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+The Project Gutenberg EBook of Abessinien, das Alpenland unter den Tropen
+und seine Grenzländer by Richard Andree
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer
+
+Author: Richard Andree
+
+Release Date: January 7, 2010 [Ebook #30883]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF‐8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLÄNDER***
+
+
+
+
+
+ Das
+
+ Buch der Reisen und Entdeckungen.
+
+ Afrika.
+
+ *Abessinien,*
+
+ das Alpenland unter den Tropen.
+
+
+
+
+
+ Malerische Feierstunden.
+
+ Das Buch der Reisen und Entdeckungen.
+
+ _Neue illustrirte_
+
+ *Bibliothek der Länder- und Völkerkunde*
+
+ zur
+
+ Erweiterung der Kenntniß der Fremde.
+
+ *Afrika.*
+
+ *Abessinien, das Alpenland unter den Tropen.*
+
+ Bearbeitet
+
+ von
+
+ *Dr. Richard Andree.*
+
+Mit 80 in den Text gedruckten Abbildungen, sechs Tonbildern, sowie einer
+ Uebersichtskarte von Abessinien
+
+ *Leipzig.*
+
+ Verlag von Otto Spamer.
+
+ 1869.
+
+
+
+
+
+ [Illustration: König Theodoros, Audienz ertheilend.
+ _Originalzeichnung von __H. Leutemann__, nach Lejean._]
+
+
+
+
+
+ *Abessinien,*
+
+ _das Alpenland unter den Tropen_
+
+ und
+
+ *seine Grenzländer.*
+
+
+ Schilderungen von Land und Volk vornehmlich unter
+
+ *König Theodoros* (1855–1868).
+
+ Nach den Berichten älterer und neuerer Reisender bearbeitet
+
+ von
+
+ *Dr. Richard Andree.*
+
+Mit 80 Text-Abbildungen, 6 Tonbildern nach Originalzeichnungen von E.
+Zander, R. Kretschmer, H. Leutemann u. A. nebst einer Uebersichtskarte von
+Abessinien.
+
+_Leipzig._
+
+Verlag von Otto Spamer.
+
+1869.
+
+
+
+
+
+ Verfasser und Verleger behalten sich das Recht der Uebersetzung vor.
+
+ Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
+
+
+
+
+
+ VORWORT.
+
+
+Ein afrikanisches Alpenland, überreich an Schönheiten und Wundern der
+Natur, bewohnt von einem begabten Volke, das gleich uns zum kaukasischen
+Stamme gehört und mit den Negern nichts zu schaffen hat, eine an
+fesselnden Abenteuern reiche Folge von Reisen in dieses Land, endlich der
+Feldzug Englands gegen den eisernen, blutigen _Theodor_, der mächtig über
+Abessinien geherrscht, wie noch kein dunkelfarbiger König vor ihm – das
+ist es, was wir in diesem Bande des „Buches der Reisen und Entdeckungen“
+den Lesern vorführen wollen.
+
+Abessinien hat von jeher der gebildeten Welt ein großes Interesse
+eingeflößt und nicht etwa erst die neueste romantische Episode seiner
+Geschichte uns diese „unter die Tropen gerückte Schweiz“ näher geführt.
+Dort, in der muthmaßlichen Heimat des schwarzhäutigen der durch die Bibel
+eingeführten heiligen drei Könige, besteht ja noch, abgeschieden und
+vergessen von den abendländischen Glaubensgenossen, inmitten heidnischer
+und muhamedanischer Völker, ein christliches Reich; dorthin verlegte das
+Mittelalter auch den Staat des fabelhaften Erzpriesters Johannes, dort
+entspannen sich Glaubenskämpfe gegen den Islam, die an Heftigkeit und
+blutigen Greueln ihresgleichen suchen, dort mühten sich endlich unsere
+Missionäre bis in die neueste Zeit erfolglos ab, die Bevölkerung zu einem
+reineren Glauben zurückzuführen. Staatsumwälzungen, Bürgerkriege folgen im
+bunten Wechsel einander.
+
+So erhebt sich vor unserem geistigen Blicke auf dem farbenreichen
+Hintergrund, den die Natur bietet, ein interessantes geschichtliches Bild,
+beginnend mit der sagenhaften Königin von Saba, endigend mit dem blutigen
+_Theodor_, und fesselt unser Interesse an denselben afrikanischen Boden,
+der, wenn man von Aegypten und den durch die Araber begründeten Reichen
+absieht, im Grunde eine eigentliche Geschichte nicht hat.
+
+Nachdem der Verfasser die Erforschung Abessiniens von den ältesten Zeiten
+bis auf unsere Tage herab geschildert hat, führt er in den ersten vier
+Abschnitten Land und Leute in einem gedrängten Bilde vor, alles
+Wesentliche zusammenfassend, was über Geologie und Oberflächengestaltung,
+über die natürlichen Felsenfestungen und periodisch anschwellenden Ströme,
+jene Grundursache der Nilüberschwemmungen, was über die klimatischen
+Verhältnisse und die Vegetationsgürtel, über die Thierwelt jenes
+interessanten Gebietes gesagt werden kann. Dabei wandert das Volk an uns
+vorüber mit seinen guten Anlagen und seinem tiefen sittlichen Verfall,
+seinen verschiedenen Stämmen und Sprachen, Sitten und Gebräuchen. Handel
+und Industrie finden gleichfalls gebührende Berücksichtigung, nicht minder
+die religiösen Verhältnisse, das afrikanisch gefärbte Christenthum des
+Landes mit seiner byzantinischen Scheinrechtgläubigkeit und lasterhaften
+Priesterschaft. Die Missionsgeschichte, reich an Enttäuschungen und arm an
+Erfolgen, wird unparteiisch berichtet und dann mit einer Abhandlung über
+den Landbau und die sozialen Verhältnisse des Landes der allgemeine Theil
+beschlossen.
+
+Nachdem der Leser dergestalt orientirt ist, kann er an der Hand der
+neuesten Reisenden das weite Land durchwandern; er lernt den Norden wie
+den Süden kennen, die brennendheißen Küstenstriche und die
+fieberschwangere, feuchte Kollaregion, hinauf bis zu den schneegekrönten,
+majestätischen Alpengipfeln.
+
+Geleitet von solchen Forschern, deren Schilderungen zu den
+farbenprächtigsten gehören, die wir über jene fernen Gegenden besitzen,
+gewinnt der Leser alsobald die vorgeführten Persönlichkeiten um so lieber,
+je fesselnder deren oft überaus romantische Fahrten sind. Während die
+älteren Reisenden bereits früher besprochen waren, bieten wir in diesem
+Abschnitte einen Einblick in das verdienstvolle Wirken der neueren
+Ländererforscher. Wir lernen den geistreichen und kühnen Franzosen
+_Guillaume Lejean_ kennen, durchstreifen an der Hand _Werner Munzinger’s_
+und der Gefährten des _Herzogs Ernst von Sachsen-Koburg_ die nördlichen
+Grenzgebiete, die Länder der Bogos und Kunama, begleiten den deutschen
+Fürsten selbst auf seinen Pürschgängen und Elefantenjagden und werden
+schließlich durch den englischen Major _W. Cornwallis Harris_ in die fast
+märchenhaft erscheinende Welt von Schoa, diesen südlichen Theil
+Abessiniens, eingeführt, wo in malerischen Einzelschilderungen das Hof-
+und Kriegsleben des Negus _Sahela Selassié_ an uns vorübergeht.
+
+Naturgemäß gipfeln die Mittheilungen in der Darstellung des heutigen
+Abessinien. Verfallen und zerrissen durch nimmer ruhende Bürgerkriege,
+zuckend und verblutend liegt es da. Wüst liegen die fruchtbaren Aecker und
+das geplagte Volk verkommt: da scheint ein Hoffnungsstrahl aufzudämmern!
+Gleich einem glänzenden Meteor steigt der mächtige _Theodor_, der Sohn
+einer armen Kussohändlerin, am abessinischen Himmel auf. Noch einmal
+scheint es, als ob das altäthiopische Reich aus seinen Trümmern, aus
+Schutt und Moder wieder erstehen wolle. Doch der Glanz trügt, und nach
+Tagen blutiger Schrecken sinkt unter der überlegenen Macht der
+„rothhaarigen Barbaren“ auch der afrikanische Napoleon dahin, mit ihm sein
+Reich. Indessen nicht blos Schatten wirft die Regierungsgeschichte dieses
+unzweifelhaft bedeutenden Mannes; es sind Lichtpunkte genug in derselben
+zu finden, und der Verfasser hat sich bemüht, Licht und Schatten in
+gerechter Würdigung der Schwierigkeiten, die sich einem Reformator in der
+Eigenartigkeit von Land und Menschen jener fernen Gegenden
+entgegenstellen, billig zu vertheilen.
+
+Was die Quellen, aus denen das vorliegende Buch geschöpft, betrifft, so
+wurde von _Hiob Ludolf_ an bis auf _Th. von Heuglin_, sowie die Berichte
+der englischen Korrespondenten herab keine wichtige Publikation übersehen.
+Außer den angeführten Reisenden, deren Berichte im Auszuge wiedergegeben
+sind, wurden hauptsächlich _James Bruce_, _Henry Salt_, _Eduard Rüppell_,
+_Karl Wilhelm Isenberg_, _Ludwig Krapf_ und (für den zoologischen Theil)
+_A. E. Brehm_ benutzt.
+
+Als ganz besonders werthvoll müssen wir die Originalabhandlung über die
+_Agrikultur Abessiniens_ von _Eduard Zander_ hier hervorheben. – Das Leben
+dieses deutschen Landsmannes haben wir im Texte geschildert. Für die
+Erlaubniß zur Veröffentlichung der genannten Arbeit ist der Herausgeber
+_Sr. Hoheit dem Herzoge Leopold Friedrich von Anhalt_, in dessen Besitze
+sich das Original-Manuskript befindet, zu tiefgefühltem Danke
+verpflichtet. Die Kundgebung dieser zu Magdala im Jahre 1859 verfaßten
+Arbeit erfolgt hier, mit Weglassung einer allgemeinen Einleitung,
+vollständig. Da jedoch unserm wackern Landsmanne nach längerer Abwesenheit
+vom Heimatlande der flüssige Gebrauch der deutschen Sprache abhanden
+gekommen war, so erschienen stylistische Aenderungen in seiner Darstellung
+unerläßlich, wie denn auch die Schreibart der Eigennamen mit der in
+vorliegendem Werke befolgten in Uebereinstimmung gebracht werden mußte.
+
+In der Orthographie abessinischer Namen herrscht bekanntlich die größte
+Anarchie, ganz entsprechend jener, welche das Land zerrüttet; um ihr
+womöglich zu entgehen, schloß sich der Verfasser in seiner Rechtschreibung
+an diejenigen deutschen Reisenden an, welche von allen die meiste
+Uebereinstimmung zeigen und diesen Gegenstand am eifrigsten ihrer
+Aufmerksamkeit gewürdigt haben, nämlich _K. W. Isenberg_ und _Th. von
+Heuglin_.
+
+Zur ganz besonderen Freude gereicht es uns, mittheilen zu können, daß der
+bei Weitem größere Theil der Illustrationen dieses Werkes nach an Ort und
+Stelle aufgenommenen Originalen gezeichnet ist. Zwei Künstler, die das
+Land bereisten, haben dieselben geliefert: _Robert Kretschmer_, der den
+Herzog von Koburg als Maler begleitete, und _Eduard Zander_, dessen
+werthvolle Federzeichnungen, weit über hundert an der Zahl, die
+landschaftlichen, architektonischen und ethnographischen Verhältnisse
+Abessiniens ungemein gut charakterisiren. Sie befinden sich gleichfalls im
+Besitze Sr. Hoheit des Herzogs von Anhalt und werden hier, mit dessen
+hoher Erlaubniß, als wesentlicher Schmuck unsres Buches, wiedergegeben.
+Die übrigen Illustrationen, bei denen die Quelle stets angegeben ist,
+wurden den Werken von H. Salt, E. Rüppell, W. C. Harris, Bernatz, G.
+Lejean u. a. entlehnt. Schon in dem uns hier entgegentretenden Reichthum
+an gelungenen Holzschnitten ist uns ein vollständiges Bild des
+afrikanischen Alpenlandes geliefert, das in keinem hier in Betracht
+kommenden andern Werke reicher illustrirt zur Anschauung kommen dürfte.
+Das am Schlusse mitgetheilte Kärtchen endlich wird zur allgemeinen
+Orientirung über das besprochene Gebiet willkommen geheißen werden.
+
+_Leipzig_, im Juli 1868.
+ *Die Redaktion des „Buches der Reisen und Entdeckungen“.*
+
+
+
+
+
+ INHALTSVERZEICHNISS.
+
+
+ Seite
+ _Einleitung._* Historischer Ueberblick und Geschichte der 1
+ Erforschung Abessiniens.* Mit 11 Illustrationen
+ Aethiops (2). – Die Königin von Saba (3). – Menilek und die
+ salomonische Dynastie (3). Berührungen mit den Völkern des
+ Alterthums (4). – Die Königsstadt Axum und ihre Ruinen (5).
+ – Einführung des Christenthums (6). – Wechsel der Dynastie
+ (8). – Die Invasion der Muhamedaner unter Granje (10). –
+ Portugiesen und Jesuiten in Abessinien (11). – Ihre
+ Vertreibung (12). – Zerfall des Reiches und Bürgerkriege
+ (13). – Die Verfassung (18). – Erforschungsgeschichte (19).
+ – Portugiesische Reisende (20). – Hiob Ludolf (21). – Bruce
+ (22). – Salt und Pearce (23). – Hemprich und Ehrenberg (23).
+ – Rüppell (23). – Tamisier und Combes (26). – v. Katte (26).
+ – Schimper (26). – Aubert und Dufey (27). – Lefêbvre (27). –
+ Gebrüder d’Abbadie (27). – Rochet d’Héricourt (28). – Beke
+ (29). – Zander (30). – Sapeto (32). – Munzinger (32). –
+ Lejean (33). – Die deutsche Expedition (33).
+ *Das Land, seine Pflanzen- und Thierwelt.* Mit 14 35
+ Illustrationen
+ Begrenzung (35). – Das Hochland (36). – Geologie Abessiniens
+ (36). – Der versteinerte Wald (39). – Heiße Quellen (40). –
+ Oberflächengestaltung (40). – Natürliche Felsenfestungen
+ (42). – Die Alpen Semiéns (42). – Charakter der Flüsse (46).
+ – Ihr Anschwellen (46). – Ursachen der Nilüberschwemmungen
+ (47). – Der Tanasee und der Abai (47). – Klimatische
+ Verhältnisse (50). – Die Vegetationsgürtel (51). – Kola
+ (51). – Woina Deka (56). – Deka (61). – Die niederen Thiere
+ (62). – Vögel (65). – Säugethiere. Ihre Lebensweise,
+ Nutzanwendung, Jagd (71).
+ *Das Volk, seine Sitten und Gebräuche, Handel und 85
+ Industrie.* Mit 9 Illustrationen
+ Physischer Charakter des Volks (85). – Die Juden oder
+ Falaschas (86). – Muhamedaner (87). – Gamanten (88). –
+ Heidnische Ueberreste (90). – Waito (90). – Die Sprachen
+ Abessiniens (90). – Literatur und Malerei (93). – Charakter
+ und Sittenlosigkeit der Abessinier (94). – Blutrache (95). –
+ Justiz (96). – Aberglauben (97). – Das Verzehren von rohem
+ Fleische (100). – Nahrungsweise (102). – Kleidung (103). –
+ Krankheiten und Aerzte (103). – Industrie und Handel (106).
+ *Religion, Kirche und Geistlichkeit. Das Missionswesen.* Mit 111
+ 8 Illustrationen
+ Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und
+ Verwahrlosung (111). – Der Abuna (114). – Art des
+ Gottesdienstes (120). – Die lasterhafte Geistlichkeit (122).
+ – Mönche und Klöster (122). – Politische Asyle (123). –
+ Zeitrechnung (123). – Feste (123). – Taufe, Ehe, Begräbniß
+ (124). – Die Kirchen, ihre Einrichtung und Ausschmückung
+ (126). – Die verschiedenen Missionsversuche in Abessinien,
+ deren Mißlingen und Urtheile darüber (128).
+ *Der Ackerbau und die Viehzucht Abessiniens.* Mit 5 139
+ Illustrationen
+ Die Kulturfläche Abessiniens (139). – Die Getreidearten,
+ ihre Anpflanzung und Verwendung (141). – Gewürze, Gemüse,
+ Wein, Baumwolle, Gescho (144). – Ernteertrag (146). – Nuk
+ (146). – Einfelderwirthschaft (146). – Ackerwerkzeuge (147).
+ – Regenzeit (148). – Bewässerung (148). – Soziale Stellung
+ der Landleute (149). – Die Viehzucht (150). – Aussicht für
+ europäische Ansiedelungen (153). – Die Regierung und der
+ Grundbesitz (153). – Das Frohnwesen (153). – Steuern (153).
+ – Wiesen und Moorgrund (154). – Bienenzucht (154). – Die
+ Wohnungen der Landleute (155). – Die Mühlen Abessiniens
+ (157).
+ *Massaua und die abessinische Küstenlandschaft.* Mit 5 158
+ Illustrationen
+ Die Bedeutung des Rothen Meeres (158). – Der Dahlak-Archipel
+ und die Perlenfischerei (160). – Die Stadt Massaua und ihre
+ Bewohner (162). – Sklavenhandel (164). – Die Cisternen
+ (166). – Der Markt (167). – Karawanenhandel mit Abessinien
+ (167). – Die Bai von Adulis (168). – Schoho und Danakil
+ (170). – Die Samhara (171). – Eine abessinische Karawane
+ (172). – Der Tarantapaß und Halai (174).
+ *G. Lejean’s Reise durch Abessinien.* Mit 10 Illustrationen 176
+ Metemmé (177). – Der Markt Wochni (178). – Grenzwächter
+ (178). – Eine abessinische Festung (180). – Eine deutsche
+ Familie (182). – Das Land am Tanasee (182). – Schnapphähne
+ (184). – Missionsstation Gafat (185). – Gefangennahme
+ Lejean’s durch König Theodor (187). – Theodor’s Löwen (187).
+ – Gondar und seine Bauten (188). – Wasserfall des Reb (192).
+ – In einem Kloster (194). – Besuch in Korata (195). –
+ Binsenflöße (198). – Besteigung des hohen Guna (200). – Fünf
+ Frauengenerationen (200). – Befreiung (202). – Hochebene
+ Wogara (202). – Lamalmon-Paß (203). – Reise durch Tigrié
+ nach Massaua (204).
+ *Reisen in den nördlichen und nordwestlichen Grenzländern 207
+ von Abessinien.* Mit 4 Illustrationen
+ Das Land der Mensa und Bogos (207). – Reise des Herzogs
+ Ernst (208). – Monkullo (209). – Labathal (209). – Plateau
+ von Mensa (210). – Das Volk der Mensa (211). – Ausflug nach
+ Keren (212). – Elephantenjagd (214). – Rückkehr (216). –
+ Munzinger über die Bogos (217). – Geschichtliches (217). –
+ Ein aristokratisches Volk (218). – Rechtsverhältnisse (218).
+ – Aberglauben (219). – Das Christenthum der Bogos (219). –
+ Der Marebfluß (221). – Die demokratischen Bazen und Barea
+ (220).
+ *Schoa und die britische Gesandtschaft unter Major Harris.* 224
+ Mit 9 Illustrationen
+ Begrenzung (224). – Englische Gesandtschaft unter Harris
+ (225). – Tadschurra (225). – Zug durch die Adalwüste (226).
+ – Salzsee (227). – Mord im Thale Gungunté (228). –
+ Versammlung der Eingeborenen (230). – Sklavenkarawane (232).
+ – Myrrhen (233). – Der Hawasch (234). – Der Grenzdistrikt
+ (234). – Alio Amba, ein Marktort (236). – Empfang beim
+ Könige Sahela Selassié (240). – Die Hauptstadt Ankober
+ (242). – Debra Berhan, die Sommerresidenz (245). –
+ Sklavendepot (246). – Truppenrevue (246). – Angollala (249).
+ – Schlucht der Tschatscha (250). – Medoko, der Rebell (252).
+ – Das Gallavolk (252). – Kriegszug gegen dasselbe (258). –
+ Siegesfest (260). – Abschluß des Handelsvertrags (262). –
+ Rückkehr (263).
+ *Theodoros II., Negus von Aethiopien.* Mit 6 Illustrationen 264
+ Bewegte Jugend (264). – Der Emporkömmling (265). – Schlacht
+ von Debela und Königskrönung (266). – Rebellenkriege (267).
+ – Reformen (272). – Abessinische Heere und Kriegspraxis
+ (275). – Verwickelungen mit den Missionären (280). –
+ Gefangennahme Cameron’s und Streitigkeiten mit England
+ (281). – Magdala (284). – Beginn der englischen Invasion
+ (287). – Erstürmung von Magdala und Tod Theodor’s (293). –
+ Rückzug der Engländer (297).
+
+ Die hierzu gehörigen Tonbilder sind einzuheften:
+ König Theodoros, Audienz ertheilend Titelbild.
+ Teiit, Partie von Totscha in Semién Seite 43
+ Charakter des Hochgebirges Awirr in Semién " 49
+ Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in " 215
+ Mensa
+ Im Lager des Negus. Priester und Krieger " 276
+ Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht " 286
+
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Obelisken von Axum. Nach Rüppell.]
+
+
+
+
+
+ EINLEITUNG.
+
+
+ Historischer Ueberblick und Geschichte der Erforschung Abessiniens.
+
+
+ Aethiops. – Die Königin von Saba. – Menilek und die salomonische
+ Dynastie. – Berührungen mit den Völkern des Alterthums. – Die
+ Königsstadt Axum und ihre Ruinen. – Einführung des Christenthums.
+ – Wechsel der Dynastie. – Die Invasion der Muhamedaner unter
+ Granje. – Portugiesen und Jesuiten in Abessinien. – Ihre
+ Vertreibung. – Zerfall des Reiches und Bürgerkriege. – Die
+ Verfassung. – Erforschungsgeschichte. – Portugiesische Reisende. –
+ Hiob Ludolf. – Bruce. – Salt und Pearce. – Hemprich und Ehrenberg.
+ – Rüppell. – Tamisier und Combes. – v. Katte. – Schimper. – Aubert
+ und Dufey. – Lefêbvre – Gebrüder d’Abbadie. – Rochet d’Héricourt.
+ – Beke. – Zander. – Sapeto. – Munzinger. – Lejean. – Die deutsche
+ Expedition.
+
+
+„In den ersten Jahrhunderten unserer Aera stand Abessinien auf der Höhe
+der damaligen Kultur; das Christenthum, das ununterbrochen von Aegypten
+den Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen stetigen Verkehr mit dem
+römischen Reiche. In Glauben, Sitte, Recht und Feinheit des Lebens war es
+uns ähnlich; doch seit es von dem Abendlande durch die Fortschritte des
+Islam abgeschnitten ist, blieb seine Entwicklung stehen, und wie, wer
+steht, zurückgeht, so ist auch Abessinien zurückgegangen und ist
+verwildert, wenn es auch jetzt noch Europa viel näher steht als dem
+nachbarlichen Afrika. Es ist umringt von Feinden, wie die Rose von Dornen;
+im Norden, wo das Hochland in Stufen abfällt und endlich in unabsehbare
+Tiefebenen sich endet, wohnen muhamedanische Völker, meist rebellische
+Kinder des Hochlandes, die hellfarbigen Habab, die Leute von Barka; ihnen
+folgen noch nördlicher die altnomadischen fremdredenden Hadendoa. Im
+Westen begrenzt Abessinien das Nilland, türkischer Herrschaft unterworfen,
+im Süden das halb muhamedanische, halb teufelanbetende Volk der Galla.
+Wohl brauchte es Jahrhunderte, das Hochland vor allen diesen Feinden dem
+Christenthume zu wahren. Doch jetzt steht Abessinien gegen außen
+unabhängig da; es hat nur die inneren Feinde zu fürchten, die Anarchie,
+den freiwilligen Verfall seiner Religion und Sitte, den Selbstmord.“
+
+So charakterisirt einer der besten Kenner des Landes, Werner Munzinger,
+die Lage der „afrikanischen Schweiz“, die von alters her das Interesse der
+europäischen Völker wach zu halten wußte, schon wegen der Gleichartigkeit
+der Religion, welche uns mit ihren Bewohnern verbindet. Dorthin verlegte
+man den Sitz des schwarzen Erzpriesters Johannes, dorthin zogen
+Glaubensboten und wissenschaftliche Forscher in großer Zahl und
+übermittelten uns Kunde von den Wundern des so verschiedenartig
+gestalteten Landes. Bald sind es die heißfeuchten Niederungen mit
+tödtlichem Klima, tropischem Pflanzenwuchs und belebt von den Riesen der
+Thierwelt, bald kahle, vom Winde gepeitschte Hochebenen, über denen die
+gezackten, kuppel- und domförmigen Bergriesen bis in die Eisregion
+hineinragen, dann wieder die verschiedenen Stämme des Landes,
+ausgezeichnet vor ihren Nachbarn durch leibliche und geistige Vorzüge,
+doch tief gesunken, die uns jene Berichte vorführen. Endlich aber ist es
+die mehr als tausendjährige, wol anfangs in den Schleier der Sage gehüllte
+Geschichte des Landes, die mit ihrem Dynastienwechsel, ihren blutigen
+Bürgerkriegen und Religionskämpfen uns unwillkürlich anzieht. Ja,
+_Geschichte auf afrikanischem Boden_! Welche Anomalie! Denn sehen wir ab
+von den muhamedanischen Staaten und den alten, vorübergehenden
+Kulturreichen im Norden des schwarzen Erdtheils, so bietet uns allein
+Abessinien eine Geschichte, ein Reich in Afrika dar. Staatenbildungen,
+Historie bei den Negervölkern zu suchen, wäre vergebliche Mühe; Abessinien
+aber hat beides, und der Grund dafür liegt in der Abstammung, der Begabung
+seiner Bewohner, die gleich uns zur kaukasischen Rasse gehören, denn sie
+sind äthiopische Semiten, Verwandte der Araber, Phönizier, Juden.
+
+Nach der Ueberlieferung der Abessinier kam _Kusch_, ein Sohn Ham’s, in ihr
+Land, ließ sich dort nieder, gründete die Stadt Axum und bevölkerte weit
+und breit die Umgebung. Er hinterließ zwölf Söhne, unter welchen der
+älteste, _Aethiops_, dem ganzen Lande den Namen _Aethiopia_ gab. So hieß
+es wenigstens bei den Griechen und heißt es heute noch offiziell. Der
+allgemein übliche Ausdruck Abessinien jedoch ist aus dem arabischen
+Habesch abgeleitet. Nach dieser dunklen Sage schweigt die Tradition
+wieder, und nur Erinnerungen an heidnische Gebräuche und Schlangenkultus
+füllen den Zeitraum aus, bis die Geschichte Abessiniens – wenn auch immer
+noch sagenhaft – mit derjenigen der schönen _Königin Maketa von Scheba_
+(Saba) zusammenfällt. Zu Axum hatte sie im 11. Jahrhundert vor Christus
+ihren Thron aufgeschlagen; dort herrschte sie, ihr Volk beglückend, voller
+Milde und Güte. Eines Tags erschienen Fremdlinge aus einem fernen
+nördlichen Lande bei ihr, die viel von dem weisen Könige Salomo zu
+Jerusalem berichteten, der alle übrigen Menschen an Klugheit weit
+übertraf. Ihn zu sehen, reiste die Königin nach Kanaan, und kaum hatte der
+Judenkönig sie erblickt, als er sich in sie verliebte und sie zur Frau
+nahm. Nachdem die äthiopische Fürstin dem Könige einen Sohn Namens
+_Menilek_ Ebn Hakim, der später den Königsnamen David I. empfing, geboren
+hatte, riefen sie die Pflichten der Herrschaft wieder nach Abessinien
+zurück, während der Sohn beim Vater blieb, um dort in allen Tugenden
+erzogen zu werden. Er wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Gnade, sodaß
+aller Menschen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Eines Nachts,
+berichtet die Tradition, erschien ihm der Herr im Traume, hieß ihn wieder
+in die Heimat zurückkehren und dort den Gottesdienst nach jüdischer Weise
+einrichten. Heimlich warb er zwölf Priester, unter denen Asarja obenan
+steht, nahm in der Nacht die alte Bundeslade aus dem Tempel zu Jerusalem
+und flüchtete mit ihr zu seiner Mutter nach Axum, wo das angebliche
+Heiligthum noch jetzt gezeigt wird. Von seinem Vater Salomo wurde Menilek
+lange Zeit verfolgt, allein Gottes Wundermacht schützte ihn und sicherte
+ihn vor allen Nachstellungen, so daß er 29 Jahre über Aethiopien regierte.
+Seit jener Zeit nun regiert nominell eine _salomonische Dynastie_ in
+Abessinien, und der Glaube hieran ist unter dem ganzen Volke vom Höchsten
+bis zum Niedrigsten so fest gewurzelt und weit verbreitet, daß nichts sie
+von dieser Vorstellung abzubringen vermag.
+
+ [Illustration: Abessinische Münzen. Nach Rüppell.
+ 1. Kupfermünze des Kaisers Armah (644 bis 658),
+ 2. Goldmünze des Kaisers Aphidas (536 bis 542),
+ 3. Goldmünze des Kaisers Gersemur (603 bis 614).]
+
+Die Bewohner Abessiniens scheinen in der vorchristlichen Zeit auf einer
+sehr niedrigen Kulturstufe gestanden zu haben. Mit den durch die Aegypter
+civilisirten Stämmen, welche in Aethiopien den Nilstrom entlang wohnten
+und das Reich Meroë gegründet hatten, scheinen sie durchaus keinen Verkehr
+gehabt zu haben, ja es ist ausgemacht, daß den alten Aegyptern das Land
+erst durch die Kriegszüge Alexander’s d. Gr. und durch die von ihm an die
+Küste verpflanzte Kolonie von Syrern (wahrscheinlich jüdischer Religion)
+bekannt wurde. Die Ptolemäer, welche ihre Handelsverbindungen mit dem
+Rothen Meere ausdehnten, errichteten Emporien und Stationen für die
+Elephantenjagd längs der „Küste der Troglodyten“ und Aethiopier, und der
+zweite Nachkomme des großen Soter gründete Adulis am Golf von Zula, nahe
+dem heutigen Massaua. Seine Truppen drangen, nach der von Kosmas
+Indikopleustes im 6. Jahrhundert aufgefundenen sogenannten adulitischen
+Inschrift, siegreich bis über den Takazziéfluß in die damals schon
+erwähnten Schneegebirge Semién’s und verpflanzten griechische Sprache und
+Gesittung in das Land. In Tigrié entstand das königliche Axum mit seinen
+hohen Obelisken, Inschrifttafeln und Königsgräbern, und die äthiopischen
+Fürsten schlugen Gold- und Kupfermünzen. – Doch griff diese Art hoher
+Kultur, deren Blüte in das 4. bis 7. Jahrhundert fällt, erst nach der
+Einführung des Christenthums um sich.
+
+Laut predigen heute noch von der alten Herrlichkeit die Ruinen der einst
+mächtig blühenden Königsstadt in der Provinz Tigrié. Sie sind, wenige
+andere zerstreute Reste abgerechnet, das einzige, was an die alte
+Glanzzeit Abessiniens erinnert und der Zielpunkt aller Reisenden, welche
+das äthiopische Hochland aufsuchen. Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts,
+als der Portugiese Alvarez sich dort aufhielt, müssen manche merkwürdige
+Bauwerke daselbst vorhanden gewesen sein, die seitdem verschwunden sind.
+In einer alten deutschen Uebersetzung seines Reiseberichtes heißt es:
+„Chaxuma hat vieler schöner Wohnungen uff der Erde gebavet, da eine jede
+seinen springenden Brunnen hat, und das Wasser den Lewen zum Rachen
+herausspringet, welche aus gesprenkelten Marmelsteinen zierlich gemacht
+sind.... Man findet auch an den Häusern viel alter seltzamer Figuren, in
+gar reine und harte Steine gehawen, als Lewen, Hunde, Vogel u. s. w.“ Auch
+jetzt enthält Axum noch sehenswerthe Monumente, Obelisken, Stelen,
+Königsgräber, Opferaltäre, über die wir durch Salt, Rüppell und Heuglin
+genaue Auskunft erhalten haben.
+
+Der Anblick der in einer Niederung zwischen vulkanischen Hügeln
+ausgebreiteten Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen, Obelisken, Wachholder-
+und Feigenbäumen ist überraschend schön. Noch ehe man das Thal betritt,
+begegnet man von Osten kommend einem kleinen schlanken Obelisk, um den
+mehrere ähnliche umgestürzt in Trümmern liegen; etwas weiter sind
+Schutthügel mit Opfersteinen und einer 7 Fuß hohen Stele (Inschriftstein),
+deren eine Seite eine äthiopische, die andere eine griechische Inschrift
+vom Axumitenkönig Aizanas enthält. Von hier führt ein in den Fels
+gehauener Weg oder Wasserleitung in die Stadt. Ueber den geräumigen
+Marktplatz gehend, erreicht man bald ein niedriges Plateau mit einem
+riesigen Feigenbaum, dessen Stamm an 50 Fuß Umfang hat. Hier ist das
+eigentliche Obeliskenfeld. Einen sonderbaren Kontrast bilden diese
+schlanken, oft mit einfachen und zierlichen Ornamenten fast überladenen
+Monolithe und Stelen zur bescheidenen Bauart der meist runden, mit Stroh
+gedeckten Steinhütten der heutigen Axumiten, die oft dicht gedrängt in
+einzelnen ummauerten Gehöften zusammenstehen, beschattet von immergrünen
+Wanzabäumen, deren dichtes Laubwerk Schneeflocken gleich mit Blüten
+übersäet ist. Das heutige Axum hat eine Länge von etwa einer halben
+Stunde, aber Häuser, Gehöfte und Gärten stehen nicht dicht beisammen und
+sind zuweilen durch Felder und mit Trümmern bedeckte Plätze unterbrochen.
+Die Einwohnerzahl veranschlagt Heuglin auf 2–3000. Sie treiben Ackerbau
+und Viehzucht und leben in verhältnißmäßig glänzenden Umständen, da die
+vielen kirchlichen Feste und Wallfahrten und namentlich das politische
+Asyl – ein von Mauern umgebener Platz beim Markte – zahlreiche Fremde nach
+Axum ziehen.
+
+ [Illustration: Der sogenannte Königssitz zu Axum. Nach Salt.]
+
+Die Obelisken, etwa 60 an der Zahl, bedecken eine niedrige Terrasse fast
+vollständig. Die meisten sind jetzt umgestürzt und alle scheinen aus in
+der Nähe gebrochenen vulkanischen Gesteinen zu bestehen. Einzelne sind nur
+rohe Steinmassen, die vollendetsten dagegen 60–70 Fuß hohe Monolithe, die
+schon in der Form von ähnlichen ägyptischen Monumenten abweichen,
+namentlich durch den oblongen Querschnitt, sowie durch Mangel der
+Inschriften und ganz abweichende Ornamentik. Das Ganze scheint einen
+(natürlich nicht hohlen) Thurm mit 8–10 Stockwerken darzustellen, an dem
+Fenster und Thor angedeutet sind. Die vor den Obelisken liegenden Platten
+umfassen dieselben theilweise; sie haben zwei Stufen, eine kleine Schwelle
+und vier runde Vertiefungen (Opferschalen). An verschiedenen Stellen der
+Stadt stößt man noch auf alte Baureste, namentlich auf kolossale
+Quadersteine. Allerlei Töpfergeschirre, Amphoren, Schalen, Löwenköpfe, die
+als Brunnenröhren dienten, sind in Trümmer zerstreut und es könnte hier
+sicher noch durch Nachgrabungen manches historisch wichtige Monument zu
+Tage gefördert werden. Der Eindruck, welchen die verschiedenen Monumente
+auf einzelne Reisende hervorbrachten, war ein sehr ungleicher. Während
+z. B. Rüppell, wol mit Recht, deren Kunstwerth nicht hoch schätzt, ist
+Salt von den Obelisken ganz entzückt. Ja, von dem 60 Fuß hohen Obelisk,
+der sich prächtig an dem alten Sykomorenbaum erhebt, sagt er sogar: „Nach
+Vergleichung mit vielen Spitzsäulen von ägyptischer, griechischer und
+römischer Arbeit scheint mir dieser Obelisk das bewundernswürdigste und
+vollkommenste Werk, wozu man schwerlich ein Gegenstück findet“.
+
+Nahe bei dem Haupteingange der berühmten Kirche des Ortes stößt man auf
+elf in einer Reihe dicht nebeneinander stehende _Altäre_ von
+eigenthümlicher Bauart, deren einen Salt als „Königssitz“ abbildet. Jeder
+derselben besteht aus drei sich auf den vier Seiten verkürzenden Stufen,
+von welchen die unterste etwa neun Fuß im Quadrat hat. Auf der zweiten
+Stufe befinden sich vier Würfel, die an den Eckkanten der dritten anliegen
+und von welchen jeder eine achteckige Säule trägt, aller
+Wahrscheinlichkeit nach zur Stütze der verschwundenen Deckplatte.
+
+Eine Stunde nordöstlich von der Stadt liegen die sogenannten „Fuchslöcher“
+oder Königsgräber auf einem Hügel mit herrlicher Aussicht. Auf dem
+schmalen Gebirgsrücken bemerkt man ein aus großen Quadern und Säulen
+bestehendes Fundament einer Art Grabkirche, in dessen Mitte ein Weg zum
+Eingange eines Felsengrabes führt, das wie sein einfaches Portal in den
+Fels gearbeitet und nachher mit künstlicher Mauerung aus großen Blöcken
+ausgekleidet worden ist. Aehnlich den Königsgräbern von Theben führt von
+da aus dann ein Gang schräg abwärts; dieser mündet in drei Kammern, deren
+mittlere mit einer Thür verschlossen werden konnte.
+
+Erwähnen wir nun noch die aufgefundenen Münzen (eine kupferne des Königs
+Armah, der von 644 bis 658 regierte, zwei goldene der Könige Aphidas und
+Gersemur aus dem 6. und 7. Jahrhundert, theilt Rüppell mit), so haben wir
+so ziemlich alles erwähnt, was von dem königlichen Axum übrig blieb, das
+ums Jahr 1535 von dem muhamedanischen Stürmer Granje eingeäschert wurde.
+
+Die Blütezeit der Stadt fällt mit der Einführung des Christenthums
+zusammen, das, lange bevor noch in Deutschland der heilige Bonifacius
+(725) dem Evangelium Eingang verschaffte, durch einen Zufall an die
+äthiopische Küste verpflanzt wurde. Ein christlicher Kaufmann, _Meropius_
+mit Namen, machte nämlich mit seinen beiden Gehülfen _Frumentius_ und
+_Aedisius_ im Jahre 330 eine Geschäftsreise längs den Küsten des Rothen
+Meeres, landete in der Gegend des heutigen Massaua und wurde hier nebst
+einem Theile seiner Schiffsmannschaft von den wilden Eingeborenen
+erschlagen. Nur den beiden Jünglingen schenkte die wüthende Bande das
+Leben. Man brachte sie an den königlichen Hof, wo sie gute Aufnahme fanden
+und bald vom Könige Sara-Din mit wichtigen Aemtern betraut wurden. Auf
+ihre Veranlassung kamen noch mehrere christliche Kaufleute nach
+Abessinien, die nun eine kleine Gemeinde bildeten und auch mehrere
+Einheimische bekehrten. Die beiden Jünglinge reisten dann später in ihr
+Vaterland zurück, zur Zeit als Athanasius Erzbischof von Alexandria war.
+Aedisius wurde Priester in Tyrus; Frumentius aber wandte sich mit der
+dringenden Bitte an den Erzbischof, der kleinen christlichen Gemeinde in
+Abessinien einen Hirten zu senden, damit sie nicht verwaise. Athanasius
+wußte hierzu aber keinen bessern zu finden, als den Bittsteller, gab dem
+ehemaligen Handlungsgehülfen die Weihe und sandte ihn nach Abessinien
+zurück. Hier angelangt führte er den Namen Abba Salama, Vater des
+Friedens, übersetzte das Neue Testament in die äthiopische Sprache und
+breitete das Christenthum weit über das Land aus, wenn auch noch ein
+großer Theil des Volkes bei der altheidnischen Religion verharrte. Die
+fernere Geschichte Abessiniens ist sehr dunkel und nur durch lange Reihen
+von Königsnamen ausgefüllt, an welche sich nur hier und da einzelne
+historische Thatsachen knüpfen.
+
+Aus diesen entnehmen wir, daß zur Zeit des griechischen Kaisers Justinian
+(um 522) eine heftige Christenverfolgung durch die Juden im südlichen
+Arabien stattfand. Justinian wandte sich deshalb an den abessinischen
+König _Kaleb_; dieser eilte mit einer Armee über das Rothe Meer, schlug
+die Juden und unterwarf sich den größeren Theil des südlichen Arabiens, in
+dessen Besitz die Abessinier auch blieben, bis sie kurz vor Muhamed’s
+Auftreten durch die Blattern, die in ihrem Heere stark wütheten, gezwungen
+wurden, sich wieder in ihr Land zurückzuziehen. Im übrigen ist aus der
+langen Periode des äthiopischen Reiches bis ins 8. Jahrhundert nicht viel
+Erwähnenswerthes überliefert; das Volk vergeudete seine Kräfte in
+unfruchtbaren Religionsstreitigkeiten und kam mit seinen Nachbarn nicht
+aus dem Kriegszustande heraus.
+
+Unterdessen trat, den ganzen Orient erschütternd, Muhamed mit seiner Lehre
+auf. Allein der Islam fand in Abessinien wenig Eingang, jedoch wurde das
+damals noch blühende Reich Adal für diese neue Lehre gewonnen, und dieses
+gab den zwischen beiden Ländern bestehenden Streitigkeiten bedeutende
+Nahrung, indem zu den politischen nun noch religiöse Kämpfe sich
+gesellten, welche das Land mit Blut überschwemmten. Doch bevor noch diese
+muhamedanischen Invasionen erfolgten, hatte Abessinien eine gewaltige
+Revolution durchzukämpfen und es war fraglich, ob die Juden oder die
+Christen die Oberhand erhalten sollten. Die ersteren erhoben sich nämlich
+unter dem Namen der _Falaschas_ zu einer furchtbaren Macht. Durch
+Heirathsverbindung zwischen der Familie ihrer Häuptlinge und der
+abessinischen Königsfamilie brachten sie den Königsthron an sich und
+suchten nun die salomonische Linie ganz auszurotten. Es sind jetzt etwa
+1000 Jahre darüber hingegangen, daß der letzte salomonische König,
+_Delnaod_, vom Throne seiner Väter gestoßen wurde, und zwar durch eine
+Jüdin aus Lasta Agau, welche die ganze königliche Familie, einen Knaben
+ausgenommen, der nach Schoa flüchtete, ermorden ließ. Sie hieß _Judith_,
+wie zu vermuthen steht, ein selbstbeigelegter Name mit dem beabsichtigten
+Hinweis auf die alttestamentliche Heldin. Drei Jahrhunderte später wurde
+die Judendynastie wieder durch einen christlichen Herrscher aus dem Hause
+Sagué vertrieben, dessen Nachkommen bis zum Jahre 1268 regierten, also zur
+selben Zeit, als in Deutschland die Hohenstaufen kraftvoll das Scepter
+führten. Elf Könige soll das Haus Sagué (Zagyé) den Abessiniern geliefert
+haben, die für das Christenthum eifrig wirkten, unter denen der später
+heilig gesprochene _Lalibela_ durch die vielen kunstvoll in Felsen
+ausgehauenen Kirchen, die ägyptische Werkmeister aufführten, berühmt
+geworden ist.
+
+Die meisten dieser Felsenkirchen sind zur Zeit der muhamedanischen
+Invasion im 16. Jahrhundert zerstört worden, doch haben sich einzelne
+derselben bis auf unsere Tage erhalten. Der englische Reisende Pearce
+schildert uns die Felsenkirche Dschumada Mariam nördlich von den Quellen
+des Takazzié, sein Landsmann Salt jene von Abba os Guma bei Schelicut, v.
+Heuglin die Felsenkirche von Tenta in Wollo. Die seltsamste dürfte aber
+wol jene sein, welche der Missionär Isenberg im Jahre 1838 bei dem Dorfe
+Hauazién in der Provinz Tembién besuchte, als er gerade im Begriff war,
+das Land nach dem Scheitern seines Missionswerkes zu verlassen. „Obgleich
+ich aus leicht erklärlichen Gründen nicht aufgelegt war, die Kirche dieses
+Ortes zu untersuchen, so konnte ich doch nicht umhin, ihre äußere Form
+anzustaunen. Sie scheint aus einem einzigen Granitblock zu bestehen, der
+zu dem Zwecke ausgehöhlt ist, kann aber, nach dem äußern Umfange des
+Steins zu urtheilen, nur sehr wenig Raum im Innern haben. Auch die äußere
+Form des Steines ist sehr auffallend. Er ist kaum 20 Fuß hoch und in der
+mittleren Höhe, wo er am breitesten ist, da er die Form eines stehenden
+Kreuzes anstrebt, mag er auch etwa 20 Fuß breit sein; seine Tiefe aber von
+vorn nach hinten ist geringer. Er hat einen engen Eingang, in jedem
+Seitenflügel des Kreuzes und über der Thüre eine Fensteröffnung; alles
+dieses in den Fels gehauen.“ Gewiß ist zu beklagen, daß Isenberg diese
+interessante Felsenkirche nicht auch im Innern untersuchte, da, wie es
+scheint, er der einzige europäische Reisende war, welcher sie zu Gesicht
+bekam.
+
+Zu Ende des 13. Jahrhunderts lebte in Schoa der achte Nachkomme jenes zur
+Zeit der Judenherrschaft nach Schoa geflüchteten letzten Prinzen der
+salomonischen Dynastie. Sein Name war Tesfa Jesus oder _Jekuno-Amlak_. In
+Abessinien aber herrschte _Nakwetolaab_, der Sagué. Als eigentlicher
+Herrscher des Landes mußte aber der mächtige Abuna oder Erzbischof _Tekla
+Haimanot_ angesehen werden, heute noch der berühmteste Heilige der
+abessinischen Kirche und Gründer des großen Klosters Debra Libanos in
+Schoa, durch dessen Eifer und Beistand die Wiedereinsetzung der alten
+Dynastie ermöglicht wurde. Aus freiem Willen, wenn auch auf dringendes
+Einreden dieses Erzbischofs, leistete Nakwetolaab Verzicht auf die Krone
+und stieg vom Throne herab, um jenem Nachkömmling der salomonischen
+Dynastie, nach abessinischer Vorstellung dem legitimen Sprossen Menilek’s,
+Platz zu machen.
+
+Zum Entgelt für sich und seine Leibeserben wurde Nakwetolaab zum Herrscher
+in der Provinz Waag unter der Lehensoberhoheit des Königs bestellt und
+dazu der Vorbehalt ausbedungen, daß für den Fall des Aussterbens der Linie
+Menilek’s die Krone an die Linie Nakwetolaab’s zurückgelange, ein
+Uebereinkommen, welches solche Lebenskraft besitzt, daß es bis in die
+jüngste Zeit zurückwirkt. – Von dieser Zeit an bietet die politische
+Geschichte des Landes eine Reihe von kriegerischen Expeditionen dar,
+welche ihre Könige, zum Theil ausgezeichnete Helden, gegen auswärtige
+Völker unternahmen, während die muhamedanische Macht an der Grenze sich
+immer drohender entwickelte.
+
+ [Illustration: Felsenkirche von Hauazién. Nach Isenberg.]
+
+In dieser Noth fand eine nähere Verbindung zwischen Europa und Abessinien
+statt, ja es war die Rede von einer Verschmelzung der Landeskirche mit der
+römisch-katholischen, die durch Pilgerfahrten nach Jerusalem angeregt
+worden war. Dort hatten die frommen abessinischen Wallfahrer von dem
+aufstrebenden Glanze Portugals gehört, und die Berichte derselben erregten
+in König _Jakob_, der von 1421 bis 1470 regierte, den Wunsch, mit dem
+abendländischen Reiche in Verbindung zu treten. Eine Gesandtschaft wurde
+nach Lissabon geschickt, um dort vom Könige Alphons Hülfe gegen die
+Ungläubigen zu erbitten. Diesem, der damals mit kriegerischen Plänen gegen
+die Mauren Nordafrika’s umging, kam der Wunsch Jakob’s sehr gelegen,
+obgleich damals der Weg ums Kap der guten Hoffnung herum noch nicht
+entdeckt war; allein er konnte, ohne den mächtigen Papst gefragt zu haben,
+auf die Allianz mit Abessinien nicht eingehen, und dieser forderte als
+erste Bedingung eines Bündnisses die unbedingte Unterwerfung der
+getrennten äthiopischen Kirche unter den Stuhl Petri. Die abessinischen
+Gesandten mußten deshalb 1441 auf dem Florentiner Konzil erscheinen, wo
+eine vorläufige Ausgleichung zwischen beiden Kirchen stattfand. Schon im
+folgenden Jahre erschienen neue Bevollmächtigte auf dem lateranischen
+Konzil zu Rom, um den Ausgleich zu bestätigen und dringend aufs neue um
+Hülfe zu bitten. Diese jedoch verzögerte sich und an ihre Stelle trat nach
+langem Briefwechsel 1490 eine von König Johann II. an König Eskander von
+Abessinien geschickte Gesandtschaft, welche mit den größten
+Ehrenbezeugungen aufgenommen wurde. Dabei blieb es aber vor der Hand und
+die Muhamedaner rückten immer mehr gegen die Abessinier an. Im Jahre 1527
+wurde der Hafenplatz Massaua von den Türken eingenommen und von diesen mit
+dem an der Küste herrschenden Dankali-Könige _Muhamed Granje_, dem
+„Linkshändigen“, ein Bündniß abgeschlossen, welches den Zweck hatte,
+Abessinien gänzlich zu unterwerfen und an die Stelle des Evangeliums den
+Koran zu setzen. Granje, dessen Väter von den abessinischen Königen mit
+dem Schwerte erschlagen worden waren, hatte blutige Rache geschworen und
+fiel gleich einem reißenden Strome mit einem zahlreichen Heere in das Land
+ein. Durch den gelben Sand der dürren Adalebenen und die glühend heißen
+Gestadeländer ziehend, stieg er hinauf in die kühleren, gesegneten
+Berglandschaften Schoa’s, alles vor sich niederwerfend, sengend und
+brennend. Weit und breit dampfte das Land vom Blute der Erschlagenen;
+nicht Weib noch Kind wurde geschont, die Kirchen und Städte, darunter der
+Königssitz Axum, wurden niedergebrannt, die königliche Familie aus ihrer
+Felsenburg Endoto verjagt und flüchtig von dannen getrieben. Damals war
+es, daß die nur mit Schwertern und Lanzen bewaffneten Abessinier zum
+ersten male den Feuerwaffen der Muhamedaner begegneten, vor deren
+ungewohntem Klange sie davoneilten, wie gescheuchte Rehe des Waldes. Die
+Muhamedaner aber ergossen sich über das wehrlose Land, verübten die
+größten Greuel und waren eben im Begriffe, sich dauernd dort
+niederzulassen, als die längst erwartete Hülfe aus Portugal eintraf.
+
+Don _Christoph da Gama_, ein Verwandter des berühmten Vasco da Gama, kam
+mit einer kleinen portugiesischen Flotte in Massaua an und landete mit 400
+wohlgerüsteten Kriegern, mit denen er rasch nach Tigrié eilte, sie dort
+mit den Resten der geschlagenen abessinischen Armee vereinigte und nun
+muthig den Streitern des Islams entgegenführte. Das erste größere Gefecht
+der Portugiesen gegen die Muhamedaner verlief unglücklich. Da Gama wurde
+verwundet und flüchtete in eine Höhle, wo ihn eine muhamedanische Sklavin
+von außerordentlicher Schönheit, welche er als Dienerin mit sich führte,
+ihren Glaubensgenossen verrieth. Er wurde vor Granje geführt, welcher ihm
+eigenhändig mit der linken Hand den Kopf abschlug, der nach Konstantinopel
+gesandt wurde, während die Stücke des geviertheilten Körpers nach
+verschiedenen Gegenden Arabiens wanderten. Die Portugiesen, anfangs durch
+den Verlust ihres Feldherrn bestürzt gemacht, rafften sich indessen von
+neuem auf, schlugen die Muhamedaner, tödteten Muhamed Granje und setzten
+den rechtmäßigen König Claudius (Galaudios) wieder in den Besitz seines
+Thrones.
+
+Nichts umsonst! So lautete damals schon der Wahlspruch, und die
+Portugiesen, die ihr Blut nicht ohne Gewinn verspritzt haben wollten,
+traten nun mit zwei Forderungen auf. Zunächst verlangten sie den dritten
+Theil des Landes und dann unbedingte Unterwerfung der äthiopischen Kirche
+unter den römischen Papst. Die Abessinier sahen ein, daß sie einen Feind
+losgeworden, dafür aber einen andern, kaum minder schlimmen, aufs neue
+sich zugezogen hatten. Claudius, welcher sich in seinem Glauben nicht irre
+machen ließ, auch der Portugiesen jetzt nicht mehr zu bedürfen glaubte,
+verweigerte beide Forderungen kurzweg und holte einen neuen Abuna
+(Vorstand der äthiopischen Kirche) aus Alexandrien, während er den
+römischen Geistlichen, an deren Spitze _Bermudez_ stand, befahl
+heimzukehren. Die Portugiesen waren aber weit davon entfernt, so ohne
+weiteres die Früchte ihres Sieges aufzugeben. Im Jahre 1555 kam eine
+Jesuitenmission in Abessinien an, welcher bald darauf eine zweite unter
+dem Bischofe Orviedo folgte, aber alle ihre Anstrengungen waren
+vergeblich, indem König Claudius selbst über Glaubenssachen mit Orviedo
+disputirte, ihn zu widerlegen suchte und, als dieser darauf die ganze
+abessinische Kirche in den Bann that, ihn mit seinen Genossen aus dem
+Lande verwies. Nur mit Widerstreben gehorchten die Patres, die nach Japan
+versetzt wurden, wo sie, anfangs zu Einfluß gelangend, auch später wieder,
+wegen ihrer Einmischung in die Regierung des Landes, vertrieben wurden.
+Von Indien aus versuchten es die Jünger Loyola’s nun zu wiederholten
+Malen, in Abessinien festen Fuß zu fassen, bis es ihnen endlich zur Zeit
+der Regierung des Königs _Sosneos_ (Seltan Seggad) gelang, sich
+festzusetzen. Unter diesem Könige, der außerordentlich viel auf eine
+Verbindung mit Portugal gab, wurde auf Betreiben der Jesuiten die römische
+Kirche für die alleinseligmachende erklärt, die bisherigen abweichenden
+Lehren und Gebräuche abgeschafft und die Einführung des römischen
+Gottesdienstes und Glaubens im ganzen Reiche eifrig betrieben. Vergeblich
+warnten den König seine Freunde, flehten seine Geistlichen mit dem
+hundertjährigen Abuna Simeon an der Spitze, den Eingebungen der Jesuiten
+nicht zu folgen und treu am Glauben der Väter festzuhalten. Wer nicht
+wollte, mußte gehorchen oder des königlichen Mißfallens und schwerer
+Strafen gewärtig sein. Allein aufgestachelt von den Priestern ließ das
+Volk die Glaubenstyrannei sich nicht gefallen und griff zu den Waffen, um
+die alte Religion zu vertheidigen. Der König, durch die fanatischen
+Jesuiten immer mehr angefeuert, schickte den Scheftas (Rebellen) ein
+mächtiges Heer unter dem Oberbefehl seines Bruders entgegen, dem es auch
+bald gelang, die Revolution blutig niederzuwerfen. Dieser Sieg veranlaßte
+das Einströmen zahlreicher portugiesischer Geistlichen, die, den
+Erzbischof _Mendez_ an der Spitze, nun mit dem größten Eifer für
+Ausbreitung des Katholizismus in Abessinien Sorge trugen. In einer
+feierlichen Versammlung wurde das alexandrinische Bekenntniß für
+abgeschafft erklärt und jeder mit dem Bannfluche belegt, der sich der
+neuen Ordnung nicht fügte.
+
+Die Herrschaft der Jesuiten ruhte nun schwer auf dem Lande, und vor ihrem
+Fanatismus blieben nicht einmal die Gräber verschont. Einer der
+vornehmsten Priester, der sich der neuen Ordnung nicht gefügt hatte, starb
+und wurde auf dem Kirchhofe begraben; auf Befehl des Erzbischofs Mendez
+grub man jedoch die Leiche aus und warf sie den Hyänen vor. Diese und
+ähnliche Handlungen erweckten die Wuth des Volkes aufs neue, und wiederum
+brach eine Empörung aus, diesmal mit dem Zwecke, _Melea Christos_, einen
+Vetter des Königs, auf den Thron Abessiniens zu erheben. Die zahlreiche
+Armee des Sosneos wurde nun geschlagen und dieser zu einer Vermittelung
+zwischen dem alten und neuen Glauben gezwungen. Erzbischof Mendez
+gestattete, daß die alte Liturgie und die alten Festtage wiedereingeführt,
+sowie die Feier des Sonnabends neben dem Sonntage geduldet wurde. Mit
+Ausnahme der Einwohner der Provinz Lasta ergaben sich alle Abessinier
+hierein; jene aber, die konservativsten unter allen, zogen 20,000 Mann
+stark den Königlichen entgegen, wurden aber namentlich durch die aus Galla
+bestehende Reiterei des Sosneos geschlagen, sodaß 8000 tapfere Männer von
+Lasta mit ihren blutigen Leichen das weite Schlachtfeld deckten. Gegenüber
+diesem Anblick, bei den verstümmelten Körpern ihrer dahingeopferten
+Brüder, die für den alten Glauben gefallen waren, erweichte das Herz der
+Sieger und, den Kronprinzen _Fasilides_ an der Spitze, ging – was wol
+einzig in der Kriegsgeschichte dastehen dürfte – der Sieger zu dem
+Besiegten über, dessen Sache zur seinigen machend und den König Sosneos
+zwingend, zur Religion der Väter zurückzukehren. Nach diesem Siege, der
+zur Niederlage des Katholizismus wurde, durchzog ein Herold das Land,
+welcher laut verkündigte: „Hört, hört! Früher haben wir euch den römischen
+Glauben empfohlen, in der Meinung, daß er der wahre sei. Da aber große
+Scharen unserer Unterthanen für den alten Glauben ihrer Väter das Leben
+geopfert haben, so soll auch die freie Ausübung desselben wieder gestattet
+sein. Eure Priester mögen ihre Kirchen wieder in Besitz nehmen und darin
+dem Gott ihrer Väter dienen.“
+
+Damit war der Untergang des Katholizismus besiegelt; laut jubelnd strömten
+die Abessinier in die alten Gotteshäuser, und als im Jahre 1632, nach dem
+Tode des Königs Sosneos, dessen Sohn Fasilides an die Regierung kam, waren
+auch die Stunden der Jesuitenväter gezählt. Sie wurden zunächst in das
+Kloster Mai Goga bei Adoa verbannt, flüchteten aber von hier vor den
+Verfolgungen des Pöbels. Mendez selbst gerieth auf der Flucht zu Sauakin
+in die Sklaverei und statt seiner nahm wieder ein Abuna aus Alexandrien
+den höchsten Kirchensitz zu Gondar ein. Ist auch die Invasion der
+Portugiesen, die Herrschaft der Jesuiten über das Land nicht ohne Einfluß
+in kulturhistorischer Beziehung geblieben, so wurde doch ein guter Theil
+des Volks und Reiches in den inneren Zwisten dem Ruin zugeführt.
+
+In der folgenden Periode regierten bis 1753 acht Könige, mehr oder minder
+kräftig, die aber alle nicht hindern konnten, daß die Macht der Häuptlinge
+wuchs, die Herrscherwürde im Ansehen immer mehr sank und das Reich sich
+unaufhaltsam in seine Theile auflöste, sodaß allmälig die drei Staaten
+_Amhara_ in der Mitte, _Tigrié_ im Norden, _Schoa_ im Süden sich unter
+eigenen Fürsten herausbildeten, die den ohnmächtigen König im Palaste zu
+Gondar nur dem Scheine nach anerkannten. Unter König _Joas_ (1753–1769)
+hatte der Statthalter von Tigrié, der furchtbare _Ras Michael_, als eine
+Art von Major Domus die ganze Macht an sich gerissen, den Kaiser umbringen
+lassen und dessen bejahrten Großoheim, Johannes, gleich einer Puppe auf
+den Thron erhoben, und als dieser fünf Monate später starb, dessen jungen
+Sohn Tekla Haimanot II. zu seinem Nachfolger ernannt. Jene Zeiten, die uns
+Bruce mit großer Anschaulichkeit als Augenzeuge schildert, bilden eines
+der blutigsten Blätter in der Geschichte Abessiniens.
+
+ [Illustration: Krieger von Schoa. Nach Harris.]
+
+Sturz und Erhebung, Bürgerkrieg und Mord wechseln miteinander ab und die
+Menge der auftretenden Namen, der unzufriedenen Häuptlinge, der ermordeten
+Statthalter ist geradezu verwirrend. Durch stete Treulosigkeit suchten
+sich die abessinischen Häuptlinge gegenseitig zu überlisten, wobei ihnen
+meist eheliche Verbindungen als Deckmantel dienten, um das unglückliche
+Land fortwährenden Verheerungskriegen preiszugeben, welche stets nur zur
+Befriedigung des individuellen Ehrgeizes, niemals aber im Interesse des
+Reiches geführt wurden. Durch so viele Veränderungen und durch die
+beständigen Bürgerkriege war die Herrschermacht so in Verfall gerathen,
+daß das Königthum nur noch in dem Palaste des jeweiligen Königs zu Gondar
+thatsächlich bestand, außerhalb desselben aber so wenig, daß die meisten
+der nominellen Unterthanen _nicht einmal den Namen des Herrschers
+kannten_. Die Existenz des Königs war nur eine Aegide für den _Ras_ oder
+Protektor des Reiches, der nur durch Erhebung eines Königs auf seinen
+Thron und durch Beschützung desselben seine eigene Würde erhielt, sonst
+aber ganz nach seinem eigenen und seiner Großen Gutdünken schaltete. Unter
+ihm standen die vielen Reichsvasallen, die Provinzial-Gouverneure, deren
+Würde erblich ist, die aber ebenfalls so viel Unabhängigkeit zu erstreben
+suchten, als sie nur konnten. Jeder Gouverneur war verpflichtet, bei
+militärischen Expeditionen seinem Obern mit so vielen Soldaten zu Hülfe zu
+eilen, als er selbst unterhalten konnte, und sein bürgerlicher Rang im
+abessinischen Staatskörper wurde nach der Stelle bestimmt, die ihm im
+Heere, d. h. im königlichen Lager und auf dem Marsche angewiesen wurde.
+
+Vorzüglich aber hatten diese Statthalter das Recht sich angemaßt,
+Gegenkaiser zu ernennen und die ihnen mißfälligen Thronbesitzer zur
+Abdankung zu zwingen. Da sie überdies noch die Tributzahlungen
+einstellten, wurde das Ansehen und die Macht der Könige so herabgewürdigt,
+daß sich das Einkommen derselben zu Anfang unseres Jahrhunderts auf
+dreihundert Thaler belief. Welche Civilliste für einen Herrscher
+Aethiopiens! Um sich aber von der Wandelbarkeit der abessinischen
+Königswürde eine rechte Vorstellung machen zu können, sei hier bemerkt,
+daß seit dem Abdanken des Königs Tekla Haimanot II. (1778) bis zum Jahre
+1833 vierzehn verschiedene Fürsten zweiundzwanzigmal als Könige in Gondar
+auf dem Throne gesessen haben. Ein Nebenstück hierzu finden wir allerdings
+in den sogenannten Republiken Südamerika’s, wo der Präsidentenstuhl nicht
+minder häufig wechselt.
+
+Nachdem der erwähnte Ras Michael durch den Statthalter der Provinz Lasta,
+_Wend Bowosen_, am 4. Juni 1771 besiegt und gefangen worden war,
+bemächtigte sich der Befehlshaber von Tembién, _Kefla Jesus_, der Provinz
+Tigrié. Derselbe bat, um sich in seinem Besitzthum möglichst zu
+befestigen, seinen Verbündeten, den Wend Bowosen, ihren gemeinschaftlichen
+Gegner, den furchtbaren Ras Michael, der zu Dobuko gefangen saß, aus der
+Welt zu schaffen; allein jener that das Gegentheil: er setzte den
+Gefangenen in Freiheit und machte ihn mit dem Plane des Kefla Jesus
+bekannt. Ergrimmt zog nun der alte tapfere Ras Michael mit wenigem Gefolge
+nach Tigrié, und fast die ganze Armee seines Gegners Kefla Jesus ging zu
+ihm, ihrem alten General, unter dem sie so oft gesiegt hatte, über. Jener
+wurde hierauf gefangen und von Ras Michael 1772 aufs grausamste ums Leben
+gebracht, der auch bis zu seinem 1779 erfolgten Tode über Tigrié herrschte
+und seinen Sohn _Ras Walda Selassié_ zum Nachfolger erhielt; dieser Fürst,
+welcher aus den Erzählungen der englischen Reisenden Salt und Pearce
+bekannt geworden ist, regierte, wiewol keineswegs ungestört, bis zum Mai
+1816 über Tigrié; nach seinem Tode war das Land sechs Jahre in einem
+höchst anarchischen Zustande, indem nicht weniger als vier Häuptlinge
+nacheinander um die Obergewalt kämpften. Im Jahre 1822 gelang es
+_Sabagadis_, dem Statthalter der Provinz Agamié, sich in der Obergewalt zu
+befestigen und über acht Jahre lang in Tigrié zu regieren. Er soll damals
+den kühnen Gedanken gefaßt haben, sich die Alleinherrschaft in Abessinien
+zu erringen, wozu er wahrscheinlich durch verschiedene bei ihm befindliche
+Europäer veranlaßt wurde. Allein auch er theilte das Schicksal seiner
+Vorgänger und erhielt in _Ubié_, einem talentvollen, kühnen und grausamen
+Manne, einen noch weit bedeutenderen Nachfolger. Ubié war der
+Schwiegersohn des Sabagadis und Detschasmatsch der gebirgigen Provinz
+Semién; das hinderte aber den Schwiegervater nicht, gegen ihn, dessen
+aufstrebende Macht er fürchtete, zu intriguiren. Vereinigt mit Ras Maria,
+dem Befehlshaber der Provinzen Begemeder und Dembea, rückte nun Ubié an
+den Takazzié, schlug dort am 15. Februar 1831 seinen Schwiegervater
+Sabagadis vollständig und ließ ihn am folgenden Tage hinrichten. Während
+nun Ubié von den Großen zu Axum als Herr Tigrié’s ausgerufen wurde,
+kämpfte der ältere Sohn des Sabagadis, Walda Michael, gegen ihn fort, doch
+ohne Erfolg; er wurde gleichfalls getödtet, und auch der zweite Sohn,
+Kassai, mußte sich Ubié ergeben. Aber Kassai blieb nicht treu, sondern
+versuchte abermals zu rebelliren. Um ihn fester an sich zu knüpfen,
+schenkte ihm Ubié im Spätjahre 1836 seine siebenjährige Tochter zur Frau,
+sowie ein bedeutendes Gebiet in Tembién zur Mitgift und ließ sich dabei
+alle Hauptanhänger Kassai’s nennen, die in Verwahrsam gebracht wurden. Als
+darauf Kassai 1838 wieder rebellirte, zog Ubié mit einer bedeutenden Armee
+gegen ihn, schlug ihn und setzte ihn in einer Bergveste gefangen, wo seine
+Frau nicht von ihm wich. Dann befestigte sich seine Macht immer mehr und
+erreichte ihren Gipfel durch den Fall Balgadaraia’s, eines mächtigen
+Fürsten in Ost-Tigrié, der zeitweise die Abwesenheit Ubié’s zu raschen
+Verheerungs- und Raubzügen bis nach Adoa und zum Takazzié benutzte. Im
+Jahre 1850 stellte sich Balgadaraia freiwillig dem Ubié und wurde von
+demselben mit Ländereien belehnt.
+
+Im centralen Staate Abessiniens, in Amhara, regierte unterdessen nicht
+minder gewaltig, doch mit weniger Glück, _Ras Ali_, welcher die ganze
+Herrlichkeit an sich gerissen hatte und den König oder Kaiser _Saglu
+Denghel_ noch mehr zur Unbedeutendheit herabdrückte, als dieses bisher mit
+den Herrschern geschehen war. Für seinen Lebensunterhalt waren diesem
+Herrscher über Abessinien nur 300 Maria-Theresia-Thaler jährlich
+geblieben, welche die in Gondar wohnenden Muhamedaner als eine Art
+Kopfsteuer zu entrichten hatten. Mit dieser unbedeutenden Summe und dem
+Betrage einiger wenigen zufällig eingehenden Strafgelder mußte die ganze
+Hofhaltung bestritten werden. Die hierdurch entstehende große finanzielle
+Bedrängniß, bei welcher der Titularkönig des Reiches kaum die nöthigsten
+Mittel zur Anschaffung seiner Nahrung hatte, war es wol, welche Saglu
+Denghel auf den Gedanken brachte, daß, da in Abessinien der Herrscher
+zugleich als das höchste Haupt der Landeskirche angesehen wird, er auch
+das Recht haben müsse, diejenigen Schenkungen, welche seine Vorfahren in
+glücklichen Zeiten der Kirche gemacht hatten, jetzt, da der Thron dieselbe
+zu seinem eigenen Bestehen nothwendig habe, wenigstens theilweise
+zurückzuverlangen. Er erklärte dieses im Anfange des Jahres 1833 den in
+Gondar anwesenden Geistlichen, brachte aber dadurch den ganzen Klerus
+gegen sich auf – also genau so wie bei uns, wenn z. B. ein König von
+Italien die Kirchengüter zum Besten des Landes einzieht, nur mit anderm
+Erfolge. Daß Soldaten sich der Einkünfte vieler Kirchengüter bemeisterten,
+hatte man freilich geschehen lassen müssen, weil es nicht verhindert
+werden konnte; aber in die Schmälerung der kirchlichen Revenuen als etwas
+Gesetzliches von freien Stücken einzuwilligen, dazu war die abessinische
+Geistlichkeit ebenso wenig zu bewegen, wie irgend ein Klerus Europa’s.
+Sämmtliche Geistliche von Gondar verfügten sich also zum Kaiser und
+protestirten energisch gegen die Neuerung, ja, sie fingen sogar an, die
+Kirchen zu schließen und jegliche geistliche Funktion einzustellen,
+worüber besonders die alten Frauen in Bestürzung geriethen. Am 19. Januar
+1833 begab sich die ganze Geistlichkeit in feierlichem Aufzuge zum
+Protektor Ras Ali nach Fangia und bat denselben dringend, dem Saglu
+Denghel die Königswürde zu nehmen, weil er sich derselben durch die
+Einführung ketzerischer Neuerungen in dem zwischen Staat und Kirche
+bestehenden Verhältnisse unwürdig gemacht habe. Solche Versuche, fügten
+sie hinzu, würden ohne allen Zweifel den Ruin des Reiches nach sich ziehen
+und von jeher sei ja auch ein Angriff auf die geistlichen Rechte von allen
+Synoden als verdammenswerth anerkannt worden. Indem wir diese uns von
+Rüppell, der als Augenzeuge spricht, mitgetheilten Einzelheiten lesen,
+kommt es uns vor, als sei hier etwa von Oesterreich und dem Jahre 1867 die
+Rede, wo beim Streite über die Aufhebung des Konkordates der Klerus der
+Regierung gegenüber die nämliche Sprache, die nämlichen Argumente
+gebrauchte. So sehr gleicht sich die Geistlichkeit in allen Theilen
+unserer Erde.
+
+Der Klerus erreichte seinen Zweck vollkommen, denn Ras Ali schickte
+sogleich einen seiner Offiziere mit dem Befehle nach Gondar, daß der König
+augenblicklich das Schloß verlasse und die Krone niederlege, für welche er
+bei seiner Rückkehr von einem Kriegszuge einen Würdigeren ernennen werde,
+und diesem Befehle wurde ohne die mindeste Widersetzlichkeit Folge
+geleistet. So endete die nominelle Herrschaft Saglu Denghel’s nach einer
+Dauer von nur vier und einem halben Monate und so gingen damals die
+Protektoren mit dem „Könige“ um. Ras Ali wies dem abgesetzten Herrscher
+ein kleines Dorf in der Nähe des Tanasees als zukünftigen Wohnsitz und die
+geringen Einkünfte desselben zu seinem ferneren Unterhalte an. Lange Zeit
+blieb der Thron unbesetzt, und die folgenden Könige sind auch nur von
+chronologischem Interesse, da eine Bedeutung ihnen nicht mehr zukam und
+das Land in der That aus drei gänzlich getrennten Staaten, aus Schoa unter
+König Sahela Selassié, Amhara unter Ras Ali und Tigrié unter Ubié bestand.
+Im Verfolge unseres Werkes werden wir noch oft Gelegenheit haben, diese
+drei Theilfürsten zu erwähnen, von welchen namentlich der erstere und der
+letztere unser Interesse um deswillen in Anspruch nehmen, weil sie mit den
+Europäern in nahe Verbindungen traten und von verschiedenen Reisenden
+aufgesucht wurden. Ubié, etwa im Jahre 1800 geboren, war, nach Rüppell’s
+Bericht, ein Mann von hagerer Statur und mittlerer Größe; in der Kopfform
+und Körperhaltung sprach sich ein gewisser Adel aus und seine schönen
+lebhaften Augen verriethen Geist und Gewandtheit; seine Gesichtsfarbe war
+gelbbraun; sein schöngelocktes Haar kurz verschnitten. Man rühmte ihm
+Tapferkeit, Großmuth, Freigebigkeit und Gerechtigkeitsliebe nach. „Die
+Art, wie er den Frieden in Tigrié herzustellen und zu befestigen suchte,“
+sagt Rüppell, „giebt eine offene und loyale Handlungsweise zu erkennen,
+wie sie die jetzigen Abessinier leider nicht verdienen.“ Auch mit Hülfe
+der Geistlichkeit suchte er seine Macht zu befestigen. Denn schon seit
+vierzehn Jahren war der Sitz des Metropoliten von Abessinien verwaist, als
+Ubié im Jahre 1841 mehr aus politischem als kirchlichem Interesse in _Abba
+Salama_ einen neuen Abuna (Erzbischof) aus Kairo holen ließ. Er hatte
+schon längst darauf gesonnen, Ras Ali zu stürzen und durch Einsetzung
+eines neuen Königs auf den Thron von Gondar sich selbst zum Ras oder
+Protektor des Reiches, also zum obersten Machthaber des ganzen Landes, zu
+erheben. Der Abuna sollte durch seinen Einfluß auf die Kirche seine Macht
+verstärken und wol auch den neuen König salben, zu welchem der Prinz Tekla
+Georgis bestimmt war, der jedoch bald starb.
+
+Allein keiner von beiden Rivalen, weder Ubié noch Ras Ali, sollte auf den
+alten Thron Abessiniens gelangen, – die Herrschaft fiel einem dritten zu,
+der, vom Glücke begünstigt, mit Thatkraft ausgerüstet, wenigstens
+zeitweilig dem grauenhaften Zustande ein Ende machte, welcher seit langem
+das Land zerfleischte und Rüppell die Worte abdrängte: „Ich muß gestehen,
+daß bei dem jetzigen gesetzlosen Zustande des ganzen Landes nicht der
+geringste Hoffnungsstrahl einer sittlichen Regenerirung der Nation
+leuchtet und daß der vollkommene Mangel einer kräftigen Regierung das
+Haupthinderniß dabei ist und um so schwerer zu beseitigen sein wird, da
+gegenwärtig auch nicht eine einzige Fraktion des Volkes an die Herstellung
+einer solchen denkt. Der letzte Schatten eines gemeinsamen politischen
+Oberhauptes ist mit der Absetzung des Kaisers Saglu Denghel geschwunden.
+Die Geschichte der letzten sechzig Jahre zeigt eine vollkommene politische
+Auflösung des Landes und dreht sich blos um die Häuptlinge, welche in den
+verschiedenen Provinzen, als gleichsam voneinander unabhängigen Staaten,
+sich zu unumschränkten Herrschern aufwarfen, durch List und Kühnheit ihre
+Nebenbuhler verdrängten und dann meistens selber wieder durch
+Treulosigkeit ihrer Verbündeten gestürzt wurden. So herrschen denn
+fortwährend Bürgerkriege, welche in der Regel keinen andern Zweck haben,
+als einen durch Versprechungen und Eidschwüre eingeschläferten Gegner zu
+verdrängen, und die Bewohner einiger Distrikte, die in einem kurzen
+Frieden etwas Eigenthum erlangt haben, auszuplündern. Die nothwendige
+Folge davon ist eine stets zunehmende Verarmung; das Grundeigenthum hat
+beinahe gar keinen Werth mehr; der Ackerbau wird immer mehr
+vernachlässigt; die Viehherden sind ungemein zusammengeschmolzen und der
+Verkehr ist wegen der großen Unsicherheit oft ganz unterbrochen.“
+
+Rüppell bezieht diese Worte auf das Jahr 1833; allein sie hatten noch
+Geltung in der Mitte dieses Jahrhunderts; der traurige Zustand des armen
+Landes und Volkes, das nach Erlösung aus diesen Uebeln jammerte, war bis
+dahin und ist auch noch heute derselbe.
+
+Auf eine Hoffnung aber baute seit alten Zeiten jedermann in Abessinien.
+Nach der Tradition sollte ein König _Theodoros_ erscheinen, um dem Lande
+den ewigen Frieden zu bringen. Dieser Theodoros regierte einst schon im
+15. Jahrhundert und ward heilig gesprochen; aber wie unser Barbarossa wird
+er, so glaubt der Abessinier, wiederkehren zu seiner Zeit, um das Reich
+des ewigen Friedens in Aethiopien einzuführen. An der Spitze seiner
+Scharen wird er das heilige Grabmal den Händen der Ungläubigen entreißen,
+die Türken aus Europa in ihre ursprüngliche asiatische Wildniß
+zurücktreiben, Mekka und Medina zerstören und die ganze muhamedanische
+Religion von der Erde vertilgen. Wo er hinkommt, weilt der Friede, und
+Jerusalem wird der Hauptsitz der abessinischen Kirche, welche sich dann zu
+Glanz und unerhörter Blüte entfalten wird. – –
+
+Wohl kam der Held, der den Thron bestieg, allein der ersehnte Friede blieb
+aus. Theodoros II., der Sohn einer armen Frau, vereinigte das Reich wieder
+in seiner starken Hand und hob es zu einer Stellung, wie zuvor nie.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Ueber die Verfassung Abessiniens können wir kurz berichten. Der Herrscher
+(Kaiser oder König) führt den Titel _Negus_ oder _Negus Nagast za
+Aitiopija_, d. h. König der Könige von Aethiopien. Die Residenz war in der
+älteren Zeit zu Axum; gegen Ende des 13. Jahrhunderts, als die alte
+salomonische Dynastie wieder zur Regierung kam, eine Zeit lang zu Tegulet
+in Schoa, später zu Gondar, wenn auch das ehrwürdige Axum noch immer
+Krönungsort blieb. Allein der düstere Palast, den die Jesuiten zur Zeit
+des Königs Fasilides in Gondar errichtet hatten, behagte den Herrschern
+nicht, die lieber in ihrem rothen Zelte im freien Feldlager residirten und
+dort ihre Einkünfte an Herden, Getreide, Gold, Zeugen in Empfang nahmen,
+während sie die Zölle und Wegegelder den Verwaltern der Provinzen
+überließen. Im Grunde aber war der Negus Herr des ganzen Landes; er konnte
+nach Belieben jedem Verwalter seinen Grund und Boden nehmen, um denselben
+einem andern zu schenken, und von dieser Macht haben die Könige auch
+fortwährend reichlich Gebrauch gemacht. Ihre Macht war in der That
+unumschränkt, und nur über gewisse, durch Jahrhunderte alte Sitten und
+geheiligte Fundamentalordnungen wagten auch sie sich nicht wegzusetzen.
+Ein Adel existirte dem Namen nach; doch nur die Mitglieder des königlichen
+Geschlechtes erschienen bevorzugt, wenn auch die Brüder des Herrschers bis
+ins vorige Jahrhundert hinein in Staatsgefängnissen gehalten wurden, um
+keine Intriguen anzetteln zu können. Ein besonderes Ministerium gab es
+nicht, wohl aber zahlreiche Hof- und Staatsämter. Welche Rolle die
+Gouverneure und Majordomen (Ras) spielten, zu welchem Ansehen sie
+gelangten und wie sie ihre Gewalt an Stelle der Königsmacht setzten, wurde
+bereits gezeigt.
+
+Nächst dem Ras war früher der mächtigste Gouverneur der von Tigrié, der
+den Titel Lika Kahenat (Hoherpriester) und Nabr Id als Hüter der
+Bundeslade in Axum führte. Der höchste Würdenträger ist gegenwärtig der
+Herzog oder _Detschasmatsch_ (Dadjazmatsch, Djeaz, Djeatsch, Kasmati). Das
+Wort bedeutet eigentlich einen, „der an der Thüre kämpft“, um anzudeuten,
+daß im königlichen Heerlager dieser Würdenträger mit seinen Truppen die
+Stelle vor der Thüre des königlichen Zeltes hat und sich an die Leibgarde
+des Herrschers anschließt. Auf den Detschasmatsch folgt der _Fit Auri_,
+der Führer der Avantgarde. Er zieht mit seinen Truppen dem Heere
+rekognoscirend voran und lagert sich zwischen diesem und dem Feinde oder,
+wenn kein Feind da ist, in der Vorhut des Lagers. Niedere Würdenträger
+sind der Kanjasmatsch, der mit seinen Truppen zur Rechten des königlichen
+Zeltes lagert, und der Gerasmatsch zur Linken desselben. Neben diesen
+kriegerischen Würden gab es auch friedliche. Bei Hofe war eine Anzahl
+gelehrter Männer, Lik geheißen, die zusammen eine Art Gerichtshof bildeten
+und mit deren Hülfe schwierige Fälle entschieden wurden. Die Justiz war
+von der Verwaltung nicht geschieden und das Gesetzbuch _Feta Negust_,
+d. h. Richtschnur der Könige, umfaßte das weltliche und kanonische Recht.
+
+ [Illustration: König Salomo (abessinische Malerei). Nach Harris.]
+
+Dies ist in kurzen Umrissen die politische Geschichte Abessiniens, die zu
+derjenigen der europäischen Staaten nicht in der geringsten Beziehung
+stehen würde, wäre das Land nicht ein christliches Reich. Gerade aber dem
+Christenthum verdankt es das Interesse, welches für dasselbe stets im
+Abendlande wach war und welches eine Reihe ausgezeichneter Forscher und
+Missionäre nach jenem bergigen Lande in Nordostafrika wallfahrten ließ, um
+uns Kunde von seinen Wundern, seinen Naturschönheiten, seinen Bewohnern
+und deren Religion zu bringen.
+
+Sehen wir ab von der schon erwähnten Fahrt des _Kosmas __Indikopleustes_,
+eines christlichen Kaufherrn aus Alexandria, welcher im 6. Jahrhundert die
+Bai von Adulis besuchte und dort eine wichtige Inschrift kopirte, die er
+in seiner „_Topographia christiana_“ veröffentlichte, so treffen wir
+zunächst wieder im Dogenpalast zu Venedig in dem Weltbilde des _Fra Mauro_
+(15. Jahrhundert) auf ein Gemälde Abessiniens von wunderbarer Treue. Nicht
+blos kennt der Venetianer den rechten Nebenfluß des Nil, den Takazzié,
+unter seinem wahren Namen, sondern er zeigt uns auch den spiralförmig
+gekrümmten Lauf des Blauen Nil, den er mit seinem abessinischen Namen Abai
+bezeichnet. Mehrere abessinische Landschaften, wie Gozan, Bagamidre
+(Begemeder), Hamara (Amhara) und Saba (Schoa), kommen bereits bei ihm vor.
+Auch die Küstenstriche des Osthorns von Afrika waren ihm wohlbekannt. In
+die Nähe der Bab el Mandeb verlegt er die Sitze der Danakil, die Stadt
+Zeyla und den Landstrich Adal. Er zeichnet uns dann den Lauf des Awasi
+(Hawasch), in dessen Nähe er die Stadt Härrär setzt.
+
+Im 13. Jahrhundert unterhielt man von Rom aus einen schriftlichen Verkehr
+mit dem christlichen Abessinien und seit 1243 hören wir auch von
+Missionen, die dorthin entsendet wurden. _Marino Sanuto_ machte deshalb zu
+Beginn des 14. Jahrhunderts die Christen Europa’s aufmerksam, wie nützlich
+ein Bündniß mit den Glaubensgenossen in Nubien oder Habesch bei einem
+Kreuzzuge gegen Aegypten sein müßte. Seit der Mitte jenes Jahrhunderts
+wurde auch auf die abessinischen Könige der Titel des _Erzpriesters
+Johannes_ übertragen und die Kunde von einem angeblich mächtigen
+Christenreich im Morgenlande vom chinesischen Himmelsgebirge plötzlich
+nach den Alpenländern am Blauen Nil verlegt. Botschafter dieser
+Erzpriester erreichten nicht blos die römische Kurie, sondern auch andere
+europäische Höfe, und die von ihnen eingezogene Kunde wurde getreulich auf
+den Karten niedergelegt. Als daher die Portugiesen unter _Prinz Heinrich
+dem Seefahrer_ im 15. Jahrhundert ihre afrikanischen Entdeckungsreisen
+antraten, war das ferne christliche Reich, das die Geographen jener Zeit
+das „dritte Indien“ nannten, das äußerste Ziel, welches sie anfänglich ins
+Auge faßten und auf dem Wege des fabelhaften „Goldflusses“, der ganz
+Afrika der Quere nach durchströmen sollte, zu erreichen hofften.
+
+Später, als der Seeweg nach Ostindien gefunden war und die Portugiesen
+sich dort festgesetzt hatten, beschifften sie auch das Rothe Meer und
+gelangten am 16. April 1520 nach Massaua, dem Ausfuhrhafen der Abessinier.
+Dort erreichten sie also das ursprüngliche Ziel des Infanten Heinrich, des
+Seefahrers, das Reich des afrikanischen Erzpriesters Johannes. Statt einer
+mächtigen Herrschaft, wie sie erwartet hatten, fanden sie aber nur ein
+beschränktes, in ihren Augen ärmliches Gebiet, rohe Bewohner und ein
+verwahrlostes Christenthum.
+
+Die bald darauf folgende portugiesische Invasion und die Bemühungen der
+Jesuiten, die Abessinier zur katholischen Kirche zu bekehren, wurden
+bereits oben erwähnt. Durch die Berichte der Jesuiten-Missionäre erhielt
+man dann die erste ausführliche Kunde von den Glaubensbrüdern im Innern
+Afrika’s und ihrem Lande. Viele wichtige Nachrichten gelangten namentlich
+durch die Reise des _Alvarez_ (1520–1526) zu uns, der ganz Aethiopien
+durchpilgerte und südwärts in ferne, noch jetzt beinahe unerforschte
+Gegenden vor mehr als 300 Jahren gedrungen ist. _Bermudez_ hat uns einen
+kurzen Bericht über seine Gesandtschaftsreise (1555) hinterlassen;
+ausführlicher sind die fast gleichzeitigen _Barreto_ und _A. Orviedo_,
+ferner _Paez_ (1618), _Ameida_, _Mendez_ (1625) und endlich _P. Lobo_, der
+1640 nach Europa zurückkehrte.
+
+Nun sollten auch die Deutschen ihren Theil an der Erforschung oder
+vielmehr Bekanntmachung Abessiniens haben. Im Jahre 1681 erschien zu
+Frankfurt am Main ein glänzendes literarisches Meisterstück deutscher
+Gelehrsamkeit, _Hiob Leutholf’s_ (Ludolf’s) klassische „_Historia
+aethiopica, sive brevis et succincta descriptio regni Habessinorum, quod
+vulgo male Presbyteri Joannis vocatur_“, welcher noch mehrere Kommentare
+und Anhänge folgten. Die Natur des Landes und seine Einwohner, die
+Geschichte, die Religion und kirchlichen Verhältnisse, die Literatur
+Abessiniens werden darin ausführlich behandelt. Große Hülfe bei der
+Ausarbeitung seiner Werke erhielt Leutholf von dem amharischen Patriarchen
+_Abba Gregorius_, der kurze Zeit am Hofe des Herzogs Ernst von
+Sachsen-Gotha weilte und dessen Porträt in dem Kommentar mitgetheilt ist.
+Die Kleidung der Einwohner, Abbildungen der Pflanzen und Thiere, der
+Alterthümer des Landes sind in einer für die damalige Zeit sehr treuen
+Wiedergabe in den Werken Leutholf’s enthalten, der uns auch die
+Korrespondenz der abessinischen Könige mit den Königen Spaniens, ein
+Verzeichniß äthiopischer Manuskripte, Gebete und Liturgien, den
+abessinischen Kalender u. s. w. übermittelt hat und dessen Werk fast ein
+Jahrhundert lang die vorzüglichste Quelle über Abessinien blieb. Kurz
+darauf, nachdem Leutholf seine äthiopische Historie veröffentlicht hatte,
+durchzog 1698 der französische Arzt _Poncet_ das ganze Land, indem er, von
+Sennar ausgehend, über Amhara und Tigrié bis Massaua gelangte. Gründlicher
+als alle seine Vorgänger förderte aber 70 Jahre später, durch Leutholf’s
+Geschichte angeregt, der Schotte James Bruce unsere Kenntniß des Landes
+durch Sammlung geschichtlicher Urkunden und Quellen, sowie durch genaue
+astronomische Ortsbestimmungen.
+
+ [Illustration: Hiob Ludolf. Nach dem Kupferstiche in dessen „_Historia
+ aethiopica_“.]
+
+_James Bruce_, geboren den 14. Dezember 1730 zu Kinnaird in Schottland,
+wird für alle Zeiten als einer der bedeutendsten unter den abessinischen
+Reisenden dastehen. In Algier, wo er 1763 als englischer Konsul angestellt
+worden war, beschäftigte er sich eifrig mit dem Studium der
+morgenländischen Sprachen und machte von dort aus Reisen längs der Küste
+des Mittelmeers, den Nil aufwärts bis Syene und nach Baalbek und Palmyra
+in Asien, wo er die berühmten Alterthümer zeichnete. So vorbereitet trat
+er im Jahre 1769 seine große Reise an, auf der er von Massaua unter großen
+Mühen und Gefahren bis Gondar gelangte, wo er sich bei der hier
+ausgebrochenen Blatternseuche durch Anwendung europäischer Heilmittel
+sowol bei Hofe als im Volke großes Ansehen erwarb und Gelegenheit fand, in
+alle Einzelheiten des Volkslebens einzudringen, sowie mit dem furchtbaren
+Ras Michael freundlich zu verkehren. Er blieb über drei Jahre in
+Abessinien, fand die Quelle des Abai oder Blauen Nil im Südwesten des
+Tanasees und brachte ein ganzes Jahr damit zu, seine Reise nördlich durch
+das Land der wilden Schankela oder Schangalla (Heiden) und Nubien nach
+Alexandria fortzusetzen, das er im Mai 1773 glücklich erreichte. Seine
+Reisebeschreibung (_Travels into Abyssinia_) gab er in fünf Bänden erst
+1790 zu Edinburg heraus, worauf er bald (16. April 1794) durch einen Sturz
+von der Treppe sein Leben endete. Er, der so vielen Gefahren getrotzt, so
+große Mühen und Beschwerden muthig ertragen, endete auf diese Weise! Die
+letzten vier Jahre seines Lebens waren ihm noch außerordentlich verbittert
+worden. Als er sein umfangreiches Werk veröffentlichte, fand das Publikum
+darin eine solche Menge von ungewöhnlichen Nachrichten, Uebertreibungen
+und Ungeheuerlichkeiten, daß man den Reisenden kurzweg für einen Lügner
+erklärte. Er wurde mit Zuschriften bestürmt, die weisen Kritiker
+behandelten ihn unbarmherzig, und namentlich konnte man sich über die
+Angabe, daß die Abessinier rohes Fleisch von lebenden Thieren genössen,
+nicht beruhigen, eine Angabe, auf die wir ausführlich zurückkommen. Man
+nannte ihn Mr. Mendax, Herr Lügner; aber die Zeit hat ihn gerechtfertigt,
+wenn er selbst auch nicht die Genugthuung erlebte, die Zweifler bekehrt zu
+sehen.
+
+Drei Jahrzehnte waren seit Veröffentlichung von Bruce’s so oft
+angefochtener Beschreibung verflossen, als die englische Regierung den
+ersten Entschluß faßte, mit dem merkwürdigen abessinischen Volke in
+Verbindung zu treten. _Lord Valentia_ wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts
+beauftragt, eine Reise ums Kap der guten Hoffnung herum nach dem Rothen
+Meere zu machen, die ganze ostafrikanische Küste wissenschaftlich zu
+untersuchen, besonders die genauesten Nachrichten über Abessinien
+einzuziehen und die geeigneten Schritte zu thun, eine Verbindung mit
+diesem Lande anzuknüpfen. Diese Reise war von vielen wichtigen Resultaten
+für die genauere Bekanntschaft mit den hervorragendsten Punkten an der
+ostafrikanischen Küste, sowie für die Belebung des indischen Handels
+begleitet; jedoch hatte sie für Abessinien nicht den Erfolg, den sie hätte
+haben können, wenn die Unterhandlungen kräftiger betrieben worden wären.
+Valentia selbst blieb in Mocha an der arabischen Küste, während er seinen
+wissenschaftlich gebildeten, tüchtigen Sekretär _Henry Salt_ mit der
+Sendung nach Abessinien betraute. Dieser machte die Reise über Massaua,
+Arkiko, Halai, Dixan nach der Provinz Enderta, wo er, da er nicht zum
+Könige selbst in Gondar gelangen konnte, mit dem Ras Walda Selassié
+unterhandelte. (Vergl. oben S. 14.) Es gelang dem gewandten Salt durch die
+glänzenden Geschenke, welche er dem Ras im Namen Georg’s III. von England
+überreichte, denselben vom Wohlwollen der englischen Regierung zu
+überzeugen und ihn zu einer Verbindung mit England zu bewegen. Er kehrte
+mit ausführlichen Nachrichten über das Land und seine Bewohner und mit der
+Ueberzeugung zurück, daß sich hier England für die Erweiterung seines
+Handels als auch der Kultur ein weites und günstiges Feld eröffne. Einer
+von Salt’s Begleitern, _Pearce_, blieb am Hofe des Ras zurück. Dieser
+ersten Reise folgte bald darauf, gegen das Jahr 1814, nachdem Salt’s
+Gönner, Lord Valentia, in den Pairsstand erhoben worden war, eine zweite
+Gesandtschaft unter Salt’s eigener Führerschaft. Diese hatte den Erfolg,
+daß das gute Vernehmen zwischen England und dem alten Ras gestärkt und
+durch Pearce’s längeren Aufenthalt die Bekanntschaft mit Abessinien
+vermehrt wurde. Wieder traten nun politische Wirren in Tigrié ein, welche
+England die Lust benahmen, weiter in die Angelegenheiten des Landes
+einzugreifen, bis im Jahre 1841 Kapitän _Harris_ nach Schoa ging und jene
+politische Mission ausführte, von welcher wir eine ausführliche
+Schilderung weiter unten nach dessen 1844 zu London erschienenem
+dreibändigen Werke „_The highlands of Aethiopia_“ mittheilen.
+
+Es konnte nicht fehlen, daß bei den merkwürdigen Sagen, die über
+Abessinien umgingen, und bei der Unbekanntschaft, die über dessen Volk und
+Natur noch herrschten, auch die Deutschen ihren Antheil an der näheren
+Erschließung des Landes nahmen, nachdem Ludolf mit so gutem Beispiele,
+wenn auch nur theoretisch, vorangegangen war. Den Reigen eröffneten zwei
+der besten deutschen Naturforscher: _W. F. Hemprich_ und _C. G.
+Ehrenberg_, welche schon früher Nubien durchzogen hatten und nun, von der
+preußischen Regierung unterstützt, das Rothe Meer besuchten. Von Massaua
+aus durchwanderte Hemprich die Küstengebirge, während Ehrenberg nach den
+heißen Quellen von Eilat zog. Nach Massaua zurückgekehrt, traf ihn der
+harte Verlust, am 30. Juni 1825 seinen Begleiter Hemprich dem Fieber
+erliegen zu sehen. Trotzdem war die naturgeschichtliche Ausbeute der
+Expedition ungemein reich, da nicht nur eine Menge ganz neuer Thierformen
+entdeckt, sondern auch in den Oscillatorien, Wesen zwischen Thier und
+Pflanzen, die Farbe des Rothen Meeres erkannt worden war.
+
+Die bedeutendste und ergebnißreichste Reise in Abessinien führte nach
+Bruce abermals ein Deutscher, _Eduard Rüppell_, geboren 20. November 1794
+zu Frankfurt a. M., aus. Reich begütert und vortrefflich in
+naturwissenschaftlicher wie astronomischer Beziehung vorbereitet, hatte er
+nach einem kleineren Ausflug nach dem Orient, Nubien, Kordofan und das
+Peträische Arabien 1823–1825 besucht und sich dann Abessinien als
+Hauptziel seiner Forschungsthätigkeit erkoren. Am 17. September 1831
+landete er auf Massaua an der abessinischen Küste, wo er den Rest des
+Jahres und den nächsten Frühling zu Ausflügen in die Umgebung, nach
+Arkiko, dem Thale Modat, den Dahalakinseln und nach den Ruinen von Adulis
+benutzte. Am 29. April 1832 trat er dann den Marsch nach dem inneren
+Hochlande an, welches vor ihm wissenschaftlich nur von Bruce und Salt
+beschrieben worden war. Wurde auch die ganze Reise glücklich zurückgelegt,
+so verlief sie doch nicht ohne große Gefahren, denn in Tigrié, wo gerade
+Ubié ans Ruder gelangt war, wütheten noch die grausamsten Bürgerkriege.
+Für diesen Herrscher hatte Rüppell ein sonderbares Geschenk, nämlich eine
+schwere Kirchenglocke bestimmt, deren Transport auf dem Rücken von
+Maulthieren viel Mühe verursachte, aber mit großer Freude angenommen
+wurde, da Glocken in Abessinien sehr selten sind. Um sich einen Schutz auf
+der Reise zu verschaffen, lieh Rüppell einem abessinischen Großhändler 600
+Maria-Theresia-Thaler und zog nun durch den Tarantapaß auf Halai, die
+abessinische Grenzstation, zu. Schon hatte er sein Gepäck in Massaua zur
+Ueberfahrt nach dem Festlande zurechtgelegt, als ihm von einem betrunkenen
+türkischen Soldaten, der eine Pistole auf ihn abschoß, fast das Leben
+geraubt und die große, wohl vorbereitete Reise verhindert worden wäre. Von
+Halai wandte sich Rüppell in südlicher Richtung nach Atigrat am Fuße des
+hohen Alequa, kreuzte am 20. Juli das tiefe Thal des reißenden Bergstroms
+Takazzié und stieg hierauf in die hohen, oft von Schnee bedeckten, kühn
+geformten Alpen der Provinz Semién, wo er den fast 12,000 Fuß hohen Paß am
+Selkiberge überschritt und auf den Alpenwiesen in jener Region neben
+Ericabüschen jene seltsame, in ihrer Form an die Palmen erinnernde
+Pflanze, die Dschibarra, entdeckte, welcher Fresenius den Namen
+_Rhynchopetalum montanum_ gegeben hat. Am 12. Oktober hielt er seinen
+Einzug in die Königsstadt Gondar, wo er der Absetzung des Königs Saglu
+Denghel beiwohnte und bis zum 18. Mai 1833 verweilte. Die Zwischenzeit
+benutzte er zu einem Ausfluge in die heißfeuchte Niederung (Kolla) von
+Workemeder und Ermetschoho, nördlich von Gondar, wo seine Elephantenjäger
+reichliche Beute fanden. Dann zog er dem Ostufer des Tanasees entlang,
+dessen Höhe über dem Meere er zum ersten male zu 5732 Fuß bestimmte.
+Weiterhin gelangte er dann zu der Stelle, wo unfern der berühmten _Brücke
+von Deldei_ der Abai oder Blaue Nil dem Tanasee entströmt.
+
+Am 18. Mai 1833 brach Rüppell von Gondar auf, um über die alte
+Krönungsstadt Axum, wo er eine wichtige altäthiopische Inschrift
+entdeckte, und über Adoa, die Hauptstadt Tigrié’s, wieder nach Massaua
+zurückzukehren, das er am 29. Juni glücklich erreichte. Seine Ausbeute,
+die er von dieser Reise mit heimbrachte, war eine ungemein reiche, denn
+nicht nur hatte er viele Orts- und Höhenbestimmungen vorgenommen, die der
+Karte Abessiniens ein wesentlich anderes Gepräge geben, sondern auch
+archäologische, historische und ethnographische Forschungen angestellt,
+vor allem aber die zoologische Kenntniß des Landes bereichert, wie seine
+„Neue Wirbelthiere zur Fauna Abyssiniens gehörig“ und seine „Uebersicht
+der Vögel Nordostafrika’s“ beweisen.
+
+ [Illustration: _Rhynchopetalum montanum_. Im Hintergrunde der Bachit,
+ im Vordergrunde Klippspringer.
+ Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Seine „Reise in Abyssinien“ erschien 1840 zu Frankfurt a. M. Für alle
+seine Arbeiten wurde ihm denn auch die wohlverdiente Auszeichnung zu
+Theil, daß ihm die Londoner geographische Gesellschaft die große goldene
+Medaille verlieh. Seine reichen Sammlungen vermachte er seiner Vaterstadt
+Frankfurt, wofür diese ihm eine lebenslängliche Pension aussetzte.
+
+Auf Rüppell folgten 1835 zwei Franzosen, die Stiefbrüder _Tamisier_ und
+_Combes_, mit dem angeblichen Zwecke des einen, Menschenkenntnisse zu
+sammeln, des andern, sich für die Poesie zu begeistern. Sie kamen unter
+vielen Gefahren bis Schoa. Beide Herren waren Mitglieder der Sekte der
+Saint-Simonisten und haben nach ihrer Rückkehr 1846 zu Paris vier starke
+Bände („_Voyage en Egypte, en Nubie etc._“) einer sehr romantischen und
+wenig glaubhaften Erzählung ihrer Erlebnisse und Abenteuer veröffentlicht.
+Mit nicht viel mehr Glück machte im Jahre 1836 Baron _von Katte_ einen
+kurzen Ausflug nach Adoa in Tigrié, kehrte jedoch bald wieder zurück und
+beschenkte Deutschland mit einer Reiseschilderung, an deren Genauigkeit
+der gewissenhafte Rüppell gar manches auszusetzen hat. („Reise in
+Abyssinien im Jahre 1836“. Stuttgart und Tübingen 1838.)
+
+Im Januar 1837 traf dann der deutsche Botaniker Schimper in Adoa, damals
+der Hauptstadt Ubié’s, ein. _Wilhelm Schimper_ wurde im Jahre 1804 zu
+Mannheim geboren. Zuerst als Drechslerlehrling, dann als Unteroffizier,
+fand er keine Befriedigung seines Wissensdranges, weshalb er sich nach
+München wandte, um dort Botanik zu studiren. Nachdem er eine tüchtige
+Ausbildung erlangt, trat er größere Reisen nach dem Orient an; er
+besuchte, vom württembergischen Reiseverein unterstützt, Algerien,
+Aegypten, die Sinaihalbinsel und Arabien, von wo er überall reiche
+Sammlungen nach Hause brachte. Im Jahre 1835 ging er, um seine durch
+Fieber untergrabene Gesundheit wiederherzustellen, über Massaua in die
+abessinischen Hochlande, wo er bei Ubié in Adoa eine freundliche Aufnahme
+fand und seinen wissenschaftlichen Sammlungen nachgehen konnte. Sein
+Einfluß bei diesem Fürsten stieg immer mehr, sodaß Schimper als
+Statthalter zuerst einen Distrikt an der Gallagrenze, dann den Distrikt
+Antitscho in Tigrié zu verwalten hatte. Mit einem Worte, er wurde die
+rechte Hand Ubié’s, als dessen Baumeister und Minister er sich
+unentbehrlich zu machen wußte. Schimper war bereits früher in Rom zum
+Katholizismus übergetreten, weshalb er die Lazaristenmissionen unter de
+Jacobis in Abessinien unterstützte, was er um so leichter mit Einfluß
+auszuführen wußte, als er mit einer Tochter des Landes sich vermählt
+hatte. Auch begann er für Frankreich zu wirken, von wo aus er
+Unterstützungsgelder bezog, um dafür seine Sammlungen an den _Jardin des
+plantes_ in Paris einzusenden. Nach dem Sturze Ubié’s hatte Schimper
+anfangs viel Ungemach auszustehen, doch kam er später bei Theodoros wieder
+in Gnade. Im Jahre 1861 schrieb Theodor von Heuglin über ihn: „Mein alter
+Freund Schimper wird bald wieder im Stande sein, seine botanischen und
+zoologischen Sammlungen fortzusetzen, die in den letzten fünf bis sechs
+Jahren ausschließlich nach Frankreich gegangen sind. Dr. Schimper zählt
+jetzt 57 Jahre, ist aber immer noch der alte rüstige und bewegliche Mann,
+voll unverwüstlichen Humors, als den ich ihn vor vielen Jahren hier kennen
+zu lernen das Vergnügen hatte.“
+
+Bald nachdem Schimper in Abessinien sich niedergelassen hatte, beauftragte
+die französische Regierung die Aerzte _Aubert_ und _Dufey_, wieder ein
+gutes Vernehmen mit den Eingeborenen herzustellen, das durch das Auftreten
+verschiedener französischer Abenteurer gestört worden war. Leider waren
+diese beiden Gesandten keineswegs die einer solchen Aufgabe gewachsenen
+Männer, denn durch eine Kette von Thorheiten und Schlechtigkeiten setzten
+sie den europäischen Charakter in der Achtung des Volks ganz herunter und
+vermehrten die Schwierigkeiten, die dem europäischen Verkehr im Lande
+schon im Wege standen. Dr. Aubert kehrte im Februar 1838 von Adoa nach
+Kairo zurück, während Dufey durch Schoa nach der Küste des Rothen Meeres
+ging und als der erste Europäer die gefährliche Straße von Ankober nach
+Tadschurra zurücklegte. Die Sendung dieser beiden Männer wurde, da das
+französische Interesse an Abessinien sich mehrte, die Vorläuferin einiger
+andern politischen und wissenschaftlichen Expeditionen von Frankreich aus,
+die vom Jahre 1839 an erfolgten. Zwei derselben waren 1839 und 1841 unter
+_Lefêbvre’s_, eine 1840 unter _Combes’_ Anführung (welcher zum zweiten
+male Abessinien besuchte) nach Tigrié und auch nach Amhara gegangen. Ubié,
+der damals noch in Tigrié herrschte, behandelte namentlich Lefêbvre sehr
+verächtlich, musterte die ihm vom Könige Ludwig Philipp übersandten
+Geschenke und sagte zu seinem Schatzmeister: „Nimm diesen Unrath in die
+Schatzkammer hinüber.“ Der Gesandte wurde trotzdem aufgefordert, am Essen
+mit theilzunehmen, wobei reichlich Honigwein kredenzt wurde, der den
+Herrscher bald trunken machte. In diesem Zustande forderte er den Herrn
+Gesandten auf, vor ihm zu tanzen, was nur durch das muthige Auftreten des
+Dolmetschers verhindert werden konnte. In Verbindung mit den französischen
+Gesandtschaften stand auch die Reise des belgischen Generalkonsuls in
+Kairo _Blodell_, im Jahre 1841, die um deswillen zu erwähnen ist, weil
+sie, von Massaua ausgehend, ganz Abessinien von Osten nach Westen
+durchkreuzte, indem Blodell über Sennar und Chartum nach Kairo
+zurückkehrte. Reiche wissenschaftliche Arbeiten lieferte um dieselbe Zeit
+die Expedition des Franzosen _Galinier_ nach Tigrié, Semién und Amhara.
+
+Combes war von Ubié gut aufgenommen worden, aber die freundschaftlichen
+Verhandlungen wurden bald abgebrochen durch die Ankunft der Gebrüder
+_d’Abbadie_, von denen der eine Ubié beleidigt hatte durch seinen Antheil
+an einem Streifzuge gegen seine Truppen. Die d’Abbadie’s wurden mit der
+Drohung verwiesen, daß, wenn sie je wieder ihre Füße in Ubié’s Gebiet
+tragen sollten, dieselben ihnen abgehauen würden. Ebenso mußten infolge
+dieses Vorfalles Combes und Lefêbvre das Land verlassen. Abgesehen von
+ihren politischen Intriguen waren die Gebrüder Anton und Michael d’Abbadie
+ausgezeichnete, mit tüchtigen Kenntnissen versehene und reich begüterte
+Männer, die nicht unwesentlich für die Erweiterung unserer Kunde
+Abessiniens thätig waren und sind, wenn sie auch ihr Hauptaugenmerk auf
+die Verbreitung des Katholizismus und auf die Förderung der Interessen
+Frankreichs gewandt haben mögen. Nach langen Vorbereitungen und einigen
+mißglückten Versuchen gelang es 1842 Anton d’Abbadie, über Tigrié in das
+Binnenland einzudringen, wo er sich mit der Erforschung Enarea’s, Kaffa’s
+und des Quellgebiets des Uma beschäftigte. Nach zehnjähriger Abwesenheit
+kehrten beide Brüder 1848 nach Frankreich zurück, wo sie die Resultate
+ihrer Arbeiten in einzelnen Abhandlungen veröffentlichten.
+
+Politik und Religions- oder Missionsangelegenheiten begannen überhaupt
+allmälig bei den abessinischen Reisenden die Hauptsache, die Wissenschaft
+aber die Nebensache zu werden. Englische Reisende und protestantische
+Missionäre wirkten im Interesse Großbritanniens, katholische Sendboten und
+französische Reisende im Interesse Frankreichs. Kein Wunder also, daß die
+abessinischen Fürsten, welche die Plane bald durchschauten, mißtrauisch
+wurden und einzelne Reisende schlecht behandelten. Der abenteuerlichste
+unter allen war wohl _Rochet d’Héricourt_, nach Isenberg’s Bericht ein
+französischer Glücksritter, der sich mehrere Jahre hindurch in Kairo als
+Chemiker und Mineralog aufhielt und beständig mit dem Plane umging, nach
+Abessinien zu reisen, um sich dort Geld zu machen. Nachdem ihm mehrere
+Versuche mißlungen waren, setzte er endlich 1839 sein Vorhaben ins Werk,
+indem er den deutschen Missionären nach Schoa folgte. Als er dort jedoch
+nicht gleich zu großen Reichthümern gelangte, wurde er ungehalten und von
+dem Könige für halb verrückt angesehen. Bald sollte sich die Sache jedoch
+wenden und Rochet zu großem Ansehen gelangen. Da der König, dessen erste
+Frage an jeden ankommenden Europäer gewöhnlich die war, was er verstehe,
+Rochet’s chemische Fertigkeiten in Pulvermachen, Seifensieden,
+Zuckerfabriziren und andern Dingen bemerkte, stieg letzterer hoch in
+seiner Achtung. Außerdem versprach der Franzose, ihn von einer gewissen
+heimlichen Krankheit zu heilen, und als diese Kur zu gelingen schien,
+wurde er dem Könige unentbehrlich. Rochet benutzte nun, wie es die
+Franzosen gewöhnlich thun, die steigende Gunst beim Könige, sich politisch
+mächtig zu machen, indem er Schoa dem französischen Einflusse zu eröffnen
+und den Engländern entgegenzuwirken suchte. Als er nach neunmonatlichem
+Aufenthalte wieder in sein Vaterland zurückkehren wollte, bestimmte er den
+Negus dahin, ihm einen Brief und Geschenke an den König Ludwig Philipp von
+Frankreich mitzugeben und auf diese Weise eine politische Verbindung
+zwischen Frankreich und Schoa einzuleiten. Dieses einseitige Vorgehen
+suchten aber in Englands Interesse die deutschen Missionäre, namentlich
+Krapf, zu verhindern, indem sie den König bewogen, eine Botschaft nach
+Bombay zu senden, um einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit England
+abzuschließen. Als Erwiederung dieser Botschaft erschien dann die
+glänzende Ambassade unter Kapitän Harris.
+
+Inzwischen war Rochet in Paris angekommen und hatte die dortige Regierung
+seinem Wunsche, mit Schoa in Verbindung zu treten, geneigt gefunden.
+Nachdem er eine Beschreibung seiner Reise herausgegeben hatte („_M. Rochet
+d’Héricourt, Voyage sur la côte occidentale de la Mer Rouge, dans le pays
+__d’Adel et le Royaume de Choa._“ Paris 1841), kehrte er im Auftrage
+seiner Regierung und der Pariser Akademie der Wissenschaften wieder nach
+Schoa zurück. Kaum an der Küste angelangt, wußte er es durchzusetzen, daß
+der König von Schoa befahl, keinen andern Europäer, sei er Franzose oder
+Engländer, außer ihm nach Schoa kommen zu lassen, bei Verlust des Lebens.
+Infolge dessen mußten denn die deutschen Missionäre Krapf, Isenberg und
+Mühleisen von Zeyla aus, wohin sie sich 1842 zu einer zweiten Reise nach
+Schoa begeben hatten, unverrichteter Dinge umkehren. Rochet bereiste nun
+weit und breit das Innere des Landes und gab uns in einem zweiten Werke
+(„_Second voyage_“, Paris 1846) neue werthvolle Nachrichten über Schoa.
+
+Nach Isenberg erhielt Rochet nur durch ein listiges Vorgeben die Erlaubniß
+des Königs, in das Innere von Schoa vorzudringen. Er behauptete nämlich,
+nur dann den König heilen zu können, wenn er ein Präparat von einem
+ungeborenen Hippopotamus mache, das er aus einem fernen See holen müsse.
+Das nachtheiligste Licht auf Rochet’s Wahrheitsliebe und Glaubwürdigkeit
+wirft indessen wol, was der deutsche Missionär Ludwig Krapf über ihn
+berichtet. Beide befanden sich im November 1839 im Kriegslager des Königs
+Sahela Selassié von Schoa, der auf einem Feldzuge gegen die Galla
+begriffen war. Man war in der Nähe der Quellen des Hawaschflusses, allein
+beide Europäer bekamen sie nicht zu Gesicht, während Rochet sich in seinem
+Reisewerke für deren Entdecker ausgiebt. Der biedere Krapf giebt uns den
+nöthigen Kommentar zu dieser wissenschaftlichen Schwindelei. „Rochet“ so
+schreibt Krapf, „sagte zu mir im Verlaufe des Feldzuges, daß wir angeben
+müßten, die Quellen des Hawasch wirklich gesehen zu haben. Als ich ihm
+erwiederte, daß dieses ja nicht der Fall gewesen, antwortete er lächelnd:
+Oh, wir müssen Philosophen sein.“ – So erlauben sich gewissenlose Reisende
+Geographie zu machen oder vielmehr zu fälschen.
+
+Die Anzahl der Reisenden, welche Abessinien besuchten, beginnt sich nun
+ungemein zu häufen, sodaß wir nur die wichtigsten unter ihnen hervorheben
+können.
+
+Dr. _Beke_, früher englischer Konsul in Leipzig, reiste 1840 von London
+nach Aden, unterstützt von den Freunden Afrika’s, um in Schoa und den
+angrenzenden Ländern Nachrichten über das Innere und besonders über den
+geistigen Zustand der dasselbe bewohnenden Völker einzusammeln. Glücklich
+kam er über Tadschurra in Ankober an, wo der Missionär Krapf ihm Hülfe
+leistete und sich in den Verhandlungen zwischen Beke und dem Könige manche
+Beschwerden und Unannehmlichkeiten zuzog. Später, nach Ankunft der
+englischen Gesandtschaft und von dieser unterstützt, reiste er nach
+Godscham, von wo er durch die Provinzen Jedschau, Waag und Enderta nach
+Antalo ziehend, Tigrié erreichte. Die Frucht seines langen Aufenthalts
+waren verschiedene wissenschaftliche Werke; namentlich widmete er sein
+Augenmerk der politischen Rivalität der Franzosen und Engländer im Rothen
+Meere, welche die großen Fragen des Suezkanals und des ostindischen
+Ueberlandwegs einschließt und über welche er in seinem Werke „_The French
+and the English in the Red Sea_“ seine Ansichten niedergelegt hat.
+
+ [Illustration: Eduard Zander. Nach einem Gemälde im Besitze Sr. Hoheit
+ des Herzogs von Anhalt.]
+
+Mit Schimper’s Schicksal im engsten Zusammenhange steht ein anderer
+deutscher Landsmann, dem wir bei Abfassung dieses Werkes zu ganz besonderm
+Danke verpflichtet sind. _Christoph Eduard Zander_, von dem ein Theil der
+charakteristischen Illustrationen dieses Buches herrührt, ward am 22.
+Oktober 1813 in der kleinen anhaltischen Stadt Radegast geboren. In seiner
+Heimat, wo er noch immer den besten Ruf genießt, wird er als ein Mann von
+bescheidenem, anspruchslosem Wesen und tief religiösem Charakter
+geschildert, der eine ganz besondere Fertigkeit in den verschiedensten
+technischen Dingen besaß. Zander erlernte die Landwirthschaft, wandte sich
+dann aber zur Malerei und hielt sich zu seiner Ausbildung längere Zeit in
+München auf. Neben seiner Kunst interessirte er sich aber auch lebhaft für
+das Artilleriewesen, eine Neigung, die ihm später sehr zu statten kam. Da
+es ihm nicht gelang, als Maler und Zeichner seinen Unterhalt hinreichend
+zu erwerben, ging er auf den Rath einiger Freunde zu Dr. Schimper. Nach
+einer langen Fahrt durch das Rothe Meer, auf welcher er von Krankheit und
+Hunger geplagt wurde, warf seine Barke am 12. September 1847 bei Massaua
+Anker. Durch den Tarantapaß stieg er in das abessinische Hochland hinauf
+und schrieb in Halai einen Brief an Schimper, in welchem er diesen von
+seiner Ankunft in Kenntniß setzte. Trotz einer niederschlagenden, ihn
+zurückweisenden Antwort beschloß er dennoch, nach Antitscho, Schimper’s
+Distrikt, vorzudringen. Da aber ringsum das Land von Rebellen verwüstet
+wurde, konnte dies nicht ohne Lebensgefahr geschehen; doch gelangte er
+glücklich an sein Ziel, wo er von dem Landsmann gut aufgenommen wurde. Als
+Gehülfe Schimper’s bei dessen naturwissenschaftlichen Arbeiten
+durchstreifte er weit und breit das Land, sammelnd und zeichnend, bis er
+endlich zum Oberhofbaumeister des Regenten Ubié vorrückte, von diesem
+Ländereien und Vieh erhielt und den Auftrag bekam, die Kirche von Debr
+Eskié in Semién zu bauen, dieselbe, in welcher am 11. Februar 1855 Theodor
+II. vom Abuna zum Herrscher über Gesammt-Abessinien gekrönt wurde. In
+Ubié’s Gunst immer mehr steigend, wurde Zander in den Adel erhoben; auch
+verheirathete ihn dieser Fürst mit einem schönen Gallamädchen. In der
+großen Schlacht von Debela am 9. Februar 1855, in welcher der alte Ubié
+von dem Emporkömmling Theodor besiegt wurde, kommandirte Zander die
+Artillerie des ersteren. Als alles für Ubié verloren war, trat Zander in
+die Dienste Theodor’s und wurde Befehlshaber der befestigten Insel Gorgora
+im Tanasee, wo er die Schatzkammer und ein Zeughaus des Königs zu hüten
+hatte. Dieser, der den tüchtigen, in allen technischen Dingen erfahrenen
+Mann zu schätzen wußte, machte ihn zu seinem Vertrauten und höchsten
+militärischen Würdenträger. Als solcher stand Zander auch noch 1868 an der
+Seite Theodor’s. Seine werthvollen Arbeiten über Abessinien, die uns in
+vieler Beziehung neue Gesichtspunkte eröffnen, sind in dem vorliegenden
+Buche benutzt worden und gereichen demselben als Originalbeiträge zur
+besondern Zierde.
+
+ [Illustration: Werner Munzinger.]
+
+In jene Zeit, in welcher Abessinien gleichsam von europäischen Reisenden
+durchschwärmt war und ein Missionsversuch dem andern folgte, fallen auch
+die geographisch nicht unwichtigen Züge des italienischen Mönches
+_Giuseppe Sapeto_ durch die nördlichen Grenzländer der Mensa, Bogos und
+Habab. Begleitet von den Brüdern d’Abbadie landete er im Jahre 1838 in
+Massaua und erreichte am 3. März desselben Jahres Adoa. Er wußte sich bei
+Ubié in Gunst zu setzen und gründete zu Adoa nach Vertreibung der
+protestantischen Geistlichen (siehe darüber weiter unten) eine katholische
+Mission, besuchte Gondar, sah sich aber nach fünfjährigem Aufenthalt – wie
+Isenberg angiebt, infolge liederlichen Lebens – durch Krankheit genöthigt,
+nach Aegypten zurückzukehren; aber 1850 begab er sich aufs neue nach
+Massaua, indem er längs der Westküste des Rothen Meeres hinaufreiste und
+nun mit dem Missionär Stella in die Länder der Bogos, Mensa und Habab
+vordrang, über die wir einen ausführlichen Bericht mittheilen werden. Es
+war dies gleichsam eine neue Entdeckung, denn in der That kannte man kaum
+den Namen der Habab, und die andern beiden Völker existirten bis dahin für
+uns nicht. Sapeto’s Werk erschien erst 1857 zu Rom und führt den Titel:
+„_Viaggio e missione cattolica fra i Mensa, i Bogos e gli Hahab_.“
+
+Das in Rede stehende Gebiet ist wegen seiner leichten Zugängigkeit dann
+häufig das Ziel europäischer Reisenden geworden und uns nun fast so genau
+bekannt wie ein Land Europa’s. Am 13. Juli 1857 brach ein österreichischer
+Löwenjäger, _Graf Ludwig Thürheim_, nach Mensa auf, besuchte Keren, wo die
+katholischen Missionäre sich niedergelassen hatten, und gelangte glücklich
+durch Barka und Taka nach Chartum.
+
+Die vorzüglichsten Nachrichten über jene Länder, werthvolle, bleibende
+Schätze der geographischen Literatur, verdanken wir indessen dem Schweizer
+_Werner Munzinger_. Dieser gelehrte, unternehmende Mann wurde 1832 zu
+Olten geboren. Er studirte in Bern und München Geschichte,
+Naturwissenschaften und orientalische Sprachen; in den letzteren
+vervollkommnete er seine Kenntnisse zu Paris. Schon im Jahre 1852, also im
+Alter von zwanzig Jahren, begab er sich nach Kairo, trat dort später in
+ein Handelsgeschäft, unternahm dann 1854 eine kaufmännische Reise nach dem
+Rothen Meere und benutzte die günstige Gelegenheit zu einem Ausfluge nach
+den Bogosländern. Es war schon damals sein Plan, sich dort niederzulassen,
+und er führte denselben unverweilt aus. Im Jahre 1855 ging er, mit
+Sämereien und Waffen wohl versehen, nach Keren, wo er dann längere Zeit
+gewohnt hat. Dort verfaßte er auch sein 1859 zu Winterthur erschienenes
+Werk „Ueber die Sitten und das Recht der Bogos“, dessen Vorrede aus Keren
+vom 31. November 1858 datirt ist. Er lebte wissenschaftlichen Forschungen,
+trieb dabei auch Handelsgeschäfte und machte sich bei dem Volke so
+beliebt, daß er oft das Richteramt ausübte und mit Regierungsgeschäften
+betraut wurde. Er fand aber auch Muße zur Ausarbeitung seiner Studien und
+schrieb nicht nur eine Grammatik des Belem, der Sprache der Bogos, sondern
+übersetzte in dieselbe einzelne Abschnitte der Bibel. Die inhaltreiche
+Arbeit über die Bogos war jedoch nur die Vorläuferin eines größeren
+Werkes: „Ostafrikanische Studien“ (Schaffhausen 1864), in welchem auch das
+Land der Marea, der Kunama oder Bazen und deren physikalische Verhältnisse
+in mustergiltiger Weise geschildert werden. Auf beide Arbeiten kommen wir
+später zurück; ebenso auf die Reise des _Herzogs Ernst von
+Sachsen-Koburg-Gotha_ in jenen solchergestalt erschlossenen Gegenden im
+Jahre 1862.
+
+Nicht unerwähnt darf hier bleiben, was die verschiedenen Missionäre,
+namentlich _Isenberg_ und _Krapf_, für unsere Kenntniß Abessiniens gethan
+haben, deren Wirken bei der Schilderung der Missionsversuche die
+gebührende Würdigung erhält, während die Reise des vortrefflichen
+Franzosen _Wilhelm __Lejean_ im Jahre 1863, der in die Gefangenschaft des
+Königs Theodoros II. gerieth, gleich so vielen andern Europäern, in einem
+besondern Kapitel besprochen wird.
+
+Hier soll nur noch die _deutsche Expedition_, oder wenigstens der Theil
+derselben, welche unter v. Heuglin und Steudner bis Etschebed in
+Dschama-Gala vordrang, als würdiger Schluß dieser Aufzählung der Reisen in
+Abessinien, ihre Erwähnung finden. Es handelte sich bekanntlich darum, das
+Schicksal des in Afrika verschollenen deutschen Reisenden Eduard Vogel aus
+Leipzig aufzuhellen, von dem man glaubte, daß ihn der Sultan von Wadaï zu
+Wara in Gefangenschaft halte. Zu dem Ende trat auf Anregung des Dr. August
+Petermann in Gotha ein Comité zusammen, welches in ganz Deutschland
+Sammlungen veranstaltete, eine Instruktion entwarf und mit der Leitung der
+Expedition _Theodor v. Heuglin_ betraute. Ihm wurden als Botaniker
+beigegeben Dr. _Hermann Steudner_, geboren 1832 zu Greiffenberg in
+Schlesien, der Mechaniker _Kinzelbach_ aus Stuttgart, welcher
+Positionsbestimmungen vornehmen sollte, _M. L. Hansal_, ein mit den
+Gegenden am oberen Weißen Nil schon vertrauter Mann, und endlich _Werner
+Munzinger_, der sich in Massaua an die Expedition anschließen sollte.
+
+ [Illustration: Theodor von Heuglin]
+
+Theodor v. Heuglin, einer der bedeutendsten Reisenden der Gegenwart,
+geboren den 20. März 1824 zu Hirschlanden in Württemberg, unternahm
+bereits im Jahre 1850 eine Reise längs dem Rothen Meere, durchzog dann
+1853 mit dem österreichischen Konsul Dr. Reitz von Galabat aus einen
+bedeutenden Theil Abessiniens, worüber er in seinen „Reisen in
+Nordostafrika“ (Gotha 1857) berichtete. Er wurde österreichischer Konsul
+in Chartum, erforschte die Somaliküste, sowie abermals das Rothe Meer, und
+trat schließlich an die Spitze der deutschen Expedition, die sich Glück zu
+wünschen hatte, einen so umsichtigen, thätigen und mit den Verhältnissen
+des Landes vertrauten Führer zu erhalten.
+
+Am 17. Juni 1861 landeten die Mitglieder glücklich in Massaua, von wo sie
+sich nach Mensa und Keren in Bogos begaben, um sich auf die große Reise
+gehörig vorzubereiten. Mit Anfang Oktober, nachdem die eigentliche
+Sommerregenzeit zu Ende war, rüstete man sich zum Aufbruch, zog durch die
+bergige Provinz Hamasién und trennte sich zu Mai Scheka in Serawié.
+Munzinger und Kinzelbach reisten von hier aus am 11. November längs dem
+Mareb weiter nach Westen, um Nachrichten über Eduard Vogel einzuziehen,
+während Heuglin und Steudner einen höchst beschwerlichen, an Abenteuern,
+aber auch an Ausbeute reichen Zug nach Süden unternahmen, der sie bis ins
+Gallaland und das Feldlager des Königs Theodoros II. führte. Die Reisenden
+besuchten in Adoa den greisen Botaniker Schimper, machten mit ihm einen
+Ausflug nach den Ruinen von Axum, kreuzten den Takazzié, überstiegen die
+Alpen von Semién und zogen am 23. Januar 1862 in der Hauptstadt Gondar
+ein. Ihre Absicht, in westlicher Richtung weiter nach Westen vordringen zu
+dürfen, wurde vereitelt, denn aufs strengste hatte der Negus Befehl
+ertheilt, die Reisenden vor sich zu führen. Geleitet von deutschen
+Missionären begaben sie sich nun, am Nordufer des Tanasees hin, über Gafat
+und Magdala, das 15,000 Fuß hohe Kollogebirge durchziehend, in das
+Feldlager des Königs zu Etschebed im Lande der Dschama-Gala. Der Empfang
+war ein außerordentlich gnädiger, und reich beschenkt durften die
+Reisenden am 25. April den Rückweg antreten, auf welchem sie das 13,000
+Fuß hohe Gunagebirge passirten, bei Wochni die abessinische Grenze
+erreichten und über Metéme und Gedaref nach Chartum gelangten, dessen
+Moschee ihnen am 7. Juli 1862 entgegenleuchtete. Die großen Reisen
+Heuglin’s und Steudner’s auf dem Weißen Nil und dem Gazellenfluß in
+Gemeinschaft mit den Damen Tinné, wobei Steudner im Dschurdorfe Wau am 10.
+April 1863 dem Klimafieber erlag, gehören nicht hierher. Außer in
+geographischer Beziehung war das Ergebniß der deutschen Expedition, welche
+allerdings das ursprüngliche Ziel, die Aufsuchung Eduard Vogel’s, aus den
+Augen verlor, namentlich für die Botanik und Zoologie von großem Werthe.
+Nachdem die Berichte derselben einzeln in den „Geographischen
+Mittheilungen“ und der Berliner „Zeitschrift für Erdkunde“ erfolgt, faßte
+sie Heuglin nochmals in seiner „Reise nach Abessinien“ (Jena 1868)
+zusammen.
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Debra Damo in Tigrié. Nach einer Originalzeichnung von
+ Zander.]
+
+
+
+
+
+ DAS LAND, SEINE PFLANZEN- UND THIERWELT.
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+ Begrenzung. – Das Hochland. – Geologie Abessiniens. – Der
+ versteinerte Wald. – Heiße Quellen. – Oberflächengestaltung. –
+ Natürliche Felsenfestungen. – Die Alpen Semiéns. – Charakter der
+ Flüsse. – Ihr Anschwellen. – Ursachen der Nilüberschwemmungen. –
+ Der Tanasee und der Abai. – Klimatische Verhältnisse. – Die
+ Vegetationsgürtel. – Kola. – Woina Deka. – Deka. – Die niederen
+ Thiere. – Vögel. – Säugethiere. Ihre Lebensweise, Nutzanwendung,
+ Jagd.
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+Am südlichen Ende des Rothen Meeres, schroff gegen dessen Gestade
+abstürzend, aber langsam und allmälig gegen Ost-Sudan sich abstufend,
+liegt zwischen dem 16. und 8. Grade nördlicher Breite das afrikanische
+Alpenland Abessinien. Ringsum dehnen sich weite, ungesunde und glühende
+Sandwüsten aus, natürliche Grenzen, die den Verkehr erschweren und die
+ungeheure Bergfeste gegen feindliche Angriffe von außen zu schützen
+scheinen. Im Norden sind die Hochlande von Mensa, Bogos und die von den
+Beni-Amer am Barka bewohnten Gegenden die Grenze; im Westen das Gebiet der
+heidnischen Bazen, die wild- und steppenreichen, vom Setit und Salam
+durchflossenen Theile Ost-Sudans, der Neger-Freistaat Galabat und ein
+Gürtel von größtentheils unbewohnten, feuchten, mit Bambus und Waldregion
+bedeckten neutralen Gebiets, das sich gegen Ost-Senaar ausdehnt; im Süden
+bildet eine Strecke weit der Blaue Nil die Grenze, dann aber fast
+unbekannte, von den Gala bewohnte Distrikte; endlich im Osten, wo die
+Gebirgsmauern Abessiniens am steilsten abfallen, sind es die wasserlosen,
+von räuberischen muhamedanischen Hirtenvölkern bewohnten
+Küstenlandschaften, welche die Grenze ausmachen.
+
+Ganz Abessinien ist im wesentlichen ein Hochland, das von allen Seiten mit
+steilen Rändern aus dem Flachlande aufsteigt. Wenn der Reisende diesen
+jähen Rand mühsam erklommen hat, während seine Füße von den scharfen
+Steinen geritzt, seine Kleider von den Stacheln der Mimosen zerrissen
+wurden, sieht er ein zweites und bald ein drittes Plateau vor sich, ebenso
+jäh wie das erste, ebenso rauh und zerklüftet. Wie an ein zerstörtes
+Titanenwerk erinnernd, drängen sich die Berge in den wunderbarsten Formen
+durcheinander. Hier Tafelberge gleich zertrümmerten Mauern, dort runde
+Massen in Gestalt von Domen, hier gerade oder geneigte, oder umgestürzte
+Kegel, spitz wie Kirchthürme, dort Säulenreihen in Gestalt ungeheurer
+Orgeln. In der Ferne verschmelzen sie mit Wolken und Himmel, und in der
+Dämmerung meint man ein aufgeregtes Meer vor sich zu sehen. Aber dieses
+Felsenmeer ist in seinem Innern keineswegs so starr und öde, als es der
+äußere Anblick erwarten läßt. Obgleich sich seine Berge in weiten Flächen
+oft zu einer Höhe von 10,000 Fuß erheben und ihre höchsten, sich in die
+Wolken verlierenden Gipfel über 15,000 Fuß hoch aufragen, birgt sich doch
+in seinen Thälern und Klüften manche Abwechselung, manche Landschaft voll
+tropischer Fülle.
+
+Der _geologische Charakter_ Abessiniens ist ziemlich einförmig und zeigt
+keineswegs große Abwechselung bezüglich der vorkommenden Formationen.
+Zander, der sich sehr eingehend mit der Bodenbeschaffenheit des Landes
+abgab, nimmt an, daß nur zwei allgemeine vulkanische Revolutionen und
+Hebungen des Landes stattfanden, daß dagegen partielle geologische
+Oberflächenveränderungen nicht vorhanden sind. Er bemerkt hierüber in dem
+erwähnten Manuskripte: „Die Uroberfläche des Landes war fast überall eben,
+und nur hier und da wurde dieselbe von Hügelketten durchzogen, deren
+höchste Spitzen bis zu 6000 Fuß über dem Meere anstiegen. Die allgemein
+herrschende Gebirgsart in jener Periode war Trachyt, dessen größte
+Mächtigkeit zwischen 6000 und 7000 Fuß beträgt und der oft von mächtigen
+Basalten durchsetzt ist, so in den Ländern Daunt, Woadla und Wollo, wo wir
+70–100 Fuß mächtige Basalte antreffen.
+
+„Diese „Uroberfläche“ Abessiniens wurde durch zwei nacheinander folgende
+vulkanische Revolutionen zerrissen, zerklüftet, zerspalten; es entstanden
+jene unzähligen größeren und kleineren Risse, von denen manche jetzt noch
+eine Tiefe von 4000–5000 Fuß haben, andere dagegen im Laufe der Zeit durch
+Erdbeben und Zersetzungen aller Art wieder verschüttet oder in sanfte
+Thäler umgewandelt wurden.
+
+„Die _erste_ dieser großen Umwälzungen hob das Land allgemein, nur waren
+ihre Wirkungen in den verschiedenen Theilen des Landes bald stärker, bald
+schwächer. Die höchsten Hebungen fanden statt in Semién, Woggera,
+Begemeder, Daunt, Woadla, Lasta, Talanta, Wollo und Schoa, während in
+Godscham die Hebungen bereits im Abnehmen sind, um sich in der Nähe des
+Nil ganz zu verlieren. Alle obengenannten Länder stehen in einem innigen
+Zusammenhange und zeigen durchweg den kräftigsten Verlauf der Hebung von
+Südost nach Nordwest. Zwischen der Wasserscheide des Rothen Meeres und des
+Nilgebietes im Osten und den Hochlanden von Semién im Westen war ein
+großes Becken entstanden, das die heutigen Länder Hamasién, Tigrié und
+Enderta umschloß. Hier, eingerahmt von den Hochlanden, breitete sich ein
+großer Süßwassersee aus, als dessen Ablagerungsprodukte und Zeugen seines
+einstigen Vorhandenseins der rothe Eisenthon, der Sandstein und die
+Grauwacke gelten müssen, welche hier in der ruhigen Periode zwischen der
+ersten und zweiten vulkanischen Umwälzung abgesetzt wurden. Neben diesen
+Flötzformationen treten als eigentliche Bildner des Landes folgende drei
+Gebirgsarten in Abessinien auf: zu oberst _Trachyt_, unter diesem
+_Urthonschiefer_ von verschiedener, bis zu 1500 Fuß ansteigender
+Mächtigkeit, und zu unterst _Granit_, welcher oft mit Porphyr und Syenit
+wechselt.
+
+„Die Wirkungen und Bewegungen der _zweiten Umwälzung_ waren jenen der
+ersten ziemlich gleich. Die bedeutendsten Hebungen fanden jetzt auf der
+heutigen Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes statt; die
+niedrigsten in den Ländern Semién, Woggera, Begemeder, Lasta und Wollo.
+Der große Süßwassersee im heutigen Tigrié verschwand, und sein horizontal
+gelagerter Absatz, das Eisenthongebirge und der Sandstein, erhielt eine
+sanfte Schrägung nach Westen hin, infolge der allgemeinen und überall
+gleichmäßigen Hebung; und in der That gewahren wir, wie heute _das rothe
+Eisenthonplateau_ sich ununterbrochen und allmälig in westlicher Richtung
+bis Semién und von da noch nördlich bis Woggera und Wolkait absenkt. Die
+Gesammtsenkung beträgt ungefähr 2000 Fuß, denn die Eisenthone liegen an
+der Wasserscheide zwischen dem Rothen Meere und Nilgebiete 8000, an der
+Grenze von Wolkait und Semién dagegen nur 6000 Fuß hoch. So weit
+ausgebreitet dieses Eisenthonplateau auch ist, so wenig mächtig erscheint
+seine Lagerung; denn während es an der östlichen Grenze nur einige Zoll
+stark auftritt und im Innern Tigrié’s, seinem Centrum, eine Mächtigkeit
+von nahe an 12 Fuß erreicht, nimmt es am Fuße der Länder Semién, Woggera
+und Wolkait wieder bis zu 1 oder 2 Fuß Mächtigkeit ab.
+
+„Unter diesem rothen Eisenthone folgt der _Sandstein_, dessen Oberfläche
+gleichfalls eben wie jene der Eisenthone verläuft, dessen Mächtigkeit aber
+von der Gestaltung der Urthonschiefer abhängig ist, welche seine Unterlage
+bilden. Risse und Spalten, welche die Eisenthone wie die Sandsteine (oder
+Grauwacke) durchziehen, zeigen einen äußerst wilden und romantischen
+Charakter, der selbst im Laufe der Jahrtausende, welche seit ihrer Bildung
+verflossen, nicht zerstört wurde.
+
+„Auch durch die zweite gewaltsame Umwälzung entstanden viele neue größere
+und kleinere Risse, aus denen sich, wie bei der ersten Revolution, große
+_Lavaströme_ auf die Oberfläche des Landes ergossen, namentlich auf der
+dem Rothen Meere zugekehrten Seite des östlichen Gebirgsabfalles. Wenn der
+Reisende von Massaua aus den Weg nach Halai einschlägt, so bieten sich
+seinem Auge am Fuße des Tarantagebirges und noch bis zur Hälfte an diesem
+hinauf in Rissen und Spalten große Lavaströme dar. So mündet ungefähr zwei
+Stunden oberhalb Hamhamo (im Tarantapaß) linker Hand ein Spalt in das
+große Thal, aus welchem sich ein etwa 40 Fuß hoher, gut erhaltener
+Lavastrom herabstürzt, und in vielen Spalten desselben Thales sind die
+Felswände noch hier und da mit Lava überzogen. Die hier stets herrschende
+heiße trockene Luft, die geringe Regenmenge waren der Erhaltung dieser
+Lavamassen besonders günstig, was vom Innern Abessiniens nicht behauptet
+werden kann, wo fortwährend starke Regen und feuchte Luft die Zersetzung
+der Laven begünstigen. Im Innern fanden überhaupt auch weniger
+Lavaergießungen statt und sind deren Spuren überhaupt äußerst selten.
+Einen merkwürdigen Lavaüberrest aus der Zeit der ersten Revolution fand
+ich am Flusse Mareb unterhalb der Ortschaft Gundet am Wege nach Hamasién.
+Er bildete die Spitze eines abgeplatteten Hügels, war fest auf den Trachyt
+gelagert, 2½–3 Fuß mächtig und bestand aus lauter Röhren von ½–1½ Zoll
+Durchmesser, die theils hohl, theils mit schmuziggelbem Eisenocker
+ausgefüllt waren.“
+
+So viel berichtet Zander über die geologischen Verhältnisse des Landes.
+Zur weiteren Erläuterung fügen wir hier noch Rüppell’s kurze Bemerkungen
+bei: „Jenseit des flachen Meeresufers und in geringer Entfernung von der
+Küste erhebt sich ein mit diesem ziemlich paralleler Gebirgszug von
+imposanter Höhe, welcher zehn Stunden landeinwärts bereits
+durchschnittlich 8–9000 Fuß über die Fläche des Arabischen Busens
+hervorragt. Er besteht durchgehends aus Schiefer- und Gneisfelsen; an
+seiner östlichen Basis aber erblickt man mehrere Trachyt-Lava-Ströme;
+isolirte vulkanische Kegel tauchen aus der aufgeschwemmten Uferfläche des
+Annesleygolfs bei Afté und Zula hervor und das von Salt beobachtete
+Vorkommen des Obsidians zu Amphila ist ein Beweis für die Verbreitung
+einer früheren vulkanischen Thätigkeit längs der ganzen Küste hin.
+Westlich von dieser Küstengebirgskette bildet durchaus das nämliche
+Schiefergebilde den Kern der ganzen Landschaft und wird namentlich in
+allen tief eingewühlten Strombetten beobachtet. Diese Schieferformation
+ist mit einem weitverbreiteten, horizontal geschichteten Sandsteinplateau
+überdeckt, das aber durch spätere vulkanische Thätigkeit auf eine
+merkwürdige Weise theils senkrecht gespalten und verschoben, theils
+verschiedentlich emporgehoben wurde. An mehreren Orten, z. B. vermittelst
+der beiden Berge Alequa in den Provinzen Ategerat (Atigrat) und Schirié,
+durchbrach die Lavamasse die bereits sehr zerarbeitete Sandsteindecke und
+erhob sich, isolirte zugespitzte Kegelberge bildend, über dieselbe;
+anderwärts, wie in der Umgebung von Axum, entstanden durch diese
+Lavaergießungen zusammenhängende vulkanische Hügelzüge; stellenweise
+endlich senkte sich eine weite Strecke entlang die ganze
+Sandsteinformation und bildete die auf ihrer einen Seite durch steile
+Felswände begrenzte Verflachung der Landschaften von Geralta und Tembién,
+deren mittlere Erhebung über die Meeresfläche auf sechstausend Fuß
+anzuschlagen ist. Diese allgemeine Einförmigkeit in dem geognostischen
+Charakter des ganzen östlichen Abessinien sah ich nur durch zwei andere
+Gebirgsformationen unterbrochen. Die eine derselben sind die aus Kreide
+und Kalkmergel bestehenden Höhen, welche zu Sanafé (in Agamié) zu Tage
+kommen und die ich außerdem noch auf dem Wege von Adoa nach Halai zu
+Agometen und Gantuftufié sah. Die andere Ausnahme bilden die Granitmassen,
+welche theils als stark verwitterte kolossale Blöcke, theils als plumpe
+Massen etwas südlich von Amba Zion und unfern des Städtchens Magab
+sichtbar sind und die ich in Schirié, unter einem fast gleichen
+Breitengrade, als die Seitenwände der von dem Kamelo durchflossenen
+Thalausflötzung wiederfand.“
+
+Spätere Reisende, namentlich Heuglin, haben dann noch einzelne andere
+geologische Gebilde angetroffen. So tertiäre Gesteine in Hamazién, und
+nach demselben Forscher zeigt sich dolomitischer Kalk überall lose in der
+Dammerde; dann, an einzelnen Stellen, wie in Dembea, Gyps und Mergel. Als
+Zersetzungsprodukte von Laven und Basalt erscheinen Thone und fette
+Dammerde von schwarzer und rother Farbe. Sehr beträchtliche
+_Braunkohlenlager_, die jedoch nicht ausgebeutet werden, finden sich im
+Goangthal zwischen Dembea und Tschelga; ebensowenig benutzt man andere
+mineralische Artikel, mit Ausnahme von Schwefel und Salz. Besonders
+hervorzuheben in geologischer Beziehung ist noch die Entdeckung einer
+Menge von _versteinerten Baumstämmen_ bei Tenta, zwischen dem Kollogebirge
+und dem Beschlofluß durch Steudner und v. Heuglin. Sie sind verkieselt und
+zeigen deutlich die Jahresringe, Spuren von Rinde und Gänge von
+Insektenlarven. Offenbar sind diese Stämme durch den Einfluß heißer,
+kieselerdehaltiger Quellen versteinert worden; sie sollen sich auch auf
+den Hochebenen von Woadla, Talanta und im Galaland finden. Nach Professor
+Unger, welcher dieses Holz _Nicolia aegyptiaca_ nannte, besteht der
+sogenannte „versteinerte Wald“ bei Kairo aus derselben Spezies; die ihn
+bildenden Stämme wurden durch Hochwasser aus den oberen Nilgebieten nach
+ihrer jetzigen Lagerstätte geführt und unter Verhältnissen begraben, die
+ihre Konservirung zur Folge hatten.
+
+Trotz der großen vulkanischen Thätigkeit, welche in Abessinien geherrscht,
+zeigt keine der höheren Gebirgskuppen Spuren eines Kraters. Doch ganz
+unten im Schoadathale, sowie an einigen Stellen in der Fläche von Woggera
+und in Telemt, erheben sich einige isolirte Kegel mit deutlicher
+kraterförmiger Vertiefung, welche sicherlich Spätlinge der vulkanischen
+Thätigkeit waren. Jedenfalls sind in historischer Zeit nur vereinzelte
+Vulkanausbrüche bekannt geworden, zuletzt im Jahre 1861, als der Vulkan
+von Ed an der Danakilküste des Rothen Meeres zwei heftige Eruptionen
+hatte. Auch führt Rüppell nach den Landeschroniken einen heftigen
+Aschenregen an, der für ganz Abessinien ein unerhörtes Ereigniß war.
+Erdbeben sind dagegen ziemlich häufig.
+
+Bei der vulkanischen Natur des Landes kann es nicht Wunder nehmen, daß
+_heiße Quellen_ in demselben keineswegs selten vorkommen. Die berühmtesten
+Quellen sind in Begemeder, bei Ailat (Eilet) in der Nähe Massaua’s im
+Küstenlande und zu Filamba im nördlichen Schoa. Letztere, fünf an der
+Zahl, in einer lieblichen Gegend der Provinz Giddem gelegen, umgeben von
+prächtigen Bäumen, sind der Zufluchtsort aller Kranken und Siechen von
+weit und breit, die hier Heilung von den verschiedensten Uebeln suchen.
+Die heilkräftigste dieser Quellen führt den Namen Aragawi nach einem der
+neun griechischen Sendboten, welche das Christenthum in Abessinien
+ausbreiten halfen. Nahe dabei liegt der Quell „Heilige Dreieinigkeit“,
+dessen Temperatur 48° C. beträgt. Die Zulassung zu den Bädern muß mit
+einem Stück Salz im Werthe von etwa 2½ Groschen erkauft werden. Der
+Geschmack des klaren Wassers ist leicht nach Schwefelwasserstoffgas.
+
+_Oberflächengestaltung._ Betrachten wir nun die Oberflächengestaltung des
+Landes und seine Gebirgsbildungen. Schroff gegen die Gestade des Rothen
+Meeres abstürzend, nur durch wenige Pässe durchbrochen, zieht sich an der
+ganzen Westgrenze des Landes eine lange Bergkette hin, die sich
+durchschnittlich 8000 bis 9000 Fuß über dem Meere erhebt. Westlich von
+dieser treffen wir im Herzen Tigrié’s auf theils isolirte, theils
+zusammenhängende Berge, die, namentlich in der Umgebung der Hauptstadt
+Adoa, unter dem Namen der _Aukerkette_ zusammengefaßt werden. Alle die
+vielen Gipfel derselben gehen wenig über 9000 Fuß hinauf; die meisten
+erheben sich nur zwischen 7000 und 8000 Fuß. Der höchste unter ihnen, der
+Semajata im Osten Adoa’s, steigt bis zu 9518 Fuß. Von diesem Systeme
+verzweigt sich durch die Provinzen Agamié und Haramat eine andere Reihe
+von Gebirgen, die in Bezug auf groteske Formen alles hinter sich
+zurücklassen, was wir in den Alpen, den Cordilleren Amerika’s oder in den
+malerischen Gebilden der Sächsischen Schweiz zu sehen gewohnt sind, und
+die in der That einzig auf unsrer Erde dazustehen scheinen als Ausgeburten
+einer seltsamen Laune der Natur. Ihre höchste Erhebung finden sie in dem
+Tatsén oder Alequa bei Adigrat mit 10,390, und im Sanafé mit 10,242 Fuß.
+Die Reisenden, welche diese Gegenden durchwanderten, werden nicht müde,
+die seltsamsten Vergleiche heranzuziehen, um dem Leser einen Begriff von
+diesen wunderbaren Formen zu machen. Alle übrigen Berggestaltungen unsrer
+Erde, die verschiedensten Bauformen – Rüppell spricht sogar von
+ägyptischen Tempeln – werden angeführt, doch ist das geschriebene Wort nur
+wenig dazu geeignet, in uns eine lebhafte Vorstellung zu erwecken. Hier
+tritt der Griffel des Künstlers in sein volles Recht, und die Abbildungen,
+die wir glücklicherweise in dieser Beziehung vorführen können, sind
+vollkommen geeignet, eine klare Anschauung der betreffenden
+Gebirgsformationen herzustellen. Isenberg, der von Adoa aus einen Theil
+Haramats auf seinem Zuge in das Lager Ubié’s 1838 berührte, ist ganz
+entzückt über jene herrlichen Gestalten und schildert eine dieser _Amben_
+– so nennt man jene Bergformen – folgendermaßen: „Wir gelangten in ein
+Thal, ringsum von hohen steilen Felsen eingeschlossen, an dessen östlichem
+Ende auf der Spitze eines Granitfelsens – aus welchem überhaupt meistens
+diese Berge bestehen – über einem Engpasse ein Kloster Namens Debra
+Berberi (Pfefferberg) liegt. Dieses Thal durchschritten wir und bestiegen
+dann ein wellenförmiges Plateau, welches links von einer majestätischen
+von Norden nach Süden ziehenden Felswand begrenzt ist, welche einen
+unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte. Dieser Amba oder Berg zieht
+sich mit meist senkrechten mächtigen Wänden fünf oder sechs Stunden weit
+hin und gleicht einem ungeheuren gothischen Naturgebäude in kolossalster
+Form und Vollendung.
+
+ [Illustration: Amba Zion in Haramat. Originalzeichnung von Eduard
+ Zander.]
+
+Die in regelmäßigen Dimensionen voneinander stehenden zahlreichen Säulen,
+womit die ganze ungeheure Wand besetzt ist, vermehren bedeutend den
+Anblick eines Kunstwerkes, und nicht minder einige fensterähnliche
+Oeffnungen, durch welche man, weil an diesen Stellen der Fels sehr dünn
+ist, hindurchschauen kann. Dieser Berg heißt _Amba Saneïti_. An seinem
+südlichen Ende steht ein großer isolirter konischer Fels, der einer höchst
+kolossalen alten Ritterburg ähnlich ist.
+
+Diese und ähnliche Berge, an welchen besonders Agamié so reich ist, dienen
+häufig, da sie in der Regel von den meisten Stellen unzugänglich, und sehr
+häufig oben, wo sie meist platt sind, Wasser haben, Empörern und überhaupt
+kriegführenden Haufen als _natürliche Festungen_, wo sie, wenn sie sonst
+Vorräthe an Lebensmitteln haben, sich lange gegen den belagernden Feind
+vertheidigen und leicht Ausfälle auf ihn machen können.“ Prachtvoll ist
+auch der Anblick der _Amba Zion_, welche sich südlich von Atigrat in der
+Landschaft Haramat bis zu 9269 Fuß erhebt. Rüppell zog durch wiesenreiche
+Gründe am 1. Juni 1832 an dieser märchenhaften Felswand hin. „Die
+Sandsteinterrasse bildete zur Rechten unsres heutigen Weges ein schroffes
+Vorgebirge, das sich bei 1200 Fuß über die Thalebene erhob und einen
+ausgezeichneten Punkt zur geographischen Orientirung darbot; sein Name ist
+Amba Zion. Der Boden der Landschaft fing nun an, ziemlich eben zu werden
+(nach Süden zu) und bestand in einer nackten, unfruchtbaren und
+stellenweise mehrere Fuß breit auseinandergerissenen Sandsteinmasse, deren
+Spalten durchaus von emporgehobener Lava ausgefüllt waren.“
+
+Von all den eben angeführten Gebirgen werden die noch höheren und
+majestätischeren Berge Semién’s durch den Takazziéstrom, eine der
+Hauptwasseradern Abessiniens, getrennt. Der Reisende, welcher auf dem
+hohen Plateau, das sich im Osten des Takazzié in Tigrié ausdehnt, dem
+Lande _Semién_ zuschreitet, erblickt bald vor sich ein wunderbares
+Panorama. Die Thäler von Telemt und Semién liegen noch in Frühnebel
+eingehüllt, auf den dunkle Purpurschatten fallen. Wie ein Meer breiten
+sich die obern Flächen der Dünste horizontal und leicht vom Winde bewegt
+über dem tiefen Bette des Takazzié und andern unzähligen Rissen und
+Thälern aus, daraus ragen im Morgensonnengolde Zacken und Kegel wie Inseln
+und Burgen aus einem blauen Ozean und dahinter als hohe Mauer der hoch zum
+Himmel aufstrebende Gebirgsstock von Semién mit weit vorgeschobenen,
+Tausende von Fuß senkrecht abfallenden Massen. Diese Gebirge sind durchaus
+vulkanischer Natur, aber längs ihrer vom Takazzié bespülten Basis findet
+sich dieselbe Formation wie auf dem östlichen Ufer dieses Stromes,
+Schiefer in der Tiefe mit horizontalem Sandstein überdeckt und vulkanische
+Lavakegel, die den letztern durchbrochen haben. Die höchsten Spitzen von
+Semién reichen bis in die Eisregion und sind namentlich während der
+Regenzeit zuweilen auf mehrere tausend Fuß herab mit hagel- oder
+firnartigem, sehr körnigem _Schnee_ bedeckt, der jedoch schnell schmilzt,
+und nur auf der Nordseite sieht man an sehr vor der Sonne geschützten
+Felsbänken und in Schluchten fast das ganze Jahr über Eis, d. h.
+gefrorene, in den Bergen entspringende Wasser, oft in ansehnlichen Massen,
+theilweise allerdings auch von etwas derber Textur; von Gletschern und
+ewigem Schnee kann aber hier nicht die Rede sein.
+
+In der Tigriésprache heißt der Schnee Berit. Bruce, welcher nur über die
+niedrige Kette des Lamalmon in Semién gekommen war, glaubte nicht, daß
+jemals Schnee auf den Bergen gesehen werde, obgleich die Thatsache in der
+frühesten Nachricht vom Lande, in der adulitanischen Inschrift des Kosmas
+Indikopleustes, und später von den am besten unterrichteten Jesuiten,
+welche in Abessinien reisten, erwähnt wird. Rüppell fand im Juni das obere
+Viertheil der ganzen Gebirgskette mit Schnee bedeckt, eine Erscheinung,
+die im Kontrast mit dem dunklen Lazur des Himmels und den üppig grünen
+Pflanzen des Vordergrundes etwas in Afrika höchst Fremdartiges an sich
+hatte. Der durchaus aus vulkanischer Felsmasse bestehende schroffe
+Gebirgskamm, welcher die Provinz Semién von Ostsüdost nach Westnordwest zu
+begrenzt, umzieht in seinem weiteren Verlaufe in gewissermaßen
+ellipsoidischer Form den ganzen ungeheuren Dembeasee wie ein weiter
+Kesselrand, und der _Buahat_ (Bachit), welcher die ganze Gruppe überragt,
+krönt gleichsam den Gebirgskreis mit seiner erhabenen Kuppe. Hier ist die
+echte „afrikanische Schweiz“, die unter die Tropen gerückte Alpenwelt, wie
+Munzinger in Erinnerung an seine Heimat Abessinien getauft hat. Und in der
+That, der Alpencharakter springt jedem, der es sah, in die Augen. „Unser
+Marsch am 26. Juni“, schreibt Rüppell, „brachte uns in eine Landschaft,
+welche ganz den Charakter der schöneren europäischen Hochgebirgspartien
+hatte. Coulissenartig springen auf den Seiten die Höhen mit Nebenthälern
+hervor, welche theils beholzt, theils mit einem grünen Teppich der
+schönsten Gerstensaat besäet sind. Das Ganze aber umgiebt
+amphitheatralisch ein Kranz von hohen Bergen, deren schneeige Gipfel über
+fette Alpenweiden emporragen. Bald erweitert sich das Hauptthal etwas nach
+Südwesten zu, und nun zeigt sich in pittoresker Gestalt der weit herab mit
+Eis bedeckte Berg _Abba Jaret_, einer der höchsten der ganzen Kette.
+Wasserreiche Kaskaden umgeben auf beiden Seiten den Ataba, um ihm den
+Tribut der Berge zu bringen, und hier und da schmückt eine ehrwürdige
+Baumgruppe die grasreichen Ufer desselben. Ueber der ganzen Landschaft
+aber schwebte das herrliche, ganz reine Lasurgewölbe des Himmels
+tropischer Hochgebirgsregionen. Kurz, alles vergegenwärtigt hier den
+Charakter der Hochalpen Europa’s, und es fehlten nur die malerisch
+gelegenen Sennhütten.“
+
+ [Illustration: Teiit, Partie vom Totscha in Semién. Originalzeichnung
+ von E. Zander.]
+
+Der Ataba ist ein sehr wasserreicher, dem Takazzié zuströmender
+Gebirgsfluß, dessen Bett mit Felsblöcken gleichsam durchsäet ist. An
+seinem Ufer erhebt sich der 11,500 Fuß hohe _Dschinufra_, dessen
+trachytische, mit Mandelsteinen und Basalten durchsetzte Gebirgsmassen
+hier 3000 Fuß jäh abfallen und namentlich in seinem _Woikall_ genannten
+Zweige von Süden her einen imposanten Anblick gewähren. Ueberreich ist
+Semién an ähnlichen grotesken Fels- und Berggestaltungen, sodaß es schwer
+hält, aus der großen Zahl der herrlichen Partien nur einige der schönsten
+auszuwählen, um sie dem Leser vorzuführen. Da ist der _Awirr_, der sich
+nach Norden zu mit dem hohen _Selki_ verbindet und der nach Osten zu ins
+Takazziéthal abfällt, während sich sein Westabhang ins Appenathal senkt;
+ferner treffen wir hier auf die malerische Felspartie _Teiit_, ein Theil
+des Totscha.
+
+Unsere schwindelerregenden Alpenpässe mit ihren grausigen Schlünden, sie
+reichen in ihrer Gefährlichkeit nicht an die Berge Semiéns hinan. Der Weg
+windet sich oft an einer senkrechten Felswand neben furchtbaren Abgründen
+hin, sodaß auf ihm kaum ein unbeladenes Maulthier sicher hindurchkommen
+kann. An mehreren Stellen würde es sogar für Menschen unmöglich sein,
+vorbeizuklettern, wenn nicht an der ganz lothrechten Felsmasse auf
+künstlich angelegten Baumstämmen ein Pfad geschaffen wäre; aber auch dies
+ist mit so wenig Geschick gemacht, daß man oft in großer Lebensgefahr
+schwebt. Dazu gesellt sich das dornige Gesträuch, welches aus jedem
+Felsspalt dieser vulkanischen Massen wildwuchernd hervorstarrt und das
+Beschwerliche des Marsches im hohen Grade vermehrt. Diese Gefahren werden
+besonders von Heuglin in seiner Ueberschreitung des Amba-Ras in
+anschaulicher Weise geschildert. „Der Pfad, den kein Maulthier zu
+erklimmen im Stande ist, führt über zwei sehr enge, tiefe Schluchten
+hinweg von einem Felsgrat zum andern, übrigens häufig durch üppigen
+Baumschlag und grünes Gebüsch, an Quellen mit moosigem Gestein und
+blumigen Rasenplätzen hin, steiler und immer steiler aufwärts. Ueber
+schwindelnder Kluft liegt ein halbmorscher Baumstamm als Brücke, links
+erhebt sich eine starre Felswand; rechts herabzublicken in den Abgrund
+wagt keiner, ehe er die verhängnißvolle Passage hinter sich hat. An
+steilen Geländen windet man sich immer höher, zuweilen über weite
+Eisstrecken weg. Da scheint der höchste senkrechte Abfall des Amba-Ras
+wirklich jedes weitere Vordringen unmöglich zu machen, doch es öffnet sich
+eine Felsspalte von nur zwei bis drei Fuß Weite, wie in einem Schornstein
+klettert man vorsichtig, damit kein Stein lose wird, in alle möglichen
+Situationen übergehend, von Vorsprung zu Vorsprung und kommt zuletzt mit
+wunden Köpfen, Händen und Füßen auf der Plattform zwischen Bachit und
+Amba-Ras wieder zu Tage.“ So sind die Wege in Semién beschaffen und doch
+haben sie Armeen, aber abessinische Armeen, durchzogen und entscheidende
+Schlachten auf den Eisfeldern des Landes geliefert. Die meisten der
+angeführten Bergriesen Semiéns, außer denen wir hier noch den Walia-Kant,
+den Jotes-Saret, Barotschuha, Taffalesser und Ras-Tetschen nennen,
+erreichen eine Höhe von mehr als 14,000 Fuß über dem Meere und werden nur
+noch durch das Kollogebirge in den Galaländern übertroffen.
+
+Südwestlich von Semién setzen sich die Gebirge in der _Hochfläche von
+Woggera_ fort, einer Art von gestaffelter Terrasse, die in ihrer höchsten
+Ebene bis zu 9500 Fuß emporragt, sich allmälig aber nach Südosten
+verflacht, unfern von Gondar aber immer noch ziemlich steil nach dem
+kesselförmig von Höhen umgebenen großen Becken des _Tanasees_ abfällt.
+Woggera und alle Bergzüge in der Umgebung dieses großen Binnensees
+bestehen ganz aus vulkanischen Felsmassen und der durch ihre Zersetzung
+höchst fruchtbar gewordene Boden bildet eine herrliche Weidelandschaft.
+Von Gondar aus wendet sich, an die Abfälle Woggera’s anschließend, ein
+schmaler Gebirgszug ohne Unterbrechung nach Südosten, der die Verbindung
+mit dem Hochlande Begemeder herstellt und bei Derita seine größte Höhe
+zwischen 9000 und 10,000 Fuß erreicht. In Begemeder selbst treffen wir auf
+das hohe, von Heuglin erstiegene _Gunagebirge_ (13,000 Fuß). Die Gipfel
+bestehen aus kahlen Trachytmassen, die ein milchweißes, feldspathartiges
+Gestein einschließen; an einzelnen Stellen der Gehänge sieht man Wacken
+und Thone und der ganze Gebirgsstock hat einen ansehnlichen Umfang. Nach
+Süden und Osten fällt er steiler ab und verläuft nach Westen nach und nach
+gegen den Blauen Nil und den Tanasee. Nach Osten zu schließen sich wieder,
+zum Theil mit dem Beschlostrome parallel laufend, hohe Gebirge an die Guna
+an, deren eines sich unmittelbar mit den Hochebenen der Länder Woadla,
+Talanta, Daunt, Jedschu und Lasta verbindet.
+
+ [Illustration: Südansicht des Woikall, eines Zweiges des Dschinufra,
+ vom Hai aus gesehen.
+ Originalzeichnung von Eduard Zander.]
+
+Die Plateaux der zuerst genannten Länder steigen bis 9000 Fuß über das
+Meer an, während die höchsten Spitzen von Lasta wieder in die Eisregion
+hineinragen. Jenseit des Beschlo aber, im Lande der Wollo-Gala, steigt
+Abessiniens höchstes Gebirge, die _Kollo_, bis über 15,000 Fuß an, und
+auch in dem benachbarten, nach Westen zu gelegenen Gischem treffen wir auf
+10,000 Fuß hohe Gipfel.
+
+Jenseit des Nil aber begegnen wir der durchschnittlich 8000 Fuß hohen
+Berglandschaft Godscham, die im Talbawaha mit 11,000 Fuß ihre größte
+Erhebung findet. Endlich im Süden steigen kühn und malerisch wie die
+Gebirge Semiéns die Felsmassen von Schoa auf, die in der „Mutter der
+Gnade“, dem _Mamrat_ (13,000 Fuß), einen würdigen Abschluß finden.
+
+_Flüsse._ Die nach Westen und Nordwesten geneigten Hochflächen Abessiniens
+werden von zahlreichen Bächen und Strömen durchschnitten, die nach kurzem
+Laufe auf dem Plateau plötzlich in tiefeingeschnittene Thäler fallen, in
+welchen sie oft sehr schnell eine Tiefe von 3000 bis 4000 Fuß unter der
+Fläche des Tafellandes erreichen. So behauptet das Hochland von Semién in
+seinem ziemlich gleichförmigen Rande eine Höhe von 10,000 Fuß. Aber das
+Bett des Bellegas im Schoadathale liegt nur etwa 5400 Fuß, das des
+Takazzié an der Nordostgrenze gar nur 3000 Fuß über dem Meere. Die
+größeren Flußthäler, z. B. des Takazzié und des Abai im Süden, sind
+ziemlich weit; das letztere hat eine Breite von wenigstens fünf deutschen
+Meilen. Deshalb stellen die Abessinier ihr Tafelland stets als eine aus
+dem umgebenden Tieflande emporragende Insel dar. Die Thäler sind
+außerordentlich wild und unregelmäßig, im ganzen aber von ziemlich
+übereinstimmendem Charakter. Die obere Hälfte des Abfalls ist immer
+ungemein steil, oft aus vielfach zerrissenen horizontalen Bänken von Lava,
+Trachyt und Basalttuff gebildet; dann folgen terrassenförmig übereinander
+liegende Plateaux mit sanfteren Abfällen, oft aus fest zusammengebackenen
+Brocken vulkanischer Gesteine der Nachbarschaft und Dammerde bestehend.
+Auf der Thalsohle dagegen erscheinen wieder die vulkanischen Massen in
+ihrer Urgestalt, und die dort hausenden Hochwasser haben sich in denselben
+tiefe, rinnenartige Betten mit meist senkrechten Wänden eingerissen. In
+der trockenen Jahreszeit sind die Ströme in diesen Thälern theilweise ohne
+Wasser, kaum schlammigen Bächen ähnlich; in der Regenzeit überfluten sie
+das ganze Flachland. Da, wo die Flüsse das Flachland verlassen, bilden sie
+meistens Katarakte von bedeutender Höhe, und in solchen Wasserfällen und
+Stromschnellen senkt sich ihr Bett auf eine Strecke von wenigen Meilen um
+mehrere tausend Fuß.
+
+Prächtig hat vor allen andern Werner Munzinger dieses Anschwellen der
+abessinischen Ströme geschildert. Er führt uns in die tiefe Thalschlucht,
+in der es fast den ganzen Tag über dunkel ist, denn nur wenige
+Mittagsstunden dringt die Sonne in die schauerliche Tiefe. „Hier wird
+selbst der Vogel scheu und stumm und die am spärlichen Wasser sich labende
+Gazelle lauscht ängstlich auf bei jedem Geräusch in der fluchtwehrenden
+Enge. Da ist fast ewige Stille, nur unterbrochen von dem Murmeln des sich
+ins Freie drängenden Baches, selten gestört von dem Geheul der an den
+jähen Abgrund sich klammernden Affen.
+
+„Weh dem, der hier weilt in der Regenzeit! Von langer Fahrt müde bettet
+sich der Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschöpft, selbst
+diese finstern Gründe laden ihn zur Ruhe. Im heißesten Mittag wiegt er
+sich in süße Träume; seiner harret das freundliche Heim – da dröhnt es
+dumpf im Hochgebirge; ein Schuß, ein zweiter, dann der schreckliche, den
+ganzen Himmel durchrasende Donner.
+
+„Doch fürchtet er noch nichts, das Gewitter ist ja so fern. Er weilt und
+träumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen,
+wie wenn der Wind durch die Blätter führe. Es wird lauter, gewaltiger, es
+zischt, es prasselt, es toset, es brüllt, als wenn die bösen Geister
+anführen – nun naht es, mauergleich, sich schäumend und überstürzend – _es
+ist der Waldstrom_. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein mächtiger
+Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk stürzt er wild und feurig
+in das Thal hinab. Die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter seiner Wucht
+und die grasige Ebene wird von Schutt überrollt; das Wasser füllt das
+ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe dir, du armer Mann!
+Wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Flügel des Adlers, hast du die
+Krallen des Affen, der über dir schwebend deiner Noth höhnt? Bist du im
+Bunde mit den Geistern, daß sie dich forttrügen? Hier ist sie nicht dein
+Knecht die Natur, sie ist dein dich vernichtender Feind. Es sind wenige
+Jahre her, daß ein ganzes Zeltlager, in einem breiten, trockenen
+Strombette gelagert, die Beduinen mit ihren Herden und Zelten von dem
+ungeahnten Waldstrom überfallen und fortgerissen wurden. Hundert Menschen,
+Tausende von Ziegen wurden seine Beute.“
+
+Tritt hier der abessinische Strom vernichtend auf, so erfüllt er
+andererseits eine hohe Aufgabe. Unser Landsmann Eduard Rüppell war der
+erste, welcher 1832 darauf hinwies, daß _diese Ströme die Bildner des
+fruchtbaren Erdreichs in Aegypten und die Ursache der Nilüberschwemmungen_
+sind. „Die aufgelösten vulkanischen Massen Abessiniens“, sagt er, „sind,
+indem sie von den zur Regenzeit anschwellenden Flüssen fortgeflößt werden,
+die Elemente jener befruchtenden Erdablagerungen, welche der Nilstrom
+längs seinem ganzen Laufe seit Jahrtausenden alljährlich absetzt. Bedenkt
+man die ungeheure Erstreckung des von diesem Flusse angeschwemmten Landes
+in Nubien und Aegypten, so wird man mit Erstaunen erfüllt über die Masse
+der nach und nach durch die Verwitterung zerstörten Vulkane Abessiniens.“
+(Reise in Abyssinien, II, 319.)
+
+Erst volle dreißig Jahre später widmete der Engländer Baker dieser
+Thätigkeit der abessinischen Ströme sein Augenmerk; ein ganzes Jahr lang
+zog er im Gebiete derselben umher und hielt sich dann schließlich für den
+Entdecker der schon früher von Rüppell aufgestellten Thatsache, die
+allerdings von ihm in vielen Stücken erläutert wurde. Der _Atbara_, der
+_Takazzié_ oder _Setit_, der _Salam_, _Angrab_, _Rahad_, _Dender_ und der
+_Abai_ oder _Blaue Nil_ sind die großen Entwässerungskanäle Abessiniens;
+sie haben alle einen gleichförmigen Lauf von Südost nach Nordwest und
+treffen den Hauptnil in zwei Mündungen, durch den Blauen Nil bei Chartum
+und durch den Atbara.
+
+Alle die genannten Ströme gehören zum Gebiete des Nil. Als Hauptquelland
+des Abai (Blauer Fluß, Bahr el Asrek) muß das Becken des _Tanasees_ (Zana,
+Tsana) betrachtet werden. In einem ungeheuren, vom Hochland umlagerten
+Becken sammeln sich ungefähr im Mittelpunkte von Amhara die meisten
+Gewässer von Godscham, Begemeder und Dembea und bilden in einer Meereshöhe
+von 5732 Fuß einen herrlichen Alpensee mit zahlreichen Inseln, eingesäumt
+von grünen Matten und reichen Kulturebenen, durch welche in
+Schlangenwindungen zahlreiche Bergwasser rinnen. Der Tanasee, welcher in
+elliptischer Form einen Raum von etwa einhundertfünfzig Quadratstunden
+einnimmt, war einst wol um die Hälfte größer, aber im Laufe der
+Jahrtausende haben die fortwährenden Schlammniederschläge von zersetzter
+Lava, welche die Gewässer während der Regenzeit von den vulkanischen Höhen
+abspülen, eine wagerechte Bodenfläche an vielen Stellen seiner Ufer
+gebildet und so nach und nach seinen Umkreis verengt. In einer mehr als 60
+Fuß tiefen Felsschlucht, deren senkrecht abstürzende Seitenwände an
+mehreren Stellen kaum zwei Klaftern weit voneinander entfernt sind,
+rauscht der Nil in einer ununterbrochenen Reihe von Kaskaden aus dem See
+hervor. Während der Regenzeit ist nicht allein dieser ganze Felsenspalt
+mit Wasser ausgefüllt, sondern der Strom überflutet dann auch eine
+beträchtliche Strecke des südlichen Ufers, welche mit stark abgeschwemmten
+vulkanischen Geröllen von kolossaler Größe bedeckt ist. Hier wölbt sich
+über ihn die _Brücke von Deldei_, welche aus acht Bogen besteht, die alle
+untereinander von ungleicher Größe sind und von denen der nördlichste,
+über die Felsenschlucht selbst gesprengte und somit allein immer vom Strom
+durchflossene, bei weitem der größte von allen ist. Die Länge der Brücke
+beträgt neunzig Schritt und ihre Breite fünfzehn Fuß. Sie bildet in ihrer
+Längenerstreckung keine gerade Linie, indem sie an den drei nördlichen
+Bogen sich etwas nach Westen wendet. Die Wölbung der Bogen ist aus kleinen
+behauenen Sandsteinen erbaut, das Uebrige aber aus Lavafels. In der Mitte
+der Brücke befindet sich eine Quermauer mit einem Thore und an ihrem
+Nordende ist eine Art von Vertheidigungsthurm, der aber jetzt in Trümmern
+liegt. Von hier aus umfließt der Blaue Nil in spiralförmigem Laufe, sich
+den Grenzen Schoa’s nähernd, Godscham und Damot und nimmt erst in Fasogl
+und den Ebenen von Sennar nordwestlichen Lauf an, welchen er beibehält bis
+zu seiner Vereinigung mit dem Weißen Nil bei Chartum. Der Abai erhält noch
+reichliche Zuflüsse von Osten und Süden her, namentlich den _Beschlo_ und
+die _Dschama_, und endlich in Sennar den Dinder und Rahad, welche den
+westlichen Rand von Abessinien zum Quellgebiet haben. Der Blaue Nil ist
+während der trockenen Jahreszeit so klein, daß er nicht Wasser genug für
+kleinere Fahrzeuge hat, die mit dem Transporte von Produkten von Sennar
+nach Chartum beschäftigt sind. In dieser Zeit ist das Wasser schön hell,
+und da es den wolkenlosen Himmel reflektirt, hat seine Farbe zu dem
+wohlbekannten Namen Bahr el Asrek oder Blauer Fluß Anlaß gegeben. Es giebt
+kein köstlicheres Wasser als das des Blauen Nil; es sticht ganz ab gegen
+das des Weißen Flusses, welches nie hell ist und einen unangenehmen
+Vegetationsgeschmack hat. Diese Verschiedenheit in der Beschaffenheit des
+Wassers ist ein unterscheidendes Merkmal der beiden Flüsse; der eine, der
+Blaue Nil, ist ein reißender Gebirgsstrom, der mit großer Schnelligkeit
+steigt und fällt; der andere entspringt im Mwutan Nzige und fließt durch
+ungeheure Marschen. Der Lauf des Blauen Nil geht durch fruchtbaren Boden;
+er erleidet daher nur einen geringen Verlust durch Absorption, und während
+der starken Regen liefern seine Wasser einen mächtigen Beitrag erdigen
+Stoffs von rother Farbe zu dem allgemein befruchtenden Niederschlag des
+Nil in Unterägypten.
+
+ [Illustration: Charakter des Hochgebirges Awirr in Semién. Nach
+ Originalzeichnung von E. Zander.]
+
+Der _Atbara_ entspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und
+ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere
+Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfützen
+beschränkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkröten und Flußpferde
+zusammendrängen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit
+setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zuströmt. Die Regenzeit
+beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind
+die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Gießbach; Bäume
+werden von den über ihre Ufer geschwollenen Bergströmen entwurzelt, der
+Atbara wird ein ungeheurer Fluß, der mit einer alles überwältigenden
+Strömung den ganzen Ablauf von fünf großen Flüssen (des Takazzié, Salam,
+Dinder und Angrab nebst seiner eigenen ursprünglichen Wassermasse)
+herabbringt. Seine Fluten sind getrübt vom Erdreich, das von den
+fruchtbarsten Ländereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil
+abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst großen Bäumen und häufig die
+Leichen von Elephanten und Büffeln werden von seinen schlammigen Wassern
+in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern
+wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz.
+
+Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluß Abessiniens
+aufnehmen, ergießen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in
+den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weiße Nil einen beträchtlich
+hohen, obwol nicht seinen höchsten Stand, und der plötzliche Wassersturz,
+der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den
+Weißen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die
+jährliche Ueberschwemmung in Unterägypten.
+
+Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann der _Takazzié_ gelten,
+wenngleich er nur ein Nebenfluß des Atbara ist. Er entspringt östlich vom
+Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den
+Eingeborenen Aïn (das Auge des) Takazzié heißen. Diese ergießen sich in
+einen Behälter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache
+herausfließt. Der Strom, die große Scheide zwischen den Landen Amhara in
+seinem Westen und Tigrié in seinem Osten, geht erst in nördlicher Richtung
+weiter und rauscht dann in schäumenden Kaskaden an den Alpen Semién’s am
+Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Wänden eingefaßtes Bett
+wühlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuß über dem Meere liegenden
+Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht
+eine heiße ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere
+meiden diesen Aufenthalt, und nur die unförmigen Köpfe der Nilpferde
+erscheinen über dem Spiegel des in Stromschnellen über Kiesgrund
+dahinschießenden Flusses. Von Semién an nimmt der Takazzié eine westliche
+Richtung an und tritt durch das heiße Land Wolkait auf ägyptisches Gebiet
+über, wo er den Rojan auf- und den Namen _Setit_ annimmt. Durch das Land
+der Homranaraber und eine überaus wildreiche Gegend, das Paradies der
+Jagdfreunde, wälzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem
+Atbara zu. Als ein weiterer Zufluß desselben kann der in Hamasién
+entspringende, die Provinz Serawié in einem Bogen umfließende _Mareb_
+betrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der
+ägyptischen Provinz Taka den Namen _Chor el Gasch_ erhält und jenseit
+Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht.
+
+Die Wasser der nördlichen Grenzländer Abessiniens endlich sammelt der
+_Barka_, die er bei Tokar südlich von Sauakin dem Rothen Meere zuführt.
+Aber alle diese Flüsse, so große Gaben sie sonst für das Land sind,
+verlieren dadurch bedeutend an Werth, daß sie nicht als
+Kommunikationsmittel dienen können. Es fehlen die Ströme, die sich
+schiffbar in das Rothe Meer ergießen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu
+ersetzen, die allmälig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Küste
+auslaufend, den Kameeltransport ermöglichen. Mehr noch als das: die Flüsse
+verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Brücken baut der
+Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten
+zerfallen.
+
+Schoa schließlich, der südliche Theil Abessiniens, sendet seine nach
+Westen gehenden Ströme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus
+Guragué kommende _Hawasch_ um das Land, allein er erreicht das Rothe Meer
+nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilküste.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+_Klimatische Verhältnisse._ Unter den Tropen gelegen, von der Meeresküste
+bis zu 15,000 Fuß Höhe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die
+südliche Hitze und nordische Kälte vereinigend, bietet Abessinien auf
+seinem verhältnißmäßig beschränkten Raume alle Erscheinungen der
+ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wüste bis zu jener der
+Hochlande in seltener Fülle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so
+verschiedenen Höhenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel des
+_Klimas_, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden
+aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die
+Vegetation ein Ende nimmt. Schließt man die heißen Küstenstriche, die
+tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land
+eingerissenen Thäler, wie jenes des Takazzié, aus, so kann das Hochland
+als ein klimatisch sehr begünstigtes bezeichnet werden. Nach Rüppell sind
+die täglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang;
+starke Stürme sind eine große Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit
+hat gar keinen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit, ja während dieser
+Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen
+zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewöhnlich
+eine bewölkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate
+November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man
+sich denken kann, da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer
+fällt und die Wärme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Höhe des
+Landes nichts weniger als drückend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses
+Klima zu demjenigen des größeren Theils von Afrika, das so viele Opfer
+fordert!
+
+In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander’s finden sich über den
+Wechsel der Temperatur in Abessinien von den höchsten Berggipfeln bis zu
+den tiefsten Thälern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuß,
+folgende mittlere Werthe in Graden nach Réaumur angeführt. Zwischen 14,000
+und 13,000 Fuß: früh und Abends im Sommer + 1 bis 3°; in den Wintermonaten
+zu derselben Zeit - 3 bis - 6°; des Mittags + 3 bis 4°.
+
+Zwischen 13,000 und 12,000 Fuß: früh und Nachts 0° in den Wintermonaten;
+im November, Dezember, Januar, Februar - 1 bis 3°; Mittags + 5 bis 7°.
+
+Zwischen 12,000 und 10,000 Fuß: Morgens und Nachts + 5 bis 7°; Mittags 10
+bis 12°.
+
+Zwischen 10,000 und 8000 Fuß: Morgens und Abends + 7 bis 9°; Mittags 12
+bis 15°.
+
+Zwischen 8000 und 6000 Fuß: früh und Abends + 14 bis 18°; Mittags 20 bis
+23°.
+
+Zwischen 5000 und 3000 Fuß: früh und Abends + 24 bis 28°; Mittags 30 bis
+32°.
+
+Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer
+Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen
+oder Vegetationsgürtel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem
+vermittelnden Gliede für beide, Woina-Deka genannt. Hiernach läßt sich,
+wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander übergehen, die
+_Flora des Landes_ in drei Abtheilungen zerlegen.
+
+_Die Kola._ Kola heißt das Tiefland unter 5500 Fuß. Seine Vegetation
+zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, daß sie im
+Allgemeinen zur heißen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region
+gehören die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara,
+das Takazzié-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. „Im September
+und Oktober herrschen in diesen Flußthälern äußerst gefährliche, meist
+todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Lüfte verpestet, theils durch
+die äußerst üppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils
+durch die stagnirenden Gewässer, die nach der Regenzeit in Lachen und
+unzähligen Vertiefungen ohne Abfluß verdunsten müssen und in denen sich
+oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen
+Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jährlich dieser
+Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, daß
+der Getreidewächter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und
+gesund gelegenes Heimatsdorf zurückbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern
+mittheilt, das sich nun von da über die nächsten Ortschaften weiter
+verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, daß ganze Dörfer rein
+aussterben. Die beste Zeit in diesen tiefen Ländern fällt in die Monate
+Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer
+geheuer.“ (Zander’s Manuskript.)
+
+Gern meidet der Europäer diese fieberschwangern Thäler und Niederungen,
+oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgänglich berühren muß, wie
+z. B. das Takazziéthal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in
+die Kola eingedrungen, um dort längere Zeit zu weilen; so Munzinger in
+jene am Mareb, Rüppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar
+aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Höhe
+von 8200 Fuß auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach
+dem Atbara fließenden Gewässer trennt. Hier breitete sich vor seinen
+Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet
+durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff
+aufgethürmte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene
+Gegend erniedrigt sich allmälig und wird von mehreren beträchtlichen
+Gewässern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den
+Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait
+durchschlängelt und sich in den Salam (Nebenfluß des Atbara) ergießt. In
+der Thalniederung angelangt, marschirte er über eine wellenförmige, mit
+schönen Baumgruppen bestandene Ebene, oft überragt von zehn Fuß hohem,
+schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche
+Herden furchtbarer Büffel, kleine Familien von Elephanten, einige
+menschenscheue Rhinozeros, blutdürstige Löwen und Leoparden, verschiedene
+Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den großen gemeinschaftlichen
+Weideplätzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten
+Spuren von Elephantenfußtritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen
+ihrer verderblichen Luft von den Menschen gänzlich gemieden. Wenn während
+der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer üppig
+vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet
+wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den
+Luftzug und somit die Zertheilung der Dünste, und schon derjenige, welcher
+nur durch die Landschaft flüchtigen Fußes dahineilt, wird vom bösartigen
+Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner
+Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermögen. Die in Rede stehende Kola
+schätzt Rüppell auf 4700 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel.
+
+Betrachten wir nun die einzelnen Repräsentanten der Pflanzenwelt in diesen
+Niederungen und den sich ihnen anschließenden bergigen Gegenden bis zur
+Höhe von 5500 Fuß. Aus dem heißen ungesunden Tieflande aufwärts steigend,
+gewahren wir große gewaltige Bäume nur in den Tiefen des Thales. Die Wände
+sind zwar üppig begrünt, doch nur von kleinen Bäumen bestanden; namentlich
+wuchert die _Akazie_ empor und nur an den günstigsten Stellen treten
+andere Bäume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich die
+_Tamarinden_ mit ihren blaugrünlich schimmernden Kronen; die _Kigelien_
+mit dem herrlichen Laubgewölbe, aus welchem die großen, wurstförmigen, an
+langen, elastischen Stielen hängenden Früchte hervorschauen; der _Baobab_
+(_Adansonia digitata_), die Mimosen, welche hier zu hohen schönen Bäumen
+geworden sind, und viele andere herrliche Gewächse. Blumen aller Art,
+Gräser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten
+ohne Zahl bemächtigen sich des von den Bäumen selbst nicht in Besitz
+genommenen Erdreichs und verleihen den Wänden auf große Strecken hin
+schmückende Farben. Je höher man im Thale aufwärts steigt, um so kräftiger
+und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuß über dem Meere
+an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die prächtige
+Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen die _Oelbäume_ wesentlich
+dazu bei, diesem Gürtel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen
+letztere an und für sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, daß
+ihr Anblick unangenehm werden könnte. Ihr ungewisses Graugrün sticht
+prächtig ab von den auf große Strecken hin durch die blühende Aloë
+rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blättern und Blüten mancher
+Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Bäume. Mit dem Wachholder
+und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fuß den
+vorzüglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein
+kleiner südeuropäischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche
+Höhe von sechzig bis achtzig Fuß und einen Durchmesser von vier Fuß. Die
+erbsengroßen fleischlosen Früchte werden nicht benutzt, dagegen liefert
+der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (_T.
+indica_) erreicht eine majestätische Größe, wird aber von den Eingeborenen
+wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wüsten,
+sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (_A.
+eburnea_, _planifrons_ u. s. w.) und andere Kameeldornbäume von großer
+Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln können.
+Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen
+als Futter.
+
+Eine sehr eigenthümliche Erscheinung in der Kolaregion ist die
+papierrindige _Boswellia_ (_B. papyrifera_). Sie ist ein stattlicher Baum
+mit großen ahornartigen Blättern und kleinen rothen Blütenbüscheln.
+Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blaßgrüne glatte
+Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in großen papierdünnen
+Blättern ablöst. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher
+Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhärtet und klare
+Bernsteinfarbe annimmt.
+
+Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites,
+Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die
+langfrüchtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der
+graublätterige Uscher (_Calotropis procera_) überrascht durch seine
+ballonartigen, mit atlasglänzender Wolle gefüllten Früchte.
+
+Mehrere Euphorbia-Arten kommen in außerordentlicher Größe vor. Unter
+denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schöne,
+armleuchterartige, oft bis vierzig Fuß hohe _Kronleuchter-Euphorbie_ (_E.
+abessinica_), der _Kolqual_, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der
+zum Baum geworden ist, aber seine Regelmäßigkeit, sein eigenthümliches
+Wesen, die Fülle seiner Blätter, die gleichartige Verzweigung derselben
+beibehalten hat.
+
+ [Illustration: Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde
+ Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+ [Illustration: Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen.
+ Zeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelände und verleiht der Landschaft
+einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon
+mancher erblindet, während er andererseits als Arznei gegen
+Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum
+Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben
+fabrizirt man Schießpulver. Der Kolqual erreicht seine größte Verbreitung
+zwischen 4500 und 5000 Fuß Meereshöhe, allein er kommt selbst bis 11,000
+Fuß Höhe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist die _Sykomore_ sein
+Begleiter, der ihn aber bald verläßt. Diese Feigenart, welche von den
+Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen
+Gallas in großer Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit
+mächtigem Laubdach über ihre Umgebung hervor. Rüppell sah ein Exemplar,
+dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuß hatte. Andere Exemplare
+von vielleicht tausendjährigem Alter und einer Größe, daß eine ganze
+Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepäck in ihrem Schatten bequem
+ruhen können, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man
+Sykomoren, die, eine ganze Welt für sich bildend, so von
+Schmarotzerpflanzen überdeckt sind, daß man nur Wände von diesen, selten
+aber ein Stückchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von
+ihnen in Besitz genommenen Bäume in Lauben um, welche der Kunst jedes
+Gärtners zu spotten scheinen.
+
+Die Botaniker haben gezeigt, daß _kryptogamische Pflanzen_ in vielen ihrer
+Unterabtheilungen über die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind.
+Unter gleichen Umständen bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie
+in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden
+zu entdecken. Auch in den heißeren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man
+sich, daß selbst die ödesten, ärmsten Stellen des Gebirges begrünt und
+belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der
+Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen
+festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit
+einer Art von Mißtrauen betrachtet, namentlich die Gefäß-Kryptogamen,
+welche den Zauberern ihre hauptsächlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze
+und Boviste werden für giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr
+feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische
+Pflanze, als eine wahre Landplage, die große Zerstörungen unter den
+Vorräthen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden
+von den Bäumen herabhängende Bartflechte (_Parmelia_) sind in Abessinien
+häufig; selten dagegen die Moose. Unter den _Farrnkräutern_ finden wir
+allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium,
+Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris,
+die auch in Deutschland ihre Vertreter haben.
+
+Die _Woina-Deka_ oder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuß
+hinaufreicht, führt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die
+hauptsächlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte
+besprochen werden sollen. Die _Weinrebe_ anlangend, so fand Rüppell noch
+1832 eine große Menge Trauben zu äußerst billigen Preisen auf dem Markte
+bei der Kirche von Bada, südlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt
+etwa zehn Pfund derselben für ein Stück Salz oder dritthalb Centner für
+einen Maria-Theresia-Thaler. Die großbeerigen, blauen und sehr süßen
+Trauben (_Woin saf_) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit
+uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam nämlich der Weinstock schon zur
+Zeit der axumitischen Könige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm
+allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und
+besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiß man nichts. Der größte Theil
+der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur
+Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kräftig ist. Durch Heuglin
+wissen wir, daß im Beginn der fünfziger Jahre diese Weinstöcke durch eine
+Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind.
+
+Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen für diese Region hergab,
+keineswegs als Charakterpflanze für die Woina-Deka gelten. Statt seiner
+übernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewächse, die an Zahl, Ueppigkeit
+und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola übertreffen. Dahin
+gehört zunächst der _Wanzabaum_ (_Cordia abessinica_), der das beliebteste
+Bauholz liefert. Der Wanza wird ein großer, starker Baum, dessen Stamm oft
+vier Fuß im Durchmesser erreicht. Seine Früchte stehen in Büscheln und
+nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der
+Geschmack derselben ist sehr süß und oft sind sie die einzige Nahrung der
+Armen, wenn Hungersnoth eintritt.
+
+Der _Kuaraf_ (_Gunnera spec._), eine Artocarpee, gewinnt während der
+Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschälten Blattrippen, die ähnlich
+unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er wächst in Sümpfen und an
+Bächen, ist eine jährige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel
+entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Büschel kleiner Blüten
+trägt. Auch die häufig bis zu fünf Fuß hoch werdende Nessel wird in der
+Fastenzeit als Gemüse verspeist. An diese Pflanzen schließen sich an die
+reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (_Rumex arifolius_), dessen
+fleischige Wurzel zum Rothfärben der Butter benutzt wird. Als eine
+Nutzpflanze dieser Region muß hier ein uns allen bekanntes Gewächs
+besonders hervorgehoben werden.
+
+Nach der Tradition sollen die südabessinischen Landschaften Enarea und
+Kaffa die Urheimat des _Kaffees_ sein, wie denn auch der Name desselben
+mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa
+war der Anbau und Genuß des Kaffees untersagt, weil er das
+Lieblingsgetränk der Muhamedaner ist, und auch in Amhara trinken die
+Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza)
+am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermaßen
+ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa
+und Enarea dagegen wächst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen
+Bewohner ihn als Lieblingsgetränk betrachten und fast nur einen nominellen
+Preis für ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es
+zuzuschreiben, daß er von dort aus nicht ganz Europa überschwemmt und alle
+übrigen Sorten dort durch Güte und Billigkeit vom Markte verdrängt. Der
+kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling über
+der Erde, wird verpflanzt, bewässert und mit Schafmist gedüngt, um nach
+sechs Jahren als erwachsenes Bäumchen während der Monate März und April
+dreißig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem
+vulkanischen Gestein, in geschützten Thallagen gedeiht der acht bis zehn
+Fuß hohe, mit dunkelglänzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene
+Baum vortrefflich. Die dunkelgrünen Beeren werden zur Reifezeit roth und
+umschließen mit milchweißem Fleische die Samen. Nachdem sie geschüttelt
+und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind
+das Geschäft des Reinigens von den dürren Schalen übernimmt, das
+gewöhnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch,
+welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird
+das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit
+und Unsicherheit der Straßen, die nach dem Meere führen, und durch die
+Abgaben, welche an alle kleinen Häuptlinge im Danakillande gezahlt werden
+müssen, ehe die Karawane die Seehäfen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was
+den Geschmack des südabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern
+Kenner, daß er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch
+vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich
+wegen der Unsicherheit der Karawanenstraßen ist so leicht nicht daran zu
+denken, daß Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen
+Produkte auf unsern Märkten verdrängen wird.
+
+Die _Lilien_, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen
+Blütenschmuck überziehen, gelten als vorzügliche Charakterpflanzen
+Abessiniens. Aber nur die eßbaren Arten werden kultivirt, da Ziergärten
+den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Während die Spargelarten und
+die Aloë trockene, wüste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen Wiesen
+_Commelina africana_ und _Tradescentia_ das Auge, deren „Vogeleier“
+genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schließen
+sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen,
+hellgrünen Blättern und schöngestalteten Blütenähren leuchtet aus den
+grünen Wiesen _Obitus abessinica_ hervor, während unter den Spargeln der
+kletternde _Asparagus retrofractus_ Erwähnung verdient, dessen in das Haar
+des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, daß der Träger ein wildes
+Thier erfolgreich bekämpft hat.
+
+_Orchideen_ giebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsächlichster
+Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzende
+_Epidendrum capense_. Aus der Gruppe der _Pisange_ sind die gemeine Banane
+(_Musa paradisica_) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu
+erwähnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. Die _Palmen_
+haben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Küstenlandschaften
+des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer
+Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und
+Fächerpalme.
+
+ [Illustration: _Obitus abessinica_. Nach Lejean.]
+
+Die Teich- oder Seerosen sind spärlich vertreten; ebenso die
+Aristolochien, von denen _A. bracteata_ gegen die Wunden vergifteter
+Pfeile angewandt wird. Reichlich auftretend bilden die _Nadelhölzer_ den
+Stolz der abessinischen Wälder; in den nördlichen Hochlanden gedeiht die
+Cederfichte, während weiter landeinwärts schöne _Ded-_ oder
+_Wachholderbäume_ (_Juniperus excelsa_) die Kirchen und Friedhöfe mit
+ihren düstern, aber hochaufstrebenden Kronen beschatten. Kaum einem
+Gotteshaus im ganzen Lande fehlt der Schmuck dieser bis zu 100 Fuß hohen
+Bäume, deren Stamm am Fußende vier bis fünf Schuh im Durchmesser erreicht.
+Fast in der Form einer Pyramide wachsend, wirft dieser Baum stets die
+unteren Aeste ab, die im rechten Winkel vom Stamme ausgehen, sodaß etwa
+zwei Drittel desselben des grünen Schmuckes beraubt sind; die Krone ist
+immer pyramidenförmig, wenn auch nie dicht. Das Holz, wenn auch keineswegs
+gut und dauerhaft, wird doch zu Balken bei Kirchenbauten und in
+Ermangelung anderer Holzarten als Brennholz gebraucht. Das Harz wird nicht
+benutzt; mit den Zweigen schmückt man jedoch die Leichen, bevor sie in die
+Gruft gesenkt werden.
+
+Die niedrige, in den Hochgebirgslandschaften herrschende Temperatur
+verhindert keineswegs die kräftige Entwicklung der _Feigenarten_, die in
+ihrem ganzen Habitus den strengsten Gegensatz zu den Nadelhölzern bilden.
+Der _Schoala_, eine Art von Banyane mit breiten, eiförmigen, zugespitzten
+und gesägten Blättern, mit Fruchttrauben, die nur am Stamme und den
+Hauptästen sitzen, erreicht oft einen Durchmesser von sieben Fuß, bei
+einer Höhe von 40 Fuß. Seine Wurzeln ragen über den Boden empor; doch
+fehlen ihm alle Zweigwurzeln. Da er bei seiner Ausdehnung keinen geringen
+Raum einnimmt, steht er gewöhnlich allein oder am Rande der Wälder, in
+seinem tiefen Schatten alle andern Gewächse erdrückend. Die braunen,
+taubeneigroßen Früchte werden vom Volke in Zeiten der Noth gegessen.
+
+Unter den polypetalen Gymnoblasten, in welchen das Pflanzenreich in
+Gestalt und Farbe den höchsten Grad seiner Vollkommenheit erreicht hat,
+fehlen gerade einige der wichtigsten Familien in der abessinischen Flora.
+Aepfel, Birnen, Mandeln – überhaupt die Pomaceen und Amygdaleen sind so
+schwach vertreten, daß man in der That einen höchst auffallenden Mangel an
+Fruchtbäumen, wilden und kultivirten, dort empfindet. Die Berberitze
+liefert gelben Farbstoff zu Trauerkleidern; das Hirtentäschchen (_Thlaspi
+bursa pastoris_), dieses kosmopolitische Unkraut, folgt der Agrikultur in
+Abessinien so gut wie in Europa; der schwarze Senf wächst wild und dient
+als Zusatz zu den ohnehin scharfen Pfeffersaucen; Kürbisse, welche
+Flaschen liefern, afrikanische Gurken und Koloquinten wachsen an dürren
+Stellen, letztere namentlich in der Samhara und der heißen Küstenzone. Die
+Samen der _Phytolacca abessinica_ (Septe oder Endott) dienen statt der
+Seife, und die getrockneten Blätter der _Callanchoë verna_ werden von
+Schwindsüchtigen statt des Tabaks geraucht.
+
+Wir fügen hier die Citronen an, die in den königlichen Fruchtgärten gebaut
+werden oder in den tieferen Lagen wild wachsen; die Brombeeren (_Rubus
+pinnatus_), welche die besten aller wildwachsenden Früchte liefern, und
+die gleichfalls als Nahrung dienende Hagebutte (_Rosa abessinica_).
+
+Während der schwarze Pfeffer, die unentbehrliche Zuthat zu allen
+abessinischen Speisen, eingeführt und theuer bezahlt wird, kultivirt man
+den allerdings botanisch ihm fernstehenden rothen Pfeffer (_Capsicum
+frutescens_) in den Tieflanden sehr sorgfältig. Von den übrigen Solaneen
+wird der Tabak eingeführt; vom Umboistrauch (_Solanum marginatum_) benutzt
+man die Samen, um damit die Fische zu betäuben, welche nichtsdestoweniger
+eßbar bleiben; der rothe Saft einer Tollkirsche (_Atropa arborea_) dient
+zum Färben der Nägel bei den abessinischen Damen, und die narkotischen
+Eigenschaften des Stechapfels (_Datura __Strammonium_) sind den Zauberern
+und Diebsentdeckern wohlbekannt, da sie durch Verbrennen des Laubes die
+Leute betäuben. Gefährlich für kleine Thiere ist eine giftige Asclepiadee
+(_Kannahia laniflora_), die an den Ufern der meisten abessinischen
+Gewässer vorkommt, nur mit dem Unterschiede, daß sie, je nach den
+verschiedenen Distrikten, in ganz entgegengesetzter Jahreszeit blüht. In
+den Küstenthälern unfern Massaua findet die Entwicklungsperiode ihrer
+vortrefflich duftenden Blume im Mai statt; bei Gondar dagegen blüht die
+Pflanze im Oktober. Merkwürdig ist die tödtlich-betäubende Eigenschaft,
+welche ihr verführerischer Geruch oder süßer Nektarsaft auf verschiedene
+Insekten ausübt; denn nur ihm kann man es zuschreiben, daß in dem Kelche
+der meisten Blüten sich todte Wespen, Käfer u. s. w. finden.
+
+Durch zahlreiche Repräsentanten sind die Familien der Kontorten, Rubiaceen
+und Ligustrineen vertreten. Am hervorragendsten sind eine Aasblume
+(_Stapelia pulvinata_) und _Calotropis gigantea_. Die erstere hat einen
+fleischigen, viereckigen und zwei Fuß hohen Stengel, dem man, wenn er
+seine Blüten entfaltet, wegen des üblen Geruches jedoch nicht zu nahen
+vermag; die letztere liefert gute Kohle zu Schießpulver.
+
+_Die Deka_ nimmt ihrer Ausdehnung nach den größten Theil Abessiniens ein.
+Sie reicht von 7500 Fuß bis zur Vegetationsgrenze bei 13,000 Fuß. Bis zu
+12,000 Fuß Höhe gedeihen noch mehrere Getreidearten und bis 11,000 Fuß
+findet man den _Kussobaum_ (_Brayera anthelmintica_), der als Wahrzeichen
+des Landes gelten kann. Wegen der Schönheit seines Wuchses und seiner
+Brauchbarkeit wird er allgemein geschätzt; denn infolge des rohen
+Fleischgenusses sind die Abessinier sehr stark von Eingeweidewürmern
+(_Taenia_ und _Strongilus_) geplagt, gegen welche sie sich regelmäßig und
+zwar meist allmonatlich einer Abkochung der Kussoblüten bedienen. Drei
+Loth der getrockneten Blüten mit Wasser gekocht und getrunken, reinigen
+den Körper auf eine merkwürdig schnelle und sichere Weise von den
+gefräßigen Schmarotzern; indessen ist die dadurch bewirkte Befreiung nur
+eine vorübergehende und keine Heilung des Uebels. Der Kussobaum erreicht
+eine Höhe von fünfzig bis sechzig Fuß und verleiht mit seinen
+weitausgedehnten und dichtbelaubten Zweigen dem Wanderer kühlen Schatten;
+jedoch soll es gefährlich sein, zur Blütezeit unter ihm zu schlafen; so
+berichtet wenigstens Isenberg.
+
+In Schoa wird unter Kusso die _Hagenia abessinica_ verstanden, die
+gleichfalls wurmtreibend wirkt. Als eine abessinische Charakterpflanze
+verdient die _stachelige Kugeldistel_ (_Echinops horridus_), die bis zu
+zehn Fuß Höhe erreicht, hervorgehoben zu werden. Es ist eine stattliche
+Staude mit straff aufstehenden Stengeln, dornig gezähnten Blättern und
+runden Blütenköpfen, aus denen Dornen hervorragen. Neben ihr finden wir
+eine andere nicht minder auffällige Art, die riesige Kugeldistel
+(_Echinops giganteus_), deren kopfgroße Blüten auf 15 Fuß hohem Stengel
+stehen; beide Arten steigen bis zu 13,000 Fuß an.
+
+Wir sind nun allmälig hinaufgelangt in die höchsten Regionen der Deka. Die
+Hochbäume erscheinen immer spärlicher und finden sich vorzüglich noch
+längs den Ufern der Wildbäche und Schluchten, die dornigen Akazien und
+Pterolobien sind verschwunden. Vor uns liegen Alpenmatten mit tausenden
+von kleinen, schön blühenden Alpenpflanzen bedeckt, unter denen sich
+blaublühende Salbeiarten besonders auszeichnen. Daneben stehen Senecionen
+und der fiebervertreibende _Celastrus obscurus_, die _Primula semiensis_.
+Ueber diesen erheben sich Sträucher, besonders Hypericum und Cytisus. Den
+europäischen Eindruck, welchen diese Pflanzen etwa hervorbringen können,
+vertreiben die _baumartigen Eriken_ oder Zachdi (_Erica arborea_), die bis
+zu 30 Fuß heranwachsen und einen 1½ Fuß im Durchmesser haltenden Stamm
+besitzen, dessen Holz eine vorzügliche Schmiedekohle liefert, während die
+reiche weiße Blütenfülle den süßesten Honigseim den Bienen darbietet.
+Jetzt aber entwickelt sich vor unsern erstaunten Blicken in der Höhe von
+12,000 Fuß ein neues, überraschendes Bild, eine Pflanze tritt auf, die für
+den Charakter ihres Bereichs bestimmend ist, die _Dschibarra_
+(_Rhynchopetalum montanum_). Diese Lobeliacee überrascht den Wanderer in
+den kalten Hochgebirgen an der äußersten Grenze der Vegetation mit einer
+dort gewiß von ihm nicht gesuchten Form: nämlich der der Palme. Auf einem
+hohlen, etwa acht bis zehn Fuß hohen benarbten und armdicken Markstengel
+mit einer Krone von großen, überhängenden, lanzettförmigen Blättern erhebt
+sich eine fünf Fuß lange Blütenähre, deren einzelne bläuliche Knospen der
+Blüte des Löwenmauls ähneln. Für Feuerung oder sonstigen technischen
+Gebrauch untauglich, dient der lange hohle Markstengel der Jugend zur
+Anfertigung von Schalmeien. Sobald die Dschibarra abgeblüht hat, knickt
+der Stengel um und die Pflanze stirbt. Auf ihren Blütenschossen wiegt sich
+paarweise die einzige Glanzdrossel (_Oligomydrus tenuirostris_), die in
+diesen Gegenden lebt und die feinen Dschibarrasamen allen übrigen
+vorzuziehen scheint. Drei bis vier Stunden Marsch führen uns aus dem
+tropischen Walde auf diese mit Dschibarra bewachsenen Alpenflächen, über
+denen nur noch wenige kahle Felsgipfel auf etwa 1000 Fuß relative Höhe in
+die Wolken ragen; drunten haust die flüchtige Gazelle, Meerkatzen necken
+sich in den Hochbäumen; hier aber setzt kühn der Springbock (_Oreotragus
+saltatrix_) über die Felsen, grast friedlich der Steinbock (_Ibex Walia_)
+und warnt durch einen gellenden Ruf seine Herde vor der herannahenden
+Gefahr; Alpenkrähen umschwärmen geschwätzig und in rauschendem Fluge die
+höchsten Felsen und drüber schwebt in weiten Kreisen der König der Alpen,
+der Lämmergeier. Auch die gefleckte Hyäne steigt bis in diese Höhen,
+seltener der Leopard und ein Fuchs (_Canis semiensis_), der ausschließlich
+von den äußerst zahlreich hier hausenden Ratten und Mäusen lebt. Auch
+Tauben (_Columba albitorques_) schwärmen in großen Flügen in diesen
+höchsten abessinischen Alpengegenden umher.
+
+_Die Fauna Abessiniens._ Fast noch reicheren Stoff als die Pflanzenwelt
+bietet dem Beobachter die _Thierwelt_ Abessiniens dar. Nicht genügend
+erforscht sind die niederen Thierklassen, unter denen auch wenige
+Mitglieder ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. Von der Plage der
+Eingeweidewürmer und ihrer Vertreibung durch Kusso war bereits die Rede;
+die höher stehenden Insekten treten im Hochlande nur in der wärmeren
+Jahreszeit in großen Mengen auf, werden aber durch die kalten Regen wieder
+in die tiefer liegenden Gegenden getrieben. Die _Heuschrecken_, amharisch
+Anbasa, richten oft großen Schaden an, wie in den andern Nilländern auch.
+
+ [Illustration: Die riesige Kugeldistel. Originalzeichnung von E.
+ Zander.]
+
+Ihr plötzliches Verschwinden wird in der Regel der gnädigen Fürsprache der
+Heiligen zugeschrieben und diesen daher ein Dankopfer gebracht. Die
+Wanderheuschrecke dehnt ihre Züge bis hoch in die Gebirgsgegenden aus.
+Rüppell fand das Land am Takazzié von Myriaden dieser Thiere geradezu
+abgefressen. Der Boden der ganzen Gegend war buchstäblich von ihnen
+bedeckt. Er fügt hinzu: „Wenn übrigens manche Reisende von einer
+Verdunkelung des Sonnenglanzes durch Heuschreckenzüge reden, so ist diese
+Erscheinung lediglich auf die gleichzeitige dunstige und staubige
+Atmosphäre zu beziehen und nicht der vermeintlich so ungeheuren Menge von
+Heuschrecken zuzuschreiben, deren Wandern allein durch schwülen südlichen
+Luftzug veranlaßt wird. Der ganze Boden schien mit diesen Thieren
+überdeckt zu sein, bei genauem Zählen aber fanden sich nur etwa 12 bis 30
+Heuschrecken in dem Raume eines Quadratfußes“. Die christlichen Abessinier
+essen die Heuschrecken nicht; sie betrachten sie als verbotene Speise und
+unter den Muhamedanern bequemen sich nur arme Leute zu dieser Nahrung. Ein
+nützliches, allgemein gepflegtes und in Bienenkörben gezüchtetes Insekt
+ist die _ägyptische Honigbiene_, von der große Mengen des süßen Seims
+gewonnen und zu dem landesüblichen Meth benutzt werden. Es giebt auch eine
+kleinere wilde Biene, die in Erdlöchern ihre Baue aufschlägt und einen
+Dasma genannten Honig liefert, der als Medikament sehr geschätzt ist.
+Diese Dasma wirkt leicht abführend, hat eine röthlichere Farbe als
+gewöhnlicher Honig und einen bittern Nachgeschmack. In Gegenden, wo die
+Bienen viel Honig von Kronleuchtereuphorbien und andern giftigen Pflanzen
+sammeln, wirkt derselbe selbst im Meth sehr nachtheilig auf die
+Gesundheit, er erzeugt Schwindel, Kopfschmerzen, Erbrechen und andere
+Symptome einer leichten Vergiftung. Fliegen und Moskitos kommen wol in den
+kühlern Hochlanden vor, werden jedoch nicht zur Landplage, in der Weise
+wie die Flöhe. Die schwarze Ameise, welche sich wasserdichte Wohnungen
+gegen den Regen baut, wird dem Menschen oft lästig, während die Termiten
+nur selten in die Häuser dringen und meist unter losen Steinen ihre
+kleinen Kolonien anlegen. _Käfer_, amharisch Densissa, sind in großer
+Menge vorhanden, besonders die Koth- und Pillenkäfer, die man auch in
+Aegypten antrifft. _Spinnen_ und _Skorpione_ werden als unrein gemieden
+und vernichtet.
+
+_Fische_ sind im Hochlande Abessiniens nicht allzu häufig, um genügende
+Fastenspeise liefern zu können. Der Takazzié allein ist besonders reich an
+großschuppigen, olivengrauen Karpfenarten mit lebhaft wachsgelben Flossen
+und enthält einen Heterobranchus von enormer Größe, welcher mit der Angel
+gefangen oder mit abessinischem Fischgift betäubt wird. In Atbara kommt
+ein Wels vor, der schöne Hausenblase liefert, welche jedoch nicht
+eingesammelt wird.
+
+Die _Amphibien_ sind Gegenstände des Abscheus und des Aberglaubens. Die
+Schlangen der Hochlande sind klein und nicht giftig, doch sehr gefürchtet;
+in der Kola, sowie in den Küstengegenden fehlen jedoch große Pythonarten
+und giftige Exemplare keineswegs. In den Niederungen werden auch
+Schildkröten gefunden, unter denen die große _Geochelone senegalensis_
+hervorragt; im Anseba-Gebiet und in Schoa kommt eine Cinixys in vielen
+Sümpfen und Bächen vor, und die _Pentonyx Gehafie_ steigt überall aus dem
+Tieflande bis zu 8000 Fuß empor. Neben diesen gepanzerten Amphibien sind
+die Krokodile (Aso) namentlich in der Kola sehr häufig; im Setit, Atbara
+und Mareb werden sie von den Eingeborenen harpunirt und ihr
+moschusduftendes Fleisch verzehrt. Fälschlich jedoch hat man ihr Vorkommen
+im Tanasee behauptet. Sonst sind unter den Sauriern noch zu nennen der
+Skink (_Scincus officinalis_), das Chamäleon, der Gekko und _Stellio
+cyanogaster_ als Gesellschafter der Klippdachse. Die Warneidechse
+(_Varanus niloticus_) ist auch in Abessinien häufig und hat hier ihren
+einheimischen Namen, Angoba, auf viele Flüsse übertragen.
+
+Schwer hält es, bei dem großen Reichthum der verschiedenen Arten
+abessinischer _Vögel_, welche sich dem Auge des Forschers zeigen, einen
+Ueberblick nur der wichtigsten zu geben und eine Auswahl aus der Menge
+dieser prachtvoll gefärbten, eigenthümlich gestalteten und hinsichtlich
+ihrer Lebensweise merkwürdigen Geschöpfe zu treffen. Aber gerade auf dem
+Gebiete der Ornithologie Abessiniens ist von Rüppell, Heuglin, Brehm
+Vorzügliches geleistet worden, sodaß man wohl behaupten darf, besser als
+das Pflanzenreich und die übrigen Klassen des Thierreichs sei die
+Vogelwelt der „afrikanischen Schweiz“ durchforscht.
+
+ [Illustration: Wanderheuschrecke.]
+
+Es giebt wol kein zweites Land, das so reich an _Tag-Raubvögeln_ ist wie
+Abessinien. Vermöge der höhern Lage der Plateaux bieten sich in den
+Felspartien günstige Lebensbedingungen für Adler, Geier und Falken, die
+hier ihre Horst- und Zufluchtsstätten finden. Die Vegetation prangt in
+außerordentlicher Fülle; in allen Thälern und Schluchten sprudeln
+Gebirgswasser; im dichten Gestrüpp und in den Gräsern hausen Reptilien in
+Menge, von der Pythonschlange und Naja bis zur kleinsten Baumschlange
+herab; Schildkröten weiden gemüthlich an Hecken und Teichen; an
+Säugethieren von der Größe der Feldmaus aufwärts ist Ueberfluß vorhanden,
+während schattige, fast undurchdringliche Waldpartien, abgelegene
+Schluchten, die selten eines Menschen Fuß betritt, und fast unersteigliche
+Felsen und kolossale Hochbäume den Raubvögeln jeden Schutz und Schirm
+gewähren. Da horstet denn der mächtige _Gyps Rüppellii_, der gemeine
+ostabessinische Mönchsgeier (_Neophron pileatus_), der Schmuzgeier (_N.
+percnopterus_), der Bartgeier (_Gypaëtos meridionalis_) und Schlangenadler
+(_Gypogeranus serpentarius_), die viele Schlangen verzehren und mäßig
+starke Wüstenschildkröten mit einem Schlag ihrer starken Fänge
+zerschmettern. Zahlreiche Weihen, Milane, Falken und Sperber machen den
+Beschluß der Tagraubvögel. Der unreinliche Mensch giebt den Schmuzgeiern
+tagtäglich neue Nahrung und damit neue Beschäftigung; deshalb vermißt man
+diese wohlthätigen Vögel an keinem Orte. Sie folgen den Herden wie den
+Handelszügen, umschweben die Dörfer und Schlachtplätze und räumen schnell
+allen Unrath auf. Der große, von Brehm zuerst genau beschriebene
+Rüppell’sche Aasgeier erscheint erst dann, wenn irgend ein Aas ihn
+heranlockt. In ungemessenen Höhen, wohin ihm des Menschen Auge nicht zu
+folgen vermag, zieht er dahin; aber sein Auge beherrscht ein weites Gebiet
+und die mächtigen Schwingen tragen ihn schnell nach dem Orte, wo ein Stück
+Wild verendet oder einem Schaf die Kehle durchschnitten wird. Kaum fließt
+das Blut, so ist auch der Aasgeier da; reiche Beute aber wird ihm zu
+Theil, wenn das Land weit und breit mit Menschenleichen übersäet ist, wenn
+die grausamen Bürgerkriege wüthen und den Zug der Heere gefallene Rinder
+und Schafe bezeichnen. Wo er erscheint, da fehlen auch selten seine
+kleineren Verwandten, der Schopf- und der Ohrengeier (_Vultur occipitalis_
+und _V. auricularis_). Unter den Adlern begleitet der Augur, ein naher
+Verwandter unsers Bussards, den Zug der Reisenden, während der
+„_Himmelsaffe_“ oder Gaukler (_Helotarsus ecaudatus_) sowol durch die
+Kühnheit seines Fluges, als durch die Schönheit seines Gefieders jeden
+Beschauer in Entzücken versetzt. Unter allen Raubvögeln ist er der
+stolzeste Flieger: er jagt förmlich durch die Luft. Nur während des Fluges
+zeigt er seine volle Schönheit. Sitzend bläht er die Federn auf, sträubt
+Kopffedern und Halskrause und gestaltet sich in einen Federklumpen um.
+Eine der häufigsten Erscheinungen ist der Schmarotzer-Milan (_Milvus
+parasiticus_), dessen scharfem Auge nichts entgeht und der durch seine
+Allgegenwart an den Schlachtplätzen, wo kein Stückchen Fleisch vor ihm
+sicher ist, sich lästig macht oder durch die größte Frechheit, mit welcher
+er dem Menschen das Fleisch fast unter den Händen wegzieht, diese in
+Erstaunen versetzt. Auch der Singhabicht (_Melierax polyzonus_) kommt
+südlich vom 17. Grade in allen Steppenwaldungen häufig vor; er verweilt am
+liebsten auf einzelnstehenden Bäumen, hat jedoch keinen besonders schönen
+Flug und giebt ein langgezogenes, eintöniges Pfeifen, keineswegs aber
+einen melodischen Gesang von sich. Seine Hauptnahrung besteht in Insekten,
+vorzugsweise aber in Heuschrecken, an denen Abessinien eben nicht arm ist.
+Unsere Weihen vertritt der in Nordostafrika häufige Steppenweih (_Circus
+pallidus_); er meidet jedoch das Gebirge und zieht die breiten Niederungen
+mit kurzem Gestrüpp vor, aus welchem er auf kluge Weise das kleine
+Geflügel aufscheucht.
+
+Unter den _Eulen_ finden wir unsere Schleiereule und den Kauz, die
+kurzöhrige Eule (_Otus brachyotus_) und die Zwergohreule (_Ephialtes
+Scops_). Im Gebirge haust ein Uhu (_Bubo cinerascens_), der zu den
+gemeinsten Eulen gehört. Dieser Uhu horstet am liebsten auf Bäumen und
+wird nicht wie unsere europäische Art von kleinern Vögeln verfolgt. In den
+Steppen wie im Gebirge trifft man auf die Ziegenmelker (Caprimulgusarten),
+jene unheimlichen Vögel mit leisem Fluge und eigenthümlichem Nachtgesange.
+Gleich großen Nachtfaltern umschweben sie die Wipfel der Bäume und die
+Dächer der Häuser, um ihrer Kerbthierjagd nachzugehen.
+
+Reich vertreten sind die _schwalbenartigen Vögel_ (_Hirundo_, _Cypselus_).
+Die meisten derselben sind auch hier Zugvögel und kommen vor Beginn der
+Regenzeit, im Mai und Juni, um zu brüten.
+
+ [Illustration: Abessinische Vögel. Originalzeichnung von Robert
+ Kretschmer.
+ Hornvogel. Ohrengeier. Webervögel.
+ Schmuzgeier. Eisvogel.
+ Hornrabe. Schlangenadler. Schattenvogel.]
+
+Die Hausschwalbe ist _Hirundo_ oder _Cecrops rufifrons_; sie erscheint
+kurz vor den Sommerregen und beginnt, sobald diese letzteren die Erde
+etwas erweicht haben, aus Lehm ein sehr solides, rundes Nest zu bauen, das
+sie mit der Basis auf Dachsparren aufsetzt, nicht seitwärts anklebt wie
+unsere Schwalbe. Sie macht zwei bis drei Bruten und verläßt die Höhen erst
+im Dezember. – Durch schönen Flug zeichnet sich der abessinische Segler
+(_Cypselus abessinicus_) aus, der in den Bäumen nistet; er ist ein
+ausgezeichneter Flieger, wie alle seines Geschlechtes. An manchen Stellen
+vertritt ihn die Felsenschwalbe (_Cotyle obsoleta_), die ihr Nest in den
+Ritzen und Spalten der Felsen baut, doch nur an solchen Orten, wo die
+räuberischen Affen nicht hingelangen können.
+
+Prächtig gefärbte Bewohner Abessiniens sind neben der Mandelkrähe
+(_Coracias abessinicus_) und dem Eisvogel (_Ispidina cyanotis_) vor allen
+andern die _Bienenfresser_ (_Merops Lafrenayi_) und die Narina (_Trogon
+Narina_), die lautlos über den Mimosenbüschen dahinschwebt, die
+Schmetterlinge oder andere Insekten fängt und durch ihr glänzendes
+Gefieder das Auge des Beobachters erfreut. Ihnen schließt sich der
+Wiedehopf (_Upupa_) an, der neben den Aasgeiern fleißig allen Unrath
+wegräumt und mit Recht in keinem guten Geruche steht. Seine Verwandten
+sind die Baumwiedehopfe (_Promerops erythrorhynchus_), die in
+Gesellschaften gleich Spechten auf den Bäumen umherklettern, die Ameisen
+aufsuchen und von dieser Nahrung einen durchdringenden Geruch annehmen.
+Den Kolibri vertreten in Abessinien die metallglänzenden _Honigsauger_
+(_Nectarinia metallica_, _abessinica_, _affinis_), welche von den Arabern
+„Abu Risch“, Federträger, genannt werden und als die ersten Tropenvögel in
+Nordostafrika auftreten, auf welche man, aus kälteren Gegenden kommend,
+stößt. Die reizenden Vögelchen leben meist paarweise auf den Mimosen und
+ziehen im brennenden Sonnenstrahle von Blüte zu Blüte, um dort Insekten zu
+fangen, zu singen, die Federn zu sträuben, den Schwanz zu heben und das
+glänzende Gefieder im Sonnenlichte glänzen zu lassen.
+
+Keineswegs fehlt es Abessinien an Sang und Klang in der Vogelwelt; neben
+dem glänzenden Gefieder findet auch der melodische Schmelz der Töne seine
+Vertretung. Im Rohre schmettert fröhlich der Buschschlüpfer (_Drymoica
+rufifrons_) oder die Caricola (_C. cisticola_), an welche sich die
+abessinische Baumnachtigall (_Aedon minor_) anschließt, die schon dem
+Wanderer entgegenschlägt, wenn er, vom Rothen Meere kommend, bei Massaua
+seinen Fuß ans Gestade setzt. An Steinschmätzern (Saxicola-Arten),
+Vertretern unserer Drosseln (_Thamnolaea_), Bachstelzen (_Motacilla alba_
+und _flava_) ist kein Mangel. Zu letztern, uns aus der Heimat bekannten
+Arten gesellen sich die verwandten Schafstelzen (_Budytes_), niedliche
+Vögel, welche in großer Zahl den Herden folgen, deren treueste Begleiter
+sind und diesen das Ungeziefer ablesen. Im Hochgebirge, namentlich in
+Semién, lebt eine Drossel (_Turdus simensis_), welche unsrer Singdrossel
+sehr ähnelt, neben der als regelmäßige Wintergäste die Steindrosseln
+(_Petrocincla saxatilis_) erscheinen. Als guter Sänger wird der von
+Lichtenstein entdeckte Droßling (_Picnonotus Arsinoë_) bald der Liebling
+aller Reisenden, vor denen er sich durchaus nicht scheut. Anschließend
+hieran erwähnen wir aus der Familie der Fliegenfänger den Paradiesfänger
+(_Tchitrea melanogastra_), den Würgerschnäpper (_Dicrourus_), die
+zahlreich vertretenen Würger (_Lanius_) und unsre Nebelkrähe, die als
+Wintergast nach Abessinien kommt. Diese trifft als Verwandte hier den
+Wüstenraben (_Corax umbrinus_), ein Mittelglied zwischen Rabe und Krähe,
+der aber nicht blos in der Wüste vorkommt, sondern auch die Flecken und
+Dörfer besucht, wo er den Hunden und Geiern das Aas streitig macht,
+während er draußen nach Früchten, am Strande nach Muscheln sucht und eben
+Alles verschlingt, was sich ihm darbietet. Ein echter Gebirgsvogel ist der
+kurzschwänzige Rabe (_Corvus affinis_), der bis zu 11,000 Fuß aufsteigt
+und dort in großen Scharen weilt. Durch seinen kurzen Schwanz macht er
+sich vor allen Verwandten leicht kenntlich; er vertritt in Abessinien
+unsern Kolkraben, lebt nur paarweise und bedeckt Abends, wenn er zur Rast
+geht, oft große Felsblöcke. Die Staare sind durch mehrere Geschlechter,
+die dohlenartigen Felsenstaare (_Ptilonorhynchus_), Glanzdrosseln
+(_Lamprocolius_) und Glanzelstern (_Lamprotornis_) vertreten. Bei Weitem
+der interessanteste Vogel aus dieser Familie ist aber der afrikanische
+_Madenhacker_ (_Buphaga erythrorhyncha_), der von der Südspitze Afrika’s
+an bis nach Abessinien hinein vorkommt und der treueste Begleiter der
+Herden ist, sodaß es scheint, als könnten Rinder, Kameele, Pferde kaum
+ohne ihn leben. Da wo diese wunde Stellen haben, in welche die Fliegen
+ihre Eier legen, aus denen die Maden entstehen, erscheint auch die
+Buphaga, klettert an dem Thiere herum, wie ein Specht am Baume und sucht
+ihm die Maden ab. Das Thier kennt seinen Wohlthäter recht gut, aber die
+Abessinier hassen den Madenhacker, weil sie glauben, daß er durch sein
+Picken die aufgeriebenen Stellen reize.
+
+Die _finkenartigen Vögel_ kommen gleichfalls in großer Menge vor.
+Reichlich treffen wir vorzüglich Amadina, Vidua, Estrelda, Serinus, alles
+gute Sänger, während der _Weber_ (_Textor alecto_) nur einen
+drosselartigen Ruf und unschönes Gezwitscher ertönen läßt. Dafür baut er
+aber ein zusammenhängendes Nest, in dem ganze Gesellschaften brüten. Es
+besteht aus dürrem Reisig, von dem eine große Masse, oft von 5 bis 8 Fuß
+Länge und 3 bis 5 Fuß Breite und Höhe, zwischen tauglichen Astgabeln der
+Baobab-Bäume aufgehäuft wird. In einem solchen sind 3 bis 8 Nester tief im
+Innern angelegt und diese mit feinem Gras und Federn ausgefüttert. Die
+Farbe der Eier wechselt zwischen rein weiß, roth, grün, braun mit allen
+möglichen Zeichnungen, sodaß man glaubt, Eier verschiedener Arten vor sich
+zu haben. Der Eingang zu dem unordentlichen Neste ist im Anfange so groß,
+daß man bequem mit der Faust eindringen kann, verengert sich aber und geht
+in einen Kanal über, gerade für den Vogel passend. Durch prachtvollen
+Federschmuck sind die Witwen (_Viduae_) ausgezeichnet, und leicht
+unterscheidet man das Männchen durch seine langen, am Fluge hindernden
+Schwanzfedern von dem Weibchen. Hat es aber im Winter das prächtige
+Gefieder abgelegt, dann fliegt es leicht dahin, ähnlich wie unsere Ammern.
+Als Haussperling tritt, unserm Spatz das Recht streitig machend, in
+Nordostafrika der rothrückige Sperling (_Passer rufidorsalis_) auf, dessen
+Sitten und Lebensweise ganz die unseres Haussperlings sind, nur ist er
+schöner gefärbt. Gemein, wie bei uns, ist auch in Abessinien die
+Haubenlerche (_Galerita abessinica_), welcher sich als Verwandte die
+seltenere Wüstenammerlerche (_Ammomanes deserti_) anschließt.
+
+Haben wir bisher viele, unsern europäischen Arten verwandte Vögel
+gefunden, so treffen wir in der folgenden Familie, jener der
+Pisangfresser, durchaus auf fremdartige Gestalten. Da sind zunächst die
+Mäusevögel (_Colius_), die in dichten Büschen leben, durch die schmalsten
+Oeffnungen der Verzweigungen sich zwängen und im Klettern eine große
+Geschicklichkeit entwickeln. Der von Rüppell entdeckte Helmvogel
+(_Corythaix leucotis_) tritt erst da auf, wo die Kronleuchter-Euphorbie
+beginnt; er ist ein prächtiger, rastloser, unsern Hehern im Betragen
+ähnlicher Geselle, der die Sykomoren, Tamarinden und Aloëpflanzen gern
+besucht und auf diesen sich in großer Anzahl sammelt. Der eigentliche
+Pisangfresser (_Schizorhis zonurus_), der sich durch ein affenartiges
+Geschrei auszeichnet, hat Vieles mit seinen Verwandten, den Nashornvögeln
+überein, von denen mehrere kleine Arten (_Tockus erythrorhynchus_ und
+_nasutus_) häufige Bewohner der Steppen und des Urwaldes sind. Je mehr man
+in das Gebirge kommt, desto häufiger werden sie, desto öfter vernimmt man
+ihren charakteristischen Ruf. Weit größer als die nur anderthalb Fuß
+langen Nashornvögel, aber auch seltener sind die kräftigen, fast 4 Fuß
+langen, sehr scheuen Hornraben (_Bucorax abessinicus_).
+
+Wenig ist aus der Ordnung der Klettervögel zu berichten. Die Papageien
+finden im abessinischen Gebirge keineswegs, wie in ganz Afrika, ergiebigen
+Boden, obgleich einige Arten von ihnen vorkommen. So liebt der
+Zwergpapagei (_Psittacula Tarantae_) die Kolkwal-Euphorbie, auf welcher er
+häufig anzutreffen ist, der Halsbandpapagei (_Palaeornis torquatus_) aber
+dichte Wälder, in welchen er in großen Familien und Flügen gewöhnlich mit
+den Affen zusammen erscheint. Die Bartvögel (_Pogonias Saltii_) kommen nur
+einzeln im dichtesten Gebüsche vor und sind still, bis auf den Perlvogel
+(_Trachyphonus margaritatus_), welcher im Verein mit dem Weibchen einen
+lustigen Gesang vorträgt und die Gärten der Dörfer belebt. Die Spechte
+treten nur als kleine Baumspechte (_Dendropicus Hemprichii_) auf.
+
+Unter den _Kukuksarten_ spielt der _Honigvogel_ eine große Rolle in der
+Ornithologie der Abessinier; obgleich selten vorkommend, kennt ihn
+Jedermann, und schon die ältesten Nachrichten über das Land (so Ludolf in
+seiner „_Historia aethiopica_“) erwähnen der Eigenschaft dieses
+unscheinbaren Thierchens, den Menschen zu den Bienenstöcken zu führen. Die
+Honigvögel (_Indicator_) halten sich vorzüglich an baumreichen Bachufern
+auf, flattern von einem Baume zum andern und lassen dabei ihre starke,
+wohlklingende Stimme hören. Daß sie so rufend häufig zu Bienenschwärmen
+führen, weiß jeder Eingeborene Afrika’s vom Kap bis zum Senegal und von
+der Westküste bis nach Abessinien herüber, doch führt der Indicator den
+ihm folgenden Menschen ebenso häufig auf gefallene Thiere, die voller
+Insektenlarven sind; er verfolgt mit seinem Geschrei den Löwen und
+Leoparden, kurz Alles, was ihm auffällt; auch ist er dem Menschen
+gegenüber nichts weniger als scheu und trotz der unscheinbaren Größe und
+Färbung sind alle Arten an der eigenthümlichen Weise des Flugs leicht zu
+erkennen. In Nordostafrika giebt es vier Arten von Honigvögeln, von denen
+jedoch nur zwei (_Indicator minor_ und _albirostris_) in Abessinien
+vorkommen.
+
+Ueberall wo man in Abessinien Vögel findet, wird man auch _Tauben_
+wahrnehmen in den verschiedenartigsten schön gestalteten und gefärbten
+Formen. Die abessinische Taube (_Treron abessinica_) bewohnt in kleinen
+Familien die tieferen Gebirgsthäler, wo sie die Mimosen, Kizelien und
+Sykomoren sich zum schattigen Ruhesitz aussuchen, um ihre Liebesspiele zu
+treiben und gleich dem Papagei durch das Laub zu klettern. Unsere
+Felsentaube vertritt die blaurückige Taube (_Columba glauconotos_), als
+eigentliche Waldtaube tritt die Guineataube (_Stictoenas guinea_) auf;
+auch die Turteltaube (_Turtur auritus_), die Lachtaube (_T. risorius_)
+finden sich; eigenthümlich ist aber die Erscheinung der Erdtaube
+(_Chalcopelia afra_), die nicht über den 16. Grad nördlicher Breite
+hinaufgeht und friedlich das dichtverschlungenste Gebüsch an der Erde
+bewohnt, auf welcher sie auch, ihren Verwandten unähnlich, ihr Nest baut.
+
+Von Hühnern tritt in zahlloser Menge das lautschreiende Perlhuhn (_Numida
+ptilorhyncha_), die Wachtel als Wintergast und an Stelle unserer Rebhühner
+die verschiedenen, schön gezeichneten und in Einweibigkeit lebenden
+Frankoline (_Francolinus rubricollis_, _Erkelii_ u. s. w.) auf; auch die
+Flughühner (_Pterocles_) sind vertreten und die Laufvögel beginnen mit der
+in den Steppen häufigen Trappe (_Otis arabs_), die nicht die Größe unserer
+großen Trappe erreicht, aber weniger scheu ist und besonders von Insekten
+lebt. Kommt der _Strauß_ (_Struthio Camelus_) auch nirgends im
+abessinischen Hochland vor, so umzieht er dasselbe doch ringsum in den
+Steppen und Wüsten.
+
+Unter den Regenpfeifern und Kiebitzen fällt nur der Dickfuß (_Oedicnemus
+affinis_) wegen seiner nächtlichen, eulenartigen Lebensweise auf; an
+feuchten, fischreichen Stellen wimmelt es oft von Reihern, Storcharten,
+Schattenvögeln und Störchen und an den Küsten des Rothen Meeres sind
+Möven, Pelikane, Seeschwalben und Tölpel im Ueberfluß vorhanden. Reich an
+Wassergeflügel ist auch der Tanasee, dessen breite, mit Inseln durchzogene
+Fläche demselben einen günstigen Aufenthaltsort gewährt. Dort wimmelt es
+von Seeschwalben, Enten (_Anas clypeata_, _sparsa_ u. s. w.),
+Strandläufern, Kiebitzen, Regenpfeifern; da stehen unbeweglich der
+Riesenreiher und der schwarzkehlige Fischreiher (_Ardea Goliath_ und _A.
+atricollis_), auf Reptilien lauernd, da plätschern Wasserhühner, Gänse und
+Spornschwäne in der Flut.
+
+Weil mehr mit dem Menschen im Verkehr und ihn als Raub-, Jagd- oder
+Hausthier meist näher angehend, fesselt auch das Reich der Säugethiere
+mehr unser Interesse als jenes der Vögel.
+
+Abessinien mit seinen Grenzländern kennt etwa sechs bis acht _Affenarten_.
+Ruhig und gemüthlich verfließt das Leben der graugrünen _Meerkatze_
+(_Cercopithecus griseo-viridis_), eines echten Baumaffen, der in starken
+Banden gesellig zusammenlebt und von der Höhe seines Aufenthaltes selten
+auf den Boden herabkommt, gleichviel ob er dort in Dornen der Mimosen oder
+im Laub der Sykomore sitzt. Seine Behendigkeit ist unglaublich groß und
+mit Hülfe des steuernden Schwanzes führt er die kühnsten Sprünge aus. Als
+unumschränkter Herr und Gebieter steht der lustigen Herde ein altes,
+geprüftes Männchen vor, das alle jungen Nebenbuhler von den seiner Obhut
+unterstehenden Damen fernhält. Diese zeigen gegen ihre häßlichen
+Sprößlinge eine außerordentliche Mutterliebe, welche sie durch
+fortwährendes Reinigen und Liebkosen des Kindchens bethätigen. Nur
+nebenbei verzehrt diese Meerkatze Heuschrecken und andere Insekten;
+Früchte, Knospen und Getreide sind ihre Lieblingsgerichte und wehe dem
+Durrah- oder Maisfelde, in das die verschmitzte Bande lüstern eindringt!
+Das Wenigste wird nur verzehrt, das Meiste unbarmherzig verwüstet und dann
+auf der Stätte des Diebstahls ein Tummelplatz freudiger Spiele für Alt und
+Jung bereitet. Vor Menschen weniger, wohl aber vor Hunden, Schlangen,
+Fröschen und ihrem besondern Feinde, dem Habichtsadler, fürchtet sich die
+Meerkatze sehr. Weit würdevoller als die Meerkatzen treten die Paviane
+auf, unter denen der _Silberpavian_ oder _Hamadryas_ (_Cynocephalus
+Hamadryas_) der häufigste ist. Dieses merkwürdige Geschöpf, dem schon die
+alten Aegypter Achtung zollten und das man auf ihren Denkmalen abgebildet
+findet, lebt zwischen 1000 und 7000 Fuß Meereshöhe und findet sich um so
+häufiger, je pflanzenreicher das Gebirge ist. Jede Bande behauptet im
+Gebirge ein bestimmtes Gebiet und zählt etwa fünfzehn bis zwanzig
+erwachsene und kampftüchtige Männchen, wahre Ungeheuer mit einem Gebiß,
+welches fast mit dem eines Löwen wetteifern kann, dasjenige des Leoparden
+jedoch übertrifft. Schon von Weitem unterscheidet man die Männchen an
+ihrem langen graugrünlichen Mantel und der hervorragenden Gestalt von den
+bräunlicher gefärbten Weibchen, die vollauf mit ihren übermüthigen Jungen
+zu thun haben. Greift auch der Pavian so leicht einen Mann nicht an, so
+ist er doch den Frauen ein Gegenstand des Entsetzens, von welchen eine
+größere Anzahl von Pavianen als von Löwen und Leoparden umgebracht wird.
+Der ärgste Feind des Silberpavians ist der Leopard, der ihm Tag und Nacht
+nachschleicht und sich ebenso listig wie kühn auf jedes von der Herde
+isolirte Thier stürzt.
+
+Auch mit ihren Verwandten leben diese Paviane nicht immer auf gutem Fuße,
+namentlich mit den _Tscheladas_ (_Cercopithecus Gelada_), gegen welche sie
+in Semién oft förmliche Schlachten liefern. Letzterer Mantelpavian bewohnt
+einen Höhengürtel von 7–11,000 Fuß über dem Meere, während der Hamadryas
+mehr die Tiefen-Gegenden liebt; jedoch steigen die Tscheladas von ihren
+Bergen herab, um die unten liegenden Felder zu plündern, wobei dann die
+Schlachten mit den Silberpavianen stattfinden.
+
+Der _schwarze Pavian_ (_Cercopithecus obscurus_) wurde erst 1862 von
+Heuglin entdeckt. Dieser stattliche Affe lebt in großen Rudeln auf 6 bis
+10,000 Fuß Höhe meist an felsigen Schluchten. Man sieht ihn selten auf
+Bäumen, gewöhnlich auf Weideplätzen oder Felsen, von denen herab er nicht
+selten gegen seine Verfolger Steine schleudert. Die Nacht verbringt er in
+Gesellschaft in Klüften und Höhlen, steigt in der Morgensonne auf Hügel,
+wo er zusammengekauert sich erwärmt und zieht dann in die Thäler nach
+Nahrung, die aus Blättern zu bestehen scheint. Gewöhnlich führen zwei bis
+sechs alte Männchen gravitätischen Schrittes eine Herde von 20 bis 30
+Weibchen und Jungen an, welche theils spielend um den Trupp sich tummeln,
+theils von den Müttern getragen und zuweilen tüchtig geohrfeigt werden.
+Naht Gefahr, so flüchtet auf ein leises Bellen des Warners die ganze
+Gesellschaft in Felsenschluchten. Der schönste Affe Abessiniens ist der
+von Rüppell entdeckte _Colobus Gueraza_, dessen durch den starken Kontrast
+von schwarz und weiß ausgezeichnetes Fell ein beliebtes Pelzwerk und eine
+Zierath für die Kriegsschilder liefert. Er lebt in der Waldregion der Kola
+auf den höchsten Bäumen.
+
+Während Afrika im Allgemeinen reich an Flatterthieren ist, kommen
+dieselben in dem hier in Rede stehenden Gebiete weniger vor. Die Ursache
+davon hat Heuglin ergründet. Namentlich in den nördlichen Grenzländern
+Abessiniens, in Bogos u. s. w. wird starke Viehzucht getrieben, und die
+Herden kommen, wenn in ferneren Gegenden bessere Weide und mehr
+Trinkwasser sich finden, oft monatelang nicht zu den Wohnungen der
+Besitzer zurück. Die Rinder sind gewöhnlich mit Myriaden Fliegen bedeckt,
+die ihnen nachfolgen und wiederum die _Fledermäuse_, welche von letzteren
+leben, veranlassen, gleichfalls eine Wanderung zu unternehmen. Mit der
+letzten Rinderherde verschwinden auch die Fledermäuse spurlos, um mit dem
+Einrücken derselben in ihre alten Standquartiere auch wieder zu
+erscheinen. Die gemeinste Art der in Ostabessinien, namentlich um Massaua
+vorkommenden Fledermäuse ist der kleine von Rüppell entdeckte _Nyctinomus
+pumilus_. Auch häßliche Glattnasen (Phyllorina-Arten) kommen vor, die
+nicht nur in der Dämmerzeit, sondern die ganze Nacht hindurch fliegen. Der
+große _Pteropus schoensis_ zeigt sich auch am Tage und lebt von den
+Früchten der Feigen und Bananen.
+
+Abessinien beherbergt mehrere Mitglieder der Katzenfamilie: die
+kleinpfotige Katze, welche von Einigen für die Stammutter unsrer Hauskatze
+gehalten wird, den _Gepard_ (_Cynailurus guttatus_), den _Leoparden_
+(_Felis Leopardus_) und den _Löwen_ (_Felis Leo_), doch verdienen nur die
+beiden letzteren hier eingehendere Beachtung. Gehen sie auch in die
+Berglandschaften hinauf, so ist doch ihr Lieblingsaufenthalt in den
+tieferen Gegenden, in der Kola, den nördlichen Grenzländern, der Samhara.
+Der Löwe (amharisch Anbasa) ist gerade nicht selten, der Leopard geradezu
+gemein und oft genug hört man des Nachts die Stimme des Königs der Thiere
+erschallen. Doch fürchtet man ihn verhältnißmäßig wenig, denn sein
+Jagdgebiet ist so reich, daß ihn nur selten der Hunger treibt, sich am
+Menschen zu vergreifen. Es kommt häufig vor, daß junge, noch säugende
+Löwen von den Abessiniern gefangen und aufgezogen werden; doch verkaufen
+und verschenken diese die allmälig kostspielig werdenden Thiere bald an
+reiche Leute, und aus solcher Quelle stammen auch die berühmten Löwen des
+Königs Theodoros. Das Fell eines erlegten Löwen gehört dem Könige, der
+tapfere Krieger wird mit einem breiten Streifen davon beschenkt, der
+seinen Schild ziert. Weit häufiger und auch gefährlicher als der Löwe ist
+der _Leopard_ (Nemr auf amharisch), den man nächst der Hyäne und dem
+Schakal als das gemeinste Raubthier Abessiniens ansehen kann. Von der
+Ebene an bis hoch in das Gebirge hinein, bei Tag und bei Nacht, überall
+ist dieser freche Raubmörder zu finden. Er scheut den Menschen gar nicht
+und kaum das allen Raubthieren so entsetzliche Feuer; frech dringt er in
+die Hütten der Eingeborenen, raubt ein Kind und zieht sich mit seiner
+Beute in das Dickicht zurück. Von der Antilope bis zur Maus bewältigt er
+alle Säugethiere. Brehm erzählt, daß im Dorfe Mensa ein einziger Leopard
+während eines Vierteljahrs nicht weniger als 8 Kinder, ungefähr 20 Ziegen
+und 4 Hunde wegschleppte. In ganz Abessinien kann man Hunde und Hühner
+kaum vor ihm sichern. Mit dem Feuergewehr jagen die Abessinier das ihnen
+so verhaßte Raubthier ebenso wenig wie den Löwen; bei Weitem die meisten
+Leoparden, welche man erlegt, werden erst in Fallen gelockt und in diesen
+gewöhnlich durch Lanzenstiche getödtet. Diese Fallen sind ganz nach dem
+Grundsatze starker Mausefallen gebaut, d. h. sie bestehen aus einem
+Pfahlgitterwerk mit Fallthür; ein lebendiges Thier, ein Stück Fleisch sind
+der Köder, mit dem der Leopard angelockt wird; häufig bringt man auch eine
+lebende, kläglich meckernde Ziege in die Falle. Mit großer Vorsicht umgeht
+der Räuber oft zwei oder drei Nächte lang den Käfig, bis er endlich sich
+hineinwagt und gefangen ist. Von der Meeresküste geht dieser kühne Räuber
+bis zu 12,000 Fuß Höhe an die Eisgrenze hinauf. Der _Gepard_ findet sich
+ausschließlich in der Samhara und nicht im Gebirge; er ist ein Tagräuber
+und keine gemeine Katze; denn er ist nicht blutgierig und raubt niemals
+mehr als er zu seinem Unterhalte bedarf. Draußen in der freien Steppe
+betreibt er seine Jagd auf Antilopen, Hasen, Mäuse, Perlhühner. Gegen den
+Menschen vertheidigt er sich nicht, doch macht dieser meist auf ihn Jagd,
+um das bunte Fell zu verwerthen, das nur selten im Handel vorkommt. Aber
+zur Jagd wird er in Abessinien nicht abgerichtet, wenn auch einzelne
+gezähmte Thiere hier und da gehalten werden.
+
+Bis zu den höchsten Spitzen der Berge Semiéns in die Region der Dschibarra
+streift der _Walgie_ (_Canis simensis_), um den Ratten nachzustellen. Er
+ist eine häufige Erscheinung unter den hundeartigen Raubthieren; dagegen
+ist der _Wolfshund_ (_Canis Anthus_) ziemlich selten, desto gemeiner aber
+wieder der _Schakal_ (_Canis mesomelas_), der nicht mit dem weiter
+nördlich vorkommenden eigentlichen Schakal verwechselt werden darf. Der
+abessinische, schwarzrückige Schakal ist etwas größer als sein Verwandter
+und in der Samhara wie im Gebirge in jedem größeren Dickicht anzutreffen.
+Seine eigentliche Jagdzeit auf Hasen, Hühner, Perlhühner, Ziegen, ja
+selbst Mäuse und Heuschrecken ist in der Nacht; dann ist er ein frecher,
+regelmäßiger Gast in den Dörfern oder am Lagerplatz der Karawane, welcher
+er ohne Scheu, selbst wenn das Feuer hell lodert, sich nähert. Auch wo
+gefallene Thiere liegen, stellt er sich heulend ein und an solchen Plätzen
+trifft er mit der _gefleckten Hyäne_ (_Hyaena crocuta_, amharisch Dschib)
+zusammen, einem der gemeinsten Raubthiere Abessiniens. Durch langgezogene
+Klagetöne kündigt sie ihren Wunsch nach irgendwelcher Nahrung an, um den
+ewig verlangenden Magen zu befriedigen. Auch sie wird von den Eingeborenen
+arg gehaßt, obgleich sie ihnen nicht gerade erheblichen Schaden zufügt,
+sondern als Landreiniger, Aas- und Auswurfvertilgerin eher nützlich wird.
+Die Eingeborenen fangen die Hyäne in Gruben, die in einem von Dorngebüsch
+umgebenen Gange ausgegraben werden, an dessen Ende ein blöckendes Zicklein
+angebracht wird. Die heißhungerige Bestie bricht, indem sie auf ihre Beute
+zueilt, in die mit Reisig und Sand sorgfältig überdeckte Grube ein, in
+welcher man sie möglichst bald tödten muß, weil sie sonst sich einen
+Ausweg wühlt. Es gelingt nicht leicht, in derselben Grube mehr als eine
+Hyäne zu fangen, da die Thiere durch ihr feines Geruchsorgan die Gefahr
+erkennen. Neben ihr kommt noch ein anderes hyänenartiges Raubthier, der
+„_gemalte Hund_“ (_Lycaon pictus_) truppweise vor; er überfällt die Herden
+und richtet unter ihnen große Verheerungen an. Die Steppenlandschaften
+sind die eigentliche Heimat dieses geselligen, rauf- und mordlustigen
+Geschöpfes, das niemals allein jagt. Seinen Namen führt es von den großen,
+dunkeln, auf dem hellen Felle stehenden Flecken, an denen es schon weithin
+leicht zu unterscheiden ist.
+
+ [Illustration: Gemalter Hund (_Lycaon pictus_).]
+
+Von kleineren Raubthieren beherbergt Abessinien die _gestreifte Manguste_,
+einen weit verbreiteten, schlanken Mörder, der kleinen Säugethieren und
+Vögeln nachstellt, und den _Honigdachs_ oder das _Ratel_ (_Ratelus
+capensis_), ein in jeder Hinsicht merkwürdiges Thier, welches die
+Bienenstände plündert, Aas liebt und der kleinen Jagd mit Eifer obliegt,
+unangegriffen ruhig seine Straße zieht, angegriffen aber aus seinen
+Stinkdrüsen einen ekelhaften knoblauchartigen Gestank verbreitet, der weit
+und breit die Luft verpestet. Das Thier bewohnt Baue, welche es sich mit
+seinen gewaltigen Klauen leicht gräbt und in denen es den Tag über
+verborgen liegt, um Abends seiner Beute nachzugehen.
+
+Die nordöstlich vom Tanasee gelegene Stadt Emfras, in welcher der König
+einen sogenannten Palast besitzt, ist nicht nur als Hauptsklavenmarkt,
+sondern auch wegen der Zucht von _Zibethkatzen_ (_Viverra Civetta_)
+berühmt. Poncet berichtet, daß dort von diesen Thieren eine so große Menge
+vorhanden ist, daß manche Kaufleute deren mehr als 300 im Hause halten.
+Die Thiere werfen einen nicht geringen Nutzen ab. Die Zibethkatze bekommt
+als Futter dreimal in der Woche rohes Rindfleisch und viermal einen
+Milchbrei; sie wird dann und wann mit Wohlgerüchen beräuchert und in jeder
+Woche kratzt man ihr mit hölzernen Löffeln einmal eine salbenartige
+Materie ab, das Zibeth, welches in wohlverwahrte Ochsenhörner gethan wird
+und einen einträglichen Handelsartikel bildet. Ihr heimischer Name ist
+Dering. Ein dem Hausgeflügel, den Mäusen und Ratten sehr gefährliches
+Raubthier ist die _Genettkatze_ (_Viverra abessinica_), ein schlankes,
+elegantes Thier mit langem Ringelschwanz. Sowol anatomisch, als durch den
+Mangel der Rückenmähne und andere Schwanzzeichnung unterscheidet sie sich
+von der vorigen, mit der sie sonst viel Aehnlichkeit hat. Auch ein
+_Fischotter_ (_Lutra inunguis_) kommt, wiewol selten, in den abessinischen
+Gewässern vor. Derselbe ist so groß wie unsere Art und schön kaffeebraun.
+
+Unter den Nagethieren ist zunächst zu erwähnen das _bunte Eichhorn_
+(_Sciurus multicolor_), ein keineswegs munteres Thierchen, vielmehr ein
+langweiliges scheues Geschöpf, das sich einzeln versteckt in den hohen
+Baumwipfeln aufhält und niemals kühne Sprünge wagt, sondern immer an den
+Aesten klebt. Viel häßlicher, aber anziehender und unterhaltender ist sein
+Verwandter, das _rothe Erdhörnchen_ (_Xerus rutilus_), das Schillu der
+Abessinier. Leicht und beweglich treibt es sich nur auf der Erde, nie auf
+Bäumen umher, bald hier, bald da aus seiner Höhle hervorschauend, oder
+sich possirlich auf die Spitze eines Hügels setzend. Unter allen
+Nagethieren ist keines, selbst der Hamster nicht ausgenommen, welches im
+Verhältniß zu seiner Größe solchen Muth entwickelte, ja es wehrt sich
+sogar knurrend und fauchend gegen Hunde. Gleich ihm lebt auch das _Filfil_
+(_Bathyergus splendens_), das zu den Ratten gerechnet wird, in
+maulwurfsähnlichen Erdhöhlen, die es im dichten Gebüsch anlegt, während
+die Baue des _Stachelschweins_ (_Hystrix cristata_), das bis zu 6000 Fuß
+Höhe hinaufgeht, meist in sandigen Ebenen stehen. Bei Tage verläßt das
+Stachelschwein seine Höhle nie, Abends jedoch zieht es in die Waldungen
+und Felder. Jedenfalls verdient unter den Nagethieren der _abessinische
+Hase_ (_Lepus aethiopicus_) die meiste Beachtung, da er sich von unserm
+gewöhnlichen Hasen vielfach unterscheidet und im Hochgebirge wie in der
+Niederung zu den gewöhnlichsten Erscheinungen gehört.
+
+Da der christliche Abessinier so gut wie der Muhamedaner ihn wegen der
+gespaltenen Klauen zu den unreinen Thieren rechnet, so wird er nicht
+verfolgt, und da er dieses weiß, so fällt es ihm gar nicht ein, vor dem
+Menschen zu flüchten, wie unser Lampe, von dem ihn schon das dunklere,
+schwarz, weiß, grau und ockerfarbig gefleckte Fell unterscheidet.
+
+ [Illustration: Erdferkel. Nach Wood.]
+
+Aus der Ordnung der zahnlosen Thiere ist das _Erdferkel_ (_Orycteropus
+aethiopicus_) zu erwähnen, das vom Tiefland bis in die Woina-Deka
+vorkommt. Das scheue Thier, mit seinem Geruch und Gehör, haust in
+selbstgegrabenen Höhlen, zeichnet sich durch lebhafte Sprünge und eine
+känguruartige Stellung aus, wobei es durch den kräftigen Schwanz
+unterstützt wird. Es geht häufig nur auf den Hinterfüßen und beschnuppert
+mit der langen, in steter Bewegung befindlichen, einem Schweinerüssel
+gleichenden Nase die Erde, um nach Ameisen zu suchen. Hat es eine solche
+Stelle entdeckt, so beginnt es sehr gewandt und kräftig mit den
+Vorderfüßen zu graben und die aufgewühlte Erde mit den Hinterfüßen
+zurückzustoßen. Ist der Ameisenbau erbrochen, so geht es hastig an die
+Mahlzeit; nach v. Heuglin fängt es die Ameisen mit den Lippen und diese
+fallen in Menge über den Ruhestörer her, dessen dicke Haut keineswegs vor
+den Bissen schützt. Für Urin und Mist gräbt das Erdferkel eine kleine
+Grube, die dann wieder sorgfältig verdeckt wird. Im Bau selbst schläft es
+zusammengerollt auf der Seite liegend. Verfolgt eilt es in raschen Sätzen
+davon und gräbt sich rasch ein, die Röhre hinter sich schließend. Das
+Fleisch ist fein, weiß und saftig.
+
+Ueber Pferde, Maulthiere und Esel Abessiniens berichten wir später. Das
+_Kameel_, in den Küstengegenden reichlich als Lastthier vertreten, spielt
+im Hochgebirge eine traurige, unnütze Rolle, da sein Wirkungskreis die
+Wüste ist. Ebenso ist die _Giraffe_ nur Bewohnerin der Tieflandsteppen,
+dort aber, in den Niederungen zwischen Setit und Atbara, auch in großer
+Menge vertreten und wegen des saftigen Fleisches der jungen Thiere als
+edles Wildpret hoch angesehen.
+
+Am meisten Interesse unter den abessinischen Thieren flößen uns die
+Wiederkäuer ein. Antilopen, Ziegen, Schafe, Rinder sind da vertreten und
+alle in ihren schönsten Repräsentanten, namentlich sind die Antilopen
+herrliche Thiere, bei denen man nicht weiß, welcher man den Preis der
+Schönheit und Zierlichkeit zuerkennen soll. Die _Tedal-Antilope_
+(_Antilope Sömmeringii_) lebt namentlich in den breiten Niederungen und in
+der Samhara, kommt von da wol noch ins Hügelland, nie aber ins Hochgebirge
+hinauf. Nur am Tage zieht sie in kleinen Trupps umher, ruht des Mittags
+wiederkäuend im Schatten und ist gegen den Menschen sehr mißtrauisch. –
+Die Art, wie sie in der Samhara eingefangen werden, wird von Rüppell
+folgendermaßen geschildert. In der Mitte der Ebene, in einem Bezirk, wo
+diese Thiere regelmäßig gegen Sonnenuntergang ihren Wechsel haben, legen
+die Jäger viele an Pfähle befestigte Schlingen. Sobald nun die Antilopen
+kommen, laufen von verschiedenen Verstecken her einzelne Leute herbei, von
+denen Jeder eine Menge kleiner, mit einem Büschel Straußenfedern
+versehener Stöcke hat; diese werden mit großer Schnelligkeit so in die
+Erde gesteckt, daß sie lange nach der Gegend der Schlingen gerichtete
+Linien bilden; der Antilopen ganze Aufmerksamkeit wird von den im Winde
+wehenden Federn in Anspruch genommen, die sie mit scheuem Blick fixiren.
+Nun beginnt das Treibjagen; das Wild sieht zum Entkommen keine freie
+Strecke, als die Gegend, wo die Fallstricke liegen, und eilt dahin;
+gewöhnlich bleiben mehrere darin hängen und hier schlagen ihnen die Jäger
+mit Knüppeln die Beine entzwei, um sie dann zu schlachten. Auf dieselbe
+Weise werden auch die Strauße gejagt. Noch häufiger als der Tedal ist die
+_Gazelle_ (_Antilope Dorcas_), die da, wo Mimosen stehen, von denen sie
+äst, fast nie in der Samhara fehlt. Sehr oft einzeln, meist aber in Trupps
+von drei bis acht Stück beieinander zieht sie nur am Tage in der Ebene,
+wie im Gebirge umher. Zur Tränke geht die Gazelle nicht, denn ihr genügt
+der Nachtthau auf den Blättern der Bäume, die sie alle Morgen eifrig
+ableckt, und diese Genügsamkeit macht sie zum echten Wüstenthier. Als die
+lebhafteste, behendeste und anmuthigste der Antilopen vermag sie Sätze von
+vier bis sechs Fuß Höhe auszuführen und ein flüchtiges Rudel gewährt einen
+wahrhaft prachtvollen Anblick.
+
+Während die Gazelle alle dicht bewaldeten Stellen ängstlich meidet, sucht
+das „Judenkind“ oder die _Zwerg-Antilope_ (_A. Hemprichiana_) gerade die
+verschlungensten und undurchdringlichsten Gebüsche zu ihrem Wohnsitze auf.
+Nur paarweise in zärtlicher Ehe und nicht wie die übrigen Antilopen es den
+Türken oder Mormonen gleich thuend, findet man die Zwerg-Antilope von der
+Küste bis zu 2000 Fuß Höhe im Gebirge sehr häufig.
+
+ [Illustration: Agaseen- oder Kudu-Antilopen.]
+
+Die Färbung des weichen schönen Haars stimmt mit dem Blätterdunkel des
+niedern Gebüsches so vollkommen überein, daß es schwer hält, die zarte,
+kleine Gestalt inmitten des Gebüsches wahrzunehmen. Beim geringsten
+verdächtigen Geräusch erhebt sich der Bock vom Boden, stellt sich, nach
+der verdächtigen Gegend hin gerichtet, starr wie eine Bildsäule auf,
+wendet die Ohren vorwärts und lauscht nun regungslos. Der Lauf, welcher
+erhoben wurde, bleibt erhoben, Auge und Ohr haften an derselben Stelle und
+nur der Haarschopf zwischen den Hörnern deutet durch sein Senken oder
+Heben an, daß in dem Geschöpf Leben wohnt. Das Wildpret der Zwerg-Antilope
+ist nicht besonders zu empfehlen; es hat immer einen moschusartigen
+Geschmack und ist außerdem sehr zähe.
+
+Sind Sömmerings-Antilope und Gazelle echte Wüstenthiere, so sucht der
+_Klippspringer_ oder _Sassa_ (_Oreotragus saltatrix_) nur felsige Gegenden
+auf. (Abbildung siehe S. 25.) Rüppell war der erste, der nachwies, daß
+diese vom Kap schon lange bekannte Antilope auch in Abessinien in den
+buschigen, felsigen Bergen lebe. Wie eine Gemse steht das schöne Thier mit
+zusammengehaltenen Hufen auf einem steilen Felsgrat, oft stundenlang in
+das Land hineinschauend. Auch der Klippspringer lebt paarweise, am
+gewöhnlichsten in einer Meereshöhe von 2000 bis zu 12,000 Fuß. Bei
+heiterem Wetter zieht er mehr in die Berge; bei Regen, Nebel, Kälte steigt
+er in die Thäler hinab. Die Bezeichnung „afrikanische Gemse“ ist für ihn
+gut gewählt, denn an den steilsten Felswänden entlang, neben Abgründen
+vorüber, welche jeden Fehltritt mit dem Tode bezahlen würden, eilt er mit
+Leichtigkeit und Zierlichkeit dahin, als ginge er auf ebenem Boden. Die
+geringste Unebenheit genügt ihm, um festen Fuß zu fassen; jeder Sprung
+schnellt ihn hoch in die Luft; bald zeigt er sich ganz frei den Blicken,
+bald ist er im Gebüsch verschwunden, und wenige Minuten genügen, ihn allen
+Verfolgungen zu entziehen. Die stolzeste und größte Antilope Abessiniens
+ist der _Agaseen_ (_Antilope strepsiceros_), welcher die Gebirge in einer
+Höhe von 2000 bis 7000 Fuß bewohnt. Dieses stattliche, an unsern
+Edelhirsch erinnernde Thier, welches durch ein Paar 3 Fuß lange, prächtig
+gewundene Hörner ausgezeichnet ist, gehört einem großen Theil Mittel- und
+Südafrika’s an und ist am Kap unter dem Namen Kudu bekannt. Es lebt
+einzeln oder in kleinen Trupps, die, ungestört, majestätisch und langsam
+an den Bergwänden hinschreiten, aufgescheucht aber, unter Schnauben und
+Blöken davoneilen. Die Araber in den Steppen nördlich von Abessinien
+hetzen den Agaseen mit Pferden und tödten ihn mit Lanzenstichen, während
+er im Hochlande nur von denen verfolgt wird, die Flinten besitzen. Sein
+Fleisch ist vorzüglich, dem des Hirsches im Geschmack ähnlich und aus den
+großen gewundenen Hörnern verfertigen die Eingeborenen Füllhörner zum
+Aufbewahren des Salzes und Honigs. Auch die in Südafrika häufigere
+_Oryx-Antilope_ (_Antilope Beisa_) findet sich in den das Land umgebenden
+Steppen und Niederungen. Stets trägt sie ihre schnurgeraden Hörner
+aufrecht, die von der Seite gesehen wegen ihres nahen Beieinanderstehens
+wie ein einziges aussehen und zu der Sage vom Einhorn Veranlassung gegeben
+haben können. Es würde uns zu weit führen, wollten wir alle Antilopen hier
+aufzählen, die in den Hochlanden oder den diese umgebenden Steppen leben.
+Nur noch zu erwähnen sind die große Marif-Antilope (_Hippotragus Bakeri_),
+die Defassa (_Antilope defassa_), der Bohor (_A. redunca_), _Bubalis
+mauritanica_, _Antilope montana_, _madoqua_, _decula_, _leptoceros_
+u. s. w. Die meisten dieser Thiere gehen bis zu 9000 Fuß Höhe in die
+Gebirge.
+
+Das ist der Reichthum Abessiniens an Antilopen; weniger zahlreich sind die
+Ziegen vertreten, aber unter ihnen finden wir im Hochgebirge zunächst den
+stolzen _Steinbock_ (_Ibex Walia_). Rüppell entdeckte dieses Thier auf den
+höchsten Bergen Semiéns, nachdem ihm die Eingeborenen eine wunderbare
+Geschichte über dasselbe aufgetischt hatten. Dieser Walié, so erzählten
+sie, ist im höchsten Grade scheu, hat sehr lange und krumme Hörner und
+einen Bart am Kinn, stellt sich oft auf zwei Beine und ist wegen der
+Erziehungsweise seiner Jungen sehr merkwürdig. Die Mutter hat nämlich, so
+fabeln die Abessinier, unter dem Bauch einen nach hinten zu geöffneten
+Sack, in welchem das Junge eine Zeit lang lebt und sich dadurch nährt, daß
+es von Zeit zu Zeit den Kopf aus dem Beutel heraussteckt und auf der Erde
+grast; doch ist es sehr scheu und zieht sich bei dem geringsten Geräusch
+in seinen Behälter zurück. So lebt es wochenlang, bis es zu groß geworden
+und in seinem lebendigen Kerker keinen Platz mehr findet; es springt
+heraus, läuft davon und sieht seine Mutter nie wieder. Europäische
+Reisende haben gefunden, daß der abessinische Steinbock in Lebensweise und
+Körperbildung nicht im mindesten von dem allgemeinen Charakter der Gattung
+abweicht. Von der Ziege (_Hircus aethiopicus_) wird in dem Abschnitte über
+die Viehzucht die Rede sein. Sie ist kleiner als unsere Ziege und
+kennzeichnet sich durch kurze Beine, lange, rückwärts niedergedrückte
+Hörner und sehr langen Bart. Ziegenherden sind durch das ganze Land in
+großer Zahl verbreitet und namentlich in der Steppe begegnet man ihnen an
+allen Brunnen. In Bezug auf Behendigkeit und Schnelligkeit steht die
+abessinische Ziege kaum der Gazelle nach. Von _Schafen_ werden
+verschiedene Arten gezüchtet. An den Küsten und in den heißen Steppen
+findet man das arabische _Fettschwanzschaf_, mit schwarzem Kopf,
+ausgezeichnet durch den Mangel der Hörner und Wolle und einen dicken
+Fettklumpen statt des Schwanzes; das gemeine Schaf der Hochlande (Beg) hat
+bräunliche oder schwarze Wolle; die Galla züchten eine mit langen weißen
+Haaren versehene Art, deren schwarzgefärbte Felle eine Lieblingskleidung
+ihrer Häuptlinge ausmachen. Das Rind Abessiniens ist der _afrikanische
+Buckelochse_ (_Bos africanus_), ausgezeichnet durch schlanken Bau und den
+kleinen Höcker. Der Berié, wie er in Amhara heißt, ist ein äußerst
+geschicktes, gewandtes und bewegliches, dabei gutmüthiges und lenksames
+Thier; er bildet den Reichthum des Hirten, dient als Pack- oder Reitthier,
+zieht den einfachen Pflug, drischt durch Austreten das Getreide und wird
+zum Danke für alle Liebesdienste schließlich oft bei lebendigem Leibe
+verzehrt, worüber weiter unten mehr gesagt wird. In einigen südlichen
+Provinzen lebt der _Sanga_, eine besondere Art, die sich durch gewaltige,
+weit geschwungene Hörner auszeichnet, aber von nur wenigen Reisenden
+beobachtet wurde. Die Hörner kommen in den Handel und gelten auch als
+schätzbares Geschenk. Salt erhielt drei dieser Thiere geschenkt, allein
+sie waren so wild, daß er sie erschießen lassen mußte. Das längste Horn
+hatte beinahe 4 Fuß und sein Umfang an der Basis betrug 21 Zoll. Stier und
+Kuh, beide tragen diesen Schmuck, sind aber trotz des kolossalen Gehörns
+nicht größer als anderes Rindvieh. In der Kolla haust der _wilde Büffel_
+(_Bos Pegasus_ und _Caffer_), der Gosch der Abessinier, ein unzähmbarer,
+gefürchteter Geselle, dessen Jagd zu den gefährlichsten Beschäftigungen
+der Eingeborenen zählt. Seine Haut wird blos zur Bereitung von Schildern
+benutzt; ist das Thier bereits ausgewachsen und seine Haut durch Speere
+nicht sehr zerfetzt, so können aus einer Haut vier Schilde gemacht werden,
+welche einen Preis von je zwei bis drei Thalern haben. Aus den enormen
+Hörnern dieses Büffels verfertigt man Trinkbecher.
+
+Aus der Ordnung der Dickhäuter oder Vielhufer haben wir ein _Rhinozeros_
+(_Rh. africanus_), das Worsisa, anzuführen, welches die Eigenschaften der
+asiatischen und afrikanischen Art, die Platten und Falten des ersteren mit
+den zwei Hörnern des letzteren vereinigt und aus den Sümpfen der Kolla bis
+in die Berge 8000 Fuß hoch aufsteigt. Der _Hippopotamus_ fehlt weder in
+den Seen, noch in den größeren Flüssen des Landes. Im Allgemeinen meiden
+die Abessinier dieses für unrein gehaltene Thier, nur die am Tanasee
+angesiedelten heidnischen Waito beschäftigen sich mit der Jagd dieses
+„Gomari“, indem sie die Thiere mit hölzernen Lanzen zu verwunden suchen,
+deren Spitzen mit einem Pflanzengift bestrichen sind, durch welches jene
+gewöhnlich nach zwölf Stunden sterben. Das Fleisch trocknen sie
+großentheils, um es aufzubewahren, und aus der Haut verfertigen sie kleine
+Reitpeitschen. Eine wahre Landplage ist in Abessinien das häßliche, mit
+großen Hauern versehene _Warzenschwein_ (_Phacochoerus africanus_), das
+die mit Gebüsch und Gras bewachsenen Ebenen bewohnt, kommt aber auch bis
+zu 9000 Fuß im Gebirge vor. Es lebt ähnlich wie unser europäisches
+Schwarzwild und geht seiner Nahrung erst nach Sonnenuntergang nach. Die
+Eingeborenen halten es natürlich für unrein und geben sich nicht mit der
+Jagd des Thieres ab, dessen Fleisch einen vortrefflichen Geschmack hat.
+
+Abessinien beherbergt auch ein eigenthümliches _Nachtschwein_
+(_Nyctochoerus Hassama_), das nach Aussage der Eingeborenen sich
+vorzüglich gern von Aas nährt. Es hat die Größe unsrer Wildschweine, ist
+aber gedrungener von Figur, lebt in dichtem Gebüsch und Felsen in einem
+großen Theile des Landes von 4000 bis 9000 Fuß Meereshöhe, ist scheu, soll
+sich angegriffen wüthend zur Wehre setzen, ruht den Tag über in
+undurchdringlichen Verstecken und fällt Nachts verheerend in die Felder
+ein.
+
+Jedenfalls ist unter den Vielhufern der kleinste der interessanteste,
+nämlich der _Klippschliefer_ oder Klippdachs (_Hyrax abessinicus_). Schon
+Bruce erwähnt, daß dieser Aschkoko unmittelbar in der Nähe der Städte
+geeignete Felswände bewohnt und vor den Augen der Menschen sein
+possirliches, an Kaninchen und Murmelthiere erinnerndes Wesen treibt.
+Seine Bewegungen sind ungemein mannichfaltig und graziös; er versteht
+ausgezeichnet zu klettern, mit dem Kopfe nach oben und unten. Große
+Sanftmuth und Aengstlichkeit zeichnen ihn aus, und seine Feinde sind nur
+im Thierreich zu suchen, da er vom Menschen, der ihn gleichfalls für
+unrein hält, nicht verfolgt wird. Sie selbst sind sehr gefräßig und nähren
+sich von Gräsern, Kräutern und Tamarindenzweigen. Wahrscheinlich kommen
+zwei verschiedene Arten vor, die vom Tiefland bis zu 12,000 Fuß Meereshöhe
+aufsteigen.
+
+Heuglin war der erste, welcher die Bemerkung machte, daß der
+Klippschliefer in bestem Einvernehmen mit einer Ichneumon-Art (_Herpestes
+Zebra_) und einer Eidechse (_Stellio cyanogaster_) auf seinen Felsen
+zusammen lebt. Nähert man sich einem solchen Felsen, so erblickt man
+zuerst einzeln oder gruppenweise vertheilt die munteren und possirlichen
+Klippschliefer auf Spitzen und Absätzen sich gemüthlich sonnend oder mit
+den zierlichen Pfötchen den Bart kratzend; dazwischen sitzt oder läuft ein
+behender Ichneumon und am steilen Gestein klettern oft fußlange
+Stellionen. Wird ein Feind der Gesellschaft von dem auf dem erhabensten
+Punkte des Felsbaues als Schildwache aufgestellten Klippdachs bemerkt, so
+richtet sich dieser auf und verwendet keinen Blick mehr von dem fremden
+Gegenstand, aller Augen richten sich nach und nach dahin, dann erfolgt
+plötzlich ein gellender Pfiff der Wache, und im Nu ist die ganze
+Gesellschaft in den Spalten des Gesteins verschwunden. Untersucht man
+letzteres genauer, so findet man Klippschliefer und Eidechsen vollständig
+in die tiefsten Ritzen zurückgezogen, der Ichneumon dagegen setzt sich in
+Vertheidigungszustand und kläfft zornig den Feind an. Hat dieser sich
+entfernt, so rekognoszirt zunächst die Eidechse das Terrain, ob Alles
+sicher sei, dann erscheint der Ichneumon und zuletzt, vorsichtig den Kopf
+hervorstreckend, der Klippschliefer. Der Ichneumon, obgleich ein arger
+Räuber, verkehrt mit ihm in der größten Eintracht; dagegen ist der Leopard
+sein Hauptfeind, der trotz aller Vorsicht dann und wann einen
+Klippschliefer fängt und mit Ausnahme von Wolle und Magen verspeist.
+Uebrigens werden diese Thiere durch Raben gewarnt, die unablässig
+schreiend auf den Leoparden stoßen, sobald sie seiner ansichtig werden.
+
+ [Illustration: Klippschliefer (_Hyrax abessinicus_).]
+
+Den Beschluß unter den Säugethieren macht der Riese unter denselben, der
+_Elephant_ (amharisch Sochen). Aus den heißfeuchten Niederungen steigt er
+auf seinen Wanderungen regelmäßig bis hoch ins Gebirge hinauf; Steilungen,
+welche einem Pferde unersteiglich sind, werden von ihm ohne Mühe
+überwunden; denn wie ein berechnender Straßenbaumeister geht er zu Werke,
+bedächtig und verständig wählt er den Weg. Vor allem in den nördlichen
+Grenzländern, in Kunama, Bogos, Mensa ist er häufig; dort jagt ihn der
+wilde Schankalla, indem er ihm die Flechsen der Hinterbeine durchsäbelt;
+aber Bogos und Mensa, welche das Feuergewehr noch nicht besitzen, lassen
+ihn ungestört seine Wanderungen machen. Die reiche Natur bietet ihm Alles,
+was er bedarf, in Fülle, und wenn oben in der Höhe die Nahrung knapp wird,
+wenn die Wasser sich unter der Thalsohle bergen und der zweimal im Jahre
+eintretende Frühling, d. h. die Regenzeit, noch fern ist, zieht sich das
+gewaltige Thier nach den wasserreichen Niederungen zurück. Wie der
+Elephant in Nordabessinien häufig den Feldern schädlich wird, so verwüstet
+er im Süden die Zuckerrohrpflanzungen; da er selten gejagt wird, so steht
+seiner Vermehrung nichts im Wege und der Handel Abessiniens mit Elfenbein
+ist gering.
+
+Nach von Heuglin lebt im Tanasee auch ein manatiartiges Thier, über das
+wir jedoch noch keine nähere Kunde haben.
+
+ [Illustration: Afrikanische Büffel.]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Landschaft in der Provinz Wochni (Westabessinien). Nach
+ v. Heuglin.]
+
+
+
+
+
+ DAS VOLK, SEINE SITTEN UND GEBRÄUCHE, HANDEL UND INDUSTRIE.
+
+
+ Physischer Charakter des Volks. – Die Juden oder Falaschas. –
+ Muhamedaner. – Gamanten. – Heidnische Ueberreste. – Waito. – Die
+ Sprachen Abessiniens. – Literatur und Malerei. – Charakter und
+ Sittenlosigkeit der Abessinier. – Blutrache. – Justiz. –
+ Aberglauben. – Das Verzehren von rohem Fleische. – Nahrungsweise.
+ – Krankheiten und Aerzte. – Kleidung. – Industrie und Handel.
+
+
+Abessinien, von der Natur zur Bühne eines einheitlichen Lebens geschaffen,
+durch seine Felsenwälle streng abgeschieden von den Nachbarländern, ist
+dennoch der Sitz verschiedener Völkerstämme und Nationalitäten, die
+keineswegs immer miteinander harmoniren und auch sprachlich voneinander
+geschieden sind. Einzelne versprengte, angesessene oder später
+eingedrungene Stämme abgerechnet, gehören die Abessinier dem äthiopischen
+Zweig der semitischen Rasse an. Die Mehrzahl der Bevölkerung ist ein
+schöngeformter, mittelgroßer Menschenschlag von hellbräunlicher bis
+dunkelschwarzbrauner Farbe. Das Charakteristische seines Aeußern besteht
+hauptsächlich in einem ovalen Gesicht, einer fein zugeschärften Nase,
+einem wohlproportionirten Munde mit regelmäßigen, nicht im geringsten
+aufgeworfenen Lippen, lebhaften schwarzen Augen, schön gestellten Zähnen,
+etwas gelocktem oder auch glattem Haupthaar und einem schwachen krausen
+Barte. Das weibliche Geschlecht zeichnet sich nicht selten durch reizende
+Gesichtszüge, schlanken Bau und äußerst zierliche und elegante Hände sowie
+Füße aus. Negerphysiognomien gewahrt man nur an den eingeführten Sklaven
+und deren Nachkommen.
+
+Ehe wir uns jedoch zu dem eigentlichen, sich zum Christenthum bekennenden
+Hauptvolke wenden, müssen wir die verschiedenen, theils durch die
+Religion, theils auch durch ihre Nationalität von ihm abweichenden
+Völkersplitter des Landes betrachten.
+
+Eine gewiß auffällige Erscheinung in Abessinien sind die dortigen Juden
+oder _Falaschas_, d. h. Wanderer oder Verbannte, die früher eine
+bedeutende Rolle spielten, aber von ihrer einstigen Höhe sehr
+herabgesunken sind. Fast alle Reisenden beschäftigten sich mit ihnen, und
+namentlich waren es die protestantischen Missionäre, die ihnen ihre
+Aufmerksamkeit zuwandten. Gobat gab zunächst einige Nachrichten von diesem
+Volke, doch bemerkt er, daß die Falaschas so von den Christen abgesondert
+lebten, daß letztere weder von ihrem Glauben noch von ihren Gebräuchen
+etwas wüßten. Sie haben sich hauptsächlich in der Gegend von Gondar,
+Tschelga und auf der nordwestlichen Seite des Tanasees niedergelassen. Die
+Falaschas behaupten, ihre Stammväter seien schon zur Zeit Salomo’s mit
+König Menilek, dem Sohne der Königin von Saba, ins Land eingewandert;
+andere unter ihnen meinen, sie seien erst nach dem Sturze Jerusalems von
+den Römern in die abessinischen Gebirge verjagt worden. Doch unterscheiden
+sie sich von den übrigen Juden durch ihre Unbekanntschaft mit der
+hebräischen Sprache und dadurch, daß die endliche Erscheinung des Messias
+für sie keinerlei Reiz hat; denn fragt man sie hierüber, so erwidern sie
+kalt, daß sie ihn in der Person eines Eroberers, Theodor genannt, dem auch
+die abessinischen Christen entgegenblicken, in kurzer Zeit erwarteten.
+Dieser Theodor war nun freilich gekommen, aber mit ihm kein Messias für
+die Juden. Alle reden die amharische Sprache, unter sich jedoch gebrauchen
+sie eine eigene Mundart (den Koara-Dialekt), welche vom Hebräischen und
+Abessinischen gleich weit entfernt ist. Gobat bemerkt: „In ihre Wohnungen
+kann kein Christ, ausgenommen mit Gewalt, hineintreten; auch haben die
+Christen nicht große Lust dazu, weil sie alle als Zauberer gefürchtet
+sind. Sie selbst tragen keine Waffen und bedienen sich derselben nicht
+einmal zur Vertheidigung. Für ihre Armen wird von ihnen gesorgt und diese
+dürfen nie betteln gehen.“
+
+Der Missionär Stern, ein Hesse von Geburt und zum Christenthum
+übergetretener Israelit, versuchte mit seinem Collegen Rosenthal, die
+Falaschas zu bekehren, machte jedoch wenig Proselyten, veröffentlichte
+aber ein Buch („_Wanderings among the Falashas_“), in welchem wir die
+besten Nachrichten über das seltsame Volk finden. Nach ihm rühmen sich die
+Falaschas, unmittelbar von Abraham, Isaak und Jakob abzustammen und ihr
+altjüdisches Blut rein erhalten zu haben. Mischheirathen mit andern
+Stämmen sind durchaus verboten; ja es gilt schon für Sünde, das Haus eines
+Andersgläubigen zu betreten. Wer eine solche Sünde begeht, muß sich einer
+Reinigung unterwerfen und ganz frische Kleider anziehen; dann erst darf er
+wieder in seine Wohnung gehen. Diese Ausschließlichkeit hat übrigens gute
+Folgen gehabt, denn sie bewahrte die Falaschas vor der Ausschweifung und
+Sittenlosigkeit, welche sonst in Abessinien allgemein sind. Jedermann
+gesteht ein, daß die Falaschas, Frauen wie Männer, die zehn Gebote streng
+befolgen. Heirathen in früher Jugend sind bei ihnen nicht gestattet, da
+Männer erst zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten, Mädchen zwischen dem
+fünfzehnten und zwanzigsten Jahre sich vermählen. Ehescheidungen kommen
+nicht vor; Vielweiberei, wie bei den abessinischen Christen, ist nicht
+erlaubt; Frauen und Mädchen gehen unverschleiert frei umher. Die Tempel
+haben wie die christlichen Kirchen drei Abtheilungen; der Eingang liegt
+nach Osten, und auf der Spitze des kegelförmigen Daches ist allemal ein
+rother Topf angebracht.
+
+Barbarisch ist eine Sitte, welche mit den überstrengen Begriffen von
+Reinigung zusammenhängt. Neben jedem Falaschadorfe befindet sich eine
+„unreine Hütte“. Dorthin schafft man die Kranken, deren Tod für
+unabwendbar gilt und läßt sie verlassen liegen; kein Verwandter darf bei
+ihnen sein und nur Menschen, welche für unrein gelten, dürfen sich um sie
+kümmern. Merkwürdig erscheint die Thatsache, daß diese abessinischen Juden
+_dem Handel äußerst abgeneigt sind_ und ihn geradezu verachten. Stern
+schreibt: „Diese Falaschas sind von exemplarischer Sittlichkeit, ungemein
+sauber, sehr andächtig und glaubensstreng und dabei sehr fleißig und
+thätig. Sie treiben Ackerbau und Viehzucht und auch einige Handwerke: man
+findet z. B. unter ihnen Weber, Töpfer und Schmiede. Der Handel gilt ihnen
+für unverträglich mit dem mosaischen Glauben, und man findet unter dieser
+Viertelmillion Menschen nicht einen einzigen Kaufmann.“ Es kann bei
+Leuten, welche so abgeschlossen leben, nicht befremden, daß sie alle
+andern Religionen verabscheuen; ohnehin sind sie zumeist von Götzendienern
+umgeben, und auch die christlich-abessinische Kirche hat in ihrem Verfall
+nichts Anlockendes. Im Aeußern und seinem Typus nach unterscheidet sich
+der Falaschas übrigens von den andern Abessiniern keineswegs.
+
+Was die oft verfolgten _Muhamedaner_ Abessiniens betrifft, so stehen sie
+in den meisten Beziehungen über den einheimischen Christen. Bei dem
+niedrigen Charakter der christlichen Abessinier ist die Regierung oft
+genöthigt gewesen, die verschiedenen Aemter, deren Verwaltung, Treue und
+Redlichkeit erfordert, namentlich Zollämter, durch Muhamedaner zu
+besetzen. Dieselben wohnen theils zerstreut, theils in ganzen Ortschaften
+angesessen. So besteht der Flecken Takeragiro in der Landschaft Tembién
+nur aus Muhamedanern, deren Frauen sich mit Landwirthschaft und
+Baumwollenspinnen beschäftigen. Die Männer sind meist Kaufleute, die im
+Lande umherziehen und eine gewisse praktische Gewandtheit erlangen.
+Arbeitsamkeit zeichnet alle aus und einen weiteren Vorzug vor den Christen
+haben sie dadurch, daß jeder Muhamedaner seine Söhne lesen und schreiben
+lernen läßt, während jene dieses nur dann lernen, wenn sie sich dem
+geistlichen Stande widmen wollen. Der Muhamedanismus nimmt fortwährend zu,
+was bei dem versunkenen Zustande des abessinischen Christenthums
+keineswegs zu verwundern ist. Muhamedaner und Christen leben auf gutem
+Fuße miteinander, wenn auch keine der beiden Parteien animalische Speise
+von der andern nimmt, weil die Muhamedaner beim Schlachten des Viehs sich
+der Formel bedienen: „Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen“, die Christen
+aber: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Früher
+wohl, zu Muhamed Granje’s Zeiten, stürmten die Bekenner des Korans mit
+Waffengewalt gegen das christliche Abessinien und wurden zurückgeschlagen;
+jetzt aber breitet sich der Islam stillschweigend aus, da er den
+christlichen Abessiniern überlegen ist. „Er benutzt“, sagt Munzinger, „die
+Schwächen seines uneinigen Gegners, er erringt nur vereinzelte Erfolge und
+dennoch darf man nicht verschweigen, daß er einer steten Zunahme sich
+erfreut. Während er schon halb Afrika beherrscht und immer südlicher
+dringt, hat er sich wol den dritten Theil der Bevölkerung des eigentlichen
+Abessinien schon unterworfen und die Grenzen gegen alle Weltgegenden sind
+dem Christenthum jedenfalls für immer verloren. Die Galla werden in kurzer
+Zeit alle muhamedanisch sein, die Grenzvölker im Norden, die Habab und die
+Marea, sind erst in unserer Zeit dem Kreuz abtrünnig geworden und die
+Bogos selbst sind kaum zu retten.“
+
+Außer den Muhamedanern und Juden giebt es in Abessinien noch besondere
+religiöse Sekten. Zu diesen gehören die _Gamanten_, die sich über mehrere
+Provinzen des südlichen und westlichen Abessinien und selbst über Schoa
+ausgebreitet haben und als Heiden verachtet werden. Sie glauben nur an
+einen Gott und die Unsterblichkeit; Moses ist ihr von Gott inspirirter
+Prophet, doch erkennen sie kein Religionsbuch an, haben keine Festtage,
+ruhen aber am Sonnabend vom Ackerbau aus. Nach Krapf und Isenberg
+verrichten sie ihre Religionsübungen im dichtesten Gebüsche, welches kein
+Sonnenstrahl durchdringt. Eine besondere Verehrung zollen sie
+verschiedenen Pflanzen, die zu beschädigen sie ängstlich vermeiden. Unter
+diesen nimmt die Aloë die erste Stelle ein und zwar deshalb, weil sie
+dieselbe als von einer menschlichen Seele belebt denken und für den
+Stammvater des menschlichen Geschlechtes halten. Da die Gamanten keine
+Fasten halten und das auf jede Art geschlachtete Fleisch essen, werden sie
+schon um deswillen von den Juden verachtet. Trotz der Verfolgungen, denen
+sie ausgesetzt sind, leben sie als ruhige, fleißige und bescheidene
+Ackerbauer, von ihren andersgläubigen Nachbarn durch mancherlei Sitten
+geschieden. So durchbohren z. B. die Frauen nach ihrer ersten Niederkunft
+das Ohr und zwängen in die Oeffnung nach und nach immer größere
+Holzpfropfen, die schließlich einen Durchmesser von drei Zoll und mehr
+erlangen, sodaß das Ohrläppchen oder jetzt der Ohrlappen bis auf die
+Schulter herabhängt, wie dies ähnlich bei südamerikanischen Völkern
+gefunden wird. Die Sprache der Gamanten, das Koara, ist mit jener der
+einheimischen Juden übereinstimmend, aus denen sie hervorgegangen sein
+sollen. Aeußerlich zeichnen sie sich durch hohen Wuchs, schlanken ovalen
+Kopf, eine etwas aufwärts gekrümmte Nase und einen kleinen Mund aus. Sie
+haben schöngelockte, etwas gekräuselte Haare und große lebhafte Augen. Die
+Hauptsitze der Gamanten sind in der Umgebung Gondars, dann in Tschelga,
+Koara und bei Wochni, wo sie speziell die Pflicht haben, die Bergpässe zu
+hüten. Ackerbau und Viehzucht sind ihre liebste Beschäftigung,
+gelegentlich auch Straßenräuberei.
+
+ [Illustration: Schangalla vom Mareb, Zither spielend, und Raucher aus
+ Tigrié. Originalzeichnung von Eduard Zander.]
+
+Spuren vom ehemaligen _Heidenthum_ lassen sich bei den abessinischen
+Christen immer noch erkennen. Rüppell sah z. B., wie im Thale Saheta, in
+der Provinz Haramat, die Frauen der Umgegend sich in großer Anzahl an eine
+wasserreiche Quelle, welche unter einer schönen Baumgruppe hervorsprudelt,
+begaben, dort Hände und Füße wuschen und sich dann vor einem
+grobbehauenen, mit zwei eiförmigen Vertiefungen versehenen Sandsteinwürfel
+einige Mal auf die Erde niederwarfen. Rüppell hielt den Stein für einen
+Opferaltar, konnte jedoch über den Kultus nichts Näheres erfahren,
+obgleich seine Begleiter erklärten, es handle sich hier um einen Rest
+heidnischer Abgötterei.
+
+Eine besondere Sekte, welche den allgemeinen Namen _Waito_ führt und als
+heidnisch verschrieen ist, wohnt rings um den Tanasee. Von den Gamanten
+unterscheiden sie sich dadurch, daß sie keinerlei religiöse Ceremonie
+haben. Auch essen sie Wasservögel, Nilpferdfleisch, wilde Schweine
+u. s. w., was alles ihren Nachbarn als Gräuel erscheint. Sie haben keine
+eigene Sprache, sondern reden das Amharische, wie sie sich denn auch weder
+durch Gesichtszüge, noch durch andere körperliche Eigenschaften von den
+übrigen Abessiniern unterscheiden.
+
+Als heidnisch ist noch die _Schlangenverehrung_ zu nennen, die Pearce in
+der Provinz Enderta zu beobachten Gelegenheit hatte, und auch Bruce
+berichtet, daß die _Agows_ (im westlichen Abessinien) in ihren Hütten
+zahme Schlangen aufziehen, denen sie göttliche Verehrung zollen. Ein
+Fremder bemerkt zwischen diesen eigenthümlichen Menschen und den echten
+Abessiniern keinen großen Unterschied, außer daß die Agows im ganzen
+vielleicht ein stärkerer, aber nicht so ruhiger Menschenschlag sind als
+jene. Ihre Sprache jedoch, wie bei den Falaschas und Gamanten das Koara,
+ist durchaus verschieden und klingt sanfter und weniger kräftig als die
+von Tigrié. Die Agows in der Provinz Avergale werden unter der Benennung
+der Tschertz unterschieden, und das Land, welches sie bewohnen, erstreckt
+sich von Lasta bis an die Grenzen von Schirié. Nach der Sage waren die
+Agows einst Verehrer des Nil, aber im 17. Jahrhundert wurden sie zur
+christlichen Religion bekehrt. Die Agows hegen eine sehr hohe Meinung von
+ihrer ehemaligen Wichtigkeit und behaupten, nur von den Bewohnern
+Tigrié’s, sonst niemals, unterjocht worden zu sein. Es ist leicht möglich,
+daß dieses Volk einen Theil der Urbevölkerung Abessiniens ausmacht.
+
+Hier muß der Ausdruck _Schangalla_ oder _Schankela_ erwähnt werden, unter
+dem man sich fälschlicherweise einen besondern Volksstamm im Nordwesten
+Abessiniens vorstellte und worunter man namentlich die Bazen oder Kunama
+verstand. Allein es ist nur ein generischer Name, welcher auf die
+heidnischen, außerhalb Abessinien wohnenden Völker, namentlich die Neger
+und Negersklaven, angewandt wird.
+
+Abessinien besitzt gegenwärtig _zwei Hauptsprachen_, die sich wieder in
+mehrere zum semitischen Stamme gehörige Dialekte trennen. Als
+ausgestorbene (seit wann ist unbekannt) Ursprache gilt die _äthiopische_
+oder das Geéz, das zur Zeit der Einführung des Christenthums geredet und
+in welchem alle Bücher abgefaßt wurden. Ueber dieselbe hat Hiob Ludolf,
+der sich um die ältere Kunde Aethiopiens die größten Verdienste erwarb, im
+Jahre 1691 eine noch heute vielfach mustergiltige Grammatik verfaßt.
+Denkmäler der alten äthiopischen Sprache, in Stein eingegraben, sind an
+verschiedenen Orten des Landes aufgefunden und entziffert worden;
+besonders aber in der alten Königsstadt Axum in Tigrié. Auf einem
+Schutthaufen daselbst entdeckte Rüppell drei gleichgroße Kalksteinplatten,
+jede über vier Fuß lang und mit ziemlich wohl erhaltenen äthiopischen
+Lettern bedeckt. Ein abessinischer Geistlicher entzifferte später diese
+Inschriften, und die von ihm veranstaltete Uebersetzung stimmt ziemlich
+mit jener des Professors Rödiger in Halle überein. Wir geben, um die
+altäthiopischen Schriftzeichen zu zeigen, hier den Anfang der einen Tafel
+wieder, welche von dem Kriegszuge des Königs La San nach Magasa handelt,
+von wo er mit großer Beute heimkehrte:
+
+ [Illustration: Inschrift des Königs La San]
+
+Die Uebersetzung lautet:
+
+ 1. La San, Sohn des Siegreichen, des Gottbefreundeten
+ 2. Halen König von Axum und von Hamara
+ 3. und von Raidan, und von Saba, und von Sala-
+ 4. hen, und von Tiamo, und von Bega und von Kas.
+ 5. Der Sohn des Ungläubigen bisher unbesiegt
+ 6. bekämpfte als Feind; ihr Oberhaupt ward
+ 7. verjagt, das uns ungünstig war, und ihre Tapfern erschlagen;
+ 8. Darauf ergriffen sie die Flucht. Vorher
+ 9. schickten sie aber das Heer; ihr Anführer, der Tapfere
+ 10. zog aus mit Gezelt und dem Anführer der Vornehmsten.
+
+Das Geéz hat 26 einfache Buchstaben, denen 6 Vokalzeichen angehängt
+werden, wozu noch vier Doppellaute kommen. Man liest von links nach rechts
+und jedes Wort wurde vom nächstfolgenden früher durch einen vertikalen
+Strich, jetzt durch zwei übereinanderstehende Punkte getrennt. Wie
+bemerkt, ist die Sprache jetzt ausgestorben, doch gilt sie noch als
+Kirchensprache und wird von der Geistlichkeit aufrecht erhalten, welche
+die von Isenberg eingeführten, in die modernen Sprachen übersetzten Bibeln
+als Ketzerwerke erklärten. An die Stelle des ausgestorbenen Geéz traten
+zwei lebende Sprachen, das _Amharische_ und _Tigrische_, von denen das
+erstere in den vom Takazzié südlich und westlich, das letztere in den von
+diesem Flusse östlich gelegenen Landschaften geredet wird. Das Amharische,
+das am meisten gesprochen wird, obgleich ein Dialekt des Aethiopischen und
+also semitischen Charakters, hat doch mehr Fremdartiges als seine Mutter-
+oder seine Schwestersprache, das Tigrische, angenommen, welches die größte
+Aehnlichkeit mit dem alten Geéz behalten hat. Das Tigrische ist reich an
+kräftigen Gutturalen und hat eine Abart in dem Dialekte von Guragué, einer
+südabessinischen Landschaft; das Amharische dagegen, zur Regierungssprache
+erhoben, hat in der Sprache von Härrär, östlich vom Hawaschflusse, eine
+Tochter.
+
+Während die tigrische Sprache nicht geschrieben wird, hat die amharische
+sogar noch 6 Zeichen mehr als das Geéz mit sechserlei denselben
+angehängten Vokalzeichen, wozu noch 4 Diphthongformen kommen. Die
+Charaktere sind wie das ganze Alphabet syllabarisch, nämlich _Schaat_
+lautet in der Form [Äthiopisch: sha] _scha_. [Äthiopisch: shu] ist =
+_schu_ u. s. w. Ebenso wird aus _Tjawi_ in der Form [Äthiopisch: ca]
+(_tja_) durch Hinzufügung eines kleinen Zeichens in der Mitte rechts
+[Äthiopisch: cu] _tju_, [Äthiopisch: ci] ist _tji_, [Äthiopisch: caa]
+_tjâ_, [Äthiopisch: cee] _tje_ u. s. w. Die andern fünf dem Amharischen
+eigenthümlichen Charaktere sind: _Gnahas_ [Äthiopisch: nya] (_gna_; es ist
+also [Äthiopisch: nyu] _gnu_ und [Äthiopisch: nyee] _gne_ auszusprechen);
+_Chaf_ [Äthiopisch: xwa], _cha_; _Jai_ [Äthiopisch: zha], _ja_
+(französisch auszusprechen); _Djent_ [Äthiopisch: ja], _dja_ und _Tschait_
+[Äthiopisch: cha], _tscha_. Das Aethiopische und Amharische wird von der
+Linken zur Rechten gelesen. Wenn _sakaja_, anklagen, geschrieben wird
+[Äthiopisch: sa][Äthiopisch: xwa][Äthiopisch: ya], so bezeichnet also das
+dem großen _P_ im Lateinischen gleichende Zeichen die Silbe _ja_ und man
+wird sofort einsehen, daß [Äthiopisch: yu] wieder _ju_, [Äthiopisch: yaa]
+_jâ_ ist.
+
+Als untergeordnete Dialekte müssen noch erwähnt werden, das Baze-Tigré
+(nicht zu verwechseln mit dem Tigrischen oder Tigrenja), die in der
+Samhara und weiter nördlich herrschende Sprache, das erwähnte Idiom der
+Falascha oder Juden, der Gamanten und Agows, die den Koara-Dialekt
+(Hauaraza) sprechen, und die Sprache der Gallastämme im Süden von Habesch,
+über die weiter unten mehr gesagt wird.
+
+Soviel über die Sprachen des Landes. Von einer _Literatur_, welche das
+ganze Volk durchdringt, kann keine Rede sein, zumal Lesen und Schreiben
+ein Privilegium der höher gestellten Klassen, namentlich der Geistlichkeit
+ist. In früheren Zeiten war die geistige Regsamkeit in Abessinien eine
+ungleich rührigere als heutzutage, und aus jenen Perioden stammen auch die
+meisten Bücher, Chroniken und Bibelabschriften, von denen aber viel im
+Laufe der Kriege verloren gegangen ist. Alle abessinischen Manuskripte
+sind auf Pergament geschrieben und zwar meistentheils recht sauber und
+elegant. Die Linien laufen ganz symmetrisch miteinander parallel und auf
+der ersten Seite, sowie am Anfange jedes Kapitels sind immer die Zeilen
+abwechselnd mit rother und schwarzer Tinte geschrieben. Zum Schreiben
+bedient man sich eines zugespitzten Rohrhalmes. Häufig sind kolorirte
+Vignetten in den Text angebracht, die in älterer Zeit weit schöner als
+jetzt gemalt wurden. Viel Sorgfalt verwendet man auf die Ledereinbände, in
+welche man mit heißen Eisen zierliche Arabesken einbrennt. Die Art und
+Weise, wie die Geistlichkeit mit den seltensten alten Werken umgeht, ist
+geradezu barbarisch; sie verschleudert sie oft um einen Spottpreis oder
+läßt sie verschimmeln. Durch die Bemühungen der deutschen Missionäre,
+namentlich des wackeren Isenberg, sind in London auch mehrere Bücher in
+amharischer Sprache gedruckt worden, darunter eine vollständige
+Bibelübersetzung, eine kleine Geographie und ein Abriß der Weltgeschichte.
+Obgleich man diese zu Tausenden verbreitet hat, so haben sie dennoch
+keinen Nutzen gestiftet, da die den Missionären feindlich gesinnte
+abessinische Geistlichkeit den Gebrauch hinderte und die Werke
+vernichtete. So liegen sie da als ein Werk deutschen Fleißes, ohne
+lebendige Anwendung zu finden.
+
+ [Illustration: St. Georg (aus einem abessinischen Manuskripte). Nach
+ Harris.]
+
+Nach Krapf umfaßt die ganze abessinische Literatur 130 bis 150 Werke, von
+denen viele nur Uebersetzungen der griechischen Kirchenväter sind. Die
+sämmtlichen Bücher werden in vier Sektionen oder Gabaioch getheilt, deren
+erste das Alte, deren zweite das Neue Testament allein ausmacht. Die
+dritte enthält juristische Schriften, wie das Gesetzbuch, den Chrysostomus
+u. s. w., die vierte endlich besteht aus Mönchsschriften und dem Leben der
+Heiligen. Die großen Sammlungen von äthiopischen und amharischen
+Schriften, welche die Gebrüder d’Abbadie nach Frankreich, Rüppell nach
+Frankfurt, Krapf nach Tübingen brachten, lassen uns jetzt einen tiefen
+Einblick in das Schriftthum jenes abgelegenen christlichen Volks thun. Da
+finden wir „den Glauben der Väter“ (_Haimanot Abau_), eine Dogmensammlung
+der abessinischen Kirche, das Leben des Königs Lalibela (_Gadela
+Lalibela_), der im 13. Jahrhundert nach dem Untergange der Judendynastie
+lebte, die Biographie Tekla Haimanot’s, eine Menge wichtiger Chroniken
+u. s. w.
+
+Die Art und Weise, wie die Abessinier ihre Gemälde entwerfen, die oft auch
+die Pergamentmanuskripte schmücken, beschreibt Salt. Der Maler machte
+zunächst einen genauen Entwurf seiner Zeichnung mit Kohle und überzog
+denselben dann mit Tusche. Der Gegenstand stellte zwei abessinische Reiter
+im Kampfe mit den Galla dar; die Kleider der Krieger, das Geschirr der
+Pferde, der Gesichtscharakter waren getreu nachgeahmt. Die Abessinier
+vergrößern in ihren Gemälden auf eine besondere Art das Auge und zeichnen
+die Figuren _en face_; nur Juden, Teufel u. s. w. werden im Profil gemalt.
+Die Farben sind äußerst grell: Grün, Roth, Blau und Gelb herrschen vor.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Wenden wir uns nun zur Betrachtung des _Charakters der Abessinier_, so
+treffen wir hier auf sehr widersprechende Urtheile, doch kann im
+allgemeinen behauptet werden, daß derselbe nach unsern europäischen
+Begriffen ein keineswegs vorzüglicher ist. Während z. B. Munzinger und
+Heuglin dem Volke mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sind die Urtheile
+von Bruce, Rüppell, Krapf, Isenberg sehr herbe, und auch im eigenen Lande
+giebt es Leute genug, welche in die Verdammung einstimmen. Dahin gehörten
+vor allem der König Theodoros II. selbst und der im Jahre 1867 gestorbene
+Abuna (Erzbischof). Einzelne vorzügliche, durch Liebenswürdigkeit, edlen
+Charakter und Gelehrsamkeit ausgezeichnete Persönlichkeiten hat es jedoch
+immer gegeben und sie beweisen, daß in dem befähigten Volke noch nicht
+alle besseren Eigenschaften eingeschlummert sind. Der höchste Kirchenfürst
+des Landes, allerdings ein Ausländer, von dem selbst kein sehr
+erfreuliches Bild entworfen wird, schrieb 1843 an Isenberg: „Die
+Abessinier sind ein Volk, das weder nach Erkenntniß verlangt, noch Liebe
+zum Lernen zeigt, noch auch begreifen kann, daß Sie sein Bestes suchen.
+Was es will, ist, daß Sie ihm von Ihrer Habe mittheilen, nichts anderes.
+Wie kurz oder wie lange Sie sich auch in Abessinien aufgehalten haben
+mögen – können Sie immer noch glauben, daß die Abessinier seien wie andere
+Menschen, welche lernbegierig sind und nach Erkenntniß verlangen?“
+Isenberg selbst ist von dem Volke keineswegs erbaut und hatte bei der ihm
+widerfahrenen Behandlung auch wenig Ursache hierzu. Rüppell, ein sehr
+nüchterner Beobachter, faßt sein Urtheil folgendermaßen zusammen: „Die
+Hauptzüge des moralischen Charakters der Abessinier sind: Indolenz,
+Trunkenheit, Leichtsinn, ein hoher Grad von Ausschweifung, Treulosigkeit,
+Hang zum Diebstahl, Aberglaube, dummstolze Selbstsucht, große Gewandtheit
+im Verstellen, Undankbarkeit, Unverschämtheit im Fordern von Geschenken
+und eine des sprüchwörtlichen Gebrauches würdige Lügenhaftigkeit.“
+Mildernd setzt er hinzu: „In der Regel ist ihnen übrigens ein leutseliges,
+ungezwungenes Betragen eigen, weshalb eine oberflächliche Beurtheilung zu
+ihren Gunsten ausfällt.“ Dann weiter: „Zur Erregung eines bessern
+moralischen Gefühls trägt gar nichts in ihrem Leben bei, und ich muß
+durchaus dem beistimmen, was der Missionär S. Gobat als das Resultat eines
+beinahe einjährigen Aufenthalts in Gondar über den sittlichen Zustand
+dieser Stadt ausspricht, nämlich: „Alle Abessinier, wenn sie keine
+Regierungsgewalt zu fürchten haben, treiben das Räuberhandwerk. Ich kenne
+die Abessinier zu gut, als daß ich einen großen Werth auf ihre süßen Worte
+legen sollte. Ich bin traurig und niedergeschlagen, weil es mir vorkommt,
+als sei jeder Rettungsversuch vergeblich.““ Rüppell führt eine Menge diese
+Aussprüche charakterisirende Einzelheiten an, welche allerdings schlagende
+Illustrationen bilden; allen Ständen schreibt er gleich große Rohheit zu.
+Auch die Trägheit der Abessinier ist unglaublich. Jeder Ackerbautreibende
+bestellt nicht mehr Feld, als für den Bedarf seiner Familie nöthig ist,
+und an ein Aufspeichern von Vorräthen ist nicht zu denken. Jede Art von
+Handarbeit halten sie für etwas Entehrendes, und daher kommt es denn, daß
+fast die ganze Industrie des Landes in den Händen der Muhamedaner und
+Juden ist. Betrug im Handel, Verfälschung der Waaren sind gang und gäbe.
+
+Alledem gegenüber klingt als Lobrede, was Werner Munzinger, allerdings
+einer der ersten Kenner des Landes und Volkes, sagt: „Ueber dieses Land
+darf ich wohl reden, denn auch sein Mensch steht uns kaum so fern. Er
+denkt, er träumt, er liebt und haßt ja auch; er fühlt wie wir, nur roher
+und oft viel natürlicher und freimüthiger. Soll denn das schwarze Gesicht
+immer ein schwarzes Herz bergen? Auch dort findest du mitleidige Herzen!
+Wenn der schneidende Abendwind dichte Nebel auf die Hochebene hinabregnet,
+da kann der Wegfahrer getrost anklopfen und auch des erfrorenen Bettlers
+harrt ein freundlicher Gruß, ein fröhlich loderndes Feuer und ein warmes,
+in Milch eingebrocktes Brot. Auch dort giebt es Ritter, Beschützer der
+Frauen und Schwachen. Der Mißhandelte findet seinen Advokaten. Auch
+Freunde kannst du erwerben, wenn auch nicht schnell, die am Tage der
+Gefahr dich beschirmen. Treue Liebe, glückliche Gatten sind nicht selten,
+und wie oft folgt die trauernde Gattin ihrem Herrn freiwillig in den
+frühen Tod! Du siehst in Hungersnöthen die Mutter mit hohlen Wangen, die
+Kinder frisch und munter, denn das letzte Brot spart sie für ihre Lieben
+auf. Unermüdet wacht die Gattin bei ihrem kranken Manne. Brave Söhne
+opfern jahrelange Arbeit, um ihrem alten Vater sorgenfreie Tage zu
+bereiten, Gefühl fehlt nicht und auch nicht Muth und Frohsinn; sie singen
+und tanzen die sternenhelle Nacht durch; Rhapsodien loben den Helden, den
+Löwentödter, den Menschenbezwinger. Freude und Leid wird ausgesungen; das
+Lied dient auch der Klage, es begleitet die Arbeit, es bejubelt die
+Hochzeit.“ Im grellen Gegensatz steht – gegenüber fast allen andern
+Berichten – was Munzinger hier über die ehelichen Verhältnisse bemerkt,
+und es scheint uns fast, als sei wenigstens hier ein rosiger Schimmer über
+seine Darstellungen ausgebreitet.
+
+Hier muß erwähnt werden, daß die _Blutrache_ in ganz Abessinien allgemein
+herrscht und daß eine ausgebreitete und mächtige Verwandtschaft daher als
+ein sehr bedeutendes Schutzmittel gilt. Zu Isenberg kam einst eine Frau in
+der größten Angst gelaufen mit der Bitte, er möge für ihren Mann beten,
+der am Morgen ohne Begleitung und ohne Waffen ausgegangen sei; dies habe
+sein ihm feindlicher Vetter benutzt, um ihm bewaffnet zu folgen. „Wir
+erfuhren, daß diese Feindschaft zwischen den beiden Vettern von ihren
+Vätern herrührt, die einander in tödtlicher Feindschaft umgebracht haben
+sollen. Auch die Vettern haben in ihren Streitigkeiten schon zehn ihrer
+Leute verloren.“ Salt lernte einen jungen Häuptling (Schum) Namens
+Schelika Negusta kennen, der einen Feind im Zweikampfe erschlagen hatte.
+Mehrere mächtige Verwandte des Gebliebenen bemächtigten sich seiner Person
+und führten ihn vor den Ras, welcher ihn nach dem Gesetze zum Tode
+verdammte und zwar wurde er nach mosaischem Gebrauch den Verwandten des
+Ermordeten übergeben, damit diese nach Gefallen mit ihm umgehen möchten.
+Gewöhnlich wird bei solchen Gelegenheiten der Thäter nach dem Markte
+geführt und dort zu Tode gespeert, und so sollte es auch dem Schelika
+Negusta ergehen, als die Osoro’s (Prinzessinnen), von seiner Schönheit
+gerührt, sich hinter die Geistlichkeit steckten und durch deren
+Banndrohungen es vermochten, daß der der Blutrache Geweihte gegen eine
+hohe Geldsumme freigegeben wurde.
+
+Die _Justiz_ wird in Abessinien ungemein willkürlich gehandhabt. Ein
+oberster Gerichtshof hatte in der Residenz seinen Sitz und entschied in
+weltlichen Angelegenheiten als letzte Instanz. Bezüglich der Todesurtheile
+steht dem Könige die Entscheidung zu. Dieser hält wöchentlich mehrere Mal
+öffentliche Audienz in seinem Palaste, wobei Jedermann Zutritt hat. Hier
+läßt er sich Klagen und Vertheidigung vortragen, verhört die vorgeladenen
+Zeugen und giebt nach Berathung mit den Gerichtsbeisitzern seinen Spruch
+ab, dem jedoch die ausübende Kraft fehlt und der daher mehr als Gutachten
+angesehen werden muß. Ist der König verreist, so wählen sich die Parteien
+selbst ihren Schiedsrichter. In den Provinzen entscheidet der Gouverneur
+und zwar gleichfalls öffentlich, in der Regel auf einem Hügel in der Nähe
+der Stadt. Rüppell wohnte einer solchen Gerichtssitzung zu Angetkat in
+Semién bei. Der Gouverneur saß auf einem Flechtstuhle und ringsumher lagen
+die Zuhörer im feuchten Grase. Es handelte sich um eine Ehescheidung, bei
+der sowol Mann wie Frau ihre Sache persönlich vortrugen und zwar beide mit
+vieler natürlicher Beredsamkeit. Die Umstehenden sprachen fortwährend laut
+dazwischen und machten ihre Bemerkungen über den Gang der Unterhandlungen.
+Endlich ward Ruhe geboten und der Gouverneur verkündigte das Urtheil,
+worauf er beide Parteien mit einem „Marsch!“ entließ.
+
+Bei diesen Verhandlungen wird das geschriebene Gesetzbuch Abessiniens, das
+_Feta Negust_ (die Richtschnur des Königs) nur selten angewandt, da man es
+meist nur bei verwickelten Rechtsfällen zu Rathe zieht. Es soll angeblich
+unter Konstantin dem Großen durch die auf dem Konzil zu Nicäa versammelten
+Kirchenväter zusammengestellt worden sein. Das Feta Negust besteht aus
+zwei Abtheilungen, von welchen die eine das kanonische, die andere das
+bürgerliche Recht behandelt; beide zusammen haben 51 Unterabtheilungen.
+Die 22 Paragraphen des kanonischen Rechts handeln von der
+Rechtgläubigkeit, der Geistlichkeit, der Kirche, der Verwaltung von deren
+Eigenthum, vom Gottesdienst, den Feiertagen, der Ketzerei u. s. w.; die 29
+Paragraphen des bürgerlichen Rechtes von der Dienstbarkeit, der Ehe, dem
+Wucher, Erbschaft, Kauf, Zeugnissen, gefundenen Sachen, Grundeigenthum,
+Todtschlag, Diebstahl, Strafen u. s. w. Interessant ist die von Rüppell
+nicht ohne Grund ausgesprochene Ansicht, daß als Verfasser dieses
+Gesetzbuches vielleicht der protestantische deutsche Missionär _Pater
+Heyling von Lübeck_ anzusehen sei, der im Jahre 1634 nach Abessinien kam.
+
+Alle Gesetze jedoch, so gut sie sein mögen, hindern das Volk nicht in
+seinem faulen, zügellosen und namentlich in geschlechtlicher Beziehung
+außerordentlich liederlichen Lebenswandel fortzufahren, und die zahlreiche
+Geistlichkeit thut nicht das Geringste, um dem wüsten Treiben Einhalt zu
+thun, ja sie geht mit schlechtem Beispiel voran. Da kann es denn, wo für
+Aufklärung und Schulen so gut wie gar nicht gesorgt wird, nicht Wunder
+nehmen, daß unter diesen Christen die abenteuerlichsten Vorstellungen und
+der seltsamste Aberglaube im Schwunge ist.
+
+Nach den abergläubigen Ansichten der Abessinier hat jeder Mönch, jeder
+Einsiedler, jeder Zwerg die Fähigkeit, in die Zukunft schauen und
+weissagen zu können. Geschriebene _Talismane_ werden unter die Saat
+gemischt, damit sie gut keime, und kein Abessinier besteigt sein
+Maulthier, ohne sich vorher mit einer solchen Papierrüstung versehen zu
+haben, die ihn angeblich stich- und kugelfest machen soll. Amulete spielen
+derart eine große Rolle und schützen den Inhaber gegen jede vorhergesehene
+oder unvorhergesehene Gefahr. Der _Tulsim_, ein Gürtel, an dem kleine
+Ledertäschchen hängen, enthält diese schützenden Papierschnitzel, welche
+Männer, Weiber, Kinder tragen und die selbst der König für unentbehrlich
+hält. Auch übt der Einfluß des bösen Auges eine große Macht auf alle
+Abessinier aus; böse Geister durchschwärmen nach ihrer Vorstellung die
+Erde und das Wasser. Häufig wendet man das _Besa_ oder Krankenopfer an,
+indem man unter Singen und Schreien um das Lager des Patienten einen
+Ochsen treibt und denselben dann vor dem Hause schlachtet. Kein Abessinier
+wird an einem Sonnabend oder Sonntag eine Schlange zu tödten wagen, weil
+an diesen Tagen jene Thiere als ein glückverheißendes Omen erscheinen.
+Uebereinstimmend mit den heidnischen Galla bringen die Christen im Juni
+dem _Sar_ (bösen Geiste) Dankopfer dar, obgleich dieser Götzendienst durch
+Verordnungen aufs strengste untersagt ist. Drei Männer und eine Frau, die
+mit dem Bösen in Verbindung stehen, versammeln sich dann, um in einem
+frisch ausgekehrten Hause die Ceremonie vorzunehmen; eine ingwerfarbige
+Henne, eine röthliche Gais oder ein Ziegenbock mit weißem Halsringe werden
+geopfert und das Blut der Thiere, mit Fett und Butter gemischt, während
+der Nacht auf einen engen Pfad gesprengt, damit alle Darübergehenden das
+Uebel des Kranken an sich nehmen, zu dessen Gunsten das Opfer dem Sar
+dargebracht wurde.
+
+Das Aechzen der Wassernixen hört der abergläubige Abessinier in jedem
+Wasserfall, und der Unglückliche, welcher im plötzlich angeschwollenen
+Wildbache ertrinkt, wird als Speise der bösen Wassergeister angesehen.
+Verschiedene Pflanzen und Kräuter besitzen zauberische Eigenschaften, so
+ein Gras (Fegain), das, heimlich auf den Gegner geworfen, diesem Krankheit
+und schleunigen Tod bringt. Zauberer und Sterndeuter, durchaus keine
+seltenen Erscheinungen in Abessinien, erreichen nach der Volksmeinung das
+anständige Alter von vier- oder fünfhundert Jahren; sie fliegen mit der
+Windsbraut durch das ganze Land, erscheinen plötzlich und ungesehen in der
+schmausenden Gesellschaft und nehmen ihr die leckersten Fleischbissen vor
+der Nase weg.
+
+Vor dem sterblichen Auge verborgen liegt irgendwo im Lande das zauberhafte
+Dorf _Duka Stephanos_, ein Paradies auf Erden, das, alle irdischen und
+himmlischen Freuden in sich vereinigend, die Sehnsucht des wunderliebenden
+Volkes im hohen Grade erregt. Seine grasigen Auen und prächtigen Wälder
+laden zum süßen Schlummer ein, und am heitern Ufer des Nil, der seine
+blauen Fluten durch die prächtige Landschaft rollt, wandern die schönsten
+Weiber. Dort fließen die köstlichsten Getränke in nimmer versiechendem
+Strome, und die Erde bringt saftige Früchte in unendlicher Fülle ohne
+Arbeit hervor. Doch in zauberische Nebel verhüllt, öffnet dieses Elysium
+seine Pforten nur Menschen von untadelhaft schönem Aeußern, die das
+Wohlgefallen der Bewohner von Duka Stephanos erregten.
+
+ [Illustration: Eine Lima-Galla, Baumwolle schnellend. Zeichnung von E.
+ Zander.]
+
+_Zwerge_ werden mit einem gewissen Respekt behandelt und sind Gegenstände
+der Furcht; viele unter ihnen sind gerade die gelehrtesten Leute des
+Landes. So war der Beichtvater Sahela Selassié’s, des Königs von Schoa,
+ein wahrer Asmodeus in seiner Erscheinung, doch dabei ein liebenswürdiger
+und ungemein weiser Mann, der sich vor seinen Landsleuten in geistiger
+Beziehung bedeutend auszeichnete. Auch die Großen des Landes wählen sich
+gern mißgestaltete und zwerghafte Leute zu Sekretären.
+
+Ganz besonders mit übernatürlichen Kräften ausgestattet erscheint aber der
+_Grobschmied oder Budak_, da er sich nach Belieben in einen Wolf oder eine
+Hyäne zu verwandeln und Menschenfleisch zu fressen vermag. Dem bösen
+Blicke eines Schmiedes wird gewöhnlich Krankheit und Unglück
+zugeschrieben. Hailo, der Vater Ubié’s, des früheren Herrschers von
+Tigrié, gab einst Befehl, alle Schmiede, die in seinem Reiche wohnten,
+niederzumachen, um weiteres Unglück zu verhüten. Ueberall bluteten die
+unschuldigen Opfer, dem Manne aber, der dieses abergläubige Werk
+vollbracht, jubelten dankbar die Herzen des Volkes zu, das sich von einem
+Alp befreit glaubte. Nicht weniger als 1300 der nützlichen Eisenarbeiter
+sollen damals (zu Anfang dieses Jahrhunderts) ihr Leben auf diese grausame
+Art verloren haben. So berichtet wenigstens Harris, dem wir hier gefolgt
+sind. Indessen genügt die Gegenwart irgend eines christlichen Emblems oder
+der Heiligen Schrift, um die üblen Wirkungen der Schmiede zu
+neutralisiren. Kein Metall kann in Gegenwart des Kreuzes geschweißt
+werden. Als die britische Gesandtschaft in Schoa war, mühten sich ein paar
+eingeborene Schmiede mit ihren kleinen Blasebälgen vergeblich ab, einen
+Reifen um das Rad einer Kanonenlaffete zu schmieden. Sie erklärten nun,
+daß die Gegenwart irgend eines Theils der Heiligen Schrift ihrem Geschäfte
+hinderlich sei. Schnell warfen alle Anwesenden ihre Amulete weg; die
+Blasebälge arbeiteten von Neuem, aber das Metall war nicht in Fluß zu
+bringen. Nun wurden englische Blasebälge gebracht, und als die Funken vor
+der Windröhre davon sprühten, war das Eisen in fünf Minuten weißglühend
+und der Reif aufgeschweißt. Die einheimischen Magier baten aber,
+dergleichen Proben in Zukunft zu unterlassen, da sonst ihr Ansehen
+verloren ginge!
+
+ [Illustration: Abessinierin, Baumwolle spinnend. Zeichnung von E.
+ Zander.]
+
+Da der Handel großentheils in den Händen der Muhamedaner, die
+Gewerbthätigkeit meistens bei den Juden ist, so bleiben für den
+christlichen Abessinier das Kriegshandwerk, die Geistlichkeit, Jagd,
+Ackerbau und Viehzucht als Erwerbszweige übrig.
+
+In der wildreichen Kola, die mit ihren grasreichen Niederungen den
+Elephanten, Büffeln und Antilopen ein willkommener Aufenthalt ist, tritt
+uns der Eingeborene oft als kühner _Jäger_ entgegen. In den meisten Hütten
+der Kola von Eremetschoho fand Rüppell getrocknete Elephantenrüssel oder
+die Schweife von Büffeln, welche als Zeichen des persönlichen Muthes
+aufbewahrt wurden. Als einzige Waffe dient den Riesen der Wildniß
+gegenüber der Speer. Doch ist im Allgemeinen die Jagd nur ein
+nebensächlicher Erwerbszweig.
+
+Der Abessinier der Hochlande dagegen ist vorzugsweise _Ackerbauer_ und
+_Viehzüchter_, und nach den Produkten dieser Thätigkeit richtet sich auch
+seine Nahrungsweise. Die Nachricht, daß die Abessinier große Freunde rohen
+Fleisches (_Brundo_) seien, drang zuerst durch Bruce nach Europa. Man
+glaubte ihm jedoch nicht, bis dann spätere Reisende Alles bestätigten, was
+er erzählt hatte. Bruce berichtete, daß, wenn die Gesellschaft zum Essen
+versammelt gewesen sei, man eine Kuh oder einen Ochsen vor die Hütte
+geführt habe. Man bindet dem Thiere die Füße, macht unten am Halse in die
+Haut einen Einschnitt bis an das Fett und läßt fünf bis sechs Tropfen Blut
+auf die Erde fallen. Dieses geschieht, um das Gesetz zu beobachten. Dann
+fallen einige Leute über das Thier her, ziehen ihm die Haut vom Körper bis
+in die Mitte der Rippen ab und schneiden aus den Hintervierteln dicke
+viereckige Stücke Fleisch heraus. Das schreckliche Gebrüll des
+unglücklichen Thieres ist ein Zeichen für die Gesellschaft, sich zu Tische
+zu setzen. Statt der Teller legt man jedem Gaste runde Tiéfkuchen vor, die
+als Zuspeise und Serviette zugleich dienen. Herein treten zwei oder drei
+Diener mit viereckigen Stücken Rindfleisch, welches sie in den bloßen
+Händen tragen; sie legen dasselbe auf Tiéfkuchen; der Tisch ist ohne
+Tafeltuch. Die Gäste halten schon ihre Messer bereit. Jeder Mann schneidet
+mit seinem krummen Säbelmesser kleine Stücken Fleisch herunter, in welchen
+man noch die Bewegung der Fasern, das Leben, wahrnimmt. In Abessinien
+speist sich kein Mann selbst und rührt seine Kost nicht an. Die
+Frauenzimmer nehmen diese Stücken und schneiden sie erst in Streifen von
+der Dicke eines kleinen Fingers und dann in Würfel. Diese legt man auf ein
+Stück Tiéfbrot, das stark mit Pfeffer und Salz bestreut ist und wie eine
+Rolle zusammengewickelt wird. Dann steckt der Mann sein Messer ein, setzt
+beide Hände auf die Kniee seiner Nachbarinnen und wendet sich mit
+vorgebeugtem Leibe, gesenktem Kopfe und aufgesperrtem Maule zu derjenigen
+Nachbarin, welche die Rolle zuerst fertig hat. Diese stopft ihm das ganze
+Stück in den Mund, der davon so voll wird, daß der Mann in Gefahr geräth
+zu ersticken. Je vornehmer der Mann, um so größer ist das Stück, und es
+wird für sehr fein gehalten, wenn er beim Essen recht stark schmatzt.
+
+Wie gesagt, dieses Verzehren von rohem Beefsteak erregte in England
+allgemeines Aufsehen und Bruce stand als Lügner gebrandmarkt da. Hören wir
+nun, was spätere Reisende über diesen Gegenstand berichten. _Salt_, der
+mehr als dreißig Jahre später in Abessinien war, bezüchtigte Bruce der
+Unwahrheit, indem er erzähle, es sei _Gewohnheit_ bei den Abessiniern,
+sich am Fleische noch lebender Thiere nach Art des Polyphem zu ergötzen;
+doch stellt er keineswegs in Abrede, daß rohes Fleisch, je frischer, je
+lieber, ihr größter Leckerbissen sei. Rüppell (1832) berichtet an mehr als
+einer Stelle seines Reisewerkes, wie er gesehen habe, daß die Leute _noch
+zuckendes_ Fleisch genossen hätten. Er sagt: „Dasjenige Fleisch, welches
+noch seine natürliche Wärme hat und bei dem die Muskelfasern noch unter
+dem Messerschnitte zucken, gilt für einen besondern Leckerbissen. Das
+Fleisch wird von den Abessiniern meistens roh verzehrt, wiewol in den von
+mir bereisten Provinzen jetzt nie anders, als nachdem das geschlachtete
+Thier ausgeblutet hat. Der barbarische Gebrauch, Stücke Fleisch von einem
+noch lebenden Thiere herauszuschneiden, welchen Bruce beschrieben hat, mag
+zur Zeit seines Aufenthaltes in Gondar stattgefunden haben, ist aber
+sicherlich dort in neuerer Zeit nicht mehr etwas Gewöhnliches. Daß
+derselbe indessen in andern Gegenden Abessiniens auch jetzt noch zuweilen
+vorkommt, behaupte ich trotz des Widerspruchs Salt’s und der ganz
+grundlosen Kritiken, welche die Franzosen Combes und Tamisier über Bruce
+veröffentlichten.“ Der Missionär Isenberg (1843) bezweifelt dagegen wieder
+die allgemeine Richtigkeit der Angabe von Bruce und stellt jene Thatsache
+als Aushülfe in Nothfällen hin, „wo z. B. auf einem Marsche befindliche
+Soldaten in gewisser Entfernung von ihrem Lagerplatz, wenn sie der Hunger
+ereile, dem Vieh, welches sie vor sich hertreiben, ein Stück Fleisch aus
+dem Hinterviertel herausschneiden und verzehren, die leere Stelle mit Heu
+oder anderm Material ausfüllen, die abgelöste Haut wieder darüberziehen
+und dann das Thier bis zu ihrem Lagerplatz treiben, wo seinem Leben ein
+Ende gemacht werde.“ Entscheidend möchte jedoch Folgendes sein.
+
+Als der Reisende _Apel_ im Januar 1865 zu Wochni gefangen genommen und
+nach Gondar geschleppt wurde, setzte man ihn auf ein Pferd, das vermittels
+eines Seiles von etwa 3 Ellen Länge an dasjenige eines ungeheuren
+Abessiniers befestigt war. „Auf diesem Ritt von Wochni nach Gondar habe
+ich mit eigenen Augen das gesehen, was von Bruce so standhaft behauptet
+und von der ungläubigen Civilisation bestritten wurde, – nämlich das
+_Herausschneiden des Fleisches von noch lebenden Thieren_ und das Genießen
+desselben, während das Thier noch im Todeskampfe liegt. Es wurden ihm von
+den Christen die Füße gebunden, es fiel auf die Seite, und alsbald schnitt
+man ihm Stücke Fleisches aus dem Rumpfe, welche, noch zuckend von der
+Muskelbewegung, gierig von den Christen verschlungen wurden. Das Thier
+verblutete und blieb dann eine Beute der Schakale. Mir wurde ein blutiges
+zuckendes Stück Fleisch zugeworfen und ich habe, so widerwärtig mir das
+Ganze auch war, doch den größten Theil desselben verzehrt, so arg hatte
+mich der Hunger mitgenommen, denn seit zwei Tagen hatte ich nichts
+genossen. Dieselbe Kost wurde mir während der ganzen Reise angeboten.“
+Krapf endlich sah in Schoa, wie Soldaten einem lebendigen Schafe ein Bein
+abschnitten, das Thier nicht tödteten und das rohe Fleisch vom Knochen
+sogleich abnagten!
+
+Nicht viel weniger widerwärtig ist die Art und Weise, wie die Abessinier
+ihr übriges Fleisch zubereiten und überhaupt ihre Nahrung zu sich nehmen,
+sodaß man bei ihnen wol vom „Fressen“ sprechen kann.
+
+Schafe und Ziegen werden in Gegenwart der Gäste geschlachtet und
+abgehäutet, dann die noch zuckenden Glieder etwa fünf Minuten über ein
+Flammenfeuer gehalten und die äußerste Lage Fleisch, die kaum durchröstet
+ist, mit Brotkuchen und reichlicher Pfeffersauce genossen. Salz wird in
+langen, gewundenen Antilopenhörnern umhergereicht. Während des Essens
+selbst wird nicht getrunken, unmittelbar nach demselben gehen jedoch
+Glasflaschen, sogenannte Berille, mit gegohrenem Honigwasser herum. Der
+Ueberbringer desselben gießt dabei, indem er eine Flasche darreicht, eine
+Kleinigkeit davon in die hohle Hand und trinkt sie vor dem Gaste aus, um
+demselben damit zu zeigen, daß der Trank nicht vergiftet sei. Auch die
+zubereiteten Speisen erscheinen für einen Europäer sehr widerlich, denn
+bei vielen wird ein Oel aus den Samenkörnern der Nukpflanze von sehr
+unangenehmem Geschmack zugesetzt.
+
+Die Abessinier können ganz unglaubliche Portionen verschlingen und die
+Gefahr, dabei zu ersticken, welche Bruce scheinbar übertreibend anführt,
+wird auch von Rüppell hervorgehoben. Eine Hauptsache beim Essen ist
+jedoch, daß sie die Kauwerkzeuge unter lautem Geschmatze und Geschnalze
+bewegen müssen. Ländlich, sittlich! und diese „Sitte“ gilt nicht nur in
+den niederen Klassen, sondern auch bei Hofe, selbst in unsern Tagen bei
+Theodoros II. Dieser hatte den Missionär Stern zur Tafel geladen; die
+Mahlzeit bestand, da gerade Fasttag war, einfach aus Tiéfkuchen und
+Honigwasser. „Da machte ich“, erzählt Stern, „einen Verstoß gegen die
+Sitten des vornehmen Lebens. Nach abessinischen Begriffen muß jeder Mann
+aus der Aristokratie beim Essen schmatzen wie ein Schwein. Davon wußte ich
+leider nichts; ich aß so, wie wir in Europa es für schicklich halten, aber
+das trug mir den Tadel der Gesellschaft ein; die Leute raunten sich
+allerlei ins Ohr. Endlich fiel mir die Sache auf, und ich fragte den
+Engländer Bell, ob ich etwas Unangemessenes gethan habe. Bell entgegnete:
+Gewiß haben Sie das. Ihr Betragen ist so _ungentlemanly_, daß alle Gäste
+glauben müssen, Sie seien ein Mensch ohne alle Erziehung und Bildung und
+gar nicht gewohnt, sich in anständiger Gesellschaft zu bewegen. – Nun,
+wodurch habe ich denn eine so schmeichelhafte Meinung verdient? – Einfach
+durch die Art und Weise wie Sie essen. Wenn Sie ein Gentleman wären, so
+würden Sie das bei Tafel beweisen; Sie müssen recht laut und derb
+schmatzen und Keiner wird bezweifeln, daß Sie ein Mann von Stande seien.
+Da Sie aber nicht schmatzen und die Speisen lautlos kauen, so glaubt hier
+Jeder, daß Sie ein armer Tropf sind. – Ich erklärte dann den abessinischen
+Aristokraten, daß bei mir zu Lande, in Europa, eine andere Sitte herrsche,
+und damit brachte ich die Dinge wieder in richtigen Zug.“ –
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+ [Illustration: Ein schneidernder Abessinier in Gondar. Nach Lejean.]
+
+In der _Kleidung_ der Abessinier walten selbstgesponnene und gewebte
+Baumwollenstoffe vor. Wie im Orient noch immer, so spinnen auch die Frauen
+die gereinigte Baumwolle mit der Spindel aus freier Hand; mit dem Weben
+beschäftigen sich jedoch vorzugsweise die Muhamedaner. Die Kleidung der
+_Männer_ besteht aus weiten Unterhosen, einem langen, um die Brust und den
+Leib geschlungenen Gürtel, der eine Ausdehnung von zuweilen 100 Ellen hat,
+und einem weiten faltigen Mantelüberwurf, welcher aus einem großen Stücke
+Zeug besteht, das bei Vornehmen mit einem faltigen Rande versehen ist.
+Mehr ist von der _weiblichen Kleidung_ zu berichten. Sie besteht aus einem
+großen Hemde mit weiten, jedoch an der Handwurzel eng zulaufenden Aermeln.
+Darüber tragen sie den Umschlagmantel gleich den Männern. Außer einigen
+Seidenstickereien am Hemde zeichnet noch der Putz die abessinischen
+Schönen aus. Ohrringe oder Rosetten, welche eine Goldblume vorstellen,
+sind ein sehr beliebtes Schmuckmittel, desgleichen silberne Halsketten und
+dicke Ringe an den Fußknöcheln, beide öfter mit kleinen Silberglöckchen
+behängt. Das Haupthaar der Frauen ist gewöhnlich kurz abgeschnitten oder
+es wird, wenn es in seinem natürlichen Zustande bleibt, mit Anwendung von
+vieler Butter in dünne anliegende Zöpfchen geflochten. Auch hier ruft, wie
+bei unseren Damen, die Mode sehr häufig Aenderungen der Haartracht hervor,
+die genau befolgt werden. Stirnbänder oder Schuhe von rothem Leder kommen
+nur ausnahmsweise vor. Luxusartikel der männlichen Kleidung sind Arm- und
+Stirnbänder als Ehrendekorationen. Die blaue Schnur von Seide oder
+Baumwolle, welche als Zeichen des Christenthums gilt, wird allgemein
+getragen.
+
+Diese allgemeine Tracht erleidet natürlich vielerlei Ausnahmen. In den
+Grenzländern findet man fast ganz nackte Leute, die nur den Leibschurz
+tragen; in Schoa hatte allein der König das Recht, sich mit goldenen
+Dingen zu schmücken. In Foggera, östlich vom Tanasee, tragen Frauen und
+Mädchen große gegerbte Lederhäute, welche zugleich Nachts als
+Schlafmatratze dienen. Beim Gehen verursacht dieser lederne Leibrock ein
+sonderbares Geräusch. In den hohen Alpengegenden der Provinz Semién
+schützen sich die Bewohner gegen das harte Klima durch eine Art von
+ambulantem, aus Rohrdecken zusammengeflochtenem Schutzdache (Gassa),
+welches sie beständig mit sich herumtragen, um ihre durch dürftige Lumpen
+nur zum Theil bedeckten Körper gegen plötzliche Regengüsse und
+Schneegestöber zu verwahren; ein anderes Schutzmittel gegen die
+schneidende Luft in den Hochlanden sind Kappen von Ziegenhaar, die bis
+über die Ohren gehen. Als Zeichen der Ehrerbietung zieht der Abessinier
+bei Begegnungen den die Schultern bedeckenden Theil seines Kleides
+(Schama) herab und vor dem Landesherrn erscheint er nur gegürtet, d. h. er
+schlägt die den Oberkörper bedeckenden Theile des Kleides über dem Gürtel
+um den Leib, während ein Hochgestellter in Gegenwart untergeordneter
+Personen sich das Gesicht vom Kinn bis über den Mund verhüllt.
+
+_Sauberkeit_ ist keine Tugend der Abessinier, und ihre Wohnungen wie ihre
+Körper zeigen oft den höchsten Grad von Schmuz. Merkwürdig ist, daß in
+ganz Abessinien das Waschen der Kleidungsstücke Sache der Männer und nicht
+der Frauen ist. Statt der Seife bedienen sie sich der getrockneten
+Samenkapseln des Septestrauches (_Phytolacca abessinica_), welche zwischen
+Steinen zu Mehl gerieben und dann auf einem Leder mit Wasser gemischt
+werden; das zu waschende Tuch wird hierauf in dieser Mischung mit den
+Füßen gestampft, worauf es, nachdem die Operation einige Male wiederholt
+wurde, von jedem Schmuze befreit ist. Die Bewohner der Küstengegend bei
+Massaua, wo es keine Septe giebt, bedienen sich statt der Seife beim
+Waschen getrockneten Kameelmistes.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Das sehr ungeregelte Leben der Abessinier ist auch die Ursache vieler
+_Krankheiten_, die große Verheerungen unter ihnen anrichten.
+Geschlechtliche Vergehen und Krankheiten sind allgemein verbreitet, ebenso
+Krätze und die arabische Gliederkrankheit; bei letzterer schnurrt die Haut
+an den Finger- oder Zehengelenken zusammen, das Glied stirbt nach und nach
+ab und löst sich endlich ganz vom Körper. So verliert der Kranke ein Glied
+der Finger und der Zehen nach dem andern, bis der nackte Stumpf der vier
+Gliedmaßen allein übrig geblieben ist und der sonst scheinbar gesunde
+Mensch zum hülflosen Geschöpf wird. Der Verlauf und die Unheilbarkeit
+dieser erblichen Krankheit ist in Abessinien sehr wohl bekannt, und den
+Kranken überfällt, wenn er die ersten Anzeichen spürt, natürlicherweise
+Schwermuth. Die _Filaria_ oder der Medinawurm kommt ziemlich häufig vor,
+ist aber meistens nur eingeschleppt. Der Keim dieses Schmarotzers dringt
+in das Wadenfleisch der Menschen ein, bildet sich dort aus und verursacht
+die größten Schmerzen, gegen welche man mit Glück Zibethmoschus anwendet;
+Kröpfe und Kretinismus finden sich in einigen Gegenden; die Blattern
+richten periodisch große Verwüstungen an; Schwindsucht und
+Augenentzündungen sind häufig. Die einheimischen _Aerzte_ (Tabib) können
+nur als Charlatans angesehen werden. Es existiren auch medizinische Werke,
+darunter eins mit dem Titel „El Falasfa“, dessen mitunter höchst
+lächerliche Vorschriften sympathetischer und mystischer Art sind. Auch die
+Geistlichkeit verlegt sich auf das Kuriren, und Rüppell sah, wie ein
+Knabe, der über und über mit Brandwunden bedeckt war, mit Honig und dem
+Blute eines schwarzen Huhns von einem Priester bestrichen wurde. Nach vier
+Stunden gab derselbe seinen Geist auf. Die „bösen Geister“ werden von den
+Priestern gleichfalls vertrieben, wie Isenberg selbst zu beobachten
+Gelegenheit hatte. Der Geistliche ließ sich einen Topf mit Wasser geben,
+las darauf schnell einige Gebete aus dem Buche Haimanot (Glaube) und
+spuckte dann mehrere Male in das Wasser. Isenberg machte ihm Vorwürfe
+hierüber, allein der Priester ließ sich nicht aus der Fassung bringen und
+besprengte mit der Flüssigkeit das Haus, welches solchergestalt von allen
+Unholden befreit wurde. Freilich ist dieses Verfahren von dem bei uns
+immer noch geübten Exorzismus nicht weit entfernt, und es steht uns daher
+wenig an, darüber viele Worte zu verlieren, so lange wir selbst nicht frei
+von ähnlichen Thorheiten sind.
+
+Auch das Heilverfahren der abessinischen Wundärzte erinnert an die „gute
+alte Zeit“. Ein Zahn wird mittels Zange und Hammer von einem Schmiede
+ausgezogen, d. h. mit denselben Instrumenten, mit denen er sein Metall zu
+bearbeiten pflegt. Aderlaß wird mit einem Rasirmesser, Schröpfen mit einem
+Ziegenhorn vollzogen, dessen Luftinhalt durch Erhitzen verdünnt wurde.
+Schlecht geheilte Knochenbrüche, die verkürzte Glieder hinterließen,
+werden einfach nochmals gebrochen und so zu kuriren versucht. Indessen
+Amulete stehen in weit höherem Ansehen, als der _Bala medanit_ oder
+Meister der Arzneien. Wahnsinn, Epilepsie, Delirium, Veitstanz und
+ähnliche oft unheilbare Uebel, für welche man keine Heilmittel kennt,
+werden einfach dem Einflusse von Dämonen zugeschrieben und der Patient
+hiernach behandelt. Blaue Papierstreifen sollen gegen Kopfweh helfen;
+gewisse Pflanzensamen, in Säckchen bei sich getragen, schützen gegen den
+Biß toller Hunde und gegen Unglück auf Reisen. Doch müssen diese Sämereien
+mit der linken Hand gepflückt werden zu einer günstigen Zeit, wenn die
+Sterne dem Pflückenden hold sind – sonst hilft das Mittel zu nichts. Wie
+wir schon aus Bruce wissen, verwüsten die Pocken oft das Land und fordern
+ihre Opfer. Eine Art Impfung, wobei die Lymphe mit Honig vermischt wird,
+findet dann von den _menschlichen_ Pusteln statt, in deren Folge oft viele
+Leute sterben. In allen Fällen wendet man sich indessen, dem Aberglauben
+huldigend, lieber an den Priester als an den Quacksalber, was im Grunde
+genommen einerlei ist, da beide von der Medizin nach unsern Begriffen
+nichts verstehen.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Wenngleich es den Abessiniern nicht an der nöthigen Fähigkeit und
+Geschicklichkeit fehlt, so ist doch bei der allgemein herrschenden
+Indolenz die _Industrie_ und Gewerbthätigkeit sehr gering entwickelt, ja,
+sie erhebt sich kaum über den allgemein afrikanischen Standpunkt, und
+manche Gewerbzweige werden in derselben primitiven Weise wie bei den
+benachbarten Negervölkern betrieben. Ein großer Theil der industriellen
+Thätigkeit liegt in den Händen der fleißigeren Juden und Muhamedaner.
+
+Von den Schmieden war schon die Rede; das Verfahren, wie das Metall aus
+dem rothen Eisenthon in Tigrié bereitet wird, ist genau dasselbe wie es in
+Madagascar, am Zambesi oder in Westafrika stattfindet. Feinere
+Metallarbeiten liefern eingewanderte Armenier und Indier. Die
+Holzschnitzereien sind zum Theil prachtvoller Art. In der Kirche Lalibela
+in Gondar z. B. sind Flachreliefs an Thüren und Fenstern angebracht und
+theilweise bemalt. Außer den Arabesken, deren freie Erfindung und schöne
+Harmonie einen vorzüglichen Eindruck hervorbringt, sieht man Darstellungen
+aus dem Leben der Heiligen oder fabelhafte Ungeheuer, wie den _Sebetat_,
+der halb Mensch, halb Löwe ist. Sein Schwanz bestand aus zwei Schlangen;
+seine Waffen waren Pfeil und Bogen. Doch diese schützten ihn nicht gegen
+den Stier Meskitt, welcher ein silbernes und ein goldenes Horn trug und
+den Sebetat tödtete. Eine andere Holzschnitzerei zeigt uns den Kaiser
+Konstantin; dann – figürlich ausgedrückt – dessen Gewalt und schließlich
+die Fürstin Menene, die Mutter des Ras Ali und Erbauerin der Kirche.
+
+Bei der oft herrschenden großen Kälte werden die sonst wenig industriösen
+Abessinier wenigstens mit Gewalt zur Weberei gezwungen. Die rohe
+Baumwolle, welche ungemein billig und ausgezeichnet im Lande ist, wird
+gegen einige Salzstücke eingehandelt und auf der einfachen, urthümlichen
+Spindel gesponnen. Zeit ist in Abessinien kein Geld, und so kommt es denn
+gar nicht darauf an, daß die Frauen recht lange mit dem Spinnen einer
+kleinen Partie Baumwolle zubringen. Das Garn kommt dann auf einen ganz
+gewöhnlichen, einfachen Webstuhl und wird mit Hülfe des Schiffchens in
+einen warmen, dauerhaften Mantel (Schama) umgewandelt. (Siehe die
+Abbildungen S. 98 und 99.)
+
+Auch Schaf- und Ziegenwolle wird verwebt. Lederfabrikation zu Sattelzeug,
+Schilden, Riemen, Schuhen für die Priester ist ein weitverbreitetes
+Gewerbe. Töpferei und Pfeifenfabrikation treiben die Falaschas. Drechsler
+liefern aus den Hörnern des Sanga-Ochsen oder des Rhinozeros geschnitzte
+Becher (Wantscha). Zierliche Körbchen und Sonnenschirme aus Rohr, Binsen
+oder Stroh flechten die Frauen; Schneider giebt es dagegen nicht, da jeder
+Abessinier selbst für seinen Kleiderbedarf sorgt; ebenso mangeln Bäcker
+und Müller, und von größeren Industriezweigen, die an einem Export ihrer
+Erzeugnisse arbeiteten, ist gar nicht die Rede, da nur Rohprodukte zur
+Ausfuhr gelangen.
+
+Der _Handel_ Abessiniens kann nach keiner Richtung hin ein bedeutender
+genannt werden, wenn er auch durch Massaua mit dem Rothen Meere in
+Verbindung steht. Die hohen, steil abfallenden Gebirgsketten mit den
+schwer zugängigen Pässen erschweren die Kommunikation ganz bedeutend, und
+die sämmtlichen Flüsse des Landes sind für die Schiffahrt nicht im
+geringsten geeignet. Dazu kommt vor Allem die geringe eigene Produktion
+von Handelswaaren, sodaß schließlich für den abessinischen Handel – von
+den Sklaven abgesehen – nur die aus den südwestlichen Ländern kommenden
+Erzeugnisse, wie Gold, Elfenbein u. s. w. als Durchgangswaaren in Betracht
+kommen. Hierdurch erklärt sich auch das geringe Interesse, welches man –
+Missionsfragen ausgenommen – in Europa an Abessinien vom praktischen
+Gesichtspunkte hatte und das erst durch König Theodoros und die
+Gefangenhaltung der Engländer wieder aufgefrischt wurde.
+
+ [Illustration: Sebetat, ein fabelhaftes Ungeheuer. Holzschnitzerei in
+ der Kirche Lalibela. Originalzeichnung von E. Zander.]
+
+Für den Großhandel haben die Abessinier wenig Sinn, dem kleinen Schacher
+ist aber jeder zugethan und sucht auf alle mögliche Weise sein
+Geschäftchen zu machen. Auf den Messen und Märkten, die sich meist an die
+Kirchen knüpfen, geht es lebhaft zu, und große Menschenmengen sind dann
+versammelt. So traf Rüppell zu Ende Februar 1832 bei der Kirche von Bada,
+östlich vom Tanasee, gegen 10,000 Marktbesucher beisammen, von denen
+allerdings viele nur des Zuschauens wegen gekommen waren.
+
+Der europäische Handel hat sich in Abessinien noch verhältnißmäßig wenig
+Einfluß verschaffen können. Die beständigen Kriege, die schlechten
+Kommunikationsmittel und Wege, endlich die Zollplackereien lassen ihn
+nicht recht aufkommen. Die Produktion des Landes selbst, Getreide,
+Hülsenfrüchte, Tabak, Kaffee, ist verhältnißmäßig viel zu gering, während
+doch alle Nutzpflanzen der Tropen und der gemäßigten Zone prächtig
+gedeihen würden. Dagegen werden Häute, Maulthiere und gute Gebirgspferde
+in großer Menge exportirt.
+
+_Honig_ und Wachs werden in sehr großer Menge ausgeführt. Der erstere, Mar
+genannt, wird in Töpfen zugleich mit dem Wachs feilgeboten, weil er nur so
+zur Bereitung des Honigwassers dienlich ist, wozu er beinahe
+ausschließlich verbraucht wird. Die betrügerischen Abessinier wenden ihre
+ganze Verschlagenheit beim Verkauf des Honigs an, indem sie die untern
+Schichten der Töpfe mit Mehl, Wachs oder andern Stoffen ausfüllen. Neben
+dem Honig kommt auch Butter (Tesmi) in pfundschweren Kugeln auf den Markt.
+Unter den _Manufakturen_ spielen die Baumwollenwaaren (Schama) eine große
+Rolle; sie werden zu Leibbinden, Umschlagtüchern, Beinkleidern u. s. w.
+verarbeitet und sind entweder rein weiß oder mit blauen und rothen
+Seitenstreifen versehen; ganz blaue und ganz rothe Kattune kommen aus
+Indien über Massaua; die blaue Farbe hat in den meisten Fällen den Vorzug,
+und namentlich sind es blaue Seidenschnüre (Mareb), die sich stets eines
+großen Absatzes erfreuen. Jede Schnur muß ziemlich dick und fünf Fuß lang
+sein, sodaß sie bequem um den Hals getragen werden kann. Da kein
+abessinischer Christ ohne eine solche geht, so sind sie eine stets
+begehrte Handelswaare, die auch immer hoch im Preise steht. Andere
+gangbare, meist eingeführte Handelsartikel sind: Spießglanz, zum Färben
+der Augenlider, Weihrauch, zum Räuchern beim Gottesdienst, Zibethmoschus,
+um die als Pomade benutzte Butter damit zu parfumiren, „Tombak“ (indischer
+Tabak), entweder um Schnupftabak daraus zu machen, oder um ihn in
+Wasserpfeifen zu rauchen, schwarzer Pfeffer (Berberi), der auch zu
+Zollzahlungen dient; Nähnadeln mit großem Oehr; Glasperlen, Kaurimuscheln,
+Sandelholz zum Räuchern. Ein Handelsartikel, nach dem namentlich die
+abessinischen Frauen greifen, sind dünne silberne Ringe, die am kleinen,
+und Hornringe, die am Mittelfinger getragen werden. _Gummi_, das in großer
+Menge gewonnen werden könnte, kommt nicht auf die abessinischen Märkte,
+obwol es in Massaua gut bezahlt werden würde.
+
+Bei der Schilderung des genannten Hafenortes werden wir sehen, wie
+bedeutend selbst heute noch dort die Ausfuhr von abessinischen _Sklaven_
+ist, die in der That noch immer, trotz aller zeitweiligen Verbote gegen
+den Sklavenhandel, einen wichtigen Artikel ausmachen. Adoa, Gondar und
+Massaua sind die großen abessinischen Sklavenmärkte, zu denen die lebende
+Waare von den verschiedensten Gegenden hergeschleppt wird. Die
+eingeborenen freien Abessinier können nur durch Kriegsgefangenschaft oder
+Raub in die Sklaverei gerathen; diese bilden den kleineren Theil, die
+meisten Sklaven stammen aus den Grenzlanden, sowol im Norden als im Süden;
+entweder sind es Schangalla vom Setit, Galla aus den Ländern südlich vom
+Blauen Nil, oder eigentliche Neger, die von den Aegyptern aus Fazogl oder
+Sennaar eingeführt werden. Da die _Christen_ sich eigentlich mit dem
+Sklavenhandel nicht befassen sollen, so umgehen sie dieses dadurch, daß
+sie den Kauf oder Verkauf scheinbar durch Muhamedaner abschließen lassen.
+Die Behandlung der Sklaven ist in der Regel eine milde und ihr Verhältniß
+zu dem Herrn dem des freigeborenen Dieners gleich; die Züchtigungen sind
+selten hart und bestehen nur in vorübergehender Fesselung. „Wenn sich
+Völker auch bekämpfen“, schreibt Munzinger, „so sind die Opfer doch nur
+die Soldaten und die Güter; Weib und Kind sind respektirt. Kein freier
+Abessinier wird von seinem Mitbürger in die Sklaverei verkauft. Die
+Leibeigenschaft erstreckt sich nur auf die von außen eingeführten
+Schwarzen, die nur den kleinsten Theil der Bevölkerung ausmachen. Der
+Sklavenhandel ist den Christen (durch Theodor) bei Todesstrafe verboten.
+Die Frau ist unverletzlich und hat ihre bestimmten großen Rechte.“
+
+_Werthmesser_ in Abessinien sind das Salz und der österreichische
+Maria-Theresia-Thaler. Das _Salz_ kommt aus den am Meeresufer liegenden
+natürlichen Seewasserlagunen und wird durch Austrocknung durch die
+Sonnenhitze gewonnen; man bringt es dann ins Gebirge, um es dort an
+bestimmten Plätzen gegen Getreide umzutauschen. Alles Salz, welches im
+nordöstlichen Abessinien verbraucht wird, ist solches Seesalz, während in
+den übrigen Theilen des Landes eine Art Steinsalz aus der östlich von der
+Provinz Agamié gelegenen Ebene Taltal benutzt wird. Viele Gesellschaften
+ärmerer Leute, von denen jeder nur über ein Kapital von einigen Thalern zu
+verfügen hat, ziehen regelmäßig mit ein paar Eseln aus dem Innern nach den
+östlichen Provinzen, um dort Salz einzukaufen, und machen dabei einen
+Gewinn, der zu ihrer und ihrer Familie Unterhaltung ausreicht. Verliert
+ein solcher Händler sein Kapital durch Plünderung, so muß er für
+wohlhabendere Leute die Reise machen und sich mit geringerem Gewinn
+begnügen. Das Salz wird in Taltal in regelmäßige Stücken von der Gestalt
+eines Wetzsteins ausgehauen, die dann als _Scheidemünze_ in ganz
+Abessinien cirkuliren. Sie sind etwa 8-1/8 Zoll lang, 1½ Zoll dick, an
+beiden Enden abgestutzt und wiegen durchschnittlich vierzig Loth. Ihr
+Verhältniß zu den Speziesthalern ist sehr verschieden und hängt theils von
+der Entfernung eines Ortes von der Salzebene, theils von den ruhigen oder
+unruhigen Zuständen der Gegenden ab, durch welche diese Stücken
+transportirt werden müssen. Sie schwanken also genau so wie unsere
+europäischen Werthpapiere je nach den politischen Verhältnissen, haben
+jedoch vor diesen den Vorzug, stets einen reellen Werth zu repräsentiren.
+In der Amharasprache heißt das Salz überhaupt Schau; als Scheidemünze in
+der beschriebenen Form benennt man es jedoch Amole oder Galep. Rüppell
+fand den Werth eines _Maria-Theresia-Thalers_ in Gondar je nach den
+politischen Zuständen zwischen 20 und 32 Salzstücken schwankend, oder, dem
+Gewichte nach ausgedrückt, man erhielt etwa 27 bis 41 Pfund Salz für den
+Thaler. Dieser letztere selbst schwankt nicht etwa nach dem Silbergehalt,
+sondern nach dem Gepräge bedeutend im Werthe und ist der Agiotage
+unterworfen. Nach dem in ganz Ostsudan und Abessinien herrschenden
+Vorurtheile sind die mit dem Bilde der Kaiserin Maria Theresia versehenen
+Thaler die besten und allen übrigen Münzen vorzuziehen, und zwar muß bei
+ihnen das Diadem im Haare sieben wohlausgedrückte Perlen zeigen, der
+Schleier am Haupte sich deutlich abheben, der Stern auf der Schulter groß
+und der Avers mit den Münzbuchstaben _S. F._ deutlich versehen sein. Ohne
+diese Zeichen und die Jahreszahl 1780 sinkt der Thaler gleich bedeutend im
+Werthe, und selbst wenn der Kopf der Kaiserin unglücklicherweise Locken
+statt des Schleiers zeigt, ist es schwer, ein solches Münzstück
+anzubringen. Dieselben Vorurtheile herrschen in ganz Nordostafrika, wo ein
+der obigen Münzprägung entsprechender Maria-Theresia-Thaler dafür jedoch
+zum „Abu gnuchte“, zum „Vater der Zufriedenheit“ wird. Durchlöcherte
+Thaler oder solche, die mit dem Bilde des Kaisers Franz versehen sind,
+haben geringeren Werth und sind nur mit Verlust anzubringen; desgleichen
+spanische Säulenpiaster (Colonnaten) oder andere harte Silbermünzen. Noch
+für lange Zeit hinaus wird der Maria-Theresia-Thaler Werthmesser in
+Nordostafrika bleiben und das sonst an Silbergeld arme Oesterreich prägt
+für diesen afrikanischen Handel noch Jahr aus Jahr ein Thaler mit dem
+alten Stempel, ja es hat sich sogar in der Münzübereinkunft mit Frankreich
+(1867) vorbehalten, fortwährend Maria-Theresia-Thaler prägen zu dürfen.
+
+Noch ist zu erwähnen, daß in der Umgebung von Adoa das dort gefertigte
+Baumwollenzeug an Zahlungsstatt gegeben wird. Es besteht aus Grans oder
+Stücken von 8 Ellen Länge und 1 Elle Breite, deren Werth sehr schwankend
+ist. Dieser Stoff dient blos zur Verfertigung von Beinkleidern, welche in
+Tigrié von Jedermann getragen werden. Einkäufe von geringem Betrag
+berichtigt man mit Getreide.
+
+ [Illustration: Maria-Theresia-Thaler.]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Die Kirche zu Axum in Tigrié. Nach H. Salt.]
+
+
+
+
+
+ RELIGION, KIRCHE UND GEISTLICHKEIT ABESSINIENS. DAS MISSIONSWESEN.
+
+
+ Das Christenthum Abessiniens, dessen Lehren und Verwahrlosung. –
+ Der Abuna. – Art des Gottesdienstes. – Die lasterhafte
+ Geistlichkeit. – Mönche und Klöster. – Politische Asyle. –
+ Zeitrechnung. – Feste. – Taufe, Ehe, Begräbniß. – Die Kirchen,
+ ihre Einrichtung und Ausschmückung. – Die verschiedenen
+ Missionsversuche in Abessinien, deren Mißlingen und Urtheile
+ darüber.
+
+
+Unter den Sonderkirchen des Morgenlandes, die durch das Dogma der
+Dreieinigkeit mit der allgemein christlichen zusammenhängen, aber nach
+zwei verschiedenen Richtungen hin von ihr infolge der Bestimmungen sich
+lösten, denen im fünften Jahrhundert die Vorstellung von der Gottheit und
+Menschheit Christi unterworfen wurde, giebt es zwei Volkskirchen, die
+beide fast monophysitisch sind, beide von selbständigen Sprachen,
+Stiftungen und Ueberlieferungen getragen werden, die beide tief verfallen
+und entartet sind: die armenische und abessinische Kirche. Die letztere,
+die entlegenste, abgesperrteste, ist auch die entartetste, die am meisten
+von Heidenthum, Judenthum und Muhamedanismus durchsetzte und überhaupt dem
+Christenthum am fernsten stehende. Byzantinische Scheinrechtgläubigkeit
+hat diese Kirche in den Fanatismus der Formel versetzt, und die Waffen des
+Geistes werden vor dem priesterlichen Bann gestreckt; das Leben dieser
+Kirche basirt auf dem Anblasen und Handauflegen des Abuna, des obersten
+Bischofs, und leere Ceremonien gelten für Gottesverehrung. Dazu gesellt
+sich, daß die Träger dieser Kirche, vom höchsten Kirchenfürsten an bis zum
+niedrigsten Mönche herab, durch eine grenzenlose Sittenlosigkeit dem
+ganzen Volke mit üblem Beispiel vorangehen und daß sie die bedeutende
+Macht, welche sie ausüben, meistentheils zum eigenen Nutzen verwenden.
+Selbst die große Versunkenheit, in welche die europäische Geistlichkeit im
+Mittelalter zum Theil verfallen war, reicht noch lange nicht an jene der
+abessinischen Priester heran.
+
+Von der Einführung des Christenthums war bereits die Rede, sehen wir nun,
+wie dasselbe heute beschaffen ist. Die Abessinier sind koptische Christen.
+Sie glauben an eine göttliche Offenbarung in der Heiligen Schrift, doch
+hat die kirchliche Tradition genau dieselbe Geltung wie die Bibel. Nach
+dem Missionär Isenberg haben sich bei ihnen die Hauptlehren des
+Christenthums von dem Dreieinigen Gott, dessen Wesen, Eigenschaften und
+Werken, von der Schöpfung der Welt, von den Engeln, von der Schöpfung, dem
+Fall, der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, von der Erlösung durch
+Christum, von dem Heiligen Geiste, der christlichen Kirche, den
+Sakramenten, von der Auferstehung und dem letzten Gericht erhalten; aber
+zum Theil durch allerlei Zuthaten so verändert, daß nur noch mit Mühe ein
+biblisches Moment darin zu erkennen ist. Den Heiligen Geist lassen sie nur
+vom Vater ausgehen, leugnen jedoch nicht, daß er nur durch Christus
+vermittelt ist. In Christus nehmen sie mit den übrigen _Monophysiten_ nur
+eine Natur an, sind jedoch über die Art der Vereinigung des Göttlichen und
+Menschlichen in ihm verschiedener Meinung. Ihre Lehre von der Schöpfung
+und Regierung der Welt, sowie ihre Engellehre ist voll von heidnischen,
+jüdischen und muhamedanischen Vorstellungen. Sie glauben an das durch
+Christus vollbrachte Heilswerk, beschränken dasselbe jedoch durch
+Pelagianismus, d. h. sie leugnen die Verderbniß der menschlichen Natur
+durch die Folgen der Sünde Adam’s und erklären die natürlichen Anlagen und
+Kräfte des Menschen für hinreichend zur Erlangung der Seligkeit. Die
+Jungfrau Maria genießt unter den Abessiniern eine ganz besondere
+Verehrung; allgemein ist der Glaube unter ihnen verbreitet, daß sie für
+die Sünden der Welt starb und 144,000 Seelen dadurch errettete. Aus diesem
+Grunde sagte dem Volke auch die Lehre der katholischen Missionäre weit
+mehr zu als diejenige der Protestanten.
+
+Viel zu schaffen machte den Abessiniern vor etwa 70 Jahren die Lehre von
+den _drei Geburten Christi_, ein Dogma, das von einem Mönche in Gondar
+aufgebracht wurde. Hiernach war Christus vor allem Weltanfang schon aus
+dem Vater hervorgegangen (erste Geburt), dann Mensch aus der Jungfrau
+Maria geworden (zweite Geburt) und durch die Taufe im Jordan durch den
+Heiligen Geist zum dritten Male geboren. Nach einem langen Kampfe mit der
+Gegenpartei, die nur zwei Geburten annahm, wurde 1840 durch Befehl Sahela
+Selassié’s, des Königs von Schoa, der Glaube an die drei Geburten als
+allein rechtgläubig durchgesetzt und die Anhänger der zwei Geburten mußten
+das Feld räumen. Sie flohen zum Abuna in Gondar, der sie in seinen Schutz
+nahm und vom Könige verlangte, daß er die Vertriebenen wieder aufnehme, da
+ihr Glaube, als mit demjenigen des heiligen Markus übereinstimmend, der
+einzig rechte sei. Als Sahela Selassié sich nicht fügen wollte, bedrohte
+ihn der Abuna mit Krieg, der jedoch erst 1856 unter König Theodoros gegen
+Sahela’s Sohn zur Ausführung kam. Dieser unterwarf Schoa und führte die
+Lehre von den zwei Geburten wieder ein, die nun allein herrschend ist,
+nichtsdestoweniger aber als „Karra-Haimanot“, d. h. Messer-Glauben
+bezeichnet wird, da sie die dritte Geburt Christi gleichsam „abschnitt“.
+
+Sündentilgungsmittel der Abessinier sind strenge Fasten, Almosengeben,
+Kasteiungen, Mönchthum und Einsiedlerleben, nebst Lesen und Abbeten
+größerer oder kleinerer Abschnitte aus der Heiligen Schrift und andern
+Büchern. Der Priesterstand übernimmt für Geld ebenso wie in der
+katholischen Kirche diese Verrichtungen, daher _Ablaß_ und eine Art von
+Seelenmessen auch hier stattfinden. Die Abessinier fasten in jeder Woche
+des Jahres, mit Ausnahme der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, zwei
+Tage, und zwar, gleichwie es in alten Zeiten bei den Juden Gebrauch war,
+am Mittwoch und Freitag. Außerdem enthalten sie sich noch an folgenden
+Tagen des Essens: an den drei letzten Tagen des Monats Ter, zum Andenken
+der Buße von Ninive’s Bewohnern; während der 55 Tage, die unmittelbar dem
+Osterfeste vorangehen, wovon 41 Tage dem Andenken an die Fasten Christi in
+der Wüste, 7 der Passionswoche und 7 andern Erinnerungen geweiht sind; die
+Fasten der Apostel sind von verschiedener Länge, je nachdem Pfingsten
+früher oder später fällt; die Fasten zu Ehren der Jungfrau Maria, wozu 15
+Tage des August bestimmt sind, von ihrem Sterbetage bis zu ihrer
+Himmelfahrt; vierzigtägiges Fasten zur Vorbereitung auf das Fest der
+Geburt Christi vor Weihnachten. Man sieht aus diesem Verzeichniß der
+Fastenzeiten, von welchen die letzten beiden nicht von allen christlichen
+Abessiniern gehalten werden, daß ein diesen Enthaltungsvorschriften
+nachlebender Christ im Laufe des Jahres beiläufig 192 Tage, d. h. weit
+über die Hälfte des Jahres zu fasten hat. Rechnet man hierzu noch einzelne
+Straffasten, so kommt _dreivierteljähriges Fasten_ heraus! Daß dieses
+nicht streng gehalten werden kann, liegt auf der Hand, aber vor Ostern,
+sowie den Mittwoch und Freitag, beobachtet man die Regeln unweigerlich.
+Aehnlich wie die Juden verachten die Abessinier das Nilpferd, den Hasen,
+die Gänse und Enten und meistens auch das Schwein als unreine Thiere.
+
+Was den Heiligen Geist angeht, so kennt der Abessinier nur die
+Wunderkräfte, mit denen er Propheten und andere Heilige ausrüstete; auch
+glauben sie an eine Mittheilung des Heiligen Geistes durch die Taufe. Was
+die Kirche betrifft, so gelten hier die alten Ueberlieferungen von einer
+_Verlosung der bewohnten Welt unter die Apostel_, sie können aber nicht
+nachweisen, welchen Theil gerade jeder Apostel bekommen habe. Daß Petrus
+und Paulus Rom und Europa, Johannes Antiochien, Kleinasien und Syrien,
+Marcus Aegypten bekommen habe, steht ihnen fest; daher halten sie diese
+drei Kirchen für einander gleichstehend. Sie erkennen dem Papste als
+Nachfolger Petri einen gewissen Vorzug als dem Ersten unter
+Gleichgestellten zu. Ihre Kirchenverfassung ist episkopal. Der zu Kairo
+residirende koptische Patriarch von Alexandrien ist das Oberhaupt der
+abessinischen Kirche und von ihm erhalten sie ihren Bischof, den sie
+vorzugsweise _Abuna_, unser Vater, nennen. Als einziger Bischof des
+Landes, und zugleich in der Hauptstadt residirend, ist er zugleich
+Metropolitan. Seit Abuna Tekla Haimanot, der im 13. Jahrhundert die
+sogenannte salomonische Dynastie wieder herstellte, besteht die
+Verordnung, daß _kein Abessinier_ mehr zu dieser Würde gelangen darf,
+sondern immer nur ein Kopte dieselbe bekleiden kann, um der Hoffnung Raum
+zu geben, immer einen neuen Zufluß theologischer Anregung von außen zu
+bekommen, da jener Heilige selbst, der letzte Abuna aus abessinischem
+Stamm, daran verzweifelte, tüchtiges theologisches Leben in der
+Geistlichkeit seines Landes zu erhalten. Dieser Tekla Haimanot (ums Jahr
+1284) setzte ein Drittel des Bodens des ganzen Landes für kirchliches
+Einkommen fest, von welchem er den bedeutendsten Theil für seine Person
+erhielt. Der Abuna allein hat das Recht, Könige zu salben und Priester und
+Diakonen zu ordiniren; in andern theologischen und kirchlichen
+Angelegenheiten entscheidet er gemeinschaftlich mit dem _Etschegé_, dem
+Oberhaupte der Mönche.
+
+Beim Amtsantritt des Abuna muß die abessinische Regierung dem Patriarchen
+ein Geschenk von 7000 Thalern einhändigen. Lejean erzählt, daß die stolze
+Fürstin Menene über den letzten im Herbste 1867 gestorbenen _Abuna Abba
+Salama_ geäußert habe: „Dieser Sklav, den wir aus unserm Beutel bezahlt
+haben, benimmt sich sehr hochmüthig.“ Das kam dem Oberpriester zu Ohren
+und er antwortete: „Allerdings bin ich ein Sklave, aber einer, der viel
+werth ist. Hat man doch 7000 Thaler für mich gezahlt! Mit der Fürstin
+Menene verhält es sich freilich anders. Man könnte sie auf dem Markte zu
+Wochni ausstellen und bekäme nicht zehn Thaler für sie.“ Auf jenem Markte
+werden nämlich sehr schlechte Maulthiere feilgeboten. – Andraos (Abba
+Salama oder Frumentius ist sein Bischofname) war etwa 1815 geboren und kam
+1841 unter Ubié zu seiner Stellung. Dem Kaiser Theodor gegenüber hatte er
+eine eigenthümliche wandelbare Stellung. Beide beobachteten einander,
+legten sich gegenseitig Hindernisse in den Weg, haßten und fürchteten sich
+und stellten sich doch, als ob sie gute Freunde seien. Sehr oft machte
+Theodoros gar keine Umstände mit dem Seelenhirten; er sperrte ihn in eine
+Feste und legte ihn in Ketten, worauf ihm Leute vom Hofgesinde auf den
+Knieen Speise reichen und die Füße küssen mußten. Salama, ein geborener
+Aegypter, galt für einen Freund der Engländer. Als er sich früher in Kairo
+der Studien halber aufhielt, besuchte er die protestantisch-englische
+Schule des deutschen Missionärs Lieder, der im Auftrage der anglikanischen
+Missionsgesellschaft arbeitete. Diese glaubte an ihm einen Proselyten
+gemacht zu haben, sah sich aber arg getäuscht, denn der Abuna erklärte
+später die Protestanten für Ketzer. Als er einmal auf das Aeußerste
+gebracht war, drohte er Theodor in den Bann zu thun, dieser aber ließ eine
+Hütte aus dürren Zweigen errichten, worin der Abuna verbrannt werden
+sollte. Dies that er, um sich nicht in „blutiger“ Weise an dem Gesalbten
+vergreifen zu müssen. Schleunig hob jedoch nach solchem Vorgange der Abuna
+den Bann auf.
+
+ [Illustration: Debteras vor dem Abuna singend und tanzend. Nach
+ Lefêbvre.]
+
+Bald nachdem Theodoros zur Macht gelangt war, fand sich David (Daud), der
+Patriarch von Alexandria, im Auftrage des ägyptischen Vizekönigs in
+Abessinien ein und benahm sich dort sehr hochfahrend, gleichsam als Herr
+und Gebieter. Theodoros seinerseits begegnete ihm mit Spott und Hohn und
+jener schleuderte ihm dafür mündlich den Bann ins Gesicht. Theodor blieb
+ruhig, spannte eine geladene Pistole, schlug auf den Patriarchen an und
+bat ganz sanft: „Bester Vater, gieb mir deinen Segen!“ David fiel auf die
+Kniee, stand wieder auf und ertheilte mit zitternden Händen den Segen.
+
+Der Reisende _Apel_ schildert den Abuna Salama folgendermaßen: „Er ist ein
+trauriges Bild des lasterhaften, ignoranten Zustandes der ganzen
+abessinischen Kirche. Stolz, unwissend, grausam, intrigant, sucht er auf
+jede Weise sich Gewalt und Reichthum zu erwerben. Er treibt sogar
+Sklavenhandel und nimmt nicht einmal Anstand, sich die Kirchengefäße
+anzueignen, sie nach Aegypten zu senden und dort zu verkaufen. Er ist der
+geschworene Feind aller Europäer.“ Der Empfang, welchen der Reisende bei
+diesem „Kirchenfürsten“ fand, war nichts weniger als erbaulich. Als er
+gefangen in Gondar eingebracht wurde, empfing ihn dort mit finsterer Miene
+ein Mann, der ihn italienisch anredete. Es war der Abuna. „Bist du
+wieder“, so begann er seine Schimpfrede, „einer von diesen vermaledeiten
+Ketzern, welche unsere Religion, die wir von den Heiligen Frumentius und
+Aedilius selbst empfangen haben, umstürzen wollen?“ Apel antwortete, daß
+er sich keineswegs hiermit befasse, und wurde nun weiter gefragt: „Hast du
+keine Bibel mitgebracht, das Volk irre zu führen und unsere heilige Kirche
+zu untergraben?“ Als nun der Fremdling sagte, er sei Arzt und kein
+Geistlicher, bemerkte der Abuna: „Ihr seid aber alle Räuber und Lügner,
+ihr Engländer! Ihr kommt zu uns als Werkleute verkleidet, gebt vor, euch
+mit der Arbeit zu beschäftigen, unterrichtet aber das ganze Volk und führt
+es zum Verderben.“ Schimpfreden gegen die Missionäre beschlossen den
+Sermon des Kirchenfürsten.
+
+Günstiger urtheilt Heuglin von dem Manne, den er 1862 besuchte: „Er mag 45
+Jahre alt sein, ist ein schöner Mann von kräftiger Statur, jedoch viel
+leidend und in Folge eines Katarakts auf dem linken Auge erblindet. Sein
+Schicksal, für Lebzeiten an dieses Land gebannt zu sein, trägt der Abuna
+mit mehr Humor als christlicher Ergebung. Auf die abessinische
+Geistlichkeit ist der Bischof sehr schlecht zu sprechen, er hält dieselbe
+für vollkommen unverbesserlich, auch spricht er sich unumwunden über die
+vielen Mängel und angestammten Krebsschäden der hiesigen Kirche aus;
+trotzdem ist er aber den europäischen Missionären höchst abhold und
+erklärt, er halte sich unter den obwaltenden Umständen für verpflichtet,
+jede Art von Propaganda zu unterdrücken.“ Abba Salama, der 27 Jahre über
+Abessinien als Kirchenfürst regierte, starb am 25. Oktober 1867.
+
+So traurig steht es heute um den höchsten Kirchenfürsten Abessiniens, und
+ihn übertreffen die übrigen niedrigeren Geistlichen an Schlechtigkeit und
+Unwissenheit noch bedeutend. Diese sind an Rang und Würde zwar
+untereinander verschieden, allein außer dem Abuna hat keiner das Recht, zu
+ordiniren. Außer den Priestern und Diakonen besteht noch das Amt des
+kirchlichen Thürhüters und Brotbäckers. Jede Kirche hat noch ihren Aleka,
+dessen Geschäft darin besteht, die Geistlichen anzustellen, zu
+beaufsichtigen und zu besolden und die Verbindung zwischen Kirche und
+Staat zu vermitteln.
+
+ [Illustration: Erzbischöfliche Würdezeichen des Abuna. Nach Lefêbvre.]
+
+Die Kirche hat ferner diejenigen, welche sich ihrem Dienste widmen wollen,
+zu unterrichten. Zum Diakonenamte wird jeder ordinirt, der sich dazu
+meldet, wenn er nur lesen kann. Will sich darauf einer dem Priesterstande
+ganz widmen, so heirathet er in der Regel vorher, weil es ihm später nicht
+mehr erlaubt ist. Die Ordination ist sehr einfach: der Diakon sagt das
+Nicäische Glaubensbekenntniß her, bezahlt zwei Salzstücke an den Abuna,
+der ihm das Kruzifix entgegenhält und den Segen über ihn spricht. Unter
+dem Abuna Kyrillos, der vor etwa dreißig bis vierzig Jahren lebte, sollen
+Priester aus Kaffa nach Gondar gekommen sein und einen Ledersack
+mitgebracht haben, in welchen der Abuna Luft hauchen sollte, um mittels
+derselben diejenigen ihrer fernen Landsleute zu ordiniren, die sich dem
+Dienste der Kirche weihen wollten!
+
+Die Thätigkeit der Priester besteht in täglichem drei- bis viermaligen
+Gottesdienst bei Tag und Nacht, wobei des Morgens früh die Priesterschaft
+mit Mönchen und Schülern zum Genusse des Abendmahls zusammenkommt.
+Außerdem fallen Taufen, Trauungen, Messelesen, Beichtehören in ihr
+Bereich. Der _Kirchengesang_ ist, obgleich höchst unerbaulich, doch sehr
+künstlich und mit Mimik verbunden; das Studium desselben, sowie das
+Einlernen der langen Liturgie kostet den angehenden Priestern viele Jahre
+Zeit. Lächerlich erscheint uns auch die Art und Weise, wie die Priester
+aus ihren heiligen Büchern lesen, denn das Lesen an und für sich gilt
+schon als verdienstlich. Das Wort, mit dem sie dasselbe benennen,
+entspricht unserm „plappern“ und paßt daher gut, um das gedankenlose,
+überaus schnelle Lesen zu bezeichnen. Ein Priester, der seine oft ungemein
+lange Liturgie schnell zu Ende bringen will, liest oft mit solcher
+Behendigkeit, daß das Ohr in seinem Lesen die Artikulation der Stimme kaum
+besser unterscheiden kann, als das Auge die einzelnen Speichen eines
+schnell kreisenden Rades. – Was die Zahl der _Sakramente_ betrifft, so
+scheinen sie nur zwei, Taufe und Abendmahl, anzunehmen. Zum letzteren
+bedienen sie sich gesäuerten Weizenbrotes, das von bestimmten Personen
+gebacken sein muß, und des Saftes ausgepreßter Weintrauben. Dieses wird im
+Abendmahlskelch zusammengemischt, etwas Wasser zugegossen, das Ganze
+geweiht und mit einem Löffel den Abendmahlsgenossen gegeben. Ihre Beichte
+übertrifft alles, was in dieser Art anderweitig noch vorkommt. Nach einem
+vorgeschriebenen Formulare (Nusasié) fragt der Priester den Beichtenden,
+ob er gewisse Sünden, die in einer ungeheuren Schandliste alle
+auseinandergesetzt sind, nicht begangen habe. Auf jeder Sünde steht nun
+eine vorgeschriebene kirchliche Strafe, die durch Fasten oder Bezahlung
+abgebüßt wird.
+
+Diese Bezahlungen und andere zusammengebettelte Summen dienen dem Priester
+dazu, über Massaua und Kairo eine Wallfahrt nach Jerusalem zu machen, die
+überhaupt das höchste Ziel der Wünsche eines Abessiniers zu sein scheint,
+weil er dadurch nach seiner Rückkehr gleichsam das Recht erhält, seine
+wohlhabenderen Landsleute auf die unverschämteste Art um Geschenke zu
+bestürmen. Der Einfluß, welchen sich die Priester auf die Bevölkerung zu
+verschaffen wissen, ist trotz ihres offenbaren unsittlichen Lebenswandels
+ein außerordentlich großer. Wenn in der Hauptstadt Gondar eine Frau einem
+Priester ihrer Bekanntschaft auf der Straße begegnet, so küßt sie
+demselben ehrfurchtsvoll die innere Seite der Hand; Männer thun dies wohl
+auch, aber doch nicht in der Regel. Zwei sich begegnende Priester küssen
+zur Begrüßung einander gegenseitig die rechte Schulter. Schon durch die
+_Tracht_ unterscheidet sich der Priester vor seinen Mitmenschen. Sie,
+sowie diejenigen, welche sich zur gebildeten Klasse zählen, tragen am Kinn
+einen kurzen Bart, rasiren sich das Haupt und umwinden es turbanartig mit
+einem weißen Tuche. Den Oberkörper deckt eine weiße Weste mit weiten
+Aermeln; außerdem haben sie weiße, weite Beinkleider, eine schmale
+Leibbinde und ein großes weißes Umschlagetuch mit farbigem Randstreifen.
+Große Schnabelschuhe vollenden den Anzug. Selten fehlt dem Priester ein
+Kruzifix, das die ihm begegnenden frommen Personen küssen, und ein bunter,
+aus Haaren verfertigter Fliegenwedel. Um den Hals tragen sie außer einer
+blauen Seidenschnur, ohne welche man nie einen abessinischen Christen
+sieht, meistens einen Rosenkranz, der aus Jerusalem stammt. Die Priester
+jeder Kirche (die normale Zahl derselben an einer Hauptkirche beträgt
+nicht weniger als _einundzwanzig_!) wohnen immer in kleinen Häusern, die
+sich innerhalb der Mauer befinden, welche die Kirche sammt den sie
+umschattenden Baumgruppen gewöhnlich umfaßt. Dieser abgeschlossene Raum
+wird oder wurde als ein heiliger Ort betrachtet, der gegen Plünderungen
+gesichert ist.
+
+ [Illustration: Abessinischer Klostergeistlicher und Student der
+ Theologie aus Schoa.
+ Originalzeichnung von Eduard Zander.]
+
+Auch den _Bannfluch_ kennt die abessinische Kirche. Als Isenberg mit
+seinem Mitarbeiter 1843 nach Adoa kam, mußte er vor der versammelten
+Geistlichkeit der Stadt ein förmliches Examen über seinen Glauben ablegen.
+Man fragte ihn: ob er das Kreuz und die Kirche küsse? ob er an eine
+Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi beim
+Abendmahl glaube? und ob er glaube, daß die Jungfrau Maria und die
+Heiligen uns mit ihrer Fürbitte bei Christo vertreten? Vom
+protestantischen Standpunkt setzte er nun seine Ansichten lang und
+weitläufig auseinander, allein dieses genügte, um ihn als Ketzer
+erscheinen zu lassen. Kaum hatte er daher mit seinem Genossen der
+Versammlung den Rücken gewandt, als ein Priester feierlich über beide den
+Bannfluch aussprach, indem er ihre Seelen dem Satan, ihre Leiber den
+Hyänen, ihr Eigenthum den Dieben übergab und jeden, der ihnen nahe kommen
+oder sie bedienen würde, gleichfalls exkommunizirte.
+
+Eine besondere Stellung in der abessinischen Kirche nehmen noch die
+_Debteras_ ein. Debtera ist allgemeiner Gelehrtentitel, den Alle erhalten,
+die sich hauptsächlich mit Büchern beschäftigen, sobald sie eine gewisse
+Bekanntschaft mit denselben erhalten haben. Die eigentliche Bedeutung des
+Wortes ist nach Isenberg Zelt; es wird gebraucht von der Stiftshütte, und
+der zu Grunde liegende Gedanke dieses Titels ist wahrscheinlich der, daß
+die Gelehrten ebenso das Heilige in ihrem Lande einschließen sollen, wie
+es die Stiftshütte that. Ein Debtera wird nicht ordinirt; seine
+Beschäftigung besteht im Unterrichtertheilen, im Kopiren der heiligen
+Bücher auf Pergament und – wenn es nothwendig ist – im Assistiren in der
+Kirche. Unordinirt sind auch die _Alekas_, die Kirchensuperintendenten,
+die das Eigenthum der Kirche verwalten und die Vermittelung zwischen
+Geistlichkeit und Staat herstellen. Schon sehr frühzeitig widmen sich die
+Abessinier dem geistlichen Stande; die Kenntnisse, welche diese Studenten
+der Theologie zu erlangen haben, sind gering. Sie lernen die
+Kirchensprache, einige Geéz-Wörter, die Geheimnisse des abessinischen
+Gesanges und Tanzes. Das Anhauchen des Abuna und die Zahlung von zwei
+Salzstücken an denselben macht sie dann zu fertigen Priestern. Unsre
+Abbildung (S. 119) zeigt einen Studenten der Theologie aus Schoa, der in
+Schafpelz gekleidet ist und den Bettelstab und Bettelkorb – seine einzigen
+Lebensstützen – bei sich führt. Neben ihm sitzt ein Bursche aus Gondar mit
+einem Sonnenschirm aus Grasgeflecht (Eipras).
+
+Die Art und Weise, wie der Gottesdienst, zumal bei großen Festen,
+abgehalten wird, erinnert in vieler Beziehung mehr an das heidnische
+Schamanenthum, als an christliche Ceremonien. Als Rüppell die Kirche von
+_Koskam_, etwa anderthalb Stunden nordwestlich von der Hauptstadt Gondar,
+besuchte, um dort dem Feste zum Andenken der Rückkehr Christi aus Aegypten
+beizuwohnen, fand er dieselbe außerordentlich mit Menschen angefüllt,
+sodaß er nur sehr schwierig einen Platz in derselben erhalten konnte. Vor
+dem Gebäude hatte man große Tücher von fußbreiten blauen, weißen und
+rothen Streifen aufgespannt, um der Menschenmenge Schutz gegen die Sonne
+zu gewähren. Die Aufmerksamkeit der Anwesenden war auf eine im
+Vordergrunde befindliche Gruppe von Priestern gerichtet, welche unter
+schrecklichem Geheul konvulsivische Bewegungen mit dem ganzen Körper
+machten und mitunter auch abwechselnd wild in die Höhe sprangen. Jeder
+Priester hatte in der einen Hand eine Rassel (Sanasel), in der andern
+einen langen krückenartigen Stab. Die Rassel hat die Form einer
+zweizinkigen Gabel, welche durch Querstäbchen oben geschlossen ist, und in
+ihr befinden sich mehrere Metallringe, welche hin und her bewegt durch
+ihren rasselnden Ton den singenden und tanzenden Priestern zum
+Taktschlagen dienen. Dieser Gebrauch muß ein sehr alter sein, denn schon
+unser Landsmann Christoph Fuhrer berichtet in seiner 1646 zu Nürnberg
+gedruckten „Reisbeschreibung in Egypten“: „Gegenüber unter den Armeniern
+haben die Abyssinier ihren Ort, welche gar seltsame Ceremonien halten.
+Wann sie Meß singen, brauchen sie wunderbarliche Instrumenta, als zwei
+Trummel, wie die Heerpauke, darauf sie unter dem Singen schlagen; einer
+hat ein Schlötterlein, welches voll Schellen hängt, daran er mit der
+andern Hand schlägt, daß es klingelt: ein andrer hat ein Instrument, wie
+es die Moren gebrauchen, einer halben Trummel gleich, auch mit Schellen
+behängt, die stehen beieinander, hüpfen und tanzen zugleich miteinander,
+singen viel Alleluja, welches lächerlich zuzusehen und zu hören ist, seynd
+aber dabei fromme und gottesfürchtige Leute.“ – Inmitten der Gruppe sich
+verzerrender Priester saß einer auf dem Boden und schlug eine große, von
+Silberblech gearbeitete türkische Trommel. Nachdem diese religiöse
+Belustigung einige Zeit gedauert hatte, hielten sämmtliche Priester
+innerhalb der Kirche singend einen Umzug um das die Bundeslade enthaltende
+Heiligthum. Zwei von ihnen trugen auf dem Kopfe sehr große Helme von
+Goldblech, mit getriebener Arbeit reich verziert. Dies waren die beiden
+Kronen, welche einst der Kaiser Joas und sein Vater, der Kaiser Jasu, bei
+großen Feierlichkeiten zu tragen pflegten und die später der Kirche
+geschenkt worden waren. Diese Kronen, welche von einem Griechen aus Smyrna
+gefertigt wurden, sind von Gold- und Silberblechen in getriebener Arbeit
+gemacht und mit farbigen Steinen oder Stücken Glasfluß verziert. Einige
+der Priester hatten eine Art Meßgewand von Brokat an, das jedoch sehr
+verschabt war; andere trugen Stäbe mit Bronzekreuzen und über dem
+vornehmsten wurde ein blauer, mit Goldfranzen besetzter Sammetschirm
+getragen. Die ganze Feierlichkeit entbehrte aller Ordnung und erregte in
+Rüppell mehr Neigung zum Lachen als religiöse Empfindung.
+
+ [Illustration: Krone des Kaisers Jasu.
+ Nach Rüppell.]
+
+Neben dieser Weltgeistlichkeit, die sich mit sehr geringen Ausnahmen durch
+Hochmuth, Unwissenheit und lasterhaftes Leben wenig vortheilhaft
+auszeichnet, steht noch eine große Schar von Mönchen und Nonnen in
+Abessinien, die nach den uralten Regeln des Pachomius zusammen leben.
+Dieser, ein Schüler des heiligen Antonius, war der erste, der die
+Einsiedler ums Jahr 340 auf der Nilinsel Tabenna im Kloster zusammenführte
+und auch später das erste Nonnenkloster gründete. Seine keineswegs
+strengen Regeln eignen sich für die immer noch lebenslustigen
+abessinischen Mönche und Nonnen am besten, die aber oft genug dieselben
+überschreiten.
+
+Abessinien ist überfüllt mit Mönchen und Einsiedlern, die sich in gelbe
+Gewänder, das Zeichen der Armuth, oder in gegerbte Antilopenfelle hüllen.
+Gewöhnlich führen diese Leute einen unsittlichen Lebenswandel, schwärmen
+durch das ganze Land und sind die Pest und Plage der Gegend, welche sie
+heimsuchen. Die Männer können in jeder Periode Mönche werden; die, welche
+mit schweren Krankheiten behaftet sind, thun das Gelübde, nach ihrer
+Heilung ins Kloster zu gehen, und vermachen diesem ihre ganze Habe. Reiche
+übergeben ihr Vermögen den Kindern, werden Mönch und lassen sich dann von
+ihren Erben bis ans Lebensende unterhalten; arme Mönche dagegen leben von
+der Gnade des Königs und der Gemeinde. Viele dieser Klostergeistlichen
+sehen aber niemals ihre Zellen, sondern leben gemüthlich mit Weib und Kind
+zu Hause und betteln auf Grund ihres gelben Gewandes oder der Agaseenhaut,
+die mit dem ungewaschenen Aeußern zusammen an die Legende von ihrem großen
+Ordensstifter Eustathius erinnert, welcher sich rühmte, niemals seinen
+Körper gewaschen zu haben, und wunderbarlich auf dem fettigen Mantel über
+die Fluten des Jordan schwamm, ohne daß ihn ein Tropfen Wasser feindlich,
+d. h. reinigend, berührte.
+
+Eins der berühmtesten Klöster befindet sich auf dem _Debra Damo_ in
+Tigrié, vier Stunden nordöstlich von Ade Pascha. (Siehe S. 35.) Dort oben
+leben gegen 300 Mönche in kleinen Hüttchen zusammen. Nach Zander’s Bericht
+führt kein Weg hinauf und Menschen wie Nahrung werden an der Nordseite des
+Felsens mit Seilen hinaufgezogen. Das Kloster ist stets auf viele Jahre
+hinaus mit Lebensmitteln versehen und gilt in unruhigen Zeiten als ein
+besonders sicherer Zufluchtsort. Oben findet man eine Quelle, die das
+ganze Jahr hindurch vorzügliches Trinkwasser liefert und niemals
+versiecht. An Handschriften und Büchern, die noch keinem europäischen
+Reisenden zugängig waren, ist es sehr reich. Der senkrechte Fels besteht
+aus Grauwacke und Sandstein, die Grundlage desselben ist Urthonschiefer,
+die Höhe über dem Meere 6800 Fuß. In früheren Zeiten galt Debra Damo als
+Gefängniß der jüngeren Zweige des herrschenden Geschlechts. Diese Sitte
+soll im Jahre 1260 durch den König Jakuno Amlak eingeführt und bis ins
+vorige Jahrhundert beobachtet worden sein. In Schoa vertrat die Festung
+Godscho dieselbe Stelle bis auf unsere Tage herab.
+
+Zahlreiche Klosteranstalten finden sich auch in Walduba; berühmt sind noch
+die Klöster von Axum und Debra Libanos, wo der erwähnte Abuna Tekla
+Haimanot geboren wurde. Nie darf ein Frauenzimmer ein Mönchskloster
+betreten, allein das hält die Insassen keineswegs ab, einen liederlichen
+Lebenswandel zu führen. Die Nonnen zeichnen sich durch ein schwefelgelbes
+baumwollenes Hemd und ein Käppchen von derselben Farbe aus; sie haben alle
+das Keuschheitsgelübde abgelegt, befinden sich jedoch meist in
+vorgerückten Jahren. Wichtig werden die Klöster namentlich dadurch, daß
+viele derselben als _politisches Asyl_ gelten, nach dem zur Zeit der
+Bürgerkriege viele Flüchtlinge sich retten. Dieser Umstand führte zu
+großen Mißbräuchen und gestaltete die Aufenthaltsorte der Mönche zu ewigen
+Sitzen der Unruhe um, zumal die Unantastbarkeit der Freistätte meistens
+streng eingehalten wurde, bis König Theodoros auch hier einen gewaltigen
+Schritt that und mit kühner Hand seine Feinde selbst aus den Asylen
+hervorholte.
+
+Neben der Unsittlichkeit der Geistlichen, der frechen Simonie, der
+übermäßigen Bilderverehrung, dem Glauben an Weissagereien und
+Vorbedeutungen, der Auslegung von Träumen, Furcht vor Hexerei und bösen
+Künsten muß andererseits hervorgehoben werden, daß jedenfalls im Lande
+kein Unglauben und keine Gottesverachtung herrscht. Der Formengeist, der
+allen Semiten eigen ist, klebt auch den Abessiniern an, jene
+Wichtigmachung von Gebräuchen und äußern Werken, die Unterscheidung
+zwischen Rein und Unrein, die Beschneidung, das Hängen am Buchstaben. Für
+das Hauptübel Abessiniens aber erklärt Munzinger den Stolz, der, von dem
+kleinsten Erfolg aufgeblasen, sich überheilig und überweise wähnt und nur
+ungern von Fremden sich Raths erholt. Der Stolz, von dem kein Abessinier
+frei ist und eigentlich kein Semite, hat eine andere gefährliche Seite;
+der Messias ist ihm immer ebenso gut wie den Aposteln ein weltlicher Herr;
+die Herrschsucht der Eingeborenen wird dem fremden Missionär sehr
+gefährlich, da sie ihn, ohne daß er es ahnt, in die Landespolitik
+hineinzieht.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Die _abessinische Zeitrechnung_ ist eine keineswegs christliche, da sie
+von der Erschaffung der Welt und nicht von der Geburt Christi an rechnen.
+Nach ihnen ist das Jahr 1868 das siebentausenddreihunderteinundsechzigste.
+Der Jahresanfang fällt auf den 10. September. Sie theilen das Jahr in
+zwölf Monate von je dreißig Tagen und zur Ausgleichung fügen sie denselben
+am Jahresschluß noch einen verkrüppelten dreizehnten Monat bei, der in
+drei Jahren fünf, in dem vierten aber sechs Tage hat. Im gewöhnlichen
+Leben und auch in ihren historischen Annalen werden die vier Jahre nach
+den Namen der Evangelisten bezeichnet und zwar in folgender Reihe:
+Johannes, Matthäus, Marcus und Lucas, letzteres hat am Schluß den
+eingeschalteten sechsten Tag des dreizehnten Monats. Es heißt oft in den
+Landeschroniken schlechtweg: Dieses ereignete sich in dem Jahre des
+Evangelisten Matthäus oder Lucas u. s. w. Die Namen der dreizehn Monate
+sind: Maskarem, Tekemt, Hedar, Tachsas, Ter, Jacatit, Magabit, Mijazia,
+Ginbot, Sene, Hamle, Nahasse, Paguemen. Kein einziger fällt natürlich ganz
+mit einem unserer Monate zusammen; so reicht der Maskarem vom 10.
+September bis 9. Oktober und so fort, bis endlich der verkrüppelte
+dreizehnte Monat, der Paguemen, vom 5. bis 10. September reicht. Die
+Abessinier setzen die Geburt Christi in das Jahr der Welt 5500; aber von
+dieser Periode bis zu unserer Zeit rechnen sie 7 Jahre und 122 Tage
+weniger als wir Europäer; die Ursache dieses Unterschieds ist die von den
+alexandrinischen Bischöfen befolgte Chronologie des Julius Africanus und
+später durch den Bischof Anatolius von Laodicea daran gemachte zehnjährige
+Abänderung.
+
+Am 10. September, dem Neujahrstage, machen sich die Bewohner der
+Hauptstadt wie bei uns Gratulationsbesuche und die Frauen überreichen
+ihren Bekannten Blumensträuße, wobei sie ausrufen: „Glück bringe dir das
+neue Jahr“. Auch finden Tänze mit Gesang und Schmausereien statt. Das
+größte Fest in Abessinien feiert man jedoch am 16. Maskarem (26.
+September) zum Andenken an die infolge eines Traumgesichts der heiligen
+Helena stattgefundene Entdeckung des Kreuzes Christi. Um die Kunde dieses
+Ereignisses möglichst schnell nach Konstantinopel zu bringen, bediente man
+sich der Feuersignale, und die Versinnlichung dieses Ereignisses ist der
+Hauptzweck der Ceremonien des _Maskalfestes_. Am Vorabend lodern
+Freudenfeuer auf den Hügeln, Männer mit Rohrfackeln ziehen in Prozessionen
+auf und kriegerische Tänze werden abgehalten. Der Anblick der
+bronzefarbigen, halbnackten Gestalten, die in dunkler Nacht, vom Scheine
+der Brandfackeln beleuchtet, sich taktmäßig hin und her bewegen, ist
+ungemein malerisch. Die Hauptprozession findet jedoch erst am folgenden
+Tage statt. Dann ziehen alle waffenfähigen Männer zu Fuß oder zu Pferde
+nach einem nahen Hügel, auf welchem bei Sonnenaufgang ein Feuer angezündet
+wird. Dem Zuge voran gehen Musikanten mit Hörnern und Pauken; nachdem die
+Menge an dem Scheiterhaufen sich gewärmt, kehrt sie zurück, um mit
+Reiterspielen und kriegerischen Tänzen die Feierlichkeit zu beschließen.
+Der Gouverneur hält offene Tafel und ungeheuere Portionen rohen Fleisches
+werden verschlungen. Andere Feste sind Ledat (Weihnachten), Domkat (Taufe
+Christi), Fasaga (Ostern) und die verschiedenen Heiligenfeste.
+
+Die _Taufen_ finden in der Kirche statt und zwar bei den Knaben 40 Tage,
+bei den Mädchen 80 Tage nach der Geburt, weil nach der Tradition der
+Abessinier Adam erst 40 Tage nach der Schöpfung in das irdische Paradies
+eingeführt wurde und Eva ihm dahin 40 Tage später nachfolgte. Die
+Ceremonie selbst ist von der bei uns üblichen in vieler Hinsicht
+abweichend. Jedes Kind hat seinen Pathen; als Taufstein gilt eine thönerne
+Schüssel, deren Wasser erst beräuchert und dann mit dem Fuße des
+Geistlichen berührt wird, worauf dieses für geweiht gilt; Loblieder zu
+Ehren der Jungfrau Maria und das schnelle Ablesen eines Kapitels aus dem
+Evangelium Johannes vollenden die Vorbereitungen; dann werden die
+Täuflinge nach allen vier Himmelsgegenden geneigt und bis über den Kopf
+ins Wasser getaucht; schließlich wird dem Täuflinge eine in geweihtes Oel
+getauchte Schnur um den Hals gebunden und die Ceremonie ist vorüber.
+Vorher aber sind die Kinder beiderlei Geschlechts beschnitten worden.
+
+Die _Ehe_ ist in Abessinien, wo allgemeine Sittenlosigkeit und die
+allergrößte Freiheit im Umgang der Geschlechter herrscht, eine rein
+äußerliche und sehr lose. Die Trauungen werden nur selten kirchlich
+geschlossen, was einfach dadurch geschieht, daß die Brautleute das
+Abendmahl zusammen nehmen. Werden die Gatten einander untreu, so trennen
+sie sich einfach und haben dann das Recht, noch zweimal sich kirchlich
+trauen zu lassen. Da jedoch die meisten Ehen wild sind, so betrachtet man
+die kirchliche Trauung als Nebensache. Wie entsetzlich die Zustände in
+dieser Beziehung sind, geht aus der Bemerkung Isenberg’s hervor, daß er
+während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes in Abessinien unter einer sehr
+großen Zahl kirchlich getrauter Leute _kein einziges_ Paar kennen lernte,
+daß einander treu blieb. Das Gesetz, daß man sich nur dreimal trauen
+lassen darf, gilt jedoch nur in der Theorie. Rüppell traf zu Ategerat ein
+hübsches, erst _siebzehnjähriges_ Frauenzimmer, welche bereits von
+_sieben_ mit ihr ehelich vermählten Männern geschieden war und im Begriffe
+war, sich zum _achten Male zu vermählen_! Ehescheidungen sind bloße
+Privatangelegenheiten, welche nur dann vor die Behörden gebracht werden,
+wenn man in Betreff der Vermögenstheilung sich nicht miteinander
+verständigen kann. Sonst hat die Obrigkeit damit gar nichts zu thun, und
+die Ehe besteht nur so lange, als beide Theile damit zufrieden sind.
+Eifersucht ist in Abessinien ein unbekanntes Ding und eheliche Untreue das
+Gewöhnliche, besonders noch dadurch begünstigt, daß die Zahl der Frauen
+überwiegt. Dies mag auch ein Grund dafür sein, daß unter jenen Christen
+die _Vielweiberei_ geduldet ist; aber nur die Reichen pflegen an dem
+nämlichen Orte mehrere Frauen zu haben, von denen jede einzelne in einem
+besonderen Hause wohnt. Diejenigen Abessinier, welche sich ihrer Geschäfte
+halber an verschiedenen Orten aufhalten, haben gewöhnlich an jedem
+derselben eine Frau. Im Allgemeinen benimmt sich die Frau sehr aufmerksam,
+dienstwillig und selbst demüthig unterwürfig gegen ihren Mann. Sie darf
+ihn nur als ihren Herrn und im Plural anreden, während der Gatte gegen sie
+das „Du“ gebraucht; sie muß ihm, wenn er es verlangt, die Füße waschen und
+ihm bei Tische häufig die Speisen in den Mund stopfen! Jenes Betragen der
+abessinischen Frauen geht jedoch nicht aus Liebe hervor, sondern ist
+berechnete Schmeichelei. Liebe in reinerem Sinne kennt man in jenem durch
+die größte Sittenverderbniß ausgezeichneten Lande gar nicht. Zum Heirathen
+genügt schon ein Vermögen von wenigen Thalern, ein baumwollenes Hemd für
+die Braut, etwas Geld für die Eltern sind die Geschenke bei Armen. Bei
+reichen Leuten werden große Gelage gehalten, welche mehrere Tage dauern.
+Gegen Ende derselben führt der Bräutigam, auf einem Maulthier reitend, die
+Braut scheinbar aus dem älterlichen Hause in das seinige. Die Mädchen
+werden in der Regel noch ungemein jung, zuweilen schon in ihrem neunten
+Jahre verheirathet; so erzählt Pearce, daß ein mehr als siebenzigjähriger
+Landesfürst die noch nicht zehnjährige Tochter des Kaisers heirathete!
+
+Sieht ein Abessinier seine Todesstunde herannahen, so läßt er den
+Geistlichen rufen, dem er eine Beichte ablegt, um die Absolution zu
+empfangen. Der würdige Priester benutzt dann gewöhnlich diese Gelegenheit,
+um möglichst viel von dem weltlichen Gute des Sterbenden für sich und die
+Kirche zu erlangen, während er für das _Begräbniß_ selbst keinen Heller
+nimmt. Dieses findet meistens noch am Todestage statt. Der Körper wird mit
+gekreuzten Armen in ein baumwollenes Tuch geschlagen, dann mit einer
+Lederhaut umwickelt, in der Kirche eingesegnet und in einer kleinen Grube
+bestattet. Nach der Beerdigung versammeln sich Freunde und Verwandte im
+Sterbehause, wo das Klagegeheul angestimmt und dann ein großes Mahl
+gehalten wird. Um tiefe Trauer wegen des Todes eines Verwandten
+auszudrücken, pflegt man sich das Haupthaar abzuscheren, den Kopf mit
+Asche zu bestreuen und die Schläfen zu zerkratzen, bis Blut fließt. Alles
+dieses ist jedoch blos äußerliche Heuchelei und fern von tiefgefühlter
+Betrübniß, denn grenzenloser Leichtsinn ist ein Hauptcharakterzug der
+Abessinier.
+
+Abessinien ist reich an _Kirchen_, doch sind dieselben meistentheils nur
+klein. Viele stehen als Wallfahrtsorte in hohem Ansehen und werden von
+großen Scharen frommer Pilger besucht, die, oft aus weiter Ferne
+herziehend, häufig zugleich den bei der Kirche aufgeschlagenen Markt zu
+Einkäufen benutzen. So knüpfen sich auch hier die Messen an die Kirchen,
+wie in den meisten anderen Ländern der Erde gleichfalls. Gewöhnlich sind
+die Kirchen im Grundrisse rund und 20–24 Fuß hoch; viereckige gehören zu
+den seltenen Ausnahmen. Beinahe jede abessinische Kirche oder Kapelle hat
+an ihrer Façade zwei gleich große, dicht nebeneinander stehende Thüren und
+im Innern eine Art von großem hölzernen Sessel oder Thron, der die
+Bundeslade der Israeliten vorstellt. Dieser Sessel, auf welchem Brot und
+Wein für das Abendmahl eingesegnet werden, führt den Namen Manwer oder
+Tabot und ist überall in Abessinien der Gegenstand der größten Verehrung.
+Glocken befinden sich nur in wenigen Kirchen der größeren Städte; statt
+ihrer behelfen sich die Priester mit dünnen Steinplatten, die schwebend
+aufgehängt sind und durch deren Anschlagen die Gläubigen zusammenberufen
+werden. Die gewöhnlichen Kirchen auf dem Lande bestehen aus zwei
+Gemächern, deren Inneres beinahe ganz dunkel ist und welche durch eine
+Flügelthüre miteinander in Verbindung stehen. Sie sind mit einem
+gemeinschaftlichen kegelförmigen Strohdache überdeckt und fast immer von
+schönen Bäumen umgeben, welche den um die Kirche herumliegenden Friedhof
+beschatten, der jedoch keinerlei Grabsteine aufweist. Einige dabei
+befindliche kleine Hütten beherbergen die den Kirchendienst versehenden
+Priester. Das Ganze ist durch eine niedrige Mauer umschlossen. Wer Schuhe
+oder Sandalen trägt – übrigens eine Seltenheit in Abessinien – zieht
+dieselben beim Eingange des Kirchhofes aus. In der vorderen Abtheilung,
+der eigentlichen Kirche, versammeln sich die Leute, nachdem sie beim
+Eingange die mit schreckhaften kolossalen Engelsfiguren bemalten Thüren
+ehrfurchtsvoll geküßt haben. _Gemalte_ Bilder werden in Abessinien
+verehrt, keineswegs jedoch _geformte_, und deshalb zeigt das abessinische
+Kreuz auch keinen Christusleib, weil dies nach Auffassung jener Kirche
+gegen das zweite Gebot verstoßen würde. Das Küssen der Kirche ist als
+Zeichen der Gottesverehrung üblich, sodaß der Ausdruck „die Kirche küssen“
+gleichbedeutend mit unserem „in die Kirche gehen“ ist. Ueberhaupt werden
+alle für heilig gehaltenen Gegenstände, Kirchen, Kreuz, Bilder und Bücher
+geküßt. Die Eingetretenen setzen sich oder knieen auf den Boden hin. Durch
+die offene Flügelthür erblickt man im zweiten Gemache den Tabot, um den
+Priester in zerlumpten seidenen Kitteln umherstehen, jeder von ihnen hält
+eine brennende Wachskerze in der Hand, außerdem Schelle und Rauchfaß, die
+sie beim Heulen der Psalmen schwingen. Zuweilen liest einer eine kurze
+Phrase aus einem auf der Bundeslade liegenden Buche oder reicht den
+Anwesenden das Kreuz zum Küssen dar – von einer christlichen Erbauung
+gewahrt man jedoch bei diesen keine Spur; sie plappern zwar fortwährend
+mit den Lippen Gebete her, aber ihren Blicken nach zu urtheilen sind ihre
+Gedanken bei ganz anderen Gegenständen.
+
+ [Illustration: Grundriß der Kirche Lalibela.
+ Nach E. Zander.]
+
+Besser sind die Kirchen in den großen Städten beschaffen, namentlich zu
+Gondar, wo es allein gegen fünfzig giebt. Die größte ist die
+_Bada-Kirche_, welche Kaiser Tekla Haimanot um das Jahr 1775 erbauen ließ.
+Mit ihrem hohen konischen Dache überragt sie alle anderen Gebäude der
+Stadt und zeichnet sich außerdem durch ein großes griechisches Kreuz von
+Messing auf dem Giebel aus. In ihr, sowie in anderen Kirchen Gondars zeigt
+man mehrere etwa fünf Fuß lange Kisten aus Sykomorenholz, welche ringsum
+mit Heiligenbildern und auf dem Deckel mit der Figur eines in ein
+Leichentuch gehüllten Menschen bemalt sind. Sie enthalten die Gebeine von
+Personen, welche in ganz besonderem Ansehen standen. Diese müssen jedoch
+erst herkömmlicher Weise fünfzig Jahre lang in der Erde geruht haben, ehe
+sie zu der Ehre gelangen, auf diese Art aufbewahrt zu werden. Die übrigen
+Kirchen sind gewöhnlich von Bogengängen umgeben, von denen aus mehrere
+große Thüren in das Innere führen. Wände, Thüren und Querbalken des
+Gebäudes sind mit Malereien bedeckt und die innere Seite der Thürgesimse
+mit kleinen Porzellanplatten ausgekleidet; Teppiche decken den Boden; doch
+Lampen sind eine seltene Erscheinung.
+
+Vorzüglich schöne und geschmackvolle Holzschnitzereien, die, was die
+Arabesken betrifft, auch einem europäischen Künstler Ehre machen würden,
+enthält die _Kirche Lalibela_ zu Gondar, ein Bauwerk der Fürstin Menene.
+Ihr Grundriß ist rund, das Dach, wie allgemein üblich, konisch und an der
+Spitze mit dem Kreuz geziert. Ihr Inneres besteht aus drei konzentrischen
+Abtheilungen. Der äußere, von Säulen getragene Kreis, ist der allgemeine
+Raum für die Kirchgänger; der zweite, mittlere Raum ist für die
+Abendmahlempfänger bestimmt; der innerste, viereckige, enthält die
+Bundeslade. Die erwähnten reichen Holzschnitzereien sind flachrelief an
+Thüren und Fenstern angebracht.
+
+Wohl die berühmteste Kirche in ganz Abessinien ist jene zu _Axum_ in
+Tigrié, in der ehemaligen Hauptstadt des den Griechen und Römern bekannten
+axumitischen Reiches. Sie liegt inmitten des politischen Asyls und wurde,
+wie schon ihre Bauart zeigt, unter portugiesischem Einfluß 1657 an der
+Stelle der 1535 von Muhamed Granjé zerstörten alten Kirche erbaut. Durch
+Größe, Reichthum und Heiligkeit übertrifft sie alle anderen Kirchen
+Tigrié’s. Auf einer mit Stufen versehenen, aus gut behauenen Quadern
+erbauten Terrasse schreitet man zu ihr hinauf. Vier dicke Pfeiler bilden
+eine Art Porticus, von welchem man durch drei Thüren in den inneren Raum
+gelangt. Dieser ist durch zwei Reihen plumper Pfeiler in drei Schiffe von
+gleicher Höhe abgetheilt, welche durch einige kleine und sehr schmale
+Fenster ein sehr spärliches Licht erhalten; die Decken bilden horizontal
+liegende Balken; die Wände sind mit geschmacklosen, stark beschädigten
+Malereien beklext, der Boden mit Teppichen belegt. (Rüppell fand ihn
+voller Schmuz.) Ein kleiner Thurm enthält eine Treppe, die zu dem flachen,
+mit Zinnen gekrönten Dache führt. Salt, welcher die Kirche gemessen hat,
+giebt ihre Länge zu 111, ihre Breite zu 51 Fuß an. In der Nähe steht ein
+kleines niedriges Haus, in welchem zwei sehr roh in Abessinien selbst
+gegossene Glocken hängen, und in einem anderen Gebäude werden die
+Pretiosen der Kirche, die Metallkronen, Kreuze und Manuskripte aufbewahrt.
+Nach der Ansicht der Abessinier ist die hier aufbewahrte Bundeslade die
+echte jüdische aus der Zeit des Königs Salomo, welche Menilek, der Sohn
+der Königin von Saba, in Jerusalem stahl und hierher brachte (vergl.
+S. 3). Der Name der Kirche ist Hedar Sion und ihr Hüter, der Gouverneur
+von Tigrié, führt den Titel Nabr Id (Hüter der Bundeslade). Die Abbildung
+zeigt unsere Anfangsvignette.
+
+ *Die Missionen in Abessinien.*
+
+Schon bald nach Entstehung der englischen „Missionsgesellschaft für Afrika
+und den Osten“ wandte diese ihre Aufmerksamkeit auf Abessinien, in der
+Absicht, dem dortigen Christenthume frische Anregungen zuzuführen und
+dasselbe aus seiner Versunkenheit herauszuziehen, sowie vor dem Untergange
+im Muhamedanismus zu bewahren. Zu diesem Zwecke wurden nun
+Missionsstationen in Malta, Kairo, Smyrna u. s. w. angelegt, von denen aus
+man allmälig bis Abessinien vordringen wollte, und durch einen
+abessinischen, nach Jerusalem gepilgerten Mönch die ganze Bibel in die
+amharische Sprache übersetzt, welche die verbreitetste unter den
+abessinischen Mundarten ist. Die ersten Missionäre, welche nach Ategerat
+(Adigrat) in Tigrié im Jahre 1830 vordrangen, waren die beiden Deutschen
+_Gobat_ und _Kugler_. Der Detschasmatsch Sabagadis empfing sie freundlich,
+indessen die politischen Verhältnisse, die immerwährenden Kriege zwischen
+Sabagadis und Ubié um die Herrschaft Tigrié (vergl. S. 107) waren ihrem
+Werke nicht günstig. Trotzdem drang Gobat bis nach der Hauptstadt Gondar
+vor, während Kugler in Tigrié zurückblieb, um bald an den Folgen einer
+Verwundung, welche er sich auf der Jagd zugezogen, zu sterben. Als nun zu
+derselben Zeit Sabagadis von Ubié geschlagen und getödtet wurde, brach
+auch für den wackern Gobat eine Zeit der Verfolgungen herein. Längere Zeit
+hielt er sich in den politischen Asylen, namentlich im Kloster Debra Damo,
+verborgen, mußte schließlich aber nach Aegypten fliehen. Die Erfahrungen,
+die er bezüglich seines Missionswerkes gemacht hatte, waren jedoch nur
+trauriger Art; er fand, „daß der Leichtsinn dieses Volkes nicht leicht die
+Wahrheit des Evangeliums auf Herz und Leben wirken läßt“. _Der erste
+mißlungene Versuch._
+
+ [Illustration: Gefangennahme des Missionärs Krapf durch Adara Bille.
+ Nach Krapf’s Reisewerk.]
+
+In Karl Wilhelm _Isenberg_ aus Barmen erhielt 1834 der zurückgekehrte
+Gobat einen treuen Freund und Unterstützer, der mit neuem Eifer das
+schwierige Geschäft anzugreifen begann. Nach langer Fahrt durch das Rothe
+Meer und dreimonatlichem Aufenthalte in Massaua kamen beide im April,
+begleitet von ihren Frauen, in Tigrié an, wo die Bürgerkriege immer noch
+fortwütheten. Ubié sicherte indessen den Missionären seinen Schutz zu, die
+nun mit der Verbreitung von Bibeln begannen. Gobat jedoch war infolge von
+Krankheit genöthigt, schon 1836 zurückzukehren und gegen den bleibenden
+Isenberg richtete sich nun der Haß der abessinischen Geistlichkeit, die
+ihren Einfluß durch seine Anwesenheit bedroht sah. Indessen Isenberg hielt
+wacker aus und fand in dem Deutschen _C. H. Blumhardt_ einen Unterstützer
+in seiner aufreibenden Arbeit. Um auf die Jugend, die man zunächst im Auge
+hatte, besser wirken zu können, begann man mit dem Schulunterricht und
+baute ein großes Missionshaus in Adoa, das jedoch bald die Eifersucht und
+den Verdacht des Kirchenvorstehers wie des Herrschers Ubié erregte, da es
+für eine Festung angesehen wurde, von welcher unterirdische Gänge zum
+Waffen- und Truppentransport bis Massaua führen sollten! Als mit Ende des
+Jahres 1837 auch Ludwig _Krapf_ aus Württemberg zu der kleinen Mission
+stieß, fand er schon große Schwierigkeiten, um zugelassen zu werden, und
+bereits im Sommer 1838 erhielten die Missionäre den Befehl, das Land
+wieder zu verlassen. Wie Isenberg bemerkt, geschah dieses nicht ohne
+Zuthun der mittlerweile gleichfalls nach Abessinien gekommenen
+katholischen Missionäre, namentlich Sapeto’s, dessen wir bereits oben
+S. 31 gedachten. _Der zweite mißlungene Versuch._
+
+Nachdem so im Norden Abessiniens keine Aussichten mehr für eine
+gedeihliche Wirksamkeit vorhanden schienen, beschloß man mit zäher
+Ausdauer im Süden, in Schoa, das Werk fortzusetzen.
+
+Schon im Jahre 1837 kam zu den deutschen Missionären in Adoa ein Bote des
+Königs von Schoa, welcher einen in deutscher Sprache geschriebenen Brief
+überbrachte, der von Martin Bretzka, dem ehemaligen Jäger Rüppell’s,
+herrührte. Durch diesen ließ Sahela Selassié die Missionäre um Arznei und
+einen tüchtigen Mechaniker bitten, ja er verlangte, daß die Missionäre
+womöglich selbst zu ihm kommen möchten. Arznei wurde sofort nebst einem
+langen Briefe von Isenberg überschickt, ein Mechaniker aber war nicht
+vorhanden. In dem Schreiben fragte der Missionär, ob der König ihm sein
+Missionswerk in Schoa gestatten wolle. Wenn er diese Frage bejahe, würde
+er sammt seinem Kollegen Blumhardt kommen, sei dieses aber nicht der Fall,
+so müsse er von der Reise nach Schoa absehen. Da Blumhardt jedoch auf eine
+indische Station gesandt wurde, machten sich 1839 Krapf und Isenberg auf
+den Weg nach Schoa und kamen nach einer höchst beschwerlichen Reise auf
+einem bis dahin unbekannten Wege über Tadschurra und das Adal-Land am 6.
+Juni in Ankober beim Könige Sahela Selassié an, der sie mit der größten
+Freundschaft aufnahm und behandelte. „Hier nun gelang es unter sehr
+günstigen Umständen einen guten Anfang mit der Verkündigung des
+Evangeliums und dem Schulunterrichte zu machen.“ Da es jedoch an Büchern
+und Lehrmitteln fehlte, kehrte Isenberg nach freundlichem Abschiede im
+November 1839 nach Europa zurück, um das zur Fortführung der übernommenen
+Aufgabe Nöthige zu holen.
+
+Krapf blieb nun längere Zeit allein in Schoa, fühlte sich aber wohl sehr
+einsam und beschloß, ehe er sein Werk weiter fortführte, seine Braut
+heimzuführen. Am 11. März 1842 unternahm er die äußerst gefahrvolle Reise
+von Ankober nach Massaua. Er hatte seine Richtung durch das nördliche
+Schoa und das Land der muhamedanischen Wollo-Galla genommen. Er wollte
+über Gondar gehen und dort die Bekanntschaft des neuen, erst ein Jahr
+vorher berufenen Abuna machen.
+
+ [Illustration: Ludwig Krapf. Nach dem Stahlstich in dessen Reisewerk.]
+
+Vom Könige Sahela Selassié mit einem silbernen Schwerte beschenkt, welches
+ihm den Rang eines Gouverneurs ertheilte, und wohl versehen mit
+amharischen Bibeln, machte sich der muthige Glaubensbote, nachdem er vom
+Könige und der damals in Schoa weilenden britischen Gesandtschaft Abschied
+genommen, auf den gefahrvollen Weg. In Sella Dengai stattete er noch der
+einflußreichen Mutter des Königs, welche beinahe halb Schoa unabhängig
+beherrschte, einen Besuch ab. Sie empfing ihn, auf ihrem Lager sitzend und
+umgeben von Dienerinnen, sehr friedlich, ließ sich einen bunten Schal,
+einige Scheren, sowie ein Neues Testament in äthiopischer Sprache
+schenken, und entließ darauf unseren Landsmann, der in die hohen kalten
+Berge hinaufstieg, die sich an der Grenze der Provinzen Mans und Tegulet
+hinziehen. Mans ist die größte Provinz Schoa’s und wird als Gut der
+Königin-Witwe betrachtet; doch leben die Eingeborenen unabhängig und mit
+allen Nachbarn im ewigen Kampfe. Auch gegen Krapf waren sie höchst
+unfreundlich, der sich freute, ihr kaltes Land bald verlassen zu können.
+Er passirte verschiedene nach Westen fließende kleine Zuflüsse des Nil und
+stieg dann von den Höhen beim Dorfe Amad-Wascha in das Thal des Flusses
+Katscheni hinab, der die Grenze gegen die von den Wollo-Galla bewohnte
+Provinz Gesche ausmacht. Der Häuptling der Galla, Adara Bille, residirte
+damals im Distrikte Lagga Gora und stand mit Schoa in friedlichen
+Beziehungen; er empfing den Gast freundschaftlich und entließ ihn am
+nächsten Tage mit einem Führer versehen.
+
+Am 23. März gelangte der Reisende an das Ufer des Flusses Beschlo und
+erstieg die Hochebene von Talanta. Hier kamen ihm zahlreiche Flüchtlinge
+entgegen, die mit Weib und Kind vor der Invasion eines Galla-Stammes davon
+flohen und auch Krapf veranlaßten, zu dem anscheinend freundlichen Adara
+Bille umzukehren, der auch noch immer die alten Sympathien für den
+Reisenden zu hegen schien. Als jedoch nach Verlauf von zwei Tagen das Land
+sich einigermaßen beruhigt hatte und Krapf seine Reise fortsetzen wollte,
+erklärte ihm Adara Bille, daß er ihn nach Schoa zurücksenden müsse, da er
+nur für _einmal_ die Erlaubniß erhalten hätte, das Land zu verlassen.
+Vergebens war alles Protestiren. Man suchte Gold bei ihm, nahm ihm seine
+Maulthiere und Pferde und ließ ihn durch Soldaten bewachen. Als er nun
+trotzdem seine übrig gebliebene Habe zusammenpackte und aufzubrechen
+versuchte, wurde er ergriffen und in ein kleines Gemach abgeführt, wo man
+ihm, unter Androhung der Todesstrafe, sein ganzes Gut, sogar seinen Mantel
+wegnahm. Selbst die Taschen kehrte man ihm um und raubte ihm die letzten
+Kleinigkeiten. In diesem Zustande hielt man ihn mehrere Tage gefangen, und
+auf vieles Bitten gelang es ihm endlich sein Tagebuch, 3 Thaler und das
+schlechteste Maulthier wieder zu bekommen. Dagegen waren fünf Maulthiere,
+140 Thaler, die Pistolen und Flinten, der Kompaß, die Uhr und viele andere
+werthvolle Dinge unwiderbringlich verloren. Gott war der einzige Trost des
+frommen Mannes in diesen Leiden, der nun, von sechs Soldaten begleitet,
+über die Grenze transportirt wurde.(1)
+
+Bettelnd gelangte er in das schöne, vom Dscherado durchströmte Thal
+Totola, in dem ein lebhafter, aus allen Theilen Abessiniens besuchter
+Markt abgehalten wird. Zu beiden Seiten desselben erheben sich hohe mit
+Dörfern, Weilern und Wachholderbäumen bestandene Bergketten, die den
+gebeugten Krapf durch ihre wunderbare Schönheit entzückten. Allein die
+rohen Soldaten trieben ihn mit den Worten fort: „Du bist unser Vieh, wir
+können mit dir anfangen, was uns beliebt.“ Am Ufer des Flusses Berkona,
+der dem Hawasch zufließt, traf man auf einen Kaufmann, der nicht wenig
+erstaunt war, einen weißen Mann auf diese Art durch das Land geführt zu
+sehen. Dieser, in dessen Brust wol Mitleid rege wurde, ertheilte Krapf den
+Rath, er solle laut schreien, wenn er viele Leute in den Feldern bemerke;
+diese würden alsbald herbeieilen und ihn zum Gouverneur Amadié führen, der
+auf einem hohen Berge zu Mofa, in der Nähe des Sees Haik, residire. Krapf
+befolgte diese Weisung und sah sich bald von Landleuten umringt, die ihn
+trotz des Sträubens der Soldaten befreiten und zu Amadié führten, dem
+Häuptlinge der Tehulladarié-Galla. Dieser schickte die Soldaten Adara
+Bille’s augenblicklich zurück und ließ den geprüften Mann ruhig seine
+Straße ziehen. Auf mühevollem Wege wanderte Krapf nun von Station zu
+Station durch wilde ungastliche Völker von dem See Haik an der
+nordöstlichen Grenze von Schoa über Jedschau, Angot, Wafila, Lasta,
+Enderta und das östliche und nordöstliche Tigrié bettelnd bis Massaua, wo
+der französische Konsul de Goutin ihm die Heimreise möglich machte, die er
+am 4. Mai antrat. In Schoa aber befand sich keine Mission mehr. _Der
+dritte mißlungene Versuch._
+
+Wer jedoch glauben würde, die eifrigen Missionäre hätten sich durch
+solchen betrübenden Ausgang abhalten lassen, weiter zu wirken, würde arg
+irren. Mit einer Menge Lehrmittel, Bibelübersetzungen und Wörterbüchern
+versehen, preiswürdigen Zeugnissen echt deutschen Fleißes, gingen 1842
+Isenberg, Krapf und Mühleisen abermals nach der Somaliküste, um über Zeyla
+nach Schoa vorzudringen, wo immer noch die britische Gesandtschaft unter
+Kapitän Harris weilte. Schon an der Küste stellten sich die größten
+Schwierigkeiten einem weiteren Vordringen nach Schoa entgegen und man traf
+auf Intriguen aller Art. Auch soll der französische Reisende Rochet seinen
+ganzen Einfluß bei Sahela Selassié angewandt haben, um den deutschen
+Männern den Eingang nach Schoa zu verschließen. (Vergl. S. 29.)
+
+Krapf hatte einen Brief an Sahela Selassié geschrieben und angezeigt, daß
+er nach Ankober gehen würde. Nach der Ankunft des Schreibens wurden
+Versammlungen in allen Kirchen der Hauptstadt gehalten, und Deputationen
+der Geistlichkeit, Priester und Mönche verfügten sich geraden Weges zum
+Palaste, um den König anzuflehen, daß weder Krapf noch Isenberg zugelassen
+werden möchten. „Ihre Werke sind nicht die unserigen und ihr heiliges Buch
+ist verschieden von dem, was in unserem Lande als das wahre betrachtet
+worden ist. Erlaubt man ihnen zurückzukehren, so wird das Volk vom Glauben
+seiner Väter abfallen.“ Dergestalt gedrängt, entschied Sahela Selassié
+gegen Kapitän Harris, welcher sich für die Missionäre verwandte: „Isenberg
+und Krapf können nicht wieder in mein Land kommen, mein Volk will es ihnen
+nicht erlauben. Ich habe lange darüber nachgedacht und es ist besser, wenn
+sie wegbleiben; ich will keinem wieder erlauben, je wieder über den
+Hawasch zu kommen.“ Und dabei blieb es, die Missionäre zogen betrübt ab.
+Man kann sich vorstellen, wie dieses abermalige Scheitern aller Hoffnungen
+auf die glaubenseifrigen Priester zurückwirken mußte, welche durch ein
+Schreiben des Kapitän Harris von diesen Vorgängen in Schoa in Kenntniß
+gesetzt wurden. „Gern hätten wir unseren Augen und Ohren und ebenso dem
+Zeugnisse dieses Briefes nicht getraut, gern uns die Sache anders gedeutet
+und dargestellt; dazu fehlte uns aber alles Material, und wir mußten bei
+der ersten Thatsache stehen bleiben: die Mission in Schoa ist aufgehoben,
+sie ist nicht mehr.“ _Der vierte mißlungene Versuch._
+
+Waren dergestalt alle Aussichten im Süden benommen, so wollte man abermals
+das alte Feld im Norden, in Tigrié, aufsuchen und sehen, ob sich hier die
+Verhältnisse seit 1838 nicht etwa günstiger gestaltet hätten. Im April
+1843 brachen Isenberg und Mühleisen, fortwährend große Massen von Bibeln
+verbreitend, von Massaua aus, die Provinz Hamasién durchziehend, nach
+Adoa, der Hauptstadt Tigrié’s, auf, wo sie ihr altes Haus zum Theil
+verwüstet fanden. Gleich nach ihrer Ankunft wurde die Priesterschaft und
+das Volk gegen sie aufgehetzt und ihre Lage gestaltete sich von allem
+Anfange an noch schwieriger als zuvor. Die Missionäre hatten ein
+förmliches theologisches Examen vor den abessinischen Geistlichen zu
+bestehen und wurden, als dieses nicht nach dem Wunsche der letzteren
+ausfiel, in Bann gethan. Auch soll der katholische Bischof de Jacobis,
+welcher damals in Adoa eine Mission leitete, gegen sie intriguirt haben.
+Isenberg reiste nun selbst in das Feldlager des Herrschers Ubié, wurde
+aber von diesem nicht vorgelassen, sondern mit dem Bescheid abgewiesen:
+„er habe die Abessinier lange genug durch Abendmahlhalten, Taufen, Trauen,
+Begraben in seinem Hause beleidigt, deshalb sei er früher aus dem Lande
+gewiesen; jetzt sei er wiedergekommen und verharre in seiner
+Hartnäckigkeit; er habe die Jungfrau Maria gelästert, ja, er sei soweit
+gegangen, daß er in den Schriften der Apostel unterrichten wolle. Er solle
+also in sein Land zurückkehren, denn in Tigrié dürfe er nicht bleiben.“ So
+mußten die Missionäre also auch jetzt wieder umkehren, und nun schien der
+letzte Hoffnungsstrahl vernichtet. Isenberg tröstete sich dann über das
+Scheitern seines Missionswerkes folgendermaßen: „Durch das ganze Land
+hindurch hat sich ein bestimmter Eindruck von dem Zwecke unserer Mission
+verbreitet, und was noch weit mehr ist, sie haben mehr als 8000 Exemplare
+verschiedener Theile der Heiligen Schrift in amharischer und äthiopischer
+Sprache, unter welchen sich eine Anzahl amharischer ganzer Bibeln
+befindet, erhalten, welche nun auch nicht müßig liegen, sondern gewiß eine
+stille Wirksamkeit auf manche ihrer Besitzer und Leser ausüben werden. Die
+Abessinier haben sich durch gleichgiltige Vernachlässigung und ungläubige
+Verachtung des Evangeliums, durch ihr starres Anhangen an ihren
+eingewurzelten Thorheiten und Sünden, durch ihre allgemeine Trägheit und
+Habsucht einer längeren Fortdauer der evangelischen Mission in ihrem Lande
+für unwerth erklärt, und dem Herrn hat es in seinem Wunderrathe gefallen,
+sie für die nächste Zukunft aufzuheben.“ _Der fünfte mißlungene Versuch._
+
+Ehe wir die ferneren Anstrengungen der protestantischen Missionäre hier
+schildern, die trotz Allem keineswegs gewillt waren, das unfruchtbare Feld
+aufzugeben, müssen wir hier die Thätigkeit der kaum minder eifrigen
+katholischen Glaubensboten anführen, die aber fast ebenso wenig Erfolge
+aufzuweisen haben, wie jene. Es ist eine betrübende Thatsache, daß überall
+katholische und protestantische Missionäre einander befeinden. Kaum ist
+ein Katholik auf irgendeinem neuen Gebiete erschienen, um für seinen
+Glauben Propaganda zu machen, so folgt ihm ein Protestant, macht ihm das
+Feld streitig und beginnt unter den braunen, schwarzen, gelben oder rothen
+Menschen für seine Sache zu wirken. Oder umgekehrt. Leicht wäre es,
+hierfür viele Beispiele anzuführen, denn in Afrika, Nordamerika, auf
+Madagascar, in der Südsee, überall wiederholt sich dasselbe Schauspiel,
+und die Eingeborenen sollen schließlich Richter sein zwischen den Lehren
+des Protestantismus und Katholizismus. Daß auf diese Weise die Sache nicht
+gefördert wird, ist nur zu natürlich. Jeder Theil schiebt indessen die
+Schuld auf den andern, und dem Unparteiischen fällt es schwer, anders zu
+entscheiden, als daß _beide_ gefehlt. So auch in Abessinien.
+
+Die katholische Kirche betrachtete das Land seit der Verjagung der
+Jesuiten im 17. Jahrhundert immer nur wie eine abgefallene, aber wieder zu
+erobernde Provinz und beschloß, auch diese Eroberung zu beginnen, kurz
+nachdem die Protestanten sich in Tigrié niedergelassen hatten. Der Anfang
+damit wurde im März 1838 gemacht, als der italienische Priester _Giuseppe
+Sapeto_ zugleich mit dem Reisenden _M. Abbadie_ in Adoa ankam. Bei Ubié
+stellte er sich als Eins mit den Abessiniern in der Religion dar und
+gewann bald Einfluß, den er, eingestandenermaßen, gegen die Ketzer
+Isenberg und Krapf verwandte, sodaß diese mit Recht seinem Einflusse ihre
+Verjagung aus Adoa zuschreiben. Sapeto besuchte nun die abessinischen
+Kirchen, schloß sich dem Gottesdienst an und geberdete sich in Allem als
+abessinischer Christ und arbeitete nicht ohne Erfolg. Er machte 22
+Proselyten, die jedoch später wieder zu ihrer Landeskirche zurücktraten.
+Ehe er Abessinien verließ, bewog er den Etschegé, das Oberhaupt der
+abessinischen Mönche, einen Brief an den Papst zu schreiben, dessen Primat
+als Nachfolger Petri die Abessinier im Allgemeinen anerkennen, ohne ihm
+jedoch eine Macht über ihre Kirche einzuräumen. Die verschiedenen
+Sendungen der französischen Regierung trugen ohnehin dazu bei, das Werk
+der römischen Mission in Adoa zu fördern, und so entschloß sich denn der
+Papst, mit noch größerem Nachdrucke aufzutreten. Der Pater de Jacobis, ein
+Piemontese von Geburt und früher Beichtvater der Königin von Neapel, ein
+durch große Kenntnisse und geistige Gaben ausgezeichneter Mann, ging mit
+sechs Gefährten nach Adoa, wo er bei Ubié zu bedeutendem Einflusse
+gelangte und von diesem mit der Gesandtschaft betraut wurde, welche 1841
+den neuen Abuna Abba Salama abholen sollte. Während de Jacobis weiter nach
+Rom ging, wo er einige junge Abessinier als „Gesandte des Königs von
+Aethiopien an den Papst“ vorstellte, agitirte der junge Abuna hinter
+seinem Rücken und griff zu allen möglichen Mitteln, um die katholischen
+Proselyten wieder zur Landeskirche zurückzubringen, was ihm auch gelang,
+sodaß Jacobis nach seiner Rückkehr in Adoa sich darauf beschränken mußte,
+seiner zahlreichen Dienerschaft im Missionshause Gottesdienst zu halten.
+Wie der Abuna über den katholischen Missionär dachte, sieht man aus einem
+Schreiben, welches er 1843 an Isenberg kurz vor dessen Abgang richtete und
+in welchem es heißt: „Wenn Sie selbst den „Jakob“ vertreiben können _und
+dann in Ruhe hier bleiben_, so wird Alles gut gehen; wenn Sie das aber
+nicht können, so werde ich auch ihm nicht erlauben, in unserm Lande zu
+bleiben. Wenn ich ihn aber vertreibe, so werden wir verhaßt werden, und
+man wird sagen, ich sei ein Freund der Engländer. Wenn Sie mir aber sagen,
+ich solle ihn vertreiben, so will ich ihn vertreiben.“ Die Katholiken
+hatten eine lange Zeit in Abessinien wirken können, denn erst im Frühjahr
+1855, als Theodor über seinen Gegner Ubié siegte, wurden sie von ersterem,
+dem es an der Einheit der Staatskirche lag, verjagt. Justin de Jacobis
+sollte Anfangs getödtet werden, allein Theodoros ließ sich durch den Abuna
+bestimmen, ihn einfach über die Grenze zu weisen und mit 100
+Stockstreichen zu bedrohen, wenn er wieder nach Habesch kommen sollte.
+Theodoros hielt sich zu diesem Schritte berechtigt, so lange der Papst in
+Rom anders lehrende Priester in seinem Gebiete und seiner Kirche nicht
+dulde und weil er neben seinem eigenen Papste (dem Abuna) einen fremden
+nicht zulassen könne. Die Anhänger der römisch-katholischen Kirche mußten
+zum abessinischen Glauben zurückkehren, und so war die siebzehnjährige
+Thätigkeit derselben mit einem Schlage vernichtet. Jacobis zog sich nach
+dem Grenzorte Halai zurück, wo er am 31. Juli 1860 starb. Indessen sollen
+noch mehrere Gemeinden in Okulekusai und das Hirtenvolk der Irop zu den
+eifrigen Anhängern der katholischen Mission zählen. Auch in der Provinz
+Agamié und Bogos (zu Keren) waren Jesuiten angesessen, und mehr als 30
+eingeborene Priester, die für das Land sehr gebildet sind, breiteten den
+Glauben um so eifriger aus, da sie als Landeskinder nicht das Mißtrauen,
+das jeden Fremden empfängt, zu bekämpfen hatten. Die Kirchen wurden
+fleißiger besucht, die Ehen regelmäßiger geschlossen und das Volk darum
+schon eher für den Katholizismus gewonnen, weil die Jesuiten namentlich
+den Mariendienst stark kultivirten, der den Abessiniern zusagt. Allein
+gegen die Feindschaft Theodor’s und des Abuna konnten auch die Katholiken
+nicht aufkommen, und ihre Mission hatte ein Ende. _Der sechste mißlungene
+Versuch._
+
+Zu derselben Zeit nun, als die Katholiken aus Abessinien vertrieben wurden
+und dort die großen politischen Umwälzungen stattfanden, welche Theodor
+ans Ruder brachten, beschloß Bischof Gobat die protestantische Mission,
+die in Tigrié seit 1838 unterbrochen war, abermals zu erneuern und sandte
+zu diesem Zwecke Ludwig Krapf, den unermüdlichen Kämpfer, und _Martin
+Flad_, gleich jenem ein Württemberger, im Dezember 1854 nach Abessinien.
+Die Sendboten landeten am 20. Februar 1855 zu Massaua. Hier traf nun bald
+der flüchtige de Jacobis ein, dessen Stelle zu besetzen die
+protestantischen Missionäre sich schleunig anschickten. Alles stand für
+sie günstig; sie brachen ins Innere auf und fanden den König im Lager in
+der Nähe von Debra Tabor, der sich ungemein freundlich gegen die
+Missionäre benahm. Daß er die Protestanten schützen, die Katholiken aber
+keineswegs dulden wolle, war eine angenehme Nachricht für Krapf, der
+sofort seine Geschenke auspackte. Diese bestanden in einem ägyptischen
+Teppich, einem Revolver, einem silbernen Becher, einem Taschentuch, auf
+dem eine Flaggenkarte abgedruckt war, und aus einer Bibel in amharischer
+Sprache. Das Taschentuch freute den König sehr, und als er bemerkte, daß
+die Flagge von Jerusalem nicht in der Mitte stehe, fragte er nach der
+Ursache. Krapf theilte nun dem Könige mit, daß Bischof Gobat ihm eine
+Anzahl christlicher Handwerker, Büchsenmacher, Schmiede u. s. w. schicken
+wolle. Dieser Plan fand günstige Aufnahme, um so mehr als der König
+bereits die Absicht hatte, nach Deutschland, England und Frankreich zu
+schreiben, um sich von dort Arbeiter kommen zu lassen. Die Freiheit der
+Religion wurde diesen Leuten ausdrücklich gewährleistet, eine
+Missionsthätigkeit unter den christlichen Abessiniern ihnen jedoch nicht
+gestattet. Krapf und Flad zogen hierauf über Wochni, Metemmé und Sennar,
+den Nil abwärts nach Europa, wo sie Bericht über ihre Reise erstatteten.
+Schon im April 1856 gingen denn unter Flad’s Leitung mehrere Laienbrüder
+aus dem Chrischona-Institute bei Basel nach Abessinien. Sie wurden Anfangs
+gut aufgenommen und zu Dschenda bei Gondar und Gafat bei Debra Tabor
+angesiedelt. Ihre spätere Wirksamkeit fällt indessen mit der politischen
+Geschichte des Königs Theodoros zusammen, weshalb wir hier darauf
+verzichten, sie zu schildern. Wohl waren sie als Handwerker thätig,
+indessen konnten sie für die Ausbreitung des Protestantismus so gut wie
+gar nichts thun, und ihre Anwesenheit in Abessinien bezeichnet den
+_siebenten mißlungenen Missionsversuch_. Gleich ihnen waren auch die etwas
+später eintreffenden Judenmissionäre _Stern_ und _Rosenthal_ unglücklich,
+deren Beginnen als der _achte mißglückte Versuch_ hier angeführt werden
+muß.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Wohl ist das Missionswerk ein preiswürdiges, wohl verdienen jene Männer
+wegen ihres Eifers, ihrer unermüdlichen Ausdauer unser Lob. Allein von
+Mißgriffen waren die wenigsten frei und das stete Einmischen in die
+politischen Verhältnisse des Landes ein arger Fehler. Auch ist ihr Blick
+selten vorurtheilsfrei den gegebenen Verhältnissen gegenüber gewesen und
+leere Hoffnungen traten stets an die Stelle wirklicher Erfolge. Reisende,
+die ungetrübten Blickes Land und Leute kennen lernten, waren deshalb auch
+ferne von den gleichen argen Täuschungen und stellten mit seltener
+Einmüthigkeit das Erfolglose der Missionsbestrebungen in Abessinien dar.
+Allein ihre klaren, für uns unumstößlichen Anschauungen und Beweise haben
+für die Missionäre nicht die geringste Geltung, die beim Buchstaben der
+Schrift stehen bleiben. Doch halten wir mit dem eigenen Urtheile zurück
+und lassen wir die Aussprüche einiger der bewährtesten Reisenden über die
+Missionen in Abessinien folgen.
+
+_Werner Munzinger_ ist mit der Handwerkermission, insofern dieselbe
+einfach Bildung verbreiten hilft, einverstanden. „Abessinien aber
+protestantisch machen zu wollen, fährt er fort, das wäre ein Beginnen, so
+radikal allem Hergebrachten ins Gesicht schlagend, daß die Leute, denen
+man plötzlich ihren frommen Glauben und besonders die Verehrung der Mutter
+Gottes rauben wollte, von allem Christenthum abwendig würden. Das
+rücksichtslose Abreißen würde sie so stutzig und verwirrt machen, daß sie
+das Kind mit dem Bade ausschütten und den Glauben allen zusammen, sogar an
+Gott, wegwerfen würden, und mit der Verkündigung einer Religion, die keine
+Verwandtschaft mit dem hat, was bis jetzt für schönes goldenes
+Christenthum galt, wird allein ein krasser, gedankenloser Unglaube
+gepflanzt, der dem Volke den moralischen Halt nimmt, den ihm sein alter
+Glaube verliehen hatte. Wo aber ein Volk einmal den Glauben der Apostel
+rein bewahrt zu haben glaubt, da darf man des Systemes halber nicht in ein
+Extrem fallen; man muß nur das Mögliche versuchen, nur das Mögliche ist
+gut.“
+
+Weit unumwundener spricht sich _Alfred Brehm_ aus. Er schreibt: „Die
+Bemühungen der Missionäre sind zeitweilig von großen Erfolgen gekrönt
+gewesen. Zeitweilig, sage ich, das heißt, so lange die Mission Geschenke
+der verschiedensten Art, namentlich Schnaps und Wein, zu verabreichen
+hatte. Je mehr aber der Vorrath an diesen beliebten Getränken abnahm, um
+so lauer wurden auch die Christen, und in den Zeiten der Dürre benahmen
+sie sich regelmäßig so, als wären sie niemals Christen gewesen. Es geht
+hier eben wie fast überall, wo christliche Missionäre wirken: sie gewinnen
+in kurzer Zeit eine Menge Leute, welche sich dazu verstehen, einige
+Gebräuche des Christenthums nachzuäffen! Daß man sich in der Lehre, wie in
+der Ausübung auf Aeußerlichkeiten beschränkt, versteht sich ganz von
+selbst. – – Es verdient endlich einmal gesagt zu werden, daß die
+christlichen Missionen in Afrika in Glaubenssachen eben nichts anderes
+bewirken, als überspannten oder glaubenskranken Europäern eine gewisse
+Genugthuung zu geben.“
+
+Der klar blickende _Baker_, welcher in Galabat mit ein paar von den
+Chrischona-Missionären zusammentraf, unter denen sich ein Grobschmied
+befand, machte ihnen bemerklich, daß daheim in Europa ein sehr großes Feld
+für die Missionsthätigkeit offen liege und daß es sicherer und besser sei,
+dieses zu bebauen. „Ich konnte aber den Grobschmied, dessen Kopf so hart
+wie sein Amboß war, nicht überzeugen. Er hatte sich vollständig
+eingeredet, daß das Wort Gottes der Hammer sei, mit dem er, seinem
+Handwerk entsprechend, seine Ansichten von der Wahrheit den Leuten in die
+dicken Schädel treiben müsse. Ich rieth ihm wieder zu seinem Handwerk zu
+greifen, das ihm mehr Respekt verschaffen werde als sein Predigen. Er
+antwortete, das Wort Gottes müsse in allen Ländern gepredigt werden; der
+Apostel Paulus sei auch Gefahren und Schwierigkeiten begegnet, aber er
+habe nichtsdestoweniger gepredigt und die Heiden bekehrt. So oft ich einem
+übermäßig unwissenden Missionär begegnet bin, hat er sich immer mit dem
+Apostel Paulus verglichen.“
+
+Endlich urtheilt der fromme und religiöse _Zander_, hart aber wahr,
+folgendermaßen: „Alle abessinischen Missionen, die bisher hier waren,
+haben ihre Aufgabe durchaus falsch angegriffen, indem sie sich an die
+Erwachsenen wandten. Das Volk könnte nur einzig und allein dadurch gehoben
+werden, daß man sich der Kinder von früh auf sorgfältig annähme und sie
+gut erzöge. Eine Mission, die sich ungehindert dieser Aufgabe hingeben
+würde, könnte unendlichen Segen und Nutzen stiften, allerdings nicht für
+die Gegenwart, wohl aber für die Zukunft. Doch die bisherigen Leiter aller
+Missionen sammt ihren Gehülfen waren rein unfähig, eine solche Aufgabe zu
+vollführen, und die Missionshäupter wurden stets von Eitelkeit, Hochmuth
+und grenzenloser Selbstsucht regiert. Sie schütteten stets das Kind mit
+dem Bade aus.“
+
+Diese vorurtheilsfreien Stimmen, neben welchen leicht noch viele ähnlich
+lautende Aussprüche angeführt werden könnten, mögen zur Bildung eines
+Urtheils über das abessinische Missionswesen genügen.
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Abessinierin, Getreide reinigend. Originalzeichnung von
+ Eduard Zander.]
+
+
+
+
+
+ DER ACKERBAU UND DIE VIEHZUCHT ABESSINIENS.
+
+
+ Von Eduard Zander.
+
+
+ Die Kulturfläche Abessiniens. – Die Getreidearten, ihre
+ Anpflanzung und Verwendung. – Gewürze, Gemüse, Wein, Baumwolle,
+ Gescho. – Ernteertrag. – Nuk. – Einfelderwirthschaft. –
+ Ackerwerkzeuge. – Regenzeit. – Bewässerung. – Soziale Stellung der
+ Landleute. – Die Viehzucht. – Die Regierung und der Grundbesitz. –
+ Das Frohnwesen. – Steuern. – Wiesen und Moorgrund. – Bienenzucht.
+ – Aussicht für europäische Ansiedelungen. – Die Wohnungen der
+ Landleute. – Die Mühlen Abessiniens.
+
+
+Abessinien besitzt sehr viel Land, welches sich vortrefflich zum Anbau
+eignet; jedoch kann man mit Sicherheit annehmen, daß von allem
+kultivirbaren Boden kaum die Hälfte benutzt wird, sodaß ungefähr von der
+gesammten Bodenoberfläche kaum ein Drittel bebaut erscheint.
+
+Die zwischen 8000 und 10,000 Fuß über dem Meere gelegenen Hochländer, wie
+Semién, die Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes, Begemeder,
+das Innere von Godscham, namentlich die Gebirge um die Quellen des Blauen
+Nil, Sebit, Woadla, Daunt, Talanta, Lasta, Jedschu Wollo und Schoa sind
+meist eben und abwechselnd mit sanften Hügeln und Höhen bedeckt, die eine
+zwei bis acht Fuß mächtige, sich nie erschöpfende Humusdecke tragen. In
+allen diesen Ländern wird, manchmal bis zu 11,000 Fuß hinaufreichend, die
+vierreihige Gerste kultivirt, während die zweireihige nur zwischen 7000
+und 8000 Fuß Meereshöhe angebaut wird. Die verschiedenen Arten des
+Weizens, unter denen die Eidscha genannte die vorzüglichste ist, gedeihen
+nur zwischen 8000 und 9000 Fuß; in derselben Höhe kommt der Flachs am
+besten fort, obwol er bis zu 6000 Fuß hinabgeht. Die Flachsbereitung zu
+Webereien kennt der Abessinier nicht; er baut das nützliche Gewächs nur,
+um aus den Samen zur Fastenzeit ein Lieblingsgericht herzustellen. Die
+Bereitung desselben ist sehr einfach. Man röstet zunächst die Samen in
+einem flachen Tiegel über Feuer, doch nicht zu stark, und zerstößt sie
+hierauf in einem hölzernen Mörser sehr fein. So zubereitet läßt sich die
+gestoßene Masse in Kugeln formen und für lange Zeit aufbewahren. Um aus
+diesen ein Leingericht herzustellen, werden einige Kugeln in Wasser zu
+einer dicken Suppe zerrührt, und in diese taucht der Abessinier seine
+gesäuerten, dünn gebackenen Brote. Für weitere Reisen ist diese Speise
+außerordentlich praktisch, ja fast unschätzbar; ich selbst habe mich
+derselben häufig bedient und kann nur sagen, daß sie eine wohlschmeckende
+ist. Linsen und Saubohnen gehen bis zu einer Höhe von mehr als 9000 Fuß.
+Als Gemüse werden in dieser Höhe angebaut: Kohl, Senf und Knoblauch.
+
+Zwischen 6000 und 8000 Fuß Meereshöhe finden wir auch ganz vortreffliche
+zum Ackerbau geeignete Landschaften: Hamasién und Serawié mit durchgängig
+urbarem Boden, liegen 7000–7500 Fuß über dem Meere; die Distrikte Dixan,
+Adigrat, Schumnesanié, Hausién, Faresmai, Adoa, Okulekusai, Adiarwate,
+Schirié, Tembién, Axum, Auker, Enderta u. s. w., die zu Tigrié gerechnet
+werden, und von Amhara: Bellesa, das niedere Woggera, ganz Dembea, das
+niedere Begemeder, Dakussa, Halefa, das niedere Lasta u. s. w. In den
+genannten Ländern auf einer Höhe von 7000 bis herab zu 5500 Fuß gedeihen
+vorzüglich folgende Getreidearten: Tiéf, das werthvollste und
+wohlschmeckendste Korn, von dem viele Abarten gebaut werden; Mais oder
+Maschilla, der gleichfalls in verschiedenen Varietäten vorkommt; Dakuscha,
+die besonders zur Bierbereitung dient; Nuk, dessen Samen ein
+vortreffliches Speiseöl liefert und der in großer Menge angebaut wird.
+Schimbera, eine Wickenart; Erbsenarten; Saubohnen; als Gemüse gelten:
+viele Melonensorten, spanischer Pfeffer, Zwiebeln, Kohl u. s. w.
+
+Von 5000 Fuß bis zu 3000 Fuß über dem Meere werden noch besonders Mais und
+Dakuscha gebaut, die dort vorzüglich gedeihen. Dann Schimbera, spanischer
+Pfeffer und besonders Melonen. Auch kommt die Baumwolle gut fort.
+
+Nach diesem flüchtigen Umriß, der nur dazu dient, die Kulturpflanzen nach
+der Höhe ihres Standpunktes und Vorkommens über dem Meere anzuführen, gehe
+ich ausführlicher auf deren Nutzbarkeit und Anwendung, deren Ertrag und
+Preis, sowie auf Saatzeit und Ernte einer jeden ein.
+
+_Gerste_ kommt zwei- und vierzeilig vor; letztere wird zwischen 8000 und
+11,000 Fuß angebaut; da sie gegen Kälte und rauhe Witterung nicht so
+empfindlich ist wie die erstere, läßt sich ihre Kultur mit mehr Gewinn
+betreiben. Allein sie hat sehr dicke Hülsen und deshalb geben die Körner
+nicht viel Mehl, nämlich 16 Metzen Gerste nur 10 Metzen Mehl. Wenn, wie
+gewöhnlich, im März und April einiger Regen gefallen ist, findet die
+Aussaat statt. Ende Juni folgt dann eine – meist mißrathende – Nachsaat.
+Jedoch ist die Aussaat nicht überall gleichzeitig. So säet man im
+Hochlande von Wollo die Gerste fast zu jeder Zeit. Gewöhnlich fällt die
+Ernte Mitte Oktober bis Ende November; auf den Höhen über 11,000 Fuß aber
+in den Dezember. Unregelmäßige Aussaaten und Ernten sind von der Lage und
+Höhe des Feldes abhängig. Die gewonnene Gerste wird zur Bierbereitung und
+zum Brotbacken benutzt. Die _Gerstenbrote_ sind 2–3 Linien dicke,
+anderthalb Fuß im Durchmesser haltende runde Kuchen. Der Teig zu denselben
+wird sehr dünnflüssig angestellt, einer zwölfstündigen Gährung überlassen
+und ist dann sofort zum Backen geeignet. Die flüssige Masse wird in eine
+flache, thönerne Schüssel gegossen, mit der Hand gleichmäßig vertheilt,
+mit einem gewölbten Deckel überdeckt und in einer Minute über freiem Feuer
+gar gebacken. Diese Art der Bereitung von gesäuertem Brote wird bei allen
+Getreidearten ohne Ausnahme angewandt.
+
+Zur _Bierbrauerei_ wird die Gerste ohne vorheriges Malzen schwach braun
+geröstet, dann grob gemahlen, das erhaltene Mehl in einen großen thönernen
+Krug geschüttet und unter stetem Umarbeiten so viel Wasser zugegossen, bis
+das Ganze in einen nicht zu dicken Brei verwandelt worden ist. Nun wird
+auf folgende Art die eigentliche Würze bereitet. Man quellt Gerste in
+einem Thonkruge 24 Stunden lang, schüttet das Wasser davon ab und
+schichtet das gequollene Getreide in einem spitzen Haufen auf, den man mit
+Gras oder Laub dicht zudeckt und mit Steinen beschwert. Dieser bleibt so
+lange in Ruhe, bis die Gerste 2–3 Zoll lange Keime getrieben hat; dann
+trocknet man diese schnell und bewahrt sie auf. Dieses Malz wird zur
+Bierbereitung nun auf folgende Art verwendet. Man nimmt auf 32 Metzen
+geröstetes Gerstenmehl ½ Metze Malz, das vorher zu Mehl zerrieben und, mit
+3 Metzen geröstetem Gerstenmehl vermischt, zu Teig angerührt ist. Diese
+Masse läßt man kurze Zeit gähren und bäckt aus dem so erhaltenen Teige
+dünne brotartige Kuchen, die am Feuer hart getrocknet und in kleine
+Stückchen zerbröckelt werden. Die Quantität derselben und das geröstete
+Gerstenmehl stehen in einem genauen Verhältnisse. Die gemischte Masse wird
+in ein trichterförmiges Pferdehaarsieb, das auf einem Thonkruge steht,
+gestellt, dann Wasser darüber gegossen und nun unter fortwährendem
+Wasserzugießen so lange durchgerührt, bis aller Mehlstoff, mit
+Zurücklassung der Hülsen, in den Krug geflossen ist. Nach vier bis sechs
+Stunden tritt in dem mit Wasser noch verdünnten Inhalte des Kruges Gährung
+ein und das Bier ist zum Trinken fertig. Biere von anderen Getreidearten,
+wie Dakuscha oder Mais, werden auf dieselbe Weise bereitet. In Thonkrügen,
+deren Deckel mit Lehm und frischem Kuhmist verstrichen sind, hält sich das
+Gebräu oft geraume Zeit.
+
+Der _Weizen_ wird zwischen 7000 und 9000 Fuß über dem Meere angebaut. Die
+Saatzeit fällt mit jener der Gerste zusammen; die Ernte ist etwas später.
+Wie schon bemerkt wurde, kultivirt man verschiedene Sorten. Die
+gewöhnliche Benutzung des Weizens ist zur Bereitung von Hampascha-Brot,
+dessen Teig mit Bierhefe angestellt, dick und steif ausgewirkt und zu
+Broten von 1½ Zoll Dicke, aber beliebiger Größe, verbacken wird.
+
+_Dakuscha_ (_Eleusine_) wird zwischen 3500 und 6500 Fuß gebaut, ist aber
+besonders in den Höhen zwischen 4000 und 5000 Fuß sehr ergiebig. Dieses
+Getreide dient vorzüglich zur Bier-, weniger zur Brotbereitung; verbäckt
+man es jedoch, so sind die warmen Kuchen sehr wohlschmeckend und nährend.
+Die Saatzeit fällt Anfang März; die Ernte in den November und Dezember. Es
+giebt schwarze und weiße Dakuscha.
+
+_Tiéf_ oder Tef (_Eragrostis_), zwischen 5500 und 7500 Fuß gebaut, ist das
+beliebteste, in einer Menge Arten vorkommende Getreide Abessiniens und das
+aus diesem bereitete Brot das allerwohlschmeckendste im Lande, besonders
+das rein weiße. Die Saatzeit richtet sich nach den verschiedenen Sorten.
+Sie fällt von April bis Mitte Juni und danach die Ernte von Ende September
+bis Anfang November.
+
+_Mais_ oder Maschilla, in verschiedenen Sorten gebaut zwischen 3000 und
+7000 Fuß, gedeiht am besten zwischen 3000 und 5000 Fuß, wo er oft zwei-
+und dreihundertfältigen Ertrag liefert. Man verwendet ihn zum Brotbacken
+und zur Bierbereitung. Die Aussaat beginnt im April, die Ernte fällt – je
+nach Sorte und Standort – in den November und Dezember; in Woro Haimano
+gar schon zu Anfang Oktober.
+
+_Schimbera_ (_Lathyrus_), eine Wickenart, zwischen 4000 und 7000 Fuß
+angebaut, wird vorzüglich zu Schiro, einem Lieblingsgerichte der
+Abessinier, verwendet. Man röstet hierzu die Samen, enthülst sie auf der
+Mühle, setzt spanischen Pfeffer, geröstete Zwiebeln und Salz zu und mahlt
+die ganze Masse zu Pulver. In siedendes Wasser nach und nach eingerührt,
+mit Schmalzbutter oder Oel gefettet, bildet es ein gutes Gericht. Auch
+backt man aus dem Mehle ungesäuerte Kuchen, die als Reiseprovision
+geschätzt sind. Die Saat beginnt gleich nach der Regenzeit – da die
+Pflanze trockene Luft und Sonne liebt – also Anfang September. Wo die
+Felder naß und sumpfig sind, beginnt die Aussaat erst im Oktober oder gar
+im November. Die Ernte erfolgt drei Monate später. Man unterscheidet eine
+weiße und eine gelbe Schimbera.
+
+Zwei Arten _Saubohnen_ und eine _Erbse_ werden wie die vorige verwendet.
+Man baut sie zwischen 6000 und 9000 Fuß, sät zu Anfang Juli und erntet im
+Oktober.
+
+ [Illustration: Henset-Bananenpflanzung (_Musa Ensete_). Nach v.
+ Heuglin (Natur 1861).]
+
+Die _Linse_ kultivirt man zwischen 6000 und 9500 Fuß. Die Saat derselben
+erfolgt Anfang Juli, die Ernte Anfang Oktober. Gewöhnlich enthülst man die
+Linsen auf der Mühle, kocht sie, würzt sie mit Pfeffer, Salz und Butter
+und genießt sie auf diese Weise. Wo sie aber, wie in Woadla und Daunt,
+viel gebaut wird, bäckt man auch gesäuertes Brot daraus, das allerdings
+nicht sonderlich gut ist. _Eiwisch_, eine Bohnen- oder Kleeart, zwischen
+6000 und 7000 Fuß, wird im August gesät und im Dezember geerntet. Die
+abgekochten und fein zerriebenen, dann so lange umgerührten Samen, bis sie
+einen kleisterartigen Brei liefern, der mit Knoblauch und Pfeffer gewürzt
+wird, sind die beliebteste Fastendelikatesse der Abessinier. _Atunkere_,
+eine Schlingbohne, zwischen 5000 und 6500 Fuß gebaut, im April gesät,
+Anfang November geerntet, wird wie die Linsen gegessen.
+
+Der rothe oder _spanische Pfeffer_ ist das hauptsächlichste und
+beliebteste Gewürz der Abessinier, das diesen so unentbehrlich geworden
+ist, daß sie es handvollweise den Speisen beimischen. Die abgekochten,
+aber fortwährend feuchtgehaltenen Früchte werden auf der Mühle zu feinem
+Pulver zerrieben, dann eine gleiche Quantität gerösteter, feingemahlener
+Zwiebeln zugesetzt, einige wohlriechende, pulverisirte Pflanzen und Salz
+beigemischt und die so bereitete Würze aufbewahrt. Manchmal reibt man den
+Pfeffer auch nur mit Salz und Wasser ab. Man baut den Pfeffer zwischen
+4000 und 6500 Fuß und bewässert ihn wohl; in Dembea wird er ohne
+Bewässerung gezogen und Ende Oktober geerntet. Andere Gewürze sind
+Sinjewil, eine beliebte, dem Pfeffer beigemischte Kalmuswurzel; gleich
+dieser benutzt man noch Adees, eine Rubiacee, die Samen der Awoseda, einer
+Umbellifere, und Schenadam, eine Labiate. Die Samen des Föto, welches
+unserer Gartenkresse gleicht, werden gleichfalls gegessen; jene des Schuf,
+einer Compositee, wie Schiro zubereitet. Dinnitsch ist ein Convolvulus,
+dessen den Kartoffeln ähnliche Wurzelknollen eine wohlschmeckende Speise
+liefern.
+
+Zu den _Gemüsen_ übergehend, erwähne ich zunächst zwei sehr beliebte, wie
+unser Raps aussehende Kohlarten, deren Blätter wie Spinat gekocht werden.
+Im Tiefland gedeiht der Kohl nur in der Regenzeit bis zu Anfang Oktober;
+im Hochland aber bis zu 10,000 Fuß grünt er das ganze Jahr hindurch. Der
+reichliche, ölige Samen wird nur zur Aussaat und zum Einreiben der
+Backschüsseln benutzt, damit sich das Brot gut löse. Das einzige Gemüse,
+auf dessen Anbau die Abessinier neben dem rothen Pfeffer noch Fleiß
+verwenden, sind verschiedene Melonenarten, die nicht roh, wohl aber
+gekocht genossen werden. Die Samen legt man Anfang April; fehlen dann die
+Regen, so müssen die jungen Pflänzchen bis zum Eintritt der Regenzeit
+bewässert werden. Die Früchte beginnen Anfang September zu reifen. In
+einigen Gegenden baut man auch vortreffliche Gurken (Wuschisch). Das
+Gewürz Bello, eine Solanumart, dessen Samen ähnlich wie der rothe Pfeffer
+benutzt werden, kultivirt man besonders in Walduba bis zu 6000 Fuß Höhe.
+Man bedient sich seiner namentlich in den 60tägigen Osterfasten.
+
+In der gleichen Zeit bildet auch der Knoblauch, der zwischen 7000 und 8500
+Fuß häufig gebaut wird, einen beträchtlichen Handelsartikel. Er wird dann
+stark gegessen, und man sieht sehr oft, wie der Abessinier ganze Hände
+voll der rohen Zwiebeln hinabwürgt. Es kann nichts Unangenehmeres geben
+als die Berührung mit einem Knoblauchsfresser, dessen stinkender Athem
+unerträglich ist. Die Reife des Knoblauchs beginnt im Januar und Februar.
+Mit dem Ausgange der Regenzeit pflanzt man eine kleine, rothe, längliche
+Zwiebel; sie wird bewässert und reift zugleich mit dem Knoblauch. Ihre
+Verbreitungsregion ist zwischen 5500 und 8000 Fuß; der Handel damit sehr
+bedeutend.
+
+Die _Banane_ oder Mus (_Musa paradisiaca_) wird zwischen 5000 und 6500 Fuß
+kultivirt. Höher hinauf bis zu 7500 Fuß kommt eine zweite ihr ganz
+ähnliche Art, die _Henset_, vor. Ihre kleinen Früchte sind aber nicht
+eßbar, dagegen liefern der fleischige Stamm und die starken Blattrippen im
+gekochten Zustande eine nahrhafte, wohlschmeckende, den Kartoffeln
+ähnliche Speise. Diese Riesenpflanze liefert in manchen Gegenden die
+Hauptnahrung der Bewohner. Sie wird angebaut von 5500 bis zu 8000 Fuß über
+dem Meere.
+
+Der _Wein_ kommt zwischen 5000 und 7500 Fuß über dem Meere vor, ist aber
+nur sehr wenig in Abessinien verbreitet, doch von ganz vortrefflichem
+Geschmack; ja, ich kann behaupten, daß, wenn man denselben mit
+europäischer Umsicht, Geschicklichkeit und Pflege behandelte, er seines
+Gleichen nicht finden würde. Doch der Abessinier kennt weder Pflege noch
+Wartung des edlen Gewächses, dessen Verschneiden ihm ein unbekanntes Ding
+ist; er überläßt die Rebe ganz sich selbst. Aber es giebt ungemein viel
+Strecken im Lande, die unter verständigen Händen sich ganz vorzüglich zur
+Weinkultur eignen würden. Man baut nur eine Sorte mit großen, blaubeerigen
+Trauben, die je nach Stand und Ort von Anfang März bis Mitte April reifen.
+(Vergl. S. 57.)
+
+Citronen, Pomeranzen, Pfirsiche gedeihen im verwilderten Zustande sehr
+gut, sind aber wenig verbreitet. Eine Citronensorte, Trunki genannt,
+erreicht die Größe eines Menschenkopfes; ihr angenehm schmeckendes Fleisch
+ist sehr beliebt. Hier und da finden sich auch saure Granatäpfel.
+
+Die _Baumwolle_ wird nicht in dem Maße gebaut, um die Bedürfnisse des
+Volkes decken zu können. Abermals ein trauriger Beweis von der
+Unbetriebsamkeit und dem Unfleiße der Abessinier! Und doch fehlt es nicht
+an geeigneten Ländereien. Man könnte sehr leicht den achten Theil
+Abessiniens mit der nützlichen Pflanze bestellen – leider überläßt man
+denselben lieber den wilden Bestien als Tummelplatz. Zwischen 3000 und
+5000 Fuß gedeiht eine vorzügliche Qualität, und dabei bezieht man
+Baumwolle aus fremden Ländern!
+
+Rauchtabak wird im Lande selbst gebaut und fabrizirt; Schnupftabak
+dagegen, den man nicht zu bereiten versteht, von Massaua bezogen. Die
+Summe, welche jährlich aus Abessinien nach Massaua wandert, ist sehr groß,
+und welchen Ersatz hat das Land für das viele ihm entgehende Geld?
+Antwort: keinen.
+
+Die Blätter des _Geschobaumes_, die einen nicht unbeträchtlichen
+Handelsartikel bilden, vertreten in Abessinien die Stelle des Hopfens und
+werden beim Bierbrauen und bei der Herstellung des _Honigweines_ benutzt.
+Letzteren bereitet man auf folgende Art. Auf ein Maß Honig giebt man fünf
+Maß Wasser, spült das Wachs aus und gießt die dünne Honigflüssigkeit in
+einen wohlgereinigten, sechs Maß fassenden Krug. Man fügt eine Hand voll
+Geschoblätter hinzu und läßt das Ganze bei mäßiger Wärme vier bis fünf
+Tage gähren. Nun ist der Wein fertig – allein trinken darf ihn nicht
+Jedermann, da er königliches Monopol ist und der Herrscher den Genuß
+desselben nur seinen vorzüglichsten Dienern und den Fremden gestattet.
+
+Da der Abessinier weder Lust noch Liebe zur Arbeit und Thätigkeit hat, so
+läßt er all den genannten Kulturpflanzen nur wenig Pflege und Wartung
+angedeihen; seine Felder, seine Anpflanzungen gleichen fast immer einer
+Wildniß. Liebe, Sinn für die Natur und ihre Schönheiten sind ihm
+unbekannt; wie sein Feld, so ist auch sein Sinn und Herz stets eine
+Wildniß.
+
+Folgendes sind die _durchschnittlichen_ Ernteergebnisse, jedoch ist dabei
+zu bemerken, daß der Ertrag der Mais- und Dakuscha-Arten in den tiefer
+gelegenen Ländern am Mareb, Takazzié und Nil nicht als Norm anzunehmen
+ist, da hier der Ertrag, je nach der Bodengüte, oft drei- und
+vierhundertfältig ausfällt. Je _ein_ Scheffel Tiéf giebt 30, Mais 150,
+Weizen 10, Dakuscha 20, Lein 24, Gerste 12, Linsen 6, Saubohnen 10,
+Schimbera 8 und Nuk 40 Scheffel Ernteerträgniß im Durchschnitt.
+
+Nur eine einzige Oelfrucht, _Nuk_ (_Guizotia olifera_) wird zwischen 5000
+und 7000 Fuß angebaut. Die Aussaat beginnt mit dem Eintritte der Regenzeit
+zu Anfang Juli und 1 Scheffel liefert 30–40 Scheffel Ertrag. Das Nuköl ist
+sehr wohlschmeckend und dient in der Fastenzeit statt der dann verbotenen
+Butter. Um das Oel zu gewinnen, werden die Samen zuerst schwach geröstet,
+fein gestampft und unter Wasserzusatz bei stetem Umrühren unter
+Beibehaltung einer Wärme von etwa 50° R. über dem Feuer erhalten. Alsdann
+scheidet sich das Oel aus, von dem die Samen etwa 35 Prozent enthalten.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Der Abessinier hat durchschnittlich eine _Einfelderwirthschaft_ und nur
+hier und da Zweifelderwirthschaft. Er düngt nicht, obgleich er den Nutzen
+der Felderdüngung sehr gut kennt. Allein seine Unlust zur Arbeit und
+sonstigen Thätigkeit, seine Stellung zur Regierung sind für ihn
+Hindernisse, die er niemals zu überwinden vermag. Diese Indolenz wird
+vorzüglich durch die Größe und durch den Reichthum seines Landbesitzes
+genährt, denn schon wenn der vierte Theil der Felder bestellt ist, sind
+die Lebensbedürfnisse des Besitzers gesichert. Gewöhnlich liegt der dritte
+Theil brach; wo der Boden sehr humusreich ist, bestellt man jedoch nur die
+Hälfte. Man muß die traurigen Zustände mit eigenen Augen gesehen haben, um
+einen Begriff von Brachfeldern zu erhalten, die drei Jahre, ohne vom
+Pfluge berührt zu werden, wüst liegen!
+
+Ein solches „Ackerfeld“ gleicht gewissermaßen einer gut aufkeimenden
+Waldung, denn die wilde Vegetation wuchert in Abessinien ungemein schnell;
+man scheut auch das Ausroden der Strünke und Wurzeln und begnügt sich
+damit, die Baumstämme 1–2 Fuß über dem Boden abzuhauen. So sieht man die
+Felder mit großen und kleinen, oft Jahrhunderte alten Stämmen und Wurzeln
+bedeckt. Und nun erst die Steine, die groß und klein, oft so dicht, daß
+man kaum den Boden erkennt, über den Acker zerstreut liegen! Nicht einmal
+den kleinsten Stein entschließt sich der Abessinier auf die Seite zu
+schaffen. Wie viel gutes Ackerfeld geht also auch hierdurch verloren!
+
+Naht die Zeit heran, daß diese Ackerwüste bestellt werden soll, so sendet
+der Eigenthümer oder Bauer seinen Knecht dorthin; hat er Lust dazu, so
+geht er auch wol selbst auf das Feld. Dort angelangt, besteht die einzige
+Arbeit darin, das aufgewucherte Gestrüpp, Strauchwerk und Holz
+niederzuhauen. Dies geschieht gewöhnlich gleich nach der Ernte im
+November, Dezember, Januar, und von dieser Periode bis zur Bestellzeit hat
+das abgehauene Reisig Zeit auszutrocknen; alsdann wird es in Brand
+gesetzt. Leicht und oft ereignet es sich nun hierbei, daß auch die
+benachbarten Wildnisse Feuer fangen und ein großer Brand über viele Meilen
+Landes sich verwüstend erstreckt. Die von dem verbrannten Holzwerk
+zurückgebliebene Asche macht die einzige Düngung des Landes aus. Stellen
+sich dann die ersten Regengüsse ein, so wird der Pflug angesetzt und der
+Boden hintereinander zweimal umgepflügt, einmal der Länge und einmal der
+Breite nach. Die Saat wird schon vorher ausgestreut und mit untergepflügt;
+eine nachherige Aussaat kennt der Abessinier nur bei Tiéf und Dakuscha,
+bei welchen die Hände der Weiber und Kinder dann das Geschäft des Eggens
+besorgen. Da, wo bei herrschender Zweifelderwirthschaft die Felder von
+Holz und Gestrüpp frei sind, werden dieselben zweimal gepflügt; einmal
+gleich nach der Regenzeit und das zweite Mal bei der Aussaat. In den
+Hochländern, wo Holzwuchs und Gestrüpp seltener, ja in vielen Gegenden gar
+nicht anzutreffen ist, hat der Bauer leichteres Spiel, namentlich beim
+Gerstenbau.
+
+Das einzige Ackerwerkzeug ist der _Pflug_, aber was für ein Pflug! Ist die
+Umackerung und Einsaat vollendet, so gleicht die ehemalige Wüste einem
+Felde, das von einer Herde Schweine durchwühlt wurde. Lange Furchen zieht
+der Abessinier nicht; schon nach 20–30 Schritten lenkt er wieder um,
+vollendet so ein gewisses Stück und beginnt da, wo er abgesetzt, von
+Neuem. Man stelle sich vor, wie viel von dem bereits fertig gepflügten
+Lande von den Zugthieren wieder zertreten wird. Letztere sind Ochsen, die
+in einem gemeinschaftlichen Joche gehen und nur durch die Stimme oder
+Peitsche des Pflügers gelenkt werden. Da sie zügellos sind, so wenden sie
+sich bald rechts, bald links und ziehen demgemäß krumme Furchen.(2) Egge
+und Walze sind in Abessinien unbekannte Dinge. Tritt nun die eigentliche
+Regenzeit ein, dann grünt das Feld lustig von Unkräutern und
+Schmarotzerungethümen, die von den Frauen und Kindern ausgejätet werden
+müssen.
+
+Im Hochlande, namentlich auf den Plateaux, trifft man dagegen, weil auf
+diesen Punkten das Gestrüpp mangelt, ungeachtet des unbehülflichen Pfluges
+trefflich kultivirte und gereinigte Felder an.
+
+Tritt die Erntezeit ein, so wird alles Getreide mit gezähnten Sicheln
+geschnitten und zwar nur eine Spanne lang unter der Aehre. Sensen sind in
+Abessinien unbekannt. Der Strohverlust kümmert den Abessinier nicht; er
+bindet das Getreide auch nicht in Garben, sondern wirft es auf Haufen, die
+an Ort und Stelle mit langen Stöcken ausgedroschen oder von Ochsen
+ausgetreten werden. Nachdem das meiste Stroh entfernt, reinigt man das
+Getreide durch Emporwerfen mittels hölzerner Gabeln; der Wind vertritt
+Wurfschippe und Sieb, doch bedient man sich in einzelnen Gegenden auch
+hölzerner Schaufeln. Um die mühsame Reinigung von 6–8 Scheffeln Getreide
+zu vollenden, braucht ein Mann einen ganzen Tag. Scheunen giebt es nicht
+und selbige sind auch weniger nothwendig, da nach Schluß der Regenzeit
+kein Regen mehr eintritt.
+
+Die eigentliche _Regenzeit_ beginnt nach europäischer Zeitrechnung am 24.
+Juni, nach abessinischer am 1. Juli und endigt mit dem 8. September.
+Während dieser Periode regnet es alltäglich im Tieflande. Vormittags
+herrscht meistens Sonnenschein, Nachmittags treten starke Regengüsse,
+begleitet von heftigen Gewittern unter Donner und Blitz ein; die Nächte
+sind heiter. Im Hochlande dagegen sind die Regen feiner, wie unsere
+Landregen, und ihr Eintreten ist sehr unregelmäßig. Bald regnet es früh,
+bald Mittags, bald Abends, oft die ganze Nacht oder den ganzen Tag ohne
+Aufhören hindurch. Gewitter sind im Juli selten, im August häufiger,
+besonders zu Ausgang der Regenzeit. Auf den Höhen zwischen 12,000 und
+14,000 Fuß fällt gewöhnlich ein feiner Hagel; allein, wenn die Sonne
+einige Vormittage geschienen, so verschwindet derselbe bald wieder. Stellt
+sich, was gewöhnlich der Fall ist, in den Monaten Dezember, Januar,
+Februar einiger Regen ein, so schneit es im Hochlande. Auch das Tiefland
+kennt in der Regenzeit starken Hagel und ich sah daselbst Schloßen von der
+Größe eines Taubeneies.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Ist eine Ackerwüste nur einigermaßen fruchtbar, so erzielt man von Tiéf in
+zwei Jahren zwei Ernten, da dieses Getreide mit geringem Boden vorlieb
+nimmt. Außer der Regenzeit wendet man beim Getreidebau auch die
+_Felderbewässerung_ an, doch sind nur wenige und mangelhafte
+Wasserleitungen vorhanden. Würden durch vaterländischen Fleiß,
+Geschicklichkeit und Verstand diese Wasserleitungen vermehrt und
+verbessert, was ohne bedeutende Kosten leicht geschehen könnte, welch
+unberechenbarer Nutzen ließe sich alsdann erzielen! Die Höhen zwischen
+8000 und 11,000 Fuß eignen sich indessen für die Bewässerung nicht, da die
+Nächte in den Monaten Dezember bis März so kalt sind, daß das Wasser
+gefriert.
+
+ [Illustration: Ackerpflug. Zeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Die Hauptursache der Unlust und Unthätigkeit der Abessinier zu jeder
+ackerbautreibenden Beschäftigung liegt in ihrer Stellung zur Regierung.
+Diese läßt es sich auch nicht im Geringsten angelegen sein, den Bauer zur
+Arbeit aufzumuntern, anzutreiben oder zu unterstützen. Der Regierung ist
+es vollkommen gleichgiltig, ob die Leute Ackerbau treiben und wie sie
+denselben treiben. Das Regiment war stets ein despotisches; erzielt der
+Bauer viel, so nimmt die Regierung viel, erntet er wenig, so nimmt sie
+trotzdem auch viel. Hierzu gesellen sich andere Lasten: stete
+Einquartierung und _Frohndienste_ aller Art. In einer unbestimmten,
+willkürlichen Anzahl von Frohntagen muß der Landmann die Aecker der
+Regierung und der hohen Beamten bestellen; er muß Baufrohnen leisten, wenn
+ein hoher Herr bauen will, und dazu das nöthige Holz oft viele Tagereisen
+weit auf dem Rücken herbeischleppen. Es kommt vor, daß hundert Menschen an
+einem einzigen großen Balken tragen müssen. Man bedenke dabei aber, welche
+Wege zu überschreiten, welche Abgründe zu passiren, welche Höhen zu
+erklimmen sind! Gestrüpp, Dornen, Steine, Alles hindert den Transport.
+Gebahnte Wege und Straßen besitzt das Land nicht. Außer dem Holze muß der
+Bauer noch Steine, Stroh, Mörtel, Wasser und was sonst von Nöthen zum Bau
+herbeischaffen.
+
+Eine Hauptlast, die schwer auf dem Volke drückt, ist der _Adel_. Es giebt
+einen niederen, Mosseso, und einen höheren, Mokunnen, genannt. An sie
+schließen sich drückend an die Dienerschaft des Regenten, die Heerführer,
+alle aus der Adelsklasse, endlich die Räthe und Minister. Alle diese
+Menschen sind nicht von der Regierung besoldet. Der Herrscher giebt ihnen,
+je nach Rang und Stellung, Ländereien, von denen sie gesetzliche _Steuern_
+zu beziehen haben; allein sie alle, groß und klein, erlauben sich
+Ausschreitungen und Bedrückungen, gegen die der Bauer wol klagt, doch die
+Klagen gelangen nicht an den Thron. Oft wird der Landmann von diesen
+liebenswürdigen Leuten bis auf die Haut ausgeplündert. Derjenige, welcher
+vom Herrscher mit einem Lande belehnt wird, ist unbeschränkter Herr über
+alle Bewohner desselben und die Gerichtsbarkeit liegt ganz in seinen
+Händen; diese weiß er vortrefflich in seinem Nutzen auszubeuten, und nur
+in halsnothpeinlichen Sachen ist der Regent Richter. Willkürlich darf der
+Lehnsherr keine Steuern erheben, von denen der Regent übrigens ein
+Drittheil zu beziehen hat. Erhebt nun der Regent seine Steuerquote, so
+kann jener in demselben Maße die seinigen einziehen. Sie bestehen in Geld,
+Getreide, Baumwollenzeug, Vieh, Butter, Honig, Pfeffer, Salz und Zwiebeln.
+Auch außerordentliche Steuern kennt Abessinien.
+
+Werfen wir noch einen Blick auf die innere Wirthschaft des Abessiniers,
+die der äußeren vollkommen gleicht und Sorglosigkeit sowie Faulheit
+erkennen läßt. Betrachten wir zunächst den _Viehstand_. Man züchtet
+Pferde, Maulthiere, Esel, Rindvieh, Ziegen, Schafe, Hühner. Die _Pferde_
+und Maulthiere sind die einzigen Thiere, welche sich einiger Pflege zu
+erfreuen haben. Erstere sind kurz und gedrungen, doch meist von gut
+proportionirter Gestalt, kräftig und feurig. Der Preis eines guten Pferdes
+beträgt 40–50 Maria-Theresia-Thaler. Die _Maulthiere_ sind stark,
+gedrungen, ausdauernd und in dem wildzerklüfteten, weg- und steglosen
+Lande für den Reisenden von sehr großem Nutzen; auch weiß der Abessinier
+die Vorzüge des Maulthieres vor dem Pferde wohl zu schätzen. Der Preis
+eines sehr guten Exemplares steigt oft bis zu 100 Maria-Theresia-Thalern,
+während man geringere mit 10–25 Thalern bezahlt. Die Pferde werden
+eigentlich nur für die Kavallerie verwendet.
+
+ [Illustration: Rinderhirt. Zeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Der _Esel_ gilt dem Abessinier als unreines Thier. Er erfreut sich weder
+der Pflege noch der Zucht und doch ist sein Nutzen als Lastträger ein
+ausgedehnter und bedeutender. Das Los des armen Geschöpfes ist ein recht
+beklagenswerthes, namentlich jenes der Kaufmanns-Esel, die oft 20
+Tagereisen weit ohne Unterbrechung von früh bis Abends schwere Lasten
+schleppen müssen. Abends hat das Thier dann noch selbst für seine Nahrung
+zu sorgen. Der Preis ist gering, nämlich nur 2–3 Thaler.
+
+_Rindvieh_ kommt in großer Menge vor. Die Ochsen werden im gemeinsamen
+Joche vor dem Pfluge in den steinigen Feldern abgequält und erhalten für
+die mühsame Arbeit keinerlei Dank. Futterkräuter baut der Abessinier
+nicht, die Thiere sind gleich dem Esel gezwungen, selbst ihre Nahrung zu
+suchen, oder in der langen, trockenen Jahreszeit allein auf Stroh
+angewiesen. Im Allgemeinen geben die Kühe durch ihre Milch wenig Nutzen.
+Nur während der Regenzeit, wo Nahrung in Hülle und Fülle emporkeimt,
+fließt diese Quelle reichlicher; aber vom März bis oft in den Juni ist der
+Milchertrag äußerst gering, zumal die abessinische Kuh überhaupt keine
+gute Milchkuh ist. Und doch eignet sich das Land ganz vortrefflich zum
+Anbau der Futterkräuter, die dort nicht den schädlichen
+Witterungseinflüssen ausgesetzt sind wie in meinem Vaterlande. Der
+Abessinier besitzt weder die nöthigen Kenntnisse noch die nöthigen Gefäße,
+um sein unvollkommenes _Molkenwesen_ verbessern zu können; die
+Käsebereitung ist ihm ganz fremd. Indem man die Kälber ein ganzes Jahr und
+darüber säugen läßt, wird auch viele Milch nutzlos vergeudet; um aber das
+Kalb nach vier- oder sechswöchentlichem Säugen absetzen zu können, fehlt
+es wieder an Nahrung für dasselbe. Zur Sonnenzeit, in den Monaten November
+bis Juni, ist das Vieh von früh bis Abend den glühenden Strahlen
+ausgesetzt und leidet darunter sehr; auch das trägt dazu bei, die
+Rindviehzucht auf einer niedrigen Stufe zu erhalten. Trotzdem sind die
+Preise der Thiere nach unseren Begriffen niedrig. Ein guter Zugochse gilt
+3 Maria-Theresia-Thaler; eine neumilchende Kuh nebst Kalb 3–4
+Maria-Theresia-Thaler; eine Kuh zum Schlachten, je nachdem sie fett oder
+mager, 2–3 Maria-Theresia-Thaler. Das Rindvieh wird jeden Tag von früh bis
+Abend auf die Weide getrieben und dort meist von kleinen Knaben gehütet,
+die durchaus nicht darauf Acht geben, ob eine Kuh besprungen wird; so
+ereignet es sich häufig, daß trächtige Kühe geschlachtet werden; ja, ich
+habe gesehen, daß man Kühe geschlachtet hat, die nach zwei oder drei Tagen
+geworfen haben würden.
+
+Von _Ziegen_ und _Schafen_ haben die Abessinier nur den Nutzen, welchen
+deren Fleisch und Felle liefern. Nur in den Hochländern kommt das Schaf
+gut fort, es gedeiht in den tiefen und heißen Gegenden nicht. Auf den
+Plateaux dagegen finden sich Tagereisen lange Hutungen, die einzig zur
+Schafzucht benutzt werden können. Die Wolle des abessinischen Schafes ist
+noch gröber als jene der lüneburger Heidschnucken; sie ist meistens
+schwarz, wird in einigen Gegenden gesponnen, gewebt und zu
+Kleidungsstücken verwendet. Nicht im Geringsten kümmert sich der
+Abessinier um die Veredelung der Schafzucht, er wählt keine Böcke und
+Mütter aus und läßt diese, nebst den Lämmern stets beisammen. Das Hämmeln
+der Böcke ist unbekannt; Pferde, außer den Gestüthengsten, Bullen und
+Ziegenböcke werden dagegen verschnitten. Wie die Schafe wild beisammen
+leben, so auch die Esel, das Rindvieh, die Ziegen. Der Preis der Schafe,
+je nach Größe und Qualität, beträgt für 6–8 Stück 1 Maria-Theresia-Thaler.
+Ihr Fleisch ist wohlschmeckend. Ziegen erhält man für denselben Preis nur
+4–6 Stück, und zwei große und fette, verschnittene Ziegenböcke kosten auch
+1 Maria-Theresia-Thaler. Aus ihren Häuten bereitet man Getreidesäcke ohne
+Naht, auch Pergament, das jedoch meist aus Schafleder gemacht wird. Rauh
+gegerbt dienen letztere auch als Kleidungsstücke.
+
+Die Zucht der _ägyptischen Hühner_ ist sehr im Schwange. Ein Huhn brütet
+jährlich fünf- bis sechsmal 15–17, also im günstigsten Falle 100 Eier aus.
+Anderes Geflügel, wie Gänse, Enten, Tauben u. s. w. ist unbekannt. Brächte
+man sie jedoch hierher, so würden sie besser gedeihen als in meinem
+Vaterlande. Der Preis für drei bis vier Hühner ist 1 Stück Salz oder für
+90–100 Stück 1 Maria-Theresia-Thaler. Das Kapaunen der Hähne, wiewol von
+einigen Abessiniern verstanden, wird selten ausgeübt.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Der Abessinier ist _fester Grundbesitzer_, und die Regierung kann über den
+Grundbesitz ihrer Unterthanen nicht willkürlich verfügen oder denselben
+nach Gutdünken an sich ziehen, es sei denn durch rechtskräftigen Spruch.
+Dieser letztere kann nur dann eintreten, wenn der Eigenthümer kinderlos
+oder ohne Verwandte, nähere oder fernere, stirbt. Dann zieht die Regierung
+die Ländereien des Verstorbenen für ewige Zeiten an sich. Zeitweilig wird
+die Regierung Besitzerin eines Grundstückes, wenn dessen Eigenthümer die
+darauf lastenden Abgaben und Steuern nicht zu entrichten vermag. Sie
+behält dieselben so lange, bis diese bezahlt sind, oder übergiebt sie
+unterdessen einem anderen Wirthschafter, der die schuldige Summe
+vorstreckt, doch nur so lange, bis der rechtmäßige Eigenthümer wieder
+zahlungsfähig ist und die vollständigen Steuern entrichtet. Oft übernimmt
+die Gemeinde dieses Geschäft; Verkauf der Ländereien findet selten statt.
+
+Hier wäre wohl der Ort, einige Worte über _Ansiedelungen_ vom Vaterlande
+aus nach Abessinien einzuschalten. Unter der gegenwärtigen Regierung
+können dieselben niemals stattfinden. Der Auswanderer, er komme woher er
+wolle, kann wol hier in Abessinien Grundstücke käuflich erwerben, doch
+vermag er niemals sichere Garantie für deren dauernden Besitz zu erhalten,
+denn alle Regierungen des Landes waren bis zum heutigen Tage
+Willkürherrschaften. Beim Regierungswechsel ist der Ansiedler sicher zu
+Grunde gerichtet, am gewissesten dann, wenn er das Land von einem
+Einwohner kaufte, dessen Verwandte ihm seinen Erwerb bei der neuen
+Regierung streitig machen können. Dann stellt sich gewöhnlich heraus, daß
+der Verkäufer nur zeitweiliger Besitzer der Ländereien war, und das
+abessinische Recht giebt unter solchen Umständen den Verwandten das Land
+zurück. Etwas besser ist der Ansiedler daran, wenn er von der Regierung
+ein Grundstück erwirbt und den Kaufabschluß unter Zuziehung von Zeugen in
+das Kirchenbuch eintragen läßt. Aber wie lange ihm das Land gesichert
+bleibt, weiß Gott allein!
+
+Gesetz und Gerechtigkeit waren in Abessinien nur dem Namen nach vorhanden.
+_Doch die gegenwärtige Regierung des vortrefflichen Kaisers Theodoros läßt
+schöne Hoffnungen in meinem Herzen wach werden. Der liebe Gott wolle stets
+über meinem Kaiser, welchen ich von ganzer Seele lieb habe, seinen reichen
+Segen und Frieden walten lassen. Amen!_
+
+Zum Schluß noch einige Worte über _Wiesen und Moorgrund_ Abessiniens.
+Besonders die Hochländer Semién und Woggera zeichnen sich durch schönen
+und reichen Wiesengrund aus. Dembea, ein Tiefland, hat am Tana-See
+unübersehbare Wiesenflächen, Begemeder im Hoch- und Tieflande; Sebit
+besteht ganz aus Wiesen; ähnlich verhält es sich mit Woadla, Daunt und
+Talanta. Am Fuße des Kollogebirges in Wollo ziehen sich gleichfalls große
+Wiesenflächen hin. Schoa, Lasta und Godscham sind stellenweise reich
+daran. Vergleichsweise mit diesen Hochländern sind die Tiefländer arm an
+Wiesenwuchs; doch ist ihr Gras nahrhafter und saftiger. Das Heumachen ist
+ein den Abessiniern unbekanntes Ding, auch besitzen sie keinerlei
+Werkzeuge zum Mähen der Wiesen. Steht im September das Gras hoch, so wird
+alles Hausvieh auf die Weide getrieben, die meistens zertreten wird und
+höchstens zwei Monate ausreicht. Sind so die reichen Weiden zerstört, so
+tritt bittere Noth und Hunger für den Viehstand ein, ohne daß die Menschen
+dadurch zum Nachdenken veranlaßt würden.
+
+Auf fast allen Wiesen findet sich viel Moorgrund und Sumpf, die durch
+vaterländischen Fleiß und Geschicklichkeit leicht in Reisgefilde
+umgeschaffen werden könnten. Jetzt liegen sie alle wüst und nutzlos da.
+Vor allem wären die Moorgründe am Tanasee hierzu passend; sie könnten eine
+Quelle des Reichthums für das Land sein. Auch eine gute und verständige
+_Bienenzucht_ würde bedeutenden Nutzen abwerfen, denn kein Land eignet
+sich so vortrefflich zu derselben als Abessinien. Die Art und Weise, wie
+sie bisher von den Eingeborenen betrieben wird, gleicht genau dem
+liederlichen Verfahren im Ackerbau; trotzdem wird viel Honig und Wachs
+gewonnen; letzteres wird meist ausgeführt, ersterer zu Honigwein benutzt.
+Die abessinische Biene ist kleiner als unsere europäische Art. Schwärmt
+ein Stock, oder wird der junge Schwarm ausgetrieben, so fliegt dieser oft
+drei bis vier Tage weit, bis die Königin in einem hohlen Baume oder einer
+Felsenhöhle einen passenden Ort zur Niederlassung ausfindig gemacht hat.
+
+Hat der Zug seine Auswanderungsreise angetreten, so geht derselbe viele
+Stunden weit rasch vorwärts, bis Müdigkeit der Königin eintritt, die sich
+an irgendeiner Stelle niederläßt, welche dann als Rastepunkt der Schar bis
+zum nächsten Tage gilt, wo die Reise fortgesetzt wird, bis eine Behausung
+gefunden ist. Will der Abessinier einen solchen Schwarm in einen Stock
+oder Korb einschlagen, so muß er zunächst der Königin die Flügel
+verschneiden; unterläßt er dieses, so geht der Schwarm gewöhnlich wieder
+fort. Ich habe selbst den Versuch gemacht und einen solchen Schwarm
+dreimal eingesetzt; allein nach ein- bis dreitägigem Aufenthalte ging er
+stets wieder fort, weil ich der Königin die Flügel nicht verschnitten
+hatte. Die Form der Bienenstöcke ist walzenförmig; sie werden aus
+Rohrstäben zusammengesetzt, die man äußerlich mit frischem Kuhmist, dem
+etwas Lehm zugesetzt ist, einen halben Zoll dick überzieht. Häufig hängt
+man diese Körbe in große Bäume, doch halten die meisten Abessinier
+dieselben bei ihren Häusern. Die Bienenzucht wird in einer Meereshöhe von
+5000–9000 Fuß betrieben. Der Preis für 50 Pfund Honig ist 1
+Maria-Theresia-Thaler.
+
+Vermöge der Verschiedenartigkeit seines Klimas dürfte sich Abessinien zum
+Anbau aller europäischen Kulturpflanzen eignen, die unter vaterländischer
+Geschicklichkeit herrlich gedeihen würden. Reis ist unbekannt, Kaffee wird
+so gut wie gar nicht und noch dazu recht ungeschickt angebaut; stark
+kultivirt wird er in den Gallaländern Limu, Enarea und Kaffa, und die von
+dort stammenden Sorten sind besser als der arabische Kaffee aus Mocha. 40
+Pfund Kaffee gelten in Abessinien 1 Maria-Theresia-Thaler. Schwarzer
+Pfeffer, Baumwolle, Indigo könnten vorzüglich gebaut werden; einige Arten
+Indigo wachsen wild. Für Zuckerrohr und Runkelrüben findet sich geeigneter
+Boden. Ich selbst habe in Tigrié Runkelrüben kultivirt, die eine
+bedeutende Größe erreichten und viel zuckerhaltiger als die
+vaterländischen waren. Alle Gewürze der Gewürzinseln und die
+verschiedensten Oelpflanzen würden gedeihen; Oelgewinnung und die dazu
+nothwendigen Geräthe sind hier unbekannt. Desgleichen fehlt guter Hanf und
+Flachs zum Spinnen und Weben. Beeren, Früchte, Wein – sie alle finden hier
+zusagenden Boden.
+
+Doch mit Schmerz muß ich bekennen, daß alles dieses, so lange der
+gegenwärtige Zustand des Landes dauert, so lange nicht eine radikal
+veränderte Regierungsweise eintritt, eitler Wunsch bleiben wird. Denn
+erst, wenn die Regierung eine unbeschränkte Kultivirung des Landes durch
+Deutsche, Engländer, Franzosen u. s. w. zuläßt und unterstützt, kann aus
+diesem etwas werden. Durch die Abessinier selbst kann eine nutzbringende
+Kultur niemals geschaffen werden, denn sie sind bitter arm; es fehlen
+ihnen alle Instrumente, welche den Anbau fördern könnten, oder die
+Arbeiter, die sie zu verfertigen verständen. Auch ist ihr geistiges
+Besitzthum arm, dürftig, auf niederer Stufe stehend; sie sind entblößt von
+allen guten Eigenschaften, Liebe und Lust zur Arbeit, Sinn für die Natur.
+
+Ließe sich das Vaterland den gegenwärtigen Zustand Abessiniens angelegen
+sein, setzte dasselbe kräftige, wirksame und heilsame Hebel an den
+gegenwärtig verwahrlosten Agrikulturzustand Abessiniens, so würde reicher
+Segen seine Mühen und Opfer lohnen. Doch wie Hebel anlegen, daß sie nicht
+brechen? Oder will das Vaterland feste Gerechtsame in Abessinien erwerben,
+so können diese nur durch Waffengewalt aufrecht erhalten werden.
+
+Wie der Zustand der Felder und des Viehstandes, so ist auch die _Behausung
+des Abessiniers_ und deren Umgebung beschaffen. In und außer seinem Hause
+oder vielmehr seiner Strohhütte, ist alles voller Schmuz und Unrath. In
+der Regenzeit gleichen die Wohnungen einer Kloake, der man sich nicht
+nähern kann, ohne Gefahr zu laufen, in diesen Mistsümpfen zu versinken. Um
+eine Wohnung zu errichten, haut der Eingeborene krumme und gerade, dünne
+und dicke Holzstangen ab, die er in einem Kreise in den Boden pflanzt und
+wobei er einen schmalen Raum für die Eingangsthür freiläßt. Die Stangen
+werden nun mit Bast und dünnen Ruthen gleichwie mit Faßreifen umwunden und
+die Zwischenräume mit Reisig ausgefüllt. Im Innern wird diese Ringwand
+dann mit etwas Erdmörtel überzogen. Hierauf wird das Ganze mit einem
+pyramidenförmigen Dache, das gleichfalls aus Stangen, Reisig und Bast
+zusammengesetzt ist, gekrönt und mit einer 3 Fuß langen holzigen Grasart
+belegt. Nun ist die Wohnung vollendet und der Einzug kann stattfinden.
+Alle Familienmitglieder, nebst Knechten und Mägden, wohnen und schlafen
+hier beisammen; die Kühe, die Mühle, das Maulthier, falls ein solches
+vorhanden, die Hühner – sie alle finden hier ihren Platz. Auch das
+Getreide hat hier in großen aufrecht stehenden Erdtonnen oder wohl
+verdeckten Gruben seine Stelle. Der Hausherr ruht auf seiner Alga (oder
+Arat), einem hölzernen Bettgestell mit vier 2 Fuß hohen Beinen, über das
+schmale Riemen von ungegerbter Rindshaut gezogen sind. Die übrigen
+Bewohner legen Rindshäute auf den Boden, die ihnen zur gemeinschaftlichen
+Schlafstätte dienen. Selten wird eine solche Behausung ausgekehrt und
+unzählige Flöhe, Läuse und Wanzen sind die regelmäßigen Insassen, um
+welche der Bewohner sich wenig oder gar nicht kümmert. Der Küchenrauch,
+Asche, Staub und Unrath aller Art häufen sich im Verlaufe eines Jahres
+dermaßen an, daß man das Innere mit einem Schornstein vergleichen kann.
+
+Uebrigens wendet man in Abessinien verschiedene Bauarten an. Oft bestehen
+die Wände aus Steinen, die mit Mörtel verbunden oder ohne diesen
+aneinander gefügt sind. Steinhäuser finden sich fast durchgängig im
+Hochlande, und da es hier in der Nacht sehr kalt ist, so findet auch Vieh
+aller Art in denselben seine Schlafstätte. Da, wo gute passende Erde
+vorkommt, baut man auch quadratische Häuser mit plattem Dache. Dieses ist
+namentlich in Tigrié häufig der Fall. Diese Decke wird dann durch starke
+Baumstämme und Balken getragen, die mit einer 1 Fuß dicken Lage Erde
+überdeckt sind, welche zur Regenzeit kein Wasser durchläßt. Hier sieht man
+auch oft große, auf diese Weise überdachte Säulenhallen aus rohen
+Baumstämmen, unter denen das Vieh zur Regenzeit Schutz und Obdach findet.
+Ueberhaupt herrscht im Lande Tigrié mehr Fleiß und Ordnung als in anderen
+Gegenden Abessiniens.
+
+Das hier von den Wohnungen Gesagte gilt nur von den Behausungen des
+ackerbautreibenden Theiles der Bevölkerung. Die _Häuser der Reichen_ und
+Großen des Landes sind besser gestaltet. Sie sind gewöhnlich gut mit
+Erdmörtel aufgeführt und auch die innere Wand mit Mörtel überzogen. Das
+Innere besteht oft aus Abtheilungen, von denen eine für Pferde und
+Maulthiere, eine als Speicher, eine dritte als Empfangszimmer, eine vierte
+für den Hausherrn und seine Familie bestimmt ist. Ist das Haus klein, so
+wird das Empfangszimmer besonders angebaut. Das Dach ist im Innern häufig
+schön mit zusammengesetzten Rohrstäben verziert, ja manchmal mit farbigen
+Baumwollstoffen künstlich dekorirt, die Eingänge mit Breterthüren, der Hof
+mit einer Mauer versehen. Doch herrscht im Innern derselbe Schmuz und das
+Ungeziefer wie bei den Landleuten.
+
+Die _Mühlen_ der Abessinier bestehen aus einem einzigen Stein, der 1 Fuß
+breit und 1¾ Fuß lang ist. Das Material besteht aus grobem Sandstein oder
+Trachyt; enthält der letztere viele kleine Blasenräume, so wird er sehr
+geschätzt. Die Mühle wird durch Klopfen mit einem harten kleinen Steine
+geschärft. Der Läufer, mit dem das Getreide zerrieben wird, ist ein ¾ Fuß
+langer, 4 Zoll breiter Stein. Das Mahlgeschäft wird nur von den Frauen
+besorgt. Eine Person zerreibt täglich etwa 6 Metzen (Berliner Maß). Das
+Mahlsieb besteht aus Grasgeflecht. Weizen und Gerste werden, bevor sie auf
+die Mühle kommen, enthülst; dieses geschieht in ausgehöhlten Baumstämmen,
+welche die Mörser vertreten; der Stößel ist ein 3 Fuß langer, 2–3 Zoll im
+Durchmesser haltender Knittel aus wildem Olivenholz. Die einzigen
+Instrumente, welche sonst noch bei der Agrikultur in Abessinien Dienste
+leisten, sind eine Axt, eine Erdhaue, eine gezähnte Sichel und ein Messer.
+In Schoa wurde unter der Regierung des Königs Sahela Selassié von einem
+Europäer eine Wassermühle errichtet, doch als diese anfing zu mahlen,
+empörte sich die Geistlichkeit gegen das Teufelswerk und bedrohte den
+König mit dem Bannfluche, wenn das Mahlen nicht eingestellt würde. Die
+Mühle ist heute gänzlich zerfallen.
+
+ [Illustration: 1. Mühle (a. Läufer, b. Bodenstein). 2. Erdhacke. 3.
+ Sichel. 4. Messer. 5. Axt der Abessinier. Originalzeichnung von E.
+ Zander.]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Ansicht von Suez.]
+
+
+
+
+
+ MASSAUA UND DIE ABESSINISCHE KÜSTENLANDSCHAFT.
+
+
+ Die Bedeutung des Rothen Meeres. – Der Dahlak-Archipel und die
+ Perlenfischerei. – Die Stadt Massaua und ihre Bewohner. –
+ Sklavenhandel. – Die Cisternen. – Der Markt. – Karawanenhandel mit
+ Abessinien. – Die Bai von Adulis. – Schohos und Danakil. – Die
+ Samhara. – Eine abessinische Karawane. – Der Tarantapaß und Halai.
+
+
+Das Rothe Meer, lange Zeit für den großen Verkehr fast ohne Bedeutung, ist
+in unsern Tagen aus seiner Abgeschiedenheit hervorgetreten und nimmt
+lebhaften Antheil am Welthandel. In einer Länge von fast vierhundert
+Meilen erstreckt es sich gleich einem Arm von Suez bis zur Bab-el-Mandeb
+zwischen dem nordöstlichen Afrika und der westlichen Küste Arabiens.
+Regelmäßig wie bei uns die Eisenbahnen wird es fast tagtäglich von
+Riesendampfern seiner ganzen Länge nach durchkreuzt; Telegraphendrähte
+sind an seinen korallenreichen Gestaden hingelegt, und der Post- wie
+Handelsverkehr von Europa nach Indien nimmt jetzt seinen Weg zumeist über
+diese Straße. Noch größere Bedeutung wird das Rothe Meer jedoch erlangen,
+wenn einst der Suezkanal vollendet sein sollte, obgleich schon auf der von
+Alexandrien über Kairo nach Suez führenden Eisenbahn alljährlich viele
+Tausende von Vergnügungsreisenden zu ihm hingezogen kommen. Nach allen
+Seiten führen von seinen Küsten wichtige Handelsbahnen in die umliegenden
+Länder, die zum Theil, wie das Innere Ostafrika’s, ungemein produktenreich
+sind: Gummi und Straußenfedern, Droguen und Elfenbein, Wachs und Honig,
+nicht minder aber Sklaven werden in allen Hafenplätzen feil gehalten und
+finden regelmäßigen Absatz gegen europäische Produkte.
+
+Sowie aber die kommerzielle Bedeutung des Rothen Meeres sich gehoben hat,
+ist auch nicht minder jetzt die politische in den Vordergrund gelangt, und
+wie in so vielen andern Weltgegenden sind auch hier England und Frankreich
+als eifersüchtige Rivalen aufgetreten, die einander den Rang streitig zu
+machen suchen. Beide wissen, daß im Rothen Meere der Schlüssel zu Indien
+liegt, und wenn auch Frankreich ein geringeres Interesse als England daran
+zeigt, denselben mit in Händen zu haben, so ist es doch schon des
+Wettbewerbes wegen bestrebt gewesen, es in Besitzergreifungen den
+Engländern gleichzuthun. Der Suezkanal, ein französisches Unternehmen, hat
+mindestens in demselben Grade politische Bedeutung, wie kommerzielle; denn
+wie die Engländer Aden und die Insel Perim am südöstlichen Ende des Rothen
+Meeres besetzten und so die Bab-el-Mandeb beherrschen, trachten die
+Franzosen danach, ihre Herrschaft am nordwestlichen Ausgang der
+Handelsstraße zu errichten. Und auch noch andere Küstenplätze sind nach
+und nach in die Hände der beiden Rivalen gefallen: die Briten haben sich
+auf der Insel Kamaran an der arabischen Seite, die Franzosen auf Dessi vor
+der wichtigen Bai von Adulis und zu Oboc niedergelassen. Von hier aus
+überwachen sie den Handel und spinnen Intriguen mit den unzufriedenen
+Elementen der Bevölkerung, um bei guter Gelegenheit sich überall in die
+Landesangelegenheiten mischen zu können. Europäische Konsularagenten haben
+in den meisten Hafenplätzen schon ihren Sitz, und mit dem arabischen oder
+banianischen (indischen) Handelsmann theilen sich jetzt europäische
+Kaufherren in den Gewinn des Handels am Rothen Meere. Eine Abschließung
+desselben ist jetzt nicht mehr denkbar, es wird mit allen seinen
+Gestadeländern – mag es wollen oder nicht – immer mehr in unsere
+Beziehungen hineingezwungen.
+
+Freilich ein Hinderniß hat die Natur selbst geschaffen, welches die
+Bedeutung dieses Meerarmes für den Verkehr bedeutend abschwächt. Das Rothe
+Meer ist für Segelschiffe bei den jetzigen Anforderungen an die
+Schnelligkeit des Verkehrs fast so gut wie unbefahrbar, da ziemlich das
+halbe Jahr hindurch Windstille herrscht und Mangel an guten Häfen ist.
+Zudem machen die Korallenklippen die Fahrt äußerst gefährlich, und auch
+die Versorgung der Schiffe mit Wasser, Kohlen oder Lebensmitteln ist eine
+äußerst mangelhafte. Nur der Dampfer, der seine Kohlen in Suez oder Aden
+liegen hat, beherrscht diesen Meeresarm vollständig und in vier bis fünf
+Tagen durchfahren sie denselben von einem Ende bis zum andern, um dann
+weiter die Fahrt nach Indien anzutreten.
+
+Während die großen Dampfer der indischen Linie direkt das Rothe Meer
+durchkreuzen und nur selten den einen oder andern Hafenplatz an demselben
+besuchen, sind für letztere besondere Seitenlinien eingerichtet, die meist
+von einer türkischen Gesellschaft schlecht versehen werden. Von _Suez_, wo
+die Eisenbahn mündet, steuern wir zunächst nach _Kosseïr_, von wo eine
+Karawanenstraße nach Keneh am Nil führt, der in dieser Gegend einen weiten
+Bogen nach Osten macht und sich dem Rothen Meere nähert. Von Kosseïr
+fahren wir in südöstlicher Richtung nach der arabischen Küste hinüber und
+landen in _Jembo_, dem Eingangsthor der heiligen Stadt, nämlich Medina,
+für welches dieser Platz den Hafen bildet. Weiter an demselben Gestade
+fortsteuernd erreicht der Dampfer _Dschidda_, „die Ebene ohne Wasser“.
+Aber dieser Hafenplatz, das Seethor für Mekka, ist in vieler Beziehung
+wichtig und namentlich zur Zeit der Pilgerwanderungen sehr belebt. Wir
+verlassen auch diesen Ort, der schon Millionen Wallfahrer landen sah, und
+durchkreuzen abermals nach Südwesten hin das Rothe Meer, um _Sauakin_ an
+der afrikanischen Küste zu erreichen, von wo aus die große Karawanenstraße
+nach dem östlichen Sudan und Chartum an der Vereinigung des Weißen und
+Blauen Nil führt.
+
+Und nun geht nochmals der Anker in die Höhe, nach Süden ist der Bug des
+Dampfers gerichtet, die afrikanische Küste, das Land der nomadisirenden
+Beni-Amer und Habab bleibt zur Rechten liegen und die _Dahlak-Inseln_
+kommen in Sicht. Auf diesem Archipel erhalten wir durch die Sprache der
+Bewohner schon einen Vorgeschmack Abessiniens, vor dessen Küste, gegenüber
+dem Hafenplatze Massaua, die Gruppe liegt. Die drei Hauptinseln sind
+Groß-Dahlak, Nureh und Nakala. Die Großhandelsfahrzeuge legen dort nicht
+an, obwol das erste der genannten Eilande einen sehr guten Hafen hat.
+Viele Spuren, namentlich Ruinen, deuten darauf hin, daß einst die
+Abessinier und im 16. Jahrhundert die Portugiesen eine Niederlassung auf
+demselben hatten. Dahlak hat nur etwa 1600 Einwohner, auf die andern
+beiden bewohnten Inseln kommen zusammen nur 200 Köpfe. Alle sind
+Muhamedaner, friedliche Menschen, die unter einem Scheich stehen; dieser
+erhält seine Belehnung von dem ägyptischen Gouverneur in Massaua, welchem
+er jährlich 1000 Maria-Theresia-Thaler zahlt. Wasserläufe giebt es auf den
+Inseln nicht, aber das Brunnenwasser ist gesund.
+
+Ueberaus reich ist hier das Meer an Fischen und Fischfang daher eine
+Hauptbeschäftigung der Bewohner. Doch noch andere Schätze bietet die
+salzige Flut, welchen die Dahlak-Inseln vorzüglich ihre Berühmtheit
+verdanken. Namentlich kommt die _Perlenauster_ (_Pintatina_) in großer
+Menge, förmliche Bänke bildend, hier vor, und sie ist es, die vom Mai bis
+in den August eine große Anzahl der Bewohner mit Tauchen beschäftigt.
+Jeder kann sich an der Perlenfischerei nach Belieben betheiligen; Abgaben
+werden nicht erhoben und nicht selten kommen auch Taucher und Fischer von
+der gegenüberliegenden arabischen Küste. Man bedient sich zum Fange der
+gewöhnlichen Barken, der sogenannten Sambuks, welche gerudert werden und
+auch Mattensegel haben. Von den zwölf bis vierzehn Köpfen der Mannschaft
+sind sechs bis sieben Taucher. Mit einem Bismillah! (Im Namen Gottes!)
+stürzt der Mann in die Tiefe, wo er nicht viel länger als eine Minute
+bleibt, so viel Austern, als er kann, in einen Korb zusammenrafft und
+diesen durch die Gefährten an einem Seil in die Barke ziehen läßt. Mehr
+als dreißig, höchstens vierzig Mal kann er an einem und demselben Tage
+nicht untertauchen. Eine mit guten, recht erfahrenen Tauchern bemannte
+Barke wird im Laufe eines Tages bis 3500 Perlenaustern und etwa 500
+Perlmutteraustern erbeuten. Die Muschel, welche man bei den Dahlak-Inseln
+fischt, ist im allgemeinen nur klein und beinahe rund; der Durchmesser
+beträgt 5 bis 6 Centimeter. Unter 20 bis 30 Austern hat immer nur eine
+einzige eine kleine Perle, die man als Samen bezeichnet. Es scheint als ob
+eigentliche, völlig ausgebildete Perlen nur in ganz ausgewachsenen
+Muscheln gefunden werden. Die Insulaner bezeichnen die Perlenauster als
+Bebela oder Bereber. Ihr Fleisch ist weiß und genießbar; man trocknet es
+an der Sonne und zieht es auf Fäden, worauf es dann einen Theil des Jahres
+hindurch die Hauptnahrung der Leute bildet.
+
+Alljährlich bringen die Fischer ihre Ausbeute an Perlen und Perlmutter
+nach dem Dorfe Debeolo, wo vierzehn Tage lang Markt gehalten wird. Dort
+legen sie die Erzeugnisse des Meeres zum Verkauf aus. Regelmäßig finden
+sich fremde Kaufleute, besonders indische Banianen ein, die gegen Silber
+oder Tauschwaaren, Lebensmittel, Holz, Baumwollenstoffe die Perlen zu
+ziemlich niedrigem Preise einhandeln. Man schätzt diese nach ihrer Größe,
+Gestalt und Reinheit ab. Erstere wird durch ein Haarsieb ermittelt, das
+Oeffnungen von verschiedener Größe hat. Je nach den verschiedenen
+Gattungen wird der Preis bestimmt. Der Umsatz auf dem Markte von Debeolo
+beträgt im Durchschnitt an Geldwerth 50,000 bis 60,000 Thaler, ist also
+immerhin bedeutend. Zu den Ausfuhrgegenständen der Dahlak-Inseln gehört
+ferner das feine Schildpatt (Baga); das der Schildkrötenweibchen ist
+durchgehends schwerer und dicker als das der Männchen, und ein zwei Fuß
+langes Rückenschild des ersteren giebt zwei Pfund Schildpatt. Auch die
+Kauris oder Geldmuscheln, die in Afrika als Scheidemünze gelten, werden
+auf den Dahlak-Inseln in großer Menge gefischt. Seltener aber ist ein
+höchst interessantes Meersäugethier, der _Dugong_ (_Halicore Dugong_), das
+wegen seiner starken Haut und perlmutterglänzenden Zähne sehr geschätzt
+war und ist. Es kommt auch an den arabischen und afrikanischen Küsten vor,
+an welcher letzteren es von den Danakil gefangen wird. Die Thiere leben
+paarweise und weiden auf den untermeerischen Tangwiesen, die ihre einzige
+Nahrung bilden. Das Land besuchen sie selten, meist schwimmen sie wie
+Meerjungfern mit erhobenem Oberkörper in der See. Sie sind über 12 Fuß
+lang und schwer mit Harpunen zu erreichen. Die dem Walroß ähnlichen
+Stoßzähne wurden früher als Handelsartikel gesucht und zu Rosenkränzen
+verarbeitet, während die marklosen Knochen Dolch- und Messergriffe von
+großer Dauerhaftigkeit liefern. Aus der Haut bereitet man Sandalen.
+Merkwürdig erscheint uns der Dugong noch dadurch, daß er dasjenige Thier
+ist, aus welchem die alten Juden den Ueberzug ihrer Bundeslade gemacht
+haben sollen.
+
+Unsere Fahrt durch das Rothe Meer ist nun beendigt; von Dahlak wendet sich
+der Dampfer nach Westen, der abessinischen Küste zu, von der aus die
+kühnen und gewaltigen Bergmassen von Hamasién uns entgegenstarren. Wir
+nähern uns der Insel _Massaua_, deren Bucht, von Vorgebirgen
+eingeschlossen, nun in Sicht kommt.
+
+ [Illustration: Ansicht von Massaua. Im Vordergrund Fischerknabe.
+ Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Gleich darauf werden das kleine Vorwerk, die weißgetünchten Doppelthürme
+der Moschee, die türkischen Wachtschiffe und fremden hier ankernden
+Fahrzeuge sichtbar. Schon ehe man landet, erblickt man weit draußen auf
+der See eigenthümlich gestaltete _Fischerflöße_, die aus fünf
+zusammengebundenen Baumstämmen bestehen. In der Mitte sitzt ein Knabe, der
+mit einer beiderseits schaufelförmigen Ruderstange geschickt und schnell
+seine Fähre regiert. Auf diesem gebrechlichen Dinge angelt er an Klippen
+und Bänken, fängt eine große Anzahl Fische und tödtet sie jedesmal
+sogleich durch einen Nagelstich in den Kopf. Die Stadt _Massaua_ oder
+Mesaueh ist der Hauptort für das Aegypten untergeordnete abessinische
+Küstenland nebst den Inseln des perlenreichen Dahlak-Archipels, Sitz eines
+Kaimakan, der einige Soldaten zur Verfügung hat. Außerdem residiren hier
+ägyptische Zollbeamte und verschiedene europäische Konsuln, denn Massaua
+ist die Pforte des Handels für fast ganz Abessinien und von größter
+politischer Wichtigkeit durch seine Lage gegenüber dem letztgenannten
+Reiche, wie durch seinen in jeder Beziehung vorzüglichen Hafen, der sich
+auch dadurch vor andern Häfen am Rothen Meere auszeichnet, daß man sich
+hier leicht mit Schiffsprovisionen, Wasser, Holz, Schlachtvieh u. s. w.
+versehen kann.
+
+ [Illustration: Wasserträgerin an den Cisternen. Derwisch von Massaua.
+ Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Der Golf von Arkiko, in welchem die Inselstadt Massaua liegt, ist mit
+verschiedenen kleinen Koralleneilanden bedeckt. Auf einem derselben
+befindet sich der christliche Friedhof und hier ist es, wo auch die Leiche
+unseres Landsmannes, des Reisenden Hemprich, ruht, den am 30. Juni 1825
+der Tod ereilte. Auf einem andern Koralleneilande liegt ein Heiliger, Seid
+Scheik, begraben, der seinerzeit Massaua verlassen und diese kleine Insel
+bezogen haben soll, weil er glaubte, daß der Lebenswandel seiner Mitbürger
+allzu irreligiös sei. Vom Festlande sowol als von Massaua machen
+zahlreiche Gesellschaften nächtliche Ausflüge nach dem Grabe dieses
+Heiligen, wobei weniger religiöse Absichten die Pilger leiten sollen, als
+der Schmuggel mit Sklaven. Die Insel Massaua selbst hat eine halbe Meile
+Länge und beinahe eine Viertelmeile Breite. Die westliche Hälfte trägt die
+Stadt, die östliche halb verfallene, alte Cisternen aus besserer Zeit und
+ein kleines, schlecht armirtes Fort. Die Anlage der Stadt ist eine ganz
+unregelmäßige, wenig ältere Gebäude bestehen aus Stein, die meisten sind
+Strohhütten, die auf Pfählen im seichten Meerwasser ruhen. Unter ersteren
+zeichnen sich das Gouvernementsgebäude, eine zweikuppelige Moschee (Diamet
+Scheik Hamal) und das Zollhaus aus.
+
+Im Ganzen hat Massaua etwa ein Dutzend religiöser Gebäude; darunter jene
+bemerkenswerthe Moschee, die früher eine christliche Kirche gewesen war
+und in welcher die Portugiesen 1520 Messe lasen, nachdem sie „Matzua“, so
+nannten sie die Stadt, den Muhamedanern abgenommen hatten. Was den Namen
+des heutigen Ortes betrifft, der auch Masua, Massawa geschrieben wird, so
+leitet ihn Munzinger aus der Tigriésprache ab, in welcher Mesaua den Raum
+bedeutet, über welchen hin man den Ruf einer Menschenstimme hören könne,
+und das trifft hier allerdings für die Meeresbreite zwischen Insel und
+Festland zu. Aber in der Landessprache der Eingeborenen heißt Stadt und
+Insel gar nicht Massaua, sondern Basé.
+
+Die Bevölkerung ist fast ganz muhamedanisch; die Ureinwohner gehören der
+äthiopischen Rasse an und sprechen eine semitische Sprache. Die übrigen
+Bewohner, mit Ausnahme der türkischen Beamten und der Besatzung, sind
+Kaufleute aus Arabien, dann Somali, Danakil, Galla, Abessinier und
+Banianen (Indier). Die Massauaner selbst sind Fischer, Schiffsleute und
+Lastträger, welche das Trinkwasser herbeischleppen. Außer etwas Weberei,
+Gerberei und Schiffsbau werden wenig Gewerbe getrieben. Die Stärke der
+Bevölkerung schätzte Rüppell 1832 auf 1500, Heuglin 1857 auf 5000 Seelen,
+einschließlich des Militärs. Die Einkünfte der Provinz, meist aus den
+Zollabgaben des abessinischen Handels bezogen, betrugen nach beiden
+Reisenden 40,000–50,000 Thaler.
+
+Die Massauaner sind ein in der Jugend durchweg sehr schöner Menschenschlag
+und haben eine kupferfarbige Haut, die mehr oder weniger dunkel ist. Die
+Mädchen zeichnen sich durch schlanken Wuchs, regelmäßige Züge des ovalen
+Gesichts, große, lebhafte Augen und feinen Mund mit schönen Zähnen aus.
+Wenn sich zwei Bewohner nach längerer Zeit wieder begegnen, küssen sie
+sich gegenseitig die Hände und erkundigen sich mit vielen Schmeichelworten
+nach dem Befinden. Was den Charakter der Massauaner anbetrifft, so lauten
+die Urtheile darüber sehr ungünstig. Dem bloßen Schacher ergeben, üben sie
+alle möglichen Verstellungskünste und erfüllen selbst die heiligsten
+Versprechungen nicht. Dazu kommt, daß der fortwährende Sklavenhandel ihre
+moralischen Sitten untergraben und ihr Herz gegen jede edlere Empfindung
+verstockt machen mußte. Diebereien und Einbruch sind gewöhnliche
+Verbrechen und gelten nicht als Schimpf. Die Anzahl der Bettler ist groß
+und die meisten derselben kommen durch Hunger und Elend ums Leben.
+Dankbarkeit ist den Massauanern nur dem Namen nach bekannt, und als
+Rüppell einst einen Mann von einer gefährlichen Schußwunde geheilt hatte,
+drückte dieser seine Freude darüber folgendermaßen aus: „Gott ist groß und
+wunderbar! Hat er doch diesen _Hund von Ungläubigen_ hierhergeschickt, um
+mich zu heilen!“
+
+Eine Eigenthümlichkeit der Massauaner besteht darin, daß sie Familiennamen
+haben, was bekanntlich sonst bei Muhamedanern nicht der Fall ist. So
+heißen einige Adulai, und diese stammen aus Adulis; andere Dankeli, Farsi
+(aus Persien), Yemeni (aus Yemen in Arabien). Unter den Kaufleuten spielen
+die _Banianen_ eine wichtige Rolle. Diese Indier haben einen großen Theil
+des Verkehrs auf dem Rothen Meere in ihren Händen und bewohnen in Massaua
+ein eigenes Quartier. Dort sitzen die wohlbeleibten Männer nur halb
+bekleidet, mit geschorenem Kopfe, kleinem Schnauzbart und prächtigen
+schwarzen Augen in dem gelben, etwas weibischen Gesichte. Wer sie so
+sieht, glaubt sich in einen Bazar nach Delhi oder Bombay versetzt. Der
+Baniane trägt auf der Straße einen rothen, mit Gold oder gelber Seide
+verbrämten Turban und eine silberne Kette um den Leib. Diese Inder essen
+kein Fleisch und mögen solches nicht einmal anrühren. Beklagten sie sich
+doch einmal, wie Lejean berichtet, ernstlich darüber, daß die Hunde der
+katholischen Mission einmal in der Nähe ihrer, der Banianen, Cisterne
+Knochen abgenagt hätten! Dadurch könne das Wasser verunreinigt werden. Die
+Zahl der Europäer ist in Massaua nie beträchtlich gewesen und besteht nur
+aus ein paar Konsularagenten, einigen Kaufleuten und Missionären. Unter
+den Konsularagenten war der englische, vor wenigen Jahren erst verstorbene
+_Raffaele Barroni_ den Türken besonders verhaßt, weil er den Muth hatte,
+eine unablässige Fehde gegen die Sklavenhändler zu führen. Um recht mit
+Nachdruck auftreten zu können, hatte er sich sogar eine eigene Polizei
+eingerichtet. Er wußte allemal, wieviel Sklaven eine im Küstenland aus
+Abessinien ankommende Kaflé (Karawane) mit sich führe, zog ihr an der
+Spitze seiner wohlbewaffneten Dienerschaft entgegen, nahm, wenn nöthig,
+mit offener Gewalt ihr alle Sklaven ab und verschaffte denselben die
+Freiheit. Die Kaufleute haßten ihn, sein Leben war oftmals bedroht, aber
+er hatte seine Vorkehrungen getroffen und sich eine Art von fester Burg
+gebaut, von welcher aus er mit seinen Kanonen und Büchsen die Umgegend
+bestreichen konnte. Im Nachlasse dieses muthigen Mannes fand der Reisende
+Lejean folgende Aufzeichnung: „Ich habe Sklaven befreit, nachdem der
+Konsul Plowden von hier abgereist war, im Jahre 1855: 2 Galla von
+Tehuladare, 1 aus Mensa, 158 aus Magatul, 1 von Atti Letta; 160, die man
+nach Dschidda schicken wollte, habe ich zurückgehalten. Im Jahre 1856:
+240. Ich hielt eine ganze Karawane auf ottomanischem Gebiete an und
+schickte sie nach Abessinien zurück. Im Jahre 1857 befreit: 2 von Schoa, 2
+von Mensa, 4 von mir unbekannter Herkunft“ u. s. w. Eine andere Notiz
+lautet: „Die Bewohner dieser Stadt und namentlich die Sklavenhändler sind
+hocherfreut, daß Abdul-Aziz den Thron bestiegen hat; sie hoffen unter ihm
+eine Wiederbelebung des Sklavenhandels im Rothen Meere.“ Wie die Engländer
+es übrigens mit der Unterdrückung des Sklavenhandels nicht immer ernst
+nehmen, dafür bringt Lejean ein Beispiel bei. Barroni stand unter dem
+Oberbefehl des englischen Residenten in Aden. Dieser wandte allerdings
+gegen das, was Barroni that, nichts ein, gab ihm aber zu bedenken, daß man
+es mit dem Einschreiten gegen den Sklavenhandel unter türkischer Flagge
+nicht zu ernsthaft nehmen dürfe „damit diese befreundete Flagge im Rothen
+Meere in ihrem Ansehen nicht geschwächt werde“.
+
+Was Lejean sonst noch über einzelne Einwohner Massaua’s berichtet, ist zu
+charakteristisch für die dortigen Zustände, als daß wir es nicht hierher
+setzen sollten. Die türkische Regierung benahm sich gegen die Kapuziner,
+welche sich in Monkullo niederlassen wollten, sehr barsch. Ein Mönch
+machte aber dem Gouverneur zu schaffen und forderte ihn sogar zum
+Zweikampf auf Säbel; dann erklärte er, er werde den Gouverneur aus dem
+Fenster werfen und selbst regieren. Zuletzt wurde er Kaufmann und dann in
+Florenz Zeitungsredakteur.
+
+Im Jahre 1854 war ein gewisser Ibrahim Pascha Kaimakan von Massaua. Dieser
+Würdenträger war stets durch Hanfrauchen benebelt und schwelgte in den
+wildesten Phantasien. Nach Konstantinopel berichtete er, daß er alles Land
+bis zu den Mondgebirgen erobert habe, während doch wenige Stunden
+landeinwärts seine Macht ein Ende hatte. Er wollte die Einwohner am
+Festlande besteuern, worauf diese aber keine Lebensmittel mehr nach der
+Insel brachten, sodaß in Massaua sich Hungersnoth einstellte. Gegen die
+Europäer erlaubte er sich allerlei Grobheiten; dieselben führten Klage,
+infolge deren er 1855 von der Pforte kassirt wurde. Er nahm seine
+Absetzung gleichmüthig auf, schloß sich in seinen Harem ein und erhing
+sich an einer Säbelschnur.
+
+Was das Klima Massaua’s anbetrifft, so ist es nicht ungesunder als das der
+andern Hafenplätze am Rothen Meere. Das Sprüchwort sagt, es sei eine
+Hölle, wie Pondichery ein heißes Bad und Aden ein Backofen. Am
+empfindlichsten macht sich der Mangel an Trinkwasser auf der Insel selbst
+bemerkbar. Die _Cisternen_ auf der Ostseite der Insel nehmen etwa ein
+Drittel dieser letzteren ein. Der Ueberlieferung zufolge sind sie von den
+Farsi (Persern) gebaut worden und das kann richtig sein, denn es ist
+wahrscheinlich, daß einige Zeit, bevor Muhamed seine Lehre verkündigte,
+der persische König Chosroes diese Küstengegend des Rothen Meeres
+beherrschte. Uebrigens bezeichnet man in Massaua alles, was nicht
+muselmännisch oder abessinisch ist, als „Farsi“, und so auch die
+Cisternen. Sie sind vortrefflich gearbeitet und haben eine Art gewölbten
+Deckel, der aus wunderbar fest gekitteten Korallenstücken besteht. Die
+inneren Wände der Cisternen sind meistens vollkommen glatt und von
+rosenrother Farbe.
+
+Die ägyptische Regierung thut nichts, um diese so höchst nothwendigen und
+nützlichen Cisternen in gutem Zustande zu erhalten; was einfällt wird
+nicht ausgebessert. Die Türken bekommen ihr Wasser von Monkullo oder
+Arkiko, und ob die armen Leute Trinkwasser haben, ist ihnen ganz einerlei.
+Massaua selbst hat gar kein eigenes Trinkwasser, wenn nicht etwa einige
+dieser Cisternen Regenwasser enthalten. Alltäglich geht dagegen ein
+Regierungsschiff nach Arkiko, das viele Brunnen besitzt, deren Wasser
+indessen nicht besonders gut ist. Dasselbe wird dort in lederne, stark
+gethrante Schläuche gefüllt, dann mittels Lastthieren oder Trägern zum
+Gestade gebracht und nach der Stadt verschifft. Im August und September
+fallen nicht selten Regen, welche die Brunnen speisen. Das schon erwähnte
+Arkiko, das früher Dogen hieß, scheint wenigstens so alt wie Massaua zu
+sein, obgleich es keinen Hafen besitzt. Es ist von freundlichen Gärten
+umgeben und dient als Militärstation.
+
+Seine Wichtigkeit verdankt Massaua dem abessinischen Zwischenhandel. Alle
+dort wohnenden Nationalitäten sind an demselben betheiligt. Es kommen bei
+günstigen politischen Verhältnissen im Innern gewöhnlich zweimal im Jahre
+große Karawanen (Kaflé) aus den Gallaländern und ganz Abessinien nach der
+Küste; der Gesammtwerth der durch sie abgesetzten Waaren wird von Heuglin
+auf eine Million Thaler, von Andern jedoch weit höher angegeben. Eine
+solche Karawane sammelt sich bei günstiger Jahreszeit und bewegt sich, von
+bewaffneter Macht eskortirt und immer wachsend an Mitgliedern, über Adoa
+dem Meere zu. Sie steht unter dem Befehle eines Schech el Kaflé und
+transportirt die Waaren auf Maulthieren und Eseln bis an den Abfall der
+Hochgebirge, wo dann die benachbarten Hirtenvölker, die viele Kameele zu
+diesem Zwecke halten, die Weiterbeförderung übernehmen und die Waaren bis
+zum Meere bringen. Der größte Theil der Verkaufsgeschäfte ist schon vor
+Ankunft der Karawane in Massaua durch Unterhändler abgeschlossen; die
+Hauptartikel sind Kaffee aus der Umgebung des Tanasees, Godscham und den
+Gallaländern, Elfenbein von den Galla- und Kolaländern, Nashorn, Moschus,
+Gold von Damot, Fazogl, Galla u. s. w., Wachs, Honig, Butter,
+Schlachtvieh, Häute, Maulthiere, Tabak, Straußenfedern und Sklaven. Der
+Schiffahrtsverkehr mit den Häfen am Rothen Meere, sowie mit Aden und
+Bombay, ist sehr lebhaft. Noch 1860 schrieb Moritz v. Beurmann: „Unter den
+von Massaua ausgeführten Handelsartikeln nehmen die Sklaven noch immer
+einen bedeutenden Posten ein, obgleich in der letzten Zeit auch dieser
+Handel bedeutend nachgelassen hat und die jährliche Ausfuhr in den letzten
+Jahren wol kaum auf 1000 Köpfe kommen möchte. Es war deshalb auch zu der
+Zeit, als ich in Massaua war, die Stimmung gegen die Europäer eingenommen,
+da man wohl weiß, einen wie schädlichen Einfluß dieselben auf diesen
+ergiebigen Handel haben.“ Nach Rüppell führte man 1838 etwa 2000 Sklaven
+beiderlei Geschlechts aus, zu einem Durchschnittspreis von je 60
+Speziesthalern. _Markt_ wird täglich in der Stadt abgehalten. Außer den
+gewöhnlichen Handelswaaren werden auch Lebensbedürfnisse, Fleisch, Brot,
+Holz und Trinkwasser, feilgeboten. Die beiden zuletzt genannten
+Bedürfnisse machen die Erwerbsquelle für die armen Landleute aus. Mit dem
+thönernen Topfe auf dem Haupte kommen die Wasserträgerinnen heran; schon
+am frühen Morgen stellen sich Hirten ein, welche kleine, mit Milch
+gefüllte Körbchen zum Verkauf bringen; diese Milch schmeckt sehr
+unangenehm, indem sie gleich nach dem Melken stark geräuchert wird, was,
+um das Gerinnen zu verhüten, unumgänglich nöthig sein soll. Andere
+Landleute bringen in der Winterjahreszeit Nabakfrüchte (_Rhamnus Nabac_)
+und kleine Citronen, die aus den verwilderten Klostergärten stammen, sowie
+frische Hennablätter (_Lawsonia inermis_), welche den Schönen der Stadt
+zum Rothfärben der Nägel und Handfläche unentbehrlich sind. Fischerknaben
+bringen die reiche Ausbeute des Meeres, und im Frühling verkauft man die
+Blütenstengel einer spargelähnlich schmeckenden Aloëart. Fast die ganze
+männliche Bevölkerung Massaua’s treibt sich den Tag über faullenzend unter
+den Marktbuden umher, wo neben dem feinen Stutzer der zerlumpte Derwisch
+und der halbnackte Hirt einherzieht.
+
+Massaua, sowie Sauakin, gehörten einst zum abessinischen Reiche. Die Stadt
+wurde 1557 durch eine türkische Flotte erobert und mit einer bosnischen
+Besatzung versehen. Unter Mehemed Ali gehörte sie zu Aegypten, kam jedoch
+1850 wieder unter türkische Oberhoheit und wurde 1865 abermals, nebst der
+ganzen Westküste des Rothen Meeres an Aegypten abgetreten.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Wendet man sich von Massaua gerade nach Süden, nach dem bis zu 5000 Fuß
+ansteigenden Gedemgebirge, so übersieht man von diesem den ganzen
+_Meerbusen von Annesley_ oder die _Bai von Adulis_ (jetzt bei den
+Eingeborenen Gubet Kafr genannt). Während im Westen das Vorgebirge Gedem
+die Bai abschließt, wird diese im Osten von der meist kahlen Halbinsel
+Buri begrenzt. Das Westufer, flach und durch Anschwemmungen entstanden,
+trägt eine üppige Vegetation von Schorabäumen, zwischen deren Wurzelgewirr
+Heuglin hier einen seltsamen Fisch (_Periophthalmus Koehlreuteri_)
+entdeckte, der, froschlarvenartig aussehend, im Schlamme, zwischen Steinen
+und sogar im Grase lebte und verfolgt in großen Sprüngen sich ins Wasser
+rettete. Die Bucht hat eine Länge von 20, bei einer Breite von 8 Meilen,
+ist tief genug, um selbst die größten Seeschiffe aufzunehmen, und besitzt
+den Vorzug, Trinkwasser wie auch Brennholz liefern zu können. Den Schluß
+der Bai bildet die den Franzosen gehörige _Insel Dessi_, welche ohne große
+Kosten leicht befestigt werden könnte, doch haben die Franzosen es bei der
+einfachen Besitzergreifung bewenden lassen. Sie hat gleichfalls gutes
+Wasser und Weide für etwa 600 Stück Rindvieh, die drei Rheden gewähren
+guten Schutz und können in vortreffliche Häfen umgeschaffen werden. Im
+Jahre 1859, als Agau Negussi Gebieter Tigrié’s und von den Franzosen als
+„_Empereur_“ anerkannt war, gab er die Insel dem französischen Agenten
+Russel und bot ihm außerdem noch die ganze Bai von Adulis an. Dagegen that
+die ottomanische Pforte Einsprache, da sie das ganze Küstenland für sich
+in Anspruch nimmt; indessen wurde darauf keine Rücksicht genommen, und der
+französische Konsul schloß auf der Halbinsel Buri mit den Häuptlingen der
+Hasorta, welchen Dessi gehörte, einen Vertrag. Die Schums (Häuptlinge)
+erklärten, daß sie nie der Pforte, sondern nur der abessinischen Krone
+unterthan gewesen seien. So ward Dessi französisch und bestimmt, der von
+den Engländern besetzten Insel Perim in der Bab-el-Mandeb Konkurrenz zu
+machen.
+
+Am westlichen Ufer, doch eine Stunde vom Meere entfernt, liegen an einem
+breiten, trockenen Strombette die Ruinen der berühmten Stadt _Adulis_,
+Adule, _Zula_ oder Asule. Sie wurde unter Ptolemäus Euergetes gegründet
+und war zur Zeit der Ptolemäer ein blühendes Emporium, dessen Bewohner
+lebhaften Handel, besonders mit Elfenbein, Rhinozeros, Schildpatt, mit
+Affen und Sklaven trieben. Eine zweite Blütezeit erlebte Adulis unter den
+Königen von Axum, für deren Staat es Hafenplatz bildete.
+
+ [Illustration: Hirt mit Fettschwanzschafen. Zeichnung von Robert
+ Kretschmer.]
+
+Als im 6. Jahrhundert hier der Indienfahrer Kosmas landete, fand er das
+_Monumentum adulitanum_, dessen Inschriften über die alte Geographie jener
+Gegenden wichtige Auskunft geben. Jetzt sind von der Stadt nur elende
+Ruinen noch übrig, die zwei Meilen im Umfang haben. Schutthaufen von
+Wohnungen, die alle von kleinen unbehauenen Lavasteinen erbaut waren, in
+der Mitte die Trümmer einer ganz zerfallenen Kirche, dabei Säulenreste und
+Kapitäle, alles ziemlich plump aus Lava gearbeitet und mit Buschwerk
+überwachsen – das ist, was von Adulis übrig blieb. Keine Inschrift, kein
+Relief ist mehr zu sehen, aber die Begräbnißplätze der Muhamedaner haben
+sich zwischen diesen alten christlichen Resten angesiedelt, bei denen der
+Mangel größerer Gebäude nicht auffallen kann, wenn man bedenkt, daß Adulis
+einst dieselbe Rolle spielte, wie heute Massaua, in dem auch alle großen
+Gebäude fehlen.
+
+Hier ist der Ort, einen kurzen Blick auf die Bewohner des Küstenlandes zu
+werfen. Diejenigen der Samhara, des schönen Thales von Modat, in welchem
+die heißen Mineralquellen von Ailet liegen, nennt man zusammenfassend
+_Beduan_. Sie sind gleich den Abessiniern Semiten und reden die
+Tigrésprache. Alle bekennen sich zum Islam, doch vor einem Menschenalter
+waren sie noch Christen, wie es ihre nächsten Nachbarn im Nordwesten, die
+Mensa und Bogos, noch heute – wenigstens dem Namen nach – sind. Sie sind
+alle Nomaden, die besonders Viehzucht treiben und Kameele, Rindvieh,
+Ziegen und Schafe halten. Letztere sind verschieden von den eigentlichen
+abessinischen Schafen; sie kommen vielmehr überein mit dem arabischen oder
+persischen _Fettschwanzschafe_ und zeichnen sich durch einen schwarzen
+Kopf aus.
+
+In der Umgebung des Golfs von Adulis bis zur eigentlichen Grenze
+Abessiniens wohnen Hirtenvölker, die Heuglin unter dem Namen _Schoho_
+zusammenfaßt und zu denen er auch die _Hasorta_ oder Saorto rechnet. Sie
+reden eine eigene Sprache, haben eine eigenthümliche Gesichtsbildung, sind
+blos wilde Hirten, haben keine festen Wohnsitze und treiben keinen
+Ackerbau. Sie bekennen sich der Form nach allerdings zur muhamedanischen
+Religion, kümmern sich im Grunde genommen jedoch wenig darum. Ihre
+Lebensweise ist einfach, ja dürftig, ihr Charakter leidenschaftlich.
+Rüppell sah in Arkiko Schoho, die sich durch einige Eigenthümlichkeiten
+auszeichneten. Ihr Kopfhaar stand rund um den Kopf nach allen Seiten hin
+sechs Zoll weit steif ab und hatte durch die Menge des eingekneteten
+Hammelfettes eine graugelbe Farbe erhalten; mehrere bejahrte Männer hatten
+ihre grauen Bärte ziegelroth gefärbt; andere rochen bis in weite Ferne
+nach Zibethmoschus; dabei gingen sie in ganz zerlumpten Kleidern. Von den
+ihr Gebiet durchziehenden Fremden versuchen die Schohos auf alle mögliche
+Art Geld zu erpressen. So suchten sie Rüppell mehrere Schafe und Milch
+aufzudrängen; glücklicherweise hatten ihn aber seine Reisegefährten
+gewarnt, von ihnen anders als gegen bestimmte Zahlung etwas zu nehmen, da
+solche Schenkungen nur ein Kunstgriff seien, um den zehnfachen Werth dafür
+zu erzwingen. Uneingedenk dieser Warnung kostete er von einer freundlich
+dargebotenen Schale Milch, wofür er einen halben Maria-Theresia-Thaler
+zahlen mußte!
+
+Die Begrüßungsart der Schoho ist das Darreichen der Hand; wenn sie
+ausruhen, nehmen sie eine Stellung an, die man unter den ostafrikanischen
+Negern (z. B. bei den Bari am Weißen Nil, bei den Leuten im Mondlande
+u. s. w.) wiederfindet. Sie setzen nämlich die linke Fußsohle an das
+rechte Knie, biegen dann, indem sie sich mit der Achselhöhle der rechten
+Schulter auf einen Stab stützen, den Körper auf die rechte Seite und
+stehen so oft Viertelstunden lang unbeweglich still, apathisch denselben
+Gegenstand anstarrend.
+
+Folgt man in südöstlicher Richtung der Küste des Rothen Meeres, so trifft
+man abermals auf ein anderes Volk, auf die ohne ein gesetzliches Band, in
+kleinen Familien, ohne politisches Oberhaupt lebenden _Danakil_ (in der
+Einzahl Dankali), welche bei den Arabern Tehmi oder Hetem heißen. Sie sind
+in den Küstenplätzen am Rothen Meere ansässige Fischer und Schiffer, die
+auch mit der gegenüberliegenden arabischen Küste Handel treiben. Obgleich
+sie nur kleine offene Schiffe haben, die hinten und vorn in einen Schnabel
+auslaufen und gewöhnlich nur durch ein viereckiges, aus Matten
+verfertigtes Segel in Bewegung gesetzt werden, so wagten sie sich doch von
+je muthig weit in die See hinaus und waren früher auch zuweilen kühne
+Seeräuber. In vieler Beziehung gleichen sie den Ostabessiniern, doch sind
+sie noch kräftiger und heller als diese, tragen aber deren rothgerändertes
+Umhängetuch und verhüllen sich beim Sprechen damit den Mund; andere
+bekleiden sich mit der dicken abessinischen Leibbinde, die so breit ist,
+daß sie bis fast unter die Arme reicht. Sie tragen lange, krause, von Fett
+triefende Haare, gehen stets bewaffnet mit Lanzen, runden Schilden aus
+Antilopenfell und einem zweischneidigen Säbelmesser, das aus indischem
+Eisen geschmiedet und in einer ledernen Scheide an der rechten Seite
+getragen wird. Die Danakil bekennen sich zum Muhamedanismus; sie werden
+übrigens von Heuglin, der sie in der Umgebung Ed’s kennen lernte, als
+feiges, diebisches Gesindel voll des schamlosesten Eigennutzes, dabei faul
+und mißtrauisch im höchsten Grade, beschrieben. In ihrer Sprache heißen
+sie Afer. Seit alten Zeiten bewohnen sie Ostafrika und beherrschten sogar
+einige Jahrzehnte hindurch unter dem Eroberer Muhamed Granjé ganz
+Abessinien. Jetzt sind die Danakil auf ein verhältnißmäßig kleines Terrain
+zurückgedrängt, von der Halbinsel Buri im Osten der Bai von Adulis bis
+Gubbet-Harab im Süden (11° 30’ nördl. Br.). Ihre Westgrenze bildet der
+Abfall der abessinischen Hochlande und ein Salzwüstenland, das sich längs
+deren Fuß von Norden nach Süden erstreckt und mit der Samhara oder Samher
+theilweise zusammenfällt.
+
+Diese _Samhara_, wie der Araber den schmalen Streifen nennt, welcher
+östlich von den abessinischen Gebirgen zwischen diesen und dem Meere
+verläuft, ist ein höchst interessantes Wüstenland. Dem Gesetze zufolge,
+daß die Wüste überall da, wo es regnet, Wüste zu sein aufhört und Steppe
+zu werden anfängt, sollte auch die Ebene zwischen dem Gebirgswall
+Abessiniens und dem Rothen Meere Steppe sein, weil es dort regnet – allein
+dies ist nicht der Fall. Gerade da, wo man glauben könnte, daß das Wasser
+seinen ewigen Kreislauf ununterbrochen ausführen könne, an diesen Küsten
+nämlich, zeigt sich diese Samhara als Ausnahme, die höchstens als
+Mittelglied zwischen Steppe und Wüste angesehen werden kann. Auf große
+Strecken erinnert sie noch durchaus an die Wüste, nur in wenigen Thälern
+ähnelt sie der Steppe und blos da, wo das Wasser so recht eigentlich
+waltet, beweist sie, daß sie innerhalb des Regengürtels liegt. Aber nicht
+die Lage macht die Samhara zu dem, was sie ist, sondern die
+Beschaffenheit. Sie ist blos eine Fortsetzung des Gebirgsstockes selbst,
+obgleich sie, die Ebene, nur von wenigen und niederen Hügeln unterbrochen
+wird.
+
+Sie gleicht gewissermaßen, wie Brehm treffend bemerkt, dem Schlackenfeld
+am Fuße eines gewaltigen Vulkans. Eine Menge konischer Hügel, zum guten
+Theil aus Lava bestehend, wechselt hier mit schmäleren oder breiteren
+Thälern ab und bildet ein Wirrsal von Niederungen, welche, dem Faden eines
+Netzes vergleichbar, zwischen den Hügeln und Bergen verlaufen. So niedrig
+diese Hügel auch sind, so schroff erheben sie sich, und deshalb verliert
+auf ihnen das Wasser seine Bedeutung; denn so schnell es gekommen, rauscht
+es wieder zur Tiefe hernieder und nur in der Mitte des Thales gewinnt es
+Zeit, das Erdreich zu tränken und ihm die Feuchtigkeit zu gewähren, welche
+zum Gedeihen der unter einer scheitelrecht strahlenden Sonne so
+wasserbedürftigen Pflanzen unerläßlich ist. Hier nun macht sich auch
+gleich ein reiches Leben bemerkbar. An den schwarzen Bergen klettern die
+Mimosen, so zu sagen, mühsam empor; an den schroffen Wänden finden sie
+kaum Nahrung genug zu ihrem Bestehen und können sich deshalb nur zu
+dürftigen Gesträuchen entwickeln. Nur in wenigen Niederungen, die
+zeitweilig von Regenbächen durchströmt sind, findet man dunkelgrüne
+Euphorbienbüsche, zu denen sich in noch besseren Lagen Tamarisken,
+Christusdorn, Balsamsträuche, Asklepiasbüsche, Capparis, Stapelien,
+Ricinus gesellen, während der Cissus überall an den Sträuchern
+umherklettert und reiche Guirlanden bildet. Hier erhält man einen
+Vorgeschmack jener reichen Natur, die im Gebirge herrscht, wo die Pracht
+der Tropen mit den Schönheiten der Bergwelt sich vereinigt, wo immer neue
+Zauberbilder vor dem Auge auftauchen und sich das Schatzkästlein ganz
+Afrika’s eröffnet. Dort im Westen winkt uns der hohe Gebirgswall des
+afrikanischen Alpenlandes, nach dem wir nun unsere Schritte lenken.
+
+Massaua ist für die weißen Europäer die natürliche Eingangspforte nach
+Abessinien. Gewöhnlich schließen sie sich einer heimkehrenden _Kaflé_ an,
+die immer mehr Sicherheit darbietet, als wenn der Reisende allein oder nur
+mit geringer Begleitung in das Innere einzudringen versucht. Bei den
+gesetzlosen Zuständen des Landes, den fast stets stattfindenden
+Bürgerkriegen, der Plünderung und Verheerung, ist ein Reisen in Abessinien
+außerordentlich gefährlich, und nur die Karawanen gewähren einige
+Sicherheit, wenn sie auch starken Erpressungen, Zollabgaben und den
+verschiedensten Plackereien ausgesetzt sind.
+
+Als Lastthiere werden auf den steilen und schwer zugänglichen Wegen
+vorzüglich Maulthiere verwendet. Das Verpacken der Effekten nimmt viel
+Zeit in Anspruch, da selbige in gleich große und wo möglich gleich schwere
+Ballen zusammengeschnürt werden müssen. Eine große Anzahl Diener und
+Treiber ist deshalb nöthig, um das Gras für die Thiere, Holz und Wasser
+für die Reisenden herbeizuschaffen, ferner um das Gepäck jedesmal durch
+gehöriges Zusammenlegen gegen den Regen zu schützen und des Nachts gegen
+die Räuber und Raubthiere Wache zu halten. Die Karawane z. B., mit welcher
+Rüppell reiste, bestand aus 40 Kameelen, ebenso viel Maulthieren und über
+200 Menschen. Man stelle sich vor, was diese allein an Wasser und
+Lebensmitteln in den unwegsamen Gebirgen brauchten, und man wird die
+Schwierigkeit, nach Abessinien einzudringen, schon hiernach beurtheilen
+können.
+
+ [Illustration: Landschaftscharakter am Abfall der ostabessinischen
+ Gebirge. Zeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Nur die angesehensten Reisemitglieder reiten; alle anderen gehen zu Fuß.
+Jedes Mitglied der Gesellschaft ist bewaffnet; entweder mit einem langen
+krummen Säbelmesser, das stets an der rechten Seite getragen wird, oder
+mit einem Speer und runden Schilde. In neuerer Zeit sind die Gewehre mehr
+in Aufnahme gekommen. Viele tragen außerdem noch kleine, aus Rohr
+geflochtene Sonnenschirme, die äußerst nützlich sind, wenn man nach
+abessinischer Sitte keine Kopfbedeckung trägt. Am Abend macht die Karawane
+gewöhnlich unter einigen Bäumen in der Nähe von Brunnen Halt. Es ist kein
+leichtes Stück Arbeit, nach Abessinien einzudringen, wer es aber erreicht,
+der findet in der Natur auch Belohnung für seine Mühe, wenn auch die
+Menschen, welche jenes Paradies bewohnen, ihm desselben nicht werth
+erscheinen. Steigen auch wir nun hinauf in die Hochlande.
+
+Hinter uns liegt der ungesunde Küstensaum und die Samhara, die wir in
+wenigen Tagemärschen durchschritten, vor uns aber, am westlichen Rande
+derselben, steigt jäh in einer Höhe von durchschnittlich 8000 Fuß das
+_Taranta-Gebirge_, der natürliche östliche Grenzwall Abessiniens an, über
+dem zackige Gipfel in die Höhe starren. Im Lichte der südlichen Sonne
+spielt es in den prächtigsten Farben, die uns in Entzücken versetzen; ein
+ewiger Wechsel von Licht und Schatten, Helle und Dunkel ist bemerkbar. Es
+wird Einem wohler in der Seele, wenn man dem Gebirge näher und näher
+kommt; man treibt das Maulthier zu schnellerem Laufe an, um bald die Luft
+der Gebirgsthäler genießen zu können. Die Pässe und Saumwege sind häufig
+so eng, daß nur ein Lastthier hinter dem andern zu gehen vermag; stürzt
+eines, so versperrt es den Weg und die Karawane muß Halt machen. Der am
+meisten begangene Paß ist jener von Halai, durch den zur Regenzeit ein
+wild angeschwollenes Gebirgswasser dem Rothen Meere zustürzt. Schroffe
+Bergmassen, welche aus senkrechten Schichten von Schiefer bestehen,
+begrenzen den Weg. Das Ganze macht den Eindruck einer wilden Einöde:
+Bergwände mit fast ganz nacktem Gestein ohne frischen Graswuchs erheben
+sich zu beiden Seiten, während die Thalniederung nur hier und da
+Baumgruppen zeigt. In Zickzacklinien führt der Weg weiter; es treten nun
+verschiedene Pflanzen auf: man bemerkt die ersten Tamarisken, dann die
+Kronleuchter-Euphorbien (Kolqual), die mit der Höhe des Gebirges an
+Häufigkeit zunehmen und äußerst charakteristisch sind; vorherrschend ist
+jedoch die Mimose. Jetzt sind wir oben in der erfrischenden Bergeshöhe; in
+der Nacht ist kalter Tau gefallen und der kühle Wind streicht über die
+Gipfel, von denen wir noch einen Blick rückwärts auf das Rothe Meer –
+gleichsam zum Abschied – werfen. Der nächste Fluß senkt sich schon
+westlich ab – er gehört zum Gebiete des Nil. Abessiniens Grenze, die
+allerdings nicht so scharf gezogen erscheint, wie die Grenze eines
+europäischen Staates, ist überschritten und das Dorf _Halai_, das erste
+des Landes, ist erreicht. Es schmiegt sich terrassenförmig erbaut an die
+Kuppe eines Hügels an; die Wohnungen sind kaum mannshoch und mit flachen
+Dächern versehen. Diese haben einen bodenlosen Topf in der Mitte, durch
+welchen das Tageslicht in die Hütte dringt und der Rauch hinauszieht.
+
+Diese Töpfe – Schornsteine kann man sie nicht nennen – werden mit einem
+Steine bedeckt, wodurch dann, da die Hütte außer einer kleinen Thür keine
+andere Oeffnung hat, das Innere derselben ganz finster wird. Wir treten
+ein, um einen Vorgeschmack abessinischer Behausungen zu erhalten. Um ein
+nie verlöschendes Feuer gekauert, dessen Rauch nur mühsam Abzug findet und
+die Wände mit dickem Ruß überzieht, lagern die halbnackten Insassen, zu
+denen sich Ziegen, Schafe und Esel gesellt haben, welche in einer Ecke des
+Gemachs Unterkunft fanden. Ermüdet werfen wir uns auf eine der mit
+Ledergeflecht überzogenen Ruhebänke, reiben die thränenden Augen, welche
+von dem beißenden Qualm zu leiden haben, und gedenken uns durch einen
+Schlaf von der anstrengenden Gebirgswanderung zu erholen – aber auch
+dieser wird uns verleidet, denn aus den Rohrmatten, die auf der Ruhebank
+liegen, stürzen blutgierig Hunderte von Flöhen über uns her, denen
+europäisches Blut ein ganz besonderer Genuß zu sein scheint. Wir möchten
+hinaus ins Freie – aber auch das ist uns benommen, denn strömender Regen
+gießt auf die Erde herab, und wir sind gezwungen, in dem ekelhaften
+Quartier auszuhalten.
+
+So gestaltet sich das Vordringen nach Abessinien von der Seite des Rothen
+Meeres her. Anders und mit noch größeren Schwierigkeiten gelangt man längs
+dem Nil oder längs dessen Zuflüssen in die Hochlande. Hier ist der
+Reisende genöthigt, bis nach der Metropole des östlichen Sudan, Chartum am
+Zusammenflusse des Weißen und Blauen Nil, vorzudringen. Von hier aus kann
+er entweder am Blauen Fluß stromaufwärts bis nach der zerfallenen Stadt
+Sennar reisen und dann nach dem östlich liegenden Sklaven- und Gummimarkte
+_El Gedaref_ ziehen, oder er verläßt den Blauen Nil schon früher bei
+Abu-Haras und gelangt durch das Gebiet der Schukerié-Araber nach dem
+genannten Marktplatze. Von hier aus geht nun in südöstlicher Richtung die
+vielbesuchte Karawanenstraße am Elephantengebirge oder Ras el Fil vorbei
+in die Negerrepublik _Galabat_. Dieser merkwürdige Grenzstaat, der von
+sehr fleißigen Schwarzen – Takruri – bewohnt wird, die aus Darfur und
+Wadaï stammen und auf den Mekka-Wallfahrten hier sitzen blieben, hat sich
+unter einem Oberhaupte – Schum – eine Art von Selbständigkeit zu bewahren
+gewußt, die er allerdings durch gleichzeitige Abgaben an Aegypten und
+Abessinien theuer erkauft. Die Hauptstadt Metemmé ist ein bedeutender
+Marktort, unfern vom Atbara. Auch haben die Baseler Missionäre hier eine
+Station errichtet, die indessen ganz erfolglos blieb.
+
+Metemmé, nur wenige Meilen von der abessinischen Grenze gelegen, ist in
+der letzten Zeit ungemein häufig von europäischen Reisenden besucht
+worden, so von Baker, Schweinfurth, Graf Krockow, v. Heuglin. Das
+Hinaufsteigen in die Hochlande ist hier nicht sehr schwierig, keinenfalls
+so mühevoll wie von Massaua aus. Auch wir wollen hier in das Land
+eindringen und zwar unter der Führung _G. Lejean’s_, eines französischen
+Reisenden, der sich um die Wissenschaft schon bedeutende Verdienste
+erworben hat.
+
+
+
+
+
+ [Illustration: G. Lejean.]
+
+
+
+
+
+ G. LEJEAN’S REISE DURCH ABESSINIEN.
+
+
+ Metemmé. – Der Markt Wochni. – Grenzwächter. – Eine abessinische
+ Festung. – Eine deutsche Familie. – Das Land am Tanasee. –
+ Schnapphähne. – Missionsstation Gafat. – Gefangennahme Lejean’s
+ durch König Theodor. – Theodors Löwen. – Gondar und seine Bauten.
+ – Wasserfall des Reb. – In einem Kloster. – Besuch in Korata. –
+ Binsenflöße. – Der Tanasee. – Besteigung des hohen Guna. – Fünf
+ Frauengenerationen. – Befreiung. – Hochebene Woggara. –
+ Lamalmonpaß. – Reise durch Tigrié nach Massaua.
+
+
+Guillaume Lejean ist ein vortrefflicher Mann. Er verbindet mit der
+Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit echt französischen Wesens eine deutsche
+Gründlichkeit. Dabei ist er kühn, praktisch und vor keiner Gefahr
+zurückschreckend. Diese hervorragenden Eigenschaften machten ihn zum
+Forschungsreisenden besonders geeignet, wozu noch sein offizieller
+Charakter als französischer Konsul ihm mancherlei Erleichterungen
+verschaffte. Bekannter wurde er zuerst durch eine Abhandlung über die
+verwickelte Ethnographie der europäischen Türkei, die er nach allen Seiten
+hin bereist hatte. Als die große Zeit der Nilquellenentdeckungen war und
+Speke, Grant, Baker ihre Erfolge errangen, beschloß auch Lejean sein Theil
+zur Lösung des Problems beizutragen; er ging den Weißen Nil hinauf,
+untersuchte dessen Nebenfluß, den Gazellenstrom, und kam bis Gondokoro.
+Hier warf ihn jedoch das klimatische Fieber dergestalt nieder, daß er
+umkehren mußte. Nun wandte er sich nach Nubien, besuchte Kassala, eine der
+bedeutendsten Städte im östlichen Sudan, und durchstreifte die
+Bogosländer. Von der französischen Regierung zum Konsul in Massaua ernannt
+und mit einer Mission an den König Theodor von Abessinien betraut, ging er
+abermals nach dem Sudan. Im Dezember 1862 finden wir ihn dann zu Metemmé
+in Galabat, um weiter nach Abessinien vorzudringen. Von hier ab lassen wir
+ihn seine an persönlichen Abenteuern reiche Reise auszugsweise selbst
+erzählen.
+
+Von dem deutschen Missionär _Eperlein_, einem Badenser, wurde ich sehr
+freundlich aufgenommen. Bei ihm befand sich ein junger Engländer, Namens
+_Dufton_, der, gleichfalls vom Missionseifer getrieben, aus freien Stücken
+sich hierher begeben hatte, um ein Noviziat durchzumachen und dann als
+Glaubensbote weiter zu ziehen. Er war ein gutes Exemplar jenes frostigen
+Enthusiasmus, welcher seine Landsleute in religiösen Dingen auszeichnet
+und zu so originellen Thaten treibt. Obgleich er als der Sohn eines
+reichen Fabrikanten in Leeds gemüthlich zu Hause hätte leben können,
+beschloß er dennoch, gleich Krapf oder Livingstone Missionsreisen
+anzutreten. Nur mit acht Guineen in der Tasche wanderte er nach Schwaben,
+wo ihm Krapf anrieth, die Galla zum Christenthum zu bekehren. Er ging dann
+nach Aegypten, den Nil aufwärts nach Chartum, lud dort sein winziges
+Gepäck auf einen Esel, den er vor sich hertrieb, erlitt in Gedaref einen
+heftigen Fieberanfall und langte mit drei Thalern in der Tasche in Metemmé
+an. Ich schlug ihm vor, sich meiner kleinen Karawane anzuschließen; er
+würde so als mein Sekretär angesehen werden und ohne Schwierigkeit die
+abessinische Grenze passiren können. Gern ging er auf meinen Vorschlag
+ein, und ich gewann einen tüchtigen, sehr gebildeten Reisegefährten,
+welcher sich in schwierigen Lagen voller Muthes erzeigte.
+
+Auf dem wohlversorgten Markte von Metemmé kaufte ich zwei abessinische
+Maulesel, zu 9 Thaler das Stück, und miethete außerdem ein Kameel, welches
+mein Gepäck bis Wochni bringen sollte, wo die steilen Bergabfälle beginnen
+und Lastesel an die Stelle des Schiffs der Wüste treten. Nach viertägigem
+Aufenthalt in Metemmé sagten wir endlich dem braven Eperlein Lebewohl,
+traten die Reise nach Abessinien an und gelangten zunächst in einen
+dichten Wald, der sich drei Tagereisen weit bis an den Fluß _Gandova_
+(Nebenfluß des Atbara) hin erstreckt. Dies ist der Grenzstreifen oder
+Border, wie man in Schottland sagen würde, der von den Aegyptern und
+Abessiniern als neutrales Land betrachtet wird, den aber beide Theile
+schon häufig mit ihrem Blute getränkt haben. Am dritten Tage passirte ich
+die noch stark angeschwollene Gandova, an der Stelle, wo die kleine Insel
+_Kaokib_ den Karawanen den Durchgang erleichtert; mitten auf derselben
+erhebt sich ein prachtvoller Tamarindenbaum, welcher die Reisenden zur
+Rast in seinem kühlen Schatten auffordert.
+
+Gegen Abend gelangten wir an die erste jener stufenförmigen Terrassen,
+welche ringsum fast ganz Abessinien begrenzen. Wir erklommen sie mit
+einiger Schwierigkeit und fanden auf dem Gipfel ein schönes Plateau, auf
+welchem man gerade das dürre Gras und Kraut behufs der Bestellung der
+Felder abbrannte. Hier wurde das Nachtlager aufgeschlagen, das Gepäck
+abgeladen, schnell zu Abend gegessen und der müde Körper auf dem Boden zum
+Schlafe ausgestreckt. Wir hatten nur kurze Zeit geruht, als sich ein
+wüster Lärm erhob; die Maulthiere begannen auszuschlagen und eins
+derselben riß sich los. Unser Diener schoß aufs Gerathewohl in die
+Finsterniß hinein. Wahrscheinlich hatte eine freche Hyäne einen Ueberfall
+versucht, war dabei aber gestört worden. Das freigewordene Maulthier lief
+nach Metemmé zurück, wo es mit einem tiefen Biß in der Weiche bei Eperlein
+ankam.
+
+Schnell erhoben wir uns beim Morgengrauen von diesem unangenehmen Orte und
+gelangten nach vierstündigem Marsche in _Wochni_, dem ersten abessinischen
+Orte an, der wegen seines Wochenmarktes, wo die Baumwolle von Gallabat und
+Sennar verkauft wird, berühmt ist. (Abbildung siehe S. 85.) Ein für
+allemal muß ich hier bemerken, daß wir wegen unserer europäischen Kleidung
+oder wegen unseres fremdartigen Aussehens von den Eingeborenen keineswegs
+belästigt wurden.
+
+Wochni liegt tief in einem dunklen feuchten Walde. Hierher kommen die
+südlichen Gallastämme und Leute aus Tigrié, um Goldstaub und Elfenbein
+gegen Pulver, Tuch und Leinen einzutauschen; die Beduinen aus Ostsudan
+bringen ihre Pferde und aus Chartum langt Salz an, das in dem Reiche des
+Negus als Geld unentbehrlich ist. Die Wohnungen bestehen aus runden Hütten
+mit kegelförmigem Dache; außer Teppichen und Decken, welche als Divan
+dienen, sind darin keine Möbeln vorhanden.
+
+Wir lagerten uns unter einem Baum, und unser Führer ging, um den
+_Nagadras_ oder Zollwächter aufzusuchen. Unterdessen blätterte ich in
+einem illustrirten Buche, während Dufton die hohe steile Basaltterrasse
+des Maschelagebirges zeichnete, die sich nördlich von Wochni mit
+senkrechten Rändern 1800 Fuß hoch erhebt. Neugierig, doch ohne uns gerade
+zu belästigen, kamen die Leute des Ortes heran. Ein junges Mädchen fragte
+mich, ob ich ein Christ sei, und als ich ihre Frage bejahte, zeigte sie
+mir ihre blaue seidene Halsschnur und forschte dann weiter, ob ich auch
+die Denghel Mariam verehre? „Ja wohl, die _Jungfrau Maria_, die Mutter
+Christi!“ lautete meine Antwort. Nichts kommt der Verehrung gleich, mit
+welcher die Abessinier der Mutter Maria ergeben sind; hierin liegt einer
+der zahlreichen Punkte, in welchen die Religion der Abessinier mit jener
+der romanischen Völker übereinstimmt. Die deutschen und englischen
+Missionäre mit ihrer kalten und schwerfälligen Logik haben
+ungeschickterweise gegen dieses Nationalgefühl, eine der schönsten Formen
+des Frauenkultus, geeifert und aus diesem Grunde, glaube ich, sind auch
+alle ihre Missionsbestrebungen erfolglos geblieben.
+
+Der Nagadras kam an. Nach einigem Wortwechsel bedeutete er uns, daß er
+über unsere Zulassung in das Reich erst mit dem _Bel-Amba-Ras Gilmo_, dem
+Markgrafen oder Grenzwächter der vier Grenzprovinzen Tschelga, Sarago,
+Dagossa und Ermetschoho unterhandeln müsse. Bel-Amba-Ras Gilmo bestellte
+uns nach seinem Aufenthaltsort, dem Dorfe Kamauchela, welches auf dem
+Gipfel eines steilen, fast unzugänglichen Berges liegt, einer Amba, wie
+derselbe in Abessinien genannt wird. Vier Tage brachten wir noch in Wochni
+zu, worauf wir dann auf Gilmo’s Befehl, geführt von einem Diener des
+Zollwächters, nach Tschelga aufbrachen.
+
+ [Illustration: _Oenanthus multiflorus_. Nach Lejean.]
+
+Der Weg führt durch das Bel-Wocha-Thal, das der Kolla Abessiniens
+angehört. An einzelnen Stellen zeigt dasselbe einen breiten Bambusgürtel,
+der über die Hügel sich hinzieht und fast alle übrige Baum- und
+Strauchvegetation erdrückt hat. Andere Stellen zeigen prächtigen
+Blumenflor. Weiße Schwertwurz (_Gladiolus_) und Asphodelusarten, Muscari,
+Arum und düster erscheinende Takka; im Grase steht häufig die Kämpferia,
+deren breite gelbe Blüte sich mitten zwischen vier großen, platt auf der
+Erde liegenden, hellgrünen, rothgesäumten Blättern, die in einigen
+Gegenden als Salat genossen werden, erhebt. Dazu gesellen sich Orchideen,
+großblütige Amaryllis und Haemanthus mit scharlachrothen Blütenknöpfen.
+Prächtig leuchtet vor allen andern Pflanzen der _Oenanthus multiflorus_
+uns entgegen. Ueber Gestrüpp und Gestein führt in Zickzacklinien an
+steilem Gehänge fort durch enge Tiefthäler der Weg aufwärts; dann folgt
+eine Ebene, von der man zum ersten Male einen weiten Blick in das
+gesegnete Land Abessinien hat. Von hier aus genießt man eine herrliche
+Aussicht auf die Ebene von Tschelga und Dembea, auf den weiten Spiegel des
+Tanasees mit seinen Inseln und die hohen Berge jenseit desselben, die Guna
+und südöstlich auf die Alpen Godschams.
+
+Unter strömendem Regen langten wir in _Tschelga_ an, und dort wollten die
+ungastlichen Eingeborenen, da wir keinen _Mursal_ oder Paß besaßen, uns
+zwingen, unter einem Baume zu kampiren, bis unsere Angelegenheit geordnet
+sei. Ich miethete jedoch zu dem mäßigen Preise von einem Stück Salz
+täglich ein Haus, das zu beziehen unser Führer, der Diener des Nagadras,
+uns jedoch verhindern wollte. Dufton, hierüber aufgebracht, stellte sich
+in nationale Boxerposition und schrie den Diener an: „Also du willst uns
+auch ein trockenes Obdach verwehren? Piff, paff, da hast du eins!“ Nun
+drehte sich der Diener im Kreise, aber ein baumstarker Abessinier hielt
+Dufton fest, und die Lokalpolizei intervenirte. Nach langem Streiten
+erreichten wir dennoch unsern Zweck fürs erste: ein schützendes Gemach.
+
+Ich will die Leser nicht damit langweilen, wie der Bel-Amba-Ras uns volle
+19 Tage in Tschelga aufhielt, unter dem Vorwande, erst Befehle vom Negus
+Theodor einholen zu müssen. Ich argwöhne nur, daß er mich für einen
+Missionär hielt und auspressen wollte. Zuletzt ungeduldig geworden,
+beschloß ich, ihn in seiner luftigen Felsenfestung aufzusuchen. Gefolgt
+von Dufton, einem Takruri-Dolmetscher und einem Soldaten, der uns als
+Wache beigegeben war, machte ich mich nach der Amba auf den Weg, die
+nordnordöstlich von Tschelga liegt. Am ersten Abend schliefen wir, vier
+Stunden von der Stadt entfernt, in einem muhamedanischen Dorfe, dessen
+Einwohner in dem christlichen Abessinien dieselbe gedrückte Stellung
+einnehmen, wie die Christen in der muhamedanischen Türkei. Mit dem
+Morgengrauen brachen wir wieder auf und erklommen eine Terrasse, von der
+aus wir den ersten Blick auf die Amba werfen konnten. Vor Verwunderung
+über das herrliche Naturgebilde standen wir beide ganz überrascht still.
+Man stelle sich am Ende einer mit grünenden Hügeln überzogenen Terrasse
+einen jäh und steil abfallenden Felsenberg von 700 bis 800 Fuß Höhe vor,
+also doppelt so hoch als unsere höchsten Thürme und fast ebenso gerade
+aufschießend wie diese, begrenzt von den bewaldeten Thälern, die sich nach
+dem Goang, wie man hier den Atbara nennt, hinziehen. Ein Felsen, der in
+eine Plattform endigt, etwa von der Größe der Place de la Concorde in
+Paris, und der weit und breit die umliegende Ebene beherrscht, verbindet
+sich wie eine Art von Vorwerk mit der Festung. Ein Felsgrat, so eng, daß
+zwei Personen nebeneinander ihn nicht passiren können, führt zu dieser,
+und der Fußgänger, welcher auf ihm hingeht, hat keinerlei Schutz zur
+Seite, welcher seinen Fall in den gähnenden Schlund rechts oder links
+verhinderte. In diesem wilden Gibraltar wohnte der abessinische
+Feudalherr, dessen kleiner pomphafter Hof lebhaft an die merovingischen
+Herzöge zur Zeit Gregor’s von Tours erinnert. Doch war es hier nicht das
+erste Mal, daß ich jene Sitten noch in voller Ausübung fand, welche in
+meinem Vaterlande vor acht oder zehn Jahrhunderten herrschten, und manche
+dunklen Verhältnisse unsrer Geschichte wurden mir erst durch den
+Augenschein im heutigen Abessinien klar vor Augen geführt.
+
+Wir schritten ohne Zögern die schwindlige Brücke entlang, die jener
+gleicht, welche in den muhamedanischen Legenden aus dem Paradiese in die
+Hölle führt, und nachdem wir ein Thor erreicht hatten, das von halb
+entblößten Lanzenträgern bewacht war, kletterten wir langsam einen
+abschüssigen Abhang hinan, passirten ein zweites Thor und standen nun auf
+einer Plattform, wo uns Gilmo’s Leute in eine Art Wartesaal führten, indem
+sie uns bedeuteten, daß der Bel-Amba-Ras gerade mit einem Botschafter des
+Negus verhandle, daß wir aber nach dessen Abfertigung sofort eingelassen
+werden sollten.
+
+Nach Verlauf von zwei Stunden führte man uns in einen weiten, mit Dienern,
+Vasallen und Leibwächtern angefüllten Raum, in welchem der
+Festungskommandant auf einer Alga ruhte. Seine dunkeln Gesichtszüge
+zeigten zur Genüge an, daß er von Ursprung ein Gamante (vergl. S. 88) sei,
+welches Volk in diesen Grenzprovinzen sehr zahlreich wohnt und die großen
+Sykomoren verehrt. Er hielt eine „Berille“, weitbauchige Flasche von
+antiker Form mit langem Halse in der Hand und war schon angetrunken. Uns
+zutrinkend wünschte er nichts sehnlicher, als uns in den gleichen Zustand
+versetzt zu sehen. Ich trug ihm meine Bitte vor, das Weihnachtsfest bei
+meinen „europäischen Brüdern“ in Dschenda zubringen zu dürfen. So nannte
+ich nämlich die dort wohnenden Missionäre, von denen ich in der Folge
+manche Unterstützung zu erhalten hoffte, und mit großer Genugthuung
+vernahm ich alsdann seinen Ausspruch: „Etsche! Ich willige ein“. Durch
+diesen guten Anfang kühner gemacht, bat ich ihn um die Erlaubniß, seine
+Festung abzeichnen zu dürfen, die ich für ein Weltwunder erklärte. Er
+wurde ernst und sagte: „Hast du in unserm Lande etwas verloren? Hat man
+dich bestohlen? Sprich, und ich will dir Gerechtigkeit widerfahren
+lassen!“ Nichts dergleichen, antwortete ich. „Dann“, nahm er das Wort,
+„hast du auch nichts zu verlangen, und aus welchem Grunde willst du diesen
+Ort „abschreiben“, um dich später seiner zu erinnern?“ Sein Mißtrauen lag
+klar auf der Hand, ich schwieg weislich still und nahm dankend Abschied.
+Kaum in mein Quartier zurückgekehrt, erhielt ich vom Bel-Amba-Ras einen
+Hammel, einen Krug mit Honigwein, sowie Brot zugeschickt und hielt mit
+Dufton eine köstliche Mahlzeit. So war die Audienz gut abgelaufen und wir
+kehrten nach Tschelga zurück, um uns zur Abreise vorzubereiten.
+
+Vor uns leuchtete der herrliche _Tanasee_, wie ein von Smaragden
+eingefaßter Saphir. Er ist ein großes vulkanisches Becken von
+außerordentlicher Tiefe, auf dem die Stürme heftig hausen. Zwanzig Ströme
+und Bäche speisen ihn, führen aber auch zur Zeit der Sommerregengüsse ihm
+große Mengen von Schlamm zu und ändern dadurch stets seine Grenzen.
+Reizende Inseln, auf welchen Kirchen und Klöster sich im Grün der Bäume
+verstecken, unterbrechen anmuthig seine Fläche und verleihen dem
+lieblichen Bilde Abwechselung.
+
+Die Reise von Tschelga nach Dschenda wurde in drei Stunden ohne
+bemerkenswerthen Vorfall zurückgelegt. Eine halbe Stunde hinter Tschelga
+passirten wir den _Goang_, welcher an seiner nahen Quelle, dem Gesetze
+aller abessinischen Ströme folgend, eine Spirale um den Berg Anker
+herumzieht. Die Braunkohlen, auf welche 1855 bereits Krapf aufmerksam
+machte, wurden auch von mir in dieser Gegend gesehen. Später ließ König
+Theodor diese Lager durchforschen, um seine Werkstätten in Gafat damit
+versehen zu können. In _Dschenda_ wurde ich von einem großen jungen Manne
+empfangen, der mit der abessinischen Schama, türkischen Pantoffeln und
+einer europäischen Mütze bekleidet erschien. Es war der deutsche Missionär
+_Martin Flad_, welcher sich mit der Bekehrung der in dieser Gegend sehr
+zahlreichen Juden befassen darf. Er stellte uns seine Frau vor, welche
+Diakonissin im Institute des Bischofs Gobat zu Jerusalem gewesen war.
+Diese deutsche Familie erschien mir in jeder Beziehung musterhaft und
+außerordentlich gastfrei, ein Lob, das ihr alle jene Reisenden ertheilen
+müssen, welche auf dem Wege über Dschenda nach Abessinien eindrangen. Ich
+blieb vier Tage in Dschenda und unterhielt mich mit Flad viel über den
+König Theodor II., der ihm große Gunst bezeugte und ihn ganz anders
+behandelte als seine Kollegen Stern und Rosenthal (Flad gehörte jedoch
+sammt seiner Frau auch zu den Gefangenen in Magdala). Er erzählte mir, daß
+vor der Thronbesteigung Theodor’s in Dschenda kein Markttag verging, ohne
+daß einige Mordthaten vorkamen, daß aber unter der neuen kräftigen
+Regierung dieselben fast ganz aufgehört hätten.
+
+Am 1. Januar 1863, nachdem ich meinem liebenswürdigen Wirthe ein
+glückliches neues Jahr gewünscht, verließ ich ihn und seine drei Kollegen
+Steiger, Brandeis und Cornelius, um nach Debra Tabor zum Negus Theodorus
+II. zu reisen. Wir durchzogen eine weite, fruchtbare, von vielen Bächen
+durchschnittene Ebene, in der zahlreiche Dorfschaften zwischen
+Getreidefeldern und Gärten mit rothem Pfeffer zerstreut lagen. Hier ist
+das Eden Abessiniens, die Provinz Dembea mit der Hauptstadt Gondar, der
+reichste und am besten bebaute Boden des ganzen Kaiserstaates. Ich
+passirte die Nordostecke des Tana-Sees und gelangte in die schöne Ebene
+_Arno-Garno_, wie sie nach dem vorzüglichsten, sie durchschneidenden
+Flusse heißt. Mir zur Rechten lag der glänzende Spiegel des Sees, zur
+Linken eine hohe Reihe Berge, die in der Amba Mariam, dem Marienberge, bei
+Emfras ihren malerischesten Gipfel zeigten. Anderthalb Meilen von Emfras
+erhebt sich auf einem Hügel am Ufer des Arno ein unter der Regierung des
+Negus Fasilides von den Portugiesen erbautes Schloß _Qusara Giorgis_,
+dessen malerische Ruinen in diesem Lande der Strohhütten plötzlich eine
+ganz europäische Staffage hervorzaubern, sodaß man eine alte Burg am Rhein
+vor sich zu sehen glaubt.
+
+ [Illustration: Der Tanasee bei Sturm. Zeichnung von Lejean.]
+
+Zwei tüchtige Stunden jenseit des Arno führt der Weg durch das wilde und
+meist unfruchtbare Hügelland von _Tisba_, das nichtsdestoweniger stark
+bevölkert ist; jetzt sind die Einwohner friedliche Leute, vor nicht zu
+langer Zeit waren sie jedoch räuberisches Gesindel; aber König Theodor II.
+hat ihnen die Lust zum Straßenraube benommen. Als er 1855 den Thron
+bestieg, erließ er eine Proklamation, in welcher er sagte, daß Jedermann
+wieder zu der Beschäftigung seiner Väter zurückkehren möge; der Soldat zum
+Pflug, der Kaufmann zu seinen Waarenballen. Die Leute von Tisba, welchen
+dieser Befehl mißfiel, kamen remonstrirend und bis an die Zähne bewaffnet
+in das Lager des Königs. „Lang lebe Se. Majestät! riefen sie aus. Wir
+erscheinen hier nur, um besondere Erlaubniß zu erhalten, zum Geschäfte
+unserer Väter zurückkehren zu dürfen!“
+
+„Und was war dies für ein Geschäft?“
+
+„Schnapphähne und Straßenräuber waren alle, Väter und Kinder.“
+
+„Wollt ihr nicht lieber“, antwortete ihnen der Negus, „friedliche Bürger
+werden? Ich will euch die Mittel dazu an die Hand geben. Das Vergangene
+ist euch verziehen; ihr erhaltet Grund und Boden, das nöthige Vieh und
+Ackerpflüge. Nehmt ihr dieses an?“
+
+„Niemals! Wir berufen uns auf das Edikt...“
+
+„Das ist euer letztes Wort?“
+
+„Ja wohl!“
+
+„Gut; kehrt heim.“
+
+Vergnügt reisten die Schnapphähne nach Tisba zurück, indem sie den Negus
+eingeschüchtert zu haben glaubten. Doch sie kannten diesen Mann noch
+nicht. Kaum waren sie zurückgekehrt, als ein berittenes Corps in Tisba
+anlangte, dessen Kommandant folgendermaßen zu ihnen sprach: „Meine Lieben!
+Es ist möglich, daß euch der Kaiser Lalibela die Erlaubniß gab,
+Straßenraub zu treiben, aber Kaiser Claudius, der gleichfalls heilig
+gesprochen wurde, hat die Gensdarmerie (Neftenja) autorisirt, alle
+Strauchdiebe niederzumachen. Neftenjas, gebt Feuer!“
+
+Die Ueberlebenden nahmen sich die ihnen ertheilte Lektion aufrichtig zu
+Herzen, und die Leute von Tisba, die heutzutage die Felder bebauen, sind
+ganz brave Menschen geworden.
+
+Von Tisba an steigt der Pfad längs den östlichen Vorbergen an und wird
+dann eben bis zu dem Marktflecken _Eifag_ an der Kirche _Bada_ oder Bata
+(d. h. Empfängniß). Jene ganze Gegend war einst berühmt wegen der vor
+Alters eingeführten Weinkultur, die allerdings jetzt gänzlich
+darniederliegt. Eifag ist keine eigentliche Stadt, sondern besteht aus
+vielen zerstreuten Dörfern und Kirchen. Um die Kirche Bada zieht sich ein
+prächtiger Juniperus-Hain. Der Marktplatz ist sehr ausgedehnt; der
+Nagadras (Zollbeamte) erhebt von jeder Waare hier eine gewisse Abgabe. An
+jedem Mittwoch versammeln sich an diesem wichtigen Stapelplatze, von dem
+aus der Handel zwischen dem Süden und Norden Abessiniens von Godscham bis
+Massaua vermittelt wird, die Händler von weit und breit mit Vieh, Tabak,
+Kaffee, Baumwolle, Baumwollenstoffen, Glasperlen, Wachs, Salz, Honig,
+Häuten, Hülsenfrüchten, Getreide, Butter, Schwefel, Salpeter, Honigwein
+und Bier.
+
+In Eifag hatte ich eine herrliche Aussicht auf die schöne Ebene von
+Fogara, welche sich bis an den Berg Dungurs erstreckt. Der östliche Theil
+derselben ist durchaus flach und wird vom Hirtenvolke der Sellan
+durchschweift. Im Westen dagegen steigt das Terrain an, dort erheben sich,
+bewaldet, mit Dörfern und Kirchen besäet, die Berge von Begemeder. Nach
+dreistündigem Marsche langen wir am _Flusse Reb_ an, den wir auf einer
+immer mehr zerfallenden Brücke von sieben Bogen passiren, deren Bau noch
+unter dem Kaiser Fasilides vor mehr als 200 Jahren stattfand. Die Pfeiler
+haben dem Zahne der Zeit gut widerstanden, allein die Bogen werden bald
+von der wüthenden Flut hinweggerissen werden, da der Reb in der Regenzeit
+große Massen von Schlamm mit sich führt, immer mehr sein Bett erhöht und
+so der Wassermenge nur ein geringer Ausweg bleibt. Der Reb, welchen ich im
+April vollkommen ausgetrocknet sah, ist zwei Monate später ein prächtiger
+Strom, größer als die Seine bei Paris. Die Abessinier, obwol sie
+vortreffliche Schwimmer sind, hüten sich dann, ihn zu passiren, da sie
+fürchten, daß gewisse Wassergeister sie in den Abgrund ziehen könnten.
+Unter den Pflanzen, die ich in dieser Ebene bemerkte, nenne ich die schöne
+_Methonica superba_, welche von den Abessiniern Marienkelch genannt wird.
+Sie gehört zu den Lilien und gleicht in ihrer Farbenpracht einer Flamme im
+dunklen Laubgrün.
+
+Die Nacht brachten wir in einem Dorfe in der Nähe der Brücke zu; am Morgen
+brachen wir dann nach Debra Tabor auf. Rechts von uns blieb ein einzelner,
+steiler und kahler Felsen, Amora Gedel, d. h. Geierfelsen, liegen, dessen
+Spitze ganz mit Raubvögeln bedeckt ist. Durch einen malerischen Schlund
+und sumpfige Wiesen führt ein Fußpfad zu dem Plateau von Debra Tabor
+hinauf. Als wir oben angelangt waren, blieben wir vor Verwunderung stehen.
+Vor uns lag ein leicht wellenförmiges Land, dicht besäet mit Dörfern,
+zwischen lachenden Kulturflächen und Weiden, auf denen zahlloses Vieh sich
+befand. Als Franzose wurde ich an die Bourgogne erinnert, während Dufton
+eine Landschaft Yorkshire’s vor sich zu sehen glaubte, und unwillkürlich
+rief ich aus: „Hier ist gut Hütten bauen!“ Rechts von uns blieb der Hügel
+von _Debra Tabor_ mit seinen 500 oder 600 Häusern und dem königlichen
+Lager liegen. Denn Theodor II. hat hier große Getreidemagazine errichtet,
+die seine Armee in Kriegszeiten, d. h. so ziemlich immer, zu versorgen
+haben. Gondar, „die Stadt der Pfaffen und Schauspieler“, wie der König
+sich ausdrückt, ist ihm zuwider. Endlich erreichte ich den Hügel von
+_Gafat_, nordöstlich von Debra Tabor, das provisorische Ziel meiner Reise.
+Der deutsche Missionär Waldmeier, an den ich empfohlen war, nahm mich sehr
+freundlich auf; auch seine Kollegen, fast lauter Badenser und
+Württemberger kamen herbei. Der einzige Franzose der kleinen Kolonie,
+Franz Bourgaud aus Saint-Etienne, ist der Waffenschmied des Negus und bei
+diesem sehr beliebt. Er giebt vor, sich recht unglücklich zu befinden, und
+verlangte schon mehrere Male in seine Heimat zurückkehren zu dürfen, aber
+Theodor antwortete ihm auf sein Gesuch: „Mein Sohn Bourgaud, deine Kinder
+sind noch zu jung, um die weite Reise überstehen zu können; bleib noch ein
+paar Jahre hier.“ Und Bourgaud blieb. Seine Kinder sprechen vorzüglich die
+Amharasprache, er selbst und seine Frau haben sich ein Mischmasch aus
+dieser und der französischen zurecht gemacht, das nur ihnen verständlich
+ist. Eigenthümer Gafats ist ein alter General außer Dienst von noblem
+Aussehen. Um sein Haus herum haben sich die Deutschen Waldmeier, Kinzle,
+Bender, Mayer, Salmüller und Hall angesiedelt. Alle haben Abessinierinnen
+heirathen müssen; Bender eine Tochter Schimper’s. Am zurückhaltendsten war
+der junge, hübsche Salmüller, welcher schließlich eine Tochter des
+Irländers Bell nahm. (Von letzterem wird weiter unten ausführlich die Rede
+sein).
+
+Noch hatte ich den Negus nicht gesehen, als am 25. Januar plötzlich
+Waldmeier auf mich zukam und ausrief: „Dort kommt Se. Majestät!“ Ich ging
+mit ihm vorwärts und traf bald auf ein großes Gefolge hoher Offiziere,
+welche alle den Margef, die bordirte weiße Tunica, trugen. Mitten unter
+ihnen stand ein Mann, barhaupt und barfuß, in eine gemeine Soldatenschama
+gekleidet, welche keineswegs noch ganz weiß war; in der Hand hielt er eine
+Lanze, an der Seite hatte er einen gekrümmten Säbel. Wer mit den
+abessinischen Gebräuchen vertraut war, mußte sofort den Rang dieser
+Persönlichkeit erkennen; es war der einzige, welcher beide Schultern
+bedeckt hatte, und Niemand anders als _König Theodor II._
+
+Gut gelaunt redete er mich mit „Na deratscho (Wie geht es dir?)“ an. Die
+Etikette erfordert, daß man hierauf nicht antwortet und sich nur tief
+verneigt. So that auch ich. Theodor zog sich darauf zurück, setzte sich
+auf einen Teppich und fing an, mit dem kleinen Bourgaud zu spielen. Dieser
+sonderbare Mensch, dessen Leben so blutig verlief, beschäftigte sich gern
+mit Kindern, für die er eine große Zuneigung besaß. Nachdem er dann einige
+Höflichkeitsworte gewechselt, fragte er mich sehr verbindlich, wann ich
+offiziell empfangen sein wollte? Ich erwiederte, daß ich ganz zu seinen
+Befehlen stehe, worauf er den nächsten Tag zur Audienz in Debra Tabor
+bestimmte. Ich ward abermals gut von ihm aufgenommen, machte den ganzen
+Feldzug in Godscham mit, der nicht besonders glücklich ausfiel, und kehrte
+dann mit ihm in das Lager von Debra Mai in Mietscha zurück. Unterdessen
+waren verschiedene Umstände vorgekommen, welche meine Anwesenheit auf dem
+Konsulatsposten dringend erforderten; ich begab mich deshalb in voller
+Uniform zum Negus, um ihn um eine Abschiedsaudienz zu bitten. Er ließ drei
+Europäer herbeirufen, welche die Amharasprache redeten, und fragte dann,
+was ich wolle. Ich antwortete: „Ich wünsche, dringender Angelegenheiten
+wegen, nach Massaua abzureisen, und dann will ich von dort zwei Kisten mit
+Geschenken für Ew. Majestät von meinem Souverän abholen, welche bereits
+angelangt sein dürften. Ich möchte auch gern gleich abreisen, damit ich
+vor Eintritt der Regenzeit wieder zurück sein kann.“
+
+Um zu verstehen, was nun folgt, muß man wissen, daß Theodor durch den
+unglücklichen Feldzug in Godscham gedemüthigt war, daß die Aegypter damals
+gerade die Grenzprovinz Galabat besetzt hielten und daß er infolge des
+Genusses von schlechtem Cognac betrunken war. Kaum hatten die Dolmetscher
+ausgeredet, als der Negus in höchster Wuth rief: „Ich behalte ihn auf
+jeden Fall zurück. Nehmt ihn, legt ihn in Ketten, und wenn er entweichen
+will, so tödtet ihn!“
+
+Der Oberst, welcher zunächst stand, winkte ein halbes Bataillon herbei.
+
+„Wozu das, fragte Theodor, 500 Mann, um einen Menschen zu fesseln?“
+
+„Ew. Majestät sehen, erwiderte der Oberst, daß er ein merkwürdig
+funkelndes Ding unter dem Arme trägt – es war mein goldbesetzter
+Konsulatshut –, das vielleicht eine Höllenmaschine ist, die uns alle
+tödten kann.“
+
+„Donkoro, Dummkopf! Glaubst du nicht auch, daß er dich mit seinen
+Augenbrauen tödten kann. Sechs Mann her und nicht mehr.“
+
+Nun wurde ich, wie mein treuer Diener Achmed, an Händen und Füßen
+gefesselt, obgleich ich in großer Uniform war, und in mein Zelt
+zurückgeführt, wo ich streng bewacht wurde. Indessen schrieb ich, auf
+einen Umschlag der Gemüthsverfassung des Königs bauend, an ihn einen
+englischen kurzen Brief, in welchem ich um Erklärungen bat. Am 3. März
+schon erschienen die Europäer wieder, welche mir anzeigten, daß ich frei
+sei, unter der Bedingung, daß ich in Gafat internirt bliebe. Ich zögerte
+anfangs, doch ging ich auf Kinzle’s Zureden, der meinte, es sei besser in
+Gafat als in Eisen weilen, auf diesen Vorschlag ein. Ueber den Negus
+selbst will ich hier nur wenige Worte sagen.
+
+In den Audienzen, welche er gab, entfaltete er allen möglichen
+barbarischen Pomp. So liebte er es, dabei von vier zahmen Löwen umgeben zu
+sein, die sehr wild und grimmig drein schauten. Ich hatte Gelegenheit, mit
+denselben nähere Bekanntschaft zu machen. An einem hohen Festtage wurden
+sie von ihren Wärtern in mein Zimmer geführt, um ihre Aufwartung zu
+machen. Ein paar blanke Thaler verfehlten die Wirkung nicht, und ich
+konnte meine Gäste ruhig abzeichnen, wobei ich nur durch deren
+aufdringliche Zutraulichkeit gestört wurde. Der eine Löwe war von dem
+genannten Salmüller abgerichtet und dann an den Kaiser verkauft worden.
+Alle vier Löwen hatten ihre Namen; der Liebling des Kaisers hieß Kuara
+(der Stürmische). Dieses Halten und Züchten von Löwen steht übrigens bei
+den abessinischen Herrschern keineswegs als eine Ausnahme da und kam auch
+früher vor, wol deshalb, weil der Löwe als Sinnbild Aethiopiens angesehen
+wird. Als Salt 1810 beim Ras Wolda Selassié in Antalo eine Abschiedsvisite
+machte, bot dieser ihm zwei Löwen als Geschenk für den König von England
+an; „allein der weite Weg machte es unmöglich, sie fortzubringen. Eins
+dieser Thiere ward von seinem Wärter bisweilen in das Zimmer gebracht, wo
+wir saßen: aber während meines Aufenthaltes wurde es so wild und
+unlenkbar, daß man es einsperren mußte.“
+
+Da mir der Negus Gafat zum Aufenthaltsorte angewiesen hatte, mit der
+Erlaubniß, im Innern des Reiches Ausflüge nach Belieben machen zu können,
+so zögerte ich nicht, dieses auszuführen, und stattete zunächst der
+_Hauptstadt __Gondar_ meinen Besuch ab. Von Gafat bis Ferka reiste ich
+zunächst den Weg, welchen ich auf meiner ersten Tour bereits beschrieb. Im
+genannten Orte trennt sich die Straße; links führt sie nach Tschelga,
+rechts nach Gondar. Ungeachtet des königlichen Befehls, daß ich in den
+Dörfern, wo ich übernachtete, gut beherbergt werden sollte, hatte ich
+mancherlei Verdrießlichkeiten zu bestehen, ja man bedrohte mich einmal
+sogar, und meine Leute flüchteten in Angst davon. Auf einer von den
+Portugiesen erbauten Brücke passirte ich den Fluß Magetsch, ohne welche
+zur Regenzeit die Verbindung zwischen Nord- und Südabessinien auf mehrere
+Monate im Jahre vollkommen gestört sein würde.
+
+An Juniperusbäumen vorbei gelangte ich auf einen Hügel, der verschiedene
+Häusergruppen trug, zwischen denen sich wüste Plätze hinzogen. Ich war
+jetzt schon mitten in Gondar, ohne daß ich eigentlich die Stadt bemerkt
+hätte, und war nicht wenig verwundert über diese Kapitale der Kaiser
+Sosneos und Fasilides, von der ich mir eine durchaus andere Vorstellung
+gemacht hatte. Von welcher Seite aus man sich auch der Stadt nähert,
+fallen die vielen hohen Warten und Thürme, Zinnen und Mauern des in
+mittelalterlich-portugiesischem Styl erbauten Königspalastes und einzelne
+Kirchen mit großen kegelförmigen Dächern unter malerischen Baumgruppen
+zuerst in die Augen: ein heimisches Bild für den Wanderer, der sich
+plötzlich dem Innern des tropischen Afrika entrückt und in eine
+mitteleuropäische Landschaft versetzt glaubt. Ueber üppigen Wiesengrund an
+schmalblätterigen Weidenbäumen mit überhängender Krone hin rauschen klare
+Gebirgsbäche zu Thal und schlängeln sich, Silberfaden gleich, in der Ferne
+durch das grüne, flache Dembra, dem Tanasee zu. Das nördlichste Quartier
+der Stadt ist das Abun-Bed mit der Wohnung des Bischofs. Ein nach Westen
+fließendes Bächlein, kahle Flächen und Ruinenfelder trennen es von der
+politischen Freistelle, dem Etschege-Bed, mit dem Sitze des Vorstandes der
+Mönche, Etschege genannt. Auf einem freien, erhabenen Punkt, östlich von
+beiden, steht von einer runden Mauer umgeben, unter herrlichen Baumgruppen
+eine Kirche mit zwei von den Holländern dem Kaiser Jasu geschenkten
+Glocken. Südlich und östlich davon ist der Stadtbezirk Debra Berhan,
+Kirche des Lichts, mit gleichnamiger Kirche; westlich daran schließt sich
+der Gempscha-Bed oder Schloßbezirk. Von einer weitläufigen, unregelmäßigen
+Mauer, mit Zinnen und Wartthürmen und mit verwilderten Gärten und Kiosken
+umgeben, erhebt sich der große, leider mehr und mehr zerfallende _Gemp_
+oder das Schloß selbst, das neben den armseligen, mit Stroh gedeckten
+Häusern einen wahrhaft großartigen Eindruck macht durch seine massive
+Bauart, seine vielen Thürme, hohen Bogenfenster und weiten Höfe. Die
+Façade des Hauptgebäudes ist gegen Westen gekehrt und drei Thürme mit
+großen Thorbogen bilden die Eingänge zu dem einst gepflasterten, jetzt
+halb in Schutt und Gestrüpp begrabenen Vorhof. Der Hauptbau ist viereckig,
+zweistockig, mit flachem Dach und steinerner Brustwehr; auf jeder Ecke
+erhebt sich ein Thurm mit Cement-Kuppel, ein höherer viereckiger steht in
+der Mitte. Das Material ist ziemlich roher Basalt, die Einfassungen der
+Thore und Fenster bestehen aus rothem Sandstein. An das Hauptgebäude
+lehnen sich noch verschiedene Hallen, Galerien, Säle, Kapellen, Brücken
+und Thorwege an, Alles jetzt mehr oder weniger zerfallen und mit
+Schlingpflanzen überwuchert.
+
+ [Illustration: Nordfront des Gemp in Gondar. Originalzeichnung von
+ Eduard Zander.]
+
+Südwestlich vom Gempscha-Bed breitet sich, von verschiedenen Quartieren
+umgeben, der große Marktplatz aus. Am Abhange und Fuße des Hügels liegt
+das Quartier der Muhamedaner, Islam-Bed, und südwestlich, jenseit des
+Kacha-Flusses, die Judenvorstadt, Falascha-Bed. Die Straßen Gondars sind
+eng und krumm, theils mit natürlichen Basaltplatten gedeckt, theils durch
+Schmuz und Schutt unwegsam gemacht. Die Einwohnerzahl dürfte 6000–7000
+nicht übersteigen; doch war die Stadt einst volkreicher. König Theodor
+vernachlässigt sie „als Pfaffenstadt“ gänzlich, ja er hat einmal zur
+Strafe sein Heer gegen sie losgelassen, ihr enorme Geldbußen auferlegt und
+das Quartier der Muhamedaner zerstören lassen. Nicht weniger als 44
+Kirchen, darunter sehr prächtige, bestehen in Gondar, und die Zahl der
+darin angestellten Geistlichen beträgt 1200, mithin ist jeder sechste
+Mensch ein Priester.
+
+Nach außen hin ist Gondar offen, nur die Freistätte und verschiedene
+Kirchen sind mit größeren, halb verfallenen Mauern umgeben. An Trinkwasser
+ist großer Mangel, sodaß man in der trockenen Jahreszeit sich oft
+genöthigt sieht, aus dem Angrab- oder _Kachaflusse_ das nöthige Wasser zu
+holen und das Vieh zur Tränke dahin zu führen. Ueber den letzteren Fluß
+führt nicht weit vor der Stadt eine alte, sehr malerische Brücke, die noch
+aus der Zeit der Portugiesen stammt, jetzt aber sehr im Verfalle begriffen
+ist. Am östlichen Ufer des genannten Flusses liegt nordwestlich von der
+Stadt auf einer grünen Wiesenfläche die _Kirche Fasilides_ inmitten eines
+herrlichen Juniperuswaldes und umgeben von niedrigen Mauern mit runden
+Wartthürmen und Zinnen. Die viereckige steinerne Kirche ruht auf
+Schwebebogen in einem tiefen Bassin, über welches eine mit Eckthürmen
+befestigte Brücke führt. Eine großartige steinerne Wasserleitung auf
+hochgesprengten Rundbogen an der Westseite des Haines versorgte den Platz
+mit Wasser, das wahrscheinlich in ein Reservoir im südwestlichen Eckthurme
+geleitet wurde und dort Wasserwerke speisen mußte. Seines Zweckes wegen
+ist ein dicht bei dieser Kirche gelegener Tempel mit runder Kuppel
+merkwürdig. Es ist das Grabmal eines königlichen Streitrosses, man sagt
+von Negus Kaleb. Auch an Bädern mit Wasserleitungen und Nischen, sowie an
+anderen Zeugen einer ehemals regeren Baukunst und Baulust ist in der
+Nachbarschaft kein Mangel; doch die geringe Sorgfalt, die jetzt auf die
+verschiedenen Werke gewandt wird, droht sie dem gänzlichen Ruin
+zuzuführen.
+
+Geht man von der Kacha weiter westwärts, so gelangt man in ein Seitenthal,
+in welchem an einem Bergabhange die malerischen _Ruinen von Koskam_
+liegen. Ziemlich gut erhalten ist noch das dortige Lustschloß mit zwei
+Thürmen, deren einer ein Kuppeldach trägt, während das des anderen einem
+niedrigen, umgelegten halben Cylinder gleicht. Zwischen beiden führt ein
+hohes Bogenthor in eine lange steinerne Halle mit großen Bogenfenstern und
+Thüren; das Dach fehlt; Balken zeigen noch die Spuren von Altanen oder
+Galerien. Das ganze Gebäude besteht wie der Gemp aus ziemlich rohen
+Basaltsteinen, die Thür- und Fensterpfeiler aber aus gut gearbeitetem
+rothen Sandstein. Zwischen reizenden Baumgruppen ragen die Reste eines
+anderen Prachtgebäudes, in dem, wie es scheint, eine Halle mit schön
+gearbeiteten Säulen hinführte, Alles ist aber verfallen und mit Gestrüpp
+und Schlingpflanzen überwachsen.
+
+ [Illustration: Brücke über die Kacha. Originalzeichnung von Eduard
+ Zander.]
+
+Noch weiter westlich, von hohen Mauern mit Zinnen und Thürmen umschlossen,
+ist die Kirche, eine Rotunde mit Strohdach und vielen Wandgemälden, die
+namentlich Reiterfiguren darstellen.
+
+So ist das heutige Gondar und seine Umgebung beschaffen; überall auf
+Schritt und Tritt begegnet dem Reisenden Verfall, und doch könnte diese
+Stadt bei ihrer prächtigen Lage in der gesunden, fruchtbaren Gegend im
+Mittelpunkte Amhara’s zu einer großen Blüte gelangen – wenn nur ihre
+Bewohner anders beschaffen wären.
+
+Man hatte mir viel von der kleinen Kirche _Towari_ erzählt, die eine
+Stunde von meinem Aufenthaltsorte entfernt liegt, in welcher man die
+abessinische Malerei am besten studiren könne. Ich begab mich dorthin und
+fand auch dieses Gotteshaus, wie alle Landeskirchen, in einem dichten Hain
+von Juniperusbäumen versteckt. Die Gemälde, so berühmt in Abessinien,
+machten auf mich, der ich sie mit europäischen Augen ansah, im allgemeinen
+einen schauderhaften Eindruck. Indessen fesselte ein Bild des Abendmahls
+doch sehr meine Aufmerksamkeit, da auf demselben der Künstler hieratische
+Traditionen, byzantinische Malerei und Details des abessinischen Lebens
+merkwürdig miteinander verschmolzen hatte. Christus, die Jungfrau und die
+Abendmahlsgenossen sind nach der Tradition gekleidet und mit großem
+Kunstverständniß rings um einen Tisch gruppirt, der nach der feinsten
+abessinischen Art gedeckt ist. Vor jeder Person liegen Tiéfbrote, die
+zugleich die Schüsseln vertreten, zur Seite derselben die Messer zum
+Zerschneiden des Brundo (rohes Fleisch). Ein Major Domus, offenbar aus
+guter Familie, bietet zu trinken an; außerdem gehen Jünglinge mit
+Honigweinkrügen umher. Ein Theil der Jünger wendet die Gesichter gegen
+Christus, ein anderer gegen Maria. Die Züge dieser Hauptpersonen aber sind
+verfehlt; namentlich die der Maria. Abgesehen hiervon verdient das Bild
+jedoch alles Lob.
+
+Als Begleiter auf meinen Ausflügen in die Umgebung Gafats diente mir ein
+junger Priester, der einige Zeit in der Propaganda zu Rom gewesen, dort
+aber nicht allzuviel gelernt hatte. Heimgekehrt, wollte er sich die Stelle
+eines Aleka bei einer reichen Kirche unrechtmäßig anmaßen; allein König
+Theodor nahm die Sache krumm und verurtheilte Michael, so hieß der
+civilisirte Geistliche, zu drei Jahren Kettenstrafe. Mir gegenüber wollte
+er sich nun als Glaubensmärtyrer darstellen, was mir ziemlich einerlei
+war; dagegen war er mir unschätzbar wegen seiner vortrefflichen
+Landeskenntniß.
+
+Als er jedoch einige Monate später einen Salzdiebstahl beging, mußte ich
+ihn vor die Thüre setzen; anfänglich ging es ihm nun schlecht – dann
+begegnete er mir wohlgenährt und gut gekleidet wieder. Gott weiß, wie er
+zu Gelde gekommen sein mag; indessen dieser Art von Leuten geht es in
+Abessinien wie in Europa: sie fallen wie die Katzen stets wieder auf die
+Füße.
+
+Eine meiner Exkursionen führte mich zur Fafatié oder dem _Wasserfall des
+Rebflusses_, der seine Quelle am Abhange des hohen Gunagebirges hat. Ich
+bestieg mein Maulthier, wandte mich nach Südosten und ließ zur Linken die
+große und fruchtbare Ebene von Gafat mit ihrem ausgetrockneten Strome
+liegen. Mit einiger Schwierigkeit wand ich mich durch das bewaldete Thal
+des Davezout und kam dann, einem schattigen Fußsteige folgend, zum Reb,
+der leise über ein mit dunkelblauen Steinen besäetes Bett dahinfloß. Der
+Wasserfall war nur fünf Schritt von mir entfernt: ich sah ihn nicht, aber
+ein schauderhafter Schlund und ein betäubendes Brüllen zeigten mir seine
+Gegenwart zur Genüge an. Um ihn von vorne zu erblicken, mußte ich auf
+einem Zickzackstege den Felsen hinabsteigen, der mit Buschwerk überzogen
+und von Affen belebt war. Unten angelangt, stand ich vor einem hübschen
+grünen See, in den von steiler Felswand eine senkrechte Wassersäule von 24
+Fuß Höhe herabfiel. Ringsum zeigen sich die entzückendsten
+Landschaftsbilder, welche jeden Maler begeistern können.
+
+ [Illustration: Wasserfall des Reb. Nach Lejean.]
+
+Vier Monate später gewahrte ich dann den Wasserfall wieder zur Zeit seines
+höchsten Glanzes, als die Fluten hoch geschwollen waren. Er übertraf so
+die herrlichsten Kaskaden der Schweiz bedeutend. Die _dreitausend oder
+viertausend Wasserfälle Abessiniens_ sind die schönsten, die man sich
+denken kann, und ihnen fehlt weiter nichts als der Ruf, den andere
+Kaskaden durch Künstler und Touristen sich erringen. Ich habe den zehnten
+Theil davon, etwa 300 oder 400 selbst gesehen und etwa zwanzig
+abgezeichnet – alle prächtige Naturerscheinungen, von denen eine einzige
+hinreichte, eine Gegend in Europa berühmt und zum Ziele der
+Touristenschwärme zu machen.
+
+Ich riß mich von den Wundern dieser Fafatié los, um meinen Fuß in
+östlicher Richtung weiter zu setzen über eine Ebene, die ganz mit Mimosen
+bestanden war. Diese an und für sich langweiligen Bäume erhielten durch
+die reichlich von ihnen herabhängenden Schlingpflanzen ein ungemein
+malerisches Ansehen; namentlich zeichnete sich ein Loranthus mit schönen
+orangefarbenen und rothen Kelchblüten aus. Bald gelangte ich in das
+malerische Thal des Makar, eines Nebenflusses des Reb, in dem ich bis zu
+den _Atkanafelsen_ vordrang, deren trapezoidale Form man von allen
+hochliegenden Punkten des Distrikts Debra Tabor aus zu übersehen vermag.
+Dieser Felsen ist eine wirkliche Amba, welche in Kriegszeiten oft genug
+als Zufluchtsort gedient hat. Am Fuße derselben fand ich zum ersten Male
+die Henset-Banane (vergl. S. 45) mit ihren kolossalen Blättern und rothen
+Rippen. Samen der nützlichen Pflanze habe ich der
+Akklimatisations-Gesellschaft in Paris überbracht; die Schößlinge, welche
+ich gleichfalls eingepackt hatte, wurden mir jedoch in Massaua kurz vor
+meiner Rückkehr von den Hühnern vernichtet. Hinter dem Atkana traf ich in
+wundervoller Gegend auf das _Kloster Guref_, das mir durch seine
+romantische Lage deutlich sagte, wie die Mönche es in Abessinien gleichwie
+in Europa verstanden, die schönsten Orte zur Anlage ihrer Klöster
+auszuwählen. Nach der Regel des heiligen Tekla Haimanot leben in
+prächtiger Einsamkeit diese Mönche inmitten eines schönen Haines, den der
+klare Waldbach durchfließt. Freilich der Anblick einer europäischen Abtei
+und derjenigen des abessinischen Klosters sind grundverschieden. Man
+stelle sich einen weiten Raum, von einer lebendigen Hecke umschlossen,
+vor, der wiederum durch Hecken in 12–15 kleinere Abtheilungen geschieden
+ist, deren jede eine Mönchshütte enthält und die durch ein Labyrinth von
+Straßen verbunden sind, welche schließlich im Mittelpunkte nach der
+spitzdachigen runden Kirche führen – und das abessinische Kloster ist
+fertig. Dazwischen liegen grüne freundliche Gärtchen, ringsum ein
+lachender Hain. Ich fand sogleich den Abt – wenn ich so sagen darf –,
+einen ernsten, mageren Mann von 45 Jahren, der die weiße Tunica und
+darüber eine Art von gelbem Pallium, das Zeichen seiner Würde, trug.
+Gastfreundschaft wurde mir im vollsten Maße zu Theil, allein mein
+Maulthier mußte ich außerhalb des Klosters lassen – _weil es eine Stute
+war_, wobei ich mich der lächerlichen Sitte erinnerte, daß auch in die
+griechischen Klöster auf dem Berge Athos kein weibliches Thier hinein
+darf. Ich wohnte dann bei den guten Mönchen und aß mit ihnen die einfache,
+aus Hülsenfrüchten bestehende Mahlzeit. In der Nacht erweckte mich
+Psalmengesang, jene Melodie, welche der alte Portugiese Alvarez „eine
+erbärmliche Harmonie“ nennt; indessen muß ich gestehen, daß dieser
+abessinische Gesang mindestens so gut klang, wie das Singen in unseren
+Landkirchen. Im Gedem oder geheiligten Asyle stand außerhalb des Klosters
+die Gemeindekirche, welche für beide Geschlechter zugänglich war; ihr
+Gründer war Ras Ali, der sie jedoch nicht vollenden konnte, da er von
+Theodor II. gestürzt wurde. Dieser that nichts weniger als Kirchen bauen;
+im Gegentheil er zerstörte und beraubte noch ein- oder zweihundert und
+zeigte sich als der echte abessinische „Pfaffenfeind“. Nach dem Besuche
+dieser Kirche kehrte ich nach Gafat zurück.
+
+Um gute Samen der Henset-Banane zu erhalten, wollte ich einen Ausflug nach
+der Stadt _Korata_ machen, welche Rüppell fälschlich Kiratza nennt. Es ist
+eine kleine Stadt am südöstlichen Ufer des Tanasees, die wegen ihres
+starken Handels und der zahlreichen Geistlichkeit berühmt geworden ist. Da
+die Regen erst im Beginnen waren, so konnte ich darauf rechnen, daß der
+Fluß Gomara noch durch irgendeine Furt zu passiren sei, und ich beschloß
+deshalb in gerader Linie, an den heißen Quellen von Wanzagié vorbei, nach
+Korata vorzudringen. Debra Tabor blieb zur Linken liegen. Das niedrige
+Hügelland, durch das mein Weg ging, war im Jahre 1841 der Schauplatz einer
+Schlacht zwischen dem Detschas Ubié von Tigrié und dem Ras Ali. Letzterer
+wurde glänzend geschlagen und einige seiner Offiziere begaben sich, um
+sich zu unterwerfen, zu dem Sieger Ubié, der, in seinem Zelte sitzend,
+ruhig sich in Honigwein betrank. Als Ubié die Feinde erblickte, wurde er
+ängstlich, da er keine seiner eigenen Soldaten bei sich hatte; erstere
+aber benutzten diesen Umstand, banden Ubié und machten ihn zum Gefangenen.
+Auf diese Nachricht kehrte der geschlagene Ras Ali zurück; doch mußte er
+Ubié, um der Volksstimme zu genügen, wieder freigeben. Die Vegetation auf
+dem einst blutigen Schlachtfelde war eine prächtige; namentlich fielen mir
+weiße Lilien (_Amaryllis vittata_) von lieblicher Form auf, welche die
+daran gewöhnten Abessinier gar nicht beachteten, während ich jede dieser
+Blumen bedauerte, welche mein Maulthier niedertrat.
+
+Am Ufer eines frischen Baches wurde Mittagsrast gemacht. Was mich hier am
+meisten überraschte, war eine lange, in Ruinen liegende Mauer von
+europäischer Konstruktion. Ich folgte derselben und fand, daß sie einst
+als Einschließung eines Parkes gedient hatte, welcher der
+Lieblingsaufenthalt verschiedener Kaiser gewesen sein soll. Man nannte den
+Ort _Arengo_. Seine Lage ist reizend – aber da, wo einst die Erben der
+Königin von Saba thronten, findet man nun Ruinen, zwischen denen lärmende
+Affen hausen. Theodor II., welcher seine Vorgänger im Kaiseramte gründlich
+verachtet und sie „Schauspieler“ nennt, behauptet, daß die jetzigen Gäste
+in Arengo, eben jene Affen, mehr werth sind als die alten, die Kaiser! Vor
+170 Jahren, zur Zeit des Reisenden Poncet, war das Schloß noch nicht
+zerstört, ja nach dem Hörensagen sollte es größer als der Gemp in Gondar
+sein! Sicher hatten die Abessinier dem Franzosen gegenüber aufgeschnitten,
+denn sie verstehen dieses Geschäft so gut wie die Yankees. Ein
+abessinischer Gesandter, welcher 1860 in Paris war und dort sich überall
+umgesehen hatte, antwortete seinen Landsleuten, die ihn nach jener Stadt
+fragten: „_Paris ist etwa so groß wie Gondar; vielleicht ein klein wenig
+größer._“
+
+Im Dorfe Schumagina wurde meiner Reise plötzlich ein Ziel gesetzt.
+
+Die reichen und stark bevölkerten Distrikte Wanzagié, Fogara Dera, Korata
+bildeten das Land, welches ich zu durchreisen hatte. In einem dieser
+Distrikte hatten sich Rebellen aus Godscham zu verbergen gewußt, indem sie
+die Wachsamkeit der am Abaï aufgestellten Leute Theodor’s zu täuschen
+wußten. Für dieses Vergehen, an dem doch die ganze Einwohnerschaft der
+vier Distrikte keineswegs schuld war, wurden dieselben von Theodor der
+Armee zur Plünderung überwiesen, worauf die ruinirten Bauern mit ihrer
+Habe in die Berge und Wälder flüchteten. Als der Negus dies sah,
+verordnete er, daß nur die Schuldigen bestraft werden, die übrigen aber
+frei ausgehen sollten. Kaum hatten die letzteren, den Worten vertrauend,
+sich wieder in ihre Quartiere begeben, als ein General hinterlistig über
+sie herfiel und ihnen Alles raubte. Die Nachricht von dieser That gelangte
+nach Schumagina, gerade als ich von dort aufbrechen wollte, um in die
+beraubten Gegenden vorzudringen. Unter so bewandten Umständen weigerten
+sich meine Leute ganz entschieden weiter vorzugehen, da auch sie
+fürchteten, jenem braven General in die Hände zu fallen. So blieb mir
+nichts übrig als umzukehren; doch hielt ich mich keineswegs für besiegt,
+und als nach einiger Zeit der Lärm verstummt war, brach ich in den ersten
+Tagen des Juli 1863 abermals nach Korata auf. Die Gomara, welche jetzt
+hoch angeschwollen war, mußte hier an einer Stelle überschritten werden,
+wo sie sich in drei Arme trennt. An demselben Abend erreichte ich noch
+Madera Mariam, d. h. Ruheplatz der Maria, eine hübsche kleine Stadt, die
+ähnlich wie Emfras an einem Hügel liegt. Derselbe fällt nach drei Seiten
+hin senkrecht ab, ist aber von der vierten leicht zugänglich. Das nächste
+Nachtquartier war das Dorf Wanzagié, welches seinen Namen von den hier
+stehenden schönen Wanzabäumen führt; dann wurde die _Goanta_ erreicht.
+Diesen Fluß in einer Furt zu durchwaten, war ganz unmöglich, und ich mußte
+deshalb in einem abessinischen Mittel – ich sage nicht Fahrzeug – der
+_Hokumada_ übersetzen. Dies ist eine an den Rändern in Nachenform aufwärts
+gekrümmte steife Ochsenhaut; ein Mann durchschwimmt den Fluß mit einem
+Seile, dessen eines Ende an der Hokumada, dessen anderes am jenseitigen
+Ufer befestigt ist. Der Passagier setzt sich in den Lederschlauch, kauert
+sich zusammen und hütet sich wohl, nach der einen oder andern Seite sich
+überzubeugen. So wird er, während noch ein Schwimmer die Hokumada schiebt,
+am Seile an das jenseitige Ufer hinübergezogen. So kam auch ich über die
+Goanta, um bald an der geschwollenen _Gomara_ auf ein neues Hinderniß zu
+stoßen, das dieses Mal mittels einer Tankoa überwunden wurde.
+
+ [Illustration: Lejean passirt in der Hokumada die Goanta. Zeichnung
+ nach Lejean.]
+
+Die _Tankoa_ ist ein rechteckiges Floß, welches sechs bis acht Personen
+tragen kann und aus einer Reihenfolge von dicht aufeinander gelegten
+Stroh- oder Binsenschichten besteht, die fest miteinander verbunden sind.
+Das Binsen- oder Rohrfloß taucht ziemlich tief unter und kann niemals
+untergehen, desto leichter jedoch umschlagen. Da aber die Abessinier fast
+alle sehr gute Schwimmer sind, so entstehen selten Unglücksfälle. Das
+Gepäck, Kleider, Waffen, ein Ledersack, welcher Mehl enthält, liegen
+hinten; vorn sitzt der Lenker des Ganzen, welcher mit einem Ruderstock
+versehen ist, denn die Tiefe des Wassers gestattet nicht, das Floß mit
+einer Stange durch Stoßen auf den Grund fortzubringen. Die Tankoa ist das
+sprechendste Zeichen, wie starr die Abessinier an ihren Gebräuchen hangen.
+Dieses Volk mit offenem und hellem Verstande hat nach Verlauf von
+Jahrhunderten noch nicht einmal zu schließen gelernt, daß, wenn ein
+simpler Stock, durch den Widerstand, welchen seine Oberfläche dem Wasser
+darbietet, ein Floß fortzubewegen vermag, eine an das Stockende
+angebrachte Schaufel eine vermehrte, zehnfache Oberfläche darbieten und
+also auch die Fortbewegungs-Geschwindigkeit verzehnfachen muß, denn der
+Abessinier besitzt nicht einmal die Ruderschaufel, welche den Wilden am
+Weißen Flusse wohlbekannt ist.
+
+Uebrigens ist nichts ermüdender als eine Reise per Tankoa. Die Maulthiere
+wurden ins Wasser gestoßen und von einem Schwimmer durch die reißenden
+Fluten gelenkt. So kamen wir wohlbehalten zu einem kleinen, von
+Wanderhirten bewohnten Weiler, wo wir übernachteten, um am nächsten
+Morgen, quer über die Hügel und das Flüßchen Izuri hinweg, unsere Reise
+nach Korata anzutreten, dessen herrlichen Anblick wir bald genießen
+sollten. Es ist die hübscheste Stadt Abessiniens und war das äußerste Ziel
+meiner Reise.
+
+_Korata_ liegt auf einem basaltischen Landrücken, welcher sich in den
+Tanasee vorschiebt. Die spitzdachigen Häuser liegen zerstreut um die
+Kirche gruppirt, und bei jedem befindet sich ein baumreicher Garten, der
+von der Wohlhabenheit der Bewohner Zeugniß ablegt. Es war gerade Markt,
+welcher dicht bei der Stadt abgehalten wird. Besonders wird hier viel rohe
+oder zu Zeugen verarbeitete Baumwolle verkauft; letztere kommen sämmtlich
+aus der westabessinischen Provinz Koara, woher sie theils auf Eseln,
+theils auf dem See gebracht werden. Die rohe Baumwolle wird mit den
+Samenkörnern verkauft, meistens gegen das gleiche Gewicht Salz. Das
+Ausscheiden der Samenkörner mittels eines eisernen Stäbchens, welches auf
+einem flachen Steine mit den Händen hin- und hergerollt wird, ist eine
+langsame und ermüdende Arbeit; zum Aufschlagen derselben bedient man sich
+eines elastischen Bogens und zum Spinnen der Handspindel. Eine fleißige
+Frau kann so viel Gespinnst fertigen, als für zwölf vollständige
+Umhängetücher erforderlich ist. Auf dem Marktplatze selbst erregte meine
+Erscheinung keinerlei Aufmerksamkeit; etwas Anderes war es jedoch an einer
+nur 50 Schritte weiter entfernten Stelle. Ein großer Baum breitete dort
+seine gigantischen Aeste über den Weg, unter dem in weißen Gewändern, mit
+riesigen Turbanen auf dem Haupte, den heiligen Fliegenwedel in der Hand,
+die Geistlichkeit von Korata saß. Als ich mich ihnen näherte, stießen sie
+ein unwilliges Geschrei aus und verlangten, daß ich vom Maulthiere
+absteigen solle. Ich weigerte mich, und nun entstand auf dem Markte eine
+allgemeine, gegen meine Person gerichtete Bewegung, der ich durch
+Absteigen auszuweichen mich gemüßigt fand. Hierauf konnte ich ungehindert
+zu Fuß in die Stadt gehen. Später erfuhr ich, daß die Pfaffenstadt Korata
+das Privilegium besitzt, Niemand zu Pferd oder zu Maulthier durch ihre
+Straßen reiten zu lassen.
+
+Nachdem ich mich in der unteren Stadt einquartiert und dem Ortsvorstand
+den üblichen Besuch abgestattet, fing ich an, die Straßen oder vielmehr
+die Alleen zu durchwandern. Diese Straßen sind in der That nur von Hecken
+eingefaßte Fußpfade, hinter denen sich hübsche Gärten hinziehen. Blumen
+sieht man in diesen selten, dagegen prächtige Granatbäume, Pfirsiche,
+Kaffeesträucher, Bananen, Citronen, aus denen die Strohdächer der Hütten
+hervorlugen. Von dem funkelnden Spiegel des Tanasees herüber wehte ein
+kühlendes Lüftchen, das mir den Spaziergang in den Straßen zu einer wahren
+Erquickung machte. Wie schon der Markt zeigt, ist Korata ein bedeutendes
+Handelscentrum. Seine Kaufleute, lauter Christen, stehen mit Basso in
+Godscham, mit Gondar und Massaua in Verbindung. Ich habe Korata nur den
+Vorwurf zu machen, daß die Küche dort schlecht bestellt ist, denn während
+meines viertägigen Aufenthaltes bekam ich nicht 1 Loth Fleisch zu Gesicht,
+obgleich in der Umgebung zahlreiche Herden weiden. Die Einwohner leben von
+Brot und rother Pfeffersauce, der sie zuweilen einen welsartigen Fisch aus
+dem Tanasee beigesellen.
+
+Die Aussicht auf dieses Binnengewässer ist von Korata aus eine prächtige.
+Weit in der Ferne, im Norden sieht man die blauen Vorgebirge von Gorgora,
+die südlich von Tschelga und Gondar liegen; rechts zieht sich der
+Bergabfall von Begemeder hin, während mitten im Seespiegel die dunkle
+Masse der Inseln Dek und Daka auftaucht. Eine Eigenthümlichkeit des Sees
+aber sind ein Dutzend winziger Eilande, wie Bet-Manso, Kibran, Metraha
+u. s. w., die, vom Festland aus betrachtet, gleich schwimmenden
+Blumenkörbchen auf der Flut erscheinen. In der Nähe betrachtet, sind diese
+Blumenkörbchen jedoch bewaldete Inseln, die in ihrem Innern eine Kirche
+oder ein Kloster bergen.
+
+Auch eine Flotte besitzt die Seestadt Korata, die aus einer großen Anzahl
+von Tankoa besteht, welche am Ufer trocknen und die Verbindung zwischen
+der Stadt und den südlichen und westlichen Ufern, namentlich mit Zegrié,
+unterhalten. Sie sind schmäler als die oben beschriebene Tankoa, bis 15
+Fuß lang und führen Mattensegel. Ich wollte ein solches Fahrzeug miethen,
+um nach Zegrié überzufahren, allein da dieses in der Gewalt der Rebellen
+von Godscham war, wurde mir die Erlaubniß verweigert. – Bei Korata wohnen
+viele Waito, jene eigenthümlichen Menschen, die sich mit der Flußpferdjagd
+beschäftigen (vergl. S. 90). Während dieser Dickhäuter sehr häufig im See
+ist, fehlen darin Krokodile gänzlich; dagegen verhält es sich mit dem
+Abai, dem Abfluß des Sees, umgekehrt.
+
+Das Flußpferd heißt im Amharaschen Gomari, und hiervon stammen wol auch
+die vielen ähnlich klingenden Flußnamen Gomara u. s. w. Nach viertägigem
+Aufenthalte verließ ich Korata wieder und kehrte in mein altes
+Standquartier Gafat zurück.
+
+Die letzte größere Exkursion, welche ich in der Umgebung meines
+Aufenthaltsortes unternahm, war eine Besteigung der 13,000 Fuß hohen
+_Guna_. Ich folgte erst dem Reb, kam dann in das schöne Makarthal und
+stieg bis zu einem kleinen Dorfe empor, dessen Name lieblich in mein
+französisches Ohr tönte. Es heißt Maginta. Hier verbrachte ich die Nacht;
+als ich am nächsten Morgen weiter aufbrechen wollte, kamen zwei Reiter im
+vollsten Galopp zu mir, mit der Botschaft, daß der Negus mich in Gafat
+erwarte. Schon am Nachmittage langte ich wieder in meiner Wohnung an, wo
+ich Waldmeier fragte, was vorgefallen sei. Er antwortete ausweichend. Kurz
+darauf langte ein Brief in amharischer Sprache vom Könige bei mir an,
+welchen mir Kinzle übersetzte. Der Negus befand sich in seinem Lager zu
+Isti, drei Tagereisen von Gafat. Da ich bemerkt hatte, daß er guter Laune
+war, so wollte ich diese benutzen und bat um seine Erlaubniß zur Heimkehr
+nach Massaua. Bei Empfang meines Briefes gerieth er indessen in solche
+Wuth, daß zwei Tage lang Niemand mit ihm zu reden wagte. Sofort ließ er
+mir einen heftigen Brief schreiben, aus dem ich Folgendes hervorhebe: „Als
+du hierher kamst, hast du dich mir als Freund vorgestellt; oder bist du
+etwa gekommen, um mit den Scheftas (Rebellen) gegen mich zu konspiriren?
+Sind deine Gefühle aber loyal, so schreibe mir; bist du mein Feind, so
+schreibe mir auch, damit ich weiß woran ich bin.“ Sogleich antwortete ich
+in einem kurzen, aber respektvollen Schreiben, welches die gefährliche
+Korrespondenz zu einem guten Ende führte, denn die schleunig darauf
+erfolgende Antwort lautete: „Habe nur einige Geduld und durch die Gnade
+der Dreieinigkeit wird Alles gut ablaufen. Ich habe dich aus wichtigen
+Gründen zurückbehalten müssen; allein wenn mein Agent wieder heimkehrt,
+will ich dich mit allen gebührenden Ehren entlassen.“ Ich folgte dem mir
+ertheilten weisen Rath, verhielt mich geduldig und nahm zunächst meinen
+unterbrochenen Ausflug nach der Guna wieder auf.
+
+In Maginta war ich an die Familie des Irländers Bell empfohlen, der einst
+eine große Rolle bei Theodor II. gespielt und für diesen sein Leben
+gelassen hatte. Hier traf ich auf ein Beispiel der abessinischen
+Langlebigkeit, nämlich auf _fünf Frauengenerationen_ beieinander: die
+abessinische Witwe Bell’s, deren Mutter, Großmutter, Tochter (die Frau
+Waldmeier’s) und Enkelin! Die Urgroßmutter war die einzige, welche man als
+Greisin bezeichnen konnte; denn die Großmutter, eine feine Frau von 55
+Jahren war noch sehr lebhaft und thätig in der Hauswirthschaft; die
+Mutter, Bell’s Witwe, war 35 Jahre alt, zierlich und hübsch; deren Tochter
+war an den Missionär Waldmeier verheirathet, welchen sie wieder mit einem
+Töchterchen beschenkt hatte.
+
+Maginta liegt bereits im Gebirge. Von da aus hatte ich, von Plateau zu
+Plateau ansteigend, nur vier Stunden bis zum Gipfel zurückzulegen.
+
+ [Illustration: Ein Binsenfloß oder Tankoa. Zeichnung von R. Kretschmer
+ nach Lejean.]
+
+Der Weg führte vorbei an Kosso- und Ericabäumen, Hypericumstämmen,
+prächtigen aloeartigen Lilien bis zur Region der seltsamen Dschibarra
+(_Rhynchopetalum_).
+
+Letztere gedeiht hier bis zu einer Höhe von fünfzehn Fuß. Der Gipfel der
+Guna, Ras-Guna genannt, besteht aus Trachyt. Von da aus umfaßte mein Auge
+eine prachtvolle Rundsicht. Zur Rechten brach der Reb aus einem tiefen
+Thale hervor; vor mir lag das pittoreske Massiv des Zoramba und weiter hin
+die Kollo, das mächtigste abessinische Gebirge. Zur Linken endlich Plateau
+an Plateau, durchrieselt von Bächen, die sich zum Tanasee hinzogen, auf
+dem die Inseln gleich dunklen Punkten zu schwimmen schienen.
+
+Als ich wieder in Gafat angelangt war, fand ich eine Einladung des Negus
+vor, ihn in Gondar, wohin er sich begeben hatte, zu besuchen. Sofort brach
+ich auf. Dort angekommen, hatte ich noch einige Schwierigkeiten, empfing
+aber am 30. September 1863 den Befehl, Abessinien auf dem kürzesten Wege
+zu verlassen. Mit mir ging Dr. Lagarde, der den Aufenthalt in Abessinien
+satt bekommen hatte. Nach der feierlichen Abschiedsaudienz bei Theodor
+nahmen wir ein Frühstück bei dem englischen Konsul _Cameron_ ein, das von
+dessen Koch, einem Elsässer Kind, sehr gut zubereitet war. Dieser, früher
+ein französischer Kürassier, hatte sich die Gunst des Königs zu erwerben
+gewußt. Als die Missionäre einst einen Wagen für Theodor hergestellt,
+fragte dieser den Elsässer, wie ihm die Maschine gefiele. „Pfui! sagte der
+Rheinländer, bei uns in Mühlhausen fährt man in solchen Dingen den Mist
+aufs Feld!“ (Den berühmten blau angestrichenen Wagen erwähnen auch Heuglin
+und Steudner.) Beim Frühstück war auch der Judenmissionär Dr. _Stern_
+zugegen, welcher zuerst Photographien in Abessinien aufnahm und in seinem
+Werke „Wanderungen unter den Falaschas“ veröffentlichte. Einst schenkte
+dieser dem Negus einen Stereoskopenkasten mit einer Ansicht Jerusalems.
+
+„Was ist das für ein Gebäude?“ fragte Theodor.
+
+„Die Moschee Omar’s“, antwortete Stern. – Sogleich warf der König den
+Apparat auf die Erde, indem er wüthend ausrief: „Und dieses Europa, das
+vorgiebt christlich zu sein, duldet eine Moschee beim heiligen Grabe!“
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Als endlich die Stunde schlug, um Gondar den Rücken zu kehren, kam Achmed,
+mein Diener, mit der Nachricht zu mir, daß alle meine Leute sich heimlich
+entfernt hätten, aus Furcht, von mir in Massaua als Sklaven verkauft zu
+werden!
+
+Mir blieb nichts anderes übrig, als neue Diener und Lastthiere zu miethen,
+wobei sich Salmüller besonders gefällig erwies. Ich überschritt den
+Angerab, wandte mich dem Magetsch zu, erstieg die Hochebene von Wogara,
+auf der Straße, die vor mir Bruce, Lefêbvre, Ferret und Galinier, Rüppell,
+Krapf, v. Heuglin u. a. gewandert waren, und gelangte in vier Tagemärschen
+bis Dobarek.
+
+Am ersten Tage bivouakirten wir in _Kossogié_, einem Dorfe, welches von
+den hier häufigen Kossobäumen seinen Namen führt; durch gut bebaute Ebenen
+gelangte ich am zweiten Tage nach Isak-Dews, dem Isakberge, welcher Ort
+1420 vom Kaiser Isak zur Erinnerung an einen hier über die Juden
+(Falaschas) erfochtenen Sieg gegründet wurde. Die dritte Station Dokoa war
+ein reizender Flecken auf einer Anhöhe mit einer dem Heiligen Kitane
+Machrit geweihten großen steinernen Kirche, die vom Kaiser von Jasu im
+portugiesischen Stile erbaut ist. Hier theilt sich die Straße; rechts,
+nach Osten zu, führt sie ins Alpenland von Semién. Links, in nördlicher
+Richtung über den Lamalmon-Paß, und die Kolla von Wogara nach Adoa. Am
+nächsten Morgen, als ich nach Dobarek aufbrach, zeigte man mir zur
+Rechten, schon in Semién gelegen, das Dorf _Debr-Eskié_, in dessen Nähe am
+9. Februar 1855 das Schicksal Abessiniens entschieden und Theodor Sieger
+über Ubié wurde. Als ich den Abhang erstieg, an welchem _Dobarek_ erbaut
+ist, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine traurige Erscheinung gefesselt;
+der Boden war ringsum mit gebleichten Menschenschädeln besät, die unter
+den Füßen meines Maulthiers dahin rollten. Ein Schlachtfeld konnte hier
+nicht gewesen sein, denn andere Knochen als eben nur Schädel waren nicht
+vorhanden. Aber was war hier geschehen? Eine entsetzliche Katastrophe. Vor
+gerade drei Jahren (1860) hatte Theodor über seinen rebellischen Neffen
+Garet bei Tschober einen Sieg erfochten und etwa 1700 Gefangene hierher
+abgeführt. Man enthauptete sie und warf ihre Schädel aufs Feld.
+
+Am nächsten Tage begann ich den _Lamalmon_ hinabzusteigen. Sein südlicher
+Abfall ist eine schöne, kaum wellenförmige Ebene; sein nördlicher dagegen
+eine steile, einige tausend Fuß hohe Lehne, von welcher ein steiler
+Zickzackfußpfad hinabführt, den wir nicht ohne Lebensgefahr passirten. Auf
+einer kleinen Terrasse, die alle Karawanen als Ruhepunkt benutzen, machte
+auch ich Halt. Vor mir lag, wie auf einer Reliefkarte ausgebreitet, die
+Kolla bis zum Takazzié – eine Aussicht, die sich über dreißig Meilen
+erstreckte. Von allen Seiten sah ich die Flüsse durch die grünen Wälder
+und gesägten Berge brechen, um sich dem Takazzié zuzuwälzen, hinter dem,
+eingehüllt in Nebeldämpfe, das Hochland von Schirié emporstieg. Ich nahm
+meinen Weg nach der _Zarima_, einem Nebenflusse des Takazzié, zu, nicht
+ohne von meinen Leuten vor dem Rebellen Terso Gobazye gewarnt zu sein, der
+diese Gegend unsicher machte. Wie ich später erfuhr, war die Rebellion
+dieses Mannes mein Glück, denn Theodor hatte plötzlich drei Tage nach
+meiner Abreise aus Gondar eine Kavallerieabtheilung hinter mir
+hergeschickt, welche mich zurückbringen sollte. Kurz nach meinem Aufbruche
+von Dobarek kam sie dort an, wagte sich aber aus Furcht vor dem Rebellen
+nicht weiter und kehrte, ohne ihren Auftrag erfüllt zu haben, zurück. Der
+Negus wurde wüthend und rief aus: „_Welches Unglück! Der erste Mensch, der
+von hier abreiste, ohne genau zu wissen, ob ich sein Freund oder Feind
+bin!_“
+
+Sire! Sie täuschen sich. Ich bin unterrichtet! Aber, ohne Sie zu
+beleidigen, füge ich hinzu, daß ich mich lieber Ihrer Gunst in Paris als
+in Gondar erfreue!
+
+Meine erste Station jenseit der Zarima war _Tschober_, wo Theodor gegen
+die Gebrüder Garet focht und sein Liebling, der Irländer Bell, getödtet
+wurde, worauf die Katastrophe folgte, die ich bei Dobarek schilderte. Ich
+befand mich nun so recht mitten im abessinischen Kirchenlande, in
+_Waldubba_, das förmlich von Mönchen strotzt. Auch die Menschen waren hier
+schon andere; die jungen Mädchen sangen in einer Sprache, welche ich noch
+nicht gehört hatte und die weit gutturaler als das Amhara klang. Auch
+vernahm ich, daß ich mich schon im Gebiete des Volks von _Tigrié_ befand.
+Wie die Amharas ernst, schweigsam und würdig auftreten, so erscheinen im
+Gegensatz die Leute von Tigrié fröhlich, lustig, mit einem Worte als „gute
+Kinder“. Frankreich stand in den Bürgerkriegen 1856–1860 auf Seiten der
+letzteren; England begünstigte die Amharas, und ohne gesuchten Vergleich
+kann man sagen, daß diese Sympathien dem beiderseitigen Nationalcharakter
+entsprachen.
+
+Drei Tage später gelangte ich an das Ufer des Takazzié, den ich bei
+niedrigem Wasserstande traf. Sein dunkles, vom abgefallenen Laube
+getrübtes Wasser rollte zwischen dicken Wäldern dahin, die an die Urwälder
+Südamerika’s erinnerten. Hier war echte, tiefe Kollaregion. Am jenseitigen
+Ufer, wo das Land wieder bergig wurde, gelangte ich in die Deka der
+reichen und wohlbevölkerten Provinz Schirié, die sich nach dem Mareb hin
+erstreckt. Ich verließ nun die nördliche Richtung und wandte mich mehr
+nach Nordosten, einer schönen sumpfigen Prärie zu, welche links von
+bizarren Bergen begrenzt wurde. Da, wo sie endigt, liegt _Axum_, die alte
+heilige Stadt Abessiniens, die jedoch bereits so oft von den
+verschiedensten Reisenden geschildert worden ist, daß ich die Leser mit
+Aufzählung ihrer Alterthümer hier nicht ermüden will. (Vergl. oben S. 4.)
+
+In vier und einer halben Stunde gelangte ich weiter nach der gegenwärtigen
+Hauptstadt Tigrié’s, _Adoa_. Die Stadt liegt zwischen dem südlichen Fuße
+des Scholada am linken Ufer eines kleinen Baches, der sich mit dem Asam
+vereinigt. Die südlichen, weniger zusammenhängenden Quartiere sind über
+mehrere Anhöhen zerstreut und theilweise sehr im Verfall begriffen. Viele
+Kirchen, wie gewöhnlich in kleinen Hainen, erheben sich in und um Adoa,
+unter denen sich die von Metchimialem auszeichnet. Sie ist von Detschas
+Sabagadis erbaut, der eine große Glocke hierher stiftete. Die Straßen sind
+eng, krumm und schmuzig, die Häuser meist aus Stein gebaut; viele haben
+Dächer von Thonschieferplatten, andere von Stroh; auch solche von zwei
+Stockwerken sind keine Seltenheit. Der Hofraum ist immer mit einer hohen
+Feldsteinmauer umgeben, in welcher sich Gärtchen hinziehen und Cordiabäume
+stehen. An der nordöstlichen Ecke auf einer steinigen Ebene am Bach ist
+der Marktplatz, wo an mehreren Tagen der Woche Markt gehalten und
+geschlachtet wird. Seit Jahrhunderten und namentlich seit dem Verfall von
+Axum ist Adoa die Haupt- und erste Handelsstadt Tigrié’s, deren
+Einwohnerzahl, fast lauter Christen, etwa 6000 Seelen beträgt. Die
+industriellen Produkte sind von geringer Bedeutung.
+
+Da meine in Gondar gemietheten Leute nicht weiter gehen wollten, mußte ich
+hier frische Diener miethen. Dies hielt mich 14 Tage in Adoa auf, und
+diese Zeit benutzte ich zu Exkursionen in die Umgegend. Leider versäumte
+ich, die Ruinen der _Jesuitenresidenz Fremona_ bei Mai Goga in der Nähe zu
+besuchen. Bruce, der sie gesehen hat, giebt an, daß zu seiner Zeit die
+Mauern noch 27 Fuß hoch gewesen seien, ein von Thürmen flankirtes Viereck,
+das als Festung gedient hatte. Doch das verhinderte die Vertreibung der
+Patres nicht, die vor zwei Jahrhunderten eine fürchterliche Qual
+Abessiniens waren. Man erzählte mir, daß die Ruinen heute ein Gegenstand
+der Furcht bei den Landleuten seien, welche das alte Gemäuer von bösen
+Geistern bevölkert glauben.
+
+Am 29. Oktober 1863 verließ ich mit fünf Lastträgern, die ich bis Massaua
+zu dem billigen Preise von anderthalb Thaler pro Mann gemiethet hatte,
+Adoa. Am Abend kampirte ich schon in dem äußerst ungesunden
+Hamedo-Tieflande am Mareb. Diese granitische Ebene bildet für den
+Botaniker und Zoologen ein wahres Paradies, sie ist aber, wenige Monate im
+Jahre ausgenommen, furchtbar ungesund, ja geradezu tödtlich. Hier mußte
+auch mein Landsmann Dr. _Dillon_, der Freund Lefêbvre’s, nach der
+Regenzeit sein Leben lassen, als er, ungeachtet der Warnungen seiner Leute
+in die Kolla hinabstieg. „Vorwärts, ihr Feiglinge“, rief er ihnen
+unklugerweise zu. Die Abessinier zauderten, sagten aber dann: „Dieser
+Fremdling geht in den gewissen Tod und wir auch, wenn wir ihm folgen. Ist
+es aber recht, denjenigen zu verlassen, dessen Brot wir so lange gegessen?
+Vorwärts denn mit Gott!“
+
+ [Illustration: Bauer aus Antitscho. Nach Lejean.]
+
+Fünf Tage darauf war Dillon todt und fünf seiner Diener gleichfalls. Ich
+könnte noch viele ähnliche Thatsachen anführen. Habe ich nun recht, wenn
+ich die Abessinier ein edles Volk nenne? (Man sieht, wie sehr sich die
+Urtheile gegenüber stehen, allein dieser eine edelmüthige Zug möchte doch
+das lasterhafte Volk nicht rein waschen). Was man jedoch noch weniger
+verneinen kann, ist die äußere Schönheit der Abessinier, Beweis dessen ich
+hier auf gut Glück das Porträt eines Landmanns aus dem Distrikt Antitscho
+in Tigrié hersetze.
+
+Die ungesunde Ebene von Hamedo lag nun hinter mir und ich passirte den
+_Mareb_ in einer Furth. Zu meinem Erstaunen fand ich ein sehr klares
+breites Wasser, das jedoch nur einen Fuß Tiefe hatte und zwischen
+belaubten Abhängen, wie zwischen zwei Hecken hinfloß. Jenseit desselben
+stiegen wieder Berge an, auf denen der Marktflecken Gundet liegt und die
+gesunde Deka beginnt.
+
+Meine nächste Station war Asmara, die gegenwärtige Residenz des
+Baharnegasch oder Beherrscher der Meeresküste. Diesen stolzen Titel führte
+ein einfacher Schum (Ortsvorstand), der vom Statthalter der Provinz
+Hamasién eingesetzt wird. Der Mann empfing mich mit vieler Freundlichkeit
+und schenkte meinen ausgehungerten Leuten einen Hammel, ohne etwas dagegen
+zu verlangen. Er war ein vollendeter Gentleman, welcher bei meiner Abreise
+mich merken ließ, daß es ihm an Zündhütchen fehle. Da ich leider keine bei
+mir hatte, schickte ich ihm nach meiner Ankunft in Massaua eine größere
+Partie. Asmara ist keineswegs die Hauptstadt von Hamasién; als solche galt
+in alter Zeit Debaroa und heute _Tzazega_, wo der Detschas Hailu, ein
+Liebling Theodor’s II., residirte. Der Ort liegt malerisch zerstreut auf
+einem Hügel und zählt etwa 2000 Einwohner, die etwas Handel und namentlich
+Maulthierzucht treiben.
+
+Das Gebiet des Nils lag schon hinter mir und ich befand mich hier in
+demjenigen des _Anseba_, der durch den Barka seine Wasser dem Rothen Meere
+zusendet. Bald war auch die Grenze Abessiniens erreicht und die Terrassen
+lagen vor mir, die sich nach der kahlen, brennend heißen Samhara
+hinabsenken. Erst jetzt fühlte mein Herz eine Erleichterung; das
+Damoklesschwert hing nicht mehr über meinem Haupte, ich war der Gewalt
+Theodor’s gänzlich entrückt.
+
+Schnell war auch das Küstenland durchzogen, und in Massaua begrüßten mich
+nach langer Irrfahrt zuerst wieder die Spuren europäischer Civilisation.
+
+ [Illustration: Ansicht des Gemp in Gondar. Nach Rüppell.]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Inneres einer Mensahütte. Originalzeichnung von Robert
+ Kretschmer.]
+
+
+
+
+
+ REISEN IN DEN NÖRDLICHEN UND NORDWESTLICHEN GRENZLÄNDERN ABESSINIENS.
+
+
+ Das Land der Mensa und Bogos. – Reise des Herzogs Ernst. –
+ Monkullo. – Labathal. – Plateau von Mensa. – Das Volk der Mensa. –
+ Ausflug nach Keren. – Elephantenjagd. – Rückkehr. – Munzinger über
+ die Bogos. – Geschichtliches. – Ein aristokratisches Volk. –
+ Rechtsverhältnisse. – Aberglauben. – Das Christenthum der Bogos. –
+ Der Marebfluß. – Die demokratischen Bazen und Barea.
+
+
+
+
+ 1. Reise des Herzogs von Koburg nach Mensa und Bogos.
+
+
+Da, wo die Terrassen des nördlichsten Distrikts von Abessinien, der
+Provinz Hamasién, die natürliche geographische und politische Grenze des
+Landes ausmachen, hören die vulkanischen Wackengebilde, die rothen
+Eisenthone und ebenen Basaltplateaux auf und die Urgebirge, die Granite,
+Gneise, Glimmerschiefer erhalten die Herrschaft. Sie bilden ein Gebirge,
+das, nach Osten hin zum Rothen Meere, nach Westen gegen das Tiefland des
+Barka abfallend, von zahllosen Wasserrinnen durchflossen ist, welche
+während der heißen Jahreszeit vertrocknen. Der namhafteste dieser
+Gebirgsbäche ist der Anseba, welcher sich mit dem Barka vereinigt. Noch
+vor zwanzig Jahren war dieses Gebiet den Geographen fast gänzlich
+unbekannt – jetzt gehört es zu einem derjenigen Theile Afrika’s, dessen
+Kenntniß am meisten gefördert ist. Die Völkerschaften, die dort wohnen,
+die Bogos mit den Mensa, die Bedschuk, Takul und Marea sind theilweise
+Christen, werden aber in nicht allzuferner Zeit dem Islam anheimfallen.
+Auch in ihrer Sprache unterscheiden sich die Bogos und Bedschuk von ihren
+Nachbarn; erstere ist ein Agau-(Agow)Dialekt, welcher aber mehr und mehr
+dem Tigré Platz macht. (Vergl. S. 92.)
+
+Vor Allem aber hat die Natur dies „Alpenland unter den Tropen“ mit dem
+herrlichsten landschaftlichen Charakter gesegnet, mit vielfach
+gegliederten Hochebenen und kühnen Felsgestalten. Zur Regenzeit entwickelt
+sich dort eine höchst mannichfaltige und reiche Vegetation, und das
+Thierreich ist so überaus wohl vertreten, daß Bogos sammt Mensa dem
+Waidmann als ein Paradies erscheinen müssen.
+
+Die Berichte, welche die deutsche Expedition unter von Heuglin über diese
+gesegneten Landstriche in die Heimat sandte, das Interesse welches sie an
+und für sich erwecken mußten, endlich die vergleichsweise leichte
+Zugänglichkeit, die nahe Lage an der Küste – man kann von Triest aus, wenn
+Alles ineinander greift, jetzt in ungefähr vierzehn Tagen nach Mensa
+gelangen – machten auch in einem deutschen Souverän den Wunsch rege, jene
+Gegenden zu besuchen, um dort der edlen Jagd obzuliegen. In Schottlands
+Hochbergen hatte _Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha_ schon den
+Edelhirsch gejagt, er hatte Gemsen am Fuße der Alpengletscher erlegt und
+nun entschied er sich auch dahin, auf Elephanten, Löwen, Leoparden,
+Gazellen und Antilopen in ihrer tropischen Heimat zu pürschen. Doch die
+Wissenschaft sollte bei diesem Unternehmen keineswegs leer ausgehen, und
+so versah sich der Herzog mit einem Stabe tüchtiger Männer, die vollkommen
+geeignet waren, das Erlebte und Gesehene in Wort und Zeichnung
+aufzubewahren.
+
+Die Reisegesellschaft bestand aus dem Herzoge und seiner Gemahlin, dem
+Fürsten Hermann Hohenlohe und dem Prinzen Eduard Leiningen, dem Major von
+Reuter nebst Frau, dem Arzte Dr. Hassenstein, dem Maler Robert Kretschmer
+– dem wir einen Theil der prächtigen, naturwahren Illustrationen zu diesem
+Werke verdanken – dem Naturforscher Dr. Brehm, Friedrich Gerstäcker und
+einigen Anderen. Dr. Brehm, der Afrika aus eigener Anschauung bereits
+kannte, wurde als Pionier vorausgesandt, um die besten Wege ins
+Mensagebirge zu erforschen, und am 28. Februar 1862 verließ die Expedition
+selbst Triest. Nach sechstägiger Fahrt wurde Alexandrien erreicht, Kairo
+besucht und den Nil stromaufwärts bis zu den Ruinen von Luxor gedampft,
+endlich mit einem Extrazug durch die Wüste nach Suez gefahren, wo die
+hohen Herrschaften nebst ihrem Gefolge sich am 24. März einschifften. Fünf
+Tage dauerte die Fahrt durch das Rothe Meer, und am 29. warf der Dampfer
+bei _Massaua_ Anker, wo eine englische Fregatte bereit lag, um der
+herzoglichen Expedition während ihres Aufenthalts an der entlegenen Küste
+Schutz angedeihen zu lassen.
+
+Jener wichtige Hafenplatz wurde der Ausgangspunkt zur Reise in das
+Hochland, welche die Frau Herzogin jedoch nicht mitzumachen gedachte. Sie
+blieb vielmehr in dem westlich von Massaua gelegenen Dorfe _Monkullo_
+(Umkullu, M’Kullu) zurück, das man als eine Art Vorstadt von Massaua
+bezeichnen kann, weil viele Massauer Familien hier ihre Hütten und die
+meisten Geschäftsleute eine Frau mit Kindern und Sklavinnen wohnen haben,
+von denen sie täglich Milch und Holz sich bringen lassen. Ein besonderer
+Vorzug des Ortes sind seine Brunnen mit klarem süßen Wasser, das bis
+Massaua geführt wird. Monkullo wird von mehreren Hügeln überragt, von
+deren Hochfläche man einen Blick auf das Rothe Meer hat. Man sieht zwei
+lange Streifen, welche sich von dem blauen Gewässer abheben; der längere,
+zur Hälfte gelb, zur anderen grün, ist die Insel Tan-el-hut, wo Hemprich
+begraben liegt; der andere Streifen ist Massaua. Die gelbe Farbe rührt von
+Korallen, die grüne von einem dichten Gebüsch her, dessen immergrüne,
+fettglänzende Blätter denen des Kirschlorbers ähnlich sind; diese Pflanze,
+der _Schorawurzelträger_ (_Avicennia tomentosa_), heißt zu Massaua
+Sackerib und wächst nur an solchen Stellen, welche täglich bei der Flut
+vom Meereswasser bespült werden. Aus der Ferne gesehen, gewähren die
+Wurzelträger einen anmuthigen Eindruck; ihr sanftes Grün thut dem Auge
+wohl; sie strecken ihre ziemlich dünnen Aeste in das Meer, und das Ganze
+lockt fast unwiderstehlich an, weil es zu dem nackten gelben Strande einen
+angenehmen Gegensatz bildet. Aber die Atmosphäre ist hier feucht, man kann
+wohl sagen giftig, und die Hitze oft so arg, daß es gewissermaßen als eine
+Erquickung erscheint, wenn man aus solch einem Avicenniengewirr
+heraustritt und wieder von den glühenden Strahlen der äthiopischen Sonne
+beschienen wird.
+
+Schnell eilten die Mitglieder der Gesellschaft aus der ungesunden
+Küstenlandschaft dem Innern zu. Im Anfang war die Gegend der Samhara,
+welche sie durchritten, sehr öde und arm; die sandigen, aus grobkörnigem
+Kies bestehenden Berge glichen ganz jenen der Wüste. Das thierische Leben
+der Samhara wird zuerst bei den Regenströmen bemerklich, die nach kurzem
+Lauf hier dem Rothen Meere zueilen. Großartig wird die Natur erst da, wo
+das _Labathal_ mit frisch sprudelndem Flüßchen aus dem Gebirge
+hervortritt. Im hellsten Grün prangten die Gehänge des Thals bis hoch zu
+den Bergen hinauf; alle Bäume standen im Blätterschmuck, viele von ihnen
+waren gerade mit den köstlichsten Blüten bedeckt und leuchteten von den
+Felswänden herunter. Gesicht, Gehör, Geruch schwelgten zu gleicher Zeit.
+Der Farbenreichthum blendete das Auge, Wohlgeruch erfüllte das Thal und
+wie ein Gruß tönte der Flötenruf des äthiopischen Würgers den Fremdlingen
+ins Ohr. Auf den Zweigen wiegten sich Vögel aller Art von den kleinsten
+Honigsaugern (_Nectarinia_) bis zum riesigen Ohrengeier. Auch sah man
+Leoparden, Gazellen, Antilopen, Rudel von Affen, namentlich
+Hamadryaspaviane eilten mit lautem Geschrei die Abhänge hinauf und muntere
+Klippschliefer belebten die Felsen, die sogar Spuren des riesigen
+Elephanten trugen, der bis in die hohen Berge hinaufsteigt.
+
+Ganz oben verwandelte sich das Thal in eine enge Felsschlucht, und unter
+unsagbaren Mühen wurde am 7. April die Hochebene erklommen, welche
+wiederum von riesigen Alpen umgeben die Hüttengruppen des Hirtenvolkes der
+_Mensa_ trägt. Das Gebirge selbst besteht aus einem sehr grobkörnigen
+Granit, welcher jedoch nur an den höchsten Spitzen durchbricht, und aus
+Thon- und Glimmerschiefer, der sich wie ein Mantel um den innern
+Granitkern gelegt hat. In den tiefern Thälern finden sich steile Wände,
+welche jedoch fast überall zugänglich sind und es noch viel leichter sein
+würden, wenn nicht die Pflanzenwelt dies verhinderte. Alle Felsen sind
+grün bis oben hinauf, und wo nur ein geeignetes Plätzchen sich findet, da
+hat die Pflanzenwelt sicher Fuß gefaßt. Doch bestimmt die Armuth an
+Dammerde das Gepräge der Vegetation. Große gewaltige Bäume giebt es nur im
+Thale, und hier zeigen sich am Bache die charakteristischen Gewächse der
+Kollaregion: schirmförmige Mimosen, prächtige Tamarinden, Kigelien mit
+ihren großen Früchten, Adansonien, Akazien, Oelbäume, die
+Kronleuchter-Euphorbie und eine niedrige Palme.
+
+Der stattliche Gebirgszug, in dessen Gipfel das Plateau von Mensa
+gleichsam eingekeilt liegt, mag sich in den Theilen, welche von der
+herzoglichen Expedition berührt wurden, zu einer Höhe von 8000 bis 9000
+Fuß erheben. Die Hochebene selbst soll gegen 6000 Fuß über der
+Meeresfläche liegen und wird durch einen niedrigen Hügelrücken in zwei
+Theile geschieden. Der eine bildet eine wilde, mit Büschen bewachsene,
+sandige Fläche, die oft von Schluchten durchzogen ist. Der andere zeigt
+besseren Boden und wird bebaut.
+
+Das Dorf _Mensa_ bildet zwei Gruppen von Niederlassungen mit zusammen etwa
+100 Hütten, die sich an die beiden Ränder der Hochebene anlehnen. Dicht
+hinter denselben steigen die bewaldeten Felsgehänge noch kühn empor und
+tritt zwischen riesigen Granitblöcken ein klarer Quell hervor, und ringsum
+entfaltet das Gebirge seine ganze Pracht. Die Stelle war zu Ausflügen gut
+gewählt, aber leider wurde die Freude theuer bezahlt, denn ein großer
+Theil der Gesellschaft wurde vom Fieber gepackt. Die Gesunden ließen sich
+jedoch dadurch nicht abhalten, tüchtig der ergiebigen Jagd nachzuspüren
+und die Sitten der Eingeborenen zu studiren.
+
+Nirgends wol in Afrika trifft man auf so elende Behausungen als in Mensa.
+Die _Hütten_ bestehen aus Stangen oder Zweigen, über die man einfach
+Reisig wirft, das nicht einmal gegen den strömenden Regen gedichtet wird.
+Eine kleine niedrige Thür führt in das Innere des hohlen Reiserhaufens.
+Dort gewahrt man dieselbe Unfertigkeit: einige aneinander gereihte Stäbe,
+welche auf Querhölzern ruhen und von gegabelten Pfählen getragen werden,
+bilden den Schlafplatz. Diese Bettstätte ist außerdem mit einem
+laubenähnlichen Bau überdacht, der immer noch den Regen durchläßt. Außer
+einigen irdenen Töpfen, dem unentbehrlichen Reibstein, auf dem das
+Getreide zerkleinert wird, einem Topfe, in dem man das Korn aufbewahrt,
+und einigen Schläuchen sieht man keine Geräthschaften im Innern. Eine
+Dornumzäunung schließt die Wohnung ein, und innerhalb derselben liegt der
+kleine Tabakgarten, denn das starke Kraut wird von den Männern
+leidenschaftlich aus großen Wasserpfeifen geraucht, deren Wasserbehälter
+durch einen Kürbiß gebildet wird.
+
+Die Mensa sind schöne, wohlgebaute Menschen von gelblicher bis
+dunkelbrauner Hautfarbe. Ihre Sprache ist das Tigré. Das Haar ist
+eigenthümlich frisirt, wie es die Abbildungen zeigen, und mit einer Nadel
+versehen, welche die Ruhe unter den lästigen Insassen herzustellen hat.
+Kurze baumwollene Hosen und weite Umschlagmäntel machen die Kleidung der
+Männer aus; eine lederne, in viele Streifen zerspaltene Schürze bildet die
+einzige Bekleidung der unverheiratheten Mädchen, welche am Tage der
+Verheirathung mit einem Umschlagetuche vertauscht wird. Das Leben des
+Volkes hängt von den Herden ab; Getreidebau wird wenig betrieben. Die
+Erhaltung und Vermehrung der Herden macht die ganze Wissenschaft ihres
+Lebens aus. Der Mensa hält sich um so verständiger, je besser er mit dem
+Vieh umzugehen versteht, und er achtet sich um so glücklicher, je
+zahlreicher seine Herde von Buckelrindern ist. Manche von den Leuten,
+welche in einer der beschriebenen erbärmlichen Hütten leben, nennen 5000
+bis 6000 Rinder ihr Eigenthum. Um überall die Weide gut ausnutzen zu
+können, wandern die Mensa zweimal im Jahre von der Höhe ihres Gebirges zur
+Tiefe der Samhara hinab, wenn dort die Regengüsse ein frisches Grün
+hervorgezaubert haben. Die Milch der Kühe ist ihr vornehmstes
+Nahrungsmittel, und bei festlichen Gelegenheiten wird ein Ochse
+geschlachtet, dessen halbgeröstetes Fleisch gierig verschlungen wird. Als
+geistiges Getränk dient der Honigwein. Ganz so schlimm wie die Abessinier
+sind die Mensa beim Einnehmen ihrer Nahrung nicht, allein auch nicht sehr
+verschieden von diesen.
+
+Das _Christenthum_ der Mensa ist genau so, wie wir es bei ihren Vettern,
+den Bogos, weiter unten schildern. Das häusliche und eheliche Leben
+unterscheidet sich kaum von dem der Abessinier. Mit Sonnenuntergang
+sammeln sich die Mädchen auf den öffentlichen Plätzen und beginnen zu
+tanzen, wobei die Zuschauer laut brüllen. Dieses Vergnügen währt bis tief
+in die Nacht, jedoch nur wenn der Mond scheint und die Raubthiere nicht zu
+fürchten sind. An Festtagen hört man noch eine andere Musik, dann geben
+die Flötenbläser ihre Künste zum besten. Die abessinischen Flöten sind
+hohle Röhren mit verschiedenen kleinen Schallöchern, welche nach Art der
+Mundharmonika geblasen werden. Einzelne Künstler verstehen auch eine Art
+Geige zu spielen, d. h. eine Fiedel im Urzustande mit einer Saite von
+Pferdehaaren, die mit einem einfachen Bogen gestrichen wird. Eine
+Handtrommel mit Schellen unterstützt gewöhnlich dieses Konzert aufs
+wirksamste.
+
+Eigenthümlich sind die _Grabhügel_ der Mensa. In weitem Kreise um das Grab
+herum baut man eine senkrechte Ringmauer auf; den von ihr umschlossenen
+Raum füllt man alsdann mit großen und kleinen Steinen aus. Die Steine
+schichtet man in einem Haufen hoch auf und überlegt sie endlich mit
+blendenden Quarzstücken, welche weit und breit zusammengetragen werden.
+Die tropische Erzeugungsfähigkeit sorgt bald für grüne Umrankung und
+Umlaubung, und dann heben sich diese Gräber um so heller von dem dunklen
+Hintergrunde ab.
+
+Hier nun, unter diesem Volke, schlug man die Zelte auf und verweilte
+einige Zeit. Als die Gewitterregen nachgelassen, trat der Herzog, von
+seinen beiden Neffen begleitet, einen Ausflug nach _Keren_ im Bogoslande
+an. Am 12. April setzte sich der Zug in Bewegung, durcheilte in
+nordwestlicher Richtung die Mensa-Hochebenen und gelangte am nächsten Tage
+bereits in eine sehr veränderte Gegend. Die reiche Vegetation des
+Mensathales war fast ganz verschwunden, die Bergrücken waren kahl und nur
+an den Abhängen zeigten sich Mimosen und verkrüppelte Oelbäume. In den
+tiefern Thaleinschnitten wuchsen riesige Adansonien und Euphorbien. Nach
+einem Ritt von mehreren Stunden wurde das Dorf Gabei Alabu auf einem
+felsigen Plateau erreicht, wo die Einwohner nach einigem Parlamentiren
+Milch und eine Kuh zum Geschenke brachten. „In keiner Weise konnten wir,“
+erzählt Herzog Ernst, „auf der ganzen Reise zwischen diesen Völkerschaften
+auch nur über die geringste Unbill klagen, und ich muß lobend erwähnen,
+daß uns überall mit aufrichtiger Freundlichkeit und Gastfreundschaft
+begegnet wurde.“ Nachdem man zwei Stunden weiter geritten, gelangte man an
+das malerische Ufer des _Anseba_ (Ainsaba). Der Strom hielt noch dritthalb
+Fuß Wasser und floß silberhell und reißend dahin. In unendlichen Windungen
+sendet er seine klaren Fluten, die unfern von Tzazega in Hamasién
+entspringen, durch das Gebirgsland und erquickt mit seinen zweimal im
+Jahre austretenden Gewässern die durstige Ebene. Soweit dies der Fall ist,
+zeigt auch der Boden die ganze Fülle der Tropenvegetation; wunderbar
+geformte Bäume, dicht mit Lianen überzogen, wechseln malerisch mit
+haushohem Schilf. Tausende von Vögeln aller Art bevölkern diesen schmalen
+Streifen Erde, der gleich einer Oase meilenweit den Strom begrenzt,
+welcher später seine Wasser mit denen des Barka vereinigt, also nicht dem
+Gebiete des Nil, wol aber jenem des Rothen Meeres angehört.
+
+Die gehoffte Jagd fand leider hier nicht statt, dafür stattete man dem
+jenseit des Flusses liegenden Dorfe _Keren_, dem Hauptorte von Bogos,
+einen Besuch ab. Der Herzog schildert Keren als ein elendes, auf einer
+Hochebene gelegenes Dorf, das außer den Hütten der Eingeborenen nur zwei
+größere Gebäude, die Wohnung des weit und breit bekannten Missionärs
+_Stella_, aufweist. „Stella ist ein kleiner untersetzter Mann mit
+stechenden klugen Augen, aber sonst wohlwollenden Zügen. Er gehört zum
+Orden der Lazaristen. Unstreitig ist er, nach Allem, was ich über ihn
+gehört und gelesen, zu den wenigen intelligenten Europäern zu rechnen,
+welche seit einer Reihe von Jahren das Innere Afrika’s bewohnten. Durch
+seinen Charakter, seinen Muth und sein kluges Benehmen ist er zu einer
+bedeutenden Person geworden. Er ist nicht nur bei den Bogos höchst
+angesehen, sondern steht auch in einer gewissen Verbindung mit dem Kaiser
+Theodor und den ganzen politischen Verhältnissen Abessiniens. Die
+Ausbreitung der katholischen Religion scheint ihm hier nicht allein am
+Herzen zu liegen. Er schien vorzugsweise Rathgeber und Vermittler zwischen
+obwaltenden Streitigkeiten der Stämme zu sein. Ein Gehalt, der ihm
+regelmäßig ausgezahlt wird, und eine ausgesuchte Herde machen ihm bei
+geringen Bedürfnissen ein angenehmes Leben möglich.“
+
+ [Illustration: Eingeborene von Mensa vor ihren Hütten.
+ Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]
+
+Der Boden bei Keren, das 4469 Fuß über dem Meere liegt, ist fruchtbar,
+aber nur ab und zu mit Durrah, etwas Tabak und dem gewöhnlichen
+Seifenkraut bepflanzt. Nach Osten und Süden steigen rauhe Gebirge in die
+Höhe, während sich die im Norden liegenden Ketten mehr und mehr abflachen.
+Nach Westen zu sieht man den Bergen deutlich an, daß sie aus einer Ebene
+emporsteigen, denn unmittelbar hinter ihnen beginnt die unabsehbare
+Barka-Steppe. Wasser enthält die Hochebene so gut wie gar nicht.
+
+Keren war der fernste Punkt, bis zu welchem der hohe Reisende gelangte. Er
+zog nach kurzem Aufenthalte von da nach Mensa zurück, wo er am 16. April
+wieder anlangte. Schon am zweiten Tage darauf fand eine glückliche
+Elephantenjagd statt, und mit nicht geringer Anstrengung gelang es, auf
+den 8000 Fuß hohen Felsenhöhen des Beit-Schakhan einen alten und einen
+jungen Elephanten zu erlegen.
+
+Mit folgenden Worten schildert der Herzog das Abenteuer selbst: „Es mochte
+wol zwischen 2 und 3 Uhr sein, als ein für uns kaum hörbarer Ton das Ohr
+des uns begleitenden jungen Eingeborenen traf. Wie eine Schlange schnellte
+die schwarze nackte Gestalt aus dem Grase empor, und die heftigste sich in
+den wunderlichsten Gesten kundgebende Aufregung bewies uns, daß ein
+Zeichen von unten gegeben sei. Wie durch einen Zauberschlag berührt,
+sprangen wir jetzt auf die Füße und griffen zu unseren Büchsen. Die
+reizende Aussicht war, wie Müdigkeit für uns verschwunden, die
+Sonnenstrahlen erschienen nicht mehr heiß, und ohne weiter zu überlegen,
+was eigentlich das Zeichen bedeute, trabte die ganze Gesellschaft über
+Steinblöcke durch Dick und Dünn der Tiefe zu, aus der in abwechselnden
+Zwischenräumen das schon vorher erwähnte Zeichen wiederholt wurde.
+
+„Der junge Mensaner mit Schild und Speer an der Spitze, führte den Zug,
+und da ihn weder Kleidung noch Korpulenz am Laufen hinderten, so fiel er
+in ein wahrhaft gefährliches Tempo, für das nur die jüngsten Beine
+geschaffen schienen. Erst nach anderthalb Stunden trafen wir die beiden
+Elephantenjäger. Nur einige hundert Schritt folgten wir ihnen und sahen
+schon zum allgemeinen Entzücken, auf der gegenüberliegenden Bergwand,
+zwischen dem Gestrüpp und alten Euphorbienbäumen, Elephanten ruhig ihr
+Diner verspeisen.
+
+ [Illustration: Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in
+ Mensa.
+ _(Originalzeichnung von R. Kretschmer.)_]
+
+„Hier hätte nun ein Kriegsrath gehalten werden müssen, um, wie vorher
+verabredet, die Jagd zu besprechen. Hierzu ließen uns die aufgeregten
+Eingeborenen aber keine Zeit. Sagudo ergriff mich beim Arm, schüttelte
+mich, als ob es gälte, Aepfel von einem Baume zu schütteln, wies mit
+grimmigen Geberden auf die unten äsenden Elephanten und riß mich mit sich
+fort. Vorwärts ging es nun wieder in vollem Laufe durch Aloë, Cactus und
+Mimosen. Bald waren die ohnehin defekten Hemden und Beinkleider zerrissen,
+und die glühende Sonnenhitze badete uns im Schweiß. Mit einem Male hielt
+der Jäger an, schnitt mir ein wüthendes Gesicht und klopfte mit dem Laufe
+seiner riesigen Muskete auf meine Schuhe. Sein Wunsch war augenscheinlich
+der, daß ich von jetzt ab die Pürsche barfuß – wie er ging – fortsetzen
+solle. Aus meinen ebenso grimmigen Mienen und bezeichnenden
+Gestikulationen mochte er jedoch wol entnehmen, daß die Sohlen unserer
+Füße nicht, wie die seinen, für Dornen und scharfe Steine geschaffen
+seien, und weiter ging es, eine Lehne hinab, durch einen ausgetrockneten
+Sturzbach hindurch und drüben einen steilen Graben hinauf. Wir folgten
+genau in dem sonst undurchdringlichen Dickicht den Windungen der kleinen
+Pfade, welche die Ungethüme, sich vor uns äsend, erst im Augenblicke
+getreten hatten. Noch eine Weile und wiederum ging es einen Strand hinab,
+und in langen Sätzen wollten wir eben die Felsen eines zweiten Sturzbaches
+überschreiten, als wir auf 50 Schritt vier Elephanten unter uns denselben
+Bach kreuzen sahen.
+
+„Athemlos hielt Alles still. Ich riß meine Büchse an den Backen und wollte
+eben den größten Elephanten aufs Korn nehmen. Da fiel mir der Jäger in den
+Arm und machte solche furchtbare Grimassen, daß ich nicht anders glauben
+konnte, als er halte es noch für zu weit. Die Elephanten, welche schlecht
+äugen, gingen unter uns vorüber. Kaum waren sie aber auf der
+entgegengesetzten Wand verschwunden, als das Rennen unmittelbar auf ihrer
+Fährte wieder begann. Hiernach schien es die Absicht des Jägers zu sein,
+die Thiere einzuholen und mit den letztern auf wenige Schritte zusammen zu
+kommen.
+
+„Die Leidenschaft hatte uns alle erfaßt und jeglicher Ueberlegung der
+drohenden Gefahr, in der wir uns befanden, beraubt. Kaum mögen acht
+Minuten vergangen gewesen sein, als wir, der vermeintlichen abwärts
+führenden Spur in langen Sprüngen von Fels zu Fels folgend, mit dem
+vordersten der Elephanten auf drei Schritte zusammentrafen. Die Thiere
+hatten einen auf uns zurückführenden Pfad eingeschlagen. Noch einen
+Schritt weiter und wir wären sämmtlich verloren und zu Brei getreten
+gewesen.
+
+„Mit kühner Geistesgegenwart erfaßte der Jäger den Augenblick, und indem
+er einen gellenden Schrei ausstieß, stürzte er sich – gleichwie der
+Schwimmer von einem Springbret in das Wasser – von dem erhöhten
+Standpunkte etwa zehn Fuß tief in ein wildes Cactusdickicht hinein. Zum
+Besinnen hatten wir auch keine Zeit und ahmten, fast instinktmäßig, den
+sicheren Tod vor Augen, das Manöver nach. Auf das furchtbarste
+zugerichtet, drückten wir uns, wie ein Kitt Hühner unter eine Krautstaude,
+hinter einen Granitblock. Die Elephanten hatten, durch die wunderbare
+Erscheinung erschreckt, selber eine Bewegung halb rechts gemacht,
+dergestalt, daß sie uns schräg abwärts in einer Entfernung von vielleicht
+10 bis 15 Schritt, jedoch ohne im geringsten flüchtig zu sein, die Flanken
+zeigten.
+
+„Der Augenblick zum Handeln war gekommen. Der Jäger, Hermann (Fürst
+Hohenlohe) und ich waren mit einem Sprunge beinahe zu gleicher Zeit auf
+dem Felsen, der uns gerettet, die Büchsen flogen in die Höhe und vier
+Spitzkugeln bohrten sich hinter das riesige Gehör des Ungethüms. Der
+Elephant war tödtlich getroffen. Er hielt an und stieß jenen durch Gordon
+Cumming so wohl beschriebenen Schmerzenston aus, und wäre unsere Lage
+nicht so mißlich gewesen, so hätten wir ruhig sein Verenden abwarten
+können. Hier galt es aber augenblickliche Vernichtung und mit Büchsen _à
+la_ Lefaucheux bewaffnet, ward es uns eine Leichtigkeit, in wenigen
+Minuten gegen vierzehn Kugeln dem schon wankenden Koloß hinter Blatt und
+Gehör zu senden. Ein zweiter Elephant, durch das Schießen beunruhigt,
+kreuzte den Verwundeten. Auch er erhielt von Hermann eine Kugel auf das
+Blatt, welche ihm jedenfalls jenen Schmerzensschrei entlockte, aber nur
+dazu zu dienen schien, seine Flucht zu beschleunigen. Unser erstes Opfer
+schwankte noch einige Male, indem es sich langsam umdrehte, hin und her.
+Da erhielt er aus der Muskete unsers Jägers den letzten Gnadenschuß durchs
+Herz. Das Thier stürzte mit einem furchtbaren Getöse und rollte, wie ein
+Hase auf einem gefrorenen Abhang, die Bergwand wol 500 Schritt hinunter,
+Bäume und Felsen vor sich her wälzend. Die Straße, die sein Körper
+beschrieben hatte, glich einem jener Lawinenstreifen, die man so oft im
+Hochgebirge auf der Gemsjagd antrifft. Mit einem Freudengeschrei jagten
+wir dem verendeten riesigen Thiere in den Abgrund nach, wo wir es tief
+unten, zwischen zwei Granitblöcken eingeklemmt, noch gewaltig mit seinen
+Füßen arbeitend, liegen sahen.“
+
+Noch ein zweiter junger Elephant, der gleichsam um die Mutter zu rächen,
+wüthend herbeigeschnaubt kam, wurde erlegt, die Jagd war vollendet, und
+beleuchtet von den Strahlen der glühend untergehenden Sonne standen die
+Sieger auf den kolossalen Leichen ihrer Jagdbeute. Die Landschaft, in
+welcher die gefahrvolle Jagd stattfand, schildert der Herzog
+folgendermaßen: „Ein Panorama lag vor uns, wie ich es nur an wenigen Orten
+Tyrols und der Schweiz getroffen habe. Ein unabsehbares Meer grüner und
+brauner Berge, hier in den schönsten und reichsten Formen gelagert, dort
+wieder scharfgezeichnete Felsspitzen in pittoresken Gestalten
+vorstreckend, bot sich unsern Blicken. In weiter Ferne bezeichnete ein
+goldener Streif die Fluten des Rothen Meeres, nach allen übrigen
+Himmelsgegenden reihten sich Gebirge an Gebirge. Das schwierige Besteigen
+jener Alpen wäre schon hinreichend durch die unbeschreibliche Aussicht
+belohnt gewesen, deren wir uns hier zu erfreuen hatten. Die Sonne war
+glühend, dennoch erfrischte uns ein kühler Luftzug und ausgestreckt im
+hohen Grase schwelgten wir in den Genüssen der Natur.“
+
+Bald darauf brach, nach verschiedenen neuen Jagdabenteuern, die
+Gesellschaft auf und langte am 23. April in Monkullu, bei der Frau
+Herzogin wieder an. Ueber ihren Aufenthalt daselbst schrieb die hohe Dame
+folgende Worte in ihr Tagebuch: „Die Tage, welche wir hier verlebten,
+waren keine Idylle in der Weise der lieben Heimat, es war für uns
+verwöhnte Kulturkinder Manches recht schwer zu überwinden; aber es war
+doch ein Stilleben voll von großen Eindrücken, und die Erinnerung daran
+möchte wohl keiner von uns missen. Wer einmal im Schein der tropischen
+Sonne auf Himmel, Land und Meer geblickt hat, der wird die Farbenpracht
+der Natur und die gehobene Stimmung, welche sie dem Menschen verleiht, nie
+mehr vergessen. Was Licht heißt und glühende Farbenschönheit, das erfährt
+man erst im Süden. Und die Einwirkung dieser Fülle von Licht und Farbe,
+die großen Gegensätze, welche ohne Dämmerung, ohne das Nebelgrau der
+Heimat, wie unvermittelt nebeneinander stehen und doch Bilder von der
+wundervollen Schönheit geben, werden immer mächtiger, je länger man weilt,
+und umgeben das Leben des Tages mit einer Poesie, die märchenhaft und fast
+bewältigend ist. Und in diesem Zauberlichte glänzt eine fremde Erdenwelt,
+denn Menschen, Thiere, Pflanzenformen, jeder Gegenstand, der an den
+Reisenden herantritt, trägt dazu bei, die Stimmung, welche die Landschaft
+hervorruft, zu erhöhen. Ungeachtet der Unsicherheit, welche der Europäer
+in dieser Wildniß empfindet, ist die Grundstimmung, welche dieses
+tropische Leben verleiht, doch eine erhebende Ruhe. Alles sieht
+großartiger und einfacher aus, und ohne Mühe kann man sich hier um
+Jahrtausende zurückdenken, in denen dasselbe Hirten- und Wanderleben war,
+dasselbe Geschrei der Thiere, dieselben Pflanzen an derselben Stelle,
+dasselbe Leuchten der Farben, ebenso der Sand mit den Steintrümmern und
+dem weißen Gebein der gefallenen Thiere. Der Mensch vermag in der
+großartigen Beständigkeit dieser Welt nur wenig.“
+
+Am 26. April sagte endlich die Reisegesellschaft dem abessinischen Gestade
+Lebewohl und trat die Fahrt durch das Rothe Meer nach Suez an. Leider
+hielten gefährliche Fieber die Reisenden einige Zeit in Kairo zurück, und
+erst am 30. Mai wurde in Triest wieder der europäische Boden betreten. Die
+fürstliche Reise war auch für die Wissenschaft nicht ohne Ergebnisse, denn
+abgesehen von dem Werke des Dr. Brehm, der die zoologischen Resultate
+verarbeitete, veröffentlichte der Herzog selbst einen Reisebericht, der
+mit den herrlichsten Abbildungen in Farbendruck von Robert Kretschmer’s
+Meisterhand geschmückt wurde.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Der Aufenthalt des Herzogs im Bogoslande war jedoch viel zu flüchtig
+gewesen, als daß derselbe unsere Kenntnisse von den Bewohnern desselben
+hätte eingehend fördern können. Diese aber, durch Sitten, Abkunft und
+Rechtsverhältnisse ein höchst interessantes Volk, lernen wir am besten
+durch _Werner Munzinger_ kennen, der sich viele Jahre unter ihnen aufhielt
+und gleich Stella eine bedeutende Stellung einnahm.
+
+Ueber das Bogosland sind viele Stürme hinweggebraust. Die ganze Nordgrenze
+Abessiniens von Massaua bis zum Mareb war, der Sage zufolge, in alten
+Tagen von den _Rom_ bewohnt, einem riesenhaften, übermenschlichen
+Geschlechte. Der letzte desselben verfeindete sich mit Gott, schleuderte
+eine Lanze gen Himmel und zur Strafe zerfraß ihm ein von Gott gesandter
+Adler den Kopf. Die Rom werden noch in Liedern besungen und spitzige
+Steinhaufen für ihre Gräber ausgegeben. Nach den Rom kamen die Kelau, ein
+äthiopischer Stamm aus Abessinien, von dem nur wenig Reste blieben; dann
+wanderten die Barea von Hamasién her ein und schließlich die Bogos.
+
+Ihr Stammvater _Gebre Terke_ ist vom Volke der Lasta-Agows (vgl. S. 90).
+Aus Furcht vor der Blutrache verließ er seine Heimat, stieg hinab in die
+Kolla und baute zu Mogarech im Bogoslande die Giorgiskirche; das mag 1530
+gewesen sein, zur Zeit der muhamedanischen Kämpfe gegen das christliche
+Abessinien. Vor dem zu Aschra befindlichen Grabsteine des Stammvaters geht
+auch heute noch kein Bogos vorüber, ohne ihn zu küssen.
+
+Bei den Bogos ist das Stammverhältniß stark ausgeprägt und die einzelnen
+Abtheilungen sind derart durch Heirathen verschwägert, daß innere Fehden
+zur Unmöglichkeit werden. Früher standen sie direkt unter Abessinien und
+sandten alljährlich 60 Ochsen als Tribut an den König in Gondar. Sie
+bildeten eine _Aristokratie_, die sich selbst nach eigenem Rechte
+regierte, eine gewisse Kultur besaß, jedoch durch Kriege und Berührungen
+mit den Nachbarn allmälig in Barbarei versank. Abessinier sowol als die
+Aegypter von Ostsudan aus machten Verheerungszüge in das Bogosland und es
+kam 1854 so weit, daß die Bogos endlich um Frieden flehten und den
+Aegyptern versprachen, den Islam anzunehmen. Da erschien bei ihnen der
+erwähnte Missionär Johannes _Stella_ und sammelte die Leute wieder, und
+der englische Konsul _Plowden_ erwirkte im Namen Großbritanniens, daß das
+christliche Gebiet für unverletzlich erklärt wurde. Doch noch immer nicht
+hatten die Bogos Ruhe. Neue Raubzüge fanden gegen sie statt, man führte
+viele in die Sklaverei. Wie wir aus Graf Krockow’s Reise wissen, erschien
+im November 1864 Pater Stella, begleitet von Werner Munzinger, in Kassala,
+um beim ägyptischen Gouverneur darüber Klage zu führen, daß die Barea
+außer vielem Vieh 104 Weiber und Kinder aus dem Bogoslande entführt
+hätten.
+
+Noch immer zahlen die Bogos an Abessinien Tribut. Ihre Gesammtzahl beträgt
+etwa 8000 Köpfe, von welchen zwei Drittel Unterthanen, sogenannte _Tigrés_
+sind, und ein Drittel aus _Schmagillis_ oder wirklichen Bogos besteht. Das
+Gesammtvolk hat nach Munzinger 2100 Häuser und etwa 10,000 Stück Rindvieh.
+Von höchstem Interesse sind die durch den genannten Forscher uns bekannt
+gewordenen _Rechtsverhältnisse_ des Völkchens. Das Recht ist ein
+patriarchalisch-aristokratisches. Die Familie ist Staat, Souverän und
+Gesetzgeber, hat Recht über Leben und Tod der einzelnen Glieder. Wer nicht
+Schmagilli, echter Bogos ist, wählt sich einen Schutzherrn und wird nun
+dessen Dienstmann, Tigré. Eigentlich gilt jeder Fremde als Feind. Der
+Patriarch (_Sim_) ist geheiligt; er ist gleichsam König ohne Königsgewalt.
+Stirbt der Sim, so folgt ihm der Erstgeborene, nachdem er sich den ganzen
+Leib mit dem Wasser gewaschen, in welchem die Leiche des Vaters gewaschen
+wurde. Mit verhülltem Kopfe fastet er nun drei Tage; dann wird er, immer
+noch mit verbundenen Augen, vor die Hütte geführt und ihm Kuhdünger,
+Dornen und Sand vorgelegt. Greift er nach den Dornen, so bedeutet dies
+Krieg; Sand läßt auf gesegnete Ernten hoffen, Kuhdünger auf Gedeihen der
+Heerden.
+
+Für die kleinere Familie ist der Vater Richter; zweite Instanz bildet der
+öffentlich versammelte Dorfrath (Mohäber). Trotz des Christenthums
+herrscht unter den Bogos noch viel Barbarei. Niemand kann lesen und
+schreiben; ein uneheliches Kind wird erstickt, und die eigenen Kinder
+verkaufte man früher oft für weniger als einen Thaler. Unter den vielen
+eigenthümlichen Sitten und Bräuchen heben wir folgende hervor. Kein Weib
+wird melken oder Getreide schneiden. Kein Schwiegersohn sieht das Antlitz
+seiner Schwiegermutter an. Die Frau steht im Allgemeinen niedrig; sie kann
+jeden Tag fortgejagt werden und besitzt kein Klagerecht. Es kommt nicht
+gerade selten vor, daß ein Mann nach dem Ableben des Vaters die
+Stiefmutter heirathet, und Munzinger kennt ein Beispiel, daß ein Mann die
+Frau seines gestorbenen Sohnes zum Weibe nahm. Scheidungen sind häufig,
+die Vielweiberei ist jedoch ziemlich selten, wenn auch erlaubt.
+
+ [Illustration: Hirtenfrau auf der Wanderung. Zeichnung von R.
+ Kretschmer.]
+
+Früher bauten die Bogos Häuser aus Stein – jetzt Zweighütten wie die
+Mensa. Das Innere trennt man durch eine Matte in zwei Hälften. Auch in den
+häuslichen Einrichtungen herrscht allerlei Aberglauben. So wird z. B.
+Feuer und Wasser nach Sonnenuntergang niemals aus dem Hause gegeben und um
+diese Zeit kein verliehenes Beil zurückgenommen. So lange eine Leiche sich
+im Hause befindet, wird kein Feuer angezündet, und frische Butter zu
+essen, gilt für eine Schande.
+
+Die Bogos haben schöne, regelmäßige Gesichtszüge und nicht das leiseste
+Negergepräge. Die Hautfarbe wechselt zwischen Gelb und Schwarz. Die Augen
+sind lebendig, schwarz und braun, der Haarwuchs weich und vollständig,
+doch grob.
+
+Die Bogos sind mehr Hirten als Ackerbauer. Die Herden ziehen fast das
+ganze Jahr hindurch im Freien umher, und wol ein Drittel der Bewohner
+wandelt nomadisch mit denselben. Weib und Kind, das nöthige Gepäck wird
+aufgeladen und der Weideplatz ausgesucht. Dann wohnt Alles unter
+Palmenmatten, die bei einer Platzveränderung leicht abgebrochen und auf
+Ochsen geladen werden. Milch ist die beliebteste Nahrung, und jede Kuh hat
+ihren Namen. Der Hirt lenkt seine Herde mit guten Worten, ohne Hunde.
+
+Unter diesem Volke gilt, wie im eigentlichen Abessinien, das _Blutrecht_.
+Die Nachkommen eines Vaters bis auf sieben Grade bilden die
+Blutsverwandtschaft. Dieselbe wird des Bluts theilhaftig, wenn ein
+Familienmitglied einen Mord begangen hat, und ist solch ein Glied getödtet
+worden, so hat jene gesammte Verwandtschaft das Recht und die Pflicht der
+Blutrache (_Merbat_). So lange die im Blut stehenden Familien sich
+eigenmächtig untereinander der Rache hingeben, hat das Recht nichts zu
+sagen; der Zwist wird den Blutfeinden überlassen. Sobald dieselben aber
+zur Versöhnung bereit sind, wenden sie sich an einen Mittelsmann, welcher
+jeder ihr Recht giebt; die Parteien zählen ihre Todten, und der Ueberschuß
+wird mit dem Blutpreis gesühnt.
+
+Munzinger schildert, wie es mit dem Christenthum stand, als er und der
+Lazarist Stella 1855 in das Land kamen. Die Bogos nannten sich _Kostan_,
+Christen; zum Beweise, daß sie es seien, berührten sie niemals Fleisch,
+das ein Muhamedaner geschlachtet hatte, und aßen weder Elephanten, noch
+Hasen oder Strauße. Der Sonntag hieß großer Sabbath, allein die
+Sabbathruhe wurde am Sonnabend beobachtet. Die Bogos haben zwei Kirchen;
+bei denselben sind eingeborene erbliche Priester angestellt. Ihr Amt
+besteht darin, an den Hauptfesten die Schiefersteine, welche die Glocken
+vorstellen, anzuschlagen. Von Priesterweihe oder irgend einer religiösen
+Kenntniß ist bei ihnen keine Rede. Munzinger kann nicht einmal dafür
+einstehen, ob die 1858 lebenden Priester getauft waren. „Der alte
+Stammpriester von Keren ist ein vermögender Mann, der sich nie
+niedersetzt, ohne die heilige Dreieinigkeit anzurufen, aber er kennt nicht
+einmal das Vaterunser.“ Von der Bedeutung der Festtage hat man keine
+Vorstellung. Gott, Petrus, Dreieinigkeit sind gleichbedeutende Ausdrücke
+für die Gottheit, aber über den besondern Sinn der Wörter ist man sich
+nicht klar. Die heilige Jungfrau genießt die größte Verehrung, aber daß
+sie Mutter des Heilandes sei, weiß Niemand. „Im Ganzen ist das
+Christenthum ein Name, erhalten durch die Anhänglichkeit dieser Völker an
+das Althergebrachte. Ueberhaupt ist den Landeskindern Religion die letzte
+Sorge, und der Aberglauben überwuchert.“ Daß Munzinger die Befürchtung
+ausspricht, der Islam werde auch dieses Völkchen erobern, wurde früher
+schon hervorgehoben. Allein was ist an einem solchen Christenthum, das
+noch unter jenem Abessiniens steht, gelegen?
+
+
+
+
+ 2. Werner Munzinger bei den Barea und Kunama.
+
+
+Es wurde früher bei Erwähnung der deutschen Expedition gesagt, daß W.
+Munzinger sich in Mai Scheka von Heuglin trennte und eine mehr westliche
+Route einschlug, während Heuglin nach Süden in das eigentliche Abessinien
+eindrang. Die Reise des ersteren, welche in die Tage vom 16. November bis
+22. Dezember 1861 fällt, führte ihn längs des Marebflusses in Regionen und
+zu Völkern, die bisher noch kein Europäer kennen zu lernen Gelegenheit
+hatte. Das in Rede stehende Gebiet liegt jenseit des Barkaflusses im
+Südwesten des Bogoslandes an der abessinischen Grenze und wird vom Mareb
+durchströmt.
+
+Dieser Strom ist vermöge seines Charakters einer der eigenthümlichsten der
+ganzen Erde. Seine Quelle liegt oberhalb des Dorfes Ad Gebrai in Hamasién,
+dann bildet er, südlich fließend, eine Spirale, die von Gundet ab nach
+Westen sich wendet und in die Kolla von Serawié eintritt. Bis hierher
+gehörte er zu Abessinien, jetzt aber, wo er sich dem Lande der Kunama
+nähert, verändert er seinen Gebirgscharakter; er sucht das Niederland und
+heißt nun _Sona_. Hier ist er kein Waldstrom mehr und auch kein _Torrent_.
+Wo nämlich der Boden das Wasser nicht an der Oberfläche halten kann, wo es
+durchsickernd erst später auf einer festen Schicht Widerstand findet, da
+zeigt sich der Strom als Torrent, d. h. es erscheint ein Sandbett, welches
+nur zur Regenzeit überflutet wird und das ganze übrige Jahr scheinbar
+trocken daliegt, weil der Wasserstrom _unterirdisch_ sich fortzieht. Der
+Mareb nun erscheint als Mittelding zwischen Fluß und Torrent und verliert
+diesen Charakter erst im Unterlauf. In der Regenzeit, Juli bis September,
+wird er regelmäßiger Fluß; in den übrigen Monaten zeigt er sich als
+Torrent, aber so, daß sein Sandbett hier und da von Teichen unterbrochen
+wird, wo das Wasser für kurze Zeit an die Oberfläche hervortritt. In der
+Ebene von Takka, bei der Stadt Kassala, heißt der Fluß _Gasch_ oder Chor
+el Gasch. Hier, im Gebiete der Hadendoa-Araber, wird er zur Bewässerung
+des Landes benutzt und hat eine Menge künstlicher Stromwehren, vermittelst
+deren man ihn aufstaut und die Felder überschwemmt. So verliert er sich
+meistens, aber in Jahren, wo sehr viel Regen fällt, wird es ihm möglich,
+sich bis zum Atbara Bahn zu brechen, den er dann bei Gasch-Da, d. h. Mund
+des Gasch, erreicht.
+
+Die Völker nun, am unmittelbaren Lauf des Stromes, unterscheiden sich von
+den Bogos, einem aristokratischen Volke, durch ihr ganz _demokratisches_
+Wesen. „Die Natur,“ sagt Munzinger, „ist hier einförmig, kein Berg ragt
+empor, keine scharfe Form zeichnet sich aus, kein entschiedener Gebirgszug
+und keine großartige Ebene giebt dem Ganzen Charakter und Einheit; selbst
+der Baumwuchs ist nur mittelmäßig; Gesträuch ist vorherrschend – und so
+der Mensch und seine Verfassung; nichts strebt, nichts beherrscht; lose
+zusammengeworfene Gemeinden entbehren der staatlichen Einheit und der
+bürgerlichen Verschiedenheiten.“
+
+Die _Kunama_ oder _Bazen_ und die _Barea_, welche hier wohnen, sind sich
+ihrer Sprache und Tradition nach durchaus nicht verwandt und dennoch
+stimmen ihre Rechtsbegriffe miteinander überein. Die Bazen bewohnten
+früher Tigrié, bis sie von den Geézvölkern hinausgedrängt wurden. Die
+Barea entsinnen sich nicht ihres Ursprungs, doch ist das Land der Bogos
+voller Zeugnisse ihrer früheren Anwesenheit. Die _Religion_ beider Völker
+ist ein gleichgiltiger Deismus, eine Idee von Gott, aber ohne Kultus oder
+christliche Reminiscenz. Wochen und Tage verlaufen ohne Festtage; religiös
+ist die Sorgfalt, die man auf die Gräber wendet, die aus Höhlen bestehen,
+in welche der Leichnam beigesetzt wird; religiös die unbegrenzte Ehrfurcht
+vor dem Alter, das allein regiert. Aberglauben hat das erbliche Amt des
+Regenmachers gestiftet, des Alfai, der allein wohnt, Regen bringt und,
+fehlt dieser, hingerichtet wird. Beschneidung war von jeher üblich, und
+der Islam hat unter ihnen große Fortschritte gemacht.
+
+Beide Völker charakterisirt die radikale _Gleichheit der Individuen_, die
+Abwesenheit des Staates; so leben die Dörfer zusammen friedlich und ruhig,
+Verbrechen sind selten. Dem Auslande gegenüber aber fehlt der staatliche
+Zusammenhang, die gegenseitige Hülfe. Beiden eigenthümlich ist die
+Bevorzugung des Schwestersohnes, der Blut und Habe von seinem Onkel erbt
+mit Ausschluß der Kinder; _eine Familie in unserem Sinne existirt also
+nicht_, der Begriff von Vater und Sohn fehlt, dagegen hängen Neffe und
+mütterlicher Onkel eng zusammen. Recht sprechen die Aeltesten des Dorfes,
+und keine Aristokratie lehnt sich gegen die Beschlüsse der Gemeinde auf.
+Selbst der Fremde wird nach kurzem Aufenthalt den alten Insassen gleich.
+
+Die Leute leben von heute auf morgen und dafür genügt der Ackerbau, den
+sie fleißig treiben. Grund und Boden kann bei der Ausdehnung des Landes
+nur wenig Werth haben, eine konsequente Viehzucht verbietet das Klima.
+_Blutrache_ ist natürlich überall nothwendig, wo der Staat sie nicht
+besorgt, doch hat sie bei den Barea und Bazen nicht den ausgebildeten
+Charakter, wie bei den Abessiniern. Der Mörder muß sich dem Tode durch ein
+mehrjähriges freiwilliges Exil entziehen, wonach er um ein geringes
+Blutgeld ausgesöhnt wird.
+
+Das Land der Bazen ist reich an wildem Honig, den sie stark genießen,
+während die Barea sich vorzugsweise von Bier nähren. Dieser Lebensweise
+schreibt Munzinger es zu, daß die Bazen volle muskulöse Gestalten haben,
+während die Barea klein und hager sind. Die Wohnungen beider Völker sind
+runde, glockenförmige, bis zum Boden mit Stroh sehr zierlich bedeckte
+Hütten; ihre Kleidung ist der Lederschurz, der erst allmälig den
+eingeführten Baumwollenzeugen Platz macht. Das Haupthaar tragen sie wie
+alle uns schon bekannten Völker von Nordabessinien; der Bart ist meist
+sehr dünn. Die Nase haben sie selten sehr stumpf, oft aber, besonders bei
+den Barea, adlerartig gebogen. Der Mund ist groß, jedoch nicht
+aufgeworfen. Was die Farbe anbelangt, so findet man alle Abstufungen von
+Gelb bis Schwarz, doch herrscht die dunkle Farbe vor.
+
+Die Bazen und die Barea unterscheiden sich im Temperament; die ersteren
+sind ruhig, gesetzt und reden leise; die letzteren sind lebhaft lärmend,
+schnell aufbrausend. Die Eheverhältnisse bei den Bazen scheinen sehr lose
+zu sein, während die Bareafrauen wegen ihrer Treue auch im Auslande
+berühmt sind. Beide Völker sind zu Hause sehr friedfertig, während mit dem
+Auslande ein ewiger Krieg geführt wird. Barea und Bazen stehen nicht in
+völkerrechtlicher Verbindung und heirathen selten untereinander.
+
+Die Bazen müssen ein sehr zahlreiches Volk sein. Ihre Hauptsitze ziehen
+sich den großen Strömen Mareb und Takazzié nach; ersterer heißt bei ihnen
+Sona, letzterer Dika. Alle treiben Ackerbau mit dem Pflug und nur
+theilweise Viehzucht. Ihre Waffe ist die Lanze. Als Typus kann der Zither
+spielende „Schangalla“ vom Mareb nach Zander’s Zeichnung angesehen werden
+(S. 89).
+
+Die Wohnsitze der Barea liegen im Norden der Bazen. Die Thäler, welche sie
+bewohnen, gehören schon dem Hochlande des Barka an, wie ihre Wasser und
+ihre Vegetation; die sie begleitenden Berge sind die letzten Ausläufer des
+Hochlandes der Bazen und werden zur Weide benutzt, Fieber sind häufig und
+die Regen fallen dort meist in der Nacht.
+
+So sind die Völker beschaffen, welche die nördlichen Vorlande Abessiniens
+bewohnen. Aber auch im Süden, zwischen Amhara und Schoa und wieder über
+Schoa hinaus, treffen wir auf ein eigenes höchst interessantes Volk, das
+der _Galla_. Mit ihm werden wir uns im folgenden Abschnitte beschäftigen,
+der uns das Königreich Schoa vorführt, welches von Amhara sich seit langem
+unabhängig zu machen wünscht und nur zeitweilig mit ihm zusammenfiel;
+schon daß der Herrscher daselbst den Titel „Negus“ führt, deutet darauf
+hin, daß wir es hier mit einem besonderen Staate zu thun haben.
+
+ [Illustration: Fettschwanzschaf]
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Dullul an der Bucht von Tadschurra. Nach M. Bernatz.]
+
+
+
+
+
+ SCHOA UND DIE BRITISCHE GESANDTSCHAFT UNTER MAJOR HARRIS.
+
+
+ Begrenzung. – Englische Gesandtschaft unter Harris. – Tadschurra.
+ – Zug durch die Adalwüste. – Salzsee. – Mord im Thale Gungunté. –
+ Versammlung der Eingeborenen. – Sklavenkarawane. – Myrrhen. – Der
+ Hawasch. – Der Grenzdistrikt. – Alio Amba, ein Marktort. – Empfang
+ beim Könige Sahela Selassié. – Die Hauptstadt Ankober. – Debra
+ Berhan, die Sommerresidenz. – Sklavendepot. – Truppenrevue. –
+ Angollala. – Schlucht der Tschatscha. – Medoko, der Rebell. – Das
+ Gallavolk. – Kriegszug gegen dasselbe. – Siegesfest. – Abschluß
+ des Handelsvertrags. – Rückkehr.
+
+
+
+
+Schoa im weiteren Sinne umfaßt den Theil der abessinischen Hochlande,
+welcher im Osten von der Adalwüste, im Süden vom Hawaschflusse und im
+Westen vom Abai oder Blauen Nil begrenzt wird. Die unbestimmte Nordgrenze
+machen muhamedanische Gallastämme aus. Im engeren Sinne versteht man
+darunter jedoch nur den westlichen Theil dieser Hochlande, nämlich die
+Distrikte Tegulet, Schoa Meda, Morabiétié, Mans und Gesche. Die östliche,
+im allgemeinen als Ifat bezeichnete Abtheilung des Berglandes umfaßt
+dagegen die Provinzen Bulga, Fatigar, Mentschar im Süden, Argobba im Osten
+und Efra im Norden. Beide Theile sind infolge des fruchtbaren Bodens
+ziemlich stark bevölkert, wozu noch das gesunde Klima und eine
+vergleichsweise politische Ruhe beigetragen haben. Krapf schätzt die
+Bevölkerung mit Einschluß der im Süden unterjochten Galla auf eine Million
+Seelen. Quellen, Bäche, Flüsse und Seen sind zahlreich im Lande vorhanden,
+das in Bezug auf seine Bodenbeschaffenheit mit dem übereinstimmt, was wir
+im allgemeinen über Abessinien bemerkten.
+
+In der Zeit, die wir in diesem Abschnitte schildern wollen, herrschte
+_Sahela Selassié_ als Negus über Schoa. Er hatte den protestantischen
+Missionär Krapf wie dessen Mitarbeiter Isenberg freundlich aufgenommen und
+von Beiden viel über Englands Macht und Größe gehört, wodurch sich in ihm
+der Wunsch regte, zunächst mit der Ostindischen Compagnie in ein
+Freundschaftsverhältniß zu treten, so daß er schon am 6. Juli 1840 einen
+Brief an den englischen Gouverneur in Aden sandte, in welchem er um die
+Absendung einer Gesandtschaft an seinen Hof bat. Infolge dessen entschloß
+sich die ostindische Regierung, seinem Wunsche zu willfahren und eine
+ständige Gesandtschaft an ihn zu schicken, an deren Spitze Kapitän _W.
+Cornwallis Harris_ stand, ein vorzüglicher Offizier, der sich bereits
+durch seine Reisen in Südafrika, wo er bis in das Reich des Mosilikatse
+vorgedrungen war, einen Namen gemacht hatte. Als erster Stellvertreter
+wurde ihm Kapitän Graham, als Arzt Dr. Kirk, als Naturforscher Dr. Roth,
+als Maler der Deutsche Martin Bernatz, außerdem fünf andere Europäer, zwei
+Apotheker, ein Zimmermann, ein Schmied, zwei Sergeanten und fünfzehn
+freiwillige Soldaten beigegeben. Mit reichen Geschenken für König Sahela
+Selassié versehen, worunter sich auch eine Kanone und 300 Flinten
+befanden, verließ die zahlreiche Gesandtschaft am 27. April 1841 Bombay,
+besuchte zunächst Aden, das Gibraltar des Ostens, in Arabien, und schiffte
+dann nach der afrikanischen Küste hinüber, um in der Bucht von
+_Tadschurra_ Anker zu werfen. Die Bucht, in welcher die Schiffe lagen,
+wurde ihrer Ruhe und Sicherheit wegen Bar el Banatin, der See der zwei
+Nymphen, genannt. Sie reicht tief ins Land hinein, ist ziemlich eng und
+von hohen Bergen umgeben, die ihr vulkanisches Gepräge deutlich zur Schau
+tragen. Zugleich hat diese Bucht ethnographische Bedeutung als Scheide der
+Danakil und Somalvölkerschaften. Am 18. Mai landete die Gesandtschaft und
+empfing sofort den Besuch des Sultans der Stadt, des alten Muhamed Ibn
+Muhamed. Eine häßlichere Erscheinung als diesen alten, magern, schmuzigen
+Fürsten kann man sich kaum vorstellen; der Reihe nach bot er einem Jeden
+seine mit ekelhaften Klauen versehenen Hände und ließ sich dann zum
+Gespräch nieder. Er war in einen groben Baumwollenmantel, der einmal blau
+gewesen war, eingehüllt, trug an einem Riemen den Koran um die Schulter
+gebunden und war außerdem mit einem Säbel gegen seine leiblichen und mit
+Amuleten gegen seine überirdischen Feinde versehen. Sein braunes,
+durchfurchtes Gesicht zeigte eine Politur gleich Ebenholz und war von
+einem weißen Bart umrahmt. Von ihm wurde zunächst die Erlaubniß erlangt,
+nach Schoa vordringen zu dürfen, eine Erlaubniß, die gegenüber den Kanonen
+der britischen Kriegsschiffe nicht gut verweigert werden konnte.
+
+Der elende Ort Tadschurra war einige Jahre lang in den Händen der Türken,
+nachdem diese Massaua (1527) erobert hatten, und aus ihrer Zeit stammt
+auch noch eine zerfallene Moschee am Meeresstrande. Jetzt ist es eine
+selbständige Stadt unter einem Sultan, der zeitweilig von den Sultanen der
+gegenüberliegenden arabischen Küste abhängig ist. Fanatische Muhamedaner,
+meist Danakil, bewohnen den Platz, welcher nur als Sklavenmarkt einige
+Bedeutung hat. Ackerbau besteht nirgends in der Umgegend; jedermann ist
+Krämer oder Händler und wird mit der Zeit durch den Sklavenhandel
+wohlhabend. Der bedeutendste Handel findet mit Südabessinien statt, wohin
+jahraus jahrein die Karawanen ziehen. Indische und arabische Manufakturen,
+Zink, Kupfer und Messingdraht, Perlen und namentlich viel Salz werden dort
+gegen Sklaven, Korn, Elfenbein und einige andere Erzeugnisse ausgetauscht;
+allein Menschen und Salz bilden die Hauptartikel. Als Werthmesser gilt
+auch hier der Maria-Theresia-Thaler vom Jahre 1780, als Scheidemünze
+Lederstreifen, die zu Sandalen benutzt werden können. Außerdem nimmt man
+im Handel Schnupf- und Rauchtabak, leere Flaschen, Spiegel, Knöpfe und
+Perlen als Scheidegeld an.
+
+Die gewöhnliche Klage der afrikanischen Reisenden, daß bei ihren
+Unternehmungen die Abreise das Schwierigste sei, sollte sich auch bei der
+britischen Expedition nach Schoa wieder als wahr zeigen. Das Verpacken der
+Geschenke für den König, das Engagiren von Kameeltreibern, endlich aber
+die Hindernisse, welche der Sultan von Tadschurra in den Weg legte, waren
+schwer zu beseitigen und zeitraubend. Als dies jedoch Alles mühselig
+überwunden, war das Jahr so vorgeschritten, daß man die Wüste gerade
+durchreisen mußte, als in den Monaten Juni und Juli der feurige und
+ungesunde Wind über die wasserlose Ebene von Südwesten her den Reisenden
+entgegenblies. Unterdessen herrschte im Lager von _Dullul_, wo die
+Gesandtschaft ihre Zelte am sandigen Seegestade aufgeschlagen hatte, große
+Regsamkeit, um Alles vorzubereiten und das Gepäck zu ordnen und zu
+vertheilen. Endlich waren 170 Kameele, welche die Karawane bildeten,
+beisammen; Wasserschläuche und Maulthiere wurden für die Europäer gekauft,
+und mit den Gefühlen, mit denen man eine Räuberhöhle verläßt, setzte sich
+der Zug in Bewegung, um Tadschurra den Rücken zu kehren, dessen Bewohner
+Harris die abscheulichsten und niederträchtigsten Menschen nennt, welche
+die Erde bewohnen. Als Ras el Kafila oder Karawanenführer fungirte Isaak,
+ein Bruder des Sultans von Tadschurra, der sich aber keineswegs als
+zuverlässiger und tüchtiger Mann bewies. Der Zug ging anfangs längs dem
+Meere bei Dullul hin durch das schroffe, zerrissene und wilde Gebirge,
+welches die Bucht auf der Nordwestseite umgiebt. Der gähnende _Paß der
+Isa_ war zunächst zu durchschreiten, welcher seinen Namen von dem
+räuberischen Somalstamme der Isa empfangen hat, die in seinen Tiefen
+manchen Mord ausführten. Ein Zickzackriß, hervorgebracht durch die
+plutonischen Aeußerungen des Erdinnern, windet sich hier gleich einem
+mythologischen Drachenleib durch die Eingeweide der Erde. Ungeheure
+schwarze oder braune, vegetationslose Basaltklippen stehen senkrecht zu
+beiden Seiten wie Mauern in die Höhe, bei deren Bau die Cyklopen thätig
+waren, und durch diese wilde Scenerie eilte nun in wolkenloser heller
+Mondscheinnacht die Karawane hindurch. Kein Ton außer den Zurufen der
+Kameeltreiber war zu hören; schauerliches Dunkel lag auf dem Abgrund und
+nur die Lanzenspitzen der Eingeborenen, die den Zug begleiteten,
+glitzerten hier und da im Scheine des fahlen Mondlichtes – geisterhaft
+bewegte sich die Karawane dahin; Schauder lag auf allen Gemüthern, und
+erst als die Frühlichtstrahlen die gebrochenen Felsklippen vergoldeten,
+wich die Pein von den bangen Gemüthern.
+
+Weiter ging der Zug durch einsame Thäler, deren Boden mit zertrümmertem
+basaltischen Gestein bedeckt war und die durch tiefe Schluchten und
+Spalten die Gewalt der vulkanischen Kräfte bezeugten, welche hier einst
+sich äußerten. Dann kam man zum _Assalsee_, dessen Ufer eine tänzelnde
+Fata Morgana umgab. Der erste Blick auf dieses seltsame Phänomen war
+keineswegs angenehm. Das elliptische Becken von etwa zwei deutschen Meilen
+Länge war zur Hälfte mit ruhigem, tiefblauem Wasser, zur andern Hälfte mit
+einer blendendweißen, glitzernden Salzkruste bedeckt, die durch
+Verdampfung entstanden war. Von drei Seiten umgürteten hohe, brennendheiße
+Berge dieses Seebecken, während auf der vierten Lavatrümmer und tiefe
+Schlünde sich hinzogen. Alles Pflanzen- und Thierlebens beraubt, war die
+Erscheinung dieser Wildniß von Land und stagnirendem Wasser, über dem ein
+dumpfes Schweigen ruhte, ganz dazu geeignet, das Gemüth niederzudrücken.
+Nicht ein Laut tönte an das Ohr, keine Welle spielte auf der Wasserfläche,
+nur die brennendheiße Sonne setzte am wolkenlosen Himmel ihren Lauf fort
+und sandte glühende Strahlen auf das todte vulkanische Land hernieder,
+über dem kein kühlendes Lüftchen wehte.
+
+In diesem höllischen Schlunde hatten Mensch und Thier in gleicher Weise zu
+leiden. Nicht ein Tropfen Trinkwasser war weit und breit zu entdecken,
+während das Thermometer selbst im Schatten der Mäntel und Schirme eine
+Temperatur von 126 Grad Fahrenheit, d. i. 52 Grad Celsius oder 42 Grad
+Réaumur zeigte! Fünfhundert und siebzig Fuß liegt das Becken des Assalsees
+unter dem Spiegel des Meeres; kein Lüftchen weht dort, kein Obdach ist zu
+entdecken, nur der weiße Widerschein der Salzkruste blendet das Auge. Die
+lechzende Zunge hängt am Gaumen und empfängt keinerlei Labung von dem
+warmen Wasser, das die Schläuche darbieten, jeder Schritt vorwärts ermüdet
+Mensch und Thier noch mehr und zwölf lange Stunden dauert die Reise durch
+das Seebecken – sie müssen zurückgelegt werden, wenn nicht der Tod über
+den Wanderer kommen soll.
+
+In einer Bucht des Sees waren Salzgräber damit beschäftigt, ihre Kameele
+für die Märkte in Aussa und Abessinien zu beladen, wo das Salz einen
+bedeutenden Tauschartikel ausmacht. Die Danakil betrachten die Ausbeutung
+dieses Salzlagers als ihr unbestrittenes Monopol und verwehren jedem
+andern Volke den Eingriff in dasselbe. In lange, schmale Säcke aus
+Dattelpalmblättern verpackt, wird das Salz von hier nach Abessinien
+gebracht.
+
+Nachdem die traurige Einöde am Assal durchzogen war, überstieg man einen
+aus Gyps bestehenden Hügelzug und gelangte in ein Thal, in dem man sich in
+eine ganz andere Welt versetzt fühlte. Allerdings fehlte hier noch
+Pflanzen- und Thierleben, aber ein kleiner Bach mit klarem Wasser ließ
+diesen Ort wie ein Paradies erscheinen, und mit dankbarem Herzen ruhten
+die ermüdeten Wanderer unter überhängenden Basaltklippen aus, die ihnen
+Schatten spendeten. Hier am Flüßchen _Gungunté_ endigte der erste
+Abschnitt der Wüstenreise. Der Zug durch die Einöde ist im Stande, die
+Gesundheit des kräftigsten Europäers zu untergraben; von der herrschenden
+Hitze bekommt man jedoch einen Begriff, wenn man hört, daß 50 Pfund gut
+verpackte Stearinkerzen auf der kurzen Reise von Tadschurra bis Gungunté
+so vollständig aus der sie bergenden Büchse herausgeschmolzen waren, daß
+sich in derselben schließlich nur noch Dochte vorfanden! Selbst die
+Danakil, welche doch von Jugend auf diese Gegenden kennen und an die
+brennendheiße Lava dieser Tehama-Wüste gewohnt sind, bezeichnen die Gegend
+am Assal-Salzsee nur als „Feuer“.
+
+Jetzt nahten andere Gefahren, denn man war in dem Gebiete der über alle
+Begriffe nichtswürdigen, mörderischen und räuberischen Stämme der Isa und
+Mudaïto, deren ganzes Sinnen nur auf Mord und Plünderung geht. So
+vorsichtig man auch das Nachtlager im Thale Gungunté eingerichtet hatte,
+ein _Mord_ durch jene Scheusale in Menschengestalt konnte nicht verhindert
+werden. Eine Stunde vor Mitternacht stellte sich plötzlich ein heftiger
+Wüstenwind ein, der Alles mit Sand und Staub überdeckte. Einige schwere
+Regentropfen fielen, dann aber war wieder Alles still. Diese Ruhe sollte
+jedoch nicht lange anhalten. Ein wilder Schrei ertönte vom äußersten Ende
+des Lagers her, panischer Schrecken ergriff die gesammte Mannschaft und in
+wilder Flucht stürzten die Männer, die sonst keine Furcht kannten, durch
+das Thal nach der Stelle hin, wo die Gesandten schliefen. Nur mit Mühe
+gelang es, alle zu sammeln und dann nach der Ursache des Schreckens zu
+forschen. Ein trauriger Anblick bot sich nun den Suchenden dar. Ein
+Sergeant und ein Korporal von der indischen Armee, welche die Expedition
+begleiteten, wälzten sich in Todeszuckungen in ihrem Blute. Dem einen war
+die Halspulsader durchschnitten, dem anderen ein Stich in das Herz
+versetzt worden, während nicht fern von ihnen ein Portugiese lag, der eine
+fürchterliche Wunde quer über den Leib hatte, sodaß die Eingeweide
+hervorquollen. Im Augenblick als der Alarm entstanden war, hatte man im
+hellen Mondlichte zwei dunkle Gestalten an den das Thal einschließenden
+Bergen in die Höhe klimmen und verschwinden sehen; trotz der Verfolgung
+konnte man ihrer nicht mehr habhaft werden. Wahrscheinlich waren dieses
+Isa-Somal, die das satanische Verbrechen aus reiner Mordlust begangen
+hatten. Denn jedes Schlachtopfer, das wachend oder schlafend in die Hände
+dieser Teufel in Menschengestalt fällt, giebt diesen das Recht, als
+Ehrenzeichen eine weiße Straußenfeder in den fettigen schwarzen Haaren,
+einen Kupferring am Arm und einen neuen Silberknopf am Heft des
+Säbelmessers zu tragen. Jeder Mord ruft nach dem Gesetze der Blutrache
+wieder einen Mord hervor, und so nimmt das Blutvergießen unter den Stämmen
+der Danakil und Somal kein Ende.
+
+ [Illustration: Schlucht von Gungunté. Nach M. Bernatz.]
+
+Am nächsten Morgen bestattete man unter Gebet und Flintensalven die Opfer
+dieses schändlichen Mordes und zog dann auf der gefährlichen Straße
+weiter. Drei Jahre lang war schon dieser Weg von Abessinien nach der
+Seeküste durch solche Schurken förmlich geschlossen, die jeden
+Durchziehenden kaltblütig abschlachteten, bis der junge Häuptling der
+Debeni die Banditen ausrottete und die Straße wieder öffnete; jedoch ist
+es nicht zu verhindern, daß einzelne Gegenden immer noch unsicher bleiben.
+Viele Leute, welche die Karawane begleiteten, zeigten an ihrem Körper
+Spuren großer, von den Wegelagerern empfangener Wunden.
+
+Von nun an befestigte man das Lager des Nachts und stellte zahlreiche
+Posten aus, die alle Herannahenden zurückweisen mußten. Im Thale Alluli
+schien man den vorhergehenden Stationen gegenüber in ein Paradies gelangt
+zu sein, denn hier traf man Bäume, Gazellen, Tauben und Ziegenhirten. Die
+ersten menschlichen Wohnungen fand man jedoch erst weiter südwestlich in
+Suggadera, das zum Lande der Debeni-Danakil gehört. Diese Leute sind
+Hirtennomaden, die von Palmwein und der Milch ihrer zahlreichen Ziegen-
+und Schafherden leben oder Kameele züchten und mit diesen Salz vom
+Assalsee nach Aussa, der Stadt der Mudaïto, führen. Große Architekten sind
+sie freilich nicht, aber die auf einer Basis von unbehauenen Steinen aus
+Dattelpalmblättern erbauten Hütten erfreuten dennoch das Auge der Wanderer
+als die ersten Wohnstätten, die sie seit ihrer Abreise sahen.
+
+Wegen der großen Hitze zog man in der Nacht weiter, immer über schwarze
+Lavafelder oder gelbe Sandflächen – ein trauriger Anblick, der noch
+melancholischer durch die vielen zerstreuten Steinhügel wird, die über den
+kaltblütig ermordeten Opfern der Isa von den Vorüberziehenden aufgethürmt
+werden. Tamarisken, Kappersträuche und anderes mit Schmarotzerpflanzen
+überzogenes Gestrüpp, in dem Vögel nisteten, unterbrach hier und da die
+Einöde; auch Strauße ließen sich sehen; dann kamen Grasflächen,
+Wasserplätze, Herden und Hirten, darauf Lavafelder, Bergzüge,
+ausgetrocknete Thäler, Herden wilder Esel (_Equus Onager_),
+Schwefelquellen als Zeugen der vulkanischen Thätigkeit des Bodens.
+
+Im Thale _Amadu_ machte die Karawane bei einem großen Regenwassersumpfe
+Halt, dessen grünes, von einer Legion Esel, Ziegen, Schafe und Rindvieh
+verunreinigtes Wasser nichtsdestoweniger recht trinkbar erschien. Hier
+hatten Leute vom Mudaïtostamme ihr Lager aufgeschlagen – ganz
+nichtswürdige Schurken. Mit finstern Blicken schauten sie die weißen
+Eindringlinge an und trieben ihre Fettschwanzschafe in die kühlende Flut,
+in der die jungen Damen der Horde, nachdem sie sich selbst gewaschen, ihre
+alten Lederschläuche reinigten, während eine alte magere Hexe ihrem Hunde
+den Pelz in der Flut wusch. Alle diese Hirten gingen mit Speer und Schild
+bewaffnet und kamen zum Zelte der Gesandtschaft heran, wo sie versuchten,
+dies oder jenes Ding sich zuzueignen. Durch ihre Ueberzahl kühn gemacht,
+begannen sie, den Karawanenführer Isaak zu fragen, mit welchem Rechte er
+die Fremdlinge durch dieses Land führe, wo sie „Herren des Bodens“ seien –
+doch als sie sahen, wie auf 250 Ellen Entfernung ein Stein von einer
+Flintenkugel zersplittert wurde, fingen sie an, bescheiden zu werden.
+
+ [Illustration: Versammlung der Somal-Krieger.]
+
+Ueber ein steiniges Tafelland, das mit nie enden wollenden Basaltblöcken
+überstreut und mit Rissen durchzogen war, die Wasserpfützen bargen, zog
+man weiter ins Land der Woéma, eines Danakilstammes. Wo Wasserläufe die
+Einöde unterbrachen, zeigte sich der Klippschliefer (_Hyrax_) und ein
+Baum, in der Form der Casuarina ähnlich. Im Killulluthale war der halbe
+Weg von der Küste bis nach Abessinien zurückgelegt. Bewaffnete Eingeborene
+der verschiedensten Stämme waren hier versammelt, um Berathung darüber zu
+halten, ob man einer so großen Anzahl fremder Leute gestatten dürfe, bis
+nach Abessinien vorzudringen, und die Mehrzahl war der Meinung, daß man
+sie entweder zurückjagen oder umbringen müsse. Zugleich wurde die
+Gelegenheit ergriffen, um über alte Streitigkeiten und Fehden zu
+unterhandeln. Hunderte dieser Schurken saßen so von Sonnenaufgang bis zum
+Untergang und wieder die liebe lange Nacht hindurch in größeren und
+kleineren Kreisen beisammen, um zu berathschlagen. Während der langen
+Unterhandlungen hockten sie bewaffnet mit aufrecht gehaltenen Speeren da,
+senkten diese gemeinsam, wenn ein Entschluß gefaßt war, und schlossen,
+nachdem ein Spruch aus dem Koran gebetet war, mit einem Amen die
+Versammlung. Noch lebhafter gestaltete sich das Bild durch die Ankunft
+einer _Sklavenkarawane_ aus Schoa. Es waren einige hundert Kinder von
+verschiedenem Alter, die unter den dünnbelaubten Bäumen oder unter
+Felsvorsprüngen Schutz vor den brennenden Strahlen der Sonne suchten.
+Jedes hatte eine thönerne Wasserflasche bei sich und obgleich sie meist
+bei guter Laune waren, konnten doch die Europäer, welche die heiße Wüste
+jetzt durchzogen hatten, sich eine Vorstellung von den Qualen machen,
+welche die armen Geschöpfe auf dem vor ihnen liegenden Wege auszustehen
+hatten. Da jedoch die Behandlung in ihrer eigenen Heimat eine keineswegs
+bessere war, so fanden die Sklaven ihre Lage ganz erträglich und begannen,
+nachdem sie sich etwas von der Reise erholt, zu tanzen und zu singen. Die
+meisten waren Christenkinder aus Guragué, von wo die so hoch gepriesenen
+„rothen Aethiopier“ nach Arabien geliefert werden. Fast alle hatten
+bereits, wenigstens der Form nach, den muhamedanischen Glauben angenommen
+und schwuren beim Propheten.
+
+Während der Zeit, daß die Expedition hier einen unfreiwilligen Aufenthalt
+hatte, stand das Thermometer auf 112 Grad Fahrenheit (35½° R.) und die
+zudringlichen, nach ranzigem Fett riechenden Eingeborenen drängten sich
+mit großer Unverschämtheit in das Zelt der Gesandten, um dort die Luft
+noch unerträglicher zu machen. Muhamedaner von der bigottesten Sorte,
+verschmähten sie jedoch weder den Zwieback, noch den Kaffee der
+„Christenhunde“ und bettelten bald um diese, bald um jene Kleinigkeit.
+Unter den verschiedenen Stämmen, die an diesem vielbesuchten Wasserplatze
+versammelt waren, befanden sich die _Adâl_ mit breitspitzigem Speer und
+uralten Schilden, die _Küsten-Somal_ mit leichter Lanze und Buckelschild,
+nicht viel größer als ein Schiffszwieback, ihre gefürchteten
+Stammesbrüder, die mörderischen _Isa_, mit langem starken Bogen von
+antiker Form und versehen mit einem Köcher voll vergifteter Pfeile. Sie
+waren unter allen die malerischsten Gestalten; kühn hatten sie den
+wallenden Mantel umgeworfen und lange rabenschwarze Locken wallten auf die
+Schulter herab. Sie können als ein Räuber- und Jägervolk bezeichnet
+werden. Viele unter ihnen besitzen gezähmte Strauße, die mit den Herden
+zusammen weiden und des Nachts an den Lenden gefesselt werden. Diese
+gigantischen Vögel werden mit viel Erfolg bei der Jagd auf wilde Thiere
+benutzt; auch reiten die Isa auf Eseln, von denen der Jäger seine mit
+Euphorbiasaft vergifteten Pfeile abschießt. Die Schilde, welche die
+Danakil tragen, werden von den Isa aus dem Fell der Oryx-Antilope
+verfertigt; auch handeln sie mit Straußenfedern. Die Art und Weise, wie
+sie die erlegten Vögel zubereiten, ist sehr originell; sie schneiden dem
+Vogel die Füße ab, wickeln dann das ganze Thier sammt Eingeweiden und
+Federn in feuchten Thon und backen diesen in heißem Feuer; nachdem die
+Thondecke entfernt ist, bleibt der saftige Braten zurück.
+
+Nicht ohne große Mühe und Gefahr konnte nach einwöchentlichem Aufenthalt
+die Gesandtschaft sich von den barbarischen Nomaden und dem traurigen Orte
+losmachen, um ihren Weg fortzusetzen. Ueber kahle, steinige, von
+Schluchten zerrissene Berge ging der Weg in südwestlicher Richtung weiter.
+Lange Züge von Kameelen, Hornvieh, Schafen und Ziegen begegneten ihnen.
+Alle Bürde trugen die Weiber und Kinder der herumziehenden Stämme, während
+der faule Ehemann nur leicht mit Speer und Schild bewaffnet dahinschritt.
+Der _Myrrhenbaum_ (_Balsamodendron Myrrha_) kam in der Nähe der
+bienenkorbförmigen Hütten, auf die man jetzt öfter traf, häufig vor; seine
+aromatischen Zweige liefern den Eingeborenen Zahnbürsten, welche sie in
+der Säbelscheide tragen. Häufige Regen traten in der Nacht ein und
+durchweichten die Reisenden bis auf die Haut; dann brausten wieder
+Wüstenwinde daher, waren wasserlose Flächen oder mit vulkanischem,
+scharfem Gestein übersäete Ebenen zu durchziehen – mit einem Worte, der
+Weg war aufreibend, mühsam und beschwerlich im höchsten Grade. Selten nur
+unterbrach eine Oase die Einöde, um dann gleich wieder vulkanischen
+Gebilden Platz zu machen. Bei Saltelli traf man auf ein Feld _erloschener
+Vulkane_, die, umgeben von Lavafeldern, in kegelförmiger Gestalt hier aus
+den Eingeweiden der Erde hervorgebrochen waren. Einer dieser alten
+Vulkane, der über 3000 Fuß hohe Aiullo, gilt als die alte Landesgrenze des
+nun zerfallenen äthiopischen Reichs. Wüst und traurig war die todte
+Umgebung dieser Berge – aber eine freudige Ueberraschung wurde den
+Reisenden hier doch zu Theil, denn zum ersten Male erblickten sie an
+diesem Orte in weiter, nebelhafter Ferne die blauen Gebirgsketten
+Abessiniens. Ihren Weg verfolgend trafen die Gesandten immer mehr auf
+_Myrrhenbäume_, und zwar auf zwei Arten. Diejenige, welche das beste Harz
+liefert, ist ein zwerghafter Strauch mit dunklen, krausen, sägeförmigen
+Blättern, während die andere, welche ein mehr balsamartiges Produkt
+liefert, zehn Fuß hoch wird und helle, glänzende Blätter hat. Nach der
+geringsten Verletzung fließt der milchige Saft in reicher Menge heraus und
+erstarrt an der Oberfläche; wenn die Masse oft vom Stamme entfernt wird,
+kann man im Januar und wieder im März große Mengen von einer Pflanze
+gewinnen. Mehrere Loth der feinsten Myrrhe erhält man auf diese Art im
+Vorbeipassiren leicht; dieselbe wird von den Vorübergehenden in einer
+Höhlung im Schilde aufbewahrt und an den ersten besten Sklavenhändler
+gegen Tabak vertauscht. Die Danakil geben die Myrrhe auch als Arznei ihren
+Pferden ein, wenn diese infolge der Hitze an Erschöpfung leiden. In der
+europäischen Medizin findet sie heutzutage nur noch geringe Anwendung; ihr
+Ruf aber ist groß und alt; befand sich doch die Myrrhe unter den
+Geschenken, welche die Weisen aus dem Morgenlande dem Christkinde
+brachten!
+
+Von dem Gipfel eines Hügels herab hatten die Reisenden endlich den
+freudigen Anblick des _Hawasch_, des abessinischen Grenzflusses, dessen
+Lauf durch einen dichten Baumgürtel bezeichnet wurde. Jenseit desselben
+ragten kühn die Hochgebirge von Schoa in die Luft, und nach langen Leiden
+winkte nun das Ziel. Das Schlimmste war überwunden.
+
+Der Hawasch ist der zweitgrößte Strom Abessiniens. Er entspringt im Herzen
+des Landes in einer Höhe von 8000 Fuß, wird von einer großen Anzahl
+kleiner Ströme gespeist und fließt gleich einer belebenden Ader grün und
+längs seiner Ufer bewaldet durch die brennend heißen Adâl-Ebenen, bis er
+in den Lagunen von Aussa sein Ende findet und versandet. Je näher man dem
+Strome kam, desto kräftiger wurde die Vegetation. Gummiausschwitzende
+Akazien, Tamarisken zeigten sich und laut schreiende Perlhühner stoben bei
+dem Heranziehen der Karawane auseinander; man mußte sich schließlich durch
+das Dickicht förmlich durchwinden und stand nun, nachdem man so lange
+durch wilde Einöden gezogen, vor einem großen, mächtig dahinrauschenden
+Strome, der seine vom Regen getrübten Wasser wild dahinwälzte.
+
+Die Stelle, an welcher die Reisenden den Fluß zu überschreiten hatten,
+liegt mehr als 2000 Fuß über dem Ozean. Nach Art einer fliegenden Brücke
+wurden zehn Flöße zusammengefügt und auf diesen die Kameele, das große
+Gepäck und die zahlreichen Menschen übergesetzt. – Man war nun im
+Königreich Schoa, doch immer noch im Lande wilder Muhamedaner, da die
+christliche Bevölkerung erst weiter westlich beginnt.
+
+Weil das Wasser des Stromes dick und schlammig aussah, begab man sich zur
+Tränke nach einem nahegelegenen Weiher, der von hohen Bäumen umgeben war.
+Inmitten desselben trieben Nilpferde ihr unheimliches Wesen; eins
+derselben steckte seinen ungeheuren Kopf aus dem Wasser, sperrte den
+mächtigen Rachen auf und brüllte, daß man es auf eine halbe Stunde Wegs
+hören konnte; zum Lohn wurde ihm eine vier Loth schwere Kugel in den Kopf
+gejagt, deren Einschlagen in den Schädel man deutlich vernahm. Das Thier
+sank unter, wurde jedoch erst am nächsten Tage aufgefunden und von den
+benachbarten Nomaden zerstückelt und verzehrt.
+
+Mit leichtem Herzen sagte man den trüben Fluten des Hawasch Lebewohl und
+zog der Hauptstadt entgegen. Diesseit des Flusses war das einzige
+vorkommende Schaf das fettschwänzige, wolllose, nur mit Haaren bedeckte
+Thier gewesen. Statt dessen traten nun die großen, fetten abessinischen
+Schafe auf. Ziegen mit langen gewundenen Hörnern zeigten sich, von kleinen
+fuchsartigen Hunden bewacht, in großen Herden. Große Flüge von
+Heuschrecken, welche das Land kahl gefressen hatten, nahmen ihre Richtung
+gegen Abessinien zu. Sie verdunkelten förmlich den Himmel und zogen gleich
+einer finstern Wolke mit großer Schnelligkeit durch die Lüfte hin. In den
+Wäldern waren Perl- und Rebhühner häufig, zusammen mit der Zwergantilope,
+und die langentbehrte Jagd brachte in die Küche und die Lebensweise der
+Europäer einige Abwechselung. Am Abend des zweiten Tages, nachdem der
+Hawasch überschritten war, kam ein Reiter in das Lager der Gesandtschaft,
+sah sich überall genau um, sprach dabei kein Wort und verschwand wieder
+wie er gekommen. Es war ein Spion des Grenzhüters der Provinz Ifat, der
+seinem Herrn Nachricht über die Fremdlinge bringen sollte. Diese
+Erscheinung versetzte die begleitenden mißtrauischen Danakil in Aufregung,
+denn sie argwöhnten sofort, der Herrscher von Schoa werde die Europäer
+nicht empfangen.
+
+ [Illustration: Rachen des Nilpferdes.]
+
+Ungeachtet ihres Abmahnens setzte man den Weg fort. Der _Mamrat_, „die
+Mutter der Gnade“, mit seinem kuppelförmigen mächtigen Berghaupte, das
+weit über die Wolken emporragte, erhob sich gleich einem gigantischen
+Schlosse aus der Ebene und galt als Ziel, auf das man lossteuerte. Man
+befand sich jetzt schon 3000 Fuß über dem Meere und stand am Eingange des
+hauptsächlichsten, nach Südabessinien führenden Passes. Eine erfrischende
+Brise wehte den Engländern entgegen, der Himmel war mit Wolken bedeckt und
+das Klima so beschaffen, daß sie sich eher in der Heimat als unter die
+Tropen versetzt glaubten. Berg über Berg, bedeckt mit herrlicher, üppiger
+Vegetation erhob sich vor ihnen. Einer thürmte sich unordentlich über dem
+andern empor; bis schließlich die letzten, mit einem glänzend weißen
+Schneemantel bedeckten Spitzen sich in den azurblauen Lüften zu verlieren
+schienen. Dörfer und Weiler schauten aus den grünen Baumgruppen hervor;
+reiche Saatfelder erglänzten in der Sonne und zeugten von dem Fleiße eines
+Theils der Bewohner.
+
+Später erfuhr man, daß der Negus angeordnet hatte, eine Ehrenwache von
+dreihundert Luntengewehrträgern solle die Gäste am westlichen Ufer des
+Hawasch empfangen, allein der _Wulasma Muhamed_, d. h. der höchste dem
+Grenzdistrikte vorstehende muhamedanische Beamte, der sich so gut wie der
+König selbst dünkte, hatte die Garde zurückgeschickt, da ja die Ehre
+Ungläubigen erwiesen werden sollte. Auch sonst legte dieser Beamte den
+Fremdlingen allerlei Schwierigkeiten in den Weg, um sie vom Vordringen
+abzuhalten, konnte schließlich jedoch bei der Festigkeit, mit welcher man
+gegen ihn auftrat, nichts erreichen. Zum letzten Male waren die Kameele
+beladen, um am 16. Juli 1842 in _Farri_, der Grenzstadt der Provinz Ifat,
+einzuziehen. Haufen kegelförmig gedeckter Häuser, welche auf zwei Hügeln
+zerstreut lagen, zwischen denen die Zollgebühren erhoben wurden, waren die
+ersten permanenten Wohnstätten, welche die Wanderer seit ihrem Abmarsch
+von der Küste als ein Zeichen des Fortschrittes begrüßten, denn bisher
+waren sie nur auf Nomadenhütten getroffen. Sowol wegen der nun beginnenden
+Hochlande, als wegen des kühleren Klimas wird hier das „Schiff der Wüste“,
+das für die brennendheißen wasserlosen Ebenen geschaffen ist, als
+Lastthier vollkommen unnütz und muß zurückgelassen werden. Damit lag aber
+auch die Wüste nun zugleich hinter den Reisenden, und als die Danakil,
+welche sie bisher begleitet, umgekehrt waren, waren auch die Leiden und
+Schrecken des durchzogenen Terrains verschwunden. Menschen, Klima, Boden,
+Thiere, Pflanzen – Alles war anders. Wie wenn ein Zauberer seine Ruthe
+ausgestreckt und die Landschaft mit einem Schlage verändert hätte, so sah
+man die Hochlande Abessiniens jetzt, überall nur Kultur bedeckte Flächen
+statt der brennenden Wüsteneien. Jede fruchtbare Bodenerhebung war mit
+einem friedlichen Weiler gekrönt, durch jedes Thal strömte rauschend ein
+krystallheller Bach, schwärmten Herden. Die kühlenden Bergwinde wehten den
+aromatischen Geruch von Jasminen und wilden Rosen herab, und im
+schwellenden Rasen blühten Tausendschönchen und Butterblumen. Das Gepäck
+schleppten jetzt 600 kräftige Muhamedaner, die auf königlichen Befehl von
+den benachbarten Dörfern gestellt worden waren. Der König, so vernahm man,
+war vor Ungeduld außer sich, die Gesandtschaft zu empfangen und die
+schönen Geschenke zu besichtigen, welche sie mitbrachte.
+
+Am Morgen des 17. Juli begann der Marsch in den Hochlanden. Frischer,
+kühlender Wind wehte von den Bergen herab, die, nur zehn Grade vom
+Aequator entfernt, dennoch eine Vegetation tragen, welche an nordische
+Klimate erinnert. Steil führte der steinige Pfad bergan über Schlünde,
+Thäler und Gipfel, eingefaßt von Farrnkraut, Hagebutten und Geisblatt; am
+Abhange der Berge zogen sich Terrassen hin, die mit gut bebauten Feldern
+bedeckt waren, und auf jedem Vorsprung stand ein Dörfchen, dessen Bewohner
+herbeigestürzt kamen, um die neue Prozession, die Gäste des Königs zu
+sehen, denen Freudenrufe entgegentönten. Die Frauen waren hier in rothe
+Baumwollmäntel gehüllt, die einen angenehmen Gegensatz zu den ledernen
+Schurzfellen der Damen in der Wüste darboten. In der 3000 Fuß über dem
+Grenzorte Farri oder 5200 Fuß über dem Meeresspiegel gelegenen Marktstadt
+_Alio Amba_, die auf einem scharfen Bergrücken sich erhebt, mußte wieder
+ein längerer Halt gemacht werden. Der Ort besteht aus 250 Häusern mit 1000
+muhamedanischen Einwohnern, die sich aus sehr verschiedenen Völkerschaften
+rekrutirt haben. Der Berg, auf welchem Alio Amba liegt, ist nur einer von
+den vielen tausend jähen Erhebungen, in welche das ganze Gebirge nach der
+Seite der Ebene hin zerbrochen ist. Gleich schmalen Silberfäden strömen
+durch die Schluchten zwischen grünen Gesträuchen und Feldern die Bäche
+hin, und wo ein Fleckchen dem Pflug einzugreifen erlaubt, da stehen
+Weizen, Gerste, Mais, Bohnen, Erbsen, Baumwollen- und Oelpflanzen
+angebaut, ringsum liebliche Weiler, die hoch in die Berge hinaufragen und
+sich allmälig am Mamrat, „der Mutter der Gnade“, verlieren. Dieser die
+Gegend beherrschende Pik, der noch in Wolken verborgen war, als unten
+schon Alles in Sonnenschein lag, ist mit einem dichten Walde von Nutzholz
+bedeckt und erhebt sich bis gegen 13,000 Fuß über dem Meeresspiegel. Der
+interessanteste Punkt in dieser Landschaft ist jedoch ein kegelförmiger
+Berg, der mit dunklen Wachholderbäumen bestanden ist und ganz vereinsamt
+sich erhebt. Auf ihm steht die Feste _Gontscho_, die Residenz des Wulasma
+Muhamed, in welcher die drei jüngern Brüder des christlichen Königs –
+Opfer eines barbarischen Gesetzes – zeitlebens gefangen gehalten wurden.
+
+Die Gesandten waren gezwungen, in Alio Amba einen längeren Aufenthalt zu
+nehmen, da der Negus verreist war; doch kam ein sehr liebenswürdiger Brief
+von demselben an, welcher verhieß, die Fremden bald zu empfangen.
+Unterdessen hatten die Europäer Zeit, den Ort und sein reges Marktleben
+kennen zu lernen. An einem bestimmten Tage strömten schon kurz vor
+Tagesanbruch scharenweise die Landleute in die Stadt, um Honig, Baumwolle,
+Korn und Lebensmittel der verschiedensten Art zum Verkauf oder Tausch zu
+bringen. Die Dankali-Kaufleute stellen Perlen, Metalle, gefärbte Garne und
+Glaswaaren aus. Der wilde Galla kauert neben den Erzeugnissen seiner
+Herde, während der muhamedanische Händler aus dem Innern Straußenfedern
+oder andere Artikel bringt, die aus weit entfernten Gegenden stammen.
+Baumwollen- und Zeugballen, Kaffeesäcke von Kaffa und Enarea liegen
+überall umher. Zahlreiche Pferde und Maulthiere vermehren das Getümmel der
+verschiedenen Völkerschaften, die hier durcheinander wogen. Fettig und in
+ein schmuziges Baumwollengewand gleich einer ägyptischen Mumie eingehüllt
+schreitet der Bauer aus der Umgegend zu dem Marktbeamten hin und bezahlt
+sein Marktgeld, das in die königliche Kasse fließt. Hier geht lässig ein
+Luntengewehrmann von der königlichen Garde umher; doch die Eifersucht des
+Monarchen verbietet ihm, die primitive Waffe mit sich zu führen und sie wo
+anders als in der königlichen Gegenwart zu tragen. Der Adal, der Räuber
+aus den Küstenstrichen, tritt in die niedrige Hütte des Sklavenhändlers
+aus dem Sudan, um dort die zum Verkaufe ausgebotenen Frauen und Mädchen
+anzusehen; im rabenschwarzen Haare wogt die weiße Straußenfeder, das
+Zeichen eines begangenen Mordes, und das Volk staunt das gekrümmte
+Säbelmesser des Mannes an, der so kühn ist, keine sklavische Verehrung für
+den großen Monarchen von Schoa zu zeigen. Mit Eiern und Geflügel drängt
+sich ein Christenweib durch die Menge. Die Häßlichkeit ihres Antlitzes
+wird durch das Ausreißen der Augenbraunen und das fetttriefende Haar noch
+gehoben. Die freie, stattliche Miene der Orientalin, wie deren leichtes
+graziöses Gewand fehlen ihr gänzlich, denn die Natur scheint sie
+absichtlich vernachlässigt zu haben. Die Männer der abessinischen
+Grenzprovinzen Argobba und Ifat, Muhamedaner dem Glauben nach,
+unterscheiden sich durch verschiedene Sprache von den echten Abessiniern,
+denen sie im Aeußern sonst gleichen, während ihre Frauen wie arabische
+Zigeunerinnen aussehen; sie sind schöner, schlanker als ihre christlichen
+Schwestern aus den Berggegenden und weniger fettig. Die Menge stäubt
+auseinander vor einem christlichen Gouverneur, der, umgeben von
+zahlreicher Dienerschaft, barfuß durch den dicken Straßenschmuz
+dahinschreitet. Der dicke Bauch und das silberbeschlagene Schwert zeigen
+zur Genüge seine Würde an, die durch den weißen, mit karminrothen Streifen
+eingefaßten Baumwollenmantel überdies kenntlich ist. Die Anordnung seines
+Haares hat den ganzen Morgen in Anspruch genommen und der üble Geruch der
+ranzigen Butter, welche aus all den kleinen Löckchen hervorglitzert,
+verpestet ringsum die Luft. Bis über das Kinn verhüllt, sieht man nur
+seine Nase und die blutunterlaufenen, von nächtlichen Orgien zeugenden
+Augen, aus denen er einen verwunderten Blick auf die weißen Ankömmlinge
+richtet. Im blauen Gewande, mit fliegenden Locken kommt endlich auf
+ziegendürrem Klepper der wilde Galla zu Markte; er bringt Honig und Butter
+aus den grasreichen Ebenen seiner Heimat in die wild zerklüfteten Berge.
+
+Der Schrecken und der Abscheu, welchen die Abessinier vor den von Mördern
+heimgesuchten Küstenstrichen haben, sind die Ursache, daß fast der ganze
+Handel von Alio Amba in den Händen der Danakil liegt, die vom Könige mit
+aller möglichen Nachsicht behandelt werden. In jedem Monate langen
+Karawanen von Aussa und Tadschurra an, die den Handel unterhalten und gute
+Geschäfte machen – namentlich auch in Menschenfleisch, denn auch hier im
+Süden des christlichen Reiches blüht der Sklavenhandel so gut wie im
+Norden, und die Ausfuhr über Tadschurra ist noch bedeutender als jene über
+Massaua.
+
+Vierzehn Tage lang mußte die Gesandtschaft in Alio Amba zubringen, dann
+war die Erscheinung des Oberkommandanten der königlichen Leibgarde das
+erste Zeichen, daß sie weiter vordringen durfte. Die Zusammenkunft mit dem
+Könige sollte an einem der nächsten Tage stattfinden, wenn die Kusso- oder
+Bandwurmkur Seiner Majestät vorüber sein würde. Denn da gleich allen
+Abessiniern auch der König ein Liebhaber von rohem Fleisch war, so litt er
+infolge dessen stark an Eingeweidewürmern, von denen er sich durch
+regelmäßig wiederholte Kusso-Kuren zu befreien suchte.
+
+Nachdem das zahlreiche Gepäck auf die Träger vertheilt war, konnte man der
+Marktstadt den Rücken wenden und die Reise im Hochlande fortsetzen. Die
+gütige Natur hatte in verschwenderischer Fülle und Mannichfaltigkeit ihre
+Gaben über das Land zerstreut und dadurch den lässigen Bewohnern die
+meiste Arbeit abgenommen. Reiche Kornfelder längs des Weges wechselten mit
+stillen Dörfern, blumigen Kleewiesen und krystallklaren, in Kaskaden
+herabschießenden Bächen.
+
+Das südliche Abessinien beginnt mit dem Distrikte Ifat am Fuße der ersten
+Hügelkette, welche allmälig an Fruchtbarkeit und Höhe zunimmt. Heftige
+Gewitterstürme, welche in der Regenzeit daherbrausen, werden in diesen
+Gegenden oft zur Landplage; doch selbst unter den mächtigen Wasserfluten
+lächelt noch das Land, und so entschieden steht es im Gegensatz zu dem
+klimatischen und allgemeinen Charakter der heißen Zone, daß der entzückte
+Wanderer sich in seine nördliche Heimat versetzt fühlen kann.
+
+Langsam zogen die Reisenden fürbaß, der königlichen Sommerresidenz
+_Matschal-wans_ zu, wo der Herrscher sie empfangen wollte. An einer
+Stelle, wo der Weg eine Biegung machte, schoß die begleitende Garde
+plötzlich ihre Luntenflinten ab, deren Donner ein freudiges Echo in den
+Zurufen der erwartungsvoll zusammengeeilten, unten im Thale stehenden
+Menge fand. Als der Pulverdampf sich verzog, fiel der Blick der Reisenden
+auf die lieblich gelegene königliche Residenz, deren kegelförmige weiße
+Dächer ihnen aus dunklen Cypressen und Wachholderbäumen
+entgegenleuchteten.
+
+ [Illustration: Sahela Selassié, König von Schoa. Nach Harris.]
+
+Durch grüne, blumenbedeckte Auen rauschte ein angeschwollener Strom,
+während die majestätischen Bergriesen mit nebelumhüllten Gipfeln den
+Hintergrund des prächtigen Bildes ausmachten. Vereinzelte Bauernhäuser
+waren über die grüne Landschaft zerstreut, reiche Felder glänzten im
+reifen Korn und donnernd, kleine Wasserfälle bildend, stürzten die
+geschwollenen Wildbäche von den Felsen herab. Nach Verlauf einer Stunde
+war Matschal-wans erreicht, wo eine zahlreiche Menschenmenge die Gäste
+erwartete. Wild und ungestüm drängten sie sich heran, Alles war ihnen neu,
+und gleich Menageriethieren starrten sie die weißen Leute an, die weit
+über das Meer hergekommen waren, um dem großen Könige von Schoa Geschenke
+darzubringen. Nachdem noch einige Förmlichkeiten erledigt waren, konnte
+die Vorstellung stattfinden.
+
+Endlich stand die britische Gesandtschaft auf der Schwelle des königlichen
+Palastes und vor ihr öffnete sich die Empfangshalle. Rund in der Form und
+ohne den gewöhnlichen abessinischen Pfeiler in der Mitte erhoben sich die
+hohen, massiven Lehmwände des Gemaches, überdeckt mit Silberzierathen,
+Doppelgewehren, runden Schilden und Luntenflinten. Persische Teppiche von
+den verschiedensten Größen, Farben und Mustern deckten die Flur und
+Scharen von Höflingen, Beamten und hohen Würdenträgern standen, bis zum
+Gürtel entblößt, in respektvoller Haltung und Feiertagskleidung
+ringsumher. In der Wand waren zwei Nischen angebracht: in der einen
+loderte ein Feuer, während in der andern auf einer geblümten
+Atlasottomane, umgeben von alten Eunuchen und jugendlichen Pagen, gestützt
+auf hellfarbige Sammetpolster, Seine christlich-äthiopische Majestät
+Sahela Selassié hingelagert war. Der Thürhüter (zugleich
+Zeremonienmeister) stand mit einem Büschel Binsen in der Hand vor dem
+Könige, um damit die genaue Entfernung anzudeuten, bis zu welcher man sich
+der Majestät nahen durfte. Die Gesandtschaft trat ein, machte ihre
+Verbeugungen vor dem Throne und ließ sich auf eben hereingebrachten
+Stühlen nieder.
+
+Der König war mit einer grünseidenen arabischen Brokatweste bekleidet, die
+zum Theil von einem weiten, faltigen abessinischen Baumwollmantel mit
+karminrothen Streifen bedeckt war. Vierzig Jahre, von denen achtundzwanzig
+unter den Sorgen der Regierung verlebt waren, hatten seine dunkle Stirn
+leicht gefurcht und das in hohe Löckchen frisirte reiche Haar etwas
+ergrauen gemacht. Obgleich durch den Verlust des einen Auges etwas
+entstellt, war der Ausdruck seiner männlichen Gesichtszüge doch offen,
+angenehm und gebietend; aus dem ganzen Gesichte leuchtete jedoch jene weit
+und breit anerkannte Unparteilichkeit des Herrschers hervor, die ihm
+selbst unter den Danakil den Beinamen der „feinen Goldwage“ eingebracht
+hatte.
+
+Der Gesandte überreichte nun, in Goldbrokat und Musselin eingewickelt,
+sein Beglaubigungsschreiben, worauf, nachdem dieses gelesen und anerkannt
+war, die reichen Geschenke der britischen Regierung eines nach dem anderen
+hereingetragen und vor dem Könige und den erstaunten Blicken der Höflinge
+ausgebreitet wurden. Der schöne Brüsseler Teppich, der die ganze
+Empfangshalle deckte, die Kaschmirschals und buntfarbigen gestickten
+indischen Schärpen erregten allgemeine Bewunderung und wurden von den
+Eunuchen dem König zur näheren Beschauung in den Alkoven gereicht.
+Allgemeine Heiterkeit entstand bei der Produzirung einer Gruppe tanzender
+chinesischer Figuren, und als dann die europäische Eskorte in voller
+Uniform mit einem Sergeanten an der Spitze in der Halle aufmarschirte,
+sich vor den Thron stellte, dort ihre Handgriffe machte und die Musikdosen
+„_God save the Queen_“ spielten, erreichte die Freude und das Erstaunen
+des Königs ihren Höhepunkt und er erklärte, nicht Worte finden zu können,
+um seine Dankbarkeit auszudrücken. Hell leuchtete dann sein Gesicht, als
+ihm dreihundert mit blitzenden Bajonneten versehene Flinten überreicht
+wurden. Vor Verwunderung überfließend sagte er nur: „Euch wird Gott
+belohnen – ich kann es nicht.“
+
+Noch waren die Ueberraschungen jedoch nicht zu Ende. Auf einem freien
+Platze am Fuße eines Hügels wurde eine große Scheibe aufgestellt und nach
+dieser eine der mitgebrachten kleinen Kanonen gerichtet. Das grüne Thal
+hallte von dem ungewohnten Artillerie-Kommandorufe wieder, und als nun der
+Donner erschallte, als Vollkugeln und Kartätschen die Scheibe und die
+Felsen zersplitterten, da brach lauter Jubelruf aus dem Munde des Königs
+und tosendes Geschrei aus der Brust der gaffenden Menge hervor.
+
+Schöne Komplimente von Seiten des Königs, Beglückwünschungen durch die
+Höflinge und Beamten beschlossen an diesem Abend das ungewohnte
+Schauspiel. Eine riesige, starkgepfefferte Fleischpastete, begleitet von
+dem Wunsche, daß „des Königs Kinder es sich wohl sein lassen möchten“, war
+der nächste Dank. Unerhört große Ehre geschah der Gesandtschaft jedoch
+durch einen Besuch des königlichen Beichtvaters, eines Zwerges, so klein,
+daß er ohne Schwierigkeit in der Pastete sich hätte verbergen können. In
+faltige Gewandung und einen Turban eingehüllt, mit dem silbernen Kreuze
+geschmückt, ließ sich der zwerghafte Priester, dessen ganzes Leben darin
+bestanden, seinen Nächsten Gutes zu erweisen, in einem Sessel nieder und
+hob an folgendermaßen zu reden: „Vierzig Jahre sind verflossen, daß Asfa
+Wusen, der Großvater unsres geliebten Monarchen – sein Andenken ruhe in
+Frieden – in einem Traume sah, wie rothe Männer aus Ländern von jenseit
+der See gar merkwürdige und schöne Dinge in dieses Königreich brachten.
+Die Astrologen, denen man befahl, diesen Traum zu deuten, erklärten
+einstimmig, daß Fremdlinge aus dem Lande Aegypten während der erhabenen
+Regierung Seiner Majestät nach Abessinien kommen würden und daß noch
+mächtigere Fremdlinge zur Zeit der Regierung seines Enkels folgen würden.
+Gott sei Preis und Dank, die Traumdeutung ist in Erfüllung gegangen. Meine
+alten Augen haben nie solche Wunder als am heutigen Tage geschaut, und
+während Schoa von sieben Königen regiert wurde, sind niemals solche
+Mirakel in das Land gebracht worden.“
+
+Der König verbrachte den größten Theil der folgenden Nacht inmitten seiner
+Schätze, die so unerwartet sich vor ihm aufgehäuft hatten. Jeder neue
+Gegenstand wurde mit der Wißbegierde eines Kindes untersucht und die
+königlichen Schreiber hatten vollauf damit zu thun, auf Pergament ein
+Verzeichniß all der schönen Dinge aufzunehmen, das dann im Staatsarchiv
+aufbewahrt wurde. Die Gewehre, Munition und Kanonen wurden in das große
+Arsenal geschafft, die Teppiche und Kuriositäten mit Inschriften versehen,
+auf denen für künftige Geschlechter verzeichnet stand, daß diese Schätze
+ein Geschenk rother Männer seien, die man „Gyptzis“ nannte und die „von
+ferne“ gekommen seien. Am frühen Morgen erschien ein Hofpage, um
+nachzufragen, wie die Gäste geruht hätten. Die Etikette erforderte zu
+sagen, daß sie sehr gut geruht hätten; allein leider war das Gegentheil
+der Fall, denn der Regen war in Strömen durch das Zeltdach gedrungen und
+hatte die Schläfer arg belästigt. Noch schlimmer hatten die 600
+requirirten Lastträger geruht. Ohne Nahrung und Obdach war der nasse,
+durchweichte Boden ihre Lagerstätte gewesen. Als der Morgen graute,
+schrieen sie laut nach Speise und sofort wurden ihnen einige Ochsen
+überliefert. In wenigen Minuten waren die Thiere geschlachtet und
+abgeledert; die Messer der wilden Menge wühlten in dem blutigen Fleische,
+das Streifen auf Streifen verschwand, um nach echt abessinischer Art roh
+verschlungen zu werden. Selbst die Eingeweide wurden nicht vergessen, und
+in einer Viertelstunde war außer Hörnern, Hufen und Knochen von den Ochsen
+nichts mehr übrig, sodaß selbst die Geier nicht einmal mehr einen Bissen
+fanden.
+
+Hierauf brach die Gesandtschaft auf, um nach der nahen Hauptstadt Ankober
+zu reisen. Zuvor jedoch fand noch eine Audienz beim Könige statt. „Meine
+Kinder“, sagte Seine Majestät, „alle meine Flintenträger sollen euch
+begleiten, damit ihr in Sicherheit von dannen zieht. Was euer Herz nur
+wünschen mag, sollt ihr erhalten; mich ausgenommen habt ihr keinen Freund
+in diesem weiten Lande und ihr seid meinetwegen weit gereist. Doch will
+ich euch geben, soviel ich kann. Aber auf mein Volk hört nicht, denn das
+ist schlecht.“
+
+Froh verließ man das feuchte Lager und zog, von den Soldaten begleitet,
+durch lachende Kulturlandschaften dem nur anderthalb Stunden entfernten
+Ankober zu. Auf die Felder und Wiesen folgte ein Wald von alten Bäumen,
+voller Wachholder, die schon Jahrhunderte gesehen und deren düstere,
+cedernartige Kronen mystisch im Winde rauschten. Wie in Europa, so
+verstanden es auch die Abessinier, die schönsten Plätze zur Anlage von
+Klöstern auszuwählen, und so traf man denn auch hier auf ein dem heiligen
+Tekla Haimanot (13. Jahrh.) gewidmetes Kloster. Dreimal im Jahre, an
+seinem Geburts-, Sterbe- und Himmelfahrtstage werden hier große
+Festlichkeiten unterhalten.
+
+Nachdem der Wald durchschritten war, erblickte man, auf einem grünen Hügel
+erbaut, die 8200 Fuß über dem Meere gelegene Hauptstadt Schoa’s.
+Unregelmäßig, bald groß, bald klein, wie Heuschober oder wie Scheunen
+gestaltet, von grünen Einfassungen oder Staketen umgeben, zogen sich die
+Häuser auf dem Scheitel oder am Abhange und in den Spalten des Hügels hin.
+Diese Wohnungen beherbergten nach Harris’ Schätzung 12,000–15,000
+Menschen. Auf dem höchsten, abgesonderten Theile des Hügels liegt der
+unschöne, mit vielen thönernen Schornsteinen versehene und von Palissaden
+umgebene Palast des Königs. An ihn schließen sich zahlreiche Hütten für
+die Sklaven, Küchen, Keller, Vorrathshäuser und Kornmagazine. Bäume,
+Büsche und zerklüftete Felspartien bildeten den Hintergrund, aus dem unter
+Wachholderbäumen das Bronzekreuz der Kirche „Unsrer lieben Frau“
+hervorleuchtete.
+
+_Anko_ war eine Königin des Gallavolkes, welche diese Berggegenden nach
+dem Einfall Granje’s bevölkerte und ihren Namen dem engen gewundenen Pfade
+hinterließ, welcher das „_Ber_“ oder Thor zu den Vorstädten bildet. Daher
+bedeutet _Ankober „Thor der Anko“_. Am Abgrunde hinziehend und kaum breit
+genug für den Fuß des Maulthiers, kann man diesen Paß nur mit dem Gefühle
+der Unsicherheit passiren, und wenige Stunden würden genügen, um ihn zu
+verrammeln und die Stadt für jeden Feind unzugängig zu machen. Laute
+Jubelrufe des versammelten Volkes begrüßten die Gäste, denen nun ein sehr
+elendes Haus, das eher einem Heuschober als einer Wohnung für Europäer
+glich, als Aufenthaltsort angewiesen wurde. Der Fußboden war so, wie ihn
+Mutter Natur geschaffen und vom Regen durchweicht, und es bedurfte erst
+vieler Arbeit, um die Hütte, über der man stolz die Flagge Großbritanniens
+aufzog, bewohnbar zu machen. Als man die Thüre mit einem Teppich verhangen
+hatte und die Nacht hereinbrach, regierte Finsterniß in dem Raume: die
+Lichter waren unterwegs zerschmolzen und so bildeten denn die sparsam aus
+den königlichen Vorräthen dargereichten, mit Wachs getränkten Dochte das
+einzige Beleuchtungsmaterial der Gäste. Und diese elenden Kerzen waren ein
+Handelsmonopol des Fürsten, gleich so vielen anderen guten Dingen. Um den
+Aufenthalt recht ungemüthlich zu machen, stürzten Tausende von
+blutdürstigen Flöhen über die Reisenden, die jetzt, nachdem sie die
+Schönheit der Natur bewundert und vom Könige freundlich empfangen worden
+waren, auch die Schattenseiten des Lebens in Schoa kennen lernen sollten.
+
+In der Nacht brach unter Donner, Blitz und strömendem Regen ein gewaltiger
+Sturm über Ankober los, der die Erde mit einer wahren Sündflut
+überschüttete; jeder Fluß stieg, jede Gasse wurde zu einem rauschenden
+Bache und tausendfältig hallte der Donner von den nahen Bergen wieder. Als
+am nächsten Morgen die Sonne ihre Strahlen auf die Erde niedersandte,
+entwickelte sich ein seltsames Schauspiel vor den Augen der Europäer. Tief
+unten lag, wie ein Schneeschleier, eine undurchdringliche Dampfwolke in
+den Thälern. Man stand über diesen Wasserdämpfen, aus denen nur die
+Bergspitzen gleich schwimmenden Inseln hervorragten. Als diese Nebelbank
+in die Höhe stieg, bedeckte sie Alles mit Feuchtigkeit und drang durch
+Kleider und Mauern hindurch.
+
+Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, denen jeder sich aussetzen muß, der
+in afrikanischen Landen reist, trafen die Gesandtschaft noch manche
+speziell abessinische Uebelstände. Die nothwendigsten Lebensmittel waren
+trotz der Fruchtbarkeit des Bodens nur schwierig zu erlangen; die
+gemietheten Dienstboten taugten nichts, da jeder, der nur irgend kann,
+sich Sklaven hält; Maulthiere waren gleichfalls kaum gegen die höchsten
+Preise zu miethen, und für das kleinste Geschäft mußte eine Menge
+kostbarer Zeit vergeudet werden, da diese selbst für die Abessinier
+keinerlei Werth hat. Mit der Zeit wurde den aus Indien mitgebrachten
+muhamedanischen Dienern der Aufenthalt zu langweilig; sie nahmen ihre
+Entlassung und kehrten durch das heiße Küstenland nach Tadschurra zurück,
+wobei die Hälfte von ihnen das Leben verlor. Die statt ihrer angenommenen
+Abessinier zeichneten sich nur dadurch aus, daß sie unermeßliche Portionen
+rohen Fleisches (Brundo) verschlangen und alle Monate einen Tag frei
+verlangten, um mittels Kusso ihre Bandwurmkuren vollführen zu können.
+Außerdem war ein besonderer Afero oder Janitschar ernannt worden, welcher
+alle Schritte und Tritte der Fremden ausspioniren und darüber an den Hof
+berichten mußte. Am gefährlichsten wurde den Gästen jedoch die Feindschaft
+der unduldsamen Geistlichkeit, die mit eiserner Hand das Volk knechtete
+und die Briten schlimmer als die Heiden ansah, zumal weil sie die langen
+und strengen Fasten nicht hielten. Der Bischof von Schoa zeigte diese
+Feindschaft ganz offen. Er sprengte das Gerücht aus, die Engländer seien
+als Spione einer großen, jenseit des Meeres wohnenden Frau gekommen,
+welche ihre Soldaten nach Schoa schicken wolle, um das Königreich zu
+erobern und den abessinischen Glauben zu zerstören.
+
+Während alle Klassen des Volks in Erinnerung an die Himmelfahrt der
+Jungfrau Maria die strengen Fasten hielten, blieb inzwischen der König in
+seiner Residenz Matschal-wans. Dort verzehrte er rohe Fische, die mit
+Pflanzenöl und Pfeffer zubereitet waren, als Fastenspeise. Der Palast in
+Ankober dagegen wurde von ihm zur Regenzeit gemieden, weil wegen dessen
+hoher isolirter Lage die Blitze dort leicht einschlagen. Kamen die
+Engländer mit Sr. Majestät zusammen, so pflegte er zu sagen: „Es giebt in
+meinem Lande sehr schöne Dinge, welche in dem eurigen nicht sind, und
+wieder umgekehrt habt ihr Dinge, welche wir nicht besitzen.“ Fortwährend
+waren die Fremden mit allerlei Aufträgen des Königs beschäftigt: bald
+mußten sie Luntenflinten repariren, Spieldosen ausbessern, bald
+Kleidungsstücke oder Staatsregenschirme wieder herstellen, und das Alles
+wurde zur Zufriedenheit des Hofes ausgeführt. Auch als der König einmal
+unwohl war, wurden die Gesandten zu ihm berufen; er erhielt Medizin, doch
+mußte diese zuvor in seiner Gegenwart gekostet werden, da er in
+beständiger Angst vor Vergiftung schwebte. Obgleich er sich niemals ohne
+Waffen zeigte und stets solche unter seinen Kleidern verborgen trug,
+fürchtete er sich doch keineswegs vor seinen Gästen, die selbst mit
+geladenen Flinten in seiner Nähe stehen durften, auch wenn keine Diener
+bei ihm waren; bei diesen Zusammenkünften ließ er Porträts zeichnen, Pläne
+zu Bauten entwerfen und Vorbereitungen zu Affenjagden machen. Magazine
+wurden mit Granatschüssen in die Luft gesprengt, siebenläufige Pistolen
+zuerst bei Hofe eingeführt und ihm ein großer Respekt vor den Windbüchsen
+eingeflößt, deren Wirkung er für das Merkwürdigste erklärte, was er all
+sein Lebtag gesehen hatte.
+
+Wieder einmal waren die Engländer zum König beschieden, der mit ihnen über
+einen Feldzug gegen die wilden Galla sprechen wollte. Schmiede und
+Silberarbeiter saßen unter der Veranda der Residenz, Künstler malten
+Miniaturen in die auf Pergament geschriebenen Psalmen, Sättel und allerlei
+Kriegsgeräth wurden unter den Augen des Fürsten reparirt, Speere und
+Flinten gereinigt – doch alle diese Handwerker wurden vom Könige schleunig
+entlassen, um mit Harris einen Kriegsplan verabreden zu können, der
+schließlich nicht ausgeführt wurde. So schlich der traurige Winter hin.
+Unterdessen begannen die Händler, welche sich durch die Ankunft der
+Engländer beeinträchtigt glaubten, gegen diese zu konspiriren. Allerlei
+abenteuerliche Gerüchte gingen um. Die Gyptzis, so hieß es, verzehrten
+Schlangen, Mäuse, Spinnen und ähnliche Thiere, und wären im Begriff, durch
+magische Mittel das Land zu erobern. Die astronomischen Instrumente
+erregten gleichfalls Argwohn; doch der König hörte nicht auf diese
+Verdächtigungen, ja er drohte, den Verleumdern die Zungen ausreißen zu
+lassen, und kümmerte sich auch nicht darum, als die Geistlichkeit ihn mit
+dem Banne bedrohte. Die Zauberer Schoa’s glaubten dem gegenüber im
+vollsten Rechte zu sein, wenn sie verkündigten, Sahela Selassié würde
+wegen seiner Freundschaft gegen die Fremden noch Thron und Leben
+verlieren.
+
+Als der Winter vorüber war, brach der König nach _Debra Berhan_ auf, einer
+Sommerresidenz, die jenseit der Bergkette im Westen liegt. Dorthin folgte
+ihm auch die Gesandtschaft nach. Es war eine herrliche Gegend, die man
+wieder durchzog, voller Sturzbäche, Klippen und schöner Bäume. An einem
+Flüßchen traf man das einzige Maschinenwerk des Königreichs – eine rohe
+Wassermühle, die ein durchreisender Albanese erbaut hatte; doch die
+Priester erklärten dieselbe für ein Werk des Teufels, und nachdem die
+Mühle drei Tage gegangen, wurde der Betrieb untersagt. So verfiel denn die
+Teufelsmühle. (Vergl. S. 157.) Hinter derselben wurde der Weg rauher und
+steiler; man gelangte auf den Kamm der Tschakaberge, welche die Zuflüsse
+des Nil von jenen des Hawasch, das Stromgebiet des Mittelmeers und des
+Indischen Ozeans trennen. Noch volle drei- bis viertausend Fuß ragte der
+hohe _Mamrat_ über diese Wasserscheide empor; doch Schnee lag auf seinem
+13,000 Fuß hohen Gipfel nicht, wie denn ein Wort für denselben südlich von
+den kalten Bergen Semiéns in der Sprache der Eingeborenen fehlt. Wie
+verschieden ist doch das Schicksal der Gewässer, die von dieser Bergkette
+nach Osten und nach Westen zu eilen! Der Regentropfen, welcher auf die
+nach Ankober zu gelegene Seite fällt, wendet sich nach kurzem Laufe dem
+Hawasch zu, um mit ihm durch die durstige Adalwüste der Aussalagune
+zuzurinnen. Ganz anders dagegen gestaltet sich die Pilgerschaft der
+Gewässer im Westen. Dort finden viele kleine Bäche ihren Weg zur Dschumma,
+die sich in den Abai, den Blauen Nil, ergießt, der, durch den Goldsand von
+Fazogl ziehend, bei Chartum sich mit dem Weißen Flusse vereinigt, bei
+Meroë, Theben und den stattlichen Pyramiden vorüberfließt und seinen
+Beitrag zur Bewässerung Aegyptens oder der blauen Fluten des Mittelmeers
+liefert!
+
+Wiesen, auf denen Vieh weidete, kleine Ströme, über deren einen eine rohe
+Steinbrücke, das hochgepriesene Werk eines Armeniers führte, folgten nun;
+dann kam man in eine unwirthliche Gegend, eine Hochebene, die einst von
+Galla bewohnt war. Nicht ein Baum oder Strauch, selten als Ausnahme ein
+Kusso, war zu erblicken; doch sind spärliche christliche Ansiedelungen
+hier entstanden, die von Hirten bewohnt werden. Dann ging es bergab, die
+Gegend wurde wieder etwas freundlicher, und zwischen einigen grünen Bäumen
+leuchteten die weißen Gebäude von Debra Berhan hervor. „Willkommen meine
+Kinder, wie geht’s euch? Habt ihr eine sichere Reise gehabt?“ so lautete
+der Empfangsgruß, und am Abend erquickte Brot, Honigwasser und saures Bier
+die Gäste. Beim Schein der Lichter fand Abends Gesang und Tanz statt, und
+mancher hohe Beamte legte sich berauscht zur Nachtruhe nieder.
+
+Keine andere fürstliche Residenz kann in jämmerlicherem Zustande sich
+befinden als Debra Berhan, „der Hügel des Ruhms“. Es besteht aus elenden
+Gebäuden, deren ohne Mörtel zusammengefügte Mauern einzustürzen drohen.
+Palissaden umgeben das Ganze und schließen den mit Rasen überzogenen
+Audienzraum ein, der jedoch auch zugleich einigem Vieh zum Aufenthalt
+dient. Hier hat der König eins seiner bedeutendsten _Sklavendepots_, in
+welchem dem Besucher ein wahres Babel von verschiedenen Sprachen
+entgegenklingt; auch die Gesichtszüge deuten auf verschiedene Rassen, und
+nur die abessinische Kleidung ist allen gemeinsam. Da geht der riesige
+heidnische Neger mit aufgeworfenen Lippen und blutunterlaufenen Augen
+gleich einem schwarzen Herkules umher. Stark wie drei Gäule, trägt er eine
+ungeheure Holzlast, welche zwei Abessinier nur mit Mühe bewältigen
+könnten. Fünfzehn Maria-Theresia-Thaler hat der König für dies
+ausgezeichnete Exemplar gezahlt, das fern vom Nil hierher verhandelt
+wurde. Er hat hier ein ganz gemächliches Leben, vollauf zu essen und dient
+als Holzhauer im Walde; in seine Lage hat er sich stumpfsinnig gefunden.
+Anders der feurige Galla, der ihm folgt und in dessen Gemüth noch nicht
+der Geist der Unabhängigkeit erloschen ist. Seine schlanke Figur und
+gekrümmten Beine verrathen den wilden Reiter der grasigen Ebene.
+Schwermüthig, mit gebeugtem Sinn, schleppt er seine Bürde und denkt an die
+Savannen am Hawasch, seine Heimat. Unter der Aufsicht eines alten Eunuchen
+nimmt eine Schar brauner Sklavinnen ihren Weg zum Flusse. Sie tragen
+schwere irdene Wasserkrüge auf dem Rücken und singen leise ein trauriges
+Lied, das wol von der Heimat erzählt, von Guragué. Es sind Christinnen,
+alles schöne, schlanke Mädchen, weit schöner als ihre Tyrannen, das
+rabenschwarze Haar ist mit gelben Blumen geschmückt und in den langen
+Augenwimpern hängt eine Thräne der Wehmuth. – Hinter ihnen folgen einige
+bevorzugte Damen, in Staatsgewändern mit rothem Rande – sie haben längst
+das Andenken an ihr Land und ihre Verwandtschaft vergessen. Das sind die
+königlichen _Braugesellen_; silberne Knöpfe in den Ohren, zu ungeheurem
+Umfang auffrisirte Haare zeichnen sie aus; sie können plappern und
+schwatzen soviel sie wollen, aber über einen gewissen Raum dürfen sie
+nicht hinaus, das verbietet ihnen der begleitende Eunuch. Der eine
+traurig, der andere froh – so leben die Menschen im Sklavenraume des
+Königs. –
+
+Ein Monat war in dem kühlen, aber angenehmen Klima zu Debra Berhan
+verflossen, als der König beschloß, seine jährliche _Truppenmusterung_
+abzuhalten, und zwar am Maskalfeste, dessen Bedeutung wir schon kennen
+lernten. (Siehe S. 124.) Viehherden, vor Kälte sich schüttelnde Kameele,
+die in das ihnen ungewohnte Bergland versetzt waren, lange Sklavenzüge
+waren zusammengetrieben worden, um theils zur Nahrung, theils zur
+Bedienung verwendet zu werden. Am Vorabend rückten mit Fackeln in den
+Händen die königlichen Garden vor das Zelt Sr. Majestät, um dort zu Ehren
+der Gesandtschaft einen Kriegstanz aufzuführen. Prächtig nahmen sich die
+mit reichem silberbeschlagenen Reitzeug versehenen Rosse der Offiziere
+unter den dunklen wilden Kriegern aus, die den amharischen Kriegsgesang
+anstimmten und sich dann zur Ruhe begaben. Sehr unköniglich war das
+Aussehen des Palastes beim Tagesanbruch und höchst unfürstlich die bei
+Hofe herrschende Verwirrung. Unsauberkeit und knöcheltiefer Schmuz
+herrschte ringsum; der Thürhüter zerschlug einen Stock nach dem andern auf
+den Köpfen des herbeidrängenden heftigen Volkes, das nicht einmal still
+wurde, als Seine Majestät sich in der Thür des Banketsaales niederließ.
+Vor dem Throne verrichtete ein Schmied seine Arbeit weiter, ohne darauf zu
+achten, daß ein Hagel von Staub und Kohlenasche auf den König niederfiel.
+Zwanzig bleiche Eunuchen, die als Zeremonienmeister wirkten, führten die
+Scharen der Vasallen, der Priester, Mönche, Weiber, Sklaven und Ackerbauer
+zum Fürsten, der von jedem ein Geschenk empfing, sodaß Honig, Butter,
+Perlen u. s. w. bald in großer Menge aufgestapelt waren. Die Scenen der
+Unordnung wichen der höher steigenden Sonne und vor dem Erscheinen der
+britischen Gesandtschaft, die in voller Uniform vor dem Könige aufzog, der
+in Staatskleidung, von den Generalen der Reiterei, der Leibgarde und der
+höheren Geistlichkeit umgeben, auf einem beweglichen Thronsessel dasaß.
+Zunächst rückten nun dreihundert Mann auf den Schauplatz, die hoch über
+ihrem Haupte Bündel abgeschälter und mit Binsen zusammengebundener Ruthen
+trugen. Sie begrüßten die Rückkehr der Blütenzeit, „wenn die Flöhe
+wiederkommen und die Fliegen erscheinen“, mit Gesang, der lauter und
+lauter zum Kriegsrufe anschwoll. Die Bündel wurden dann auf einen Haufen
+vor dem Throne niedergelegt, während die in Thierfelle gekleideten Führer
+dieser Truppe einen Kriegstanz begannen, ihre Leute zum Gefecht
+aufforderten und mit einem schrecklichen Geheul diese Exerzitien
+schlossen.
+
+ [Illustration: Truppenmusterung des Königs von Schoa. Nach M.
+ Bernatz.]
+
+Hierauf wurden die englischen Gäste zu einem mit bunten Teppichen
+ausgekleideten Pavillon geführt, von dem aus der König mit seinen
+Würdenträgern der Revue beiwohnen wollte. Im Hintergrunde standen dichte
+Reitermassen, während in einer Entfernung von etwa 100 Schritten ein
+großer Scheiterhaufen blattloser Weidenruthen auf dem grünen Rasen
+aufgestapelt lag. Um denselben hockten unter ihren Schilden, gleich
+Schildkröten unter ihrer Schale, lange Reihen Krieger; je drei hatten
+große Feldschlangen von ungewöhnlichen Dimensionen mit Zündkraut und Lunte
+zu bedienen. Nun begann die _Revue_ mit dem Aufmarsch der Leibgarde zu
+Fuß, von der drei Viertel mit den geschenkten englischen Musketen
+bewaffnet war. In vier Compagnien marschirte sie unter dem Gebrüll des
+Kriegsgesanges auf, nicht wenig stolz auf die blitzenden, bisher in
+Abessinien unbekannten Bajonette. Nachdem sie das Feld durchmessen,
+kauerten die Krieger auf dem Grunde nieder, als wären sie in Bereitschaft,
+anrückende Reiterei zu empfangen, während ein grauköpfiger Veteran tanzend
+vor der Front ein Geheul zum Besten gab, das aus einer Wolfsschlucht zu
+stammen schien und mit einer Salve beantwortet wurde.
+
+Nachdem diese Truppe abgetreten war, rückte die glänzende Schwadron der
+berittenen Lanzenträger, die Blüte der schoanischen Kavallerie, heran.
+Kühn sprengte an der Spitze, auf schönem Roß, mit einem rothen Fell über
+der Schulter, der Führer und hinter ihm, in einer Linie von fast einer
+Viertelstunde Breite, die Schwadron. Nachdem er eine Anrede gehalten,
+sprengten die stattlichen Reiter im Galopp vorüber nach dem Scheiterhaufen
+zu, wo die großen Kesselpauken ertönten und die Feldschlangen losgebrannt
+wurden. Jetzt aber wandte sich das Erstaunen der Versammlung den
+Engländern zu, deren Artilleristen den bronzenen Dreipfünder, welcher von
+Ochsen hierhergeschleppt worden war, bedienten. Als der Donner desselben
+erschallte und weiße Rauchwolken in die Luft stiegen, wie man sie bisher
+nur von brennenden Dörfern gesehen – da kannte die Verwunderung der
+wilden, hier versammelten Galla keine Grenzen. Dreizehn in Löwen- oder
+Leopardenfelle gekleidete Gouverneure führten nach und nach ihre Truppen
+vor. Dann war die Revue beendigt und die ausgehungerten Offiziere, Edlen,
+Höflinge und Geistlichen begannen mit wahrer Wuth über das rohe
+Ochsenfleisch herzufallen und es in unglaublichen Mengen zu vertilgen.
+
+Acht- bis zehntausend Reiter waren versammelt gewesen, und das Schauspiel,
+das von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags 5 Uhr währte, hinterließ einen
+wilden und ungewöhnlichen Eindruck. Die Bewaffnung und das Reiten der
+Leute war vorzüglich und unter guter Führung von ihnen Tüchtiges zu
+erwarten. Als dann die Nacht herniedersank, da wurde dem Könige wie dem
+Volke von Seiten der Engländer noch ein Schauspiel geboten, von dem jene
+sich nichts träumen ließen. Prächtige Raketen stiegen zum tiefschwarzen
+Himmel empor und zerplatzten, Leuchtkugeln entsendend, mit herrlichem
+Lichte. Menschen und Thiere, Alles wurde rebellisch, und die Achtung vor
+den Gästen, welche Kometen an den Himmel zaubern konnten, wuchs mehr und
+mehr. Schließlich wurde der Scheiterhaufen aus Weidenruthen angezündet,
+und die Fackelträger führten zu Ehren der Auffindung des heiligen Kreuzes
+einen Tanz auf.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+_Angollala_, an der Gallagrenze, wurde etwa im Jahre 1830 gegründet und
+vom Könige zur Hauptstadt des westlichen Theils von Schoa erhoben. Hierhin
+begab man sich, nachdem das Maskalfest vorbei war, und 3000 Reiter
+bildeten das Geleit des Negus, der auf einem reich gezäumten Maulthiere
+ritt. Vier- bis fünfhundert runde Hütten mit rohen Steinmauern und
+Strohdächern bedecken die Abhänge einer Anzahl flacher Hügel, die ein
+großes Viereck einfassen. Auf der Spitze des höchsten Hügels steht der von
+sechs Reihen Palissaden beschützte königliche Palast, aus dessen Mitte ein
+zweistöckiges, finstres Gebäude hervorragt, das ein Albanese erbaute und
+welches trotz seiner Mangelhaftigkeit in Bezug auf Architektur alle
+übrigen Gebäude Schoa’s überragt. Doch hat es von Erdbeben gelitten, und
+„Erdbeben“, so meinte Se. Majestät, „sind ein übles Ding, denn sie werfen
+Häuser und Menschen um“.
+
+Vor dem Palaste, zu welchem ein steiler Weg hinaufführte, begrüßte eine
+dichtgedrängte Menschenmenge den König und seine Gäste mit lautem
+Jubelgeschrei. Küchen, Vorrathshäuser und Brauereien lagen rings um das
+Gebäude, das mit dem langen Banketsaale, der Audienzhalle, den
+Frauengemächern und einzelnen Zellen ein merkwürdiges, aber keineswegs
+imponirendes Ganze ausmachte. Der Despot führte seine Gäste in den ersten
+Stock, zu welchem man auf einer Leiter gelangte. Auf dem Fußboden, der mit
+frischem Gras bestreut war, brannte in einem eisernen Ofen ein Feuer, an
+welchem sich behaglich mehrere Katzen wärmten, die in keinem königlichen
+Palaste fehlen. Im Alkoven befand sich ein schmuziges Lager, und wenige
+Flinten machten den einzigen Schmuck der kahlen, weißgetünchten Wände aus.
+„Ich habe euch“, hub der König an, „hierhergeführt, um euch zu zeigen, was
+mir fehlt. Diese Gemächer müssen ausgeschmückt werden, und ich wünsche,
+daß euer Maler (Herr Bernatz) sie mit Elephanten, Soldaten und sonderbaren
+Darstellungen aus eurem Lande verziere. Jetzt können meine Kinder sich
+entfernen.“
+
+Die Nächte, welche die Gesandten hier verbrachten, waren keineswegs
+angenehm; sie froren ungemein und wußten sich kaum vor der Kälte zu
+schützen; in der Frühe hatte regelmäßig weißer Reif die Wiesen überzogen.
+Auch am Tage bot sich ihren Augen gerade kein liebliches Bild. Rings um
+den Palast lag Schmuz, Asche und Kehricht knöcheltief oder in großen
+Haufen. Halbwilde Hunde fallen am Tage die Menschen an und lassen in der
+Nacht wegen ihres grauenhaften Gebells Niemand schlafen. Kurz vor
+Sonnenaufgang weckt das Gekräh von tausend Hähnen die dennoch etwa sich im
+Schlummer Wiegenden, und wer trotzdem noch nicht erwacht sein sollte, wird
+durch das Gebrüll des um alle möglichen Dinge petitionirenden Volkes
+aufgestört, welches unter dem Rufe „Abiet! Abiet! Meister! Meister!“ mit
+dem Frühgrauen sich zum Palaste drängt. Lernten Harris und seine Gefährten
+auch in Angollala manches Interessante kennen, so war der Aufenthalt
+daselbst doch keineswegs angenehm zu nennen.
+
+In der Umgebung Angollala’s befindet sich das Naturwunder Schoa’s, die
+_Schlucht der Tschatscha_, zu welcher der König eines Tags seine Gäste
+hinführte, doch war der Monarch an diesem Tage gerade schlechter Laune, da
+sein Lieblingsroß, das er in der Schlacht einem mächtigen Galla-Häuptling
+abgenommen hatte und das seinen Stall in der königlichen Bettkammer hatte,
+durch die Unvorsichtigkeit eines Pagen umgekommen war. „Was denkt ihr von
+meinem Galla-Graben? Habt ihr etwas Aehnliches in eurem Lande?“ so redete
+der Herrscher seine Gäste an, als er sie an Ort und Stelle geführt hatte,
+und in der That ließ sich schwerlich eine großartigere und schauerlichere
+Naturscenerie denken, als sie die Schlucht der Tschatscha zeigte. Die
+grünen Wiesen des Distriktes Daggi sind hier auf eine seltsame Weise durch
+niedrige, kahle Hügelketten durchsetzt, zwischen denen kleine Bäche dem
+tief unten gähnenden Erdriß zuströmen, welcher den Boden gleich einem
+gewaltigen Spalt durchzieht. Felsig, zerrissen und scharfkantig sinkt
+dieser Schlund plötzlich 1000 bis 1500 Fuß tief und über eine
+Viertelstunde breit urplötzlich in der Ebene nieder. Seine aus felsigem
+Gestein bestehenden Seitenwände sind dünn mit zartem Moose und
+süßduftendem Thymian überzogen, und nur wenige armselige Hütten sind auf
+einzelnen vorspringenden Terrassen der Wände angebracht, die sonst in
+ihren düstern Höhlen den Wölfen und Hyänen Schlupfwinkel darbieten,
+während hoch oben über dem gähnenden Abgrunde Geier und Adler ihre Kreise
+in weiten Bogen ziehen. Der Aberglaube des Volks bevölkert aber den Spalt
+mit allerlei Unholden, während der König nicht mit Unrecht in ihm die
+beste Schutzwehr gegen die jenseit desselben wohnenden Galla sieht. Tief
+unten auf dem Boden, nur mit Schwindeln anzusehen, murmelt in tausend
+kleinen Wasserfällen gleich einem Silberfaden die Tschatscha hin, um ihren
+Tribut dem mächtigen Nil darzubringen. Da, wo die Schlucht sich etwas
+erweitert, liegen die königlichen Eisenwerke von Gurejo. Hier wird auf
+rohe, echt afrikanische Art durch ein einfaches Ausschmelzen ein ziemlich
+gutes Eisen gewonnen.
+
+ [Illustration: Empfang des Negus beim Einzuge in Angollala. Nach M.
+ Bernatz.]
+
+In einen dunkelgrünen Wachholderhain eingehüllt, erhebt sich auf einem
+Hügel am jenseitigen Ufer das stille Städtchen _Tscherkos_, dessen
+Einwohner einst alle, Mann, Weib und Kind, über tausend an der Zahl, in
+einer einzigen Nacht von den wilden heidnischen Galla unter Führung des
+Rebellen _Medoko_ hingeschlachtet wurden, zur Rache für eine ihm am Hofe
+zu Ankober widerfahrene Beleidigung. Der stolze schöne Mann, auf den alle
+Frauen des Landes mit nicht geringer Bewunderung schauten, trat einst vor
+den König hin, brachte ihm 10 herrliche Streitrosse, 500 Ochsen, 20
+Sklaven und zwei große Körbe voll Silberthaler, die gnädig angenommen
+wurden. Aber die Hand der Prinzessin Worka Ferri, um die er darauf bat,
+wurde ihm abgeschlagen und er selbst schnöde mißhandelt; der Beichtvater
+des Königs trat ihm in das Gesicht, daß das Blut herunterlief, und die
+Staatsfestung Gontscho nahm ihn auf. Wie durch ein Wunder entkam er wieder
+zu seinen Galla, die, seinem Rufe folgend, in hellen Haufen herbeieilten
+und Tscherkos nebst seinen Einwohnern verbrannten. Unter der Führung ihres
+Königs rückten nun die Schoaner aus, und bei Angollala kam es zur
+blutigen, lange schwankenden Schlacht. Medoko unterlag und floh in die
+geheiligten Asylräume des Klosters Affaf Woira, wo er sich sicher wähnte.
+Da erschien dort eine feierliche Prozession, welche dem Rebellen die
+Verzeihung des Königs überbrachte und ihn wieder zu Hofe kommen hieß.
+Medoko folgte der Stimme zu seinem Unglück. Neuer Verrath wurde gegen ihn
+gesponnen, und eines Nachts traten sechs Verschworene an sein Lager, um
+ihn mit ihren Schwertern zu durchbohren. Noch einmal sprang der
+verwundete, riesenkräftige Löwe auf, ein Blutbad unter seinen Mördern
+anrichtend, dann sank er zusammen. Seinem Volke, das um ihn lange Jahre
+trauerte, erschien er aber als Heros und Märtyrer, und die Fehden zwischen
+Abessiniern und Galla nahmen mit erneuter Wuth ihren Fortgang.
+
+
+
+
+ Die Galla.
+
+
+Die Galla sind ein schöner Menschenschlag, dessen Physiognomie kaukasisch
+ist. Ihre Sprache weicht bedeutend von den echt semitischen Sprachen ab,
+aber in Konjugation, den Fürwörtern und vielen anderen Wörtern verräth sie
+doch einen semitischen Charakter und bildet mit den Sprachen der Danakil
+und Somalen eine eigene Familie des semitischen Sprachstammes. Von ihren
+zahlreichen Unterabtheilungen haben Krapf und Isenberg über fünfzig
+herausgefunden, welche fast alle voneinander unabhängig sind, hier und da
+in Feindschaft miteinander leben, aber dieselbe Sprache reden und
+ursprünglich dieselbe heidnische Religion hatten. Ueber ihre Herkunft
+bestehen verschiedene Sagen. Die Muhamedaner aus Argobba, östlich von
+Schoa, wollen sie aus Arabien herleiten; doch ist dies sehr
+unwahrscheinlich. Dagegen bemerkt eine abessinische Schrift, welche Krapf
+in Schoa zu sehen bekam, Folgendes: „Eine königliche Prinzessin von
+Abessinien heirathete zur Zeit Nebla Denjel’s im 14. Jahrhundert, als die
+Königsfamilie noch auf dem Berge Endoto residirte, einen Sklaven, der ein
+Hirte war aus dem Süden von Guragué, und gebar ihm sieben Söhne, die alle
+das Geschäft ihres Vaters trieben und dessen Sprache redeten. Als sie
+erwachsen waren, sammelten sie viel Volks um sich und gaben sich der Raub-
+und Plünderungssucht hin, sodaß sie zuletzt die Abessinier beunruhigten.“
+Von einer Schlacht, die sie den letzteren in Guragué am Flusse Galla
+lieferten, sollen sie den Namen erhalten haben, mit dem die Abessinier und
+andere umwohnende Völker sie benennen. Sie selbst aber heißen sich
+Ilmorma, Menschenkinder. Später, nachdem Granje mit seinen muhamedanischen
+Horden Abessinien verwüstet hatte, ließen sich mehrere Stämme von ihnen in
+Schoa nieder. Späterhin wiesen die neuen Könige von Schoa den
+Wollo-Stämmen, die entweder damals schon den Muhamedanismus angenommen
+hatten oder dasselbe später thaten, die Nordgrenze von Schoa an, wo sie
+bis 1856 eine Schranke bildeten, welche die Verbindung zwischen diesem
+Lande und Abessinien erschwerte, bis König Theodoros II. Schoa und mit ihm
+die Wollo-Galla unterwarf. Diese nördlichen Galla sind fanatische
+Muhamedaner geworden, während es den christlichen Abessiniern nicht
+gelungen ist, unter ihnen viel Proselyten zu machen. Auch diesen
+heidnischen Galla gegenüber bewährt sich wieder die afrikanische Regel:
+Der Islam siegt über das Kreuz.
+
+Die ursprüngliche Religion der Galla ist eine Naturreligion. Sie verehren
+ein höchstes, unsichtbares Wesen, welches sie _Wak_ (Himmel) nennen. Ihn
+betrachten sie als den Urheber aller Dinge und Geber aller Gaben, daher
+richten sie ihre Gebete hauptsächlich an ihn. Obgleich sie keine bestimmte
+Idee von ihm haben, so schreiben sie ihm doch Persönlichkeit zu und
+glauben, daß er sich ihren Priestern im Traume offenbare, daß er zu ihnen
+rede im rollenden Donner, sich ihnen zeige im leuchtenden Blitze, daß er
+über Krieg und Frieden, Fruchtbarkeit und Theuerung entscheide. Jedoch
+steht Wak nicht allein, sondern hat zwei Untergottheiten zu Gehülfen,
+deren eine _Oglia_, männlich, deren andere _Atete_, weiblich ist.
+Letzteren beiden feiern sie gewisse Feste im Jahre, an welchen sie ihnen
+Opferthiere, Ziegen und Hühner schlachten, sich ihre Gunst erbitten und
+ihren Willen durch Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere zu erfahren
+suchen. Die Feste des Oglia werden im Januar und April, das der Atete im
+September gefeiert. Dem Wak ist jeder Sonntag geweiht, den sie großen
+Sabbat nennen, zum Unterschiede vom Sonnabend, welchen sie den kleinen
+Sabbat heißen. Gewisse Bäume sind den Galla heilig; unter diesen opfern
+sie und verehren ihre Götter. In besonders großer Achtung steht ein großer
+Maulbeerfeigenbaum an den Ufern des Hawasch im südlichen Schoa. Hier
+versammeln sich jährlich ihre Priester und Großen von mehreren Stämmen, um
+Wak zu verehren und ihre Bitten an ihn zu richten. Dieser Baum heißt
+Wadanabe und ist Sammlungsort der Galla von den verschiedensten Stämmen;
+nur Weiber dürfen ihm nicht nahen. Ein anderer Baum, unter welchem dem Wak
+jährliche Opfer gebracht werden, heißt Riltu. Während sie opfern beten
+sie: „O Wak, gieb uns Tabak, Schafe und Ochsen, hilf uns, unsere Feinde zu
+tödten. O Wak, führe uns zu dir, führe uns zum Paradiese und führe uns
+nicht zum Satan“. Auch der Ahorn und der Wanzabaum werden für heilig
+gehalten. Die Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere wird namentlich
+zur Entscheidung von Krieg und Frieden angewandt. Sie nehmen das Fett aus
+der Bauchhöhle, legen es auseinander und bestimmen die eine Seite für die
+Galla, die andere für ihre Feinde; die Seite nun, auf welcher das meiste
+Blut in den Adern sich befindet, erhält den Sieg. Die beiden
+Untergottheiten Oglia und Atete gebieten wieder über eine Menge
+unsichtbarer Wesen, die sie Zaren nennen und denen sie gute und böse
+Eigenschaften zuschreiben; daher werden auch diesen Verehrung und Opfer
+dargebracht. Zur Ausübung des Dienstes haben sie Priester (Kalitscha) und
+Zauberer (Luba). Der Priester hat die Leitung der Gottesverehrung, die
+Wahrsagung, Segen und Fluch u. s. w. zu besorgen. Er trocknet die zum
+Wahrsagen gebrauchten Eingeweide, legt sich dieselben um den Hals und
+zieht damit im Lande herum. Merkwürdig ist, daß ein ganzer Stamm der Galla
+für heilig gehalten wird, und zwar sind dieses die Watos, die überall frei
+umhergehen, segnen oder fluchen dürfen, ohne daß ihnen Jemand ein
+Hinderniß in den Weg legte. Dieser Stamm behauptet im Besitze ursprünglich
+reiner Galla-Natur zu sein, und seine Angehörigen heirathen nur unter
+sich. Sie kennen kein anderes Geschäft als Segnen und Fluchen, und weil
+Alles in dem Glauben steht, daß, was sie sagen, eintreffen müsse, so sind
+diese Leute sehr respektirt. Kein Galla läßt einen Wato zu sich ins Haus
+kommen, aber Lebensmittel in Menge werden ihnen, wo sie sich zeigen, vor
+die Häuser gebracht, weil man im Unterlassungsfalle ihren Fluch fürchtet.
+Sie lieben, wie die Waitos (vergl. S. 90), das Fleisch des Flußpferdes,
+welches in großer Menge im Hawasch vorkommt.
+
+Ueber den Ursprung der Menschheit haben die Galla einen dunklen
+entstellten Begriff, jedoch scheinen sie nicht zu glauben, „daß alle von
+einem Blute herkommen“. Sie sagen, ihr erster Stammvater habe Wolab
+geheißen; Wak habe ihn aus Thon gebildet, ihm dann eine lebende Seele
+gegeben und ihn am Hawasch angesiedelt. Ihre Eidschwüre verrichten die
+Galla auf eine sonderbare Weise. Eine tiefe, enge Grube wird in den
+Erdboden gegraben und in dieselbe steckt man einige Lanzen. Dann wird sie
+mit einer Thierhaut bedeckt, und die Betheiligten schwören nun, daß, falls
+sie ihr Versprechen nicht hielten, sie in eine solche Grube stürzen, ihre
+Leiber mit Lanzen durchbohrt werden und ungerächt und unbegraben liegen
+bleiben mögen. Einmal geschlossene Freundschaft soll heilig gehalten
+werden, wenn sie auch unter den verschiedenen Stämmen selten zu sein
+scheint, da diese sich stets untereinander befehden. Heirathet ein Galla,
+so bekommt die Frau ihre Mitgift vom Vater; scheidet sie sich aber von
+ihrem Manne, so behält der Mann das Heirathsgeschenk. Gewöhnlich heirathen
+sie drei Frauen. Stirbt der Mann, so ist sein Bruder verpflichtet, die
+Witwe oder Witwen zu heirathen. Die Sanktion der Heirathen erfolgt allemal
+durch den Abadula oder Vorgesetzten mehrerer Dörfer. Tödtet ein Galla
+einen Fremden, der nicht von seiner Nation ist, so erwirbt er sich dadurch
+viel Ruhm, tödtet er einen Stammverwandten, so hat er, ist der Getödtete
+ein Mann, 100 Ochsen, ist es eine Frau, 50 Ochsen zu bezahlen. Da
+abessinische Christen nebst den sie umgebenden Muhamedanern keine Mühe,
+keine Schlechtigkeiten scheuen, Galla-Söhne und Töchter als profitable
+Menschenwaare in den abscheulichen Sklavenhandel zu ziehen, so ist’s
+natürlich, daß sie alle Fremden als Feinde betrachten. Abessinische
+Fürsten wollten ihnen das elende Christenthum, welches sie selbst hatten,
+mit dem Schwerte aufdringen; abessinische Mönche wagten ihr Leben selbst
+daran, ihnen den Genuß des Kaffees und Tabaks nebst anderen, von den
+Abessiniern für unrein gehaltenen Speisen und Getränken, abzuschneiden,
+und dafür nicht das Evangelium, sondern strenge Fastengesetze und andere
+Observanzen aufzubürden; kein Wunder, daß sie sich gegen Beides mit aller
+Macht wehrten. Sie haben die Idee, daß sie sicher bald sterben müssen,
+wenn sie Christen werden, und daher sehen sie auch die ihnen vorgesetzten
+Christen mit Abscheu an. Tritt ein solcher Gouverneur seine Stellung an,
+dann ruft das Volk einstimmig: „Möge er bald sterben, möge er bald
+sterben.“
+
+ [Illustration: Eine Galla (die Frau Eduard Zander’s).
+ Originalzeichnung von E. Zander.]
+
+Die Kriege zwischen Abessiniern und Galla haben eigentlich nie recht
+aufgehört. So oft auch letztere unterlagen, so erhoben sie sich doch immer
+wieder. Zu Tausenden verkaufen dann die biederen Christen die armen Heiden
+und füllen sich die Taschen mit blanken Maria-Theresia-Thalern, welche sie
+für die Menschenwaare erhalten.
+
+Ein Hauptsklavenmarkt ist Metemmé, die Hauptstadt des Gebietes Gallabat,
+an der Grenze zwischen Abessinien und dem ägyptischen Sudan. Baker
+besuchte dort 1862 die Sklavenhändler. Sie wohnten in großen Mattenzelten
+und besaßen viele junge Mädchen von außerordentlicher Schönheit, deren
+Alter zwischen neun und siebzehn Jahren wechselte. Diese liebenswürdigen
+Gefangenen mit einer schönen braunen Farbe, zart geformten Zügen und
+Gazellenaugen waren Gallamädchen, welche aus ihrem Vaterlande an den
+abessinischen Grenzen von abessinischen Händlern hierher geführt wurden,
+um in die türkischen Harems verkauft zu werden. So schön diese Mädchen
+sind, taugen sie zu keiner schweren Arbeit und kränkeln und sterben bald,
+wenn man sie nicht freundlich behandelt. Man sieht mehr als eine Venus
+unter ihnen, und nicht genug, daß ihr Gesicht und ihr Wuchs vollendet
+schön sind, beweisen sie denen, welche sie gut behandeln, die größte
+Anhänglichkeit und werden sehr brave und treue Frauen. Es liegt etwas
+eigenthümlich Gewinnendes in der natürlichen Anmuth und Milde dieser
+jungen Schönheiten, deren Herz jenen tieferen Liebesgefühlen, welche unter
+rohen und rauhen Stämmen selten bekannt sind, eine rasche Antwort geben.
+Ihre Formen sind auffallend elegant und anmuthig, die Hände und Füße
+namentlich außerordentlich zart. Die Nase ist gewöhnlich leicht gebogen
+und mit großen und schöngeformten Oeffnungen versehen. Das schwarze und
+glänzende, aber ziemlich grobe Haar, reicht etwa bis zum halben Nacken
+hinunter. Obgleich diese Mädchen aus den Gallaländern sind, bezeichnen sie
+sich stets als Abessinierinnen und sind unter diesem Namen allgemein
+bekannt. Sie sind außerordentlich stolz und hochgesinnt und lernen
+merkwürdig schnell. In Chartum haben sich mehrere der angesehensten
+Europäer mit solchen reizenden Damen verheirathet, welche ihren Männern
+ohne Ausnahme große Liebe und Ergebenheit bewahren. In Gallabat betrug der
+Preis für eine dieser Schönheiten zwischen 25 und 40 Thalern. Einige Jahre
+nach Baker’s Aufenthalt (März 1865) scheint aber der Handel mit
+Gallamädchen in Metemmé fast erloschen zu sein und der schlechteren Waare
+vom Weißen Flusse Platz gemacht zu haben, denn Graf Krockow, welcher
+damals dort war, bemerkt: „Die in früheren Zeiten massenhaft für die
+Harems der Reichen exportirten jungen, feurigen, abessinischen Mädchen
+kommen jetzt nur selten auf den Markt, denn in ihrer Heimat hat das
+abscheuliche Treiben fast ganz aufgehört“ (?).
+
+Jedenfalls stehen die Gallamädchen weit über den lasterhaften
+Abessinierinnen und vermögen nach Umständen wohl auch einen Europäer zu
+beglücken. Lassen wir darüber einen Brief Eduard Zander’s vom 27. Juni
+1854 reden: „Seit einem Jahre und einem Monat bin ich auf Befehl des
+Regenten Ubié verheirathet, und vor zwei Monaten ist mir unter Gottes
+Beistand auch ein Töchterlein geboren worden. Es ist ganz deutschen
+Charakters, weiß und blond, sehr wohlgestaltet und schön und erhielt in
+der Taufe nach abessinischem Ritus die Namen Maria Sophia. – Zwanzig
+Monate sind jetzt verflossen, da veranstaltete Ubié eine großartige
+Schmauserei, zu der an einem Tage nicht weniger als 300 Kühe
+abgeschlachtet wurden; Alles war guter Dinge und der Honigwein floß in
+Strömen. Auch ich war besonders von Ubié eingeladen worden; bei ihm
+angelangt, befahl er sofort, daß ich mich neben ihn auf seine Alga setzen
+sollte. Das Weilen auf diesem Platze gilt für die größte Auszeichnung bei
+Hofe, welche nur den Mitgliedern des höchsten Adels zu Theil wird. Ubié
+hatte mich im Laufe der Zeit genau kennen gelernt und sehr lieb gewonnen,
+sodaß ich schon vor zwei Jahren in den hohen Adel erhoben wurde und zu
+jeder Zeit ungehinderten Eintritt bei ihm hatte. An diesem Tage war er
+ganz besonders heiterer Laune, er sprach viel mit mir und fragte mich nach
+allen möglichen Dingen, unter anderm, warum ich nicht verheirathet sei?
+Offen und rund heraus erklärte ich ihm denn, daß die Töchter seines Landes
+mir keineswegs gefielen, da ihnen das, was wir an den Frauen vor Allem
+schätzten, fehle, nämlich Ehrbarkeit und Tugend. Du hast Recht, entgegnete
+mir Ubié, sie taugen alle nicht für dich, denn du bist ein ordentlicher
+Mann. Ich werde selbst für dich sorgen und dir eine passende Frau
+aussuchen. Kaum waren fünf Monate vergangen, so erfüllte Ubié bereits sein
+Wort. Während dieser Zeit hatte er nach allen Richtungen des Landes Boten
+ausgesandt, die für mich eine geeignete Frau suchen sollten; keiner aber
+hatte eine schickliche gefunden. Da langten eines Tages muhamedanische
+Kaufleute hier an, unter denen sich ein Sklavenhändler befand, welcher
+sieben schöne Sklavinnen feil hatte. Ubié ließ sich die Mädchen vorführen
+und suchte unter allen sieben die schönste aus, um sie mir zum Weibe zu
+schenken. Das Vaterland meiner Frau ist Lima; die Bewohner sind Galla, der
+Regent oder Oberhäuptling des Landes heißt Ababokiwo. Meine Frau zählt
+jetzt 16 Jahre. Sie hat mich lieb gewonnen, ist mir treu ergeben und von
+Charakter sanft, ihr Verstand ist scharf und hell. Was sie aber besonders
+auszeichnet, ist Sittsamkeit und Tugend.“
+
+In seiner Heimat, wo das Schwert des abessinischen Eroberers noch nicht
+eindrang, ist der Galla ein freier, unabhängiger Mann, dem nur der
+Distriktsvorsteher oder Abadula und der oberste Häuptling oder Heiu zu
+befehlen hat. Der Heiu regiert nur acht Jahre, alsdann tritt er ins
+Privatleben zurück, weil dann ein anderer Heiu, ein Mann von kriegerischem
+Muthe und Talent, gewählt wird. Sein Geschäft besteht darin, daß er durch
+den ganzen Stamm zieht, alle Hauptangelegenheiten seines Staates
+schlichtet und unterstützt und namentlich über Krieg und Frieden
+entscheidet. Dabei ist der Ort, in welchem er sich gerade aufhält,
+verpflichtet, ihn zu unterhalten.
+
+Stirbt ein Galla, so erhebt sich, wie fast im ganzen Oriente, allgemeine
+bittere Klage. Ist der Verstorbene ein Hausvater, so rasiren sich, zum
+Zeichen der Trauer, die Kinder am ganzen Leibe. Der Todte wird anständig
+begraben, das Grab mit schönen Steinen bedeckt und eine Aloe darauf
+gepflanzt; dann wird eine Kuh geschlachtet und von den Verwandten
+verzehrt. Sobald die Aloe ausschlägt, glauben sie, die Seele des
+Verstorbenen sei zu Wak ins Paradies gekommen. Jedoch meinen sie, daß auch
+in jener Welt alle Nationen und Religionen ebenso geschieden sein werden
+wie hier. Galla, Muhamedaner und Christen kommen jede Partei an ihren
+besonderen Ort, um die guten oder üblen Folgen ihres Verhaltens in dieser
+Welt zu genießen. Die Lüge scheint bei ihnen verpönter zu sein als bei
+ihren abessinischen Nachbarn. Wird ein Galla als Lügner ertappt, so
+verliert er Sitz und Stimme in den öffentlichen Versammlungen und wird der
+Verachtung preisgegeben.
+
+Was im Vorstehenden über die Galla mitgetheilt wurde, ist vorzugsweise den
+Berichten Krapf’s und Isenberg’s entlehnt. Das Volk erscheint uns nach
+diesen Mittheilungen weit liebenswürdiger und besser als seine
+abessinischen Bedrücker. Ueber die Art und Weise, wie die letzteren gegen
+die Galla verfahren, wie sie Land und Volk dieses Stammes auf das
+Schmählichste verwüsten, darüber können wir uns am besten unterrichten,
+wenn wir abermals der Erzählung des Major Harris folgen.
+
+Wie die meisten anderen afrikanischen Potentaten, unternahm auch Sahela
+Selassié keinen Krieg wegen des nationalen Ruhmes oder wegen der
+öffentlichen Wohlfahrt; seine Kriege waren entweder Raubzüge oder auf die
+Unterdrückung von Rebellen gerichtet, und das war auch jetzt wieder der
+Fall, als er gegen die Galla auszog, wobei er den dringenden Wunsch
+aussprach, von der Gesandtschaft begleitet zu werden; die Gegenwart
+derselben sollte ihm Kraft, seinen Völkern neuen Muth verleihen. Nur für
+20 Tage wurde die Armee mit Lebensmitteln versehen, woraus man schließen
+wollte, daß das Ziel des Feldzuges kein allzufernes war. Angollala war in
+großer Aufregung und alle Handwerker damit beschäftigt, die Waffen in
+Stand zu richten, während im königlichen Arsenale Tag und Nacht große
+Thätigkeit herrschte. Bei dem abergläubischen Charakter der Abessinier war
+vorauszusehen, daß erst das Schicksal befragt und nach guten oder bösen
+Vorzeichen geforscht werden müßte. Priester und Mönche hatten in dieser
+Beziehung alle Hände voll zu thun. Das Herabfallen eines Schildes vom
+Sattelknopf, die Erscheinung eines weißen Falken sind ungünstige Zeichen,
+während ein paar Raben Glück verheißen. Auch das Heulen der Hunde während
+der Nacht wurde beobachtet, um daraus Schlüsse zu ziehen. Endlich brach
+man auf und zwar in der größten Unordnung, um aber bald wieder Halt zu
+machen, damit die zahlreichen Nachzügler sich sammeln konnten. Vor der
+Armee wurde unter einem Baldachin von Scharlachtuch die Bibel und die
+Bundeslade aus der Michael-Kathedrale in Ankober auf dem Rücken eines
+Maulthieres vorangetragen, welche den sicheren Sieg gegen den heidnischen
+Feind verleihen sollten; dann folgte auf reich gezäumtem Maulthiere der
+König, umgeben von seinen Luntengewehrträgern und den Musikanten mit
+Kesselpauken und Trompeten. An ihn schlossen sich an Gouverneure,
+Offiziere, Mönche, Priester und zuletzt – das Sonderbarste von allen: 40
+Frauen und Fräulein, welche die königliche Küche zu versorgen hatten.
+Soweit das königliche Gefolge, dem sich unter einer ungeheuren Staubwolke,
+soweit das Auge reichte, Reiter, Krieger zu Fuße, Saumrosse, Esel,
+Maulthiere, mit Zelten und Lebensmitteln beladen, sowie große Scharen
+Weiber anschlossen, die mächtige Töpfe mit Bier und Honigwein auf dem
+Rücken trugen. Alles in Unordnung malerisch durcheinander. Wenn diese
+Masse sich niederließ, nahm das Lager einen Raum von anderthalb Stunden im
+Durchmesser ein, in dessen Mitte das königliche Zelt und dabei die Küche
+stand. Von Vorposten oder sonstigen Sicherheitsmaßregeln war aber, selbst
+als man schon des Feindes Land betreten hatte, gar keine Rede. Nicht wenig
+Aufsehen erregten die Bajonnetflinten, die bei diesem Zuge zum ersten Male
+in praktischen Gebrauch kommen sollten, und die Raketen, welche auf des
+Königs Wunsch die Engländer allabendlich steigen ließen, um die Galla
+durch den Feuerregen derselben zu schrecken.
+
+Früh am Morgen erschallten die _Nugarits_ oder Trommeln, um die
+Mannschaften in den Sattel zu rufen, und in einer halben Stunde war die
+Armee, die mittlerweile auf 15,000 Mann angeschwollen war, wieder auf den
+Beinen. Das militärische System Schoa’s ist ein rein feudales, da jeder
+Gouverneur des Reiches im Verhältniß zu dem ihm unterstehenden Lande ein
+Kontingent zu stellen gezwungen ist. Außer den Pferden, Waffen und
+Lebensmitteln erhalten die Soldaten nichts und nur 400 Garden des Königs
+bekommen Zahlung, nämlich 8 Amolen (Salzstücken) im Jahre, etwa 18
+Groschen im Werthe, außer der Beköstigung, wie sie jeder königliche Sklave
+auch erhält. Daß in einer so zusammengesetzten Armee wenig Disziplin
+herrscht, läßt sich denken. Ohne Rücksicht für die der Reife
+entgegengehende Ernte, die niedergetreten wurde, wälzte sich die Schar,
+einem Heuschreckenschwarme gleich, Alles vor sich aufzehrend, in
+südwestlicher Richtung weiter, ohne daß die Einzelnen wußten, wohin der
+Raubzug eigentlich gehe, denn der König bewahrte das Geheimniß seines
+Zieles so streng, daß nicht einmal seine höheren Offiziere davon
+unterrichtet waren.
+
+Nichts konnte einförmiger sein als der Landstrich, den man zuerst
+durchzog. Weite, grasige, wellenförmige, mit Feldern durchsetzte Ebenen,
+ohne einen einzigen Baum dehnten sich vor dem Heere aus. Verschiedene
+kleine Bäche und Flüsse, die dem Nile zuströmen, wurden überschritten, und
+Se. Maj., dem es zu viel wurde, immer zu reiten, wollte zur Abwechselung
+einmal gehen, stieg ab und ließ sich ein paar Pantoffeln reichen, die aber
+bald im Kothe stecken blieben, sodaß der König schließlich vorzog, gleich
+seinen Unterthanen barfuß einherzuschreiten. In der weiten, von Hügeln
+umschlossenen Ebene Abai Deggar wurde plötzlich der Befehl ertheilt, das
+Lager aufzuschlagen und die Umgebung auszuplündern. Sogleich rückten im
+vollen Galopp die Reiterbanden nach allen Richtungen aus, brannten die
+Dörfer nieder, zertraten das Getreide und trieben das Vieh ins Lager.
+Fortwährend herrschte die größte Unordnung im Heere, das nur in losen
+Haufen, weit zerstreut marschirte, und so eher den Anblick einer
+geschlagenen als einer vordringenden Armee darbot. In ihren kurzen, weiten
+Beinkleidern, den Leib mit der langen Binde umwickelt, mit dem Leoparden-
+oder Löwenfell auf der Schulter, mit Speer und Schild bewaffnet, setzten
+die Reiter durch den schlammigen Boden, der auch des Nachts ihr einziges
+Lager war; viele blieben aber liegen und gingen an den Strapazen zu
+Grunde, da es in der Nacht gewöhnlich fror.
+
+An der 1200 Fuß hohen Gebirgskette _Garra Gorfu_ war endlich das Ziel
+erreicht. Langsam zog die Armee zum Rücken der Berge hinauf, während
+rechts und links Scharen abschwenkten, um den Feind zu umgehen. In einer
+Breite von vier bis fünf und einer Länge von etwa zwölf Stunden bilden die
+mit Feldern bestandenen Garra-Gorfu-Berge eine Wasserscheide zwischen Nil
+und Hawasch; an ihnen wohnen die _Sertie-Galla_, die sich seit langer Zeit
+schon in offenem Aufstande gegen den König befanden, d. h. sie hatten die
+verlangten Steuern nicht bezahlt und sogar eine zur Eintreibung derselben
+abgesandte Reiterschar von 800 Mann erschlagen. Jetzt nahte der Tag der
+Rache für den verweigerten Gehorsam.
+
+Gleich einem angeschwollenen Strome ergoß sich das Heer über die
+friedliche Landschaft, deren Bewohner nichts Böses ahnten, und nun rückten
+15,000 blutgierige Barbaren gegen sie heran. Ruhig bestellte noch der
+friedliche Landmann sein Feld, die Weiber gingen ihrer Beschäftigung nach
+und auf den blumigen Wiesen weidete das Vieh. „Möge der Gott, welcher der
+Gott meiner Väter ist, uns stärken und verzeihen!“ sprach wuthfunkelnden
+Blickes der christliche König und gab damit das Zeichen zur Verwüstung.
+Dorf auf Dorf wurde niedergebrannt, bis die Luft durch den Rauch
+verfinstert war, der Speer des Kriegers durchsuchte jeden Busch nach
+Flüchtigen. Weiber und Kinder wurden in hoffnungslose Sklaverei abgeführt;
+alte und junge Männer erbarmungslos erschlagen und die Herden
+weggetrieben. Jeder Krieger wollte es dem andern an Blutdurst und
+Grausamkeit noch zuvorthun. Ganze Familien wurden umringt und
+niedergespeert; Unglückliche, die auf die offene Ebene sich flüchteten,
+gleich einem Wild verfolgt und zusammengehauen; drei- oder vierjährige
+Kinder, welche auf Bäume geklettert waren, herabgeschossen, wie man Vögel
+vom Baume schießt. Nach Verlauf von zwei Stunden verließ das Heer wieder,
+mit Beute beladen, das verwüstete Thal. Da, wo die Stätte eines
+friedlichen Ackerbaus gewesen, wo glückliche Menschen gewohnt, hörte man
+nur das Knistern der zusammenbrechenden, niedergebrannten Balken und das
+Schreien der Geier, die, vom Leichengeruch angelockt, aus weiter Ferne
+herbeigezogen kamen. Das ist der abessinische Krieg, so war er einst, so
+war er bis heute unter Theodoros: Ueberfall, Mord, Raub, Schlächterei –
+selten eine offene Feldschlacht kennzeichnen ihn.
+
+Das Nachtlager der siegreichen Armee bot einen teuflischen Anblick dar.
+Ueberall flammten die Feuer, bluteten die geschlachteten Schafe, wieherten
+laut die Rosse, brüllten siegestrunken die Krieger oder weinten leise die
+gefangenen Gallamädchen. Die Speere und Schilde der grimmigen Krieger,
+welche ihre Hände in das Blut unschuldiger Kinder getaucht hatten,
+funkelten durch die Nacht; erst allmälig erstarb der wüste Lärm, und die
+Nacht deckte ihren dunklen Schleier über die barbarischen Scenen des
+Tages.
+
+Nach dieser blutigen Fehde hielt der König seinen triumphirenden Einzug
+erst in Angollala, dann später in der Landeshauptstadt Ankober, welche er
+seit der Ankunft der britischen Gesandtschaft in Schoa nicht besucht
+hatte. Erwartet von der gesammten Priesterschaft und den Einwohnern, von
+den königlichen Pauken und den Staats-Sonnenschirmen, seinen Kriegern,
+Generalen und der britischen Gesandtschaft geleitet, zog er in die
+jubelnde Stadt ein, deren Dächer, Palissadenzäune und Straßen mit einer
+dichten Menschenmasse erfüllt waren. Der Lärm und die Musik dauerten so
+lange an, bis der König und sein Gefolge den steilen, gewundenen Pfad zum
+Palaste hinaufgestiegen, die neun Thorwege passirt und im innersten
+Hofraume Platz genommen hatte. Hier ließ sich Se. Maj. in einem erhöhten
+Alkoven, seinem Throne, nieder; dann ertönte wieder die große Pauke und
+dreihundert im Hofe sitzende Kebsweiber begannen in die Hände zu
+klatschen, während eine Tänzerin vor dem Herrscher ihre Sprünge machte und
+ein selbst gedichtetes Lied zu dessen Lobe sang. Wenn sie einen Vers
+geendigt und z. B. gesagt, daß der Fürst, der stets über seine Feinde
+triumphirt hatte, niemals seine königliche Stirn mit einem schöneren
+Siegeskranze geschmückt hätte als gerade jetzt, wandte sie sich nach der
+Menge um. Mit lautem Geschrei fiel diese als Chorus in ihren Vers ein. Die
+Krieger heulten dann laut vor Freuden, die Großen des Reichs, die
+Häuptlinge, Gouverneure und Generale klatschten in die Hände und die vor
+dem Palaste versammelte Menge erwiderte mit lautem Jubelgeschrei diesen
+Siegesjubel, während, um die Freude voll zu machen, die britischen
+Artilleristen ihr Geschütz abbrannten.
+
+ [Illustration: Siegesfest in Ankober. Nach M. Bernatz.]
+
+Am Tage des Erzengels Michael, dessen Kirche unmittelbar neben dem Palaste
+steht, nahm um Mitternacht Sahela Selassié das heilige Abendmahl und
+stattete Gott ein Dankgebet für den errungenen Sieg ab. Die Bundeslade,
+die ihm im Kriege Glück gebracht, wurde wieder in feierlicher Prozession
+an ihre alte Stelle in der Michaelskirche gesetzt und den Armen reichlich
+Almosen gespendet. So schloß das Siegesfest.
+
+Mit Erlaubniß des Königs unternahm die britische Gesandtschaft
+verschiedene Streifzüge durch das Land, namentlich in die nördlichen
+Galladistrikte. Heimgekehrt nach Angollala kam sie ihrem Ziele, dem
+_Abschlusse eines Handelsvertrages_ mit Schoa, immer näher, gegen den der
+König sich anfangs sehr gesträubt hatte. Die Artikel wurden sauber auf
+Pergament aufgesetzt und ein Tag zu dessen Unterzeichnung bestimmt.
+
+Zur bestimmten Stunde lagerte Se. Maj. im Alkoven, umgeben von den
+Würdenträgern seines Reiches. Das künstlerisch ausgestattete Dokument, auf
+dem die heilige Dreieinigkeit als Schoa’s Wappen und das königlich
+englische Siegel angebracht waren, wurde vor Sahela Selassié in englischer
+und amharischer Sprache verlesen. Unter den 16 Artikeln befanden sich auch
+solche, welche eine förmliche Umwälzung in vielen der bisher in Schoa
+geltenden Anschauungen hervorbrachten. So wurde das Recht der Krone, das
+Eigenthum fremder im Lande verstorbener Personen ohne Weiteres sich
+aneignen zu können, aufgehoben, viele Monopole beseitigt und den Fremden
+gestattet, wieder nach dem Besuche des Landes in ihre Heimat zurückkehren
+zu dürfen, was vorher nicht der Fall war. Tekla Mariam, der königliche
+Notar, kniete mit dem aufgerollten Dokumente vor dem Lager Sahela
+Selassié’s, dem er die Feder zum Unterschreiben der Stelle darreichte,
+welche lautet: „So geschehen und beschlossen zu Angollala, der
+Galla-Hauptstadt Schoa’s, zum Zeichen dessen wir unsere Unterschrift und
+Siegel hier beisetzen, Sahela Selassié, Negus von Schoa, Ifat und der
+Galla.“ In Gegenwart hoher Beamten drückte dann der Schreiber noch das
+königliche Siegel – ein Kreuz, um welches das Wort Jesus geschrieben ist –
+unter den Handelsvertrag, der dem Kapitän Harris vom Könige mit folgenden
+Worten eingehändigt wurde: „Ihr habt mich mit köstlichen Geschenken
+erfreut. Das Gewand, welches ich trage, der Thron, auf dem ich sitze, die
+vielen Merkwürdigkeiten in meinen Magazinen, die Flinten, welche in der
+großen Halle hängen, sie stammen alle aus eurem Lande. Was kann ich euch
+dagegen bieten? Mein Königreich ist so viel wie Nichts.“
+
+Kurze Zeit darauf wurde der König, dessen Lebenswandel nicht der solideste
+war, wieder einmal sehr krank und ließ die englischen Aerzte rufen, um ihn
+zu kuriren. Jammer und Elend mochten sein Herz erweichen und er faßte,
+gleichsam um die Vorsehung mit sich zu versöhnen, den Entschluß, alle
+seine männlichen Verwandten, die er bisher im Staatsgefängniß zu Gontscho
+bei Ankober gefangen hielt, zu befreien und auf diese Weise einen Damm zu
+durchbrechen, den eine barbarische Sitte seiner Vorfahren um den Thron
+errichtet hatte. Die Könige von Schoa nämlich hatten, nach erlangter
+Unabhängigkeit von den übrigen Abessiniern, es zur Gewohnheit gemacht, daß
+Jeder von ihnen bei seiner Thronbesteigung alle seine Brüder in ein
+Staatsgefängniß einsperrte, und nur die Schwestern, von denen keine
+Mitbewerbung um den Thron zu fürchten war, behielten ihre Freiheit. Daß in
+einem despotischen Staate wie Schoa sich allerdings eine solche Maßregel
+empfehlen konnte, geht aus der früheren Regierungsgeschichte des Königs
+Sahela Selassié hervor, da einer seiner Brüder, der die Freiheit behalten
+und sich dem Klosterleben gewidmet hatte, selbst das Mönchsgewand dazu
+benutzte, um hier und da im Lande Revolutionen anzustiften. Die Könige von
+Schoa nahmen bei jener barbarischen Sitte nur das Verfahren der
+sogenannten salomonischen Dynastie in Abessinien im Allgemeinen sich zum
+Muster, und erst im vorigen Jahrhundert wurde diese Sitte in Amhara und
+Tigrié abgeschafft. _Seitdem herrschte aber dort auch beständiger
+Bürgerkrieg._
+
+Das war das letzte bemerkenswerthe Ereigniß, welches die britische
+Gesandtschaft während ihres Aufenthaltes in Schoa niederzuschreiben hatte,
+denn bald darauf erfolgte ihre Abberufung.
+
+Durch einen in England eingetretenen Ministerwechsel war die Gesandtschaft
+in Schoa unfreundlich berührt worden, indem die neue Tory-Regierung einer
+Fortsetzung der Verbindung mit Schoa ungünstig war und die Gesandtschaft
+zurückberief. Kapitän Harris hatte jedoch sich gegen die Zurückberufung
+gesträubt und sich angeboten, ohne seinen Gehalt als Gesandter mit seiner
+bloßen Pension als Kapitän der Artillerie in Ankober zu bleiben. Da keine
+Antwort hierauf eintraf und die Gesandtschaft an allen Mitteln Mangel
+litt, mußte Kapitän Harris sich endlich im Februar 1843, nachdem er 18
+Monate in Schoa verweilt, zur Umkehr entschließen. Erst in der
+Grenzstation Farri erhielt er von der Regierung in Bombay Gegenbefehl;
+allein es war nun zu spät, da keiner außer Harris selbst Lust zur Umkehr
+spürte. In Erwiederung auf jene glänzenden Gaben, die der König von Schoa
+von England erhalten, schickte dieser nun der Königin Viktoria ein
+hübsches Maulthier, einige naturhistorische Merkwürdigkeiten und einige
+Gold- und Silberarbeiten als Industrieerzeugnisse seines Landes zu
+Gegengeschenken. Auf Verlangen der Gesandtschaft hatte Sahela Selassié
+derselben auch zwei seiner Soldaten als Boten mitgegeben, um die
+freundschaftlichen Gesinnungen, die man von ihm erwartete, der britischen
+Regierung auszudrücken.
+
+Noch einige Jahre lebte Sahela Selassié, dessen Ruf durch verschiedene
+Reisende durch ganz Europa drang; dann segnete er das Zeitliche und
+erhielt in Hailu Melekot einen weit weniger energischen Nachfolger. Nicht
+allein, daß die Galla gegen diesen mit erneuerter Macht auftraten und
+seinen Thron erschütterten – sondern die Selbständigkeit Schoa’s ging
+unter ihm zeitweilig verloren, indem im Jahre 1856 die neu aufgegangene
+Sonne, Theodoros II., den Staat mit Gesammtabessinien vereinigte. Erst als
+dieser in den Krieg mit England verwickelt wurde, gelang es dem Enkel
+Sahela Selassié’s, dem jungen Menilek, seine Krone wieder zu erlangen. Der
+folgende Abschnitt, welcher die so merkwürdige neueste Geschichtsepoche
+Abessiniens behandelt, giebt darüber Auskunft.
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Südwestfront des Gemp in Gondar. Nach einer
+ Originalzeichnung von E. Zander.]
+
+
+
+
+
+ THEODOROS II., NEGUS VON AETHIOPIEN.
+
+
+ Bewegte Jugend. – Der Emporkömmling. – Schlacht von Debela und
+ Königskrönung. – Rebellenkriege. – Reformen. – Abessinische Heere
+ und Kriegspraxis. – Verwicklungen mit den Missionären. –
+ Gefangennahme Cameron’s und Streitigkeiten mit England. – Magdala.
+ – Beginn der englischen Invasion. – Erstürmung von Magdala und Tod
+ Theodor’s. – Rückzug der Engländer.
+
+
+Im äußersten Westen Abessiniens, angrenzend an das den Aegyptern
+unterthane Gebiet, liegt die Provinz _Koara_, bekannt durch die besondere
+Sprache, welche, abweichend von derjenigen des übrigen Landes, ihre
+Bewohner reden. Dort sowol als in dem benachbarten Fürstenthum Sana
+regierte seit alten Zeiten eine adlige Familie, die im Beginn dieses
+Jahrhunderts durch den Detschas Hailu Mariam repräsentirt wurde. Seine
+Frau, die sich rühmen konnte, aus noch vornehmerem Geschlechte
+abzustammen, da sie mit der „salomonischen Dynastie“ verwandt war, gebar
+ihm im Jahre 1820 einen Sohn, der _Kasa_ genannt wurde. Gewiß war es dem
+Knaben, der später den Namen Theodor II. führte, nicht an der Wiege
+gesungen, daß er einst über ganz Aethiopien als Negus herrschen und seine
+Widersacher niederwerfen werde; denn obgleich aus herzoglichem Geschlecht,
+bezeichneten seine frühesten Jahre doch das Elend und die Noth. Beim Tode
+seines Vaters theilten die Verwandten das Erbtheil Kasa’s unter sich und
+zwangen die aus königlichem Blute entsprossene Mutter, sich durch den
+Verkauf von Heiltränkchen und Kusso (dem Mittel gegen den Bandwurm) zu
+ernähren. Der Knabe aber fand im Kloster Tschankar am Tanasee, südlich von
+Gondar, Aufnahme, um sich dort zum Debtera heranzubilden. Daß er dort den
+Studien fleißig obgelegen und erlernt hatte, was man in Abessinien
+erlernen kann, dafür zeugt seine spätere Laufbahn, in welche der arme
+Student der Gottesgelahrtheit durch einen Zufall hineingeführt wurde. Es
+war zu Anfang der vierziger Jahre, als wieder einmal ein Rebell die
+Provinz Dembea heimsuchte und sengend und brennend von Ort zu Ort zog.
+Auch das Kloster Tschankar wurde überfallen und dort ein Blutbad
+angerichtet, dem der junge Kasa nur mit Mühe entkam. Mit einem Haufen
+Abenteurer durch das Land ziehend, führte er ein Räuberleben und schwang
+sich bald zum Befehlshaber derselben empor. Durch glückliche Erfolge kühn
+gemacht, beschloß er, sich eine Provinz zu erobern, und fiel zunächst über
+Dembea her, wo damals die kluge und grausame Fürstin _Menene_, die Mutter
+des Ras Ali, herrschte. An der Spitze ihrer Truppen stellte sich die
+beherzte Frau dem jungen Rebellen entgegen; doch das Schicksal entschied
+gegen sie. Geschlagen wußte sie doch dem Unheil noch die beste Seite
+abzugewinnen und den Kasa an sich zu fesseln, indem sie ihm ihre Enkelin
+_Tsubedsche_, die Tochter des Ras Ali, zur Frau gab. Dem Muthigen hilft
+das Glück! dachte Kasa, in dessen Kopf nun großartige Pläne sich zu
+entwickeln begannen; die Aegypter hatten Galabat erobert und gegen die
+Hauptstadt dieser Provinz, Metemmé, richtete er nun seinen ersten Angriff.
+Es war gerade Markttag, als er heranrückte und mit seinen Gefährten den
+Ort überfiel, ausplünderte und mit großer Beute sich zurückzog. Indessen
+die Rache folgte auf dem Fuße. Kasa gerieth am Flusse Rahad zwischen zwei
+Compagnien regulärer ägyptischer Infanterie und wurde gründlich
+geschlagen. Seine Bande zerstreute sich und er selbst flüchtete mit einer
+Kugel in der Schulter in das Innere des Landes. Von Allen verlassen,
+hülflos und ohne die geringsten Mittel wandte er sich nun an die Fürstin
+Menene; allein diese wies ihn spöttisch zurück und ihr General, der
+Detschas Underad, wagte es sogar, ihn wegen seiner Herkunft als Sohn einer
+Kussoverkäuferin zu verspotten. Da ergrimmte Kasa, sammelte Anhänger und
+schlug Menene sammt ihrem General, die gefangen wurden. Als man sie vor
+ihn führte, redete er sie folgendermaßen an: „Liebe Leute! Wie ihr ganz
+richtig bemerkt habt, bin ich der Sohn einer Kussoverkäuferin und ihr
+erinnert mich, daß meine Mutter heute noch Nichts abgesetzt hat. Macht
+diesen Fehler gut und trinkt gefälligst diese Flasche aus.“ Und damit
+zwang er sie, das abscheulich schmeckende, kräftig wirkende
+Abführungsmittel zu verschlucken.
+
+Nun war Kasa Herr von Dembea und Gondar, wo sein Einfluß von Tag zu Tag
+wuchs. Als darauf, um ihn niederzuwerfen, sein eigener Schwiegervater, Ras
+Ali, gegen ihn auszog, wurde auch dieser besiegt und mußte 1852 nach Debra
+Tabor, später zu den Galla fliehen. Kaum war dieser aus dem Felde
+geschlagen, so rückte der Detschasmatsch _Goschu_ aus Godscham gegen Kasa
+vor, um den Emporkömmling zu züchtigen. Wieder wandte sich das Geschick
+und Kasa, an den Ufern des Tanasees geschlagen, flüchtete in ein Maisfeld.
+Ihm nach sprengte Goschu, laut ausrufend: „Wer fängt mir diesen Vagabunden
+ein?“ Kaum hatte er die Worte gesprochen, als ein wohlgezielter Schuß
+Kasa’s ihn niederstreckte, der nun, aus seinem Verstecke hervorspringend,
+Goschu’s Truppen zurief: „Schaut, euer Fürst ist hin, und ihr seid Hunde,
+was wollt ihr machen?“ Entmuthigt durch den Tod ihres Führers streckten
+die meisten die Waffen und der Rest fiel unter dem Schwerte der wieder
+gesammelten Truppen Kasa’s. Mit dem Falle dieses letzten Häuptlings hatte
+Kasa das ganze centrale Abessinien sich unterworfen und nur noch Schoa und
+Tigrié waren unbesiegt. In ersterem Staate herrschte unabhängig _Hailu
+Melekot_, der Sohn Sahela Selassié’s, in letzterem der alte _Ubié_. Der
+nächste, welchen das Schicksal betreffen sollte, war Ubié, doch mußte Kasa
+mit diesem alten schlauen Greise anders zu Werke gehen, als mit den
+übrigen Gegnern. In Adoa, Ubié’s Hauptstadt, spielten damals die
+katholischen Missionäre, namentlich de Jacobis, eine große Rolle, welche
+den alten Ubié ganz für sich eingenommen hatten und ihm Frankreichs Schutz
+zusagten, während sie den Abuna Abba Salama zu verdrängen suchten. Hierauf
+baute Kasa seinen Plan. Um den Kirchenfürsten, der durch die Katholiken
+seine Macht immer mehr geschmälert sah, auf seiner Seite zu haben, ließ er
+ihn von Adoa nach Gondar kommen und versprach ihm, wenn er ihn zum Könige
+krönen wolle, die Katholiken zu vertreiben. Der Vertrag wurde geschlossen,
+die Katholiken zuerst aus Amhara verjagt und Ubié aufgefordert, sich zu
+unterwerfen und Tribut zu bezahlen. Allein dieser, der 25 Jahre lang im
+Schoße des Glücks gesessen und an sein Ende nicht glauben mochte, ließ es
+auf eine Entscheidung durch die Waffen ankommen.
+
+Groß und bedeutend waren die Vorbereitungen, die von beiden Seiten zum
+Feldzuge getroffen wurden, denn der Tag, welcher über Abessiniens Zukunft
+entscheiden sollte, war gekommen.
+
+Ueber die Hochebene von Woggara rückte im Januar 1855 das Heer des
+Emporkömmlings nach Semién vor; ihm entgegen zog von der Enderta her der
+alte Ubié. Immer höher winden sich die Truppen in die Alpenpässe hinauf,
+immer schneidender wird die Luft dort oben und der Schnee läßt seine
+weißen Flocken auf die braunen, leichtgekleideten Krieger herniederfallen,
+die in gedeckter Stellung am Fuße des mächtigen Bachit sich treffen und
+zögernd einander beobachten. Hier das Alter, die Erfahrung und eine
+erprobte Macht; dort die Jugend, die Thatkraft und die Siegesgewißheit,
+welche rasche Erfolge und Glück verliehen haben. Schon zaudert man
+wochenlang – da bricht mit einem Male – es war am 9. Februar – Ubié mit
+seiner gesammten Streitmacht auf. Beim Dorfe _Debela_ kommt es zur
+entscheidenden Schlacht, in der Ubié’s Heer vernichtet, er selbst
+gefangen, einer seiner Söhne getödtet wurde. 7000 Flinten und zwei vom
+Könige Ludwig Philipp geschenkte Kanonen nebst einem Schatz von 60,000
+Thalern fielen mit der kurz darauf folgenden Einnahme der Festung Amba Hai
+in die Hände des glücklichen Kasa, der nun am Ziele seiner Wünsche
+angelangt war.
+
+Nicht fern von der Wahlstatt steht die von unserm Landsmann Eduard Zander
+erbaute Kirche _Debr Eskié_. Dorthin begab sich schon zwei Tage nach der
+Schlacht, umringt von seinen Generalen und geführt vom Abuna, der
+siegreiche Sohn der armen Kussohändlerin. Sein Stern war glänzend
+aufgegangen und dem glücklichen Krieger fuhr der Gedanke durch die Seele,
+daß er berufen sei, das große äthiopische Reich wieder aufzurichten. Er
+glaubte sich zu hohen Dingen auserkoren. Ging doch unter den abessinischen
+Christen die alte Sage, es werde einst ein Kaiser _Tadros_ (Theodoros)
+erstehen, um den Glanz Aethiopiens wieder herzustellen, das Land groß, das
+Volk frei und glücklich zu machen; er sei vom Himmel dazu bestimmt, die
+Muhamedaner zu überwältigen und Mekka sammt Medina zu zerstören. Daran
+anknüpfend, ließ sich nun Kasa vom Abuna Salama in der Kirche zu Debr
+Eskié am 11. Februar 1855 zum Negus über Aethiopien krönen, wobei er den
+Thronnamen Theodor II. annahm. De Jacobis und die Katholiken mußten nun
+unter Androhung der Todesstrafe schleunig das Land räumen.
+
+Nachdem Theodor nothdürftig durch Einsetzung eines Statthalters sein
+Ansehen in dem noch keineswegs ganz unterworfenen Tigrié hergestellt,
+beschloß er, zunächst Schoa zu unterjochen, wozu theologische
+Spitzfindigkeiten, nämlich die Frage von den zwei oder drei Geburten
+Christi (vergl. S. 112) den Vorwand hergeben mußten. Durch Wollo-Galla zog
+er auf Schoa zu, dessen schwacher König, _Hailu Melekot_, an einem
+entscheidenden Tage die Krone verlor und bald darauf starb. Nachdem noch
+die Provinz Godscham von Rebellen gesäubert war, hielt der siegreiche
+Fürst im Mai 1856 seinen feierlichen Einzug in die alte Kaiserburg zu
+Gondar. Nominell reichte jetzt sein Land, das den Kern des alten
+äthiopischen Reichs umfaßte, vom Hawaschflusse bis zur Samhara. Aber es
+hätte nicht Abessinien heißen müssen, um Ruhe zu haben: von allen Seiten
+regte es sich, um den König wieder niederzuwerfen, und der Bürgerkrieg
+brach mit seiner ganzen Wuth von Neuem in Tigrié aus.
+
+Ein Neffe des entthronten Ubié, _Agau Negusi_, setzte sich im
+nordwestlichen Tigrié fest und vertrieb den Statthalter Theodor’s. Negusi
+war ein gutmüthiger, löwenherziger Jüngling, dem es nur an festem Willen
+fehlte. Fünf Jahre lang war er Herrscher über Tigrié an der Spitze einer
+glänzenden Armee, weil Theodor von Ahmed Beschir, der sich an die Spitze
+der räuberischen Galla gestellt, nicht loskommen konnte. Unterdessen
+knüpfte Negusi mit Frankreich Verbindungen an, stand in nächster Beziehung
+zu den französischen Agenten in Massaua und zu dem Bischof de Jacobis,
+welchem, wie wir gesehen haben, das Betreten des abessinischen
+Territoriums bei Todesstrafe verboten war. Ein Brief Negusi’s an Herrn von
+Lesseps, in welchem er anbietet, sich Frankreich unterwerfen zu wollen,
+wurde in Massaua verfaßt, und Negusi soll kaum soviel Kunde davon gehabt
+haben, als von der Abschickung einer Gesandtschaft nach Frankreich, durch
+welche den Franzosen unter der Bedingung, daß sie ihn beim Umsturz der
+jetzigen Dynastie begünstigen wollten, die Bai von Adulis und die Insel
+Dessi geschenkt wurden. Ein Kapitän Russel mit einigem Gefolge wurde
+sofort von Paris nach Massaua geschickt, um mit dem „Empereur Negousi“ zu
+verhandeln, der stündlich auf die versprochenen französischen Hülfstruppen
+sammt Waffen wartete. Diese erschienen jedoch nicht. Nachdem Russel’s
+Ankunft bekannt geworden, ging er nach Halai, dem Grenzorte zwischen
+Abessinien und dem Küstenlande, wo Jacobis seit seiner Vertreibung wohnte.
+Allein die Anhänger Theodor’s setzten ihn, da mittlerweile Negusi
+geschlagen war, gefangen, und nur auf Jacobis’ Garantie wurde er
+freigelassen, allein unter der Bedingung, daß er dessen Haus nicht
+verlasse. Doch Russel entfloh in der Nacht des 5. Februar 1860, wodurch
+Jacobis in große Verlegenheiten gerieth. Dieser blieb einen Monat in
+schmählicher Gefangenschaft, mußte ein Lösegeld bezahlen und starb kurz
+nach seiner Rückkehr nach Massaua infolge der Strapazen. Damit hatte die
+glänzende französische Intervention ihr Ende.
+
+Der Untergang und Fall Negusi’s selbst war ein höchst tragischer. Als
+Theodoros Zeit fand, nach Tigrié zurückzukehren, entzog sich Anfangs
+Negusi durch eine kühn ausgeführte Bewegung seiner Verfolgung; er nahm den
+Rückzug, weil er wußte, daß seine Soldaten sich nie gegen Theodoros
+schlagen würden. Im folgenden Jahre, 1861, kam der König abermals über den
+Takazzié und diesmal erwartete ihn Negusi mit einem an Tüchtigkeit
+überlegenen Heere; er erklärte als ein guter Ritter auf seinem Rosse
+siegen oder sterben zu wollen. Aber sein Heer, das fünf Jahre mit ihm
+gezecht hatte, ließ ihn im Stich. Ein panischer Schrecken ging durch das
+Lager; Theodor erließ eine Proklamation, worin er jedem Soldaten Pardon
+anbot. Auf dieses hin zerstreute sich das Heer und Negusi wurde sammt
+seinem Bruder Tesama auf der Flucht gefangen genommen. Theodoros ließ sie
+vorführen und beiden die linke Hand und den rechten Fuß abhauen, und um
+die Schmerzen noch qualvoller zu machen, verbot er, ihren brennenden Durst
+zu löschen. Tesama starb noch an demselben Tage. Negusi lebte bis zum
+dritten Tage und man machte seinen Leiden durch einen Lanzenstich ein
+Ende. Die Kirchen strömten vom Blute der Hingerichteten und als eine
+Deputation der Geistlichen in Axum vor Theodor erschien, äußerte dieser:
+„Ich habe einen Bund mit Gott abgeschlossen, er hat versprochen mich auf
+Erden nicht zu schlagen; ich dagegen habe gelobt, nicht in den Himmel zu
+steigen und ihn zu bekämpfen!“
+
+Nachfolger Negusi’s als Gegenkönig und Rebell wurde ein gewisser _Marit_,
+der jedoch im Oktober 1861 durch den _alter ego_ des Kaisers Theodor, den
+Detschas Salu von Tigrié gefangen und in Ketten gelegt wurde. Die Waffen
+erhielten diese Rebellen durch einige Oesterreicher über Aegypten und
+Massaua.
+
+Doch diese ganze Empörung ist ein gewöhnliches Stück abessinischer
+Geschichte, wobei nur die dem Negusi zugeschriebene Bedeutung auffällt,
+während dieses doch nicht der Mann war, um einem Theodor, dessen Namen
+allein ein Heer in die Flucht jagte, gegenüber gestellt werden zu dürfen.
+Von großer Wichtigkeit und erheblichen Folgen wurden jedoch einige
+Episoden dieses Empörungskrieges, der Theodor seiner besten europäischen
+Freunde beraubte.
+
+Kurz vor dem Emporkommen Theodor’s errichtete die britische Regierung ein
+Konsulat in Massaua, und um den Verkehr mit Abessinien in regelrechten
+Gang zu bringen, knüpfte der Konsul _Walther Plowden_ freundschaftliche
+Beziehungen mit dem mittlerweile ans Ruder gelangten Theodoros an, wodurch
+er hoch in des neuen Herrschers Gunst stieg. Er begab sich an seinen Hof
+und trug dazu bei, Theodor’s Vorliebe für europäische Sitten und
+europäisch aussehende Reformen zu nähren. Auf vielen seiner zahllosen
+Kriegszüge begleitete ihn der englische Konsul ebenso getreu, wie auf
+seinen Jagdzügen und bewies sich, sehr verschieden von der reservirten
+Haltung britischer Diplomaten an anderen Höfen, als der wärmste und
+thätigste Parteigänger des Königs. Fünf Jahre lang war er der intimste
+Freund Theodor’s, bis ihn, zum Schmerze des Fürsten, im Beginne des Jahres
+1860 die Kugel eines aufständischen Soldaten, der dem Rebellencorps der
+Gebrüder Garet angehörte, niederstreckte. Noch näher ging dem Könige der
+Tod des Irländers _John Bell_, der ein Jägerleben am Blauen Nil geführt
+und eine schwärmerische Zuneigung zu Theodor gefaßt hatte, sodaß er gleich
+einem Hunde des Nachts vor dessen Zeltthür schlief. Gern hörte ihn der
+Fürst über das Finanzwesen und die Regierungsform der verschiedenen
+europäischen Staaten sprechen, um Lehren für sich daraus zu ziehen. Bell
+wurde zum Likamankuas, d. h. zum Träger des königlichen Kleides in der
+Schlacht gemacht, eine Ehre, die nur vier Offizieren widerfährt, die sich
+ganz wie der König kleiden müssen, damit der Feind den wirklichen König
+nicht unterscheiden könne. Bei der Verfolgung der Rebellen, welche Plowden
+ermordet hatten, befand sich auch Bell an der Seite Theodor’s, der die
+feindlichen Gebrüder Garet in der Nähe von _Dobarek_, da, wo die
+Hochebenen von Wogara sich an Semién anschließen, einholte.
+
+Garet, der sich auf keine andere Weise zu retten wußte, rief seinen Bruder
+und einige Begleiter zu sich und ritt in gestrecktem Galopp auf Theodor
+zu, der von Bell und einigen Offizieren umgeben, der Truppe vorausgeeilt
+war. Als Garet sich in Schußweite befand, hielt er an, zielte und feuerte.
+Der Negus wurde unbedeutend an der Schulter verwundet. In diesem
+Augenblick gab Bell Feuer und jagte dem verwegenen Garet eine Kugel durch
+den Kopf, erhielt aber gleichzeitig einen Lanzenstich durch die Lunge,
+infolge dessen er todt zusammenbrach. Nun gab auch Theodor Feuer und
+streckte den jüngeren Garet nieder. Die Wuth und der Schmerz des Königs
+über den Verlust seines getreuen Dieners überstieg alle Grenzen und
+Garet’s ganzes gegen 1700 Mann starkes Corps, das sofort die Waffen
+streckte, wurde enthauptet. Der Reisende, der heute über die Ebene von
+Wogara bei Dobarek zieht, sieht dort das Feld noch weit und breit mit
+Menschengebeinen übersät, den Zeugnissen der schauderhaften Rache, welche
+Theodor an den Mördern seines Lieblings genommen (vergl. oben S. 203). Und
+doch war dieser Akt noch weit weniger grausam, als die früher übliche
+Bestrafung der Kriegsgefangenen, die man entmannte. Hochverräther wurden
+nach Isenberg’s Zeugniß früher öffentlich bei lebendem Leibe geschunden,
+das Fleisch dann in kleine Stücken zerhackt und den Hunden vorgeworfen;
+die Haut aber gerbte man und machte Trommelfelle daraus. Alle diese
+barbarischen Strafen schaffte Theodoros Anfangs ab, aber die fortwährenden
+Unruhen zwangen ihn, später wieder darauf zurückzukommen, und das Blut
+floß auch unter Theodor in Strömen.
+
+Die inneren Feinde waren so allmälig niedergeworfen, dafür trat jedoch von
+außen ein weit mächtigerer Widersacher, _England_, auf. Ehe wir jedoch
+hierzu übergehen, ist es nothwendig, noch einen Blick auf Charakter und
+Persönlichkeit, wie auf die reformatorischen Bestrebungen des Negus zu
+werfen, der jedenfalls _ein ganz bedeutender Mensch_ in seiner Weise war,
+eine seltene und großartige Erscheinung in Abessinien, die allerdings mit
+europäischem Maßstabe nicht gemessen werden darf.
+
+„Theodoros“, so schrieb 1862 Lejean, „mag etwa 46 Jahre alt sein. Er ist
+von mittlerem Wuchs und wohlgestaltet, hat einen offenen sympathischen
+Gesichtsausdruck, gut entwickelte Stirn, kleine, lebhafte Augen und eine
+fast schwarze Gesichtsfarbe. Nase und Kinn erinnern an den jüdischen
+Typus. Er ist aus Koara gebürtig und ich halte ihn für einen Agow oder
+Gamanten; für einen Aethiopier von reinem Blute ist Theodoros zu
+dunkelfarbig. Seine äußere Erscheinung imponirt, sie zeigt, daß er in der
+That ein Mann von großer geistiger Regsamkeit und unermüdlicher
+Kraftentwicklung ist, und er bildet sich auch hierauf etwas ein. Er
+vertreibt sich gern die Zeit damit, an steilen Hügeln herab- und
+heraufzuklimmen und dann erfordert die Etikette, daß seine Umgebung ein
+Gleiches thue. Auf dem Pferde bewegt er sich wie ein argentinischer Gaucho
+und seine Rosse zittern buchstäblich, wenn sie ihn kommen sehen. Sein
+Kriegsruf ist wie bei allen abessinischen Häuptlingen: Abba Senghia, d. h.
+Vater der Pferde. Für gewöhnlich trägt er sich höchst nachlässig; als
+tüchtiger Soldat verachtet er ein geschniegeltes Wesen, kleidet sich wie
+ein gewöhnlicher Offizier, Kopf und Füße sind unbedeckt. Aber auf einen
+Schmuck der Krieger legt er Werth; er läßt das Haar in drei lange Flechten
+legen, welche auf die Schulter herabfallen, und trägt ein weißes
+Stirnband.“ Ausgenommen seine erste Frau, Tsubedsche, hat nie ein Weib
+Einfluß auf sein Leben gehabt. Diese aber, die Tochter seines Widersachers
+Ras Ali, liebte er leidenschaftlich, und als er sie im Jahre 1858 verlor,
+war er kaum zu trösten. Ganz anders ging es seiner zweiten Frau,
+_Toronesch_, einer Tochter Ubié’s, die er geheirathet, um sich mit der
+Familie dieses einst mächtigen Fürsten auszusöhnen. Er verstieß sie
+einmal, und Bell, der interveniren wollte, um Skandal zu verhüten, erhielt
+eine gehörige Ohrfeige. Der Fortbestand seiner Dynastie lag dem König
+Theodoros nicht minder am Herzen als einem europäischen Fürsten, und er
+behauptete, daß wenigstens einer seiner Söhne ans Ruder kommen müsse,
+„denn die Propheten hätten nicht gelogen“. Sein älterer Sohn, von der
+Tsubedsche, war ein durchaus verkommener, mißrathener Mensch, den der
+Vater eines schönen Tages in einen Eselstall sperren ließ, damit er dort
+„_en famille_“ sei. Der zweite jedoch, Detschas _Maschescha_, wurde 1862
+zum Gouverneur von Dembea ernannt, wo er sich durch sein mildes Wesen so
+beliebt machte, daß Theodor es für gerathen hielt, ihn abzuberufen. „Was
+soll dies Buhlen um die Volksgunst? fragte er ihn. Willst du die Rolle des
+Absalon spielen und den Vater vom Throne verdrängen?“
+
+Das Auftreten Theodor’s war meist theatralisch oder, wie die Abessinier
+sagen, fakerer, d. h. ruhmredig. Gesten und Stimme waren berechnet und
+Niemand wußte besser als er den Präsidentensitz bei einer Versammlung
+auszufüllen. Seine brillante Beredtsamkeit verfehlte selten ihr Ziel und
+seine Briefe sind Muster der amharischen Sprache. Die halb klösterliche
+Erziehung, die er in Tschankar erhalten, hatte noch Spuren hinterlassen,
+und so galt der König für einen sehr gebildeten Mann. Er war in der
+Nationalliteratur bewandert und kannte die europäischen Zustände. Als
+Probe seines Stils möge folgende von ihm eigenhändig niedergeschriebene
+Proklamation gelten: „Von Menilek bis auf die jüngste Zeit herab sind alle
+Negus dieses Landes nur Histrionen gewesen, welche Gott weder um Geist
+noch um Beistand baten, das Reich wieder aufzurichten. Als Gott mich,
+seinen Diener, zum Könige erwählte, sagten meine Landsleute: Der Fluß ist
+ausgetrocknet, es giebt kein Wasser mehr in seinem Bett. Und sie
+beleidigten mich, weil meine Mutter arm war und nannten mich ein
+Bettlerkind. Aber den Ruhm meines Vaters, den kennen die Türken, da er sie
+von den Landesgrenzen bis in ihre Städte zurückgejagt. Mein Vater und
+meine Mutter stammen von David und Salomo, ja von Abraham, dem Knechte
+Gottes, ab. Diejenigen aber, welche mich Bettlerkind schimpften, sie
+betteln heute selbst um ihr tägliches Brot. Ohne den Willen Gottes können
+weder Kraft noch Weisheit vor dem Untergange schützen. Viele Große dieser
+Erde haben Bomben und Kanonen im Ueberflusse und sind doch unterlegen.
+Napoleon hatte tausende und er ist besiegt worden. Nikolaus, der Negus der
+Moskowiter, ist von Franzosen und Türken besiegt worden; er starb, ohne
+daß seines Herzens Wunsch in Erfüllung ging.“
+
+Von der europäischen Civilisation hatte Theodor eine hohe Meinung, von der
+Moral der Europäer jedoch nur eine sehr geringe, was auch nicht gut anders
+der Fall sein konnte, da die meisten Europäer, mit denen er zu verkehren
+hatte, verdorbenes, hochmüthiges Gesindel waren. So wild der König auch im
+Kriege war, an sanfteren Regungen fehlte es ihm keineswegs. Er nahm sich
+der Waisen an, sorgte für sie durchs ganze Leben, verheirathete sie und
+ließ sie niemals aus dem Auge. Er liebte die Kinder außerordentlich und
+kehrte sich, wie er sagte, von den falschen Höflingen ab, um sich an der
+Unschuld jener zu weiden. Dabei war er freigebig im höchsten Grade,
+großmüthig und gerecht, aber auch unerbittlich streng, wo es darauf ankam.
+„Ich selbst war Zeuge,“ schreibt Krapf 1856, „wie schon Nachts 2 Uhr
+Scharen von Beschwerde führenden Leuten aus allen Theilen Abessiniens das
+königliche Lager umstanden und Dschan hoi! (o Majestät) riefen. Ich glaube
+kein König in der Welt thut es ihm in dieser Beziehung gleich, und mußte
+mich nur wundern, wenn er es bei einer solchen angestrengten Thätigkeit
+bei Tag und Nacht, in Sachen des Kriegs sowol, wie des Friedens aushalten
+kann. Die Abessinier haben ihn aber auch bereits so lieb, daß sie ihn mit
+dem König David im alten Bunde vergleichen, und sie glauben, daß die alte
+Weissagung, wonach ein König Theodorus kommen und Abessinien groß und
+glücklich machen, auch Mekka und Medina zerstören werde, sich zu erfüllen
+anfange.“
+
+Obgleich der Negus sein eigenes Volk verachtete und dessen Fehler recht
+wohl kannte, so hat er nichtsdestoweniger redlich an der Verbesserung der
+Lage desselben zu arbeiten versucht und, soweit den eingewurzelten
+Mißbräuchen gegenüber seine Kraft reichte, eine reformatorische Thätigkeit
+entwickelt, die allerdings durch die fortdauernden Rebellionen auf große
+Hindernisse stoßen mußte. Durch die lange Anarchie waren alle Gesetze nur
+todte Buchstaben geworden und die Kirche in die größten Mißbräuche
+gerathen. Alle üblen Folgen der todten Hand lasteten auf den Bauern und
+Besitzern der Kirchengüter. Gegen diese Mißbräuche trat nun Theodor mit
+eisernem Willen auf; er erklärte die todte Hand als ein nationales Uebel
+und annektirte alle Kirchengüter der Krone, indem er der Geistlichkeit ein
+gewisses Einkommen und den Klöstern genug Land ließ, um sich zu ernähren.
+Auf die Einheit der Kirche hielt er dabei große Stücke; doch war er
+Fanatiker und befahl allen Muhamedanern in seinem Reiche, binnen zwei
+Jahren Christen zu werden. Mit den Missionären, protestantischen wie
+katholischen, die sich doch in die politischen Verhältnisse mischten,
+wollte er nichts zu thun haben – er untersagte ihnen jegliche Thätigkeit.
+Den Handel zu heben, hatte Theodor gleich nach seinem Regierungsantritte
+alle die unzähligen Zollstätten von Gondar bis nach Halai aufgehoben, zwei
+Plätze ausgenommen. Auch der Sklavenhandel und die Vielweiberei wurden
+verboten, freilich ohne großen praktischen Erfolg. Sein Hauptplan war aber
+immer, das große äthiopische Reich phönixartig aus der modernden Asche
+wieder erstehen zu lassen. Hierzu brauchte er die Hülfe der Europäer, und
+darum verlangte er nach jenen Handwerkern, die ihm auch durch Krapf’s
+Vermittlung zugeschickt wurden. Jedenfalls war überall ein Fortschritt,
+auch in der Justiz zu erkennen, sodaß 1862 Heuglin aus Abessinien in die
+Heimat schreiben konnte:
+
+„Die Zustände in Abessinien im Allgemeinen lassen Manches zu wünschen
+übrig. Der König stößt auf tausend Schwierigkeiten bei Einführung seiner
+Reformen und muß mit eiserner Strenge verfahren, um nur einigermaßen
+Ordnung erhalten zu können, doch ist trotzdem, daß ihm seine Kriegszüge
+keine Zeit lassen, viel für Administration zu thun, auch manches sehr
+Erfreuliche hier geschehen. Namentlich ist für bessere Kommunikation
+wirklich mit Erfolg an Straßenbauten gearbeitet und dem Schreiber- und
+Pfaffenunwesen mit einer Kraft Einhalt gethan worden, an der sich mancher
+andere Herrscher ein Exempel nehmen dürfte.“
+
+Soviel wie Theodor hatte vor ihm kein abessinischer Herrscher für Land und
+Volk gethan, keiner war aber auch mit so außerordentlichen Gaben des
+Geistes ausgerüstet, wie dieser bedeutende Mann, an dem andererseits
+Jähzorn und Trunksucht sehr zu beklagen sind, da beide ihn oft zu
+gewaltsamen, unüberlegten Handlungen hinrissen. Wild und grausam blieb er
+auch in seinem Lager- und Kriegsleben, das wir am besten kennen lernen,
+wenn wir mit dem deutschen Reisenden _Steudner_, dem Begleiter Heuglin’s,
+einen Besuch im Lager des Königs abstatten, der sich auf einem Feldzuge
+gegen die Galla im Lande jenseit des hohen Kollogebirges befand.
+
+Spät am Abend des 4. April 1862 erschien ein Bote bei Herrn von Heuglin,
+um diesen einzuladen, beim Könige zu erscheinen. Der Geladene warf sich in
+eine große Uniform und wanderte, von Steudner begleitet, unter
+Fackelschein über Sturzäcker zu dem kaiserlichen Zelte. In dem mit Wachen
+umstellten engeren Lagerbezirke wurden die Reisenden aufgehalten, da im
+Zelte des Negus erst eine längere Berathung darüber stattfand, ob Heuglin
+auch mit dem Säbel an der Seite eintreten dürfe. Nachdem dies bewilligt
+war, wurden die Fremden feierlich in das Zelt eingeführt, in welchem sie
+Seine schwärzliche Majestät mit halb untergeschlagenen Beinen auf einem
+alten auf der Erde ausgebreiteten Teppich sitzend fanden; neben ihm
+kauerte sein Beichtvater, der Etschegé. Se. Majestät trug ein weißes
+abessinisches Gewand, dem man die Spuren langen Lagerlebens deutlich
+ansah; er grüßte sehr artig, besonders Herrn von Heuglin, fand es jedoch
+nicht für nöthig, sich zu erheben; dann lud er die Gäste ein, neben ihm
+Platz zu nehmen. Das Zelt war von großen Würdenträgern und Eunuchen
+überfüllt; zur Linken des Königs saß dessen Sohn Maschescha, und der Sohn
+des gestürzten Königs von Schoa, der zugleich mit Maschescha erzogen
+wurde, der zweite Ras des Landes, Ras Engeda, und der Lagerkommandant
+Bascha Negusi. Vor ihnen stand ein mit rothem Tuch bedeckter Meseb oder
+Eßkorb, aus welchem sie mit unvergleichlichem Appetite die Fastenspeise
+verzehrten. Se. Majestät ließ durch seinen Af sich erkundigen, was die
+Reisenden essen wollten, Brundo (rohes Fleisch), Teps (halbgeröstetes)
+oder Fastenspeise. Der Af, d. h. der Mund, ist eine vertraute Person des
+Königs, zu welcher dieser spricht, um die Worte den Fremden zu
+wiederholen, selbst wenn derjenige, an den sie gerichtet sind, sie
+vernimmt. Man stellte es der Weisheit Theodor’s anheim, mit was er seine
+Gäste bedienen wolle, und auf ein Zeichen erschien ein Meseb mit schönem
+Tiéfbrot gefüllt, um den die beiden Europäer sich lagerten, während zwei
+hohe Würdenträger beordert wurden, sie zu füttern, d. h. abgerissene
+Stücke Tiéfbrot in die rothe Pfeffersauce zu tauchen und ihnen diese in
+den Mund zu praktiziren. Die Leute entledigten sich dieser Pflicht in
+höchst liebenswürdiger Weise, indem sie möglichst große Brotballen mit
+möglichst viel brennender rother Pfeffersauce den Gästen in den Mund
+steckten, welche das abessinische Gericht krampfhaft hinabwürgten. Nach
+der Mahlzeit bediente sich Se. Maj. nicht mehr des Af, sondern wandte sich
+unmittelbar an die Fremden und zwar in arabischer Sprache. Während der
+Unterhaltung wurde Honigwein in schönen Punschgläsern aus einer Bowle
+servirt, die vom Gouverneur von Indien geschenkt war.
+
+Theodor war damals sehr mit Regierungsgeschäften überhäuft und ließ sich
+mehrmals entschuldigen, daß er die Reisenden nicht gleich offiziell
+empfangen könne. Schon vor Sonnenaufgang begann vor dem königlichen Zelte
+das Dschan-hoi-Geschrei derjenigen, die Streitsachen vortragen und
+Gerechtigkeit erflehen wollten. Hierauf folgten von Sonnenaufgang an die
+Gerichtssitzungen, wobei das klatschende Geräusch der großen Knuten und
+Stöcke das Ergebniß verkündigte, welches nicht selten in die frische
+Morgenluft hinein hallte. Mehre Tage hindurch war der Negus damit
+beschäftigt, die im Lager mitgeführten Herden zu zählen. Nachdem dieses
+königliche Geschäft, wobei 20,000 Rinder die Revue binnen zwei Tagen
+passirten, vollendet war, erhielten die beiden Reisenden eine feierliche
+Audienz zur Uebergabe der mitgebrachten Geschenke. Der Negus empfing sie
+am Abhange eines Hügels, welcher das Centrum des Lagers bildete. Er saß
+auf einer Alga, die mit einem prachtvollen, sehr großen Kaschmir bedeckt
+war; darüber lag noch ein mit indischer Goldstickerei überladener Teppich
+ausgebreitet. Auf der Sonnenseite, sowie hinter dem Könige standen zwei
+Schirmträger, welche beide ungeheuer große bunte Schirme auf 10 Fuß hohen
+Stäben über dem Haupte des Erlauchten hielten. Der Negus selbst war in
+einen sehr feinen Margef gehüllt und lehnte nachlässig auf der Alga, vor
+welcher für die beiden Europäer gute Teppiche zum Niedersitzen
+ausgebreitet waren. Diese befanden sich allein mit dem Fürsten und seinen
+schirmtragenden Kammerherren, während im Umkreise von 30 Schritt
+Halbmesser andere dienstthuende Hofchargen standen, z. B. die
+Peitschenträger mit langen Stöcken in der Hand, um das neugierige Publikum
+abzuhalten.
+
+Nachdem Se. Maj. sehr bereitwillig Erlaubniß zur Ueberreichung der
+Geschenke ertheilt, wurden die Diener der beiden Reisenden herangerufen,
+die mit gänzlich entblößtem Oberkörper, die Gewänder um den Leib gegürtet,
+mit den Gegenständen erschienen. Jedes einzelne Stück mußte dem Negus
+gezeigt und dann vor ihm auf den Boden niedergelegt werden. Die Geschenke
+bestanden aus mehreren Sammetteppichen, einem Revolvergewehr, einem sehr
+schönen Revolver nach abessinischem Geschmack mit recht großem Kaliber,
+zwei sehr guten langen gezogenen Pistolen, welche man mit angeschraubtem
+Kolben auch als Pürschbüchsen benutzen konnte, einem Hirschfänger mit
+vergoldetem und einem andern mit silbernem Griffe, einigen schön
+gearbeiteten Dolchen mit vergoldeten Scheiden u. s. w. Se. Maj. geruhten
+hierauf sich dankend über die Geschenke auszusprechen. Im Laufe der
+Unterhaltung sprach er seine Verwunderung darüber aus, daß die Türkei
+bisher noch nicht von den christlichen Mächten erobert sei, ja daß einige
+derselben sie sogar gegen eine andere christliche Macht geschützt hätten,
+wobei er bemerkte: „ein Reich, das sich nicht selbst regieren könne, habe
+keinen Anspruch darauf, selbständig zu existiren“. Uebrigens erschien der
+König sehr ermüdet, war es doch der dritte Tag, an welchem er sich mit dem
+anstrengenden Rinderzählen beschäftigt hatte, kein Wunder also, daß seine
+Nerven angegriffen waren. Abgesehen von dieser Mattigkeit erschien König
+Theodor, ein Mann von etwa 40 Jahren, kräftig, schlank, wenn auch nicht
+groß. Seine Gesichtszüge waren frei; in der Tracht unterschied er sich
+kaum von seinen Unterthanen; wie diese ging er barhaupt und barfuß in
+dieselbe Schama gekleidet. Das Haar trug er als Krieger in mehrere, dicht
+am Kopfe anliegende Zöpfe geflochten.
+
+So war der Mann beschaffen, der als Mittelpunkt des ganzen Lagers dastand,
+welches sehr leicht aufgeschlagen wird. Will der Negus, der stets an der
+Spitze seines Heeres marschirt, Halt machen, so läßt er an einem passenden
+Platze ein kleines scharlachrothes Zelt aufstellen, welches dann als
+Mittelpunkt für das ganze Lager dient. Dicht vor diesem, auf dem höchsten
+Punkte wird das Kirchenzelt, welches niemals fehlen darf, errichtet. In
+einiger Entfernung von diesem und stets – angeblich aus Demuth – tiefer
+stehend, wird das sehr große, aus dickem dunkelbraunem Mack bestehende
+Zelt des Negus aufgebaut; zu beiden Seiten desselben standen zwei ähnliche
+für die beiden Königinnen; auf dem linken Flügel dann ein sehr großes Zelt
+für den königlichen Marstall und die vier zahmen Löwen, diesem
+entsprechend auf dem rechten Flügel gleichfalls ein großes Zelt für die
+königliche Küche, dann das Zelt des Abuna Salama, durch eine stets vor der
+Zeltthür errichtete Windwand kenntlich. Die Zelte der Anführer sind aus
+weißem Baumwollenstoff in verschiedenen Formen gearbeitet; um diese herum
+bildet sich ein weiter Kreis kleiner Hütten, _Gotscho_, in welchen die
+Leute eng zusammengepreßt liegen, um sich gegenseitig zu erwärmen. Eine
+bestimmte und sehr praktische Form haben die Zelte der Schoaner; sie sind
+aus starkem braunem Mack gefertigt, haben ein Rechteck zur Basis und zwei
+Zeltstangen halten das Ganze an den beiden schmalen Ecken, während kurze
+Schlingen am unteren Rande des Zeltes dazu dienen, die Pflöcke
+einzuschlagen. Auf diese Weise halten sie sich sehr gut, ohne daß sie die
+wegen der vielen herumlaufenden Thiere höchst unangenehmen Zeltstricke
+nöthig haben; auch im Innern bieten sie vielen Raum. Ueberall vor den
+Zelten lodern Feuer, an denen die Frauen der Soldaten beschäftigt sind,
+für diese Tiéfbrote oder rothe Pfefferbrühe zu kochen; zu anderen Zeiten
+sieht man die Zeltstricke dicht mit großen Mengen in lange dünne Streifen
+geschnittenen Fleisches behangen, welches an der Luft und der Sonne
+trocknen soll. Reihen von Mägden und Dienern durchziehen von der
+königlichen Küche aus nach allen Richtungen das Lager, um große, mit
+rothem Tuch überdeckte Meseb oder Körbe voller Tiéfbrot und mächtige Krüge
+voll Honigwein nach den verschiedenen Zelten der Großen zu bringen, die
+aus den königlichen Vorräthen mit Trank und Speise versehen werden.
+
+Noch bunter und lebendiger gestaltet sich das Bild, wenn das Lager
+aufbricht. Zunächst werden die kleinen Gras- und Reisighütten (Gotscho)
+niedergebrannt, und hoch zum Himmel auf strebt der Rauch, die Stätte des
+abgebrochenen Lagers bezeichnend. In den meisten Fällen führt der Negus,
+von Kavallerie umgeben, den Zug an, dem in mehreren Heersäulen das Gros
+der Armee folgt. Lange Reihen von schwer beladenen Pferden, Maulthieren
+und Eseln, die in dem futterarmen Hochlande Tag und Nacht der Kälte und
+Nässe ausgesetzt sind, ziehen, zu Skeletten abgemagert, dahin. Ohne die
+geringste Ordnung schreiten Leute einher, die vorsichtigerweise während
+des Tagemarsches eine Last Holz mitschleppen, um sich damit am Abend ein
+wärmendes Feuer machen zu können; ihnen folgen Krieger in der einst
+weißen, jetzt schmuzigen Schama mit rothem Randstreifen und umwickelt mit
+dem dicken abessinischen Leibgurt, in welchem der Schotel, d. h. der große
+krumme abessinische Säbel mit Nashorngriff in rother Scheide steckt; in
+der Hand führen sie die scharfgeschliffene Lanze oder ein
+Luntenflintengewehr mit viereckigem Kolben. Dann ziehen munter plaudernd,
+an dem Kochlöffel erkenntlich, mit dem flachen Gilgit oder Proviantkorbe
+auf dem Rücken, die Köchinnen, echte Löffelgarde, einher. Die königlichen
+Küchendamen sind an dem Messingknopfe kenntlich, der auf dem Kopfwirbel in
+das Haar mit eingeflochten ist. Neben ihnen traben Esel, unter der Last
+von Grasbündeln völlig begraben. An jedes der langen Ohren dieser
+philosophischen Geschöpfe ist eine Ziege oder ein Schaf vorgespannt, damit
+das interessante Kleeblatt beisammen bleibe.
+
+Von einer Anzahl Pfaffen mit großen Turbanen umgeben, reitet auf schönem
+Maulthiere im violetten Gewande der höchste Kirchenfürst, Abuna Abba
+Salama auch im Zuge mit. Neben ihm und seiner wohlgenährten in Gott
+vergnügten Schar schleppt sich mühsam auf skelettartig abgemagertem
+Maulthiere ein früherer Häuptling hin, dem mit oder ohne Ursache eine Hand
+und ein Fuß abgehauen ist. Er hat den Stumpf seines Fußes in ein
+Trinkgefäß aus Horn gesteckt, den verstümmelten unbrauchbaren Arm trägt er
+im faltigen Gewande verborgen. Dann folgen Gefangene in schweren Ketten,
+jeder mit seinem Führer zusammengeschlossen, den der Unglückliche noch für
+diese Gefälligkeit ernähren und bezahlen muß. Viele dieser Gefangenen
+tragen, um das Entweichen zu verhindern, den fünf bis sieben Fuß langen
+Monkos am Halse, dessen dicke Gabel durch ein Querholz geschlossen ist und
+der dem Gefangenen selbst beim Schlafen nicht abgenommen wird. Kaum ein
+Lumpen deckt diese Unglücklichen. Nicht weit von ihnen trifft der Blick
+wieder auf ein anderes Bild, und zwar auf ein heiliges, das mit allem
+Aufwande von abessinischem Prunk angezogen kommt. Es ist der Etschegé, das
+Oberhaupt der Mönche, zugleich Beichtvater des Königs, dem er als steter
+Begleiter und Rathgeber allüberall hinfolgt. Er reitet ein prachtvolles
+Maulthier und schützt sein theures, mit einem ungeheuren weißen Turban
+umhülltes Haupt durch einen großen buntseidenen Regenschirm, dessen
+abwechselnd goldgelbe und violette Fächerfelder weithin sichtbar sind. Ihm
+folgt eine große Anzahl schmuziger Mönche in einstens weiß gewesene
+Gewänder gehüllt oder in gelbes Leder gekleidet; alle tragen das Zeichen
+ihres Standes, den Fliegenwedel oder Kuhschwanz. Unter ihren weißen oder
+gelben Kappen erblickt man die niederträchtigsten Gaunerphysiognomien,
+sowie die ausdrucklosesten Gesichter, die Abessinien erzeugen kann.
+Plötzlich scheut das Maulthier des Etschegé und springt zur Seite: es ist
+ein aller Kleider beraubter Todter, der, auf der Straße liegend, das Thier
+beunruhigt. Dem Etschegé mit seinen frommen Begleitern folgt eine Reihe
+Tabots, für deren wunderthätigsten ein mit rothen Lappen und Lumpen
+bedeckter Armsessel aus lackirtem, mit bunten Blumen bemaltem Holz
+bestimmt ist. Diese Tabots, deren oft zehn oder zwanzig aufeinander
+folgen, sind Holztafeln mit den zehn Geboten oder frommen Sprüchen
+beschrieben. Jede dieser Platten ist sorgfältig mit rothem Baumwollstoff
+bedeckt und alle werden in einer langen Reihe hintereinander getragen. Dem
+ganzen kirchlichen Prachtzuge geht ein schmuziger Mönch voran, welcher
+fortwährend eine Glocke schwingt, damit Jeder, der da sitzen sollte, vor
+den Heiligthümern aufstehe und ihnen seine Ehrfurcht bezeuge.
+
+ [Illustration: Im Lager des Negus. Priester und Krieger. Zeichnung von
+ H. Leutemann.]
+
+Im vollen Galopp auf guten Maulthieren, die mit klingelnden Glöckchen
+behängt sind, kommt ein Trupp Schoaner angesprengt; es sind lauter
+kräftige Gestalten, in dunkelbraunen Mack gekleidet, mit dem kurzen, stark
+gekrümmten Messer im dicken, die Brust bedeckenden Gürtel und mit der
+schön gearbeiteten Lanze auf der Schulter. Wieder andere Bilder! Hier
+Lastthiere, schwer bepackt mit Lederschläuchen; dort Weiber, die das
+Doppelte ihres eigenen Volumens an leeren oder gefüllten Kürbisschalen
+(Gerra) schleppen, welche zum Transport von Butter, Honig, rothem Pfeffer
+u. s. w. dienen. Alle schreien und schwatzen, dazwischen klappern die
+vielen getrockneten Kürbisschalen. Keiner dieser Schönen fehlt indessen
+das nöthige hölzerne Kopfkissen in der Form eines fünf bis sechs Zoll
+hohen Leuchters mit einem ausgehöhlten Holzbügel zum Hineinlegen des
+Nackens beim Schlafen. Der Fuß dieses Instrumentes ist oft hübsch
+gedrechselt.
+
+Neben dieser bunten Gesellschaft reitet eine der zwei Königinnen, denn zu
+jener Zeit hatte der christliche Monarch zwei Damen zu Ehegemahlinnen. Die
+eine rechtmäßig mit dem Negus verbundene war die schon erwähnte Tochter
+des entthronten Detschasmatsch Ubié von Tigrié; die zweite ein Fräulein
+aus dem Jedschu-Galla-Lande. Beide jedoch sind gleich gekleidet in blaue
+Mäntel, die mit Gold- und Silberglöckchen behangen sind. Beide haben, wie
+alle großen Damen, ihr Gesicht verhüllt, nur die schwarzen Augensterne
+funkeln und leuchten bei beiden gleichmäßig aus der weißen Umhüllung. Das
+einzige Unterscheidungszeichen zwischen beiden war nur stets ein in Silber
+gestickter türkischer Halbmond mit daranstehendem Venusgestirn, das auf
+dem Gewande der einen Königin auf dem untersten Theile ihres Rückens
+erglänzte. Diese jetzt die schlanken Formen zweier Königinnen umhüllenden
+Mäntel waren wol einst Schabracken eines ägyptischen Marstalls gewesen.
+Beide Majestäten sind von einigen Bewaffneten und Eunuchen begleitet und
+reiten stets in der Entfernung einer halben Stunde voneinander, um etwa
+möglichen Konflikten vorzubeugen, sowie sie auch zwei gänzlich getrennte
+Hofhaltungen in zwei verschiedenen Zelten zu beiden Seiten des königlichen
+Zeltes haben.
+
+Oft sitzt oder liegt mitten in dem durch die Hufe der zahlreichen Thiere
+aufgewühlten Schmuze ein nur wenige Monate oder ein bis zwei Jahre altes
+Kind schreiend im Wege, jeden Augenblick in Gefahr, durch Reit- oder
+Lastthiere zertreten zu werden, die sich oft dicht zusammendrängen, um
+einer Leiche aus dem Wege zu gehen. Todte Thiere, halbverweste Pferde,
+Maulthiere, Esel, Schafe und Ziegen bezeichnen zu tausenden die Straße,
+welche das Heer zieht. Dort wird ein Kranker getragen, es muß ein
+Vornehmer sein, denn man trägt ihn behutsam auf bequemer Tragbahre, über
+welcher aus weißer Schama ein leichtes Zelt errichtet ist; wäre es nur ein
+armer Mann, so hätte man ihn einfach auf zwei lange Holzstücke gebunden.
+
+Nahe bei dem Kranken sehen wir einen anderen Zug: eine ganz weiß
+gekleidete Dame, die Frau eines Großen, reitet dicht verhüllt dahin; ihr
+Maulthier wird sorglich von einem Diener geführt. Gestern erst hat sie die
+Welt mit einem neuen Bürger beschenkt, der schreiend und quiekend in einem
+weiß bedeckten Brotkorbe von einem Diener auf dem Kopfe nachgetragen wird.
+Der kaum einige Tage ältere Sprößling einer anderen Frau giebt ebenfalls
+durch Schreien Zeichen einer gesunden, kräftigen Lunge, sein Lager aber
+ist nicht so sorgsam gegen Sonne und Kälte geschützt. Mit Riemen ist er
+völlig nackt zwischen Körbe und Kürbisflaschen auf den Rücken oder die
+Hüfte seiner schwer tragenden Mutter geschnürt oder auf das Gepäck eines
+magern Pferdes gebunden. Kleine Kinder von drei bis fünf Jahren, völlig
+nackt oder nur mit einem Stückchen Schaf- oder Ziegenfell über den
+Schultern, laufen neben ihren schwer bepackten Müttern, ja sie tragen
+selbst einen Theil von den Kürbisflaschen, Eisenblechen zum Brotbacken,
+hölzernen Schüsseln zum Anrühren des Brotteiges u. s. w. Andere Weiber
+rauchen gemüthlich aus einer großen Tabakspfeife, deren Abguß aus einem
+kleinen wassergefüllten Kürbis besteht; neben ihnen schleppen sich einige
+unbepackte Maulthiere hin, deren aufgedrückter Rücken eine einzige
+Wundfläche bildet. Am Wege sitzt ein Künstler von Fach auf einem Bunde
+Stroh, aus welchem er sich am Abend einen Gotscho zu bauen gedenkt, und
+singt zu dem eintönigen Geklimper seiner Kirra, der abessinischen Lyra,
+mit scharfer näselnder Stimme, packt dann Stroh und Lyra auf den Kopf und
+wandelt als zweiter Apollo seinen kothigen Weg. Zwischen diesen Scharen
+bepackter Menschen und Thiere ziehen brüllend Herden schöner Rinder,
+Schafe und Ziegen; auch bricht, Geschrei und Unordnung verursachend,
+gelegentlich ein kräftiger Stier durch die Massen.
+
+Die vier _zahmen Löwen_ des Negus (vergl. S. 187), schöne, große Thiere,
+laufen völlig frei mitten im Troß, ohne auch nur am Stricke geführt zu
+werden. Steudner bemerkte zu seinem Erstaunen, daß in unmittelbarer Nähe
+der Löwen das Vieh, Kühe, Schafe, Ziegen, Maulthiere, ruhig graste, ohne
+die geringste Furcht vor dem Könige der Wildniß zu haben. Wie Hunde liefen
+sie mitten im Gewühl und gehorchten der Stimme ihres Begleiters, hinter
+welchem sie oft in geschlossener Phalanx dicht auf den Fersen
+hermarschirten.
+
+Mitten zwischen dem Troß reitet ein Großer des Landes stolz durch all das
+Gedränge. Vor ihm her schreitet sein Speerträger, ein Diener mit langer,
+haarscharfspitziger Lanze, deren von Schoanern gearbeitete Eisenspitze in
+rothledernem Futteral geborgen ist. Sein mit Gold und Silber beschlagenes
+Büffelhautschild, sein Gewehr und seinen in rothlederner Scheide
+steckenden Säbel mit Rhinozerosgriff tragen andere Diener vor und neben
+ihm. Vor ihm führt sein Lieblingsknappe ein Staatsmaulthier, auf welchem
+der gleich dem Schilde mit Gold- und Silberplatten und Filigranarbeit
+bedeckte Staatssattel liegt. Wie der Sattel ist auch das übrige Geschirr
+und Zaumzeug des Maulthiers mit Gold und Silber überladen. All dieser
+Schmuck aber ist mit rothen Lumpen bedeckt. Unbekümmert reitet der
+Häuptling barhaupt durch das Troßgedränge an den Leichen von Menschen und
+Thieren oder verwüsteten Saatfeldern vorüber. Seine Thiere sind gegen den
+„bösen Blick“ durch Dutzende um den Hals hängender Amulete geschützt.
+Männer mit aus Stroh geflochtenen Regendächern aus Begemeder, Sklaven, die
+oft nur die Schultern mit einem kleinen ungegerbten Schaffell bedeckt
+haben, gehen ihm demüthig aus dem Wege, wenn er, mit dem Sonnenschirme das
+Haupt schützend, stolz dahinreitet. Nicht weit von ihm zieht eine andere
+Gruppe schwer bepackter Männer. Landleute, zu diesem Frohndienste gepreßt,
+tragen den in seine Theile zerlegten Erntewagen, welchen die Missionäre in
+Gafat gebaut – weil der Weg zum Fahren nicht geeignet ist. Andere
+schleppen die Laffeten schwerer Geschütze und die dazu gehörigen
+Vollkugeln – allein die Geschützrohre hat man in Magdala gelassen!
+Soldaten, mit den Sätteln ihrer gefallenen Pferde auf dem Kopfe, mit Speer
+und Sonnenschirm in der Hand, hoffen bei der nächsten Plünderung eines
+Dorfes neue Thiere zu ihren Sätteln zu bekommen. Das Wiehern der Pferde,
+das Geschrei und Gebrüll der übrigen Thiere wird nur manchmal von der
+dröhnenden, donnerähnlichen Baßstimme des einen oder andern Löwen
+unterbrochen.
+
+ [Illustration: Ansicht von Gafat. Nach Lejean.]
+
+So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht
+nebeneinander gedrängt erkennen läßt – Bilder zum Weinen und Bilder zum
+Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den
+Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen,
+Sterbende und von Müttern verlassene Kinder – neben fröhlich lachenden,
+aber gefühllos vorüberziehenden Menschen.
+
+In jene Zeit, als Theodor so verwüstend, Tod und Verderben verbreitend mit
+seinem Heere durch das Land zog, fällt auch der Beginn jener
+Mißhelligkeiten, die schließlich zum Kriege mit England führten. Wer sich
+auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die trübe,
+befangene Brille anmaßender Judenmissionäre schaut, dem wird in diesem
+Falle das Auftreten des Königs von Abessinien nicht so gar schrecklich
+erscheinen, zumal wenn man – was ungerecht wäre – diesen nicht mit
+europäischem Maßstabe mißt.
+
+Die deutschen Handwerker und Missionäre (vergl. S. 136) fingen an, im
+Lande Straßen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des königlichen
+Zeughausmaterials, fertigten Mörser und konstruirten einen Wagen. Letztere
+beiden Gegenstände machten dem Könige viel Spaß, namentlich der blau
+angestrichene Wagen, der, in Stücke zerlegt, auf den Schultern von
+Lastträgern weiter transportirt werden mußte, da es an einer fahrbaren
+Straße fehlte. Reibereien und Zerwürfnisse mit den Distriktsbeamten hatten
+zur Folge, daß die Handwerker 1861 in _Gafat_, drei Viertelstunden von
+Debra Tabor auf einem isolirten Hügel, unter Aufsicht eines Offiziers
+internirt wurden. Der König berief einen oder den andern an sein Hoflager
+und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom
+Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. „Diese Europäer“,
+schreibt v. Heuglin, „wollen sich in manchen Verhältnissen über gewisse
+Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anlaß
+gegeben hat.“ Daß man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie
+in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlaß zur
+Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus übergetretenen Juden
+_Heinrich Stern_ und _Rosenthal_. Beide waren nur unter der Bedingung
+zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen,
+allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und
+diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wüthend
+hierüber ließ der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich
+freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen biß. Diese
+unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, daß man ewige Rache gegen
+die Person schwört, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel
+dies dem Könige nicht auf, als aber Stern, um sich über eine Mißhandlung
+zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver
+bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe störend, mit
+Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor
+jener Geste und ließ den Eindringling aufs grausamste in Ketten werfen und
+nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon früher durch
+das Geschenk eines Teppichs mißliebig gemacht, auf dem der Löwenjäger
+Jules Gérard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen
+Löwen erschießt. Theodor sah in dem feztragenden Jäger einen Aegypter, in
+dem Löwen aber das Sinnbild Abessiniens und wähnte sich verspottet. Als
+man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stückchen von der
+Kussohändlerin, der Mutter des Königs, wieder aufgetischt war, wurde auch
+Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen
+wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach über sie wegen Hochverraths
+das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslänglichen Kerker
+verändert wurde. Die Hauptsache aber blieb, daß, gegen die ausdrückliche
+Verabredung, jene Missionäre versucht hatten, Proselyten zu machen.
+
+Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische
+Konsul _Cameron_ in Gondar beim Könige; er war nur für Massaua beglaubigt,
+keineswegs aber für Abessinien, da seit Plowden’s Tode kein Konsul dort
+anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die
+Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und
+über die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn
+Theodor sehr freundlich und mit großen Ehren auf. Der englischen Allianz
+glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten
+fürchtete, gegen Aegypten, bedienen zu können. Denn dieses blieb seit dem
+Kampfe, den er am Rahadflusse – als er noch Kasa hieß – gekämpft, sein
+Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des
+Küstenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft,
+welche der Pascha sich über die Grenzlande, namentlich Galabat, anmaßt,
+war der größte Dorn in Theodor’s Augen.
+
+Durch Plowden’s warme Freundschaft verwöhnt, konnte der König sich in
+Cameron’s kalte Neutralität nicht finden und wurde um so mißtrauischer
+gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern’s und Rosenthal’s
+auftreten zu wollen. Die nach europäischem Muster begonnenen Reformen
+wurden nun eingestellt und in jedem Europäer ein Spion gewittert. So haben
+wir gesehen, daß auch Lejean unter jenem Mißtrauen zu leiden hatte. Als
+dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem
+Konsul Cameron, zum Frühstück. Unterwegs fanden die beiden Europäer in
+einer der engen Gassen Gondar’s einen todten Esel liegen. „Sehen Sie, da
+liegt ein krepirter Konsul“, sagte Cameron und schritt über das todte
+Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs
+unverständlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklärung. Kaiser
+Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr übler Laune gesagt: „Ich weiß
+nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute
+geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Engländer ein Esel.“
+Ganz Unrecht hatte der Fürst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend
+wurde jedoch erst ein anderer Umstand.
+
+Oft schon hatte Theodor sich geäußert, daß ein Handelsvertrag mit England
+in Kraft treten müsse, und demgemäß schrieb er gegen Ende 1862 einen
+eigenhändigen Brief an die Königin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben
+an den Kaiser Napoleon, mit ähnlichen Anträgen, wurde höflich erwidert,
+jedoch der Abschluß eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo
+das Schreiben im Auswärtigen Amte verlegt wurde – man ist nie klar darüber
+geworden, was mit demselben geschah – kam keine Antwort. In ganz
+Abessinien machte der Vorfall großes Aufsehen, da der König sich der
+Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung würde es sich angelegen
+sein lassen, die angeknüpften Beziehungen zu fördern, angesichts seiner
+Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und
+wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam.
+Sicherlich fühlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung
+verletzt; ein europäischer Hof würde dasselbe gethan haben, und dann
+rächte er sich eben wie ein Barbar. Cameron mußte zunächst seinen Zorn
+fühlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Königin von England seinen
+höflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrückte, mit ihr und ihren
+Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet
+gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmächtigten
+einer so unhöflichen europäischen Monarchin nicht weiter zu respektiren.
+Er ließ Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben
+Kette befestigen. Dabei glaubte er, daß die Engländer ihm in seinem Lande
+so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen würden und ließ sich deshalb
+nicht gern auf Unterhandlungen ein.
+
+Schließlich sandte man am 15. Oktober 1865 den Konsularagenten _Rassam_,
+einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum König
+Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und
+Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodaß der König schon wenige Stunden
+nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europäer
+befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und ließ ihnen
+die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem König und dessen
+Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur
+Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgeführt. Am
+12. März langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit
+Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre
+Zahl betrug 18 Köpfe, und Rassam bekam Erlaubniß, sie nach Aegypten oder
+nach Aden führen zu dürfen. Theodor behandelte den Agenten mit großer
+Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, daß Hofleute von
+demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus mußten Rassam
+königliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Königin sei;
+sie mußten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn berühren. Als er in
+Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate
+dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal
+verhört, gestanden ein, daß sie Unrecht gethan, und baten, daß der König
+Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben möge. Der König hatte an
+Rassam geschrieben: „Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich
+wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, daß sie im
+Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen.“ Rassam, dem daran lag, den
+König bei guter Laune zu erhalten, hütete sich wohl, dem mächtigen Manne
+Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser ließ dann das Schreiben
+verlesen, welches Königin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches
+geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: „In meiner Niedrigkeit bin
+ich nicht würdig, Ew. Majestät anzureden, aber erlauchte Fürsten und der
+tiefe Ozean können Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier,
+hoffe, daß Ew. Majestät mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen
+verzeihen werde.“ Der Schluß lautet: „Rathe mir, aber tadle mich nicht, o
+Königin, deren Majestät Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im
+Ueberfluß gegeben.“
+
+Plötzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemüthe des
+Herrschers ein. Rassam’s Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit
+den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem König auf einmal ein, sie
+alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefängniß zu
+werfen. Er war so grimmig, daß er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte.
+Dieses geschah allerdings nicht, dagegen führte man die Europäer wieder
+nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Räthsel geblieben, was den König
+Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der
+veröffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen
+Angelegenheiten findet sich die Andeutung, daß Theodor’s böser Geist ein
+Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, früher Sekretär Cameron’s, aus
+Rache gegen letzteren den mißtrauischen Theodor gegen alle Europäer
+einzunehmen wußte und ihm den Verdacht einflößte: die englische Regierung
+stehe im Begriff mit Aegypten ein Bündniß abzuschließen. Die Zahl der
+Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die
+Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron
+sei zu seinen Feinden, den Türken, gegangen und habe mit ihnen
+unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Königin von England
+keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron’s Diener hätten sich
+durch Verspottung und Verläumdung der Majestätsbeleidigung schuldig
+gemacht und die andern hätten mit ihnen konspirirt.
+
+Nochmals wurde von Seiten Englands ein gütlicher Versuch gemacht, um den
+König zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr
+ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geäußert,
+gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese
+wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte
+Befreiung der Gefangenen zu unterstützen. Unser Landsmann _Flad_, von dem
+früher die Rede war (S. 136, 182), hatte die Unterhandlungen mit dem
+Könige übernommen. In einem eigenhändigen Briefe, den er überbrachte,
+kündigte die Königin Victoria an, daß die Arbeiter und die Geschenke dem
+König zugeschickt werden würden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley,
+der englische Minister des Auswärtigen, hatte später entschieden, daß die
+Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren,
+sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurückgehalten und erst
+dann ausgeliefert werden sollten, wenn Theodor die Gefangenen durch eine
+Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfügung des englischen Agenten,
+Oberst Merewether’s, gestellt haben würde. Wie zum Hohn schickte dieser
+anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Königin
+versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz
+gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. König
+Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee
+von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besänftigt werden
+sollte, sagte: „Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wünscht mich
+nur zu verhöhnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein König bist und ich
+dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch
+zu sehen.“ Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestärkte den
+mißtrauischen König von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, daß es
+die Engländer darauf abgesehen, ihn zu betrügen und zu verrathen. Nachdem
+Herr Flad Lord Stanley’s Verfügung in Betreff der Geschenke mitgetheilt,
+antwortete Theodor: „Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches
+mir verweigert wird. _Wenn sie kommen und fechten wollen, laßt sie kommen;
+bei dem allmächtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich
+ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!_“
+
+Und nach weiteren Erörterungen des Herrn Flad: „Ich habe keine Furcht, ich
+vertraue auf Gott, der sagt, daß du Berge versetzen kannst, wenn du den
+Glauben eines Senfkornes hast. Ihr könnt nicht Alles. Ich weiß, daß, wenn
+ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen hätte, die Arbeiter mir nie
+geschickt worden wären. Nicht nur zur Zeit des Kapitäns Cameron, als sie
+keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat,
+fand ich heraus, daß sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern
+ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell – diese waren meine
+Freunde – und aus Freundschaft für sie behandelte ich ihre Landsleute gut.
+Ich überlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn
+wir uns auf dem Schlachtfelde gegenüberstehen.“ Es ist also klar, daß ein
+tiefes Mißtrauen gegen die Pläne Englands, dessen Agenten er im Bunde mit
+seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswärtigen Feinden,
+namentlich den Aegyptern wähnte, die eigentliche Ursache war, weshalb
+Theodor alle Engländer und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand
+legen konnte, einkerkern ließ, und daß das Zurückhalten der Geschenke ihn
+in diesem Mißtrauen nur bestärkte und die Krisis herbeiführte.
+
+Die vielgenannte Bergfeste _Magdala_ liegt an der Grenze von Wollo-Galla
+im Süden des reißenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen
+Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf
+ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Königs Theodor besucht und sehr
+gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta’s her kommend und nach
+Süden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum
+Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Länder ist
+großartig. Zu ihren Füßen schlängelte sich das über 3000 Fuß tiefe Thal
+des Flusses, als natürliche Grenze zwischen Abessinien und Galla.
+
+ [Illustration: Vordringen der Engländer auf Magdala.]
+
+Zur Linken, nach Osten, mündete eine steile Schlucht, und darüber hinaus
+lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die berühmte
+Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im
+Süden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen
+Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig
+grünen Thälern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta,
+dahinter die kegelförmigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Süden
+steigt der majestätische Kollo, ganz mit blendend weißem Firn bedeckt,
+hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150
+Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe
+erfüllte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs
+zeigt. Dieses Thal verließen die Reisenden nach anderthalbstündigem
+Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf,
+die sich am nordwestlichen Fuße von Magdala ausbreitet. Kleine Dörfer mit
+niedlichen Gärtchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher.
+
+Ein ziemlich steiler Pfad führt in 1¼ Stunde an buschigen Gehängen und
+kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung
+Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natürlichen
+Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von
+Erdpavianen bewohnen die steilen Wände des Vorwerks. Das erwähnte Plateau
+ist ganz kahl, Gruppen von Hütten befinden sich an der Südostseite, die,
+wie der Platz selbst, _Islam Gie_ (Muhamedaner-Dorf) heißen. Hier ist
+zugleich der Marktplatz für die Festung.
+
+Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als
+Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land südwärts
+bis Schoa war früher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und
+nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden
+muhamedanischen Galla, welche von hier aus beständige Einfälle in
+Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte.
+Magdala selbst nimmt einen Flächenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt
+100–200 Fuß über das Plateau von Islam Gie hinaus, hängt im Süden mit der
+nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen
+Felsgrat; im Osten und Westen fallen natürliche, mauerartige, senkrechte
+Bastionen viele hundert Fuß tief in die Seitenthäler ab, gegen Norden und
+Süden führen Felsspalten als natürliche Thore herab, die mit Ausfallthoren
+versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum
+Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen
+zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden
+können, wohl erkannte, ließ Magdala restauriren, einige Geschütze
+hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitläufige
+Getreidemagazine bauen.
+
+So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte
+schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfüllen sollte. Als die
+letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich
+zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der
+Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen
+und am 18. November 1867 von der Königin mit einer Thronrede eröffnet, in
+welcher es heißt: „Der Herrscher Abessiniens fährt fort, allen
+internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in
+Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt
+waren, und seine hartnäckige Mißachtung gütlicher Vorstellungen hat Mir
+keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch
+eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine
+entsprechende Truppenmacht unterstützt wird. Ich habe demgemäß die
+Absendung einer Expedition zu diesem ausschließlichen Zweck angeordnet,
+und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Unterstützung und Mitwirkung
+meines Parlaments in Meinem Bemühen, unsere Landsleute aus einer
+ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner
+Krone zu wahren.“
+
+ [Illustration: Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht.
+ Originalzeichnung von E. Zander.]
+
+Nach einigem Zögern bewilligte das Parlament die nöthigen Gelder, und die
+indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober
+war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley,
+S. 169) gelandet. Dieses schlug an der öden, wasserlosen Küste ein Lager
+auf und begann eine Straße nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belästigt
+zu werden. Die Gesammtstärke der aus Indien nach Abessinien beorderten
+Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europäer. Die Infanterie war mit
+Hinterladern bewaffnet. Außer diesem Armeecorps folgte ein Troß von 8000
+Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten,
+welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschütze bestimmt waren. Zum
+Kommandanten der Armee wurde General _Robert Napier_ ernannt. Auch ein
+ganzer Stab von Gelehrten, Künstlern und Zeitungsberichterstattern schloß
+sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner
+Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und – im Auftrage des
+Königs von Preußen – der berühmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste
+Stütze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von
+Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte prägen lassen.
+
+Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs;
+namentlich verursachte der Wassermangel große Gefahren für Menschen und
+Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch
+destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich
+viele Kameele und Maulthiere, minder durch die Ungunst des Klimas als
+durch die schlechte Pflege ihrer Wärter. Dieselben waren ein aus Persien,
+Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte,
+unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und
+auf der Straße liegenließ, die Thiere nicht fütterte und tränkte, sodaß
+diese erhitzt und halb verdurstet zu den Tränkrinnen kamen, dann übermäßig
+tranken und erkrankten. Fällt ein solches Thier, so verursacht die
+Wegschaffung des Aases, das man im heißen Klima aus Furcht vor Ansteckung
+nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte
+sich nur dadurch helfen, daß die Aeser mit dürrem Gesträuche bedeckt und
+verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Küste,
+des destillirten Wassers und der Langeweile müde geworden und hatte die
+Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu
+finden gegründete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm
+offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergströmen gekennzeichnet,
+denn wie zur Zeit der Völkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande
+heute noch Bäche und Flüsse die Wegweiser für Wanderer und Völkerschwärme.
+Die kürzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch
+gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr
+links liegende, durch den Fluß Kamoyle gebildete Straße gewählt. Unter den
+Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet,
+des Inhalts: daß die Engländer nur gekommen seien, die widerrechtlich
+gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks
+werden ebenso wie Eigenthum und Vermögen der Individuen geschützt und
+geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung.
+Anfangs ging es durch eine sandige, nur spärlich von Akazien und
+Steppengewächsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends
+waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Hütten zu sehen,
+bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich
+wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit
+der Aufschrift: „Route nach Abessinien“ aufstellte. Jetzt gelangte man ins
+Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets öffnete
+bei jeder Krümmung sich ein Ausweg, oft unter überhangendem Gestein
+hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes
+Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fuß über der Meeresfläche
+liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und
+Morgen waren kühl; gestärkt von der frischen Luft stieg die Truppe das
+Plateau hinauf.
+
+Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunächst an der Bai von Adulis
+zu bemerken. Zwei Landungsbrücken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen
+lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein für das schwerste
+Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fuße des Senafe-Berges, Stationen
+auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen,
+Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft.
+
+In Senafe, 7500 Fuß über dem Meere, wurde das erste größere Lager
+aufgeschlagen und ein förmlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte
+Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war
+nicht genügend, ein einziges Regiment zu ernähren. Daher mußte Alles durch
+eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft
+und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Täglich
+verließen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Hälfte nach Senafe
+gelangte, da der andere Theil von den Lastträgern und Treibern verzehrt
+wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden täglich auf den Schiffen
+kondensirt und dieser Prozeß kostete allein täglich über 1000 Thaler.
+
+Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Engländer in südlicher Richtung
+weiter verfolgen, müssen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage
+umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende
+revolutionäre Trieb, die Eifersüchteleien der kleinen Häuptlinge und die
+Sucht derselben, sich unabhängig zu machen, war mit erneuter Stärke
+ausgebrochen, in je größere Verlegenheiten König Theodor gerieth.
+Ueberall, im Norden wie im Süden, entbrannte die Revolution, und mit
+Schluß des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der
+es war, ehe König Theodor seinen ehrgeizigen Traum träumte, ehe er die
+zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schließlich nur der
+Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal
+dieser, und seine Macht beschränkte sich nur auf sein Lager, das meistens
+in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine für uneinnehmbar geltende
+Feste, hütete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort
+ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, daß sie mit der größten
+Leichtigkeit mit den Engländern korrespondiren und diese von allen
+Vorgängen im Lager des Negus in Kenntniß setzen konnten.
+
+Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl
+unabhängiger Fürstenthümer zerfallen, und nicht das ganze stolze
+Aethiopien – nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus
+nannte – stand gegen England im Felde. Das große Reich Tigrié, das unter
+Ubié einst selbständig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem
+Sohne Ubié’s, seine Unabhängigkeit wieder erlangt, und dieser Fürst,
+welcher fürchtete, daß Theodor ihn doch einst vertreiben könne, schloß
+sofort mit den Engländern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner
+Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich
+Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer
+Krieger und einst einer der besten Generäle Theodor’s, unabhängig gemacht.
+Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die
+Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner.
+
+Mehr als der Abfall dieser Fürsten schmerzte Theodor aber der Verrath des
+jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Königs
+Hailu Melekot von Schoa, war Theodor’s Schwiegersohn geworden; aber weder
+die junge Frau, noch die Gnade des Königs vermochten ihn zu fesseln; er
+trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen.
+Unterstützt von der Gallafürstin Workit entfloh er mit Zurücklassung
+seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus
+anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Mißtrauen,
+welches er gegen die Europäer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben,
+die sich in blutigen Greueln äußerte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie
+wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers
+Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwährend mit Unglücklichen überfüllt,
+die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der
+Hände und Füße verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte
+standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt.
+Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, saßen sie
+zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror
+fingerdickes Eis oder strömte der Regen auf die Elenden hernieder, während
+am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Körper
+trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem
+Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er
+saß, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber
+ereigneten sich fast täglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und
+wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito
+wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so
+glücklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschloß
+Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme
+herniederfährt zwischen das scheue Geflügel, so stürzte er von Debra Tabor
+auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde
+in die Häuser getrieben, und als diese mit Männern, Weibern, Kindern
+gefüllt waren, da befahl Theodor, Feuer an die Strohdächer zu legen, und
+Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen.
+
+In Gafat, später in Debra Tabor, herrschte währenddem eine große
+industrielle Thätigkeit. Dort hatte man Flammenöfen gebaut, dort hämmerte,
+schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen
+Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen.
+Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniß ein ziemlich
+bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der
+Wüste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone,
+welche 8 Fuß lang war und eine 6 Zoll weite Seele besaß, wurde von dem
+über den Guß hocherfreuten Könige „Theodor“ getauft, während ein 80
+Centner schwerer Riesenmörser mit anderthalbfußweiter Oeffnung den stolzen
+Namen „Sebastopol“ erhielt.
+
+Als die Gegend um Debra Tabor im Spätsommer vollständig ausgeplündert war
+und die Raubzüge in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten,
+beschloß Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es
+keinem Feinde in die Hände fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit
+einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch
+höchstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen
+hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000
+Fuß über dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen
+angeschwollene Ströme führte der Marsch über Tschetscheho nach Woadla.
+Mitten im Zuge schritten gebunden die fünf Deutschen: Steiger, Brandeis,
+Schiller, Eßler, Makerer, während Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal
+u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten.
+
+Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa
+10,000 Fuß hoch über dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick
+in das Land nach Süden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten
+Kollogebirge. Südlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen
+Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fließt
+zwischen senkrechten, fast 3000 Fuß hohen Felsen die rauschende Dschidda
+hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jähen mauerartigen Wände. In
+diesen Schlund mußte die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das
+Flußbett überschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen
+Felsenwall über nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene
+von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mußten auch die Kanonen und der
+Riesenmörser „Sebastopol“ geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem
+ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten
+Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewöhnlichen
+Maulthierpfaden konnte der Mörser unmöglich durch die Dschiddaschlucht
+gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern,
+die ihn begleiteten, eine Straße zu bauen. Dieses geschah, während die
+Engländer schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was
+er für unmöglich gehalten, daß jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate
+nahm der Bau der Straße in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die
+Dschidda glücklich überschritten und die Talanta-Ebene erreicht.
+
+Wohlgefälligen Auges schaute der König auf die fruchtbare Ebene. Die
+Weizen- und Gerstenfelder standen in der üppigsten Pracht, überall
+wimmelte es von fleißigen Menschen, die den Boden bestellten, von fröhlich
+singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Königs war umhergezogen
+und hatte in ganz Talanta verkündigt: „Kehrt heim ihr Bauern zu eurer
+Arbeit, bestellt die Aecker und flüchtet euch nicht. Der König bringt den
+Frieden, kein Haar wird euch gekrümmt, euer Eigenthum ist geachtet.“ Und
+friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Dörfer
+zur gewohnten Beschäftigung zurück. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er
+brauchte Proviant für seine Festung Magdala, fiel über die schmählich
+betrogenen Leute von Talanta her und zog dann über den Beschlo in seine
+Felsenburg ein.
+
+Unterdessen rückten die Engländer mit großer Geschwindigkeit nach Süden
+vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muß man bedenken, daß eine
+Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala
+offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und
+der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als
+man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit
+Gewißheit rechnen konnte, als Gewalt und Glück auf Seite der Europäer
+stand.
+
+Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Troß, ihren Elephanten
+und Kanonen auf Gebirgen, die unsere höchsten Alpenpässe bei Weitem
+überragen, wie aus der folgenden, in Petermann’s Mittheilungen (1868,
+S. 180) angegebenen Höhenlage der hauptsächlichsten Stationen hervorgeht.
+Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuß über dem Meere;
+Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuß; Tschelikut 6279
+Fuß; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuß; Aladschin-Paß 9630 Fuß;
+Aschangi-See 7264 Fuß; Lat (besetzt 31. März) 8478 Fuß; Dasat-Berg 9502
+Fuß; Quelle des Takazzié 7700 Fuß; Abdikom 10,000 Fuß; Talanta (4. April)
+10,700 Fuß; Magdala (erstürmt am 13. April) etwa 11,000 Fuß. In diesem
+Verzeichniß ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, über
+die wir hier noch Einiges nachtragen wollen.
+
+Von Senafe zog das Heer über ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit
+einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen,
+nach _Adigerat_ zu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten,
+denen nur Bäche und Wälder zur Vollendung der Schönheit mangeln, schienen
+sehr fruchtbar zu sein, sodaß man die schwache Zufuhr an Getreide von
+Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschränkten
+Zufuhren erschöpften die Gegend immer schnell, da keine Idee von
+Großhandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von
+seinen eigenen Vorräthen erübrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31.
+Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Städten
+überlegen, da außer den gewöhnlichen schmuzigen Hütten und einer hübschen
+Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden.
+Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat führt ein gangbarer Weg nach
+_Mai Wihis_, durch weite, offene, grasbewachsene Ebenen, die häufig von
+Dörfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Für den kriegerischen
+Charakter der Bevölkerung zeugten genugsam die vielen auf fast
+unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europäischer
+Artillerie zu trotzen vermögen. So namentlich _Amba Zion_ (siehe Abbildung
+S. 41), das ehemalige Staatsgefängniß Theodor’s, welches jetzt leer stand,
+da bei dem Abfall Kassai’s auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung
+betraute Häuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte. _Ad
+Abagin_, 7849 Fuß über dem Meeresspiegel, war die nächste Station. Hier
+waren die Nächte so kalt, daß man kaum schlafen konnte, wozu sich die
+lieblichen Töne eines Schakal- und Hyänen-Konzerts gesellten. Allein die
+Thiere waren weniger gefährlich, als man denken sollte, da sie sich
+genügend an den todten Maulthieren sättigen konnten. Bei Agala, 6300 Fuß
+über dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veränderung der Vegetation.
+Duftende Kräuter versüßten die Luft, die Straße war wunderbar gut und nur
+auf eine kurze Strecke abschüssig. Hier in dieser Gegend erhielt man
+wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, daß sie
+sich Alle wohl befanden und daß Theodor im Januar Magdala noch nicht
+erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Engländern aufzunehmen.
+Da man die Abessinier für keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die
+Straße, die nach Magdala führt, durch mehrere Positionen befestigt. So
+erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen
+Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Flüsse, welche man auf dem
+ferneren Wege nach _Antalo_ zu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des
+Takazzié, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen
+des Nil. Die Armee hatte daher über eine Reihe von Wasserscheiden im
+rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen,
+welche, von Taltal kommend, die Salzstücke in das Innere des Landes
+verführen.
+
+Während die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber
+sich mit den Häuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu
+setzen und begann mit einem Besuche Kassai’s, des Fürsten von Tigrié. Als
+Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Flüßchen Diab, unweit der
+herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai
+erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf
+einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verließ
+aber seinen hohen Sitz auf dem Rüsselträger, damit der Anblick des Thieres
+unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun
+öffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der
+etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weißen Maulthiere angeritten. Die
+Briten empfingen ihn mit allen militärischen Ehren, ihr Oberkommandant
+schüttelte ihm die Hand und führte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt
+wurde und ein Freundschaftsbündniß mit England schloß. Er bewunderte
+vorzüglich die Waffen der Europäer und lud hierauf Napier ein, seine
+eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle
+Feuerwaffen. Der größte Theil von ihnen besaß doppelläufige
+Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele führten
+Pistolen und kein einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert
+an der rechten Seite getragen hätte. Die wenigen, die ohne Gewehre
+erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht
+schien gut, ihre Manövrirfähigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls
+beschenkt mit silbernen Armringen, einer Löwenhaut, dem Abzeichen tapferer
+Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein
+Lager zurück. Er hatte nun im Rücken nichts mehr zu besorgen, und der
+Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen.
+
+Das Land zeigte überall Spuren der vielen Kämpfe, denen es durch seine
+unruhigen Häuptlinge ausgesetzt war. Die Dörfer lagen verwüstet, die
+Unsicherheit der Zustände hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt
+den Engländern für die Verbesserung der Straßen und Wegbarmachung der
+Pässe zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den
+Häuptlingen der Nachbarländer später feindliche Einfälle erleichtert
+würden.
+
+_Antalo_ unterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend
+als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem
+Maße zugeführt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte
+einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen
+nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenügender Menge zugeführt
+worden. In ihren Thalern hatten die Engländer das beste Mittel, die
+Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen
+immer noch zu gering, um den fürchterlichen Theodor anzugreifen, welcher
+sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta,
+zwischen den Strömen Dschidda und Beschlo befestigte.
+
+Der Zug der Engländer ging nunmehr durch Wodscherat und _Doba_ zum
+_Aschangi-See_, der östlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478
+Fuß hoch gelegenen _Lat_, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen
+getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und
+600 Pioniere zählend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General
+Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war.
+Alles unnöthige Gepäck blieb zurück; für je 12 Offiziere wurde nur ein
+Zelt und für 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund,
+die letzteren nur 25 Pfund Gepäck mitführen.
+
+Nachdem der 10,662 Fuß hohe Emano-Amba-Paß durchschritten war, stieg die
+Armee hernieder zu den Quellen des Takazziéstromes. Dann wurde die Ebene
+von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. März standen die Engländer
+in Biedehor am höchsten Rande des _Dschidda-Thals_, 10,000 Fuß über dem
+Meere, auf der Kunststraße, die Theodoros mühsam durch die Deutschen hatte
+herstellen lassen. Durch den Bau dieser Straße hatte der Negus den
+Engländern ein gutes Theil an Zeit und Mühe erspart, allein es blieben
+noch Hindernisse genug übrig. Der Uebergang über die Dschidda, welcher am
+4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die
+abschüssigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein
+leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter
+und mehrere erlagen den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite
+war womöglich noch schwieriger für Menschen und Thiere, die sich mit
+leerem Magen und unter schwerem Gepäck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde
+es allmälig zur Gewißheit, daß Theodor sich auch von der Hochebene
+Talanta, die man jetzt betrat, zurückgezogen und nach Magdala geworfen
+habe, daß man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen müsse. Die
+vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von
+Theodor’s Heer erblickt, und nun war es klar, daß in den nächsten Tagen
+ein Zusammenstoß stattfinden könne. Was die Einwohner von Talanta betraf,
+so bezeigten sie sich den Engländern freundlich, da sie kurz vorher von
+Theodor’s Truppen nach Maßgabe der altabessinischen Praxis ausgeplündert
+waren und nun in den Fremdlingen ihre Rächer erblickten. Gefährlich schien
+für die Engländer einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus
+in ihrem Rücken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stören
+versuchte, aber von dem ihnen verbündeten Kassai von Tigrié zur Ruhe
+verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, daß sie sich
+wohl befänden und milder als früher behandelt würden.
+
+Ueber das Verhalten Theodor’s kurz vor dem Zusammentreffen mit den
+Engländern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante
+Auskunft. Hiernach hatte sich der König schon am 18. März über den Beschlo
+zurückgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in
+welchem er bedauerte, daß dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne
+sein Wissen hätten dieses die Behörden gethan; gleichzeitig gab er den
+Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.
+
+Am 27. März zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in
+Magdala ein, wo die größte Verwirrung herrschte. Ein hoher militärischer
+Würdenträger war desertirt und zwei andere Häuptlinge wurden angeklagt,
+Menilek, den König von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz
+zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die
+unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth,
+daß er zuerst beschloß, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und
+durch eine neue zu ersetzen; am nächsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl,
+beschränkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung
+durch 1000 Mann zu verstärken. Am 29. März schickte Theodor zu Rassam, den
+er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm höflich und in seiner
+unberechenbaren Weise mit, daß er ihn nur darum übel behandelt habe, weil
+er wünschte, die Engländer möchten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf
+drückte er den Wunsch aus, er möge Rassam in der englischen Uniform sehen,
+was dieser natürlich zugestehen mußte. Umgeben von 400 Offizieren und den
+deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Königin
+Victoria, welcher die Ehre hatte, dem königlichen Prinzen vorgestellt zu
+werden. Alles schien dem Könige daran gelegen, den Gefangenen möglichst zu
+imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der berühmte
+Riesenmörser Theodor’s herbeigeschleppt, den dieser „Sebastopol“ getauft
+hatte. Freudenschüsse begleiteten die Ankunft des Ungethüms, das sich
+später als sehr ungefährlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die
+Befestigungs- und Wegarbeiten und war darüber, daß er Magdala vor den
+Engländern erreicht, so erfreut, daß er sämmtlichen Gefangenen die Fesseln
+abnehmen ließ. Nachdem alle Kanonen und Mörser an Ort und Stelle waren,
+erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn
+ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von
+10,000 Mann; er glaube aber nicht, daß mehr denn 6000 bis Magdala kommen
+würden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so mächtig
+wäre, wie ehedem, hätte er die Engländer bei ihrer Landung erwartet und
+sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit
+Ausnahme Magdala’s das ganze Land verloren und müsse sich damit begnügen,
+sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner
+unmittelbaren Nähe zu halten, während er von seiner luftigen Burg
+unablässig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind
+kommen mußte. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Engländer am
+Beschlo anlangen.
+
+Am 10. April überschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluß und hatte nun
+die Feste Magdala in ihrer ganzen Fürchterlichkeit vor sich liegen. Kühn
+ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit
+seinem Heere. Obgleich die Engländer keineswegs die Absicht hatten,
+sogleich zum Angriff überzugehen, sondern außerhalb Schußweite von Fala,
+einer Vorburg Magdala’s, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor’s
+doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung
+heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen großen
+Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu
+nehmen. Aber er hatte nicht gewußt, daß inzwischen die ganze Brigade unter
+Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter
+zogen sich, als etwa 1200 Fußgänger von der Amba herunterkamen, so schnell
+sie konnten, zurück. Statt ihrer rückten nun ein Regiment Beludschen, ein
+englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschütze und eine
+Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschütze in Fala
+einige gutgezielte Schüsse und seine Leute liefen in Unordnung, aber
+tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Engländer herangekommen waren.
+Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschütze und das auf die
+Abessinier einströmende Feuer der Raketen machte, daß an keinen Halt mehr
+zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anführer (Fit Auri, S. 19) an der
+Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und flüchtete nach der
+Burg zurück.
+
+Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt
+eine andere Abtheilung in den Rücken der englischen Bagage gesandt; aber
+auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstützt, richtete
+die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an,
+die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben.
+Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden
+konnten nicht in die Burg zurück, da ihnen der Rückzug abgeschnitten war,
+und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevölkerung.
+Der Kampf dauerte bis 6½ Uhr Abends, wo Dunkelheit und Regen die Engländer
+nöthigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwälle Magdala’s selbst
+führte, einzustellen. Während des ganzen Gefechts, das die Engländer als
+„Schlacht von Arodsche“ bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt,
+sodaß Donner und Kanonengebrüll sich miteinander mischten. Die Zahl der
+abessinischen Todten betrug viele hundert, die Engländer dagegen hatten
+keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.
+
+ [Illustration: Auffindung der Leiche des Königs Theodoros. Nach
+ englischen Zeichnungen.]
+
+Theodor war über den Mißerfolg seiner Waffen außer sich. Zum ersten Male,
+seit er die Krone trug, war er ordentlich geschlagen worden, und zwar von
+den verachteten „rothen Barbaren“. Seine Wuth kannte keine Grenzen, und
+das Damoklesschwert schwebte fortwährend über dem Haupte der europäischen
+Gefangenen. Indessen kühlte er seinen Zorn nur an den abessinischen
+Gefangenen, von denen er über 300 vor den Augen der Europäer hinrichten
+und über die Felswälle Magdala’s hinabstürzen ließ. Aber soviel sah er
+ein, daß er auf die Dauer den Engländern nicht zu widerstehen vermöge. Am
+nächsten Morgen sandte er daher den Missionär Flad, von zwei abessinischen
+Häuptlingen begleitet, in das englische Lager, um zu unterhandeln. Die
+einzige Antwort, die Sir Robert Napier durch diese dem König geben konnte,
+war: bedingungslose Kapitulation.
+
+Noch einmal schickte Theodor die Parlamentäre ins Lager, doch Sir Robert
+Napier gab ihnen dieselbe Antwort, und traurig waren sie im Begriff, in
+die Gefangenschaft zurückzukehren, als sie auf dem Wege die plötzlich
+freigegebenen Europäer Cameron, Rassam und einige der Handwerker antrafen.
+Am nächsten Morgen wurden alle übrigen Gefangenen freigelassen, der
+Franzose Bardel, den man für den schlechten Rathgeber Theodor’s hielt,
+ausgenommen. Bardel fanden die Truppen später, bei der Einnahme von
+Islam-Gie, hinter einem Felsen liegend, krank vor Hunger und Fieber.
+Theodor hatte ihn aus Magdala hinausgejagt. Dieser selbst aber war
+entschlossen, sich nicht zu unterwerfen und bis zum letzten Augenblicke
+auszuhalten. Lieber wollte er muthig untergehen, als feige sich ergeben.
+So blieb denn den Engländern nichts übrig, als zum Sturm auf Magdala zu
+schreiten, welches immer noch von einigen tausend Mann besetzt war.
+
+Die Festung, von steilen Felsen beschützt, so erzählt ein englischer
+Bericht, bot nur zwei Zugänge, an der Nord- und der Südseite, die so enge
+waren, daß nur ein Maulthier sie jedesmal passiren konnte, und die jeder
+zu einem stark verrammelten Thore führten. Das nördliche Thor war es,
+durch welches der Eingang erzwungen wurde. Gegen halb drei Uhr Nachmittags
+am 13. April, dem Ostermontag, begann das Bombardement, und nach einer
+zweistündigen Kanonade wurde der Befehl zum Sturm gegeben. Die Truppen
+erkletterten den zum Thore führenden Pfad, fanden aber dieses, wie das
+umgebende Pfahlwerk, von den Kugeln nur wenig verletzt. Die Palissaden
+mußten daher mit Hülfe einer Strickleiter überstiegen werden, um das
+Festungsthor von beiden Seiten angreifen und die Vertheidiger
+zurücktreiben zu können. Den Zugang bildeten zwei etwa zehn Fuß
+voneinander entfernte Thore; der Raum zwischen denselben war mit schweren
+Steinen angefüllt. Hatte die Kanonade auch keinen direkten Vortheil
+erzielt, so trieb sie doch die Vertheidiger zurück. Nur sechs Offiziere
+stellten sich mit Todesverachtung den Angreifern entgegen, doch waren
+ihrer zu wenige, um die Position halten zu können.
+
+Als die Engländer über die Leichen dieser Tapferen vordrangen, fanden sie
+auf einer etwas entfernten Anhöhe den entseelten Körper des Königs
+Theodoros liegen – er hatte die Schande nicht überstehen können und sich,
+um einer schmachvollen Gefangenschaft zu entgehen, durch den Mund
+erschossen, und zwar mit einem jener Revolver, welche ihm „die Königin
+Victoria zum Zeichen ihrer Dankbarkeit für die Güte geschenkt hatte, die
+er ihrem Diener Plowden erwiesen.“ So sagte die Inschrift des
+sechsläufigen Revolvers. Theodor’s Waffenträger gab die Einzelheiten an
+über das Verhalten seines Herrn in den letzten Stunden während des
+Angriffs der Engländer, gegen welchen der sonst so gefürchtete Tyrann nur
+mit wenigen Getreuen Stand hielt. Zweimal brach unter den hervorragendsten
+Häuptlingen und deren Gefolge Meuterei aus. Sie weigerten sich, an seiner
+Seite zu kämpfen, und beschlossen, ihn dem Feind auszuliefern, doch hatten
+sie noch immer nicht genug Muth, ihr Vorhaben auszuführen. Als so Alles
+verloren war, erschoß sich Theodor selbst, gleichsam um seine Feinde
+dadurch zu beschämen, daß er wie ein König sterbe. Das Gesicht des Todten
+ließ allerdings nicht auf seine früheren Züge schließen, zumal da das Auge
+das Feuer und den Ausdruck verloren, die als sein Charakteristicum
+bezeichnet wurden. Die Stirn zeugte von Intelligenz, der Mund von
+Entschlossenheit und Grausamkeit. Eine Anzahl englischer Truppen hielt bei
+dem königlichen Leichnam Wache, bis er, am Abend des 14. April, in der
+Kirche von Magdala begraben wurde.
+
+ [Illustration: Königskrone Theodor’s.]
+
+Der englische Oberbefehlshaber bot das eroberte Magdala dem Gobazye, Schum
+von Waag, an; dieser lehnte jedoch das Geschenk ab, weil er es nicht gegen
+die Angriffe der Wollo-Galla vertheidigen könne und es überdies noch
+jedem, der dort geherrscht, den Untergang bereitet habe. Deshalb beschloß
+Napier, Magdala zu zerstören. Am Nachmittag des 17. April wurde der Ort in
+Brand gesteckt, die hochaufwirbelnden Feuer- und Rauchsäulen verkündeten
+den erstaunten Eingeborenen, daß Theodor gefallen, seine Zwingburg
+zerstört sei. Mit der Kirche, die man vor den Flammen nicht retten konnte,
+verbrannte auch der Leichnam des Königs. Damit war jedoch nur der Ort
+Magdala vernichtet, die natürliche Felsenfeste aber war unzerstörbar. Die
+Stadt an und für sich war uninteressant, sie bestand aus den gewöhnlichen
+Hütten mit kegelförmigen Strohdächern. Nur die keineswegs schöne Kirche
+und die Wohnung Theodor’s stachen von den übrigen Häusern ab. Letztere
+bestand aus zwei Stockwerken und war mit einem flachen Dache gedeckt. In
+ihr fand sich eine Anzahl europäischer Luxusartikel vor, Klaviere,
+Harmoniums, Spieldosen, Patronen für Hinterlader und ein Gemenge anderer
+Gegenstände. Sonst fanden sich Zeichen der Civilisation nur in den
+Werkstätten der von Theodor gefangen gehaltenen Handwerker. Einige Kronen,
+Becher, die Mörser Theodor’s, Speere, Säbel, Kreuze, amharische Bibeln
+u. s. w. wurden als Trophäen mit nach England genommen. Unter den
+Gefangenen befand sich auch ein Sohn Theodor’s, welchen der Obergeneral
+mit nach England zu nehmen beschloß. Auch die beiden Königinnen fielen den
+Engländern in die Hände. Die rechtmäßige Gattin Toronesch, die Tochter
+Ubié’s, erschien als eine vornehm aussehende Frau von 26 Jahren, mit
+heller Hautfarbe, lebhaften Augen, hübscher Hand und wunderschönem Haar,
+das in dichten Locken auf die Schultern herabfiel. Sie vermochte das Ende
+ihres Gemahles nicht zu überleben und starb auf dem Wege nach der Küste.
+
+Sofort begannen die Engländer den Rückmarsch; um den Besitz der kahlen
+Felsenwände Magdala’s, das zur Berühmtheit geworden, stritten sich nun
+wieder die Galla – für die Abessinier war das Land am Kollogebirge,
+welches sie von ihren Stammesgenossen in Schoa trennt, verloren, und der
+muhamedanische Keil, den einst Theodor beseitigt, war wieder zwischen die
+christlichen Reiche eingeschoben. Auf der Talanta-Hochebene sammelte Sir
+R. Napier sein kleines tapferes Heer, hielt über dasselbe Revue und dankte
+ihm für die bewiesene Aufopferung. Dann wurde die Dschidda überschritten
+und auf demselben Wege, den man gekommen, die Heimkehr vollzogen.
+
+Die befreiten Gefangenen und die Beute brachten die Engländer triumphirend
+nach Zula, von wo sie nach England eingeschifft wurden. Auch die deutschen
+Handwerker kehrten heim und nur Schimper und Zander zogen es vor, sich
+nach Adoa in Tigrié zu begeben, wo sie ihre Tage beschließen wollen. Die
+Expedition selbst war ein großer Erfolg, für den England aber theuer
+bezahlen mußte. Wenn der Brief, den Theodor Ende 1862 an die Königin
+Victoria schrieb, im Auswärtigen Amte nicht vergessen und nicht
+unbeantwortet geblieben wäre, so würde kein Grund vorhanden gewesen sein,
+die Expedition überhaupt zu unternehmen, 6 Millionen Pfund Sterling zu
+opfern und einige Tausend schlecht bewaffneter Abessinier mit
+Armstrongkanonen und Hinterladern niederzuschießen.
+
+ ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
+
+Selten wurde wol ein Kriegszug mit solchem Widerstreben unternommen, mit
+solcher Genauigkeit entworfen und so rasch und vollständig ausgeführt, wie
+die englische Expedition gegen Abessinien. Sir Robert Napier konnte mit
+Cäsar schreiben: _Veni, vidi, vici!_ Der König todt, Magdala erstürmt, die
+Gefangenen frei! Das waren die nächsten Resultate. Die Schnelligkeit und
+Entschiedenheit des Erfolges, die vollständige Vernichtung Theodor’s und
+seiner Macht kann uns kaum Wunder nehmen. Der Kampf zwischen einem
+englischen Heere mit englischen Waffen und einer Streitmacht wenig
+geschulter, wenn auch tapferer Abessinier war für letztere von vornherein
+ein hoffnungsloser. Das eigenthümliche Verdienst der Engländer bestand
+aber nicht darin, daß sie die Abessinier, sondern daß sie das Land
+besiegten. Die Natur kämpfte gegen sie, aber die Wissenschaft und die
+Organisation überwanden diesen gefährlichsten der Gegner. Napier mußte
+sich fast Zoll für Zoll erst den Weg bahnen, und dieser mühsame und
+gefahrvolle Marsch ging über jäh abstürzende Klippen und an schwindelnden
+Abgründen vorbei; dazu gesellte sich die Kälte auf den Alpenhöhen von
+12,000 Fuß über der Meeresfläche. Man begreift die ängstliche Spannung der
+englischen Armee, indem sie sich Magdala näherte, Theodor möchte sich
+zurückziehen und sie in endloser Verfolgung seiner Person und seiner
+Gefangenen zu ermüden suchen – aber der Negus hatte geschworen: „wenn auch
+alle seine Truppen flöhen, allein den Briten Stand zu halten“. Und er hat
+Wort gehalten, und in der That kann man im Hinblick auf die früheren
+Großthaten und die letzte Stunde sein Mitgefühl dem Manne nicht versagen,
+der selbst die Engländer zwang, ihn zu zermalmen. Er war aus dem Stoffe
+vieler orientalischer Eroberer gemacht, ein willensstarker, bedeutender
+Mensch, aber ohne Selbstbeherrschung und unfähig, die Kraft einer der
+seinigen überlegenen Civilisation zu begreifen. Selbst die Engländer
+ließen dem überwundenen Feinde schließlich Gerechtigkeit widerfahren und
+eines ihrer Blätter ruft aus: „Schade um den Mann! Der wahnsinnige Barbar,
+das feige Ungeheuer, als welchen ihn die schreibseligen Judenmissionäre in
+ihren Episteln aus der Gefangenschaft schilderten, war vielleicht der
+einzige wirkliche Held in diesem romantischen Drama. Schade um den Mann!
+Ein Mann von wilder Genialität, durchdringendem Scharfsinn und eiserner
+Willenskraft, mit all den Eigenschaften ausgerüstet, welche nöthig sind,
+um Afrikanern zu imponiren und Barbaren für die Civilisation zu gewinnen,
+so erschien er unsern Kriegern und er hat ihr Urtheil durch sein Herzblut
+besiegelt.“
+
+In Abessinien sind von Zeit zu Zeit große Männer aufgetreten, welche ihr
+daniederliegendes Vaterland aus dem Staube zu heben suchten – der Abuna
+Tekla Haimanot stellte zu Ende des 13. Jahrhunderts das Reich unter der
+salomonischen Dynastie wieder her; Kaiser Fasilides verjagte die Jesuiten
+und unterwarf alle Rebellen – aber größer und gewaltiger erscheint der
+Sohn der armen Kussohändlerin aus Koara, Theodor II. – Und Abessinien?
+wird man fragen. Ohne kräftige Regierung steht es wieder da, zerklüftet
+und zerfallen, als das Land, das es von je gewesen, „das Land der
+Verwirrung“.
+
+ [Illustration: Siegel des Königs Theodor. Nach Lejean.]
+
+ _Ende._
+
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Uebersichtskarte von Abessinien.]
+
+
+
+
+
+ _Verlag von __Otto Spamer__ in Leipzig._
+
+ Das Buch der Reisen und Entdeckungen.
+
+ _Neue illustrirte_
+
+ Bibliothek der Länder- und Völkerkunde.
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+*Die Franklin-Expeditionen und ihr Ausgang.** Entdeckung der
+nordwestlichen Durchfahrt durch *_Mac Clure_*, sowie Auffindung der
+Ueberreste von Franklin’s Expedition durch Kapitän Sir *_M’Clintock_*, R.
+N. L.* – _Zweite_, durchgesehene und vermehrte Auflage. Mit 110
+Text-Abbildungen, 5 Tonbildern, mehreren Kartenumrissen, sowie einer Karte
+der nördlichen Polarländer etc. *Vollständig in 6 Heften.* In elegantem
+Prachtband 1-2/3 Thlr.
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+*Livingstone, der Missionär I.** Aeltere und neuere Erforschungsreisen im
+Innern Afrika’s.* In Schilderungen der bekanntesten älteren und neueren
+Reisen, insbesondere der großen Entdeckungen im südlichen Afrika während
+der Jahre 1840 bis 1856 durch Dr. *David Livingstone*. _Dritte_ Auflage.
+Mit 90 Text-Abbildungen und 4 Tondrucktafeln. *Vollständig in 6 Heften.*
+In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Livingstone, der Missionär II.** Neueste Erforschungsreisen im Süden
+Afrika’s und auf dem Eilande Madagascar.* In Schilderungen von *David
+Livingstone’s* neuesten Forschungen während der Jahre 1858–1864; der
+Universitäts-Mission und Livingstone’s letzter Expedition von 1866. Ferner
+der Reisen von *Albert Roscher* und *Karl Mauch*, der portugiesischen
+Expedition in das Land des Muata-Kazembe, sowie der Reisen auf der Insel
+Madagascar während des letzten Jahrzehnts. Mit 90 Text-Abbildungen, sechs
+Tondrucktafeln und einer Uebersichtskarte des südlichen und mittleren
+Afrika sammt Madagascar, unter Angabe der Reiserouten von David
+Livingstone, du Chaillu, Andersson, Burton-Speke, Speke-Grant, A. Roscher
+u. s. w. *Vollständig in 8 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+ Das Buch der Reisen und Entdeckungen.
+
+ _Afrika._
+
+*Die neuesten Entdeckungsreisen an der Westküste Afrika’s.* Mit besonderer
+Berücksichtigung der Reisen und Abenteuer, Handels- und Jagdzüge von *Paul
+Belloni du Chaillu* im _äquatorialen Afrika_, sowie von *Ladislaus Magyar*
+_in Benguela und Bihe_, von *C. Joh. Anderson* am _Okavango-Flusse_.
+Bearbeitet von H. *Wagner*. Mit über 100 Text-Abbildungen, fünf Tonbildern
+und zwei Karten etc. *Vollständig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband
+1-2/3 Thlr.
+
+*Eduard Vogel, der Afrika-Reisende.** Schilderung der Reisen und
+Entdeckungen des Dr. Eduard Vogel in Central-Afrika:* in der großen Wüste,
+in den Ländern des Sudan, am Tsad u. s. w. Nebst einem Lebensabriß des
+Reisenden. Nach den Originalquellen bearbeitet von *Hermann Wagner*.
+_Zweite_ durchgesehene Auflage. Mit 100 Text-Abbildungen, acht
+Tondrucktafeln und einer Karte von Vogel’s Reiseroute. *Vollständig in 6
+Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Abessinien, das Alpenland unter den Tropen** und seine Grenzländer.*
+Schilderungen von Land und Volk, vornehmlich unter König Theodoros
+(1855–1868). Nach den Berichten älterer und neuerer Reisender bearbeitet
+von Dr. *Richard Andree*. Mit 80 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern sowie
+einer neuen Karte von Abessinien. *Vollständig in 6 Heften.* In elegantem
+Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Die Erforschung des Nilquellen-Gebietes** und der angrenzenden Länder von
+Zanzibar bis Chartum.* Nach *Burton*, *Speke*, *Baker*, *Petherick*,
+*Heuglin*, *v. d. Decken* u. A. In 6–8 Heften. Mit 100 Text-Abbildungen,
+Tondrucktafeln, einer Karte etc. (_In Vorbereitung_.)
+
+ _Asien._
+
+*Die Nippon-Fahrer oder das wiedererschlossene Japan.* In Schilderungen
+der bekanntesten älteren und neueren Reisen, insbesondere der
+amerikanischen Expedition in den Jahren 1852 bis 1854 und der preußischen
+Expedition nach Ostasien in den Jahren 1860 und 1861. Ursprünglich
+bearbeitet von *Friedrich Steger* und *Hermann Wagner*. In neuer Auflage
+herausgegeben von Dr. *Richard Andree*. _Zweite_ gänzlich umgearbeitete,
+vermehrte Auflage. Mit etwa 150 Text-Abbildungen, sieben Tondrucktafeln,
+sowie einer Karte von Japan. *Vollständig in 10 Heften.* In elegantem
+Prachtband 2-1/3 Thlr.
+
+*Reisen in den Steppen und Hochgebirgen Sibiriens** und der angrenzenden
+Länder Central-Asiens.* Nach Aufzeichnungen von T. W. _Atkinson_ und
+Anderen. Bearbeitet von *A. v. Etzel* und *H. Wagner*. Mit 120
+Text-Abbildungen und fünf Tondrucktafeln. *Vollständig in 8 Heften.* In
+elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Das Amur-Gebiet und seine Bedeutung.** Reisen in Theilen der Mongolei, in
+den angrenzenden Gegenden Ost-Sibiriens, am Amur und seinen Nebenflüssen.*
+Nach den neuesten Berichten, vornehmlich nach Aufzeichnungen von *A.
+Michie*, *G. Radde*, *R. Maack* und Anderen. Herausgegeben von Dr.
+*Richard Andree*. Mit 80 Text-Illustrationen, vier Tonbildern, sowie einer
+Karte des asiatischen Rußlands und der angrenzenden Theile von
+Inner-Asien. *Vollständig in 6 Heften.* In eleg. Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Die ostasiatische Inselwelt I.** Land und Leute von
+Niederländisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.*
+Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet während seines
+Aufenthaltes in Holländisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S.
+Friedmann*. *Vollständig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Das Tropen-Eiland Java.* Mit 120 Text-Abbildungen, sechs Tonbildern und
+einer Karte von Java.
+
+*Die ostasiatische Inselwelt II.** Land und Leute von
+Niederländisch-Indien: den Sunda-Inseln, den Molukken sowie Neu-Guinea.*
+Reise-Erinnerungen und Schilderungen, aufgezeichnet während seines
+Aufenthaltes in Holländisch-Ostindien und herausgegeben von Dr. *S.
+Friedmann*. *Vollständig in 6 Heften.* In elegantem Prachtband 1-2/3 Thlr.
+
+*Sumatra, Borneo, Celebes, die Molukken und Neu-Guinea.* Mit 100
+Text-Illustrationen, sechs Tonbildern etc.
+
+ *Neueste Kinderschriften, illustrirt durch F. Flinzer u. A.*
+
+*Die Kinderstube I.** Was man seinen Kindern erzählt, wenn sie 2 bis 5
+Jahre alt sind.* Kleine Geschichtchen, Gedichtchen und Räthsel. Von *Ernst
+Lausch*, Lehrer an der Ersten Bürgerschule zu Wittenberg. – In zwei
+Abtheilungen, mit 54 Text-Abbildungen und drei Buntbildern. Geheftet 15
+Sgr. = 54 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr.
+= 1 Fl. 12 Kr. rhein.
+
+Die _erste_ Abtheilung enthält 50 Geschichtchen und Gedichtchen, die
+_zweite_ Abtheilung 50 Gedichtchen, Räthsel und Gebete zum
+Auswendiglernen.
+
+*Die Kinderstube II.** Hundert kleine Erzählungen, Gedichte und Verschen
+für Kinder von 4 bis 6 Jahren.* Der lieben Kinderwelt und deren Freunden
+gewidmet von *Fr. A. Glaß*. Neu bearbeitet und herausgegeben von *Ernst
+Lausch*. _Zweite_ umgearbeitete Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und drei
+Buntbildern. Geheftet 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem
+Umschlag gebunden 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein.
+
+*Die Kinderstube III.** Erstes A-B-C-, Lese- und Denkbuch für brave
+Kinder, die leicht und rasch lesen lernen wollen.* Ein Führer für Mütter
+und Erzieher beim ersten Unterricht durch Wort und Bild. Herausgegeben von
+*Ernst Lausch*. Mit 300 Text-Abbildungen und zwei Buntbildern. Geheftet 15
+Sgr. = 54 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem Umschlag gebunden 20 Sgr.
+= 1 Fl. 12 Kr. rhein.
+
+*Inhalt:* I. Die kleinen Buchstaben. II. Die großen Buchstaben und
+Ergänzung der kleinen. III. Lesebuch. IV. A-B-C-Bilder-Reime. V.
+Kinderspiele. VI. Rechenbuch. VII. Gebetbuch.
+
+Ein namhafter Pädagog spricht sich über die vorstehenden Bändchen in
+folgender Weise aus: „Wir können nicht anders als mit Freuden anerkennen,
+daß es dem Autor gelungen ist, den rechten Stoff und für denselben die
+rechte Form, d. h. die rechte Sprache für die Kinder-Erzählungen getroffen
+zu haben. Die Geschichtchen sind höchst einfach und natürlich in der
+Sprechweise der Kinder gegeben, ohne jedoch etwa einen kindischen oder gar
+läppischen Ton anzuschlagen. Man siehts diesen Büchelchen deutlich an, daß
+ein innig liebendes Vaterherz, geleitet von einem klaren pädagogischen
+Sinne, sie zunächst für sein Theuerstes auf Erden, für seine eigenen
+Kinder erfunden und erzählt hat. Sie sind den Kleinen aus der Seele
+gelesen und darum echte Mosaikstücke aus einem wahren und wirklichen
+Kindesleben. Mit vielem Glück hat der Verfasser in diesen Erzählungen
+alles Gekünstelte und Sentimentale, alles Ueberschwengliche und
+Unnatürliche _à la_ Struwelpeter, sowie besonders auch trocknes und
+langathmiges Moralisiren fern gehalten.“
+
+Noch sei bemerkt, daß diese Geschichtchen so einfach und kunstlos sind, um
+von jeder Mutter und Erzieherin jemalig nach dem Bedürfniß und der
+Anschauungsweise ihrer Pfleglinge leicht umgeändert oder auch als Themata
+zu verschiedenen Variationen benutzt werden zu können.
+
+Wo und wann ein Lehrer von _Müttern_ oder von _Erzieherinnen_ nach
+lobenswerthen und zweckdienlichen Erzählungen für kleine Kinder befragt
+wird, da kann derselbe mit gutem Gewissen die Geschichtchen von *Ernst
+Lausch* ihnen aufs Wärmste empfehlen.
+
+Gleiches Lob verdient das _neueste_ Bändchen desselben Verfassers unter
+dem Titel:
+
+ Die Schule der Artigkeit.
+
+*Goldenes A-B-C der guten Sitten** in Lehr- und Beispiel, Mahnung und
+Warnung.* Auserwählte Fabeln, Sprüche und Sprüchwörter _für die
+Kinderstube_. Herausgegeben von *Ernst Lausch*. Mit einem Titelbilde,
+sowie 60 Text-Abbildungen von F. Flinzer, O. Rostosky und Fr. Waibler.
+Elegant geheftet 22½ Sgr. = 1 Fl. 21 Kr. rhein. In prächtig ausgestattetem
+Umschlag gebunden 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.
+
+(Diesem Bändchen schließt sich im nächsten Jahre eine Sammlung der
+vorzüglichsten deutschen *„Märchen und Sagen“* an.)
+
+ Die kleinen Tierfreunde.
+
+*Fünfzig Unterhaltungen über die Thierwelt.* Ein lustiges Büchlein, für
+die liebe Jugend bearbeitet von Dr. *Karl Pilz*, Lehrer an der Dritten
+Bürgerschule zu Leipzig. _Zweite_, gänzlich umgearbeitete, vermehrte
+Auflage. Mit 60 Text-Abbildungen und einem Titelbilde. Geheftet 20 Sgr. =
+1 Fl. 12 Kr. rhein. Elegant cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.
+
+ *Kinderschriften von Hermann Wagner.*
+
+*Illustrirtes Spielbuch für Knaben.** 1001* unterhaltende und anregende
+Belustigungen, Spiele und Beschäftigungen für Körper und Geist, im Freien
+sowie im Zimmer. Herausgegeben von *Hermann Wagner*. _Zweite_ unveränderte
+Auflage. Ein Band von 400 Seiten in buntem Umschlag, mit mehr als 500 in
+den Text gedruckten Abbildungen, sowie einem Titelbilde. Elegant geheftet
+Preis 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rhein. In geschmackvollem
+Cartonnage-Einband 1½ Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rh.
+
+*Der gelehrte Spielkamerad** oder der kleine Naturforscher, Thierfreund
+und Sammler.* Anleitung für kleine Physiker, Chemiker, Botaniker und
+Naturfreunde zum Experimentiren, zur Anlage von Pflanzen-, Stein-,
+Muschel-, Insekten-, Schmetterling-, Vogel-, Briefmarkensammlungen etc.,
+sowie zur Pflege der Hausthiere und des Hausgartens. Ein Supplement zum
+„Spielbuch für Knaben“. Herausgegeben von *Hermann Wagner*. Mit über 200
+Text-Abbildungen, sechs Abtheilungs-Frontispicen sowie einem Titelbilde.
+Eleg. geheftet 1-1/3 Thlr. = 2 Fl. 24 Kr. rh. In geschmackvollem
+Cartonnage-Einband 1½ Thlr. = 2 Fl. 42 Kr. rhein.
+
+
+ _Bestens empfohlen.] __Für Knaben und Mädchen.__ [Zweite Auflage._
+
+*Entdeckungsreisen in Haus und Hof.* Mit seinen jungen Freunden
+unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 Abbildungen, Titel- und
+Tonbildern. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rhein. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. =
+1 Fl. 12 Kr. rhein.
+
+*Entdeckungsreisen in der Wohnstube.* Mit seinen jungen Freunden
+unternommen von *Hermann Wagner*. Mit über 100 Abbildungen, Titel- und
+Tonbildern etc. Eleg. geh. 15 Sgr. = 54 Kr. rh. Eleg. cartonnirt 20 Sgr. =
+1 Fl. 12 Kr. rh.
+
+*Entdeckungsreisen im Wald und auf der Heide.* Mit seinen jungen Freunden
+unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 130 in den Text gedruckten
+Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern und einer Extrabeilage
+von getrockneten Moosarten. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein. Eleg.
+cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.
+
+*Entdeckungsreisen in Feld und Flur.* Mit seinen jungen Freunden
+unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 110 in den Text gedruckten
+Abbildungen, zwei Buntdruck- und drei Tonbildern, einem Titelbilde etc.
+Eleg. geh. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr.
+rhein.
+
+
+*Entdeckungsreisen in der Heimat.** I. Im Süden.* Eine _Alpenreise_ mit
+seinen lieben jungen Freunden unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in
+den Text gedruckten Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geh. 20 Sgr. = 1
+Fl. 12 Kr. Eleg. cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.
+
+*Entdeckungsreisen in der Heimat.** II. Im Flachlande von
+Mitteldeutschland.* Streifereien mit seinen lieben jungen Freunden
+unternommen von *Hermann Wagner*. Mit 100 in den Text gedruckten
+Abbildungen, Tonbildern etc. Eleg. geheftet 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. Eleg.
+cartonnirt 25 Sgr. = 1 Fl. 30 Kr. rhein.
+
+
+*Im Grünen oder die kleinen Pflanzenfreunde.* Erzählungen aus dem
+Pflanzenreich von *Hermann Wagner*. _Dritte vermehrte Auflage._ Mit 80
+Abbildungen und kolor. Titelbilde. In prachtvollem Umschlage eleg. carton.
+25 Sgr.
+
+ _Verlag von Otto Spamer in Leipzig._
+
+
+
+
+
+ FUSSNOTEN
+
+
+ 1 Adara Bille, der Peiniger Krapf’s, ließ sich 1863 in eine
+ Verschwörung gegen den König Theodoros ein, die jedoch verrathen
+ wurde, infolge dessen jener das Leben verlor.
+
+ 2 Die beigefügte Abbildung stellt einen pflügenden Mensa dar.
+ Zugochsen und Pflug, ebenso das Joch des Ochsen, sind ganz genau so
+ wie im eigentlichen Abessinien gestaltet.
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Fußnoten wurden an das Ende des Textes gesetzt.
+
+Die Werbeseiten wurden am Ende des Textes zusammengefaßt.
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In der elektronischen Fassung
+sind Antiqua (bis auf römische Zahlen und den Titel „Dr.“) und Sperrung
+durch Unterstriche markiert, Fettdruck durch Sternchen.
+
+„etc.“ ist im Original mit der Tironischen Note für _et_ geschrieben.
+
+Korrektur offensichtlicher Druckfehler:
+
+ Seite 1: „Lefebvre“ in „Lefêbvre“ geändert
+ Seite 16: „Sanglu“ in „Saglu“ geändert
+ Seite 19: „Indiko,pleustes“ in „Indikopleustes“ geändert, „kopirte-“
+ in „kopirte,“
+ Seite 26: „würtembergischen“ in „württembergischen“ geändert
+ Seite 51: „Allgemeine-n“ in „Allgemeinen“ geändert
+ Seite 57: „Mohamedaner“ in „Muhamedaner“ geändert
+ Seite 67: „lezteren“ in „letzteren“ geändert
+ Seite 95: zweites Anführungszeichen hinter „vergeblich“ ergänzt
+ Seite 136: „Metemme“ in „Metemmé“ geändert
+ Seite 144: „brereitete“ in „bereitete“ geändert
+ Seite 146: „Waizen“ in „Weizen“ geändert
+ Seite 153: „Einwoher“ in „Einwohner“ geändert
+ Seite 172: „Rüppel“ in „Rüppell“ geändert
+ Seite 175: „Raum“ in „Rauch“ geändert
+ Seite 185: „Reb,“ in „Reb“ geändert
+ Seite 199: „Woito“ in „Waito“ geändert
+ Seite 203: „Lalmalmon“ in „Lamalmon“ geändert
+ Seite 218: „Schutzherrrn“ in „Schutzherrn“ geändert
+ Seite 221: „Regeu“ in „Regen“ geändert
+ Seite 230: „Assasee“ in „Assalsee“ geändert
+ Seite 236: „Meeresspiel“ in „Meeresspiegel“ geändert
+ Seite 237: „vernachläßigt“ in „vernachlässigt“
+ Seite 246: „Banketsales“ in „Banketsaales“ geändert
+ Seite 250: „Agollala’s“ in „Angollala’s“ geändert
+ Seite 253: „Garagué“ in „Guragué“ geändert
+ Seite 253: überflüssiges Anführungszeichen vor „Satan“ entfernt
+ Seite 287: „Ungust“ in „Ungunst“ geändert
+
+Nicht vereinheitlicht wurden (außer in Fällen einzelner, als Druckfehler
+anzusehender Abweichungen) verschiedene Schreibvarianten wie „Augenbrauen“
+und „Augenbraunen“, „Bajonnet“ und „Bajonett“, „danieder“ und „darnieder“,
+„erwidern“ und „erwiedern“, „Galla“ und „Gala“, „Kusso“ und „Kosso“,
+„male“ und „Male“, „Tanasee“ und „Tana-See“, „Victoria“ und „Viktoria“,
+„Wag“ und „Waag“, „wol“ und „wohl“ oder unterschiedliche Verwendung von
+Akzenten. Das Original verwendet durchgehend die Schreibungen „Schmuz“,
+„schmuzig“, „jenseit“.
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK ABESSINIEN, DAS ALPENLAND UNTER DEN TROPEN UND SEINE GRENZLÄNDER***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+January 7, 2010
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Mark C. Orton, Markus Brenner, Stefan Cramme and
+ the Online Distributed Proofreading Team at
+ http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 30883‐0.txt or 30883‐0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/8/8/30883/
+
+
+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project
+Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+— you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+_Please read this before you distribute or use this work._
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+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™
+License (available with this file or online at
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+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works
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+
+ 1.A.
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+
+ 1.B.
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+„Project Gutenberg“ is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying
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+a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation („the Foundation“ or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the
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+work is in the public domain in the United States and you are located in
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+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
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+copyright holder found at the beginning of this work.
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+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg™.
+
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+ 1.E.5.
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+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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+ receipt of the work.
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+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg™ works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
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+ 1.F.
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+ 1.F.1.
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+ Section 3.
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+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
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