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+The Project Gutenberg EBook of Ein Hungerkünstler, by Franz Kafka
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ein Hungerkünstler
+
+Author: Franz Kafka
+
+Release Date: December 12, 2009 [EBook #30655]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN HUNGERKÜNSTLER ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna
+
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+
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+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Der Text stammt aus: Die neue Rundschau XXXIII (1922). S. 983-992.
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen.
+ ]
+
+
+
+
+ EIN HUNGERKÜNSTLER
+
+ Erzählung von
+ FRANZ KAFKA
+
+
+In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr
+zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige
+Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig
+unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze
+Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die
+Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich
+sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche tagelang vor dem
+kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen
+statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen wurde
+der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es besonders die Kinder,
+denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für die Erwachsenen
+oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen, sahen die
+Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander bei
+der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig
+vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem
+Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen
+beantwortete, auch durch das Gitter den Arm streckte, um seine
+Magerkeit befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst
+versank, um niemanden sich kümmerte, nicht einmal um den für ihn so
+wichtigen Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück des Käfigs war,
+sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen und hie und da
+aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu
+feuchten.
+
+Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum
+gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer,
+welche, immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht
+den Hungerkünstler zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine
+heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich
+eine Formalität, eingeführt zur Beruhigung der Massen, denn die
+Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstler während der Hungerzeit
+niemals, unter keinen Umständen, selbst unter Zwang nicht, auch das
+Geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner Kunst verbot dies.
+Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden sich
+manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax
+durchführten, absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und
+dort sich ins Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem
+Hungerkünstler eine kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung
+nach aus irgendwelchen geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts
+war dem Hungerkünstler quälender als solche Wächter; sie machten ihn
+trübselig; sie machten ihm das Hungern entsetzlich schwer; manchmal
+überwand er seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit, solange
+er es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn
+verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich dann nur über
+seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel lieber
+waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit der
+trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern ihn mit
+den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario
+zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht, schlafen
+konnte er ja überhaupt nicht und ein wenig hindämmern konnte er immer,
+bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auch im übervollen, lärmenden
+Saal. Er war sehr gerne bereit, mit solchen Wächtern die Nacht gänzlich
+ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit, mit ihnen zu scherzen, ihnen
+Geschichten aus seinem Wanderleben zu erzählen, dann wieder ihre
+Erzählungen anzuhören, alles nur um sie wachzuhalten, um ihnen immer
+wieder zeigen zu können, daß er nichts Eßbares im Käfig hatte und daß
+er hungerte, wie keiner von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war
+er, wenn dann der Morgen kam, und ihnen auf seine Rechnung ein
+überreiches Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem
+Appetit gesunder Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es
+gab zwar sogar Leute, die in diesem Frühstück eine ungebührliche
+Beeinflussung der Wächter sehen wollten, aber das ging doch zu weit, und
+wenn man sie fragte, ob etwa sie nur um der Sache willen ohne Frühstück
+die Nachtwache übernehmen wollten, verzogen sie sich, aber bei ihren
+Verdächtigungen blieben sie dennoch.
+
+Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu
+trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und
+Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen,
+niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich
+ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler
+selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem
+Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer sein. Er aber war wieder aus
+einem andern Grunde niemals befriedigt; vielleicht war er gar nicht
+vom Hungern so sehr abgemagert, daß manche zu ihrem Bedauern den
+Vorführungen fern bleiben mußten, weil sie seinen Anblick nicht
+ertrugen, sondern er war nur so abgemagert aus Unzufriedenheit mit sich
+selbst. Er allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter sonst wußte das,
+wie leicht das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt.
+Er verschwieg es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn
+günstigstenfalls für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar
+für einen Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil er es
+sich leicht zu machen verstand, und der auch noch die Stirn hatte, es
+halb zu gestehn. Das alles mußte er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe
+der Jahre daran gewöhnt, aber innerlich nagte diese Unbefriedigtheit
+immer an ihm, und noch niemals, nach keiner Hungerperiode -- dieses
+Zeugnis mußte man ihm ausstellen -- hatte er freiwillig den Käfig
+verlassen. Als Höchstzeit für das Hungern hatte der Impresario vierzig
+Tage festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch in den
+Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte
+man erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das
+Interesse einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das
+Publikum, eine wesentliche Abnahme des Zuspruches war festzustellen;
+es bestanden natürlich in dieser Hinsicht kleine Unterschiede zwischen
+den Städten und Ländern, als Regel aber galt, daß vierzig Tage die
+Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten Tage wurde die Tür des mit
+Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine begeisterte Zuschauerschaft
+erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle spielte, zwei Ärzte
+betraten den Käfig, um die nötigen Messungen am Hungerkünstler
+vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem Saale
+verkündet, und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber,
+daß gerade sie ausgelost worden waren, und wollten den Hungerkünstler
+aus dem Käfig ein paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen
+Tischchen eine sorgfältig ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war. Und
+in diesem Augenblick wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte
+er noch freiwillig seine Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten
+Hände der zu ihm hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht.
+Warum jetzt gerade nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange,
+unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er im
+besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum wollte man
+ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur der größte
+Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich schon
+war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins Unbegreifliche,
+denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum hatte
+diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig Geduld mit
+ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie es
+nicht aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich nun
+hoch und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein
+in der Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren Äußerung er nur mit
+Rücksicht auf die Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte empor in
+die Augen der scheinbar so freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen
+Damen und schüttelte den auf dem schwachen Halse überschweren Kopf. Aber
+dann geschah, was immer geschah. Der Impresario kam, hob stumm -- die
+Musik machte das Reden unmöglich -- die Arme über dem Hungerkünstler,
+so als lade er den Himmel ein, sich sein Werk hier auf dem Stroh einmal
+anzusehn, diesen bedauernswerten Märtyrer, welcher der Hungerkünstler
+allerdings war, nur in ganz anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um
+die dünne Taille, wobei er durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen
+wollte, mit einem wie gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und
+übergab ihn -- nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß
+der Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht hin
+und her schwankte -- den inzwischen totenbleich gewordenen Damen. Nun
+duldete der Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es war,
+als sei er hingerollt und halte sich dort unerklärlich; der Leib war
+ausgehöhlt; die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den
+Knien aneinander, scharrten aber doch den Boden, so als sei es nicht der
+wirkliche, den wirklichen suchten sie erst; und die ganze, allerdings
+sehr kleine Last des Körpers lag auf einer der Damen, welche
+hilfesuchend, mit fliegendem Atem -- so hatte sie sich dieses Ehrenamt
+nicht vorgestellt -- zuerst den Hals möglichst streckte, um wenigstens
+das Gesicht vor der Berührung mit dem Hungerkünstler zu bewahren, dann
+aber, da ihr dies nicht gelang und ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht
+zu Hilfe kam, sondern sich damit begnügte, zitternd die Hand des
+Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel, vor sich herzutragen,
+unter dem entzückten Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von
+einem längst bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam
+das Essen, von dem der Impresario dem Hungerkünstler während eines
+ohnmachtähnlichen Halbschlafes ein wenig einflößte, unter lustigem
+Plaudern, das die Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers
+ablenken sollte; dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum
+ausgebracht, welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler
+zugeflüstert worden war; das Orchester bekräftigte alles durch einen
+großen Tusch; man ging auseinander und niemand hatte das Recht, mit dem
+Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der Hungerkünstler, immer
+nur er.
+
+ * * * * *
+
+So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in
+scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber
+Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu
+nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu
+wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn
+bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich
+von dem Hungern käme, konnte es, besonders bei vorgeschrittener
+Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler mit einem Wutausbruch
+antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem Gitter zu rütteln
+begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein Strafmittel,
+das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler vor
+versammeltem Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungern
+hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche
+Reizbarkeit das Benehmen des Hungerkünstlers verzeihlich machen könne;
+kam dann im Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu erklärende
+Behauptung des Hungerkünstlers zu sprechen, er könnte noch viel länger
+hungern, als er hungere; lobte das hohe Streben, den guten Willen, die
+große Selbstverleugnung, die gewiß auch in dieser Behauptung enthalten
+seien; suchte dann aber die Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von
+Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu widerlegen, denn auf
+den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten Hungertag,
+im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler zwar
+wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende Verdrehung der
+Wahrheit war ihm zuviel. Was die Folge der vorzeitigen Beendigung
+des Hungerns war, stellte man hier als die Ursache dar! Gegen diesen
+Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen, war unmöglich.
+Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am Gitter dem
+Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographien aber ließ er
+das Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und das
+beruhigte Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.
+
+Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran
+zurückdachten, wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn
+inzwischen war jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich
+war das geschehen; es mochte tiefere Gründe haben, aber wem lag
+daran, sie aufzufinden; jedenfalls sah sich eines Tages der verwöhnte
+Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen, die lieber
+zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der Impresario mit
+ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und da das
+alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen
+Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das
+Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht
+plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich
+an manche zu ihrer Zeit im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete,
+nicht genügend unterdrückte Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu
+unternehmen, war zu spät. Zwar war es sicher, daß einmal auch für das
+Hungern wieder die Zeit kommen werde, aber für die Lebenden war das kein
+Trost. Was sollte nun der Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende
+umjubelt hatten, konnte sich nicht in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten
+zeigen, und um einen andern Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler
+nicht nur zu alt, sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch ergeben.
+So verabschiedete er denn den Impresario, den Genossen einer Laufbahn
+ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus schnell engagieren;
+um seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen gar
+nicht an.
+
+Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder
+ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann
+jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei
+entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem war es
+ja in diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der
+engagiert wurde, sondern auch sein alter berühmter Name, ja man konnte
+bei der Eigenart dieser im zunehmenden Alter nicht abnehmenden Kunst
+nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe seines
+Könnens stehender Künstler sich in einen ruhigen Zirkusposten flüchten
+wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler versicherte, daß er, was
+durchaus glaubwürdig war, eben so gut hungere wie früher, ja er
+behauptete sogar, er werde, wenn man ihm seinen Willen lasse, und dies
+versprach man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die Welt in
+berechtigtes Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings, die mit
+Rücksicht auf die Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer
+leicht vergaß bei den Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.
+
+Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die
+wirklichen Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin,
+daß man ihn mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in
+die Manege stellte, sondern draußen an einem im übrigen recht gut
+zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen unterbrachte. Große, bunt
+gemalte Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was dort
+zu sehen war. Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung zu den
+Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es fast unvermeidlich,
+daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig dort haltmachte, man
+wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen
+Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem Weg zu den
+ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung
+unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der
+Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck
+natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit
+hatte er die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt hatte er
+der sich heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald
+-- auch die hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den
+Erfahrungen nicht stand -- davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht
+nach, immer wieder, ausnahmslos, lauter Stallbesucher waren. Und dieser
+Anblick von der Ferne blieb noch immer der schönste. Denn wenn sie bis
+zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort Geschrei und Schimpfen
+der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener, welche -- sie
+wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere -- ihn bequem ansehen
+wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und
+jener zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der
+große Haufe vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings,
+denen es nicht mehr verwehrt war, stehen zu bleiben, solange sie nur
+Lust hatten, eilten mit langen Schritten, fast ohne Seitenblick,
+vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu kommen. Und es war kein allzu
+häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit seinen Kindern kam, mit
+dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich erklärte, um
+was es sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei
+ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war,
+und dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule
+und Leben her, zwar immer noch verständnislos blieben -- was war ihnen
+Hungern? -- aber doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von
+neuen, kommenden, gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich
+der Hungerkünstler dann manchmal, würde alles doch ein wenig besser
+werden, wenn sein Standort nicht gar so nahe bei den Ställen wäre. Den
+Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden davon,
+daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere in der Nacht,
+das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die Raubtiere, die Schreie
+bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten. Aber bei der
+Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte er
+ja den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch
+ein für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn
+verstecken würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit
+auch daran, daß er, genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Weg zu den
+Ställen war.
+
+Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis.
+Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten
+Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit
+dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut
+hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr
+retten, man ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu
+erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen.
+Die schönen Aufschriften wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie
+herunter, niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der
+Ziffer der abgeleisteten Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig
+täglich erneut worden war, blieb schon längst immer das gleiche, denn
+nach den ersten Wochen war das Personal selbst dieser kleinen Arbeit
+überdrüssig geworden; und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter,
+wie er es früher einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe ganz
+so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die Tage,
+niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie groß die
+Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn einmal in der
+Zeit ein Müßiggänger stehen blieb, sich über die alte Ziffer lustig
+machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn die dümmste
+Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden
+konnte, denn nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich, aber
+die Welt betrog ihn um seinen Lohn.
+
+ * * * * *
+
+Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal
+fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man
+hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen
+unbenützt stehen lasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der
+Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das
+Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?«
+fragte der Aufseher, »wann wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht
+mir alle«, flüsterte der Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr
+ans Gitter hielt, verstand ihn. »Gewiß,« sagte der Aufseher und legte
+den Finger an die Stirn, um damit den Zustand des Hungerkünstlers dem
+Personal anzudeuten, »wir verzeihen dir.« »Immerfort wollte ich, daß ihr
+mein Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es
+auch«, sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr sollt es aber nicht
+bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also
+nicht,« sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?«
+»Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler.
+»Da sieh mal einer,« sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht
+anders?« »Weil ich,« sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein
+wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr
+des Aufsehers hinein, damit nichts verloren ginge, »weil ich nicht die
+Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube
+mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und
+alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen
+Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er
+weiterhungre.
+
+»Nun macht aber Ordnung!«, sagte der Aufseher, und man begrub den
+Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen
+Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in
+dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm
+fehlte nichts. Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes
+Nachdenken die Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu vermissen;
+dieser edle, mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen ausgestattete
+Körper schien auch die Freiheit mit sich herumzutragen; irgendwo im
+Gebiß schien sie zu stecken; und die Freude am Leben kam mit derart
+starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die Zuschauer nicht leicht
+war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich, umdrängten den Käfig
+und wollten sich gar nicht fortrühren.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ein Hungerkünstler, by Franz Kafka
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN HUNGERKÜNSTLER ***
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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@@ -0,0 +1,863 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
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+ <title>The Project Gutenberg eBook of Ein Hungerkünstler, by Franz Kafka</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Ein Hungerkünstler, by Franz Kafka
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Ein Hungerkünstler
+
+Author: Franz Kafka
+
+Release Date: December 12, 2009 [EBook #30655]
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN HUNGERKÜNSTLER ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Der Text stammt aus: <cite>Die neue Rundschau XXXIII</cite> (1922).
+S.&nbsp;983&ndash;992.</p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen.</p>
+</div>
+
+<div><span class="pagenum"><a name="Page_983">983</a></span></div>
+<h1>EIN HUNGERKÜNSTLER</h1>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.5em; margin-bottom: 1.5em;">Erzählung von<br/>
+FRANZ KAFKA</p>
+
+
+<p class="drop-cap">In den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr
+zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige
+Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute
+völlig unmöglich. Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich
+die ganze Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag
+stieg die Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest
+einmal täglich sehn; an den spätern Tagen gab es Abonnenten, welche
+tagelang vor dem kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden
+Besichtigungen statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an
+schönen Tagen wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren
+es besonders die Kinder, denen der Hungerkünstler gezeigt wurde;
+während er für die Erwachsenen oft nur ein Spaß war, an dem sie
+der Mode halber teilnahmen, sahen die Kinder staunend, mit offenem
+Mund, der Sicherheit halber einander bei der Hand haltend, zu, wie
+er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig vortretenden Rippen,
+sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem Stroh saß, einmal
+höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen beantwortete, auch durch
+<span class="pagenum"><a name="Page_984">984</a></span>das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit befühlen zu lassen,
+dann aber wieder ganz in sich selbst versank, um niemanden sich kümmerte,
+nicht einmal um den für ihn so wichtigen Schlag der Uhr, die das
+einzige Möbelstück des Käfigs war, sondern nur vor sich hinsah mit
+fast geschlossenen Augen und hie und da aus einem winzigen Gläschen
+Wasser nippte, um sich die Lippen zu feuchten.</p>
+
+<p>Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom
+Publikum gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich
+Fleischhauer, welche, immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten,
+Tag und Nacht den Hungerkünstler zu beobachten, damit er nicht
+etwa auf irgendeine heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme.
+Es war das aber lediglich eine Formalität, eingeführt zur Beruhigung
+der Massen, denn die Eingeweihten wußten wohl, daß der Hungerkünstler
+während der Hungerzeit niemals, unter keinen Umständen,
+selbst unter Zwang nicht, auch das Geringste nur gegessen hätte;
+die Ehre seiner Kunst verbot dies. Freilich, nicht jeder Wächter
+konnte das begreifen, es fanden sich manchmal nächtliche Wachgruppen,
+welche die Bewachung sehr lax durchführten, absichtlich in
+eine ferne Ecke sich zusammensetzten und dort sich ins Kartenspiel
+vertieften, in der offenbaren Absicht, dem Hungerkünstler eine kleine
+Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung nach aus irgendwelchen
+geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts war dem Hungerkünstler
+quälender als solche Wächter; sie machten ihn trübselig; sie
+machten ihm das Hungern entsetzlich schwer; manchmal überwand
+er seine Schwäche und sang während dieser Wachzeit, solange er es
+nur aushielt, um den Leuten zu zeigen, wie ungerecht sie ihn verdächtigten.
+Doch half das wenig; sie wunderten sich dann nur über
+seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel
+lieber waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten,
+mit der trüben Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten,
+sondern ihn mit den elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen
+der Impresario zur Verfügung stellte. Das grelle Licht störte ihn gar
+nicht, schlafen konnte er ja überhaupt nicht und ein wenig hindämmern
+konnte er immer, bei jeder Beleuchtung und zu jeder Stunde, auch
+im übervollen, lärmenden Saal. Er war sehr gerne bereit, mit solchen
+Wächtern die Nacht gänzlich ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit,
+mit ihnen zu scherzen, ihnen Geschichten aus seinem Wanderleben
+zu erzählen, dann wieder ihre Erzählungen anzuhören, alles nur
+um sie wachzuhalten, um ihnen immer wieder zeigen zu können, daß
+<span class="pagenum"><a name="Page_985">985</a></span>er nichts Eßbares im Käfig hatte und daß er hungerte, wie keiner
+von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war er, wenn dann der
+Morgen kam, und ihnen auf seine Rechnung ein überreiches Frühstück
+gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem Appetit gesunder
+Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es gab
+zwar sogar Leute, die in diesem Frühstück eine ungebührliche Beeinflussung
+der Wächter sehen wollten, aber das ging doch zu weit,
+und wenn man sie fragte, ob etwa sie nur um der Sache willen
+ohne Frühstück die Nachtwache übernehmen wollten, verzogen sie
+sich, aber bei ihren Verdächtigungen blieben sie dennoch.</p>
+
+<p>Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt
+nicht zu trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande,
+alle die Tage und Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als
+Wächter zu verbringen, niemand also konnte aus eigener Anschauung
+wissen, ob wirklich ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war;
+nur der Hungerkünstler selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig
+der von seinem Hungern vollkommen befriedigte Zuschauer
+sein. Er aber war wieder aus einem andern Grunde niemals befriedigt;
+vielleicht war er gar nicht vom Hungern so sehr abgemagert, daß
+manche zu ihrem Bedauern den Vorführungen fern bleiben mußten,
+weil sie seinen Anblick nicht ertrugen, sondern er war nur so abgemagert
+aus Unzufriedenheit mit sich selbst. Er allein nämlich
+wußte, auch kein Eingeweihter sonst wußte das, wie leicht das
+Hungern war. Es war die leichteste Sache von der Welt. Er verschwieg
+es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn
+günstigstenfalls für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar
+für einen Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil
+er es sich leicht zu machen verstand, und der auch noch die Stirn
+hatte, es halb zu gestehn. Das alles mußte er hinnehmen, hatte sich
+auch im Laufe der Jahre daran gewöhnt, aber innerlich nagte diese
+Unbefriedigtheit immer an ihm, und noch niemals, nach keiner
+Hungerperiode &ndash; dieses Zeugnis mußte man ihm ausstellen &ndash; hatte er
+freiwillig den Käfig verlassen. Als Höchstzeit für das Hungern hatte
+der Impresario vierzig Tage festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals
+hungern, auch in den Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund.
+Vierzig Tage etwa konnte man erfahrungsgemäß durch allmählich sich
+steigernde Reklame das Interesse einer Stadt immer mehr aufstacheln,
+dann aber versagte das Publikum, eine wesentliche Abnahme des Zuspruches
+war festzustellen; es bestanden natürlich in dieser Hinsicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_986">986</a></span>kleine Unterschiede zwischen den Städten und Ländern, als Regel
+aber galt, daß vierzig Tage die Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten
+Tage wurde die Tür des mit Blumen umkränzten Käfigs geöffnet,
+eine begeisterte Zuschauerschaft erfüllte das Amphitheater,
+eine Militärkapelle spielte, zwei Ärzte betraten den Käfig, um die
+nötigen Messungen am Hungerkünstler vorzunehmen, durch ein Megaphon
+wurden die Resultate dem Saale verkündet, und schließlich kamen
+zwei junge Damen, glücklich darüber, daß gerade sie ausgelost worden
+waren, und wollten den Hungerkünstler aus dem Käfig ein paar Stufen
+hinabführen, wo auf einem kleinen Tischchen eine sorgfältig ausgewählte
+Krankenmahlzeit serviert war. Und in diesem Augenblick
+wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte er noch freiwillig
+seine Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten Hände der
+zu ihm hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht. Warum
+jetzt gerade nach vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange,
+unbeschränkt lange ausgehalten; warum gerade jetzt aufhören, wo er
+im besten, ja noch nicht einmal im besten Hungern war? Warum
+wollte man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern, nicht nur
+der größte Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja wahrscheinlich
+schon war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis
+ins Unbegreifliche, denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er
+keine Grenzen. Warum hatte diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern
+vorgab, so wenig Geduld mit ihm; wenn er es aushielt,
+noch weiter zu hungern, warum wollte sie es nicht aushalten? Auch
+war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich nun hoch und lang
+aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein in der Vorstellung
+Übelkeiten verursachte, deren Äußerung er nur mit Rücksicht
+auf die Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte empor in die
+Augen der scheinbar so freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen
+Damen und schüttelte den auf dem schwachen Halse überschweren
+Kopf. Aber dann geschah, was immer geschah. Der Impresario kam,
+hob stumm &ndash; die Musik machte das Reden unmöglich &ndash; die Arme
+über dem Hungerkünstler, so als lade er den Himmel ein, sich sein
+Werk hier auf dem Stroh einmal anzusehn, diesen bedauernswerten
+Märtyrer, welcher der Hungerkünstler allerdings war, nur in ganz
+anderem Sinn; faßte den Hungerkünstler um die dünne Taille, wobei
+er durch übertriebene Vorsicht glaubhaft machen wollte, mit einem
+wie gebrechlichen Ding er es hier zu tun habe; und übergab ihn
+&ndash; nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu schütteln, so daß der
+<span class="pagenum"><a name="Page_987">987</a></span>Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper unbeherrscht
+hin und her schwankte &ndash; den inzwischen totenbleich gewordenen
+Damen. Nun duldete der Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der
+Brust, es war, als sei er hingerollt und halte sich dort unerklärlich;
+der Leib war ausgehöhlt; die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb
+fest in den Knien aneinander, scharrten aber doch den Boden,
+so als sei es nicht der wirkliche, den wirklichen suchten sie erst;
+und die ganze, allerdings sehr kleine Last des Körpers lag auf einer
+der Damen, welche hilfesuchend, mit fliegendem Atem &ndash; so hatte sie
+sich dieses Ehrenamt nicht vorgestellt &ndash; zuerst den Hals möglichst
+streckte, um wenigstens das Gesicht vor der Berührung mit dem
+Hungerkünstler zu bewahren, dann aber, da ihr dies nicht gelang und
+ihre glücklichere Gefährtin ihr nicht zu Hilfe kam, sondern sich damit
+begnügte, zitternd die Hand des Hungerkünstlers, dieses kleine
+Knochenbündel, vor sich herzutragen, unter dem entzückten Gelächter
+des Saales in Weinen ausbrach und von einem längst bereitgestellten
+Diener abgelöst werden mußte. Dann kam das Essen, von dem der
+Impresario dem Hungerkünstler während eines ohnmachtähnlichen
+Halbschlafes ein wenig einflößte, unter lustigem Plaudern, das die
+Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers ablenken sollte;
+dann wurde noch ein Trinkspruch auf das Publikum ausgebracht,
+welcher dem Impresario angeblich vom Hungerkünstler zugeflüstert
+worden war; das Orchester bekräftigte alles durch einen großen
+Tusch; man ging auseinander und niemand hatte das Recht, mit dem
+Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der Hungerkünstler,
+immer nur er.</p>
+
+<hr/>
+
+<p class="large-cap">So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in
+scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in
+trüber Laune, die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand
+sie ernst zu nehmen verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was
+blieb ihm zu wünschen übrig? Und wenn sich einmal ein Gutmütiger
+fand, der ihn bedauerte und ihm erklären wollte, daß seine Traurigkeit
+wahrscheinlich von dem Hungern käme, konnte es, besonders
+bei vorgeschrittener Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler
+mit einem Wutausbruch antwortete und zum Schrecken aller wie ein
+Tier an dem Gitter zu rütteln begann. Doch hatte für solche Zustände
+der Impresario ein Strafmittel, das er gern anwandte. Er entschuldigte
+den Hungerkünstler vor versammeltem Publikum, gab zu,
+<span class="pagenum"><a name="Page_988">988</a></span>daß nur die durch das Hungern hervorgerufene, für satte Menschen
+nicht ohne weiteres begreifliche Reizbarkeit das Benehmen des Hungerkünstlers
+verzeihlich machen könne; kam dann im Zusammenhang
+damit auch auf die ebenso zu erklärende Behauptung des Hungerkünstlers
+zu sprechen, er könnte noch viel länger hungern, als er
+hungere; lobte das hohe Streben, den guten Willen, die große Selbstverleugnung,
+die gewiß auch in dieser Behauptung enthalten seien;
+suchte dann aber die Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von
+Photographien, die gleichzeitig verkauft wurden, zu widerlegen, denn
+auf den Bildern sah man den Hungerkünstler an einem vierzigsten
+Hungertag, im Bett, fast verlöscht vor Entkräftung. Diese dem
+Hungerkünstler zwar wohlbekannte, immer aber von neuem ihn entnervende
+Verdrehung der Wahrheit war ihm zuviel. Was die Folge
+der vorzeitigen Beendigung des Hungerns war, stellte man hier als
+die Ursache dar! Gegen diesen Unverstand, gegen diese Welt des
+Unverstandes zu kämpfen, war unmöglich. Noch hatte er immer
+wieder in gutem Glauben begierig am Gitter dem Impresario zugehört,
+beim Erscheinen der Photographien aber ließ er das Gitter
+jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und das beruhigte
+Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.</p>
+
+<p>Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran zurückdachten,
+wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn inzwischen
+war jener erwähnte Umschwung eingetreten; fast plötzlich war das
+geschehen; es mochte tiefere Gründe haben, aber wem lag daran, sie
+aufzufinden; jedenfalls sah sich eines Tages der verwöhnte Hungerkünstler
+von der vergnügungssüchtigen Menge verlassen, die lieber zu
+anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der Impresario
+mit ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie
+und da das alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem
+geheimen Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung
+gegen das Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit
+nicht plötzlich so kommen können, und man erinnerte sich
+jetzt nachträglich an manche zu ihrer Zeit im Rausch der Erfolge
+nicht genügend beachtete, nicht genügend unterdrückte Vorboten, aber
+jetzt etwas dagegen zu unternehmen, war zu spät. Zwar war es
+sicher, daß einmal auch für das Hungern wieder die Zeit kommen
+werde, aber für die Lebenden war das kein Trost. Was sollte nun der
+Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende umjubelt hatten, konnte sich
+nicht in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten zeigen, und um einen
+<span class="pagenum"><a name="Page_989">989</a></span>andern Beruf zu ergreifen, war der Hungerkünstler nicht nur zu alt,
+sondern vor allem dem Hungern allzu fanatisch ergeben. So verabschiedete
+er denn den Impresario, den Genossen einer Laufbahn
+ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus schnell engagieren;
+um seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die Vertragsbedingungen
+gar nicht an.</p>
+
+<p>Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder
+ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten
+kann jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler,
+bei entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem
+war es ja in diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler
+selbst, der engagiert wurde, sondern auch sein alter berühmter Name,
+ja man konnte bei der Eigenart dieser im zunehmenden Alter nicht
+abnehmenden Kunst nicht einmal sagen, daß ein ausgedienter, nicht
+mehr auf der Höhe seines Könnens stehender Künstler sich in einen
+ruhigen Zirkusposten flüchten wolle, im Gegenteil, der Hungerkünstler
+versicherte, daß er, was durchaus glaubwürdig war, eben so gut hungere
+wie früher, ja er behauptete sogar, er werde, wenn man ihm seinen
+Willen lasse, und dies versprach man ihm ohne weiteres, eigentlich
+erst jetzt die Welt in berechtigtes Erstaunen setzen, eine Behauptung
+allerdings, die mit Rücksicht auf die Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler
+im Eifer leicht vergaß bei den Fachleuten nur ein Lächeln
+hervorrief.</p>
+
+<p>Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die
+wirklichen Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin,
+daß man ihn mit seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten
+in die Manege stellte, sondern draußen an einem im übrigen recht
+gut zugänglichen Ort in der Nähe der Stallungen unterbrachte. Große,
+bunt gemalte Aufschriften umrahmten den Käfig und verkündeten, was
+dort zu sehen war. Wenn das Publikum in den Pausen der Vorstellung
+zu den Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war es
+fast unvermeidlich, daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein
+wenig dort haltmachte, man wäre vielleicht länger bei ihm geblieben,
+wenn nicht in dem schmalen Gang die Nachdrängenden, welche diesen
+Aufenthalt auf dem Weg zu den ersehnten Ställen nicht verstanden,
+eine längere ruhige Betrachtung unmöglich gemacht hätten. Dieses
+war auch der Grund, warum der Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten,
+die er als seinen Lebenszweck natürlich herbeiwünschte, doch
+auch wieder zitterte. In der ersten Zeit hatte er die Vorstellungspausen
+<span class="pagenum"><a name="Page_990">990</a></span>kaum erwarten können; entzückt hatte er der sich heranwälzenden
+Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald &ndash; auch die
+hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den Erfahrungen
+nicht stand &ndash; davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht nach,
+immer wieder, ausnahmslos, lauter Stallbesucher waren. Und dieser
+Anblick von der Ferne blieb noch immer der schönste. Denn wenn
+sie bis zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn sofort Geschrei
+und Schimpfen der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien, jener,
+welche &ndash; sie wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere &ndash; ihn
+bequem ansehen wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune
+und Trotz, und jener zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte.
+War der große Haufe vorüber, dann kamen die Nachzügler,
+und diese allerdings, denen es nicht mehr verwehrt war, stehen zu
+bleiben, solange sie nur Lust hatten, eilten mit langen Schritten, fast
+ohne Seitenblick, vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu kommen.
+Und es war kein allzu häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit
+seinen Kindern kam, mit dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte,
+ausführlich erklärte, um was es sich hier handelte, von früheren
+Jahren erzählte, wo er bei ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren
+Vorführungen gewesen war, und dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden
+Vorbereitung von Schule und Leben her, zwar immer
+noch verständnislos blieben &ndash; was war ihnen Hungern? &ndash; aber doch
+in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von neuen, kommenden,
+gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich der Hungerkünstler
+dann manchmal, würde alles doch ein wenig besser werden,
+wenn sein Standort nicht gar so nahe bei den Ställen wäre. Den
+Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht gemacht, nicht zu reden
+davon, daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die Unruhe der Tiere
+in der Nacht, das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die
+Raubtiere, die Schreie bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd
+bedrückten. Aber bei der Direktion vorstellig zu werden, wagte er
+nicht; immerhin verdankte er ja den Tieren die Menge der Besucher,
+unter denen sich hie und da auch ein für ihn Bestimmter finden
+konnte, und wer wußte, wohin man ihn verstecken würde, wenn er an
+seine Existenz erinnern wollte und damit auch daran, daß er, genau
+genommen, nur ein Hindernis auf dem Weg zu den Ställen war.</p>
+
+<p>Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes
+Hindernis. Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen
+Zeiten Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_991">991</a></span>wollen, und mit dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen.
+Er mochte so gut hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber
+nichts konnte ihn mehr retten, man ging an ihm vorüber. Versuche,
+jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem
+kann man es nicht begreiflich machen. Die schönen Aufschriften
+wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie herunter, niemandem
+fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der Ziffer der abgeleisteten
+Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig täglich erneut
+worden war, blieb schon längst immer das gleiche, denn nach den
+ersten Wochen war das Personal selbst dieser kleinen Arbeit überdrüssig
+geworden; und so hungerte zwar der Hungerkünstler weiter,
+wie er es früher einmal erträumt hatte, und es gelang ihm ohne Mühe
+ganz so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber niemand zählte die
+Tage, niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst wußte, wie
+groß die Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und
+wenn einmal in der Zeit ein Müßiggänger stehen blieb, sich über
+die alte Ziffer lustig machte und von Schwindel sprach, so war das
+in diesem Sinn die dümmste Lüge, welche Gleichgültigkeit und
+eingeborene Bösartigkeit erfinden konnte, denn nicht der Hungerkünstler
+betrog, er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog ihn um
+seinen Lohn.</p>
+
+<hr/>
+
+<p class="large-cap">Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende.
+Einmal fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener,
+warum man hier diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten
+Stroh drinnen unbenützt stehen lasse; niemand wußte es, bis sich
+einer mit Hilfe der Ziffertafel an den Hungerkünstler erinnerte. Man
+rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den Hungerkünstler darin.
+»Du hungerst noch immer?« fragte der Aufseher, »wann wirst du denn
+endlich aufhören?« »Verzeiht mir alle«, flüsterte der Hungerkünstler;
+nur der Aufseher, der das Ohr ans Gitter hielt, verstand ihn. »Gewiß,«
+sagte der Aufseher und legte den Finger an die Stirn, um
+damit den Zustand des Hungerkünstlers dem Personal anzudeuten,
+»wir verzeihen dir.« »Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern
+bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es auch«,
+sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr sollt es aber nicht bewundern«,
+sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es
+also nicht,« sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?«
+»Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte
+<span class="pagenum"><a name="Page_992">992</a></span>der Hungerkünstler. »Da sieh mal einer,« sagte der Aufseher, »warum
+kannst du denn nicht anders?« »Weil ich,« sagte der Hungerkünstler,
+hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten
+Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verloren
+ginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt.
+Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht
+und mich vollgegessen wie du und alle.« Das waren die letzten Worte,
+aber noch in seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch
+nicht mehr stolze Überzeugung, daß er weiterhungre.</p>
+
+<p style="margin-bottom: 120px;">»Nun macht aber Ordnung!«, sagte der Aufseher, und man begrub
+den Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man
+einen jungen Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare
+Erholung, in dem so lange öden Käfig dieses wilde Tier sich
+herumwerfen zu sehn. Ihm fehlte nichts. Die Nahrung, die ihm
+schmeckte, brachten ihm ohne langes Nachdenken die Wächter; nicht
+einmal die Freiheit schien er zu vermissen; dieser edle, mit allem
+Nötigen bis knapp zum Zerreißen ausgestattete Körper schien auch
+die Freiheit mit sich herumzutragen; irgendwo im Gebiß schien sie
+zu stecken; und die Freude am Leben kam mit derart starker Glut
+aus seinem Rachen, daß es für die Zuschauer nicht leicht war, ihr
+standzuhalten. Aber sie überwanden sich, umdrängten den Käfig und
+wollten sich gar nicht fortrühren.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ein Hungerkünstler, by Franz Kafka
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN HUNGERKÜNSTLER ***
+
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+
+Produced by Jana Srna
+
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+will be renamed.
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+redistribution.
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+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
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+Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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+works.
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+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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