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Hirzel in Leipzig 1920 + + + + +Die Firma Albert Bonnier in Stockholm besitzt das alleinige +Übersetzungsrecht für folgende Sprachen: Dänisch-norwegisch, Englisch (für +England mit Kolonien und Amerika), Finnisch, Französisch, Holländisch, +Japanisch, Italienisch, Schwedisch und Spanisch + + + + + + ZUR EINFÜHRUNG + + +Die folgenden Erinnerungen verdanken ihre Entstehung nicht einer Neigung +zum Schreiben, sondern vielfachen Bitten und Anregungen, die von außen an +mich herantraten. + +Nicht ein Geschichtswerk wollte ich verfassen sondern die Eindrücke +wiedergeben, unter denen mein Leben sich vollzog, und die Richtlinien klar +legen, nach denen ich glaubte, denken und handeln zu müssen. Fern lag es +mir, eine Rechtfertigungs- oder Streitschrift zu verfassen, am fernsten +aber war mir der Gedanke an Selbstverherrlichung. Als Mensch habe ich +gedacht, gehandelt und geirrt. Maßgebend in meinem Leben und Tun war für +mich nicht der Beifall der Welt sondern die eigene Überzeugung, die +Pflicht und das Gewissen. + +Inmitten der schwersten Zeit unseres Vaterlandes niedergeschrieben, +entstanden die folgenden Erinnerungsblätter doch nicht unter dem bitteren +Drucke der Hoffnungslosigkeit. Mein Blick ist und bleibt unerschütterlich +vorwärts und aufwärts gerichtet. + +Ich widme das Buch dankbar allen Denen, die mit mir im Feld und in der +Heimat für des Reiches Größe und Dasein kämpften. + +Im September 1919. + + + + + + INHALTSVERZEICHNIS + + + + Zur Einführung V + + Erster Teil. Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914 3-67 + Meine Jugend 3-15 + Hindenburg-Beneckendorff 3-5. Eltern und früheste Jugend + 6-8. Im Kadettenkorps 9-15. + Im Kampf um Preußens und Deutschlands Größe 16-47 + Im 3. Garderegiment zu Fuß 16-17. 1866. Ins Feld 18. Bei + Soor 19. Königgrätz 20-25. Nach Königgrätz 26. In die + Heimat zurück 26-27. In Hannover 28-29. 1870. Wieder ins + Feld 30. Bei St. Privat 31-35. Nach der Schlacht bei St. + Privat 36. In die Schlacht bei Sedan 37-38. Sedan 39. Vor + Paris 40-41. Kaiserproklamation 41-42. In Paris 42-44. Die + Kommune 45-46. Der zweite Einzug in Berlin 47. + Friedensarbeit 48-63 + Kriegsakademie 48. Generalstab 49-50. Bei Generalkommando + und Division 50-52. Kompagniechef 52-53. Im Großen + Generalstab 53-56. Lehrer an der Kriegsakademie 57. Im + Kriegsministerium 58. Regimentskommandeur 58-59. Korpschef + 59-60. Divisionskommandeur 60. Kommandierender General + 61-62. Abschied 63. + Übergang in den Ruhestand 64-67 + Deutsches Heer und Volk 64-66. Ausblick 66-67. + + Zweiter Teil. Kriegführung im Osten 69-144 + Der Kampf um Ostpreußen 71-99 + Kriegsausbruch und Berufung 71-74 + Deutsche Politik und Dreibund 71-73. Mobilmachung 74. + Zur Front 75-79 + Armeeführer. General Ludendorff 75. Lage im Osten 76. + Verhältnis zu General Ludendorff 77-79. + Tannenberg 79-91 + Im Armee-Hauptquartier 79. Russische Absichten 80. + Entwickelung des Schlachtenplans 81. Gefahr von Seite + Rennenkampfs 82. Stärkeverhältnisse 83. Die Marienburg 84. + Tannenberg 85. Entwickelung der Schlacht 86-87. + Entscheidungskampf 88-89. Ergebnis 90-91. + Die Schlacht an den masurischen Seen 91-99 + Neue Aufgaben 91-93. Rennenkampf 93-94. Zum Angriff vor 95. + Verlauf der Schlacht 96-99. + Der Feldzug in Polen 100-116 + Abschied von der 8. Armee 100-104 + Zusammenwirken mit der österreichisch-ungarischen + Heeresleitung 100-102. Nach Schlesien 102-104. + Der Vormarsch 104-108 + Operative Lage 104-105. Polnische Zustände 106. Kämpfe + bei Iwangorod und Warschau 106-107. Russische + Gegenoperation 108. + Der Rückzug 109-112 + Neue Pläne 109. Weiterer Widerstand in Polen 110. Rückzug + an die schlesische Grenze 111-112. Oberbefehlshaber im + Osten 112. + Unser Gegenangriff 112-116 + Wechselspiel der Operationen 112-115. Ende der Kämpfe in + Polen 116. + 1915 117-134 + Frage der Kriegsentscheidung 117-122 + Kämpfe und Operationen im Osten 122-130 + Ansichten der österreichisch-ungarischen Heeresleitung + 123. Winterschlacht in Masuren 124-125. Russische + Gegenangriffe 125. Unsere allgemeine Offensive im Osten. + Rolle des Oberkommandos Ost 126-127. Eigene Pläne. + Nowo Georgiewsk. Wilna 128-130. + Lötzen 130-133 + Kowno 133-134 + Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August 135-144 + Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront 135-140 + Der Winter 1915/16 135-136. Schlacht am Naroczsee 137-140. + Der Russenangriff gegen die österreichisch-ungarische + Ostfront 140-144 + Verdun und Italien 140-141. Wolhynien und Bukowina + 142-143. Erweiterung des Befehlsbereichs 143-144. + + Dritter Teil. Von der Übertragung der Obersten Heeresleitung + bis zur Zertrümmerung Rußlands 145-294 + Berufung zur Obersten Heeresleitung 147-167 + Chef des Generalstabes des Feldheeres 147-148 + Kriegslage Ende August 1916 148-150 + Politische Lage 150-154 + Die deutsche Oberste Kriegsleitung 154-161 + Die österreichisch-ungarische Wehrmacht 156-158. Das + bulgarische und türkische Heer 158-159. Unsere Leistungen + im Kriege 160-161. + Pleß 161-167 + König Ferdinand von Bulgarien 162. Kaiser Franz Joseph + 163. Generaloberst Conrad von Hötzendorf 163-164. Enver + Pascha 164-165. General Jekoff 165. Talaat Pascha + 166-167. Radoslawow 167. + Leben im Großen Hauptquartier 168-175 + Regelmäßiger Tagesverlauf 168-172. Besucher 173-175. + Kriegsereignisse bis Ende 1916 176-198 + Der rumänische Feldzug 176-187 + Unsere politische und militärische Lage zu Rumänien + 176-177. Bulgarischer Angriff in Mazedonien 178. + Rumänische Kriegserklärung 179. Bisheriger Feldzugsplan + 179-181. Niederwerfung Rumäniens 182-187. + Kämpfe an der mazedonischen Front 187-189 + Auf den asiatischen Kriegsschauplätzen 189-192 + Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916 192-198 + Unterstützung Rumäniens durch Rußland 192-194. Fortdauer + der Kämpfe vor Verdun 194-195. Zum erstenmal an der + Westfront 196-198. + Meine Stellung zu politischen Fragen 199-218 + Äußere Politik 199-210 + Politik und Kriegführung 200-201. Polnische Frage + 201-203. Polnische Freiwilligentruppen 203-204. Irrige + Hoffnungen 204. Dobrudscha-Frage 205-206. Politische + Erregung in Bulgarien 206-207. Türkische Politik 207-210. + Die Friedensfrage 210-215 + Innere Politik 215-218 + „Hindenburg-Programm“ 216. Vaterländischer Hilfsdienst + 216-218. + Vorbereitungen für das kommende Feldzugsjahr 219-237 + Unsere Aufgaben 219-227 + Allgemeine Lage Winter 1916-17. Aufgezwungene + Verteidigung 219-222. „Siegfriedstellung“ 223. Ablehnung + von Angriffsplänen in Italien und Mazedonien 224-227. + Aufgabe der Türkei für 1917 227. + Der Unterseebootkrieg 228-234 + Blockade und Menschlichkeit 228-229. Amerikanische + Munition 229. Hoffnungen verbunden mit dem + Unterseebootkrieg 230-232. Erwägungen und Entscheidung + 232-233. Der höchste Einsatz 234. + Kreuznach 235-237 + Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917 238-251 + Im Westen 238-244 + Vorbereitung für die Abwehrschlachten 238-240. + Frühjahrsschlacht bei Arras 240-242. Doppelschlacht + Aisne-Champagne 242-244. + Im nahen und fernen Orient 244-246 + An der Ostfront 246-251 + Russische Revolution 246-247. Eigene Zurückhaltung + 247-248. Weiterentwickelung des russischen Umsturzes + 248-249. Letzte russische Anstürme 250-251. + Unser Gegenstoß im Osten 252-258 + Das Wagnis des Gegenstoßes 252-254. Tarnopol 254-255. + Riga und Ösel 256-258. + Angriff auf Italien 259-263 + Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917 264-293 + Im Westen 264-268 + Ausgang der flandrischen Schlacht 264-265. Cambrai + 265-267. Erfahrungen 267-268. Angriffe der Franzosen 268. + Auf dem Balkan 268 + In Asien 269-276 + Englische Operationen in Asien 269-272. Pläne zur + Wiedereroberung Bagdads 272-273. Verhältnisse im + türkischen Heere 274. Unsere Unterstützungen 275-276. + Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern + Ende 1917 277-293 + Der türkische Staat 277-279. Bulgarien 280-283. + Österreich-Ungarn 283-284. Die deutsche Heimat 284-288. + Frankreich 288-289. England 290. Italien 290-291. + Vereinigte Staaten von Nordamerika 291. + Kriegsverlängerung 291-293. + + Vierter Teil. Entscheidungskampf im Westen 295-354 + Die Frage der Westoffensive 297-314 + Absichten und Aussichten für 1918 297-312 + Aussichten und Vertrauen 297-301. Angriffsabsichten 301. + Lage und Entschluß 301-303. Truppenschulung 304. + Vereinigung der Kräfte im Westen 305. Schwierigkeiten im + Osten 306-307. Finnische Expedition 308. + Österreichisch-ungarische Unterstützung 308-309. Truppen + aus Bulgarien und der Türkei 310. Defensive 1918? 311-312. + Spa und Avesnes 312-314 + Unsere drei Angriffsschlachten 315-338 + Die „Große Schlacht“ in Frankreich 315-321 + Die Schlacht an der Lys 321-326 + Die Schlacht bei Soissons und Reims 327-333 + Die Schlacht 328-331. Die Menschlichkeit auf dem + Schlachtfelde 332-333. + Rückblick und Ausblick Ende Juni 1918 333-338 + Im Angriff gescheitert 339-354 + Der Plan zur Schlacht bei Reims 339-343 + Die Schlacht bei Reims 343-354 + Unser Angriff 343-346. Ergebnis 347. Des Feindes + Gegenstoß 348-351. Entschluß zur Räumung des Marnebogens + 351. Haltung unserer Truppen 352. Bedeutung des + Schlachtausgangs 353-354. + + Fünfter Teil. Über unsere Kraft 355-402 + In die Verteidigung geworfen 357-366 + Der 8. August 357-361 + Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kämpfe + im Westen bis Ende September 362-366 + Der Kampf unserer Bundesgenossen 367-389 + Bulgariens Zusammenbruch 367-377 + Der Sturz der türkischen Macht in Asien 377-383 + Militärisches und Politisches aus Österreich-Ungarn 383-389 + Unterstützung unserer Westfront 384. Kämpfe in Albanien + 385. Erstreben des Kriegsendes 386. Graf Czernin 386-388. + Graf Burian 388. Letzte österreichische Friedensversuche + 389. + Dem Ende entgegen 390-402 + Vom 29. September zum 26. Oktober 390-397 + Verhältnisse an der Kampffront 390-391. Unser schwerster + Entschluß 392-393. Unser Waffenstillstands- und + Friedensangebot 394-395. Fortschreitender Zerfall der + Heimat 396-397. + Vom 26. Oktober zum 9. November 397-402 + Das Ende des Widerstandes unserer Bundesgenossen 398-399. + Die höchste Spannung und das Zerreißen 400-402. + Mein Abschied 403-406 + + Personenverzeichnis 407-409 + + + + + + + ERSTER TEIL + + + AUS KRIEGS- UND FRIEDENSJAHREN BIS 1914 + + + + + Meine Jugend + + +An einem Frühlingsabend des Jahres 1859 sagte ich als 11jähriger Knabe am +Gittertor des Kadettenhauses zu Wahlstatt in Schlesien meinem Vater +Lebewohl. Der Abschied galt nicht nur dem geliebten Vater sondern +gleichzeitig meinem ganzen bisherigen Leben. Aus diesem Gefühl heraus +stahlen sich Tränen aus meinen Augen. Ich sah sie auf meinen „Waffenrock“ +fallen. „In diesem Kleid darf man nicht schwach sein und weinen“ fuhr es +mir durch den Kopf; ich riß mich empor aus meinem kindlichen Schmerz und +mischte mich nicht ohne Bangen unter meine nunmehrigen Kameraden. + +Soldat zu werden war für mich kein Entschluß, es war eine +Selbstverständlichkeit. Solange ich mir im jugendlichen Spiel oder Denken +einen Beruf wählte, war es stets der militärische gewesen. Der +Waffendienst für König und Vaterland war in unserer Familie eine alte +Überlieferung. + +Unser Geschlecht, die „Beneckendorffs“, entstammt der Altmark, wo es +urkundlich im Jahre 1280 zum erstenmal auftritt. Von hier fand es, dem +Zuge der Zeit folgend, über die Neumark seinen Weg nach Preußen herauf. +Dort waren schon manche Träger meines Namens in den Reihen der +Deutschritter als Ordensbrüder oder „Kriegsgäste“ gegen die Heiden und +Polen zu Felde gezogen. Später gestalteten sich unsere Beziehungen mit dem +Osten durch Gewinn von Grundbesitz noch inniger, während diejenigen mit +der Mark immer lockerer wurden und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts +ganz aufhörten. + +Der Name „Hindenburg“ trat erst 1789 zu dem unsrigen. Wir waren mit diesem +Geschlecht in der neumärkischen Zeit durch Heiraten in Verbindung +getreten. Auch die Großmutter meines im Regiment „von Tettenborn“ +dienenden und in Ostpreußen bei Heiligenbeil ansässigen Urgroßvaters war +eine Hindenburg. Deren unverheirateter Bruder, welcher zuletzt als Oberst +unter Friedrich dem Großen gekämpft hatte, vermachte seine beiden, in dem +schon mit der ostpreußischen Erbschaft zu Brandenburg gekommenen, später +aber Westpreußen zugeteilten Kreise Rosenberg gelegenen Güter Neudeck und +Limbsee seinem Großneffen unter der Bedingung der Vereinigung beider +Namen. Diese wurde von König Friedrich Wilhelm II. genehmigt, und seitdem +wird bei Abkürzung des Doppelnamens die Benennung „Hindenburg“ angewendet. + +Die Güter bei Heiligenbeil wurden infolge dieser Erbschaft verkauft. Auch +Limbsee mußte, der Not gehorchend, nach den Befreiungskriegen veräußert +werden. Aber Neudeck ist heute noch im Besitz unserer Familie; es gehört +der Witwe meines nächstältesten Bruders, der nicht ganz zwei Jahr jünger +als ich war, so daß unsere Lebenswege in treuer Liebe nahe nebeneinander +herliefen. Auch er wurde Kadett und durfte seinem Könige lange Jahre als +Offizier in Krieg und Frieden dienen. + +In Neudeck lebten zu meiner Kinderzeit meine Großeltern. Jetzt ruhen sie, +wie auch meine Eltern und viele Andere meines Namens, auf dem dortigen +Friedhof. Fast alljährlich kehrten wir bei den Großeltern, anfänglich noch +unter beschwerlichen Postreisen, als Sommerbesuch ein. Tiefen Eindruck +machte es mir dann, wenn mein Großvater, der bis 1801 im Regiment „von +Langenn“ gedient hatte, davon erzählte, wie er im Winter 1806/7 bei +Napoleon I. im nahen Schloß Finckenstein als Landschaftsrat um Erlaß von +Kontributionen bitten mußte, dabei aber kalt abgewiesen wurde. Auch von +Durchmärschen und Einquartierung der Franzosen in Neudeck hörte ich. Und +mein Onkel von der Groeben, der an der Passarge ansässig war, wußte von +den Kämpfen an diesem Abschnitt im Jahre 1807 zu berichten. Die Russen +drangen damals über die Brücke, wurden aber wieder zurückgeworfen. Ein +französischer Offizier, der mit seinen Mannschaften das Gutshaus +verteidigte, wurde in einem Giebelzimmer durch das Fenster erschossen. Es +fehlte nicht viel, dann hätten die Russen 1914 wieder diese Brücke +betreten. + +Nach dem Tode meiner Großeltern zogen meine Eltern 1863 nach Neudeck. Wir +fanden also von da ab dort, in den uns so vertrauten Räumen, das +Elternhaus. Wo ich einst in jungen Jahren so gern geweilt hatte, da habe +ich mich später oft mit Frau und Kindern von des Lebens Arbeit ausgeruht. + +So ist denn Neudeck für mich die Heimat, der feste Mittelpunkt auch meiner +engeren Familie geworden, dem unser ganzes Herz gehört. Wohin mich auch +innerhalb des deutschen Vaterlandes mein Beruf führte, ich fühlte mich +stets als Altpreuße. + +Als Soldatenkind wurde ich 1847 in Posen geboren. Mein Vater war zu der +Zeit Leutnant im 18. Infanterie-Regiment. Meine Mutter war die Tochter des +damals auch in Posen lebenden Generalarztes Schwickart. + +Das einfache, um nicht zu sagen harte Leben eines preußischen +Landedelmannes oder Offiziers in bescheidenen Verhältnissen, das in der +Arbeit und Pflichterfüllung seinen wesentlichsten Inhalt fand, gab +naturgemäß unserm ganzen Geschlecht sein Gepräge. Auch mein Vater ging +daher völlig in seinem Berufe auf. Aber er fand hierbei immer noch Zeit, +sich Hand in Hand mit meiner Mutter der Erziehung seiner Kinder – ich +hatte noch zwei jüngere Brüder und eine Schwester – zu widmen. Das +sittlich tief angelegte, aber auch auf das praktische Leben gerichtete +Wesen meiner teuren Eltern zeigte auch nach außen hin eine vollendete +Harmonie. In gegenseitiger Ergänzung der Charaktere stand neben der +ernsten, vielfach zu Sorgen geneigten Lebensauffassung meiner Mutter die +ruhigere Anschauungsart meines Vaters. Beide vereinten sich in warmer +Liebe zu uns, und so wirkten sie denn auf diese Weise in voller +Übereinstimmung auf die geistige und sittliche Heranbildung ihrer Kinder +ein. Es ist daher schwer zu sagen, wem ich dabei mehr zu danken habe, +welche Richtung mehr vom Vater und welche mehr von der Mutter gefördert +wurde. Beide Eltern bestrebten sich, uns einen gesunden Körper und einen +kräftigen Willen zur Tat für die Erfüllung der Pflichten auf den Lebensweg +mitzugeben. Sie bemühten sich aber auch, uns durch Anregung und +Entwickelung der zarteren Seiten des menschlichen Empfindens das Beste zu +bieten, was Eltern geben können: den vertrauensvollen Glauben an Gott den +Herrn und eine grenzenlose Liebe zum Vaterlande und zu dem, was sie als +die stärkste Stütze dieses Vaterlandes anerkannten, nämlich zu unserm +preußischen Königstum. Der Vater führte uns zugleich von früher Jugend an +in die Wirklichkeit des Lebens hinaus. Er weckte in uns im Garten und auf +Spaziergängen die Liebe zur Natur, zeigte uns das Land und lehrte uns die +Menschen in ihrem Dasein und in ihrer Arbeit erkennen und schätzen. Unter +„uns“ verstehe ich hierbei außer mir meinen nächstältesten Bruder. Die +Erziehung meiner nach diesem folgenden Schwester lag selbstredend mehr in +Händen der Mutter, und mein jüngster Bruder trat erst ins Leben, kurz +bevor ich Kadett wurde. + +Das Los des Soldaten, zu wandern, führte meine Eltern von Posen nach Köln, +Graudenz, Pinne in der Provinz Posen, Glogau und Kottbus. Dann nahm mein +Vater den Abschied und zog nach Neudeck. + +Von Posen habe ich aus damaliger Zeit nur wenig Erinnerung. Mein Großvater +mütterlicherseits starb bald nach meiner Geburt. Er hatte sich 1813 in der +Schlacht bei Kulm als Militärarzt das Eiserne Kreuz am Kombattantenbande +erworben, weil er ein führerlos und wankend gewordenes Landwehrbataillon +wieder geordnet und vorgeführt hatte. Meine Großmutter mußte uns in +späteren Jahren noch viel von der „Franzosenzeit“, die sie in Posen als +junges Mädchen durchlebt hatte, erzählen. Genau entsinne ich mich eines +hochbetagten Gärtners meiner Großeltern, der noch 14 Tage unter Friedrich +dem Großen gedient hatte. So fiel gewissermaßen auf mich als Kind noch ein +letzter Sonnenstrahl ruhmvoller friderizianischer Vergangenheit. + +Im Jahre 1848 hatte der polnische Aufstand auch auf die Provinz Posen +übergegriffen. Mein Vater war mit seinem Regiment zur Bekämpfung dieser +Bewegung ausgerückt. Die Polen bemächtigten sich nun vorübergehend der +Herrschaft in der Stadt. Zur Feier des Einzugs ihres Führers Miroslawski +sollten alle Häuser illuminiert werden. Meine Mutter war außerstande, sich +diesem Zwange zu entziehen. Sie zog sich in ein Hinterzimmer zurück und +tröstete sich, an meiner Wiege sitzend, mit dem Gedanken, daß gerade auf +diesen Tag, den 22. März, der Geburtstag des „Prinzen von Preußen“ fiel, +so daß die Lichter an den Fenstern der Vorderzimmer in ihrem Herzen diesem +galten. 23 Jahre später war das damalige Wiegenkind im Spiegelsaale zu +Versailles Zeuge der Kaisererklärung Wilhelms I., des einstigen Prinzen +von Preußen. + +Unser Aufenthalt in Köln und Graudenz war nur von kurzer Dauer. Aus der +Kölner Zeit schwebt mir das Bild des mächtigen, jedoch noch unvollendeten +Domes vor. + +In Pinne führte mein Vater nach damaligem Brauch vier Jahre hindurch als +überzähliger Hauptmann eine Landwehrkompagnie. Er war dienstlich nicht +sehr beansprucht, so daß er sich gerade in der Zeit, in welcher sich mein +jugendlicher Geist zu regen begann, uns Kindern besonders widmen konnte. +Er unterrichtete mich bald in Geographie und Französisch, während mir der +Schullehrer Kobelt, dem ich noch heute eine dankbare Erinnerung bewahre, +Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Aus dieser Zeit stammt meine +Vorliebe für Geographie, welche mein Vater durch sehr anschauliche und +anregende Lehrart zu wecken verstand. Den ersten Religionsunterricht +erteilte mir in zum Herzen redender Weise meine Mutter. + +Immer mehr entwickelte sich in diesen Jahren und aus dieser Art der +Erziehung ein Verhältnis zu meinen Eltern, das zwar ganz auf den Boden +unbedingter Autorität gestellt war, das aber zugleich auch bei uns Kindern +weit mehr das Gefühl grenzenlosen Vertrauens als blinder Unterwerfung +unter eine zu strenge Herrschaft wachrief. + +Pinne ist ein kleines Städtchen mit angrenzendem Rittergut. Letzteres +gehörte einer Frau von Rappard, in deren Hause wir viel verkehrten. Sie +war kinderlos aber sehr kinderlieb. In der Nähe saß ihr Bruder, Herr von +Massenbach, auf dem Rittergut Bialokosz. In dessen großer Kinderschar fand +ich mehrere liebe Spielgefährten. Die Erinnerung an Pinne hat sich bei mir +stets sehr rege erhalten. Ich besuchte im Spätherbst 1914 den Ort von +Posen aus und betrat mit Rührung das kleine bescheidene Häuschen im +Dorfteile, in welchem wir einst ein so glückliches Familienleben geführt +hatten. Der jetzige Besitzer des Gutes ist der Sohn eines meiner einstigen +Spielgefährten. Der Vater ist schon zur ewigen Ruhe gegangen. + +In die Glogauer Zeit fällt mein Eintritt in das Kadettenkorps. Ich hatte +dort vorher je zwei Jahre die Bürgerschule und das evangelische Gymnasium +besucht. Wie ich höre, hat man mir in Glogau dadurch ein freundliches +Andenken bewahrt, daß eine an unserm damaligen Wohnhaus angebrachte Tafel +an meinen dortigen Aufenthalt erinnert. Ich habe die Stadt zu meiner +Freude wiedergesehen, als ich Kompagniechef im benachbarten Fraustadt war. + +Rückblickend auf die bisher geschilderte Zeit darf ich wohl sagen, daß +meine erste Erziehung auf die gesündeste Grundlage gestellt war. Ich +fühlte daher beim Abschied aus dem Elternhause, daß ich unendlich viel +zurückließ, aber ich empfand doch auch, daß mir unendlich viel auf den +weiteren Lebensweg mitgegeben war. Und so ist es mein ganzes Leben +hindurch geblieben. Lange durfte ich mich der sorglichen, nimmermüden +Elternliebe, die sich später auch auf meine Familie ausdehnte, erfreuen. +Meine Mutter verlor ich, als ich schon Regimentskommandeur war; mein Vater +ging von uns, kurz bevor ich an die Spitze des IV. Armeekorps berufen +wurde. + +Das Leben in dem preußischen Kadettenkorps war damals, man kann wohl +sagen, bewußt und gewollt rauh. Die Erziehung war neben der Schulbildung +auf eine gesunde Entwicklung des Körpers und des Willens gestellt. +Tatkraft und Verantwortungsfreudigkeit wurden ebenso hoch bewertet als +Wissen. In dieser Art der Erziehung lag keine Einseitigkeit sondern eine +gewisse Stärke. Die einzelne Persönlichkeit sollte und konnte sich auch in +ihren gesunden Besonderheiten frei entwickeln. Es war etwas von dem +Yorkschen Geiste in jener Erziehung, ein Geist, der so oft von +oberflächlichen Beurteilern falsch aufgefaßt worden ist. Gewiß war York +gegen sich wie gegen andere ein harter Soldat und Erzieher, aber er war es +auch, der für jeden seiner Untergebenen das Recht und die Pflicht des +freien selbständigen Handelns forderte, wie er selbst diese +Selbständigkeit gegen jedermann zum Ausdruck brachte. Der Yorksche Geist +ist daher nicht nur in seiner militärischen Straffheit sondern auch in +seiner Freiheit einer der kostbarsten Züge unseres Heeres gewesen. + +Für die humanistische Bildung anderer Schulen, soweit sie sich +vorherrschend mit den alten Sprachen beschäftigt, habe ich nur wenig +Verständnis. Der praktische Nutzen für das Leben bleibt mir unklar. Als +Mittel zum Zweck betrachtet, nehmen meiner Meinung nach die toten Sprachen +im Lehrplan viel zu viel Zeit und Kraft in Anspruch, und als Sonderstudium +gehören sie in spätere Lebensjahre. Ich wünschte, auf die Gefahr hin, für +einen Böotier gehalten zu werden, daß in solchen Schulen auf Kosten von +Latein und Griechisch die lebenden Sprachen, neuere Geschichte, Deutsch, +Geographie und Turnen mehr in den Vordergrund gestellt würden. Muß denn +das, was im dunklen Mittelalter das einzige war, an welches sich die +Bildung anklammern konnte, wirklich auch noch in heutigen Tagen in erster +Linie stehen? Haben wir uns nicht seitdem in harten Kämpfen und schwerer +Arbeit eine eigene Geschichte, eine eigene Literatur und Kunst geschaffen? +Bedürfen wir nicht, um im Weltverkehr unsere Stellung richtig einnehmen zu +können, weit mehr der lebenden als der toten Sprachen? + +Aus dem eben Gesagten soll keine Mißachtung des Altertums an sich +herausklingen. Dessen Geschichte hat im Gegenteil von früher Jugend an auf +mich eine große Anziehungskraft ausgeübt. Vornehmlich war es die der +Römer, welche mich fesselte. Sie hatte für mich etwas Gewaltiges, fast +Dämonisches, ein Eindruck, der mir in spätern Lebensjahren bei dem Besuche +Roms besonders lebhaft vor Augen trat und sich unter anderm darin äußerte, +daß mich dort die Denkmäler der alten ewigen Stadt mehr anzogen als die +Schöpfungen italienischer Renaissance. + +Roms kluges Erkennen der Vorzüge und Mängel völkischer Eigentümlichkeiten, +seine rücksichtslose Selbstsucht, die im eigenen Interesse kein Mittel +Freund und Feind gegenüber verschmähte, seine geschickt aufgemachte +tugendhafte Entrüstung, wenn die Feinde einmal mit gleichem vergalten, +sein Ausspielen aller Leidenschaften und Schwächen innerhalb der +feindlichen Völker, wie es in so kluger Weise ganz besonders den +germanischen Stämmen gegenüber angewendet wurde und hier mehr nutzte als +Waffengebrauch, fand nach meinen späteren Erfahrungen sein Spiegelbild und +seine Vervollkommnung in der britischen Staatsweisheit, der es gelang, all +diese Seiten diplomatischer Kunst bis zur höchsten Verfeinerung und +Welttäuschung auszubauen. + +Meine Jugendhelden suchte ich bei aller Verehrung des Altertums nur unter +meinen eigenen Volksgenossen. Offen und ehrlich spreche ich meine +Auffassung dahin aus, daß wir nicht so einseitig und undankbar sein +dürfen, über der Bewunderung für einen Alcibiades oder Themistokles, für +die verschiedenen Katos oder Fabier so manche derjenigen Männer ganz zu +übersehen, die in der Geschichte unseres eigenen Vaterlandes eine +mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt haben wie jene einst für +Griechenland und Rom. Ich habe traurige Wahrnehmungen in dieser Beziehung +leider wiederholt im Gespräch mit deutscher Jugend gemacht, die mir dann +bei aller Gelehrsamkeit doch etwas weltfremd vorkam. + +Vor solcher Weltfremdheit bewahrten uns im Kadettenkorps unsere Lehrer und +Erzieher, und ich danke ihnen das noch heute. Dieser Dank gebührt +vornehmlich einem damaligen Leutnant von Wittich. Ich war ihm, als ich +nach Wahlstatt kam, durch einen Verwandten empfohlen worden, und er nahm +sich meiner stets besonders freundlich an. Selbst erst vor wenigen Jahren +dem Kadettenkorps entwachsen, fühlte er ganz mit uns, beteiligte sich gern +an unseren Spielen, besonders den Schneeballgefechten im Winter, wirkte +überall erfrischend und anregend und besaß obenein ein hervorragendes +Lehrtalent. Er hat mich 1859 in Sexta in Geographie und sechs Jahre später +in Berlin in Selekta im Geländeaufnehmen unterrichtet, und als ich nach +weitern Jahren die Kriegsakademie besuchte, fand ich auch dort wieder den +Generalstabsmajor von Wittich als Lehrer vor. Dieser beschäftigte sich +schon als Leutnant mit Kriegsgeschichte und gab uns manchmal während der +sonntäglichen Spaziergänge durch Anlage kleiner Übungen in geeignetem +Gelände anschauliche Bilder über den Gang der Schlachten, welche damals, +1859, in Oberitalien geschlagen wurden, wie z. B. Magenta und Solferino. +Später, in Berlin, regte er mich, den Kadetten, auch bereits zum Studium +der Kriegsgeschichte an und lenkte dadurch mein jugendliches Interesse in +Bahnen, die für meinen weiteren Werdegang von Bedeutung waren. Ist doch +die Kriegsgeschichte der beste Lehrmeister für die höhere Truppenführung. +Als ich später in den Generalstab versetzt wurde, gehörte ihm +Oberstleutnant von Wittich auch noch an bedeutsamer Stelle an, und +schließlich sind wir beide sogar noch gleichzeitig Kommandierende +Generale, also Befehlshaber über Armeekorps, gewesen. Das hatte der kleine +Sextaner in Wahlstatt nicht geahnt, als ihm der Leutnant von Wittich in +der Geographiestunde einen freundschaftlichen Jagdhieb mit dem Lineal +versetzte, weil er Montblanc und Monte Rosa verwechselt hatte. + +Unter der harten Schulung des Kadettenlebens hat unser Frohsinn nicht +gelitten. Ich wage es zu bezweifeln, daß sich das frische jugendliche +Toben, dem natürlicherweise die gelegentliche Steigerung bis zum tollen +Übermut nicht fehlte, in irgend welchen anderen Bildungsanstalten mehr +geltend machte, als bei uns Kadetten. Wir fanden in unseren Erziehern +meist verständnisvolle, milde Richter. + +Ich selbst war zunächst keineswegs das, was man im gewöhnlichen Leben +einen Musterschüler nennt. Anfangs hatte ich eine aus früheren Krankheiten +zurückgebliebene körperliche Schwächlichkeit zu überwinden. Als ich dann +dank der gesunden Erziehungsart allmählich erstarkte, hatte ich anfänglich +wenig Neigung dazu, mich den Wissenschaften besonders zu widmen. Erst +langsam erwachte in dieser Beziehung mein Ehrgeiz, der sich mit den Jahren +bei gutem Erfolge immer mehr steigerte und mir schließlich +unverdientermaßen den Ruf eines besonders begabten Schülers einbrachte. + +Bei allem Stolz, mit welchem ich mich „Königlicher Kadett“ nannte, +begrüßte ich doch die Tage der Einkehr in das Elternhaus stets mit +unendlichem Jubel. Die Reisen waren in der damaligen Zeit, besonders +während des Winters, freilich nicht einfach. Je nach dem Reiseziel +wechselten langsame Bahnfahrten in ungeheizten Wagen mit noch langsamern +Postfahrten ab. Aber alle diese Schwierigkeiten traten in den Hintergrund +bei der Aussicht, die Heimat, Eltern und Geschwister wiederzusehen. Der +Sehnsucht des Sohnes schlug das Herz der Mutter am wärmsten entgegen. So +entsinne ich mich noch meiner ersten Weihnachtsheimkehr nach Glogau. Ich +war mit anderen Kameraden die ganze Nacht hindurch von Liegnitz in der +Post gefahren. Noch im Dunkeln trafen wir, durch Schneefall verspätet, in +Glogau ein. Da saß die liebe Mutter in der schwach erleuchteten, kaum +erwärmten sogenannten Passagierstube an wollenen Strümpfen strickend, als +wolle sie durch das Nachgeben gegenüber der Sehnsucht zu einem ihrer +Kinder die Vorsorge für das Wohl der anderen nicht versäumen. + +In mein erstes Kadettenjahr fiel im Sommer 1859 ein Besuch des damaligen +Prinzen Friedrich Wilhelm, des späteren Kaisers Friedrich, und seiner +Gemahlin in Wahlstatt. Wir sahen fast alle bei dieser Gelegenheit zum +ersten Male Mitglieder unseres Königshauses. Noch nie hatten wir beim +Parademarsch unsere Beine so hoch geworfen, noch nie bei dem sich hieran +anschließenden Vorturnen so halsbrecherische Übungen gemacht als an diesem +Tage. Und von der Güte und Leutseligkeit des Prinzenpaares sprachen wir +noch lange Zeit. + +Im Oktober des gleichen Jahres wurde zum letzten Male der Geburtstag König +Friedrich Wilhelms IV. gefeiert. Unter diesem schwergeprüften Herrscher +habe ich also die preußische Uniform angelegt, die bis an mein Lebensende +mein Ehrenkleid bleiben soll. Ich hatte die Ehre, der verwitweten Gemahlin +des Königs, der Königin Elisabeth, im Jahre 1865 als Leibpage zugeteilt zu +werden. Die Taschenuhr, die Ihre Majestät mir damals schenkte, hat mich in +drei Kriegen treulich begleitet. + +Ostern 1863 wurde ich nach Sekunda und hierdurch nach Berlin versetzt. Das +dortige Kadettenhaus lag in der neuen Friedrichstraße unweit des +Alexanderplatzes. Ich lernte nun zum ersten Male Preußens Hauptstadt +kennen und durfte jetzt endlich bei den Frühjahrsparaden mit Aufstellung +Unter den Linden und Vorbeimarsch auf dem Opernplatz sowie bei den +Herbstparaden auf dem Tempelhofer Felde meinen Allergnädigsten Herrn, +König Wilhelm I., sehen. + +Einen ebenso erhebenden als ernsten Ton brachte in unser Kadettenleben der +Beginn des Jahres 1864. Der Krieg gegen Dänemark brach aus, und ein Teil +unserer Kameraden schied im Frühjahr von uns, um in die Reihen der +kämpfenden Truppen zu treten. Mich selbst verhinderte leider noch das +jugendliche Alter daran, zu der Zahl dieser Vielbeneideten zu gehören. Mit +welch heißen Wünschen die ausziehenden Kameraden von uns begleitet wurden, +bedarf keiner Schilderung. + +Über die politischen Gründe, die zu dem Kriege führten, zerbrachen wir uns +den Kopf noch nicht. Aber wir hatten doch schon das stolze Empfinden, daß +in das matte und haltlose Wesen des Deutschen Bundes endlich einmal ein +erfrischender Wind gefahren war, und daß die Tat wieder mehr gelten sollte +als das Wort und die Aktenbündel. Im übrigen verfolgten wir mit glühendem +Interesse die kriegerischen Ereignisse, wohnten freudig klopfenden Herzens +der Einbringung der eroberten Geschütze und dem Siegeseinzug der Truppen +als Zuschauer bei und glaubten zu dem Gefühl berechtigt zu sein, einen +Teil jenes Geistes in uns zu haben, der auf den dänischen Kampffeldern +unsere Truppen zum Erfolge führte. War es zu verwundern, wenn wir seitdem +kaum den Tag erwarten konnten, der uns selbst in die Reihen unserer Armee +führen sollte? + +Bevor dies geschah, wurde uns noch die Ehre und das Glück zuteil, unserm +König persönlich vorgestellt zu werden. Wir wurden zu dem Zweck in das +Schloß geführt und hatten dort Seiner Majestät Namen und Stand des Vaters +zu nennen. Kein Wunder, daß da mancher in der Aufregung erst kein Wort +hervorbrachte und dann die Worte durcheinander warf. Hatten wir doch noch +nie unserm greisen Herrscher so nahe gegenüber gestanden, ihm noch nie so +scharf in das gütige Auge geblickt und seine Stimme gehört. Ernste Worte +sprach der König zu uns. Er ermahnte uns, auch in schweren Stunden unsere +Schuldigkeit zu tun. Bald sollten wir Gelegenheit haben, dies in die Tat +umzusetzen. Manche von uns haben ihre Treue mit dem Tode besiegelt. + +Im Frühjahr 1866 verließ ich das Kadettenkorps. Allezeit bin ich seitdem +dieser militärischen Erziehungsanstalt auf Grund meiner persönlichen +Erfahrungen und Neigungen dankbar und treu ergeben geblieben. Ich freute +mich immer der hoffnungsvollen jungen Kameraden in des Königs Rock. Auch +während des Weltkrieges nahm ich gern Gelegenheit, Söhne meiner +Mitarbeiter, meiner Bekannten oder gefallener Kameraden bei mir als Gäste +zu sehen. Ein günstiger Umstand gab mir sogar Veranlassung, die Feier +meines in den Krieg fallenden 70jährigen Geburtstages damit zu beginnen, +daß ich drei kleine Kadetten in Kreuznach von der Straße weg an meinen mit +eßbaren Geschenken reich besetzten Frühstückstisch rufen lassen konnte. +Sie traten vor mich hin, so wie ich die Jugend liebe, frisch und +unbefangen, leibhaftige Bilder längst vergangener Zeiten, Erinnerungen an +selbsterlebte Tage. + + + + + Im Kampf um Preußens und Deutschlands Größe + + +Am 7. April 1866 trat ich als „Sekondlieutenant“ in das 3. Garderegiment +zu Fuß ein. Das Regiment gehörte zu denjenigen Truppenteilen, die +gelegentlich der großen Vermehrung aktiver Verbände 1859/60 neu errichtet +worden waren. Das junge Regiment hatte sich, als ich in dasselbe eintrat, +bereits im Feldzug 1864 Lorbeeren erworben. Die Ruhmesgeschichte eines +Truppenteiles schlingt ein einigendes Band um alle seine Angehörigen und +liefert einen Kitt, der sich auch in den schwersten Kriegslagen bewährt. +Hierin liegt ein unzerstörbares Etwas, das auch dann weiterwirkt, wenn, +wie im letzten großen Kriege, Regimenter wiederholt einen förmlichen +Neuaufbau durchmachen mußten. Übriggebliebene Reste des alten Geistes +durchströmten die neuen Teile in kurzer Zeit. + +Ich fand in meinem Regiment, das aus dem 1. Garde-Regiment zu Fuß +hervorgegangen war, die gute, alte Potsdamer Schule, den Geist, der den +besten Überlieferungen des damaligen preußischen Heeres entsprach. Das +preußische Offizierkorps dieser Zeit war nicht mit Glücksgütern gesegnet, +und das war gut. Sein Reichtum bestand in seiner Bedürfnislosigkeit. Das +Bewußtsein eines besonderen persönlichen Verhältnisses zu seinem König – +der Vasallentreue, wie ein deutscher Historiker sich ausdrückt – +durchdrang das Leben der Offiziere und entschädigte sie für manche +materielle Entbehrung. Diese ideale Auffassung war für die Armee von +unschätzbarem Vorteil. Das Wort „ich dien’“ hatte dadurch einen ganz +besonderen Klang. + +Vielfach wurde behauptet, daß eine solche Auffassung eine Absonderung der +Offiziere den anderen Berufsklassen gegenüber veranlaßt hätte. Ich habe +diese Einseitigkeit im Offizierstande niemals in höherem Maße gefunden wie +in jedem anderen Beruf, der auf sich hält und sich daher unter +Seinesgleichen am wohlsten fühlt. Ein in den Grundzügen wohl zutreffendes +Bild des damaligen Geistes innerhalb des preußischen Offizierskorps findet +sich in einer Abhandlung über den Kriegsminister von Roon. Dort wird das +Offizierskorps dieser Zeit ein aristokratischer Berufsstand genannt, fest +und kräftig in sich geschlossen, aber durchaus nicht verknöchert oder dem +allgemeinen Leben abgekehrt, auch keineswegs ohne eine Beimischung +liberaler Elemente, fachmännisch nüchtern aber auch fachmännisch reich. +Gegen das alte Ideal der weiten Menschlichkeit habe sich in ihm das neue +der strammen Berufsbildung erhoben. Seine eifrigsten Vertreter habe es in +den Söhnen der alten monarchisch-konservativen Schichten Preußens +gefunden. Es sei getragen gewesen von einem starken Gefühl der staatlichen +Macht, von einem friderizianischen Zuge, der Preußen in seinem Heere neue +Betätigung in der Welt ersehnte. + +Als ich beim Regiment in seinem damaligen Standort Danzig eintraf, warfen +die politischen Ereignisse der folgenden Monate schon ihre Schatten +voraus. Zwar war die Mobilmachung gegen Österreich noch nicht +ausgesprochen, aber der Befehl zur Erhöhung des Mannschaftsstandes war +ergangen und in voller Ausführung begriffen. + +Angesichts des bevorstehenden Entscheidungskampfes zwischen Preußen und +Österreich bewegten sich unsere politischen und militärischen +Gedankengänge völlig in den Bahnen Friedrichs des Großen. Dementsprechend +führten wir auch in Potsdam, wohin das Regiment nach seiner vollendeten +Mobilmachung verlegt worden war, unsere Grenadiere an den Sarg dieses +unvergeßlichen Herrschers. Auch der Tagesbefehl unserer Armee vor dem +Einmarsch in Böhmen trug diesen Gedanken in seinem Schlußsatz mit den +Worten Rechnung: „Soldaten, vertraut auf eure Kraft und denkt, daß es +gilt, denselben Feind zu besiegen, den einst unser größter König mit einem +kleinen Heere schlug.“ + +Politisch empfanden wir die Notwendigkeit einer Machtentscheidung zwischen +Österreich und uns, weil für beide Großmächte nebeneinander in dem +damaligen Bundesverhältnis keine freie Betätigungsmöglichkeit vorhanden +war. Einer von beiden mußte weichen, und da solches durch staatliche +Verträge nicht zu erreichen war, hatten die Waffen zu sprechen. Über diese +Auffassung hinaus war von einer nationalen Feindschaft gegen Österreich +bei uns keine Rede. Das Gefühl der Stammesgemeinschaft mit den damals noch +ausschlaggebenden deutschen Elementen der Donaumonarchie war zu stark +entwickelt, als daß sich feindliche Empfindungen hätten durchsetzen +können. Der Verlauf des Feldzuges bewies dies auch mehrfach. Gefangene +wurden von unserer Seite meist wie Landsleute behandelt, mit denen man +sich nach durchgefochtenem Streite gern wieder verträgt. Die +Landeseinwohner auf feindlichem Gebiete, sogar der größte Teil der +tschechischen Bevölkerung, zeigten uns meist ein derartiges +Entgegenkommen, daß sich in den Unterkunftsorten das Leben und Treiben wie +in deutschen Manöverquartieren abspielte. + +Nicht nur in Gedanken sondern auch in der Wirklichkeit schritten wir in +diesem Kriege auf friderizianischen Bahnen. So brach das Gardekorps auf +viel betretenen Kriegspfaden von Schlesien her bei Braunau in Böhmen ein. +Und der Verlauf unseres ersten Gefechtes, desjenigen bei Soor, führte uns +am 28. Juni in dem gleichen Gelände und in der nämlichen Richtung von +Eipel auf Burkersdorf gegen den Feind, in der sich einst am 30. September +1747 während der damaligen Schlacht bei Soor Preußens Garde inmitten der +in den starren Formen der Lineartaktik anrückenden Armee des großen Königs +vorbewegt hatte. + +Unser 2. Bataillon, bei dessen 5. Kompagnie ich den nach dem damaligen +Reglement aus dem dritten Gliede gebildeten 1. Schützenzug führte, hatte +an diesem Tage kaum Gelegenheit, in vorderster Linie einzugreifen, weil +wir den taktischen Anschauungen dieser Zeit entsprechend zu der schon vor +dem Gefecht ausgesonderten Reserve gehörten. Immerhin hatten wir aber doch +wenigstens Gelegenheit, uns in einem Gehölz nordwestlich Burkersdorf mit +österreichischer Infanterie herumzuschießen und Gefangene zu machen, sowie +später ungefähr zwei Eskadrons feindlicher Ulanen, welche in einem Grunde +ahnungslos hielten, durch unser Feuer zu vertreiben und ihnen ihre +Fahrzeuge abzunehmen. In letzteren befanden sich unter anderm die +Regimentskasse, welche abgeliefert wurde, viele Brote, welche unsere +Grenadiere auf ihre Bajonette gespießt in das Biwak bei Burkersdorf +brachten, und das Kriegstagebuch, welches in dem gleichen Heft wie das des +italienischen Feldzuges von 1859 niedergeschrieben war. Vor etwa 12 Jahren +lernte ich einen älteren Herrn, einen Mecklenburger, kennen, der damals in +österreichischen Diensten als Leutnant bei einer der Ulanen-Eskadrons +gestanden hatte. Er beichtete mir, daß er bei dieser Gelegenheit seine +neue Ulanka eingebüßt hätte, die für den Einzug in Berlin bestimmt gewesen +war. + +Da ich bei Soor nicht viel erlebt hatte, so mußte ich mich damit begnügen, +wenigstens Pulver gerochen und einen Teil jener seelischen Stimmung +durchgemacht zu haben, welche die Truppe bei ihrer ersten Berührung mit +dem Gegner ergreift. + +Aus meiner Kampfbegeisterung heraus wurde ich am nächsten Tage sozusagen +mit der Rückseite der Medaille bekannt gemacht. Mir oblag mit +60 Grenadieren die traurige Pflicht, das Gefechtsfeld nach Toten +abzusuchen und diese zu beerdigen, eine ernste Arbeit, die dadurch +erschwert wurde, daß das Getreide noch auf dem Halm stand. Mit knapper Not +erreichte ich, vielfach andere Truppenteile durch Laufen im Chausseegraben +überholend, mit meinen Leuten am Nachmittag mein Bataillon, das sich schon +im Gros der Division im Vormarsch nach Süden befand. Ich kam gerade noch +zur Zeit, um die Erstürmung des Elbüberganges von Königinhof durch unsere +Vorhut mit anzusehen. + +Der 30. Juni versetzte mich in die nüchterne Wirklichkeit kriegerischen +Kleinkrams. Ich mußte mit schwacher Bedeckung etwa 30 Wagen voll +Gefangener im Nachtmarsch nach Trautenau bringen, dort in die nunmehr +leeren Fahrzeuge Verpflegung aufnehmen und mit dieser dann wieder nach +Königinhof zurückkehren. Erst am 2. Juli früh konnte ich mich meiner +Kompagnie wieder anschließen. Es war hohe Zeit, denn schon der nächste Tag +rief uns auf das Schlachtfeld von Königgrätz. + +Nachdem ich in der folgenden Nacht mit meinem Zuge eine Patrouille in der +Richtung auf die Festung Josephstadt ausgeführt hatte, standen wir am +Morgen des 3. Juli ziemlich ahnungslos im naßkalten Vorposten-Biwak am +Südausgang von Königinhof herum. Da ertönte das Alarmsignal, und bald +darauf kam der Befehl, rasch Kaffee zu kochen und dann marschbereit zu +sein. Aufmerksame Lauscher konnten bald heftiges Geschützfeuer aus +südwestlicher Richtung vernehmen. Die Anschauungen über den Grund des +Gefechtslärms waren geteilt. Im allgemeinen überwog die Meinung, daß die +von der Lausitz her in Böhmen eingedrungene 1. Armee des Prinzen Friedrich +Karl – wir gehörten zur 2. des Kronprinzen – irgendwo auf ein vereinzeltes +österreichisches Korps gestoßen sei. + +Der nun eintreffende Vormarschbefehl wurde mit Jubel begrüßt. Sah doch der +Gardist mit hellem Neid auf die bisherigen glänzenden Erfolge, die das +links von uns vorgedrungene V. Armeekorps unter General von Steinmetz +bisher errungen hatte. Unter strömendem Regen, trotz kühler Witterung in +Schweiß gebadet, wateten wir mühsam in langgezogenen Kolonnen auf +grundlosen Wegen vorwärts. Ein erregter Eifer hatte sich eingestellt und +steigerte sich bei mir zu der Sorge, daß wir vielleicht zu spät kommen +könnten. + +Diese Besorgnis erwies sich bald als unnötig. Der Kanonendonner wurde, +nachdem wir aus dem Elbtal heraufgestiegen waren, immer deutlicher hörbar. +Auch sahen wir gegen 11 Uhr einen höheren Stab zu Pferde auf einer Anhöhe +neben unserem Wege halten, sorgsam durch die Ferngläser nach Süden +spähend. Es war das Oberkommando der 2. Armee, an seiner Spitze unser +Kronprinz, der spätere Kaiser Friedrich. Sein damaliger Generalstabschef, +General von Blumenthal, hat mir nach Jahren über diesen Augenblick +folgendes erzählt: + + „Gerade als die 1. Gardedivision auf unergründlichen Wegen an uns + vorbeizog, bat ich den Kronprinzen, mir die Hand zu geben. Als dieser + mich daraufhin fragend anblickte, fügte ich hinzu, daß ich ihm zur + gewonnenen Schlacht gratulieren wolle. Das österreichische Geschützfeuer + schlüge überall nach Westen, ein Beweis dafür, daß der Feind auf der + ganzen Linie durch die 1. Armee gefesselt wäre, sodaß wir ihm jetzt in + die Flanke und teilweise in den Rücken kämen. Angesichts solcher Lage + war nur noch anzuordnen, daß das Gardekorps rechts, das VI. Korps links + einer trotz des Nebels weithin sichtbaren, von zwei mächtigen + Lindenbäumen gekrönten, bei Horenowes gelegenen Höhe weiter vorgehen + sollten, während das I. und V. Korps, die noch im Anmarsch auf das + Schlachtfeld begriffen waren, diesen Korps zu folgen hätten. Weiteres + hatte der Kronprinz an dem Tage kaum noch zu befehlen.“ + +Unsere Bewegung wurde zunächst noch querfeldein fortgesetzt, dann +marschierten wir auf, und bald wurden uns die ersten Granaten von den +Höhen seitwärts Horenowes entgegengeschickt. Die österreichische +Artillerie bewahrheitete ihren guten, alten Ruf. Eines der ersten +Geschosse verwundete meinen Kompagnie-Führer, ein anderes tötete dicht +hinter mir meinen Flügelunteroffizier und bald schlug auch eine Granate +mitten in unsere Kolonne ein und setzte 25 Mann außer Gefecht. Als dann +aber das Feuer verstummte und die Höhen uns kampflos in die Hände fielen, +weil es sich hier nur um eine aus der Überraschung heraus zum Zwecke des +Zeitgewinns schwach besetzte vorgeschobene Stellung des Feindes gehandelt +hatte, machte sich ein Gefühl der Enttäuschung geltend. Freilich nicht für +lange, denn bald öffnete sich uns der Einblick auf einen großen Teil eines +gewaltigen Schlachtfeldes. Halbrechts vorwärts von uns erhoben sich in der +trüben Luft schwere Qualmwolken aus den Feuerstellungen unserer 1. und der +gegnerischen Armee an der Bistritz. Aufblitzendes Geschützfeuer und die +Glut brennender Ortschaften gaben dem Bilde eine eigenartig ernste +Färbung. Der dichter gewordene Nebel, das hohe Getreide und die +Bodengestaltung erschwerten dem Gegner das Erkennen unserer Bewegungen. +Auffallend gering war daher das Feuer feindlicher Batterien, die uns nun +bald aus südlicher Richtung beschossen, ohne uns aufhalten zu können. Sie +sind später größtenteils nach tapferer Verteidigung erobert worden. So +drangen wir mit der Schnelligkeit, die das Gelände, der schwere, tiefe und +glatte Boden, das Getreide, Raps und Zuckerrüben gestatteten, vorwärts. +Unser Angriff war nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst aufgebaut +worden, fiel aber bald auseinander. Kompagnien, ja selbst Züge begannen +sich ihre Gegner zu suchen; alles drängte nach vorwärts. Den Zusammenhang +für alle bildete nur der Wille: Heran an den Feind! + +Zwischen Chlum und Nedelist traf unser Halbbataillon – eine damals sehr +beliebte Gefechtsformation – im Nebel und Getreide überraschend auf +feindliche, von Süden vorkommende Infanterie. Sie wurde durch das +überlegene Zündnadelgewehr bald zum Weichen gebracht. Ihr mit meinem +Schützenzuge in aufgelöster Ordnung folgend, stieß ich plötzlich auf eine +österreichische Batterie, die in rücksichtsloser Kühnheit herbeieilte, +abprotzte und uns eine Kartätschlage entgegenschleuderte. Von einer Kugel, +die mir den Helm durchbohrte, am Kopf gestreift, brach ich für kurze Zeit +bewußtlos zusammen. Als ich mich wieder aufraffte, drangen wir in die +Batterie ein. Fünf Geschütze waren unser, die drei anderen entkamen. Das +war ein stolzes Gefühl, als ich hochaufatmend, aus leichter Kopfwunde +blutend unter meinen eroberten Kanonen stand. Aber ich hatte nicht Zeit, +auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Feindliche Jäger, kenntlich an den +Hahnenfedern auf ihren Hüten, tauchten im Weizen auf. Ich wies sie ab und +folgte ihnen bis zu einem Hohlwege. + +Der Zufall wollte es, daß im Verlauf des letzten großen Krieges dieses +mein erstes Schlachterlebnis in Österreich bekannt wurde. Ein +verabschiedeter ehemaliger Offizier, Veteran von 1866, schrieb mir +infolgedessen aus Reichenberg in Böhmen, daß er bei Königgrätz als +Regimentskadett in der von mir angegriffenen Batterie gestanden habe, und +belegte diese Tatsache durch eine Skizze. Da er noch einige freundliche +Worte hinzufügte, dankte ich ihm herzlich, und so war zwischen den +einstigen Gegnern ein recht kameradschaftlicher Briefwechsel zustande +gekommen. + +Als ich den oben erwähnten Hohlweg erreichte, hielt ich Umschau. Die +feindlichen Jäger waren im Regendunst verschwunden. Die umliegenden Dörfer +– vor mir Wsestar, rechts Rosberitz und links Sweti – waren merkbar noch +in Feindes Hand; um Rosberitz wurde bereits gekämpft. Ich selbst war mit +meinem Zug allein. Hinter mir war nichts von den Unsrigen zu sehen. Die +geschlossenen Abteilungen waren mir nicht südwärts gefolgt, sondern +schienen sich nach rechts gewendet zu haben. Ich beschloß, meiner +Einsamkeit auf dem weiten Schlachtfelde dadurch ein Ende zu machen, daß +ich mich in dem Hohlweg nach Rosberitz heranzog. Bevor ich mein Ziel +erreichte, brausten noch mehrere österreichische Schwadronen, mich mit +meiner Handvoll Leuten nicht bemerkend, an mir vorüber. Sie überschritten +vor mir den Hohlweg an einer flachen Stelle und stießen kurze Zeit darauf, +wie mir das lebhafte Gewehrfeuer verriet, im Gelände nordöstlich Rosberitz +auf mir unsichtbare diesseitige Infanterie. Bald rasten von dorther ledige +Pferde zurück und schließlich jagte alles wieder an mir vorbei. Ich +schickte noch einige Kugeln nach; die weißen Mäntel der Reiter boten in +der trüben Witterung gute Ziele. + +Die Lage in Rosberitz war, als ich dort eintraf, eine ernste. Ungestüm +vordrängende Züge und Kompagnien verschiedener Regimenter unserer Division +waren daselbst auf sehr überlegene feindliche Kräfte geprallt. Hinter +unsern schwachen Abteilungen befanden sich zunächst keine Verstärkungen. +Die Masse der Division war von dem hochgelegenen Dorfe Chlum angezogen +worden und stand dort in heftigem Kampf. Mein Halbbataillon, mit dem ich +mich am Ostrande von Rosberitz glücklich wieder vereinigte, war daher die +erste Hilfe. + +Wer mehr überrascht ist, die Österreicher oder wir, vermag ich nicht zu +beurteilen. Jedenfalls drängen die zusammengeballten feindlichen Massen +von drei Seiten auf uns, um das Dorf wieder ganz in Besitz zu nehmen. So +fürchterlich unser Zündnadelgewehr auch wirkt, über die stürzenden ersten +Reihen kommen immer wieder neue auf uns zu. So entsteht in den Dorfgassen +zwischen den brennenden, strohbedeckten Häusern ein mörderisches +Handgemenge. Von Kampf in geordneten Verbänden ist keine Rede mehr. Jeder +sticht und schießt um sich, so viel er kann. Prinz Anton von Hohenzollern +vom 1. Garderegiment bricht schwerverwundet zusammen. Fähnrich von +Woyrsch, der jetzige Feldmarschall, bleibt mit einigen Leuten im hin- und +herwogenden Kampf bei dem Prinzen. Dessen goldene Uhr wird mir überbracht, +damit diese nicht etwa feindlichen Plünderern in die Hände fällt. Bald +laufen wir Gefahr, abgeschnitten zu werden. Aus einer in unseren Rücken +führenden Seitengasse tönen österreichische Hornsignale, hört man die +dumpfer als die unserigen klingenden Trommeln des Feindes. Wir müssen, +auch in der Front hart bedrängt, zurück. Ein brennendes Strohdach, das auf +die Straße herabstürzt und sie mit Flammen und dichtem Qualm absperrt, +rettet uns. Wir entkommen unter diesem Schutz auf eine Höhe dicht +nordöstlich des Dorfes. + +Weiter wollen wir in wilder Erbitterung nicht zurückgehen. Major Graf +Waldersee vom 1. Garde-Regiment zu Fuß, der 1870 vor Paris als Kommandeur +des Garde-Grenadierregiments Königin Augusta fiel, läßt als ältester +anwesender Offizier die bei uns befindlichen beiden Fahnen in die Erde +stecken; um diese geschart werden die Verbände wieder geordnet. Schon +nahen auch von rückwärts Verstärkungen. Und so geht es denn bald wieder +mit schlagenden Tambours vorwärts, dem Feinde entgegen, der sich mit der +Besitzergreifung des Dorfes begnügt hat. Auch dieses räumt er bald, um +sich der allgemeinen Rückzugsbewegung seines Heeres anzuschließen. + +In Rosberitz fanden wir den Prinzen von Hohenzollern wieder, der aber nach +kurzer Zeit im Lazarett zu Königinhof seinen Wunden erlag. Seine treue +Bedeckung hatte der Feind als Gefangene mitgeführt. Auch aus meinem Zuge +teilten mehrere Grenadiere dieses Schicksal, nachdem sie sich in einer +Ziegelei tapfer verteidigt hatten. Als wir zwei Tage später auf dem +Weitermarsch abends südwestlich der Festung Königgrätz Biwaks bezogen, +fanden sich die braven Leute wieder bei uns ein. Der Kommandant der +Festung hatte sie in der Richtung auf die preußischen Biwakfeuer +hinausgeschickt, um der Sorge ihrer Ernährung enthoben zu sein. Sie hatten +das Glück, gerade ihren eigenen Truppenteil vorzufinden. + +Als Abschluß des Kampfes gingen wir noch bis Wsestar vor und blieben dort, +bis wir das Schlachtfeld verließen. Der Arzt wollte mich wegen meiner +Kopfwunde in ein Lazarett schicken; ich begnügte mich aber in Erwartung +einer zweiten Schlacht hinter der Elbe mit Umschlägen und einem leichten +Verbande und durfte fortan auf den Märschen statt des Helmes die Mütze +tragen. + +Eigenartige Gefühle waren es, welche mich am Abend des 3. Juli bewegten. +Nächst dem Dank gegen Gott den Herrn herrschte besonders das stolze +Bewußtsein vor, an einem Werke mitgetan zu haben, das ein neues +Ruhmesblatt in der Geschichte des preußischen Heeres und des preußischen +Vaterlandes geworden war. Übersahen wir auch noch nicht die volle +Tragweite unseres Sieges: daß es sich um mehr als in den vorhergegangenen +Gefechten gehandelt hatte, war uns doch schon klar. In Treue gedachte ich +der gefallenen und verwundeten Kameraden. Mein Zug hatte die Hälfte seines +Bestandes verloren, ein Beweis dafür, daß er seine Schuldigkeit getan +hatte. + +Als wir am 6. Juli die Elbe bei Pardubitz auf einer Kriegsbrücke +überschritten, erwartete dort der Kronprinz das Regiment und sprach uns +seine Anerkennung über das Verhalten in der Schlacht aus. Wir dankten mit +lautem Hurra und zogen weiter, stolz auf das uns von dem Oberbefehlshaber +unserer Armee und Erben der Krone Preußens gespendete Lob, freudig bereit, +ihm zu neuen Kämpfen zu folgen. + +Der weitere Verlauf des Feldzuges brachte uns aber nur noch Märsche und +somit keine erwähnenswerten Erlebnisse. Der am 22. Juli eintretende +Waffenstillstand traf uns in Niederösterreich, etwa 40 km von Wien +entfernt. Als wir von hier aus bald darauf den Rückmarsch in die Heimat +antraten, begleitete uns ein unheimlicher Gast, die Cholera. Erst +allmählich verließ sie uns, nicht ohne noch manches Opfer aus unseren +Reihen gefordert zu haben. + +An der Eger blieben wir einige Wochen stehen. Während dieser Zeit traf ich +mich mit meinem Vater, der als Johanniter in einem Lazarett auf dem +Schlachtfelde von Königgrätz tätig war, in Prag. Wir ließen diese +Gelegenheit nicht vorübergehen, ohne das naheliegende Schlachtfeld unseres +großen Königs zu besuchen. Wie waren wir erstaunt, dort neben dem vom +preußischen Staat nach dem Befreiungskriege für den bei Prag gefallenen +Feldmarschall Grafen Schwerin errichteten Denkmal ein zweites zu finden, +das bereits lange Zeit vorher Kaiser Joseph II., ein Bewunderer Friedrichs +des Großen, zur Ehrung des gegnerischen Helden dort hatte setzen lassen. + +Die Erinnerung an den Besuch dieses Schlachtfeldes wurde in mir im Verlauf +des letzten Krieges wieder besonders lebendig. Liegt doch ein Vergleich +der Lage Preußens 1757 mit der Deutschlands 1914 nahe. Wie nach dem auf +Prag folgenden Kolin, so nötigte nach der manchem Siege folgenden +Marneschlacht das Scheitern unseres großen Offensivgedankens das Vaterland +zu einer verhängnisvollen Verlängerung des Daseinskampfes. Aber während +uns der Ausgang des siebenjährigen Ringens ein mächtiges Preußen zeigt, +erblicken wir am Ende des letzten vierjährigen Verzweiflungskampfes ein +gebrochenes Deutschland. Waren wir der Väter nicht würdig gewesen? + +Am 2. September überschritten wir in Fortsetzung des Rückmarsches die +böhmisch-sächsische Grenze, dann am 8. September auf der Chaussee +Großenhain-Elster die Grenze der Mark Brandenburg. Eine Ehrenpforte +begrüßte uns. Durch sie kehrten wir unter den Klängen des „Heil Dir im +Siegerkranz“ in die Heimat zurück. Mit welchen Gefühlen, bedarf keiner +Erläuterung. + +Am 20. September war der feierliche Einzug in Berlin. Die +Paradeaufstellung erfolgte auf dem jetzigen Königsplatz, damals einem +sandigen Exerzierplatz. Wo jetzt das Generalstabsgebäude steht, befand +sich ein Holzhof, der mit der Stadt durch einen mit Weiden besetzten Weg +verbunden war. Krolls „Etablissement“ gab es dagegen bereits. Vom +Aufstellungsplatze weg rückte die Einzugstruppe durch das Brandenburger +Tor die Linden herauf zum Opernplatz. Dort war der Vorbeimarsch vor Seiner +Majestät dem König. Blücher, Scharnhorst und Gneisenau sahen von ihren +Postamenten zu. Sie konnten mit uns zufrieden sein! + +Zum Einrücken in die Paradeaufstellung hatte sich mein Bataillon am +Floraplatz versammelt. Dort wurde mir vom Kommandeur der Rote Adlerorden +4. Klasse mit Schwertern mit der Weisung überreicht, ihn sofort anzulegen, +weil die neuen Auszeichnungen beim Einzug getragen werden sollten. Als ich +mich ziemlich ratlos umsah, trat aus der Menge der Zuschauer eine ältere +Dame heraus und befestigte mit einer Stecknadel das Ehrenzeichen auf +meiner Brust. So oft ich in spätern Jahren, sei es zu Fuß, sei es zu +Pferde, über den Floraplatz kam, stets gedachte ich in Dankbarkeit der +freundlichen Berlinerin, die dem 18jährigen Leutnant dort einst seinen +ersten Orden angeheftet hat. + +Nach dem Kriege wurde dem 3. Garderegiment Hannover als Friedensgarnison +zugewiesen. Man wollte dadurch wohl der bisherigen Hauptstadt eine +Aufmerksamkeit erweisen. Ungern gingen wir hin, als aber nach 12 Jahren +die Scheidestunde durch Versetzung des Regiments nach Berlin schlug, da +war wohl keiner in dessen Reihen, dem die Trennung nicht schwer wurde. Ich +selbst hatte die schöne Stadt, die ich schon 1873 verlassen mußte, so lieb +gewonnen, daß ich mich später nach meiner Verabschiedung dorthin +zurückzog. + +Bald hatten wir in dem neuen Standort Bekanntschaften angeknüpft. Manche +Hannoveraner hielten sich freilich aus politischen Gründen gänzlich +zurück. Wir haben die Treue gegen das angestammte Herrscherhaus nie +verurteilt, so sehr wir von der Notwendigkeit der Einverleibung Hannovers +in Preußen durchdrungen waren. Nur da, wo das Welfentum im Verhalten +einzelner seinen Schmerz nicht mit Würde trug, sondern sich in +Ungezogenheiten, Beleidigungen oder Widersetzlichkeiten gefiel, sahen wir +in ihm einen Gegner. + +Immer mehr lebten wir uns im Laufe der Jahre in Hannover ein, das in +glücklichster Weise die Vorteile einer Großstadt nicht mit den Nachteilen +einer solchen vereinigt. Eine rege, vornehme Geselligkeit, welche später, +nach dem französischen Kriege, dadurch ihren Höhepunkt erreichte, daß Ihre +Königlichen Hoheiten der Prinz Albrecht von Preußen und Gemahlin dort +jahrelang weilten, wechselte mit dem Besuch des vorzüglichen Hoftheaters +ab, der dem jungen Offizier für ein Billiges ermöglicht war. Herrliche +Parkanlagen und einer der schönsten deutschen Wälder, die Eilenriede, +umgeben die Stadt; an ihnen konnte man sich in dienstfreien Stunden zu Fuß +und zu Pferde erfreuen. Und nahmen wir an den Manövern in der Provinz +teil, anstatt zu den Herbstübungen des Gardekorps nach Potsdam zu fahren, +so lernten wir allmählich ganz Niedersachsen vom Fels zum Meer in seiner +anmutenden Eigenart kennen und schätzen. Der kleine Dienst spielte sich +auf dem Waterlooplatz ab. Dort habe ich drei Jahre hintereinander meine +Rekruten ausgebildet und in einer der an diesem Platz gelegenen Kasernen +meine erste Dienstwohnung, Wohn- und Schlafstube, innegehabt. Noch jetzt +versetze ich mich gern, wenn ich diesen Stadtteil betrete, in Gedanken in +die goldene Jugendzeit zurück. Fast alle meine damaligen Kameraden sind +schon bei der großen Armee versammelt. Meinen mehrjährigen Kompagniechef, +Major a. D. von Seel, durfte ich jedoch noch kürzlich wiedersehen. Ich +verdanke dem jetzt mehr als 80jährigen unendlich viel; war er mir doch +ganz besonders ein Vorbild und Lehrer in strengster Dienstauffassung. + +Im Sommer 1867 besuchte Seine Majestät der König zum ersten Male Hannover. +Ich stand bei der Ankunft in der Ehrenkompagnie vor dem Palais im +Georgspark und wurde von meinem Kriegsherrn durch die Frage beglückt, bei +welcher Gelegenheit ich mir den Schwerterorden verdient hätte. In spätern +Jahren, nachdem ich mir noch das Eiserne Kreuz für 1870/71 erworben hatte, +hat mein Kaiser und König die gleiche Frage noch manchesmal bei +Versetzungs- und Beförderungsmeldungen an mich gerichtet. Stets +durchzuckte es mich dann mit ebensolchem Stolz und ebensolcher Freude wie +damals. + +Immer fester fügten sich die staatlichen, militärischen und sozialen +Verhältnisse Hannovers ineinander. Bald sollte sich auch diese neue +Provinz auf blutigen Schlachtfeldern als ebenbürtiger Bestandteil Preußens +bewähren! + +Bei Ausbruch des Krieges 1870 rückte ich als Adjutant des 1. Bataillons +ins Feld. Mein Kommandeur, Major von Seegenberg, hatte die Feldzüge von +1864 und 1866 im Regiment als Kompagniechef mitgemacht. Er war ein +kriegserprobter altpreußischer Soldat von rücksichtsloser Energie und +unermüdlicher Fürsorge für die Gruppe. Unsere gegenseitigen Beziehungen +waren gute. + +Der Beginn des Feldzuges brachte für das Regiment, wie für das ganze +Gardekorps, insofern schmerzliche Enttäuschungen, als wir in wochenlangen +Märschen nicht an den Feind kamen. Erst nachdem wir bereits die Mosel +oberhalb Pont à Mousson überschritten und beinahe die Maas erreicht +hatten, riefen uns die Ereignisse westlich Metz am 17. August in die +dortige Gegend. Wir bogen nach Norden ab und trafen nach außerordentlich +anstrengendem Marsch am Abend dieses Tages auf dem Schlachtfelde von +Vionville ein. Die Spuren des furchtbaren Ringens unseres III. und +X. Armeekorps am vorhergehenden Tage traten uns allenthalben vor die +Augen. Über die Kriegslage erfuhren wir soviel wie nichts. So marschierten +wir auch am 18. August von unseren Biwakplätzen bei Hannonville westlich +Mars la Tour in eine uns noch ziemlich unklare Lage hinein und erreichten +gegen Mittag Doncourt. Der bis dorthin verhältnismäßig kurze Marsch, +ausgeführt in dichten Massenformationen unter unliebsamer Kreuzung mit dem +sächsischen (XII.) Korps, in glühender Hitze, in dichten Staubwolken, ohne +die Möglichkeit genügender Wasserversorgung seit dem vorausgehenden Tage, +war zu einer großen Anstrengung geworden. Ich selbst hatte auf dem Marsch +erst das Grab eines bei den 2. Gardedragonern gefallenen Vetters auf dem +Friedhof von Mars la Tour besucht und dann Gelegenheit genommen, über das +Angriffsfeld der 38. Infanteriebrigade und des 1. Garde-Dragoner-Regiments +zu reiten. Reihen, ja stellenweise ganze Haufen von Gefallenen, Preußen +wie Franzosen, in und nördlich einer Schlucht, bewiesen, welch ein +mörderischer Kampf hier auf den allernächsten Entfernungen geführt worden +war. + +Bei Doncourt machen wir Halt und denken ans Abkochen. Gerüchte, daß +Bazaine nach Westen abmarschiert und damit entkommen sei, verbreiten sich. +Die Begeisterung vom Vormittag ist ziemlich abgeflaut. Plötzlich beginnt +in östlicher Richtung eine gewaltige Kanonade. Das IX. Korps ist auf den +Feind gestoßen. Der Gefechtslärm belebt auch bei uns alles. Die Nerven +beginnen sich neu zu spannen, das Herz wieder stärker und freudiger zu +schlagen. Der Weitermarsch in nordöstlicher Richtung wird angetreten. Der +Eindruck, daß es sich heute um eine gewaltige Schlacht handle, verstärkt +sich von Minute zu Minute. Wir marschieren auf und erhalten in der Nähe +von Batilly den Befehl, die Fahnen zu enthüllen. Es geschieht unter +dreifachem Hurra; ein ergreifender Augenblick! Fast gleichzeitig +galoppieren Gardebatterien an uns vorbei nach Osten vor, heran an die +gegnerischen Stellungen. Immer mächtiger entwickelt sich das +Schlachtenbild. Über den Höhen von Amanweiler bis halbwegs gegen St. +Privat erheben sich dichte, schwere Wolken von Pulverdampf. In mehreren +Linien hinter- und zugleich übereinander steht dort oben feindliche +Infanterie und Artillerie. Ihr Feuer ist vorläufig mit ganzer Wucht gegen +das IX. Armeekorps gerichtet. Dies wird anscheinend auf seinem linken +Flügel vom Gegner überragt. Einzelheiten sind nicht zu erkennen. + +Um einen frontalen Angriff gegen die feindliche Stellung zu vermeiden, +wenden wir uns in einer Wiesenschlucht, etwa fünf Kilometer gleichlaufend +zur feindlichen Front, nach Norden auf Ste. Marie aux Chênes. Das Dorf +wird von der Avantgarde unserer Division und Teilen des links von uns auf +Auboué marschierenden XII. Korps angegriffen und besetzt. Nach Gewinnung +von Ste. Marie marschiert unsere Brigade dicht südlich des Dorfes, mit der +Front nach diesem, auf. Wir ruhen. Freilich eine eigenartige Ruhe. +Verirrte Kugeln aus St. Privat vorgeschobener feindlicher Schützen +schlagen ab und zu in unsere dicht geschlossenen Formationen ein. Leutnant +von Helldorff, vom 1. Garderegiment, wird in meiner Nähe erschossen; sein +Vater, Bataillonskommandeur im gleichen Regiment, war 1866 bei Königgrätz +in Rosberitz auch unweit von mir gefallen. Mehrere Leute werden verwundet. + +Ich betrachte mir die Lage. In östlicher Richtung, fast in der rechten +Flanke unserer jetzigen Front, liegt auf einer allmählich ansteigenden +Höhe St. Privat, mit dem etwa zwei Kilometer entfernten Ste. Marie aux +Chênes durch eine gradlinige, mit Pappeln bestandene Chaussee verbunden. +Das Gelände nördlich dieser Straße ist durch die Baumreihen großenteils +der Sicht entzogen, macht aber den gleichen deckungslosen Eindruck, wie +das Feld südlich der Chaussee. Auf den Höhen selbst herrscht eine fast +unheimliche Stille. Unwillkürlich strengt sich das Auge an, dort vermutete +Geheimnisse zu entdecken. Ihnen durch Aufklärung den Schleier zu nehmen, +scheint man auf unserer Seite nicht für nötig zu halten. So bleiben wir +denn ruhig liegen. + +Gegen 5½ Uhr nachmittags trifft unsere Brigade der Angriffsbefehl. Wir +sollen hart östlich Ste. Marie vorbei in nördlicher Richtung antreten und +dann jenseits der Chaussee gegen St. Privat zum Angriff einschwenken. Das +Bedenken, daß diese künstliche Bewegung von St. Privat her in der rechten +Flanke gefaßt würde, drängt sich sofort auf. + +Kurz bevor sich unsere Bataillone erheben, wird das ganze Gelände um St. +Privat lebendig und hüllt sich in den Qualm feuernder französischer +Linien. Die nicht zu unserer Division gehörige 4. Gardebrigade geht +nämlich bereits südlich der Chaussee vor. Gegen sie wendet sich daher +vorläufig die ganze Kraft der gegnerischen Wirkung. Diese Truppe würde in +kürzester Zeit zur Schlacke ausbrennen, wenn wir, die 1. Gardebrigade, +nicht baldmöglich nördlich der Chaussee angreifen und dadurch Entlastung +schaffen würden. Freilich, dort hinüberzukommen, erscheint fast unmöglich. +Mein Kommandeur reitet mit mir vor, um das Gelände einzusehen und dem +Bataillon im Rahmen der Brigade die Marschrichtung anzugeben. Ein +ununterbrochener Feuerorkan fegt jetzt auch gegen uns über das ganze Feld. +Doch wir müssen versuchen, die eingeleitete Bewegung durchzuführen. Es +gelingt uns auch, die Straße zu überschreiten. Jenseits dieser nehmen die +sich dicht drängenden Kolonnen Front gegen die feindlichen Feuerlinien und +stürzen, sich auseinanderziehend, vorwärts gegen St. Privat. Alles strebt +danach, so nahe als möglich an den Gegner heranzukommen, um die dem +Chassepot gegenüber minderwertigen Gewehre brauchen zu können. Der Vorgang +wirkt ebenso erschütternd wie imponierend. Hinter den wie gegen ein +Hagelwetter vorstürmenden Massen bedeckt sich das Gelände mit Toten und +Verwundeten, aber die brave Truppe drängt unaufhaltsam vorwärts. Immer und +immer wieder wird sie von ihren Offizieren und Unteroffizieren, die bald +von den tüchtigsten Grenadieren und Füsilieren ersetzt werden müssen, auf- +und vorgerissen. Ich sehe im Vorbeireiten, wie der Kommandierende General +des Gardekorps, Prinz August von Württemberg, zu Pferde am Ortsausgang von +Ste. Marie haltend, die gewaltige Krisis verfolgt, in die seine herrlichen +Regimenter sich hineinstürzen, um darin vielleicht zugrunde zu gehen. Ihm +gegenüber soll der Marschall Canrobert am Eingange von St. Privat +gestanden haben. + +Um sein Bataillon aus der Anstauung der Massen nordöstlich Ste. Marie +herauszubringen und ihm die für den Kampf notwendige Armfreiheit zu +schaffen, läßt mein Kommandeur dasselbe nicht gleich die Front auf St. +Privat nehmen, sondern setzt mit ihm zunächst in einer Falte des Geländes +die bisherige nördliche Bewegung fort. So schieben wir uns in leidlicher +Deckung so weit seitlich heraus, daß wir nach dem Einschwenken den linken +Flügel der Brigade bilden. In diesem Verhältnis gelangen wir unter +zunehmenden Verlusten in die Gegend halbwegs Ste. Marie-Roncourt. + +Bevor wir uns von hier aus zu einer Umfassung von St. Privat anschicken +können, müssen wir bei Roncourt, das die Sachsen von Auboué aus noch nicht +erreicht zu haben scheinen, klar sehen. Ich reite hin, finde das Dorf von +Freund und Feind unbesetzt, bemerke aber in den Steinbrüchen östlich des +Dorfes französische Infanterie. Es gelingt mir, noch rechtzeitig zwei +Kompagnien meines Bataillons nach Roncourt zu führen. Bald darauf +unternimmt der Gegner einen Angriff aus den Steinbrüchen, welcher +abgewiesen wird. Nunmehr können sich die beiden andern Kompagnien ohne +Besorgnis für Flanke und Rücken gegen den Nordeingang von St. Privat +wenden, um dem schweren frontalen Kampf der übrigen Teile der Brigade +wenigstens eine geringe Entlastung zu bringen. Später, nachdem Roncourt +von Teilen des XII. Korps besetzt worden ist, ziehen sich auch unsere +beiden dort verwendeten Kompagnien heran. + +In der Front nimmt unterdessen das blutige Ringen seinen Fortgang. Von +feindlicher Seite aus ein ununterbrochen rollendes Infanteriefeuer aus +mehreren Linien, das alles Leben auf dem weiten, deckungslosen +Angriffsfeld niederzudrücken versucht. Auf unserer Seite eine lückenreiche +Linie loser Truppentrümmer, die sich aber nicht nur am Boden festkrallen, +sondern wie in krampfhaften Zuckungen sich immer wieder auf den Gegner zu +stürzen versuchen. Mit verhaltenem Atem sehe ich auf diese Schlachtszenen, +aufs äußerste gespannt, ob nicht ein feindlicher Gegenstoß unsere Truppen +wieder zurückschleudern würde. Doch die Franzosen bleiben bis auf einen +nicht über das erste Anreiten hinauskommenden Versuch, mit Kavallerie +nördlich um St. Privat herum vorzubrechen, starr in ihren Stellungen. + +Eine Atempause im Infanteriekampf tritt ein. Beide Teile sind erschöpft +und liegen sich, nur wenig feuernd, gegenüber. Die Waffenruhe auf dem +Schlachtfelde ist so ausgesprochen, daß ich vom linken Flügel bis fast zur +Mitte der Brigade und zurück in der Feuerlinie entlang reite, ohne das +Gefühl einer Gefahr zu haben. Aber dann beginnt die Zermürbungsarbeit +unserer vorgezogenen Artillerie, und bald schieben sich außerdem die +frischen Kräfte der 2. Gardebrigade von Ste. Marie her in die im Verbluten +begriffenen Reste der 4. und 1. ein, während von Nordwesten auch +sächsische Hilfe naht. Der Druck, der auf der schwer ringenden Infanterie +lag, wird fühlbar leichter. Wo eine Zeitlang nur Tod und Verderben zu sein +schien, rührt sich neues Kampfesleben, zeigt sich neuer Kampfeswille, der +schließlich im Sturm auf den Feind seinen heldenhaften Abschluß findet. Es +ist ein unbeschreiblich ergreifender Augenblick, als sich bei sinkender +Abendsonne unsere vordersten Kampflinien zum letzten Vorbrechen erheben. +Kein Befehl treibt sie an, das gleiche seelische Empfinden, der eherne +Entschluß zum Erfolg, ein heiliger Kampfesgrimm drängt nach vorwärts. +Dieser unwiderstehliche Zug reißt alle mit sich fort. Das Bollwerk des +Gegners stürzt bei Einbruch der Dunkelheit. Ein ungeheuerer Jubel +bemächtigt sich unser. + +Als ich spät Abends die Reste unseres Bataillons zählte und dann am andern +Morgen die noch viel schwächern Trümmer der übrigen Teile meines +Regimentes wiedersah, als die innere Abspannung eintrat, da kamen weichere +Seiten menschlichen Gefühles zu ihrer Geltung. Man denkt dann nicht nur an +das, was im Kampfe gewonnen wurde sondern auch an das, was dieser Erfolg +gekostet hat. Das 3. Garderegiment hatte einen Gesamtverlust von +36 Offizieren, 1060 Unteroffizieren und Mannschaften aufzuweisen, davon +tot 17 Offiziere und 304 Mann. Ähnliche Zahlen ergaben sich bei allen +Garde-Infanterie-Regimentern. Im Verlauf des letzten großen Krieges sind +Gefechtsverluste in der Höhe, wie sie die Garde bei St. Privat erlitten, +innerhalb unserer Infanterieregimenter häufig geworden. Ich konnte aus +meinen damaligen Erfahrungen ermessen, was das für die Truppe bedeutet. +Welch eine Masse bester, vielfach unersetzlicher Kräfte sinken da ins +Grab! Welch ein herrlicher Geist muß aber andererseits in unserem Volke +lebendig gewesen sein, um trotzdem in jahrelangem Ringen unsere Armee +weiter kampfkräftig zu erhalten! + +Am 19. August begruben wir unsere Toten, und am 20. nachmittags +marschierten wir nach Westen ab. Unser Divisionskommandeur, +Generalleutnant von Pape, sprach uns unterwegs seine Anerkennung für +unsere Erfolge aus und betonte, daß wir damit aber nur unsere Pflicht und +Schuldigkeit getan hätten. Er schloß mit den Worten: „Im übrigen gilt für +uns der alte Soldatenspruch: Ob tausend zur Linken, ob tausend zur +Rechten, ob alle Freunde sinken, wir wollen weiterfechten!“ Ein donnerndes +Hurra auf Seine Majestät den König war unsere Antwort. + +Welche militärische Kritik man auch an den Kampf um St. Privat anlegen +mag, er verliert jedenfalls dadurch nichts von seiner inneren Größe. Sie +liegt in dem Geiste, in dem die Truppe die stundenlange furchtbare Krisis +ertrug und schließlich siegreich überwand. Dieses Gefühl war für uns in +der Erinnerung an den 18. August fortan ausschlaggebend. Die ernste +Stimmung, die sich durch die Schlacht unserer Mannschaften bemächtigt +hatte, verflüchtigte sich bald; dafür erhielt sich der Stolz auf die +persönlichen Leistungen und die Taten der Gesamtheit bis auf den heutigen +Tag. Noch im Jahre 1918 feierte ich, wieder auf feindlichem Boden, den Tag +von St. Privat mit dem 3. Garderegiment, dem ich dank der Gnade meines +Königs wieder angehörte. Mehrere „alte Herren“, Mitkämpfer von 1870, +darunter auch der früher erwähnte Major a. D. von Seel, waren zu dem +Gedenktag aus der Heimat an die Front geeilt. Es war das letztemal, daß +ich das stolze Regiment gesehen habe! + +Wie ich höre, sind die Denkmäler der preußischen Garde auf den Höhen von +St. Privat jetzt von unseren Gegnern niedergerissen worden. Sollte dies +wirklich wahr sein, so glaube ich nicht, daß solche Tat geeignet ist, +deutsches Heldentum zu erniedrigen. Vielfach habe ich deutsche Offiziere +und Soldaten vor französischen Kriegsdenkmälern, auch wenn sie auf +deutschem Boden standen, in stiller Ehrung weilen sehen und ihnen die +Achtung vor gegnerischen Leistungen und Opfern nachempfunden. + +Nach der Schlacht übernahm mein Bataillonskommandeur als der einzige +unverwundete Stabsoffizier die Führung des Regiments. Ich blieb auch in +der neuen Stellung sein Adjutant. + +Der Verlauf derjenigen Operation, die bei Sedan ihren denkwürdigen +Abschluß fand, brachte wenig Bemerkenswertes für mich. Das Vorspiel, die +Schlacht bei Beaumont, durchlebten wir am 30. August in der Reserve +stehend nur als Zuschauer. Auch am 1. September verfolgte ich den Gang der +Schlacht vornehmlich in der Rolle eines Beobachters. Das Gardekorps +bildete den nordöstlichen Teil des eisernen Ringes, der sich im Laufe des +Tages um die Armee Mac Mahons schloß. Die 1. Gardebrigade stand im +besondern von morgens bis nachmittags hinter den östlich des Grundes von +Givonne gelegenen Höhen abwartend bereit. Ich benutzte diese Untätigkeit +dazu, mich zu den am Höhenrande in langer Linie aufgefahrenen +Gardebatterien zu begeben, welche ihre Geschosse über den Grund hinweg in +die auf den jenseitigen, meist bewaldeten Höhen stehenden Franzosen +schleuderten. Von hier hatte man einen beherrschenden Blick auf die ganze +Gegend vom Ardenner Wald bis zum Abfall gegen die Maas. Im besondern lag +das Höhengelände von Illy und die französische Stellung westlich des +Givonne-Baches einschließlich des Bois de la Garenne zum Greifen nahe vor +mir. Die Katastrophe der französischen Armee entwickelte sich also +geradezu vor meinen Augen. Ich konnte verfolgen, wie der deutsche +Feuerkreis sich allmählich um den unglücklichen Gegner schloß, und wie die +Franzosen heldenhafte, aber von Anbeginn an völlig aussichtslose Versuche +machten, durch einzelne Vorstöße unsere Umklammerung zu durchbrechen. Für +mich hatte der Kampf noch ein besonderes Interesse. Am Tage vor der +Schlacht hatte ich nämlich beim Durchmarsch durch Carignan von einem +gesprächigen französischen Sattler, bei dem ich mir im Vorbeireiten eine +Reitpeitsche kaufte, erfahren, daß der französische Kaiser bei seiner +Armee sei. Ich meldete dies weiter, fand aber keinen Glauben. Als ich am +Schlachttage angesichts der sich immer mehr vollendenden feindlichen +Vernichtung die Äußerung tat: „In diesem Kessel befindet sich auch +Napoleon“, wurde ich ausgelacht. Mein Triumph, als sich später meine +Ansicht bestätigte, war groß. + +Mein Regiment kam an diesem Tage nicht zu einer größeren +Gefechtstätigkeit. Wir folgten gegen 3 Uhr nachmittags dem +1. Garderegiment über den Givonne-Abschnitt. Zu diesem Zeitpunkt war dem +französischen Widerstand durch unsere von allen Seiten wirkende Artillerie +schon die Waffe aus der Hand geschlagen worden. Es handelte sich +eigentlich nur noch darum, den Feind gegen Sedan zusammenzupressen, um ihm +die Aussichtslosigkeit weiteren Widerstandes recht nachdrücklich vor die +Augen zu führen. Die Vernichtungsbilder, die ich bei diesem Vorgehen an +dem Nordostrand des Bois de la Garenne sah, übertrafen alle Schrecken, die +mir je auf Schlachtfeldern entgegengetreten sind. + +Schon zwischen 4 und 5 Uhr richteten wir uns in unsern Biwaks ein. Die +Schlacht war beendet. Nur ein Gewehrschuß fiel noch gegen Abend und eine +Kugel pfiff über uns hinweg. Als wir zum Waldrand aufblickten, schwang +dort ein Turko mit drohender Gebärde sein Gewehr und verschwand dann mit +langen Sätzen im Dunkel der Bäume. + +Niemals, vorher wie nachher, habe ich die Nacht auf einem Schlachtfeld mit +dem Gefühle gleicher restloser Befriedigung verbracht, wie hier. Träumte +doch jeder, nachdem das „Nun danket alle Gott“ verklungen war, von einem +baldigen Kriegsende. Hierin wurden wir freilich bitter enttäuscht. Der +Krieg ging weiter. Diese Fortsetzung des französischen Widerstandes nach +der Schlacht von Sedan hat man bei uns oft nur als eine unnütze +französische Selbstzerfleischung angesehen. Ich konnte diesem Urteil nicht +beipflichten und habe dem Weitblick der damaligen Diktatoren den Beifall +nicht versagen können. Zeigte sich doch darin, daß die französische +Republik die Waffen da aufnahm, wo das Kaiserreich sie niederzulegen +gezwungen war, meiner Ansicht nach nicht nur ein vorbildlicher +patriotischer Geist sondern auch ein weiter staatsmännischer +Zukunftsblick. Ich glaube noch heute, daß Frankreich mit einem Versagen +seines Widerstandswillens in diesem Augenblick den größten Teil seiner +völkischen Würde und damit die Aussichten auf eine bessere Zukunft +preisgegeben hätte. + +Der 2. September brachte uns vormittags den Besuch des Kronprinzen, dem +wir die erste Nachricht von der Gefangennahme Napoleons und seiner Armee +verdankten, und nachmittags den unseres Königs und Kriegsherrn. Von dem +beispiellosen Jubel, mit dem der Monarch empfangen wurde, vermag man sich +kaum eine Vorstellung zu machen. Die Mannschaften waren nicht in Reih und +Glied zu halten. Sie umringten ihren heißgeliebten Herrn und küßten ihm +Hände und Füße. Seine Majestät sah seine Garden zum ersten Male in diesem +Feldzuge; er dankte uns tränenden Auges für das, was wir bei St. Privat +geleistet hatten. Das war reicher Lohn für jene schweren Stunden! Im +Gefolge des Königs befand sich auch Bismarck. Er ritt in olympischer Ruhe +am Ende der Kavalkade, wurde aber erkannt und bekam ein besonderes Hurra, +das er schmunzelnd entgegennahm. Moltke war nicht zugegen. + +Am 3. September mittags bekam mein Regiment Befehl, gegen Sedan vorzugehen +und alle noch außerhalb der Festung befindlichen Franzosen in diese +hineinzudrängen. Hierdurch sollte verhindert werden, daß die sich +zahlreich im Vorgelände herumtreibenden Gegner verleitet würden, die +massenhaft umherliegenden Gewehre zu ergreifen und einen, wenn auch +aussichtslosen Durchbruchsversuch zu wagen. Ich ritt voraus durch das Bois +de la Garenne bis auf die Höhen dicht über der Stadt. Die die Landschaft +belebenden Rothosen erwiesen sich als harmlose Sucher nach Mänteln und +Decken, welche sie in die Gefangenschaft mitnehmen wollten. Das Eingreifen +des Regiments wurde daher unnötig; einige Patrouillen anderer +Truppenteile, die in der Nähe biwakierten, genügten. Als ich dem mir +nachfolgenden Regiment mit dieser Meldung entgegenritt, sah ich im Gehölz +auf der nach Norden führenden Chaussee eine Staubwolke. Ein französischer +Militärarzt, der vor der in ein Lazarett umgewandelten Querimont-Ferme +stand und mich ein Stück Weges begleitete, sagte mir, daß sich in dieser +Staubwolke der Kaiser Napoleon, begleitet von Schwarzen Husaren, befände, +um nach Belgien zu fahren. Wäre ich nur zwei Minuten eher an die Straße +gekommen, dann hätte ich Zeuge dieses historischen Augenblicks sein +können. + +Am Abend dieses Tages verließen wir das Schlachtfeld und rückten in nahe +Quartiere. Von diesen aus traten wir dann nach einem Ruhetage den +Vormarsch auf Paris an. Dieser führte uns zunächst über das Schlachtfeld +von Beaumont und später durch Gegenden, welche im letzten großen Kriege +der Schauplatz schwerer Kämpfe gewesen sind. Am 11. und 12. September lag +das Regiment in Craonne und Corbény, zwei freundlichen Städtchen am Fuße +des Winterberges. Und am 28. Mai 1918 stand ich während der Schlacht bei +Soissons-Reims neben meinem Allerhöchsten Kriegsherrn auf ebendemselben +Winterberge. Ich machte Seine Majestät darauf aufmerksam, daß ich vor +48 Jahren dort unten im Quartier gelegen hätte. Von den beiden Orten waren +kaum noch Trümmer übriggeblieben. Das Haus, in welchem ich an der +Marktecke in Corbény gewohnt hatte, war unter Schutt und Asche nicht mehr +herauszufinden. Auch der Winterberg, 1870 ein grüner, teilweise bewaldeter +Rücken, zeigte nur kahle, steile Kalkhänge, von denen Geschosse, Hacke und +Spaten die letzte Erdkrume entfernt hatten. Ein bei aller damaliger +Siegesfreude trauriges Wiedersehen! + +Am 19. September sahen wir von der Hochfläche bei Gonesse aus, 8 km +nordöstlich St. Denis, zum ersten Male die französische Hauptstadt. Die +vergoldeten Kuppeln des Invalidendoms und anderer Kirchen funkelten im +Morgensonnenstrahl. Ich glaube, daß die Kreuzfahrer einst mit ähnlichen +Gefühlen auf Jerusalem geblickt haben, wie wir jetzt auf das zu unseren +Füßen liegende Paris. Früh um 3 Uhr waren wir im Dunkeln aufgebrochen und +lagen nun den ganzen schönen Herbsttag über auf den Stoppelfeldern zum +Eingreifen bereit, im Falle bei uns oder den Nachbardivisionen das +Besetzen und Einrichten der Vorpostenstellungen auf Schwierigkeiten stoßen +sollte. Erst am späten Nachmittag durften wir in die Quartiere einrücken. +Wir lagen in der nächsten Zeit in Gonesse, welches übrigens dadurch +historischen Wert erlangt hat, daß dort 1815 Blücher und Wellington beim +Eintreffen vor Paris zusammengekommen waren, um über die Fortführung der +Operationen zu beraten. + +Statt eines baldigen vollen Erfolges hatten wir vor Paris noch monatelang +recht anstrengenden und undankbaren Einschließungsdienst auszuüben, der an +unserer Front nur selten durch kleinere Ausfallgefechte unterbrochen +wurde. In die Eintönigkeit solcher Tätigkeit brachte erst die +Weihnachtszeit mit der Beschießung der Forts eine militärisch belebende +Zugluft. + +Die Mitte des Januar brachte dann für mich ein besonderes Erleben. Ich +wurde mit einem Sergeanten als Vertreter des Regiments zur +Kaiserproklamation nach Versailles entsandt. Den Befehl hierzu bekam ich +am 16. Januar abends. Noch in dieser Nacht hatte ich mich in dem 15 km +entfernten Margency einzufinden, woselbst vom Oberkommando der Maas-Armee +für die Unterbringung aller aus östlichen Quartieren kommenden Abordnungen +gesorgt war. Von dort sollten wir uns am 17. über St. Germain nach +Versailles begeben. Zu Pferde konnte ich den etwa 40 km weiten Weg nicht +zurücklegen, weil ich Gepäck mit mir führen mußte. Da setzte ich mich denn +mit meinem Sergeanten und Burschen kurz entschlossen auf den Packwagen der +Leibkompagnie des 1. Garderegiments, die mit mir im gleichen Ort lag und +auch nach Versailles befohlen war. Im Schritt ging es so bei starker Kälte +durch nächtliche Finsternis nach Margency, wo uns in einer Villa geheizte +Kamine, gutes Strohlager und Tee erwarteten. + +Am 18. früh eröffnete mir der Führer der Leibkompagnie, daß er soeben +angewiesen sei, nicht nach Versailles zu marschieren sondern zum Regiment +zurückzukehren. Glücklicherweise nahm mich und meinen Burschen ein anderer +Kamerad mit auf seinen zweiräderigen Wagen, und auch mein Sergeant fand +irgendwo freundliche Aufnahme. So trabten wir denn an klarem Wintermorgen +unserm nächsten Ziele, St. Germain, entgegen. Aber mit des Geschickes +Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten. Unser vollgepackter Dogcart +verlor plötzlich ein Rad, und wir lagen vollzählig auf der Landstraße. Zum +Glück fanden wir bald in einem Ort eine Feldschmiede, die den Schaden +beseitigte, so daß wir uns in St. Germain bei einem Frühstück in dem auf +der Terrasse über der Seine herrlich gelegenen „Pavillon d’Henri quatre“ +den übrigen Mitreisenden wieder anschließen konnten. Ein eigentümlicher +Wagenzug war es, der dann im Strahl der untergehenden Sonne seinen Einzug +in Versailles hielt. Alle Arten von Fahrzeugen waren vertreten, wie man +sie in den Schlössern, Villen und Bauernhöfen um Paris auftreiben konnte. +Den meisten Eindruck machte ein Kartoffelwagen, dessen Inhaber zur Feier +des Tages rechts und links von seinem Sitz eine große preußische Fahne – +deutsche gab es ja noch nicht – aufgezogen hatte. Bald nahm mich ein gutes +Quartier bei einer freundlichen alten Dame in der Avenue de Paris auf, und +der Abend vereinigte uns zu einem langentbehrten Souper im Hotel des +Reservoirs. + +Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war für mich reich an +Eindrücken. Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte +selbstredend die Person meines Allergnädigsten Königs und Herrn. Seine +ruhige, schlichte, alles beherrschende Würde gab der Feier eine größere +Weihe als aller äußere Glanz. Die herzenswarme Begeisterung für den +erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen +Volksstamme sie auch angehörten, gleich groß. Die Freude über das +„Deutsche Reich“ brachten wohl unsere süddeutschen Brüder am lebhafteren +zum Ausdruck. Wir Preußen waren darin zurückhaltender, aus historischen +Gründen, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon hatten erkennen +lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff war. Das sollte +fortan anders werden! + +Am Abend des 18. waren die in Versailles anwesenden Generale zur Tafel bei +Seiner Majestät dem Kaiser in der Präfektur befohlen. Wir übrigen waren +Gäste des Kaisers im Hotel „de France“. + +Der 19. Januar begann mit einer Besichtigung des alten französischen +Königsschlosses mit seiner stolzen, den Ruhm Frankreichs verewigenden +Gemäldesammlung. Auch der weitausgedehnte Park wurde besucht. Da rief uns +plötzlich Kanonendonner in die Stadt zurück. Die Besatzung von Versailles +war bereits alarmiert und im Ausmarsch begriffen. Es handelte sich um den +großen Ausfall der Franzosen vom Mont Valerien her. Wir beobachteten den +Kampfverlauf eine Zeitlang als Schlachtenbummler. Nachmittags traten wir +dann die Rückfahrt an, und spät in der Nacht erreichte ich wieder mein +Regimentsstabsquartier Villers le Bel, 8 km nördlich St. Denis, dankbar +dafür, daß ich den großen geschichtlichen Augenblick hatte miterleben und +meinem nunmehrigen Kaiser zujubeln dürfen. + +Der vergebliche Ausfall vom Mont Valerien war die letzte große +Kraftäußerung Frankreichs. Ihm folgte am 26. die Kapitulation von Paris +und am 28. der allgemeine Waffenstillstand. Gleich nach der Übergabe der +Forts wurde unsere Brigade westwärts in die zwischen dem Mont Valerien und +St. Denis gelegene Seinehalbinsel geschoben. Wir bezogen gute, schön +gelegene Quartiere hart am Flußufer, Paris gegenüber in der Nähe des Pont +de Neuilly. + +Von dort aus hatte ich Gelegenheit, Paris wenigstens oberflächlich +kennenzulernen. Am 2. März morgens ritt ich in Begleitung einer +Gardehusaren-Ordonnanz über die eben genannte Brücke nach dem +Triumphbogen. Ich umging diesen ebensowenig wie am Tage vorher mein +Freund, der damalige Husarenleutnant von Bernhardi, der als erster in +Paris einrückte. Dann ritt ich die Champs Elysées herunter über die Place +de la Concorde und durch die Tuilerien bis hinein in den Hof des Louvre, +schließlich an der Seine entlang und durch den Bois de Boulogne wieder +nach Hause. Ich ließ auf diesem Wege die geschichtlichen Denkmäler einer +reichen gegnerischen Vergangenheit auf mich wirken. Die wenigen Einwohner, +die sich zeigten, bewahrten eine gemessene Haltung. + +So wenig ich geneigt bin, einem Kosmopolitismus zu huldigen, so weit +entfernt war ich stets von Voreingenommenheit andern Völkern gegenüber; +trotz aller wesensfremden Eigenschaften verkannte ich ihre guten Seiten +nicht. So hat das französische Volk zwar für mich ein zu lebhaftes und +daher zu rasch wechselndes Temperament; andererseits aber finde ich in dem +Elan, der gerade in schwersten Zeiten in diesem Volke ganz einzigartig +lebendig werden kann, einen besondern Vorzug. Vor allem schätze ich es, +daß kraftvolle Persönlichkeiten so hinreißend auf die Masse zu wirken und +sie derartig in ihren Bannkreis zu ziehen vermögen, daß die französische +Nation imstande ist, aus Hingabe zu einem vaterländischen Ideal jegliche +Art von Sonderinteressen bis zur völligen Hinopferung zurückzustellen. In +eigenartigem Gegensatz hierzu steht das im letzten großen Kriege oft bis +zum Sadismus gesteigerte und daher nicht durch zu lebhaftes Temperament +entschuldbare Verhalten der Franzosen gegen wehrlose Gefangene. + +Am Tage nach meinem Besuch in Paris hatte das Gardekorps die hohe Ehre und +unendliche Freude, vor seinem Kaiser und König auf den Longchamps in +Parade zu stehen. In alter preußischer Strammheit defilierten die +kampferprobten Regimenter vor ihrem Kriegsherrn, auf dessen Befehl sie +jederzeit bereit waren, erneut ihr Leben für den Schutz und die Ehre des +Vaterlandes einzusetzen. Zu einem wirklichen Einzug in Paris, wie er +vorher andern Armeekorps beschieden gewesen war, kam es für uns nicht +mehr, weil inzwischen der Präliminarfriede abgeschlossen war und +Deutschland den in ehrlichem Kampfe besiegten Gegner nicht den Kelch der +Demütigung bis auf die Neige leeren lassen wollte. + +Festlich begingen wir dann auch vor Paris am 22. März den Geburtstag +Seiner Majestät. Es war ein herrlicher, warmer Frühlingstag mit +Feldgottesdienst im Freien, Salutschießen der Forts und Festessen der +Offiziere und Mannschaften. Die frohe Aussicht, nach treu erfüllter +Pflicht nun bald in die Heimat zurückkehren zu können, ließ die Stimmung +doppelt gehoben sein. + +Aber ganz so früh, als wir hofften, sollten wir Frankreich nicht +verlassen. Wir mußten vielmehr zunächst noch an der Nordfront von Paris in +und bei St. Denis stehenbleiben und wurden dort Zeugen des Kampfes der +französischen Regierung gegen die Kommune. + +Die erste Entwickelung der neuen revolutionären Ereignisse hatten wir +schon während der Belagerung verfolgen können. Die Zuchtlosigkeit extremer +politischer Kreise dem Gouverneur von Paris gegenüber war uns bekannt. Als +die Waffenruhe eintrat, begann die umstürzlerische Bewegung sich immer +mehr hervorzuwagen. Bismarck hatte den französischen Machthabern +zugerufen: „Sie sind durch die Revolution emporgekommen, eine neue +Revolution wird Sie wieder wegfegen.“ Er schien recht behalten zu sollen. + +Im allgemeinen war unser Interesse an diesen umstürzlerischen Vorgängen +anfänglich gering. Erst von Mitte März ab, als die Kommune die Herrschaft +an sich zu reißen begann, und die Entwickelung immer mehr zum offenen +Kampfe zwischen Versailles und Paris drängte, erhöhte sich unsere +Aufmerksamkeit. Zeitungen und Flüchtlinge unterrichteten uns über die +Vorgänge im Inneren der Stadt. Während nunmehr deutsche Korps Frankreichs +Hauptstadt im Norden und Osten gewissermaßen als Verbündete der +Regierungstruppen absperrten, gingen letztere in langwierigen Kämpfen von +Süden und Westen her zum Angriff auf Paris über. Die Ereignisse außerhalb +der Festungsumwallung konnte man am besten von den Höhen bei Sannois, 6 km +nordwestlich von Paris an der Seine gelegen, beobachten. Geschäftsgewandte +Franzosen hatten dort Fernrohre aufgestellt, die sie den deutschen +Soldaten gegen Entgelt für Beobachtung des Dramas eines Bürgerkrieges zur +Benutzung überließen. Ich selbst machte hiervon keinen Gebrauch, sondern +beschränkte mich darauf, gelegentlich des täglichen Befehlsempfanges in +St. Denis entweder aus einem hochgelegenen Fenster des dortigen Gasthofes +„Cerf d’or“ oder durch Vorreiten auf der langgestreckten Seineinsel bei +St. Denis Einblick in die Lage in Paris zu gewinnen. Mächtige +Feuersbrünste zeigten von Ende April ab, wohin der Kampf im Inneren der +Stadt treiben würde. Ich erinnere mich, daß ich besonders am 23. Mai den +Eindruck hatte, als ob das ganze innere Paris der Vernichtung anheimfiele. +Die Lage in der Stadt wurde von den herausströmenden Flüchtlingen in den +krassesten Farben geschildert. Die Tatsachen scheinen hinter diesen +Erzählungen auch nicht zurückgeblieben zu sein. Brandstiftung, Plünderung, +Geiselmord, kurz, alle jetzt als bolschewistisch angesprochenen +Krankheitserscheinungen eines im Kriege zusammengebrochenen Staatskörpers +traten schon damals auf. Die Drohung eines freigelassenen kommunistischen +Führers: „Die Regierung hatte nicht den Mut, mich erschießen zu lassen, +aber ich werde den Mut haben, die Regierung zu füsilieren“ sollte +anscheinend verwirklicht werden. Wie völlig das sonst so starke und +empfindliche französische Nationalgefühl bei den Kommunisten ausgelöscht +war, zeigt deren Erklärung: „Wir rühmen uns angesichts des Gegners, +unserer Regierung die Bajonette in den Rücken zu stoßen.“ Man sieht, daß +das bolschewistische Weltverbesserungsverfahren, wie es in der neuesten +Zeit auch bei uns auftrat, nicht einmal Anspruch auf Originalität machen +kann. + +Aus dem hochgelegenen Fenster in St. Denis sah ich schließlich eines Tages +das Ende der Kommune mit an. Außerhalb des Hauptwalles von Paris +vorgehende Regierungstruppen umgingen den Montmartre westlich und +erstürmten bald darauf über dessen damals noch unbebauten Nordhang hinweg +die weit beherrschende Höhe, das letzte Bollwerk des Aufstandes. + +Ich betrachte es als eine bittere Ironie des Schicksals, daß die einzige +politische Partei Europas, die damals, wie ich wohl annehmen darf, in +völliger Verkennung der wahren Vorgänge diese Bewegung verherrlichte, zur +Zeit in unserem Vaterlande gezwungen ist, mit aller Schärfe gegen +kommunistische Bestrebungen vorzugehen. Es ist dies ein Beweis dafür, +wohin doktrinäre Einseitigkeiten führen, bis die praktische Erfahrung +aufklärend eingreift. + +Mit dem warnenden Beispiel der zuletzt geschilderten Vorgänge im Herzen +kehrten wir Anfang Juni der Hauptstadt Frankreichs den Rücken und trafen +nach dreitägiger Eisenbahnfahrt in unserem glücklicheren, siegreichen +Vaterlande ein. + +Der Einzug in Berlin erfolgte diesmal vom Tempelhofer Felde aus. Vertreter +aller deutschen Truppenteile waren neben dem Gardekorps hierbei beteiligt. +Die Hoffnung auf einen siegreichen dritten Einzug durch das Brandenburger +Tor, die ich nicht meinetwegen sondern um meines Kaisers und Königs und um +des Vaterlandes willen lange im innersten Herzensgrunde gehegt hatte, +sollte nicht in Erfüllung gehen! + + + + + Friedensarbeit + + +Mit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom +französischen Boden in die Heimat zurückgekehrt. Mit dem einigen Vaterland +war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die +staatlichen Sonderheiten nur oberflächliche Abweichungen bedingt hatten. +Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab +ebenso gewährleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der +Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natürlichen Verlauf der deutschen +Entwicklung, daß die preußischen Erfahrungen und Einrichtungen für den +weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden. + +Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb für die +nächsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu +einer höheren militärischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie +vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese. + +Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit +Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem +Gebiet der Militärwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter +Kriegskunst und früherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu +mußten wir zwangsweise Mathematik hören, die nur ganz wenige von uns +später als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die +beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den +Zwischenkursen brachten dem vorwärtsstrebenden jungen Offizier volle +Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben +dem schon früher erwähnten Major von Wittich den Oberst Keßler und den +Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat +Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit +reichbegabten Altersgenossen, wie den spätern Generalfeldmarschällen von +Bülow und von Eichhorn sowie dem späteren General der Kavallerie von +Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich. + +Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei. +Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Königlichen Hoheit des +Prinzen Alexander von Preußen herangezogen zu werden, und kam dadurch +nicht nur mit hohen Militärs sondern auch mit Männern der Wissenschaft +sowie des Staats- und Hofdienstes in Berührung. + +Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunächst +für ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurück und wurde dann im +Frühjahr 1877 zum Großen Generalstab kommandiert. + +Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter +Beförderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem +Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann +meine militärische Laufbahn außerhalb der Truppe, zu welch letzterer ich +bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurückkehrte. + +Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefüge innerhalb des +Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen +Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe +geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des +Feldmarschalls Graf Moltke, stützte. Durch die Friedensschulung der +Generalstabsoffiziere war die Gewähr geschaffen, daß im Kriegsfalle ein +einheitlicher Zug alle Führerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum +alle Führergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die +Führung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr +in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der +militärischen und persönlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die +erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persönlichkeit +und das individuelle Handeln vor der Öffentlichkeit zurücktreten zu +lassen. Er mußte ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen. + +Ich glaube, daß es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit +verstanden hat, seine außerordentlich schwere Aufgabe zu erfüllen. Seine +Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, mögen auch Fehler und Irrtümer +im einzelnen vorgekommen sein. Ich wüßte kein ehrenderes Zeugnis für ihn, +als daß die Gegner seine Auflösung durch die Friedensbedingungen gefordert +haben. + +Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet. +Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Tätigkeit so +beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden +Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben höherem +Gedankenflug gewissenhafte Beschäftigung mit aller möglichen Kleinarbeit +erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der +durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier +nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil für die Truppe wurde. + +Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als jüngsten +Generalstabsoffizier natürlich hauptsächlich mit solcher Kleinarbeit. +Anfangs wirkte das enttäuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich +ihre Notwendigkeit für die Durchführung der großen Gedanken und für das +Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljährlichen Generalstabsreisen +konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit größeren Verhältnissen +beschäftigen. Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des +Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei +Königsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war +der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in +jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine +Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision geführt hatte. Es war eine +Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der +Uniform seiner Blücherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs, +erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich +eine gründliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst. + +Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanöver und erwarb sich die +Anerkennung Seiner Majestät. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den +russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem +Türkenkriege, auf der Höhe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck +eines rücksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befähigten +höhern Führers. Sein Renommieren berührte weniger angenehm. + +Nicht unerwähnt darf ich lassen, daß ich mich in Stettin verheiratet habe. +Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von +Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee +Generalstabschef war und gleich nach dem französischen Kriege starb. Ich +fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermüdlich +Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester +Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Töchter. +Ersterer hat im großen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit +getan. Beide Töchter sind verheiratet, ihre Männer haben im letzten großen +Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden. + +1881 wurde ich zur 1. Division nach Königsberg versetzt. Diese Verwendung +machte mich selbständiger, brachte mich der Truppe näher und führte mich +in meine Heimatsprovinz. + +Aus meinem dortigen dienstlichen Leben möchte ich besonders hervorheben, +daß der bekannte Militärschriftsteller General von Verdy du Vernois +zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte, +interessante Persönlichkeit. Er verfügte infolge seines reichen Erlebens +in hohen Generalstabsstellen während der Kriege 1866 und 1870/71 über +außergewöhnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit. +Auch hatte er schon früher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des +russischen Oberkommandos in Warschau während des polnischen Aufstandes +1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhältnisse an unserer +Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer +glänzenden Erzählerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom +militärischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade +belehrend. General von Verdy war außerdem auf dem Gebiete der angewandten +Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im +gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel für meine spätere Lehrtätigkeit +an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen +Richtungen äußerst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein gütiger +Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte. + +Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer, +erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und +Aufgaben für die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft +angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich. + +Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in +das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich +hatte bei dieser Rückkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu übernehmen, +die fast ausschließlich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die +der Verständigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der +Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im +Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich selbst +war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner +Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht mächtig. Meine Einwirkung auf die +Kompagnie war noch dadurch außerordentlich erschwert, daß die Mannschaften +in 33 Bürgerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmühlen, +verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem +polnischen Ersatz nicht ungünstig. Die Leute waren fleißig, willig und, +was ich besonders hervorheben möchte, anhänglich, wenn man der +Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu überwinden hatten, +Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge für sie sorgte. Damals +glaubte ich, daß die größere Häufigkeit von Diebstählen und von +Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit +vielfach ungenügender erster Jugenderziehung zu erklären sei. Ich bedauere +es sehr, daß ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt +zurückstecken muß, nachdem ich von den Greueln gehört habe, welche die +Insurgenten Wehrlosen gegenüber verübt haben. Das hätte ich den +Landsleuten meiner einstigen Füsiliere nicht zugetraut! + +Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fünfvierteljährige +Kompagniechefszeit zurück. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer +kleinen, halbländlichen Garnison kennen, fand außer im Kameradenkreise +auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Gütern und stand wieder einmal +in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemühte mich redlich, auf +die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knüpfte so ein festes Band +zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von +meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller äußern Vorteile, welche mir die +Rückkehr in den Generalstab brachte. + +Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Großen Generalstab. +Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des +damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des späteren Generals und Chefs des +Generalstabes der Armee, wurde aber außerdem noch der Abteilung des +derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des späteren Kommandierenden +Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der +Pioniere, für länger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung +der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhöchsten +Vorschrift, zur Verfügung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden +bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Berührung. + +An einem mehrtägigen Übungsritte bei Zossen im Frühjahre 1886, der dem +Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einführung +praktisch zu erproben, nahm auch Seine Königliche Hoheit der Prinz Wilhelm +von Preußen teil. Es war für mich das erste Mal, daß ich die Ehre hatte, +meinem späteren Kaiser, König und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im +darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des +Großen Generalstabes bei. Ich führte bei dieser Gelegenheit die russische +Armee. + +Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den +nähern Verkehr mit den Abteilungen des Großen Generalstabes seinem +nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, überließ, so beherrschte +doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen +Versicherung, daß Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung +genoß, und daß sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluß entziehen +konnte. + +Ich kam unter den dargelegten Verhältnissen nur selten in unmittelbaren +dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das +Glück, ihm außerdienstlich zu begegnen. Eine für seine Persönlichkeit wie +für seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer +Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein +Gemälde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit +dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Königgrätz darstellend. Der in +der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzählte aus +persönlichem Erleben, daß Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung +dem Kronprinzen zugerufen habe: „Gott sei Dank, Fritz, daß du gekommen +bist, sonst wäre es mir vielleicht schlecht ergangen!“ Auf diese Erzählung +Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre +aussuchte, mit drei großen Schritten unter uns und sagte in scharf +betonten Worten: „Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wußte doch, +daß der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu +erwarten war, und damit war der Sieg sicher.“ Nach dieser Bemerkung wandte +sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu. + +Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des +Generalstabes Gäste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit +behauptete einer der Herrn, daß Moltkes Kaisertoast einschließlich der +Anrede und des ersten „Hoch“ nicht mehr als zehn Worte enthalten würde. +Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen +Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: „Meine Herrn, der +Kaiser hoch!“ Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich +genügten. Im nächsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden, +aber der Gegenpart dankte dafür. Er hätte dieses Mal gewonnen, denn Graf +Moltke sagte: „Meine Herrn, Seine Majestät der Kaiser und König Er lebe +hoch!“ Das sind elf Worte. + +Übrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam, +sondern ein sehr liebenswürdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn für +Humor. + +Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf +seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn +treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die übliche Perücke, so daß +die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein +Lorbeerkranz um seine Schläfe, um das Bild eines idealen Cäsarenkopfes zu +vervollständigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe +entstanden, welch hoher Idealismus hatte hier seine Stätte gehabt, welch +ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes +und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter +gleich große Persönlichkeit hat nach meiner Überzeugung seitdem unser Volk +nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung +dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Größe gewesen. + +Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so großer Kaiser von uns gegangen. +Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem über +Alles geliebten Kaiserlichen und Königlichen Herrn den letzten Dienst +erweisen. Meine Gedanken führten mich über Memel, Königgrätz und Sedan +nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluß in der Erinnerung an einen +Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden +Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand. +Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen +fünfjährigen Sohn in die Höhe und ließ ihn unseren greisen Herrn mit den +Worten sehen: „Vergiß diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann +wirst du auch immer recht tun.“ Nun war seine große Herrscher- und +Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher +durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruß entboten +hatte. + +Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem +alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers +gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche +Gefühle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach +werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden. + +Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war +keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte +ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Große Generalstab +befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreußen. Wir +wurden daher in Gumbinnen auf Seine Majestät den Kaiser und König +Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn +das Treugelöbnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre später in +schwerer, aber großer Zeit durch die Tat bekräftigen durfte. + +Das Schicksal fügte es für mich günstig, daß ich innerhalb des +Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch während +meiner Zuteilung zum Großen Generalstab wurde mir der Unterricht der +Taktik an der Kriegsakademie übertragen. Ich fand in dieser Tätigkeit eine +hohe Befriedigung und übte sie fünf Jahre hindurch aus. Freilich waren die +Anforderungen an mich sehr groß, da ich neben diesem Amt gleichzeitig +andern Dienst tun mußte, zuerst im Großen Generalstab und später als +erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps. +Unter diesen Verhältnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu +kurz. Durcharbeitete Nächte wurden zur Gewohnheit. + +Viele hochbegabte, zu den schönsten Hoffnungen berechtigende junge +Offiziere lernte ich während dieser akademischen Lehrtätigkeit kennen. +Mancher Namen gehören jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur +Lauenstein, Lüttwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei +türkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von +etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat +es später in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General +gebracht. + +Beim Generalkommando des III. Korps war der jüngere General von Bronsart +mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und +1870/71 im Generalstab tätig gewesen war, und später gleich seinem älteren +Bruder Kriegsminister wurde. + +In ein gänzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher führte mich im Jahre 1889 +meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des +Allgemeinen Kriegsdepartements zu übernehmen. Zurückzuführen ist diese +Veränderung auf den Umstand, daß mein einstiger Divisionskommandeur, +General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer +Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch +Abteilungschef. + +So wenig diese Verwendung anfänglich meinen Wünschen und Neigungen +entsprach, so sehr schätzte ich doch später den Nutzen, den ich durch den +Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhältnisse gewann. +Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche +Umständlichkeit des Geschäftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit +dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung +untergeordneterer Persönlichkeiten, zugleich aber auch die große +Pflichttreue kennen zu lernen, mit der überall in äußerster Anspannung der +Kräfte gearbeitet wurde. + +Zu meinen anregendsten Aufgaben gehörten die Schaffung einer +Feldpioniervorschrift und die Einführung der Verwendung der schweren +Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im großen Kriege bewährt. + +Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch +ganz besonders im letzten Kriege, sind der größten Anerkennung wert. Eine +ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in +seiner vollen Berechtigung zu bestätigen. + +So sehr ich auch schließlich meine Verwendung im Kriegsministerium als für +mich nutzbringend schätzen gelernt hatte, so warm begrüßte ich doch die +Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum +Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde. + +Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schönste in der Armee. Der +Kommandeur drückt dem Regiment, dem Träger der Tradition im Heere, seinen +Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern +auch in geselliger Beziehung, Leitung und Überwachung der Ausbildung der +Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemühte mich, im Offizierkorps +ritterlichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmäßigkeit und straffe +Disziplin, überall aber auch neben strenger Dienstauffassung +Dienstfreudigkeit und Selbständigkeit zu pflegen. Der Umstand, daß in der +Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir +Gelegenheit zu zahlreichen Übungen mit gemischten Waffen. + +Ihre Königliche Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin waren mir +gnädig gesonnen, das gleiche galt vom erbgroßherzoglichen Paare. Ich fand +auch sonst überall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen +Gartenstadt sehr wohl gefühlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger +Bevölkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine +Oldenburger Zeit zurück. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner +großen Freude an meinem 70jährigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen +Regiment durch _à la suite_-Stellung in Verbindung. So zähle ich mich denn +auch heute noch zu den Oldenburgern. + +Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in +Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in nähere Berührung mit +unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen +des Rheinländers berührten mich durchaus angenehm: an das leichtere +Hinweggleiten über ernstere Lebensfragen und eine im Verhältnis zu dem +Norddeutschen weichere Art des Empfindens mußte ich mich dagegen offen +gestanden erst gewöhnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und +die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen +Verhältnissen erklären ja durchaus manche Unterschiede im Denken und +Fühlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbedürfnis der Rheinlande von +Preußen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnöder +Undank. + +Das frohe Leben am Rhein zog übrigens auch mich in seinen Bann, und ich +verlebte dort viele frohe Stunden. + +Mein Kommandierender General war anfänglich der mir schon vom Großen +Generalstab her als Abteilungschef und auch vom Kriegsministerium her als +mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine +Stelle trat aber bald Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog von Baden. + +Diesem hohen Herrn durfte ich 3½ Jahre zur Seite stehen. Ich zähle diese +Jahre mit zu den schönsten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich +Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche, +unermüdliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung +erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner +Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevölkerung. + +Während meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanöver. Seine +Majestät der Kaiser und König war mit den Leistungen in Parade und +Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zählte auch die +Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem +schöngelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein +gegenüber in den Rhein mündet. + +Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef +eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerückt, daß meine +Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam. +Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der +28. Division in Karlsruhe ernannt. + +Diesem Allerhöchsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine +bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgroßherzog ließen mich auch bei +Ihren Königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großherzogin ein +unendlich gnädiges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau +übertrug und uns hoch beglückte. Dazu das herrliche Badener Land mit all +seinen landschaftlichen Schönheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und +Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit +seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit. + +In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter +einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs wird dadurch +vielseitiger, erhebt sich über die kleineren Dinge und fordert eine +Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Großen im Kriege beschäftigt. + +Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verließ ich im Januar 1903 Karlsruhe, +weil mich das Vertrauen meines Allerhöchsten Kriegsherrn an die Spitze des +IV. Armeekorps berief. + +Ich übernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der +man in der Regel länger als auf andern militärischen Posten verbleibt, und +in der man, ähnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter höhern +Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepräge gibt. Ich handelte im übrigen +nach meinen bisherigen Grundsätzen und glaube Erfolge erreicht zu haben. +Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine +der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, äußerte sich +wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 8¼jähriger Tätigkeit +mein schönes Amt niederlegte. + +Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestät +im Kaisermanöver, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Roßbach +beginnend, vorführen zu dürfen. Ich erntete Allerhöchste Anerkennung, die +ich dankbar auf meinen Vorgänger und auf meine Truppen zurückführte. + +In diesen Manövertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestät der +Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind später in +ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was +die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war. + +Das IV. Armeekorps gehörte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner +Königlichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen +hervorragenden Führer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns +später auf dem östlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz +unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der großen +Sache, obgleich er mir im Dienstalter wesentlich überlegen war. Im +Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers im Verein +mit dem damaligen General von Bülow, dessen Korps auch zur +Armee-Inspektion des Prinzen gehörte, in München an der Feier des +50jährigen Dienstjubiläums Seiner Königlichen Hoheit teil. Wir hatten aus +dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Königlichen Hoheit dem +hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden. + +Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen, +unterschätzt. Es ist eine schöne alte Stadt, deren „Breiter Weg“ und deren +ehrwürdiger Dom als Sehenswürdigkeiten gelten müssen. Seit der Schleifung +der Festung sind über deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen +Anforderungen entsprechende Vorstädte entstanden. Was der nächsten +Umgegend Magdeburgs an Naturschönheiten versagt ist, hat man durch +weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewußt. Auch für Kunst und +Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vorträge und dergleichen +gesorgt. Man sieht also, daß man sich dort auch außerdienstlich wohl +fühlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhältnisse +vorfindet, wie es uns beschieden war. + +Dem Verkehr in der Stadt schloß sich ein solcher an den Höfen von +Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an. +Sie alle zu nennen, würde zu weit führen. Aber eines von uns alljährlich +wiederholten mehrtägigen Besuches bei meinem jetzt 93jährigen, ehrwürdigen +väterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf +Carow, muß ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken. + +Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten +großen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in +Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im +Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Gütern +dafür, daß man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuß +kam. + +Immer mehr reifte allmählich in mir der Entschluß, aus der Armee +auszuscheiden. Ich hatte in meiner militärischen Laufbahn viel mehr +erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und +so erkannte ich es für eine Pflicht an, jüngeren Kräften den Weg nach +vorwärts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich +die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemächtigt +hat, so erkläre ich ausdrücklich, daß keinerlei Reibungen dienstlicher +oder gar persönlicher Art diesen Schritt veranlaßt haben. + +Der Abschied von liebgewonnenen, langjährigen Beziehungen und besonders +von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht +leicht. Aber es mußte sein! Ich ahnte nicht, daß ich nach wenigen Jahren +wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps +Kaiser und Reich, König und Vaterland erneut dienen durfte. + +Im Verlauf meiner langjährigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen +Stämme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu können, über welch +einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfügt, und wie kaum +ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen für +ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland. + + + + + Übergang in den Ruhestand + + +Mit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und König, unter den +heißesten Wünschen für seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft +unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb +doch im Innern immer Soldat. + +Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes ließ mich zufrieden +auf meine bisherige Tätigkeit zurückblicken. Nichts war imstande, mir das +Gesamtbild zu trüben, über dem der Zauber der Verwirklichung glühender +Jugendträume lag. Der Übergang zur selbstgewählten Ruhe vollzog sich daher +auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht +ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, daß im Falle einer +Gefahr fürs Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen würde, der Wunsch, +meine letzten Kräfte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines +veränderten Daseins nichts von seiner Stärke. + +In der Zeit, in der ich die Armee verließ, pulsierte dort ein +außergewöhnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen +Altem und Neuem, zwischen rücksichtslosen Fortschritten und ängstlichem +Zurückhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen +Erfahrungen der jüngsten Kriege. Diese Erfahrungen ließen trotz der neuen +Bahnen, die sie uns öffneten, keinen Zweifel darüber, daß inmitten der +Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschätzung der Erziehung, der +sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben mußte. Die +herzhafte Tat hatte den Vorrang vor den Künsteleien des Verstandes auch +jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben +höher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. Über der +Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen, +ich möchte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung +der menschlichen Natur, keine Überfeinerung der kriegerischen Erziehung. +Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des +Menschen zur willensstarken Persönlichkeit. + +Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivität vorwerfen +zu können. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivität die Schaffung +von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die +Produktivität von höheren, sittlichen Gesichtspunkten auffaßt. Wer nicht +aus Vorurteil und Übelwollen unsere militärische Friedensarbeit von +vornherein verwarf, mußte in der Armee die trefflichste Schule für Wille +und Tat, ja geradezu für Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende +von Menschen haben unter ihrem Einfluß erst gelernt, was sie körperlich +und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und +die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben +erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des +Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle +gleichmachenden Schule unseres großen, vaterländischen Heeres? In ihm +wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft +und Staat auflösenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen +zum Wohle für die Allgemeinheit segensvoll geläutert und umgewandelt. Das +Heer schulte und verstärkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den +wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des +Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik, +in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im +Gewerbe. Die Überzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der +Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen +Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewußtsein +gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen +möglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt +Trotz bieten mußten und konnten. + +Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der +deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, daß unsere +Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen +die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen +entsittlichenden Einfluß ausübte, oder unter den entnervenden Eindrücken +seelischer und körperlicher Überanspannung die moralischen Begriffe sich +teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang +tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb +trotz der unerhörtesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe +gewachsen. + +Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, daß sie sich bemühte, den freien +Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwürdigen. Auf den Schlachtfeldern +des großen Weltkrieges, inmitten der auflösenden Wirkungen endloser Kämpfe +hat es sich aber gezeigt, welch willensstärkenden Einfluß unsere Erziehung +ausgeübt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschütternde Vorgänge +beweisen, zu welch großen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann +befähigt war, nicht weil er sich sagte: „Ich muß“, sondern weil er sich +sagte: „Ich will.“ + +Es liegt in dem Gange der Ereignisse, daß man mit der Auflösung der alten +Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich +verbleibe dem gegenüber fest auf dem Boden der alten, bewährten +Grundsätze. Mögen es andere für nicht unbedingt entscheidend ansehen, +durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Möglichkeit zu gleichen +Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiß mit mir +übereinstimmen, daß es für die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist, +daß wir diese Möglichkeit überhaupt wieder erlangen. Es sei denn, daß wir +auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Amboß +herabwürdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden, +zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet. + +Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur für das politische sondern +auch für das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes, +wie wir die große Schule für Organisation und Tatkraft, die wir in unserem +alten Heere besaßen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so +kann das deutsche nur unter äußerster Anspannung und Zusammenfassung +seiner schöpferischen Kräfte gedeihen und einen lebenswerten Platz +inmitten der übrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen +eines unglücklichen Krieges und unter dem trügerischen Eindruck, als ob +die strenge Unterordnung aller Volkskräfte unter einen beherrschenden +Willen das Unglück des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht hätte, ist +leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung +eingetreten. Die Empörung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene +Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf +neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt +haben wir jedenfalls unter den Einflüssen der staatlichen Auflösung weit +mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des +eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische +Kräfte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden +unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die +kostbarste Grundlage unseres Staatslebens frühzeitig bis zur völligen +Unfruchtbarkeit und Öde erschöpfen! + + + + + + ZWEITER TEIL + + + KRIEGFÜHRUNG IM OSTEN + + + + + Der Kampf um Ostpreußen + + + + Kriegsausbruch und Berufung + + +Die Ruhe meines Lebens gab mir seit dem Jahre 1911 die Möglichkeit, mich +den politischen Vorgängen in der Welt mit Muße zu widmen. Die +Beobachtungen, die ich dabei machte, waren freilich nicht imstande, mich +mit Befriedigung zu erfüllen. Ängstlichkeit lag mir ferne, und doch konnte +ich ein gewisses bedrückendes Gefühl nicht los werden. Die Ansicht drängte +sich mir auf, daß wir in den weiten Ozean der Weltpolitik hinaustrieben, +ohne daß wir in Europa selbst genügend fest standen. Mochten die +politischen Wetterwolken über Marokko stehen oder sich über dem Balkan +zusammenziehen, die unbestimmte Ahnung, als ob unter unserem deutschen +Boden miniert würde, teilte ich mit der Mehrzahl meiner Landsleute. Wir +standen in den letzten Jahren zweifellos einer der sich augenscheinlich +regelmäßig wiederholenden französisch-chauvinistischen Hochfluten +gegenüber. Ihr Ursprung war bekannt; ihre Stütze suchte und fand sie in +Rußland wie in England, ganz gleichgültig, wer und was dort die offenen +oder geheimen, die bewußten oder unbewußten Triebfedern bildete. + +Ich habe die besonderen Schwierigkeiten in der Führung der deutschen +Politik nie verkannt. Die Gefahren, die sich aus unserer geographischen +Lage, aus unseren wirtschaftlichen Notwendigkeiten und nicht zuletzt aus +unseren völkisch gemischten Randgebieten ergaben, waren mit den Händen zu +greifen. Eine gegnerische Politik, der es gelang, die fremden +Begehrlichkeiten gegen uns zusammenzufassen, bedurfte nach meiner Ansicht +hierzu keiner großen Gewandtheit. Sie betrieb letzten Endes den Krieg. Auf +diese Gefahr uns einzustellen, versäumten wir. Unsere Bündnispolitik +richtete sich mehr nach einem Ehrenkodex als nach den Bedürfnissen unseres +Volkes und unserer Weltlage. + +Wenn ein späterer deutscher Reichskanzler schon in den neunziger Jahren +mit dem fortschreitenden Zerfall der uns verbündeten Donaumonarchie als +mit etwas Selbstverständlichem rechnen zu müssen glaubte, so war es +unverständlich, wenn unsere Politik daraus nicht die entsprechenden +Folgerungen zog. + +Den deutsch-österreichischen Stammesgenossen brachte ich jederzeit volle +Sympathie entgegen. Die Schwierigkeiten ihrer Stellung innerhalb ihres +Vaterlandes fanden ja bei uns allgemein die lebhafteste Teilnahme. Dieses +unser Gefühl wurde aber nach meiner Auffassung von der +österreichisch-ungarischen Politik allzu weitgehend ausgenutzt. + +Das Wort von der Nibelungentreue war gewiß seinerzeit sehr eindrucksvoll. +Es konnte uns aber über die Tatsache nicht hinwegtäuschen, daß +Österreich-Ungarn uns in die bosnische Krisis, auf die dieses Wort gemünzt +war, ohne bundesbrüderliche Verständigung überraschend hineingezerrt hatte +und dann von uns verlangte, ihm den Rücken zu decken. Daß wir den +Verbündeten damals nicht verlassen konnten, war klar. Das hätte geheißen, +den russischen Koloß stärken, um dann selbst um so sicherer und +widerstandsloser von ihm erdrückt zu werden. + +Mir als Soldaten mußte besonders das Mißverhältnis zwischen den +politischen Ansprüchen Österreich-Ungarns und seinen innerpolitischen +sowie militärischen Kräften auffallen. Den ungeheuren Rüstungen des nach +dem ostasiatischen Kriege wieder gekräftigten Rußland gegenüber +verstärkten zwar wir Deutschen unsere Wehr, stellten aber nicht die +gleichen Anforderungen an unseren österreichisch-ungarischen +Bundesgenossen. Für die Staatsmänner der Donaumonarchie mochte es sehr +einfach sein, sich gegenüber unseren Anregungen auf Erhöhung der +österreichisch-ungarischen Rüstungen hinter Schwierigkeiten ihrer +innerstaatlichen Verhältnisse zurückzuziehen. Warum aber fanden wir keine +Mittel, Österreich-Ungarn in dieser Frage vor ein Entweder-Oder zu +stellen? Wir kannten doch die gewaltige zahlenmäßige Überlegenheit unserer +voraussichtlichen Gegner. Durften wir es denn dulden, daß der Verbündete +einen großen Teil seiner Volkskräfte für die gemeinsame Verteidigung brach +liegen ließ? Was nützte es uns, in Österreich-Ungarn ein nach Südosten +vorgeschobenes Bollwerk zu besitzen, wenn dieses Bollwerk nach allen +Seiten Risse aufwies und nicht genügend Verteidiger besaß, um seine Wälle +zu halten? + +Auf eine wirksame Waffenhilfe Italiens zu rechnen, schien mir von jeher +bedenklich. Eine solche war zweifelhaft, selbst bei gutem Willen der +italienischen Staatsmänner. Wir hatten Gelegenheit gehabt, die Schwächen +des italienischen Heeres im Tripoliskrieg vollauf zu erkennen. Seitdem +waren die dortigen Verhältnisse bei den schwer erschütterten Finanzen des +Staates kaum besser geworden. Schlagbereit war Italien jedenfalls nicht. + +In diesen Richtungen bewegten sich meine damaligen Betrachtungen und +Sorgen. Ich hatte den Krieg schon zweimal kennengelernt, jedesmal unter +kraftvoller politischer Führung vereint mit einfachen, klaren +kriegerischen Zielen. Ich fürchtete den Krieg nicht, auch jetzt nicht! +Aber ich kannte neben seinen erhebenden Wirkungen seine verheerenden +Eingriffe in das menschliche Dasein zu gut, als daß ich ihn nicht hätte +denkbar lange vermieden wissen wollen. + + + +Und nun brach der Krieg über uns herein! Die Hoffnungslosigkeit, uns mit +Frankreich auf dem bestehenden Boden vergleichen, den Geschäftsneid und +die Rivalitätsangst Englands bannen, die russische Begehrlichkeit ohne +unseren Bündnisbruch mit Österreich befriedigen zu können, hatte in +Deutschland seit langem eine Stimmungsspannung hervorgerufen, in der der +Kriegsausbruch fast wie eine Befreiung von einem beständigen, das ganze +Leben beeinträchtigenden Drucke empfunden wurde. + +Der deutsche kaiserliche Heerbann trat an! Eine stolze Kriegsmacht, wie +sie die Welt in dieser Tüchtigkeit nur selten gesehen hat. Bei ihrem +Anblick mußte der Herzschlag des ganzen Volkes kräftiger werden. Doch +nirgends Übermut im Angesicht der Aufgabe, die unserer harrte. Hatten doch +weder Bismarck noch Moltke uns über die wuchtende Last eines solchen +Krieges im Unklaren gelassen, stellte doch jeder Einsichtige bei uns sich +die Frage, ob wir politisch, wirtschaftlich, militärisch und moralisch +imstande sein würden durchzuhalten. Doch größer als die Sorge war +zweifellos das Vertrauen. + +In diesen Stimmungen und Gedanken traf auch mich die Nachricht vom +Losbrechen des Sturmes. Der Soldat in mir wurde in seiner nunmehr alles +beherrschenden Kraft wieder lebendig. Würde mein Kaiser und König meiner +bedürfen? Gerade das letzte Jahr war ohne eine amtliche Andeutung dieser +Art für mich vorübergegangen. Jüngere Kräfte schienen ausreichend +verfügbar. Ich fügte mich dem Schicksal und blieb doch in sehnsuchtsvoller +Erwartung. + + + + Zur Front + + +Die Heimat lauschte in Spannung. + +Die Nachrichten von den Kriegsschauplätzen entsprachen unseren Hoffnungen +und Wünschen. Lüttich war gefallen, das Gefecht bei Mülhausen siegreich +geschlagen, unser rechter Heeresflügel und unsere Mitte im Vorschreiten +durch Belgien. Die ersten jubelatmenden Nachrichten über die Lothringer +Schlacht drangen ins Vaterland. Auch aus dem Osten klang es wie +Siegesfanfaren. + +Nirgends Ereignisse, die sorgende Gedanken gerechtfertigt erscheinen +ließen. + +Am 22. August 3 Uhr nachmittags erhielt ich eine Anfrage aus dem Großen +Hauptquartier Seiner Majestät des Kaisers, ob ich bereit zur sofortigen +Verwendung sei. + +Meine Antwort lautete: „Bin bereit.“ + +Noch bevor dieses Telegramm im Großen Hauptquartier eingetroffen sein +konnte, erhielt ich ein zweites von dort. Danach rechnete man +augenscheinlich bestimmt mit meiner Bereitschaft zur Annahme einer +Feldstelle und teilte mir mit, daß General Ludendorff bei mir eintreffen +werde. Weitere Mitteilungen aus dem Großen Hauptquartier klärten dann die +Sachlage für mich dahin auf, daß ich als Armeeführer sogleich nach dem +Osten abzugehen hätte. + +Gegen 3 Uhr nachts fuhr ich, in der Eile nur unfertig ausgerüstet, zum +Bahnhof und stand dort erwartungsvoll in der mäßig beleuchteten Halle. +Meine Gedanken rissen sich von dem heimischen Herde, den ich so plötzlich +verlassen mußte, erst völlig los, als der kurze Sonderzug einfuhr. Ihm +entstieg mit frischem Schritte General Ludendorff, sich bei mir als mein +Chef des Generalstabs der 8. Armee meldend. + +Der General war mir bis zu diesem Augenblicke fremd gewesen, seine Tat bei +Lüttich mir noch unbekannt. Er klärte mich zunächst über die Lage an +unserer Ostfront auf, über die er am 22. August im Großen Hauptquartier +Coblenz von dem Chef des Generalstabes des Feldheeres, Generaloberst von +Moltke, persönlich unterrichtet worden war. Danach hatten sich die +Operationen der 8. Armee in Ostpreußen folgendermaßen entwickelt: Die +Armee hatte das XX. Armeekorps, verstärkt durch Festungsbesatzungen und +sonstige Landwehrformationen, bei Beginn der Operationen zum Schutze der +Südgrenze West- und Ostpreußens von der Weichsel bis an das Lötzener +Seengebiet in Stellung belassen. Die Masse der Armee (I. Armeekorps, +XVII. Armeekorps, I. Reservekorps, 3. Reservedivision, Festungsbesatzung +Königsberg und 1. Kavalleriedivision) war an der Ostgrenze Ostpreußens +versammelt worden und hatte dort am 17. August bei Stallupönen, am 19. und +20. August bei Gumbinnen im Angriff gegen die unter General Rennenkampf +von Osten her vordringende russische Njemenarmee gefochten. Während der +Kämpfe bei Gumbinnen war die Meldung vom Vormarsch der russischen +Narewarmee unter General Samsonoff von Süden her gegen die deutsche +Grenzlinie Soldau-Willenberg eingetroffen. Die Führung unserer 8. Armee +glaubte damit rechnen zu müssen, daß der Russe diese Grenze schon am +21. August überschreiten würde. Angesichts dieser Bedrohung der +rückwärtigen Verbindungen aus südlicher Richtung brach das Oberkommando +die Schlacht bei Gumbinnen ab und meldete der Obersten Heeresleitung, daß +es nicht imstande sein würde, das Land östlich der Weichsel weiterhin zu +behaupten. + +Generaloberst von Moltke hatte diesen Entschluß nicht gebilligt. Er +vertrat die Auffassung, daß man noch eine Operation zur Vernichtung der +Narewarmee versuchen müßte, bevor man daran denken dürfte, die +militärisch, wirtschaftlich und politisch wichtige Stellung in Ostpreußen +aufzugeben. Der Gegensatz in den Anschauungen zwischen der Obersten +Heeresleitung und dem Armee-Oberkommando hatte den Wechsel in den +führenden Stellen der 8. Armee veranlaßt. + +Zur Zeit schien die Lage bei dieser Armee folgende zu sein: Die Loslösung +vom Feinde war gelungen. Das I. Armeekorps und die 3. Reservedivision +befanden sich in Abbeförderung mit der Bahn nach Westen, während das +I. Reservekorps und das XVII. Armeekorps der Weichsellinie im Fußmarsch +zustrebten. Das XX. Armeekorps stand noch auf seinem Posten an der Grenze. + +Ich war mit meinem nunmehrigen Armeechef in kurzem in der Auffassung der +Lage einig. General Ludendorff hatte schon von Coblenz aus die ersten +unaufschiebbaren Weisungen geben können, die dahin zielten, die +Fortführung der Operationen östlich der Weichsel sicherzustellen. Dazu +gehörte in erster Linie, daß die Transporte des I. Armeekorps nicht zu +weit nach Westen geführt, sondern auf Deutsch-Eylau, also feindwärts +hinter den rechten Flügel des XX. Armeekorps, herangeleitet wurden. + +Alles weitere mußte und konnte erst bei unserem Eintreffen im +Hauptquartier der Armee in Marienburg entschieden werden. + +Unser Gespräch hatte kaum mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen. +Dann begaben wir uns zur Ruhe. Die dazu verfügbare Zeit nützte ich +gründlich aus. + +So fuhren wir denn einer gemeinsamen Zukunft entgegen, uns des Ernstes der +Lage voll bewußt, aber auch voll festen Vertrauens zu Gott dem Herrn, zu +unseren braven Truppen und nicht zuletzt zu einander. Jahrelang sollte von +nun ab das gemeinsame Denken und die gemeinsame Tat uns vereinen. + +Ich möchte mich hier gleich über das Verhältnis zwischen mir und meinem +damaligen Generalstabschef und späteren Ersten Generalquartiermeister +General Ludendorff aussprechen. Man hat geglaubt, dieses Verhältnis mit +dem Blüchers zu Gneisenau vergleichen zu können. Ich lasse dahingestellt +sein, inwieweit man bei diesem Vergleiche von der wirklich richtigen +historischen Grundlage ausgegangen ist. Die Stellung eines Chefs des +Generalstabes hatte ich, wie aus meinen vorhergehenden Ausführungen ja +bekannt ist, früher selbst jahrelang innegehabt. Die Tätigkeit eines +solchen gegenüber dem die Verantwortung tragenden Führer ist, wie ich +somit aus eigener Erfahrung wußte, innerhalb der deutschen Armee nicht +theoretisch festgelegt. Die Art der Zusammenarbeit und das Ausmaß der +gegenseitigen Ergänzung hängen vielmehr von den Persönlichkeiten ab. Die +Grenzen der beiderseitigen Wirkungsbereiche sind also nicht scharf +voneinander getrennt. Ist das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und +Generalstabschef ein richtiges, so werden sich diese Grenzen durch +soldatischen und persönlichen Takt und die beiderseitigen +Charaktereigenschaften leicht ergeben. + +Ich selbst habe mein Verhältnis zu General Ludendorff oft als das einer +glücklichen Ehe bezeichnet. Wie will und kann der Außenstehende das +Verdienst des einzelnen in einer solchen scharf abgrenzen? Man trifft sich +im Denken wie im Handeln, und die Worte des einen sind oftmals nur der +Ausdruck der Gedanken und Empfindungen des anderen. + +Eine meiner vornehmsten Aufgaben, nachdem ich den hohen Wert des Generals +Ludendorff bald erkannt hatte, sah ich darin, den geistvollen +Gedankengängen, der nahezu übermenschlichen Arbeitskraft und dem nie +ermattenden Arbeitswillen meines Chefs soviel als möglich freie Bahn zu +lassen und sie ihm, wenn nötig, zu schaffen. Freie Bahn in der Richtung, +in der unser gemeinsames Sehnen, unsere gemeinsamen Ziele lagen: der Sieg +unserer Fahnen, das Wohl unseres Vaterlandes, ein Friede, wert der Opfer, +die unser Volk gebracht hatte. + +Ich hatte dem General Ludendorff die Treue des Kampfgenossen zu halten, +wie sie uns in deutscher Volksgeschichte von Jugend an gelehrt wird, die +Kampfestreue, an der unser ethisches Denken so reich ist. Und wahrlich, +seine Arbeit und sein Wollen, wie seine ganze sonstige Persönlichkeit +waren dieser Treue wert. Mögen andere darüber urteilen wie sie wollen! +Auch für ihn wird wie für so viele unserer Großen und Größten erst später +die Zeit kommen, in der das Volk in seiner Gesamtheit bewundernd zu ihm +aufblicken wird. Mein Wunsch aber ist es, daß unser Vaterland in gleich +schwerem Geschick aufs neue einen solchen Mann finden möge, einen ganzen +Mann, kraftvoll in sich geschlossen, freilich auch eckig und kantig, aber +geschaffen für ein gigantisches Werk wie kaum ein zweiter in der +Geschichte. + +Wahrlich, er wurde in richtiger Erkenntnis seiner Bedeutung von seinen +Gegnern gehaßt! + +Auf die Harmonie unserer kriegerischen und politischen Überzeugungen +gründete sich die Einheitlichkeit unserer Anschauungen in dem Gebrauch +unserer Streitmittel. Verschiedenheiten der Auffassungen fanden ihren +natürlichen Ausgleich und Abgleich, ohne daß das Gefühl gemachter +Nachgiebigkeiten auf einer oder der anderen Seite jemals störend +dazwischen trat. Die gewaltige Arbeit meines Generalstabschef setzte +unsere Gedanken und Pläne auf das Räderwerk unserer Armeeführung um und +später auf das der gesamten Obersten Heeresleitung, nachdem diese uns +anvertraut worden war. Sein Einfluß belebte alle, niemand konnte sich ihm +entziehen, es sei denn auf die Gefahr hin, aus der einheitlichen Bahn +geschleudert zu werden. Wie konnte auch anders die ungeheure Aufgabe +erfüllt, die Triebkraft zur vollen Wirkung gebracht werden? + +In selbstverständlicher, soldatischer Pflichterfüllung, reich an Willen +und Gedanken, schloß sich uns beiden der weitere Kreis der Mitarbeiter an. +Mit treu dankbarem Herzen werde ich stets auch ihrer gedenken! + + + + Tannenberg + + +Am frühen Nachmittag des 23. August erreichten wir unser Hauptquartier +Marienburg. Wir betraten damit das Land östlich der Weichsel, das +demnächstige Gebiet unseres Wirkens. Die Lage an der Front hatte sich bis +zu diesem Zeitpunkt wie folgt entwickelt: + +Das XX. Armeekorps war von seinen Grenzstellungen bei Neidenburg auf +Gilgenburg und Gegend östlich zurückgegangen. Nach Westen anschließend an +dieses Korps standen die aus den Festungen Thorn und Graudenz +herausgezogenen Besatzungen bis gegen die Weichsel hin längs der Grenze. +Die 3. Reservedivision war als Verstärkung für das XX. Armeekorps bei +Allenstein eingetroffen. Die Heranbeförderung des I. Armeekorps nach +Deutsch-Eylau hatte mit Verzögerungen begonnen. Das XVII. Armeekorps und +I. Reservekorps waren im Fußmarsch in die Gegend um Gerdauen gekommen. Die +1. Kavalleriedivision stand südlich Insterburg der Armee Rennenkampf +gegenüber. Die Besatzung von Königsberg hatte Insterburg im Rückmarsch +nach Westen durchschritten. + +Die Njemenarmee Rennenkampfs war auffallenderweise mit nennenswerten +Infanterieteilen noch nicht über die Angerapp vorgedrungen. Von den beiden +russischen Kavalleriekorps war das eine bei Angerburg, das andere westlich +Darkehmen gemeldet worden. Die Narewarmee Samsonoffs hatte mit einer +Division anscheinend die Gegend von Ortelsburg erreicht, auch sollte +Johannisburg vom Feinde besetzt sein. Im übrigen schien die Masse dieser +Armee wohl noch an der Grenze im Aufschließen begriffen, westlicher Flügel +bei Mlawa. + +In der Brieftasche eines gefallenen russischen Offiziers war ein +Schriftstück gefunden worden, aus dem die Absichten der gegnerischen +Führung hervorgingen. Danach hatte die Armee Rennenkampf, die masurischen +Seen nördlich umgehend, gegen die Linie Insterburg-Angerburg vorzurücken. +Sie sollte die hinter der Angerapp angenommenen deutschen Streitkräfte +angreifen, während die Narewarmee über die Linie Lötzen-Ortelsburg den +Deutschen die Flanke abzugewinnen hatte. + +Die Russen planten also einen konzentrischen Angriff auf die 8. Armee, für +welchen die Armee Samsonoffs aber jetzt schon erheblich weiter nach Westen +ausholte, als ursprünglich beabsichtigt war. + +Was sollen, ja was können wir gegen diesen gefährlichen feindlichen Plan +tun? Gefährlich weniger wegen der Kühnheit, mit der er erdacht, als wegen +der Stärke, mit der er ausgeführt werden soll, wenigstens mit der Stärke +an Streitern, hoffentlich nicht mit der gleichen Stärke an Willen. Führte +doch Rußland im Laufe der Monate August und September nicht weniger als +800.000 Soldaten und 1700 Geschütze gegen Ostpreußen heran, zu dessen +Verteidigung nur 210.000 deutsche Soldaten mit 600 Geschützen verfügbar +gemacht werden konnten. + +Unser Gegenplan ist einfach. Ich will versuchen, ihn dem Leser, auch wenn +er kein Fachmann ist, in allgemeinen Umrissen verständlich zu machen. + +Wir stellen zunächst der dichten Masse Samsonoffs eine dünne Mitte +gegenüber. Ich sage dünn, nicht schwach. Denn Männer sind es mit +stählernem Herzen und stählernem Willen. In ihrem Rücken die Heimat, Weib +und Kind, Eltern und Geschwister, Hab und Gut! Es ist das XX. Korps, brave +West- und Ostpreußen. Mag diese dünne Mitte unter dem Drucke der +feindlichen Massen sich auch biegen, wenn sie nur nicht bricht. Während +diese Mitte kämpft, sollen zwei wuchtige Gruppen an deren beide Flügel zum +entscheidenden Angriff heranrücken. + +Die Truppen des I. Armeekorps, durch Landwehr verstärkt, auch alles Kinder +des bedrohten Landes, werden von rechts her aus dem Nordwesten, die +Truppen des XVII. Armeekorps und I. Reservekorps zusammen mit einer +Landwehrbrigade, werden von links her aus dem Norden und Nordosten zur +Schlacht herangeholt. Auch die Soldaten des XVII. Armeekorps und +I. Reservekorps, ebenso wie die Männer der Landwehr und des Landsturms +haben alles, was das Leben lebenswert macht, in ihrem Rücken. + +Nicht mit einfachem Siege sondern mit Vernichtung müssen wir Samsonoff +treffen. Denn nur dadurch bekommen wir freie Hände gegen den zweiten +Feind, der zurzeit Ostpreußen plündert und versengt, gegen Rennenkampf. +Nur so können wir das alte Preußenland wirklich und völlig befreien, und +nur so gewinnen wir Freiheit für weitere Taten, die man noch von uns +erwartet, nämlich für das Eingreifen in den mächtig entbrennenden +Entscheidungskampf zwischen Rußland und unserem österreichisch-ungarischen +Verbündeten in Galizien und Polen. Wird unser erster Schlag nicht +durchgreifend, dann bleibt die Gefahr für unsere Heimat wie eine +schleichende Krankheit bestehen, ungerächt bleibt das Brennen und Morden +in Ostpreußen, und vergeblich wartet der Bundesgenosse im Süden auf uns. + +Also ganzes Handeln! Dazu muß alles heran, was im Bewegungskrieg +einigermaßen brauchbar ist und irgendwo entbehrt werden kann. Was die +Festungswälle von Graudenz und Thorn noch an kampftauglicher Landwehr +beherbergen, wird herangezogen. Auch aus den Schützengräben, die zwischen +den masurischen Seen unsere jetzige Operation im Osten decken, rücken +unsere Wehrmänner ab und übergeben die dortige Verteidigung einer +verschwindenden Minderzahl braver Landstürmer. Gewinnen wir die +Feldschlacht, dann brauchen wir die Festungen Thorn und Graudenz nicht +mehr und sind der Sorgen um die Seenengen ledig. + +Gegen Rennenkampf, der wie ein Alpdruck aus dem Nordosten auf uns lasten +könnte, soll nur unsere Kavalleriedivision sowie die Hauptreserve +Königsberg mit zwei Landwehrbrigaden stehen bleiben. Doch können wir an +diesem Tage noch nicht überblicken, ob diese Kräfte auch wirklich genügen. +Sie bilden in ihrer Kampfkraft ja nur einen leicht zerreißbaren Schleier, +vorausgesetzt, daß Rennenkampfs Massen marschieren, daß seine +übermächtigen Reitergeschwader reiten sollten, so wie wir es befürchten +müssen. Vielleicht tun sie das aber nicht; dann genügt der Schleier zur +Deckung unserer Schwäche. Wir müssen es wagen in Flanke und Rücken, um an +der entscheidenden Front stark zu sein. Hoffentlich gelingt es uns, +Rennenkampf zu täuschen; vielleicht täuscht er sich selbst. Der starke +Waffenplatz Königsberg mit seiner Besatzung und unsere Reiter können sich +ja in der Phantasie des Feindes zu machtvolleren Größen erweitern. + +Wenn sich aber auch Rennenkampf zu unseren Gunsten in falschen +Vorstellungen wiegt, wird ihn nicht seine Oberste Heeresführung +vorwärtstreiben in starken Märschen nach Südwesten und in unseren Rücken? +Muß ihn nicht ein Hilfeschrei Samsonoffs in Bewegung aufs Kampffeld +setzen? Und wird nicht, selbst wenn der Ruf menschlicher Stimme vergeblich +verhallen sollte, der mahnende Donner der Schlacht bis zu den russischen +Linien im Norden der Seen, ja selbst bis zum feindlichen Hauptquartier +dringen? + +Vorsicht gegen Rennenkampf bleibt also nötig, wir können ihr aber nicht +durch Zurücklassung starker Kampftruppen Rechnung tragen, sonst werden wir +auf dem Schlachtfelde noch schwächer, als wir es ohnehin sind. + +Berechnen wir die gegenseitigen Stärken, zählen wir zu der unserigen auch +die beiden Landwehrbrigaden, die zur Zeit von Schleswig-Holstein her aus +dem Küstenschutz heranrollen und wohl noch rechtzeitig zur Schlacht +eintreffen werden, so gibt ein Vergleich mit den wahrscheinlichen +russischen Kräften immer noch große Verschiedenheiten zu unseren +Ungunsten, auch wenn Rennenkampf nicht marschieren, nicht mitkämpfen will. +Dazu kommt, daß in unseren vordersten Reihen viel Landwehr und Landsturm +fechten muß. Alte Jahrgänge gegen beste russische Jugend. Ferner spricht +gegen uns, daß die Mehrzahl unserer Truppen und, wie es die Lage fügt, +gerade alle, die voraussichtlich den entscheidenden Stoß führen müssen, +aus schweren und verlustreichen Kämpfen herankommen. Hatten sie doch den +Russen das Schlachtfeld von Gumbinnen überlassen müssen. Die Truppen +marschieren daher nicht mit dem stolzen Gefühle der Sieger. Und doch +rücken sie zur Schlacht frohen Sinnes und fester Zuversicht. Der Geist ist +gut, so wird uns gemeldet, also berechtigt er zu kräftigen Entschlüssen, +und wo er etwa gedrückt sein sollte, da wird er durch diese kraftvollen +Entschlüsse emporgerissen. So war es von jeher, sollte es diesmal anders +sein? Ich hatte keine Bedenken wegen unserer zahlenmäßigen Unterlegenheit. + +Wer in die Rechnung des Krieges nur die sichtbaren Werte einsetzt, rechnet +falsch. Ausschlaggebend sind die inneren Werte des Soldaten. Auf diese +baue ich mein Vertrauen. Ich denke mir: + +Mag der Russe auch in unser Vaterland einmarschieren, mag die Berührung +mit deutscher Erde sein Herz höher schlagen lassen, sie macht ihn nicht +zum deutschen Soldaten, und die ihn führen, sind keine deutschen +Offiziere. Auf den mandschurischen Schlachtfeldern hatte der russische +Soldat mit dem größten Gehorsam gefochten, so fremd ihm auch die +politischen Absichten seiner Regierung am Stillen Ozean gewesen waren. Es +schien nicht ausgeschlossen, daß bei einem Kriege gegen die Mittelmächte +die Begeisterung der russischen Armee für die Kriegsziele des Zarentums +größer sein würde. Trotzdem nahm ich an, daß der russische Soldat und +Offizier auch auf dem europäischen Kriegsschauplatz im großen und ganzen +keine höheren militärischen Eigenschaften zeigen würde als auf dem +ostasiatischen, und glaubte daher, statt des Minus unserer zahlenmäßigen +Unterlegenheit ein Plus an innerer Kraft in die Berechnung der +Stärkeverhältnisse zu unseren Gunsten aufnehmen zu können. + +So ist unser Plan, sind unsere Gedanken vor der Schlacht und für die +Schlacht. Wir fassen dieses Denken und Sollen am 23. August in einer +kurzen Meldung aus Marienburg an die Oberste Heeresleitung zusammen des +Inhalts: + + „Vereinigung der Armee am 26. August beim XX. Armeekorps für umfassenden + Angriff geplant.“ + +Am Abend des 23. August führte mich ein kurzer Erholungsgang auf das +westliche Nogatufer. Von dort boten die roten Mauern des stolzen +Deutschordensschlosses, des größten Baudenkmals baltischer Ziegelgotik, im +Abendsonnenstrahl einen gar wundersamen Anblick. Gedanken an die +Vergangenheit hehrer Ritterzeit mischten sich unwillkürlich mit Fragen an +die verschleierte Zukunft. Der Ernst der Stimmung wurde erhöht durch den +Anblick vorüberziehender Flüchtlinge meiner Heimatprovinz. Eine traurige +Mahnung, daß der Krieg nicht nur den wehrhaften Mann trifft, sondern daß +er durch Vernichtung der Daseinsbedingungen Wehrloser zur tausendfachen +Geißel der Menschheit wird. + +Am 24. August begab ich mich mit dem engeren Stabe in Kraftwagen zum +Generalkommando des XX. Armeekorps und kam hierbei in den Ort, von dem die +bald entbrennende Schlacht ihren Namen erhalten sollte. + +Tannenberg! Ein Wort schmerzlicher Erinnerungen für deutsche Ordensmacht, +ein Jubelruf slawischen Triumphes, gedächtnisfrisch geblieben in der +Geschichte trotz mehr als 500jähriger Vergangenheit. Ich hatte bis zu +diesem Tage das Schicksalsfeld deutscher östlicher Kultureroberungen noch +nie betreten. Ein einfaches Denkmal zeugt dort von Heldenringen und +Heldentod. In der Nähe dieses Denkmals standen wir an einigen der +folgenden Tage, in denen sich das Geschick der russischen Armee Samsonoff +zur vernichtenden Niederlage gestaltete. + +Auf dem Wege von Marienburg nach Tannenberg vermehrten sich die Eindrücke +vom Kriegselend, das über die unglücklichen Einwohner hereingebrochen war. +Massen von hilflos Flüchtenden drängten sich mit ihrer Habe auf den +Straßen und behinderten teilweise die Bewegungen unserer an den Feind +marschierenden Truppen. + +Bei dem Stabe des Generalkommandos traf ich das Vertrauen und den Willen, +die für das Gelingen unseres Planes unerläßlich waren. Auch die Eindrücke +über die Haltung der Truppe an dieser unserer zunächst bedenklichsten +Stelle waren günstig. + +Der Tag brachte keine durchgreifende Klärung, weder hinsichtlich der +Operationen Rennenkampfs noch der Bewegungen Samsonoffs. Es schien sich +nur zu bestätigen, daß Rennenkampfs Marschtempo ein recht gemäßigtes war. +Der Grund hierfür war nicht zu erklären. Von der Narewarmee erkannten wir, +daß sie sich mit ihrer Hauptmacht gegen das XX. Armeekorps vorschob. Unter +ihrem Drucke nahm das Korps seinen linken Flügel zurück. Diese Maßregel +hatte nichts Bedenkliches an sich. Im Gegenteil. Der nachdrängende Feind +wird unserer linken Angriffsgruppe, die heute die Marschrichtung auf +Bischofsburg erhält, immer ausgesprochener seine rechte Flanke bieten. +Auffallend und nicht ohne Bedenken für uns waren dagegen feindliche +Bewegungen, die sich anscheinend gegen unseren Westflügel und gegen +Lautenburg aussprachen. Der Eindruck bestand, daß der Russe uns hier zu +überflügeln gedachte und damit den beabsichtigten Umgehungsangriff unserer +rechten Gruppe seinerseits in der Flanke fassen würde. + +Der 25. August brachte etwas mehr Einblick in die Bewegungen Rennenkampfs. +Seine Kolonnen marschierten von der Angerapp nach Westen, also auf +Königsberg. War der ursprüngliche russische Operationsplan aufgegeben? +Oder war die russische Führung über unsere Bewegungen getäuscht und +vermutete die Hauptmasse unserer Truppen in und bei der Festung? +Jedenfalls schien nunmehr kaum noch ein Bedenken zu bestehen, gegen +Rennenkampfs gewaltige Massen nur noch einen Schleier stehen zu lassen. +Samsonoffs auffallend zögernde Operationen richteten sich auch an diesem +Tage mit der Hauptstärke weiter gegen unser XX. Armeekorps. Das rechte +russische Flügelkorps marschierte zweifellos in Richtung auf Bischofsburg, +also unserem XVII. Armeekorps und I. Reservekorps entgegen, die an diesem +Tage die Gegend nördlich dieses Städtchens erreichten. Bei Mlawa häuften +sich augenscheinlich weitere russische Massen. + +Mit diesem Tage ist für uns die Zeit des Wartens und der Vorbereitung +vorüber. Wir führen unser I. Armeekorps an den rechten Flügel des XX. +heran. Der allgemeine Angriff kann beginnen. + +Der 26. August ist der erste Tag des mörderischen Ringens von Lautenburg +bis nördlich Bischofsburg. Nicht in lückenloser Schlachtfront sondern in +Gruppenkämpfen, nicht in einem geschlossenen Akt sondern in einer Reihe +von Schlägen beginnt das Drama sich abzuspielen, dessen Bühne sich auf +mehr denn hundert Kilometer Breite erstreckt. + +Auf dem rechten Flügel führt General von François seine braven Ostpreußen. +Sie schieben sich gegen Usdau heran, um am nächsten Tag den Schlüsselpunkt +dieses Teiles des südlichen Kampffeldes zu stürmen. Auch General von +Scholtz’ prächtiges Korps befreit sich allmählich aus den Fesseln der +Verteidigung und beginnt zum Angriff zu schreiten. Erbitterter ist der +Kampf schon am heutigen Tage bei Bischofsburg. Dort wird bis zum Abend von +unserer Seite gründliche Kampfarbeit getan. In kräftigen Schlägen wird das +rechte Flügelkorps Samsonoffs durch Mackensens und Belows Truppen +(XVII. Armeekorps und I. Reservekorps) sowie durch Landwehr zerschlagen +und weicht auf Ortelsburg. Die Größe des eigenen Erfolgs ist aber noch +nicht zu erkennen. Die Führer erwarten für den folgenden Tag erneuten +starken Widerstand südlich des heutigen Kampffeldes. Doch sie sind guter +Zuversicht. + +Da erhebt sich scheinbar von Rennenkampfs Seite drohende Gefahr. Man +meldet eines seiner Korps im Vormarsch über Angerburg. Wird dieses nicht +den Weg in den Rücken unserer linken Stoßgruppe finden? Ferner kommen +beunruhigende Nachrichten aus der Flanke und dem Rücken unseres westlichen +Flügels. Dort bewegt sich im Süden starke russische Kavallerie. Ob +Infanterie ihr folgt, ist nicht festzustellen. Die Krisis der Schlacht +erreicht ihren Höhepunkt. Die Frage drängt sich uns auf: wie wird die Lage +werden, wenn sich bei solch gewaltigen Räumen und bei dieser feindlichen +Überlegenheit die Entscheidung noch tagelang hinzieht? Ist es +überraschend, wenn ernste Gedanken manches Herz erfüllen; wenn +Schwankungen auch da drohen, wo bisher nur festester Wille war; wenn +Zweifel sich auch da einstellen, wo klare Gedanken bis jetzt alles +beherrschten? Sollten wir nicht doch gegen Rennenkampf uns wieder +verstärken und lieber gegen Samsonoff nur halbe Arbeit tun? Ist es nicht +besser, gegen die Narewarmee die Vernichtung nicht zu versuchen, um die +eigene Vernichtung sicher zu vermeiden? Wir überwinden die Krisis in uns, +bleiben dem gefaßten Entschlusse treu und suchen weiter die Lösung mit +allen Kräften im Angriff. Demnach rechter Flügel unentwegt weiter auf +Neidenburg und linke Stoßgruppe „um 4 Uhr morgens antreten und mit größter +Energie handeln“, so etwa lautete der Befehl. + +Der 27. August zeigt, daß der Erfolg des I. Reservekorps und +XVII. Armeekorps bei Bischofsburg am vorhergehenden Tage ein +durchschlagender gewesen ist. Der Gegner ist nicht nur gewichen, sondern +flieht vom Schlachtfeld. Des weiteren überblickt man, daß Rennenkampf nur +in der Phantasie eines Fliegers in unseren Rücken marschiert. In +Wirklichkeit bleibt er in langsamem Vorgehen auf Königsberg. Sieht er +nicht oder will er nicht sehen, daß das Verderben gegen die rechte Flanke +Samsonoffs schon im vollen Vorschreiten ist und daß es auch gegen dessen +linken Flügel andauernd wächst? Denn an diesem Tage erstürmen François und +Scholtz die feindlichen Stellungen bei Usdau und nördlich und schlagen den +südlichen Gegner. Mag nunmehr die feindliche Mitte weiter nach +Allenstein-Hohenstein vordringen, sie findet dort nicht mehr den Sieg, +sondern nur noch das Verderben. Die Lage ist für uns klar; wir geben am +Abend des Tages den Befehl zum Einkreisen der Kernmasse des Gegners, +nämlich seines XIII. und XV. Armeekorps. + +Während des 28. August geht das blutige Ringen weiter. + +Der 29. sieht einen großen Teil der russischen Hauptkräfte bei Hohenstein +der endgültigen Vernichtung anheimfallen. Ortelsburg wird von Norden, +Willenberg über Neidenburg von Westen erreicht. Der Ring um Tausende und +Abertausende von Russen beginnt sich zu schließen. Viel russisches +Heldentum ficht freilich auch in dieser verzweiflungsvollen Lage noch +weiter für den Zaren, die Ehre der Waffen rettend, aber nicht mehr die +Schlacht. + +Rennenkampf marschiert immer noch ruhig weiter auf Königsberg. Samsonoff +ist verloren, auch wenn sein Kamerad jetzt noch zu anderer und besserer +kriegerischer Einsicht kommen sollte. Denn schon können wir Truppen aus +der Schlachtfront ziehen zur Deckung unseres Vernichtungswerks, das sich +in dem großen Kessel Neidenburg-Willenberg-Passenheim vollzieht und in dem +der verzweifelnde Samsonoff den Tod sucht. Aus diesem Kessel heraus kommen +größer und größer werdende russische Gefangenenkolonnen. In ihrem +Erscheinen tritt der reifende Erfolg der Schlacht immer klarer zutage. Ein +eigenartiger Zufall wollte es, daß ich in Osterode, einem unserer +Unterkunftsorte während der Schlacht, den einen der beiden gefangenen +russischen Kommandierenden Generale in dem gleichen Gasthofe empfing, in +dem ich im Jahre 1881 auf einer Generalstabsreise als junger +Generalstabsoffizier einquartiert gewesen war. Der andere meldete sich am +folgenden Tage bei mir in einer von uns zu Geschäftsräumen umgewandelten +Schule. + +Schon während der Kämpfe konnten wir das teilweise prächtige +Soldatenmaterial betrachten, über das der Zar verfügte. Nach meinen +Eindrücken befanden sich darunter zweifellos bildungsfähige Elemente. Ich +nahm bei dieser Gelegenheit, wie schon 1866 und 1870 wahr, wie rasch der +deutsche Offizier und Soldat in seinem seelischen Empfinden und in seinem +sachlichen Urteil in dem gefangenen Gegner den gewesenen Feind vergißt. +Die Kampfeswut unserer Leute ebbt überraschend schnell zu rücksichtsvollem +Mitgefühl und menschlicher Güte ab. Nur gegen die Kosaken erhob sich +damals der allgemeine Zorn. Sie wurden als die Ausführer all der +vertierten Roheiten betrachtet, unter denen Ostpreußens Volk und Land so +grausam zu leiden hatten. Dem Kosak schlug anscheinend sein schlechtes +Gewissen, denn er entfernte, wo und wie er immer konnte, bei drohender +Gefangennahme die Abzeichen, die seine Waffenzugehörigkeit kenntlich +machten, nämlich die breiten Streifen an den Hosen. + +Am 30. August macht der Gegner im Osten und Süden den Versuch, mit +frischen und wiedergesammelten Truppen unseren Einschließungsring von +außen her zu sprengen. Von Myszyniec, also aus der Richtung Ostrolenka, +führt er neue starke Kräfte auf Neidenburg und Ortelsburg gegen unsere +Truppen, die schon das russische Zentrum völlig einkreisen und daher dem +anrückenden Gegner den Rücken bieten. Gefahr ist im Verzug; um so mehr, +als von Mlawa anrückende feindliche Kolonnen nach Fliegermeldung 35 km +lang, also sehr stark sein sollen. Doch halten wir fest an unserem großen +Ziele. Die Hauptmacht Samsonoffs muß umklammert und vernichtet werden. +François und Mackensen werfen dem neuen Feind ihre freilich nur noch +schwachen Reserven entgegen. An ihnen scheitert der russische Versuch, die +Katastrophe Samsonoffs zu mildern. Während Verzweiflung den Umklammerten +ergreift, hat Mattherzigkeit die Tatkraft desjenigen gelähmt, der die +Befreiung hätte bringen können. Auch in dieser Beziehung bestätigen die +Ereignisse auf dem Schlachtfelde von Tannenberg die alten menschlichen und +soldatischen Erfahrungen. + +Unser Feuerkreis um die dichtgedrängten, bald hierhin, bald dorthin +stürzenden russischen Haufen wird mit jeder Stunde fester und enger. + +Rennenkampf scheint an diesem Tage die Deimelinie östlich Königsberg +zwischen Labiau und Tapiau angreifen zu wollen. Seine Kavalleriemassen +nähern sich aus Richtung Landsberg-Bartenstein dem Schlachtfeld von +Tannenberg. Wir aber haben bereits starke, siegesfrohe, wenn auch ermüdete +Kräfte zur etwaigen Abwehr bei Allenstein gesammelt. + +Der 31. August ist für unsere noch kämpfenden Truppen der Tag der +Schlußernte, für unser Oberkommando der Tag des Überlegens über +Weiterführung der Operationen, für Rennenkampf der Tag der Rückkehr in die +Linie Deime-Allenburg-Angerburg. + +Schon am 29. August hatte mir der Gang der Ereignisse ermöglicht, meinem +Allerhöchsten Kriegsherrn den völligen Zusammenbruch der russischen +Narewarmee zu melden. Noch am gleichen Tage erreichte mich auf dem +Schlachtfelde der Dank Seiner Majestät, auch im Namen des Vaterlandes. Ich +übertrug diesen Dank im Herzen wie in Worten auf meinen Generalstabschef +und auf unsere herrlichen Truppen. + +Am 31. August konnte ich meinem Kaiser und König folgendes berichten: + + „Eurer Majestät melde ich alluntertänigst, daß sich am gestrigen Tage + der Ring um den größten Teil der russischen Armee geschlossen hat. + XIII., XV. und XVIII. Armeekorps sind vernichtet. Es sind bis jetzt über + 60.000 Gefangene, darunter die Kommandierenden Generale des XIII. und + XV. Armeekorps. Die Geschütze stecken noch in den Waldungen und werden + zusammengebracht. Die Kriegsbeute, im einzelnen noch nicht zu übersehen, + ist außerordentlich groß. Außerhalb des Ringes stehende Korps, das I. + und VI., haben ebenfalls schwer gelitten, sie setzen fluchtartig den + Rückzug fort über Mlawa und Myszyniec.“ + +Die Truppen und ihre Führer hatten Gewaltiges geleistet. Nun lagerten die +Divisionen in den Biwaks und das Dankeslied der Schlacht von Leuthen +schallte aus ihrer Mitte. + +In unserem neuen Armeehauptquartier Allenstein betrat ich die Kirche in +der Nähe des alten Ordensschlosses während des Gottesdienstes. Als der +Geistliche das Schlußgebet sprach, sanken alle Anwesenden, junge Soldaten +und alte Landstürmer, unter dem gewaltigen Eindruck des Erlebten auf die +Knie. Ein würdiger Abschluß ihrer Heldentaten. + + + + Die Schlacht an den masurischen Seen + + +Der Gefechtslärm auf dem Schlachtfelde von Tannenberg war noch nicht +verstummt, als wir die Vorbereitungen für den Angriff auf die Armee +Rennenkampf begannen. Am 31. August abends traf folgende telegraphische +Weisung der Obersten Heeresleitung ein: + + „XI. Armeekorps, Garde-Reserve-Korps, 8. Kavalleriedivision werden zur + Verfügung gestellt. Transport hat begonnen. Zunächst wird Aufgabe der + 8. Armee sein, Ostgrenze von Armee Rennenkampf zu säubern. + + Verfolgung des letztgeschlagenen Gegners mit entbehrlichen Teilen in + Richtung Warschau ist mit Rücksicht auf die Bewegungen der Russen von + Warschau auf Schlesien erwünscht. + + Weitere Verwendung der 8. Armee, wenn es die Lage in Ostpreußen + gestattet, in Richtung Warschau in Aussicht zu nehmen.“ + +Der Befehl entsprach durchaus der Lage. Er stellte uns das Ziel klar hin +und überließ uns Mittel und Wege zur Ausführung. Wir glaubten annehmen zu +dürfen, daß die ehemalige Armee Samsonoffs nur noch aus Trümmern bestand, +die sich entweder schon hinter den Narew in Sicherheit gebracht hatten, +oder auf dem Weg dahin waren. Mit ihrer Auffrischung war zu rechnen. Es +mußte jedoch darüber geraume Zeit vergehen. Für jetzt schien es genügend, +diese Reste durch schwache Truppen längs unseres südlichen Grenzstreifens +überwachen zu lassen. Alles übrige mußte zur neuen Schlacht heran. Selbst +das Eintreffen der Verstärkungen aus dem Westen erlaubte uns nach unserer +Anschauung nicht, jetzt schon Kräfte über die Narewlinie hinüber gegen +Süden einzusetzen. + +Was das Wort „Warschau“ im zweiten Teil des Befehls zu bedeuten hat, ist +uns klar. Nach vereinbartem Kriegsplan sollte die +österreichisch-ungarische Heeresmacht von Galizien aus mit dem Schwerpunkt +gegen den östlichen Teil des russischen Polens in Richtung Lublin +angreifen, während deutsche Kräfte von Ostpreußen her dem Verbündeten über +den Narew hinweg die Hand zu reichen hatten. Ein großer und schöner +Gedanke, der aber, so wie die Dinge lagen, bedenkliche Schwächen aufwies. +Er rechnete nicht damit, daß Österreich-Ungarn eine starke Armee an die +serbische Grenze schickte, nicht damit, daß Rußland schon ein paar Wochen +nach Kriegsausbruch voll gerüstet an der Grenze stehen konnte, nicht +damit, daß 800.000 Moskowiter gegen Ostpreußen eingesetzt werden, am +allerwenigsten aber damit, daß er in all seinen Einzelheiten an den +russischen Generalstab schon im Frieden verraten werden würde. + +Jetzt ist das österreichisch-ungarische Heer nach überkühnem Ansturm gegen +die russische Übermacht in schwerste frontale Kämpfe verwickelt, ohne daß +wir augenblicklich in der Lage sind, unmittelbar zu helfen, wenngleich wir +starke feindliche Kräfte fesseln. Der Verbündete muß auszuhalten +versuchen, bis wir auch noch Rennenkampf geschlagen haben. Erst dann sind +wir zur Hilfeleistung befähigt, wenn auch nicht mit unserer gesamten +Stärke, so doch mit ihrem größten Teile. + +Rennenkampf steht, wie bekannt, in der Linie +Deime-Allenburg-Gerdauen-Angerburg. Was die Gegend südöstlich von den +masurischen Seen für gegnerische Geheimnisse birgt, wissen wir nicht. Das +Gebiet von Grajewo ist jedenfalls verdächtig. Dort herrscht viel Unruhe. +Noch verdächtiger ist das Gebiet im Rücken der Njemenarmee. Da ist ein +ständiges Marschieren und Fahren und anscheinend eine Bewegung nach +Südwesten und Westen. Rennenkampf erhält zweifellos Verstärkungen. Die +russischen Reservedivisionen in der Heimat sind ja schlagbereit geworden. +Vielleicht werden bis jetzt auch noch einzelne Korps verfügbar, deren die +russische Oberste Heeresleitung gegen die Österreicher in Polen nicht mehr +zu bedürfen glaubt. Schickt man diese Verbände zu Rennenkampf oder in +seine Nähe, sei es zur unmittelbaren Stütze, sei es zu einem Schlage gegen +uns aus überraschender Richtung? + +Rennenkampf verfügt, soweit wir es beurteilen können, über mehr als +20 Infanteriedivisionen und steht still, bleibt es auch, während unsere +Transporte aus dem Westen heranrollen und zum Kampfe gegen ihn +aufmarschieren. Warum benutzt er die Zeit unserer größten Schwäche, die +Zeit der Ermüdung unserer Truppen, ihrer Massenanhäufung auf dem +Schlachtfelde von Tannenberg nicht, um uns anzufallen? Warum läßt er uns +Zeit, die Truppen zu entwirren, neu aufzumarschieren, auszuruhen, Ersatz +heranzuziehen? Der russische Führer ist doch bekannt als vortrefflicher +Soldat und General. Als Rußland in Ostasien kämpfte, klang unter allen +russischen Führern der Name Rennenkampf am hellsten. War sein Ruhm damals +übertrieben? Oder hat der General seine kriegerischen Eigenschaften in der +Zwischenzeit verloren? + +Der soldatische Beruf hat schon manchmal selbst starke Naturen +überraschend schnell erschöpft. Wo in einem Jahre noch triebkräftiger +Verstand, vorwärtsdrängender Wille vorhanden war, da ist vielleicht im +nächsten schon ein unfruchtbarer Kopf, ein mattes Herz zu finden gewesen. +Das war schon vielfach die Tragik soldatischer Größe. + +Wir haben Rennenkampfs Schuldbuch über Tannenberg aufgeschlagen und +geschlossen. Begeben wir uns jetzt in Gedanken in sein Hauptquartier +Insterburg, nicht um ihn anzuklagen, sondern um ihn zu verstehen. + +Die Niederlage Samsonoffs zeigte dem General Rennenkampf, daß in +Königsberg doch nicht die Masse der deutschen 8. Armee stand, wie er +angenommen hatte. Starke Kräfte vermutet er aber jedenfalls immer noch in +diesem mächtigen Waffenplatze. Daran vorbeizumarschieren, sich auf die +siegreiche deutsche Armee in der Gegend von Allenstein zu stürzen, scheint +also gewagt, zu gewagt. Es wäre mindestens ein unsicheres Unternehmen. +Sicherer ist es, in den starken Verteidigungsstellungen zwischen Kurischem +Haff und masurischen Seen zu bleiben. Gegen diese Stellungen können die +Deutschen ihre Kunst des Umgehens und Umfassens von Norden her überhaupt +nicht, von Süden aus nur schwer durchführen. Rennen sie gegen die Front +an, so stürzt man sich mit zurückgehaltenen gewaltigen Reserven auf ihre +zusammengeschossenen Truppen. Wagen sie das Unwahrscheinliche, und dringen +sie durch die Engnisse des Seengebietes, so fällt man von Norden auf die +linke Flanke ihrer Umgehungskolonnen, während man eine neugebildete +Kampfgruppe aus Richtung Grajewo in ihre rechte Seite und in ihren Rücken +wirft. Gelingt von alledem nichts, gut – so geht man nach Rußland zurück. +Rußland ist groß, die befestigte Njemenlinie ist nahe. Keine operative +Notwendigkeit kettet Rennenkampf weiter an Ostpreußen. Der Operationsplan +im Zusammenwirken mit Samsonoff ist ja gescheitert, und, weil dessen Armee +in hoffnungsvollem Vorwärtsstürmen zugrunde ging, so ist es jetzt das +beste vorsichtig zu sein. + +So kann Rennenkampf gedacht haben. Und Kritiker behaupten auch, er hätte +so gedacht. Aus keinem dieser Gedanken spricht freilich ein großer +Entschluß. Sie bewegen sich in wenig kühnen Bahnen. Und doch kann ihre +Ausführung uns beträchtliche unmittelbare Krisen schaffen und auf die +allgemeine Lage im Osten bedenkliche Wirkung ausüben. Die große +zahlenmäßige Überlegenheit der Njemenarmee hätte genügt, um auch unsere +jetzt verstärkte 8. Armee zu zertrümmern. Ein vorzeitiger Rückzug +Rennenkampfs aber brächte uns um die Früchte unserer neuen Operation und +macht uns die Richtung auf Warschau und damit die Unterstützung +Österreichs auf absehbare Zeit hinaus unmöglich. + +Wir müssen also vorsichtig und unternehmend zugleich sein. Diese +Doppelforderung verleiht der Anlage unserer nun beginnenden Bewegungen +ihren eigentümlichen Charakter. In breiter Front von Willenberg bis gegen +Königsberg hin bauen wir unsere Front auf. Bis zum 5. September ist dies +im allgemeinen geschehen, dann geht es vorwärts. 4 Korps (XX., XI., +I. Reserve und Garde-Reserve) und die Truppen aus Königsberg, also +verhältnismäßig starke Kräfte, gehen gegen die Linie Angerburg-Deime, +d. h. gegen die feindliche Front vor. 2 Korps (I. und XVII.) sollen durch +das Seengebiet dringen; die 3. Reservedivision hat, als rechte Staffel +unseres umfassenden Flügels, südlich der masurischen Seen herum zu folgen, +während die 1. und 8. Kavalleriedivision sich hinter den Korps zum +Losreiten bereit halten, sobald die Seenengen geöffnet sind. Das sind die +Kräfte gegen Rennenkampfs Flanke. Also andere Verhältnisse wie bei den +Bewegungen, die zum Siege von Tannenberg führten. Die Sicherheit gegen +Rennenkampfs starke Reserven veranlaßt uns zu dieser Gruppierung der +Kräfte. Auf diese Weise breitet sich unser Angriff in der Stärke von +14 Infanteriedivisionen trotzdem noch auf über 150 km Front aus. Wird der +Gegner sie zerreißen? + +Wir nähern uns am 6. und 7. den russischen Verteidigungslinien und +beginnen klarer zu sehen. Starke russische Massen bei Insterburg und +Wehlau, vielleicht noch stärkere nördlich Nordenburg. Sie bleiben zunächst +unbeweglich und stören unsere Kampfentwickelung vor ihrer Front nicht. + +Unsere beiden rechten Korps, das I. und XVII., beginnen am 7. September +die Seenkette zu durchbrechen, die 3. Reservedivision schlägt bei Bialla +in glänzendem Gefecht die Hälfte des XXII. russischen Korps in Trümmer. +Wir treten in die Krisis unserer neuen Operation ein. Die nächsten Tage +müssen zeigen, ob Rennenkampf entschlossen ist, zum Gegenangriff zu +schreiten, ob sein Wille hierzu so stark ist, wie seine Mittel es sind. Zu +seiner an sich schon bedeutenden bisherigen Überlegenheit scheinen drei +weitere Reservedivisionen das Schlachtfeld erreicht zu haben. Erwartet der +russische Führer noch mehr? Rußland hat mehr als 3 Millionen Kampfsoldaten +an seiner Westfront; die österreichisch-ungarische Heeresmacht und wir +zählen demgegenüber kaum ein Dritteil. + +Am 8. September entbrennt die Schlacht auf der ganzen Linie. Unser +frontaler Angriff kommt nicht vorwärts, auf unserem rechten Flügel geht es +besser. Dort haben die beiden Korps die feindliche Seensperre durchbrochen +und nehmen Richtung nach Nord und Nordost. Unser Ziel sind nunmehr die +gegnerischen rückwärtigen Verbindungen. Unsere Reitergeschwader scheinen +freie Bahn dorthin zu haben. + +Am 9. tobt die Schlacht weiter, in der Front, von Angerburg bis zum +Kurischen Haff, ohne bemerkenswertes Ergebnis, dagegen mit kühnem +Vorschreiten unsererseits östlich der Seen, wenngleich die beiden +Kavalleriedivisionen unerwarteten Widerstand nicht in der gewünschten +Schnelligkeit zu brechen vermögen. Die 3. Reservedivision schlägt einen +vielfach überlegenen Gegner bei Lyck und befreit uns so endgültig von der +Sorge im Süden. + +Wie ist es dagegen im Norden? Bei und westlich Insterburg glauben unsere +Flieger nunmehr deutlich zwei feindliche Korps feststellen zu können und +ein weiteres solches Korps wird im Anmarsch über Tilsit gesehen. Was wird +das Schicksal unserer dünngestreckten, frontal kämpfenden Korps sein, wenn +eine russische Menschenlawine von gegen 100 Bataillonen, geführt von +festem, einheitlichem Willen, sich auf sie stürzt? Ist es trotzdem +verständlich, wenn wir am Abend dieses 9. September wünschen und sprechen: +„Rennenkampf, weiche ja nicht aus deiner für uns unbezwinglichen Front, +pflücke Lorbeeren im Angriff aus deiner Mitte!“ Wir hatten jetzt volle +Zuversicht, daß wir solche Lorbeeren dem feindlichen Führer durch kräftige +Fortführung unseres Flügelangriffes wieder entreißen würden. Leider +erkennt der russische Führer diese unsere Gedanken; er findet nicht den +Entschluß, ihnen mit Gewalt zu begegnen, und senkt die Waffen. + +In der Nacht vom 9. auf den 10. dringen unsere Patrouillen bei Gerdauen in +die feindlichen Gräben und finden sie leer. „Der Gegner geht zurück.“ Die +Meldung scheint uns unglaubwürdig. Das I. Reservekorps will sofort von +Gerdauen gegen Insterburg antreten. Wir mahnen zur Vorsicht. Erst um +Mittag des 10. müssen wir das Unwahrscheinliche und Unerwünschte glauben. +Der Gegner hat in der Tat den allgemeinen Rückzug begonnen, wenn er auch +da und dort noch erbittert Widerstand leistet, ja sogar uns starke Massen +in zusammenhanglosen Angriffen entgegenwirft. Unsere ganze Front ist in +vollem Vorgehen begriffen. Jetzt gilt es, unsere rechten Flügelkorps und +Kavalleriedivisionen scharf nach Nordosten gerichtet heran an die +feindlichen Verbindungen von Insterburg auf Kowno zu bringen. + +Wir treiben vorwärts! Ungeduld ist, wenn irgendwann und -wo, so jetzt und +hier begreiflich. Rennenkampf weicht unentwegt. Auch er scheint ungeduldig +zu sein. Jedoch unsere Ungeduld zielt auf Erfolg, die seinige bringt +Verwirrung und Auflösung. + +Die Korps der Njemenarmee marschieren zum Teil in dreifachen, dicht +nebeneinander gedrängten Kolonnen Rußland zu. Die Bewegung vollzieht sich +langsam, sie muß durch Entgegenwerfen starker Kräfte gegen die +nachdrängenden Deutschen gedeckt werden. Daher wird besonders der +11. September zum blutigen Kampftag von Goldap bis hin zum Pregel. + +Am Abend dieses Tages sind wir uns klar, daß nur noch wenig Tage zur +Durchführung der Verfolgung zur Verfügung stehen. Die Entwickelung der +Gesamtlage auf dem östlichen Kriegsschauplatz macht sich in voller Wucht +geltend. Wir ahnen mehr, als daß wir es aus bestimmt lautenden Nachrichten +ersehen können: die Operation unseres Verbündeten in Polen und Galizien +ist gescheitert! An unser Nachstoßen hinter Rennenkampf über den Njemen +hinaus ist jedenfalls nicht zu denken. Soll aber unsere Operation nicht +noch im letzten Augenblick innerhalb des großen Rahmens als gescheitert +gelten, so darf die feindliche Armee den schützenden Njemen-Abschnitt nur +derartig geschwächt und erschüttert erreichen, daß die Hauptmasse unserer +Verbände zum dringend notwendig gewordenen Zusammenwirken mit dem +österreichisch-ungarischen Heere freigemacht werden kann. + +Am 12. September erreicht die 3. Reservedivision Suwalki, also russischen +Boden. Mit knapper Not entgeht der Südflügel Rennenkampfs der Einkesselung +durch unser I. Armeekorps südlich Stallupönen. Glänzend sind die +Leistungen einzelner unserer verfolgenden Truppen. Sie marschieren und +kämpfen, und marschieren wieder, bis die Soldaten vor Müdigkeit +niederstürzen. Andererseits ziehen wir heute schon das Gardereservekorps +aus der Kampffront, um es für weitere Operationen bereitzustellen. + +An diesem Tage trifft unser Oberkommando in Insterburg ein, das seit dem +11. wieder in deutschem Besitz ist. Ich bin also nicht bloß in Gedanken, +sondern auch in Wirklichkeit auf der breiten ostpreußischen Landstraße, +vorbei an unseren siegreich ostwärts schreitenden Truppen und an westwärts +ziehenden russischen Gefangenenkolonnen in das bisherige Hauptquartier +Rennenkampfs gekommen. In den eben erst verlassenen Räumen merkwürdige +Spuren russischer Halbkultur. Der aufdringliche Geruch von Parfüm, Juchten +und Zigaretten vermag nicht, den Gestank anderer Dinge zu verdecken. + +Genau ein Jahr später, an einem Sonntag, kam ich von einem eintägigen +Jagdausflug zurückkehrend durch Insterburg. Auf dem Marktplatz wurde mein +Kraftwagen zurückgewiesen, weil dort eine Dankesfeier zur Erinnerung an +die Befreiung der Stadt von der Russennot begangen werden sollte. Ich +mußte einen Umweg machen. _Sic transit gloria mundi!_ Man hatte mich nicht +erkannt. + +Am 13. September erreichen unsere Truppen Eydtkuhnen und feuern in die +zurückflutenden russischen Scharen hinein. Unsere Artilleriegeschosse +sprengen die dichtgedrängten Haufen auseinander, der Herdentrieb führt sie +wieder zusammen. Leider kommen wir auch an diesem Tage nicht an die große +Chaussee Wirballen-Wylkowyszki heran. Der Gegner weiß, daß dies für einen +großen Teil seiner haltlos gewordenen Kolonnen die Vernichtung bedeuten +würde. Er wirft deshalb unseren ermattenden Truppen südlich der Straße +alles entgegen, was er an kampfwilligen Verbänden noch zur Hand hat. Nur +noch ein einziger Tag bleibt uns zur Verfolgung. Nach diesem werden sich +die Truppen Rennenkampfs in das Wald- und Sumpfgelände westlich der +Njemenstrecke Olita-Kowno-Wileny geflüchtet haben. Dorthin können wir +ihnen nicht nachdrängen. + +Am 15. September waren die Kämpfe beendet. Die Schlacht an den masurischen +Seen schloß auf russischem Boden, nach einer Verfolgung von über 100 km, +von uns zurückgelegt innerhalb 4 Tagen. Die Masse unserer Verbände war +beim Abschluß der Kämpfe zu neuer Verwendung bereit. + +Es ist mir nicht möglich, hier auch noch auf die glänzenden Leistungen +einzugehen, die die Landwehr-Division von der Goltz und andere +Landwehrformationen im Angriff gegen mehrfache feindliche Überlegenheit im +südlichen Grenzgebiet und zum Schutze unserer rechten Flanke fast bis zur +Weichsel hin in diesen Tagen gezeigt haben. Der Schluß dieser Kämpfe +dauerte über meine Kommandoführung bei der 8. Armee hinaus an. Er fand +unsere Truppen bis Ciechanowo, Przasnysz und Augustowo vorgedrungen. + + + + + Der Feldzug in Polen + + + + Abschied von der achten Armee + + +Anfangs September hatten wir aus dem österreichisch-ungarischen +Hauptquartier gehört, daß die Armeen bei Lemberg durch starke russische +Überlegenheiten sehr gefährdet wären, und daß ein weiteres Vorgehen der +k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei. + +Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgänge und hörten +noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklären +am besten nachstehende Telegramme: + +Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914: + + „Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden + kann, da Russen heute frühzeitig Rückmarsch angetreten haben. Für + Weiterführung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien + in Frage. Können wir auf weitere Verstärkungen aus Westen rechnen? Hier + können zwei Armeekorps abgegeben werden.“ + +Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf +überraschend für uns nach Osten seinen Rückzug begann. + +Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914: + + „Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen für Abtransport + nach Krakau!“ ... + +Krakau? Merkwürdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darüber. +Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung: + + 13. September 14. + + „Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollständig. Offensive gegen + Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen möglich. Österreich + erbittet aber wegen Rumäniens direkte Unterstützung durch Verlegung der + Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfügbar dazu vier Armeekorps und + eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange + Märsche nach österreichischem linken Flügel. Hilfe kommt dort spät. + Bitte um Entscheidung. Armee müßte dort jedenfalls Selbständigkeit + behalten.“ + +Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen +Federn sondern eines ganzen Flügels und auch sonst noch erheblich +angeschossen zwischen den Njemensümpfen zu verschwinden begann. + +Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914: + + „Operation über Narew wird in jetziger Lage der Österreicher nicht mehr + erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstützung der Österreicher + ist politisch erforderlich. + + Operationen aus Schlesien kommen in Frage ... + + Selbständigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den + Österreichern bestehen.“ + +Also doch! – – + +Es gibt ein Buch „Vom Kriege“, das nie veraltet. Clausewitz ist sein +Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn +zu hören, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil +bedeutete Unheil. Er warnte vor Übergriffen der Politik auf die Führung +des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine +Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in +Gedanken und Worten kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang +vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung +eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie +zeigt vielfach deren Unwert! Wir hätten freilich manchmal während des +Krieges versucht sein können zu denken: „Wohl dem, dessen soldatisches +Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer +Überzeugung und politischen Forderungen leichter überwindet als wir.“ +Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in +diesem Liede während des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem +soldatischen Herzen angeklungen hätten. Hoffentlich werden andere, wenn +die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser +Beziehung glücklicher sein, als wir es waren! + +Am 15. September mußte ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum +Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch +schon am 17. September ordnete Seine Majestät der Kaiser an, daß ich den +Befehl über diese Armee zu übernehmen hätte, gleichzeitig aber auch die +Verfügung über die zum Schutze Ostpreußens zurückbleibende, nunmehr durch +Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie +der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwächte 8. Armee +beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also +lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwähne sie nur, weil +sich auch ihrer die Legende entstellend bemächtigt hat. + +Am 18. September verlasse ich in früher Morgenstunde das Hauptquartier der +8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitägiger Fahrt über Posen die +schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunächst über +die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfüllte Erinnerungen an unsere +Truppen auslösend. Anfänglich durch verlassene, niedergebrannte +Wohnstätten, dann allmählicher Eintritt in unberührte Gebiete, Landvolk +wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstätten zustrebend. +Bewährtes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken +begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwärzten Trümmern seiner +Häuser, ein Anblick, vor dem es länger als hundert Jahre dank der +Tüchtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur +Weichsel durch schlichte Dörfer und Städte, kaum irgendwo Spuren des +Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, für +dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die +schlechtesten Kräfte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit +und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes +Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier +nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die +Welt der Wirklichkeit und des Schaffens übertragen worden ist. Fast alle +deutschen Volksstämme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer +Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen +angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschätzbaren +Dienste geleistet hat. + +Solche und ähnliche ernste Gedanken bewegten mich während der Fahrt und +haben mich auch späterhin während unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht +verlassen. Deutsche, laßt sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen: + +Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen +Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen +Vaterlandspflicht! Verstärkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur +ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein +leben könnt inmitten der Brandung der europäischen Welt! Glaubt mir, diese +Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein +menschlicher Vertrag wird sie schwächen! Wehe uns, wenn die Brandung ein +Stück von dieser Mauer abgebrochen findet. Es würde zum Sturmbock der +europäischen Völkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden. +Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt! + +Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein +anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies +der Abschied von der bisherigen Selbständigkeit. + +Mag der Schlußsatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in +dieser Richtung auch tröstlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem +wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in +ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Maße beschieden +gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte früherer +Koalitionskriege. + + + + Der Vormarsch + + +Wir hatten für das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von +Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir größere +Armfreiheit zum Operieren gegen die nördliche Flanke der russischen +Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt +war, zu besitzen. – „Unmöglich!“ + +Wir möchten, daß es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Flügel +über Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. – „Unmöglich!“ + +Wir möchten, daß uns starke österreichisch-ungarische Kräfte nördlich der +oberen Weichsel bis zur San-Mündung begleiten. – „Unmöglich!“ + +Wenn dieses Alles als unmöglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die +ganze Operation unmöglich sein oder werden. + +Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps, +Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und +8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen +engsten Anschluß an den linken österreichisch-ungarischen Heeresflügel +nördlich Krakau. Unser Hauptquartier kommt vorübergehend nach Beuthen in +Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und +zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Flügel der Armee, in +Richtung über Kielce. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung +verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur +4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwärts über die +Weichsel. Mehr glaubt sie südlich des Flusses nicht entbehren zu können. +Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser +Plan des Verbündeten ist kühn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt +sich nur, ob Aussicht besteht, daß das stark geschwächte Heer trotz allem +erhaltenen Ersatz die Durchführung ermöglicht. Meine Bedenken werden durch +die Hoffnung gemildert, daß der Russe, sobald er das Auftreten unserer +deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkräfte auf uns werfen wird +und dadurch dem Verbündeten einen Erfolg ermöglicht. + +Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen über die Lage machen +können, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, daß die Russen den weichenden +österreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit über den San hinaus +nur zögernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafür vorhanden, daß +nördlich der Weichsel 6–7 russische Kavalleriedivisionen und +Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine +russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfür werden +augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den früheren +Operationen in Ostpreußen gegenüber standen, teils kommen neue Kräfte aus +Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, daß westlich Warschau an +einer großen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren +also in eine recht unsichere Lage hinein und müssen auf Überraschungen +gefaßt sein. + +Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen +kennen, was ein französischer General in seiner Beschreibung des von ihm +miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als besonderes Element +der dortigen Kriegführung bezeichnet hat, nämlich – den Dreck! Und zwar +den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in +den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit +Überschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man +legte sich unwillkürlich die Frage vor: wie ist es möglich, daß auf dem +Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe +Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In +welch einem körperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die +russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die +Überfeinerung in den Kreisen der polnischen Großen zivilisatorische Kräfte +in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die +offenkundige politische Gleichgültigkeit dieser Massen beispielsweise +durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen höheren Schwung zu bringen, +der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluß an uns hätte steigern +lassen, schien mir schon nach den ersten Eindrücken fraglich. + +Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs äußerste erschwert. Der +Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmaßregeln. Er zieht aus der +Front den Österreichern gegenüber ein halbes Dutzend Armeekorps in der +offenkundigen Absicht heraus, diese uns über die Weichsel südlich +Iwangorod frontal entgegen zu werfen. + +Am 6. Oktober erreichen wir über Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier +vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns +zurückgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres +Nordflügels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umständen ist +vorläufig eine Fortsetzung unserer Operation in östlicher Richtung über +die Weichsel südlich Iwangorod hinweg unmöglich. Wir müssen zunächst mit +dem Gegner im Norden abrechnen. Alles übrige hängt von dem Ausgange der +dort zu erwartenden größeren Kämpfe ab. Ein eigenartiges strategisches +Bild entwickelt sich. Während gegnerische Korps von Galizien aus jenseits +der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits +des Stromes in der gleichen nördlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch +aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kräfte +über die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kämpfen auf ihre +Übergangsstellen zurückgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner +völlig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemärsche südlich Warschau +trifft unser linker Flügel unter General von Mackensen auf überlegene +feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch +von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken. + +Auf dem Schlachtfeld südlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestück +ein russischer Befehl in die Hände gefallen, der uns klaren Einblick in +die Stärken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmündung +bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind +etwa 60 Divisionen gegenüber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus +sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das +sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische +Überlegenheit erhöht sich noch dadurch, daß unsere Infanterie infolge der +vorausgegangenen Kämpfe in Ostpreußen und Frankreich sowie durch die +jetzigen langen und anstrengenden Märsche, bis über 300 km in 14 Tagen und +auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Hälfte, ja teilweise bis unter ein +Viertel der ursprünglichen Gefechtsstärke zusammengeschmolzen ist. Und +diese Schwächung unserer Kampfkraft gegenüber neu eintreffenden, +vollzähligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches! + +Die Absicht des Gegners ist, uns längs der Weichsel zu fesseln, während +ein entscheidender Stoß aus Warschau heraus uns dem Verderben +entgegenführen soll. Ein zweifellos großer Plan des Großfürsten +Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der größte, den ich von ihm kennen lernte, +und der meines Erachtens auch sein größter blieb, bis er sich in den +Kaukasus begeben mußte. + +War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Höhe nach dem +Kaisermanöver von dem Großfürsten in ein Gespräch gezogen worden, das sich +besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem +russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Male _in praxi_ +unmittelbar gegenüber, denn in Ostpreußen schien er nur vorübergehend als +Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur +für die 9. Armee, sondern für die ganze Ostfront, für Schlesien, ja für +die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir dürfen jetzt nicht so +schwarzen Gedanken nachgehen, sondern müssen Mittel und Wege finden, die +drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschließen uns daher dazu, unter +Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod südwärts alle dort noch +freizumachenden Kräfte unserem linken Flügel zuzuführen und uns mit diesem +auf den Gegner südlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu +schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen können. + +Eile tut not! Wir bitten daher Österreich-Ungarn, alles, was es an Truppen +frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das +k. und k. Armee-Oberkommando zeigt für die Lage durchaus richtiges +Verständnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig +entsprechen. Österreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist +bereit, uns zu unterstützen, aber nur auf dem langsamen und daher +zeitraubenden Wege einer Ablösung unserer an der Weichsellinie +zurückgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher +und österreichisch-ungarischer Verbände vermieden, aber man bringt die +ganze Operation in die Gefahr des Mißlingens. Gegenvorstellungen +unsererseits führen zu keinem Ergebnis. So fügen wir uns denn den Wünschen +unserer Verbündeten. + + + + Der Rückzug + + +Was wir befürchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue +Truppenmassen, und auch weiter unterhalb überschreiten solche die +Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite +aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde +feindliche Überlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage +kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation +kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man +könnte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Süden der oberen +Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der +Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangeführt, sich +also unsern Verbündeten gegenüber geschwächt hat. Jedenfalls muß der +schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluß gefaßt +werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere +Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau +wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner überlassen. Um +die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, führen wir unsere vor Warschau +unter Mackensen kämpfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km +westlich der Festung, zurück. Wir hoffen, daß der Russe gegen diese nach +Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren +inzwischen von den Österreichern vor Iwangorod abgelösten Korps von Süden +her einen entscheidenden Schlag gegen den stärksten Teil der russischen +Heeresgruppe im großen Weichselbogen führen. Vorbedingung für Durchführung +dieses Planes ist, daß Mackensens Truppen den Anprall der russischen +Heerhaufen aushalten, und daß die österreichisch-ungarische Verteidigung +an der Weichsel so fest steht, daß unser beabsichtigter Stoß gegen +russische Flankeneinwirkung aus östlicher Richtung sicher geschützt ist. +Die Lösung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Stärke der +Weichselstellung für unseren Verbündeten einfach. Die österreichische +Führung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch +ihrerseits einen großen Schlag auszuführen. Sie entschließt sich, dem +Gegner die Weichselübergänge bei Iwangorod und nördlich frei zu geben, um +dann über die gegnerischen Kolonnen während ihres Uferwechsels +herzufallen. Ein kühner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und +Manövern in Ausführung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im +Kriege vom Feldmarschall Blücher und seinem Gneisenau an der Katzbach +glänzend gelöst wurde. Gefährlich bleibt ein solches Unternehmen aber +immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht völlig sicher ist. Wir +raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Überlegenheit kann also bei +Iwangorod über die Weichsel rücken; der österreichisch-ungarische +Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt +sich schließlich in einen Rückzug. + +Was nützt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstürme der Russen gegen +Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten +Angriffs ist durch das Zurückweichen unseres Verbündeten entblößt. Wir +müssen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir +machen uns durch Fortsetzung des Rückzuges die Arme frei, um später +anderwärts wieder zuschlagen zu können. Der Entschluß reift in mir in +unserem Hauptquartier zu Radom, zunächst nur in Umrissen, aber doch klar +genug, um für die weiteren Maßnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein +Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird für +ihre Durchführung alles vorsorgen, des bin ich gewiß. + +Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird +die Heimat sagen, wenn sich unser Rückzug ihren Grenzen nähert? Ist es ein +Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen +Verwüstungen in Ostpreußen denken, an Plünderungen, Verschleppung +Wehrloser und anderes Elend. Das reiche Schlesien mit seinem mächtig +entwickelten Bergbau und seiner großen Industrie, beides für die +Kriegführung uns so notwendig wie das tägliche Brot! Man fährt im Kriege +nicht einfach mit der Hand über die Karte und sagt: „Ich räume dieses +Land!“ Man muß nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken; +auch rein menschliche Gefühle drängen sich heran. Ja gerade diese sind oft +am schwersten zu bannen. + +Unser Rückzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober +angetreten. Gründliche Zerstörungen aller Straßen und Eisenbahnen sollen +die dichtgedrängten russischen Massen aufhalten, bis wir uns völlig +losgelöst haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten. +Die Armee rückt hinter die Widawka und Warthe, linker Flügel in Gegend +Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs +dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel +spannendster Kriegslagen seine einstweilige Lösung gefunden. + +Bei dieser Gelegenheit möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß uns das +rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche +Unvorsichtigkeit, ja man könnte sagen, durch die Naivität erleichtert +wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen +Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprüche waren wir +vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die +Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewöhnlichen +Gunst der Verhältnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der +großen zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners jedoch immer noch genügend +starke Ansprüche an die Nerven der obersten Führung. Ich wußte aber die +untere Führung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen, +daß von den Truppen das Menschenmögliche geleistet wurde. Solches +Zusammengreifen aller hat uns die Überwindung der gefährlichsten Lagen +ermöglicht. Doch schien unser schließliches Verderben dieses Mal nicht +bloß aufgeschoben? Die Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie +hielten uns augenscheinlich für völlig geschlagen. Vielleicht war diese +ihre Ansicht unser Glück, denn am 1. November verkündet ein russischer +Funkspruch: „Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die +Verfolgung der Kavallerie zu überlassen. Die Infanterie sei ermüdet, der +Nachschub schwierig.“ Wir können also Atem schöpfen und an neue Pläne +herantreten. + +An diesem 1. November verfügte Seine Majestät der Kaiser meine Ernennung +zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkräfte im Osten, auch wurde +mein Befehlsbereich über die deutschen östlichen Grenzgebiete erweitert. +General Ludendorff blieb mein Chef. Die Führung der 9. Armee wurde General +von Mackensen übertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge für +die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das +Ganze. + +Als unser Hauptquartier wählen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin +übersiedeln, fällt in Czenstochau am 3. November die endgültige +Entscheidung über unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser, +erhalten die neuen Absichten ihre endgültige Form. + + + + Unser Gegenangriff + + +Der neue Plan gründet sich auf folgende Erwägung: Würden wir in der +jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenüberstehenden 4 russischen +Armeen frontal abzuwehren versuchen, so würde der Kampf gegen die +erdrückende Übermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien +ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten. +Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu lösen. Ein solcher, gegen die +Stirnseite des weit überlegenen Gegners geführt, würde einfach +zerschellen. Wir müssen ihn gegen die offene oder bloß schwach gedeckte +feindliche Flanke zu richten suchen. Eine ausholende Bewegung meiner +linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken. +Suchen wir den feindlichen Nordflügel in der Gegend von Lodz, so müssen +wir unsere Angriffskräfte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser +Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen +uns damit weit vom österreichisch-ungarischen linken Heeresflügel. Nur +noch schwächere deutsche Kräfte, darunter das hart mitgenommene +Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen +werden. Vorbedingung für unseren Linksabmarsch ist, daß das k. u. k. +Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrückenden Teile in +die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht +bedrohten Karpathenfront heranbefördert. + +Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten +verbündeten Streitkräfte im Osten in 3 große Gruppen verteilt. Die erste +wird gebildet durch das österreichisch-ungarische Heer beiderseits der +oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die +Zwischenräume zwischen diesen 3 Gruppen können wir durch vollwertige +Kampftruppen nicht schließen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km +breite Lücke zwischen den Österreichern und unserer 9. Armee im +wesentlichen neuformierte Verbände einzuschieben. Diese besitzen an sich +schon geringere Angriffskraft und müssen noch dazu an der Front einer +mächtigen russischen Überlegenheit sich so breit ausdehnen, daß sie +eigentlich nur einen dünnen Schleier bilden. Rein zahlenmäßig beurteilt +brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand +mit Sicherheit zu überrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der +8. Armee in den östlichen Gebieten Ostpreußens befindet sich im +wesentlichen nur Grenzschutz, verstärkt durch die Hauptreserven aus Thorn +und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenüber steht eine starke russische +Gruppe von etwa 4 Armeekorps nördlich von Warschau auf dem Nordufer der +Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe könnte, wenn sie über Mlawa +angesetzt würde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei +Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rückengebiet der +8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in +Schlesien und Ostpreußen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur +schwach geschützte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz +befreien. Es ist klar, daß diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch +durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird. +Diese Gefahr ist um so größer, als wir weder zahlenmäßig hinreichende noch +auch genügend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen +Heeresmassen im großen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps +nördlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe +frontal zu fesseln oder auch nur auf längere Zeitspanne hinaus zu +täuschen. Wir werden freilich trotz alledem überall unsere Truppen zum +Angriff vorgehen lassen, aber es wäre doch ein gefährlicher Irrtum, +hiervon sich allzuviel zu versprechen. + +Was an starken, angriffskräftigen Verbänden irgendwo freigemacht werden +kann, muß zur Verstärkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie führt den +entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muß +2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor +kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhältnissen freilich nicht +mehr an der russischen Landesgrenze durchgeführt werden sondern muß in das +Seengebiet und an die Angerapp zurückverlegt werden; ein harter Entschluß. +Die Gesamtstärke der 9. Armee wird durch die geschilderte Maßnahme auf +etwa 5½ Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren +werden aus der Westfront herangeführt. Weitere Kräfte glaubt die Oberste +Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu +können. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen günstigen Ausgang +der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen +sich erneut in ihrer ganzen Größe und Bedeutung. + +Was auf unserer Seite an Kräften fehlt, muß wieder durch Schnelligkeit und +Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, daß in dieser Beziehung das +Menschenmögliche von seiten der Armeeführungen und Truppen geleistet +werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am +11. bricht sie los, mit dem linken Flügel längs der Weichsel, mit dem +rechten nördlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kündet sich an, +daß auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verrät, daß +die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kräften +von der Ostsee bis einschließlich Polen steht, am 14. November zu einem +tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreißen dem +russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere +Operation erkennt, wagt er nicht, den großen Stoß gegen Schlesien +durchzuführen, sondern wirft alle verfügbaren Kräfte unserem Angriff +entgegen. Schlesien ist damit vorläufig gerettet, der erste Zweck unserer +Operation ist erreicht. Werden wir darüber hinaus eine große Entscheidung +erringen können? Die feindliche Übermacht ist allenthalben gewaltig. +Trotzdem erhoffe ich Großes! + +Es würde den Rahmen dieses Buches überschreiten, wollte ich nunmehr einen, +wenn auch nur allgemeinen Überblick über die Kampfereignisse, die unter +der Bezeichnung „Schlacht bei Lodz“ zusammengefaßt sind, geben. + +In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfaßtsein, +Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten +ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden +Wildheit alle die Schlachten übertrifft, die bisher an der Ostfront getobt +hatten! + +Es war uns im Verein mit Österreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb +Asiens abzudämmen. + +Die Kämpfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern +wurden auf beiden Seiten weiter genährt. Neue Kräfte kamen zu uns vom +Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche mit gutem Willen aber +mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem +ähnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter +uns hatten, nämlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem, +mit ihnen die abgedämmte russische Flut zum Zurückweichen zu bringen. Und +wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen würde. Unsere +Kräfte zeigten sich jedoch schließlich auch jetzt ähnlich wie in den +Kämpfen von Lodz als nicht ausreichend genug für dieses Ringen gegen die +ungeheuerste Überlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde +gegenüberstand. Wir hätten mehr leisten können, wenn die Verstärkungen +nicht so tropfenweise eingetroffen wären, wir also vermocht hätten, sie +gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische +Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit, +dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie +ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch – im Sumpfe. + +Erst der eingetretene Winter legte seine lähmenden Fesseln um die +Tätigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien +deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den +kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung lösen? + + + + + 1915 + + + + Frage der Kriegsentscheidung + + +Die Leistungen Deutschlands und seines Heeres im Jahre 1914 werden in +ihrer ganzen heldenhaften Größe erst dann einwandfrei gewürdigt werden, +wenn Wahrheit und Gerechtigkeit wieder zur freien Wirkung kommen, wenn die +Propaganda unserer Gegner in ihrer die Weltmeinung irreführenden Weise +entlarvt ist, und wenn die deutsche kritische Selbstzerfleischung einem +ruhigen besonnenen Urteil weicht. Ich zweifle nicht, daß dies alles +eintreten wird. + +Trotz der Größe all unserer Leistungen fehlte aber die Krönung des +gewaltigen, uns aufgezwungenen Werkes. Bis jetzt war nur die +augenblickliche Rettung, nicht aber ein durchgreifender Sieg erkämpft. Die +Vorstufe, die zu diesem führte, war eine Entscheidung auf wenigstens einer +unserer Fronten. Wir mußten herauskommen aus der kriegerischen, +politischen und wirtschaftlichen Umklammerung, die uns einschnürte und uns +auch moralisch den Atem zu nehmen drohte. Die Gründe für das bisherige +Ausbleiben des Erfolges waren strittig und werden strittig bleiben. Die +Tatsache bestand, daß unsere Oberste Heeresleitung sich genötigt geglaubt +hatte, vom Westen, wo sie die rasche Entscheidung suchen wollte, vorzeitig +starke Kräfte nach dem Osten zu werfen. Ob bei diesem Entschluß nicht auch +eine Überschätzung der damals im Westen erreichten Erfolge eine große +Rolle spielte, möchte ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls erwuchsen +Halbheiten; das eine Ziel war aufgegeben, das andere nicht erreicht. + +In zahlreichen Gesprächen mit Offizieren, die einen Einblick in den +Verlauf der Ereignisse im August und September 1914 auf dem westlichen +Kriegsschauplatz gehabt hatten, versuchte ich ein einwandfreies Urteil +über die Vorgänge zu gewinnen, die für uns in der sogenannten +Marneschlacht so verhängnisvoll wurden. Ich glaube nicht, daß eine +einzelne Ursache die Schuld an dem Scheitern unseres großen, zweifellos +richtigen Feldzugsplanes trägt. Eine ganze Reihe ungünstiger Einwirkungen +entschied zu unseren Ungunsten. Zu diesen zähle ich: Verwässerung des +Grundgedankens, mit einem starken rechten Flügel aufzumarschieren, +Festrennen des überstark gemachten linken Heeresflügels durch falsche +Selbsttätigkeit der unteren Führung, Verkennen der aus dem +starkbefestigten, großen Eisenbahnknotenpunkt Paris zu erwartenden Gefahr, +ungenügendes Eingreifen der Obersten Heeresleitung in die Bewegungen der +Armeen und vielleicht auch mangelhaftes Herausfühlen der an sich nicht +ungünstigen Lage an dieser und jener Kommandostelle im entscheidenden +Augenblick der Schlacht. Die Geschichtsforschung und die Kritik werden +hier ein dankbares Feld ihrer Tätigkeit haben. + +Mit aller Entschiedenheit möchte ich mich aber dahin aussprechen, daß das +Scheitern unseres ersten Operationsplanes im Westen zwar eine schwere +Gefahr für uns brachte, daß dadurch aber keineswegs die Fortführung des +Krieges für uns aussichtslos geworden war. Wäre dies nicht meine +Überzeugung gewesen, so würde ich mich schon im Herbste 1914 für +verpflichtet gehalten haben, dies nach oben hin, und zwar bis zu meinem +Allerhöchsten Kriegsherrn zu vertreten. Unser Heer hatte derartige +glänzende und den Gegnern allenthalben überlegene Eigenschaften +entwickelt, daß nach meiner Ansicht bei einer entsprechenden +Zusammenfassung unserer Kräfte trotz der feindlichen stets wachsenden +zahlenmäßigen Überlegenheit eine Entscheidung wenigstens zunächst auf +einem unserer Kriegstheater möglich blieb. + +West oder Ost? Das mußte die große Frage sein, von deren Beantwortung +unser Schicksal abhing. Bei Lösung dieser Frage konnte mir +selbstverständlich eine entscheidende Stimme von seiten der Obersten +Heeresleitung nicht zuerkannt werden. Die Verantwortung lag allein und +ausschließlich auf ihren Schultern. Ich glaubte jedoch das Recht und damit +auch die Pflicht zu haben, meine Anschauungen in dieser Richtung frei und +offen zu äußern und zu vertreten. + +Für das allgemeine Denken war die sogenannte Westentscheidung +traditionell. Sie war, man darf vielleicht sagen, national. Im Westen +stand der Feind, dessen chauvinistische Hetzereien uns im Frieden nicht +hatten zur Ruhe kommen lassen. Dort stand jetzt aber zugleich auch +derjenige Gegner, der nach unser aller Überzeugung die zur Vernichtung +Deutschlands treibende Kraft darstellte. Demgegenüber fand man bei uns die +Begehrlichkeit Rußlands auf Konstantinopel vielfach begreiflich; diejenige +auf Ost- und Westpreußen nahm man nicht ernst. + +Die deutsche Kriegsleitung konnte sonach beim Kampfe im Westen sicher +damit rechnen, die führenden Geister des Vaterlandes, ja das Empfinden des +größten Teiles des Volkes auf ihrer Seite zu haben. Darin lag ein nicht zu +verachtender moralischer Faktor. Ob dieser in den Berechnungen unserer +Heeresführung eine Rolle spielte, wage ich nicht zu behaupten; wohl aber +weiß ich, daß der Gedanke einer Westentscheidung uns hundert- und +tausendfach mündlich und schriftlich entgegengebracht wurde. Ja ich fand +sogar später, als mir selbst die Kriegsleitung anvertraut wurde, Stimmen, +die mir eine förmliche Schonung Rußlands nahelegten. Man glaubte eben +vielfach, daß es verhältnismäßig leicht für uns sei, mit Rußland auf +friedlichem Boden eine Verständigung zu finden. + +Der entscheidende, den Endsieg erstrebende Kampf im Westen galt auch mir +als _ultima ratio_ für Erzwingung des Friedens, aber als eine _ultima +ratio_, an die wir nur über den auf den Boden geworfenen Russen +herantreten konnten. Vermochte man den Russen zu Boden zu werfen? Das +Schicksal hat die Frage bejaht, aber erst, als zwei weitere Jahre +vergangen waren, als es, wie es sich herausstellen sollte, zu spät +geworden war. Denn bis dahin hatte sich unsere Lage gründlich verändert. +Die Zahl und Kraft unserer übrigen Gegner war in der Zwischenzeit ins +Riesenhafte weiter gewachsen, und in den Kreis ihrer Kämpfer trat an +Stelle Rußlands das jugendkräftige, wirtschaftsgewaltige Nordamerika! + +Ich glaubte, die Frage, ob wir Rußland niederzwingen könnten, im Winter +1914/15 bejahen zu dürfen, und stehe noch heute auf diesem Standpunkt. +Freilich: das Ziel war nicht in einem einzigen großen, ins Ungeheure +gesteigerten Sedan zu erreichen, wohl aber in einer Reihe solcher und +ähnlicher Schlachten. Hierfür aber bot, wie es sich damals bereits gezeigt +hatte, wenn auch nicht die russische Heeresleitung so doch die Führung der +russischen Armeen günstige Vorbedingungen. Tannenberg hatte dieses +bewiesen; Lodz hätte es beweisen können, vielleicht mit noch gewaltigeren +Zahlen wie Tannenberg, wenn wir nicht damals den Kampf in Polen gegen gar +zu große Überlegenheiten hätten auf uns nehmen müssen und sozusagen mitten +im Siege aus Mangel an Kräften steckenblieben. + +Ich habe den Russen nie unterschätzt. Es war nach meiner Ansicht falsch, +in Rußland nur Despotismus und Sklaventum, Unbeholfenheit, Stumpfsinn und +Eigennutz zu sehen. Starke und hohe sittliche Kräfte waren auch dort am +Werke, freilich nur in einzelnen Kreisen. Vaterlandsliebe, selbständiger +Wille, Arbeitskraft und Weitblick waren dem Heere nicht unbedingt fremd. +Wie hätten sich auch sonst die ungeheuren Massen bewegen lassen, wie wären +anders das Land und die Truppen zu solchen Hekatomben von Menschenopfern +bereit gewesen? Der Russe der Jahre 1914 und 1915 war nicht mehr der Russe +von Zorndorf, der sich willenlos wie Schlachtvieh niederschlagen ließ. +Aber es fehlte ihm doch in seiner Masse die Größe menschlicher und +geistiger Eigenschaften, die bei uns Gemeingut des Volkes und Heeres +waren. + +Die bisherigen Kämpfe mit den Armeen des Zaren hatten unseren Offizieren +und Soldaten das Gefühl unbedingter Überlegenheit über diese Feinde +gegeben. Dieses Gefühl, das unsere alten Landstürmer ebenso wie unsere +jungen Soldaten erfüllte, erklärte es, daß wir hier im Osten +Truppengebilde in den Kampf werfen konnten, deren Kampfwert eine +Verwendung an der Westfront nur unter Vorbehalt zugelassen hätte. Ein +ungeheurer Vorteil für uns, da wir zahlenmäßig so sehr den Gesamtgegnern +unterlegen waren! Freilich hatte die Verwendung solcher Verbände ihre +Grenzen angesichts der großen Anforderungen, die an die Ausdauer und an +die operative Beweglichkeit der Truppe in den östlichen Gebieten zu +stellen waren. Die Hauptkraft mußte immer wieder durch schlagkräftige +Divisionen geliefert werden. Konnte man ihre zur Führung entscheidender +Operationen nötige Anzahl nicht durch Neubildungen gewinnen, so mußten sie +nach meiner Ansicht, selbst unter Preisgabe von Teilen besetzter Gebiete, +aus der westlichen Front gezogen werden. + +Diese Darlegungen sind nicht erst das Ergebnis nachträglicher +Gedankenkonstruktionen oder rückschauender Kritik. Man hat ihnen gegenüber +darauf hingewiesen, daß der Russe jederzeit imstande sein würde, sich im +Falle der Not in die sogenannte Endlosigkeit seines Reiches so weit +zurückzuziehen, daß unsere operative Kraft im Nachfolgen erlahmen müßte. +Ich glaube, daß diese Anschauungen sich allzusehr unter dem Banne der +Erinnerungen an 1812 befanden, daß sie der inzwischen eingetretenen +Entwickelung und Änderung der politischen und wirtschaftlichen +Verhältnisse des inneren Zarenreiches – ich erinnere besonders an die +Eisenbahnen – nicht genügend Rechnung trugen. Der napoleonische Feldzug +hatte seinerzeit nur einen verhältnismäßig schmalen Keil in das weite, +dünn bevölkerte, wirtschaftlich primitive, innerpolitisch noch völlig +unerweckte Rußland getrieben. Wie ganz anders sprach sich eine breite, +moderne Offensive aus; welche ganz andere innerstaatliche Verhältnisse +mußte sie jetzt auch in Rußland vorfinden? + +In diesen Anschauungen lag letzten Endes der Widerstreit zwischen der +damaligen deutschen Heeresführung und meinem Oberkommando. Die +Öffentlichkeit hat viele Legenden in diesen Widerstreit hineingetragen. +Von dramatischen Vorgängen konnte nicht die Rede sein, so tief mich auch +die Angelegenheit persönlich ergriff. Ich überlasse die nachträgliche +sachliche Entscheidung der gelehrten Kritik der Nachwelt, bin jedoch +überzeugt, daß auch diese zu einem widerspruchslosen Endergebnis nicht +kommen wird. Jedenfalls werde ich dieses Endergebnis nicht mehr erleben. + + + + Kämpfe und Operationen im Osten + + +Von den Ereignissen des Jahres 1915 im Osten möchte ich nur in großen +Umrissen sprechen. + +Den Kampf an unserem Teil der Ostfront riefen wir selbst in seiner ganzen +Stärke wieder wach. Völlig geruht hatte er ja nie. Er hatte bei uns aber +auch nicht mit der gleichen Wut getobt, wie in den Karpathen, wo die k. +und k. Armeen im schwersten Ringen die Gefilde Ungarns vor russischer +Überflutung schützen mußten. Dorthin war auch mein Armee-Chef in der Not +der Tage vorübergehend gerufen worden. Die inneren Gründe, die zu unserer +damaligen Trennung Veranlassung gaben, sind mir nicht bekannt geworden. +Ich suchte sie auf sachlichem Gebiete und bat meinen Kaiser, diese +Verfügung rückgängig zu machen, was Seine Majestät auch gnädigst +bewilligte. General Ludendorff kam nach kurzer Zeit zurück mit ernsten +Erfahrungen und noch ernsteren Ansichten über die Zustände bei +österreichisch-slawischen Truppenteilen. + +Dem k. u. k. Armee-Oberkommando mußte der Gedanke zu einer entscheidenden +Operation im Osten ganz besonders nahe liegen. Er drängte sich ihm nicht +nur aus militärischen sondern auch aus politischen Gründen auf. Die +fortschreitende Abnahme des Wertes der österreichisch-ungarischen +Kampfkräfte konnte ihm nicht verborgen bleiben. Ein längeres Hinziehen des +Krieges verschlimmerte diese Zustände augenscheinlich in dem Heere der +Donaumonarchie verhältnismäßig rascher als beim gegenüberstehenden Feind. +Dazu kam die österreichische Sorge, daß der drohende Verlust von Przemysl +nicht nur die Spannung in der Kriegslage an der eigenen Heeresfront +wesentlich steigern werde, sondern daß auch unter dem Eindruck, den der +Fall dieser Festung auf die Heimat machen mußte, die schon jetzt nicht +unbedenklichen Erscheinungen von Lockerung im Staatsgefüge und von +Schwinden des Vertrauens auf ein günstiges Kriegsende sich noch weiter +verschärfen würden. Auch fühlte Österreich-Ungarn sich schon jetzt durch +die politische Haltung Italiens im Rücken bedroht. Ein großer, +erfolgreicher Schlag im Osten konnte die mißliche Lage des Staates +gründlich ändern. + +Aus dieser Beurteilung der Verhältnisse heraus trat ich auf die Seite des +Generals von Conrad, als er bei der deutschen Obersten Heeresleitung +entscheidende Operationen auf dem östlichen Kriegsschauplatz anregte. Die +von mir für eine solche Entscheidung nötig befundenen Truppenstärken +glaubte unsere Oberste Heeresleitung nicht zur Verfügung stellen zu +können. Aus dem vorgeschlagenen Plane wurde daher innerhalb meines +Befehlsbereiches nur ein einziger großer Schlag, den wir in Ostpreußen +führten. + +4 Armeekorps rollten bei Beginn des Jahres zu unserer Verfügung aus der +Heimat und dem Westen zu uns heran. Sie werden in Ostpreußen ausgeladen, +verstärken teils die 8. Armee und bilden teils die 10. unter Generaloberst +von Eichhorn, marschieren auf und rücken los, um seitlich beider Flügel +unserer in der Linie Lötzen-Gumbinnen gelegenen dünnen +Verteidigungsstellung vorzubrechen. Durch zwei starke Flügelgruppen soll +die 10. russische Armee des Generals Sievers weit ausholend umfaßt werden, +damit schließlich durch deren Zusammenschluß im Osten auf Rußlands Boden +im großen Maßstabe alles zertrümmert werden kann, was noch vom Feinde etwa +übrig geblieben ist. + +Der erste grundlegende Gedanke der Operation wird am 28. Januar noch im +Hauptquartier zu Posen für unsere Armeeführer in folgende Worte gefaßt: + + „Ich beabsichtige, die 10. Armee mit ihrem linken Flügel längs der Linie + Tilsit-Wylkowyszki zur Umfassung des nördlichen Flügels des Gegners + anzusetzen, den Feind mit der Landwehrdivision Königsberg und dem linken + Flügel der 8. Armee in frontalem Kampf zu binden, und den rechten Flügel + der 8. Armee auf Arys-Johannisburg und südlich angreifen zu lassen.“ + +Am 5. Februar folgt dann aus Insterburg, wohin wir uns zur +Schlachtenleitung begaben, der eigentliche Angriffsbefehl. Er setzt vom 7. +ab die beiden Massen an den Flügeln in Bewegung, vielleicht etwas an unser +ruhmreiches Sedan erinnernd, und ein vernichtendes Sedan sollte es für die +10. Russenarmee schließlich bei Augustowo auch werden. Dort schloß sich am +21. Februar der Kessel des gewaltigen Treibens, aus dem mehr denn +100.000 Gegner als Gefangene Deutschland zugeführt wurden. Eine noch weit +größere Zahl von Russen war einem anderen Schicksal erlegen. + +Das Ganze wurde auf Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Kaisers +„Winterschlacht in Masuren“ benannt. Man befreie mich von ihrer näheren +Beschreibung. Was sollte ich auch Neues aus ihr erzählen? Ihr Name mutet +an wie Eiseshauch und Totenstarre. Vor dem Gange dieser Schlacht steht der +rückblickende Mensch, wie wenn er sich fragen müßte: Haben wirklich +irdische Wesen dies alles geleistet, oder ist das Ganze nur ein Märchen +oder Geisterspuk gewesen? Sind jene Züge durch Winternächte, jene Lager im +eisigen Schneetreiben und endlich der Abschluß der für den Feind so +schrecklichen Kämpfe im Walde von Augustowo nur die Ausgeburten erregter +menschlicher Phantasien? + +Trotz der großen taktischen Erfolge der Winterschlacht blieb uns die +strategische Ausnutzung des Erreichten versagt. Wir waren wohl wieder +imstande gewesen, eine der russischen Armeen nahezu völlig zu vernichten, +aber an ihre Stelle traten sofort neue feindliche Kräfte, herangezogen von +anderen Fronten, an denen sie nicht gebunden waren. Unter diesen +Verhältnissen konnten wir mit den jetzt im Osten verfügbaren Mitteln zu +keinem entscheidenden Ergebnis gelangen. Die russische Übermacht war allzu +gewaltig. + +Der Winterschlacht folgt als russische Antwort ein umfassender Angriff auf +unsere Stellungen vorwärts der altpreußischen Grenzgebiete. Gewaltige +Blöcke wälzt der feindliche Heerführer gegen uns heran, Blöcke von +übermächtiger Größe, jeder einzelne schwerer, als alle unsere Kräfte +zusammen. Aber der deutsche Wille überwindet auch diese Belastung. Ströme +russischen Blutes fließen in den mörderischen Kämpfen bis Frühjahrsbeginn +nördlich des Narew und westlich des Njemen; dem Himmel sei Dank, auf +russischem Boden! Der Zar mag viele Soldaten haben, auch ihre Zahl +schwindet bei solchen Massenopfern merklich dahin. Die russische Kraft, +die vor unseren Linien zugrunde geht, wird nachher fehlen, wenn der große +deutsch-österreichisch-ungarische Stoß weit im Süden die ganze russische +Heeresfront erbeben macht. + +Nicht nur in den preußischen Grenzgebieten, sondern auch in den Karpathen +wird in dieser Zeit mit äußerster Erbitterung gefochten. Dort versucht der +Russe auch über den Winter hinaus den Grenzwall Ungarns um jeden Preis zu +bezwingen. Er fühlt wohl mit Recht, daß ein Einbruch der russischen Flut +in die magyarischen Länder den Krieg entscheiden könnte, daß das +Donaureich einen solchen Schlag nimmermehr überwinden würde. War es zu +bezweifeln, daß der erste russische Kanonenschuß in der ungarischen +Tiefebene seinen Widerhall in den oberitalienischen Gebirgen und in den +transsylvanischen Alpen finden würde? Der russische Großfürst wußte wohl, +für welch hohes Ziel er von dem Zarenheere die furchtbaren Opfer auf den +schwierigen Kampffeldern des Waldgebirges forderte. + +Die andauernd große Spannung der Kampflage in den Karpathen und ihre +Rückwirkung auf die politischen Verhältnisse forderten gebieterisch eine +Lösung. Die deutsche Oberste Heeresleitung fand eine solche. Sie +durchbrach in den ersten Tagen des Mai die russische Heeresfront in +Nordgalizien und faßte die gegnerische Schlachtfront an der ungarischen +Grenze in Flanke und Rücken. + +Mein Oberkommando war zunächst an der großen Operation, die bei Gorlice +ihren Anfang nahm, nur mittelbar beteiligt. Unsere Aufgabe im Rahmen +dieser großzügigen Unternehmung war es vorerst, starke feindliche Kräfte +zu binden. Das geschah zunächst durch Angriffe im großen Weichselbogen +westlich Warschau und an der ostpreußischen Grenze, in Richtung Kowno, +dann aber im größeren Stile durch ein am 27. April begonnenes +Reiterunternehmen nach Litauen und Kurland. Der Vorstoß von drei +Kavalleriedivisionen, unterstützt von der gleichen Zahl +Infanteriedivisionen, berührte eine empfindliche Stelle russischen +Kriegsgebietes. Der Russe fühlte wohl zum ersten Male, daß die wichtigsten +Eisenbahnen, die russisches Heer und russisches Kernland verbanden, durch +ein solches Vorgehen ernstlich gefährdet werden konnten. Er warf unserem +Einbruch starke Kräfte entgegen. Die Kämpfe auf litauischem Boden zogen +sich bis zum Sommer hin. Wir sahen uns veranlaßt, weitere Kräfte dorthin +zu werfen, um die besetzten Landesteile zu behaupten und unseren Druck auf +den Gegner auch in jenen vom Krieg bisher unberührten Gebieten dauernd zu +erhalten. So entstand dort allmählich eine neue deutsche Armee. Sie +erhielt nach dem Hauptstrom des Gebietes die Bezeichnung „Njemenarmee“. + +Es fehlt mir an Raum, um auf den Heereszug einzugehen, der am 2. Mai in +Nordgalizien begann, um dann, auf unsere Linien übergreifend, in den +Herbstmonaten östlich Wilna zu enden. Wie eine Lawine aus scheinbar +kleinen Anfängen entsteht, immer neue und neue Teile auf ihrem +verheerenden Weg mit sich reißt, so beginnt und verläuft dieser Zug in nie +gesehener und nicht mehr wiederholter Ausdehnung. Wir werden zu +unmittelbarem Eingreifen in seinen Gang veranlaßt, als der Durchstoß über +Lemberg hinaus gelang. Jetzt schwenken nämlich die +deutsch-österreichisch-ungarischen Armeen zum Vorgehen in nördlicher +Richtung zwischen oberen Bug und Weichsel ein. Man halte sich das Bild der +Lage vor Augen: Die russische Heeresfront ist in der südlichen Hälfte fast +bis zur Zersprengung eingedrückt. Ihr Nordteil, nach Westen und Nordwesten +festgehalten, hat eine neue mächtige Flanke zwischen der Weichsel und den +Pripetsümpfen nach Süden gebildet. Eine Katastrophe droht der Masse des +russischen Heeres, wenn ein neuer Durchbruch von Norden her gegen den +Rücken der russischen Heeresmacht gelingt. + +Der Gedanke, der uns zur Winterschlacht führte, drängt sich aufs neue auf, +diesmal vielleicht in noch größeren Umrissen. Jetzt muß von Ostpreußen her +der Schlag angesetzt werden, am nächsten und wirkungsvollsten über +Ossowiez-Grodno. Doch verhindert auch jetzt dort das Bobrsumpfgebiet unser +Vorgehen; wir kennen das vom Tauwetter des vergangenen Winters her. Es +bleibt also nur die Wahl zwischen dem Vorbrechen westlich oder östlich +dieser Linie. Der Stoß in die Tiefe der feindlichen Verteidigung, ich +möchte sagen in die Herzgegend des russischen Heeres fordert die Richtung +östlich Grodno vorbei. Wir vertreten diesen Gedanken. Die Oberste +Heeresleitung verschloß sich seinem Vorteil nicht, aber sie hielt die +westliche Stoßrichtung für kürzer und glaubte auch hier an große Erfolge. +Sie forderte also den Angriff über den unteren Narew. Ich glaubte meinen +Widerstand gegen diese Absicht zum Nutzen des Ganzen einstweilen aufgeben, +die Folgen dieses Angriffes und den weiteren Verlauf der Operationen +abwarten zu sollen. Der General Ludendorff jedoch hielt innerlich zähe an +unserem ersten Plane fest, eine Abweichung, die übrigens weder +irgendwelchen Einfluß auf unser weiteres gemeinsames Denken und Handeln +hatte, noch die Kraft beeinträchtigte, mit der wir den Entschluß der +verantwortlichen Obersten Heeresleitung Mitte Juli in die Tat umsetzten. +Gallwitz’ Armee brach beiderseits Przasnysz gegen den Narew vor. Zu diesem +Angriff begab ich mich persönlich auf das Schlachtfeld, nicht um in die +mir als meisterhaft bekannte Tätigkeit des Armee-Oberkommandos +irgendwelche taktischen Eingriffe zu machen, sondern nur deswegen, weil +ich wußte, welch eine ausschlaggebende Bedeutung unsere Oberste +Heeresleitung dem Gelingen des hier befohlenen Durchbruches beilegte. Ich +wollte zur Stelle sein, um nötigenfalls sofort eingreifen zu können, wenn +das Armee-Oberkommando irgendwelcher weiteren Aushilfen für die +Durchführung seiner schwierigen Aufgabe im Rahmen meines Befehlsbereiches +bedurfte. Zwei Tage blieb ich bei der Armee und erlebte die Erstürmung des +schon früher wiederholt heftig umstrittenen Przasnysz und den Kampf um das +Gelände südlich der Stadt. Schon am 17. Juli stand Gallwitz am Narew. +Unter dem Eindruck der auf allen Frontseiten einbrechenden verbündeten +Armeen beginnt der Russe allmählich, auf allen Seiten zu weichen und sich +der drohenden Umklammerung langsam zu entziehen. Unsere Verfolgung fängt +an, sich in frontales Abringen zu verlaufen. Wir können auf diesem Wege +die Früchte nicht ernten, die auf blutigen Schlachtfeldern immer wieder +aufs neue gesät werden. Wir greifen daher unsern früheren Gedanken wieder +auf und wollen angesichts dieses Verlaufs der Operationen über Kowno auf +Wilna vordrücken, um dann die Massen des russischen Zentrums gegen die +Pripet-Sümpfe zu pressen und ihre Verbindungen mit dem Herzland zu +durchhauen. Doch die Absicht der Obersten Heeresleitung fordert +unmittelbare Verfolgung, bei der der Verfolger stärker erlahmt als der +Verfolgte. + +In diesen Zeitraum fällt die Wegnahme von Nowo Georgiewsk. Diese Festung +hatte zwar trotz ihrer Anlage als strategischer Brückenkopf bisher noch +keine besonders wichtige Rolle gespielt; ihr Besitz wurde aber jetzt für +uns von Wert, weil sie die über Mlawa nach Warschau führende Bahn sperrte. +Unmittelbar vor der Übergabe traf ich am 18. August mit meinem Kaiser vor +dem Waffenplatz zusammen und fuhr später in seinem Gefolge in die Stadt. +Dort brannten noch die von den russischen Truppen angezündeten Kasernen +und andere militärische Gebäude. Große Massen von Gefangenen standen +herum. Auffallend war es, daß die Russen vor der Übergabe ihre Pferde +reihenweise erschossen hatten, wohl in der Überzeugung von dem +außerordentlichen Werte, den diese Tiere für unsere Operationen im Osten +hatten. Unser Gegner benahm sich überhaupt in der Zerstörung aller Mittel +und Vorräte, die dem siegreichen Feinde für die Kriegführung von +irgendwelchem Nutzen sein konnten, stets außerordentlich gründlich. + +Um wenigstens freie Bahn für ein späteres Vorgehen gegen Wilna zu +schaffen, lassen wir schon Mitte Juli unsere Njemenarmee gegen Osten +vorbrechen. Mitte August fällt dann Kowno unter dem Ansturm der 10. Armee. +Der Weg gegen Wilna ist geöffnet, aber noch immer fehlen die Kräfte zur +weiteren Durchführung unseres großen operativen Gedankens. Sie bleiben +vorläufig in frontaler Verfolgung festgelegt. Wochen vergehen, bis +Verstärkungen herangeholt werden können. Unterdessen weicht aber der Russe +weiter nach Osten; er gibt alles preis, selbst Warschau, wenn er nur seine +Hauptkräfte dem Verderben entziehen kann. + +Erst am 9. September können wir vorwärts auf Wilna. Möglicherweise kann in +dieser Richtung auch jetzt noch Großes gewonnen werden. Hunderttausende +russischer Truppen sind vielleicht unsere Beute. Wenn je stolze Hoffnungen +mit Ungeduld und Sorgen sich mischten, so geschieht es jetzt. Kommen wir +zu spät? Sind wir kräftig genug? Doch nur vorwärts, über Wilna hinaus und +dann nach Süden. Unsere Reitergeschwader legen bald Hand an die russische +Lebensader. Drücken wir diese zusammen, so stirbt die feindliche +Hauptkraft. Der Gegner kennt das drohende Unheil, er tut alles, um es +abzuwenden. Ein mörderisches Ringen bei Wilna beginnt. Jede gewonnene +Stunde rettet dem Russen viele seiner nach Osten flutenden Heerhaufen. +Unsere Kavalleriedivisionen müssen vor deren Rückstau wieder zurück. Die +Bahnlinie ins Herz der Heimat wird für den Gegner wieder frei. Wir sind zu +spät gekommen, und wir ermatten! + +Ich täusche mich wohl nicht in der Annahme, daß der Gegensatz zwischen den +Anschauungen der deutschen Obersten Führung und den unserigen ein +geschichtliches Interesse behalten wird. Aber wir dürfen bei der +Beurteilung der Pläne der Heeresleitung den Blick über das Gesamtbild des +Krieges nicht verlieren. Wir selbst sahen damals nur einen Teil dieses +Bildes. Die Frage, ob wir unter dem Eindrucke der gesamten politischen und +kriegerischen Lage anders geplant und anders gehandelt hätten, mag +unerörtert bleiben. + + + + Lötzen + + +Aus diesem ernsten Gedankenstreit möchte ich zu einer idyllischeren Seite +unseres Kriegslebens im Jahre 1915 übergehen, indem ich mich in meinen +Erinnerungen nach Lötzen begebe. + +Das freundlich zwischen Seen, Wald und Höhen gelegene Städtchen wurde +unser Hauptquartier, als die Winterschlacht in Masuren auszuklingen +begann. Die Einwohner, befreit von Russengefahr und Russenschreck, +gewährten uns eine rührend herzliche Aufnahme. Dankbarst gedenke ich auch +des Landverkehrs auf den ohne zu großen Zeitverlust erreichbaren Gütern, +der mir, wenn es der Ernst der Zeit erlaubte, Stunden der Erholung, +Ablenkung und Anregung brachte. Auch das edle Weidwerk kam dabei nicht zu +kurz; den Höhepunkt bildete hierbei dank der Gnade Seiner Majestät die +Erlegung eines besonders starken Elches im Königlichen Jagdrevier +Niemonien am Kurischen Haff. + +Als im Frühjahr allmählich die Ruhe vor unserer Front einzutreten begann, +fehlte es uns, ebensowenig wie später im Sommer, nicht an Besuchern +jeglicher Art. Deutsche Fürstlichkeiten, Politiker, Männer aus +wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berufskreisen, Verwaltungsbeamte +kamen zu uns, geführt durch das Interesse, das die sonst so wenig +besuchten östlichen Provinzen durch den bisherigen Kriegsverlauf gewonnen +hatten. Künstler fanden sich ein, um General Ludendorff und mich durch +Pinsel oder Meißel zu verewigen, eine Auszeichnung, auf die wir bei aller +Liebenswürdigkeit und Tüchtigkeit der betreffenden Herrn gerne zu Gunsten +unserer knappen Freistunden verzichtet hätten. Auch das neutrale Ausland +stellte Gäste. So lernte ich unter anderen dort auch Sven Hedin, den +bekannten Asienreisenden und überzeugten Deutschenfreund, kennen und +schätzen. + +Unter den Staatsmännern, die uns in Lötzen besuchten, nenne ich besonders +den damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg und den Großadmiral von +Tirpitz. + +Schon im Winter 1914/15 hatte ich in Posen Gelegenheit gehabt, den +Reichskanzler bei mir begrüßen zu können. Seine Besuche entsprangen in +erster Linie seiner persönlichen Liebenswürdigkeit und standen in keinem +Zusammenhange mit irgendwelchen politischen Fragen. Ich erinnere mich auch +nicht, daß die Unterhaltungen mit dem Reichskanzler dieses Thema damals +berührten. Wohl aber gewann ich die Überzeugung, daß ich es mit einem +klugen und gewissenhaften Mann zu tun hatte. Unsere Anschauungen über die +damaligen Kriegsnotwendigkeiten deckten sich in dieser Zeit nach meinem +Empfinden in allen wesentlichen Punkten. Ein tiefes Verantwortungsgefühl +sprach aus allen Äußerungen des Kanzlers. Diesem Gefühl schrieb ich es zu, +wenn mir in der Beurteilung der Kriegslage durch Herrn von Bethmann nach +meinem soldatischen Empfinden etwas zu viel Bedenken und infolgedessen +etwas zu wenig Zuversichtlichkeit entgegentraten. + +Den in Posen erhaltenen Eindruck fand ich in Lötzen bestätigt. + +Großadmiral von Tirpitz, der in dieser Zeit oft als Nachfolger für +Bethmann Hollweg genannt wurde, war eine völlig anders geartete +Persönlichkeit. Auf einem längeren Spaziergang trug er mir alle die +Schmerzen vor, die sein flammendes vaterländisches und ganz besonders sein +seemännisches Herz bewegten. Er empfand es bitter, daß er die gewaltige +während der besten Jahre seines Lebens von ihm geschmiedete Waffe im +Kriege in den heimatlichen Häfen festgebannt sah. Gewiß war die Lage für +eine Flottenoffensive unsererseits ungemein schwierig, sie wurde aber mit +langem Zuwarten nicht besser. Meines Erachtens würde die überaus große +Empfindlichkeit des englischen Mutterlandes gegenüber dem Phantom einer +deutschen Landung eine größere Tätigkeit, ja selbst schwere Opfer unserer +Flotte gerechtfertigt haben. Ich hielt es nicht für ausgeschlossen, daß +durch eine solche Flottenverwendung eine Bindung starker englischer +Heereskräfte im Mutterlande und damit eine Entlastung unseres Landheeres +erreicht werden konnte. Man sagt, daß unsere Politik sich die Möglichkeit +schaffen wollte, bei etwaigen Friedensaussichten auf eine starke, intakte +deutsche Seekraft hinweisen zu können. Eine solche Rechnung wäre wohl +irrig gewesen. Denn eine Streitmacht, die man im Kriege nicht zu nützen +wagt, ist auch bei Friedensverhandlungen ein kraftloser Faktor. + +Im Frühjahr 1916 ist der Wunsch des Großadmirals doch noch in Erfüllung +gegangen. Was unsere Flotte zu leisten vermochte, das hat sie im Skagerrak +glänzend gezeigt. + +Auch über die Frage unserer Unterseebootkriegführung äußerte sich Herr von +Tirpitz. Er vertrat die Anschauung, daß wir diese Waffe zur Unzeit gezückt +hätten, und daß wir dann, eingeschüchtert durch das Verhalten des +Präsidenten der Vereinigten Staaten den mit lautem Kampfgeschrei erhobenen +Arm ebenso zur Unzeit wieder hätten sinken lassen. Die damaligen +Ausführungen des Großadmirals konnten auf meine spätere Stellungnahme zu +dieser Frage keinen Einfluß ausüben. Bis die Entscheidung hierüber an mich +herantrat, sollten fast noch anderthalb Jahre vergehen. In diesem Zeitraum +hatte sich einerseits die Kriegslage ganz wesentlich zu unseren Ungunsten +verschoben und war andererseits die Leistungsfähigkeit unserer Marine auf +dem Gebiete des Unterseebootswesens mehr als verdoppelt. + + + + Kowno + + +Im Oktober 1915 verlegten wir unser Hauptquartier nach Kowno, in das +besetzte Feindesland. + +Zu der bisherigen Tätigkeit meines Generalstabschefs kamen jetzt noch die +Arbeiten für die Verwaltung, den Wiederaufbau und die Ausnützung des +Landes zur Versorgung der Truppen, der Heimat und der Landeseinwohner. Die +hieraus erwachsende Beschäftigung wäre allein genügend gewesen, die +Arbeitskraft eines Mannes voll und ganz in Anspruch zu nehmen. General +Ludendorff betrachtete sie als eine Zugabe zu seinem übrigen Dienste und +widmete sich ihr mit dem ihm eigenen rastlosen Arbeitswillen. + +Von Kowno aus fand ich in der ruhigeren Winterzeit 1915/16 Gelegenheit den +Bjalowjeser Forst aufzusuchen. Der Wildstand hatte leider unter den +kriegerischen Ereignissen stark gelitten. Durchmarschierende Truppen und +wilddiebende Bauern hatten ihn sehr gelichtet. Trotzdem gelang es mir +noch, in viertägigen herrlichen Pirsch- und Schlittenfahrten im Januar +1916 einen Wisent und vier Hirsche zu erlegen. Die Verwaltung des +ausgedehnten Waldreviers befand sich in den bewährten Händen des +bayerischen Forstmeisters Escherich, der es meisterhaft verstand, uns die +reichen Holzbestände nutzbar zu machen, ohne dabei Raubbau zu treiben. + +Auch den Augustower Wald suchte ich im gleichen Winter auf. Eine mir zu +Ehren veranstaltete Wolfsjagd verlief leider ergebnislos. Die Wölfe zogen +es vor, außerhalb meiner Schußweite durch die Lappen zu gehen. Von den +Kämpferspuren des Februar 1915 sah ich nur noch Schützengräben. Sonst war +das Schlachtfeld, wenigstens an den Stellen, an denen ich den Forst +berührte, völlig aufgeräumt. + +In Kowno beging ich im April 1916 mein 50jähriges Dienstjubiläum. Mit Dank +gegen Gott und meinen Kaiser und König, der mir den Tag durch gnädiges +Meingedenken verschönte, blickte ich auf ein halbes Jahrhundert zurück, +das ich in Krieg und Frieden im Dienste für Thron und Vaterland durchlebt +hatte. + +Bei Kowno waren im Sommer 1812 starke Teile des französischen Heeres nach +Osten über den Njemen gegangen. Die Erinnerung an diese Zeit und an den +tragischen Ausgang dieses kühnen Zuges hatte bei unseren Gegnern die +Hoffnung ausgelöst, daß auch unsere Truppen in den weiten Wald- und +Sumpfgebieten Rußlands einem ähnlichen Schicksal durch Hunger, Kälte und +Krankheiten erliegen würden wie die stolzen Armeen des großen Korsen. Man +verkündete uns diesen Ausgang, vielleicht weniger aus innerer Überzeugung +als zur Beruhigung der eigenen urteilslosen Menge. Immerhin waren aber +unsere Sorgen für die Erhaltung unserer Truppen im Winter 1915/16 keine +geringen. Wußten wir doch, in welchen trotz aller Entwickelung der Neuzeit +immer noch verhältnismäßig öden, vielfach von ansteckenden Krankheiten +durchseuchten Landesteilen wir nunmehr die strenge Jahreszeit hinzubringen +hatten. + + + + + Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August + + + + Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront + + +Das Jahr 1915 war in unserem Oberkommando nicht ausgeklungen unter hellen +Fanfaren eines voll befriedigenden Triumphes. In dem Gesamtergebnis der +Operationen und Kämpfe dieses Jahres lag für uns etwas Unbefriedigendes. +Der russische Bär hatte sich unserer Umgarnung entzogen, zweifellos aus +mehr als einer Wunde blutend, aber doch nicht zu Tode getroffen. Unter +wilden Anfällen hatte er sich von uns verabschiedet. Wollte er damit +beweisen, daß er noch Lebenskraft genug übrig hatte, um uns auch weiterhin +das Leben schwer zu machen? Wir fanden die Ansicht vertreten, daß die +russischen Verluste an Menschen und Material bereits so bedeutend wären, +daß wir auf lange hinaus an unserer Ostfront gesichert sein würden. Wir +beurteilten diese Behauptung nach den bisherigen Erfahrungen mit +Mißtrauen, und bald sollte sich zeigen, daß dieses Mißtrauen +gerechtfertigt war. + +Nicht einmal den Winter sollten wir in einiger Ruhe verbringen können. +Zeigte sich doch bald, daß der Russe an alles eher dachte, als sich stille +zu verhalten. Auf unserer ganzen Front, ja weit darüber hinaus nach Süden, +war es in und hinter den gegnerischen Linien unruhig, ohne daß man zuerst +die Absichten der russischen Führung irgendwie erkennen konnte. Ich hielt +die Gegenden von Smorgon, Dünaburg und Riga für besondere Gefahrpunkte vor +unseren Stellungen. In diese Gebiete führten die leistungsfähigsten +russischen Bahnen. Aber ausgesprochene Anzeichen für einen feindlichen +Angriff an den genannten drei Punkten ergaben sich lange Zeit nicht. + +Die Tätigkeit im Rückengebiet des Feindes blieb ungemein emsig. Überläufer +klagten über die harte Zucht, der die zurückgezogenen Divisionen +unterworfen würden, denn mit eiserner Strenge wurden die Truppen gedrillt. + +Das Stärkeverhältnis in den einzelnen Abschnitten war schon in den Zeiten +der Ruhe für uns außerordentlich ungünstig. Wir mußten damit rechnen, daß +durchschnittlich jedem einzelnen unserer Divisionsabschnitte +(9 Bataillone) etwa 2–3 russische Divisionen (32–48 Bataillone) +gegenüberstanden. Nichts kennzeichnet die ungeheuern Unterschiede in den +Anforderungen an die Kräfte unserer Truppen gegenüber den feindlichen mehr +als diese Zahlen. Dieser Unterschied spielte naturgemäß nicht nur im +Gefecht eine gewaltige Rolle sondern auch in den notwendigen täglichen +Arbeitsforderungen. Welch einen Umfang hatten die Arbeitsleistungen bei +der großen Ausdehnung der Fronten doch angenommen! Der Stellungs- und +Straßenbau, die Errichtung von Barackenlagern sowie unzählige Arbeiten für +die Versorgung der Truppen mit Kriegsbedarf, Verpflegung, Baustoffen usw. +machten das Wort „Ruhe“ für Offizier und Mann meist zu einem völlig leeren +Begriff. Trotzdem waren Stimmung und Gesundheitszustand der Truppen +durchaus gut. Würde unser Sanitätsdienst nicht auf der Höhe gestanden +haben, auf der er sich tatsächlich befand, so hätten wir schon aus diesem +Grunde den Krieg nicht so lange Zeit durchhalten können. Die Leistungen +unseres Feldsanitätswesens werden sich dereinst nach wissenschaftlicher +Bearbeitung des gesamten vorliegenden Materials als ein besonderes +Ruhmesblatt deutscher Geistesarbeit und Hingabe für einen großen Zweck +erweisen und dann hoffentlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienstbar +gemacht werden. + +Von Mitte Februar ab begann es in der Gegend des Naroczsees und bei +Postawy besonders unruhig zu werden. Immer klarer zeichneten sich aus der +Masse der eintreffenden Nachrichten die Angriffsvorbereitungen des Gegners +an jenen Stellen ab. Ich hatte anfangs nicht geglaubt, daß der Russe die +von seinen leistungsfähigen Bahnverbindungen entlegenen Stellen, die zudem +seinen Massen wenig Entfaltungsraum boten und der taktischen Führung +infolge der Geländegestaltung nur geringe Armfreiheit ließen, zu einem +wirklich großen Schlage auswählen würde. Die kommenden Ereignisse +belehrten mich vom Eintritt des Unwahrscheinlichen. + +Niemand von uns erkannte im Verlauf der damaligen russischen +Vorbereitungen deren gewaltigen Umfang richtig. Wir hätten sonst wohl +nicht geglaubt, daß wir mit den von uns allmählich im Gebiete des +Naroczsees versammelten etwa 70 Bataillonen der ganzen dort +bereitgestellten russischen Macht, gegen 370 Bataillone, standzuhalten +vermöchten. Aber diese Gegenüberstellung gibt, wie eine auf unsere +Feststellungen gestützte Veröffentlichung ausführt, doch nur ein ungenaues +Bild, einmal weil auf beiden Seiten am ersten Tage keineswegs die ganze +Masse der Kampftruppen eingesetzt wurde, und dann vor allem, weil die +russischen Divisionen nicht etwa gleichmäßig in breiter Front gegen die +Deutschen vorstießen, sondern sich in der Hauptsache zu zwei mächtigen +Stoßgruppen vor den Flügeln des Korps von Hutier zusammenballten. Die +nördliche dieser trieb 7 Infanterie- und 2 Kavalleriedivisionen zwischen +Mosheiki und Wileity im Postawy-Abschnitt vor, in dem zunächst nur 4 +deutsche Bataillone standen, während die südliche mit +8 Infanteriedivisionen und den Uralkosaken die Sperre zwischen Naroczsee +und Wisznewsee einzudrücken suchte, die von unserer 75. Reservedivision +und der verstärkten 9. Kavalleriedivision gehalten wurde. Also rund 128 +russische gegen 19 deutsche Bataillone! + +Am 18. März bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen +Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Stärke noch nie zu +durchleben gehabt hatte, stürmen die feindlichen Massen gleich einer +ununterbrochenen Sturzflut auf unsere dünnbesetzten Stellungen. Doch +vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene +Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst mähen zurückgehaltene +feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu +weichen und dem Verderben durch unser Feuer zu entgehen versuchen. Zu +förmlichen Hügeln häufen sich die russischen Gefallenen vor unserer Front. +Die Anstrengungen für den Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere +gesteigert. Eingebrochenes Tauwetter füllt die Schützengräben mit +Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerfließenden +Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis +zur teilweisen Bewegungsunfähigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die +Gliedmaßen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft +und Kampfeswille in diesen Körpern, um die feindlichen Anstürme immer +wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens, +und vom 25. März ab können wir siegessicher auf unsere Heldenscharen am +Naroczsee blicken. + +Der Deutsche Heeresbericht vom 1. April 1916, der unter unserer Mitwirkung +entstand, sprach sich nach Beendigung der Schlacht folgendermaßen aus: + + „Welcher größere Zweck mit den Angriffen angestrebt werden sollte, + ergibt folgender Befehl des russischen Höchstkommandierenden der Armeen + an der Westfront vom 4. (17.) März, Nr. 537: + + „Truppen der Westfront! + + Ihr habt vor einem halben Jahre, stark geschwächt, mit einer geringeren + Anzahl Gewehre und Patronen den Vormarsch des Feindes aufgehalten und, + nachdem ihr ihn in dem Bezirk des Durchbruches bei Molodetschno + aufgehalten habt, eure jetzigen Stellungen eingenommen. + + Seine Majestät und die Heimat erwarten von euch jetzt eine neue + Heldentat: Die Vertreibung des Feindes aus den Grenzen des Reiches! Wenn + ihr morgen an diese hohe Aufgabe herantretet, so bin ich im Glauben an + euren Mut, an eure tiefe Ergebenheit gegen den Zaren und an eure heiße + Liebe zur Heimat davon überzeugt, daß ihr eure heilige Pflicht gegen den + Zaren und die Heimat erfüllen und eure unter dem Joche des Feindes + seufzenden Brüder befreien werdet. Gott helfe uns bei unserer heiligen + Sache! + + Generaladjutant gez. Ewert.“ + + Freilich ist es für jeden Kenner der Verhältnisse erstaunlich, daß ein + solches Unternehmen zu einer Jahreszeit begonnen wurde, in der seiner + Durchführung von einem Tage zum andern durch die Schneeschmelze + bedenkliche Schwierigkeiten erwachsen konnten. Die Wahl des Zeitpunktes + ist daher wohl weniger dem freien Willen der russischen Führung als dem + Zwang durch einen notleidenden Verbündeten zuzuschreiben. + + Wenn nunmehr die gegenwärtige Einstellung der Angriffe von amtlicher + russischer Stelle lediglich mit dem Witterungsumschlag erklärt wird, so + ist das sicherlich nur die halbe Wahrheit. Mindestens ebenso wie der + aufgeweichte Boden sind die Verluste an dem schweren Rückschlage + beteiligt. Sie werden nach vorsichtiger Schätzung auf mindestens + 140.000 Mann berechnet. Richtiger würde die feindliche Heeresleitung + daher sagen, daß die große Offensive bisher nicht nur im Sumpf, sondern + in Sumpf und Blut erstickt ist.“ + +Der Beschreibung dieser Frühjahrskämpfe durch einen deutschen Offizier +entnehme ich zum Schluß folgende Stelle: + + „Nicht viel mehr als ein Monat war vergangen, seit der russische Zar an + der Postawyfront die Parade über die Sturmdivisionen abnahm, da fuhr + Generalfeldmarschall von Hindenburg an die Front, um seinen siegreichen + Regimentern zu danken. In Tschernjaty und Komai, Jodowze, Swirany und + Kobylnik, nur wenige Kilometer Luftlinie vom Schauplatz der Zarenparade + entfernt, sprach er zu den Abordnungen der Fronttruppen und verteilte + die Eisernen Kreuze. Hand in Hand standen da für einen Augenblick + Feldherr und Handgranatenwerfer, einer den anderen mit langem, + vertrauensvollem Blicke ermessend. Die Frühlingssonne leuchtete als + Siegessonne über der Hindenburgfront ...“ + +Das war mein Anteil an der Naroczschlacht. + + + + Der Russenangriff gegen die österreichisch-ungarische Ostfront + + +„Verdun!“ – Der Name wurde bei uns im Osten von Anfang Februar des Jahres +ab häufiger genannt. Man wagte nur halblaut und im Geheimnis davon zu +sprechen. Man legte auf das Wort einen Ton, aus dem Zweifel und Bedenken +hervorgingen. Und doch, der Gedanke, Verdun zu nehmen, war gut. Verdun in +unserer Hand, das mußte die ganze Lage an unserer Westfront wesentlich +festigen. Dadurch wurde die Einbuchtung an unserer verwundbarsten +Druckstelle da drüben endgültig beseitigt. Vielleicht ergaben sich aus der +Eroberung der Festung noch weitere operative Möglichkeiten in südlicher +und westlicher Richtung. + +Die Wichtigkeit des genannten Waffenplatzes berechtigte also meiner +Anschauung nach zu dem Versuch, ihn anzugreifen. Man hatte ja in der Hand, +das Unternehmen rechtzeitig wieder abzubrechen, wenn sich seine +Durchführbarkeit als unmöglich erweisen oder die dafür nötigen Opfer als +zu hoch herausstellen sollten. Und dann: Ist das Kühnste, das +Unwahrscheinlichste im Angriff auf Festungen in diesem Kriege uns nicht +schon wiederholt glänzend gelungen? + +Von Ende Februar ab wird Verdun nicht mehr geheimnisvoll ausgesprochen, +sondern laut und freudig. Das Wort „Douaumont“ leuchtet im Zusammenhang +damit wie ein Fanal deutschen Heldentums bis in den entferntesten Osten +herüber und erhebt die Gemüter auch derer, die jetzt eben mit Ernst und +Sorge auf die Entwickelung der Ereignisse am Naroczsee blicken. Freilich +liegt in dem Angriff auf Verdun für uns auch ein bitteres Gefühl. Bedeutet +das Unternehmen doch das endgültige Aufgeben einer Kriegsentscheidung hier +im Osten. + +Verdun wird im weiteren Verlauf der Zeit noch in verschiedener Betonung +genannt. Die Bedenken fangen allmählich an, zu überwiegen, man spricht sie +aber nur selten aus. Sie lassen sich kurz in folgende Fragen +zusammenfassen: Warum setzt man einen Angriff immer noch fort, der so +unendliche Opfer fordert und dessen Aussichtslosigkeit dabei schon +erkennbar ist? Wäre es nicht möglich, an die Stelle dieser rein örtlichen +Frontalunternehmung gegen den auf permanente Werke gestützten nördlichen +Verteidigungsbogen Verduns eine die Linienführung unserer Aufstellung +zwischen Argonnerwald und St. Mihiel ausnutzende abschnürende Operation +treten zu lassen? Erst spätere Zeiten werden nach unparteiischer Prüfung +über die Berechtigung dieser Fragen urteilen können. + + + +Noch ein anderes Wort tritt späterhin zu Verdun, das ist „Italien“, zum +ersten Male erwähnt, nachdem die Schlacht am Naroczsee beendet war. Auch +Italien wird mit Zweifel genannt, mit weit größerem und stärkerem als +Verdun, ja nicht nur mit Zweifel, sondern mit ernsten, schweren Bedenken. +Der Plan eines österreichisch-ungarischen Angriffes gegen Italien ist kühn +und hat von diesem Gesichtspunkt aus auch ein militärisches Anrecht auf +Gelingen. Was diesen Plan aber als überkühn erscheinen läßt, das ist +unsere Einschätzung des Instrumentes, mit dem er durchgeführt wird. Wenn +gegen Italien die besten k. u. k. Truppen losbrechen, Truppen, an die +nicht bloß Österreich und Ungarn sondern auch Deutschland mit Stolz und +Vertrauen denken, was bleibt dann gegen Rußland? Rußland ist aber nicht so +geschlagen, wie man es Ende 1915 vermutete. Am Naroczsee hat sich die +ganze Entschlossenheit der russischen Heerhaufen wieder gezeigt in einer +Wildheit und Massenhaftigkeit, gegenüber der so manche mit slawischen +Elementen stark durchsetzten österreichisch-ungarischen Heeresverbände +sich bisher als wenig widerstandsfähig erwiesen haben. + +Die Sorge bei uns wächst trotz der Siegesmeldungen aus Italien täglich +mehr und mehr. Sie wird nur zu bald in ihrer Berechtigung bewiesen durch +die nunmehr eintretenden Ereignisse südlich des Pripet. Am 4. Juni stürzt +die österreichisch-ungarische Heeresfront in Wolhynien und in der Bukowina +auf den ersten russischen Anhieb weithin zusammen. Die schwerste Krisis +des ganzen bisherigen Krieges an der Ostfront tritt ein, schwerer noch als +diejenige des Jahres 1914. Denn diesmal steht nirgends ein siegreiches +deutsches Heer als helfender Retter bereit: im Westen tobt der Kampf um +Verdun und drohen Sturmeszeichen an der Somme. + +Die Wogen dieser Krisis schlagen bis an unsere Front hinüber, aber zum +Heile für das Ganze nicht in Form russischer Angriffe. So können wir +wenigstens helfen, wo die Not am größten ist. + +Der Russe steht bis jetzt vor der deutschen Front noch ungeschwächt in +seinen Stellungen. Den ersten Erfolg südlich des Pripet hat er daher nicht +durch seinen sonst gewohnten Einsatz überlegener Massen sondern mit +verhältnismäßig schwachen Kräften erreicht. + + „Der Plan Brussilows muß eingangs streng genommen als eine Erkundung + aufgefaßt werden, als eine Erkundung unternommen auf gewaltige + Ausdehnungen und mit kühner Entschlossenheit, aber doch immer nur eine + Erkundung, kein Schlag mit einem gewählten Ziel ... Seine Aufgabe war + es, die Stärke der gegnerischen Linien anzufühlen auf einer Front von + nahezu 500 km zwischen Pripet und Rumänien. Brussilow glich einem Manne, + der an eine Mauer schlägt, um herauszubringen, welche Teile solider + Stein und welche nur Latten und Mörtel waren.“ + +So schrieb ein Ausländer über Brussilows erste Schlachttage. Und dieser +Ausländer sagt einwandfrei das Richtige. + +Die österreichisch-ungarische Mauer zeigt aber nur wenige solide Steine, +sie bricht unter dem Pochen von Brussilows Hammer zusammen, und herein +braust die Sturmflut der russischen Haufen, die nunmehr erst von unserer +Front weg herangeführt worden sind. Wo wird ihnen ein Halt geboten werden +können? Nur eine starke Säule bleibt zunächst noch inmitten dieser +Brandung. Es ist die Südarmee unter ihrem trefflichen General Grafen +Bothmer. Deutsche, Österreicher und Ungarn; alle gehalten in guter Zucht. + +Was auf unserem Teil der großen Ostfront entbehrlich ist, rollt nunmehr +nach dem Süden und verschwindet auf den Schlachtfeldern Galiziens. + +Inzwischen verdüstert sich auch die Lage an der Westfront. +Französisch-englische Übermacht wirft sich auf unsere verhältnismäßig +schwach gehaltenen Linien beiderseits der Somme und drückt die +Verteidigung ein. Ja es droht vorübergehend die Gefahr eines vollendeten +Durchbruchs! + +Mein Allerhöchster Kriegsherr ruft mich und meinen Generalstabschef +zweimal zu Beratungen über die schwere Lage an der Ostfront in sein +Hauptquartier nach Pleß. Das letzte Mal, Ende Juli, fällt dort die +Entscheidung über die Neuregelung des Befehls auf der Ostfront. Die +deutsche Oberste Heeresleitung hat von Österreich-Ungarn als Entgelt für +die trotz Verdun und Somme gebotene rettende Hand Gewähr für straffere +Organisation des Befehls an der Ostfront gefordert. Mit Recht! So wurde +meine Befehlsgewalt bis in die Gegend von Brody, östlich Lemberg, +ausgedehnt; starke k. und k. Truppenverbände wurden mir unterstellt. + +Wir besuchten baldigst die uns neu zugewiesenen Oberkommandos und fanden +bei den österreichisch-ungarischen Stellen volles Entgegenkommen und +rückhaltslose Kritik der eigenen Schwächen. Freilich, die Erkenntnis war +nicht allenthalben vom Tatenwillen begleitet, der bessernd in die +vorhandenen Schäden eingreift. Und doch, wenn je in einem Heere, so +bedurfte es in diesem Völkergemisch einer alles beherrschenden, +durchgreifenden Gewalt und eines einheitlichen Zuges, sonst mußte auch das +beste Blut in diesem Körper machtlos rinnen und vergeblich verrinnen. + +Die Ausdehnung der Befehlsfront veranlaßte mich zur Verlegung meines +Hauptquartiers nach Süden, nach Brest-Litowsk. Dort trifft mich am +28. August mittags der Befehl Seiner Majestät des Kaisers, baldmöglichst +in sein Großes Hauptquartier abzureisen. Als Grund teilt mir der Chef des +Militärkabinetts nur mit: „Die Lage ist ernst!“ + +Ich lege den Hörapparat weg und denke an Verdun und Italien, an Brussilow +und die österreichische Ostfront, dazu an die Nachricht: „Rumänien hat uns +den Krieg erklärt.“ Starke Nerven werden nötig sein! + + + + + + DRITTER TEIL + + + VON DER ÜBERTRAGUNG DER OBERSTEN HEERESLEITUNG BIS ZUR ZERTRÜMMERUNG + RUSSLANDS + + + + + Berufung zur Obersten Heeresleitung + + + + Chef des Generalstabes des Feldheeres + + +Es war bekanntlich nicht das erste Mal, daß mich mein Kaiserlicher und +Königlicher Herr zur Besprechung über militärische Lagen und Absichten zu +sich berief. Daher vermutete ich auch diesmal, daß Seine Majestät meine +Anschauungen über eine bestimmte Frage persönlich und mündlich hören +wollte. In der Annahme eines nur kurzen Aufenthaltes nahm ich auch nur das +für einen solchen unbedingt nötige Gepäck mit mir. Am 29. August +vormittags traf ich in Begleitung meines Chefs in Pleß ein. Auf dem +Bahnhof empfing mich im Auftrage des Kaisers der Chef des +Militärkabinetts. Aus seinem Munde erfuhr ich zuerst die für mich und +General Ludendorff beabsichtigten Ernennungen. + +Vor dem Schlosse in Pleß traf ich meinen Allerhöchsten Kriegsherrn selbst, +der das Eintreffen Ihrer Majestät der Kaiserin, die von Berlin aus kurz +nach mir Pleß erreicht hatte, erwartete. Der Kaiser begrüßte mich sogleich +als Chef des Generalstabes des Feldheeres und General Ludendorff als +meinen Ersten Generalquartiermeister. Auch der Reichskanzler war von +Berlin aus erschienen und augenscheinlich von der Veränderung in der +Besetzung der Chefstelle, die ihm Seine Majestät in meiner Gegenwart +mitteilte, nicht weniger überrascht als ich selbst. Ich erwähne dies, weil +auch hier die Legendenbildung eingesetzt hat. + +Die Übernahme der Geschäfte aus den Händen meines Vorgängers vollzog sich +bald nachher. General von Falkenhayn reichte mir zum Abschied die Hand mit +den Worten: „Gott helfe Ihnen und unserem Vaterland!“ + +Welche Gründe unsere plötzliche Berufung in den neuen Wirkungskreis +veranlaßten, erfuhr ich aus dem Munde meines Kaisers, der meines +Vorgängers stets ehrend gedachte, weder bei der Übernahme meiner neuen +Stellung noch später. Derartige Feststellungen rein historischen Wertes zu +machen, fehlte mir immer die Neigung, damals aber auch die Zeit. Drängten +sich doch die Entscheidungen nicht nach Tagen sondern nach Stunden. + + + + Kriegslage Ende August 1916 + + +Die Kriegslage, unter welcher der Wechsel in der Leitung der Operationen +erfolgte, war nach den ersten Eindrücken, die ich gewann, folgende: + +Die Verhältnisse an der Westfront waren nicht ohne Bedenken. Verdun war +nicht in unsere Hände gefallen, auch die Hoffnung auf Zerreibung der +französischen Heereskraft in dem gewaltigen Feuerbogen, der sich um die +Nord- und Nordostfront der Festung gebildet hatte, war nicht verwirklicht. +Ein Erfolg unseres dortigen Angriffes war immer aussichtsloser geworden, +aber das Unternehmen war noch nicht aufgegeben. An der Somme raste das +Ringen nunmehr seit fast zwei Monaten. Wir kamen dort von einer Krisis in +die andere. Unsere Linien standen andauernd im Zustand äußerster +Zerreißprobe. + +Im Osten war die russische Offensive im Südostteil der Karpathen bis auf +den Gebirgskamm hinaufgebrandet. Ob dieser letzte Schutzwall ungarischen +Landes mit den jetzt verfügbaren Kräften gegen neue Anstürme zu behaupten +sein würde, mußte nach den bisherigen Ergebnissen bezweifelt werden. Auch +im Vorlande des Nordwestteils der Karpathen war die Lage aufs äußerste +gespannt. Zwar hatten die russischen Angriffe zurzeit dort etwas +nachgelassen, aber es war nicht zu hoffen, daß diese Ruhe von längerer +Dauer sein würde. + +Der österreichisch-ungarische Angriff aus Südtirol hatte angesichts des +Zusammenbruchs an der galizischen Front aufgegeben werden müssen. Der +Italiener ging nun seinerseits wieder zum Angriff an der Isonzofront über. +Diese Kämpfe zehrten in starkem Maße an den österreichisch-ungarischen +Heereskräften, welche sich dort unter den schwierigsten Verhältnissen +gegen mehrfache feindliche Überlegenheit, wert des höchsten Ruhmes +schlugen. + +Von Wichtigkeit für die Gesamtlage wie für die Not des Augenblickes waren +schließlich auch die derzeitigen Verhältnisse auf dem Balkan. Die von den +Bulgaren auf unsere Anregung hin in Mazedonien unternommene Offensive +gegen Sarrail hatte nach anfänglichen Erfolgen abgebrochen werden müssen. +Das mit diesem Angriff verbundene politische Ziel, Rumänien vom Eingreifen +in den Krieg abzuhalten, war nicht erreicht worden. + +Die Vorhand lag zur Zeit überall in den Händen unserer Gegner. Es war +damit zu rechnen, daß diese alle Kräfte einsetzen würden, uns weiter unter +diesem Drucke zu halten. Die Aussichten auf eine vielleicht nahe und +erfolgreiche Kriegsbeendigung mußten die gegnerischen Verbündeten auf +allen Fronten zu den größten Kraftanstrengungen und zu den schwersten +Opfern bereit finden. Alle gaben wohl ihr letztes her, um sich an dem +Todesstoß gegen die Mittelmächte zu beteiligen, zu dem Rumänien das +siegessichere Halali blies! + +Die augenblicklich freien und verfügbaren Reserven des deutschen sowie des +österreichisch-ungarischen Heeres waren gering. Einstweilen standen an der +zunächst bedrohten siebenbürgisch-rumänischen Grenze nur schwache +Postierungen, größtenteils Finanz- und Zollwachen. Im Innern Siebenbürgens +waren abgekämpfte österreichisch-ungarische Divisionen untergebracht, zum +Teil gefechtsunbrauchbare Trümmer. Dort aufgestellte oder in Aufstellung +begriffene Neubildungen hatten eine zu geringe Stärke, um für einen +ernsten Widerstand gegen einen rumänischen Einfall in das Land in Betracht +kommen zu können. Die Verhältnisse auf dem südlichen Donauufer waren in +dieser Beziehung für uns günstiger. Eine aus bulgarischen, osmanischen und +deutschen Verbänden neugebildete Armee war im bulgarischen Grenzgebiete +der Dobrudscha und an der Donau weiter aufwärts in Versammlung begriffen, +zusammen etwa 7 Divisionen von sehr verschiedener Stärke. + +Das war im wesentlichen alles, was zurzeit an der wundesten der wunden +Stellen unseres europäischen Kriegsschauplatzes, nämlich an den +rumänischen Grenzen, verfügbar war. Weiterer Kräftebedarf mußte entweder +aus anderen Kampffronten weggezogen oder abgekämpften und der Ruhe +bedürftigen Verbänden entnommen oder endlich durch Bildung neuer +Divisionen gewonnen werden. Gerade in letzterer Beziehung lagen aber die +Verhältnisse bei uns wie bei unseren Verbündeten nicht günstig. Die +Ersatzlage drohte bei andauernd gleicher oder gar erhöhter Anspannung +bedenklich zu werden. Auch war der Verbrauch von Gerät und Schießbedarf +durch die lange Dauer und den Umfang der Kämpfe auf allen Fronten ein +solch ungeheurer geworden, daß die Gefahr einer Lähmung unserer +Kriegführung schon aus diesem Grunde nicht ausgeschlossen erschien. Auf +die Lage in der Türkei komme ich später zurück. + + + + Politische Lage + + +Nicht nur die ersten Eindrücke über die militärische, sondern auch +diejenigen über die politische Gesamtgestaltung bedürfen einer kurzen +Darlegung. Ich beginne mit den Verhältnissen in unserem eigenen +Vaterlande. + +Als mir die Leitung der Operationen übertragen wurde, hielt ich die +Stimmung in unserer Heimat zwar nicht für verzagt, aber doch für ernst. +Kein Zweifel, daß man dort durch manche kriegerischen Vorgänge der letzten +Monate enttäuscht war. Dazu kam, daß sich die Not des täglichen Lebens +wesentlich gesteigert hatte. Besonders bitter litt der Mittelstand unter +den für ihn ungewöhnlich nachteiligen wirtschaftlichen Verhältnissen. Die +Lebensmittel wurden immer knapper zugewiesen, die Ernteaussichten waren +mäßig. + +Die Kriegserklärung Rumäniens bedeutete unter diesen Verhältnissen eine +weitere Mehrbelastung des heimatlichen Kriegswillens. Doch war das +Vaterland augenscheinlich auch jetzt zum Durchhalten bereit. Wie lange und +wie stark diese Stimmung anhalten werde, ließ sich freilich nicht +vorhersagen. Der Verlauf der kriegerischen Ereignisse der nächsten Zeit +mußte in dieser Hinsicht entscheidend wirken. + +Was die Beziehungen Deutschlands zu seinen Verbündeten betrifft, so +sollten wir diese nach den propagandistischen Äußerungen der gegnerischen +Presse während des Krieges schrankenlos beherrschen. Es wurde behauptet, +wir hielten Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei sozusagen am Halse +fest, bereit sie zu würgen, wenn sie nicht taten, was wir wollten. Und +doch konnte es kaum eine größere Entstellung des wirklichen Sachverhaltes +geben, als sie in dieser Behauptung lag. Ich glaube, daß sich nirgends die +Schwäche Deutschlands im Vergleich zu England deutlicher zeigte, als in +der Verschiedenheit der politischen Einwirkungen auf die beiderseitigen +Bundesgenossen. + +Wenn zum Beispiel das offizielle Italien es jemals gewagt hätte, offen +Friedensneigungen ohne britische Erlaubnis zu zeigen, so war England jeder +Zeit imstande, diesen Verbündeten einfach durch Hunger zur Fortsetzung der +einmal eingeschlagenen Politik zu zwingen. Ähnlich stark und unbedingt +herrschend war Englands Stellung Frankreich gegenüber. Unabhängiger war in +dieser Beziehung wohl nur Rußland; aber auch die politische +Selbständigkeit des Zarenreiches fand aus wirtschaftlichen und +finanziellen Gründen England gegenüber ihre Grenzen. Wie viel ungünstiger +war in dieser Richtung die Stellung Deutschlands. Welche politischen, +wirtschaftlichen oder militärischen Machtmittel lagen in unserer Hand, um +etwaigen Abfallbestrebungen irgend eines unserer Bundesgenossen +entgegenzutreten? Sofern sich diese Staaten nicht durch den freien Willen +oder durch das drohende sichere Verderben an uns gekettet fühlten, hatten +wir keine Macht, sie bei uns festzuhalten. Ich stehe nicht an, diese +unbestreitbare Tatsache als eine besondere Schwäche unserer gesamten Lage +hervorzuheben. + +Nunmehr zu den einzelnen Verbündeten. + +Die innerpolitischen Verhältnisse in Österreich-Ungarn hatten sich im +Laufe des Sommers 1916 nicht unbedenklich gestaltet. Die dortige +politische Leitung hatte wenige Wochen vor unserem Eintreffen in Pleß +unserer Reichsleitung gegenüber kein Hehl daraus gemacht, daß die +Donaumonarchie eine weitere Belastung durch militärische und politische +Mißerfolge nicht mehr vertrug. Die Enttäuschung über das Scheitern der mit +allzu lauten Verheißungen begleiteten Offensive gegen Italien war eine +tiefgehende. Der rasche Zusammenbruch des Widerstandes an der +galizisch-wolhynischen Front ließ in der großen Masse des +österreichisch-ungarischen Volkes einen mißtrauischen Pessimismus +aufkommen, der in der Volksvertretung ein rückhaltloses Echo fand. Die +leitenden Kreise Österreich-Ungarns standen zweifellos unter der Wirkung +dieser Stimmung. Es war freilich nicht das erste Mal, daß solche +bedenkliche Auffassungen aus deren Mitte zu uns herüberklangen. Man traute +sich dort zu wenig selbst zu. Da man die eigenen Kräfte nicht +zusammenzufassen wußte, mißtraute man deren Größe. Bei diesem Urteil +verkenne ich nicht, daß die politischen Schwierigkeiten der +Doppelmonarchie unendlich viel größer waren, als diejenigen unseres +geeinten deutschen Vaterlandes. Auch die Lebensmittelfrage war eine +ernste. Besonders litten die deutsch-österreichischen Landesteile bitter +unter der Not. Nach meiner Ansicht lag keine Veranlassung vor, der +Bündnistreue Österreich-Ungarns irgendwie zu mißtrauen. Jedoch mußte unter +allen Umständen dafür gesorgt werden, daß das Land von dem auf ihm +liegenden Druck baldmöglichst entlastet wurde. + +Anders, ich darf sagen national gefestigter, als in Österreich-Ungarn +lagen die innerpolitischen Verhältnisse in Bulgarien. Das Land führte mit +dem Kampfe um die staatliche Vereinigung der bulgarischen Stammesgenossen +gleichzeitig den Kampf um seine endgültige Vormachtstellung auf dem +Balkan. Die mit den Mittelmächten und der Türkei abgeschlossenen Verträge +im Verein mit den bisherigen Kriegserfolgen schienen Bulgariens +weitgehenden Wünschen sichere Erfüllung bringen zu wollen. Das Land war +freilich aus dem letzten Balkankriege stark erschöpft in den neuen Krieg +eingetreten. Außerdem war es in den jetzigen Kampf bei weitem nicht mit +jener allgemeinen Begeisterung gegangen wie in denjenigen des Jahres 1912. +Diesmal war es mehr von der kühlen Berechnung seiner Staatsmänner als von +nationalem Schwung geführt. Kein Wunder daher, wenn das Volk sich im +jetzigen Besitz der erstrebten Landesteile befriedigt fühlte und keine +starken Neigungen zu neuen Unternehmungen zeigte. Ob das Zögern mit der +Kriegserklärung an Rumänien – sie war bei meinem Eintreffen in Pleß noch +nicht erfolgt – lediglich ein Ausfluß dieser Stimmung war, möchte ich +freilich heute noch bezweifeln. Die Verhältnisse in der +Lebensmittelversorgung des Landes waren, am deutschen Maßstabe gemessen, +gute. + +Im allgemeinen glaubte ich die Hoffnung zu haben, daß unser Bündnis mit +Bulgarien eine etwaige militärische Belastungsprobe vertragen würde. + +Ein nicht geringeres Vertrauen brachte ich der Türkei entgegen. Das +osmanische Reich war in den Kampf getreten ohne jegliche Bestrebungen nach +politischer Machterweiterung. Seine führenden Persönlichkeiten, allen +voran Enver Pascha, hatten klar erkannt, daß es für die Türkei in dem +ausgebrochenen Kampfe keine Neutralität geben könne. Man kann sich in der +Tat nicht vorstellen, daß Rußland und die Westmächte die einschränkenden +Bestimmungen über die Benutzung der Meerengen auf die Dauer hätten +berücksichtigen können. Die Aufnahme des Kampfes bedeutete für die Türkei +eine Frage des Seins oder Nichtseins, ausgesprochener fast wie für uns +andere. Unsere Gegner taten uns einen Gefallen damit, dies von Anfang an +laut und deutlich zu verkünden. + +Die Türkei hatte bei diesem Kampfe bisher eine Stärke entwickelt, die alle +in Erstaunen setzte. Ihre aktive Kriegführung überraschte Freunde wie +Feinde; sie fesselte starke gegnerische Kräfte auf allen asiatischen +Kriegsschauplätzen. Man hat in Deutschland späterhin oftmals den Vorwurf +gegen die Oberste Heeresleitung erhoben, daß sie zur Stärkung der +Kampfkraft der Türkei ihre eigenen Mittel zersplittert hätte. Man +beachtete aber bei diesem Urteil nicht, wie wir durch eben jene +Unterstützungen den Bundesgenossen andauernd befähigten, mehrere +100.000 Mann bester gegnerischer Kampftruppen von unseren +mitteleuropäischen Kriegsschauplätzen fernzuhalten. + + + + Die deutsche Oberste Kriegsleitung + + +Die Erfahrungen des Frühjahrs und Sommers 1916 hatten die Notwendigkeit +ergeben, eine führende und voll verantwortliche Befehlsstelle für uns und +unsere verbündeten Heere einzurichten. Im Benehmen mit den regierenden +Staatshäuptern wurde eine Oberste Kriegsleitung geschaffen. Sie wurde +Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser übertragen. Der Chef des +Generalstabes des deutschen Feldheeres erhielt das Recht „im Auftrage +dieser Obersten Kriegsleitung“ Anweisungen herauszugeben und +Vereinbarungen mit den verbündeten Heereschefs zu treffen. + +Bei dem großen Entgegenkommen und der verständnisvollen Mitarbeit der mir +im übrigen gleichgestellten Chefs der verbündeten Heere konnte ich die +Anwendung meiner neuen Rechte auf einzelne besonders wichtige kriegerische +Entscheidungen beschränken. Die Behandlung gemeinsamer politischer und +wirtschaftlicher Fragen fiel nicht in den Bereich dieser Obersten +Kriegsleitung. + +Meine Aufgabe bestand sonach im wesentlichen darin, den Verbündeten die +leitenden Gesichtspunkte für die gesamte Kriegsführung zu geben und ihre +Kräfte und Tätigkeit zur Erreichung des gemeinsamen Zieles +zusammenzufassen. Unser aller Interessen würde es entsprochen haben, wenn +die Oberste Kriegsleitung unter Zurückstellung der einzelnen +Sonderinteressen, ja selbst unter Preisgabe einzelner für die Entscheidung +nebensächlicher Rücksichten, einen durchschlagenden Erfolg auf einem der +Hauptkriegsschauplätze hätte erzwingen können. Im unabänderlichen Wesen +des Koalitionskrieges lag es aber, daß unserer Obersten Kriegsleitung +durch Rücksichten aller möglichen Art hierin oft Schwierigkeiten bereitet +wurden. + +Es ist bekannt, daß Deutschland in diesem Krieg seinen Bundesgenossen +gegenüber in weit höherem Maße der gebende als der empfangende Teil war. +Mit dieser Feststellung soll und kann freilich nicht die Auffassung +vertreten werden, als ob Deutschland diesen ungeheuren Kampf ohne +Bundesgenossen hätte durchführen können. Auch liegt in der vielfach +ausgesprochenen Ansicht, Deutschland habe sich nur auf krüppelhafte +Verbündete gestützt, eine arge Verkennung der Wirklichkeit und eine +einseitige Übertreibung. Man übersieht dabei, daß auch unsere Verbündeten +vielerorts starke feindliche Überlegenheiten auf sich gezogen hatten. + +Wenn ich jetzt den Blick auf das Vergangene zurückwende, so habe ich den +Eindruck, daß nicht in großen Operationen, sondern in dem Ausgleich +verschiedengerichteter Interessen der einzelnen Bundesgenossen der +schwierigste Teil unserer Aufgaben vom Standpunkt der Obersten +Kriegsleitung lag. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob sich in den +meisten Fällen politische Verhältnisse dringender geltend machten, als +militärische Gründe. Eine ganz besondere Erschwerung lag für unsere Pläne +und Entscheidungen in den verschiedenen Werten der verbündeten Heere. Wir +mußten nach Übernahme der Obersten Heeresleitung erst allmählich lernen, +was wir von den Waffen unserer Verbündeten erwarten und verlangen konnten. + +Die österreichisch-ungarische Wehrmacht hatte ich zum erstenmal bei dem +Feldzug in Polen in unmittelbarem Zusammenwirken mit unseren Truppen +kennen gelernt. Sie entsprach schon damals den Anforderungen, die wir an +unsere eigenen Kräfte zu stellen gewohnt waren, nicht mehr vollständig. +Der Hauptgrund für den Rückgang des Durchschnittswertes der k. u. k. +Truppenteile lag unbestrittenermaßen in der außerordentlichen +Erschütterung, die das Heer bei seiner, wie ich mich schon ausdrückte, +überkühnen, rein frontalen Operation bei Kriegsbeginn in Galizien und +Polen erlitten hatte. Man hat nachträglich behauptet, daß die +österreichisch-ungarische Offensive damals das Ergebnis hatte, den Ansturm +der russischen Heeresmassen zu brechen. Vielleicht hätte sich aber dieses +auf weniger gewagtem Wege und mit erheblich geringeren Opfern erreichen +lassen. Jedenfalls erholte sich das russische Heer nach den damals +erlittenen Verlusten wieder, das österreichisch-ungarische aber nicht +mehr, ja es schlug der kühne Unternehmungsgeist Österreich-Ungarns in eine +dauernde Überempfindlichkeit gegenüber den russischen Massen um. Allen +Anstrengungen der österreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung, die +erlittenen schweren Schäden zu beheben, stellten sich unüberwindliche +Schwierigkeiten entgegen. Diesen im einzelnen nachzugehen, glaube ich mir +versagen zu können. Ich möchte nur die Frage aufwerfen: Wie hätte es +Menschenkräften gelingen können, einen neuen erhebenden Antrieb +einheitlichen, nationalen Kampfwillens in das Völkergemisch der +Doppelmonarchie hineinzubringen, nachdem die erste Blüte des Willens, der +Begeisterung und des Selbstvertrauens geknickt war? Wie sollte besonders +das Offizierkorps, das bei dem ersten Vorstürmen so schwer gelitten hatte, +einigermaßen wieder auf die alte Höhe gebracht werden? Vergessen wir +nicht, daß Österreich-Ungarn keineswegs über die geistigen Kräfte +verfügte, aus denen Deutschland so oft und lange zu schöpfen vermochte. + +Ein Irrtum lag in der Annahme, daß die österreichisch-ungarische Armee in +ihrer Gesamtheit von dem andauernden Rückgang des Wertes ihrer Truppen +überall gleichmäßig betroffen wurde. Die Donaumonarchie verfügte bis +zuletzt über hochwertige Verbände. Ein starker Hang zu einem +ungerechtfertigten Pessimismus in kritischen Lagen zeigte sich freilich an +vielen Stellen. Besonders war auch die höhere österreichisch-ungarische +Truppenführung hiervon nicht unberührt. Nur so konnte es kommen, daß +selbst nach hervorragenden Angriffsleistungen der Gefechtswille unseres +Bundesgenossen ganz überraschend zusammenbrach, ja sich geradezu ins +Gegenteil verkehrte. + +Durch die berührten Erscheinungen wurde natürlicherweise ein Element +großer Unsicherheit in die Berechnungen unserer Obersten Kriegsleitung +hineingebracht. Wir waren nie sicher, ob uns nicht überraschendes +Nachgeben verbündeter Heeresteile unerwartet vor ganz veränderte Lagen +stellen und dadurch unsere Pläne umwerfen würde. Schwächemomente treten in +den Truppenteilen jeden Heeres auf. Sie liegen in der menschlichen Natur +begründet. Die Führung muß damit rechnen, wie mit einem gegebenen Faktor, +dessen Größe aber nicht festzustellen ist. Durch eine vollwertige Truppe +werden jedoch solche Momente meist rasch überwunden, oder es bleibt selbst +im größten Zusammenbruch wenigstens noch ein Kern von Schlagkraft und +Widerstandswille übrig. Wehe aber, wenn auch dieser letzte Kern völlig +verbrennt. Das Unheil fällt dann verheerend nicht nur auf die betroffene +Truppe sondern auch auf die anschließenden oder eingestreuten zäheren +Verbände; sie werden von der Katastrophe in Flanke und Rücken gefaßt und +erleiden vielfach ein schlimmeres Schicksal, als die weniger Standhaften. +Das war so oft das traurige Ende unserer in österreichisch-ungarische +Fronten eingebauten Stützen. War es ein Wunder, daß hierdurch die Stimmung +unserer Truppen gegenüber den österreichisch-ungarischen Waffengefährten +nicht immer vertrauensvoll und günstig war? + +Im großen und ganzen dürfen wir aber die Leistungen Österreichs-Ungarns in +diesem gewaltigen Kampfe nicht unterschätzen und bitteren Gefühlen +nachhängen, die manchmal unter dem Eindruck enttäuschter Erwartungen +entstanden sind. Die Donaumonarchie blieb uns ein getreuer Waffengenosse. +Wir haben stolze Zeiten gemeinsam durchlebt und sollten uns hüten, im +gemeinsamen Unglück uns innerlich zu trennen. + +Einen anderen inneren Aufbau als das österreichisch-ungarische Heer hatte +das bulgarische. Es war national in sich völlig geschlossen. Die +bulgarische Armee hatte im großen Kriege bis zum Herbste 1916 +verhältnismäßig wenig gelitten. Bei der Beurteilung ihres Wertes dürfte +aber nicht vergessen werden, daß sie erst vor kurzem einen anderen +mörderischen Krieg überstanden hatte, in dem der größte Teil der Blüte des +Offizierskorps, ja der gesamten Intelligenz des Landes zugrunde gegangen +war. Ihr Wiedererstarken war in Bulgarien zum mindesten ebenso schwierig +wie in Österreich-Ungarn. Die verhältnismäßig noch primitiven Zustände des +Balkanlandes erschwerten außerdem dem Heere Einführung und Gebrauch +mancher für den modernen Krieg unbedingt notwendiger Kampf- und +Verkehrsmittel. Dies machte sich um so mehr fühlbar, als auch an der +mazedonischen Front vollwertige französische und englische Truppenteile +uns gegenüberstanden. Schon aus diesem Grunde konnte nichts Überraschendes +darin gefunden werden, daß wir Bulgarien nicht nur mit materiellen +Mitteln, sondern auch mit personellen Kräften unterstützen mußten. + +Wieder anders als in der österreichisch-ungarischen und der bulgarischen +Armee lagen die Verhältnisse in der türkischen. Unsere deutsche +Militärmission hatte vor dem Kriege kaum Zeit gehabt, zu wirken, +geschweige denn eine durchgreifende Besserung in den zerrütteten +Verhältnissen des türkischen Heeres zu erreichen. Trotzdem war es +gelungen, eine große Anzahl türkischer Verbände mobil zu machen. Die Armee +hatte aber an den Dardanellen und bei ihren ersten Angriffsoperationen in +Armenien außerordentlich schwer gelitten. Dessen ungeachtet schien ihre +Leistungsfähigkeit für die ihr von der Obersten Kriegsleitung zunächst +gestellte Aufgabe: Verteidigung des türkischen Landbesitzes, ausreichend. +Ja, es war sogar möglich, starke Teile des osmanischen Heeres allmählich +auf europäischem Boden zu verwenden. Unsere militärische Unterstützung der +Türkei beschränkte sich im wesentlichen auf die Lieferung von Kampfmitteln +und auf die Gestellung von zahlreichen Offizieren. Die für die asiatischen +Kriegsschauplätze bis zum Herbste 1916 abgegebenen deutschen Formationen +wurden von uns mit Zustimmung der türkischen Obersten Heeresleitung nach +und nach zurückgezogen, je nachdem die Türkei imstande war, das Material +dieser Formationen selbst zu übernehmen und zu bedienen. + +Unsere Materiallieferungen gingen bis zu den Senussen an der Nordküste +Afrikas, denen wir mit Hilfe unserer Unterseeboote hauptsächlich Gewehre +und Schießbedarf lieferten. Waren diese Sendungen auch klein, so wirkten +sie doch außerordentlich erhebend auf den kriegerischen Geist der +mohammedanischen Stämme. Die praktischen Ergebnisse ihres Kampfes für +unsere Kriegführung lassen sich bis jetzt noch nicht überblicken; +vielleicht waren sie größer, als wir es damals ahnen konnten. + +Selbst über die Nordküste Afrikas hinaus versuchten wir unseren +Waffengenossen Unterstützung zu bringen. So traten wir unter anderm dem +von Enver Pascha im Jahre 1917 angeregten Gedanken näher, den Stämmen im +Yemen, die ihrem Padischah in Konstantinopel treu geblieben waren, +finanzielle Hilfe zu schicken. Da uns der Weg dorthin zu Lande durch +aufrührerische Nomadenstämme der arabischen Wüste versperrt war, und die +Küsten des Roten Meeres für unsere Unterseeboote wegen ihres nicht +genügenden Aktionsradius unerreichbar waren, so wäre uns nur der Luftweg +übrig geblieben. Zu meinem größten Bedauern verfügten wir aber damals noch +nicht über ein Luftschiff, das die meteorologischen Schwierigkeiten einer +Fahrt über die große Wüste mit Sicherheit hätte überwinden können. Die +Durchführung des Planes mußte also unterbleiben. + +In diesem Zusammenhang darf ich vorgreifend erwähnen, daß ich 1917 den +Versuch, unserer Schutztruppe in Ostafrika auf dem Luftwege Waffen und +Medikamente zuzuführen, mit dem regsten Interesse verfolgte. Das +Zeppelinschiff mußte bekanntlich über dem Sudan umkehren, da unsere +Schutztruppe in der Zwischenzeit weiter nach Süden gerückt war und ihre +Operationen nach Portugiesisch-Ostafrika verlegt hatte. Mit welch stolzen +Gefühlen ich während des Krieges die Taten und fast übermenschlichen +Leistungen dieser prächtigen Truppe in Gedanken begleitete, bedarf keiner +näheren Ausführung. Sie hat auf afrikanischem Boden ein unvergängliches +Denkmal deutschen Heldentums errichtet. + +Rückblickend auf die Leistungen unserer Bundesgenossen muß ich anerkennen, +daß sie die ihnen eigenen Kräfte in dem gemeinsamen Dienst unserer großen +Sache so weit anspannten, als die Eigenart ihrer staatlichen, +wirtschaftlichen, militärischen und ethischen Mittel ihnen das +ermöglichte. Das Ideal erreichte freilich keiner, und wenn wir vor allen +anderen diesem Ideal uns am meisten näherten, so war das nur möglich, +infolge der gewaltigen, uns selbst anfangs gar nicht vollbewußten inneren +Kräfte, die wir im Laufe der letzten Jahrzehnte unserer Geschichte +angesammelt hatten, Kräfte, die in allen Schichten des Vaterlandes +vorhanden waren, hier nicht schlummerten sondern lebendig waren und in +beständiger Regung sich weiter stärkten. Nur wenn ein Staat in sich gesund +ist und unverdorbene Lebenskräfte ihn so stark durchfluten, daß die +ungesunden im entscheidenden Augenblick mit fortgerissen werden, nur dann +sind solche Leistungen denkbar, wie wir sie vollbrachten, und zwar +vollbrachten weit über die Verpflichtungen hinaus, vor die unsere +Bündnisse uns stellten. + +Daß dem so sein konnte, dafür gebührt der Dank geschichtlich nachweisbar +vornehmlich den Hohenzollern und unter diesen in der letzten Zeitepoche +deutscher Größe unserem Kaiser Wilhelm II. Getreu den Überlieferungen +seines Hauses erblickte dieser Herrscher in dem Heere die beste Schule des +Volkes und arbeitete unermüdlich an dessen Fortentwickelung. So stand denn +Deutschlands Heeresmacht als die erste der Welt da: vor dem Kriege der +achtunggebietende Schutz friedlicher Arbeit, während des Krieges der Kern +aller Kraftäußerung. + + + + Pleß + + +Das oberschlesische Städtchen Pleß war von der deutschen Obersten +Heeresleitung schon in früheren Zeitabschnitten des Krieges als +vorübergehender Sitz des Großen Hauptquartiers gewählt worden. Der Grund +dieser Wahl lag in der Nähe des Aufenthaltes des k. u. k. +Armee-Oberkommandos in der österreichisch-schlesischen Stadt Teschen. Der +Vorteil, der sich aus der Möglichkeit rascher und persönlicher Aussprache +zwischen den beiden Hauptquartieren ergab, war auch jetzt maßgebend für +den weiteren Beibehalt dieses Hauptquartiers. + +Das deutsche Große Hauptquartier bildete natürlicherweise den Treffpunkt +deutscher und verbündeter Fürstlichkeiten, die mit meinem Kaiserlichen +Herrn über politische und militärische Fragen unmittelbare Rücksprache +nehmen wollten. Zu den ersten Monarchen, denen ich dort näher zu treten +die Ehre hatte, zählte Zar Ferdinand von Bulgarien. Er machte auf mich den +Eindruck eines hervorragenden Diplomaten. Sein politischer Blick ging weit +über die Grenzen des Balkans hinaus. Mit Meisterschaft verstand er es +dabei, in den großen entscheidenden Fragen der Weltpolitik die Stellung +seines Landes wirkungsvoll zu beleuchten und in den Vordergrund zu rücken. +Die Zukunft Bulgariens sollte sich, wie er meinte, in diesem Kriege durch +die endgültige Beseitigung des russischen Einflusses und die endliche +Vereinigung aller bulgarischen Stammesangehörigen unter einheitlicher +Führung entscheiden. Andere Ziele seiner Politik hat der Zar mir gegenüber +niemals zur Sprache gebracht. Einen besonderen Eindruck machte mir die +Art, wie der Beherrscher der Bulgaren die politische Erziehung seines +ältesten Sohnes leitete. Kronprinz Boris war gewissermaßen der +Privatsekretär seines königlichen Vaters und schien mir in die geheimsten +politischen Gedankengänge des Zaren eingeweiht zu sein. Der hochbegabte +Prinz mit seiner vornehmen Denkungsart spielte die ihm anvertraute +wichtige Rolle in taktvollster Weise mit bescheidener Zurückhaltung. Das +väterliche Regiment war dabei anscheinend ein ziemlich scharfes. + +Die Außenpolitik seines Staates führte der Zar im wesentlichen ganz +allein. Inwiefern er auch die schwierigen innerpolitischen Verhältnisse +seines Landes unbedingt beherrschte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich +glaube aber, daß er es verstand, mitten in der oftmals einreißenden +parlamentarischen Anarchie Bulgariens seinen Willen, und sei es manchmal +auch mit autokratischen Mitteln, geltend zu machen. Seine Aufgabe war in +dieser Beziehung zweifellos eine schwere. Die Bulgaren waren, wie alle +Balkanvölker, aus der Knechtschaft in die volle staatliche Freiheit +hineingesprungen. Die Schulung und die harte Arbeit des Übergangs von +einem Zustand zum anderen fehlte ihnen daher. Ich fürchte, daß diese oft +so vortrefflich beanlagten Völkerschaften noch viele Jahrzehnte unter den +Folgen des Mangels jener erzieherischen Zwischenzeit leiden werden. + +Der bulgarische König war zurzeit jedenfalls einer der bedeutendsten +Herrscher. Uns gegenüber bewährte er sich als treuer Bundesgenosse. + +Während unseres Aufenthaltes in Pleß starb Kaiser Franz Joseph. Sein +Heimgang war für das Donaureich und uns ein Verlust, der in seiner ganzen +Größe wohl erst später voll gewürdigt werden kann. Es unterlag keinem +Zweifel, daß mit seinem Tode für die Völkervielheit der Doppelmonarchie +der ideelle Vereinigungspunkt verloren ging. Sank doch mit dem +ehrwürdigen, greisen Kaiser ein großer Teil des nationalen Gewissens des +verschiedenstämmigen Reiches für immer ins Grab. + +Die Schwierigkeiten, denen der junge Kaiser gegenübergestellt war, lassen +sich in ihrer Größe und Mannigfaltigkeit mit denjenigen eines +Thronwechsels in stammeseinheitlichen Reichen nicht in Vergleich ziehen. +Der neue Herrscher versuchte den Wegfall der ethisch bindenden Macht, der +durch das Ableben Kaiser Franz Josephs eingetreten war, durch völkisch +versöhnende Schritte zu ersetzen. Selbst staatszersetzenden Elementen +gegenüber glaubte er an die moralische Wirkung politischer Gnadenbeweise. +Das Mittel versagte völlig; diese Elemente hatten ihren Pakt mit unseren +gemeinsamen Feinden längst geschlossen und waren weit entfernt, ihn +freiwillig wieder zu kündigen. + +Bei den vielfachen regen persönlichen Beziehungen, die mir der Aufenthalt +in Pleß mit dem damaligen Generaloberst Conrad von Hötzendorf brachte, +bestätigte sich mir der Eindruck, den ich schon früher von ihm als Soldat +und Führer erhalten hatte. General von Conrad war eine hochbegabte +Persönlichkeit, ein glühender österreichischer Patriot und ein +warmherziger Anhänger unserer gemeinsamen Sache. Gegen politische +Einflüsse, die ihn aus dieser Richtung bringen wollten, war er zweifellos +aus tiefster Überzeugung ablehnend. Der Generaloberst war in seinem +operativen Denken sehr großzügig; er verstand es, die Kernpunkte unserer +gemeinsamen, großen Fragen aus dem Wuste der weniger entscheidenden +Nebendinge herauszuschälen. Er war ein besonders vortrefflicher Kenner der +Verhältnisse des Balkans und Italiens. + +Die bedeutenden Schwierigkeiten, die einem nationalen Einheitsgeist der +österreichisch-ungarischen Armee entgegenstanden und die sich hieraus +ergebenden Mängel waren dem Generaloberst wohlbekannt. Trotzdem +überschätzte er bei seinen hohen Plänen hier und da die möglichen +Leistungen des ihm anvertrauten Heeres. + +Auch die militärischen Führer der Türkei und Bulgariens lernte ich im +Laufe des Herbstes und Winters in Pleß persönlich kennen. + +Enver Pascha zeigte mir gegenüber einen ungewöhnlich weiten und freien +Blick für das Wesen der Führung des gegenwärtigen Krieges und seiner +Durchführung. Die Hingabe dieses Osmanen an unsere gemeinsame, große und +schwere Sache war eine unbedingte. Ich werde nie den Eindruck vergessen, +den ich bei unserer ersten Besprechung Anfang September 1916 von dem +türkischen Vizegeneralissimus erhielt. Er schilderte uns damals auf meine +Bitte hin die militärische Lage in der Türkei. Mit einer bemerkenswerten +Klarheit, Bestimmtheit und Offenheit gab er uns hiervon ein erschöpfendes +Bild, und, sich an mich wendend, schloß er mit den Worten: „Die Lage der +Türkei in Asien ist zum Teil sehr schwierig. Wir müssen befürchten, in +Armenien noch weiter zurückgeworfen zu werden. Es ist auch nicht +ausgeschlossen, daß die Kämpfe im Irak sich bald wieder erneuern. Auch +glaube ich, daß der Engländer in kurzer Zeit imstande sein wird, uns in +Syrien mit Übermacht anzugreifen. Aber was auch in Asien geschehen mag, +die Entscheidung des Krieges liegt auf europäischem Boden, und hierfür +stelle ich alle meine jetzt noch freien Divisionen zur Verfügung.“ +Sachlicher und selbstloser hat wohl noch nie ein Bundesgenosse zu einem +anderen gesprochen. Und es blieb nicht lediglich bei Worten. + +Bei aller hohen Auffassung vom Kriege im allgemeinen entbehrte Enver +Pascha aber doch einer gründlichen militärischen, ich möchte sagen, +Generalstabsschulung. Ein Nachteil, der augenscheinlich bei allen +türkischen Führern wie auch in ihren Stäben zu finden war. Es machte den +Eindruck, als wenn bei den Orientalen in dieser Beziehung ein von der +Natur gegebener Mangel vorläge. Die türkische Armee schien nur ganz wenige +Offiziere zu besitzen, die imstande waren bei der Verwirklichung richtig +gedachter Operationen die technischen, inneren Aufgaben der Führung zu +beherrschen. Es fehlte das Gefühl für die Notwendigkeit, daß sich der +Generalstab inmitten der Durchführung großer Gedanken auch mit dem Kleinen +beschäftigen muß. So kam es, daß der orientalische Gedankenreichtum durch +den mangelnden militärischen Wirklichkeitssinn oftmals unfruchtbar gemacht +wurde. + +Eine wesentlich andere Natur wie der ideenreiche Osmane war unser +bulgarischer Kampfgenosse, General Jekoff, ein Mann von nüchterner +Beobachtungsgabe, großen Gedanken nicht fremd, aber doch in erster Linie +auf den Gesichtskreis des Balkans sich beschränkend. Inwieweit er in +letzterer Beziehung unter dem Banne seiner Regierung stand, vermag ich +nicht einwandfrei zu beurteilen. Er war jedenfalls ein warmer Anhänger der +außenpolitischen Richtung der bulgarischen Staatsleitung. Mit ihrem +innerpolitischen Gebaren hatte seine Auffassung wohl nichts gemein. + +General Jekoff liebte seine Soldaten und ward von ihnen geliebt. Sein +Vertrauen zu ihnen, auch in politischer Beziehung, war ein sehr +weitgehendes. Bemerkenswert in dieser Richtung war eine seiner Äußerungen, +als Zweifel darüber auftauchten, ob der bulgarische Soldat sich nicht etwa +weigern würde, gegen den Russen zu kämpfen: „Wenn ich meinen Bulgaren +sage, sie sollen kämpfen, dann werden sie es tun, gegen wen es auch sei!“ +Im übrigen waren dem General einzelne im Volkscharakter liegende Schwächen +seiner Soldaten nicht unbekannt. Ich werde hierauf später noch +zurückkommen. + +Außer mit den leitenden militärischen Persönlichkeiten trat ich in Pleß +auch mit den politischen Führern unserer Bundesgenossen in persönliche +Fühlung. Ich möchte an dieser Stelle nur vom osmanischen Großwesir Talaat +Pascha und dem bulgarischen Ministerpräsidenten Radoslawow sprechen. + +Talaat Pascha machte den Eindruck eines genialen Staatsmannes. Er war sich +über die Größe der Aufgabe wie über die Mängel seines Staatswesens nicht +im Zweifel. Wenn es ihm nicht gelang, die Selbstsucht und die nationale +Trägheit, die auf seinem Vaterlande lastete, auszurotten, so lag das +lediglich an der Größe der dabei zu überwindenden Schwierigkeiten. Es +konnte eben nicht in Monaten gebessert werden, was in Jahrhunderten +versäumt war, was Vermischung von Volksrassen und innere, moralische +Erschöpfung weiter Kreise des Staates längst vor dem Kriege verdorben +hatten. Er selbst trat mit reinen Händen an die Spitze seines Staates und +blieb mit reinen Händen dort. Talaat war ein vollwertiger Vertreter des +alten, ritterlichen Türkentums. Politisch unbedingt zuverlässig, so +begegnete er mir zum ersten Male 1916, so verabschiedete er sich von uns +im Herbste 1918. + +Die Schwächen der türkischen Staats- und Kriegsleitung lagen in ihrer +großen Abhängigkeit von den inneren Verhältnissen. Politische und +wirtschaftlich selbstsüchtige Persönlichkeiten der sogenannten +Komiteeregierung mischten sich in die kriegerische Führung und banden +dieser in vielen Fällen die Hände, so daß sie außerstande war, richtig +erkannte Mißstände mit an sich vorhandenen Mitteln zu bessern. Zwar taten +einzelne hervorragende Männer alles, was in ihren Kräften stand. Aber die +staatliche Gewalt durchdrang nicht mehr das Reich. Das Herz des Landes, +Konstantinopel, pulsierte zu schwach und trieb keine gesunden, +erfrischenden und staatsfördernden Säfte in die entfernten Provinzen. Neue +Gedanken waren freilich während des Krieges entstanden und wuchsen mit den +kriegerischen Lorbeeren der Siege an den Dardanellen und am Tigris in echt +orientalischer Üppigkeit. Man begann, an die religiöse und politische +Vereinigung des gesamten Islams zu denken. Man erbaute sich, trotz der +sichtbaren Mißerfolge bei Verkündung des Heiligen Krieges, an dem +Auftreten mohammedanischer Glaubenskämpfer, wie zum Beispiel im nördlichen +Afrika. Der Gang der Ereignisse sollte indessen beweisen, daß diese +Erscheinung religiösen Fanatismus nur örtlichen Sonderheiten entsprang, +und daß Hoffnung auf deren Übertragung in die weiten Gebiete des inneren +Asiens eine Täuschung war, ja noch mehr als das: eine verhängnisvolle +militärische Gefahr. + +Der Bulgare Radoslawow war in seinem politischen Denken mehr an die +Scholle gebunden, als der großzügige osmanische Staatsmann Talaat Pascha. +Ich wage zu bezweifeln, ob Radoslawow die Kühnheit des Schrittes, der +Bulgarien 1915 an unsere Seite führte, in seiner ganzen Größe – ich darf +vielleicht sagen, in der von seinem Zaren ganz durchdachten Größe – +wirklich voll in sich aufgenommen hatte. Unbedingt zuverlässig war +Radoslawow in seiner Außenpolitik für uns jederzeit. + +Das bulgarische innerpolitische Parteigetriebe hatte in seiner wilden +Erregtheit während des großen Krieges nicht nachgelassen und war auch in +der Armee stark verbreitet. Nicht nur russophile Ideen trieben hier +spaltende Keile ein, auch der Kampf zwischen innerpolitischen +Parteigruppen übertrug sich auf die Truppen und deren Führer. An dieser +Tatsache war Radoslawow nicht unschuldig. + + + + + Leben im Großen Hauptquartier + + +Ermuntert durch das Interesse, das von vielen Seiten an meinem +persönlichen Leben während des großen Krieges genommen wurde, möchte ich +an dieser Stelle die Beschreibung eines regelmäßigen Tagesverlaufes in +unserem Hauptquartier einschieben. Ich bitte alle diejenigen, die an +solcher Kleinmalerei inmitten gewaltigster Weltereignisse wenig Gefallen +haben, die nächstfolgenden Seiten zu überschlagen. Ihre Kenntnis ist zum +Verständnis der großen Zeit nicht notwendig. + +Während des Bewegungskrieges in Ostpreußen und Polen im Herbst 1914 war an +einen nach Stunden geregelten Dienstbetrieb innerhalb unseres Armeestabes +nicht zu denken gewesen. Erst mit der Verlegung unseres Quartiers nach +Posen im November 1914 begann eine größere Regelmäßigkeit in unserem +dienstlichen und, wenn man im Kriege davon sprechen kann, auch +außerdienstlichen Leben. Späterhin war der längere ständige Aufenthalt in +Lötzen besonders geeignet zur Einführung eines streng geregelten Ganges +unserer Arbeit. + +Meine Berufung als Chef des Generalstabes des Feldheeres änderte im +wesentlichen nichts an unserem eingelebten und bewährten Geschäftsgang, +wenn auch von jetzt ab ein in mancher Beziehung großzügigeres und +belebteres Treiben für uns einsetzte. + +Die gewöhnliche Tagesbeschäftigung begann für mich damit, daß ich mich +etwa gegen 9 Uhr vormittags, das heißt, nachdem die Morgenmeldungen +eingetroffen waren, zu General Ludendorff begab, um mit ihm die Änderungen +der Lage und etwa zu treffende Anordnungen zu besprechen. Meist handelte +es sich dabei nicht um lange Aussprachen. Wir lebten beide ununterbrochen +in der Kriegslage und kannten gegenseitig unsere Gedanken. Die Entschlüsse +fielen daher meistens auf Grund etlicher weniger Sätze, ja manchmal +genügten einige Worte, um das gegenseitige Einverständnis festzulegen, das +dem General als Grundlage für die weiteren Ausarbeitungen diente. + +Nach dieser Besprechung machte ich mir eine etwa einstündige Bewegung im +Freien, begleitet von meinem Adjutanten. Zur Teilnahme an meinen +morgendlichen Spaziergängen forderte ich gelegentlich auch Gäste des +Großen Hauptquartiers auf, nahm hierbei ihre Schmerzen wie ihre Anregungen +entgegen und läuterte manche sorgende Seele, bevor sie sich auf meinen +Ersten Generalquartiermeister stürzte, um sich bei diesem mehr ins +einzelne gehende Wünsche, Hoffnungen und Vorschläge vom Herzen zu reden. + +Nach meiner Rückkehr in das Dienstgebäude erfolgten weitere Besprechungen +mit General Ludendorff und dann unmittelbare Vorträge meiner +Abteilungschefs in meinem Arbeitszimmer. + +Neben dieser dienstlichen Tätigkeit bewegte sich die Erledigung der an +mich eingetroffenen persönlichen Briefe. Die Zahl der Menschen, die mir +über alle nur erdenklichen Angelegenheiten schriftlich ihr Herz +ausschütten oder ihre Gedanken offenbaren zu müssen glaubten, war nicht +gering. Für mich war es völlig ausgeschlossen, alles selbst zu lesen. Ich +bedurfte hierfür die besondere Arbeitskraft eines Offiziers. In dieser +Korrespondenz spielte Poesie wie Prosa eine Rolle. Begeisterung und ihr +Gegenteil zeigte sich in allen möglichen Abstufungen. Es war oft sehr +schwer, einen Zusammenhang zwischen den mir vorgetragenen Anliegen und +meiner dienstlichen Stellung zu konstruieren. Um nur zwei von den +hundertfachen Beispielen herauszugreifen, so wurde es mir nie klar, was +ich als Chef des Generalstabes des Feldheeres mit der an sich ja dringend +notwendigen Müllabfuhr einer Provinzialstadt oder mit dem verloren +gegangenen Taufschein einer deutschen Chilenin zu tun haben sollte. +Trotzdem wurde in beiden Fällen meine Hilfe beansprucht. Zweifellos lag ja +in derartigen brieflichen Anliegen ein rührendes, wenn auch manchmal etwas +naives Vertrauen auf meinen persönlichen Einfluß. Wo ich Zeit und +Gelegenheit hatte, half ich gern, wenigstens mit meiner Unterschrift. +Weitergehende Eigenleistungen glaubte ich mir freilich meist versagen zu +müssen. + +Um die Mittagsstunde war ich regelmäßig zum Vortrag bei Seiner Majestät +dem Kaiser befohlen. Hierbei entwarf General Ludendorff das Bild der Lage. +Bei wichtigeren Entschlüssen übernahm ich selbst den Vortrag und erbat, +sofern solches notwendig war, die kaiserliche Genehmigung unserer Pläne. +Das hohe Vertrauen des Kaisers entband uns in allen nicht grundsätzlichen +Fragen von einer besonderen Allerhöchsten Zustimmung. Seine Majestät +begnügte sich übrigens auch bei Vorschlägen über neue Operationen +allermeist mit der Entgegennahme meiner Begründungen. Ich erinnere mich +keines Gegensatzes, der nicht schon während des Vortrags durch meinen +Kriegsherrn ausgeglichen wurde. Das ausgezeichnete Gedächtnis des Kaisers +für Kriegslagen unterstützte uns bei diesen Vorträgen in hohem Maße. Seine +Majestät studierte nicht nur die Karten mit größter Genauigkeit, sondern +nahm auch persönliche Einzeichnungen vor. Die Zeit des mittäglichen +Vortrages vor dem Kaiser wurde vielfach auch zu Besprechungen mit +Vertretern der Reichsleitung ausgenutzt. + +Nach Beendigung des Kaiservortrages vereinigte der Mittagstisch die +Offiziere meines engeren Stabes um mich. Die Essenszeit wurde auf das +unbedingt nötige Maß beschränkt. Ich hielt darauf, daß meine Offiziere +Zeit gewannen, sich nachher etwas zu ruhen oder sonstwie in ihrer +Tätigkeit auszuspannen. Zu meinem wiederholten persönlichen Bedauern +konnte ich von dieser Kürzung der Essenszeit auch dann nicht absehen, wenn +wir Gäste bei uns zu Tische hatten. Die Rücksicht auf die Erhaltung der +Arbeitskraft meiner Mitarbeiter mußte ich geselligen Formen voranstellen. +War doch eine 16stündige Arbeitszeit für die Mehrzahl dieser Offiziere +eine tagtägliche Forderung. Und dies im Gange eines mehrjährigen Krieges! +Wir waren eben genötigt, bei der Obersten Heeresleitung wie im +Schützengraben unser Menschenmaterial bis zur äußersten Grenze der +Leistungsfähigkeit auszunutzen. + +Der Nachmittag verlief für mich ähnlich dem Vormittage. Die längste +Abspannung brachte für alle der um 8 Uhr beginnende Abendtisch. Ihm schloß +sich ein gruppenweises Zusammensitzen in Nebenräumen an, für dessen +Beendigung General Ludendorff pünktlich um 9½ Uhr abends das Zeichen gab. +Die Unterhaltung in unserem Kreise war meist sehr lebhaft. Sie bewegte +sich in zwangloser Form und offenster Aussprache über alle uns unmittelbar +berührenden und allgemein interessierenden Gebiete und Begebenheiten. Auch +der Frohsinn kam zu seinem Recht. Diesen zu unterstützen, hielt ich für +eine Pflicht gegenüber meinen Mitarbeitern. Ich freute mich der +Wahrnehmung, daß unsere Gäste vielfach einerseits von der zuversichtlichen +Ruhe, andererseits von der Ungezwungenheit unseres Verkehrs sichtlich +überrascht waren. + +Nach dem Schluß unseres abendlichen Zusammenseins begaben wir uns +gemeinsam in das Dienstgebäude. Dort waren inzwischen die abschließenden +Tagesmeldungen eingetroffen und die Lagen auf den verschiedenen Fronten +zeichnerisch festgelegt. Die Erläuterungen gab ein jüngerer +Generalstabsoffizier. Von den Ereignissen auf den Kriegsschauplätzen hing +es ab, ob ich mich mit General Ludendorff auch jetzt noch einmal +eingehender besprechen mußte, oder ob ich ihn nicht mehr länger in +Anspruch zu nehmen brauchte. Für die Offiziere meines engeren Stabes +begann nunmehr die Arbeit aufs neue. Vielfach waren ja jetzt erst die +abschließenden Anhaltspunkte zur Abfassung und Hinausgabe endgültiger +Anordnungen gegeben, oder es trafen erst von jetzt ab die zahllosen +Anforderungen, Anregungen und Vorschläge der Armeen und sonstigen Stellen +ein. Die Tagesbeschäftigung endete daher nie vor Mitternacht. Die Vorträge +der Abteilungschefs bei General Ludendorff dauerten nahezu regelmäßig bis +in die ersten Stunden des neuen Tages. Es bedurfte schon ganz besonders +ruhiger Zeiten, wenn mein Erster Generalquartiermeister vor Mitternacht +sein Arbeitszimmer verlassen konnte, das er tagtäglich am Beginn der +8. Tagesstunde schon wieder betrat. Wir alle freuten uns, wenn General +Ludendorff sich einmal ein früheres Ausspannen, das ja nur nach Stunden +zählen konnte, zu gönnen vermochte. Unser aller Leben, Arbeit, Denken und +Fühlen ging völlig ineinander auf. Die Erinnerung daran erfüllt mich noch +jetzt mit dankbarer Genugtuung. + +Wir blieben im allgemeinen ein enggeschlossener Kreis. Der Personalwechsel +war mit Rücksicht auf einen geregelten Dienstbetrieb natürlicherweise +gering. Immerhin war es ab und zu möglich, dem drängenden Verlangen der +Offiziere nach wenigstens zeitweiliger Verwendung an der Front Rechnung zu +tragen. Auch ergaben sich Gelegenheiten und Notwendigkeiten zur Entsendung +von Offizieren an besonders wichtige Teile unserer eigenen Heeresfronten +oder an diejenigen unserer Verbündeten. Im allgemeinen verlangte aber der +Zusammenhang in den außerordentlich verwickelten und vielseitigen Arbeiten +die dauernde Anwesenheit wenigstens der älteren Offiziere an ihren +Kriegsstellen innerhalb der Obersten Heeresleitung. + +Auch der Tod griff mit rauher Hand in unsere Mitte ein. Schon 1916 hatte +ich als Oberkommandierender im Osten meinen mir sehr nahestehenden, +allgemein geschätzten persönlichen Adjutanten, Major Kämmerer, an den +Folgen einer Erkältung verloren. Im Oktober 1918 erlag Hauptmann von +Linsingen einer Erkrankung an Grippe, die in dieser Zeit unter den +Angehörigen des Großen Hauptquartiers zahlreiche Opfer forderte. Entgegen +den dringenden Vorstellungen von seiten des Arztes wie der Kameraden +glaubte Hauptmann von Linsingen in der damals außerordentlich schwierigen +Zeit seinen Posten nicht verlassen zu dürfen, bis er körperlich kraftlos +und vom Fieber geschüttelt die Arbeit doch aus der Hand legen mußte, zu +spät, um noch gerettet werden zu können. Wir verloren an ihm einen geistig +wie charakterlich gleich hochstehenden Kameraden. Seine junge Frau kam +nicht mehr rechtzeitig genug, um ihm die Augen zudrücken zu können. Manche +von denen, die zeitweise meinem Stabe angehört hatten, sind außerdem +später an der Front gefallen. + +Das Bild unseres Lebens würde unvollständig sein, wenn ich nicht auch auf +die Besucher zu sprechen käme, die sich bei uns allenthalben und zu jeder +Zeit einstellten. Ich habe hierbei nicht das ständige Ab und Zu von +Persönlichkeiten zahlreicher Berufsklassen im Auge, die dienstlich mit uns +in Berührung kommen mußten, sondern ich denke an diejenigen, die durch +vielfach andere Interessen zu uns geführt wurden. Ich öffnete jedermann +gern Tür und Herz, vorausgesetzt, daß er selbst mir offen entgegenkam. + +Die Zahl unserer Gäste war groß. Wir waren nur wenige Tage ohne solche. +Nicht nur Deutschland und seine Verbündeten, sondern auch die Neutralen +stellten ein beträchtliches Kontingent. Oftmals machten unsere Reihen bei +Tisch den Eindruck eines bunten Völkergemisches, und es traf sich auch, +daß christliche Würdenträger mit mohammedanischen Gläubigen Stuhl an Stuhl +saßen. Leute aller Stände und Parteirichtungen fanden herzliche Aufnahme. +Ich widmete allen gern meine knappe Freizeit. Unter den Politikern gedenke +ich mit Vorliebe des Grafen Tisza, der mich im Winter 1916/17 in Pleß +aufsuchte. Aus seinem Wesen sprach die ungebrochene Kraft seines Willens, +ein glühendes patriotisches Gefühl. Auch andere Politiker aller +Schattierungen aus unseren und unserer Verbündeten Ländern sprachen bei +mir vor. In ihren Denkrichtungen mir vielfach fremd, in ihren Gefühlen für +die gemeinsame große Sache aber damals gleichgeartet. Ich erinnere mich so +mancher warmer patriotischer Worte beim Abschied. Ich drückte in meinem +Kreise die schwielig kräftigen Hände von Handwerkern und Arbeitern und +freute mich ihres offenen Blickes und ihrer aufrichtigen Rede. Vertreter +führender Industrien und Männer der Wissenschaft setzten uns in Kenntnis +von neuen Erfindungen und Gedanken und schwärmten von künftigen +wirtschaftlichen Plänen. Sie klagten wohl auch über den engen +Bureaukratismus der Heimat und über die Beschränkung der Mittel zur +Verwirklichung ihrer Ideen. Bureaukraten andrerseits jammerten über die +geldfressende Begehrlichkeit gefürchteter Phantasten und über die +uferlosen Pläne von Erfindern. Ich erinnere mich der interessierten Fragen +eines heimatlichen recht hohen Finanzbeamten, der die Preise eines +Schusses jeden Geschützkalibers wissen wollte, um daraus die ungefähren +Kosten einer Schlacht zu berechnen. Er hat mich mit dem Ergebnis seines +Kalkuls verschont, wohl in der Befürchtung, daß ich deswegen den +Munitionsverbrauch doch nicht einschränken würde. + +Nicht nur Notwendigkeiten, Sorgen und Arbeit fanden zu uns den Weg, auch +Neugierde suchte Eintritt. Oft lachte ich im stillen über verlegene +Redensarten, mit denen so manches Erscheinen Rechtfertigung finden wollte. +Ob das Ergebnis solcher Besuche stets den gehegten Erwartungen entsprach, +wage ich nicht in allen Fällen zu bejahen. Im Gegensatz hierzu war mir +manch prächtiger Truppenoffizier, der die Merkmale schweren Kampfes und +harten Lebens an sich trug, ein hochwillkommener Tischnachbar. Kurze +Erzählungen aus dem Kriegsleben sprachen mehr, als lange schriftliche +Berichte. Die Wirklichkeit des früher Selbsterlebten trat mir so oft mit +aller Lebendigkeit wieder vor die Seele. Freilich war in diesem +furchtbarsten aller Ringen unseren früheren Kriegen gegenüber alles in das +Groteske gesteigert. Die stundenlange Schlacht vergangener Zeiten war zu +monatelangem Titanenkampf erhoben, menschliches Ertragen schien keine +Grenzen zu haben. + +Auch Graf Zeppelin besuchte uns noch in Pleß und wirkte auf uns alle durch +die rührende Einfachheit seines Auftretens. Er betrachtete damals schon +seine Luftschiffe als veraltete Kriegswaffen. Nach seiner Ansicht gehörte +dem Flugzeug in Zukunft die Herrschaft in der Luft. Der Graf starb bald +nach seinem Besuch, ohne das Unglück seines Vaterlandes erleben zu müssen +– ein glücklicher Mann! Noch zwei andere berühmt gewordene Herrscher der +Lüfte folgten meiner Einladung, unbezwungene junge Helden: Hauptmann +Bölcke und Rittmeister von Richthofen. Beider frisches und bescheidenes +Wesen erfreute uns. Ehre ihrem Andenken! Unterseebootsführer sah ich +gleichfalls in der Zahl meiner Gäste; unter ihnen fehlte auch nicht der +Führer des Unterseehandelsbootes „Deutschland“, Kapitän König. + +So blieb kein Stand und kein Stamm seitab von uns, und ich glaubte den +gemeinsamen Pulsschlag von Heer und Heimat, von unseren Verbündeten und +uns selbst oft in meiner nächsten Nähe zu fühlen. + + + + + Kriegsereignisse bis Ende 1916 + + + + Der rumänische Feldzug + + +Unsere politische Lage Rumänien gegenüber hatte im Verlauf der Kriegsjahre +1915/16 nicht allein an unsere politische Leitung sondern auch an unsere +Heeresführung ungewöhnlich hohe Anforderungen gestellt. Es ist eine +billige Weisheit, nach dem Eintritt Rumäniens in den Kreis unserer Feinde +und angesichts unserer unzureichenden militärischen Vorbereitungen dem +neuen Gegner gegenüber ein scharfes Urteil über unsere damals +verantwortlichen Stellen und Persönlichkeiten auszusprechen. Solche +Urteile, meist ohne Kenntnis der wirklichen Vorgänge auf willkürlichen +Behauptungen aufgebaut, erinnern mich an eine Äußerung Fichtes in seinen +„Reden an die deutsche Nation“, in welcher er von jener Art von +Schriftstellern spricht, die erst nach gegebenen Erfolgen wissen, was da +hätte geschehen sollen. + +Es dürfte wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß die Entente in unserer +Lage die rumänische Gefahr, oder vielleicht besser gesagt, die rumänische +militärische Drohstellung spätestens 1915 beseitigt hätte, und zwar mit +der Anwendung ähnlicher Mittel, wie sie solche gegen Griechenland in +Tätigkeit brachte. Wie es sich später herausstellen sollte, wurde Rumänien +im Sommer 1916 durch ein Ultimatum der Entente in den Kriegsstrudel +hineingetrieben, indem es aufgefordert wurde, entweder zum sofortigen +Angriff zu schreiten oder dauernd auf seine Vergrößerungspläne zu +verzichten. Eine ähnliche Lösung war aber politisch zu gewalttätig, als +daß sie bei uns ohne dringendste Not Anhänger hätte finden können. Wir +glaubten, mit Rumänien säuberlicher verfahren zu sollen, wohl in der +Hoffnung, daß es sich sein Grab selbst graben würde. Gewiß trat dies auch +ein, aber nach welchen Krisen und Opfern! + +Die Beteiligung Rumäniens am Kriege auf der Seite unserer Gegner rückte in +greifbare Nähe, als die österreichische Ostfront zusammenbrach. Es wäre +vielleicht nicht ausgeschlossen gewesen, daß sich diese Gefahr auch dann +noch hätte beschwören lassen, wenn der deutsche Plan eines großen +Gegenangriffes gegen den bis zu den Karpathen vorgedrungenen russischen +Südflügel hätte verwirklicht werden können. Allein bei den immer erneuten +Zusammenbrüchen in den österreichisch-ungarischen Linien kam diese +Operation nicht zustande. Die Angriffskräfte verschwanden in +Verteidigungsfronten. + +Angesichts dieses Verlaufes der Kämpfe an der Ostfront hatte die deutsche +Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General Jekoff zu +dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen Flügelarmeen einen +großen Schlag gegen die Ententekräfte bei Saloniki zu führen. Der Gedanke +war sowohl politisch wie militärisch durchaus zu billigen. Gelang das +Unternehmen, so war zu erwarten, daß Rumänien eingeschüchtert und seine +zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine Zusammenwirkung mit Sarrail +zerstört würde. Rumänien wäre daher vielleicht schon dann zur Ruhe +veranlaßt worden, wenn starke bulgarische Kräfte nach einem Siege über +Sarrail für beliebige andere Verwendung freigeworden wären. Die deutsche +Oberste Heeresleitung geriet freilich gerade durch diesen Angriff der +Bulgaren zunächst in einen gewissen militärischen Widerspruch hinein. Da +sie nämlich gleichzeitig gezwungen war, Truppen in Nordbulgarien zu +versammeln, um auf die täglich stärker werdenden rumänischen +Kriegsleidenschaften ernüchternd zu wirken, so wurden Kräfte, die zum +Angriff auf Sarrail an der mazedonischen Front hätten Verwendung finden +können, aus politischen Gründen an die Donau gezogen. Das Verfahren der +deutschen Obersten Heeresleitung wird erklärlich einerseits durch das +Vertrauen, das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte, +andererseits durch eine gewisse Unterschätzung der gegnerischen Stärke bei +Saloniki. Ganz besonders täuschte man sich über die Bedeutung der dort +auftretenden, neugebildeten serbischen Verbände in der Zahl von +6 Infanteriedivisionen. + +Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken +Flügelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Flügel in +Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Gründen +hängen, deren Erörterungen uns an dieser Stelle zu weit führen würden. Die +bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im Angriff +wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch gewandt. Der +Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser Ausgang des +Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung vor +eine neue schwierige Frage. Die rumänische Kriegslust steigerte sich +dauernd. Es war zu erwarten, daß die Stockung der bulgarischen Operationen +in Mazedonien auf die politischen Kreise in Bukarest kriegsermunternd +wirken würde. Sollte die deutsche Oberste Heeresleitung nunmehr den +Angriff der Bulgaren endgültig abbrechen lassen, um starke bulgarische +Kräfte aus den jetzt wesentlich verkürzten mazedonischen Fronten nach +Nordbulgarien zu führen, oder sollte sie es wagen, die an der Donau schon +versammelten Streitkräfte nach Mazedonien überzuführen, um hier nochmals +zu versuchen, den rumänischen gordischen Knoten mit dem Schwerte +durchzuschlagen? Die Kriegserklärung Rumäniens befreite die Oberste +Heeresleitung aus diesen Zweifeln. + +So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhältnisse südlich der +Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage nördlich der +transsylvanischen Alpen geworden. Während nämlich Rumänien offenkundig +rüstete, verzehrten die Kämpfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen +an der österreichischen Ost- und Südwestfront alles, was den Obersten +Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfügbar schien oder aus nicht +angegriffenen Frontteilen noch verfügbar gemacht werden konnte. Gegen +Rumänien glaubte man keine Kräfte freimachen zu können. Man vertrat den an +sich richtigen Grundsatz, von Streitkräften, die auf den augenblicklichen +Schlachtfeldern dringend benötigt waren, nichts aus politischen Gründen +brachliegen zu lassen. + +So kam es, daß die rumänische Kriegserklärung am 27. August uns dem neuen +Feind gegenüber in einer nahezu völlig wehrlosen Lage traf. Ich bin auf +diese Entwicklung der Verhältnisse deswegen ausführlicher eingegangen, um +die Entstehung der großen Krisis verständlich zu machen, in der wir uns +seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer solchen kann auch +angesichts der späteren erfolgreichen Durchführung des Feldzuges nicht gut +bestritten werden. + +Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen +getroffen werden konnten, um der rumänischen Gefahr zu begegnen, so hatten +sich doch seine verantwortlichen militärischen Führer selbstredend über +die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden Maßnahmen frühzeitig +geeinigt. Am 28. Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke eine Besprechung der +Heereschefs Deutschlands, Österreich-Ungarns und Bulgariens zu Pleß +stattgefunden. Sie führte zur Aufstellung eines Kriegsplanes, in dessen +entscheidender Ziffer 2 es wörtlich heißt: + + „Schließt Rumänien sich der Entente an: schnellstes, kräftigstes + Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von + österreichisch-ungarischem, soweit irgend möglich, fernzuhalten und nach + Rumänien hineinzutragen. Hierzu + + a) demonstrative Operationen deutscher und österreichischer Truppen + von Norden her, zwecks Fesselung starker rumänischer Kräfte; + + b) Vorstoß bulgarischer Kräfte von der Dobrudschagrenze gegen die + Donauübergänge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten + Flanke der Hauptkräfte; + + c) Bereitstellung der Hauptkräfte zum Übergang über die Donau bei + Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest.“ + +In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in Budapest +wurde auch die Teilnahme der Türken an einem etwaigen rumänischen Feldzug +festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen Bereitstellung von zwei +osmanischen Divisionen für den Einsatz auf der Balkanhalbinsel. + +Dieser Kriegsplan gegen Rumänien erfuhr, so lange mein Vorgänger noch die +Zügel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine Änderung. Wohl aber fand +noch ein wiederholter Gedankenaustausch darüber zwischen den einzelnen +Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von Mackensen, der zur +Führung der südlich der Donau bereitgestellten Kräfte bestimmt war, wurde +zur Sache gehört. Bei diesen Gelegenheiten zeichneten sich zwei +Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von Conrad vertrat diejenige +eines rücksichtslosen sofortigen Vorgehens auf Bukarest, General Jekoff +diejenige eines Feldzugsbeginns in der Dobrudscha. Die Kräfte südlich der +Donau waren bei Kriegsausbruch noch viel zu schwach, um die an dieser +Front beabsichtigte Doppelaufgabe, nämlich Donauübergang und Angriff gegen +Silistria und Tutrakan, gleichzeitig durchführen zu können. + +Am 28. August erging von meinem Vorgänger an Generalfeldmarschall von +Mackensen der Befehl zum baldmöglichsten Angriff. Richtung und Ziel +blieben dem Feldmarschall überlassen. + +So fand ich am 29. August bei der Übernahme der Operationsleitung die +militärische Lage gegenüber Rumänien. Sie war schwierig. + +Wahrlich, noch niemals war einem verhältnismäßig so kleinen Staatswesen +wie Rumänien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher +Größe in einem ebenso günstigen Augenblicke in die Hände gelegt. Noch +niemals waren starke Großmächte wie Deutschland und Österreich in gleicher +Gebundenheit der Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein +Zwanzigstel der Bevölkerung der beiden Großstaaten zählte, wie im jetzt +vorliegenden Falle. Auf Grund der Kriegslage hätte man annehmen können, +daß Rumänien nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf +zugunsten derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich +gegen uns anstürmten. Alles schien davon abzuhängen, ob Rumänien gewillt +war, von seiner augenblicklichen Stärke einigermaßen Gebrauch zu machen. + +Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefühlt und mehr +gefürchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zögerte mit dem +Kriegsentschluß. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als dann aber +am 1. September der bulgarische Kriegsentschluß zu unseren Gunsten +gefallen war, trat das Land mit all seinen Kräften und mit dem ganzen Haß +seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumänischen Überfall in den +Rücken des gegen Serbien und Griechenland schwer ringenden Landes +entsprungen war, an unsere Seite. Der mörderische Tag von Tutrakan gab den +ersten Beweis für die kriegswillige Stimmung unseres Bundesgenossen. + +Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden +Vorbereitungen zunächst naturgemäß jede Bedeutung verloren. Der Gegner +verfügte fürs erste über die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner +Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmäßigen Stärke, die durch die uns +bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu +befürchten, daß unsere eigenen Mittel nicht ausreichen würden, der +rumänischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu +beschränken. Wohin der Rumäne auch seine Operationen richten wollte, ob +über das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbürgen oder aus der +Dobrudscha gegen Bulgarien, überall schienen ihm große Ziele und leichte +Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich rumänisch-russische +Offensivbewegungen gegen Süden befürchten zu sollen. Selbst Bulgaren +hatten darüber Zweifel ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen +kämpfen würden. Das feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung +– ich sprach an früherer Stelle schon davon – wurde in Bulgarien +keineswegs allgemein geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, daß unsere +Gegner mit dieser russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken +Teiles der bulgarischen Armee rechnen würden. Ganz abgesehen aber auch +hiervon lag es für Rumänien nahe, durch einen Angriff nach Süden der Armee +Sarrails die Hand zu reichen. Wie mußte alsdann unsere Lage werden, wenn +es den Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Türkei, ähnlich +wie das vor Durchführung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen, +erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Bündnis +abzusprengen? Eine abermals isolierte Türkei, gleichzeitig bedroht aus +Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes Österreich-Ungarn +hätten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren Ungunsten nimmermehr +überwunden. + +Das von meinem Vorgänger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens +entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine Überschreitung der Donau mit +den in Nordbulgarien verfügbaren Kräften konnte hierbei freilich nicht in +Frage kommen. Es genügte aber schon, wenn wir dem Gegner die Vorhand in +der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugspläne dadurch verwirrten. Um +letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen, durften wir den +Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung von Tutrakan und +Silistria beschränken. Wir mußten vielmehr durch eine weitgehendere +Ausnützung von Erfolgen in der Süddobrudscha bei der rumänischen +Heeresführung Besorgnis für den Rücken ihrer an der siebenbürgischen +Grenze eingesetzten Hauptkräfte zu erregen suchen. Und wirklich gelang uns +dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls bis in bedrohliche +Nähe der Linie Constanza-Czernavoda sah sich die rumänische Führung +veranlaßt, Kräfte aus ihrer gegen Siebenbürgen gerichteten Operation nach +der Dobrudscha zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer +frischer Kräfte, der Offensive Mackensens über Rahowo, donauabwärts +Rusčuk, in den Rücken zu gehen. Auf dem Papier ein schöner Plan! Ob dieser +dem rumänischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbündeten +entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir bis +zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2. Oktober, mit den Rumänen +gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen für mehr als kühn und dachte mir +nicht nur, sondern sprach es auch aus: „Man verhafte diese Truppen!“ +Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde auch von den +Deutschen und Bulgaren bestens erfüllt. Von dem Dutzend rumänischer +Bataillone, die bei Rahowo das südliche Donauufer betreten hatten, sahen +während des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder. + +Das Verhängnis brach über Rumänien herein, weil seine Armee nicht +marschierte, weil seine Führung nichts verstand, und weil es uns doch noch +gelang, ausreichende Kräfte in Siebenbürgen rechtzeitig zu versammeln. + +Ausreichend? Gewiß ausreichend für diesen Gegner! Tollkühn wird man uns +vielleicht einmal nennen, wenn man die Stärkeverhältnisse vergleichen +wird, unter denen wir gegen das rumänische Heer zum Angriff schritten, und +mit denen General von Falkenhayn am 29. September den westlichen +rumänischen Flügel bei Hermannstadt zerrieb. + +Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee nach +Osten herum. Er rückt unter Nichtachtung der ihm durch rumänische +Überlegenheit und günstige gegnerische Lage nördlich des oberen Alt +drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen südlich des genannten +Flusses am Fuße des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumäne +stutzt, verliert das Vertrauen zur eigenen Überlegenheit wie zum eigenen +Können, vergißt die Ausnutzung der ihm immer noch günstigen Kriegslage und +macht auf der ganzen Front Halt. Damit tut er aber auch schon den ersten +Schritt rückwärts. General von Falkenhayn reißt die Vorhand nunmehr völlig +an sich, zertrümmert südlich des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand +und marschiert weiter. Der Rumäne weicht nunmehr allenthalben aus +Siebenbürgen, nicht ohne am 8. Oktober bei Kronstadt noch eine blutige +Niederlage erlitten zu haben. So geht er denn auf den schützenden Wall +seiner Heimat zurück. Unsere demnächstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu +überschreiten. Wir halten zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen +taktischen Erfolge strategisch dahin auswerten zu können, daß wir von +Kronstadt unmittelbar auf Bukarest durchbrechen. Mögen auch das wilde +Hochgebirge und die feindliche Überlegenheit unsere wenigen und schwachen +Divisionen vor eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser +Vormarschrichtung sind zu groß, als daß wir den Versuch unterlassen +dürften. Er gelingt nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe, +jeden Felshang, ja jeden Felsblock kämpfen. Unsere Bewegung stockt völlig, +als am 18. Oktober ein rauher Frühwinter die Berge in Schnee hüllt und die +Straßen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsäglichen Entbehrungen und Leiden +halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile, bereit, sich +weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu kommen wird. + +Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das +walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus über +den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen führen. General von +Falkenhayn schlägt den Durchbruch über den westlicher gelegenen Szurdukpaß +vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger wirkungsvoll, aber +unter den jetzigen Verhältnissen die taktisch und technisch einzig +mögliche. So brechen wir über diesen Paß am 11. November in Rumänien ein. + +Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen südlich der Donau +bereitgestellt, um dem nördlichen Einbruch von Süden her die Hand zu +reichen. Er hatte am 21. Oktober die russisch-rumänische Armee südlich der +Linie Constanza-Czernavoda gründlich geschlagen. Am 22. Oktober war +Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der Gegner +weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die Bewegung +einstellen, sobald nördlich der erwähnten Eisenbahn eine +Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Kräften behauptet +werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rückt gegen +Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in die +Hand zu nehmen und dann bei Braila im Rücken der rumänischen Hauptmacht in +das nördliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie sollten wir das +notwendige Brückenmaterial in die nördliche Dobrudscha bringen? +Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg versperren die +rumänischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir müssen dem Schicksal +dankbar sein, daß diese nicht schon längst unseren einzigen verfügbaren +schweren Brückentrain bei Sistow in Trümmer geschossen haben, der, seit +Monaten im Bereich der feindlichen Geschützwirkung, nur durch einen für +uns nicht aufklärbaren Fehler des Gegners der Zerstörung entgangen ist. So +können wir wenigstens dort den Stromübergang im Auge behalten. + +Im Morgengrauen des 23. November gewinnt Generalfeldmarschall von +Mackensen das nördliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen +ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am +Argesch findet es seine Krönung in der Zertrümmerung der rumänischen +Hauptkräfte. Der Schlußakt vollzieht sich am 3. Dezember. Bukarest fällt +widerstandslos in unsere Hand. + +Am Abend dieses Tages schließe ich den gemeinsamen Vortrag über die +Kriegslage mit den Worten: „Ein schöner Tag.“ Als ich später in die +Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtürmen des Städtchens Pleß +das Dankgeläute für den großen neuen Erfolg. Ich hatte längst aufgehört, +in solchen Augenblicken an anderes zu denken als an die wunderbaren +Leistungen unseres braven Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als +daß diese Leistungen uns dem endlichen Abschluß des schweren Ringens und +der großen Opfer nahe brächten. + +Den Gewinn der rumänischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas +kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest für eine mächtige Festung +gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung +herangeführt, und nun zeigte sich der berühmte Waffenplatz als offene +Stadt. Kein Geschütz krönt mehr die mächtigen Wälle der Forts, und die +Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so +viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht, +die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumänischen Feldzuges +festzustellen. + +Das Schicksal Rumäniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die +ganze Welt mußte sehen, und Rumänien sah es wohl auch selbst, daß kein +leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag: + + Wer Unglück will im Kriege han, + Der binde mit dem Deutschen an. + +Mit Anführung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung +Österreich-Ungarns, der Türkei und Bulgariens an diesem großen und schönen +Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren alle zur +Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem großen mannhaften Werke. +Rumänien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte, mußte froh +sein, daß seine Heerestrümmer durch russische Hilfe vor Vernichtung +bewahrt wurden. Sein Traum, daß noch einmal, wie im Jahre 1878 auf dem +Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmäßiger Dankbarkeit, +wenn auch mit bitterem Gefühl im Herzen, die Hand für die erwiesenen +Dienste drücken müßte, hatte sich in das grausame Gegenteil verkehrt. Die +Zeiten hatten sich gewandelt. + +Meinem Allerhöchsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine +Anschauung dahin ausgesprochen, daß wir am Ende des Jahres den rumänischen +Feldzug beendet haben würden. Am 31. Dezember konnte ich Seiner Majestät +melden, daß unsere Truppen den Sereth erreicht hätten, und daß die +Bulgaren am Südufer des Donaudeltas stünden. Die gesteckten Ziele waren +erreicht. + + + + Kämpfe an der mazedonischen Front + + +Die Schwierigkeiten unserer Kriegslage im Herbste 1916 wurden durch den +Fortgang der Kämpfe an der mazedonischen Front nicht unwesentlich erhöht. + +Die Armee Sarrails hätte jeden Anspruch auf Daseinsberechtigung verloren, +wenn sie nicht im Augenblick der rumänischen Kriegserklärung auch +ihrerseits die Offensive ergriffen hätte. Ihr Vorgehen erwarteten wir im +Wardartal. Wäre sie hier bis in die Gegend von Gradsko vorgedrungen, so +hätte sie das Zentrum der wichtigsten bulgarischen Verbindungen in Besitz +genommen und hätte auch das Verbleiben der Bulgaren in der Gegend von +Monastir unmöglich gemacht. Sarrail wählte die unmittelbare +Angriffsrichtung auf Monastir, vielleicht durch besondere politische +Gründe veranlaßt. + +Die bulgarische rechte Flügelarmee wurde durch diese Offensive aus ihren +Stellungen, die sie beim Angriff im August südlich Florina gewonnen hatte, +zurückgeworfen. Sie verlor im weiteren Verlauf der Kämpfe Monastir, +behauptete sich aber dann. + +Wir waren hierdurch genötigt gewesen, den Bulgaren Unterstützungen aus +unseren Kampffronten zuzuführen, Unterstützungen, die meist für den +rumänischen Feldzug bestimmt gewesen waren. War die Größe dieser Hilfe im +Verhältnis zur gesamten Stärke unseres Heeres auch nicht sehr bedeutend – +es waren gegen 20 Bataillone sowie zahlreiche schwere und Feldbatterien – +so traf uns diese Abgabe doch in einer außerordentlich kritischen Zeit, in +der wir tatsächlich mit jedem Mann und jedem Geschütz geizen mußten. + +Wie wir, so leistete auch die Türkei dem verbündeten Bulgarien in diesen +schweren Kämpfen bereitwilligst Hilfe. Enver Pascha stellte über die für +den rumänischen Krieg versprochene Unterstützung hinaus ein ganzes +türkisches Armeekorps zur Ablösung bulgarischer Truppen an der Strumafront +zur Verfügung. Diese Unterstützung wurde von bulgarischer Seite ungern +gesehen, da man befürchtete, es würden sich daraus unangenehme türkische +Ansprüche auf politischem Gebiet geltend machen. Enver Pascha versicherte +uns jedoch ausdrücklich, daß er solches verhindern würde. Es war ja +begreiflich, daß Bulgarien deutsche Unterstützung der osmanischen +vorgezogen hätte, unbegreiflich aber war es, daß man in Sofia nicht +einsehen wollte, wie wenig Deutschland in dieser Zeit imstande war, seine +Kräfte noch weiter anzuspannen. + +Der Verlust Monastirs war nach meiner Auffassung ohne militärische +Bedeutung. Die freiwillige Zurücknahme des bulgarischen rechten +Heeresflügels in die außerordentlich starken Stellungen bei Prilep wäre +von großem militärischen Vorteil gewesen, weil alsdann die bulgarische +Heeresversorgung ganz wesentlich erleichtert, diejenige unserer Gegner um +vieles erschwert worden wäre. Gerade die ungeheuren Schwierigkeiten in den +rückwärtigen Verbindungen hatten auf bulgarischer Seite die in den Kämpfen +wiederholt eingetretenen Krisen wesentlich mitverschuldet. Die Truppen +mußten tagelang hungern und litten zeitweise auch Mangel an Schießbedarf. +Wir haben unter Hintansetzung eigener Interessen mit allen Mitteln +versucht, den Bulgaren die Schwierigkeiten in dieser Richtung zu +erleichtern. Die Größe der zurückzulegenden Wegesstrecken, die Wildheit +und Unkultur des Gebirgslandes erschwerten die Lösung dieser Aufgabe +ungemein. + +Bei den Kämpfen um Monastir hatten die Bulgaren zum ersten Male in +schweren Verteidigungsschlachten gestanden. Hatten die bisherigen +Nachrichten unserer Offiziere über die Haltung des bulgarischen Heeres den +glänzenden Geist des Soldaten beim Angriff gerühmt, so trat jetzt bei +diesem eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber einem länger andauernden +feindlichen Artilleriefeuer in die Erscheinung. Diese Wahrnehmung mochte +überraschen, man konnte sie aber bei allen Völkern, sowohl auf feindlicher +als auch auf unserer Seite bestätigt finden, die mit sogenannter +unverdorbener Naturkraft in den Krieg traten. Es macht den Eindruck, als +ob die modernen Angriffsmittel in ihren nervenzerstörenden Wirkungen für +durchhaltende Verteidigung eine Zugabe zu dieser Naturkraft verlangen, die +nur durch eine höhere Willenskultur geliefert werden kann. In der +Hauptmasse unseres deutschen Soldatenmaterials scheint die richtige +Mischung von sittlicher und körperlicher Kraft vorhanden zu sein, die +unsere Truppen in Verbindung mit unserer militärischen Willensschulung in +den Stand setzt, den gewaltigen Eindrücken eines modernen Kampfes +erfolgreich Widerstand zu leisten. Der Oberbefehlshaber des bulgarischen +Heeres hatte das richtige Gefühl für die eben erwähnte Empfindlichkeit +seiner Soldaten. Er äußerte darüber in soldatischer Offenheit seine +Sorgen, wenn er auch weit davon entfernt war, eine ängstliche Natur zu +sein. + + + + Auf den asiatischen Kriegsschauplätzen + + +Durch die Stellung, die der deutsche Chef des Generalstabes des Feldheeres +nunmehr innerhalb der gesamten Kriegsleitung einnahm, wurden wir auch zur +Beschäftigung mit den Vorgängen auf den asiatischen Kriegsschauplätzen +veranlaßt. Zur Zeit der Anwesenheit Enver Paschas in unserem Großen +Hauptquartier Anfang 1917 glaubten wir die Lage in Asien folgendermaßen +beurteilen zu können: + +Die russische Offensive in Armenien war nach der Gewinnung der Linie +Trapezunt-Erzinghan zum Stillstand gekommen. Die türkische Offensive, die +im Sommer dieses Jahres von Süden her aus Richtung Diabekr gegen die linke +Flanke dieses russischen Vorgehens angesetzt war, kam infolge der +außerordentlichen Geländeschwierigkeiten und der ganz ungenügenden +Nachschubmöglichkeiten nicht vorwärts. Es war jedoch zu erwarten, daß die +Russen in diesem Jahre mit Rücksicht auf den im armenischen Hochlande früh +eintretenden Winter ihre weiteren Angriffe bald endgültig einstellen +würden. + +Die Gefechtskraft der beiden türkischen Kaukasusarmeen war aufs äußerste +zurückgegangen, einzelne Divisionen bestanden nur noch dem Namen nach. +Entbehrungen, blutige Verluste, Fahnenflucht hatten verheerend auf die +Truppenbestände gewirkt. Mit schweren Sorgen sah Enver Pascha dem +kommenden Winter entgegen. Es fehlte seinen Truppen die notwendigste +Bekleidung; dazu bot die Ernährung der Armeen in diesen armen, großenteils +entvölkerten und verwüsteten Gebieten außerordentliche Schwierigkeiten. +Bei dem Mangel an Zug- und Tragtieren mußten den osmanischen Soldaten in +dem öden, wegarmen Gebirgslande die Kampf- und Lebensbedürfnisse durch +Trägerkolonnen in vielen Tagemärschen zugeführt werden. Weiber und Kinder +fanden dabei einen mageren Verdienst, aber auch oft den Tod. + +Besser waren die Verhältnisse zu dieser Zeit im Irak. Dort war der +Engländer augenblicklich in dem Ausbau seiner rückwärtigen Verbindungen +noch nicht so weit vorgeschritten, um schon jetzt zur Rache für +Kut-el-Amara schreiten zu können. Daß er eine solche nehmen würde, war für +uns zweifellos. Ob alsdann die türkische Macht im Irak hinreichte, um dem +englischen Angriff erfolgreich zu widerstehen, vermochten wir nicht zu +beurteilen. Trotz der sehr optimistischen Anschauungen der osmanischen +Obersten Heeresleitung ermahnten wir zu Verstärkung der dortigen Truppen. +Leider ließ sich aber die Türkei aus politischen und panislamitischen +Gründen verführen, ein ganzes Armeekorps nach Persien hineinzuschicken. + +Der dritte asiatische Kriegsschauplatz, nämlich derjenige in Südpalästina, +gab Veranlassung zu unmittelbarer Sorge. Die zweite gegen den Suez-Kanal +gerichtete türkische Unternehmung war Anfang August 1916 in der Mitte des +nördlichen Teiles der Sinai-Halbinsel gescheitert. Daraufhin waren die +türkischen Truppen allmählich aus diesem Gebiete hinausgedrängt worden und +standen jetzt im südlichen Teile Palästinas in der Gegend von Gaza. Die +Frage, ob und wann sie auch hier angegriffen würden, schien lediglich von +dem Zeitpunkt abzuhängen, an dem die Engländer ihre Eisenbahn aus Ägypten +bis hinter ihre Truppen ausgebaut hatten. + +Der somit drohende Angriff auf Palästina schien für den militärischen und +politischen Bestand der Türkei weit gefährlicher als ein solcher auf das +fernab liegende Mesopotamien. Man mußte annehmen, daß der Verlust von +Jerusalem – ganz abgesehen davon, daß er voraussichtlich den Verlust des +ganzen südlichen Arabiens nach sich zog – die jetzige türkische Politik +vor eine Belastungsprobe stellen würde, die sie nicht ertragen könnte. + +Leider waren die operativen Verhältnisse für die osmanische Kriegführung +in Südsyrien nicht wesentlich besser als in Mesopotamien. Hier wie dort +litten die Türken, im schärfsten Gegensatz zu ihren Gegnern, unter solch +außerordentlichen Schwierigkeiten der rückwärtigen Verbindungen, daß eine +wesentliche Verstärkung ihrer Streitkräfte über den jetzigen Stand hinaus +den Hunger, ja selbst den Durst für alle bedeutet hätte. Die +Verpflegungsverhältnisse waren auch in Syrien zeitweise trostlos. Zu +ungünstigen Ernten, ungewolltem und gewolltem Versagen der +verantwortlichen Stellen kam die nahezu durchweg feindliche Haltung der +arabischen Bevölkerung. + +Zahlreiche wohlgemeinte Darlegungen suchten mich im Laufe des Krieges von +der Notwendigkeit zu überzeugen, daß Mesopotamien und Syrien mit stärkeren +Kräften verteidigt, ja daß hier wie dort zum Angriff übergegangen werden +müßte. Das Interesse weiter deutscher Kreise an diesen Kriegsschauplätzen +war groß. Augenscheinlich irrten die Gedanken uneingestandenermaßen +vielfach über Mesopotamien durch Persien, Afghanistan nach Indien und von +Syrien nach Ägypten. Man träumte im stillen an der Hand der Karten, daß +wir auf diesen Landwegen an den Lebensnerv der uns so gefährlichen +britischen Weltmachtstellung herankämen. Vielleicht lag in solchen +Gedanken oft unbewußt das Wiedererwachen früherer napoleonischer Pläne. Zu +ihrer Durchführung fehlte uns aber die erste Vorbedingung derartiger +weitgreifender Operationen, nämlich genügend leistungsfähige +Nachschublinien. + + + + Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916 + + +Während wir Rumänien niederschlugen, dauerten die Angriffe der Russen in +den Karpathen und in Galizien ununterbrochen an. Von russischer Seite war +nicht beabsichtigt gewesen, dem neuen Bundesgenossen bei seinem Angriff +auf Siebenbürgen unmittelbar zu unterstützen, wohl aber sollte diese +rumänische Operation durch ununterbrochene Fortsetzung der bisherigen +russischen Angriffe gegen die galizische Front erleichtert werden. +Unmittelbare Hilfe gewährten die Russen den Rumänen dagegen in der +Dobrudscha, und zwar von Anfang an. Die Gründe hierfür lagen ebensosehr +auf politischem wie militärischem Gebiete; Rußland rechnete zweifellos +sehr stark mit russophilen Neigungen innerhalb der bulgarischen Armee. +Daher versuchten auch bei Beginn der Kämpfe in der Süddobrudscha russische +Offiziere und Truppen, sich den Bulgaren als Freunde zu nähern, und waren +bitter enttäuscht, als die Bulgaren mit Feuer antworteten. Dazu kam, daß +Rußland zwar ohne politische Eifersucht zusehen konnte, wenn Rumänien sich +in den Besitz von Siebenbürgen setzte, aber nicht dulden durfte, daß der +neue Verbündete selbständig Bulgarien auf die Knie warf und dann +möglicherweise noch den Weg nach Konstantinopel einschlug oder wenigstens +freimachte. Galt doch die Eroberung der türkischen Hauptstadt seit +Jahrhunderten als historisches und religiöses Vorrecht Rußlands. + +Es mag dahingestellt bleiben, ob es von russischer Seite klug war, den +Rumänen ohne unmittelbare Unterstützung, sei es auch nur durch etliche +russische Kerntruppen, die Operation nach Siebenbürgen allein zu +überlassen. Man überschätzte dabei jedenfalls die Leistungsfähigkeit der +rumänischen Armee und ihrer Führung und ging von der irrigen Ansicht aus, +daß die Kräfte der Mittelmächte an der Ostfront durch die russischen +Angriffe vollständig gebunden, ja sogar erschöpft seien. + +Diese Angriffe erreichten zwar ihren Zweck nicht in vollem Umfange, +stellten uns aber immerhin wiederholt vor nicht unbedenkliche Krisen. Die +Lage wurde zeitweise so mißlich, daß wir befürchten mußten, unsere +Verteidigung würde von den Karpathenkämmen heruntergeworfen werden. Deren +Behauptung war aber für uns eine Vorbedingung zur Durchführung unseres +Aufmarsches und unserer ersten Operationen gegen den neuen Feind. Auch in +Galizien mußten wir den Russen mit allen Mitteln aufhalten. Eine Preisgabe +weiterer dortiger Gebietsteile würde an sich für unsere Gesamtlage von +geringer militärischer Bedeutung gewesen sein, wenn nicht hinter unserer +galizischen Stellung die für uns so kostbaren, ja für die Kriegführung +unentbehrlichen Ölfelder gelegen hätten. Wiederholt mußten aus diesen +Gründen für den Angriff gegen Rumänien bestimmte Truppenverbände gegen die +ins Wanken geratenen Frontteile abgedreht werden. + +Wenn auch die kritischen Lagen schließlich immer wieder überwunden und +unser Feldzug gegen Rumänien einem glücklichen Abschluß entgegengeführt +wurde, so kann man doch nicht behaupten, daß die russischen +Entlastungsangriffe ihren großen operativen Zweck völlig verfehlt hätten. +Rumänien unterlag wahrlich nicht durch die Schuld seiner Verbündeten. Die +Entente tat im Gegenteil alles, was sie nach der Lage und ihren Kräften +tun konnte, und zwar nicht nur im unmittelbaren Anschluß an das rumänische +Heer, sondern auch mittelbar durch die Angriffe Sarrails in Mazedonien, +durch die italienischen Angriffe am Isonzo und schließlich auch durch die +Fortsetzung der englisch-französischen Anstürme im Westen. + + + +Wir hatten, wie ich schon früher andeutete, von Anfang an damit gerechnet, +daß der Gegner mit dem Eintritt Rumäniens in den Krieg seine Angriffe auch +gegen unsere Westfront mit aller Kraft, mit englischer Zähigkeit und +französischem Elan fortführen würde. Dies trat auch ein. + +Unsere Führereinwirkung auf diese Kämpfe war einfach. An einen +Entlastungsangriff konnten wir mangels genügender Kräfte weder bei Verdun +noch an der Somme denken, so sehr auch ein solcher meinen eigenen +Neigungen entsprochen hätte. Kurz nach der Übernahme der Obersten +Heeresleitung sah ich mich auf Grund der Gesamtlage gezwungen, Seiner +Majestät dem Kaiser den Befehl zur Einstellung unserer Angriffe bei Verdun +zu unterbreiten. Die dortigen Kämpfe zehrten wie eine offene Wunde an +unseren Kräften. Es ließ sich auch klar überblicken, daß das Unternehmen +in jeder Hinsicht aussichtslos geworden war und seine Fortsetzung uns weit +größere Verluste kostete, als wir dem Gegner beizubringen imstande waren. +Unsere vordersten Stellungen lagen in allseitig flankierendem Feuer +übermächtiger gegnerischer Artillerie; die Verbindungen zu den Kampflinien +waren außerordentlich schwierig. Das Schlachtfeld war eine wahre Hölle und +in diesem Sinne bei der Truppe geradezu berüchtigt. Jetzt in +rückschauender Betrachtung stehe ich nicht an, zu sagen, daß wir aus rein +militärischen Gründen gut daran getan hätten, die Kampfverhältnisse vor +Verdun nicht nur durch Beendigung der Offensive sondern auch durch +freiwilliges Aufgeben noch größerer Teile des eroberten Geländes als +geschehen zu bessern. Im Herbste 1916 glaubte ich jedoch davon Abstand +nehmen zu müssen. Für das Unternehmen war eine große Masse unserer besten +Kampfkraft geopfert worden; die Heimat war bis dahin in Erwartung auf +einen endlichen ruhmreichen Ausgang des Angriffs erhalten worden. Nur zu +leicht konnte jetzt der Eindruck hervorgerufen werden, als ob alle Opfer +umsonst gebracht seien. Das wollte ich in dieser an sich schon so sehr +gespannten heimatlichen Stimmung vermeiden. + +Unsere Hoffnung, daß mit der Einstellung unseres Angriffes bei Verdun auch +der Gegner dort im wesentlichen zum reinen Stellungskrieg übergehen würde, +erfüllte sich nicht. Ende Oktober brach der Franzose auf dem Ostufer der +Maas zu einem großangelegten, kühn durchgeführten Gegenstoß vor und +überrannte unsere Linien. Wir verloren Douaumont und hatten keine Kräfte +mehr, um diesen Ehrenpunkt deutschen Heldentums wieder zu nehmen. + +Der französische Führer hatte sich bei diesem Gegenstoß von der bisherigen +Gepflogenheit einer tage- oder gar wochenlangen Artillerievorbereitung +freigemacht. Er hatte seinen Angriff durch Steigerung der +Feuergeschwindigkeit seiner Artillerie und Minenwerfer bis zur äußersten +Grenze der Leistungsfähigkeit von Material und Bedienung nur kurze Zeit +vorbereitet und war dann gegen den schlagartig körperlich und seelisch +niedergedrückten Verteidiger sofort zum Angriff übergegangen. Wir hatten +diese Art gegnerischer Angriffsvorbereitung wohl schon innerhalb des +Rahmens der langen Dauerschlachten kennengelernt, aber als Eröffnung einer +großen Angriffshandlung war sie für uns neu und verdankte vielleicht +gerade diesem Umstand ihren ohne Zweifel bedeutenden Erfolg. Im großen und +ganzen schlug uns der Gegner diesmal mit unserem eigenen bisherigen +Angriffsverfahren. Wir konnten nur hoffen, daß er es im kommenden Jahre +nicht mit gleichem Erfolg in noch größerem Umfang wiederholen würde. + +Die Kämpfe bei Verdun erstarben erst im Dezember. + +Die Sommeschlacht hatte auch von Ende August ab den Charakter eines +außerordentlich erbitterten, rein frontalen Abringens der beiderseitigen +Kräfte gezeigt. Die Aufgabe der Obersten Heeresleitung konnte nur darin +bestehen, den Armeen die nötigen Kräfte zum Durchhalten zur Verfügung zu +stellen. + +Man gab dieser Art von Kämpfen bei uns den Namen „Materialschlachten“. Man +könnte sie vom Standpunkt des Angreifers aus auch als „Taktik eines +Rammklotzes“ bezeichnen, denn es fehlte ihrer Führung jeder höhere +Schwung. Die mechanischen und materiellen Elemente des Kampfes waren in +den Vordergrund geschoben, während die geistige Führung allzusehr in den +Hintergrund trat. + +Wenn es unseren westlichen Gegnern in den Kämpfen von 1915 bis 1917 nicht +gelang, ein entscheidendes Feldzugsergebnis zu erreichen, so lag das im +wesentlichen an einer gewissen Einseitigkeit der dortigen Führung. An der +nötigen zahlenmäßigen Überlegenheit an Menschen, Kriegsgerät und +Schießbedarf fehlte es dem Feinde wahrlich nicht; auch kann man nicht +behaupten, daß die Güte der gegnerischen Truppen den Anforderungen einer +tätigeren und gedankenreicheren Führung nicht hätte genügen können. +Außerdem war für unsere Feinde im Westen bei dem reichentwickelten +Eisenbahn- und Straßennetz und den in Massen vorhandenen +Beförderungsmitteln jeder Art freieste Entfaltungsmöglichkeit für eine +weit größere operative Gelenkigkeit vorhanden. Von alledem machte jedoch +die gegnerische Führung nicht vollen Gebrauch. Die lange Dauer unseres +Widerstandes war also doch wohl neben anderen Gründen auch auf eine +gewisse Unfruchtbarkeit des Bodens zurückzuführen, auf dem die feindlichen +Pläne reiften. Ungeheuer blieben aber trotzdem die Anforderungen, die auf +den dortigen Schlachtfeldern an unsere Armeeführungen und unsere Truppen +gestellt werden mußten. + +Anfang September besuchte ich mit meinem Ersten Generalquartiermeister die +Westfront. Wir mußten die dortigen Kampfverhältnisse sobald als möglich +kennen lernen, um wirklich helfend eingreifen zu können. Seine Kaiserliche +und Königliche Hoheit der Deutsche Kronprinz schloß sich uns unterwegs an +und ehrte mich in Montmédy durch Aufstellung einer Sturmkompagnie auf dem +Bahnsteige. Dieser Empfang entsprach ganz dem ritterlichen Sinn des hohen +Herrn, dem ich fortan öfters begegnen sollte. Sein frisches, offenes Wesen +und sein gesundes militärisches Urteil haben mich stets mit Freude und +Vertrauen erfüllt. In Cambrai überreichte ich auf Befehl Seiner Majestät +des Kaisers zwei anderen bewährten Heerführern, den Thronfolgern Bayerns +und Württembergs, die ihnen verliehenen preußischen Feldmarschallstäbe und +hielt dann eine längere Besprechung mit den Generalstabschefs der +Westfront ab. Aus deren Darlegungen ging hervor, daß rasches und +energisches Handeln dringend not tat, um unsere erschreckende +Unterlegenheit an Fliegern, Waffen und Munition einigermaßen +auszugleichen. Die eiserne Arbeitskraft des Generals Ludendorff hat diese +ernste Krisis überwunden. Zu meiner Freude hörte ich später durch +Frontoffiziere, daß sich die Früchte der Besprechung von Cambrai bald bei +der Truppe bemerkbar gemacht hätten. + +Die Größe der Anforderungen, die an das Westheer gestellt wurden, war mir +bei diesem Besuch in Frankreich zum erstenmal so recht plastisch vor die +Augen getreten. Ich stehe nicht an, zu bekennen, daß ich damals erst einen +vollen Einblick in die bisherigen Leistungen des Westheeres gewann. Wie +undankbar war die Aufgabe für Führung und Truppe, da in der aufgezwungenen +reinen Verteidigung ein sichtbarer Gewinn immer versagt bleiben mußte! Der +Erfolg in der Abwehrschlacht führt den Verteidiger, auch wenn er siegreich +ist, nicht aus dem ständig lastenden Druck, ich möchte sagen, aus dem +Anblick des Elends des Schlachtfeldes heraus. Der Soldat muß auf den +mächtigen seelischen Aufschwung verzichten, den das erfolgreiche +Vorwärtsschreiten gewährt, ein Aufschwung von so unsagbarer Gewalt, daß +man ihn erlebt haben muß, um ihn in seiner ganzen Größe begreifen zu +können. Wie viele unserer braven Soldaten haben dieses reinste +Soldatenglück nie empfinden dürfen! Sie sahen kaum etwas anderes als +Schützengräben und Geschoßtrichter, in denen und um die sie wochen-, ja +monatelang mit dem Gegner rangen. Welch ein Nervenverbrauch und welch +geringe Nervennahrung! Welche Stärke des Pflichtgefühls und welche +selbstlose Hingabe gehörten dazu, solch einen Zustand jahrelang in stiller +Entsagung auf höheres kriegerisches Glück zu ertragen! Ich gestehe offen, +daß diese Eindrücke für mich tief ergreifend waren. Ich konnte nun +verstehen, wie alle, Offiziere wie Mannschaften, aus solchen +Kampfverhältnissen sich heraussehnten, wie sich alle Herzen mit der +Hoffnung füllten, daß nun endlich nach diesen erschöpfenden Schlachten ein +hoher Angriffszug auch in die Westfront ein frisches kriegerisches Leben +bringen würde. + +Freilich sollten unsere Führer und Truppen noch lange auf die Erfüllung +dieser Sehnsucht warten müssen! Viele unserer besten, sturmbegeisterten +Soldaten mußten noch vorher in zertrümmerten Schützengräben ihr Herzblut +hingeben! + +In dem Kampfgebiet an der Somme wurde es erst stiller, als die +einbrechende nasse Jahreszeit den Kampfboden grundlos zu machen begann. +Die Millionen von Geschoßtrichtern füllten sich mit Wasser oder wurden zu +Friedhöfen. Von Siegesfreude war auf keiner der beiden kämpfenden Parteien +die Rede. Über allen lag der furchtbare Druck dieses Schlachtfeldes, das +in seiner Öde und seinem Grauen selbst dasjenige vor Verdun zu übertreffen +schien. + + + + + Meine Stellung zu politischen Fragen + + + + Äußere Politik + + +Die Beschäftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres +Vaterlandes war mir stets ein Bedürfnis. Lebensgeschichten seiner großen +Söhne waren für mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner +Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner +Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch hätte man ein volles +Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betätigung +innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht +war hierfür mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch +mein soldatisches Gefühl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist +dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurückzuführen. +Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verständnis, die +Tatsache hätte ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich +ihr während des Krieges nicht so oft und so laut hätte Ausdruck geben +müssen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschäftigung +wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer +der Hauptgründe für unsere außenpolitische Rückständigkeit. Eine solche +mußte sich um so stärker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle +Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdrängen +unserer geistigen Kräfte über die vaterländischen Grenzen hinaus zu einem +Weltvolk zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche +Kraftbewußtsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer +bei den unserigen. + +Weder bei meiner Tätigkeit in den höheren Führerstellen des Ostens noch +bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des +Feldheeres hatte ich das Bedürfnis und die Neigung, mich mehr als +unbedingt notwendig mit gegenwärtigen politischen Fragen zu beschäftigen. +Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen +und mannigfaltigen, auf die Kriegführung wirkenden Entscheidungen eine +völlige Zurückhaltung der Kriegsleitung von der Politik für unmöglich. +Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm für +das gegenseitige Verhältnis zwischen militärischer und politischer Führung +im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand +entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen +Auffassung, wenn er sagte: + + „Der Führer hat bei seinen Operationen den militärischen Erfolg in + erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen + oder Niederlagen anfängt, ist nicht seine Sache, deren Ausnützung ist + vielmehr allein Sache der Politiker.“ + +Andererseits würde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben +verantworten können, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Fällen +zur Geltung gebracht hätte, in denen die Bestrebungen anderer uns nach +meiner Überzeugung auf eine bedenkliche Bahn führten, wenn ich nicht da +zur Tat getrieben hätte, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu +bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten für Gegenwart und +Zukunft nicht dann mit aller Schärfe vertreten hätte, wenn die +Kriegführung und die zukünftige militärische Sicherheit meines Vaterlandes +durch politische Maßnahmen berührt oder gar gefährdet wurden. Man wird mir +zugeben, daß die Grenzen zwischen Politik und Kriegführung sich wohl nie +mit voller Schärfe ziehen lassen werden. Beide müssen schon im Frieden +zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verständigung +unbedingt verlangen. Sie müssen sich im Kriege, in dem ihre Fäden +tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergänzen. Dieses +schwierige Verhältnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch +der lapidare Stil Bismarcks läßt die Grenzlinien ineinander überfließend +erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche +Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Lösung arbeitenden +Persönlichkeiten. + +Ich gebe zu, daß ich gar manche Äußerungen über politische Fragen mit +meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer +derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich +drängte mich in solchen Fällen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine +Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und +Äußerung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen +Grund dafür ein, warum ich schweigen sollte. + +Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Übernahme +der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft +Polens. Angesichts der großen Bedeutung dieser Frage während des Krieges +und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu +müssen. + +Ich habe früher nie eine persönliche Abneigung gegen das polnische Volk +empfunden; andererseits hätte mir aber auch jeder vaterländische Instinkt, +jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen müssen, wenn ich die +schweren Gefahren verkannt hätte, die in einer Wiederaufrichtung Polens +für mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darüber hin, daß wir +von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafür erwarten +könnten, daß wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute +befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung für die wirtschaftliche und +geistige Hebung unserer preußisch-polnischen Volksteile erhalten haben. +Nie also würde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik überhaupt +anerkannt würde, das neu errichtete freie Polen von einer Irredenta in +unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben. + +Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu lösen versuchte, immer +mußte Preußen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische +Zeche zu zahlen hatte. Österreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in +der Schöpfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr für das eigene +Staatswesen zu befürchten. Einflußreiche Kreise in Wien wie in Budapest +glaubten vielmehr, daß es möglich sein würde, das katholische Polen +dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsätzlich +deutschfeindlichen Haltung der Polen schloß diese österreichische Politik +eine schwere Gefahr für uns in sich. Es war nicht zu verkennen, daß +hierdurch die Festigkeit unseres Bündnisses in Zukunft einer auf die Dauer +unerträglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden würde. Die Oberste +Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um +unsere zukünftige militärische Lage an der Ostgrenze unter keiner +Bedingung aus dem Auge verlieren. + +Aus all diesen politischen wie militärischen Erwägungen hätte sich meines +Erachtens für Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage +möglichst wenig zu rühren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen +Fällen ausdrückt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher +Seite leider nicht geschehen. Die Gründe, warum wir aus der gebotenen +Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und +österreichisch-ungarischen Reichsleitung war nämlich Mitte August 1916 in +Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmöglichst die +öffentliche Verkündigung eines selbständigen Königreichs Polen mit +erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte. +Diese Abmachung hatte man dadurch für uns Deutsche schmackhafter zu machen +versucht, daß die beiden Vertragschließenden sich verpflichtet hatten, +keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen +Staat zufallen zu lassen, und daß Deutschland die oberste Führung der +einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide +Zugeständnisse hielt ich für Utopien. + +Durch diese öffentliche Verkündigung würden die politischen Verhältnisse +im Rückengebiet unserer Ostfront völlig verändert worden sein. Mein +Vorgänger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkündigung +Einspruch erhoben. Seine Majestät der Kaiser entschied zugunsten des +Generals von Falkenhayn. Nun war es aber für jedermann, der die Zustände +in der Donaumonarchie kannte, klar, daß die in Wien einmal getroffene +Vereinbarung nicht geheim bleiben würde. Sie konnte wohl noch eine kurze +Zeit offiziell zurückgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft +werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand +ich bei Übernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache +gegenüber. + +Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte +Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkündigung +des polnischen Königsreichs als eine nicht länger hinausschiebbare +Tatsache. Er ließ die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der +sicheren Aussicht auf eine Verstärkung unserer Streitkräfte durch +polnische Truppen, die sich im Frühjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf +5 ausgebildete Divisionen, bei Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auf +1 Million Mann belaufen würden. Eine so wenig günstige Meinung ich auch +glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevölkerung am +Krieg gegen Rußland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur mußte es +besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen +Verhältnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Überzeugung, daß +uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstützen +würde. + +Wie hätte ich es da bei unserer Kriegslage verantworten können, diese als +so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber für +diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der +nächsten Frühjahrskämpfe leidlich ausgebildete Truppen in der vordersten +Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach +dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden. + +Da stießen wir, überraschend für mich, auf den Widerstand der +Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Fäden für einen Sonderfrieden +mit Rußland gefunden zu haben und hielt es für bedenklich, die +eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhängigen Polens in +den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militärischen +Rücksichten gerieten also in Widerstreit. + +Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schließlich der, daß die +Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Rußland scheiterten, daß in den +ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veröffentlicht wurde, und daß +die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen völlig +ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstützung der +katholischen Geistlichkeit, sondern löste offenen Widerstand aus. + +Sofort nach Verkündigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den +Interessen Österreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen +Problem hervor. Unsere Verbündeten erstrebten immer offenkundiger eine +Vereinigung Kongreß-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden +Einfluß. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenüber, sofern sie nicht von +unserer Reichsleitung überhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten, +wenigstens für eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach +rein militärischen Gesichtspunkten eintreten zu müssen. + +Eigentlich konnte ja über alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges +entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, daß unsere Zeit durch diese +im Kriege überreichlich in Anspruch genommen wurde. Im übrigen muß ich +betonen, daß die mit unserem Verbündeten entstandenen Reibungen auf +politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militärischen +Verhältnisse irgend welchen Einfluß ausübten. + +Eine ähnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Österreich-Ungarn +spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militärischen +Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es +sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschränkten +zukünftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg über Cernavoda-Constanza +in seine Hand bekommen würde. Geschah das, so beherrschte es die letzte +und nächst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen +Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natürlich die +günstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung während des Krieges +Zugeständnisse abzuringen. Andererseits bat die Türkei als zunächst +berührt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Pläne. +Wir gaben ihr diese Unterstützung. So brach ein politischer Kleinkrieg +unter militärischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der +Verlauf war kurz beschrieben folgender: + +Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Bündnisvertrag stellte für +einen rumänischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der +im Jahre 1912 verlorenen Teile der südlichen Dobrudscha sowie dortige +Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem +Anheimfall dieser ganzen rumänischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund +dieses Vertrages hatten wir die früheren bulgarischen Teile der südlichen +Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumänischen Feldzuges +sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung übergeben, richteten aber +in der Mitteldobrudscha im Einverständnis mit allen unseren Verbündeten +eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen +Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschließlich zugunsten +Bulgariens. Die nördliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort +stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhältnisse schienen äußerlich +völlig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht +lange. + +Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpräsidenten +hingeworfen. Noch vor Abschluß des rumänischen Feldzuges regte er bei +seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an +Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh +dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung +gegen uns. König Ferdinand war zunächst mit dem Vorgehen seiner Regierung +nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch +später nachgeben zu müssen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste +Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie +fühlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und +verschiedenen politischen Strömungen innerhalb ihres Heeres ein neues +Element der Beunruhigung hineingeworfen würde. Bald leistete aber auch +General Jekoff dem Drängen seines Ministerpräsidenten keinen weiteren +Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen +Regierung über den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches +Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsächlich +geführt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Rücksicht auf das +bestehende waffenbrüderliche Verhältnis. Die Verbissenheit, mit der +bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heißhungers festhielten, hätte +sich auf dem Gebiete der Kriegführung für die allgemeinen Zwecke besser +gelohnt. + +In diesen Zuständen zeigten sich die Folgen einer schädlichen Seite +unserer Bündnisverträge. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluß unseres +Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug +auf Vergrößerung des Landes und Vereinigung seiner völkischen Stämme +gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges hätten +halten können. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht +zufrieden. Fortdauernd vergrößerte es seine Ansprüche ganz ohne Rücksicht +darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein würde, solche +Vergrößerungen später politisch und wirtschaftlich beherrschen zu können. + +Solche Begehrlichkeiten enthielten für uns aber auch eine unmittelbare +militärische Gefahr. Ich habe schon früher darauf hingewiesen, von welch +großem militärischen Vorteil es gewesen wäre, wenn wir im Herbste 1916 die +Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Flügel bis in +die Gegend von Prilep zurückverlegt hätten. Nur eine Andeutung +unsererseits in dieser Beziehung genügte, um in allen politischen +bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken +hervorzurufen. Man befürchtete sofort den Verlust der Ansprüche auf +militärisch geräumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das +Spiel, als daß man, wie es hieß, die Preisgabe „der altbulgarischen Stadt +Ochrida“ vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden später +sehen, wohin uns unsere großen Zugeständnisse an Bulgarien noch führen +sollten. + +Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen +brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstärkte beträchtlich meine +Abneigung gegen die Politik. + +Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Bündnisvertrag mit Bulgarien +hatte derjenige mit der Türkei. Deren Regierung gegenüber hatten wir uns +nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege +verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten +Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren. +Unsere Bündnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine +bedenkliche Rückwirkung dieser mißlichen Verhältnisse auf die +Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die türkische +Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus +politischen Gründen vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser +Hinsicht war daher für uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der +gemeinsamen Kriegführung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von +größtem Wert. Auch die politische Auffassung der übrigen türkischen +Machthaber schien uns einstweilen eine Gewähr dafür zu geben, daß die +bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht übertrieben +belasten würden. Wurde uns doch versichert, daß die osmanische Regierung +sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den +Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der +Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit über große Teile der +verlorenen Gebiete abfinden würde, sofern es gelingen solle, eine Formel +zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden. + +Für unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche +Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stützen; für Enver wie +für Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und +sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen +Strömungen in der Türkei entgegenzutreten, die auf die militärischen +Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges störend wirkten. Ich +verweise hierbei auf meine früheren Bemerkungen über die panislamitische +Bewegung. Sie drohte andauernd die Türkei militärisch in eine falsche +Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Rußlands suchte der +Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja, +er faßte darüber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Länder +ins Auge und verlor sich schließlich in den weiten Räumen Zentralasiens +mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und +Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen. + +Daß wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere +militärische Unterstützung nicht leihen konnten, daß wir vielmehr die +Rückkehr aus diesen weitschweifenden Plänen auf den Boden der jetzigen +kriegerischen Wirklichkeiten fordern mußten, war klar, das Bemühen aber +leider nicht erfolgreich. + + + +Weit schwieriger als unser Einfluß auf die außenpolitischen Probleme der +Türkei mußte natürlich unser Einfluß auf innere Verhältnisse dieses +Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher +Schritte nicht völlig entschlagen. Nicht nur die primitiven +wirtschaftlichen Zustände gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein +menschliche Empfindungen. + +Das überraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das +Wiederaufflammen früheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete +gleichzeitig die dunkelste Seite der türkischen Herrschaft: ich meine ihr +Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische +Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme für die Türkei in sich. +Sie berührte sowohl den pantürkischen wie auch den panislamitischen +Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer türkischer Seite zu lösen +versucht wurde, hat die ganze Welt während des Krieges beschäftigt. Man +hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen +wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluß des +Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fühle mich +daher verpflichtet, sie hier zu berühren, und habe wahrlich keinen Grund, +unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu übergehen. Wir haben nicht +gezögert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluß auf die wilde, +schrankenlose Art der Kriegführung auszuüben, die im Orient durch +Rassenhaß und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir +haben wohl zusagende Äußerungen maßgebender Stellen der türkischen +Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu +überwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So +erklärte man beispielsweise von türkischer Seite die armenische Frage als +lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns +berührt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen +Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Haß- und Racheakte. +Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im +politischen und religiösen Fanatismus, bildet eines der schwärzesten +Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Völker. + +Die übereinstimmenden Urteile völkisch völlig neutraler Beobachter gingen +dahin, daß die in ihren innersten Leidenschaften aufgewühlten Parteien bei +der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl +den sittlichen Begriffen, die bei Völkern jener Gebiete durch die noch +herrschenden oder erst seit kurzem überwundenen Gesetze der Blutrache +geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte +angerichtet wurde, ist ganz unübersehbar. Er machte sich nicht allein auf +menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und +militärischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten türkischen +Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter +als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden +Erschöpfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die +Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses +Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte +Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel +erweitert. – Ob es das letzte gewesen ist? + + + + Die Friedensfrage + + +Mitten in den Vorbereitungen zum rumänischen Feldzug trat an mich die +Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den +österreichisch-ungarischen Außenminister Baron Burian ins Rollen gebracht. +Daß ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen +entgegenbrachte, bedarf für den Kenner meiner Person und meiner Auffassung +vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im übrigen gab es für mich +bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Rücksichten auf meinen Kaiser und +mein Vaterland. Ich hielt es für meine Aufgabe, bei der Behandlung und +versuchten Lösung des Friedensgedankens dafür zu sorgen, daß weder Heer +noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte +bei der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken; +eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der +Schwäche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks +vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem +Pflichtbewußtsein Gott und den Menschen gegenüber sich mein Allerhöchster +Kriegsherr der Lösung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht, +daß er ein völliges Scheitern dieses Schrittes für wahrscheinlich hielt. +Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering. +Unsere Gegner hatten sich förmlich in ihren Begehrlichkeiten überboten, +und es schien mir ausgeschlossen, daß eine der feindlichen Regierungen von +den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Völkern gemacht +hatten, freiwillig zurücktreten könnte und würde. Durch diese Ansicht +wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der +Menschlichkeit nicht beeinträchtigt. + +Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum +Frieden verkündet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den +gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung. + +Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemühung des +Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fuße. Die +Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler über die Anregungen, die er +durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen, +unterrichtet. Ich selbst hielt den Präsidenten Wilson nicht geeignet für +eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefühles nicht +erwehren, daß der Präsident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und +zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natürliche +Folgeerscheinung seiner angelsächsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen +meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht für +parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der +Neutralitätsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Verletzung +des Völkerrechtes ging der Präsident gegen England mit allen möglichen +Rücksichten vor. Er ließ sich hierbei die schroffsten Abweisungen +gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur +unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willküren war, zeigte Wilson die +größte Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen. +Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen +Anregung. Die Gegner äußerten sich Wilson gegenüber über Einzelheiten +ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche +und politische Lähmung Deutschlands, auf eine Zertrümmerung +Österreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens +hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig würdigte, mußte +sich der Gedanke aufdrängen, daß die gegnerischen Kriegsziele nur bei +einem völlig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, daß wir +aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklären. +Jedenfalls würde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge für ein +Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen +erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen +gegenüber anders als völlig ablehnend verhalten hätte. Ich konnte bei der +damaligen Kriegslage meiner Überzeugung und meinem Gewissen nach keinen +anderen Frieden gut heißen als einen solchen, der unsere zukünftige +Stellung in der Welt derartig festigte, daß wir gegen gleiche politische +Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschützt +blieben, und daß wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke +Stütze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und +geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war für mich als +Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, daß es erreicht +wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darüber hingeben zu brauchen, +daß das deutsche Volk und seine Verbündeten die Kraft besitzen würden, die +unerhörten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen +in der Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat +gegenüber den feindlichen Ansprüchen durchaus ablehnend. Auch kam weder +von türkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung +zur Nachgiebigkeit. Die Schwächeanwandlungen Österreich-Ungarns hielt ich +für überwindbar. Hauptsache war, daß man sich dort andauernd das Schicksal +vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen +Anforderungen entgegenging, und daß man sich von dem Wahne freihielt, als +ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln +sei. Wir hatten mit Österreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung +gemacht, daß es zu weit höheren Leistungen fähig war, als es selbst von +sich glaubte. Die dortige Staatsleitung mußte sich nur einem unbedingten +Zwange gegenübergestellt sehen, um dann auch größeres leisten zu können. +Aus diesen Gründen war es meiner Ansicht nach verfehlt, Österreich-Ungarn +gegenüber mit Trostsprüchen zu arbeiten. Solche stärken nicht und heben +nicht das Vertrauen und die Entschlußkraft. Das gilt Politikern ebenso wie +Soldaten gegenüber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht, +da reißen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des +Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schärfer empor, als es Worte des +Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermögen. + +Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Präsidenten +Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die +ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklärung der +Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage für +Friedensbemühungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich +auf die grundsätzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte +beschränkte. Dieses Verhalten des Präsidenten erschütterte mein Vertrauen +auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schönen +Worten reichen Botschaft vergebens die Zurückweisung des Versuches unserer +Gegner, uns als Menschen zweiter Kategorie zu erklären. Auch der Satz über +die Herstellung eines einigen, unabhängigen und selbständigen Polens +erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Österreich und +gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf +Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch +für Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des +Vermittlers Wilson gegen die Mittelmächte die Rede sein? Die Botschaft war +für uns mehr eine Kriegserklärung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir +uns erst einmal der Politik des Präsidenten an, so mußten wir auf eine +abschüssige Bahn geraten, die uns schließlich zu einem Frieden des +Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militärische +Stellung zu führen drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, daß wir +nach dem ersten zustimmenden Schritt allmählich politisch immer weiter in +die Tiefe gedrückt und dann schließlich zur militärischen Kapitulation +gezwungen würden. + +Durch Veröffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, daß +Präsident Wilson unmittelbar nach Verkündigung der Senatsbotschaft vom +22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine +Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung +überreichen ließ. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin +eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit +entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehört. Ob +Irrtümer oder Verkettung von widrigen Verhältnissen Schuld daran waren, +weiß ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende +Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in +Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschränkten +Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, daß +der Präsident hierüber durch Auffangen und Entzifferung unserer +diesbezüglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von +seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem Inhalt unserer +übrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran +anknüpfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres +gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr +aufgehalten durch unsere Erklärung vom 29. Januar, in der wir bereit +waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemühungen +des Präsidenten gelingen würde, eine Grundlage für Friedensverhandlungen +zu sichern. + +Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestätigung +meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten +Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden. + + + + Innere Politik + + +Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner +gestanden. Auch nach meinem Übertritt in den Ruhestand beschäftigten sie +mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu +verstehen, daß hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht +kleinlichen Parteiinteressen gegenüber zurücktreten sollte, und fühlte +mich in meiner politischen Überzeugung am wohlsten in dem Schatten des +Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres großen +greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer für mich wunderbaren +Größe hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren +Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse während des jetzigen Krieges +waren nicht geeignet, mich für die Änderungen einer neueren Zeit besonders +zu erwärmen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks +war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und +Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen für mich höher als +kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht für einen +Staatsbürger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenüberzustellen +wäre. + +Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner +Führung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage +rücksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir +hätten an ihrem Beispiel lernen können. Leider haben wir es nicht getan, +sondern sind einem Wahngebilde der Völkergerechtigkeit verfallen, anstatt +das eigene Staatsgefühl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser +Dasein über alles andere zu stellen. + +Während des Krieges mußte sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen +innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete, +beschäftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie drängten sich, mehr +als mir erwünscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer +und Volkswirtschaft machten es uns unmöglich, die wirtschaftlichen +Heimatfragen von der Kriegführung durch eine Grenzlinie ähnlich einer +solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen. + +Das große Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen trägt, vertrat ich mit +der vollen Verantwortung für seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die +ich für seine Bearbeitung gab, lautete dahin, daß der Bedarf für unsere +kämpfenden Truppen unter allen Umständen gedeckt werden müßte. Einen +anderen Grundsatz als diesen hätte ich im vorliegenden Falle für ein +Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern +Forderungen waren die Zahlen den früheren gegenüber freilich ins Riesige +gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu +beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es +sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase +täuschte sich vollständig über die Stimmung, unter deren Einfluß dieses +Programm entstanden ist. + +An der Einbringung des Gesetzes über den Kriegshilfsdienst war ich mit +ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach +meinem Wunsche nicht nur alle waffenfähigen sondern auch alle +arbeitsfähigen Männer, ja selbst Frauen, in den Dienst der großen Sache +stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, daß durch ein solches Gesetz +nicht nur personelle sondern auch sittliche Kräfte ausgelöst würden, die +wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schließliche +Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit +bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser +Enttäuschung bedauerte ich fast, daß wir unser Ziel nicht auf den schon +bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer +Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu +einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes +zu gestalten, hatte mich den Einfluß der bestehenden inneren politischen +Verhältnisse übersehen lassen. Das Gesetz kam schließlich zustande auf dem +Boden innerpolitischer Handelsgeschäfte, nicht aber auf dem tiefgehender +vaterländischer Stimmung. + +Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, daß sie durch das Gesetz +über den „Vaterländischen Hilfsdienst“ und durch die Forderungen des +sogenannten „Hindenburg-Programms“ in sozialer wie in finanzieller und +wirtschaftlicher Beziehung zu überstürzenden Maßnahmen Anlaß gegeben +hätte, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar +darüber hinaus noch deutlich verfolgen ließen. Ich muß der zukünftigen, +von den gegenwärtigen Parteiströmungen befreiten Forschung zur +Entscheidung überlassen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Auf einen +Punkt möchte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines für den Krieg +geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres +Kampfes außerordentlich fühlbar. Die Erfahrung zeigte, daß sich ein +solcher während des Krieges nicht aus dem Boden stampfen läßt. So glänzend +unsere militärische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung +geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen. +Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden +mußte, überstieg alle früheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der +nahezu völligen Absperrung von den Auslandslieferungen bei der langen +Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und +Schießbedarf vor völlig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden +kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den +entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs +innigste berührten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen +Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermaßen +reibungslos arbeiten sollte. Notwendig wäre es wohl gewesen, eine +gemeinsame Zentralbehörde zu schaffen, bei der alle Forderungen +zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine +solche Behörde hätte wirtschaftlich und militärisch weitblickende +Entscheidungen treffen können. Sie hätte unterstützt von +volkswirtschaftlichen Größen, die imstande waren, die Folgen ihrer +Entscheidungen weithin zu überblicken, im freien Geiste geleitet werden +müssen. An einer solchen Behörde fehlte es. Es bedarf keiner näheren +Erläuterungen, daß nur ein ungewöhnlich begabter Verstand und eine +ungewöhnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe hätte gewachsen +sein können. Selbst bei Erfüllung aller dieser Vorbedingungen wären +schwere Reibungen nicht ausgeblieben. + +So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in +das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien +Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner +Natur meine Unterstützung. Besonders glaubte ich zur Frage der +Kriegerheimstätten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu müssen. Meinen +Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte +ich doch keinen schöneren und befriedigerenden Blick als den über ein +wohlgepflegtes Stück Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen. +Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein +Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefühlt haben. Mein Wunsch geht +dahin, daß recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefährten nach allen +Leiden und Mühen dieses Glück beschieden sei! + + + + + Vorbereitungen für das kommende Feldzugsjahr + + + + Unsere Aufgaben + + +Als sich das Ergebnis der Kämpfe des Jahres 1916 mit einiger Sicherheit +überblicken ließ, mußten wir über die Weiterführung des Krieges im Jahre +1917 ins klare kommen. Über das, was der Gegner im nächsten Jahre tun +würde, war bei uns kein Zweifel. Wir mußten auf einen allgemeinen +feindlichen Angriff rechnen, sobald die gegnerischen Vorbereitungen und +die Witterungsverhältnisse einen solchen zuließen. Vorauszusehen war, daß +unsere Feinde, gewitzigt durch die Erfahrungen der vorhergegangenen Jahre, +eine Gleichzeitigkeit ihrer Angriffe auf allen Fronten anstreben würden, +sofern wir ihnen hierzu die Zeit und Gelegenheit ließen. + +Nichts konnte näher liegen und unser aller Wünschen und Empfindungen mehr +entsprechen, als diesem zu erwartenden Generalsturm zuvorzukommen, die +gegnerischen Pläne dadurch über den Haufen zu werfen und damit von Anfang +an die Vorhand an uns zu reißen. Ich darf wohl behaupten, daß ich in +dieser Beziehung in den vorausgehenden Feldzugsjahren nichts versäumt +hatte, sobald mir die Mittel hierfür in einem nur einigermaßen genügenden +Ausmaß zur Verfügung standen. Jetzt aber durften wir uns über diesen +Wünschen den Blick für die tatsächliche Lage nicht trüben lassen. + +Es bestand kein Zweifel, daß sich das Stärkeverhältnis zwischen uns und +unseren Gegnern am Ende des Jahres 1916 noch mehr zu unseren Ungunsten +verschoben hatte, als dies schon bei Beginn des Jahres der Fall gewesen +war. Rumänien war zu unseren Gegnern getreten und trotz seiner schweren +Niederlage ein Machtfaktor geblieben, mit dem wir weiter rechnen mußten. +Das geschlagene Heer fand hinter den russischen Linien Schutz und Zeit für +seinen Wiederaufbau und konnte dabei auf die Mitwirkung der Entente im +weitesten Umfang rechnen. + +Es war ein Verhängnis für uns, daß es unserer Heeresführung während des +ganzen Krieges nicht gelungen ist, auch nur einen unserer kleineren Gegner +mit Ausnahme von Montenegro zum baldigen Ausscheiden aus der Zahl unserer +Feinde zu zwingen. So war im Jahre 1914 die belgische Armee aus Antwerpen +entkommen und stand uns, wenn auch im allgemeinen tatenlos, andauernd +gegenüber, uns zu einem immerhin nicht unbedeutenden Kräfteverbrauch +zwingend. Mit der serbischen Armee war es uns im Jahre 1915 nur scheinbar +günstiger gegangen. Sie war unsern umfassenden Bewegungen entgangen, +allerdings in einem trostlosen Zustande. Im Sommer 1916 erschien sie +jedoch wieder kampfkräftig auf dem Kriegstheater in Mazedonien und erhielt +zur Auffrischung ihrer Verbände andauernd Zuzug und Ersatz aus allen +möglichen Ländern, zuletzt besonders auch durch österreichisch-ungarische +Überläufer slawischer Nationalitäten. + +In allen drei Fällen, Belgien, Serbien und Rumänien, hatte das Schicksal +der gegnerischen Armee an einem Haare gehangen. Die Gründe ihres +Entrinnens mochten verschieden sein, die Wirkung war stets die gleiche. + +Man ist angesichts solcher Tatsachen nur zu leicht geneigt, dem Zufall im +Kriege eine große Rolle zuzusprechen. Mit diesem Ausdruck würdigt man den +Krieg aus seiner stolzen Höhe zu einem Glücksspiel herab. Als solches ist +er mir niemals erschienen. Ich sah in seinem Verlauf und Ergebnis, auch +wenn letzteres sich gegen uns wendete, immer und überall eine herbe +Folgenreihe unerbittlicher Logik. Wer zugreift und zugreifen kann, hat den +Erfolg auf seiner Seite, wer das unterläßt oder unterlassen muß, verliert. + +Für das Feldzugsjahr 1917 konnten wir darüber im Zweifel sein, ob die +Hauptgefahr für uns aus West oder Ost kommen würde. Rein vom Standpunkte +zahlenmäßiger Überlegenheit schien die Gefahr an der Ostfront größer. Wir +mußten annehmen, daß es dem Russen im Winter 1916/17 ebenso wie in den +Vorjahren gelingen würde, seine Verluste zu ersetzen und seine Armee mit +Erfolg angriffsfähig zu machen. Keine Kunde drang zu uns, aus der +besonders auffallende Zersetzungserscheinungen innerhalb des russischen +Heeres hervorgegangen wäre. Die Erfahrung hatte mich übrigens gelehrt, +derartige Nachrichten jederzeit und von wem sie auch kommen mochten, mit +äußerster Vorsicht aufzunehmen. + +Dieser russischen Stärke gegenüber konnten wir die Verhältnisse in dem +österreichisch-ungarischen Heere nicht ohne Sorge betrachten. Nachrichten, +die uns zukamen, ließen die Zuversicht nicht recht aufkommen, daß der +glückliche Ausgang des rumänischen Feldzuges und die verhältnismäßig +günstige, wenn auch immer gespannte Lage an der italienischen Front auf +den moralischen Halt der k. u. k. Truppen einen ausreichend erhebenden und +stärkenden Einfluß ausgeübt hatten. Wir mußten weiterhin damit rechnen, +daß Angriffe der Russen wieder Zusammenbrüche in den österreichischen +Linien verursachen könnten. Es war sonach ausgeschlossen, den +österreichischen Fronten die unmittelbare deutsche Unterstützung zu +nehmen; wir mußten uns im Gegenteil bereithalten, bei gelegentlichen +Notfällen an den Fronten des Verbündeten mit weiteren Kräften auszuhelfen. + +Wie sich die Verhältnisse an der mazedonischen Front gestalten würden, war +ebenfalls unsicher. Dort hatte im Verlauf der letzten Kämpfe ein deutsches +Heeresgruppenkommando die Führung der rechten und mittleren bulgarischen +Armee, d. h. im allgemeinen die Front von Ochrida bis zum Doiran-See, +übernommen; auch waren sonst noch aus den Kämpfen der Jahre 1915 und 1916 +her höhere deutsche Befehlshaber in dieser Front tätig geblieben. Andere +unserer Offiziere waren ferner damit beschäftigt, die reichen +Kriegserfahrungen auf allen unseren Fronten der bulgarischen Armee zu +übermitteln. Das Ergebnis dieser Arbeit konnte sich aber erst beim +Wiederaufleben der Kämpfe zeigen. Vorderhand schien es gut, unsere +Hoffnungen nicht allzu hoch zu spannen. Unterstützungsbereit mußten wir +jedenfalls auch für die mazedonische Front sein. + +Auch an unserer Westfront mußten wir damit rechnen, daß die Gegner im +kommenden Frühjahr trotz ihrer zweifellos schweren Verluste des +vergangenen Jahres mit voller Kraft wieder auf dem Kampfplatz erscheinen +würden. Ich möchte den Ausdruck „volle Kraft“ natürlich bedingt aufgefaßt +wissen, denn die verlorene alte Kraft ersetzt sich im Verlauf weniger +Monate wohl zahlenmäßig, aber nicht ihrem inneren Werte nach voll und +ganz. Der Feind unterlag in dieser Richtung den gleichen harten Gesetzen +wie auch wir. + +Das taktische Bild an den wichtigsten Teilen dieser Front war folgendes: +Der Gegner hatte im zähesten, fünfmonatigen Ringen an der Somme unsere +Linien in 40 km Breite und etwa 10 km Tiefe zurückgeworfen. Vergessen wir +diese Zahlen für spätere Vergleiche nicht! + +Dieser Erfolg, der mit hunderttausenden von blutigen Opfern bezahlt war, +war bei der Größe unserer Gesamtfront eigentlich gering. Die Einbiegung +unserer Linien drückte aber auf unsere nach Nord und Süd anschließenden +Nebenfronten. Die Lage forderte gebieterisch eine Verbesserung; wir liefen +sonst Gefahr, aus diesem Bogen heraus durch erneute feindliche Angriffe, +verbunden mit nördlich und südlich davon angesetzten Nebenangriffen, +umfaßt zu werden. Ein eigener, umfassender Angriff gegen den +eingebrochenen Feind war die nächstliegende, angesichts unserer Gesamtlage +aber auch die bedenklichste Lösung. Durften wir es wagen, alle unsere +Kraft zu einem großen Angriff in der mit feindlichen Truppen angefüllten +Gegend an der Somme einzusetzen, während wir vielleicht an anderer Stelle +der Westfront oder an der Ostfront einen Zusammenbruch erlebten? Es zeigte +sich hier wieder einmal, daß unsere Kriegführung, wenn sie mit großen +Plänen nach der einen Seite blickte, die Augen nach der anderen nicht +verschließen durfte. Das Jahr 1916 redete in dieser Beziehung eine +Sprache, die sich Gehör verschaffen mußte. + +Wenn wir nun die durch die Sommeschlacht entstandene Frontgestaltung durch +einen Angriff nicht verbessern konnten, so mußten wir die Folgerungen +daraus ziehen und unsere Linien zurücknehmen. Wir entschieden uns daher +auch zu dieser Maßnahme und verlegten unsere Stellung, die bis Peronne +eingedrückt war und andrerseits noch bis westlich Bapaume, Roye und Noyon +vorsprang, in die Sehnenlinie Arras-St. Quentin-Soissons zurück. Diese +neue Linie ist unter dem Namen Siegfriedstellung bekannt. + +Also Rückzug an der Westfront statt Angriff! Kein leichter Entschluß. +Schwere Enttäuschung für das Westheer, vielleicht eine noch schwerere für +die Heimat, die schwerste, wie zu befürchten, bei unseren Verbündeten. +Heller Jubel bei unsern Gegnern! Kann man sich auch einen geeigneteren +Stoff für Propaganda vorstellen? Glänzender, wenn auch spät sichtbarer +Erfolg der blutigen Sommeschlacht, zusammengebrochener deutscher +Widerstand, heftige unaufhörliche Verfolgungen mit großen Beutezahlen, +Schauergeschichten über unsere Kriegführung. Man konnte das ganze +Register, das aufgezogen werden würde, schon vorher hören. Welch ein Hagel +propagandistischer Literatur wird nunmehr auf und hinter unseren Linien +niederfallen! + +Unsere große Rückwärtsbewegung begann am 16. März 1917. Der Gegner folgte +ihr ins freie Gelände zumeist mit gemessener Vorsicht. Wo diese Vorsicht +sich zu größerem Drängen steigern wollte, verstanden es unsere +Deckungstruppen, abkühlend auf den feindlichen Eifer zu wirken. + +Mit der getroffenen Maßnahme schufen wir uns nicht nur günstigere örtliche +Kampfbedingungen an der Westfront sondern verbesserten auch unsere gesamte +Kriegslage. Gab uns doch die Verkürzung der Verteidigungslinie im Westen +die Möglichkeit zur Schaffung starker Reserven. Verlockend war der Plan, +wenigstens einen Teil derselben auf den Feind zu werfen, wenn dieser +unserem Rückzug in die Siegfriedstellung über das freie Gelände folgen +würde, in dem wir uns ihm unbedingt überlegen fühlten. Wir verzichteten +jedoch hierauf und hielten unser Pulver für die Zukunft trocken. + +Man kann die Lage, wie wir sie uns bis zum Frühjahr des Jahres 1917 +geschaffen hatten, vielleicht als eine große strategische Bereitstellung +bezeichnen, in der wir dem Gegner einstweilen die Vorhand überließen, aus +der heraus wir aber jederzeit imstande waren, gegen feindliche +Schwächepunkte zum Angriff zu schreiten. Geschichtliche Vergleiche aus +früheren Kriegen können bei der ungeheuer gesteigerten Größe aller +Verhältnisse nicht gezogen werden. + + + +Im Zusammenhang mit diesen Ausführungen muß ich zwei Pläne besprechen, mit +denen wir uns im Winter 1916/17 zu beschäftigen hatten. Es waren +Vorschläge für einen Angriff sowohl in Italien als auch in Mazedonien. Die +Anregung in der erstgenannten Richtung ging noch im Winter 1916/17 vom +Generaloberst von Conrad aus. Er versprach sich von einem großen Erfolge +gegen Italien eine weitgehende Einwirkung auf unsere gesamte kriegerische +und politische Lage. Dieser Anschauung konnte ich mich nicht anschließen. +Wie ich schon früher ausführte, vertrat ich dauernd die Anschauung, daß +Italien viel zu sehr unter dem wirtschaftlichen und damit auch unter dem +politischen Druck Englands stünde, als daß dieses Land, selbst durch eine +große Niederlage, zu einem Sonderfrieden zu zwingen wäre. Generaloberst +von Conrad dachte bei seinem Vorschlage wohl in erster Linie an die +günstige Rückwirkung eines siegreichen Feldzuges gegen Italien auf die +Stimmung in den österreichisch-ungarischen Ländern. Er hoffte auf die +große militärische Entlastung, die mit einem solchen Erfolge für +Österreich-Ungarn eintreten mußte. Diese Gesichtspunkte konnte ich ihm als +wohlberechtigt durchaus nachempfinden. Allein ohne starke deutsche +Unterstützung – es handelte sich um etwa 12 deutsche Divisionen – glaubte +Generaloberst von Conrad nicht nochmals einen Angriff auf die Italiener +aus Südtirol heraus unternehmen zu können. Demgegenüber glaubte ich es +jedoch nicht verantworten zu können, so viele deutsche Truppen auf nicht +absehbare Zeit in einem Unternehmen festzulegen, das nach meiner +Anschauung zu weit von unseren allerwichtigsten und gefährlichsten Fronten +in Ost und West ablag. + +Ähnlich verhielt es sich mit der Frage eines Angriffes auf die +Ententetruppen in Mazedonien. Bulgarien liebäugelte mit diesem Plane, und +von seinem Standpunkte aus natürlich mit vollster Berechtigung. Ein +entscheidender Erfolg unsererseits hätte die Entente zur Räumung dieses +Landes zwingen können. Bulgarien wäre dadurch militärisch und politisch +nahezu völlig entlastet worden. Das Unternehmen hätte auch den lebhaften +Wünschen des Landes und seiner Regierung entsprochen. Richtete man doch +bulgarischerseits fortgesetzt begehrliche Augen auf den viel umstrittenen, +schönen Hafen von Saloniki. Letzterer Gesichtspunkt machte freilich bei +mir keinen Eindruck. Auch die militärische Entlastung Bulgariens hätte +nach meiner damaligen Ansicht keinen Nutzen für unsere Gesamtlage +bedeutet. Hätten wir die Ententekräfte zum Abzug aus Mazedonien gezwungen, +so würden wir sie an unserer Westfront auf den Hals bekommen haben. Ob wir +dagegen die dadurch frei werdenden bulgarischen Truppen irgendwo außerhalb +des Balkans hätten einsetzen können, erschien mir mindestens fraglich. +Hatte doch schon die Verwendung bulgarischer Divisionen außerhalb des +unmittelbarsten bulgarischen Interessengebietes während des rumänischen +Feldzuges nördlich der Donau zu nicht sehr erfreulichen Reibungen mit +diesen Verbänden geführt. Nach meiner Anschauung verwertete sich also die +bulgarische Kampfeskraft im gesamten Rahmen unserer Kriegführung am +besten, wenn wir sie mit dem Festhalten der Ententetruppen in Mazedonien +beschäftigten. Das schloß natürlich nicht aus, daß ich einen selbständigen +Angriff der Bulgaren in Mazedonien jederzeit freudig begrüßt hätte. Das +Ziel eines solchen hätte dann aber wohl wesentlich begrenzter gefaßt +werden müssen, als es die Vertreibung der Entente aus dem Balkan oder die +Eroberung von Saloniki bedeutete. An irgendwelche Angriffsunternehmungen +glaubte indessen Bulgarien ohne sehr wesentliche deutsche Hilfe, +allermindestens 6 Divisionen, nicht herangehen zu können, und wohl mit +Recht. + +Nachrichten über die Entwicklung der politischen Verhältnisse in +Griechenland klangen allerdings in der Zeit, in der die Frage eines +Angriffs in Mazedonien an uns herantrat, also im Winter 1916/17, wie +verführerische Lockrufe. Gegen solche Sirenenstimmen war ich aber völlig +unempfindlich. Ich bezweifelte es, daß das Volk der Hellenen mit großer +Begeisterung einen Kampf, ganz besonders aber einen solchen Schulter an +Schulter mit den Bulgaren, ersehnte. Im großen und ganzen wäre es dabei um +das gleiche Ziel gegangen wie 1913, und die beiden siegreichen Partner +hätten sich auch diesmal wieder nach dem gemeinsamen Erfolge nicht +poetisch in den Armen sondern prosaisch in den Haaren gelegen. + + + +Aus meinen vorstehenden Ausführungen dürfte mit aller Klarheit +hervorgehen, daß die Anspannung der deutschen Kräfte durch die gesamte +Lage eine so hohe war, daß wir sie nicht durch weitere, außerhalb +unbedingtester kriegerischer und politischer Notwendigkeiten liegende +Absichten noch mehr steigern durften. Selbst vortreffliche Pläne, die +sichere Aussichten auf große kriegerische Erfolge boten, konnten uns nicht +von der zunächst wichtigsten Kriegsaufgabe ablenken. Diese war der Kampf +im Osten und Westen, und zwar auf beiden Fronten gegen erdrückende +Überlegenheiten. + +Wenn ich mir aufgrund der inzwischen eingetretenen Folgen meiner im Jahre +1917 ablehnenden Haltung gegen Operationen in Italien und Mazedonien heute +nochmals die Frage vorlege, ob ich anders hätte entscheiden sollen und +dürfen, so muß ich diese Frage auch jetzt noch verneinen. Ich glaube sagen +zu können, daß der Gang der Ereignisse in Mitteleuropa späterhin unser +Verhalten als das Richtige bestätigt hat. Wir konnten und durften nicht +einen Zusammenbruch unserer West- oder Ostfront auf das Spiel setzen, um +billige Lorbeeren in der oberitalienischen Tiefebene oder am Wardar zu +pflücken. + + + +Die Türkei war für 1917 mit besonderen Weisungen von unserer Seite nicht +zu versehen. Sie hatte ihren Landbesitz zu verteidigen und uns die ihr +gegenüberstehenden Kräfte vom Leibe zu halten. Gelang ihr beides, so +erfüllte sie durchaus ihre Aufgabe im Gesamtrahmen des Krieges. + +Um die hierfür nötigen Truppen kampfkräftig zu erhalten, hatten wir schon +im Herbste 1916 bei der osmanischen Obersten Heeresleitung angeregt, sie +möchte die Masse ihrer beiden kaukasischen Armeen aus dem entvölkerten und +ausgesogenen armenischen Hochlande zurückziehen, um den Truppen die +Überwinterung zu erleichtern. Der Befehl hierzu wurde zu spät erteilt. +Infolgedessen erlagen ganze Truppenteile durch Hunger und Kälte dem +vorausgesehenen Verderben. Kein Lied, kein Heldenbuch wird vielleicht ihr +tragisches Ende je verkünden, so sei es an dieser bescheidenen Stelle +getan. + + + + Der Unterseebootkrieg + + +Man denke an 70 Millionen Menschen, die im Halbhunger dahinleben, und an +die Vielen unter ihnen, die langsam an seinen Wirkungen zugrunde gehen! +Man denke an die vielen Säuglinge, die infolge Aushungerung der Mütter +dahinsterben, und an die zahllosen Kinder, die zeitlebens siech und krank +bleiben werden! Nicht im fernen Indien oder China, wo eine mitleidslose, +kaltherzige Natur den segenspendenden Regen verweigert hat, sondern hier +mitten in Europa, inmitten der Kultur und der Menschlichkeit! Ein +Halbhunger, hervorgerufen durch den Machtspruch und durch die Gewalt von +Menschen, die sich sonst mit ihrer Gesittung brüsten! Wo ist da Gesittung? +Stehen sie als Menschen höher wie jene, die im armenischen Hochlande zum +Grauen der ganzen zivilisierten Welt gegen Wehrlose wüteten und dafür vom +Schicksal bestraft zu Tausenden einen elenden Tod fanden? Zu diesen +hartgesinnten Anatoliern hat freilich kaum jemals ein anderer Geist als +derjenige der Rache, sicherlich niemals derjenige der Nächstenliebe +gesprochen. + +Wohin zielt denn der Machtspruch jener sonst so „Gesitteten“? Ihr Plan ist +klar. Sie haben eingesehen, daß ihre Kriegskraft nicht ausreicht zur +Erkämpfung ihres tyrannischen Willens, daß ihre Kriegskunst unfruchtbar +bleibt gegenüber ihrem Gegner mit stählernen Nerven. Man zermürbe also +dessen Nerven! Gelingt es nicht durch den Kampf Mann gegen Mann, so +gelingt es vielleicht von rückwärts her auf dem Wege über die Heimat. Man +lasse die Weiber und Kinder hungern! Das wirkt „so Gott will“ auf den +Gatten und Vater an der Kampffront ein, wenn auch nicht sofort, so doch +allmählich! Vielleicht entschließen sich diese Gatten und Väter, die +Waffen zu strecken, denn sonst droht in der Heimat der Tod von Weib und +Kind, der Tod – der Gesittung. So denken Menschen und können dabei beten! + +„Der Gegner überschüttet uns mit amerikanischen Granaten, warum versenken +wir nicht seine Transportschiffe? Haben wir denn nicht das Mittel dazu? +Rechtsfragen? Wo und wann denkt denn der Gegner an Recht?“ Das fragt der +Soldat an unseren Fronten. + +Heimat und Heer wenden sich mit solchen und ähnlichen Ausführungen an ihre +Führer, nicht erst seit dem 29. August 1916, sondern schon lange vorher. +Der Wille, die ganze Schärfe des Unterseebootkrieges anzuwenden, um die +Leiden der Heimat abzukürzen und das Heer in seinem ungeheueren Ringen zu +entlasten, war schon vor meiner Übernahme der Obersten Heeresleitung +vorhanden. In diesem mitleidlosen Kampfe gegen unsere wehrlose Heimat gilt +nur „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Alles andere erscheint +Erbarmungslosigkeit gegen das eigene Blut. + +Wenn wir aber auch die Waffe und den Willen hatten, sie einzusetzen, so +durften doch nicht Folgen außer acht gelassen werden, die aus der +rücksichtslosen Anwendung dieses vernichtenden Kampfmittels entspringen +konnten. Werden Rücksichten gegen den kaltherzigen Feind verneint, so gibt +es doch Rücksichten gegen bisher neutrale seefahrende Nationen. Die Heimat +darf durch Anwendung der Waffe nicht in größere Gefahren und Sorgen +gebracht werden, als die sind, aus denen man sie befreien will. Es +schwankt also der Entschluß, ein begreifliches Schwanken, bei dem auch +menschliche Gefühle mitreden! + +So finde ich die Lage bei meinem Erscheinen im Großen Hauptquartier. +Vereint mit den schweren Krisen zu Lande eine schwere bedeutungsvolle +Frage zu See. Nach dem ersten Anschein liegt die Entscheidung darüber bei +der Reichsleitung und beim Admiralstabe; doch ist auch die Oberste +Heeresleitung stark davon berührt. Ist es doch klar, daß wir aus allgemein +militärischen Gründen die Führung des Unterseebootkrieges wünschen müssen. +Die Vorteile, die wir hieraus für unsere Landkriegführung erwarten können, +sind mit den Händen zu greifen. Schon dann, wenn auf gegnerischer Seite +die Fertigung von Kriegsbedürfnissen oder deren Beförderung über See +wesentlich eingeschränkt werden müßte, wäre das für uns eine große +Erleichterung. Das gleiche gilt, wenn es gelänge, die gegnerischen +überseeischen Operationen wenigstens teilweise zu unterbinden. Welch große +Entlastung würde das nicht bloß für Bulgarien und die Türkei, sondern auch +für uns bedeuten, ohne daß wir hierfür deutsches Blut opferten! In +weiterer Ferne steht auch die Möglichkeit, den Ententeländern die +Versorgung mit Rohprodukten und Lebensmitteln bis zu einem unerträglichen +Maße zu erschweren oder wenigstens England vor die sein Geschick +entscheidende Frage zu stellen: entweder uns die versöhnende Hand zu +reichen oder seine Stellung in der Weltwirtschaft zu verlieren. So schien +der Unterseebootkrieg geeignet, bestimmend auf den Gang des Krieges +einzuwirken, ja er war am Beginn des Jahres 1917 das einzige Mittel, das +wir noch für eine siegreiche Beendigung des Krieges neu einsetzen konnten, +nachdem wir zum Weiterkämpfen gezwungen waren. + +In welchen Zusammenhang wir die Führung des Unterseebootkrieges zu der +gesamten kriegerischen und politischen Lage brachten, ergibt sich aus +einer Zuschrift vom Ende September 1916 unsererseits an die Reichsleitung. +Diese Zuschrift sollte als Grundlage für eine Anweisung an unseren +Botschafter in Washington dienen und lautete: + + „Dem Grafen Bernstorff wird zu seiner persönlichen Unterweisung + mitgeteilt, daß die Absicht der Entente, die Ost- und Westfront zu + durchbrechen, bisher nicht gelungen ist und nicht gelingen wird, + ebensowenig wie ihre Offensivoperationen von Saloniki her und in der + Dobrudscha. Dagegen nehmen die Operationen der Mittelmächte gegen + Rumänien erfreulichen Fortgang. Ob es hier aber gelingen wird, schon in + diesem Jahre einen den Krieg beendenden Erfolg zu erringen, ist noch + zweifelhaft. Daher muß vorläufig mit längerer Kriegsdauer gerechnet + werden. + + Demgegenüber verspricht sich die Kaiserliche Marine durch den + rücksichtslosen Einsatz der vermehrten Unterseeboote angesichts der + wirtschaftlichen Lage Englands einen schnellen Erfolg, der den + Hauptfeind, England, in wenigen Monaten dem Friedensgedanken geneigt + machen würde. Deshalb muß die Deutsche Oberste Heeresleitung den + rücksichtslosen Unterseebootkrieg in ihre Maßnahmen einbeziehen, unter + anderem auch, um die Lage an der Sommefront durch Verminderung der + Munitionszufuhr zu entlasten und der Entente das Vergebliche ihrer + Anstrengungen an dieser Stelle vor Augen zu führen. Schließlich können + wir nicht ruhig zusehen, wie England in der Erkenntnis der vielen + Schwierigkeiten, mit denen es zu rechnen hat, mit allen Mitteln die + neutralen Mächte bearbeitet, um seine militärische und wirtschaftliche + Lage zu unseren Ungunsten zu verbessern. Aus allen diesen Punkten müssen + wir die Freiheit unserer Handlungen, die wir in der Note vom 4. Mai uns + vorbehielten, wiedergewinnen. + + Die Gesamtlage würde sich aber vollständig ändern, falls Präsident + Wilson, seinen angedeuteten Absichten folgend, den Mächten einen + Friedensvermittlungsantrag macht. Dieser müßte allerdings ohne bestimmte + Vorschläge territorialer Art gehalten sein, da diese Fragen Gegenstand + der Friedensverhandlungen seien. Eine diesbezügliche Aktion müsse aber + bald erfolgen. Wolle Wilson bis nach seiner Wahl oder bis kurz vor + derselben warten, so würde er zu einem solchen Schritte kaum mehr + Gelegenheit finden. Auch dürften die Verhandlungen nicht erst auf + Abschluß eines Waffenstillstandes abzielen, sondern müßten lediglich + unter den Kriegsparteien geführt werden und innerhalb kurzer Frist + unmittelbar den Präliminarfrieden bringen. Ein längeres Hinausziehen + würde die militärische Lage Deutschlands verschlechtern und auch weitere + Vorbereitungen der Mächte zur Fortsetzung des Krieges bis in das nächste + Jahr zur Folge haben, sodaß an einen Frieden in absehbarer Zeit dann + nicht mehr zu denken wäre. + + Graf Bernstorff soll die Angelegenheit mit Colonel House – dem + Mittelsmann, durch welchen er mit dem Präsidenten verhandelt – + besprechen und die Absichten des Mr. Wilson in Erfahrung bringen. Eine + Friedensaktion des Präsidenten, die nach außen hin am besten spontan + erscheinen würde, würde bei uns ernsthaft in Erwägung gezogen werden, + und diese würde ja auch für die Wahlkampagne Wilsons schon einen Erfolg + bedeuten.“ + +Die schwierigste Frage ist und bleibt: „Innerhalb welcher Zeitspanne wird +der Erfolg des Unterseebootkrieges erreicht werden können?“ Der +Admiralstab kann hierfür natürlich nur unbestimmte Angaben machen. Aber +selbst seine, wie er sagt, auf vorsichtigster Berechnung aufgestellten +Schätzungen sind so günstig für uns, daß ich grundsätzlich die Gefahr in +den Kauf nehmen zu können glaube, uns mit der Anwendung des neuen +Kampfmittels einen oder den anderen neuen Gegner auf den Hals zu ziehen. + +Mochte die Marine auch noch so sehr drängen, so verlangten doch politische +und militärische Rücksichten eine Verzögerung des Beginns des +uneingeschränkten Unterseebootkrieges über den Herbst 1916 hinaus. Wir +durften in der damals so hochgespannten Kriegslage keine neuen Gegner auf +uns ziehen. Wir mußten jedenfalls warten, bis wir einen günstigen Abschluß +des rumänischen Feldzuges überblicken konnten. Gelang ein solcher, so +verfügten wir über genügend Kräfte, um angrenzende neutrale Staaten von +einem Eintritt in die Reihen unserer Gegner abhalten zu können, mochte +England auch deren wirtschaftliche Bedrückung noch weiter steigern. + +Zu den Rücksichten aus militärischen Gründen treten solche aus +politischen. Bevor sich unser Friedensschritt nicht als ein völliger +Fehlschlag erwies, wollten wir an die verstärkte Anwendung der +Unterseebootwaffe nicht denken. + +Als dann aber dieser Friedensschritt scheiterte, gab es für mich nur noch +militärische Rücksichten. Die Entwicklung unserer Kriegslage, besonders in +Rumänien, bis Ende Dezember gestattete nunmehr nach meiner Überzeugung die +weitestgehende Anwendung der wirkungsvollen Waffe. + +Am 9. Januar 1917 gab unser Allerhöchster Kriegsherr gegen die Ansicht des +Reichskanzlers von Bethmann auf Vorschlag des Admiralstabs und +Generalstabs die bejahende Entscheidung. Wir waren uns alle nicht im +Zweifel über die Schwere des Schrittes. + +Jedenfalls gab aber die Anwendung des Unterseebootkrieges mit seinen +verlockenden Aussichten Heer und Heimat lange Zeit hindurch eine große +moralische Stärkung für Fortführung des Landkrieges. + +Angesichts des für uns verhängnisvollen Ausgangs des Krieges hat man die +Erklärung des uneingeschränkten Unterseebootkrieges für ein Vabanquespiel +halten zu müssen geglaubt. Damit versuchte man diesen unseren Entschluß +politisch und militärisch wie auch moralisch herabzuwürdigen. Man +übersieht bei diesem Urteil, daß nahezu alle entscheidenden Entschlüsse, +und zwar nicht nur diejenigen im Kriege, ein schweres Risiko in sich +tragen, ja, daß die Größe einer Tat hauptsächlich darin liegt und daran zu +messen ist, daß ein hoher Einsatz gewagt wird. Wenn ein Feldherr auf dem +Schlachtfelde seine letzten Reserven in den Kampf schickt, so tut er +nichts anderes, als was sein Vaterland mit Recht von ihm fordert: Er nimmt +die volle Verantwortung auf sich und beweist den Mut zum letzten +entscheidenden Schritt, ohne den der Sieg nicht zu erringen wäre. Ein +Führer, der es nicht auf sich nehmen kann oder will, die letzte Kraft an +den Erfolg zu setzen, ist ein Verbrecher an dem eigenen Volk. Mißlingt ihm +der Schlag, dann freilich wird er von dem Fluch und dem Hohn der Schwachen +und Feiglinge getroffen. Das ist nun einmal das Schicksal des Soldaten. Es +würde jeder Größe entbehren, wenn es nur auf sicheren Berechnungen sich +gründen ließe, und wenn die Erringung des Lorbeers nicht abhängig wäre von +dem Mute der Verantwortung. Diesen Mut heranzubilden, war Ziel unserer +deutschen militärischen Erziehung. Sie konnte dabei hinweisen auf die +größten Vorbilder in der eigenen Geschichte sowie auf die mächtigsten +Taten unserer gefährlichsten Gegner. Gab es einen kühneren Einsatz der +letzten Kraft, als ihn der große König bei Leuthen wagte und damit das +Vaterland und seine Zukunft rettete? Hat man nicht auch den Entschluß +Napoleons I. als richtig anerkannt, als er bei Belle Alliance seine +letzten Bataillone an die Entscheidung setzte, um dann freilich, wie +Clausewitz sagt, arm wie ein Bettler vom Schlachtfeld zu verschwinden? +Wäre nicht ein Blücher dem Korsen gegenüber gewesen, der Korse hätte +gesiegt, und die Weltgeschichte wäre wohl einen anderen Weg gegangen. Und +auf der anderen Seite der viel umjubelte Marschall Vorwärts; wagte er +nicht auch in dieser Entscheidungsschlacht das Äußerste? Hören wir, was +vor dem Kriege einer unserer heftigsten Gegner darüber sagte: + + „Das schönste Manöver, das ich je auf Erden habe ausführen sehen, ist + die Tat des Greises Blücher, der zu Boden geworfen wurde, unter die Hufe + der Pferde geriet und sich aus dem Staube erhob, auf seine besiegten + Soldaten losstürmte, ihrer Flucht Einhalt gebot und sie von der + Niederlage bei Ligny dem Triumph von Waterloo entgegenführte.“ + +Ich möchte dieses Kapitel nicht schließen, ohne meine Zweifel der +Behauptung gegenüber zu äußern, daß mit dem Eintritt Amerikas in die +Reihen unserer Gegner unsere Sache endgültig verloren gewesen sei. Warten +wir erst einmal den Einblick in die Krisen ab, in die wir durch unseren +Unterseebootkrieg und durch unsere zeitweise großen Erfolge zu Lande vom +Frühjahr 1917 ab unsere Gegner versetzten. Wir werden dann vielleicht +erfahren, daß wir so manchmal nahe daran waren, den Siegerkranz an uns zu +reißen, und wir werden auch vielleicht erkennen lernen, daß andere als +militärische Gründe uns um ein erfolgreiches oder wenigstens erträgliches +Kriegsende brachten. + + + + Kreuznach + + +Nach erfolgreicher Beendigung des rumänischen Feldzuges und der dadurch +eingetretenen Entspannung der Ostlage mußte das Schwergewicht unserer +demnächstigen Tätigkeit im Westen gesucht werden. Dort war jedenfalls ein +frühzeitiger Beginn der Kämpfe im folgenden Feldzugsjahre zu erwarten. Wir +wollten dem Schauplatz dieser Schlachten nahe sein. Von einem im Westen +gelegenen Hauptquartier bot sich leichter und weniger zeitraubend die +Möglichkeit, mit den Oberkommandos der Heeresgruppen und Armeen in +unmittelbare persönliche Berührung zu treten. Dazu kam, daß Kaiser Karl +einerseits in der Nähe der politischen Behörden seines Landes zu sein +wünschte und andererseits auf den unmittelbaren persönlichen Verkehr mit +seinem Generalstab nicht verzichten wollte. Das k. u. k. +Armee-Oberkommando siedelte daher in den ersten Monaten des Jahres 1917 +nach Baden bei Wien über. Damit entfiel für Seine Majestät unseren Kaiser +und für die Oberste Heeresleitung jeder Grund, weiterhin in Pleß zu +bleiben. Wir verlegten im Februar das Hauptquartier nach Kreuznach. + +Beim Abschied von Pleß war es mir ein besonderes Bedürfnis, dem dortigen +Fürsten und seiner Beamtenschaft für die große Gastfreundschaft zu danken, +die uns in der Unterbringung aller Befehlsstellen und in unserm +Privatleben erwiesen worden war. Ich selbst hatte obenein dankbar mancher +herrlichen Pirschfahrt an ausnahmsweise dienstfreien Abenden sowohl im +Plesser- wie auch im benachbarten Neudecker Revier zu gedenken. + +An die Gegend, in die wir nun kamen, knüpften sich für mich Erinnerungen +aus meiner früheren Tätigkeit als Chef des Generalstabes in der +Rheinprovinz. Auch die Stadt Kreuznach selbst war mir damals bekannt +geworden. Ihre Einwohner wetteiferten jetzt in Beweisen rührender +Freundlichkeit. Diese äußerte sich unter anderem auch darin, daß unser +Heim und unser gemeinsamer Speiseraum täglich durch die Hände junger Damen +mit frischen Blumen geschmückt wurden. Ich nahm all das als Zeichen der +Huldigung an die Gesamtheit des Heeres entgegen, zu dessen ältesten +Vertretern im Kriege ich gehörte. + +Kurz nach unserem Weggang von Pleß trat Generaloberst von Conrad von der +Heeresleitung Österreich-Ungarns zurück, um den Oberbefehl an der Front +Südtirols zu übernehmen. Die Ursache seines Abganges ist mir nicht bekannt +geworden. Ich glaubte sie auf persönlichem Gebiete suchen zu müssen, da +sachliche Gründe meines Erachtens nicht vorlagen. Ich bewahre ihm ein +treues, kameradschaftliches Gedenken. Sein Nachfolger wurde General von +Arz. Ein praktischer Kopf mit gesunden Anschauungen, ein trefflicher +Soldat, also gleich seinem Vorgänger ein wertvoller Kampfgenosse! Er ging +auf das Wesen der Dinge los und verachtete den Schein. Ich glaube, daß uns +beiden die Abneigung gegen die Beschäftigung mit politischen Fragen +gemeinsam war. Was unter den früher von mir berührten schwierigen +Verhältnissen in der Donaumonarchie erreicht werden konnte, hat General +von Arz nach meiner Überzeugung mit bewundernswürdiger Ausdauer geleistet. +Er hat sich über die ganze Schwere seiner Aufgabe keinem Zweifel +hingegeben. Um so mehr ist es anzuerkennen, daß er mit so mannhaftem +Vertrauen an sie herantrat. + +Für mich persönlich brachte der Aufenthalt in Kreuznach Anfang Oktober die +Feier meines 70jährigen Geburtstages. + +Seine Majestät mein Kaiser, König und Herr, hatte die große Gnade, mir als +Erster an diesem Tage persönlich seine Glückwünsche in meinem Heim +auszusprechen. Das war für mich die größte Weihe des Tages! + +Auf dem Wege zu unserem Dienstgebäude begrüßte mich später in der +strahlenden Herbstsonne die Kreuznacher Jugend; vor dem Eingang zur +gemeinsamen Arbeitsstätte erwarteten mich meine Mitarbeiter, im +anschließenden Garten Vertreter der Stadt und Umgegend, junge Soldaten, +verwundet und krank, Erholung suchend in den Heilstätten des Badeortes, +daneben alte Veteranen, Mitkämpfer aus längst vergangener Zeit. + +Das Ende des Tages brachte ein kleines kriegerisches Zwischenspiel. Aus +einer mir nie bekannt gewordenen Ursache hatte sich das Gerücht von der +Wahrscheinlichkeit eines großen feindlichen Fliegerangriffes auf unser +Großes Hauptquartier für den heutigen Tag verbreitet. Möglich auch, daß +das eine oder andere Flugzeug des Gegners, wie so oft, an diesem Abend den +Weg von der Saar- zur Rheinlinie oder zurück längs der Nahe suchte. Kein +Wunder, wenn die Phantasien lebhafter arbeiteten als sonst, und wenn in +der Nacht zwischen der Erde und dem strahlenden Mond mehr gesehen und +gehört wurde, als tatsächlich vorhanden war. Kurzum, gegen Mitternacht +eröffneten unsere Flugabwehrgeschütze ein heftiges Dauerfeuer. Dank der +hohen Feuergeschwindigkeit erschöpfte sich rasch die vorhandene Munition, +und ich konnte ruhig einschlafen in dem Gedanken, nun nicht weiter gestört +zu werden. Beim Vortrag des folgenden Tages zeigte mir der Kaiser eine +große Schale, angefüllt mit Sprengstücken deutscher Geschosse, die in dem +Garten seines Quartiers gesammelt worden waren. In einer gewissen Gefahr +hatten wir also doch geschwebt. + +Ein Teil der Kreuznacher hatte übrigens die nächtliche Schießerei für den +militärischen Abschluß meines Geburtstagsfestes gehalten. + + + + + Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917 + + + + Im Westen + + +Mit größter Spannung sahen wir vom Eintritt der besseren Jahreszeit ab dem +Beginn des erwarteten allgemeinen gegnerischen Angriffes im Westen +entgegen. Wir hatten uns durch die Neugruppierung unserer Kräfte auf ihn +strategisch vorbereitet, aber wir hatten im Laufe des Winters auch in +taktischer Beziehung alle Maßnahmen getroffen, dieser jedenfalls größten +aller bisherigen feindlichen Kraftanstrengungen zu begegnen. + +Zu diesen Maßnahmen gehörten nicht in letzter Linie die Änderungen unseres +bisherigen Verteidigungsverfahrens. Sie wurden von uns auf Grund der +Erfahrungen in den bisherigen Kämpfen verfügt. Nicht mehr aus einzelnen +Linien und Stützpunkten sondern aus Liniensystemen und Stützpunktgruppen +sollten in Zukunft unsere Verteidigungsanlagen bestehen. In den dadurch +gebildeten tiefen Zonen wollten wir die Truppen nicht in +zusammenhängenden, starren Fronten, sondern in reicher Gruppierung und +Gliederung nach der Breite und Tiefe aufbauen. Der Verteidiger hatte seine +Kräfte beweglich zu halten, um der vernichtenden feindlichen Wirkung +während des Vorbereitungskampfes auszuweichen, hier und dort unhaltbar +gewordene Stellungsteile freiwillig preiszugeben und dann im Gegenstoß das +wieder zu gewinnen, was zur Behauptung der allgemeinen Stellung nötig war. +Diese Grundsätze galten im Kleinen wie im Großen. + +Der verheerenden Wirkung der feindlichen Artillerie und Minenwerfer und +den überraschenden gegnerischen Anstürmen setzten wir also eine Vermehrung +und reichere Gliederung unserer Verteidigungsanlagen und die Beweglichkeit +unserer Kampfmittel entgegen. Gleichzeitig wurde der Grundsatz +verwirklicht, in den vorderen Widerstandslinien durch Erhöhung der Zahl +der Maschinengewehre Menschenkräfte zu schonen und damit solche zu sparen. + +Mit dieser tiefgreifenden Änderung unseres Verteidigungsverfahrens nahmen +wir ohne Zweifel ein Wagnis auf uns. Dies bestand in erster Linie darin, +daß wir mitten im Kriege den Bruch mit taktischen Gewohnheiten und +Erfahrungen forderten, in die sich die untere Führung und die Truppe +eingelebt hatten, und die sie vielfach mit begreiflichen Vorurteilen +schätzten. Der Übergang von einer taktischen Anschauung in eine andere +bedeutet schon im Frieden eine gewisse Krisis. Er bringt auf der einen +Seite Übertreibungen im Neuen, auf der anderen schwer belehrbares +Festhalten am Alten mit sich. Mißverständnisse drängen sich in den +klarsten Wortlaut der Vorschriften ein; selbständige und willkürliche +Auslegungen feiern Orgien; das Trägheitsmoment im menschlichen Denken und +Handeln wird manchmal nicht ohne kräftigsten Antrieb überwunden. + +Aber nicht nur aus diesen Gründen bedeuteten unsere taktischen Änderungen +einen gewagten Schritt. Fast noch schwerer war es, die Frage zu bejahen, +ob denn unser Heer mitten im Kriege in seiner jetzigen Verfassung imstande +sein würde, diese Änderungen in sich aufzunehmen und auf die Wirklichkeit +des Schlachtfeldes zu übertragen. Wir konnten uns nicht im Zweifel darüber +sein, daß das Kriegsinstrument, mit dem wir jetzt zu arbeiten hatten, mit +demjenigen der Jahre 1914 und 1915, ja selbst mit demjenigen des Beginnes +von 1916 kaum noch zu vergleichen war. Eine Unsumme herrlichster Kraft lag +in unseren Ehrenfriedhöfen gebettet oder war mit zertrümmerten Gliedern +oder krankem Körper an die Heimat gebannt. Ein stolzer Kern unserer +Soldaten vom Jahre 1914 war freilich auch heute noch vorhanden, und an ihn +schloß sich viel junge, begeisterungsfähige Kraft und opferfreudiger +Wille. Aber das allein macht die Stärke eines Heeres nicht aus; Kraft und +Wille müssen geschult und durch Erfahrungen geläutert werden. Ein Heer mit +dem sittlichen und geistigen Reichtum, mit der machtvollen geschichtlichen +Überlieferung wie das deutsche von 1914 überdauert zwar in seinem inneren +Werte manche Kriegsjahre, wenn ihm nur die Zufuhr frischer körperlicher +und sittlicher Kräfte aus der Heimat erhalten bleibt. Der Gesamtwert +jedoch wird, ja er muß nach dem natürlichen Lauf der Dinge sinken, wenn +auch sein Verhältniswert jedem Feinde gegenüber, der gleich lang im Felde +steht, in voller Höhe und Überlegenheit erhalten bleibt. + +Unser neues Verteidigungsverfahren stellte an die moralische Kraft und an +das Können der Truppe hohe Anforderungen, indem es den festen äußeren +Zusammenhalt der Verteidigung lockerte und damit die Selbständigkeit +kleinster Teile zum höchsten Grundsatz erhob. Der taktische Zusammenhang +war nicht mehr in äußerlich sichtbaren Linien und Gruppen gegeben, sondern +im geistigen Bande taktischen Zusammengreifens. Es liegt keine +Übertreibung darin, wenn ich sage, daß unter den vorliegenden +Verhältnissen in dem Übergang zu diesen neuen Grundsätzen die größte +Vertrauenskundgebung lag, die wir der geistigen und sittlichen Kraft +unseres Heeres, und zwar all seiner Teile, aussprechen konnten. Schon die +nächste Zukunft mußte den Beweis liefern, ob dieses Vertrauen +gerechtfertigt war. + + + +Das erste Unwetter im Westen bricht nach begonnenem Frühjahr los. Am +9. April gibt der englische Angriff bei Arras den Auftakt zur großen, +feindlichen Frühjahrsoffensive. Der Angriff wird tagelang vorbereitet mit +der ganzen brutalen Wucht feindlicher Artillerie- und Minenwerfer-Massen, +nichts von Überraschungstaktik im Sinne Nivelles vom Oktober des +vergangenen Jahres. Traut man diesem Verfahren von englischer Seite nicht, +oder fühlt man sich taktisch hierfür zu ungewandt? Der Grund ist für den +Augenblick gleichgültig, die Tatsache genügt und redet eine furchtbare +Sprache. Der englische Angriff braust über die ersten, zweiten, dritten +Gräben hinweg. Stützpunktgruppen versagen oder verstummen nach +heldenmütigem Widerstand; Artillerie geht in Masse verloren. Das +Verteidigungsverfahren hatte scheinbar versagt! + +Eine schwere Krise tritt ein. Eine jener Lagen, in der alles haltlos +geworden zu sein scheint. „Krisen muß man vermeiden“, ruft der Laie. Der +Soldat kann ihm nur antworten: „Dann verzichten wir besser von vornherein +auf den Krieg, denn sie sind unvermeidlich. Sie liegen einfach in der +Natur des Krieges und kennzeichnen ihn als das Gebiet des Ungewissen und +der Gefahr. Nicht Krisen zu vermeiden sondern sie zu überwinden, ist +Aufgabe der Kriegskunst. Wer schon vor ihrem Drohen zurückschrecken +wollte, bindet sich selbst die Hände, wird ein Spielball des kühneren +Gegners und geht bald in einer Krisis zu Grunde.“ + +Ich will hiermit nicht behaupten, daß die Krisis am 9. April nach all den +Vorbereitungen, die man zu treffen imstande gewesen wäre, nicht hätte +vermieden werden können. Sie brauchte wenigstens nicht in dieser +furchtbaren Größe einzutreten, wenn man mit rechtzeitig herangeholten +Reserven im Gegenstoß dem feindlichen Einbruch entgegenging. Mit schweren +örtlichen Erschütterungen der Verteidigung wird man freilich bei solch +höllischer Vorbereitung des Angriffs immer rechnen müssen. + +Der abendliche Vortrag entwirft an diesem 9. April ein düsteres Bild, viel +Schatten, wenig Licht. Doch man muß in solchen Fällen nach Licht suchen. +Ein Strahl, wenn auch noch in unsicheren Umrissen, deutet sich an. Der +Engländer scheint es nicht verstanden zu haben, den errungenen Erfolg bis +zu seinem letztmöglichen Ergebnis auszunützen. Ein Glück für uns, jetzt, +wie schon manchmal vorher. Nach dem Vortrag drücke ich meinem Ersten +Generalquartiermeister die Hand mit den Worten: „Nun, wir haben schon +Schwereres miteinander durchgemacht als heute.“ Heute, an seinem +Geburtstage! Mein Vertrauen bleibt unerschüttert. Ich wußte, neue Truppen +von uns marschieren auf das Schlachtfeld, Eisenbahnzüge rollen heran. Die +Krisis wird überwunden. In mir selbst wenigstens war sie zu Ende. Der +Kampf aber tobte weiter. + +Ein anderes Schlachtbild: Auch bei Soissons und von da ab weit hin nach +Osten bis in die Gegend von Reims donnern gleichfalls von der ersten +Aprilwoche ab die französischen Kanonen; viele hundert feindliche +Minenwerfer schleudern dort ihre Geschosse. Hier befehligt Nivelle, wohl +dank seines berechtigten Ruhmes von Verdun. Auch er hat aus seinen letzten +Erfahrungen bei Verdun nicht die taktischen Folgerungen gezogen, die wir +erwarteten. Tage-, ja eine Woche lang wütet das französische Feuer. Unsere +Verteidigungszonen sollen in ein Trümmer- und Leichenfeld verwandelt, was +vielleicht noch zufällig der körperlichen Zerstörung entgeht, soll +wenigstens seelisch gebrochen werden. In dieser furchtbaren Esse scheint +die Erreichung solcher Absicht außer Zweifel zu stehen. Endlich hält +Nivelle unsere Truppen für vernichtet oder wenigstens hinreichend +zermürbt. Er läßt seine siegessicheren Bataillone am 16. April zum Sturme, +wir wollen besser sagen, zur Ernte der in der Feuerglut gereiften Früchte +antreten. Da geschieht das Unbegreifliche. Zwischen den Trümmern und +Trichtern erhebt sich deutsches Leben, deutsche Kraft und deutscher Wille +und schleudert sein Verderben in die stürmenden Linien und die ihnen +folgenden, in unserem losbrechenden Feuer wirbelnden und sich +zusammenballenden Haufen. Wohl wird der deutsche Widerstand an den am +schwersten erschütterten Stellen niedergetreten, aber was bedeutet in +diesem Riesenkampfe ein Verlust von einzelnen Stellungsteilen gegenüber +der siegreichen Behauptung der allgemeinen Front? + +Die Schlacht zeigt schon in den ersten Tagen eine ausgesprochene +französische Niederlage. Der blutige Rückschlag wirft die französische +Führung und Truppe in bitterste, ja verbitterte Enttäuschung. + +Der Kampf bei Arras, bei Soissons und bei Reims tobt noch wochenlang. Er +bringt nur einen einzigen taktischen Unterschied gegenüber dem Ringen an +der Somme im vergangenen Jahre, und den möchte ich zu erwähnen nicht +vergessen: der Gegner erringt nämlich über die ersten Tage hinaus nirgends +mehr einen nennenswerten Erfolg, und schon nach wenigen Wochen sinkt er +auf seinen Angriffsfeldern erschöpft in den Stellungskrieg zurück. Unser +Abwehrverfahren hat sich also doch noch glänzend bewährt! + +Und nun noch ein drittes Bild: Die Szenen spielen sich ab auf den Höhen +von Wytschaete und Messines, nordwestlich Lille, angesichts des Kemmel. Es +ist der 7. Juni. Also ein Zeitpunkt, an dem das Scheitern der vorher +erwähnten Kämpfe schon zweifelsfrei feststeht. Die Lage auf den +Wytschaeter Höhen, dem Schlüsselpunkt des dortigen Stellungsbogens, ist +wenig günstig für neuzeitliche Verteidigung. Der verhältnismäßig schmale +Rücken gestattet nicht die Anwendung einer genügend tiefen Zone. Das +vorderste Grabensystem liegt auf den Westhängen und bietet feindlicher +Artillerie treffliche Ziele. Das feuchte Erdreich rutscht im Sommer und +Winter, der Boden ist vielfach vom Minenkrieg zerwühlt, einer Kampfart, +die früher gerade hier um den Besitz der wichtigsten Stellungsteile mit +äußerster Erbitterung angewendet worden war. Doch hört man seit langem +nichts mehr von unterirdischem Wühlen. Nicht nur von Westen, sondern auch +von Süd und Nord her ist die Verteidigung auf den Höhen bei St. Eloi sowie +an den beiden Eckpfeilern Wytschaete und Messines durch die gegnerische +Artillerie zu fassen. + +Der Engländer bereitet seinen Angriff in gewohnter Weise vor. Der +Verteidiger leidet schwer, schwerer als nur irgendwo bisher. Auf unsere +besorgte Frage, ob die Höhen nicht besser freiwillig geräumt würden, +erfolgt die mannhafte Antwort: „Wir werden halten, noch stehen wir fest!“ +Als aber der verhängnisvolle 7. Juni anbricht, erhebt sich der Boden unter +den Verteidigungslinien, ihre wichtigsten Stützteile brechen zusammen und +durch den Rauch und die niederstürzenden Erdmassen der gesprengten +Minenreihen schreiten die englischen Sturmtruppen über die letzten Reste +deutscher Verteidigungskraft hinweg. Krampfhafte Versuche unsererseits, +die Lage durch Gegenstoß zu retten, scheitern an dem mörderischen +feindlichen Artilleriefeuer, das aus weitem Bogen das Rückengebiet der +verlorenen Stellungen in einen wahren Feuerkessel verwandelt. Trotzdem +gelingt es auch hier, den Gegner vor vollendetem Durchbruch unserer Linien +zum Halten zu bringen. Unsere Verluste an Menschen wie Kriegsgerät sind +schwer; die Preisgabe des Geländes wäre zu verschmerzen gewesen. + +Das bisherige Gesamtergebnis der großen feindlichen Offensive im Westen +war nach meinem Urteil für uns nicht unbefriedigend. Geschlagen waren wir +nirgends. Selbst die bedenklichsten Gefahren hatten wir aufgefangen. +Nirgends war es dem Feinde gelungen, über einen mäßigen Geländegewinn +hinaus größere Ziele zu erreichen, geschweige denn aus der +Durchbruchsschlacht zur freien Operation übergehen zu können. Die +Auswertung dieser unserer Erfolge im Westen sollte auch diesmal an anderen +Fronten stattfinden. + + + + Im nahen und fernen Orient + + +Noch bevor der wilde Tanz an unserer Westfront begann, erneuerte Sarrail +seine Angriffe in Mazedonien mit dem Schwergewicht bei Monastir. Auch +diese Ereignisse zogen unsere volle Aufmerksamkeit auf sich. Waren doch +die Ziele des Gegners auch hier sehr weitgesteckt. Gleichzeitig mit diesem +Ansturm gegen die bulgarische Front veranlaßte der Feind einen Aufstand in +Serbien, hierdurch unsere Verbindungen auf der Balkanhalbinsel gefährdend. +Der Aufstand wurde indessen an der bedrohlichsten Stelle, nämlich bei +Nisch, niedergeschlagen, ehe er die besonders von den bulgarischen +Regierungskreisen befürchtete Ausdehnung über ganz Altserbien annahm. + +Die Schlacht an der mazedonischen Front wurde mit großer Erbitterung +geführt. Der bulgarischen Armee gelang es, ohne daß wir ihr weitere +deutsche Unterstützung zusenden mußten, ihre Stellungen nahezu restlos zu +behaupten. Ein uns sehr befriedigendes Ergebnis! Unser Verbündeter hatte +sich sehr gut geschlagen. Er erkannte damals rückhaltslos an, daß sich die +deutsche Arbeit in seinen Kampfreihen bestens bewährt hatte. Ich gewann +daraus die Überzeugung, daß die bulgarische Armee ihrer Aufgabe auch +weiterhin gewachsen sei. Dies bestätigte sich bei Erneuerung der Angriffe +der Entente im Mai. Auch diesmal wurden deren Anstürme in ihrer Ausdehnung +von Monastir bis zum Doiran-See völlig zum Scheitern gebracht. + + + +Im armenischen Hochlande war es still geblieben. Gelegentliche kleinere +Zusammenstöße im Winter schienen mehr durch Beutezüge als durch das +Erwachen der Kampflust auf einer der beiden Seiten veranlaßt worden zu +sein. Der Russe hatte unter dem Einfluß der auch bei ihm bestehenden +ungeheuren Nachschubschwierigkeiten die Masse seiner Truppen aus den +wildesten und verödetsten Hochgebirgsteilen in bessere Verpflegungsgebiete +des Landesinnern zurückgezogen. Die völlige Erstarrung der russischen +Kampflust war aber überraschend. Wir erhielten von türkischer Seite keine +Nachricht, die uns die Gründe hierfür hätte erkennen lassen. + +Im Irak griff der Engländer im Februar an und kam schon am 11. März in den +Besitz von Bagdad. Diesen Erfolg verdankte er einer geschickten Umgehung +der starken türkischen Front. + +In Südpalästina, bei Gaza, brach dagegen der englische Angriff, mit +erdrückender Überlegenheit aber rein frontal und mit geringem taktischen +Geschick geführt, vor den türkischen Linien vollständig zusammen. Nur das +Versagen einer zum umfassenden Gegenstoß angesetzten türkischen Kolonne +rettete hier England vor einer vernichtenden Niederlage. + +Die Rückwirkung dieser Ereignisse in Asien auf unsere gesamte Kriegslage +werde ich noch zu besprechen haben. + + + + An der Ostfront + + +Noch bevor Franzosen und Engländer im Westen zum allgemeinen Angriff +antraten, erbebte die russische Front in ihren Grundfesten. Unter unseren +bisherigen wuchtigen Schlägen hatte das Gefüge des russischen Staates sich +zu lockern begonnen. + +Wie ein Alpdruck hatte der plumpe russische Koloß bisher auf der ganzen +europäischen und asiatischen Welt gelastet. Nun begann es, sich innerhalb +seiner Masse zu dehnen und zu recken. Tiefgreifende Risse traten an die +Oberfläche und durch die entstandenen Spalten gewann man bald Einblick in +die Glut politischer Leidenschaften und in das Getriebe teuflisch roher +Kräfte. Das Zarentum stürzt! Wird sich eine neue Macht finden, die diese +politischen Leidenschaften im Eishauch sibirischer Gefängnisse wieder zur +Erstarrung bringt und die wilden Gewalten wieder unter Gräberhügeln +erdrückt? + +Rußland in Revolution! Wie oft hatten uns wirkliche oder sogenannte Kenner +des Landes das Nahen dieses Ereignisses verkündet. Ich hatte den Glauben +daran verloren. Nun da es eintrat, löste es in mir keineswegs Gefühle +politischer Genugtuung, wohl aber solche kriegerischer Erleichterung aus. +Auch diese letzteren traten erst langsam in Geltung. Ich fragte mich: war +der Sturz des Zaren ein Sieg der Kriegs- oder der Friedensströmung? Hatten +die Totengräber des bisherigen Zarentums nur gearbeitet, um mit dem +letzten Träger der Krone den uns bekannten Friedenswillen hoher russischer +Kreise und die Friedenssehnsucht breiter Massen zum Falle zu bringen? + +Solange das Verhalten des russischen Heeres auf diese Frage keine klare +Antwort gab, war und blieb unsere Lage Rußland gegenüber unsicher. Der +Zersetzungsprozeß hatte im russischen Staat zweifellos eingesetzt. Kam es +nicht bald zur Errichtung einer Diktatur mit gleich rücksichtsloser Gewalt +wie die eben gestürzte, so schritt diese Zersetzung weiter, wenn auch in +dem großen schweren russischen Koloß mit seinen plumpen Lebensäußerungen +vielleicht langsamer als sonstwo. Unser Plan ist von Anfang an, diesen +Gang der Ereignisse nicht zu stören, wir müssen nur auf der Hut sein, daß +er uns nicht stört: ja vielleicht zerstört. Man muß in dieser Lage an die +Lehren der Kanonade von Valmy denken, die mehr als hundert Jahre früher +die aufgewühlten und zerrissenen französischen Volkskräfte wieder +zusammenschweißte und den Antrieb gab zu jener großen blutroten Flut, die +ganz Europa überschwemmte. Freilich, das Rußland des Jahres 1917 verfügt +nicht mehr über die großen, unverbrauchten Menschenmassen des damaligen +Frankreichs. Des Zarenreiches beste und tauglichste Kräfte stehen an der +Front oder liegen in Massengräbern vor und hinter unseren Linien. + +Der Verzicht, der mir persönlich durch ruhiges Warten angesichts der +beginnenden russischen Zersetzung auferlegt wird, ist groß. Kann ich mich +jetzt aus politischen Gründen mit einer Offensive an der Ostfront nicht +befreunden, so drängt das soldatische Empfinden zu einem Angriff im +Westen. Ich denke an das Stocken des englischen Angriffs bei Arras, an die +schwere Niederlage Frankreichs zwischen Soissons und Reims. Gibt es einen +näher liegenden Gedanken als den, alle brauchbaren Kampftruppen vom Osten +nach dem Westen zu werfen und dort zum Angriff vorzugehen? Noch ist +Amerika weit weg. Mag es kommen, nachdem auch Frankreichs Kräfte gebrochen +sind. Dann kommt es zu spät! + +Die ihr drohende schwere Gefahr erkennt aber auch die Entente, und sie +arbeitet mit allen Mitteln, um den Zusammenbruch der russischen Macht und +damit eine weitgehende Entlastung unserer Ostfront zu verhindern. Rußland +muß aushalten, wenigstens bis Amerikas neugebildete Armeen den +französischen Boden betreten können, sonst scheint die kriegerische und +moralische Niederlage Frankreichs sicher. Also schafft die Entente +Politiker, Agitatoren, Offiziere nach Rußland, um die dortige zerwühlte +und rissige Front zu stützen; sie vergißt auch nicht diesen Missionen Geld +mitzugeben, das an manchen Stellen Rußlands kräftiger wirkt als politische +Gründe. + +Durch diese Gegenwirkung werden uns auch diesmal die größten +Siegesaussichten geraubt. Die russische Front wird gehalten, nicht durch +eigene Stärke, sondern hauptsächlich durch die agitatorischen Mittel, die +unsere Feinde dorthin bringen, und die ihre Zwecke erreichen, selbst gegen +den Willen der russischen Massen. + +Hätten wir nicht vielleicht doch angreifen sollen, als sich die ersten +Zerreißungen im russischen Gebäude zeigten? Verdarben uns nicht vielleicht +politische Gesichtspunkte die schönsten Früchte unserer bisherigen größten +Erfolge? + +Unsere Beziehungen zum russischen Heere an der Ostfront entwickeln sich +zunächst in immer ausgesprochenerem Grade zu einem Waffenstillstand, wenn +auch ohne schriftliche Festsetzung. Die russische Infanterie erklärte +allmählich fast überall, daß sie nicht mehr kämpfen würde. Doch bleibt sie +mit der ihrer Masse eigenen Stumpfheit in ihren Gräben sitzen. Wo die +gegenseitigen Beziehungen allzu offenkundig freundschaftliche +Verkehrsformen annehmen, schießt die russische Artillerie ab und zu +dazwischen. Diese Waffe ist noch in den Händen ihrer Führer, nicht aus +einem ihr angeborenen konservativen Sinn, sondern weil sie nicht in so +viele selbständige Köpfe zerfällt als ihre Schwesterwaffe. Der Einfluß der +Ententeagitatoren und Offiziere macht sich in den russischen Batterien +noch durchgreifend geltend. Der russische Infanterist schimpft zwar über +diese Störung der ihm so willkommenen Waffenruhe, verprügelt wohl auch +hier und da mal die artilleristische Schwester und freut sich, wenn unsere +Granaten in deren Geschützständen krepieren, aber der geschilderte Zustand +bleibt monatelang unverändert. + +Die russische Kriegsunlust ist am ausgesprochensten auf dem nördlichen +Flügel. Von da nimmt sie nach Süden ab. Der Rumäne ist augenscheinlich von +ihr unberührt. Vom Mai ab zeigt sich auch im Norden, daß die Führung die +Zügel wieder in die Hand bekommt. Die Freundschaft zwischen den +beiderseitigen Schützengräben hört mehr und mehr auf. Man kehrt wieder zu +den alten Umgangsformen mit den Waffen in der Hand zurück. Bald ist auch +kein Zweifel mehr, daß im Rückengebiet der russischen Front mit aller +Kraft gearbeitet und diszipliniert wird. So wird das russische Heer +wenigstens zum Teil wieder widerstandsbereit, ja sogar angriffsfähig +gemacht. Die Kriegsströmung hat sich durchgesetzt, und Rußland schreitet +zu einer großen Offensive unter Kerenski. + +Kerenski, nicht Brussilow? Den letzteren haben wohl die Ströme eigenen +Volksblutes, die im Jahre 1916 in Galizien und Wolhynien flossen, von +dieser höchsten Stelle hinweggerissen, ähnlich wie es in diesem Frühjahr +Nivelle in Frankreich erging. Auch in dem menschenreichen Rußland scheint +man demnach empfindsam geworden zu sein gegen Massenopfer. Man hat im +großen Schuldbuch des Krieges die Seite aufgeschlagen, auf der die +russischen Verluste verzeichnet sind, die Zahl ist aber nicht erkennbar. +Fünf oder acht Millionen? Auch wir haben keine Ahnung von ihrer Größe. Wir +wissen nur, daß wir ab und zu in den Russenschlachten die Hügel der +feindlichen Leichen vor unseren Gräben entfernen mußten, um das Schußfeld +gegen neuanstürmende Gewalthaufen frei zu bekommen. Mag die Phantasie +hieraus die Zahl der Verluste zusammenstellen, eine richtige Berechnung +bleibt für ewig ein mißlingender Versuch. + +Ob Kerenski aus eigenem Entschluß oder durch die Lockungen und den Zwang +der Entente zum Angriff bewogen wird, ist schwer zu entscheiden. +Jedenfalls hat die Entente das größte Interesse daran, daß Rußland +nochmals zu einer Offensive vorgetrieben wird. Sie hat im Westen die gute +Hälfte ihrer Sturmkraft bis jetzt schon vergeblich geopfert, ja vielleicht +schon mehr als die Hälfte. Was bleibt ihr aber übrig als den Einsatz des +gebliebenen Restes zu wagen, wenn auch die Hilfe Amerikas noch fern ist? +Der Unterseebootkrieg frißt gerade in jenen Monaten an dem Lebensmark +unseres erbittertsten, unversöhnlichsten Gegners in einer Stärke, daß es +fraglich erscheinen muß, ob für Amerikas Hilfe im kommenden Jahr noch die +Möglichkeit des Transportes gegeben sein wird. Deutschlands Truppen müssen +also im Osten festgehalten werden, und deswegen wird Kerenski die letzte +Kraft Rußlands im Angriff einsetzen. Ein gewagtes Spiel, am meisten gewagt +für Rußland! Doch voll berechtigt; denn gelingt es, dann ist nicht nur die +Entente gerettet, sondern es kann auch eine russische Diktatur geschaffen +und erhalten werden. Ohne solche ist Rußland dem Chaos verfallen. + +Die Aussichten für die Offensive Kerenskis gegen die deutsche Front sind +freilich jetzt kaum besser als in früheren Zeiten. Mögen auch gute, +deutsche Divisionen nach dem Westen gezogen worden sein, die verbliebenen +genügen, um einen russischen Anprall auszuhalten. Zu einer langandauernden +Sturmflut wie 1917 wird der Angriff nicht werden, dazu fehlt dem Gegner +die innere Kraft. Zahlreiche russische Freiheitsverkünder durchziehen +plündernd das Rückengebiet der Armee oder strömen der Heimat zu. Auch gute +Elemente verlassen die Front, aus Sorge um Angehörige und Besitz +angesichts der drohenden innerpolitischen Katastrophe. + +Bedenklich liegen dagegen die Verhältnisse an der +österreichisch-ungarischen Front; es ist zu befürchten, daß dort auch +jetzt wieder, wie 1916, der russische Ansturm schwache Stellen finden +wird. Vielleicht, ja sicher wohl, hat Kerenski darüber die gleichen +Nachrichten, wie wir. Wird uns doch schon im Frühjahr durch einen +Vertreter der verbündeten Macht ein tiefernstes Bild von dortigen +Zuständen entworfen mit dem Gesamteindruck, daß „die +österreichisch-slawischen Truppen in überwiegender Mehrzahl einem +russischen Angriff jetzt noch geringeren Widerstand entgegensetzen werden +wie 1916“, denn sie sind gleichzeitig mit den russischen Truppen auch +politisch zersetzt worden. + +Aus ähnlichem Einblick, den Überläufer ihm liefern, wird sich wohl +Kerenskis Kriegsplan ergeben haben, nämlich: Örtliche Angriffe gegen die +Deutschen, um diese zu binden, den Massenstoß aber gegen die k. u. k. +Mauer. Und so geschah es. + +Bei Riga, Dünaburg und Smorgon greift der Russe die deutschen Stellungen +an und wird zurückgetrieben. Die Mauer in Galizien erweist sich nur da als +steinern, wo österreichisch-ungarische Truppen mit deutschen vereint +stehen. Dagegen stürzt die österreichisch-slawische Wand bei Stanislau vor +dem einfachen Pochen Kerenskis. Aber Kerenskis Truppen sind nicht mehr +Brussilows Truppen. Ein Jahr verging seit des letzteren Offensive. Es war +ein Jahr schwerer Verluste und tiefer Zersetzung für das russische Heer. +So dringt die russische Offensive trotz günstigster Aussichten auch bei +Stanislau nicht vollständig durch. + +Die russische Saat ist nun endlich zum Schneiden reif. Die Schnitter +stehen auch schon bereit. Es ist die Zeit, in der auch auf den Fluren der +deutschen Heimat die wirkliche Ernte beginnt. Mitte Juli! + + + + + Unser Gegenstoß im Osten + + +Gegenstoß! Keine Truppe, kein Führer an der Front kann diese Nachricht mit +freudigerer Genugtuung vernommen haben, wie ich sie empfand, als ich +endlich den Zeitpunkt hierfür gekommen sah. + +An früherer Stelle habe ich unsere Lage bis zum Frühjahr 1917 als eine +große strategische Bereitstellung bezeichnet. Unsere Reserven waren dabei +freilich nicht eng vereinigt, wie etwa die Heeresmassen Napoleons, als er +im Herbste 1813 den Angriff der ihn von allen Seiten umringenden Gegner +erwartete. Die ungeheuren Räume, die wir zu beherrschen hatten, verboten +ein derartiges Verfahren. Die Leistungen unserer Eisenbahnen ermöglichten +andererseits, auch weit verstreut stehende Verfügungstruppen rasch zu +einem Stoß auf ein gewähltes Operationsfeld zu werfen. + +Die Abwehrkämpfe im Westen hatten an dem Bestand unserer Reserven stark +gezehrt. Mit dem verbliebenen Reste dort eine Gegenoffensive zu machen, +verboten die Stärkeverhältnisse und die Kampfschwierigkeiten. Dagegen +schienen diese unsere Kräfte auszureichen, um mit ihnen im Osten die Lage +endgültig zu unseren Gunsten zu entscheiden und dadurch den politischen +Zusammenbruch unserer dortigen Gegner herbeizuführen. Die Stützen Rußlands +waren morsch geworden. Die letzten Kraftäußerungen des jetzt +republikanischen Heeres waren nur das Ergebnis einer künstlich +hochgetriebenen Welle, die ihre Stärke nicht mehr aus den Tiefen des +Volkes schöpfte. War aber in diesem Völkerringen die Fäulnis in ein +Volksheer einmal eingedrungen, so mußte der völlige Zusammenbruch +unvermeidlich sein. Aus dieser Überzeugung heraus war ich der Meinung, daß +wir in Rußland auch mit geringen Mitteln nunmehr Entscheidendes erreichen +könnten. + +Begreiflicherweise fehlte es nicht an Stimmen, die vor einem Einsatz +unserer verfügbaren Reserven zu einem Angriff auch jetzt noch warnten. Und +in der Tat, die Frage war nicht so einfach zu entscheiden, als es jetzt, +wo sich der Gang der Ereignisse klar überblicken läßt, scheinen möchte. +Wir hatten in der Zeit des Entschlusses manche schwere Bedenken und Sorgen +zurückzustellen. War doch damals schon klar, daß der englische Angriff bei +Wytschaete und Messines am 7. Juni nur den Vorbereitungskampf zu einem +weit größeren Schlachtendrama bildete, das, sich an ihn anschließend, +seinen Hintergrund in der weiter nördlich gelegenen flandrischen +Landschaft haben würde. Auch mußten wir damit rechnen, daß Frankreich +wieder zum Angriff schreiten würde, sobald sich sein Heer von den schweren +Rückschlägen aus der Frühjahrsoffensive erholt hatte. + +Das Wegziehen von Kräften aus dem Westen, es handelte sich um +6 Divisionen, war zweifellos ein Wagnis, ähnlich, wie wir es im Jahre 1916 +beim Angriff auf Rumänien übernehmen mußten. Damals freilich zwang uns die +offene Not. Jetzt führte uns der freie Entschluß. In beiden Fällen aber +war das Wagnis gegründet auf das unerschütterliche Vertrauen zu unseren +Truppen. + +Auch aus anderen Gründen, als aus denen der allgemeinen Kriegslage erhoben +sich gegen unseren Plan abmahnende Stimmen. An der Hand der Erfahrungen, +die die Gegner unserer Verteidigung gegenüber gemacht hatten, wurde die +Möglichkeit durchschlagender Angriffserfolge unsererseits bezweifelt. Ich +erinnere mich, daß wir noch kurz vor dem Beginne unseres Gegenstoßes an +der galizischen Front gewarnt wurden, mit den bereitgestellten Kräften +nicht mehr zu erhoffen, als einen örtlichen Erfolg; also eine Einbeulung +der feindlichen Linien, so wie der Gegner sie vielfach gegen unsere +Verteidigung im ersten Anlauf erreichte. War dies anzustreben? +Verzichteten wir dann nicht besser auf die ganze Operation? + +Unter solchen Annahmen wurde auch die Anregung begreiflich: Wir sollten +unsere Landkräfte lediglich zur Abwehr bereithalten und im übrigen +abwarten, bis unsere Unterseeboote unsere Hoffnungen erfüllt haben würden. +Der Gedanke hatte etwas verführerisches. Das Ergebnis des +Unterseebootkrieges übertraf nach den uns damals zukommenden Mitteilungen +alle unsere Erwartungen. Seine Wirkungen mußten daher bald offen zutage +treten. Trotzdem konnte ich mich mit diesem Vorschlag nicht befreunden. +Die militärischen wie politischen Verhältnisse im Osten drängten gerade +jetzt derartig zur Entscheidung, daß wir nicht monatelang stillhalten und +nur zusehen konnten. Wir mußten befürchten, daß, wenn dem Angriff +Kerenskis unser Gegenschlag nicht auf dem Fuße folgte, die kriegerischen +Strömungen in Rußland wieder die unbedingte Oberhand gewinnen würden. Es +ist nicht notwendig, sich die Rückwirkung eines solchen Ganges der +Ereignisse auf unser Land und auf unsere Verbündeten näher auszumalen. + +Während sich Kerenski vergeblich abmüht, mit der Masse seiner noch +angriffsfähigen Truppen nordwestlich Stanislau die inzwischen durch +deutsche Kräfte stärker gestützten österreichisch-ungarischen Linien zu +durchbrechen, versammeln wir südwestlich Brody, also seitwärts des +russischen Einbruchs, eine starke Angriffsgruppe und treten am 19. Juli in +südöstlicher Richtung auf Tarnopol zum Angriff an. Unsere Operation trifft +wenig widerstandsfähige, im voraufgegangenen Angriff erschöpfte Teile der +russischen Linien. Sie werden rasch über den Haufen geworfen, und mit +einem Schlage bricht die ganze Offensive Kerenskis zusammen. Nur +schleuniger Rückzug kann die nach Norden und vor allem die nach Süden an +unsere Durchbruchstelle anschließenden russischen Kräfte vor dem Verderben +retten. Unsere gesamte Ostfront in Galizien, bis weit nach Süden in die +Karpathen hinein, setzt sich in Bewegung und folgt dem weichenden Feinde. +Schon Anfang August ist fast ganz Galizien und die Bukowina vom Gegner +befreit. An diesem schönen Erfolge haben unsere Bundesgenossen +entsprechenden Anteil. Es wurde mir mitgeteilt, daß sich in den +österreichisch-ungarischen Verfolgungskämpfen ganz besonders die +Feldartillerie ausgezeichnet hätte. Sie fuhr in kühner Rücksichtslosigkeit +über die eigene Infanterie hinaus an die Russen heran. Ich habe diese +treffliche Waffe ja schon 1866 bei Königgrätz als Gegner bewundern gelernt +und freute mich daher doppelt der erneuten Bewährung ihres Ruhmes auf +unserer Seite. + +Unsere Offensive kam an der Grenze der Moldau zum Stehen. Niemand konnte +das mehr bedauern als ich. Wir waren in der denkbar günstigsten +strategischen Lage, um uns durch Fortsetzung der Bewegungen in den Besitz +dieses letzten Teiles Rumäniens zu setzen. Bei den damaligen politischen +Verhältnissen in Rußland hätte das rumänische Heer sich wohl sicher +aufgelöst, wenn wir es zum völligen Verlassen seines heimatlichen Bodens +zwingen konnten. Wie hätten ein rumänischer König und ein königlich +rumänisches Heer auf revoltierendem russischen Boden weiter bestehen +können? Unsere rückwärtigen Verbindungen waren jedoch infolge +Bahnzerstörungen durch die weichenden Russen so schwierig geworden, daß +wir schweren Herzens auf die Fortsetzung der Operationen an dieser Stelle +verzichten mußten. Ein späterer Versuch unsererseits durch einen Angriff +bei Focsani die rumänische Armee in der Moldau ins Wanken zu bringen, +drang nicht durch. + +Wir halten nun weiter an dem Entschluß fest, Rußland bis zur endgültigen +militärischen Ausschaltung nicht mehr locker zu lassen, mochte auch zu +dieser Zeit im Westen der Beginn des flandrischen Dramas unsere +Aufmerksamkeit, ja unsere vermehrten Sorgen auf sich ziehen. Konnten wir +in Wolhynien und in der Moldau auf das russische Heer nicht weiter +losschlagen, so mußte das an einem anderen Frontteil geschehen. + +Bei Riga bot sich nun hierfür eine besonders geeignete Stelle, an der +Rußland nicht nur militärisch sondern auch politisch empfindlich getroffen +werden konnte. Dort sprang der russische Nordflügel wie eine mächtige +Flankenstellung auf mehr als 70 km Breite bei nur 20 km Tiefe längs des +Meeres auf das Westufer der Düna vor, eine strategische und taktische +Drohstellung gegenüber unserer eigenen Front. Diese Lage hatte uns bereits +früher, als ich noch das Oberkommando im Osten führte, gereizt. Wir hatten +schon 1915 und 1916 Pläne geschmiedet, wie wir diese Stellung in der Nähe +ihrer Basis durchbrechen und dadurch einen großen Schlag gegen ihre +Besatzung führen könnten. + +Auf dem glatten Papier eigentlich eine sehr leichte Operation, in der +rauhen Wirklichkeit aber doch nicht ganz so einfach. Der Durchbruchskeil +mußte nämlich oberhalb Riga über die breite Düna in nördlicher Richtung +vorgetrieben werden. Nun hatten freilich im Verlauf des Krieges große +Ströme wesentlich an ihrem imponierenden Charakter als Hindernisse +eingebüßt. Hatte doch Generalfeldmarschall von Mackensen die mächtige +Donau angesichts des Gegners zweimal überschritten. Wir konnten uns also +an die Überwindung der schmaleren Düna mit leichterem Herzen heranwagen; +aber die große Schwierigkeit des Unternehmens lag darin, daß die +russischen vollbesetzten Schützengräben sich überall dicht an dem +gegenüberliegenden Ufer hinzogen, die Düna wie einen nassen Festungsgraben +ausnützend. + +Trotzdem gelingt am 1. September der kühne Angriff, da der Russe in +unserem Vorbereitungsfeuer seine Uferstellungen verläßt. Und auch die +Besatzung der großen Flankenstellung westlich des Flusses weicht, Tag und +Nacht marschierend, über Riga nach Osten und entzieht sich dadurch leider +großenteils rechtzeitig der Gefangenschaft. + +Unser Angriff bei Riga ruft in Rußland die größte Sorge um Petersburg +hervor. Die Hauptstadt des Landes gerät in Aufregung. Sie fühlt sich durch +unseren Angriff bei Riga unmittelbar bedroht. Petersburg, immer noch der +Kopf Rußlands, gelangt in einen Zustand höchster Nervosität, der +sachliches, ruhiges Denken ausschließt; sonst würde man dort wohl den +Zirkel in die Hand genommen haben, um die Entfernungen zu messen, die +unsere bei Riga siegreichen Truppen immer noch von der russischen +Hauptstadt trennen. Freilich nicht nur in Rußland, auch in unserem +Vaterlande arbeitet die Phantasie bei dieser Gelegenheit sehr lebhaft und +vergißt Raum und Zeit. Man gibt sich auch bei uns starken Illusionen über +einen Vormarsch auf Petersburg hin. Offen gestanden würde diesen niemand +lieber durchgeführt haben als ich selbst. Ich verstand daher das Drängen +unserer Truppen und ihrer Führer, das Vorgehen mindestens bis zum +Peipussee fortzusetzen. Allein wir mußten auf die Ausführung all dieser +gewiß sehr schönen Gedanken verzichten; sie hätten unsere Truppen zu lange +und in zu großer Zahl in einer Richtung gefesselt, die mit unseren +weiteren Absichten nicht in Einklang zu bringen war. Unsere Aufmerksamkeit +mußte sich vom Rigaischen Meerbusen der Küste des Adriatischen Meeres +zuwenden. Darüber gleich nachher. + +Können wir aber auf Petersburg nicht weitermarschieren und dadurch das +Nervenzentrum Rußlands bis zum Zusammenbruch in lebhaftester Unruhe +erhalten, so gibt es noch einen anderen Weg, um diesen Zweck zu erreichen, +nämlich den zur See. Unsere Flotte geht mit voller Hingabe auf unsere +Anregung ein. So entsteht der Entschluß, die dem Rigaischen Meerbusen +vorgelagerte Insel Ösel wegzunehmen. Von dort bedrohen wir den russischen +Kriegshafen Reval unmittelbar und vermehren unseren Druck auf das erregte +Petersburg unter Einsatz nur geringer Kräfte. + +Die Operation gegen Ösel zeigt die einzige völlig gelungene Unternehmung +beider Parteien in diesem Kriege, soweit es sich um ein Zusammenwirken von +Heer und Flotte handelte. Die Verwirklichung des Planes wurde anfänglich +durch ungünstiges Wetter derartig in Frage gestellt, daß wir schon daran +dachten, die eingeschifften Truppen wieder an Land zu nehmen. Der Eintritt +besserer Witterung läßt uns dann die Ausführung wagen. Sie verläuft von da +ab nahezu mit der Genauigkeit eines Uhrwerks. Die Marine entspricht den +hohen Anforderungen, die wir hierbei an sie stellen müssen, in jeder +Richtung. + +Wir gelangen in den Besitz von Ösel und der benachbarten Inseln. In +Petersburg werden die Nerven immer aufgeregter und arbeiten immer wilder +und zusammenhangloser. Die Geschlossenheit in der russischen Heeresfront +lockert sich mehr und mehr; immer deutlicher tritt zutage, daß Rußland zu +sehr von inneren Aufregungen verzehrt wird, als daß es noch imstande wäre, +in absehbarer Zeit nach außen hin zu erneuter Kraftentfaltung zu kommen. +Was mitten in diesem Trubel noch fest und haltbar erscheint, wird von der +roten Flut immer stärker umbrandet; Stück auf Stück wird von den +Grundpfeilern des Staates weggerissen. + +Unter unseren letzten Schlägen wankt der Koloß nicht nur, sondern er +berstet und stürzt. Wir aber wenden uns einer neuen Aufgabe zu. + + + + + Angriff auf Italien + + +Trotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit außerordentlich ernst +ist, entschließen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner +früheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht +darüber verwundert sein, daß ich nun doch die Zustimmung meines +Allerhöchsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen für eine +Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluß auf unsere gesamte +Lage versprach. Demgegenüber kann ich nur sagen, daß ich meine +Anschauungen in dieser Beziehung nicht geändert hatte. Ich hielt es auch +im Herbste 1917 für ausgeschlossen, daß uns selbst im Falle eines +durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner +gelingen würde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn +dieses Jahres, daß wir lediglich für den Ruhm eines erfolgreichen +Feldzuges gegen Italien deutsche Kräfte der gefährlichen Lage unserer +Westfront entziehen dürften. Die Gründe meiner nunmehrigen Befürwortung +unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten +zu suchen. Unser österreichisch-ungarischer Verbündeter klärte uns dahin +auf, daß er nicht mehr die Kraft habe, einen zwölften italienischen +Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eröffnung war für uns +militärisch wie politisch von gleich großer Bedeutung. Es handelte sich +nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den +Zusammenbruch des gesamten österreichisch-ungarischen Widerstandes. Die +Donaumonarchie war einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front +gegenüber weit empfindlicher als gegenüber einer solchen auf dem +galizischen Kriegstheater. Für Galizien hatte man in Österreich-Ungarn nie +mit Begeisterung gefochten. „Wer den Krieg verliert, muß Galizien +behalten“, war ein im Feldzug oft gehörtes österreichisch-ungarisches +Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse für die +italienische Grenze immer ein außerordentlich großes. In Galizien, das +heißt gegen Rußland, focht Österreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen +Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten +sich auffallenderweise alle Stämme des Doppelreiches mit fast gleich +großer Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Rußland versagt +hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete +gewissermaßen ein kriegerisch einigendes Band für die ganze Monarchie. Was +würde eintreten, wenn auch dieses Band zerriß? Die Gefahr hierfür ist in +dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, groß. Ende August hat nämlich Cadorna +in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelände gewonnen. +Alle bisherigen Geländeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren +nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natürliche Folge der +zerstörenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die stärkste Verteidigung. +Jetzt aber waren die österreichischen Widerstandslinien an den äußersten +Rand zurückgedrängt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen +weiteres Gelände, so wurde für Österreich die Lage vorwärts Triest +unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese +Stadt fällt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg +zwischen Italien und Österreich entscheiden zu können. Triest ist für die +Donaumonarchie nicht nur eine ideale Größe sondern auch ein höchst realer +Wert. An seinem Besitz hängt auch in der Zukunft ein großer Teil der +wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muß also gerettet werden, und +da es nicht anders möglich ist, mit deutscher Hilfe. + +Gelang es uns, den Verbündeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden +Sieg an seiner Südwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der +Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Österreich-Ungarn jedenfalls +imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die +schweren Kämpfe an der Isonzofront hatten bisher an der +österreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der größte Teil ihrer +besten Truppen hatte Cadorna gegenüber gestanden und am Isonzo schwer +geblutet. Österreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich +größten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang +einer mindestens dreifachen italienischen Überlegenheit gegenüber, und +zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer +Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung +sogar übertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige +Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Südtirol an die Verteidigungstruppen +stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet +des ewigen Eises und Schnees hinauf. + +Für eine Operation gegen Italien war es der nächstliegende Gedanke: +Vorbrechen aus Südtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen +Heeres im großen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Auflösung +entgegengeführt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die +strategische Linienführung gleichgünstige Vorbedingungen für einen +gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation mußte dieser gegenüber fast wie +ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mußten wir +auf ihre Durchführung verzichten! + +Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes dürfen wir den inneren +Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen +Italien nicht außer acht lassen. Wir konnten für den letzteren in +Rücksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Hälfte derjenigen +Zahl deutscher Divisionen zur Verfügung stellen, die Generaloberst von +Conrad für einen wirkungsvollen, durchschlagenden Angriff aus Südtirol +heraus im Winter 1916/17 für erforderlich gehalten hatte. Stärkere Kräfte +konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfügung stellen, wenn +wir, wie es tatsächlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit +rechneten, daß unsere Gegner an der Westfront sich genötigt sehen würden, +bei einer schweren Niederlage ihres Verbündeten einige Divisionen aus +ihrer großen Überlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer +Operation aus Südtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, daß ein +früher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet +war. Die angeführten Gründe zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren +Ziele zu begnügen und zu versuchen, die italienische Front an dem +offenkundig schwachen Nordflügel der Isonzoarmee zu durchstoßen, um dann +gegen den südlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden +Schlag zu führen, bevor ihm der Rückzug hinter den schützenden Abschnitt +des Tagliamento gelingen konnte. + +Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Mühe gelang es +Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Südteil seines Heeres unter +Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zurücklassung großer +Mengen Kriegsgeräts hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die +Italiener in engerer Vereinigung und gestützt durch herbeigeeilte +französische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand. +Der linke Flügel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergrücken +der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische +Tiefebene weithin beherrschenden Höhen noch zu gewinnen und damit den +feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu +bringen, scheiterte. Ich mußte mich überzeugen, daß unsere Kraft zur +Erfüllung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich +tot gelaufen. Der zäheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Führung +wie ihrer Truppen mußte vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen. + +So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich +mich doch eines Gefühles des Unbefriedigtseins nicht völlig entziehen. Der +große Sieg war schließlich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere +prächtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem +Feldzuge zurück. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch +diejenige ihres Führers. + + + + + Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917 + + + + Im Westen + + +Während wir gegen Rußland die letzten Schläge führten und Italien nahezu +an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England +und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag für uns +die größte Gefahr des ganzen Feldzugsjahres. + +Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der außerordentlichen +Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und +ungeachtet der Gefahr, daß durch größere englische Erfolge unsere +Operationen auf den übrigen Kriegsschauplätzen beeinträchtigt werden +könnten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse +Befriedigung. England machte nochmals die erwartete äußerste Anstrengung, +einen großen und entscheidenden Angriff gegen uns zu führen, bevor die +Unterstützung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fühlbar werden +konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu +erkennen, durch den England sich veranlaßt sah, die Kriegsentscheidung +noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen. + +Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmaßen, +wohl aber in der Zähigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekämpft +wurde, und in den Schwierigkeiten, die das Gelände in erster Linie dem +Verteidiger bot, unseren Kämpfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an +die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde +nunmehr auf der sumpfigen, brüchigen, flandrischen Erde gefochten. Auch +dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten +Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Höchststeigerung +der düsteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kämpfe +hielten uns selbstredend in einer großen Spannung. Ich darf wohl sagen, +daß wir unter ihrem Drucke das Gefühl der Siegesfreude über unsere Erfolge +in Rußland und Italien nur selten unbeeinträchtigt genießen konnten. + +Mit größter Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit. +Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flächen des +flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen +füllten sich die frischgeschlagenen Geschoßtrichter so rasch mit +Grundwasser, daß der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die +Frage gestellt war: „Entweder ertrinken oder diese Höhlung verlassen!“ +Auch dieser Kampf mußte dann im Morast ersticken, wenn auch englische +Zähigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien. + +Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme +erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen +Parteien. + +Gegen Abschluß der flandrischen Schlacht entbrannte plötzlich ein wilder +Kampf in einer bisher verhältnismäßig stillen Gegend. Am 20. November +wurden wir bei Cambrai überraschend von den Engländern angegriffen. Sie +trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur +wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der +Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere +völlig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische +Kavallerie erschien am Rande der Vorstädte von Cambrai. Der Durchbruch +unserer Linien schien gegen Jahresschluß also doch noch Tatsache zu +werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf- +und transportmüden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es +glückte uns nach mehrtägigen mörderischen Abwehrkämpfen am 30. November, +mit rasch herangefahrenen, einigermaßen frischen Kräften den feindlichen +Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die frühere Lage +unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast völlig wiederherzustellen. +Nicht nur unsere dortige Armeeführung, sondern auch die Truppen und unser +Eisenbahnwesen hatten eine der glänzendsten Leistungen des Krieges +vollbracht. + +Der erste größere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen +Operationen übertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und +belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Führer wirkte, +war seine Wirkung auch auf mich persönlich. Ich empfand es wie eine +Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen +Verteidigungstätigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres +Gegenangriffs bedeutete für uns aber mehr als bloße Befriedigung. Die +Überraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre +für die Zukunft. + +Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Führung zum +ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen, +schematischen Kriegführung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte. +Ein höherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu +sein. Die Fesselung unserer Hauptkräfte in Flandern und der französischen +Front gegenüber war zu einem überraschenden, großen Schlag bei Cambrai +ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Führung auf englischer +Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht +gewachsen. Sie ließ sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines +glänzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Händen nehmen, und zwar von +Kräften, die sowohl nach Zahl wie nach Verfassung den ihrigen weit +unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei +Cambrai den gründlichen Rückschlag. Auch seine Oberste Führung scheint +versäumt zu haben, die nötigen Mittel zur unbedingten Sicherung der +Durchführung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke +Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen +genügten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen +Widerstände zu beseitigen, die für eine durchgreifende Entscheidung die +freie Bahn in Flanke und Rücken des Gegners noch sperrten. Die englischen +Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen +Verteidigung gegenüber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, für den +sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten. + +Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines +großen Überraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses +Kampfmittel schon von der Frühjahrsoffensive her, in der es uns keinen +besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, daß die Tanks +nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, daß sie die meisten +unserer unversehrten Gräben und Hindernisse überwanden, verfehlte eine +starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger +physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten +Geschützen, das aus ihnen sprühte, als moralisch aufreibend durch ihre +verhältnismäßige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fühlte sich den +Panzerwänden gegenüber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die +Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Rücken bedroht und +verließ seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, daß unsere +Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug über sich +ergehen lassen mußten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen +Vernichtungswaffe abfinden würden, und daß unsere Technik die Mittel zur +Bekämpfung der Tanks bald und in der nötigen handlichen Form liefern +würde. + +Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen +ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuß zu. Sie griffen +uns in der zweiten Augusthälfte bei Verdun und am 22. Oktober nordöstlich +von Soissons an. In beiden Fällen entrissen sie unseren dort stehenden +Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende +Verluste. Im allgemeinen beschränkte sich die französische Führung aber in +der zweiten Jahreshälfte auf örtliche Angriffe, wohl gezwungen durch die +mörderischen Verluste, die sie im Frühjahr erlitten hatte, und die es ihr +nicht rätlich erscheinen ließen, ihre Truppen nochmals gleich schweren +Erschütterungen auszusetzen. + + + + Auf dem Balkan + + +Angriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien während der +letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz +nicht zu verändern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen +Unternehmungen keine größeren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine +merkwürdige Zurückhaltung, die auf ein nahezu völliges Brachlegen seiner +Kräfte für die Gesamtlage hinauslief. + +Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische +Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten, +ließen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen würde, +kampfbrauchbare Truppenverbände zu schaffen. Selbst die sogenannten +venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als +teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen +Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten. +Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die +Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die +bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der +Ereignisse des Jahres 1913. + + + + In Asien + + +Ich wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Türkei zu. Das +Fehlen ihrer Darstellung würde ich für ein Unrecht gegen den tapferen und +treuen Bundesgenossen halten. Ferner würde durch diesen Mangel die +Schilderung des gewaltigen Dramas unvollständig werden, dessen Szenerien +sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans +ausdehnten. Auch hier möchte ich mich weniger mit der Beschreibung der +Vorgänge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhänge beschäftigen. + +Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen mühte sich nicht nur an +Feldzugsplänen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in +den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemühungen gelangten teilweise auch +in meine Hände. Meistens beschränkte man sich bei solchen schriftlichen +Darlegungen, „um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu +nehmen“, auf „allgemeine Richtlinien“ und glaubte, das weitere +vertrauensvoll mir überlassen zu können. Nur mahnte man häufig zur Eile! +Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb +mir eines Tages: „Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei +Kiliz – also dorthin unsere gesamte Kraft!“ Es galt zunächst diesen Ort zu +suchen. Er wurde innerhalb der gemäßigten Zone, nördlich von Aleppo, +entdeckt. + +Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag +doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefühls in diesem seinem +Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das +Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen wäre auf dem kürzesten Wege +bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht, +ja vielleicht nur ernstlich versucht hätte. Die Herrschaft über das Land +südlich des Taurus war für die Türkei mit einem Schlage unrettbar +verloren, wenn es den Engländern gelang, im Golf von Alexandrette zu +landen und in östlicher Richtung vorzudringen. Damit wäre die Lebensader +der ganzen transtaurischen Türkei, durch die frisches Blut und andere +Nährkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der +kaukasischen Armeen floß, durchschnitten worden. Gering genug war ja die +Kraft- und Blutmenge, aber sie genügte doch lange Zeit, um die osmanischen +Armeen gegen die ungenügend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich +geführten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden +Standhalten zu befähigen. + +Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer türkischen Armee +anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies. +Alles, was diese Bezeichnung verdiente, strömte immer wieder von dort nach +Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Küstenschutz +bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der +kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir +gegenüber treffend mit den Worten: „Meine einzige Hoffnung ist, daß der +Gegner unsere Schwäche an dieser gefährlichen Stelle nicht bemerkt.“ + +War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafür gegeben, daß diese +ernstliche Schwäche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb? +Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich +ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Völkergemisch größere +Unterstützung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, daß +die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den +Verhältnissen im dortigen Küstenschutz gehabt haben sollte. England konnte +auch nicht befürchten, daß es mit einem Vorstoß aus dem Golf von +Alexandrette in ein Wespennest stoßen würde; das Nest hatte ja keine +Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glänzende strategische Tat +gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat würde auf der ganzen Welt den +größten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende Wirkung auf unseren +türkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben. + +Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die +Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch lähmend +in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren +Unterseebooten zu groß, als daß man sich von feindlicher Seite an ein +solches Unternehmen gewagt hätte. + +Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klären. Ich sage +„vielleicht“, denn Voraussetzung ist, daß England sie klären läßt. Wir +bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische +Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene +Äußerung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der +Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage über seine vorsichtige +Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittelländischen +Gebieten im Falle eines englisch-französischen Krieges die Antwort: „Ich +habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu +setzen.“ + +Der Ruhm von Trafalgar ist groß und berechtigt. Es gibt Kleinodien +abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England +verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren +und es seinem Volke und der ganzen Welt ständig im schönsten Lichte vor +die bewundernden Augen zu halten. Im großen Kriege fiel freilich so +mancher Schatten über dieses Kleinod. So beispielsweise an den +Dardanellen, und weitere Schatten folgten während der Kämpfe gegen die +deutsche Seemacht, der stärkste und schwärzeste im Skagerrak. England wird +uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen. + +Es verzichtete auf den kühnen Stoß in das Herz seines osmanischen Gegners +und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Mühe, die +türkische Herrschaft südlich des Taurus durch allmähliches Zurückwerfen +der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad +war bei Jahresbeginn ein erster erfolgverheißender großer Schritt zur +Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff +im Frühjahr gescheitert und mußte aufs neue vorbereitet werden. Unter dem +bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren +kriegerischen Bewegungen erlahmt. + +Der Verlust von Bagdad war schmerzlich für uns und, wie wir annehmen zu +müssen glaubten, noch schmerzlicher für die ganze denkende und fühlende +Türkei. Wie viel und wie oft war der Name der früheren Kalifenstadt im +deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknüpft +worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt hätte, statt +sie geräuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher +Art. + +Die militärische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien +nicht weiter beeinflußt, wohl aber war der deutschen Außenpolitik der +Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den +Besitzstand ihres Landes gewährleistet und fühlten nun, daß, trotz aller +weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres +Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, großen +Verlust sehr belastet wurde. + +Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe für eine Wiedereroberung +Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen, +nicht zum mindesten auch deswegen, weil die türkische Heeresleitung +jederzeit auf dem europäischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war. +Die Führung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers +entsprechend in deutsche Hände gelegt werden, und zwar nicht aus dem +Grunde, weil deutsche Truppenunterstützung in größerem Maßstabe ins Auge +gefaßt wurde, sondern weil es dem türkischen Vizegeneralissimus notwendig +erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des +Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur +gedacht werden, wenn es möglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an +den endlos langen rückwärtigen Verbindungen zu überwinden. Eine türkische +Führung würde an der Erfüllung dieser ersten Voraussetzung gescheitert +sein. + +Seine Majestät der Kaiser beauftragte auf türkisches Anfordern den General +von Falkenhayn mit der Führung dieser außerordentlich schwierigen +Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in +Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persönlich über seine +Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von +Falkenhayn unmöglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewähr +vorhanden war, daß die türkische Front in Syrien feststand. Unterlag es +doch keinem Zweifel, daß das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England +verraten sein würde, und daß die Nachricht hiervon einen englischen +Angriff in Syrien herausfordern mußte. + +General von Falkenhayn gewann den Eindruck, daß die Operation durchführbar +sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen. +Wir gaben der Türkei alle ihre Kampftruppen zurück, die wir noch zur +Verwendung auf dem europäischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das +osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande +aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoß nach Osten weichen. +Es kehrt in seine Heimat zurück, begleitet von unserem wärmsten Dank. Die +Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewährt +und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand +erwiesen. Ich muß dabei freilich hervorheben, daß Enver Pascha uns die +besten seiner verfügbaren Truppen für die Ostfront und Rumänien abgegeben +hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Maßstab für +die Güte und Verwendbarkeit des gesamten türkischen Heeres genommen +werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in +Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der +Verpflegung und der gesundheitlichen Fürsorge seiner osmanischen Truppen +widmete, hatte ihre reichsten Früchte getragen. Wie viele dieser rauhen +Naturkinder fanden Kameradschaft und Nächstenliebe zum ersten und wohl +auch zum letzten Male unter unserer Obhut. + +Ich hatte gehofft, daß die heimkehrenden türkischen Verbände einen +besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden +würden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfüllung. Die Truppen waren +kaum unserem Einfluß entrückt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein +Zeichen dafür, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die türkischen +Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der großen Masse +mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenüber eine +besondere, manchmal allerdings überraschend glänzende Ausnahme. Das +osmanische Heer hätte eines völligen Neubaues bedurft, um wirklich zu +Leistungen befähigt zu sein, die den großen Opfern des Landes entsprachen. +Der Nachteil der jetzigen Zustände zeigte sich besonders in einem +ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei +jeder für den Krieg ungenügend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen +Armee eintritt. Eine gründliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart +dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkräfte. Welch einen ungeheueren Umfang +der Verbrauch an solchen in der Türkei im Verlauf des Krieges angenommen +hatte, dürfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in +einzelnen Bezirken von Anatolien die Dörfer von jeder männlichen +Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entblößt waren. +Das wird begreiflich, wenn man hört, daß die Verteidigung der Dardanellen +den Türken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem +Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden. + +Die deutsche Unterstützung für das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen +von einer Anzahl Offizieren für besondere Verwendung, aus dem sogenannten +Asienkorps. Man hat sich darüber in unserem Vaterlande aufregen zu müssen +geglaubt, daß wir den Türken ein ganzes Korps für so fernliegende Zwecke +zur Verfügung stellten, anstatt diese kostbaren Kräfte in Mitteleuropa zu +verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und +etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Täuschung des Gegners gewählt; +ob diese Täuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden. +Bei solchen Unterstützungen handelte es sich weit weniger um zahlenmäßige +Verstärkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und +geistige Kräfte, das heißt Willen und Wissen zuzuführen. Der eigentliche +Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren +Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkämpfen des Jahres 1916 in +Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen +Front warnte: „Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick +gibt ihnen Vertrauen und Rückhalt. Alles andere haben sie selbst.“ Auch +hier wurde also die Erfahrung bestätigt, die Scharnhorst einmal in die +Worte faßte, daß der stärkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger für +das Ganze sei, als die rohe Kraft. + +Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchführung. Schon in den +letzten Sommermonaten zeigte sich, daß der Engländer alle Vorbereitungen +zu Ende geführt hatte, um die türkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt +der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im +Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, daß die syrische Front +diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos großer Überlegenheit geführt +werden würde, nicht gewachsen sei. Türkische Divisionen, die zur +Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mußten nach Süden abgezweigt +werden. Damit entfiel die Möglichkeit einer erfolgreichen Operation in +Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher +meine Zustimmung, daß alle verfügbaren Kräfte nach Syrien geführt würden, +damit wir dort selbst womöglich noch vor den Engländern zum Angriff +übergehen könnten. Die deutsche Führung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb +und die Verwaltung in den türkischen Gebieten so sehr verbessern zu +können, daß eine wesentlich erhöhte Truppenzahl auf diesem +Kriegsschauplatz ernährt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen +werden könnte. + +Infolge von Reibungen politischer wie militärischer Art gingen für General +von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Engländer Anfang +November, den Türken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die +osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang +Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in +die türkischen Linien nördlich Jaffa-Jerusalem-Jericho. + +Wenn wir befürchtet hatten, daß diese türkischen Niederlagen, ganz +besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen +auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausüben würden, +so trat hiervon, wenigstens äußerlich, nichts in die Erscheinung; eine +merkwürdige Gleichgültigkeit zeigte sich an Stelle der gefürchteten +Erregung. + +Für mich bestand kein Zweifel, daß die Türkei niemals wieder in den Besitz +von Jerusalem und der dortigen heiligen Stätten kommen könnte. Auch am +Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Stärker als vorher +wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschädigung für die +verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom +militärischen Gesichtspunkte aus leider zu frühzeitig! + + + + Ein Blick auf die inneren Zustände von Staaten und Völkern Ende 1917 + + +Man befürchte nicht, daß ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik +bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstürze. Ich kann aber +die folgenden Ausführungen, wenn ich das Bild, das ich geben möchte, nicht +allzu lückenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die +Zeit, von der ich schreibe, jemals lückenlos darzustellen vermögen? Es +werden immer wieder neue Fragen nach dem „Warum?“ und nach dem „Wie?“ +auftauchen. Lücken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon +zur Auskunft dringend benötigte, für immer still geworden ist. Ich kann +auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und +Striche dort geben, mehr für eine Charakterzeichnung als für ein +vollendetes Gemälde. Scheinbar willkürlich setze ich an, wenn ich mich +zunächst dem Orient zuwende. + +„Die Türkei ist eine Null“, so kann man in einem Aktenstück aus der +Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Türkei +politisch gehässigen Aktenstück. Eine eigenartige Null, durch die die +Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Ägypten zog, +den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine +für uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende +feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den türkischen +Grenzländern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkörper +verschlingen zu können! + +Was gibt wohl dieser Null die innere Stärke? Selbst für den, der in diesen +Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Rätsel! +Stumpf und gleichgültig erscheint die große Masse, selbstsüchtig und +unempfindlich gegen höheres völkisches Empfinden ein großer Teil hoher +Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Völkerschaften gebildet, +die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben. +Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kräfte. Die Macht +Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; über Kleinasien +hinaus herrscht kein wirklicher türkischer Einfluß, und trotzdem stehen +immer noch türkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und +Syrien. Der Araber dort haßt den Türken, der Türke den Araber. Und doch +schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter türkischen Fahnen und +laufen nicht in Massen zum Feinde über, der ihnen nicht nur goldene Berge +verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold +reichlichst spendet. In dem Rücken der englisch-indischen Armee, die in +Mesopotamien, wie man meinte, den von den Türken geknechteten und +ausgepreßten arabischen Stämmen die ersehnte Erlösung brachte, erheben +sich diese Erlösten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es +muß also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und +zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von außen, nicht nur ein +politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefühl im Innern. Auch die +Gewalt der türkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht +ausschließlich liefern. Die Araber könnten sich ja dieser Gewalt +entziehen, sie brauchten nur die Schützengräben mit erhobenen Armen +feindwärts zu verlassen, oder im Rücken der türkischen Armeen sich zu +erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines +alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten +Gründen und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verständnis +der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir müssen den Streit der +Meinungen ungelöst lassen. + +So ganz lebensunfähig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht +sein. Man hört auch von vortrefflichen Beamten, die neben den +pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Männer mit großen +Plänen und großer Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach +kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines +Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, daß er +nicht einem Boden mit gesünderen Kräften entwuchs. Man sagte, er schriebe +nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er für +tausenderlei, dachte weit über den Krieg hinaus nationale, schöne +Gedanken! Was ihn damals am meisten beschäftigte, worin gleichzeitig seine +größte Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von +Konstantinopel. Hätte man Ismail Hakki entfernt, so hätte die türkische +Armee Mangel an allem gelitten; sie hätte noch mehr entbehrt, als sie es +teilweise schon mußte, und Konstantinopel wäre vielleicht verhungert. Fast +das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an +Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die +Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen +Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen +der größeren Städte lebten, wußte niemand. Konstantinopel versorgten wir +mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumänien hin und +halfen trotz der eigenen Not. Freilich würde das, was wir für +Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel +geholfen haben. Hätten wir die Lieferungen verweigert, so hätten wir die +Türkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel würde revoltieren, +trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich +sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einflüsse gegen +die starken Männer tätig, Einflüsse des politischen, vielleicht auch +geschäftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke +Strömungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberfläche; ihre +Strudel werden manchmal oben sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen +führenden Männer in die Tiefe zu ziehen. + +Das Heer leidet auch unter diesen Strömungen. Die Heeresleitung muß ihnen, +wie ich schon früher andeutete, Rechnung tragen, muß manchmal nachgiebig +gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst würde das Heer, das an +seiner zahlenmäßigen Stärke immer reißender abnimmt, auch innerlich +aufgelöst werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An +ihren Beständen zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der +mit früheren Feldzügen, im Yemen und auf dem Balkan, sich für so viele +türkische Soldaten zu einem großen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat. +Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind – auch der Islam kennt +diese Sehnsucht – treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den +vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden, +kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darüber +streiten, ob die Zahl türkischer Fahnenflüchtiger in Kleinasien 300.000 +oder 500.000 beträgt. Jedenfalls ist sie nahezu so groß, wie die +Kampftruppen aller türkischen Armeen zusammen. Kein schönes Bild und doch +– die Türkei hält noch immer stand und erfüllt ihre Treuepflicht ohne +einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Können! + +Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das +sonst Überfluß hat! Die Ernte war mäßig, aber sie könnte reichen, wenn das +Land wie unsere Heimat verwaltet würde, wenn auch hier Ausgleich +geschaffen werden könnte zwischen Gegenden des Überflusses und solchen des +Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezügliche Anregungen: „Wir +verstehen solches nicht!“ Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich +eine Selbstanklage. Man legt die Hände in den Schoß, weil man nicht +gelernt hat, sie zu rühren. Wir wissen ja, daß Bulgarien beim Übergang aus +türkischem Sklaventum zur völligen innenstaatlichen Freiheit einer +erziehenden, straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse +mich als Preußen sprechen, keinen König Friedrich Wilhelm I., der die +eisernen Träger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher +ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafür viele +Parteien. Mit Schärfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung, +nicht wegen deren Außenpolitik, denn diese verspricht eine große Zukunft, +völkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt +der Kampf wegen innerer Fragen um so rücksichtsloser. Kein Mittel, auch +das gefährlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den +Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefährliches Spiel! Die +Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen +Parteigetriebes. Die Regierung hat gefährliche Geister beschworen, um auf +die Türkei und uns einen Druck auszuüben, und wird diese Geister, die +alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Haß gegen die +Verbündeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns +im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorläufig nachzugeben +und ihre endgültige Lösung dem Ausgang des Krieges zu überlassen. Ein +Rückzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Überzeugung. Auffallend ist +es, daß sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser +Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr +seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige +Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen +Parteien hält an und treibt rücksichtslos seine Keile selbst in das Gefüge +des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden. + +Die Truppe zeigt sich für diese zersetzende Tätigkeit zugänglich, denn sie +ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das +Fehlen organisatorischer Tätigkeit und Fähigkeit zeigt sich auch hier an +allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschläge zu durchgreifenden +Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschläge als +zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft, scheuen auch die +Mühe, sie zu verwirklichen. Man beschränkt sich darauf, an dem Deutschen +herum zu nörgeln, der im Lande sitzt – freilich in einem gemeinsam +eroberten Lande –, der vertragsmäßig ernährt werden soll, weil er an der +mazedonischen Grenze kämpft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in +erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach +bulgarischer Meinung, nur selbst ernähren, und er tut es denn um des +lieben Friedens willen auch, führt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis +nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich +nicht bei den kämpfenden Truppen, denn dort schätzt man sich, wohl aber in +dem Rückengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten +einzuschränken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus +Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumänien stehen. +Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmäßigen +Ersatz, doch sofort erhebt sich ein großer Lärm in Sofia über Mangel an +Bundestreue. Wir beschränken uns daher auf das Wegziehen nur geringer +deutscher Kräfte und übernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen +Divisionen in Rumänien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die +bulgarischen Divisionen das nördliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit +fast widerwillig hinübergegangen waren. + +Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetrübt. Aber wir können auf +weitere Bündnistreue rechnen, wenigstens solange wir die großen +politischen Ansprüche Bulgariens erfüllen können und wollen. Als dann aber +im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseäußerungen und +deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen +Armeen Zweifel darüber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch +wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was +schlimmer ist, man wird mißtrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt +verstärkt die Abdankung Radoslawows. Seine Außenpolitik wird als großzügig +anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er scheint nicht mehr +der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenüber durchzusetzen. Seine +Innenpolitik ist zudem vielfach verhaßt. Neue Männer sollen ans Ruder +kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der +Krippe des Staates. Man meint, sie könnten sich gesättigt haben. Alles +soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhängt, vom +höchsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische, +das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im +Kriege! + +Über Österreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im +Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darüber +gesprochen, daß die versuchte Versöhnung der staatszersetzenden +tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollständig scheiterte. Nun +wird versucht, durch verstärktes Vorschieben kirchlicher Macht und +kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religiöser Gefühle ein +einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder +wenigstens um seine einflußreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch +bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen +und erregt Mißtrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die +gegenseitige Abneigung der Völkerschaften wird durch die Verschiedenheiten +in der Lebensmittelversorgung verschärft. Wien hungert, während Budapest +genügend Nahrung hat. Der Deutsch-Böhme stirbt fast den Erschöpfungstod, +während der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglück ist die Ernte +teilweise mißraten. Dies verstärkt die innere Krisis und wird sie noch +mehr verstärken. Es fehlt in Österreich-Ungarn nicht, wie in der Türkei, +an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Überschuß- und +Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich +durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Übel der inneren +politischen Gegensätze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf +das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung übertragen. Kein Wunder, daß die +Friedenssehnsucht wächst, und daß das Vertrauen auf den Ausgang des +Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend +als stärkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die +Gemüter nicht zu heben, sondern sie gleichgültiger zu machen. Selbst der +Sieg in Italien ist ein Jubel nur für einzelne Teile und Kreise der +Völker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und +zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten +Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von +Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr +wie je mit Füßen getreten. Wahrlich es hätte stärkerer Nerven bedurft, als +an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die +teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch länger Widerstand zu +leisten. + +Und nun zu unserer eigenen Heimat: + +Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe, +vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere +Änderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet +durch den Rücktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfänglich +angenommen hatte, daß sich unsere Auffassungen über die durch den Krieg +geschaffene Lage deckten, so mußte ich mit der Zeit zu meinem Bedauern +immer mehr erkennen, daß dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des +Krieges übertragen, und für ihn bedurfte ich aller Kräfte des Vaterlandes. +Diese in einer Zeit größter äußerer Spannung durch innere Kämpfe zu +zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureißen, +mußte zu einer Schwächung unserer politischen und militärischen Stoßkraft +führen. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten, +still zu bleiben, wenn ich sah, daß die Einheitlichkeit, die wir an der +Front nötig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Überzeugung, daß +wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenüber mehr und mehr ins +Hintertreffen gerieten, daß wir den entgegengesetzten Weg gingen wie +diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem +Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher für meine +Pflicht, meinem Allerhöchsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch +einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch +wurde von Seiner Majestät nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte +gleichzeitig infolge einer Erklärung der Parteiführer des Reichstages +seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt. + +Die nunmehr äußerlich zutage tretenden Folgen dieses Rücktrittes waren +bedenklich. Der bisher nach außen hin aufrechterhaltene Schein des +politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hörte auf. Es bildete sich +eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluß nach links. Die +Versäumnisse, die angeblich in früheren Zeiten in der Weiterentwicklung +unserer innerstaatlichen Verhältnisse begangen waren, wurden nunmehr im +Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen äußeren +Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere +Zugeständnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung +zu erpressen. Wir mußten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren. +Die Zügel der Staatsleitung gerieten allmählich in die Hände extremer +Parteien. + +Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat +ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhältnis. Er war unverzagt an +sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsführung war nur kurz; die +Verhältnisse sollten sich stärker erweisen als sein guter Wille. + +Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder +gebessert. Immer mehr drängte die Mehrheit nach links und stellte sich, +trotz mancher schöner Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die +bisherige Staatsordnung auflösen wollten. Immer schärfer zeigte es sich, +daß die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen +und Parteidogmata vergaß oder diesen Ernst nicht mehr sehen wollte. +Darüber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese +Parteiungen zu schüren. + +Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster +Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend +auf die zerfahrenen Parteiverhältnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den +Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Königs von Bayern schon in +Pleß bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit +der er mir damals seine Glückwünsche zu der eben durch Seine Majestät den +Kaiser vollzogenen Verleihung des Großkreuzes des Eisernen Kreuzes +aussprach. Es lag für mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in +der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten +Lebenskräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes +Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft überdauerte +die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit +Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenüber nicht mehr +durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung +blieb leider ein wohl von früher übernommenes Mißtrauen bestehen, das ab +und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung für den Grafen +wurde dadurch nicht beeinträchtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er +sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte. + +Auch abgesehen von den eben berührten Mißständen ist in der Heimat am Ende +des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen. +Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des +Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesättigter oder +mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen höheren Schwung, +drückt die Menschen zur Gleichgültigkeit herab. Die große Menge denkt auch +bei uns bei körperlich ungenügender Ernährung nicht viel besser als +anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des +Volkes unser ganzes Leben kräftiger durchsetzen. Dieses Leben muß aber +unter solchen Verhältnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen +geistigen und seelischen Anregungen mehr erhält. An einer solchen Belebung +fehlt es aber auch bei uns. Man stößt in Kreisen, in denen man sonst +anderes denken gewohnt war, auf die gefährliche Ansicht, daß gegen die +Gleichgültigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter +dieser Anschauung legen die Hände in den Schoß und lassen den Dingen ihren +Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren +Boden für ihre die staatliche Ordnung auflösenden Ideen ausnützen und eine +verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich +keine Hände finden, das Unkraut auszureißen. + +Die Gleichgültigkeit wirkt wie Untätigkeit. Sie durchsäuert den Boden für +Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevölkerung der +Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurückkehrt. + +Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie +belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch +niederdrückend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend +nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr +wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus +diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung +hinaus ins Feld. + +Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine +Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein. +Aber der Krieg erhebt nicht nur, er löst auch auf. Und dieser Krieg tat +dies mehr, wie jeder frühere; er verdarb nicht nur die Körper, sondern +auch die Seelen. + +Auch der Gegner sorgt für diese Zersetzung. Nicht bloß durch seine +Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch +durch ein anderes Mittel, das man „Propaganda im feindlichen Lager“ +nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens +in solcher Größe und in solch rücksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der +Gegner benutzte es in Deutschland wie in der Türkei, in Österreich-Ungarn +wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblätter fällt nicht nur +hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den türkischen +im Irak und in Syrien herab. + +Als „Aufklärung des Gegners“ bezeichnete man diese Art von Propaganda. +„Verschleierung der Wahrheit“ sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als +das, „Vergiftung der Seelen des Feindes“. Sie entspringt einer Auffassung, +die nicht die Kraft in sich fühlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe +zu überwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer +geführten Schwertes niederzuzwingen. + +Schließlich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns +feindlichen Staaten: + +Ich sage absichtlich „Versuch“, denn nur um einen solchen konnte es sich +für uns während des Kriegszustandes handeln. Wir waren nämlich nicht nur +blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den +anderen Beziehungen zum Auslande. Daran änderte unsere teilweise +Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst +lieferte nur ganz klägliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern +Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold! + +Wir wußten, daß jenseits der kämpfenden Westfront eine Regierung sitzt, +die persönlich von Haß- und Rachegedanken erfüllt, das Innerste ihres +Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein „Wehe dem bisherigen +Sieger“, wenn die Stimme Clémenceaus erschallt. Frankreich blutet aus +tausend Wunden. Würden wir es nicht wissen, so könnten wir es den offenen +Erklärungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird +weiterkämpfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem +wie mit eisernen Ketten zusammengefaßten Staatsgefüge erscheinen, da +greift die Regierung mit rücksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein. +Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den Frieden +ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche +offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen +Phrasen weiter gefüttert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem +sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte „Humanismus und +Pazifizismus“ als „gefährliche Betäubungsmittel“ gebrandmarkt, „mit denen +die doktrinären Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Völker +schwächen wollen.“ „Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein +rechter Name ist Feigheit, d. h. übertriebene Liebe des Individuums zu +sich selbst, die es von jedem persönlichen Risiko zurückschrecken läßt, +das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt“. So sprach man in dem +„Frankreich des Friedens“. War es ein Wunder, daß das „Frankreich des +Krieges“ nicht milder dachte und jeden, der im Kriege überhaupt von +Frieden zu reden wagte, als Landesverräter brandmarkte? + +Wir können es nicht bezweifeln, daß das französische Volk auch Ende 1917 +besser genährt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man für den Pariser, +entschädigt ihn für so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch +möglichen Genüsse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die +Entbehrungen des täglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange +ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, daß die +Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir dürfen uns nicht im +Unklaren sein, daß auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange +kämpfen muß, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen. + +Die französischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie +erzählen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen +läßt auf keinen Mangel schließen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch +keiner glaubt, daß es kommen wird, solange „die anderen kämpfen wollen“. + +Wie steht es in England? + +Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor +einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort, es auszusprechen. Es +gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England +einen „Schwächeanfall“ überwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein, +als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die +Kriegsziele herabgemindert werden würden. Die Stimme eines Lord Lansdowne +ertönte. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden +Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt. +Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte +man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert, +eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich +noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns später erst bekannt wurde, einem +politischen Pfuhle auf mitteleuropäischem Boden entstiegen. Der Gedanke an +das nahende Ende reißt das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder +empor. Man erträgt wiederum williger das Entbehren von Genüssen, +verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische +Freiheiten in der Hoffnung, daß die Vorhersage in Erfüllung geht, nach +einem glücklichen Ende dieses Krieges würde jeder einzelne Engländer +reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische +Selbstzucht des einzelnen Engländers. Also auch hier nichts von Frieden, +es sei denn, daß der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen +Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat +keiner. Doch danach fragt da drüben kein Mensch. Man fordert, und es wird +geleistet. + +Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im +Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne +zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus +Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem für sie sinnlosen Blutvergießen. +Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und +begrüßten die ihnen dort bekannten Arbeitsstätten mit deutschen Gesängen. +Wenn auch die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht, +das Volk erlahmt nicht völlig. Es weiß, daß es sonst hungern und frieren +muß. Der italienische Wille muß sich auch weiterhin vor fremdem beugen, +das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es erträglich +durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute. + +Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom +fremden europäischen Boden. Was wir vernehmen, bestätigt unsere Vermutung. +Das glänzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschäft ist in den Dienst des +Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an +dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem +Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der +Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine rücksichtslose Gewalt. Man begreift +den Krieg. Die weichen Stimmen müssen schweigen, bis die harte Arbeit +getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der +Menschen, jetzt wird sie unterdrückt zum Nutzen des Staates. Man fühlt +sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf für ein Ideal, +und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des +an den Rand des Verderbens gedrückten Angelsachsen spricht, da wird Gold +in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen. + +Von Rußland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein +Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht völlig +ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumänischen +Verbündeten mit sich gerissen. + +So erschienen mir die Verhältnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende +des Jahres 1917. + +Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt: +„Wie erklärt es sich, daß der Gegner in seinen rücksichtslosen politischen +Forderungen uns gegenüber nichts nachließ, trotz seiner vielen +militärischen Mißerfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Rußlands +als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch zweifellos tiefgreifenden +Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit +für einen Transport starker nordamerikanischer Kräfte auf den europäischen +Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter +dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen für einen Frieden +zuzumuten, die man wohl einem völlig geschlagenen Feind diktieren konnte, +mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der +bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast überall tief in +Feindesland stand?“ + +Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende: + +Während wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die +Blicke ihrer Regierungen und Völker unentwegt auf die Entwicklung der +inneren Zustände unseres Vaterlandes und der Länder unserer +Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwächen, die ich im +Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwächen +aber stärkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen +Willen zum Siege. + +Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar +günstigsten Verhältnissen arbeitete, gab dem Gegner den wünschenswerten +vollen Einblick in unsere Verhältnisse, sondern auch unser Volk und seine +politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Mißstände vor den +gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht +so weit politisch geschult, daß er imstande gewesen wäre, sich zu +beherrschen. Er mußte seine Gedanken aussprechen, mochten sie für den +Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit +befriedigen zu müssen, indem er sein Wissen und seine Gefühle der weiten +Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nützte oder +schadete, war bei dem vagen weltbürgerlichen Gefühle, in dem er vielfach +lebt, für ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und +klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus, +daß es auch seine Zuhörer sein würden. Damit war der Fall für ihn dann +erledigt. + +Dieser Fehler hat uns im großen Ringen um unser völkisches Dasein mehr +geschadet als militärischer Mißerfolg. Dem Mangel an politischer +Selbstzucht, wie sie dem Engländer zur zweiten Natur geworden ist, dem +Fehlen einer von kosmopolitischen Schwärmereien völlig freien +Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglüht, schiebe ich letzten +Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die +Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen +der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiß sehr wohl, daß +unter den sachlichen Gründen, die damals für diese Resolution +ausschlaggebend waren, mancherlei Enttäuschungen über den Gang des Krieges +sowie über die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegführung eine +große Rolle spielten. Man konnte über die Berechtigung zu einem solchen +Mißtrauen unserer Lage gegenüber verschiedener Anschauung sein – +bekanntlich beurteilte ich sie günstiger – aber für völlig verfehlt +glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu müssen, in der man sich von +parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloß. Zu einem +Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten +der Deutschen vielleicht froh gewesen wären, wenn sie irgend welche leisen +Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes hätten entnehmen +können, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren. +Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte, +waren zu fadenscheinig, als daß sie irgend jemanden im feindlichen Lager +hätten täuschen können. So fand bei uns das Wort Clémenceaus „Ich führe +Krieg!“ das Echo: „Wir suchen Frieden!“ + +Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom +Standpunkte menschlichen Gefühles sondern vom Standpunkte soldatischen +Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten würde, und kleidete das in die +Worte: „Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!“ Ein weiteres Kriegsjahr in +unserer eigenen und unserer Verbündeten schweren Lage! + + + + + + VIERTER TEIL + + + ENTSCHEIDUNGSKAMPF IM WESTEN + + + + + Die Frage der Westoffensive + + + + Absichten und Aussichten für 1918 + + +Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden +Teil meiner Darlegungen abschloß, wird man wohl die berechtigte Frage an +mich richten, welche Aussichten ich für eine günstige Beendigung des +Krieges durch eine letzte große Waffenentscheidung zu haben glaubte. + +Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und +spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunächst zu +den Verhältnissen bei unseren Bundesgenossen wende: + +Österreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militärischen Machtlosigkeit +Rußlands und Rumäniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig +militärisch entlastet, daß es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte, +die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich +für durchaus imstande, den Ententekräften gegenüber in Mazedonien +auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkräfte, die noch +gegen Rußland und Rumänien standen, in absehbarer Zeit vollständig für +Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Türkei war durch den +Zusammenbruch Rußlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte +dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genügend Kräfte frei, um ihre +Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstärken. + +Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer +Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der +zweckmäßigen Verwendung der für ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen +Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst +wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Für eine solche bekamen +wir nunmehr unsere Ostkräfte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum +Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kräfte +vermochten wir uns im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit zu schaffen. +Zum ersten Male während des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine +deutsche Überlegenheit! Sie konnte freilich nicht so groß sein, als es +diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren +unsere Westfront vergeblich bestürmt hatten. Insbesondere reichten unsere +Ostkräfte nicht hin, um die gewaltige Überlegenheit unserer Gegner an +Artillerie- und Fliegerverbänden auszugleichen. Immerhin waren wir aber +jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur +Überwältigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel +auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen. + +Leicht und einfach war der Entschluß zum Angriff im Westen aber auch unter +diesen für uns günstigeren Zahlenverhältnissen nicht. Die Bedenken, ob uns +ein großer Erfolg gelingen würde, blieben nicht gering. Im Verlauf und +Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich +wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner +mit allen seinen zahlenmäßigen Überlegenheiten, mit seinen Millionen von +Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von +Menschenopfern schließlich erreicht? Örtliche Gewinne von etlichen +Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir +hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es mußte +jedoch angenommen werden, daß diejenigen der Angreifer die unsern +wesentlich übertrafen. Mit bloßen sogenannten Materialschlachten konnten +wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten für die Führung +solcher Kämpfe weder die Kräfte noch auch die Zeit. Denn näher und näher +rückte der Augenblick, an welchem das noch vollkräftige Amerika allmählich +auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht +derartig wirkten, daß der Seetransport großer Massen und ihrer Bedürfnisse +in Frage gestellt war, dann mußte unsere Lage ernst werden. + +Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht für die Hoffnung auf einen oder +mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch +bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen, +aber schwer zu erklären; sie ist ausgesprochen in dem Worte: „Vertrauen“. +Nicht Vertrauen auf einen glücklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch +weniger das Vertrauen auf Zahlen und äußere Stärken; es war das Vertrauen, +mit dem der Führer seine Truppen in das feindliche Feuer entläßt, +überzeugt, daß sie das Schwerste ertragen und das Unmöglichscheinende +möglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als +wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast +übermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwärts +Angriffsfeldzüge zu führen, das gleiche Vertrauen, das uns wagen ließ, mit +Unterlegenheiten feindliche Übermacht auf allen Kriegsschauplätzen in +Schach zu halten oder gar zu schlagen. + +Wenn die nötige zahlenmäßige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der +Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fühlte förmlich die +Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des +Abwehrkampfes. Ich wußte, daß aus dem deutschen „Kaninchen“, das der Spott +eines unserer erbittertsten Gegner als „aus dem freien Felde in die +Erdlöcher vertrieben“ der englischen Lächerlichkeit preisgeben zu dürfen +glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden würde, der mit seinem +ganzen, mächtigen Zorne dem Schützengraben entsteigt, um die jahrelange +Kampfqual der Verteidigung im Vorstürmen zu beenden. + +Darüber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch größere und +weitergehende Folgen erwarten zu dürfen. Ich hoffte, daß mit unseren +ersten siegreichen Schlägen auch die Heimat emporgehoben würde aus ihrem +dumpfen Brüten und Grübeln über die Not der Zeit, über die +Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, über die Unmöglichkeit, den Krieg noch +anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch +tyrannischer Gewalten. Fährt erst das blitzende Schwert in die Höhe, so +reißt es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders +sein? Und meine Hoffnungen flogen hinüber über die Grenzen des +Heimatlandes. Unter den mächtigen Eindrücken großer kriegerischer +deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in +dem so sehr bedrückten Österreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller +politischen und völkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken +des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten. + +Wie hätte ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer +Sache verzichten dürfen, um meinem Kaiser gegenüber vor meinem Vaterland +und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? „Waffenstreckung?“ +Ja gewiß! Es konnte keine Täuschung darüber geben, daß unsere Gegner ihre +Forderungen bis zu dieser Höhe treiben würden. Gerieten wir nur erst +einmal auf die abschüssige Bahn des Nachgebens, hörte die straffe Spannung +unserer Kräfte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein +Ende mit Schrecken, es sei denn, daß wir vorher dem Gegner selbst die Arme +und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon +1917, so verwirklichten sie sich später. Wir standen immer in der Wahl +zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. +Äußerten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang +niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo +friedensverheißender ertönt sein sollte, dann durchdrang sie nicht die +Atmosphäre, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag. + +Wir hatten nach meiner Überzeugung die nötige Stärke und den nötigen +kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir +hatten uns darüber schlüssig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten +wollten. Das „Wie“ ließ sich im allgemeinen mit den Worten ausdrücken: +Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir +mußten einen großen, wenn möglich überraschenden Schlag anstreben. Gelang +es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch +zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schläge an anderen +Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel +erreicht war. + +Als kriegerisches Ideal schwebte mir natürlich von vornherein ein völliger +Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu +freien Operationen öffnen würde. Dieses Tor sollte in der Linie +Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fère aufgeschlagen werden. Die Wahl der +Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflußt. Wir +wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Engländer in diesem +Angriffsgebiet gegenüber standen. Ich sah freilich in England noch immer +die Hauptstütze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich +darüber auch klar, daß in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein +bis zur Vernichtung zu schädigen, mindestens ebenso stark vertreten war, +wie in England. + +Auch in militärischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir +unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Engländer richteten. Der +Engländer war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefährte. +Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu +schematisch. Diese Mängel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich +glaubte, daß das in der Verteidigung nicht anders sein würde. Derartige +Erscheinungen waren für jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz +selbstverständlich. Sie hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer +entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjähriger Krieg konnte diese +mangelnde Vorbereitung nicht völlig ersetzen. Was dem Engländer an +Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine +Zähigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im +Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbände waren von +verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine +Erscheinung, die wohl darauf zurückzuführen ist, daß die dortige +Bevölkerung vorwiegend eine agrarische ist. + +Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer +Bundesgenosse. Dafür war er aber wohl weniger zähe in der Verteidigung als +dieser. In der französischen Artillerie erblickten unsere Führer wie +Soldaten ihren gefährlichsten Feind, während der französische Infanterist +in weniger großem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die +französischen Truppenverbände je nach den Landesteilen, aus denen sie sich +ergänzten, verschieden. + +Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der +französisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, daß jeder der +Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen würde. Daß +dabei der Franzose rascher und rückhaltloser handeln würde, wie der +Engländer, betrachtete ich bei der politischen Abhängigkeit Frankreichs +vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als +selbstverständlich. + +Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der +Flandernschlacht noch besonders stark auf dem nördlichen Flügel seiner +sich vom Meere bis in die Gegend südlich St. Quentin ausdehnenden Front +massiert. Eine andere etwas schwächere Kräftegruppe schien aus der +Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelände verblieben zu sein. Im +übrigen waren die englischen Kräfte augenscheinlich ziemlich gleichmäßig +verteilt; am schwächsten besetzt zeigten sich die Stellungen südlich der +Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei +dieser Stadt war infolge unseres Gegenstoßes vom 30. November 1917 nur +noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man +sich ausdrückte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. +Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kräfte zerdrücken. +Es war allerdings fraglich, ob die englische Kräfteverteilung bis zum +Beginn unseres Angriffes auch tatsächlich in der geschilderten Weise +bestehen bleiben würde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein +Verbergen unserer Angriffsabsichten möglich sein würde. Eine +bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen ließen eigentlich eine +solche Möglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. +Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen für all die großen +Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem +Beginn der eigentlichen Kämpfe erkannt. Fast regelmäßig waren wir +imstande, sogar die Flügelausdehnung der gegnerischen Angriffe +festzustellen. Die monatelange Tätigkeit der Feinde war den Späheraugen +unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung +hatte sich zu einem außerordentlich feinen Empfinden für jede Veränderung +auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen +Großkämpfen angesichts der scheinbaren Unmöglichkeit, die ausgedehnten +Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhäufungen zu verbergen, auf +Überraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir, +auf Überraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu müssen. Dieses +Bestreben forderte natürlich in gewissem Grade einen Verzicht auf +eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden +durfte, mußte dem taktischen Gefühle unserer Unterführer und unserer +Truppen überlassen werden. + +Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung +sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher für die +Verteidigung, so wurden jetzt für den Angriff neue Grundsätze festgelegt +und in zusammenfassenden Vorschriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den +Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in dünne +Schützenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von +Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und +Kampffliegern im hohen Grade feuerkräftig gemacht wurden. Solche dünne +Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfähig, wenn ein starker +Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach völlig einer Taktik +von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner +Mitkämpfer den Angriffstrieb erhält, eine Taktik, wie wir sie von +gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie +ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war. + +Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen +Massenstürmen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdrücke wohl in +erster Linie, um Sensationsbedürfnisse zu befriedigen, dann aber wohl +auch, um die Schlachtbilder für die Masse ihrer Leser anschaulicher und +die eingetretenen Ereignisse verständlicher zu machen. Woher hätten wir +allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen +Massenopfern nehmen sollen? Außerdem hatten wir genügende Erfahrung darin +gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kräfte vor unseren Linien +hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes, +am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen +konnten, je dichter die Menschenhalme standen. + +Diese Ausführungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres +Kampfverfahrens beschäftigen, dürften zur allgemeinen Kennzeichnung +unserer Angriffsgrundsätze genügen. Der deutsche Infanterist trug +natürlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten +aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven +Musketier die Arbeit zu erleichtern. + +Die Schwere des bevorstehenden großen Waffenganges im Westen wurde von uns +in ihrer ganzen Größe gewürdigt. Sie machte es uns zur +selbstverständlichen Pflicht, alle brauchbaren Kräfte für das blutige Werk +heranzuziehen, die wir irgendwie auf den übrigen Kriegsschauplätzen +entbehrlich machen konnten. + +Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und +wirtschaftlichen Verhältnisse legte der Durchführung mancherlei +Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persönliches Eingreifen +nötig machten. Ich möchte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen +und beginne mit dem Osten: + +Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand +geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten +wir schon vorher mit der Abbeförderung eines großen Teiles unserer +Kampfverbände von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffähigen +Divisionen mußte jedoch bis zur endgültigen politischen Abrechnung mit +Rußland und Rumänien zurückbleiben. + +Unseren militärischen Wünschen würde es natürlich durchaus entsprochen +haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingeläutet worden +wäre. Statt ihrer tönten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die +wildesten Agitationsreden umstürzlerischer Doktrinäre. Die breiten +Volksmassen aller Länder wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen, +die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des +Schreckens abzuschütteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am +Bürgertum gesichert werden. Die russischen Unterhändler, allen voran +Trotzki, würdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versöhnung mächtiger +Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wüster Agitatoren herab. +Unter diesen Umständen war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen +keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und +Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem +sie die politische Auflösung in unserem Rücken und in die Reihen unserer +Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhältnissen +schlimmer zu werden als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter +gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darüber doch wohl einem +falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf für sich in +Anspruch nehmen, daß sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte. + +Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in +Brest-Litowsk litt, mochten noch so groß sein, ich hatte jedenfalls die +Pflicht, darauf zu dringen, daß mit Rücksicht auf unsere beabsichtigen +Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht würde. Die +Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluß, als Trotzki am +10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im +übrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklärte. Ich konnte in +diesem, allen völkerrechtlichen Grundsätzen hohnsprechenden Verhalten +Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der +Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einflüsse der Entente +wirksam waren, muß ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der +damalige Zustand in militärischer Beziehung unerträglich. Der +Reichskanzler Graf von Hertling schloß sich dieser Anschauung der Obersten +Heeresleitung an. Seine Majestät der Kaiser entschied am 13. Februar, daß +die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien. + +Die Durchführung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen +feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr +drohende Gefahr. Am 3. März wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem +Vierbund und Großrußland unterzeichnet. Die russische militärische Macht +war damit auch rechtsgültig aus dem Kriege ausgeschieden. Große +Landesteile und Völkerstämme waren von dem bisherigen geschlossenen +russischen Körper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrußland ein tiefer +Riß zwischen Großrußland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der +Randstaaten vom früheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war für +mich in erster Linie ein militärischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich +mich so ausdrücken darf, weites Vorfeld jenseits unserer Grenzen gegen +Rußland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begrüßte ich die +Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, daß von jetzt ab +das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche +Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte. + +Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, daß die Verhandlungen mit +einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten äußerst +wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunächst einmal mit +den jetzt in Großrußland vorhandenen Machthabern zu einem abschließenden +Vertrag zu kommen. Im übrigen war ja zurzeit dort alles in größter Gärung, +und ich persönlich glaubte nicht an eine längere Dauer der Herrschaft des +damaligen Terrors. + +Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht möglich, +alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefördern. Wir konnten +die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Schon +allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und +den von uns befreiten Ländern forderte gebieterisch das Belassen stärkerer +deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine +noch nicht abgeschlossen. Wir mußten in dieses Land einmarschieren, um in +die dortigen politischen Verhältnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn +dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete +Lebensmittel in erster Linie für Österreich-Ungarn, dann aber auch für +unsere Heimat, ferner Rohstoffe für unsere Kriegsindustrie und +Kriegsbedürfnisse für unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte +spielten bei diesen Unternehmungen für die Oberste Heeresleitung keine +Rolle. + +Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militärische Unterstützung, +die wir im Frühjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen +die russische Gewaltherrschaft angedeihen ließen. Hatte doch die +bolschewistische Regierung die uns zugesagte Räumung des Landes nicht +durchgeführt. Wir hofften außerdem dadurch, daß wir Finnland auf unsere +Seite zogen, der Entente eine militärische Einwirkung auf die weitere +Entwicklung der Verhältnisse in Großrußland von Archangelsk und der +Murmanküste her aufs äußerste zu erschweren. Auch erreichten wir damit +gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die für den Fall +wichtig wurde, daß das bolschewistische Rußland auf unsere Ostfront +erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kräfteaufwand, es handelte +sich hierfür um kaum eine Division, lohnte sich für uns jedenfalls +reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des +finnischen Volkes entgegenbrachte, ließ sich meiner Ansicht nach durchaus +mit den Forderungen der militärischen Lage in Einklang bringen. + +Die Kampftruppen, die wir gegen Rumänien stehen hatten, wurden +größtenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres +Friedensschlusses mit Rußland genötigt sah, auch ihrerseits zu einem +friedlichen Abschluß mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende +Rest unserer fechtenden Truppen bildete für die Zukunft eine gewisse +Kraftquelle zur Ergänzung unseres Westheeres. + +Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen +Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des +Winters durchgeführt werden. Österreich-Ungarn mußte nach meiner Ansicht +durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu +beherrschen. + +Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Österreich-Ungarn mit dem +Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien +frei werdenden Kräfte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfügung zu +stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, daß diese Kräfte +sich in Italien besser verwerten ließen als bei unserem schweren Ringen im +Westen. Gelang es Österreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des +Landes das gesamte italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort +befindlichen Teile der englischen und französischen Truppen zu binden oder +gar Kräfte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront +abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen +wurde, vielleicht größer, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstützung. +Wir beschränkten uns daher auf Heranziehung österreichisch-ungarischer +Artillerie. Für mich bestand übrigens kein Zweifel, daß General von Arz +ein Ersuchen unsererseits um größere österreichische Hilfe jederzeit und +mit allen seinen Kräften vertreten hätte. + +Der österreichisch-ungarische Außenminister hat in dieser Zeit in einer +Rede darauf hingewiesen, daß die Kräfte der Donaumonarchie ebensowohl für +Straßburg wie für Triest eingesetzt würden. Diese bundesfreundliche +Äußerung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachträglich wurde mir +bekannt, daß diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher +Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprüche hervorgerufen hatten. Diese +politische Erregung übte sonach auf meine militärische Entscheidung über +die Größe der österreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren künftigen +Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluß. + +Es galt für mich als selbstverständlich, daß wir den Versuch machen +mußten, auch diejenigen unserer Kampftruppen für unsere Westoffensive frei +zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Türkei verwendet +waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie groß die politischen +Widerstände gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General +Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer +Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen +Pickelhauben in Mazedonien für ebenso unentbehrlich wie sein König. Die +Zurückziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam +infolgedessen nur recht allmählich in Fluß. Nur schwer entschloß sich +General Jekoff auf unser wiederholtes Drängen, sie durch die bulgarischen +Truppen aus der Dobrudscha abzulösen. Ernste Mitteilungen unserer +deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front über Stimmung und +Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlaßten uns schließlich, den +Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer +noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen. + +Ein ähnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemühen in der Türkei. Unser +Asienkorps war im Herbste 1917 mit den ursprünglich für den Feldzug nach +Bagdad bestimmten türkischen Divisionen nach Syrien befördert worden. Die +bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres +1918 eine Verstärkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzuführen. +Die meisten der hierfür bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien +stehenden Verbänden entnommen. Bevor diese Verstärkungen ihren neuen +Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung +in der Lage an der syrischen Front feststellen zu können, und traten daher +mit Enver Pascha wegen Zurückziehung aller dortigen deutschen Truppen in +Verbindung. Der Pascha gab sein Einverständnis. Dringende militärische und +politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien +sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflußten deutschen +Reichsleitung veranlaßten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen. + +Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, daß von unserer Seite nichts +unterlassen wurde, um möglichst alle unsere deutschen Kampfkräfte im +Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten +Mann gelang, so lag der Grund in Verhältnissen verschiedenster Art, in +keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von +unserer Seite. + +So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so +sehnsüchtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Rücken dem +Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mußten jetzt zu diesem +Waffengang schreiten. Ein solcher würde uns vielleicht erspart geblieben +sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgültig geschlagen hätten. + +Ich habe schon früher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918, +die Aufgabe für uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als +mächtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als +wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll +gerüstet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner, +wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen +Kriegführung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor +dem Niederbruch stützend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die +Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Nähe. Wird +dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den +Händen zu reißen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin! +Ich glaubte sie verneinen zu können! + +Der Ausgang unserer großen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen +lassen, ob es für uns nicht rätlich gewesen wäre, auch im Jahre 1918 den +Krieg an der Westfront, unter Stützung der bisher dort verwendeten Armeen +mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu führen, alle +übrigen militärischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu +vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhältnisse +zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu +unterstützen. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß mich derartige Gedanken +nicht vor unseren Offensivplänen beschäftigt hatten. Ich wies sie nach +reiflichster Überlegung zurück. Gefühlsmomente spielten dabei keine Rolle. +Wie wäre ein Ende des Krieges bei solcher Führung abzusehen gewesen? +Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an +unserer deutschen Widerstandskraft über das kommende Jahr hinaus zu +zweifeln, so konnte ich über dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei +unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mußten mit allen +Mitteln zu einem erfolgreichen Ende zu kommen trachten. Das war die mehr +oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbündeten. Man +kann dagegen nicht einwenden, daß auch unsere Gegner an den äußersten Rand +ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfähigkeit herankamen. Sie +konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen, +und wer unter ihnen nicht hätte mittun wollen, würde durch die anderen +einfach gezwungen worden sein. Ein allmählicher Erschöpfungstod war, +nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos +unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglück meines Vaterlandes vor Augen +habe, trage ich die felsenfeste Überzeugung, daß ihm das Bewußtsein, die +letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu +seinem inneren Aufbau nützen wird, als wenn der Krieg in einem +allmählichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet hätte. Dem Schicksal, +das es jetzt tragen muß, wäre es doch nicht entgangen, wohl aber würde ihm +der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche +nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, daß der +Waffenruhm von Preußisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten +Preußens nicht mehr haben wenden können, doch wie ein Stern in der +lichtlosen Finsternis der Jahre 1807–1812 leuchtete. An seinem Glanze fand +so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders +geworden sein? Mein preußisches schlägt in diesen Bahnen! + + + + Spa und Avesnes + + +In Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestät des +Kaisers am 8. März das deutsche Große Hauptquartier nach Spa verlegt. Die +Änderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem +neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer +westlichen Heeresfront auf kürzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da +wir jedoch den kommenden Ereignissen in möglichst unmittelbarer Nähe +folgen wollten, so wählten wir außerdem Avesnes als eine Art von +vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir +am 19. März mit dem größten Teil des Generalstabes ein und befanden uns +damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die +bei den bevorstehenden Entscheidungskämpfen die Hauptrolle zu spielen +hatten. + +Das Bild der Stadt wird äußerlich beherrscht durch den mächtigen, +klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen +noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, daß Avesnes in +früheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit +mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preußischen Armee nach der +Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt +und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war +die Gegend nicht betroffen worden. + +Die Stadt, ganz in grüne Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch +unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepräge. Ich +selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder für längere Zeit unter +französischer Bevölkerung. Die verschiedenen Straßentypen erschienen mir +gegen die Zeit von 1870/71 so unverändert, daß ich den zeitlichen +Zwischenraum vergessen konnte. So saßen auch jetzt noch, wie damals, die +Einwohner vor ihren Türen, die Männer meist still in Schauen vertieft, die +Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem +Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden. +Glückliche Jugend! + +Unser langes Verbleiben in Avesnes bestätigte mir im übrigen die +allgemeine Erfahrung, daß die französische Bevölkerung sich mit Würde in +das harte Schicksal fügte, das die lange Dauer des Krieges über sie +verhängt hatte. Wir waren nicht veranlaßt, irgendwelche besondern +Maßregeln für Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu +ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschränken, die Ruhe für unsere +Arbeit sicherzustellen. + +Seine Majestät der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern +verweilte während der Zeit der folgenden großen Ereignisse in seinem +Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange +Aufenthalt in den engen Räumen des Zuges mag als Beweis für die +Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten +völlig seinem Heer. Rücksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch +feindliche Flieger, lagen außerhalb der Gedankenreihe des Kaisers. + +Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der nächsten Monate +Gelegenheit, häufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und +Armeeführern sowie sonstigen höheren Stäben in persönliche Berührung zu +kommen. Ganz besonders begrüßte ich die Möglichkeit, Truppenoffiziere bei +mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit +ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren für mich +nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen +Standpunkt aus von hohem Interesse. + +Der gelegentlich ausgeführte Besuch bei dem masurischen Regiment, das +meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger +Offizier während zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie, +die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war für mich eine ganz +besondere Freude. Freilich war von den Friedensstämmen nur noch wenig +übrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen +Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele +auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken! + + + + + Unsere drei Angriffsschlachten + + + + Die „Große Schlacht“ in Frankreich + + +Noch vor unserer Abfahrt von Spa erließ Seine Majestät der Kaiser den +Befehl für die demnächstige große Angriffsschlacht. Ich führe diesen +Befehl in seinem wesentlichsten Inhalt wörtlich an, um weitläufige +Ausführungen über unsere Kampfabsichten entbehrlich zu machen. Zur +Erläuterung bemerke ich im voraus, daß die Vorarbeiten zu dieser großen +Schlacht mit dem Deckwort: „Michael“ bezeichnet worden waren, und daß +Angriffstag und Angriffsstunde erst eingefügt wurden, als sich der +Abschluß der Vorbereitungen einwandfrei übersehen ließ. + + Großes Hauptquartier, 10. 3. 18. + + „Seine Majestät befehlen: + + 1. Der Michaelangriff findet am 21. 3. statt. Einbruch in die erste + feindliche Stellung 940 vormittags. + + 2. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht schnürt dabei als erstes großes + taktisches Ziel den Engländer im Cambraibogen ab und gewinnt ... die + Linie Croisilles (südöstlich Arras)-Bapaume-Peronne. Bei günstigem + Fortschreiten des Angriffes des rechten Flügels (17. Armee) ist dieser + über Croisilles weiter vorzutragen. + + Weitere Aufgabe der Heeresgruppe ist, in Richtung Arras-Albert + vorzustoßen, mit linkem Flügel die Somme bei Peronne festzuhalten und + mit Schwerpunkt auf dem rechten Flügel die englische Front auch vor der + 6. Armee ins Wanken zu bringen und weitere deutsche Kräfte aus dem + Stellungskriege für den Vormarsch frei zu machen ... + + 3. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz gewinnt zunächst südlich des + Omigonbaches (dieser mündet südlich Peronne) die Somme und den + Crosatkanal (westlich La Fère). Bei raschem Vorwärtskommen hat die + 18. Armee (rechter Flügel der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz) die + Übergänge über die Somme und die Kanalübergänge zu erkämpfen ...“ + +Die Spannung, unter der wir am 18. März abends Spa verlassen hatten, +steigerte sich bei unserem Eintreffen auf der Befehlsstelle Avesnes. Das +bisher herrliche, klare Vorfrühlingswetter war umgeschlagen. Heftige +Regenböen zogen über das Land. Sie machten dem Spottnamen, mit dem Avesnes +und seine Umgebung von den Franzosen belegt war, alle Ehre. An sich +konnten wir uns Wolken und Regen an diesen Tagen wohl gefallen lassen. Sie +verschleierten vielleicht unsere letzten Angriffsvorbereitungen. Hatten +wir aber wirklich noch berechtigte Hoffnung, daß der Gegner in unsere +bisherigen Maßnahmen noch keinen Einblick gewonnen hatte? Die feindliche +Artillerie hatte sich in letzter Zeit ab und zu besonders aufmerksam und +lebhaft gezeigt. Das Feuer war indessen immer wieder abgeflaut. Da und +dort suchten feindliche Flieger während der Nacht im Scheine von +Leuchtkugeln einzelne unserer wichtigsten Vormarschstraßen ab und schossen +mit Maschinengewehren auf alle wahrgenommenen Bewegungen. Aber all das gab +noch keinen festen Anhalt für eine Antwort auf die Frage: „Kann unsere +Überraschung gelingen?“ + +Die Angriffsverstärkungen rückten in den letzten Nächten in ihre +Ausgangsstellungen zum Sturme; die letzten Minenwerfer und Batterien +wurden vorgezogen. Keine wesentliche Störung durch den Gegner! An +einzelnen Stellen unternahm man es, schwere Geschütze bis an die +Hindernisse vorzuschieben und sie dort in Geschoßtrichtern unterzubringen. +Man glaubte Überkühnes wagen zu sollen, um der stürmenden Infanterie die +artilleristische Unterstützung während ihres Durchbruches durch das ganze +feindliche Stellungssystem zu gewährleisten. Keine feindliche +Gegenmaßregel verhinderte auch diese Vorbereitungen. + +Der größte Teil des 20. März verging in Sturm und Regen. Die Aussichten +auf den 21. waren unsicher, örtlicher Nebel wahrscheinlich. Trotzdem +entschieden wir uns am Mittag für den Beginn der Schlacht am Morgen des +folgenden Tages. + +Die Frühdämmerung des 21. März fand das nördliche Frankreich von der Küste +bis zur Aisne unter einer Dunstschicht. Je höher die Sonne stieg, um so +dichter wurde der Nebel auf den Erdboden gedrückt. Er beschränkte +zeitweise den Blick bis auf wenige Meter Entfernung. Selbst die +Schallwellen schienen sich in den grauen Schwaden zu verzehren. In Avesnes +vernahm man nur fernes unbestimmtes Rollen von dem Schlachtfelde her, auf +dem seit den ersten Tagesstunden Tausende von Geschützen jeden Kalibers im +heftigsten Feuer standen. + +Ungesehen und selbst nicht sehend arbeitete unsere Artillerie. Nur die +Gewissenhaftigkeit der Vorbereitungen konnte Gewähr geben für die Wirkung +unserer Batterien. Die Antwort des Gegners war örtlich und zeitlich von +wechselnder Stärke. Sie war mehr ein Herumtasten nach einem unbekannten +Gegner, als eine systematische Bekämpfung des lästigen Feindes. + +Also auch jetzt noch keine Gewißheit, ob nicht der Engländer in voller +Abwehrbereitschaft unseren Angriff erwartete. Der Schleier, der über allem +lag, lichtete sich nicht. In ihn hinein stürmte gegen 10 Uhr vormittags +unsere brave Infanterie. Zunächst kamen von ihr nur unklare Meldungen, +Angaben über erreichte Ziele, Abänderungen dieser Nachrichten, Widerrufe. +Erst allmählich hob sich die Ungewißheit, und es ließ sich überblicken, +daß wir überall in die vordersten feindlichen Stellungen eingebrochen +waren. Gegen Mittag begann der Nebel zu schwinden, die Sonne zu siegen. + +In den späten Abendstunden war ein Bild des Erreichten mit einiger +Klarheit zu erkennen. Die rechte Flügelarmee und die Mitte unserer +Schlachtfront waren im wesentlichen vor der zweiten feindlichen Stellung +zum Halten gekommen. Die linke Armee war über St. Quentin hinaus mächtig +vorwärts geschritten. Kein Zweifel, daß der rechte Flügel den stärksten +Widerstand vor sich hatte. Der Engländer spürte die ihm aus nördlicher +Richtung drohende Gefahr, er warf ihr alle seine verfügbaren Reserven +entgegen. Der linke Flügel dagegen hatte bei augenscheinlich weitgehender +Überraschung die verhältnismäßig leichteste Kampfarbeit gehabt. Der +Kräfteverbrauch war im Norden über unser Erwarten groß, sonst entsprach er +unseren Voraussetzungen. + +Das Ergebnis des Tages schien mir befriedigend. In diesem Sinne sprachen +sich auch unsere vom Schlachtfeld zurückkehrenden Generalstabsoffiziere +aus, die den Truppen in den Kampf gefolgt waren. Doch konnte erst der +zweite Tag zeigen, ob nicht unser Angriff das Schicksal aller derjenigen +teilte, die der Gegner seit Jahren gegen uns geführt hatte, nämlich eine +Versumpfung des Vorwärtsschreitens nach dem ersten gelungenen Einbruch. + +Der Abend dieses zweiten Tages sah unseren rechten Flügel im Besitz der +zweiten feindlichen Stellung. Unsere Mitte hatte auch die dritte +feindliche Widerstandslinie genommen, während die linke Armee im vollen +Siegeslauf schon jetzt meilenweit nach Westen vorgedrungen war. Hunderte +von feindlichen Geschützen, ungeheure Mengen Schießbedarfs und sonstige +Beute jeder Art lagen im Rücken unserer vordersten Linien. Lange +Gefangenenkolonnen marschierten nach Osten. Die Zertrümmerung der +englischen Besatzung im Cambraibogen konnte jedoch nicht mehr gelingen, da +unser rechter Flügel entgegen unseren Erwartungen nicht weit und rasch +genug vorwärts gekommen war. + +Der dritte Kampftag veränderte nicht das bisherige Bild des +Schlachtenverlaufes: Schwerstes Ringen unseres rechten Flügels, wo +höchstgespannte englische Zähigkeit sich uns entgegenwirft und auch heute +noch die dritte Verteidigungslinie behauptet. Dafür weiterer großer +Geländegewinn in unserer Mitte und auch auf unserem linken Flügel. Südlich +Peronne wurde schon an diesem Tage die Somme erreicht, an einem Punkte +sogar überschritten. + +An diesem Tage, dem 23. März, fallen die ersten Granaten in die feindliche +Hauptstadt. + +Bei diesem glänzenden Fortschreiten unseres Angriffes in westlicher +Richtung, das alles in Schatten stellt, was seit Jahren auf der Westfront +geleistet worden war, erscheint mir unser Durchdringen bis nach Amiens +möglich. Amiens ist der große Vereinigungspunkt der wichtigsten +Bahnverbindungen zwischen dem durch die Somme scharf geschiedenen +Kriegsgebiet des mittleren und nördlichen Frankreichs, letzteres das +hauptsächliche Kampffeld Englands. Die Stadt ist also von größtem +strategischen Wert. Fällt sie in unsere Hand, oder gelingt es uns, +wenigstens Amiens und Umgebung unter unser kräftiges Artilleriefeuer zu +bringen, so ist das gegnerische Operationsfeld in zwei Teile gesprengt, +der taktische Durchbruch zum strategischen erweitert, England auf der +einen, Frankreich auf der anderen Seite. Vielleicht lassen sich die +verschiedenen politischen und strategischen Interessen beider Länder durch +solch einen Erfolg trennen. Bezeichnen wir diese Interessen durch die +beiden Namen „Calais“ und „Paris“. Darum vorwärts gegen Amiens! + +Und in der Tat geht es auch weiter vorwärts mit Riesenschritten. Für +lebhafte Phantasien und heiße Wünsche freilich immer noch nicht rasch +genug. Muß man doch befürchten, daß auch der Gegner die ihm nunmehr +drohende Gefahr erkennt, und daß er alles versuchen wird, ihr zu begegnen. +Englische Reserven vom Nordflügel, französische Truppen aus ganz +Mittelfrankreich werden jedenfalls Amiens und dessen Umgebung zustreben. +Auch ist zu erwarten, daß die französische Führung sich unserem Vordrängen +von Süden her in die Flanke werfen wird. + +Der Abend des vierten Schlachttages sieht Bapaume in unseren Händen. +Peronne und die Sommelinie südwärts liegt schon hinter unseren vordern +Divisionen. Wir haben das alte Schlachtfeld an der Somme wieder betreten; +für manchen unserer Soldaten reich an stolzen, wenn auch ernsten +Erinnerungen, für alle, die es zum ersten Male sahen, tiefergreifend durch +die Sprache, die auch jetzt noch aus den Millionen von Granattrichtern, +aus dem Gewirr halbverfallener und verwachsener Gräben, aus dem +majestätischen Schweigen über den verödeten Flächen und aus den Tausenden +von Gräbern an das menschliche Herz dringt. + +Starke Frontteile der Engländer sind völlig geschlagen und weichen +ziemlich haltlos in Richtung auf Amiens zurück. Zunächst stockt aber nun +das Vorschreiten unserer rechten Flügelarmee. Um die Schlacht hier wieder +in Fluß zu bringen, greifen wir das Höhengelände ostwärts Arras mit neuen +Kräften an. Der Versuch gelingt indessen nur stellenweise. Das Unternehmen +wird abgebrochen. Inzwischen nimmt die Mitte unseres Angriffes Albert. Der +linke Flügel stößt am siebenten Schlachttage unter Deckung gegen +französische Angriffe aus südlicher Richtung über Roye bis Montdidier vor. + +Die Entscheidung liegt also mehr als je in der Richtung auf Amiens. +Dorthin scheinen wir augenblicklich noch gut vorwärts zu kommen. Aber bald +wird auch hier der Widerstand zäher und zäher, die Bewegung langsamer und +langsamer. Die auf Amiens vorausgeflogenen Phantasien und Hoffnungen +müssen zurückgeholt werden. Die Tatsachen müssen so betrachtet werden, wie +sie sind. Menschliche Arbeit bleibt Stückwerk. Günstige Gelegenheiten +werden versäumt, nicht überall wird mit gleicher Tatkraft zugegriffen, +selbst da, wo ein glänzendes Ziel in Aussicht steht. Man möchte es jedem +einzelnen Soldaten zurufen: „Dringe vorwärts auf Amiens, gib den letzten +Rest deines Willens her! Vielleicht bedeutet Amiens den entscheidenden +Sieg. Nimm wenigstens noch Villers-Bretonneux, damit wir von den dortigen +Höhen mit Massen schwerer Artillerie Amiens beherrschen können!“ +Vergebens, die Kräfte sind erlahmt. + +Der Gegner erkennt klar, was er mit Villers-Bretonneux verlieren würde. Er +wirft der Stirnseite unseres Durchbruches alles entgegen, was er +heranbringen kann. Der Franzose erscheint und rettet mit seinen +Massenangriffen und seiner gefechtsgewandten Artillerie die Lage für den +Verbündeten und für sich selber. + +Bei uns fordert die menschliche Natur zwingend ihr Recht. Wir müssen Atem +schöpfen. Die Infanterie braucht Ruhe, die Artillerie Munition. Ein Glück +war es, daß wir teilweise aus den reichen Vorräten des geschlagenen +Gegners leben konnten; wir hätten sonst die Somme wohl nicht überschreiten +können, denn die im breiten Trichterfeld der zuerst genommenen feindlichen +Stellungen verschütteten Straßen können erst durch tagelange Arbeit wieder +benutzbar gemacht werden. Noch aber geben wir die Hoffnung, +Villers-Bretonneux zu gewinnen, nicht völlig auf. Am 4. April versuchen +wir aufs neue, den Gegner von dort zu vertreiben. Verheißungsvoll lauten +an diesem Tage zuerst die Nachrichten über das Vorschreiten unseres +Angriffes. Der folgende 5. April aber bringt an diesem Punkte Rückschlag +und Enttäuschung. + +Amiens bleibt in den Händen der Gegner und wird nur von unserem Fernfeuer +berührt, das die Verkehrsadern des Feindes zwar beunruhigen, aber nicht +unterbinden kann. + +Die „Große Schlacht“ in Frankreich ist zu Ende! + + + + Die Schlacht an der Lys + + +Unter den Schlachtentwürfen für den Beginn des Feldzugsjahres 1918 befand +sich auch eine Bearbeitung des Angriffes auf die englische Stellung in +Flandern. Bei dieser war von dem Gedanken ausgegangen, sich gegen den nach +Osten vorspringenden englischen Nordflügel beiderseits Armentières zu +wenden, um durch Vordringen in allgemeiner Richtung Hazebrouck den +Zusammenbruch herbeizuführen. Die Aussichten, die eine solche Operation im +Falle günstigen Vorschreitens bot, waren sehr verlockend, aber der +Durchführung des Angriffes standen sehr erhebliche Bedenken gegenüber. +Zunächst war es klar, daß wir es hier mit der stärksten englischen +Kampfgruppe zu tun bekamen. Diese, auf verhältnismäßig engem Raum +zusammengefaßt, war wohl in der Lage, unsern Ansturm nach kurzem +Vorschreiten zum Festrennen zu bringen. Wir begaben uns mit einer solchen +Unternehmung demnach gerade in die Gefahr, die wir vermeiden wollten. Dazu +kamen die Schwierigkeiten des Angriffsgeländes beiderseits Armentières. Da +waren zunächst die meilenbreiten Wiesengründe der Lys und dann dieser Fluß +selbst zu überwinden. Im Winter waren die Niederungen auf weite Strecken +überschwemmt, im Frühjahr oft wochenlang versumpft, ein wahrer Schrecken +für die Besatzung der dortigen Verteidigungsstellungen. Nördlich der Lys +stieg das Gelände allmählich an und erhob sich dann schärfer zu den +gewaltigen Höhenstellungen, die bei Kemmel und Cassel ihre mächtigsten +Eckpfeiler hatten. + +Bevor die Lys-Niederung nicht einigermaßen gangbar war, ließ sich an die +Durchführung dieses Angriffes überhaupt nicht denken. Ein genügendes +Trockenwerden war bei gewöhnlichen Witterungsverhältnissen erst gegen +Mitte April mit einiger Sicherheit zu erwarten. Wir glaubten indessen den +Beginn des entscheidenden Ringens im Westen nicht so lange hinausschieben +zu können. Mußten wir doch ununterbrochen die Möglichkeit des Eingreifens +von Nordamerika im Auge behalten. Ungeachtet der gegen den Angriff +vorhandenen Bedenken ließen wir das Unternehmen wenigstens theoretisch +vorbereiten. An seine Verwirklichung war für den Fall gedacht, daß unsere +Operation bei St. Quentin die gegnerische Führung veranlassen würde, +starke Kräfte von der Gruppe in Flandern wegzuziehen, um sie unserem +Durchbruch entgegenzuwerfen. + +Dieser Fall war Ende März eingetreten. Sobald sich nun übersehen ließ, daß +unser Angriff in Richtung nach Westen ins Stocken kommen mußte, +entschlossen wir uns daher, auf unsere Operation an der Lys-Front +zurückzugreifen. Eine Anfrage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht +erhielt die Antwort: Der Angriff über die Lys-Niederung sei dank des +trockenen Vorfrühlingswetters schon jetzt möglich. Mit außerordentlicher +Tatkraft wurde nunmehr das Unternehmen von seiten der Armeeführungen und +Truppen gefördert. + +Am 9. April, am Jahrestage der großen Krisis von Arras, erhoben sich aus +den verschlammten Stellungen an der Lys-Front von Armentières bis La +Bassée unsere sturmbereiten Truppen. Freilich nicht in breiten +Angriffswellen sondern meist in kleinen Abteilungen und in schmalsten +Kolonnen wateten sie durch einen von Granaten und Minen zerwühlten Morast, +zwischen tiefen, mit Wasser gefüllten Geschoßtrichtern oder auf den +wenigen einigermaßen festen Geländestreifen den feindlichen Linien +entgegen. Unter dem Feuerschutz unserer Artillerie und Minenwerfer gelang +trotz aller natürlichen und künstlichen Hindernisse das überraschende +Vorgehen, an das anscheinend weder die Engländer noch die zwischen ihnen +eingeschobenen Portugiesen geglaubt hatten. Die portugiesischen Truppen +verließen größtenteils in haltloser Flucht das Schlachtfeld und +verzichteten endgültig zugunsten ihrer Bundesgenossen auf die Kampfarbeit. +Unsere Ausnützung der Überraschung und des portugiesischen Versagens fand +freilich in dem Gelände die größten Schwierigkeiten; nur mit Mühe konnten +einzelne Geschütze und Munitionswagen hinter der Infanterie nach vorwärts +gebracht werden. Doch wurde die Lys am Abend erreicht, an einer Stelle +überschritten. Die Entscheidung lag also auch diesmal in dem Kampfverlauf +der nächstfolgenden Tage. Die Aussichten blieben zunächst günstig. Der +10. April sieht Estaires in unserer Hand; auch wird besonders in der +Gegend nordwestlich Armentières Gelände gewonnen. Am gleichen Tage wird +unser Angriff bis in die Gegend von Wytschaete ausgedehnt. Die +Trümmerstätten des wiederholt umstrittenen Messines werden von uns wieder +gestürmt. + +Auch der nächste Tag bringt uns neue Erfolge und neue Hoffnungen. +Armentières wird vom Gegner geräumt, Merville von uns genommen. Wir nähern +uns von Süden her der ersten Stufe zu dem mächtigen Höhengelände, von dem +aus der Blick und die Artillerie des Gegners unsern Angriff beherrschten. +Die Fortschritte werden aber von jetzt ab immer geringer. Sie hören am +linken Flügel in westlicher Richtung bald ganz auf und ermatten bedenklich +in Richtung auf Hazebrouck. In der Mitte nehmen wir in den nächsten Tagen +noch Bailleul und setzen von Süden her den Fuß auf das Hügelgelände. Auch +Wytschaete fällt in unsere Hand. Damit erschöpft sich jedoch dieser erste +Schlag. + +Wie Ketten hatten sich die Schwierigkeiten der Verbindungen durch die +Lys-Niederung an die Bewegungen unserer vom Süden her angreifenden Truppen +gelegt. Schießbedarf kommt in nur ungenügenden Mengen durch, und wir sind +nur dank der Beute auf dem bis jetzt eroberten Kampffelde in der Lage, +unsere Truppen ausreichend zu verpflegen. + +In dem Ringen gegen die feindlichen Maschinengewehrnester blutet unsere +Infanterie außerordentlich, ihre Erschöpfung droht, wenn wir nicht eine +Zeitlang im Angriff innehalten. Andrerseits drängt die Lage zu einer +Entscheidung. Wir waren in eine jener Krisen geraten, in denen der Angriff +äußerst schwierig, die Verteidigung bedenklich wird. Nicht im Durchhalten, +nur im Vorwärtskommen konnte die Befreiung aus diesem Zustande liegen. + +Wir müssen den Kemmelberg stürmen. Wie ein Klotz liegt dieser Berg seit +Jahren vor unseren Augen. Es ist damit zu rechnen, daß ihn der Gegner zum +Kernpunkt seiner flandrischen Stellung ausgebaut hat. Die Lichtbilder +unserer Flieger enthüllen wohl nur einen Teil der dort vorhandenen +Feinheiten der Verteidigungsanlagen. Wir hoffen aber, daß der äußere +Eindruck des Berges stärker ist als sein wirklicher taktischer Wert. +Solche Erfahrungen waren von uns ja schon an anderen Angriffsobjekten +gemacht worden. Kerntruppen, die am Roten-Turmpaß, bei den Kämpfen in den +transsylvanischen Bergen, im serbisch-albanischen Gebirge und in den +oberitalienischen Alpen ihren Willen gezeigt und ihre Kraft bewährt +hatten, dürften vielleicht auch hier das scheinbar Unmögliche möglich +machen. + +Voraussetzung für das Gelingen unseres weiteren Angriffes in Flandern ist, +die französische Führung zu veranlassen, den englischen Bundesgenossen die +Last des dortigen Kampfes allein tragen zu lassen. Wir greifen daher +zunächst am 24. April erneut bei Villers-Bretonneux an, hoffend, daß der +französischen Kriegsleitung die Sorge um Amiens näherliegen würde als die +Hilfeleistung für den schwer bedrängten englischen Freund in Flandern. +Aber dieser unser neuer Angriff scheitert. Dagegen bricht am 25. April die +englische Verteidigung auf dem Kemmelberge auf den ersten Anhieb zusammen. +Der Verlust dieser Stütze erschüttert die ganze feindliche Flandernfront. +Der Gegner beginnt aus dem Ypernbogen zu weichen, den er in monatelangem +Ringen im Jahre 1917 ausgeweitet hatte. An die letzte flandrische Stadt +klammert er sich jedoch wie an ein Kleinod, das er aus politischen +Rücksichten nicht verlieren will. Doch nicht bei Ypern sondern von +Südosten her, in der Angriffsrichtung auf Cassel, liegt die Entscheidung +in Flandern. Gelingt es uns, in dieser Richtung vorzukommen, dann muß die +ganze englisch-belgische Flandernfront ins Rollen nach Westen kommen. Wie +vor einem Monat im Gedanken an Amiens, so erweitern sich auch diesmal die +Hoffnungen und eilen bis an die Küste des Kanals. Ich glaube zu fühlen, +wie ganz England mit verhaltenem Atem dem Fortgang der flandrischen +Schlacht folgt. + +Nachdem das Riesenbollwerk, der Kemmelberg, gefallen ist, haben wir keinen +Grund, vor den Schwierigkeiten der weiteren Angriffe zurückzuweichen. +Freilich kommen Nachrichten über das Versagen einzelner unserer Truppen. +Auch werden wieder Fehler auf dem Schlachtfelde gemacht, Versäumnisse +begangen. Doch solche Fehler und Versäumnisse liegen in der menschlichen +Natur. Wer die wenigsten macht, wird Herr des Schlachtfeldes bleiben. Wir +waren bis jetzt die Herren und wollen es weiter sein. Erfolge, wie der am +Kemmel, reißen nicht nur die Truppe empor, die solches geleistet hat, sie +beleben ganze Armeen. Also weiter vor, zunächst wenigstens bis Cassel! Von +dort aus kann das Fernfeuer unserer schwersten Geschütze Boulogne und +Calais erreichen. Beide Städte sind vollgepfropft mit englischen +Kriegsvorräten, sie sind außerdem die hauptsächlichsten Ausschiffhäfen der +englischen Kriegsmacht. Diese englische Kriegsmacht hat bei dem Kampf am +Kemmelberge überraschend versagt. Gelingt es uns, hier mit ihr allein +abzurechnen, dann haben wir sicherlich Aussicht auf großen Erfolg. Trifft +keine französische Hilfe ein, so ist England in Flandern vielleicht +verloren. Doch diese Hilfe kommt wieder in Englands äußerster Not. Mit +verbissenem Zorne gegen den Freund, der den Kemmelberg preisgegeben hat, +versuchen die eintreffenden französischen Truppen, uns diesen Stützpunkt +zu entreißen. Vergeblich! Aber auch unsere letzten großen Anstürme gegen +die neuen französisch-englischen Stellungen dringen Ende April nicht mehr +durch. + +Am 1. Mai gehen wir in Flandern zur Verteidigung über, oder, wie wir +damals hofften, zur einstweiligen Verteidigung. + + + + Die Schlacht bei Soissons und Reims + + +Der von uns zur Erreichung unseres großen Zieles eingeschlagene Weg wurde +auch nach Beendigung der Kämpfe in Flandern eingehalten. Wir wollen auch +weiterhin „durch eng zusammenhängende Teilschläge das feindliche Gebäude +derartig erschüttern, daß es gelegentlich doch einmal zusammenbricht“. So +kennzeichnete eine damals verfaßte Niederschrift unsere Absichten. Zweimal +war England in äußerster Krisis durch Frankreich gerettet worden; +vielleicht gelang es uns beim dritten Male, einen endgültigen Sieg gegen +diesen Gegner zu erringen. Der Angriff auf den englischen Nordflügel blieb +auch weiterhin der leitende Gesichtspunkt für unsere Operationen. In der +glücklichen Durchführung dieses Angriffes lag nach meiner Ansicht die +Entscheidung des Krieges. Gelangten wir an die Küste des Kanals, so +berührten wir die Lebensadern Englands unmittelbar. Wir kamen nicht nur in +die denkbar günstigste Lage für Bekämpfung seiner Seeverbindungen, sondern +wir vermochten von dort aus mit unseren schwersten Geschützen sogar einen +Teil von Britanniens Südküste unter Feuer zu nehmen. Das geheimnisvolle +Wunder der Technik, das zur Zeit aus der Gegend von Laon seine Granaten +bis in die französische Hauptstadt schleudert, kann auch gegen England zur +Wirkung gebracht werden. Nur noch eine geringe Vergrößerung dieses Wunders +ist nötig, um das Herz des englischen Handels und Staates von der Küste +bei Calais aus unter Feuer zu nehmen. Ernste Aussichten für Großbritannien +damals, aber auch weiter für alle Zukunft! Man kann solche Wunder nach +Kruppschen Gedanken nunmehr überall bauen. Ob in ihnen Friedensgarantien +oder Kriegserreger gegeben sind, muß die Zukunft entscheiden. England hat +wohl in weitsichtigen Gedanken und feinem Empfinden für die ihm drohenden +Gefahren der Zukunft dies alles schon bedacht. Vielleicht hat auch +Frankreich im geheimen schon die Folgerungen daraus gezogen. Daß man über +solches Denken Schweigen bewahrt, ist zwischen Freunden +selbstverständlich; doch fühlt man wohl beiderseits die Waffe in der +Tasche des anderen. + +Für uns handelte es sich im Mai 1918 zunächst darum, die beiden jetzigen +Freunde in Flandern wiederum zu trennen. England ist leichter zu schlagen, +wenn Frankreich fern steht. Stellen wir demnach die Franzosen vor eine +Krisis an ihrer Front, dann werden sie wohl die Divisionen wegziehen, die +zurzeit in Flandern in den englischen Linien verwendet sind. Möglichste +Eile ist notwendig, sonst entreißt uns der wieder gestärkte Gegner die +Vorhand. Ein gefahrvoller Einbruch in unsere nicht sehr starken +Verteidigungsfronten würde unsere Absichten empfindlich stören, ja +unmöglich machen. + +Der Franzose ist am empfindlichsten in der Richtung auf Paris. Dort ist +die politische Atmosphäre gegenwärtig ziemlich stark geladen. Unsere +Granaten und Fliegerbomben haben sie zwar bisher nicht zur Entladung +gebracht, doch können wir hoffen, daß dies gelingt, wenn wir näher an die +Stadt heranrücken. In Richtung auf Soissons steht nach allem, was wir +wissen, die französische Verteidigung zahlenmäßig besonders schwach, doch +gerade hier im angriffsschwierigsten Gelände. + +Als ich am Beginn des Jahres 1917 bei meiner ersten Anwesenheit in Laon +die Terrasse der Präfektur am Südteil der eigenartig aufgebauten +Felsenstadt betrat, lag die Gegend vor mir in der vollen Klarheit eines +herrlichen Vorfrühlingtages. Eingefaßt zwischen zwei Hügelrahmen im Westen +und Osten erstreckte sich das Landschaftsbild nach Süden, dort +abgeschlossen durch einen mächtigen Wall, den Chemin des Dames. Vor +103 Jahren hatten Preußen und Russen unter Blüchers Führung nach +kampfheißen Tagen südlich der Marne die Höhen des Chemin des Dames von +Süden her überschritten und sich nach dem mörderischen Gefechte bei +Craonne unmittelbar bei Laon zum Kampfe gegen den Korsen gestellt. Im +Ostgelände des steilen Laoner Felsens entschied sich in der Nacht vom 9. +auf den 10. März 1814 der Kampf zugunsten der Verbündeten. + +An den Höhen des Chemin des Dames war die französische Frühjahrsoffensive +1917 abgeprallt. Wochenlang hatte man damals mit wechselndem Erfolg um die +dortige Stellung gerungen, dann war es still geworden. Im Oktober 1917 +aber wurde der rechte Schulterpunkt dieser Stellung nordöstlich Soissons +vom Gegner gestürmt, und wir waren gezwungen, den Chemin des Dames zu +räumen und unsere Verteidigung hinter die Ailette zurückzulegen. + +Über die Steilhänge des Chemin des Dames hinüber hatten unsere Truppen +nunmehr aufs neue anzugreifen. Fast noch mehr als bei den bisherigen +Angriffen hing das Gelingen dieses Unternehmens von der Überraschung ab. +War eine solche nicht möglich, dann scheiterte unser Angriff wohl schon an +den nördlichen Steilhängen des Höhenrückens. Die Überraschung gelang +jedoch vollständig. + +Eine eigenartige Erklärung für diese Tatsache möchte ich hier anführen. +Ein Offizier, der bei den Vorbereitungen an der Ailette tätig gewesen war, +vertrat die Anschauung, daß der Lärm der quakenden Frösche in den +Flußarmen und feuchten Wiesengründen so stark gewesen sei, daß er selbst +das Geräusch unserer vorfahrenden Brückenwagen übertönte. Mag ein anderer +über diese Mitteilung denken, wie er will, ich möchte nur versichern, daß +ich den Erzähler vorher durch Wiedergabe von Erlebnissen aus meinem +Jägerleben nicht gereizt hatte! Eine andere mir mehr einleuchtende +Erklärung für das Gelingen der Verschleierung unseres Angriffs entstammt +dem Munde eines gefangenen feindlichen Offiziers. Zu diesem wurde am Tage +vor Beginn unseres Angriffes ein preußischer Unteroffizier gebracht, der +auf Erkundung gefangen war. Auf die Frage, ob er etwas über einen +deutschen Angriff sagen könnte, gab dieser folgende Auskunft: + + „In den frühesten Morgenstunden des 27. Mai wird ein mächtiges deutsches + Artilleriefeuer losbrechen. Es dient aber nur Täuschungszwecken, denn + der anschließende deutsche Infanterieangriff wird nur von wenigen + Freiwilligenabteilungen ausgeführt werden. Die Moral der deutschen + Truppen ist durch die furchtbaren Verluste bei St. Quentin und in + Flandern so erschüttert, daß sich die Infanterie einem allgemeinen + Angriffsbefehl offen widersetzt hat“. + +Der Offizier gab offen zu, daß ihm diese Angaben den Eindruck voller +Glaubwürdigkeit gemacht hätten, und daß er deswegen am 27. Mai in voller +Ruhe den Verlauf der Dinge abwarten zu können glaubte. Vielleicht kommen +diese meine Erinnerungen dem braven deutschen Soldaten zur Kenntnis. Ich +drücke ihm in Gedanken die Hand und danke ihm im Namen des ganzen Heeres, +dem er einen so unschätzbaren Dienst erwies, und im Namen von vielen +Hunderten, ja vielleicht Tausenden braver Kameraden, deren Leben er durch +seine Geistesgegenwart erhalten hat. Die Täuschung des feindlichen +Offiziers hätte übrigens nicht so gelingen können, wenn nicht die +feindliche Propaganda durch die sinnlose Übertreibung unserer bisherigen +Verluste einen günstigen Boden für die Glaubwürdigkeit der Angaben des +preußischen Unteroffiziers vorbereitet hätte. So rächen sich hier und da +propagandistische Unwahrheiten und Übertreibungen. + +Die Schlacht begann am 27. Mai. Sie nahm einen glänzenden Verlauf. Wir +hatten ursprünglich damit rechnen zu müssen geglaubt, daß unser Angriff an +der Linie der Aisne-Vesle zum Halten kommen würde, und wollten dann über +diese Abschnitte hinaus nicht weiter vordringen. Wir waren daher nicht +wenig überrascht, als wir schon am Nachmittage des ersten Schlachttages +die Meldung erhielten, daß die deutschen Schrapnellwolken bereits auf dem +Südufer der Aisne liegen, und daß unsere Infanterie dorthin noch am +gleichen Tage vorgehen wollte. + +Die Mitte unseres vollen taktischen Durchbruches erreichte in wenigen +Tagen die Marne von Château-Thierry bis Dormans. Unsere Flügel schwenkten +nach Westen gegen Villers-Cotterêts und nach Osten gegen Reims und das +Höhengelände südlich dieser Stadt ein. Die Beute war ungeheuer, das ganze +Aufmarschgebiet der französischen Frühjahrsoffensive von 1917 mit seinen +noch vorhandenen reichen Vorräten aller Art war in unserem Besitz. Die +Anlage neuer Straßen, Lagerbauten für viele Tausende von Mannschaften und +anderes legten Zeugnis davon ab, in welch großzügiger Weise der Franzose +damals seine Angriffe in mehrmonatiger Arbeit vorbereitet hatte. Wir +hatten die Sache kürzer gemacht! + +In diesen Tagen sah ich gelegentlich eines Besuches der Schlachtfelder +Laon wieder. Wie hatte sich in der Zeit seit Winter 1917 der damals fast +friedliche Charakter des dortigen Lebens gewandelt. Wenige Tage, nachdem +unsere größten Geschütze aus den Waldungen bei Crépy, westlich Laon, das +Feuer gegen Paris eröffnet hatten, begannen nämlich feindliche Batterien +aus dem Tale der Aisne das Feuer gegen die unglückliche Stadt. Ich möchte +damit nicht behaupten, daß die Gegner gegen das eigene Fleisch und Blut +wüteten ohne verständlichen militärischen Zweck. Sie nahmen wohl an, daß +die Munitionszufuhr zu unseren Paris so lästigen Batterien über Laon gehen +würde, ein begreiflicher Irrtum. Bei dem Feuer auf den Bahnhof fiel eine +große Anzahl schwerer Geschosse in die noch dicht bevölkerte Stadt, auch +warfen nunmehr feindliche Flieger zu jeder Tageszeit Bomben dort nieder. +Wer von den hart heimgesuchten Einwohnern sich von der mit Vernichtung +bedrohten Heimstätte nicht losreißen konnte, mußte in Kellern oder +Erdräumen leben, ein Bild unsagbaren Massenelends, wie wir es freilich aus +ähnlichen Gründen auch an anderen Stellen hinter unseren westlichen +Verteidigungsfronten mit ansehen mußten, ohne etwas daran ändern zu +können. Am ersten Angriffstage waren die feindlichen Fernfeuergeschütze am +Aisne-Tal erobert worden, und damit hatte die Beschießung Laons ein Ende +genommen. Ein Zugehöriger dieser Batterien wurde gefangen durch die Stadt +geführt. Hier stellte er die Bitte, die beschossenen Häuserviertel +besuchen zu dürfen, da ihn die Lage der Schüsse seiner Geschütze +interessiere. Welch überraschender Tiefstand eines durch den Krieg +versteinerten Herzens! + +Der Krieg wirkte freilich nicht immer derartig; auch bei unseren Gegnern +fanden sich weiche Herzen nach hartem Männerkampfe. Von den mir erzählten +Beispielen möchte ich nur eines verzeichnen: Es war am 21. März in dem +noch immer mit schwerem englischen Feuer belegten St. Quentin. Dort stauen +sich in den zerschossenen Straßen deutsche Kolonnen. Feindliche Gefangene, +aus dem Kampfe kommend und Verwundete tragend, werden zum Halten +gezwungen. Sie legen ihre Bürde nieder. Da hebt ein schwer verwundeter +deutscher Soldat, dem Tode näher als dem Leben, den ermattenden Arm +suchend und stöhnt zu dem sich niederbeugenden Träger: „Mutter, Mutter.“ +Das englische Ohr versteht den deutschen Laut. Der Tommy kniet nieder an +der Seite des Grenadiers, streichelt die erkaltende Hand und sagt: +„_Mother, yes, mother is here!_“ + +Auch ich selbst sah auf diesen Schlachtfeldern Bilder tiefen menschlichen +Fühlens. So wanderte ich Ende Mai an der Seite eines deutschen Generals +über die kurz vorher erstürmten Höhen westlich Craonne. Bei jedem der noch +nicht bestatteten gegnerischen Gefallenen bückt er sich und bedeckt das +noch entblößte Gesicht, eine Huldigung an die Majestät des Todes. Er sorgt +aber auch für lebende Feinde, labt aus eigenen Mitteln einige aus Schwäche +zurückgebliebene Verwundete und veranlaßt ihren bequemen Transport. Auch +schon früher hatte ich Gelegenheit, in das wahre Menschentum dieses +Deutschen zu blicken. In den Märztagen des Jahres fahre ich in der Gegend +von St. Quentin an seiner Seite an Kolonnen gegnerischer Gefangener +entlang, die sein ernstes Auge in tiefen Gedanken betrachtet. An der +Spitze einer dieser Kolonnen läßt er Halt machen und spricht den dort +vereinigten feindlichen Offizieren die Anerkennung für die tapfere Haltung +ihrer Truppen aus, sie mit dem Hinweis tröstend, daß das härteste Los, das +der Gefangenenschaft, oft den trifft, der am tapfersten ausgeharrt hat. +Die Wirkung dieser Worte scheint groß. Am größten bei einem jungen +hochgewachsenen Offizier, der augenscheinlich schwer berührt bisher den +Kopf wie aus Scham zu Boden senkte. Jetzt erhebt sich die schlanke +Gestalt, wie die junge Tanne vom Schneedruck befreit, und ihr dankbarer +Blick trifft das Auge – meines Kaisers. + +Zur Erweiterung unserer Erfolge hatten wir noch während der Kämpfe in dem +bis zur Marne aufspringenden Bogen den rechten Flügel unseres Angriffes +nach Westen hin bis zur Oise ausgedehnt. Der Angriff gelang nur +unvollständig. Ein Angriff, den wir aus der Linie Montdidier-Noyon am +9. Juni in Richtung Compiègne führten, drang nur bis halbwegs dieser Stadt +vor. Auch unsere Versuche in der Richtung auf Villers-Cotterêts gelangten +zu keinem größeren Ergebnis. Wir mußten uns davon überzeugen, daß wir in +der Gegend von Compiègne-Villers-Cotterêts die Hauptkräfte des feindlichen +Widerstandes vor uns hatten, den zu brechen wir die Kräfte nicht besaßen. + +Zusammenfassend möchte ich meine Bemerkungen über die Schlacht von +Soissons-Reims damit schließen, daß uns die Kämpfe viel weiter geführt +hatten, als es ursprünglich beabsichtigt war. Auch hier hatten sich aus +unerwarteten Erfolgen neue Hoffnungen und neue Ziele ergeben. Daß diese +schließlich nicht voll erreicht wurden, lag in der allmählichen +Erschöpfung der eingesetzten Kräfte begründet. Unseren allgemeinen +Absichten entsprach es jedoch nicht, noch mehr Divisionen für die +Operation in der Marnegegend einzusetzen. Unsere Blicke richteten sich +ununterbrochen nach Flandern. + + + + Rückblick und Ausblick Ende Juni 1918 + + +Das von uns in den drei großen Schlachten Erreichte stellte vom +kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem +Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet worden war. Aus dem +Geländegewinn, den Beutezahlen, den schweren blutigen Verlusten des +Gegners sprach mit aller Deutlichkeit die Größe der deutschen Erfolge. Wir +hatten das Gefüge des feindlichen Widerstandes bis in seine Grundfesten +erschüttert. Unsere Truppen hatten sich den großen Anforderungen, die wir +an sie stellten, voll gewachsen gezeigt. In den wochenlangen +Angriffskämpfen hatte der deutsche Soldat bewiesen, daß der alte Geist +durch die jahrelangen Verteidigungskämpfe nicht erstickt war, sondern sich +unter dem Worte „Vorwärts“ bis zu der Höhe des seelischen Schwunges des +Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der Sturmdrang unserer Infanterie hatte +seine Wirkung auf den Gegner nicht verfehlt: „_What an admirable and +gallant infanterie you have_“, so sprach ein feindlicher Offizier sich +gegenüber einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschluß an +diese Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in +vorderster Linie gestanden. Ein mächtiger Einheitszug war durch das Ganze +hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am hintersten +Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwärts gestrebt, um teilzuhaben, +mitzuwirken und mitzufühlen an dem großen Geschehen! Wie oft löste sich da +ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes dankbares Gebet. +Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste wieder genossen, +der mich wie ein Herüberwehen aus meiner längst vergangenen militärischen +Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag dazwischen, aber das +Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war unverändert geblieben. So +hatten unsere braven Jungens im alten blauen Rock in den Biwaks von +Königgrätz und Sedan gesprochen und gesungen, wie die Feldgrauen jetzt +wieder sprachen und sangen in den großen Kämpfen um Dasein und Vaterland, +für Kaiser und Reich. + +Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht, +den Gegner militärisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf der +gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von Nachgiebigkeit. Nach außen +hin schien im Gegenteil jede militärische Niederlage den +Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu verstärken. Dieser Eindruck +wurde auch nicht dadurch abgeschwächt, daß ab und zu im gegnerischen Lager +Stimmen zur Mäßigung rieten. Der diktatorische Druck der uns feindlichen +Staatsgebäude war im großen und ganzen nirgends gelockert. Wie mit +eisernen Klammern hielt er den Willen und die Kraft der Völker zusammen +und machte in mehr oder minder ausgesprochen gewaltsamer Form alle +diejenigen unschädlich, die in andrer Richtung zu denken wagten, als die +jetzigen tyrannischen Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag für +mich etwas sehr Eindrucksvolles. Sie stützten ihre eigenen Hoffnungen und +verwiesen ihre Völker in erster Linie auf das allmähliche Ermatten unserer +Kraft. Diese mußte sich nach ihrer Anschauung allmählich verbrauchen. Der +Hunger in der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der +Propaganda, Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kämpfe +hatten uns bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer +Faktor wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten +kampfgeschulten Truppen bei Château-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns +dort entgegen, noch ungelenk aber von kräftigem Willen geführt. Sie +wirkten auf unsere schwachen Verbände überraschend durch ihre zahlenmäßige +Überlegenheit. + +Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so lange +gehegten französischen und englischen Hoffnungen endlich erfüllt. War es +da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmänner jetzt weniger als je an +einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung unseres +staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite seit langem +beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter fadenscheinigen, milden +und sophistischen Redensarten verbergen wollen. Sie wandten solche Phrasen +nur an, wenn diese ihren propagandistischen Zwecken entsprachen, sei es, +um ihren eigenen Völkern die auferlegte Blutsteuer erträglich erscheinen +zu lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermürben. So war +ein Ende des Krieges für uns nicht abzusehen. + +Mitte des Monats Juni hatte die allgemeine militärische Lage für den +Vierbund eine wesentliche Verschlechterung erfahren: Nach +erfolgverheißenden Anfängen war der Angriff Österreich-Ungarns in Italien +gescheitert. Wenn auch unser dortiger Gegner nicht die Kraft besaß, aus +dem Mißlingen des österreichisch-ungarischen Unternehmens größeren Vorteil +zu ziehen, so war doch das Scheitern des Angriffs von Folgen begleitet, +die schlimmer waren, als sie aus einem Unterlassen des Angriffs hätten +entstehen können. Das Mißgeschick unseres Bundesgenossen war ein Unglück +auch für uns. Der Gegner wußte so gut wie wir, daß Österreich-Ungarn mit +diesem Angriff seine letzten Gewichte in die Wagschale des Krieges +geworfen hatte. Von jetzt ab hörte die Donaumonarchie auf, eine Gefahr für +Italien zu bedeuten. Ich glaubte, damit rechnen zu müssen, daß Italien +sich nunmehr dem Drängen seiner Verbündeten nicht mehr entziehen könnte +und auch seinerseits Kräfte auf den alles entscheidenden westlichen +Kriegsschauplatz werfen würde, nicht nur, um die feindliche politische +Einheitsfront zu beweisen, sondern auch um bei den weiteren Kämpfen eine +wirkungsvolle Rolle zu spielen. Sollte nicht auch diese neue Last auf +unsere Schultern allein fallen, so mußten wir österreichisch-ungarische +Divisionen an unsere Westfront heranzuholen versuchen. Das war der für uns +maßgebende Grund für das Ersuchen um nunmehrige unmittelbare +österreichisch-ungarische Unterstützung. Große Wirkung konnten wir uns von +dieser Unterstützung allerdings zunächst nicht versprechen. Die +Entscheidung über die Geschicke des gesamten Vierbundes hing jetzt mehr +als je ab von Deutschlands Kraft. + +Die Frage war also, ob diese noch ausreichen würde, um ein siegreiches +Ende des Krieges zu erzwingen. Ich habe weiter oben von den glänzenden +Leistungen unserer Truppen gesprochen; zur Beantwortung dieser Frage wende +ich mich jetzt zu anderen, ernsteren Seiten: + +Bei aller Liebe und Anerkennung für unsere Soldaten durften wir doch die +Augen vor den sich im Laufe des langen Krieges ergebenden Mängeln in dem +Gefüge unserer Armee nicht verschließen. Das Fehlen einer genügenden Zahl +langgeschulter Führer der unteren Dienstgrade hatte sich bei unsern großen +Angriffsschlachten sehr fühlbar gemacht. Die Gefechtsdisziplin war ab und +zu bedenklich gelockert. Es war an sich verständlich, daß der Soldat sich +inmitten der erbeuteten reichen Bestände gegnerischer Depots dem Genusse +lang entbehrter Lebens- und Genußmittel hingab. Aber es hätte verhindert +werden müssen, daß er sich auf diese Genüsse zur Unzeit stürzte und dabei +seine augenblickliche Pflicht vernachlässigte. Ganz abgesehen von den +auflösenden Wirkungen derartigen Verhaltens auf den Geist der Truppe trat +auch die Gefahr ein, daß uns günstige Gefechtslagen ungenutzt verstrichen +und sich wiederholt in das Gegenteil verwandelten. + +Die Kämpfe hatten weitere schwere, unausfüllbare Lücken in unsere Truppen +gerissen. So manche Infanterie-Regimenter bedurften eines völlig neuen +Aufbaues. Die Bausteine hierfür waren dem alten Material moralisch meist +nicht mehr gleichwertig. Die Schwächen der heimatlichen Verhältnisse +spiegelten sich vielfach in den Stimmungen wieder, die den ins Feld +nachkommenden Ersatz durchdrangen. + +Unter dem Einfluß unserer kriegerischen Erfolge hatte sich zwar die +Stimmung der Heimat in weiten Kreisen mächtig gehoben. Man folgte den +Nachrichten aus dem Felde mit größter Spannung und hoffte auf ein +baldiges, glückliches Ende des schweren Ringens. Hunger, Opfer, Sorge +schienen nicht umsonst gewesen zu sein, und manches wurde vergessen, +manches wurde auch weiter mannhaft ertragen, wenn nur ein glücklicher +Schluß des ungeheuern Duldens in greifbare Nähe gerückt blieb. So +bewirkten die Erfolge des Heeres vieles, was die politische Führung +versäumte. Aber das vaterlandslose Empfinden einzelner Teile des deutschen +Volkes, die von durch Eigennutz und Selbstsucht entarteten politischen +Ideenrichtungen durchtränkt waren, die bei ihrer Nervenzerrüttung und +sittlichen Verderbnis im Siege des Gegners das Glück und den Frieden des +Vaterlandes sahen, und die das Gute ausschließlich im feindlichen Lager, +das Böse ebenso ausschließlich im eigenen Lande suchten und zu finden +glaubten, bildete den Ausstrahlungspunkt für die Zersetzung, die unsern +ganzen Volkskörper verderben wollte. Wahrlich, Trotzki schien in +Brest-Litowsk nicht in den Wind gesprochen zu haben. Seine politischen +Irrlehren drangen über unsere Grenzpfähle und fanden zahlreiche Anbeter in +allen Berufsklassen und aus den verschiedensten Beweggründen. Die +feindliche Propaganda setzte ihre Einwirkung offen und im geheimen fort. +Sie warf sich mit wechselnder Stärke auf alle Gebiete unseres Lebens. + +So drohte das Schwinden der Widerstandskraft in unserm Volk und Heer sich +mit dem Vernichtungswillen des Gegners zu unserm Verderben zu verbinden. +Kriegerische Erfolge schienen allein einen Ausweg aus dieser schweren Lage +geben zu können. Mit ihrer Hilfe zu einem glücklichen Ende zu kommen, war +nicht nur mein bestimmter Wille, sondern auch meine sichere Hoffnung. +Vorbedingung für solche Erfolge war, daß wir die Vorhand nicht verloren, +das heißt im Angriff blieben. Wir gerieten sofort unter den Hammer, wenn +wir ihn selbst aus der Hand gaben. + +Wir konnten uns durchkämpfen, wenn nur die Heimat uns weiter die +körperlichen und sittlichen Kräfte gab, über die sie noch verfügte, wenn +sie nicht den Mut und den Glauben an unsern Endsieg verlor, und wenn die +Bundesgenossen nicht versagten. + +In diesen Gedanken und Empfindungen trat ich an die Fortführung unseres +bisherigen Gesamtplanes heran. + + + + + Im Angriff gescheitert + + + + Der Plan zur Schlacht bei Reims + + +Die Lage im Marnebogen nach dem Abschluß der Junikämpfe machte den +Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von +Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht +stehen bleiben. Die Zufuhrverhältnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein +waren mangelhaft. Sie genügten knapp für den Zustand verhältnismäßiger +Kampfruhe, drohten aber für den Fall eines ausbrechenden, länger dauernden +Großkampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig +leistungsfähige Bahnlinie als hauptsächlichste Zufuhrstraße für unsere +großen Truppenmassen auf dem im Verhältnis zu deren Stärke engen Raum zur +Verfügung. Dazu kam, daß der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu +allseitigen Angriffen reizen mußte. + +Die gründliche Besserung der Versorgungsverhältnisse sowie der taktischen +Lage war nur möglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die +Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikämpfen nicht +gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsächlich in westliche +Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims mußte jetzt Aufgabe einer +besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fügte sich +aber auch in den Rahmen unserer gesamten Pläne ein. + +An früherer Stelle habe ich schon betont, daß es nach Abbruch der +Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Engländer in Flandern nochmals einen +entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte +diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Führung +veranlassen wollten, den Engländern in Flandern die französischen Stützen +wieder zu entziehen. + +Die Vorbereitungen für die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit +fortgesetzt worden. Während der Arbeiten an den zukünftigen +Angriffsfronten lagen unsere für die Durchführung bestimmten Divisionen in +Belgien und im nördlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in +Unterkunft. + +Ich befürchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen +Gegenmaßregeln. Hatte auch der größte Teil des englischen Heeres nunmehr +seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschütterten +Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden +Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, daß der Engländer zum Angriff +übergehen würde. + +Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, daß wir mit den +englischen Hauptkräften in Flandern fertig werden würden, wenn es uns nur +gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten. +Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem +größeren und weiteren Zwecke, nämlich dem entscheidenden Kampf gegen die +Masse des englischen Heeres, dienen. + +Die Lage an der französischen Front zeigte Anfang Juli ungefähr folgendes +Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend +Compiègne-Villers-Cotterêts. Sie befanden sich dort in einer strategisch +sehr günstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung +unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Städte +entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der außerordentlich +günstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an +jeden Teil der französischen und englischen Front verschoben werden. Der +Übergang Fochs zu einer großen Offensive schien mir vor dem Eintreffen +starker amerikanischer Kräfte wenig wahrscheinlich, es sei denn, daß Foch +zu einer solchen Offensive durch besonders günstige oder zwingende +Verhältnisse veranlaßt wurde. + +Südlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen +Kräfte. Bei Reims und im Berggelände südlich davon befand sich dagegen +zweifellos eine große gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von +Franzosen, auch aus Engländern und Italienern gebildet war. An den übrigen +französischen Fronten hatten sich die Verhältnisse im Vergleich mit der +Zeit unserer Frühjahrsangriffe nicht wesentlich verändert. Mit dem +ständigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten +Kampfdivisionen änderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht +wesentlich. + +Über das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschöpfende +Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, daß die amerikanischen +Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere +Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder +abzuschwächen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte, +den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, daß ein solcher +Massentransport überhaupt nicht in Frage gekommen wäre. Die Gegner +stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen +und umfassenden militärischen Hilfe für Frankreich und England alle +Rücksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbedürfnisse ihrer +Länder zurück. Wir mußten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen. + +Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen +Zusammenhang mit unsern Plänen in Flandern, so blieb die Frage zu +entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kämpfen bei Reims geben wollten +und mußten. Wir hatten ursprünglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der +Stadt zu begnügen. Über den Besitz von Reims entschied die Beherrschung +des Hügelgeländes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses +Hügellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur +Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heißt zur Ausschaltung einer +etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom südlichen Marneufer her, +sollten stärkere Kräfte beiderseits Dormans auf das Südufer dieses Flusses +vorstoßen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flußübergang +angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kühnes +Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den +verschiedenen Fluß- und Stromübergängen hielten wir jedoch auch in diesem +Falle ein solches Vorgehen nicht für zu bedenklich. Die +Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewältigung des +Flußabschnittes sondern in der Fortführung des Kampfes jenseits des +Hindernisses. Die Nachführung der Artillerie und aller Kampf- und +Lebensbedürfnisse für die Angriffstruppen war auf Kriegsbrücken +angewiesen, die naturgemäß dankbare Ziele für das artilleristische +Fernfeuer und für die Fliegerangriffe des Gegners boten. + +Über die anfängliche Beschränkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz +von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener +Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein. +Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im +Südosten abzuschnüren, andererseits glaubten wir nach den letzten +Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu +können, verlockt durch die Aussichten auf große Beute an Gefangenen und +Kriegsbedürfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir +nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer großen +Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwächen. + +An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natürlich ein +großes Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen +Verstärkungen arbeitete die Zeit nicht für sondern gegen uns. Das richtige +Ausmaß zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der +gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und +wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen +von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen +und Vorführen der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei +allem Drängen der Gesamtlage nicht übersehen, welche Schwierigkeiten die +jedesmalige Auffrischung unserer Truppen für neue Kampfaufgaben in sich +schloß. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli +beginnen lassen. + + + + Die Schlacht bei Reims + + +In den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige +Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen. +Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die +Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber +allmählich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen für eine Verstärkung der +gegnerischen Front oder für besondere Abwehrmaßregeln des Feindes bemerkt. +Unserer Infanterie gelingt es, auf das südliche Marneufer überzusetzen. +Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Höhen jenseits des +Flusses erstiegen, Geschütze erobert. Die Nachricht von diesen ersten +Vorgängen erreicht uns in Avesnes schon sehr frühzeitig. Sie löst die +begreifliche Spannung und verstärkt unsere Hoffnung. + +Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims, +ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu +richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnürung zu Fall +gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das +erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und +Minenwerfer zertrümmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet +sich aus den früheren Kämpfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand +kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt +in ihnen jedenfalls zahllose Stützpunkte, und es bedarf kaum einer +besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfähig zu machen und neue +veränderte Verteidigungsmöglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint +der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindrücken am wenigsten +auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr +stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer +Gruppierung. + +Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche +Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskämpfen, diese +zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch über die +gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste +feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos +gestürmt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze +die weiteren Sturmziele verläßt, um sie der Infanterie freizugeben, da +erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des +Gegners beginnt ihr Feuer aufs äußerste zu steigern. Unsere Truppen +versuchen trotzdem, vorwärts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien +werden herangeholt. Geschützweise und von Menschen gezogen treffen sie +ein, denn in dem Trichterfelde versagen größtenteils die Pferde. Kaum sind +die Geschütze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertrümmert +am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite +Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war +meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches +Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer +artilleristischen Massenwirkung gegenüber angeordnet und angewendet worden +auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner später selbst der +ganzen Welt jubelnd verkündet. + +Die Kampfverhältnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten +Tages unverändert. + +Einen günstigeren Verlauf nehmen unsere Kämpfe südwestlich Reims und +beiderseits der Marne. Südlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf +fast eine Wegstunde vorwärts, mit dem Hauptdruck längs des Flusses in +Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend +in erbittertem Kampfe zurückgelegt. Auch nördlich des Flusses ist unser +Angriff im Vorschreiten. Mächtiger wie die Kalkhänge des Chemin des Dames +erhebt sich hier das Reimser Berggelände, von tiefen Schluchten +zerklüftete Höhen, deren flachgewölbte Kuppen großenteils von dichtem +Walde bestanden sind. Das ganze Gelände ist für zäheste Verteidigung +hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im höchsten Grade eine +Zusammenfassung seiner artilleristischen Kräfte auf ausgesprochene Ziele +erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwärts. Sie trifft hier zum +ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich +anscheinend auf französischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen. + +Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50 +Geschütze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis +entspricht freilich nicht unseren höheren Hoffnungen. Doch erwarten wir +mehr von dem folgenden Tag. + +Der Vormittag des 16. Juli verläuft in der Champagne, ohne daß unsere +Truppen noch irgendwo merklich vorwärts kommen. Wir stehen vor der +schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr +tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die +Gefahr besteht, daß die Truppe sich umsonst verblutet, oder daß sie selbst +im günstigen Falle so schwere Verluste erleidet, daß sie kaum mehr +befähigt sein wird, die errungenen Vorteile gründlichst auszunutzen. Das +Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerückt. Aus diesen Gründen gebe +ich meine Zustimmung zum Übergang in die Verteidigung an dieser Stelle. +Dagegen bleibt es bei der Fortführung unserer Angriffe südlich der Marne +und in dem Reimser Berggelände. Jenseits des Flusses werden wir aber im +Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der +Feind wirft uns starke Kräfte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des +Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir +stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt. +Auch im Berggelände nähern wir uns der Straße Epernay-Reims trotz +verzweifelter Gegenstöße des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von +Reims scheint an einem Faden zu hängen. Wenngleich die übrige Operation +jetzt schon als gescheitert angesehen werden muß, so soll doch wenigstens +Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militärisches Wertobjekt für +uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen +Eindruck auf den Gegner. + +Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Südlich der Marne +beginnen die Verhältnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu +gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelände gegen erbitterte +feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluß so nahe, hat +also so wenig Tiefe, daß jeder Rückschlag zum Verhängnis werden kann. +Hinzu kommt, daß die Kriegsbrücken über die Marne durch das Fernfeuer +feindlicher Artillerie und durch französische Fliegerbomben immer mehr +gefährdet werden. Wir müssen also wieder nach Norden zurück, da wir nach +Süden keinen weiteren Raum mehr gewinnen können. Ich ordne daher das +Zurücknehmen der Truppen auf das nördliche Marne-Ufer an, so schwer es mir +wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgeführt +werden. + +Im Berggelände setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster +Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres +Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gründlicher +Vorbereitung. + +Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig übrig. Das Unternehmen +scheint gescheitert und bringt daher der französischen Front gegenüber +keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung für unseren +Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen +auch nur das Fernhalten der französischen Kräfte von der englischen +Verteidigung erreicht ist, so sind die Kämpfe nicht vergebens gewesen. + +In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des +17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des +Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordflügel das Nähere zu besprechen. + +Vorbedingung für die Durchführung unserer Angriffe bei Reims war, daß der +nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens +zwischen Soissons und Château-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, daß +unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiègne und Villers-Cotterêts +versammelten französischen Kräfte geradezu herausforderte. War General +Foch auch nur einigermaßen zu einer aktiven Tätigkeit imstande, so mußte +er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser +Angriff über die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, daß +der französische Führer frühzeitig von unseren Plänen erfuhr und +ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen. + +Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen +französischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterêts +her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der +vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen +bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben +geschilderten großen Angriff auf Reims herangehen zu können. Freilich +waren die zwischen Soissons und Château-Thierry stehenden Truppen nicht +alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kämpfen so +glänzend geschlagen, daß ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven +Aufgabe für durchaus gewachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, daß +auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines +starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen ließen. Ob +in dieser Beziehung an der Front Soissons-Château-Thierry Versäumnisse +vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst +glaube auf Grund späterer Mitteilungen, daß der anfänglich günstige +Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die +Truppen an der Front Soissons-Château-Thierry an einigen Stellen den Ernst +der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen ließ. + +Man hört dort während dieser Tage den Kanonendonner aus der +Angriffsschlacht herüberschallen, man erfährt unser anfänglich Erfolg +versprechendes Vorgehen über die Marne; Übertreibungen der erreichten +Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprüftem Wege zu den Truppen. Man +erzählt sich von der Eroberung von Reims, von großen Siegen in der +Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, für +einen sachlichen Beobachter unheimlich still, für jemand, der ohne nähere +Kenntnis der Lage dem Gefühle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in +der Richtung auf Villers-Cotterêts, die am 15. Juli noch volle +Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend +gewürdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle +Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an +einer Zwischenstelle stecken. Das Gefühl für die Lage ist eben teilweise +abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen. + +Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den +Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die +Kornfelder. Sie sind überrascht, als plötzlich ein heftiger Granathagel in +das Gelände schlägt. – Ein Feuerüberfall? – Die eigene Artillerie +antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter +Nebel alles verschleiert. Das Knattern der Maschinengewehre beginnt auf +breiter Front und zeigt, daß es sich um mehr handelt, als um einen +Feuerüberfall. Ehe man sich darüber völlig klar wird, tauchen in den hohen +Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen +Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen +Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die größte Gefahr scheint +zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein. + +Während dort die übriggebliebenen Teile der zertrümmerten und versprengten +Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf führen, versuchen die +rückwärts befindlichen Unterstützungen einen neuen Widerstand zu bilden +und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoß +herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In vorübergehend wieder +genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche +Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann +verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser +Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur +vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter +südlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer +empfindlichsten Stelle, nämlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres +Marnebogens südlich der Aisne. Aber von hier aus drückt der Feind auf die +ganze übrige bis Château-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch +mehr, er drückt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinführende +Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich östlich Soissons aus dem Aisnetal +nach Süden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet. + +Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie +droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der +früheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen +Zustand zuverlässig zu festigen. Meinen Wünschen und Absichten hätte es +entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her über die Aisne bei +Soissons flankierend zu fassen um den Gegner dadurch zu zermalmen. Der +Aufmarsch hierfür hätte jedoch zu viel Zeit gekostet, und so mußte ich den +Gegengründen nachgeben, die zunächst eine völlige Sicherung unserer +angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren +unserer Entschlüsse wurden. Was also an Truppen verfügbar ist, wird zu +diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht überwunden, +sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrüche des Gegners verschärfen die +Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn südlich der Ourq die +feindlichen Anstürme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei +Château-Thierry die starken, aber ungeübt geführten amerikanischen +Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir können und dürfen +die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das wäre +Tollkühnheit. Wir lösen daher unseren linken Flügel von Château-Thierry +los und weichen zunächst ein Stück weiter nach Osten, behalten aber noch +die Anlehnung an die Marne. + +Vom Südufer dieses Flusses sind wir in Ausführung unseres Entschlusses vom +17. Juli nach schweren Kämpfen rechtzeitig zurückgewichen. Die treffliche +Haltung unserer Truppen, an der alle französischen Angriffe scheitern, hat +uns die gefährliche Lage dort glücklich überdauern lassen. Das Zurückgehen +gelingt über Erwarten gut. Der Gegner erstürmt erst am 21. Juli nach +gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken +Kolonnen, unsere schon geräumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten +dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus. + +Die Kampfführung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den +gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs äußerste erschwert. Die +gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke östlich von +Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben fällt bei +Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu +eintreffender Verstärkungen und Kampfablösungen weit außerhalb des Bogens +in die Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmärschen werden +sie von da auf das Schlachtfeld vorgeführt. Sie erreichen ihre Bestimmung +manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem +Zusammenbrechen aus den Händen der ermatteten Kameraden zu übernehmen. + +So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle +unsere Kräfte zu verzehren. Wir müssen aus dem Bogen heraus, uns von der +Marne trennen. Ein schwerer Entschluß, nicht vom Standpunkte kriegerischer +Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner +jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: „Marne“ ein Umschwung +der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie +wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele +Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Haß, mit Hoffnung. + +Aber jetzt darf nur die militärische Einsicht sprechen. Ihre Forderung +lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Überstürzung der +Maßregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kräfte und von +allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer +greifender Einbruch. So können wir Schritt um Schritt weichen. Wir können +unser kostbares Kriegsgerät dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue +Verteidigungslinie rücken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne +und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August +vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Führung und Truppe. + +Nicht die Waffengewalt des Feindes preßte uns aus dem Marnebogen heraus +sondern die Unerträglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der +Schwierigkeiten der Verbindungen im Rücken unserer nach drei Seiten +kämpfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt. +Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die +treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten +Überraschung glänzend geschlagen. Was von Menschen gefordert werden +konnte, wurde hier geleistet. So kam es, daß unsere Infanterie aus diesem +Kampfe keineswegs mit dem Gefühle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr +stolzes Selbstbewußtsein war zum Teil auf die Beobachtung gegründet, daß +ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stütze der Panzerwagen +vielfach im Angriff versagten. + +Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen +entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn +diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was +schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche +Scheußlichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empörung und Anklage, +sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit +und Recht auf europäischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese +Schwarzen auf die Schlachtbank geführt. + +Mochten Engländer, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren +Hilfsvölkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum +Kampfe Mann gegen Mann, dann fühlte und zeigte sich damals noch unser +Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefühl persönlicher +Machtlosigkeit gegenüber den feindlichen Panzerwagen war teilweise +überwunden. In tollkühnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich +dieser lästigen Gegner zu entledigen, kräftigst unterstützt durch die +eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte über unsere Truppen +auch diesmal wieder die französische Artillerie. Den stunden-, ja +tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt, +nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien +unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die äußerste Probe +gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine +Erlösung aus einem Drucke wehrloser Zermürbung empfunden. + +Die Truppen hatten das äußerste leisten müssen, nicht nur im Kampfe, +sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Märschen und Entbehrungen. +Ihr Kräfteverbrauch war groß, ihr Nervenverbrauch noch größer. Ich sprach +Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen +Antworten und Erzählungen redeten deutlicher als ganze Bücher von dem, was +sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen +steckte. Wie sollte man an diesen prächtigen Menschen verzweifeln können! +Sie waren freilich müde, bedurften der körperlichen Ruhe und der +seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu +gewähren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafür ließ. + +Wenn wir in den Kämpfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der +Gegner zufügen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch über die +weitreichende Rückwirkung dieser Schlacht und unseres Rückzuges keiner +Täuschung hingeben. + +Militärisch war für uns von der größten und folgenschwersten Bedeutung, +daß wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und daß wir zunächst +keine Kraft besaßen, sie wieder an uns zu reißen. Wir waren gezwungen +gewesen, starke Teile von jenen Kräften zum Kampfe heranzuziehen, die wir +zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafür entfiel für uns die +Möglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische +Heer durchführen zu können. Die gegnerische Führung war dadurch von dem +Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Maßnahmen +ausgeübt wurde. Auch Englands Kräfte waren durch die Schlacht in dem +Marnebogen aus dem Banne gelöst, in dem wir sie monatelang gehalten +hatten. Es war zu erwarten, daß eine tatkräftige gegnerische Führung +diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte, +soweit sie irgendwie Kräfte hierfür verfügbar machen konnte. Günstige +Aussichten mußten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten +vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkräftigen Truppen besetzt +sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Frühjahr wesentlich an +Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden. + +Es war freilich anzunehmen, daß auch der Gegner durch die letzten Kämpfe +schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 französische, +hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die +englischen Kräfte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so +mußte doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen +Umständen für den Gegner äußerst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in +militärischer Beziehung nicht voll auf der Höhe neuzeitlicher +Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbände so schwer gelitten hatten, +wirkte mehr als je die bloße zahlenmäßige Überlegenheit. + +Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindrücken die Wirkung unseres +Mißgeschickes auf Heimat und Verbündete. Wie viele in den letzten Monaten +aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung +wurde zerstört! + +Konnten wir jedoch wieder Herren der militärischen Lage werden, so war +auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit +zu erwarten. + + + + + + FÜNFTER TEIL + + + ÜBER UNSERE KRAFT + + + + + In die Verteidigung geworfen + + + + Der 8. August + + +Unsere Truppen hatten ihre neuen Stellungen an der Aisne-Vesle +eingenommen. Die letzten Wogen des feindlichen Angriffes prallten heran +und prallten ab; stellenweise flackerte der Kampfeifer hier und da wieder +auf. + +Zahlreiche unserer Divisionen, abgekämpft, der Auffrischung bedürftig, +wurden hinter unsere Verteidigungslinien in Unterkunft gebracht. Auch um +Avesnes herum lagen sie in Quartieren. Ich konnte mich davon überzeugen, +wie rasch sich unser Soldat erholte. Durfte er ein paar Tage gründlich +ausschlafen, konnte man ihn geregelt verpflegen und ruhen lassen, so +schien er schnell über all das Schwere, das er durchgemacht hatte, auch +seelisch hinwegzukommen. Freilich bedurfte er hierfür der wirklichen Ruhe, +ungestört von feindlichen Granaten und Bombenabwürfen und, wenn möglich, +auch entfernt aus dem Hörbereiche des Donners der Geschütze. Aber wie +wenig und wie selten haben unsere Truppen in den langjährigen Kämpfen eine +solche Ruhe gefunden! Von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz, von +Schlachtfeld zu Schlachtfeld geworfen, waren sie fast ruhelos in +körperlicher und seelischer Spannung geblieben. In dieser Tatsache liegt +der gewaltigste Unterschied zwischen den Leistungen unserer Soldaten und +denjenigen aller unserer Gegner. + +Nach Avesnes war der Geschützdonner aus den Schlachten im Marnebogen wie +ein ununterbrochenes Rollen schweren Gewitters bald lauter, bald +undeutlicher gedrungen. Jetzt war es fast still geworden. + +Am 8. August morgens wurde diese Ruhe jählings unterbrochen; von Südwesten +her dröhnte auffallend starker Gefechtslärm. Die ersten Meldungen – sie +kamen vom Armee-Oberkommando aus der Gegend von Peronne – lauteten ernst. +Der Gegner war mit mächtigen Tankgeschwadern beiderseits der Straße +Amiens-St. Quentin in unsere Linien eingedrungen. Näheres ließ sich +vorläufig nicht feststellen. + +Die Ungewißheit wurde jedoch in den nächsten Stunden behoben, wenn auch +die Verbindungen vielfach zerrissen waren. Kein Zweifel, der Gegner war +tief in unsere Stellung hineingestoßen, Batterien waren verloren. Unsere +Befehle ergingen, sie wieder zu nehmen, die Lage überhaupt durch +sofortigen Gegenangriff wieder herzustellen. Wir entsandten Offiziere, um +die Vorgänge klarzulegen und vollen Einklang zwischen unserem Willen und +den Verfügungen der Kommandostellen an der augenblicklich erschütterten +Front zu schaffen. Was war geschehen? + +Im dichtesten Nebel war ein starker englischer Tankangriff erfolgt. Die +Panzerwagen hatten auf ihrer Fahrt fast nirgends besondere Hindernisse, +nicht natürliche und leider auch nicht künstliche, getroffen. Man hatte an +dieser Front wohl etwas zu viel an Fortsetzung des Angriffes gedacht, zu +wenig an Verteidigung. + +Allerdings war es verlustreiche Arbeit, dicht am Gegner zu schanzen und +Hindernisse zu bauen. Denn wo immer die gegnerischen Beobachter irgend +eine Bewegung, und sei es auch nur von einzelnen Leuten, wahrnahmen, +dorthin lenkten sie das Feuer ihrer Artillerie. Es schien das beste zu +sein, sich im hohen Getreide still zu verhalten, zwar ohne Schutz gegen +feindliche Granaten aber ungesehen durch feindliche Ferngläser. Man +schonte auf diese Weise während der Zeit des Stilleliegens augenscheinlich +viel Leben, lief aber Gefahr, mit einem Schlage noch viel mehr zu +verlieren. Nicht nur in den vordersten Linien war die Arbeit gering, an +den rückwärtigen war sie fast noch geringer; nur einzelne Grabenstücke, +verstreute Stützpunkte, waren vorhanden. Die Truppen waren an diesen +sogenannten ruhigen Fronten für ausgedehnte Schanzarbeiten nur dünn gesät. +Wir brauchten die Massen anderwärts zu den großen Angriffsschlachten. + +An diesem 8. August mußten wir handeln, wie wir schon so oft in gleich +drohenden Lagen gehandelt hatten. Gegnerische Anfangserfolge waren für uns +ja keine befremdenden Erscheinungen. Wir kannten sie von 1916/17, von +Verdun, Arras, Wytschaete, Cambrai her. Wir hatten sie erst jüngst wieder +bei Soissons kennen und überwinden gelernt. In dem jetzt vorliegenden +Falle war die Lage freilich ganz besonders ernst. Der breite Tankeinbruch +des Gegners war gleichzeitig überraschend tief erfolgt. Die Panzerwagen, +schneller wie bisher, überfielen Divisionsstäbe in ihrer Unterkunft, +zerrissen die Fernsprechverbindungen, die von dort zu den kämpfenden +Truppen führten. Die höheren Kommandobehörden werden dadurch +ausgeschaltet; die vorderen Linien bleiben ohne Befehl. An diesem Tage ist +es ganz besonders bedenklich, da der dichte Nebel jede Übersicht +verhindert. Die bereitgestellten Tankabwehrkanonen schießen zwar in die +Richtungen, aus denen Motorgeräusche und Kettengerassel hörbar sind, +werden aber vielfach durch Stahlkolosse überrascht, die aus anderer +Richtung plötzlich auftauchen. Wirre Gerüchte beginnen sich in unsern +Kampflinien zu verbreiten. Es wird behauptet, daß englische +Kavalleriemassen schon weit im Rücken der vordersten deutschen Infanterie +sich befinden. Man wird vorn bedenklich, verläßt die Stellungen, aus denen +heraus man soeben noch starke feindliche Angriffe in der Front abgewiesen +hat, man sucht nach rückwärts den verlorenen Anschluß. Die Phantasie +zaubert Wahngebilde hervor und sieht in ihnen wirkliche Gefahren. + +Alles, was da geschah, was uns zum ersten großen Unheil werden sollte, ist +ja menschlich begreiflich. Der alte, schlachtenerprobte Soldat bleibt in +solchen Lagen ruhig; er phantasiert nicht, er denkt! Aber diese alten +Soldaten sind eben in verschwindender Minderheit; ihr Einfluß ist auch +nicht allerorts mehr der beherrschende. Es zeigen sich andere Einflüsse. +Der Mißmut und die Enttäuschung, daß trotz aller Siege der Krieg für uns +kein Ende nehmen will, hat auch so manchen unserer braven Soldaten +verdorben. Im Felde Gefahren und Arbeit, Kampf und Ruhelosigkeit, aus der +Heimat Klagen über wirkliche, manchmal auch eingebildete Lebensnot. Das +zermürbt allmählich, besonders, wenn man sich kein Ende vorstellen kann. +Der Gegner sagt und schreibt in seinen massenhaft von Fliegern +abgeworfenen Flugblättern, daß er es nicht so schlimm mit uns meine, wir +müßten nur vernünftig sein und vielleicht auch auf dies und jenes, was wir +erobert haben, verzichten. Dann würde alles rasch wieder gut werden. Und +wir könnten in Frieden weiter leben, im ewigen Frieden der Völker. Für den +Frieden im Innern der Heimat würden dann neue Männer, neue Regierungen +sorgen. Auch das würde ein segensreicher Frieden nach all den jetzigen +Kämpfen werden. Das weitere Ringen sei also zwecklos. + +Solches liest und bespricht man; der Soldat meint, daß der Gegner doch +nicht all das erlügen kann, läßt sich vergiften und vergiftet andere. + +Unsere Befehle zum Gegenstoß können an diesem 8. August nicht mehr +ausgeführt werden. Es fehlt an Truppen, es fehlt besonders an Geschützen +zur Vorbereitung eines solchen Angriffes, denn an den Einbruchsstellen +sind die meisten Batterien verloren. Frische Infanterie- und neue +Artillerieverbände müssen erst herangeholt werden, und zwar auf Kraftwagen +und Eisenbahnen. Der Gegner erkennt die ausschlaggebende Wichtigkeit, die +in dieser Lage die Eisenbahnen für uns besitzen. Weithin in unsern Rücken +feuern seine schweren und schwersten Geschütze. Auf einzelne +Eisenbahnpunkte, wie beispielsweise Peronne, regnet es zeitweise Bomben +feindlicher Flieger, die in nie gesehenen Schwärmen über Stadt und Bahnhof +kreisen. Nutzt aber der Gegner auf diese Weise die Schwierigkeiten im +Rücken unserer Armee aus, so verkennt er zu unserm Glücke die ganze Größe +seines ersten taktischen Erfolges. Er stößt an diesem Tage nicht bis an +die Somme vor, obwohl ihm auf diesem Wege von unserer Seite kaum noch +nennenswerte Kräfte hätten entgegengestellt werden können. + +Dem verhängnisvollen Vormittage des 8. August folgte ein verhältnismäßig +ruhiger Nachmittag und eine noch ruhigere Nacht. Während dieser rollen +unsere ersten Verstärkungen heran. + +Die Lage ist bereits zu ungünstig, als daß wir von dem anfänglich +geforderten Gegenangriff die Wiedergewinnung der alten Kampffront erwarten +können. Der Gegenstoß hätte längerer Vorbereitung und stärkerer Truppen, +als am Morgen des 9. August zur Hand sein können, bedurft. Daher soll und +darf nichts überstürzt werden. Die Ungeduld an der Kampffront glaubt +jedoch, nicht warten zu können. Man meint, günstige Gelegenheiten zu +versäumen, und stürzt sich in unbezwingliche Schwierigkeiten. So geht ein +Teil der herangebrachten kostbaren, frischen Infanteriekraft in örtlich +begrenzten Erfolgen verloren, ohne der Lage im großen zu nutzen. + +Der Angriff am 8. August war durch den rechten englischen Flügel +unternommen worden. Die südlich anschließenden französischen Truppen +hatten sich nur in geringem Umfange am Kampfe beteiligt. Es war aber zu +erwarten, daß die großen britischen Erfolge nunmehr auch die französischen +Linien in Bewegung bringen würden. Gelang dem Franzosen ein rasches +Durchdringen in der Richtung auf Nesle, so mußte unsere Lage in dem weit +nach Südwesten vorspringenden Verteidigungsbogen verhängnisvoll werden. +Wir befehlen daher die Räumung unserer bisherigen ersten Stellungen +südwestlich Roye und weichen in die Gegend dieser Stadt zurück. + + + +Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kämpfe im Westen bis + Ende September + + +Über die politischen Wirkungen unserer Niederlage am 8. August gab ich +mich keinen Täuschungen hin. Unsere Kämpfe vom 15. Juli bis 4. August +konnten im Ausland wie in der Heimat als die Folge einer nicht geglückten, +kühnen Unternehmung angesehen werden, wie solches sich in jedem Kriege +ereignet. Das Mißgeschick am 8. August stellte sich dagegen vor aller +Augen dar als die Folgen einer offenkundigen Schwäche. Es war etwas ganz +anderes, ob wir in einem Angriff scheiterten, oder ob wir in einer +Verteidigungsschlacht besiegt wurden. Die Beutezahlen, die unsere Gegner +der Welt bekanntgeben konnten, sprachen eine deutliche Sprache. Heimat und +Verbündete mußten ängstlich aufhorchen. Um so mehr war es unsere Aufgabe, +die Ruhe zu behalten und die Verhältnisse zwar ohne Selbsttäuschung, aber +auch ohne übertriebenen Pessimismus zu betrachten. + +Die militärische Lage war freilich ernst geworden. Die Gefechtslage auf +der angegriffenen Verteidigungsfront konnte allerdings wiederhergestellt, +das verlorene Kriegsgerät wieder ergänzt, neue Kräfte konnten herangeführt +werden. Damit war jedoch die Wirkung der Niederlage nicht aufgehoben. Es +war zu erwarten, daß der Gegner, durch seinen großen Erfolg angeregt, +solche Angriffe nunmehr auch an anderen Stellen unternehmen würde. Er +hatte jetzt die Erfahrung gemacht, daß sich in unserem Verteidigungssystem +dem des Jahres 1917 gegenüber mancherlei Mängel befanden. Zunächst in +technischer Beziehung. Auf den seit dem Frühjahr 1918 neu gewonnenen +Linien war von unseren Truppen im allgemeinen nur wenig geschanzt worden. +Es wurde, wie in der Gegend östlich Amiens, so auch an anderen Stellen der +Front, zu viel von Fortsetzung der Angriffe, zu wenig von der +Notwendigkeit der Verteidigung gesprochen. Dazu kam, daß die Haltung eines +großen Teiles unserer Truppen im Gefecht den Gegner überzeugt haben mußte, +daß an unseren Verteidigungsfronten der zähe Widerstandswille von 1917 +nicht mehr durchgehends vorhanden war. Der Feind hatte ferner seit dem +Frühjahr von uns gelernt. Er hatte in den letzten Operationen diejenige +Taktik gegen uns angewendet, mit der wir ihn wiederholt gründlich +geschlagen hatten. Er war auf unsere Linien gefallen, nicht mehr nach +monatelangen Angriffsvorbereitungen, auch hatte er die Entscheidung nicht +mehr in dem Hineintreiben eines Keiles in unsere Verteidigung gesucht, +sondern er hatte uns in breiten Anstürmen überrascht. Er wagte nunmehr +diese unsere Taktik, weil er die Schwächen unserer Verteidigungsfront +erkannt hatte. Wiederholte der Gegner diese Angriffe mit gleicher Wucht, +so entbehrte er bei der nunmehrigen Verfassung unseres Heeres nicht völlig +der Aussicht, unsere Widerstandskraft allmählich zu lähmen. Andererseits +schöpfte ich aber aus dem Umstande, daß der Feind aus seinen großen +Anfangserfolgen auch dieses Mal nicht die Vorteile eingeheimst hatte, die +ihm hätten werden können, wieder die Hoffnung, daß wir weitere Krisen +überwinden würden. + +Aus diesem Gedankengang heraus glaubte ich, mich am 13. August der +Reichsleitung gegenüber in einer politischen Beratung in Spa über die +militärische Lage dahin aussprechen zu müssen, daß diese zwar ernst sei, +daß aber nicht vergessen werden dürfe, daß wir noch immer tief in +Feindesland ständen. Ich trug diese Auffassung am folgenden Tag auch +meinem Kaiser vor, indem ich nach einer längeren gemeinsamen Sitzung das +Schlußwort ergriff. Ich hatte auch nichts einzuwenden gegen die Auffassung +des Reichskanzlers Graf Hertling, daß mit einem wirklich offiziellen +Friedensschritt unsererseits gewartet werden sollte, bis eine Besserung in +unserer damaligen militärischen Lage eintreten würde. Von dieser hing es +dann ab, inwieweit wir auf unsere bisherigen politischen Ziele würden +verzichten müssen. + +Die Zeit, an einem befriedigenden Abschluß des Krieges zu zweifeln, hielt +ich demnach Mitte August noch nicht für gekommen. Ich hoffte bestimmt, daß +die Armee, trotz betrübender Einzelerscheinungen auf dem letzten +Schlachtfelde, imstande sein würde, zunächst einmal auszuhalten. Auch +hatte ich das Vertrauen auf die Heimat, daß sie Kraft genug hätte, auch +diese jetzige Krisis zu überwinden. Ich erkannte dabei durchaus an, was +die Heimat an Opfern und Entbehrungen bisher ertragen hatte, und was sie +vielleicht noch weiter ertragen mußte. Hatte nicht Frankreich, auf dessen +Boden der Krieg seit nunmehr vier Jahren tobte, weit mehr zu leiden? War +dieses Land während dieser ganzen Zeit jemals unter Mißerfolgen verzagt; +war es verzweifelt, als unsere Granaten seine Hauptstadt erreichten? Das, +so dachte ich, würde sich in dieser schweren Krisis auch die Heimat vor +Augen halten und standhaft bleiben, wenn nur wir an der Front standhaft +blieben. Gelang das, so konnte nach meiner Ansicht die Wirkung auf unsere +Verbündeten nicht ausbleiben. Ihre militärische Aufgabe war ja, soweit sie +Österreich-Ungarn und Bulgarien betraf, eine leichte. + +Bei diesen meinen Erwägungen spielte die Sorge um Erhaltung unserer +Waffenehre keine ausschlaggebende Rolle. Unser Heer hatte diese Ehre in +den vier Kriegsjahren so fest begründet, daß diese uns, mochte kommen was +wollte, vom Gegner nicht mehr entrissen werden konnte. Ausschlaggebend für +meine Entschlüsse und Vorschläge blieb einzig und allein die Rücksicht auf +das Wohl des Vaterlandes. Konnten wir auch den Gegner durch Siege auf dem +Schlachtfeld nicht mehr zu einem Frieden zwingen, der uns alles das gab, +was unsere deutsche Zukunft endgültig sicher stellte, so konnten wir es +doch wenigstens dahin bringen, daß die gegnerischen Kräfte im Kampfe +erlahmten. Auch dann retteten wir voraussichtlich ein erträgliches +staatliches Dasein. + +General Foch hat nach Beendigung der Schlacht im Marnebogen wohl erkannt, +daß die errungenen Erfolge ihm wieder verloren gehen würden, wenn unseren +Truppen die Zeit zur Erholung gelassen würde. Ich hatte das Gefühl, daß +die gegnerische Führung nunmehr glaubte, alles auf eine Karte setzen zu +müssen. + +Am 20. August schreiten die Franzosen zwischen Oise und Aisne in der +Richtung auf Chauny zum Angriff. Sie werfen uns in dreitägigen Kämpfen auf +diesen Punkt zurück. Am 21. August und in den ihm folgenden Tagen +verbreitern die Engländer ihre Angriffsfront vom 8. August in nördlicher +Richtung bis nordwestlich Bapaume. Wiederholte feindliche Einbrüche +zwingen uns auch hier zum allmählichen Zurücknehmen unserer Linien. Am +26. August wirft sich der Engländer beiderseits Arras in der Richtung auf +Cambrai auf unsere Stellungen. Er bricht durch, wird aber schließlich +aufgehalten. Da überrennt ein neuer feindlicher Ansturm am 2. September +endgültig unsere Linien an der großen Straße Arras-Cambrai und zwingt uns, +die gesamte Front in die Siegfriedstellung zurückzunehmen. Zur +Kräfteersparnis räumen wir gleichzeitig den weit über den Kemmel-Berg und +Merville vorspringenden Bogen nördlich der Lys. Alles schwere Entschlüsse, +die bis zum Ende der ersten Septemberwoche ausgeführt werden. Die erhoffte +Erleichterung der Lage bringen sie nicht. Der Gegner drängt überall sofort +nach, und die Spannung dauert an. + +Am 12. September setzen die Kämpfe an der bisher ruhigen Front südöstlich +Verdun und bei Pont-à-Mousson ein. Wir standen hier in der Stellung, in +der unsere Angriffe im Herbste 1914 erstarrt waren, ein taktisches +Mißgebilde, das den Gegner zu einem großen Schlag einladen konnte. Es ist +nicht recht verständlich, warum uns der Franzose jahrelang in diesem +großen Dreieck stehen ließ, das in seine Gesamtfront hineinsprang. +Durchstieß er dieses in mächtigem Schlage an der Basis, so war eine +schwere Krisis für uns unausbleiblich. Man wird uns vielleicht als einen +Fehler anrechnen, daß wir diese Lage nicht schon längst, spätestens mit +dem Einstellen unseres Angriffes auf Verdun, aufgaben. Allein wir übten +gerade durch diese Stellung einen im hohen Grade wichtigen Druck auf die +Bewegungsfreiheit des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so +wichtige Maastal südlich der Festung. Erst Anfang September, als es +zwischen Maas und Mosel auf feindlicher Seite lebhafter wurde, beschlossen +wir, diese Stellung zu räumen und auf die schon lange vorbereitete +Basisstellung zurückzugehen. Bevor die Bewegung vollendet wurde, griffen +uns aber die Franzosen und Amerikaner an und brachten uns eine ernste +Niederlage bei. + +Im übrigen gelang es, den feindlichen Angriffen gegenüber unsere Front im +wesentlichen zu halten. Die Ausdehnung der gegnerischen Angriffe auf die +Champagne am 26. September änderte die Lage von der Küste bis zu den +Argonnen zunächst wenig. Dagegen drang der Amerikaner an diesem Tage +zwischen Argonnen und Maas in unsere Linien ein. Damit machte sich die +nordamerikanische Macht auf den Schlachtfeldern des Schlußkampfes in einer +selbständigen Armee zum ersten Male entscheidend geltend. + +Unsere Westfront war, wenn auch infolge feindlicher Einbrüche wiederholt +zurückgenommen, nicht durchbrochen. Sie wankte, aber sie fiel nicht. Um +diese Zeit wurde jedoch in unsere gesamte Kriegsfront eine breite Lücke +gerissen. Bulgarien brach zusammen. + + + + + Der Kampf unserer Bundesgenossen + + + + Bulgariens Zusammenbruch + + +Die Lage im Innern Bulgariens hatte sich auch im Jahre 1918 nicht +wesentlich geändert. Sie blieb ernst. Die äußere Politik des Landes schien +jedoch darunter nicht zu leiden. Ab und zu gelangten freilich Mitteilungen +über Verhandlungen bulgarischer unverantwortlicher Persönlichkeiten mit +der Entente auf neutralem schweizerischen Boden zu uns. Auch war in der +amerikanischen Gesandtschaft in Sofia zweifellos eine Brutstätte von uns +verderblichen Plänen vorhanden. Wir machten den vergeblichen Versuch, sie +zu beseitigen. Die Politik forderte Samthandschuhe in der eisernen +Wirklichkeit des Krieges. + +Die Kampfwut zwischen den politischen Parteien des Landes dauerte an. Die +Armee wurde auch weiterhin davon berührt. Der Sturz Radoslawows war +endlich im Frühjahr von seinen Gegnern erreicht. Die neuen Männer +versicherten uns ihres treuen Festhaltens an dem Bündnis. Das war für uns +das Entscheidende. + +Die Kriegsunlust im bulgarischen Volke nahm indessen stark zu. Die +Lebensmittelversorgung machte immer größere Schwierigkeiten. Unter diesen +litt besonders die Armee, das heißt, man ließ sie darunter leiden. Der +Soldat mußte zeitweise geradezu hungern, ja mehr noch, er wurde auch so +elend gekleidet, daß ihm eine Zeitlang das Nötigste fehlte. Meutereien +fanden statt, wurden uns gegenüber aber meistens vertuscht. Die Armee +wurde durchsetzt mit völkisch fremden Elementen. Man stellte aus den +besetzten Gebieten gepreßte Mannschaften ein, um die Truppenstärken in der +Höhe zu halten. Das Überlaufen nahm daher einen außerordentlichen Umfang +an. War es ein Wunder, daß unter allen diesen Umständen der Geist der +Truppe zerfiel? Er erreichte anscheinend im Frühjahr seinen Tiefstand. Die +bulgarische Oberste Heeresleitung hatte damals auf Anregung des deutschen +Heeresgruppenkommandos einen Angriff auf albanischem Boden, westlich des +Ochridasees, vorbereitet. Man erhoffte von seinem Gelingen eine +wirkungsvolle Sperrung der für den Gegner so wichtigen Straße Santa +Quaranti-Korca, sowie eine günstige Rückwirkung auf die Stimmung von Heer +und Volk. Die Durchführung des Unternehmens erwies sich schließlich als +unmöglich, da nach Erklärungen bulgarischer Offiziere die Truppe den +Angriff verweigern würde. Noch bedenklichere Zustände zeigten sich, als im +Monat Mai die bulgarischen Truppen den Angriff der Griechen und Franzosen +in der Mitte der mazedonischen Front nicht aushielten und ihre Stellung +fast kampflos verließen. Die zum Gegenangriff bestimmte Division meuterte +größtenteils. + +Die Zustände innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des +Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von +unseren Lebensmittelvorräten und schickten Bekleidungsstücke. Auch lösten +unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen Armee große +Begeisterung aus. Es war aber klar, daß diese gehobene Stimmung rasch +wieder in sich zusammenbrechen würde, wenn auf unserer Seite Rückschläge +erfolgten. Darüber konnten uns auch bessere Stimmungsberichte Ende Juli +nicht im Zweifel lassen. + +Die gegenseitigen Stärkeverhältnisse an der mazedonischen Front schienen +sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach +dem schließlichen Ausgleich mit Rumänien war Bulgarien imstande, alle +seine Kräfte auf einer Front zu versammeln. Dieser Verstärkung gegenüber +kam das Wegziehen einiger deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmäßig +gar nicht in Betracht. Eine englische Division war nach Syrien abbefördert +worden; die französischen Truppen hatten ihre jüngsten Jahrgänge nach der +Heimat abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten königlich griechischen +Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde +wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes übertragen. Nach +Mitteilungen von Überläufern war der größte Teil dieser Truppen bereit, +sich uns anzuschließen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front +eingesetzt würden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den +Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien. Sie +trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die Entscheidung +des Krieges für Bulgarien fiel. + +Am 15. September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des +Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend. +Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Frühjahr erklärt, daß sie an +diesem Tage die Stellungen verlassen würden, sofern der Krieg bis dahin +nicht beendet wäre. + +Nicht weniger auffallend war es andererseits, daß sich der Gegner zu einem +Angriff eine Stelle mitten im wildesten Berglande wählte, an der bei +einigem Widerstandswillen der bulgarischen Truppe und ihrer niederen +Führung das Durchdringen die allergrößten Schwierigkeiten bieten mußte. +Wir glaubten daher dem Ausgang dieses Kampfes mit Vertrauen entgegensehen +zu können, und erwarteten den schwereren und entscheidenden Angriff des +Gegners im Wardartal. Dort und in der Gegend des Doiransees waren seit +längerer Zeit schon Angriffsvorbereitungen der Engländer erkannt worden. +Auch hier bestand angesichts der ganz außerordentlichen Stärke der +Verteidigungsstellungen unseres Erachtens keine Gefahr, sofern man einer +solchen von bulgarischer Seite entsprechend entgegentreten wollte. Über +die zahlenmäßigen Kräfte verfügte die bulgarische Oberste Heeresleitung +ganz gewiß. + +Die zuerst eintreffenden Meldungen über den Verlauf der Kämpfe am +15. September gaben zu Besorgnissen keinen Anlaß. Die vordersten +Stellungen waren freilich verloren gegangen. Ein solcher Verlauf hatte +nichts ungewöhnliches an sich. Die Hauptsache war, daß dem Gegner der +glatte Durchbruch am ersten Tage nicht gelungen war. Spätere Nachrichten +lauteten bedenklicher. Die Bulgaren waren weiter nach Norden gedrängt, als +man zuerst annehmen konnte. Die zunächst am Kampfe beteiligten Truppen +hatten anscheinend wenig Kampfkraft, noch weniger Kampfwillen gezeigt. Die +Reserven, die herankamen oder herankommen sollten, zeigten keine Neigung, +sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Sie zogen es anscheinend vor, dem +Gegner das Kampffeld zu überlassen, und das an einer Stelle, die dem +wichtigsten Knotenpunkt aller Verbindungen des mazedonischen +Kriegsschauplatzes, nämlich Gradsko, bedenklich nahe lag. + +Fällt Gradsko, oder kann es der Gegner mit seinen Geschützen erreichen, so +ist die rechte bulgarische Armee in der Gegend von Monastir der +wichtigsten Verbindung beraubt, ihre Versorgung in der jetzigen Stellung +für die Dauer unmöglich. Aber auch die mittlere bulgarische Armee +beiderseits des Wardartales ist dann von jeder Bahnverbindung mit der +Heimat abgeschnitten. Es erscheint unbegreiflich, daß die bulgarischen +Führer diese drohende Gefahr nicht erkennen sollten, daß sie nicht alles +daran setzen würden, ein namenloses Unheil für die Masse des Heeres +abzuwenden. + +Im Gegensatz zu den bulgarischen Armeen südlich von Gradsko kämpfen die +bulgarischen Truppen zwischen dem Wardar und dem Doiransee seit dem +18. September mit größter Erbitterung. Vergeblich versuchen die Engländer, +sich hier Bahn zu brechen. Nochmals zeigt sich bulgarischer Mut und zäher +Wille in glänzendem Licht. Aber was nützt der Heldenmut am Doiransee, wenn +in der Richtung auf Gradsko Mutlosigkeit herrscht, ja vielleicht noch +Schlimmeres als Mutlosigkeit. + +Vergeblich versucht die deutsche Führung mit deutschen Truppen die Lage in +der Mitte des bulgarischen Heeres zu retten. Was helfen die schwachen +kleinen deutschen Gruppen, wenn rechts und links der Bulgare das Feld +räumt? Den gegen den Feind marschierenden deutschen Bataillonen strömen +ganze bulgarische Regimenter entgegen, die den Kampf offen verweigern. Ein +eigenartiges Bild. Und noch eigenartiger die Erklärung der bulgarischen +Mannschaften: Sie ziehen in die Heimat zu Weib und Kind, wollen wieder +einmal Haus und Hof sehen und ihre Felder bestellen. Sie lassen vielfach +ihre Offiziere unbelästigt. Gehen diese mit ihnen nach Hause, so sind sie +willkommen, wollen sie zurückbleiben auf dem Felde der Ehre, so sollen sie +das allein tun. Der Bulgare springt bereitwillig zu, wenn im Gedränge ein +Deutscher, der gegen den Feind marschiert, in Bedrängnis kommt, er hilft +den deutschen Geschützen beim Marsch auf das Gefechtsfeld über schlechte +Wegestrecken fort. Den Kampf indessen überläßt er den Deutschen. +Mazedonien wird auf diese Weise freilich für Bulgarien verloren gehen. +Aber der bulgarische Bauer sagt sich, daß er in der Heimat Land genug +habe; also zieht er in die Heimat und überläßt die Sorge und den Kampf um +Mazedonien und die bisherigen Großmachtspläne anderen Menschen. + +Die deutsche Führung, die vom Ochridasee bis zum Doiransee das +verantwortliche Kommando hat, sieht sich angesichts dieser Verhältnisse +vor einer unendlich schwierigen Lage. Was an deutschen Truppen, an +Etappenmannschaften, Landsturm und Rekruten vorhanden ist, wird +zusammengerafft, um die bulgarische Mitte zu stützen und Gradsko zu +retten. Die Aussichten, daß dieses gelingt, werden immer geringer. Bei der +Haltlosigkeit der bulgarischen Mitte bleibt sonach als einzigste Rettung, +die Flügel des Heeres zurückzunehmen. Eine solche Bewegung würde an sich +nur geringe taktische Nachteile verursachen, denn in Mazedonien liegt eine +gewaltige Verteidigungsstellung hinter der anderen und je weiter der +Gegner nach Norden kommt, um so schwieriger werden seine rückwärtigen +Verbindungen. Freilich mit der Preisgabe des Wardartales verschlechtern +sich auch die rückwärtigen Verbindungen der Bulgaren. Aber es scheint +wenigstens möglich, durch diese Maßnahme die Masse des Heeres zu retten. + +Dem Entschluß des deutschen Heeresgruppenkommandos stellen die +bulgarischen Führer die ernstesten Bedenken entgegen. Sie glauben, daß +ihre Truppen in den jetzigen Stellungen noch zusammenhalten, ja sogar +kämpfen würden. Dagegen sind sie der Anschauung, daß die Armeen sich +völlig auflösen würden, wenn man ihnen den Rückzugsbefehl gäbe. + +Eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage, verzweiflungsvoll für alle +Beteiligten. Die Bulgaren klagen, daß nicht genug deutsche Truppen zur +Stelle sind, daß man die früher vorhandenen zum Teil entfernt hätte. Was +aber hätten ein paar deutsche Bataillone mehr in diesem allgemeinen +Zusammenbruch genutzt? Wie viele deutsche Divisionen hätte man schicken +müssen, um die mazedonische Front zu verteidigen? Deutschland kann nicht +im Westen die Entscheidung suchen und seine Divisionen nach Bulgarien +schicken wollen. Der Bulgare will nicht einsehen, daß die deutsche Kraft +auch zu erschöpfen ist. Die bulgarische ist an sich noch lange nicht +erschöpft, erschöpft ist nur der bulgarische Kriegswille. + +Auch wir im Großen Hauptquartier stehen vor verhängnisvollen Fragen. Wir +müssen wenigstens versuchen, in Bulgarien zu retten, was zu retten ist. +Wir müssen also doch Unterstützungen schicken und zwar sofort, so schwer +uns das werden mag. Es ist der 18. September, als sich diese Notwendigkeit +in vollem Umfange ausprägt. Man denke daran, wie schwer der Kampf zu +dieser Zeit an unserer Westfront tobt. Wenige Tage vorher hatten die +Amerikaner ihren großen Erfolg zwischen Maas und Mosel errungen, und eine +weitere Ausdehnung der Angriffe steht dort noch bevor. + +Die erste Unterstützung, die wir freimachen können, sind Truppen, eine +gemischte Brigade, die für Transkaukasien bestimmt waren und eben über das +Schwarze Meer befördert werden. Sie werden durch Funkspruch abgedreht und +sollen über Varna-Sofia herankommen. Diese Kräfte genügen jedoch nicht. An +unserer Ostfront können wohl noch einige Divisionen entbehrlich gemacht +werden. Wir wollten sie an eine ruhige Front des Westens bringen. Doch was +sind das für Truppen? Kein Mann unter 35 Jahren, und alle Vollkräftigen +schon nach dem Westen geholt! Kann von ihnen noch eine besondere Leistung +erwartet werden? Sie mögen den besten Willen mitbringen, aber in diesem +Klima und ohne Ausrüstung für den Krieg in einem gebirgigen Lande sind sie +an der mazedonischen Front nur bedingt brauchbar. Doch es muß sein, denn +nicht nur die bulgarische Armee, auch die bulgarische Regierung und der +Zar müssen in dieser schwersten Gefahr deutsche Hilfe erhalten. + +Auch vom Westen her schicken wir Unterstützung. Unser Alpenkorps, eben +erst aus schwerstem Kampfe gezogen, wird zur Fahrt nach Nisch auf die Bahn +gesetzt. Ebenso beteiligt sich Österreich-Ungarn an dem Versuch, Bulgarien +zu helfen, und stellt mehrere Divisionen hierfür zur Verfügung. Wir +verzichten daher auf weitere österreichisch-ungarische Unterstützung an +unserer Westfront. + +Bis diese deutsche und österreichische Hilfe eintreffen kann, muß versucht +werden, wenigstens die Masse des bulgarischen Heeres zu retten. Trotz +aller bulgarischen Bedenken wird deshalb von dem deutschen +Heeresgruppenkommando der Befehl zum Rückzug an die rechte und mittlere +bulgarische Armee gegeben. Die Stellungen auf der Belasiza, nördlich des +Doiransees, sollen den Drehpunkt der ganzen Bewegung bilden. + +Die linke bulgarische Armee wird während dieser ganzen Zeit nicht +angegriffen. Ihre Stellungen auf der Belasiza und hinter der Struma sind +von größter Stärke. Wenige Maschinengewehre und Batterien genügen für ihre +Verteidigung. Trotzdem verbreitet sich auch in dieser Armee Verwirrung; +Mut und ruhige Überlegung schwinden. Der Führer hält seine Lage für +unhaltbar und beschwört den Zaren, sofort Waffenstillstand zu schließen. +Der Zar antwortet: „Gehen Sie in den Stellungen, die Sie innehaben, zu +Grunde.“ Das Wort beweist, daß der Zar Herr der Lage ist, und daß ich mich +nicht in ihm täuschte. + +Auch Kronprinz Boris befindet sich auf der Höhe seiner Aufgabe. Er eilt an +die Front, um dort zu retten, was zu retten ist. Was vermag jedoch ein +einzelner, auch wenn er von der Liebe vieler, und von der Achtung aller +getragen wird, in solcher allgemeinen Kopflosigkeit und in solchem +Schwinden des Willens? + +Die mittlere Armee beginnt am 20. September befehlsgemäß den Rückzug. +Dieser wird zur Auflösung; ungeschickte Anordnungen vervollständigen die +Verwirrung. Die Stäbe versagen, am gründlichsten der Armeestab. Hier ist +nur ein ganzer Mann vorhanden, klar blickend und von bestem Wollen +beseelt, nämlich der Führer. + +Die rechte Armee hat eine schwierige Aufgabe. Ihre Hauptrückzugsstraße +führt über Prilep auf Veles. Da der Gegner schon vor Gradsko steht, ist +diese Straße äußerst bedroht. Ein anderer Weg führt aus dem Seengebiete +und dem Gebiete von Monastir weiter im Westen mitten durch das wilde +Albaner-Gebirge auf Kalkandelen. Er vereinigt sich mit demjenigen über +Veles bei Üsküb. Dieser Weg durch das Albaner-Gebirge ist gesichert, aber +sehr schwierig, und es ist zweifelhaft, ob größere Truppenmassen in diesen +Gebieten die nötige Verpflegung finden. Trotz dieser Bedenken müssen +starke Teile auf ihn verwiesen werden. Noch stärkere werden dorthin +gedrängt, als der Feind Gradsko nimmt und nunmehr gegen das Straßenstück +Prilep-Veles von Südosten her vorrückt. Gradsko fällt schon am +21. September. Aus einem elenden Ort war es im Laufe des Krieges zu einer +förmlichen Lagerstatt geworden, die in ihrer Anlage und Größe an eine +amerikanische Neugründung erinnert. Ungeheuere Vorräte sind hier +aufgespeichert, ausreichend für einen ganzen Feldzug. In den dortigen +Depots merkt man nichts davon, daß die bulgarischen Armeen an der Front +irgend etwas entbehren mußten. Jetzt fällt alles der bulgarischen +Vernichtung anheim oder wird Beute des Feindes. Nicht nur in Gradsko +sondern auch anderwärts verfügt Bulgarien noch über reiche Bestände. Sie +ruhten bisher im Verborgenen, behütet von der einseitigen Sorge +bureaukratischer Wirtschaft, die auch in Bulgarien wie eine Kruste das +Volksleben überzieht, trotz liberalster Gesetze und freiheitlichem +Parlament. + +Bulgarien kann also den Krieg noch weiter führen, wenn es ihn nur nicht +selbst für verloren hält oder halten will. Unser Plan, der auch die +Zustimmung der bulgarischen Obersten Heeresleitung findet, ist folgender: +Die mittlere Armee soll an die altbulgarische Grenze zurückschwenken. Die +rechte Armee soll sich bei Üsküb oder weiter nördlich versammeln; sie wird +verstärkt durch die anrollenden deutschen und österreichischen Divisionen. +Diese Kräfte bei Üsküb werden reichlichst genügen, um die Lage zu halten; +ja es ist bei einiger Brauchbarkeit der bulgarischen Verbände damit zu +rechnen, daß wir von Üsküb aus bald wieder zu einem Angriff in südlicher +Richtung vorgehen können. Es scheint ausgeschlossen, daß der Gegner ohne +Rast mit starken Massen bis Üsküb und bis an die altbulgarische Grenze +nachdrängt. Wie sollte er seinen Nachschub regeln, da wir die Bahnen und +Straßen gründlich zerstört haben? Wir hoffen auch, daß in den bulgarischen +Truppen bei Berührung mit dem heimatlichen Boden sich wieder Kraft und +Verantwortungsgefühl zusammenfinden. + +Die vorgeschlagene Operation ist nur möglich, wenn Üsküb so lange gehalten +wird, bis die bulgarischen Truppen über Kalkandelen herankommen. Diese +Aufgabe erscheint leicht, denn der Gegner folgt in der Tat über Gradsko +hinaus mit nur verhältnismäßig schwachen Kräften. + +Während dieser Vorgänge bleibt Sofia auffallend ruhig. Unsere dort +eintreffenden Bataillone, die der Bevölkerung zur Beruhigung, der +Regierung zum Schutz und zur Stütze dienen sollen, finden nichts von der +gefürchteten Aufregung. Das Leben macht freilich einen eigenartigen +Eindruck, hervorgerufen durch die Scharen von Soldaten, die außerhalb +ihrer Verbände durch die Stadt der Heimat zuziehen. Die Mannschaften +liefern ihre Gewehre in die Waffendepots ab, verabschieden sich von +Kameraden und Vorgesetzten, versichern sogar teilweise, daß sie +wiederkommen würden, wenn sie nur erst einmal ihre Felder bestellt hätten. +Ein eigenartiges Bild, ein merkwürdiger Seelenzustand. Oder ein +abgekartetes Spiel? Wir haben aber keinen Grund, ein solches bei den +Soldaten vorauszusetzen. Daß es in dieser Auflösung nicht überall +friedlich zugeht, ist klar. Die Gerüchte von schweren Ausschreitungen +erweisen sich aber meist als übertrieben. + +An der Front ändert sich die Lage nicht. Der Rückzug der bulgarischen +Massen dauert ununterbrochen an. Er ist auch gegen die schwachen Kräfte +des verfolgenden Feindes nicht dauernd zum Halten zu bringen. Vergeblich +versucht man einzelne Haufen, von geschlossenen Truppen kann man kaum noch +sprechen, dazu zu bringen, die Front wieder gegen den Feind zu nehmen und +wenigstens stellenweise einen geregelten Widerstand zu ordnen. Kommt der +Gegner heran, so verlassen die Bulgaren schon nach wenigen Schüssen ihre +Stellungen. Deutsche Truppen sind nicht mehr imstande, dem bulgarischen +Widerstand einen Halt zu geben. Ebenso vergeblich ist das Bemühen +deutscher und bulgarischer Offiziere, mit dem Gewehre in der Hand durch +ihr Beispiel auf die haltlose gleichgültige Masse zu wirken. + +So nähert sich der Gegner Üsküb, bevor neue deutsche und +österreichisch-ungarische Truppen dort eintreffen können. Am 29. September +treten aber starke Teile der rechten bulgarischen Armee bei Kalkandelen +aus dem Gebirge. Sie brauchen von da nur noch auf guter Straße nach Üsküb +zu rücken. Die Truppen sind, wie uns gemeldet wird, durchaus kampffähig. +Die schwerste Krisis scheint demnach überwunden zu sein. Militärisch +mochte das der Fall sein, aber moralisch ist die Sache endgültig verloren. +Daran war bald nicht mehr zu zweifeln. Schwache serbische Kräfte haben +Üsküb besetzt. Die Truppen bei Kalkandelen versagen: sie kapitulieren. Am +29. September abends schließt Bulgarien Waffenstillstand. + + + + Der Sturz der türkischen Macht in Asien + + +Der Anfang des Jahres 1918 brachte einen kühnen Aufschwung des osmanischen +Kriegswillens. Die Türkei schritt, ehe noch der Winter im armenischen +Hochlande zu Ende ging, zum Angriff gegen die dortigen russischen Armeen. +Die russische Macht erwies sich in diesen Gebieten nur noch als Phantom. +Die Masse der Truppen hatte sich bereits völlig aufgelöst. Der Vormarsch +der Türken fand daher nur noch Widerstand bei armenischen Banden. +Schwieriger als dessen Beseitigung war die Überwindung der Hindernisse, +die in dieser Jahreszeit die Hochlandnatur den Türken in den Weg legte. +Daß der Vormarsch trotzdem gelang, war eine jener merkwürdigen +Erscheinungen aufwallender Lebenskraft des osmanischen Staatswesens. Die +Türkei warf sich über die Grenzen des osmanischen Armeniens hinaus auf die +Gebiete Transkaukasiens, angetrieben durch verschiedene Beweggründe: +Panislamitische Träumereien, Rachegedanken, Hoffnung auf Entschädigungen +für bis jetzt verlorene Landesteile und Erwartung von Beute. Dazu kam noch +ein weiteres, nämlich die Suche nach Menschenkräften. Das Land, in erster +Linie die Siedlungsgebiete der prächtigen Anatolier, ist in bezug auf +Menschenkräfte völlig erschöpft. Im transkaukasischen Aserbeidschan und +unter den kaukasischen Mohammedanern scheinen sich neue große Quellen zu +eröffnen. Rußland hat diese Mohammedaner zu dem regelmäßigen Militärdienst +nicht herangezogen, nun sollen sie unter dem Halbmond fechten. Die Zahlen +der voraussichtlichen Freiwilligen, die uns mitgeteilt werden, zeigen die +Üppigkeit der orientalischen Phantasie. Auch müßte man, wenn man den +osmanischen Mitteilungen glauben sollte, annehmen, daß die +mohammedanischen Völker Rußlands seit langem keine höhere Sehnsucht +gekannt hätten, als mit dem türkischen Reiche zusammen ein einiges großes +geschlossenes Glaubensland zu bilden. Immerhin ist der Gedanke nicht von +der Hand zu weisen, daß die Türkei sich in diesen Gebieten neue Kräfte +erschließt, und daß England sich gezwungen sehen wird, der Entwicklung +dieser Vorgänge sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Einstweilen ist es +aber gut, mit nüchterner Wirklichkeit zu rechnen. Wir versuchen daher, auf +die hochgehenden Wogen osmanischer Hoffnungen beruhigend einzuwirken, +freilich nicht mit dem wünschenswerten Erfolg. Man stimmt uns bei, daß die +Hauptaufgabe der Türkei im Rahmen des Gesamtkrieges weit mehr in der +Richtung auf Syrien und Mesopotamien zu suchen ist, als in derjenigen auf +den Kaukasus und das Kaspische Meer. Was helfen aber Versprechungen und +guter Wille in Konstantinopel, wenn die Führer auf den entlegenen +Kriegsschauplätzen ihre eigenen Wege gehen! + +Um wenigstens einen Anteil an den reichen Vorräten von Kriegsrohstoffen in +Transkaukasien für die allgemeine Kriegführung zu retten, senden wir +Truppen nach Georgien. Wir hoffen, der dortigen Regierung den Aufbau eines +geordneten Wirtschaftslebens zu ermöglichen. + +Aber der Panislamismus und der Kriegswucher in Konstantinopel ruhen nicht +eher, als bis Baku auch in die Hand der Türken fällt, und zwar zu einer +Zeit, in der sich der Zusammenbruch der alten asiatischen Herrschaft der +Türkei vollzieht. + +Auch die Absicht, über Transkaukasien in Persien entscheidenden Einfluß zu +gewinnen, führte die Türkei so weit in östlicher Richtung vor. Man will +durch Persien hindurch den englischen Operationen in Mesopotamien in die +Flanke fallen, ein Plan, der an sich gut ist, dessen Durchführung aber +Zeit braucht. Es ist freilich zweifelhaft, ob wir diese Zeit finden +werden. Vielleicht aber binden schon die ersten türkischen Bewegungen im +nördlichen Persien englische Kräfte und retten dadurch Mesopotamien für +die Türkei. + +Wie durch das Weiße Meer über Archangelsk, so scheint England auch über +das Kaspische Meer und über Baku sich einen Einfluß in Rußland sichern zu +wollen. Aus diesen Gründen liegt die Durchführung der osmanischen Pläne in +Persien und in Transkaukasien auch in unserem Interesse. Nur hätte +demgegenüber die Verteidigung in Mesopotamien und besonders in Syrien +nicht vernachlässigt werden dürfen. Die Aufstellung einer +verwendungsbereiten türkischen Reservearmee in der Gegend von Aleppo wäre +jedenfalls mit Rücksicht auf alle operativen Möglichkeiten des Engländers +südlich des Taurus von mehr Wert gewesen, als größere Operationen in +Persien. + +In Mesopotamien ist die Lage seit dem Herbst 1917 nach der Karte +betrachtet unverändert geblieben. In Wirklichkeit hat sich aber in den +Gegenden südlich von Mosul für die türkischen Armeen eine Katastrophe +vollzogen, freilich nicht unter Geschützdonner. Wie im armenischen +Hochlande im Winter 1916/17, so gingen in der mesopotamischen Ebene im +Winter 1917/18 die türkischen Soldaten in großer Zahl zugrunde. Man +spricht von 17.000, die in dortigen Stellungen verhungerten oder an den +Folgen dieses Elendes starben. Ob die Zahl richtig ist, vermögen wir nicht +nachzuprüfen. „Auch wer verhungert, stirbt den Heldentod“, so versicherte +uns ein Türke, nicht im Zynismus, sondern aus innerer ehrlichster +Überzeugung. Nur noch Reste der ehemaligen türkischen Armee überleben in +Mesopotamien das Frühjahr. Es ist zweifelhaft, ob sie je wieder zu +gefechtsfähiger Stärke gebracht werden können. Man fragt sich, warum +greift England in Mesopotamien nicht an? Oder besser gesagt, warum +marschiert es nicht einfach vorwärts? Genügen die Schatten dieser +osmanischen Macht, um ihren Gegner zur Innehaltung seines Programms +kolonialer Kriegführung zu veranlassen? Die englische Führung mag für +diese Vorsicht ihrer Operationen alle möglichen Gründe anführen können, +nur einen hat sie nicht, nämlich die Stärke des Gegners. + +Während im armenischen Hochlande die türkische Wehrmacht nochmals einen +Triumph feierte, hatten die Kämpfe in Syrien nicht geruht. Wiederholt kam +es an der syrischen Front zu frontalen englischen Angriffen, ohne daß +hierdurch die Lage wesentlich geändert wurde. Im Frühjahr 1918 schien die +englische Kriegführung dieses ewigen Einerleis endlich müde zu werden. Sie +raffte sich zu einem neuen Gedanken auf und brach über Jericho in das +Ostjordanland ein. Man nahm an, daß die Araberstämme in diesem Gebiete das +Auftreten ihrer Befreier vom türkischen Joch nur erwarteten, um sofort den +osmanischen Armeen in den Rücken zu fallen. Das Unternehmen scheiterte +jedoch ziemlich ruhmlos vor geringen deutschen und türkischen Kräften dank +ausgezeichneter osmanischer Führung. Die Lage an der syrischen Front wurde +hierdurch in den Sommer hinein gerettet. In dieser Jahreszeit pflegte in +jenen glutheißen Gebieten allgemeine Ruhe einzutreten. Es war jedoch mit +Sicherheit zu erwarten, daß der Engländer im Herbste seine Angriffe in +irgend einer Richtung wiederholen würde. Wir glaubten, daß die +Zwischenzeit genügend sei, um die Lage an der syrischen Front durch +Zuführung neuer türkischer Kräfte zu festigen. + +Die inneren Schwierigkeiten im türkischen Staate dauerten auch im Jahre +1918 an. Der Tod des Sultans übte nach außen hin zunächst keinen +sichtbaren Einfluß aus. Im Innern begann allmählich eine Bewegung zur +Besserung einzusetzen. Der neue Sultan war augenscheinlich ein Mann der +Tat. Er zeigte den besten Willen, sich von der bisherigen Bevormundung +durch das Komitee freizumachen und den schweren Staatsschäden +entgegenzutreten. Er wählte die Männer seiner Umgebung aus den Kreisen, +die sich den alttürkischen Richtungen zuneigten. + +Ich hatte den neuen Padischa als Thronfolger in Kreuznach kennen gelernt. +Damals hatte ich die Ehre, ihn als meinen Gast zu sehen. Bei den +Schwierigkeiten unmittelbaren sprachlichen Verkehrs, der Sultan sprach nur +türkisch, war unsere Unterhaltung durch Dolmetscher im wesentlichen auf +den Austausch von Ansprachen beschränkt. Die Erwiderung des Thronfolgers +auf meine Anrede trug einen sehr bundesfreundlichen Charakter. Diesem +entsprach auch seine Haltung nach der Thronbesteigung. + +Der Sultan hatte vornehmlich die Absicht, auf das Heerwesen einen +persönlichen Einfluß auszuüben. Er wollte auch die Armeen in den +entfernten Provinzen aufsuchen. Ob hierdurch wesentliche Mängel hätten +beseitigt werden können, wage ich nicht zu entscheiden. + +Das Land war durch den Kriegszustand völlig erschöpft. Es konnte dem Heere +kaum noch irgend welche neuen Kräfte bieten. So gelang es auch während des +Sommers nicht, die Verhältnisse an der syrischen Front wesentlich zu +stärken. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit bei den geradezu +kläglichen Verbindungen dorthin ausreichenderes hätte geleistet werden +können. Die Zustände in der Versorgung der Armee blieben schlecht. Die +Truppe verhungerte nicht, aber sie lebte nahezu beständig in ungestilltem +Hunger dahin, körperlich müde, seelisch empfindungslos. + +Wie ich schon früher anführte, mußten wir auf das Wegziehen der deutschen +Truppen aus der syrischen Front verzichten. Die dortige deutsche Führung +glaubte nur mit deutscher Hilfe die Lage als gesichert betrachten zu +können. Man schätzte freilich den Angriffsgeist der gegenüberstehenden +englisch-indischen Armee besonders auf Grund von Aussagen +mohammedanisch-indischer Überläufer nicht sehr hoch ein. Auch waren die +bisherigen Leistungen der englischen Führung so wenig eindrucksvoll, daß +man sich zu der Hoffnung berechtigt fühlte, mit den vorhandenen geringen +Kräften dem Feinde wenigstens die Möglichkeit eines weiteren Widerstandes +vortäuschen zu können. Wie lange eine solche Täuschung vorhielt, hing +lediglich davon ab, ob sich der Gegner endlich einmal zu einer +kraftvollen, geschlossenen Gefechtshandlung aufraffen und damit das Gerüst +des türkischen Widerstandes mit seinen schwachen deutschen Stützen +umwerfen würde oder nicht. + +Am 19. September griff der Engländer überraschend den rechten türkischen +Heeresflügel in den Küstenebenen an. Er durchbrach fast widerstandslos die +dortigen Linien. Die Niederlage der beiden türkischen Armeen an der +syrischen Front wurde durch das rasche Vordringen der +indisch-australischen Reitergeschwader besiegelt. + +In diesen Tagen wurde die Türkei durch den bulgarischen Zusammenbruch +ihres bisherigen Landschutzes in Europa beraubt. Konstantinopel war +dadurch im ersten Augenblick auf der europäischen Landseite völlig +schutzlos. Die türkischen Truppen an den Dardanellen waren im Verlaufe der +letzten Zeiten dauernd schlechter geworden. Aus ihnen holten die Armeen +der entlegenen Provinzen alles heraus, was noch an Gefechtswert in ihnen +steckte. Thrazien war mit Ausnahme einer schwachen kaum gefechtsfähigen +Küstenbesatzung ungeschützt. Die Befestigungen der berühmten +Tschataldschalinie bestanden nur aus zerfallenen Schützengräben, wie sie +nach den Kämpfen der Jahre 1912/13 von den türkischen Truppen verlassen +waren. Alles übrige war nur in der Phantasie oder auf trügerischen Plänen +vorhanden. Man mag über diese Zustände nachträglich den Kopf schütteln, +letzten Endes offenbart sich in ihnen doch der große Wille, alle +vorhandenen Kräfte auf den entscheidenden Außenposten zu verwenden. Wehe +dann freilich, wenn der äußere Schutzwall durchbrochen wurde, und sich die +feindlichen Fluten in das Innere des Landes ergossen. + +Solch eine Flut bedrohte nunmehr das Herz des ganzen Landes. Unter den +Eindrücken der ersten Nachrichten vom drohenden bulgarischen Zusammenbruch +wurden aus Konstantinopel heraus einzelne rasch zusammengestellte +Formationen an die Tschataldschalinie geworfen. Ein nennenswerter +Widerstand wäre jedoch mit ihnen nicht zu leisten gewesen. Mehr der +moralischen als der praktischen Wirkung wegen ordneten wir die sofortige +Überführung von deutschen Landwehrformationen aus dem südlichen Rußland +nach Konstantinopel an. Auch entschloß sich die Türkei dazu, alle aus +Transkaukasien zurückgerufenen Divisionen zunächst nach Thrazien zu +werfen. Bis jedoch nennenswerte Kräfte Konstantinopel erreichen konnten, +mußte geraume Zeit vergehen. Warum der Gegner diese Zeit nicht ausnutzte, +um sich der Hauptstadt zu bemächtigen, läßt sich nach den bis jetzt +vorhandenen Quellen nicht feststellen. Nochmals blieb die Türkei vor einer +unmittelbaren Katastrophe bewahrt. Der Eintritt einer solchen schien aber +Ende September doch nur eine Frage von wenigen Tagen. + + + + Militärisches und Politisches aus Österreich-Ungarn + + +Nach den vergeblichen Angriffen des österreichisch-ungarischen Heeres in +Oberitalien zeigte sich immer mehr, daß die Donaumonarchie ihre letzte und +beste Stärke an dieses Unternehmen gesetzt hatte. Sie hatte nicht mehr so +viel zahlenmäßige und sittliche Kräfte, um einen solchen Angriff +wiederholen zu können. Die Verhältnisse dieses Heeres traten uns so recht +deutlich in der Beschaffenheit der Divisionen vor Augen, die zu unserer +Unterstützung an die Westfront geschickt wurden. Ihr sofortiger Einsatz +war unmöglich, wenn man später größere Kampfleistungen von ihnen verlangen +wollte. Sie bedurften der Erholung, Schulung und besonders auch der +Ausrüstung. Diese Tatsachen wurden innerhalb der eintreffenden Truppen +ebenso rückhaltslos anerkannt wie von seiten des k. u. k. +Armee-Oberkommandos. Alle österreichisch-ungarischen Befehlsstellen gaben +sich die größte Mühe, die im Westen verwendeten k. u. k. Truppen in +verhältnismäßig kurzer Zeit ihrer kommenden Aufgabe entsprechend +leistungsfähig zu machen. Wenn das Ziel nicht voll und ganz erreicht +wurde, so lag es wahrlich nicht an mangelnder Tätigkeit und Einsicht der +Offiziere. Auch die Mannschaften zeigten sich in hohem Grade willig. + +Die großen Verluste der österreichisch-ungarischen Wehrmacht in Italien, +die mangelhaften Ersatzverhältnisse, die politische Unzuverlässigkeit +einzelner Truppenteile, die unsicheren Zustände im Innern des Landes +machten eine wirklich große und ausschlaggebende Unterstützung unserer +Westfront leider unmöglich. General von Arz mußte sich angesichts dieser +Verhältnisse in des Wortes vollster Bedeutung jede einzelne Division, die +er uns schicken wollte, von der Seele reißen. Er selbst war von der großen +Bedeutung dieser Hilfe durchaus überzeugt. Ich vermag nicht zu sagen, ob +man in allen österreichisch-ungarischen Kreisen von der gleichen +Hilfsbereitschaft durchdrungen war, ob man überall die gleiche +Dankesschuld uns gegenüber empfand, wie General von Arz. + +An den österreichisch-ungarischen Heeresfronten ereignete sich im Verlauf +des Sommers nichts wesentliches. Die einzige bemerkenswerte kriegerische +Leistung vollzog sich in diesem Zeitraume auf albanischem Boden. Dort +hatte man sich jahrelang eigentlich tatenlos gegenübergestanden, die +Italiener, etwa ein verstärktes Armeekorps, um Valona und östlich, die +Österreicher im nördlichen Albanien. Der Kriegsschauplatz wäre ohne jede +militärische Bedeutung gewesen, wenn er nicht einen Zusammenhang mit den +mazedonischen Fronten gehabt hätte. Bulgarien befürchtete beständig, daß +durch ein feindliches Vordringen westlich des Ochridasees die rechte +Flanke seiner Heeresfront umfaßt werden könnte. Militärisch wäre einem +solchen feindlichen Unternehmen leicht durch Zurücknahme des bulgarischen +Westflügels aus dem Gebiete von Ochrida in nordöstlicher Richtung zu +begegnen gewesen. Allein die innerpolitischen Verhältnisse Bulgariens +machten, wie ich das schon erwähnt habe, damals jedes Zurückziehen +bulgarischer Truppen aus diesem besetzten Lande unmöglich. Dazu kamen +bulgarisch-österreichische Eifersüchteleien in Albanien, die mit Mühe von +uns ausgeglichen worden waren. + +Man hat wiederholt die Frage gestellt, warum die Österreicher ihre +italienischen Gegner nicht aus Valona vertrieben haben. Die +außerordentliche Wichtigkeit dieses Flottenstützpunktes als zweiter +Torflügel zur Sperrung der Adria war mit den Händen zu greifen. Für eine +solche Operation fehlte jedoch für Österreich-Ungarn die erste +Voraussetzung, nämlich die entsprechende leistungsfähige, rückwärtige +Verbindung in das Kampfgebiet an der Vojusa. Auf die See konnte ein +solches Unternehmen nicht basiert werden, Landverbindungen waren aber in +dem öden albanischen Berglande vor dem Kriege nicht vorhanden, und +Österreich-Ungarn konnte sie im Verlauf des Krieges dort nicht in +genügendem Umfang schaffen. + +Die österreichisch-ungarischen Operationen in Albanien befanden sich in +einer Art von Dornröschenschlaf, in dem sie nur zeitweise durch +gegenseitige Unternehmungen geringeren Umfanges und noch geringerer +Tatkraft gestört wurden. Einen größeren Ernst nahm die Lage in Albanien +erst an, als die Italiener im Sommer 1918 zu einem breit entwickelten +Angriff von der Meeresküste bis in die Gegend des Ochridasees schritten. +Die schwachen, teilweise auch sehr vernachlässigten +österreichisch-ungarischen Verbände wurden nach Norden zurückgedrückt. +Sogleich erhob sich die bulgarische Sorge in Sofia und an der +mazedonischen Grenze und verlangte unser Eingreifen als Oberste +Kriegsleitung. Dieses Eingreifen vollzog sich in der Form eines Ersuchens +an das k. u. k. Armee-Oberkommando, die österreichischen Kräfte in +Albanien zu verstärken, um auch weiterhin den Schutz der mazedonischen +Flanke durchführen zu können. Die österreichisch-ungarische Heeresleitung +entschloß sich darüber hinausgehend in Albanien zu einem Gegenangriff. Die +Italiener wurden wieder zurückgeschlagen. + +Es ist nicht klar zu erkennen, ob diese italienische Offensive irgend +welche weiter gesteckten politischen und militärischen Ziele im Auge +hatte. Besonders muß ich die Frage offen lassen, ob sie mit dem später +einsetzenden Angriff der Entente gegen die Mitte der mazedonischen Front +in irgendwelchem inneren Zusammenhang stand. Der österreichische +Gegenangriff stellte angesichts der ganz außerordentlichen Schwierigkeiten +in den albanischen Geländeverhältnissen und der feindlichen zahlenmäßigen +Überlegenheit eine sehr beachtenswerte Leistung dar. Sie verdient +durchaus, von seiten unserer Bundesgenossen als solche gefeiert zu werden. + +Die inneren Verhältnisse Österreich-Ungarns hatten sich im Laufe des +Jahres 1918 in der früher erwähnten bedenklichen Richtung weiter +entwickelt. Die ungewöhnlichen Schwierigkeiten in der Volksernährung +bedrohten Wien zeitweise geradezu mit einer Katastrophe. Da war es kein +Wunder, daß die österreichisch-ungarischen Behörden in dem Zusammenraffen +greifbarer Verpflegungsbestände, sei es in Rumänien, sei es in der +Ukraine, zu Maßnahmen griffen, die unseren eigenen Interessen im höchsten +Grade entgegengesetzt waren. + +Unter den trüben politischen Verhältnissen Österreich-Ungarns war es nicht +weiter erstaunlich, wenn uns von dort immer wieder erklärt wurde, daß eine +Weiterführung des Krieges über das Jahr 1918 hinaus von seiten der +Donaumonarchie ausgeschlossen wäre. Der Drang nach Abschluß der +Feindseligkeiten äußerte sich immer häufiger und immer stärker. Ob dabei, +wie behauptet wurde, auch der Ehrgeiz, die Rolle des Friedensbringers zu +spielen, bei irgendwem einen wirklich ausschlaggebenden Einfluß ausübte, +lasse ich dahingestellt sein. + +Im Sommer erfolgte der Rücktritt des Grafen Czernin von seinem Posten als +Außenminister. Als Grund gab der Graf selbst an, daß die von seinem Kaiser +an den Prinzen Sixtus von Parma gerichteten Briefe einen unüberbrückbaren +Gegensatz zwischen ihm und seinem Herrn geschaffen hätten. Mir war der +Graf nicht unsympathisch, trotz der mancherlei Gegensätze, die zwischen +seinen politischen Anschauungen und den meinigen bestanden, und die er uns +gegenüber ebenso offen vertrat, wie wir die unserigen. + +Für mich war Graf Czernin der typische Vertreter der +österreichisch-ungarischen Außenpolitik. Er war klug und von scharfem +Erkennen der Schwierigkeiten unserer gemeinsamen Lage sowie von +zutreffender, rückhaltsloser Kritik der Schwächen des von ihm vertretenen +Staatswesens. Seine politischen Pläne bewegten sich dabei aber weit mehr +im Bestreben, ein Unheil zu vermeiden als unsere Erfolge auszunutzen. Für +die Interessen seines Vaterlandes hatte der Graf zwar immer ein offenes +Auge und ein weitem Herz, doch im auffallenden Gegensatz hierzu sah er in +der Beurteilung unserer Gesamtlage das rettende Heil meist im Verzicht. +Aus diesen Widersprüchen kam es, daß er für die Doppelmonarchie +Erweiterung ihrer Machtsphäre anzustreben nicht aufhörte, auch wenn er +gleichzeitig uns Deutschen große Opfer für die Interessen der verbündeten +Gemeinschaft zumutete. Graf Czernin unterschätzte, wie alle +österreichisch-ungarischen Staatsmänner dieser Zeit, die +Leistungsfähigkeit seines Vaterlandes. Sonst hätte er nicht im Frühjahr +1917 kurz nach seiner Amtsübernahme von der Unmöglichkeit weiteren +Durchhaltens sprechen dürfen, obwohl die österreichisch-ungarische Kraft +noch länger ausreichte und auch bei der Geschäftsniederlegung des Grafen +noch keineswegs bei dem Erschöpfungstod angelangt war. Es lag in den +Gedankenverbindungen des Grafen Czernin eine Art von Sichselbstaufgeben. +Ob er dabei nicht imstande war, den Friedensbestrebungen seines Kaisers +Widerstand zu leisten, oder ob er diese vielleicht in innerster +Überzeugung unterstützte, vermochte ich während seiner Amtsführung nicht +klar zu durchschauen. Jedenfalls verkannte der Graf die Gefahren, die in +einer übertriebenen und ganz besonders zu oft wiederholten Betonung der +Friedensbereitschaft solchen Feinden wie den unserigen gegenüber enthalten +waren. Nur so wird es verständlich, daß er in einer Zeit des scheinbar +beginnenden Heranreifens unserer Unterseebooterfolge, des Mißerfolges der +feindlichen Frühjahrsoffensive und der Rückwirkung der staatlichen +Auflösung in Rußland auf unsere Feinde die politische Ruhe verlor und die +Friedensresolution im Deutschen Reichstage anregte. + +Ich war der Meinung, daß es Graf Czernin an der bundesbrüderlichen +Gesinnung uns gegenüber nicht fehlen lassen wollte, selbst als er uns bei +den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und Bukarest vor mancherlei +Überraschungen stellte. Er befürchtete damals wohl, daß die Donaumonarchie +ein etwaiges Scheitern dieser Verhandlungen nicht überwinden könnte, und +daß der Schrei nach Brot in Wien unbedingt eine baldige Vereinbarung mit +der Ukraine forderte. + +Unter der außenpolitischen Leitung Czernins fand die polnische Frage +zwischen uns und Österreich-Ungarn keinen Abschluß. Eine Preisgabe ganz +Polens an die Doppelmonarchie war und blieb aus den schon früher berührten +Gründen für uns unannehmbar. + +Der Nachfolger des Grafen Czernin, Graf Burian, war mir aus seiner +Tätigkeit als Außenminister der vorczerninschen Zeit schon in Pleß bekannt +geworden. Bei der Umständlichkeit Burians, die bei allen wichtigeren +Fragen zutage trat, konnte ich eine Erledigung des polnischen Problems in +absehbarer Zeit nicht erhoffen. Ich muß auch offen eingestehen, daß meine +Gedanken in der nunmehr folgenden Zeit von entscheidenderen Dingen in +Anspruch genommen wurden als von so langwierigen, unfruchtbaren +Verhandlungen. + +Bei seiner Wiederberufung als Außenminister hatte Graf Burian das +begreifliche Bestreben, möglichst bald einen Ausweg aus unserer +politischen Lage zu finden. Es war menschlich verständlich, daß er unter +dem Eindruck der sich im besten verschlimmernden Kriegslage mit größter +Hartnäckigkeit zum Frieden drängte. Nach meiner Anschauung sollte indessen +keiner der verbündeten Staaten aus dem Rahmen der politischen +Einheitsfront heraustreten und dem Gegner Friedensangebote machen. Es war +ein Irrtum, zu glauben, daß dadurch jetzt noch wesentliches für einen +Einzelstaat oder für unsere Gesamtheit gebessert werden könne. Der +türkische Großwesir, der in der ersten Septemberhälfte in Spa weilte, +beurteilte die Lage ganz ebenso wie wir. Auch Zar Ferdinand sprach noch zu +gleichem Zeitpunkt davon, daß Friedensbestrebungen seines Landes außerhalb +des gemeinsamen Bundes nicht in Frage kommen könnten. Vielleicht ahnte der +Zar damals aber schon, welch eine geringe Rolle Bulgarien als Machtfaktor +in den gegnerischen Berechnungen nur noch spielte. + +Aus den angeführten Gründen heraus fühlte ich mich nicht veranlaßt, den +österreichisch-ungarischen Versuch, Mitte September mit der Entente +einseitig einen friedlichen Vergleich anzuregen, für glücklich zu halten. +Die Gegner verhielten sich diesem Schritte gegenüber in der Tat auch +völlig ablehnend. Sie übersahen unsere damalige Lage schon zu klar, als +daß sie sich auf Anbahnung eines Verhandlungsfriedens einlassen wollten. +Die Frage weiterer Menschenopfer spielte für sie keine Rolle. Die +Befürchtung, daß wir Deutschen uns rasch wieder erholen könnten, wenn uns +auch nur ein Augenblick der Ruhe gelassen würde, beherrschte völlig den +feindlichen Gedankenkreis. So gewaltig war der Eindruck, den unsere +Leistungen auf unsere Gegner gemacht hatten und vielleicht jetzt noch +machten. Für uns ein stolzes Gefühl mitten in alledem, was um uns zurzeit +vorging und noch vorgehen sollte! + + + + + Dem Ende entgegen + + + + Vom 29. September zum 26. Oktober + + +Wäre in dem Buch des großen Krieges das Kapitel über das Heldentum des +deutschen Heeres nicht schon längst geschrieben gewesen, so würde es in +dem letzten furchtbaren Ringen mit dem Blute unserer Söhne in ewig +unauslöschlicher Schrift geschehen sein. Welch ungeheure Anforderungen +wurden in diesen Wochen an die Körper- und Seelenkräfte von Offizieren und +Mannschaften aller Stäbe und Truppenteile gestellt! Die Truppen mußten +auch jetzt wieder von einem Kampf in den anderen geworfen, von einem +Schlachtfeld auf das andere geführt werden. Kaum, daß die sogenannten +Ruhetage ausreichten, die zerschossenen oder zersprengten Verbände neu zu +ordnen, ihnen Ersatz zuzuführen, die Bestände aufgelöster Divisionen in +die Truppenteile anderer einzuordnen. Offiziere wie Mannschaften begannen +wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt, +den feindlichen Anstürmen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade +bis zu den höheren Stäben hinauf wurden Mitkämpfer in den vordersten +Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja +vielfach nichts anderes mehr als: „Aushalten bis zum Äußersten.“ + +Ja: „Aushalten!“ Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen +glänzender Erfolge. Für mich kann der Anblick solch todesmutigen Kämpfens +nicht beeinträchtigt werden durch einzelne Bilder des Verzagens und des +Versagens. In einem solchen entsagungsvollen Ringen, in dem jeder +Aufschwung siegreichen Kraftgefühles fehlt, müssen menschliche Schwächen +stärker zur Geltung kommen als sonstwo. + +Für zusammenhängende Linien fehlte es an Kräften. In Gruppen und Grüppchen +leistet man Widerstand. Erfolgreich ist solcher nur, weil auch der Gegner +sichtbar ermattet. Wo seine Panzerwagen nicht Bahn brechen, wo seine +Artillerie nicht alles deutsche Kampfleben ertötet hat, da schreitet er +nur selten noch zu großen Gefechtshandlungen. Er stürmt nicht auf unsern +Widerstand los, er schleicht sich allmählich ein in unsere lückenreichen, +zerschmetterten Kampflinien. An dieser Tatsache hatte sich meine Hoffnung +immer wieder aufgerichtet, die Hoffnung, aushalten zu können bis zur +Erlahmung des Gegners. + +Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines +frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese +stehen hart vor dem Zusammenbruch. + +Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen +vermögend? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: „Wann +müssen wir zu einem Ende kommen?“ Wendet man sich in solchen Fällen an die +große Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie +nicht zur Vorsicht, sondern zur Kühnheit. Richte ich meine Blicke auf die +Gestalt unseres größten Königs, so erhalte ich die Antwort: „Durchhalten!“ + +Gewiß, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre früher +waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk führt den Krieg, +ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im +Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Stärken und Schwächen. Und +wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten, +dieses niemals! + +So tobt mit dem Kampf auf dem Schlachtfeld gleichzeitig ein anderer Kampf. +Sein Schauplatz liegt in unserem Innern. Auch in diesem Kampfe stehen wir +allein. Niemand rät uns als die eigene Überzeugung und das Gewissen. +Nichts hält uns aufrecht, als die Hoffnung und der Glaube. Sie bleiben in +mir stark genug, um auch noch andere zu stützen. + +Aber immer dunkler wird es um uns! Mag auch der deutsche Mut an der +Westfront dem Gegner noch immer den entscheidenden Durchbruch wehren, +mögen Frankreich und England sichtlich ermatten, mag Amerikas erdrückende +Überlegenheit an einem Tage tausendfach ergebnislos bluten, so nehmen doch +unsere Kräfte sichtlich ab. Sie werden um so früher versagen, je +bedrückender die Nachrichten aus dem fernen Osten auf sie wirken. Wer +schließt die Lücke, wenn Bulgarien endgültig zusammenbricht? Manches +können wir wohl noch leisten, aber wir vermögen nicht eine neue Front +aufzubauen. Eine neue Armee ist freilich in Serbien in Bildung begriffen, +aber wie schwach sind diese Truppen! Unser Alpenkorps hat kaum noch +gefechtsfähige Verbände; eine der anrollenden österreichisch-ungarischen +Divisionen wird für völlig unbrauchbar erklärt; sie besteht aus Tschechen, +die voraussichtlich den Kampf verweigern. Liegt auch der Schauplatz in +Syrien weit ab von der Entscheidung des Krieges, so zermürbt die dortige +Niederlage doch zweifellos den treuen türkischen Genossen, der nun auch in +Europa wieder bedroht wird. Wie wird Rumänien sich verhalten, was werden +die großen Trümmer Rußlands tun? Alles dies drängt auf mich ein und +erzwingt den Entschluß, nun doch ein Ende zu suchen, das heißt ein Ende in +Ehren. Niemand wird sagen: „Zu früh.“ + +In solchen Gedanken und mit dem gereiften Entschluß trifft mich mein +Erster Generalquartiermeister am späten Nachmittag des 28. September. Ich +sehe ihm an, was ihn zu mir führt. Wie so oft seit dem 23. August 1914 +fanden sich unsere Gedanken auch heute, bevor sie zu Worten geworden sind. +Unser schwerster Entschluß wird auf gleicher Überzeugung gefaßt. + +In den Vormittagsstunden des 29. September erfolgt unsere Beratung mit dem +Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Die Lage nach außen wird von ihm mit +wenig Worten gekennzeichnet: Bis jetzt alle Versuche eines friedlichen +Ausgleichs mit den Gegnern gescheitert und keine Aussicht, durch +Verhandlungen unter Vermittlung neutraler Mächte irgend eine Annäherung an +die feindlichen Staatslenker zu erreichen. Der Staatssekretär bespricht +dann die innere Lage der Heimat: die Revolution stehe vor der Türe, man +habe die Wahl, ihr mit Diktatur oder Nachgiebigkeit entgegenzutreten; +parlamentarische Regierung sei das beste Abwehrmittel. + +Wirklich das beste? Wir wissen, welch gewaltige Belastungen wir der Heimat +gerade jetzt durch unseren Schritt zum Waffenstillstand und Frieden +auferlegen müssen, ein Schritt, der dort begreiflicherweise schwere Sorgen +über die Lage an der Front und über unsere Zukunft auslösen wird. In +diesem Augenblick, wo so viele Hoffnung zu Grabe getragen, wo bitterste +Enttäuschung sich mit tiefster Erbitterung mengen wird, wo jeder nach +einem festen Halt im Staatswesen blickt, sollen die politischen +Leidenschaften in höhere Wallung versetzt werden? In welcher Richtung +werden sie ausschlagen? Sicherlich nicht in der Richtung der Erhaltung +sondern in derjenigen der weiteren Zerstörung. Die das Unkraut in unsere +Saat gesäet haben, werden die Zeit der Ernte für gekommen erachten. Wir +beginnen, zu gleiten. + +Glaubt man durch Nachgiebigkeiten im eigenen Heim einen Gegner milder +stimmen zu können, der sich durch das Schwert nicht zwingen ließ? Fragt +diejenigen unserer Soldaten, die im Vertrauen auf die feindlichen +Verlockungen leider freiwillig die Waffen aus der Hand legten! Die +feindliche Maske fiel gleichzeitig mit der deutschen Waffe. Die +verblendeten Deutschen wurden nicht um ein Haar menschenwürdiger behandelt +als ihre sich bis zur letzten Kraft wehrenden Kameraden. Dies Bild im +Kleinen wird sich im Großen, ja im Größten wiederholen. + +Wir müssen auch befürchten, daß die Bildung einer neuen Regierung den +Schritt, den wir so lange als möglich hinausschoben, noch weiter verzögern +wird. Zu bald haben wir ihn wahrlich nicht getan. Soll er durch die +staatliche Neuordnung verspätet werden? + +Das sind meine Sorgen; sie gleichen denjenigen des Generals Ludendorff. + +Auf Grund unserer Beratung unterbreiten wir Seiner Majestät dem Kaiser +unseren Vorschlag zum Friedensschritt. Mir obliegt es, dem Allerhöchsten +Kriegsherrn zur Begründung des politischen Aktes die militärische Lage zu +schildern, deren jetziger Ernst dem Kaiser nicht unbekannt ist. Seine +Majestät billigt, was wir vortragen, mit festem, starkem Herzen. + +Wie immer bisher, so vermischen sich auch jetzt unsere Sorgen um das Heer +mit denen um die Heimat. Kann das Eine nicht standhalten, so bricht auch +das Andere zusammen. In dem gegenwärtigen Augenblick, mehr wie in jedem +anderen vorher, muß sich dies beweisen. + +Mein Allerhöchster Kriegsherr kehrt in die Heimat zurück, wohin ich ihm am +1. Oktober folge. Ich möchte dem Kaiser nahe sein, wenn er in diesen Tagen +meiner bedürfen sollte. Politische Einwirkungen ausüben zu wollen, lag mir +fern. Zu Aufschlüssen für die sich neubildende Regierung war ich bereit +und beantwortete ihre Anfragen, soweit dies nach meiner Überzeugung +möglich war. Ich hoffte, Pessimismus zu bekämpfen und Vertrauen wieder +aufzurichten. Die innern Erschütterungen erwiesen sich aber bereits als zu +schwere, um diesen Zweck noch erreichen zu können. Ich selbst hatte auch +damals noch die feste Zuversicht, daß wir dem Gegner trotz des Abnehmens +unserer Kräfte das Betreten unseres vaterländischen Bodens monatelang +verwehren konnten. Gelang dies, so war auch die politische Lage nicht +hoffnungslos. Stillschweigende Voraussetzung war freilich hierbei, daß +unsere Landesgrenzen nicht etwa von Osten oder Süden bedroht würden, und +daß die Heimat in ihrem Innern feststand. + +In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober erging unser Angebot an den +Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die von ihm im Januar +dieses Jahres aufgestellten Grundlinien für einen „gerechten Frieden“ +waren von uns angenommen worden. + +Uns selbst blieb zunächst nur die Fortsetzung des Kampfes. Das Nachlassen +der Spannkraft der Truppe, das Schwinden der Kämpferzahlen, die +wiederholten Einbrüche des Gegners zwangen uns an der Westfront zu +weiterem allmählichen Ausweichen in kürzere Linien. Was ich der +Reichsleitung am 3. Oktober erklärt hatte, wurde ausgeführt: Wir +klammerten uns so viel wie möglich an den feindlichen Boden. Die +Bewegungen und Schlachten behielten den gleichen Charakter, wie seit Mitte +August. Der Abnahme unserer Kampfkraft entsprach auch weiterhin eine +gleiche Abnahme gegnerischer Angriffslust. Irrten sich die Feinde in dem +Glauben, daß wir ganz zusammenbrechen, so irrten wir uns andererseits in +der Hoffnung, daß die Gegner völlig erlahmen würden. So war der endgültige +Ausgang des Kampfes nicht mehr zu ändern, wenn es uns nicht gelang, ein +Aufgebot letzter heimatlicher Kraft zustande zu bringen. Eine +Massenerhebung des Volkes würde den Eindruck auf den Gegner und unser +eigenes Heer nicht verfehlt haben. War aber eine solche brauchbare +Lebensstärke und opferwillige Masse noch vorhanden? Jedenfalls war unser +Versuch, eine solche in die Front zu bringen, vergeblich. + +Die Heimat erlahmte früher als das Heer. Unter diesen Umständen vermochten +wir dem immer härter werdenden Druck des Präsidenten der Vereinigten +Staaten von Nordamerika keinen eindrucksvollen Widerstand +entgegenzusetzen. Unsere Regierung gab nach in der Hoffnung auf Milde und +Gerechtigkeit. Der deutsche Soldat und der deutsche Staatsmann gingen in +verschiedenen Richtungen. Der eingetretene Riß wurde nicht mehr beseitigt. +Mein letzter Versuch, zu einem vereinten Schlagen ergibt sich aus +folgendem Brief an den Reichskanzler vom 24. Oktober 1918: + + „Euerer Großherzoglichen Hoheit darf ich nicht verhehlen, daß ich in den + letzten Reichstagsreden einen warmen Aufruf zu Gunsten und für die Armee + schmerzlich vermißt habe. + + Ich habe von der neuen Regierung erhofft, daß sie alle Kräfte des + gesamten Volkes in den Dienst der vaterländischen Verteidigung sammeln + würde. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil, es ist, von wenigen + Ausnahmen abgesehen, nur von Versöhnung, nicht aber von Bekämpfung des + dem Vaterlande drohenden Feindes gesprochen. Dies hat auf die Armee erst + niederdrückend, dann erschütternd gewirkt. Ernste Anzeichen beweisen + dies. + + Zur Führung der nationalen Verteidigung braucht die Armee nicht nur + Menschen sondern den Geist der Überzeugung für die Notwendigkeit, zu + kämpfen, und den seelischen Schwung für diese hohe Aufgabe. + + Euere Großherzogliche Hoheit werden mit mir überzeugt sein, daß, in + Anerkennung der durchschlagenden Bedeutung der Moral des Volkes in + Waffen, Regierung und Volksvertretung solchen Geist in Heer und Volk + hineintragen und erhalten müssen. + + An Euere Großherzogliche Hoheit als das Haupt der neuen Regierung richte + ich den ernsten Ruf, dieser heiligen Aufgabe zu entsprechen.“ + +Es war zu spät. Die Politik forderte ihre Opfer; das erste wurde am +26. Oktober gebracht. + +Am Abend dieses Tages fuhr ich von der Reichshauptstadt, wohin ich mich +mit meinem Ersten Generalquartiermeister zum Vortrag bei unserem +Allerhöchsten Kriegsherrn begeben hatte, nach dem Großen Hauptquartier +zurück. Ich war allein. Seine Majestät hatte dem General Ludendorff den +erbetenen Abschied bewilligt, meine gleiche Bitte abgeschlagen. + +Am folgenden Tage betrat ich die bisher gemeinsamen Arbeitsräume wieder. +Mir war zumute, wie wenn ich von der Beerdigung eines mir besonders teuren +Toten in die verödete Wohnung zurückkehrte. + +Bis zum heutigen Tage, ich schreibe dies im September 1919, habe ich +meinen vieljährigen treuen Gehilfen und Berater nicht wieder gesehen. Ich +habe ihn in meinen Gedanken viel tausendmal gesucht und in meinem +dankerfüllten Herzen stets gefunden! + + + + Vom 26. Oktober zum 9. November + + +Mein Allerhöchster Kriegsherr verfügte auf meine Bitte die Ernennung des +Generals Gröner zum Ersten Generalquartiermeister. Der General war mir aus +seinen früheren Kriegsverwendungen wohlbekannt. Ich wußte, daß er eine +vortreffliche organisatorische Begabung und eine gründliche Kenntnis der +inneren Verhältnisse unseres Vaterlandes besaß. Die kommenden gemeinsamen +Zeiten brachten mir den reichlichen Beweis dafür, daß ich mich in meinem +neuen Mitarbeiter nicht getäuscht hatte. + +Die Aufgaben, die des Generals harrten, waren ebenso schwierig als +undankbar. Sie forderten eine rastlose Tätigkeit, eine volle +Selbstentsagung und jeden Verzicht auf einen anderen Ruhm, als denjenigen +hingebendster Pflichterfüllung, und auf jede andere Anerkennung, als +diejenige seiner augenblicklichen Mitarbeiter. Wir alle kannten die Größe +und die Schwierigkeiten des Werkes, das seiner harrte. + +Unsere gesamte Lage begann sich immer weiter zu verschlechtern. Ich möchte +sie nur in Streiflichtern beleuchten: + +Im Orient brach der letzte Widerstand des osmanisch-asiatischen Reiches +zusammen. Mosul wie Aleppo fielen fast widerstandslos in die Hände der +Gegner. Die mesopotamische wie die syrische Armee hatten aufgehört, zu +bestehen. Georgien mußte von uns geräumt werden, nicht weil wir +militärisch dazu gezwungen waren, sondern weil unsere wirtschaftlichen +Pläne dort unausführbar wurden oder wenigstens nicht mehr gewinnbringend +gemacht werden konnten. Auch die Truppen, die wir zur Stütze der +Verteidigung Konstantinopels abgeschickt hatten, wurden zurückgeholt. Die +Entente griff aber Thrazien nicht an. Stambul sollte nicht fallen durch +kühne Heldentaten und eindrucksvolle Machtentfaltung. Der Grund hierfür +ist unbekannt. Er mag in sachlich für uns damals nicht verständlichen +militärischen Bedenken liegen; es können aber auch politische Erwägungen +hierbei für die Entente ausschlaggebend gewesen sein. + +Unsere deutsche Hilfe, die sonst noch in der Türkei stand, wurde in +Richtung auf Konstantinopel zusammengezogen. Sie schied aus dem gemeinsam +verteidigten Land, geachtet vom ritterlichen Osmanentum, dem wir in seinem +Ringen auf Leben und Tod beigestanden hatten. Was sich dort jetzt gegen +uns wandte, entsprang jenen Kreisen, die nunmehr ihren Weizen blühen +sahen, und die sich durch Hassesäußerungen einen Vorschuß auf die +Zuneigung der Neuankommenden zu erwerben suchten. Der eigentliche Osmane +wußte, daß wir nicht nur zum jetzigen Kampfe, sondern auch zum späteren +Neubau seines Staates hilfsbereit gewesen waren. + +Enver und Talaat Pascha traten von dem Schauplatz ihrer Tätigkeit ab, von +ihren Gegnern beschimpft, sonst unbescholten. + +Aus Bulgarien waren unsere letzten Truppen abgerückt. Auch ihnen folgte so +manches dankbare Gefühl und ehrliches Gedenken, am lebhaftesten +ausgesprochen in einem Briefe, den der ehemalige Führer des bulgarischen +Heeres an mich in dieser Zeit richtete. Ich konnte mich des Eindruckes +nicht erwehren, als ob aus den Zeilen das sprach, was ich so manchmal in +den Äußerungen dieses ehrlichen Offiziers zu fühlen glaubte: „Wäre ich +politisch frei gewesen, so hätte ich militärisch anders gehandelt.“ Die +Einsicht kam wohl zu spät, bei ihm wie an anderen Stellen. + +Österreich-Ungarn löste sich in seinem politischen Bestande wie in seiner +Wehrkraft auf. Es gab nicht nur sich selbst, sondern auch unsere +Landesgrenzen preis. In Ungarn erhob sich die Revolution im Hasse gegen +die Deutschen. Konnte das überraschend wirken? Gehörte dieser Haß nicht +zum Stolze des Magyaren? Im Kriege hatte man freilich im Ungarlande anders +empfunden, wenn der Russe an die Grenze pochte. Ein wiederholtes +gewaltiges Pochen! Mit welchem Jubel waren die deutschen Truppen auch +begrüßt, mit welcher Hingebung verpflegt, selbst verwöhnt worden, als es +sich darum handelte, Serbien niederzuschlagen. Welch eine Begeisterung +empfing uns, als wir zur Wiedereroberung Siebenbürgens erschienen! +Dankesbetätigung ist im menschlichen Dasein selten, im staatlichen Leben +noch weit seltener. + +Dagegen fanden wir in Rumänien mehrfach offenen Dank. Man sah dort ein, +daß ohne Zertrümmerung Rußlands ein freies rumänisches Leben sich nicht +hätte verwirklichen lassen. + +Wenn jetzt in Deutschland einzelne Kreise auf den Haß ehemaliger +Bundesgenossen gegen uns hinweisen und darin einen Beweis unserer +verfehlten politischen und militärischen Haltung erblicken, so übersehen +sie dabei wohl, daß Ausbrüche des Hasses aus Freundesmund auch im +feindlichen Lager ertönten. Ballten sich doch Fäuste französischer +Soldaten vor unseren Augen unter Schimpfworten gegen den englischen +Bundesgenossen. Riefen doch französische Stimmen zu uns herüber: „Heute +mit England gegen Euch, morgen mit Euch gegen England!“ Schrie doch ein +französischer Soldat im März des Jahres 1918, hinweisend auf die Trümmer +des Domes von St. Quentin, seinen englischen mit ihm gefangenen +Waffengenossen zornesbebend zu: „Das waret Ihr!“ + +Ich hoffe, daß die Äußerungen des Mißverstehens zwischen uns und unsern +ehemaligen Verbündeten mehr und mehr verstummen werden, wenn die düstern +Nebel sich verziehen, die die Wahrheit verhüllen, und die unsern +bisherigen Kampfgenossen zur Zeit den freien Blick auf die gemeinsamen +Ruhmesfelder nehmen, auf denen das deutsche Leben zur Verwirklichung auch +ihrer Pläne und Träume eingesetzt wurde. + +Der Zusammenbruch zeigt sich von Ende Oktober ab überall; nur an der +Westfront wußten wir ihn immer noch zu verhindern. Schwächer wurde dort +der feindliche Andrang, matter aber freilich auch unser Widerstand. Immer +kleiner wurde die Zahl der deutschen Truppen, immer größer wurden die +freien Lücken in den Verteidigungsstellungen. Nur wenige frische deutsche +Divisionen, und Großes hätte geleistet werden können. Vergebliche Wünsche, +eitle Hoffnungen! Wir sinken, denn die Heimat sinkt. Sie kann uns kein +neues frisches Leben mehr geben, ihre Kraft ist verbraucht! + +General Gröner begibt sich am 1. November zur Front. Das Zurücknehmen +unserer Verteidigung in die Stellung Antwerpen-Maas ist unsere +demnächstige Sorge. Der Entschluß ist einfach, die Ausführung schwer. +Kostbarstes Kampfmaterial liegt noch feindwärts in dieser Linie, doch +kostbarer als dessen Rettung ist für uns die Zurückführung von 80.000 +Verwundeten in den vorwärts befindlichen Lazaretten. So wird die +Durchführung des Entschlusses aus Dankesgefühlen, die wir unseren +blutenden Kameraden schulden, verzögert. Dauernd kann freilich die jetzige +Lage nicht mehr gehalten werden. Dazu sind unsere Kräfte nunmehr zu +schwach und zu müde geworden. Dazu ist der Druck zu stark, der von den +frischen amerikanischen Massen auf unsere empfindlichste Stelle im +Maasgebiet ausgeübt wird. Der Kampf dieser Massen wird aber die +Vereinigten Staaten für die Zukunft belehrt haben, daß das Kriegshandwerk +nicht in wenigen Monaten zu erlernen ist, daß die Unkenntnis dieses +Handwerkes im Ernstfalle Ströme von Blut kostet. + +Mit der deutschen Kampflinie hält damals auch noch die Etappe, der +Lebensnerv, der zur Heimat führt. Düstere Bilder zeigen sich freilich hier +und da, aber in der Gesamtheit ist noch innerer Halt. Lange wird es +indessen nicht mehr dauern können. Die Spannung ist auf das äußerste +gestiegen. Erfolgt irgend wo eine Erschütterung, sei es in Heimat oder +Heer, so ist der Zusammenbruch unvermeidlich. + +Das sind meine Eindrücke in den ersten Tagen des November. + +Die befürchtete Erschütterung kündigt sich an. In der Heimat regt es sich +mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5. November eilt General Gröner +in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen muß, wenn man jetzt +in den letzten Stunden nicht zusammenhält. Er tritt für seinen Kaiser ein +und schildert die Folgen, wenn man dem Heere sein Haupt nimmt. Umsonst! +Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur durch Zufall +entgeht der General auf der Rückreise ins Hauptquartier den Händen der +Revolutionäre. Das ist am Abend des 6. November. + +Ein Fieber beginnt nunmehr den ganzen Volkskörper zu schütteln. Ruhiges +Überlegen schwindet. Man denkt nicht mehr an die Folgen für das Ganze, +sondern nur noch an das Durchsetzen eigener Leidenschaften. Diese machen +nicht mehr Halt vor den wahnwitzigsten Plänen. Denn gibt es einen +wahnwitzigeren, als den, dem Heere das weitere Leben unmöglich zu machen? +War je ein größeres Verbrechen menschlichem Denken und menschlichem Hasse +entsprungen? Der Körper wird nach außen machtlos; zwar schlägt er noch um +sich, aber er stirbt. Ist es überraschend, daß der Gegner mit solch einem +Körper macht, was er will, daß er seine harten Bedingungen noch härter +auslegt, als er sie geschrieben hat? + +Alle Versprechungen, die die gegnerische Propaganda uns verkündet hatte, +sind verstummt. Die Rache tritt in ihrer nackten Gestalt auf: „Wehe dem +Besiegten!“ Ein Wort, das aber nicht nur dem Hasse sondern auch der Furcht +entspringt. + +So ist die Lage am 9. November. Das Drama schließt an diesem Tage nicht, +erhält aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei +seinen Gründen. Er trifft zunächst vernichtend die Stütze des Heeres, den +deutschen Offizier. Er reißt ihm, wie ein Fremdländer sagt, den verdienten +Lorbeer vom Haupte und drückt ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die +blutende Stirne. Der Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Möge er +jedem Deutschen zum Herzen sprechen! + +Das äußere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne. +Auch das deutsche Kaisertum fällt. + +Man verkündet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und Königs, +ehe der Entschluß dazu von diesem gefaßt ist. Auf dunklem Wege vollzieht +sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte der Geschichte +hoffentlich dereinst nicht entgehen wird. + +Der Gedanke wird erwogen, mit unseren Fronttruppen in der Heimat Ordnung +zu schaffen. Jedoch zahlreiche Kommandeure, Männer, würdig des größten +Vertrauens und fähig des tiefsten Einblickes, erklären, daß unsere Truppen +zwar noch die Front nach dem Feinde behalten werden, daß sie aber die +Front gegen die Heimat nicht nehmen würden. + +Ich bin meinem Allerhöchsten Kriegsherrn in jenen Stunden zur Seite. Er +überträgt mir die Aufgabe, das Heer in die Heimat zurückzuführen. Als ich +am Nachmittag des 9. November meinen Kaiser verlasse, sollte ich ihn nicht +mehr wiedersehen! Er war gegangen, um dem Vaterlande neue Opfer zu +ersparen, um ihm günstigere Friedensbedingungen zu schaffen. + +Mitten in dieser gewaltigsten kriegerischen und politischen Spannung +verlor das deutsche Heer seinen innersten Halt. Für hunderttausende +getreuer Offiziere und Soldaten wankte damit der Untergrund ihres Fühlens +und Denkens. Schwerste innere Konflikte bahnten sich an. Ich glaubte, +vielen der Besten die Lösung dieser Konflikte zu erleichtern, wenn ich +voranschritte auf dem Wege, den mir der Wille meines Kaisers, meine Liebe +zu Vaterland und Heer und mein Pflichtgefühl wiesen. Ich blieb auf meinem +Posten. + + + + + Mein Abschied + + +Wir waren am Ende! + +Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so +stürzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem +versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken. Unsere +Aufgabe war es nunmehr, das Dasein der übriggebliebenen Kräfte unseres +Heeres für den spätern Aufbau des Vaterlandes zu retten. Die Gegenwart war +verloren. So blieb nur die Hoffnung auf die Zukunft. + +Heran an die Arbeit! + +Ich verstehe den Gedanken an Weltflucht, der sich vieler Offiziere +angesichts des Zusammenbruches alles dessen, was ihnen lieb und teuer war, +bemächtigte. Die Sehnsucht, „nichts mehr wissen zu wollen“ von einer Welt, +in der die aufgewühlten Leidenschaften den wahren Wertkern unseres Volkes +bis zur Unkenntlichkeit entstellten, ist menschlich begreiflich und doch – +ich muß es offen aussprechen, wie ich denke: + +Kameraden der einst so großen, stolzen deutschen Armee! Könntet ihr vom +Verzagen sprechen? Denkt an die Männer, die uns vor mehr als hundert +Jahren ein innerlich neues Vaterland schufen. Ihre Religion war der Glaube +an sich selbst und an die Heiligkeit ihrer Sache. Sie schufen das neue +Vaterland, nicht es gründend auf eine uns wesensfremde Doktrinwut, sondern +es aufbauend auf den Grundlagen freier Entwicklung des einzelnen in dem +Rahmen und in der Verpflichtung des Gesamtwohles! Diesen selben Weg wird +auch Deutschland wieder gehen, wenn es nur erst einmal wieder zu gehen +vermag. + +Ich habe die feste Zuversicht, daß auch diesmal, wie in jenen Zeiten, der +Zusammenhang mit unserer großen reichen Vergangenheit gewahrt, und wo er +vernichtet wurde, wieder hergestellt wird. Der alte deutsche Geist wird +sich wieder durchsetzen, wenn auch erst nach den schwersten Läuterungen in +dem Glutofen von Leiden und Leidenschaften. Unsere Gegner kannten die +Kraft dieses Geistes; sie bewunderten und haßten ihn in der Werktätigkeit +des Friedens, sie staunten ihn an und fürchteten ihn auf den +Schlachtfeldern des großen Krieges. Sie suchten unsere Stärke mit dem +leeren Worte „Organisation“ ihren Völkern begreiflich zu machen. Den +Geist, der sich diese Hülle schuf, in ihr lebte und wirkte, den +verschwiegen sie ihnen. Mit diesem Geiste und in ihm wollen wir aber aufs +neue mutvoll wieder aufbauen. + +Deutschland, das Aufnahme- und Ausstrahlungszentrum so vieler +unerschöpflicher Werte menschlicher Zivilisation und Kultur, wird so lange +nicht zu Grunde gehen, als es den Glauben behält an seine große +weltgeschichtliche Sendung. Ich habe das sichere Vertrauen, daß es der +Gedankentiefe und der Gedankenstärke der Besten unseres Vaterlandes +gelingen wird, neue Ideen mit den kostbaren Schätzen der früheren Zeit zu +verschmelzen und aus ihnen vereint dauernde Werte zu prägen, zum Heile +unseres Vaterlandes. + +Das ist die felsenfeste Überzeugung, mit der ich die blutige Wahlstatt des +Völkerkampfes verließ. Ich habe das Heldenringen meines Vaterlandes +gesehen und glaube nie und nimmermehr, daß es sein Todesringen gewesen +ist. + +Man hat mir die Frage gestellt, worauf ich in den schwersten Stunden des +Krieges meine Hoffnung auf unseren Endsieg stützte. Ich konnte nur auf +meinen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache, auf mein Vertrauen zu +Vaterland und Heer hinweisen. + +Die ernsten Stunden dieses jahrelangen Kampfes und seiner Folgezeit +bestand ich in Gedanken und Gefühlen, für die ich nirgends einen besseren +Ausdruck finde, als in den Worten, die der nachmalige preußische +Kriegsminister, Generalfeldmarschall Herrmann v. Boyen, im Jahre 1811, +inmitten der größten politischen und militärischen Nöte unseres +geknechteten Heimatlandes, an seinen König schrieb: + + „Ich übersehe das Gefahrvolle unserer Lage keineswegs, aber da, wo nur + zwischen Unterjochung oder Ehre zu wählen sein dürfte, da gibt mir die + Religion Kraft, alles das zu tun, was das Recht und die Pflicht fordert. + + Niemals kann der Mensch mit Gewißheit den Ausgang eines begonnenen + Unternehmens vorhersehen, aber der, der nach höherer Überzeugung nur + seinen Pflichten lebt, trägt einen Schild um sich, der in jeder Lage des + Lebens, es komme auch, wie es wolle, ihm Beruhigung gibt und auch oft + selbst zu einem glücklichen Ausgang führt. + + Es ist dies nicht die Sprache aufgeregter Schwärmerei, sondern der + Ausdruck eines religiösen Gefühles, das ich meinen Erziehern danke, die + mich früh schon König und Vaterland als das Heiligste auf Erden lieben + lehrten.“ + +Gegenwärtig hat eine Sturmflut wilder politischer Leidenschaften und +tönender Redensarten unsere ganze frühere staatliche Auffassung unter sich +vergraben, anscheinend alle heiligen Überlieferungen vernichtet. Aber +diese Flut wird sich wieder verlaufen. Dann wird aus dem ewig bewegten +Meere völkischen Lebens jener Felsen wieder auftauchen, an den sich einst +die Hoffnung unserer Väter geklammert hat, und auf dem vor fast einem +halben Jahrhundert durch unsere Kraft des Vaterlandes Zukunft +vertrauensvoll begründet wurde: Das deutsche Kaisertum! Ist so erst der +nationale Gedanke, das nationale Bewußtsein wieder erstanden, dann werden +für uns aus dem großen Kriege, auf den kein Volk mit berechtigterem Stolz +und reinerem Gewissen zurückblicken kann als das unsere, so lange es treu +war, sowie auch aus dem bitteren Ernst der jetzigen Tage sittlich +wertvolle Früchte reifen. Das Blut aller derer, die im Glauben an +Deutschlands Größe gefallen sind, ist dann nicht vergeblich geflossen. + +In dieser Zuversicht lege ich die Feder aus der Hand und baue fest auf +Dich – Du deutsche Jugend! + + + + + + + PERSONENVERZEICHNIS + + +_Albrecht von Preußen_, Prinz 28. + +_Alexander von Preußen_, Prinz 49. 54. + +_Anton von Hohenzollern_, Prinz 24. 25. + +_Arz_, von, General 236. 309. 384. + +_August von Württemberg_, Prinz 33. + +_Augusta Victoria_, Deutsche Kaiserin 61. + + +_Bartenwerffer_, von, Oberst 52. + +_Bazaine_, Marschall 30. + +_Below_, von, General 87. + +_Bernhardi_, von, General der Kavallerie 43. 49. + +_Bernstorff_, Graf 214. 230. 232. + +_Bethmann Hollweg_, von, Reichskanzler 131. 147. 211. 233. 284. 285. + +_Bismarck_, Otto, Fürst 39. 45. 74. 200. 201. 215. + +_Blücher_, General 27. 77. 110. 234. 328. + +_Blumenthal_, von, General 21. + +_Bölcke_, Hauptmann 175. + +_Boris_, Kronprinz von Bulgarien 162. 374. + +_Bothmer_, Graf, General 143. + +_Boyen_, Herrmann von 405. + +_Bronsart_, von, General 57. + +_Brussilow_, General 142. 249. + +_Bülow_, von, Generalfeldmarschall 49. 62. + +_Burian_, Baron, Minister 210. 388. + + +_Cadorna_, General 261. 262. + +_Canrobert_, Marschall 33. + +_Clausewitz_, General 101. 234. + +_Clémenceau_, Ministerpräsident 293. + +_Conrad von Hötzendorf_, Generaloberst 123. 163. 180. 224. 225. 236. 261. + +_Czernin_, Graf, Minister 309. 386. 387. 388. + + +_Duncker_, Geheimrat, Historiker 49. + + +_Eichhorn_, Generalfeldmarschall 49. 123. + +_Elisabeth_, Königin 13. + +–, Großherzogin von Oldenburg 59. + +_Enver Pascha_, Generalissimus 154. 159. 164. 165. 180. 188. 190. 207. +208. 270. 272. 275. 310. 398. + +_Escherich_, Forstmeister 133. + +_Ewert_, Generaladjutant 139. + + +_Falkenhayn_, von, General 148. 183. 184. 185. 203. 273. 276. + +_Ferdinand_, Zar von Bulgarien 162. 206. 275. 374. 389. + +_Fichte_, Philosoph 176. + +_Foch_, General 340. 341. 347. 351. 364. + +_François_, von, General 86. 88. 90. + +_Franz Joseph I._, Kaiser von Österreich 163. + +_Freytag-Loringhoven_, von, General 57. + +_Friedrich II._, Erbgroßherzog von Baden 60. + +_Friedrich August II._, Großherzog von Oldenburg 59. + +_Friedrich Karl_, Prinz 20. 54. 55. + +_Friedrich Wilhelm I._, König von Preußen 281. + +_Friedrich der Große_ 17. 234. + +_Friedrich Wilhelm IV._, König von Preußen 13. + +_Friedrich III._, Deutscher Kaiser 13. 21. 56. + + +_Gallwitz_, von, General 128. + +_Gneisenau_, General 27. 77. 110. + +_Goltz_, von der, General 99. + +_Groeben_, von der 5. + +_Gröner_, General 397. 400. 401. + + +_Hakki_, Ismail, Generalintendant 279. + +_Hann von Weyherrn_, General 51. + +_Helldorff_, von, Major 31. + +–, von, Leutnant (Sohn des Majors) 31. + +_Hertling_, Graf, Reichskanzler 286. 306. 363. + +_Hintze_, Staatssekretär 393. + +_Hutier_, von, General 57. 137. + + +_Jekoff_, General 165. 177. 180. 182. 189. 206. 309. 398. + +_Joseph II._, Deutscher Kaiser 26. + + +_Kämmerer_, Major 172. + +_Kerenski_, Minister 249. 250. 251. 254. + +_Keßler_, Oberst 49. + +_Kobelt_, Lehrer 7. + +_König_, Kapitän 175. + +_Krupp_, Großindustrieller 327. + + +_Lansdowne_, Lord 290. + +_Lauenstein_, von, General 57. + +_Lenin_, Minister 305. + +_Leopold von Bayern_, Prinz 61. + +_Linsingen_, von, Hauptmann 172. 173. + +_Ludendorff_, General 75. 76. 77. 78. 102. 112. 122. 128. 131. 133. 147. +169. 170. 171. 197. 215. 242. 347. 392. 394. 396. 397. + +_Ludwig III._, König von Bayern 286. + +_Luitpold_, Prinzregent von Bayern 62. + +_Lüttwitz_, von, General 57. + + +_Mac Mahon_, Marschall 37. + +_Mackensen_, Feldmarschall 87. 90. 109. 110. 112. 180. 182. 183. 185. 256. + +_Massenbach_, von, Rittergutsbesitzer 8. + +_Michaelis_, Dr., Reichskanzler 285. + +_Miroslawski_, polnischer Führer 7. + +_Moltke_, Graf, Feldmarschall 39. 49. 54. 55. 56. 74. 200. + +–, von, Generaloberst, Generalstabschef 75. 76. + + +_Napoleon I._, Kaiser 4. 234. + +_Napoleon III._, Kaiser 37. 40. + +_Nikolaij-Nikolaijewitsch_, Großfürst 107. + +_Nikolaus II._, Zar von Rußland 246. + +_Nivelle_, Feldmarschall 241. 242. + + +_Pape_, von, Generalleutnant 35. + +_Petersdorff_, von, Oberst 51. + +_Pleß_, von, Fürst 235. + + +_Radoslawow_, Ministerpräsident 167. 205. 282. 367. + +_Rappard_, von, Frau 8. + +_Rennenkampf_, General 76. 80. 81. 82. 83. 85. 86. 87. 88. 90. 91. 93. 94. +95. 97. 98. 100. 101. + +_Richter_, Professor, Historiker 49. + +_Richthofen_, von, Rittmeister 175. + +_Roon_, von, Generalfeldmarschall 56. + + +_Samsonoff_, General 76. 80. 81. 82. 85. 87. 88. 89. 90. 92. 94. + +_Sarrail_, General 149. 177. 178. 182. 187. + +_Schakir Bey_, Generalstabsoffizier 57. + +_Scharnhorst_, General 27. 275. + +_Schlieffen_, Graf von, General 53. + +_Scholtz_, von, General 86. 88. + +_Schwerin_, Graf, Feldmarschall 26. + +_Schwickart_, Generalarzt 5. + +_Seegenberg_, von, Major 29. + +_Seel_, von, Major 29. 36. + +_Sievers_, General 124. + +_Sixtus von Parma_, Prinz 386. + +_Skobeleff_, General 51. + +_Sperling_, von, General 51. + +_Stein_, von, General 57. + +_Steinmetz_, von, General 20. + +_Sven Hedin_, Forschungsreisender 131. + + +_Talaat Pascha_, Großwesir 166. 167. 208. 389. 398. + +_Tewfyk Effendi_, Generalstabsoffizier 57. + +_Tirpitz_, von, Großadmiral 131. 132. + +_Tisza_, Graf, Minister 173. + +_Trotzki_, Minister 305. 306. 338. + + +_Verdy du Vernois_, von, General und Kriegsminister 52. 58. + +_Villaume_, Hauptmann 49. + +_Vogel von Falckenstein_, General 54. 60. + + +_Waldersee_, Graf, Major 24. + +–, General 51. 54. + +_Wartensleben_, Graf, General 62. + +_Wilhelm I._, Deutscher Kaiser 7. 13. 215. + +_Wilhelm II._, Deutscher Kaiser 54. 57. 90. 112. 124. 144. 147. 161. 170. +187. 194. 197. 211. 236. 237. 259. 273. 306. 312. 314. 315. 333. 394. 396. +397. 402. + +_Wilhelm_, Deutscher Kronprinz 196. + +_Wilson_, Präsident der Vereinigten Staaten 132. 211. 212. 213. 214. 231. +232. 395. + +_Winterfeldt_, von, General 54. 55. + +_Wittich_, von, Oberstleutnant 11. 12. 49. + +_Woyrsch_, von, Feldmarschall 24. 113. + + +_York_, General 9. + + +_Zeppelin_, Graf 175. + +_Zingler_, von, Oberstleutnant 51. + + Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei; Papier von + H. H. Ullstein; Einband von H. Fikentscher, Julius + Hager, Hübel & Denck, Leipziger Buchbinderei + A.-G. vorm. G. Fritzsche und Spamersche + Buchbinderei, sämtliche in Leipzig. + Druckaufsicht und Einbandentwurf + von _Walter Tiemann_ + + + + + + Verlag von S. Hirzel in Leipzig + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + + Heinrich von Treitschke: + + Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert + + Fünf Bände + + 10. Auflage Gebunden 190 Mark + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + + Briefe + + Herausgegeben von + + Max Cornicelius + + Drei Bände + + 2. Auflage Gebunden 112,80 Mark + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + + Politik + + Vorlesungen, gehalten an der Universität Berlin + + Herausgegeben von + + Max Cornicelius + + Zwei Bände + + 4. Auflage Gebunden 47 Mark + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + + Historische und Politische Aufsätze + + Vier Bände + + 8. Auflage Gebunden 81,60 Mark + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + + Im Sommer 1920 liegt vollständig vor: + + Eine Weltreise 1911/1912 + + und + + Der Zusammenbruch Deutschlands + + Eindrücke und Betrachtungen aus den Jahren 1911–1914 + mit einem Nachwort aus dem Jahre 1919 + + von + + Friedrich von Bernhardi + General der Kavallerie z. D. + + * + + Drei Bände + + ‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐ + + Im Sommer 1920 erscheint: + + Freiherr vom Stein + + von + + Professor Dr. Max Lehmann + Geheimer Regierungsrat + + * + + Volksausgabe in einem Bande + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +römische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung +wiedergegeben, ebenso die Abkürzung „km“) und einzelne Wörter aus fremden +Sprachen (hier durch Unterstrich [_] gekennzeichnet). Gesperrt gesetzt +sind die zweite Hierarchieebene im Inhaltsverzeichnis (hier ohne +Hervorhebung wiedergegeben) und die Namen im Personenverzeichnis (hier +durch Unterstrich gekennzeichnet). + +Fünf- und sechsstellige Zahlen sind im Original durch schmales Spatium +untergliedert, das hier durch einen Punkt ersetzt ist. + +In der Originalausgabe sind längere Zitate in den meisten Fällen mit +Anführungszeichen am Beginn jeder Zeile versehen. In der elektronischen +Fassung sind sie stattdessen durch Einrückung gekennzeichnet. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite IX: „139“ in „140“ geändert (zweimal) + Seite IX: „Befehlbereichs“ in „Befehlsbereichs“ geändert + Seite 8: „derem“ in „deren“ geändert (eventuell kein Druckfehler, + sondern sprachliche Ungenauigkeit des Verfassers) + Seite 24: „hin“ in „hin-“ geändert + Seite 59: „frohen“ in „frohe“ geändert + Seite 148: Punkt ergänzt (nach „aufgegeben“) + Seite 189: „1916“ in „1917“ geändert + Seite 193: „uberwunden“ in „überwunden“ geändert + Seite 202: Punkt ergänzt (nach „für uns in sich“) + Seite 398: „Talaat-Pascha“ in „Talaat Pascha“ geändert + Seite 407: Komma ergänzt (vor „Großherzogin von Oldenburg“) + Seite 408: Punkt ergänzt (nach „110“) + +Nicht vereinheitlicht wurden Variationen in der Schreibweise wie +„San-Mündung“ und „Sanmündung“, „Doiran-See“ und „Doiransee“, „Padischa“ +und „Padischah“, „Gefangenschaft“ und „Gefangenenschaft“, „Entwicklung“ +und „Entwickelung“. Die deutsche Form „infanterie“ in einem englischen +Zitat (S. 334) wurde nicht korrigiert, ebensowenig die alphabetische +Einordnung von Sven Hedin im Personenverzeichnis unter „S“. + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN*** + + + + CREDITS + + +December 17, 2009 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau, Stefan Cramme, and the Online + Distributed Proofreading Team at <http://www.pgdp.net/>. + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 30695‐0.txt or 30695‐0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/6/9/30695/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. 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They may be modified and printed and given away +— you may do practically _anything_ with public domain eBooks. +Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + + THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE + + +_Please read this before you distribute or use this work._ + +To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work (or +any other work associated in any way with the phrase „Project Gutenberg“), +you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™ +License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + + Section 1. + + +General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works + + + 1.A. + + +By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work, +you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the +terms of this license and intellectual property (trademark/copyright) +agreement. 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Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation’s web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + + Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg™ +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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