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+The Project Gutenberg EBook of Aus meinem Leben by Paul von Hindenburg
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Aus meinem Leben
+
+Author: Paul von Hindenburg
+
+Release Date: December 17, 2009 [Ebook #30695]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO 8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN***
+
+
+
+
+
+ Generalfeldmarschall
+ von Hindenburg
+
+ Aus meinem Leben
+
+
+
+
+
+ 1920
+
+ Verlag von S. Hirzel in Leipzig
+
+
+
+
+
+ Copyright by S. Hirzel in Leipzig 1920
+
+
+
+
+Die Firma Albert Bonnier in Stockholm besitzt das alleinige
+Übersetzungsrecht für folgende Sprachen: Dänisch-norwegisch, Englisch (für
+England mit Kolonien und Amerika), Finnisch, Französisch, Holländisch,
+Japanisch, Italienisch, Schwedisch und Spanisch
+
+
+
+
+
+ ZUR EINFÜHRUNG
+
+
+Die folgenden Erinnerungen verdanken ihre Entstehung nicht einer Neigung
+zum Schreiben, sondern vielfachen Bitten und Anregungen, die von außen an
+mich herantraten.
+
+Nicht ein Geschichtswerk wollte ich verfassen sondern die Eindrücke
+wiedergeben, unter denen mein Leben sich vollzog, und die Richtlinien klar
+legen, nach denen ich glaubte, denken und handeln zu müssen. Fern lag es
+mir, eine Rechtfertigungs- oder Streitschrift zu verfassen, am fernsten
+aber war mir der Gedanke an Selbstverherrlichung. Als Mensch habe ich
+gedacht, gehandelt und geirrt. Maßgebend in meinem Leben und Tun war für
+mich nicht der Beifall der Welt sondern die eigene Überzeugung, die
+Pflicht und das Gewissen.
+
+Inmitten der schwersten Zeit unseres Vaterlandes niedergeschrieben,
+entstanden die folgenden Erinnerungsblätter doch nicht unter dem bitteren
+Drucke der Hoffnungslosigkeit. Mein Blick ist und bleibt unerschütterlich
+vorwärts und aufwärts gerichtet.
+
+Ich widme das Buch dankbar allen Denen, die mit mir im Feld und in der
+Heimat für des Reiches Größe und Dasein kämpften.
+
+Im September 1919.
+
+
+
+
+
+ INHALTSVERZEICHNIS
+
+
+
+ Zur Einführung V
+
+ Erster Teil. Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914 3-67
+ Meine Jugend 3-15
+ Hindenburg-Beneckendorff 3-5. Eltern und früheste Jugend
+ 6-8. Im Kadettenkorps 9-15.
+ Im Kampf um Preußens und Deutschlands Größe 16-47
+ Im 3. Garderegiment zu Fuß 16-17. 1866. Ins Feld 18. Bei
+ Soor 19. Königgrätz 20-25. Nach Königgrätz 26. In die
+ Heimat zurück 26-27. In Hannover 28-29. 1870. Wieder ins
+ Feld 30. Bei St. Privat 31-35. Nach der Schlacht bei St.
+ Privat 36. In die Schlacht bei Sedan 37-38. Sedan 39. Vor
+ Paris 40-41. Kaiserproklamation 41-42. In Paris 42-44. Die
+ Kommune 45-46. Der zweite Einzug in Berlin 47.
+ Friedensarbeit 48-63
+ Kriegsakademie 48. Generalstab 49-50. Bei Generalkommando
+ und Division 50-52. Kompagniechef 52-53. Im Großen
+ Generalstab 53-56. Lehrer an der Kriegsakademie 57. Im
+ Kriegsministerium 58. Regimentskommandeur 58-59. Korpschef
+ 59-60. Divisionskommandeur 60. Kommandierender General
+ 61-62. Abschied 63.
+ Übergang in den Ruhestand 64-67
+ Deutsches Heer und Volk 64-66. Ausblick 66-67.
+
+ Zweiter Teil. Kriegführung im Osten 69-144
+ Der Kampf um Ostpreußen 71-99
+ Kriegsausbruch und Berufung 71-74
+ Deutsche Politik und Dreibund 71-73. Mobilmachung 74.
+ Zur Front 75-79
+ Armeeführer. General Ludendorff 75. Lage im Osten 76.
+ Verhältnis zu General Ludendorff 77-79.
+ Tannenberg 79-91
+ Im Armee-Hauptquartier 79. Russische Absichten 80.
+ Entwickelung des Schlachtenplans 81. Gefahr von Seite
+ Rennenkampfs 82. Stärkeverhältnisse 83. Die Marienburg 84.
+ Tannenberg 85. Entwickelung der Schlacht 86-87.
+ Entscheidungskampf 88-89. Ergebnis 90-91.
+ Die Schlacht an den masurischen Seen 91-99
+ Neue Aufgaben 91-93. Rennenkampf 93-94. Zum Angriff vor 95.
+ Verlauf der Schlacht 96-99.
+ Der Feldzug in Polen 100-116
+ Abschied von der 8. Armee 100-104
+ Zusammenwirken mit der österreichisch-ungarischen
+ Heeresleitung 100-102. Nach Schlesien 102-104.
+ Der Vormarsch 104-108
+ Operative Lage 104-105. Polnische Zustände 106. Kämpfe
+ bei Iwangorod und Warschau 106-107. Russische
+ Gegenoperation 108.
+ Der Rückzug 109-112
+ Neue Pläne 109. Weiterer Widerstand in Polen 110. Rückzug
+ an die schlesische Grenze 111-112. Oberbefehlshaber im
+ Osten 112.
+ Unser Gegenangriff 112-116
+ Wechselspiel der Operationen 112-115. Ende der Kämpfe in
+ Polen 116.
+ 1915 117-134
+ Frage der Kriegsentscheidung 117-122
+ Kämpfe und Operationen im Osten 122-130
+ Ansichten der österreichisch-ungarischen Heeresleitung
+ 123. Winterschlacht in Masuren 124-125. Russische
+ Gegenangriffe 125. Unsere allgemeine Offensive im Osten.
+ Rolle des Oberkommandos Ost 126-127. Eigene Pläne.
+ Nowo Georgiewsk. Wilna 128-130.
+ Lötzen 130-133
+ Kowno 133-134
+ Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August 135-144
+ Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront 135-140
+ Der Winter 1915/16 135-136. Schlacht am Naroczsee 137-140.
+ Der Russenangriff gegen die österreichisch-ungarische
+ Ostfront 140-144
+ Verdun und Italien 140-141. Wolhynien und Bukowina
+ 142-143. Erweiterung des Befehlsbereichs 143-144.
+
+ Dritter Teil. Von der Übertragung der Obersten Heeresleitung
+ bis zur Zertrümmerung Rußlands 145-294
+ Berufung zur Obersten Heeresleitung 147-167
+ Chef des Generalstabes des Feldheeres 147-148
+ Kriegslage Ende August 1916 148-150
+ Politische Lage 150-154
+ Die deutsche Oberste Kriegsleitung 154-161
+ Die österreichisch-ungarische Wehrmacht 156-158. Das
+ bulgarische und türkische Heer 158-159. Unsere Leistungen
+ im Kriege 160-161.
+ Pleß 161-167
+ König Ferdinand von Bulgarien 162. Kaiser Franz Joseph
+ 163. Generaloberst Conrad von Hötzendorf 163-164. Enver
+ Pascha 164-165. General Jekoff 165. Talaat Pascha
+ 166-167. Radoslawow 167.
+ Leben im Großen Hauptquartier 168-175
+ Regelmäßiger Tagesverlauf 168-172. Besucher 173-175.
+ Kriegsereignisse bis Ende 1916 176-198
+ Der rumänische Feldzug 176-187
+ Unsere politische und militärische Lage zu Rumänien
+ 176-177. Bulgarischer Angriff in Mazedonien 178.
+ Rumänische Kriegserklärung 179. Bisheriger Feldzugsplan
+ 179-181. Niederwerfung Rumäniens 182-187.
+ Kämpfe an der mazedonischen Front 187-189
+ Auf den asiatischen Kriegsschauplätzen 189-192
+ Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916 192-198
+ Unterstützung Rumäniens durch Rußland 192-194. Fortdauer
+ der Kämpfe vor Verdun 194-195. Zum erstenmal an der
+ Westfront 196-198.
+ Meine Stellung zu politischen Fragen 199-218
+ Äußere Politik 199-210
+ Politik und Kriegführung 200-201. Polnische Frage
+ 201-203. Polnische Freiwilligentruppen 203-204. Irrige
+ Hoffnungen 204. Dobrudscha-Frage 205-206. Politische
+ Erregung in Bulgarien 206-207. Türkische Politik 207-210.
+ Die Friedensfrage 210-215
+ Innere Politik 215-218
+ "Hindenburg-Programm" 216. Vaterländischer Hilfsdienst
+ 216-218.
+ Vorbereitungen für das kommende Feldzugsjahr 219-237
+ Unsere Aufgaben 219-227
+ Allgemeine Lage Winter 1916-17. Aufgezwungene
+ Verteidigung 219-222. "Siegfriedstellung" 223. Ablehnung
+ von Angriffsplänen in Italien und Mazedonien 224-227.
+ Aufgabe der Türkei für 1917 227.
+ Der Unterseebootkrieg 228-234
+ Blockade und Menschlichkeit 228-229. Amerikanische
+ Munition 229. Hoffnungen verbunden mit dem
+ Unterseebootkrieg 230-232. Erwägungen und Entscheidung
+ 232-233. Der höchste Einsatz 234.
+ Kreuznach 235-237
+ Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917 238-251
+ Im Westen 238-244
+ Vorbereitung für die Abwehrschlachten 238-240.
+ Frühjahrsschlacht bei Arras 240-242. Doppelschlacht
+ Aisne-Champagne 242-244.
+ Im nahen und fernen Orient 244-246
+ An der Ostfront 246-251
+ Russische Revolution 246-247. Eigene Zurückhaltung
+ 247-248. Weiterentwickelung des russischen Umsturzes
+ 248-249. Letzte russische Anstürme 250-251.
+ Unser Gegenstoß im Osten 252-258
+ Das Wagnis des Gegenstoßes 252-254. Tarnopol 254-255.
+ Riga und Ösel 256-258.
+ Angriff auf Italien 259-263
+ Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917 264-293
+ Im Westen 264-268
+ Ausgang der flandrischen Schlacht 264-265. Cambrai
+ 265-267. Erfahrungen 267-268. Angriffe der Franzosen 268.
+ Auf dem Balkan 268
+ In Asien 269-276
+ Englische Operationen in Asien 269-272. Pläne zur
+ Wiedereroberung Bagdads 272-273. Verhältnisse im
+ türkischen Heere 274. Unsere Unterstützungen 275-276.
+ Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern
+ Ende 1917 277-293
+ Der türkische Staat 277-279. Bulgarien 280-283.
+ Österreich-Ungarn 283-284. Die deutsche Heimat 284-288.
+ Frankreich 288-289. England 290. Italien 290-291.
+ Vereinigte Staaten von Nordamerika 291.
+ Kriegsverlängerung 291-293.
+
+ Vierter Teil. Entscheidungskampf im Westen 295-354
+ Die Frage der Westoffensive 297-314
+ Absichten und Aussichten für 1918 297-312
+ Aussichten und Vertrauen 297-301. Angriffsabsichten 301.
+ Lage und Entschluß 301-303. Truppenschulung 304.
+ Vereinigung der Kräfte im Westen 305. Schwierigkeiten im
+ Osten 306-307. Finnische Expedition 308.
+ Österreichisch-ungarische Unterstützung 308-309. Truppen
+ aus Bulgarien und der Türkei 310. Defensive 1918? 311-312.
+ Spa und Avesnes 312-314
+ Unsere drei Angriffsschlachten 315-338
+ Die "Große Schlacht" in Frankreich 315-321
+ Die Schlacht an der Lys 321-326
+ Die Schlacht bei Soissons und Reims 327-333
+ Die Schlacht 328-331. Die Menschlichkeit auf dem
+ Schlachtfelde 332-333.
+ Rückblick und Ausblick Ende Juni 1918 333-338
+ Im Angriff gescheitert 339-354
+ Der Plan zur Schlacht bei Reims 339-343
+ Die Schlacht bei Reims 343-354
+ Unser Angriff 343-346. Ergebnis 347. Des Feindes
+ Gegenstoß 348-351. Entschluß zur Räumung des Marnebogens
+ 351. Haltung unserer Truppen 352. Bedeutung des
+ Schlachtausgangs 353-354.
+
+ Fünfter Teil. Über unsere Kraft 355-402
+ In die Verteidigung geworfen 357-366
+ Der 8. August 357-361
+ Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kämpfe
+ im Westen bis Ende September 362-366
+ Der Kampf unserer Bundesgenossen 367-389
+ Bulgariens Zusammenbruch 367-377
+ Der Sturz der türkischen Macht in Asien 377-383
+ Militärisches und Politisches aus Österreich-Ungarn 383-389
+ Unterstützung unserer Westfront 384. Kämpfe in Albanien
+ 385. Erstreben des Kriegsendes 386. Graf Czernin 386-388.
+ Graf Burian 388. Letzte österreichische Friedensversuche
+ 389.
+ Dem Ende entgegen 390-402
+ Vom 29. September zum 26. Oktober 390-397
+ Verhältnisse an der Kampffront 390-391. Unser schwerster
+ Entschluß 392-393. Unser Waffenstillstands- und
+ Friedensangebot 394-395. Fortschreitender Zerfall der
+ Heimat 396-397.
+ Vom 26. Oktober zum 9. November 397-402
+ Das Ende des Widerstandes unserer Bundesgenossen 398-399.
+ Die höchste Spannung und das Zerreißen 400-402.
+ Mein Abschied 403-406
+
+ Personenverzeichnis 407-409
+
+
+
+
+
+
+ ERSTER TEIL
+
+
+ AUS KRIEGS- UND FRIEDENSJAHREN BIS 1914
+
+
+
+
+ Meine Jugend
+
+
+An einem Frühlingsabend des Jahres 1859 sagte ich als 11jähriger Knabe am
+Gittertor des Kadettenhauses zu Wahlstatt in Schlesien meinem Vater
+Lebewohl. Der Abschied galt nicht nur dem geliebten Vater sondern
+gleichzeitig meinem ganzen bisherigen Leben. Aus diesem Gefühl heraus
+stahlen sich Tränen aus meinen Augen. Ich sah sie auf meinen "Waffenrock"
+fallen. "In diesem Kleid darf man nicht schwach sein und weinen" fuhr es
+mir durch den Kopf; ich riß mich empor aus meinem kindlichen Schmerz und
+mischte mich nicht ohne Bangen unter meine nunmehrigen Kameraden.
+
+Soldat zu werden war für mich kein Entschluß, es war eine
+Selbstverständlichkeit. Solange ich mir im jugendlichen Spiel oder Denken
+einen Beruf wählte, war es stets der militärische gewesen. Der
+Waffendienst für König und Vaterland war in unserer Familie eine alte
+Überlieferung.
+
+Unser Geschlecht, die "Beneckendorffs", entstammt der Altmark, wo es
+urkundlich im Jahre 1280 zum erstenmal auftritt. Von hier fand es, dem
+Zuge der Zeit folgend, über die Neumark seinen Weg nach Preußen herauf.
+Dort waren schon manche Träger meines Namens in den Reihen der
+Deutschritter als Ordensbrüder oder "Kriegsgäste" gegen die Heiden und
+Polen zu Felde gezogen. Später gestalteten sich unsere Beziehungen mit dem
+Osten durch Gewinn von Grundbesitz noch inniger, während diejenigen mit
+der Mark immer lockerer wurden und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts
+ganz aufhörten.
+
+Der Name "Hindenburg" trat erst 1789 zu dem unsrigen. Wir waren mit diesem
+Geschlecht in der neumärkischen Zeit durch Heiraten in Verbindung
+getreten. Auch die Großmutter meines im Regiment "von Tettenborn"
+dienenden und in Ostpreußen bei Heiligenbeil ansässigen Urgroßvaters war
+eine Hindenburg. Deren unverheirateter Bruder, welcher zuletzt als Oberst
+unter Friedrich dem Großen gekämpft hatte, vermachte seine beiden, in dem
+schon mit der ostpreußischen Erbschaft zu Brandenburg gekommenen, später
+aber Westpreußen zugeteilten Kreise Rosenberg gelegenen Güter Neudeck und
+Limbsee seinem Großneffen unter der Bedingung der Vereinigung beider
+Namen. Diese wurde von König Friedrich Wilhelm II. genehmigt, und seitdem
+wird bei Abkürzung des Doppelnamens die Benennung "Hindenburg" angewendet.
+
+Die Güter bei Heiligenbeil wurden infolge dieser Erbschaft verkauft. Auch
+Limbsee mußte, der Not gehorchend, nach den Befreiungskriegen veräußert
+werden. Aber Neudeck ist heute noch im Besitz unserer Familie; es gehört
+der Witwe meines nächstältesten Bruders, der nicht ganz zwei Jahr jünger
+als ich war, so daß unsere Lebenswege in treuer Liebe nahe nebeneinander
+herliefen. Auch er wurde Kadett und durfte seinem Könige lange Jahre als
+Offizier in Krieg und Frieden dienen.
+
+In Neudeck lebten zu meiner Kinderzeit meine Großeltern. Jetzt ruhen sie,
+wie auch meine Eltern und viele Andere meines Namens, auf dem dortigen
+Friedhof. Fast alljährlich kehrten wir bei den Großeltern, anfänglich noch
+unter beschwerlichen Postreisen, als Sommerbesuch ein. Tiefen Eindruck
+machte es mir dann, wenn mein Großvater, der bis 1801 im Regiment "von
+Langenn" gedient hatte, davon erzählte, wie er im Winter 1806/7 bei
+Napoleon I. im nahen Schloß Finckenstein als Landschaftsrat um Erlaß von
+Kontributionen bitten mußte, dabei aber kalt abgewiesen wurde. Auch von
+Durchmärschen und Einquartierung der Franzosen in Neudeck hörte ich. Und
+mein Onkel von der Groeben, der an der Passarge ansässig war, wußte von
+den Kämpfen an diesem Abschnitt im Jahre 1807 zu berichten. Die Russen
+drangen damals über die Brücke, wurden aber wieder zurückgeworfen. Ein
+französischer Offizier, der mit seinen Mannschaften das Gutshaus
+verteidigte, wurde in einem Giebelzimmer durch das Fenster erschossen. Es
+fehlte nicht viel, dann hätten die Russen 1914 wieder diese Brücke
+betreten.
+
+Nach dem Tode meiner Großeltern zogen meine Eltern 1863 nach Neudeck. Wir
+fanden also von da ab dort, in den uns so vertrauten Räumen, das
+Elternhaus. Wo ich einst in jungen Jahren so gern geweilt hatte, da habe
+ich mich später oft mit Frau und Kindern von des Lebens Arbeit ausgeruht.
+
+So ist denn Neudeck für mich die Heimat, der feste Mittelpunkt auch meiner
+engeren Familie geworden, dem unser ganzes Herz gehört. Wohin mich auch
+innerhalb des deutschen Vaterlandes mein Beruf führte, ich fühlte mich
+stets als Altpreuße.
+
+Als Soldatenkind wurde ich 1847 in Posen geboren. Mein Vater war zu der
+Zeit Leutnant im 18. Infanterie-Regiment. Meine Mutter war die Tochter des
+damals auch in Posen lebenden Generalarztes Schwickart.
+
+Das einfache, um nicht zu sagen harte Leben eines preußischen
+Landedelmannes oder Offiziers in bescheidenen Verhältnissen, das in der
+Arbeit und Pflichterfüllung seinen wesentlichsten Inhalt fand, gab
+naturgemäß unserm ganzen Geschlecht sein Gepräge. Auch mein Vater ging
+daher völlig in seinem Berufe auf. Aber er fand hierbei immer noch Zeit,
+sich Hand in Hand mit meiner Mutter der Erziehung seiner Kinder - ich
+hatte noch zwei jüngere Brüder und eine Schwester - zu widmen. Das
+sittlich tief angelegte, aber auch auf das praktische Leben gerichtete
+Wesen meiner teuren Eltern zeigte auch nach außen hin eine vollendete
+Harmonie. In gegenseitiger Ergänzung der Charaktere stand neben der
+ernsten, vielfach zu Sorgen geneigten Lebensauffassung meiner Mutter die
+ruhigere Anschauungsart meines Vaters. Beide vereinten sich in warmer
+Liebe zu uns, und so wirkten sie denn auf diese Weise in voller
+Übereinstimmung auf die geistige und sittliche Heranbildung ihrer Kinder
+ein. Es ist daher schwer zu sagen, wem ich dabei mehr zu danken habe,
+welche Richtung mehr vom Vater und welche mehr von der Mutter gefördert
+wurde. Beide Eltern bestrebten sich, uns einen gesunden Körper und einen
+kräftigen Willen zur Tat für die Erfüllung der Pflichten auf den Lebensweg
+mitzugeben. Sie bemühten sich aber auch, uns durch Anregung und
+Entwickelung der zarteren Seiten des menschlichen Empfindens das Beste zu
+bieten, was Eltern geben können: den vertrauensvollen Glauben an Gott den
+Herrn und eine grenzenlose Liebe zum Vaterlande und zu dem, was sie als
+die stärkste Stütze dieses Vaterlandes anerkannten, nämlich zu unserm
+preußischen Königstum. Der Vater führte uns zugleich von früher Jugend an
+in die Wirklichkeit des Lebens hinaus. Er weckte in uns im Garten und auf
+Spaziergängen die Liebe zur Natur, zeigte uns das Land und lehrte uns die
+Menschen in ihrem Dasein und in ihrer Arbeit erkennen und schätzen. Unter
+"uns" verstehe ich hierbei außer mir meinen nächstältesten Bruder. Die
+Erziehung meiner nach diesem folgenden Schwester lag selbstredend mehr in
+Händen der Mutter, und mein jüngster Bruder trat erst ins Leben, kurz
+bevor ich Kadett wurde.
+
+Das Los des Soldaten, zu wandern, führte meine Eltern von Posen nach Köln,
+Graudenz, Pinne in der Provinz Posen, Glogau und Kottbus. Dann nahm mein
+Vater den Abschied und zog nach Neudeck.
+
+Von Posen habe ich aus damaliger Zeit nur wenig Erinnerung. Mein Großvater
+mütterlicherseits starb bald nach meiner Geburt. Er hatte sich 1813 in der
+Schlacht bei Kulm als Militärarzt das Eiserne Kreuz am Kombattantenbande
+erworben, weil er ein führerlos und wankend gewordenes Landwehrbataillon
+wieder geordnet und vorgeführt hatte. Meine Großmutter mußte uns in
+späteren Jahren noch viel von der "Franzosenzeit", die sie in Posen als
+junges Mädchen durchlebt hatte, erzählen. Genau entsinne ich mich eines
+hochbetagten Gärtners meiner Großeltern, der noch 14 Tage unter Friedrich
+dem Großen gedient hatte. So fiel gewissermaßen auf mich als Kind noch ein
+letzter Sonnenstrahl ruhmvoller friderizianischer Vergangenheit.
+
+Im Jahre 1848 hatte der polnische Aufstand auch auf die Provinz Posen
+übergegriffen. Mein Vater war mit seinem Regiment zur Bekämpfung dieser
+Bewegung ausgerückt. Die Polen bemächtigten sich nun vorübergehend der
+Herrschaft in der Stadt. Zur Feier des Einzugs ihres Führers Miroslawski
+sollten alle Häuser illuminiert werden. Meine Mutter war außerstande, sich
+diesem Zwange zu entziehen. Sie zog sich in ein Hinterzimmer zurück und
+tröstete sich, an meiner Wiege sitzend, mit dem Gedanken, daß gerade auf
+diesen Tag, den 22. März, der Geburtstag des "Prinzen von Preußen" fiel,
+so daß die Lichter an den Fenstern der Vorderzimmer in ihrem Herzen diesem
+galten. 23 Jahre später war das damalige Wiegenkind im Spiegelsaale zu
+Versailles Zeuge der Kaisererklärung Wilhelms I., des einstigen Prinzen
+von Preußen.
+
+Unser Aufenthalt in Köln und Graudenz war nur von kurzer Dauer. Aus der
+Kölner Zeit schwebt mir das Bild des mächtigen, jedoch noch unvollendeten
+Domes vor.
+
+In Pinne führte mein Vater nach damaligem Brauch vier Jahre hindurch als
+überzähliger Hauptmann eine Landwehrkompagnie. Er war dienstlich nicht
+sehr beansprucht, so daß er sich gerade in der Zeit, in welcher sich mein
+jugendlicher Geist zu regen begann, uns Kindern besonders widmen konnte.
+Er unterrichtete mich bald in Geographie und Französisch, während mir der
+Schullehrer Kobelt, dem ich noch heute eine dankbare Erinnerung bewahre,
+Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Aus dieser Zeit stammt meine
+Vorliebe für Geographie, welche mein Vater durch sehr anschauliche und
+anregende Lehrart zu wecken verstand. Den ersten Religionsunterricht
+erteilte mir in zum Herzen redender Weise meine Mutter.
+
+Immer mehr entwickelte sich in diesen Jahren und aus dieser Art der
+Erziehung ein Verhältnis zu meinen Eltern, das zwar ganz auf den Boden
+unbedingter Autorität gestellt war, das aber zugleich auch bei uns Kindern
+weit mehr das Gefühl grenzenlosen Vertrauens als blinder Unterwerfung
+unter eine zu strenge Herrschaft wachrief.
+
+Pinne ist ein kleines Städtchen mit angrenzendem Rittergut. Letzteres
+gehörte einer Frau von Rappard, in deren Hause wir viel verkehrten. Sie
+war kinderlos aber sehr kinderlieb. In der Nähe saß ihr Bruder, Herr von
+Massenbach, auf dem Rittergut Bialokosz. In dessen großer Kinderschar fand
+ich mehrere liebe Spielgefährten. Die Erinnerung an Pinne hat sich bei mir
+stets sehr rege erhalten. Ich besuchte im Spätherbst 1914 den Ort von
+Posen aus und betrat mit Rührung das kleine bescheidene Häuschen im
+Dorfteile, in welchem wir einst ein so glückliches Familienleben geführt
+hatten. Der jetzige Besitzer des Gutes ist der Sohn eines meiner einstigen
+Spielgefährten. Der Vater ist schon zur ewigen Ruhe gegangen.
+
+In die Glogauer Zeit fällt mein Eintritt in das Kadettenkorps. Ich hatte
+dort vorher je zwei Jahre die Bürgerschule und das evangelische Gymnasium
+besucht. Wie ich höre, hat man mir in Glogau dadurch ein freundliches
+Andenken bewahrt, daß eine an unserm damaligen Wohnhaus angebrachte Tafel
+an meinen dortigen Aufenthalt erinnert. Ich habe die Stadt zu meiner
+Freude wiedergesehen, als ich Kompagniechef im benachbarten Fraustadt war.
+
+Rückblickend auf die bisher geschilderte Zeit darf ich wohl sagen, daß
+meine erste Erziehung auf die gesündeste Grundlage gestellt war. Ich
+fühlte daher beim Abschied aus dem Elternhause, daß ich unendlich viel
+zurückließ, aber ich empfand doch auch, daß mir unendlich viel auf den
+weiteren Lebensweg mitgegeben war. Und so ist es mein ganzes Leben
+hindurch geblieben. Lange durfte ich mich der sorglichen, nimmermüden
+Elternliebe, die sich später auch auf meine Familie ausdehnte, erfreuen.
+Meine Mutter verlor ich, als ich schon Regimentskommandeur war; mein Vater
+ging von uns, kurz bevor ich an die Spitze des IV. Armeekorps berufen
+wurde.
+
+Das Leben in dem preußischen Kadettenkorps war damals, man kann wohl
+sagen, bewußt und gewollt rauh. Die Erziehung war neben der Schulbildung
+auf eine gesunde Entwicklung des Körpers und des Willens gestellt.
+Tatkraft und Verantwortungsfreudigkeit wurden ebenso hoch bewertet als
+Wissen. In dieser Art der Erziehung lag keine Einseitigkeit sondern eine
+gewisse Stärke. Die einzelne Persönlichkeit sollte und konnte sich auch in
+ihren gesunden Besonderheiten frei entwickeln. Es war etwas von dem
+Yorkschen Geiste in jener Erziehung, ein Geist, der so oft von
+oberflächlichen Beurteilern falsch aufgefaßt worden ist. Gewiß war York
+gegen sich wie gegen andere ein harter Soldat und Erzieher, aber er war es
+auch, der für jeden seiner Untergebenen das Recht und die Pflicht des
+freien selbständigen Handelns forderte, wie er selbst diese
+Selbständigkeit gegen jedermann zum Ausdruck brachte. Der Yorksche Geist
+ist daher nicht nur in seiner militärischen Straffheit sondern auch in
+seiner Freiheit einer der kostbarsten Züge unseres Heeres gewesen.
+
+Für die humanistische Bildung anderer Schulen, soweit sie sich
+vorherrschend mit den alten Sprachen beschäftigt, habe ich nur wenig
+Verständnis. Der praktische Nutzen für das Leben bleibt mir unklar. Als
+Mittel zum Zweck betrachtet, nehmen meiner Meinung nach die toten Sprachen
+im Lehrplan viel zu viel Zeit und Kraft in Anspruch, und als Sonderstudium
+gehören sie in spätere Lebensjahre. Ich wünschte, auf die Gefahr hin, für
+einen Böotier gehalten zu werden, daß in solchen Schulen auf Kosten von
+Latein und Griechisch die lebenden Sprachen, neuere Geschichte, Deutsch,
+Geographie und Turnen mehr in den Vordergrund gestellt würden. Muß denn
+das, was im dunklen Mittelalter das einzige war, an welches sich die
+Bildung anklammern konnte, wirklich auch noch in heutigen Tagen in erster
+Linie stehen? Haben wir uns nicht seitdem in harten Kämpfen und schwerer
+Arbeit eine eigene Geschichte, eine eigene Literatur und Kunst geschaffen?
+Bedürfen wir nicht, um im Weltverkehr unsere Stellung richtig einnehmen zu
+können, weit mehr der lebenden als der toten Sprachen?
+
+Aus dem eben Gesagten soll keine Mißachtung des Altertums an sich
+herausklingen. Dessen Geschichte hat im Gegenteil von früher Jugend an auf
+mich eine große Anziehungskraft ausgeübt. Vornehmlich war es die der
+Römer, welche mich fesselte. Sie hatte für mich etwas Gewaltiges, fast
+Dämonisches, ein Eindruck, der mir in spätern Lebensjahren bei dem Besuche
+Roms besonders lebhaft vor Augen trat und sich unter anderm darin äußerte,
+daß mich dort die Denkmäler der alten ewigen Stadt mehr anzogen als die
+Schöpfungen italienischer Renaissance.
+
+Roms kluges Erkennen der Vorzüge und Mängel völkischer Eigentümlichkeiten,
+seine rücksichtslose Selbstsucht, die im eigenen Interesse kein Mittel
+Freund und Feind gegenüber verschmähte, seine geschickt aufgemachte
+tugendhafte Entrüstung, wenn die Feinde einmal mit gleichem vergalten,
+sein Ausspielen aller Leidenschaften und Schwächen innerhalb der
+feindlichen Völker, wie es in so kluger Weise ganz besonders den
+germanischen Stämmen gegenüber angewendet wurde und hier mehr nutzte als
+Waffengebrauch, fand nach meinen späteren Erfahrungen sein Spiegelbild und
+seine Vervollkommnung in der britischen Staatsweisheit, der es gelang, all
+diese Seiten diplomatischer Kunst bis zur höchsten Verfeinerung und
+Welttäuschung auszubauen.
+
+Meine Jugendhelden suchte ich bei aller Verehrung des Altertums nur unter
+meinen eigenen Volksgenossen. Offen und ehrlich spreche ich meine
+Auffassung dahin aus, daß wir nicht so einseitig und undankbar sein
+dürfen, über der Bewunderung für einen Alcibiades oder Themistokles, für
+die verschiedenen Katos oder Fabier so manche derjenigen Männer ganz zu
+übersehen, die in der Geschichte unseres eigenen Vaterlandes eine
+mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt haben wie jene einst für
+Griechenland und Rom. Ich habe traurige Wahrnehmungen in dieser Beziehung
+leider wiederholt im Gespräch mit deutscher Jugend gemacht, die mir dann
+bei aller Gelehrsamkeit doch etwas weltfremd vorkam.
+
+Vor solcher Weltfremdheit bewahrten uns im Kadettenkorps unsere Lehrer und
+Erzieher, und ich danke ihnen das noch heute. Dieser Dank gebührt
+vornehmlich einem damaligen Leutnant von Wittich. Ich war ihm, als ich
+nach Wahlstatt kam, durch einen Verwandten empfohlen worden, und er nahm
+sich meiner stets besonders freundlich an. Selbst erst vor wenigen Jahren
+dem Kadettenkorps entwachsen, fühlte er ganz mit uns, beteiligte sich gern
+an unseren Spielen, besonders den Schneeballgefechten im Winter, wirkte
+überall erfrischend und anregend und besaß obenein ein hervorragendes
+Lehrtalent. Er hat mich 1859 in Sexta in Geographie und sechs Jahre später
+in Berlin in Selekta im Geländeaufnehmen unterrichtet, und als ich nach
+weitern Jahren die Kriegsakademie besuchte, fand ich auch dort wieder den
+Generalstabsmajor von Wittich als Lehrer vor. Dieser beschäftigte sich
+schon als Leutnant mit Kriegsgeschichte und gab uns manchmal während der
+sonntäglichen Spaziergänge durch Anlage kleiner Übungen in geeignetem
+Gelände anschauliche Bilder über den Gang der Schlachten, welche damals,
+1859, in Oberitalien geschlagen wurden, wie z. B. Magenta und Solferino.
+Später, in Berlin, regte er mich, den Kadetten, auch bereits zum Studium
+der Kriegsgeschichte an und lenkte dadurch mein jugendliches Interesse in
+Bahnen, die für meinen weiteren Werdegang von Bedeutung waren. Ist doch
+die Kriegsgeschichte der beste Lehrmeister für die höhere Truppenführung.
+Als ich später in den Generalstab versetzt wurde, gehörte ihm
+Oberstleutnant von Wittich auch noch an bedeutsamer Stelle an, und
+schließlich sind wir beide sogar noch gleichzeitig Kommandierende
+Generale, also Befehlshaber über Armeekorps, gewesen. Das hatte der kleine
+Sextaner in Wahlstatt nicht geahnt, als ihm der Leutnant von Wittich in
+der Geographiestunde einen freundschaftlichen Jagdhieb mit dem Lineal
+versetzte, weil er Montblanc und Monte Rosa verwechselt hatte.
+
+Unter der harten Schulung des Kadettenlebens hat unser Frohsinn nicht
+gelitten. Ich wage es zu bezweifeln, daß sich das frische jugendliche
+Toben, dem natürlicherweise die gelegentliche Steigerung bis zum tollen
+Übermut nicht fehlte, in irgend welchen anderen Bildungsanstalten mehr
+geltend machte, als bei uns Kadetten. Wir fanden in unseren Erziehern
+meist verständnisvolle, milde Richter.
+
+Ich selbst war zunächst keineswegs das, was man im gewöhnlichen Leben
+einen Musterschüler nennt. Anfangs hatte ich eine aus früheren Krankheiten
+zurückgebliebene körperliche Schwächlichkeit zu überwinden. Als ich dann
+dank der gesunden Erziehungsart allmählich erstarkte, hatte ich anfänglich
+wenig Neigung dazu, mich den Wissenschaften besonders zu widmen. Erst
+langsam erwachte in dieser Beziehung mein Ehrgeiz, der sich mit den Jahren
+bei gutem Erfolge immer mehr steigerte und mir schließlich
+unverdientermaßen den Ruf eines besonders begabten Schülers einbrachte.
+
+Bei allem Stolz, mit welchem ich mich "Königlicher Kadett" nannte,
+begrüßte ich doch die Tage der Einkehr in das Elternhaus stets mit
+unendlichem Jubel. Die Reisen waren in der damaligen Zeit, besonders
+während des Winters, freilich nicht einfach. Je nach dem Reiseziel
+wechselten langsame Bahnfahrten in ungeheizten Wagen mit noch langsamern
+Postfahrten ab. Aber alle diese Schwierigkeiten traten in den Hintergrund
+bei der Aussicht, die Heimat, Eltern und Geschwister wiederzusehen. Der
+Sehnsucht des Sohnes schlug das Herz der Mutter am wärmsten entgegen. So
+entsinne ich mich noch meiner ersten Weihnachtsheimkehr nach Glogau. Ich
+war mit anderen Kameraden die ganze Nacht hindurch von Liegnitz in der
+Post gefahren. Noch im Dunkeln trafen wir, durch Schneefall verspätet, in
+Glogau ein. Da saß die liebe Mutter in der schwach erleuchteten, kaum
+erwärmten sogenannten Passagierstube an wollenen Strümpfen strickend, als
+wolle sie durch das Nachgeben gegenüber der Sehnsucht zu einem ihrer
+Kinder die Vorsorge für das Wohl der anderen nicht versäumen.
+
+In mein erstes Kadettenjahr fiel im Sommer 1859 ein Besuch des damaligen
+Prinzen Friedrich Wilhelm, des späteren Kaisers Friedrich, und seiner
+Gemahlin in Wahlstatt. Wir sahen fast alle bei dieser Gelegenheit zum
+ersten Male Mitglieder unseres Königshauses. Noch nie hatten wir beim
+Parademarsch unsere Beine so hoch geworfen, noch nie bei dem sich hieran
+anschließenden Vorturnen so halsbrecherische Übungen gemacht als an diesem
+Tage. Und von der Güte und Leutseligkeit des Prinzenpaares sprachen wir
+noch lange Zeit.
+
+Im Oktober des gleichen Jahres wurde zum letzten Male der Geburtstag König
+Friedrich Wilhelms IV. gefeiert. Unter diesem schwergeprüften Herrscher
+habe ich also die preußische Uniform angelegt, die bis an mein Lebensende
+mein Ehrenkleid bleiben soll. Ich hatte die Ehre, der verwitweten Gemahlin
+des Königs, der Königin Elisabeth, im Jahre 1865 als Leibpage zugeteilt zu
+werden. Die Taschenuhr, die Ihre Majestät mir damals schenkte, hat mich in
+drei Kriegen treulich begleitet.
+
+Ostern 1863 wurde ich nach Sekunda und hierdurch nach Berlin versetzt. Das
+dortige Kadettenhaus lag in der neuen Friedrichstraße unweit des
+Alexanderplatzes. Ich lernte nun zum ersten Male Preußens Hauptstadt
+kennen und durfte jetzt endlich bei den Frühjahrsparaden mit Aufstellung
+Unter den Linden und Vorbeimarsch auf dem Opernplatz sowie bei den
+Herbstparaden auf dem Tempelhofer Felde meinen Allergnädigsten Herrn,
+König Wilhelm I., sehen.
+
+Einen ebenso erhebenden als ernsten Ton brachte in unser Kadettenleben der
+Beginn des Jahres 1864. Der Krieg gegen Dänemark brach aus, und ein Teil
+unserer Kameraden schied im Frühjahr von uns, um in die Reihen der
+kämpfenden Truppen zu treten. Mich selbst verhinderte leider noch das
+jugendliche Alter daran, zu der Zahl dieser Vielbeneideten zu gehören. Mit
+welch heißen Wünschen die ausziehenden Kameraden von uns begleitet wurden,
+bedarf keiner Schilderung.
+
+Über die politischen Gründe, die zu dem Kriege führten, zerbrachen wir uns
+den Kopf noch nicht. Aber wir hatten doch schon das stolze Empfinden, daß
+in das matte und haltlose Wesen des Deutschen Bundes endlich einmal ein
+erfrischender Wind gefahren war, und daß die Tat wieder mehr gelten sollte
+als das Wort und die Aktenbündel. Im übrigen verfolgten wir mit glühendem
+Interesse die kriegerischen Ereignisse, wohnten freudig klopfenden Herzens
+der Einbringung der eroberten Geschütze und dem Siegeseinzug der Truppen
+als Zuschauer bei und glaubten zu dem Gefühl berechtigt zu sein, einen
+Teil jenes Geistes in uns zu haben, der auf den dänischen Kampffeldern
+unsere Truppen zum Erfolge führte. War es zu verwundern, wenn wir seitdem
+kaum den Tag erwarten konnten, der uns selbst in die Reihen unserer Armee
+führen sollte?
+
+Bevor dies geschah, wurde uns noch die Ehre und das Glück zuteil, unserm
+König persönlich vorgestellt zu werden. Wir wurden zu dem Zweck in das
+Schloß geführt und hatten dort Seiner Majestät Namen und Stand des Vaters
+zu nennen. Kein Wunder, daß da mancher in der Aufregung erst kein Wort
+hervorbrachte und dann die Worte durcheinander warf. Hatten wir doch noch
+nie unserm greisen Herrscher so nahe gegenüber gestanden, ihm noch nie so
+scharf in das gütige Auge geblickt und seine Stimme gehört. Ernste Worte
+sprach der König zu uns. Er ermahnte uns, auch in schweren Stunden unsere
+Schuldigkeit zu tun. Bald sollten wir Gelegenheit haben, dies in die Tat
+umzusetzen. Manche von uns haben ihre Treue mit dem Tode besiegelt.
+
+Im Frühjahr 1866 verließ ich das Kadettenkorps. Allezeit bin ich seitdem
+dieser militärischen Erziehungsanstalt auf Grund meiner persönlichen
+Erfahrungen und Neigungen dankbar und treu ergeben geblieben. Ich freute
+mich immer der hoffnungsvollen jungen Kameraden in des Königs Rock. Auch
+während des Weltkrieges nahm ich gern Gelegenheit, Söhne meiner
+Mitarbeiter, meiner Bekannten oder gefallener Kameraden bei mir als Gäste
+zu sehen. Ein günstiger Umstand gab mir sogar Veranlassung, die Feier
+meines in den Krieg fallenden 70jährigen Geburtstages damit zu beginnen,
+daß ich drei kleine Kadetten in Kreuznach von der Straße weg an meinen mit
+eßbaren Geschenken reich besetzten Frühstückstisch rufen lassen konnte.
+Sie traten vor mich hin, so wie ich die Jugend liebe, frisch und
+unbefangen, leibhaftige Bilder längst vergangener Zeiten, Erinnerungen an
+selbsterlebte Tage.
+
+
+
+
+ Im Kampf um Preußens und Deutschlands Größe
+
+
+Am 7. April 1866 trat ich als "Sekondlieutenant" in das 3. Garderegiment
+zu Fuß ein. Das Regiment gehörte zu denjenigen Truppenteilen, die
+gelegentlich der großen Vermehrung aktiver Verbände 1859/60 neu errichtet
+worden waren. Das junge Regiment hatte sich, als ich in dasselbe eintrat,
+bereits im Feldzug 1864 Lorbeeren erworben. Die Ruhmesgeschichte eines
+Truppenteiles schlingt ein einigendes Band um alle seine Angehörigen und
+liefert einen Kitt, der sich auch in den schwersten Kriegslagen bewährt.
+Hierin liegt ein unzerstörbares Etwas, das auch dann weiterwirkt, wenn,
+wie im letzten großen Kriege, Regimenter wiederholt einen förmlichen
+Neuaufbau durchmachen mußten. Übriggebliebene Reste des alten Geistes
+durchströmten die neuen Teile in kurzer Zeit.
+
+Ich fand in meinem Regiment, das aus dem 1. Garde-Regiment zu Fuß
+hervorgegangen war, die gute, alte Potsdamer Schule, den Geist, der den
+besten Überlieferungen des damaligen preußischen Heeres entsprach. Das
+preußische Offizierkorps dieser Zeit war nicht mit Glücksgütern gesegnet,
+und das war gut. Sein Reichtum bestand in seiner Bedürfnislosigkeit. Das
+Bewußtsein eines besonderen persönlichen Verhältnisses zu seinem König -
+der Vasallentreue, wie ein deutscher Historiker sich ausdrückt -
+durchdrang das Leben der Offiziere und entschädigte sie für manche
+materielle Entbehrung. Diese ideale Auffassung war für die Armee von
+unschätzbarem Vorteil. Das Wort "ich dien'" hatte dadurch einen ganz
+besonderen Klang.
+
+Vielfach wurde behauptet, daß eine solche Auffassung eine Absonderung der
+Offiziere den anderen Berufsklassen gegenüber veranlaßt hätte. Ich habe
+diese Einseitigkeit im Offizierstande niemals in höherem Maße gefunden wie
+in jedem anderen Beruf, der auf sich hält und sich daher unter
+Seinesgleichen am wohlsten fühlt. Ein in den Grundzügen wohl zutreffendes
+Bild des damaligen Geistes innerhalb des preußischen Offizierskorps findet
+sich in einer Abhandlung über den Kriegsminister von Roon. Dort wird das
+Offizierskorps dieser Zeit ein aristokratischer Berufsstand genannt, fest
+und kräftig in sich geschlossen, aber durchaus nicht verknöchert oder dem
+allgemeinen Leben abgekehrt, auch keineswegs ohne eine Beimischung
+liberaler Elemente, fachmännisch nüchtern aber auch fachmännisch reich.
+Gegen das alte Ideal der weiten Menschlichkeit habe sich in ihm das neue
+der strammen Berufsbildung erhoben. Seine eifrigsten Vertreter habe es in
+den Söhnen der alten monarchisch-konservativen Schichten Preußens
+gefunden. Es sei getragen gewesen von einem starken Gefühl der staatlichen
+Macht, von einem friderizianischen Zuge, der Preußen in seinem Heere neue
+Betätigung in der Welt ersehnte.
+
+Als ich beim Regiment in seinem damaligen Standort Danzig eintraf, warfen
+die politischen Ereignisse der folgenden Monate schon ihre Schatten
+voraus. Zwar war die Mobilmachung gegen Österreich noch nicht
+ausgesprochen, aber der Befehl zur Erhöhung des Mannschaftsstandes war
+ergangen und in voller Ausführung begriffen.
+
+Angesichts des bevorstehenden Entscheidungskampfes zwischen Preußen und
+Österreich bewegten sich unsere politischen und militärischen
+Gedankengänge völlig in den Bahnen Friedrichs des Großen. Dementsprechend
+führten wir auch in Potsdam, wohin das Regiment nach seiner vollendeten
+Mobilmachung verlegt worden war, unsere Grenadiere an den Sarg dieses
+unvergeßlichen Herrschers. Auch der Tagesbefehl unserer Armee vor dem
+Einmarsch in Böhmen trug diesen Gedanken in seinem Schlußsatz mit den
+Worten Rechnung: "Soldaten, vertraut auf eure Kraft und denkt, daß es
+gilt, denselben Feind zu besiegen, den einst unser größter König mit einem
+kleinen Heere schlug."
+
+Politisch empfanden wir die Notwendigkeit einer Machtentscheidung zwischen
+Österreich und uns, weil für beide Großmächte nebeneinander in dem
+damaligen Bundesverhältnis keine freie Betätigungsmöglichkeit vorhanden
+war. Einer von beiden mußte weichen, und da solches durch staatliche
+Verträge nicht zu erreichen war, hatten die Waffen zu sprechen. Über diese
+Auffassung hinaus war von einer nationalen Feindschaft gegen Österreich
+bei uns keine Rede. Das Gefühl der Stammesgemeinschaft mit den damals noch
+ausschlaggebenden deutschen Elementen der Donaumonarchie war zu stark
+entwickelt, als daß sich feindliche Empfindungen hätten durchsetzen
+können. Der Verlauf des Feldzuges bewies dies auch mehrfach. Gefangene
+wurden von unserer Seite meist wie Landsleute behandelt, mit denen man
+sich nach durchgefochtenem Streite gern wieder verträgt. Die
+Landeseinwohner auf feindlichem Gebiete, sogar der größte Teil der
+tschechischen Bevölkerung, zeigten uns meist ein derartiges
+Entgegenkommen, daß sich in den Unterkunftsorten das Leben und Treiben wie
+in deutschen Manöverquartieren abspielte.
+
+Nicht nur in Gedanken sondern auch in der Wirklichkeit schritten wir in
+diesem Kriege auf friderizianischen Bahnen. So brach das Gardekorps auf
+viel betretenen Kriegspfaden von Schlesien her bei Braunau in Böhmen ein.
+Und der Verlauf unseres ersten Gefechtes, desjenigen bei Soor, führte uns
+am 28. Juni in dem gleichen Gelände und in der nämlichen Richtung von
+Eipel auf Burkersdorf gegen den Feind, in der sich einst am 30. September
+1747 während der damaligen Schlacht bei Soor Preußens Garde inmitten der
+in den starren Formen der Lineartaktik anrückenden Armee des großen Königs
+vorbewegt hatte.
+
+Unser 2. Bataillon, bei dessen 5. Kompagnie ich den nach dem damaligen
+Reglement aus dem dritten Gliede gebildeten 1. Schützenzug führte, hatte
+an diesem Tage kaum Gelegenheit, in vorderster Linie einzugreifen, weil
+wir den taktischen Anschauungen dieser Zeit entsprechend zu der schon vor
+dem Gefecht ausgesonderten Reserve gehörten. Immerhin hatten wir aber doch
+wenigstens Gelegenheit, uns in einem Gehölz nordwestlich Burkersdorf mit
+österreichischer Infanterie herumzuschießen und Gefangene zu machen, sowie
+später ungefähr zwei Eskadrons feindlicher Ulanen, welche in einem Grunde
+ahnungslos hielten, durch unser Feuer zu vertreiben und ihnen ihre
+Fahrzeuge abzunehmen. In letzteren befanden sich unter anderm die
+Regimentskasse, welche abgeliefert wurde, viele Brote, welche unsere
+Grenadiere auf ihre Bajonette gespießt in das Biwak bei Burkersdorf
+brachten, und das Kriegstagebuch, welches in dem gleichen Heft wie das des
+italienischen Feldzuges von 1859 niedergeschrieben war. Vor etwa 12 Jahren
+lernte ich einen älteren Herrn, einen Mecklenburger, kennen, der damals in
+österreichischen Diensten als Leutnant bei einer der Ulanen-Eskadrons
+gestanden hatte. Er beichtete mir, daß er bei dieser Gelegenheit seine
+neue Ulanka eingebüßt hätte, die für den Einzug in Berlin bestimmt gewesen
+war.
+
+Da ich bei Soor nicht viel erlebt hatte, so mußte ich mich damit begnügen,
+wenigstens Pulver gerochen und einen Teil jener seelischen Stimmung
+durchgemacht zu haben, welche die Truppe bei ihrer ersten Berührung mit
+dem Gegner ergreift.
+
+Aus meiner Kampfbegeisterung heraus wurde ich am nächsten Tage sozusagen
+mit der Rückseite der Medaille bekannt gemacht. Mir oblag mit
+60 Grenadieren die traurige Pflicht, das Gefechtsfeld nach Toten
+abzusuchen und diese zu beerdigen, eine ernste Arbeit, die dadurch
+erschwert wurde, daß das Getreide noch auf dem Halm stand. Mit knapper Not
+erreichte ich, vielfach andere Truppenteile durch Laufen im Chausseegraben
+überholend, mit meinen Leuten am Nachmittag mein Bataillon, das sich schon
+im Gros der Division im Vormarsch nach Süden befand. Ich kam gerade noch
+zur Zeit, um die Erstürmung des Elbüberganges von Königinhof durch unsere
+Vorhut mit anzusehen.
+
+Der 30. Juni versetzte mich in die nüchterne Wirklichkeit kriegerischen
+Kleinkrams. Ich mußte mit schwacher Bedeckung etwa 30 Wagen voll
+Gefangener im Nachtmarsch nach Trautenau bringen, dort in die nunmehr
+leeren Fahrzeuge Verpflegung aufnehmen und mit dieser dann wieder nach
+Königinhof zurückkehren. Erst am 2. Juli früh konnte ich mich meiner
+Kompagnie wieder anschließen. Es war hohe Zeit, denn schon der nächste Tag
+rief uns auf das Schlachtfeld von Königgrätz.
+
+Nachdem ich in der folgenden Nacht mit meinem Zuge eine Patrouille in der
+Richtung auf die Festung Josephstadt ausgeführt hatte, standen wir am
+Morgen des 3. Juli ziemlich ahnungslos im naßkalten Vorposten-Biwak am
+Südausgang von Königinhof herum. Da ertönte das Alarmsignal, und bald
+darauf kam der Befehl, rasch Kaffee zu kochen und dann marschbereit zu
+sein. Aufmerksame Lauscher konnten bald heftiges Geschützfeuer aus
+südwestlicher Richtung vernehmen. Die Anschauungen über den Grund des
+Gefechtslärms waren geteilt. Im allgemeinen überwog die Meinung, daß die
+von der Lausitz her in Böhmen eingedrungene 1. Armee des Prinzen Friedrich
+Karl - wir gehörten zur 2. des Kronprinzen - irgendwo auf ein vereinzeltes
+österreichisches Korps gestoßen sei.
+
+Der nun eintreffende Vormarschbefehl wurde mit Jubel begrüßt. Sah doch der
+Gardist mit hellem Neid auf die bisherigen glänzenden Erfolge, die das
+links von uns vorgedrungene V. Armeekorps unter General von Steinmetz
+bisher errungen hatte. Unter strömendem Regen, trotz kühler Witterung in
+Schweiß gebadet, wateten wir mühsam in langgezogenen Kolonnen auf
+grundlosen Wegen vorwärts. Ein erregter Eifer hatte sich eingestellt und
+steigerte sich bei mir zu der Sorge, daß wir vielleicht zu spät kommen
+könnten.
+
+Diese Besorgnis erwies sich bald als unnötig. Der Kanonendonner wurde,
+nachdem wir aus dem Elbtal heraufgestiegen waren, immer deutlicher hörbar.
+Auch sahen wir gegen 11 Uhr einen höheren Stab zu Pferde auf einer Anhöhe
+neben unserem Wege halten, sorgsam durch die Ferngläser nach Süden
+spähend. Es war das Oberkommando der 2. Armee, an seiner Spitze unser
+Kronprinz, der spätere Kaiser Friedrich. Sein damaliger Generalstabschef,
+General von Blumenthal, hat mir nach Jahren über diesen Augenblick
+folgendes erzählt:
+
+ "Gerade als die 1. Gardedivision auf unergründlichen Wegen an uns
+ vorbeizog, bat ich den Kronprinzen, mir die Hand zu geben. Als dieser
+ mich daraufhin fragend anblickte, fügte ich hinzu, daß ich ihm zur
+ gewonnenen Schlacht gratulieren wolle. Das österreichische Geschützfeuer
+ schlüge überall nach Westen, ein Beweis dafür, daß der Feind auf der
+ ganzen Linie durch die 1. Armee gefesselt wäre, sodaß wir ihm jetzt in
+ die Flanke und teilweise in den Rücken kämen. Angesichts solcher Lage
+ war nur noch anzuordnen, daß das Gardekorps rechts, das VI. Korps links
+ einer trotz des Nebels weithin sichtbaren, von zwei mächtigen
+ Lindenbäumen gekrönten, bei Horenowes gelegenen Höhe weiter vorgehen
+ sollten, während das I. und V. Korps, die noch im Anmarsch auf das
+ Schlachtfeld begriffen waren, diesen Korps zu folgen hätten. Weiteres
+ hatte der Kronprinz an dem Tage kaum noch zu befehlen."
+
+Unsere Bewegung wurde zunächst noch querfeldein fortgesetzt, dann
+marschierten wir auf, und bald wurden uns die ersten Granaten von den
+Höhen seitwärts Horenowes entgegengeschickt. Die österreichische
+Artillerie bewahrheitete ihren guten, alten Ruf. Eines der ersten
+Geschosse verwundete meinen Kompagnie-Führer, ein anderes tötete dicht
+hinter mir meinen Flügelunteroffizier und bald schlug auch eine Granate
+mitten in unsere Kolonne ein und setzte 25 Mann außer Gefecht. Als dann
+aber das Feuer verstummte und die Höhen uns kampflos in die Hände fielen,
+weil es sich hier nur um eine aus der Überraschung heraus zum Zwecke des
+Zeitgewinns schwach besetzte vorgeschobene Stellung des Feindes gehandelt
+hatte, machte sich ein Gefühl der Enttäuschung geltend. Freilich nicht für
+lange, denn bald öffnete sich uns der Einblick auf einen großen Teil eines
+gewaltigen Schlachtfeldes. Halbrechts vorwärts von uns erhoben sich in der
+trüben Luft schwere Qualmwolken aus den Feuerstellungen unserer 1. und der
+gegnerischen Armee an der Bistritz. Aufblitzendes Geschützfeuer und die
+Glut brennender Ortschaften gaben dem Bilde eine eigenartig ernste
+Färbung. Der dichter gewordene Nebel, das hohe Getreide und die
+Bodengestaltung erschwerten dem Gegner das Erkennen unserer Bewegungen.
+Auffallend gering war daher das Feuer feindlicher Batterien, die uns nun
+bald aus südlicher Richtung beschossen, ohne uns aufhalten zu können. Sie
+sind später größtenteils nach tapferer Verteidigung erobert worden. So
+drangen wir mit der Schnelligkeit, die das Gelände, der schwere, tiefe und
+glatte Boden, das Getreide, Raps und Zuckerrüben gestatteten, vorwärts.
+Unser Angriff war nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst aufgebaut
+worden, fiel aber bald auseinander. Kompagnien, ja selbst Züge begannen
+sich ihre Gegner zu suchen; alles drängte nach vorwärts. Den Zusammenhang
+für alle bildete nur der Wille: Heran an den Feind!
+
+Zwischen Chlum und Nedelist traf unser Halbbataillon - eine damals sehr
+beliebte Gefechtsformation - im Nebel und Getreide überraschend auf
+feindliche, von Süden vorkommende Infanterie. Sie wurde durch das
+überlegene Zündnadelgewehr bald zum Weichen gebracht. Ihr mit meinem
+Schützenzuge in aufgelöster Ordnung folgend, stieß ich plötzlich auf eine
+österreichische Batterie, die in rücksichtsloser Kühnheit herbeieilte,
+abprotzte und uns eine Kartätschlage entgegenschleuderte. Von einer Kugel,
+die mir den Helm durchbohrte, am Kopf gestreift, brach ich für kurze Zeit
+bewußtlos zusammen. Als ich mich wieder aufraffte, drangen wir in die
+Batterie ein. Fünf Geschütze waren unser, die drei anderen entkamen. Das
+war ein stolzes Gefühl, als ich hochaufatmend, aus leichter Kopfwunde
+blutend unter meinen eroberten Kanonen stand. Aber ich hatte nicht Zeit,
+auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Feindliche Jäger, kenntlich an den
+Hahnenfedern auf ihren Hüten, tauchten im Weizen auf. Ich wies sie ab und
+folgte ihnen bis zu einem Hohlwege.
+
+Der Zufall wollte es, daß im Verlauf des letzten großen Krieges dieses
+mein erstes Schlachterlebnis in Österreich bekannt wurde. Ein
+verabschiedeter ehemaliger Offizier, Veteran von 1866, schrieb mir
+infolgedessen aus Reichenberg in Böhmen, daß er bei Königgrätz als
+Regimentskadett in der von mir angegriffenen Batterie gestanden habe, und
+belegte diese Tatsache durch eine Skizze. Da er noch einige freundliche
+Worte hinzufügte, dankte ich ihm herzlich, und so war zwischen den
+einstigen Gegnern ein recht kameradschaftlicher Briefwechsel zustande
+gekommen.
+
+Als ich den oben erwähnten Hohlweg erreichte, hielt ich Umschau. Die
+feindlichen Jäger waren im Regendunst verschwunden. Die umliegenden Dörfer
+- vor mir Wsestar, rechts Rosberitz und links Sweti - waren merkbar noch
+in Feindes Hand; um Rosberitz wurde bereits gekämpft. Ich selbst war mit
+meinem Zug allein. Hinter mir war nichts von den Unsrigen zu sehen. Die
+geschlossenen Abteilungen waren mir nicht südwärts gefolgt, sondern
+schienen sich nach rechts gewendet zu haben. Ich beschloß, meiner
+Einsamkeit auf dem weiten Schlachtfelde dadurch ein Ende zu machen, daß
+ich mich in dem Hohlweg nach Rosberitz heranzog. Bevor ich mein Ziel
+erreichte, brausten noch mehrere österreichische Schwadronen, mich mit
+meiner Handvoll Leuten nicht bemerkend, an mir vorüber. Sie überschritten
+vor mir den Hohlweg an einer flachen Stelle und stießen kurze Zeit darauf,
+wie mir das lebhafte Gewehrfeuer verriet, im Gelände nordöstlich Rosberitz
+auf mir unsichtbare diesseitige Infanterie. Bald rasten von dorther ledige
+Pferde zurück und schließlich jagte alles wieder an mir vorbei. Ich
+schickte noch einige Kugeln nach; die weißen Mäntel der Reiter boten in
+der trüben Witterung gute Ziele.
+
+Die Lage in Rosberitz war, als ich dort eintraf, eine ernste. Ungestüm
+vordrängende Züge und Kompagnien verschiedener Regimenter unserer Division
+waren daselbst auf sehr überlegene feindliche Kräfte geprallt. Hinter
+unsern schwachen Abteilungen befanden sich zunächst keine Verstärkungen.
+Die Masse der Division war von dem hochgelegenen Dorfe Chlum angezogen
+worden und stand dort in heftigem Kampf. Mein Halbbataillon, mit dem ich
+mich am Ostrande von Rosberitz glücklich wieder vereinigte, war daher die
+erste Hilfe.
+
+Wer mehr überrascht ist, die Österreicher oder wir, vermag ich nicht zu
+beurteilen. Jedenfalls drängen die zusammengeballten feindlichen Massen
+von drei Seiten auf uns, um das Dorf wieder ganz in Besitz zu nehmen. So
+fürchterlich unser Zündnadelgewehr auch wirkt, über die stürzenden ersten
+Reihen kommen immer wieder neue auf uns zu. So entsteht in den Dorfgassen
+zwischen den brennenden, strohbedeckten Häusern ein mörderisches
+Handgemenge. Von Kampf in geordneten Verbänden ist keine Rede mehr. Jeder
+sticht und schießt um sich, so viel er kann. Prinz Anton von Hohenzollern
+vom 1. Garderegiment bricht schwerverwundet zusammen. Fähnrich von
+Woyrsch, der jetzige Feldmarschall, bleibt mit einigen Leuten im hin- und
+herwogenden Kampf bei dem Prinzen. Dessen goldene Uhr wird mir überbracht,
+damit diese nicht etwa feindlichen Plünderern in die Hände fällt. Bald
+laufen wir Gefahr, abgeschnitten zu werden. Aus einer in unseren Rücken
+führenden Seitengasse tönen österreichische Hornsignale, hört man die
+dumpfer als die unserigen klingenden Trommeln des Feindes. Wir müssen,
+auch in der Front hart bedrängt, zurück. Ein brennendes Strohdach, das auf
+die Straße herabstürzt und sie mit Flammen und dichtem Qualm absperrt,
+rettet uns. Wir entkommen unter diesem Schutz auf eine Höhe dicht
+nordöstlich des Dorfes.
+
+Weiter wollen wir in wilder Erbitterung nicht zurückgehen. Major Graf
+Waldersee vom 1. Garde-Regiment zu Fuß, der 1870 vor Paris als Kommandeur
+des Garde-Grenadierregiments Königin Augusta fiel, läßt als ältester
+anwesender Offizier die bei uns befindlichen beiden Fahnen in die Erde
+stecken; um diese geschart werden die Verbände wieder geordnet. Schon
+nahen auch von rückwärts Verstärkungen. Und so geht es denn bald wieder
+mit schlagenden Tambours vorwärts, dem Feinde entgegen, der sich mit der
+Besitzergreifung des Dorfes begnügt hat. Auch dieses räumt er bald, um
+sich der allgemeinen Rückzugsbewegung seines Heeres anzuschließen.
+
+In Rosberitz fanden wir den Prinzen von Hohenzollern wieder, der aber nach
+kurzer Zeit im Lazarett zu Königinhof seinen Wunden erlag. Seine treue
+Bedeckung hatte der Feind als Gefangene mitgeführt. Auch aus meinem Zuge
+teilten mehrere Grenadiere dieses Schicksal, nachdem sie sich in einer
+Ziegelei tapfer verteidigt hatten. Als wir zwei Tage später auf dem
+Weitermarsch abends südwestlich der Festung Königgrätz Biwaks bezogen,
+fanden sich die braven Leute wieder bei uns ein. Der Kommandant der
+Festung hatte sie in der Richtung auf die preußischen Biwakfeuer
+hinausgeschickt, um der Sorge ihrer Ernährung enthoben zu sein. Sie hatten
+das Glück, gerade ihren eigenen Truppenteil vorzufinden.
+
+Als Abschluß des Kampfes gingen wir noch bis Wsestar vor und blieben dort,
+bis wir das Schlachtfeld verließen. Der Arzt wollte mich wegen meiner
+Kopfwunde in ein Lazarett schicken; ich begnügte mich aber in Erwartung
+einer zweiten Schlacht hinter der Elbe mit Umschlägen und einem leichten
+Verbande und durfte fortan auf den Märschen statt des Helmes die Mütze
+tragen.
+
+Eigenartige Gefühle waren es, welche mich am Abend des 3. Juli bewegten.
+Nächst dem Dank gegen Gott den Herrn herrschte besonders das stolze
+Bewußtsein vor, an einem Werke mitgetan zu haben, das ein neues
+Ruhmesblatt in der Geschichte des preußischen Heeres und des preußischen
+Vaterlandes geworden war. Übersahen wir auch noch nicht die volle
+Tragweite unseres Sieges: daß es sich um mehr als in den vorhergegangenen
+Gefechten gehandelt hatte, war uns doch schon klar. In Treue gedachte ich
+der gefallenen und verwundeten Kameraden. Mein Zug hatte die Hälfte seines
+Bestandes verloren, ein Beweis dafür, daß er seine Schuldigkeit getan
+hatte.
+
+Als wir am 6. Juli die Elbe bei Pardubitz auf einer Kriegsbrücke
+überschritten, erwartete dort der Kronprinz das Regiment und sprach uns
+seine Anerkennung über das Verhalten in der Schlacht aus. Wir dankten mit
+lautem Hurra und zogen weiter, stolz auf das uns von dem Oberbefehlshaber
+unserer Armee und Erben der Krone Preußens gespendete Lob, freudig bereit,
+ihm zu neuen Kämpfen zu folgen.
+
+Der weitere Verlauf des Feldzuges brachte uns aber nur noch Märsche und
+somit keine erwähnenswerten Erlebnisse. Der am 22. Juli eintretende
+Waffenstillstand traf uns in Niederösterreich, etwa 40 km von Wien
+entfernt. Als wir von hier aus bald darauf den Rückmarsch in die Heimat
+antraten, begleitete uns ein unheimlicher Gast, die Cholera. Erst
+allmählich verließ sie uns, nicht ohne noch manches Opfer aus unseren
+Reihen gefordert zu haben.
+
+An der Eger blieben wir einige Wochen stehen. Während dieser Zeit traf ich
+mich mit meinem Vater, der als Johanniter in einem Lazarett auf dem
+Schlachtfelde von Königgrätz tätig war, in Prag. Wir ließen diese
+Gelegenheit nicht vorübergehen, ohne das naheliegende Schlachtfeld unseres
+großen Königs zu besuchen. Wie waren wir erstaunt, dort neben dem vom
+preußischen Staat nach dem Befreiungskriege für den bei Prag gefallenen
+Feldmarschall Grafen Schwerin errichteten Denkmal ein zweites zu finden,
+das bereits lange Zeit vorher Kaiser Joseph II., ein Bewunderer Friedrichs
+des Großen, zur Ehrung des gegnerischen Helden dort hatte setzen lassen.
+
+Die Erinnerung an den Besuch dieses Schlachtfeldes wurde in mir im Verlauf
+des letzten Krieges wieder besonders lebendig. Liegt doch ein Vergleich
+der Lage Preußens 1757 mit der Deutschlands 1914 nahe. Wie nach dem auf
+Prag folgenden Kolin, so nötigte nach der manchem Siege folgenden
+Marneschlacht das Scheitern unseres großen Offensivgedankens das Vaterland
+zu einer verhängnisvollen Verlängerung des Daseinskampfes. Aber während
+uns der Ausgang des siebenjährigen Ringens ein mächtiges Preußen zeigt,
+erblicken wir am Ende des letzten vierjährigen Verzweiflungskampfes ein
+gebrochenes Deutschland. Waren wir der Väter nicht würdig gewesen?
+
+Am 2. September überschritten wir in Fortsetzung des Rückmarsches die
+böhmisch-sächsische Grenze, dann am 8. September auf der Chaussee
+Großenhain-Elster die Grenze der Mark Brandenburg. Eine Ehrenpforte
+begrüßte uns. Durch sie kehrten wir unter den Klängen des "Heil Dir im
+Siegerkranz" in die Heimat zurück. Mit welchen Gefühlen, bedarf keiner
+Erläuterung.
+
+Am 20. September war der feierliche Einzug in Berlin. Die
+Paradeaufstellung erfolgte auf dem jetzigen Königsplatz, damals einem
+sandigen Exerzierplatz. Wo jetzt das Generalstabsgebäude steht, befand
+sich ein Holzhof, der mit der Stadt durch einen mit Weiden besetzten Weg
+verbunden war. Krolls "Etablissement" gab es dagegen bereits. Vom
+Aufstellungsplatze weg rückte die Einzugstruppe durch das Brandenburger
+Tor die Linden herauf zum Opernplatz. Dort war der Vorbeimarsch vor Seiner
+Majestät dem König. Blücher, Scharnhorst und Gneisenau sahen von ihren
+Postamenten zu. Sie konnten mit uns zufrieden sein!
+
+Zum Einrücken in die Paradeaufstellung hatte sich mein Bataillon am
+Floraplatz versammelt. Dort wurde mir vom Kommandeur der Rote Adlerorden
+4. Klasse mit Schwertern mit der Weisung überreicht, ihn sofort anzulegen,
+weil die neuen Auszeichnungen beim Einzug getragen werden sollten. Als ich
+mich ziemlich ratlos umsah, trat aus der Menge der Zuschauer eine ältere
+Dame heraus und befestigte mit einer Stecknadel das Ehrenzeichen auf
+meiner Brust. So oft ich in spätern Jahren, sei es zu Fuß, sei es zu
+Pferde, über den Floraplatz kam, stets gedachte ich in Dankbarkeit der
+freundlichen Berlinerin, die dem 18jährigen Leutnant dort einst seinen
+ersten Orden angeheftet hat.
+
+Nach dem Kriege wurde dem 3. Garderegiment Hannover als Friedensgarnison
+zugewiesen. Man wollte dadurch wohl der bisherigen Hauptstadt eine
+Aufmerksamkeit erweisen. Ungern gingen wir hin, als aber nach 12 Jahren
+die Scheidestunde durch Versetzung des Regiments nach Berlin schlug, da
+war wohl keiner in dessen Reihen, dem die Trennung nicht schwer wurde. Ich
+selbst hatte die schöne Stadt, die ich schon 1873 verlassen mußte, so lieb
+gewonnen, daß ich mich später nach meiner Verabschiedung dorthin
+zurückzog.
+
+Bald hatten wir in dem neuen Standort Bekanntschaften angeknüpft. Manche
+Hannoveraner hielten sich freilich aus politischen Gründen gänzlich
+zurück. Wir haben die Treue gegen das angestammte Herrscherhaus nie
+verurteilt, so sehr wir von der Notwendigkeit der Einverleibung Hannovers
+in Preußen durchdrungen waren. Nur da, wo das Welfentum im Verhalten
+einzelner seinen Schmerz nicht mit Würde trug, sondern sich in
+Ungezogenheiten, Beleidigungen oder Widersetzlichkeiten gefiel, sahen wir
+in ihm einen Gegner.
+
+Immer mehr lebten wir uns im Laufe der Jahre in Hannover ein, das in
+glücklichster Weise die Vorteile einer Großstadt nicht mit den Nachteilen
+einer solchen vereinigt. Eine rege, vornehme Geselligkeit, welche später,
+nach dem französischen Kriege, dadurch ihren Höhepunkt erreichte, daß Ihre
+Königlichen Hoheiten der Prinz Albrecht von Preußen und Gemahlin dort
+jahrelang weilten, wechselte mit dem Besuch des vorzüglichen Hoftheaters
+ab, der dem jungen Offizier für ein Billiges ermöglicht war. Herrliche
+Parkanlagen und einer der schönsten deutschen Wälder, die Eilenriede,
+umgeben die Stadt; an ihnen konnte man sich in dienstfreien Stunden zu Fuß
+und zu Pferde erfreuen. Und nahmen wir an den Manövern in der Provinz
+teil, anstatt zu den Herbstübungen des Gardekorps nach Potsdam zu fahren,
+so lernten wir allmählich ganz Niedersachsen vom Fels zum Meer in seiner
+anmutenden Eigenart kennen und schätzen. Der kleine Dienst spielte sich
+auf dem Waterlooplatz ab. Dort habe ich drei Jahre hintereinander meine
+Rekruten ausgebildet und in einer der an diesem Platz gelegenen Kasernen
+meine erste Dienstwohnung, Wohn- und Schlafstube, innegehabt. Noch jetzt
+versetze ich mich gern, wenn ich diesen Stadtteil betrete, in Gedanken in
+die goldene Jugendzeit zurück. Fast alle meine damaligen Kameraden sind
+schon bei der großen Armee versammelt. Meinen mehrjährigen Kompagniechef,
+Major a. D. von Seel, durfte ich jedoch noch kürzlich wiedersehen. Ich
+verdanke dem jetzt mehr als 80jährigen unendlich viel; war er mir doch
+ganz besonders ein Vorbild und Lehrer in strengster Dienstauffassung.
+
+Im Sommer 1867 besuchte Seine Majestät der König zum ersten Male Hannover.
+Ich stand bei der Ankunft in der Ehrenkompagnie vor dem Palais im
+Georgspark und wurde von meinem Kriegsherrn durch die Frage beglückt, bei
+welcher Gelegenheit ich mir den Schwerterorden verdient hätte. In spätern
+Jahren, nachdem ich mir noch das Eiserne Kreuz für 1870/71 erworben hatte,
+hat mein Kaiser und König die gleiche Frage noch manchesmal bei
+Versetzungs- und Beförderungsmeldungen an mich gerichtet. Stets
+durchzuckte es mich dann mit ebensolchem Stolz und ebensolcher Freude wie
+damals.
+
+Immer fester fügten sich die staatlichen, militärischen und sozialen
+Verhältnisse Hannovers ineinander. Bald sollte sich auch diese neue
+Provinz auf blutigen Schlachtfeldern als ebenbürtiger Bestandteil Preußens
+bewähren!
+
+Bei Ausbruch des Krieges 1870 rückte ich als Adjutant des 1. Bataillons
+ins Feld. Mein Kommandeur, Major von Seegenberg, hatte die Feldzüge von
+1864 und 1866 im Regiment als Kompagniechef mitgemacht. Er war ein
+kriegserprobter altpreußischer Soldat von rücksichtsloser Energie und
+unermüdlicher Fürsorge für die Gruppe. Unsere gegenseitigen Beziehungen
+waren gute.
+
+Der Beginn des Feldzuges brachte für das Regiment, wie für das ganze
+Gardekorps, insofern schmerzliche Enttäuschungen, als wir in wochenlangen
+Märschen nicht an den Feind kamen. Erst nachdem wir bereits die Mosel
+oberhalb Pont à Mousson überschritten und beinahe die Maas erreicht
+hatten, riefen uns die Ereignisse westlich Metz am 17. August in die
+dortige Gegend. Wir bogen nach Norden ab und trafen nach außerordentlich
+anstrengendem Marsch am Abend dieses Tages auf dem Schlachtfelde von
+Vionville ein. Die Spuren des furchtbaren Ringens unseres III. und
+X. Armeekorps am vorhergehenden Tage traten uns allenthalben vor die
+Augen. Über die Kriegslage erfuhren wir soviel wie nichts. So marschierten
+wir auch am 18. August von unseren Biwakplätzen bei Hannonville westlich
+Mars la Tour in eine uns noch ziemlich unklare Lage hinein und erreichten
+gegen Mittag Doncourt. Der bis dorthin verhältnismäßig kurze Marsch,
+ausgeführt in dichten Massenformationen unter unliebsamer Kreuzung mit dem
+sächsischen (XII.) Korps, in glühender Hitze, in dichten Staubwolken, ohne
+die Möglichkeit genügender Wasserversorgung seit dem vorausgehenden Tage,
+war zu einer großen Anstrengung geworden. Ich selbst hatte auf dem Marsch
+erst das Grab eines bei den 2. Gardedragonern gefallenen Vetters auf dem
+Friedhof von Mars la Tour besucht und dann Gelegenheit genommen, über das
+Angriffsfeld der 38. Infanteriebrigade und des 1. Garde-Dragoner-Regiments
+zu reiten. Reihen, ja stellenweise ganze Haufen von Gefallenen, Preußen
+wie Franzosen, in und nördlich einer Schlucht, bewiesen, welch ein
+mörderischer Kampf hier auf den allernächsten Entfernungen geführt worden
+war.
+
+Bei Doncourt machen wir Halt und denken ans Abkochen. Gerüchte, daß
+Bazaine nach Westen abmarschiert und damit entkommen sei, verbreiten sich.
+Die Begeisterung vom Vormittag ist ziemlich abgeflaut. Plötzlich beginnt
+in östlicher Richtung eine gewaltige Kanonade. Das IX. Korps ist auf den
+Feind gestoßen. Der Gefechtslärm belebt auch bei uns alles. Die Nerven
+beginnen sich neu zu spannen, das Herz wieder stärker und freudiger zu
+schlagen. Der Weitermarsch in nordöstlicher Richtung wird angetreten. Der
+Eindruck, daß es sich heute um eine gewaltige Schlacht handle, verstärkt
+sich von Minute zu Minute. Wir marschieren auf und erhalten in der Nähe
+von Batilly den Befehl, die Fahnen zu enthüllen. Es geschieht unter
+dreifachem Hurra; ein ergreifender Augenblick! Fast gleichzeitig
+galoppieren Gardebatterien an uns vorbei nach Osten vor, heran an die
+gegnerischen Stellungen. Immer mächtiger entwickelt sich das
+Schlachtenbild. Über den Höhen von Amanweiler bis halbwegs gegen St.
+Privat erheben sich dichte, schwere Wolken von Pulverdampf. In mehreren
+Linien hinter- und zugleich übereinander steht dort oben feindliche
+Infanterie und Artillerie. Ihr Feuer ist vorläufig mit ganzer Wucht gegen
+das IX. Armeekorps gerichtet. Dies wird anscheinend auf seinem linken
+Flügel vom Gegner überragt. Einzelheiten sind nicht zu erkennen.
+
+Um einen frontalen Angriff gegen die feindliche Stellung zu vermeiden,
+wenden wir uns in einer Wiesenschlucht, etwa fünf Kilometer gleichlaufend
+zur feindlichen Front, nach Norden auf Ste. Marie aux Chênes. Das Dorf
+wird von der Avantgarde unserer Division und Teilen des links von uns auf
+Auboué marschierenden XII. Korps angegriffen und besetzt. Nach Gewinnung
+von Ste. Marie marschiert unsere Brigade dicht südlich des Dorfes, mit der
+Front nach diesem, auf. Wir ruhen. Freilich eine eigenartige Ruhe.
+Verirrte Kugeln aus St. Privat vorgeschobener feindlicher Schützen
+schlagen ab und zu in unsere dicht geschlossenen Formationen ein. Leutnant
+von Helldorff, vom 1. Garderegiment, wird in meiner Nähe erschossen; sein
+Vater, Bataillonskommandeur im gleichen Regiment, war 1866 bei Königgrätz
+in Rosberitz auch unweit von mir gefallen. Mehrere Leute werden verwundet.
+
+Ich betrachte mir die Lage. In östlicher Richtung, fast in der rechten
+Flanke unserer jetzigen Front, liegt auf einer allmählich ansteigenden
+Höhe St. Privat, mit dem etwa zwei Kilometer entfernten Ste. Marie aux
+Chênes durch eine gradlinige, mit Pappeln bestandene Chaussee verbunden.
+Das Gelände nördlich dieser Straße ist durch die Baumreihen großenteils
+der Sicht entzogen, macht aber den gleichen deckungslosen Eindruck, wie
+das Feld südlich der Chaussee. Auf den Höhen selbst herrscht eine fast
+unheimliche Stille. Unwillkürlich strengt sich das Auge an, dort vermutete
+Geheimnisse zu entdecken. Ihnen durch Aufklärung den Schleier zu nehmen,
+scheint man auf unserer Seite nicht für nötig zu halten. So bleiben wir
+denn ruhig liegen.
+
+Gegen 5½ Uhr nachmittags trifft unsere Brigade der Angriffsbefehl. Wir
+sollen hart östlich Ste. Marie vorbei in nördlicher Richtung antreten und
+dann jenseits der Chaussee gegen St. Privat zum Angriff einschwenken. Das
+Bedenken, daß diese künstliche Bewegung von St. Privat her in der rechten
+Flanke gefaßt würde, drängt sich sofort auf.
+
+Kurz bevor sich unsere Bataillone erheben, wird das ganze Gelände um St.
+Privat lebendig und hüllt sich in den Qualm feuernder französischer
+Linien. Die nicht zu unserer Division gehörige 4. Gardebrigade geht
+nämlich bereits südlich der Chaussee vor. Gegen sie wendet sich daher
+vorläufig die ganze Kraft der gegnerischen Wirkung. Diese Truppe würde in
+kürzester Zeit zur Schlacke ausbrennen, wenn wir, die 1. Gardebrigade,
+nicht baldmöglich nördlich der Chaussee angreifen und dadurch Entlastung
+schaffen würden. Freilich, dort hinüberzukommen, erscheint fast unmöglich.
+Mein Kommandeur reitet mit mir vor, um das Gelände einzusehen und dem
+Bataillon im Rahmen der Brigade die Marschrichtung anzugeben. Ein
+ununterbrochener Feuerorkan fegt jetzt auch gegen uns über das ganze Feld.
+Doch wir müssen versuchen, die eingeleitete Bewegung durchzuführen. Es
+gelingt uns auch, die Straße zu überschreiten. Jenseits dieser nehmen die
+sich dicht drängenden Kolonnen Front gegen die feindlichen Feuerlinien und
+stürzen, sich auseinanderziehend, vorwärts gegen St. Privat. Alles strebt
+danach, so nahe als möglich an den Gegner heranzukommen, um die dem
+Chassepot gegenüber minderwertigen Gewehre brauchen zu können. Der Vorgang
+wirkt ebenso erschütternd wie imponierend. Hinter den wie gegen ein
+Hagelwetter vorstürmenden Massen bedeckt sich das Gelände mit Toten und
+Verwundeten, aber die brave Truppe drängt unaufhaltsam vorwärts. Immer und
+immer wieder wird sie von ihren Offizieren und Unteroffizieren, die bald
+von den tüchtigsten Grenadieren und Füsilieren ersetzt werden müssen, auf-
+und vorgerissen. Ich sehe im Vorbeireiten, wie der Kommandierende General
+des Gardekorps, Prinz August von Württemberg, zu Pferde am Ortsausgang von
+Ste. Marie haltend, die gewaltige Krisis verfolgt, in die seine herrlichen
+Regimenter sich hineinstürzen, um darin vielleicht zugrunde zu gehen. Ihm
+gegenüber soll der Marschall Canrobert am Eingange von St. Privat
+gestanden haben.
+
+Um sein Bataillon aus der Anstauung der Massen nordöstlich Ste. Marie
+herauszubringen und ihm die für den Kampf notwendige Armfreiheit zu
+schaffen, läßt mein Kommandeur dasselbe nicht gleich die Front auf St.
+Privat nehmen, sondern setzt mit ihm zunächst in einer Falte des Geländes
+die bisherige nördliche Bewegung fort. So schieben wir uns in leidlicher
+Deckung so weit seitlich heraus, daß wir nach dem Einschwenken den linken
+Flügel der Brigade bilden. In diesem Verhältnis gelangen wir unter
+zunehmenden Verlusten in die Gegend halbwegs Ste. Marie-Roncourt.
+
+Bevor wir uns von hier aus zu einer Umfassung von St. Privat anschicken
+können, müssen wir bei Roncourt, das die Sachsen von Auboué aus noch nicht
+erreicht zu haben scheinen, klar sehen. Ich reite hin, finde das Dorf von
+Freund und Feind unbesetzt, bemerke aber in den Steinbrüchen östlich des
+Dorfes französische Infanterie. Es gelingt mir, noch rechtzeitig zwei
+Kompagnien meines Bataillons nach Roncourt zu führen. Bald darauf
+unternimmt der Gegner einen Angriff aus den Steinbrüchen, welcher
+abgewiesen wird. Nunmehr können sich die beiden andern Kompagnien ohne
+Besorgnis für Flanke und Rücken gegen den Nordeingang von St. Privat
+wenden, um dem schweren frontalen Kampf der übrigen Teile der Brigade
+wenigstens eine geringe Entlastung zu bringen. Später, nachdem Roncourt
+von Teilen des XII. Korps besetzt worden ist, ziehen sich auch unsere
+beiden dort verwendeten Kompagnien heran.
+
+In der Front nimmt unterdessen das blutige Ringen seinen Fortgang. Von
+feindlicher Seite aus ein ununterbrochen rollendes Infanteriefeuer aus
+mehreren Linien, das alles Leben auf dem weiten, deckungslosen
+Angriffsfeld niederzudrücken versucht. Auf unserer Seite eine lückenreiche
+Linie loser Truppentrümmer, die sich aber nicht nur am Boden festkrallen,
+sondern wie in krampfhaften Zuckungen sich immer wieder auf den Gegner zu
+stürzen versuchen. Mit verhaltenem Atem sehe ich auf diese Schlachtszenen,
+aufs äußerste gespannt, ob nicht ein feindlicher Gegenstoß unsere Truppen
+wieder zurückschleudern würde. Doch die Franzosen bleiben bis auf einen
+nicht über das erste Anreiten hinauskommenden Versuch, mit Kavallerie
+nördlich um St. Privat herum vorzubrechen, starr in ihren Stellungen.
+
+Eine Atempause im Infanteriekampf tritt ein. Beide Teile sind erschöpft
+und liegen sich, nur wenig feuernd, gegenüber. Die Waffenruhe auf dem
+Schlachtfelde ist so ausgesprochen, daß ich vom linken Flügel bis fast zur
+Mitte der Brigade und zurück in der Feuerlinie entlang reite, ohne das
+Gefühl einer Gefahr zu haben. Aber dann beginnt die Zermürbungsarbeit
+unserer vorgezogenen Artillerie, und bald schieben sich außerdem die
+frischen Kräfte der 2. Gardebrigade von Ste. Marie her in die im Verbluten
+begriffenen Reste der 4. und 1. ein, während von Nordwesten auch
+sächsische Hilfe naht. Der Druck, der auf der schwer ringenden Infanterie
+lag, wird fühlbar leichter. Wo eine Zeitlang nur Tod und Verderben zu sein
+schien, rührt sich neues Kampfesleben, zeigt sich neuer Kampfeswille, der
+schließlich im Sturm auf den Feind seinen heldenhaften Abschluß findet. Es
+ist ein unbeschreiblich ergreifender Augenblick, als sich bei sinkender
+Abendsonne unsere vordersten Kampflinien zum letzten Vorbrechen erheben.
+Kein Befehl treibt sie an, das gleiche seelische Empfinden, der eherne
+Entschluß zum Erfolg, ein heiliger Kampfesgrimm drängt nach vorwärts.
+Dieser unwiderstehliche Zug reißt alle mit sich fort. Das Bollwerk des
+Gegners stürzt bei Einbruch der Dunkelheit. Ein ungeheuerer Jubel
+bemächtigt sich unser.
+
+Als ich spät Abends die Reste unseres Bataillons zählte und dann am andern
+Morgen die noch viel schwächern Trümmer der übrigen Teile meines
+Regimentes wiedersah, als die innere Abspannung eintrat, da kamen weichere
+Seiten menschlichen Gefühles zu ihrer Geltung. Man denkt dann nicht nur an
+das, was im Kampfe gewonnen wurde sondern auch an das, was dieser Erfolg
+gekostet hat. Das 3. Garderegiment hatte einen Gesamtverlust von
+36 Offizieren, 1060 Unteroffizieren und Mannschaften aufzuweisen, davon
+tot 17 Offiziere und 304 Mann. Ähnliche Zahlen ergaben sich bei allen
+Garde-Infanterie-Regimentern. Im Verlauf des letzten großen Krieges sind
+Gefechtsverluste in der Höhe, wie sie die Garde bei St. Privat erlitten,
+innerhalb unserer Infanterieregimenter häufig geworden. Ich konnte aus
+meinen damaligen Erfahrungen ermessen, was das für die Truppe bedeutet.
+Welch eine Masse bester, vielfach unersetzlicher Kräfte sinken da ins
+Grab! Welch ein herrlicher Geist muß aber andererseits in unserem Volke
+lebendig gewesen sein, um trotzdem in jahrelangem Ringen unsere Armee
+weiter kampfkräftig zu erhalten!
+
+Am 19. August begruben wir unsere Toten, und am 20. nachmittags
+marschierten wir nach Westen ab. Unser Divisionskommandeur,
+Generalleutnant von Pape, sprach uns unterwegs seine Anerkennung für
+unsere Erfolge aus und betonte, daß wir damit aber nur unsere Pflicht und
+Schuldigkeit getan hätten. Er schloß mit den Worten: "Im übrigen gilt für
+uns der alte Soldatenspruch: Ob tausend zur Linken, ob tausend zur
+Rechten, ob alle Freunde sinken, wir wollen weiterfechten!" Ein donnerndes
+Hurra auf Seine Majestät den König war unsere Antwort.
+
+Welche militärische Kritik man auch an den Kampf um St. Privat anlegen
+mag, er verliert jedenfalls dadurch nichts von seiner inneren Größe. Sie
+liegt in dem Geiste, in dem die Truppe die stundenlange furchtbare Krisis
+ertrug und schließlich siegreich überwand. Dieses Gefühl war für uns in
+der Erinnerung an den 18. August fortan ausschlaggebend. Die ernste
+Stimmung, die sich durch die Schlacht unserer Mannschaften bemächtigt
+hatte, verflüchtigte sich bald; dafür erhielt sich der Stolz auf die
+persönlichen Leistungen und die Taten der Gesamtheit bis auf den heutigen
+Tag. Noch im Jahre 1918 feierte ich, wieder auf feindlichem Boden, den Tag
+von St. Privat mit dem 3. Garderegiment, dem ich dank der Gnade meines
+Königs wieder angehörte. Mehrere "alte Herren", Mitkämpfer von 1870,
+darunter auch der früher erwähnte Major a. D. von Seel, waren zu dem
+Gedenktag aus der Heimat an die Front geeilt. Es war das letztemal, daß
+ich das stolze Regiment gesehen habe!
+
+Wie ich höre, sind die Denkmäler der preußischen Garde auf den Höhen von
+St. Privat jetzt von unseren Gegnern niedergerissen worden. Sollte dies
+wirklich wahr sein, so glaube ich nicht, daß solche Tat geeignet ist,
+deutsches Heldentum zu erniedrigen. Vielfach habe ich deutsche Offiziere
+und Soldaten vor französischen Kriegsdenkmälern, auch wenn sie auf
+deutschem Boden standen, in stiller Ehrung weilen sehen und ihnen die
+Achtung vor gegnerischen Leistungen und Opfern nachempfunden.
+
+Nach der Schlacht übernahm mein Bataillonskommandeur als der einzige
+unverwundete Stabsoffizier die Führung des Regiments. Ich blieb auch in
+der neuen Stellung sein Adjutant.
+
+Der Verlauf derjenigen Operation, die bei Sedan ihren denkwürdigen
+Abschluß fand, brachte wenig Bemerkenswertes für mich. Das Vorspiel, die
+Schlacht bei Beaumont, durchlebten wir am 30. August in der Reserve
+stehend nur als Zuschauer. Auch am 1. September verfolgte ich den Gang der
+Schlacht vornehmlich in der Rolle eines Beobachters. Das Gardekorps
+bildete den nordöstlichen Teil des eisernen Ringes, der sich im Laufe des
+Tages um die Armee Mac Mahons schloß. Die 1. Gardebrigade stand im
+besondern von morgens bis nachmittags hinter den östlich des Grundes von
+Givonne gelegenen Höhen abwartend bereit. Ich benutzte diese Untätigkeit
+dazu, mich zu den am Höhenrande in langer Linie aufgefahrenen
+Gardebatterien zu begeben, welche ihre Geschosse über den Grund hinweg in
+die auf den jenseitigen, meist bewaldeten Höhen stehenden Franzosen
+schleuderten. Von hier hatte man einen beherrschenden Blick auf die ganze
+Gegend vom Ardenner Wald bis zum Abfall gegen die Maas. Im besondern lag
+das Höhengelände von Illy und die französische Stellung westlich des
+Givonne-Baches einschließlich des Bois de la Garenne zum Greifen nahe vor
+mir. Die Katastrophe der französischen Armee entwickelte sich also
+geradezu vor meinen Augen. Ich konnte verfolgen, wie der deutsche
+Feuerkreis sich allmählich um den unglücklichen Gegner schloß, und wie die
+Franzosen heldenhafte, aber von Anbeginn an völlig aussichtslose Versuche
+machten, durch einzelne Vorstöße unsere Umklammerung zu durchbrechen. Für
+mich hatte der Kampf noch ein besonderes Interesse. Am Tage vor der
+Schlacht hatte ich nämlich beim Durchmarsch durch Carignan von einem
+gesprächigen französischen Sattler, bei dem ich mir im Vorbeireiten eine
+Reitpeitsche kaufte, erfahren, daß der französische Kaiser bei seiner
+Armee sei. Ich meldete dies weiter, fand aber keinen Glauben. Als ich am
+Schlachttage angesichts der sich immer mehr vollendenden feindlichen
+Vernichtung die Äußerung tat: "In diesem Kessel befindet sich auch
+Napoleon", wurde ich ausgelacht. Mein Triumph, als sich später meine
+Ansicht bestätigte, war groß.
+
+Mein Regiment kam an diesem Tage nicht zu einer größeren
+Gefechtstätigkeit. Wir folgten gegen 3 Uhr nachmittags dem
+1. Garderegiment über den Givonne-Abschnitt. Zu diesem Zeitpunkt war dem
+französischen Widerstand durch unsere von allen Seiten wirkende Artillerie
+schon die Waffe aus der Hand geschlagen worden. Es handelte sich
+eigentlich nur noch darum, den Feind gegen Sedan zusammenzupressen, um ihm
+die Aussichtslosigkeit weiteren Widerstandes recht nachdrücklich vor die
+Augen zu führen. Die Vernichtungsbilder, die ich bei diesem Vorgehen an
+dem Nordostrand des Bois de la Garenne sah, übertrafen alle Schrecken, die
+mir je auf Schlachtfeldern entgegengetreten sind.
+
+Schon zwischen 4 und 5 Uhr richteten wir uns in unsern Biwaks ein. Die
+Schlacht war beendet. Nur ein Gewehrschuß fiel noch gegen Abend und eine
+Kugel pfiff über uns hinweg. Als wir zum Waldrand aufblickten, schwang
+dort ein Turko mit drohender Gebärde sein Gewehr und verschwand dann mit
+langen Sätzen im Dunkel der Bäume.
+
+Niemals, vorher wie nachher, habe ich die Nacht auf einem Schlachtfeld mit
+dem Gefühle gleicher restloser Befriedigung verbracht, wie hier. Träumte
+doch jeder, nachdem das "Nun danket alle Gott" verklungen war, von einem
+baldigen Kriegsende. Hierin wurden wir freilich bitter enttäuscht. Der
+Krieg ging weiter. Diese Fortsetzung des französischen Widerstandes nach
+der Schlacht von Sedan hat man bei uns oft nur als eine unnütze
+französische Selbstzerfleischung angesehen. Ich konnte diesem Urteil nicht
+beipflichten und habe dem Weitblick der damaligen Diktatoren den Beifall
+nicht versagen können. Zeigte sich doch darin, daß die französische
+Republik die Waffen da aufnahm, wo das Kaiserreich sie niederzulegen
+gezwungen war, meiner Ansicht nach nicht nur ein vorbildlicher
+patriotischer Geist sondern auch ein weiter staatsmännischer
+Zukunftsblick. Ich glaube noch heute, daß Frankreich mit einem Versagen
+seines Widerstandswillens in diesem Augenblick den größten Teil seiner
+völkischen Würde und damit die Aussichten auf eine bessere Zukunft
+preisgegeben hätte.
+
+Der 2. September brachte uns vormittags den Besuch des Kronprinzen, dem
+wir die erste Nachricht von der Gefangennahme Napoleons und seiner Armee
+verdankten, und nachmittags den unseres Königs und Kriegsherrn. Von dem
+beispiellosen Jubel, mit dem der Monarch empfangen wurde, vermag man sich
+kaum eine Vorstellung zu machen. Die Mannschaften waren nicht in Reih und
+Glied zu halten. Sie umringten ihren heißgeliebten Herrn und küßten ihm
+Hände und Füße. Seine Majestät sah seine Garden zum ersten Male in diesem
+Feldzuge; er dankte uns tränenden Auges für das, was wir bei St. Privat
+geleistet hatten. Das war reicher Lohn für jene schweren Stunden! Im
+Gefolge des Königs befand sich auch Bismarck. Er ritt in olympischer Ruhe
+am Ende der Kavalkade, wurde aber erkannt und bekam ein besonderes Hurra,
+das er schmunzelnd entgegennahm. Moltke war nicht zugegen.
+
+Am 3. September mittags bekam mein Regiment Befehl, gegen Sedan vorzugehen
+und alle noch außerhalb der Festung befindlichen Franzosen in diese
+hineinzudrängen. Hierdurch sollte verhindert werden, daß die sich
+zahlreich im Vorgelände herumtreibenden Gegner verleitet würden, die
+massenhaft umherliegenden Gewehre zu ergreifen und einen, wenn auch
+aussichtslosen Durchbruchsversuch zu wagen. Ich ritt voraus durch das Bois
+de la Garenne bis auf die Höhen dicht über der Stadt. Die die Landschaft
+belebenden Rothosen erwiesen sich als harmlose Sucher nach Mänteln und
+Decken, welche sie in die Gefangenschaft mitnehmen wollten. Das Eingreifen
+des Regiments wurde daher unnötig; einige Patrouillen anderer
+Truppenteile, die in der Nähe biwakierten, genügten. Als ich dem mir
+nachfolgenden Regiment mit dieser Meldung entgegenritt, sah ich im Gehölz
+auf der nach Norden führenden Chaussee eine Staubwolke. Ein französischer
+Militärarzt, der vor der in ein Lazarett umgewandelten Querimont-Ferme
+stand und mich ein Stück Weges begleitete, sagte mir, daß sich in dieser
+Staubwolke der Kaiser Napoleon, begleitet von Schwarzen Husaren, befände,
+um nach Belgien zu fahren. Wäre ich nur zwei Minuten eher an die Straße
+gekommen, dann hätte ich Zeuge dieses historischen Augenblicks sein
+können.
+
+Am Abend dieses Tages verließen wir das Schlachtfeld und rückten in nahe
+Quartiere. Von diesen aus traten wir dann nach einem Ruhetage den
+Vormarsch auf Paris an. Dieser führte uns zunächst über das Schlachtfeld
+von Beaumont und später durch Gegenden, welche im letzten großen Kriege
+der Schauplatz schwerer Kämpfe gewesen sind. Am 11. und 12. September lag
+das Regiment in Craonne und Corbény, zwei freundlichen Städtchen am Fuße
+des Winterberges. Und am 28. Mai 1918 stand ich während der Schlacht bei
+Soissons-Reims neben meinem Allerhöchsten Kriegsherrn auf ebendemselben
+Winterberge. Ich machte Seine Majestät darauf aufmerksam, daß ich vor
+48 Jahren dort unten im Quartier gelegen hätte. Von den beiden Orten waren
+kaum noch Trümmer übriggeblieben. Das Haus, in welchem ich an der
+Marktecke in Corbény gewohnt hatte, war unter Schutt und Asche nicht mehr
+herauszufinden. Auch der Winterberg, 1870 ein grüner, teilweise bewaldeter
+Rücken, zeigte nur kahle, steile Kalkhänge, von denen Geschosse, Hacke und
+Spaten die letzte Erdkrume entfernt hatten. Ein bei aller damaliger
+Siegesfreude trauriges Wiedersehen!
+
+Am 19. September sahen wir von der Hochfläche bei Gonesse aus, 8 km
+nordöstlich St. Denis, zum ersten Male die französische Hauptstadt. Die
+vergoldeten Kuppeln des Invalidendoms und anderer Kirchen funkelten im
+Morgensonnenstrahl. Ich glaube, daß die Kreuzfahrer einst mit ähnlichen
+Gefühlen auf Jerusalem geblickt haben, wie wir jetzt auf das zu unseren
+Füßen liegende Paris. Früh um 3 Uhr waren wir im Dunkeln aufgebrochen und
+lagen nun den ganzen schönen Herbsttag über auf den Stoppelfeldern zum
+Eingreifen bereit, im Falle bei uns oder den Nachbardivisionen das
+Besetzen und Einrichten der Vorpostenstellungen auf Schwierigkeiten stoßen
+sollte. Erst am späten Nachmittag durften wir in die Quartiere einrücken.
+Wir lagen in der nächsten Zeit in Gonesse, welches übrigens dadurch
+historischen Wert erlangt hat, daß dort 1815 Blücher und Wellington beim
+Eintreffen vor Paris zusammengekommen waren, um über die Fortführung der
+Operationen zu beraten.
+
+Statt eines baldigen vollen Erfolges hatten wir vor Paris noch monatelang
+recht anstrengenden und undankbaren Einschließungsdienst auszuüben, der an
+unserer Front nur selten durch kleinere Ausfallgefechte unterbrochen
+wurde. In die Eintönigkeit solcher Tätigkeit brachte erst die
+Weihnachtszeit mit der Beschießung der Forts eine militärisch belebende
+Zugluft.
+
+Die Mitte des Januar brachte dann für mich ein besonderes Erleben. Ich
+wurde mit einem Sergeanten als Vertreter des Regiments zur
+Kaiserproklamation nach Versailles entsandt. Den Befehl hierzu bekam ich
+am 16. Januar abends. Noch in dieser Nacht hatte ich mich in dem 15 km
+entfernten Margency einzufinden, woselbst vom Oberkommando der Maas-Armee
+für die Unterbringung aller aus östlichen Quartieren kommenden Abordnungen
+gesorgt war. Von dort sollten wir uns am 17. über St. Germain nach
+Versailles begeben. Zu Pferde konnte ich den etwa 40 km weiten Weg nicht
+zurücklegen, weil ich Gepäck mit mir führen mußte. Da setzte ich mich denn
+mit meinem Sergeanten und Burschen kurz entschlossen auf den Packwagen der
+Leibkompagnie des 1. Garderegiments, die mit mir im gleichen Ort lag und
+auch nach Versailles befohlen war. Im Schritt ging es so bei starker Kälte
+durch nächtliche Finsternis nach Margency, wo uns in einer Villa geheizte
+Kamine, gutes Strohlager und Tee erwarteten.
+
+Am 18. früh eröffnete mir der Führer der Leibkompagnie, daß er soeben
+angewiesen sei, nicht nach Versailles zu marschieren sondern zum Regiment
+zurückzukehren. Glücklicherweise nahm mich und meinen Burschen ein anderer
+Kamerad mit auf seinen zweiräderigen Wagen, und auch mein Sergeant fand
+irgendwo freundliche Aufnahme. So trabten wir denn an klarem Wintermorgen
+unserm nächsten Ziele, St. Germain, entgegen. Aber mit des Geschickes
+Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten. Unser vollgepackter Dogcart
+verlor plötzlich ein Rad, und wir lagen vollzählig auf der Landstraße. Zum
+Glück fanden wir bald in einem Ort eine Feldschmiede, die den Schaden
+beseitigte, so daß wir uns in St. Germain bei einem Frühstück in dem auf
+der Terrasse über der Seine herrlich gelegenen "Pavillon d'Henri quatre"
+den übrigen Mitreisenden wieder anschließen konnten. Ein eigentümlicher
+Wagenzug war es, der dann im Strahl der untergehenden Sonne seinen Einzug
+in Versailles hielt. Alle Arten von Fahrzeugen waren vertreten, wie man
+sie in den Schlössern, Villen und Bauernhöfen um Paris auftreiben konnte.
+Den meisten Eindruck machte ein Kartoffelwagen, dessen Inhaber zur Feier
+des Tages rechts und links von seinem Sitz eine große preußische Fahne -
+deutsche gab es ja noch nicht - aufgezogen hatte. Bald nahm mich ein gutes
+Quartier bei einer freundlichen alten Dame in der Avenue de Paris auf, und
+der Abend vereinigte uns zu einem langentbehrten Souper im Hotel des
+Reservoirs.
+
+Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war für mich reich an
+Eindrücken. Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte
+selbstredend die Person meines Allergnädigsten Königs und Herrn. Seine
+ruhige, schlichte, alles beherrschende Würde gab der Feier eine größere
+Weihe als aller äußere Glanz. Die herzenswarme Begeisterung für den
+erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen
+Volksstamme sie auch angehörten, gleich groß. Die Freude über das
+"Deutsche Reich" brachten wohl unsere süddeutschen Brüder am lebhafteren
+zum Ausdruck. Wir Preußen waren darin zurückhaltender, aus historischen
+Gründen, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon hatten erkennen
+lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff war. Das sollte
+fortan anders werden!
+
+Am Abend des 18. waren die in Versailles anwesenden Generale zur Tafel bei
+Seiner Majestät dem Kaiser in der Präfektur befohlen. Wir übrigen waren
+Gäste des Kaisers im Hotel "de France".
+
+Der 19. Januar begann mit einer Besichtigung des alten französischen
+Königsschlosses mit seiner stolzen, den Ruhm Frankreichs verewigenden
+Gemäldesammlung. Auch der weitausgedehnte Park wurde besucht. Da rief uns
+plötzlich Kanonendonner in die Stadt zurück. Die Besatzung von Versailles
+war bereits alarmiert und im Ausmarsch begriffen. Es handelte sich um den
+großen Ausfall der Franzosen vom Mont Valerien her. Wir beobachteten den
+Kampfverlauf eine Zeitlang als Schlachtenbummler. Nachmittags traten wir
+dann die Rückfahrt an, und spät in der Nacht erreichte ich wieder mein
+Regimentsstabsquartier Villers le Bel, 8 km nördlich St. Denis, dankbar
+dafür, daß ich den großen geschichtlichen Augenblick hatte miterleben und
+meinem nunmehrigen Kaiser zujubeln dürfen.
+
+Der vergebliche Ausfall vom Mont Valerien war die letzte große
+Kraftäußerung Frankreichs. Ihm folgte am 26. die Kapitulation von Paris
+und am 28. der allgemeine Waffenstillstand. Gleich nach der Übergabe der
+Forts wurde unsere Brigade westwärts in die zwischen dem Mont Valerien und
+St. Denis gelegene Seinehalbinsel geschoben. Wir bezogen gute, schön
+gelegene Quartiere hart am Flußufer, Paris gegenüber in der Nähe des Pont
+de Neuilly.
+
+Von dort aus hatte ich Gelegenheit, Paris wenigstens oberflächlich
+kennenzulernen. Am 2. März morgens ritt ich in Begleitung einer
+Gardehusaren-Ordonnanz über die eben genannte Brücke nach dem
+Triumphbogen. Ich umging diesen ebensowenig wie am Tage vorher mein
+Freund, der damalige Husarenleutnant von Bernhardi, der als erster in
+Paris einrückte. Dann ritt ich die Champs Elysées herunter über die Place
+de la Concorde und durch die Tuilerien bis hinein in den Hof des Louvre,
+schließlich an der Seine entlang und durch den Bois de Boulogne wieder
+nach Hause. Ich ließ auf diesem Wege die geschichtlichen Denkmäler einer
+reichen gegnerischen Vergangenheit auf mich wirken. Die wenigen Einwohner,
+die sich zeigten, bewahrten eine gemessene Haltung.
+
+So wenig ich geneigt bin, einem Kosmopolitismus zu huldigen, so weit
+entfernt war ich stets von Voreingenommenheit andern Völkern gegenüber;
+trotz aller wesensfremden Eigenschaften verkannte ich ihre guten Seiten
+nicht. So hat das französische Volk zwar für mich ein zu lebhaftes und
+daher zu rasch wechselndes Temperament; andererseits aber finde ich in dem
+Elan, der gerade in schwersten Zeiten in diesem Volke ganz einzigartig
+lebendig werden kann, einen besondern Vorzug. Vor allem schätze ich es,
+daß kraftvolle Persönlichkeiten so hinreißend auf die Masse zu wirken und
+sie derartig in ihren Bannkreis zu ziehen vermögen, daß die französische
+Nation imstande ist, aus Hingabe zu einem vaterländischen Ideal jegliche
+Art von Sonderinteressen bis zur völligen Hinopferung zurückzustellen. In
+eigenartigem Gegensatz hierzu steht das im letzten großen Kriege oft bis
+zum Sadismus gesteigerte und daher nicht durch zu lebhaftes Temperament
+entschuldbare Verhalten der Franzosen gegen wehrlose Gefangene.
+
+Am Tage nach meinem Besuch in Paris hatte das Gardekorps die hohe Ehre und
+unendliche Freude, vor seinem Kaiser und König auf den Longchamps in
+Parade zu stehen. In alter preußischer Strammheit defilierten die
+kampferprobten Regimenter vor ihrem Kriegsherrn, auf dessen Befehl sie
+jederzeit bereit waren, erneut ihr Leben für den Schutz und die Ehre des
+Vaterlandes einzusetzen. Zu einem wirklichen Einzug in Paris, wie er
+vorher andern Armeekorps beschieden gewesen war, kam es für uns nicht
+mehr, weil inzwischen der Präliminarfriede abgeschlossen war und
+Deutschland den in ehrlichem Kampfe besiegten Gegner nicht den Kelch der
+Demütigung bis auf die Neige leeren lassen wollte.
+
+Festlich begingen wir dann auch vor Paris am 22. März den Geburtstag
+Seiner Majestät. Es war ein herrlicher, warmer Frühlingstag mit
+Feldgottesdienst im Freien, Salutschießen der Forts und Festessen der
+Offiziere und Mannschaften. Die frohe Aussicht, nach treu erfüllter
+Pflicht nun bald in die Heimat zurückkehren zu können, ließ die Stimmung
+doppelt gehoben sein.
+
+Aber ganz so früh, als wir hofften, sollten wir Frankreich nicht
+verlassen. Wir mußten vielmehr zunächst noch an der Nordfront von Paris in
+und bei St. Denis stehenbleiben und wurden dort Zeugen des Kampfes der
+französischen Regierung gegen die Kommune.
+
+Die erste Entwickelung der neuen revolutionären Ereignisse hatten wir
+schon während der Belagerung verfolgen können. Die Zuchtlosigkeit extremer
+politischer Kreise dem Gouverneur von Paris gegenüber war uns bekannt. Als
+die Waffenruhe eintrat, begann die umstürzlerische Bewegung sich immer
+mehr hervorzuwagen. Bismarck hatte den französischen Machthabern
+zugerufen: "Sie sind durch die Revolution emporgekommen, eine neue
+Revolution wird Sie wieder wegfegen." Er schien recht behalten zu sollen.
+
+Im allgemeinen war unser Interesse an diesen umstürzlerischen Vorgängen
+anfänglich gering. Erst von Mitte März ab, als die Kommune die Herrschaft
+an sich zu reißen begann, und die Entwickelung immer mehr zum offenen
+Kampfe zwischen Versailles und Paris drängte, erhöhte sich unsere
+Aufmerksamkeit. Zeitungen und Flüchtlinge unterrichteten uns über die
+Vorgänge im Inneren der Stadt. Während nunmehr deutsche Korps Frankreichs
+Hauptstadt im Norden und Osten gewissermaßen als Verbündete der
+Regierungstruppen absperrten, gingen letztere in langwierigen Kämpfen von
+Süden und Westen her zum Angriff auf Paris über. Die Ereignisse außerhalb
+der Festungsumwallung konnte man am besten von den Höhen bei Sannois, 6 km
+nordwestlich von Paris an der Seine gelegen, beobachten. Geschäftsgewandte
+Franzosen hatten dort Fernrohre aufgestellt, die sie den deutschen
+Soldaten gegen Entgelt für Beobachtung des Dramas eines Bürgerkrieges zur
+Benutzung überließen. Ich selbst machte hiervon keinen Gebrauch, sondern
+beschränkte mich darauf, gelegentlich des täglichen Befehlsempfanges in
+St. Denis entweder aus einem hochgelegenen Fenster des dortigen Gasthofes
+"Cerf d'or" oder durch Vorreiten auf der langgestreckten Seineinsel bei
+St. Denis Einblick in die Lage in Paris zu gewinnen. Mächtige
+Feuersbrünste zeigten von Ende April ab, wohin der Kampf im Inneren der
+Stadt treiben würde. Ich erinnere mich, daß ich besonders am 23. Mai den
+Eindruck hatte, als ob das ganze innere Paris der Vernichtung anheimfiele.
+Die Lage in der Stadt wurde von den herausströmenden Flüchtlingen in den
+krassesten Farben geschildert. Die Tatsachen scheinen hinter diesen
+Erzählungen auch nicht zurückgeblieben zu sein. Brandstiftung, Plünderung,
+Geiselmord, kurz, alle jetzt als bolschewistisch angesprochenen
+Krankheitserscheinungen eines im Kriege zusammengebrochenen Staatskörpers
+traten schon damals auf. Die Drohung eines freigelassenen kommunistischen
+Führers: "Die Regierung hatte nicht den Mut, mich erschießen zu lassen,
+aber ich werde den Mut haben, die Regierung zu füsilieren" sollte
+anscheinend verwirklicht werden. Wie völlig das sonst so starke und
+empfindliche französische Nationalgefühl bei den Kommunisten ausgelöscht
+war, zeigt deren Erklärung: "Wir rühmen uns angesichts des Gegners,
+unserer Regierung die Bajonette in den Rücken zu stoßen." Man sieht, daß
+das bolschewistische Weltverbesserungsverfahren, wie es in der neuesten
+Zeit auch bei uns auftrat, nicht einmal Anspruch auf Originalität machen
+kann.
+
+Aus dem hochgelegenen Fenster in St. Denis sah ich schließlich eines Tages
+das Ende der Kommune mit an. Außerhalb des Hauptwalles von Paris
+vorgehende Regierungstruppen umgingen den Montmartre westlich und
+erstürmten bald darauf über dessen damals noch unbebauten Nordhang hinweg
+die weit beherrschende Höhe, das letzte Bollwerk des Aufstandes.
+
+Ich betrachte es als eine bittere Ironie des Schicksals, daß die einzige
+politische Partei Europas, die damals, wie ich wohl annehmen darf, in
+völliger Verkennung der wahren Vorgänge diese Bewegung verherrlichte, zur
+Zeit in unserem Vaterlande gezwungen ist, mit aller Schärfe gegen
+kommunistische Bestrebungen vorzugehen. Es ist dies ein Beweis dafür,
+wohin doktrinäre Einseitigkeiten führen, bis die praktische Erfahrung
+aufklärend eingreift.
+
+Mit dem warnenden Beispiel der zuletzt geschilderten Vorgänge im Herzen
+kehrten wir Anfang Juni der Hauptstadt Frankreichs den Rücken und trafen
+nach dreitägiger Eisenbahnfahrt in unserem glücklicheren, siegreichen
+Vaterlande ein.
+
+Der Einzug in Berlin erfolgte diesmal vom Tempelhofer Felde aus. Vertreter
+aller deutschen Truppenteile waren neben dem Gardekorps hierbei beteiligt.
+Die Hoffnung auf einen siegreichen dritten Einzug durch das Brandenburger
+Tor, die ich nicht meinetwegen sondern um meines Kaisers und Königs und um
+des Vaterlandes willen lange im innersten Herzensgrunde gehegt hatte,
+sollte nicht in Erfüllung gehen!
+
+
+
+
+ Friedensarbeit
+
+
+Mit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom
+französischen Boden in die Heimat zurückgekehrt. Mit dem einigen Vaterland
+war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die
+staatlichen Sonderheiten nur oberflächliche Abweichungen bedingt hatten.
+Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab
+ebenso gewährleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der
+Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natürlichen Verlauf der deutschen
+Entwicklung, daß die preußischen Erfahrungen und Einrichtungen für den
+weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden.
+
+Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb für die
+nächsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu
+einer höheren militärischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie
+vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese.
+
+Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit
+Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem
+Gebiet der Militärwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter
+Kriegskunst und früherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu
+mußten wir zwangsweise Mathematik hören, die nur ganz wenige von uns
+später als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die
+beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den
+Zwischenkursen brachten dem vorwärtsstrebenden jungen Offizier volle
+Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben
+dem schon früher erwähnten Major von Wittich den Oberst Keßler und den
+Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat
+Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit
+reichbegabten Altersgenossen, wie den spätern Generalfeldmarschällen von
+Bülow und von Eichhorn sowie dem späteren General der Kavallerie von
+Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich.
+
+Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei.
+Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Königlichen Hoheit des
+Prinzen Alexander von Preußen herangezogen zu werden, und kam dadurch
+nicht nur mit hohen Militärs sondern auch mit Männern der Wissenschaft
+sowie des Staats- und Hofdienstes in Berührung.
+
+Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunächst
+für ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurück und wurde dann im
+Frühjahr 1877 zum Großen Generalstab kommandiert.
+
+Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter
+Beförderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem
+Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann
+meine militärische Laufbahn außerhalb der Truppe, zu welch letzterer ich
+bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurückkehrte.
+
+Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefüge innerhalb des
+Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen
+Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe
+geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des
+Feldmarschalls Graf Moltke, stützte. Durch die Friedensschulung der
+Generalstabsoffiziere war die Gewähr geschaffen, daß im Kriegsfalle ein
+einheitlicher Zug alle Führerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum
+alle Führergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die
+Führung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr
+in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der
+militärischen und persönlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die
+erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persönlichkeit
+und das individuelle Handeln vor der Öffentlichkeit zurücktreten zu
+lassen. Er mußte ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen.
+
+Ich glaube, daß es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit
+verstanden hat, seine außerordentlich schwere Aufgabe zu erfüllen. Seine
+Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, mögen auch Fehler und Irrtümer
+im einzelnen vorgekommen sein. Ich wüßte kein ehrenderes Zeugnis für ihn,
+als daß die Gegner seine Auflösung durch die Friedensbedingungen gefordert
+haben.
+
+Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet.
+Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Tätigkeit so
+beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden
+Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben höherem
+Gedankenflug gewissenhafte Beschäftigung mit aller möglichen Kleinarbeit
+erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der
+durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier
+nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil für die Truppe wurde.
+
+Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als jüngsten
+Generalstabsoffizier natürlich hauptsächlich mit solcher Kleinarbeit.
+Anfangs wirkte das enttäuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich
+ihre Notwendigkeit für die Durchführung der großen Gedanken und für das
+Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljährlichen Generalstabsreisen
+konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit größeren Verhältnissen
+beschäftigen. Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des
+Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei
+Königsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war
+der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in
+jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine
+Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision geführt hatte. Es war eine
+Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der
+Uniform seiner Blücherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs,
+erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich
+eine gründliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst.
+
+Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanöver und erwarb sich die
+Anerkennung Seiner Majestät. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den
+russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem
+Türkenkriege, auf der Höhe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck
+eines rücksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befähigten
+höhern Führers. Sein Renommieren berührte weniger angenehm.
+
+Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß ich mich in Stettin verheiratet habe.
+Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von
+Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee
+Generalstabschef war und gleich nach dem französischen Kriege starb. Ich
+fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermüdlich
+Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester
+Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Töchter.
+Ersterer hat im großen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit
+getan. Beide Töchter sind verheiratet, ihre Männer haben im letzten großen
+Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden.
+
+1881 wurde ich zur 1. Division nach Königsberg versetzt. Diese Verwendung
+machte mich selbständiger, brachte mich der Truppe näher und führte mich
+in meine Heimatsprovinz.
+
+Aus meinem dortigen dienstlichen Leben möchte ich besonders hervorheben,
+daß der bekannte Militärschriftsteller General von Verdy du Vernois
+zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte,
+interessante Persönlichkeit. Er verfügte infolge seines reichen Erlebens
+in hohen Generalstabsstellen während der Kriege 1866 und 1870/71 über
+außergewöhnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit.
+Auch hatte er schon früher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des
+russischen Oberkommandos in Warschau während des polnischen Aufstandes
+1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhältnisse an unserer
+Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer
+glänzenden Erzählerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom
+militärischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade
+belehrend. General von Verdy war außerdem auf dem Gebiete der angewandten
+Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im
+gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel für meine spätere Lehrtätigkeit
+an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen
+Richtungen äußerst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein gütiger
+Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte.
+
+Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer,
+erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und
+Aufgaben für die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft
+angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich.
+
+Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in
+das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich
+hatte bei dieser Rückkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu übernehmen,
+die fast ausschließlich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die
+der Verständigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der
+Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im
+Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich selbst
+war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner
+Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht mächtig. Meine Einwirkung auf die
+Kompagnie war noch dadurch außerordentlich erschwert, daß die Mannschaften
+in 33 Bürgerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmühlen,
+verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem
+polnischen Ersatz nicht ungünstig. Die Leute waren fleißig, willig und,
+was ich besonders hervorheben möchte, anhänglich, wenn man der
+Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu überwinden hatten,
+Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge für sie sorgte. Damals
+glaubte ich, daß die größere Häufigkeit von Diebstählen und von
+Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit
+vielfach ungenügender erster Jugenderziehung zu erklären sei. Ich bedauere
+es sehr, daß ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt
+zurückstecken muß, nachdem ich von den Greueln gehört habe, welche die
+Insurgenten Wehrlosen gegenüber verübt haben. Das hätte ich den
+Landsleuten meiner einstigen Füsiliere nicht zugetraut!
+
+Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fünfvierteljährige
+Kompagniechefszeit zurück. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer
+kleinen, halbländlichen Garnison kennen, fand außer im Kameradenkreise
+auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Gütern und stand wieder einmal
+in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemühte mich redlich, auf
+die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knüpfte so ein festes Band
+zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von
+meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller äußern Vorteile, welche mir die
+Rückkehr in den Generalstab brachte.
+
+Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Großen Generalstab.
+Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des
+damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des späteren Generals und Chefs des
+Generalstabes der Armee, wurde aber außerdem noch der Abteilung des
+derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des späteren Kommandierenden
+Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der
+Pioniere, für länger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung
+der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhöchsten
+Vorschrift, zur Verfügung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden
+bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Berührung.
+
+An einem mehrtägigen Übungsritte bei Zossen im Frühjahre 1886, der dem
+Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einführung
+praktisch zu erproben, nahm auch Seine Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm
+von Preußen teil. Es war für mich das erste Mal, daß ich die Ehre hatte,
+meinem späteren Kaiser, König und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im
+darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des
+Großen Generalstabes bei. Ich führte bei dieser Gelegenheit die russische
+Armee.
+
+Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den
+nähern Verkehr mit den Abteilungen des Großen Generalstabes seinem
+nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, überließ, so beherrschte
+doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen
+Versicherung, daß Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung
+genoß, und daß sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluß entziehen
+konnte.
+
+Ich kam unter den dargelegten Verhältnissen nur selten in unmittelbaren
+dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das
+Glück, ihm außerdienstlich zu begegnen. Eine für seine Persönlichkeit wie
+für seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer
+Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein
+Gemälde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit
+dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Königgrätz darstellend. Der in
+der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzählte aus
+persönlichem Erleben, daß Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung
+dem Kronprinzen zugerufen habe: "Gott sei Dank, Fritz, daß du gekommen
+bist, sonst wäre es mir vielleicht schlecht ergangen!" Auf diese Erzählung
+Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre
+aussuchte, mit drei großen Schritten unter uns und sagte in scharf
+betonten Worten: "Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wußte doch,
+daß der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu
+erwarten war, und damit war der Sieg sicher." Nach dieser Bemerkung wandte
+sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu.
+
+Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des
+Generalstabes Gäste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit
+behauptete einer der Herrn, daß Moltkes Kaisertoast einschließlich der
+Anrede und des ersten "Hoch" nicht mehr als zehn Worte enthalten würde.
+Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen
+Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: "Meine Herrn, der
+Kaiser hoch!" Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich
+genügten. Im nächsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden,
+aber der Gegenpart dankte dafür. Er hätte dieses Mal gewonnen, denn Graf
+Moltke sagte: "Meine Herrn, Seine Majestät der Kaiser und König Er lebe
+hoch!" Das sind elf Worte.
+
+Übrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam,
+sondern ein sehr liebenswürdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn für
+Humor.
+
+Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf
+seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn
+treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die übliche Perücke, so daß
+die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein
+Lorbeerkranz um seine Schläfe, um das Bild eines idealen Cäsarenkopfes zu
+vervollständigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe
+entstanden, welch hoher Idealismus hatte hier seine Stätte gehabt, welch
+ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes
+und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter
+gleich große Persönlichkeit hat nach meiner Überzeugung seitdem unser Volk
+nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung
+dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Größe gewesen.
+
+Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so großer Kaiser von uns gegangen.
+Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem über
+Alles geliebten Kaiserlichen und Königlichen Herrn den letzten Dienst
+erweisen. Meine Gedanken führten mich über Memel, Königgrätz und Sedan
+nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluß in der Erinnerung an einen
+Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden
+Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand.
+Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen
+fünfjährigen Sohn in die Höhe und ließ ihn unseren greisen Herrn mit den
+Worten sehen: "Vergiß diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann
+wirst du auch immer recht tun." Nun war seine große Herrscher- und
+Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher
+durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruß entboten
+hatte.
+
+Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem
+alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers
+gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche
+Gefühle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach
+werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden.
+
+Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war
+keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte
+ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Große Generalstab
+befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreußen. Wir
+wurden daher in Gumbinnen auf Seine Majestät den Kaiser und König
+Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn
+das Treugelöbnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre später in
+schwerer, aber großer Zeit durch die Tat bekräftigen durfte.
+
+Das Schicksal fügte es für mich günstig, daß ich innerhalb des
+Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch während
+meiner Zuteilung zum Großen Generalstab wurde mir der Unterricht der
+Taktik an der Kriegsakademie übertragen. Ich fand in dieser Tätigkeit eine
+hohe Befriedigung und übte sie fünf Jahre hindurch aus. Freilich waren die
+Anforderungen an mich sehr groß, da ich neben diesem Amt gleichzeitig
+andern Dienst tun mußte, zuerst im Großen Generalstab und später als
+erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps.
+Unter diesen Verhältnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu
+kurz. Durcharbeitete Nächte wurden zur Gewohnheit.
+
+Viele hochbegabte, zu den schönsten Hoffnungen berechtigende junge
+Offiziere lernte ich während dieser akademischen Lehrtätigkeit kennen.
+Mancher Namen gehören jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur
+Lauenstein, Lüttwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei
+türkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von
+etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat
+es später in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General
+gebracht.
+
+Beim Generalkommando des III. Korps war der jüngere General von Bronsart
+mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und
+1870/71 im Generalstab tätig gewesen war, und später gleich seinem älteren
+Bruder Kriegsminister wurde.
+
+In ein gänzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher führte mich im Jahre 1889
+meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des
+Allgemeinen Kriegsdepartements zu übernehmen. Zurückzuführen ist diese
+Veränderung auf den Umstand, daß mein einstiger Divisionskommandeur,
+General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer
+Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch
+Abteilungschef.
+
+So wenig diese Verwendung anfänglich meinen Wünschen und Neigungen
+entsprach, so sehr schätzte ich doch später den Nutzen, den ich durch den
+Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhältnisse gewann.
+Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche
+Umständlichkeit des Geschäftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit
+dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung
+untergeordneterer Persönlichkeiten, zugleich aber auch die große
+Pflichttreue kennen zu lernen, mit der überall in äußerster Anspannung der
+Kräfte gearbeitet wurde.
+
+Zu meinen anregendsten Aufgaben gehörten die Schaffung einer
+Feldpioniervorschrift und die Einführung der Verwendung der schweren
+Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im großen Kriege bewährt.
+
+Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch
+ganz besonders im letzten Kriege, sind der größten Anerkennung wert. Eine
+ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in
+seiner vollen Berechtigung zu bestätigen.
+
+So sehr ich auch schließlich meine Verwendung im Kriegsministerium als für
+mich nutzbringend schätzen gelernt hatte, so warm begrüßte ich doch die
+Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum
+Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde.
+
+Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schönste in der Armee. Der
+Kommandeur drückt dem Regiment, dem Träger der Tradition im Heere, seinen
+Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern
+auch in geselliger Beziehung, Leitung und Überwachung der Ausbildung der
+Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemühte mich, im Offizierkorps
+ritterlichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmäßigkeit und straffe
+Disziplin, überall aber auch neben strenger Dienstauffassung
+Dienstfreudigkeit und Selbständigkeit zu pflegen. Der Umstand, daß in der
+Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir
+Gelegenheit zu zahlreichen Übungen mit gemischten Waffen.
+
+Ihre Königliche Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin waren mir
+gnädig gesonnen, das gleiche galt vom erbgroßherzoglichen Paare. Ich fand
+auch sonst überall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen
+Gartenstadt sehr wohl gefühlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger
+Bevölkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine
+Oldenburger Zeit zurück. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner
+großen Freude an meinem 70jährigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen
+Regiment durch _à la suite_-Stellung in Verbindung. So zähle ich mich denn
+auch heute noch zu den Oldenburgern.
+
+Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in
+Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in nähere Berührung mit
+unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen
+des Rheinländers berührten mich durchaus angenehm: an das leichtere
+Hinweggleiten über ernstere Lebensfragen und eine im Verhältnis zu dem
+Norddeutschen weichere Art des Empfindens mußte ich mich dagegen offen
+gestanden erst gewöhnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und
+die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen
+Verhältnissen erklären ja durchaus manche Unterschiede im Denken und
+Fühlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbedürfnis der Rheinlande von
+Preußen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnöder
+Undank.
+
+Das frohe Leben am Rhein zog übrigens auch mich in seinen Bann, und ich
+verlebte dort viele frohe Stunden.
+
+Mein Kommandierender General war anfänglich der mir schon vom Großen
+Generalstab her als Abteilungschef und auch vom Kriegsministerium her als
+mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine
+Stelle trat aber bald Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog von Baden.
+
+Diesem hohen Herrn durfte ich 3½ Jahre zur Seite stehen. Ich zähle diese
+Jahre mit zu den schönsten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich
+Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche,
+unermüdliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung
+erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner
+Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevölkerung.
+
+Während meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanöver. Seine
+Majestät der Kaiser und König war mit den Leistungen in Parade und
+Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zählte auch die
+Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem
+schöngelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein
+gegenüber in den Rhein mündet.
+
+Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef
+eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerückt, daß meine
+Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam.
+Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der
+28. Division in Karlsruhe ernannt.
+
+Diesem Allerhöchsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine
+bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgroßherzog ließen mich auch bei
+Ihren Königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großherzogin ein
+unendlich gnädiges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau
+übertrug und uns hoch beglückte. Dazu das herrliche Badener Land mit all
+seinen landschaftlichen Schönheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und
+Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit
+seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit.
+
+In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter
+einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs wird dadurch
+vielseitiger, erhebt sich über die kleineren Dinge und fordert eine
+Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Großen im Kriege beschäftigt.
+
+Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verließ ich im Januar 1903 Karlsruhe,
+weil mich das Vertrauen meines Allerhöchsten Kriegsherrn an die Spitze des
+IV. Armeekorps berief.
+
+Ich übernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der
+man in der Regel länger als auf andern militärischen Posten verbleibt, und
+in der man, ähnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter höhern
+Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepräge gibt. Ich handelte im übrigen
+nach meinen bisherigen Grundsätzen und glaube Erfolge erreicht zu haben.
+Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine
+der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, äußerte sich
+wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 8¼jähriger Tätigkeit
+mein schönes Amt niederlegte.
+
+Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestät
+im Kaisermanöver, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Roßbach
+beginnend, vorführen zu dürfen. Ich erntete Allerhöchste Anerkennung, die
+ich dankbar auf meinen Vorgänger und auf meine Truppen zurückführte.
+
+In diesen Manövertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestät der
+Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind später in
+ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was
+die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war.
+
+Das IV. Armeekorps gehörte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner
+Königlichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen
+hervorragenden Führer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns
+später auf dem östlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz
+unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der großen
+Sache, obgleich er mir im Dienstalter wesentlich überlegen war. Im
+Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers im Verein
+mit dem damaligen General von Bülow, dessen Korps auch zur
+Armee-Inspektion des Prinzen gehörte, in München an der Feier des
+50jährigen Dienstjubiläums Seiner Königlichen Hoheit teil. Wir hatten aus
+dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Königlichen Hoheit dem
+hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden.
+
+Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen,
+unterschätzt. Es ist eine schöne alte Stadt, deren "Breiter Weg" und deren
+ehrwürdiger Dom als Sehenswürdigkeiten gelten müssen. Seit der Schleifung
+der Festung sind über deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen
+Anforderungen entsprechende Vorstädte entstanden. Was der nächsten
+Umgegend Magdeburgs an Naturschönheiten versagt ist, hat man durch
+weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewußt. Auch für Kunst und
+Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vorträge und dergleichen
+gesorgt. Man sieht also, daß man sich dort auch außerdienstlich wohl
+fühlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhältnisse
+vorfindet, wie es uns beschieden war.
+
+Dem Verkehr in der Stadt schloß sich ein solcher an den Höfen von
+Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an.
+Sie alle zu nennen, würde zu weit führen. Aber eines von uns alljährlich
+wiederholten mehrtägigen Besuches bei meinem jetzt 93jährigen, ehrwürdigen
+väterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf
+Carow, muß ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken.
+
+Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten
+großen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in
+Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im
+Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Gütern
+dafür, daß man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuß
+kam.
+
+Immer mehr reifte allmählich in mir der Entschluß, aus der Armee
+auszuscheiden. Ich hatte in meiner militärischen Laufbahn viel mehr
+erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und
+so erkannte ich es für eine Pflicht an, jüngeren Kräften den Weg nach
+vorwärts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich
+die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemächtigt
+hat, so erkläre ich ausdrücklich, daß keinerlei Reibungen dienstlicher
+oder gar persönlicher Art diesen Schritt veranlaßt haben.
+
+Der Abschied von liebgewonnenen, langjährigen Beziehungen und besonders
+von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht
+leicht. Aber es mußte sein! Ich ahnte nicht, daß ich nach wenigen Jahren
+wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps
+Kaiser und Reich, König und Vaterland erneut dienen durfte.
+
+Im Verlauf meiner langjährigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen
+Stämme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu können, über welch
+einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfügt, und wie kaum
+ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen für
+ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland.
+
+
+
+
+ Übergang in den Ruhestand
+
+
+Mit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und König, unter den
+heißesten Wünschen für seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft
+unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb
+doch im Innern immer Soldat.
+
+Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes ließ mich zufrieden
+auf meine bisherige Tätigkeit zurückblicken. Nichts war imstande, mir das
+Gesamtbild zu trüben, über dem der Zauber der Verwirklichung glühender
+Jugendträume lag. Der Übergang zur selbstgewählten Ruhe vollzog sich daher
+auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht
+ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, daß im Falle einer
+Gefahr fürs Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen würde, der Wunsch,
+meine letzten Kräfte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines
+veränderten Daseins nichts von seiner Stärke.
+
+In der Zeit, in der ich die Armee verließ, pulsierte dort ein
+außergewöhnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen
+Altem und Neuem, zwischen rücksichtslosen Fortschritten und ängstlichem
+Zurückhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen
+Erfahrungen der jüngsten Kriege. Diese Erfahrungen ließen trotz der neuen
+Bahnen, die sie uns öffneten, keinen Zweifel darüber, daß inmitten der
+Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschätzung der Erziehung, der
+sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben mußte. Die
+herzhafte Tat hatte den Vorrang vor den Künsteleien des Verstandes auch
+jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben
+höher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. Über der
+Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen,
+ich möchte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung
+der menschlichen Natur, keine Überfeinerung der kriegerischen Erziehung.
+Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des
+Menschen zur willensstarken Persönlichkeit.
+
+Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivität vorwerfen
+zu können. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivität die Schaffung
+von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die
+Produktivität von höheren, sittlichen Gesichtspunkten auffaßt. Wer nicht
+aus Vorurteil und Übelwollen unsere militärische Friedensarbeit von
+vornherein verwarf, mußte in der Armee die trefflichste Schule für Wille
+und Tat, ja geradezu für Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende
+von Menschen haben unter ihrem Einfluß erst gelernt, was sie körperlich
+und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und
+die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben
+erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des
+Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle
+gleichmachenden Schule unseres großen, vaterländischen Heeres? In ihm
+wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft
+und Staat auflösenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen
+zum Wohle für die Allgemeinheit segensvoll geläutert und umgewandelt. Das
+Heer schulte und verstärkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den
+wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des
+Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik,
+in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im
+Gewerbe. Die Überzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der
+Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen
+Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewußtsein
+gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen
+möglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt
+Trotz bieten mußten und konnten.
+
+Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der
+deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, daß unsere
+Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen
+die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen
+entsittlichenden Einfluß ausübte, oder unter den entnervenden Eindrücken
+seelischer und körperlicher Überanspannung die moralischen Begriffe sich
+teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang
+tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb
+trotz der unerhörtesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe
+gewachsen.
+
+Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, daß sie sich bemühte, den freien
+Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwürdigen. Auf den Schlachtfeldern
+des großen Weltkrieges, inmitten der auflösenden Wirkungen endloser Kämpfe
+hat es sich aber gezeigt, welch willensstärkenden Einfluß unsere Erziehung
+ausgeübt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschütternde Vorgänge
+beweisen, zu welch großen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann
+befähigt war, nicht weil er sich sagte: "Ich muß", sondern weil er sich
+sagte: "Ich will."
+
+Es liegt in dem Gange der Ereignisse, daß man mit der Auflösung der alten
+Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich
+verbleibe dem gegenüber fest auf dem Boden der alten, bewährten
+Grundsätze. Mögen es andere für nicht unbedingt entscheidend ansehen,
+durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Möglichkeit zu gleichen
+Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiß mit mir
+übereinstimmen, daß es für die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist,
+daß wir diese Möglichkeit überhaupt wieder erlangen. Es sei denn, daß wir
+auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Amboß
+herabwürdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden,
+zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet.
+
+Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur für das politische sondern
+auch für das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes,
+wie wir die große Schule für Organisation und Tatkraft, die wir in unserem
+alten Heere besaßen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so
+kann das deutsche nur unter äußerster Anspannung und Zusammenfassung
+seiner schöpferischen Kräfte gedeihen und einen lebenswerten Platz
+inmitten der übrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen
+eines unglücklichen Krieges und unter dem trügerischen Eindruck, als ob
+die strenge Unterordnung aller Volkskräfte unter einen beherrschenden
+Willen das Unglück des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht hätte, ist
+leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung
+eingetreten. Die Empörung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene
+Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf
+neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt
+haben wir jedenfalls unter den Einflüssen der staatlichen Auflösung weit
+mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des
+eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische
+Kräfte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden
+unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die
+kostbarste Grundlage unseres Staatslebens frühzeitig bis zur völligen
+Unfruchtbarkeit und Öde erschöpfen!
+
+
+
+
+
+ ZWEITER TEIL
+
+
+ KRIEGFÜHRUNG IM OSTEN
+
+
+
+
+ Der Kampf um Ostpreußen
+
+
+
+ Kriegsausbruch und Berufung
+
+
+Die Ruhe meines Lebens gab mir seit dem Jahre 1911 die Möglichkeit, mich
+den politischen Vorgängen in der Welt mit Muße zu widmen. Die
+Beobachtungen, die ich dabei machte, waren freilich nicht imstande, mich
+mit Befriedigung zu erfüllen. Ängstlichkeit lag mir ferne, und doch konnte
+ich ein gewisses bedrückendes Gefühl nicht los werden. Die Ansicht drängte
+sich mir auf, daß wir in den weiten Ozean der Weltpolitik hinaustrieben,
+ohne daß wir in Europa selbst genügend fest standen. Mochten die
+politischen Wetterwolken über Marokko stehen oder sich über dem Balkan
+zusammenziehen, die unbestimmte Ahnung, als ob unter unserem deutschen
+Boden miniert würde, teilte ich mit der Mehrzahl meiner Landsleute. Wir
+standen in den letzten Jahren zweifellos einer der sich augenscheinlich
+regelmäßig wiederholenden französisch-chauvinistischen Hochfluten
+gegenüber. Ihr Ursprung war bekannt; ihre Stütze suchte und fand sie in
+Rußland wie in England, ganz gleichgültig, wer und was dort die offenen
+oder geheimen, die bewußten oder unbewußten Triebfedern bildete.
+
+Ich habe die besonderen Schwierigkeiten in der Führung der deutschen
+Politik nie verkannt. Die Gefahren, die sich aus unserer geographischen
+Lage, aus unseren wirtschaftlichen Notwendigkeiten und nicht zuletzt aus
+unseren völkisch gemischten Randgebieten ergaben, waren mit den Händen zu
+greifen. Eine gegnerische Politik, der es gelang, die fremden
+Begehrlichkeiten gegen uns zusammenzufassen, bedurfte nach meiner Ansicht
+hierzu keiner großen Gewandtheit. Sie betrieb letzten Endes den Krieg. Auf
+diese Gefahr uns einzustellen, versäumten wir. Unsere Bündnispolitik
+richtete sich mehr nach einem Ehrenkodex als nach den Bedürfnissen unseres
+Volkes und unserer Weltlage.
+
+Wenn ein späterer deutscher Reichskanzler schon in den neunziger Jahren
+mit dem fortschreitenden Zerfall der uns verbündeten Donaumonarchie als
+mit etwas Selbstverständlichem rechnen zu müssen glaubte, so war es
+unverständlich, wenn unsere Politik daraus nicht die entsprechenden
+Folgerungen zog.
+
+Den deutsch-österreichischen Stammesgenossen brachte ich jederzeit volle
+Sympathie entgegen. Die Schwierigkeiten ihrer Stellung innerhalb ihres
+Vaterlandes fanden ja bei uns allgemein die lebhafteste Teilnahme. Dieses
+unser Gefühl wurde aber nach meiner Auffassung von der
+österreichisch-ungarischen Politik allzu weitgehend ausgenutzt.
+
+Das Wort von der Nibelungentreue war gewiß seinerzeit sehr eindrucksvoll.
+Es konnte uns aber über die Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß
+Österreich-Ungarn uns in die bosnische Krisis, auf die dieses Wort gemünzt
+war, ohne bundesbrüderliche Verständigung überraschend hineingezerrt hatte
+und dann von uns verlangte, ihm den Rücken zu decken. Daß wir den
+Verbündeten damals nicht verlassen konnten, war klar. Das hätte geheißen,
+den russischen Koloß stärken, um dann selbst um so sicherer und
+widerstandsloser von ihm erdrückt zu werden.
+
+Mir als Soldaten mußte besonders das Mißverhältnis zwischen den
+politischen Ansprüchen Österreich-Ungarns und seinen innerpolitischen
+sowie militärischen Kräften auffallen. Den ungeheuren Rüstungen des nach
+dem ostasiatischen Kriege wieder gekräftigten Rußland gegenüber
+verstärkten zwar wir Deutschen unsere Wehr, stellten aber nicht die
+gleichen Anforderungen an unseren österreichisch-ungarischen
+Bundesgenossen. Für die Staatsmänner der Donaumonarchie mochte es sehr
+einfach sein, sich gegenüber unseren Anregungen auf Erhöhung der
+österreichisch-ungarischen Rüstungen hinter Schwierigkeiten ihrer
+innerstaatlichen Verhältnisse zurückzuziehen. Warum aber fanden wir keine
+Mittel, Österreich-Ungarn in dieser Frage vor ein Entweder-Oder zu
+stellen? Wir kannten doch die gewaltige zahlenmäßige Überlegenheit unserer
+voraussichtlichen Gegner. Durften wir es denn dulden, daß der Verbündete
+einen großen Teil seiner Volkskräfte für die gemeinsame Verteidigung brach
+liegen ließ? Was nützte es uns, in Österreich-Ungarn ein nach Südosten
+vorgeschobenes Bollwerk zu besitzen, wenn dieses Bollwerk nach allen
+Seiten Risse aufwies und nicht genügend Verteidiger besaß, um seine Wälle
+zu halten?
+
+Auf eine wirksame Waffenhilfe Italiens zu rechnen, schien mir von jeher
+bedenklich. Eine solche war zweifelhaft, selbst bei gutem Willen der
+italienischen Staatsmänner. Wir hatten Gelegenheit gehabt, die Schwächen
+des italienischen Heeres im Tripoliskrieg vollauf zu erkennen. Seitdem
+waren die dortigen Verhältnisse bei den schwer erschütterten Finanzen des
+Staates kaum besser geworden. Schlagbereit war Italien jedenfalls nicht.
+
+In diesen Richtungen bewegten sich meine damaligen Betrachtungen und
+Sorgen. Ich hatte den Krieg schon zweimal kennengelernt, jedesmal unter
+kraftvoller politischer Führung vereint mit einfachen, klaren
+kriegerischen Zielen. Ich fürchtete den Krieg nicht, auch jetzt nicht!
+Aber ich kannte neben seinen erhebenden Wirkungen seine verheerenden
+Eingriffe in das menschliche Dasein zu gut, als daß ich ihn nicht hätte
+denkbar lange vermieden wissen wollen.
+
+
+
+Und nun brach der Krieg über uns herein! Die Hoffnungslosigkeit, uns mit
+Frankreich auf dem bestehenden Boden vergleichen, den Geschäftsneid und
+die Rivalitätsangst Englands bannen, die russische Begehrlichkeit ohne
+unseren Bündnisbruch mit Österreich befriedigen zu können, hatte in
+Deutschland seit langem eine Stimmungsspannung hervorgerufen, in der der
+Kriegsausbruch fast wie eine Befreiung von einem beständigen, das ganze
+Leben beeinträchtigenden Drucke empfunden wurde.
+
+Der deutsche kaiserliche Heerbann trat an! Eine stolze Kriegsmacht, wie
+sie die Welt in dieser Tüchtigkeit nur selten gesehen hat. Bei ihrem
+Anblick mußte der Herzschlag des ganzen Volkes kräftiger werden. Doch
+nirgends Übermut im Angesicht der Aufgabe, die unserer harrte. Hatten doch
+weder Bismarck noch Moltke uns über die wuchtende Last eines solchen
+Krieges im Unklaren gelassen, stellte doch jeder Einsichtige bei uns sich
+die Frage, ob wir politisch, wirtschaftlich, militärisch und moralisch
+imstande sein würden durchzuhalten. Doch größer als die Sorge war
+zweifellos das Vertrauen.
+
+In diesen Stimmungen und Gedanken traf auch mich die Nachricht vom
+Losbrechen des Sturmes. Der Soldat in mir wurde in seiner nunmehr alles
+beherrschenden Kraft wieder lebendig. Würde mein Kaiser und König meiner
+bedürfen? Gerade das letzte Jahr war ohne eine amtliche Andeutung dieser
+Art für mich vorübergegangen. Jüngere Kräfte schienen ausreichend
+verfügbar. Ich fügte mich dem Schicksal und blieb doch in sehnsuchtsvoller
+Erwartung.
+
+
+
+ Zur Front
+
+
+Die Heimat lauschte in Spannung.
+
+Die Nachrichten von den Kriegsschauplätzen entsprachen unseren Hoffnungen
+und Wünschen. Lüttich war gefallen, das Gefecht bei Mülhausen siegreich
+geschlagen, unser rechter Heeresflügel und unsere Mitte im Vorschreiten
+durch Belgien. Die ersten jubelatmenden Nachrichten über die Lothringer
+Schlacht drangen ins Vaterland. Auch aus dem Osten klang es wie
+Siegesfanfaren.
+
+Nirgends Ereignisse, die sorgende Gedanken gerechtfertigt erscheinen
+ließen.
+
+Am 22. August 3 Uhr nachmittags erhielt ich eine Anfrage aus dem Großen
+Hauptquartier Seiner Majestät des Kaisers, ob ich bereit zur sofortigen
+Verwendung sei.
+
+Meine Antwort lautete: "Bin bereit."
+
+Noch bevor dieses Telegramm im Großen Hauptquartier eingetroffen sein
+konnte, erhielt ich ein zweites von dort. Danach rechnete man
+augenscheinlich bestimmt mit meiner Bereitschaft zur Annahme einer
+Feldstelle und teilte mir mit, daß General Ludendorff bei mir eintreffen
+werde. Weitere Mitteilungen aus dem Großen Hauptquartier klärten dann die
+Sachlage für mich dahin auf, daß ich als Armeeführer sogleich nach dem
+Osten abzugehen hätte.
+
+Gegen 3 Uhr nachts fuhr ich, in der Eile nur unfertig ausgerüstet, zum
+Bahnhof und stand dort erwartungsvoll in der mäßig beleuchteten Halle.
+Meine Gedanken rissen sich von dem heimischen Herde, den ich so plötzlich
+verlassen mußte, erst völlig los, als der kurze Sonderzug einfuhr. Ihm
+entstieg mit frischem Schritte General Ludendorff, sich bei mir als mein
+Chef des Generalstabs der 8. Armee meldend.
+
+Der General war mir bis zu diesem Augenblicke fremd gewesen, seine Tat bei
+Lüttich mir noch unbekannt. Er klärte mich zunächst über die Lage an
+unserer Ostfront auf, über die er am 22. August im Großen Hauptquartier
+Coblenz von dem Chef des Generalstabes des Feldheeres, Generaloberst von
+Moltke, persönlich unterrichtet worden war. Danach hatten sich die
+Operationen der 8. Armee in Ostpreußen folgendermaßen entwickelt: Die
+Armee hatte das XX. Armeekorps, verstärkt durch Festungsbesatzungen und
+sonstige Landwehrformationen, bei Beginn der Operationen zum Schutze der
+Südgrenze West- und Ostpreußens von der Weichsel bis an das Lötzener
+Seengebiet in Stellung belassen. Die Masse der Armee (I. Armeekorps,
+XVII. Armeekorps, I. Reservekorps, 3. Reservedivision, Festungsbesatzung
+Königsberg und 1. Kavalleriedivision) war an der Ostgrenze Ostpreußens
+versammelt worden und hatte dort am 17. August bei Stallupönen, am 19. und
+20. August bei Gumbinnen im Angriff gegen die unter General Rennenkampf
+von Osten her vordringende russische Njemenarmee gefochten. Während der
+Kämpfe bei Gumbinnen war die Meldung vom Vormarsch der russischen
+Narewarmee unter General Samsonoff von Süden her gegen die deutsche
+Grenzlinie Soldau-Willenberg eingetroffen. Die Führung unserer 8. Armee
+glaubte damit rechnen zu müssen, daß der Russe diese Grenze schon am
+21. August überschreiten würde. Angesichts dieser Bedrohung der
+rückwärtigen Verbindungen aus südlicher Richtung brach das Oberkommando
+die Schlacht bei Gumbinnen ab und meldete der Obersten Heeresleitung, daß
+es nicht imstande sein würde, das Land östlich der Weichsel weiterhin zu
+behaupten.
+
+Generaloberst von Moltke hatte diesen Entschluß nicht gebilligt. Er
+vertrat die Auffassung, daß man noch eine Operation zur Vernichtung der
+Narewarmee versuchen müßte, bevor man daran denken dürfte, die
+militärisch, wirtschaftlich und politisch wichtige Stellung in Ostpreußen
+aufzugeben. Der Gegensatz in den Anschauungen zwischen der Obersten
+Heeresleitung und dem Armee-Oberkommando hatte den Wechsel in den
+führenden Stellen der 8. Armee veranlaßt.
+
+Zur Zeit schien die Lage bei dieser Armee folgende zu sein: Die Loslösung
+vom Feinde war gelungen. Das I. Armeekorps und die 3. Reservedivision
+befanden sich in Abbeförderung mit der Bahn nach Westen, während das
+I. Reservekorps und das XVII. Armeekorps der Weichsellinie im Fußmarsch
+zustrebten. Das XX. Armeekorps stand noch auf seinem Posten an der Grenze.
+
+Ich war mit meinem nunmehrigen Armeechef in kurzem in der Auffassung der
+Lage einig. General Ludendorff hatte schon von Coblenz aus die ersten
+unaufschiebbaren Weisungen geben können, die dahin zielten, die
+Fortführung der Operationen östlich der Weichsel sicherzustellen. Dazu
+gehörte in erster Linie, daß die Transporte des I. Armeekorps nicht zu
+weit nach Westen geführt, sondern auf Deutsch-Eylau, also feindwärts
+hinter den rechten Flügel des XX. Armeekorps, herangeleitet wurden.
+
+Alles weitere mußte und konnte erst bei unserem Eintreffen im
+Hauptquartier der Armee in Marienburg entschieden werden.
+
+Unser Gespräch hatte kaum mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen.
+Dann begaben wir uns zur Ruhe. Die dazu verfügbare Zeit nützte ich
+gründlich aus.
+
+So fuhren wir denn einer gemeinsamen Zukunft entgegen, uns des Ernstes der
+Lage voll bewußt, aber auch voll festen Vertrauens zu Gott dem Herrn, zu
+unseren braven Truppen und nicht zuletzt zu einander. Jahrelang sollte von
+nun ab das gemeinsame Denken und die gemeinsame Tat uns vereinen.
+
+Ich möchte mich hier gleich über das Verhältnis zwischen mir und meinem
+damaligen Generalstabschef und späteren Ersten Generalquartiermeister
+General Ludendorff aussprechen. Man hat geglaubt, dieses Verhältnis mit
+dem Blüchers zu Gneisenau vergleichen zu können. Ich lasse dahingestellt
+sein, inwieweit man bei diesem Vergleiche von der wirklich richtigen
+historischen Grundlage ausgegangen ist. Die Stellung eines Chefs des
+Generalstabes hatte ich, wie aus meinen vorhergehenden Ausführungen ja
+bekannt ist, früher selbst jahrelang innegehabt. Die Tätigkeit eines
+solchen gegenüber dem die Verantwortung tragenden Führer ist, wie ich
+somit aus eigener Erfahrung wußte, innerhalb der deutschen Armee nicht
+theoretisch festgelegt. Die Art der Zusammenarbeit und das Ausmaß der
+gegenseitigen Ergänzung hängen vielmehr von den Persönlichkeiten ab. Die
+Grenzen der beiderseitigen Wirkungsbereiche sind also nicht scharf
+voneinander getrennt. Ist das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und
+Generalstabschef ein richtiges, so werden sich diese Grenzen durch
+soldatischen und persönlichen Takt und die beiderseitigen
+Charaktereigenschaften leicht ergeben.
+
+Ich selbst habe mein Verhältnis zu General Ludendorff oft als das einer
+glücklichen Ehe bezeichnet. Wie will und kann der Außenstehende das
+Verdienst des einzelnen in einer solchen scharf abgrenzen? Man trifft sich
+im Denken wie im Handeln, und die Worte des einen sind oftmals nur der
+Ausdruck der Gedanken und Empfindungen des anderen.
+
+Eine meiner vornehmsten Aufgaben, nachdem ich den hohen Wert des Generals
+Ludendorff bald erkannt hatte, sah ich darin, den geistvollen
+Gedankengängen, der nahezu übermenschlichen Arbeitskraft und dem nie
+ermattenden Arbeitswillen meines Chefs soviel als möglich freie Bahn zu
+lassen und sie ihm, wenn nötig, zu schaffen. Freie Bahn in der Richtung,
+in der unser gemeinsames Sehnen, unsere gemeinsamen Ziele lagen: der Sieg
+unserer Fahnen, das Wohl unseres Vaterlandes, ein Friede, wert der Opfer,
+die unser Volk gebracht hatte.
+
+Ich hatte dem General Ludendorff die Treue des Kampfgenossen zu halten,
+wie sie uns in deutscher Volksgeschichte von Jugend an gelehrt wird, die
+Kampfestreue, an der unser ethisches Denken so reich ist. Und wahrlich,
+seine Arbeit und sein Wollen, wie seine ganze sonstige Persönlichkeit
+waren dieser Treue wert. Mögen andere darüber urteilen wie sie wollen!
+Auch für ihn wird wie für so viele unserer Großen und Größten erst später
+die Zeit kommen, in der das Volk in seiner Gesamtheit bewundernd zu ihm
+aufblicken wird. Mein Wunsch aber ist es, daß unser Vaterland in gleich
+schwerem Geschick aufs neue einen solchen Mann finden möge, einen ganzen
+Mann, kraftvoll in sich geschlossen, freilich auch eckig und kantig, aber
+geschaffen für ein gigantisches Werk wie kaum ein zweiter in der
+Geschichte.
+
+Wahrlich, er wurde in richtiger Erkenntnis seiner Bedeutung von seinen
+Gegnern gehaßt!
+
+Auf die Harmonie unserer kriegerischen und politischen Überzeugungen
+gründete sich die Einheitlichkeit unserer Anschauungen in dem Gebrauch
+unserer Streitmittel. Verschiedenheiten der Auffassungen fanden ihren
+natürlichen Ausgleich und Abgleich, ohne daß das Gefühl gemachter
+Nachgiebigkeiten auf einer oder der anderen Seite jemals störend
+dazwischen trat. Die gewaltige Arbeit meines Generalstabschef setzte
+unsere Gedanken und Pläne auf das Räderwerk unserer Armeeführung um und
+später auf das der gesamten Obersten Heeresleitung, nachdem diese uns
+anvertraut worden war. Sein Einfluß belebte alle, niemand konnte sich ihm
+entziehen, es sei denn auf die Gefahr hin, aus der einheitlichen Bahn
+geschleudert zu werden. Wie konnte auch anders die ungeheure Aufgabe
+erfüllt, die Triebkraft zur vollen Wirkung gebracht werden?
+
+In selbstverständlicher, soldatischer Pflichterfüllung, reich an Willen
+und Gedanken, schloß sich uns beiden der weitere Kreis der Mitarbeiter an.
+Mit treu dankbarem Herzen werde ich stets auch ihrer gedenken!
+
+
+
+ Tannenberg
+
+
+Am frühen Nachmittag des 23. August erreichten wir unser Hauptquartier
+Marienburg. Wir betraten damit das Land östlich der Weichsel, das
+demnächstige Gebiet unseres Wirkens. Die Lage an der Front hatte sich bis
+zu diesem Zeitpunkt wie folgt entwickelt:
+
+Das XX. Armeekorps war von seinen Grenzstellungen bei Neidenburg auf
+Gilgenburg und Gegend östlich zurückgegangen. Nach Westen anschließend an
+dieses Korps standen die aus den Festungen Thorn und Graudenz
+herausgezogenen Besatzungen bis gegen die Weichsel hin längs der Grenze.
+Die 3. Reservedivision war als Verstärkung für das XX. Armeekorps bei
+Allenstein eingetroffen. Die Heranbeförderung des I. Armeekorps nach
+Deutsch-Eylau hatte mit Verzögerungen begonnen. Das XVII. Armeekorps und
+I. Reservekorps waren im Fußmarsch in die Gegend um Gerdauen gekommen. Die
+1. Kavalleriedivision stand südlich Insterburg der Armee Rennenkampf
+gegenüber. Die Besatzung von Königsberg hatte Insterburg im Rückmarsch
+nach Westen durchschritten.
+
+Die Njemenarmee Rennenkampfs war auffallenderweise mit nennenswerten
+Infanterieteilen noch nicht über die Angerapp vorgedrungen. Von den beiden
+russischen Kavalleriekorps war das eine bei Angerburg, das andere westlich
+Darkehmen gemeldet worden. Die Narewarmee Samsonoffs hatte mit einer
+Division anscheinend die Gegend von Ortelsburg erreicht, auch sollte
+Johannisburg vom Feinde besetzt sein. Im übrigen schien die Masse dieser
+Armee wohl noch an der Grenze im Aufschließen begriffen, westlicher Flügel
+bei Mlawa.
+
+In der Brieftasche eines gefallenen russischen Offiziers war ein
+Schriftstück gefunden worden, aus dem die Absichten der gegnerischen
+Führung hervorgingen. Danach hatte die Armee Rennenkampf, die masurischen
+Seen nördlich umgehend, gegen die Linie Insterburg-Angerburg vorzurücken.
+Sie sollte die hinter der Angerapp angenommenen deutschen Streitkräfte
+angreifen, während die Narewarmee über die Linie Lötzen-Ortelsburg den
+Deutschen die Flanke abzugewinnen hatte.
+
+Die Russen planten also einen konzentrischen Angriff auf die 8. Armee, für
+welchen die Armee Samsonoffs aber jetzt schon erheblich weiter nach Westen
+ausholte, als ursprünglich beabsichtigt war.
+
+Was sollen, ja was können wir gegen diesen gefährlichen feindlichen Plan
+tun? Gefährlich weniger wegen der Kühnheit, mit der er erdacht, als wegen
+der Stärke, mit der er ausgeführt werden soll, wenigstens mit der Stärke
+an Streitern, hoffentlich nicht mit der gleichen Stärke an Willen. Führte
+doch Rußland im Laufe der Monate August und September nicht weniger als
+800.000 Soldaten und 1700 Geschütze gegen Ostpreußen heran, zu dessen
+Verteidigung nur 210.000 deutsche Soldaten mit 600 Geschützen verfügbar
+gemacht werden konnten.
+
+Unser Gegenplan ist einfach. Ich will versuchen, ihn dem Leser, auch wenn
+er kein Fachmann ist, in allgemeinen Umrissen verständlich zu machen.
+
+Wir stellen zunächst der dichten Masse Samsonoffs eine dünne Mitte
+gegenüber. Ich sage dünn, nicht schwach. Denn Männer sind es mit
+stählernem Herzen und stählernem Willen. In ihrem Rücken die Heimat, Weib
+und Kind, Eltern und Geschwister, Hab und Gut! Es ist das XX. Korps, brave
+West- und Ostpreußen. Mag diese dünne Mitte unter dem Drucke der
+feindlichen Massen sich auch biegen, wenn sie nur nicht bricht. Während
+diese Mitte kämpft, sollen zwei wuchtige Gruppen an deren beide Flügel zum
+entscheidenden Angriff heranrücken.
+
+Die Truppen des I. Armeekorps, durch Landwehr verstärkt, auch alles Kinder
+des bedrohten Landes, werden von rechts her aus dem Nordwesten, die
+Truppen des XVII. Armeekorps und I. Reservekorps zusammen mit einer
+Landwehrbrigade, werden von links her aus dem Norden und Nordosten zur
+Schlacht herangeholt. Auch die Soldaten des XVII. Armeekorps und
+I. Reservekorps, ebenso wie die Männer der Landwehr und des Landsturms
+haben alles, was das Leben lebenswert macht, in ihrem Rücken.
+
+Nicht mit einfachem Siege sondern mit Vernichtung müssen wir Samsonoff
+treffen. Denn nur dadurch bekommen wir freie Hände gegen den zweiten
+Feind, der zurzeit Ostpreußen plündert und versengt, gegen Rennenkampf.
+Nur so können wir das alte Preußenland wirklich und völlig befreien, und
+nur so gewinnen wir Freiheit für weitere Taten, die man noch von uns
+erwartet, nämlich für das Eingreifen in den mächtig entbrennenden
+Entscheidungskampf zwischen Rußland und unserem österreichisch-ungarischen
+Verbündeten in Galizien und Polen. Wird unser erster Schlag nicht
+durchgreifend, dann bleibt die Gefahr für unsere Heimat wie eine
+schleichende Krankheit bestehen, ungerächt bleibt das Brennen und Morden
+in Ostpreußen, und vergeblich wartet der Bundesgenosse im Süden auf uns.
+
+Also ganzes Handeln! Dazu muß alles heran, was im Bewegungskrieg
+einigermaßen brauchbar ist und irgendwo entbehrt werden kann. Was die
+Festungswälle von Graudenz und Thorn noch an kampftauglicher Landwehr
+beherbergen, wird herangezogen. Auch aus den Schützengräben, die zwischen
+den masurischen Seen unsere jetzige Operation im Osten decken, rücken
+unsere Wehrmänner ab und übergeben die dortige Verteidigung einer
+verschwindenden Minderzahl braver Landstürmer. Gewinnen wir die
+Feldschlacht, dann brauchen wir die Festungen Thorn und Graudenz nicht
+mehr und sind der Sorgen um die Seenengen ledig.
+
+Gegen Rennenkampf, der wie ein Alpdruck aus dem Nordosten auf uns lasten
+könnte, soll nur unsere Kavalleriedivision sowie die Hauptreserve
+Königsberg mit zwei Landwehrbrigaden stehen bleiben. Doch können wir an
+diesem Tage noch nicht überblicken, ob diese Kräfte auch wirklich genügen.
+Sie bilden in ihrer Kampfkraft ja nur einen leicht zerreißbaren Schleier,
+vorausgesetzt, daß Rennenkampfs Massen marschieren, daß seine
+übermächtigen Reitergeschwader reiten sollten, so wie wir es befürchten
+müssen. Vielleicht tun sie das aber nicht; dann genügt der Schleier zur
+Deckung unserer Schwäche. Wir müssen es wagen in Flanke und Rücken, um an
+der entscheidenden Front stark zu sein. Hoffentlich gelingt es uns,
+Rennenkampf zu täuschen; vielleicht täuscht er sich selbst. Der starke
+Waffenplatz Königsberg mit seiner Besatzung und unsere Reiter können sich
+ja in der Phantasie des Feindes zu machtvolleren Größen erweitern.
+
+Wenn sich aber auch Rennenkampf zu unseren Gunsten in falschen
+Vorstellungen wiegt, wird ihn nicht seine Oberste Heeresführung
+vorwärtstreiben in starken Märschen nach Südwesten und in unseren Rücken?
+Muß ihn nicht ein Hilfeschrei Samsonoffs in Bewegung aufs Kampffeld
+setzen? Und wird nicht, selbst wenn der Ruf menschlicher Stimme vergeblich
+verhallen sollte, der mahnende Donner der Schlacht bis zu den russischen
+Linien im Norden der Seen, ja selbst bis zum feindlichen Hauptquartier
+dringen?
+
+Vorsicht gegen Rennenkampf bleibt also nötig, wir können ihr aber nicht
+durch Zurücklassung starker Kampftruppen Rechnung tragen, sonst werden wir
+auf dem Schlachtfelde noch schwächer, als wir es ohnehin sind.
+
+Berechnen wir die gegenseitigen Stärken, zählen wir zu der unserigen auch
+die beiden Landwehrbrigaden, die zur Zeit von Schleswig-Holstein her aus
+dem Küstenschutz heranrollen und wohl noch rechtzeitig zur Schlacht
+eintreffen werden, so gibt ein Vergleich mit den wahrscheinlichen
+russischen Kräften immer noch große Verschiedenheiten zu unseren
+Ungunsten, auch wenn Rennenkampf nicht marschieren, nicht mitkämpfen will.
+Dazu kommt, daß in unseren vordersten Reihen viel Landwehr und Landsturm
+fechten muß. Alte Jahrgänge gegen beste russische Jugend. Ferner spricht
+gegen uns, daß die Mehrzahl unserer Truppen und, wie es die Lage fügt,
+gerade alle, die voraussichtlich den entscheidenden Stoß führen müssen,
+aus schweren und verlustreichen Kämpfen herankommen. Hatten sie doch den
+Russen das Schlachtfeld von Gumbinnen überlassen müssen. Die Truppen
+marschieren daher nicht mit dem stolzen Gefühle der Sieger. Und doch
+rücken sie zur Schlacht frohen Sinnes und fester Zuversicht. Der Geist ist
+gut, so wird uns gemeldet, also berechtigt er zu kräftigen Entschlüssen,
+und wo er etwa gedrückt sein sollte, da wird er durch diese kraftvollen
+Entschlüsse emporgerissen. So war es von jeher, sollte es diesmal anders
+sein? Ich hatte keine Bedenken wegen unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit.
+
+Wer in die Rechnung des Krieges nur die sichtbaren Werte einsetzt, rechnet
+falsch. Ausschlaggebend sind die inneren Werte des Soldaten. Auf diese
+baue ich mein Vertrauen. Ich denke mir:
+
+Mag der Russe auch in unser Vaterland einmarschieren, mag die Berührung
+mit deutscher Erde sein Herz höher schlagen lassen, sie macht ihn nicht
+zum deutschen Soldaten, und die ihn führen, sind keine deutschen
+Offiziere. Auf den mandschurischen Schlachtfeldern hatte der russische
+Soldat mit dem größten Gehorsam gefochten, so fremd ihm auch die
+politischen Absichten seiner Regierung am Stillen Ozean gewesen waren. Es
+schien nicht ausgeschlossen, daß bei einem Kriege gegen die Mittelmächte
+die Begeisterung der russischen Armee für die Kriegsziele des Zarentums
+größer sein würde. Trotzdem nahm ich an, daß der russische Soldat und
+Offizier auch auf dem europäischen Kriegsschauplatz im großen und ganzen
+keine höheren militärischen Eigenschaften zeigen würde als auf dem
+ostasiatischen, und glaubte daher, statt des Minus unserer zahlenmäßigen
+Unterlegenheit ein Plus an innerer Kraft in die Berechnung der
+Stärkeverhältnisse zu unseren Gunsten aufnehmen zu können.
+
+So ist unser Plan, sind unsere Gedanken vor der Schlacht und für die
+Schlacht. Wir fassen dieses Denken und Sollen am 23. August in einer
+kurzen Meldung aus Marienburg an die Oberste Heeresleitung zusammen des
+Inhalts:
+
+ "Vereinigung der Armee am 26. August beim XX. Armeekorps für umfassenden
+ Angriff geplant."
+
+Am Abend des 23. August führte mich ein kurzer Erholungsgang auf das
+westliche Nogatufer. Von dort boten die roten Mauern des stolzen
+Deutschordensschlosses, des größten Baudenkmals baltischer Ziegelgotik, im
+Abendsonnenstrahl einen gar wundersamen Anblick. Gedanken an die
+Vergangenheit hehrer Ritterzeit mischten sich unwillkürlich mit Fragen an
+die verschleierte Zukunft. Der Ernst der Stimmung wurde erhöht durch den
+Anblick vorüberziehender Flüchtlinge meiner Heimatprovinz. Eine traurige
+Mahnung, daß der Krieg nicht nur den wehrhaften Mann trifft, sondern daß
+er durch Vernichtung der Daseinsbedingungen Wehrloser zur tausendfachen
+Geißel der Menschheit wird.
+
+Am 24. August begab ich mich mit dem engeren Stabe in Kraftwagen zum
+Generalkommando des XX. Armeekorps und kam hierbei in den Ort, von dem die
+bald entbrennende Schlacht ihren Namen erhalten sollte.
+
+Tannenberg! Ein Wort schmerzlicher Erinnerungen für deutsche Ordensmacht,
+ein Jubelruf slawischen Triumphes, gedächtnisfrisch geblieben in der
+Geschichte trotz mehr als 500jähriger Vergangenheit. Ich hatte bis zu
+diesem Tage das Schicksalsfeld deutscher östlicher Kultureroberungen noch
+nie betreten. Ein einfaches Denkmal zeugt dort von Heldenringen und
+Heldentod. In der Nähe dieses Denkmals standen wir an einigen der
+folgenden Tage, in denen sich das Geschick der russischen Armee Samsonoff
+zur vernichtenden Niederlage gestaltete.
+
+Auf dem Wege von Marienburg nach Tannenberg vermehrten sich die Eindrücke
+vom Kriegselend, das über die unglücklichen Einwohner hereingebrochen war.
+Massen von hilflos Flüchtenden drängten sich mit ihrer Habe auf den
+Straßen und behinderten teilweise die Bewegungen unserer an den Feind
+marschierenden Truppen.
+
+Bei dem Stabe des Generalkommandos traf ich das Vertrauen und den Willen,
+die für das Gelingen unseres Planes unerläßlich waren. Auch die Eindrücke
+über die Haltung der Truppe an dieser unserer zunächst bedenklichsten
+Stelle waren günstig.
+
+Der Tag brachte keine durchgreifende Klärung, weder hinsichtlich der
+Operationen Rennenkampfs noch der Bewegungen Samsonoffs. Es schien sich
+nur zu bestätigen, daß Rennenkampfs Marschtempo ein recht gemäßigtes war.
+Der Grund hierfür war nicht zu erklären. Von der Narewarmee erkannten wir,
+daß sie sich mit ihrer Hauptmacht gegen das XX. Armeekorps vorschob. Unter
+ihrem Drucke nahm das Korps seinen linken Flügel zurück. Diese Maßregel
+hatte nichts Bedenkliches an sich. Im Gegenteil. Der nachdrängende Feind
+wird unserer linken Angriffsgruppe, die heute die Marschrichtung auf
+Bischofsburg erhält, immer ausgesprochener seine rechte Flanke bieten.
+Auffallend und nicht ohne Bedenken für uns waren dagegen feindliche
+Bewegungen, die sich anscheinend gegen unseren Westflügel und gegen
+Lautenburg aussprachen. Der Eindruck bestand, daß der Russe uns hier zu
+überflügeln gedachte und damit den beabsichtigten Umgehungsangriff unserer
+rechten Gruppe seinerseits in der Flanke fassen würde.
+
+Der 25. August brachte etwas mehr Einblick in die Bewegungen Rennenkampfs.
+Seine Kolonnen marschierten von der Angerapp nach Westen, also auf
+Königsberg. War der ursprüngliche russische Operationsplan aufgegeben?
+Oder war die russische Führung über unsere Bewegungen getäuscht und
+vermutete die Hauptmasse unserer Truppen in und bei der Festung?
+Jedenfalls schien nunmehr kaum noch ein Bedenken zu bestehen, gegen
+Rennenkampfs gewaltige Massen nur noch einen Schleier stehen zu lassen.
+Samsonoffs auffallend zögernde Operationen richteten sich auch an diesem
+Tage mit der Hauptstärke weiter gegen unser XX. Armeekorps. Das rechte
+russische Flügelkorps marschierte zweifellos in Richtung auf Bischofsburg,
+also unserem XVII. Armeekorps und I. Reservekorps entgegen, die an diesem
+Tage die Gegend nördlich dieses Städtchens erreichten. Bei Mlawa häuften
+sich augenscheinlich weitere russische Massen.
+
+Mit diesem Tage ist für uns die Zeit des Wartens und der Vorbereitung
+vorüber. Wir führen unser I. Armeekorps an den rechten Flügel des XX.
+heran. Der allgemeine Angriff kann beginnen.
+
+Der 26. August ist der erste Tag des mörderischen Ringens von Lautenburg
+bis nördlich Bischofsburg. Nicht in lückenloser Schlachtfront sondern in
+Gruppenkämpfen, nicht in einem geschlossenen Akt sondern in einer Reihe
+von Schlägen beginnt das Drama sich abzuspielen, dessen Bühne sich auf
+mehr denn hundert Kilometer Breite erstreckt.
+
+Auf dem rechten Flügel führt General von François seine braven Ostpreußen.
+Sie schieben sich gegen Usdau heran, um am nächsten Tag den Schlüsselpunkt
+dieses Teiles des südlichen Kampffeldes zu stürmen. Auch General von
+Scholtz' prächtiges Korps befreit sich allmählich aus den Fesseln der
+Verteidigung und beginnt zum Angriff zu schreiten. Erbitterter ist der
+Kampf schon am heutigen Tage bei Bischofsburg. Dort wird bis zum Abend von
+unserer Seite gründliche Kampfarbeit getan. In kräftigen Schlägen wird das
+rechte Flügelkorps Samsonoffs durch Mackensens und Belows Truppen
+(XVII. Armeekorps und I. Reservekorps) sowie durch Landwehr zerschlagen
+und weicht auf Ortelsburg. Die Größe des eigenen Erfolgs ist aber noch
+nicht zu erkennen. Die Führer erwarten für den folgenden Tag erneuten
+starken Widerstand südlich des heutigen Kampffeldes. Doch sie sind guter
+Zuversicht.
+
+Da erhebt sich scheinbar von Rennenkampfs Seite drohende Gefahr. Man
+meldet eines seiner Korps im Vormarsch über Angerburg. Wird dieses nicht
+den Weg in den Rücken unserer linken Stoßgruppe finden? Ferner kommen
+beunruhigende Nachrichten aus der Flanke und dem Rücken unseres westlichen
+Flügels. Dort bewegt sich im Süden starke russische Kavallerie. Ob
+Infanterie ihr folgt, ist nicht festzustellen. Die Krisis der Schlacht
+erreicht ihren Höhepunkt. Die Frage drängt sich uns auf: wie wird die Lage
+werden, wenn sich bei solch gewaltigen Räumen und bei dieser feindlichen
+Überlegenheit die Entscheidung noch tagelang hinzieht? Ist es
+überraschend, wenn ernste Gedanken manches Herz erfüllen; wenn
+Schwankungen auch da drohen, wo bisher nur festester Wille war; wenn
+Zweifel sich auch da einstellen, wo klare Gedanken bis jetzt alles
+beherrschten? Sollten wir nicht doch gegen Rennenkampf uns wieder
+verstärken und lieber gegen Samsonoff nur halbe Arbeit tun? Ist es nicht
+besser, gegen die Narewarmee die Vernichtung nicht zu versuchen, um die
+eigene Vernichtung sicher zu vermeiden? Wir überwinden die Krisis in uns,
+bleiben dem gefaßten Entschlusse treu und suchen weiter die Lösung mit
+allen Kräften im Angriff. Demnach rechter Flügel unentwegt weiter auf
+Neidenburg und linke Stoßgruppe "um 4 Uhr morgens antreten und mit größter
+Energie handeln", so etwa lautete der Befehl.
+
+Der 27. August zeigt, daß der Erfolg des I. Reservekorps und
+XVII. Armeekorps bei Bischofsburg am vorhergehenden Tage ein
+durchschlagender gewesen ist. Der Gegner ist nicht nur gewichen, sondern
+flieht vom Schlachtfeld. Des weiteren überblickt man, daß Rennenkampf nur
+in der Phantasie eines Fliegers in unseren Rücken marschiert. In
+Wirklichkeit bleibt er in langsamem Vorgehen auf Königsberg. Sieht er
+nicht oder will er nicht sehen, daß das Verderben gegen die rechte Flanke
+Samsonoffs schon im vollen Vorschreiten ist und daß es auch gegen dessen
+linken Flügel andauernd wächst? Denn an diesem Tage erstürmen François und
+Scholtz die feindlichen Stellungen bei Usdau und nördlich und schlagen den
+südlichen Gegner. Mag nunmehr die feindliche Mitte weiter nach
+Allenstein-Hohenstein vordringen, sie findet dort nicht mehr den Sieg,
+sondern nur noch das Verderben. Die Lage ist für uns klar; wir geben am
+Abend des Tages den Befehl zum Einkreisen der Kernmasse des Gegners,
+nämlich seines XIII. und XV. Armeekorps.
+
+Während des 28. August geht das blutige Ringen weiter.
+
+Der 29. sieht einen großen Teil der russischen Hauptkräfte bei Hohenstein
+der endgültigen Vernichtung anheimfallen. Ortelsburg wird von Norden,
+Willenberg über Neidenburg von Westen erreicht. Der Ring um Tausende und
+Abertausende von Russen beginnt sich zu schließen. Viel russisches
+Heldentum ficht freilich auch in dieser verzweiflungsvollen Lage noch
+weiter für den Zaren, die Ehre der Waffen rettend, aber nicht mehr die
+Schlacht.
+
+Rennenkampf marschiert immer noch ruhig weiter auf Königsberg. Samsonoff
+ist verloren, auch wenn sein Kamerad jetzt noch zu anderer und besserer
+kriegerischer Einsicht kommen sollte. Denn schon können wir Truppen aus
+der Schlachtfront ziehen zur Deckung unseres Vernichtungswerks, das sich
+in dem großen Kessel Neidenburg-Willenberg-Passenheim vollzieht und in dem
+der verzweifelnde Samsonoff den Tod sucht. Aus diesem Kessel heraus kommen
+größer und größer werdende russische Gefangenenkolonnen. In ihrem
+Erscheinen tritt der reifende Erfolg der Schlacht immer klarer zutage. Ein
+eigenartiger Zufall wollte es, daß ich in Osterode, einem unserer
+Unterkunftsorte während der Schlacht, den einen der beiden gefangenen
+russischen Kommandierenden Generale in dem gleichen Gasthofe empfing, in
+dem ich im Jahre 1881 auf einer Generalstabsreise als junger
+Generalstabsoffizier einquartiert gewesen war. Der andere meldete sich am
+folgenden Tage bei mir in einer von uns zu Geschäftsräumen umgewandelten
+Schule.
+
+Schon während der Kämpfe konnten wir das teilweise prächtige
+Soldatenmaterial betrachten, über das der Zar verfügte. Nach meinen
+Eindrücken befanden sich darunter zweifellos bildungsfähige Elemente. Ich
+nahm bei dieser Gelegenheit, wie schon 1866 und 1870 wahr, wie rasch der
+deutsche Offizier und Soldat in seinem seelischen Empfinden und in seinem
+sachlichen Urteil in dem gefangenen Gegner den gewesenen Feind vergißt.
+Die Kampfeswut unserer Leute ebbt überraschend schnell zu rücksichtsvollem
+Mitgefühl und menschlicher Güte ab. Nur gegen die Kosaken erhob sich
+damals der allgemeine Zorn. Sie wurden als die Ausführer all der
+vertierten Roheiten betrachtet, unter denen Ostpreußens Volk und Land so
+grausam zu leiden hatten. Dem Kosak schlug anscheinend sein schlechtes
+Gewissen, denn er entfernte, wo und wie er immer konnte, bei drohender
+Gefangennahme die Abzeichen, die seine Waffenzugehörigkeit kenntlich
+machten, nämlich die breiten Streifen an den Hosen.
+
+Am 30. August macht der Gegner im Osten und Süden den Versuch, mit
+frischen und wiedergesammelten Truppen unseren Einschließungsring von
+außen her zu sprengen. Von Myszyniec, also aus der Richtung Ostrolenka,
+führt er neue starke Kräfte auf Neidenburg und Ortelsburg gegen unsere
+Truppen, die schon das russische Zentrum völlig einkreisen und daher dem
+anrückenden Gegner den Rücken bieten. Gefahr ist im Verzug; um so mehr,
+als von Mlawa anrückende feindliche Kolonnen nach Fliegermeldung 35 km
+lang, also sehr stark sein sollen. Doch halten wir fest an unserem großen
+Ziele. Die Hauptmacht Samsonoffs muß umklammert und vernichtet werden.
+François und Mackensen werfen dem neuen Feind ihre freilich nur noch
+schwachen Reserven entgegen. An ihnen scheitert der russische Versuch, die
+Katastrophe Samsonoffs zu mildern. Während Verzweiflung den Umklammerten
+ergreift, hat Mattherzigkeit die Tatkraft desjenigen gelähmt, der die
+Befreiung hätte bringen können. Auch in dieser Beziehung bestätigen die
+Ereignisse auf dem Schlachtfelde von Tannenberg die alten menschlichen und
+soldatischen Erfahrungen.
+
+Unser Feuerkreis um die dichtgedrängten, bald hierhin, bald dorthin
+stürzenden russischen Haufen wird mit jeder Stunde fester und enger.
+
+Rennenkampf scheint an diesem Tage die Deimelinie östlich Königsberg
+zwischen Labiau und Tapiau angreifen zu wollen. Seine Kavalleriemassen
+nähern sich aus Richtung Landsberg-Bartenstein dem Schlachtfeld von
+Tannenberg. Wir aber haben bereits starke, siegesfrohe, wenn auch ermüdete
+Kräfte zur etwaigen Abwehr bei Allenstein gesammelt.
+
+Der 31. August ist für unsere noch kämpfenden Truppen der Tag der
+Schlußernte, für unser Oberkommando der Tag des Überlegens über
+Weiterführung der Operationen, für Rennenkampf der Tag der Rückkehr in die
+Linie Deime-Allenburg-Angerburg.
+
+Schon am 29. August hatte mir der Gang der Ereignisse ermöglicht, meinem
+Allerhöchsten Kriegsherrn den völligen Zusammenbruch der russischen
+Narewarmee zu melden. Noch am gleichen Tage erreichte mich auf dem
+Schlachtfelde der Dank Seiner Majestät, auch im Namen des Vaterlandes. Ich
+übertrug diesen Dank im Herzen wie in Worten auf meinen Generalstabschef
+und auf unsere herrlichen Truppen.
+
+Am 31. August konnte ich meinem Kaiser und König folgendes berichten:
+
+ "Eurer Majestät melde ich alluntertänigst, daß sich am gestrigen Tage
+ der Ring um den größten Teil der russischen Armee geschlossen hat.
+ XIII., XV. und XVIII. Armeekorps sind vernichtet. Es sind bis jetzt über
+ 60.000 Gefangene, darunter die Kommandierenden Generale des XIII. und
+ XV. Armeekorps. Die Geschütze stecken noch in den Waldungen und werden
+ zusammengebracht. Die Kriegsbeute, im einzelnen noch nicht zu übersehen,
+ ist außerordentlich groß. Außerhalb des Ringes stehende Korps, das I.
+ und VI., haben ebenfalls schwer gelitten, sie setzen fluchtartig den
+ Rückzug fort über Mlawa und Myszyniec."
+
+Die Truppen und ihre Führer hatten Gewaltiges geleistet. Nun lagerten die
+Divisionen in den Biwaks und das Dankeslied der Schlacht von Leuthen
+schallte aus ihrer Mitte.
+
+In unserem neuen Armeehauptquartier Allenstein betrat ich die Kirche in
+der Nähe des alten Ordensschlosses während des Gottesdienstes. Als der
+Geistliche das Schlußgebet sprach, sanken alle Anwesenden, junge Soldaten
+und alte Landstürmer, unter dem gewaltigen Eindruck des Erlebten auf die
+Knie. Ein würdiger Abschluß ihrer Heldentaten.
+
+
+
+ Die Schlacht an den masurischen Seen
+
+
+Der Gefechtslärm auf dem Schlachtfelde von Tannenberg war noch nicht
+verstummt, als wir die Vorbereitungen für den Angriff auf die Armee
+Rennenkampf begannen. Am 31. August abends traf folgende telegraphische
+Weisung der Obersten Heeresleitung ein:
+
+ "XI. Armeekorps, Garde-Reserve-Korps, 8. Kavalleriedivision werden zur
+ Verfügung gestellt. Transport hat begonnen. Zunächst wird Aufgabe der
+ 8. Armee sein, Ostgrenze von Armee Rennenkampf zu säubern.
+
+ Verfolgung des letztgeschlagenen Gegners mit entbehrlichen Teilen in
+ Richtung Warschau ist mit Rücksicht auf die Bewegungen der Russen von
+ Warschau auf Schlesien erwünscht.
+
+ Weitere Verwendung der 8. Armee, wenn es die Lage in Ostpreußen
+ gestattet, in Richtung Warschau in Aussicht zu nehmen."
+
+Der Befehl entsprach durchaus der Lage. Er stellte uns das Ziel klar hin
+und überließ uns Mittel und Wege zur Ausführung. Wir glaubten annehmen zu
+dürfen, daß die ehemalige Armee Samsonoffs nur noch aus Trümmern bestand,
+die sich entweder schon hinter den Narew in Sicherheit gebracht hatten,
+oder auf dem Weg dahin waren. Mit ihrer Auffrischung war zu rechnen. Es
+mußte jedoch darüber geraume Zeit vergehen. Für jetzt schien es genügend,
+diese Reste durch schwache Truppen längs unseres südlichen Grenzstreifens
+überwachen zu lassen. Alles übrige mußte zur neuen Schlacht heran. Selbst
+das Eintreffen der Verstärkungen aus dem Westen erlaubte uns nach unserer
+Anschauung nicht, jetzt schon Kräfte über die Narewlinie hinüber gegen
+Süden einzusetzen.
+
+Was das Wort "Warschau" im zweiten Teil des Befehls zu bedeuten hat, ist
+uns klar. Nach vereinbartem Kriegsplan sollte die
+österreichisch-ungarische Heeresmacht von Galizien aus mit dem Schwerpunkt
+gegen den östlichen Teil des russischen Polens in Richtung Lublin
+angreifen, während deutsche Kräfte von Ostpreußen her dem Verbündeten über
+den Narew hinweg die Hand zu reichen hatten. Ein großer und schöner
+Gedanke, der aber, so wie die Dinge lagen, bedenkliche Schwächen aufwies.
+Er rechnete nicht damit, daß Österreich-Ungarn eine starke Armee an die
+serbische Grenze schickte, nicht damit, daß Rußland schon ein paar Wochen
+nach Kriegsausbruch voll gerüstet an der Grenze stehen konnte, nicht
+damit, daß 800.000 Moskowiter gegen Ostpreußen eingesetzt werden, am
+allerwenigsten aber damit, daß er in all seinen Einzelheiten an den
+russischen Generalstab schon im Frieden verraten werden würde.
+
+Jetzt ist das österreichisch-ungarische Heer nach überkühnem Ansturm gegen
+die russische Übermacht in schwerste frontale Kämpfe verwickelt, ohne daß
+wir augenblicklich in der Lage sind, unmittelbar zu helfen, wenngleich wir
+starke feindliche Kräfte fesseln. Der Verbündete muß auszuhalten
+versuchen, bis wir auch noch Rennenkampf geschlagen haben. Erst dann sind
+wir zur Hilfeleistung befähigt, wenn auch nicht mit unserer gesamten
+Stärke, so doch mit ihrem größten Teile.
+
+Rennenkampf steht, wie bekannt, in der Linie
+Deime-Allenburg-Gerdauen-Angerburg. Was die Gegend südöstlich von den
+masurischen Seen für gegnerische Geheimnisse birgt, wissen wir nicht. Das
+Gebiet von Grajewo ist jedenfalls verdächtig. Dort herrscht viel Unruhe.
+Noch verdächtiger ist das Gebiet im Rücken der Njemenarmee. Da ist ein
+ständiges Marschieren und Fahren und anscheinend eine Bewegung nach
+Südwesten und Westen. Rennenkampf erhält zweifellos Verstärkungen. Die
+russischen Reservedivisionen in der Heimat sind ja schlagbereit geworden.
+Vielleicht werden bis jetzt auch noch einzelne Korps verfügbar, deren die
+russische Oberste Heeresleitung gegen die Österreicher in Polen nicht mehr
+zu bedürfen glaubt. Schickt man diese Verbände zu Rennenkampf oder in
+seine Nähe, sei es zur unmittelbaren Stütze, sei es zu einem Schlage gegen
+uns aus überraschender Richtung?
+
+Rennenkampf verfügt, soweit wir es beurteilen können, über mehr als
+20 Infanteriedivisionen und steht still, bleibt es auch, während unsere
+Transporte aus dem Westen heranrollen und zum Kampfe gegen ihn
+aufmarschieren. Warum benutzt er die Zeit unserer größten Schwäche, die
+Zeit der Ermüdung unserer Truppen, ihrer Massenanhäufung auf dem
+Schlachtfelde von Tannenberg nicht, um uns anzufallen? Warum läßt er uns
+Zeit, die Truppen zu entwirren, neu aufzumarschieren, auszuruhen, Ersatz
+heranzuziehen? Der russische Führer ist doch bekannt als vortrefflicher
+Soldat und General. Als Rußland in Ostasien kämpfte, klang unter allen
+russischen Führern der Name Rennenkampf am hellsten. War sein Ruhm damals
+übertrieben? Oder hat der General seine kriegerischen Eigenschaften in der
+Zwischenzeit verloren?
+
+Der soldatische Beruf hat schon manchmal selbst starke Naturen
+überraschend schnell erschöpft. Wo in einem Jahre noch triebkräftiger
+Verstand, vorwärtsdrängender Wille vorhanden war, da ist vielleicht im
+nächsten schon ein unfruchtbarer Kopf, ein mattes Herz zu finden gewesen.
+Das war schon vielfach die Tragik soldatischer Größe.
+
+Wir haben Rennenkampfs Schuldbuch über Tannenberg aufgeschlagen und
+geschlossen. Begeben wir uns jetzt in Gedanken in sein Hauptquartier
+Insterburg, nicht um ihn anzuklagen, sondern um ihn zu verstehen.
+
+Die Niederlage Samsonoffs zeigte dem General Rennenkampf, daß in
+Königsberg doch nicht die Masse der deutschen 8. Armee stand, wie er
+angenommen hatte. Starke Kräfte vermutet er aber jedenfalls immer noch in
+diesem mächtigen Waffenplatze. Daran vorbeizumarschieren, sich auf die
+siegreiche deutsche Armee in der Gegend von Allenstein zu stürzen, scheint
+also gewagt, zu gewagt. Es wäre mindestens ein unsicheres Unternehmen.
+Sicherer ist es, in den starken Verteidigungsstellungen zwischen Kurischem
+Haff und masurischen Seen zu bleiben. Gegen diese Stellungen können die
+Deutschen ihre Kunst des Umgehens und Umfassens von Norden her überhaupt
+nicht, von Süden aus nur schwer durchführen. Rennen sie gegen die Front
+an, so stürzt man sich mit zurückgehaltenen gewaltigen Reserven auf ihre
+zusammengeschossenen Truppen. Wagen sie das Unwahrscheinliche, und dringen
+sie durch die Engnisse des Seengebietes, so fällt man von Norden auf die
+linke Flanke ihrer Umgehungskolonnen, während man eine neugebildete
+Kampfgruppe aus Richtung Grajewo in ihre rechte Seite und in ihren Rücken
+wirft. Gelingt von alledem nichts, gut - so geht man nach Rußland zurück.
+Rußland ist groß, die befestigte Njemenlinie ist nahe. Keine operative
+Notwendigkeit kettet Rennenkampf weiter an Ostpreußen. Der Operationsplan
+im Zusammenwirken mit Samsonoff ist ja gescheitert, und, weil dessen Armee
+in hoffnungsvollem Vorwärtsstürmen zugrunde ging, so ist es jetzt das
+beste vorsichtig zu sein.
+
+So kann Rennenkampf gedacht haben. Und Kritiker behaupten auch, er hätte
+so gedacht. Aus keinem dieser Gedanken spricht freilich ein großer
+Entschluß. Sie bewegen sich in wenig kühnen Bahnen. Und doch kann ihre
+Ausführung uns beträchtliche unmittelbare Krisen schaffen und auf die
+allgemeine Lage im Osten bedenkliche Wirkung ausüben. Die große
+zahlenmäßige Überlegenheit der Njemenarmee hätte genügt, um auch unsere
+jetzt verstärkte 8. Armee zu zertrümmern. Ein vorzeitiger Rückzug
+Rennenkampfs aber brächte uns um die Früchte unserer neuen Operation und
+macht uns die Richtung auf Warschau und damit die Unterstützung
+Österreichs auf absehbare Zeit hinaus unmöglich.
+
+Wir müssen also vorsichtig und unternehmend zugleich sein. Diese
+Doppelforderung verleiht der Anlage unserer nun beginnenden Bewegungen
+ihren eigentümlichen Charakter. In breiter Front von Willenberg bis gegen
+Königsberg hin bauen wir unsere Front auf. Bis zum 5. September ist dies
+im allgemeinen geschehen, dann geht es vorwärts. 4 Korps (XX., XI.,
+I. Reserve und Garde-Reserve) und die Truppen aus Königsberg, also
+verhältnismäßig starke Kräfte, gehen gegen die Linie Angerburg-Deime,
+d. h. gegen die feindliche Front vor. 2 Korps (I. und XVII.) sollen durch
+das Seengebiet dringen; die 3. Reservedivision hat, als rechte Staffel
+unseres umfassenden Flügels, südlich der masurischen Seen herum zu folgen,
+während die 1. und 8. Kavalleriedivision sich hinter den Korps zum
+Losreiten bereit halten, sobald die Seenengen geöffnet sind. Das sind die
+Kräfte gegen Rennenkampfs Flanke. Also andere Verhältnisse wie bei den
+Bewegungen, die zum Siege von Tannenberg führten. Die Sicherheit gegen
+Rennenkampfs starke Reserven veranlaßt uns zu dieser Gruppierung der
+Kräfte. Auf diese Weise breitet sich unser Angriff in der Stärke von
+14 Infanteriedivisionen trotzdem noch auf über 150 km Front aus. Wird der
+Gegner sie zerreißen?
+
+Wir nähern uns am 6. und 7. den russischen Verteidigungslinien und
+beginnen klarer zu sehen. Starke russische Massen bei Insterburg und
+Wehlau, vielleicht noch stärkere nördlich Nordenburg. Sie bleiben zunächst
+unbeweglich und stören unsere Kampfentwickelung vor ihrer Front nicht.
+
+Unsere beiden rechten Korps, das I. und XVII., beginnen am 7. September
+die Seenkette zu durchbrechen, die 3. Reservedivision schlägt bei Bialla
+in glänzendem Gefecht die Hälfte des XXII. russischen Korps in Trümmer.
+Wir treten in die Krisis unserer neuen Operation ein. Die nächsten Tage
+müssen zeigen, ob Rennenkampf entschlossen ist, zum Gegenangriff zu
+schreiten, ob sein Wille hierzu so stark ist, wie seine Mittel es sind. Zu
+seiner an sich schon bedeutenden bisherigen Überlegenheit scheinen drei
+weitere Reservedivisionen das Schlachtfeld erreicht zu haben. Erwartet der
+russische Führer noch mehr? Rußland hat mehr als 3 Millionen Kampfsoldaten
+an seiner Westfront; die österreichisch-ungarische Heeresmacht und wir
+zählen demgegenüber kaum ein Dritteil.
+
+Am 8. September entbrennt die Schlacht auf der ganzen Linie. Unser
+frontaler Angriff kommt nicht vorwärts, auf unserem rechten Flügel geht es
+besser. Dort haben die beiden Korps die feindliche Seensperre durchbrochen
+und nehmen Richtung nach Nord und Nordost. Unser Ziel sind nunmehr die
+gegnerischen rückwärtigen Verbindungen. Unsere Reitergeschwader scheinen
+freie Bahn dorthin zu haben.
+
+Am 9. tobt die Schlacht weiter, in der Front, von Angerburg bis zum
+Kurischen Haff, ohne bemerkenswertes Ergebnis, dagegen mit kühnem
+Vorschreiten unsererseits östlich der Seen, wenngleich die beiden
+Kavalleriedivisionen unerwarteten Widerstand nicht in der gewünschten
+Schnelligkeit zu brechen vermögen. Die 3. Reservedivision schlägt einen
+vielfach überlegenen Gegner bei Lyck und befreit uns so endgültig von der
+Sorge im Süden.
+
+Wie ist es dagegen im Norden? Bei und westlich Insterburg glauben unsere
+Flieger nunmehr deutlich zwei feindliche Korps feststellen zu können und
+ein weiteres solches Korps wird im Anmarsch über Tilsit gesehen. Was wird
+das Schicksal unserer dünngestreckten, frontal kämpfenden Korps sein, wenn
+eine russische Menschenlawine von gegen 100 Bataillonen, geführt von
+festem, einheitlichem Willen, sich auf sie stürzt? Ist es trotzdem
+verständlich, wenn wir am Abend dieses 9. September wünschen und sprechen:
+"Rennenkampf, weiche ja nicht aus deiner für uns unbezwinglichen Front,
+pflücke Lorbeeren im Angriff aus deiner Mitte!" Wir hatten jetzt volle
+Zuversicht, daß wir solche Lorbeeren dem feindlichen Führer durch kräftige
+Fortführung unseres Flügelangriffes wieder entreißen würden. Leider
+erkennt der russische Führer diese unsere Gedanken; er findet nicht den
+Entschluß, ihnen mit Gewalt zu begegnen, und senkt die Waffen.
+
+In der Nacht vom 9. auf den 10. dringen unsere Patrouillen bei Gerdauen in
+die feindlichen Gräben und finden sie leer. "Der Gegner geht zurück." Die
+Meldung scheint uns unglaubwürdig. Das I. Reservekorps will sofort von
+Gerdauen gegen Insterburg antreten. Wir mahnen zur Vorsicht. Erst um
+Mittag des 10. müssen wir das Unwahrscheinliche und Unerwünschte glauben.
+Der Gegner hat in der Tat den allgemeinen Rückzug begonnen, wenn er auch
+da und dort noch erbittert Widerstand leistet, ja sogar uns starke Massen
+in zusammenhanglosen Angriffen entgegenwirft. Unsere ganze Front ist in
+vollem Vorgehen begriffen. Jetzt gilt es, unsere rechten Flügelkorps und
+Kavalleriedivisionen scharf nach Nordosten gerichtet heran an die
+feindlichen Verbindungen von Insterburg auf Kowno zu bringen.
+
+Wir treiben vorwärts! Ungeduld ist, wenn irgendwann und -wo, so jetzt und
+hier begreiflich. Rennenkampf weicht unentwegt. Auch er scheint ungeduldig
+zu sein. Jedoch unsere Ungeduld zielt auf Erfolg, die seinige bringt
+Verwirrung und Auflösung.
+
+Die Korps der Njemenarmee marschieren zum Teil in dreifachen, dicht
+nebeneinander gedrängten Kolonnen Rußland zu. Die Bewegung vollzieht sich
+langsam, sie muß durch Entgegenwerfen starker Kräfte gegen die
+nachdrängenden Deutschen gedeckt werden. Daher wird besonders der
+11. September zum blutigen Kampftag von Goldap bis hin zum Pregel.
+
+Am Abend dieses Tages sind wir uns klar, daß nur noch wenig Tage zur
+Durchführung der Verfolgung zur Verfügung stehen. Die Entwickelung der
+Gesamtlage auf dem östlichen Kriegsschauplatz macht sich in voller Wucht
+geltend. Wir ahnen mehr, als daß wir es aus bestimmt lautenden Nachrichten
+ersehen können: die Operation unseres Verbündeten in Polen und Galizien
+ist gescheitert! An unser Nachstoßen hinter Rennenkampf über den Njemen
+hinaus ist jedenfalls nicht zu denken. Soll aber unsere Operation nicht
+noch im letzten Augenblick innerhalb des großen Rahmens als gescheitert
+gelten, so darf die feindliche Armee den schützenden Njemen-Abschnitt nur
+derartig geschwächt und erschüttert erreichen, daß die Hauptmasse unserer
+Verbände zum dringend notwendig gewordenen Zusammenwirken mit dem
+österreichisch-ungarischen Heere freigemacht werden kann.
+
+Am 12. September erreicht die 3. Reservedivision Suwalki, also russischen
+Boden. Mit knapper Not entgeht der Südflügel Rennenkampfs der Einkesselung
+durch unser I. Armeekorps südlich Stallupönen. Glänzend sind die
+Leistungen einzelner unserer verfolgenden Truppen. Sie marschieren und
+kämpfen, und marschieren wieder, bis die Soldaten vor Müdigkeit
+niederstürzen. Andererseits ziehen wir heute schon das Gardereservekorps
+aus der Kampffront, um es für weitere Operationen bereitzustellen.
+
+An diesem Tage trifft unser Oberkommando in Insterburg ein, das seit dem
+11. wieder in deutschem Besitz ist. Ich bin also nicht bloß in Gedanken,
+sondern auch in Wirklichkeit auf der breiten ostpreußischen Landstraße,
+vorbei an unseren siegreich ostwärts schreitenden Truppen und an westwärts
+ziehenden russischen Gefangenenkolonnen in das bisherige Hauptquartier
+Rennenkampfs gekommen. In den eben erst verlassenen Räumen merkwürdige
+Spuren russischer Halbkultur. Der aufdringliche Geruch von Parfüm, Juchten
+und Zigaretten vermag nicht, den Gestank anderer Dinge zu verdecken.
+
+Genau ein Jahr später, an einem Sonntag, kam ich von einem eintägigen
+Jagdausflug zurückkehrend durch Insterburg. Auf dem Marktplatz wurde mein
+Kraftwagen zurückgewiesen, weil dort eine Dankesfeier zur Erinnerung an
+die Befreiung der Stadt von der Russennot begangen werden sollte. Ich
+mußte einen Umweg machen. _Sic transit gloria mundi!_ Man hatte mich nicht
+erkannt.
+
+Am 13. September erreichen unsere Truppen Eydtkuhnen und feuern in die
+zurückflutenden russischen Scharen hinein. Unsere Artilleriegeschosse
+sprengen die dichtgedrängten Haufen auseinander, der Herdentrieb führt sie
+wieder zusammen. Leider kommen wir auch an diesem Tage nicht an die große
+Chaussee Wirballen-Wylkowyszki heran. Der Gegner weiß, daß dies für einen
+großen Teil seiner haltlos gewordenen Kolonnen die Vernichtung bedeuten
+würde. Er wirft deshalb unseren ermattenden Truppen südlich der Straße
+alles entgegen, was er an kampfwilligen Verbänden noch zur Hand hat. Nur
+noch ein einziger Tag bleibt uns zur Verfolgung. Nach diesem werden sich
+die Truppen Rennenkampfs in das Wald- und Sumpfgelände westlich der
+Njemenstrecke Olita-Kowno-Wileny geflüchtet haben. Dorthin können wir
+ihnen nicht nachdrängen.
+
+Am 15. September waren die Kämpfe beendet. Die Schlacht an den masurischen
+Seen schloß auf russischem Boden, nach einer Verfolgung von über 100 km,
+von uns zurückgelegt innerhalb 4 Tagen. Die Masse unserer Verbände war
+beim Abschluß der Kämpfe zu neuer Verwendung bereit.
+
+Es ist mir nicht möglich, hier auch noch auf die glänzenden Leistungen
+einzugehen, die die Landwehr-Division von der Goltz und andere
+Landwehrformationen im Angriff gegen mehrfache feindliche Überlegenheit im
+südlichen Grenzgebiet und zum Schutze unserer rechten Flanke fast bis zur
+Weichsel hin in diesen Tagen gezeigt haben. Der Schluß dieser Kämpfe
+dauerte über meine Kommandoführung bei der 8. Armee hinaus an. Er fand
+unsere Truppen bis Ciechanowo, Przasnysz und Augustowo vorgedrungen.
+
+
+
+
+ Der Feldzug in Polen
+
+
+
+ Abschied von der achten Armee
+
+
+Anfangs September hatten wir aus dem österreichisch-ungarischen
+Hauptquartier gehört, daß die Armeen bei Lemberg durch starke russische
+Überlegenheiten sehr gefährdet wären, und daß ein weiteres Vorgehen der
+k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei.
+
+Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgänge und hörten
+noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklären
+am besten nachstehende Telegramme:
+
+Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914:
+
+ "Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden
+ kann, da Russen heute frühzeitig Rückmarsch angetreten haben. Für
+ Weiterführung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien
+ in Frage. Können wir auf weitere Verstärkungen aus Westen rechnen? Hier
+ können zwei Armeekorps abgegeben werden."
+
+Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf
+überraschend für uns nach Osten seinen Rückzug begann.
+
+Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914:
+
+ "Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen für Abtransport
+ nach Krakau!" ...
+
+Krakau? Merkwürdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darüber.
+Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung:
+
+ 13. September 14.
+
+ "Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollständig. Offensive gegen
+ Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen möglich. Österreich
+ erbittet aber wegen Rumäniens direkte Unterstützung durch Verlegung der
+ Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfügbar dazu vier Armeekorps und
+ eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange
+ Märsche nach österreichischem linken Flügel. Hilfe kommt dort spät.
+ Bitte um Entscheidung. Armee müßte dort jedenfalls Selbständigkeit
+ behalten."
+
+Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen
+Federn sondern eines ganzen Flügels und auch sonst noch erheblich
+angeschossen zwischen den Njemensümpfen zu verschwinden begann.
+
+Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914:
+
+ "Operation über Narew wird in jetziger Lage der Österreicher nicht mehr
+ erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstützung der Österreicher
+ ist politisch erforderlich.
+
+ Operationen aus Schlesien kommen in Frage ...
+
+ Selbständigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den
+ Österreichern bestehen."
+
+Also doch! - -
+
+Es gibt ein Buch "Vom Kriege", das nie veraltet. Clausewitz ist sein
+Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn
+zu hören, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil
+bedeutete Unheil. Er warnte vor Übergriffen der Politik auf die Führung
+des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine
+Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in
+Gedanken und Worten kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang
+vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung
+eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie
+zeigt vielfach deren Unwert! Wir hätten freilich manchmal während des
+Krieges versucht sein können zu denken: "Wohl dem, dessen soldatisches
+Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer
+Überzeugung und politischen Forderungen leichter überwindet als wir."
+Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in
+diesem Liede während des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem
+soldatischen Herzen angeklungen hätten. Hoffentlich werden andere, wenn
+die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser
+Beziehung glücklicher sein, als wir es waren!
+
+Am 15. September mußte ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum
+Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch
+schon am 17. September ordnete Seine Majestät der Kaiser an, daß ich den
+Befehl über diese Armee zu übernehmen hätte, gleichzeitig aber auch die
+Verfügung über die zum Schutze Ostpreußens zurückbleibende, nunmehr durch
+Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie
+der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwächte 8. Armee
+beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also
+lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwähne sie nur, weil
+sich auch ihrer die Legende entstellend bemächtigt hat.
+
+Am 18. September verlasse ich in früher Morgenstunde das Hauptquartier der
+8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitägiger Fahrt über Posen die
+schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunächst über
+die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfüllte Erinnerungen an unsere
+Truppen auslösend. Anfänglich durch verlassene, niedergebrannte
+Wohnstätten, dann allmählicher Eintritt in unberührte Gebiete, Landvolk
+wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstätten zustrebend.
+Bewährtes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken
+begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwärzten Trümmern seiner
+Häuser, ein Anblick, vor dem es länger als hundert Jahre dank der
+Tüchtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur
+Weichsel durch schlichte Dörfer und Städte, kaum irgendwo Spuren des
+Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, für
+dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die
+schlechtesten Kräfte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit
+und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes
+Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier
+nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die
+Welt der Wirklichkeit und des Schaffens übertragen worden ist. Fast alle
+deutschen Volksstämme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer
+Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen
+angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschätzbaren
+Dienste geleistet hat.
+
+Solche und ähnliche ernste Gedanken bewegten mich während der Fahrt und
+haben mich auch späterhin während unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht
+verlassen. Deutsche, laßt sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen:
+
+Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen
+Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen
+Vaterlandspflicht! Verstärkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur
+ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein
+leben könnt inmitten der Brandung der europäischen Welt! Glaubt mir, diese
+Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein
+menschlicher Vertrag wird sie schwächen! Wehe uns, wenn die Brandung ein
+Stück von dieser Mauer abgebrochen findet. Es würde zum Sturmbock der
+europäischen Völkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden.
+Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt!
+
+Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein
+anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies
+der Abschied von der bisherigen Selbständigkeit.
+
+Mag der Schlußsatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in
+dieser Richtung auch tröstlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem
+wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in
+ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Maße beschieden
+gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte früherer
+Koalitionskriege.
+
+
+
+ Der Vormarsch
+
+
+Wir hatten für das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von
+Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir größere
+Armfreiheit zum Operieren gegen die nördliche Flanke der russischen
+Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt
+war, zu besitzen. - "Unmöglich!"
+
+Wir möchten, daß es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Flügel
+über Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. - "Unmöglich!"
+
+Wir möchten, daß uns starke österreichisch-ungarische Kräfte nördlich der
+oberen Weichsel bis zur San-Mündung begleiten. - "Unmöglich!"
+
+Wenn dieses Alles als unmöglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die
+ganze Operation unmöglich sein oder werden.
+
+Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps,
+Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und
+8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen
+engsten Anschluß an den linken österreichisch-ungarischen Heeresflügel
+nördlich Krakau. Unser Hauptquartier kommt vorübergehend nach Beuthen in
+Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und
+zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Flügel der Armee, in
+Richtung über Kielce. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung
+verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur
+4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwärts über die
+Weichsel. Mehr glaubt sie südlich des Flusses nicht entbehren zu können.
+Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser
+Plan des Verbündeten ist kühn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt
+sich nur, ob Aussicht besteht, daß das stark geschwächte Heer trotz allem
+erhaltenen Ersatz die Durchführung ermöglicht. Meine Bedenken werden durch
+die Hoffnung gemildert, daß der Russe, sobald er das Auftreten unserer
+deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkräfte auf uns werfen wird
+und dadurch dem Verbündeten einen Erfolg ermöglicht.
+
+Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen über die Lage machen
+können, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, daß die Russen den weichenden
+österreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit über den San hinaus
+nur zögernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafür vorhanden, daß
+nördlich der Weichsel 6-7 russische Kavalleriedivisionen und
+Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine
+russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfür werden
+augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den früheren
+Operationen in Ostpreußen gegenüber standen, teils kommen neue Kräfte aus
+Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, daß westlich Warschau an
+einer großen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren
+also in eine recht unsichere Lage hinein und müssen auf Überraschungen
+gefaßt sein.
+
+Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen
+kennen, was ein französischer General in seiner Beschreibung des von ihm
+miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als besonderes Element
+der dortigen Kriegführung bezeichnet hat, nämlich - den Dreck! Und zwar
+den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in
+den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit
+Überschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man
+legte sich unwillkürlich die Frage vor: wie ist es möglich, daß auf dem
+Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe
+Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In
+welch einem körperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die
+russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die
+Überfeinerung in den Kreisen der polnischen Großen zivilisatorische Kräfte
+in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die
+offenkundige politische Gleichgültigkeit dieser Massen beispielsweise
+durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen höheren Schwung zu bringen,
+der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluß an uns hätte steigern
+lassen, schien mir schon nach den ersten Eindrücken fraglich.
+
+Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs äußerste erschwert. Der
+Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmaßregeln. Er zieht aus der
+Front den Österreichern gegenüber ein halbes Dutzend Armeekorps in der
+offenkundigen Absicht heraus, diese uns über die Weichsel südlich
+Iwangorod frontal entgegen zu werfen.
+
+Am 6. Oktober erreichen wir über Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier
+vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns
+zurückgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres
+Nordflügels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umständen ist
+vorläufig eine Fortsetzung unserer Operation in östlicher Richtung über
+die Weichsel südlich Iwangorod hinweg unmöglich. Wir müssen zunächst mit
+dem Gegner im Norden abrechnen. Alles übrige hängt von dem Ausgange der
+dort zu erwartenden größeren Kämpfe ab. Ein eigenartiges strategisches
+Bild entwickelt sich. Während gegnerische Korps von Galizien aus jenseits
+der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits
+des Stromes in der gleichen nördlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch
+aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kräfte
+über die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kämpfen auf ihre
+Übergangsstellen zurückgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner
+völlig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemärsche südlich Warschau
+trifft unser linker Flügel unter General von Mackensen auf überlegene
+feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch
+von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken.
+
+Auf dem Schlachtfeld südlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestück
+ein russischer Befehl in die Hände gefallen, der uns klaren Einblick in
+die Stärken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmündung
+bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind
+etwa 60 Divisionen gegenüber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus
+sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das
+sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische
+Überlegenheit erhöht sich noch dadurch, daß unsere Infanterie infolge der
+vorausgegangenen Kämpfe in Ostpreußen und Frankreich sowie durch die
+jetzigen langen und anstrengenden Märsche, bis über 300 km in 14 Tagen und
+auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Hälfte, ja teilweise bis unter ein
+Viertel der ursprünglichen Gefechtsstärke zusammengeschmolzen ist. Und
+diese Schwächung unserer Kampfkraft gegenüber neu eintreffenden,
+vollzähligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches!
+
+Die Absicht des Gegners ist, uns längs der Weichsel zu fesseln, während
+ein entscheidender Stoß aus Warschau heraus uns dem Verderben
+entgegenführen soll. Ein zweifellos großer Plan des Großfürsten
+Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der größte, den ich von ihm kennen lernte,
+und der meines Erachtens auch sein größter blieb, bis er sich in den
+Kaukasus begeben mußte.
+
+War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Höhe nach dem
+Kaisermanöver von dem Großfürsten in ein Gespräch gezogen worden, das sich
+besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem
+russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Male _in praxi_
+unmittelbar gegenüber, denn in Ostpreußen schien er nur vorübergehend als
+Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur
+für die 9. Armee, sondern für die ganze Ostfront, für Schlesien, ja für
+die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir dürfen jetzt nicht so
+schwarzen Gedanken nachgehen, sondern müssen Mittel und Wege finden, die
+drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschließen uns daher dazu, unter
+Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod südwärts alle dort noch
+freizumachenden Kräfte unserem linken Flügel zuzuführen und uns mit diesem
+auf den Gegner südlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu
+schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen können.
+
+Eile tut not! Wir bitten daher Österreich-Ungarn, alles, was es an Truppen
+frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das
+k. und k. Armee-Oberkommando zeigt für die Lage durchaus richtiges
+Verständnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig
+entsprechen. Österreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist
+bereit, uns zu unterstützen, aber nur auf dem langsamen und daher
+zeitraubenden Wege einer Ablösung unserer an der Weichsellinie
+zurückgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher
+und österreichisch-ungarischer Verbände vermieden, aber man bringt die
+ganze Operation in die Gefahr des Mißlingens. Gegenvorstellungen
+unsererseits führen zu keinem Ergebnis. So fügen wir uns denn den Wünschen
+unserer Verbündeten.
+
+
+
+ Der Rückzug
+
+
+Was wir befürchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue
+Truppenmassen, und auch weiter unterhalb überschreiten solche die
+Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite
+aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde
+feindliche Überlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage
+kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation
+kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man
+könnte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Süden der oberen
+Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der
+Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangeführt, sich
+also unsern Verbündeten gegenüber geschwächt hat. Jedenfalls muß der
+schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluß gefaßt
+werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere
+Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau
+wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner überlassen. Um
+die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, führen wir unsere vor Warschau
+unter Mackensen kämpfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km
+westlich der Festung, zurück. Wir hoffen, daß der Russe gegen diese nach
+Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren
+inzwischen von den Österreichern vor Iwangorod abgelösten Korps von Süden
+her einen entscheidenden Schlag gegen den stärksten Teil der russischen
+Heeresgruppe im großen Weichselbogen führen. Vorbedingung für Durchführung
+dieses Planes ist, daß Mackensens Truppen den Anprall der russischen
+Heerhaufen aushalten, und daß die österreichisch-ungarische Verteidigung
+an der Weichsel so fest steht, daß unser beabsichtigter Stoß gegen
+russische Flankeneinwirkung aus östlicher Richtung sicher geschützt ist.
+Die Lösung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Stärke der
+Weichselstellung für unseren Verbündeten einfach. Die österreichische
+Führung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch
+ihrerseits einen großen Schlag auszuführen. Sie entschließt sich, dem
+Gegner die Weichselübergänge bei Iwangorod und nördlich frei zu geben, um
+dann über die gegnerischen Kolonnen während ihres Uferwechsels
+herzufallen. Ein kühner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und
+Manövern in Ausführung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im
+Kriege vom Feldmarschall Blücher und seinem Gneisenau an der Katzbach
+glänzend gelöst wurde. Gefährlich bleibt ein solches Unternehmen aber
+immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht völlig sicher ist. Wir
+raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Überlegenheit kann also bei
+Iwangorod über die Weichsel rücken; der österreichisch-ungarische
+Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt
+sich schließlich in einen Rückzug.
+
+Was nützt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstürme der Russen gegen
+Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten
+Angriffs ist durch das Zurückweichen unseres Verbündeten entblößt. Wir
+müssen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir
+machen uns durch Fortsetzung des Rückzuges die Arme frei, um später
+anderwärts wieder zuschlagen zu können. Der Entschluß reift in mir in
+unserem Hauptquartier zu Radom, zunächst nur in Umrissen, aber doch klar
+genug, um für die weiteren Maßnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein
+Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird für
+ihre Durchführung alles vorsorgen, des bin ich gewiß.
+
+Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird
+die Heimat sagen, wenn sich unser Rückzug ihren Grenzen nähert? Ist es ein
+Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen
+Verwüstungen in Ostpreußen denken, an Plünderungen, Verschleppung
+Wehrloser und anderes Elend. Das reiche Schlesien mit seinem mächtig
+entwickelten Bergbau und seiner großen Industrie, beides für die
+Kriegführung uns so notwendig wie das tägliche Brot! Man fährt im Kriege
+nicht einfach mit der Hand über die Karte und sagt: "Ich räume dieses
+Land!" Man muß nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken;
+auch rein menschliche Gefühle drängen sich heran. Ja gerade diese sind oft
+am schwersten zu bannen.
+
+Unser Rückzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober
+angetreten. Gründliche Zerstörungen aller Straßen und Eisenbahnen sollen
+die dichtgedrängten russischen Massen aufhalten, bis wir uns völlig
+losgelöst haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten.
+Die Armee rückt hinter die Widawka und Warthe, linker Flügel in Gegend
+Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs
+dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel
+spannendster Kriegslagen seine einstweilige Lösung gefunden.
+
+Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß uns das
+rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche
+Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität erleichtert
+wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen
+Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche waren wir
+vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die
+Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewöhnlichen
+Gunst der Verhältnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der
+großen zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners jedoch immer noch genügend
+starke Ansprüche an die Nerven der obersten Führung. Ich wußte aber die
+untere Führung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen,
+daß von den Truppen das Menschenmögliche geleistet wurde. Solches
+Zusammengreifen aller hat uns die Überwindung der gefährlichsten Lagen
+ermöglicht. Doch schien unser schließliches Verderben dieses Mal nicht
+bloß aufgeschoben? Die Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie
+hielten uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese
+ihre Ansicht unser Glück, denn am 1. November verkündet ein russischer
+Funkspruch: "Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die
+Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der
+Nachschub schwierig." Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne
+herantreten.
+
+An diesem 1. November verfügte Seine Majestät der Kaiser meine Ernennung
+zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte im Osten, auch wurde
+mein Befehlsbereich über die deutschen östlichen Grenzgebiete erweitert.
+General Ludendorff blieb mein Chef. Die Führung der 9. Armee wurde General
+von Mackensen übertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge für
+die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das
+Ganze.
+
+Als unser Hauptquartier wählen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin
+übersiedeln, fällt in Czenstochau am 3. November die endgültige
+Entscheidung über unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser,
+erhalten die neuen Absichten ihre endgültige Form.
+
+
+
+ Unser Gegenangriff
+
+
+Der neue Plan gründet sich auf folgende Erwägung: Würden wir in der
+jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenüberstehenden 4 russischen
+Armeen frontal abzuwehren versuchen, so würde der Kampf gegen die
+erdrückende Übermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien
+ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten.
+Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu lösen. Ein solcher, gegen die
+Stirnseite des weit überlegenen Gegners geführt, würde einfach
+zerschellen. Wir müssen ihn gegen die offene oder bloß schwach gedeckte
+feindliche Flanke zu richten suchen. Eine ausholende Bewegung meiner
+linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken.
+Suchen wir den feindlichen Nordflügel in der Gegend von Lodz, so müssen
+wir unsere Angriffskräfte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser
+Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen
+uns damit weit vom österreichisch-ungarischen linken Heeresflügel. Nur
+noch schwächere deutsche Kräfte, darunter das hart mitgenommene
+Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen
+werden. Vorbedingung für unseren Linksabmarsch ist, daß das k. u. k.
+Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrückenden Teile in
+die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht
+bedrohten Karpathenfront heranbefördert.
+
+Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten
+verbündeten Streitkräfte im Osten in 3 große Gruppen verteilt. Die erste
+wird gebildet durch das österreichisch-ungarische Heer beiderseits der
+oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die
+Zwischenräume zwischen diesen 3 Gruppen können wir durch vollwertige
+Kampftruppen nicht schließen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km
+breite Lücke zwischen den Österreichern und unserer 9. Armee im
+wesentlichen neuformierte Verbände einzuschieben. Diese besitzen an sich
+schon geringere Angriffskraft und müssen noch dazu an der Front einer
+mächtigen russischen Überlegenheit sich so breit ausdehnen, daß sie
+eigentlich nur einen dünnen Schleier bilden. Rein zahlenmäßig beurteilt
+brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand
+mit Sicherheit zu überrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der
+8. Armee in den östlichen Gebieten Ostpreußens befindet sich im
+wesentlichen nur Grenzschutz, verstärkt durch die Hauptreserven aus Thorn
+und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenüber steht eine starke russische
+Gruppe von etwa 4 Armeekorps nördlich von Warschau auf dem Nordufer der
+Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe könnte, wenn sie über Mlawa
+angesetzt würde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei
+Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rückengebiet der
+8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in
+Schlesien und Ostpreußen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur
+schwach geschützte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz
+befreien. Es ist klar, daß diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch
+durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird.
+Diese Gefahr ist um so größer, als wir weder zahlenmäßig hinreichende noch
+auch genügend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen
+Heeresmassen im großen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps
+nördlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe
+frontal zu fesseln oder auch nur auf längere Zeitspanne hinaus zu
+täuschen. Wir werden freilich trotz alledem überall unsere Truppen zum
+Angriff vorgehen lassen, aber es wäre doch ein gefährlicher Irrtum,
+hiervon sich allzuviel zu versprechen.
+
+Was an starken, angriffskräftigen Verbänden irgendwo freigemacht werden
+kann, muß zur Verstärkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie führt den
+entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muß
+2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor
+kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhältnissen freilich nicht
+mehr an der russischen Landesgrenze durchgeführt werden sondern muß in das
+Seengebiet und an die Angerapp zurückverlegt werden; ein harter Entschluß.
+Die Gesamtstärke der 9. Armee wird durch die geschilderte Maßnahme auf
+etwa 5½ Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren
+werden aus der Westfront herangeführt. Weitere Kräfte glaubt die Oberste
+Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu
+können. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen günstigen Ausgang
+der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen
+sich erneut in ihrer ganzen Größe und Bedeutung.
+
+Was auf unserer Seite an Kräften fehlt, muß wieder durch Schnelligkeit und
+Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, daß in dieser Beziehung das
+Menschenmögliche von seiten der Armeeführungen und Truppen geleistet
+werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am
+11. bricht sie los, mit dem linken Flügel längs der Weichsel, mit dem
+rechten nördlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kündet sich an,
+daß auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verrät, daß
+die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kräften
+von der Ostsee bis einschließlich Polen steht, am 14. November zu einem
+tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreißen dem
+russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere
+Operation erkennt, wagt er nicht, den großen Stoß gegen Schlesien
+durchzuführen, sondern wirft alle verfügbaren Kräfte unserem Angriff
+entgegen. Schlesien ist damit vorläufig gerettet, der erste Zweck unserer
+Operation ist erreicht. Werden wir darüber hinaus eine große Entscheidung
+erringen können? Die feindliche Übermacht ist allenthalben gewaltig.
+Trotzdem erhoffe ich Großes!
+
+Es würde den Rahmen dieses Buches überschreiten, wollte ich nunmehr einen,
+wenn auch nur allgemeinen Überblick über die Kampfereignisse, die unter
+der Bezeichnung "Schlacht bei Lodz" zusammengefaßt sind, geben.
+
+In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfaßtsein,
+Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten
+ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden
+Wildheit alle die Schlachten übertrifft, die bisher an der Ostfront getobt
+hatten!
+
+Es war uns im Verein mit Österreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb
+Asiens abzudämmen.
+
+Die Kämpfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern
+wurden auf beiden Seiten weiter genährt. Neue Kräfte kamen zu uns vom
+Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche mit gutem Willen aber
+mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem
+ähnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter
+uns hatten, nämlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem,
+mit ihnen die abgedämmte russische Flut zum Zurückweichen zu bringen. Und
+wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen würde. Unsere
+Kräfte zeigten sich jedoch schließlich auch jetzt ähnlich wie in den
+Kämpfen von Lodz als nicht ausreichend genug für dieses Ringen gegen die
+ungeheuerste Überlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde
+gegenüberstand. Wir hätten mehr leisten können, wenn die Verstärkungen
+nicht so tropfenweise eingetroffen wären, wir also vermocht hätten, sie
+gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische
+Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit,
+dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie
+ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch - im Sumpfe.
+
+Erst der eingetretene Winter legte seine lähmenden Fesseln um die
+Tätigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien
+deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den
+kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung lösen?
+
+
+
+
+ 1915
+
+
+
+ Frage der Kriegsentscheidung
+
+
+Die Leistungen Deutschlands und seines Heeres im Jahre 1914 werden in
+ihrer ganzen heldenhaften Größe erst dann einwandfrei gewürdigt werden,
+wenn Wahrheit und Gerechtigkeit wieder zur freien Wirkung kommen, wenn die
+Propaganda unserer Gegner in ihrer die Weltmeinung irreführenden Weise
+entlarvt ist, und wenn die deutsche kritische Selbstzerfleischung einem
+ruhigen besonnenen Urteil weicht. Ich zweifle nicht, daß dies alles
+eintreten wird.
+
+Trotz der Größe all unserer Leistungen fehlte aber die Krönung des
+gewaltigen, uns aufgezwungenen Werkes. Bis jetzt war nur die
+augenblickliche Rettung, nicht aber ein durchgreifender Sieg erkämpft. Die
+Vorstufe, die zu diesem führte, war eine Entscheidung auf wenigstens einer
+unserer Fronten. Wir mußten herauskommen aus der kriegerischen,
+politischen und wirtschaftlichen Umklammerung, die uns einschnürte und uns
+auch moralisch den Atem zu nehmen drohte. Die Gründe für das bisherige
+Ausbleiben des Erfolges waren strittig und werden strittig bleiben. Die
+Tatsache bestand, daß unsere Oberste Heeresleitung sich genötigt geglaubt
+hatte, vom Westen, wo sie die rasche Entscheidung suchen wollte, vorzeitig
+starke Kräfte nach dem Osten zu werfen. Ob bei diesem Entschluß nicht auch
+eine Überschätzung der damals im Westen erreichten Erfolge eine große
+Rolle spielte, möchte ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls erwuchsen
+Halbheiten; das eine Ziel war aufgegeben, das andere nicht erreicht.
+
+In zahlreichen Gesprächen mit Offizieren, die einen Einblick in den
+Verlauf der Ereignisse im August und September 1914 auf dem westlichen
+Kriegsschauplatz gehabt hatten, versuchte ich ein einwandfreies Urteil
+über die Vorgänge zu gewinnen, die für uns in der sogenannten
+Marneschlacht so verhängnisvoll wurden. Ich glaube nicht, daß eine
+einzelne Ursache die Schuld an dem Scheitern unseres großen, zweifellos
+richtigen Feldzugsplanes trägt. Eine ganze Reihe ungünstiger Einwirkungen
+entschied zu unseren Ungunsten. Zu diesen zähle ich: Verwässerung des
+Grundgedankens, mit einem starken rechten Flügel aufzumarschieren,
+Festrennen des überstark gemachten linken Heeresflügels durch falsche
+Selbsttätigkeit der unteren Führung, Verkennen der aus dem
+starkbefestigten, großen Eisenbahnknotenpunkt Paris zu erwartenden Gefahr,
+ungenügendes Eingreifen der Obersten Heeresleitung in die Bewegungen der
+Armeen und vielleicht auch mangelhaftes Herausfühlen der an sich nicht
+ungünstigen Lage an dieser und jener Kommandostelle im entscheidenden
+Augenblick der Schlacht. Die Geschichtsforschung und die Kritik werden
+hier ein dankbares Feld ihrer Tätigkeit haben.
+
+Mit aller Entschiedenheit möchte ich mich aber dahin aussprechen, daß das
+Scheitern unseres ersten Operationsplanes im Westen zwar eine schwere
+Gefahr für uns brachte, daß dadurch aber keineswegs die Fortführung des
+Krieges für uns aussichtslos geworden war. Wäre dies nicht meine
+Überzeugung gewesen, so würde ich mich schon im Herbste 1914 für
+verpflichtet gehalten haben, dies nach oben hin, und zwar bis zu meinem
+Allerhöchsten Kriegsherrn zu vertreten. Unser Heer hatte derartige
+glänzende und den Gegnern allenthalben überlegene Eigenschaften
+entwickelt, daß nach meiner Ansicht bei einer entsprechenden
+Zusammenfassung unserer Kräfte trotz der feindlichen stets wachsenden
+zahlenmäßigen Überlegenheit eine Entscheidung wenigstens zunächst auf
+einem unserer Kriegstheater möglich blieb.
+
+West oder Ost? Das mußte die große Frage sein, von deren Beantwortung
+unser Schicksal abhing. Bei Lösung dieser Frage konnte mir
+selbstverständlich eine entscheidende Stimme von seiten der Obersten
+Heeresleitung nicht zuerkannt werden. Die Verantwortung lag allein und
+ausschließlich auf ihren Schultern. Ich glaubte jedoch das Recht und damit
+auch die Pflicht zu haben, meine Anschauungen in dieser Richtung frei und
+offen zu äußern und zu vertreten.
+
+Für das allgemeine Denken war die sogenannte Westentscheidung
+traditionell. Sie war, man darf vielleicht sagen, national. Im Westen
+stand der Feind, dessen chauvinistische Hetzereien uns im Frieden nicht
+hatten zur Ruhe kommen lassen. Dort stand jetzt aber zugleich auch
+derjenige Gegner, der nach unser aller Überzeugung die zur Vernichtung
+Deutschlands treibende Kraft darstellte. Demgegenüber fand man bei uns die
+Begehrlichkeit Rußlands auf Konstantinopel vielfach begreiflich; diejenige
+auf Ost- und Westpreußen nahm man nicht ernst.
+
+Die deutsche Kriegsleitung konnte sonach beim Kampfe im Westen sicher
+damit rechnen, die führenden Geister des Vaterlandes, ja das Empfinden des
+größten Teiles des Volkes auf ihrer Seite zu haben. Darin lag ein nicht zu
+verachtender moralischer Faktor. Ob dieser in den Berechnungen unserer
+Heeresführung eine Rolle spielte, wage ich nicht zu behaupten; wohl aber
+weiß ich, daß der Gedanke einer Westentscheidung uns hundert- und
+tausendfach mündlich und schriftlich entgegengebracht wurde. Ja ich fand
+sogar später, als mir selbst die Kriegsleitung anvertraut wurde, Stimmen,
+die mir eine förmliche Schonung Rußlands nahelegten. Man glaubte eben
+vielfach, daß es verhältnismäßig leicht für uns sei, mit Rußland auf
+friedlichem Boden eine Verständigung zu finden.
+
+Der entscheidende, den Endsieg erstrebende Kampf im Westen galt auch mir
+als _ultima ratio_ für Erzwingung des Friedens, aber als eine _ultima
+ratio_, an die wir nur über den auf den Boden geworfenen Russen
+herantreten konnten. Vermochte man den Russen zu Boden zu werfen? Das
+Schicksal hat die Frage bejaht, aber erst, als zwei weitere Jahre
+vergangen waren, als es, wie es sich herausstellen sollte, zu spät
+geworden war. Denn bis dahin hatte sich unsere Lage gründlich verändert.
+Die Zahl und Kraft unserer übrigen Gegner war in der Zwischenzeit ins
+Riesenhafte weiter gewachsen, und in den Kreis ihrer Kämpfer trat an
+Stelle Rußlands das jugendkräftige, wirtschaftsgewaltige Nordamerika!
+
+Ich glaubte, die Frage, ob wir Rußland niederzwingen könnten, im Winter
+1914/15 bejahen zu dürfen, und stehe noch heute auf diesem Standpunkt.
+Freilich: das Ziel war nicht in einem einzigen großen, ins Ungeheure
+gesteigerten Sedan zu erreichen, wohl aber in einer Reihe solcher und
+ähnlicher Schlachten. Hierfür aber bot, wie es sich damals bereits gezeigt
+hatte, wenn auch nicht die russische Heeresleitung so doch die Führung der
+russischen Armeen günstige Vorbedingungen. Tannenberg hatte dieses
+bewiesen; Lodz hätte es beweisen können, vielleicht mit noch gewaltigeren
+Zahlen wie Tannenberg, wenn wir nicht damals den Kampf in Polen gegen gar
+zu große Überlegenheiten hätten auf uns nehmen müssen und sozusagen mitten
+im Siege aus Mangel an Kräften steckenblieben.
+
+Ich habe den Russen nie unterschätzt. Es war nach meiner Ansicht falsch,
+in Rußland nur Despotismus und Sklaventum, Unbeholfenheit, Stumpfsinn und
+Eigennutz zu sehen. Starke und hohe sittliche Kräfte waren auch dort am
+Werke, freilich nur in einzelnen Kreisen. Vaterlandsliebe, selbständiger
+Wille, Arbeitskraft und Weitblick waren dem Heere nicht unbedingt fremd.
+Wie hätten sich auch sonst die ungeheuren Massen bewegen lassen, wie wären
+anders das Land und die Truppen zu solchen Hekatomben von Menschenopfern
+bereit gewesen? Der Russe der Jahre 1914 und 1915 war nicht mehr der Russe
+von Zorndorf, der sich willenlos wie Schlachtvieh niederschlagen ließ.
+Aber es fehlte ihm doch in seiner Masse die Größe menschlicher und
+geistiger Eigenschaften, die bei uns Gemeingut des Volkes und Heeres
+waren.
+
+Die bisherigen Kämpfe mit den Armeen des Zaren hatten unseren Offizieren
+und Soldaten das Gefühl unbedingter Überlegenheit über diese Feinde
+gegeben. Dieses Gefühl, das unsere alten Landstürmer ebenso wie unsere
+jungen Soldaten erfüllte, erklärte es, daß wir hier im Osten
+Truppengebilde in den Kampf werfen konnten, deren Kampfwert eine
+Verwendung an der Westfront nur unter Vorbehalt zugelassen hätte. Ein
+ungeheurer Vorteil für uns, da wir zahlenmäßig so sehr den Gesamtgegnern
+unterlegen waren! Freilich hatte die Verwendung solcher Verbände ihre
+Grenzen angesichts der großen Anforderungen, die an die Ausdauer und an
+die operative Beweglichkeit der Truppe in den östlichen Gebieten zu
+stellen waren. Die Hauptkraft mußte immer wieder durch schlagkräftige
+Divisionen geliefert werden. Konnte man ihre zur Führung entscheidender
+Operationen nötige Anzahl nicht durch Neubildungen gewinnen, so mußten sie
+nach meiner Ansicht, selbst unter Preisgabe von Teilen besetzter Gebiete,
+aus der westlichen Front gezogen werden.
+
+Diese Darlegungen sind nicht erst das Ergebnis nachträglicher
+Gedankenkonstruktionen oder rückschauender Kritik. Man hat ihnen gegenüber
+darauf hingewiesen, daß der Russe jederzeit imstande sein würde, sich im
+Falle der Not in die sogenannte Endlosigkeit seines Reiches so weit
+zurückzuziehen, daß unsere operative Kraft im Nachfolgen erlahmen müßte.
+Ich glaube, daß diese Anschauungen sich allzusehr unter dem Banne der
+Erinnerungen an 1812 befanden, daß sie der inzwischen eingetretenen
+Entwickelung und Änderung der politischen und wirtschaftlichen
+Verhältnisse des inneren Zarenreiches - ich erinnere besonders an die
+Eisenbahnen - nicht genügend Rechnung trugen. Der napoleonische Feldzug
+hatte seinerzeit nur einen verhältnismäßig schmalen Keil in das weite,
+dünn bevölkerte, wirtschaftlich primitive, innerpolitisch noch völlig
+unerweckte Rußland getrieben. Wie ganz anders sprach sich eine breite,
+moderne Offensive aus; welche ganz andere innerstaatliche Verhältnisse
+mußte sie jetzt auch in Rußland vorfinden?
+
+In diesen Anschauungen lag letzten Endes der Widerstreit zwischen der
+damaligen deutschen Heeresführung und meinem Oberkommando. Die
+Öffentlichkeit hat viele Legenden in diesen Widerstreit hineingetragen.
+Von dramatischen Vorgängen konnte nicht die Rede sein, so tief mich auch
+die Angelegenheit persönlich ergriff. Ich überlasse die nachträgliche
+sachliche Entscheidung der gelehrten Kritik der Nachwelt, bin jedoch
+überzeugt, daß auch diese zu einem widerspruchslosen Endergebnis nicht
+kommen wird. Jedenfalls werde ich dieses Endergebnis nicht mehr erleben.
+
+
+
+ Kämpfe und Operationen im Osten
+
+
+Von den Ereignissen des Jahres 1915 im Osten möchte ich nur in großen
+Umrissen sprechen.
+
+Den Kampf an unserem Teil der Ostfront riefen wir selbst in seiner ganzen
+Stärke wieder wach. Völlig geruht hatte er ja nie. Er hatte bei uns aber
+auch nicht mit der gleichen Wut getobt, wie in den Karpathen, wo die k.
+und k. Armeen im schwersten Ringen die Gefilde Ungarns vor russischer
+Überflutung schützen mußten. Dorthin war auch mein Armee-Chef in der Not
+der Tage vorübergehend gerufen worden. Die inneren Gründe, die zu unserer
+damaligen Trennung Veranlassung gaben, sind mir nicht bekannt geworden.
+Ich suchte sie auf sachlichem Gebiete und bat meinen Kaiser, diese
+Verfügung rückgängig zu machen, was Seine Majestät auch gnädigst
+bewilligte. General Ludendorff kam nach kurzer Zeit zurück mit ernsten
+Erfahrungen und noch ernsteren Ansichten über die Zustände bei
+österreichisch-slawischen Truppenteilen.
+
+Dem k. u. k. Armee-Oberkommando mußte der Gedanke zu einer entscheidenden
+Operation im Osten ganz besonders nahe liegen. Er drängte sich ihm nicht
+nur aus militärischen sondern auch aus politischen Gründen auf. Die
+fortschreitende Abnahme des Wertes der österreichisch-ungarischen
+Kampfkräfte konnte ihm nicht verborgen bleiben. Ein längeres Hinziehen des
+Krieges verschlimmerte diese Zustände augenscheinlich in dem Heere der
+Donaumonarchie verhältnismäßig rascher als beim gegenüberstehenden Feind.
+Dazu kam die österreichische Sorge, daß der drohende Verlust von Przemysl
+nicht nur die Spannung in der Kriegslage an der eigenen Heeresfront
+wesentlich steigern werde, sondern daß auch unter dem Eindruck, den der
+Fall dieser Festung auf die Heimat machen mußte, die schon jetzt nicht
+unbedenklichen Erscheinungen von Lockerung im Staatsgefüge und von
+Schwinden des Vertrauens auf ein günstiges Kriegsende sich noch weiter
+verschärfen würden. Auch fühlte Österreich-Ungarn sich schon jetzt durch
+die politische Haltung Italiens im Rücken bedroht. Ein großer,
+erfolgreicher Schlag im Osten konnte die mißliche Lage des Staates
+gründlich ändern.
+
+Aus dieser Beurteilung der Verhältnisse heraus trat ich auf die Seite des
+Generals von Conrad, als er bei der deutschen Obersten Heeresleitung
+entscheidende Operationen auf dem östlichen Kriegsschauplatz anregte. Die
+von mir für eine solche Entscheidung nötig befundenen Truppenstärken
+glaubte unsere Oberste Heeresleitung nicht zur Verfügung stellen zu
+können. Aus dem vorgeschlagenen Plane wurde daher innerhalb meines
+Befehlsbereiches nur ein einziger großer Schlag, den wir in Ostpreußen
+führten.
+
+4 Armeekorps rollten bei Beginn des Jahres zu unserer Verfügung aus der
+Heimat und dem Westen zu uns heran. Sie werden in Ostpreußen ausgeladen,
+verstärken teils die 8. Armee und bilden teils die 10. unter Generaloberst
+von Eichhorn, marschieren auf und rücken los, um seitlich beider Flügel
+unserer in der Linie Lötzen-Gumbinnen gelegenen dünnen
+Verteidigungsstellung vorzubrechen. Durch zwei starke Flügelgruppen soll
+die 10. russische Armee des Generals Sievers weit ausholend umfaßt werden,
+damit schließlich durch deren Zusammenschluß im Osten auf Rußlands Boden
+im großen Maßstabe alles zertrümmert werden kann, was noch vom Feinde etwa
+übrig geblieben ist.
+
+Der erste grundlegende Gedanke der Operation wird am 28. Januar noch im
+Hauptquartier zu Posen für unsere Armeeführer in folgende Worte gefaßt:
+
+ "Ich beabsichtige, die 10. Armee mit ihrem linken Flügel längs der Linie
+ Tilsit-Wylkowyszki zur Umfassung des nördlichen Flügels des Gegners
+ anzusetzen, den Feind mit der Landwehrdivision Königsberg und dem linken
+ Flügel der 8. Armee in frontalem Kampf zu binden, und den rechten Flügel
+ der 8. Armee auf Arys-Johannisburg und südlich angreifen zu lassen."
+
+Am 5. Februar folgt dann aus Insterburg, wohin wir uns zur
+Schlachtenleitung begaben, der eigentliche Angriffsbefehl. Er setzt vom 7.
+ab die beiden Massen an den Flügeln in Bewegung, vielleicht etwas an unser
+ruhmreiches Sedan erinnernd, und ein vernichtendes Sedan sollte es für die
+10. Russenarmee schließlich bei Augustowo auch werden. Dort schloß sich am
+21. Februar der Kessel des gewaltigen Treibens, aus dem mehr denn
+100.000 Gegner als Gefangene Deutschland zugeführt wurden. Eine noch weit
+größere Zahl von Russen war einem anderen Schicksal erlegen.
+
+Das Ganze wurde auf Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Kaisers
+"Winterschlacht in Masuren" benannt. Man befreie mich von ihrer näheren
+Beschreibung. Was sollte ich auch Neues aus ihr erzählen? Ihr Name mutet
+an wie Eiseshauch und Totenstarre. Vor dem Gange dieser Schlacht steht der
+rückblickende Mensch, wie wenn er sich fragen müßte: Haben wirklich
+irdische Wesen dies alles geleistet, oder ist das Ganze nur ein Märchen
+oder Geisterspuk gewesen? Sind jene Züge durch Winternächte, jene Lager im
+eisigen Schneetreiben und endlich der Abschluß der für den Feind so
+schrecklichen Kämpfe im Walde von Augustowo nur die Ausgeburten erregter
+menschlicher Phantasien?
+
+Trotz der großen taktischen Erfolge der Winterschlacht blieb uns die
+strategische Ausnutzung des Erreichten versagt. Wir waren wohl wieder
+imstande gewesen, eine der russischen Armeen nahezu völlig zu vernichten,
+aber an ihre Stelle traten sofort neue feindliche Kräfte, herangezogen von
+anderen Fronten, an denen sie nicht gebunden waren. Unter diesen
+Verhältnissen konnten wir mit den jetzt im Osten verfügbaren Mitteln zu
+keinem entscheidenden Ergebnis gelangen. Die russische Übermacht war allzu
+gewaltig.
+
+Der Winterschlacht folgt als russische Antwort ein umfassender Angriff auf
+unsere Stellungen vorwärts der altpreußischen Grenzgebiete. Gewaltige
+Blöcke wälzt der feindliche Heerführer gegen uns heran, Blöcke von
+übermächtiger Größe, jeder einzelne schwerer, als alle unsere Kräfte
+zusammen. Aber der deutsche Wille überwindet auch diese Belastung. Ströme
+russischen Blutes fließen in den mörderischen Kämpfen bis Frühjahrsbeginn
+nördlich des Narew und westlich des Njemen; dem Himmel sei Dank, auf
+russischem Boden! Der Zar mag viele Soldaten haben, auch ihre Zahl
+schwindet bei solchen Massenopfern merklich dahin. Die russische Kraft,
+die vor unseren Linien zugrunde geht, wird nachher fehlen, wenn der große
+deutsch-österreichisch-ungarische Stoß weit im Süden die ganze russische
+Heeresfront erbeben macht.
+
+Nicht nur in den preußischen Grenzgebieten, sondern auch in den Karpathen
+wird in dieser Zeit mit äußerster Erbitterung gefochten. Dort versucht der
+Russe auch über den Winter hinaus den Grenzwall Ungarns um jeden Preis zu
+bezwingen. Er fühlt wohl mit Recht, daß ein Einbruch der russischen Flut
+in die magyarischen Länder den Krieg entscheiden könnte, daß das
+Donaureich einen solchen Schlag nimmermehr überwinden würde. War es zu
+bezweifeln, daß der erste russische Kanonenschuß in der ungarischen
+Tiefebene seinen Widerhall in den oberitalienischen Gebirgen und in den
+transsylvanischen Alpen finden würde? Der russische Großfürst wußte wohl,
+für welch hohes Ziel er von dem Zarenheere die furchtbaren Opfer auf den
+schwierigen Kampffeldern des Waldgebirges forderte.
+
+Die andauernd große Spannung der Kampflage in den Karpathen und ihre
+Rückwirkung auf die politischen Verhältnisse forderten gebieterisch eine
+Lösung. Die deutsche Oberste Heeresleitung fand eine solche. Sie
+durchbrach in den ersten Tagen des Mai die russische Heeresfront in
+Nordgalizien und faßte die gegnerische Schlachtfront an der ungarischen
+Grenze in Flanke und Rücken.
+
+Mein Oberkommando war zunächst an der großen Operation, die bei Gorlice
+ihren Anfang nahm, nur mittelbar beteiligt. Unsere Aufgabe im Rahmen
+dieser großzügigen Unternehmung war es vorerst, starke feindliche Kräfte
+zu binden. Das geschah zunächst durch Angriffe im großen Weichselbogen
+westlich Warschau und an der ostpreußischen Grenze, in Richtung Kowno,
+dann aber im größeren Stile durch ein am 27. April begonnenes
+Reiterunternehmen nach Litauen und Kurland. Der Vorstoß von drei
+Kavalleriedivisionen, unterstützt von der gleichen Zahl
+Infanteriedivisionen, berührte eine empfindliche Stelle russischen
+Kriegsgebietes. Der Russe fühlte wohl zum ersten Male, daß die wichtigsten
+Eisenbahnen, die russisches Heer und russisches Kernland verbanden, durch
+ein solches Vorgehen ernstlich gefährdet werden konnten. Er warf unserem
+Einbruch starke Kräfte entgegen. Die Kämpfe auf litauischem Boden zogen
+sich bis zum Sommer hin. Wir sahen uns veranlaßt, weitere Kräfte dorthin
+zu werfen, um die besetzten Landesteile zu behaupten und unseren Druck auf
+den Gegner auch in jenen vom Krieg bisher unberührten Gebieten dauernd zu
+erhalten. So entstand dort allmählich eine neue deutsche Armee. Sie
+erhielt nach dem Hauptstrom des Gebietes die Bezeichnung "Njemenarmee".
+
+Es fehlt mir an Raum, um auf den Heereszug einzugehen, der am 2. Mai in
+Nordgalizien begann, um dann, auf unsere Linien übergreifend, in den
+Herbstmonaten östlich Wilna zu enden. Wie eine Lawine aus scheinbar
+kleinen Anfängen entsteht, immer neue und neue Teile auf ihrem
+verheerenden Weg mit sich reißt, so beginnt und verläuft dieser Zug in nie
+gesehener und nicht mehr wiederholter Ausdehnung. Wir werden zu
+unmittelbarem Eingreifen in seinen Gang veranlaßt, als der Durchstoß über
+Lemberg hinaus gelang. Jetzt schwenken nämlich die
+deutsch-österreichisch-ungarischen Armeen zum Vorgehen in nördlicher
+Richtung zwischen oberen Bug und Weichsel ein. Man halte sich das Bild der
+Lage vor Augen: Die russische Heeresfront ist in der südlichen Hälfte fast
+bis zur Zersprengung eingedrückt. Ihr Nordteil, nach Westen und Nordwesten
+festgehalten, hat eine neue mächtige Flanke zwischen der Weichsel und den
+Pripetsümpfen nach Süden gebildet. Eine Katastrophe droht der Masse des
+russischen Heeres, wenn ein neuer Durchbruch von Norden her gegen den
+Rücken der russischen Heeresmacht gelingt.
+
+Der Gedanke, der uns zur Winterschlacht führte, drängt sich aufs neue auf,
+diesmal vielleicht in noch größeren Umrissen. Jetzt muß von Ostpreußen her
+der Schlag angesetzt werden, am nächsten und wirkungsvollsten über
+Ossowiez-Grodno. Doch verhindert auch jetzt dort das Bobrsumpfgebiet unser
+Vorgehen; wir kennen das vom Tauwetter des vergangenen Winters her. Es
+bleibt also nur die Wahl zwischen dem Vorbrechen westlich oder östlich
+dieser Linie. Der Stoß in die Tiefe der feindlichen Verteidigung, ich
+möchte sagen in die Herzgegend des russischen Heeres fordert die Richtung
+östlich Grodno vorbei. Wir vertreten diesen Gedanken. Die Oberste
+Heeresleitung verschloß sich seinem Vorteil nicht, aber sie hielt die
+westliche Stoßrichtung für kürzer und glaubte auch hier an große Erfolge.
+Sie forderte also den Angriff über den unteren Narew. Ich glaubte meinen
+Widerstand gegen diese Absicht zum Nutzen des Ganzen einstweilen aufgeben,
+die Folgen dieses Angriffes und den weiteren Verlauf der Operationen
+abwarten zu sollen. Der General Ludendorff jedoch hielt innerlich zähe an
+unserem ersten Plane fest, eine Abweichung, die übrigens weder
+irgendwelchen Einfluß auf unser weiteres gemeinsames Denken und Handeln
+hatte, noch die Kraft beeinträchtigte, mit der wir den Entschluß der
+verantwortlichen Obersten Heeresleitung Mitte Juli in die Tat umsetzten.
+Gallwitz' Armee brach beiderseits Przasnysz gegen den Narew vor. Zu diesem
+Angriff begab ich mich persönlich auf das Schlachtfeld, nicht um in die
+mir als meisterhaft bekannte Tätigkeit des Armee-Oberkommandos
+irgendwelche taktischen Eingriffe zu machen, sondern nur deswegen, weil
+ich wußte, welch eine ausschlaggebende Bedeutung unsere Oberste
+Heeresleitung dem Gelingen des hier befohlenen Durchbruches beilegte. Ich
+wollte zur Stelle sein, um nötigenfalls sofort eingreifen zu können, wenn
+das Armee-Oberkommando irgendwelcher weiteren Aushilfen für die
+Durchführung seiner schwierigen Aufgabe im Rahmen meines Befehlsbereiches
+bedurfte. Zwei Tage blieb ich bei der Armee und erlebte die Erstürmung des
+schon früher wiederholt heftig umstrittenen Przasnysz und den Kampf um das
+Gelände südlich der Stadt. Schon am 17. Juli stand Gallwitz am Narew.
+Unter dem Eindruck der auf allen Frontseiten einbrechenden verbündeten
+Armeen beginnt der Russe allmählich, auf allen Seiten zu weichen und sich
+der drohenden Umklammerung langsam zu entziehen. Unsere Verfolgung fängt
+an, sich in frontales Abringen zu verlaufen. Wir können auf diesem Wege
+die Früchte nicht ernten, die auf blutigen Schlachtfeldern immer wieder
+aufs neue gesät werden. Wir greifen daher unsern früheren Gedanken wieder
+auf und wollen angesichts dieses Verlaufs der Operationen über Kowno auf
+Wilna vordrücken, um dann die Massen des russischen Zentrums gegen die
+Pripet-Sümpfe zu pressen und ihre Verbindungen mit dem Herzland zu
+durchhauen. Doch die Absicht der Obersten Heeresleitung fordert
+unmittelbare Verfolgung, bei der der Verfolger stärker erlahmt als der
+Verfolgte.
+
+In diesen Zeitraum fällt die Wegnahme von Nowo Georgiewsk. Diese Festung
+hatte zwar trotz ihrer Anlage als strategischer Brückenkopf bisher noch
+keine besonders wichtige Rolle gespielt; ihr Besitz wurde aber jetzt für
+uns von Wert, weil sie die über Mlawa nach Warschau führende Bahn sperrte.
+Unmittelbar vor der Übergabe traf ich am 18. August mit meinem Kaiser vor
+dem Waffenplatz zusammen und fuhr später in seinem Gefolge in die Stadt.
+Dort brannten noch die von den russischen Truppen angezündeten Kasernen
+und andere militärische Gebäude. Große Massen von Gefangenen standen
+herum. Auffallend war es, daß die Russen vor der Übergabe ihre Pferde
+reihenweise erschossen hatten, wohl in der Überzeugung von dem
+außerordentlichen Werte, den diese Tiere für unsere Operationen im Osten
+hatten. Unser Gegner benahm sich überhaupt in der Zerstörung aller Mittel
+und Vorräte, die dem siegreichen Feinde für die Kriegführung von
+irgendwelchem Nutzen sein konnten, stets außerordentlich gründlich.
+
+Um wenigstens freie Bahn für ein späteres Vorgehen gegen Wilna zu
+schaffen, lassen wir schon Mitte Juli unsere Njemenarmee gegen Osten
+vorbrechen. Mitte August fällt dann Kowno unter dem Ansturm der 10. Armee.
+Der Weg gegen Wilna ist geöffnet, aber noch immer fehlen die Kräfte zur
+weiteren Durchführung unseres großen operativen Gedankens. Sie bleiben
+vorläufig in frontaler Verfolgung festgelegt. Wochen vergehen, bis
+Verstärkungen herangeholt werden können. Unterdessen weicht aber der Russe
+weiter nach Osten; er gibt alles preis, selbst Warschau, wenn er nur seine
+Hauptkräfte dem Verderben entziehen kann.
+
+Erst am 9. September können wir vorwärts auf Wilna. Möglicherweise kann in
+dieser Richtung auch jetzt noch Großes gewonnen werden. Hunderttausende
+russischer Truppen sind vielleicht unsere Beute. Wenn je stolze Hoffnungen
+mit Ungeduld und Sorgen sich mischten, so geschieht es jetzt. Kommen wir
+zu spät? Sind wir kräftig genug? Doch nur vorwärts, über Wilna hinaus und
+dann nach Süden. Unsere Reitergeschwader legen bald Hand an die russische
+Lebensader. Drücken wir diese zusammen, so stirbt die feindliche
+Hauptkraft. Der Gegner kennt das drohende Unheil, er tut alles, um es
+abzuwenden. Ein mörderisches Ringen bei Wilna beginnt. Jede gewonnene
+Stunde rettet dem Russen viele seiner nach Osten flutenden Heerhaufen.
+Unsere Kavalleriedivisionen müssen vor deren Rückstau wieder zurück. Die
+Bahnlinie ins Herz der Heimat wird für den Gegner wieder frei. Wir sind zu
+spät gekommen, und wir ermatten!
+
+Ich täusche mich wohl nicht in der Annahme, daß der Gegensatz zwischen den
+Anschauungen der deutschen Obersten Führung und den unserigen ein
+geschichtliches Interesse behalten wird. Aber wir dürfen bei der
+Beurteilung der Pläne der Heeresleitung den Blick über das Gesamtbild des
+Krieges nicht verlieren. Wir selbst sahen damals nur einen Teil dieses
+Bildes. Die Frage, ob wir unter dem Eindrucke der gesamten politischen und
+kriegerischen Lage anders geplant und anders gehandelt hätten, mag
+unerörtert bleiben.
+
+
+
+ Lötzen
+
+
+Aus diesem ernsten Gedankenstreit möchte ich zu einer idyllischeren Seite
+unseres Kriegslebens im Jahre 1915 übergehen, indem ich mich in meinen
+Erinnerungen nach Lötzen begebe.
+
+Das freundlich zwischen Seen, Wald und Höhen gelegene Städtchen wurde
+unser Hauptquartier, als die Winterschlacht in Masuren auszuklingen
+begann. Die Einwohner, befreit von Russengefahr und Russenschreck,
+gewährten uns eine rührend herzliche Aufnahme. Dankbarst gedenke ich auch
+des Landverkehrs auf den ohne zu großen Zeitverlust erreichbaren Gütern,
+der mir, wenn es der Ernst der Zeit erlaubte, Stunden der Erholung,
+Ablenkung und Anregung brachte. Auch das edle Weidwerk kam dabei nicht zu
+kurz; den Höhepunkt bildete hierbei dank der Gnade Seiner Majestät die
+Erlegung eines besonders starken Elches im Königlichen Jagdrevier
+Niemonien am Kurischen Haff.
+
+Als im Frühjahr allmählich die Ruhe vor unserer Front einzutreten begann,
+fehlte es uns, ebensowenig wie später im Sommer, nicht an Besuchern
+jeglicher Art. Deutsche Fürstlichkeiten, Politiker, Männer aus
+wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berufskreisen, Verwaltungsbeamte
+kamen zu uns, geführt durch das Interesse, das die sonst so wenig
+besuchten östlichen Provinzen durch den bisherigen Kriegsverlauf gewonnen
+hatten. Künstler fanden sich ein, um General Ludendorff und mich durch
+Pinsel oder Meißel zu verewigen, eine Auszeichnung, auf die wir bei aller
+Liebenswürdigkeit und Tüchtigkeit der betreffenden Herrn gerne zu Gunsten
+unserer knappen Freistunden verzichtet hätten. Auch das neutrale Ausland
+stellte Gäste. So lernte ich unter anderen dort auch Sven Hedin, den
+bekannten Asienreisenden und überzeugten Deutschenfreund, kennen und
+schätzen.
+
+Unter den Staatsmännern, die uns in Lötzen besuchten, nenne ich besonders
+den damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg und den Großadmiral von
+Tirpitz.
+
+Schon im Winter 1914/15 hatte ich in Posen Gelegenheit gehabt, den
+Reichskanzler bei mir begrüßen zu können. Seine Besuche entsprangen in
+erster Linie seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und standen in keinem
+Zusammenhange mit irgendwelchen politischen Fragen. Ich erinnere mich auch
+nicht, daß die Unterhaltungen mit dem Reichskanzler dieses Thema damals
+berührten. Wohl aber gewann ich die Überzeugung, daß ich es mit einem
+klugen und gewissenhaften Mann zu tun hatte. Unsere Anschauungen über die
+damaligen Kriegsnotwendigkeiten deckten sich in dieser Zeit nach meinem
+Empfinden in allen wesentlichen Punkten. Ein tiefes Verantwortungsgefühl
+sprach aus allen Äußerungen des Kanzlers. Diesem Gefühl schrieb ich es zu,
+wenn mir in der Beurteilung der Kriegslage durch Herrn von Bethmann nach
+meinem soldatischen Empfinden etwas zu viel Bedenken und infolgedessen
+etwas zu wenig Zuversichtlichkeit entgegentraten.
+
+Den in Posen erhaltenen Eindruck fand ich in Lötzen bestätigt.
+
+Großadmiral von Tirpitz, der in dieser Zeit oft als Nachfolger für
+Bethmann Hollweg genannt wurde, war eine völlig anders geartete
+Persönlichkeit. Auf einem längeren Spaziergang trug er mir alle die
+Schmerzen vor, die sein flammendes vaterländisches und ganz besonders sein
+seemännisches Herz bewegten. Er empfand es bitter, daß er die gewaltige
+während der besten Jahre seines Lebens von ihm geschmiedete Waffe im
+Kriege in den heimatlichen Häfen festgebannt sah. Gewiß war die Lage für
+eine Flottenoffensive unsererseits ungemein schwierig, sie wurde aber mit
+langem Zuwarten nicht besser. Meines Erachtens würde die überaus große
+Empfindlichkeit des englischen Mutterlandes gegenüber dem Phantom einer
+deutschen Landung eine größere Tätigkeit, ja selbst schwere Opfer unserer
+Flotte gerechtfertigt haben. Ich hielt es nicht für ausgeschlossen, daß
+durch eine solche Flottenverwendung eine Bindung starker englischer
+Heereskräfte im Mutterlande und damit eine Entlastung unseres Landheeres
+erreicht werden konnte. Man sagt, daß unsere Politik sich die Möglichkeit
+schaffen wollte, bei etwaigen Friedensaussichten auf eine starke, intakte
+deutsche Seekraft hinweisen zu können. Eine solche Rechnung wäre wohl
+irrig gewesen. Denn eine Streitmacht, die man im Kriege nicht zu nützen
+wagt, ist auch bei Friedensverhandlungen ein kraftloser Faktor.
+
+Im Frühjahr 1916 ist der Wunsch des Großadmirals doch noch in Erfüllung
+gegangen. Was unsere Flotte zu leisten vermochte, das hat sie im Skagerrak
+glänzend gezeigt.
+
+Auch über die Frage unserer Unterseebootkriegführung äußerte sich Herr von
+Tirpitz. Er vertrat die Anschauung, daß wir diese Waffe zur Unzeit gezückt
+hätten, und daß wir dann, eingeschüchtert durch das Verhalten des
+Präsidenten der Vereinigten Staaten den mit lautem Kampfgeschrei erhobenen
+Arm ebenso zur Unzeit wieder hätten sinken lassen. Die damaligen
+Ausführungen des Großadmirals konnten auf meine spätere Stellungnahme zu
+dieser Frage keinen Einfluß ausüben. Bis die Entscheidung hierüber an mich
+herantrat, sollten fast noch anderthalb Jahre vergehen. In diesem Zeitraum
+hatte sich einerseits die Kriegslage ganz wesentlich zu unseren Ungunsten
+verschoben und war andererseits die Leistungsfähigkeit unserer Marine auf
+dem Gebiete des Unterseebootswesens mehr als verdoppelt.
+
+
+
+ Kowno
+
+
+Im Oktober 1915 verlegten wir unser Hauptquartier nach Kowno, in das
+besetzte Feindesland.
+
+Zu der bisherigen Tätigkeit meines Generalstabschefs kamen jetzt noch die
+Arbeiten für die Verwaltung, den Wiederaufbau und die Ausnützung des
+Landes zur Versorgung der Truppen, der Heimat und der Landeseinwohner. Die
+hieraus erwachsende Beschäftigung wäre allein genügend gewesen, die
+Arbeitskraft eines Mannes voll und ganz in Anspruch zu nehmen. General
+Ludendorff betrachtete sie als eine Zugabe zu seinem übrigen Dienste und
+widmete sich ihr mit dem ihm eigenen rastlosen Arbeitswillen.
+
+Von Kowno aus fand ich in der ruhigeren Winterzeit 1915/16 Gelegenheit den
+Bjalowjeser Forst aufzusuchen. Der Wildstand hatte leider unter den
+kriegerischen Ereignissen stark gelitten. Durchmarschierende Truppen und
+wilddiebende Bauern hatten ihn sehr gelichtet. Trotzdem gelang es mir
+noch, in viertägigen herrlichen Pirsch- und Schlittenfahrten im Januar
+1916 einen Wisent und vier Hirsche zu erlegen. Die Verwaltung des
+ausgedehnten Waldreviers befand sich in den bewährten Händen des
+bayerischen Forstmeisters Escherich, der es meisterhaft verstand, uns die
+reichen Holzbestände nutzbar zu machen, ohne dabei Raubbau zu treiben.
+
+Auch den Augustower Wald suchte ich im gleichen Winter auf. Eine mir zu
+Ehren veranstaltete Wolfsjagd verlief leider ergebnislos. Die Wölfe zogen
+es vor, außerhalb meiner Schußweite durch die Lappen zu gehen. Von den
+Kämpferspuren des Februar 1915 sah ich nur noch Schützengräben. Sonst war
+das Schlachtfeld, wenigstens an den Stellen, an denen ich den Forst
+berührte, völlig aufgeräumt.
+
+In Kowno beging ich im April 1916 mein 50jähriges Dienstjubiläum. Mit Dank
+gegen Gott und meinen Kaiser und König, der mir den Tag durch gnädiges
+Meingedenken verschönte, blickte ich auf ein halbes Jahrhundert zurück,
+das ich in Krieg und Frieden im Dienste für Thron und Vaterland durchlebt
+hatte.
+
+Bei Kowno waren im Sommer 1812 starke Teile des französischen Heeres nach
+Osten über den Njemen gegangen. Die Erinnerung an diese Zeit und an den
+tragischen Ausgang dieses kühnen Zuges hatte bei unseren Gegnern die
+Hoffnung ausgelöst, daß auch unsere Truppen in den weiten Wald- und
+Sumpfgebieten Rußlands einem ähnlichen Schicksal durch Hunger, Kälte und
+Krankheiten erliegen würden wie die stolzen Armeen des großen Korsen. Man
+verkündete uns diesen Ausgang, vielleicht weniger aus innerer Überzeugung
+als zur Beruhigung der eigenen urteilslosen Menge. Immerhin waren aber
+unsere Sorgen für die Erhaltung unserer Truppen im Winter 1915/16 keine
+geringen. Wußten wir doch, in welchen trotz aller Entwickelung der Neuzeit
+immer noch verhältnismäßig öden, vielfach von ansteckenden Krankheiten
+durchseuchten Landesteilen wir nunmehr die strenge Jahreszeit hinzubringen
+hatten.
+
+
+
+
+ Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August
+
+
+
+ Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront
+
+
+Das Jahr 1915 war in unserem Oberkommando nicht ausgeklungen unter hellen
+Fanfaren eines voll befriedigenden Triumphes. In dem Gesamtergebnis der
+Operationen und Kämpfe dieses Jahres lag für uns etwas Unbefriedigendes.
+Der russische Bär hatte sich unserer Umgarnung entzogen, zweifellos aus
+mehr als einer Wunde blutend, aber doch nicht zu Tode getroffen. Unter
+wilden Anfällen hatte er sich von uns verabschiedet. Wollte er damit
+beweisen, daß er noch Lebenskraft genug übrig hatte, um uns auch weiterhin
+das Leben schwer zu machen? Wir fanden die Ansicht vertreten, daß die
+russischen Verluste an Menschen und Material bereits so bedeutend wären,
+daß wir auf lange hinaus an unserer Ostfront gesichert sein würden. Wir
+beurteilten diese Behauptung nach den bisherigen Erfahrungen mit
+Mißtrauen, und bald sollte sich zeigen, daß dieses Mißtrauen
+gerechtfertigt war.
+
+Nicht einmal den Winter sollten wir in einiger Ruhe verbringen können.
+Zeigte sich doch bald, daß der Russe an alles eher dachte, als sich stille
+zu verhalten. Auf unserer ganzen Front, ja weit darüber hinaus nach Süden,
+war es in und hinter den gegnerischen Linien unruhig, ohne daß man zuerst
+die Absichten der russischen Führung irgendwie erkennen konnte. Ich hielt
+die Gegenden von Smorgon, Dünaburg und Riga für besondere Gefahrpunkte vor
+unseren Stellungen. In diese Gebiete führten die leistungsfähigsten
+russischen Bahnen. Aber ausgesprochene Anzeichen für einen feindlichen
+Angriff an den genannten drei Punkten ergaben sich lange Zeit nicht.
+
+Die Tätigkeit im Rückengebiet des Feindes blieb ungemein emsig. Überläufer
+klagten über die harte Zucht, der die zurückgezogenen Divisionen
+unterworfen würden, denn mit eiserner Strenge wurden die Truppen gedrillt.
+
+Das Stärkeverhältnis in den einzelnen Abschnitten war schon in den Zeiten
+der Ruhe für uns außerordentlich ungünstig. Wir mußten damit rechnen, daß
+durchschnittlich jedem einzelnen unserer Divisionsabschnitte
+(9 Bataillone) etwa 2-3 russische Divisionen (32-48 Bataillone)
+gegenüberstanden. Nichts kennzeichnet die ungeheuern Unterschiede in den
+Anforderungen an die Kräfte unserer Truppen gegenüber den feindlichen mehr
+als diese Zahlen. Dieser Unterschied spielte naturgemäß nicht nur im
+Gefecht eine gewaltige Rolle sondern auch in den notwendigen täglichen
+Arbeitsforderungen. Welch einen Umfang hatten die Arbeitsleistungen bei
+der großen Ausdehnung der Fronten doch angenommen! Der Stellungs- und
+Straßenbau, die Errichtung von Barackenlagern sowie unzählige Arbeiten für
+die Versorgung der Truppen mit Kriegsbedarf, Verpflegung, Baustoffen usw.
+machten das Wort "Ruhe" für Offizier und Mann meist zu einem völlig leeren
+Begriff. Trotzdem waren Stimmung und Gesundheitszustand der Truppen
+durchaus gut. Würde unser Sanitätsdienst nicht auf der Höhe gestanden
+haben, auf der er sich tatsächlich befand, so hätten wir schon aus diesem
+Grunde den Krieg nicht so lange Zeit durchhalten können. Die Leistungen
+unseres Feldsanitätswesens werden sich dereinst nach wissenschaftlicher
+Bearbeitung des gesamten vorliegenden Materials als ein besonderes
+Ruhmesblatt deutscher Geistesarbeit und Hingabe für einen großen Zweck
+erweisen und dann hoffentlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienstbar
+gemacht werden.
+
+Von Mitte Februar ab begann es in der Gegend des Naroczsees und bei
+Postawy besonders unruhig zu werden. Immer klarer zeichneten sich aus der
+Masse der eintreffenden Nachrichten die Angriffsvorbereitungen des Gegners
+an jenen Stellen ab. Ich hatte anfangs nicht geglaubt, daß der Russe die
+von seinen leistungsfähigen Bahnverbindungen entlegenen Stellen, die zudem
+seinen Massen wenig Entfaltungsraum boten und der taktischen Führung
+infolge der Geländegestaltung nur geringe Armfreiheit ließen, zu einem
+wirklich großen Schlage auswählen würde. Die kommenden Ereignisse
+belehrten mich vom Eintritt des Unwahrscheinlichen.
+
+Niemand von uns erkannte im Verlauf der damaligen russischen
+Vorbereitungen deren gewaltigen Umfang richtig. Wir hätten sonst wohl
+nicht geglaubt, daß wir mit den von uns allmählich im Gebiete des
+Naroczsees versammelten etwa 70 Bataillonen der ganzen dort
+bereitgestellten russischen Macht, gegen 370 Bataillone, standzuhalten
+vermöchten. Aber diese Gegenüberstellung gibt, wie eine auf unsere
+Feststellungen gestützte Veröffentlichung ausführt, doch nur ein ungenaues
+Bild, einmal weil auf beiden Seiten am ersten Tage keineswegs die ganze
+Masse der Kampftruppen eingesetzt wurde, und dann vor allem, weil die
+russischen Divisionen nicht etwa gleichmäßig in breiter Front gegen die
+Deutschen vorstießen, sondern sich in der Hauptsache zu zwei mächtigen
+Stoßgruppen vor den Flügeln des Korps von Hutier zusammenballten. Die
+nördliche dieser trieb 7 Infanterie- und 2 Kavalleriedivisionen zwischen
+Mosheiki und Wileity im Postawy-Abschnitt vor, in dem zunächst nur 4
+deutsche Bataillone standen, während die südliche mit
+8 Infanteriedivisionen und den Uralkosaken die Sperre zwischen Naroczsee
+und Wisznewsee einzudrücken suchte, die von unserer 75. Reservedivision
+und der verstärkten 9. Kavalleriedivision gehalten wurde. Also rund 128
+russische gegen 19 deutsche Bataillone!
+
+Am 18. März bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen
+Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Stärke noch nie zu
+durchleben gehabt hatte, stürmen die feindlichen Massen gleich einer
+ununterbrochenen Sturzflut auf unsere dünnbesetzten Stellungen. Doch
+vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene
+Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst mähen zurückgehaltene
+feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu
+weichen und dem Verderben durch unser Feuer zu entgehen versuchen. Zu
+förmlichen Hügeln häufen sich die russischen Gefallenen vor unserer Front.
+Die Anstrengungen für den Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere
+gesteigert. Eingebrochenes Tauwetter füllt die Schützengräben mit
+Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerfließenden
+Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis
+zur teilweisen Bewegungsunfähigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die
+Gliedmaßen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft
+und Kampfeswille in diesen Körpern, um die feindlichen Anstürme immer
+wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens,
+und vom 25. März ab können wir siegessicher auf unsere Heldenscharen am
+Naroczsee blicken.
+
+Der Deutsche Heeresbericht vom 1. April 1916, der unter unserer Mitwirkung
+entstand, sprach sich nach Beendigung der Schlacht folgendermaßen aus:
+
+ "Welcher größere Zweck mit den Angriffen angestrebt werden sollte,
+ ergibt folgender Befehl des russischen Höchstkommandierenden der Armeen
+ an der Westfront vom 4. (17.) März, Nr. 537:
+
+ "Truppen der Westfront!
+
+ Ihr habt vor einem halben Jahre, stark geschwächt, mit einer geringeren
+ Anzahl Gewehre und Patronen den Vormarsch des Feindes aufgehalten und,
+ nachdem ihr ihn in dem Bezirk des Durchbruches bei Molodetschno
+ aufgehalten habt, eure jetzigen Stellungen eingenommen.
+
+ Seine Majestät und die Heimat erwarten von euch jetzt eine neue
+ Heldentat: Die Vertreibung des Feindes aus den Grenzen des Reiches! Wenn
+ ihr morgen an diese hohe Aufgabe herantretet, so bin ich im Glauben an
+ euren Mut, an eure tiefe Ergebenheit gegen den Zaren und an eure heiße
+ Liebe zur Heimat davon überzeugt, daß ihr eure heilige Pflicht gegen den
+ Zaren und die Heimat erfüllen und eure unter dem Joche des Feindes
+ seufzenden Brüder befreien werdet. Gott helfe uns bei unserer heiligen
+ Sache!
+
+ Generaladjutant gez. Ewert."
+
+ Freilich ist es für jeden Kenner der Verhältnisse erstaunlich, daß ein
+ solches Unternehmen zu einer Jahreszeit begonnen wurde, in der seiner
+ Durchführung von einem Tage zum andern durch die Schneeschmelze
+ bedenkliche Schwierigkeiten erwachsen konnten. Die Wahl des Zeitpunktes
+ ist daher wohl weniger dem freien Willen der russischen Führung als dem
+ Zwang durch einen notleidenden Verbündeten zuzuschreiben.
+
+ Wenn nunmehr die gegenwärtige Einstellung der Angriffe von amtlicher
+ russischer Stelle lediglich mit dem Witterungsumschlag erklärt wird, so
+ ist das sicherlich nur die halbe Wahrheit. Mindestens ebenso wie der
+ aufgeweichte Boden sind die Verluste an dem schweren Rückschlage
+ beteiligt. Sie werden nach vorsichtiger Schätzung auf mindestens
+ 140.000 Mann berechnet. Richtiger würde die feindliche Heeresleitung
+ daher sagen, daß die große Offensive bisher nicht nur im Sumpf, sondern
+ in Sumpf und Blut erstickt ist."
+
+Der Beschreibung dieser Frühjahrskämpfe durch einen deutschen Offizier
+entnehme ich zum Schluß folgende Stelle:
+
+ "Nicht viel mehr als ein Monat war vergangen, seit der russische Zar an
+ der Postawyfront die Parade über die Sturmdivisionen abnahm, da fuhr
+ Generalfeldmarschall von Hindenburg an die Front, um seinen siegreichen
+ Regimentern zu danken. In Tschernjaty und Komai, Jodowze, Swirany und
+ Kobylnik, nur wenige Kilometer Luftlinie vom Schauplatz der Zarenparade
+ entfernt, sprach er zu den Abordnungen der Fronttruppen und verteilte
+ die Eisernen Kreuze. Hand in Hand standen da für einen Augenblick
+ Feldherr und Handgranatenwerfer, einer den anderen mit langem,
+ vertrauensvollem Blicke ermessend. Die Frühlingssonne leuchtete als
+ Siegessonne über der Hindenburgfront ..."
+
+Das war mein Anteil an der Naroczschlacht.
+
+
+
+ Der Russenangriff gegen die österreichisch-ungarische Ostfront
+
+
+"Verdun!" - Der Name wurde bei uns im Osten von Anfang Februar des Jahres
+ab häufiger genannt. Man wagte nur halblaut und im Geheimnis davon zu
+sprechen. Man legte auf das Wort einen Ton, aus dem Zweifel und Bedenken
+hervorgingen. Und doch, der Gedanke, Verdun zu nehmen, war gut. Verdun in
+unserer Hand, das mußte die ganze Lage an unserer Westfront wesentlich
+festigen. Dadurch wurde die Einbuchtung an unserer verwundbarsten
+Druckstelle da drüben endgültig beseitigt. Vielleicht ergaben sich aus der
+Eroberung der Festung noch weitere operative Möglichkeiten in südlicher
+und westlicher Richtung.
+
+Die Wichtigkeit des genannten Waffenplatzes berechtigte also meiner
+Anschauung nach zu dem Versuch, ihn anzugreifen. Man hatte ja in der Hand,
+das Unternehmen rechtzeitig wieder abzubrechen, wenn sich seine
+Durchführbarkeit als unmöglich erweisen oder die dafür nötigen Opfer als
+zu hoch herausstellen sollten. Und dann: Ist das Kühnste, das
+Unwahrscheinlichste im Angriff auf Festungen in diesem Kriege uns nicht
+schon wiederholt glänzend gelungen?
+
+Von Ende Februar ab wird Verdun nicht mehr geheimnisvoll ausgesprochen,
+sondern laut und freudig. Das Wort "Douaumont" leuchtet im Zusammenhang
+damit wie ein Fanal deutschen Heldentums bis in den entferntesten Osten
+herüber und erhebt die Gemüter auch derer, die jetzt eben mit Ernst und
+Sorge auf die Entwickelung der Ereignisse am Naroczsee blicken. Freilich
+liegt in dem Angriff auf Verdun für uns auch ein bitteres Gefühl. Bedeutet
+das Unternehmen doch das endgültige Aufgeben einer Kriegsentscheidung hier
+im Osten.
+
+Verdun wird im weiteren Verlauf der Zeit noch in verschiedener Betonung
+genannt. Die Bedenken fangen allmählich an, zu überwiegen, man spricht sie
+aber nur selten aus. Sie lassen sich kurz in folgende Fragen
+zusammenfassen: Warum setzt man einen Angriff immer noch fort, der so
+unendliche Opfer fordert und dessen Aussichtslosigkeit dabei schon
+erkennbar ist? Wäre es nicht möglich, an die Stelle dieser rein örtlichen
+Frontalunternehmung gegen den auf permanente Werke gestützten nördlichen
+Verteidigungsbogen Verduns eine die Linienführung unserer Aufstellung
+zwischen Argonnerwald und St. Mihiel ausnutzende abschnürende Operation
+treten zu lassen? Erst spätere Zeiten werden nach unparteiischer Prüfung
+über die Berechtigung dieser Fragen urteilen können.
+
+
+
+Noch ein anderes Wort tritt späterhin zu Verdun, das ist "Italien", zum
+ersten Male erwähnt, nachdem die Schlacht am Naroczsee beendet war. Auch
+Italien wird mit Zweifel genannt, mit weit größerem und stärkerem als
+Verdun, ja nicht nur mit Zweifel, sondern mit ernsten, schweren Bedenken.
+Der Plan eines österreichisch-ungarischen Angriffes gegen Italien ist kühn
+und hat von diesem Gesichtspunkt aus auch ein militärisches Anrecht auf
+Gelingen. Was diesen Plan aber als überkühn erscheinen läßt, das ist
+unsere Einschätzung des Instrumentes, mit dem er durchgeführt wird. Wenn
+gegen Italien die besten k. u. k. Truppen losbrechen, Truppen, an die
+nicht bloß Österreich und Ungarn sondern auch Deutschland mit Stolz und
+Vertrauen denken, was bleibt dann gegen Rußland? Rußland ist aber nicht so
+geschlagen, wie man es Ende 1915 vermutete. Am Naroczsee hat sich die
+ganze Entschlossenheit der russischen Heerhaufen wieder gezeigt in einer
+Wildheit und Massenhaftigkeit, gegenüber der so manche mit slawischen
+Elementen stark durchsetzten österreichisch-ungarischen Heeresverbände
+sich bisher als wenig widerstandsfähig erwiesen haben.
+
+Die Sorge bei uns wächst trotz der Siegesmeldungen aus Italien täglich
+mehr und mehr. Sie wird nur zu bald in ihrer Berechtigung bewiesen durch
+die nunmehr eintretenden Ereignisse südlich des Pripet. Am 4. Juni stürzt
+die österreichisch-ungarische Heeresfront in Wolhynien und in der Bukowina
+auf den ersten russischen Anhieb weithin zusammen. Die schwerste Krisis
+des ganzen bisherigen Krieges an der Ostfront tritt ein, schwerer noch als
+diejenige des Jahres 1914. Denn diesmal steht nirgends ein siegreiches
+deutsches Heer als helfender Retter bereit: im Westen tobt der Kampf um
+Verdun und drohen Sturmeszeichen an der Somme.
+
+Die Wogen dieser Krisis schlagen bis an unsere Front hinüber, aber zum
+Heile für das Ganze nicht in Form russischer Angriffe. So können wir
+wenigstens helfen, wo die Not am größten ist.
+
+Der Russe steht bis jetzt vor der deutschen Front noch ungeschwächt in
+seinen Stellungen. Den ersten Erfolg südlich des Pripet hat er daher nicht
+durch seinen sonst gewohnten Einsatz überlegener Massen sondern mit
+verhältnismäßig schwachen Kräften erreicht.
+
+ "Der Plan Brussilows muß eingangs streng genommen als eine Erkundung
+ aufgefaßt werden, als eine Erkundung unternommen auf gewaltige
+ Ausdehnungen und mit kühner Entschlossenheit, aber doch immer nur eine
+ Erkundung, kein Schlag mit einem gewählten Ziel ... Seine Aufgabe war
+ es, die Stärke der gegnerischen Linien anzufühlen auf einer Front von
+ nahezu 500 km zwischen Pripet und Rumänien. Brussilow glich einem Manne,
+ der an eine Mauer schlägt, um herauszubringen, welche Teile solider
+ Stein und welche nur Latten und Mörtel waren."
+
+So schrieb ein Ausländer über Brussilows erste Schlachttage. Und dieser
+Ausländer sagt einwandfrei das Richtige.
+
+Die österreichisch-ungarische Mauer zeigt aber nur wenige solide Steine,
+sie bricht unter dem Pochen von Brussilows Hammer zusammen, und herein
+braust die Sturmflut der russischen Haufen, die nunmehr erst von unserer
+Front weg herangeführt worden sind. Wo wird ihnen ein Halt geboten werden
+können? Nur eine starke Säule bleibt zunächst noch inmitten dieser
+Brandung. Es ist die Südarmee unter ihrem trefflichen General Grafen
+Bothmer. Deutsche, Österreicher und Ungarn; alle gehalten in guter Zucht.
+
+Was auf unserem Teil der großen Ostfront entbehrlich ist, rollt nunmehr
+nach dem Süden und verschwindet auf den Schlachtfeldern Galiziens.
+
+Inzwischen verdüstert sich auch die Lage an der Westfront.
+Französisch-englische Übermacht wirft sich auf unsere verhältnismäßig
+schwach gehaltenen Linien beiderseits der Somme und drückt die
+Verteidigung ein. Ja es droht vorübergehend die Gefahr eines vollendeten
+Durchbruchs!
+
+Mein Allerhöchster Kriegsherr ruft mich und meinen Generalstabschef
+zweimal zu Beratungen über die schwere Lage an der Ostfront in sein
+Hauptquartier nach Pleß. Das letzte Mal, Ende Juli, fällt dort die
+Entscheidung über die Neuregelung des Befehls auf der Ostfront. Die
+deutsche Oberste Heeresleitung hat von Österreich-Ungarn als Entgelt für
+die trotz Verdun und Somme gebotene rettende Hand Gewähr für straffere
+Organisation des Befehls an der Ostfront gefordert. Mit Recht! So wurde
+meine Befehlsgewalt bis in die Gegend von Brody, östlich Lemberg,
+ausgedehnt; starke k. und k. Truppenverbände wurden mir unterstellt.
+
+Wir besuchten baldigst die uns neu zugewiesenen Oberkommandos und fanden
+bei den österreichisch-ungarischen Stellen volles Entgegenkommen und
+rückhaltslose Kritik der eigenen Schwächen. Freilich, die Erkenntnis war
+nicht allenthalben vom Tatenwillen begleitet, der bessernd in die
+vorhandenen Schäden eingreift. Und doch, wenn je in einem Heere, so
+bedurfte es in diesem Völkergemisch einer alles beherrschenden,
+durchgreifenden Gewalt und eines einheitlichen Zuges, sonst mußte auch das
+beste Blut in diesem Körper machtlos rinnen und vergeblich verrinnen.
+
+Die Ausdehnung der Befehlsfront veranlaßte mich zur Verlegung meines
+Hauptquartiers nach Süden, nach Brest-Litowsk. Dort trifft mich am
+28. August mittags der Befehl Seiner Majestät des Kaisers, baldmöglichst
+in sein Großes Hauptquartier abzureisen. Als Grund teilt mir der Chef des
+Militärkabinetts nur mit: "Die Lage ist ernst!"
+
+Ich lege den Hörapparat weg und denke an Verdun und Italien, an Brussilow
+und die österreichische Ostfront, dazu an die Nachricht: "Rumänien hat uns
+den Krieg erklärt." Starke Nerven werden nötig sein!
+
+
+
+
+
+ DRITTER TEIL
+
+
+ VON DER ÜBERTRAGUNG DER OBERSTEN HEERESLEITUNG BIS ZUR ZERTRÜMMERUNG
+ RUSSLANDS
+
+
+
+
+ Berufung zur Obersten Heeresleitung
+
+
+
+ Chef des Generalstabes des Feldheeres
+
+
+Es war bekanntlich nicht das erste Mal, daß mich mein Kaiserlicher und
+Königlicher Herr zur Besprechung über militärische Lagen und Absichten zu
+sich berief. Daher vermutete ich auch diesmal, daß Seine Majestät meine
+Anschauungen über eine bestimmte Frage persönlich und mündlich hören
+wollte. In der Annahme eines nur kurzen Aufenthaltes nahm ich auch nur das
+für einen solchen unbedingt nötige Gepäck mit mir. Am 29. August
+vormittags traf ich in Begleitung meines Chefs in Pleß ein. Auf dem
+Bahnhof empfing mich im Auftrage des Kaisers der Chef des
+Militärkabinetts. Aus seinem Munde erfuhr ich zuerst die für mich und
+General Ludendorff beabsichtigten Ernennungen.
+
+Vor dem Schlosse in Pleß traf ich meinen Allerhöchsten Kriegsherrn selbst,
+der das Eintreffen Ihrer Majestät der Kaiserin, die von Berlin aus kurz
+nach mir Pleß erreicht hatte, erwartete. Der Kaiser begrüßte mich sogleich
+als Chef des Generalstabes des Feldheeres und General Ludendorff als
+meinen Ersten Generalquartiermeister. Auch der Reichskanzler war von
+Berlin aus erschienen und augenscheinlich von der Veränderung in der
+Besetzung der Chefstelle, die ihm Seine Majestät in meiner Gegenwart
+mitteilte, nicht weniger überrascht als ich selbst. Ich erwähne dies, weil
+auch hier die Legendenbildung eingesetzt hat.
+
+Die Übernahme der Geschäfte aus den Händen meines Vorgängers vollzog sich
+bald nachher. General von Falkenhayn reichte mir zum Abschied die Hand mit
+den Worten: "Gott helfe Ihnen und unserem Vaterland!"
+
+Welche Gründe unsere plötzliche Berufung in den neuen Wirkungskreis
+veranlaßten, erfuhr ich aus dem Munde meines Kaisers, der meines
+Vorgängers stets ehrend gedachte, weder bei der Übernahme meiner neuen
+Stellung noch später. Derartige Feststellungen rein historischen Wertes zu
+machen, fehlte mir immer die Neigung, damals aber auch die Zeit. Drängten
+sich doch die Entscheidungen nicht nach Tagen sondern nach Stunden.
+
+
+
+ Kriegslage Ende August 1916
+
+
+Die Kriegslage, unter welcher der Wechsel in der Leitung der Operationen
+erfolgte, war nach den ersten Eindrücken, die ich gewann, folgende:
+
+Die Verhältnisse an der Westfront waren nicht ohne Bedenken. Verdun war
+nicht in unsere Hände gefallen, auch die Hoffnung auf Zerreibung der
+französischen Heereskraft in dem gewaltigen Feuerbogen, der sich um die
+Nord- und Nordostfront der Festung gebildet hatte, war nicht verwirklicht.
+Ein Erfolg unseres dortigen Angriffes war immer aussichtsloser geworden,
+aber das Unternehmen war noch nicht aufgegeben. An der Somme raste das
+Ringen nunmehr seit fast zwei Monaten. Wir kamen dort von einer Krisis in
+die andere. Unsere Linien standen andauernd im Zustand äußerster
+Zerreißprobe.
+
+Im Osten war die russische Offensive im Südostteil der Karpathen bis auf
+den Gebirgskamm hinaufgebrandet. Ob dieser letzte Schutzwall ungarischen
+Landes mit den jetzt verfügbaren Kräften gegen neue Anstürme zu behaupten
+sein würde, mußte nach den bisherigen Ergebnissen bezweifelt werden. Auch
+im Vorlande des Nordwestteils der Karpathen war die Lage aufs äußerste
+gespannt. Zwar hatten die russischen Angriffe zurzeit dort etwas
+nachgelassen, aber es war nicht zu hoffen, daß diese Ruhe von längerer
+Dauer sein würde.
+
+Der österreichisch-ungarische Angriff aus Südtirol hatte angesichts des
+Zusammenbruchs an der galizischen Front aufgegeben werden müssen. Der
+Italiener ging nun seinerseits wieder zum Angriff an der Isonzofront über.
+Diese Kämpfe zehrten in starkem Maße an den österreichisch-ungarischen
+Heereskräften, welche sich dort unter den schwierigsten Verhältnissen
+gegen mehrfache feindliche Überlegenheit, wert des höchsten Ruhmes
+schlugen.
+
+Von Wichtigkeit für die Gesamtlage wie für die Not des Augenblickes waren
+schließlich auch die derzeitigen Verhältnisse auf dem Balkan. Die von den
+Bulgaren auf unsere Anregung hin in Mazedonien unternommene Offensive
+gegen Sarrail hatte nach anfänglichen Erfolgen abgebrochen werden müssen.
+Das mit diesem Angriff verbundene politische Ziel, Rumänien vom Eingreifen
+in den Krieg abzuhalten, war nicht erreicht worden.
+
+Die Vorhand lag zur Zeit überall in den Händen unserer Gegner. Es war
+damit zu rechnen, daß diese alle Kräfte einsetzen würden, uns weiter unter
+diesem Drucke zu halten. Die Aussichten auf eine vielleicht nahe und
+erfolgreiche Kriegsbeendigung mußten die gegnerischen Verbündeten auf
+allen Fronten zu den größten Kraftanstrengungen und zu den schwersten
+Opfern bereit finden. Alle gaben wohl ihr letztes her, um sich an dem
+Todesstoß gegen die Mittelmächte zu beteiligen, zu dem Rumänien das
+siegessichere Halali blies!
+
+Die augenblicklich freien und verfügbaren Reserven des deutschen sowie des
+österreichisch-ungarischen Heeres waren gering. Einstweilen standen an der
+zunächst bedrohten siebenbürgisch-rumänischen Grenze nur schwache
+Postierungen, größtenteils Finanz- und Zollwachen. Im Innern Siebenbürgens
+waren abgekämpfte österreichisch-ungarische Divisionen untergebracht, zum
+Teil gefechtsunbrauchbare Trümmer. Dort aufgestellte oder in Aufstellung
+begriffene Neubildungen hatten eine zu geringe Stärke, um für einen
+ernsten Widerstand gegen einen rumänischen Einfall in das Land in Betracht
+kommen zu können. Die Verhältnisse auf dem südlichen Donauufer waren in
+dieser Beziehung für uns günstiger. Eine aus bulgarischen, osmanischen und
+deutschen Verbänden neugebildete Armee war im bulgarischen Grenzgebiete
+der Dobrudscha und an der Donau weiter aufwärts in Versammlung begriffen,
+zusammen etwa 7 Divisionen von sehr verschiedener Stärke.
+
+Das war im wesentlichen alles, was zurzeit an der wundesten der wunden
+Stellen unseres europäischen Kriegsschauplatzes, nämlich an den
+rumänischen Grenzen, verfügbar war. Weiterer Kräftebedarf mußte entweder
+aus anderen Kampffronten weggezogen oder abgekämpften und der Ruhe
+bedürftigen Verbänden entnommen oder endlich durch Bildung neuer
+Divisionen gewonnen werden. Gerade in letzterer Beziehung lagen aber die
+Verhältnisse bei uns wie bei unseren Verbündeten nicht günstig. Die
+Ersatzlage drohte bei andauernd gleicher oder gar erhöhter Anspannung
+bedenklich zu werden. Auch war der Verbrauch von Gerät und Schießbedarf
+durch die lange Dauer und den Umfang der Kämpfe auf allen Fronten ein
+solch ungeheurer geworden, daß die Gefahr einer Lähmung unserer
+Kriegführung schon aus diesem Grunde nicht ausgeschlossen erschien. Auf
+die Lage in der Türkei komme ich später zurück.
+
+
+
+ Politische Lage
+
+
+Nicht nur die ersten Eindrücke über die militärische, sondern auch
+diejenigen über die politische Gesamtgestaltung bedürfen einer kurzen
+Darlegung. Ich beginne mit den Verhältnissen in unserem eigenen
+Vaterlande.
+
+Als mir die Leitung der Operationen übertragen wurde, hielt ich die
+Stimmung in unserer Heimat zwar nicht für verzagt, aber doch für ernst.
+Kein Zweifel, daß man dort durch manche kriegerischen Vorgänge der letzten
+Monate enttäuscht war. Dazu kam, daß sich die Not des täglichen Lebens
+wesentlich gesteigert hatte. Besonders bitter litt der Mittelstand unter
+den für ihn ungewöhnlich nachteiligen wirtschaftlichen Verhältnissen. Die
+Lebensmittel wurden immer knapper zugewiesen, die Ernteaussichten waren
+mäßig.
+
+Die Kriegserklärung Rumäniens bedeutete unter diesen Verhältnissen eine
+weitere Mehrbelastung des heimatlichen Kriegswillens. Doch war das
+Vaterland augenscheinlich auch jetzt zum Durchhalten bereit. Wie lange und
+wie stark diese Stimmung anhalten werde, ließ sich freilich nicht
+vorhersagen. Der Verlauf der kriegerischen Ereignisse der nächsten Zeit
+mußte in dieser Hinsicht entscheidend wirken.
+
+Was die Beziehungen Deutschlands zu seinen Verbündeten betrifft, so
+sollten wir diese nach den propagandistischen Äußerungen der gegnerischen
+Presse während des Krieges schrankenlos beherrschen. Es wurde behauptet,
+wir hielten Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei sozusagen am Halse
+fest, bereit sie zu würgen, wenn sie nicht taten, was wir wollten. Und
+doch konnte es kaum eine größere Entstellung des wirklichen Sachverhaltes
+geben, als sie in dieser Behauptung lag. Ich glaube, daß sich nirgends die
+Schwäche Deutschlands im Vergleich zu England deutlicher zeigte, als in
+der Verschiedenheit der politischen Einwirkungen auf die beiderseitigen
+Bundesgenossen.
+
+Wenn zum Beispiel das offizielle Italien es jemals gewagt hätte, offen
+Friedensneigungen ohne britische Erlaubnis zu zeigen, so war England jeder
+Zeit imstande, diesen Verbündeten einfach durch Hunger zur Fortsetzung der
+einmal eingeschlagenen Politik zu zwingen. Ähnlich stark und unbedingt
+herrschend war Englands Stellung Frankreich gegenüber. Unabhängiger war in
+dieser Beziehung wohl nur Rußland; aber auch die politische
+Selbständigkeit des Zarenreiches fand aus wirtschaftlichen und
+finanziellen Gründen England gegenüber ihre Grenzen. Wie viel ungünstiger
+war in dieser Richtung die Stellung Deutschlands. Welche politischen,
+wirtschaftlichen oder militärischen Machtmittel lagen in unserer Hand, um
+etwaigen Abfallbestrebungen irgend eines unserer Bundesgenossen
+entgegenzutreten? Sofern sich diese Staaten nicht durch den freien Willen
+oder durch das drohende sichere Verderben an uns gekettet fühlten, hatten
+wir keine Macht, sie bei uns festzuhalten. Ich stehe nicht an, diese
+unbestreitbare Tatsache als eine besondere Schwäche unserer gesamten Lage
+hervorzuheben.
+
+Nunmehr zu den einzelnen Verbündeten.
+
+Die innerpolitischen Verhältnisse in Österreich-Ungarn hatten sich im
+Laufe des Sommers 1916 nicht unbedenklich gestaltet. Die dortige
+politische Leitung hatte wenige Wochen vor unserem Eintreffen in Pleß
+unserer Reichsleitung gegenüber kein Hehl daraus gemacht, daß die
+Donaumonarchie eine weitere Belastung durch militärische und politische
+Mißerfolge nicht mehr vertrug. Die Enttäuschung über das Scheitern der mit
+allzu lauten Verheißungen begleiteten Offensive gegen Italien war eine
+tiefgehende. Der rasche Zusammenbruch des Widerstandes an der
+galizisch-wolhynischen Front ließ in der großen Masse des
+österreichisch-ungarischen Volkes einen mißtrauischen Pessimismus
+aufkommen, der in der Volksvertretung ein rückhaltloses Echo fand. Die
+leitenden Kreise Österreich-Ungarns standen zweifellos unter der Wirkung
+dieser Stimmung. Es war freilich nicht das erste Mal, daß solche
+bedenkliche Auffassungen aus deren Mitte zu uns herüberklangen. Man traute
+sich dort zu wenig selbst zu. Da man die eigenen Kräfte nicht
+zusammenzufassen wußte, mißtraute man deren Größe. Bei diesem Urteil
+verkenne ich nicht, daß die politischen Schwierigkeiten der
+Doppelmonarchie unendlich viel größer waren, als diejenigen unseres
+geeinten deutschen Vaterlandes. Auch die Lebensmittelfrage war eine
+ernste. Besonders litten die deutsch-österreichischen Landesteile bitter
+unter der Not. Nach meiner Ansicht lag keine Veranlassung vor, der
+Bündnistreue Österreich-Ungarns irgendwie zu mißtrauen. Jedoch mußte unter
+allen Umständen dafür gesorgt werden, daß das Land von dem auf ihm
+liegenden Druck baldmöglichst entlastet wurde.
+
+Anders, ich darf sagen national gefestigter, als in Österreich-Ungarn
+lagen die innerpolitischen Verhältnisse in Bulgarien. Das Land führte mit
+dem Kampfe um die staatliche Vereinigung der bulgarischen Stammesgenossen
+gleichzeitig den Kampf um seine endgültige Vormachtstellung auf dem
+Balkan. Die mit den Mittelmächten und der Türkei abgeschlossenen Verträge
+im Verein mit den bisherigen Kriegserfolgen schienen Bulgariens
+weitgehenden Wünschen sichere Erfüllung bringen zu wollen. Das Land war
+freilich aus dem letzten Balkankriege stark erschöpft in den neuen Krieg
+eingetreten. Außerdem war es in den jetzigen Kampf bei weitem nicht mit
+jener allgemeinen Begeisterung gegangen wie in denjenigen des Jahres 1912.
+Diesmal war es mehr von der kühlen Berechnung seiner Staatsmänner als von
+nationalem Schwung geführt. Kein Wunder daher, wenn das Volk sich im
+jetzigen Besitz der erstrebten Landesteile befriedigt fühlte und keine
+starken Neigungen zu neuen Unternehmungen zeigte. Ob das Zögern mit der
+Kriegserklärung an Rumänien - sie war bei meinem Eintreffen in Pleß noch
+nicht erfolgt - lediglich ein Ausfluß dieser Stimmung war, möchte ich
+freilich heute noch bezweifeln. Die Verhältnisse in der
+Lebensmittelversorgung des Landes waren, am deutschen Maßstabe gemessen,
+gute.
+
+Im allgemeinen glaubte ich die Hoffnung zu haben, daß unser Bündnis mit
+Bulgarien eine etwaige militärische Belastungsprobe vertragen würde.
+
+Ein nicht geringeres Vertrauen brachte ich der Türkei entgegen. Das
+osmanische Reich war in den Kampf getreten ohne jegliche Bestrebungen nach
+politischer Machterweiterung. Seine führenden Persönlichkeiten, allen
+voran Enver Pascha, hatten klar erkannt, daß es für die Türkei in dem
+ausgebrochenen Kampfe keine Neutralität geben könne. Man kann sich in der
+Tat nicht vorstellen, daß Rußland und die Westmächte die einschränkenden
+Bestimmungen über die Benutzung der Meerengen auf die Dauer hätten
+berücksichtigen können. Die Aufnahme des Kampfes bedeutete für die Türkei
+eine Frage des Seins oder Nichtseins, ausgesprochener fast wie für uns
+andere. Unsere Gegner taten uns einen Gefallen damit, dies von Anfang an
+laut und deutlich zu verkünden.
+
+Die Türkei hatte bei diesem Kampfe bisher eine Stärke entwickelt, die alle
+in Erstaunen setzte. Ihre aktive Kriegführung überraschte Freunde wie
+Feinde; sie fesselte starke gegnerische Kräfte auf allen asiatischen
+Kriegsschauplätzen. Man hat in Deutschland späterhin oftmals den Vorwurf
+gegen die Oberste Heeresleitung erhoben, daß sie zur Stärkung der
+Kampfkraft der Türkei ihre eigenen Mittel zersplittert hätte. Man
+beachtete aber bei diesem Urteil nicht, wie wir durch eben jene
+Unterstützungen den Bundesgenossen andauernd befähigten, mehrere
+100.000 Mann bester gegnerischer Kampftruppen von unseren
+mitteleuropäischen Kriegsschauplätzen fernzuhalten.
+
+
+
+ Die deutsche Oberste Kriegsleitung
+
+
+Die Erfahrungen des Frühjahrs und Sommers 1916 hatten die Notwendigkeit
+ergeben, eine führende und voll verantwortliche Befehlsstelle für uns und
+unsere verbündeten Heere einzurichten. Im Benehmen mit den regierenden
+Staatshäuptern wurde eine Oberste Kriegsleitung geschaffen. Sie wurde
+Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser übertragen. Der Chef des
+Generalstabes des deutschen Feldheeres erhielt das Recht "im Auftrage
+dieser Obersten Kriegsleitung" Anweisungen herauszugeben und
+Vereinbarungen mit den verbündeten Heereschefs zu treffen.
+
+Bei dem großen Entgegenkommen und der verständnisvollen Mitarbeit der mir
+im übrigen gleichgestellten Chefs der verbündeten Heere konnte ich die
+Anwendung meiner neuen Rechte auf einzelne besonders wichtige kriegerische
+Entscheidungen beschränken. Die Behandlung gemeinsamer politischer und
+wirtschaftlicher Fragen fiel nicht in den Bereich dieser Obersten
+Kriegsleitung.
+
+Meine Aufgabe bestand sonach im wesentlichen darin, den Verbündeten die
+leitenden Gesichtspunkte für die gesamte Kriegsführung zu geben und ihre
+Kräfte und Tätigkeit zur Erreichung des gemeinsamen Zieles
+zusammenzufassen. Unser aller Interessen würde es entsprochen haben, wenn
+die Oberste Kriegsleitung unter Zurückstellung der einzelnen
+Sonderinteressen, ja selbst unter Preisgabe einzelner für die Entscheidung
+nebensächlicher Rücksichten, einen durchschlagenden Erfolg auf einem der
+Hauptkriegsschauplätze hätte erzwingen können. Im unabänderlichen Wesen
+des Koalitionskrieges lag es aber, daß unserer Obersten Kriegsleitung
+durch Rücksichten aller möglichen Art hierin oft Schwierigkeiten bereitet
+wurden.
+
+Es ist bekannt, daß Deutschland in diesem Krieg seinen Bundesgenossen
+gegenüber in weit höherem Maße der gebende als der empfangende Teil war.
+Mit dieser Feststellung soll und kann freilich nicht die Auffassung
+vertreten werden, als ob Deutschland diesen ungeheuren Kampf ohne
+Bundesgenossen hätte durchführen können. Auch liegt in der vielfach
+ausgesprochenen Ansicht, Deutschland habe sich nur auf krüppelhafte
+Verbündete gestützt, eine arge Verkennung der Wirklichkeit und eine
+einseitige Übertreibung. Man übersieht dabei, daß auch unsere Verbündeten
+vielerorts starke feindliche Überlegenheiten auf sich gezogen hatten.
+
+Wenn ich jetzt den Blick auf das Vergangene zurückwende, so habe ich den
+Eindruck, daß nicht in großen Operationen, sondern in dem Ausgleich
+verschiedengerichteter Interessen der einzelnen Bundesgenossen der
+schwierigste Teil unserer Aufgaben vom Standpunkt der Obersten
+Kriegsleitung lag. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob sich in den
+meisten Fällen politische Verhältnisse dringender geltend machten, als
+militärische Gründe. Eine ganz besondere Erschwerung lag für unsere Pläne
+und Entscheidungen in den verschiedenen Werten der verbündeten Heere. Wir
+mußten nach Übernahme der Obersten Heeresleitung erst allmählich lernen,
+was wir von den Waffen unserer Verbündeten erwarten und verlangen konnten.
+
+Die österreichisch-ungarische Wehrmacht hatte ich zum erstenmal bei dem
+Feldzug in Polen in unmittelbarem Zusammenwirken mit unseren Truppen
+kennen gelernt. Sie entsprach schon damals den Anforderungen, die wir an
+unsere eigenen Kräfte zu stellen gewohnt waren, nicht mehr vollständig.
+Der Hauptgrund für den Rückgang des Durchschnittswertes der k. u. k.
+Truppenteile lag unbestrittenermaßen in der außerordentlichen
+Erschütterung, die das Heer bei seiner, wie ich mich schon ausdrückte,
+überkühnen, rein frontalen Operation bei Kriegsbeginn in Galizien und
+Polen erlitten hatte. Man hat nachträglich behauptet, daß die
+österreichisch-ungarische Offensive damals das Ergebnis hatte, den Ansturm
+der russischen Heeresmassen zu brechen. Vielleicht hätte sich aber dieses
+auf weniger gewagtem Wege und mit erheblich geringeren Opfern erreichen
+lassen. Jedenfalls erholte sich das russische Heer nach den damals
+erlittenen Verlusten wieder, das österreichisch-ungarische aber nicht
+mehr, ja es schlug der kühne Unternehmungsgeist Österreich-Ungarns in eine
+dauernde Überempfindlichkeit gegenüber den russischen Massen um. Allen
+Anstrengungen der österreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung, die
+erlittenen schweren Schäden zu beheben, stellten sich unüberwindliche
+Schwierigkeiten entgegen. Diesen im einzelnen nachzugehen, glaube ich mir
+versagen zu können. Ich möchte nur die Frage aufwerfen: Wie hätte es
+Menschenkräften gelingen können, einen neuen erhebenden Antrieb
+einheitlichen, nationalen Kampfwillens in das Völkergemisch der
+Doppelmonarchie hineinzubringen, nachdem die erste Blüte des Willens, der
+Begeisterung und des Selbstvertrauens geknickt war? Wie sollte besonders
+das Offizierkorps, das bei dem ersten Vorstürmen so schwer gelitten hatte,
+einigermaßen wieder auf die alte Höhe gebracht werden? Vergessen wir
+nicht, daß Österreich-Ungarn keineswegs über die geistigen Kräfte
+verfügte, aus denen Deutschland so oft und lange zu schöpfen vermochte.
+
+Ein Irrtum lag in der Annahme, daß die österreichisch-ungarische Armee in
+ihrer Gesamtheit von dem andauernden Rückgang des Wertes ihrer Truppen
+überall gleichmäßig betroffen wurde. Die Donaumonarchie verfügte bis
+zuletzt über hochwertige Verbände. Ein starker Hang zu einem
+ungerechtfertigten Pessimismus in kritischen Lagen zeigte sich freilich an
+vielen Stellen. Besonders war auch die höhere österreichisch-ungarische
+Truppenführung hiervon nicht unberührt. Nur so konnte es kommen, daß
+selbst nach hervorragenden Angriffsleistungen der Gefechtswille unseres
+Bundesgenossen ganz überraschend zusammenbrach, ja sich geradezu ins
+Gegenteil verkehrte.
+
+Durch die berührten Erscheinungen wurde natürlicherweise ein Element
+großer Unsicherheit in die Berechnungen unserer Obersten Kriegsleitung
+hineingebracht. Wir waren nie sicher, ob uns nicht überraschendes
+Nachgeben verbündeter Heeresteile unerwartet vor ganz veränderte Lagen
+stellen und dadurch unsere Pläne umwerfen würde. Schwächemomente treten in
+den Truppenteilen jeden Heeres auf. Sie liegen in der menschlichen Natur
+begründet. Die Führung muß damit rechnen, wie mit einem gegebenen Faktor,
+dessen Größe aber nicht festzustellen ist. Durch eine vollwertige Truppe
+werden jedoch solche Momente meist rasch überwunden, oder es bleibt selbst
+im größten Zusammenbruch wenigstens noch ein Kern von Schlagkraft und
+Widerstandswille übrig. Wehe aber, wenn auch dieser letzte Kern völlig
+verbrennt. Das Unheil fällt dann verheerend nicht nur auf die betroffene
+Truppe sondern auch auf die anschließenden oder eingestreuten zäheren
+Verbände; sie werden von der Katastrophe in Flanke und Rücken gefaßt und
+erleiden vielfach ein schlimmeres Schicksal, als die weniger Standhaften.
+Das war so oft das traurige Ende unserer in österreichisch-ungarische
+Fronten eingebauten Stützen. War es ein Wunder, daß hierdurch die Stimmung
+unserer Truppen gegenüber den österreichisch-ungarischen Waffengefährten
+nicht immer vertrauensvoll und günstig war?
+
+Im großen und ganzen dürfen wir aber die Leistungen Österreichs-Ungarns in
+diesem gewaltigen Kampfe nicht unterschätzen und bitteren Gefühlen
+nachhängen, die manchmal unter dem Eindruck enttäuschter Erwartungen
+entstanden sind. Die Donaumonarchie blieb uns ein getreuer Waffengenosse.
+Wir haben stolze Zeiten gemeinsam durchlebt und sollten uns hüten, im
+gemeinsamen Unglück uns innerlich zu trennen.
+
+Einen anderen inneren Aufbau als das österreichisch-ungarische Heer hatte
+das bulgarische. Es war national in sich völlig geschlossen. Die
+bulgarische Armee hatte im großen Kriege bis zum Herbste 1916
+verhältnismäßig wenig gelitten. Bei der Beurteilung ihres Wertes dürfte
+aber nicht vergessen werden, daß sie erst vor kurzem einen anderen
+mörderischen Krieg überstanden hatte, in dem der größte Teil der Blüte des
+Offizierskorps, ja der gesamten Intelligenz des Landes zugrunde gegangen
+war. Ihr Wiedererstarken war in Bulgarien zum mindesten ebenso schwierig
+wie in Österreich-Ungarn. Die verhältnismäßig noch primitiven Zustände des
+Balkanlandes erschwerten außerdem dem Heere Einführung und Gebrauch
+mancher für den modernen Krieg unbedingt notwendiger Kampf- und
+Verkehrsmittel. Dies machte sich um so mehr fühlbar, als auch an der
+mazedonischen Front vollwertige französische und englische Truppenteile
+uns gegenüberstanden. Schon aus diesem Grunde konnte nichts Überraschendes
+darin gefunden werden, daß wir Bulgarien nicht nur mit materiellen
+Mitteln, sondern auch mit personellen Kräften unterstützen mußten.
+
+Wieder anders als in der österreichisch-ungarischen und der bulgarischen
+Armee lagen die Verhältnisse in der türkischen. Unsere deutsche
+Militärmission hatte vor dem Kriege kaum Zeit gehabt, zu wirken,
+geschweige denn eine durchgreifende Besserung in den zerrütteten
+Verhältnissen des türkischen Heeres zu erreichen. Trotzdem war es
+gelungen, eine große Anzahl türkischer Verbände mobil zu machen. Die Armee
+hatte aber an den Dardanellen und bei ihren ersten Angriffsoperationen in
+Armenien außerordentlich schwer gelitten. Dessen ungeachtet schien ihre
+Leistungsfähigkeit für die ihr von der Obersten Kriegsleitung zunächst
+gestellte Aufgabe: Verteidigung des türkischen Landbesitzes, ausreichend.
+Ja, es war sogar möglich, starke Teile des osmanischen Heeres allmählich
+auf europäischem Boden zu verwenden. Unsere militärische Unterstützung der
+Türkei beschränkte sich im wesentlichen auf die Lieferung von Kampfmitteln
+und auf die Gestellung von zahlreichen Offizieren. Die für die asiatischen
+Kriegsschauplätze bis zum Herbste 1916 abgegebenen deutschen Formationen
+wurden von uns mit Zustimmung der türkischen Obersten Heeresleitung nach
+und nach zurückgezogen, je nachdem die Türkei imstande war, das Material
+dieser Formationen selbst zu übernehmen und zu bedienen.
+
+Unsere Materiallieferungen gingen bis zu den Senussen an der Nordküste
+Afrikas, denen wir mit Hilfe unserer Unterseeboote hauptsächlich Gewehre
+und Schießbedarf lieferten. Waren diese Sendungen auch klein, so wirkten
+sie doch außerordentlich erhebend auf den kriegerischen Geist der
+mohammedanischen Stämme. Die praktischen Ergebnisse ihres Kampfes für
+unsere Kriegführung lassen sich bis jetzt noch nicht überblicken;
+vielleicht waren sie größer, als wir es damals ahnen konnten.
+
+Selbst über die Nordküste Afrikas hinaus versuchten wir unseren
+Waffengenossen Unterstützung zu bringen. So traten wir unter anderm dem
+von Enver Pascha im Jahre 1917 angeregten Gedanken näher, den Stämmen im
+Yemen, die ihrem Padischah in Konstantinopel treu geblieben waren,
+finanzielle Hilfe zu schicken. Da uns der Weg dorthin zu Lande durch
+aufrührerische Nomadenstämme der arabischen Wüste versperrt war, und die
+Küsten des Roten Meeres für unsere Unterseeboote wegen ihres nicht
+genügenden Aktionsradius unerreichbar waren, so wäre uns nur der Luftweg
+übrig geblieben. Zu meinem größten Bedauern verfügten wir aber damals noch
+nicht über ein Luftschiff, das die meteorologischen Schwierigkeiten einer
+Fahrt über die große Wüste mit Sicherheit hätte überwinden können. Die
+Durchführung des Planes mußte also unterbleiben.
+
+In diesem Zusammenhang darf ich vorgreifend erwähnen, daß ich 1917 den
+Versuch, unserer Schutztruppe in Ostafrika auf dem Luftwege Waffen und
+Medikamente zuzuführen, mit dem regsten Interesse verfolgte. Das
+Zeppelinschiff mußte bekanntlich über dem Sudan umkehren, da unsere
+Schutztruppe in der Zwischenzeit weiter nach Süden gerückt war und ihre
+Operationen nach Portugiesisch-Ostafrika verlegt hatte. Mit welch stolzen
+Gefühlen ich während des Krieges die Taten und fast übermenschlichen
+Leistungen dieser prächtigen Truppe in Gedanken begleitete, bedarf keiner
+näheren Ausführung. Sie hat auf afrikanischem Boden ein unvergängliches
+Denkmal deutschen Heldentums errichtet.
+
+Rückblickend auf die Leistungen unserer Bundesgenossen muß ich anerkennen,
+daß sie die ihnen eigenen Kräfte in dem gemeinsamen Dienst unserer großen
+Sache so weit anspannten, als die Eigenart ihrer staatlichen,
+wirtschaftlichen, militärischen und ethischen Mittel ihnen das
+ermöglichte. Das Ideal erreichte freilich keiner, und wenn wir vor allen
+anderen diesem Ideal uns am meisten näherten, so war das nur möglich,
+infolge der gewaltigen, uns selbst anfangs gar nicht vollbewußten inneren
+Kräfte, die wir im Laufe der letzten Jahrzehnte unserer Geschichte
+angesammelt hatten, Kräfte, die in allen Schichten des Vaterlandes
+vorhanden waren, hier nicht schlummerten sondern lebendig waren und in
+beständiger Regung sich weiter stärkten. Nur wenn ein Staat in sich gesund
+ist und unverdorbene Lebenskräfte ihn so stark durchfluten, daß die
+ungesunden im entscheidenden Augenblick mit fortgerissen werden, nur dann
+sind solche Leistungen denkbar, wie wir sie vollbrachten, und zwar
+vollbrachten weit über die Verpflichtungen hinaus, vor die unsere
+Bündnisse uns stellten.
+
+Daß dem so sein konnte, dafür gebührt der Dank geschichtlich nachweisbar
+vornehmlich den Hohenzollern und unter diesen in der letzten Zeitepoche
+deutscher Größe unserem Kaiser Wilhelm II. Getreu den Überlieferungen
+seines Hauses erblickte dieser Herrscher in dem Heere die beste Schule des
+Volkes und arbeitete unermüdlich an dessen Fortentwickelung. So stand denn
+Deutschlands Heeresmacht als die erste der Welt da: vor dem Kriege der
+achtunggebietende Schutz friedlicher Arbeit, während des Krieges der Kern
+aller Kraftäußerung.
+
+
+
+ Pleß
+
+
+Das oberschlesische Städtchen Pleß war von der deutschen Obersten
+Heeresleitung schon in früheren Zeitabschnitten des Krieges als
+vorübergehender Sitz des Großen Hauptquartiers gewählt worden. Der Grund
+dieser Wahl lag in der Nähe des Aufenthaltes des k. u. k.
+Armee-Oberkommandos in der österreichisch-schlesischen Stadt Teschen. Der
+Vorteil, der sich aus der Möglichkeit rascher und persönlicher Aussprache
+zwischen den beiden Hauptquartieren ergab, war auch jetzt maßgebend für
+den weiteren Beibehalt dieses Hauptquartiers.
+
+Das deutsche Große Hauptquartier bildete natürlicherweise den Treffpunkt
+deutscher und verbündeter Fürstlichkeiten, die mit meinem Kaiserlichen
+Herrn über politische und militärische Fragen unmittelbare Rücksprache
+nehmen wollten. Zu den ersten Monarchen, denen ich dort näher zu treten
+die Ehre hatte, zählte Zar Ferdinand von Bulgarien. Er machte auf mich den
+Eindruck eines hervorragenden Diplomaten. Sein politischer Blick ging weit
+über die Grenzen des Balkans hinaus. Mit Meisterschaft verstand er es
+dabei, in den großen entscheidenden Fragen der Weltpolitik die Stellung
+seines Landes wirkungsvoll zu beleuchten und in den Vordergrund zu rücken.
+Die Zukunft Bulgariens sollte sich, wie er meinte, in diesem Kriege durch
+die endgültige Beseitigung des russischen Einflusses und die endliche
+Vereinigung aller bulgarischen Stammesangehörigen unter einheitlicher
+Führung entscheiden. Andere Ziele seiner Politik hat der Zar mir gegenüber
+niemals zur Sprache gebracht. Einen besonderen Eindruck machte mir die
+Art, wie der Beherrscher der Bulgaren die politische Erziehung seines
+ältesten Sohnes leitete. Kronprinz Boris war gewissermaßen der
+Privatsekretär seines königlichen Vaters und schien mir in die geheimsten
+politischen Gedankengänge des Zaren eingeweiht zu sein. Der hochbegabte
+Prinz mit seiner vornehmen Denkungsart spielte die ihm anvertraute
+wichtige Rolle in taktvollster Weise mit bescheidener Zurückhaltung. Das
+väterliche Regiment war dabei anscheinend ein ziemlich scharfes.
+
+Die Außenpolitik seines Staates führte der Zar im wesentlichen ganz
+allein. Inwiefern er auch die schwierigen innerpolitischen Verhältnisse
+seines Landes unbedingt beherrschte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich
+glaube aber, daß er es verstand, mitten in der oftmals einreißenden
+parlamentarischen Anarchie Bulgariens seinen Willen, und sei es manchmal
+auch mit autokratischen Mitteln, geltend zu machen. Seine Aufgabe war in
+dieser Beziehung zweifellos eine schwere. Die Bulgaren waren, wie alle
+Balkanvölker, aus der Knechtschaft in die volle staatliche Freiheit
+hineingesprungen. Die Schulung und die harte Arbeit des Übergangs von
+einem Zustand zum anderen fehlte ihnen daher. Ich fürchte, daß diese oft
+so vortrefflich beanlagten Völkerschaften noch viele Jahrzehnte unter den
+Folgen des Mangels jener erzieherischen Zwischenzeit leiden werden.
+
+Der bulgarische König war zurzeit jedenfalls einer der bedeutendsten
+Herrscher. Uns gegenüber bewährte er sich als treuer Bundesgenosse.
+
+Während unseres Aufenthaltes in Pleß starb Kaiser Franz Joseph. Sein
+Heimgang war für das Donaureich und uns ein Verlust, der in seiner ganzen
+Größe wohl erst später voll gewürdigt werden kann. Es unterlag keinem
+Zweifel, daß mit seinem Tode für die Völkervielheit der Doppelmonarchie
+der ideelle Vereinigungspunkt verloren ging. Sank doch mit dem
+ehrwürdigen, greisen Kaiser ein großer Teil des nationalen Gewissens des
+verschiedenstämmigen Reiches für immer ins Grab.
+
+Die Schwierigkeiten, denen der junge Kaiser gegenübergestellt war, lassen
+sich in ihrer Größe und Mannigfaltigkeit mit denjenigen eines
+Thronwechsels in stammeseinheitlichen Reichen nicht in Vergleich ziehen.
+Der neue Herrscher versuchte den Wegfall der ethisch bindenden Macht, der
+durch das Ableben Kaiser Franz Josephs eingetreten war, durch völkisch
+versöhnende Schritte zu ersetzen. Selbst staatszersetzenden Elementen
+gegenüber glaubte er an die moralische Wirkung politischer Gnadenbeweise.
+Das Mittel versagte völlig; diese Elemente hatten ihren Pakt mit unseren
+gemeinsamen Feinden längst geschlossen und waren weit entfernt, ihn
+freiwillig wieder zu kündigen.
+
+Bei den vielfachen regen persönlichen Beziehungen, die mir der Aufenthalt
+in Pleß mit dem damaligen Generaloberst Conrad von Hötzendorf brachte,
+bestätigte sich mir der Eindruck, den ich schon früher von ihm als Soldat
+und Führer erhalten hatte. General von Conrad war eine hochbegabte
+Persönlichkeit, ein glühender österreichischer Patriot und ein
+warmherziger Anhänger unserer gemeinsamen Sache. Gegen politische
+Einflüsse, die ihn aus dieser Richtung bringen wollten, war er zweifellos
+aus tiefster Überzeugung ablehnend. Der Generaloberst war in seinem
+operativen Denken sehr großzügig; er verstand es, die Kernpunkte unserer
+gemeinsamen, großen Fragen aus dem Wuste der weniger entscheidenden
+Nebendinge herauszuschälen. Er war ein besonders vortrefflicher Kenner der
+Verhältnisse des Balkans und Italiens.
+
+Die bedeutenden Schwierigkeiten, die einem nationalen Einheitsgeist der
+österreichisch-ungarischen Armee entgegenstanden und die sich hieraus
+ergebenden Mängel waren dem Generaloberst wohlbekannt. Trotzdem
+überschätzte er bei seinen hohen Plänen hier und da die möglichen
+Leistungen des ihm anvertrauten Heeres.
+
+Auch die militärischen Führer der Türkei und Bulgariens lernte ich im
+Laufe des Herbstes und Winters in Pleß persönlich kennen.
+
+Enver Pascha zeigte mir gegenüber einen ungewöhnlich weiten und freien
+Blick für das Wesen der Führung des gegenwärtigen Krieges und seiner
+Durchführung. Die Hingabe dieses Osmanen an unsere gemeinsame, große und
+schwere Sache war eine unbedingte. Ich werde nie den Eindruck vergessen,
+den ich bei unserer ersten Besprechung Anfang September 1916 von dem
+türkischen Vizegeneralissimus erhielt. Er schilderte uns damals auf meine
+Bitte hin die militärische Lage in der Türkei. Mit einer bemerkenswerten
+Klarheit, Bestimmtheit und Offenheit gab er uns hiervon ein erschöpfendes
+Bild, und, sich an mich wendend, schloß er mit den Worten: "Die Lage der
+Türkei in Asien ist zum Teil sehr schwierig. Wir müssen befürchten, in
+Armenien noch weiter zurückgeworfen zu werden. Es ist auch nicht
+ausgeschlossen, daß die Kämpfe im Irak sich bald wieder erneuern. Auch
+glaube ich, daß der Engländer in kurzer Zeit imstande sein wird, uns in
+Syrien mit Übermacht anzugreifen. Aber was auch in Asien geschehen mag,
+die Entscheidung des Krieges liegt auf europäischem Boden, und hierfür
+stelle ich alle meine jetzt noch freien Divisionen zur Verfügung."
+Sachlicher und selbstloser hat wohl noch nie ein Bundesgenosse zu einem
+anderen gesprochen. Und es blieb nicht lediglich bei Worten.
+
+Bei aller hohen Auffassung vom Kriege im allgemeinen entbehrte Enver
+Pascha aber doch einer gründlichen militärischen, ich möchte sagen,
+Generalstabsschulung. Ein Nachteil, der augenscheinlich bei allen
+türkischen Führern wie auch in ihren Stäben zu finden war. Es machte den
+Eindruck, als wenn bei den Orientalen in dieser Beziehung ein von der
+Natur gegebener Mangel vorläge. Die türkische Armee schien nur ganz wenige
+Offiziere zu besitzen, die imstande waren bei der Verwirklichung richtig
+gedachter Operationen die technischen, inneren Aufgaben der Führung zu
+beherrschen. Es fehlte das Gefühl für die Notwendigkeit, daß sich der
+Generalstab inmitten der Durchführung großer Gedanken auch mit dem Kleinen
+beschäftigen muß. So kam es, daß der orientalische Gedankenreichtum durch
+den mangelnden militärischen Wirklichkeitssinn oftmals unfruchtbar gemacht
+wurde.
+
+Eine wesentlich andere Natur wie der ideenreiche Osmane war unser
+bulgarischer Kampfgenosse, General Jekoff, ein Mann von nüchterner
+Beobachtungsgabe, großen Gedanken nicht fremd, aber doch in erster Linie
+auf den Gesichtskreis des Balkans sich beschränkend. Inwieweit er in
+letzterer Beziehung unter dem Banne seiner Regierung stand, vermag ich
+nicht einwandfrei zu beurteilen. Er war jedenfalls ein warmer Anhänger der
+außenpolitischen Richtung der bulgarischen Staatsleitung. Mit ihrem
+innerpolitischen Gebaren hatte seine Auffassung wohl nichts gemein.
+
+General Jekoff liebte seine Soldaten und ward von ihnen geliebt. Sein
+Vertrauen zu ihnen, auch in politischer Beziehung, war ein sehr
+weitgehendes. Bemerkenswert in dieser Richtung war eine seiner Äußerungen,
+als Zweifel darüber auftauchten, ob der bulgarische Soldat sich nicht etwa
+weigern würde, gegen den Russen zu kämpfen: "Wenn ich meinen Bulgaren
+sage, sie sollen kämpfen, dann werden sie es tun, gegen wen es auch sei!"
+Im übrigen waren dem General einzelne im Volkscharakter liegende Schwächen
+seiner Soldaten nicht unbekannt. Ich werde hierauf später noch
+zurückkommen.
+
+Außer mit den leitenden militärischen Persönlichkeiten trat ich in Pleß
+auch mit den politischen Führern unserer Bundesgenossen in persönliche
+Fühlung. Ich möchte an dieser Stelle nur vom osmanischen Großwesir Talaat
+Pascha und dem bulgarischen Ministerpräsidenten Radoslawow sprechen.
+
+Talaat Pascha machte den Eindruck eines genialen Staatsmannes. Er war sich
+über die Größe der Aufgabe wie über die Mängel seines Staatswesens nicht
+im Zweifel. Wenn es ihm nicht gelang, die Selbstsucht und die nationale
+Trägheit, die auf seinem Vaterlande lastete, auszurotten, so lag das
+lediglich an der Größe der dabei zu überwindenden Schwierigkeiten. Es
+konnte eben nicht in Monaten gebessert werden, was in Jahrhunderten
+versäumt war, was Vermischung von Volksrassen und innere, moralische
+Erschöpfung weiter Kreise des Staates längst vor dem Kriege verdorben
+hatten. Er selbst trat mit reinen Händen an die Spitze seines Staates und
+blieb mit reinen Händen dort. Talaat war ein vollwertiger Vertreter des
+alten, ritterlichen Türkentums. Politisch unbedingt zuverlässig, so
+begegnete er mir zum ersten Male 1916, so verabschiedete er sich von uns
+im Herbste 1918.
+
+Die Schwächen der türkischen Staats- und Kriegsleitung lagen in ihrer
+großen Abhängigkeit von den inneren Verhältnissen. Politische und
+wirtschaftlich selbstsüchtige Persönlichkeiten der sogenannten
+Komiteeregierung mischten sich in die kriegerische Führung und banden
+dieser in vielen Fällen die Hände, so daß sie außerstande war, richtig
+erkannte Mißstände mit an sich vorhandenen Mitteln zu bessern. Zwar taten
+einzelne hervorragende Männer alles, was in ihren Kräften stand. Aber die
+staatliche Gewalt durchdrang nicht mehr das Reich. Das Herz des Landes,
+Konstantinopel, pulsierte zu schwach und trieb keine gesunden,
+erfrischenden und staatsfördernden Säfte in die entfernten Provinzen. Neue
+Gedanken waren freilich während des Krieges entstanden und wuchsen mit den
+kriegerischen Lorbeeren der Siege an den Dardanellen und am Tigris in echt
+orientalischer Üppigkeit. Man begann, an die religiöse und politische
+Vereinigung des gesamten Islams zu denken. Man erbaute sich, trotz der
+sichtbaren Mißerfolge bei Verkündung des Heiligen Krieges, an dem
+Auftreten mohammedanischer Glaubenskämpfer, wie zum Beispiel im nördlichen
+Afrika. Der Gang der Ereignisse sollte indessen beweisen, daß diese
+Erscheinung religiösen Fanatismus nur örtlichen Sonderheiten entsprang,
+und daß Hoffnung auf deren Übertragung in die weiten Gebiete des inneren
+Asiens eine Täuschung war, ja noch mehr als das: eine verhängnisvolle
+militärische Gefahr.
+
+Der Bulgare Radoslawow war in seinem politischen Denken mehr an die
+Scholle gebunden, als der großzügige osmanische Staatsmann Talaat Pascha.
+Ich wage zu bezweifeln, ob Radoslawow die Kühnheit des Schrittes, der
+Bulgarien 1915 an unsere Seite führte, in seiner ganzen Größe - ich darf
+vielleicht sagen, in der von seinem Zaren ganz durchdachten Größe -
+wirklich voll in sich aufgenommen hatte. Unbedingt zuverlässig war
+Radoslawow in seiner Außenpolitik für uns jederzeit.
+
+Das bulgarische innerpolitische Parteigetriebe hatte in seiner wilden
+Erregtheit während des großen Krieges nicht nachgelassen und war auch in
+der Armee stark verbreitet. Nicht nur russophile Ideen trieben hier
+spaltende Keile ein, auch der Kampf zwischen innerpolitischen
+Parteigruppen übertrug sich auf die Truppen und deren Führer. An dieser
+Tatsache war Radoslawow nicht unschuldig.
+
+
+
+
+ Leben im Großen Hauptquartier
+
+
+Ermuntert durch das Interesse, das von vielen Seiten an meinem
+persönlichen Leben während des großen Krieges genommen wurde, möchte ich
+an dieser Stelle die Beschreibung eines regelmäßigen Tagesverlaufes in
+unserem Hauptquartier einschieben. Ich bitte alle diejenigen, die an
+solcher Kleinmalerei inmitten gewaltigster Weltereignisse wenig Gefallen
+haben, die nächstfolgenden Seiten zu überschlagen. Ihre Kenntnis ist zum
+Verständnis der großen Zeit nicht notwendig.
+
+Während des Bewegungskrieges in Ostpreußen und Polen im Herbst 1914 war an
+einen nach Stunden geregelten Dienstbetrieb innerhalb unseres Armeestabes
+nicht zu denken gewesen. Erst mit der Verlegung unseres Quartiers nach
+Posen im November 1914 begann eine größere Regelmäßigkeit in unserem
+dienstlichen und, wenn man im Kriege davon sprechen kann, auch
+außerdienstlichen Leben. Späterhin war der längere ständige Aufenthalt in
+Lötzen besonders geeignet zur Einführung eines streng geregelten Ganges
+unserer Arbeit.
+
+Meine Berufung als Chef des Generalstabes des Feldheeres änderte im
+wesentlichen nichts an unserem eingelebten und bewährten Geschäftsgang,
+wenn auch von jetzt ab ein in mancher Beziehung großzügigeres und
+belebteres Treiben für uns einsetzte.
+
+Die gewöhnliche Tagesbeschäftigung begann für mich damit, daß ich mich
+etwa gegen 9 Uhr vormittags, das heißt, nachdem die Morgenmeldungen
+eingetroffen waren, zu General Ludendorff begab, um mit ihm die Änderungen
+der Lage und etwa zu treffende Anordnungen zu besprechen. Meist handelte
+es sich dabei nicht um lange Aussprachen. Wir lebten beide ununterbrochen
+in der Kriegslage und kannten gegenseitig unsere Gedanken. Die Entschlüsse
+fielen daher meistens auf Grund etlicher weniger Sätze, ja manchmal
+genügten einige Worte, um das gegenseitige Einverständnis festzulegen, das
+dem General als Grundlage für die weiteren Ausarbeitungen diente.
+
+Nach dieser Besprechung machte ich mir eine etwa einstündige Bewegung im
+Freien, begleitet von meinem Adjutanten. Zur Teilnahme an meinen
+morgendlichen Spaziergängen forderte ich gelegentlich auch Gäste des
+Großen Hauptquartiers auf, nahm hierbei ihre Schmerzen wie ihre Anregungen
+entgegen und läuterte manche sorgende Seele, bevor sie sich auf meinen
+Ersten Generalquartiermeister stürzte, um sich bei diesem mehr ins
+einzelne gehende Wünsche, Hoffnungen und Vorschläge vom Herzen zu reden.
+
+Nach meiner Rückkehr in das Dienstgebäude erfolgten weitere Besprechungen
+mit General Ludendorff und dann unmittelbare Vorträge meiner
+Abteilungschefs in meinem Arbeitszimmer.
+
+Neben dieser dienstlichen Tätigkeit bewegte sich die Erledigung der an
+mich eingetroffenen persönlichen Briefe. Die Zahl der Menschen, die mir
+über alle nur erdenklichen Angelegenheiten schriftlich ihr Herz
+ausschütten oder ihre Gedanken offenbaren zu müssen glaubten, war nicht
+gering. Für mich war es völlig ausgeschlossen, alles selbst zu lesen. Ich
+bedurfte hierfür die besondere Arbeitskraft eines Offiziers. In dieser
+Korrespondenz spielte Poesie wie Prosa eine Rolle. Begeisterung und ihr
+Gegenteil zeigte sich in allen möglichen Abstufungen. Es war oft sehr
+schwer, einen Zusammenhang zwischen den mir vorgetragenen Anliegen und
+meiner dienstlichen Stellung zu konstruieren. Um nur zwei von den
+hundertfachen Beispielen herauszugreifen, so wurde es mir nie klar, was
+ich als Chef des Generalstabes des Feldheeres mit der an sich ja dringend
+notwendigen Müllabfuhr einer Provinzialstadt oder mit dem verloren
+gegangenen Taufschein einer deutschen Chilenin zu tun haben sollte.
+Trotzdem wurde in beiden Fällen meine Hilfe beansprucht. Zweifellos lag ja
+in derartigen brieflichen Anliegen ein rührendes, wenn auch manchmal etwas
+naives Vertrauen auf meinen persönlichen Einfluß. Wo ich Zeit und
+Gelegenheit hatte, half ich gern, wenigstens mit meiner Unterschrift.
+Weitergehende Eigenleistungen glaubte ich mir freilich meist versagen zu
+müssen.
+
+Um die Mittagsstunde war ich regelmäßig zum Vortrag bei Seiner Majestät
+dem Kaiser befohlen. Hierbei entwarf General Ludendorff das Bild der Lage.
+Bei wichtigeren Entschlüssen übernahm ich selbst den Vortrag und erbat,
+sofern solches notwendig war, die kaiserliche Genehmigung unserer Pläne.
+Das hohe Vertrauen des Kaisers entband uns in allen nicht grundsätzlichen
+Fragen von einer besonderen Allerhöchsten Zustimmung. Seine Majestät
+begnügte sich übrigens auch bei Vorschlägen über neue Operationen
+allermeist mit der Entgegennahme meiner Begründungen. Ich erinnere mich
+keines Gegensatzes, der nicht schon während des Vortrags durch meinen
+Kriegsherrn ausgeglichen wurde. Das ausgezeichnete Gedächtnis des Kaisers
+für Kriegslagen unterstützte uns bei diesen Vorträgen in hohem Maße. Seine
+Majestät studierte nicht nur die Karten mit größter Genauigkeit, sondern
+nahm auch persönliche Einzeichnungen vor. Die Zeit des mittäglichen
+Vortrages vor dem Kaiser wurde vielfach auch zu Besprechungen mit
+Vertretern der Reichsleitung ausgenutzt.
+
+Nach Beendigung des Kaiservortrages vereinigte der Mittagstisch die
+Offiziere meines engeren Stabes um mich. Die Essenszeit wurde auf das
+unbedingt nötige Maß beschränkt. Ich hielt darauf, daß meine Offiziere
+Zeit gewannen, sich nachher etwas zu ruhen oder sonstwie in ihrer
+Tätigkeit auszuspannen. Zu meinem wiederholten persönlichen Bedauern
+konnte ich von dieser Kürzung der Essenszeit auch dann nicht absehen, wenn
+wir Gäste bei uns zu Tische hatten. Die Rücksicht auf die Erhaltung der
+Arbeitskraft meiner Mitarbeiter mußte ich geselligen Formen voranstellen.
+War doch eine 16stündige Arbeitszeit für die Mehrzahl dieser Offiziere
+eine tagtägliche Forderung. Und dies im Gange eines mehrjährigen Krieges!
+Wir waren eben genötigt, bei der Obersten Heeresleitung wie im
+Schützengraben unser Menschenmaterial bis zur äußersten Grenze der
+Leistungsfähigkeit auszunutzen.
+
+Der Nachmittag verlief für mich ähnlich dem Vormittage. Die längste
+Abspannung brachte für alle der um 8 Uhr beginnende Abendtisch. Ihm schloß
+sich ein gruppenweises Zusammensitzen in Nebenräumen an, für dessen
+Beendigung General Ludendorff pünktlich um 9½ Uhr abends das Zeichen gab.
+Die Unterhaltung in unserem Kreise war meist sehr lebhaft. Sie bewegte
+sich in zwangloser Form und offenster Aussprache über alle uns unmittelbar
+berührenden und allgemein interessierenden Gebiete und Begebenheiten. Auch
+der Frohsinn kam zu seinem Recht. Diesen zu unterstützen, hielt ich für
+eine Pflicht gegenüber meinen Mitarbeitern. Ich freute mich der
+Wahrnehmung, daß unsere Gäste vielfach einerseits von der zuversichtlichen
+Ruhe, andererseits von der Ungezwungenheit unseres Verkehrs sichtlich
+überrascht waren.
+
+Nach dem Schluß unseres abendlichen Zusammenseins begaben wir uns
+gemeinsam in das Dienstgebäude. Dort waren inzwischen die abschließenden
+Tagesmeldungen eingetroffen und die Lagen auf den verschiedenen Fronten
+zeichnerisch festgelegt. Die Erläuterungen gab ein jüngerer
+Generalstabsoffizier. Von den Ereignissen auf den Kriegsschauplätzen hing
+es ab, ob ich mich mit General Ludendorff auch jetzt noch einmal
+eingehender besprechen mußte, oder ob ich ihn nicht mehr länger in
+Anspruch zu nehmen brauchte. Für die Offiziere meines engeren Stabes
+begann nunmehr die Arbeit aufs neue. Vielfach waren ja jetzt erst die
+abschließenden Anhaltspunkte zur Abfassung und Hinausgabe endgültiger
+Anordnungen gegeben, oder es trafen erst von jetzt ab die zahllosen
+Anforderungen, Anregungen und Vorschläge der Armeen und sonstigen Stellen
+ein. Die Tagesbeschäftigung endete daher nie vor Mitternacht. Die Vorträge
+der Abteilungschefs bei General Ludendorff dauerten nahezu regelmäßig bis
+in die ersten Stunden des neuen Tages. Es bedurfte schon ganz besonders
+ruhiger Zeiten, wenn mein Erster Generalquartiermeister vor Mitternacht
+sein Arbeitszimmer verlassen konnte, das er tagtäglich am Beginn der
+8. Tagesstunde schon wieder betrat. Wir alle freuten uns, wenn General
+Ludendorff sich einmal ein früheres Ausspannen, das ja nur nach Stunden
+zählen konnte, zu gönnen vermochte. Unser aller Leben, Arbeit, Denken und
+Fühlen ging völlig ineinander auf. Die Erinnerung daran erfüllt mich noch
+jetzt mit dankbarer Genugtuung.
+
+Wir blieben im allgemeinen ein enggeschlossener Kreis. Der Personalwechsel
+war mit Rücksicht auf einen geregelten Dienstbetrieb natürlicherweise
+gering. Immerhin war es ab und zu möglich, dem drängenden Verlangen der
+Offiziere nach wenigstens zeitweiliger Verwendung an der Front Rechnung zu
+tragen. Auch ergaben sich Gelegenheiten und Notwendigkeiten zur Entsendung
+von Offizieren an besonders wichtige Teile unserer eigenen Heeresfronten
+oder an diejenigen unserer Verbündeten. Im allgemeinen verlangte aber der
+Zusammenhang in den außerordentlich verwickelten und vielseitigen Arbeiten
+die dauernde Anwesenheit wenigstens der älteren Offiziere an ihren
+Kriegsstellen innerhalb der Obersten Heeresleitung.
+
+Auch der Tod griff mit rauher Hand in unsere Mitte ein. Schon 1916 hatte
+ich als Oberkommandierender im Osten meinen mir sehr nahestehenden,
+allgemein geschätzten persönlichen Adjutanten, Major Kämmerer, an den
+Folgen einer Erkältung verloren. Im Oktober 1918 erlag Hauptmann von
+Linsingen einer Erkrankung an Grippe, die in dieser Zeit unter den
+Angehörigen des Großen Hauptquartiers zahlreiche Opfer forderte. Entgegen
+den dringenden Vorstellungen von seiten des Arztes wie der Kameraden
+glaubte Hauptmann von Linsingen in der damals außerordentlich schwierigen
+Zeit seinen Posten nicht verlassen zu dürfen, bis er körperlich kraftlos
+und vom Fieber geschüttelt die Arbeit doch aus der Hand legen mußte, zu
+spät, um noch gerettet werden zu können. Wir verloren an ihm einen geistig
+wie charakterlich gleich hochstehenden Kameraden. Seine junge Frau kam
+nicht mehr rechtzeitig genug, um ihm die Augen zudrücken zu können. Manche
+von denen, die zeitweise meinem Stabe angehört hatten, sind außerdem
+später an der Front gefallen.
+
+Das Bild unseres Lebens würde unvollständig sein, wenn ich nicht auch auf
+die Besucher zu sprechen käme, die sich bei uns allenthalben und zu jeder
+Zeit einstellten. Ich habe hierbei nicht das ständige Ab und Zu von
+Persönlichkeiten zahlreicher Berufsklassen im Auge, die dienstlich mit uns
+in Berührung kommen mußten, sondern ich denke an diejenigen, die durch
+vielfach andere Interessen zu uns geführt wurden. Ich öffnete jedermann
+gern Tür und Herz, vorausgesetzt, daß er selbst mir offen entgegenkam.
+
+Die Zahl unserer Gäste war groß. Wir waren nur wenige Tage ohne solche.
+Nicht nur Deutschland und seine Verbündeten, sondern auch die Neutralen
+stellten ein beträchtliches Kontingent. Oftmals machten unsere Reihen bei
+Tisch den Eindruck eines bunten Völkergemisches, und es traf sich auch,
+daß christliche Würdenträger mit mohammedanischen Gläubigen Stuhl an Stuhl
+saßen. Leute aller Stände und Parteirichtungen fanden herzliche Aufnahme.
+Ich widmete allen gern meine knappe Freizeit. Unter den Politikern gedenke
+ich mit Vorliebe des Grafen Tisza, der mich im Winter 1916/17 in Pleß
+aufsuchte. Aus seinem Wesen sprach die ungebrochene Kraft seines Willens,
+ein glühendes patriotisches Gefühl. Auch andere Politiker aller
+Schattierungen aus unseren und unserer Verbündeten Ländern sprachen bei
+mir vor. In ihren Denkrichtungen mir vielfach fremd, in ihren Gefühlen für
+die gemeinsame große Sache aber damals gleichgeartet. Ich erinnere mich so
+mancher warmer patriotischer Worte beim Abschied. Ich drückte in meinem
+Kreise die schwielig kräftigen Hände von Handwerkern und Arbeitern und
+freute mich ihres offenen Blickes und ihrer aufrichtigen Rede. Vertreter
+führender Industrien und Männer der Wissenschaft setzten uns in Kenntnis
+von neuen Erfindungen und Gedanken und schwärmten von künftigen
+wirtschaftlichen Plänen. Sie klagten wohl auch über den engen
+Bureaukratismus der Heimat und über die Beschränkung der Mittel zur
+Verwirklichung ihrer Ideen. Bureaukraten andrerseits jammerten über die
+geldfressende Begehrlichkeit gefürchteter Phantasten und über die
+uferlosen Pläne von Erfindern. Ich erinnere mich der interessierten Fragen
+eines heimatlichen recht hohen Finanzbeamten, der die Preise eines
+Schusses jeden Geschützkalibers wissen wollte, um daraus die ungefähren
+Kosten einer Schlacht zu berechnen. Er hat mich mit dem Ergebnis seines
+Kalkuls verschont, wohl in der Befürchtung, daß ich deswegen den
+Munitionsverbrauch doch nicht einschränken würde.
+
+Nicht nur Notwendigkeiten, Sorgen und Arbeit fanden zu uns den Weg, auch
+Neugierde suchte Eintritt. Oft lachte ich im stillen über verlegene
+Redensarten, mit denen so manches Erscheinen Rechtfertigung finden wollte.
+Ob das Ergebnis solcher Besuche stets den gehegten Erwartungen entsprach,
+wage ich nicht in allen Fällen zu bejahen. Im Gegensatz hierzu war mir
+manch prächtiger Truppenoffizier, der die Merkmale schweren Kampfes und
+harten Lebens an sich trug, ein hochwillkommener Tischnachbar. Kurze
+Erzählungen aus dem Kriegsleben sprachen mehr, als lange schriftliche
+Berichte. Die Wirklichkeit des früher Selbsterlebten trat mir so oft mit
+aller Lebendigkeit wieder vor die Seele. Freilich war in diesem
+furchtbarsten aller Ringen unseren früheren Kriegen gegenüber alles in das
+Groteske gesteigert. Die stundenlange Schlacht vergangener Zeiten war zu
+monatelangem Titanenkampf erhoben, menschliches Ertragen schien keine
+Grenzen zu haben.
+
+Auch Graf Zeppelin besuchte uns noch in Pleß und wirkte auf uns alle durch
+die rührende Einfachheit seines Auftretens. Er betrachtete damals schon
+seine Luftschiffe als veraltete Kriegswaffen. Nach seiner Ansicht gehörte
+dem Flugzeug in Zukunft die Herrschaft in der Luft. Der Graf starb bald
+nach seinem Besuch, ohne das Unglück seines Vaterlandes erleben zu müssen
+- ein glücklicher Mann! Noch zwei andere berühmt gewordene Herrscher der
+Lüfte folgten meiner Einladung, unbezwungene junge Helden: Hauptmann
+Bölcke und Rittmeister von Richthofen. Beider frisches und bescheidenes
+Wesen erfreute uns. Ehre ihrem Andenken! Unterseebootsführer sah ich
+gleichfalls in der Zahl meiner Gäste; unter ihnen fehlte auch nicht der
+Führer des Unterseehandelsbootes "Deutschland", Kapitän König.
+
+So blieb kein Stand und kein Stamm seitab von uns, und ich glaubte den
+gemeinsamen Pulsschlag von Heer und Heimat, von unseren Verbündeten und
+uns selbst oft in meiner nächsten Nähe zu fühlen.
+
+
+
+
+ Kriegsereignisse bis Ende 1916
+
+
+
+ Der rumänische Feldzug
+
+
+Unsere politische Lage Rumänien gegenüber hatte im Verlauf der Kriegsjahre
+1915/16 nicht allein an unsere politische Leitung sondern auch an unsere
+Heeresführung ungewöhnlich hohe Anforderungen gestellt. Es ist eine
+billige Weisheit, nach dem Eintritt Rumäniens in den Kreis unserer Feinde
+und angesichts unserer unzureichenden militärischen Vorbereitungen dem
+neuen Gegner gegenüber ein scharfes Urteil über unsere damals
+verantwortlichen Stellen und Persönlichkeiten auszusprechen. Solche
+Urteile, meist ohne Kenntnis der wirklichen Vorgänge auf willkürlichen
+Behauptungen aufgebaut, erinnern mich an eine Äußerung Fichtes in seinen
+"Reden an die deutsche Nation", in welcher er von jener Art von
+Schriftstellern spricht, die erst nach gegebenen Erfolgen wissen, was da
+hätte geschehen sollen.
+
+Es dürfte wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß die Entente in unserer
+Lage die rumänische Gefahr, oder vielleicht besser gesagt, die rumänische
+militärische Drohstellung spätestens 1915 beseitigt hätte, und zwar mit
+der Anwendung ähnlicher Mittel, wie sie solche gegen Griechenland in
+Tätigkeit brachte. Wie es sich später herausstellen sollte, wurde Rumänien
+im Sommer 1916 durch ein Ultimatum der Entente in den Kriegsstrudel
+hineingetrieben, indem es aufgefordert wurde, entweder zum sofortigen
+Angriff zu schreiten oder dauernd auf seine Vergrößerungspläne zu
+verzichten. Eine ähnliche Lösung war aber politisch zu gewalttätig, als
+daß sie bei uns ohne dringendste Not Anhänger hätte finden können. Wir
+glaubten, mit Rumänien säuberlicher verfahren zu sollen, wohl in der
+Hoffnung, daß es sich sein Grab selbst graben würde. Gewiß trat dies auch
+ein, aber nach welchen Krisen und Opfern!
+
+Die Beteiligung Rumäniens am Kriege auf der Seite unserer Gegner rückte in
+greifbare Nähe, als die österreichische Ostfront zusammenbrach. Es wäre
+vielleicht nicht ausgeschlossen gewesen, daß sich diese Gefahr auch dann
+noch hätte beschwören lassen, wenn der deutsche Plan eines großen
+Gegenangriffes gegen den bis zu den Karpathen vorgedrungenen russischen
+Südflügel hätte verwirklicht werden können. Allein bei den immer erneuten
+Zusammenbrüchen in den österreichisch-ungarischen Linien kam diese
+Operation nicht zustande. Die Angriffskräfte verschwanden in
+Verteidigungsfronten.
+
+Angesichts dieses Verlaufes der Kämpfe an der Ostfront hatte die deutsche
+Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General Jekoff zu
+dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen Flügelarmeen einen
+großen Schlag gegen die Ententekräfte bei Saloniki zu führen. Der Gedanke
+war sowohl politisch wie militärisch durchaus zu billigen. Gelang das
+Unternehmen, so war zu erwarten, daß Rumänien eingeschüchtert und seine
+zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine Zusammenwirkung mit Sarrail
+zerstört würde. Rumänien wäre daher vielleicht schon dann zur Ruhe
+veranlaßt worden, wenn starke bulgarische Kräfte nach einem Siege über
+Sarrail für beliebige andere Verwendung freigeworden wären. Die deutsche
+Oberste Heeresleitung geriet freilich gerade durch diesen Angriff der
+Bulgaren zunächst in einen gewissen militärischen Widerspruch hinein. Da
+sie nämlich gleichzeitig gezwungen war, Truppen in Nordbulgarien zu
+versammeln, um auf die täglich stärker werdenden rumänischen
+Kriegsleidenschaften ernüchternd zu wirken, so wurden Kräfte, die zum
+Angriff auf Sarrail an der mazedonischen Front hätten Verwendung finden
+können, aus politischen Gründen an die Donau gezogen. Das Verfahren der
+deutschen Obersten Heeresleitung wird erklärlich einerseits durch das
+Vertrauen, das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte,
+andererseits durch eine gewisse Unterschätzung der gegnerischen Stärke bei
+Saloniki. Ganz besonders täuschte man sich über die Bedeutung der dort
+auftretenden, neugebildeten serbischen Verbände in der Zahl von
+6 Infanteriedivisionen.
+
+Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken
+Flügelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Flügel in
+Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Gründen
+hängen, deren Erörterungen uns an dieser Stelle zu weit führen würden. Die
+bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im Angriff
+wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch gewandt. Der
+Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser Ausgang des
+Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung vor
+eine neue schwierige Frage. Die rumänische Kriegslust steigerte sich
+dauernd. Es war zu erwarten, daß die Stockung der bulgarischen Operationen
+in Mazedonien auf die politischen Kreise in Bukarest kriegsermunternd
+wirken würde. Sollte die deutsche Oberste Heeresleitung nunmehr den
+Angriff der Bulgaren endgültig abbrechen lassen, um starke bulgarische
+Kräfte aus den jetzt wesentlich verkürzten mazedonischen Fronten nach
+Nordbulgarien zu führen, oder sollte sie es wagen, die an der Donau schon
+versammelten Streitkräfte nach Mazedonien überzuführen, um hier nochmals
+zu versuchen, den rumänischen gordischen Knoten mit dem Schwerte
+durchzuschlagen? Die Kriegserklärung Rumäniens befreite die Oberste
+Heeresleitung aus diesen Zweifeln.
+
+So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhältnisse südlich der
+Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage nördlich der
+transsylvanischen Alpen geworden. Während nämlich Rumänien offenkundig
+rüstete, verzehrten die Kämpfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen
+an der österreichischen Ost- und Südwestfront alles, was den Obersten
+Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfügbar schien oder aus nicht
+angegriffenen Frontteilen noch verfügbar gemacht werden konnte. Gegen
+Rumänien glaubte man keine Kräfte freimachen zu können. Man vertrat den an
+sich richtigen Grundsatz, von Streitkräften, die auf den augenblicklichen
+Schlachtfeldern dringend benötigt waren, nichts aus politischen Gründen
+brachliegen zu lassen.
+
+So kam es, daß die rumänische Kriegserklärung am 27. August uns dem neuen
+Feind gegenüber in einer nahezu völlig wehrlosen Lage traf. Ich bin auf
+diese Entwicklung der Verhältnisse deswegen ausführlicher eingegangen, um
+die Entstehung der großen Krisis verständlich zu machen, in der wir uns
+seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer solchen kann auch
+angesichts der späteren erfolgreichen Durchführung des Feldzuges nicht gut
+bestritten werden.
+
+Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen
+getroffen werden konnten, um der rumänischen Gefahr zu begegnen, so hatten
+sich doch seine verantwortlichen militärischen Führer selbstredend über
+die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden Maßnahmen frühzeitig
+geeinigt. Am 28. Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke eine Besprechung der
+Heereschefs Deutschlands, Österreich-Ungarns und Bulgariens zu Pleß
+stattgefunden. Sie führte zur Aufstellung eines Kriegsplanes, in dessen
+entscheidender Ziffer 2 es wörtlich heißt:
+
+ "Schließt Rumänien sich der Entente an: schnellstes, kräftigstes
+ Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von
+ österreichisch-ungarischem, soweit irgend möglich, fernzuhalten und nach
+ Rumänien hineinzutragen. Hierzu
+
+ a) demonstrative Operationen deutscher und österreichischer Truppen
+ von Norden her, zwecks Fesselung starker rumänischer Kräfte;
+
+ b) Vorstoß bulgarischer Kräfte von der Dobrudschagrenze gegen die
+ Donauübergänge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten
+ Flanke der Hauptkräfte;
+
+ c) Bereitstellung der Hauptkräfte zum Übergang über die Donau bei
+ Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest."
+
+In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in Budapest
+wurde auch die Teilnahme der Türken an einem etwaigen rumänischen Feldzug
+festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen Bereitstellung von zwei
+osmanischen Divisionen für den Einsatz auf der Balkanhalbinsel.
+
+Dieser Kriegsplan gegen Rumänien erfuhr, so lange mein Vorgänger noch die
+Zügel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine Änderung. Wohl aber fand
+noch ein wiederholter Gedankenaustausch darüber zwischen den einzelnen
+Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von Mackensen, der zur
+Führung der südlich der Donau bereitgestellten Kräfte bestimmt war, wurde
+zur Sache gehört. Bei diesen Gelegenheiten zeichneten sich zwei
+Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von Conrad vertrat diejenige
+eines rücksichtslosen sofortigen Vorgehens auf Bukarest, General Jekoff
+diejenige eines Feldzugsbeginns in der Dobrudscha. Die Kräfte südlich der
+Donau waren bei Kriegsausbruch noch viel zu schwach, um die an dieser
+Front beabsichtigte Doppelaufgabe, nämlich Donauübergang und Angriff gegen
+Silistria und Tutrakan, gleichzeitig durchführen zu können.
+
+Am 28. August erging von meinem Vorgänger an Generalfeldmarschall von
+Mackensen der Befehl zum baldmöglichsten Angriff. Richtung und Ziel
+blieben dem Feldmarschall überlassen.
+
+So fand ich am 29. August bei der Übernahme der Operationsleitung die
+militärische Lage gegenüber Rumänien. Sie war schwierig.
+
+Wahrlich, noch niemals war einem verhältnismäßig so kleinen Staatswesen
+wie Rumänien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher
+Größe in einem ebenso günstigen Augenblicke in die Hände gelegt. Noch
+niemals waren starke Großmächte wie Deutschland und Österreich in gleicher
+Gebundenheit der Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein
+Zwanzigstel der Bevölkerung der beiden Großstaaten zählte, wie im jetzt
+vorliegenden Falle. Auf Grund der Kriegslage hätte man annehmen können,
+daß Rumänien nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf
+zugunsten derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich
+gegen uns anstürmten. Alles schien davon abzuhängen, ob Rumänien gewillt
+war, von seiner augenblicklichen Stärke einigermaßen Gebrauch zu machen.
+
+Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefühlt und mehr
+gefürchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zögerte mit dem
+Kriegsentschluß. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als dann aber
+am 1. September der bulgarische Kriegsentschluß zu unseren Gunsten
+gefallen war, trat das Land mit all seinen Kräften und mit dem ganzen Haß
+seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumänischen Überfall in den
+Rücken des gegen Serbien und Griechenland schwer ringenden Landes
+entsprungen war, an unsere Seite. Der mörderische Tag von Tutrakan gab den
+ersten Beweis für die kriegswillige Stimmung unseres Bundesgenossen.
+
+Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden
+Vorbereitungen zunächst naturgemäß jede Bedeutung verloren. Der Gegner
+verfügte fürs erste über die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner
+Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmäßigen Stärke, die durch die uns
+bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu
+befürchten, daß unsere eigenen Mittel nicht ausreichen würden, der
+rumänischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu
+beschränken. Wohin der Rumäne auch seine Operationen richten wollte, ob
+über das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbürgen oder aus der
+Dobrudscha gegen Bulgarien, überall schienen ihm große Ziele und leichte
+Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich rumänisch-russische
+Offensivbewegungen gegen Süden befürchten zu sollen. Selbst Bulgaren
+hatten darüber Zweifel ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen
+kämpfen würden. Das feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung
+- ich sprach an früherer Stelle schon davon - wurde in Bulgarien
+keineswegs allgemein geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, daß unsere
+Gegner mit dieser russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken
+Teiles der bulgarischen Armee rechnen würden. Ganz abgesehen aber auch
+hiervon lag es für Rumänien nahe, durch einen Angriff nach Süden der Armee
+Sarrails die Hand zu reichen. Wie mußte alsdann unsere Lage werden, wenn
+es den Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Türkei, ähnlich
+wie das vor Durchführung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen,
+erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Bündnis
+abzusprengen? Eine abermals isolierte Türkei, gleichzeitig bedroht aus
+Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes Österreich-Ungarn
+hätten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren Ungunsten nimmermehr
+überwunden.
+
+Das von meinem Vorgänger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens
+entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine Überschreitung der Donau mit
+den in Nordbulgarien verfügbaren Kräften konnte hierbei freilich nicht in
+Frage kommen. Es genügte aber schon, wenn wir dem Gegner die Vorhand in
+der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugspläne dadurch verwirrten. Um
+letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen, durften wir den
+Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung von Tutrakan und
+Silistria beschränken. Wir mußten vielmehr durch eine weitgehendere
+Ausnützung von Erfolgen in der Süddobrudscha bei der rumänischen
+Heeresführung Besorgnis für den Rücken ihrer an der siebenbürgischen
+Grenze eingesetzten Hauptkräfte zu erregen suchen. Und wirklich gelang uns
+dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls bis in bedrohliche
+Nähe der Linie Constanza-Czernavoda sah sich die rumänische Führung
+veranlaßt, Kräfte aus ihrer gegen Siebenbürgen gerichteten Operation nach
+der Dobrudscha zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer
+frischer Kräfte, der Offensive Mackensens über Rahowo, donauabwärts
+Ruscuk, in den Rücken zu gehen. Auf dem Papier ein schöner Plan! Ob dieser
+dem rumänischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbündeten
+entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir bis
+zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2. Oktober, mit den Rumänen
+gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen für mehr als kühn und dachte mir
+nicht nur, sondern sprach es auch aus: "Man verhafte diese Truppen!"
+Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde auch von den
+Deutschen und Bulgaren bestens erfüllt. Von dem Dutzend rumänischer
+Bataillone, die bei Rahowo das südliche Donauufer betreten hatten, sahen
+während des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder.
+
+Das Verhängnis brach über Rumänien herein, weil seine Armee nicht
+marschierte, weil seine Führung nichts verstand, und weil es uns doch noch
+gelang, ausreichende Kräfte in Siebenbürgen rechtzeitig zu versammeln.
+
+Ausreichend? Gewiß ausreichend für diesen Gegner! Tollkühn wird man uns
+vielleicht einmal nennen, wenn man die Stärkeverhältnisse vergleichen
+wird, unter denen wir gegen das rumänische Heer zum Angriff schritten, und
+mit denen General von Falkenhayn am 29. September den westlichen
+rumänischen Flügel bei Hermannstadt zerrieb.
+
+Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee nach
+Osten herum. Er rückt unter Nichtachtung der ihm durch rumänische
+Überlegenheit und günstige gegnerische Lage nördlich des oberen Alt
+drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen südlich des genannten
+Flusses am Fuße des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumäne
+stutzt, verliert das Vertrauen zur eigenen Überlegenheit wie zum eigenen
+Können, vergißt die Ausnutzung der ihm immer noch günstigen Kriegslage und
+macht auf der ganzen Front Halt. Damit tut er aber auch schon den ersten
+Schritt rückwärts. General von Falkenhayn reißt die Vorhand nunmehr völlig
+an sich, zertrümmert südlich des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand
+und marschiert weiter. Der Rumäne weicht nunmehr allenthalben aus
+Siebenbürgen, nicht ohne am 8. Oktober bei Kronstadt noch eine blutige
+Niederlage erlitten zu haben. So geht er denn auf den schützenden Wall
+seiner Heimat zurück. Unsere demnächstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu
+überschreiten. Wir halten zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen
+taktischen Erfolge strategisch dahin auswerten zu können, daß wir von
+Kronstadt unmittelbar auf Bukarest durchbrechen. Mögen auch das wilde
+Hochgebirge und die feindliche Überlegenheit unsere wenigen und schwachen
+Divisionen vor eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser
+Vormarschrichtung sind zu groß, als daß wir den Versuch unterlassen
+dürften. Er gelingt nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe,
+jeden Felshang, ja jeden Felsblock kämpfen. Unsere Bewegung stockt völlig,
+als am 18. Oktober ein rauher Frühwinter die Berge in Schnee hüllt und die
+Straßen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsäglichen Entbehrungen und Leiden
+halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile, bereit, sich
+weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu kommen wird.
+
+Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das
+walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus über
+den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen führen. General von
+Falkenhayn schlägt den Durchbruch über den westlicher gelegenen Szurdukpaß
+vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger wirkungsvoll, aber
+unter den jetzigen Verhältnissen die taktisch und technisch einzig
+mögliche. So brechen wir über diesen Paß am 11. November in Rumänien ein.
+
+Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen südlich der Donau
+bereitgestellt, um dem nördlichen Einbruch von Süden her die Hand zu
+reichen. Er hatte am 21. Oktober die russisch-rumänische Armee südlich der
+Linie Constanza-Czernavoda gründlich geschlagen. Am 22. Oktober war
+Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der Gegner
+weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die Bewegung
+einstellen, sobald nördlich der erwähnten Eisenbahn eine
+Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Kräften behauptet
+werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rückt gegen
+Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in die
+Hand zu nehmen und dann bei Braila im Rücken der rumänischen Hauptmacht in
+das nördliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie sollten wir das
+notwendige Brückenmaterial in die nördliche Dobrudscha bringen?
+Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg versperren die
+rumänischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir müssen dem Schicksal
+dankbar sein, daß diese nicht schon längst unseren einzigen verfügbaren
+schweren Brückentrain bei Sistow in Trümmer geschossen haben, der, seit
+Monaten im Bereich der feindlichen Geschützwirkung, nur durch einen für
+uns nicht aufklärbaren Fehler des Gegners der Zerstörung entgangen ist. So
+können wir wenigstens dort den Stromübergang im Auge behalten.
+
+Im Morgengrauen des 23. November gewinnt Generalfeldmarschall von
+Mackensen das nördliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen
+ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am
+Argesch findet es seine Krönung in der Zertrümmerung der rumänischen
+Hauptkräfte. Der Schlußakt vollzieht sich am 3. Dezember. Bukarest fällt
+widerstandslos in unsere Hand.
+
+Am Abend dieses Tages schließe ich den gemeinsamen Vortrag über die
+Kriegslage mit den Worten: "Ein schöner Tag." Als ich später in die
+Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtürmen des Städtchens Pleß
+das Dankgeläute für den großen neuen Erfolg. Ich hatte längst aufgehört,
+in solchen Augenblicken an anderes zu denken als an die wunderbaren
+Leistungen unseres braven Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als
+daß diese Leistungen uns dem endlichen Abschluß des schweren Ringens und
+der großen Opfer nahe brächten.
+
+Den Gewinn der rumänischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas
+kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest für eine mächtige Festung
+gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung
+herangeführt, und nun zeigte sich der berühmte Waffenplatz als offene
+Stadt. Kein Geschütz krönt mehr die mächtigen Wälle der Forts, und die
+Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so
+viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht,
+die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumänischen Feldzuges
+festzustellen.
+
+Das Schicksal Rumäniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die
+ganze Welt mußte sehen, und Rumänien sah es wohl auch selbst, daß kein
+leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag:
+
+ Wer Unglück will im Kriege han,
+ Der binde mit dem Deutschen an.
+
+Mit Anführung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung
+Österreich-Ungarns, der Türkei und Bulgariens an diesem großen und schönen
+Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren alle zur
+Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem großen mannhaften Werke.
+Rumänien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte, mußte froh
+sein, daß seine Heerestrümmer durch russische Hilfe vor Vernichtung
+bewahrt wurden. Sein Traum, daß noch einmal, wie im Jahre 1878 auf dem
+Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmäßiger Dankbarkeit,
+wenn auch mit bitterem Gefühl im Herzen, die Hand für die erwiesenen
+Dienste drücken müßte, hatte sich in das grausame Gegenteil verkehrt. Die
+Zeiten hatten sich gewandelt.
+
+Meinem Allerhöchsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine
+Anschauung dahin ausgesprochen, daß wir am Ende des Jahres den rumänischen
+Feldzug beendet haben würden. Am 31. Dezember konnte ich Seiner Majestät
+melden, daß unsere Truppen den Sereth erreicht hätten, und daß die
+Bulgaren am Südufer des Donaudeltas stünden. Die gesteckten Ziele waren
+erreicht.
+
+
+
+ Kämpfe an der mazedonischen Front
+
+
+Die Schwierigkeiten unserer Kriegslage im Herbste 1916 wurden durch den
+Fortgang der Kämpfe an der mazedonischen Front nicht unwesentlich erhöht.
+
+Die Armee Sarrails hätte jeden Anspruch auf Daseinsberechtigung verloren,
+wenn sie nicht im Augenblick der rumänischen Kriegserklärung auch
+ihrerseits die Offensive ergriffen hätte. Ihr Vorgehen erwarteten wir im
+Wardartal. Wäre sie hier bis in die Gegend von Gradsko vorgedrungen, so
+hätte sie das Zentrum der wichtigsten bulgarischen Verbindungen in Besitz
+genommen und hätte auch das Verbleiben der Bulgaren in der Gegend von
+Monastir unmöglich gemacht. Sarrail wählte die unmittelbare
+Angriffsrichtung auf Monastir, vielleicht durch besondere politische
+Gründe veranlaßt.
+
+Die bulgarische rechte Flügelarmee wurde durch diese Offensive aus ihren
+Stellungen, die sie beim Angriff im August südlich Florina gewonnen hatte,
+zurückgeworfen. Sie verlor im weiteren Verlauf der Kämpfe Monastir,
+behauptete sich aber dann.
+
+Wir waren hierdurch genötigt gewesen, den Bulgaren Unterstützungen aus
+unseren Kampffronten zuzuführen, Unterstützungen, die meist für den
+rumänischen Feldzug bestimmt gewesen waren. War die Größe dieser Hilfe im
+Verhältnis zur gesamten Stärke unseres Heeres auch nicht sehr bedeutend -
+es waren gegen 20 Bataillone sowie zahlreiche schwere und Feldbatterien -
+so traf uns diese Abgabe doch in einer außerordentlich kritischen Zeit, in
+der wir tatsächlich mit jedem Mann und jedem Geschütz geizen mußten.
+
+Wie wir, so leistete auch die Türkei dem verbündeten Bulgarien in diesen
+schweren Kämpfen bereitwilligst Hilfe. Enver Pascha stellte über die für
+den rumänischen Krieg versprochene Unterstützung hinaus ein ganzes
+türkisches Armeekorps zur Ablösung bulgarischer Truppen an der Strumafront
+zur Verfügung. Diese Unterstützung wurde von bulgarischer Seite ungern
+gesehen, da man befürchtete, es würden sich daraus unangenehme türkische
+Ansprüche auf politischem Gebiet geltend machen. Enver Pascha versicherte
+uns jedoch ausdrücklich, daß er solches verhindern würde. Es war ja
+begreiflich, daß Bulgarien deutsche Unterstützung der osmanischen
+vorgezogen hätte, unbegreiflich aber war es, daß man in Sofia nicht
+einsehen wollte, wie wenig Deutschland in dieser Zeit imstande war, seine
+Kräfte noch weiter anzuspannen.
+
+Der Verlust Monastirs war nach meiner Auffassung ohne militärische
+Bedeutung. Die freiwillige Zurücknahme des bulgarischen rechten
+Heeresflügels in die außerordentlich starken Stellungen bei Prilep wäre
+von großem militärischen Vorteil gewesen, weil alsdann die bulgarische
+Heeresversorgung ganz wesentlich erleichtert, diejenige unserer Gegner um
+vieles erschwert worden wäre. Gerade die ungeheuren Schwierigkeiten in den
+rückwärtigen Verbindungen hatten auf bulgarischer Seite die in den Kämpfen
+wiederholt eingetretenen Krisen wesentlich mitverschuldet. Die Truppen
+mußten tagelang hungern und litten zeitweise auch Mangel an Schießbedarf.
+Wir haben unter Hintansetzung eigener Interessen mit allen Mitteln
+versucht, den Bulgaren die Schwierigkeiten in dieser Richtung zu
+erleichtern. Die Größe der zurückzulegenden Wegesstrecken, die Wildheit
+und Unkultur des Gebirgslandes erschwerten die Lösung dieser Aufgabe
+ungemein.
+
+Bei den Kämpfen um Monastir hatten die Bulgaren zum ersten Male in
+schweren Verteidigungsschlachten gestanden. Hatten die bisherigen
+Nachrichten unserer Offiziere über die Haltung des bulgarischen Heeres den
+glänzenden Geist des Soldaten beim Angriff gerühmt, so trat jetzt bei
+diesem eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber einem länger andauernden
+feindlichen Artilleriefeuer in die Erscheinung. Diese Wahrnehmung mochte
+überraschen, man konnte sie aber bei allen Völkern, sowohl auf feindlicher
+als auch auf unserer Seite bestätigt finden, die mit sogenannter
+unverdorbener Naturkraft in den Krieg traten. Es macht den Eindruck, als
+ob die modernen Angriffsmittel in ihren nervenzerstörenden Wirkungen für
+durchhaltende Verteidigung eine Zugabe zu dieser Naturkraft verlangen, die
+nur durch eine höhere Willenskultur geliefert werden kann. In der
+Hauptmasse unseres deutschen Soldatenmaterials scheint die richtige
+Mischung von sittlicher und körperlicher Kraft vorhanden zu sein, die
+unsere Truppen in Verbindung mit unserer militärischen Willensschulung in
+den Stand setzt, den gewaltigen Eindrücken eines modernen Kampfes
+erfolgreich Widerstand zu leisten. Der Oberbefehlshaber des bulgarischen
+Heeres hatte das richtige Gefühl für die eben erwähnte Empfindlichkeit
+seiner Soldaten. Er äußerte darüber in soldatischer Offenheit seine
+Sorgen, wenn er auch weit davon entfernt war, eine ängstliche Natur zu
+sein.
+
+
+
+ Auf den asiatischen Kriegsschauplätzen
+
+
+Durch die Stellung, die der deutsche Chef des Generalstabes des Feldheeres
+nunmehr innerhalb der gesamten Kriegsleitung einnahm, wurden wir auch zur
+Beschäftigung mit den Vorgängen auf den asiatischen Kriegsschauplätzen
+veranlaßt. Zur Zeit der Anwesenheit Enver Paschas in unserem Großen
+Hauptquartier Anfang 1917 glaubten wir die Lage in Asien folgendermaßen
+beurteilen zu können:
+
+Die russische Offensive in Armenien war nach der Gewinnung der Linie
+Trapezunt-Erzinghan zum Stillstand gekommen. Die türkische Offensive, die
+im Sommer dieses Jahres von Süden her aus Richtung Diabekr gegen die linke
+Flanke dieses russischen Vorgehens angesetzt war, kam infolge der
+außerordentlichen Geländeschwierigkeiten und der ganz ungenügenden
+Nachschubmöglichkeiten nicht vorwärts. Es war jedoch zu erwarten, daß die
+Russen in diesem Jahre mit Rücksicht auf den im armenischen Hochlande früh
+eintretenden Winter ihre weiteren Angriffe bald endgültig einstellen
+würden.
+
+Die Gefechtskraft der beiden türkischen Kaukasusarmeen war aufs äußerste
+zurückgegangen, einzelne Divisionen bestanden nur noch dem Namen nach.
+Entbehrungen, blutige Verluste, Fahnenflucht hatten verheerend auf die
+Truppenbestände gewirkt. Mit schweren Sorgen sah Enver Pascha dem
+kommenden Winter entgegen. Es fehlte seinen Truppen die notwendigste
+Bekleidung; dazu bot die Ernährung der Armeen in diesen armen, großenteils
+entvölkerten und verwüsteten Gebieten außerordentliche Schwierigkeiten.
+Bei dem Mangel an Zug- und Tragtieren mußten den osmanischen Soldaten in
+dem öden, wegarmen Gebirgslande die Kampf- und Lebensbedürfnisse durch
+Trägerkolonnen in vielen Tagemärschen zugeführt werden. Weiber und Kinder
+fanden dabei einen mageren Verdienst, aber auch oft den Tod.
+
+Besser waren die Verhältnisse zu dieser Zeit im Irak. Dort war der
+Engländer augenblicklich in dem Ausbau seiner rückwärtigen Verbindungen
+noch nicht so weit vorgeschritten, um schon jetzt zur Rache für
+Kut-el-Amara schreiten zu können. Daß er eine solche nehmen würde, war für
+uns zweifellos. Ob alsdann die türkische Macht im Irak hinreichte, um dem
+englischen Angriff erfolgreich zu widerstehen, vermochten wir nicht zu
+beurteilen. Trotz der sehr optimistischen Anschauungen der osmanischen
+Obersten Heeresleitung ermahnten wir zu Verstärkung der dortigen Truppen.
+Leider ließ sich aber die Türkei aus politischen und panislamitischen
+Gründen verführen, ein ganzes Armeekorps nach Persien hineinzuschicken.
+
+Der dritte asiatische Kriegsschauplatz, nämlich derjenige in Südpalästina,
+gab Veranlassung zu unmittelbarer Sorge. Die zweite gegen den Suez-Kanal
+gerichtete türkische Unternehmung war Anfang August 1916 in der Mitte des
+nördlichen Teiles der Sinai-Halbinsel gescheitert. Daraufhin waren die
+türkischen Truppen allmählich aus diesem Gebiete hinausgedrängt worden und
+standen jetzt im südlichen Teile Palästinas in der Gegend von Gaza. Die
+Frage, ob und wann sie auch hier angegriffen würden, schien lediglich von
+dem Zeitpunkt abzuhängen, an dem die Engländer ihre Eisenbahn aus Ägypten
+bis hinter ihre Truppen ausgebaut hatten.
+
+Der somit drohende Angriff auf Palästina schien für den militärischen und
+politischen Bestand der Türkei weit gefährlicher als ein solcher auf das
+fernab liegende Mesopotamien. Man mußte annehmen, daß der Verlust von
+Jerusalem - ganz abgesehen davon, daß er voraussichtlich den Verlust des
+ganzen südlichen Arabiens nach sich zog - die jetzige türkische Politik
+vor eine Belastungsprobe stellen würde, die sie nicht ertragen könnte.
+
+Leider waren die operativen Verhältnisse für die osmanische Kriegführung
+in Südsyrien nicht wesentlich besser als in Mesopotamien. Hier wie dort
+litten die Türken, im schärfsten Gegensatz zu ihren Gegnern, unter solch
+außerordentlichen Schwierigkeiten der rückwärtigen Verbindungen, daß eine
+wesentliche Verstärkung ihrer Streitkräfte über den jetzigen Stand hinaus
+den Hunger, ja selbst den Durst für alle bedeutet hätte. Die
+Verpflegungsverhältnisse waren auch in Syrien zeitweise trostlos. Zu
+ungünstigen Ernten, ungewolltem und gewolltem Versagen der
+verantwortlichen Stellen kam die nahezu durchweg feindliche Haltung der
+arabischen Bevölkerung.
+
+Zahlreiche wohlgemeinte Darlegungen suchten mich im Laufe des Krieges von
+der Notwendigkeit zu überzeugen, daß Mesopotamien und Syrien mit stärkeren
+Kräften verteidigt, ja daß hier wie dort zum Angriff übergegangen werden
+müßte. Das Interesse weiter deutscher Kreise an diesen Kriegsschauplätzen
+war groß. Augenscheinlich irrten die Gedanken uneingestandenermaßen
+vielfach über Mesopotamien durch Persien, Afghanistan nach Indien und von
+Syrien nach Ägypten. Man träumte im stillen an der Hand der Karten, daß
+wir auf diesen Landwegen an den Lebensnerv der uns so gefährlichen
+britischen Weltmachtstellung herankämen. Vielleicht lag in solchen
+Gedanken oft unbewußt das Wiedererwachen früherer napoleonischer Pläne. Zu
+ihrer Durchführung fehlte uns aber die erste Vorbedingung derartiger
+weitgreifender Operationen, nämlich genügend leistungsfähige
+Nachschublinien.
+
+
+
+ Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916
+
+
+Während wir Rumänien niederschlugen, dauerten die Angriffe der Russen in
+den Karpathen und in Galizien ununterbrochen an. Von russischer Seite war
+nicht beabsichtigt gewesen, dem neuen Bundesgenossen bei seinem Angriff
+auf Siebenbürgen unmittelbar zu unterstützen, wohl aber sollte diese
+rumänische Operation durch ununterbrochene Fortsetzung der bisherigen
+russischen Angriffe gegen die galizische Front erleichtert werden.
+Unmittelbare Hilfe gewährten die Russen den Rumänen dagegen in der
+Dobrudscha, und zwar von Anfang an. Die Gründe hierfür lagen ebensosehr
+auf politischem wie militärischem Gebiete; Rußland rechnete zweifellos
+sehr stark mit russophilen Neigungen innerhalb der bulgarischen Armee.
+Daher versuchten auch bei Beginn der Kämpfe in der Süddobrudscha russische
+Offiziere und Truppen, sich den Bulgaren als Freunde zu nähern, und waren
+bitter enttäuscht, als die Bulgaren mit Feuer antworteten. Dazu kam, daß
+Rußland zwar ohne politische Eifersucht zusehen konnte, wenn Rumänien sich
+in den Besitz von Siebenbürgen setzte, aber nicht dulden durfte, daß der
+neue Verbündete selbständig Bulgarien auf die Knie warf und dann
+möglicherweise noch den Weg nach Konstantinopel einschlug oder wenigstens
+freimachte. Galt doch die Eroberung der türkischen Hauptstadt seit
+Jahrhunderten als historisches und religiöses Vorrecht Rußlands.
+
+Es mag dahingestellt bleiben, ob es von russischer Seite klug war, den
+Rumänen ohne unmittelbare Unterstützung, sei es auch nur durch etliche
+russische Kerntruppen, die Operation nach Siebenbürgen allein zu
+überlassen. Man überschätzte dabei jedenfalls die Leistungsfähigkeit der
+rumänischen Armee und ihrer Führung und ging von der irrigen Ansicht aus,
+daß die Kräfte der Mittelmächte an der Ostfront durch die russischen
+Angriffe vollständig gebunden, ja sogar erschöpft seien.
+
+Diese Angriffe erreichten zwar ihren Zweck nicht in vollem Umfange,
+stellten uns aber immerhin wiederholt vor nicht unbedenkliche Krisen. Die
+Lage wurde zeitweise so mißlich, daß wir befürchten mußten, unsere
+Verteidigung würde von den Karpathenkämmen heruntergeworfen werden. Deren
+Behauptung war aber für uns eine Vorbedingung zur Durchführung unseres
+Aufmarsches und unserer ersten Operationen gegen den neuen Feind. Auch in
+Galizien mußten wir den Russen mit allen Mitteln aufhalten. Eine Preisgabe
+weiterer dortiger Gebietsteile würde an sich für unsere Gesamtlage von
+geringer militärischer Bedeutung gewesen sein, wenn nicht hinter unserer
+galizischen Stellung die für uns so kostbaren, ja für die Kriegführung
+unentbehrlichen Ölfelder gelegen hätten. Wiederholt mußten aus diesen
+Gründen für den Angriff gegen Rumänien bestimmte Truppenverbände gegen die
+ins Wanken geratenen Frontteile abgedreht werden.
+
+Wenn auch die kritischen Lagen schließlich immer wieder überwunden und
+unser Feldzug gegen Rumänien einem glücklichen Abschluß entgegengeführt
+wurde, so kann man doch nicht behaupten, daß die russischen
+Entlastungsangriffe ihren großen operativen Zweck völlig verfehlt hätten.
+Rumänien unterlag wahrlich nicht durch die Schuld seiner Verbündeten. Die
+Entente tat im Gegenteil alles, was sie nach der Lage und ihren Kräften
+tun konnte, und zwar nicht nur im unmittelbaren Anschluß an das rumänische
+Heer, sondern auch mittelbar durch die Angriffe Sarrails in Mazedonien,
+durch die italienischen Angriffe am Isonzo und schließlich auch durch die
+Fortsetzung der englisch-französischen Anstürme im Westen.
+
+
+
+Wir hatten, wie ich schon früher andeutete, von Anfang an damit gerechnet,
+daß der Gegner mit dem Eintritt Rumäniens in den Krieg seine Angriffe auch
+gegen unsere Westfront mit aller Kraft, mit englischer Zähigkeit und
+französischem Elan fortführen würde. Dies trat auch ein.
+
+Unsere Führereinwirkung auf diese Kämpfe war einfach. An einen
+Entlastungsangriff konnten wir mangels genügender Kräfte weder bei Verdun
+noch an der Somme denken, so sehr auch ein solcher meinen eigenen
+Neigungen entsprochen hätte. Kurz nach der Übernahme der Obersten
+Heeresleitung sah ich mich auf Grund der Gesamtlage gezwungen, Seiner
+Majestät dem Kaiser den Befehl zur Einstellung unserer Angriffe bei Verdun
+zu unterbreiten. Die dortigen Kämpfe zehrten wie eine offene Wunde an
+unseren Kräften. Es ließ sich auch klar überblicken, daß das Unternehmen
+in jeder Hinsicht aussichtslos geworden war und seine Fortsetzung uns weit
+größere Verluste kostete, als wir dem Gegner beizubringen imstande waren.
+Unsere vordersten Stellungen lagen in allseitig flankierendem Feuer
+übermächtiger gegnerischer Artillerie; die Verbindungen zu den Kampflinien
+waren außerordentlich schwierig. Das Schlachtfeld war eine wahre Hölle und
+in diesem Sinne bei der Truppe geradezu berüchtigt. Jetzt in
+rückschauender Betrachtung stehe ich nicht an, zu sagen, daß wir aus rein
+militärischen Gründen gut daran getan hätten, die Kampfverhältnisse vor
+Verdun nicht nur durch Beendigung der Offensive sondern auch durch
+freiwilliges Aufgeben noch größerer Teile des eroberten Geländes als
+geschehen zu bessern. Im Herbste 1916 glaubte ich jedoch davon Abstand
+nehmen zu müssen. Für das Unternehmen war eine große Masse unserer besten
+Kampfkraft geopfert worden; die Heimat war bis dahin in Erwartung auf
+einen endlichen ruhmreichen Ausgang des Angriffs erhalten worden. Nur zu
+leicht konnte jetzt der Eindruck hervorgerufen werden, als ob alle Opfer
+umsonst gebracht seien. Das wollte ich in dieser an sich schon so sehr
+gespannten heimatlichen Stimmung vermeiden.
+
+Unsere Hoffnung, daß mit der Einstellung unseres Angriffes bei Verdun auch
+der Gegner dort im wesentlichen zum reinen Stellungskrieg übergehen würde,
+erfüllte sich nicht. Ende Oktober brach der Franzose auf dem Ostufer der
+Maas zu einem großangelegten, kühn durchgeführten Gegenstoß vor und
+überrannte unsere Linien. Wir verloren Douaumont und hatten keine Kräfte
+mehr, um diesen Ehrenpunkt deutschen Heldentums wieder zu nehmen.
+
+Der französische Führer hatte sich bei diesem Gegenstoß von der bisherigen
+Gepflogenheit einer tage- oder gar wochenlangen Artillerievorbereitung
+freigemacht. Er hatte seinen Angriff durch Steigerung der
+Feuergeschwindigkeit seiner Artillerie und Minenwerfer bis zur äußersten
+Grenze der Leistungsfähigkeit von Material und Bedienung nur kurze Zeit
+vorbereitet und war dann gegen den schlagartig körperlich und seelisch
+niedergedrückten Verteidiger sofort zum Angriff übergegangen. Wir hatten
+diese Art gegnerischer Angriffsvorbereitung wohl schon innerhalb des
+Rahmens der langen Dauerschlachten kennengelernt, aber als Eröffnung einer
+großen Angriffshandlung war sie für uns neu und verdankte vielleicht
+gerade diesem Umstand ihren ohne Zweifel bedeutenden Erfolg. Im großen und
+ganzen schlug uns der Gegner diesmal mit unserem eigenen bisherigen
+Angriffsverfahren. Wir konnten nur hoffen, daß er es im kommenden Jahre
+nicht mit gleichem Erfolg in noch größerem Umfang wiederholen würde.
+
+Die Kämpfe bei Verdun erstarben erst im Dezember.
+
+Die Sommeschlacht hatte auch von Ende August ab den Charakter eines
+außerordentlich erbitterten, rein frontalen Abringens der beiderseitigen
+Kräfte gezeigt. Die Aufgabe der Obersten Heeresleitung konnte nur darin
+bestehen, den Armeen die nötigen Kräfte zum Durchhalten zur Verfügung zu
+stellen.
+
+Man gab dieser Art von Kämpfen bei uns den Namen "Materialschlachten". Man
+könnte sie vom Standpunkt des Angreifers aus auch als "Taktik eines
+Rammklotzes" bezeichnen, denn es fehlte ihrer Führung jeder höhere
+Schwung. Die mechanischen und materiellen Elemente des Kampfes waren in
+den Vordergrund geschoben, während die geistige Führung allzusehr in den
+Hintergrund trat.
+
+Wenn es unseren westlichen Gegnern in den Kämpfen von 1915 bis 1917 nicht
+gelang, ein entscheidendes Feldzugsergebnis zu erreichen, so lag das im
+wesentlichen an einer gewissen Einseitigkeit der dortigen Führung. An der
+nötigen zahlenmäßigen Überlegenheit an Menschen, Kriegsgerät und
+Schießbedarf fehlte es dem Feinde wahrlich nicht; auch kann man nicht
+behaupten, daß die Güte der gegnerischen Truppen den Anforderungen einer
+tätigeren und gedankenreicheren Führung nicht hätte genügen können.
+Außerdem war für unsere Feinde im Westen bei dem reichentwickelten
+Eisenbahn- und Straßennetz und den in Massen vorhandenen
+Beförderungsmitteln jeder Art freieste Entfaltungsmöglichkeit für eine
+weit größere operative Gelenkigkeit vorhanden. Von alledem machte jedoch
+die gegnerische Führung nicht vollen Gebrauch. Die lange Dauer unseres
+Widerstandes war also doch wohl neben anderen Gründen auch auf eine
+gewisse Unfruchtbarkeit des Bodens zurückzuführen, auf dem die feindlichen
+Pläne reiften. Ungeheuer blieben aber trotzdem die Anforderungen, die auf
+den dortigen Schlachtfeldern an unsere Armeeführungen und unsere Truppen
+gestellt werden mußten.
+
+Anfang September besuchte ich mit meinem Ersten Generalquartiermeister die
+Westfront. Wir mußten die dortigen Kampfverhältnisse sobald als möglich
+kennen lernen, um wirklich helfend eingreifen zu können. Seine Kaiserliche
+und Königliche Hoheit der Deutsche Kronprinz schloß sich uns unterwegs an
+und ehrte mich in Montmédy durch Aufstellung einer Sturmkompagnie auf dem
+Bahnsteige. Dieser Empfang entsprach ganz dem ritterlichen Sinn des hohen
+Herrn, dem ich fortan öfters begegnen sollte. Sein frisches, offenes Wesen
+und sein gesundes militärisches Urteil haben mich stets mit Freude und
+Vertrauen erfüllt. In Cambrai überreichte ich auf Befehl Seiner Majestät
+des Kaisers zwei anderen bewährten Heerführern, den Thronfolgern Bayerns
+und Württembergs, die ihnen verliehenen preußischen Feldmarschallstäbe und
+hielt dann eine längere Besprechung mit den Generalstabschefs der
+Westfront ab. Aus deren Darlegungen ging hervor, daß rasches und
+energisches Handeln dringend not tat, um unsere erschreckende
+Unterlegenheit an Fliegern, Waffen und Munition einigermaßen
+auszugleichen. Die eiserne Arbeitskraft des Generals Ludendorff hat diese
+ernste Krisis überwunden. Zu meiner Freude hörte ich später durch
+Frontoffiziere, daß sich die Früchte der Besprechung von Cambrai bald bei
+der Truppe bemerkbar gemacht hätten.
+
+Die Größe der Anforderungen, die an das Westheer gestellt wurden, war mir
+bei diesem Besuch in Frankreich zum erstenmal so recht plastisch vor die
+Augen getreten. Ich stehe nicht an, zu bekennen, daß ich damals erst einen
+vollen Einblick in die bisherigen Leistungen des Westheeres gewann. Wie
+undankbar war die Aufgabe für Führung und Truppe, da in der aufgezwungenen
+reinen Verteidigung ein sichtbarer Gewinn immer versagt bleiben mußte! Der
+Erfolg in der Abwehrschlacht führt den Verteidiger, auch wenn er siegreich
+ist, nicht aus dem ständig lastenden Druck, ich möchte sagen, aus dem
+Anblick des Elends des Schlachtfeldes heraus. Der Soldat muß auf den
+mächtigen seelischen Aufschwung verzichten, den das erfolgreiche
+Vorwärtsschreiten gewährt, ein Aufschwung von so unsagbarer Gewalt, daß
+man ihn erlebt haben muß, um ihn in seiner ganzen Größe begreifen zu
+können. Wie viele unserer braven Soldaten haben dieses reinste
+Soldatenglück nie empfinden dürfen! Sie sahen kaum etwas anderes als
+Schützengräben und Geschoßtrichter, in denen und um die sie wochen-, ja
+monatelang mit dem Gegner rangen. Welch ein Nervenverbrauch und welch
+geringe Nervennahrung! Welche Stärke des Pflichtgefühls und welche
+selbstlose Hingabe gehörten dazu, solch einen Zustand jahrelang in stiller
+Entsagung auf höheres kriegerisches Glück zu ertragen! Ich gestehe offen,
+daß diese Eindrücke für mich tief ergreifend waren. Ich konnte nun
+verstehen, wie alle, Offiziere wie Mannschaften, aus solchen
+Kampfverhältnissen sich heraussehnten, wie sich alle Herzen mit der
+Hoffnung füllten, daß nun endlich nach diesen erschöpfenden Schlachten ein
+hoher Angriffszug auch in die Westfront ein frisches kriegerisches Leben
+bringen würde.
+
+Freilich sollten unsere Führer und Truppen noch lange auf die Erfüllung
+dieser Sehnsucht warten müssen! Viele unserer besten, sturmbegeisterten
+Soldaten mußten noch vorher in zertrümmerten Schützengräben ihr Herzblut
+hingeben!
+
+In dem Kampfgebiet an der Somme wurde es erst stiller, als die
+einbrechende nasse Jahreszeit den Kampfboden grundlos zu machen begann.
+Die Millionen von Geschoßtrichtern füllten sich mit Wasser oder wurden zu
+Friedhöfen. Von Siegesfreude war auf keiner der beiden kämpfenden Parteien
+die Rede. Über allen lag der furchtbare Druck dieses Schlachtfeldes, das
+in seiner Öde und seinem Grauen selbst dasjenige vor Verdun zu übertreffen
+schien.
+
+
+
+
+ Meine Stellung zu politischen Fragen
+
+
+
+ Äußere Politik
+
+
+Die Beschäftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres
+Vaterlandes war mir stets ein Bedürfnis. Lebensgeschichten seiner großen
+Söhne waren für mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner
+Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner
+Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch hätte man ein volles
+Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betätigung
+innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht
+war hierfür mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch
+mein soldatisches Gefühl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist
+dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurückzuführen.
+Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verständnis, die
+Tatsache hätte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich
+ihr während des Krieges nicht so oft und so laut hätte Ausdruck geben
+müssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschäftigung
+wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer
+der Hauptgründe für unsere außenpolitische Rückständigkeit. Eine solche
+mußte sich um so stärker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle
+Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdrängen
+unserer geistigen Kräfte über die vaterländischen Grenzen hinaus zu einem
+Weltvolk zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche
+Kraftbewußtsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer
+bei den unserigen.
+
+Weder bei meiner Tätigkeit in den höheren Führerstellen des Ostens noch
+bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des
+Feldheeres hatte ich das Bedürfnis und die Neigung, mich mehr als
+unbedingt notwendig mit gegenwärtigen politischen Fragen zu beschäftigen.
+Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen
+und mannigfaltigen, auf die Kriegführung wirkenden Entscheidungen eine
+völlige Zurückhaltung der Kriegsleitung von der Politik für unmöglich.
+Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm für
+das gegenseitige Verhältnis zwischen militärischer und politischer Führung
+im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand
+entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen
+Auffassung, wenn er sagte:
+
+ "Der Führer hat bei seinen Operationen den militärischen Erfolg in
+ erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen
+ oder Niederlagen anfängt, ist nicht seine Sache, deren Ausnützung ist
+ vielmehr allein Sache der Politiker."
+
+Andererseits würde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben
+verantworten können, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Fällen
+zur Geltung gebracht hätte, in denen die Bestrebungen anderer uns nach
+meiner Überzeugung auf eine bedenkliche Bahn führten, wenn ich nicht da
+zur Tat getrieben hätte, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu
+bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten für Gegenwart und
+Zukunft nicht dann mit aller Schärfe vertreten hätte, wenn die
+Kriegführung und die zukünftige militärische Sicherheit meines Vaterlandes
+durch politische Maßnahmen berührt oder gar gefährdet wurden. Man wird mir
+zugeben, daß die Grenzen zwischen Politik und Kriegführung sich wohl nie
+mit voller Schärfe ziehen lassen werden. Beide müssen schon im Frieden
+zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verständigung
+unbedingt verlangen. Sie müssen sich im Kriege, in dem ihre Fäden
+tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergänzen. Dieses
+schwierige Verhältnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch
+der lapidare Stil Bismarcks läßt die Grenzlinien ineinander überfließend
+erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche
+Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lösung arbeitenden
+Persönlichkeiten.
+
+Ich gebe zu, daß ich gar manche Äußerungen über politische Fragen mit
+meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer
+derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich
+drängte mich in solchen Fällen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine
+Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und
+Äußerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen
+Grund dafür ein, warum ich schweigen sollte.
+
+Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Übernahme
+der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft
+Polens. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage während des Krieges
+und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu
+müssen.
+
+Ich habe früher nie eine persönliche Abneigung gegen das polnische Volk
+empfunden; andererseits hätte mir aber auch jeder vaterländische Instinkt,
+jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen müssen, wenn ich die
+schweren Gefahren verkannt hätte, die in einer Wiederaufrichtung Polens
+für mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darüber hin, daß wir
+von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafür erwarten
+könnten, daß wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute
+befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung für die wirtschaftliche und
+geistige Hebung unserer preußisch-polnischen Volksteile erhalten haben.
+Nie also würde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik überhaupt
+anerkannt würde, das neu errichtete freie Polen von einer Irredenta in
+unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben.
+
+Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lösen versuchte, immer
+mußte Preußen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische
+Zeche zu zahlen hatte. Österreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in
+der Schöpfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr für das eigene
+Staatswesen zu befürchten. Einflußreiche Kreise in Wien wie in Budapest
+glaubten vielmehr, daß es möglich sein würde, das katholische Polen
+dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsätzlich
+deutschfeindlichen Haltung der Polen schloß diese österreichische Politik
+eine schwere Gefahr für uns in sich. Es war nicht zu verkennen, daß
+hierdurch die Festigkeit unseres Bündnisses in Zukunft einer auf die Dauer
+unerträglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden würde. Die Oberste
+Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um
+unsere zukünftige militärische Lage an der Ostgrenze unter keiner
+Bedingung aus dem Auge verlieren.
+
+Aus all diesen politischen wie militärischen Erwägungen hätte sich meines
+Erachtens für Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage
+möglichst wenig zu rühren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen
+Fällen ausdrückt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher
+Seite leider nicht geschehen. Die Gründe, warum wir aus der gebotenen
+Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und
+österreichisch-ungarischen Reichsleitung war nämlich Mitte August 1916 in
+Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmöglichst die
+öffentliche Verkündigung eines selbständigen Königreichs Polen mit
+erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte.
+Diese Abmachung hatte man dadurch für uns Deutsche schmackhafter zu machen
+versucht, daß die beiden Vertragschließenden sich verpflichtet hatten,
+keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen
+Staat zufallen zu lassen, und daß Deutschland die oberste Führung der
+einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide
+Zugeständnisse hielt ich für Utopien.
+
+Durch diese öffentliche Verkündigung würden die politischen Verhältnisse
+im Rückengebiet unserer Ostfront völlig verändert worden sein. Mein
+Vorgänger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkündigung
+Einspruch erhoben. Seine Majestät der Kaiser entschied zugunsten des
+Generals von Falkenhayn. Nun war es aber für jedermann, der die Zustände
+in der Donaumonarchie kannte, klar, daß die in Wien einmal getroffene
+Vereinbarung nicht geheim bleiben würde. Sie konnte wohl noch eine kurze
+Zeit offiziell zurückgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft
+werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand
+ich bei Übernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache
+gegenüber.
+
+Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte
+Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkündigung
+des polnischen Königsreichs als eine nicht länger hinausschiebbare
+Tatsache. Er ließ die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der
+sicheren Aussicht auf eine Verstärkung unserer Streitkräfte durch
+polnische Truppen, die sich im Frühjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf
+5 ausgebildete Divisionen, bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auf
+1 Million Mann belaufen würden. Eine so wenig günstige Meinung ich auch
+glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevölkerung am
+Krieg gegen Rußland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur mußte es
+besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen
+Verhältnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Überzeugung, daß
+uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstützen
+würde.
+
+Wie hätte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten können, diese als
+so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber für
+diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der
+nächsten Frühjahrskämpfe leidlich ausgebildete Truppen in der vordersten
+Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach
+dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden.
+
+Da stießen wir, überraschend für mich, auf den Widerstand der
+Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fäden für einen Sonderfrieden
+mit Rußland gefunden zu haben und hielt es für bedenklich, die
+eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhängigen Polens in
+den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militärischen
+Rücksichten gerieten also in Widerstreit.
+
+Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schließlich der, daß die
+Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Rußland scheiterten, daß in den
+ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veröffentlicht wurde, und daß
+die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen völlig
+ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstützung der
+katholischen Geistlichkeit, sondern löste offenen Widerstand aus.
+
+Sofort nach Verkündigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den
+Interessen Österreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen
+Problem hervor. Unsere Verbündeten erstrebten immer offenkundiger eine
+Vereinigung Kongreß-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden
+Einfluß. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenüber, sofern sie nicht von
+unserer Reichsleitung überhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten,
+wenigstens für eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach
+rein militärischen Gesichtspunkten eintreten zu müssen.
+
+Eigentlich konnte ja über alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges
+entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, daß unsere Zeit durch diese
+im Kriege überreichlich in Anspruch genommen wurde. Im übrigen muß ich
+betonen, daß die mit unserem Verbündeten entstandenen Reibungen auf
+politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militärischen
+Verhältnisse irgend welchen Einfluß ausübten.
+
+Eine ähnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Österreich-Ungarn
+spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militärischen
+Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es
+sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschränkten
+zukünftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg über Cernavoda-Constanza
+in seine Hand bekommen würde. Geschah das, so beherrschte es die letzte
+und nächst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen
+Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natürlich die
+günstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung während des Krieges
+Zugeständnisse abzuringen. Andererseits bat die Türkei als zunächst
+berührt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Pläne.
+Wir gaben ihr diese Unterstützung. So brach ein politischer Kleinkrieg
+unter militärischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der
+Verlauf war kurz beschrieben folgender:
+
+Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bündnisvertrag stellte für
+einen rumänischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der
+im Jahre 1912 verlorenen Teile der südlichen Dobrudscha sowie dortige
+Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem
+Anheimfall dieser ganzen rumänischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund
+dieses Vertrages hatten wir die früheren bulgarischen Teile der südlichen
+Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumänischen Feldzuges
+sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung übergeben, richteten aber
+in der Mitteldobrudscha im Einverständnis mit allen unseren Verbündeten
+eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen
+Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschließlich zugunsten
+Bulgariens. Die nördliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort
+stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhältnisse schienen äußerlich
+völlig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht
+lange.
+
+Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpräsidenten
+hingeworfen. Noch vor Abschluß des rumänischen Feldzuges regte er bei
+seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an
+Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh
+dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung
+gegen uns. König Ferdinand war zunächst mit dem Vorgehen seiner Regierung
+nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch
+später nachgeben zu müssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste
+Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie
+fühlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und
+verschiedenen politischen Strömungen innerhalb ihres Heeres ein neues
+Element der Beunruhigung hineingeworfen würde. Bald leistete aber auch
+General Jekoff dem Drängen seines Ministerpräsidenten keinen weiteren
+Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen
+Regierung über den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches
+Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsächlich
+geführt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rücksicht auf das
+bestehende waffenbrüderliche Verhältnis. Die Verbissenheit, mit der
+bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heißhungers festhielten, hätte
+sich auf dem Gebiete der Kriegführung für die allgemeinen Zwecke besser
+gelohnt.
+
+In diesen Zuständen zeigten sich die Folgen einer schädlichen Seite
+unserer Bündnisverträge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluß unseres
+Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug
+auf Vergrößerung des Landes und Vereinigung seiner völkischen Stämme
+gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges hätten
+halten können. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht
+zufrieden. Fortdauernd vergrößerte es seine Ansprüche ganz ohne Rücksicht
+darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein würde, solche
+Vergrößerungen später politisch und wirtschaftlich beherrschen zu können.
+
+Solche Begehrlichkeiten enthielten für uns aber auch eine unmittelbare
+militärische Gefahr. Ich habe schon früher darauf hingewiesen, von welch
+großem militärischen Vorteil es gewesen wäre, wenn wir im Herbste 1916 die
+Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Flügel bis in
+die Gegend von Prilep zurückverlegt hätten. Nur eine Andeutung
+unsererseits in dieser Beziehung genügte, um in allen politischen
+bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken
+hervorzurufen. Man befürchtete sofort den Verlust der Ansprüche auf
+militärisch geräumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das
+Spiel, als daß man, wie es hieß, die Preisgabe "der altbulgarischen Stadt
+Ochrida" vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden später
+sehen, wohin uns unsere großen Zugeständnisse an Bulgarien noch führen
+sollten.
+
+Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen
+brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstärkte beträchtlich meine
+Abneigung gegen die Politik.
+
+Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bündnisvertrag mit Bulgarien
+hatte derjenige mit der Türkei. Deren Regierung gegenüber hatten wir uns
+nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege
+verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten
+Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren.
+Unsere Bündnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine
+bedenkliche Rückwirkung dieser mißlichen Verhältnisse auf die
+Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die türkische
+Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus
+politischen Gründen vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser
+Hinsicht war daher für uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der
+gemeinsamen Kriegführung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von
+größtem Wert. Auch die politische Auffassung der übrigen türkischen
+Machthaber schien uns einstweilen eine Gewähr dafür zu geben, daß die
+bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht übertrieben
+belasten würden. Wurde uns doch versichert, daß die osmanische Regierung
+sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den
+Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der
+Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit über große Teile der
+verlorenen Gebiete abfinden würde, sofern es gelingen solle, eine Formel
+zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden.
+
+Für unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche
+Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stützen; für Enver wie
+für Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und
+sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen
+Strömungen in der Türkei entgegenzutreten, die auf die militärischen
+Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges störend wirkten. Ich
+verweise hierbei auf meine früheren Bemerkungen über die panislamitische
+Bewegung. Sie drohte andauernd die Türkei militärisch in eine falsche
+Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rußlands suchte der
+Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja,
+er faßte darüber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Länder
+ins Auge und verlor sich schließlich in den weiten Räumen Zentralasiens
+mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und
+Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen.
+
+Daß wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere
+militärische Unterstützung nicht leihen konnten, daß wir vielmehr die
+Rückkehr aus diesen weitschweifenden Plänen auf den Boden der jetzigen
+kriegerischen Wirklichkeiten fordern mußten, war klar, das Bemühen aber
+leider nicht erfolgreich.
+
+
+
+Weit schwieriger als unser Einfluß auf die außenpolitischen Probleme der
+Türkei mußte natürlich unser Einfluß auf innere Verhältnisse dieses
+Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher
+Schritte nicht völlig entschlagen. Nicht nur die primitiven
+wirtschaftlichen Zustände gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein
+menschliche Empfindungen.
+
+Das überraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das
+Wiederaufflammen früheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete
+gleichzeitig die dunkelste Seite der türkischen Herrschaft: ich meine ihr
+Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische
+Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme für die Türkei in sich.
+Sie berührte sowohl den pantürkischen wie auch den panislamitischen
+Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer türkischer Seite zu lösen
+versucht wurde, hat die ganze Welt während des Krieges beschäftigt. Man
+hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen
+wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluß des
+Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fühle mich
+daher verpflichtet, sie hier zu berühren, und habe wahrlich keinen Grund,
+unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu übergehen. Wir haben nicht
+gezögert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluß auf die wilde,
+schrankenlose Art der Kriegführung auszuüben, die im Orient durch
+Rassenhaß und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir
+haben wohl zusagende Äußerungen maßgebender Stellen der türkischen
+Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu
+überwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So
+erklärte man beispielsweise von türkischer Seite die armenische Frage als
+lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns
+berührt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen
+Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Haß- und Racheakte.
+Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im
+politischen und religiösen Fanatismus, bildet eines der schwärzesten
+Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Völker.
+
+Die übereinstimmenden Urteile völkisch völlig neutraler Beobachter gingen
+dahin, daß die in ihren innersten Leidenschaften aufgewühlten Parteien bei
+der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl
+den sittlichen Begriffen, die bei Völkern jener Gebiete durch die noch
+herrschenden oder erst seit kurzem überwundenen Gesetze der Blutrache
+geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte
+angerichtet wurde, ist ganz unübersehbar. Er machte sich nicht allein auf
+menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und
+militärischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten türkischen
+Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter
+als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden
+Erschöpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die
+Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses
+Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte
+Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel
+erweitert. - Ob es das letzte gewesen ist?
+
+
+
+ Die Friedensfrage
+
+
+Mitten in den Vorbereitungen zum rumänischen Feldzug trat an mich die
+Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den
+österreichisch-ungarischen Außenminister Baron Burian ins Rollen gebracht.
+Daß ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen
+entgegenbrachte, bedarf für den Kenner meiner Person und meiner Auffassung
+vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im übrigen gab es für mich
+bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Rücksichten auf meinen Kaiser und
+mein Vaterland. Ich hielt es für meine Aufgabe, bei der Behandlung und
+versuchten Lösung des Friedensgedankens dafür zu sorgen, daß weder Heer
+noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte
+bei der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken;
+eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der
+Schwäche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks
+vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem
+Pflichtbewußtsein Gott und den Menschen gegenüber sich mein Allerhöchster
+Kriegsherr der Lösung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht,
+daß er ein völliges Scheitern dieses Schrittes für wahrscheinlich hielt.
+Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering.
+Unsere Gegner hatten sich förmlich in ihren Begehrlichkeiten überboten,
+und es schien mir ausgeschlossen, daß eine der feindlichen Regierungen von
+den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Völkern gemacht
+hatten, freiwillig zurücktreten könnte und würde. Durch diese Ansicht
+wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der
+Menschlichkeit nicht beeinträchtigt.
+
+Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum
+Frieden verkündet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den
+gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung.
+
+Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemühung des
+Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fuße. Die
+Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler über die Anregungen, die er
+durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen,
+unterrichtet. Ich selbst hielt den Präsidenten Wilson nicht geeignet für
+eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefühles nicht
+erwehren, daß der Präsident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und
+zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natürliche
+Folgeerscheinung seiner angelsächsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen
+meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht für
+parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der
+Neutralitätsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Verletzung
+des Völkerrechtes ging der Präsident gegen England mit allen möglichen
+Rücksichten vor. Er ließ sich hierbei die schroffsten Abweisungen
+gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur
+unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willküren war, zeigte Wilson die
+größte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen.
+Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen
+Anregung. Die Gegner äußerten sich Wilson gegenüber über Einzelheiten
+ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche
+und politische Lähmung Deutschlands, auf eine Zertrümmerung
+Österreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens
+hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig würdigte, mußte
+sich der Gedanke aufdrängen, daß die gegnerischen Kriegsziele nur bei
+einem völlig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, daß wir
+aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklären.
+Jedenfalls würde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge für ein
+Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen
+erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen
+gegenüber anders als völlig ablehnend verhalten hätte. Ich konnte bei der
+damaligen Kriegslage meiner Überzeugung und meinem Gewissen nach keinen
+anderen Frieden gut heißen als einen solchen, der unsere zukünftige
+Stellung in der Welt derartig festigte, daß wir gegen gleiche politische
+Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschützt
+blieben, und daß wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke
+Stütze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und
+geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war für mich als
+Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, daß es erreicht
+wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darüber hingeben zu brauchen,
+daß das deutsche Volk und seine Verbündeten die Kraft besitzen würden, die
+unerhörten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen
+in der Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat
+gegenüber den feindlichen Ansprüchen durchaus ablehnend. Auch kam weder
+von türkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung
+zur Nachgiebigkeit. Die Schwächeanwandlungen Österreich-Ungarns hielt ich
+für überwindbar. Hauptsache war, daß man sich dort andauernd das Schicksal
+vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen
+Anforderungen entgegenging, und daß man sich von dem Wahne freihielt, als
+ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln
+sei. Wir hatten mit Österreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung
+gemacht, daß es zu weit höheren Leistungen fähig war, als es selbst von
+sich glaubte. Die dortige Staatsleitung mußte sich nur einem unbedingten
+Zwange gegenübergestellt sehen, um dann auch größeres leisten zu können.
+Aus diesen Gründen war es meiner Ansicht nach verfehlt, Österreich-Ungarn
+gegenüber mit Trostsprüchen zu arbeiten. Solche stärken nicht und heben
+nicht das Vertrauen und die Entschlußkraft. Das gilt Politikern ebenso wie
+Soldaten gegenüber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht,
+da reißen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des
+Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schärfer empor, als es Worte des
+Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermögen.
+
+Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Präsidenten
+Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die
+ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklärung der
+Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage für
+Friedensbemühungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich
+auf die grundsätzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte
+beschränkte. Dieses Verhalten des Präsidenten erschütterte mein Vertrauen
+auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schönen
+Worten reichen Botschaft vergebens die Zurückweisung des Versuches unserer
+Gegner, uns als Menschen zweiter Kategorie zu erklären. Auch der Satz über
+die Herstellung eines einigen, unabhängigen und selbständigen Polens
+erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Österreich und
+gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf
+Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch
+für Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des
+Vermittlers Wilson gegen die Mittelmächte die Rede sein? Die Botschaft war
+für uns mehr eine Kriegserklärung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir
+uns erst einmal der Politik des Präsidenten an, so mußten wir auf eine
+abschüssige Bahn geraten, die uns schließlich zu einem Frieden des
+Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militärische
+Stellung zu führen drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, daß wir
+nach dem ersten zustimmenden Schritt allmählich politisch immer weiter in
+die Tiefe gedrückt und dann schließlich zur militärischen Kapitulation
+gezwungen würden.
+
+Durch Veröffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, daß
+Präsident Wilson unmittelbar nach Verkündigung der Senatsbotschaft vom
+22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine
+Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung
+überreichen ließ. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin
+eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit
+entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehört. Ob
+Irrtümer oder Verkettung von widrigen Verhältnissen Schuld daran waren,
+weiß ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende
+Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in
+Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschränkten
+Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, daß
+der Präsident hierüber durch Auffangen und Entzifferung unserer
+diesbezüglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von
+seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem Inhalt unserer
+übrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran
+anknüpfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres
+gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr
+aufgehalten durch unsere Erklärung vom 29. Januar, in der wir bereit
+waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemühungen
+des Präsidenten gelingen würde, eine Grundlage für Friedensverhandlungen
+zu sichern.
+
+Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestätigung
+meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten
+Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden.
+
+
+
+ Innere Politik
+
+
+Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner
+gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie
+mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu
+verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht
+kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte
+mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des
+Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen
+greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren
+Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren
+Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen Krieges
+waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit besonders
+zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks
+war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und
+Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich höher als
+kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für einen
+Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenüberzustellen
+wäre.
+
+Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner
+Führung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage
+rücksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir
+hätten an ihrem Beispiel lernen können. Leider haben wir es nicht getan,
+sondern sind einem Wahngebilde der Völkergerechtigkeit verfallen, anstatt
+das eigene Staatsgefühl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser
+Dasein über alles andere zu stellen.
+
+Während des Krieges mußte sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen
+innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete,
+beschäftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drängten sich, mehr
+als mir erwünscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer
+und Volkswirtschaft machten es uns unmöglich, die wirtschaftlichen
+Heimatfragen von der Kriegführung durch eine Grenzlinie ähnlich einer
+solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen.
+
+Das große Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trägt, vertrat ich mit
+der vollen Verantwortung für seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die
+ich für seine Bearbeitung gab, lautete dahin, daß der Bedarf für unsere
+kämpfenden Truppen unter allen Umständen gedeckt werden müßte. Einen
+anderen Grundsatz als diesen hätte ich im vorliegenden Falle für ein
+Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern
+Forderungen waren die Zahlen den früheren gegenüber freilich ins Riesige
+gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu
+beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es
+sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase
+täuschte sich vollständig über die Stimmung, unter deren Einfluß dieses
+Programm entstanden ist.
+
+An der Einbringung des Gesetzes über den Kriegshilfsdienst war ich mit
+ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach
+meinem Wunsche nicht nur alle waffenfähigen sondern auch alle
+arbeitsfähigen Männer, ja selbst Frauen, in den Dienst der großen Sache
+stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, daß durch ein solches Gesetz
+nicht nur personelle sondern auch sittliche Kräfte ausgelöst würden, die
+wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schließliche
+Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit
+bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser
+Enttäuschung bedauerte ich fast, daß wir unser Ziel nicht auf den schon
+bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer
+Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu
+einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes
+zu gestalten, hatte mich den Einfluß der bestehenden inneren politischen
+Verhältnisse übersehen lassen. Das Gesetz kam schließlich zustande auf dem
+Boden innerpolitischer Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender
+vaterländischer Stimmung.
+
+Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, daß sie durch das Gesetz
+über den "Vaterländischen Hilfsdienst" und durch die Forderungen des
+sogenannten "Hindenburg-Programms" in sozialer wie in finanzieller und
+wirtschaftlicher Beziehung zu überstürzenden Maßnahmen Anlaß gegeben
+hätte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar
+darüber hinaus noch deutlich verfolgen ließen. Ich muß der zukünftigen,
+von den gegenwärtigen Parteiströmungen befreiten Forschung zur
+Entscheidung überlassen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Auf einen
+Punkt möchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines für den Krieg
+geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres
+Kampfes außerordentlich fühlbar. Die Erfahrung zeigte, daß sich ein
+solcher während des Krieges nicht aus dem Boden stampfen läßt. So glänzend
+unsere militärische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung
+geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen.
+Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden
+mußte, überstieg alle früheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der
+nahezu völligen Absperrung von den Auslandslieferungen bei der langen
+Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und
+Schießbedarf vor völlig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden
+kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den
+entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs
+innigste berührten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen
+Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermaßen
+reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wäre es wohl gewesen, eine
+gemeinsame Zentralbehörde zu schaffen, bei der alle Forderungen
+zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine
+solche Behörde hätte wirtschaftlich und militärisch weitblickende
+Entscheidungen treffen können. Sie hätte unterstützt von
+volkswirtschaftlichen Größen, die imstande waren, die Folgen ihrer
+Entscheidungen weithin zu überblicken, im freien Geiste geleitet werden
+müssen. An einer solchen Behörde fehlte es. Es bedarf keiner näheren
+Erläuterungen, daß nur ein ungewöhnlich begabter Verstand und eine
+ungewöhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe hätte gewachsen
+sein können. Selbst bei Erfüllung aller dieser Vorbedingungen wären
+schwere Reibungen nicht ausgeblieben.
+
+So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in
+das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien
+Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner
+Natur meine Unterstützung. Besonders glaubte ich zur Frage der
+Kriegerheimstätten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu müssen. Meinen
+Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte
+ich doch keinen schöneren und befriedigerenden Blick als den über ein
+wohlgepflegtes Stück Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen.
+Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein
+Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefühlt haben. Mein Wunsch geht
+dahin, daß recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefährten nach allen
+Leiden und Mühen dieses Glück beschieden sei!
+
+
+
+
+ Vorbereitungen für das kommende Feldzugsjahr
+
+
+
+ Unsere Aufgaben
+
+
+Als sich das Ergebnis der Kämpfe des Jahres 1916 mit einiger Sicherheit
+überblicken ließ, mußten wir über die Weiterführung des Krieges im Jahre
+1917 ins klare kommen. Über das, was der Gegner im nächsten Jahre tun
+würde, war bei uns kein Zweifel. Wir mußten auf einen allgemeinen
+feindlichen Angriff rechnen, sobald die gegnerischen Vorbereitungen und
+die Witterungsverhältnisse einen solchen zuließen. Vorauszusehen war, daß
+unsere Feinde, gewitzigt durch die Erfahrungen der vorhergegangenen Jahre,
+eine Gleichzeitigkeit ihrer Angriffe auf allen Fronten anstreben würden,
+sofern wir ihnen hierzu die Zeit und Gelegenheit ließen.
+
+Nichts konnte näher liegen und unser aller Wünschen und Empfindungen mehr
+entsprechen, als diesem zu erwartenden Generalsturm zuvorzukommen, die
+gegnerischen Pläne dadurch über den Haufen zu werfen und damit von Anfang
+an die Vorhand an uns zu reißen. Ich darf wohl behaupten, daß ich in
+dieser Beziehung in den vorausgehenden Feldzugsjahren nichts versäumt
+hatte, sobald mir die Mittel hierfür in einem nur einigermaßen genügenden
+Ausmaß zur Verfügung standen. Jetzt aber durften wir uns über diesen
+Wünschen den Blick für die tatsächliche Lage nicht trüben lassen.
+
+Es bestand kein Zweifel, daß sich das Stärkeverhältnis zwischen uns und
+unseren Gegnern am Ende des Jahres 1916 noch mehr zu unseren Ungunsten
+verschoben hatte, als dies schon bei Beginn des Jahres der Fall gewesen
+war. Rumänien war zu unseren Gegnern getreten und trotz seiner schweren
+Niederlage ein Machtfaktor geblieben, mit dem wir weiter rechnen mußten.
+Das geschlagene Heer fand hinter den russischen Linien Schutz und Zeit für
+seinen Wiederaufbau und konnte dabei auf die Mitwirkung der Entente im
+weitesten Umfang rechnen.
+
+Es war ein Verhängnis für uns, daß es unserer Heeresführung während des
+ganzen Krieges nicht gelungen ist, auch nur einen unserer kleineren Gegner
+mit Ausnahme von Montenegro zum baldigen Ausscheiden aus der Zahl unserer
+Feinde zu zwingen. So war im Jahre 1914 die belgische Armee aus Antwerpen
+entkommen und stand uns, wenn auch im allgemeinen tatenlos, andauernd
+gegenüber, uns zu einem immerhin nicht unbedeutenden Kräfteverbrauch
+zwingend. Mit der serbischen Armee war es uns im Jahre 1915 nur scheinbar
+günstiger gegangen. Sie war unsern umfassenden Bewegungen entgangen,
+allerdings in einem trostlosen Zustande. Im Sommer 1916 erschien sie
+jedoch wieder kampfkräftig auf dem Kriegstheater in Mazedonien und erhielt
+zur Auffrischung ihrer Verbände andauernd Zuzug und Ersatz aus allen
+möglichen Ländern, zuletzt besonders auch durch österreichisch-ungarische
+Überläufer slawischer Nationalitäten.
+
+In allen drei Fällen, Belgien, Serbien und Rumänien, hatte das Schicksal
+der gegnerischen Armee an einem Haare gehangen. Die Gründe ihres
+Entrinnens mochten verschieden sein, die Wirkung war stets die gleiche.
+
+Man ist angesichts solcher Tatsachen nur zu leicht geneigt, dem Zufall im
+Kriege eine große Rolle zuzusprechen. Mit diesem Ausdruck würdigt man den
+Krieg aus seiner stolzen Höhe zu einem Glücksspiel herab. Als solches ist
+er mir niemals erschienen. Ich sah in seinem Verlauf und Ergebnis, auch
+wenn letzteres sich gegen uns wendete, immer und überall eine herbe
+Folgenreihe unerbittlicher Logik. Wer zugreift und zugreifen kann, hat den
+Erfolg auf seiner Seite, wer das unterläßt oder unterlassen muß, verliert.
+
+Für das Feldzugsjahr 1917 konnten wir darüber im Zweifel sein, ob die
+Hauptgefahr für uns aus West oder Ost kommen würde. Rein vom Standpunkte
+zahlenmäßiger Überlegenheit schien die Gefahr an der Ostfront größer. Wir
+mußten annehmen, daß es dem Russen im Winter 1916/17 ebenso wie in den
+Vorjahren gelingen würde, seine Verluste zu ersetzen und seine Armee mit
+Erfolg angriffsfähig zu machen. Keine Kunde drang zu uns, aus der
+besonders auffallende Zersetzungserscheinungen innerhalb des russischen
+Heeres hervorgegangen wäre. Die Erfahrung hatte mich übrigens gelehrt,
+derartige Nachrichten jederzeit und von wem sie auch kommen mochten, mit
+äußerster Vorsicht aufzunehmen.
+
+Dieser russischen Stärke gegenüber konnten wir die Verhältnisse in dem
+österreichisch-ungarischen Heere nicht ohne Sorge betrachten. Nachrichten,
+die uns zukamen, ließen die Zuversicht nicht recht aufkommen, daß der
+glückliche Ausgang des rumänischen Feldzuges und die verhältnismäßig
+günstige, wenn auch immer gespannte Lage an der italienischen Front auf
+den moralischen Halt der k. u. k. Truppen einen ausreichend erhebenden und
+stärkenden Einfluß ausgeübt hatten. Wir mußten weiterhin damit rechnen,
+daß Angriffe der Russen wieder Zusammenbrüche in den österreichischen
+Linien verursachen könnten. Es war sonach ausgeschlossen, den
+österreichischen Fronten die unmittelbare deutsche Unterstützung zu
+nehmen; wir mußten uns im Gegenteil bereithalten, bei gelegentlichen
+Notfällen an den Fronten des Verbündeten mit weiteren Kräften auszuhelfen.
+
+Wie sich die Verhältnisse an der mazedonischen Front gestalten würden, war
+ebenfalls unsicher. Dort hatte im Verlauf der letzten Kämpfe ein deutsches
+Heeresgruppenkommando die Führung der rechten und mittleren bulgarischen
+Armee, d. h. im allgemeinen die Front von Ochrida bis zum Doiran-See,
+übernommen; auch waren sonst noch aus den Kämpfen der Jahre 1915 und 1916
+her höhere deutsche Befehlshaber in dieser Front tätig geblieben. Andere
+unserer Offiziere waren ferner damit beschäftigt, die reichen
+Kriegserfahrungen auf allen unseren Fronten der bulgarischen Armee zu
+übermitteln. Das Ergebnis dieser Arbeit konnte sich aber erst beim
+Wiederaufleben der Kämpfe zeigen. Vorderhand schien es gut, unsere
+Hoffnungen nicht allzu hoch zu spannen. Unterstützungsbereit mußten wir
+jedenfalls auch für die mazedonische Front sein.
+
+Auch an unserer Westfront mußten wir damit rechnen, daß die Gegner im
+kommenden Frühjahr trotz ihrer zweifellos schweren Verluste des
+vergangenen Jahres mit voller Kraft wieder auf dem Kampfplatz erscheinen
+würden. Ich möchte den Ausdruck "volle Kraft" natürlich bedingt aufgefaßt
+wissen, denn die verlorene alte Kraft ersetzt sich im Verlauf weniger
+Monate wohl zahlenmäßig, aber nicht ihrem inneren Werte nach voll und
+ganz. Der Feind unterlag in dieser Richtung den gleichen harten Gesetzen
+wie auch wir.
+
+Das taktische Bild an den wichtigsten Teilen dieser Front war folgendes:
+Der Gegner hatte im zähesten, fünfmonatigen Ringen an der Somme unsere
+Linien in 40 km Breite und etwa 10 km Tiefe zurückgeworfen. Vergessen wir
+diese Zahlen für spätere Vergleiche nicht!
+
+Dieser Erfolg, der mit hunderttausenden von blutigen Opfern bezahlt war,
+war bei der Größe unserer Gesamtfront eigentlich gering. Die Einbiegung
+unserer Linien drückte aber auf unsere nach Nord und Süd anschließenden
+Nebenfronten. Die Lage forderte gebieterisch eine Verbesserung; wir liefen
+sonst Gefahr, aus diesem Bogen heraus durch erneute feindliche Angriffe,
+verbunden mit nördlich und südlich davon angesetzten Nebenangriffen,
+umfaßt zu werden. Ein eigener, umfassender Angriff gegen den
+eingebrochenen Feind war die nächstliegende, angesichts unserer Gesamtlage
+aber auch die bedenklichste Lösung. Durften wir es wagen, alle unsere
+Kraft zu einem großen Angriff in der mit feindlichen Truppen angefüllten
+Gegend an der Somme einzusetzen, während wir vielleicht an anderer Stelle
+der Westfront oder an der Ostfront einen Zusammenbruch erlebten? Es zeigte
+sich hier wieder einmal, daß unsere Kriegführung, wenn sie mit großen
+Plänen nach der einen Seite blickte, die Augen nach der anderen nicht
+verschließen durfte. Das Jahr 1916 redete in dieser Beziehung eine
+Sprache, die sich Gehör verschaffen mußte.
+
+Wenn wir nun die durch die Sommeschlacht entstandene Frontgestaltung durch
+einen Angriff nicht verbessern konnten, so mußten wir die Folgerungen
+daraus ziehen und unsere Linien zurücknehmen. Wir entschieden uns daher
+auch zu dieser Maßnahme und verlegten unsere Stellung, die bis Peronne
+eingedrückt war und andrerseits noch bis westlich Bapaume, Roye und Noyon
+vorsprang, in die Sehnenlinie Arras-St. Quentin-Soissons zurück. Diese
+neue Linie ist unter dem Namen Siegfriedstellung bekannt.
+
+Also Rückzug an der Westfront statt Angriff! Kein leichter Entschluß.
+Schwere Enttäuschung für das Westheer, vielleicht eine noch schwerere für
+die Heimat, die schwerste, wie zu befürchten, bei unseren Verbündeten.
+Heller Jubel bei unsern Gegnern! Kann man sich auch einen geeigneteren
+Stoff für Propaganda vorstellen? Glänzender, wenn auch spät sichtbarer
+Erfolg der blutigen Sommeschlacht, zusammengebrochener deutscher
+Widerstand, heftige unaufhörliche Verfolgungen mit großen Beutezahlen,
+Schauergeschichten über unsere Kriegführung. Man konnte das ganze
+Register, das aufgezogen werden würde, schon vorher hören. Welch ein Hagel
+propagandistischer Literatur wird nunmehr auf und hinter unseren Linien
+niederfallen!
+
+Unsere große Rückwärtsbewegung begann am 16. März 1917. Der Gegner folgte
+ihr ins freie Gelände zumeist mit gemessener Vorsicht. Wo diese Vorsicht
+sich zu größerem Drängen steigern wollte, verstanden es unsere
+Deckungstruppen, abkühlend auf den feindlichen Eifer zu wirken.
+
+Mit der getroffenen Maßnahme schufen wir uns nicht nur günstigere örtliche
+Kampfbedingungen an der Westfront sondern verbesserten auch unsere gesamte
+Kriegslage. Gab uns doch die Verkürzung der Verteidigungslinie im Westen
+die Möglichkeit zur Schaffung starker Reserven. Verlockend war der Plan,
+wenigstens einen Teil derselben auf den Feind zu werfen, wenn dieser
+unserem Rückzug in die Siegfriedstellung über das freie Gelände folgen
+würde, in dem wir uns ihm unbedingt überlegen fühlten. Wir verzichteten
+jedoch hierauf und hielten unser Pulver für die Zukunft trocken.
+
+Man kann die Lage, wie wir sie uns bis zum Frühjahr des Jahres 1917
+geschaffen hatten, vielleicht als eine große strategische Bereitstellung
+bezeichnen, in der wir dem Gegner einstweilen die Vorhand überließen, aus
+der heraus wir aber jederzeit imstande waren, gegen feindliche
+Schwächepunkte zum Angriff zu schreiten. Geschichtliche Vergleiche aus
+früheren Kriegen können bei der ungeheuer gesteigerten Größe aller
+Verhältnisse nicht gezogen werden.
+
+
+
+Im Zusammenhang mit diesen Ausführungen muß ich zwei Pläne besprechen, mit
+denen wir uns im Winter 1916/17 zu beschäftigen hatten. Es waren
+Vorschläge für einen Angriff sowohl in Italien als auch in Mazedonien. Die
+Anregung in der erstgenannten Richtung ging noch im Winter 1916/17 vom
+Generaloberst von Conrad aus. Er versprach sich von einem großen Erfolge
+gegen Italien eine weitgehende Einwirkung auf unsere gesamte kriegerische
+und politische Lage. Dieser Anschauung konnte ich mich nicht anschließen.
+Wie ich schon früher ausführte, vertrat ich dauernd die Anschauung, daß
+Italien viel zu sehr unter dem wirtschaftlichen und damit auch unter dem
+politischen Druck Englands stünde, als daß dieses Land, selbst durch eine
+große Niederlage, zu einem Sonderfrieden zu zwingen wäre. Generaloberst
+von Conrad dachte bei seinem Vorschlage wohl in erster Linie an die
+günstige Rückwirkung eines siegreichen Feldzuges gegen Italien auf die
+Stimmung in den österreichisch-ungarischen Ländern. Er hoffte auf die
+große militärische Entlastung, die mit einem solchen Erfolge für
+Österreich-Ungarn eintreten mußte. Diese Gesichtspunkte konnte ich ihm als
+wohlberechtigt durchaus nachempfinden. Allein ohne starke deutsche
+Unterstützung - es handelte sich um etwa 12 deutsche Divisionen - glaubte
+Generaloberst von Conrad nicht nochmals einen Angriff auf die Italiener
+aus Südtirol heraus unternehmen zu können. Demgegenüber glaubte ich es
+jedoch nicht verantworten zu können, so viele deutsche Truppen auf nicht
+absehbare Zeit in einem Unternehmen festzulegen, das nach meiner
+Anschauung zu weit von unseren allerwichtigsten und gefährlichsten Fronten
+in Ost und West ablag.
+
+Ähnlich verhielt es sich mit der Frage eines Angriffes auf die
+Ententetruppen in Mazedonien. Bulgarien liebäugelte mit diesem Plane, und
+von seinem Standpunkte aus natürlich mit vollster Berechtigung. Ein
+entscheidender Erfolg unsererseits hätte die Entente zur Räumung dieses
+Landes zwingen können. Bulgarien wäre dadurch militärisch und politisch
+nahezu völlig entlastet worden. Das Unternehmen hätte auch den lebhaften
+Wünschen des Landes und seiner Regierung entsprochen. Richtete man doch
+bulgarischerseits fortgesetzt begehrliche Augen auf den viel umstrittenen,
+schönen Hafen von Saloniki. Letzterer Gesichtspunkt machte freilich bei
+mir keinen Eindruck. Auch die militärische Entlastung Bulgariens hätte
+nach meiner damaligen Ansicht keinen Nutzen für unsere Gesamtlage
+bedeutet. Hätten wir die Ententekräfte zum Abzug aus Mazedonien gezwungen,
+so würden wir sie an unserer Westfront auf den Hals bekommen haben. Ob wir
+dagegen die dadurch frei werdenden bulgarischen Truppen irgendwo außerhalb
+des Balkans hätten einsetzen können, erschien mir mindestens fraglich.
+Hatte doch schon die Verwendung bulgarischer Divisionen außerhalb des
+unmittelbarsten bulgarischen Interessengebietes während des rumänischen
+Feldzuges nördlich der Donau zu nicht sehr erfreulichen Reibungen mit
+diesen Verbänden geführt. Nach meiner Anschauung verwertete sich also die
+bulgarische Kampfeskraft im gesamten Rahmen unserer Kriegführung am
+besten, wenn wir sie mit dem Festhalten der Ententetruppen in Mazedonien
+beschäftigten. Das schloß natürlich nicht aus, daß ich einen selbständigen
+Angriff der Bulgaren in Mazedonien jederzeit freudig begrüßt hätte. Das
+Ziel eines solchen hätte dann aber wohl wesentlich begrenzter gefaßt
+werden müssen, als es die Vertreibung der Entente aus dem Balkan oder die
+Eroberung von Saloniki bedeutete. An irgendwelche Angriffsunternehmungen
+glaubte indessen Bulgarien ohne sehr wesentliche deutsche Hilfe,
+allermindestens 6 Divisionen, nicht herangehen zu können, und wohl mit
+Recht.
+
+Nachrichten über die Entwicklung der politischen Verhältnisse in
+Griechenland klangen allerdings in der Zeit, in der die Frage eines
+Angriffs in Mazedonien an uns herantrat, also im Winter 1916/17, wie
+verführerische Lockrufe. Gegen solche Sirenenstimmen war ich aber völlig
+unempfindlich. Ich bezweifelte es, daß das Volk der Hellenen mit großer
+Begeisterung einen Kampf, ganz besonders aber einen solchen Schulter an
+Schulter mit den Bulgaren, ersehnte. Im großen und ganzen wäre es dabei um
+das gleiche Ziel gegangen wie 1913, und die beiden siegreichen Partner
+hätten sich auch diesmal wieder nach dem gemeinsamen Erfolge nicht
+poetisch in den Armen sondern prosaisch in den Haaren gelegen.
+
+
+
+Aus meinen vorstehenden Ausführungen dürfte mit aller Klarheit
+hervorgehen, daß die Anspannung der deutschen Kräfte durch die gesamte
+Lage eine so hohe war, daß wir sie nicht durch weitere, außerhalb
+unbedingtester kriegerischer und politischer Notwendigkeiten liegende
+Absichten noch mehr steigern durften. Selbst vortreffliche Pläne, die
+sichere Aussichten auf große kriegerische Erfolge boten, konnten uns nicht
+von der zunächst wichtigsten Kriegsaufgabe ablenken. Diese war der Kampf
+im Osten und Westen, und zwar auf beiden Fronten gegen erdrückende
+Überlegenheiten.
+
+Wenn ich mir aufgrund der inzwischen eingetretenen Folgen meiner im Jahre
+1917 ablehnenden Haltung gegen Operationen in Italien und Mazedonien heute
+nochmals die Frage vorlege, ob ich anders hätte entscheiden sollen und
+dürfen, so muß ich diese Frage auch jetzt noch verneinen. Ich glaube sagen
+zu können, daß der Gang der Ereignisse in Mitteleuropa späterhin unser
+Verhalten als das Richtige bestätigt hat. Wir konnten und durften nicht
+einen Zusammenbruch unserer West- oder Ostfront auf das Spiel setzen, um
+billige Lorbeeren in der oberitalienischen Tiefebene oder am Wardar zu
+pflücken.
+
+
+
+Die Türkei war für 1917 mit besonderen Weisungen von unserer Seite nicht
+zu versehen. Sie hatte ihren Landbesitz zu verteidigen und uns die ihr
+gegenüberstehenden Kräfte vom Leibe zu halten. Gelang ihr beides, so
+erfüllte sie durchaus ihre Aufgabe im Gesamtrahmen des Krieges.
+
+Um die hierfür nötigen Truppen kampfkräftig zu erhalten, hatten wir schon
+im Herbste 1916 bei der osmanischen Obersten Heeresleitung angeregt, sie
+möchte die Masse ihrer beiden kaukasischen Armeen aus dem entvölkerten und
+ausgesogenen armenischen Hochlande zurückziehen, um den Truppen die
+Überwinterung zu erleichtern. Der Befehl hierzu wurde zu spät erteilt.
+Infolgedessen erlagen ganze Truppenteile durch Hunger und Kälte dem
+vorausgesehenen Verderben. Kein Lied, kein Heldenbuch wird vielleicht ihr
+tragisches Ende je verkünden, so sei es an dieser bescheidenen Stelle
+getan.
+
+
+
+ Der Unterseebootkrieg
+
+
+Man denke an 70 Millionen Menschen, die im Halbhunger dahinleben, und an
+die Vielen unter ihnen, die langsam an seinen Wirkungen zugrunde gehen!
+Man denke an die vielen Säuglinge, die infolge Aushungerung der Mütter
+dahinsterben, und an die zahllosen Kinder, die zeitlebens siech und krank
+bleiben werden! Nicht im fernen Indien oder China, wo eine mitleidslose,
+kaltherzige Natur den segenspendenden Regen verweigert hat, sondern hier
+mitten in Europa, inmitten der Kultur und der Menschlichkeit! Ein
+Halbhunger, hervorgerufen durch den Machtspruch und durch die Gewalt von
+Menschen, die sich sonst mit ihrer Gesittung brüsten! Wo ist da Gesittung?
+Stehen sie als Menschen höher wie jene, die im armenischen Hochlande zum
+Grauen der ganzen zivilisierten Welt gegen Wehrlose wüteten und dafür vom
+Schicksal bestraft zu Tausenden einen elenden Tod fanden? Zu diesen
+hartgesinnten Anatoliern hat freilich kaum jemals ein anderer Geist als
+derjenige der Rache, sicherlich niemals derjenige der Nächstenliebe
+gesprochen.
+
+Wohin zielt denn der Machtspruch jener sonst so "Gesitteten"? Ihr Plan ist
+klar. Sie haben eingesehen, daß ihre Kriegskraft nicht ausreicht zur
+Erkämpfung ihres tyrannischen Willens, daß ihre Kriegskunst unfruchtbar
+bleibt gegenüber ihrem Gegner mit stählernen Nerven. Man zermürbe also
+dessen Nerven! Gelingt es nicht durch den Kampf Mann gegen Mann, so
+gelingt es vielleicht von rückwärts her auf dem Wege über die Heimat. Man
+lasse die Weiber und Kinder hungern! Das wirkt "so Gott will" auf den
+Gatten und Vater an der Kampffront ein, wenn auch nicht sofort, so doch
+allmählich! Vielleicht entschließen sich diese Gatten und Väter, die
+Waffen zu strecken, denn sonst droht in der Heimat der Tod von Weib und
+Kind, der Tod - der Gesittung. So denken Menschen und können dabei beten!
+
+"Der Gegner überschüttet uns mit amerikanischen Granaten, warum versenken
+wir nicht seine Transportschiffe? Haben wir denn nicht das Mittel dazu?
+Rechtsfragen? Wo und wann denkt denn der Gegner an Recht?" Das fragt der
+Soldat an unseren Fronten.
+
+Heimat und Heer wenden sich mit solchen und ähnlichen Ausführungen an ihre
+Führer, nicht erst seit dem 29. August 1916, sondern schon lange vorher.
+Der Wille, die ganze Schärfe des Unterseebootkrieges anzuwenden, um die
+Leiden der Heimat abzukürzen und das Heer in seinem ungeheueren Ringen zu
+entlasten, war schon vor meiner Übernahme der Obersten Heeresleitung
+vorhanden. In diesem mitleidlosen Kampfe gegen unsere wehrlose Heimat gilt
+nur "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Alles andere erscheint
+Erbarmungslosigkeit gegen das eigene Blut.
+
+Wenn wir aber auch die Waffe und den Willen hatten, sie einzusetzen, so
+durften doch nicht Folgen außer acht gelassen werden, die aus der
+rücksichtslosen Anwendung dieses vernichtenden Kampfmittels entspringen
+konnten. Werden Rücksichten gegen den kaltherzigen Feind verneint, so gibt
+es doch Rücksichten gegen bisher neutrale seefahrende Nationen. Die Heimat
+darf durch Anwendung der Waffe nicht in größere Gefahren und Sorgen
+gebracht werden, als die sind, aus denen man sie befreien will. Es
+schwankt also der Entschluß, ein begreifliches Schwanken, bei dem auch
+menschliche Gefühle mitreden!
+
+So finde ich die Lage bei meinem Erscheinen im Großen Hauptquartier.
+Vereint mit den schweren Krisen zu Lande eine schwere bedeutungsvolle
+Frage zu See. Nach dem ersten Anschein liegt die Entscheidung darüber bei
+der Reichsleitung und beim Admiralstabe; doch ist auch die Oberste
+Heeresleitung stark davon berührt. Ist es doch klar, daß wir aus allgemein
+militärischen Gründen die Führung des Unterseebootkrieges wünschen müssen.
+Die Vorteile, die wir hieraus für unsere Landkriegführung erwarten können,
+sind mit den Händen zu greifen. Schon dann, wenn auf gegnerischer Seite
+die Fertigung von Kriegsbedürfnissen oder deren Beförderung über See
+wesentlich eingeschränkt werden müßte, wäre das für uns eine große
+Erleichterung. Das gleiche gilt, wenn es gelänge, die gegnerischen
+überseeischen Operationen wenigstens teilweise zu unterbinden. Welch große
+Entlastung würde das nicht bloß für Bulgarien und die Türkei, sondern auch
+für uns bedeuten, ohne daß wir hierfür deutsches Blut opferten! In
+weiterer Ferne steht auch die Möglichkeit, den Ententeländern die
+Versorgung mit Rohprodukten und Lebensmitteln bis zu einem unerträglichen
+Maße zu erschweren oder wenigstens England vor die sein Geschick
+entscheidende Frage zu stellen: entweder uns die versöhnende Hand zu
+reichen oder seine Stellung in der Weltwirtschaft zu verlieren. So schien
+der Unterseebootkrieg geeignet, bestimmend auf den Gang des Krieges
+einzuwirken, ja er war am Beginn des Jahres 1917 das einzige Mittel, das
+wir noch für eine siegreiche Beendigung des Krieges neu einsetzen konnten,
+nachdem wir zum Weiterkämpfen gezwungen waren.
+
+In welchen Zusammenhang wir die Führung des Unterseebootkrieges zu der
+gesamten kriegerischen und politischen Lage brachten, ergibt sich aus
+einer Zuschrift vom Ende September 1916 unsererseits an die Reichsleitung.
+Diese Zuschrift sollte als Grundlage für eine Anweisung an unseren
+Botschafter in Washington dienen und lautete:
+
+ "Dem Grafen Bernstorff wird zu seiner persönlichen Unterweisung
+ mitgeteilt, daß die Absicht der Entente, die Ost- und Westfront zu
+ durchbrechen, bisher nicht gelungen ist und nicht gelingen wird,
+ ebensowenig wie ihre Offensivoperationen von Saloniki her und in der
+ Dobrudscha. Dagegen nehmen die Operationen der Mittelmächte gegen
+ Rumänien erfreulichen Fortgang. Ob es hier aber gelingen wird, schon in
+ diesem Jahre einen den Krieg beendenden Erfolg zu erringen, ist noch
+ zweifelhaft. Daher muß vorläufig mit längerer Kriegsdauer gerechnet
+ werden.
+
+ Demgegenüber verspricht sich die Kaiserliche Marine durch den
+ rücksichtslosen Einsatz der vermehrten Unterseeboote angesichts der
+ wirtschaftlichen Lage Englands einen schnellen Erfolg, der den
+ Hauptfeind, England, in wenigen Monaten dem Friedensgedanken geneigt
+ machen würde. Deshalb muß die Deutsche Oberste Heeresleitung den
+ rücksichtslosen Unterseebootkrieg in ihre Maßnahmen einbeziehen, unter
+ anderem auch, um die Lage an der Sommefront durch Verminderung der
+ Munitionszufuhr zu entlasten und der Entente das Vergebliche ihrer
+ Anstrengungen an dieser Stelle vor Augen zu führen. Schließlich können
+ wir nicht ruhig zusehen, wie England in der Erkenntnis der vielen
+ Schwierigkeiten, mit denen es zu rechnen hat, mit allen Mitteln die
+ neutralen Mächte bearbeitet, um seine militärische und wirtschaftliche
+ Lage zu unseren Ungunsten zu verbessern. Aus allen diesen Punkten müssen
+ wir die Freiheit unserer Handlungen, die wir in der Note vom 4. Mai uns
+ vorbehielten, wiedergewinnen.
+
+ Die Gesamtlage würde sich aber vollständig ändern, falls Präsident
+ Wilson, seinen angedeuteten Absichten folgend, den Mächten einen
+ Friedensvermittlungsantrag macht. Dieser müßte allerdings ohne bestimmte
+ Vorschläge territorialer Art gehalten sein, da diese Fragen Gegenstand
+ der Friedensverhandlungen seien. Eine diesbezügliche Aktion müsse aber
+ bald erfolgen. Wolle Wilson bis nach seiner Wahl oder bis kurz vor
+ derselben warten, so würde er zu einem solchen Schritte kaum mehr
+ Gelegenheit finden. Auch dürften die Verhandlungen nicht erst auf
+ Abschluß eines Waffenstillstandes abzielen, sondern müßten lediglich
+ unter den Kriegsparteien geführt werden und innerhalb kurzer Frist
+ unmittelbar den Präliminarfrieden bringen. Ein längeres Hinausziehen
+ würde die militärische Lage Deutschlands verschlechtern und auch weitere
+ Vorbereitungen der Mächte zur Fortsetzung des Krieges bis in das nächste
+ Jahr zur Folge haben, sodaß an einen Frieden in absehbarer Zeit dann
+ nicht mehr zu denken wäre.
+
+ Graf Bernstorff soll die Angelegenheit mit Colonel House - dem
+ Mittelsmann, durch welchen er mit dem Präsidenten verhandelt -
+ besprechen und die Absichten des Mr. Wilson in Erfahrung bringen. Eine
+ Friedensaktion des Präsidenten, die nach außen hin am besten spontan
+ erscheinen würde, würde bei uns ernsthaft in Erwägung gezogen werden,
+ und diese würde ja auch für die Wahlkampagne Wilsons schon einen Erfolg
+ bedeuten."
+
+Die schwierigste Frage ist und bleibt: "Innerhalb welcher Zeitspanne wird
+der Erfolg des Unterseebootkrieges erreicht werden können?" Der
+Admiralstab kann hierfür natürlich nur unbestimmte Angaben machen. Aber
+selbst seine, wie er sagt, auf vorsichtigster Berechnung aufgestellten
+Schätzungen sind so günstig für uns, daß ich grundsätzlich die Gefahr in
+den Kauf nehmen zu können glaube, uns mit der Anwendung des neuen
+Kampfmittels einen oder den anderen neuen Gegner auf den Hals zu ziehen.
+
+Mochte die Marine auch noch so sehr drängen, so verlangten doch politische
+und militärische Rücksichten eine Verzögerung des Beginns des
+uneingeschränkten Unterseebootkrieges über den Herbst 1916 hinaus. Wir
+durften in der damals so hochgespannten Kriegslage keine neuen Gegner auf
+uns ziehen. Wir mußten jedenfalls warten, bis wir einen günstigen Abschluß
+des rumänischen Feldzuges überblicken konnten. Gelang ein solcher, so
+verfügten wir über genügend Kräfte, um angrenzende neutrale Staaten von
+einem Eintritt in die Reihen unserer Gegner abhalten zu können, mochte
+England auch deren wirtschaftliche Bedrückung noch weiter steigern.
+
+Zu den Rücksichten aus militärischen Gründen treten solche aus
+politischen. Bevor sich unser Friedensschritt nicht als ein völliger
+Fehlschlag erwies, wollten wir an die verstärkte Anwendung der
+Unterseebootwaffe nicht denken.
+
+Als dann aber dieser Friedensschritt scheiterte, gab es für mich nur noch
+militärische Rücksichten. Die Entwicklung unserer Kriegslage, besonders in
+Rumänien, bis Ende Dezember gestattete nunmehr nach meiner Überzeugung die
+weitestgehende Anwendung der wirkungsvollen Waffe.
+
+Am 9. Januar 1917 gab unser Allerhöchster Kriegsherr gegen die Ansicht des
+Reichskanzlers von Bethmann auf Vorschlag des Admiralstabs und
+Generalstabs die bejahende Entscheidung. Wir waren uns alle nicht im
+Zweifel über die Schwere des Schrittes.
+
+Jedenfalls gab aber die Anwendung des Unterseebootkrieges mit seinen
+verlockenden Aussichten Heer und Heimat lange Zeit hindurch eine große
+moralische Stärkung für Fortführung des Landkrieges.
+
+Angesichts des für uns verhängnisvollen Ausgangs des Krieges hat man die
+Erklärung des uneingeschränkten Unterseebootkrieges für ein Vabanquespiel
+halten zu müssen geglaubt. Damit versuchte man diesen unseren Entschluß
+politisch und militärisch wie auch moralisch herabzuwürdigen. Man
+übersieht bei diesem Urteil, daß nahezu alle entscheidenden Entschlüsse,
+und zwar nicht nur diejenigen im Kriege, ein schweres Risiko in sich
+tragen, ja, daß die Größe einer Tat hauptsächlich darin liegt und daran zu
+messen ist, daß ein hoher Einsatz gewagt wird. Wenn ein Feldherr auf dem
+Schlachtfelde seine letzten Reserven in den Kampf schickt, so tut er
+nichts anderes, als was sein Vaterland mit Recht von ihm fordert: Er nimmt
+die volle Verantwortung auf sich und beweist den Mut zum letzten
+entscheidenden Schritt, ohne den der Sieg nicht zu erringen wäre. Ein
+Führer, der es nicht auf sich nehmen kann oder will, die letzte Kraft an
+den Erfolg zu setzen, ist ein Verbrecher an dem eigenen Volk. Mißlingt ihm
+der Schlag, dann freilich wird er von dem Fluch und dem Hohn der Schwachen
+und Feiglinge getroffen. Das ist nun einmal das Schicksal des Soldaten. Es
+würde jeder Größe entbehren, wenn es nur auf sicheren Berechnungen sich
+gründen ließe, und wenn die Erringung des Lorbeers nicht abhängig wäre von
+dem Mute der Verantwortung. Diesen Mut heranzubilden, war Ziel unserer
+deutschen militärischen Erziehung. Sie konnte dabei hinweisen auf die
+größten Vorbilder in der eigenen Geschichte sowie auf die mächtigsten
+Taten unserer gefährlichsten Gegner. Gab es einen kühneren Einsatz der
+letzten Kraft, als ihn der große König bei Leuthen wagte und damit das
+Vaterland und seine Zukunft rettete? Hat man nicht auch den Entschluß
+Napoleons I. als richtig anerkannt, als er bei Belle Alliance seine
+letzten Bataillone an die Entscheidung setzte, um dann freilich, wie
+Clausewitz sagt, arm wie ein Bettler vom Schlachtfeld zu verschwinden?
+Wäre nicht ein Blücher dem Korsen gegenüber gewesen, der Korse hätte
+gesiegt, und die Weltgeschichte wäre wohl einen anderen Weg gegangen. Und
+auf der anderen Seite der viel umjubelte Marschall Vorwärts; wagte er
+nicht auch in dieser Entscheidungsschlacht das Äußerste? Hören wir, was
+vor dem Kriege einer unserer heftigsten Gegner darüber sagte:
+
+ "Das schönste Manöver, das ich je auf Erden habe ausführen sehen, ist
+ die Tat des Greises Blücher, der zu Boden geworfen wurde, unter die Hufe
+ der Pferde geriet und sich aus dem Staube erhob, auf seine besiegten
+ Soldaten losstürmte, ihrer Flucht Einhalt gebot und sie von der
+ Niederlage bei Ligny dem Triumph von Waterloo entgegenführte."
+
+Ich möchte dieses Kapitel nicht schließen, ohne meine Zweifel der
+Behauptung gegenüber zu äußern, daß mit dem Eintritt Amerikas in die
+Reihen unserer Gegner unsere Sache endgültig verloren gewesen sei. Warten
+wir erst einmal den Einblick in die Krisen ab, in die wir durch unseren
+Unterseebootkrieg und durch unsere zeitweise großen Erfolge zu Lande vom
+Frühjahr 1917 ab unsere Gegner versetzten. Wir werden dann vielleicht
+erfahren, daß wir so manchmal nahe daran waren, den Siegerkranz an uns zu
+reißen, und wir werden auch vielleicht erkennen lernen, daß andere als
+militärische Gründe uns um ein erfolgreiches oder wenigstens erträgliches
+Kriegsende brachten.
+
+
+
+ Kreuznach
+
+
+Nach erfolgreicher Beendigung des rumänischen Feldzuges und der dadurch
+eingetretenen Entspannung der Ostlage mußte das Schwergewicht unserer
+demnächstigen Tätigkeit im Westen gesucht werden. Dort war jedenfalls ein
+frühzeitiger Beginn der Kämpfe im folgenden Feldzugsjahre zu erwarten. Wir
+wollten dem Schauplatz dieser Schlachten nahe sein. Von einem im Westen
+gelegenen Hauptquartier bot sich leichter und weniger zeitraubend die
+Möglichkeit, mit den Oberkommandos der Heeresgruppen und Armeen in
+unmittelbare persönliche Berührung zu treten. Dazu kam, daß Kaiser Karl
+einerseits in der Nähe der politischen Behörden seines Landes zu sein
+wünschte und andererseits auf den unmittelbaren persönlichen Verkehr mit
+seinem Generalstab nicht verzichten wollte. Das k. u. k.
+Armee-Oberkommando siedelte daher in den ersten Monaten des Jahres 1917
+nach Baden bei Wien über. Damit entfiel für Seine Majestät unseren Kaiser
+und für die Oberste Heeresleitung jeder Grund, weiterhin in Pleß zu
+bleiben. Wir verlegten im Februar das Hauptquartier nach Kreuznach.
+
+Beim Abschied von Pleß war es mir ein besonderes Bedürfnis, dem dortigen
+Fürsten und seiner Beamtenschaft für die große Gastfreundschaft zu danken,
+die uns in der Unterbringung aller Befehlsstellen und in unserm
+Privatleben erwiesen worden war. Ich selbst hatte obenein dankbar mancher
+herrlichen Pirschfahrt an ausnahmsweise dienstfreien Abenden sowohl im
+Plesser- wie auch im benachbarten Neudecker Revier zu gedenken.
+
+An die Gegend, in die wir nun kamen, knüpften sich für mich Erinnerungen
+aus meiner früheren Tätigkeit als Chef des Generalstabes in der
+Rheinprovinz. Auch die Stadt Kreuznach selbst war mir damals bekannt
+geworden. Ihre Einwohner wetteiferten jetzt in Beweisen rührender
+Freundlichkeit. Diese äußerte sich unter anderem auch darin, daß unser
+Heim und unser gemeinsamer Speiseraum täglich durch die Hände junger Damen
+mit frischen Blumen geschmückt wurden. Ich nahm all das als Zeichen der
+Huldigung an die Gesamtheit des Heeres entgegen, zu dessen ältesten
+Vertretern im Kriege ich gehörte.
+
+Kurz nach unserem Weggang von Pleß trat Generaloberst von Conrad von der
+Heeresleitung Österreich-Ungarns zurück, um den Oberbefehl an der Front
+Südtirols zu übernehmen. Die Ursache seines Abganges ist mir nicht bekannt
+geworden. Ich glaubte sie auf persönlichem Gebiete suchen zu müssen, da
+sachliche Gründe meines Erachtens nicht vorlagen. Ich bewahre ihm ein
+treues, kameradschaftliches Gedenken. Sein Nachfolger wurde General von
+Arz. Ein praktischer Kopf mit gesunden Anschauungen, ein trefflicher
+Soldat, also gleich seinem Vorgänger ein wertvoller Kampfgenosse! Er ging
+auf das Wesen der Dinge los und verachtete den Schein. Ich glaube, daß uns
+beiden die Abneigung gegen die Beschäftigung mit politischen Fragen
+gemeinsam war. Was unter den früher von mir berührten schwierigen
+Verhältnissen in der Donaumonarchie erreicht werden konnte, hat General
+von Arz nach meiner Überzeugung mit bewundernswürdiger Ausdauer geleistet.
+Er hat sich über die ganze Schwere seiner Aufgabe keinem Zweifel
+hingegeben. Um so mehr ist es anzuerkennen, daß er mit so mannhaftem
+Vertrauen an sie herantrat.
+
+Für mich persönlich brachte der Aufenthalt in Kreuznach Anfang Oktober die
+Feier meines 70jährigen Geburtstages.
+
+Seine Majestät mein Kaiser, König und Herr, hatte die große Gnade, mir als
+Erster an diesem Tage persönlich seine Glückwünsche in meinem Heim
+auszusprechen. Das war für mich die größte Weihe des Tages!
+
+Auf dem Wege zu unserem Dienstgebäude begrüßte mich später in der
+strahlenden Herbstsonne die Kreuznacher Jugend; vor dem Eingang zur
+gemeinsamen Arbeitsstätte erwarteten mich meine Mitarbeiter, im
+anschließenden Garten Vertreter der Stadt und Umgegend, junge Soldaten,
+verwundet und krank, Erholung suchend in den Heilstätten des Badeortes,
+daneben alte Veteranen, Mitkämpfer aus längst vergangener Zeit.
+
+Das Ende des Tages brachte ein kleines kriegerisches Zwischenspiel. Aus
+einer mir nie bekannt gewordenen Ursache hatte sich das Gerücht von der
+Wahrscheinlichkeit eines großen feindlichen Fliegerangriffes auf unser
+Großes Hauptquartier für den heutigen Tag verbreitet. Möglich auch, daß
+das eine oder andere Flugzeug des Gegners, wie so oft, an diesem Abend den
+Weg von der Saar- zur Rheinlinie oder zurück längs der Nahe suchte. Kein
+Wunder, wenn die Phantasien lebhafter arbeiteten als sonst, und wenn in
+der Nacht zwischen der Erde und dem strahlenden Mond mehr gesehen und
+gehört wurde, als tatsächlich vorhanden war. Kurzum, gegen Mitternacht
+eröffneten unsere Flugabwehrgeschütze ein heftiges Dauerfeuer. Dank der
+hohen Feuergeschwindigkeit erschöpfte sich rasch die vorhandene Munition,
+und ich konnte ruhig einschlafen in dem Gedanken, nun nicht weiter gestört
+zu werden. Beim Vortrag des folgenden Tages zeigte mir der Kaiser eine
+große Schale, angefüllt mit Sprengstücken deutscher Geschosse, die in dem
+Garten seines Quartiers gesammelt worden waren. In einer gewissen Gefahr
+hatten wir also doch geschwebt.
+
+Ein Teil der Kreuznacher hatte übrigens die nächtliche Schießerei für den
+militärischen Abschluß meines Geburtstagsfestes gehalten.
+
+
+
+
+ Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917
+
+
+
+ Im Westen
+
+
+Mit größter Spannung sahen wir vom Eintritt der besseren Jahreszeit ab dem
+Beginn des erwarteten allgemeinen gegnerischen Angriffes im Westen
+entgegen. Wir hatten uns durch die Neugruppierung unserer Kräfte auf ihn
+strategisch vorbereitet, aber wir hatten im Laufe des Winters auch in
+taktischer Beziehung alle Maßnahmen getroffen, dieser jedenfalls größten
+aller bisherigen feindlichen Kraftanstrengungen zu begegnen.
+
+Zu diesen Maßnahmen gehörten nicht in letzter Linie die Änderungen unseres
+bisherigen Verteidigungsverfahrens. Sie wurden von uns auf Grund der
+Erfahrungen in den bisherigen Kämpfen verfügt. Nicht mehr aus einzelnen
+Linien und Stützpunkten sondern aus Liniensystemen und Stützpunktgruppen
+sollten in Zukunft unsere Verteidigungsanlagen bestehen. In den dadurch
+gebildeten tiefen Zonen wollten wir die Truppen nicht in
+zusammenhängenden, starren Fronten, sondern in reicher Gruppierung und
+Gliederung nach der Breite und Tiefe aufbauen. Der Verteidiger hatte seine
+Kräfte beweglich zu halten, um der vernichtenden feindlichen Wirkung
+während des Vorbereitungskampfes auszuweichen, hier und dort unhaltbar
+gewordene Stellungsteile freiwillig preiszugeben und dann im Gegenstoß das
+wieder zu gewinnen, was zur Behauptung der allgemeinen Stellung nötig war.
+Diese Grundsätze galten im Kleinen wie im Großen.
+
+Der verheerenden Wirkung der feindlichen Artillerie und Minenwerfer und
+den überraschenden gegnerischen Anstürmen setzten wir also eine Vermehrung
+und reichere Gliederung unserer Verteidigungsanlagen und die Beweglichkeit
+unserer Kampfmittel entgegen. Gleichzeitig wurde der Grundsatz
+verwirklicht, in den vorderen Widerstandslinien durch Erhöhung der Zahl
+der Maschinengewehre Menschenkräfte zu schonen und damit solche zu sparen.
+
+Mit dieser tiefgreifenden Änderung unseres Verteidigungsverfahrens nahmen
+wir ohne Zweifel ein Wagnis auf uns. Dies bestand in erster Linie darin,
+daß wir mitten im Kriege den Bruch mit taktischen Gewohnheiten und
+Erfahrungen forderten, in die sich die untere Führung und die Truppe
+eingelebt hatten, und die sie vielfach mit begreiflichen Vorurteilen
+schätzten. Der Übergang von einer taktischen Anschauung in eine andere
+bedeutet schon im Frieden eine gewisse Krisis. Er bringt auf der einen
+Seite Übertreibungen im Neuen, auf der anderen schwer belehrbares
+Festhalten am Alten mit sich. Mißverständnisse drängen sich in den
+klarsten Wortlaut der Vorschriften ein; selbständige und willkürliche
+Auslegungen feiern Orgien; das Trägheitsmoment im menschlichen Denken und
+Handeln wird manchmal nicht ohne kräftigsten Antrieb überwunden.
+
+Aber nicht nur aus diesen Gründen bedeuteten unsere taktischen Änderungen
+einen gewagten Schritt. Fast noch schwerer war es, die Frage zu bejahen,
+ob denn unser Heer mitten im Kriege in seiner jetzigen Verfassung imstande
+sein würde, diese Änderungen in sich aufzunehmen und auf die Wirklichkeit
+des Schlachtfeldes zu übertragen. Wir konnten uns nicht im Zweifel darüber
+sein, daß das Kriegsinstrument, mit dem wir jetzt zu arbeiten hatten, mit
+demjenigen der Jahre 1914 und 1915, ja selbst mit demjenigen des Beginnes
+von 1916 kaum noch zu vergleichen war. Eine Unsumme herrlichster Kraft lag
+in unseren Ehrenfriedhöfen gebettet oder war mit zertrümmerten Gliedern
+oder krankem Körper an die Heimat gebannt. Ein stolzer Kern unserer
+Soldaten vom Jahre 1914 war freilich auch heute noch vorhanden, und an ihn
+schloß sich viel junge, begeisterungsfähige Kraft und opferfreudiger
+Wille. Aber das allein macht die Stärke eines Heeres nicht aus; Kraft und
+Wille müssen geschult und durch Erfahrungen geläutert werden. Ein Heer mit
+dem sittlichen und geistigen Reichtum, mit der machtvollen geschichtlichen
+Überlieferung wie das deutsche von 1914 überdauert zwar in seinem inneren
+Werte manche Kriegsjahre, wenn ihm nur die Zufuhr frischer körperlicher
+und sittlicher Kräfte aus der Heimat erhalten bleibt. Der Gesamtwert
+jedoch wird, ja er muß nach dem natürlichen Lauf der Dinge sinken, wenn
+auch sein Verhältniswert jedem Feinde gegenüber, der gleich lang im Felde
+steht, in voller Höhe und Überlegenheit erhalten bleibt.
+
+Unser neues Verteidigungsverfahren stellte an die moralische Kraft und an
+das Können der Truppe hohe Anforderungen, indem es den festen äußeren
+Zusammenhalt der Verteidigung lockerte und damit die Selbständigkeit
+kleinster Teile zum höchsten Grundsatz erhob. Der taktische Zusammenhang
+war nicht mehr in äußerlich sichtbaren Linien und Gruppen gegeben, sondern
+im geistigen Bande taktischen Zusammengreifens. Es liegt keine
+Übertreibung darin, wenn ich sage, daß unter den vorliegenden
+Verhältnissen in dem Übergang zu diesen neuen Grundsätzen die größte
+Vertrauenskundgebung lag, die wir der geistigen und sittlichen Kraft
+unseres Heeres, und zwar all seiner Teile, aussprechen konnten. Schon die
+nächste Zukunft mußte den Beweis liefern, ob dieses Vertrauen
+gerechtfertigt war.
+
+
+
+Das erste Unwetter im Westen bricht nach begonnenem Frühjahr los. Am
+9. April gibt der englische Angriff bei Arras den Auftakt zur großen,
+feindlichen Frühjahrsoffensive. Der Angriff wird tagelang vorbereitet mit
+der ganzen brutalen Wucht feindlicher Artillerie- und Minenwerfer-Massen,
+nichts von Überraschungstaktik im Sinne Nivelles vom Oktober des
+vergangenen Jahres. Traut man diesem Verfahren von englischer Seite nicht,
+oder fühlt man sich taktisch hierfür zu ungewandt? Der Grund ist für den
+Augenblick gleichgültig, die Tatsache genügt und redet eine furchtbare
+Sprache. Der englische Angriff braust über die ersten, zweiten, dritten
+Gräben hinweg. Stützpunktgruppen versagen oder verstummen nach
+heldenmütigem Widerstand; Artillerie geht in Masse verloren. Das
+Verteidigungsverfahren hatte scheinbar versagt!
+
+Eine schwere Krise tritt ein. Eine jener Lagen, in der alles haltlos
+geworden zu sein scheint. "Krisen muß man vermeiden", ruft der Laie. Der
+Soldat kann ihm nur antworten: "Dann verzichten wir besser von vornherein
+auf den Krieg, denn sie sind unvermeidlich. Sie liegen einfach in der
+Natur des Krieges und kennzeichnen ihn als das Gebiet des Ungewissen und
+der Gefahr. Nicht Krisen zu vermeiden sondern sie zu überwinden, ist
+Aufgabe der Kriegskunst. Wer schon vor ihrem Drohen zurückschrecken
+wollte, bindet sich selbst die Hände, wird ein Spielball des kühneren
+Gegners und geht bald in einer Krisis zu Grunde."
+
+Ich will hiermit nicht behaupten, daß die Krisis am 9. April nach all den
+Vorbereitungen, die man zu treffen imstande gewesen wäre, nicht hätte
+vermieden werden können. Sie brauchte wenigstens nicht in dieser
+furchtbaren Größe einzutreten, wenn man mit rechtzeitig herangeholten
+Reserven im Gegenstoß dem feindlichen Einbruch entgegenging. Mit schweren
+örtlichen Erschütterungen der Verteidigung wird man freilich bei solch
+höllischer Vorbereitung des Angriffs immer rechnen müssen.
+
+Der abendliche Vortrag entwirft an diesem 9. April ein düsteres Bild, viel
+Schatten, wenig Licht. Doch man muß in solchen Fällen nach Licht suchen.
+Ein Strahl, wenn auch noch in unsicheren Umrissen, deutet sich an. Der
+Engländer scheint es nicht verstanden zu haben, den errungenen Erfolg bis
+zu seinem letztmöglichen Ergebnis auszunützen. Ein Glück für uns, jetzt,
+wie schon manchmal vorher. Nach dem Vortrag drücke ich meinem Ersten
+Generalquartiermeister die Hand mit den Worten: "Nun, wir haben schon
+Schwereres miteinander durchgemacht als heute." Heute, an seinem
+Geburtstage! Mein Vertrauen bleibt unerschüttert. Ich wußte, neue Truppen
+von uns marschieren auf das Schlachtfeld, Eisenbahnzüge rollen heran. Die
+Krisis wird überwunden. In mir selbst wenigstens war sie zu Ende. Der
+Kampf aber tobte weiter.
+
+Ein anderes Schlachtbild: Auch bei Soissons und von da ab weit hin nach
+Osten bis in die Gegend von Reims donnern gleichfalls von der ersten
+Aprilwoche ab die französischen Kanonen; viele hundert feindliche
+Minenwerfer schleudern dort ihre Geschosse. Hier befehligt Nivelle, wohl
+dank seines berechtigten Ruhmes von Verdun. Auch er hat aus seinen letzten
+Erfahrungen bei Verdun nicht die taktischen Folgerungen gezogen, die wir
+erwarteten. Tage-, ja eine Woche lang wütet das französische Feuer. Unsere
+Verteidigungszonen sollen in ein Trümmer- und Leichenfeld verwandelt, was
+vielleicht noch zufällig der körperlichen Zerstörung entgeht, soll
+wenigstens seelisch gebrochen werden. In dieser furchtbaren Esse scheint
+die Erreichung solcher Absicht außer Zweifel zu stehen. Endlich hält
+Nivelle unsere Truppen für vernichtet oder wenigstens hinreichend
+zermürbt. Er läßt seine siegessicheren Bataillone am 16. April zum Sturme,
+wir wollen besser sagen, zur Ernte der in der Feuerglut gereiften Früchte
+antreten. Da geschieht das Unbegreifliche. Zwischen den Trümmern und
+Trichtern erhebt sich deutsches Leben, deutsche Kraft und deutscher Wille
+und schleudert sein Verderben in die stürmenden Linien und die ihnen
+folgenden, in unserem losbrechenden Feuer wirbelnden und sich
+zusammenballenden Haufen. Wohl wird der deutsche Widerstand an den am
+schwersten erschütterten Stellen niedergetreten, aber was bedeutet in
+diesem Riesenkampfe ein Verlust von einzelnen Stellungsteilen gegenüber
+der siegreichen Behauptung der allgemeinen Front?
+
+Die Schlacht zeigt schon in den ersten Tagen eine ausgesprochene
+französische Niederlage. Der blutige Rückschlag wirft die französische
+Führung und Truppe in bitterste, ja verbitterte Enttäuschung.
+
+Der Kampf bei Arras, bei Soissons und bei Reims tobt noch wochenlang. Er
+bringt nur einen einzigen taktischen Unterschied gegenüber dem Ringen an
+der Somme im vergangenen Jahre, und den möchte ich zu erwähnen nicht
+vergessen: der Gegner erringt nämlich über die ersten Tage hinaus nirgends
+mehr einen nennenswerten Erfolg, und schon nach wenigen Wochen sinkt er
+auf seinen Angriffsfeldern erschöpft in den Stellungskrieg zurück. Unser
+Abwehrverfahren hat sich also doch noch glänzend bewährt!
+
+Und nun noch ein drittes Bild: Die Szenen spielen sich ab auf den Höhen
+von Wytschaete und Messines, nordwestlich Lille, angesichts des Kemmel. Es
+ist der 7. Juni. Also ein Zeitpunkt, an dem das Scheitern der vorher
+erwähnten Kämpfe schon zweifelsfrei feststeht. Die Lage auf den
+Wytschaeter Höhen, dem Schlüsselpunkt des dortigen Stellungsbogens, ist
+wenig günstig für neuzeitliche Verteidigung. Der verhältnismäßig schmale
+Rücken gestattet nicht die Anwendung einer genügend tiefen Zone. Das
+vorderste Grabensystem liegt auf den Westhängen und bietet feindlicher
+Artillerie treffliche Ziele. Das feuchte Erdreich rutscht im Sommer und
+Winter, der Boden ist vielfach vom Minenkrieg zerwühlt, einer Kampfart,
+die früher gerade hier um den Besitz der wichtigsten Stellungsteile mit
+äußerster Erbitterung angewendet worden war. Doch hört man seit langem
+nichts mehr von unterirdischem Wühlen. Nicht nur von Westen, sondern auch
+von Süd und Nord her ist die Verteidigung auf den Höhen bei St. Eloi sowie
+an den beiden Eckpfeilern Wytschaete und Messines durch die gegnerische
+Artillerie zu fassen.
+
+Der Engländer bereitet seinen Angriff in gewohnter Weise vor. Der
+Verteidiger leidet schwer, schwerer als nur irgendwo bisher. Auf unsere
+besorgte Frage, ob die Höhen nicht besser freiwillig geräumt würden,
+erfolgt die mannhafte Antwort: "Wir werden halten, noch stehen wir fest!"
+Als aber der verhängnisvolle 7. Juni anbricht, erhebt sich der Boden unter
+den Verteidigungslinien, ihre wichtigsten Stützteile brechen zusammen und
+durch den Rauch und die niederstürzenden Erdmassen der gesprengten
+Minenreihen schreiten die englischen Sturmtruppen über die letzten Reste
+deutscher Verteidigungskraft hinweg. Krampfhafte Versuche unsererseits,
+die Lage durch Gegenstoß zu retten, scheitern an dem mörderischen
+feindlichen Artilleriefeuer, das aus weitem Bogen das Rückengebiet der
+verlorenen Stellungen in einen wahren Feuerkessel verwandelt. Trotzdem
+gelingt es auch hier, den Gegner vor vollendetem Durchbruch unserer Linien
+zum Halten zu bringen. Unsere Verluste an Menschen wie Kriegsgerät sind
+schwer; die Preisgabe des Geländes wäre zu verschmerzen gewesen.
+
+Das bisherige Gesamtergebnis der großen feindlichen Offensive im Westen
+war nach meinem Urteil für uns nicht unbefriedigend. Geschlagen waren wir
+nirgends. Selbst die bedenklichsten Gefahren hatten wir aufgefangen.
+Nirgends war es dem Feinde gelungen, über einen mäßigen Geländegewinn
+hinaus größere Ziele zu erreichen, geschweige denn aus der
+Durchbruchsschlacht zur freien Operation übergehen zu können. Die
+Auswertung dieser unserer Erfolge im Westen sollte auch diesmal an anderen
+Fronten stattfinden.
+
+
+
+ Im nahen und fernen Orient
+
+
+Noch bevor der wilde Tanz an unserer Westfront begann, erneuerte Sarrail
+seine Angriffe in Mazedonien mit dem Schwergewicht bei Monastir. Auch
+diese Ereignisse zogen unsere volle Aufmerksamkeit auf sich. Waren doch
+die Ziele des Gegners auch hier sehr weitgesteckt. Gleichzeitig mit diesem
+Ansturm gegen die bulgarische Front veranlaßte der Feind einen Aufstand in
+Serbien, hierdurch unsere Verbindungen auf der Balkanhalbinsel gefährdend.
+Der Aufstand wurde indessen an der bedrohlichsten Stelle, nämlich bei
+Nisch, niedergeschlagen, ehe er die besonders von den bulgarischen
+Regierungskreisen befürchtete Ausdehnung über ganz Altserbien annahm.
+
+Die Schlacht an der mazedonischen Front wurde mit großer Erbitterung
+geführt. Der bulgarischen Armee gelang es, ohne daß wir ihr weitere
+deutsche Unterstützung zusenden mußten, ihre Stellungen nahezu restlos zu
+behaupten. Ein uns sehr befriedigendes Ergebnis! Unser Verbündeter hatte
+sich sehr gut geschlagen. Er erkannte damals rückhaltslos an, daß sich die
+deutsche Arbeit in seinen Kampfreihen bestens bewährt hatte. Ich gewann
+daraus die Überzeugung, daß die bulgarische Armee ihrer Aufgabe auch
+weiterhin gewachsen sei. Dies bestätigte sich bei Erneuerung der Angriffe
+der Entente im Mai. Auch diesmal wurden deren Anstürme in ihrer Ausdehnung
+von Monastir bis zum Doiran-See völlig zum Scheitern gebracht.
+
+
+
+Im armenischen Hochlande war es still geblieben. Gelegentliche kleinere
+Zusammenstöße im Winter schienen mehr durch Beutezüge als durch das
+Erwachen der Kampflust auf einer der beiden Seiten veranlaßt worden zu
+sein. Der Russe hatte unter dem Einfluß der auch bei ihm bestehenden
+ungeheuren Nachschubschwierigkeiten die Masse seiner Truppen aus den
+wildesten und verödetsten Hochgebirgsteilen in bessere Verpflegungsgebiete
+des Landesinnern zurückgezogen. Die völlige Erstarrung der russischen
+Kampflust war aber überraschend. Wir erhielten von türkischer Seite keine
+Nachricht, die uns die Gründe hierfür hätte erkennen lassen.
+
+Im Irak griff der Engländer im Februar an und kam schon am 11. März in den
+Besitz von Bagdad. Diesen Erfolg verdankte er einer geschickten Umgehung
+der starken türkischen Front.
+
+In Südpalästina, bei Gaza, brach dagegen der englische Angriff, mit
+erdrückender Überlegenheit aber rein frontal und mit geringem taktischen
+Geschick geführt, vor den türkischen Linien vollständig zusammen. Nur das
+Versagen einer zum umfassenden Gegenstoß angesetzten türkischen Kolonne
+rettete hier England vor einer vernichtenden Niederlage.
+
+Die Rückwirkung dieser Ereignisse in Asien auf unsere gesamte Kriegslage
+werde ich noch zu besprechen haben.
+
+
+
+ An der Ostfront
+
+
+Noch bevor Franzosen und Engländer im Westen zum allgemeinen Angriff
+antraten, erbebte die russische Front in ihren Grundfesten. Unter unseren
+bisherigen wuchtigen Schlägen hatte das Gefüge des russischen Staates sich
+zu lockern begonnen.
+
+Wie ein Alpdruck hatte der plumpe russische Koloß bisher auf der ganzen
+europäischen und asiatischen Welt gelastet. Nun begann es, sich innerhalb
+seiner Masse zu dehnen und zu recken. Tiefgreifende Risse traten an die
+Oberfläche und durch die entstandenen Spalten gewann man bald Einblick in
+die Glut politischer Leidenschaften und in das Getriebe teuflisch roher
+Kräfte. Das Zarentum stürzt! Wird sich eine neue Macht finden, die diese
+politischen Leidenschaften im Eishauch sibirischer Gefängnisse wieder zur
+Erstarrung bringt und die wilden Gewalten wieder unter Gräberhügeln
+erdrückt?
+
+Rußland in Revolution! Wie oft hatten uns wirkliche oder sogenannte Kenner
+des Landes das Nahen dieses Ereignisses verkündet. Ich hatte den Glauben
+daran verloren. Nun da es eintrat, löste es in mir keineswegs Gefühle
+politischer Genugtuung, wohl aber solche kriegerischer Erleichterung aus.
+Auch diese letzteren traten erst langsam in Geltung. Ich fragte mich: war
+der Sturz des Zaren ein Sieg der Kriegs- oder der Friedensströmung? Hatten
+die Totengräber des bisherigen Zarentums nur gearbeitet, um mit dem
+letzten Träger der Krone den uns bekannten Friedenswillen hoher russischer
+Kreise und die Friedenssehnsucht breiter Massen zum Falle zu bringen?
+
+Solange das Verhalten des russischen Heeres auf diese Frage keine klare
+Antwort gab, war und blieb unsere Lage Rußland gegenüber unsicher. Der
+Zersetzungsprozeß hatte im russischen Staat zweifellos eingesetzt. Kam es
+nicht bald zur Errichtung einer Diktatur mit gleich rücksichtsloser Gewalt
+wie die eben gestürzte, so schritt diese Zersetzung weiter, wenn auch in
+dem großen schweren russischen Koloß mit seinen plumpen Lebensäußerungen
+vielleicht langsamer als sonstwo. Unser Plan ist von Anfang an, diesen
+Gang der Ereignisse nicht zu stören, wir müssen nur auf der Hut sein, daß
+er uns nicht stört: ja vielleicht zerstört. Man muß in dieser Lage an die
+Lehren der Kanonade von Valmy denken, die mehr als hundert Jahre früher
+die aufgewühlten und zerrissenen französischen Volkskräfte wieder
+zusammenschweißte und den Antrieb gab zu jener großen blutroten Flut, die
+ganz Europa überschwemmte. Freilich, das Rußland des Jahres 1917 verfügt
+nicht mehr über die großen, unverbrauchten Menschenmassen des damaligen
+Frankreichs. Des Zarenreiches beste und tauglichste Kräfte stehen an der
+Front oder liegen in Massengräbern vor und hinter unseren Linien.
+
+Der Verzicht, der mir persönlich durch ruhiges Warten angesichts der
+beginnenden russischen Zersetzung auferlegt wird, ist groß. Kann ich mich
+jetzt aus politischen Gründen mit einer Offensive an der Ostfront nicht
+befreunden, so drängt das soldatische Empfinden zu einem Angriff im
+Westen. Ich denke an das Stocken des englischen Angriffs bei Arras, an die
+schwere Niederlage Frankreichs zwischen Soissons und Reims. Gibt es einen
+näher liegenden Gedanken als den, alle brauchbaren Kampftruppen vom Osten
+nach dem Westen zu werfen und dort zum Angriff vorzugehen? Noch ist
+Amerika weit weg. Mag es kommen, nachdem auch Frankreichs Kräfte gebrochen
+sind. Dann kommt es zu spät!
+
+Die ihr drohende schwere Gefahr erkennt aber auch die Entente, und sie
+arbeitet mit allen Mitteln, um den Zusammenbruch der russischen Macht und
+damit eine weitgehende Entlastung unserer Ostfront zu verhindern. Rußland
+muß aushalten, wenigstens bis Amerikas neugebildete Armeen den
+französischen Boden betreten können, sonst scheint die kriegerische und
+moralische Niederlage Frankreichs sicher. Also schafft die Entente
+Politiker, Agitatoren, Offiziere nach Rußland, um die dortige zerwühlte
+und rissige Front zu stützen; sie vergißt auch nicht diesen Missionen Geld
+mitzugeben, das an manchen Stellen Rußlands kräftiger wirkt als politische
+Gründe.
+
+Durch diese Gegenwirkung werden uns auch diesmal die größten
+Siegesaussichten geraubt. Die russische Front wird gehalten, nicht durch
+eigene Stärke, sondern hauptsächlich durch die agitatorischen Mittel, die
+unsere Feinde dorthin bringen, und die ihre Zwecke erreichen, selbst gegen
+den Willen der russischen Massen.
+
+Hätten wir nicht vielleicht doch angreifen sollen, als sich die ersten
+Zerreißungen im russischen Gebäude zeigten? Verdarben uns nicht vielleicht
+politische Gesichtspunkte die schönsten Früchte unserer bisherigen größten
+Erfolge?
+
+Unsere Beziehungen zum russischen Heere an der Ostfront entwickeln sich
+zunächst in immer ausgesprochenerem Grade zu einem Waffenstillstand, wenn
+auch ohne schriftliche Festsetzung. Die russische Infanterie erklärte
+allmählich fast überall, daß sie nicht mehr kämpfen würde. Doch bleibt sie
+mit der ihrer Masse eigenen Stumpfheit in ihren Gräben sitzen. Wo die
+gegenseitigen Beziehungen allzu offenkundig freundschaftliche
+Verkehrsformen annehmen, schießt die russische Artillerie ab und zu
+dazwischen. Diese Waffe ist noch in den Händen ihrer Führer, nicht aus
+einem ihr angeborenen konservativen Sinn, sondern weil sie nicht in so
+viele selbständige Köpfe zerfällt als ihre Schwesterwaffe. Der Einfluß der
+Ententeagitatoren und Offiziere macht sich in den russischen Batterien
+noch durchgreifend geltend. Der russische Infanterist schimpft zwar über
+diese Störung der ihm so willkommenen Waffenruhe, verprügelt wohl auch
+hier und da mal die artilleristische Schwester und freut sich, wenn unsere
+Granaten in deren Geschützständen krepieren, aber der geschilderte Zustand
+bleibt monatelang unverändert.
+
+Die russische Kriegsunlust ist am ausgesprochensten auf dem nördlichen
+Flügel. Von da nimmt sie nach Süden ab. Der Rumäne ist augenscheinlich von
+ihr unberührt. Vom Mai ab zeigt sich auch im Norden, daß die Führung die
+Zügel wieder in die Hand bekommt. Die Freundschaft zwischen den
+beiderseitigen Schützengräben hört mehr und mehr auf. Man kehrt wieder zu
+den alten Umgangsformen mit den Waffen in der Hand zurück. Bald ist auch
+kein Zweifel mehr, daß im Rückengebiet der russischen Front mit aller
+Kraft gearbeitet und diszipliniert wird. So wird das russische Heer
+wenigstens zum Teil wieder widerstandsbereit, ja sogar angriffsfähig
+gemacht. Die Kriegsströmung hat sich durchgesetzt, und Rußland schreitet
+zu einer großen Offensive unter Kerenski.
+
+Kerenski, nicht Brussilow? Den letzteren haben wohl die Ströme eigenen
+Volksblutes, die im Jahre 1916 in Galizien und Wolhynien flossen, von
+dieser höchsten Stelle hinweggerissen, ähnlich wie es in diesem Frühjahr
+Nivelle in Frankreich erging. Auch in dem menschenreichen Rußland scheint
+man demnach empfindsam geworden zu sein gegen Massenopfer. Man hat im
+großen Schuldbuch des Krieges die Seite aufgeschlagen, auf der die
+russischen Verluste verzeichnet sind, die Zahl ist aber nicht erkennbar.
+Fünf oder acht Millionen? Auch wir haben keine Ahnung von ihrer Größe. Wir
+wissen nur, daß wir ab und zu in den Russenschlachten die Hügel der
+feindlichen Leichen vor unseren Gräben entfernen mußten, um das Schußfeld
+gegen neuanstürmende Gewalthaufen frei zu bekommen. Mag die Phantasie
+hieraus die Zahl der Verluste zusammenstellen, eine richtige Berechnung
+bleibt für ewig ein mißlingender Versuch.
+
+Ob Kerenski aus eigenem Entschluß oder durch die Lockungen und den Zwang
+der Entente zum Angriff bewogen wird, ist schwer zu entscheiden.
+Jedenfalls hat die Entente das größte Interesse daran, daß Rußland
+nochmals zu einer Offensive vorgetrieben wird. Sie hat im Westen die gute
+Hälfte ihrer Sturmkraft bis jetzt schon vergeblich geopfert, ja vielleicht
+schon mehr als die Hälfte. Was bleibt ihr aber übrig als den Einsatz des
+gebliebenen Restes zu wagen, wenn auch die Hilfe Amerikas noch fern ist?
+Der Unterseebootkrieg frißt gerade in jenen Monaten an dem Lebensmark
+unseres erbittertsten, unversöhnlichsten Gegners in einer Stärke, daß es
+fraglich erscheinen muß, ob für Amerikas Hilfe im kommenden Jahr noch die
+Möglichkeit des Transportes gegeben sein wird. Deutschlands Truppen müssen
+also im Osten festgehalten werden, und deswegen wird Kerenski die letzte
+Kraft Rußlands im Angriff einsetzen. Ein gewagtes Spiel, am meisten gewagt
+für Rußland! Doch voll berechtigt; denn gelingt es, dann ist nicht nur die
+Entente gerettet, sondern es kann auch eine russische Diktatur geschaffen
+und erhalten werden. Ohne solche ist Rußland dem Chaos verfallen.
+
+Die Aussichten für die Offensive Kerenskis gegen die deutsche Front sind
+freilich jetzt kaum besser als in früheren Zeiten. Mögen auch gute,
+deutsche Divisionen nach dem Westen gezogen worden sein, die verbliebenen
+genügen, um einen russischen Anprall auszuhalten. Zu einer langandauernden
+Sturmflut wie 1917 wird der Angriff nicht werden, dazu fehlt dem Gegner
+die innere Kraft. Zahlreiche russische Freiheitsverkünder durchziehen
+plündernd das Rückengebiet der Armee oder strömen der Heimat zu. Auch gute
+Elemente verlassen die Front, aus Sorge um Angehörige und Besitz
+angesichts der drohenden innerpolitischen Katastrophe.
+
+Bedenklich liegen dagegen die Verhältnisse an der
+österreichisch-ungarischen Front; es ist zu befürchten, daß dort auch
+jetzt wieder, wie 1916, der russische Ansturm schwache Stellen finden
+wird. Vielleicht, ja sicher wohl, hat Kerenski darüber die gleichen
+Nachrichten, wie wir. Wird uns doch schon im Frühjahr durch einen
+Vertreter der verbündeten Macht ein tiefernstes Bild von dortigen
+Zuständen entworfen mit dem Gesamteindruck, daß "die
+österreichisch-slawischen Truppen in überwiegender Mehrzahl einem
+russischen Angriff jetzt noch geringeren Widerstand entgegensetzen werden
+wie 1916", denn sie sind gleichzeitig mit den russischen Truppen auch
+politisch zersetzt worden.
+
+Aus ähnlichem Einblick, den Überläufer ihm liefern, wird sich wohl
+Kerenskis Kriegsplan ergeben haben, nämlich: Örtliche Angriffe gegen die
+Deutschen, um diese zu binden, den Massenstoß aber gegen die k. u. k.
+Mauer. Und so geschah es.
+
+Bei Riga, Dünaburg und Smorgon greift der Russe die deutschen Stellungen
+an und wird zurückgetrieben. Die Mauer in Galizien erweist sich nur da als
+steinern, wo österreichisch-ungarische Truppen mit deutschen vereint
+stehen. Dagegen stürzt die österreichisch-slawische Wand bei Stanislau vor
+dem einfachen Pochen Kerenskis. Aber Kerenskis Truppen sind nicht mehr
+Brussilows Truppen. Ein Jahr verging seit des letzteren Offensive. Es war
+ein Jahr schwerer Verluste und tiefer Zersetzung für das russische Heer.
+So dringt die russische Offensive trotz günstigster Aussichten auch bei
+Stanislau nicht vollständig durch.
+
+Die russische Saat ist nun endlich zum Schneiden reif. Die Schnitter
+stehen auch schon bereit. Es ist die Zeit, in der auch auf den Fluren der
+deutschen Heimat die wirkliche Ernte beginnt. Mitte Juli!
+
+
+
+
+ Unser Gegenstoß im Osten
+
+
+Gegenstoß! Keine Truppe, kein Führer an der Front kann diese Nachricht mit
+freudigerer Genugtuung vernommen haben, wie ich sie empfand, als ich
+endlich den Zeitpunkt hierfür gekommen sah.
+
+An früherer Stelle habe ich unsere Lage bis zum Frühjahr 1917 als eine
+große strategische Bereitstellung bezeichnet. Unsere Reserven waren dabei
+freilich nicht eng vereinigt, wie etwa die Heeresmassen Napoleons, als er
+im Herbste 1813 den Angriff der ihn von allen Seiten umringenden Gegner
+erwartete. Die ungeheuren Räume, die wir zu beherrschen hatten, verboten
+ein derartiges Verfahren. Die Leistungen unserer Eisenbahnen ermöglichten
+andererseits, auch weit verstreut stehende Verfügungstruppen rasch zu
+einem Stoß auf ein gewähltes Operationsfeld zu werfen.
+
+Die Abwehrkämpfe im Westen hatten an dem Bestand unserer Reserven stark
+gezehrt. Mit dem verbliebenen Reste dort eine Gegenoffensive zu machen,
+verboten die Stärkeverhältnisse und die Kampfschwierigkeiten. Dagegen
+schienen diese unsere Kräfte auszureichen, um mit ihnen im Osten die Lage
+endgültig zu unseren Gunsten zu entscheiden und dadurch den politischen
+Zusammenbruch unserer dortigen Gegner herbeizuführen. Die Stützen Rußlands
+waren morsch geworden. Die letzten Kraftäußerungen des jetzt
+republikanischen Heeres waren nur das Ergebnis einer künstlich
+hochgetriebenen Welle, die ihre Stärke nicht mehr aus den Tiefen des
+Volkes schöpfte. War aber in diesem Völkerringen die Fäulnis in ein
+Volksheer einmal eingedrungen, so mußte der völlige Zusammenbruch
+unvermeidlich sein. Aus dieser Überzeugung heraus war ich der Meinung, daß
+wir in Rußland auch mit geringen Mitteln nunmehr Entscheidendes erreichen
+könnten.
+
+Begreiflicherweise fehlte es nicht an Stimmen, die vor einem Einsatz
+unserer verfügbaren Reserven zu einem Angriff auch jetzt noch warnten. Und
+in der Tat, die Frage war nicht so einfach zu entscheiden, als es jetzt,
+wo sich der Gang der Ereignisse klar überblicken läßt, scheinen möchte.
+Wir hatten in der Zeit des Entschlusses manche schwere Bedenken und Sorgen
+zurückzustellen. War doch damals schon klar, daß der englische Angriff bei
+Wytschaete und Messines am 7. Juni nur den Vorbereitungskampf zu einem
+weit größeren Schlachtendrama bildete, das, sich an ihn anschließend,
+seinen Hintergrund in der weiter nördlich gelegenen flandrischen
+Landschaft haben würde. Auch mußten wir damit rechnen, daß Frankreich
+wieder zum Angriff schreiten würde, sobald sich sein Heer von den schweren
+Rückschlägen aus der Frühjahrsoffensive erholt hatte.
+
+Das Wegziehen von Kräften aus dem Westen, es handelte sich um
+6 Divisionen, war zweifellos ein Wagnis, ähnlich, wie wir es im Jahre 1916
+beim Angriff auf Rumänien übernehmen mußten. Damals freilich zwang uns die
+offene Not. Jetzt führte uns der freie Entschluß. In beiden Fällen aber
+war das Wagnis gegründet auf das unerschütterliche Vertrauen zu unseren
+Truppen.
+
+Auch aus anderen Gründen, als aus denen der allgemeinen Kriegslage erhoben
+sich gegen unseren Plan abmahnende Stimmen. An der Hand der Erfahrungen,
+die die Gegner unserer Verteidigung gegenüber gemacht hatten, wurde die
+Möglichkeit durchschlagender Angriffserfolge unsererseits bezweifelt. Ich
+erinnere mich, daß wir noch kurz vor dem Beginne unseres Gegenstoßes an
+der galizischen Front gewarnt wurden, mit den bereitgestellten Kräften
+nicht mehr zu erhoffen, als einen örtlichen Erfolg; also eine Einbeulung
+der feindlichen Linien, so wie der Gegner sie vielfach gegen unsere
+Verteidigung im ersten Anlauf erreichte. War dies anzustreben?
+Verzichteten wir dann nicht besser auf die ganze Operation?
+
+Unter solchen Annahmen wurde auch die Anregung begreiflich: Wir sollten
+unsere Landkräfte lediglich zur Abwehr bereithalten und im übrigen
+abwarten, bis unsere Unterseeboote unsere Hoffnungen erfüllt haben würden.
+Der Gedanke hatte etwas verführerisches. Das Ergebnis des
+Unterseebootkrieges übertraf nach den uns damals zukommenden Mitteilungen
+alle unsere Erwartungen. Seine Wirkungen mußten daher bald offen zutage
+treten. Trotzdem konnte ich mich mit diesem Vorschlag nicht befreunden.
+Die militärischen wie politischen Verhältnisse im Osten drängten gerade
+jetzt derartig zur Entscheidung, daß wir nicht monatelang stillhalten und
+nur zusehen konnten. Wir mußten befürchten, daß, wenn dem Angriff
+Kerenskis unser Gegenschlag nicht auf dem Fuße folgte, die kriegerischen
+Strömungen in Rußland wieder die unbedingte Oberhand gewinnen würden. Es
+ist nicht notwendig, sich die Rückwirkung eines solchen Ganges der
+Ereignisse auf unser Land und auf unsere Verbündeten näher auszumalen.
+
+Während sich Kerenski vergeblich abmüht, mit der Masse seiner noch
+angriffsfähigen Truppen nordwestlich Stanislau die inzwischen durch
+deutsche Kräfte stärker gestützten österreichisch-ungarischen Linien zu
+durchbrechen, versammeln wir südwestlich Brody, also seitwärts des
+russischen Einbruchs, eine starke Angriffsgruppe und treten am 19. Juli in
+südöstlicher Richtung auf Tarnopol zum Angriff an. Unsere Operation trifft
+wenig widerstandsfähige, im voraufgegangenen Angriff erschöpfte Teile der
+russischen Linien. Sie werden rasch über den Haufen geworfen, und mit
+einem Schlage bricht die ganze Offensive Kerenskis zusammen. Nur
+schleuniger Rückzug kann die nach Norden und vor allem die nach Süden an
+unsere Durchbruchstelle anschließenden russischen Kräfte vor dem Verderben
+retten. Unsere gesamte Ostfront in Galizien, bis weit nach Süden in die
+Karpathen hinein, setzt sich in Bewegung und folgt dem weichenden Feinde.
+Schon Anfang August ist fast ganz Galizien und die Bukowina vom Gegner
+befreit. An diesem schönen Erfolge haben unsere Bundesgenossen
+entsprechenden Anteil. Es wurde mir mitgeteilt, daß sich in den
+österreichisch-ungarischen Verfolgungskämpfen ganz besonders die
+Feldartillerie ausgezeichnet hätte. Sie fuhr in kühner Rücksichtslosigkeit
+über die eigene Infanterie hinaus an die Russen heran. Ich habe diese
+treffliche Waffe ja schon 1866 bei Königgrätz als Gegner bewundern gelernt
+und freute mich daher doppelt der erneuten Bewährung ihres Ruhmes auf
+unserer Seite.
+
+Unsere Offensive kam an der Grenze der Moldau zum Stehen. Niemand konnte
+das mehr bedauern als ich. Wir waren in der denkbar günstigsten
+strategischen Lage, um uns durch Fortsetzung der Bewegungen in den Besitz
+dieses letzten Teiles Rumäniens zu setzen. Bei den damaligen politischen
+Verhältnissen in Rußland hätte das rumänische Heer sich wohl sicher
+aufgelöst, wenn wir es zum völligen Verlassen seines heimatlichen Bodens
+zwingen konnten. Wie hätten ein rumänischer König und ein königlich
+rumänisches Heer auf revoltierendem russischen Boden weiter bestehen
+können? Unsere rückwärtigen Verbindungen waren jedoch infolge
+Bahnzerstörungen durch die weichenden Russen so schwierig geworden, daß
+wir schweren Herzens auf die Fortsetzung der Operationen an dieser Stelle
+verzichten mußten. Ein späterer Versuch unsererseits durch einen Angriff
+bei Focsani die rumänische Armee in der Moldau ins Wanken zu bringen,
+drang nicht durch.
+
+Wir halten nun weiter an dem Entschluß fest, Rußland bis zur endgültigen
+militärischen Ausschaltung nicht mehr locker zu lassen, mochte auch zu
+dieser Zeit im Westen der Beginn des flandrischen Dramas unsere
+Aufmerksamkeit, ja unsere vermehrten Sorgen auf sich ziehen. Konnten wir
+in Wolhynien und in der Moldau auf das russische Heer nicht weiter
+losschlagen, so mußte das an einem anderen Frontteil geschehen.
+
+Bei Riga bot sich nun hierfür eine besonders geeignete Stelle, an der
+Rußland nicht nur militärisch sondern auch politisch empfindlich getroffen
+werden konnte. Dort sprang der russische Nordflügel wie eine mächtige
+Flankenstellung auf mehr als 70 km Breite bei nur 20 km Tiefe längs des
+Meeres auf das Westufer der Düna vor, eine strategische und taktische
+Drohstellung gegenüber unserer eigenen Front. Diese Lage hatte uns bereits
+früher, als ich noch das Oberkommando im Osten führte, gereizt. Wir hatten
+schon 1915 und 1916 Pläne geschmiedet, wie wir diese Stellung in der Nähe
+ihrer Basis durchbrechen und dadurch einen großen Schlag gegen ihre
+Besatzung führen könnten.
+
+Auf dem glatten Papier eigentlich eine sehr leichte Operation, in der
+rauhen Wirklichkeit aber doch nicht ganz so einfach. Der Durchbruchskeil
+mußte nämlich oberhalb Riga über die breite Düna in nördlicher Richtung
+vorgetrieben werden. Nun hatten freilich im Verlauf des Krieges große
+Ströme wesentlich an ihrem imponierenden Charakter als Hindernisse
+eingebüßt. Hatte doch Generalfeldmarschall von Mackensen die mächtige
+Donau angesichts des Gegners zweimal überschritten. Wir konnten uns also
+an die Überwindung der schmaleren Düna mit leichterem Herzen heranwagen;
+aber die große Schwierigkeit des Unternehmens lag darin, daß die
+russischen vollbesetzten Schützengräben sich überall dicht an dem
+gegenüberliegenden Ufer hinzogen, die Düna wie einen nassen Festungsgraben
+ausnützend.
+
+Trotzdem gelingt am 1. September der kühne Angriff, da der Russe in
+unserem Vorbereitungsfeuer seine Uferstellungen verläßt. Und auch die
+Besatzung der großen Flankenstellung westlich des Flusses weicht, Tag und
+Nacht marschierend, über Riga nach Osten und entzieht sich dadurch leider
+großenteils rechtzeitig der Gefangenschaft.
+
+Unser Angriff bei Riga ruft in Rußland die größte Sorge um Petersburg
+hervor. Die Hauptstadt des Landes gerät in Aufregung. Sie fühlt sich durch
+unseren Angriff bei Riga unmittelbar bedroht. Petersburg, immer noch der
+Kopf Rußlands, gelangt in einen Zustand höchster Nervosität, der
+sachliches, ruhiges Denken ausschließt; sonst würde man dort wohl den
+Zirkel in die Hand genommen haben, um die Entfernungen zu messen, die
+unsere bei Riga siegreichen Truppen immer noch von der russischen
+Hauptstadt trennen. Freilich nicht nur in Rußland, auch in unserem
+Vaterlande arbeitet die Phantasie bei dieser Gelegenheit sehr lebhaft und
+vergißt Raum und Zeit. Man gibt sich auch bei uns starken Illusionen über
+einen Vormarsch auf Petersburg hin. Offen gestanden würde diesen niemand
+lieber durchgeführt haben als ich selbst. Ich verstand daher das Drängen
+unserer Truppen und ihrer Führer, das Vorgehen mindestens bis zum
+Peipussee fortzusetzen. Allein wir mußten auf die Ausführung all dieser
+gewiß sehr schönen Gedanken verzichten; sie hätten unsere Truppen zu lange
+und in zu großer Zahl in einer Richtung gefesselt, die mit unseren
+weiteren Absichten nicht in Einklang zu bringen war. Unsere Aufmerksamkeit
+mußte sich vom Rigaischen Meerbusen der Küste des Adriatischen Meeres
+zuwenden. Darüber gleich nachher.
+
+Können wir aber auf Petersburg nicht weitermarschieren und dadurch das
+Nervenzentrum Rußlands bis zum Zusammenbruch in lebhaftester Unruhe
+erhalten, so gibt es noch einen anderen Weg, um diesen Zweck zu erreichen,
+nämlich den zur See. Unsere Flotte geht mit voller Hingabe auf unsere
+Anregung ein. So entsteht der Entschluß, die dem Rigaischen Meerbusen
+vorgelagerte Insel Ösel wegzunehmen. Von dort bedrohen wir den russischen
+Kriegshafen Reval unmittelbar und vermehren unseren Druck auf das erregte
+Petersburg unter Einsatz nur geringer Kräfte.
+
+Die Operation gegen Ösel zeigt die einzige völlig gelungene Unternehmung
+beider Parteien in diesem Kriege, soweit es sich um ein Zusammenwirken von
+Heer und Flotte handelte. Die Verwirklichung des Planes wurde anfänglich
+durch ungünstiges Wetter derartig in Frage gestellt, daß wir schon daran
+dachten, die eingeschifften Truppen wieder an Land zu nehmen. Der Eintritt
+besserer Witterung läßt uns dann die Ausführung wagen. Sie verläuft von da
+ab nahezu mit der Genauigkeit eines Uhrwerks. Die Marine entspricht den
+hohen Anforderungen, die wir hierbei an sie stellen müssen, in jeder
+Richtung.
+
+Wir gelangen in den Besitz von Ösel und der benachbarten Inseln. In
+Petersburg werden die Nerven immer aufgeregter und arbeiten immer wilder
+und zusammenhangloser. Die Geschlossenheit in der russischen Heeresfront
+lockert sich mehr und mehr; immer deutlicher tritt zutage, daß Rußland zu
+sehr von inneren Aufregungen verzehrt wird, als daß es noch imstande wäre,
+in absehbarer Zeit nach außen hin zu erneuter Kraftentfaltung zu kommen.
+Was mitten in diesem Trubel noch fest und haltbar erscheint, wird von der
+roten Flut immer stärker umbrandet; Stück auf Stück wird von den
+Grundpfeilern des Staates weggerissen.
+
+Unter unseren letzten Schlägen wankt der Koloß nicht nur, sondern er
+berstet und stürzt. Wir aber wenden uns einer neuen Aufgabe zu.
+
+
+
+
+ Angriff auf Italien
+
+
+Trotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit außerordentlich ernst
+ist, entschließen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner
+früheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht
+darüber verwundert sein, daß ich nun doch die Zustimmung meines
+Allerhöchsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen für eine
+Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluß auf unsere gesamte
+Lage versprach. Demgegenüber kann ich nur sagen, daß ich meine
+Anschauungen in dieser Beziehung nicht geändert hatte. Ich hielt es auch
+im Herbste 1917 für ausgeschlossen, daß uns selbst im Falle eines
+durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner
+gelingen würde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn
+dieses Jahres, daß wir lediglich für den Ruhm eines erfolgreichen
+Feldzuges gegen Italien deutsche Kräfte der gefährlichen Lage unserer
+Westfront entziehen dürften. Die Gründe meiner nunmehrigen Befürwortung
+unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten
+zu suchen. Unser österreichisch-ungarischer Verbündeter klärte uns dahin
+auf, daß er nicht mehr die Kraft habe, einen zwölften italienischen
+Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eröffnung war für uns
+militärisch wie politisch von gleich großer Bedeutung. Es handelte sich
+nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den
+Zusammenbruch des gesamten österreichisch-ungarischen Widerstandes. Die
+Donaumonarchie war einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front
+gegenüber weit empfindlicher als gegenüber einer solchen auf dem
+galizischen Kriegstheater. Für Galizien hatte man in Österreich-Ungarn nie
+mit Begeisterung gefochten. "Wer den Krieg verliert, muß Galizien
+behalten", war ein im Feldzug oft gehörtes österreichisch-ungarisches
+Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse für die
+italienische Grenze immer ein außerordentlich großes. In Galizien, das
+heißt gegen Rußland, focht Österreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen
+Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten
+sich auffallenderweise alle Stämme des Doppelreiches mit fast gleich
+großer Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Rußland versagt
+hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete
+gewissermaßen ein kriegerisch einigendes Band für die ganze Monarchie. Was
+würde eintreten, wenn auch dieses Band zerriß? Die Gefahr hierfür ist in
+dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, groß. Ende August hat nämlich Cadorna
+in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelände gewonnen.
+Alle bisherigen Geländeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren
+nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natürliche Folge der
+zerstörenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die stärkste Verteidigung.
+Jetzt aber waren die österreichischen Widerstandslinien an den äußersten
+Rand zurückgedrängt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen
+weiteres Gelände, so wurde für Österreich die Lage vorwärts Triest
+unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese
+Stadt fällt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg
+zwischen Italien und Österreich entscheiden zu können. Triest ist für die
+Donaumonarchie nicht nur eine ideale Größe sondern auch ein höchst realer
+Wert. An seinem Besitz hängt auch in der Zukunft ein großer Teil der
+wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muß also gerettet werden, und
+da es nicht anders möglich ist, mit deutscher Hilfe.
+
+Gelang es uns, den Verbündeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden
+Sieg an seiner Südwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der
+Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Österreich-Ungarn jedenfalls
+imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die
+schweren Kämpfe an der Isonzofront hatten bisher an der
+österreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der größte Teil ihrer
+besten Truppen hatte Cadorna gegenüber gestanden und am Isonzo schwer
+geblutet. Österreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich
+größten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang
+einer mindestens dreifachen italienischen Überlegenheit gegenüber, und
+zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer
+Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung
+sogar übertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige
+Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Südtirol an die Verteidigungstruppen
+stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet
+des ewigen Eises und Schnees hinauf.
+
+Für eine Operation gegen Italien war es der nächstliegende Gedanke:
+Vorbrechen aus Südtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen
+Heeres im großen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Auflösung
+entgegengeführt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die
+strategische Linienführung gleichgünstige Vorbedingungen für einen
+gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation mußte dieser gegenüber fast wie
+ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mußten wir
+auf ihre Durchführung verzichten!
+
+Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes dürfen wir den inneren
+Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen
+Italien nicht außer acht lassen. Wir konnten für den letzteren in
+Rücksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Hälfte derjenigen
+Zahl deutscher Divisionen zur Verfügung stellen, die Generaloberst von
+Conrad für einen wirkungsvollen, durchschlagenden Angriff aus Südtirol
+heraus im Winter 1916/17 für erforderlich gehalten hatte. Stärkere Kräfte
+konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfügung stellen, wenn
+wir, wie es tatsächlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit
+rechneten, daß unsere Gegner an der Westfront sich genötigt sehen würden,
+bei einer schweren Niederlage ihres Verbündeten einige Divisionen aus
+ihrer großen Überlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer
+Operation aus Südtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, daß ein
+früher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet
+war. Die angeführten Gründe zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren
+Ziele zu begnügen und zu versuchen, die italienische Front an dem
+offenkundig schwachen Nordflügel der Isonzoarmee zu durchstoßen, um dann
+gegen den südlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden
+Schlag zu führen, bevor ihm der Rückzug hinter den schützenden Abschnitt
+des Tagliamento gelingen konnte.
+
+Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Mühe gelang es
+Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Südteil seines Heeres unter
+Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zurücklassung großer
+Mengen Kriegsgeräts hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die
+Italiener in engerer Vereinigung und gestützt durch herbeigeeilte
+französische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand.
+Der linke Flügel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergrücken
+der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische
+Tiefebene weithin beherrschenden Höhen noch zu gewinnen und damit den
+feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu
+bringen, scheiterte. Ich mußte mich überzeugen, daß unsere Kraft zur
+Erfüllung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich
+tot gelaufen. Der zäheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Führung
+wie ihrer Truppen mußte vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen.
+
+So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich
+mich doch eines Gefühles des Unbefriedigtseins nicht völlig entziehen. Der
+große Sieg war schließlich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere
+prächtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem
+Feldzuge zurück. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch
+diejenige ihres Führers.
+
+
+
+
+ Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917
+
+
+
+ Im Westen
+
+
+Während wir gegen Rußland die letzten Schläge führten und Italien nahezu
+an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England
+und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag für uns
+die größte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres.
+
+Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der außerordentlichen
+Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und
+ungeachtet der Gefahr, daß durch größere englische Erfolge unsere
+Operationen auf den übrigen Kriegsschauplätzen beeinträchtigt werden
+könnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse
+Befriedigung. England machte nochmals die erwartete äußerste Anstrengung,
+einen großen und entscheidenden Angriff gegen uns zu führen, bevor die
+Unterstützung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fühlbar werden
+konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu
+erkennen, durch den England sich veranlaßt sah, die Kriegsentscheidung
+noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen.
+
+Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaßen,
+wohl aber in der Zähigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekämpft
+wurde, und in den Schwierigkeiten, die das Gelände in erster Linie dem
+Verteidiger bot, unseren Kämpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an
+die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde
+nunmehr auf der sumpfigen, brüchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch
+dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten
+Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Höchststeigerung
+der düsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kämpfe
+hielten uns selbstredend in einer großen Spannung. Ich darf wohl sagen,
+daß wir unter ihrem Drucke das Gefühl der Siegesfreude über unsere Erfolge
+in Rußland und Italien nur selten unbeeinträchtigt genießen konnten.
+
+Mit größter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit.
+Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flächen des
+flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen
+füllten sich die frischgeschlagenen Geschoßtrichter so rasch mit
+Grundwasser, daß der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die
+Frage gestellt war: "Entweder ertrinken oder diese Höhlung verlassen!"
+Auch dieser Kampf mußte dann im Morast ersticken, wenn auch englische
+Zähigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien.
+
+Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme
+erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen
+Parteien.
+
+Gegen Abschluß der flandrischen Schlacht entbrannte plötzlich ein wilder
+Kampf in einer bisher verhältnismäßig stillen Gegend. Am 20. November
+wurden wir bei Cambrai überraschend von den Engländern angegriffen. Sie
+trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur
+wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der
+Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere
+völlig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische
+Kavallerie erschien am Rande der Vorstädte von Cambrai. Der Durchbruch
+unserer Linien schien gegen Jahresschluß also doch noch Tatsache zu
+werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf-
+und transportmüden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es
+glückte uns nach mehrtägigen mörderischen Abwehrkämpfen am 30. November,
+mit rasch herangefahrenen, einigermaßen frischen Kräften den feindlichen
+Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frühere Lage
+unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast völlig wiederherzustellen.
+Nicht nur unsere dortige Armeeführung, sondern auch die Truppen und unser
+Eisenbahnwesen hatten eine der glänzendsten Leistungen des Krieges
+vollbracht.
+
+Der erste größere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen
+Operationen übertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und
+belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Führer wirkte,
+war seine Wirkung auch auf mich persönlich. Ich empfand es wie eine
+Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen
+Verteidigungstätigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres
+Gegenangriffs bedeutete für uns aber mehr als bloße Befriedigung. Die
+Überraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre
+für die Zukunft.
+
+Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Führung zum
+ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen,
+schematischen Kriegführung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte.
+Ein höherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu
+sein. Die Fesselung unserer Hauptkräfte in Flandern und der französischen
+Front gegenüber war zu einem überraschenden, großen Schlag bei Cambrai
+ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Führung auf englischer
+Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht
+gewachsen. Sie ließ sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines
+glänzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Händen nehmen, und zwar von
+Kräften, die sowohl nach Zahl wie nach Verfassung den ihrigen weit
+unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei
+Cambrai den gründlichen Rückschlag. Auch seine Oberste Führung scheint
+versäumt zu haben, die nötigen Mittel zur unbedingten Sicherung der
+Durchführung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke
+Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen
+genügten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen
+Widerstände zu beseitigen, die für eine durchgreifende Entscheidung die
+freie Bahn in Flanke und Rücken des Gegners noch sperrten. Die englischen
+Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen
+Verteidigung gegenüber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, für den
+sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten.
+
+Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines
+großen Überraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses
+Kampfmittel schon von der Frühjahrsoffensive her, in der es uns keinen
+besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, daß die Tanks
+nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, daß sie die meisten
+unserer unversehrten Gräben und Hindernisse überwanden, verfehlte eine
+starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger
+physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten
+Geschützen, das aus ihnen sprühte, als moralisch aufreibend durch ihre
+verhältnismäßige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fühlte sich den
+Panzerwänden gegenüber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die
+Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rücken bedroht und
+verließ seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, daß unsere
+Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug über sich
+ergehen lassen mußten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen
+Vernichtungswaffe abfinden würden, und daß unsere Technik die Mittel zur
+Bekämpfung der Tanks bald und in der nötigen handlichen Form liefern
+würde.
+
+Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen
+ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuß zu. Sie griffen
+uns in der zweiten Augusthälfte bei Verdun und am 22. Oktober nordöstlich
+von Soissons an. In beiden Fällen entrissen sie unseren dort stehenden
+Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende
+Verluste. Im allgemeinen beschränkte sich die französische Führung aber in
+der zweiten Jahreshälfte auf örtliche Angriffe, wohl gezwungen durch die
+mörderischen Verluste, die sie im Frühjahr erlitten hatte, und die es ihr
+nicht rätlich erscheinen ließen, ihre Truppen nochmals gleich schweren
+Erschütterungen auszusetzen.
+
+
+
+ Auf dem Balkan
+
+
+Angriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien während der
+letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz
+nicht zu verändern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen
+Unternehmungen keine größeren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine
+merkwürdige Zurückhaltung, die auf ein nahezu völliges Brachlegen seiner
+Kräfte für die Gesamtlage hinauslief.
+
+Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische
+Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten,
+ließen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen würde,
+kampfbrauchbare Truppenverbände zu schaffen. Selbst die sogenannten
+venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als
+teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen
+Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten.
+Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die
+Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die
+bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der
+Ereignisse des Jahres 1913.
+
+
+
+ In Asien
+
+
+Ich wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Türkei zu. Das
+Fehlen ihrer Darstellung würde ich für ein Unrecht gegen den tapferen und
+treuen Bundesgenossen halten. Ferner würde durch diesen Mangel die
+Schilderung des gewaltigen Dramas unvollständig werden, dessen Szenerien
+sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans
+ausdehnten. Auch hier möchte ich mich weniger mit der Beschreibung der
+Vorgänge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhänge beschäftigen.
+
+Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen mühte sich nicht nur an
+Feldzugsplänen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in
+den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemühungen gelangten teilweise auch
+in meine Hände. Meistens beschränkte man sich bei solchen schriftlichen
+Darlegungen, "um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu
+nehmen", auf "allgemeine Richtlinien" und glaubte, das weitere
+vertrauensvoll mir überlassen zu können. Nur mahnte man häufig zur Eile!
+Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb
+mir eines Tages: "Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei
+Kiliz - also dorthin unsere gesamte Kraft!" Es galt zunächst diesen Ort zu
+suchen. Er wurde innerhalb der gemäßigten Zone, nördlich von Aleppo,
+entdeckt.
+
+Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag
+doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefühls in diesem seinem
+Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das
+Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen wäre auf dem kürzesten Wege
+bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht,
+ja vielleicht nur ernstlich versucht hätte. Die Herrschaft über das Land
+südlich des Taurus war für die Türkei mit einem Schlage unrettbar
+verloren, wenn es den Engländern gelang, im Golf von Alexandrette zu
+landen und in östlicher Richtung vorzudringen. Damit wäre die Lebensader
+der ganzen transtaurischen Türkei, durch die frisches Blut und andere
+Nährkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der
+kaukasischen Armeen floß, durchschnitten worden. Gering genug war ja die
+Kraft- und Blutmenge, aber sie genügte doch lange Zeit, um die osmanischen
+Armeen gegen die ungenügend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich
+geführten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden
+Standhalten zu befähigen.
+
+Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer türkischen Armee
+anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies.
+Alles, was diese Bezeichnung verdiente, strömte immer wieder von dort nach
+Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Küstenschutz
+bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der
+kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir
+gegenüber treffend mit den Worten: "Meine einzige Hoffnung ist, daß der
+Gegner unsere Schwäche an dieser gefährlichen Stelle nicht bemerkt."
+
+War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafür gegeben, daß diese
+ernstliche Schwäche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb?
+Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich
+ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Völkergemisch größere
+Unterstützung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, daß
+die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den
+Verhältnissen im dortigen Küstenschutz gehabt haben sollte. England konnte
+auch nicht befürchten, daß es mit einem Vorstoß aus dem Golf von
+Alexandrette in ein Wespennest stoßen würde; das Nest hatte ja keine
+Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glänzende strategische Tat
+gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat würde auf der ganzen Welt den
+größten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende Wirkung auf unseren
+türkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben.
+
+Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die
+Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch lähmend
+in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren
+Unterseebooten zu groß, als daß man sich von feindlicher Seite an ein
+solches Unternehmen gewagt hätte.
+
+Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klären. Ich sage
+"vielleicht", denn Voraussetzung ist, daß England sie klären läßt. Wir
+bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische
+Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene
+Äußerung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der
+Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage über seine vorsichtige
+Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittelländischen
+Gebieten im Falle eines englisch-französischen Krieges die Antwort: "Ich
+habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu
+setzen."
+
+Der Ruhm von Trafalgar ist groß und berechtigt. Es gibt Kleinodien
+abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England
+verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren
+und es seinem Volke und der ganzen Welt ständig im schönsten Lichte vor
+die bewundernden Augen zu halten. Im großen Kriege fiel freilich so
+mancher Schatten über dieses Kleinod. So beispielsweise an den
+Dardanellen, und weitere Schatten folgten während der Kämpfe gegen die
+deutsche Seemacht, der stärkste und schwärzeste im Skagerrak. England wird
+uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen.
+
+Es verzichtete auf den kühnen Stoß in das Herz seines osmanischen Gegners
+und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Mühe, die
+türkische Herrschaft südlich des Taurus durch allmähliches Zurückwerfen
+der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad
+war bei Jahresbeginn ein erster erfolgverheißender großer Schritt zur
+Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff
+im Frühjahr gescheitert und mußte aufs neue vorbereitet werden. Unter dem
+bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren
+kriegerischen Bewegungen erlahmt.
+
+Der Verlust von Bagdad war schmerzlich für uns und, wie wir annehmen zu
+müssen glaubten, noch schmerzlicher für die ganze denkende und fühlende
+Türkei. Wie viel und wie oft war der Name der früheren Kalifenstadt im
+deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknüpft
+worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt hätte, statt
+sie geräuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher
+Art.
+
+Die militärische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien
+nicht weiter beeinflußt, wohl aber war der deutschen Außenpolitik der
+Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den
+Besitzstand ihres Landes gewährleistet und fühlten nun, daß, trotz aller
+weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres
+Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, großen
+Verlust sehr belastet wurde.
+
+Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe für eine Wiedereroberung
+Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen,
+nicht zum mindesten auch deswegen, weil die türkische Heeresleitung
+jederzeit auf dem europäischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war.
+Die Führung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers
+entsprechend in deutsche Hände gelegt werden, und zwar nicht aus dem
+Grunde, weil deutsche Truppenunterstützung in größerem Maßstabe ins Auge
+gefaßt wurde, sondern weil es dem türkischen Vizegeneralissimus notwendig
+erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des
+Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur
+gedacht werden, wenn es möglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an
+den endlos langen rückwärtigen Verbindungen zu überwinden. Eine türkische
+Führung würde an der Erfüllung dieser ersten Voraussetzung gescheitert
+sein.
+
+Seine Majestät der Kaiser beauftragte auf türkisches Anfordern den General
+von Falkenhayn mit der Führung dieser außerordentlich schwierigen
+Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in
+Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persönlich über seine
+Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von
+Falkenhayn unmöglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewähr
+vorhanden war, daß die türkische Front in Syrien feststand. Unterlag es
+doch keinem Zweifel, daß das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England
+verraten sein würde, und daß die Nachricht hiervon einen englischen
+Angriff in Syrien herausfordern mußte.
+
+General von Falkenhayn gewann den Eindruck, daß die Operation durchführbar
+sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen.
+Wir gaben der Türkei alle ihre Kampftruppen zurück, die wir noch zur
+Verwendung auf dem europäischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das
+osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande
+aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoß nach Osten weichen.
+Es kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von unserem wärmsten Dank. Die
+Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewährt
+und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand
+erwiesen. Ich muß dabei freilich hervorheben, daß Enver Pascha uns die
+besten seiner verfügbaren Truppen für die Ostfront und Rumänien abgegeben
+hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Maßstab für
+die Güte und Verwendbarkeit des gesamten türkischen Heeres genommen
+werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in
+Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der
+Verpflegung und der gesundheitlichen Fürsorge seiner osmanischen Truppen
+widmete, hatte ihre reichsten Früchte getragen. Wie viele dieser rauhen
+Naturkinder fanden Kameradschaft und Nächstenliebe zum ersten und wohl
+auch zum letzten Male unter unserer Obhut.
+
+Ich hatte gehofft, daß die heimkehrenden türkischen Verbände einen
+besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden
+würden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Die Truppen waren
+kaum unserem Einfluß entrückt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein
+Zeichen dafür, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die türkischen
+Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der großen Masse
+mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenüber eine
+besondere, manchmal allerdings überraschend glänzende Ausnahme. Das
+osmanische Heer hätte eines völligen Neubaues bedurft, um wirklich zu
+Leistungen befähigt zu sein, die den großen Opfern des Landes entsprachen.
+Der Nachteil der jetzigen Zustände zeigte sich besonders in einem
+ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei
+jeder für den Krieg ungenügend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen
+Armee eintritt. Eine gründliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart
+dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkräfte. Welch einen ungeheueren Umfang
+der Verbrauch an solchen in der Türkei im Verlauf des Krieges angenommen
+hatte, dürfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in
+einzelnen Bezirken von Anatolien die Dörfer von jeder männlichen
+Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entblößt waren.
+Das wird begreiflich, wenn man hört, daß die Verteidigung der Dardanellen
+den Türken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem
+Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden.
+
+Die deutsche Unterstützung für das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen
+von einer Anzahl Offizieren für besondere Verwendung, aus dem sogenannten
+Asienkorps. Man hat sich darüber in unserem Vaterlande aufregen zu müssen
+geglaubt, daß wir den Türken ein ganzes Korps für so fernliegende Zwecke
+zur Verfügung stellten, anstatt diese kostbaren Kräfte in Mitteleuropa zu
+verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und
+etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Täuschung des Gegners gewählt;
+ob diese Täuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden.
+Bei solchen Unterstützungen handelte es sich weit weniger um zahlenmäßige
+Verstärkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und
+geistige Kräfte, das heißt Willen und Wissen zuzuführen. Der eigentliche
+Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren
+Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkämpfen des Jahres 1916 in
+Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen
+Front warnte: "Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick
+gibt ihnen Vertrauen und Rückhalt. Alles andere haben sie selbst." Auch
+hier wurde also die Erfahrung bestätigt, die Scharnhorst einmal in die
+Worte faßte, daß der stärkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger für
+das Ganze sei, als die rohe Kraft.
+
+Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchführung. Schon in den
+letzten Sommermonaten zeigte sich, daß der Engländer alle Vorbereitungen
+zu Ende geführt hatte, um die türkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt
+der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im
+Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, daß die syrische Front
+diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos großer Überlegenheit geführt
+werden würde, nicht gewachsen sei. Türkische Divisionen, die zur
+Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mußten nach Süden abgezweigt
+werden. Damit entfiel die Möglichkeit einer erfolgreichen Operation in
+Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher
+meine Zustimmung, daß alle verfügbaren Kräfte nach Syrien geführt würden,
+damit wir dort selbst womöglich noch vor den Engländern zum Angriff
+übergehen könnten. Die deutsche Führung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb
+und die Verwaltung in den türkischen Gebieten so sehr verbessern zu
+können, daß eine wesentlich erhöhte Truppenzahl auf diesem
+Kriegsschauplatz ernährt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen
+werden könnte.
+
+Infolge von Reibungen politischer wie militärischer Art gingen für General
+von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Engländer Anfang
+November, den Türken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die
+osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang
+Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in
+die türkischen Linien nördlich Jaffa-Jerusalem-Jericho.
+
+Wenn wir befürchtet hatten, daß diese türkischen Niederlagen, ganz
+besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen
+auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausüben würden,
+so trat hiervon, wenigstens äußerlich, nichts in die Erscheinung; eine
+merkwürdige Gleichgültigkeit zeigte sich an Stelle der gefürchteten
+Erregung.
+
+Für mich bestand kein Zweifel, daß die Türkei niemals wieder in den Besitz
+von Jerusalem und der dortigen heiligen Stätten kommen könnte. Auch am
+Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Stärker als vorher
+wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschädigung für die
+verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom
+militärischen Gesichtspunkte aus leider zu frühzeitig!
+
+
+
+ Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern Ende 1917
+
+
+Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik
+bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann aber
+die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben möchte, nicht
+allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die
+Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen vermögen? Es
+werden immer wieder neue Fragen nach dem "Warum?" und nach dem "Wie?"
+auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon
+zur Auskunft dringend benötigte, für immer still geworden ist. Ich kann
+auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und
+Striche dort geben, mehr für eine Charakterzeichnung als für ein
+vollendetes Gemälde. Scheinbar willkürlich setze ich an, wenn ich mich
+zunächst dem Orient zuwende.
+
+"Die Türkei ist eine Null", so kann man in einem Aktenstück aus der
+Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Türkei
+politisch gehässigen Aktenstück. Eine eigenartige Null, durch die die
+Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Ägypten zog,
+den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine
+für uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende
+feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den türkischen
+Grenzländern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkörper
+verschlingen zu können!
+
+Was gibt wohl dieser Null die innere Stärke? Selbst für den, der in diesen
+Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Rätsel!
+Stumpf und gleichgültig erscheint die große Masse, selbstsüchtig und
+unempfindlich gegen höheres völkisches Empfinden ein großer Teil hoher
+Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Völkerschaften gebildet,
+die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben.
+Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kräfte. Die Macht
+Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; über Kleinasien
+hinaus herrscht kein wirklicher türkischer Einfluß, und trotzdem stehen
+immer noch türkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und
+Syrien. Der Araber dort haßt den Türken, der Türke den Araber. Und doch
+schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter türkischen Fahnen und
+laufen nicht in Massen zum Feinde über, der ihnen nicht nur goldene Berge
+verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold
+reichlichst spendet. In dem Rücken der englisch-indischen Armee, die in
+Mesopotamien, wie man meinte, den von den Türken geknechteten und
+ausgepreßten arabischen Stämmen die ersehnte Erlösung brachte, erheben
+sich diese Erlösten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es
+muß also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und
+zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von außen, nicht nur ein
+politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefühl im Innern. Auch die
+Gewalt der türkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht
+ausschließlich liefern. Die Araber könnten sich ja dieser Gewalt
+entziehen, sie brauchten nur die Schützengräben mit erhobenen Armen
+feindwärts zu verlassen, oder im Rücken der türkischen Armeen sich zu
+erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines
+alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten
+Gründen und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verständnis
+der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir müssen den Streit der
+Meinungen ungelöst lassen.
+
+So ganz lebensunfähig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht
+sein. Man hört auch von vortrefflichen Beamten, die neben den
+pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Männer mit großen
+Plänen und großer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach
+kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines
+Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, daß er
+nicht einem Boden mit gesünderen Kräften entwuchs. Man sagte, er schriebe
+nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er für
+tausenderlei, dachte weit über den Krieg hinaus nationale, schöne
+Gedanken! Was ihn damals am meisten beschäftigte, worin gleichzeitig seine
+größte Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von
+Konstantinopel. Hätte man Ismail Hakki entfernt, so hätte die türkische
+Armee Mangel an allem gelitten; sie hätte noch mehr entbehrt, als sie es
+teilweise schon mußte, und Konstantinopel wäre vielleicht verhungert. Fast
+das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an
+Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die
+Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen
+Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen
+der größeren Städte lebten, wußte niemand. Konstantinopel versorgten wir
+mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumänien hin und
+halfen trotz der eigenen Not. Freilich würde das, was wir für
+Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel
+geholfen haben. Hätten wir die Lieferungen verweigert, so hätten wir die
+Türkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel würde revoltieren,
+trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich
+sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflüsse gegen
+die starken Männer tätig, Einflüsse des politischen, vielleicht auch
+geschäftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke
+Strömungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche; ihre
+Strudel werden manchmal oben sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen
+führenden Männer in die Tiefe zu ziehen.
+
+Das Heer leidet auch unter diesen Strömungen. Die Heeresleitung muß ihnen,
+wie ich schon früher andeutete, Rechnung tragen, muß manchmal nachgiebig
+gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst würde das Heer, das an
+seiner zahlenmäßigen Stärke immer reißender abnimmt, auch innerlich
+aufgelöst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An
+ihren Beständen zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der
+mit früheren Feldzügen, im Yemen und auf dem Balkan, sich für so viele
+türkische Soldaten zu einem großen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat.
+Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind - auch der Islam kennt
+diese Sehnsucht - treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den
+vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden,
+kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darüber
+streiten, ob die Zahl türkischer Fahnenflüchtiger in Kleinasien 300.000
+oder 500.000 beträgt. Jedenfalls ist sie nahezu so groß, wie die
+Kampftruppen aller türkischen Armeen zusammen. Kein schönes Bild und doch
+- die Türkei hält noch immer stand und erfüllt ihre Treuepflicht ohne
+einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Können!
+
+Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das
+sonst Überfluß hat! Die Ernte war mäßig, aber sie könnte reichen, wenn das
+Land wie unsere Heimat verwaltet würde, wenn auch hier Ausgleich
+geschaffen werden könnte zwischen Gegenden des Überflusses und solchen des
+Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezügliche Anregungen: "Wir
+verstehen solches nicht!" Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich
+eine Selbstanklage. Man legt die Hände in den Schoß, weil man nicht
+gelernt hat, sie zu rühren. Wir wissen ja, daß Bulgarien beim Übergang aus
+türkischem Sklaventum zur völligen innenstaatlichen Freiheit einer
+erziehenden, straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse
+mich als Preußen sprechen, keinen König Friedrich Wilhelm I., der die
+eisernen Träger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher
+ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafür viele
+Parteien. Mit Schärfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung,
+nicht wegen deren Außenpolitik, denn diese verspricht eine große Zukunft,
+völkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt
+der Kampf wegen innerer Fragen um so rücksichtsloser. Kein Mittel, auch
+das gefährlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den
+Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefährliches Spiel! Die
+Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen
+Parteigetriebes. Die Regierung hat gefährliche Geister beschworen, um auf
+die Türkei und uns einen Druck auszuüben, und wird diese Geister, die
+alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Haß gegen die
+Verbündeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns
+im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorläufig nachzugeben
+und ihre endgültige Lösung dem Ausgang des Krieges zu überlassen. Ein
+Rückzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Überzeugung. Auffallend ist
+es, daß sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser
+Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr
+seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige
+Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen
+Parteien hält an und treibt rücksichtslos seine Keile selbst in das Gefüge
+des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden.
+
+Die Truppe zeigt sich für diese zersetzende Tätigkeit zugänglich, denn sie
+ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das
+Fehlen organisatorischer Tätigkeit und Fähigkeit zeigt sich auch hier an
+allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschläge zu durchgreifenden
+Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschläge als
+zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft, scheuen auch die
+Mühe, sie zu verwirklichen. Man beschränkt sich darauf, an dem Deutschen
+herum zu nörgeln, der im Lande sitzt - freilich in einem gemeinsam
+eroberten Lande -, der vertragsmäßig ernährt werden soll, weil er an der
+mazedonischen Grenze kämpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in
+erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach
+bulgarischer Meinung, nur selbst ernähren, und er tut es denn um des
+lieben Friedens willen auch, führt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis
+nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich
+nicht bei den kämpfenden Truppen, denn dort schätzt man sich, wohl aber in
+dem Rückengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten
+einzuschränken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus
+Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumänien stehen.
+Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmäßigen
+Ersatz, doch sofort erhebt sich ein großer Lärm in Sofia über Mangel an
+Bundestreue. Wir beschränken uns daher auf das Wegziehen nur geringer
+deutscher Kräfte und übernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen
+Divisionen in Rumänien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die
+bulgarischen Divisionen das nördliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit
+fast widerwillig hinübergegangen waren.
+
+Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrübt. Aber wir können auf
+weitere Bündnistreue rechnen, wenigstens solange wir die großen
+politischen Ansprüche Bulgariens erfüllen können und wollen. Als dann aber
+im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseäußerungen und
+deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen
+Armeen Zweifel darüber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch
+wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was
+schlimmer ist, man wird mißtrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt
+verstärkt die Abdankung Radoslawows. Seine Außenpolitik wird als großzügig
+anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er scheint nicht mehr
+der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenüber durchzusetzen. Seine
+Innenpolitik ist zudem vielfach verhaßt. Neue Männer sollen ans Ruder
+kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der
+Krippe des Staates. Man meint, sie könnten sich gesättigt haben. Alles
+soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhängt, vom
+höchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische,
+das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im
+Kriege!
+
+Über Österreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im
+Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darüber
+gesprochen, daß die versuchte Versöhnung der staatszersetzenden
+tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollständig scheiterte. Nun
+wird versucht, durch verstärktes Vorschieben kirchlicher Macht und
+kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiöser Gefühle ein
+einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder
+wenigstens um seine einflußreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch
+bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen
+und erregt Mißtrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die
+gegenseitige Abneigung der Völkerschaften wird durch die Verschiedenheiten
+in der Lebensmittelversorgung verschärft. Wien hungert, während Budapest
+genügend Nahrung hat. Der Deutsch-Böhme stirbt fast den Erschöpfungstod,
+während der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglück ist die Ernte
+teilweise mißraten. Dies verstärkt die innere Krisis und wird sie noch
+mehr verstärken. Es fehlt in Österreich-Ungarn nicht, wie in der Türkei,
+an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Überschuß- und
+Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich
+durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Übel der inneren
+politischen Gegensätze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf
+das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung übertragen. Kein Wunder, daß die
+Friedenssehnsucht wächst, und daß das Vertrauen auf den Ausgang des
+Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend
+als stärkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die
+Gemüter nicht zu heben, sondern sie gleichgültiger zu machen. Selbst der
+Sieg in Italien ist ein Jubel nur für einzelne Teile und Kreise der
+Völker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und
+zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten
+Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von
+Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr
+wie je mit Füßen getreten. Wahrlich es hätte stärkerer Nerven bedurft, als
+an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die
+teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch länger Widerstand zu
+leisten.
+
+Und nun zu unserer eigenen Heimat:
+
+Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe,
+vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere
+Änderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet
+durch den Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfänglich
+angenommen hatte, daß sich unsere Auffassungen über die durch den Krieg
+geschaffene Lage deckten, so mußte ich mit der Zeit zu meinem Bedauern
+immer mehr erkennen, daß dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des
+Krieges übertragen, und für ihn bedurfte ich aller Kräfte des Vaterlandes.
+Diese in einer Zeit größter äußerer Spannung durch innere Kämpfe zu
+zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureißen,
+mußte zu einer Schwächung unserer politischen und militärischen Stoßkraft
+führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten,
+still zu bleiben, wenn ich sah, daß die Einheitlichkeit, die wir an der
+Front nötig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Überzeugung, daß
+wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenüber mehr und mehr ins
+Hintertreffen gerieten, daß wir den entgegengesetzten Weg gingen wie
+diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem
+Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher für meine
+Pflicht, meinem Allerhöchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch
+einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch
+wurde von Seiner Majestät nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte
+gleichzeitig infolge einer Erklärung der Parteiführer des Reichstages
+seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt.
+
+Die nunmehr äußerlich zutage tretenden Folgen dieses Rücktrittes waren
+bedenklich. Der bisher nach außen hin aufrechterhaltene Schein des
+politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hörte auf. Es bildete sich
+eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluß nach links. Die
+Versäumnisse, die angeblich in früheren Zeiten in der Weiterentwicklung
+unserer innerstaatlichen Verhältnisse begangen waren, wurden nunmehr im
+Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen äußeren
+Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere
+Zugeständnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung
+zu erpressen. Wir mußten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren.
+Die Zügel der Staatsleitung gerieten allmählich in die Hände extremer
+Parteien.
+
+Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat
+ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhältnis. Er war unverzagt an
+sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsführung war nur kurz; die
+Verhältnisse sollten sich stärker erweisen als sein guter Wille.
+
+Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder
+gebessert. Immer mehr drängte die Mehrheit nach links und stellte sich,
+trotz mancher schöner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die
+bisherige Staatsordnung auflösen wollten. Immer schärfer zeigte es sich,
+daß die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen
+und Parteidogmata vergaß oder diesen Ernst nicht mehr sehen wollte.
+Darüber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese
+Parteiungen zu schüren.
+
+Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster
+Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend
+auf die zerfahrenen Parteiverhältnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den
+Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Königs von Bayern schon in
+Pleß bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit
+der er mir damals seine Glückwünsche zu der eben durch Seine Majestät den
+Kaiser vollzogenen Verleihung des Großkreuzes des Eisernen Kreuzes
+aussprach. Es lag für mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in
+der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten
+Lebenskräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes
+Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft überdauerte
+die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit
+Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenüber nicht mehr
+durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung
+blieb leider ein wohl von früher übernommenes Mißtrauen bestehen, das ab
+und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung für den Grafen
+wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er
+sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte.
+
+Auch abgesehen von den eben berührten Mißständen ist in der Heimat am Ende
+des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen.
+Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des
+Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesättigter oder
+mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen höheren Schwung,
+drückt die Menschen zur Gleichgültigkeit herab. Die große Menge denkt auch
+bei uns bei körperlich ungenügender Ernährung nicht viel besser als
+anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des
+Volkes unser ganzes Leben kräftiger durchsetzen. Dieses Leben muß aber
+unter solchen Verhältnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen
+geistigen und seelischen Anregungen mehr erhält. An einer solchen Belebung
+fehlt es aber auch bei uns. Man stößt in Kreisen, in denen man sonst
+anderes denken gewohnt war, auf die gefährliche Ansicht, daß gegen die
+Gleichgültigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter
+dieser Anschauung legen die Hände in den Schoß und lassen den Dingen ihren
+Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren
+Boden für ihre die staatliche Ordnung auflösenden Ideen ausnützen und eine
+verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich
+keine Hände finden, das Unkraut auszureißen.
+
+Die Gleichgültigkeit wirkt wie Untätigkeit. Sie durchsäuert den Boden für
+Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevölkerung der
+Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurückkehrt.
+
+Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie
+belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch
+niederdrückend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend
+nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr
+wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus
+diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung
+hinaus ins Feld.
+
+Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine
+Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein.
+Aber der Krieg erhebt nicht nur, er löst auch auf. Und dieser Krieg tat
+dies mehr, wie jeder frühere; er verdarb nicht nur die Körper, sondern
+auch die Seelen.
+
+Auch der Gegner sorgt für diese Zersetzung. Nicht bloß durch seine
+Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch
+durch ein anderes Mittel, das man "Propaganda im feindlichen Lager"
+nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens
+in solcher Größe und in solch rücksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der
+Gegner benutzte es in Deutschland wie in der Türkei, in Österreich-Ungarn
+wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblätter fällt nicht nur
+hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den türkischen
+im Irak und in Syrien herab.
+
+Als "Aufklärung des Gegners" bezeichnete man diese Art von Propaganda.
+"Verschleierung der Wahrheit" sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als
+das, "Vergiftung der Seelen des Feindes". Sie entspringt einer Auffassung,
+die nicht die Kraft in sich fühlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe
+zu überwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer
+geführten Schwertes niederzuzwingen.
+
+Schließlich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns
+feindlichen Staaten:
+
+Ich sage absichtlich "Versuch", denn nur um einen solchen konnte es sich
+für uns während des Kriegszustandes handeln. Wir waren nämlich nicht nur
+blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den
+anderen Beziehungen zum Auslande. Daran änderte unsere teilweise
+Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst
+lieferte nur ganz klägliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern
+Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold!
+
+Wir wußten, daß jenseits der kämpfenden Westfront eine Regierung sitzt,
+die persönlich von Haß- und Rachegedanken erfüllt, das Innerste ihres
+Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein "Wehe dem bisherigen
+Sieger", wenn die Stimme Clémenceaus erschallt. Frankreich blutet aus
+tausend Wunden. Würden wir es nicht wissen, so könnten wir es den offenen
+Erklärungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird
+weiterkämpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem
+wie mit eisernen Ketten zusammengefaßten Staatsgefüge erscheinen, da
+greift die Regierung mit rücksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein.
+Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den Frieden
+ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche
+offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen
+Phrasen weiter gefüttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem
+sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte "Humanismus und
+Pazifizismus" als "gefährliche Betäubungsmittel" gebrandmarkt, "mit denen
+die doktrinären Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Völker
+schwächen wollen." "Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein
+rechter Name ist Feigheit, d. h. übertriebene Liebe des Individuums zu
+sich selbst, die es von jedem persönlichen Risiko zurückschrecken läßt,
+das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt". So sprach man in dem
+"Frankreich des Friedens". War es ein Wunder, daß das "Frankreich des
+Krieges" nicht milder dachte und jeden, der im Kriege überhaupt von
+Frieden zu reden wagte, als Landesverräter brandmarkte?
+
+Wir können es nicht bezweifeln, daß das französische Volk auch Ende 1917
+besser genährt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man für den Pariser,
+entschädigt ihn für so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch
+möglichen Genüsse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die
+Entbehrungen des täglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange
+ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, daß die
+Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir dürfen uns nicht im
+Unklaren sein, daß auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange
+kämpfen muß, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen.
+
+Die französischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie
+erzählen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen
+läßt auf keinen Mangel schließen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch
+keiner glaubt, daß es kommen wird, solange "die anderen kämpfen wollen".
+
+Wie steht es in England?
+
+Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor
+einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort, es auszusprechen. Es
+gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England
+einen "Schwächeanfall" überwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein,
+als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die
+Kriegsziele herabgemindert werden würden. Die Stimme eines Lord Lansdowne
+ertönte. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden
+Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt.
+Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte
+man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert,
+eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich
+noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns später erst bekannt wurde, einem
+politischen Pfuhle auf mitteleuropäischem Boden entstiegen. Der Gedanke an
+das nahende Ende reißt das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder
+empor. Man erträgt wiederum williger das Entbehren von Genüssen,
+verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische
+Freiheiten in der Hoffnung, daß die Vorhersage in Erfüllung geht, nach
+einem glücklichen Ende dieses Krieges würde jeder einzelne Engländer
+reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische
+Selbstzucht des einzelnen Engländers. Also auch hier nichts von Frieden,
+es sei denn, daß der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen
+Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat
+keiner. Doch danach fragt da drüben kein Mensch. Man fordert, und es wird
+geleistet.
+
+Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im
+Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne
+zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus
+Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem für sie sinnlosen Blutvergießen.
+Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und
+begrüßten die ihnen dort bekannten Arbeitsstätten mit deutschen Gesängen.
+Wenn auch die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht,
+das Volk erlahmt nicht völlig. Es weiß, daß es sonst hungern und frieren
+muß. Der italienische Wille muß sich auch weiterhin vor fremdem beugen,
+das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es erträglich
+durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute.
+
+Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom
+fremden europäischen Boden. Was wir vernehmen, bestätigt unsere Vermutung.
+Das glänzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschäft ist in den Dienst des
+Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an
+dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem
+Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der
+Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rücksichtslose Gewalt. Man begreift
+den Krieg. Die weichen Stimmen müssen schweigen, bis die harte Arbeit
+getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der
+Menschen, jetzt wird sie unterdrückt zum Nutzen des Staates. Man fühlt
+sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf für ein Ideal,
+und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des
+an den Rand des Verderbens gedrückten Angelsachsen spricht, da wird Gold
+in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen.
+
+Von Rußland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein
+Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht völlig
+ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumänischen
+Verbündeten mit sich gerissen.
+
+So erschienen mir die Verhältnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende
+des Jahres 1917.
+
+Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt:
+"Wie erklärt es sich, daß der Gegner in seinen rücksichtslosen politischen
+Forderungen uns gegenüber nichts nachließ, trotz seiner vielen
+militärischen Mißerfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Rußlands
+als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch zweifellos tiefgreifenden
+Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit
+für einen Transport starker nordamerikanischer Kräfte auf den europäischen
+Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter
+dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen für einen Frieden
+zuzumuten, die man wohl einem völlig geschlagenen Feind diktieren konnte,
+mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der
+bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast überall tief in
+Feindesland stand?"
+
+Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende:
+
+Während wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die
+Blicke ihrer Regierungen und Völker unentwegt auf die Entwicklung der
+inneren Zustände unseres Vaterlandes und der Länder unserer
+Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwächen, die ich im
+Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwächen
+aber stärkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen
+Willen zum Siege.
+
+Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar
+günstigsten Verhältnissen arbeitete, gab dem Gegner den wünschenswerten
+vollen Einblick in unsere Verhältnisse, sondern auch unser Volk und seine
+politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mißstände vor den
+gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht
+so weit politisch geschult, daß er imstande gewesen wäre, sich zu
+beherrschen. Er mußte seine Gedanken aussprechen, mochten sie für den
+Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit
+befriedigen zu müssen, indem er sein Wissen und seine Gefühle der weiten
+Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nützte oder
+schadete, war bei dem vagen weltbürgerlichen Gefühle, in dem er vielfach
+lebt, für ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und
+klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus,
+daß es auch seine Zuhörer sein würden. Damit war der Fall für ihn dann
+erledigt.
+
+Dieser Fehler hat uns im großen Ringen um unser völkisches Dasein mehr
+geschadet als militärischer Mißerfolg. Dem Mangel an politischer
+Selbstzucht, wie sie dem Engländer zur zweiten Natur geworden ist, dem
+Fehlen einer von kosmopolitischen Schwärmereien völlig freien
+Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglüht, schiebe ich letzten
+Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die
+Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen
+der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiß sehr wohl, daß
+unter den sachlichen Gründen, die damals für diese Resolution
+ausschlaggebend waren, mancherlei Enttäuschungen über den Gang des Krieges
+sowie über die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegführung eine
+große Rolle spielten. Man konnte über die Berechtigung zu einem solchen
+Mißtrauen unserer Lage gegenüber verschiedener Anschauung sein -
+bekanntlich beurteilte ich sie günstiger - aber für völlig verfehlt
+glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu müssen, in der man sich von
+parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloß. Zu einem
+Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten
+der Deutschen vielleicht froh gewesen wären, wenn sie irgend welche leisen
+Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes hätten entnehmen
+können, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren.
+Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte,
+waren zu fadenscheinig, als daß sie irgend jemanden im feindlichen Lager
+hätten täuschen können. So fand bei uns das Wort Clémenceaus "Ich führe
+Krieg!" das Echo: "Wir suchen Frieden!"
+
+Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom
+Standpunkte menschlichen Gefühles sondern vom Standpunkte soldatischen
+Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten würde, und kleidete das in die
+Worte: "Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!" Ein weiteres Kriegsjahr in
+unserer eigenen und unserer Verbündeten schweren Lage!
+
+
+
+
+
+ VIERTER TEIL
+
+
+ ENTSCHEIDUNGSKAMPF IM WESTEN
+
+
+
+
+ Die Frage der Westoffensive
+
+
+
+ Absichten und Aussichten für 1918
+
+
+Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden
+Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an
+mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des
+Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte.
+
+Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und
+spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst zu
+den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende:
+
+Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen Machtlosigkeit
+Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig
+militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte,
+die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich
+für durchaus imstande, den Ententekräften gegenüber in Mazedonien
+auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkräfte, die noch
+gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer Zeit vollständig für
+Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Türkei war durch den
+Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte
+dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend Kräfte frei, um ihre
+Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstärken.
+
+Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer
+Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der
+zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen
+Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst
+wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine solche bekamen
+wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum
+Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kräfte
+vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen.
+Zum ersten Male während des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine
+deutsche Überlegenheit! Sie konnte freilich nicht so groß sein, als es
+diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren
+unsere Westfront vergeblich bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere
+Ostkräfte nicht hin, um die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an
+Artillerie- und Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber
+jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur
+Überwältigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel
+auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen.
+
+Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch unter
+diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die Bedenken, ob uns
+ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering. Im Verlauf und
+Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich
+wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner
+mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit seinen Millionen von
+Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von
+Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von etlichen
+Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir
+hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mußte
+jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die unsern
+wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten konnten
+wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten für die Führung
+solcher Kämpfe weder die Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher
+rückte der Augenblick, an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich
+auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht
+derartig wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse
+in Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden.
+
+Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder
+mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch
+bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen,
+aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte: "Vertrauen".
+Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch
+weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es war das Vertrauen,
+mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche Feuer entläßt,
+überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das Unmöglichscheinende
+möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als
+wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast
+übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwärts
+Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns wagen ließ, mit
+Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen Kriegsschauplätzen in
+Schach zu halten oder gar zu schlagen.
+
+Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der
+Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die
+Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des
+Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen "Kaninchen", das der Spott
+eines unserer erbittertsten Gegner als "aus dem freien Felde in die
+Erdlöcher vertrieben" der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu dürfen
+glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit seinem
+ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die jahrelange
+Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden.
+
+Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und
+weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren
+ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem
+dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die
+Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg noch
+anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch
+tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so
+reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders
+sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des
+Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer
+deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in
+dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller
+politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken
+des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten.
+
+Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer
+Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland
+und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? "Waffenstreckung?"
+Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben, daß unsere Gegner ihre
+Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden. Gerieten wir nur erst
+einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens, hörte die straffe Spannung
+unserer Kräfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein
+Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir vorher dem Gegner selbst die Arme
+und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon
+1917, so verwirklichten sie sich später. Wir standen immer in der Wahl
+zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung.
+Äußerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang
+niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo
+friedensverheißender ertönt sein sollte, dann durchdrang sie nicht die
+Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag.
+
+Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen
+kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir
+hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten
+wollten. Das "Wie" ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken:
+Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir
+mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben. Gelang
+es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch
+zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schläge an anderen
+Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel
+erreicht war.
+
+Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein völliger
+Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu
+freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der Linie
+Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl der
+Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt. Wir
+wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem
+Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer
+die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich
+darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein
+bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war,
+wie in England.
+
+Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir
+unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der
+Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte.
+Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu
+schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich
+glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde. Derartige
+Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz
+selbstverständlich. Sie hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer
+entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjähriger Krieg konnte diese
+mangelnde Vorbereitung nicht völlig ersetzen. Was dem Engländer an
+Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine
+Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im
+Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbände waren von
+verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine
+Erscheinung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß die dortige
+Bevölkerung vorwiegend eine agrarische ist.
+
+Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer
+Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung als
+dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie
+Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische Infanterist
+in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die
+französischen Truppenverbände je nach den Landesteilen, aus denen sie sich
+ergänzten, verschieden.
+
+Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der
+französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder der
+Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde. Daß
+dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der
+Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs
+vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als
+selbstverständlich.
+
+Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der
+Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner
+sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front
+massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der
+Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im
+übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig
+verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der
+Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei
+dieser Stadt war infolge unseres Gegenstoßes vom 30. November 1917 nur
+noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man
+sich ausdrückte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten.
+Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken.
+Es war allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum
+Beginn unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise
+bestehen bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein
+Verbergen unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine
+bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine
+solche Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen.
+Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen
+Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem
+Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir
+imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe
+festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen
+unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung
+hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede Veränderung
+auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen
+Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die ausgedehnten
+Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen, auf
+Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir,
+auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen. Dieses
+Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf
+eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden
+durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer
+Truppen überlassen werden.
+
+Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung
+sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die
+Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt
+und in zusammenfassenden Vorschriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den
+Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dünne
+Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von
+Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und
+Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht wurden. Solche dünne
+Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfähig, wenn ein starker
+Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach völlig einer Taktik
+von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner
+Mitkämpfer den Angriffstrieb erhält, eine Taktik, wie wir sie von
+gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie
+ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war.
+
+Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen
+Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in
+erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl
+auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und
+die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir
+allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen
+Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung darin
+gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien
+hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes,
+am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen
+konnten, je dichter die Menschenhalme standen.
+
+Diese Ausführungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres
+Kampfverfahrens beschäftigen, dürften zur allgemeinen Kennzeichnung
+unserer Angriffsgrundsätze genügen. Der deutsche Infanterist trug
+natürlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten
+aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven
+Musketier die Arbeit zu erleichtern.
+
+Die Schwere des bevorstehenden großen Waffenganges im Westen wurde von uns
+in ihrer ganzen Größe gewürdigt. Sie machte es uns zur
+selbstverständlichen Pflicht, alle brauchbaren Kräfte für das blutige Werk
+heranzuziehen, die wir irgendwie auf den übrigen Kriegsschauplätzen
+entbehrlich machen konnten.
+
+Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und
+wirtschaftlichen Verhältnisse legte der Durchführung mancherlei
+Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persönliches Eingreifen
+nötig machten. Ich möchte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen
+und beginne mit dem Osten:
+
+Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand
+geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten
+wir schon vorher mit der Abbeförderung eines großen Teiles unserer
+Kampfverbände von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffähigen
+Divisionen mußte jedoch bis zur endgültigen politischen Abrechnung mit
+Rußland und Rumänien zurückbleiben.
+
+Unseren militärischen Wünschen würde es natürlich durchaus entsprochen
+haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingeläutet worden
+wäre. Statt ihrer tönten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die
+wildesten Agitationsreden umstürzlerischer Doktrinäre. Die breiten
+Volksmassen aller Länder wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen,
+die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des
+Schreckens abzuschütteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am
+Bürgertum gesichert werden. Die russischen Unterhändler, allen voran
+Trotzki, würdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versöhnung mächtiger
+Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wüster Agitatoren herab.
+Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen
+keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und
+Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem
+sie die politische Auflösung in unserem Rücken und in die Reihen unserer
+Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhältnissen
+schlimmer zu werden als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter
+gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darüber doch wohl einem
+falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf für sich in
+Anspruch nehmen, daß sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte.
+
+Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in
+Brest-Litowsk litt, mochten noch so groß sein, ich hatte jedenfalls die
+Pflicht, darauf zu dringen, daß mit Rücksicht auf unsere beabsichtigen
+Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht würde. Die
+Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluß, als Trotzki am
+10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im
+übrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklärte. Ich konnte in
+diesem, allen völkerrechtlichen Grundsätzen hohnsprechenden Verhalten
+Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der
+Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflüsse der Entente
+wirksam waren, muß ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der
+damalige Zustand in militärischer Beziehung unerträglich. Der
+Reichskanzler Graf von Hertling schloß sich dieser Anschauung der Obersten
+Heeresleitung an. Seine Majestät der Kaiser entschied am 13. Februar, daß
+die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien.
+
+Die Durchführung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen
+feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr
+drohende Gefahr. Am 3. März wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem
+Vierbund und Großrußland unterzeichnet. Die russische militärische Macht
+war damit auch rechtsgültig aus dem Kriege ausgeschieden. Große
+Landesteile und Völkerstämme waren von dem bisherigen geschlossenen
+russischen Körper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrußland ein tiefer
+Riß zwischen Großrußland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der
+Randstaaten vom früheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war für
+mich in erster Linie ein militärischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich
+mich so ausdrücken darf, weites Vorfeld jenseits unserer Grenzen gegen
+Rußland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrüßte ich die
+Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, daß von jetzt ab
+das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche
+Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte.
+
+Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, daß die Verhandlungen mit
+einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten äußerst
+wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunächst einmal mit
+den jetzt in Großrußland vorhandenen Machthabern zu einem abschließenden
+Vertrag zu kommen. Im übrigen war ja zurzeit dort alles in größter Gärung,
+und ich persönlich glaubte nicht an eine längere Dauer der Herrschaft des
+damaligen Terrors.
+
+Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht möglich,
+alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefördern. Wir konnten
+die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Schon
+allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und
+den von uns befreiten Ländern forderte gebieterisch das Belassen stärkerer
+deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine
+noch nicht abgeschlossen. Wir mußten in dieses Land einmarschieren, um in
+die dortigen politischen Verhältnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn
+dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete
+Lebensmittel in erster Linie für Österreich-Ungarn, dann aber auch für
+unsere Heimat, ferner Rohstoffe für unsere Kriegsindustrie und
+Kriegsbedürfnisse für unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte
+spielten bei diesen Unternehmungen für die Oberste Heeresleitung keine
+Rolle.
+
+Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militärische Unterstützung,
+die wir im Frühjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen
+die russische Gewaltherrschaft angedeihen ließen. Hatte doch die
+bolschewistische Regierung die uns zugesagte Räumung des Landes nicht
+durchgeführt. Wir hofften außerdem dadurch, daß wir Finnland auf unsere
+Seite zogen, der Entente eine militärische Einwirkung auf die weitere
+Entwicklung der Verhältnisse in Großrußland von Archangelsk und der
+Murmanküste her aufs äußerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit
+gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die für den Fall
+wichtig wurde, daß das bolschewistische Rußland auf unsere Ostfront
+erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kräfteaufwand, es handelte
+sich hierfür um kaum eine Division, lohnte sich für uns jedenfalls
+reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des
+finnischen Volkes entgegenbrachte, ließ sich meiner Ansicht nach durchaus
+mit den Forderungen der militärischen Lage in Einklang bringen.
+
+Die Kampftruppen, die wir gegen Rumänien stehen hatten, wurden
+größtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres
+Friedensschlusses mit Rußland genötigt sah, auch ihrerseits zu einem
+friedlichen Abschluß mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende
+Rest unserer fechtenden Truppen bildete für die Zukunft eine gewisse
+Kraftquelle zur Ergänzung unseres Westheeres.
+
+Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen
+Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des
+Winters durchgeführt werden. Österreich-Ungarn mußte nach meiner Ansicht
+durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu
+beherrschen.
+
+Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Österreich-Ungarn mit dem
+Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien
+frei werdenden Kräfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfügung zu
+stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, daß diese Kräfte
+sich in Italien besser verwerten ließen als bei unserem schweren Ringen im
+Westen. Gelang es Österreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des
+Landes das gesamte italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort
+befindlichen Teile der englischen und französischen Truppen zu binden oder
+gar Kräfte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront
+abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen
+wurde, vielleicht größer, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstützung.
+Wir beschränkten uns daher auf Heranziehung österreichisch-ungarischer
+Artillerie. Für mich bestand übrigens kein Zweifel, daß General von Arz
+ein Ersuchen unsererseits um größere österreichische Hilfe jederzeit und
+mit allen seinen Kräften vertreten hätte.
+
+Der österreichisch-ungarische Außenminister hat in dieser Zeit in einer
+Rede darauf hingewiesen, daß die Kräfte der Donaumonarchie ebensowohl für
+Straßburg wie für Triest eingesetzt würden. Diese bundesfreundliche
+Äußerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachträglich wurde mir
+bekannt, daß diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher
+Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprüche hervorgerufen hatten. Diese
+politische Erregung übte sonach auf meine militärische Entscheidung über
+die Größe der österreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren künftigen
+Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluß.
+
+Es galt für mich als selbstverständlich, daß wir den Versuch machen
+mußten, auch diejenigen unserer Kampftruppen für unsere Westoffensive frei
+zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Türkei verwendet
+waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie groß die politischen
+Widerstände gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General
+Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer
+Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen
+Pickelhauben in Mazedonien für ebenso unentbehrlich wie sein König. Die
+Zurückziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam
+infolgedessen nur recht allmählich in Fluß. Nur schwer entschloß sich
+General Jekoff auf unser wiederholtes Drängen, sie durch die bulgarischen
+Truppen aus der Dobrudscha abzulösen. Ernste Mitteilungen unserer
+deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front über Stimmung und
+Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaßten uns schließlich, den
+Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer
+noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen.
+
+Ein ähnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemühen in der Türkei. Unser
+Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprünglich für den Feldzug nach
+Bagdad bestimmten türkischen Divisionen nach Syrien befördert worden. Die
+bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres
+1918 eine Verstärkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzuführen.
+Die meisten der hierfür bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien
+stehenden Verbänden entnommen. Bevor diese Verstärkungen ihren neuen
+Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung
+in der Lage an der syrischen Front feststellen zu können, und traten daher
+mit Enver Pascha wegen Zurückziehung aller dortigen deutschen Truppen in
+Verbindung. Der Pascha gab sein Einverständnis. Dringende militärische und
+politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien
+sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflußten deutschen
+Reichsleitung veranlaßten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen.
+
+Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, daß von unserer Seite nichts
+unterlassen wurde, um möglichst alle unsere deutschen Kampfkräfte im
+Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten
+Mann gelang, so lag der Grund in Verhältnissen verschiedenster Art, in
+keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von
+unserer Seite.
+
+So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so
+sehnsüchtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rücken dem
+Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mußten jetzt zu diesem
+Waffengang schreiten. Ein solcher würde uns vielleicht erspart geblieben
+sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgültig geschlagen hätten.
+
+Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918,
+die Aufgabe für uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als
+mächtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als
+wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll
+gerüstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner,
+wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen
+Kriegführung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor
+dem Niederbruch stützend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die
+Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nähe. Wird
+dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den
+Händen zu reißen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin!
+Ich glaubte sie verneinen zu können!
+
+Der Ausgang unserer großen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen
+lassen, ob es für uns nicht rätlich gewesen wäre, auch im Jahre 1918 den
+Krieg an der Westfront, unter Stützung der bisher dort verwendeten Armeen
+mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu führen, alle
+übrigen militärischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu
+vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhältnisse
+zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu
+unterstützen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß mich derartige Gedanken
+nicht vor unseren Offensivplänen beschäftigt hatten. Ich wies sie nach
+reiflichster Überlegung zurück. Gefühlsmomente spielten dabei keine Rolle.
+Wie wäre ein Ende des Krieges bei solcher Führung abzusehen gewesen?
+Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an
+unserer deutschen Widerstandskraft über das kommende Jahr hinaus zu
+zweifeln, so konnte ich über dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei
+unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mußten mit allen
+Mitteln zu einem erfolgreichen Ende zu kommen trachten. Das war die mehr
+oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbündeten. Man
+kann dagegen nicht einwenden, daß auch unsere Gegner an den äußersten Rand
+ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfähigkeit herankamen. Sie
+konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen,
+und wer unter ihnen nicht hätte mittun wollen, würde durch die anderen
+einfach gezwungen worden sein. Ein allmählicher Erschöpfungstod war,
+nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos
+unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglück meines Vaterlandes vor Augen
+habe, trage ich die felsenfeste Überzeugung, daß ihm das Bewußtsein, die
+letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu
+seinem inneren Aufbau nützen wird, als wenn der Krieg in einem
+allmählichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet hätte. Dem Schicksal,
+das es jetzt tragen muß, wäre es doch nicht entgangen, wohl aber würde ihm
+der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche
+nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, daß der
+Waffenruhm von Preußisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten
+Preußens nicht mehr haben wenden können, doch wie ein Stern in der
+lichtlosen Finsternis der Jahre 1807-1812 leuchtete. An seinem Glanze fand
+so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders
+geworden sein? Mein preußisches schlägt in diesen Bahnen!
+
+
+
+ Spa und Avesnes
+
+
+In Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestät des
+Kaisers am 8. März das deutsche Große Hauptquartier nach Spa verlegt. Die
+Änderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem
+neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer
+westlichen Heeresfront auf kürzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da
+wir jedoch den kommenden Ereignissen in möglichst unmittelbarer Nähe
+folgen wollten, so wählten wir außerdem Avesnes als eine Art von
+vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir
+am 19. März mit dem größten Teil des Generalstabes ein und befanden uns
+damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die
+bei den bevorstehenden Entscheidungskämpfen die Hauptrolle zu spielen
+hatten.
+
+Das Bild der Stadt wird äußerlich beherrscht durch den mächtigen,
+klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen
+noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, daß Avesnes in
+früheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit
+mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preußischen Armee nach der
+Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt
+und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war
+die Gegend nicht betroffen worden.
+
+Die Stadt, ganz in grüne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch
+unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepräge. Ich
+selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder für längere Zeit unter
+französischer Bevölkerung. Die verschiedenen Straßentypen erschienen mir
+gegen die Zeit von 1870/71 so unverändert, daß ich den zeitlichen
+Zwischenraum vergessen konnte. So saßen auch jetzt noch, wie damals, die
+Einwohner vor ihren Türen, die Männer meist still in Schauen vertieft, die
+Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem
+Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden.
+Glückliche Jugend!
+
+Unser langes Verbleiben in Avesnes bestätigte mir im übrigen die
+allgemeine Erfahrung, daß die französische Bevölkerung sich mit Würde in
+das harte Schicksal fügte, das die lange Dauer des Krieges über sie
+verhängt hatte. Wir waren nicht veranlaßt, irgendwelche besondern
+Maßregeln für Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu
+ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschränken, die Ruhe für unsere
+Arbeit sicherzustellen.
+
+Seine Majestät der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern
+verweilte während der Zeit der folgenden großen Ereignisse in seinem
+Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange
+Aufenthalt in den engen Räumen des Zuges mag als Beweis für die
+Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten
+völlig seinem Heer. Rücksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch
+feindliche Flieger, lagen außerhalb der Gedankenreihe des Kaisers.
+
+Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nächsten Monate
+Gelegenheit, häufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und
+Armeeführern sowie sonstigen höheren Stäben in persönliche Berührung zu
+kommen. Ganz besonders begrüßte ich die Möglichkeit, Truppenoffiziere bei
+mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit
+ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren für mich
+nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen
+Standpunkt aus von hohem Interesse.
+
+Der gelegentlich ausgeführte Besuch bei dem masurischen Regiment, das
+meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger
+Offizier während zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie,
+die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war für mich eine ganz
+besondere Freude. Freilich war von den Friedensstämmen nur noch wenig
+übrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen
+Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele
+auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken!
+
+
+
+
+ Unsere drei Angriffsschlachten
+
+
+
+ Die "Große Schlacht" in Frankreich
+
+
+Noch vor unserer Abfahrt von Spa erließ Seine Majestät der Kaiser den
+Befehl für die demnächstige große Angriffsschlacht. Ich führe diesen
+Befehl in seinem wesentlichsten Inhalt wörtlich an, um weitläufige
+Ausführungen über unsere Kampfabsichten entbehrlich zu machen. Zur
+Erläuterung bemerke ich im voraus, daß die Vorarbeiten zu dieser großen
+Schlacht mit dem Deckwort: "Michael" bezeichnet worden waren, und daß
+Angriffstag und Angriffsstunde erst eingefügt wurden, als sich der
+Abschluß der Vorbereitungen einwandfrei übersehen ließ.
+
+ Großes Hauptquartier, 10. 3. 18.
+
+ "Seine Majestät befehlen:
+
+ 1. Der Michaelangriff findet am 21. 3. statt. Einbruch in die erste
+ feindliche Stellung 940 vormittags.
+
+ 2. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht schnürt dabei als erstes großes
+ taktisches Ziel den Engländer im Cambraibogen ab und gewinnt ... die
+ Linie Croisilles (südöstlich Arras)-Bapaume-Peronne. Bei günstigem
+ Fortschreiten des Angriffes des rechten Flügels (17. Armee) ist dieser
+ über Croisilles weiter vorzutragen.
+
+ Weitere Aufgabe der Heeresgruppe ist, in Richtung Arras-Albert
+ vorzustoßen, mit linkem Flügel die Somme bei Peronne festzuhalten und
+ mit Schwerpunkt auf dem rechten Flügel die englische Front auch vor der
+ 6. Armee ins Wanken zu bringen und weitere deutsche Kräfte aus dem
+ Stellungskriege für den Vormarsch frei zu machen ...
+
+ 3. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz gewinnt zunächst südlich des
+ Omigonbaches (dieser mündet südlich Peronne) die Somme und den
+ Crosatkanal (westlich La Fère). Bei raschem Vorwärtskommen hat die
+ 18. Armee (rechter Flügel der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz) die
+ Übergänge über die Somme und die Kanalübergänge zu erkämpfen ..."
+
+Die Spannung, unter der wir am 18. März abends Spa verlassen hatten,
+steigerte sich bei unserem Eintreffen auf der Befehlsstelle Avesnes. Das
+bisher herrliche, klare Vorfrühlingswetter war umgeschlagen. Heftige
+Regenböen zogen über das Land. Sie machten dem Spottnamen, mit dem Avesnes
+und seine Umgebung von den Franzosen belegt war, alle Ehre. An sich
+konnten wir uns Wolken und Regen an diesen Tagen wohl gefallen lassen. Sie
+verschleierten vielleicht unsere letzten Angriffsvorbereitungen. Hatten
+wir aber wirklich noch berechtigte Hoffnung, daß der Gegner in unsere
+bisherigen Maßnahmen noch keinen Einblick gewonnen hatte? Die feindliche
+Artillerie hatte sich in letzter Zeit ab und zu besonders aufmerksam und
+lebhaft gezeigt. Das Feuer war indessen immer wieder abgeflaut. Da und
+dort suchten feindliche Flieger während der Nacht im Scheine von
+Leuchtkugeln einzelne unserer wichtigsten Vormarschstraßen ab und schossen
+mit Maschinengewehren auf alle wahrgenommenen Bewegungen. Aber all das gab
+noch keinen festen Anhalt für eine Antwort auf die Frage: "Kann unsere
+Überraschung gelingen?"
+
+Die Angriffsverstärkungen rückten in den letzten Nächten in ihre
+Ausgangsstellungen zum Sturme; die letzten Minenwerfer und Batterien
+wurden vorgezogen. Keine wesentliche Störung durch den Gegner! An
+einzelnen Stellen unternahm man es, schwere Geschütze bis an die
+Hindernisse vorzuschieben und sie dort in Geschoßtrichtern unterzubringen.
+Man glaubte Überkühnes wagen zu sollen, um der stürmenden Infanterie die
+artilleristische Unterstützung während ihres Durchbruches durch das ganze
+feindliche Stellungssystem zu gewährleisten. Keine feindliche
+Gegenmaßregel verhinderte auch diese Vorbereitungen.
+
+Der größte Teil des 20. März verging in Sturm und Regen. Die Aussichten
+auf den 21. waren unsicher, örtlicher Nebel wahrscheinlich. Trotzdem
+entschieden wir uns am Mittag für den Beginn der Schlacht am Morgen des
+folgenden Tages.
+
+Die Frühdämmerung des 21. März fand das nördliche Frankreich von der Küste
+bis zur Aisne unter einer Dunstschicht. Je höher die Sonne stieg, um so
+dichter wurde der Nebel auf den Erdboden gedrückt. Er beschränkte
+zeitweise den Blick bis auf wenige Meter Entfernung. Selbst die
+Schallwellen schienen sich in den grauen Schwaden zu verzehren. In Avesnes
+vernahm man nur fernes unbestimmtes Rollen von dem Schlachtfelde her, auf
+dem seit den ersten Tagesstunden Tausende von Geschützen jeden Kalibers im
+heftigsten Feuer standen.
+
+Ungesehen und selbst nicht sehend arbeitete unsere Artillerie. Nur die
+Gewissenhaftigkeit der Vorbereitungen konnte Gewähr geben für die Wirkung
+unserer Batterien. Die Antwort des Gegners war örtlich und zeitlich von
+wechselnder Stärke. Sie war mehr ein Herumtasten nach einem unbekannten
+Gegner, als eine systematische Bekämpfung des lästigen Feindes.
+
+Also auch jetzt noch keine Gewißheit, ob nicht der Engländer in voller
+Abwehrbereitschaft unseren Angriff erwartete. Der Schleier, der über allem
+lag, lichtete sich nicht. In ihn hinein stürmte gegen 10 Uhr vormittags
+unsere brave Infanterie. Zunächst kamen von ihr nur unklare Meldungen,
+Angaben über erreichte Ziele, Abänderungen dieser Nachrichten, Widerrufe.
+Erst allmählich hob sich die Ungewißheit, und es ließ sich überblicken,
+daß wir überall in die vordersten feindlichen Stellungen eingebrochen
+waren. Gegen Mittag begann der Nebel zu schwinden, die Sonne zu siegen.
+
+In den späten Abendstunden war ein Bild des Erreichten mit einiger
+Klarheit zu erkennen. Die rechte Flügelarmee und die Mitte unserer
+Schlachtfront waren im wesentlichen vor der zweiten feindlichen Stellung
+zum Halten gekommen. Die linke Armee war über St. Quentin hinaus mächtig
+vorwärts geschritten. Kein Zweifel, daß der rechte Flügel den stärksten
+Widerstand vor sich hatte. Der Engländer spürte die ihm aus nördlicher
+Richtung drohende Gefahr, er warf ihr alle seine verfügbaren Reserven
+entgegen. Der linke Flügel dagegen hatte bei augenscheinlich weitgehender
+Überraschung die verhältnismäßig leichteste Kampfarbeit gehabt. Der
+Kräfteverbrauch war im Norden über unser Erwarten groß, sonst entsprach er
+unseren Voraussetzungen.
+
+Das Ergebnis des Tages schien mir befriedigend. In diesem Sinne sprachen
+sich auch unsere vom Schlachtfeld zurückkehrenden Generalstabsoffiziere
+aus, die den Truppen in den Kampf gefolgt waren. Doch konnte erst der
+zweite Tag zeigen, ob nicht unser Angriff das Schicksal aller derjenigen
+teilte, die der Gegner seit Jahren gegen uns geführt hatte, nämlich eine
+Versumpfung des Vorwärtsschreitens nach dem ersten gelungenen Einbruch.
+
+Der Abend dieses zweiten Tages sah unseren rechten Flügel im Besitz der
+zweiten feindlichen Stellung. Unsere Mitte hatte auch die dritte
+feindliche Widerstandslinie genommen, während die linke Armee im vollen
+Siegeslauf schon jetzt meilenweit nach Westen vorgedrungen war. Hunderte
+von feindlichen Geschützen, ungeheure Mengen Schießbedarfs und sonstige
+Beute jeder Art lagen im Rücken unserer vordersten Linien. Lange
+Gefangenenkolonnen marschierten nach Osten. Die Zertrümmerung der
+englischen Besatzung im Cambraibogen konnte jedoch nicht mehr gelingen, da
+unser rechter Flügel entgegen unseren Erwartungen nicht weit und rasch
+genug vorwärts gekommen war.
+
+Der dritte Kampftag veränderte nicht das bisherige Bild des
+Schlachtenverlaufes: Schwerstes Ringen unseres rechten Flügels, wo
+höchstgespannte englische Zähigkeit sich uns entgegenwirft und auch heute
+noch die dritte Verteidigungslinie behauptet. Dafür weiterer großer
+Geländegewinn in unserer Mitte und auch auf unserem linken Flügel. Südlich
+Peronne wurde schon an diesem Tage die Somme erreicht, an einem Punkte
+sogar überschritten.
+
+An diesem Tage, dem 23. März, fallen die ersten Granaten in die feindliche
+Hauptstadt.
+
+Bei diesem glänzenden Fortschreiten unseres Angriffes in westlicher
+Richtung, das alles in Schatten stellt, was seit Jahren auf der Westfront
+geleistet worden war, erscheint mir unser Durchdringen bis nach Amiens
+möglich. Amiens ist der große Vereinigungspunkt der wichtigsten
+Bahnverbindungen zwischen dem durch die Somme scharf geschiedenen
+Kriegsgebiet des mittleren und nördlichen Frankreichs, letzteres das
+hauptsächliche Kampffeld Englands. Die Stadt ist also von größtem
+strategischen Wert. Fällt sie in unsere Hand, oder gelingt es uns,
+wenigstens Amiens und Umgebung unter unser kräftiges Artilleriefeuer zu
+bringen, so ist das gegnerische Operationsfeld in zwei Teile gesprengt,
+der taktische Durchbruch zum strategischen erweitert, England auf der
+einen, Frankreich auf der anderen Seite. Vielleicht lassen sich die
+verschiedenen politischen und strategischen Interessen beider Länder durch
+solch einen Erfolg trennen. Bezeichnen wir diese Interessen durch die
+beiden Namen "Calais" und "Paris". Darum vorwärts gegen Amiens!
+
+Und in der Tat geht es auch weiter vorwärts mit Riesenschritten. Für
+lebhafte Phantasien und heiße Wünsche freilich immer noch nicht rasch
+genug. Muß man doch befürchten, daß auch der Gegner die ihm nunmehr
+drohende Gefahr erkennt, und daß er alles versuchen wird, ihr zu begegnen.
+Englische Reserven vom Nordflügel, französische Truppen aus ganz
+Mittelfrankreich werden jedenfalls Amiens und dessen Umgebung zustreben.
+Auch ist zu erwarten, daß die französische Führung sich unserem Vordrängen
+von Süden her in die Flanke werfen wird.
+
+Der Abend des vierten Schlachttages sieht Bapaume in unseren Händen.
+Peronne und die Sommelinie südwärts liegt schon hinter unseren vordern
+Divisionen. Wir haben das alte Schlachtfeld an der Somme wieder betreten;
+für manchen unserer Soldaten reich an stolzen, wenn auch ernsten
+Erinnerungen, für alle, die es zum ersten Male sahen, tiefergreifend durch
+die Sprache, die auch jetzt noch aus den Millionen von Granattrichtern,
+aus dem Gewirr halbverfallener und verwachsener Gräben, aus dem
+majestätischen Schweigen über den verödeten Flächen und aus den Tausenden
+von Gräbern an das menschliche Herz dringt.
+
+Starke Frontteile der Engländer sind völlig geschlagen und weichen
+ziemlich haltlos in Richtung auf Amiens zurück. Zunächst stockt aber nun
+das Vorschreiten unserer rechten Flügelarmee. Um die Schlacht hier wieder
+in Fluß zu bringen, greifen wir das Höhengelände ostwärts Arras mit neuen
+Kräften an. Der Versuch gelingt indessen nur stellenweise. Das Unternehmen
+wird abgebrochen. Inzwischen nimmt die Mitte unseres Angriffes Albert. Der
+linke Flügel stößt am siebenten Schlachttage unter Deckung gegen
+französische Angriffe aus südlicher Richtung über Roye bis Montdidier vor.
+
+Die Entscheidung liegt also mehr als je in der Richtung auf Amiens.
+Dorthin scheinen wir augenblicklich noch gut vorwärts zu kommen. Aber bald
+wird auch hier der Widerstand zäher und zäher, die Bewegung langsamer und
+langsamer. Die auf Amiens vorausgeflogenen Phantasien und Hoffnungen
+müssen zurückgeholt werden. Die Tatsachen müssen so betrachtet werden, wie
+sie sind. Menschliche Arbeit bleibt Stückwerk. Günstige Gelegenheiten
+werden versäumt, nicht überall wird mit gleicher Tatkraft zugegriffen,
+selbst da, wo ein glänzendes Ziel in Aussicht steht. Man möchte es jedem
+einzelnen Soldaten zurufen: "Dringe vorwärts auf Amiens, gib den letzten
+Rest deines Willens her! Vielleicht bedeutet Amiens den entscheidenden
+Sieg. Nimm wenigstens noch Villers-Bretonneux, damit wir von den dortigen
+Höhen mit Massen schwerer Artillerie Amiens beherrschen können!"
+Vergebens, die Kräfte sind erlahmt.
+
+Der Gegner erkennt klar, was er mit Villers-Bretonneux verlieren würde. Er
+wirft der Stirnseite unseres Durchbruches alles entgegen, was er
+heranbringen kann. Der Franzose erscheint und rettet mit seinen
+Massenangriffen und seiner gefechtsgewandten Artillerie die Lage für den
+Verbündeten und für sich selber.
+
+Bei uns fordert die menschliche Natur zwingend ihr Recht. Wir müssen Atem
+schöpfen. Die Infanterie braucht Ruhe, die Artillerie Munition. Ein Glück
+war es, daß wir teilweise aus den reichen Vorräten des geschlagenen
+Gegners leben konnten; wir hätten sonst die Somme wohl nicht überschreiten
+können, denn die im breiten Trichterfeld der zuerst genommenen feindlichen
+Stellungen verschütteten Straßen können erst durch tagelange Arbeit wieder
+benutzbar gemacht werden. Noch aber geben wir die Hoffnung,
+Villers-Bretonneux zu gewinnen, nicht völlig auf. Am 4. April versuchen
+wir aufs neue, den Gegner von dort zu vertreiben. Verheißungsvoll lauten
+an diesem Tage zuerst die Nachrichten über das Vorschreiten unseres
+Angriffes. Der folgende 5. April aber bringt an diesem Punkte Rückschlag
+und Enttäuschung.
+
+Amiens bleibt in den Händen der Gegner und wird nur von unserem Fernfeuer
+berührt, das die Verkehrsadern des Feindes zwar beunruhigen, aber nicht
+unterbinden kann.
+
+Die "Große Schlacht" in Frankreich ist zu Ende!
+
+
+
+ Die Schlacht an der Lys
+
+
+Unter den Schlachtentwürfen für den Beginn des Feldzugsjahres 1918 befand
+sich auch eine Bearbeitung des Angriffes auf die englische Stellung in
+Flandern. Bei dieser war von dem Gedanken ausgegangen, sich gegen den nach
+Osten vorspringenden englischen Nordflügel beiderseits Armentières zu
+wenden, um durch Vordringen in allgemeiner Richtung Hazebrouck den
+Zusammenbruch herbeizuführen. Die Aussichten, die eine solche Operation im
+Falle günstigen Vorschreitens bot, waren sehr verlockend, aber der
+Durchführung des Angriffes standen sehr erhebliche Bedenken gegenüber.
+Zunächst war es klar, daß wir es hier mit der stärksten englischen
+Kampfgruppe zu tun bekamen. Diese, auf verhältnismäßig engem Raum
+zusammengefaßt, war wohl in der Lage, unsern Ansturm nach kurzem
+Vorschreiten zum Festrennen zu bringen. Wir begaben uns mit einer solchen
+Unternehmung demnach gerade in die Gefahr, die wir vermeiden wollten. Dazu
+kamen die Schwierigkeiten des Angriffsgeländes beiderseits Armentières. Da
+waren zunächst die meilenbreiten Wiesengründe der Lys und dann dieser Fluß
+selbst zu überwinden. Im Winter waren die Niederungen auf weite Strecken
+überschwemmt, im Frühjahr oft wochenlang versumpft, ein wahrer Schrecken
+für die Besatzung der dortigen Verteidigungsstellungen. Nördlich der Lys
+stieg das Gelände allmählich an und erhob sich dann schärfer zu den
+gewaltigen Höhenstellungen, die bei Kemmel und Cassel ihre mächtigsten
+Eckpfeiler hatten.
+
+Bevor die Lys-Niederung nicht einigermaßen gangbar war, ließ sich an die
+Durchführung dieses Angriffes überhaupt nicht denken. Ein genügendes
+Trockenwerden war bei gewöhnlichen Witterungsverhältnissen erst gegen
+Mitte April mit einiger Sicherheit zu erwarten. Wir glaubten indessen den
+Beginn des entscheidenden Ringens im Westen nicht so lange hinausschieben
+zu können. Mußten wir doch ununterbrochen die Möglichkeit des Eingreifens
+von Nordamerika im Auge behalten. Ungeachtet der gegen den Angriff
+vorhandenen Bedenken ließen wir das Unternehmen wenigstens theoretisch
+vorbereiten. An seine Verwirklichung war für den Fall gedacht, daß unsere
+Operation bei St. Quentin die gegnerische Führung veranlassen würde,
+starke Kräfte von der Gruppe in Flandern wegzuziehen, um sie unserem
+Durchbruch entgegenzuwerfen.
+
+Dieser Fall war Ende März eingetreten. Sobald sich nun übersehen ließ, daß
+unser Angriff in Richtung nach Westen ins Stocken kommen mußte,
+entschlossen wir uns daher, auf unsere Operation an der Lys-Front
+zurückzugreifen. Eine Anfrage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht
+erhielt die Antwort: Der Angriff über die Lys-Niederung sei dank des
+trockenen Vorfrühlingswetters schon jetzt möglich. Mit außerordentlicher
+Tatkraft wurde nunmehr das Unternehmen von seiten der Armeeführungen und
+Truppen gefördert.
+
+Am 9. April, am Jahrestage der großen Krisis von Arras, erhoben sich aus
+den verschlammten Stellungen an der Lys-Front von Armentières bis La
+Bassée unsere sturmbereiten Truppen. Freilich nicht in breiten
+Angriffswellen sondern meist in kleinen Abteilungen und in schmalsten
+Kolonnen wateten sie durch einen von Granaten und Minen zerwühlten Morast,
+zwischen tiefen, mit Wasser gefüllten Geschoßtrichtern oder auf den
+wenigen einigermaßen festen Geländestreifen den feindlichen Linien
+entgegen. Unter dem Feuerschutz unserer Artillerie und Minenwerfer gelang
+trotz aller natürlichen und künstlichen Hindernisse das überraschende
+Vorgehen, an das anscheinend weder die Engländer noch die zwischen ihnen
+eingeschobenen Portugiesen geglaubt hatten. Die portugiesischen Truppen
+verließen größtenteils in haltloser Flucht das Schlachtfeld und
+verzichteten endgültig zugunsten ihrer Bundesgenossen auf die Kampfarbeit.
+Unsere Ausnützung der Überraschung und des portugiesischen Versagens fand
+freilich in dem Gelände die größten Schwierigkeiten; nur mit Mühe konnten
+einzelne Geschütze und Munitionswagen hinter der Infanterie nach vorwärts
+gebracht werden. Doch wurde die Lys am Abend erreicht, an einer Stelle
+überschritten. Die Entscheidung lag also auch diesmal in dem Kampfverlauf
+der nächstfolgenden Tage. Die Aussichten blieben zunächst günstig. Der
+10. April sieht Estaires in unserer Hand; auch wird besonders in der
+Gegend nordwestlich Armentières Gelände gewonnen. Am gleichen Tage wird
+unser Angriff bis in die Gegend von Wytschaete ausgedehnt. Die
+Trümmerstätten des wiederholt umstrittenen Messines werden von uns wieder
+gestürmt.
+
+Auch der nächste Tag bringt uns neue Erfolge und neue Hoffnungen.
+Armentières wird vom Gegner geräumt, Merville von uns genommen. Wir nähern
+uns von Süden her der ersten Stufe zu dem mächtigen Höhengelände, von dem
+aus der Blick und die Artillerie des Gegners unsern Angriff beherrschten.
+Die Fortschritte werden aber von jetzt ab immer geringer. Sie hören am
+linken Flügel in westlicher Richtung bald ganz auf und ermatten bedenklich
+in Richtung auf Hazebrouck. In der Mitte nehmen wir in den nächsten Tagen
+noch Bailleul und setzen von Süden her den Fuß auf das Hügelgelände. Auch
+Wytschaete fällt in unsere Hand. Damit erschöpft sich jedoch dieser erste
+Schlag.
+
+Wie Ketten hatten sich die Schwierigkeiten der Verbindungen durch die
+Lys-Niederung an die Bewegungen unserer vom Süden her angreifenden Truppen
+gelegt. Schießbedarf kommt in nur ungenügenden Mengen durch, und wir sind
+nur dank der Beute auf dem bis jetzt eroberten Kampffelde in der Lage,
+unsere Truppen ausreichend zu verpflegen.
+
+In dem Ringen gegen die feindlichen Maschinengewehrnester blutet unsere
+Infanterie außerordentlich, ihre Erschöpfung droht, wenn wir nicht eine
+Zeitlang im Angriff innehalten. Andrerseits drängt die Lage zu einer
+Entscheidung. Wir waren in eine jener Krisen geraten, in denen der Angriff
+äußerst schwierig, die Verteidigung bedenklich wird. Nicht im Durchhalten,
+nur im Vorwärtskommen konnte die Befreiung aus diesem Zustande liegen.
+
+Wir müssen den Kemmelberg stürmen. Wie ein Klotz liegt dieser Berg seit
+Jahren vor unseren Augen. Es ist damit zu rechnen, daß ihn der Gegner zum
+Kernpunkt seiner flandrischen Stellung ausgebaut hat. Die Lichtbilder
+unserer Flieger enthüllen wohl nur einen Teil der dort vorhandenen
+Feinheiten der Verteidigungsanlagen. Wir hoffen aber, daß der äußere
+Eindruck des Berges stärker ist als sein wirklicher taktischer Wert.
+Solche Erfahrungen waren von uns ja schon an anderen Angriffsobjekten
+gemacht worden. Kerntruppen, die am Roten-Turmpaß, bei den Kämpfen in den
+transsylvanischen Bergen, im serbisch-albanischen Gebirge und in den
+oberitalienischen Alpen ihren Willen gezeigt und ihre Kraft bewährt
+hatten, dürften vielleicht auch hier das scheinbar Unmögliche möglich
+machen.
+
+Voraussetzung für das Gelingen unseres weiteren Angriffes in Flandern ist,
+die französische Führung zu veranlassen, den englischen Bundesgenossen die
+Last des dortigen Kampfes allein tragen zu lassen. Wir greifen daher
+zunächst am 24. April erneut bei Villers-Bretonneux an, hoffend, daß der
+französischen Kriegsleitung die Sorge um Amiens näherliegen würde als die
+Hilfeleistung für den schwer bedrängten englischen Freund in Flandern.
+Aber dieser unser neuer Angriff scheitert. Dagegen bricht am 25. April die
+englische Verteidigung auf dem Kemmelberge auf den ersten Anhieb zusammen.
+Der Verlust dieser Stütze erschüttert die ganze feindliche Flandernfront.
+Der Gegner beginnt aus dem Ypernbogen zu weichen, den er in monatelangem
+Ringen im Jahre 1917 ausgeweitet hatte. An die letzte flandrische Stadt
+klammert er sich jedoch wie an ein Kleinod, das er aus politischen
+Rücksichten nicht verlieren will. Doch nicht bei Ypern sondern von
+Südosten her, in der Angriffsrichtung auf Cassel, liegt die Entscheidung
+in Flandern. Gelingt es uns, in dieser Richtung vorzukommen, dann muß die
+ganze englisch-belgische Flandernfront ins Rollen nach Westen kommen. Wie
+vor einem Monat im Gedanken an Amiens, so erweitern sich auch diesmal die
+Hoffnungen und eilen bis an die Küste des Kanals. Ich glaube zu fühlen,
+wie ganz England mit verhaltenem Atem dem Fortgang der flandrischen
+Schlacht folgt.
+
+Nachdem das Riesenbollwerk, der Kemmelberg, gefallen ist, haben wir keinen
+Grund, vor den Schwierigkeiten der weiteren Angriffe zurückzuweichen.
+Freilich kommen Nachrichten über das Versagen einzelner unserer Truppen.
+Auch werden wieder Fehler auf dem Schlachtfelde gemacht, Versäumnisse
+begangen. Doch solche Fehler und Versäumnisse liegen in der menschlichen
+Natur. Wer die wenigsten macht, wird Herr des Schlachtfeldes bleiben. Wir
+waren bis jetzt die Herren und wollen es weiter sein. Erfolge, wie der am
+Kemmel, reißen nicht nur die Truppe empor, die solches geleistet hat, sie
+beleben ganze Armeen. Also weiter vor, zunächst wenigstens bis Cassel! Von
+dort aus kann das Fernfeuer unserer schwersten Geschütze Boulogne und
+Calais erreichen. Beide Städte sind vollgepfropft mit englischen
+Kriegsvorräten, sie sind außerdem die hauptsächlichsten Ausschiffhäfen der
+englischen Kriegsmacht. Diese englische Kriegsmacht hat bei dem Kampf am
+Kemmelberge überraschend versagt. Gelingt es uns, hier mit ihr allein
+abzurechnen, dann haben wir sicherlich Aussicht auf großen Erfolg. Trifft
+keine französische Hilfe ein, so ist England in Flandern vielleicht
+verloren. Doch diese Hilfe kommt wieder in Englands äußerster Not. Mit
+verbissenem Zorne gegen den Freund, der den Kemmelberg preisgegeben hat,
+versuchen die eintreffenden französischen Truppen, uns diesen Stützpunkt
+zu entreißen. Vergeblich! Aber auch unsere letzten großen Anstürme gegen
+die neuen französisch-englischen Stellungen dringen Ende April nicht mehr
+durch.
+
+Am 1. Mai gehen wir in Flandern zur Verteidigung über, oder, wie wir
+damals hofften, zur einstweiligen Verteidigung.
+
+
+
+ Die Schlacht bei Soissons und Reims
+
+
+Der von uns zur Erreichung unseres großen Zieles eingeschlagene Weg wurde
+auch nach Beendigung der Kämpfe in Flandern eingehalten. Wir wollen auch
+weiterhin "durch eng zusammenhängende Teilschläge das feindliche Gebäude
+derartig erschüttern, daß es gelegentlich doch einmal zusammenbricht". So
+kennzeichnete eine damals verfaßte Niederschrift unsere Absichten. Zweimal
+war England in äußerster Krisis durch Frankreich gerettet worden;
+vielleicht gelang es uns beim dritten Male, einen endgültigen Sieg gegen
+diesen Gegner zu erringen. Der Angriff auf den englischen Nordflügel blieb
+auch weiterhin der leitende Gesichtspunkt für unsere Operationen. In der
+glücklichen Durchführung dieses Angriffes lag nach meiner Ansicht die
+Entscheidung des Krieges. Gelangten wir an die Küste des Kanals, so
+berührten wir die Lebensadern Englands unmittelbar. Wir kamen nicht nur in
+die denkbar günstigste Lage für Bekämpfung seiner Seeverbindungen, sondern
+wir vermochten von dort aus mit unseren schwersten Geschützen sogar einen
+Teil von Britanniens Südküste unter Feuer zu nehmen. Das geheimnisvolle
+Wunder der Technik, das zur Zeit aus der Gegend von Laon seine Granaten
+bis in die französische Hauptstadt schleudert, kann auch gegen England zur
+Wirkung gebracht werden. Nur noch eine geringe Vergrößerung dieses Wunders
+ist nötig, um das Herz des englischen Handels und Staates von der Küste
+bei Calais aus unter Feuer zu nehmen. Ernste Aussichten für Großbritannien
+damals, aber auch weiter für alle Zukunft! Man kann solche Wunder nach
+Kruppschen Gedanken nunmehr überall bauen. Ob in ihnen Friedensgarantien
+oder Kriegserreger gegeben sind, muß die Zukunft entscheiden. England hat
+wohl in weitsichtigen Gedanken und feinem Empfinden für die ihm drohenden
+Gefahren der Zukunft dies alles schon bedacht. Vielleicht hat auch
+Frankreich im geheimen schon die Folgerungen daraus gezogen. Daß man über
+solches Denken Schweigen bewahrt, ist zwischen Freunden
+selbstverständlich; doch fühlt man wohl beiderseits die Waffe in der
+Tasche des anderen.
+
+Für uns handelte es sich im Mai 1918 zunächst darum, die beiden jetzigen
+Freunde in Flandern wiederum zu trennen. England ist leichter zu schlagen,
+wenn Frankreich fern steht. Stellen wir demnach die Franzosen vor eine
+Krisis an ihrer Front, dann werden sie wohl die Divisionen wegziehen, die
+zurzeit in Flandern in den englischen Linien verwendet sind. Möglichste
+Eile ist notwendig, sonst entreißt uns der wieder gestärkte Gegner die
+Vorhand. Ein gefahrvoller Einbruch in unsere nicht sehr starken
+Verteidigungsfronten würde unsere Absichten empfindlich stören, ja
+unmöglich machen.
+
+Der Franzose ist am empfindlichsten in der Richtung auf Paris. Dort ist
+die politische Atmosphäre gegenwärtig ziemlich stark geladen. Unsere
+Granaten und Fliegerbomben haben sie zwar bisher nicht zur Entladung
+gebracht, doch können wir hoffen, daß dies gelingt, wenn wir näher an die
+Stadt heranrücken. In Richtung auf Soissons steht nach allem, was wir
+wissen, die französische Verteidigung zahlenmäßig besonders schwach, doch
+gerade hier im angriffsschwierigsten Gelände.
+
+Als ich am Beginn des Jahres 1917 bei meiner ersten Anwesenheit in Laon
+die Terrasse der Präfektur am Südteil der eigenartig aufgebauten
+Felsenstadt betrat, lag die Gegend vor mir in der vollen Klarheit eines
+herrlichen Vorfrühlingtages. Eingefaßt zwischen zwei Hügelrahmen im Westen
+und Osten erstreckte sich das Landschaftsbild nach Süden, dort
+abgeschlossen durch einen mächtigen Wall, den Chemin des Dames. Vor
+103 Jahren hatten Preußen und Russen unter Blüchers Führung nach
+kampfheißen Tagen südlich der Marne die Höhen des Chemin des Dames von
+Süden her überschritten und sich nach dem mörderischen Gefechte bei
+Craonne unmittelbar bei Laon zum Kampfe gegen den Korsen gestellt. Im
+Ostgelände des steilen Laoner Felsens entschied sich in der Nacht vom 9.
+auf den 10. März 1814 der Kampf zugunsten der Verbündeten.
+
+An den Höhen des Chemin des Dames war die französische Frühjahrsoffensive
+1917 abgeprallt. Wochenlang hatte man damals mit wechselndem Erfolg um die
+dortige Stellung gerungen, dann war es still geworden. Im Oktober 1917
+aber wurde der rechte Schulterpunkt dieser Stellung nordöstlich Soissons
+vom Gegner gestürmt, und wir waren gezwungen, den Chemin des Dames zu
+räumen und unsere Verteidigung hinter die Ailette zurückzulegen.
+
+Über die Steilhänge des Chemin des Dames hinüber hatten unsere Truppen
+nunmehr aufs neue anzugreifen. Fast noch mehr als bei den bisherigen
+Angriffen hing das Gelingen dieses Unternehmens von der Überraschung ab.
+War eine solche nicht möglich, dann scheiterte unser Angriff wohl schon an
+den nördlichen Steilhängen des Höhenrückens. Die Überraschung gelang
+jedoch vollständig.
+
+Eine eigenartige Erklärung für diese Tatsache möchte ich hier anführen.
+Ein Offizier, der bei den Vorbereitungen an der Ailette tätig gewesen war,
+vertrat die Anschauung, daß der Lärm der quakenden Frösche in den
+Flußarmen und feuchten Wiesengründen so stark gewesen sei, daß er selbst
+das Geräusch unserer vorfahrenden Brückenwagen übertönte. Mag ein anderer
+über diese Mitteilung denken, wie er will, ich möchte nur versichern, daß
+ich den Erzähler vorher durch Wiedergabe von Erlebnissen aus meinem
+Jägerleben nicht gereizt hatte! Eine andere mir mehr einleuchtende
+Erklärung für das Gelingen der Verschleierung unseres Angriffs entstammt
+dem Munde eines gefangenen feindlichen Offiziers. Zu diesem wurde am Tage
+vor Beginn unseres Angriffes ein preußischer Unteroffizier gebracht, der
+auf Erkundung gefangen war. Auf die Frage, ob er etwas über einen
+deutschen Angriff sagen könnte, gab dieser folgende Auskunft:
+
+ "In den frühesten Morgenstunden des 27. Mai wird ein mächtiges deutsches
+ Artilleriefeuer losbrechen. Es dient aber nur Täuschungszwecken, denn
+ der anschließende deutsche Infanterieangriff wird nur von wenigen
+ Freiwilligenabteilungen ausgeführt werden. Die Moral der deutschen
+ Truppen ist durch die furchtbaren Verluste bei St. Quentin und in
+ Flandern so erschüttert, daß sich die Infanterie einem allgemeinen
+ Angriffsbefehl offen widersetzt hat".
+
+Der Offizier gab offen zu, daß ihm diese Angaben den Eindruck voller
+Glaubwürdigkeit gemacht hätten, und daß er deswegen am 27. Mai in voller
+Ruhe den Verlauf der Dinge abwarten zu können glaubte. Vielleicht kommen
+diese meine Erinnerungen dem braven deutschen Soldaten zur Kenntnis. Ich
+drücke ihm in Gedanken die Hand und danke ihm im Namen des ganzen Heeres,
+dem er einen so unschätzbaren Dienst erwies, und im Namen von vielen
+Hunderten, ja vielleicht Tausenden braver Kameraden, deren Leben er durch
+seine Geistesgegenwart erhalten hat. Die Täuschung des feindlichen
+Offiziers hätte übrigens nicht so gelingen können, wenn nicht die
+feindliche Propaganda durch die sinnlose Übertreibung unserer bisherigen
+Verluste einen günstigen Boden für die Glaubwürdigkeit der Angaben des
+preußischen Unteroffiziers vorbereitet hätte. So rächen sich hier und da
+propagandistische Unwahrheiten und Übertreibungen.
+
+Die Schlacht begann am 27. Mai. Sie nahm einen glänzenden Verlauf. Wir
+hatten ursprünglich damit rechnen zu müssen geglaubt, daß unser Angriff an
+der Linie der Aisne-Vesle zum Halten kommen würde, und wollten dann über
+diese Abschnitte hinaus nicht weiter vordringen. Wir waren daher nicht
+wenig überrascht, als wir schon am Nachmittage des ersten Schlachttages
+die Meldung erhielten, daß die deutschen Schrapnellwolken bereits auf dem
+Südufer der Aisne liegen, und daß unsere Infanterie dorthin noch am
+gleichen Tage vorgehen wollte.
+
+Die Mitte unseres vollen taktischen Durchbruches erreichte in wenigen
+Tagen die Marne von Château-Thierry bis Dormans. Unsere Flügel schwenkten
+nach Westen gegen Villers-Cotterêts und nach Osten gegen Reims und das
+Höhengelände südlich dieser Stadt ein. Die Beute war ungeheuer, das ganze
+Aufmarschgebiet der französischen Frühjahrsoffensive von 1917 mit seinen
+noch vorhandenen reichen Vorräten aller Art war in unserem Besitz. Die
+Anlage neuer Straßen, Lagerbauten für viele Tausende von Mannschaften und
+anderes legten Zeugnis davon ab, in welch großzügiger Weise der Franzose
+damals seine Angriffe in mehrmonatiger Arbeit vorbereitet hatte. Wir
+hatten die Sache kürzer gemacht!
+
+In diesen Tagen sah ich gelegentlich eines Besuches der Schlachtfelder
+Laon wieder. Wie hatte sich in der Zeit seit Winter 1917 der damals fast
+friedliche Charakter des dortigen Lebens gewandelt. Wenige Tage, nachdem
+unsere größten Geschütze aus den Waldungen bei Crépy, westlich Laon, das
+Feuer gegen Paris eröffnet hatten, begannen nämlich feindliche Batterien
+aus dem Tale der Aisne das Feuer gegen die unglückliche Stadt. Ich möchte
+damit nicht behaupten, daß die Gegner gegen das eigene Fleisch und Blut
+wüteten ohne verständlichen militärischen Zweck. Sie nahmen wohl an, daß
+die Munitionszufuhr zu unseren Paris so lästigen Batterien über Laon gehen
+würde, ein begreiflicher Irrtum. Bei dem Feuer auf den Bahnhof fiel eine
+große Anzahl schwerer Geschosse in die noch dicht bevölkerte Stadt, auch
+warfen nunmehr feindliche Flieger zu jeder Tageszeit Bomben dort nieder.
+Wer von den hart heimgesuchten Einwohnern sich von der mit Vernichtung
+bedrohten Heimstätte nicht losreißen konnte, mußte in Kellern oder
+Erdräumen leben, ein Bild unsagbaren Massenelends, wie wir es freilich aus
+ähnlichen Gründen auch an anderen Stellen hinter unseren westlichen
+Verteidigungsfronten mit ansehen mußten, ohne etwas daran ändern zu
+können. Am ersten Angriffstage waren die feindlichen Fernfeuergeschütze am
+Aisne-Tal erobert worden, und damit hatte die Beschießung Laons ein Ende
+genommen. Ein Zugehöriger dieser Batterien wurde gefangen durch die Stadt
+geführt. Hier stellte er die Bitte, die beschossenen Häuserviertel
+besuchen zu dürfen, da ihn die Lage der Schüsse seiner Geschütze
+interessiere. Welch überraschender Tiefstand eines durch den Krieg
+versteinerten Herzens!
+
+Der Krieg wirkte freilich nicht immer derartig; auch bei unseren Gegnern
+fanden sich weiche Herzen nach hartem Männerkampfe. Von den mir erzählten
+Beispielen möchte ich nur eines verzeichnen: Es war am 21. März in dem
+noch immer mit schwerem englischen Feuer belegten St. Quentin. Dort stauen
+sich in den zerschossenen Straßen deutsche Kolonnen. Feindliche Gefangene,
+aus dem Kampfe kommend und Verwundete tragend, werden zum Halten
+gezwungen. Sie legen ihre Bürde nieder. Da hebt ein schwer verwundeter
+deutscher Soldat, dem Tode näher als dem Leben, den ermattenden Arm
+suchend und stöhnt zu dem sich niederbeugenden Träger: "Mutter, Mutter."
+Das englische Ohr versteht den deutschen Laut. Der Tommy kniet nieder an
+der Seite des Grenadiers, streichelt die erkaltende Hand und sagt:
+"_Mother, yes, mother is here!_"
+
+Auch ich selbst sah auf diesen Schlachtfeldern Bilder tiefen menschlichen
+Fühlens. So wanderte ich Ende Mai an der Seite eines deutschen Generals
+über die kurz vorher erstürmten Höhen westlich Craonne. Bei jedem der noch
+nicht bestatteten gegnerischen Gefallenen bückt er sich und bedeckt das
+noch entblößte Gesicht, eine Huldigung an die Majestät des Todes. Er sorgt
+aber auch für lebende Feinde, labt aus eigenen Mitteln einige aus Schwäche
+zurückgebliebene Verwundete und veranlaßt ihren bequemen Transport. Auch
+schon früher hatte ich Gelegenheit, in das wahre Menschentum dieses
+Deutschen zu blicken. In den Märztagen des Jahres fahre ich in der Gegend
+von St. Quentin an seiner Seite an Kolonnen gegnerischer Gefangener
+entlang, die sein ernstes Auge in tiefen Gedanken betrachtet. An der
+Spitze einer dieser Kolonnen läßt er Halt machen und spricht den dort
+vereinigten feindlichen Offizieren die Anerkennung für die tapfere Haltung
+ihrer Truppen aus, sie mit dem Hinweis tröstend, daß das härteste Los, das
+der Gefangenenschaft, oft den trifft, der am tapfersten ausgeharrt hat.
+Die Wirkung dieser Worte scheint groß. Am größten bei einem jungen
+hochgewachsenen Offizier, der augenscheinlich schwer berührt bisher den
+Kopf wie aus Scham zu Boden senkte. Jetzt erhebt sich die schlanke
+Gestalt, wie die junge Tanne vom Schneedruck befreit, und ihr dankbarer
+Blick trifft das Auge - meines Kaisers.
+
+Zur Erweiterung unserer Erfolge hatten wir noch während der Kämpfe in dem
+bis zur Marne aufspringenden Bogen den rechten Flügel unseres Angriffes
+nach Westen hin bis zur Oise ausgedehnt. Der Angriff gelang nur
+unvollständig. Ein Angriff, den wir aus der Linie Montdidier-Noyon am
+9. Juni in Richtung Compiègne führten, drang nur bis halbwegs dieser Stadt
+vor. Auch unsere Versuche in der Richtung auf Villers-Cotterêts gelangten
+zu keinem größeren Ergebnis. Wir mußten uns davon überzeugen, daß wir in
+der Gegend von Compiègne-Villers-Cotterêts die Hauptkräfte des feindlichen
+Widerstandes vor uns hatten, den zu brechen wir die Kräfte nicht besaßen.
+
+Zusammenfassend möchte ich meine Bemerkungen über die Schlacht von
+Soissons-Reims damit schließen, daß uns die Kämpfe viel weiter geführt
+hatten, als es ursprünglich beabsichtigt war. Auch hier hatten sich aus
+unerwarteten Erfolgen neue Hoffnungen und neue Ziele ergeben. Daß diese
+schließlich nicht voll erreicht wurden, lag in der allmählichen
+Erschöpfung der eingesetzten Kräfte begründet. Unseren allgemeinen
+Absichten entsprach es jedoch nicht, noch mehr Divisionen für die
+Operation in der Marnegegend einzusetzen. Unsere Blicke richteten sich
+ununterbrochen nach Flandern.
+
+
+
+ Rückblick und Ausblick Ende Juni 1918
+
+
+Das von uns in den drei großen Schlachten Erreichte stellte vom
+kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem
+Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet worden war. Aus dem
+Geländegewinn, den Beutezahlen, den schweren blutigen Verlusten des
+Gegners sprach mit aller Deutlichkeit die Größe der deutschen Erfolge. Wir
+hatten das Gefüge des feindlichen Widerstandes bis in seine Grundfesten
+erschüttert. Unsere Truppen hatten sich den großen Anforderungen, die wir
+an sie stellten, voll gewachsen gezeigt. In den wochenlangen
+Angriffskämpfen hatte der deutsche Soldat bewiesen, daß der alte Geist
+durch die jahrelangen Verteidigungskämpfe nicht erstickt war, sondern sich
+unter dem Worte "Vorwärts" bis zu der Höhe des seelischen Schwunges des
+Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der Sturmdrang unserer Infanterie hatte
+seine Wirkung auf den Gegner nicht verfehlt: "_What an admirable and
+gallant infanterie you have_", so sprach ein feindlicher Offizier sich
+gegenüber einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschluß an
+diese Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in
+vorderster Linie gestanden. Ein mächtiger Einheitszug war durch das Ganze
+hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am hintersten
+Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwärts gestrebt, um teilzuhaben,
+mitzuwirken und mitzufühlen an dem großen Geschehen! Wie oft löste sich da
+ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes dankbares Gebet.
+Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste wieder genossen,
+der mich wie ein Herüberwehen aus meiner längst vergangenen militärischen
+Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag dazwischen, aber das
+Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war unverändert geblieben. So
+hatten unsere braven Jungens im alten blauen Rock in den Biwaks von
+Königgrätz und Sedan gesprochen und gesungen, wie die Feldgrauen jetzt
+wieder sprachen und sangen in den großen Kämpfen um Dasein und Vaterland,
+für Kaiser und Reich.
+
+Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht,
+den Gegner militärisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf der
+gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von Nachgiebigkeit. Nach außen
+hin schien im Gegenteil jede militärische Niederlage den
+Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu verstärken. Dieser Eindruck
+wurde auch nicht dadurch abgeschwächt, daß ab und zu im gegnerischen Lager
+Stimmen zur Mäßigung rieten. Der diktatorische Druck der uns feindlichen
+Staatsgebäude war im großen und ganzen nirgends gelockert. Wie mit
+eisernen Klammern hielt er den Willen und die Kraft der Völker zusammen
+und machte in mehr oder minder ausgesprochen gewaltsamer Form alle
+diejenigen unschädlich, die in andrer Richtung zu denken wagten, als die
+jetzigen tyrannischen Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag für
+mich etwas sehr Eindrucksvolles. Sie stützten ihre eigenen Hoffnungen und
+verwiesen ihre Völker in erster Linie auf das allmähliche Ermatten unserer
+Kraft. Diese mußte sich nach ihrer Anschauung allmählich verbrauchen. Der
+Hunger in der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der
+Propaganda, Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kämpfe
+hatten uns bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer
+Faktor wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten
+kampfgeschulten Truppen bei Château-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns
+dort entgegen, noch ungelenk aber von kräftigem Willen geführt. Sie
+wirkten auf unsere schwachen Verbände überraschend durch ihre zahlenmäßige
+Überlegenheit.
+
+Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so lange
+gehegten französischen und englischen Hoffnungen endlich erfüllt. War es
+da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmänner jetzt weniger als je an
+einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung unseres
+staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite seit langem
+beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter fadenscheinigen, milden
+und sophistischen Redensarten verbergen wollen. Sie wandten solche Phrasen
+nur an, wenn diese ihren propagandistischen Zwecken entsprachen, sei es,
+um ihren eigenen Völkern die auferlegte Blutsteuer erträglich erscheinen
+zu lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermürben. So war
+ein Ende des Krieges für uns nicht abzusehen.
+
+Mitte des Monats Juni hatte die allgemeine militärische Lage für den
+Vierbund eine wesentliche Verschlechterung erfahren: Nach
+erfolgverheißenden Anfängen war der Angriff Österreich-Ungarns in Italien
+gescheitert. Wenn auch unser dortiger Gegner nicht die Kraft besaß, aus
+dem Mißlingen des österreichisch-ungarischen Unternehmens größeren Vorteil
+zu ziehen, so war doch das Scheitern des Angriffs von Folgen begleitet,
+die schlimmer waren, als sie aus einem Unterlassen des Angriffs hätten
+entstehen können. Das Mißgeschick unseres Bundesgenossen war ein Unglück
+auch für uns. Der Gegner wußte so gut wie wir, daß Österreich-Ungarn mit
+diesem Angriff seine letzten Gewichte in die Wagschale des Krieges
+geworfen hatte. Von jetzt ab hörte die Donaumonarchie auf, eine Gefahr für
+Italien zu bedeuten. Ich glaubte, damit rechnen zu müssen, daß Italien
+sich nunmehr dem Drängen seiner Verbündeten nicht mehr entziehen könnte
+und auch seinerseits Kräfte auf den alles entscheidenden westlichen
+Kriegsschauplatz werfen würde, nicht nur, um die feindliche politische
+Einheitsfront zu beweisen, sondern auch um bei den weiteren Kämpfen eine
+wirkungsvolle Rolle zu spielen. Sollte nicht auch diese neue Last auf
+unsere Schultern allein fallen, so mußten wir österreichisch-ungarische
+Divisionen an unsere Westfront heranzuholen versuchen. Das war der für uns
+maßgebende Grund für das Ersuchen um nunmehrige unmittelbare
+österreichisch-ungarische Unterstützung. Große Wirkung konnten wir uns von
+dieser Unterstützung allerdings zunächst nicht versprechen. Die
+Entscheidung über die Geschicke des gesamten Vierbundes hing jetzt mehr
+als je ab von Deutschlands Kraft.
+
+Die Frage war also, ob diese noch ausreichen würde, um ein siegreiches
+Ende des Krieges zu erzwingen. Ich habe weiter oben von den glänzenden
+Leistungen unserer Truppen gesprochen; zur Beantwortung dieser Frage wende
+ich mich jetzt zu anderen, ernsteren Seiten:
+
+Bei aller Liebe und Anerkennung für unsere Soldaten durften wir doch die
+Augen vor den sich im Laufe des langen Krieges ergebenden Mängeln in dem
+Gefüge unserer Armee nicht verschließen. Das Fehlen einer genügenden Zahl
+langgeschulter Führer der unteren Dienstgrade hatte sich bei unsern großen
+Angriffsschlachten sehr fühlbar gemacht. Die Gefechtsdisziplin war ab und
+zu bedenklich gelockert. Es war an sich verständlich, daß der Soldat sich
+inmitten der erbeuteten reichen Bestände gegnerischer Depots dem Genusse
+lang entbehrter Lebens- und Genußmittel hingab. Aber es hätte verhindert
+werden müssen, daß er sich auf diese Genüsse zur Unzeit stürzte und dabei
+seine augenblickliche Pflicht vernachlässigte. Ganz abgesehen von den
+auflösenden Wirkungen derartigen Verhaltens auf den Geist der Truppe trat
+auch die Gefahr ein, daß uns günstige Gefechtslagen ungenutzt verstrichen
+und sich wiederholt in das Gegenteil verwandelten.
+
+Die Kämpfe hatten weitere schwere, unausfüllbare Lücken in unsere Truppen
+gerissen. So manche Infanterie-Regimenter bedurften eines völlig neuen
+Aufbaues. Die Bausteine hierfür waren dem alten Material moralisch meist
+nicht mehr gleichwertig. Die Schwächen der heimatlichen Verhältnisse
+spiegelten sich vielfach in den Stimmungen wieder, die den ins Feld
+nachkommenden Ersatz durchdrangen.
+
+Unter dem Einfluß unserer kriegerischen Erfolge hatte sich zwar die
+Stimmung der Heimat in weiten Kreisen mächtig gehoben. Man folgte den
+Nachrichten aus dem Felde mit größter Spannung und hoffte auf ein
+baldiges, glückliches Ende des schweren Ringens. Hunger, Opfer, Sorge
+schienen nicht umsonst gewesen zu sein, und manches wurde vergessen,
+manches wurde auch weiter mannhaft ertragen, wenn nur ein glücklicher
+Schluß des ungeheuern Duldens in greifbare Nähe gerückt blieb. So
+bewirkten die Erfolge des Heeres vieles, was die politische Führung
+versäumte. Aber das vaterlandslose Empfinden einzelner Teile des deutschen
+Volkes, die von durch Eigennutz und Selbstsucht entarteten politischen
+Ideenrichtungen durchtränkt waren, die bei ihrer Nervenzerrüttung und
+sittlichen Verderbnis im Siege des Gegners das Glück und den Frieden des
+Vaterlandes sahen, und die das Gute ausschließlich im feindlichen Lager,
+das Böse ebenso ausschließlich im eigenen Lande suchten und zu finden
+glaubten, bildete den Ausstrahlungspunkt für die Zersetzung, die unsern
+ganzen Volkskörper verderben wollte. Wahrlich, Trotzki schien in
+Brest-Litowsk nicht in den Wind gesprochen zu haben. Seine politischen
+Irrlehren drangen über unsere Grenzpfähle und fanden zahlreiche Anbeter in
+allen Berufsklassen und aus den verschiedensten Beweggründen. Die
+feindliche Propaganda setzte ihre Einwirkung offen und im geheimen fort.
+Sie warf sich mit wechselnder Stärke auf alle Gebiete unseres Lebens.
+
+So drohte das Schwinden der Widerstandskraft in unserm Volk und Heer sich
+mit dem Vernichtungswillen des Gegners zu unserm Verderben zu verbinden.
+Kriegerische Erfolge schienen allein einen Ausweg aus dieser schweren Lage
+geben zu können. Mit ihrer Hilfe zu einem glücklichen Ende zu kommen, war
+nicht nur mein bestimmter Wille, sondern auch meine sichere Hoffnung.
+Vorbedingung für solche Erfolge war, daß wir die Vorhand nicht verloren,
+das heißt im Angriff blieben. Wir gerieten sofort unter den Hammer, wenn
+wir ihn selbst aus der Hand gaben.
+
+Wir konnten uns durchkämpfen, wenn nur die Heimat uns weiter die
+körperlichen und sittlichen Kräfte gab, über die sie noch verfügte, wenn
+sie nicht den Mut und den Glauben an unsern Endsieg verlor, und wenn die
+Bundesgenossen nicht versagten.
+
+In diesen Gedanken und Empfindungen trat ich an die Fortführung unseres
+bisherigen Gesamtplanes heran.
+
+
+
+
+ Im Angriff gescheitert
+
+
+
+ Der Plan zur Schlacht bei Reims
+
+
+Die Lage im Marnebogen nach dem Abschluß der Junikämpfe machte den
+Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von
+Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht
+stehen bleiben. Die Zufuhrverhältnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein
+waren mangelhaft. Sie genügten knapp für den Zustand verhältnismäßiger
+Kampfruhe, drohten aber für den Fall eines ausbrechenden, länger dauernden
+Großkampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig
+leistungsfähige Bahnlinie als hauptsächlichste Zufuhrstraße für unsere
+großen Truppenmassen auf dem im Verhältnis zu deren Stärke engen Raum zur
+Verfügung. Dazu kam, daß der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu
+allseitigen Angriffen reizen mußte.
+
+Die gründliche Besserung der Versorgungsverhältnisse sowie der taktischen
+Lage war nur möglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die
+Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikämpfen nicht
+gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsächlich in westliche
+Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mußte jetzt Aufgabe einer
+besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fügte sich
+aber auch in den Rahmen unserer gesamten Pläne ein.
+
+An früherer Stelle habe ich schon betont, daß es nach Abbruch der
+Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Engländer in Flandern nochmals einen
+entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte
+diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Führung
+veranlassen wollten, den Engländern in Flandern die französischen Stützen
+wieder zu entziehen.
+
+Die Vorbereitungen für die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit
+fortgesetzt worden. Während der Arbeiten an den zukünftigen
+Angriffsfronten lagen unsere für die Durchführung bestimmten Divisionen in
+Belgien und im nördlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in
+Unterkunft.
+
+Ich befürchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen
+Gegenmaßregeln. Hatte auch der größte Teil des englischen Heeres nunmehr
+seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschütterten
+Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden
+Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, daß der Engländer zum Angriff
+übergehen würde.
+
+Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, daß wir mit den
+englischen Hauptkräften in Flandern fertig werden würden, wenn es uns nur
+gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten.
+Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem
+größeren und weiteren Zwecke, nämlich dem entscheidenden Kampf gegen die
+Masse des englischen Heeres, dienen.
+
+Die Lage an der französischen Front zeigte Anfang Juli ungefähr folgendes
+Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend
+Compiègne-Villers-Cotterêts. Sie befanden sich dort in einer strategisch
+sehr günstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung
+unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Städte
+entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der außerordentlich
+günstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an
+jeden Teil der französischen und englischen Front verschoben werden. Der
+Übergang Fochs zu einer großen Offensive schien mir vor dem Eintreffen
+starker amerikanischer Kräfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, daß Foch
+zu einer solchen Offensive durch besonders günstige oder zwingende
+Verhältnisse veranlaßt wurde.
+
+Südlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen
+Kräfte. Bei Reims und im Berggelände südlich davon befand sich dagegen
+zweifellos eine große gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von
+Franzosen, auch aus Engländern und Italienern gebildet war. An den übrigen
+französischen Fronten hatten sich die Verhältnisse im Vergleich mit der
+Zeit unserer Frühjahrsangriffe nicht wesentlich verändert. Mit dem
+ständigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten
+Kampfdivisionen änderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht
+wesentlich.
+
+Über das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschöpfende
+Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, daß die amerikanischen
+Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere
+Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder
+abzuschwächen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte,
+den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, daß ein solcher
+Massentransport überhaupt nicht in Frage gekommen wäre. Die Gegner
+stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen
+und umfassenden militärischen Hilfe für Frankreich und England alle
+Rücksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbedürfnisse ihrer
+Länder zurück. Wir mußten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen.
+
+Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen
+Zusammenhang mit unsern Plänen in Flandern, so blieb die Frage zu
+entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kämpfen bei Reims geben wollten
+und mußten. Wir hatten ursprünglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der
+Stadt zu begnügen. Über den Besitz von Reims entschied die Beherrschung
+des Hügelgeländes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses
+Hügellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur
+Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heißt zur Ausschaltung einer
+etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom südlichen Marneufer her,
+sollten stärkere Kräfte beiderseits Dormans auf das Südufer dieses Flusses
+vorstoßen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flußübergang
+angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kühnes
+Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den
+verschiedenen Fluß- und Stromübergängen hielten wir jedoch auch in diesem
+Falle ein solches Vorgehen nicht für zu bedenklich. Die
+Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewältigung des
+Flußabschnittes sondern in der Fortführung des Kampfes jenseits des
+Hindernisses. Die Nachführung der Artillerie und aller Kampf- und
+Lebensbedürfnisse für die Angriffstruppen war auf Kriegsbrücken
+angewiesen, die naturgemäß dankbare Ziele für das artilleristische
+Fernfeuer und für die Fliegerangriffe des Gegners boten.
+
+Über die anfängliche Beschränkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz
+von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener
+Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein.
+Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im
+Südosten abzuschnüren, andererseits glaubten wir nach den letzten
+Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu
+können, verlockt durch die Aussichten auf große Beute an Gefangenen und
+Kriegsbedürfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir
+nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer großen
+Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwächen.
+
+An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natürlich ein
+großes Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen
+Verstärkungen arbeitete die Zeit nicht für sondern gegen uns. Das richtige
+Ausmaß zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der
+gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und
+wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen
+von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen
+und Vorführen der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei
+allem Drängen der Gesamtlage nicht übersehen, welche Schwierigkeiten die
+jedesmalige Auffrischung unserer Truppen für neue Kampfaufgaben in sich
+schloß. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli
+beginnen lassen.
+
+
+
+ Die Schlacht bei Reims
+
+
+In den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige
+Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen.
+Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die
+Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber
+allmählich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen für eine Verstärkung der
+gegnerischen Front oder für besondere Abwehrmaßregeln des Feindes bemerkt.
+Unserer Infanterie gelingt es, auf das südliche Marneufer überzusetzen.
+Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Höhen jenseits des
+Flusses erstiegen, Geschütze erobert. Die Nachricht von diesen ersten
+Vorgängen erreicht uns in Avesnes schon sehr frühzeitig. Sie löst die
+begreifliche Spannung und verstärkt unsere Hoffnung.
+
+Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims,
+ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu
+richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnürung zu Fall
+gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das
+erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und
+Minenwerfer zertrümmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet
+sich aus den früheren Kämpfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand
+kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt
+in ihnen jedenfalls zahllose Stützpunkte, und es bedarf kaum einer
+besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfähig zu machen und neue
+veränderte Verteidigungsmöglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint
+der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindrücken am wenigsten
+auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr
+stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer
+Gruppierung.
+
+Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche
+Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskämpfen, diese
+zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch über die
+gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste
+feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos
+gestürmt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze
+die weiteren Sturmziele verläßt, um sie der Infanterie freizugeben, da
+erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des
+Gegners beginnt ihr Feuer aufs äußerste zu steigern. Unsere Truppen
+versuchen trotzdem, vorwärts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien
+werden herangeholt. Geschützweise und von Menschen gezogen treffen sie
+ein, denn in dem Trichterfelde versagen größtenteils die Pferde. Kaum sind
+die Geschütze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertrümmert
+am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite
+Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war
+meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches
+Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer
+artilleristischen Massenwirkung gegenüber angeordnet und angewendet worden
+auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner später selbst der
+ganzen Welt jubelnd verkündet.
+
+Die Kampfverhältnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten
+Tages unverändert.
+
+Einen günstigeren Verlauf nehmen unsere Kämpfe südwestlich Reims und
+beiderseits der Marne. Südlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf
+fast eine Wegstunde vorwärts, mit dem Hauptdruck längs des Flusses in
+Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend
+in erbittertem Kampfe zurückgelegt. Auch nördlich des Flusses ist unser
+Angriff im Vorschreiten. Mächtiger wie die Kalkhänge des Chemin des Dames
+erhebt sich hier das Reimser Berggelände, von tiefen Schluchten
+zerklüftete Höhen, deren flachgewölbte Kuppen großenteils von dichtem
+Walde bestanden sind. Das ganze Gelände ist für zäheste Verteidigung
+hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im höchsten Grade eine
+Zusammenfassung seiner artilleristischen Kräfte auf ausgesprochene Ziele
+erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwärts. Sie trifft hier zum
+ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich
+anscheinend auf französischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen.
+
+Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50
+Geschütze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis
+entspricht freilich nicht unseren höheren Hoffnungen. Doch erwarten wir
+mehr von dem folgenden Tag.
+
+Der Vormittag des 16. Juli verläuft in der Champagne, ohne daß unsere
+Truppen noch irgendwo merklich vorwärts kommen. Wir stehen vor der
+schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr
+tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die
+Gefahr besteht, daß die Truppe sich umsonst verblutet, oder daß sie selbst
+im günstigen Falle so schwere Verluste erleidet, daß sie kaum mehr
+befähigt sein wird, die errungenen Vorteile gründlichst auszunutzen. Das
+Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerückt. Aus diesen Gründen gebe
+ich meine Zustimmung zum Übergang in die Verteidigung an dieser Stelle.
+Dagegen bleibt es bei der Fortführung unserer Angriffe südlich der Marne
+und in dem Reimser Berggelände. Jenseits des Flusses werden wir aber im
+Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der
+Feind wirft uns starke Kräfte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des
+Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir
+stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt.
+Auch im Berggelände nähern wir uns der Straße Epernay-Reims trotz
+verzweifelter Gegenstöße des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von
+Reims scheint an einem Faden zu hängen. Wenngleich die übrige Operation
+jetzt schon als gescheitert angesehen werden muß, so soll doch wenigstens
+Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militärisches Wertobjekt für
+uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen
+Eindruck auf den Gegner.
+
+Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Südlich der Marne
+beginnen die Verhältnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu
+gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelände gegen erbitterte
+feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluß so nahe, hat
+also so wenig Tiefe, daß jeder Rückschlag zum Verhängnis werden kann.
+Hinzu kommt, daß die Kriegsbrücken über die Marne durch das Fernfeuer
+feindlicher Artillerie und durch französische Fliegerbomben immer mehr
+gefährdet werden. Wir müssen also wieder nach Norden zurück, da wir nach
+Süden keinen weiteren Raum mehr gewinnen können. Ich ordne daher das
+Zurücknehmen der Truppen auf das nördliche Marne-Ufer an, so schwer es mir
+wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgeführt
+werden.
+
+Im Berggelände setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster
+Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres
+Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gründlicher
+Vorbereitung.
+
+Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig übrig. Das Unternehmen
+scheint gescheitert und bringt daher der französischen Front gegenüber
+keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung für unseren
+Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen
+auch nur das Fernhalten der französischen Kräfte von der englischen
+Verteidigung erreicht ist, so sind die Kämpfe nicht vergebens gewesen.
+
+In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des
+17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des
+Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordflügel das Nähere zu besprechen.
+
+Vorbedingung für die Durchführung unserer Angriffe bei Reims war, daß der
+nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens
+zwischen Soissons und Château-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, daß
+unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiègne und Villers-Cotterêts
+versammelten französischen Kräfte geradezu herausforderte. War General
+Foch auch nur einigermaßen zu einer aktiven Tätigkeit imstande, so mußte
+er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser
+Angriff über die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, daß
+der französische Führer frühzeitig von unseren Plänen erfuhr und
+ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen.
+
+Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen
+französischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterêts
+her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der
+vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen
+bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben
+geschilderten großen Angriff auf Reims herangehen zu können. Freilich
+waren die zwischen Soissons und Château-Thierry stehenden Truppen nicht
+alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kämpfen so
+glänzend geschlagen, daß ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven
+Aufgabe für durchaus gewachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, daß
+auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines
+starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen ließen. Ob
+in dieser Beziehung an der Front Soissons-Château-Thierry Versäumnisse
+vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst
+glaube auf Grund späterer Mitteilungen, daß der anfänglich günstige
+Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die
+Truppen an der Front Soissons-Château-Thierry an einigen Stellen den Ernst
+der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen ließ.
+
+Man hört dort während dieser Tage den Kanonendonner aus der
+Angriffsschlacht herüberschallen, man erfährt unser anfänglich Erfolg
+versprechendes Vorgehen über die Marne; Übertreibungen der erreichten
+Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprüftem Wege zu den Truppen. Man
+erzählt sich von der Eroberung von Reims, von großen Siegen in der
+Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, für
+einen sachlichen Beobachter unheimlich still, für jemand, der ohne nähere
+Kenntnis der Lage dem Gefühle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in
+der Richtung auf Villers-Cotterêts, die am 15. Juli noch volle
+Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend
+gewürdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle
+Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an
+einer Zwischenstelle stecken. Das Gefühl für die Lage ist eben teilweise
+abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen.
+
+Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den
+Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die
+Kornfelder. Sie sind überrascht, als plötzlich ein heftiger Granathagel in
+das Gelände schlägt. - Ein Feuerüberfall? - Die eigene Artillerie
+antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter
+Nebel alles verschleiert. Das Knattern der Maschinengewehre beginnt auf
+breiter Front und zeigt, daß es sich um mehr handelt, als um einen
+Feuerüberfall. Ehe man sich darüber völlig klar wird, tauchen in den hohen
+Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen
+Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen
+Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die größte Gefahr scheint
+zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein.
+
+Während dort die übriggebliebenen Teile der zertrümmerten und versprengten
+Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf führen, versuchen die
+rückwärts befindlichen Unterstützungen einen neuen Widerstand zu bilden
+und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoß
+herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In vorübergehend wieder
+genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche
+Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann
+verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser
+Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur
+vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter
+südlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer
+empfindlichsten Stelle, nämlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres
+Marnebogens südlich der Aisne. Aber von hier aus drückt der Feind auf die
+ganze übrige bis Château-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch
+mehr, er drückt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinführende
+Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich östlich Soissons aus dem Aisnetal
+nach Süden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet.
+
+Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie
+droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der
+früheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen
+Zustand zuverlässig zu festigen. Meinen Wünschen und Absichten hätte es
+entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her über die Aisne bei
+Soissons flankierend zu fassen um den Gegner dadurch zu zermalmen. Der
+Aufmarsch hierfür hätte jedoch zu viel Zeit gekostet, und so mußte ich den
+Gegengründen nachgeben, die zunächst eine völlige Sicherung unserer
+angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren
+unserer Entschlüsse wurden. Was also an Truppen verfügbar ist, wird zu
+diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht überwunden,
+sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrüche des Gegners verschärfen die
+Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn südlich der Ourq die
+feindlichen Anstürme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei
+Château-Thierry die starken, aber ungeübt geführten amerikanischen
+Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir können und dürfen
+die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das wäre
+Tollkühnheit. Wir lösen daher unseren linken Flügel von Château-Thierry
+los und weichen zunächst ein Stück weiter nach Osten, behalten aber noch
+die Anlehnung an die Marne.
+
+Vom Südufer dieses Flusses sind wir in Ausführung unseres Entschlusses vom
+17. Juli nach schweren Kämpfen rechtzeitig zurückgewichen. Die treffliche
+Haltung unserer Truppen, an der alle französischen Angriffe scheitern, hat
+uns die gefährliche Lage dort glücklich überdauern lassen. Das Zurückgehen
+gelingt über Erwarten gut. Der Gegner erstürmt erst am 21. Juli nach
+gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken
+Kolonnen, unsere schon geräumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten
+dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus.
+
+Die Kampfführung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den
+gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs äußerste erschwert. Die
+gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke östlich von
+Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben fällt bei
+Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu
+eintreffender Verstärkungen und Kampfablösungen weit außerhalb des Bogens
+in die Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmärschen werden
+sie von da auf das Schlachtfeld vorgeführt. Sie erreichen ihre Bestimmung
+manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem
+Zusammenbrechen aus den Händen der ermatteten Kameraden zu übernehmen.
+
+So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle
+unsere Kräfte zu verzehren. Wir müssen aus dem Bogen heraus, uns von der
+Marne trennen. Ein schwerer Entschluß, nicht vom Standpunkte kriegerischer
+Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner
+jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: "Marne" ein Umschwung
+der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie
+wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele
+Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Haß, mit Hoffnung.
+
+Aber jetzt darf nur die militärische Einsicht sprechen. Ihre Forderung
+lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Überstürzung der
+Maßregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kräfte und von
+allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer
+greifender Einbruch. So können wir Schritt um Schritt weichen. Wir können
+unser kostbares Kriegsgerät dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue
+Verteidigungslinie rücken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne
+und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August
+vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Führung und Truppe.
+
+Nicht die Waffengewalt des Feindes preßte uns aus dem Marnebogen heraus
+sondern die Unerträglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der
+Schwierigkeiten der Verbindungen im Rücken unserer nach drei Seiten
+kämpfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt.
+Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die
+treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten
+Überraschung glänzend geschlagen. Was von Menschen gefordert werden
+konnte, wurde hier geleistet. So kam es, daß unsere Infanterie aus diesem
+Kampfe keineswegs mit dem Gefühle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr
+stolzes Selbstbewußtsein war zum Teil auf die Beobachtung gegründet, daß
+ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stütze der Panzerwagen
+vielfach im Angriff versagten.
+
+Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen
+entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn
+diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was
+schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche
+Scheußlichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empörung und Anklage,
+sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit
+und Recht auf europäischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese
+Schwarzen auf die Schlachtbank geführt.
+
+Mochten Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren
+Hilfsvölkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum
+Kampfe Mann gegen Mann, dann fühlte und zeigte sich damals noch unser
+Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefühl persönlicher
+Machtlosigkeit gegenüber den feindlichen Panzerwagen war teilweise
+überwunden. In tollkühnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich
+dieser lästigen Gegner zu entledigen, kräftigst unterstützt durch die
+eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte über unsere Truppen
+auch diesmal wieder die französische Artillerie. Den stunden-, ja
+tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt,
+nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien
+unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die äußerste Probe
+gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine
+Erlösung aus einem Drucke wehrloser Zermürbung empfunden.
+
+Die Truppen hatten das äußerste leisten müssen, nicht nur im Kampfe,
+sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Märschen und Entbehrungen.
+Ihr Kräfteverbrauch war groß, ihr Nervenverbrauch noch größer. Ich sprach
+Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen
+Antworten und Erzählungen redeten deutlicher als ganze Bücher von dem, was
+sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen
+steckte. Wie sollte man an diesen prächtigen Menschen verzweifeln können!
+Sie waren freilich müde, bedurften der körperlichen Ruhe und der
+seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu
+gewähren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafür ließ.
+
+Wenn wir in den Kämpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der
+Gegner zufügen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch über die
+weitreichende Rückwirkung dieser Schlacht und unseres Rückzuges keiner
+Täuschung hingeben.
+
+Militärisch war für uns von der größten und folgenschwersten Bedeutung,
+daß wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und daß wir zunächst
+keine Kraft besaßen, sie wieder an uns zu reißen. Wir waren gezwungen
+gewesen, starke Teile von jenen Kräften zum Kampfe heranzuziehen, die wir
+zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafür entfiel für uns die
+Möglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische
+Heer durchführen zu können. Die gegnerische Führung war dadurch von dem
+Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Maßnahmen
+ausgeübt wurde. Auch Englands Kräfte waren durch die Schlacht in dem
+Marnebogen aus dem Banne gelöst, in dem wir sie monatelang gehalten
+hatten. Es war zu erwarten, daß eine tatkräftige gegnerische Führung
+diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte,
+soweit sie irgendwie Kräfte hierfür verfügbar machen konnte. Günstige
+Aussichten mußten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten
+vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkräftigen Truppen besetzt
+sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Frühjahr wesentlich an
+Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden.
+
+Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe
+schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 französische,
+hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die
+englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so
+mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen
+Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in
+militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe neuzeitlicher
+Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer gelitten hatten,
+wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige Überlegenheit.
+
+Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung unseres
+Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den letzten Monaten
+aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung
+wurde zerstört!
+
+Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war
+auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit
+zu erwarten.
+
+
+
+
+
+ FÜNFTER TEIL
+
+
+ ÜBER UNSERE KRAFT
+
+
+
+
+ In die Verteidigung geworfen
+
+
+
+ Der 8. August
+
+
+Unsere Truppen hatten ihre neuen Stellungen an der Aisne-Vesle
+eingenommen. Die letzten Wogen des feindlichen Angriffes prallten heran
+und prallten ab; stellenweise flackerte der Kampfeifer hier und da wieder
+auf.
+
+Zahlreiche unserer Divisionen, abgekämpft, der Auffrischung bedürftig,
+wurden hinter unsere Verteidigungslinien in Unterkunft gebracht. Auch um
+Avesnes herum lagen sie in Quartieren. Ich konnte mich davon überzeugen,
+wie rasch sich unser Soldat erholte. Durfte er ein paar Tage gründlich
+ausschlafen, konnte man ihn geregelt verpflegen und ruhen lassen, so
+schien er schnell über all das Schwere, das er durchgemacht hatte, auch
+seelisch hinwegzukommen. Freilich bedurfte er hierfür der wirklichen Ruhe,
+ungestört von feindlichen Granaten und Bombenabwürfen und, wenn möglich,
+auch entfernt aus dem Hörbereiche des Donners der Geschütze. Aber wie
+wenig und wie selten haben unsere Truppen in den langjährigen Kämpfen eine
+solche Ruhe gefunden! Von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz, von
+Schlachtfeld zu Schlachtfeld geworfen, waren sie fast ruhelos in
+körperlicher und seelischer Spannung geblieben. In dieser Tatsache liegt
+der gewaltigste Unterschied zwischen den Leistungen unserer Soldaten und
+denjenigen aller unserer Gegner.
+
+Nach Avesnes war der Geschützdonner aus den Schlachten im Marnebogen wie
+ein ununterbrochenes Rollen schweren Gewitters bald lauter, bald
+undeutlicher gedrungen. Jetzt war es fast still geworden.
+
+Am 8. August morgens wurde diese Ruhe jählings unterbrochen; von Südwesten
+her dröhnte auffallend starker Gefechtslärm. Die ersten Meldungen - sie
+kamen vom Armee-Oberkommando aus der Gegend von Peronne - lauteten ernst.
+Der Gegner war mit mächtigen Tankgeschwadern beiderseits der Straße
+Amiens-St. Quentin in unsere Linien eingedrungen. Näheres ließ sich
+vorläufig nicht feststellen.
+
+Die Ungewißheit wurde jedoch in den nächsten Stunden behoben, wenn auch
+die Verbindungen vielfach zerrissen waren. Kein Zweifel, der Gegner war
+tief in unsere Stellung hineingestoßen, Batterien waren verloren. Unsere
+Befehle ergingen, sie wieder zu nehmen, die Lage überhaupt durch
+sofortigen Gegenangriff wieder herzustellen. Wir entsandten Offiziere, um
+die Vorgänge klarzulegen und vollen Einklang zwischen unserem Willen und
+den Verfügungen der Kommandostellen an der augenblicklich erschütterten
+Front zu schaffen. Was war geschehen?
+
+Im dichtesten Nebel war ein starker englischer Tankangriff erfolgt. Die
+Panzerwagen hatten auf ihrer Fahrt fast nirgends besondere Hindernisse,
+nicht natürliche und leider auch nicht künstliche, getroffen. Man hatte an
+dieser Front wohl etwas zu viel an Fortsetzung des Angriffes gedacht, zu
+wenig an Verteidigung.
+
+Allerdings war es verlustreiche Arbeit, dicht am Gegner zu schanzen und
+Hindernisse zu bauen. Denn wo immer die gegnerischen Beobachter irgend
+eine Bewegung, und sei es auch nur von einzelnen Leuten, wahrnahmen,
+dorthin lenkten sie das Feuer ihrer Artillerie. Es schien das beste zu
+sein, sich im hohen Getreide still zu verhalten, zwar ohne Schutz gegen
+feindliche Granaten aber ungesehen durch feindliche Ferngläser. Man
+schonte auf diese Weise während der Zeit des Stilleliegens augenscheinlich
+viel Leben, lief aber Gefahr, mit einem Schlage noch viel mehr zu
+verlieren. Nicht nur in den vordersten Linien war die Arbeit gering, an
+den rückwärtigen war sie fast noch geringer; nur einzelne Grabenstücke,
+verstreute Stützpunkte, waren vorhanden. Die Truppen waren an diesen
+sogenannten ruhigen Fronten für ausgedehnte Schanzarbeiten nur dünn gesät.
+Wir brauchten die Massen anderwärts zu den großen Angriffsschlachten.
+
+An diesem 8. August mußten wir handeln, wie wir schon so oft in gleich
+drohenden Lagen gehandelt hatten. Gegnerische Anfangserfolge waren für uns
+ja keine befremdenden Erscheinungen. Wir kannten sie von 1916/17, von
+Verdun, Arras, Wytschaete, Cambrai her. Wir hatten sie erst jüngst wieder
+bei Soissons kennen und überwinden gelernt. In dem jetzt vorliegenden
+Falle war die Lage freilich ganz besonders ernst. Der breite Tankeinbruch
+des Gegners war gleichzeitig überraschend tief erfolgt. Die Panzerwagen,
+schneller wie bisher, überfielen Divisionsstäbe in ihrer Unterkunft,
+zerrissen die Fernsprechverbindungen, die von dort zu den kämpfenden
+Truppen führten. Die höheren Kommandobehörden werden dadurch
+ausgeschaltet; die vorderen Linien bleiben ohne Befehl. An diesem Tage ist
+es ganz besonders bedenklich, da der dichte Nebel jede Übersicht
+verhindert. Die bereitgestellten Tankabwehrkanonen schießen zwar in die
+Richtungen, aus denen Motorgeräusche und Kettengerassel hörbar sind,
+werden aber vielfach durch Stahlkolosse überrascht, die aus anderer
+Richtung plötzlich auftauchen. Wirre Gerüchte beginnen sich in unsern
+Kampflinien zu verbreiten. Es wird behauptet, daß englische
+Kavalleriemassen schon weit im Rücken der vordersten deutschen Infanterie
+sich befinden. Man wird vorn bedenklich, verläßt die Stellungen, aus denen
+heraus man soeben noch starke feindliche Angriffe in der Front abgewiesen
+hat, man sucht nach rückwärts den verlorenen Anschluß. Die Phantasie
+zaubert Wahngebilde hervor und sieht in ihnen wirkliche Gefahren.
+
+Alles, was da geschah, was uns zum ersten großen Unheil werden sollte, ist
+ja menschlich begreiflich. Der alte, schlachtenerprobte Soldat bleibt in
+solchen Lagen ruhig; er phantasiert nicht, er denkt! Aber diese alten
+Soldaten sind eben in verschwindender Minderheit; ihr Einfluß ist auch
+nicht allerorts mehr der beherrschende. Es zeigen sich andere Einflüsse.
+Der Mißmut und die Enttäuschung, daß trotz aller Siege der Krieg für uns
+kein Ende nehmen will, hat auch so manchen unserer braven Soldaten
+verdorben. Im Felde Gefahren und Arbeit, Kampf und Ruhelosigkeit, aus der
+Heimat Klagen über wirkliche, manchmal auch eingebildete Lebensnot. Das
+zermürbt allmählich, besonders, wenn man sich kein Ende vorstellen kann.
+Der Gegner sagt und schreibt in seinen massenhaft von Fliegern
+abgeworfenen Flugblättern, daß er es nicht so schlimm mit uns meine, wir
+müßten nur vernünftig sein und vielleicht auch auf dies und jenes, was wir
+erobert haben, verzichten. Dann würde alles rasch wieder gut werden. Und
+wir könnten in Frieden weiter leben, im ewigen Frieden der Völker. Für den
+Frieden im Innern der Heimat würden dann neue Männer, neue Regierungen
+sorgen. Auch das würde ein segensreicher Frieden nach all den jetzigen
+Kämpfen werden. Das weitere Ringen sei also zwecklos.
+
+Solches liest und bespricht man; der Soldat meint, daß der Gegner doch
+nicht all das erlügen kann, läßt sich vergiften und vergiftet andere.
+
+Unsere Befehle zum Gegenstoß können an diesem 8. August nicht mehr
+ausgeführt werden. Es fehlt an Truppen, es fehlt besonders an Geschützen
+zur Vorbereitung eines solchen Angriffes, denn an den Einbruchsstellen
+sind die meisten Batterien verloren. Frische Infanterie- und neue
+Artillerieverbände müssen erst herangeholt werden, und zwar auf Kraftwagen
+und Eisenbahnen. Der Gegner erkennt die ausschlaggebende Wichtigkeit, die
+in dieser Lage die Eisenbahnen für uns besitzen. Weithin in unsern Rücken
+feuern seine schweren und schwersten Geschütze. Auf einzelne
+Eisenbahnpunkte, wie beispielsweise Peronne, regnet es zeitweise Bomben
+feindlicher Flieger, die in nie gesehenen Schwärmen über Stadt und Bahnhof
+kreisen. Nutzt aber der Gegner auf diese Weise die Schwierigkeiten im
+Rücken unserer Armee aus, so verkennt er zu unserm Glücke die ganze Größe
+seines ersten taktischen Erfolges. Er stößt an diesem Tage nicht bis an
+die Somme vor, obwohl ihm auf diesem Wege von unserer Seite kaum noch
+nennenswerte Kräfte hätten entgegengestellt werden können.
+
+Dem verhängnisvollen Vormittage des 8. August folgte ein verhältnismäßig
+ruhiger Nachmittag und eine noch ruhigere Nacht. Während dieser rollen
+unsere ersten Verstärkungen heran.
+
+Die Lage ist bereits zu ungünstig, als daß wir von dem anfänglich
+geforderten Gegenangriff die Wiedergewinnung der alten Kampffront erwarten
+können. Der Gegenstoß hätte längerer Vorbereitung und stärkerer Truppen,
+als am Morgen des 9. August zur Hand sein können, bedurft. Daher soll und
+darf nichts überstürzt werden. Die Ungeduld an der Kampffront glaubt
+jedoch, nicht warten zu können. Man meint, günstige Gelegenheiten zu
+versäumen, und stürzt sich in unbezwingliche Schwierigkeiten. So geht ein
+Teil der herangebrachten kostbaren, frischen Infanteriekraft in örtlich
+begrenzten Erfolgen verloren, ohne der Lage im großen zu nutzen.
+
+Der Angriff am 8. August war durch den rechten englischen Flügel
+unternommen worden. Die südlich anschließenden französischen Truppen
+hatten sich nur in geringem Umfange am Kampfe beteiligt. Es war aber zu
+erwarten, daß die großen britischen Erfolge nunmehr auch die französischen
+Linien in Bewegung bringen würden. Gelang dem Franzosen ein rasches
+Durchdringen in der Richtung auf Nesle, so mußte unsere Lage in dem weit
+nach Südwesten vorspringenden Verteidigungsbogen verhängnisvoll werden.
+Wir befehlen daher die Räumung unserer bisherigen ersten Stellungen
+südwestlich Roye und weichen in die Gegend dieser Stadt zurück.
+
+
+
+Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kämpfe im Westen bis
+ Ende September
+
+
+Über die politischen Wirkungen unserer Niederlage am 8. August gab ich
+mich keinen Täuschungen hin. Unsere Kämpfe vom 15. Juli bis 4. August
+konnten im Ausland wie in der Heimat als die Folge einer nicht geglückten,
+kühnen Unternehmung angesehen werden, wie solches sich in jedem Kriege
+ereignet. Das Mißgeschick am 8. August stellte sich dagegen vor aller
+Augen dar als die Folgen einer offenkundigen Schwäche. Es war etwas ganz
+anderes, ob wir in einem Angriff scheiterten, oder ob wir in einer
+Verteidigungsschlacht besiegt wurden. Die Beutezahlen, die unsere Gegner
+der Welt bekanntgeben konnten, sprachen eine deutliche Sprache. Heimat und
+Verbündete mußten ängstlich aufhorchen. Um so mehr war es unsere Aufgabe,
+die Ruhe zu behalten und die Verhältnisse zwar ohne Selbsttäuschung, aber
+auch ohne übertriebenen Pessimismus zu betrachten.
+
+Die militärische Lage war freilich ernst geworden. Die Gefechtslage auf
+der angegriffenen Verteidigungsfront konnte allerdings wiederhergestellt,
+das verlorene Kriegsgerät wieder ergänzt, neue Kräfte konnten herangeführt
+werden. Damit war jedoch die Wirkung der Niederlage nicht aufgehoben. Es
+war zu erwarten, daß der Gegner, durch seinen großen Erfolg angeregt,
+solche Angriffe nunmehr auch an anderen Stellen unternehmen würde. Er
+hatte jetzt die Erfahrung gemacht, daß sich in unserem Verteidigungssystem
+dem des Jahres 1917 gegenüber mancherlei Mängel befanden. Zunächst in
+technischer Beziehung. Auf den seit dem Frühjahr 1918 neu gewonnenen
+Linien war von unseren Truppen im allgemeinen nur wenig geschanzt worden.
+Es wurde, wie in der Gegend östlich Amiens, so auch an anderen Stellen der
+Front, zu viel von Fortsetzung der Angriffe, zu wenig von der
+Notwendigkeit der Verteidigung gesprochen. Dazu kam, daß die Haltung eines
+großen Teiles unserer Truppen im Gefecht den Gegner überzeugt haben mußte,
+daß an unseren Verteidigungsfronten der zähe Widerstandswille von 1917
+nicht mehr durchgehends vorhanden war. Der Feind hatte ferner seit dem
+Frühjahr von uns gelernt. Er hatte in den letzten Operationen diejenige
+Taktik gegen uns angewendet, mit der wir ihn wiederholt gründlich
+geschlagen hatten. Er war auf unsere Linien gefallen, nicht mehr nach
+monatelangen Angriffsvorbereitungen, auch hatte er die Entscheidung nicht
+mehr in dem Hineintreiben eines Keiles in unsere Verteidigung gesucht,
+sondern er hatte uns in breiten Anstürmen überrascht. Er wagte nunmehr
+diese unsere Taktik, weil er die Schwächen unserer Verteidigungsfront
+erkannt hatte. Wiederholte der Gegner diese Angriffe mit gleicher Wucht,
+so entbehrte er bei der nunmehrigen Verfassung unseres Heeres nicht völlig
+der Aussicht, unsere Widerstandskraft allmählich zu lähmen. Andererseits
+schöpfte ich aber aus dem Umstande, daß der Feind aus seinen großen
+Anfangserfolgen auch dieses Mal nicht die Vorteile eingeheimst hatte, die
+ihm hätten werden können, wieder die Hoffnung, daß wir weitere Krisen
+überwinden würden.
+
+Aus diesem Gedankengang heraus glaubte ich, mich am 13. August der
+Reichsleitung gegenüber in einer politischen Beratung in Spa über die
+militärische Lage dahin aussprechen zu müssen, daß diese zwar ernst sei,
+daß aber nicht vergessen werden dürfe, daß wir noch immer tief in
+Feindesland ständen. Ich trug diese Auffassung am folgenden Tag auch
+meinem Kaiser vor, indem ich nach einer längeren gemeinsamen Sitzung das
+Schlußwort ergriff. Ich hatte auch nichts einzuwenden gegen die Auffassung
+des Reichskanzlers Graf Hertling, daß mit einem wirklich offiziellen
+Friedensschritt unsererseits gewartet werden sollte, bis eine Besserung in
+unserer damaligen militärischen Lage eintreten würde. Von dieser hing es
+dann ab, inwieweit wir auf unsere bisherigen politischen Ziele würden
+verzichten müssen.
+
+Die Zeit, an einem befriedigenden Abschluß des Krieges zu zweifeln, hielt
+ich demnach Mitte August noch nicht für gekommen. Ich hoffte bestimmt, daß
+die Armee, trotz betrübender Einzelerscheinungen auf dem letzten
+Schlachtfelde, imstande sein würde, zunächst einmal auszuhalten. Auch
+hatte ich das Vertrauen auf die Heimat, daß sie Kraft genug hätte, auch
+diese jetzige Krisis zu überwinden. Ich erkannte dabei durchaus an, was
+die Heimat an Opfern und Entbehrungen bisher ertragen hatte, und was sie
+vielleicht noch weiter ertragen mußte. Hatte nicht Frankreich, auf dessen
+Boden der Krieg seit nunmehr vier Jahren tobte, weit mehr zu leiden? War
+dieses Land während dieser ganzen Zeit jemals unter Mißerfolgen verzagt;
+war es verzweifelt, als unsere Granaten seine Hauptstadt erreichten? Das,
+so dachte ich, würde sich in dieser schweren Krisis auch die Heimat vor
+Augen halten und standhaft bleiben, wenn nur wir an der Front standhaft
+blieben. Gelang das, so konnte nach meiner Ansicht die Wirkung auf unsere
+Verbündeten nicht ausbleiben. Ihre militärische Aufgabe war ja, soweit sie
+Österreich-Ungarn und Bulgarien betraf, eine leichte.
+
+Bei diesen meinen Erwägungen spielte die Sorge um Erhaltung unserer
+Waffenehre keine ausschlaggebende Rolle. Unser Heer hatte diese Ehre in
+den vier Kriegsjahren so fest begründet, daß diese uns, mochte kommen was
+wollte, vom Gegner nicht mehr entrissen werden konnte. Ausschlaggebend für
+meine Entschlüsse und Vorschläge blieb einzig und allein die Rücksicht auf
+das Wohl des Vaterlandes. Konnten wir auch den Gegner durch Siege auf dem
+Schlachtfeld nicht mehr zu einem Frieden zwingen, der uns alles das gab,
+was unsere deutsche Zukunft endgültig sicher stellte, so konnten wir es
+doch wenigstens dahin bringen, daß die gegnerischen Kräfte im Kampfe
+erlahmten. Auch dann retteten wir voraussichtlich ein erträgliches
+staatliches Dasein.
+
+General Foch hat nach Beendigung der Schlacht im Marnebogen wohl erkannt,
+daß die errungenen Erfolge ihm wieder verloren gehen würden, wenn unseren
+Truppen die Zeit zur Erholung gelassen würde. Ich hatte das Gefühl, daß
+die gegnerische Führung nunmehr glaubte, alles auf eine Karte setzen zu
+müssen.
+
+Am 20. August schreiten die Franzosen zwischen Oise und Aisne in der
+Richtung auf Chauny zum Angriff. Sie werfen uns in dreitägigen Kämpfen auf
+diesen Punkt zurück. Am 21. August und in den ihm folgenden Tagen
+verbreitern die Engländer ihre Angriffsfront vom 8. August in nördlicher
+Richtung bis nordwestlich Bapaume. Wiederholte feindliche Einbrüche
+zwingen uns auch hier zum allmählichen Zurücknehmen unserer Linien. Am
+26. August wirft sich der Engländer beiderseits Arras in der Richtung auf
+Cambrai auf unsere Stellungen. Er bricht durch, wird aber schließlich
+aufgehalten. Da überrennt ein neuer feindlicher Ansturm am 2. September
+endgültig unsere Linien an der großen Straße Arras-Cambrai und zwingt uns,
+die gesamte Front in die Siegfriedstellung zurückzunehmen. Zur
+Kräfteersparnis räumen wir gleichzeitig den weit über den Kemmel-Berg und
+Merville vorspringenden Bogen nördlich der Lys. Alles schwere Entschlüsse,
+die bis zum Ende der ersten Septemberwoche ausgeführt werden. Die erhoffte
+Erleichterung der Lage bringen sie nicht. Der Gegner drängt überall sofort
+nach, und die Spannung dauert an.
+
+Am 12. September setzen die Kämpfe an der bisher ruhigen Front südöstlich
+Verdun und bei Pont-à-Mousson ein. Wir standen hier in der Stellung, in
+der unsere Angriffe im Herbste 1914 erstarrt waren, ein taktisches
+Mißgebilde, das den Gegner zu einem großen Schlag einladen konnte. Es ist
+nicht recht verständlich, warum uns der Franzose jahrelang in diesem
+großen Dreieck stehen ließ, das in seine Gesamtfront hineinsprang.
+Durchstieß er dieses in mächtigem Schlage an der Basis, so war eine
+schwere Krisis für uns unausbleiblich. Man wird uns vielleicht als einen
+Fehler anrechnen, daß wir diese Lage nicht schon längst, spätestens mit
+dem Einstellen unseres Angriffes auf Verdun, aufgaben. Allein wir übten
+gerade durch diese Stellung einen im hohen Grade wichtigen Druck auf die
+Bewegungsfreiheit des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so
+wichtige Maastal südlich der Festung. Erst Anfang September, als es
+zwischen Maas und Mosel auf feindlicher Seite lebhafter wurde, beschlossen
+wir, diese Stellung zu räumen und auf die schon lange vorbereitete
+Basisstellung zurückzugehen. Bevor die Bewegung vollendet wurde, griffen
+uns aber die Franzosen und Amerikaner an und brachten uns eine ernste
+Niederlage bei.
+
+Im übrigen gelang es, den feindlichen Angriffen gegenüber unsere Front im
+wesentlichen zu halten. Die Ausdehnung der gegnerischen Angriffe auf die
+Champagne am 26. September änderte die Lage von der Küste bis zu den
+Argonnen zunächst wenig. Dagegen drang der Amerikaner an diesem Tage
+zwischen Argonnen und Maas in unsere Linien ein. Damit machte sich die
+nordamerikanische Macht auf den Schlachtfeldern des Schlußkampfes in einer
+selbständigen Armee zum ersten Male entscheidend geltend.
+
+Unsere Westfront war, wenn auch infolge feindlicher Einbrüche wiederholt
+zurückgenommen, nicht durchbrochen. Sie wankte, aber sie fiel nicht. Um
+diese Zeit wurde jedoch in unsere gesamte Kriegsfront eine breite Lücke
+gerissen. Bulgarien brach zusammen.
+
+
+
+
+ Der Kampf unserer Bundesgenossen
+
+
+
+ Bulgariens Zusammenbruch
+
+
+Die Lage im Innern Bulgariens hatte sich auch im Jahre 1918 nicht
+wesentlich geändert. Sie blieb ernst. Die äußere Politik des Landes schien
+jedoch darunter nicht zu leiden. Ab und zu gelangten freilich Mitteilungen
+über Verhandlungen bulgarischer unverantwortlicher Persönlichkeiten mit
+der Entente auf neutralem schweizerischen Boden zu uns. Auch war in der
+amerikanischen Gesandtschaft in Sofia zweifellos eine Brutstätte von uns
+verderblichen Plänen vorhanden. Wir machten den vergeblichen Versuch, sie
+zu beseitigen. Die Politik forderte Samthandschuhe in der eisernen
+Wirklichkeit des Krieges.
+
+Die Kampfwut zwischen den politischen Parteien des Landes dauerte an. Die
+Armee wurde auch weiterhin davon berührt. Der Sturz Radoslawows war
+endlich im Frühjahr von seinen Gegnern erreicht. Die neuen Männer
+versicherten uns ihres treuen Festhaltens an dem Bündnis. Das war für uns
+das Entscheidende.
+
+Die Kriegsunlust im bulgarischen Volke nahm indessen stark zu. Die
+Lebensmittelversorgung machte immer größere Schwierigkeiten. Unter diesen
+litt besonders die Armee, das heißt, man ließ sie darunter leiden. Der
+Soldat mußte zeitweise geradezu hungern, ja mehr noch, er wurde auch so
+elend gekleidet, daß ihm eine Zeitlang das Nötigste fehlte. Meutereien
+fanden statt, wurden uns gegenüber aber meistens vertuscht. Die Armee
+wurde durchsetzt mit völkisch fremden Elementen. Man stellte aus den
+besetzten Gebieten gepreßte Mannschaften ein, um die Truppenstärken in der
+Höhe zu halten. Das Überlaufen nahm daher einen außerordentlichen Umfang
+an. War es ein Wunder, daß unter allen diesen Umständen der Geist der
+Truppe zerfiel? Er erreichte anscheinend im Frühjahr seinen Tiefstand. Die
+bulgarische Oberste Heeresleitung hatte damals auf Anregung des deutschen
+Heeresgruppenkommandos einen Angriff auf albanischem Boden, westlich des
+Ochridasees, vorbereitet. Man erhoffte von seinem Gelingen eine
+wirkungsvolle Sperrung der für den Gegner so wichtigen Straße Santa
+Quaranti-Korca, sowie eine günstige Rückwirkung auf die Stimmung von Heer
+und Volk. Die Durchführung des Unternehmens erwies sich schließlich als
+unmöglich, da nach Erklärungen bulgarischer Offiziere die Truppe den
+Angriff verweigern würde. Noch bedenklichere Zustände zeigten sich, als im
+Monat Mai die bulgarischen Truppen den Angriff der Griechen und Franzosen
+in der Mitte der mazedonischen Front nicht aushielten und ihre Stellung
+fast kampflos verließen. Die zum Gegenangriff bestimmte Division meuterte
+größtenteils.
+
+Die Zustände innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des
+Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von
+unseren Lebensmittelvorräten und schickten Bekleidungsstücke. Auch lösten
+unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen Armee große
+Begeisterung aus. Es war aber klar, daß diese gehobene Stimmung rasch
+wieder in sich zusammenbrechen würde, wenn auf unserer Seite Rückschläge
+erfolgten. Darüber konnten uns auch bessere Stimmungsberichte Ende Juli
+nicht im Zweifel lassen.
+
+Die gegenseitigen Stärkeverhältnisse an der mazedonischen Front schienen
+sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach
+dem schließlichen Ausgleich mit Rumänien war Bulgarien imstande, alle
+seine Kräfte auf einer Front zu versammeln. Dieser Verstärkung gegenüber
+kam das Wegziehen einiger deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmäßig
+gar nicht in Betracht. Eine englische Division war nach Syrien abbefördert
+worden; die französischen Truppen hatten ihre jüngsten Jahrgänge nach der
+Heimat abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten königlich griechischen
+Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde
+wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes übertragen. Nach
+Mitteilungen von Überläufern war der größte Teil dieser Truppen bereit,
+sich uns anzuschließen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front
+eingesetzt würden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den
+Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien. Sie
+trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die Entscheidung
+des Krieges für Bulgarien fiel.
+
+Am 15. September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des
+Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend.
+Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Frühjahr erklärt, daß sie an
+diesem Tage die Stellungen verlassen würden, sofern der Krieg bis dahin
+nicht beendet wäre.
+
+Nicht weniger auffallend war es andererseits, daß sich der Gegner zu einem
+Angriff eine Stelle mitten im wildesten Berglande wählte, an der bei
+einigem Widerstandswillen der bulgarischen Truppe und ihrer niederen
+Führung das Durchdringen die allergrößten Schwierigkeiten bieten mußte.
+Wir glaubten daher dem Ausgang dieses Kampfes mit Vertrauen entgegensehen
+zu können, und erwarteten den schwereren und entscheidenden Angriff des
+Gegners im Wardartal. Dort und in der Gegend des Doiransees waren seit
+längerer Zeit schon Angriffsvorbereitungen der Engländer erkannt worden.
+Auch hier bestand angesichts der ganz außerordentlichen Stärke der
+Verteidigungsstellungen unseres Erachtens keine Gefahr, sofern man einer
+solchen von bulgarischer Seite entsprechend entgegentreten wollte. Über
+die zahlenmäßigen Kräfte verfügte die bulgarische Oberste Heeresleitung
+ganz gewiß.
+
+Die zuerst eintreffenden Meldungen über den Verlauf der Kämpfe am
+15. September gaben zu Besorgnissen keinen Anlaß. Die vordersten
+Stellungen waren freilich verloren gegangen. Ein solcher Verlauf hatte
+nichts ungewöhnliches an sich. Die Hauptsache war, daß dem Gegner der
+glatte Durchbruch am ersten Tage nicht gelungen war. Spätere Nachrichten
+lauteten bedenklicher. Die Bulgaren waren weiter nach Norden gedrängt, als
+man zuerst annehmen konnte. Die zunächst am Kampfe beteiligten Truppen
+hatten anscheinend wenig Kampfkraft, noch weniger Kampfwillen gezeigt. Die
+Reserven, die herankamen oder herankommen sollten, zeigten keine Neigung,
+sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Sie zogen es anscheinend vor, dem
+Gegner das Kampffeld zu überlassen, und das an einer Stelle, die dem
+wichtigsten Knotenpunkt aller Verbindungen des mazedonischen
+Kriegsschauplatzes, nämlich Gradsko, bedenklich nahe lag.
+
+Fällt Gradsko, oder kann es der Gegner mit seinen Geschützen erreichen, so
+ist die rechte bulgarische Armee in der Gegend von Monastir der
+wichtigsten Verbindung beraubt, ihre Versorgung in der jetzigen Stellung
+für die Dauer unmöglich. Aber auch die mittlere bulgarische Armee
+beiderseits des Wardartales ist dann von jeder Bahnverbindung mit der
+Heimat abgeschnitten. Es erscheint unbegreiflich, daß die bulgarischen
+Führer diese drohende Gefahr nicht erkennen sollten, daß sie nicht alles
+daran setzen würden, ein namenloses Unheil für die Masse des Heeres
+abzuwenden.
+
+Im Gegensatz zu den bulgarischen Armeen südlich von Gradsko kämpfen die
+bulgarischen Truppen zwischen dem Wardar und dem Doiransee seit dem
+18. September mit größter Erbitterung. Vergeblich versuchen die Engländer,
+sich hier Bahn zu brechen. Nochmals zeigt sich bulgarischer Mut und zäher
+Wille in glänzendem Licht. Aber was nützt der Heldenmut am Doiransee, wenn
+in der Richtung auf Gradsko Mutlosigkeit herrscht, ja vielleicht noch
+Schlimmeres als Mutlosigkeit.
+
+Vergeblich versucht die deutsche Führung mit deutschen Truppen die Lage in
+der Mitte des bulgarischen Heeres zu retten. Was helfen die schwachen
+kleinen deutschen Gruppen, wenn rechts und links der Bulgare das Feld
+räumt? Den gegen den Feind marschierenden deutschen Bataillonen strömen
+ganze bulgarische Regimenter entgegen, die den Kampf offen verweigern. Ein
+eigenartiges Bild. Und noch eigenartiger die Erklärung der bulgarischen
+Mannschaften: Sie ziehen in die Heimat zu Weib und Kind, wollen wieder
+einmal Haus und Hof sehen und ihre Felder bestellen. Sie lassen vielfach
+ihre Offiziere unbelästigt. Gehen diese mit ihnen nach Hause, so sind sie
+willkommen, wollen sie zurückbleiben auf dem Felde der Ehre, so sollen sie
+das allein tun. Der Bulgare springt bereitwillig zu, wenn im Gedränge ein
+Deutscher, der gegen den Feind marschiert, in Bedrängnis kommt, er hilft
+den deutschen Geschützen beim Marsch auf das Gefechtsfeld über schlechte
+Wegestrecken fort. Den Kampf indessen überläßt er den Deutschen.
+Mazedonien wird auf diese Weise freilich für Bulgarien verloren gehen.
+Aber der bulgarische Bauer sagt sich, daß er in der Heimat Land genug
+habe; also zieht er in die Heimat und überläßt die Sorge und den Kampf um
+Mazedonien und die bisherigen Großmachtspläne anderen Menschen.
+
+Die deutsche Führung, die vom Ochridasee bis zum Doiransee das
+verantwortliche Kommando hat, sieht sich angesichts dieser Verhältnisse
+vor einer unendlich schwierigen Lage. Was an deutschen Truppen, an
+Etappenmannschaften, Landsturm und Rekruten vorhanden ist, wird
+zusammengerafft, um die bulgarische Mitte zu stützen und Gradsko zu
+retten. Die Aussichten, daß dieses gelingt, werden immer geringer. Bei der
+Haltlosigkeit der bulgarischen Mitte bleibt sonach als einzigste Rettung,
+die Flügel des Heeres zurückzunehmen. Eine solche Bewegung würde an sich
+nur geringe taktische Nachteile verursachen, denn in Mazedonien liegt eine
+gewaltige Verteidigungsstellung hinter der anderen und je weiter der
+Gegner nach Norden kommt, um so schwieriger werden seine rückwärtigen
+Verbindungen. Freilich mit der Preisgabe des Wardartales verschlechtern
+sich auch die rückwärtigen Verbindungen der Bulgaren. Aber es scheint
+wenigstens möglich, durch diese Maßnahme die Masse des Heeres zu retten.
+
+Dem Entschluß des deutschen Heeresgruppenkommandos stellen die
+bulgarischen Führer die ernstesten Bedenken entgegen. Sie glauben, daß
+ihre Truppen in den jetzigen Stellungen noch zusammenhalten, ja sogar
+kämpfen würden. Dagegen sind sie der Anschauung, daß die Armeen sich
+völlig auflösen würden, wenn man ihnen den Rückzugsbefehl gäbe.
+
+Eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage, verzweiflungsvoll für alle
+Beteiligten. Die Bulgaren klagen, daß nicht genug deutsche Truppen zur
+Stelle sind, daß man die früher vorhandenen zum Teil entfernt hätte. Was
+aber hätten ein paar deutsche Bataillone mehr in diesem allgemeinen
+Zusammenbruch genutzt? Wie viele deutsche Divisionen hätte man schicken
+müssen, um die mazedonische Front zu verteidigen? Deutschland kann nicht
+im Westen die Entscheidung suchen und seine Divisionen nach Bulgarien
+schicken wollen. Der Bulgare will nicht einsehen, daß die deutsche Kraft
+auch zu erschöpfen ist. Die bulgarische ist an sich noch lange nicht
+erschöpft, erschöpft ist nur der bulgarische Kriegswille.
+
+Auch wir im Großen Hauptquartier stehen vor verhängnisvollen Fragen. Wir
+müssen wenigstens versuchen, in Bulgarien zu retten, was zu retten ist.
+Wir müssen also doch Unterstützungen schicken und zwar sofort, so schwer
+uns das werden mag. Es ist der 18. September, als sich diese Notwendigkeit
+in vollem Umfange ausprägt. Man denke daran, wie schwer der Kampf zu
+dieser Zeit an unserer Westfront tobt. Wenige Tage vorher hatten die
+Amerikaner ihren großen Erfolg zwischen Maas und Mosel errungen, und eine
+weitere Ausdehnung der Angriffe steht dort noch bevor.
+
+Die erste Unterstützung, die wir freimachen können, sind Truppen, eine
+gemischte Brigade, die für Transkaukasien bestimmt waren und eben über das
+Schwarze Meer befördert werden. Sie werden durch Funkspruch abgedreht und
+sollen über Varna-Sofia herankommen. Diese Kräfte genügen jedoch nicht. An
+unserer Ostfront können wohl noch einige Divisionen entbehrlich gemacht
+werden. Wir wollten sie an eine ruhige Front des Westens bringen. Doch was
+sind das für Truppen? Kein Mann unter 35 Jahren, und alle Vollkräftigen
+schon nach dem Westen geholt! Kann von ihnen noch eine besondere Leistung
+erwartet werden? Sie mögen den besten Willen mitbringen, aber in diesem
+Klima und ohne Ausrüstung für den Krieg in einem gebirgigen Lande sind sie
+an der mazedonischen Front nur bedingt brauchbar. Doch es muß sein, denn
+nicht nur die bulgarische Armee, auch die bulgarische Regierung und der
+Zar müssen in dieser schwersten Gefahr deutsche Hilfe erhalten.
+
+Auch vom Westen her schicken wir Unterstützung. Unser Alpenkorps, eben
+erst aus schwerstem Kampfe gezogen, wird zur Fahrt nach Nisch auf die Bahn
+gesetzt. Ebenso beteiligt sich Österreich-Ungarn an dem Versuch, Bulgarien
+zu helfen, und stellt mehrere Divisionen hierfür zur Verfügung. Wir
+verzichten daher auf weitere österreichisch-ungarische Unterstützung an
+unserer Westfront.
+
+Bis diese deutsche und österreichische Hilfe eintreffen kann, muß versucht
+werden, wenigstens die Masse des bulgarischen Heeres zu retten. Trotz
+aller bulgarischen Bedenken wird deshalb von dem deutschen
+Heeresgruppenkommando der Befehl zum Rückzug an die rechte und mittlere
+bulgarische Armee gegeben. Die Stellungen auf der Belasiza, nördlich des
+Doiransees, sollen den Drehpunkt der ganzen Bewegung bilden.
+
+Die linke bulgarische Armee wird während dieser ganzen Zeit nicht
+angegriffen. Ihre Stellungen auf der Belasiza und hinter der Struma sind
+von größter Stärke. Wenige Maschinengewehre und Batterien genügen für ihre
+Verteidigung. Trotzdem verbreitet sich auch in dieser Armee Verwirrung;
+Mut und ruhige Überlegung schwinden. Der Führer hält seine Lage für
+unhaltbar und beschwört den Zaren, sofort Waffenstillstand zu schließen.
+Der Zar antwortet: "Gehen Sie in den Stellungen, die Sie innehaben, zu
+Grunde." Das Wort beweist, daß der Zar Herr der Lage ist, und daß ich mich
+nicht in ihm täuschte.
+
+Auch Kronprinz Boris befindet sich auf der Höhe seiner Aufgabe. Er eilt an
+die Front, um dort zu retten, was zu retten ist. Was vermag jedoch ein
+einzelner, auch wenn er von der Liebe vieler, und von der Achtung aller
+getragen wird, in solcher allgemeinen Kopflosigkeit und in solchem
+Schwinden des Willens?
+
+Die mittlere Armee beginnt am 20. September befehlsgemäß den Rückzug.
+Dieser wird zur Auflösung; ungeschickte Anordnungen vervollständigen die
+Verwirrung. Die Stäbe versagen, am gründlichsten der Armeestab. Hier ist
+nur ein ganzer Mann vorhanden, klar blickend und von bestem Wollen
+beseelt, nämlich der Führer.
+
+Die rechte Armee hat eine schwierige Aufgabe. Ihre Hauptrückzugsstraße
+führt über Prilep auf Veles. Da der Gegner schon vor Gradsko steht, ist
+diese Straße äußerst bedroht. Ein anderer Weg führt aus dem Seengebiete
+und dem Gebiete von Monastir weiter im Westen mitten durch das wilde
+Albaner-Gebirge auf Kalkandelen. Er vereinigt sich mit demjenigen über
+Veles bei Üsküb. Dieser Weg durch das Albaner-Gebirge ist gesichert, aber
+sehr schwierig, und es ist zweifelhaft, ob größere Truppenmassen in diesen
+Gebieten die nötige Verpflegung finden. Trotz dieser Bedenken müssen
+starke Teile auf ihn verwiesen werden. Noch stärkere werden dorthin
+gedrängt, als der Feind Gradsko nimmt und nunmehr gegen das Straßenstück
+Prilep-Veles von Südosten her vorrückt. Gradsko fällt schon am
+21. September. Aus einem elenden Ort war es im Laufe des Krieges zu einer
+förmlichen Lagerstatt geworden, die in ihrer Anlage und Größe an eine
+amerikanische Neugründung erinnert. Ungeheuere Vorräte sind hier
+aufgespeichert, ausreichend für einen ganzen Feldzug. In den dortigen
+Depots merkt man nichts davon, daß die bulgarischen Armeen an der Front
+irgend etwas entbehren mußten. Jetzt fällt alles der bulgarischen
+Vernichtung anheim oder wird Beute des Feindes. Nicht nur in Gradsko
+sondern auch anderwärts verfügt Bulgarien noch über reiche Bestände. Sie
+ruhten bisher im Verborgenen, behütet von der einseitigen Sorge
+bureaukratischer Wirtschaft, die auch in Bulgarien wie eine Kruste das
+Volksleben überzieht, trotz liberalster Gesetze und freiheitlichem
+Parlament.
+
+Bulgarien kann also den Krieg noch weiter führen, wenn es ihn nur nicht
+selbst für verloren hält oder halten will. Unser Plan, der auch die
+Zustimmung der bulgarischen Obersten Heeresleitung findet, ist folgender:
+Die mittlere Armee soll an die altbulgarische Grenze zurückschwenken. Die
+rechte Armee soll sich bei Üsküb oder weiter nördlich versammeln; sie wird
+verstärkt durch die anrollenden deutschen und österreichischen Divisionen.
+Diese Kräfte bei Üsküb werden reichlichst genügen, um die Lage zu halten;
+ja es ist bei einiger Brauchbarkeit der bulgarischen Verbände damit zu
+rechnen, daß wir von Üsküb aus bald wieder zu einem Angriff in südlicher
+Richtung vorgehen können. Es scheint ausgeschlossen, daß der Gegner ohne
+Rast mit starken Massen bis Üsküb und bis an die altbulgarische Grenze
+nachdrängt. Wie sollte er seinen Nachschub regeln, da wir die Bahnen und
+Straßen gründlich zerstört haben? Wir hoffen auch, daß in den bulgarischen
+Truppen bei Berührung mit dem heimatlichen Boden sich wieder Kraft und
+Verantwortungsgefühl zusammenfinden.
+
+Die vorgeschlagene Operation ist nur möglich, wenn Üsküb so lange gehalten
+wird, bis die bulgarischen Truppen über Kalkandelen herankommen. Diese
+Aufgabe erscheint leicht, denn der Gegner folgt in der Tat über Gradsko
+hinaus mit nur verhältnismäßig schwachen Kräften.
+
+Während dieser Vorgänge bleibt Sofia auffallend ruhig. Unsere dort
+eintreffenden Bataillone, die der Bevölkerung zur Beruhigung, der
+Regierung zum Schutz und zur Stütze dienen sollen, finden nichts von der
+gefürchteten Aufregung. Das Leben macht freilich einen eigenartigen
+Eindruck, hervorgerufen durch die Scharen von Soldaten, die außerhalb
+ihrer Verbände durch die Stadt der Heimat zuziehen. Die Mannschaften
+liefern ihre Gewehre in die Waffendepots ab, verabschieden sich von
+Kameraden und Vorgesetzten, versichern sogar teilweise, daß sie
+wiederkommen würden, wenn sie nur erst einmal ihre Felder bestellt hätten.
+Ein eigenartiges Bild, ein merkwürdiger Seelenzustand. Oder ein
+abgekartetes Spiel? Wir haben aber keinen Grund, ein solches bei den
+Soldaten vorauszusetzen. Daß es in dieser Auflösung nicht überall
+friedlich zugeht, ist klar. Die Gerüchte von schweren Ausschreitungen
+erweisen sich aber meist als übertrieben.
+
+An der Front ändert sich die Lage nicht. Der Rückzug der bulgarischen
+Massen dauert ununterbrochen an. Er ist auch gegen die schwachen Kräfte
+des verfolgenden Feindes nicht dauernd zum Halten zu bringen. Vergeblich
+versucht man einzelne Haufen, von geschlossenen Truppen kann man kaum noch
+sprechen, dazu zu bringen, die Front wieder gegen den Feind zu nehmen und
+wenigstens stellenweise einen geregelten Widerstand zu ordnen. Kommt der
+Gegner heran, so verlassen die Bulgaren schon nach wenigen Schüssen ihre
+Stellungen. Deutsche Truppen sind nicht mehr imstande, dem bulgarischen
+Widerstand einen Halt zu geben. Ebenso vergeblich ist das Bemühen
+deutscher und bulgarischer Offiziere, mit dem Gewehre in der Hand durch
+ihr Beispiel auf die haltlose gleichgültige Masse zu wirken.
+
+So nähert sich der Gegner Üsküb, bevor neue deutsche und
+österreichisch-ungarische Truppen dort eintreffen können. Am 29. September
+treten aber starke Teile der rechten bulgarischen Armee bei Kalkandelen
+aus dem Gebirge. Sie brauchen von da nur noch auf guter Straße nach Üsküb
+zu rücken. Die Truppen sind, wie uns gemeldet wird, durchaus kampffähig.
+Die schwerste Krisis scheint demnach überwunden zu sein. Militärisch
+mochte das der Fall sein, aber moralisch ist die Sache endgültig verloren.
+Daran war bald nicht mehr zu zweifeln. Schwache serbische Kräfte haben
+Üsküb besetzt. Die Truppen bei Kalkandelen versagen: sie kapitulieren. Am
+29. September abends schließt Bulgarien Waffenstillstand.
+
+
+
+ Der Sturz der türkischen Macht in Asien
+
+
+Der Anfang des Jahres 1918 brachte einen kühnen Aufschwung des osmanischen
+Kriegswillens. Die Türkei schritt, ehe noch der Winter im armenischen
+Hochlande zu Ende ging, zum Angriff gegen die dortigen russischen Armeen.
+Die russische Macht erwies sich in diesen Gebieten nur noch als Phantom.
+Die Masse der Truppen hatte sich bereits völlig aufgelöst. Der Vormarsch
+der Türken fand daher nur noch Widerstand bei armenischen Banden.
+Schwieriger als dessen Beseitigung war die Überwindung der Hindernisse,
+die in dieser Jahreszeit die Hochlandnatur den Türken in den Weg legte.
+Daß der Vormarsch trotzdem gelang, war eine jener merkwürdigen
+Erscheinungen aufwallender Lebenskraft des osmanischen Staatswesens. Die
+Türkei warf sich über die Grenzen des osmanischen Armeniens hinaus auf die
+Gebiete Transkaukasiens, angetrieben durch verschiedene Beweggründe:
+Panislamitische Träumereien, Rachegedanken, Hoffnung auf Entschädigungen
+für bis jetzt verlorene Landesteile und Erwartung von Beute. Dazu kam noch
+ein weiteres, nämlich die Suche nach Menschenkräften. Das Land, in erster
+Linie die Siedlungsgebiete der prächtigen Anatolier, ist in bezug auf
+Menschenkräfte völlig erschöpft. Im transkaukasischen Aserbeidschan und
+unter den kaukasischen Mohammedanern scheinen sich neue große Quellen zu
+eröffnen. Rußland hat diese Mohammedaner zu dem regelmäßigen Militärdienst
+nicht herangezogen, nun sollen sie unter dem Halbmond fechten. Die Zahlen
+der voraussichtlichen Freiwilligen, die uns mitgeteilt werden, zeigen die
+Üppigkeit der orientalischen Phantasie. Auch müßte man, wenn man den
+osmanischen Mitteilungen glauben sollte, annehmen, daß die
+mohammedanischen Völker Rußlands seit langem keine höhere Sehnsucht
+gekannt hätten, als mit dem türkischen Reiche zusammen ein einiges großes
+geschlossenes Glaubensland zu bilden. Immerhin ist der Gedanke nicht von
+der Hand zu weisen, daß die Türkei sich in diesen Gebieten neue Kräfte
+erschließt, und daß England sich gezwungen sehen wird, der Entwicklung
+dieser Vorgänge sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Einstweilen ist es
+aber gut, mit nüchterner Wirklichkeit zu rechnen. Wir versuchen daher, auf
+die hochgehenden Wogen osmanischer Hoffnungen beruhigend einzuwirken,
+freilich nicht mit dem wünschenswerten Erfolg. Man stimmt uns bei, daß die
+Hauptaufgabe der Türkei im Rahmen des Gesamtkrieges weit mehr in der
+Richtung auf Syrien und Mesopotamien zu suchen ist, als in derjenigen auf
+den Kaukasus und das Kaspische Meer. Was helfen aber Versprechungen und
+guter Wille in Konstantinopel, wenn die Führer auf den entlegenen
+Kriegsschauplätzen ihre eigenen Wege gehen!
+
+Um wenigstens einen Anteil an den reichen Vorräten von Kriegsrohstoffen in
+Transkaukasien für die allgemeine Kriegführung zu retten, senden wir
+Truppen nach Georgien. Wir hoffen, der dortigen Regierung den Aufbau eines
+geordneten Wirtschaftslebens zu ermöglichen.
+
+Aber der Panislamismus und der Kriegswucher in Konstantinopel ruhen nicht
+eher, als bis Baku auch in die Hand der Türken fällt, und zwar zu einer
+Zeit, in der sich der Zusammenbruch der alten asiatischen Herrschaft der
+Türkei vollzieht.
+
+Auch die Absicht, über Transkaukasien in Persien entscheidenden Einfluß zu
+gewinnen, führte die Türkei so weit in östlicher Richtung vor. Man will
+durch Persien hindurch den englischen Operationen in Mesopotamien in die
+Flanke fallen, ein Plan, der an sich gut ist, dessen Durchführung aber
+Zeit braucht. Es ist freilich zweifelhaft, ob wir diese Zeit finden
+werden. Vielleicht aber binden schon die ersten türkischen Bewegungen im
+nördlichen Persien englische Kräfte und retten dadurch Mesopotamien für
+die Türkei.
+
+Wie durch das Weiße Meer über Archangelsk, so scheint England auch über
+das Kaspische Meer und über Baku sich einen Einfluß in Rußland sichern zu
+wollen. Aus diesen Gründen liegt die Durchführung der osmanischen Pläne in
+Persien und in Transkaukasien auch in unserem Interesse. Nur hätte
+demgegenüber die Verteidigung in Mesopotamien und besonders in Syrien
+nicht vernachlässigt werden dürfen. Die Aufstellung einer
+verwendungsbereiten türkischen Reservearmee in der Gegend von Aleppo wäre
+jedenfalls mit Rücksicht auf alle operativen Möglichkeiten des Engländers
+südlich des Taurus von mehr Wert gewesen, als größere Operationen in
+Persien.
+
+In Mesopotamien ist die Lage seit dem Herbst 1917 nach der Karte
+betrachtet unverändert geblieben. In Wirklichkeit hat sich aber in den
+Gegenden südlich von Mosul für die türkischen Armeen eine Katastrophe
+vollzogen, freilich nicht unter Geschützdonner. Wie im armenischen
+Hochlande im Winter 1916/17, so gingen in der mesopotamischen Ebene im
+Winter 1917/18 die türkischen Soldaten in großer Zahl zugrunde. Man
+spricht von 17.000, die in dortigen Stellungen verhungerten oder an den
+Folgen dieses Elendes starben. Ob die Zahl richtig ist, vermögen wir nicht
+nachzuprüfen. "Auch wer verhungert, stirbt den Heldentod", so versicherte
+uns ein Türke, nicht im Zynismus, sondern aus innerer ehrlichster
+Überzeugung. Nur noch Reste der ehemaligen türkischen Armee überleben in
+Mesopotamien das Frühjahr. Es ist zweifelhaft, ob sie je wieder zu
+gefechtsfähiger Stärke gebracht werden können. Man fragt sich, warum
+greift England in Mesopotamien nicht an? Oder besser gesagt, warum
+marschiert es nicht einfach vorwärts? Genügen die Schatten dieser
+osmanischen Macht, um ihren Gegner zur Innehaltung seines Programms
+kolonialer Kriegführung zu veranlassen? Die englische Führung mag für
+diese Vorsicht ihrer Operationen alle möglichen Gründe anführen können,
+nur einen hat sie nicht, nämlich die Stärke des Gegners.
+
+Während im armenischen Hochlande die türkische Wehrmacht nochmals einen
+Triumph feierte, hatten die Kämpfe in Syrien nicht geruht. Wiederholt kam
+es an der syrischen Front zu frontalen englischen Angriffen, ohne daß
+hierdurch die Lage wesentlich geändert wurde. Im Frühjahr 1918 schien die
+englische Kriegführung dieses ewigen Einerleis endlich müde zu werden. Sie
+raffte sich zu einem neuen Gedanken auf und brach über Jericho in das
+Ostjordanland ein. Man nahm an, daß die Araberstämme in diesem Gebiete das
+Auftreten ihrer Befreier vom türkischen Joch nur erwarteten, um sofort den
+osmanischen Armeen in den Rücken zu fallen. Das Unternehmen scheiterte
+jedoch ziemlich ruhmlos vor geringen deutschen und türkischen Kräften dank
+ausgezeichneter osmanischer Führung. Die Lage an der syrischen Front wurde
+hierdurch in den Sommer hinein gerettet. In dieser Jahreszeit pflegte in
+jenen glutheißen Gebieten allgemeine Ruhe einzutreten. Es war jedoch mit
+Sicherheit zu erwarten, daß der Engländer im Herbste seine Angriffe in
+irgend einer Richtung wiederholen würde. Wir glaubten, daß die
+Zwischenzeit genügend sei, um die Lage an der syrischen Front durch
+Zuführung neuer türkischer Kräfte zu festigen.
+
+Die inneren Schwierigkeiten im türkischen Staate dauerten auch im Jahre
+1918 an. Der Tod des Sultans übte nach außen hin zunächst keinen
+sichtbaren Einfluß aus. Im Innern begann allmählich eine Bewegung zur
+Besserung einzusetzen. Der neue Sultan war augenscheinlich ein Mann der
+Tat. Er zeigte den besten Willen, sich von der bisherigen Bevormundung
+durch das Komitee freizumachen und den schweren Staatsschäden
+entgegenzutreten. Er wählte die Männer seiner Umgebung aus den Kreisen,
+die sich den alttürkischen Richtungen zuneigten.
+
+Ich hatte den neuen Padischa als Thronfolger in Kreuznach kennen gelernt.
+Damals hatte ich die Ehre, ihn als meinen Gast zu sehen. Bei den
+Schwierigkeiten unmittelbaren sprachlichen Verkehrs, der Sultan sprach nur
+türkisch, war unsere Unterhaltung durch Dolmetscher im wesentlichen auf
+den Austausch von Ansprachen beschränkt. Die Erwiderung des Thronfolgers
+auf meine Anrede trug einen sehr bundesfreundlichen Charakter. Diesem
+entsprach auch seine Haltung nach der Thronbesteigung.
+
+Der Sultan hatte vornehmlich die Absicht, auf das Heerwesen einen
+persönlichen Einfluß auszuüben. Er wollte auch die Armeen in den
+entfernten Provinzen aufsuchen. Ob hierdurch wesentliche Mängel hätten
+beseitigt werden können, wage ich nicht zu entscheiden.
+
+Das Land war durch den Kriegszustand völlig erschöpft. Es konnte dem Heere
+kaum noch irgend welche neuen Kräfte bieten. So gelang es auch während des
+Sommers nicht, die Verhältnisse an der syrischen Front wesentlich zu
+stärken. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit bei den geradezu
+kläglichen Verbindungen dorthin ausreichenderes hätte geleistet werden
+können. Die Zustände in der Versorgung der Armee blieben schlecht. Die
+Truppe verhungerte nicht, aber sie lebte nahezu beständig in ungestilltem
+Hunger dahin, körperlich müde, seelisch empfindungslos.
+
+Wie ich schon früher anführte, mußten wir auf das Wegziehen der deutschen
+Truppen aus der syrischen Front verzichten. Die dortige deutsche Führung
+glaubte nur mit deutscher Hilfe die Lage als gesichert betrachten zu
+können. Man schätzte freilich den Angriffsgeist der gegenüberstehenden
+englisch-indischen Armee besonders auf Grund von Aussagen
+mohammedanisch-indischer Überläufer nicht sehr hoch ein. Auch waren die
+bisherigen Leistungen der englischen Führung so wenig eindrucksvoll, daß
+man sich zu der Hoffnung berechtigt fühlte, mit den vorhandenen geringen
+Kräften dem Feinde wenigstens die Möglichkeit eines weiteren Widerstandes
+vortäuschen zu können. Wie lange eine solche Täuschung vorhielt, hing
+lediglich davon ab, ob sich der Gegner endlich einmal zu einer
+kraftvollen, geschlossenen Gefechtshandlung aufraffen und damit das Gerüst
+des türkischen Widerstandes mit seinen schwachen deutschen Stützen
+umwerfen würde oder nicht.
+
+Am 19. September griff der Engländer überraschend den rechten türkischen
+Heeresflügel in den Küstenebenen an. Er durchbrach fast widerstandslos die
+dortigen Linien. Die Niederlage der beiden türkischen Armeen an der
+syrischen Front wurde durch das rasche Vordringen der
+indisch-australischen Reitergeschwader besiegelt.
+
+In diesen Tagen wurde die Türkei durch den bulgarischen Zusammenbruch
+ihres bisherigen Landschutzes in Europa beraubt. Konstantinopel war
+dadurch im ersten Augenblick auf der europäischen Landseite völlig
+schutzlos. Die türkischen Truppen an den Dardanellen waren im Verlaufe der
+letzten Zeiten dauernd schlechter geworden. Aus ihnen holten die Armeen
+der entlegenen Provinzen alles heraus, was noch an Gefechtswert in ihnen
+steckte. Thrazien war mit Ausnahme einer schwachen kaum gefechtsfähigen
+Küstenbesatzung ungeschützt. Die Befestigungen der berühmten
+Tschataldschalinie bestanden nur aus zerfallenen Schützengräben, wie sie
+nach den Kämpfen der Jahre 1912/13 von den türkischen Truppen verlassen
+waren. Alles übrige war nur in der Phantasie oder auf trügerischen Plänen
+vorhanden. Man mag über diese Zustände nachträglich den Kopf schütteln,
+letzten Endes offenbart sich in ihnen doch der große Wille, alle
+vorhandenen Kräfte auf den entscheidenden Außenposten zu verwenden. Wehe
+dann freilich, wenn der äußere Schutzwall durchbrochen wurde, und sich die
+feindlichen Fluten in das Innere des Landes ergossen.
+
+Solch eine Flut bedrohte nunmehr das Herz des ganzen Landes. Unter den
+Eindrücken der ersten Nachrichten vom drohenden bulgarischen Zusammenbruch
+wurden aus Konstantinopel heraus einzelne rasch zusammengestellte
+Formationen an die Tschataldschalinie geworfen. Ein nennenswerter
+Widerstand wäre jedoch mit ihnen nicht zu leisten gewesen. Mehr der
+moralischen als der praktischen Wirkung wegen ordneten wir die sofortige
+Überführung von deutschen Landwehrformationen aus dem südlichen Rußland
+nach Konstantinopel an. Auch entschloß sich die Türkei dazu, alle aus
+Transkaukasien zurückgerufenen Divisionen zunächst nach Thrazien zu
+werfen. Bis jedoch nennenswerte Kräfte Konstantinopel erreichen konnten,
+mußte geraume Zeit vergehen. Warum der Gegner diese Zeit nicht ausnutzte,
+um sich der Hauptstadt zu bemächtigen, läßt sich nach den bis jetzt
+vorhandenen Quellen nicht feststellen. Nochmals blieb die Türkei vor einer
+unmittelbaren Katastrophe bewahrt. Der Eintritt einer solchen schien aber
+Ende September doch nur eine Frage von wenigen Tagen.
+
+
+
+ Militärisches und Politisches aus Österreich-Ungarn
+
+
+Nach den vergeblichen Angriffen des österreichisch-ungarischen Heeres in
+Oberitalien zeigte sich immer mehr, daß die Donaumonarchie ihre letzte und
+beste Stärke an dieses Unternehmen gesetzt hatte. Sie hatte nicht mehr so
+viel zahlenmäßige und sittliche Kräfte, um einen solchen Angriff
+wiederholen zu können. Die Verhältnisse dieses Heeres traten uns so recht
+deutlich in der Beschaffenheit der Divisionen vor Augen, die zu unserer
+Unterstützung an die Westfront geschickt wurden. Ihr sofortiger Einsatz
+war unmöglich, wenn man später größere Kampfleistungen von ihnen verlangen
+wollte. Sie bedurften der Erholung, Schulung und besonders auch der
+Ausrüstung. Diese Tatsachen wurden innerhalb der eintreffenden Truppen
+ebenso rückhaltslos anerkannt wie von seiten des k. u. k.
+Armee-Oberkommandos. Alle österreichisch-ungarischen Befehlsstellen gaben
+sich die größte Mühe, die im Westen verwendeten k. u. k. Truppen in
+verhältnismäßig kurzer Zeit ihrer kommenden Aufgabe entsprechend
+leistungsfähig zu machen. Wenn das Ziel nicht voll und ganz erreicht
+wurde, so lag es wahrlich nicht an mangelnder Tätigkeit und Einsicht der
+Offiziere. Auch die Mannschaften zeigten sich in hohem Grade willig.
+
+Die großen Verluste der österreichisch-ungarischen Wehrmacht in Italien,
+die mangelhaften Ersatzverhältnisse, die politische Unzuverlässigkeit
+einzelner Truppenteile, die unsicheren Zustände im Innern des Landes
+machten eine wirklich große und ausschlaggebende Unterstützung unserer
+Westfront leider unmöglich. General von Arz mußte sich angesichts dieser
+Verhältnisse in des Wortes vollster Bedeutung jede einzelne Division, die
+er uns schicken wollte, von der Seele reißen. Er selbst war von der großen
+Bedeutung dieser Hilfe durchaus überzeugt. Ich vermag nicht zu sagen, ob
+man in allen österreichisch-ungarischen Kreisen von der gleichen
+Hilfsbereitschaft durchdrungen war, ob man überall die gleiche
+Dankesschuld uns gegenüber empfand, wie General von Arz.
+
+An den österreichisch-ungarischen Heeresfronten ereignete sich im Verlauf
+des Sommers nichts wesentliches. Die einzige bemerkenswerte kriegerische
+Leistung vollzog sich in diesem Zeitraume auf albanischem Boden. Dort
+hatte man sich jahrelang eigentlich tatenlos gegenübergestanden, die
+Italiener, etwa ein verstärktes Armeekorps, um Valona und östlich, die
+Österreicher im nördlichen Albanien. Der Kriegsschauplatz wäre ohne jede
+militärische Bedeutung gewesen, wenn er nicht einen Zusammenhang mit den
+mazedonischen Fronten gehabt hätte. Bulgarien befürchtete beständig, daß
+durch ein feindliches Vordringen westlich des Ochridasees die rechte
+Flanke seiner Heeresfront umfaßt werden könnte. Militärisch wäre einem
+solchen feindlichen Unternehmen leicht durch Zurücknahme des bulgarischen
+Westflügels aus dem Gebiete von Ochrida in nordöstlicher Richtung zu
+begegnen gewesen. Allein die innerpolitischen Verhältnisse Bulgariens
+machten, wie ich das schon erwähnt habe, damals jedes Zurückziehen
+bulgarischer Truppen aus diesem besetzten Lande unmöglich. Dazu kamen
+bulgarisch-österreichische Eifersüchteleien in Albanien, die mit Mühe von
+uns ausgeglichen worden waren.
+
+Man hat wiederholt die Frage gestellt, warum die Österreicher ihre
+italienischen Gegner nicht aus Valona vertrieben haben. Die
+außerordentliche Wichtigkeit dieses Flottenstützpunktes als zweiter
+Torflügel zur Sperrung der Adria war mit den Händen zu greifen. Für eine
+solche Operation fehlte jedoch für Österreich-Ungarn die erste
+Voraussetzung, nämlich die entsprechende leistungsfähige, rückwärtige
+Verbindung in das Kampfgebiet an der Vojusa. Auf die See konnte ein
+solches Unternehmen nicht basiert werden, Landverbindungen waren aber in
+dem öden albanischen Berglande vor dem Kriege nicht vorhanden, und
+Österreich-Ungarn konnte sie im Verlauf des Krieges dort nicht in
+genügendem Umfang schaffen.
+
+Die österreichisch-ungarischen Operationen in Albanien befanden sich in
+einer Art von Dornröschenschlaf, in dem sie nur zeitweise durch
+gegenseitige Unternehmungen geringeren Umfanges und noch geringerer
+Tatkraft gestört wurden. Einen größeren Ernst nahm die Lage in Albanien
+erst an, als die Italiener im Sommer 1918 zu einem breit entwickelten
+Angriff von der Meeresküste bis in die Gegend des Ochridasees schritten.
+Die schwachen, teilweise auch sehr vernachlässigten
+österreichisch-ungarischen Verbände wurden nach Norden zurückgedrückt.
+Sogleich erhob sich die bulgarische Sorge in Sofia und an der
+mazedonischen Grenze und verlangte unser Eingreifen als Oberste
+Kriegsleitung. Dieses Eingreifen vollzog sich in der Form eines Ersuchens
+an das k. u. k. Armee-Oberkommando, die österreichischen Kräfte in
+Albanien zu verstärken, um auch weiterhin den Schutz der mazedonischen
+Flanke durchführen zu können. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung
+entschloß sich darüber hinausgehend in Albanien zu einem Gegenangriff. Die
+Italiener wurden wieder zurückgeschlagen.
+
+Es ist nicht klar zu erkennen, ob diese italienische Offensive irgend
+welche weiter gesteckten politischen und militärischen Ziele im Auge
+hatte. Besonders muß ich die Frage offen lassen, ob sie mit dem später
+einsetzenden Angriff der Entente gegen die Mitte der mazedonischen Front
+in irgendwelchem inneren Zusammenhang stand. Der österreichische
+Gegenangriff stellte angesichts der ganz außerordentlichen Schwierigkeiten
+in den albanischen Geländeverhältnissen und der feindlichen zahlenmäßigen
+Überlegenheit eine sehr beachtenswerte Leistung dar. Sie verdient
+durchaus, von seiten unserer Bundesgenossen als solche gefeiert zu werden.
+
+Die inneren Verhältnisse Österreich-Ungarns hatten sich im Laufe des
+Jahres 1918 in der früher erwähnten bedenklichen Richtung weiter
+entwickelt. Die ungewöhnlichen Schwierigkeiten in der Volksernährung
+bedrohten Wien zeitweise geradezu mit einer Katastrophe. Da war es kein
+Wunder, daß die österreichisch-ungarischen Behörden in dem Zusammenraffen
+greifbarer Verpflegungsbestände, sei es in Rumänien, sei es in der
+Ukraine, zu Maßnahmen griffen, die unseren eigenen Interessen im höchsten
+Grade entgegengesetzt waren.
+
+Unter den trüben politischen Verhältnissen Österreich-Ungarns war es nicht
+weiter erstaunlich, wenn uns von dort immer wieder erklärt wurde, daß eine
+Weiterführung des Krieges über das Jahr 1918 hinaus von seiten der
+Donaumonarchie ausgeschlossen wäre. Der Drang nach Abschluß der
+Feindseligkeiten äußerte sich immer häufiger und immer stärker. Ob dabei,
+wie behauptet wurde, auch der Ehrgeiz, die Rolle des Friedensbringers zu
+spielen, bei irgendwem einen wirklich ausschlaggebenden Einfluß ausübte,
+lasse ich dahingestellt sein.
+
+Im Sommer erfolgte der Rücktritt des Grafen Czernin von seinem Posten als
+Außenminister. Als Grund gab der Graf selbst an, daß die von seinem Kaiser
+an den Prinzen Sixtus von Parma gerichteten Briefe einen unüberbrückbaren
+Gegensatz zwischen ihm und seinem Herrn geschaffen hätten. Mir war der
+Graf nicht unsympathisch, trotz der mancherlei Gegensätze, die zwischen
+seinen politischen Anschauungen und den meinigen bestanden, und die er uns
+gegenüber ebenso offen vertrat, wie wir die unserigen.
+
+Für mich war Graf Czernin der typische Vertreter der
+österreichisch-ungarischen Außenpolitik. Er war klug und von scharfem
+Erkennen der Schwierigkeiten unserer gemeinsamen Lage sowie von
+zutreffender, rückhaltsloser Kritik der Schwächen des von ihm vertretenen
+Staatswesens. Seine politischen Pläne bewegten sich dabei aber weit mehr
+im Bestreben, ein Unheil zu vermeiden als unsere Erfolge auszunutzen. Für
+die Interessen seines Vaterlandes hatte der Graf zwar immer ein offenes
+Auge und ein weitem Herz, doch im auffallenden Gegensatz hierzu sah er in
+der Beurteilung unserer Gesamtlage das rettende Heil meist im Verzicht.
+Aus diesen Widersprüchen kam es, daß er für die Doppelmonarchie
+Erweiterung ihrer Machtsphäre anzustreben nicht aufhörte, auch wenn er
+gleichzeitig uns Deutschen große Opfer für die Interessen der verbündeten
+Gemeinschaft zumutete. Graf Czernin unterschätzte, wie alle
+österreichisch-ungarischen Staatsmänner dieser Zeit, die
+Leistungsfähigkeit seines Vaterlandes. Sonst hätte er nicht im Frühjahr
+1917 kurz nach seiner Amtsübernahme von der Unmöglichkeit weiteren
+Durchhaltens sprechen dürfen, obwohl die österreichisch-ungarische Kraft
+noch länger ausreichte und auch bei der Geschäftsniederlegung des Grafen
+noch keineswegs bei dem Erschöpfungstod angelangt war. Es lag in den
+Gedankenverbindungen des Grafen Czernin eine Art von Sichselbstaufgeben.
+Ob er dabei nicht imstande war, den Friedensbestrebungen seines Kaisers
+Widerstand zu leisten, oder ob er diese vielleicht in innerster
+Überzeugung unterstützte, vermochte ich während seiner Amtsführung nicht
+klar zu durchschauen. Jedenfalls verkannte der Graf die Gefahren, die in
+einer übertriebenen und ganz besonders zu oft wiederholten Betonung der
+Friedensbereitschaft solchen Feinden wie den unserigen gegenüber enthalten
+waren. Nur so wird es verständlich, daß er in einer Zeit des scheinbar
+beginnenden Heranreifens unserer Unterseebooterfolge, des Mißerfolges der
+feindlichen Frühjahrsoffensive und der Rückwirkung der staatlichen
+Auflösung in Rußland auf unsere Feinde die politische Ruhe verlor und die
+Friedensresolution im Deutschen Reichstage anregte.
+
+Ich war der Meinung, daß es Graf Czernin an der bundesbrüderlichen
+Gesinnung uns gegenüber nicht fehlen lassen wollte, selbst als er uns bei
+den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und Bukarest vor mancherlei
+Überraschungen stellte. Er befürchtete damals wohl, daß die Donaumonarchie
+ein etwaiges Scheitern dieser Verhandlungen nicht überwinden könnte, und
+daß der Schrei nach Brot in Wien unbedingt eine baldige Vereinbarung mit
+der Ukraine forderte.
+
+Unter der außenpolitischen Leitung Czernins fand die polnische Frage
+zwischen uns und Österreich-Ungarn keinen Abschluß. Eine Preisgabe ganz
+Polens an die Doppelmonarchie war und blieb aus den schon früher berührten
+Gründen für uns unannehmbar.
+
+Der Nachfolger des Grafen Czernin, Graf Burian, war mir aus seiner
+Tätigkeit als Außenminister der vorczerninschen Zeit schon in Pleß bekannt
+geworden. Bei der Umständlichkeit Burians, die bei allen wichtigeren
+Fragen zutage trat, konnte ich eine Erledigung des polnischen Problems in
+absehbarer Zeit nicht erhoffen. Ich muß auch offen eingestehen, daß meine
+Gedanken in der nunmehr folgenden Zeit von entscheidenderen Dingen in
+Anspruch genommen wurden als von so langwierigen, unfruchtbaren
+Verhandlungen.
+
+Bei seiner Wiederberufung als Außenminister hatte Graf Burian das
+begreifliche Bestreben, möglichst bald einen Ausweg aus unserer
+politischen Lage zu finden. Es war menschlich verständlich, daß er unter
+dem Eindruck der sich im besten verschlimmernden Kriegslage mit größter
+Hartnäckigkeit zum Frieden drängte. Nach meiner Anschauung sollte indessen
+keiner der verbündeten Staaten aus dem Rahmen der politischen
+Einheitsfront heraustreten und dem Gegner Friedensangebote machen. Es war
+ein Irrtum, zu glauben, daß dadurch jetzt noch wesentliches für einen
+Einzelstaat oder für unsere Gesamtheit gebessert werden könne. Der
+türkische Großwesir, der in der ersten Septemberhälfte in Spa weilte,
+beurteilte die Lage ganz ebenso wie wir. Auch Zar Ferdinand sprach noch zu
+gleichem Zeitpunkt davon, daß Friedensbestrebungen seines Landes außerhalb
+des gemeinsamen Bundes nicht in Frage kommen könnten. Vielleicht ahnte der
+Zar damals aber schon, welch eine geringe Rolle Bulgarien als Machtfaktor
+in den gegnerischen Berechnungen nur noch spielte.
+
+Aus den angeführten Gründen heraus fühlte ich mich nicht veranlaßt, den
+österreichisch-ungarischen Versuch, Mitte September mit der Entente
+einseitig einen friedlichen Vergleich anzuregen, für glücklich zu halten.
+Die Gegner verhielten sich diesem Schritte gegenüber in der Tat auch
+völlig ablehnend. Sie übersahen unsere damalige Lage schon zu klar, als
+daß sie sich auf Anbahnung eines Verhandlungsfriedens einlassen wollten.
+Die Frage weiterer Menschenopfer spielte für sie keine Rolle. Die
+Befürchtung, daß wir Deutschen uns rasch wieder erholen könnten, wenn uns
+auch nur ein Augenblick der Ruhe gelassen würde, beherrschte völlig den
+feindlichen Gedankenkreis. So gewaltig war der Eindruck, den unsere
+Leistungen auf unsere Gegner gemacht hatten und vielleicht jetzt noch
+machten. Für uns ein stolzes Gefühl mitten in alledem, was um uns zurzeit
+vorging und noch vorgehen sollte!
+
+
+
+
+ Dem Ende entgegen
+
+
+
+ Vom 29. September zum 26. Oktober
+
+
+Wäre in dem Buch des großen Krieges das Kapitel über das Heldentum des
+deutschen Heeres nicht schon längst geschrieben gewesen, so würde es in
+dem letzten furchtbaren Ringen mit dem Blute unserer Söhne in ewig
+unauslöschlicher Schrift geschehen sein. Welch ungeheure Anforderungen
+wurden in diesen Wochen an die Körper- und Seelenkräfte von Offizieren und
+Mannschaften aller Stäbe und Truppenteile gestellt! Die Truppen mußten
+auch jetzt wieder von einem Kampf in den anderen geworfen, von einem
+Schlachtfeld auf das andere geführt werden. Kaum, daß die sogenannten
+Ruhetage ausreichten, die zerschossenen oder zersprengten Verbände neu zu
+ordnen, ihnen Ersatz zuzuführen, die Bestände aufgelöster Divisionen in
+die Truppenteile anderer einzuordnen. Offiziere wie Mannschaften begannen
+wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt,
+den feindlichen Anstürmen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade
+bis zu den höheren Stäben hinauf wurden Mitkämpfer in den vordersten
+Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja
+vielfach nichts anderes mehr als: "Aushalten bis zum Äußersten."
+
+Ja: "Aushalten!" Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen
+glänzender Erfolge. Für mich kann der Anblick solch todesmutigen Kämpfens
+nicht beeinträchtigt werden durch einzelne Bilder des Verzagens und des
+Versagens. In einem solchen entsagungsvollen Ringen, in dem jeder
+Aufschwung siegreichen Kraftgefühles fehlt, müssen menschliche Schwächen
+stärker zur Geltung kommen als sonstwo.
+
+Für zusammenhängende Linien fehlte es an Kräften. In Gruppen und Grüppchen
+leistet man Widerstand. Erfolgreich ist solcher nur, weil auch der Gegner
+sichtbar ermattet. Wo seine Panzerwagen nicht Bahn brechen, wo seine
+Artillerie nicht alles deutsche Kampfleben ertötet hat, da schreitet er
+nur selten noch zu großen Gefechtshandlungen. Er stürmt nicht auf unsern
+Widerstand los, er schleicht sich allmählich ein in unsere lückenreichen,
+zerschmetterten Kampflinien. An dieser Tatsache hatte sich meine Hoffnung
+immer wieder aufgerichtet, die Hoffnung, aushalten zu können bis zur
+Erlahmung des Gegners.
+
+Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines
+frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese
+stehen hart vor dem Zusammenbruch.
+
+Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen
+vermögend? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: "Wann
+müssen wir zu einem Ende kommen?" Wendet man sich in solchen Fällen an die
+große Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie
+nicht zur Vorsicht, sondern zur Kühnheit. Richte ich meine Blicke auf die
+Gestalt unseres größten Königs, so erhalte ich die Antwort: "Durchhalten!"
+
+Gewiß, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre früher
+waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk führt den Krieg,
+ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im
+Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Stärken und Schwächen. Und
+wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten,
+dieses niemals!
+
+So tobt mit dem Kampf auf dem Schlachtfeld gleichzeitig ein anderer Kampf.
+Sein Schauplatz liegt in unserem Innern. Auch in diesem Kampfe stehen wir
+allein. Niemand rät uns als die eigene Überzeugung und das Gewissen.
+Nichts hält uns aufrecht, als die Hoffnung und der Glaube. Sie bleiben in
+mir stark genug, um auch noch andere zu stützen.
+
+Aber immer dunkler wird es um uns! Mag auch der deutsche Mut an der
+Westfront dem Gegner noch immer den entscheidenden Durchbruch wehren,
+mögen Frankreich und England sichtlich ermatten, mag Amerikas erdrückende
+Überlegenheit an einem Tage tausendfach ergebnislos bluten, so nehmen doch
+unsere Kräfte sichtlich ab. Sie werden um so früher versagen, je
+bedrückender die Nachrichten aus dem fernen Osten auf sie wirken. Wer
+schließt die Lücke, wenn Bulgarien endgültig zusammenbricht? Manches
+können wir wohl noch leisten, aber wir vermögen nicht eine neue Front
+aufzubauen. Eine neue Armee ist freilich in Serbien in Bildung begriffen,
+aber wie schwach sind diese Truppen! Unser Alpenkorps hat kaum noch
+gefechtsfähige Verbände; eine der anrollenden österreichisch-ungarischen
+Divisionen wird für völlig unbrauchbar erklärt; sie besteht aus Tschechen,
+die voraussichtlich den Kampf verweigern. Liegt auch der Schauplatz in
+Syrien weit ab von der Entscheidung des Krieges, so zermürbt die dortige
+Niederlage doch zweifellos den treuen türkischen Genossen, der nun auch in
+Europa wieder bedroht wird. Wie wird Rumänien sich verhalten, was werden
+die großen Trümmer Rußlands tun? Alles dies drängt auf mich ein und
+erzwingt den Entschluß, nun doch ein Ende zu suchen, das heißt ein Ende in
+Ehren. Niemand wird sagen: "Zu früh."
+
+In solchen Gedanken und mit dem gereiften Entschluß trifft mich mein
+Erster Generalquartiermeister am späten Nachmittag des 28. September. Ich
+sehe ihm an, was ihn zu mir führt. Wie so oft seit dem 23. August 1914
+fanden sich unsere Gedanken auch heute, bevor sie zu Worten geworden sind.
+Unser schwerster Entschluß wird auf gleicher Überzeugung gefaßt.
+
+In den Vormittagsstunden des 29. September erfolgt unsere Beratung mit dem
+Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Die Lage nach außen wird von ihm mit
+wenig Worten gekennzeichnet: Bis jetzt alle Versuche eines friedlichen
+Ausgleichs mit den Gegnern gescheitert und keine Aussicht, durch
+Verhandlungen unter Vermittlung neutraler Mächte irgend eine Annäherung an
+die feindlichen Staatslenker zu erreichen. Der Staatssekretär bespricht
+dann die innere Lage der Heimat: die Revolution stehe vor der Türe, man
+habe die Wahl, ihr mit Diktatur oder Nachgiebigkeit entgegenzutreten;
+parlamentarische Regierung sei das beste Abwehrmittel.
+
+Wirklich das beste? Wir wissen, welch gewaltige Belastungen wir der Heimat
+gerade jetzt durch unseren Schritt zum Waffenstillstand und Frieden
+auferlegen müssen, ein Schritt, der dort begreiflicherweise schwere Sorgen
+über die Lage an der Front und über unsere Zukunft auslösen wird. In
+diesem Augenblick, wo so viele Hoffnung zu Grabe getragen, wo bitterste
+Enttäuschung sich mit tiefster Erbitterung mengen wird, wo jeder nach
+einem festen Halt im Staatswesen blickt, sollen die politischen
+Leidenschaften in höhere Wallung versetzt werden? In welcher Richtung
+werden sie ausschlagen? Sicherlich nicht in der Richtung der Erhaltung
+sondern in derjenigen der weiteren Zerstörung. Die das Unkraut in unsere
+Saat gesäet haben, werden die Zeit der Ernte für gekommen erachten. Wir
+beginnen, zu gleiten.
+
+Glaubt man durch Nachgiebigkeiten im eigenen Heim einen Gegner milder
+stimmen zu können, der sich durch das Schwert nicht zwingen ließ? Fragt
+diejenigen unserer Soldaten, die im Vertrauen auf die feindlichen
+Verlockungen leider freiwillig die Waffen aus der Hand legten! Die
+feindliche Maske fiel gleichzeitig mit der deutschen Waffe. Die
+verblendeten Deutschen wurden nicht um ein Haar menschenwürdiger behandelt
+als ihre sich bis zur letzten Kraft wehrenden Kameraden. Dies Bild im
+Kleinen wird sich im Großen, ja im Größten wiederholen.
+
+Wir müssen auch befürchten, daß die Bildung einer neuen Regierung den
+Schritt, den wir so lange als möglich hinausschoben, noch weiter verzögern
+wird. Zu bald haben wir ihn wahrlich nicht getan. Soll er durch die
+staatliche Neuordnung verspätet werden?
+
+Das sind meine Sorgen; sie gleichen denjenigen des Generals Ludendorff.
+
+Auf Grund unserer Beratung unterbreiten wir Seiner Majestät dem Kaiser
+unseren Vorschlag zum Friedensschritt. Mir obliegt es, dem Allerhöchsten
+Kriegsherrn zur Begründung des politischen Aktes die militärische Lage zu
+schildern, deren jetziger Ernst dem Kaiser nicht unbekannt ist. Seine
+Majestät billigt, was wir vortragen, mit festem, starkem Herzen.
+
+Wie immer bisher, so vermischen sich auch jetzt unsere Sorgen um das Heer
+mit denen um die Heimat. Kann das Eine nicht standhalten, so bricht auch
+das Andere zusammen. In dem gegenwärtigen Augenblick, mehr wie in jedem
+anderen vorher, muß sich dies beweisen.
+
+Mein Allerhöchster Kriegsherr kehrt in die Heimat zurück, wohin ich ihm am
+1. Oktober folge. Ich möchte dem Kaiser nahe sein, wenn er in diesen Tagen
+meiner bedürfen sollte. Politische Einwirkungen ausüben zu wollen, lag mir
+fern. Zu Aufschlüssen für die sich neubildende Regierung war ich bereit
+und beantwortete ihre Anfragen, soweit dies nach meiner Überzeugung
+möglich war. Ich hoffte, Pessimismus zu bekämpfen und Vertrauen wieder
+aufzurichten. Die innern Erschütterungen erwiesen sich aber bereits als zu
+schwere, um diesen Zweck noch erreichen zu können. Ich selbst hatte auch
+damals noch die feste Zuversicht, daß wir dem Gegner trotz des Abnehmens
+unserer Kräfte das Betreten unseres vaterländischen Bodens monatelang
+verwehren konnten. Gelang dies, so war auch die politische Lage nicht
+hoffnungslos. Stillschweigende Voraussetzung war freilich hierbei, daß
+unsere Landesgrenzen nicht etwa von Osten oder Süden bedroht würden, und
+daß die Heimat in ihrem Innern feststand.
+
+In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober erging unser Angebot an den
+Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die von ihm im Januar
+dieses Jahres aufgestellten Grundlinien für einen "gerechten Frieden"
+waren von uns angenommen worden.
+
+Uns selbst blieb zunächst nur die Fortsetzung des Kampfes. Das Nachlassen
+der Spannkraft der Truppe, das Schwinden der Kämpferzahlen, die
+wiederholten Einbrüche des Gegners zwangen uns an der Westfront zu
+weiterem allmählichen Ausweichen in kürzere Linien. Was ich der
+Reichsleitung am 3. Oktober erklärt hatte, wurde ausgeführt: Wir
+klammerten uns so viel wie möglich an den feindlichen Boden. Die
+Bewegungen und Schlachten behielten den gleichen Charakter, wie seit Mitte
+August. Der Abnahme unserer Kampfkraft entsprach auch weiterhin eine
+gleiche Abnahme gegnerischer Angriffslust. Irrten sich die Feinde in dem
+Glauben, daß wir ganz zusammenbrechen, so irrten wir uns andererseits in
+der Hoffnung, daß die Gegner völlig erlahmen würden. So war der endgültige
+Ausgang des Kampfes nicht mehr zu ändern, wenn es uns nicht gelang, ein
+Aufgebot letzter heimatlicher Kraft zustande zu bringen. Eine
+Massenerhebung des Volkes würde den Eindruck auf den Gegner und unser
+eigenes Heer nicht verfehlt haben. War aber eine solche brauchbare
+Lebensstärke und opferwillige Masse noch vorhanden? Jedenfalls war unser
+Versuch, eine solche in die Front zu bringen, vergeblich.
+
+Die Heimat erlahmte früher als das Heer. Unter diesen Umständen vermochten
+wir dem immer härter werdenden Druck des Präsidenten der Vereinigten
+Staaten von Nordamerika keinen eindrucksvollen Widerstand
+entgegenzusetzen. Unsere Regierung gab nach in der Hoffnung auf Milde und
+Gerechtigkeit. Der deutsche Soldat und der deutsche Staatsmann gingen in
+verschiedenen Richtungen. Der eingetretene Riß wurde nicht mehr beseitigt.
+Mein letzter Versuch, zu einem vereinten Schlagen ergibt sich aus
+folgendem Brief an den Reichskanzler vom 24. Oktober 1918:
+
+ "Euerer Großherzoglichen Hoheit darf ich nicht verhehlen, daß ich in den
+ letzten Reichstagsreden einen warmen Aufruf zu Gunsten und für die Armee
+ schmerzlich vermißt habe.
+
+ Ich habe von der neuen Regierung erhofft, daß sie alle Kräfte des
+ gesamten Volkes in den Dienst der vaterländischen Verteidigung sammeln
+ würde. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil, es ist, von wenigen
+ Ausnahmen abgesehen, nur von Versöhnung, nicht aber von Bekämpfung des
+ dem Vaterlande drohenden Feindes gesprochen. Dies hat auf die Armee erst
+ niederdrückend, dann erschütternd gewirkt. Ernste Anzeichen beweisen
+ dies.
+
+ Zur Führung der nationalen Verteidigung braucht die Armee nicht nur
+ Menschen sondern den Geist der Überzeugung für die Notwendigkeit, zu
+ kämpfen, und den seelischen Schwung für diese hohe Aufgabe.
+
+ Euere Großherzogliche Hoheit werden mit mir überzeugt sein, daß, in
+ Anerkennung der durchschlagenden Bedeutung der Moral des Volkes in
+ Waffen, Regierung und Volksvertretung solchen Geist in Heer und Volk
+ hineintragen und erhalten müssen.
+
+ An Euere Großherzogliche Hoheit als das Haupt der neuen Regierung richte
+ ich den ernsten Ruf, dieser heiligen Aufgabe zu entsprechen."
+
+Es war zu spät. Die Politik forderte ihre Opfer; das erste wurde am
+26. Oktober gebracht.
+
+Am Abend dieses Tages fuhr ich von der Reichshauptstadt, wohin ich mich
+mit meinem Ersten Generalquartiermeister zum Vortrag bei unserem
+Allerhöchsten Kriegsherrn begeben hatte, nach dem Großen Hauptquartier
+zurück. Ich war allein. Seine Majestät hatte dem General Ludendorff den
+erbetenen Abschied bewilligt, meine gleiche Bitte abgeschlagen.
+
+Am folgenden Tage betrat ich die bisher gemeinsamen Arbeitsräume wieder.
+Mir war zumute, wie wenn ich von der Beerdigung eines mir besonders teuren
+Toten in die verödete Wohnung zurückkehrte.
+
+Bis zum heutigen Tage, ich schreibe dies im September 1919, habe ich
+meinen vieljährigen treuen Gehilfen und Berater nicht wieder gesehen. Ich
+habe ihn in meinen Gedanken viel tausendmal gesucht und in meinem
+dankerfüllten Herzen stets gefunden!
+
+
+
+ Vom 26. Oktober zum 9. November
+
+
+Mein Allerhöchster Kriegsherr verfügte auf meine Bitte die Ernennung des
+Generals Gröner zum Ersten Generalquartiermeister. Der General war mir aus
+seinen früheren Kriegsverwendungen wohlbekannt. Ich wußte, daß er eine
+vortreffliche organisatorische Begabung und eine gründliche Kenntnis der
+inneren Verhältnisse unseres Vaterlandes besaß. Die kommenden gemeinsamen
+Zeiten brachten mir den reichlichen Beweis dafür, daß ich mich in meinem
+neuen Mitarbeiter nicht getäuscht hatte.
+
+Die Aufgaben, die des Generals harrten, waren ebenso schwierig als
+undankbar. Sie forderten eine rastlose Tätigkeit, eine volle
+Selbstentsagung und jeden Verzicht auf einen anderen Ruhm, als denjenigen
+hingebendster Pflichterfüllung, und auf jede andere Anerkennung, als
+diejenige seiner augenblicklichen Mitarbeiter. Wir alle kannten die Größe
+und die Schwierigkeiten des Werkes, das seiner harrte.
+
+Unsere gesamte Lage begann sich immer weiter zu verschlechtern. Ich möchte
+sie nur in Streiflichtern beleuchten:
+
+Im Orient brach der letzte Widerstand des osmanisch-asiatischen Reiches
+zusammen. Mosul wie Aleppo fielen fast widerstandslos in die Hände der
+Gegner. Die mesopotamische wie die syrische Armee hatten aufgehört, zu
+bestehen. Georgien mußte von uns geräumt werden, nicht weil wir
+militärisch dazu gezwungen waren, sondern weil unsere wirtschaftlichen
+Pläne dort unausführbar wurden oder wenigstens nicht mehr gewinnbringend
+gemacht werden konnten. Auch die Truppen, die wir zur Stütze der
+Verteidigung Konstantinopels abgeschickt hatten, wurden zurückgeholt. Die
+Entente griff aber Thrazien nicht an. Stambul sollte nicht fallen durch
+kühne Heldentaten und eindrucksvolle Machtentfaltung. Der Grund hierfür
+ist unbekannt. Er mag in sachlich für uns damals nicht verständlichen
+militärischen Bedenken liegen; es können aber auch politische Erwägungen
+hierbei für die Entente ausschlaggebend gewesen sein.
+
+Unsere deutsche Hilfe, die sonst noch in der Türkei stand, wurde in
+Richtung auf Konstantinopel zusammengezogen. Sie schied aus dem gemeinsam
+verteidigten Land, geachtet vom ritterlichen Osmanentum, dem wir in seinem
+Ringen auf Leben und Tod beigestanden hatten. Was sich dort jetzt gegen
+uns wandte, entsprang jenen Kreisen, die nunmehr ihren Weizen blühen
+sahen, und die sich durch Hassesäußerungen einen Vorschuß auf die
+Zuneigung der Neuankommenden zu erwerben suchten. Der eigentliche Osmane
+wußte, daß wir nicht nur zum jetzigen Kampfe, sondern auch zum späteren
+Neubau seines Staates hilfsbereit gewesen waren.
+
+Enver und Talaat Pascha traten von dem Schauplatz ihrer Tätigkeit ab, von
+ihren Gegnern beschimpft, sonst unbescholten.
+
+Aus Bulgarien waren unsere letzten Truppen abgerückt. Auch ihnen folgte so
+manches dankbare Gefühl und ehrliches Gedenken, am lebhaftesten
+ausgesprochen in einem Briefe, den der ehemalige Führer des bulgarischen
+Heeres an mich in dieser Zeit richtete. Ich konnte mich des Eindruckes
+nicht erwehren, als ob aus den Zeilen das sprach, was ich so manchmal in
+den Äußerungen dieses ehrlichen Offiziers zu fühlen glaubte: "Wäre ich
+politisch frei gewesen, so hätte ich militärisch anders gehandelt." Die
+Einsicht kam wohl zu spät, bei ihm wie an anderen Stellen.
+
+Österreich-Ungarn löste sich in seinem politischen Bestande wie in seiner
+Wehrkraft auf. Es gab nicht nur sich selbst, sondern auch unsere
+Landesgrenzen preis. In Ungarn erhob sich die Revolution im Hasse gegen
+die Deutschen. Konnte das überraschend wirken? Gehörte dieser Haß nicht
+zum Stolze des Magyaren? Im Kriege hatte man freilich im Ungarlande anders
+empfunden, wenn der Russe an die Grenze pochte. Ein wiederholtes
+gewaltiges Pochen! Mit welchem Jubel waren die deutschen Truppen auch
+begrüßt, mit welcher Hingebung verpflegt, selbst verwöhnt worden, als es
+sich darum handelte, Serbien niederzuschlagen. Welch eine Begeisterung
+empfing uns, als wir zur Wiedereroberung Siebenbürgens erschienen!
+Dankesbetätigung ist im menschlichen Dasein selten, im staatlichen Leben
+noch weit seltener.
+
+Dagegen fanden wir in Rumänien mehrfach offenen Dank. Man sah dort ein,
+daß ohne Zertrümmerung Rußlands ein freies rumänisches Leben sich nicht
+hätte verwirklichen lassen.
+
+Wenn jetzt in Deutschland einzelne Kreise auf den Haß ehemaliger
+Bundesgenossen gegen uns hinweisen und darin einen Beweis unserer
+verfehlten politischen und militärischen Haltung erblicken, so übersehen
+sie dabei wohl, daß Ausbrüche des Hasses aus Freundesmund auch im
+feindlichen Lager ertönten. Ballten sich doch Fäuste französischer
+Soldaten vor unseren Augen unter Schimpfworten gegen den englischen
+Bundesgenossen. Riefen doch französische Stimmen zu uns herüber: "Heute
+mit England gegen Euch, morgen mit Euch gegen England!" Schrie doch ein
+französischer Soldat im März des Jahres 1918, hinweisend auf die Trümmer
+des Domes von St. Quentin, seinen englischen mit ihm gefangenen
+Waffengenossen zornesbebend zu: "Das waret Ihr!"
+
+Ich hoffe, daß die Äußerungen des Mißverstehens zwischen uns und unsern
+ehemaligen Verbündeten mehr und mehr verstummen werden, wenn die düstern
+Nebel sich verziehen, die die Wahrheit verhüllen, und die unsern
+bisherigen Kampfgenossen zur Zeit den freien Blick auf die gemeinsamen
+Ruhmesfelder nehmen, auf denen das deutsche Leben zur Verwirklichung auch
+ihrer Pläne und Träume eingesetzt wurde.
+
+Der Zusammenbruch zeigt sich von Ende Oktober ab überall; nur an der
+Westfront wußten wir ihn immer noch zu verhindern. Schwächer wurde dort
+der feindliche Andrang, matter aber freilich auch unser Widerstand. Immer
+kleiner wurde die Zahl der deutschen Truppen, immer größer wurden die
+freien Lücken in den Verteidigungsstellungen. Nur wenige frische deutsche
+Divisionen, und Großes hätte geleistet werden können. Vergebliche Wünsche,
+eitle Hoffnungen! Wir sinken, denn die Heimat sinkt. Sie kann uns kein
+neues frisches Leben mehr geben, ihre Kraft ist verbraucht!
+
+General Gröner begibt sich am 1. November zur Front. Das Zurücknehmen
+unserer Verteidigung in die Stellung Antwerpen-Maas ist unsere
+demnächstige Sorge. Der Entschluß ist einfach, die Ausführung schwer.
+Kostbarstes Kampfmaterial liegt noch feindwärts in dieser Linie, doch
+kostbarer als dessen Rettung ist für uns die Zurückführung von 80.000
+Verwundeten in den vorwärts befindlichen Lazaretten. So wird die
+Durchführung des Entschlusses aus Dankesgefühlen, die wir unseren
+blutenden Kameraden schulden, verzögert. Dauernd kann freilich die jetzige
+Lage nicht mehr gehalten werden. Dazu sind unsere Kräfte nunmehr zu
+schwach und zu müde geworden. Dazu ist der Druck zu stark, der von den
+frischen amerikanischen Massen auf unsere empfindlichste Stelle im
+Maasgebiet ausgeübt wird. Der Kampf dieser Massen wird aber die
+Vereinigten Staaten für die Zukunft belehrt haben, daß das Kriegshandwerk
+nicht in wenigen Monaten zu erlernen ist, daß die Unkenntnis dieses
+Handwerkes im Ernstfalle Ströme von Blut kostet.
+
+Mit der deutschen Kampflinie hält damals auch noch die Etappe, der
+Lebensnerv, der zur Heimat führt. Düstere Bilder zeigen sich freilich hier
+und da, aber in der Gesamtheit ist noch innerer Halt. Lange wird es
+indessen nicht mehr dauern können. Die Spannung ist auf das äußerste
+gestiegen. Erfolgt irgend wo eine Erschütterung, sei es in Heimat oder
+Heer, so ist der Zusammenbruch unvermeidlich.
+
+Das sind meine Eindrücke in den ersten Tagen des November.
+
+Die befürchtete Erschütterung kündigt sich an. In der Heimat regt es sich
+mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5. November eilt General Gröner
+in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen muß, wenn man jetzt
+in den letzten Stunden nicht zusammenhält. Er tritt für seinen Kaiser ein
+und schildert die Folgen, wenn man dem Heere sein Haupt nimmt. Umsonst!
+Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur durch Zufall
+entgeht der General auf der Rückreise ins Hauptquartier den Händen der
+Revolutionäre. Das ist am Abend des 6. November.
+
+Ein Fieber beginnt nunmehr den ganzen Volkskörper zu schütteln. Ruhiges
+Überlegen schwindet. Man denkt nicht mehr an die Folgen für das Ganze,
+sondern nur noch an das Durchsetzen eigener Leidenschaften. Diese machen
+nicht mehr Halt vor den wahnwitzigsten Plänen. Denn gibt es einen
+wahnwitzigeren, als den, dem Heere das weitere Leben unmöglich zu machen?
+War je ein größeres Verbrechen menschlichem Denken und menschlichem Hasse
+entsprungen? Der Körper wird nach außen machtlos; zwar schlägt er noch um
+sich, aber er stirbt. Ist es überraschend, daß der Gegner mit solch einem
+Körper macht, was er will, daß er seine harten Bedingungen noch härter
+auslegt, als er sie geschrieben hat?
+
+Alle Versprechungen, die die gegnerische Propaganda uns verkündet hatte,
+sind verstummt. Die Rache tritt in ihrer nackten Gestalt auf: "Wehe dem
+Besiegten!" Ein Wort, das aber nicht nur dem Hasse sondern auch der Furcht
+entspringt.
+
+So ist die Lage am 9. November. Das Drama schließt an diesem Tage nicht,
+erhält aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei
+seinen Gründen. Er trifft zunächst vernichtend die Stütze des Heeres, den
+deutschen Offizier. Er reißt ihm, wie ein Fremdländer sagt, den verdienten
+Lorbeer vom Haupte und drückt ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die
+blutende Stirne. Der Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Möge er
+jedem Deutschen zum Herzen sprechen!
+
+Das äußere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne.
+Auch das deutsche Kaisertum fällt.
+
+Man verkündet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und Königs,
+ehe der Entschluß dazu von diesem gefaßt ist. Auf dunklem Wege vollzieht
+sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte der Geschichte
+hoffentlich dereinst nicht entgehen wird.
+
+Der Gedanke wird erwogen, mit unseren Fronttruppen in der Heimat Ordnung
+zu schaffen. Jedoch zahlreiche Kommandeure, Männer, würdig des größten
+Vertrauens und fähig des tiefsten Einblickes, erklären, daß unsere Truppen
+zwar noch die Front nach dem Feinde behalten werden, daß sie aber die
+Front gegen die Heimat nicht nehmen würden.
+
+Ich bin meinem Allerhöchsten Kriegsherrn in jenen Stunden zur Seite. Er
+überträgt mir die Aufgabe, das Heer in die Heimat zurückzuführen. Als ich
+am Nachmittag des 9. November meinen Kaiser verlasse, sollte ich ihn nicht
+mehr wiedersehen! Er war gegangen, um dem Vaterlande neue Opfer zu
+ersparen, um ihm günstigere Friedensbedingungen zu schaffen.
+
+Mitten in dieser gewaltigsten kriegerischen und politischen Spannung
+verlor das deutsche Heer seinen innersten Halt. Für hunderttausende
+getreuer Offiziere und Soldaten wankte damit der Untergrund ihres Fühlens
+und Denkens. Schwerste innere Konflikte bahnten sich an. Ich glaubte,
+vielen der Besten die Lösung dieser Konflikte zu erleichtern, wenn ich
+voranschritte auf dem Wege, den mir der Wille meines Kaisers, meine Liebe
+zu Vaterland und Heer und mein Pflichtgefühl wiesen. Ich blieb auf meinem
+Posten.
+
+
+
+
+ Mein Abschied
+
+
+Wir waren am Ende!
+
+Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so
+stürzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem
+versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken. Unsere
+Aufgabe war es nunmehr, das Dasein der übriggebliebenen Kräfte unseres
+Heeres für den spätern Aufbau des Vaterlandes zu retten. Die Gegenwart war
+verloren. So blieb nur die Hoffnung auf die Zukunft.
+
+Heran an die Arbeit!
+
+Ich verstehe den Gedanken an Weltflucht, der sich vieler Offiziere
+angesichts des Zusammenbruches alles dessen, was ihnen lieb und teuer war,
+bemächtigte. Die Sehnsucht, "nichts mehr wissen zu wollen" von einer Welt,
+in der die aufgewühlten Leidenschaften den wahren Wertkern unseres Volkes
+bis zur Unkenntlichkeit entstellten, ist menschlich begreiflich und doch -
+ich muß es offen aussprechen, wie ich denke:
+
+Kameraden der einst so großen, stolzen deutschen Armee! Könntet ihr vom
+Verzagen sprechen? Denkt an die Männer, die uns vor mehr als hundert
+Jahren ein innerlich neues Vaterland schufen. Ihre Religion war der Glaube
+an sich selbst und an die Heiligkeit ihrer Sache. Sie schufen das neue
+Vaterland, nicht es gründend auf eine uns wesensfremde Doktrinwut, sondern
+es aufbauend auf den Grundlagen freier Entwicklung des einzelnen in dem
+Rahmen und in der Verpflichtung des Gesamtwohles! Diesen selben Weg wird
+auch Deutschland wieder gehen, wenn es nur erst einmal wieder zu gehen
+vermag.
+
+Ich habe die feste Zuversicht, daß auch diesmal, wie in jenen Zeiten, der
+Zusammenhang mit unserer großen reichen Vergangenheit gewahrt, und wo er
+vernichtet wurde, wieder hergestellt wird. Der alte deutsche Geist wird
+sich wieder durchsetzen, wenn auch erst nach den schwersten Läuterungen in
+dem Glutofen von Leiden und Leidenschaften. Unsere Gegner kannten die
+Kraft dieses Geistes; sie bewunderten und haßten ihn in der Werktätigkeit
+des Friedens, sie staunten ihn an und fürchteten ihn auf den
+Schlachtfeldern des großen Krieges. Sie suchten unsere Stärke mit dem
+leeren Worte "Organisation" ihren Völkern begreiflich zu machen. Den
+Geist, der sich diese Hülle schuf, in ihr lebte und wirkte, den
+verschwiegen sie ihnen. Mit diesem Geiste und in ihm wollen wir aber aufs
+neue mutvoll wieder aufbauen.
+
+Deutschland, das Aufnahme- und Ausstrahlungszentrum so vieler
+unerschöpflicher Werte menschlicher Zivilisation und Kultur, wird so lange
+nicht zu Grunde gehen, als es den Glauben behält an seine große
+weltgeschichtliche Sendung. Ich habe das sichere Vertrauen, daß es der
+Gedankentiefe und der Gedankenstärke der Besten unseres Vaterlandes
+gelingen wird, neue Ideen mit den kostbaren Schätzen der früheren Zeit zu
+verschmelzen und aus ihnen vereint dauernde Werte zu prägen, zum Heile
+unseres Vaterlandes.
+
+Das ist die felsenfeste Überzeugung, mit der ich die blutige Wahlstatt des
+Völkerkampfes verließ. Ich habe das Heldenringen meines Vaterlandes
+gesehen und glaube nie und nimmermehr, daß es sein Todesringen gewesen
+ist.
+
+Man hat mir die Frage gestellt, worauf ich in den schwersten Stunden des
+Krieges meine Hoffnung auf unseren Endsieg stützte. Ich konnte nur auf
+meinen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache, auf mein Vertrauen zu
+Vaterland und Heer hinweisen.
+
+Die ernsten Stunden dieses jahrelangen Kampfes und seiner Folgezeit
+bestand ich in Gedanken und Gefühlen, für die ich nirgends einen besseren
+Ausdruck finde, als in den Worten, die der nachmalige preußische
+Kriegsminister, Generalfeldmarschall Herrmann v. Boyen, im Jahre 1811,
+inmitten der größten politischen und militärischen Nöte unseres
+geknechteten Heimatlandes, an seinen König schrieb:
+
+ "Ich übersehe das Gefahrvolle unserer Lage keineswegs, aber da, wo nur
+ zwischen Unterjochung oder Ehre zu wählen sein dürfte, da gibt mir die
+ Religion Kraft, alles das zu tun, was das Recht und die Pflicht fordert.
+
+ Niemals kann der Mensch mit Gewißheit den Ausgang eines begonnenen
+ Unternehmens vorhersehen, aber der, der nach höherer Überzeugung nur
+ seinen Pflichten lebt, trägt einen Schild um sich, der in jeder Lage des
+ Lebens, es komme auch, wie es wolle, ihm Beruhigung gibt und auch oft
+ selbst zu einem glücklichen Ausgang führt.
+
+ Es ist dies nicht die Sprache aufgeregter Schwärmerei, sondern der
+ Ausdruck eines religiösen Gefühles, das ich meinen Erziehern danke, die
+ mich früh schon König und Vaterland als das Heiligste auf Erden lieben
+ lehrten."
+
+Gegenwärtig hat eine Sturmflut wilder politischer Leidenschaften und
+tönender Redensarten unsere ganze frühere staatliche Auffassung unter sich
+vergraben, anscheinend alle heiligen Überlieferungen vernichtet. Aber
+diese Flut wird sich wieder verlaufen. Dann wird aus dem ewig bewegten
+Meere völkischen Lebens jener Felsen wieder auftauchen, an den sich einst
+die Hoffnung unserer Väter geklammert hat, und auf dem vor fast einem
+halben Jahrhundert durch unsere Kraft des Vaterlandes Zukunft
+vertrauensvoll begründet wurde: Das deutsche Kaisertum! Ist so erst der
+nationale Gedanke, das nationale Bewußtsein wieder erstanden, dann werden
+für uns aus dem großen Kriege, auf den kein Volk mit berechtigterem Stolz
+und reinerem Gewissen zurückblicken kann als das unsere, so lange es treu
+war, sowie auch aus dem bitteren Ernst der jetzigen Tage sittlich
+wertvolle Früchte reifen. Das Blut aller derer, die im Glauben an
+Deutschlands Größe gefallen sind, ist dann nicht vergeblich geflossen.
+
+In dieser Zuversicht lege ich die Feder aus der Hand und baue fest auf
+Dich - Du deutsche Jugend!
+
+
+
+
+
+
+ PERSONENVERZEICHNIS
+
+
+_Albrecht von Preußen_, Prinz 28.
+
+_Alexander von Preußen_, Prinz 49. 54.
+
+_Anton von Hohenzollern_, Prinz 24. 25.
+
+_Arz_, von, General 236. 309. 384.
+
+_August von Württemberg_, Prinz 33.
+
+_Augusta Victoria_, Deutsche Kaiserin 61.
+
+
+_Bartenwerffer_, von, Oberst 52.
+
+_Bazaine_, Marschall 30.
+
+_Below_, von, General 87.
+
+_Bernhardi_, von, General der Kavallerie 43. 49.
+
+_Bernstorff_, Graf 214. 230. 232.
+
+_Bethmann Hollweg_, von, Reichskanzler 131. 147. 211. 233. 284. 285.
+
+_Bismarck_, Otto, Fürst 39. 45. 74. 200. 201. 215.
+
+_Blücher_, General 27. 77. 110. 234. 328.
+
+_Blumenthal_, von, General 21.
+
+_Bölcke_, Hauptmann 175.
+
+_Boris_, Kronprinz von Bulgarien 162. 374.
+
+_Bothmer_, Graf, General 143.
+
+_Boyen_, Herrmann von 405.
+
+_Bronsart_, von, General 57.
+
+_Brussilow_, General 142. 249.
+
+_Bülow_, von, Generalfeldmarschall 49. 62.
+
+_Burian_, Baron, Minister 210. 388.
+
+
+_Cadorna_, General 261. 262.
+
+_Canrobert_, Marschall 33.
+
+_Clausewitz_, General 101. 234.
+
+_Clémenceau_, Ministerpräsident 293.
+
+_Conrad von Hötzendorf_, Generaloberst 123. 163. 180. 224. 225. 236. 261.
+
+_Czernin_, Graf, Minister 309. 386. 387. 388.
+
+
+_Duncker_, Geheimrat, Historiker 49.
+
+
+_Eichhorn_, Generalfeldmarschall 49. 123.
+
+_Elisabeth_, Königin 13.
+
+-, Großherzogin von Oldenburg 59.
+
+_Enver Pascha_, Generalissimus 154. 159. 164. 165. 180. 188. 190. 207.
+208. 270. 272. 275. 310. 398.
+
+_Escherich_, Forstmeister 133.
+
+_Ewert_, Generaladjutant 139.
+
+
+_Falkenhayn_, von, General 148. 183. 184. 185. 203. 273. 276.
+
+_Ferdinand_, Zar von Bulgarien 162. 206. 275. 374. 389.
+
+_Fichte_, Philosoph 176.
+
+_Foch_, General 340. 341. 347. 351. 364.
+
+_François_, von, General 86. 88. 90.
+
+_Franz Joseph I._, Kaiser von Österreich 163.
+
+_Freytag-Loringhoven_, von, General 57.
+
+_Friedrich II._, Erbgroßherzog von Baden 60.
+
+_Friedrich August II._, Großherzog von Oldenburg 59.
+
+_Friedrich Karl_, Prinz 20. 54. 55.
+
+_Friedrich Wilhelm I._, König von Preußen 281.
+
+_Friedrich der Große_ 17. 234.
+
+_Friedrich Wilhelm IV._, König von Preußen 13.
+
+_Friedrich III._, Deutscher Kaiser 13. 21. 56.
+
+
+_Gallwitz_, von, General 128.
+
+_Gneisenau_, General 27. 77. 110.
+
+_Goltz_, von der, General 99.
+
+_Groeben_, von der 5.
+
+_Gröner_, General 397. 400. 401.
+
+
+_Hakki_, Ismail, Generalintendant 279.
+
+_Hann von Weyherrn_, General 51.
+
+_Helldorff_, von, Major 31.
+
+-, von, Leutnant (Sohn des Majors) 31.
+
+_Hertling_, Graf, Reichskanzler 286. 306. 363.
+
+_Hintze_, Staatssekretär 393.
+
+_Hutier_, von, General 57. 137.
+
+
+_Jekoff_, General 165. 177. 180. 182. 189. 206. 309. 398.
+
+_Joseph II._, Deutscher Kaiser 26.
+
+
+_Kämmerer_, Major 172.
+
+_Kerenski_, Minister 249. 250. 251. 254.
+
+_Keßler_, Oberst 49.
+
+_Kobelt_, Lehrer 7.
+
+_König_, Kapitän 175.
+
+_Krupp_, Großindustrieller 327.
+
+
+_Lansdowne_, Lord 290.
+
+_Lauenstein_, von, General 57.
+
+_Lenin_, Minister 305.
+
+_Leopold von Bayern_, Prinz 61.
+
+_Linsingen_, von, Hauptmann 172. 173.
+
+_Ludendorff_, General 75. 76. 77. 78. 102. 112. 122. 128. 131. 133. 147.
+169. 170. 171. 197. 215. 242. 347. 392. 394. 396. 397.
+
+_Ludwig III._, König von Bayern 286.
+
+_Luitpold_, Prinzregent von Bayern 62.
+
+_Lüttwitz_, von, General 57.
+
+
+_Mac Mahon_, Marschall 37.
+
+_Mackensen_, Feldmarschall 87. 90. 109. 110. 112. 180. 182. 183. 185. 256.
+
+_Massenbach_, von, Rittergutsbesitzer 8.
+
+_Michaelis_, Dr., Reichskanzler 285.
+
+_Miroslawski_, polnischer Führer 7.
+
+_Moltke_, Graf, Feldmarschall 39. 49. 54. 55. 56. 74. 200.
+
+-, von, Generaloberst, Generalstabschef 75. 76.
+
+
+_Napoleon I._, Kaiser 4. 234.
+
+_Napoleon III._, Kaiser 37. 40.
+
+_Nikolaij-Nikolaijewitsch_, Großfürst 107.
+
+_Nikolaus II._, Zar von Rußland 246.
+
+_Nivelle_, Feldmarschall 241. 242.
+
+
+_Pape_, von, Generalleutnant 35.
+
+_Petersdorff_, von, Oberst 51.
+
+_Pleß_, von, Fürst 235.
+
+
+_Radoslawow_, Ministerpräsident 167. 205. 282. 367.
+
+_Rappard_, von, Frau 8.
+
+_Rennenkampf_, General 76. 80. 81. 82. 83. 85. 86. 87. 88. 90. 91. 93. 94.
+95. 97. 98. 100. 101.
+
+_Richter_, Professor, Historiker 49.
+
+_Richthofen_, von, Rittmeister 175.
+
+_Roon_, von, Generalfeldmarschall 56.
+
+
+_Samsonoff_, General 76. 80. 81. 82. 85. 87. 88. 89. 90. 92. 94.
+
+_Sarrail_, General 149. 177. 178. 182. 187.
+
+_Schakir Bey_, Generalstabsoffizier 57.
+
+_Scharnhorst_, General 27. 275.
+
+_Schlieffen_, Graf von, General 53.
+
+_Scholtz_, von, General 86. 88.
+
+_Schwerin_, Graf, Feldmarschall 26.
+
+_Schwickart_, Generalarzt 5.
+
+_Seegenberg_, von, Major 29.
+
+_Seel_, von, Major 29. 36.
+
+_Sievers_, General 124.
+
+_Sixtus von Parma_, Prinz 386.
+
+_Skobeleff_, General 51.
+
+_Sperling_, von, General 51.
+
+_Stein_, von, General 57.
+
+_Steinmetz_, von, General 20.
+
+_Sven Hedin_, Forschungsreisender 131.
+
+
+_Talaat Pascha_, Großwesir 166. 167. 208. 389. 398.
+
+_Tewfyk Effendi_, Generalstabsoffizier 57.
+
+_Tirpitz_, von, Großadmiral 131. 132.
+
+_Tisza_, Graf, Minister 173.
+
+_Trotzki_, Minister 305. 306. 338.
+
+
+_Verdy du Vernois_, von, General und Kriegsminister 52. 58.
+
+_Villaume_, Hauptmann 49.
+
+_Vogel von Falckenstein_, General 54. 60.
+
+
+_Waldersee_, Graf, Major 24.
+
+-, General 51. 54.
+
+_Wartensleben_, Graf, General 62.
+
+_Wilhelm I._, Deutscher Kaiser 7. 13. 215.
+
+_Wilhelm II._, Deutscher Kaiser 54. 57. 90. 112. 124. 144. 147. 161. 170.
+187. 194. 197. 211. 236. 237. 259. 273. 306. 312. 314. 315. 333. 394. 396.
+397. 402.
+
+_Wilhelm_, Deutscher Kronprinz 196.
+
+_Wilson_, Präsident der Vereinigten Staaten 132. 211. 212. 213. 214. 231.
+232. 395.
+
+_Winterfeldt_, von, General 54. 55.
+
+_Wittich_, von, Oberstleutnant 11. 12. 49.
+
+_Woyrsch_, von, Feldmarschall 24. 113.
+
+
+_York_, General 9.
+
+
+_Zeppelin_, Graf 175.
+
+_Zingler_, von, Oberstleutnant 51.
+
+ Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei; Papier von
+ H. H. Ullstein; Einband von H. Fikentscher, Julius
+ Hager, Hübel & Denck, Leipziger Buchbinderei
+ A.-G. vorm. G. Fritzsche und Spamersche
+ Buchbinderei, sämtliche in Leipzig.
+ Druckaufsicht und Einbandentwurf
+ von _Walter Tiemann_
+
+
+
+
+
+ Verlag von S. Hirzel in Leipzig
+
+ ---------------------------------------------------
+
+ Heinrich von Treitschke:
+
+ Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert
+
+ Fünf Bände
+
+ 10. Auflage Gebunden 190 Mark
+
+ ------------------------------------------------------------------
+
+ Briefe
+
+ Herausgegeben von
+
+ Max Cornicelius
+
+ Drei Bände
+
+ 2. Auflage Gebunden 112,80 Mark
+
+ ------------------------------------------------------------------
+
+ Politik
+
+ Vorlesungen, gehalten an der Universität Berlin
+
+ Herausgegeben von
+
+ Max Cornicelius
+
+ Zwei Bände
+
+ 4. Auflage Gebunden 47 Mark
+
+ ------------------------------------------------------------------
+
+ Historische und Politische Aufsätze
+
+ Vier Bände
+
+ 8. Auflage Gebunden 81,60 Mark
+
+ ------------------------------------------------------------------
+
+ Im Sommer 1920 liegt vollständig vor:
+
+ Eine Weltreise 1911/1912
+
+ und
+
+ Der Zusammenbruch Deutschlands
+
+ Eindrücke und Betrachtungen aus den Jahren 1911-1914
+ mit einem Nachwort aus dem Jahre 1919
+
+ von
+
+ Friedrich von Bernhardi
+ General der Kavallerie z. D.
+
+ *
+
+ Drei Bände
+
+ ------------------------------------------------------------------
+
+ Im Sommer 1920 erscheint:
+
+ Freiherr vom Stein
+
+ von
+
+ Professor Dr. Max Lehmann
+ Geheimer Regierungsrat
+
+ *
+
+ Volksausgabe in einem Bande
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+römische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung
+wiedergegeben, ebenso die Abkürzung "km") und einzelne Wörter aus fremden
+Sprachen (hier durch Unterstrich [_] gekennzeichnet). Gesperrt gesetzt
+sind die zweite Hierarchieebene im Inhaltsverzeichnis (hier ohne
+Hervorhebung wiedergegeben) und die Namen im Personenverzeichnis (hier
+durch Unterstrich gekennzeichnet).
+
+Fünf- und sechsstellige Zahlen sind im Original durch schmales Spatium
+untergliedert, das hier durch einen Punkt ersetzt ist.
+
+In der Originalausgabe sind längere Zitate in den meisten Fällen mit
+Anführungszeichen am Beginn jeder Zeile versehen. In der elektronischen
+Fassung sind sie stattdessen durch Einrückung gekennzeichnet.
+
+Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:
+
+ Seite IX: "139" in "140" geändert (zweimal)
+ Seite IX: "Befehlbereichs" in "Befehlsbereichs" geändert
+ Seite 8: "derem" in "deren" geändert (eventuell kein Druckfehler,
+ sondern sprachliche Ungenauigkeit des Verfassers)
+ Seite 24: "hin" in "hin-" geändert
+ Seite 59: "frohen" in "frohe" geändert
+ Seite 148: Punkt ergänzt (nach "aufgegeben")
+ Seite 189: "1916" in "1917" geändert
+ Seite 193: "uberwunden" in "überwunden" geändert
+ Seite 202: Punkt ergänzt (nach "für uns in sich")
+ Seite 398: "Talaat-Pascha" in "Talaat Pascha" geändert
+ Seite 407: Komma ergänzt (vor "Großherzogin von Oldenburg")
+ Seite 408: Punkt ergänzt (nach "110")
+
+Nicht vereinheitlicht wurden Variationen in der Schreibweise wie
+"San-Mündung" und "Sanmündung", "Doiran-See" und "Doiransee", "Padischa"
+und "Padischah", "Gefangenschaft" und "Gefangenenschaft", "Entwicklung"
+und "Entwickelung". Die deutsche Form "infanterie" in einem englischen
+Zitat (S. 334) wurde nicht korrigiert, ebensowenig die alphabetische
+Einordnung von Sven Hedin im Personenverzeichnis unter "S".
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+December 17, 2009
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau, Stefan Cramme, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at <http://www.pgdp.net/>.
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 30695-8.txt or 30695-8.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
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+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/6/9/30695/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
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+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
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+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
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+
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+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
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+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
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+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+
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+
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+Section 3 below.
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+
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+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
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+
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+
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+
+
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+works in formats readable by the widest variety of computers including
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+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
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+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
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