberbeschlagene Schwert zeigen +zur Genüge seine Würde an, die durch den weißen, mit karminrothen Streifen +eingefaßten Baumwollenmantel überdies kenntlich ist. Die Anordnung seines +Haares hat den ganzen Morgen in Anspruch genommen und der üble Geruch der +ranzigen Butter, welche aus all den kleinen Löckchen hervorglitzert, +verpestet ringsum die Luft. Bis über das Kinn verhüllt, sieht man nur +seine Nase und die blutunterlaufenen, von nächtlichen Orgien zeugenden +Augen, aus denen er einen verwunderten Blick auf die weißen Ankömmlinge +richtet. Im blauen Gewande, mit fliegenden Locken kommt endlich auf +ziegendürrem Klepper der wilde Galla zu Markte; er bringt Honig und Butter +aus den grasreichen Ebenen seiner Heimat in die wild zerklüfteten Berge. + +Der Schrecken und der Abscheu, welchen die Abessinier vor den von Mördern +heimgesuchten Küstenstrichen haben, sind die Ursache, daß fast der ganze +Handel von Alio Amba in den Händen der Danakil liegt, die vom Könige mit +aller möglichen Nachsicht behandelt werden. In jedem Monate langen +Karawanen von Aussa und Tadschurra an, die den Handel unterhalten und gute +Geschäfte machen - namentlich auch in Menschenfleisch, denn auch hier im +Süden des christlichen Reiches blüht der Sklavenhandel so gut wie im +Norden, und die Ausfuhr über Tadschurra ist noch bedeutender als jene über +Massaua. + +Vierzehn Tage lang mußte die Gesandtschaft in Alio Amba zubringen, dann +war die Erscheinung des Oberkommandanten der königlichen Leibgarde das +erste Zeichen, daß sie weiter vordringen durfte. Die Zusammenkunft mit dem +Könige sollte an einem der nächsten Tage stattfinden, wenn die Kusso- oder +Bandwurmkur Seiner Majestät vorüber sein würde. Denn da gleich allen +Abessiniern auch der König ein Liebhaber von rohem Fleisch war, so litt er +infolge dessen stark an Eingeweidewürmern, von denen er sich durch +regelmäßig wiederholte Kusso-Kuren zu befreien suchte. + +Nachdem das zahlreiche Gepäck auf die Träger vertheilt war, konnte man der +Marktstadt den Rücken wenden und die Reise im Hochlande fortsetzen. Die +gütige Natur hatte in verschwenderischer Fülle und Mannichfaltigkeit ihre +Gaben über das Land zerstreut und dadurch den lässigen Bewohnern die +meiste Arbeit abgenommen. Reiche Kornfelder längs des Weges wechselten mit +stillen Dörfern, blumigen Kleewiesen und krystallklaren, in Kaskaden +herabschießenden Bächen. + +Das südliche Abessinien beginnt mit dem Distrikte Ifat am Fuße der ersten +Hügelkette, welche allmälig an Fruchtbarkeit und Höhe zunimmt. Heftige +Gewitterstürme, welche in der Regenzeit daherbrausen, werden in diesen +Gegenden oft zur Landplage; doch selbst unter den mächtigen Wasserfluten +lächelt noch das Land, und so entschieden steht es im Gegensatz zu dem +klimatischen und allgemeinen Charakter der heißen Zone, daß der entzückte +Wanderer sich in seine nördliche Heimat versetzt fühlen kann. + +Langsam zogen die Reisenden fürbaß, der königlichen Sommerresidenz +_Matschal-wans_ zu, wo der Herrscher sie empfangen wollte. An einer +Stelle, wo der Weg eine Biegung machte, schoß die begleitende Garde +plötzlich ihre Luntenflinten ab, deren Donner ein freudiges Echo in den +Zurufen der erwartungsvoll zusammengeeilten, unten im Thale stehenden +Menge fand. Als der Pulverdampf sich verzog, fiel der Blick der Reisenden +auf die lieblich gelegene königliche Residenz, deren kegelförmige weiße +Dächer ihnen aus dunklen Cypressen und Wachholderbäumen +entgegenleuchteten. + + [Illustration: Sahela Selassié, König von Schoa. Nach Harris.] + +Durch grüne, blumenbedeckte Auen rauschte ein angeschwollener Strom, +während die majestätischen Bergriesen mit nebelumhüllten Gipfeln den +Hintergrund des prächtigen Bildes ausmachten. Vereinzelte Bauernhäuser +waren über die grüne Landschaft zerstreut, reiche Felder glänzten im +reifen Korn und donnernd, kleine Wasserfälle bildend, stürzten die +geschwollenen Wildbäche von den Felsen herab. Nach Verlauf einer Stunde +war Matschal-wans erreicht, wo eine zahlreiche Menschenmenge die Gäste +erwartete. Wild und ungestüm drängten sie sich heran, Alles war ihnen neu, +und gleich Menageriethieren starrten sie die weißen Leute an, die weit +über das Meer hergekommen waren, um dem großen Könige von Schoa Geschenke +darzubringen. Nachdem noch einige Förmlichkeiten erledigt waren, konnte +die Vorstellung stattfinden. + +Endlich stand die britische Gesandtschaft auf der Schwelle des königlichen +Palastes und vor ihr öffnete sich die Empfangshalle. Rund in der Form und +ohne den gewöhnlichen abessinischen Pfeiler in der Mitte erhoben sich die +hohen, massiven Lehmwände des Gemaches, überdeckt mit Silberzierathen, +Doppelgewehren, runden Schilden und Luntenflinten. Persische Teppiche von +den verschiedensten Größen, Farben und Mustern deckten die Flur und +Scharen von Höflingen, Beamten und hohen Würdenträgern standen, bis zum +Gürtel entblößt, in respektvoller Haltung und Feiertagskleidung +ringsumher. In der Wand waren zwei Nischen angebracht: in der einen +loderte ein Feuer, während in der andern auf einer geblümten +Atlasottomane, umgeben von alten Eunuchen und jugendlichen Pagen, gestützt +auf hellfarbige Sammetpolster, Seine christlich-äthiopische Majestät +Sahela Selassié hingelagert war. Der Thürhüter (zugleich +Zeremonienmeister) stand mit einem Büschel Binsen in der Hand vor dem +Könige, um damit die genaue Entfernung anzudeuten, bis zu welcher man sich +der Majestät nahen durfte. Die Gesandtschaft trat ein, machte ihre +Verbeugungen vor dem Throne und ließ sich auf eben hereingebrachten +Stühlen nieder. + +Der König war mit einer grünseidenen arabischen Brokatweste bekleidet, die +zum Theil von einem weiten, faltigen abessinischen Baumwollmantel mit +karminrothen Streifen bedeckt war. Vierzig Jahre, von denen achtundzwanzig +unter den Sorgen der Regierung verlebt waren, hatten seine dunkle Stirn +leicht gefurcht und das in hohe Löckchen frisirte reiche Haar etwas +ergrauen gemacht. Obgleich durch den Verlust des einen Auges etwas +entstellt, war der Ausdruck seiner männlichen Gesichtszüge doch offen, +angenehm und gebietend; aus dem ganzen Gesichte leuchtete jedoch jene weit +und breit anerkannte Unparteilichkeit des Herrschers hervor, die ihm +selbst unter den Danakil den Beinamen der "feinen Goldwage" eingebracht +hatte. + +Der Gesandte überreichte nun, in Goldbrokat und Musselin eingewickelt, +sein Beglaubigungsschreiben, worauf, nachdem dieses gelesen und anerkannt +war, die reichen Geschenke der britischen Regierung eines nach dem anderen +hereingetragen und vor dem Könige und den erstaunten Blicken der Höflinge +ausgebreitet wurden. Der schöne Brüsseler Teppich, der die ganze +Empfangshalle deckte, die Kaschmirschals und buntfarbigen gestickten +indischen Schärpen erregten allgemeine Bewunderung und wurden von den +Eunuchen dem König zur näheren Beschauung in den Alkoven gereicht. +Allgemeine Heiterkeit entstand bei der Produzirung einer Gruppe tanzender +chinesischer Figuren, und als dann die europäische Eskorte in voller +Uniform mit einem Sergeanten an der Spitze in der Halle aufmarschirte, +sich vor den Thron stellte, dort ihre Handgriffe machte und die Musikdosen +"_God save the Queen_" spielten, erreichte die Freude und das Erstaunen +des Königs ihren Höhepunkt und er erklärte, nicht Worte finden zu können, +um seine Dankbarkeit auszudrücken. Hell leuchtete dann sein Gesicht, als +ihm dreihundert mit blitzenden Bajonneten versehene Flinten überreicht +wurden. Vor Verwunderung überfließend sagte er nur: "Euch wird Gott +belohnen - ich kann es nicht." + +Noch waren die Ueberraschungen jedoch nicht zu Ende. Auf einem freien +Platze am Fuße eines Hügels wurde eine große Scheibe aufgestellt und nach +dieser eine der mitgebrachten kleinen Kanonen gerichtet. Das grüne Thal +hallte von dem ungewohnten Artillerie-Kommandorufe wieder, und als nun der +Donner erschallte, als Vollkugeln und Kartätschen die Scheibe und die +Felsen zersplitterten, da brach lauter Jubelruf aus dem Munde des Königs +und tosendes Geschrei aus der Brust der gaffenden Menge hervor. + +Schöne Komplimente von Seiten des Königs, Beglückwünschungen durch die +Höflinge und Beamten beschlossen an diesem Abend das ungewohnte +Schauspiel. Eine riesige, starkgepfefferte Fleischpastete, begleitet von +dem Wunsche, daß "des Königs Kinder es sich wohl sein lassen möchten", war +der nächste Dank. Unerhört große Ehre geschah der Gesandtschaft jedoch +durch einen Besuch des königlichen Beichtvaters, eines Zwerges, so klein, +daß er ohne Schwierigkeit in der Pastete sich hätte verbergen können. In +faltige Gewandung und einen Turban eingehüllt, mit dem silbernen Kreuze +geschmückt, ließ sich der zwerghafte Priester, dessen ganzes Leben darin +bestanden, seinen Nächsten Gutes zu erweisen, in einem Sessel nieder und +hob an folgendermaßen zu reden: "Vierzig Jahre sind verflossen, daß Asfa +Wusen, der Großvater unsres geliebten Monarchen - sein Andenken ruhe in +Frieden - in einem Traume sah, wie rothe Männer aus Ländern von jenseit +der See gar merkwürdige und schöne Dinge in dieses Königreich brachten. +Die Astrologen, denen man befahl, diesen Traum zu deuten, erklärten +einstimmig, daß Fremdlinge aus dem Lande Aegypten während der erhabenen +Regierung Seiner Majestät nach Abessinien kommen würden und daß noch +mächtigere Fremdlinge zur Zeit der Regierung seines Enkels folgen würden. +Gott sei Preis und Dank, die Traumdeutung ist in Erfüllung gegangen. Meine +alten Augen haben nie solche Wunder als am heutigen Tage geschaut, und +während Schoa von sieben Königen regiert wurde, sind niemals solche +Mirakel in das Land gebracht worden." + +Der König verbrachte den größten Theil der folgenden Nacht inmitten seiner +Schätze, die so unerwartet sich vor ihm aufgehäuft hatten. Jeder neue +Gegenstand wurde mit der Wißbegierde eines Kindes untersucht und die +königlichen Schreiber hatten vollauf damit zu thun, auf Pergament ein +Verzeichniß all der schönen Dinge aufzunehmen, das dann im Staatsarchiv +aufbewahrt wurde. Die Gewehre, Munition und Kanonen wurden in das große +Arsenal geschafft, die Teppiche und Kuriositäten mit Inschriften versehen, +auf denen für künftige Geschlechter verzeichnet stand, daß diese Schätze +ein Geschenk rother Männer seien, die man "Gyptzis" nannte und die "von +ferne" gekommen seien. Am frühen Morgen erschien ein Hofpage, um +nachzufragen, wie die Gäste geruht hätten. Die Etikette erforderte zu +sagen, daß sie sehr gut geruht hätten; allein leider war das Gegentheil +der Fall, denn der Regen war in Strömen durch das Zeltdach gedrungen und +hatte die Schläfer arg belästigt. Noch schlimmer hatten die 600 +requirirten Lastträger geruht. Ohne Nahrung und Obdach war der nasse, +durchweichte Boden ihre Lagerstätte gewesen. Als der Morgen graute, +schrieen sie laut nach Speise und sofort wurden ihnen einige Ochsen +überliefert. In wenigen Minuten waren die Thiere geschlachtet und +abgeledert; die Messer der wilden Menge wühlten in dem blutigen Fleische, +das Streifen auf Streifen verschwand, um nach echt abessinischer Art roh +verschlungen zu werden. Selbst die Eingeweide wurden nicht vergessen, und +in einer Viertelstunde war außer Hörnern, Hufen und Knochen von den Ochsen +nichts mehr übrig, sodaß selbst die Geier nicht einmal mehr einen Bissen +fanden. + +Hierauf brach die Gesandtschaft auf, um nach der nahen Hauptstadt Ankober +zu reisen. Zuvor jedoch fand noch eine Audienz beim Könige statt. "Meine +Kinder", sagte Seine Majestät, "alle meine Flintenträger sollen euch +begleiten, damit ihr in Sicherheit von dannen zieht. Was euer Herz nur +wünschen mag, sollt ihr erhalten; mich ausgenommen habt ihr keinen Freund +in diesem weiten Lande und ihr seid meinetwegen weit gereist. Doch will +ich euch geben, soviel ich kann. Aber auf mein Volk hört nicht, denn das +ist schlecht." + +Froh verließ man das feuchte Lager und zog, von den Soldaten begleitet, +durch lachende Kulturlandschaften dem nur anderthalb Stunden entfernten +Ankober zu. Auf die Felder und Wiesen folgte ein Wald von alten Bäumen, +voller Wachholder, die schon Jahrhunderte gesehen und deren düstere, +cedernartige Kronen mystisch im Winde rauschten. Wie in Europa, so +verstanden es auch die Abessinier, die schönsten Plätze zur Anlage von +Klöstern auszuwählen, und so traf man denn auch hier auf ein dem heiligen +Tekla Haimanot (13. Jahrh.) gewidmetes Kloster. Dreimal im Jahre, an +seinem Geburts-, Sterbe- und Himmelfahrtstage werden hier große +Festlichkeiten unterhalten. + +Nachdem der Wald durchschritten war, erblickte man, auf einem grünen Hügel +erbaut, die 8200 Fuß über dem Meere gelegene Hauptstadt Schoa's. +Unregelmäßig, bald groß, bald klein, wie Heuschober oder wie Scheunen +gestaltet, von grünen Einfassungen oder Staketen umgeben, zogen sich die +Häuser auf dem Scheitel oder am Abhange und in den Spalten des Hügels hin. +Diese Wohnungen beherbergten nach Harris' Schätzung 12,000-15,000 +Menschen. Auf dem höchsten, abgesonderten Theile des Hügels liegt der +unschöne, mit vielen thönernen Schornsteinen versehene und von Palissaden +umgebene Palast des Königs. An ihn schließen sich zahlreiche Hütten für +die Sklaven, Küchen, Keller, Vorrathshäuser und Kornmagazine. Bäume, +Büsche und zerklüftete Felspartien bildeten den Hintergrund, aus dem unter +Wachholderbäumen das Bronzekreuz der Kirche "Unsrer lieben Frau" +hervorleuchtete. + +_Anko_ war eine Königin des Gallavolkes, welche diese Berggegenden nach +dem Einfall Granje's bevölkerte und ihren Namen dem engen gewundenen Pfade +hinterließ, welcher das "_Ber_" oder Thor zu den Vorstädten bildet. Daher +bedeutet _Ankober "Thor der Anko"_. Am Abgrunde hinziehend und kaum breit +genug für den Fuß des Maulthiers, kann man diesen Paß nur mit dem Gefühle +der Unsicherheit passiren, und wenige Stunden würden genügen, um ihn zu +verrammeln und die Stadt für jeden Feind unzugängig zu machen. Laute +Jubelrufe des versammelten Volkes begrüßten die Gäste, denen nun ein sehr +elendes Haus, das eher einem Heuschober als einer Wohnung für Europäer +glich, als Aufenthaltsort angewiesen wurde. Der Fußboden war so, wie ihn +Mutter Natur geschaffen und vom Regen durchweicht, und es bedurfte erst +vieler Arbeit, um die Hütte, über der man stolz die Flagge Großbritanniens +aufzog, bewohnbar zu machen. Als man die Thüre mit einem Teppich verhangen +hatte und die Nacht hereinbrach, regierte Finsterniß in dem Raume: die +Lichter waren unterwegs zerschmolzen und so bildeten denn die sparsam aus +den königlichen Vorräthen dargereichten, mit Wachs getränkten Dochte das +einzige Beleuchtungsmaterial der Gäste. Und diese elenden Kerzen waren ein +Handelsmonopol des Fürsten, gleich so vielen anderen guten Dingen. Um den +Aufenthalt recht ungemüthlich zu machen, stürzten Tausende von +blutdürstigen Flöhen über die Reisenden, die jetzt, nachdem sie die +Schönheit der Natur bewundert und vom Könige freundlich empfangen worden +waren, auch die Schattenseiten des Lebens in Schoa kennen lernen sollten. + +In der Nacht brach unter Donner, Blitz und strömendem Regen ein gewaltiger +Sturm über Ankober los, der die Erde mit einer wahren Sündflut +überschüttete; jeder Fluß stieg, jede Gasse wurde zu einem rauschenden +Bache und tausendfältig hallte der Donner von den nahen Bergen wieder. Als +am nächsten Morgen die Sonne ihre Strahlen auf die Erde niedersandte, +entwickelte sich ein seltsames Schauspiel vor den Augen der Europäer. Tief +unten lag, wie ein Schneeschleier, eine undurchdringliche Dampfwolke in +den Thälern. Man stand über diesen Wasserdämpfen, aus denen nur die +Bergspitzen gleich schwimmenden Inseln hervorragten. Als diese Nebelbank +in die Höhe stieg, bedeckte sie Alles mit Feuchtigkeit und drang durch +Kleider und Mauern hindurch. + +Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, denen jeder sich aussetzen muß, der +in afrikanischen Landen reist, trafen die Gesandtschaft noch manche +speziell abessinische Uebelstände. Die nothwendigsten Lebensmittel waren +trotz der Fruchtbarkeit des Bodens nur schwierig zu erlangen; die +gemietheten Dienstboten taugten nichts, da jeder, der nur irgend kann, +sich Sklaven hält; Maulthiere waren gleichfalls kaum gegen die höchsten +Preise zu miethen, und für das kleinste Geschäft mußte eine Menge +kostbarer Zeit vergeudet werden, da diese selbst für die Abessinier +keinerlei Werth hat. Mit der Zeit wurde den aus Indien mitgebrachten +muhamedanischen Dienern der Aufenthalt zu langweilig; sie nahmen ihre +Entlassung und kehrten durch das heiße Küstenland nach Tadschurra zurück, +wobei die Hälfte von ihnen das Leben verlor. Die statt ihrer angenommenen +Abessinier zeichneten sich nur dadurch aus, daß sie unermeßliche Portionen +rohen Fleisches (Brundo) verschlangen und alle Monate einen Tag frei +verlangten, um mittels Kusso ihre Bandwurmkuren vollführen zu können. +Außerdem war ein besonderer Afero oder Janitschar ernannt worden, welcher +alle Schritte und Tritte der Fremden ausspioniren und darüber an den Hof +berichten mußte. Am gefährlichsten wurde den Gästen jedoch die Feindschaft +der unduldsamen Geistlichkeit, die mit eiserner Hand das Volk knechtete +und die Briten schlimmer als die Heiden ansah, zumal weil sie die langen +und strengen Fasten nicht hielten. Der Bischof von Schoa zeigte diese +Feindschaft ganz offen. Er sprengte das Gerücht aus, die Engländer seien +als Spione einer großen, jenseit des Meeres wohnenden Frau gekommen, +welche ihre Soldaten nach Schoa schicken wolle, um das Königreich zu +erobern und den abessinischen Glauben zu zerstören. + +Während alle Klassen des Volks in Erinnerung an die Himmelfahrt der +Jungfrau Maria die strengen Fasten hielten, blieb inzwischen der König in +seiner Residenz Matschal-wans. Dort verzehrte er rohe Fische, die mit +Pflanzenöl und Pfeffer zubereitet waren, als Fastenspeise. Der Palast in +Ankober dagegen wurde von ihm zur Regenzeit gemieden, weil wegen dessen +hoher isolirter Lage die Blitze dort leicht einschlagen. Kamen die +Engländer mit Sr. Majestät zusammen, so pflegte er zu sagen: "Es giebt in +meinem Lande sehr schöne Dinge, welche in dem eurigen nicht sind, und +wieder umgekehrt habt ihr Dinge, welche wir nicht besitzen." Fortwährend +waren die Fremden mit allerlei Aufträgen des Königs beschäftigt: bald +mußten sie Luntenflinten repariren, Spieldosen ausbessern, bald +Kleidungsstücke oder Staatsregenschirme wieder herstellen, und das Alles +wurde zur Zufriedenheit des Hofes ausgeführt. Auch als der König einmal +unwohl war, wurden die Gesandten zu ihm berufen; er erhielt Medizin, doch +mußte diese zuvor in seiner Gegenwart gekostet werden, da er in +beständiger Angst vor Vergiftung schwebte. Obgleich er sich niemals ohne +Waffen zeigte und stets solche unter seinen Kleidern verborgen trug, +fürchtete er sich doch keineswegs vor seinen Gästen, die selbst mit +geladenen Flinten in seiner Nähe stehen durften, auch wenn keine Diener +bei ihm waren; bei diesen Zusammenkünften ließ er Porträts zeichnen, Pläne +zu Bauten entwerfen und Vorbereitungen zu Affenjagden machen. Magazine +wurden mit Granatschüssen in die Luft gesprengt, siebenläufige Pistolen +zuerst bei Hofe eingeführt und ihm ein großer Respekt vor den Windbüchsen +eingeflößt, deren Wirkung er für das Merkwürdigste erklärte, was er all +sein Lebtag gesehen hatte. + +Wieder einmal waren die Engländer zum König beschieden, der mit ihnen über +einen Feldzug gegen die wilden Galla sprechen wollte. Schmiede und +Silberarbeiter saßen unter der Veranda der Residenz, Künstler malten +Miniaturen in die auf Pergament geschriebenen Psalmen, Sättel und allerlei +Kriegsgeräth wurden unter den Augen des Fürsten reparirt, Speere und +Flinten gereinigt - doch alle diese Handwerker wurden vom Könige schleunig +entlassen, um mit Harris einen Kriegsplan verabreden zu können, der +schließlich nicht ausgeführt wurde. So schlich der traurige Winter hin. +Unterdessen begannen die Händler, welche sich durch die Ankunft der +Engländer beeinträchtigt glaubten, gegen diese zu konspiriren. Allerlei +abenteuerliche Gerüchte gingen um. Die Gyptzis, so hieß es, verzehrten +Schlangen, Mäuse, Spinnen und ähnliche Thiere, und wären im Begriff, durch +magische Mittel das Land zu erobern. Die astronomischen Instrumente +erregten gleichfalls Argwohn; doch der König hörte nicht auf diese +Verdächtigungen, ja er drohte, den Verleumdern die Zungen ausreißen zu +lassen, und kümmerte sich auch nicht darum, als die Geistlichkeit ihn mit +dem Banne bedrohte. Die Zauberer Schoa's glaubten dem gegenüber im +vollsten Rechte zu sein, wenn sie verkündigten, Sahela Selassié würde +wegen seiner Freundschaft gegen die Fremden noch Thron und Leben +verlieren. + +Als der Winter vorüber war, brach der König nach _Debra Berhan_ auf, einer +Sommerresidenz, die jenseit der Bergkette im Westen liegt. Dorthin folgte +ihm auch die Gesandtschaft nach. Es war eine herrliche Gegend, die man +wieder durchzog, voller Sturzbäche, Klippen und schöner Bäume. An einem +Flüßchen traf man das einzige Maschinenwerk des Königreichs - eine rohe +Wassermühle, die ein durchreisender Albanese erbaut hatte; doch die +Priester erklärten dieselbe für ein Werk des Teufels, und nachdem die +Mühle drei Tage gegangen, wurde der Betrieb untersagt. So verfiel denn die +Teufelsmühle. (Vergl. S. 157.) Hinter derselben wurde der Weg rauher und +steiler; man gelangte auf den Kamm der Tschakaberge, welche die Zuflüsse +des Nil von jenen des Hawasch, das Stromgebiet des Mittelmeers und des +Indischen Ozeans trennen. Noch volle drei- bis viertausend Fuß ragte der +hohe _Mamrat_ über diese Wasserscheide empor; doch Schnee lag auf seinem +13,000 Fuß hohen Gipfel nicht, wie denn ein Wort für denselben südlich von +den kalten Bergen Semiéns in der Sprache der Eingeborenen fehlt. Wie +verschieden ist doch das Schicksal der Gewässer, die von dieser Bergkette +nach Osten und nach Westen zu eilen! Der Regentropfen, welcher auf die +nach Ankober zu gelegene Seite fällt, wendet sich nach kurzem Laufe dem +Hawasch zu, um mit ihm durch die durstige Adalwüste der Aussalagune +zuzurinnen. Ganz anders dagegen gestaltet sich die Pilgerschaft der +Gewässer im Westen. Dort finden viele kleine Bäche ihren Weg zur Dschumma, +die sich in den Abai, den Blauen Nil, ergießt, der, durch den Goldsand von +Fazogl ziehend, bei Chartum sich mit dem Weißen Flusse vereinigt, bei +Meroë, Theben und den stattlichen Pyramiden vorüberfließt und seinen +Beitrag zur Bewässerung Aegyptens oder der blauen Fluten des Mittelmeers +liefert! + +Wiesen, auf denen Vieh weidete, kleine Ströme, über deren einen eine rohe +Steinbrücke, das hochgepriesene Werk eines Armeniers führte, folgten nun; +dann kam man in eine unwirthliche Gegend, eine Hochebene, die einst von +Galla bewohnt war. Nicht ein Baum oder Strauch, selten als Ausnahme ein +Kusso, war zu erblicken; doch sind spärliche christliche Ansiedelungen +hier entstanden, die von Hirten bewohnt werden. Dann ging es bergab, die +Gegend wurde wieder etwas freundlicher, und zwischen einigen grünen Bäumen +leuchteten die weißen Gebäude von Debra Berhan hervor. "Willkommen meine +Kinder, wie geht's euch? Habt ihr eine sichere Reise gehabt?" so lautete +der Empfangsgruß, und am Abend erquickte Brot, Honigwasser und saures Bier +die Gäste. Beim Schein der Lichter fand Abends Gesang und Tanz statt, und +mancher hohe Beamte legte sich berauscht zur Nachtruhe nieder. + +Keine andere fürstliche Residenz kann in jämmerlicherem Zustande sich +befinden als Debra Berhan, "der Hügel des Ruhms". Es besteht aus elenden +Gebäuden, deren ohne Mörtel zusammengefügte Mauern einzustürzen drohen. +Palissaden umgeben das Ganze und schließen den mit Rasen überzogenen +Audienzraum ein, der jedoch auch zugleich einigem Vieh zum Aufenthalt +dient. Hier hat der König eins seiner bedeutendsten _Sklavendepots_, in +welchem dem Besucher ein wahres Babel von verschiedenen Sprachen +entgegenklingt; auch die Gesichtszüge deuten auf verschiedene Rassen, und +nur die abessinische Kleidung ist allen gemeinsam. Da geht der riesige +heidnische Neger mit aufgeworfenen Lippen und blutunterlaufenen Augen +gleich einem schwarzen Herkules umher. Stark wie drei Gäule, trägt er eine +ungeheure Holzlast, welche zwei Abessinier nur mit Mühe bewältigen +könnten. Fünfzehn Maria-Theresia-Thaler hat der König für dies +ausgezeichnete Exemplar gezahlt, das fern vom Nil hierher verhandelt +wurde. Er hat hier ein ganz gemächliches Leben, vollauf zu essen und dient +als Holzhauer im Walde; in seine Lage hat er sich stumpfsinnig gefunden. +Anders der feurige Galla, der ihm folgt und in dessen Gemüth noch nicht +der Geist der Unabhängigkeit erloschen ist. Seine schlanke Figur und +gekrümmten Beine verrathen den wilden Reiter der grasigen Ebene. +Schwermüthig, mit gebeugtem Sinn, schleppt er seine Bürde und denkt an die +Savannen am Hawasch, seine Heimat. Unter der Aufsicht eines alten Eunuchen +nimmt eine Schar brauner Sklavinnen ihren Weg zum Flusse. Sie tragen +schwere irdene Wasserkrüge auf dem Rücken und singen leise ein trauriges +Lied, das wol von der Heimat erzählt, von Guragué. Es sind Christinnen, +alles schöne, schlanke Mädchen, weit schöner als ihre Tyrannen, das +rabenschwarze Haar ist mit gelben Blumen geschmückt und in den langen +Augenwimpern hängt eine Thräne der Wehmuth. - Hinter ihnen folgen einige +bevorzugte Damen, in Staatsgewändern mit rothem Rande - sie haben längst +das Andenken an ihr Land und ihre Verwandtschaft vergessen. Das sind die +königlichen _Braugesellen_; silberne Knöpfe in den Ohren, zu ungeheurem +Umfang auffrisirte Haare zeichnen sie aus; sie können plappern und +schwatzen soviel sie wollen, aber über einen gewissen Raum dürfen sie +nicht hinaus, das verbietet ihnen der begleitende Eunuch. Der eine +traurig, der andere froh - so leben die Menschen im Sklavenraume des +Königs. - + +Ein Monat war in dem kühlen, aber angenehmen Klima zu Debra Berhan +verflossen, als der König beschloß, seine jährliche _Truppenmusterung_ +abzuhalten, und zwar am Maskalfeste, dessen Bedeutung wir schon kennen +lernten. (Siehe S. 124.) Viehherden, vor Kälte sich schüttelnde Kameele, +die in das ihnen ungewohnte Bergland versetzt waren, lange Sklavenzüge +waren zusammengetrieben worden, um theils zur Nahrung, theils zur +Bedienung verwendet zu werden. Am Vorabend rückten mit Fackeln in den +Händen die königlichen Garden vor das Zelt Sr. Majestät, um dort zu Ehren +der Gesandtschaft einen Kriegstanz aufzuführen. Prächtig nahmen sich die +mit reichem silberbeschlagenen Reitzeug versehenen Rosse der Offiziere +unter den dunklen wilden Kriegern aus, die den amharischen Kriegsgesang +anstimmten und sich dann zur Ruhe begaben. Sehr unköniglich war das +Aussehen des Palastes beim Tagesanbruch und höchst unfürstlich die bei +Hofe herrschende Verwirrung. Unsauberkeit und knöcheltiefer Schmuz +herrschte ringsum; der Thürhüter zerschlug einen Stock nach dem andern auf +den Köpfen des herbeidrängenden heftigen Volkes, das nicht einmal still +wurde, als Seine Majestät sich in der Thür des Banketsaales niederließ. +Vor dem Throne verrichtete ein Schmied seine Arbeit weiter, ohne darauf zu +achten, daß ein Hagel von Staub und Kohlenasche auf den König niederfiel. +Zwanzig bleiche Eunuchen, die als Zeremonienmeister wirkten, führten die +Scharen der Vasallen, der Priester, Mönche, Weiber, Sklaven und Ackerbauer +zum Fürsten, der von jedem ein Geschenk empfing, sodaß Honig, Butter, +Perlen u. s. w. bald in großer Menge aufgestapelt waren. Die Scenen der +Unordnung wichen der höher steigenden Sonne und vor dem Erscheinen der +britischen Gesandtschaft, die in voller Uniform vor dem Könige aufzog, der +in Staatskleidung, von den Generalen der Reiterei, der Leibgarde und der +höheren Geistlichkeit umgeben, auf einem beweglichen Thronsessel dasaß. +Zunächst rückten nun dreihundert Mann auf den Schauplatz, die hoch über +ihrem Haupte Bündel abgeschälter und mit Binsen zusammengebundener Ruthen +trugen. Sie begrüßten die Rückkehr der Blütenzeit, "wenn die Flöhe +wiederkommen und die Fliegen erscheinen", mit Gesang, der lauter und +lauter zum Kriegsrufe anschwoll. Die Bündel wurden dann auf einen Haufen +vor dem Throne niedergelegt, während die in Thierfelle gekleideten Führer +dieser Truppe einen Kriegstanz begannen, ihre Leute zum Gefecht +aufforderten und mit einem schrecklichen Geheul diese Exerzitien +schlossen. + + [Illustration: Truppenmusterung des Königs von Schoa. Nach M. + Bernatz.] + +Hierauf wurden die englischen Gäste zu einem mit bunten Teppichen +ausgekleideten Pavillon geführt, von dem aus der König mit seinen +Würdenträgern der Revue beiwohnen wollte. Im Hintergrunde standen dichte +Reitermassen, während in einer Entfernung von etwa 100 Schritten ein +großer Scheiterhaufen blattloser Weidenruthen auf dem grünen Rasen +aufgestapelt lag. Um denselben hockten unter ihren Schilden, gleich +Schildkröten unter ihrer Schale, lange Reihen Krieger; je drei hatten +große Feldschlangen von ungewöhnlichen Dimensionen mit Zündkraut und Lunte +zu bedienen. Nun begann die _Revue_ mit dem Aufmarsch der Leibgarde zu +Fuß, von der drei Viertel mit den geschenkten englischen Musketen +bewaffnet war. In vier Compagnien marschirte sie unter dem Gebrüll des +Kriegsgesanges auf, nicht wenig stolz auf die blitzenden, bisher in +Abessinien unbekannten Bajonette. Nachdem sie das Feld durchmessen, +kauerten die Krieger auf dem Grunde nieder, als wären sie in Bereitschaft, +anrückende Reiterei zu empfangen, während ein grauköpfiger Veteran tanzend +vor der Front ein Geheul zum Besten gab, das aus einer Wolfsschlucht zu +stammen schien und mit einer Salve beantwortet wurde. + +Nachdem diese Truppe abgetreten war, rückte die glänzende Schwadron der +berittenen Lanzenträger, die Blüte der schoanischen Kavallerie, heran. +Kühn sprengte an der Spitze, auf schönem Roß, mit einem rothen Fell über +der Schulter, der Führer und hinter ihm, in einer Linie von fast einer +Viertelstunde Breite, die Schwadron. Nachdem er eine Anrede gehalten, +sprengten die stattlichen Reiter im Galopp vorüber nach dem Scheiterhaufen +zu, wo die großen Kesselpauken ertönten und die Feldschlangen losgebrannt +wurden. Jetzt aber wandte sich das Erstaunen der Versammlung den +Engländern zu, deren Artilleristen den bronzenen Dreipfünder, welcher von +Ochsen hierhergeschleppt worden war, bedienten. Als der Donner desselben +erschallte und weiße Rauchwolken in die Luft stiegen, wie man sie bisher +nur von brennenden Dörfern gesehen - da kannte die Verwunderung der +wilden, hier versammelten Galla keine Grenzen. Dreizehn in Löwen- oder +Leopardenfelle gekleidete Gouverneure führten nach und nach ihre Truppen +vor. Dann war die Revue beendigt und die ausgehungerten Offiziere, Edlen, +Höflinge und Geistlichen begannen mit wahrer Wuth über das rohe +Ochsenfleisch herzufallen und es in unglaublichen Mengen zu vertilgen. + +Acht- bis zehntausend Reiter waren versammelt gewesen, und das Schauspiel, +das von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags 5 Uhr währte, hinterließ einen +wilden und ungewöhnlichen Eindruck. Die Bewaffnung und das Reiten der +Leute war vorzüglich und unter guter Führung von ihnen Tüchtiges zu +erwarten. Als dann die Nacht herniedersank, da wurde dem Könige wie dem +Volke von Seiten der Engländer noch ein Schauspiel geboten, von dem jene +sich nichts träumen ließen. Prächtige Raketen stiegen zum tiefschwarzen +Himmel empor und zerplatzten, Leuchtkugeln entsendend, mit herrlichem +Lichte. Menschen und Thiere, Alles wurde rebellisch, und die Achtung vor +den Gästen, welche Kometen an den Himmel zaubern konnten, wuchs mehr und +mehr. Schließlich wurde der Scheiterhaufen aus Weidenruthen angezündet, +und die Fackelträger führten zu Ehren der Auffindung des heiligen Kreuzes +einen Tanz auf. + + -------------- + +_Angollala_, an der Gallagrenze, wurde etwa im Jahre 1830 gegründet und +vom Könige zur Hauptstadt des westlichen Theils von Schoa erhoben. Hierhin +begab man sich, nachdem das Maskalfest vorbei war, und 3000 Reiter +bildeten das Geleit des Negus, der auf einem reich gezäumten Maulthiere +ritt. Vier- bis fünfhundert runde Hütten mit rohen Steinmauern und +Strohdächern bedecken die Abhänge einer Anzahl flacher Hügel, die ein +großes Viereck einfassen. Auf der Spitze des höchsten Hügels steht der von +sechs Reihen Palissaden beschützte königliche Palast, aus dessen Mitte ein +zweistöckiges, finstres Gebäude hervorragt, das ein Albanese erbaute und +welches trotz seiner Mangelhaftigkeit in Bezug auf Architektur alle +übrigen Gebäude Schoa's überragt. Doch hat es von Erdbeben gelitten, und +"Erdbeben", so meinte Se. Majestät, "sind ein übles Ding, denn sie werfen +Häuser und Menschen um". + +Vor dem Palaste, zu welchem ein steiler Weg hinaufführte, begrüßte eine +dichtgedrängte Menschenmenge den König und seine Gäste mit lautem +Jubelgeschrei. Küchen, Vorrathshäuser und Brauereien lagen rings um das +Gebäude, das mit dem langen Banketsaale, der Audienzhalle, den +Frauengemächern und einzelnen Zellen ein merkwürdiges, aber keineswegs +imponirendes Ganze ausmachte. Der Despot führte seine Gäste in den ersten +Stock, zu welchem man auf einer Leiter gelangte. Auf dem Fußboden, der mit +frischem Gras bestreut war, brannte in einem eisernen Ofen ein Feuer, an +welchem sich behaglich mehrere Katzen wärmten, die in keinem königlichen +Palaste fehlen. Im Alkoven befand sich ein schmuziges Lager, und wenige +Flinten machten den einzigen Schmuck der kahlen, weißgetünchten Wände aus. +"Ich habe euch", hub der König an, "hierhergeführt, um euch zu zeigen, was +mir fehlt. Diese Gemächer müssen ausgeschmückt werden, und ich wünsche, +daß euer Maler (Herr Bernatz) sie mit Elephanten, Soldaten und sonderbaren +Darstellungen aus eurem Lande verziere. Jetzt können meine Kinder sich +entfernen." + +Die Nächte, welche die Gesandten hier verbrachten, waren keineswegs +angenehm; sie froren ungemein und wußten sich kaum vor der Kälte zu +schützen; in der Frühe hatte regelmäßig weißer Reif die Wiesen überzogen. +Auch am Tage bot sich ihren Augen gerade kein liebliches Bild. Rings um +den Palast lag Schmuz, Asche und Kehricht knöcheltief oder in großen +Haufen. Halbwilde Hunde fallen am Tage die Menschen an und lassen in der +Nacht wegen ihres grauenhaften Gebells Niemand schlafen. Kurz vor +Sonnenaufgang weckt das Gekräh von tausend Hähnen die dennoch etwa sich im +Schlummer Wiegenden, und wer trotzdem noch nicht erwacht sein sollte, wird +durch das Gebrüll des um alle möglichen Dinge petitionirenden Volkes +aufgestört, welches unter dem Rufe "Abiet! Abiet! Meister! Meister!" mit +dem Frühgrauen sich zum Palaste drängt. Lernten Harris und seine Gefährten +auch in Angollala manches Interessante kennen, so war der Aufenthalt +daselbst doch keineswegs angenehm zu nennen. + +In der Umgebung Angollala's befindet sich das Naturwunder Schoa's, die +_Schlucht der Tschatscha_, zu welcher der König eines Tags seine Gäste +hinführte, doch war der Monarch an diesem Tage gerade schlechter Laune, da +sein Lieblingsroß, das er in der Schlacht einem mächtigen Galla-Häuptling +abgenommen hatte und das seinen Stall in der königlichen Bettkammer hatte, +durch die Unvorsichtigkeit eines Pagen umgekommen war. "Was denkt ihr von +meinem Galla-Graben? Habt ihr etwas Aehnliches in eurem Lande?" so redete +der Herrscher seine Gäste an, als er sie an Ort und Stelle geführt hatte, +und in der That ließ sich schwerlich eine großartigere und schauerlichere +Naturscenerie denken, als sie die Schlucht der Tschatscha zeigte. Die +grünen Wiesen des Distriktes Daggi sind hier auf eine seltsame Weise durch +niedrige, kahle Hügelketten durchsetzt, zwischen denen kleine Bäche dem +tief unten gähnenden Erdriß zuströmen, welcher den Boden gleich einem +gewaltigen Spalt durchzieht. Felsig, zerrissen und scharfkantig sinkt +dieser Schlund plötzlich 1000 bis 1500 Fuß tief und über eine +Viertelstunde breit urplötzlich in der Ebene nieder. Seine aus felsigem +Gestein bestehenden Seitenwände sind dünn mit zartem Moose und +süßduftendem Thymian überzogen, und nur wenige armselige Hütten sind auf +einzelnen vorspringenden Terrassen der Wände angebracht, die sonst in +ihren düstern Höhlen den Wölfen und Hyänen Schlupfwinkel darbieten, +während hoch oben über dem gähnenden Abgrunde Geier und Adler ihre Kreise +in weiten Bogen ziehen. Der Aberglaube des Volks bevölkert aber den Spalt +mit allerlei Unholden, während der König nicht mit Unrecht in ihm die +beste Schutzwehr gegen die jenseit desselben wohnenden Galla sieht. Tief +unten auf dem Boden, nur mit Schwindeln anzusehen, murmelt in tausend +kleinen Wasserfällen gleich einem Silberfaden die Tschatscha hin, um ihren +Tribut dem mächtigen Nil darzubringen. Da, wo die Schlucht sich etwas +erweitert, liegen die königlichen Eisenwerke von Gurejo. Hier wird auf +rohe, echt afrikanische Art durch ein einfaches Ausschmelzen ein ziemlich +gutes Eisen gewonnen. + + [Illustration: Empfang des Negus beim Einzuge in Angollala. Nach M. + Bernatz.] + +In einen dunkelgrünen Wachholderhain eingehüllt, erhebt sich auf einem +Hügel am jenseitigen Ufer das stille Städtchen _Tscherkos_, dessen +Einwohner einst alle, Mann, Weib und Kind, über tausend an der Zahl, in +einer einzigen Nacht von den wilden heidnischen Galla unter Führung des +Rebellen _Medoko_ hingeschlachtet wurden, zur Rache für eine ihm am Hofe +zu Ankober widerfahrene Beleidigung. Der stolze schöne Mann, auf den alle +Frauen des Landes mit nicht geringer Bewunderung schauten, trat einst vor +den König hin, brachte ihm 10 herrliche Streitrosse, 500 Ochsen, 20 +Sklaven und zwei große Körbe voll Silberthaler, die gnädig angenommen +wurden. Aber die Hand der Prinzessin Worka Ferri, um die er darauf bat, +wurde ihm abgeschlagen und er selbst schnöde mißhandelt; der Beichtvater +des Königs trat ihm in das Gesicht, daß das Blut herunterlief, und die +Staatsfestung Gontscho nahm ihn auf. Wie durch ein Wunder entkam er wieder +zu seinen Galla, die, seinem Rufe folgend, in hellen Haufen herbeieilten +und Tscherkos nebst seinen Einwohnern verbrannten. Unter der Führung ihres +Königs rückten nun die Schoaner aus, und bei Angollala kam es zur +blutigen, lange schwankenden Schlacht. Medoko unterlag und floh in die +geheiligten Asylräume des Klosters Affaf Woira, wo er sich sicher wähnte. +Da erschien dort eine feierliche Prozession, welche dem Rebellen die +Verzeihung des Königs überbrachte und ihn wieder zu Hofe kommen hieß. +Medoko folgte der Stimme zu seinem Unglück. Neuer Verrath wurde gegen ihn +gesponnen, und eines Nachts traten sechs Verschworene an sein Lager, um +ihn mit ihren Schwertern zu durchbohren. Noch einmal sprang der +verwundete, riesenkräftige Löwe auf, ein Blutbad unter seinen Mördern +anrichtend, dann sank er zusammen. Seinem Volke, das um ihn lange Jahre +trauerte, erschien er aber als Heros und Märtyrer, und die Fehden zwischen +Abessiniern und Galla nahmen mit erneuter Wuth ihren Fortgang. + + + + + Die Galla. + + +Die Galla sind ein schöner Menschenschlag, dessen Physiognomie kaukasisch +ist. Ihre Sprache weicht bedeutend von den echt semitischen Sprachen ab, +aber in Konjugation, den Fürwörtern und vielen anderen Wörtern verräth sie +doch einen semitischen Charakter und bildet mit den Sprachen der Danakil +und Somalen eine eigene Familie des semitischen Sprachstammes. Von ihren +zahlreichen Unterabtheilungen haben Krapf und Isenberg über fünfzig +herausgefunden, welche fast alle voneinander unabhängig sind, hier und da +in Feindschaft miteinander leben, aber dieselbe Sprache reden und +ursprünglich dieselbe heidnische Religion hatten. Ueber ihre Herkunft +bestehen verschiedene Sagen. Die Muhamedaner aus Argobba, östlich von +Schoa, wollen sie aus Arabien herleiten; doch ist dies sehr +unwahrscheinlich. Dagegen bemerkt eine abessinische Schrift, welche Krapf +in Schoa zu sehen bekam, Folgendes: "Eine königliche Prinzessin von +Abessinien heirathete zur Zeit Nebla Denjel's im 14. Jahrhundert, als die +Königsfamilie noch auf dem Berge Endoto residirte, einen Sklaven, der ein +Hirte war aus dem Süden von Guragué, und gebar ihm sieben Söhne, die alle +das Geschäft ihres Vaters trieben und dessen Sprache redeten. Als sie +erwachsen waren, sammelten sie viel Volks um sich und gaben sich der Raub- +und Plünderungssucht hin, sodaß sie zuletzt die Abessinier beunruhigten." +Von einer Schlacht, die sie den letzteren in Guragué am Flusse Galla +lieferten, sollen sie den Namen erhalten haben, mit dem die Abessinier und +andere umwohnende Völker sie benennen. Sie selbst aber heißen sich +Ilmorma, Menschenkinder. Später, nachdem Granje mit seinen muhamedanischen +Horden Abessinien verwüstet hatte, ließen sich mehrere Stämme von ihnen in +Schoa nieder. Späterhin wiesen die neuen Könige von Schoa den +Wollo-Stämmen, die entweder damals schon den Muhamedanismus angenommen +hatten oder dasselbe später thaten, die Nordgrenze von Schoa an, wo sie +bis 1856 eine Schranke bildeten, welche die Verbindung zwischen diesem +Lande und Abessinien erschwerte, bis König Theodoros II. Schoa und mit ihm +die Wollo-Galla unterwarf. Diese nördlichen Galla sind fanatische +Muhamedaner geworden, während es den christlichen Abessiniern nicht +gelungen ist, unter ihnen viel Proselyten zu machen. Auch diesen +heidnischen Galla gegenüber bewährt sich wieder die afrikanische Regel: +Der Islam siegt über das Kreuz. + +Die ursprüngliche Religion der Galla ist eine Naturreligion. Sie verehren +ein höchstes, unsichtbares Wesen, welches sie _Wak_ (Himmel) nennen. Ihn +betrachten sie als den Urheber aller Dinge und Geber aller Gaben, daher +richten sie ihre Gebete hauptsächlich an ihn. Obgleich sie keine bestimmte +Idee von ihm haben, so schreiben sie ihm doch Persönlichkeit zu und +glauben, daß er sich ihren Priestern im Traume offenbare, daß er zu ihnen +rede im rollenden Donner, sich ihnen zeige im leuchtenden Blitze, daß er +über Krieg und Frieden, Fruchtbarkeit und Theuerung entscheide. Jedoch +steht Wak nicht allein, sondern hat zwei Untergottheiten zu Gehülfen, +deren eine _Oglia_, männlich, deren andere _Atete_, weiblich ist. +Letzteren beiden feiern sie gewisse Feste im Jahre, an welchen sie ihnen +Opferthiere, Ziegen und Hühner schlachten, sich ihre Gunst erbitten und +ihren Willen durch Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere zu erfahren +suchen. Die Feste des Oglia werden im Januar und April, das der Atete im +September gefeiert. Dem Wak ist jeder Sonntag geweiht, den sie großen +Sabbat nennen, zum Unterschiede vom Sonnabend, welchen sie den kleinen +Sabbat heißen. Gewisse Bäume sind den Galla heilig; unter diesen opfern +sie und verehren ihre Götter. In besonders großer Achtung steht ein großer +Maulbeerfeigenbaum an den Ufern des Hawasch im südlichen Schoa. Hier +versammeln sich jährlich ihre Priester und Großen von mehreren Stämmen, um +Wak zu verehren und ihre Bitten an ihn zu richten. Dieser Baum heißt +Wadanabe und ist Sammlungsort der Galla von den verschiedensten Stämmen; +nur Weiber dürfen ihm nicht nahen. Ein anderer Baum, unter welchem dem Wak +jährliche Opfer gebracht werden, heißt Riltu. Während sie opfern beten +sie: "O Wak, gieb uns Tabak, Schafe und Ochsen, hilf uns, unsere Feinde zu +tödten. O Wak, führe uns zu dir, führe uns zum Paradiese und führe uns +nicht zum Satan". Auch der Ahorn und der Wanzabaum werden für heilig +gehalten. Die Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere wird namentlich +zur Entscheidung von Krieg und Frieden angewandt. Sie nehmen das Fett aus +der Bauchhöhle, legen es auseinander und bestimmen die eine Seite für die +Galla, die andere für ihre Feinde; die Seite nun, auf welcher das meiste +Blut in den Adern sich befindet, erhält den Sieg. Die beiden +Untergottheiten Oglia und Atete gebieten wieder über eine Menge +unsichtbarer Wesen, die sie Zaren nennen und denen sie gute und böse +Eigenschaften zuschreiben; daher werden auch diesen Verehrung und Opfer +dargebracht. Zur Ausübung des Dienstes haben sie Priester (Kalitscha) und +Zauberer (Luba). Der Priester hat die Leitung der Gottesverehrung, die +Wahrsagung, Segen und Fluch u. s. w. zu besorgen. Er trocknet die zum +Wahrsagen gebrauchten Eingeweide, legt sich dieselben um den Hals und +zieht damit im Lande herum. Merkwürdig ist, daß ein ganzer Stamm der Galla +für heilig gehalten wird, und zwar sind dieses die Watos, die überall frei +umhergehen, segnen oder fluchen dürfen, ohne daß ihnen Jemand ein +Hinderniß in den Weg legte. Dieser Stamm behauptet im Besitze ursprünglich +reiner Galla-Natur zu sein, und seine Angehörigen heirathen nur unter +sich. Sie kennen kein anderes Geschäft als Segnen und Fluchen, und weil +Alles in dem Glauben steht, daß, was sie sagen, eintreffen müsse, so sind +diese Leute sehr respektirt. Kein Galla läßt einen Wato zu sich ins Haus +kommen, aber Lebensmittel in Menge werden ihnen, wo sie sich zeigen, vor +die Häuser gebracht, weil man im Unterlassungsfalle ihren Fluch fürchtet. +Sie lieben, wie die Waitos (vergl. S. 90), das Fleisch des Flußpferdes, +welches in großer Menge im Hawasch vorkommt. + +Ueber den Ursprung der Menschheit haben die Galla einen dunklen +entstellten Begriff, jedoch scheinen sie nicht zu glauben, "daß alle von +einem Blute herkommen". Sie sagen, ihr erster Stammvater habe Wolab +geheißen; Wak habe ihn aus Thon gebildet, ihm dann eine lebende Seele +gegeben und ihn am Hawasch angesiedelt. Ihre Eidschwüre verrichten die +Galla auf eine sonderbare Weise. Eine tiefe, enge Grube wird in den +Erdboden gegraben und in dieselbe steckt man einige Lanzen. Dann wird sie +mit einer Thierhaut bedeckt, und die Betheiligten schwören nun, daß, falls +sie ihr Versprechen nicht hielten, sie in eine solche Grube stürzen, ihre +Leiber mit Lanzen durchbohrt werden und ungerächt und unbegraben liegen +bleiben mögen. Einmal geschlossene Freundschaft soll heilig gehalten +werden, wenn sie auch unter den verschiedenen Stämmen selten zu sein +scheint, da diese sich stets untereinander befehden. Heirathet ein Galla, +so bekommt die Frau ihre Mitgift vom Vater; scheidet sie sich aber von +ihrem Manne, so behält der Mann das Heirathsgeschenk. Gewöhnlich heirathen +sie drei Frauen. Stirbt der Mann, so ist sein Bruder verpflichtet, die +Witwe oder Witwen zu heirathen. Die Sanktion der Heirathen erfolgt allemal +durch den Abadula oder Vorgesetzten mehrerer Dörfer. Tödtet ein Galla +einen Fremden, der nicht von seiner Nation ist, so erwirbt er sich dadurch +viel Ruhm, tödtet er einen Stammverwandten, so hat er, ist der Getödtete +ein Mann, 100 Ochsen, ist es eine Frau, 50 Ochsen zu bezahlen. Da +abessinische Christen nebst den sie umgebenden Muhamedanern keine Mühe, +keine Schlechtigkeiten scheuen, Galla-Söhne und Töchter als profitable +Menschenwaare in den abscheulichen Sklavenhandel zu ziehen, so ist's +natürlich, daß sie alle Fremden als Feinde betrachten. Abessinische +Fürsten wollten ihnen das elende Christenthum, welches sie selbst hatten, +mit dem Schwerte aufdringen; abessinische Mönche wagten ihr Leben selbst +daran, ihnen den Genuß des Kaffees und Tabaks nebst anderen, von den +Abessiniern für unrein gehaltenen Speisen und Getränken, abzuschneiden, +und dafür nicht das Evangelium, sondern strenge Fastengesetze und andere +Observanzen aufzubürden; kein Wunder, daß sie sich gegen Beides mit aller +Macht wehrten. Sie haben die Idee, daß sie sicher bald sterben müssen, +wenn sie Christen werden, und daher sehen sie auch die ihnen vorgesetzten +Christen mit Abscheu an. Tritt ein solcher Gouverneur seine Stellung an, +dann ruft das Volk einstimmig: "Möge er bald sterben, möge er bald +sterben." + + [Illustration: Eine Galla (die Frau Eduard Zander's). + Originalzeichnung von E. Zander.] + +Die Kriege zwischen Abessiniern und Galla haben eigentlich nie recht +aufgehört. So oft auch letztere unterlagen, so erhoben sie sich doch immer +wieder. Zu Tausenden verkaufen dann die biederen Christen die armen Heiden +und füllen sich die Taschen mit blanken Maria-Theresia-Thalern, welche sie +für die Menschenwaare erhalten. + +Ein Hauptsklavenmarkt ist Metemmé, die Hauptstadt des Gebietes Gallabat, +an der Grenze zwischen Abessinien und dem ägyptischen Sudan. Baker +besuchte dort 1862 die Sklavenhändler. Sie wohnten in großen Mattenzelten +und besaßen viele junge Mädchen von außerordentlicher Schönheit, deren +Alter zwischen neun und siebzehn Jahren wechselte. Diese liebenswürdigen +Gefangenen mit einer schönen braunen Farbe, zart geformten Zügen und +Gazellenaugen waren Gallamädchen, welche aus ihrem Vaterlande an den +abessinischen Grenzen von abessinischen Händlern hierher geführt wurden, +um in die türkischen Harems verkauft zu werden. So schön diese Mädchen +sind, taugen sie zu keiner schweren Arbeit und kränkeln und sterben bald, +wenn man sie nicht freundlich behandelt. Man sieht mehr als eine Venus +unter ihnen, und nicht genug, daß ihr Gesicht und ihr Wuchs vollendet +schön sind, beweisen sie denen, welche sie gut behandeln, die größte +Anhänglichkeit und werden sehr brave und treue Frauen. Es liegt etwas +eigenthümlich Gewinnendes in der natürlichen Anmuth und Milde dieser +jungen Schönheiten, deren Herz jenen tieferen Liebesgefühlen, welche unter +rohen und rauhen Stämmen selten bekannt sind, eine rasche Antwort geben. +Ihre Formen sind auffallend elegant und anmuthig, die Hände und Füße +namentlich außerordentlich zart. Die Nase ist gewöhnlich leicht gebogen +und mit großen und schöngeformten Oeffnungen versehen. Das schwarze und +glänzende, aber ziemlich grobe Haar, reicht etwa bis zum halben Nacken +hinunter. Obgleich diese Mädchen aus den Gallaländern sind, bezeichnen sie +sich stets als Abessinierinnen und sind unter diesem Namen allgemein +bekannt. Sie sind außerordentlich stolz und hochgesinnt und lernen +merkwürdig schnell. In Chartum haben sich mehrere der angesehensten +Europäer mit solchen reizenden Damen verheirathet, welche ihren Männern +ohne Ausnahme große Liebe und Ergebenheit bewahren. In Gallabat betrug der +Preis für eine dieser Schönheiten zwischen 25 und 40 Thalern. Einige Jahre +nach Baker's Aufenthalt (März 1865) scheint aber der Handel mit +Gallamädchen in Metemmé fast erloschen zu sein und der schlechteren Waare +vom Weißen Flusse Platz gemacht zu haben, denn Graf Krockow, welcher +damals dort war, bemerkt: "Die in früheren Zeiten massenhaft für die +Harems der Reichen exportirten jungen, feurigen, abessinischen Mädchen +kommen jetzt nur selten auf den Markt, denn in ihrer Heimat hat das +abscheuliche Treiben fast ganz aufgehört" (?). + +Jedenfalls stehen die Gallamädchen weit über den lasterhaften +Abessinierinnen und vermögen nach Umständen wohl auch einen Europäer zu +beglücken. Lassen wir darüber einen Brief Eduard Zander's vom 27. Juni +1854 reden: "Seit einem Jahre und einem Monat bin ich auf Befehl des +Regenten Ubié verheirathet, und vor zwei Monaten ist mir unter Gottes +Beistand auch ein Töchterlein geboren worden. Es ist ganz deutschen +Charakters, weiß und blond, sehr wohlgestaltet und schön und erhielt in +der Taufe nach abessinischem Ritus die Namen Maria Sophia. - Zwanzig +Monate sind jetzt verflossen, da veranstaltete Ubié eine großartige +Schmauserei, zu der an einem Tage nicht weniger als 300 Kühe +abgeschlachtet wurden; Alles war guter Dinge und der Honigwein floß in +Strömen. Auch ich war besonders von Ubié eingeladen worden; bei ihm +angelangt, befahl er sofort, daß ich mich neben ihn auf seine Alga setzen +sollte. Das Weilen auf diesem Platze gilt für die größte Auszeichnung bei +Hofe, welche nur den Mitgliedern des höchsten Adels zu Theil wird. Ubié +hatte mich im Laufe der Zeit genau kennen gelernt und sehr lieb gewonnen, +sodaß ich schon vor zwei Jahren in den hohen Adel erhoben wurde und zu +jeder Zeit ungehinderten Eintritt bei ihm hatte. An diesem Tage war er +ganz besonders heiterer Laune, er sprach viel mit mir und fragte mich nach +allen möglichen Dingen, unter anderm, warum ich nicht verheirathet sei? +Offen und rund heraus erklärte ich ihm denn, daß die Töchter seines Landes +mir keineswegs gefielen, da ihnen das, was wir an den Frauen vor Allem +schätzten, fehle, nämlich Ehrbarkeit und Tugend. Du hast Recht, entgegnete +mir Ubié, sie taugen alle nicht für dich, denn du bist ein ordentlicher +Mann. Ich werde selbst für dich sorgen und dir eine passende Frau +aussuchen. Kaum waren fünf Monate vergangen, so erfüllte Ubié bereits sein +Wort. Während dieser Zeit hatte er nach allen Richtungen des Landes Boten +ausgesandt, die für mich eine geeignete Frau suchen sollten; keiner aber +hatte eine schickliche gefunden. Da langten eines Tages muhamedanische +Kaufleute hier an, unter denen sich ein Sklavenhändler befand, welcher +sieben schöne Sklavinnen feil hatte. Ubié ließ sich die Mädchen vorführen +und suchte unter allen sieben die schönste aus, um sie mir zum Weibe zu +schenken. Das Vaterland meiner Frau ist Lima; die Bewohner sind Galla, der +Regent oder Oberhäuptling des Landes heißt Ababokiwo. Meine Frau zählt +jetzt 16 Jahre. Sie hat mich lieb gewonnen, ist mir treu ergeben und von +Charakter sanft, ihr Verstand ist scharf und hell. Was sie aber besonders +auszeichnet, ist Sittsamkeit und Tugend." + +In seiner Heimat, wo das Schwert des abessinischen Eroberers noch nicht +eindrang, ist der Galla ein freier, unabhängiger Mann, dem nur der +Distriktsvorsteher oder Abadula und der oberste Häuptling oder Heiu zu +befehlen hat. Der Heiu regiert nur acht Jahre, alsdann tritt er ins +Privatleben zurück, weil dann ein anderer Heiu, ein Mann von kriegerischem +Muthe und Talent, gewählt wird. Sein Geschäft besteht darin, daß er durch +den ganzen Stamm zieht, alle Hauptangelegenheiten seines Staates +schlichtet und unterstützt und namentlich über Krieg und Frieden +entscheidet. Dabei ist der Ort, in welchem er sich gerade aufhält, +verpflichtet, ihn zu unterhalten. + +Stirbt ein Galla, so erhebt sich, wie fast im ganzen Oriente, allgemeine +bittere Klage. Ist der Verstorbene ein Hausvater, so rasiren sich, zum +Zeichen der Trauer, die Kinder am ganzen Leibe. Der Todte wird anständig +begraben, das Grab mit schönen Steinen bedeckt und eine Aloe darauf +gepflanzt; dann wird eine Kuh geschlachtet und von den Verwandten +verzehrt. Sobald die Aloe ausschlägt, glauben sie, die Seele des +Verstorbenen sei zu Wak ins Paradies gekommen. Jedoch meinen sie, daß auch +in jener Welt alle Nationen und Religionen ebenso geschieden sein werden +wie hier. Galla, Muhamedaner und Christen kommen jede Partei an ihren +besonderen Ort, um die guten oder üblen Folgen ihres Verhaltens in dieser +Welt zu genießen. Die Lüge scheint bei ihnen verpönter zu sein als bei +ihren abessinischen Nachbarn. Wird ein Galla als Lügner ertappt, so +verliert er Sitz und Stimme in den öffentlichen Versammlungen und wird der +Verachtung preisgegeben. + +Was im Vorstehenden über die Galla mitgetheilt wurde, ist vorzugsweise den +Berichten Krapf's und Isenberg's entlehnt. Das Volk erscheint uns nach +diesen Mittheilungen weit liebenswürdiger und besser als seine +abessinischen Bedrücker. Ueber die Art und Weise, wie die letzteren gegen +die Galla verfahren, wie sie Land und Volk dieses Stammes auf das +Schmählichste verwüsten, darüber können wir uns am besten unterrichten, +wenn wir abermals der Erzählung des Major Harris folgen. + +Wie die meisten anderen afrikanischen Potentaten, unternahm auch Sahela +Selassié keinen Krieg wegen des nationalen Ruhmes oder wegen der +öffentlichen Wohlfahrt; seine Kriege waren entweder Raubzüge oder auf die +Unterdrückung von Rebellen gerichtet, und das war auch jetzt wieder der +Fall, als er gegen die Galla auszog, wobei er den dringenden Wunsch +aussprach, von der Gesandtschaft begleitet zu werden; die Gegenwart +derselben sollte ihm Kraft, seinen Völkern neuen Muth verleihen. Nur für +20 Tage wurde die Armee mit Lebensmitteln versehen, woraus man schließen +wollte, daß das Ziel des Feldzuges kein allzufernes war. Angollala war in +großer Aufregung und alle Handwerker damit beschäftigt, die Waffen in +Stand zu richten, während im königlichen Arsenale Tag und Nacht große +Thätigkeit herrschte. Bei dem abergläubischen Charakter der Abessinier war +vorauszusehen, daß erst das Schicksal befragt und nach guten oder bösen +Vorzeichen geforscht werden müßte. Priester und Mönche hatten in dieser +Beziehung alle Hände voll zu thun. Das Herabfallen eines Schildes vom +Sattelknopf, die Erscheinung eines weißen Falken sind ungünstige Zeichen, +während ein paar Raben Glück verheißen. Auch das Heulen der Hunde während +der Nacht wurde beobachtet, um daraus Schlüsse zu ziehen. Endlich brach +man auf und zwar in der größten Unordnung, um aber bald wieder Halt zu +machen, damit die zahlreichen Nachzügler sich sammeln konnten. Vor der +Armee wurde unter einem Baldachin von Scharlachtuch die Bibel und die +Bundeslade aus der Michael-Kathedrale in Ankober auf dem Rücken eines +Maulthieres vorangetragen, welche den sicheren Sieg gegen den heidnischen +Feind verleihen sollten; dann folgte auf reich gezäumtem Maulthiere der +König, umgeben von seinen Luntengewehrträgern und den Musikanten mit +Kesselpauken und Trompeten. An ihn schlossen sich an Gouverneure, +Offiziere, Mönche, Priester und zuletzt - das Sonderbarste von allen: 40 +Frauen und Fräulein, welche die königliche Küche zu versorgen hatten. +Soweit das königliche Gefolge, dem sich unter einer ungeheuren Staubwolke, +soweit das Auge reichte, Reiter, Krieger zu Fuße, Saumrosse, Esel, +Maulthiere, mit Zelten und Lebensmitteln beladen, sowie große Scharen +Weiber anschlossen, die mächtige Töpfe mit Bier und Honigwein auf dem +Rücken trugen. Alles in Unordnung malerisch durcheinander. Wenn diese +Masse sich niederließ, nahm das Lager einen Raum von anderthalb Stunden im +Durchmesser ein, in dessen Mitte das königliche Zelt und dabei die Küche +stand. Von Vorposten oder sonstigen Sicherheitsmaßregeln war aber, selbst +als man schon des Feindes Land betreten hatte, gar keine Rede. Nicht wenig +Aufsehen erregten die Bajonnetflinten, die bei diesem Zuge zum ersten Male +in praktischen Gebrauch kommen sollten, und die Raketen, welche auf des +Königs Wunsch die Engländer allabendlich steigen ließen, um die Galla +durch den Feuerregen derselben zu schrecken. + +Früh am Morgen erschallten die _Nugarits_ oder Trommeln, um die +Mannschaften in den Sattel zu rufen, und in einer halben Stunde war die +Armee, die mittlerweile auf 15,000 Mann angeschwollen war, wieder auf den +Beinen. Das militärische System Schoa's ist ein rein feudales, da jeder +Gouverneur des Reiches im Verhältniß zu dem ihm unterstehenden Lande ein +Kontingent zu stellen gezwungen ist. Außer den Pferden, Waffen und +Lebensmitteln erhalten die Soldaten nichts und nur 400 Garden des Königs +bekommen Zahlung, nämlich 8 Amolen (Salzstücken) im Jahre, etwa 18 +Groschen im Werthe, außer der Beköstigung, wie sie jeder königliche Sklave +auch erhält. Daß in einer so zusammengesetzten Armee wenig Disziplin +herrscht, läßt sich denken. Ohne Rücksicht für die der Reife +entgegengehende Ernte, die niedergetreten wurde, wälzte sich die Schar, +einem Heuschreckenschwarme gleich, Alles vor sich aufzehrend, in +südwestlicher Richtung weiter, ohne daß die Einzelnen wußten, wohin der +Raubzug eigentlich gehe, denn der König bewahrte das Geheimniß seines +Zieles so streng, daß nicht einmal seine höheren Offiziere davon +unterrichtet waren. + +Nichts konnte einförmiger sein als der Landstrich, den man zuerst +durchzog. Weite, grasige, wellenförmige, mit Feldern durchsetzte Ebenen, +ohne einen einzigen Baum dehnten sich vor dem Heere aus. Verschiedene +kleine Bäche und Flüsse, die dem Nile zuströmen, wurden überschritten, und +Se. Maj., dem es zu viel wurde, immer zu reiten, wollte zur Abwechselung +einmal gehen, stieg ab und ließ sich ein paar Pantoffeln reichen, die aber +bald im Kothe stecken blieben, sodaß der König schließlich vorzog, gleich +seinen Unterthanen barfuß einherzuschreiten. In der weiten, von Hügeln +umschlossenen Ebene Abai Deggar wurde plötzlich der Befehl ertheilt, das +Lager aufzuschlagen und die Umgebung auszuplündern. Sogleich rückten im +vollen Galopp die Reiterbanden nach allen Richtungen aus, brannten die +Dörfer nieder, zertraten das Getreide und trieben das Vieh ins Lager. +Fortwährend herrschte die größte Unordnung im Heere, das nur in losen +Haufen, weit zerstreut marschirte, und so eher den Anblick einer +geschlagenen als einer vordringenden Armee darbot. In ihren kurzen, weiten +Beinkleidern, den Leib mit der langen Binde umwickelt, mit dem Leoparden- +oder Löwenfell auf der Schulter, mit Speer und Schild bewaffnet, setzten +die Reiter durch den schlammigen Boden, der auch des Nachts ihr einziges +Lager war; viele blieben aber liegen und gingen an den Strapazen zu +Grunde, da es in der Nacht gewöhnlich fror. + +An der 1200 Fuß hohen Gebirgskette _Garra Gorfu_ war endlich das Ziel +erreicht. Langsam zog die Armee zum Rücken der Berge hinauf, während +rechts und links Scharen abschwenkten, um den Feind zu umgehen. In einer +Breite von vier bis fünf und einer Länge von etwa zwölf Stunden bilden die +mit Feldern bestandenen Garra-Gorfu-Berge eine Wasserscheide zwischen Nil +und Hawasch; an ihnen wohnen die _Sertie-Galla_, die sich seit langer Zeit +schon in offenem Aufstande gegen den König befanden, d. h. sie hatten die +verlangten Steuern nicht bezahlt und sogar eine zur Eintreibung derselben +abgesandte Reiterschar von 800 Mann erschlagen. Jetzt nahte der Tag der +Rache für den verweigerten Gehorsam. + +Gleich einem angeschwollenen Strome ergoß sich das Heer über die +friedliche Landschaft, deren Bewohner nichts Böses ahnten, und nun rückten +15,000 blutgierige Barbaren gegen sie heran. Ruhig bestellte noch der +friedliche Landmann sein Feld, die Weiber gingen ihrer Beschäftigung nach +und auf den blumigen Wiesen weidete das Vieh. "Möge der Gott, welcher der +Gott meiner Väter ist, uns stärken und verzeihen!" sprach wuthfunkelnden +Blickes der christliche König und gab damit das Zeichen zur Verwüstung. +Dorf auf Dorf wurde niedergebrannt, bis die Luft durch den Rauch +verfinstert war, der Speer des Kriegers durchsuchte jeden Busch nach +Flüchtigen. Weiber und Kinder wurden in hoffnungslose Sklaverei abgeführt; +alte und junge Männer erbarmungslos erschlagen und die Herden +weggetrieben. Jeder Krieger wollte es dem andern an Blutdurst und +Grausamkeit noch zuvorthun. Ganze Familien wurden umringt und +niedergespeert; Unglückliche, die auf die offene Ebene sich flüchteten, +gleich einem Wild verfolgt und zusammengehauen; drei- oder vierjährige +Kinder, welche auf Bäume geklettert waren, herabgeschossen, wie man Vögel +vom Baume schießt. Nach Verlauf von zwei Stunden verließ das Heer wieder, +mit Beute beladen, das verwüstete Thal. Da, wo die Stätte eines +friedlichen Ackerbaus gewesen, wo glückliche Menschen gewohnt, hörte man +nur das Knistern der zusammenbrechenden, niedergebrannten Balken und das +Schreien der Geier, die, vom Leichengeruch angelockt, aus weiter Ferne +herbeigezogen kamen. Das ist der abessinische Krieg, so war er einst, so +war er bis heute unter Theodoros: Ueberfall, Mord, Raub, Schlächterei - +selten eine offene Feldschlacht kennzeichnen ihn. + +Das Nachtlager der siegreichen Armee bot einen teuflischen Anblick dar. +Ueberall flammten die Feuer, bluteten die geschlachteten Schafe, wieherten +laut die Rosse, brüllten siegestrunken die Krieger oder weinten leise die +gefangenen Gallamädchen. Die Speere und Schilde der grimmigen Krieger, +welche ihre Hände in das Blut unschuldiger Kinder getaucht hatten, +funkelten durch die Nacht; erst allmälig erstarb der wüste Lärm, und die +Nacht deckte ihren dunklen Schleier über die barbarischen Scenen des +Tages. + +Nach dieser blutigen Fehde hielt der König seinen triumphirenden Einzug +erst in Angollala, dann später in der Landeshauptstadt Ankober, welche er +seit der Ankunft der britischen Gesandtschaft in Schoa nicht besucht +hatte. Erwartet von der gesammten Priesterschaft und den Einwohnern, von +den königlichen Pauken und den Staats-Sonnenschirmen, seinen Kriegern, +Generalen und der britischen Gesandtschaft geleitet, zog er in die +jubelnde Stadt ein, deren Dächer, Palissadenzäune und Straßen mit einer +dichten Menschenmasse erfüllt waren. Der Lärm und die Musik dauerten so +lange an, bis der König und sein Gefolge den steilen, gewundenen Pfad zum +Palaste hinaufgestiegen, die neun Thorwege passirt und im innersten +Hofraume Platz genommen hatte. Hier ließ sich Se. Maj. in einem erhöhten +Alkoven, seinem Throne, nieder; dann ertönte wieder die große Pauke und +dreihundert im Hofe sitzende Kebsweiber begannen in die Hände zu +klatschen, während eine Tänzerin vor dem Herrscher ihre Sprünge machte und +ein selbst gedichtetes Lied zu dessen Lobe sang. Wenn sie einen Vers +geendigt und z. B. gesagt, daß der Fürst, der stets über seine Feinde +triumphirt hatte, niemals seine königliche Stirn mit einem schöneren +Siegeskranze geschmückt hätte als gerade jetzt, wandte sie sich nach der +Menge um. Mit lautem Geschrei fiel diese als Chorus in ihren Vers ein. Die +Krieger heulten dann laut vor Freuden, die Großen des Reichs, die +Häuptlinge, Gouverneure und Generale klatschten in die Hände und die vor +dem Palaste versammelte Menge erwiderte mit lautem Jubelgeschrei diesen +Siegesjubel, während, um die Freude voll zu machen, die britischen +Artilleristen ihr Geschütz abbrannten. + + [Illustration: Siegesfest in Ankober. Nach M. Bernatz.] + +Am Tage des Erzengels Michael, dessen Kirche unmittelbar neben dem Palaste +steht, nahm um Mitternacht Sahela Selassié das heilige Abendmahl und +stattete Gott ein Dankgebet für den errungenen Sieg ab. Die Bundeslade, +die ihm im Kriege Glück gebracht, wurde wieder in feierlicher Prozession +an ihre alte Stelle in der Michaelskirche gesetzt und den Armen reichlich +Almosen gespendet. So schloß das Siegesfest. + +Mit Erlaubniß des Königs unternahm die britische Gesandtschaft +verschiedene Streifzüge durch das Land, namentlich in die nördlichen +Galladistrikte. Heimgekehrt nach Angollala kam sie ihrem Ziele, dem +_Abschlusse eines Handelsvertrages_ mit Schoa, immer näher, gegen den der +König sich anfangs sehr gesträubt hatte. Die Artikel wurden sauber auf +Pergament aufgesetzt und ein Tag zu dessen Unterzeichnung bestimmt. + +Zur bestimmten Stunde lagerte Se. Maj. im Alkoven, umgeben von den +Würdenträgern seines Reiches. Das künstlerisch ausgestattete Dokument, auf +dem die heilige Dreieinigkeit als Schoa's Wappen und das königlich +englische Siegel angebracht waren, wurde vor Sahela Selassié in englischer +und amharischer Sprache verlesen. Unter den 16 Artikeln befanden sich auch +solche, welche eine förmliche Umwälzung in vielen der bisher in Schoa +geltenden Anschauungen hervorbrachten. So wurde das Recht der Krone, das +Eigenthum fremder im Lande verstorbener Personen ohne Weiteres sich +aneignen zu können, aufgehoben, viele Monopole beseitigt und den Fremden +gestattet, wieder nach dem Besuche des Landes in ihre Heimat zurückkehren +zu dürfen, was vorher nicht der Fall war. Tekla Mariam, der königliche +Notar, kniete mit dem aufgerollten Dokumente vor dem Lager Sahela +Selassié's, dem er die Feder zum Unterschreiben der Stelle darreichte, +welche lautet: "So geschehen und beschlossen zu Angollala, der +Galla-Hauptstadt Schoa's, zum Zeichen dessen wir unsere Unterschrift und +Siegel hier beisetzen, Sahela Selassié, Negus von Schoa, Ifat und der +Galla." In Gegenwart hoher Beamten drückte dann der Schreiber noch das +königliche Siegel - ein Kreuz, um welches das Wort Jesus geschrieben ist - +unter den Handelsvertrag, der dem Kapitän Harris vom Könige mit folgenden +Worten eingehändigt wurde: "Ihr habt mich mit köstlichen Geschenken +erfreut. Das Gewand, welches ich trage, der Thron, auf dem ich sitze, die +vielen Merkwürdigkeiten in meinen Magazinen, die Flinten, welche in der +großen Halle hängen, sie stammen alle aus eurem Lande. Was kann ich euch +dagegen bieten? Mein Königreich ist so viel wie Nichts." + +Kurze Zeit darauf wurde der König, dessen Lebenswandel nicht der solideste +war, wieder einmal sehr krank und ließ die englischen Aerzte rufen, um ihn +zu kuriren. Jammer und Elend mochten sein Herz erweichen und er faßte, +gleichsam um die Vorsehung mit sich zu versöhnen, den Entschluß, alle +seine männlichen Verwandten, die er bisher im Staatsgefängniß zu Gontscho +bei Ankober gefangen hielt, zu befreien und auf diese Weise einen Damm zu +durchbrechen, den eine barbarische Sitte seiner Vorfahren um den Thron +errichtet hatte. Die Könige von Schoa nämlich hatten, nach erlangter +Unabhängigkeit von den übrigen Abessiniern, es zur Gewohnheit gemacht, daß +Jeder von ihnen bei seiner Thronbesteigung alle seine Brüder in ein +Staatsgefängniß einsperrte, und nur die Schwestern, von denen keine +Mitbewerbung um den Thron zu fürchten war, behielten ihre Freiheit. Daß in +einem despotischen Staate wie Schoa sich allerdings eine solche Maßregel +empfehlen konnte, geht aus der früheren Regierungsgeschichte des Königs +Sahela Selassié hervor, da einer seiner Brüder, der die Freiheit behalten +und sich dem Klosterleben gewidmet hatte, selbst das Mönchsgewand dazu +benutzte, um hier und da im Lande Revolutionen anzustiften. Die Könige von +Schoa nahmen bei jener barbarischen Sitte nur das Verfahren der +sogenannten salomonischen Dynastie in Abessinien im Allgemeinen sich zum +Muster, und erst im vorigen Jahrhundert wurde diese Sitte in Amhara und +Tigrié abgeschafft. _Seitdem herrschte aber dort auch beständiger +Bürgerkrieg._ + +Das war das letzte bemerkenswerthe Ereigniß, welches die britische +Gesandtschaft während ihres Aufenthaltes in Schoa niederzuschreiben hatte, +denn bald darauf erfolgte ihre Abberufung. + +Durch einen in England eingetretenen Ministerwechsel war die Gesandtschaft +in Schoa unfreundlich berührt worden, indem die neue Tory-Regierung einer +Fortsetzung der Verbindung mit Schoa ungünstig war und die Gesandtschaft +zurückberief. Kapitän Harris hatte jedoch sich gegen die Zurückberufung +gesträubt und sich angeboten, ohne seinen Gehalt als Gesandter mit seiner +bloßen Pension als Kapitän der Artillerie in Ankober zu bleiben. Da keine +Antwort hierauf eintraf und die Gesandtschaft an allen Mitteln Mangel +litt, mußte Kapitän Harris sich endlich im Februar 1843, nachdem er 18 +Monate in Schoa verweilt, zur Umkehr entschließen. Erst in der +Grenzstation Farri erhielt er von der Regierung in Bombay Gegenbefehl; +allein es war nun zu spät, da keiner außer Harris selbst Lust zur Umkehr +spürte. In Erwiederung auf jene glänzenden Gaben, die der König von Schoa +von England erhalten, schickte dieser nun der Königin Viktoria ein +hübsches Maulthier, einige naturhistorische Merkwürdigkeiten und einige +Gold- und Silberarbeiten als Industrieerzeugnisse seines Landes zu +Gegengeschenken. Auf Verlangen der Gesandtschaft hatte Sahela Selassié +derselben auch zwei seiner Soldaten als Boten mitgegeben, um die +freundschaftlichen Gesinnungen, die man von ihm erwartete, der britischen +Regierung auszudrücken. + +Noch einige Jahre lebte Sahela Selassié, dessen Ruf durch verschiedene +Reisende durch ganz Europa drang; dann segnete er das Zeitliche und +erhielt in Hailu Melekot einen weit weniger energischen Nachfolger. Nicht +allein, daß die Galla gegen diesen mit erneuerter Macht auftraten und +seinen Thron erschütterten - sondern die Selbständigkeit Schoa's ging +unter ihm zeitweilig verloren, indem im Jahre 1856 die neu aufgegangene +Sonne, Theodoros II., den Staat mit Gesammtabessinien vereinigte. Erst als +dieser in den Krieg mit England verwickelt wurde, gelang es dem Enkel +Sahela Selassié's, dem jungen Menilek, seine Krone wieder zu erlangen. Der +folgende Abschnitt, welcher die so merkwürdige neueste Geschichtsepoche +Abessiniens behandelt, giebt darüber Auskunft. + + + + + + [Illustration: Südwestfront des Gemp in Gondar. Nach einer + Originalzeichnung von E. Zander.] + + + + + + THEODOROS II., NEGUS VON AETHIOPIEN. + + + Bewegte Jugend. - Der Emporkömmling. - Schlacht von Debela und + Königskrönung. - Rebellenkriege. - Reformen. - Abessinische Heere + und Kriegspraxis. - Verwicklungen mit den Missionären. - + Gefangennahme Cameron's und Streitigkeiten mit England. - Magdala. + - Beginn der englischen Invasion. - Erstürmung von Magdala und Tod + Theodor's. - Rückzug der Engländer. + + +Im äußersten Westen Abessiniens, angrenzend an das den Aegyptern +unterthane Gebiet, liegt die Provinz _Koara_, bekannt durch die besondere +Sprache, welche, abweichend von derjenigen des übrigen Landes, ihre +Bewohner reden. Dort sowol als in dem benachbarten Fürstenthum Sana +regierte seit alten Zeiten eine adlige Familie, die im Beginn dieses +Jahrhunderts durch den Detschas Hailu Mariam repräsentirt wurde. Seine +Frau, die sich rühmen konnte, aus noch vornehmerem Geschlechte +abzustammen, da sie mit der "salomonischen Dynastie" verwandt war, gebar +ihm im Jahre 1820 einen Sohn, der _Kasa_ genannt wurde. Gewiß war es dem +Knaben, der später den Namen Theodor II. führte, nicht an der Wiege +gesungen, daß er einst über ganz Aethiopien als Negus herrschen und seine +Widersacher niederwerfen werde; denn obgleich aus herzoglichem Geschlecht, +bezeichneten seine frühesten Jahre doch das Elend und die Noth. Beim Tode +seines Vaters theilten die Verwandten das Erbtheil Kasa's unter sich und +zwangen die aus königlichem Blute entsprossene Mutter, sich durch den +Verkauf von Heiltränkchen und Kusso (dem Mittel gegen den Bandwurm) zu +ernähren. Der Knabe aber fand im Kloster Tschankar am Tanasee, südlich von +Gondar, Aufnahme, um sich dort zum Debtera heranzubilden. Daß er dort den +Studien fleißig obgelegen und erlernt hatte, was man in Abessinien +erlernen kann, dafür zeugt seine spätere Laufbahn, in welche der arme +Student der Gottesgelahrtheit durch einen Zufall hineingeführt wurde. Es +war zu Anfang der vierziger Jahre, als wieder einmal ein Rebell die +Provinz Dembea heimsuchte und sengend und brennend von Ort zu Ort zog. +Auch das Kloster Tschankar wurde überfallen und dort ein Blutbad +angerichtet, dem der junge Kasa nur mit Mühe entkam. Mit einem Haufen +Abenteurer durch das Land ziehend, führte er ein Räuberleben und schwang +sich bald zum Befehlshaber derselben empor. Durch glückliche Erfolge kühn +gemacht, beschloß er, sich eine Provinz zu erobern, und fiel zunächst über +Dembea her, wo damals die kluge und grausame Fürstin _Menene_, die Mutter +des Ras Ali, herrschte. An der Spitze ihrer Truppen stellte sich die +beherzte Frau dem jungen Rebellen entgegen; doch das Schicksal entschied +gegen sie. Geschlagen wußte sie doch dem Unheil noch die beste Seite +abzugewinnen und den Kasa an sich zu fesseln, indem sie ihm ihre Enkelin +_Tsubedsche_, die Tochter des Ras Ali, zur Frau gab. Dem Muthigen hilft +das Glück! dachte Kasa, in dessen Kopf nun großartige Pläne sich zu +entwickeln begannen; die Aegypter hatten Galabat erobert und gegen die +Hauptstadt dieser Provinz, Metemmé, richtete er nun seinen ersten Angriff. +Es war gerade Markttag, als er heranrückte und mit seinen Gefährten den +Ort überfiel, ausplünderte und mit großer Beute sich zurückzog. Indessen +die Rache folgte auf dem Fuße. Kasa gerieth am Flusse Rahad zwischen zwei +Compagnien regulärer ägyptischer Infanterie und wurde gründlich +geschlagen. Seine Bande zerstreute sich und er selbst flüchtete mit einer +Kugel in der Schulter in das Innere des Landes. Von Allen verlassen, +hülflos und ohne die geringsten Mittel wandte er sich nun an die Fürstin +Menene; allein diese wies ihn spöttisch zurück und ihr General, der +Detschas Underad, wagte es sogar, ihn wegen seiner Herkunft als Sohn einer +Kussoverkäuferin zu verspotten. Da ergrimmte Kasa, sammelte Anhänger und +schlug Menene sammt ihrem General, die gefangen wurden. Als man sie vor +ihn führte, redete er sie folgendermaßen an: "Liebe Leute! Wie ihr ganz +richtig bemerkt habt, bin ich der Sohn einer Kussoverkäuferin und ihr +erinnert mich, daß meine Mutter heute noch Nichts abgesetzt hat. Macht +diesen Fehler gut und trinkt gefälligst diese Flasche aus." Und damit +zwang er sie, das abscheulich schmeckende, kräftig wirkende +Abführungsmittel zu verschlucken. + +Nun war Kasa Herr von Dembea und Gondar, wo sein Einfluß von Tag zu Tag +wuchs. Als darauf, um ihn niederzuwerfen, sein eigener Schwiegervater, Ras +Ali, gegen ihn auszog, wurde auch dieser besiegt und mußte 1852 nach Debra +Tabor, später zu den Galla fliehen. Kaum war dieser aus dem Felde +geschlagen, so rückte der Detschasmatsch _Goschu_ aus Godscham gegen Kasa +vor, um den Emporkömmling zu züchtigen. Wieder wandte sich das Geschick +und Kasa, an den Ufern des Tanasees geschlagen, flüchtete in ein Maisfeld. +Ihm nach sprengte Goschu, laut ausrufend: "Wer fängt mir diesen Vagabunden +ein?" Kaum hatte er die Worte gesprochen, als ein wohlgezielter Schuß +Kasa's ihn niederstreckte, der nun, aus seinem Verstecke hervorspringend, +Goschu's Truppen zurief: "Schaut, euer Fürst ist hin, und ihr seid Hunde, +was wollt ihr machen?" Entmuthigt durch den Tod ihres Führers streckten +die meisten die Waffen und der Rest fiel unter dem Schwerte der wieder +gesammelten Truppen Kasa's. Mit dem Falle dieses letzten Häuptlings hatte +Kasa das ganze centrale Abessinien sich unterworfen und nur noch Schoa und +Tigrié waren unbesiegt. In ersterem Staate herrschte unabhängig _Hailu +Melekot_, der Sohn Sahela Selassié's, in letzterem der alte _Ubié_. Der +nächste, welchen das Schicksal betreffen sollte, war Ubié, doch mußte Kasa +mit diesem alten schlauen Greise anders zu Werke gehen, als mit den +übrigen Gegnern. In Adoa, Ubié's Hauptstadt, spielten damals die +katholischen Missionäre, namentlich de Jacobis, eine große Rolle, welche +den alten Ubié ganz für sich eingenommen hatten und ihm Frankreichs Schutz +zusagten, während sie den Abuna Abba Salama zu verdrängen suchten. Hierauf +baute Kasa seinen Plan. Um den Kirchenfürsten, der durch die Katholiken +seine Macht immer mehr geschmälert sah, auf seiner Seite zu haben, ließ er +ihn von Adoa nach Gondar kommen und versprach ihm, wenn er ihn zum Könige +krönen wolle, die Katholiken zu vertreiben. Der Vertrag wurde geschlossen, +die Katholiken zuerst aus Amhara verjagt und Ubié aufgefordert, sich zu +unterwerfen und Tribut zu bezahlen. Allein dieser, der 25 Jahre lang im +Schoße des Glücks gesessen und an sein Ende nicht glauben mochte, ließ es +auf eine Entscheidung durch die Waffen ankommen. + +Groß und bedeutend waren die Vorbereitungen, die von beiden Seiten zum +Feldzuge getroffen wurden, denn der Tag, welcher über Abessiniens Zukunft +entscheiden sollte, war gekommen. + +Ueber die Hochebene von Woggara rückte im Januar 1855 das Heer des +Emporkömmlings nach Semién vor; ihm entgegen zog von der Enderta her der +alte Ubié. Immer höher winden sich die Truppen in die Alpenpässe hinauf, +immer schneidender wird die Luft dort oben und der Schnee läßt seine +weißen Flocken auf die braunen, leichtgekleideten Krieger herniederfallen, +die in gedeckter Stellung am Fuße des mächtigen Bachit sich treffen und +zögernd einander beobachten. Hier das Alter, die Erfahrung und eine +erprobte Macht; dort die Jugend, die Thatkraft und die Siegesgewißheit, +welche rasche Erfolge und Glück verliehen haben. Schon zaudert man +wochenlang - da bricht mit einem Male - es war am 9. Februar - Ubié mit +seiner gesammten Streitmacht auf. Beim Dorfe _Debela_ kommt es zur +entscheidenden Schlacht, in der Ubié's Heer vernichtet, er selbst +gefangen, einer seiner Söhne getödtet wurde. 7000 Flinten und zwei vom +Könige Ludwig Philipp geschenkte Kanonen nebst einem Schatz von 60,000 +Thalern fielen mit der kurz darauf folgenden Einnahme der Festung Amba Hai +in die Hände des glücklichen Kasa, der nun am Ziele seiner Wünsche +angelangt war. + +Nicht fern von der Wahlstatt steht die von unserm Landsmann Eduard Zander +erbaute Kirche _Debr Eskié_. Dorthin begab sich schon zwei Tage nach der +Schlacht, umringt von seinen Generalen und geführt vom Abuna, der +siegreiche Sohn der armen Kussohändlerin. Sein Stern war glänzend +aufgegangen und dem glücklichen Krieger fuhr der Gedanke durch die Seele, +daß er berufen sei, das große äthiopische Reich wieder aufzurichten. Er +glaubte sich zu hohen Dingen auserkoren. Ging doch unter den abessinischen +Christen die alte Sage, es werde einst ein Kaiser _Tadros_ (Theodoros) +erstehen, um den Glanz Aethiopiens wieder herzustellen, das Land groß, das +Volk frei und glücklich zu machen; er sei vom Himmel dazu bestimmt, die +Muhamedaner zu überwältigen und Mekka sammt Medina zu zerstören. Daran +anknüpfend, ließ sich nun Kasa vom Abuna Salama in der Kirche zu Debr +Eskié am 11. Februar 1855 zum Negus über Aethiopien krönen, wobei er den +Thronnamen Theodor II. annahm. De Jacobis und die Katholiken mußten nun +unter Androhung der Todesstrafe schleunig das Land räumen. + +Nachdem Theodor nothdürftig durch Einsetzung eines Statthalters sein +Ansehen in dem noch keineswegs ganz unterworfenen Tigrié hergestellt, +beschloß er, zunächst Schoa zu unterjochen, wozu theologische +Spitzfindigkeiten, nämlich die Frage von den zwei oder drei Geburten +Christi (vergl. S. 112) den Vorwand hergeben mußten. Durch Wollo-Galla zog +er auf Schoa zu, dessen schwacher König, _Hailu Melekot_, an einem +entscheidenden Tage die Krone verlor und bald darauf starb. Nachdem noch +die Provinz Godscham von Rebellen gesäubert war, hielt der siegreiche +Fürst im Mai 1856 seinen feierlichen Einzug in die alte Kaiserburg zu +Gondar. Nominell reichte jetzt sein Land, das den Kern des alten +äthiopischen Reichs umfaßte, vom Hawaschflusse bis zur Samhara. Aber es +hätte nicht Abessinien heißen müssen, um Ruhe zu haben: von allen Seiten +regte es sich, um den König wieder niederzuwerfen, und der Bürgerkrieg +brach mit seiner ganzen Wuth von Neuem in Tigrié aus. + +Ein Neffe des entthronten Ubié, _Agau Negusi_, setzte sich im +nordwestlichen Tigrié fest und vertrieb den Statthalter Theodor's. Negusi +war ein gutmüthiger, löwenherziger Jüngling, dem es nur an festem Willen +fehlte. Fünf Jahre lang war er Herrscher über Tigrié an der Spitze einer +glänzenden Armee, weil Theodor von Ahmed Beschir, der sich an die Spitze +der räuberischen Galla gestellt, nicht loskommen konnte. Unterdessen +knüpfte Negusi mit Frankreich Verbindungen an, stand in nächster Beziehung +zu den französischen Agenten in Massaua und zu dem Bischof de Jacobis, +welchem, wie wir gesehen haben, das Betreten des abessinischen +Territoriums bei Todesstrafe verboten war. Ein Brief Negusi's an Herrn von +Lesseps, in welchem er anbietet, sich Frankreich unterwerfen zu wollen, +wurde in Massaua verfaßt, und Negusi soll kaum soviel Kunde davon gehabt +haben, als von der Abschickung einer Gesandtschaft nach Frankreich, durch +welche den Franzosen unter der Bedingung, daß sie ihn beim Umsturz der +jetzigen Dynastie begünstigen wollten, die Bai von Adulis und die Insel +Dessi geschenkt wurden. Ein Kapitän Russel mit einigem Gefolge wurde +sofort von Paris nach Massaua geschickt, um mit dem "Empereur Negousi" zu +verhandeln, der stündlich auf die versprochenen französischen Hülfstruppen +sammt Waffen wartete. Diese erschienen jedoch nicht. Nachdem Russel's +Ankunft bekannt geworden, ging er nach Halai, dem Grenzorte zwischen +Abessinien und dem Küstenlande, wo Jacobis seit seiner Vertreibung wohnte. +Allein die Anhänger Theodor's setzten ihn, da mittlerweile Negusi +geschlagen war, gefangen, und nur auf Jacobis' Garantie wurde er +freigelassen, allein unter der Bedingung, daß er dessen Haus nicht +verlasse. Doch Russel entfloh in der Nacht des 5. Februar 1860, wodurch +Jacobis in große Verlegenheiten gerieth. Dieser blieb einen Monat in +schmählicher Gefangenschaft, mußte ein Lösegeld bezahlen und starb kurz +nach seiner Rückkehr nach Massaua infolge der Strapazen. Damit hatte die +glänzende französische Intervention ihr Ende. + +Der Untergang und Fall Negusi's selbst war ein höchst tragischer. Als +Theodoros Zeit fand, nach Tigrié zurückzukehren, entzog sich Anfangs +Negusi durch eine kühn ausgeführte Bewegung seiner Verfolgung; er nahm den +Rückzug, weil er wußte, daß seine Soldaten sich nie gegen Theodoros +schlagen würden. Im folgenden Jahre, 1861, kam der König abermals über den +Takazzié und diesmal erwartete ihn Negusi mit einem an Tüchtigkeit +überlegenen Heere; er erklärte als ein guter Ritter auf seinem Rosse +siegen oder sterben zu wollen. Aber sein Heer, das fünf Jahre mit ihm +gezecht hatte, ließ ihn im Stich. Ein panischer Schrecken ging durch das +Lager; Theodor erließ eine Proklamation, worin er jedem Soldaten Pardon +anbot. Auf dieses hin zerstreute sich das Heer und Negusi wurde sammt +seinem Bruder Tesama auf der Flucht gefangen genommen. Theodoros ließ sie +vorführen und beiden die linke Hand und den rechten Fuß abhauen, und um +die Schmerzen noch qualvoller zu machen, verbot er, ihren brennenden Durst +zu löschen. Tesama starb noch an demselben Tage. Negusi lebte bis zum +dritten Tage und man machte seinen Leiden durch einen Lanzenstich ein +Ende. Die Kirchen strömten vom Blute der Hingerichteten und als eine +Deputation der Geistlichen in Axum vor Theodor erschien, äußerte dieser: +"Ich habe einen Bund mit Gott abgeschlossen, er hat versprochen mich auf +Erden nicht zu schlagen; ich dagegen habe gelobt, nicht in den Himmel zu +steigen und ihn zu bekämpfen!" + +Nachfolger Negusi's als Gegenkönig und Rebell wurde ein gewisser _Marit_, +der jedoch im Oktober 1861 durch den _alter ego_ des Kaisers Theodor, den +Detschas Salu von Tigrié gefangen und in Ketten gelegt wurde. Die Waffen +erhielten diese Rebellen durch einige Oesterreicher über Aegypten und +Massaua. + +Doch diese ganze Empörung ist ein gewöhnliches Stück abessinischer +Geschichte, wobei nur die dem Negusi zugeschriebene Bedeutung auffällt, +während dieses doch nicht der Mann war, um einem Theodor, dessen Namen +allein ein Heer in die Flucht jagte, gegenüber gestellt werden zu dürfen. +Von großer Wichtigkeit und erheblichen Folgen wurden jedoch einige +Episoden dieses Empörungskrieges, der Theodor seiner besten europäischen +Freunde beraubte. + +Kurz vor dem Emporkommen Theodor's errichtete die britische Regierung ein +Konsulat in Massaua, und um den Verkehr mit Abessinien in regelrechten +Gang zu bringen, knüpfte der Konsul _Walther Plowden_ freundschaftliche +Beziehungen mit dem mittlerweile ans Ruder gelangten Theodoros an, wodurch +er hoch in des neuen Herrschers Gunst stieg. Er begab sich an seinen Hof +und trug dazu bei, Theodor's Vorliebe für europäische Sitten und +europäisch aussehende Reformen zu nähren. Auf vielen seiner zahllosen +Kriegszüge begleitete ihn der englische Konsul ebenso getreu, wie auf +seinen Jagdzügen und bewies sich, sehr verschieden von der reservirten +Haltung britischer Diplomaten an anderen Höfen, als der wärmste und +thätigste Parteigänger des Königs. Fünf Jahre lang war er der intimste +Freund Theodor's, bis ihn, zum Schmerze des Fürsten, im Beginne des Jahres +1860 die Kugel eines aufständischen Soldaten, der dem Rebellencorps der +Gebrüder Garet angehörte, niederstreckte. Noch näher ging dem Könige der +Tod des Irländers _John Bell_, der ein Jägerleben am Blauen Nil geführt +und eine schwärmerische Zuneigung zu Theodor gefaßt hatte, sodaß er gleich +einem Hunde des Nachts vor dessen Zeltthür schlief. Gern hörte ihn der +Fürst über das Finanzwesen und die Regierungsform der verschiedenen +europäischen Staaten sprechen, um Lehren für sich daraus zu ziehen. Bell +wurde zum Likamankuas, d. h. zum Träger des königlichen Kleides in der +Schlacht gemacht, eine Ehre, die nur vier Offizieren widerfährt, die sich +ganz wie der König kleiden müssen, damit der Feind den wirklichen König +nicht unterscheiden könne. Bei der Verfolgung der Rebellen, welche Plowden +ermordet hatten, befand sich auch Bell an der Seite Theodor's, der die +feindlichen Gebrüder Garet in der Nähe von _Dobarek_, da, wo die +Hochebenen von Wogara sich an Semién anschließen, einholte. + +Garet, der sich auf keine andere Weise zu retten wußte, rief seinen Bruder +und einige Begleiter zu sich und ritt in gestrecktem Galopp auf Theodor +zu, der von Bell und einigen Offizieren umgeben, der Truppe vorausgeeilt +war. Als Garet sich in Schußweite befand, hielt er an, zielte und feuerte. +Der Negus wurde unbedeutend an der Schulter verwundet. In diesem +Augenblick gab Bell Feuer und jagte dem verwegenen Garet eine Kugel durch +den Kopf, erhielt aber gleichzeitig einen Lanzenstich durch die Lunge, +infolge dessen er todt zusammenbrach. Nun gab auch Theodor Feuer und +streckte den jüngeren Garet nieder. Die Wuth und der Schmerz des Königs +über den Verlust seines getreuen Dieners überstieg alle Grenzen und +Garet's ganzes gegen 1700 Mann starkes Corps, das sofort die Waffen +streckte, wurde enthauptet. Der Reisende, der heute über die Ebene von +Wogara bei Dobarek zieht, sieht dort das Feld noch weit und breit mit +Menschengebeinen übersät, den Zeugnissen der schauderhaften Rache, welche +Theodor an den Mördern seines Lieblings genommen (vergl. oben S. 203). Und +doch war dieser Akt noch weit weniger grausam, als die früher übliche +Bestrafung der Kriegsgefangenen, die man entmannte. Hochverräther wurden +nach Isenberg's Zeugniß früher öffentlich bei lebendem Leibe geschunden, +das Fleisch dann in kleine Stücken zerhackt und den Hunden vorgeworfen; +die Haut aber gerbte man und machte Trommelfelle daraus. Alle diese +barbarischen Strafen schaffte Theodoros Anfangs ab, aber die fortwährenden +Unruhen zwangen ihn, später wieder darauf zurückzukommen, und das Blut +floß auch unter Theodor in Strömen. + +Die inneren Feinde waren so allmälig niedergeworfen, dafür trat jedoch von +außen ein weit mächtigerer Widersacher, _England_, auf. Ehe wir jedoch +hierzu übergehen, ist es nothwendig, noch einen Blick auf Charakter und +Persönlichkeit, wie auf die reformatorischen Bestrebungen des Negus zu +werfen, der jedenfalls _ein ganz bedeutender Mensch_ in seiner Weise war, +eine seltene und großartige Erscheinung in Abessinien, die allerdings mit +europäischem Maßstabe nicht gemessen werden darf. + +"Theodoros", so schrieb 1862 Lejean, "mag etwa 46 Jahre alt sein. Er ist +von mittlerem Wuchs und wohlgestaltet, hat einen offenen sympathischen +Gesichtsausdruck, gut entwickelte Stirn, kleine, lebhafte Augen und eine +fast schwarze Gesichtsfarbe. Nase und Kinn erinnern an den jüdischen +Typus. Er ist aus Koara gebürtig und ich halte ihn für einen Agow oder +Gamanten; für einen Aethiopier von reinem Blute ist Theodoros zu +dunkelfarbig. Seine äußere Erscheinung imponirt, sie zeigt, daß er in der +That ein Mann von großer geistiger Regsamkeit und unermüdlicher +Kraftentwicklung ist, und er bildet sich auch hierauf etwas ein. Er +vertreibt sich gern die Zeit damit, an steilen Hügeln herab- und +heraufzuklimmen und dann erfordert die Etikette, daß seine Umgebung ein +Gleiches thue. Auf dem Pferde bewegt er sich wie ein argentinischer Gaucho +und seine Rosse zittern buchstäblich, wenn sie ihn kommen sehen. Sein +Kriegsruf ist wie bei allen abessinischen Häuptlingen: Abba Senghia, d. h. +Vater der Pferde. Für gewöhnlich trägt er sich höchst nachlässig; als +tüchtiger Soldat verachtet er ein geschniegeltes Wesen, kleidet sich wie +ein gewöhnlicher Offizier, Kopf und Füße sind unbedeckt. Aber auf einen +Schmuck der Krieger legt er Werth; er läßt das Haar in drei lange Flechten +legen, welche auf die Schulter herabfallen, und trägt ein weißes +Stirnband." Ausgenommen seine erste Frau, Tsubedsche, hat nie ein Weib +Einfluß auf sein Leben gehabt. Diese aber, die Tochter seines Widersachers +Ras Ali, liebte er leidenschaftlich, und als er sie im Jahre 1858 verlor, +war er kaum zu trösten. Ganz anders ging es seiner zweiten Frau, +_Toronesch_, einer Tochter Ubié's, die er geheirathet, um sich mit der +Familie dieses einst mächtigen Fürsten auszusöhnen. Er verstieß sie +einmal, und Bell, der interveniren wollte, um Skandal zu verhüten, erhielt +eine gehörige Ohrfeige. Der Fortbestand seiner Dynastie lag dem König +Theodoros nicht minder am Herzen als einem europäischen Fürsten, und er +behauptete, daß wenigstens einer seiner Söhne ans Ruder kommen müsse, +"denn die Propheten hätten nicht gelogen". Sein älterer Sohn, von der +Tsubedsche, war ein durchaus verkommener, mißrathener Mensch, den der +Vater eines schönen Tages in einen Eselstall sperren ließ, damit er dort +"_en famille_" sei. Der zweite jedoch, Detschas _Maschescha_, wurde 1862 +zum Gouverneur von Dembea ernannt, wo er sich durch sein mildes Wesen so +beliebt machte, daß Theodor es für gerathen hielt, ihn abzuberufen. "Was +soll dies Buhlen um die Volksgunst? fragte er ihn. Willst du die Rolle des +Absalon spielen und den Vater vom Throne verdrängen?" + +Das Auftreten Theodor's war meist theatralisch oder, wie die Abessinier +sagen, fakerer, d. h. ruhmredig. Gesten und Stimme waren berechnet und +Niemand wußte besser als er den Präsidentensitz bei einer Versammlung +auszufüllen. Seine brillante Beredtsamkeit verfehlte selten ihr Ziel und +seine Briefe sind Muster der amharischen Sprache. Die halb klösterliche +Erziehung, die er in Tschankar erhalten, hatte noch Spuren hinterlassen, +und so galt der König für einen sehr gebildeten Mann. Er war in der +Nationalliteratur bewandert und kannte die europäischen Zustände. Als +Probe seines Stils möge folgende von ihm eigenhändig niedergeschriebene +Proklamation gelten: "Von Menilek bis auf die jüngste Zeit herab sind alle +Negus dieses Landes nur Histrionen gewesen, welche Gott weder um Geist +noch um Beistand baten, das Reich wieder aufzurichten. Als Gott mich, +seinen Diener, zum Könige erwählte, sagten meine Landsleute: Der Fluß ist +ausgetrocknet, es giebt kein Wasser mehr in seinem Bett. Und sie +beleidigten mich, weil meine Mutter arm war und nannten mich ein +Bettlerkind. Aber den Ruhm meines Vaters, den kennen die Türken, da er sie +von den Landesgrenzen bis in ihre Städte zurückgejagt. Mein Vater und +meine Mutter stammen von David und Salomo, ja von Abraham, dem Knechte +Gottes, ab. Diejenigen aber, welche mich Bettlerkind schimpften, sie +betteln heute selbst um ihr tägliches Brot. Ohne den Willen Gottes können +weder Kraft noch Weisheit vor dem Untergange schützen. Viele Große dieser +Erde haben Bomben und Kanonen im Ueberflusse und sind doch unterlegen. +Napoleon hatte tausende und er ist besiegt worden. Nikolaus, der Negus der +Moskowiter, ist von Franzosen und Türken besiegt worden; er starb, ohne +daß seines Herzens Wunsch in Erfüllung ging." + +Von der europäischen Civilisation hatte Theodor eine hohe Meinung, von der +Moral der Europäer jedoch nur eine sehr geringe, was auch nicht gut anders +der Fall sein konnte, da die meisten Europäer, mit denen er zu verkehren +hatte, verdorbenes, hochmüthiges Gesindel waren. So wild der König auch im +Kriege war, an sanfteren Regungen fehlte es ihm keineswegs. Er nahm sich +der Waisen an, sorgte für sie durchs ganze Leben, verheirathete sie und +ließ sie niemals aus dem Auge. Er liebte die Kinder außerordentlich und +kehrte sich, wie er sagte, von den falschen Höflingen ab, um sich an der +Unschuld jener zu weiden. Dabei war er freigebig im höchsten Grade, +großmüthig und gerecht, aber auch unerbittlich streng, wo es darauf ankam. +"Ich selbst war Zeuge," schreibt Krapf 1856, "wie schon Nachts 2 Uhr +Scharen von Beschwerde führenden Leuten aus allen Theilen Abessiniens das +königliche Lager umstanden und Dschan hoi! (o Majestät) riefen. Ich glaube +kein König in der Welt thut es ihm in dieser Beziehung gleich, und mußte +mich nur wundern, wenn er es bei einer solchen angestrengten Thätigkeit +bei Tag und Nacht, in Sachen des Kriegs sowol, wie des Friedens aushalten +kann. Die Abessinier haben ihn aber auch bereits so lieb, daß sie ihn mit +dem König David im alten Bunde vergleichen, und sie glauben, daß die alte +Weissagung, wonach ein König Theodorus kommen und Abessinien groß und +glücklich machen, auch Mekka und Medina zerstören werde, sich zu erfüllen +anfange." + +Obgleich der Negus sein eigenes Volk verachtete und dessen Fehler recht +wohl kannte, so hat er nichtsdestoweniger redlich an der Verbesserung der +Lage desselben zu arbeiten versucht und, soweit den eingewurzelten +Mißbräuchen gegenüber seine Kraft reichte, eine reformatorische Thätigkeit +entwickelt, die allerdings durch die fortdauernden Rebellionen auf große +Hindernisse stoßen mußte. Durch die lange Anarchie waren alle Gesetze nur +todte Buchstaben geworden und die Kirche in die größten Mißbräuche +gerathen. Alle üblen Folgen der todten Hand lasteten auf den Bauern und +Besitzern der Kirchengüter. Gegen diese Mißbräuche trat nun Theodor mit +eisernem Willen auf; er erklärte die todte Hand als ein nationales Uebel +und annektirte alle Kirchengüter der Krone, indem er der Geistlichkeit ein +gewisses Einkommen und den Klöstern genug Land ließ, um sich zu ernähren. +Auf die Einheit der Kirche hielt er dabei große Stücke; doch war er +Fanatiker und befahl allen Muhamedanern in seinem Reiche, binnen zwei +Jahren Christen zu werden. Mit den Missionären, protestantischen wie +katholischen, die sich doch in die politischen Verhältnisse mischten, +wollte er nichts zu thun haben - er untersagte ihnen jegliche Thätigkeit. +Den Handel zu heben, hatte Theodor gleich nach seinem Regierungsantritte +alle die unzähligen Zollstätten von Gondar bis nach Halai aufgehoben, zwei +Plätze ausgenommen. Auch der Sklavenhandel und die Vielweiberei wurden +verboten, freilich ohne großen praktischen Erfolg. Sein Hauptplan war aber +immer, das große äthiopische Reich phönixartig aus der modernden Asche +wieder erstehen zu lassen. Hierzu brauchte er die Hülfe der Europäer, und +darum verlangte er nach jenen Handwerkern, die ihm auch durch Krapf's +Vermittlung zugeschickt wurden. Jedenfalls war überall ein Fortschritt, +auch in der Justiz zu erkennen, sodaß 1862 Heuglin aus Abessinien in die +Heimat schreiben konnte: + +"Die Zustände in Abessinien im Allgemeinen lassen Manches zu wünschen +übrig. Der König stößt auf tausend Schwierigkeiten bei Einführung seiner +Reformen und muß mit eiserner Strenge verfahren, um nur einigermaßen +Ordnung erhalten zu können, doch ist trotzdem, daß ihm seine Kriegszüge +keine Zeit lassen, viel für Administration zu thun, auch manches sehr +Erfreuliche hier geschehen. Namentlich ist für bessere Kommunikation +wirklich mit Erfolg an Straßenbauten gearbeitet und dem Schreiber- und +Pfaffenunwesen mit einer Kraft Einhalt gethan worden, an der sich mancher +andere Herrscher ein Exempel nehmen dürfte." + +Soviel wie Theodor hatte vor ihm kein abessinischer Herrscher für Land und +Volk gethan, keiner war aber auch mit so außerordentlichen Gaben des +Geistes ausgerüstet, wie dieser bedeutende Mann, an dem andererseits +Jähzorn und Trunksucht sehr zu beklagen sind, da beide ihn oft zu +gewaltsamen, unüberlegten Handlungen hinrissen. Wild und grausam blieb er +auch in seinem Lager- und Kriegsleben, das wir am besten kennen lernen, +wenn wir mit dem deutschen Reisenden _Steudner_, dem Begleiter Heuglin's, +einen Besuch im Lager des Königs abstatten, der sich auf einem Feldzuge +gegen die Galla im Lande jenseit des hohen Kollogebirges befand. + +Spät am Abend des 4. April 1862 erschien ein Bote bei Herrn von Heuglin, +um diesen einzuladen, beim Könige zu erscheinen. Der Geladene warf sich in +eine große Uniform und wanderte, von Steudner begleitet, unter +Fackelschein über Sturzäcker zu dem kaiserlichen Zelte. In dem mit Wachen +umstellten engeren Lagerbezirke wurden die Reisenden aufgehalten, da im +Zelte des Negus erst eine längere Berathung darüber stattfand, ob Heuglin +auch mit dem Säbel an der Seite eintreten dürfe. Nachdem dies bewilligt +war, wurden die Fremden feierlich in das Zelt eingeführt, in welchem sie +Seine schwärzliche Majestät mit halb untergeschlagenen Beinen auf einem +alten auf der Erde ausgebreiteten Teppich sitzend fanden; neben ihm +kauerte sein Beichtvater, der Etschegé. Se. Majestät trug ein weißes +abessinisches Gewand, dem man die Spuren langen Lagerlebens deutlich +ansah; er grüßte sehr artig, besonders Herrn von Heuglin, fand es jedoch +nicht für nöthig, sich zu erheben; dann lud er die Gäste ein, neben ihm +Platz zu nehmen. Das Zelt war von großen Würdenträgern und Eunuchen +überfüllt; zur Linken des Königs saß dessen Sohn Maschescha, und der Sohn +des gestürzten Königs von Schoa, der zugleich mit Maschescha erzogen +wurde, der zweite Ras des Landes, Ras Engeda, und der Lagerkommandant +Bascha Negusi. Vor ihnen stand ein mit rothem Tuch bedeckter Meseb oder +Eßkorb, aus welchem sie mit unvergleichlichem Appetite die Fastenspeise +verzehrten. Se. Majestät ließ durch seinen Af sich erkundigen, was die +Reisenden essen wollten, Brundo (rohes Fleisch), Teps (halbgeröstetes) +oder Fastenspeise. Der Af, d. h. der Mund, ist eine vertraute Person des +Königs, zu welcher dieser spricht, um die Worte den Fremden zu +wiederholen, selbst wenn derjenige, an den sie gerichtet sind, sie +vernimmt. Man stellte es der Weisheit Theodor's anheim, mit was er seine +Gäste bedienen wolle, und auf ein Zeichen erschien ein Meseb mit schönem +Tiéfbrot gefüllt, um den die beiden Europäer sich lagerten, während zwei +hohe Würdenträger beordert wurden, sie zu füttern, d. h. abgerissene +Stücke Tiéfbrot in die rothe Pfeffersauce zu tauchen und ihnen diese in +den Mund zu praktiziren. Die Leute entledigten sich dieser Pflicht in +höchst liebenswürdiger Weise, indem sie möglichst große Brotballen mit +möglichst viel brennender rother Pfeffersauce den Gästen in den Mund +steckten, welche das abessinische Gericht krampfhaft hinabwürgten. Nach +der Mahlzeit bediente sich Se. Maj. nicht mehr des Af, sondern wandte sich +unmittelbar an die Fremden und zwar in arabischer Sprache. Während der +Unterhaltung wurde Honigwein in schönen Punschgläsern aus einer Bowle +servirt, die vom Gouverneur von Indien geschenkt war. + +Theodor war damals sehr mit Regierungsgeschäften überhäuft und ließ sich +mehrmals entschuldigen, daß er die Reisenden nicht gleich offiziell +empfangen könne. Schon vor Sonnenaufgang begann vor dem königlichen Zelte +das Dschan-hoi-Geschrei derjenigen, die Streitsachen vortragen und +Gerechtigkeit erflehen wollten. Hierauf folgten von Sonnenaufgang an die +Gerichtssitzungen, wobei das klatschende Geräusch der großen Knuten und +Stöcke das Ergebniß verkündigte, welches nicht selten in die frische +Morgenluft hinein hallte. Mehre Tage hindurch war der Negus damit +beschäftigt, die im Lager mitgeführten Herden zu zählen. Nachdem dieses +königliche Geschäft, wobei 20,000 Rinder die Revue binnen zwei Tagen +passirten, vollendet war, erhielten die beiden Reisenden eine feierliche +Audienz zur Uebergabe der mitgebrachten Geschenke. Der Negus empfing sie +am Abhange eines Hügels, welcher das Centrum des Lagers bildete. Er saß +auf einer Alga, die mit einem prachtvollen, sehr großen Kaschmir bedeckt +war; darüber lag noch ein mit indischer Goldstickerei überladener Teppich +ausgebreitet. Auf der Sonnenseite, sowie hinter dem Könige standen zwei +Schirmträger, welche beide ungeheuer große bunte Schirme auf 10 Fuß hohen +Stäben über dem Haupte des Erlauchten hielten. Der Negus selbst war in +einen sehr feinen Margef gehüllt und lehnte nachlässig auf der Alga, vor +welcher für die beiden Europäer gute Teppiche zum Niedersitzen +ausgebreitet waren. Diese befanden sich allein mit dem Fürsten und seinen +schirmtragenden Kammerherren, während im Umkreise von 30 Schritt +Halbmesser andere dienstthuende Hofchargen standen, z. B. die +Peitschenträger mit langen Stöcken in der Hand, um das neugierige Publikum +abzuhalten. + +Nachdem Se. Maj. sehr bereitwillig Erlaubniß zur Ueberreichung der +Geschenke ertheilt, wurden die Diener der beiden Reisenden herangerufen, +die mit gänzlich entblößtem Oberkörper, die Gewänder um den Leib gegürtet, +mit den Gegenständen erschienen. Jedes einzelne Stück mußte dem Negus +gezeigt und dann vor ihm auf den Boden niedergelegt werden. Die Geschenke +bestanden aus mehreren Sammetteppichen, einem Revolvergewehr, einem sehr +schönen Revolver nach abessinischem Geschmack mit recht großem Kaliber, +zwei sehr guten langen gezogenen Pistolen, welche man mit angeschraubtem +Kolben auch als Pürschbüchsen benutzen konnte, einem Hirschfänger mit +vergoldetem und einem andern mit silbernem Griffe, einigen schön +gearbeiteten Dolchen mit vergoldeten Scheiden u. s. w. Se. Maj. geruhten +hierauf sich dankend über die Geschenke auszusprechen. Im Laufe der +Unterhaltung sprach er seine Verwunderung darüber aus, daß die Türkei +bisher noch nicht von den christlichen Mächten erobert sei, ja daß einige +derselben sie sogar gegen eine andere christliche Macht geschützt hätten, +wobei er bemerkte: "ein Reich, das sich nicht selbst regieren könne, habe +keinen Anspruch darauf, selbständig zu existiren". Uebrigens erschien der +König sehr ermüdet, war es doch der dritte Tag, an welchem er sich mit dem +anstrengenden Rinderzählen beschäftigt hatte, kein Wunder also, daß seine +Nerven angegriffen waren. Abgesehen von dieser Mattigkeit erschien König +Theodor, ein Mann von etwa 40 Jahren, kräftig, schlank, wenn auch nicht +groß. Seine Gesichtszüge waren frei; in der Tracht unterschied er sich +kaum von seinen Unterthanen; wie diese ging er barhaupt und barfuß in +dieselbe Schama gekleidet. Das Haar trug er als Krieger in mehrere, dicht +am Kopfe anliegende Zöpfe geflochten. + +So war der Mann beschaffen, der als Mittelpunkt des ganzen Lagers dastand, +welches sehr leicht aufgeschlagen wird. Will der Negus, der stets an der +Spitze seines Heeres marschirt, Halt machen, so läßt er an einem passenden +Platze ein kleines scharlachrothes Zelt aufstellen, welches dann als +Mittelpunkt für das ganze Lager dient. Dicht vor diesem, auf dem höchsten +Punkte wird das Kirchenzelt, welches niemals fehlen darf, errichtet. In +einiger Entfernung von diesem und stets - angeblich aus Demuth - tiefer +stehend, wird das sehr große, aus dickem dunkelbraunem Mack bestehende +Zelt des Negus aufgebaut; zu beiden Seiten desselben standen zwei ähnliche +für die beiden Königinnen; auf dem linken Flügel dann ein sehr großes Zelt +für den königlichen Marstall und die vier zahmen Löwen, diesem +entsprechend auf dem rechten Flügel gleichfalls ein großes Zelt für die +königliche Küche, dann das Zelt des Abuna Salama, durch eine stets vor der +Zeltthür errichtete Windwand kenntlich. Die Zelte der Anführer sind aus +weißem Baumwollenstoff in verschiedenen Formen gearbeitet; um diese herum +bildet sich ein weiter Kreis kleiner Hütten, _Gotscho_, in welchen die +Leute eng zusammengepreßt liegen, um sich gegenseitig zu erwärmen. Eine +bestimmte und sehr praktische Form haben die Zelte der Schoaner; sie sind +aus starkem braunem Mack gefertigt, haben ein Rechteck zur Basis und zwei +Zeltstangen halten das Ganze an den beiden schmalen Ecken, während kurze +Schlingen am unteren Rande des Zeltes dazu dienen, die Pflöcke +einzuschlagen. Auf diese Weise halten sie sich sehr gut, ohne daß sie die +wegen der vielen herumlaufenden Thiere höchst unangenehmen Zeltstricke +nöthig haben; auch im Innern bieten sie vielen Raum. Ueberall vor den +Zelten lodern Feuer, an denen die Frauen der Soldaten beschäftigt sind, +für diese Tiéfbrote oder rothe Pfefferbrühe zu kochen; zu anderen Zeiten +sieht man die Zeltstricke dicht mit großen Mengen in lange dünne Streifen +geschnittenen Fleisches behangen, welches an der Luft und der Sonne +trocknen soll. Reihen von Mägden und Dienern durchziehen von der +königlichen Küche aus nach allen Richtungen das Lager, um große, mit +rothem Tuch überdeckte Meseb oder Körbe voller Tiéfbrot und mächtige Krüge +voll Honigwein nach den verschiedenen Zelten der Großen zu bringen, die +aus den königlichen Vorräthen mit Trank und Speise versehen werden. + +Noch bunter und lebendiger gestaltet sich das Bild, wenn das Lager +aufbricht. Zunächst werden die kleinen Gras- und Reisighütten (Gotscho) +niedergebrannt, und hoch zum Himmel auf strebt der Rauch, die Stätte des +abgebrochenen Lagers bezeichnend. In den meisten Fällen führt der Negus, +von Kavallerie umgeben, den Zug an, dem in mehreren Heersäulen das Gros +der Armee folgt. Lange Reihen von schwer beladenen Pferden, Maulthieren +und Eseln, die in dem futterarmen Hochlande Tag und Nacht der Kälte und +Nässe ausgesetzt sind, ziehen, zu Skeletten abgemagert, dahin. Ohne die +geringste Ordnung schreiten Leute einher, die vorsichtigerweise während +des Tagemarsches eine Last Holz mitschleppen, um sich damit am Abend ein +wärmendes Feuer machen zu können; ihnen folgen Krieger in der einst +weißen, jetzt schmuzigen Schama mit rothem Randstreifen und umwickelt mit +dem dicken abessinischen Leibgurt, in welchem der Schotel, d. h. der große +krumme abessinische Säbel mit Nashorngriff in rother Scheide steckt; in +der Hand führen sie die scharfgeschliffene Lanze oder ein +Luntenflintengewehr mit viereckigem Kolben. Dann ziehen munter plaudernd, +an dem Kochlöffel erkenntlich, mit dem flachen Gilgit oder Proviantkorbe +auf dem Rücken, die Köchinnen, echte Löffelgarde, einher. Die königlichen +Küchendamen sind an dem Messingknopfe kenntlich, der auf dem Kopfwirbel in +das Haar mit eingeflochten ist. Neben ihnen traben Esel, unter der Last +von Grasbündeln völlig begraben. An jedes der langen Ohren dieser +philosophischen Geschöpfe ist eine Ziege oder ein Schaf vorgespannt, damit +das interessante Kleeblatt beisammen bleibe. + +Von einer Anzahl Pfaffen mit großen Turbanen umgeben, reitet auf schönem +Maulthiere im violetten Gewande der höchste Kirchenfürst, Abuna Abba +Salama auch im Zuge mit. Neben ihm und seiner wohlgenährten in Gott +vergnügten Schar schleppt sich mühsam auf skelettartig abgemagertem +Maulthiere ein früherer Häuptling hin, dem mit oder ohne Ursache eine Hand +und ein Fuß abgehauen ist. Er hat den Stumpf seines Fußes in ein +Trinkgefäß aus Horn gesteckt, den verstümmelten unbrauchbaren Arm trägt er +im faltigen Gewande verborgen. Dann folgen Gefangene in schweren Ketten, +jeder mit seinem Führer zusammengeschlossen, den der Unglückliche noch für +diese Gefälligkeit ernähren und bezahlen muß. Viele dieser Gefangenen +tragen, um das Entweichen zu verhindern, den fünf bis sieben Fuß langen +Monkos am Halse, dessen dicke Gabel durch ein Querholz geschlossen ist und +der dem Gefangenen selbst beim Schlafen nicht abgenommen wird. Kaum ein +Lumpen deckt diese Unglücklichen. Nicht weit von ihnen trifft der Blick +wieder auf ein anderes Bild, und zwar auf ein heiliges, das mit allem +Aufwande von abessinischem Prunk angezogen kommt. Es ist der Etschegé, das +Oberhaupt der Mönche, zugleich Beichtvater des Königs, dem er als steter +Begleiter und Rathgeber allüberall hinfolgt. Er reitet ein prachtvolles +Maulthier und schützt sein theures, mit einem ungeheuren weißen Turban +umhülltes Haupt durch einen großen buntseidenen Regenschirm, dessen +abwechselnd goldgelbe und violette Fächerfelder weithin sichtbar sind. Ihm +folgt eine große Anzahl schmuziger Mönche in einstens weiß gewesene +Gewänder gehüllt oder in gelbes Leder gekleidet; alle tragen das Zeichen +ihres Standes, den Fliegenwedel oder Kuhschwanz. Unter ihren weißen oder +gelben Kappen erblickt man die niederträchtigsten Gaunerphysiognomien, +sowie die ausdrucklosesten Gesichter, die Abessinien erzeugen kann. +Plötzlich scheut das Maulthier des Etschegé und springt zur Seite: es ist +ein aller Kleider beraubter Todter, der, auf der Straße liegend, das Thier +beunruhigt. Dem Etschegé mit seinen frommen Begleitern folgt eine Reihe +Tabots, für deren wunderthätigsten ein mit rothen Lappen und Lumpen +bedeckter Armsessel aus lackirtem, mit bunten Blumen bemaltem Holz +bestimmt ist. Diese Tabots, deren oft zehn oder zwanzig aufeinander +folgen, sind Holztafeln mit den zehn Geboten oder frommen Sprüchen +beschrieben. Jede dieser Platten ist sorgfältig mit rothem Baumwollstoff +bedeckt und alle werden in einer langen Reihe hintereinander getragen. Dem +ganzen kirchlichen Prachtzuge geht ein schmuziger Mönch voran, welcher +fortwährend eine Glocke schwingt, damit Jeder, der da sitzen sollte, vor +den Heiligthümern aufstehe und ihnen seine Ehrfurcht bezeuge. + + [Illustration: Im Lager des Negus. Priester und Krieger. Zeichnung von + H. Leutemann.] + +Im vollen Galopp auf guten Maulthieren, die mit klingelnden Glöckchen +behängt sind, kommt ein Trupp Schoaner angesprengt; es sind lauter +kräftige Gestalten, in dunkelbraunen Mack gekleidet, mit dem kurzen, stark +gekrümmten Messer im dicken, die Brust bedeckenden Gürtel und mit der +schön gearbeiteten Lanze auf der Schulter. Wieder andere Bilder! Hier +Lastthiere, schwer bepackt mit Lederschläuchen; dort Weiber, die das +Doppelte ihres eigenen Volumens an leeren oder gefüllten Kürbisschalen +(Gerra) schleppen, welche zum Transport von Butter, Honig, rothem Pfeffer +u. s. w. dienen. Alle schreien und schwatzen, dazwischen klappern die +vielen getrockneten Kürbisschalen. Keiner dieser Schönen fehlt indessen +das nöthige hölzerne Kopfkissen in der Form eines fünf bis sechs Zoll +hohen Leuchters mit einem ausgehöhlten Holzbügel zum Hineinlegen des +Nackens beim Schlafen. Der Fuß dieses Instrumentes ist oft hübsch +gedrechselt. + +Neben dieser bunten Gesellschaft reitet eine der zwei Königinnen, denn zu +jener Zeit hatte der christliche Monarch zwei Damen zu Ehegemahlinnen. Die +eine rechtmäßig mit dem Negus verbundene war die schon erwähnte Tochter +des entthronten Detschasmatsch Ubié von Tigrié; die zweite ein Fräulein +aus dem Jedschu-Galla-Lande. Beide jedoch sind gleich gekleidet in blaue +Mäntel, die mit Gold- und Silberglöckchen behangen sind. Beide haben, wie +alle großen Damen, ihr Gesicht verhüllt, nur die schwarzen Augensterne +funkeln und leuchten bei beiden gleichmäßig aus der weißen Umhüllung. Das +einzige Unterscheidungszeichen zwischen beiden war nur stets ein in Silber +gestickter türkischer Halbmond mit daranstehendem Venusgestirn, das auf +dem Gewande der einen Königin auf dem untersten Theile ihres Rückens +erglänzte. Diese jetzt die schlanken Formen zweier Königinnen umhüllenden +Mäntel waren wol einst Schabracken eines ägyptischen Marstalls gewesen. +Beide Majestäten sind von einigen Bewaffneten und Eunuchen begleitet und +reiten stets in der Entfernung einer halben Stunde voneinander, um etwa +möglichen Konflikten vorzubeugen, sowie sie auch zwei gänzlich getrennte +Hofhaltungen in zwei verschiedenen Zelten zu beiden Seiten des königlichen +Zeltes haben. + +Oft sitzt oder liegt mitten in dem durch die Hufe der zahlreichen Thiere +aufgewühlten Schmuze ein nur wenige Monate oder ein bis zwei Jahre altes +Kind schreiend im Wege, jeden Augenblick in Gefahr, durch Reit- oder +Lastthiere zertreten zu werden, die sich oft dicht zusammendrängen, um +einer Leiche aus dem Wege zu gehen. Todte Thiere, halbverweste Pferde, +Maulthiere, Esel, Schafe und Ziegen bezeichnen zu tausenden die Straße, +welche das Heer zieht. Dort wird ein Kranker getragen, es muß ein +Vornehmer sein, denn man trägt ihn behutsam auf bequemer Tragbahre, über +welcher aus weißer Schama ein leichtes Zelt errichtet ist; wäre es nur ein +armer Mann, so hätte man ihn einfach auf zwei lange Holzstücke gebunden. + +Nahe bei dem Kranken sehen wir einen anderen Zug: eine ganz weiß +gekleidete Dame, die Frau eines Großen, reitet dicht verhüllt dahin; ihr +Maulthier wird sorglich von einem Diener geführt. Gestern erst hat sie die +Welt mit einem neuen Bürger beschenkt, der schreiend und quiekend in einem +weiß bedeckten Brotkorbe von einem Diener auf dem Kopfe nachgetragen wird. +Der kaum einige Tage ältere Sprößling einer anderen Frau giebt ebenfalls +durch Schreien Zeichen einer gesunden, kräftigen Lunge, sein Lager aber +ist nicht so sorgsam gegen Sonne und Kälte geschützt. Mit Riemen ist er +völlig nackt zwischen Körbe und Kürbisflaschen auf den Rücken oder die +Hüfte seiner schwer tragenden Mutter geschnürt oder auf das Gepäck eines +magern Pferdes gebunden. Kleine Kinder von drei bis fünf Jahren, völlig +nackt oder nur mit einem Stückchen Schaf- oder Ziegenfell über den +Schultern, laufen neben ihren schwer bepackten Müttern, ja sie tragen +selbst einen Theil von den Kürbisflaschen, Eisenblechen zum Brotbacken, +hölzernen Schüsseln zum Anrühren des Brotteiges u. s. w. Andere Weiber +rauchen gemüthlich aus einer großen Tabakspfeife, deren Abguß aus einem +kleinen wassergefüllten Kürbis besteht; neben ihnen schleppen sich einige +unbepackte Maulthiere hin, deren aufgedrückter Rücken eine einzige +Wundfläche bildet. Am Wege sitzt ein Künstler von Fach auf einem Bunde +Stroh, aus welchem er sich am Abend einen Gotscho zu bauen gedenkt, und +singt zu dem eintönigen Geklimper seiner Kirra, der abessinischen Lyra, +mit scharfer näselnder Stimme, packt dann Stroh und Lyra auf den Kopf und +wandelt als zweiter Apollo seinen kothigen Weg. Zwischen diesen Scharen +bepackter Menschen und Thiere ziehen brüllend Herden schöner Rinder, +Schafe und Ziegen; auch bricht, Geschrei und Unordnung verursachend, +gelegentlich ein kräftiger Stier durch die Massen. + +Die vier _zahmen Löwen_ des Negus (vergl. S. 187), schöne, große Thiere, +laufen völlig frei mitten im Troß, ohne auch nur am Stricke geführt zu +werden. Steudner bemerkte zu seinem Erstaunen, daß in unmittelbarer Nähe +der Löwen das Vieh, Kühe, Schafe, Ziegen, Maulthiere, ruhig graste, ohne +die geringste Furcht vor dem Könige der Wildniß zu haben. Wie Hunde liefen +sie mitten im Gewühl und gehorchten der Stimme ihres Begleiters, hinter +welchem sie oft in geschlossener Phalanx dicht auf den Fersen +hermarschirten. + +Mitten zwischen dem Troß reitet ein Großer des Landes stolz durch all das +Gedränge. Vor ihm her schreitet sein Speerträger, ein Diener mit langer, +haarscharfspitziger Lanze, deren von Schoanern gearbeitete Eisenspitze in +rothledernem Futteral geborgen ist. Sein mit Gold und Silber beschlagenes +Büffelhautschild, sein Gewehr und seinen in rothlederner Scheide +steckenden Säbel mit Rhinozerosgriff tragen andere Diener vor und neben +ihm. Vor ihm führt sein Lieblingsknappe ein Staatsmaulthier, auf welchem +der gleich dem Schilde mit Gold- und Silberplatten und Filigranarbeit +bedeckte Staatssattel liegt. Wie der Sattel ist auch das übrige Geschirr +und Zaumzeug des Maulthiers mit Gold und Silber überladen. All dieser +Schmuck aber ist mit rothen Lumpen bedeckt. Unbekümmert reitet der +Häuptling barhaupt durch das Troßgedränge an den Leichen von Menschen und +Thieren oder verwüsteten Saatfeldern vorüber. Seine Thiere sind gegen den +"bösen Blick" durch Dutzende um den Hals hängender Amulete geschützt. +Männer mit aus Stroh geflochtenen Regendächern aus Begemeder, Sklaven, die +oft nur die Schultern mit einem kleinen ungegerbten Schaffell bedeckt +haben, gehen ihm demüthig aus dem Wege, wenn er, mit dem Sonnenschirme das +Haupt schützend, stolz dahinreitet. Nicht weit von ihm zieht eine andere +Gruppe schwer bepackter Männer. Landleute, zu diesem Frohndienste gepreßt, +tragen den in seine Theile zerlegten Erntewagen, welchen die Missionäre in +Gafat gebaut - weil der Weg zum Fahren nicht geeignet ist. Andere +schleppen die Laffeten schwerer Geschütze und die dazu gehörigen +Vollkugeln - allein die Geschützrohre hat man in Magdala gelassen! +Soldaten, mit den Sätteln ihrer gefallenen Pferde auf dem Kopfe, mit Speer +und Sonnenschirm in der Hand, hoffen bei der nächsten Plünderung eines +Dorfes neue Thiere zu ihren Sätteln zu bekommen. Das Wiehern der Pferde, +das Geschrei und Gebrüll der übrigen Thiere wird nur manchmal von der +dröhnenden, donnerähnlichen Baßstimme des einen oder andern Löwen +unterbrochen. + + [Illustration: Ansicht von Gafat. Nach Lejean.] + +So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht +nebeneinander gedrängt erkennen läßt - Bilder zum Weinen und Bilder zum +Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den +Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen, +Sterbende und von Müttern verlassene Kinder - neben fröhlich lachenden, +aber gefühllos vorüberziehenden Menschen. + +In jene Zeit, als Theodor so verwüstend, Tod und Verderben verbreitend mit +seinem Heere durch das Land zog, fällt auch der Beginn jener +Mißhelligkeiten, die schließlich zum Kriege mit England führten. Wer sich +auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die trübe, +befangene Brille anmaßender Judenmissionäre schaut, dem wird in diesem +Falle das Auftreten des Königs von Abessinien nicht so gar schrecklich +erscheinen, zumal wenn man - was ungerecht wäre - diesen nicht mit +europäischem Maßstabe mißt. + +Die deutschen Handwerker und Missionäre (vergl. S. 136) fingen an, im +Lande Straßen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des königlichen +Zeughausmaterials, fertigten Mörser und konstruirten einen Wagen. Letztere +beiden Gegenstände machten dem Könige viel Spaß, namentlich der blau +angestrichene Wagen, der, in Stücke zerlegt, auf den Schultern von +Lastträgern weiter transportirt werden mußte, da es an einer fahrbaren +Straße fehlte. Reibereien und Zerwürfnisse mit den Distriktsbeamten hatten +zur Folge, daß die Handwerker 1861 in _Gafat_, drei Viertelstunden von +Debra Tabor auf einem isolirten Hügel, unter Aufsicht eines Offiziers +internirt wurden. Der König berief einen oder den andern an sein Hoflager +und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom +Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. "Diese Europäer", +schreibt v. Heuglin, "wollen sich in manchen Verhältnissen über gewisse +Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anlaß +gegeben hat." Daß man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie +in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlaß zur +Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus übergetretenen Juden +_Heinrich Stern_ und _Rosenthal_. Beide waren nur unter der Bedingung +zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen, +allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und +diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wüthend +hierüber ließ der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich +freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen biß. Diese +unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, daß man ewige Rache gegen +die Person schwört, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel +dies dem Könige nicht auf, als aber Stern, um sich über eine Mißhandlung +zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver +bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe störend, mit +Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor +jener Geste und ließ den Eindringling aufs grausamste in Ketten werfen und +nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon früher durch +das Geschenk eines Teppichs mißliebig gemacht, auf dem der Löwenjäger +Jules Gérard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen +Löwen erschießt. Theodor sah in dem feztragenden Jäger einen Aegypter, in +dem Löwen aber das Sinnbild Abessiniens und wähnte sich verspottet. Als +man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stückchen von der +Kussohändlerin, der Mutter des Königs, wieder aufgetischt war, wurde auch +Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen +wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach über sie wegen Hochverraths +das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslänglichen Kerker +verändert wurde. Die Hauptsache aber blieb, daß, gegen die ausdrückliche +Verabredung, jene Missionäre versucht hatten, Proselyten zu machen. + +Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische +Konsul _Cameron_ in Gondar beim Könige; er war nur für Massaua beglaubigt, +keineswegs aber für Abessinien, da seit Plowden's Tode kein Konsul dort +anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die +Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und +über die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn +Theodor sehr freundlich und mit großen Ehren auf. Der englischen Allianz +glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten +fürchtete, gegen Aegypten, bedienen zu können. Denn dieses blieb seit dem +Kampfe, den er am Rahadflusse - als er noch Kasa hieß - gekämpft, sein +Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des +Küstenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft, +welche der Pascha sich über die Grenzlande, namentlich Galabat, anmaßt, +war der größte Dorn in Theodor's Augen. + +Durch Plowden's warme Freundschaft verwöhnt, konnte der König sich in +Cameron's kalte Neutralität nicht finden und wurde um so mißtrauischer +gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern's und Rosenthal's +auftreten zu wollen. Die nach europäischem Muster begonnenen Reformen +wurden nun eingestellt und in jedem Europäer ein Spion gewittert. So haben +wir gesehen, daß auch Lejean unter jenem Mißtrauen zu leiden hatte. Als +dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem +Konsul Cameron, zum Frühstück. Unterwegs fanden die beiden Europäer in +einer der engen Gassen Gondar's einen todten Esel liegen. "Sehen Sie, da +liegt ein krepirter Konsul", sagte Cameron und schritt über das todte +Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs +unverständlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklärung. Kaiser +Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr übler Laune gesagt: "Ich weiß +nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute +geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Engländer ein Esel." +Ganz Unrecht hatte der Fürst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend +wurde jedoch erst ein anderer Umstand. + +Oft schon hatte Theodor sich geäußert, daß ein Handelsvertrag mit England +in Kraft treten müsse, und demgemäß schrieb er gegen Ende 1862 einen +eigenhändigen Brief an die Königin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben +an den Kaiser Napoleon, mit ähnlichen Anträgen, wurde höflich erwidert, +jedoch der Abschluß eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo +das Schreiben im Auswärtigen Amte verlegt wurde - man ist nie klar darüber +geworden, was mit demselben geschah - kam keine Antwort. In ganz +Abessinien machte der Vorfall großes Aufsehen, da der König sich der +Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung würde es sich angelegen +sein lassen, die angeknüpften Beziehungen zu fördern, angesichts seiner +Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und +wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam. +Sicherlich fühlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung +verletzt; ein europäischer Hof würde dasselbe gethan haben, und dann +rächte er sich eben wie ein Barbar. Cameron mußte zunächst seinen Zorn +fühlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Königin von England seinen +höflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrückte, mit ihr und ihren +Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet +gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmächtigten +einer so unhöflichen europäischen Monarchin nicht weiter zu respektiren. +Er ließ Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben +Kette befestigen. Dabei glaubte er, daß die Engländer ihm in seinem Lande +so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen würden und ließ sich deshalb +nicht gern auf Unterhandlungen ein. + +Schließlich sandte man am 15. Oktober 1865 den Konsularagenten _Rassam_, +einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum König +Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und +Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodaß der König schon wenige Stunden +nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europäer +befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und ließ ihnen +die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem König und dessen +Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur +Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgeführt. Am +12. März langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit +Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre +Zahl betrug 18 Köpfe, und Rassam bekam Erlaubniß, sie nach Aegypten oder +nach Aden führen zu dürfen. Theodor behandelte den Agenten mit großer +Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, daß Hofleute von +demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus mußten Rassam +königliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Königin sei; +sie mußten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn berühren. Als er in +Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate +dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal +verhört, gestanden ein, daß sie Unrecht gethan, und baten, daß der König +Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben möge. Der König hatte an +Rassam geschrieben: "Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich +wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, daß sie im +Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen." Rassam, dem daran lag, den +König bei guter Laune zu erhalten, hütete sich wohl, dem mächtigen Manne +Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser ließ dann das Schreiben +verlesen, welches Königin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches +geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: "In meiner Niedrigkeit bin +ich nicht würdig, Ew. Majestät anzureden, aber erlauchte Fürsten und der +tiefe Ozean können Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier, +hoffe, daß Ew. Majestät mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen +verzeihen werde." Der Schluß lautet: "Rathe mir, aber tadle mich nicht, o +Königin, deren Majestät Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im +Ueberfluß gegeben." + +Plötzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemüthe des +Herrschers ein. Rassam's Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit +den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem König auf einmal ein, sie +alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefängniß zu +werfen. Er war so grimmig, daß er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte. +Dieses geschah allerdings nicht, dagegen führte man die Europäer wieder +nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Räthsel geblieben, was den König +Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der +veröffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen +Angelegenheiten findet sich die Andeutung, daß Theodor's böser Geist ein +Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, früher Sekretär Cameron's, aus +Rache gegen letzteren den mißtrauischen Theodor gegen alle Europäer +einzunehmen wußte und ihm den Verdacht einflößte: die englische Regierung +stehe im Begriff mit Aegypten ein Bündniß abzuschließen. Die Zahl der +Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die +Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron +sei zu seinen Feinden, den Türken, gegangen und habe mit ihnen +unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Königin von England +keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron's Diener hätten sich +durch Verspottung und Verläumdung der Majestätsbeleidigung schuldig +gemacht und die andern hätten mit ihnen konspirirt. + +Nochmals wurde von Seiten Englands ein gütlicher Versuch gemacht, um den +König zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr +ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geäußert, +gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese +wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte +Befreiung der Gefangenen zu unterstützen. Unser Landsmann _Flad_, von dem +früher die Rede war (S. 136, 182), hatte die Unterhandlungen mit dem +Könige übernommen. In einem eigenhändigen Briefe, den er überbrachte, +kündigte die Königin Victoria an, daß die Arbeiter und die Geschenke dem +König zugeschickt werden würden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley, +der englische Minister des Auswärtigen, hatte später entschieden, daß die +Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren, +sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurückgehalten und erst +dann ausgeliefert werden sollten, wenn Theodor die Gefangenen durch eine +Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfügung des englischen Agenten, +Oberst Merewether's, gestellt haben würde. Wie zum Hohn schickte dieser +anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Königin +versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz +gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. König +Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee +von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besänftigt werden +sollte, sagte: "Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wünscht mich +nur zu verhöhnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein König bist und ich +dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch +zu sehen." Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestärkte den +mißtrauischen König von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, daß es +die Engländer darauf abgesehen, ihn zu betrügen und zu verrathen. Nachdem +Herr Flad Lord Stanley's Verfügung in Betreff der Geschenke mitgetheilt, +antwortete Theodor: "Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches +mir verweigert wird. _Wenn sie kommen und fechten wollen, laßt sie kommen; +bei dem allmächtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich +ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!_" + +Und nach weiteren Erörterungen des Herrn Flad: "Ich habe keine Furcht, ich +vertraue auf Gott, der sagt, daß du Berge versetzen kannst, wenn du den +Glauben eines Senfkornes hast. Ihr könnt nicht Alles. Ich weiß, daß, wenn +ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen hätte, die Arbeiter mir nie +geschickt worden wären. Nicht nur zur Zeit des Kapitäns Cameron, als sie +keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat, +fand ich heraus, daß sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern +ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell - diese waren meine +Freunde - und aus Freundschaft für sie behandelte ich ihre Landsleute gut. +Ich überlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn +wir uns auf dem Schlachtfelde gegenüberstehen." Es ist also klar, daß ein +tiefes Mißtrauen gegen die Pläne Englands, dessen Agenten er im Bunde mit +seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswärtigen Feinden, +namentlich den Aegyptern wähnte, die eigentliche Ursache war, weshalb +Theodor alle Engländer und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand +legen konnte, einkerkern ließ, und daß das Zurückhalten der Geschenke ihn +in diesem Mißtrauen nur bestärkte und die Krisis herbeiführte. + +Die vielgenannte Bergfeste _Magdala_ liegt an der Grenze von Wollo-Galla +im Süden des reißenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen +Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf +ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Königs Theodor besucht und sehr +gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta's her kommend und nach +Süden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum +Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Länder ist +großartig. Zu ihren Füßen schlängelte sich das über 3000 Fuß tiefe Thal +des Flusses, als natürliche Grenze zwischen Abessinien und Galla. + + [Illustration: Vordringen der Engländer auf Magdala.] + +Zur Linken, nach Osten, mündete eine steile Schlucht, und darüber hinaus +lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die berühmte +Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im +Süden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen +Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig +grünen Thälern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta, +dahinter die kegelförmigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Süden +steigt der majestätische Kollo, ganz mit blendend weißem Firn bedeckt, +hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150 +Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe +erfüllte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs +zeigt. Dieses Thal verließen die Reisenden nach anderthalbstündigem +Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf, +die sich am nordwestlichen Fuße von Magdala ausbreitet. Kleine Dörfer mit +niedlichen Gärtchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher. + +Ein ziemlich steiler Pfad führt in 1¼ Stunde an buschigen Gehängen und +kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung +Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natürlichen +Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von +Erdpavianen bewohnen die steilen Wände des Vorwerks. Das erwähnte Plateau +ist ganz kahl, Gruppen von Hütten befinden sich an der Südostseite, die, +wie der Platz selbst, _Islam Gie_ (Muhamedaner-Dorf) heißen. Hier ist +zugleich der Marktplatz für die Festung. + +Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als +Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land südwärts +bis Schoa war früher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und +nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden +muhamedanischen Galla, welche von hier aus beständige Einfälle in +Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte. +Magdala selbst nimmt einen Flächenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt +100-200 Fuß über das Plateau von Islam Gie hinaus, hängt im Süden mit der +nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen +Felsgrat; im Osten und Westen fallen natürliche, mauerartige, senkrechte +Bastionen viele hundert Fuß tief in die Seitenthäler ab, gegen Norden und +Süden führen Felsspalten als natürliche Thore herab, die mit Ausfallthoren +versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum +Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen +zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden +können, wohl erkannte, ließ Magdala restauriren, einige Geschütze +hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitläufige +Getreidemagazine bauen. + +So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte +schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfüllen sollte. Als die +letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich +zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der +Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen +und am 18. November 1867 von der Königin mit einer Thronrede eröffnet, in +welcher es heißt: "Der Herrscher Abessiniens fährt fort, allen +internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in +Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt +waren, und seine hartnäckige Mißachtung gütlicher Vorstellungen hat Mir +keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch +eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine +entsprechende Truppenmacht unterstützt wird. Ich habe demgemäß die +Absendung einer Expedition zu diesem ausschließlichen Zweck angeordnet, +und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Unterstützung und Mitwirkung +meines Parlaments in Meinem Bemühen, unsere Landsleute aus einer +ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner +Krone zu wahren." + + [Illustration: Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht. + Originalzeichnung von E. Zander.] + +Nach einigem Zögern bewilligte das Parlament die nöthigen Gelder, und die +indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober +war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley, +S. 169) gelandet. Dieses schlug an der öden, wasserlosen Küste ein Lager +auf und begann eine Straße nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belästigt +zu werden. Die Gesammtstärke der aus Indien nach Abessinien beorderten +Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europäer. Die Infanterie war mit +Hinterladern bewaffnet. Außer diesem Armeecorps folgte ein Troß von 8000 +Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten, +welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschütze bestimmt waren. Zum +Kommandanten der Armee wurde General _Robert Napier_ ernannt. Auch ein +ganzer Stab von Gelehrten, Künstlern und Zeitungsberichterstattern schloß +sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner +Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und - im Auftrage des +Königs von Preußen - der berühmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste +Stütze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von +Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte prägen lassen. + +Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs; +namentlich verursachte der Wassermangel große Gefahren für Menschen und +Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch +destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich +viele Kameele und Maulthiere, minder durch die Ungunst des Klimas als +durch die schlechte Pflege ihrer Wärter. Dieselben waren ein aus Persien, +Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte, +unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und +auf der Straße liegenließ, die Thiere nicht fütterte und tränkte, sodaß +diese erhitzt und halb verdurstet zu den Tränkrinnen kamen, dann übermäßig +tranken und erkrankten. Fällt ein solches Thier, so verursacht die +Wegschaffung des Aases, das man im heißen Klima aus Furcht vor Ansteckung +nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte +sich nur dadurch helfen, daß die Aeser mit dürrem Gesträuche bedeckt und +verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Küste, +des destillirten Wassers und der Langeweile müde geworden und hatte die +Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu +finden gegründete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm +offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergströmen gekennzeichnet, +denn wie zur Zeit der Völkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande +heute noch Bäche und Flüsse die Wegweiser für Wanderer und Völkerschwärme. +Die kürzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch +gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr +links liegende, durch den Fluß Kamoyle gebildete Straße gewählt. Unter den +Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet, +des Inhalts: daß die Engländer nur gekommen seien, die widerrechtlich +gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks +werden ebenso wie Eigenthum und Vermögen der Individuen geschützt und +geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung. +Anfangs ging es durch eine sandige, nur spärlich von Akazien und +Steppengewächsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends +waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Hütten zu sehen, +bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich +wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit +der Aufschrift: "Route nach Abessinien" aufstellte. Jetzt gelangte man ins +Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets öffnete +bei jeder Krümmung sich ein Ausweg, oft unter überhangendem Gestein +hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes +Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fuß über der Meeresfläche +liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und +Morgen waren kühl; gestärkt von der frischen Luft stieg die Truppe das +Plateau hinauf. + +Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunächst an der Bai von Adulis +zu bemerken. Zwei Landungsbrücken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen +lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein für das schwerste +Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fuße des Senafe-Berges, Stationen +auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen, +Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft. + +In Senafe, 7500 Fuß über dem Meere, wurde das erste größere Lager +aufgeschlagen und ein förmlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte +Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war +nicht genügend, ein einziges Regiment zu ernähren. Daher mußte Alles durch +eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft +und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Täglich +verließen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Hälfte nach Senafe +gelangte, da der andere Theil von den Lastträgern und Treibern verzehrt +wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden täglich auf den Schiffen +kondensirt und dieser Prozeß kostete allein täglich über 1000 Thaler. + +Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Engländer in südlicher Richtung +weiter verfolgen, müssen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage +umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende +revolutionäre Trieb, die Eifersüchteleien der kleinen Häuptlinge und die +Sucht derselben, sich unabhängig zu machen, war mit erneuter Stärke +ausgebrochen, in je größere Verlegenheiten König Theodor gerieth. +Ueberall, im Norden wie im Süden, entbrannte die Revolution, und mit +Schluß des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der +es war, ehe König Theodor seinen ehrgeizigen Traum träumte, ehe er die +zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schließlich nur der +Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal +dieser, und seine Macht beschränkte sich nur auf sein Lager, das meistens +in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine für uneinnehmbar geltende +Feste, hütete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort +ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, daß sie mit der größten +Leichtigkeit mit den Engländern korrespondiren und diese von allen +Vorgängen im Lager des Negus in Kenntniß setzen konnten. + +Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl +unabhängiger Fürstenthümer zerfallen, und nicht das ganze stolze +Aethiopien - nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus +nannte - stand gegen England im Felde. Das große Reich Tigrié, das unter +Ubié einst selbständig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem +Sohne Ubié's, seine Unabhängigkeit wieder erlangt, und dieser Fürst, +welcher fürchtete, daß Theodor ihn doch einst vertreiben könne, schloß +sofort mit den Engländern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner +Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich +Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer +Krieger und einst einer der besten Generäle Theodor's, unabhängig gemacht. +Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die +Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner. + +Mehr als der Abfall dieser Fürsten schmerzte Theodor aber der Verrath des +jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Königs +Hailu Melekot von Schoa, war Theodor's Schwiegersohn geworden; aber weder +die junge Frau, noch die Gnade des Königs vermochten ihn zu fesseln; er +trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen. +Unterstützt von der Gallafürstin Workit entfloh er mit Zurücklassung +seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus +anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Mißtrauen, +welches er gegen die Europäer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben, +die sich in blutigen Greueln äußerte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie +wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers +Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwährend mit Unglücklichen überfüllt, +die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der +Hände und Füße verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte +standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt. +Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, saßen sie +zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror +fingerdickes Eis oder strömte der Regen auf die Elenden hernieder, während +am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Körper +trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem +Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er +saß, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber +ereigneten sich fast täglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und +wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito +wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so +glücklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschloß +Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme +herniederfährt zwischen das scheue Geflügel, so stürzte er von Debra Tabor +auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde +in die Häuser getrieben, und als diese mit Männern, Weibern, Kindern +gefüllt waren, da befahl Theodor, Feuer an die Strohdächer zu legen, und +Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen. + +In Gafat, später in Debra Tabor, herrschte währenddem eine große +industrielle Thätigkeit. Dort hatte man Flammenöfen gebaut, dort hämmerte, +schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen +Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen. +Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniß ein ziemlich +bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der +Wüste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone, +welche 8 Fuß lang war und eine 6 Zoll weite Seele besaß, wurde von dem +über den Guß hocherfreuten Könige "Theodor" getauft, während ein 80 +Centner schwerer Riesenmörser mit anderthalbfußweiter Oeffnung den stolzen +Namen "Sebastopol" erhielt. + +Als die Gegend um Debra Tabor im Spätsommer vollständig ausgeplündert war +und die Raubzüge in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten, +beschloß Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es +keinem Feinde in die Hände fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit +einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch +höchstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen +hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000 +Fuß über dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen +angeschwollene Ströme führte der Marsch über Tschetscheho nach Woadla. +Mitten im Zuge schritten gebunden die fünf Deutschen: Steiger, Brandeis, +Schiller, Eßler, Makerer, während Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal +u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten. + +Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa +10,000 Fuß hoch über dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick +in das Land nach Süden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten +Kollogebirge. Südlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen +Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fließt +zwischen senkrechten, fast 3000 Fuß hohen Felsen die rauschende Dschidda +hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jähen mauerartigen Wände. In +diesen Schlund mußte die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das +Flußbett überschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen +Felsenwall über nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene +von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mußten auch die Kanonen und der +Riesenmörser "Sebastopol" geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem +ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten +Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewöhnlichen +Maulthierpfaden konnte der Mörser unmöglich durch die Dschiddaschlucht +gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern, +die ihn begleiteten, eine Straße zu bauen. Dieses geschah, während die +Engländer schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was +er für unmöglich gehalten, daß jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate +nahm der Bau der Straße in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die +Dschidda glücklich überschritten und die Talanta-Ebene erreicht. + +Wohlgefälligen Auges schaute der König auf die fruchtbare Ebene. Die +Weizen- und Gerstenfelder standen in der üppigsten Pracht, überall +wimmelte es von fleißigen Menschen, die den Boden bestellten, von fröhlich +singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Königs war umhergezogen +und hatte in ganz Talanta verkündigt: "Kehrt heim ihr Bauern zu eurer +Arbeit, bestellt die Aecker und flüchtet euch nicht. Der König bringt den +Frieden, kein Haar wird euch gekrümmt, euer Eigenthum ist geachtet." Und +friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Dörfer +zur gewohnten Beschäftigung zurück. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er +brauchte Proviant für seine Festung Magdala, fiel über die schmählich +betrogenen Leute von Talanta her und zog dann über den Beschlo in seine +Felsenburg ein. + +Unterdessen rückten die Engländer mit großer Geschwindigkeit nach Süden +vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muß man bedenken, daß eine +Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala +offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und +der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als +man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit +Gewißheit rechnen konnte, als Gewalt und Glück auf Seite der Europäer +stand. + +Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Troß, ihren Elephanten +und Kanonen auf Gebirgen, die unsere höchsten Alpenpässe bei Weitem +überragen, wie aus der folgenden, in Petermann's Mittheilungen (1868, +S. 180) angegebenen Höhenlage der hauptsächlichsten Stationen hervorgeht. +Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuß über dem Meere; +Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuß; Tschelikut 6279 +Fuß; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuß; Aladschin-Paß 9630 Fuß; +Aschangi-See 7264 Fuß; Lat (besetzt 31. März) 8478 Fuß; Dasat-Berg 9502 +Fuß; Quelle des Takazzié 7700 Fuß; Abdikom 10,000 Fuß; Talanta (4. April) +10,700 Fuß; Magdala (erstürmt am 13. April) etwa 11,000 Fuß. In diesem +Verzeichniß ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, über +die wir hier noch Einiges nachtragen wollen. + +Von Senafe zog das Heer über ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit +einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen, +nach _Adigerat_ zu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten, +denen nur Bäche und Wälder zur Vollendung der Schönheit mangeln, schienen +sehr fruchtbar zu sein, sodaß man die schwache Zufuhr an Getreide von +Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschränkten +Zufuhren erschöpften die Gegend immer schnell, da keine Idee von +Großhandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von +seinen eigenen Vorräthen erübrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31. +Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Städten +überlegen, da außer den gewöhnlichen schmuzigen Hütten und einer hübschen +Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden. +Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat führt ein gangbarer Weg nach +_Mai Wihis_, durch weite, offene, grasbewachsene Ebenen, die häufig von +Dörfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Für den kriegerischen +Charakter der Bevölkerung zeugten genugsam die vielen auf fast +unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europäischer +Artillerie zu trotzen vermögen. So namentlich _Amba Zion_ (siehe Abbildung +S. 41), das ehemalige Staatsgefängniß Theodor's, welches jetzt leer stand, +da bei dem Abfall Kassai's auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung +betraute Häuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte. _Ad +Abagin_, 7849 Fuß über dem Meeresspiegel, war die nächste Station. Hier +waren die Nächte so kalt, daß man kaum schlafen konnte, wozu sich die +lieblichen Töne eines Schakal- und Hyänen-Konzerts gesellten. Allein die +Thiere waren weniger gefährlich, als man denken sollte, da sie sich +genügend an den todten Maulthieren sättigen konnten. Bei Agala, 6300 Fuß +über dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veränderung der Vegetation. +Duftende Kräuter versüßten die Luft, die Straße war wunderbar gut und nur +auf eine kurze Strecke abschüssig. Hier in dieser Gegend erhielt man +wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, daß sie +sich Alle wohl befanden und daß Theodor im Januar Magdala noch nicht +erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Engländern aufzunehmen. +Da man die Abessinier für keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die +Straße, die nach Magdala führt, durch mehrere Positionen befestigt. So +erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen +Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Flüsse, welche man auf dem +ferneren Wege nach _Antalo_ zu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des +Takazzié, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen +des Nil. Die Armee hatte daher über eine Reihe von Wasserscheiden im +rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen, +welche, von Taltal kommend, die Salzstücke in das Innere des Landes +verführen. + +Während die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber +sich mit den Häuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu +setzen und begann mit einem Besuche Kassai's, des Fürsten von Tigrié. Als +Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Flüßchen Diab, unweit der +herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai +erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf +einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verließ +aber seinen hohen Sitz auf dem Rüsselträger, damit der Anblick des Thieres +unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun +öffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der +etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weißen Maulthiere angeritten. Die +Briten empfingen ihn mit allen militärischen Ehren, ihr Oberkommandant +schüttelte ihm die Hand und führte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt +wurde und ein Freundschaftsbündniß mit England schloß. Er bewunderte +vorzüglich die Waffen der Europäer und lud hierauf Napier ein, seine +eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle +Feuerwaffen. Der größte Theil von ihnen besaß doppelläufige +Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele führten +Pistolen und kein einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert +an der rechten Seite getragen hätte. Die wenigen, die ohne Gewehre +erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht +schien gut, ihre Manövrirfähigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls +beschenkt mit silbernen Armringen, einer Löwenhaut, dem Abzeichen tapferer +Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein +Lager zurück. Er hatte nun im Rücken nichts mehr zu besorgen, und der +Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen. + +Das Land zeigte überall Spuren der vielen Kämpfe, denen es durch seine +unruhigen Häuptlinge ausgesetzt war. Die Dörfer lagen verwüstet, die +Unsicherheit der Zustände hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt +den Engländern für die Verbesserung der Straßen und Wegbarmachung der +Pässe zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den +Häuptlingen der Nachbarländer später feindliche Einfälle erleichtert +würden. + +_Antalo_ unterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend +als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem +Maße zugeführt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte +einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen +nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenügender Menge zugeführt +worden. In ihren Thalern hatten die Engländer das beste Mittel, die +Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen +immer noch zu gering, um den fürchterlichen Theodor anzugreifen, welcher +sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta, +zwischen den Strömen Dschidda und Beschlo befestigte. + +Der Zug der Engländer ging nunmehr durch Wodscherat und _Doba_ zum +_Aschangi-See_, der östlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478 +Fuß hoch gelegenen _Lat_, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen +getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und +600 Pioniere zählend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General +Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war. +Alles unnöthige Gepäck blieb zurück; für je 12 Offiziere wurde nur ein +Zelt und für 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund, +die letzteren nur 25 Pfund Gepäck mitführen. + +Nachdem der 10,662 Fuß hohe Emano-Amba-Paß durchschritten war, stieg die +Armee hernieder zu den Quellen des Takazziéstromes. Dann wurde die Ebene +von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. März standen die Engländer +in Biedehor am höchsten Rande des _Dschidda-Thals_, 10,000 Fuß über dem +Meere, auf der Kunststraße, die Theodoros mühsam durch die Deutschen hatte +herstellen lassen. Durch den Bau dieser Straße hatte der Negus den +Engländern ein gutes Theil an Zeit und Mühe erspart, allein es blieben +noch Hindernisse genug übrig. Der Uebergang über die Dschidda, welcher am +4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die +abschüssigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein +leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter +und mehrere erlagen den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite +war womöglich noch schwieriger für Menschen und Thiere, die sich mit +leerem Magen und unter schwerem Gepäck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde +es allmälig zur Gewißheit, daß Theodor sich auch von der Hochebene +Talanta, die man jetzt betrat, zurückgezogen und nach Magdala geworfen +habe, daß man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen müsse. Die +vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von +Theodor's Heer erblickt, und nun war es klar, daß in den nächsten Tagen +ein Zusammenstoß stattfinden könne. Was die Einwohner von Talanta betraf, +so bezeigten sie sich den Engländern freundlich, da sie kurz vorher von +Theodor's Truppen nach Maßgabe der altabessinischen Praxis ausgeplündert +waren und nun in den Fremdlingen ihre Rächer erblickten. Gefährlich schien +für die Engländer einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus +in ihrem Rücken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stören +versuchte, aber von dem ihnen verbündeten Kassai von Tigrié zur Ruhe +verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, daß sie sich +wohl befänden und milder als früher behandelt würden. + +Ueber das Verhalten Theodor's kurz vor dem Zusammentreffen mit den +Engländern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante +Auskunft. Hiernach hatte sich der König schon am 18. März über den Beschlo +zurückgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in +welchem er bedauerte, daß dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne +sein Wissen hätten dieses die Behörden gethan; gleichzeitig gab er den +Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah. + +Am 27. März zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in +Magdala ein, wo die größte Verwirrung herrschte. Ein hoher militärischer +Würdenträger war desertirt und zwei andere Häuptlinge wurden angeklagt, +Menilek, den König von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz +zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die +unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth, +daß er zuerst beschloß, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und +durch eine neue zu ersetzen; am nächsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl, +beschränkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung +durch 1000 Mann zu verstärken. Am 29. März schickte Theodor zu Rassam, den +er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm höflich und in seiner +unberechenbaren Weise mit, daß er ihn nur darum übel behandelt habe, weil +er wünschte, die Engländer möchten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf +drückte er den Wunsch aus, er möge Rassam in der englischen Uniform sehen, +was dieser natürlich zugestehen mußte. Umgeben von 400 Offizieren und den +deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Königin +Victoria, welcher die Ehre hatte, dem königlichen Prinzen vorgestellt zu +werden. Alles schien dem Könige daran gelegen, den Gefangenen möglichst zu +imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der berühmte +Riesenmörser Theodor's herbeigeschleppt, den dieser "Sebastopol" getauft +hatte. Freudenschüsse begleiteten die Ankunft des Ungethüms, das sich +später als sehr ungefährlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die +Befestigungs- und Wegarbeiten und war darüber, daß er Magdala vor den +Engländern erreicht, so erfreut, daß er sämmtlichen Gefangenen die Fesseln +abnehmen ließ. Nachdem alle Kanonen und Mörser an Ort und Stelle waren, +erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn +ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von +10,000 Mann; er glaube aber nicht, daß mehr denn 6000 bis Magdala kommen +würden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so mächtig +wäre, wie ehedem, hätte er die Engländer bei ihrer Landung erwartet und +sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit +Ausnahme Magdala's das ganze Land verloren und müsse sich damit begnügen, +sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner +unmittelbaren Nähe zu halten, während er von seiner luftigen Burg +unablässig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind +kommen mußte. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Engländer am +Beschlo anlangen. + +Am 10. April überschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluß und hatte nun +die Feste Magdala in ihrer ganzen Fürchterlichkeit vor sich liegen. Kühn +ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit +seinem Heere. Obgleich die Engländer keineswegs die Absicht hatten, +sogleich zum Angriff überzugehen, sondern außerhalb Schußweite von Fala, +einer Vorburg Magdala's, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor's +doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung +heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen großen +Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu +nehmen. Aber er hatte nicht gewußt, daß inzwischen die ganze Brigade unter +Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter +zogen sich, als etwa 1200 Fußgänger von der Amba herunterkamen, so schnell +sie konnten, zurück. Statt ihrer rückten nun ein Regiment Beludschen, ein +englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschütze und eine +Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschütze in Fala +einige gutgezielte Schüsse und seine Leute liefen in Unordnung, aber +tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Engländer herangekommen waren. +Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschütze und das auf die +Abessinier einströmende Feuer der Raketen machte, daß an keinen Halt mehr +zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anführer (Fit Auri, S. 19) an der +Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und flüchtete nach der +Burg zurück. + +Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt +eine andere Abtheilung in den Rücken der englischen Bagage gesandt; aber +auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstützt, richtete +die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an, +die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben. +Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden +konnten nicht in die Burg zurück, da ihnen der Rückzug abgeschnitten war, +und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevölkerung. +Der Kampf dauerte bis 6½ Uhr Abends, wo Dunkelheit und Regen die Engländer +nöthigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwälle Magdala's selbst +führte, einzustellen. Während des ganzen Gefechts, das die Engländer als +"Schlacht von Arodsche" bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt, +sodaß Donner und Kanonengebrüll sich miteinander mischten. Die Zahl der +abessinischen Todten betrug viele hundert, die Engländer dagegen hatten +keinen Todten und nur zwanzig Verwundete. + + [Illustration: Auffindung der Leiche des Königs Theodoros. Nach + englischen Zeichnungen.] + +Theodor war über den Mißerfolg seiner Waffen außer sich. Zum ersten Male, +seit er die Krone trug, war er ordentlich geschlagen worden, und zwar von +den verachteten "rothen Barbaren". Seine Wuth kannte keine Grenzen, und +das Damoklesschwert schwebte fortwährend über dem Haupte der europäischen +Gefangenen. Indessen kühlte er seinen Zorn nur an den abessinischen +Gefangenen, von denen er über 300 vor den Augen der Europäer hinrichten +und über die Felswälle Magdala's hinabstürzen ließ. Aber soviel sah er +ein, daß er auf die Dauer den Engländern nicht zu widerstehen vermöge. Am +nächsten Morgen sandte er daher den Missionär Flad, von zwei abessinischen +Häuptlingen begleitet, in das englische Lager, um zu unterhandeln. Die +einzige Antwort, die Sir Robert Napier durch diese dem König geben konnte, +war: bedingungslose Kapitulation. + +Noch einmal schickte Theodor die Parlamentäre ins Lager, doch Sir Robert +Napier gab ihnen dieselbe Antwort, und traurig waren sie im Begriff, in +die Gefangenschaft zurückzukehren, als sie auf dem Wege die plötzlich +freigegebenen Europäer Cameron, Rassam und einige der Handwerker antrafen. +Am nächsten Morgen wurden alle übrigen Gefangenen freigelassen, der +Franzose Bardel, den man für den schlechten Rathgeber Theodor's hielt, +ausgenommen. Bardel fanden die Truppen später, bei der Einnahme von +Islam-Gie, hinter einem Felsen liegend, krank vor Hunger und Fieber. +Theodor hatte ihn aus Magdala hinausgejagt. Dieser selbst aber war +entschlossen, sich nicht zu unterwerfen und bis zum letzten Augenblicke +auszuhalten. Lieber wollte er muthig untergehen, als feige sich ergeben. +So blieb denn den Engländern nichts übrig, als zum Sturm auf Magdala zu +schreiten, welches immer noch von einigen tausend Mann besetzt war. + +Die Festung, von steilen Felsen beschützt, so erzählt ein englischer +Bericht, bot nur zwei Zugänge, an der Nord- und der Südseite, die so enge +waren, daß nur ein Maulthier sie jedesmal passiren konnte, und die jeder +zu einem stark verrammelten Thore führten. Das nördliche Thor war es, +durch welches der Eingang erzwungen wurde. Gegen halb drei Uhr Nachmittags +am 13. April, dem Ostermontag, begann das Bombardement, und nach einer +zweistündigen Kanonade wurde der Befehl zum Sturm gegeben. Die Truppen +erkletterten den zum Thore führenden Pfad, fanden aber dieses, wie das +umgebende Pfahlwerk, von den Kugeln nur wenig verletzt. Die Palissaden +mußten daher mit Hülfe einer Strickleiter überstiegen werden, um das +Festungsthor von beiden Seiten angreifen und die Vertheidiger +zurücktreiben zu können. Den Zugang bildeten zwei etwa zehn Fuß +voneinander entfernte Thore; der Raum zwischen denselben war mit schweren +Steinen angefüllt. Hatte die Kanonade auch keinen direkten Vortheil +erzielt, so trieb sie doch die Vertheidiger zurück. Nur sechs Offiziere +stellten sich mit Todesverachtung den Angreifern entgegen, doch waren +ihrer zu wenige, um die Position halten zu können. + +Als die Engländer über die Leichen dieser Tapferen vordrangen, fanden sie +auf einer etwas entfernten Anhöhe den entseelten Körper des Königs +Theodoros liegen - er hatte die Schande nicht überstehen können und sich, +um einer schmachvollen Gefangenschaft zu entgehen, durch den Mund +erschossen, und zwar mit einem jener Revolver, welche ihm "die Königin +Victoria zum Zeichen ihrer Dankbarkeit für die Güte geschenkt hatte, die +er ihrem Diener Plowden erwiesen." So sagte die Inschrift des +sechsläufigen Revolvers. Theodor's Waffenträger gab die Einzelheiten an +über das Verhalten seines Herrn in den letzten Stunden während des +Angriffs der Engländer, gegen welchen der sonst so gefürchtete Tyrann nur +mit wenigen Getreuen Stand hielt. Zweimal brach unter den hervorragendsten +Häuptlingen und deren Gefolge Meuterei aus. Sie weigerten sich, an seiner +Seite zu kämpfen, und beschlossen, ihn dem Feind auszuliefern, doch hatten +sie noch immer nicht genug Muth, ihr Vorhaben auszuführen. Als so Alles +verloren war, erschoß sich Theodor selbst, gleichsam um seine Feinde +dadurch zu beschämen, daß er wie ein König sterbe. Das Gesicht des Todten +ließ allerdings nicht auf seine früheren Züge schließen, zumal da das Auge +das Feuer und den Ausdruck verloren, die als sein Charakteristicum +bezeichnet wurden. Die Stirn zeugte von Intelligenz, der Mund von +Entschlossenheit und Grausamkeit. Eine Anzahl englischer Truppen hielt bei +dem königlichen Leichnam Wache, bis er, am Abend des 14. April, in der +Kirche von Magdala begraben wurde. + + [Illustration: Königskrone Theodor's.] + +Der englische Oberbefehlshaber bot das eroberte Magdala dem Gobazye, Schum +von Waag, an; dieser lehnte jedoch das Geschenk ab, weil er es nicht gegen +die Angriffe der Wollo-Galla vertheidigen könne und es überdies noch +jedem, der dort geherrscht, den Untergang bereitet habe. Deshalb beschloß +Napier, Magdala zu zerstören. Am Nachmittag des 17. April wurde der Ort in +Brand gesteckt, die hochaufwirbelnden Feuer- und Rauchsäulen verkündeten +den erstaunten Eingeborenen, daß Theodor gefallen, seine Zwingburg +zerstört sei. Mit der Kirche, die man vor den Flammen nicht retten konnte, +verbrannte auch der Leichnam des Königs. Damit war jedoch nur der Ort +Magdala vernichtet, die natürliche Felsenfeste aber war unzerstörbar. Die +Stadt an und für sich war uninteressant, sie bestand aus den gewöhnlichen +Hütten mit kegelförmigen Strohdächern. Nur die keineswegs schöne Kirche +und die Wohnung Theodor's stachen von den übrigen Häusern ab. Letztere +bestand aus zwei Stockwerken und war mit einem flachen Dache gedeckt. In +ihr fand sich eine Anzahl europäischer Luxusartikel vor, Klaviere, +Harmoniums, Spieldosen, Patronen für Hinterlader und ein Gemenge anderer +Gegenstände. Sonst fanden sich Zeichen der Civilisation nur in den +Werkstätten der von Theodor gefangen gehaltenen Handwerker. Einige Kronen, +Becher, die Mörser Theodor's, Speere, Säbel, Kreuze, amharische Bibeln +u. s. w. wurden als Trophäen mit nach England genommen. Unter den +Gefangenen befand sich auch ein Sohn Theodor's, welchen der Obergeneral +mit nach England zu nehmen beschloß. Auch die beiden Königinnen fielen den +Engländern in die Hände. Die rechtmäßige Gattin Toronesch, die Tochter +Ubié's, erschien als eine vornehm aussehende Frau von 26 Jahren, mit +heller Hautfarbe, lebhaften Augen, hübscher Hand und wunderschönem Haar, +das in dichten Locken auf die Schultern herabfiel. Sie vermochte das Ende +ihres Gemahles nicht zu überleben und starb auf dem Wege nach der Küste. + +Sofort begannen die Engländer den Rückmarsch; um den Besitz der kahlen +Felsenwände Magdala's, das zur Berühmtheit geworden, stritten sich nun +wieder die Galla - für die Abessinier war das Land am Kollogebirge, +welches sie von ihren Stammesgenossen in Schoa trennt, verloren, und der +muhamedanische Keil, den einst Theodor beseitigt, war wieder zwischen die +christlichen Reiche eingeschoben. Auf der Talanta-Hochebene sammelte Sir +R. Napier sein kleines tapferes Heer, hielt über dasselbe Revue und dankte +ihm für die bewiesene Aufopferung. Dann wurde die Dschidda überschritten +und auf demselben Wege, den man gekommen, die Heimkehr vollzogen. + +Die befreiten Gefangenen und die Beute brachten die Engländer triumphirend +nach Zula, von wo sie nach England eingeschifft wurden. Auch die deutschen +Handwerker kehrten heim und nur Schimper und Zander zogen es vor, sich +nach Adoa in Tigrié zu begeben, wo sie ihre Tage beschließen wollen. Die +Expedition selbst war ein großer Erfolg, für den England aber theuer +bezahlen mußte. Wenn der Brief, den Theodor Ende 1862 an die Königin +Victoria schrieb, im Auswärtigen Amte nicht vergessen und nicht +unbeantwortet geblieben wäre, so würde kein Grund vorhanden gewesen sein, +die Expedition überhaupt zu unternehmen, 6 Millionen Pfund Sterling zu +opfern und einige Tausend schlecht bewaffneter Abessinier mit +Armstrongkanonen und Hinterladern niederzuschießen. + + -------------- + +Selten wurde wol ein Kriegszug mit solchem Widerstreben unternommen, mit +solcher Genauigkeit entworfen und so rasch und vollständig ausgeführt, wie +die englische Expedition gegen Abessinien. Sir Robert Napier konnte mit +Cäsar schreiben: _Veni, vidi, vici!_ Der König todt, Magdala erstürmt, die +Gefangenen frei! Das waren die nächsten Resultate. Die Schnelligkeit und +Entschiedenheit des Erfolges, die vollständige Vernichtung Theodor's und +seiner Macht kann uns kaum Wunder nehmen. Der Kampf zwischen einem +englischen Heere mit englischen Waffen und einer Streitmacht wenig +geschulter, wenn auch tapferer Abessinier war für letztere von vornherein +ein hoffnungsloser. Das eigenthümliche Verdienst der Engländer bestand +aber nicht darin, daß sie die Abessinier, sondern daß sie das Land +besiegten. Die Natur kämpfte gegen sie, aber die Wissenschaft und die +Organisation überwanden diesen gefährlichsten der Gegner. Napier mußte +sich fast Zoll für Zoll erst den Weg bahnen, und dieser mühsame und +gefahrvolle Marsch ging über jäh abstürzende Klippen und an schwindelnden +Abgründen vorbei; dazu gesellte sich die Kälte auf den Alpenhöhen von +12,000 Fuß über der Meeresfläche. Man begreift die ängstliche Spannung der +englischen Armee, indem sie sich Magdala näherte, Theodor möchte sich +zurückziehen und sie in endloser Verfolgung seiner Person und seiner +Gefangenen zu ermüden suchen - aber der Negus hatte geschworen: "wenn auch +alle seine Truppen flöhen, allein den Briten Stand zu halten". Und er hat +Wort gehalten, und in der That kann man im Hinblick auf die früheren +Großthaten und die letzte Stunde sein Mitgefühl dem Manne nicht versagen, +der selbst die Engländer zwang, ihn zu zermalmen. Er war aus dem Stoffe +vieler orientalischer Eroberer gemacht, ein willensstarker, bedeutender +Mensch, aber ohne Selbstbeherrschung und unfähig, die Kraft einer der +seinigen überlegenen Civilisation zu begreifen. Selbst die Engländer +ließen dem überwundenen Feinde schließlich Gerechtigkeit widerfahren und +eines ihrer Blätter ruft aus: "Schade um den Mann! Der wahnsinnige Barbar, +das feige Ungeheuer, als welchen ihn die schreibseligen Judenmissionäre in +ihren Episteln aus der Gefangenschaft schilderten, war vielleicht der +einzige wirkliche Held in diesem romantischen Drama. Schade um den Mann! +Ein Mann von wilder Genialität, durchdringendem Scharfsinn und eiserner +Willenskraft, mit all den Eigenschaften ausgerüstet, welche nöthig sind, +um Afrikanern zu imponiren und Barbaren für die Civilisation zu gewinnen, +so erschien er unsern Kriegern und er hat ihr Urtheil durch sein Herzblut +besiegelt." + +In Abessinien sind von Zeit zu Zeit große Männer aufgetreten, welche ihr +daniederliegendes Vaterland aus dem Staube zu heben suchten - der Abuna +Tekla Haimanot stellte zu Ende des 13. Jahrhunderts das Reich unter der +salomonischen Dynastie wieder her; Kaiser Fasilides verjagte die Jesuiten +und unterwarf alle Rebellen - aber größer und gewaltiger erscheint der +Sohn der armen Kussohändlerin aus Koara, Theodor II. - Und Abessinien? +wird man fragen. Ohne kräftige Regierung steht es wieder da, zerklüftet +und zerfallen, als das Land, das es von je gewesen, "das Land der +Verwirrung". + + [Illustration: Siegel des Königs Theodor. Nach Lejean.] + + _Ende._ + + + + + + + [Illustration: Uebersichtskarte von Abessinien.] + + + + + + _Verlag von __Otto Spamer__ in Leipzig._ + + Das Buch der Reisen und Entdeckungen. + + _Neue illustrirte_ + + Bibliothek der Länder- und Völkerkunde. + + Herausgegeben + *unter Mitwirkung mehrerer Geographen und Schulmänner.* + + Zum _Subscriptions-Preis_ von 5 Sgr. = 18 Kr. rhein. pro Heft zu + beziehen. +*6-10 Hefte bilden einen Band, welcher ein abgeschlossenes Werk enthält.* + Jeder Band von 18-30 Bogen ist einzeln zu haben und kostet: + _geheftet_ 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. bis 2 Thlr. = 3 Fl. 36 Kr. + rhein. + *In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. = 3 Fl. rhein. bis 2-1/3 Thlr. = 4 + Fl. 12 Kr. rhein.* + + *A. 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Ferner +der Reisen von *Albert Roscher* und *Karl Mauch*, der portugiesischen +Expedition in das Land des Muata-Kazembe, sowie der Reisen auf der Insel +Madagascar während des letzten Jahrzehnts. Mit 90 Text-Abbildungen, sechs +Tondrucktafeln und einer Uebersichtskarte des südlichen und mittleren +Afrika sammt Madagascar, unter Angabe der Reiserouten von David +Livingstone, du Chaillu, Andersson, Burton-Speke, Speke-Grant, A. Roscher +u. s. w. *Vollständig in 8 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. + + Das Buch der Reisen und Entdeckungen. + + _Afrika._ + +*Die neuesten Entdeckungsreisen an der Westküste Afrika's.* Mit besonderer +Berücksichtigung der Reisen und Abenteuer, Handels- und Jagdzüge von *Paul +Belloni du Chaillu* im _äquatorialen Afrika_, sowie von *Ladislaus Magyar* +_in Benguela und Bihe_, von *C. Joh. Anderson* am _Okavango-Flusse_. +Bearbeitet von H. *Wagner*. 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Mit etwa 150 Text-Abbildungen, sieben Tondrucktafeln, +sowie einer Karte von Japan. *Vollständig in 10 Heften.* In elegantem +Prachtband 2-1/3 Thlr. + +*Reisen in den Steppen und Hochgebirgen Sibiriens** und der angrenzenden +Länder Central-Asiens.* Nach Aufzeichnungen von T. W. _Atkinson_ und +Anderen. Bearbeitet von *A. v. Etzel* und *H. Wagner*. Mit 120 +Text-Abbildungen und fünf Tondrucktafeln. *Vollständig in 8 Heften.* In +elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. + +*Das Amur-Gebiet und seine Bedeutung.** Reisen in Theilen der Mongolei, in +den angrenzenden Gegenden Ost-Sibiriens, am Amur und seinen Nebenflüssen.* +Nach den neuesten Berichten, vornehmlich nach Aufzeichnungen von *A. +Michie*, *G. Radde*, *R. Maack* und Anderen. Herausgegeben von Dr. +*Richard Andree*. Mit 80 Text-Illustrationen, vier Tonbildern, sowie einer +Karte des asiatischen Rußlands und der angrenzenden Theile von +Inner-Asien. *Vollständig in 6 Heften.* In eleg. Prachtband 1-2/3 Thlr. + +*Die ostasiatische Inselwelt I.** Land und Leute von +Niederländisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.* +Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet während seines +Aufenthaltes in Holländisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S. +Friedmann*. *Vollständig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. + +*Das Tropen-Eiland Java.* Mit 120 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern und +einer Karte von Java. + +*Die ostasiatische Inselwelt II.** Land und Leute von +Niederländisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.* +Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet während seines +Aufenthaltes in Holländisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S. +Friedmann*. *Vollständig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr. + +*Sumatra, Borneo, Celebes, die Molukken und Neu-Guinea.* Mit 100 +Text-Illustrationen, sechs Tonbildern etc. + + *Neueste Kinderschriften, illustrirt durch F. Flinzer u. A.* + +*Die Kinderstube I.** Was man seinen Kindern erzählt, wenn sie 2 bis 5 +Jahre alt sind.* Kleine Geschichtchen, Gedichtchen und Räthsel. Von *Ernst +Lausch*, Lehrer an der Ersten Bürgerschule zu Wittenberg. - In zwei +Abtheilungen, mit 54 Text-Abbildungen und drei Buntbildern. Geheftet 15 +Sgr. = 54 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr. += 1 Fl. 12 Kr. rhein. + +Die _erste_ Abtheilung enthält 50 Geschichtchen und Gedichtchen, die +_zweite_ Abtheilung 50 Gedichtchen, Räthsel und Gebete zum +Auswendiglernen. + +*Die Kinderstube II.** Hundert kleine Erzählungen, Gedichte und Verschen +für Kinder von 4 bis 6 Jahren.* Der lieben Kinderwelt und deren Freunden +gewidmet von *Fr. A. Glaß*. Neu bearbeitet und herausgegeben von *Ernst +Lausch*. _Zweite_ umgearbeitete Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und drei +Buntbildern. Geheftet 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem +Umschlag gebunden 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein. + +*Die Kinderstube III.** Erstes A-B-C-, Lese- und Denkbuch für brave +Kinder, die leicht und rasch lesen lernen wollen.* Ein Führer für Mütter +und Erzieher beim ersten Unterricht durch Wort und Bild. Herausgegeben von +*Ernst Lausch*. Mit 300 Text-Abbildungen und zwei Buntbildern. Geheftet 15 +Sgr. = 54 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr. += 1 Fl. 12 Kr. rhein. + +*Inhalt:* I. Die kleinen Buchstaben. II. Die großen Buchstaben und +Ergänzung der kleinen. III. Lesebuch. IV. A-B-C-Bilder-Reime. V. +Kinderspiele. VI. Rechenbuch. VII. Gebetbuch. + +Ein namhafter Pädagog spricht sich über die vorstehenden Bändchen in +folgender Weise aus: "Wir können nicht anders als mit Freuden anerkennen, +daß es dem Autor gelungen ist, den rechten Stoff und für denselben die +rechte Form, d. h. die rechte Sprache für die Kinder-Erzählungen getroffen +zu haben. Die Geschichtchen sind höchst einfach und natürlich in der +Sprechweise der Kinder gegeben, ohne jedoch etwa einen kindischen oder gar +läppischen Ton anzuschlagen. Man siehts diesen Büchelchen deutlich an, daß +ein innig liebendes Vaterherz, geleitet von einem klaren pädagogischen +Sinne, sie zunächst für sein Theuerstes auf Erden, für seine eigenen +Kinder erfunden und erzählt hat. Sie sind den Kleinen aus der Seele +gelesen und darum echte Mosaikstücke aus einem wahren und wirklichen +Kindesleben. Mit vielem Glück hat der Verfasser in diesen Erzählungen +alles Gekünstelte und Sentimentale, alles Ueberschwengliche und +Unnatürliche _à la_ Struwelpeter, sowie besonders auch trocknes und +langathmiges Moralisiren fern gehalten." + +Noch sei bemerkt, daß diese Geschichtchen so einfach und kunstlos sind, um +von jeder Mutter und Erzieherin jemalig nach dem Bedürfniß und der +Anschauungsweise ihrer Pfleglinge leicht umgeändert oder auch als Themata +zu verschiedenen Variationen benutzt werden zu können. + +Wo und wann ein Lehrer von _Müttern_ oder von _Erzieherinnen_ nach +lobenswerthen und zweckdienlichen Erzählungen für kleine Kinder befragt +wird, da kann derselbe mit gutem Gewissen die Geschichtchen von *Ernst +Lausch* ihnen aufs Wärmste empfehlen. + +Gleiches Lob verdient das _neueste_ Bändchen desselben Verfassers unter +dem Titel: + + Die Schule der Artigkeit. + +*Goldenes A-B-C der guten Sitten** in Lehr- und Beispiel, Mahnung und +Warnung.* Auserwählte Fabeln, Sprüche und Sprüchwörter _für die +Kinderstube_. Herausgegeben von *Ernst Lausch*. Mit einem Titelbilde, +sowie 60 Text-Abbildungen von F. Flinzer, O. Rostosky und Fr. Waibler. +Elegant geheftet 22½ Sgr. = 1 Fl. 21 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem +Umschlag gebunden 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein. + +(Diesem Bändchen schließt sich im nächsten Jahre eine Sammlung der +vorzüglichsten deutschen *"Märchen und Sagen"* an.) + + Die kleinen Tierfreunde. + +*Fünfzig Unterhaltungen über die Thierwelt.* Ein lustiges Büchlein, für +die liebe Jugend bearbeitet von Dr. *Karl Pilz*, Lehrer an der Dritten +Bürgerschule zu Leipzig. _Zweite_, gänzlich umgearbeitete, vermehrte +Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und einem Titelbilde. Geheftet 20 Sgr. = +1 Fl. 12 Kr. rhein. Elegant cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein. + + *Kinderschriften von Hermann Wagner.* + +*Illustrirtes Spielbuch für Knaben.** 1001* unterhaltende und anregende +Belustigungen, Spiele und Beschäftigungen für Körper und Geist, im Freien +sowie im Zimmer. Herausgegeben von *Hermann Wagner*. _Zweite_ unveränderte +Auflage. Ein Band von 400 Seiten in buntem Umschlag, mit mehr als 500 in +den Text gedruckten Abbildungen, sowie einem Titelbilde. Elegant geheftet +Preis 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. In geschmackvollem +Cartonnage-Einband 1½ Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rh. + +*Der gelehrte Spielkamerad** oder der kleine Naturforscher, Thierfreund +und Sammler.* Anleitung für kleine Physiker, Chemiker, Botaniker und +Naturfreunde zum Experimentiren, zur Anlage von Pflanzen-, Stein-, +Muschel-, Insekten-, Schmetterling-, Vogel-, Briefmarkensammlungen etc., +sowie zur Pflege der Hausthiere und des Hausgartens. Ein Supplement zum +"Spielbuch für Knaben". Herausgegeben von *Hermann Wagner*. Mit über 200 +Text-Abbildungen, sechs Abtheilungs-Frontispicen sowie einem Titelbilde. +Eleg. geheftet 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rh. In geschmackvollem +Cartonnage-Einband 1½ Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rhein. + + + _Bestens empfohlen.] __Für Knaben und Mädchen.__ [Zweite Auflage._ + +*Entdeckungsreisen in Haus und Hof.* Mit seinen jungen Freunden +unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 Abbildungen, Titel- und +Tonbildern. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. = +1 Fl. 12 Kr. rhein. + +*Entdeckungsreisen in der Wohnstube.* Mit seinen jungen Freunden +unternommen von *Hermann Wagner*. Mit über 100 Abbildungen, Titel- und +Tonbildern etc. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rh. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. = +1 Fl. 12 Kr. rh. + +*Entdeckungsreisen im Wald und auf der Heide.* Mit seinen jungen Freunden +unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 130 in den Text gedruckten +Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern und einer Extrabeilage +von getrockneten Moosarten. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein. Eleg. +cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein. + +*Entdeckungsreisen in Feld und Flur.* Mit seinen jungen Freunden +unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 110 in den Text gedruckten +Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern, einem Titelbilde etc. +Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. +rhein. + + +*Entdeckungsreisen in der Heimat.** I. Im Süden.* Eine _Alpenreise_ mit +seinen lieben jungen Freunden unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in +den Text gedruckten Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 +Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein. + +*Entdeckungsreisen in der Heimat.** II. Im Flachlande von +Mitteldeutschland.* Streifereien mit seinen lieben jungen Freunden +unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in den Text gedruckten +Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geheftet 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg. +cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein. + + +*Im Grünen oder die kleinen Pflanzenfreunde.* Erzählungen aus dem +Pflanzenreich von *Hermann Wagner*. _Dritte vermehrte Auflage._ Mit 80 +Abbildungen und kolor. Titelbilde. In prachtvollem Umschlage eleg. carton. +25 Sgr. + + _Verlag von Otto Spamer in Leipzig._ + + + + + + FUSSNOTEN + + + 1 Adara Bille, der Peiniger Krapf's, ließ sich 1863 in eine + Verschwörung gegen den König Theodoros ein, die jedoch verrathen + wurde, infolge dessen jener das Leben verlor. + + 2 Die beigefügte Abbildung stellt einen pflügenden Mensa dar. + Zugochsen und Pflug, ebenso das Joch des Ochsen, sind ganz genau so + wie im eigentlichen Abessinien gestaltet. + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Fußnoten wurden an das Ende des Textes gesetzt. + +Die Werbeseiten wurden am Ende des Textes zusammengefaßt. + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In der elektronischen Fassung +sind Antiqua (bis auf römische Zahlen und den Titel "Dr.") und Sperrung +durch Unterstriche markiert, Fettdruck durch Sternchen. + +"etc." ist im Original mit der Tironischen Note für _et_ geschrieben. + +Korrektur offensichtlicher Druckfehler: + + Seite 1: "Lefebvre" in "Lefêbvre" geändert + Seite 16: "Sanglu" in "Saglu" geändert + Seite 19: "Indiko,pleustes" in "Indikopleustes" geändert, "kopirte-" + in "kopirte," + Seite 26: "würtembergischen" in "württembergischen" geändert + Seite 51: "Allgemeine-n" in "Allgemeinen" geändert + Seite 57: "Mohamedaner" in "Muhamedaner" geändert + Seite 67: "lezteren" in "letzteren" geändert + Seite 95: zweites Anführungszeichen hinter "vergeblich" ergänzt + Seite 136: "Metemme" in "Metemmé" geändert + Seite 144: "brereitete" in "bereitete" geändert + Seite 146: "Waizen" in "Weizen" geändert + Seite 153: "Einwoher" in "Einwohner" geändert + Seite 172: "Rüppel" in "Rüppell" geändert + Seite 175: "Raum" in "Rauch" geändert + Seite 185: "Reb," in "Reb" geändert + Seite 199: "Woito" in "Waito" geändert + Seite 203: "Lalmalmon" in "Lamalmon" geändert + Seite 218: "Schutzherrrn" in "Schutzherrn" geändert + Seite 221: "Regeu" in "Regen" geändert + Seite 230: "Assasee" in "Assalsee" geändert + Seite 236: "Meeresspiel" in "Meeresspiegel" geändert + Seite 237: "vernachläßigt" in "vernachlässigt" + Seite 246: "Banketsales" in "Banketsaales" geändert + Seite 250: "Agollala's" in "Angollala's" geändert + Seite 253: "Garagué" in "Guragué" geändert + Seite 253: überflüssiges Anführungszeichen vor "Satan" entfernt + Seite 287: "Ungust" in "Ungunst" geändert + +Nicht vereinheitlicht wurden (außer in Fällen einzelner, als Druckfehler +anzusehender Abweichungen) verschiedene Schreibvarianten wie "Augenbrauen" +und "Augenbraunen", "Bajonnet" und "Bajonett", "danieder" und "darnieder", +"erwidern" und "erwiedern", "Galla" und "Gala", "Kusso" und "Kosso", +"male" und "Male", "Tanasee" und "Tana-See", "Victoria" und "Viktoria", +"Wag" und "Waag", "wol" und "wohl" oder unterschiedliche Verwendung von +Akzenten. Das Original verwendet durchgehend die Schreibungen "Schmuz", +"schmuzig", "jenseit". + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLÄNDER*** + + + + CREDITS + + +January 7, 2010 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Mark C. Orton, Markus Brenner, Stefan Cramme and + the Online Distributed Proofreading Team at + http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 30883-8.txt or 30883-8.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/8/8/30883/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. 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They may be modified and printed and given away +-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + + THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +_Please read this before you distribute or use this work._ + +To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + + Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works + + + 1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. 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